482  K.  Nückblick  und  Ausblick.

barn,  sich  ungestört  weiter  zu  entwickeln.  Schon  früh  eine  Beute  der
erobernd  vordringenden  Dänen,  verloren  die  Jüten  auch  an  ihrem
nationalen  Wesen,  aber  doch  hielten  sie  in  ihrer  Sprache  jene  bezeichnenden
  Merkmale  fest,  die  sie  sowohl  von  den  ostgermanischen  Dänen
infolge  ihrer  Mittelstellung  als  von  den  westgermanischen  Angeln  und
Sachsen  und  von  den  Friesen  bis  auf  den  heutigen  Tag  unterscheiden.
Während  die  Friesen,  auch  wo  sie  auf  dem  Festlaude  vordrangen  und
mit  den  Jüten  zusammenstießen,  trotz  gleicher  politischer  Abhängigkeit
nicht  sonderlich  an  ihrem  nationalen  Wesen  einbüßten,  sahen  sich  die
Jüten  auch  von  Süden  her  bedroht,  als  in  späteren  Zeiten  holsteinische
Sachsen  die  Eider  überschritten.  Seitdem  stießen  hier  auf  kleinem
Raume  drei  national  verschiedene,  eigenartige  Stämme  aufeinander,
um  überall  dem  Lande  dauernde  Spuren  ihres  Volkstums  aufzudrücken.
Wir  haben  festzustellen  gesucht,  wie  weit  diese  Spuren  eines  jeden
ursprünglich  reichen,  wo  ihr  Volkstum  einst  herrschte  und  wo  es  im
Laufe  der  Zeit  erloschen  ist;  wir  haben  gesehen,  wie  im  Westen  schon
früh  Friesen  und  Jüten  sich  mischten  und  in  einzelnen  Festlandsharden
selbst  die  Friesen  den  Vorrang  erlangten,  um  später  wieder  zurückzuweichen,
  wie  in  dem  waldigen,  heidigen  und  moorigen  Grenzgebiet
im  Süden  holsteinische  Sachsen  und  Jüten  kolonisierend  aufeinandertrafen,
  lange  friedlich  mit  ihrem  besonderen  Volkstum  nebeneinander
wohnend  und  nur  im  stillen  sprachlichen  Kampfe  ihre  Kräfte  messend.
Erst  das  politische  Eingreifen  nördlicher  und  südlicher  Nachbarn  machte
das  Gebiet  zwischen  Eider  und  Schlei  und  dann  zwischen  Eider  und
Königsau  zu  einem  Zankapfel  der  Völker  und  damit  auch  in  der  Folge
zum  Kampfplatz  der  Sprachen.  Seit  dem  Zeitalter  der  Ottonen  beginnt
  das  Ringen  der  Deutschen  und  der  Dänen  um  diese  Gebiete  in
wechselndem  Kampfe.  Sie  lösen  sich  nach  und  nach  von  dem  Königreich,
  um  seitdem  einer  besonderen  Entwickelung  entgegenzugehen,  und
aus  Südjütland,  dem  friesischen  Utland,  der  Insel  Alsen  und  dem
„däuischen  Wohld“  bildet  sich  allmählich  das  Herzogtum  Schleswig.
Gegründet,  um  als  Vormauer  gegen  die  mächtigen  Nachbarn  im  Süden
zu  dienen,  ward  es  bald  unter  dem  Einfluß  der  holsteinischen  Grafen
umgekehrt  eine  Schutzwehr  der  Deutschen  gegen  die  nördliche  Macht;
es  suchte  das  Band  mit  dem  Süden  immer  fester  zu  knüpfen,  um
seine  von  Norden  her  bedrohte  Selbständigkeit  zu  behaupten.  Die