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        <title>Lehrbuch der bayerischen Geschichte.</title>
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          <msIdentifier>
            <idno>sattler_lehrbuch_1868</idno>
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        Lehrbuch

der

bayerischen  Geschichte

für  Gymnasien  und  zum  Helbstunterrichte  bearbeitet

von

N.  V.  Sattler,

kgl.  Drosessor  der  Geschichte  und  Religionslehre  am  kudwigs=  Gymnasium  in  München.

Mit  50  Stamm-  und  Regententafeln.

Statt  einer  neuen  Auflage  der  Freudensprung'schen  „Geschichte
des  Königreiches  Bayern“.

Müänchen,  1868.
J.  Lindauer'sche  Buchhandlung
(Schöpping).
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        Borrede.

Die  häufig  vernommene  Klage,  daß  die  von  Freuden—
sprung  bearbeitete  „Geschichte  des  Königreiches  Bayern“
in  formaler  Hinsicht  den  Anforderungen,  die  an  ein  Lehrbuch
gestellt  werden  müssen,  nicht  entspreche,  hat  mich  veranlaßt,  eine
gründliche  Umarbeitung  des  Freudensprung'schen  Geschichtswerkes
  vorzunehmen.  Um  das  Gedächtniß  der  Studirenden  nicht
übermäßig  zu  belasten  und  dabei  doch  Alles  zu  bieten,  was  eine
tiefere  Kenntniß  des  bayerischen  Staates  und  Volkes  vermittelt,
wurden  beim  Drucke  größere  und  kleinere  Lettern  in  Anwendung
  gebracht  und  dadurch  ein  Fingerzeig  gegeben,  was  von
dem  Inhalte  des  Buches  für  das  Studium  vornehmlich  zu  berücksichtigen
  ist.  Aehnlich  wurde  in  Betreff  der  einzelnen  Zeitpunkte
  verfahren.  Die,  welche  von  besonderer  Wichtigkeit  sind
und  dem  Gedächtnisse  eingeprägt  werden  sollen,  wurden  mit  sogenannten
  „fetten  Zahlen“  kenntlich  gemacht  zum  Unterschiede
von  solchen,  die  minder  wichtig  sind  und  darum  nicht  erlernt  zu
werden  brauchen.  Hinsichtlich  der  inneren  Zustände,  die  am
Schlusse  mehrerer  Zeiträume  in  besonderen  §8  vorgeführt  sind,

a  *
        <pb n="4" />
        FIyI  Vorrede.
geht  die  Ansicht  des  Verfassers  dahin,  daß  aufmerksames
Lesen  hinreichend  sei,  mit  denselben  vertraut  zu  machen.

Eine  Prüfung  dessen,  was  als  „Lehrbuch  der  bayerischen
Geschichte  für  Gymnasien“  angekündigt  ist,  wird  zu  der  Ueberzeugung
  führen,  daß  dem  Verfasser  keine  auf  dem  Gebiete  der
vaterländischen  Geschichte  angestellte  Forschung  entgangen  sei.

Hiemit  sei  meine  Arbeit  der  wohlwollenden  Aufnahme  meiner
Amtsgenossen  empfohlen.  "

München  am  25.  Juli  1867.

Der  Verfasser.
        <pb n="5" />
        Inhaltsverzeichniß.

Einleitung  und  Eintheilung
Erster  Feitraum.

Seite
XVII

Die  Süd-Donauländer  seit  der  Niederlassung  von  Bojern

bis  zur  Herrschaft  der  Agilolfinger  in  Bajoarien  (59

Christus  bis  554  nach  Christus).
##  1.  Die  Ansiedlung  von  Bojern  in  den  Süd-Donauländern
und  deren  Geschick  -.
s2D1eRömerals  Beherrscher  Noricums,  Räiens  und  Bindeliziees
  ...
sZRuckzugderRömet  aus  den  Stot  Donauländern.
&amp;amp;  4.  Die  frühesten  Glaubensboten  in  den  Süd-Donauländern
55.  Die  Ankunft  der  Bajoarier  in  den  Süd-Donauländern.

Zweiter  Zeitraum.

0  vor

2—3
3—4
4—5
5—6

Bajoarien  unter  den  Agilolfingern  (554—788).

Stellung  der  Bajoarier  zum  Frankenreiche.
Garibald  I  .

.Tassilol.

.  Garibald  II.

Theodo  I.

Thea#do  II.

u.  Die  Söhne  Throdo  u.

u  Hugibert

.  Odilo  HSHSHSHs  .....-Tassilo
  l..
4  Innere  Zustände  Bojoariens  unter  den  Agilolsingern  .

Dritter  Zeitraum.

Bajoarien  unter  den  Karolingern  *1Pvm-5  —9411).

17.  Karl  der  Große  ....
18.  Lo  thar.  %  4  ·  9  *  "  ½

m—muut—-—————————————
#  S9  T—  SS0  Jr

—  —.  —  —  —  —  —

—  —

6—8
8—9

9
9—10
10—11
12
12—14
14
14—16
16—20
20—26

27—30
30
        <pb n="6" />
        #  Inhaltsverzeichniß.  Seit
eite

#  19.  Ludwig  der  Deutsse  31—33
520.  Karman  333—334
&amp;amp;  21.  Ludwig  IIIIIIIUIUIUIUIIUIUT.„  34
6  22.  Karl  der  Dikeee  34—35
g  23.  Arnulf...  z  33S35—36
&amp;amp;  24.  Ludwig  das  Kinnd  .  36—37
25.  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  den  Karolingern  .  37—43

Vierter  Zeitraum.
Bayern  unter  Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches  aus
verschiedenen  edlen  Häusern  (911—1180).

Erstes  Kapitel.

Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  Bause  Luitpolds  (911—  948).
626.  Arnulf  I.  .........  ...44-—46
827.Cberhatd.................46-—47
828.Berthold.....·............47—48

Zweitesxapiteb
Payern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  sächfischen,  bayerischen  und  luxemburgischen
e  (615—  1026).
29.  Heinrichl  43—52
g  30.  Heinrich  II,  der  Zänker  .  52553
&amp;amp;  31.  Otto  von  Schwaaan  5P3—54
32.  Heinrich  III  (Hezilo  654—55
6  33.  Heinrich  II,  der  Zänker,  zum  zweiten  Male  55—56
6  34.  Heinrich  IV,  der  Heilien  66—58

35.  Heinri,  VvVv.  58—59
36.  Bayern  unmittelbar  unter  4  Oberhaupte  d.  W  T  59
&amp;amp;  37.  Heinrich  V  zum  zweiten  Mall  .  .59-·60

Drittes  Kapitel.
Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  fränkisch  -salischen,  luremburzischen,
zütphenschen  und  nordheimischen  Bause  (1026—1070).
38.  Heinrich  VI.  6  61363
–e  39.  Heinrich  VII.  663-364
40.  Konral  64365
&amp;amp;  41.  Heinrich  VIII.  ...  „  65—66
&amp;amp;  42.  Bayern  durch  die  Kaiserin-  Mime  *  verwaltet.  .  66—67
43.  Otto  l  627—68

Fiertes  Kopiter.
Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  cestensisch  -  welsischen  und  dem  babendergischen
  Bause  (1070  —  1180).
K  44.  Welfl..  668-—69
#  45.  Welf  11  T70—72
        <pb n="7" />
        Inhaltsverzeichniß.  VII

Seite
8  46.  Heinrich  IXR.  ..  FF42—74
8  47.  Heinrich  X,  der  Stolze..  4—76
48.  Leopold  von  Babenberg...  .  ...  76
8  19.  Heinrich  XI.  7597—78
6  50.  Heinrich  XII,  der  Le  78—82

&amp;amp;  51.  Innere  Zustände  Bayerns  unter  den  Antebendaen  bes
deutschen  Reiches  (911—1180)  82—96

Fünfter  Zeitraum.
Bayern  unter  Regenten  aus  dem  Wittelsbachischen  Hause
(1180—1867).

Erstes  Kapitel.
Bayern  von  Olto  1  von  Wittelsbach  bis  zur  ersten  Landestheilung  (1180  —1255).
8  62.  Otto  I  von  Wittelsbach..  997—99
§  53.  Ludwig  I,  der  Kelheierm  PDW9—107
54.  Otto  II,  der  Erlaucht  .  107—111
55.  Ludwig  II  und  Heinrich  XIII  regieren  gemeinsam  ...  112

Zweites  Kapitel.
Bayern  von  der  ersten  Kandestheilung  bis  zum  Tode  Ludwigs  des  Bayern
(1255’—  1347).

A.  Niederbayern  seit  der  Trennung  von  Oberbayern  und  der

Rheinpfalz  bis  zur  Wiedervereinigung  mit  Oberbayern
"  .°(01255—  1341)

g  66.  Heinrich  NlI  .  .  .1124-115

G  57.  Otto  III,  Ludwig  III  und  Sterhan.  ....  ....115—119

LosNrcdetbayernuntervonnundichaftlrcher  Regierung  .  .  .  119-  120

59.  Heinrich  XIV,  Otto  IV  und  Heinrich  VWVWW.  1.20—124

B.  Oberbayern  seit  der  Trennung  von  Niederbayern  bis  zum
Tode  Ludwigs  des  Bayern  (1265  -  1347).

60.  Ludwig  II,  der  Strenge.  ..  121—130
&amp;amp;  61.  Rudolf  II,  der  Stammler,  und  Ludwig.  Iö,  ber  Vayer  .  130  -  134
62.  Fortsetzung.  .......  134—137

863.LudwigderBaycrthampfenut  Oesterreich  und  mit  dem
räpstlichen  Stuhle;  der  Römerzug,  der  Heausvertrag  von
Pavia.n.  ........  z137—147

64.  Ludwigs  des  Bayern  Ländererwerbungen  und  Ted.  .  .  147  -  1562

Drittes  Kapitel.
Bayern  von  dem  Tode  Ludwigs  des  Bayern  bis  zur  Landestheilung  unter  die
Söhne  Stephans  II  (1347—  1392).
65.  Die  Landestheilung  durch  die  Söhne  Ludwigs  des  Bayern  153—156
        <pb n="8" />
        VIII  Inhaltsverzeichniß.

A.  Oberbayern  und  Tyrol  (1351—  1363).

#  66.  Ludwig  V,  der  Brandenburger  1356—158
§  67.  Mainaadddddl  158—160

B.  Branden  burg  und  die  Niederlausitz  (1351—1373).

§  68.  Ludwig  VI,  der  Römer,  und  sein  Bruder  Otto  7W.  .  160—162
69.  Otto  V.  Alleinreeenret.  143462428—163

C.  Bayern-Holland  und  Niederbayern-Straubing
(1849)  (13653  —  1434).
§  70.  Margaretha  und  Wilhelm  !  11040244—1566
§  71.  Albrecht.  166—168
§  72.  Wilhelm  II,  Johann  von  Brabant  und  Philipp  von  Burgund  168—171

D.  Niederbayern-Landshut  und  das  1363  angefallene  Oberbayern
  bis  zur  Landestheilung  unter  die  Söhne  Stephans  II
358  1882).

78.  Stephan  II.  .  ..  .  ....I7l--173
s74D1eSohneStephans  ll  regieren  zemeinsam  173—179

Viertes  Kapitel.
Payern  von  der  Theilung  unter  die  Söhne  Stephans  II  bis  zur  Einführung
der  Primogenitur  (1392  —  1506).
A.  Bayern-Ingolstadt  als  eigenes  Herzogthum  (1392—  1477).
75.  Stephan  III,  der  Kneysfe...  130—185
6&amp;amp;  76.  Ludwig  VII,  der  Gebartttttee  .185—192

Seite

B.  Bayern-Landshut  als  eigenes  Herzogthum  (1892—1505).

6  77.  Friedrich  1922—193
78.  Heinrich  XVI,  der  Reiche  193—196
&amp;amp;  79.  Ludwig  IX,  der  Reich  196—199

80.  Georg  der  Reiche;  der  Landehnter  Erbfolgekrieg.  .  .  .  199  -  205

C.  Bayern-München  von  der  Theilung  des  Jahres  1392  bis  zur
Einführung  der  Primogenitur  in  Bayern  (1392  —  1500).

g  81.  Johann  II.  ..  „  205—206
6  82.  Ernst  und  Wilhelm  m  tegieren  W—  ..  .  206  -207
83.  Ernst  regiert  allen  207—208
S  84.  Albrecht  III,  der  Fromhme  .  208—209

85.  Johann  III,  Sigmund  und  Albrecht  iv,  ber  Weise  .  .  209  218

Fünftes  Kapitel.
Vayern  von  der  Einführung  der  Primogenitur  bis  zum  Tode  des  Murfürsten
Maximilian  1  (1506  —  16519).
#  86.  Wilhelm  1IV,  der  Standhafte  22713—218
87.  Albrecht  V,  der  Großmüthien  219—-—226
        <pb n="9" />
        Inhaltsverzeichniß.  —  12
eite

#8.  Wilhelm  V,  der  Fromme  .226—230
89.  Maximilian  1;  seine  Thätigkeit  im  Innern  des  Landes  .  230—234
z  9.  Die  Unruhen  in  Donauwörth..  234—235
91.  Union  und  Lig  6  235—240
92.  Der  böhmisch-pfälzische  Krieg.  .  240—24
93.  Der  dénische  Kriggg  244—248

&amp;amp;  94.  Der  schwedische  Krieg  .  248—255
V0P.  Der  schwedische  und  s  11%  ber  sweebie
Friede  255—267

96.  Maximilians  letzte  gebenstage.  ........  .267——269

Sechstes  Kapitel.
Bayern  vom  Tode  des  Kurfũrsten  Maximilian  J  bis  zur  Thronbesteigung  des
Kurfũrsten  Rarl  Theodor  von  der  Kheinpfalz  (1651  1777).

g  MN.  Ferdinand  Maria  .  .  ..  269—274
98.  Maximilian  II  Emanuel;  der  pfähzische  ***  274—279
+  99.  Der  spanische  Erbfolgekrieg.  ..  ...279——289
8100KarlAlbtecht(KaleII),ber  zsterreichische  Erbfolgekries  289—298
&amp;amp;  101.  Maximilian  III  Josepy  298—308

102.  Innere  Zustände  Bayerns  seit  der  rhrende  seinins  der
Wittelsbacher  (1180  —  1777).  308—316

Siebentes  Kapitel.
Vayern  von  der  Thronbesteigung  des  Rurfürsten  Rarl  Throdor  von  der  Uheinpfalz
  bis  auf  die  Gegenwart  (1777—  1867).

–  103.  Karl  Theodor;  der  bayerische  Erbfolgekrieeg  316  —325
&amp;amp;  10  4.  Karl  Theedor  und  die  erste  Coalition  gegen  Rrankreich

1792  —  1797  325—331
&amp;amp;  105.  Maximilian  IV  Joseph;  die  *  Coalition  un  Frankreich
  1799—1802  331—340

&amp;amp;  106.  Bayerns  innere  Verhällnisse  von  1799.—  1808;  Reichsdeputations-Hauptschluß;

  Säcularisation  340—343
+  107.  Die  dritte  Coalition  gegen  Frankreich  1105.  343—346
108.  Maximilian  IV  Joseph  als  König  Maximilian  I;  der

Rheinbund;  die  vierte  Coalition  gegen  Frankreich  1806

und  18002  347—350
109.  Der  Krieg  Oesterreichs  gegen  Fne  ber  zsten  in

Tyrol  18009e  .  „  350—355
S  110.  Napoleons  Feldzug  gegen  Kußland  1812.  ...  355-—363
s111.KouigMaximeleansIThäugkettthnneruseines  Landes  363—376
&amp;amp;  112.  König  Ludwdi  l.  3376—383
&amp;amp;#  113.  König  Marimilian  1  3383—387
&amp;amp;  114.  König  Ludwig  II.  u  3387—389
        <pb n="10" />
        X

Inhaltsverzeichniß.

Anhang.
A.  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz  bis  zum  Jahre  1867.
Seite
&amp;amp;  1.  Die  rheinischen  Pfalzgrafen  bis  zur  ersten  Landestbeilung  1410  389—394
§  2.  Die  Theilung  der  Rbeinpfalz  unter  die  Söhne  Ruperts  III  391
Die  Kinie  Pfalz-Reumarkt  (1410  —1448).
&amp;amp;  3.  Johann  von  Neumarkt  .  .  ..  391-  395
S#  4.  Christoxh,  König  Dänemarks,  Schwedene  und  Norwegens.  *
Die  inie  #  Rosbaq  unt  —  116,

6  5.  Ottol.  395
6.  Ott  ElEll  34395—396
Die  Tinie  Hurpfah  (ältere  Kurlinie  1410—1559).

6  7.  Ludwig  III,  der  Gebarttem  396
6  8.  Ludwig  IV,  der  Sauftmüthien  396
6&amp;amp;  9.  Friedrich  I,  der  Siegreihe  396—397
+  10.  Philipp  1,  der  Aufrichtiie  3J397—398
&amp;amp;  11.  Ludwig  V,  der  Friedfertige  ..  .  ...  398
12.  Friedrich  II,  der  Weise  ........  398
é  13.  Ott  Heinrich  von  Pfalz-  Neuburg  ........  398
Die  Tinie  BPfalz-  immern  (1410  1½).

8  14.  Stephan  .  .  .  .  ....  ......  ..398-—399
1)  Die  Cinie  pfal-  Simmern  zu  Simmern
(seit  1559  die  jüngere  Kurlinie  genannt)

(1459  —  1685).

15.  Friedrich  auf  dem  Hundsrüskcn  399
&amp;amp;  16.  Johon.;  399
8  17.  Johann  II....  399
6é  18.  Friedrich  III.  399—400
§  19.  Ludwpi  WW.  400
6  20.  Friedrich  Vlllll  400
g  21.  Friedrich  ...  .......  401
5  22.  Karl  Ludwig..  1401—402
8  23.  Karltltlt..  .......p  402
2)  Die  Linie  Ppfal)  -  Zimmern  zu  3weibrücken  (1459—  1867)0.

#§l#24.  Ludwig  I,  der  Schwarzzzezeeeeee  402
g  26.  Alexander..  1402—-403
8  26.  Ludwig  II.  .....  .  ....  403
8  27.  Wolfgang....  .........  403
a.  Die  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken  zu

g  28.

Neuburg  (1569  —  1799).
Philipp  utwiiiiddgddg  405
        <pb n="11" />
        Inhaltsverzeichniß.  XI

eite
a#DDie  Linie  Ppfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrückken-Neuburg  zu  Nenburg  (1569—1799).
6  29.  Wolfgang  Willien  405—466
30.  Philipp  Wilheln..  406
#  31.  Johann  Wilhhrr  4206—407
g  32.  Karl  Philippßpßpßß.  141407—408

bb.  Die  Linie  Pfal-Simmern-Zweihräten-Sweihrücken-Nenhurs  zu  Eulzah  (1614—1799).

33.  Auggnstt:  .  40
#34.Christian  Augst:t:  40
35.  Theodo  D  408
36.  Johann  Christian  2  .  ...  409
37.  Karl  Theodor  ...........  409

b.  Die  Linie  Piel-immern,  3veiträdn,Zweibräcen  zu
Birken  feld  (1569  —  1867).

38.  Kr  lIl..:„  410
6  39.  Georg  Wilbben  410
aa.  Die  Linie  fal-Simmern-Sweibrüken-Zweibrücken-Birkenseld  zu  Birkenfeld

(1630  —  1671).
6  40.  Georg  Wilbben  ..  410
–  41.  Karl  LVto  410

bb.  Die  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrũcken-  Dirkenfeld  zu  Vischweiler
(löso  —1867.

42.  Christac  ...  ......  410
a.  Die  LTinie  Dsalz-Simmern.  Zweibruicken  ·  Zweibrũcken  ·  Birkenfeld  ·  Bischweilet  zu  Bisch  ·
weiler  (1654  —  1867).

#  43.  Christiaun  II.m  ......  411
#544.  Christian  i11II  411
45.  Christin  V.I  411
–a46.  Karl  II  Augst:t:t::  411
§  47.  Max  JosrtgggE&amp;amp;;  412

6.  Die  Cinie  PpfalzJimmern-Sweibrüchen.  weißrücken-Birkenseld.  Bischweiler  zu  Gelnhausen
  (1654—  1867).

48.  Johann  Ktr.;  412
–49.  Friedrich  Bernhadddd  .  ...  412
50.  Johnnn.  412
#  51.  Wilermm  4412—413
§#52.  Pius  Augssttt  413

g  63.  Maximilian  Josech..  ........  413

B.  Kurze  Geschichte  Schwabens.

I.  Schwaben  vor  1080.

&amp;amp;  1.  Schwaben,  ein  Theil  des  alten  Alemannien  413—414
#&amp;amp;#2.  Die  Herzöge  Schwabens  von  6468—917  414
        <pb n="12" />
        XII  Inhaltsverzeichniß.
Seite

K  3.  Die  Herzöge  Schwabens  von  917—9992  4414—415
#§  4.  Die  Herzöge  Schwabens  von  982—1080800  415

II.  Schwaben  unter  den  Hohenstaufen.
(5.  Friedrich  1  von  Büren  und  Friedrich  II,  der  Einäugige.  415—416
g  6.  Friedrich  III,  Barbarossa,  Friedrich  IV,  Friedrich  V,  Konrad
  I,  Philipp,  Friedrich  VI,  Konrad  II,  Konradin  416.

III.  Schwahen  nach  dem  Erlöschen  des  Hohenskausischen  Geschlechtes.
8  7.  Das  schwäbische  Gebiet  unter  anbrögten;  österreichisches
Afterlehen  .  ....416417
88  Theilung  des  schwäbischen  Gebietes  .».»......  417—418

C.  Kurze  Geschichte  Frankens.

5#  1l.  Gründung  des  Frankenreiches  durch  den  Merovinger  Chlodwig  48
6  2.  Das  Frankenreich  bis  zum  Vertrage  von  Verdun  .  418—419
g  3.  Ostfranken  unter  Ludwig  dem  Deutschen  und  seinen  Nachkommen
  .  420—422
#  4.Frankonien  oder  Franken  nach  bem  Aussterben  der  Deutschkarolinger
  bis  zur  Vereinigung  mit  Bahen  422—424

D.  Kurze  Geschichte  des  Burggrafenthums  Rürnberg  oder
der  Fürstenthümer  Ansbach  und  Bayreuth.
6&amp;amp;  1.  Die  Burggrafen  von  Nürnberg;  Erwerbung  der  Fürstenthümer

  Ansbach  und  Bayreuth.  .  ..  .  4424—426
6  2.  Die  Fürstenthiimer  Ansbach  und  Bayreuth  werden  vom  "
Burggrafenthum  Nürnberg  getrent  426
3.  Ansbach  und  Bayreuth  werden  mit-  Bahern  berelnigi  ..  426

E.  Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Neichsstädte.

I.  In  Altbayern.
1.  Hochstift  Freysingg....  427
2.  Hochstift  Passau  427—128
3.  Reichsstadt  und  Hochstift  gegeisbin  128—430

II.  31  der  ure  ·
4.Hochs1iftSpeier-..-.  .«....430-——431

III.  In  dtanin
5.  Hochstift  Bamberg...  431
6.  Hochstift  Eichstdtt  .  .  ....  432
7.  Reichsstadt  Nürnberg  432—133
8.  Reichsstadt  Rothenburg  ob  der  Tauber  .......  433
9.  Reichsstadt  Schweinfurt..  ...  ..  1133  434
        <pb n="13" />
        10.
11.

12.

13.
14.
15.
16.

17.
18.
19.

20.

Zum  ersten  Zeitraum  gehörig  von  Ziffer  1—5  incl.

Zum  zweiten  Zeitraum  gehörig  von  Ziffer  6—20  incl.
Zum  dritten  Zeitraum  gehörig  von  Ziffer  21—  23  indl.
Zum  vierten  Zeitraum  gehörig  von  Ziffer  24—31  incl.
Zum  fünften  Zeitraum  gehörig  von  Ziffer  32—100  incl.
Genealogische  Tafel  des  Hauses  Scheyern-Wittelsbach  von  Luitpold

Inhaltsverzeichniß.

Reichsstadt  Windsheim.
Stadt  und  Hochstift  Würzburg

IV.  In  der  Gberpfalz.

Reichsstadt  Weißenbuie
V.  In  Schwaben.

Reichsstadt  und  Hochstift  Augebutg.  .
MatkgrasschaftButgau....  ..
Reichsstadt  Dinkelsbühl
Reichsstadt  Kaufbeuren
Reichsstadt  und  gefürstete  Abtei  eN
Reichsstadt  Lindau  ..  .  ..
Reichsstadt  Memmingen
Reichsstadt  Nördlingen

Beilagen.

bis  auf  König  Ludwig  IU.

XIII
Seite

434

434—435

435

435—436
.  436  -  437

437
437

437—438
438—439

439
439

440—441
441—443

444

.  444  -  449
.  449  -  480
        <pb n="14" />
        <pb n="15" />
        Einleitung  und  Eintheilung.

Das  Königreich  Bayern  in  seinem  gegenwärtigen  Bestande
umfaßt  den  größeren  Theil  des  alten  Bajoarien  und  Gebietstheile
  des  ehemaligen  Schwaben  oder  Alemannien,  des  alten
Ostfranken  und  des  ältern  Rheinfranken  (der  Rheinpfalz)
mit  den  in  diesen  Gebietstheilen  gelegenen  einstigen  Besitzungen
geistlicher  und  weltlicher  Fürsten,  unmittelbarer  Grafen,  Nitter,
freier  Städte  des  untergegangenen  heiligen  römischen  Reiches
deutscher  Nation.

Die  Geschichte  Bayerns  auf  den  nachfolgenden  Blättern  zieht
alle  diese  Gebietstheile  in  ihr  Bereich,  thut  dieß  aber  in  der
Weise,  daß  das  alte  Bajoarien  als  Stammland  des  jetzigen
Bayern  und  das  Wittelsbachische  Regentenhaus  besondere
Berücksichtigung  finden.

Mit  Rücksicht  auf  den  Wechsel  der  Dynastien  werden  folgende
  Hauptabschnitte  oder  Zeiträume  unterschieden:

Erster  Zeitraum:  Die  Süd-Donauländer  seit  der  Niederlassung
  von  Bojern  bis  zur  Herrschaft  der  Agilolfinger  in

Bajoarien  (590  vor  Christus  bis  554  nach  Christus).
b
        <pb n="16" />
        XVI  Einleitung  und  Eintheilung.

Zweiter  Zeitraum:  Bajoarien  unter  den  Agilolfingern
(554—788).

Britter  Zeitraum:  Bajoarien  unter  den  Karolingern
(788—911).

Vierter  Zeitraum:  Bayern  unter  Herzögen  des  deutschen
Reiches  aus  verschiedenen  edlen  Häusern  (911  —  1180).

Fünfter  Zeitraum:  Bayern  unter  Regenten  aus  dem
Wittelsbachischen  Hause  (1180  —  1867).
        <pb n="17" />
        Erster  Zeitraum.

Die  5üb-  Donauländer  seit  der  Miederlassung  von  Bosern  bis
zur  herrschaft  der  Agisolfinger  in  Bajoarien
(590  vor  Chr.  —  554  nach  Chr.).

&amp;amp;é  1.  Die  älteste  Geschichte  des  Volkes,  dem  man  unter
den  geachteten  Namen  „Bojoarier,  Bajoarier,  Bajuarier,
Bajuwarier,  Bayern"  begegunct,  steht  zu  den  Ereignissen  in
Beziehung,  die  sich  Jahrhunderte  vor  und  nach  Christi  Geburt
in  den  Süd-Donauländern  1)  zugetragen  haben.  Die  Hauptmasse
dieser  Länder,  die  Strecke  zwischen  dem  Lech  und  der  NRaab,
war  zu  zwei  verschiedenen  Zeitpunkten  von  Bojern)  besetzt
worden,  der  westliche  Theil')  ungefähr  um  das  Jahr  590  vor
Christus,  wo  viele  der  Bojer,  die  gleichzeitig  mit  den  aus  Gallien
ausgewanderten  Kelten  an  der  Donau  eingetroffen  waren,  unverzüglich
  in  dieses  Gebiet  einrückten,  der  östliche  Theil““")
zwischen  189  und  183,  kurz  nach  dem  blutigen  Zusammenstoße,
bei  welchem  die  Nachkommen  der  mit  den  Kelten  nach  Italien
vorgedrungenen  Bojer  von  dem  röômischen  Feldherrn  Scipio
Nasica  (191)  besiegt  und  zur  Rückwanderung  in  nordöstlicher
Richtung  gezwungen  worden  waren.

—

 

*)  Das  alte  Vindelizien  und  Rätien,  die  sich  rechts  der  Donau
von  den  Quellen  des  Rheins,  dem  Vodensee,  der  Wertach  und  dem  untern
Lech  östlich  hinab  bis  zum  mittleren  und  unteren  Inn  und  bis  zu  den
kärthnischen  und  steyrischen  Gebirgen  erstreckten.

**)  Das  alte  Norikum  und  ein  Theil  Pannoniens  (jetzt  Oesterreich,
Steyermark,  Kärnthen  und  ein  Theil  Salzburgs,  Krains  und  Ungarns),
d.  i.  alles  Land  zwischen  dem  Inn  und  der  Raab  einerseits,  der  Donau  und
dem  Kraingebirge  andererseits.

Sattler,  bayer.  Geschichte.  1
        <pb n="18" />
        2  Die  Süd-Donauländer  vor  der  Herrschaft

Die  rasche  Vermehrung  der  Bojer  in  dem  Gebiete  südlich
der  Donau  und  ihre  steigende  Macht  rief  in  den  Daciern
(Geten  oder  Gothen),  welche  östlich  von  der  Raab  wohnten,
die  Besorgniß  wach,  sie  möchten  eines  Tages  durch  die  Bojer,
ihre  Nachbarn  im  Westen,  verdrängt  werden.  Daher  rüsteten
sie  in  aller  Stille  und  versuchten  im  Jahre  45  vor  Christus
unter  ihrem  Könige  Boirebistas  einen  Stoß  auf  die  Ostbojer.
Diese  hielten  in  Verbindung  mit  den  ihnen  verwandten  Tauriskern
  unter  Führung  des  Bojers  Kritasiros  eine  Zeit  lang
Stand,  wurden  aber  endlich  auf  empfindliche  Weise  geschlagen,
und  ihre  Ländereien  von  der  Raab  bis  zum  Kahlenberge
(mons  cetius)  bei  Wien  in  eine  Wüste  (Deserta  Bojorum)  verwandelt.
  Die  wenigen  Ostbojer,  die  dem  Schwerte  der  Dacier
nicht  unterlegen  waren,  flüchteten  zu  den  Westbojern  in  die
oberen  Donau=  und  Alpengegenden  (Rätien  und  Vindelizien),
  geriethen  aber  hier,  als  Kaiser  Augustus  im  Jahre  16
vor  Christus  ganz  Noricum  durch  seinen  Feldherrn  Publius
Silus,  und  ein  Jahr  darauf  Rätien  und  Vindelizien  durch
seine  Stiefsöhne  Drusus  und  Tiberius  erobern  und  zu  Provinzen
  seines  Weltreiches  machen  ließ,  unter  die  Botmäßigkeit  der
Römer.  Fast  gleichzeitig  (12  oder  10  v.  Chr.)  erfuhren  auch
jene  Bojer,  die  ungefähr  seit  dem  Jahre  590  v.  Chr.  das
Quellgebiet  der  Elbe  und  Moldau  (Bojohemum,  Heimat  der
Bojer,  Böhmen)  besetzt  hielten,  das  Geschick  ihrer  Stammesgenossen,
  indem  sie  von  dem  deutschen  Volke  der  Markomannen
besiegt  und  unterworfen  wurden.

Daß  einige  dieser  Bojer  zu  den  der  Römerherrschaft  dienstbaren
  Ueberresten  der  Bojer  in  den  oberen  Donau=  und  Alpengegenden
  gezogen  seien,  dafür  mangeln  historische  Belege.

&amp;amp;  2.  Die  Römer  hatten  auf  den  oben  erwähnten  Kriegszügen,
  die  sie  (16  und  15  v.  Chr.)  in  die  Süd-Donauländer
unternommen,  neben  und  unter  den  Bojern  auch  Rätier,
Vindelizier  und  Noriker  angetroffen,  Völkerschwärme,  die
weder  deutschen  noch  keltischen,  sondern  tuscischen  Stammes,
vermuthlich  um  580  vor  Chr.  von  den  gallischen  Kelten  aus
ihren  Wohnsitzen  in  Italien  nach  Norden  verdrängt  worden
        <pb n="19" />
        der  Agilolfinger  in  Bajoarien.  3

waren.  Als  Zwingherren  dieser  Völkerschaften  errichteten  die
Römer  auf  deren  Gebiet  Städte,  Kastelle,  Heerstraßen  (z.  B.  von
Verona  nach  Augsburg  und  Regensburg,  von  Augsburg
nach  Salzburg,  von  Regensburg  nach  Lorch  und  Wien),
Landhäuser  u.  dgl.  und  brachten  die  ganze  Summe  ihrer  hohen
Cultur  hieher.  Daher  finden  sich  noch  heute  in  diesen  Gegenden
Ueberreste  von  Gebäuden,  Schanzen,  Wällen,  Straßen,  viele
eherne  und  marmorne  Statuen,  Altarsteine,  Meilenzeiger,  Grabhügel,
  Aschenkrüge,  künstlich  ausgelegte  Fußböden  (Mosaiken)"
häusliche  Geräthschaften,  namentlich  schönes  Thongeschirr  aus  gebrannter
  Erde,  Münzen,  Ringe,  Waffen  und  a.  m.  aus  der  Zeit
der  Römerherrschaft.  Auch  mehrere  unserer  Städte  und  andere
jetzt  minder  bedeutende  Oerter  schreiben  sich  aus  dieser  Zeit,  wie
Augsburg  (Augusta  Vindelicorum),  Vindeliziens  Hauptstadt,
  aus  welcher  vier  Straßen  in  gerader  Richtung  nach  den
vier  Himmelsgegenden  liefen,  Lorch  (Lauriacum)  bei  der  heutigen
Stadt  Ems,  die  erste  Stadt  von  Noricum,  Wien  (Vindoböna),
die  bedeutendste  Stadt  Oberpannoniens.  Da,  wo  jetzt  Passau,
Künzen  oder  Künzing  (bei  Osterhofen),  Azlburg  (nächst
Straubing)  und  Regensburg  stehen,  befanden  sich  römische
Kastelle  (Castra  Batäva,  Quintana,  Augustana,  Regina).
Römischen  und  theilweise  vorrömischen  Ursprungs  rühmen  sich
nech  diesseits  des  Rheins:  die  Innstadt  bei  Passau  (Bojodurum),
  Salzburg  (Juvavia),  Pfunzen  bei  Rosenheim  (Pons
Aeni),  Kempten  (Campodunum),  Füßen  (Fauces  Juliae),
Partenkirchen  (Parthanum),  Epfach  am  Lech  (Abudiacum),
Druisheim  (Drusomägus),  links  der  Schmutter  bei  Wertingen,
Günzburg  (Guntia),  Abensberg  (Abusina,  Abusena),  Pfünz
bei  Eichstätt  (Vetoniana),  Schweinfurt  (Devona),  Lohr  (Locoritum),
  Mainroth  (Moenosgada),  Segnitz  (Segodunum),
Bamberg  (Bergium);  jenseits  des  Rheins:  Speier  (Noviomägum,
  civitas  Nembtum,  Spira),  Bergzabern  (Tabernae

tres),  Rheinzabern  (Tabernae)  „  Altripp  (Alta  ripa)  am
Rhein  unterhalb  Speier,  Germersheim  (Vicus  Julius).

§  3.  Die  Angriffskriege,  welche  die  Römer  im  Lause  des

ersten  Jahrhunderts  nach  Christus  gegen  die  deutschen  Völker

jenseits  der  Donau  und  des  Rheins  führten,  verwandelten  sich

im  zweiten  Jahrhundert  in  Vertheidigungskriege.  Um  die  durch
1  “
        <pb n="20" />
        4  Die  Suͤd-Donaulaͤnder  vor  der  Herrschaft

allmählige  Vorschiebung  der  Besatzungen  gewonnenen  Länder
zwischen  dem  Oberrhein  und  der  obern  Donau  zu  behaupten,
ward  vom  Kaiser  Hadrian  ein  Grenzwall  angelegt,  welcher  von
Pföring  bei  Kelheim  (Celeusum)  über  Gunzenhausen  bis
an  den  Neckar,  Main  und  Rhein  sich  erstreckte  und  später
allgemein  die  „Teufelsmauer“"  genannt  wurde.  Allein  diese  und
andere  Schutzanstalten  hinderten  weder  den  markomannischen
Krieg  (167—180),  noch  die  Einfälle  der  Alemannen  (seit  213),
und  eben  so  wenig  das  Vordringen  der  Hunnen  (375)  und
das  der  Westgothen  unter  Alarich  (409).  Am  schrecklichsten
aber  wurden  die  römischen  Prorinzen  durch  die  Züge  der  Hunnen
unter  Attila  (451  und  452)  verheert,  den  nur  das  Ansehen
des  Papstes  Leo  I,  des  Großen,  von  dem  Zuge  gegen  Rom
selbst  abhielt.  Als  unmittelbar  darauf  deutsche  Völkerschaften  von
Norden  und  Osten  unwiderstehlich  gegen  Vindelizien  und  Norikum,
  das  nördliche  Bollwerk  des  weströmischen  Reiches,  anstürmten,
  waren  die  Römer  gezwungen,  sich  aus  dieser  Gegend  ganz
zurückzuziehen,  um  ihre  volle  Wehrkraft  für  die  Erhaltung  ihres
engeren  Vaterlandes  aufzubieten  (454).

&amp;amp;  4.  Der  größte  und  nachhaltigste  Gewinn,  den  die  Herrschaft
  der  Römer  in  den  Süd-Denauländern  für  die  Bewohner
dieser  Gegend  mit  sich  gebracht  hatte,  war  die  frühzeitige  Einführung
  des  Christenthums.

Schon  im  Jahre  281  erlitt  der  heilige  Maximilian,  wie
allgemein  angenommen  wird,  zu  Cilly  im  heutigen  Steiermark
den  Martertod,  und  im  Jahre  303  ließ  der  hl.  Florian  mit
40  seiner  einstigen  Kriegsgefährten  zu  Lorch,  und  die  hl.  Afra
mit  ihren  Begleiterinen  zu  Augsburg  das  Leben  für  den
christlichen  Glauben.  Bischöfe  Norikums  wohnten  nach  dem
Zeugnisse  des  gleichzeitigen  hl.  Athanasius  schon  der  Kirchenversammlung
  zu  Sardica  in  Mösien  (347)  bei;  der  hl.  Valentin
wirkte  448  zu  Passau,  zog  sich  aber  wegen  des  geringen  Erfolges
  seiner  aufopfernden  Thätigkeit  nach  Tyrol  zurück,  wo  er
auch  starb  und  zuerst  in  Majes,  dann  in  Trident  beigesetzt
wurde,  woher  später  Herzog  Tassilo  II  seine  Reliquien  nach
Passau  bringen  ließ;  der  hl.  Severin,  ein  geborner  Afrikaner,
        <pb n="21" />
        der  Agilolfinger  in  Bajoarien.  5

Mönch  aus  dem  oströmischen  Kaiserthum,  wanderte  452  in  das
Ufer-Norikum  ein  und  gründete  bei  Fabiana,  einer  Stadt
zwischen  dem  heutigen  Tuln  und  Kahlenberge  in  Unterösterreich,
ein  Kloster,  von  wo  aus  er  längs  der  Donau  aufwärts  nach
Lorch,  Passau,  Künzing  und  auch  in  das  Alpenland  nach  Salzburg
  und  Kuchel  wanderte,  theils  um  das  Christenthum  weiter
zu  verbreiten,  theils  um  das  vorgefundene  zu  erhalten  und  zu
befestigen.  Gleichzeitig  mit  Severin  wirkte  in  Lorch  ein  Bischof
Constantius,  der  mit  seiner  Gemeinde  unter  Führung  Severins
nach  Fabiana  zog  und  nach  dem  Tode  des  Severin  für  die  bedrängten
  römischen  Unterthanen  dieser  Gegend  die  einzige  Stütze
wurde.

5.  Kaum  waren  die  Römer  aus  Vindelizien  und
Norikum  gewichen,  so  drangen  (454—.488)  mehrere  deutsche
Völkerhaufen,  als  Markomannen,  Quaden  (ein  Zweig  des
suevischen  Stammes)  und  Gothen  (hauptsächlich  Rugier,  Heruler,
Schyren,  Turcilinger  oder  Turilinger)  aus  ihren  bisherigen  Sitzen
jenseits  der  mittleren  Donau  (Böhmen,  Mähren,  dem  westlichen
und  nördlichen  Ungarn)  in  das  heutige  Oesterreich  vor  und  nahmen
entweder  deshalb,  weil  ihre  Mehrzahl  aus  dem  Lande  der  Markomannen
  kam,  dessen  Bewohner  noch  immer  von  den  Bojern  her
Bämis)  hießen,  oder  weil  ihre  neue  Heimath  in  älterer  Zeit
bojische  Gefilde  waren,  den  gemeinschaftlichen  Namen  Bojoarier,
  Bajoarier,  Bajuarier,  auch  Bajuwarier  an  als
die  Baren  oder  Waren,  d.  i.  Mannen,  Schirmer,  Wehrer  und
Inhaber  des  ehedem  von  Bojern  bewohnten  Landes)?#).

Zu  den  wichtigsten  Punkten,  welche  der  junge  Bajoarenstaat
in  sich  faßte,  zählte  Reginisburg  (Regensburg),  Passau  und
Lorch.  Hier  in  Lorch,  aus  welchem  452  der  Bischof  Constantius
mit  seiner  ganzen  Gemeinde  ausgezogen  und  nach  Fabiana
übergesiedelt  war,  traf  nach  dem  Tode  des  Bischofes  Constantius
  (.  487)  der  Bischof  Mamertinus,  früher  Tribun  zu
Fabiana,  ein  und  führte  dem  Christenthum  in  und  um  Lorch
viele  neue  Bekenner  zu.  Nach  dem  Tode  des  Mamertinus
um  520)  blieb  das  Lorcher  Bisthum  verwaist,  bis  der
hl.  Rupert,  seit  536  Bischof  von  Worms,  auf  Betricb  des
austrasischen  Königs  Theodebert  1  (534—548)  um  das  Jahr
        <pb n="22" />
        6  Die  Süd-Donauländer  v.  d.  Herrsch.  d.  Agilolf.  in  Bajoariern.

540  in  diese  Gegend  kam,  um  für  die  Erhaltung  des  hier  noch
bestehenden  Christenthums  zu  wirken.  Rupert,  dem  Lorch
unter  den  angetroffenen  Verhältnissen  für  einen  Bischefssitz  nicht
mehr  geeignet  erschien,  suchte  und  erhielt  von  dem  austrasischen
Könige  die  Erlaubniß,  den  Sitz  des  Bisthums  Lorch  zu  verlegen
und  den  hiefür  geeignetsten  Ort  auszusuchen.  Auf  seiner  zu
diesem  Zwecke  unternommenen  Wanderung  gelangte  er  die  Donau
abwärts  bis  an  die  Grenze  des  unteren  Pannoniens,  ging
von  da  wieder  zurück  über  Lorch  in  die  Wildniß  des  Wallersees
(ein  kleiner  Sce  am  rechten  Ufer  der  Salzach,  unweit  Salzburg),
wo  er  dem  hl.  Petrus  zu  Ehren  ein  Kirchlein,  Seekirchen,  erbaute.
  Doch  schlug  er  nicht  hier,  sondern  auf  den  nahen  Ruinen
der  einst  (475)  von  den  Herulern  und  Rugiern  zerstörten  Römerstadt
  Juvavia  den  Sitz  des  Lorcher  Bisthums  auf  und  gab  so
dem  jetzigen  Erzbisthume  Salzburg  den  Ursprung.  Nachdem
er  aus  Franken  zwölf  fromme  Männer  als  Gehilfen  beigezogen,
baute  er  am  Fuße  des  Berges?),  auf  dem  heutigen  Tags  ein
umfangreiches  Schloß  steht,  zu  Ehren  des  hl.  Petrus  eine  Kirche
und  ein  Kloster  für  Mäuner,  auf  dem  Berge  selbst  aber  ein
Frauenkloster,  dem  er  seine  Nichte  Ehrentrude  als  erste  Vorsteherin
  gab.  Ob  der  hl.  Rupert  dem  Bisthume  Salzburg  bis
zu  seinem  Lebensende  vorgestanden  habe,  ist  ungewiß,  die  mehreren
Gründe  sprechen  dafür,  daß  er  sein  Leben  (um  550)  zu  Worms
beschlossen  habe.

Zweiter  Zeitraum.
Basoarien  unler  den  Agilolsingern“)
6654-788.

86.  So  lange  die  Longobarden,  welche  sich  (in  den  Jahren
526  und  548)  von  ihren  Wohnsitzen  au  dem  linken  Ufer  der

 

 

*)  Die  Herzöge  Bajoariens  aus  dem  agilolfingischen  Hause  sind:

Garibald  1  554—595.  Theodoald  702—712(7139),  Theo-Tassilo
  1  595—610.  debert  702—  724,  Grimoald
Garibald  11  610—640.  702—725.

Theodo  I  640—6527  Hugibert  725—737.

Hugobert  6522  —680.  Odilo  737—748.

Theodo  II  (8)—717.  Tassilo  II1  748—788.
        <pb n="23" />
        Bajoarien  unter  den  Agilolfingern.  7

mittleren  Donau  nach  Pannonien  ausgebreitet  hatten,  die  östlichen
Nachbarn  der  Bajoarier  blieben,  drohte  diesen  von  Osten  her  keine
Gefahr;  als  aber  die  Longobarden  nach  dem  Sturze  der  ostgothischen
  Herrschaft  in  Italien  (554)  auf  die  Einladung  des  byzantinischen
  Feldhberrn  Narses  (568)  nach  Italien  aufbrachen  unbdas
  von  ihnen  geräumte  Pannonien  ihren  bisherigen  Bundesgenossen,
  den  Avarens),  überließen,  drängten  diese  in  Vereinigung
  mit  Slaven=  oder  Wendenvölkern  (Karantanen)  unaufhörlich
  auf  die  Bajoarier,  bis  diese  das  Land  östlich  von
der  Enus  räumten  und,  in  westlicher  und  südwestlicher  Richtung
vorgehend,  in  jene  Gefilde  einrückten,  welche  nachmals  und  noch
heute  im  eigentlichsten  Sinne  Bayern  heißen  und  nördlich  von
der  Donau,  östlich  von  der  Enns,  südlich  vom  Nocius
(Noßbach  oberhalb  Trient),  westlich  vom  Lech  begrenzt  sind.
Was  sich  auf  dieser  Strecke  an  Bojern  noch  vorfand,  verschmolz
mit  den  eingewanderten  Bajoariern  allmählig  zu  einem  Volke,  die
zurückgebliebenen  römischen  Unterthanen  dagegen  wurden  tributpflichtig
  gemacht  und  Römlinge  (Romanisci,  Romanenses),
Wallen,  Walchen  oder  Wälsche  genannt,  welch'’  letztere  Namen
noch  in  Wallerstein,  Wallersee,  Traunwalchen,  Straßwalchen,
  Seewalchen  fortleben.

In  dem  neuen  Vaterlande  hatten  die  Bajoarier  nach  drei
Seiten  hin  Nachbarn  germanischer  Abkunft,  denn  im  Süden  saßen
die  Longobarden,  im  Westen  die  Alemuannen  oder  Schwaben,
im  Norden  die  Thüringer.  Im  Osten  saßen  die  hunnischen
Avaren,  und  im  Südosten  (in  Kärnthen  und  Steyermark)  die
unter  dem  bestimmten  Namen  Karantanen  geschaarten  Slaven.
In  Folge  der  Abhängigkeit;  in  welcher  sich  die  westlichen  und
nördlichen  Nachbarn  der  Bajoarier  von  den  Frankeny)  befanden
(die  Alemannen  seit  dem  Siege  Chlodwigs  bei  Zülpich  im  Kölnischen
496,  die  Thüringer  seit  dem  Siege  Theoderichs  oder  Theuderichs
530),  geriethen  die  Bajoarier  auf  zwei  Seiten  mit  dem  mächtigen
  Frankenreich  in  Berührung,  und  bald  in  Abhängigkeit,
welche  jedoch  anfänglich  nur  darin  bestand,  daß  die  Bajoarier  sich
verpflichten  mußten,  auf  ihrer  Seite  das  Frankenreich  zu  schützen,
mit  ihren  Nachbarn,  den  Avaren,  Karantanen  und  Longobarden,
        <pb n="24" />
        8  Bajoarien  unter  dem  Agilolf.  Garibald  I.

nichts  den  Staatsvortheilen  der  Franken  Nachtheiliges  zu  unternehmen
  und  bei  der  Wahl  ihrer  National-Herzöge  die  Zustimmung
  des  fräukischen  Hofes  einzuholen.

