476  I.  Die  nationale  und  sprachliche  Eutwickelung  seit  1861.

ergab;  sie  wollte  eben  diese  nicht  als  dänisch  anerkennen.  Dieselbe  Erscheinung
  macht  sich  in  einem  Teil  Mittelschleswigs  in  größerem  Maßstabe
  geltend.  Hier  weigern  sich  ganze  Gemeinden,  die  bei  ihrer  jütischen
  Umgangssprache  deutsch  gesinnt  sind  und  von  einer  dänischen  Sprache
nichts  wissen  und  nichts  wissen  wollen,  als  ihre  Muttersprache  „dänisch“
zu  bezeichnen,  weil  sie  sich  damit  im  Widerspruch  mit  ihrer  überzeugung
  zu  „Dänen“  zu  stempeln  meinen,  und  unterstreichen  doppelt
die  Bezeichnung  „deutsch".  Diese  Übelstände  lassen  sich  in  den  Gegenden,
  wo  sich  die  sogenannte  dänische  Sprache  nicht  mit  der  Gesinnung
deckt,  nicht  vermeiden,  solange  man  nicht  die  jütische  Mundart  von
der  dänischen  Literatursprache  unterscheidet  und  damit  jener  den  Anspruch
  auf  dänisches  Volkstum  nimmt,  zugleich  aber  auch  die  Bestimmung
  der  Sprache  nicht  allein  den  Hausvätern  überläßt,  sondern  Sachkundige
  hinzuzieht.  1)  Wenn  man  die  Zweisprachigen  in  gleichem  Verhälmis
verteilt,  so  kommt  die  amtliche  Statistik  für  die  schleswigschen  Kreise  bei
der  Zählung  vom  1.  Dez.  1890  zu  134569  „dänischredenden“  Schleswigern.
  Adlers  Schätzungen  in  den  Jahren  1886  —  89  bernhen  auf
der  Familiensprache  d.  h.  der  Umgangssprache  mit  den  Kindern;  er  setzt
das  sogenaunte  dänische  Sprachgebiet  nach  der  Zählung  vom  1.  Dez.
1885  mit  117287  und  das  gemischte  mit  49282  Personen  an;  zählt
man  diese  je  zur  Hälfte  den  beiden  Sprachgebieten  hinzu,  so  erhielte
man  141928  „dänischredende“.  Wie  man  sieht,  liegt  das  Ergebnis  dieser
Schätßung  in  der  Mitte  zwischen  der  dänischen  und  der  amtlichen.  Un-1)

  Die  Grenze  der  Mehrheit  deutscher  Gesinnung  liegt  uördlicher  als  die  der
Mehrheit  der  deutschen  Sprache.  Im  allgemeinen  läßt  sich  für  den  Mittelrücken
die  Querbahn  Apeurade  —  Lügumkloster  als  Grenze  annehmen;  im  Westen  zieht
sie  sich  von  Lügumlloster  über  Abel,  Dahler  nach  Hoyer,  und  im  Osten  bildet
die  Steinstraße  von  Flensburg  nach  Apenrade  im  ganzen  die  Scheide.  Nordmart
  1903  N.  2.  Wie  unrichtig  es  ist,  wenn  man  von  der  dänischen  Sprache,
hier  der  jütischen  Mundart,  auf  eine  politisch=  oder  nationaldäuische  Gesinnung
schließen  wollte,  geht  aus  jeder  Reichstagswahl  in  steigendem  Maße  hervor.
Zur  Erläuterung  diene  ein  Vergleich  der  Muttersprache  v.  J.  1900  mit  den
politischen  Wahlen  v.  J.  1903  für  den  Wahlkreis  Hadersleben  —  Sonderburg,
der  in  nationaler  Beziehnug  ausschlaggebend  ist.  Hier  wurden  82,7  /8  der  Bevölkerung
  der  „dänischen“  Muttersprache  zugewiesen,  während  nur  64,8⅝%  im
nationaldänischen  Sinne  wählten.  Dasselbe  zeigt  sich  auch  in  hohem  Grade  in
den  Städten  Hadersleben,  Apenrade  und  Tondern,  wie  bereits  oben  bemerkt  ist.