Tie  Stellung  der  jltischen  Mundart.  477

seres  Erachtens  trifft  sie  für  die  damalige  Zeit  das  richtigere.  Die
amtlichen  Zählungen  sind  auch  in  der  Folgezeit  nach  den  früheren  Grundsätzen
  erfolgt  und  müssen  danach  beurteilt  werden.  Sie  zeigen  immer
von  neuem  und  immer  deutlicher,  wie  wenig  die  Muttersprache,  hier
die  jütische  Mundart,  sich  in  Nordschleswig  und  besonders  in  dem
mittleren  Schleswig  mit  der  politischen  oder  nationalen  dänischen  Gesinnung
  deckt.  Wenn  man  dieses  zu  einer  Zeit,  wo  der  politische
Nationalitätenkampf  an  allen  Grenzen  des  mitteleuropäischen  deutschen
Sprachgebleis  entbraunt  und  die  Muttersprache  mehr  als  je  für  die
nationale  Gesinnung  entscheidend  ist,  in  hohem  Grade  auffällig  findet,
so  beachtet  man  nicht  hinlänglich,  daß  die  jütische  Mundart,  um  die
es  sich  als  Muttersprache  im  Gegensatz  zu  der  dänischen  Literatursprache
fast  allein  handelt,  an  und  für  sich  weder  dänische  noch  deutsche  Gesinnung
  voraussetzt.  Daraus  erklärt  sich  nicht  nur  die  verschiedene
Stellung,  die  ein  und  dieselbe  Bevölkerung  zu  der  Schul-,  Konfirma-=tions=
  und  Kirchensprache  einnimmt,  sondern  auch  die  entgegengesetzte
Gesinnung  bei  allen  politischen  Wahlen.  Es  handelt  sich  eben  nur
darum,  inwieweit  diese  oder  jene  Gesinnung  vorwiegt,  die  weder  nach
der  einen  noch  nach  der  andern  Richtung  von  der  jütischen  Mundart
von  vornherein  bestimmt  wird.  Vor  Beginn  der  politischen  Kämpfe
des  vorigen  Jahrhunderts  war  im  ganzen  Herzogtum  von  einer  eigentlich
  nationaldänischen  Gesinnung  nirgend  die  Rede;  eist  die  folgende
Zeit  erzog  einen  großen  Teil  der  jütischen  Bevölkerung  zum  Dänentum.
  Die  deutsche  Herrschaft  hat  die  entgegengesetzte  Aufgabe  oder
richtiger  ausgedrückt,  die  Aufgabe,  den  alten  Geist  wieder  wachzurufen.
Nach  Maßgabe  der  letzten  Reichstagswahlen  sind  bereits  mehr  als  25%
der  eigentlich  jütischredenden  Bevölkerung  ebenso  deutsch  gesinnt,  wie
ihre  Großväter  oder  Urgroßväter  einst  waren.  Ihr  Bund  mit  den
alten  und  nenen  Deutschen  hat  den  nordschleswigschen  Kreisen  bereits
ein  Gepräge  aufgedrückt,  das  die  Behauptung,  Nordschleswig  sei  ein
„dänisches  Land“,  als  eine  Fiktion  erscheinen  läßt.  (Siehe  Tab.  S.  478.)

Demnach  betrug  1900  die  Zahl  der  Bewohner  mit  „dänischer“
Muttersprache  in  den  sechs  nördlichen  Kreisen  128571,  in  den  südlichen:
Schleswig  387,  Eckernförde  132,  Eidersted  65,  Husum  494,  zusammen
  in  dem  ganzen  Herzogtum  129649  gegen  134569  im  Jahre
1890.  Wie  schon  oben  bemerkt,  haben  besonders  in  Mittelschleswig