&amp;amp;  7.  Als  der  erste  geschichtlich  beglaubigte  Herzog  oder
König)  Bajoariens  erscheint  Garibald  1  (554—595),  aus
dem  edelsten  der  bajoarischen  Geschlechter,  dem  agilolfingischen,
entsprossen,  welches  neuere  Forscher  von  dem  Schyren  Arnulf
(Wulf,  Welf,  daher  Agilolfinger  =  Arnulfinger,  d.  s.  Sprößlinge
oder  Abkömmlinge  des  Arnulf),  einem  Bruder  jenes  Odoacer  ableiten,
  welcher  dem  weströmischen  Reiche  (476)  ein  Ende,  machte.
Dieser  Garibald?),  dem  die  Volkssage  (bei  Aventin)  mehrere
Theodone  aus  dem  agilolfingischen  Geschlechte  als  Vorgänger
in  der  bajoarischen  Herzogswürde  gibt,  hatte  sich  längere  Zeit
am  fränkischen  Hofe  aufgehalten  und  daselbst  des  Longobardenkönigs
  Wacho')  Tochter,  Waldrade,  Gemahlin  des  Frankenkönigs
  Theodobald  10),  kennen  gelernt,  mit  der  er  im  Jahre
555  zu  einer  Che  schritt?“).  Dem  Christenthume,  zu  dem  er
schon  während  seines  Aufenthaltes  am  fränkischen  Hofe  übergetreten
  war,  aufrichtig  zugethan,  trug  er  von  Reginisburg
(Regensburg)  aus,  wo  er  gewöhrlich  residirte,  nach  Kräften  zu
dessen  Ausbreitung  in  Bajoarien  bei,  und  in  gleichem  Geiste  wirkte
seine  Tochter  Theodelinde,  die,  nachdem  sie  (590)  Antharis,
den  König  der  Longobarden  geehlicht  hatte,  die  Longobarden  von

*)  Paul  Warnefried  legt  in  seiner  longobardischen  Geschichte  dem
Garibald  den  Königstitel  bei,  woraus  jedoch  nicht  dessen  Unabhängigkeit
  vom  fränkischen  Hofe  gefolgert  werden  darf.

*“)  Ob  die  Ehe  Waldradens  mit  Garibald  noch  bei  Lebzeiten  ihres
rechtmäßigen  Gemahls  Theodobald,  der  sie  verstoßen  hatte,  geschlossen  worden.
sei,  oder  nach  dessen  im  Jahre  555  erfolgten  Tode,  läßt  sich  nicht  mehr  ermitteln.
  Paulus  Diakonus  erzählt  nämlich  (I,  24),  daß  Waldrada  an
Theodobald  vermählt  gewesen,  „der  sie  aber,  da  sie  ihm  zuwider  war,  einem
seiner  Leute  (uni  ex  suis),  Namens  Garipald,  zur  Ehe  gab.“  Gregor  von
Tours  (IV,  9)  dagegen  berichtet:  „Theodobalds  Reich  erhielt  (dessen  Großonkel)
  König  Chlothar,  der  Buletrada,  die  Gemahlin  desselben,  seinem  Lager
gesellte,  aber  von  den  Bischöfen  deshalb  hart  angefochten,  verließ  er  sie  und
gab  ihr  zum  M#nne  den  Herzog  Garivald.“  Beide  Schriftsteller  sind  hier
die  einzigen  Quellen.
        <pb n="25" />
        Bajoarien  unter  den  Agilolf.  Tassilo  Tu.  Garibald  II.  9

der  arianischen  Irrlehre  zum  Katholizismus  zurückführte.  Ob
dieses  Verdienstes  weihte  ihr  Papst  Gregor  der  Große  eine
Lebensbeschreibung  der  Heiligen  in  vier  Büchern,  schickte  ihr  heilige
  Reliquien  und  kostbare  Oele,  sowie  die  nachmals  so  berühmte
eiserne  Krone,  welche  ihren  Namen  von  einem  eisernen  Ringe
erhalten  hat,  der  sich  inwendig  befindet  u).

Die  große  Anhänglichkeit,  die  Garibald  bei  jeder  Gelegenheit
gegen  den  longobardischen  Hof  an  den  Tag  legte,  namentlich
aber  die  trotzige  Haltung,  die  er  beim  Ausbruche  eines  Krieges
zwischen  den  Longobarden  und  Franken  (590—591)  gegen
die  Letzteren  beobachtete,  reizte  den  Frankenkönig  Childebert  II  zu
einem  Einfalle  in  Bajoarien,  der  (595)  den  Sturz  Garibalds
nach  sich  zog.  Die  königliche  Würde  ward  abgeschafft,  und
Tassilo,  ein  Sprößling  der  jüngeren  Linie  des  agilolfingischen
Geschlechtes  2),  zum  Herzoge  Bajoariens  erhoben,  und  zwar
deshalb,  weil  er  sich  unter  Garibalds  Regierung  den  Franken
stets  günstig  erwiesen  hatte.

88.  Tassilo  I  (595  —610)  hatte  bald  nach  dem  Antritte
  seiner  Regierung  einen  harten  Kampf  mit  den  Slaven
zu  bestehen,  die  über  den  Innfluß  in  Bajoarien  einfielen  (506).
Sie  wurden  von  Tassilo  zwar  zurückgewiesen  und  in  ihrem
eigenen  Lande  geschlagen,  doch  wurden  zweitausend  Bajoarier,  die
sich  zu  weit  vorgewagt,  durch  die  von  Böhmen  herbeieilenden
Avaren  gänzlich  aufgerieben  (597).

8  9.  Auf  Tassilo  J  folgte  sein  Sohn  Garibald  II
(610—640).  Dieser  wurde  im  Jahre  611  von  den  neuerdings
einfallenden  Slaven  bei  Aguntum  (setzt  Innichen  im  Pusterthal
  nahe  den  Quellen  der  Drau)  geschlagen,  übte  aber  dafür
(631)  in  Verbindung  mit  den  Alemannen  auf  slavischem  Boden
  eine  höchst  blutige  Vergeltung  und  wehrte  mit  Hülfe  des
Frankenkönigs  Dagobrrt  I  (König  d.  g.  Reiches  628—638)  auch
die  drohenden  Angriffe  der  Avaren  und  Bulgaren  ab.  Ucber
diesen  Kämpfen  versäumte  Garibald  II  die  Sorge  für  die
Verbesserung  der  inneren  Verhällnisse  seines  Landes  nicht  und
erwarb  sich  ein  bleibendes  Verdienst  namentlich  dadurch,  daß  er
        <pb n="26" />
        10  Bajoarien  unter  d.  Agilolf.  Garibald  IIu.  Theodo  J.

auf  Betrieb  des  Frankenkönigs  Dagobert  1  (zwischen  628
und  638)  durch  vier  Männer  (Claudius,  Chadoin,  Magnus
und  Agilolf)  die  bis  dahin  ungeschriebenen  Gesetze  seines  Volkes
aufzeichnen  ließ  und  dieser  Gesetzessammlung  allgemeine  Anerkennung
  verschaffte.  Nicht  minder  erfolgreich  waren  die  Anstrengungen,
  die  unter  seiner  Regierung  in  und  um  Bajoarien
her  zur  Befestigung  und  Ausbreitung  des  Christenthums  gemacht
  wurden.  Drei  Glaubensboten  aus  Irland,  der  heillige
Columban  (Stifter  des  Klosters  Luxenil  in  Franche  Com4té),
die  Heiligen  Gallus  und  Magnus  u5)  brachten  612  das
Christenthum  nach  Alemannien,  und  im  Jahre  615  trafen
aus  Frankreich  Eustasius  und  Agilus  (ersterer  war  seit
Columbans  Abgang  Abt  des  Klosters  Luxeuil,  letzterer  wurde
nachmals  Abt  des  Klosters  Rebais  in  der  Landschaft  Brie  im
Departement  der  Seine  und  Marne)  in  Bajoarien  ein,
theils  um  das  Evangelium  neu  zu  verkünden,  theils  um  Frrlehren,
  welche  von  Anhängern  des  Bonnosius  und  Photinus
gegen  die  Gottheit  Christi  und  die  Jungfräulichkeit  Mariens
verbreitet-worden  waren,  zu  unterdrücken.  Die  rastlose  Mühe,
welche  diese  Männer  aufboten,  ward  damit  gelohnt,  daß  die
meisten  der  Irregeführten  in  den  Schoos  der  katholischen  Kirche
zurückkehrten.

&amp;amp;#  10.  Garibalds  II  Nachfolger  war  Theodo  1°)  (640
—  6522),  welcher  ebenfalls  der  jüngern  agilolfingischen  Linie
angehörte  11).  In  ihm  besaßen  die  Bajoarier  einen  überaus
edlen,  friedliebenden  Fürsten,  der  für  die  weitere  Verbreitung  des
Christenthums  vornehmlich  dadurch  wirkte,  daß  er  (649)  den
hl.  Emmeram  (Heimeram,  Hausrabe),  einen  fränkischen  Glau--bensboten
  aus  Pictavium  (Peitiers),  auf  seiner  Missionsreise
zu  den  Avaren  in  Reginisburg  (Regensburg)  zu  dem  Entschlusse
  bewog,  vorerst  den  Bajoariern  einige  Zeit  lang  die
himmlische  Lehre  zu  verkünden.  Nachdem  er  dieß  drei  Jahre
hindurch  gethau  hatte,  erlitt  er  auf  eine  traurige  Weise  den

*)  Ob  Theodo  I  ein  Sohn  Garibalds  II  gewesen,  steht  dahin.
        <pb n="27" />
        Bajoarien  unter  dem  Agilolfinger  Theodo  I.  11

Martertod.  Des  Herzogs  Tochter  Uta,  die  sich  mit  Sigibald,
dem  Sohne  des  herzoglichen  Gaurichters,  schwer  vergangen  hatte,
bezeichnete  in  der  Angst  ihres  Herzens  den  frommen  Bischof,  der
eben  eine  Reise  nach  Rom  angetreten  hatte,  als  den  Urheber
ihrer  Schmach,  und  diese  Nachricht  versetzte  ihren  Bruder  Landpert
  in  solche  Wuth,  daß  er  dem  hl.  Emmeram  mit  bewaffnetem
Gefolge  nachjagte  und  denselben  in  einer  Kapelle  bei  Helfendorf
  (sieben  Stunden  von  München  an  der  Landstraße  von
München  nach  Aibling)  entsetzlich  verstümmelte.  Der  Heilige
erlag  seinen  Wunden  noch  am  selben  Tage  (22.  September  652)
zwischen  dem  zweiten  und  dritten  Meilensteine  auf  der  Straße
von  Helfendorf  nach  (dem  zwölf  römische  Meilen  entfernten)
Aschheim  7),  wo  seine  irdische  Hülle  in  der  Kirche  zum  heiligen
Petrus  beigesetzt  wurde.  Als  darauf  Uta  ihre  falsche  Beschuldigung
  eingestand  und  so  die  Unschuld  des  hl.  Emmeram  an
den  Tag  kam,  mußte  Landpert  flüchten,  Uta  aber  ward  in
ein  Kloster  Italiens  verwiesen,  wo  sie  starb.  Zur  Sühne  des
Vergehens  ließ  Herzog  Theodo  die  Leiche  des  Martyrers  von
Aschheim  nach  Reginisburg  bringen  und  in  dem  Kirchlein
zum  hl.  Georg  beisetzen,  allwo  später  dem  Heiligen  zu  Ehren
eine  Kirche  und  ein  Kloster  erbaut  wurde  —  das  nachmalige
Reichsstift  St.  Emmeram.

Was  unter  Herzog  Theodo  I  nach  dieser  Zeit  noch  weiter
in  Bajoarien  geschehen,  wie  lange  derselbe  regiert  und  wer
nach  ihm  bis  zum  Jahre  680  die  Regierung  Bajoariens  geführt
habe,  darüber  herrscht  bei  den  Geschichtschreibern,  auch  bei  den
fränkischen  und  longobardischen,  das  tiefste  Stillschweigen,  nur
dieß  Eine  steht  fest,  daß  dem  Herzoge  Theodo  I  keiner  seiner
beiden  Söhne  in  der  Regierung  gefolgt  ist.

Für  diese  Zeit  historischen  Dunkels  mag  die  Vermuthung  als
Führerin  dienen,  daß  nach  dem  Tode  des  Herzogs  Theodo  I  der
Agilolfinger  Hugobert,  ein  Sprößling  der  älteren  von  Garibald
  I1  herstammenden  Linie,  der  Schwiegervater  Pippins  von

Heristal  und  Vater  Theodo's  II,  bis  680  mit  der  Herzogswürde
  in  Bajoarien  bekleidet  gewesen  sei.

*)  Ein  Pfarrdorf  zwischen  München  und  Erding.
        <pb n="28" />
        12  Bajoarien  unter  d.  Agilolf.  Theodo  II  u.  seinen  Söhnen.

&amp;amp;  11.  Theodo  II,  welcher  der  älteren,  von  Garibald  I
herstammenden  Linie  der  Agilolfinger  entsprossen  ist,  herrschte
von  680  —717  über  Bajoarien.  Er  nahm  im  Jahre  702  seine
drei  Söhne  zu  Mitregenten  an,  indem  er  dem  Theodebert
Süd-Bajoarien  (das  heutige  Tyrol)  mit  Botzen,  dem
Grimoald  das  mittlere  Bajoarien  (den  Strich  von  der
Donau  bis  zum  Gebirge  und  vom  Lech  bis  zum  Inn)  mit
Freysing,  dem  Theodoald  einen  Theil  von  Ost-Bajoarien
mit  Passau  zuwies,  für  sich  selbst  aber  den  übrigen  Theil
Ost-Bajoariens  und  den  Nordgau  mit  Reginisburg  behielt
  15).  Nach  dem  frühen  Tode  Theodoalds,  der  712  oder
713  erfolgte,  nahm  sich  Herzog  Theodo  II  wenig  mehr  der
Regierung  an,  sondern  überließ  sie  seinem  Sohne  Theodebert,
einem  thatkräftigen  Manne,  der  (712)  den  flüchtigen  longobardischen
  Großen  Ansprand  mit  einem  bajoarischen  Heere  auf
den  longobardischen  Thron  gesetzt  hatte,  wogegen  Luitprand,
Ansprands  Sohn,  die  Tochter  Theodeberts,  Guntrude,  zur  Ehe
nahm  (716).  Gegen  den  Abend  seines  Lebens  (716)  unternahm
Theodo  II  noch  eine  Wallfahrt  nach  Rom  unnd  stellte  an  den
Papst  Gregor  II  das  Ansuchen,  seinem  Lande  eine  bleibende
kirchliche  Einrichtung  mit  festen  bischöflichen  Sitzen  zu  geben,
denn  alle  bisherigen  Glaubensboten  waren  nur  Missionsbischöfe,
die  keinen  Sprengel  bleibend  überwachten.  Gregor  sandte  zu
diesem  Behufe  drei  Legaten  (den  Bischof  Martinian,  den
Priester  Georg  und  den  Subdiacon  Dorotheus)  nach  Bajoarien;
  allein  die  angebahnte  Organisation  kam  nicht  zur  Ausführung,
  da  Theodo  II  schon  im  folgenden  Jahre  (717)  starb
und  nach  ihm  das  Unternehmen  nicht  mehr  mit  dem  gehörigen
Eifer  betrieben  wurde.

&amp;amp;#  12.  Nach  dem  Tode  Theodo's  II  stellten  dessen  Söhne
Theodebert  und  Grimoald  die  Theilung  des  Landes,  die  sie
nach  dem  Ableben  ihres  Bruders  Theodoald  in  widerruflicher
Weise  vorgenommen  hatten,  endgiltig  fest:  Theodebert  (717—
724),  dem  die  Oberherrschaft  über  das  Ganze  zugestanden  wurde,
sollte  das  südliche,  östliche  und  nördliche  Bajoarien  beherrschen
mit  der  Residenz  Regiuisburg,  Grimoald  (717—725)  blieb
        <pb n="29" />
        Bajoarien  unter  d.  Agilolf.  Theodebert  u.  Grimoald.  13

auf  das  westliche  und  mittlere  Bajoarien  mit  der  Residenz
Freysing  beschränkt,  Theodoalds  Wittwe  Pilitrude  )  dagegen,
  die  seit  dem  Tode  ihres  Gatten  am  fränkischen  Hofe  gelebt
hatte  und  auf  die  Kunde  von  Theodo's  II  Tod  in  Bedgleitung
ihrer  Mutter  Plectrude  von  dort  schleunigst  heimgekehrt  war,
ging  leer  aus,  versäumte  aber,  ihre  gegründeten  Ansprüche  zu
verfolgen,  weil  Grimoald  sie  zu  ehelichen  verhieß.  Die  Ehe  kam
auch  wirklich  zu  Stande,  allein  Pilitrude  erlangte  die  gehofften
Vortheile  nicht,  weil  von  kirchlicher  Seite  gegen  diese  Ehe  Widerspruch
  erhoben  wurde.

Der  hl.  Corbinian),  der  auf  seiner  zweiten  Reise  nach
Rom  (717)  vom  Papste  Gregor  II  zum  Regionarbischofe  (d.  i.
Bischof  über  einen  größern,  noch  nicht  kirchlich  eingerichteten
Landstrich)  ernannt  und  auf  der  Heimreise  von  Grimoald
dringend  ersucht  worden  war,  an  der  Kirche  zur  hl.  Maria  auf
der  Anhöhe  in  Freysing  seinen  bischöflichen  Sitz  bleibend  aufzuschlagen,
  hatte  unter  der  Bedingung  zugesagt,  daß  sich  der
Herzog  von  Pilitrude  wegen  des  bestehenden  Ehehindernisses
der  Schwägerschaft  trenne.  Da  dieß  nicht  geschah  und  daraus
die  ernstesten  Zerwürfnisse  entsprangen,  ging  Corbinian,  der
inzwischen  auf  dem  Berge  Tetmons  bei  Freysing  dem  heiligen
Stephan  ein  Bethaus  (Ursprung  des  heutigen  Weihenstephan)
errichtet  hatte,  nach  Majes  (Mais,  ehedem  eine  Stadt,  jetzt  ein
Dorf  an  der  Etsch),  einer  der  Kirche  von  Freysing  gehörigen
Besitzung  „  woselbst  er  schon  früher  zu  Ehren  der  Heiligen
Valentin  und  Zeno  eine  Kirche  gebaut  hatte.

Der  bald  darauf  (724)  erfolgte  Tod  des  Herzogs  Theodebert
  erhöhte  die  schon  bestehende  Gährung,  welche  bei  der
Einmischung  fremder  Mächte  für  Bajoariens  Selbstständigkeit
gefährlich  zu  werden  drohte.

Hugibert,  Theodeberts  Sohn,  wollte  dem  Vater  in  allen
seinen  Ländern  und  Gerechtsamen  nachfolgen,  während  Grimoald
als  ältester  Prinz  des  regierenden  Hauses  den  Principat  für  sich
beanspruchte.  Die  Waffen  sollten  die  Entscheidung  bringen:  da
fiel  der  Longobardenkönig  Luitprand,  Hugiberts  Schwager,  an
        <pb n="30" />
        14  Bajoarien  unter  den  Agilolf.  Hugibert  u.  Odilo.

der  Spitze  eines  longobardischen  Heeres  von  Süden  her  in  Bajoarien
  ein  und  eroberte  Botzen,  Majes  und  das  ganze
Etschthal,  der  Majordom  Karl  Martell  dagegen  drang  vom
Rheine  her  zweimal  in  Grimoalds  Gebiet  ein  und  brachte  es
einem  großen  Theile  nach  in  seine  Gewalt.  Nachdem  Grimoald
auf  der  Flucht  durch  die  Hand  eines  Meuchelmörders  (729)
umgekommen  war,  kam  ein  Friede  zu  Stande,  welcher  dem
Hugibert  das  Herzogthum  Boajoarien  gab  mit  Ausnahme  von
Tyrol,  welches  von  den  Longobarden  besetzt  blieb.  Grimoalds
Wittwe  Pilitrude  fiel  in  die  Hände  Karl  Martells,  welcher
sie  und  ihre  Stieftochter  Sunhilde  mit  sich  führte  und  letztere
zur  Frau  nahm.

&amp;amp;113.  Herzog  Hugibert  (beherrscht  von  725—729  den
von  seinem  Vater  ererbten  Theil  Bajoariens,  und  von  729—737
das  ganze  Bajoarien)  vermochte  den  hl.  Corbinian  zur  Rückkehr
von  Majes  nach  Freysing,  allein  Corbinian  starb  bald
darauf  am  8.  September  730½8).  Um  das  Christenthum  nicht
wieder  in  Verfall  gerathen  zu  lassen,  suchte  der  Herzog  den
Engländer  Wienfried,  Bonifazius  genannt,  für  Bajoarien  zu
gewinnen.  Dieser  um  ganz  Deutschland  hochverdiente  Mann,
der  bereits  716  den  Friesen,  und  nach  seiner  zweiten  Rückkehr
von  Rom  im  Jahre  723  den  Hessen  und  Thüringern  das
Evangelium  verkündigt  hatte,  traf  im  Jahre  735  wirklich  in
Bajoarien  ein  und  eröffnete  hier  seine  apostolische  Wirksamkeit
damit,  daß  er  die  von  dem  Priester  Ehrenwulf  verbreiteten
Irrlehren  unterdrückte.  Zu  eben  dieser  Zeit  zog  er  den  Sohn
adeliger  Eltern,  den  in  Kirchen=  und  Staatssachen  so  berühmt
gewordenen  Sturm  oder  Sturmio  an  sich,  der  später  (744)
in  Gemeinschaft  mit  ihm  das  Kloster  zu  Fulda,  das  vornehmste
aller  Benediktinerklöster,  gründete.  Nach  einem  Jahre  verließ
Bonifazius  Bajoarien  und  trat  (738)  seine  dritte  Reise  nach
Rom  an,  wohin  ihm  die  Kunde  von  dem  737  erfolgten  Tode
des  Herzogs  Hugibert  folgte.

s14.  Nach  Hugibert  regierte  in  Bajoarien  dessen  Oheim
Odilo  (Otilo,  Utilo)  (737—748),  Theodo's  II  vierter  und
        <pb n="31" />
        Bajoarien  unter  dem  Agilolfinger  Odilo.  15

jüngster  Sohn,  der  seine  Erhebung  dem  mit  seiner  Nichte
Sunhilde  vermählten  Majordom  Karl  Martell  zu  verdanken
hatte.  Der  hl.  Bonifazius,  der  mittlerweile  mit  ausgedehnten
Vollmachten  versehen  aus  Rom  nach  Bajoarien  zurückgekehrt
war,  fand  in  dem  neuen  Herzog  einen  eifrigen  Beförderer  seiner
apostolischen  Bemühungen  und  theilte  mit  dessen  Zustimmung
das  ganze  Land  in  vier  Bisthümer,  Regensburg,  Freysing,
Salzburg  und  Passau,  von  denen  jedes  seinen  eigenen
Bischof  erhielt.  Neben  diesen  Bisthümern  errichtete  Bonifazius
später  (741)  zwei  neue,  Eichstädt  und  Würzburg,  denen
er  die  Heiligen  Wilibald  und  Burkard  als  Bischäfe
vorsetzte.

In  diese  Zeit  fällt  auch  die  Entstehung  mehrerer  Klöster  in
und  um  Bajoarien,  so  des  Klosters  Schäftlarn  (Schaftilari
=  Wohnung  im  Schilf),  gegründet  (um  760)  durch  Walderich,
Dekan  von  Deining,  des  Klosters  Reichenau  am  Bodensee,  der
Klöster  Niederaltaich,  Oberaltaich,  Monsee,  ÖOsterhosen,
  Pfaffenmünster,  Altomünster,  die  den  Benediktinermönch
  Pirmin  als  Stifter  oder  als  Urheber  ihrer  Stiftung
haben,  dann  der  Klöster  Benediktbeuern,  Schledorf,
Kochelsee,  Staffelsee,  Polling,  Sandau,  Wessobrun,
welche  die  drei  Brüder  Lantfrid,  Waldram,  Eliland  und
und  deren  Schwester  Gailswinde,  Kinder  des  Schwabenherzegs
Landfried,  zu  Stiftern  haben,  ferner  des  Klosters  Heidenheim
für  die  Geschwisterte  Wunibald  und  Walburga,  die  mit  dem
hl.  Bonifazius  aus  England  gekommen  waren,  des  Nonnenklosters
Kitzingen  für  die  hl.  Thekla,  gleichfalls  Begleiterin  des  hl.
Benifazius  aus  England,  endlich  des  Klosters  Tegernsee,  zu
welchem  Adelbert  und  Ottokar,  die  Söhne  des  Schwabenherzogs
  Theobald,  den  Grund  gelegt  haben.

Außer  den  vorstehenden  Klöstern  entstanden  zur  Zeit  der  Agilolfinger
  noch  St.  Afra  in  Augsburg,  Gars,  St.  Burkard
in  Würzburg,  Cremsmünster,  beide  Chiemsee,  Mattsee,
Schliersee,  Tegernsee,  Weltenburg,  Isen,  Moosburg,
Ottobeuren  und  Osterhofen.

Nachdem  Herzog  Odilo  mehrere  Jahre  hindurch  die  Wohlthat
  des  Friedens  genossen  hatte,  trat  im  Frankenreiche  ein  Ereigniß
  ein,  welches  in  Bajoarien  eine  gewaltige  Erschütterung
zur  Folge  hatte.  Karlmann  und  Pippin,  die  älteren  Söhne
des  Majordom  Karl  Martell,  schlossen  nach  dem  Tode  ihres
        <pb n="32" />
        16  Vajoarien  unter  dem  Agilolfinger  Tassiko  II.

Vaters  (22.  Okt.  741)  ihren  Bruder  Gripho,  der  aus  der  Ehe
Karl  Martells  mit  Sunhilde  entsprungen  war,  von  dem  väterlichen
  Erbe  aus  und  brachten  Mutter  und  Sohn  in  Gewahrsam.
Als  die  gewaltthätigen  Brüder  nun  auch  noch  die  Freiheit  ihrer
leiblichen  Schwester  Chiltrude  bedrohten,  floh  diese  auf  den
Rath  ihrer  Stiefmutter  nach  Bajoarien  zu  Odilo  und  klagte
diesem  die  Härte  ihrer  Brüder.  Odilo  nahm  die  flüchtige  Prinzessin
  zur  Frau  und  wandte  Gripho  seinen  Beistand  zu.  In
dem  darauffolgenden  Kriege  ward  Odilo  trotz  der  Unterstützung,
welche  ihm  Theobald,  der  Herzog  der  Alemannen,  und  Hunald,
der  Herzog  der  Wasken  (eines  aus  Spanien  nach  Aquitanien
eingewanderten  Volkes),  gewährten,  am  Lechfluße  besiegt,  gefangen
  und  nach  Austrasien  abgeführt  (743).  Auf  Chiltrude's
Bitte  erhielt  er  zwar  das  Herzogthum  Bajoarien  zurück,  mußte
sich  jedoch  verpflichten,  nie  wieder  gegen  das  Frankenreich  die
Waffen  zu  führen.  Odilo  kam  dieser  Verpflichtung  getreulich
nach  bis  zu  seinem  Lebensende  (748).

15.  Da  Tassilo  II  (748—788)  bei  dem  Tode  seines
Vaters  Odilo  erst  fünf  Jahre  zählte,  so  ergriff  die  Herzogin-Wittwe
  Chiltrude  im  Namen  ihres  Söhnleins  die  Zügel  der
Regierung.  Das  Mißvergnügen,  welches  hierüber  im  Lande
entstand,  schien  dem  unruhigen  Gripho  günstig,  um  mit  Hilfe
der  von  ihm  aufgewiegelten  Sachsen  und  Alemannen  das
Herzogthum  Bajoarien  an  sich  zu  reißen.  Schon  war  es  ihm
gelungen,  Tassilo  und  seine  Mutter  aus  Bajoarien  zu  vertreiben,
  als  der  Majordom  Pippin  der  Kleine  mit  einem
ansehnlichen  Heere  eintraf  und  den  Rebellen  zur  Unterwerfung
nöthigte.  Die  drei  Hauptführer  der  Bewegung,  der  Franke
Gripho,  der  Alemannenherzog  Landfried  und  der  Graf
Suitgar  von  Hirschberg,  der  in  den  fränkischen  Gauen  nördlich
  der  Donau  begütert  war,  wurden  an  Pippin  ausgeliefert.
Dafür  gab  dieser  den  jungen  Tassilo,  unter  seine  und  der
Mutter  Chiltrude  Vormundschaft  gestellt,  den  Bajoariern  wieder
als  Herzog.

Als  Tassilo's  Mutter  Chiltrude  (754)  starb,  zog  Pippin,
der  inzwischen  den  blödsinnigen  Merovinger  Childerich  III  vom
        <pb n="33" />
        Bajoarien  unter  dem  Agilolfinger  Tassilo  II.  17

Thron  gestoßen  und  diesen  selbst  eingenommen  hatte,  seinen
zwölfjährigen  Neffen  ganz  an  sich,  machte  ihn,  der  das  vierzehnte
Lebensjahr  eben  erst  angetreten,  auf  der  Volksversammlung  zu
Compiegne  (Compendium)  im  Jahre  757  wehrhaft  und  ließ
sich  und  seinen  Söhnen  Karlmann  und  Karl  vor  den  Großen
Franziens  und  Bajoariens  feierlich  den  Lehenseid  leisten.
Auf  diese  Weise  förmlich  zum  Vasallen  des  fränkischen  Königs
herabgedrückt,  mußte  Tassilo  an  der  Spitze  bajoarischer  Krieger
dem  Pippin  auf  seinem  Zuge  gegen  die  Sachsen  Heerfolge
leisten,  ohne  für  sich  und  sein  Land  auch  nur  den  geringsten  Vortheil
zu  ziehen.  Als  er  darauf  mit  seiner  Streitmacht  vier  Jahre  hintereinander
  (760,  761,  762,  763)  zu  Pippins  Zügen  gegen  die
Aquitanier  aufgeboten  wurde,  ergriff  ihn  auf  dem  letzten  dieser
Züge  ein  solcher  Unmuth,  daß  er  unter  dem  Vorwande  einer  Unpäßlichkeit
  plötzlich  mit  seinen  Kriegern  das  fränkische  Lager  verließ  und
heimkehrte,  fest  entschlossen,  das  fränkische  Joch  abzuschütteln  (763).

Eine  im  Jahre  763  nach  Aschhaim  (eine  Ortschaft  zwischen
München  und  Erding)  berufene  Versammlung  der  geistlichen  und
weltlichen  Stände  Bajoariens  scheint  diesen  Schritt,  so  gewagt
er  auch  war,  gutgeheißen  und  zu  dem  Bündnisse  gerathen  zu
haben,  welches  Tassilo  gleich  nach  Beendigung  des  Landtags  mit
dem  von  den  Franken  gleichfalls  bedrohten  Longobardenkönig
Desiderius  zum  Schutze  wider  das  Frankenreich  einging.  Pippin,
  der  ob  der  drohenden  Haltung  der  Aquitanier  keine
ansehnliche  Kriegsmacht  nach  Bajoarien  werfen  konnte,  gedachte
später  Rache  zu  nehmen,  ward  aber,  als  ihm  hiefür  der  rechte
Augenblick  gekommen  schien,  durch  die  von  Tassilo  angerufene
Vermittlung  des  Papstes  Paul  1  von  der  Ausführung  seines
Vorhabens  zurückgehalten.  Er  schied,  mit  seinem  Neffen  Tassilo
vollständig  ausgesöhnt,  im  Jahre  768  aus  diesem  Leben.

Des  Verlebten  älterer  Sohn,  Karl,  mit  dem  Zunamen
der  Große  (768—  814),  der  anfänglich  mit  seinem  Bruder
Karlmann  gemeinschaftlich,  und  nach  dessen  plötzlichem  Tode
(771)  allein  im  Frankenreiche  herrschte,  ließ  Bajoarien  viele  Jahre
hindurch  in  Ruhe,  obschon  er  es  mit  steigendem  Unbehagen  wahrnahm,
  wie  Tassilo  durch  seine  Vermählung  mit  des  Longobardenkönigs

  Desiderius  Tochter  Luitberga  .  Bajoarien
Sattler,  bayer.  Geschichte.
        <pb n="34" />
        18  Bajoarien  unter  dem  Agilolfinger  Tassilo  II.

um  die  ehedem  durch  Luitprand  abgerissenen  Städte  (Majes,
Botzen,  Seben)  und  Gebietstheile  vergrößerte,  bald  darauf  (772)
ohne  Anfrage  am  fränkischen  Hofe  Kärnthen  gewaltsam  an
sich  brachte,  auf  den  Landtagen  zu  Dingolfing  (773)  und
Neuching  (774)  Gesetze  nach  Art  eines  völlig  unabhängigen
Regenten  erließ  und  zuletzt  (778  oder  7797)  seinen  Sohn
Theodo  zum  Mitregenten  annahm.  All'  dieß  suchte  Karl,
nachdem  er  den  Longobardenkönig  Desiderius  (774)  besiegt,
den  Arabern  in  Spanien  das  Land  bis  an  den  Ebro  (die
spanische  Mark)  entrissen  (778)  und  fünf  Züge  gegen  die
Sachsen  (772,  775,  776,  779,  780)  mit  Erfolg  unternommen
  hatte,  mit  einem  Schlage  zu  vergelten,  indem  er  im
Einverständnisse  mit  dem  Papste  Hadrian  I  den  Herzog
Tassilo  durch  Gesandte  (die  Bischöfe  Formosus  und  Damasus
  erschienen  im  Auftrage  des  Papstes,  der  Diakon  Riculf
und  der  oberste  Mundschenk  Eberhard  von  Seite  des  Königs)  zur
Erncuerung  des  den  Franken  geleisteten  Lehenseides  aufforderte.

Der  bedrängte  Herzog  kam  der  Aufforderung  auf  einer
Versammlung  der  Franken  zu  Worms  (781)  nach  und  stellte
sogar  zwölf  Männer  seines  Landes  zur  Bürgschaft;  aber  bald
brach  er  auf  Anstiften  seiner  Gemahlin  Luitberga  das  gegebene
Wort  und  verabredete  den  Plan  einer  gemeinsamen  Verbindung
aller  Feinde  des  fränkischen  Namens.  Er  selbst  und  seine  Gemahlin
  Luitberga  mit  ihrem  Bruder  Adelgis  und  ihrer
Schwester  Adelberge,  des  Herzogs  Arrichis  von  Benevent
Wittwe,  stellten  sich  an  die  Spitze  der  Verbündeten.  Man  zählte
auf  einen  Aufstand  der  mit  den  Franken  unzufriedenen  Sachsen,
Thüringer  und  Longobarden,  die  griechische  Kaiserin  Irene
ward  in's  Vertrauen  gezogen  und  mit  dem  wilden  Volke  der
Avaren  ein  Bündniß  geschlossen,  um  es  im  entscheidenden
Augenblicke  zu  einem  Einfall  zu  benützen.  Zwei  geistliche  Würdenträger,
  die  man  in  die  ganze  Sache  eingeweiht,  der  Bischof
Arno  von  Salzburg  und  der  Abt  Heinrich  von  Monsee,
gingen  (787)  auf  Tassilos  Veranlassung  nach  Nom,  um  den
Papst  Hadrian  1  für  das  Unternehmen  günstig  zu  stimmen,
kehrten  aber  von  dort  unverrichteter  Dinge  zurück  mit  dem  Auftrage,
ihren  Herrn  an  seinen  Eid  zu  erinnern.  Karl,  der  die  beiden
        <pb n="35" />
        Bajoarien  unter  dem  Agilolfinger  Tassilo  II.  19

Gesandten  in  Rom  getroffen  und  vermuthlich  von  ihrer  Mission
Kunde  erhalten  hatte,  lud  den  Herzog  Tassilo  vor  eine  Reichsversammlung
  nach  Worms.  Da  der  Geladene  nicht  erschien,
rückte  König  Karl  mit  drei  Heeren  in  Bajoarien  ein.  Entblößt
von  auswärtiger  Hilfe,  eingeschlossen  von  drei  fränkischen  Armeen
und  verlassen  von  den  eigenen  Leuten  leistete  Tassilo  im  Lager
des  Königs  zum  dritten  Male  den  Lehenseid  und  erhielt  gegen
Zurücklassung  von  dreizehn  Geißeln,  unter  denen  auch  sein  eigener
Sohn  Theodo  war,  freien  Abzug  nach  Regensburg.  Aber  kaum
war  er  in  der  Heimath  angelangt,  so  wurde  er  von  Karl  auf
die  Kunde  hin,  daß  ein  großes  Heer  der  Avaren  nach  Bajoarien
im  Anzuge  und  ein  neuer  Abfall  des  Herzogs  zu  befürchten  sei,
an  den  fränkischen  Hof  entboten;  auch  seine  Gemahlin  und
sämmtliche  Kinder  mußten  ihm  dahin  folgen  (März  788).  Seit
dieser  Zeit  kam  Tassilo,  von  Karl  dem  Großen  zurückgehalten,
nicht  mehr  nach  Bajoarien  zurück,  wo  statt  seiner  königliche  Commissäre
  die  Verwaltung  besorgten.  Daß  die  Großen  des  Reiches,
darunter  auch  die  bajoarischen,  auf  dem  Reichstage  zu  Ingelheim
  (788)  den  unglücklichen  Herzog  ob  mehrmaligen  Lehensbruches
  zum  Tode  verurtheilt,  Karl  dagegen  denselben  der  nahen
Verwandtschaft  wegen  (sie  waren  Geschwisterkinder)  begnadigt  und
in  ein  Kloster  verwiesen  habe,  entbehrt  der  zureichenden  Begründung.
Wahrscheinlicher  ist,  daß  Tassilos  Benehmen  auf  der  Versammlung
zu  Ingelheim  bei  den  Großen  des  Reiches  arge  Mißbilligung
gefunden,  er  selbst  aber,  weil  er  keine  Nachgiebigkeit  zeigte,  von
Karl  entsetzt  und  in  das  Kloster  zu  St.  Goar  verwiesen  worden  sei.

Nach  sechs  Jahren,  innerhalb  welcher  es  Karl  gelungen
war,  die  Avaren  zurückzutreiben,  die  Griechen  zu  schrecken
und  sein  Ansehen  in  dem  eroberten  Bajoarien  zu  sichern,
beugte  sich  Tassilo,  von  aller  Hilfe  entblößt,  seinem  harten  Geschick
  und  leistete  auf  der  Kirchenversammlung  zu  Frankfurt
am  Main  (794)  auf  alles  Recht  und  Eigenthum  in  Bajoarien
auf  immer  und  unwiderruflich  Verzicht,  wogegen  ihm  und  den
Seinigen  der  freie  Aufenthalt  im  Frankenreiche  und  der  Unterhalt
aus  des  Königs  Mitteln  bewilligt  wurde.  Den  Rest  seiner
Tage  verlebte  er  abwechselnd  am  Hofe  Karls  und  im  Kloster
Gemmetikus  (dem  heutigen  Jümieges  bei  Rouen),  woselbst

2  ##
        <pb n="36" />
        20  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Agilolfingern.

der  Tod  seinen  schweren  Prüfungen  ein  Ziel  setzte.  Mit  ihm
treten  die  Agilolfinger  als  Herzöge  Bajoariens  ab,  nachdem
sie  233  Jahre  geherrscht  hatten.  Ob  mit  Tassilos  Kindern
(Theodo,  Theodobert,  Catan,  Englfrid,  Gepahard,  Engilvan
hießen  seine  Söhne,  Hrodrud,  Adalpirch,  Cotade  seine  Töchter,
von  denen  die  zwei  letzteren  den  Schleier  nahments))  das  Geschlecht
der  Agilolfinger  ausgestorben  sei,  und  wenn  nicht,  ob  die  Grafen
von  Scheyern  (die  Luitpoldinger)  0)  Abkömmlinge  der  Agilolfinger
  seien,  läßt  sich  nach  den  bis  jetzt  aufgefundenen  Dokumenten
  mit  Sicherheit  nicht  entscheiden.

#16.  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  den
Agilolfingern  (554—788):

Den  bajoarischen  Gesetzen  zufolge,  die  mit  den  alemannischen,
salischen  und  ripuarischen  Vieles  gemein  haben,  mußte  der  Herzog
  stets  aus  dem  Geschlechte  der  Agilolfinger  gewählt  und  vom
fränkischen  Könige  bestätigt  werden.  In  der  Regel  folgte  auf
den  Vater  der  Sohn.  Der  Herzog  war  oberster  Feldherr  im
Kriege  und  zugleich  oberster  Bewahrer  der  Sicherheit  und  der
Gerechtigkeit  im  Frieden.  Ihm  standen  wahre  Majestätsrechte
zu,  z.  B.  im  Kirchlichen  die  Bezeichnung  derer,  welche  die  bischöfliche
  Würde  empfangen  sollten.  Sein  Einkommen  bestand  im
Ertrage  zahlreicher  herzoglicher  Maierhöfe  (villae,  curtes  publicae),
  sowie  in  den  von  den  Freien  des  Landes  zweimal  im
Jahre,  im  Mai  und  Herbste,  auf  die  allgemeinen  Landesversammlungen
  mitgebrachten  Naturallieferungen.  Auch  an  den  gerichtlichen
  Strafgeldern  hatte  er  Antheil.  Jagd,  Fischwasser,  Mineralien,
  Salzquellen,  Markt,  Zoll  und  Maut  gehörten  zu  seinen
Hoheitsrechten  (Regalien),  die  er  theils  selbst  benützte,  theils  zu
fürstlichen  Gnadengeschenken  verwendete.  Wegen  Abhaltung  der
Landesversammlungen  und  wegen  Besitzes  vieler  Maierhöfe  konnte
der  Wohnsitz  der  agilolfingischen  Herzöge  kein  stätiger  sein;  doch
war  Regensburg  vor  anderen  der  herzogliche  Sitz  und  daselbst
ihre  Burg.

Die  kirchlichen  Einrichtungen  dieser  Zeit  sind  sehr
einfach.  Der  Herzog  war  der  Beschützer  und  höchste  Schirmvogt
  der  Kirche  und  bestätigte  den  vom  Klerus  und  vom  Volke
gewählten  Bischof;  aber  häufig  nahmen  die  Herzöge  selbst  die
        <pb n="37" />
        Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Agilolfingern.  21

Wahl  vor  oder  empfahlen  den,  der  ihnen  gefiel,  der  Gemeinde
zur  Wahl.  Die  Bischöfe  führten  die  Aufsicht  über  ihre  ganze
Diözese,  besonders  über  den  ganzen  Klerus,  und  pflegten  jährlich
  der  Visitation  halber  ihre  Sprengel  zu  bereisen.  Sie  hatten
die  geistliche  Gerichtsbarkeit  und  die  Oberaufsicht  und  Verwaltung
  der  Kirchengüter,  deßgleichen  die  Sorge  für  die  Schulen.
Ihre  Person  war  besonders  geheiligt:  wer  einen  Bischof  tödtete,
hatte  nach  ripuarischem  Rechte  900  Solidi,  nach  bayerischem  so
viel  Geld  zu  erlegen,  als  die  Tunika  wog,  die  nach  dem  Körper
desselben  von  Blei  gemacht  ward.  Jede  Diözese,  ihrem  Ursprunge
nach  nichts  weiter  als  eine  einzelne  Gemeinde,  wurde,  wenn  bei
Verbreitung  des  Christenthums  neue  Gemeinden  hinzukamen,  in
kleinere  Distrikte,  Parochieen  getheilt,  und  diese  unter  die  Aufsicht
einzelner  Presbyter  gestellt,  deren  Obliegenheit  die  Unterweisung
des  Volkes,  Gebet  und  die  Spendung  der  hl.  Sakramente  ausmachte.
  Außer  den  ihnen  anvertrauten  Kirchen  gab  es  auch  noch
viele  kleinere  oder  Hauskapellen  einzelner  reicher  Laien,  welche  das
Volk  gegen  eine  kleine  Gabe  an  dem  Gottesdienste  in  denselben
theilnehmen  ließen  und  diese  Kapellen  oft  mit  oder  ohne  Vorbehalt
  des  Patronatsrechtes  oder  gegen  eine  Entschädigung  an
die  Diözesankirche  schenkten.  Die  Kleriker,  durch  den  Empfang
der  niederen  und  höheren  Weihen  nach  verschiedenen  Graden  abgetheilt,
  wonach  sich  auch  die  Größe  des  Wergeldes  richtete,  hatten
bei  Streitigkeiten  unter  einander  die  Entscheidung  nur  bei  ihrem
Bischofe  zu  suchen,  der  diese  entweder  selbst  gab  oder  durch
seinen  Stellvertreter,  den  Archidiakon  ertheilen  ließ.  Die  Einkünfte
  der  Kirche  bestanden  1)  in  Erträgnissen  der  Grundstücke
derselben,  2)  in  freiwilligen  Gaben,  welche  besonders  an  Klöster
sehr  reichlich  floßen,  3)  in  Zehnten  und  4)  in  Bußen  für  Frevel
an  den  Dienern  und  dem  Gute  der  Kirche.  Sie  wurden,  außer
zur  Unterstützung  der  Armen  und  Kranken,  nach  drei  gleichen
Theilen  zum  Lebensunterhalt  des  Bischofs  und  der  Geistlichkeit
und  zur  Unterhaltung  der  Kirchen  verwendet.  Die  Besitzungen
an  Ländereien,  welche  die  einzelnen  Dißzesen  durch  die  Freigebigkeit
  des  Königs,  des  Herzogs  und  der  Großen  erwarben,  hatten
für  die  Vorsteher  derselben  bald  die  Folge,  daß  sie  nun  auch  dem
Könige  und  dem  Herzoge  den  Huldigungseid  leisten  mußten  und
        <pb n="38" />
        22  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Agilolfingern.

neben  dem  weltlichen  Adel  um  so  mehr  zu  den  Gefolgsgefährten
derselben  gerechnet  wurden,  als  sie  ihrer  höheren  Intelligenz
wegen  ihnen  unentbehrlich  waren.  Sie  wurden  nun  auch  zu  den
Reichstagen  berufen  und  begannen  eine  vollständige  Reichsstandschaft
  zu  bilden.

Das  Land  war  in  Gaue  geschieden,  die  ihre  Namen  entweder
  von  bedeutenden  Ortschaften  oder  von  Flüssen  hatten  ").
Städte  gab  es  außer  den  aus  römischer  Zeit  stammenden  keine,
dagegen  war  das  offene  Land  mit  einer  Menge  von  Weilern
und  Einzelhöfen  (curtes)  bedeckt,  wo  der  freie  Mann  auf  seinem
Erbgute  (Allode)  hausend  Landbau  und  Viehzucht  treiben  ließ,
während  er  selbst  der  Jagd  sich  ergab,  Kriegsdienste  leistete  und
den  gemeinsamen  Angelegenheiten  bei  Gerichten  und  Volksversammlungen
  (placita)  anwohnte.

