486  K.  Nucbiic  und  Ausblick.

auf  „südjütischem  Boden  ein  neues  dänisches  Volkstum  aufgerichtet“
und  durch  die  dänische  Literatursprache  als  angebliche  Muttersprache
unter  dem  Schutze  eines  neuen  Dänenwalles  Schleswig  wieder  zu  einer
Vormauer  gegen  das  Deutschtum  gemacht  werden,  wie  es  zu  Arilds
Zeiten  gewesen  war.  Der  Kampf  um  die  Sprache  ward  mit  blanken
Waffen  ausgefochten;  er  nahm  für  die  deutsche  Sache  eine  unglückliche
Wendung,  nicht  durch  die  Schuld  des  schleswig  holsteinischen  Volkes,
sondern  durch  Versäumnis  und  zuletzt  gar  durch  widernatürlichen  Zwang
der  deutschen  Großmächte.  Aber  die  Geschichte  zeigt,  daß  es  schon
früher  ähnliche  Zeiten  gab  und  daß  sie  vorübergingen.  Mitten  unter
einer  Zwangsherrschaft  kam  das  Niederdeutsche,  besonders  in  Mittelschleswig,
  wieder  zum  Bewußtsein  seines  nationalen  Berufes;  es  erhob
sein  Haupt  in  weiten  Gebieten,  die  sich  von  einem  dänischen  Volkstum
bedroht  sahen,  und  nach  der  Erlösung  durch  dieselben  deutschen  Großmächte,
  die  das  Land  dreizehn  Jahre  vorher  dem  fremden  Sieger  ausgeliefert
  hatten,  hatte  es  mehr  an  Gebiet  gewonnen,  als  früher  in  einem
Jahrhundert,  einen  Boden  bereitet,  auf  dem  das  Jütische  nicht  mehr
gedieh,  sondern  allmählich  verdorrte.  Von  da  an  begann  die  deutsche
Sprache,  in  hochdeutscher  Form,  in  Verwaltung,  Gericht,  in  Schule
und  Kirche  denselben  raschen  Siegeslauf  wieder  aufzunehmen,  den  es
bereits  früher  angetreten  hatte,  und  allmählich  noch  weiter  vorwärts
zu  schreiten,  als  sie  früher  gegangen  war,  um  deutsche  Bildung  und
zugleich  deutsche  Gesinnung  zu  pflegen.

Daneben  steht  nun  die  ältere  Schwester,  die  niederdeutsche  Mundart,
  in  ihrem  bäurischen  Gewande  und  schaut  der  geschäftigen  Arbeit
ihrer  vornehmen  städtischen  Schwester  mit  lächelndem  Munde  zu,  als
wollte  sie  sagen:  „Meinst  du  hier  bei  uns  in  den  Dörfern  und  den
Einzelhöfen  in  deinen  feinen  Kleidern  dein  Werk  allein  vollbringen  zu
können?  Ich  war  hier  in  der  Mitte,  wie  da  weiter  im  Süden  und
früher  auch  im  Norden  zuerst  auf  dem  Platze,  und  alles,  was  errungen
und  für  alle  Zeit  gewonnen  ist,  habe  ich  geschaffen;  ich  bin  freilich
nur  langsam  und  bedächtig,  aber  doch  bin  ich  hier  im  Grenzdorfe  noch
immer  berufen,  das  Werk,  das  du  vorbereitest,  für  immer  zu  sichern.“
So  spricht  die  plattdeutsche  Mundart,  und  die  Zukunft  wird  zeigen,
ob  sie  die  seit  alters  übernommene  und  einmal  bereits  fast  gelöste
Aufgabe  im  engen  Bunde  mit  ihrer  vornehmen  Schwester  wieder  über-