K.  Rückblick  und  Ausblick.  485

der  bisherigen  Weise  der  Germanisierung  Hindernisse  in  den  Weg  legte:
jener  neue  Sprachwechsel,  der  sich  nicht  sowohl  gegen  die  jütische  Mundart,
  als  gegen  die  niederdeutsche  Zunge  richtete.  Die  Einführung  der
hochdeutschen  Gemeinsprache,  nicht  durch  Zwang  oder  irgendwelche
Verfügungen,  sondern  durch  einen  unwiderstehlichen  geistigen  Zug  der
Zeit  hervorgerufen  und  gefördert,  ist  freilich  nur  ganz  schrittweise  ererfolgt;
  von  den  höheren  Regierungs=  und  Verwaltungskanzleien  ausgehend,
  ist  das  Hochdeutsche  in  die  höheren  Gerichte,  in  die  Ständeverhandlungen
  und  zuletzt  erst  in  die  Volksgerichte  und  die  Kirche
eingedrungen  und  hat  fast  4  Menschenalter  gebraucht,  um  hie  und  da
unter  Widerstreben  der  Bevölkerung  völlig  den  Sieg  zu  erringen;  aber
es  hat  zugleich  dem  Niederdeutschen  einen  Teil  seiner  germanisierenden
Kraft  genommen,  es  zu  einer  Mundart  gemacht,  die  in  den  doppelsprachigen
  Gegenden  der  jütischen  gegenüberstand,  und  dazu  beigetragen,
daß  sie  in  Stadt  und  Land,  wo,  wie  in  Apenrade,  Hadersleben  und  Tondern,
  ihre  Laute  bisher  lange  ertönt  hatten,  nach  und  nach  im  Laufe
der  solgenden  Jahrhunderte  wieder  verstummte.  Nur  in  Mittelschleswig,
in  Friesland,  überall,  wo  das  Volk  doppelsprachig  geworden  war,  behauptete
  sie  sich  und  fand  an  den  niederdeutschen  Städten,  wie  Schleswig,
  Flensburg  und  Husum,  eine  starke  Stütze.  So  erklärt  es  sich
auch,  wie  das  Jütische  daneben  sich  fast  überall  in  Mittelschleswig  erhalten
  konnte  und  um  1800  in  den  Schleidörfern  Schwansens  noch
nicht  völlig  verstummt  war.  Das  Niederdeutsche  gewinnt  dann  unter
Verkettung  eigentümlicher  Verhältnisse  durch  die  Kirche  selbst,  die  es
eben  noch  in  den  Schulen  verfolgt  hatte,  neues  Leben;  es  wird  ein
Hilfsmittel  zum  besseren  Verständnis  des  hochdeutschen  Konfirmationsunterrichts
  und  der  Predigt  und  bald  auch  fähig,  den  nationalen  Weltstreit
  aufzunehmen.

Der  Kampf  der  deutschen  und  dänischen  Literatursprache  um  den
Besitz  des  Herzogtums  hatte  zum  völligen  Siege  der  ersteren  geführt;
alle  Versuche,  ihr  den  gewonnenen  Boden  wieder  streitig  zu  machen,
waren  fast  gänzlich  erfolglos  geblieben;  selbst  da,  wo  sie  der  dänischen
Literatursprache  wieder  weichen  mußte,  geschah  dies  unter  maucherlei
Widerstand  der  jütischen  Bevölkerung.  Da  erfolgte  denn  von  nationaldänischer
  Seite  ein  letzter  entscheidender  Angriff.  Mit  Hilfe  der  jütischen
  Mundart,  die  zu  einer  nationaldänischen  erhoben  ward,  sollte