In  den  einzelnen  Gauen  handhabten  in  Abhängigkeit  von
dem  Herzoge  edle  Männer,  Graue  oder  Grafen  genannt,  die
militärische  undrichterliche  Gewalt.  Unter  ihnen  standen
Centenare,  unter  diesen  Decane,  welche  jene  doppelte  Amtsgewalt
über  hundert  oder  zehn  Grundeigner  ausübten.  Die  Gaugerichte
waren  öffentlich  und  jeder  freie  Gaugenosse  mußte  ihnen  beiwohnen.
  Der  Gaugraf,  dem  ein  rechtskundiger  Richter  zur  Seite
stand,  führte  den  Vorsitz,  das  Urtheil  aber  sprachen  eigens  hiezu
bestellte  Männer,  die  sogenannten  Schöffen.  Vom  Gaugerichte

 

*)  Es  gab  1)  für  die  heutige  Rheinpfalz:  den  Worms-,  Speyer-,
Nahe=  und  Blies-Gau;  2)  für  Ostfranken:  den  Waltsazzi-,  Tauber-,
Wingartwriba-,  Mulach-,  Kocher-,  Ran-,  Iphi-,  Hasa-,  Banz-,  Saal-,
Werin-,  Wester-,  Barin=  und  Badanach-Gau,  nebst  dem  Grab-,  Tulli-,  Volc-,
und  Gotzfeld;  3)  für  Oberfranken:  den  Radenzgauz  4)  für  die  Oberpfalz:
  den  Nordgau;  5)  für  Altbayern,  links  der  Donau:  den  Westermann-,
  Sulz-,  Kels-,  Schweinachgau,  das  Chamerich  und  Grunzwiti;z  rechts
der  Donau:  den  Donau-,  Kinzing=  oder  Vils-,  Rottach-,  Viehbach  -,  Isen-,
Erding-,  Chiem-,  Sunder-,  Ammer-,  Huosi=  (Hausen=  oder  Eisen-)  Gau;
6)  für  das  heutige  Oberösterreich:  den  Mattach-,  Antessen-,  QOuliupestale-,
Uff-,  Traun-,  Atter-Gau;  7)  für  das  Salzburgische:  den  Salzach-,  Pon-,
Lun=  und  Pinzgau;  8)  für  Tyrol:  das  Puster-,  Unterinn-,  Oberinn-,  Nori-Thal
  und  Vintschgau;  9)  für  das  heutige  Schwaben:  den  Al-,  Iler-,
Augst-,  Oches=  und  Brenzgau,  das  Rieß  (Rätien);  dann  als  Verbindung
zwischen  den  schwäbischen,  fränkischen  und  bayerischen  Länderberührungen
das  Sualafeld  mit  Wemding  und  Monheim.
        <pb n="39" />
        Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Agilolfingern.  23

konnte  man  an  das  Herzogsgericht  Berufung  einlegen.  Der
Herzog  und  später  der  deutsche  König  oder  Kaiser  ließ  die  Amtsthätigkeit
  der  Grafen  durch  eigene  Abgesandte  (missi)  überwachen.

Das  bajoarische  Gesetzbuch,  welches  auf  Betrieb  des
Frankenkönigs  Dagobert  I  zwischen  628  und  638  zu  Stande
kam,  setzte  mit  großer  Genauigkeit  die  Strafen  für  verbrecherische
Handlungen  fest.  In  der  Regel  waren  dieß  Geldstrafen  zur
Entschädigung  des  Beleidigten  nebst  einem  Friedegeld  an  das
Gericht  und  die  herzogliche  Kammer.  Die  Größe  dieser  Geldbußen
  richtete  sich  sowohl  nach  der  Größe  des  Verbrechens,  als
nach  dem  Rang  und  Stand  des  Verbrechers,  wie  des  Beleidigten
oder  Beschädigten.  Beeinträchtigungen  der  Kirche  oder  kirchlicher
Personen  wurden  schwer  geahndet.  Die  Kirchen  hatten  Asylrecht.
Verbrechen  am  weiblichen  Geschlecht)  oder  an  Gastfreunden  wurden
  mit  doppeltem  Wergeld  (von  wör  d.  i.  homo,  also  Preis
des  erschlagenen  Mannes)  gestraft.  Wer  nicht  mit  Geld  oder
Besitz  zahlen  konnte,  fiel  in  Knechtschaft.  Nur  drei  Fälle,  Mord
des  Herzogs,  Lockung  des  Feindes  in's  Vaterland  und  Uebergabe
eines  festen  Platzes  an  den  Feind,  also  Hochverrath,  führten  zum
Tode.  Als  Beweismittel  galten  vor  allem  der  Eid  und  Zeugen,
die  man,  wie  bei  den  Römern,  am  Ohrläppchen  herbeizog,  zum
Zeichen,  daß  sie  nicht  aus  eigenem  Antrieb,  aus  Zuneigung  oder
Interesse  gekommen  seien.  Außerdem  waren  noch  die  Gottesurtheile
  zulässig.  Diese  bestanden  theils  in  der  Feuerprobe
(die  bloße  Hand  in's  Feuer  halten,  durch  einen  brennenden  Holzstoß
  gehen,  ein  glühendes  Eisen  mit  bloßen  Händen  tragen  oder
mit  bloßen  Füßen  betreten),  theils  in  der  Wasserprobe,  bald
mit  siedendem  Wasser  (Kesselfang),  bald  mit  kaltem  (der  Untersinkende
  war  unschuldig  und  wurde  herausgezogen),  theils  in  der
Kreuzprobe  (unbewegliches  Stehen  mit  aufgehobenen  Händen
an  einem  Kreuze).  Das  berühmteste  und  bei  den  Freien
häufigste  Gottesurtheil  war  der  Zweikampf.

Die  Bevölkerung  theilte  sich  in  Freie  und  Unfreie
(Hörige).  Nach  dem  herzoglichen  Geschlechte  der  Agilolfinger
waren  unter  den  edlen  Freien  die  vornehmsten:  1)  Die  Huosi
(Andechser?)  zwischen  dem  Lech,  der  Isar,  Donau  und  den  Alpen;
  2)  die  Fagana  (Ebersberger?)  an  der  Sempt  und  Mang-
        <pb n="40" />
        24  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Agilolfingern.

fall;  3)  die  Drozza  (Trostberg?)  saßen  im  östlichen  Theile  des
Landes;  4),  die  Hahilinga  (Hainling?)  im  Oberdonaugau;
5)  die  Aenniona  an  der  Etsch  unweit  Botzen.  Zu  den  Un—
freien  gehoͤrten  nicht  nur  die  eigentlichen  Knechte,  welche  im
Herrnhause  jede  Art  von  Diensten  in  Oekonomie  und  Gewerben
verrichteten,  sondern  auch  jene,  die  auf  eigene  Hoben  oder  Huben
als  Colonisten,  Angesetzte,  manentes  (daher  mansus,  d.  i.  Colonen-Hofgut)
  wohnten  und  an  ihre  Herren  Zins  zahlten,  einen
Theil  der  Ernte  ablieferten  und  ihnen  außerdem  gewisse  Handoder
  Frohndienste  (Schaarwerke)  leisteten.  Die  Freigelassenen
(liti  oder  Lassen,  eine  Mittelstufe  zwischen  Freien  und  Unfreien.)
und  Barschalken  waren  zwar  für  ihre  Person  frei,  waren  aber,
insoferne  sie  von  einem  Herrn  ein  dienstpflichtiges  Eigenthum
übernommen  hatten,  demselben  hiefür  hörig  und  dienstpflichtig.
In  einem  ähnlichen  Verhältnisse  standen  zu  den  Freien  des
Landes  die  aus  der  Römerzeit  zurückgebliebenen  Ansiedler,  Tributalen
  genannt.

Anstalten  für  wissenschaftliche  Bildung  und  Kunst
gab  es  zur  Agilolfingerzeit  nur  an  den  bischöflichen  Kirchen  und
in  den  Klöstern,  zunächst  zum  Studium  der  hl.  Schrift  und  zur
Verherrlichung  des  Geottesdienstes.  Daher  lernte  man  in  den
Dom=  und  Klosterschulen  die  lateinische  Sprache  (Grammatik),
etwas  von  Beredsamkeit  und  die  Disputirkunst  (Rhetorik  und
Dialektik),  Musik,  Raum=  und  Zahllehre  und  die  für  die  kirchliche
Zeitrechnung  (den  Kalender)  nothwendigsten  Kenntnisse  der  Himmelskunde
  (Arithmetik,  Geometrie,  Astronomie),  welches  alles
man  unter  dem  Namen  der  sieben  freien  Künste  begriff.  Als
vorzüglich  gebildete  Männer  der  agilolfingischen  Zeit  sind  der
Bischof  Aribo  von  Freysing,  der  Bischof  Virgil  von  Salzburg
und  dessen  Weihbischof,  der  Grieche  Dobda,  zu  nennen.  Der
Bischof  Aribo  machte  sich  durch  die  Lebensbeschreibungen  des
hl.  Emmeram  und  des  hl.  Corbinian  um  die  bayerische  Geschichte
verdient,  Bischof  Virgil  stellte  schon  die  Behauptung  auf,  daß
es  auf  der  Erde  Gegenfüßler  gebe,  und  Dobda  gründete  782
zu  Herren-Chiemsee  eine  Schule.  Auch  der  niedere  Klerus
zählte  manche  durch  wissenschaftliche  Bildung  hervorragende  Männer;
  dagegen  gab  es  auch  Einzelne,  deren  Kenntnisse  sehr  mangel-
        <pb n="41" />
        Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Agilolfingern.  25

haft  waren.  Einen  Beweis  liefert  die  bekannte  Taufformel  eines
Pfarrers,  der  aus  Unkenntniß  der  lateinischen  Sprache  stets  in
folgender  Weise  taufte:  „baptizo  te  in  nomine  patria  et
fllia  et  spiritus  (uaP)  sancti  (ab).“  Um  die  nöthigen  Bücher
theils  für  die  Studien,  theils  für  den  öffentlichen  Gottesdienst  zu
erhalten,  war  das  Bücherabschreiben  und  die  Berichtigung  der
Abschriften  eine  Hauptbeschäftigung  in  den  Klöstern.  Von  den
in  den  Handschriften  angebrachten  Zierrathen  und  der  Prachtschreiberei
  war  nur  ein  schwacher  Uebergang  zur  Malerei.

Die  Landwirthschaft  war  zur  Agilolfingerzeit,  wie  ihre
Gesetze  entnehmen  lassen,  in  gutem  Stande:  man  trieb  Wein-,
Obst=  und  Gemüsebau  und  hatte  zum  Betrieb  wilder  Bienenzucht
eigene  Zeidler.

Die  Gewerbe  trieben  die  Leibeigenen  und  das  weibliche
Geschlecht,  das  vorzüglich  Linnen  und  Wolle  webte  und  daraus
Kleider  fertigte,  doch  verlegten  sich  Freie  auch  auf  die  hochgeschätzte
  Schmiedekunst.  Man  wusch  Gold  aus  der  Isar  und
dem  Inn,  man  sammelte  die  européische  Cochenille  zum  Rothfärben
  und  bereitete  Salz  aus  der  Soole  von  Reichenhall.  Den
Handel  trieben  meist  in  Städten  Freie  und  Juden,  das  Münzund
  Wechslerwesen  nur  die  Freien.  Die  Lieblingsbeschäftigung
der  Freien  war  die  Jagd,  namentlich  auf  wilde  Stiere,  deren
es  in  den  Wäldern  eine  Menge  gab.  Welchen  Aufwand  sie  hiefür
  machten,  zeigen  uns  wieder  ihre  Gesetze,  in  welchen  eine
Menge  von  Hunden  und  Stoßvögeln  aufgeführt  ist,  auf  deren
Entwendung  oder  Verletzung  bedeutende  Geldbußen  gesetzt  waren.

Mit  dem  Grundbesitze  hing  das  Heerwesen  innigst  zusammen.
  Der  freie  Besitzer  eines  Erbgutes  (Allodium  von  al
oder  all  =  ganz,  und  dem  ahd.  öt  =  eigen,  also  ganz  eigen)
war  zur  Heerfolge,  wenn  sie  gebannt,  d.  h.  geboten  wurde,  verbunden,
  und  dieß  hieß  man  den  Heerbann.  Der  Heerbannseldat
  mußte  sich  selbst  ausrüsten  und  für  den  Felddienst  auf
drei  Monate  mit  Lebensmitteln  versehen.  Die  Waffen  waren
entweder  voller  Harnisch,  oder  Lanze  und  Schild,  oder  Bogen
mit  zwei  Sehnen  und  zwölf  Pfeilen.

Die  Bestimmung,  daß  der  Heerbann  nur  mit  Einwilligung
der  ganzen  Nation  aufgeboten  werde,  rief  das  Lehenswesen
        <pb n="42" />
        26  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Agilolfingern.

hervor,  welches  sich  im  ganzen  Frankenreiche  immer  mehr  ausbildete.
  Da  nämlich  die  Fürsten  bei  ihrem  kriegerischen  Charakter
und  den  daraus  hervorgehenden  vielen  Fehden  unabhängig  von
der  Einwilligung  der  Nation  vorgehen  wollten,  so  umgaben  sie
sich  mit  sogenannten  Gefolge=  oder  Geleithaufen,  woraus  nach
und  nach  das  von  dem  Heerbann  ganz  verschiedene  Lehen=  und
Milizwesen  hervorgegangen  ist.  Für  Geschenke,  anfangs  bewegliche,
  später  liegende,  in  Grund  und  Boden  und  Hörigen  bestehende,
  verpflichtete  sich  der  Freie  einem  Fürsten  oder  andern
weltlichen  und  geistlichen  Großen  zur  unbedingten  Ergebenheit,
d.  h.  er  wurde  der  Mann  oder  Soldat  des  Fürsten  oder  Großen.
Dieses  Verhältniß  hieß  das  Lehenverhältniß,  das  Gut  hieß
Lehengut,  Frod  (von  fides,  Treu  und  Glauben),  der  Verleiher
war  Lehensherr,  der  Empfänger  Lehensmann  (Vasse,  Vasalle,
fidelis).  Anfangs  erlosch  der  Lehensvertrag  (das  Feudalverhältniß)
  mit  dem  Tode  des  Lehensherrn  oder  des  Lehensmannes
und  das  Lehen  fiel  wieder  zurück.  Später  gingen  die  Lehen
auf  Kinder,  Kindeskinder  und  Verwandte  über,  anfänglich  in
männlicher  Linie  (Mannslehen),  bald  auch  in  weiblicher  Linie
(Kunkel  oder  Rocken-Lehen).

Mit  der  Lehensverfassung  verwandt  und  mit  dieser  nach
und  nach  in  Eins  zusammenlaufend,  war  das  Ministerialoder
  Hofbeamtenwesen,  von  dem  sich  schon  Spuren  zur
Agilolfinger-Zeit  finden.  Die  Fürsten  und  Großen,  weltliche  und
geistliche,  nahmen  geringere  Edelleute  in  ihren  Hausdienst  auf,
z.  B.  zu  Aufsehern  ihres  Gesindes  als  Sineschalken,  ihres  Stalles
als  Marschalken,  ihrer  Küche  als  Truchsessen,  ihres  Kellers  als
Mundschenken  u.  s.  w.  und  nannten  diese  Haus=  und  Hofdiener
Ministerialen.  Diese  zogen  sie  bei  wichtigen  Vorfällen  zu  Rath,
gaben  ihnen  nutznießliche  Güter  und  räumten  ihnen  allmählig
solche  Vorzüge  ein,  daß  sie  neben  den  Lehensmannen  den  Haupteinfluß
  auf  alle  Angelegenheiten  des  Fürsten  oder  Großen  ausübten
  und  das  Ansehen  der  auf  ihrem  Erbgute  sich  nährenden
Freien  ganz  zurückdrängten.
        <pb n="43" />
        Bajoarien  unter  Karl  dem  Großen.  27

Dritter  Zeitraum.

Basoarien  unter  den  Narolingern“)
(788  —911).

#  17.  Karl  der  Große  (reg.  in  Bajoarien  von  788—
814)  schaffte  nach  Verdrängung  des  agilolfingischen  Geschlechtes
noch  im  Herbste  788  die  herzogliche  Würde  in  Bajoarien  ab
und  behandelte  das  Land  als  unmittelbare  Provinz  des  fränkischen
Reiches.  Die  oberste  Kriegsverwaltung  hatte  ein  Präfekt  oder
Statthalter")  zu  leiten;  die  innern  Angelegenheiten  wurden
durch  Gaugrafen  (Oberrichter  und  Kriegsoberste)  und  Cent-Grafen
  (Unterrichter  und  Hauptleute)  besorgt.  Zur  Untersuchung
  der  Grafengerichte  oder  zur  Schlichtung  außerordentlicher
Vorfälle  erschienen  jährlich  paarweise  die  königlichen  Sendboten
(missi  regis),  deren  einer  dem  geistlichen,  der  andere  dem  weltlichen
  Stande  entnommen  war.  Die  alte  Gau=  und  Heerbann-Verfassung
  der  Bajoarier  ließ  Karl  bestehen,  ebenso  ließ  er  den
Gesetzen  ihre  Geltung,  nur  wurden  die  allgemeinen  fränkischen
Reichsgesetze,  wie  sie  in  den  Capitularien  der  Reichsversammlungen
  zu  Stande  kamen,  auch  für  die  Bajoarier  verbindlich.

Schon  bei  Beginn  dieser  umgestaltenden  Thätigkeit  wurde

*)  Die  Regenten  Bajoariens  aus  dem  Hause  der  Karolinger  sind:
Karl  der  Große  788—814.
Ludwig  der  Fromme  814.
Lothar  814—817.
Ludwig  der  Deutsche  817—876.
Karlmann  876—879.
Ludwig  III  879—882.
NRarl  der  Dicke  882—887.
Arnulf  v.  Kärnthen  887—899.
Ludwig  das  Kind  899—911.

*5)  Der  erste  Statthalter  war  der  Graf  Gerold  von  Bussen  in  Alemannien,
  dessen  Schwester  Hildegard  mit  Karl  dem  Großen  vermählt
war.  Auf  Gerold  (71  799)  folgte  der  Franke  Audulf  (#  819)  und  auf  diesen
der  fränkische  Graf  Hatto,  bis  828  die  Selbstregierung  Ludwigs  des  Deutschen
über  Bajoarien  begann.
        <pb n="44" />
        28  Bajoarien  unter  Karl  dem  Großen.

Karl  durch  die  Avaren  beunruhigt,  welche  auf  die  Kunde  von
der  Entsetzung  Tassilos  mit  zwei  Heeren  in  Bajoarien  eindrangen.
Karl  besiegte  sie  (788)  in  drei  Schlachten  und  nahm,  als  die
mit  ihnen  gepflogenen  Unterhandlungen  fehlschlugen,  im  Jahre
791  den  Kampf  aufs  neue  auf.  Im  Laufe  dieses  Krieges  ließ
Karl  (792)  in  Regensburg  eine  Militär-Schiffbrücke  (Pontons)
anfertigen  und  strebte  (793)  der  vortheilhaftern  Bewegung  und
Verpflegung  der  Truppen  halber  eine  Verbindung  des  Rheins
und  der  Donau  mittels  eines  zwischen  der  Regnitz  und  Altmühl
  zu  grabenden  (300“  breiten)  Kanales  (Fossa  Carolina)
an,  dessen  Bau  nach  einer  Länge  von  10,000  Fuß  theils  wegen
der  anhaltend  nassen  Herbstwitterung,  theils  wegen  der  technischen
Unkunde  jener  Zeit  wieder  aufgegeben  wurde.  (König  Ludwig  l
führte  das  unterbrochene  Werk  großartig  zu  Ende.)  Der  Hauptschlag
  auf  das  Avarenreich  erfolgte  erst  794—  796  von  der
Lombardei  aus.  Drei  Heere,  geführt  von  Pippin,  dem  Sohne
Karls,  dem  Herzoge  Erich  von  Friaul  und  dem  Grafen  Gerold,
  drangen  gleichzeitig  in  Pannonien  ein  und  erstürmten
und  plünderten  die  Hauptbefestigung  der  Avaren  zwischen  Donau
n  und  Theiß,  den  sogenannten  Ring,  welcher  fast  alle  Schätze  in
sich  barg,  die  von  den  Avaren  durch  eine  Reihe  von  Jahren
erbeutet  worden  waren  ").  Der  Krieg  endete  (799)  mit  der
gänzlichen  Vernichtung  dieses  räuberischen  Volkes,  welches  über
zwei  Jahrhunderte  lang  die  Plage  des  Abend=  und  Morgenlandes
gewesen  war.  Unter  den  Helden,  welche  auf  Seite  Karls  fielen,
war  Bajoariens  Präfekt  Gerold,  den  ein  vergifteter  Pfeil
getroffen  hatte.  Seine  irdischen  Ueberreste  wurden  im  Kloster
Reichenau  am  Beodensee  beigesetzt  !).  Das  den  Avaren  abgewonnene
  Land  von  der  Enns  bis  zur  Raab,  bisher  Pannonia,
Hunnia,  Avaria,  plaga  orientalis  geheißen,  ward  zu  der  im
Jahre  788  von  Karl  d.  Gr.  errichteten  „Ostmark““")  ge-*)

  Einen  Theil  dieser  Schätze  soll  Karl  der  Gr.  zur  Errichtung  und
Ausstattung  des  Klosters  Metten  verwendet  haben.

**)  Die  Ostmark  begriff  anfänglich  (788)  nur  zwei  an  der  Enns  gelegene
  Gaue  in  sich,  den  Traungau  diesseits  und  den  Grun  zwiti  jenseits
der  Donau.  Etliche  Jahre  später  ward  sie  bis  zur  Raab  erweitert  und  zerfiel
  seitdem  in  die  obere  und  untere  Mark.  Auf  Gerold,  der  die  noch
        <pb n="45" />
        Bajoarien  unter  Karl  dem  Großen.  29

schlagen,  die  einen  der  bajoarischen  Grafen  als  Markgrafen
(illustris  comes,  Marchio)  an  der  Spitze  hatte,  während  dem
andern  eroberten  Striche  zwischen  Raab,  Donau,  Drau  (nachmals
  Steyermark)  zuerst  slavisch-karantanische  Fürsten,
dann  auch  bajoarische  Grafen")  vorgesetzt  wurden.  Gegen
die  slavischen  Sorben  wurde  eine  Markgrafschaft  in  Ostfranken
  und  Thüringen,  gegen  die  slavischen  Böhmen  eine
solche  in  dem  von  Hermunduren  bewohnten  Nordgau?")  hergestellt
  und  dieser  zugleich  enger  mit  Bajoarien  in  Verbindung
gebracht.

Bischof  Arno  von  Salzburg,  der  798  auf  Karls  Zuthun
vom  Papste  Leo  III  zum  Erzbischofe  erhoben  wurde  und  als
solcher  (799)  mit  den  bajoarischen  Bischöfen  4)  die  erste  Synode
zu  Raisbach  hielt,  übernahm  in  Vereinigung  mit  dem  Bischofe
Waltrich  von  Passau  die  Pflege  des  Christenthums  in  dem
ehemaligen  Avarenreiche,  das  allmählig  von  Bajoariern  und
Slaven  bevölkert  wurde.  Bei  der  Krönung  Karls  in  Rom
(800)  wurde  Arno  zum  apostolischen  Legaten  und  Vikar  ernannt,
welche  Würde  auch  auf  seine  Nachfolger  überging.

Im  Februar  806  theilte  Karl  d.  Gr.  zu  Diedenhofen
(Thionville)  die  Verwaltung  des  Reiches  unter  seine  drei  Söhne
Karl,  Pippin  und  Ludwig,  ohne  jedoch  auf  die  oberste
Leitung  des  Ganzen  zu  verzichten.  Bajoarien,  von  dem  der
Nordgau  wieder  losgetrennt  wurde,  fiel  an  Pippin  und,
nachdem  dieser  810  und  sein  Bruder  Karl  811  mit  Tod  abgegangen,
  an  Pippins  natürlichen  Sohn  Bernhard,  dem  es  bis
zum  Hinscheiden  Karl's  des  Großen  verblieb.  Am  28.  Januar
814  schloß  Karl  d.  Gr.  sein  thatenreiches  Leben  zu  Aachen  und

ungetheilte  Ostmark  beherrschte,  folgte  in  der  obern  Mark  Werinhar,  in
der  untern  Gotram,  und  nach  dessen  Tod  Gotfrid.

*)  Helmoin,  Albgarius,  Papo.

*#)  Das  Land  nordwärts  von  der  Donau  bis  zum  Thüringer  Walde.

)  Alim,  Bischof  von  Brixen  (Seben),  Atto,  Bischof  von  Freyfing,
Adalwin,  Bischof  von  Regensburg,  Waltrich,  Bischof  von  Passau,  und
Simpert,  Bischof  von  Neuburg,  welch'  letzteres  Bisthum  vermuthlich  im
Jahre  803  auf  der  zweiten  Synode  zu  Raisbach  (einem  an  der  Grenze
der  Bisthümer  Salzburg,  Passau  und  Regensburg  gelegenen  Flecken)  mit
dem  Bisthum  Augsburg  vereinigt  wurde.
        <pb n="46" />
        30  Bajoarien  unter  d.  Karol.  Lothar  I  u.  Ludwig.

ward  dort  in  der  von  ihm  gegründeten  Domkirche  bestattet.  Sein
Sohn  Ludwig  der  Fromme  (814  —  840),  aus  der  Ehe  mit  der
schwäbischen  Prinzessin  Hildegard  entsproßen,  berief  auf  den
August  des  Jahres  814  einen  Reichstag  und  theilte  auf  diesem,
das  Beispiel  des  Vaters  nachahmend,  die  Verwaltung  des  Reiches
unter  seine  drei  Söhne  Lothar,  Pippin  und  Ludwig.
Lothar,  dem  ältesten  seiner  Söhne,  gab  er  Bajoarien  als
ein  Königreich,  Pippin,  der  zweitgeborne  Sohn,  ward  mit
Aquitanien  bedacht,  den  noch  unmündigen  Ludwig  behielt
er  bei  sich  und  seinen  Neffen  Bernhard  bestätigte  er  im  Besitze
  Italiens.

&amp;amp;  18.  Lothar  (814—  817)  kam  zu  Anfang  des  Jahres
815  in  sein  neues  Königreich  Bajoarien  und  ließ  sich  von  den
zu  Regensburg  versammelten  Ständen  huldigen.  Von  seiner
Regierung  ist-  wenig  mehr  bekannt,  als  daß  er  sie  zwei  und
ein  halbes  Jahr  geführt  und  dann  nach  dem  Willen  seines  Vaters,
  der  ihn  (817)  zu  Aachen  zum  Mitregenten  erhob,  an
seinen  jüngsten  Bruder,  Ludwig,  abgegeben.  Letzterem,  den  man
später  den  Deutschen  nannte,  wurde  bei  dieser  Gelegenheit  auch
Kärnthen,  Böhmen  und,  was  noch  weiter  im  Osten  zum
fränkischen  Reiche  gehörte  (der  avarisch-slavische  Grenzbezirk),
nebst  den  im  Nordgau  gelegenen  Kammergütern  Lauterhofen
und  Ingolstadt  eingeräumt.

&amp;amp;19.  Da  Ludwig  (817—876)  bei  der  Uebernahme  Bajoariens
  noch  unmündig  war,  behielt  ihn  sein  Vater  am  kaiserlichen
Hofe  und  ließ  die  ihm  zugesprochenen  Länder  durch  Statthalter
(Audulf  #  819,  Hatto  bis  828)  und  kaiserliche  Commissäre
(missi)  verwalten.  Im  Jahre  828  huldigten  dem  zwanzigjährigen
Ludwig  die  Großen  Bajoariens,  und  im  Jahre  828  zog  er  mit
seiner  tugendhaften  zweiten  Gemahlin  Hemma  nach  Regensburg,
wo  er  den  Palast  der  Agilolfinger  auf  der  Ostseite  der  Stadt
bezog.  Wieil  er  sich  hier  ständig  aufhielt,  ließ  er  das  Amt  eines
Statthalters  und  der  Missi  eingehen  und  übernahm  persönlich
  die  Leitung  aller  Angelegenheiten.  Ludwig  glich  an
Geist  und  Körper  seinem  Ahnherrn  Karl  dem  Großen.  Wie
dieser,  so  war  auch  er  ein  Freund  der  Bedrängten,  wohlerfahren
in  Kunst  und  Wissenschaft,  namentlich  in  der  Geschichte,  thätig
        <pb n="47" />
        Bajoarien  unter  d.  Karol.  Ludwig  d.  Deutschen.  31

für  Ruhm  und  Befestigung  seiner  Herrschaft,  dabei  überaus  andächtig
  und  gottesfürchtig.  Trotz  seiner  Liebe  zum  Frieden  war
ihm  während  seiner  langen  Selbstregierung  in  Bajoarien  (825
—  876)  doch  nur  sehr  kurze  Zeit  die  Wohlthat  des  Friedens  gegönnt.
  Schon  im  zweiten  Jahre  (827)  drangen  die  Theiß-Bulgaren
  in  die  Ostmark  und  in  Kärnthen  ein  und
zwangen  ihn,  seine  ganze  Heeresmacht  gegen  sie  aufzubieten.  Die
Niederlage,  die  er  ihnen  beibrachte,  war  so  entscheidend,  daß  ihr
Chan  um  Frieden  flehte  und  künftig  die  Grenze  Bajoariens  zu
ehren  versprach.  Kaum  waren  diese  auswärtigen  Feinde  bezwungen,
  als  im  kaiserlichen  Hause  selbst  sich  Streitigkeiten  erhoben,
  in  die  Ludwig  der  Deutsche  verwickelt  wurde.  Sein
Vater  Ludwig  der  Fromme  hatte  von  seiner  zweiten  Gemahlin
Judith  noch  einen  Sohn,  Karl  den  Kahlen,  bekommen,  dem
der  Vater  nun  etwas  von  den  schon  unter  die  älteren  Söhne
vertheilten  Ländereien  zuwenden  wollte.  Dieß  erregte  den  Unwillen
  der  älteren  Söhne,  welche  Anfangs  einzeln,  später  gemeinschaftlich
  Krieg  gegen  den  Vater  führten,  seine  Truppen  zum
Abfall  bewogen  und  ihn  selbst  auf  dem  daher  benannten  Lügenfelde
  (in  der  Nähe  von  Colmar)  gefangen  nahmen.  Doch
Lothar's  Uebermuth,  der  den  Vater  zur  Kirchenbuße  zwang
und  ihn  dann  in  strenger  Haft  hielt,  veranlaßte  die  beiden  andern
  Söhne,  den  Vater  zu  befreien  und  ihn  wieder  auf  den
Thron  zu  erheben.

Nach  Pippins  Tode  (839)  theilte  der  Kaiser  das  Reich
unter  seine  drei  übrigen  Söhne,  wobei  Ludwig  der  Deutsche,
der  doch  den  Vater  zweimal  aus  Lothars  Händen  gerettet  hatte,
nur  Bajoarien  erhielt.  Deshalb  erneuerte  Ludwig  der
Deutsche  den  Krieg  gegen  den  Vater,  der  aber  vor  der  Entscheidung
  des  Kampfes  starb  (840).  Den  folgenden  Bruderkrieg
zwischen  Lothar  einerseits  und  Ludwig  dem  Deutschen  und
Karl  dem  Kahlen  anderseits  entschied  der  blutige  Kampf  bei
dem  Flecken  Fontenaille  in  Burgund  (841)  zu  Gunsten  der
Letzteren,  worauf  der  Vertrag  zu  Verdün  (843)  feststellte,  daß
Ludwig  der  Deutsche  nicht  Bajoarien  allein,  sondern  die
Hauptmasse  der  germanischen  Länder  besitzen  solle.  Für
diesen  Theil  des  ehemaligen  Frankenreiches  ward  Regensburg
        <pb n="48" />
        32  Bajoarien  unter  d.  Karol.  Ludwig  d.  Deutschen.

die  Hauptstadt  und  der  erste  Königssitz.  An  die  Stelle  der
(828)  abgeschafften  Aemter  eines  Statthalters  und  der  beiden
Missi  ließ  nun  Ludwig  der  Deutsche  ein  Hofgericht  treten,
an  dessen  Spitze  der  Pfalzgraf  (comes  palatinus)  stand.  Ihm
war  #die  Aussicht  über  die  Gaugrafen,  die  Verwaltung  der  königlichen
  Domänen,  Güter  und  Gefälle  und  außerdem  die  Entscheidung
  der  an  den  König  gebrachten  Rechtshändel  übertragen.

Nach  dem  Vertrage  von  Verdün,  der  Ludwig  zum  selbstständigen
  Könige  aller  deutschen  Völker  machte,  verging  bis
zu  dessen  Tode  fast  kein  Jahr,  in  welchem  er  nicht  mit  den  slavischen
Völkern  der  Sorben,  Böhmen  und  Mähren  zu  kämpfen
hatte.  Am  meisten  machten  ihm  die  Mähren  zu  schaffen,  die
unter  Rastislav  oder  Rastiz  (846—870)  und  dessen  Neffen
Swiätopulk  oder  Zwentibold  (872—894)  beständig  darauf
ausgingen,  das  deutsche  Joch  abzuschütteln.  Zu  diesen  Kämpfen
nach  Außen  kamen  noch  die  fortwährenden  Kämpfe  im  Innern,
hervorgerufen  durch  die  Herrschbegierde,  von  welcher  Ludwigs
des  Deutschen  Söhne  Karlmann,  Ludwig  und  Karl  erfüllt
waren.  Zuerst  empörte  sich  Karlmann,  den  sein  Schwiegervater
  Ernst,  Markgraf  des  Nordgaues  2),  unterstützte,  und  bemächtigte
  sich  Kärnthens  und  des  östlichen  Grenzlandes
(861).  Als  der  Vater  auf  das  usurpirte  Gebiet  verzichtete,
schritten  auch  die  beiden  jüngeren  Söhne  zur  Empörung,
die  selbst  eine  im  Jahre  865  vorgenommene  Ländertheilung  nicht
ganz  zu  dämpfen  vermochte.  Die  letzten  Lebensjahre  Ludwigs
des  Deutschen  trübte  noch  ein  arges  Zerwürfniß,  das  zwischen
ihm  und  seinem  Bruder,  Karl  dem  Kahlen  von  Frankreich,
beim  Erlöschen  des  karolingischen  Zweiges  in  Jtalien?)  eintrat.
Ludwig  dem  Deutschen  gebührte  als  dem  eltesten  überlebenden
Sprossen  des  karolingischen  Hauses  die  römische  Kaiser=  und
die  lombardische  Königskrone.  Karl  der  Kahle  kam  ihm
aber  hinterlistig  in  der  Erwerbung  derselben  zuvor,  indem  er  sich
zu  Rom  am  25.  Dezember  875  krönen  ließ.  Um  den  Betrug

*)  Die  Söhne  des  Kaisers  Lothar  (#1  855)  waren  schnell  nacheinander
  ohne  Hinterlassung  männlicher  Nachkommen  gestorben:  Karl,  der  drittgeborne
  Sohn,  im  J.  863,  Lothar  II,  der  zweitgeborne  Sohn,  im  J.  869,
und  der  älteste  Sohn  Ludwig  II  im  J.  875.
        <pb n="49" />
        Bajoarien  unter  dem  Karol.  Karlmann.  33

zu  rächen,  zog  Ludwig  der  Deutsche  (875)  gegen  seinen
Bruder  Karl  bis  in  die  Champagne,  von  wo  er  nach  Frank—
furt  a.  M.  zurückkehrte  und  daselbst  am  28.  August  876  starb.
Sein  Begräbniß  fand  er  im  Kloster  Lorsch.  Der  Leib  seiner
frommen  Gemahlin  Hemma  war  im  nämlichen  Jahre  in  der
Gruft  zu  Obermünster  in  Regensburg  bestattet  worden,  das
sie  831  gestiftet  hatte.

#  20.  Nach  dem  Tode  Ludwigs  des  Deutschen  nahmen  seine
drei  Söhne,  vermuthlich  zu  Weissenburg,  eine  Theilung  des  väterlichen
  Erbes  vor,  bei  welcher  Bajoarien,  Pannonien,  Kärnthen
und  die  tributären  Länder  der  Sorben,  Böhmen  und  Mähren  Karlmann
  (876—879)  zufielen.  Im  Frühling  877  zog  er  an  der
Spitze  seines  wohlgerüsteten  bajoarischen  Heeres  über  die  Alpen,  um
seinem  Oheim,  Karl  dem  Kahlen,  die  widerrechtlich  angemaßte
Kaiserkrone  zu  entreißen.  Schon  auf  das  bloße  Gerücht  von
diesem  Zuge  floh  Karl  der  Kahle  eilig  über  die  Alpen,  verkältete
  sich  auf  dem  rauhen  Cenis,  und  starb  in  einer  Bauernhütte
  zu  Brios  (Briancon)  in  Savoyen  an  Gift,  welches  ihm
ein  jüdischer  Arzt,  Sedekias,  als  Mittel  gegen  Fieber  gereicht
hatte.  Karlmann  drang  rasch  nach  Pavia  vor,  empfing
daselbst  die  Huldigung  der  longobardischen  Großen  und  fügte
von  dieser  Zeit  an  dem  Titel  eines  „Königs  von  Bajoarien“
den  eines  „Königs  von  Italien“  bei.  Von  dem  Entschlusse,
auf  diesem  Zuge  in  Rom  die  Kaiserwürde  zu  erwerben,  mag
ihn  weniger  seine  eigene  Erkrankung,  als  die  große  Sterblichkeit
unter  seinen  Truppen  abgebracht  haben,  die  vom  wälschen  Fieber
befallen  wurden.  Diese  pestartige  Seuche  ward  von  den  heimkehrenden
  Soldaten  unter  die  Landbevölkerung  Bajoariens  verschleppt
  und  richtete  allenthalben  große  Verheerung  an.  Die
davon  befallenen  Leute  starben  gewöhnlich  in  Folge  heftigen  Niesens.
  Von  dieser  Zeit  soll  die  Gewohnheit  stammen,  den  Niesenden
  ein  „Helf  Gott“  zuzurufen.  Karlmann  selbst  siechte
das  ganze  Jahr  879  hindurch  so  bedenklich,  daß  er  gegen  das
Ende  dieses  Jahres  seinem  Bruder  Ludwig,  dem  bei  der  Theilung
  das  nördliche  Deutschland,  Rhein=  und  Ostfranken
zugefallen  war,  seine  Länder  mit  dem  Ansuchen  übergab,  für

seinen  natürlichen  Sohn  Arnulf  und  dessen  Mutter  Luits-Sattler,
  bayer.  Geschichte.
        <pb n="50" />
        34  Bajoarien  unter  d.  Karol.  Ludwig  III  u.  Karl  d.  Dicken.

winde  Sorge  zu  tragen.  Karlmann  starb  am  22.  April  880
zu  Altötting  und  ward  daselbst  in  der  Klosterkirche  bestattet.

&amp;amp;#  21.  Ludwig  III  (herrscht  über  Bajoarien  von  879—
882)  trat  von  den  Ländern  seines  verlebten  Bruders  Karlmann
an  dessen  Sohn  Arnulf  bloß  Kärnthen  ab  und  bestimmte
dabei  ausdrücklich,  daß  dieses  Herzogthum  unter  seiner  Oberhoheit
verbleibe.  Während  eines  Aufenthaltes  in  Regensburg  erlebte
er  das  Unglück,  daß  sein  einziger  Sohn,  ein  Kind  von  wenigen
Jahren,  aus  einem  Fenster  auf  die  Straße  herabstürzte  und  den
Hals  brach.  Dieses  Ereigniß  und  die  Gefahr,  die  seinem  Reiche
aus  einem  verheerenden  Einfalle  der  Normannen  und  einem
Bürgerkrieg  in  Sachsen  erwuchs,  wirkten  so  niederschlagend
auf  das  Gemüth  des  Königs,  daß  er  am  22.  Januar  882  seinen
schweren  Prüfungen  unterlag.

&amp;amp;  22.  Das  durch  Ludwig's  III  Tod  ledig  gewordene  Bajoarien
  nebst  allen  damit  verbundenen  Ländern  fiel  nun  dem
dritten  Sohne  Ludwigs  des  Deutschen,  Karl,  zu,  der  spottweise
„der  Dicke“  genannt  wurde  (herrscht  in  Bajoarien  von  882
—  887).  Er,  der  bei  der  Theilung  des  väterlichen  Reiches
Alemannien  und  einige  Städte  Lothringens,  im  Jahre
880  die  lombardische  Krone  und  Anfangs  des  Jahres  881
die  römische  Kaiserkrone  erhalten  hatte,  bekam  etliche  Jahre
später  (885)  auch  die  Krone  des  westfränkischen  Reiches
und  vereinigte  so  noch  einmal  auf  kurze  Zeit  (885—887)  die
ganze  fränkische  Monarchie  mit  Ausnahme  des  (879)  abgefallenen
Nieder-Burgund,  wo  die  Stände  dem  Grafen  Boso  von
Vienne  die  Königswürde  übertragen  hatten.

Karl  der  Dicke  vermochte  weder  die  inneren  Empörungen
zu  unterdrücken,  noch  den  Abfall  der  Slaven  zu  verhindern.
Noch  weniger  gelang  es  ihm,  den  immer  häufigern  und  furchtbarern
  Einfällen  der  Normannen  zu  begegnen,  welche  jetzt
auch  das  östliche  Reich  plünderten  und  dessen  große  Städte  verbrannten.
  Weder  die  Abtretung  des  rheinischen  Deltalandes,
noch  die  Ermordung  des  normannischen  Königs  Gottfried  setzte
ihren  Angriffen  ein  Ziel,  vielmehr  nahmen  diese  an  Ausdehnung
und  Furchtbarkeit  immer  mehr  zu.  Als  Karl  ihnen  bei  einem
neuen  Einfalle  in  das  westfränkische  Reich  (Rouen  ward  erobert,
        <pb n="51" />
        Bajoarien  unter  dem  Karol.  Arnulf  v.  Kärnthen.  35

Paris  mit  700  Schiffen  belagert)  nicht  nur  Tribut  bewilligt,
sondern  auch  die  Landschaften  südlich  von  der  Seine  sowie  die
burgundischen  Gebiete  zur  Plünderung  überlassen  hatte,  wurde
er  zu  Tribur  (Königspfalz  am  rechten  Rheinufer,  etwas  oberhalb
  Mainz)  887  abgesetzt  und  das  Reich  zum  letzten  Male
nach  den  Nationalitäten  getheilt.  Karl  überlebte  diese  Schmach
nur  kurze  Zeit,  er  beschloß  am  13.  Januar  888  zu  Reichenau
am  Bodensee  sein  ruhmloses  Leben  in  dürftigen  Verhältnissen.

&amp;amp;  23.  Für  Bajoarien  und  die  übrigen  Bestandtheile  des
ostfränkischen  Reiches  wurde  Arnulf,  Herzog  von  Kärnthen,
(887—899)  zum  König  erhoben,  die  erste  deutsche  Kur=  oder
Königswahl,  bei  welcher  neben  der  Geistlichkeit  alle  freien
Deutschen  wählen  konnten.  Arnulf  bewies  seine  Tüchtigkeit
zunächst  im  Kampfe  mit  den  Obotriten  (Abodriten)  im  heutigen
  Mecklenburg,  die  er  889  demüthigte,  und  im  Kampfe  mit
den  Normannen,  welcheé  (aus  Frankreich  durch  eine  schwere
Niederlage  vertrieben)  wieder  in  Lothringen  eingefallen  waren
und  die  Gegenden  an  der  Maas  plünderten,  indem  er  gerade
dem  tapfersten  aller  germanischen  Stämme  an  der  Dyle  bei
Löwen  (891)  eine  so  furchtbare  Niederlage  beibrachte,  daß  sie
von  da  an  wenigstens  keine  größeren  Angriffe  mehr  versuchten.
Schwieriger  war  der  Krieg  gegen  die  Mähren,  deren  Herzog
Zwentibold  (Swatopluk)  sich  gegen  die  Deutschen  erhoben  und
sein  Reich  nach  und  nach  über  Böhmen  und  die  meisten  bisher
den  Franken  unterworfenen  Theile  Pannoniens  ausgedehnt  hatte.
*  Denn  obgleich  Arnulf  mit  einem  bedeutenden  Heere  an  der  Donau
nach  Mähren  hinabzog,  während  die  mit  ihm  verbündeten  Thüringer
  in  Böhmen  einbrachen  und  die  Ungarn  (Magyaren,
ein  finnischer  Nomadenstamm  vom  Ural,  der  sich  damals  zwischen
der  Donau  und  den  Karpathen  neue  Wohnsitze  suchte,)  die  mährische
  Gränze  im  Osten  überschritten  (auf  Arnulf's  Veranlassung?),
so  behauptete  sich  doch  Zwentibold  gegen  die  von  allen  Seiten
andringenden  Feinde.  Arnulf  zog  auch  zweimal  nach  Italien,
das  erste  Mal  (894),  um  dem  von  ihm  anerkannten  Berengar
gegen  die  Spoletinische  Partei  beizustehen,  das  zweite  Mal
(896)  erhielt  er  die  Kaiserkrone.  Der  Versuch,  auch  die  Krone
Lombardiens  zu  gewinnen,  mißlang.  Von  letzterem  Zuge  kam

37
        <pb n="52" />
        36  Bajoarien  unter  dem  Karol.  Ludwig  d.  Kinde.

er  krank  nach  Bajoarien  zurück  und  erholte  sich  nicht  mehr,
so  daß  die  letzten  Jahre  seiner  Regierung  thatenlos  verstrichen,
bis  er  am  8.  Dezember  899  in  Regensburg  (Altötting?)  starb
und  bei  St  Emmeram  )  beigesetzt  wurde,  das  er  während
seines  Lebens  reichlich  (unter  anderm  mit  einem  aus  Frankreich
erhaltenen  Evangelien-Codex)  beschenkt  hatte.

&amp;amp;  24.  Die  Stimme  der  Großen  auf  einer  Versammlung
zu  Forchheim  rief  Arnulf's  Sohn,  Ludwig,  ein  Kind  von  sechs
Jahren,  auf  den  deutschen  Thron  (899—911).  Die  Erziehung
des  Knaben  besorgte  der  Bischof  Adalbert  von  Augsburg,
die  Verwaltung  der  inneren  Angelegenheiten  des  Reiches  führte
der  Sachsenherzog  Otto  und  der  Bischof  Hatto  von  Mainz
(an  dessen  Namen  sich  die  Legende  vom  Mäusethurm  bei  Bingen
knüpft),  die  oberste  Kriegsverwaltung  oder  das  Ducat  wurde  in
die  Hände  des  Markgrafen  Luitpold  gelegt,  der  von  weiblicher
Seite  mit  Arnulf  verwandt  war  6)  und  bis  dahin  den  Nordgau
  und  (seit  898  auch)  den  Donaugau  verwaltet  hatte.

Sobald  die  Ungarn  von  dem  Ableben  Arnulfs  Kunde  erhielten,
  brachen  sie  in  der  Hoffnung  auf  reiche  Beute  wiederholt
in  Bajoarien  ein,  und  drangen,  nachdem  sie  das  mährische
Reich,  Deutschlands  Bollwerk  gegen  Osten,  erobert  hatten  (906),
sogar  bis  Sachsen  vor.  Im  Jahre  907  brachen  sie  von  Neuem
in  die  Ostmark  ein  und  vernichteten  das  an  der  Enns  zusammengezogene
  Heer  der  Bajoarier  bei  Preßburg.  Der  tapfere
Markgraf  Luitpold,  nachweisbar  der  Stammvater  des  Geschlechtes
  der  Scheyern  und  Wittelsbacher,  dann  der  Erzbischof
Theotemar  von  Salzburg,  der  Bischof  Uto  von  Freysing
und  der  Bischof  Zacharias  von  Seben,  starben  hier  mit  dem
größten  Theile  des  bajoarischen  Adels  den  rühmlichen  Tod  für
das  Vaterland.  Der  junge  König,  der  sich  mit  seinem  Gefolge
dem  Heere  angeschlossen  hatte,  mußte  zur  Rettung  seines  Lebens
die  Flucht  ergreifen,  war  jedoch  besonnen  genug,  vor  seinem
Abgange  Arnulf,  den  Sohn  des  gefallenen  Luitpold,  als

–

*)  Dieses  Kloster  und  die  Kirche  zum  hl.  Cassian  waren  die  einzigen
Gebäude,  die  bei  dem  allgemeinen  Brande  Regensburgs  am  10.  August
891  verschont  blieben.
        <pb n="53" />
        Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Karolingern.  37

Herzog  Bajoariens  und  der  angrenzenden  Länder  zurückzulassen.
Da  seitdem  der  gemeinschaftliche  Vertheidigungskrieg  gegen  die
Ungarn  aufhörte,  so  plünderten  diese  die  Provinzen  (Bajoarien,
Thüringen)  einzeln  und  dehnten  bald  ihre  Raubzüge  bis  nach
Alemannien  aus.  Abermals  unterlag  das  deutsche  Reichsheer
(unweit  der  Mündung  des  Lechs)  den  wilden  Raubhorden,  und
zum  zweiten  Male  mußte  König  Ludwig  seine  Rettung  in  der
Flucht  suchen  (910).  Vom  Kummer  über  des  Reiches  trostlose
Lage  aufgezehrt,  starb  Ludwig  unvermählt  und  ohne  Nachkommen
  im  Sommer  des  Jahres  911,  der  Letzte  des  männlichen
  Karolinger-Stammes  in  Deutschland.

&amp;amp;#  25.  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  den
Karolingern  (788  —911).

Die  Regierungsgewalt,  welche  vormals  die  Agilolfinger
  bekleidet,  lag  jetzt  in  den  Händen  der  karolingischen  Herrscher,
  welche  sie  theils  unmittelbar,  theils  mittelbar  übten.  Wo
sie  unmittelbar  in  die  Regierung  eingriffen,  standen  ihnen  die
Hofheamten  (Ministri  aulici  oder  palatini)  mit  Rath  und  That
zur  Seite.  Nachdem  die  Karolinger  die  Würde  eines  Majordomus,
  von  der  sie  selbst  zur  königlichen  Gewalt  sich  erhoben,
hatten  eingehen  lassen,  war  unter  den  Hofbeamten  der  wichtigste
der  Archicancellarius  (auch  Archicapellanus,  Apokrisiarius,  Referendarius
  genannt),  welchem  der  gesammte  Hofklerus  untergeordnet
war.  Neben  ihm  stand  der  Pfalzgraf  (Comes  palatü),  der  in
den  weltlichen  Regierungsgeschäften  und  vorzüglich  in  der  Jurisdiktion
  des  Königs  Stellvertreter  war  (Hofrichter).  Der  Kämmerer
(Cubicularius)  hatte  es  mit  der  Einrichtung  des  Palastes  zu
thun,  nahm  die  jährlichen  Geschenke  des  Adels  und  empfing  die
fremden  Gesandten.  Der  Marschall,  Truchseß  (Seneschall)  und
der  Schenke  kommen  noch  ganz  in  ihrer  früheren  Bedeutung  vor.
Aus  den  Beamten  überhaupt  wählte  der  König  vorzugsweise
seine  Rathgeber  (consiliarü).  Am  glänzendsten  zeigte  sich  der
König  in  der  Ausübung  seiner  Rechte  auf  den  Reichstagen
(Placita,  Conventus,  Concilia,  Synodus),  die  unter  Karl  dem
Großen  regelmäßig  zwei  Mal  des  Jahres  gehalten  wurden.
Die  Gegenstände  der  Berathung  betrafen  die  Angelegenheiten  des
Reiches,  innere  wie  äußere,  besonders  aber  den  Rechtszustand.
        <pb n="54" />
        38  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Karolingern.

Mündlichkeit  und  Oeffentlichkeit  bildcten  auch  jetzt  noch  die  Grundlagen
  des  gerichtlichen  Verfahrens;  die  Parteien  mußten  vor  den
Gerichten  erscheinen,  konnten  sich  aber  durch  Vorsprecher  (Prolocutores,
  Advocati)  unterstützen  lassen.  Erschien  der  Beklagte
ohne  rechtmäßigen  Entschuldigungsgrund  auf  drei  Verladungen
nicht,  so  verfiel  sein  Gut  unter  Königsbann,  und  kam  er  binnen
Jahr  und  Tag  nicht  aus  demselben  heraus,  so  konnte  der  Kläger
selbst  sich  sein  Recht  nehmen  oder  wurde  aus  dem  Gute  befriedigt,
und  das  übrige  confiscirt.  Die  Strafgelder  (Poena,  muleta)
erhielten  zum  Theil  die  Verletzten,  zum  Theil  der  König  als
Sühne  für  den  gebrochenen  Landfrieden  und  Buße  für  Uebertretung
  seines  Gebotes.  Der  König  selbst  hatte  in  den  Gesetzen
kein  Wergeld,  das  Verbrechen  an  seiner  Person  war  daher  unsühnbar.
  Kaufte  sich  aber  auch  der  Verbrecher  von  der  Todesstrafe
  los  oder  wurde  er  begnadigt,  so  konnte  er  nicht  mehr  vor
Gericht  auftreten  und  hatte  als  Beweismittel  nur  die  Ordalien.

Die  vielen  Kriege  Karls  des  Großen  brachten  eine  ansehnliche
  Erweiterung  des  Heerbannes  mit  sich,  dem  bei  Verwirkung
  des  Königsbannes,  d.  h.  bei  60  Schillingen  Strafe
Folge  geleistet  werden  mußte.  Besaß  ein  freier  Mann  vier  oder
mehrere  Höfe  (ein  Hof  oder  mansus  hielt  12  —  40  Jaucherte)
Grundeigenthum,  so  mußte  er  zu  Felde  ziehen,  wohin  immer  er
gerufen  wurde,  sich  selbst  ausrüsten  und  auf  drei  Monate  für
Proviant  sorgen.  Wer  drei  Höfe  besaß,  den  mußte  in  der  Ausrüstung
  ein  Solcher  unterstützen,  der  nur  einen  Hof  besaß.  Von
Zweien,  deren  Jeder  zwei  Höfe  besaß,  zog  der  Eine  aus,  der
Andere  schaffte  Rüstung  und  Proviant.  Von  vier  Männern,
deren  Jeder  nur  einen  Hof  besaß,  standen  drei  zusammen  und
rüsteten  den  Vierten  zum  Krieg.  Der  Besitzer  von  zwölf  Höfen
erschien  zu  Pferd  in  vollem  Harnisch.  Jeder  Kirche  blieb  ein
Hof  frei,  von  den  übrigen  trug  sie  die  Lasten  der  Wehre  oder
stellte  gleich  den  Klöstern  Wägen  für  den  Transport  der  Heeresbedürfnisse.


Bei  der  Strenge,  mit  welcher  Karl  der  Große  auf  Einhaltung
  des  Heerwesens  drang,  machte  das  einmal  entstandene  Lehenswesen
  raschen  Fortschritt,  indem  sich  mancher  freie  Mann  bewogen
fand,  sein  Erbgut  einer  Kirche  oder  einem  weltlichen  Großen  zu
        <pb n="55" />
        Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Karolingern.  39

überlassen  und  es  von  diesen  als  ein  mit  Dienstpflicht  belastetes,
höriges  Gut  zurückzunehmen,  somit  selbst  ein  Höriger  oder  Unfreier
  zu  werden.  Weil  nun  von  der  Größe  des  liegenden
Besitzthums  die  Ausdehnung  der  Heerpflicht  abhing,  so  mußten
Kirchen  und  weltliche  Große  selbst  wieder  viel  von  den  erworbenen
  Gütern  als  Kriegs=  oder  Soldatenlehen  an  solche  überlassen,
  welche  jeden  Augenblick  zu  Kriegsdiensten  bereit  sein  d.  h.
ihre  Mannen  und  Vasallen  werden  wollten.  Auf  diese  Weise
gestaltete  sich  allmählich  das  Heerwesen  aus  dem  Heerbann  in
die  Lehensmannschaft  um.

Auch  die  alte  Gauverfassung  wurde  schon  unter  Karl
dem  Großen  und  noch  mehr  unter  seinen  Nachfolgern  namentlich
durch  zwei  Maßregeln  umgeschaffen.  Die  erste  dieser  Maßregeln
war  das  Synodalgericht  oder  die  sogenannte  Sende,  ein  geistliches
Rüge=  oder  Sittengericht,  vermöge  dessen  der  seinen  Sprengel
bereisende  Bischof  auch  über  die  weltlichen  Personen,  welche  seit
seiner  letzten  Anwesenheit  Verbrechen  begangen  hatten,  Nachfrage
hielt  und  selbe  mit  geistlichen  Bußen,  z.  B.  Fasten,  Verrichtung
von  Gebeten,  im  äußersten  Falle  mit  dem  Kirchenbann  belegte.
Da  unter  Karls  Nachfolgern  für  die  Verächter  des  Kirchenbannes
auch  die  weltliche  Acht,  d.  i.  Verlust  der  Güter  und  Würden
hinzugefügt  wurde,  so  wurden  diese  Synodalgerichte  folgenschwer.
Die  zweite,  noch  folgenreichere  Maßregel  für  die  Abänderung  der
Gaugerichte  bestand  in  der  Verleihung  der  sogenannten  Immunität,
  welche,  wenn  auch  nicht  von  den  öffentlichen  Lasten,  doch
von  der  Gewalt  der  königlichen  Beamten  befreite.  Karl  der
Große  hatte  einigen,  Ludwig  der  Fromme  den  meisten  Bisthümern
und  mehreren  Klöstern  Immunitätsbriefe  ertheilt,  vermöge  welcher
nicht  nur  die  Geistlichen,  sondern  auch  das  zu  geistlichen  Stiftern
gehörige  weltliche  Dienstpersonal  den  königlichen  Richtern  und
Heerbannsführern,  den  Gaugrafen,  entzogen  und  der  Gerichtsbarkeit
  der  Bischöfe  oder  Aebte  unterstellt  waren.  Da  die  Handhabung
  der  Gerichtsbarkeit  dem  geistlichen  Charakter  ferne  liegt,  so
ließen  die  Bischöfe  und  Aebte  dieselbe  durch  eigens  hiezu  aufgestellte
  Advocaten  oder  Schirmvögte  ausüben.  Der  Stiftsvogtei-Gerichte
  waren  von  da  an  fast  eben  so  viele,  als  der  alten  Gerichtsstätten
  der  Gaugrafen  und  ihrer  Unterrichter.  An  diesen
        <pb n="56" />
        40  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Karolingern.

Gerichtsstätten  änderte  sich  zwar  nichts,  aber  der  Personen,  die
vor  dieselben  gezogen  werden  konnten,  wurden  allmählig  weniger.
Auch  weltliche  Große  bekamen  solche  Befreiungen  von  der  gau—
gräflichen  Gerichtsbarkeit.

Die  Besitzungen  der  Kirche  sind  unter  den  Karolingern
bedeutend  vermehrt  und  durch  königliche  Privilegien  den  allgemeinen
  Verpflichtungen,  die  auf  dem  übrigen  Staatsgute  lasteten,
  theilweise  entzogen  worden,  so  daß  sie  gefreite  Bezirke  bildeten,
  in  welchen  die  Inhaber  ausgedehnte  Rechte  gerichtlicher
und  finanzieller  Natur  auszuüben  hatten.  Einige  Sprengel
Bajoariens,  der  erzbischöfliche  von  Salzburg  und  die  bischöflichen.
von  Regensburg  und  Passau  nahmen  in  diesem  Zeitraume  durch
die  Eroberungen  der  Karolinger  eine  ungeheuere  Ausdehnung  an:
das  Erzbisthum  Salzburg  erstreckte  sich  bis  an  die  Raab  in
Ungarn  und  an  die  Drau  in  Kroatien;  das  Bisthum  Regensburg
  reichte  tief  nach  Böhmen  hinein  bis  nach  Prag,  das  Bisthum
  Passau  bis  nach  Mähren,  Ungarn  und  Böhmen.  Wie
dadurch  der  kirchliche  Besitzstand  Bajoariens  nach  Außen,  so  ward
er  nach  Innen  durch  Erbauung  und  Dotirung  von  Klöstern  und
Kirchen  erwcitert,  an  welcher  die  karolingische  Herrscherfamilie
den  thätigsten  Antheil  nahm.  Zu  Regensburg  stiftete  Hemma,
die  fromme  Gemahlin  Ludwigs  des  Deutschen,  im  Jahre  831
das  Kloster  zu  Obermünster,  zu  Altötting,  einem  seit  den
Zeiten  des  hl.  Rupert  durch  ein  Muttergottesbild  berühmten  und
vielbesuchten  Wallfahrtsort  im  Bisthum  Passau,  erbaute  König
Karlmann  (1  880)  ein  Benediktinerkloster  und  eine  Stiftskirche,
  die  aber  bald  nach  ihrer  Entstehung  von  den  Ungarn  in
Asche  gelegt  wurden,  während  die  alte  Muttergottes-Kapelle  mit
dem  hl.  Bilde  wunderbar  von  den  Flammen  verschont  blieb.
Neben  den  karolingischen  Großen  thaten  auch  die  Landleute  Bajoariens
  viel  zur  Mehrung  des  Kirchengutes,  indem  sie  viele
Kirchen  und  Kapellen  erbauten  und  mit  Grundstücken  aller  Art
ausstatteten.  Der  Grundbesitz  bildete  nebst  den  Zehnten,  die
auch  von  den  Gütern  und  Einkünften  der  Krone  entrichtet  wurden,
  die  Haupteinkunfts-Quelle  der  Kirchen;  zu  ihnen  kamen
noch  besondere  aus  Schenkungen  herrührende,  wie  Jagd,  Fischerei,
auch  schon  Ueberweisung  von  Salz=  und  Zollgefällen.  Verwendet
        <pb n="57" />
        Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.iKarolingern.  41

wurden  die  Einnahmen  nach  römischem  Herkommen  zu  gleichen
Theilen  zum  Unterhalt  des  Bischofes  und  seiner  Umgebung,  des
Klerus,  der  Armee  und  der  fabrica  ecclesiae.  Nebstdem  hafteten
  auf  demselben  außer  dem,  daß  davon  öffentliche  Anstalten,
das  Unterrichtswesen,  die  Armen=  und  Krankenpflege,  der  Bau
der  Kirchen  bestritten  wurden,  besondere  Verbindlichkeiten  und
Lasten,  wie  Lieferung  eines  Beitrags  zu  den  Staats-,  namentlich
  Kriegsbedürfnissen,  Einquartierung  des  Königs  und
seines  Gefolges,  was  häufig  zu  willkürlichem  Druck  Veranlassung
gab.  Befreiungen  vom  Kriegsdienst,  besonders  für  die  Klöster,
ertheilte  erst  Ludwig  der  Fromme;  er  theilte  zu  dem  Ende  die
Klöster  in  drei  Klassen:  in  solche,  welche  Tribut  und  Heerdienst
leisteten,  wie  Monsee  und  Tegernsee;  in  solche,  welche  nur  Tribut
  zahlten,  wie  Altaich,  Altomünster,  Matsee,  Benediktbeuern;
endlich  in  solche,  welche  nur  zum  Gebete  für  den  Kaiser  gehalten
waren,  wie  Metten  und  Wessobrun.  Die  Besetzung  der  bischöflichen
  Sitze  ging  unter  Karl  dem  Großen  ausschließlich  von
diesem  aus;  erst  Ludwig  der  Fromme  ertheilte  817  die  Erlaubniß
  zur  Wahl  durch  die  Kapitel.  Neben  den  Bischöfen  finden
sich  nach  Art  der  späteren  Weihbischöfe  zu  Aushilfe  bei  geistlichen
Amtsverrichtungen  hie  und  da  auch  Chorbischöfe  erwähnt,  die
bald  darauf  wieder  verschwinden;  wichtiger  blieb  das  Amt  der
Archidiakone,  die  in  der  Disciplin  und  Rechtspflege  über  den
Klerus  und  oft  in  der  ganzen  Verwaltung  die  Stelle  des  häufig
abwesenden  Bischofes  vertraten.  Die  Theilnahme  der  Bischöfe
an  den  Geschäften  des  Staates  erklärt  sich  daher,  daß  sie  von
Anfang  an  zum  Gefolge  des  Königs,  woraus  dieser  seinen
Staatsrath  wählte,  gehörend,  allein  im  Besitze  der  Intelligenz,
von  bedeutendem  Einflusse  auf  das  Volk  sowohl  durch  ihren
Stand  als  großen  Grundbesitz,  in  allen  Parteikämpfen  dasselbe
Interesse  verfolgten,  wie  die  Könige,  diesen  folglich  bei  Ausbildung
  der  neuen  Verhältnisse  als  ein  unentbehrliches  Element
erscheinen  mußten.  Ihr  Erscheinen  als  Reichsstände  leitet  sich
von  dem  Einflusse  her,  welchen  die  Könige  und  die  Landesherzöge
von  früh  an  auf  die  geistlichen  Synoden  der  Bischöfe  ausübten,
indem  sie  daselbst  auch  rein  weltliche  Gegenstände  berathen  ließen,
die  Beschlüsse  sanktionirten  und  diese  dann  mit  denen  der  welt-
        <pb n="58" />
        42  Innere  Zustände  Bajoariens  unter  d.  Karolingern.

lichen  Vasallen  einer  gemeinsamen  Berathung  unterstellten.  Anfänglich
  waren  es  die  Bischöfe  und  die  weltlichen  Vasallen  allein,
welche  zu  dieser  gemeinsamen  Berathung  vor  dem  König  versammelt
  wurden,  seit  711  finden  sich  auch  die  Aebte  anwesend,
seit  813  erscheinen  Bischöfe,  Aebte  und  weltliche  Große.

Unter  den  nächsten  Nachfolgern  Karls  des  Großen  hat
Bajoarien  wenig  an  geistlicher  und  sittlicher  Bildung  gewonnen,
  denn  die  vielen  Streitigkeiten  zwischen  den  Karolingern
selbst  und  die  fortwährenden  Kriege  gegen  die  slavischen  Völker
traten  hindernd  in  den  Weg.  Doch  gab  es  immerhin  noch  mehrere
  Klöster,  in  welchen  Kunst  und  Wissenschaft  Pflege  fanden.
Das  Kloster  St  Emmeram  in  Regensburg  war  im  Besitze  eines
Evangelienbuches,  das  Karl  der  Große  mit  eigener  Hand  verbessert
  hatte  ).  Ein  Mönch  zu  Wessobrun  betrieb  bald  nach
der  Stiftung  dieses  Klosters  schon  die  deutsche  Dichtkunst  und
verfaßte  das  sogenannte  Wessobruner  Gebet  in  deutschen  Versen.
Zu  Freysing  wurde  die  gereimte  deutsche  Bibel  des  Mönches
Ottfried  von  Weißenburg  abgeschrieben.  Anamodus,  ein  Diakon
zu  St.  Emmeram,  schrieb  im  neunten  Jahrhundert  einen  Coder
der  Schankungen  seines  Stiftes,  der  neben  den  Urkundenbüchern
von  Salzburg  (Congestum  Arnonis)  und  Freysing  eines  der
ältesten  geschichtlichen  Dokomente  unseres  Vaterlandes  ist.  Der
Freysinger  Bischof  Hitto  und  sein  Notar  schrieben  eigenhändig
nicht  blos  die  Bücher  des  alten  und  neuen  Testamentes  ab,
sondern  verbesserten  auch  den  Text.  Eliland,  Abt  von  Benediktbeuren,
  erfreute  sich  deshalb  der  besondern  Gunst  Karls  des
Großen,  weil  er  dessen  Unterrichtszwecke  sehr  förderte.  Außer
Benediktbeuren  hatte  auch  Regensburg,  Freysing  und  Tegernsee
vortreffliche  Schulen.  Unter  den  Mönchen  gab  es  auch  viele,
welche  Bildwerke  aus  Holz  und  Elfenbein,  erhabene  Arbeiten
aus  Silber  und  Gold,  kostbare  Einbände  der  Bücher  fertigten,
desgleichen  Maler,  Baumeister  und  gute  Orgelbauer.  Papst  Johann
  VIII  (+  882)  ersuchte  den  Bischof  Anno  von  Freysing,
er  möchte  ihm  eine  bajoarische  Orgel  schicken  nebst  einem  Manne,
der  sie  spielen  und  neue  herstellen  könne.

*)  Es  ist  mit  goldenen  Unzialbuchstaben  geschrieben  und  mit  Malereien
geziert.  Gegenwärtig  befindet  sich  dasselbe  in  der  Hofbibliothek  zu  München.
        <pb n="59" />
        Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  Hause  Luitpold's.  43

Des  Handels  wegen  hatte  Regensburg,  Passau,  Linz,
Ingolstadt,  Scheßla,  Bamberg  und  Forchheim  eine  besondere
Bedeutung.  In  den  Städten  trieben  die  vielen  Juden  hauptsächlich
  mit  Sklaven  Handel,  deren  Zahl  durch  die  Gefangenen
der  slavischen  Völker  sehr  vermehrt  wurde.  Durch  die  wiederholten
  Einfälle  der  Ungarn  ward  der  Handel  auf  längere  Zeit
ganz  niedergelegt  und  gleich  ihm  geriethen  Kunst,  Wissenschaft,
Gewerbe  und  Ackerbau  in's  Stocken.  Die  Schulen  hörten  mit
den  zerstörten  Klöstern  auf,  ganze  Strecken  Landes  blieben  unbebaut,
  die  Pflege  der  Gerechtigkeit  nahm  ab,  die  Rohheit  der
Sitten  zu.  Jeder,  der  sich  stark  genug  fühlte,  verschaffte  sich
Recht  mit  seiner  Faust  und  nahm  Rache  an  seinem  Beleidiger  —
das  unselige  Faustrecht  nahm  seinen  Anfang  und  erreichte  in
der  folgenden  Zeit  seinen  Höhepunkt.

Vierter  Zeitraum.

Bauern?)  unter  Amtsherzögen  des  deulschen  Reiches  aus  verschiedenen
edlen  häusern  (911  —  1180).

Erstes  RKapitel.

Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  Hause
Luitpold's““)  (911—948).

626.  Da  unter  dem  letzten  Karolinger,  Ludwig  dem
Kinde,  die  herzogliche  Würde  in  Bayern  wieder  aufgekommen

*)  Schon  gegen  das  Ende  des  dritten  Zeitraumes  kommt  in  Urkunden
statt  der  Namen  Bojovaria,  Bojoaria,  Bagoaria,  Bajoaria,
Baioaria  der  Name  Bauuaria  zum  Vorschein,  woraus  Bavoaria,
Bavaria,  Bayern  geworden  ist.

*.)  Die  Amtsherzöge  aus  dem  Hause  Luitpold's  sind:

Arnulf  1  911—937.
Eberhard  937—939.
Berthold  939—948.
        <pb n="60" />
        44  Bayern  unter  dem  Luitpoldinger  Arnulf  I.

war,  und  mit  dem  Aussterben  der  Karolinger  in  Deutschland
den  Bajoariern  oder  Bayern  ihre  Selbstständigkeit  wieder
gegeben  schien,  so  begrüßten  diese  Arnulf,  den  Sohn  des  tapfern
Markgrafen  Luitpold,  als  unabhängigen  Herzog  (911—937),
und  die  Bewohner  Kärnthens  folgten  diesem  Beispiele.  Aehnliches
  war  unter  den  letzten  Karolingern  in  Sachsen,  Franken,
Alemannien  und  Lothringen  geschehen,  und  so  war  das
Reich  der  Deutschkarolinger  bei  deren  Aussterben  in  fünf  Herzogthümer
  aufgelöst.

Diese  Zerstücklung  des  Reiches  hielt  der  Erzbischof  Hatto
von  Mainz  auswärtigen  Feinden,  namentlich  den  Ungarn
gegenüber,  für  höchst  gefährlich,  und  brachte  daher  im  Benchmen
mit  dem  sächsischen  Landesherzoge,  Otto  dem  Erlauchten,  zu
Forchheim  die  Wahl  eines  neuen  deutschen  Königs  in  der  Person
  des  rheinfränkischen  Grafen  Konrad  von  Fritzlar  (911
—  918)  zu  Stande,  der  dem  karolingischen  Hause  verwandt  und
durch  persönliche  Tüchtigkeit  ausgezeichnet  war.  Bayerns  Herzog
Arnulf  I  hatte  sich  an  der  Wahl  Konrads,  seines  Stiefvaters
  ),  nicht  betheiligt,  denn  ihm  lag  daran,  seine  eben  gewonnene
  Unabhängigkeit  zu  bewahren.  Das  gleiche  Streben
zeigte  Arnulf  I  zwei  Jahre  später  (913)  den  Ungarn  gegenüber,
  die  in  Bayern  erschienen,  um  den  herkömmlichen  Tribut
zu  fordern.  „Er  wisse  nichts,“  soll  Arnulfs  Antwort  gelautet
haben,  „von  einem  derartigen  Uebereinkommen  und  sei  nicht  gewohnt,
  sich  Drohungen  gefallen  zu  lassen  und  fremde  Befehle
anzunehmen.  Wollten  die  Ungarn  ihrer  Habsucht  folgen,  so
würden  sie  in  Bayern  Männer  und  Schwerter  finden".  Die
Ungarn  erschienen  bald  darauf  wirklich,  und  wurden  von  den
vereinigten  Bayern  und  Schwaben  unter  Arnulf  und  den
beiden  Kammerboten  Alemanniens,  Erchanger  und  Berthold,
bei  Oetting  am  Inn  (913)  bis  auf  dreißig  Mann  aufgerieben.

Durch  diesen  Sieg  gehoben  wagte  es  Arnulf,  seinen
mütterlichen  Oheimen,  Erchanger  und  Berthold,  die  als
Herzöge  Alemanniens  ihre  Selbstständigkeit  zu  behaupten

*)  Konrad  hatte  Kunigunde,  die  Wittwe  des  907  gefallenen
Markgrafen  Luitpold,  geheirathet.
        <pb n="61" />
        Bayern  unter  dem  Luitpoldinger  Arnulf  I.  45

suchten,  wider  König  Konrad  seinen  Schutz  angedeihen  zu  lassen,
erregte  aber  dadurch  den  Unwillen  des  Königs  in  solchem  Grade,
daß  dieser  mit  einem  starken  Heere  in  Bayern  einfiel.  Der
Herzog,  der  sich  eines  so  schnellen  Ueberfalles  nicht  versehen,  flüchtete
  sich  über  Salzburg  in  die  Gebirge"),  und  mußte  es  geschehen
lassen,  daß  Konra#d  Bayern  seiner  Herrschaft  unterwarf  (914)
und  seinen  eigenen  Bruder,  Eberhard,  den  Herzog  von  Franken
und  Pfalzgrafen  am  Rhein,  zur  Verwaltung  des  eroberten  Landes
(916—918)  zurückließ.  Ein  Versuch  Arnulf's,  durch  Wegnahme
Regensburgs  sich  in  Bayern  wieder  festzusetzen,  mißglückte,
weil  Konrad  zur  Belagerung  Regensburgs  schritt,  und  so
mußte  Arnulf  1  (917)  wiederholt  sein  Heil  in  der  Flucht
suchen.

Nach  Ablauf  eines  Jahres  starb  König  Konrad  (23.  Dezbr.
918),  und  dieser  Todesfall  sollte  den  Bayern  ihren  rechtmäßigen
Herrscher  wiedergeben.  Der  flüchtige  Arnulf  kehrte  auf  die
erste  Nachricht  von  dem  Tode  seines  Stiefvaters  Konrad  nach
Regensburg  zurück,  vertrieb  seinen  Gegner  Eberhard  (918)
und  nahm  unter  allgemeinem  Jubel  des  Volkes  den  bayerischen
Thron  wieder  in  Besitz.  Aber  sein  Sinn  gieng  bereits  auf  Höheres
hinaus:  er  suchte  die  deutsche  Königskrone  an  sein  Haus
zu  bringen  und  gewann  für  diesen  Plan  viele  bayerische  Große
durch  Verleihung  beträchtlicher  Kirchen=  und  Klostergüter  in
Bayern,  die  er  willkürlich  einzog  '").  Doch  die  Franken
und  Sachsen  gingen  auf  diesen  Plan  nicht  ein,  sondern  erhoben
Heinrich  von  Sachsen  (919—936)  zum  deutschen  König,
weil  sie  diesen  allein  für  geeignet  hielten,  sich  allgemeine  Anerkennung
  zu  verschaffen  und  so  die  Einheit  des  Reiches  herzustellen.

Dem  Widerspruche,  den  Arnulf  1  gegen  diese  Wahl  erhob,
setzte  König  Heinrich  kluge  Mäßigung  entgegen  und  brachte  es
(920)  dahin,  daß  Versöhnung  und  ein  Vergleich  zu  Stande  kam.
Arnulf  1  leistete  dem  König  Heinrich  Lehenshuldigung,

*)  Andere  lassen  ihn  zu  Rüdiger  von  Pechlarn,  einem  ostbayer'schen
Grafen  fliehen,  der  im  Nibelungenlied  als  ein  mit  allen  Rittertugenden
ausgezeichneter  Held  geschildert  wird.

*)  Daher  bekam  er  bei  den  Chronisten,  meistens  Klostergeistliche,  den
Beinamen  „der  Böse“.
        <pb n="62" />
        46  Bayern  unter  dem  Luitpoldinger  Eberhard.

empfing  von  ihm  Bayern  mit  größerer  Gewalt  als  andere
Herzöge,  selbst  mit  dem  Rechte,  Bayerns  Bischöfe  zu  ernennen  2),
und  führte  den  Titel:  Herzog  der  Bayern,  der  Kärnthner
und  der  umliegenden  Länder.  Seitdem  pflog  Arnulf  mit  König
  Heinrich  1  aufrichtige  Freundschaft  und  legte  seine  Anhänglichkeit
  an  denselben  dadurch  an  den  Tag,  daß  er  ihm  (929)
wider  die  Böhmen  beistand  und  deren  Unterwerfung  herbeiführen
  half.  Drei  Jahre  nach  dieser  Kriegsthat  (932)  ließ
Arnulf  die  kirchlichen  Verhältnisse  Bayerns  durch  zwei  zu  Regensburg
  und  Dingolfing  zusammengetretene  Synoden  ordnen
  und  benützte  die  Ruhe,  die  jetzt  im  Innern  seines  Landes
eintrat,  zu  dem  Versuche,  die  Lombardei  an  sich  zu  bringen,
deren  Bewohner  mit  ihrem  Herrscher,  Hugo  von  Arles,  unzufrieden
  waren.  Das  Unternehmen  mißlang  (934),  dagegen
glückte  es  ihm,  mit  den  Ungarn,  die  in  Thüringen
und  Sachsen  eingefallen  waren,  einen  Waffenfrieden  zu
schließen  (935).

Gegen  das  Ende  seines  Lebens  gab  Arnulf  1  noch  ein
Mal  Zeugniß  von  seiner  Anhänglichkeit  an  das  sächsische  Herrscherhaus,
  indem  er  bei  der  nach  dem  Ableben  des  Königs  Heinrich
  1  (936)  angesetzten  Königswahl  sich  für  Otto,  Heinrichs  I
Sohn,  entschied,  der  schon  bei  des  Vaters  Lebzeiten  für  diese
Würde  ausersehen  war.  Bei  dem  glänzenden  Krönungsmahle
in  der  Pfalz  Karls  des  Großen  verrichteten  die  vier  übrigen
Herzöge  zum  ersten  Male  die  Hofdienste  als  Mundschenk,
Kämmerer,  Truchseß  und  Marschall,  Herzog  Arnulf
versah  den  eines  Marschalls.  Ein  Jahr  nach  dieser  Erhöhung
Otto's  starb  Arnulf  1  (14.  Juli  937)  in  seiner  Residenz  zu
Regensburg  und  wurde  in  der  Gruft  bei  St.  Emmeram
feierlich  beigesetzt.

&amp;amp;  27.  Von  den  Kindern  Arnulfs  1  (er  hatte  vier  Söhne
und  zwei  Töchter  hinterlassen)  übernohm  Eberhard,  der  älteste
Sohn,  das  Herzogthum  Bayern  (937—  939)  genau  in  der
Weise,  wie  es  der  Vater  inne  gehabt;  Berthold,  der  Oheim
Eberhards,  behielt  die  Verwaltung  Kärnthens,  die  ihm
sein  Bruder,  der  Herzog  Arnulf  I,  im  Jahre  920  übertragen
hatte.
        <pb n="63" />
        Bayern  unter  dem  Luitpoldinger  Berthold.  47

Dem  Scharfblicke  des  Königs  Otto  I  (936—973)  entging
es  nicht,  daß  die  Stellung,  wie  sie  der  Herzog  Eberhard  in
Bayern  einnahm,  die  Einheit  und  Festigkeit  des  deutschen
Reiches  gefährde,  daher  forderte  er  von  ihm  den  Lehenseid  und
lud  ihn  und  seine  Brüder  zur  Leistung  desselben  an  seinen  Hof.
Da  sie  nicht  erschienen,  fiel  er  mit  einem  Heere  in  Bayern
ein.  Er  wurde  zwar  zurückgeschlagen,  wiederholte  aber  (939)
den  Einfall  mit  verstärkter  Macht  und  gewann  die  Oberhand.
Eberhard  wurde  (939)  entsetzt  und  verbannt;  die  drei  Brüder
desselben  ließ  Otto  I1  gegen  Leistung  des  Vasallen-Eides  in  dem
Besitze  ihrer  Grafschaften,  und  einem  derselben,  Arnulf,  der
Eberhard  an  Jahren  zunächst  stand,  übertrug  er  das  seit  den
Zeiten  der  Karolinger  fortbestandene  (oder  jetzt  wieder  erneuerte)
Pfalzgrafen-Amt  in  Bayern")  sammt  Tyrol,  das  er  von
Bayern  trennte.  Die  Verwaltung  Bayerns  übergab  er  als
königliches  Amt  mit  dem  bloßen  Titel  eines  „Herzogs“
an  Berthold,  den  zweiten  Sohn  Luitpolds,  und  verlobte  ihn,
um  ihn  mehr  an  sich  zu  fesseln,  mit  der  Tochter  des  lothringischen
  Herzogs  Giselbert,  Wiltrude,  deren  Mutter,  Gerbirga,
eine  Schwester  Otto's  1  war.

&amp;amp;#28.  Im  sechsten  Jahre  der  Regierung  des  Herzogs
Berthold  (939  —  948)  fielen  die  Ungarn  wieder  in  Bayern
ein,  um  nach  altem  Brauche  zu  rauben  und  zu  morden.  Berthold
ging  diesen  Barbaren  bis  an  den  Traunfluß  entgegen,  und  hier
kam  es  auf  der  Welserhaide  zu  einem  entscheidenden  Treffen,
in  welchem  fast  das  ganze  Heer  der  Ungarn  ausgerieben  wurde
(943).  Dessen  ungeachtet  zog  im  folgenden  Jahre  ein  frisches
Heer  heran,  welches  in  Kärnthen  einbrach.  Berthold  ging
auch  diesem  entgegen  und  schlug  es  auf's  Haupt.  Im  Jahre
948  starb  Berthold  mit  Hinterlassung  eines  Sohnes,  Heinrich,
der  erst  drei  Jahre  alt  war  und  deshalb  gewöhnlich  Hezilo
genannt  wurde.

*)  Das  Pfalzgrafenamt  in  Bayern,  verschieden  von  dem  am  Rhein,
ward  ein  Jahr  nach  dem  Tode  dieses  Arnulf  (1  954)  dem  Luitpold'schen
Hause  entzogen  und  den  Chiemgauergrafen  verliehen.
        <pb n="64" />
        48  Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  I.

Unter  den  Dienern  der  Kirche,  welche  sich  während  der  kurzen
Herrschaft  der  Luitpoldinger  besonders  hervorgethan,  stehen  oben
an  die  Bischöfe  Tuto  von  Regensburg,  Gerhard  von
Passau  und  Ulrich  von  Augsburg.  Der  Bischof  Tuto
breitete  in  Vereinigung  mit  dem  hl.  Herzoge  Wenzeslaus  die
christliche  Religion  in  Böhmen  weiter  aus,  Gerhard  förderte
das  Christenthum  in  Mähren  und  Pannonien,  und  der
Bischof  Ulrich  wirkte  höchst  segensvoll  in  und  um  Augsburg.

3Zweites  Kapitel.

Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  sächsischen,
bayerischen  und  luxemburgischen  Hause
(948—1026)  ).

*§29.  Da  König  Otto  I  einer  vormundschaftlichen
Regierung  abgeneigt  war  und  die  Herzogthümer  überhaupt  mit
Gliedern  seiner  Familie  besetzt  wissen  wollte,  so  verlieh  er  das
Herzogthum  Bayern  nach  dem  Ableben  Bertholds  nicht  dessen
unmündigem  Sohne  Hezilo,  auch  nicht  einem  der  noch  lebenden
Söhne  Arnulf's  I,  sondern  seinem  eigenen  Bruder  Heinrich  1
(948  —  955),  der  sich  in  dem  Besitze  Bayerns  dadurch  zu  befestigen
  suchte,  daß  er  Judith,  die  ältere  Tochter  des  verstorbenen
Bayernherzogs  Arnulf  1,  heirathete.  Gleich  nach  dem  Antritte
des  herzoglichen  Amtes  fielen  die  Ungarn  zweimal  (949,  950)
in  Bayern  ein,  wurden  aber  die  beiden  Male  empfindlich  geschlagen.
Anführer  des  bayerischen  Heeres  war  der  durch  seine  riesenhafte

*)  Während  dieser  Zeit  regierten  in  Bayern:
Heinrich  I1  aus  dem  sächsischen  Hause  948—955.
Heinrich  II,  der  Zänker,  aus  dem  sächsischen  Hause  955—976.
Otto  von  Schwaben  976—982.
Heinrich  III  oder  Hezilo  aus  dem  Hause  Luitpolds  983—985.
Heinrich  II,  der  Zänker,  zum  zweiten  Male  985—995.
Heinrich  IV  aus  dem  sächsischen  Hause  995—1004.
Heinrich  V,  der  Luxemburger,  1004—1008.
König  Heinrich  II  aus  dem  sächsischen  Hause  1008—1017.
Heinrich  V,  der  Luxemburger,  1017—1025.
        <pb n="65" />
        Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  I.  40

Größe  (97)  ausgezeichnete  Graf  Ratho  von  Andechs?),  später
gewöhnlich  „Graf  Rath“  oder  „St.  Rasso“  genannt,  dessen
Heldenthaten  lange  Zeit  hindurch  eine  zu  Maurkirchen  in
Oesterreich  errichtete  Reiterstatue  verkündete.  Ein  Jahr  nach  dem
Abzuge  der  Ungarn  wurde  Bayerns  Gebiet  auf  der  Südseite  bei
Gelegenheit  des  Zuges,  den  König  Otto  I1  zur  Erlangung  der
italienischen  Königskrone  gegen  den  Markgrafen  Berengar  von
Ivrea  unternahm,  ansehnlich  vergrößert.  Herzog  Heinrich  I
begleitete  seinen  Bruder  Otto  I1  auf  diesem  Zuge  mit  einem
Heere  und  hatte  das  Glück,  Verona  und  Aquileja  zu  erobern
(951).  Als  Otto,  der  nach  der  Eroberung  Pavia's  als  König
von  Italien  ausgerufen  wurde,  auf  einem  Reichstage  zu  Augsburg
  (952)  dem  Markgrafen  Berengar  das  Königreich  Italien
als  ein  deutsches  Lehen  zurückgab,  trennte  er  von  demselben  die
Markgrafschaft  Verona  und  Aquileja  und  verlieh  beides  seinem
Bruder,  dem  Herzoge  Heinrich  I  von  Bayern.

Auf  diesem  Zuge  nach  Italien  hatte  den  König  Otto  I
auch  sein  Sohn  Ludolf  begleitet,  der  mit  Schwaben  belehnt
war.  Diesen  verdroß  es  nicht  wenig,  daß  sein  Vater  Otto
den  Bayernherzog  Heinrich  I  mehrfach  bevorzugt  und  für  seine
Dienste  in  Italien  mit  der  Veroneser  Mark  belohnt  hatte.
Als  nun  vollends  Otto  1  die  von  dem  Sohne  Ludolf  gehaßte
Wittwe  des  Königs  Lothar  II  von  Italien,  Adelheid,  zur
Frau  nahm,  verließ  Ludolf  voll  Zorn  Italien  und  zettelte
in  Deutschland  gegen  den  Vater  eine  Verschwörung  an.  Der
bayerische  Pfalzgraf,  Arnulf  II  )  „  der  in  Abwesenheit

*)  Genealogische  Tafel  der  Grafen  von  Andechs:

Ratold  1  (Sighard?),
ein  natürlicher  Sohn  des  karol.  Kaisers  Arnulf  (887—899).

 

Ratold  II,  Ratho  (Razzo,  Rapoto),
Graf  an  der  Sempt  im  Hartingau  Graf  im  obern  Hausengau  und
und  an  der  ungarischen  Grenze.  im  untern  Innthal;  Arnulfs,

 

Bertholds  und  Heinrichs
Heerführer,  15.  Juni  954.
—

Friedrich.

Sberhard,  Adalbero  I.
Graf  von  Ebersberg.  Adalbero  II.  II.

–—.
Adalbero  III.  .Z
*)  Dieser  Arnulf  soll  die  Burg  Scheyern  erbaut  und  sich  zuerst
darnach  genannt  haben.
Sattler,  bayer.  Geschichte.  4
        <pb n="66" />
        50  Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  I.

Heinrichs  I1  Bayern  verwaltet  hatte,  schloß  sich  dem  Mißvergnügten
  an;  das  Gleiche  thaten  Arnulfs  Brüder,  dann  der
Erzbischof  Friedrich  von  Mainz  und  Otto's  1  Schwiegersohn,
der  Herzog  Konrad  von  Rheinfranzien  und  Lothringen.
Im  Jahre  953  kam  am  Rhein  die  Verschwörung  zum  Ausbruch.
Um  diese  zu  unterdrücken,  zog  König  Otto  I  und  Herzog  Heinrich
  an  der  Spitze  eines  Heeres  gegen  Mainz;  aber  die  Bayern
verließen  plötzlich  das  Belagerungsheer  und  kehrten  unter  Ludolfs
Führung  nach  Bayern  zurück,  wo  inzwischen  der  Pfalzgraf  Arnulf
  II  auf  den  Thron  seiner  Väter  erhoben  und  die  Familie
Heinrichs  I  vertrieben  worden  war.  König  Otto  und  Herzog
Heinrich  wendeten  sich  nun  ebenfalls  nach  Bayern  und  belagerten
Regensburg  drei  Monate  lang,  ohne  daß  sie  diese  Stadt
bezwingen  konnten.  Als  das  Belagerungsheer  abzog,  ging  Arnulf
  selbst  angreifend  vor,  bemächtigte  sich  der  Stadt  Augsburg
  und  belagerte  den  königlich  gesinnten  Bischof  Ulrich  von
Augsburg  zu  Schwabmünchen,  wohin  er  sich  geflüchtet  hatte.
Zum  Glücke  rückte  Ulrichs  Bruder,  der  Graf  Theobald  von
Dillingen,  und  Ulrichs  Vetter,  der  Graf  Adalbert  von
Marchthal  in  Schwaben,  schleunig  zum  Entsatze  heran.  Es
kam  zu  einem  hitzigen  Treffen,  in  welchem  Arnulf  zum  Rückzuge
  genöthigt  und  sein  Bruder  Hermann  gefangen  wurde
(954).  Auf  Ulrichs  Seite  blieb  der  Graf  Adalbert  von
Marchthal.  ·

Das  Unglück  des  Landes  erhöhte  ein  gleichzeitiger  Einfall
der  Ungarn,  die  auf  den  Ruf  Ludolfs  und  seiner  Anhänger
  in  zahlreichen  Schaaren  aufbrachen  und  ihre  Streifzüge
bis  Lothringen  und  Frankreich  ausdehnten.  König  Otto,
der  seine  Heeresmacht  nicht  zersplittern  durfte,  ließ  sie  unbehelligt
und  zog  mit  seinem  Bruder  Heinrich  seinem  Sohne  nach,  der
sich  neuerdings  in  Regensburg  festsetzte.  Die  Belagerung  der
Stadt  lief  auch  dießmal  (954)  fruchtlos  ab,  und  weder  ein
Congreß  zu  Cinna  bei  Magdeburg  in  Sachsen,  noch  eine
Schlacht  bei  Horsdal  (drei  Tagmärsche  von  Regensburg)
führte  zur  Entscheidung.  Die  Bayern  hielten  eine  dritte  Belagerung
  Regensburgs  mit  bewundernswürdiger  Tapferkeit  ans,
bis  Mangel  an  Lebensmitteln  eintrat,  der  zu  einem  Ausfalle
        <pb n="67" />
        Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  I.  51

zwang.  Arnulf  kämpfte  fünf  Stunden  lang  vor  dem  Osten-Thore
  und  sank,  von  einem  Pfieilregen  überschüttet,  entseelt  zu
Boden  (954).  Die  Belagerten  hielten  sich  nach  diesem  Unfalle
noch  einige  Wochen,  mußten  sich  aber  endlich,  da  die  Hungersnoth
  den  höchsten  Grad  erreichte,  dem  Könige  auf  Gnade  oder
Ungnade  ergeben.  Heinrich  nahm  wieder  Besitz  von  seinem
herzoglichen  Amte  (955).

Kaum  waren  Otto's  Krieger  aus  Bayern  abgezogen,  so
erschienen  die  Ungarn  zahlreicher  als  je  und  überschwemmten
Bayern  und  den  größern  Theil  Schwabens.  Herzog  Heinrich
  1I  von  Bayern  lag  zu  Regensburg  krank  und  ließ  deshalb
  sein  Heer  unter  dem  tapfern  Grafen  Eberhard  von
Ebersberg')  gegen  sie  in's  Feld  ziehen.  Am  10.  August  955
kam  es  auf  dem  bayerischen  Lechfelde  zu  einem  Treffen,  welches
trotz  der  Verrätherei,  die  Berthold,  ein  Sohn  des  (954)  gefallenen
  Pfalzgrafen  Arnulf,  übte  "“),  für  König  Otto  I
siegreich  endete.  Viele  tausend  Ungarn  blieben  auf  dem  Schlachtfelde;
  andere,  die  sich  in  die  Gegend  von  Thierhaupten  flüchteten,
  wurden  verfolgt  und  schonungslos  niedergemacht.  Leider
hatte  auch  Kaiser  Otto  I1  einen  schweren  Verlust  zu  beklagen:
sein  Eidam,  Konrad  der  Rothe,  der  Ahnherr  der  nächsten
Kaiserdynastie,  war  unter  den  Todten.  In  Folge  dieses  Sieges
konnte  die  schon  von  Karl  dem  Großen  begründete  bayerische
Ostmark,  welche  unter  Ludwig  dem  Kinde  untergegangen
war,  nicht  nur  hergestellt,  sondern  auch  (bis  Mölk)  erweitert
werden.  Ueber  alle,  die  sich  an  der  Erhebung  betheiligt  hatten,
ließ  der  Sieger  ein  strenges  Gericht  ergehen,  namentlich  über
Berthold.  Die  pfalzgräfliche  und  erzbischöfliche
Würde  wurde  von  seinem  Hause  hinweggenommen  und  auf
das  Haus  der  Grafen  von  Chiemgau  übertragen.  Herzog

*)  Siehe  oben  die  genealogische  Tafel  S.  49.

*)  Berthold,  der  sich  an  der  Herbeirufung  der  Ungarn  betheiligt,
setzte  dieselben  vor  Augsburg  in  Kenntniß,  daß  der  Frankenherzog  Konrad,
den  König  Otto  I  entsetzt  hatte,  zu  diesem  übergegangen  sei  und  ihm  ein
aus  Franken  gebildetes  Heer  zuführe.  Auf  diese  Nachricht  hin  gaben  die
Ungarn  die  Belagerung  Augsburgs  auf  und  führten  ihre  ganze  Streitkraft
  gegen  Otto  I.

4
        <pb n="68" />
        52  Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  II.

Heinrich  I1  starb  bald  nach  diesen  Vorgängen  im  November
955.  Seine  Gemahlin  Judith  ließ  seine  Leiche  zu  Regensburg
  in  der  von  ihm  erbauten  Frauenkirche  (Fzur  alten
Kapelle)  beisetzen  und  stiftete  nachmals  (960)  in  derselben  Stadt
das  Kloster  Niedermünster,  wo  sie  als  Nonne  bis  zum
Jahre  987  lebte.

30.  Dem  verlebten  Heinrich  1  folgte  sein  Sohn  Heinrich
  II  (geb.  951)  noch  minderjährig  im  herzoglichen  Amte
(955  —  976).  So  lange  sein  Onkel  und  Vormund,  der  Kaiser
Otto  I  lebte,  herrschte  in  Bayern  Ruhe;  als  aber  Otto  der
Große  (973)  starb  und  dessen  Sohn  Otto  II  (973—983)
den  deutschen  Thron  bestieg,  zeigte  sich  in  ganz  Bayern  Gährung.
An  der  Spitze  der  Mißvergnügten  stand  der  Herzog  Heinrich  II,
nachmals  der  „Zänker"  genannt,  denn  der  König  hatte  kurz
nach  dem  Antritte  seiner  Regierung  in  einem  Streite  zwischen
Heinrich  II  und  dem  Herzoge  Otto  von  Schwaben,  dem
Sohne  des  obengenannten  Ludolf  von  Schwaben,  zu  Gunsten
des  Schwabenherzogs  entschieden.

In  dieser  gereizten  Stimmung  ward  Heinrich  II  durch
den  Bischof  Abraham  von  Freysing,  den  einflußreichsten
Mann  am  sächsischen  Hofe,  leicht  überredet,  sich  selbst  zum
deutschen  König  aufzuwerfen.  Außer  dem  Bischofe  Abraham
vereinigten  sich  noch  mit  ihm  zur  Ausführung  dieses  Vorhabens
Berthold  von  Scheyern,  Hezilo,  der  Sohn  Herzogs  Berthold
  aus  dem  Luitpold'schen  Geschlechte,  dem  der  Kaiser  erst
unlängst  die  Verwaltung  Kärnthens  übertragen,  der  Bischof
Heinrich  von  Augsburg,  Geschwisterkind  Herzogs  Heinrich  II,
dann  der  König  Harald  von  Dänemark  und  die  Herzöge
von  Böhmen  und  Polen.  Der  Plan  wurde  jedoch  dem  Kaiser
noch  rechtzeitig  entdeckt,  und  dieser  ließ  Heinrich  II,  den  Zänker,
zu  Weimar  unvermuthet  gefangen  nehmen  und  nach  Ingelheim
  in  Verwahrung  bringen  (975).  Aber  schon  nach  wenigen
Wochen  entkam  der  Herzog  seiner  Haft,  eilte  geraden  Weges  nach
Bayern  und  ließ  sich  in  der  St.  Emmeramkirche  zu  Regensburg
  von  Abraham  als  König  der  Deutschen  krönen,
obgleich  Regensburg  damals  schon  unter  dem  hl.  Wolfgang
        <pb n="69" />
        Bayern  unter  Otto  von  Schwaben.  53

(973—994)  stand').  Voll  Erbitterung  fiel  Kaiser  Otto  II  an
der  Spitze  eines  Heeres  in  Bayern  ein,  drang  gegen  Regensburg
  vor  und  nöthigte  den  aufrührerischen  Herzog  nebst
Berthold  von  Scheyern  und  andere  seiner  Anhängitr  zur
Flucht  nach  Böhmen.  Die  herzogliche  Würde  in  Bayern
perlieh  der  Kaiser  seinem  Vetter,  dem  Herzoge  Otto  von
Schwaben,  der  sich  bei  Bekämpfung  der  Rebellen  besonders
hervorgethan  hatte.

&amp;amp;  31.  Otto  von  Schwaben  (976  —  982)  unternahm
gleich  nach  seiner  Erhebung  zum  Herzoge  Bayerns  einen  Feldzug
nach  Böhmen  gegen  Heinrich  II,  wurde  aber  mit  seinem
Heere  von  Pilsen  bis  nach  Cham  zurückgeschlagen.  Noch
größeres  Mißgeschick  drohte  ihm,  als  seine  Krieger  einige  Zeit
später  in  Verbindung  mit  einem  schwäbischen  Heere  unter  der
Führung  des  Kaisers  Otto  II  gegen  die  Slaven  in  Sachsen  in's
Feld  gezogen  waren.  Während  ihrer  Abwesenheit  fiel  Heinrich  II
von  Böhmen  her,  Hezilo  von  Kärnthen  aus  in  Bayern
ein  und  eroberten  die  Stadt  Passau.  Wohl  kam  der  Kaiser
mit  seiner  ganzen  Macht  von  Sachsen  herbei,  konnte  aber  die
Stadt  Passau  erst  bei  einem  wiederholten  Sturm  in  seine  Gewalt
  bringen  (978).  Heinrich  II  und  Hezilo  mußten  sich
ergeben  und  wurden  nach  Utrecht  abgeführt.  Dem  Letztern
entzog  der  Kaiser  die  Verwaltung  Kärnthens  und  verlieh  sie  in
widerruflicher  Weise  an  Otto,  den  Sohn  des  Herzogs  Konrad
von  Rheinfranzien  und  Lothringen.  Ueber  das  Loos,  welches
Berthold  von  Scheyern  getroffen,  wird  nirgends  berichtet.
Vermuthlich  war  auch  er  bei  der  Erstürmung  Passau's  dem
Kaiser  in  die  Hände  gefallen  und  wurde  bis  zu  seinem  Tode
(982)  gefangen  gehalten,  ohne  daß  seine  Allodialgüter  eingezogen
wurden;  seine  Nachkommen  blieben  fast  zwei  Jahrhunderte  (bis
1180)  von  der  herzoglichen  Würde  Bayerns  ausgeschlossen  und

*)  Bischof  Wolfgang  hat  entweder  das  Ansinnen  des  Herzogs  Heinrich
  II  zurückgewiesen,  oder  er  hielt  sich  damals  gerade  an  dem  Obersee
im  Salzburgischen,  seinem  Lieblingsorte,  auf,  wo  noch  seine  Einsiedelei  verehrt
  wird.
        <pb n="70" />
        54  Bayern  unter  d.  Luitpold.  Heinrich  III  od.  Hezilo.

lebten  in  Zurückgezogenheit  anfänglich  zu  Scheyern,  später  zu
Wittelsbach?).

Als  der  Friede  in  Deutschland  gesichert  erschien,  trat  Kaiser
Otto  II  einen  Zug  gegen  die  Sarazenen  in  Jtalien  an.
Herzog  Otto  von  Bayern,  der  ihn  begleitete,  empfing  dort
mehrere  Wunden,  denen  er  auf  dem  Rückwege  zu  Lucca
(31.  Okt.  982)  erlag.

32.  Auf  dringendes  Bitten  der  Bayern  gab  nun  der
Kaiser  den  Luitpoldinger  Hezilo  frei  und  verlieh  ihm  (983)
das  Herzogthum  Bayern  nebst  Kärnthen  als  Amtslehen,  das  er
unter  dem  Namen  Heinrich  III  oder  der  Jüngere  (983—985)
bekleidete.  Ehe  das  Jahr  983  zu  Ende  ging,  starb  Kaiser
Otto  II  zu  Rom  mit  Hinterlassung  eines  dreijährigen  Sohnes,
Otto  III,  der  schon  bei  Lebzeiten  des  Vaters  zum  Nachfolger
auf  dem  deutschen  Königsthrone  gewählt  worden  war.  Heinrich
  II  entkam  um  diese  Zeit  seiner  Haft,  bemächtigte  sich  zu
Köln  der  Person  des  jungen  Königs  und  behauptete,  daß  ihm
als  Großoheim  und  nächsten  Agnaten  Otto's  III  während
dessen  Minderjährigkeit  die  Vormundschaft  und  die  Verwesung
des  Reiches  zustehe.  Die  alte  Hoffnung,  sich  auf  den  deutschen
Thron  zu  schwingen,  lebte  mit  einem  Male  wieder  in  ihm  auf,
und  er  ließ  es  geschehen,  daß  ihn  eine  Partei  der  sächsischen
Großen  zu  Quedlinburg  (984)  als  deutschen  König  ausrief.
Nach  längeren  Unterhandlungen  mit  seinen  Widersachern  verstand
sich  Heinrich  II  gegen  die  Zusage,  daß  ihm  Bayern  als

*)  Die  Nachkommen  Bertholds  bis  zu  Otto  VI  (I1),  dem  Großen:
Berthold  oder  Werner,
Graf  von  Scheyern,  882.
—-..  —  ——

Otto  I,  Tx  10127
Otto  II,  Graf  v.  Scheyern,  Wolfram,  Graf  von

 

 

+  o  1077.  Abenberg.
Eckard,  Graf  v.  Scheyern,  Bernhard,  Otto  III,  Arnold,
+  1098  (1101).  4  1103.  1124.  1  1077.
-  —  —
Otto  IV,  Pfalzgraf  in  Bayern,  erbaut  Otto  V.

Wittelsbach,  1  1155.
Otto  VI  (10,  der  Große,  wird  1180  Herzog  in  Bayern.
        <pb n="71" />
        Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  II,  d.  Zänker.  55

Herzogthum  zurückgegeben  werde,  zur  Ablegung  des  Königstitels
und  zur  Herausgabe  des  kaiserlichen  Prinzen,  welch'  letztere  (am
29.  Juli  984)  zu  Stor  an  der  Werra  erfolgte.  Mit  Hezilo
oder  Heinrich  III,  der  anfänglich  die  verlangte  Abtretung
Bayerns  verweigerte,  fand  man  sich  dadurch  ab,  daß  ihm  Kärnthen,
  welches  Otto  von  Rheinfranzien  bisher  verwaltet,
als  ein  von  Bayern  unabhängiges  Herzogthum  überlassen  wurde.

33.  Heinrich  II  (985—  995)  lebte  von  der  Zeit  an,
wo  er  wieder  zum  Herzoge  Bayerns  erhoben  worden  war,
friedlich  zu  Regensburg  und  auf  seiner  Burg  zu  Abbach,
blieb  mit  dem  Herzoge  Hezilo  von  Kärnthen  und  mit  dem
Könige  Otto  III  (983—  1002)  in  gutem  Vernehmen  und  ward
fortan  nicht  mehr  „der  Zänker“,  sondern  „der  Friedfertige"  zugenannt.


Zu  den  verdienstlichsten  Unternehmungen,  die  seine  zweite
Regierungszeit  ausfüllen,  gehört  die  Ordnung  und  Neugestaltung
der  Verhältnisse,  welche  er  in  der  Ostmark  herbeigeführt  hat.
Diese  Mark,  welche  seit  dem  unglücklichen  Kampfe  des  Markgrafen
Luitpold  gegen  die  Ungarn  (907)  für  Bayern  so  viel  als  verloren
  war,  hatte  Kaiser  Otto  I  nach  der  Niederlage,  die  er  den
Ungarn  auf  dem  Lechfelde  (955)  beigebracht,  wiederhergestellt
und  dem  Grafen  Burkhard  von  Geisenhausen,  der  mit
Adelheid,  der  Tochter  des  bayerischen  Herzogs  Arnulf  I,  vermählt
  war,  verliehen.  Nachdem  dieser  Burkhard  in  der  Schlacht
bei  Basantello  (982)  den  Tod  gefunden  hatte,  war  die  Ostmark
  an  Leopold  I  aus  dem  gräflichen  Hause  der  Babenberger
  übergegangen,  der  die  Ungarn  mehrmals  zurückschlug  und
die  Mark  östlich  bis  zum  Kahlenberg  und  gegen  Mähren  bis
Stockerau  erweiterte.  Mit  diesem  Leopold,  der  als  der
eigentliche  Begründer  des  nunmehrigen  Oesterreichs  anzusehen  ist
und  darum  „der  Erlauchte“  heißt,  waren  die  Bischöfe  Bayerns,
namentlich  Piligrim  von  Passau,  wegen  ihrer  Gerechtsame
über  ihre  in  der  Ostmark  befindlichen  Unterthanen  in  Streit  gerathen
  und  führten  darüber  öffentliche  Klage  beim  König  Otto  III.
Zur  Beilegung  des  Zwistes  schrieb  Heinrich  II  (985)  einen
Landtag  nach  Tuln  in  der  Ostmark  aus,  auf  welchem  alle
        <pb n="72" />
        56  Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  IV.

bayerischen  Bischöfe,  der  Markgraf  Leopold  und  viele  Grafen  und
Herren  erschienen.  Der  Kirche  von  Passau  wurden  ihre  in  der
Ostmark  gelegenen  Besitzungen  auf's  neue  eidlich  ausgewiesen,
und  vom  Könige  auf  die  Verwendung  der  beiden  Herzöge  hin
den  freien  Leuten,  die  auf  den  Gütern  der  passauischen  Kirche
in  Ostbayern  saßen,  die  Befreiung  von  dem  weltlichen  Gerichte
und  von  den  allgemeinen  Abgaben  an  das  deutsche  Reich  bewilligt.

Der  in  das  Jahr  989  oder  990  fallende  Tod  des  Herzogs
Hezilo  von  Kärnthen,  mit  welchem  der  jüngere  Zweig  des
Luitpold'schen  Hauses  erlosch,  brachte  Kärnthen  mit  der  Mark
Friaul  (Istrien  und  Verona)  wieder  mit  Bayern  in  Verbindung,
  aber  nur  auf  die  wenigen  Jahre,  die  Herzog  Heinrich  II
von  Bayern  noch  zu  leben  hatte.  Er  erkrankte  auf  einem
Reichstage  zu  Magdeburg  und  starb  bei  seiner  Schwester
Gerbirga,  Aebtissin  von  Gandersheim,  am  28.  August  995.

##  34.  Ihm  folgte  in  der  Regierung  sein  Sohn  Heinrich
(später  heilig  gesprochen)  als  der  vierte  dieses  Namens  (995
—1004),  weil  Hezilo  als  Heinrich  III  mitgezählt  wird.  Das
Herzogthum  Kärnthen  mit  der  Mark  Friaul  wurde  bei  dieser
  Gelegenheit  von  Bayern  wieder  getrennt  und  an  Otto  von
Rheinfranzien,  der  es  schon  früher  (978—985)  einmal  inne
hatte,  vergeben.  Seitdem  sind  Bayern  und  Kärnthen  nur  ein
Mal  noch,  und  da  nur  auf  kurze  Zeit  (1342  —  1349  unter
Ludwig  V,  dem  Brandenburger,)  vereinigt  worden.

Herzog  Heinrich  IV  begleitete  den  Kaiser  Otto  III  auf  seinem
zweiten  und  dritten  Römerzuge  (998  u.  999—1001)  und  feierte
nach  seiner  Rückkehr  von  dem  letztern  noch  im  I.1001  die  Vermählung
  seiner  Schwester  Gisela  mit  dem  König  Stephan  dem
Heiligen  von  Ungarn,  der  (977)  mit  seinem  Vater  Geysa
zum  Christenthume  übergetreten  war  und  dadurch  den  Eintritt  der
Ungarn  in  die  Reihe  der  cultivirten  Völker  vermittelte.  Als  Kaiser
Otto  III  im  Jahre  1002  ohne  Erben  starb,  erneuerte  Herzog
Heinrich  1IV  die  ehrgeizigen  Bestrebungen  seines  Vaters,  die
deutsche  Königskrone  zu  erlangen,  aber  nur  die  bayerischen,
fränkischen  und  oberlothringischen  Großen  betheiligten  sich
an  seiner  Erhebung  auf  den  deutschen  Thron,  den  er  als  der
        <pb n="73" />
        Bayern  unter  dem  Sachsen  Heinrich  IV.  57

Zweite  seines  Namens  (1002)  bestieg"“).  Den  gefährlichsten
Widersacher  bekam  König  Heinrich  IV  (1002—1024)  an  dem
Sohne  des  982  verstorbenen  Markgrafen  Berthold  aus  dem
babenberg'schen  Hause,  dem  Grafen  Heinrich  (Hezilo)  von
Schweinfurt,  Ammerthal  und  Hersbruck,  der  auch  den
Titel  „Markgraf  vom  Nordgau“  führte.  Dieser  hatte  die
Wahl  Heinrichs  eifrig  betrieben,  in  der  Hoffnung,  es  werde  ihm
nach  dessen  Erhebung  auf  den  deutschen  Thron  das  Herzogthum
  Bayern  übertragen  werden.  Aber  König  Heinrich
wollte  davon  nichts  wissen  und  wies  des  Markgrafen  Bitte  um
das  Herzogthum  Bayern  unter  dem  Vorwande  ab,  daß  er
den  Großen  Bayerns  ihr  althergebrachtes  Recht,  ihre  Herzöge
selbst  zu  wählen,  nicht  antasten  dürfe.  Der  erzürnte  Markgraf
Heinrich  verband  sich  nun  mit  Boleslaus,  dem  Herzoge
von  Polen  und  Böhmen,  mit  des  Königs  Heinrich  II  Bruder
Bruno  und  mit  Ernst,  dem  Sohne  des  Markgrafen  Leopold
des  Erlauchten  von  der  Ostmark.

Heinrich  II  war  in  dem  Kampfe,  der  sich  zwischen  ihm
und  dem  Markgrafen  Heinrich  entspann,  ungewöhnlich  vom
Glücke  begünstigt:  die  feindliche  Veste  Ammerthal  bei  Amberg
wurde  von  seinen  Leuten  genommen  und  geschleift,  Crana
(Goldkronach)  zündete  der  Markgraf  Heinrich  selbst  an,
Schweinfurt,  wo  des  Markgrafen  hochbetagte  Mutter  Eilswinde
  wohnte,  wurde  verwüstet  und  Creussen,  wohin  sich
Gerbirga,  des  Markgrafen  Gemahlin,  zurückgezogen,  mußte
sich  ergeben.  Die  Verbündeten  ergriffen  nach  solchen  Verlusten
die  Flucht  in  die  Wälder.  Ernst  wurde  gefangen  und  zum
Tode  verurtheilt,  aber  auf  Bitten  des  Erzbischofes  Willigis
von  Mainz  begnadigt  und  sogar  zum  Herzog  von  Schwaben
erhoben.  Bruno  und  Heinrich,  die  entkommen  waren,  fanden
später  ebenfalls  Gnade.  Ersterer  kam  auf  den  bischöflichen.
Stuhl  von  Augsburg,  und  Heinrich  gelangte  wieder  in  den
Besitz  seiner  markgräflichen  Würde  und  seiner  Hausgüter.

*)  Im  Leben  des  hl.  Wolfgang  liest  man,  Heinrich  habe  eine  Vision
gehabt,  worin  ihm  der  nicht  lange  vorher  verstorbene  Bischof  Wolfgang
seine  Erhebung  zum  König  vorher  verkündete,  indem  er  an  die  Wand  die
Worte  schrieb:  post  sex.
        <pb n="74" />
        58  Bayern  unter  Heinrich  V,  dem  Luxemburger.

Nachdem  der  Friede  gesichert  war,  erschien  König  Heinrich
  II  (1004)  zu  Regensburg,  legte  das  Herzogthum
Bayern  feierlich  nieder  und  verlieh  es  unter  Zustimmung  der
bayerischen  Großen  dem  Bruder  seiner  Gemahlin  Kunigunde,
dem  Heinrich  von  Luxemburg.

35.  Herzog  Heinrich  V  (1004—  1008)  zerfiel  sehr
bald  mit  seinem  Schwager,  dem  König  Heinrich  II.  Dieser,
der  Geistlichkeit  sehr  geneigt,  gedachte  aus  den  von  seinem  Vater
ererbten  babenberg'schen  Gütern  zu  Bamberg  ein  Bisthum
zu  stiften.  Der  Bischof  Bruno  von  Augsburg  und  Herzog
Heinrich  V  von  Bayern  traten  diesem  Vorhaben  entgegen,
jener,  weil  er  als  nächster  Agnat  des  Königs  einen  Theil  dieser
Güter  zu  erben  hoffte,  dieser,  weil  der  König  die  fraglichen
Güter  seiner  Schwester  Kunigunde  angeheirathet  hatte.  Zugleich
  mit  ihnen  widersetzten  sich  die  beiden  benachbarten  Bischöfe
von  Eichstätt  und  Würzburg,  denn  durch  die  Errichtung  des
Bisthums  Bamberg  war  der  bisherige  Umfang  ihrer  Sprengel
bedroht.  Den  Bischof  Heinrich  von  Würzburg  brachte  der
König  dadurch  auf  seine  Seite,  daß  er  ihm  ein  Stück  (150
Hufen)  Landes  in  der  Meinungen-Mark  überließ  und  die  Erhebung
  seines  Bisthums  zu  einem  Erzbisthum,  dem  Bamberg
untergeordnet  werden  sollte,  in  Aussicht  stellte.  Als  hierauf
(1007)  eine  päpstliche  Bulle  erschien,  welche  das  neue  Bisthum
bestätigte,  ließ  auch  der  Bischof  Bruno  von  Augsburg  und
der  Bischof  Megingaud  von  Eichstätt  vom  Widerstande  ab,
nur  Herzog  Heinrich  V  fuhr  fort,  dem  Vorhaben  des  Königs
hindernd  zu  begegnen.

Bald  trat  noch  ein  anderes  Ereigniß  ein,  welches  die  Kluft
zwischen  dem  Könige  und  dem  Herzoge  erweiterte  und  des
Letztern  Sturz  nach  sich  zog.  Die  Domherren  zu  Trier  hatten
Adalbero,  den  Bruder  Heinrichs  V,  zum  Erzbischof  von  Trier
erwählt.  König  Heinrich  II  versagte  ihm  die  Bestätigung  und
ernannte  Maingard,  den  Kämmerer  des  Erzbischofs  Willigis
von  Mainz,  für  diese  Stelle.  Da  Adalbero  sich  mit  Gewalt
im  Besitze  des  Erzbisthums  zu  erhalten  suchte  und  sich  in  Trier
verschanzte,  zog  der  König  mit  einem  Heere  dahin  und  belagerte
diese  Stadt.  Mit  dem  Könige  zog  vermöge  seiner  Lehenspflicht
        <pb n="75" />
        Bayern  unter  König  (Kaiser)  Heinrich  II.  59

auch  Herzog  Heinrich  V  von  Bayern.  Als  nun  Adalbero
in  Gefahr  kam,  dem  Könige  in  die  Hände  zu  fallen,  da  rettete
ihn  die  List  seines  Bruders,  des  Herzogs  Heinrich  V  von
Bayern.  Dadurch  wurde  der  König  dergestalt  gegen  seinen
Schwager  erbittert,  daß  er  ihn  auf  einem  Reichstage  zu  Regensburg
  seines  Herzogthums  entsetzte  (1008).

36.  Bayern  hatte  nun  durch  neun  Jahre  (1008—1017)
keinen  Herzog,  sondern  wurde  unmittelbar  von  dem  Oberhaupte
des  deutschen  Reiches  regiert.  Der  abgesetzte  Herzog  verband  sich
zwar  mit  dem  luxemburg'schen  Hause  und  machte  einen  Versuch,
  sich  im  Besitze  des  Herzogthums  durch  die  Gewalt  der
Waffen  zu  behaupten,  allein  es  gelang  ihm  nicht,  und  auch  seine
wiederholten  gütlichen  Vorstellungen  führten  nicht  zum  Ziele.
Erst  im  Jahre  1017  erfolgte  auf  Betrieb  des  Erzbischofs  Poppo
von  Trier  die  Aussöhnung  und  Wiedereinsetzung  Heinrichs  V.
in  das  Herzogthum  Bayern,  nachdem  dieser  des  Kaisers  Liebling,
den  Herzog  Theodorich  von  Lothringen,  frei  gegeben  und
sich  anheischig  gemacht  hatte,  das  Bisthum  Bamberg  im  Besitze
aller  ihm  gemachten  Schankungen  zu  lassen.

Bayern  verlor  um  diese  Zeit  zwei  seiner  mächtigsten  Fürsten,
den  Markgrafen  Heinrich  vom  Nordgau  und  den  Babenberger
Heinrich,  der  seinem  Vater  Leopold  dem.  Erlauchten  in  der
Ostmark  gefolgt  war.  Jener  starb  1017  auf  seinem  Stamm-Schlosse
  Schweinfurt,  dieser  im  Jahre  1018  und  ward  zu
Mölk  bestattet.  Beiden  folgten  in  den  Stammgütern  die  natürlichen
  Leibeserben,  ersterem  der  Sohn  Otto,  letzterem  sein
Bruder  Adalbert,  bisher  Graf  im  Donaugau.

37.  Herzog  Heinrich  V  verwaltete  Bayern  von  seiner
Wiedererhebung  an  noch  gegen  neun  Jahre  (1017  —  1026)  und
bewahrte  diese  ganze  Zeit  hindurch  mit  dem  Bischofe  Eberhard
von  Bamberg,  der  mit  ihm  und  dem  Kaiser  Heinrich  II
verwandt  war,  das  beste  Einvernehmen.  Als  im  Jahre  1024
Kaiser  Heinrich  auf  einer  Reise  durch  Sachsen  zu  Krona  bei
Göttingen  starb,  traten  die  Großen  des  Reiches,  darunter  auch
Heinrich  V,  auf  einer  Ebene  bei  Mainz  zur  Wahl  eines
neuen  Königs  zusammen  und  übertrugen,  da  mit  Heinrich  II
        <pb n="76" />
        60  Bayern  unter  dem  Luxemburger  Heinrich  V.

das  sächsische  oder  Ottonische  Regentenhaus  erloschen  war,
die  Herrschaft  über  das  deutsche  Reich  von  Neuem  an  den  Stamm
der  Franken.  Von  jenem  Konrad  dem  Rothen,  der  auf
dem  Lechfelde  im  Kampfe  gegen  die  Ungarn  den  Heldentod
gestorben  war,  lebten  zwei  Urenkel,  die  Bruderssöhne  waren  und
beide  Konrad  hießen.  Der  Eine  derselben,  Konrad  der  Aeltere,
  der  Gisela,  die  Wittwe  des  obengenannten  Herzogs  Ernst  1
von  Schwaben,  geehlicht  hatte,  erfreute  sich  großer  Unterstützung
in  Schwaben,  Bayern  und  Sachsen,  der  andere,  Konrad
der  Jüngere,  dessen  Vater  Herzog  in  Kärnthen  gewesen,
hatte  in  den  Rheinländern  großen  Anhang,  doch  neigte  sich
die  Mehrzahl  der  Stimmen  dem  ältern  Konrad  zu.  Dieser
bewog  seinen  Vetter,  ihn  sofort  anzuerkennen,  wenn  die  Wähler
ihn  ernennen  würden,  und  versprach  ihm  das  Gleiche.  Die  Mehrzahl
  wählte  nach  Vorgang  des  Erzbischofes  von  Mainz  den
ältern  Konrad,  der  sogleich  in  Mainz  gekrönt  wurde  (1024—
1039).  Herzog  Heinrich  von  Bayern  überlebte  diese  Wahl
nicht  ganz  zwei  Jahre:  er  starb  im  Sommer  des  Jahres  1026
ohne  Erben.  Sein  und  seiner  Gemahlin  Maria  Leichnam
ruhen  in  den  Grüften  des  Klosters  Osterhofen,  welches  dem
herzoglichen  Paare  seine  Wiedererstehung  verdankt.

Prittes  Bapitel.

Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  fränkischsalischen,
  zütphen'schen  und  nordheimischen
Hause  (1026  —  1070)  7).

38.  Da  der  deutsche  König  Konrad  II  als  Begründer
einer  neuen  Dynastie  vom  Beginne  seiner  Regierung  an  darauf

*)  Während  dieser  Zeit  bekleideten  die  herzogliche  Würde  Bayerns:
Heinrich  VI,  ein  Salier,  1027—1040.
Heinrich  VII,  der  Luxemburger,  1040—1047.
Konrad  von  Zütphen  1049—1053.
Heinrich  VIII,  ein  Salier,  1053—1056.
Konrad,  ein  Salier,  1056.
Agnes,  des  Kaisers  Heinrich  III  Wittwe,  1056—1061.
Otto  von  Nordheim  1061—1070.
        <pb n="77" />
        Bayern  unter  dem  Salier  Heinrich  VI.  61

bedacht  war,  die  herzogliche  Gewalt  im  deutschen  Reiche  ganz  zu
beseitigen  und  das  Königthum  erblich  zu  machen,  so  brachte  er
für  die  (durch  den  Tod  Heinrichs  V)  erledigte  herzogliche  Würde
Bayerns  den  zu  Regensburg  versammelten  Großen  dieses
Landes  nicht  einen  der  Reichsfürsten,  sondern  seinen  zehnjährigen
Sohn  Heinrich  in  Vorschlag  (1027).  Vergeblich  suchte  der
Ungarnkönig  Stephan  I1  seinen  Sohn  Emmerich,  den  ihm
Gisela,  die  Schwester  des  Kaisers  Heinrich  II,  geboren  hatte,
als  nächsten  Verwandten  und  Erben  des  hingeschiedenen  Bayern=Herzogs
  für  diese  Würde  zu  empfehlen:  die  bayerischen  Großen
wählten  einstimmig  den  jungen  Heinrich  und  räumten  für  die
Dauer  seiner  Minderjährigkeit  dessen  Vater  Konrad  II  das
Recht  ein,  Bayern  unmittelbar  zu  verwalten.

Der  neue  Bayernherzog  Heinrich  VI  (1027—1040),  den
sein  Vater  schon  am  14.  April  1028  in  Aachen  zum  deutschen
König  salben  ließ,  ward  anfänglich  unter  der  Leitung  des  Bischofes
  Bruno  von  Augsburg,  und  nach  dessen  Tod  (1029)
unter  der  Leitung  des  Bischofes  Egilbert  von  Freysing  auf
der  Burg  Andechs  erzogen.  An  der  Verwaltung  Bayerns  gestattete
  ihm  sein  Vater  viele  Jahre  hindurch  gar  keinen  Antheil,
damit  die  Gegner  des  Kindes,  durch  des  Vaters  keiserliches
Ansehen  geschreckt,  keine  Auflehnung  wagten.

Am  meisten  hatte  der  Kaiser  in  dieser  Hinsicht  von  dem
Herzoge  Ernst  II  von  Schwaben  zu  befürchten,  den  ihm  seine
Gemahlin,  Gisela'),  die  Wittwe  des  Babenbergerherzogs  Ernst  I,
in  die  Ehe  gebracht  hatte.  Dieser  hegte  tiefen  Unmuth  wegen
Burgunds,  auf  welches  er  als  der  ältere  Sohn  der  Gisela
aus  ihrer  Ehe  mit  dem  Markgrafen  Ernst  1  von  der  Ostmark
nähere  Ansprüche  zu  haben  glaubte,  als  sein  Stiefvater  Konrad

*)  Diese  Gisela,  nicht  zu  verwechseln  mit  der  gleichnamigen  Schwester
des  Kaisers  Heinrich  I,  die  den  Ungarnkönig  Stephan  I  zum  Gemahl  hatte,
war  aus  der  Ehe  des  Schwabenherzogs  Hermann  II  mit  Gerberga,  des
burgundischen  Königs  Konrad  Tochter,  entsprossen.  Sie  war  zuerst  mit
dem  Markgrafen  Bruno  II  von  Sachsen  verehelicht,  dem  sie  einen  Sohn,
Ludolf,  schenkte,  dann  mit  dem  Markgrafen  Ernst  I  von  der  Ostmark,
dem  sie  zwei  Söhne,  Erust  II  und  Hermann  IV,  gebar,  zuletzt  mit  Konrad
  II,  dem  Salier,  dem  sie  den  nachmaligen  Kaiser  Heinrich  III  gebar.
        <pb n="78" />
        62  Bayern  unter  dem  Salier  Heinrich  VI.

und  dessen  Sohn  Heinrich,  denen  Rudolf  von  Burgund
die  Erbfolge  zugesagt  hatte.  Der  Mißvergnügte  zettelte  einen
Aufruhr  an,  an  dem  sich  der  schwäbische  Graf  Rudolf  Welf,
der  Stammherr  des  berühmten  Welfischen  Hauses,  und  Werner
von  Kiburg  (einer  Burg  bei  Zürich)  betheiligten.  Nach  großen
Anstrengungen  von  beiden  Seiten  ergab  sich  Ernst  II  auf  Gnade
und  Ungnade  seinem  Vater,  der  ihn  nach  Sachsen  auf  die  Veste
Gibichenstein  bei  Halle  bringen  ließ.  Auch  Welf  wurde  in
Haft  gebracht,  nur  Werner  von  Kiburg  entkam  durch  eilige
Flucht.  Nach  zweijähriger  Haft  (1029)  wurde  Ernst  II  auf
die  Fürsprache  seiner  Mutter  wieder  in  Freiheit  gesetzt,  aber  schon
ein  Jahr  darauf  geächtet  und  seiner  Güter  beraubt,  weil  er  die
Verfolgung  seines  Freundes,  des  Werner  von  Kiburg,  nicht
unterstützte.  Da  floh  der  Geächtete  zu  seinem  Freunde  Werner
und  trieb  sich  als  Räuber  in  den  Schluchten  des  Schwarzwaldes
herum,  bis  er  von  dem  Grafen  Mangold  von  Nellenburg
(1030)  erschlagen  wurde.  Sein  Leichnam  wurde  in  der  St  Marienkirche
  zu  Constanz,  später  in  der  Familiengruft  zu  Roßstall
  (in  Franken  unweit  von  dem  Kloster  Heilbronn)  beigesetzt?).
Das  erledigte  Herzogthum  Schwaben  verlieh  der  Kaiser  noch
im  Jahre  1030  seinem  jüngern  Stiefsohne,  Hermann  (IV),  für
den  es  der  Graf  Mangold  seit  der  Aechtung  des  unglücklichen
Ernst  II  verwaltet  hatte.

In  demselben  Jahre  empörte  sich  auch  der  König  von  Ungarn,
  Stephan  I,  in  der  Hoffnung,  das  Herzogthum  Bayern
auf  diesem  Wege  für  seinen  Sohn  Emmerich  zu  gewinnen.
Sobald  er  aber  Konrads  Ueberlegenheit  inne  geworden,  bat
er  um  Frieden  und  erhielt  ihn  gegen  das  Versprechen,  nie  wieder
auf  Bayern  Ansprüche  zu  erheben.

Im  Jahre  1033  ließ  Kaiser  Konrad  seinen  Sohn  Heinrich
  auf  einer  Versammlung  zu  Regensburg  für  großjährig
erklären  und  setzte  ihn  außer  Aufsicht  seines  bisherigen  Hofmeisters,
  des  Bischofs  Egilbert  von  Freysing.  Der  sechzehnjährige
  Jüngling  führte  unmittelbar  darauf  eine  bayerische  Armee
nach  Böhmen,  während  sein  Vater  auf  die  Unterwerfung
Burgunds  ausging  und  die  Herrschaft  der  deutschen  Könige
über  das  Reich  Arelat  zu  befestigen  suchte.  Es  gelang  dem
        <pb n="79" />
        Bayern  unter  dem  Luxemburger  Heinrich  VII.  63

jungen  Könige,  den  Herzog  Ulrich  (Othelrich)  von  Böhmen
und  alle  Gegner  seines  Vaters  in  diesem  Lande  zu  überwältigen
und  zur  Erfüllung  der  Lehenspflichten  zu  zwingen.  Auf  den
Wunsch  seines  Vaters  verehelichte  sich  Heinrich  VI  (1036)
mit  Chunelinde,  der  Tochter  des  mächtigen  Eroberers  Knut,
und  führte  sie  mit  sich  auf  einem  Zuge  seines  Vaters  nach
Italien,  wo  allenthalben  bedenkliche  Unruhe  herrschte.  Nachdem
  der  Kaiser  mit  seiner  ganzen  Familie  über  ein  Jahr  dort
geweilt,  brach  eine  ansteckende  Krankheit  aus,  welche  die  Königin
  Chunelinde,  den  Herzog  Hermann  IV  von  Schwaben
  und  einen  großen  Theil  des  Heeres  dahinraffte  (1038).
Nach  seiner  Rückkehr  aus  Italien  verlieh  der  Kaiser  das  erledigte
Herzogthum  Schwaben  an  seinen  Sohn  Heinrich  VI,  und
etwas  später  auch  das  Königreich  Burgund.  Da  der  Kaiser
schon  zwei  Jahre  vorher  das  durch  die  Aechtung  des  Herzogs
Adalbert  erledigte  Herzogthum  Kärnthen  und  die  Markgrafschaft
  Istrien  an  seinen  Neffen,  Kourad  den  Jüngern,
übergeben  hatte,  so  waren  nun  fast  alle  großen  Reichsämter  im
Besitze  der  salischen  Familie.  Leider  hatte  auch  der  Kaiser
seine  Gesundheit  in  Italien  eingebüßt.  Er  starb  in  Utrecht,
wo  er  das  Pfingstfest  feierte,  am  4.  Juni  1039.  Sein  Leichnam
wurde  nach  Speier  gebracht  und  in  dem  dortigen  Dome,  zu
welchem  dieser  Kaiser  selbst  (1030)  den  Grundstein  gelegt  hatte,
beigesetzt.  Sein  Sohn,  der  Bayernherzog  Heinrich  VI,  bestieg
als  Heinrich  III  (1039—1056)  den  deutschen  Thron  und  vergab
  im  Jahre  1040  das  Herzogthum  Bayern  an  Heinrich  von
Luxemburg,  dessen  Vater,  Friedrich,  ein  Bruder  des  früheren
bayerischen  Herzogs  Heinrich  V  aus  dem  Hause  Luxemburg
gewesen  war.

39.  Heinrich  VII,  der  Luxemburger  (1040  —  1047),
hatte  mit  seinen  Bayern  drei  Jahre  (1042  —  1044)  an  dem
Kriege  Theil  zu  nehmen,  den  die  Thronstreitigkeiten  in  Ungarn
hervorriefen.

Hier  war  König  Stephan  1,  der  Heilige,  (1038)  ohne  Erben
gestorben.  Peter,  der  Sohn  von  Stephans  Schwester  Gisela,  die
mit  einem  burgundischen  Prinzen  Namens  Wilhelm  verheirathet
war,  erhielt  durch  Vermittlung  Gisela's,  der  Wittwe  Stephans  I,
        <pb n="80" />
        64  Bayern  unter  Konrad  von  Zütphen.

den  ungarischen  Thron.  Diesen  verdrängte  (1041)  Samuel
Aba,  ein  vornehmer  Ungar,  der  Sarola,  Stephans  I  jüngste
Schwester,  zur  Gemahlin  hatte.  Der  verdrängte  Peter  suchte
zuerst  beim  Markgrafen  Adelbert  von  Oesterreich,  dem
Gemahl  seiner  Tochter  Adelheid,  und  dann  bei  Kaiser  Heinrich
  III  Hilfe.

Die  Ungarn,  welche  für  den  Thronräuber  Samuel  Aba
gegen  ihren  rechtmäßigen  König  Peter  kämpften,  mußten  nach
einer  großen  Niederlage  an  der  Raab  (6.  Juli  1044)  Peter
wieder  als  König  annehmen  und  ihr  Land  als  Lehen  des  deutschen
Reiches  anerkennen  :6)0.  Samuel  Aba  wurde  gefangen,  durch
ein  Kriegsgericht  zum  Tode  verurtheilt  und  enthauptet.

Heinrich  VII  starb  auf  einem  Feldzuge,  den  er  drei  Jahre
nach  dem  Kriege  mit  Ungarn  gegen  den  aufrührerischen  Herzog
Gottfried  den  Bärtigen  von  Niederlothringen  (1047)  unternahm.
  Der  Kaiser  ließ  das  Herzogthum  Bayern  länger  als
ein  Jahr  (vom  Oktober  1047  bis  Februar  1049)  unbesetzt,  in
der  Hoffnung,  es  werde  ihm  ein  Sohn  geboren  werden,  den  er
mit  diesem  Herzogthume  zu  belehnen  gedachte.  Als  ihm  aber
seine  Gemahlin  Agnes  statt  des  erwarteten  Sohnes  ein  Mädchen
zur  Welt  brachte,  ernannte  er  zu  Regensburg  (1049)  einen
bayerischen  Herzog  in  der  Person  des  lothringischen  Grafen
Konurad,  der  von  seiner  Mutter  Mathilde,  einer  Tochter  des
Grafen  von  Zütphen  im  heutigen  Königreiche  der  Niederlande,
den  Titel  „Graf  von  Zütphen“  führte.

#  40.  Graf  Konrad  von  Zütphen,  als  bayerischer  Herzog
Konrad  I1  (1049  —  1053),  führte  in  Verbindung  mit  des  Kaisers
  Oheim,  dem  Bischofe  Gebhard  von  Regensburg,  und.
dem  Markgrafen  Adelbert  von  Oesterreich  einen  neuen  Krieg
gegen  die  Ungarn  (1050),  welchen  der  Papst  Leo  IX,  vormals
  Bischof  Bruno  von  Toul,  durch  sein  persönliches  Erscheinen
zu  Preßburg  (1052)  beilegte.  Von  Preßburg  ging  Paypst
Leo  IX  mit  dem  Kaiser  nach  Regensburg.  Dort  nahm
dieser  Papst  die  Heiligsprechung  der  Regensburger  Bischöfe  Erhard
  und  Wolfgang  vor,  erkannte  die  Reliquien  Dionys  des
Areopagiten  in  St.  Emmeram  als  êcht  an  und  weihte  in  der
Achkirche  (ober  den  Schwibbögen  beim  heutigen  Rathhaus)  den
        <pb n="81" />
        Bayern  unter  dem  Salier  Heinrich  VIII.  65

St.  Simons-Altar  ein.  In  der  Nähe  Regensburgs  weihte  derselbe
  Papst  die  Kirchen  zu  Kager  und  Bruckdorf  ein.

Bald  darauf  brachen  Unruhen  zwischen  dem  Herzog  Konrad
  1  und  dem  Bischof  Gebhard  von  Regensburg  aus,
weil  der  Erstere  das  zum  Hochstifte  gehörige  Parkstein  (in  der
heutigen  Oberpfalz)  wegnahm.  Der  Kaiser  lud  den  übermüthigen
Herzog  wegen  dieses  Gewaltstreiches  zur  Verantwortung  auf  den
Fürstentag  nach  Tribur.  Als  Konrad  hier  nicht  erschien,  entsetzte
ihn  der  Kaiser  zu  Merseburg  (1053)  des  Herzogthums  Bayern
und  verlieh  dieses  (zu  Weihnachten  1053)  seinem  erst  im  Jahre
1050  gebornen  Sohne  Heinrich,  den  er  vorher  noch  zu  Tribur
als  deutschen  König  hatte  wählen  lassen.

#  41.  Der  Kaiser  erkor  den  Bischof  Gebhard  von  Eichstätt
  zum  Verweser  des  Herzogthums  Bayern  und  machte  ihn
zugleich  zum  Hofmeister  seines  unmündigen  Sohnes,  des  Bayern-Herzogs
  Heinrich  VIII  (1053  —  1061),  den  er  im  Jahre  1054
zu  Aachen  als  deutschen  König  krönen  ließ.  Auf  die  Nachricht,
daß  Papst  Leo  IX  gestorben  sei,  bewirkte  der  Kaiser,  daß  der
Hofmeister  seines  Sohnes,  der  Bischof  Gebhard  von  Eichstätt,
unter  dem  Namen  Viktor  II  auf  den  päßpstlichen  Stuhl  erhoben
wurde,  und  brach  im  Jahre  1055  selbst  nach  Rom  auf.

Auf  dem  Wege  dahin  trennten  sich  von  ihm  mehrere  Große,
unter  ihnen  der  Oheim  des  Kaisers  selbst,  Bischof  Gebhard
von  Regensburg,  und  der  reichbegüterte  Welf,  der  seit  1047
mit  dem  Herzogthum  Kärnthen  belehnt  war.  Sie  kehrten
eiligst  nach  Deutschland  zurück  und  fingen  hier  in  Vereinigung
mit  dem  vertriebenen  Herzog  Konrad  von  Zütphen,  der  sich
nach  seiner  Entsetzung  zu  König  Andreas  von  Ungarn
geflüchtet  hatte,  große  Unruhen  an.  Der  (noch  1055)  aus
Italien  heimkehrende  Kaiser  unterdrückte  diese  Unruhen  bald
wieder.  Seinen  Oheim,  den  Bischofs  Gebhard  von  Regensburg,
  ließ  er  verhaften,  gab  ihn  aber  bald  wieder  los.
Konrad  von  Zütphen  floh  wieder  zu  König  Andreas
von  Ungarn  und  fand  dort  (1056)  seinen  Tod.  Herzog
Welf  war  schon  vor  der  Rückkehr  des  Kaisers  aus  Italien

auf  seiner  Burg  zu  Bodmann  am  Bodeusee  (1055)  ge-Sattler,
  bayer.  Geschichte.  5
        <pb n="82" />
        B6  Bayern  unter  Kaiser  Heinrich  III  Wittwe  Agnes.

storben.  Mit  ihm  war  der  Mannsstamm  des  alten  in  Bayern,
Schwaben  und  Tyrol  begüterten  Welfengeschlechtes  7#)
erloschen.

Seine  Güter  hatte  Welf  in  einem  Testamente  dem  Kloster
Weingarten  zugedacht.  Aber  seine  Mutter  Irmengarde
(Imiza),  eine  Tochter  des  Grafen  Sigfrid  zu  Luxemburg
und  Schwester  der  Gemahlin  des  Kaisers  Heinrich  II,  rief
Welf,  den  Sohn  ihrer  Tochter  Kunigunda  (Kunizza),  die
mit  dem  Markgrafen  Albert  oder  Azzo  II  von  Este  in  der
Lombardei  vermählt  war,  nach  Deutschland  und  wußte  es  dahin
zu  bringen,  daß  ihm  alle  in  Deutschland  gelegenen  Welfengüter
überlassen  wurden.

Bald  darauf  erlag  Kaiser  Heinrich  III  den  gewaltigen
Anstrengungen,  denen  er  sich  zum  Wohle  seines  Reiches  unterzogen,
  in  dem  Alter  von  39  Jahren  am  5.  Oktober  1056  und
ward  zu  Speyer  an  der  Seite  seines  Vaters  bestattet.  Sein
ältester  Sohn,  der  bisherige  Bayernherzog  Heinrich  VIII,  bestieg
als  Heinrich  IV  (1056  —  1106)  den  deutschen  Thron.

&amp;amp;42.  Die  Kaiserin-Wittwe  Agnes  verlieh  Bayern,  das
sie  mit  der  Erhebung  ihres  älteren  Sohnes  Heinrich  auf  den
deutschen  Thron  für  erledigt  ansah,  ihrem  jüngeren  Sohne,
Konrad,  der  erst  1052  geboren  war.  Da  dieser  noch  im
Laufe  des  Jahres  1056  starb,  theilte  sich  Agnes  mit  ihrem
allgewaltigen  Kanzler,  dem  Bischofe  Heinrich  von  Augsburg,
in  die  Verwaltung  Bayerns  (1056—  1061),  das  sie  gegen  ihren
Willen  in  einen  unheilvollen  Krieg  mit  Ungarn  verwickelte.

Hier  war  (1046)  der  König  Peter  ermordet  worden  und
ein  Sprößling  der  Seitenlinie  als  König  Andreas  I!  gefolgt  75).
Dieser  hoffte  seinem  Sohne  Salomo  die  zweifelhafte  Nachfolge
im  Reiche  dadurch  zu  sichern,  daß  er  ihn  (1058)  mit  Sophia,
der  Tochter  der  Kaiserin-Wittwe  Agnes,  verloben  ließ.  Als
mun  der  Vater  im  Vertrauen  auf  diese  Verbindung  mit  dem
Kaiserhause  den  siebenjährigen  Knaben  feierlich  krönen  und  zu
seinem  Nachfolger  im  Reiche  erklären  ließ,  ergriffen  die  Magnaten
für  Bela,  den  Bruder  des  Königs  Andreas  1,  Partei  und
eröffneten  (1061)  einen  Krieg,  in  welchem  König  Andreas
        <pb n="83" />
        Bayern  unter  Otto  von  Nordheim.  67

umkam  und  die  Bayern,  die  ihm  zu  Hilfe  geeilt  waren,  völlig
geschlagen  wurden.

Auf  Agnes  machte  dieses  Unglück  einen  solchen  Eindruck,
daß  sie  die  Regierung  in  Bayern  niederlegte  und  das  Herzogthum
noch  im  Jahre  1061  an  den  Grafen  Otto,  von  Nordheim
und  Göttingen  übertrug,  hoffend,  daß  sie  an  ihm  eine  kräftige
Stütze  bei  der  Verwaltung  des  deutschen  Reiches  haben  werde.

a43.  Herzog  Otto  II  von  Bayern  (1061  —  1070),
aus  dem  gräflichen  Geschlechte  der  Nordheim,  ging  mit  dem
Markgrafen  Eckbert  von  Meißen  auf  den  Plan  des  Exzbischofs
Hanno  von  Köln  ein,  den  jungen  Kaiser  der  Aufsicht  seiner
Mutter  Agnes  und  des  Bischofs  Heinrich  von  Augsburg
zu  entziehen  und  die  Verwaltung  des  Reiches  selber  in  die  Hand
zu  nehmen.  Es  gelang  dem  Erzbischof,  den  jungen  Heinrich  von
Kaiserswerth  nach  Köln  zu  entführen,  doch  sah  er  sich  bald
genöthigt,  die  Reichsverwaltung  mit  dem  Erzbischofe  Adalbert
von  Bremen  zu  theilen.  Letzterer  gewann  schnell  die  Oberhand
und  ließ,  um  Hanno's  Einfluß  zu  vernichten,  den  König  schon
in  seinem  15.  Jahre  wehrhaft  machen  und  als  mündig  erklären.

Dem  Namen  nach  hörte  die  Vormundschaft  nun  auf,  aber
Adalbert  behielt  die  Leitung  der  Geschäfte.  Zwar  wußte  eine
Reichsversammlung  der  auf  Adalberts  Einfluß  und  Macht
eifersüchtigen  Fürsten  die  Entfernung  dieses  Mannes  vom  Hofe
des  Königs  durchzusetzen,  doch  erschien  derselbe  nach  drei  Jahren
wieder  am  Hofe  Heinrichs  und  reizte  diesen  gegen  die  Sachsen
und  gegen  die  Partei  Hanno's,  namentlich  gegen  Otto  von
Nordheim.  In  jugendlicher  Unüberlegtheit  ließ  Heinrich  dem
in  ihm  erweckten  Groll  den  vollen  Zügel  und  behandelte  die
Sachsen  wie  ein  feindliches  Volk,  indem  er  sie  durch  harte  Auflagen
  drückte  und  sich  gegen  eine  etwaige  Widersetzlichkeit  von
ihrer  Seite  mit  den  Dänen  verband.  Die  gedrückten  Sachsen
setzten  ihre  Hoffnung  auf  Otto  von  Nordheim,  aber  Heinrich
benahm  ihnen  dieselbe,  indem  er,  wie  man  vermuthet,  durch
einen  von  ihm  gedungenen  Kläger,  den  herabgekommenen  Ritter
Egino,  den  Herzog  eines  Mordanschlags  gegen  seine  Person
bezüchtigen  ließ.  Otto  von  Nordheim  ward  von  dem  Kaiser

5  —
        <pb n="84" />
        68  Bayern  unter  Welf  I.

für  schuldig  erklärt  und  nicht  bloß  seines  Herzogthums  Bayern,
sondern  auch  seiner  sächsischen  Erbgüter  für  verlustig  erklärt
(1070).  Das  Herzogthum  Bayern  wurde  Otto's  Schwiegersohne,
Welf,  dem  oben  genannten  Sohne  Azzo's  II  von  Este  und
der  Welfin  Kunizza,  verliehen.

Viertes  Rapitel.

Bayern  unter  Amtsherzögen  aus  dem  Estensisch-Welf'schen
  und  dem  Babenberg'schen  Hause

(1070  —  1180)  °).

#  44.  Welf  I1  (1070  —  1077),  durch  seine  Mutter  Kunizza
  mit  dem  uralten,  in  Bayern  und  Schwaben  begüterten,
Welfengeschlechte  verwandt,  dessen  Mannsstamm  im  Jahre  1055
mit  Welf  V  erloschen  ist,  entblödete  sich  nicht,  dem  Könige
Heinrich  IV  zu  Gefallen  seine  tugendhafte  Gemahlin  Ethelina,
die  Tochter  des  Herzogs  Otto  von  Nordheim,  dem  schwergeprüften
  Vater  zurückzuschicken  (1070)  und  mit  Judith,  einer
Tochter  des  Grafen  Balduin  von  Flandern,  Wittwe  des
Herzogs  Tosti  von  Northumberland,  eine  neue  Ehe  einzugehen
  (1071).  Dieselbe  Gefügigkeit  zeigte  Welf  1,  als  König
Heinrich  IV  im  Jahre  1075  gegen  Otto  von  Nordheim  in's
Feld  zog,  der  an  der  Spitze  der  Sachsen  den  fortwährenden
Bedrückungen  von  Seite  des  Königs  zu  wehren  gesucht  hatte.
Welf  1I  führte  dem  Könige  eine  beträchtliche  Streitkraft  zu,  mit
deren  Hilfe  den  Sachsen  unter  Otto  von  Nordheim  in  der

*)  Während  dieser  Zeit  regierten  in  Bayern:
Welf  I  1070—1077.
König  Heinrich  IV,  der  Salier,  1077—  1096.
Welf  I  zum  zweiten  Male  1096—1101.
Welf  II  1101—1120.
Heinrich  IX,  der  Schwarze,  1120—1126.
Heinrich  X  1126—1138.
Leopold,  ein  Babenberger,  1138—1141.
Heinrich  XI,  Jasomirgott,  ein  Babenberger,  1142—1156.
Heinrich  XII,  der  Löwe,  1156—4180.
        <pb n="85" />
        Bayern  unter  Welf  I.  69

blutigen  Schlacht  bei  Hohenburg  an  der  Unstrut  (1075)  eine
empfindliche  Niederlage  beigebracht  wurde.

In  dem  Streite  des  Königs  Heinrich  IV  mit  dem  Papste
Gregor  VII  über  die  Juvestitur  der  Bischöfe  und  Aebte  trat
Welf  aus  Besorgniß,  des  Ersteren  Partei  möchte  unterliegen,
auf  die  Seite  des  Papstes  und  unterstützte  deshalb  auch  Rudolf
von  Schwaben,  der  (1077)  als  Gegenkönig  gewählt  wurde.
König  Heinrich,  der  sich  zur  Zeit  der  Wahl  gerade  in  der
Lombardei  aufdielt,  rückte  mit  einem  Heere  heran  und  erklärte
auf  einem  Provinzial-Landtag  zu  Ulm  den  Gegenkönig  Rudolf
von  Schwaben  und  Welf  von  Bayern  all'  ihrer  Reichsämter
und  Güter  verlustig.  Bayern  behielt  er  einstweilen  für  sich
(1077—1096),  das  Herzogthum  Schwaben  dagegen  verlieh  er
(1080)  mit  der  Hand  seiner  Tochter  Agnes  seinem  treuen  Anhänger
  und  ausgezeichneten  Feldherrn,  Friedrich  dem  Staufer'),
dem  Stammvater  der  Hohenstaufen.

Der  entsetzte  Welf,  den  sein  Anschluß  an  den  Papst  das
Herzogthum  Bayern  gekostet,  schloß  sich  jetzt  auf  das  engste  an
die  päpstliche  Partei  an  und  brachte  es  dahin,  daß  die  reichbegüterte
  Markgräfin  Mathilde  von  Toskana,  damals  die
stärkste  Stütze  des  Papstthums,  in  dem  Alter  von  43  Jahren
mit  Welf  II,  dem  achtzehnjährigen  Sohne  des  entsetzten  Herzogs
Welf  1,  eine  Ehe  einging  (1089).  Als  beide  Welfen  (1095)
inne  wurden,  daß  Mathilde  bereits  im  Jahre  1077  all  ihre

*)  Der  Vater  Friedrichs  des  Staufers  war  Friedrich  von  Büren
oder  Beuern,  welcher  das  in  der  Nähe  des  hohen  Staufen  im  Königreich
Württemberg  zwischen  Gmünd  und  Göppingen  gelegene  Schlößchen  Büren
(d.  i.  Wäschenbeuren,  j.  Wäscherschlößchen  mit  sehr  altem  starkem  Gemäuer
18—20  hoch,  6“  dick,  nordwestlich  von  Hohenstaufen,  jetzt  ein  zu  einem  Frucht-Speicher
  eingerichtetes  Haus  mit  einem  Nebengebäude  für  einen  Holzwarth)
besaß.  Dieser  Friedrich  von  Büren  starb  1054.  Von  seinen  fünf  Söhnen,
die  er  mit  Hildegarde,  aus  einem  fränkisch-elsassischen  Geschlechte,  gezeugt,
baute  der  zweitgeborne,  Friedrich,  1079  auf  dem  Staufen,  der  zu  seinen
von  dem  Vater  ererbten  Besitzungen  gehörte,  eine  Burg  und  nahm  von  dem
Berge  und  der  Burg  den  Namen  „Staufer“  an.  Dadurch,  daß  ihn  König
Heinrich  IV  1080  zum  Herzog  von  Schwaben  erhob  und  ihm  seine
Tochter  Agnes  zur  Gemahlin  gab,  trat  er  in  die  Reihe  der  angesehensten
und  einflußreichsten  Fürsten  des  deutschen  Reiches.
        <pb n="86" />
        70  Bayern  unter  Welf  II.

Habe  der  römischen  Kirche  geschenkt  und  sich  standhaft  weigere,
ihr  Vermächtniß  zurückzunehmen,  da  lösten  die  enttäuschten  Welfen
ihre  Bündnisse:  der  jüngere  Welf  trennte  sich  von  seiner  Gemahlin
  Mathilde,  der  ältere  Welf  sagte  sich  vom  Papste
los  und  gingen  beide  zum  Könige  Heinrich  IV  über,  der  sich  zu
dieser  Zeit  eben  in  Padua  aubpbhielt.  Bereitwilligst  gab  dieser
dem  Vater  Welf  das  Herzogthum  Bayern  zurück  (1096—110|1),
vermuthlich  als  erbliches  Herzogthum.

Der  zu  Anfang  des  Jahres  1097  erfolgte  Tod  des  Markgrafen
  Azzo  II  von  Este  lenkte  den  Blick  Welfs  I  nach  Italien,
  wo  seine  Stiefbrüder  Hugo  und  Fulko  dem  väterlichen
Testamente  zufolge  von  der  ganzen  Verlassenschaft  des  Vaters
Besitz  ergriffen.  Welf  stieß  das  Testament  um  und  verlangte
den  gesetzmäßigen  Erbtheil.  Da  die  beiden  Stiefbrüder  diesen
verweigerten,  zog  Welf  mit  einer  in  Bayern  und  Kärnthen
aufgebrachten  Streitmacht  nach  Italien,  brachte  dem  Heere  seiner
Stiefbrüder  empfindliche  Nachtheile  bei  und  gewann  den  größern
Theil  der  väterlichen  Güter  (1098)  für  sich.

Im  Jahre  1100  schloß  sich  Welf  1  dem  unglücklichen
Kreuzzuge  Wilhelms  von  Aquitanien  nach  dem  hl.  Lande
an,  starb  aber  im  nächsten  Jahre  auf  der  Rückkehr  von  diesem
Zuge  zu  Paphos  auf  der  Insel  Cypern  (13.  Nov.  1101).  Er
hinterließ  zwei  Söhne,  Welf  und  Heinrich,  von  denen  ihm
jener  in  Bayern,  dieser  in  den  schwäbischen  Grafschaften
nachfolgte.

&amp;amp;  45.  Welf  II  (1101—1120),  ein  wegen  seiner  Leutseligkeit
  und  Liebe  zu  den  Künsten  des  Friedens  allgemein  verehrter
  Fürst,  entschied  sich  bei  dem  Zwiste,  der  (1104)  zwischen
dem  Kaiser  Heinrich  IV  und  seinem  zweitgebornen  Sohne,
Heinrich,  ausbrach,  zu  Gunsten  des  letztern  und  stellte  diesem,
als  es  zwischen  Vater  und  Sohn  zum  Krieg  kam,  seine  ganze
Streitmacht  zur  Verfügung.  Der  Kaiser  fiel  in  die  Hände  seines
Sohnes,  der  ihn  auf  einer  Versammlung  zu  Ingelheim  unter
Androhung  des  Todes  zur  Abtretung  der  Regierung  zwang,  angeblich,
  um  den  Zwiespalt  zwischen  Staat  und  Kirche  zu  beendigen.
  Der  Kaiser  entfloh  nach  Lüttich  und  fand  Unterstützung
        <pb n="87" />
        Bayern  unter  Welf  II.  71

an  dem  Herzog  Heinrich  von  Niederlothringen,  der  den
treulosen  Sohn  an  der  Maas  zurückschlug.  Die  Erneuerung  des
Krieges  wurde  durch  den  Tod  des  Vaters  verhindert,  der  zu
Lüttich  (1106)  erfolgte.

Sein  Sohn  und  Nachfolger  im  Reiche,  Heinrich  V  (1106
—1125),  war  anfänglich  geneigt,  das  Zerwürfniß  mit  der  Kirche
beizulegen,  und  schickte  in  dieser  Absicht  den  Herzog  Welf  II
an  der  Spitze  von  Vertrauensmännern  (1107)  nach  Chalons
an  der  Marne,  wo  sich  der  Papst  Paschalis  II  vorübergehend
aufhielt.  Weil  aber  dieser  einige  der  überbrachten  Vorschläge  als
nicht  annehmbar  zurückwies,  brach  Heinrich  die  Unterhandlungen
  ab,  fest  entschlossen,  die  Weigerung  des  Papstes  durch
die  Gewalt  der  Waffen  zu  überwinden.  Deshalb  zog  er  im
Herbste  1110  an  der  Spitze  von  30,000  Mann  nach  Jtalien.
Herzog  Welf  II  von  Bayern  und  Otto  IV  von  Scheyern,
der  Erbauer  des  Schlosses  Wittelsbach,  dem  der  König  einige
Jahre  vorher  die  Pfalzgrafenwürde  in  Bayern  )  verliehen
hatte,  schlossen  sich  dem  Zuge  an.  Da  der  Papst  auch  der
drohenden  Waffengewalt  gegenüber  auf  seiner  früheren  Weigerung
beharrte,  gab  der  König  den  Befehl,  den  Papst  sammt  den
Cardinälen  zu  verhaften.  Unter  denen,  welche  den  Befehl  vollziehen
  halfen,  war  auch  der  Pfalzgraf  Otto  IV  von  Wittelsbach
  “").

*)  Das  Pfalzgrafenamt  in  Bayern,  von  dem  schon  oben  (Seite  47  in
der  Anmerkung)  gesagt  wurde,  daß  es  im  Jahre  955,  ein  Jahr  nach  dem
Tode  des  Paalzgrafen  Arnulf  II  (#  954),  an  die  Chiemgauergrafen
verliehen  wurde,  zählte  zwischen  dem  Pfalzgrafen  Arnulf  II  und  Otto  IV
folgende  Pfalzgrafen:  1)  Hartwich  I,  Graf  des  Chiemgaues,  noch  um  979;
2)  Hartwich  II  aus  Kärnthen,  noch  um  1026;  3)  Hartwichs  II  Sohn,
Aribo,  der  vom  Kaiser  Heinrich  III  im  Jahre  1055  entsetzt  wurde;  4)
Kuno  der  Aeltere,  Herr  von  Rott  am  Inn,  1  1086;  5)  Rapoto,  Herr
von  Cham  und  Vohburg,  1  1099;  6)  Rapoto's  Vetter,  Ulrich  der  Reiche
von  Passau,  1  1099.  Nach  dem  Tode  Ulrichs  des  Reichen  kam  die  Pfalz-Grafschaft
  an  dessen  Schwiegersohn  Engelbert  III,  Markgrafen  von  Istrien,
wahrscheinlich  mit  Widerspruch  der  Grafen  von  Scheyern,  welche  ihre  alten
Ansprüche  auf  diese  Würde  erneuerten  und  unter  König  Heinrich  V  auch
durchsetzten.

*#)  Zur  Sühnung  dieses  Schrittes  stiftete  Pfalzgraf  Otto  IV  von
Wittelsbach  später  (1126)  das  Kloster  Indersdorf.
        <pb n="88" />
        72  Bayern  unter  Heinrich  IX,  dem  Schwarzen.

Zwei  Monate  nach  dieser  Gewaltthat  schloß  Paschal  II
mit  Heinrich  V  einen  Vergleich  und  krönte  diesen  sogar  zum
Kaiser  (1111),  nahm  aber,  sobald  der  Gekrönte  Italien  verlassen
hatte,  den  Vergleich  als  einen  erzwungenen  zurück.  So  kam  es
zwischen  beiden  Machthabern  zu  einem  neuen  Conflict,  bei  welchem
  die  Sachsen  wider  Heinrich  V,  für  ihn  aber  Welf  II
und  Konrad,  ein  Sohn  der  kaiserlichen  Schwester  Agnes  aus
ihrer  ersten  Ehe  mit  Friedrich  dem  Staufer,  Partei  nahmen.
Um  die  Macht  und  das  Ansehen  dieses  Konrad,  dessen  Bruder
Friedrich  (1106)  dem  Vater  im  Herzogthum  Schwaben  gefolgt
war,  zu  verstärken,  bekleidete  ihn  Kaiser  Heinrich  V  (1116)
mit  dem  durch  ihn  neu  organisirten  Herzogthum  Ostfranken  7),
welches  seit  dem  Jahre  1024,  wo  Herzog  Konrad  von  Ostfranken
  als  König  der  Deutschen  erwählt  worden  war,  durch
keinen  weltlichen  Fürsten  mehr  besetzt,  sondern  durch  den  jeweiligen
  Bischof  von  Würzburg  unter  dem  Titel:  „Herzog  in  Ostfranken“
  verwaltet  worden  war.  Dieser  Titel  verblieb  den  Bischöfen
  Würzburgs  auch  jetzt  noch,  nachdem  des  Kaisers  Neffe
Konrad  als  Herzog  von  Ostfranken  bestellt  worden  war.

Herzog  Welf  II  erlebte  den  Ausgang  des  Jnvestiturstreites
nicht;  er  starb  wenige  Tage  nach  seiner  Rückkehr  aus  Frankreich,
  wohin  er  dem  Kaiser  an  der  Spitze  eines  Heeres  gefolgt
war,  auf  seinem  Schlosse  zu  Kaufering  am  Lech  zu  Anfang
des  Jahres  1120.  Seine  Leiche  wurde  im  Kloster  Weingarten
  bestattet.

#46.  Da  Welf  II  keine  Kinder  hinterließ,  folgte  ihm
laut  Erbrecht  sein  Bruder  Heinrich,  dieses  Namens  der  neunte
Herzog  von  Bayern  (1120  —  1126),  welcher  auch  „der  Schwarze"
zugenannt  wird.  Er  war  mit  Wulfbhilde,  der  Erbtochter  des

*)  Dieses  Herzogthum  begriff  nach  der  durch  Heinrich  V  vorgenommenen
  Umgestaltung  die  Güter  der  ausgestorbenen  Grafen  von  Schweinfurt
  im  Nordgau  mit  der  Burggrafschaft  Nürnberg,  alle  Grasschaften
und  unmittelbaren  Herrschaften  des  fränkischen  Kreises,  den  Bisthumssprengel
  von  Bamberg  und  auf  kurze  Zeit  auch  den  Bisthumssprengel  von
Würzburg  in  sich,  welch'’  letzterer  jedoch  durch  eine  Urkunde  Heinrichs  V
vom  1.  Mai  1120  der  Landes=  oder  Herzogshoheit  des  Würzburger  Bischofs
wieder  zurückgestellt  wurde.
        <pb n="89" />
        Bayern  unter  Heinrich  IX,  dem  Schwarzen.  73

im  Jahre  1106  verstorbenen  Herzogs  Magnus  von  Sachsen,  des
Letzten  aus  dem  Billung'schen  Hause,  vermählt  und  unterstützte
nach  dem  Ableben  des  Kaisers  Heinrich  V  (K  1125)  die
Erhebung  des  Herzogs  Lothar  von  Sachsen  zum  deutschen
Könige  (1125.—  1137).  Aber  dadurch  erregte  er  sowohl  bei
den  zwei  Söhnen  Friedrichs  des  Staufers,  dem  Herzog  Friedrich
von  Schwaben  und  dem  Herzog  Konrad  von  Ostfranken,
als  auch  bei  Leopold  IV  von  Oesterreich,  dem  Heiligen,
Anstoß,  weil  alle  drei  ein  näheres  Recht  auf  die  deutsche  Krone
zu  haben  glaubten,  die  ersten  zwei  als  Söhne,  der  letzte  als
Gatte  der  salischen  Kaiserstochter  Agnes.

Um  einem  von  Seite  der  hohenstaufischen  Brüder  zu  befürchtenden
  Gewaltstreich  mit  Nachdruck  begegnen  zu  können,
trat  König  Lothar  II  mit  dem  Herzoge  Heinrich  IX  in  eine
engere  Verbindung,  die  dadurch  besiegelt  wurde,  daß  zu  Pfingsten
des  Jahres  1126  des  Herzogs  zweitgeborner  Sohn  Heinrich
(der  erstgeborne  Sohn  Konrad  war  am  17.  März  1126  auf  der
Rückkehr  von  Jerusalem  zu  Bari  gestorben)  sich  mit  Lothars
Erbtochter  Gertrude  verlobte  und  die  Anwartschaft  auf  das
Herzogthum  Sachsen  und  auf  sämmtliche  Stammlande  Leothars
  )  erhielt.  Vergebens  bemühte  sch  Herzog  Heinrich  IKX,
den  älteren  der  hohenstaufischen  Brüder,  den  Herzog  Friedrich
von  Schwaben,  dem  er  seine  Tochter  Judith  zur  Ehe  gegeben,
ob  dieser  Vorgänge  zu  beruhigen:  es  entbrannte  zwischen  den
beiden  bisher  befreundeten  Häusern  der  Hohenstaufen  und
Welfen  jener  glühende  Haß,  der  Europa  Jahrhunderte  lang
in  Verwirrung  gesetzt  hat.

Im  Unmuthe  über  dieses  Zerwürfniß  in  der  eigenen  Verwandtschaft
  und  empört  über  die  fortwährende  Fehdesucht  des
bayerischen  Adels  legte  Heinrich  IX  die  Regierung  Bayerns  im
Jahre  1126  nieder  und  starb  noch  in  demselben  Jahre  auf  seiner
Stammburg  Ravensburg,  nachdem  er  mittelalterlicher  Sitte
gemäß  in  den  letzten  Augenblicken  seines  Lebens  sich  als  Mönch

*)  Die  Stammlande  Lothars  waren  Braunschweig,  Lüneburg,
Göttingen  und  alle  Besitzungen  des  Grafen  Otto  von  Nordheim,
ehemaligen  Herzogs  von  Bayern,  dessen  Erbtochter  Richen  za  Lothar  geheirathet
  hatte.
        <pb n="90" />
        74  Bayern  unter  Heinrich  X.

hatte  einkleiden  lassen.  Von  den  welfischen  Hausgütern  fiel  dieeine
  Hälfte  des  verlebten  Herzogs  drittem  Sohne,  Welf  III,
zu,  die  andere  Hälfte  und  das  Herzogthum  Bayern  erhielt.
der  zweitgeborne  Sohn,  Heinrich,  in  der  Reihe  der  bayerischen
Herzöge  der  zehnte  dieses  Namens.

#  47.  Heinrich  X  (1126  —  1138)  feierte  (1127)  seine
Vermählung  mit  Gertrude,  der  Erbtochter  des  Königs  Lothar  II,
auf  dem  alten  Gerichts=  oder  Mal-Platze  zu  Gunzenlech  und
erhielt  von  der  Pracht,  die  er  dabei  entfaltete,  den  Beinamen
„der  Stolze".  Mit  der  Hand  der  Gertrude  empfing  er  zugleich
  Lothars  Stammlande,  auf  die  er  schon  bei  seiner  Verlobung
  Anwartschaft  bekommen,  nur  das  Herzogthum  Sachsen
blieb  ihm  noch  vorenthalten.  Für  Alles,  was  den  Wohlstand
seiner  Unterthanen  zu  erhöhen  vermochte,  zeigte  er  stets  regen
Sinn,  namentlich  für  Hebung  des  Verkehrs,  dem  er  zu  Regensburg
  die  noch  heute  stehende  Steinbrücke  über  die  Donau
erbauen  ließ.  Muthig  und  umsichtig,  wie  er  war,  trat  er  den
Umtrieben  und  Parteihändeln  im  eigenen  Lande  mit  Erfolg  entgegen
  und  unterstützte  seinen  Schwiegervater  Lothar  II  kräftig
gegen  die  Hohenstaufen.  Am  glänzendsten  bewies  er  sich  aber
auf  dem  zweiten  RNömerzuge  (1136)  seines  Schwiegervaters,  den
er  mit  1500  Rittern  begleitete.  Er  half  Roger  von  Apulien
und  Sicilien,  den  Bundesgenossen  des  Pfseudopapstes  Anaklet
  II,  aus  seinen  meisten  Besitzungen  in  Unteritalien  vertreiben,
  worauf  der  rechtmäßige  Papst  Innocenz  II  ohne  Widerstand
  nach  Rom  zurückkehren  konnte.  Diesen  wichtigen  Dienst
lohnte  ihm  Papst  Innocenz  II  durch  das  Zugeständniß,  daß
die  Mathildischen  Güter,  welche  Lothar  bei  seiner  Kaiserkrönung
  (1133)  lehensweise  gegen  eine  jährliche  Summe  von
100  Mark  Silber  erhalten  und  seinem  Schwiegersohne  überlassen
hatte,  erst  mit  des  Letztern  Tod  an  den  römischen  Stuhl  zurückfallen
  sollten.  Kaiser  Lothar  starb  auf  der  Heimkehr  von  diesem
  Zuge  in  einer  Bauernhütte  zu  Breitenwang,  zwei  Stunden
von  Füßen,  am  3.  Dezember  1137,  nachdem  er  in  den  letzten
Augenblicken  seines  Lebens  seinen  Eidam,  Heinrich  X,  auch
noch  mit  dem  Herzogthum  Sachsen  belehnt  hatte.
        <pb n="91" />
        Bayern  unter  Heinrich  X.  75

Heinrich  X,  der  Stolze,  war  nun  der  länderreichste
Fürst  in  ganz  Deutschland,  dessen  Besitz  sich  vom  toskanischen
und  adriatischen  Meere  bis  an  die  Ostsee  erstreckte.  Leider
verließ  ihn  im  Glücke  jene  Klugheit,  die  ihn  bis  dahin  so  oft
vor  Nachtheilen  geschützt  hatte.  Man  brachte  in  Erfahrung,  daß
er  nach  dem  Tode  Lothars  sich  unverzüglich  der  Reichsinsignien
bemächtigt  habe,  in  der  sichern  Erwartung,  der  Nachfolger  seines
Schwiegervaters  zu  werden.  Allein  er  war  den  Fürsten  zu  anmaßend,
  dabei  zu  reich  und  als  Inhaber  zweier  Herzogthümer
zu  mächtig,  als  daß  sie  ihn  zum  Reichsoberhaupte  hätten  wählen
mögen.  Besonders  waren  die  Hohenstaufen,  die  er  mit  Kaiser
Lothar  bekriegt  und  besiegt,  seine  unversöhnlichen  Feinde,  und
auch  Papst  Innocenz  II  war  nicht  für  ihn,  weil  er  wegen
der  Rückgabe  der  Mathildischen  Güter  in  Besorgniß  war.  Kaum
war  daher  noch  Lothars  Tod  der  Hohenstaufe  Konrad,  Herzog
von  Ostfranken,  durch  die  Freunde  seines  Hauses,  in  Abwesenheit
  und  ohne  Betheiligung  der  Bayern  und  Sachsen,  auf
den  deutschen  Königsthron  erhoben  worden  (1138—1152),  als
die  gegenseitigen  Feindseligkeiten  zum  Ausbruche  kamen,  da  Heinrich
  X  mit  seinen  Bayern  Konrads  Wahl  für  erschlichen  und
ungültig  erklärte.  Zwar  ließ  Heinrich  in  kurzer  Zeit  von
seiner  Widersetzlichkeit  ab  und  unterwarf  sich,  doch  konnte  er
dadurch  den  Groll  nicht  tilgen,  den  der  König  Konrad  einmal
gegen  ihn  gefaßt  hatte.  Unter  dem  nichtigen  Vorwande,  daß  es
nach  den  Reichsgesetzen  keinem  Fürsten  erlaubt  sei,  zwei  Herzogthümer
  zugleich  zu  besitzen,  verlangte  Konrad  in  einer
Reichsversammlung  zu  Augsburg,  daß  Heinrich  X  das  Herzogthum
  Sachsen  und  Toskana  abtreten  solle.  Da  dieser
sich  dessen  weigerte,  erklärte  ihn  der  König  in  einer  Versammlung
zu  Würzburg  im  Jahre  1138  als  einen  Widerspänstigen  in
die  Acht  und  entsetzte  ihn  zu  Goslar  im  nämlichen  Jahre  aller
seiner  Reichslehen.  Das  Herzogthum  Sachsen  verlieh  er  dem
Markgrafen  von  Nordsachsen,  Albrecht  dem  Bären),

*)  Albrecht  der  Bär,  von  seiner  wilden  Tapferkeit  so  genannt,  hatte
für  wichtige  Dienste,  die  er  dem  König  Lothar  II  auf  seinem  ersten  Römerzuge
geleistet,  im  Jahre  1133  die  erledigte  Markgarfschaft  Nordsachsen  erhalten,
        <pb n="92" />
        76  Bayern  unter  dem  Babenberger  Leopold.

Bayern  gab  er  seinem  eigenen  Halbbruder  Leopold*),  dem
fuͤuften  österreichischen  Markgrafen  dieses  Namens.

&amp;amp;48.  Herzog  Leopold  von  Bayern  (1138  —  1141),
der  Babenberger,  hatte  große  Mühe,  sich  im  Besitze  seines  Herzogthums
  zu  behaupten,  denn  während  Heinrich  der  Stolze  in
Sachsen  gegen  Albrecht  den  Bären  in  den  Kampf  ging,
cröffnete  Welf  III,  Heinrichs  des  Stolzen  Bruder,  in  Bayern
den  Krieg,  um  dieses  Land  wieder  an  das  Geschlecht  der  Welfen
zu  bringen.  Der  unerwartet  frühe  Tod  Heinrichs  X  (1  20.  Okt.
1139)  änderte  nichts  an  der  Sache,  weil  Welf  III  für  seines
verlebten  Bruders  zehnjährigen  Sohn  Heinrich,  der  nachmals
„der  Löwe“  zugenannt  wurde,  und  für  seine  eigenen  Ansprüche
den  Widerstand  fortsetzte.  Am  erbittertsten  ward  der  Kampf  beie
Weinsberg  geführt,  welche  Veste  wahrscheinlich  Welf  III  als
Allodialerbe  seiner  Gattin  Uta,  der  Erbtochter  des  reichbegüterten
Rheinpfalzgrafen  Gottfried  von  Calw,  Konrad  aber  als  ein
mit  Gottfrieds  Tod  (1  1131)  dem  Reiche  heimgefallenes  Lehen
betrachtete  und  durch  Belagerung  in  seine  Gewalt  zu  bringen
suchte.  Der  Krieg  zog  sich  in  die  Länge  und  endete  damit,  daß
Weinsberg  in  die  Hände  Konrads  feel  (21.  Dez.  1140)  2).

Trotz  dieses  Verlustes  stand  Welf  III  nicht  vom  Kampfe
ab,  bis  demselben  wenigstens  im  Großen  nach  dem  Ableben
Leopolds  (18.  Oktober  1141  zu  Niederaltaich)  der  Umstand
ein  Ende  machte,  daß  Leopolds  Bruder  Heinrich  II,  mit  dem
Beinamen  „Jasomirgott“  (von  seiner  gewöhnlichen  Betheurung
so  genannt)  sich  mit  Gertrud,  der  jungen  Wittwe  Heinrichs

die  er  nach  der  Eroberung  des  wendischen  Landes  jenseits  der  Elbe  Mark
Brandenburg  nannte.
*)  Die  Verwandtschaft  Konrads  III  und  Leopolds  V  zeigt  nachstehende
  Tafel:
Agnes,  des  Kaisers  Heinrich  IVTochter;
1.  Gem.:  Herzog  Friedrich  von  Schwaben,  1105.
2.  Gem.:  Markgraf  Leopold  IV  von  Babenberg,  1  1136.

1  I  II  II
Friedrich,HerzogvonKonrabIII,LeopoldV,HeinrichJasomir-Schwaben,
  1  1147.  deutscher  König  1  1141.  gott,  1  1172.
1  1152.

—
        <pb n="93" />
        Bayern  unter  dem  Babenberger  Heinrich  XI.  77

des  Stolzen  (1142)  vermählte.  Der  Sohn  Heinrichs  des
Stolzen,  Heinrich  der  Löwe,  erhielt  gegen  Verzichtleistung  auf
Bayern,  welches  Jasomirgott  bekam,  das  Herzogthum
Sachsen,  welches  Albrecht  der  Bär  herausgeben  mußte.
Dieß  war  das  Ergebniß  des  Friedensreichstages,  welchen  Konrad
  im  Mai  1142  zu  Frankfurt  hielt.  Alle  Fürsten  waren
mit  diesem  Ausweg  zufrieden,  nur  Welf  III  nicht,  welcher  die
Fehde  jetzt  im  Kleinen  fortsetzte,  ohne  jedoch  seinen  Zweck  zu  erreichen.


##49.  Da  Heinrich  II  Jasomirgott,  als  Herzog  Bayerns
Heinrich  XI  (1142  —  1156),  mit  Welf  III  an  dem  (zweiten)
großen  Kreuzzuge  (1147—1149)  theilnehmen  mußte,  den  Konrad
  auf  die  Nachricht  von  dem  Falle  Edessa's  unternahm,  so
schwieg  der  Parteikampf  eine  Zeit  lang,  entbrannte  aber  nach
Beendigung  des  Kreuzzuges  auf's  neue,  weil  Welfs  III  Neffe,
Heinrich,  der  inzwischen  mündig  geworden,  nach  der  Rückkehr
  Konrads  die  ihm  während  seiner  Minderjährigkeit  entlockte
Verzichtleistung  auf  Bayern  für  ungültig  erklärte  und  sich  anschickte,
  dieses  Land  mit  Gewalt  zu  nehmen.  Ein  Versuch  Konrads,
  das  Herzogthum  Sachsen  zu  erobern  und  dadurch  die
Macht  der  welfischen  Partei  zu  brechen,  mißglückte  vollständig;
dafür  gelang  es  ihm,  den  Pfalzgrafen  Otto  von  Wittelsbach
zu  bezwingen,  der  in  Abwesenheit  des  Bischofes  Otto  von  Freysing,
  eines  Bruders  des  Königs  Konrad,  darauf  ausgegangen
war,  die  vom  Bischof  Otto  ihm  entzogene  Vogteirechte  über  die
Güter  des  Freysinger  Bisthums  wieder  zu  erwerben  (1151).
Der  Pfalzgraf,  über  den  die  Acht  bereits  verhängt  war,  fand
Gnade,  mußte  jedoch  zum  Unterpfande  seiner  aufrichtigen  Unterwerfung
  einen  seiner  Söhne  als  Geißel  stellen.

Ehe  die  Welfen  Zeit  zu  einer  neuen  Erhebung  gefunden,
starb  König  Konrad  III  (15.  Februar  1152)  zu  Bamberg  und
erhielt  seinen  Neffen,  Friedrich  Barbarossa,  zum  Nachfolger
in  der  Königswürde  (1152—1190).  Mit  ihm  eröffneten  sich  für
die  Welfen  bessere  Aussichten,  denn  er  war  durch  seine  Mutter
Judith  (die  Schwester  Heinrichs  X  des  Stolzen)  mit  den  Welfen
verwandt  und  gedachte  sich  deren  Beistandes  zur  Ausführung  seiner
Pläne  in  Italien  zu  bedienen.  Er  belehnte  daher  schon  1153
        <pb n="94" />
        78  Bayern  unter  Heinrich  XII,  dem  Löwen.

Welf  III  mit  Toskana,  Spoleto  und  Sardinien  und
drang  gleichzeitig  in  den  Bayernherzog  Heinrich  XI  Jasomir-=gott,
  sein  Herzogthum  an  Heinrich  den  Löwen  abzutreten.
Allein  Jasomirgott  wies  dieses  Ansinnen  zurück  und  versagte
(1154)  selbst  der  Entscheidung  der  Reichsversammlung  zu  Goslar,
welche  das  Herzogthum  Bayern  Heinrich  dem  Löwen  zusprach,
die  Unterwerfung.  Friedrich  Barbarossa  verfolgte  für  den
Augenblick  diese  Angelegenheit  nicht  weiter,  denn  er  trat  in  demselben
  Jahre  noch  seinen  ersten  Römerzug  an,  auf  welchem  ihn
Heinrich  der  Löwe  und  Otto  von  Wittelsbach,  des  oben
erwähnten  Pfalzgrafen  Otto  IV  eltester  Sohn,  begleiteten.
Beide  machten  sich  auf  diesem  Zuge  um  Barbarossa  erheblich
verdient:  der  Löwe  schützte  den  Kaiser  zu  Rom  bei  einem
tückischen  Angriffe,  den  die  Römer  auf  des  Kaisers  Leben  machten,
  vor  den  andringenden  Feinden  und  trieb  sie  zurück,  der
Wittelsbacher  aber  öffnete  dem  Kaiser  auf  dem  Rückwege  den
ihm  verlegten  Engpaß  Chiusa  bei  Verona  (die  Veroueserklause),
indem  er  die  Meuterer  umging  und  im  Rücken  angriff  (1155).
Dafür  erhielt  Otto  bald  darauf  die  bayerische  Pfalzgrafenwürde,
  die  1155  mit  dem  Tode  seines  Vaters  Otto  IV  ledig
wurde,  der  Löwe  dagegen  ward  vom  Kaiser  auf  einem  großen
Reichstage  zu  Regensburg  am  8.  Sept.  1156  mit  dem  Herzogthum
  Bayern  belehnt,  nachdem  er  die  Zustimmung  gegeben,
daß  die  Mark  Brandenburg  von  Sachsen,  und  die  Ostmark
  nebst  drei  bayerischen  Grafschaften  von  Bayern
abgelöst  werde.  Die  Ostmark  mit  den  drei  bayerischen  Grafschaften
  erhob  der  Kaiser  zu  einem  selbstständigen  Herzogthum
  *7)  und  verlieh  dieses  dem  Heinrich  Jasomirgott,  die
Mark  Brandenburg  erhielt  Albrecht  der  Bär  als  Entschädigung
  für  das  ihm  entzogene  Herzogthum  Sachsen.

50.  Herzog  Heinrich  XII  von  Bayern  (1156—1180),
der  Löwe,  kümmerte  sich  nach  dem  Reichsfage  zu  Regensburg

*)  Das  neu  errichtete  Herzogthum  Oesterreich  faßte  in  sich  das  Land
von  der  Enns  abwärts  bis  zur  Leitha  und  außerdem  drei  vormals
bayerische  Grafschaften  zwischen  der  Enns  aufwärts  zum  Inn  her,
welche  nachmals  Oesterreich  ob  der  Enns  genannt  worden  sind.
        <pb n="95" />
        Bayern  unter  Heinrich  XII,  dem  Löwen.  79

wenig  mehr  um  den  Kaiser  und  dessen  Unternehmungen,  sondern
hing  mit  ganzer  Seele  dem  Plane  nach,  seinen  eigenen  Ländern
und  Unterthanen  den  hart  vermißten  Wohlstand  wiederzugeben
und  seine  Herrschaft  nach  Innen  und  Außen  zu  befestigen  und
zu  erweitern.  Für  die  Ausführung  dieses  Planes  that  er  1157
den  ersten  Schritt,  indem  er  von  dem  Bischofe  Otto  von  Freysing
  (1138—1158),  des  Kaisers  Barbarossa  Oheim,  die  Abtretung
  des  Zolles  verlangte,  welchen  dieser  an  der  Brücke  bei
Oberföhring,  einem  Dorfe  im  Freysinger-Gebiete,  von  dem
aus  Reichenhall  über  Rosenheim  nach  Schwaben  und  Ingolstadt
  gehenden  Salzzuge  erhob.  Der  Weigerung  Otto's,
auf  den  Nachweis  gestützt,  daß  ihm  König  Konrad  III  dieses
Recht  eingeräumt  habe,  setzte  Heinrich  der  Löwe  einen  Gewaltstreich
  entgegen:  Er  ließ,  nachdem  er  (1157)  bei  den  eine
Stunde  oberhalb  Föhring  am  linken  Isarufer  stehenden  Einzelhöfen,
  welche  München  (Munichen,  Munihen,  villa  Munihha)  )
hießen,  über  die  Isar  eine  Brücke  geschlagen  und  von  dieser  aus
zur  Erweiterung  des  Verkehrs  eine  Straße  nach  dem  nahen
Aschheim"")  gebaut  hatte,  in  Einer  Nacht  die  Föhringer  Brücke
niederlegen  und  zwang  dadurch  den  Salzzug,  den  Landweg  von
München  aus  anzutreten.  In  der  Nähe  der  neuen  Brücke  erbaute
  Heinrich  der  Löwe  ungesäumt  ein  Mauthaus,  einen
Salzstadel,  eine  Münzstätte  und  legte  dadurch  den  Grund  zu

*)  München  (=  Munichen,  Munihen)  ist  der  Dativ  Pluralis  von
dem  aus  dem  lateinischen  monachos  oder  monacos  gebildeten  Worte
Munich,  d.  i.  der  Einsame,  und  heißt  „Wohnsitz  der  Einsamen"
oder  „der  isolirt  Hausenden“,  gerade  so  wie  z.  B.  Bayern,  Schwaben
als  Dative  der  Personennamen  Bayer,  Schwab  die  Wohnsitze  dieser  Völkerschaften
  bezeichnen.  Zu  Anfang  des  zehnten  Jahrhunderts  gehörten  die  Einzelhöfe
  München,  die  am  linken  Ufer  der  Isar  standen,  dem  Kloster  Tegernsee;
  nach  Aufhebung  desselben  durch  den  bayerischen  Herzog  Arnulf  I  fielen
sie  an  den  Grafen  Rapot  von  Dießen.  Einer  von  dessen  Nachkömmlingen,
Otto,  der  Stammvater  der  Grafen  von  Wolfrathshausen,  besaß  sie  noch
um  1060  (Mon.  Boic.  VI.  162.  nu.  IX).  Wie  Heinrich  der  Löwe  diese  Höfe
an  sich  brachte,  ob  durch  Kauf  oder  mit  dem  herzoglichen  Amte,  ist  unbekannt.

*)  Durch  die  Straße  nach  Aschheim  sollte  dem  Salztransport,  der  bis
dahin  von  Föhring  aus  nur  eine  westliche  und  nördliche  Richtung  hatte,  auch
noch  eine  östliche  Richtung  gegeben  werden.
        <pb n="96" />
        80  Bayern  unter  Heinrich  XII,  dem  Loͤwen.

dem  jetzigen  München,  das  schon  1175  Mauern  und  Stadtrechte
  bekam.  Kaiser  Friedrich  I,  dem  dieser  Streit  auf  einem
Reichstage  zu  Augsburg  (14.  Juni  1158)  in  Vorlage  gebracht
wurde,  entschied  dahin,  daß  die  Zoll=  und  Münz-Stätte  in
München  verbleiben  und  der  Herzog  Heinrich  der  Löwe  an
das  Hochstift  Freysing  den  dritten  Theil  der  Erträgnisse  abgeben
  solle.

Seit  diesem  Urtheilsspruche  des  Kaisers  kannte  der  Uebermuth
Heinrichs  des  Löwen  keine  Grenze  mehr.  Mitten  im  Frieden
eroberte  er  von  seinen  Hausgütern  Braunschweig  und  Lüneburg
aus  das  ehemalige  Obodritenland  (das  jetzige  Meklenburg)
und  Pommern  (1161—1164)  und  bedrängte  die  geistlichen
und  weltlichen  Großen  seiner  Länder  allerwärts  dergestalt,  daß
ihm  der  Kaiser  Friede  gebieten  mußte.  Schon  dadurch  wurde
der  Löwe  gegen  den  Kaiser  so  aufgebracht,  daß  er  diesem
(1169)  bei  der  Wahl  seines  vierjährigen  Sohnes  Heinrich  zum
deutschen  Könige  seine  Stimme  versagte.  Doch  das  Schlimmste
stand  für  Heinrich  XII  erst  noch  zu  erwarten.  Sein  Oheim
Welf  III,  tief  gebeugt  durch  den  Verlust  seines  einzigen  Sohnes
Welf,  den  auf  dem  vierten  italienischen  Zuge  des  Kaisers  die
Pest  (1168)  weggerafft  hatte,  dazu  ohne  Hoffnung,  noch  Erben  zu
erhalten,  hatte  von  da  an  keine  Freude  mehr  an  seinen  Ländern
und  übte  auf  seinen  Schlössern  zu  Memmingen  und  Ravensburg
  solche  Verschwendung,  daß  er  binnen  kurzer  Zeit  tief  in
Schulden  steckte.  Ihn  von  diesen  zu  befreien,  machte  Welfs  III
Brudersohn  und  muthmaßlicher  Erbe,  Heinrich  der  Löwe,
keine  Anstalt,  weil  er  geizig  war,  wogegen  der  Kaiser  Friedrich,
Welfs  III  Schwestersohn,  seinem  Oheim  bereitwillig  aus  der
Geldverlegenheit  half.  Zum  Lohne  hiefür  bekam  der  Kaiser  sowohl
  die  reichen  Welfischen  Allodien  in  Schwaben  und  Tyrol,
als  auch  die  Mathildischen  Güter  in  Italien,  die  Welf  III  zu
Lehen  trug,  zugesichert.  Das  war  mehr,  als  Heinrich  der
Löwe  zu  ertragen  fähig  war.  Er  sann  auf  Rache  und  übte  sie
auf  dem  fünften  Zuge  Friedrichs  nach  Italien  (1174—1178).
Als  ihm  hier  der  hartbedrängte  Kaiser  die  für  seine  Hilfeleistung
geforderte  Abtretung  der  Stadt  Goslar  nicht  bewilligte,  verweigerte
  er  die  Heeresfolge,  obwohl  ihn  jener  zu  Chiavenna  am
        <pb n="97" />
        Bayern  unter  Heinrich  XII,  dem  Löwen.  81

Commersee  auf  den  Knieen  als  Verwandter  und  Freund  beschwor,
ihn  in  dieser  kritischen  Lage,  wo  des  Reiches  Ehre  auf  dem  Spiele
stehe,  doch  nicht  im  Stiche  zu  lassen  (1175).  Vergebens  —
Heinrich  XII  beharrte  auf  seiner  Weigerung  und  führte  dadurch
die  empfindliche  Niederlage  des  Kaisers  bei  Lignano  in  der
Lombardei  (29.  Mai  1176)  mit  dem  nachtheiligen  Frieden  zu
Venedig  (23.  Juli  1177)  herbei,  dem  gemäß  Friedrich  seinen
bisherigen  Gegner  Alerander  III  als  rechtmäßigen  Papst  anerkannte
  und  mit  den  Lombarden  vorerst  auf  sechs  Jahre  einen
Waffenstillstand  schloß.

Von  Italien  kehrte  Friedrich  (1178)  nach  Deutschland
zurück,  um  das  durch  Heinrichs  des  Löwen  trotziges  Auftreten
gefährdete  kaiserliche  Ansehen  wieder  herzustellen.  Darin  wurde
er  sehr  unterstützt  durch  des  Herzogs  zahlreiche  Gegner,  welche
mit  schweren  Klagen  wider  Heinrich  den  Löwen  auftraten.
Friedrich  sprach  über  Heinrich,  der  auf  fünfmalige  Vorladung
nicht  erschienen  war,  in  den  Städten  Magdeburg,  Ulm,  Regensburg,
  und  schlüßlich  zu  Würzburg  im  April  des  Jahres
1180  die  Reichsacht  aus  und  zersplitterte  dessen  Besitzungen:  Bayern
gab  er  dem  um  ihn  wohlverdienten  Pfalzgrafen  Otto  VI  von
Wittelsbach,  das  westliche  Sachsen  dem  Erzbischofe  von
Köln,  das  östliche  mit  der  herzoglichen  Würde  von  Sachsen
dem  Grafen  Bernhard  von  Anhalt,  dem  Sohne  Albrechts
des  Bären.  Die  beiden  Herzogthümer  Bayern  und  Sachsen
hatte  er  vor  ihrer  Wiederverleihung  um  ansehnliche  Stücke  vermindert,
  welche  theils  die  Bischöfe  erhielten,  theils  durch  Gewährung
  von  Reichsunmittelbarkeit  der  Hoheit  der  Herzöge  entzogen
  wurden.  Zwar  griff  Heinrich  der  Löwe  zu  den  Waffen,
Anfangs  nicht  ohne  Erfolg,  aber  als  der  Kaiser  selbst  gegen  ihn
in's  Feld  zog  und  seine  Vafallen  ihn  verließen,  bat  er  auf  dem
Reichstage  zu  Erfurt  fußfällig  um  Gnade.  Bis  zu  Thränen
gerührt,  befreite  der  Kaiser  ihn  von  der  Acht  und  ließ  ihm
seine  Allodialbesitzungen  Braunschweig  und  Lüneburg,  doch
mußte  er  auf  drei  Jahre  Deutschland  verlassen.  Er  ging  zu
seinem  Schwiegervater,  dem  Könige  Heinrich  II  von  England,
  wo  er  mit  seiner  Gemahlin  Mathilde  eine  freundliche

Aufnahme  fand.  Dort  wurde  ihm  sein  dritter  Sohn,  Wil-Sattler,
  bayer.  Geschichte.  6
        <pb n="98" />
        82  Innere  Zustände  Bayerns  unter

helm,  geboren,  durch  welchen  sich  das  noch  jetzt  auf  den
Thronen  von  England  und  Braunschweig  und  kürzlich  noch
auf  dem  Throne  von  Hannover  blühende  Welfengeschlecht  erhielt.

#51.  Innere  Zustände  Bayerns  unter  Amts-Herzögen
  des  deutschen  Reiches  (911—1180).

Die  Herzöge  Bayerns  waren  in  dieser  Zeit  gleich  den
übrigen  deutschen  Herzögen  nicht  eigentliche  Regenten,  sondern
nur  königliche  Beamte.  Die  Idee  von  der  Einheit  Deutschlands
durchdringt  diese  ganze  Periode  der  deutschen  Geschichte  und  gibt
ihr  eine  eigenthümliche  Form.  Nach  dieser  Idee  war  der  deutsche
König  oder  Kaiser  der  einzige  Regent,  die  einzelnen  Länder
wurden  nur  als  Reichsprovinzen  betrachtet,  die  Herzöge  galten
nur  als  Stellvertreter  des  Königs,  und  die  durchweg  vom  deutschen
Reichsoberhaupte  aufgestellten  Gaugrafen,  Markgrafen,  Burggrafen,
  Landgrafen  und  Pfalzgrafen  waren  in  Sachen  ihres
Grafenamtes  dem  Regenten  des  deutschen  Reiches  unmittelbar
untergeordnet,  also  königliche,  nicht  herzogliche  Grafen.  Doch
findet  sich  bereits  im  eilften  Jahrhundert  der  Amtstitel  der  Grafschaften
  in  den  eines  Territoriums  (Gebietsumfanges  oder  Regalienbezirkes)
  umgewandelt,  worin  die  Grafen  als  Gerichts=  oder
Landesherren  ihre  Gerichtsbarkeit  aus  eigenem  Rechte,  aber  unter
der  Oberhoheit  des  Königs  und  unter  der  Aufsicht  des  Herzogs
ausübten.  Der  König  oder  Kaiser  versammelte  in  Folge  der
herrschenden  Idee  von  der  Reichseinheit  in  Bayern,  wie  anderwärts,
  nach  Belieben  alle  deutschen  Reichsstände,  hielt  daselbst
Gericht  über  Bischöfe  und  Adelige,  zog  die  Güter  geächteter
Bayern  durch  seinen  Fiskus  ein,  entschied  Streitigkeiten  zwischen
dem  Herzoge  und  den  Bischöfen,  Grafen  oder  anderen  Personen,
ertheilte  Vorrechte  und  Freiheiten  an  geistliche  und  weltliche  Körperschaften
  u.  dgl.  Wie  die  Regierungsrechte,  so  waren  auch  die
öffentlichen  Cinkünfte  nur  dem  Könige  zuständig.  Die  Aufgabe
der  Herzöge  bestand  vornehmlich  darin,  die  vielen  geistlichen  und
weltlichen  Territorien  (Markgrafschaften,  Grafschaften,  Fürstbisthümer,
  Räichsprälaturen  u.  s.  w.)  zu  einem  Ganzen,  zu  einer
bayerischen  Provinz  zu  verbinden,  bei  einem  allgemeinen  Aufgebote
  die  streitbare  Mannschaft  unter  ihrer  Fahne  zu  sammeln,
        <pb n="99" />
        Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches.  83

für  die  öffentliche  Sicherheit,  d.  h.  für  Aufrechthaltung  des
Landfriedens  zu  sorgen  und  die  Landtage  zu  berufen  und  zu
leiten.  Wenn  -auf  diesen  die  Territorialherren,  d.  h.  die  Markgrafen
  und  Grafen,  die  Bischöfe  und  Aebte,  welche  den  Titel
„Reichsfürsten  (principes  regni)“"  führten,  erschienen,  so  geschah
es  nur,  weil  der  König  es  so  wollte  und  der  Herzog  im  Namen
des  Königs  den  Vorsitz  führte.  Sie  besaßen  daher  kaum  größere
Gewalt  oder  ausgedehntere  Befugnisse,  als  die  ehemaligen  karolingischen
  Sendgrafen  und  Präfekten.  Für  ihre  herzogliche  Amtsverwaltung
  erhielten  sie  gleich  den  Grafen  verschiedene  Lehengüter
vom  Könige  und  konnten  auf  mancherlei  Reichnisse  und  Leistungen
des  Volkes  Anspruch  machen.  Der  König  vergab  übrigens  die
herzogliche  Würde  in  Bayern,  wenn  auch  nicht  jedes  Mal,  so
doch  in  der  Regel  mit  Zustimmung  der  Reichsstände  oder  der
bayerischen  Großen,  bisweilen  auch  auf  einen  vorher  kundgegebenen
Wunsch  des  bayerischen  Volkes.

Dem  Herzoge  stand  ein  Pfalzgraf  zur  Seite,  der  im
Namen  des  Kaisers  den  Blutbann  (das  Recht,  über  Leben  und
Tod  zu  erkennen)  ausübte,  die  Aufsicht  über  die  Landgerichte
führte  und  die  zum  Reiche  oder  dem  Kaiser  gehörigen  Güter
verwaltete.  Was  der  Pfalzgraf  auf  dem  Lande,  das  war  der
Burggraf  in  den  dem  Kaiser  gehörigen  Städten.  Ausnahmsweise
  erhielten  den  Blutbann  auch  einige  Große,  besonders  Bischöfe.

Das  Lehenswesen,  das  schon  unter  den  Anoilolfingern
begann  und  unter  der  Herrschaft  der  Karolinger  und  der  folgenden
  deutschen  Könige  und  Kaiser  sich  ausbildete,  löste  die
Heerbann=  und  Gaugerichtsordnung  nach  und  nach  auf,  so  daß
das  Kriegsheer  dem  weitaus  größten  Theile  nach  aus  Dienstoder
  Lehen-(Vasallen-)  Gefolge  bestand.  Wie  im  vorigen  Zeitraume,
  so  ergaben  sich  auch  in  diesem  viele  freie  Grundbesitzer
zum  Schutze  gegen  übermüthige  Große  einem  Stifte,  Kloster  oder
weltlichen  Großen  als  Mundleute  (Schützlinge)  und  zahlten  an
sie  Schutz=  oder  Vogteigeld.  Die  Gaugrafen  fingen  allmählig
an,  ihre  Grafschaften  und  Aemter  zum  erblichen  Eigenthum  zu
machen,  vererbten,  vereinigten  und  theilten  ihre  Besitzungen  und
walteten  darin  als  selbstständige  Machthaber  oder  Dynasten  0).
Sie  leisteten  dem  Herzoge  beim  Antritte  seiner  Regierung  und

6*
        <pb n="100" />
        84  Innere  Zustände  Bayerns  unter

an  den  bestimmten  Herzogs=  oder  Hoftagen  zur  Anerkennung  des
gemeinsamen  Landverbandes  gewisse  äußere  Ceremonien,  Homagium
  genannt.  Gleich  den  Gaugrafen  umgaben  sich  auch  die
Bischöfe  und  die  erblichen  und  die  reichbegüterten  Grafengeschlechter
mit  Lehensleuten  und  Hofbedienten  (Ministerialen),  welche  sich
in  ihren  Lehen  gleichfalls  erblich  machten  und  den  niedern  Adel
(ministeriales  und  milites,  d.  i.  Hofdienst=  und  Kriegsmannen)
bildeten.

Die  Bischöfe  Bayerns  gelangten  in  diesem  Zeitraume  zum
höchsten  Ansehen  und  Einflusse  in  und  außer  dem  Herzogthum,
namentlich  unter  den  ersten  zwei  Kaisern  aus  dem  salischen  Hause,
unter  Konrad  1I  und  Heinrich  III.  Manche  waren  Erzieher
und  Vormünder  der  kaiserlichen  Prinzen,  andere  führten  die  Reichsverwesung
  in  Deutschland  oder  in  Italien,  manche  waren  Brüder
des  Kaisers,  wieder  andere  wurden  auf  den  päpstlichen  Stuhl
erhoben,  wie  z.  B.  Poppo  von  Brixen  als  Damasus  II  (1048)
und  etwas  später  Gebhard  von  Eichstädt  als  Viktor  II.  Eine
große  Veränderung  erfuhr  während  dieses  Zeitraumes  der  Besitzstand
  der  Bischöfe,  indem  viele  derselben  eine  Absonderung  der
bischöflichen  Güter  von  den  Klostergütern  vornahmen  und  die
Würde  eines  Abtes,  die  sie  neben  der  bischöflichen  bekleidet,  niederlegten.
  Den  Anfang  hierin  machte  der  Bischof  Wolfgang  von
Regensburg,  der  die  bei  seiner  Erhebung  zum  Bischofe  (972)
noch  vereinigten  Güter  des  Regensburger  Bisthums  und  der
Abtei  St.  Emmeram  trennte  und  seinen  Vetter  Romuald,  einen
Mönch  des  Klosters  St.  Maximin  bei  Trier,  zum  selbstständigen
Abte  erhob  (975).  Unter  diesem  Abte  sind  innerhalb  zwanzig  Jahren
(975—995)  aus  dem  Kloster  St.  Emmeram  große  und  berühmte
Männer  über  ganz  Deutschland  ausgegangen.  Die  bischöflichen
und  erzbischöflichen  Stühle  von  Trier,  Prag,  Magdeburg  und
Merseburg  wurden  von  da  aus  besetzt,  Söhne  von  Grafen  und
Herzögen  traten  hier  als  Mönche  ein,  und  nicht  blos  für  bayerische
  Klöster  nahm  man  Aebte  aus  St.  Emmeram,  sondern  auch
für  das  Ausland,  z.  B.  für  Clugny.  —  Dem  Beispiele  des  hl.
Wolfgang  in  Absonderung  der  Bisthums=  und  Klostergüter  folgte
der  Erzbischof  Friedrich  von  Salzburg.  Nachdem  er  988  das
Kloster  St.  Peter  erneuert,  trennte  er  die  Güter  des  Erzstiftes
        <pb n="101" />
        Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches.  85

von  denen  des  Klosters  und  gab  diesem  in  der  Person  des  Tito
einen  eigenen  Abt.  Ebenso  machte  er  es  mit  dem  seit  920  aufgehobenen
  Kloster  Niederaltaich.  Er  gab  die  dem  Erzbisthum
  Salzburg  bei  der  Aufhebung  zugefallenen  Güter  an  die
daselbst  nach  Ordnung  der  Canoniker  lebenden  Geistlichen  wieder
zurück,  bewog  sie  zur  Annahme  der  Regel  Benedikts  und  setzte
ihnen  im  Jahre  990  einen  Abt  in  der  Person  des  Erchamberts,
den  er  aus  Schwaben  gerufen  hatte.  Eine  ähnliche  Absonderung
des  hochstiftlichen  Vermögens  von  der  ursprünglichen  Dotation
des  Klosters  St.  Afra  ging  um  diese  Zeit  zu  Augsburg  vor
sich.  Reginbold,  ein  Mönch  von  St.  Gallen,  wurde  vom  Bischof
Bruno  nach  Augsburg  berufen  und  zum  ersten  Abte  des  Klosters
St.  Afra  bestellt.  Als  der  Bischof  Ulrich  im  Jahre  993  kanonisirt
  wurde,  empfing  das  Kloster  St.  Afra  dessen  hl.  Leib  und
nennt  sich  von  der  Zeit  an  auch  die  Abtei  St.  Ulrich.  Etliche
Jahre  später  erhielten  mehrere  Bischöfe  Bayerns  durch  den  Kaiser
Otto  III  die  Landesherrlichkeit  über  ihre  Städte  oder  einzelne  Theile
derselben,  so  im  Jahre  996  der  Bischof  von  Regensburg
über  alle  von  den  Unterthanen  seines  Stiftes  bewohnten  Theile
der  Stadt  Regensburg,  während  die  übrigen  Theile  der  herzoglichen
  Hauptstadt  dem  herzoglichen  Burggrafen  unterstellt  blieben,
in  dem  gleichen  Jahre  der  Erzbischof  von  Salzburg  und  der
Bischof  von  Freysing  über  das  ganze  Gebiet  dieser  Städte
und  drei  Jahre  später  (999)  der  Bischof  von  Passau  über
die  Stadt  Passau.

Die  Bevölkerung  theilte  sich  noch  immer  in  Freie  und
Leibeigene.  Die  Edelfreien  reihten  sich  mit  Einschluß  des  deutschen
Reichsoberhauptes  nach  sieben  Klassen  (Heerschilden):  1)  der
Kaiser  oder  König,  2)  die  Erzbischöfe  und  Bischöfe,  3)  der  Herzog,
  4)  die  Grafen,  Mark-,  Pfalz-,  Burg=  und  Landgrafen,
5)  die  Barone,  6)  die  Ministerialen,  die  den  niedern  Adel  ausmachten,
  und  7)  die  Edelfreien,  welche  die  Sende  besuchten.  An
Letztere  reihten  sich  die  Vogt=  und  Zinsleute,  welche,  für  ihre
Person  frei,  von  ihren  Gütern  Zins=  oder  Vogtgeld,  gewöhnlich
  fünf  Denare  des  Jahres,  zahlten.  Nach  diesen  kamen  die
Barschalken  oder  Baumänner,  die  für  ihre  Person  ebenfalls  frei
waren,  aber  fremdes  Gut  gegen  Zins  bauten.  Das  Geschick
        <pb n="102" />
        86  Innere  Zustände  Bayerns  unter

der  Leibeigenen  war  dadurch  gemildert,  daß  ihnen  zur  Belebung
ihres  Fleißes  die  Erwerbung  eines  Eigenthums  und  die  Erkaufung
  ihrer  Freiheit  zugestanden  wurde.  Das  Eigenthum  konnte
der  Leibeigene  auf  seine  Kinder  vererben,  doch  durfte  der  Herr
ein  Stück  aus  der  Erbschaft  (das  Besthaupt)  nehmen.  Ebenso
konnte  der  Leibeigene  eingeschränktes  Eigenthum  gegen  Erlegung
einer  bestimmten  Summe  (Laudemium)  vom  ersten  und  jeden
folgenden  Besitzer  (Maier)  und  gegen  eine  jährliche  Gilt  erlangen.
Die  alten  bajoarischen  Gesetze  und  die  karolingischen
Kapitularien  kamen  im  Laufe  dieses  Zeitraumes  außer  Gebrauch.
An  ihre  Stelle  trat  das  Herkommen  mit  Beimischung  römischer
Gesetze.  Das  Recht  wurde  aber  noch  öffentlich  in  Gemeinden-,
Propst-,  Vogt=  und  Grafengerichten  und  herzoglichen  Gedingen
gesprochen.  Die  Grafengerichte  hießen  jetzt  Landgerichte.
Besonders  reich  ist  dieser  Zeitraum  an  Stiftungen  von
Klöstern,  Collegiatstiftern  und  gegen  das  Ende  zu  in  Folge
der  Kreuzzüge  von  Spitälern  und  Leprosenhäusern.  Mehr  als
120  Klöster  und  Collegiatstifte  wurden  theils  aus  ihrer  Zerstörung
durch  die  Ungarn  wieder  hergestellt,  theils  neu  begründet.  Auch
hierin  ging  der  Bischof  Wolfgang  von  Regensburg  voran,  der
das  Münster  zu  St.  Paul  für  Nonnen  stiftete  und  Brigitta,
die  Tochter  des  Herzogs  Heinrich  II  als  erste  Aebtissin  einsetzte;
der  Bischof  Gebhard  von  Regensburg  gründete  997  eine  halbe
Stunde  südlich  von  Regensburg  beim  Genstall  (heutzutag  Kumpfmühl)
  für  Mönche  und  Nonnen,  welche  nach  der  Regel  des
hl.  Benedikt  lebten,  das  Kloster  Prüel,  das  1484  den  Karthäusern
  eingeräumt  wurde;  der  deutsche  König  Heinrich  II  der
Heilige  (1002—1024)  erneuerte  1009  das  Kloster  Osterhofen,
das  er  mit  Chorherren  besetzte  und  gleich  dem  Stift  zur  alten  Kapelle
in  Regensburg  dem  von  ihm  (1007)  gestifteten  Bisthum  Bamberg
unterstellte;  10  10  stellte  derselbe  Heinrich  in  Regensburg  das  Klostergebäude
  und  die  Kirche  von  Obermünster  vom  Grund  aus  neu
her  und  unterzeichnete  die  Urkunde  zur  Wiederaufrichtung  des  Klosters
Polling;  1011  setzte  es  Bischof  Egilbert  von  Freysing  bei
Kaiser  Heinrich  II  durch,  daß  die  Güter  des  Stiftes  Weihenstephan
  getheilt  und  die  eine  Hälfte  den  auf  den  Veitsberg
innerhalb  der  Stadt  zu  transferirenden  Canonikern  gelassen,  die
        <pb n="103" />
        Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches.  87

andere  aber  sammt  dem  Kloster  und  der  Stephanskirche  den  Brüdern
  und  Schwestern  von  der  Regel  des  hl.  Benedikt  eingeräumt
wurde;  1012  errichtete  Adalbert,  ein  Bruder  des  Grafen  Ulrich
von  Ebersberg,  ein  Nonnenkloster  zu  Kuebach  an  der  Par;
1015  stiftete  Kaiser  Heinrich  II  das  Benediktinerkloster  Michuaelsberg;
  1031  ward  das  von  den  Ungarn  verwüstete  und  vom
Herzog  Arnulf  aufgchobene  Kloster  Benediktbeuren  durch  den
Kaiser  Konrad  II  wieder  hergestellt;  1040  stellte  der  Graf  Adalbero
  von  Ebersberg  mit  seiner  Gemahlin  Richlinde  für  Mönche
nach  der  Regel  des  hl.  Benedikt  das  Kloster  Ebersberg  wieder
her;  1065  wurde  das  Kloster  Wessobrunn  wieder  errichtet;
1071  wandelte  Graf  Hermann  von  Abenberg  '),  der  nach
seiner  Vermählung  mit  Bertha  (auch  Alberada  genannt),  des
Markgrafen  Otto  von  der  Nordmark  Tochter,  den  Namen  eines
Markgrafen  von  Banz  angenommen,  das  Schloß  Banz  in  ein
Benediktinerkloster  um;  1072  stiftete  ein  Graf  von  Liebenau  das
Benediktinerkloster  Michaelbeuren;  der  Bischof  Altmann  von
Passau  (1065—  1091)  stiftete  1072  St.  Niklas  bei  Passau
für  regulirte  Chorherren;  1074  erstand  durch  den  Erzbischof
Gebhard  1  von  Salzburg  das  Benediktinerstift  Admont  in  Ober-Steyermark;
  der  Bischof  Altmann  von  Passau  reformirte  1081
St.  Florian  und  St.  Pölten,  gründete  1082  das  berühmte
Benediktinerstift  Göttwich  (Gottweich)  bei  Mautern  in  Unter-Oesterreich
  und  reformirte  1083  Kremsmünster;  1084  stiftete
Norbert  von  Chur  das  Collegiatstift  Habach,  und  in  demselben
Jahre  Werner,  Schwager  des  Erzbischofes  Gebhard  von  Salzburg,
  das  Kloster  Reichersberg  am  Inn  für  Geistliche  nach
der  Regel  des  hl.  Augustin;  1085  stiftete  Welf  I  mit  des  Bischofs
  Altmann  von  Passau  Beihilfe  Raitenbuch  in  Oberbayern
für  regulirte  Chorherren;  1100  gründete  ein  Graf  von  Bogen
das  Benediktinerkloster  Oberaltaich;  1102  erstand  das  Kloster
Dietramszell  durch  den  Abt  Adalschalk  von  Tegernsee,  durch
Bernhard  von  Grube  und  den  Grafen  Sigbot  von  Neunburg
und  Falkenstein;  um  das  Jahr  1108  erbaute  der  Burggraf

*)  Abenberg,  ein  Schloß  in  der  ehemaligen  Markgrafschaft  Ansbach,
ist  nicht  zu  verwechseln  mit  Abensberg.  «
        <pb n="104" />
        88  Innere  Zustände  Bayerns  unter

Otto  der  Riedenburger  den  seit  1068  in  Regensburg  angesiedelten
Schotten  beim  Westenthor  die  Kirche  und  das  Kloster  von  Sanct
Jakob,  welch'  letzteres  König  Heinrich  V  im  Jahre  1111  in  die
Zahl  der  unter  seinen  unmittelbaren  Schutz  stehenden  Reichsklöster
  erhob  31);  1109  stiftete  Bischof  Otto  von  Bamberg  das
Kloster  Prüfling  für  Benediktiner,  die  Grafen  Heinrich  und
Ernst  von  Kirchberg  die  Klöster  Mallersdorf  und  Euting,
jenes  für  Mönche,  dieses  für  Nonnen  nach  der  Regel  des  hl.
Benedikt,  die  Gräfin  Adelheid  von  Megling  das  Collegialstift
Baumburg,  der  Graf  Chuno  von  Meglingen  das  Collegialstift
Gars;  1113  wandelte  der  Pfalzgraf  Otto  IV  von  Scheyern,
der  Erbauer  des  Schlosses  Wittelsbach,  sein  Schloß  Scheyern
in  ein  Kloster  für  Benediktinermönche  um;  1119  gründete  Bischof
Otto  von  Bamberg  das  Benediktinerkloster  Michelfeld  und
1120  das  Kloster  Alderspach  für  Cistersienser;  1120  erstand
durch  die  scheyern'schen  Grafen  von  Valley  das  Kloster  Bernried
  am  Würmsee;  1121  gründete  Otto  von  Iringsburg  das
Collegiatstift  Beuerberg,  der  Pfalzgraf  Otto  IV  von  Wittelsbach
  das  Collegiatstift  Indersdorf  und  das  Benediktinerkloster
Ensdorf;  1130  entstand  das  Collegiatstift  Dießen  durch  die
Grafen  von  Andechs;  1131  das  Collegiatstift  Herrnchiemsee
durch  den  Erzbischof  Conrad  von  Salzburg,  1132  das  Collegiatstift
  Au  durch  einen  Grafen  von  Megling,  das  Cisterzienserkloster
Waldsassen  durch  den  Markgrafen  von  Vohburg  und  Heilig
Kreuz  in  Donauwörth  durch  einen  Grafen  von  Wörth;
1136  erhob  sich  das  Collegiatstift  St.  Zeno  durch  den  Erzbischof
Konrad  von  Salzburg,  1138  das  Prämonstratenserkloster  St.
Mang  durch  einen  Grafen  von  Rottenburg,  1141  das  Collegiatstift
  Schlehdorf  durch  den  Bischof  Otto  von  Freysing,,  1143
das  Cisterzienserkloster  Raitenhaslach  durch  einen  Herrn  von
Tegernbach  und  das  Benediktinerkloster  Walderbach  durch  den
Burggrafen  von  Regensburg;  1145  stiftete  ein  Herr  von  Staufenberg
  das  Benediktinerkloster  Speinshart,  1147  Welf  III
die  Prämonstratenser-Abtei  Steingaden  und  1163  der  Bischof
Konrad  von  Eichstädt  das  Benediktinerkloster  Rebdorf.

Die  Wissenschaften  und  Künste  pflanzten  sich  während
dieses  Zeitraumes  fast  ausschließlich  in  den  Klöstern  und  in  den
        <pb n="105" />
        Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches.  89

Schulen  der  Hochstifter  fort,  an  welch'  letzteren  immer  der  dem
Probst  und  dem  Dechant  an  Rang  zunächst  stehende  Canonikus
der  Scholastiker  oder  Meister  der  Schulen  (scholasticus,
magister  scholarum)  war.  Man  lernte  in  diesen  Schulen  vorzugsweise
  lateinisch,  das  Griechische  ward  nebenbei  betrieben.
Man  bediente  sich  des  Lateinischen  zu  höchst  zahlreichen  und  mitunter
  interessanten  Stilübungen  (dictamina)  in  Prosa  und  gebundener
  Rede  (historischen  und  geistlichen  Gedichten  —  Epik
und  Lyrik),  zur  Geschichtschreibung  und  Lebensbeschreibungen,  zu
philosophischen  und  theologischen  Werken,  die  noch  vorderhalb  des
Eintrittes  der  Scholastik  liegen.  An  lateinische  Dichterwerke  reihte
sich  die  klösterliche  Dichtkunst  in  deutscher  Sprache  als  Vorläuferin
der  Ritterpoesie  des  nächsten  Zeitraumes.  Mit  großartigster  und
theilweise  unsäglicher  Mühe  wurde  das  Bücherabschreiben  im
Bunde  mit  Schönschreibekunst,  Zeichnung  und  Miniaturmalerei
getrieben  zur  Vervielfältigung  der  für  den  Gottesdienst  nöthigen,
der  theologischen  und  der  altklassischen  Werke.

Ein  höchst  blühender  Kulturpunkt  war  Passau,  dessen  berühmter
  Bischof  Piligrim  (970—991)  durch  seinen  Schreiber
Meister  Konrad,  d.  h.  durch  jenen  Passauer  Domherrn,  welcher
an  der  Spitze  der  bischöflichen  Kanzlei  und  der  Passauer  Domschule
  stand,  die  uralte,  im  deutschen  Heidenthume  wurzelnde
Sage  von  den  Nibelungen  lateinisch  aufschreiben  ließ,  woraus
die  deutschen  Umdichtungen  und  das  glänzendste  der  deutschen  mittelalterlichen
  Heldengedichte,  das  Nibelungenlied,  hervorgegangen
  sind.  Indem  der  Passauer  Bischof  Altmann  (1065—1091)
ganz  besonders  zur  Zeit  des  Kampfes  zwischen  Papst  Gregor  VII
und  Kaiser  Heinrich  IV  auf  Umgestaltung  und  Neubildung  des
kirchlichen  und  klösterlichen  Lebens  drang,  veranlaßte  er  in  den
österreichischen  Klöstern  jene  geistlich-dichterische  Bildung,  deren
Denkmäler  auch  in  deutscher  Sprache  neuerlichst  aus  den  handschriftlichen
  Schätzen  der  österreichischen  Klöster  hervorgezogen
worden  sind.  Die  wichtigste  Bildungsstätte  der  Passauer  Diäözese
aber  in  den  heute  noch  bayerischen  Landen  war  das  Kloster
Niederaltaich,  besonders  durch  den  dort  eingebornen  heiligen
Godehard,  der  in  der  Klosterschule  zu  Niederaltaich  unter  dem
Magister  Odalgisus  gebildet,  anfänglich  dem  988  wieder  her-
        <pb n="106" />
        90  Innere  Zustände  Bayerns  unter

gestellten  Kloster  Niederaltaich  als  Abt  vorstand,  später  auch  dem
Kloster  Tegernsee  (um  1001)  und  dem  Kloster  Hersfeld  im
Hessischen  (um  1005),  und  von  1022—1038  den  bischäflichen
Stuhl  von  Hildesheim  inne  hatte.  Durch  ihn  kam  eine  für  die
geistige  Bildung  höchst  erfolgreiche  engere  Verbindung  Bayerns
mit  den  fränkischen  und  sächsischen  Landen  zu  Stande,  die  nach
dessen  Tode  zur  Aufzeichnung  der  niederaltaich'schen  Zeitbücher
(Annales  Altahenses)  führte,  um  welche  sich  der  Abt  Wenzel
(1062—1068)  besonders  verdient  gemacht  hat.  Aus  dieser  Aufzeichnung,
  die  leider  verloren  gegangen  ist,  haben  die  früheren
Geschichtschreiber  Bayerns,  wie  der  Passauer  Domherr  Staindel,
Aventin,  Brunner,  Adlzreiter  und  a.  viele  für  die  Geschichte
Bayerns  höchst  schätzenswerthe  Nachrichten  geschöpft.

Große  Kirchenfürsten,  welche  sich  um  die  Wissenschaft  und
Kunst  ein  bleibendes  Verdienst  erworben,  hatte  besonders  der  erzbischöfliche
  Stuhl  Salzburg  und  das  enge  damit  zusammenhängende
  Benediktinerkloster  St.  Peter  in  Salzburg.  Hier
wirkte  ein  Friedrich,  Graf  von  Chiemgau  (958—9911),  unter
welchem  Luitfried  der  Domschule  vorstand,  nachdem  der  St.
Gallener  Mönch  Kunibert  dieselbe  auf  Veranlassung  Herzogs
Heinrich  des  Zänkers  eingerichtet  hatte:  ein  Gebhard  I
(1060—1088),  welcher  durch  die  Stiftung  (29.  September  1074)
des  hochberühmten  Benediktinerstiftes  Admont  in.  Obersteyermark
und  des  Bisthums  Gurk  in  Kärnthen  für  Steyermark  und
Kärnthen  das  wurde,  was  Bischof  Altmann  von  Passau  für
die  österreichischen  Klöster  und  den  dortigen  geistig-kirchlichen
Bildungskreis  war:  ein  heiliger  Thiemo  (1090—  1101),  in
Niederaltaich  gebildet,  Bildhauer  (Anaglypt,  Holz=  und  Elfenbeinschneidekünstler),
  Erz=  und  Steingießer  (Marienbilder  von
ihm  aus  Stein  gegossen  noch  heute  in  Admont,  St.  Peter
zu  Salzburg,  Großg'main,  Pfarrdorf  zwischen  Reichenhall  und
Salzburg,  zu  Niederaltaich  befindlich)  Maler  und  Mechaniker:
ein  Konrad  I  (1106—1147);  ein  Eberhard  (1147—11é64),
Freiherr  von  Biburg  bei  Abensberg,  das  er  1128  nebst  seinen
Brüdern  Aribo  und  Konrad  unter  Beihilfe  des  hl.  Otto  von
Bamberg  zum  Benediktinerstifte  umgestaltete,  in  Bamberg  gebildet,
  von  wo  aus  er  die  Schule  zu  Paris  besuchte.
        <pb n="107" />
        Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches.  91

Nicht  minder  hervorragend  in  culturgeschichtlicher  Hinsicht
war  Freysing  und  seine  Diöcese.  Hier  saßen  der  staatskluge
Bischof  Abraham  (957—994),  auf  dessen  Urheberschaft  sogar
eines  der  ältesten  slavischen  Sprachdenkmäler  „die  freysingschen
  Monumente"“  zurückgehen;  dann  der  von  seinen  Zeitgenossen
  schon  mit  dem  Namen  des  Bewunderungswürdigen')
  ausgezeichnete  Bischof  Egilbert  (1006  —  1039),  der
Erzieher  des  gewaltigen  Kaisers  Heinrich  III,  Gründer  (1011)
des  nahe  bei  Freysing  gelegenen,  an  geschichtlichen  Aufzeichnungen
und  handschriftlichen  Schätzen  aus  dem  Mittelalter  reichen  Benediktinerklosters
  Weihenstephan;z;  ferner  Otto  I1  der  Große,
fünfter  Sohn  des  österreichischen  Herzogs  Leopold  IV  oder  des
Heiligen  und  Agnes,  der  Tochter  Kaisers  Heinrich  IV  (geb.  um
1112),  Bischof  von  1137—  1158,  der  die  Schule  von  Paris
besucht  hatte  und  einer  der  werthvollsten  Geschichtschreiber  des
Mittelalters  durch  seine  Chronik  von  8  Bänden  und  durch  seine
Geschichte  Kaisers  Friedrich  I  Barbarossa  in  2  Bänden,  welch  letztere
von  seinem  Geheimschreiber  (notarius),  dem  Domherrn  Radewic,
fortgesetzt  wurde;  endlich  Albert  1  (1158—1184),  Erbauer  der
im  romanischen  oder  byzantinischen  Stile  gehaltenen  Domkirche
in  Freysing,  wovon  noch  das  innere  Portal?“)  und  die  Gruftkirche
  (erypta)  als  sehenswürdigste  Baudenkmäler  des  bezeichneten
Jahrhunderts  in  dem  nachmals  umgebauten  Tempel  vorhanden
sind.  Aus  Freysing  kennt  man  die  Schulvorsteher  Wenilo
von  773,  Crimwart  von  815,  Adallioz  von  938,  Udalrich
von  1052;  von  hier  erbat  sich  zur  Zeit  des  Bischofes  Gottschalk
(994—1006)  der  Tegernseer-Abt  Gozbert  den  Cleriker  Adalrich,
  damit  er  dem  genannten  Kloster  eine  schon  seit  3  Jahren
im  Modell  daliegende  große  Glocke  gieße;  hier  schrieb  der  Schulvorstand
  Aribo  (r  1078)  ein  Werk  über  die  mitttelalterliche
Choralmusik,  und  sein  Zeitgenosse  Eberhard  über  Maß  der

 

 

*)  Anonym.  Hasaried.  bei  Pertz  IX,  263:  a  Frisingensi  episcopo
Egüberto  lllo  mirabili.

*)  Aehnliche  gleichzeitige,  oder  vielleicht  ältere  Portale  sind  jenes  an
der  Moosburger-Stadtpfarrkirche,  das  einstige  Münchsmünsterer  vom  Jahre
1092,  jetzt  am  Eingange  des  Gottesackers  zu  Landshut,  das  an  der  Stadtpfarrkirche
  in  der  Altstadt  Straubing.
        <pb n="108" />
        92  Innere  Zustände  Bayerns  unter

Orgelpfeifen  und  Guß  der  Glöckchen  zu  einem  Glockenspiel  (organica
  tintinnabula).  Der  Freysinger-Diöcese  angehörig  zeichnete
  sich  aus  das  Benediktinerkloster  Ebersberg  durch  seinen
Abt  Gunzo  um  990,  der  ein  Schüler  des  gelehrten  Gerbert,
der  als  Sylvester  II  den  päpstlichen  Stuhl  von  996—1002  einnahm,
  gewesen  war;  durch  seinen  Abt  Williram,  nus  dem
Würzburgischen  gebürtig,  Blutsverwandten  des  Eichstätter  Bischofs
Heribert,  berühmten  Dichter  (egregius  versificator  nach  dem  Ausdrucke
  eines  gleichzeitigen  Berichterstatters),  der  um  1040  eine
sinnbildliche  Auslegung  des  hohen  Lieds  Salomons  in  lateinischdeutscher
  Sprachabwechslung  schrieb  (von  ihm  „Vermälung
Christi  mit  seiner  Kirche“  betitelt),  das  unter  allen  althochdeutschen
  Werken  in  den  meisten  Abschriften  erhalten  und
schon  1057  ins  Niederländische  oder  Plattdeutsche  übersetzt  worden
  ist.

Mehr  als  gewöhnlichen  Ruhm  hat  Tegernsee  für  sich,  in
rulturgeschichtlicher  Hinsicht  neben  St.  Emmeram  zu  Regensburg
das  erste  aller  bayerischen  Klöster.  Hieher  verehrte  unter  Abt
Gozbert  (982  —  1001)  der  Graf  Arnold  von  Andechs  und
Diessen  Fenster  mit  Glasmalerei  und  scheint  selbst  dieser  Kunst
Kenner  und  Unternehmer  gewesen  zu  sein;  fortan  trieb  man
Glasfabrikation  zu  Tegernsee  und  1005  schickte  Abt  Beringer
dem  Freysinger  Bischofe  Gottschalk  200  Glastafeln  für  dessen
Domkirche.  Neben  diesen  Kunst=  und  Industrieanfängen  Tegernsee's
  tritt  dort  um  1000  als  glänzender  Literat  Froumund
(Frovimundus)  auf,  Schulvorsteher,  Stilist  in  lateinischer  Prosa.
und  Dichtung,  unermüdlich  in  Abschreiben  und  Sammlung  der
altklassischen  lateinischen  Meisterwerke,  glaublich  auch  Verfasser
der  Tegernsee  angehörigen  Bruchstücke  eines  lateinisch  geschriebenen
Heldengedichtes  Ruodlieb.  Um  Froumunds  Zeit  ward  in  Tegernsee's
  Nachbarschaft  geboren  und  in  Tegernsee's  Klosterschule
zuerst  unterwiesen  der  nachmalige  St.  Emmeramer-Mönch  (von
1032—  1083)  Othlom  oder  Otloh,  der  bis  zum  Erblinden
unermüdliche  Bücherabschreiber,  aber  auch  höchst  geistreiche  Verfasser
  moraltheologischer  und  ascetischer  lateinischer  Werke  in  Prosa
und  Versen,  die  für  die  Zeitgeschichte  höchst  interessante  Winke
enthalten,  sowie  der  Lebensbeschreibungen  des  hl.  Wolfgang,
        <pb n="109" />
        Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches.  93

Bonifazius,  Alto,  Magnus.  Tegernsee  selbst  besaß  zwischen
1017  und  1041  den  Abt  Ellinger,  Kalligraph,  Zeichner  und
Maler,  zwischen  1068  und  1091  den  Werinher  I  oder  Weczil,
Bücherabschreiber,  Miniaturmaler,  Bildner  der  kostbarsten,  aus
Gold,  Silber,  Bernstein,  Edelsteinen  und  Perlen  angefertigten
Bücherdeckel  und  Tafeln,  Glasfabrikant,  Gießer  eines  Taufbeckens;
es  folgte  ein  jüngerer  Werinher  III,  Schulvorstand,  mit  klassischen
  lateinischen  Studien  vertraut,  Verfasser  eines  lateinisch
geschriebenen  Osterspiels  „von  der  Zukunft  und  Vernichtung
  des  Antichrist“  und  der  durch  hohen  Dichterwerth  ausgezeichneten
  altdeutschen  Mariendichtung  „das  Leben  der  Maria"“,
  um  1173  verfaßt,  und  heut  zu  Tage  nur  mehr  in  einer
bald  nach  dem  Erscheinen  zu  Stande  gekommenen  Ueberarbeikung
vorhanden,  zugleich  mit  85  dem  Gedichte  an  entsprechenden  Stellen
eingefügten  Bildern,  deren  Originalzeichnung  man  ebenfalls  Werinhern
  III  zuerkennen  zu  müssen  glaubt.

Aus  der  unansehnlichen  Zurückgezogenheit  des  1120  von
den  Scheyern'schen  Valleyer-Grafen  am  Würmsee  gestifteten
Bernrieds,  Augsburger  Kirchensprengels,  that  sich  der  dortige
Mönch  Paul  durch  zwei  für  allgemeine  und  vaterländische  Geschichte
  beachtungswerthe  Lebensbeschreibungen  des  Papstes  Gregor
  VII  und  der  seligen  Einsiedlerin  Herluca  merkwürdig.

In  Augsburg  selbst  galt  zu  Anfang  des  11.  Jahrhunderts
  in  den  Zeiten  des  Tegernseers  Froumund,  der  sich  häufig
dort  aufhielt,  die  Domschule  für  eine  der  besten  und  allseitigsten;
das  1012  dort  von  Bischof  Bruno  zum  Benediktinerstifte  mit
Beihilfe  Tegernsee's  eingerichtete  bisherige  Chorherrenstift  St.  Afra.
und  Ulrich  hatte  an  seinem  Abte  U  dalscale  (1  1149  oder
1151)  einen  durch  mehrere  Schriften  bekannt  gewordenen  Vorstand.
Zu  den  merkwürdigsten  Kunstdenkmälern  des  Mittelalters  gehören
die  bronzenen  Thorflügel  an  der  Südseite  der  Domkirche,  welche
Bischof  Heinrich  II  1048  gießen  ließ  ?).  Die  im  Augsburger
Kirchensprengel  gelegenen  Klöster  Benediktbeuern  (1031),
Polling,  Wessobrunn  zeichneten  sich  ebenfalls  durch  große
wissenschaftliche  Thätigkeit  aus.  In  Polling  geboren  (1093)  und

——

 

——

*)  Raiser,  die  röm.  Alterthümer  zu  Augsburg.  p.  102.
        <pb n="110" />
        94  Innere  Zustände  Bayerns  unter

erzogen  ward  einer  der  größten  Gottesgelehrten  seiner  Zeit,
Gerhohus,  nachdem  er  Domscholaster  in  Augsburg  gewesen
war,  zuletzt  Probst  im  Kloster  Reichersberg  im  Innviertel  (1132
—1169),  woher  er  seinen  Beinamen  erhielt,  äußerst  fruchtbarer
Schriftsteller  in  der  Gottesgelehrsamkeit  und  ein  Orakel  seiner
Zeit.  In  Wessobrunn  lebten  im  Laufe  des  12.  Jahrhunderts
die  Nonne  Dietmud  und  die  Mönche  Ludwig  und  Ratkis,
deren  Eifer  im  Bücherabschreiben  nach  Menge  und  Zierlichkeit
fast  in's  Unglaubliche  geht.  (Dietmud  schrieb  über  50,
Ludwig  über  60  Bände.)

Noch  höherer  Ruhm  zeichnet  im  Regensburger  Kirchensprengel,
dessen  Erhöher  auch  in  wissenschaftlicher  Hinsicht  der  hl.  Wolfgang
  (973—994)  war,  das  Kloster  St.  Emmeram  in  Regensburg
  aus,  wo  um  1040  der  Prior  Arnulf  aus  dem  vohburgischen
  Hause  seine  in  geschichtlicher  Hinsicht  wichtigen  zwei  Bücher
über  den  hl.  Emmeram  nebst  anderen  Stilarbeiten  verfaßte;  eben
da  entwickelte  der  schon  genannte  Othlon  oder  Otloch  den
größten  Theil  seiner  gelehrten  Thätigkeit,  hier  ward  der  hl.  Wilhelm,
  in  Regensburgs  Nachbarschaft  um  1026  geboren,  erzogen
und  eingekleidet,  bis  er,  durch  Frömmigkeit,  philosophische  und
theologische  Wissenschaft,  Kenntniß  der  mittelalterlichen  Musik
und  Himmelskunde  gleich  ausgezeichnet,  vom  In=  und  Auslande
bewundert,  das  gänzlich  verfallene  alemannische  Kloster  Hirschau
(im  heutigen  Königreiche  Württemberg  bei  Calw  im  Schwarzwaldkreise,
  Speyerer  Sprengels)  von  1069  —  1091  wiederherstellte
  und  dieses  Hirschau  zu  einem  Musterkloster  für  Schwaben,
Franken,  Bayern,  Oesterreich,  Steyermark,  Kärnthen  machte,  mit
dem  sich  kaum  ein  anderes  Benediktinerkloster  in  Deutschland
vergleichen  konnte.

Das  Bisthum  Eichstätt  hatte  an  seinem  Bischofe  Reginold
(965—989)  einen  in  hebräischer,  griechischer  und  lateinischer
Sprache  bewanderten  Schriftsteller,  der  für  den  besten  Musikverständigen
  seiner  Zeit  galt.  Unter  Bischof  Heribert  (1021—
1042)  war  ein  gewisser  Gunteramnus  Vorsteher  der  Domschule,
  dessen  Trefflichkeit  der  zu  jener  Zeit  im  größten  Rufe
stehende  Würzburger  Schulvorstand  Pernolf  anerkannte  und
dessen  täglicher  Zuhörer  er  zu  sein  wünschte.  Aus  solcher  Schule
        <pb n="111" />
        Amtsherzögen  des  deutschen  Reiches.  95

erwuchs  der  Eichstätter  Bischof  Gundachar  II  (oder  Gunzo)
von  1057—1075,  dessen  in  geschichtlicher  Hinsicht  und  für  vaterländische
  Ortskunde  wichtiges  Pontifikalbuch  die  Domkirche  von
Eichstätt  als  köstlichen  Handschriftenschatz  noch  heute  verehrt.
Gunzo's  II  Freund  und  Rathgeber  war  ein  Eichstätter  Domherr
unbekannten  Namens,  aus  der  in  jener  Zeit  höchst  reichen  Benediktinerabtei
  Hasaried  (heute  Herrieden  in  Mittelfranken)  gebürtig,
  von  dessen  geschichtlichen  Schriften  noch  einige  sehr  wichtige
  Bruchstücke  sich  erhalten  haben  und  bei  dem  zum  Jahre  1053
das  erste  historische  Zeugniß  für  die  im  bayerischen  Vaterlande
wieder  mit  Macht  hervortretende  Scheyer#'sche  Dynastie  vorkömmt').

Daß  auch  in  Würzburg  und  Speyer  (in  welch'letzterer
Stadt  seit  1050  die  Anfänge  des  Speyerer  Dombaues  durch
die  salischen  Kaiser,  welche  hier  ihre  Familiengruft  hatten)  rege
wissenschaftliche  Thätigkeit  herrschte,  ist  schon  durch  den  oben
erwähnten  Pernolf  angedeutet  und  geht  aus  dem  in  diesem
Zeitraum  herrschenden  Vorurtheile  hervor,  daß  die  besten  Schulvorstände
  am  Rhein  und  in  Frankreich  seien.

Zu  Bamberg,  wo  Kaiser  Heinrich  II  der  Heilige  1007
ein  Bisthum  und  1015  das  Benediktinerkloster  Michaelsberg
gegründet,  erstand  eine  Klosterschule  nach  dem  Muster  der  Klosterberg'schen
  bei  Magdeburg,  welche  zu  großem  Ansehen  gelangte.
Einer  ihrer  Vorstände,  Ezzo  mit  Namen,  dichtete  in  deutscher
Sprache;  Willo  (I  1085),  Abt  des  Klosters  Michaelberg,  war
Erfinder  der  Weisen  oder  Melodieen,  um  deren  willen  Viele,  die
sie  hörten,  in  den  Mönchsstand  traten"“);  am  meisten  ragte  in
Bamberg  der  Bischof  Otto  der  Heilige  (1106  —  1139)  hervor,
  begeistert  für  das  Mönchthum  und  in  Staats=  und  Kirchensachen
  erfahren,  wie  kaum  einer  seiner  Zeit.  Er  übte  auf
Franken,  Schwaben  und  Bayern  und  durch  seine  Mission  nach
Pommern  auch  zur  Einführung  dieses  Landes  in  den  europäischen
Sittigungskreis  die  erstaunenswürdigsten  und  nicht  genug  hervorzuhebenden
  Einflüsse.  Auf  diese  Einflüsse  geht  auch  die  von
Udalrich,  einem  Zöglinge  Bambergs,  um  1125  angefertigte
Sammlung  wichtiger  Urkunden,  Correspondenzen  und  anderer

)  Pertz.  IX.  264.
*#)  Gervinus,  Gesch.  d.  deutsch.  Dichtung  I.  108.
        <pb n="112" />
        96  Ilnnere  Zustände  Bayerns  unter  Amtsherzögen  2c.

geschichtlicher  Monumente  zurück,  welche  die  Zeiten  der  Kaiser
Heinrich  IV  und  V  unter  dem  Namen  des  Udalrichianischen
Coder  beleuchtet.  Zwischen  1108  und  1113  stiftete  Otto  der
Heilige  das  Kloster  Aura  oder  Aura-Trimberg  (Urangia)
  an  der  fränkischen  Saale,  dem  er  den  Mönch  des  Klosters
Michaelberg,  seinen  besondern  Liebling  Ekkehard  (Urangiensis
beigenannt)  vorsetzte,  dessen  Chroniken  zu  den  wichtigsten  Geschichtsquellen
  des  Mittelalters  gehören.  Auf  dem  Michaelsberge
selbst  hielt  der  mit  Otto  dem  Heiligen  gleichzeitige  Abt
Wolfram  (1112—  1123)  drei  Mönche,  Frutolf,  Thiemo,
Herold,  die  ununterbrochen  mit  Bücherabschreiben  beschäftigt
waren.  Wie  sehr  diese  Thätigkeit  zu  Bamberg  schon  im  11ten
Jahrhunderte  stattgefunden,  beweisen  die  heutzutage  in  der
Münchner  Hof=  und  Staatsbibliothek  aufbewahrten  Meß=  und
Evangelienbücher  aus  Bamberg  vom  I1lten  Jahrhunderte  mit  ihren
in  künstlerischer  Hinsicht  merkwürdigen  Elfenbein=  oder  Golddeckeln.
Auch  für  die  Baukunst  dieser  Zeit  im  romanischen  oder  byzantinischen
  Stile  enthalten  die  Jacobskirche  (1109)  und  die  Kirche
auf  dem  Michaelsberge  (1117  —  1121)  wenigst  noch  theilweise
bedeutende  Ueberreste.

Großen  Einfluß  auf  die  Umgestaltung  der  innern  Zustände
Bayerns  übten  gegen  das  Ende  dieser  Periode  die  Kreuzzüge:
sie  begründeten  das  Entstehen  und  Gedeihen  bürgerlicher  Gemeinden,
  welche  ihre  Freiheiten  erkauften,  wenn  die  Herren  in
Geldnoth  waren,  und  das  Aufkommen  eines  freien  Bauernstandes,
  indem  viele  Leibeigene  das  Kreuz  nahmen  und  der
Ackerbau  daher  freien  Leuten  übertragen  werden  mußte;  sie
erweiterten  die  geographischen  und  naturhistorischen
Kenntnisse  und  gaben  dem  Ritterthum  seine  Ausbildung  und
höchste  Blüthe.
        <pb n="113" />
        Bayern  unter  Otto  J  von  Wittelsbach.  97

Fünfter  Zeitraum.

Bauern  unter  Regenten  aus  dem  Wittelsbachischen  hause
(1180—1867).

Erstes  Kapitel.

Bayern  von  Otto  I  von  Wittelsbach  bis  zur  ersten
Landestheilung

(1180—1255)—.

§52.  An  Otto  IC(VI)  von  Wittelsbach  (1180—1183)
hatten  die  Bayern  wieder  einen  Fürsten  eigenen  Geblütes  aus
dem  alten  Stamme  Luitpolds,  dessen  Nachkommen  erst  die
Scheyrer  und  dann  die  Wittelsbacher  hießen  "").  Zu  den
Allodialgütern  dieses  Geschlechtes,  bestehend  in  der  Grafschaft
Scheyern  (LAichach,  Pfaffenhofen,  Schrobenhausen,  Rain),  der
Grafschaft  Wartenberg  im  Erdinggau,  etlichen  Gütern  um
Straubing  und  Lengenfeld  (letzteres  im  Nordgau)  und  den
zur  bayerischen  Pfalzgrafschaft  gehörigen  Gütern  (Neuburg,
  Ingolstadt,  Kelheim,  Abbach),  kam  durch  Otto's  I  Erhebung
  zum  Herzoge  Bayerns  noch  der  Herzogsbezirk  hinzu,
welcher  München,  die  Herzogsburg  zu  Regensburg  mit
Gerichtsbarkeit  und  die  Grasschaft  Burghausen  in  sich  faßte.

*)  Die  Herzöge  Bayerns  während  dieser  Zeit  sind:
Otto  1  1180—1183.

Ludwig  der  Kelheimer  1183—1231.

Otto  II,  der  Erlauchte,  1231—1253.

—..  l
Ludwig  II,  der  Strenge,  Heinrich  XIII
1253—1255.  1253—1255.

*)  Die  Umänderung  des  Namens  Scheyrer  in  Wittelsbacher  erfolgte
  nicht  schon  im  Jahre  1113,  wo  die  Umwandlung  der  Burg  Scheyern
in  ein  Kloster  beschlossen  wurde,  sondern  erst  im  Jahre  1116;  die  Uebergabe
  der  Burg  an  die  Benediktiner  von  Usenhofen  geschah  im  Jahre  1124.

Sattler,  bayer.  Geschichte.  7
        <pb n="114" />
        98  Bayern  unter  Otto  J  von  Wittelsbach.

Herzog  Otto  I,  vermuthlich  auf  dem  Schloße  Kelheim
geboren,  bei  welchem  er  die  Stadt  gleichen  Namens  anlegte,
war  mit  der  Gräfin  Agnes  von  Loos  (flamändisch  Loon  im
Lüttichischen  des  heutigen  Königreichs  Belgien)  vermählt  und
residirte  gewöhnlich  auf  dem  Schloße  Kelheim.  Bei  seinem
Regierungsantritte  faßte  das  Herzogthum  Bayern  von  allen
Ländern,  um  die  es  während  der  Regierung  der  Amtsherzöge
vergrößert  worden  war,  keines  mehr  in  sich,  denn  im  Süden
waren  Kärnthen,  Krain,  Istrien,  Verona,  Steyermark
  und  Tyrol,  im  Osten  Oesterreich  davon  getrennt
worden  32).  Desgleichen  war  die  herzogliche  Gewalt  nach  Innen
bedeutend  geschmälert,  denn  im  Lande  schalteten  viele  Grafengeschlechter
  mit  großer  Selbstständigkeit,  und  dasselbe  war  bei  dem
Erzbischofe  von  Salzburg  und  bei  den  Bischöfen  von  Bamberg,
  Eichstädt,  Regensburg,  Augsburg,  Passau,
Freysing  und  Brixen  der  Fall.

Otto  I  und  seine  Nachkommen  in  den  ersten  fünf  Generationen
  verfolgten  die  große  Aufgabe,  das  durch  die  Schuld  der
Dynasten  tief  gesunkene  herzogliche  Ansehen  wieder  zu  heben  und
die  durch  Erbgrafschaften  gestörte  Landeseinheit  neu  herzustellen.
Zu  diesem  Ende  brachte  Otto  I,  als  der  ihm  verwandte  Graf
Konrad  III  von  Dachau,  Titular-Herzog  von  Dalmatien
und  Kroatien,  starb,  dessen  Grafschaft  an  sich,  und  gab  dessen
Wittwe  Adalhild  eine  Entschädigung  von  10  Mark  Goldes
und  800  Pfund  Silbers.  Ein  anderes  Mittel,  das  er  zur
Stärkung  der  herzoglichen  Macht  in  Anwendung  brachte,  war
die  Begünstigung  des  Städtewesens  und  des  Verkehrs,  worin  ihm
schon  Heinrich  der  Löwe  vorangegangen  war.  Wie  die  Stadt
Kelheim,  so  verdankt  auch  die  Stadt  Landshut  und  die
dortige  Burg  Trausnitz  Otto  1  ihre  Entstehung.  Um  Ruhe
und  Ordnung  im  Innern  herzustellen  und  zu  erhalten,  bereiste
Otto  I  sein  Land  von  Gau  zu  Gau,  hielt  öffentliche  Gerichte
und  Ländtage  und  half  den  Unterdrückten  zu  ihrem  Rechte.  Dabei
leisteten  ihm  seine  drei  Brüder,  Otto  VII,  seit  1180  Pfalzgraf,
Konrad,  Erzbischof  von  Mainz,  und  Friedrich,  ehedem  Pfalzgraf,
  jetzt  Mönch  zu  Ensdorf,  die  ersprießlichsten  Dienste.  Auf
dem  berühmten  Reichstage  zu  Konstanz  (1183)  leistete  Otto
        <pb n="115" />
        Bayern  unter  Ludwig  I,  dem  Kelheimer.  99

dem  Kaiser  Friedrich  1  zu  dessen  Ausgleichung  mit  den  lombardischen
  Städten  seinen  letzten  Dienst.  Er  starb  am  11.  Juli
1183  in  der  Nähe  von  Konstanz  auf  dem  Schlosse  Pfullendorf,
  von  wo  seine  Leiche  nach  Bayern  geführt  und  in  der
Gruft  des  Klosters  Scheyern  beigesetzt  wurde.  Er  hinterließ
einen  Sohn,  Namens  Ludwig,  und  drei  Töchter.  Sophia,
die  älteste  derselben,  heirathete  den  Landgrafen  Hermann  von
Thüringenz;  die  zweite  Tochter,  Mathilde,  ward  die  Gemahlin
des  Grafen  Rapoto  II  von  Ortenburg,  der  nach  der  Ermordung
  Otto's  VIII  von  Wittelsbach  zum  bayerischen
Pfalzgrafen  erhoben  wurde;  Elisabeth,  die  dritte  Tochter,
verehelichte  sich  mit  dem  Markgrafen  Berthold  von  Vohburg.

§  53.  Auf  Otto  I  folgte  in  der  Regierung  Bayerns  sein
Sohn  Ludwig  I,  der  Kelheimer  (1183—1231),  der  bei  dem
Tode  seines  Vaters  erst  9  Jahre  alt  war.  Während  seiner
Minderzährigkeit  besorgte  die  Regierung  seine  Mutter  Agnes  in
Verbindung  mit  den  drei  oben  genannten  Brüdern  ihres  verstorbenen
  Gemahls.  Die  Ruhe  im  Innern  ward  zuerst  durch
den  Bischof  Otto  II  von  Freysing  (1184  —  1220)  gestört,
der  den  Salzhandel  von  München  wieder  nach  Föhring  zu
ziehen  suchte,  da  sein  Vorfahrer  Albert  1  nach  der  Aechtung
Heinrichs  des  Löwen  durch  eine  kaiserliche  Urkunde  aus  Regensburg
  (13.  Juli  1180)  die  Rücknahme  der  Privilegien
Münchens  erwirkt  hatte.  Es  kam  zur  Fehde  und  Verwüstung
des  bischöflichen  Gebietes,  die  mit  Erneuerung  des  alten  Ausgleichs
  vom  14.  Juni  1158  endigten.  Dem  reihte  sich  in  Bälde
ein  anderes  Ereigniß  von  Bedeutung  an  —  es  starb  im  Jahre
1185  der  Burggraf  Heinrich  von  Regensburg,  der  letzte
männliche  Sprößling  dieses  in  und  um  Regensburg  reichbegüterten
  Geschlechtes,  mit  Hinterlassung  einer  einzigen  Tochter,  welche
im  Stifte  Obermünster  den  Schleier  genommen  hatte.  Der
junge  Herzog  Ludwig  erhielt  1185  die  Burggrafschaft  und  alles
dazu  gehörige  Gebiet,  vermuthlich  als  Lehen  des  ihm  wohlgewogenen
  Kaisers  Friedrich  Barbarossa  ?5).  Die  Stadt  Regensburg
  ward  bei  dieser  Gelegenheit  zu  einer  freien  Stadt
erhoben.

7  *#
        <pb n="116" />
        100  Bayern  unter  Ludwig  I,  dem  Kelheimer.

Als  Ludwig  I1  im  Jahre  1192  von  dem  Kaiser  Heinrich
  VI  (1190  —  1197)  zu  Worms  wehrhaft  gemacht  worden
war  und  die  Zügel  der  Regierung  selbst  ergriff,  traf  das  Bayerland
  schweres  Unglück  durch  eine  Fehde,  die  zwischen  dem  Grafen
Adalbert  III  von  Bogen  einerseits  und  den  Brüdern  Heinrich
  und  Rapoto  II  von  Ortenburg  anderseits  wegen  der
Grenzen  und  des  Jagdrechts  ausgebrochen  war.  Nach  vergeblichem
  Bemühen  Ludwigs,  durch  sein  herzogliches  Ansehen  den
Hader  auf  einer  Versammlung  zu  Laufen  beizulegen,  griff
Adalbert  von  Bogen,  dem  Wenzeslaus  von  Böhmen,
Leopold  von  Oesterreich  und  Berthold  von  Andechs  beistanden,
  die  Ortenburger  an.  Herzog  Ludwig,  der  den
mit  ihm  verschwägerten  Orten  burgern  zu  Hilfe  eilte,  erlitt
eine  Niederlage,  und  nun  erfolgte  eine  entsetzliche  Verwüstung
im  ganzen  Lande,  bis  Kaiser  Heinrich  VI  auf  einem  Reichstage
  in  Regensburg  (1193)  Landfrieden  gebot  und  den  Grafen
Adalbert  III  von  Bogen  chtete  und  nach  Sizilien  verwies“).
Aus  Dankbarkeit  begleitete  Herzog  Ludwig  den  Kaiser  Heinrich
  VI  (1193)  auf  seinem  Zuge  nach  Apulien  und  folgte
ihm  später  (1197)  auch  nach  Sizilien.

Das  Bayerland  fing  eben  an,  von  den  erlittenen  Verwüstungen
  sich  einigermaßen  zu  erholen,  da  versetzte  es  die  zwiespaltige
  Königswahl  nach  dem  Tode  des  Kaisers  Heinrich  VI
C  28.  Sept.  1197)  neuerdings  in  Unruhe.  Zuerst  wählte  eine
Partei,  darunter  auch  Herzog  Ludwig  I  von  Bayern,  den
Bruder  des  verstorbenen  Kaisers,  den  muthigen  Philipp  von
Schwaben  (1197  —  1208),  die  andere  dagegen  den  Sohn
Heinrichs  des  Löawen,  Otto  von  Braunschweig  (1197—
1215).  Da  beide  sich  zu  behaupten  suchten,  ward  Deutschland
auf's  neue  der  Schauplatz  eines  unheilvollen  Bruderkriegs.  Mitten
in  den  Wirren  fiel  der  König  Philipp,  der  schon  bedeutende
Vortheile  errungen  hatte,  zu  Bamberg  am  21.  Juni  1208

*)  Adalbert  III  von  Bogen  durfte  erst  1195  aus  seiner  Verbaunung
  nach  Bayern  zurückkehren,  nachdem  er  dem  Kaiser  Heinrich  VI  die
Botschaft  von  der  Geburt  seines  Sohnes,  Friedrich  II  (geb.  26.  Dez.  1194),
des  nachmaligen  Kaisers,  hinterbracht  hatte.
        <pb n="117" />
        Bayern  unter  Ludwig  I,  dem  Kelheimer.  101

durch  die  Hand  des  Pfalzgrafen  Otto  VIII  von  Wittelsbach,
eines  Vetters  des  bayerischen  Herzogs  Ludwig  I,  des  Kelheimers?).


König  Philipp  hatte  nämlich  am  21.  Juni  1208  in  Bamberg
  Beatrix,  die  einzige  Tochter  seines  verstorbenen  Bruders,
des  Pfalzgrafen  Otto  von  Burgund,  zur  Vermählung  mit
Herzog  Otto  I  von  Meran  an  den  Altar  geführt  und  wollte,
während  sein  Heer  sich  auf's  neue  gegen  Otto  IV  von  Braunschweig
  sammelte,  zu  Bamberg  in  dem  Königs-Palaste  (gegenwärtig
  die  „alte  Hofhaltung“  genannt)  einige  Tage  rasten,  da
er  sich  zur  Ader  gelassen  hatte.  Sorglos  lag  er  an  dem  genannten
Tage  auf  einem  Ruhebett  und  unterhielt  sich  mit  seinen  vertrauten
Räthen,  dem  Bischof  Konrad  von  Speier  und  dem  Truchseßen
Heinrich  von  Waldburg.  Da  trat  der  Pfalzgraf  Otto  von
Wittelsbach,  ein  jähzorniger,  bösartiger  Mann,  in  das  königliche
  Gemach  unter  dem  Vorgeben,  er  habe  dem  Könige  eine
wichtige  Entdeckung  heimlich  zu  machen.  An  der  Thüre  nahm
er  von  einem  Knappen  das  Schwert  und  nahte  damit,  in  scheinbarem
  Muthwillen  dasselbe  schwingend,  dem  König,  der  ihm  sogleich
  zurief:  „Lege  dein  Schwert  ab,  hier  ist  nicht  der  Ort  zu
fechten"“"  —  „Aber  der  Ort,  die  Treulosigkeit  zu  bestrafen“  schrie
der  Pfalzgraf  und  hieb  den  König  in  den  Hals,  der  sofort  einige
Schritte  vorwärts  taumelnd  leblos  zu  Boden  stürzte.  Auch  der
Truchseß,  der,  um  die  Flucht  des  Mörders  zu  verhindern,  die
Thüre  verrammeln  wollte,  erhielt  eine  Wunde  in's  Kinn.  Der
Mörder  entkam  auf  einem  bereit  gehaltenen  Roße.  Das  Motiv
zu  der  schwarzen  That  lag  vermuthlich  darin,  daß  Philipp  bei
seiner  Wahl  zum  deutschen  Könige  dem  Pfalzgrafen  Otto  VIII
von  Wittelsbach  seine  Nichte  Beatrix  als  Ehefrau  in  Aussicht
  gestellt,  später  aber,  als  er  des  Pfalzgrafen  üblen  Ruf  vernahm,
  seinen  Entschluß  änderte  und  seine  Nichte,  für  die  er  alle
Sorgfalt  hegte,  dem  Otto  von  Meran  zuführte.  Warum  zwei
Brüder  des  Herzogs  Otto  I  von  Meran,  der  Bischof  Eckbert

 

*  Otto  IV,  Pfalzgraf  in  Bayern,
+  1155.

Otto  VI,  seit  1155  Pfalzgraf  Otto  VII,

in  Bayern;  seit  1180  Herzog  Pfalzgraf.

von  Bayern  als  Otto  I.  —
.—-——.  —  ——  —  —„.  —
Ludwig  I,  der  Kelheimer,  Otto  VIII,  Pfalz-Herzog
  von  Bayern.  graf;  der  Mörder

Philipps  v.  Schwaben.
        <pb n="118" />
        102  Bayern  unter  Ludwig  J,  dem  Kelheimer.

von  Bamberg  und  Heinrich,  Markgraf  von  Istrien  und
Graf  von  Andechs,  dem  ruchlosen  Unternehmen  des  Pfalzgrafen
Vorschub  geleistet,  schwebt  im  Dunkel  —  möglich,  daß  Philipp
von  Schwaben  den  Herzog  Otto  von  Meran  bei  der  Theilung
der  väterlichen  Hinterlassenschaft  zum  Nachtheile  der  beiden  genannten
  Brüder  begünstigt  hatte.

Otto  IV  von  Braunschweig,  der  nach  der  Ermordung
seines  Gegners  allgemein  als  deutscher  König  anerkannt  wurde,
sah  ein,  daß  ihm  in  seiner  Lage  der  Beistand  des  Bayernherzogs
Ludwig  I  nicht  wohl  entbehrlich  sei.  Um  sich  dessen  zu  versichern,
  ließ  er  es  geschehen,  daß  die  Markgrafschaft  Cham,  die
Ludwig  nach  dem  kinderlosen  Absterben  seines  Schwestermannes,
des  Berthold  von  Vohburg,  Markgrafen  zu  Cham
(1  25.  May  1204  auf  einem  Heereszuge  nach  Palästina),  als
verfallenes  Allode  wie  ein  Lehen  eingezogen  hatte,  bei  Bayern
blieb,  obgleich  noch  ein  Bruder  Bertholds,  Dietpold  (der  als
Gemahl  der  Wittwe  des  letzten  Grafen  von  Hohenburg  die
markgräflich-hohenburg'sche  Seitenlinie  begründete),  am  Leben  war.
Ueberdieß  verlieh  er  dem  Bayernherzog  durch  eine  eigene  Urkunde
(15.  November  1208)  Alles,  was  einst  sein  Vater,  Heinrich  der
Löwe,  in  Bayern  besessen  hatte,  sammt  einigen  den  Töchtern
Philipps  gehörigen  Gütern  am  Lechufer  und  sprach  durch  eine
weitere  Urkunde  von  Frankfurt  am  Main  (15.  November
1208)  die  Erblichkeit  der  Herzogswürde  im  Hause  der
Wittelsbacher  aus.

Gegen  den  Pfalzgrafen  Otto  VIII  und  die,  welche  sich  an
seinem  Verbrechen  betheiligt,  verfuhr  König  Otto  IV  mit  der
ganzen  Strenge  des  Gesetzes:  er  belegte  (6.  Januar  1209)  den
Pfalzgrafen  und  ebenso  den  Bischof  Eckbert  von  Bamberg
und  dessen  Bruder  Heinrich,  Markgrafen  von  Istrien  und
Grafen  von  Andechs,  mit  Acht  und  Aberacht  und  erklärte  sie
all'  ihrer  Aemter  und  Güter  verlustig.  Die  beiden  Brüder
Eckbert  und  Heinrich  flüchteten  eiligst  nach  Ungarn  zu  ihrem
Schwager,  dem  Könige  Andreas;  Otto  VIII  von  Wittelsbach,
  der  ihnen  nacheilen  wollte,  wurde  zu  Pärndorf  (Oberndorf)
  zwischen  Abbach  und  Regensburg  durch  des  Reiches
        <pb n="119" />
        Bayern  unter  Ludwig  1,  dem  Kelheimer.  103

Erbmarschall  von  Kallentin  ")  und  Pappenheim  eingeholt
und  in  einer  Scheune  erschlagen.  Sein  abgeschlagenes  Haupt
wurde  in  den  Fluß  geworfen  und  sein  Andenken  verflucht.  Die
Pfalzgrafenwürde  erhielt  Rapoto  II,  Graf  von  Ortenburg,
der  mit  Mathilde,  der  Schwester  des  Herzogs  Ludwig  l
vermählt  war;  doch  wurde  diese  Würde  bald  nur  ein  leerer  Titel
und  nach  dem  Tode  Rapoto's  III  (1249),  des  Sohnes  Rapoto's
  II,  von  dem  bayerischen  Herzoge  Otto  II,  dem  Erlauchten,
  ganz  eingezogen.  Die  Güter  und  Lehen,  welche  Otto  VIII
von  Wittelsbach  in  Bayern  inne  gehabt,  fielen  an  Herzog
Ludwig  I,  der  (1209)  im  Auftrage  des  Kaisers  Otto  IV  das
Schloß  Wittelsbach  bei  Aichach  schleiste.  Mit  den  Steinen  des
Wittelsbacher  Stammschlosses  wurden  später  die  Mauern  der
Stadt  Aichach  erbaut.

Eingedenk  dessen,  was  Kaiser  Otto  IV  zu  Gunsten  des
Hauses  Wittelsbach  gethan  hatte,  hielt  Ludwig  auch  dann
noch  zum  Kaiser,  als  dieser  vom  Papste  Innocenz  III  mit  dem
Banne  belegt  und  der  Hohenstaufe  Friedrich,  des  Kaisers
Heinrich  VI  Sohn,  als  deutscher  König  in  Aussicht  genommen
war.  Erst  nachdem  Otto  IV  seine  Gemahlin  Beatrix,  die
jüngste  Tochter  des  gemordeten  Philipp  von  Schwaben,  nach
zwanzigtägiger  Ehe  durch  den  Tod  eingebüßt  und  mit  ihr  die
Unterstützung  der  schwäbischen  und  bayerischen  Großen
verloren  hatte,  trat  auch  Ludwig  trotz  eines  (am  4.  März
1212)  mit  Kaiser  Otto  IV  geschlossenen  Vertrages  auf  die
Seite  des  vom  Papste  aufgestellten  Gegenkönigs,  des  Hohenstaufen
  Fried  rich  II  (1215.—  1250).  So  war  Otto  genöthigt,
in  seinem  Erblande  Braunschweig  Hilfe  zu  suchen,  zumal  da
sein  Gegenkönig  Friedrich  vom  Elsaß  aus  mit  dem  gegen
Otto  längst  feindlich  gesinnten  König  Philipp  August  von
Frankreich  einen  Bund  schloß  (in  Vaucouleurs  bei  Toul  am
19.  November  1212).  Unvorsichtigerweise  ließ  sich  Otto  mit
diesem  König  in  eine  Schlacht  ein  und  wurde  bei  Bouvines
unweit  von  Tournay  am  27.  Juli  1214  vollständig  besiegt.

*)  Eine  Ruine  zwischen  Floßheim  und  Fünfstetten  in  der  Nähe
von  Monheim.
        <pb n="120" />
        104  Bayern  unter  Ludwig  I,  dem  Kelheimer.

Friedrich  I,  dessen  Uebergewicht  über  Otto  lV  jetzt  entschieden
war,  sprach  dem  Bruder  und  Kampfgenossen  des  Besiegten,  dem
rheinischen  Pfalzgrafen  Heinrich  dem  Langens),  die  seit  1195
bekleidete  Pfalzgrafschaft  am  Rhein  ab,  belegte  ihn  mit  der
Reichsacht  und  belehnte  mit  der  rheinischen  Pfalzgrafschaft  (1214)
den  Herzog  Ludwig  von  Bayern  und  dessen  Sohn  Otto,  der
später  „der  Erlauchte“  zugenannt  wurde.  Um  den  Geächteten

*)  Heinrich  der  Lange,  ein  Sohn  Heinrichs  XII  und  Bruder
Otto's  IV  von  Braunschweig,  hatte  sich  1194  heimlich  mit  Agnes,  der
Erbtochter  des  rheinischen  Pfalzgrafen  Konrad  von  Hohenstaufen,  verehelicht
und  nach  des  Letzteren  Tod  1195  die  Rheinpfalz  an  sich  gebracht.  Nachdem
Agnes  1204  gestorben  war,  heirathete  er  die  Gräfin  Agnes  von  Landsberg.
  Aus  der  ersten  Ehe  waren  drei  Kinder  entsprungen:  Heinrich,  der
schon  1214  starb,  Agnes,  die  1225  Otto  den  Erlauchten  von  Wittelsbach
  heirathete,  und  Irmengarde,  die  den  Markgrafen  Hermann  V  von
Baden  ehelichte.  Vgl.  d.  nachst.  Tabelle:

Friedrich,  Herzog  in  Schwaben,  Heinrich  X,  der  Stolze,

geb.  1090;  4  1147;  1.  Gem.:  Judith,  Herzog  in  Bayern,  1126—1138.

Tochter  des  bayer.  Herzogs  Heinrich  IX,

des  Schwarzenz  2.  Gem.:  Agnes,
Gräfin  von  Saarbrück.

-  r

l
l
—

 

 

1.  2.
Friedrich  Konrad,  Pfalzgraf  Heinrich  XII,  der  Löwe,
Barbarossa.  am  Rhein,  Herzog  in  Bayern,  1156—1180.
1155—1195.  s

 

Agnes,  Erbin  Heinrich  d.  Lange,  Otto  IV  Wilhelm.
der  Pfalz,  geb.  Pfalzgr.  am  Rhein,  von  Braun-1177;

  1  1204;  1195—1214;  schweig;

Gem.:  Hein-  1+1  1227;  deutscher  König
rich  der  1.  Gem.:  Agnes,  1197—1215.
Lange.  Erbtochter  des

rheinisch.  Pfalzgr.
Konrad;  2.  Gem.:
Agnes,  Gräfin  v.

 

Landsberg.
1.  1.  1.
Heinrich,  Agnes,  1214  mit  Irmengarde

1  7.  May  1214.  Otto  dem  Erlauch=  (Elicke),  verm.  mit
ten  v.  Wittelsbach  Hermann  V  von
verlobt,  1225  vermählt.  Baden.
        <pb n="121" />
        Bayern  unter  Ludwig  I,  dem  Kelheimer.  105

zur  Räumung  der  Rheinpfalz  zu  zwingen,  bot  Ludwig  ungesäumt
ein  bayerisches  Heer  auf  und  rückte  vor  das  Schloß  Heidelberg.
In  dem  nahe  gelegenen  Kloster  Schönau,  wo  Ludwig  der
Kelheimer  sein  Hauptquartier  aufschlug,  kam  es  zwischen
diesem  und  des  geächteten  Pfalzgrafen  Heinrich  (zweiter)  Gemahlin
  Agnes,  einer  gebornen  Gräfin  von  Landsberg,  zu
Unterhandlungen,  welche  damit  endeten,  daß  des  Herzogs  Sohn
Otto  sich  mit  Agnes,  der  Tochter  des  Pfalzgrafen  Heinrich
des  Langen,  verlobte  (1214)  und  die  Uebergabe  der  Rheinpfalz
an  den  Herzog  Ludwig  verheißen  wurde  3).

Da  trat  unerwartet  ein  Ereigniß  ein,  welches  die  Besitznahme
  der  Rheinpfalz  von  Seite  des  Hauses  Wittelsbach  sehr  in
Frage  stellte.  Herzog  Lud  wig  zog  mit  Friedrich  II  gegen
den  Herzog  Heinrich  von  Brabant,  der  seine  Tochter  Maria
dem  verwittibten  Kaiser  Otto  IV  zur  Gemahlin  gegeben  und
zu  dessen  Gunsten  seine  ganze  Streitmacht  aufgeboten  hatte,
und  gerieth  bei  dieser  Gelegenheit  in  die  Hände  des  Grafen
Wallrad  (Wallerand)  von  Jülich,  der  für  des  Herzogs  Freigebung
  das  für  jene  Zeit  ungeheure  Lösegeld  von  20000  Mark
Silbers  (beiläufig  500000  fl.)  verlangte.  Nachdem  diese  Summe,
die  in  Bayern  mittels  einer  außerordentlichen  Steuer  aufgebracht
wurde,  erlegt  worden  war,  mußte  der  freigegebene  Herzog  die
Rheinpfalz  dem  geächteten  Pfalzgrafen  Heinrich  dem  Langen
räumen,  führte  aber  neben  dem  Titel  eines  Herzogs  von
Bayern  den  eines  Pfalzgrafen  bei  Rhein  fort.  Nach  Umlauf
  vieler  Jahre  kam  zwischen  Friedrich  II  und  dem  Pfalz-=grafen
  Heinrich  eine  Aussöhnung  zu  Stande,  und  Ludwig  erhielt
  durch  die  1225  zu  Straubing  erfolgte  Vermählung  seines
Sohnes  Otto  mit  der  Erbprinzessin  Agnes  die  Rheinpfalz  bei
seinem  Geschlechte.  Bei  der  Feier,  die  ob  der  Vereinigung  der
Rheinpfalz  mit  Bayern  veranstaltet  wurde,  bediente  sich  Otto
der  Erlauchte  des  Spruches:  „Bayern  und  Pfalz  —  Gott
erhalt's!“  Drei  Jahre  später  (1228)  trat  Ludwig  I  die
Rheinpfalz  förmlich  an  seinen  Sohn  Otto  den  Erlauchten  ab.

Geraume  Zeit  vor  dem  friedlichen  Austrage  dieser  Sache
hatte  Ludwig  den  König  Friedrich  II  auf  seinem  Zuge  nach
Rom  zur  Erlangung  der  Kaiserkrone  (1220)  begleitet  und  (1221)
        <pb n="122" />
        106  Bayern  unter  Ludwig  I,  dem  Kelheimer.

in  dessen  Auftrag  ein  Kreuzheer  nach  Aegypten  geführt,  wo  ein
früher  (1219)  gelandetes  Kreuzheer  Damiette  erobert  hatte.
Man  drang  bis  Kairo  vor,  aber  plötzliches  Austreten  des
Nils  nöthigte  zu  einer  Kapitulation  mit  dem  Sultan  Kamel,
der  die  gefangenen  Kreuzfahrer  gegen  Zurückgabe  von  Damiette
losgab.  Ludwig  kehrte  nach  Bayern  zurück  und  wurde,  als
Kaiser  Friedrich  II  1228  selbst  einen  Kreuzzug  antrat,  für
die  Dauer  dieses  Zuges  mit  der  Verwesung  des  deutschen  Reiches
und  mit  der  Aufsicht  über  des  Kaisers  ältesten  Sohn,  den  jungen
König  Heinrich  VII,  betraut,  der  schon  damals  befürchten  ließ,
daß  er  den  Vater  vom  Throne  zu  verdrängen  suche.  Als  derartige
  Bestrebungen  wirklich  hervortraten  und  Ludwig  denselben
mit  seinem  ganzen  Ansehen  begegnete,  wurde  Heinrich  so  erbost,
  daß  er  (1229)  mit  vielen  Kriegern  in  Bayern  einfiel  und
dann,  als  dieß  nicht  zum  Ziele  führte,  alle  Beziehungen  zu
Ludwig  abbrach.

Nach  des  Kaisers  Rückkehr  zog  sich  Ludwig  nach  Kelheim
zurück,  um  sich  fortan  ungetheilt  der  Wohlfahrt  des  eigenen
Landes  zu  widmen.  Als  er  dort  eines  Tages  (14.  Sept.  1231)
nach  dem  Mahle  auf  der  Donaubrücke  spazieren  ging,  nahte  sich
ein  fremder  Mensch  mit  einem  Briefe  in  der  Hand  und  stieß
dem  Herzoge,  während  er  nach  dem  Briefe  langte,  einen  Dolch
in  die  Brust.  Da  der  Missethäter  von  den  Begleitern  des  Herzogs
  sogleich  in  Stücke  gehauen  wurde,  war  es  unmöglich,  den
Urheber  dieser  Gräuelthat  in  Erfahrung  zu  bringen,  man  bezeichnete
  aber  als  solchen  ziemlich  allgemein  den  jungen  König
Heinrich,  der  es  nicht  verschmerzen  konnte,  daß  er  durch
Ludwigs  Widerstand  nicht  auf  den  deutschen  Thron  erhoben
worden  war.

Ludwig  war  bei  seinem  Tode  56  Jahre  und  10  Monate
alt  und  hatte,  die  acht  Jahre  seiner  Unmündigkeit  eingerechnet,
48  Jahre  als  Herzog  über  Bayern  regiert.  Sein  Name  glänzt
in  der  Reihe  jener  bayerischen  Fürsten,  die  sich  um  das  Emporkommen
  der  bayerischen  Städte  besonders  verdient  gemacht  haben.
Er  vollendete  1204  den  von  seinem  Vater  begonnenen  Bau  der
Stadt  Landshut,  erhob  1210  Abbach,  1218  Straubing
und  1224  Landau  a.  d.  Isar  zu  Städten,  baute  das  abgebrannte
        <pb n="123" />
        Bayern  unter  Otto  I,  dem  Erlauchten.  107

Cham  wieder  auf  und  umgab  Braunau  mit  Mauern.  Die
irdischen  Ueberreste  des  Herzogs  wurden  in  der  Gruft  zu  Scheyern
unter  großer  Feierlichkeit  beigesetzt.  Um  sein  Andenken  bleibend
zu  ehren,  stiftete  seine  Wittwe  Ludmilla,  eine  böhmische  Prinzessin"),
  die  Ludwig  I  als  Wittwe  des  früher  genannten  Grafen
Adalbert  III  von  Bogen  (1204)  geheirathet  hatte,  das  Kloster
Seligenthal  bei  Landshut  für  Cisterzienser-Nonnen,  mit  denen
sie  bis  zu  ihrem  Tode  (1240)  zusammenlebte.  Ihr  Leichnam
wurde  in  der  dortigen  Gruft  beigesetzt,  und  diese  bildete  seit  dieser
Zeit  eine  der  wittelsbachischen  Fürstengrüfte.

54.  In  der  Regierung  Bayerns  und  der  Pfalz  folgte
auf  Ludwig  den  Kelheimer  sein  Sohn  Otto  II,  der  Erlauchte
(1231  —  1253),  der  bisher  mit  seiner  Gemahlin  Agnes  in
Heidelberg  gelebt  hatte.  Der  neue  Herzog  schlug  seine  Residenz
  zu  Landshut  auf,  wozu  ihn  vermuthlich  der  Aufenthalt
seiner  Mutter  Ludmilla  im  Kloster  Seligenthal  bewog.  Bei
aller  Liebe,  die  Otto  zum  Frieden  hegte,  konnte  er  nicht  verhindern,
  daß  derselbe  mehrfach  gestört  wurde.  Des  Keisers
unbändiger  Sohn,  Heinrich  VII,  verwehrte  ihm,  die  Huldigung
der  Bayern  in  der  Stadt  Regensburg  entgegen  zu  nehmen,  und
fiel,  als  Otto  darüber  Unmuth  verrieth,  von  Augsburg  aus  in
Bayern  ein  und  wüthete  mit  Feuer  und  Schwert.  Der  Kampf
wurde  zwar  durch  die  Vermittlung  des  Erzbischofs  Eberhard
von  Salzburg  beigelegt,  aber  Otto  mußte  seinen  Sohn  Ludwig
  als  Geißel  stellen  (1233).

Auch  mit  Friedrich  dem  Streitbaren,  Herzog  von
Oesterreich  und  Steyermark  (letzteres  hatte  der  kinderlose
Herzog  Ottokar  VI  von  Steyermark  1192  an  Oesterreich
vermacht),  gerieth  Otto  der  Erlauchte  (1233,  1234)  in
Kampf,  weil  jener  von  Schärding  und  Formbach  aus  feindlich
gegen  Bayern  austrat.  Da  Friedrich  der  Streitbare  auch

*)  Sie  war  aus  der  Ehe  des  böhmischen  Herzogs  Friedrich  mit  Elisabeth,
  König  Geysas  II  von  Ungarn  Tochter,  entsprossen  und  hatte  aus
ihrer  ersten  Ehe  mit  dem  Grafen  Adalbert  III  von  Bogen  vier  Kinder,
darunter  Adalbert  IV,  mit  welchem  1242  das  Geschlecht  der  Grafen
von  Bogen  ausstarb.
        <pb n="124" />
        108  Bayern  unter  Otto  J,  dem  Erlauchten.

nach  Abbruch  des  Kampfes  die  Feindseligkeiten  fortsetzte,  sprach
der  Kaiser  (1236)  die  Acht  über  den  Rebellen  aus.  Otto
nahm  den  Kampf  (1236—1237)  auf's  neue  auf,  konnte  aber
keinen  Erfolg  erzielen,  da  der  Geächtete  vom  Grafen  Adalbert  IV
von  Bogen,  des  Herzogs  Stiefbruder,  Beistand  und  später
(1239)  vom  Kaiser  Verzeihung  erhielt.

Inzwischen  war  Friedrich  II  selbst  gegen  seinen  verrätherischen
  Sohn  Heinrich  gezogen,  um  in  Deutschland  die  Ruhe
herzustellen.  Er  entsetzte  und  ächtete  seinen  Sohn  (1235)  und
übergab  ihn  dem  Bayernherzog  Otto  in  Verwahr,  der  ihn  anfänglich
  in  Heidelberg,  später  zu  Allerheim  im  Nies  gefangen
  hielt,  bis  er  nach  Apulien  abgeführt  wurde.  Dort  starb
er  (1242)  im  Kerker  zu  Martorano  und  wurde  in  Cosenza
beigesetzt.  In  seine  Rechte  trat  (1235)  des  Kaisers  zweiter  Sohn,
Konrad,  ein,  der  damals  sieben  Jahre  zählte.  Der  Vater  ließ
ihn  (1235)  mit  Elisabeth,  der  fünfjährigen  Tochter  des  Bayern-Herzogs
  Otto,  verloben  und  mochte  daran  die  Hoffnung  knüpfen,
an  Otto  einen  trenen  Genossen  in  seinem  heißen  Kampfe  wider
den  Papst  Gregor  IX  zu  finden.  Allein  darin  täuschte  er  sich.
Otto,  unzufrieden  mit  dem  Kaiser,  weil  dieser  in  einem  Streite
des  Herzogs  Otto  mit  dem  Bischofe  Konrad  dem  Tölzer  von
Freysing  wegen  Vogteirechte  für  letzteren  entschied,  schlug  sich
(1239)  auf  die  Seite  des  Papstes  und  erlangte  dadurch  Lossprechung
  vom  Banne,  den  nicht  blos  der  Bischof  von  Freysing,
  sondern  auch  der  Erzbischof  von  Mainz  (ll  etzterer
wegen  Anmaßung  von  Vogteirechten  über  das  Kloster  Lorsch)
über  ihn  verhängt  hatte,  und  zugleich  Aussicht  auf  die  Kaiserkrone.
  So  kam  es,  daß  Otto  durch  den  zum  pöädpstlichen  Legaten
ernannten  Passauer  Archidiakon  Albert  Beham  (Boömus)  den
päpstlichen  Bann  gegen  Kaiser  Friedrich  II  in  Bayern  verkünden
ließ.  Da  sich  aber  die  Landesbischöfe,  gegen  die  sich  Albert  Beham
große  Uebergriffe  erlaubte,  der  Verkündigung  des  Bannes  widersetzten
  und  das  feindselige  Verhalten  der  päpstlichen  und  kaiserlichen
  Anhänger  gegeneinander  das  ganze  Land,  namentlich  das
Kirchengut,  sehr  beeinträchtigte,  vertrieb  Otto  (1242)  den  Legaten
  aus  Bayern  und  säöhnte  sich  (1243)  mit  dem  Kaiser  aus.
Der  neue  Bund  ward  durch  die  Vermählung  des  keiserlichen
        <pb n="125" />
        Bayern  unter  Otto  I,  dem  Erlauchten.  109

Sohnes  Konrad  mit  des  Herzogs  Tochter  Elisabeth  (zu
Vohburg  1244)  besiegelt.

Otto  ward  auf  diese  Vorgänge  hin  von  dem  Papste  Innocenz
  IV  mit  dem  Banne,  sein  ganzes  Land  mit  dem  Interdikte
belegt  (1247)  und  der  Bischof  Otto  von  Regensburg  mit
der  Verkündigung  der  Bannbulle  beauftragt.  Da  sich  der  Graf
Konrad  von  Wasserburg  unterfing,  den  päpstlichen  Gesandten
Beham  in  Schutz  zu  nehmen,  ließ  Otto  seinen  Sohn  Ludwig
mit  einem  Heere  vor  die  Veste  Wasserburg  ziehen,  brachte
diese  nach  17  Wochen  zur  Uebergabe  und  vereinigte  die  Grafschaft
  (1247)  mit  dem  Herzogthume  Bayern  7).  Ueberhaupt  war
Otto  in  der  Erwerbung  von  Ländern  von  einem  Glücke  begünstigt,
  dessen  sich  nur  wenige  Herrscher  aus  dem  Wittelsbachischen
Hause  im  gleichen  Grade  zu  erfreuen  hatten.

Die  Pfalzgrasschaft  erweiterte  er  durch  die  Herrschaften
Mosbach,  Waldorf,  Sinzheim,  durch  die  Hälfte  von
Katzellenbogen  und  durch  die  Vogtei  über  das  Kloster  Lorsch.

Noch  bedeutender  waren  seine  Erwerbungen  für  das  Herzogthum
  Bayern:

Im  Jahre  1230  war  mit  Ulrich  das  freiherrliche  Geschlecht
von  Velburg  und  Chlam  erloschen,  von  dessen  Besitzungen
Velburg  dem  Herzog  Otto  dem  Erlauchten  zufiel,  während
Chlam  in  Oesterreich  an  Oesterreich  fiel.

Im  Jahre  1238  starb  mit  Otto  III  die  Scheyer'sche  Seitenlinie
  der  Grafen  von  Valley  aus,  1242  mit  Adalbert  V
die  der  Grafen  von  Bogen;  beide  Grasschaften  fielen  Bayern  zu.

Im  Jahre  1246  erlosch  der  Mannsstamm  der  Babenberger
mit  Friedrich  dem  Streitbaren,  dem  Herzoge  ven  Oesterreich
und  Steyermark,  der  in  einer  Schlacht  gegen  die  Ungarn  fiel.
Herzog  Otto  der  Erlauchte  wurde  vom  Kaiser  Friedrich  II
zum  Landeshauptmann  von  Oesterreich  ernannt,  zog  es  aber  vor,
das  Herzogthum  Oesterreich  seinem  Neffen,  Hermann  VI  von
Baden  (dessen  Mutter  Irmengarde  war  eine  Schwester  von
Otto's  Gemahlin  Agnes),  zu  überlassen,  weil  dieser  die  babenberg'sche
  Erbprinzessin  Gertraude,  eine  Tochter  des  Babenbergers
  Heinrich  III,  zur  Frau  hatte.

*)  Graf  Konrad  von  Wasserburg,  welcher  sich  durch  die  Flucht
gerettet  hatte,  kehrte  später  nach  Bayern  zurück,  konnte  jedoch  die  Wiedereinsetzung
  in  seine  Grafschaft  nicht  erlangen.  Mit  ihm  erlosch  sein  Geschlecht.
        <pb n="126" />
        110  Bayern  unter  Otto  I,  dem  Erlauchten.

Am  18.  Juni  1248  erlosch  mit  Otto  II  von  Andechs  das
Geschlecht  der  Herzöge  von  Meran.  Die  Besitzungen  dieses  Geschlechtes
  in  Bayern:  Wolfrathshausen,  Andechs  und
Dießen  kamen  an  Otto  den  Erlauchten;  die  Grafschaften
Neuburg  a.  Inn  und  Schärding,  welche  Friedrich  der
Streitbare  (1230)  als  Mitgift  seiner  Gemahlin  Agnes,  einer
gebornen  Gräfin  von  Andechs-Meran,  erhalten  und  nach
deren  Verstoßung  (1243)  nicht  herausgegeben  hatte,  trennte  Kaiser
  Friedrich  nach  dem  Tode  Friedrichs  des  Streitbaren
(1246)  von  Oesterreich,  ließ  sie  aber  nicht  an  die  päpstlich  gesinnten
  Herzöge  von  Andechs-Meran  zurüdkfallen  sondern
verlieh  sie  (Juni  1248)  ebenfalls  dem  Herzoge  Otto  dem  Erlauchten.
  Die  Güter  der  Andechser  in  Franken  fielen  theils
an  das  Bisthum  Bamberg,  theils  an  die  Schwäger  Otto's  U
von  Andechs,  nämlich  an  die  Grafen  von  Orlamünde,  Truhendingen
  und  Hohenzollern,  welch'  letztere  aus  ihrem  Antheil
die  Fürstenthümer  Ansbach  und  Kulmbach-Bayreuth  bildeten.
  Die  Besitzungen  der  Andechs-Meraner  im  Ober=  und
Unterinn=  und  im  Puster  thal  und  in  der  Grafschaft  Thauer
erlangte  Graf  Albert  von  Tyrol,  der  den  Namen  seiner
kleinen  Grafschaft  Tyrol  auf  den  neu  erworbenen  Besitz  übertrug.
  Dieser  Albert  starb  schon  1245,  und  Tyrol  erbte  sein
Schwiegersohn,  Graf  Mainhard  III  von  Görz,  der  sich  mit
seinem  Schwager,  dem  Grafen  Gebhard  VI  von  Hirschberg,
dem  zweiten  Schwiegersohn  Alberts,  gütlich  abgefunden  hatte.

Im  Jahre  1249  starb  der  Pfalzgraf  Rapoto  III  von  Ortenburg,
  worauf  Herzog  Otto  der  Erlauchte  die  bayerische
(nicht  die  rheinische)  Pfalzgrafenwürde  ganz  eingehen  ließ.

Otto  II,  der  Erlauchte,  hielt  treu  an  Kaiser  Friedrich
  II  fest  bis  zu  dessen  Ende  (1250),  obschon  zwei  Gegenkönige
  gewählt  worden  waren,  zuerst  (1246)  Heinrich  Raspe
(d.  i.  der  Rauhe)  von  Thüringen,  und  nach  dessen  Tode
(1257)  Graf  Wilhelm  II  von  Holland,  die  beide  von  dem
Exzbischofe  von  Salzburg  und  von  den  Bischöfen  von  Passau
und  Regensburg  gegen  Friedrich  II  unterstützt  wurden.

Gegen  den  Schluß  seines  Lebens  ward  Otto  der  Erlauchte
  noch  in  einen  Krieg  (1250—1253)  mit  Böhmen  verwickelt,
  weil  dieses  Landes  Könige  Wenzeslaus  III  (1230—
1253)  und  Premislaus  Ottokar  II  (1253—1278)  darauf  ausgingen,
  Friedrich,  dem  unmündigen  Sohne  des  (1250)  verlebten
Markgrafen  Hermann  VI  von  Baden  (seit  1248  auch  Herzog
        <pb n="127" />
        Bayern  unter  Otto  I,  dem  Erlauchten.  111

von  Oesterreich),  die  Herzogthümer  Oesterreich  und  Steyermark
  zu  entreißen.

Otto  der  Erlauchte  ließ  das  Land  ob  der  Ens  durch  seinen
Sohn  Ludwig  besetzen,  die  Besetzung  Steyermarks  hingegen
überließ  er,  obschon  die  Steyermärker  seinen  Sohn  Heinrich  als
Herzog  begehrt  hatten,  dem  Ungarnkönige  Bela  IV,  denn  dieser
suchte  Steyermark  für  seinen  Sohn  Stephan  V  zu  gewinnen,
und  Otto  der  Erlauchte  wollte  den  Frieden  nicht  stören,  weil  sein
Sohn  Heinrich  mit  der  Tochter  Bela's  IV,  Elisabeth,  verheirathet
  war.  Gleich  beim  Ausbruch  des  Krieges  schlossen  sich
die  Bischöfe  von  Negensburg  und  Passau  an  Böhmen  an,
weßhalb  Otto's  älterer  Sohn,  Ludwig,  in  das  Gebiet  des  ersteren
Bischofes  einfiel  und  das  Schloß  Teisbach  (mit  dessen  Steinen
später  Dingolfing  befestigt  wurde)  niederwarf,  während  Otto's
jüngerer  Sohn,  Heinrich,  seinem  Schwiegervater  Bela  Hilfstruppen
  gegen  die  Böhmen  zuführte.  Der  Krieg  wurde  vorzüglich
  um  Braunau,  Passau  und  Neunburg  v./W.  geführt.

Otto  der  Erlauchte  erlebte  den  Ausgang  des  Kampfes,

der  dem  Böhmenkönige  Premislaus  Ottokar  II  die  Herzogthümer
  Oesterreich  und  Steyermark  einbrachte,  nicht  mehr.
Er  starb  in  Folge  eines  Schlagflusses  (1253),  und  zwar  im  Banne,
da  er  selbst  auf  dem  Sterbebette  durch  den  vom  Regensburger
Bischof  an  ihn  abgeordneten  Franziskaner  Berthold  Lechs“)
aus  Regensburg  nicht  zu  bestimmen  gewesen,  seine  Haltung
gegen  den  Papst  zu  ändern.  Sein  Leichnam  wurde  erst  1256,
nachdem  sich  seine  Söhne  mit  den  Bischöfen  von  Regensburg
und  Passau  ausgesöhnt  und  die  Aufhebung  des  Bannes  und
Interdiktes  erwirkt  hatten,  in  Scheyern  kirchlich  beigesetzt.
Otto  der  Erlauchte  ist  der  letzte  Wittelsbacher,  der  zu
Scheyern  bestattet  wurde.  Drei  Jahre  vor  Otto  dem  Erlauchten
  hatte  auch  Kaiser  Friedrich  II  in  Apulien  geendet
(1250).  In  Deutschland  behauptete  sich  König  Wilhelm
von  Holland  gegen  König  Konrad  IV  (1250—1254),  und
entsetzte  diesen,  während  er  in  Italien  um  Apulien  und  Sizilien
kämpfte,  seines  Herzogthums  Schwaben  (1252).

*)  Berthold  Lechs  war  einer  der  größten  Kanzelredner  seiner  Zeit,
der  oft  auf  freiem  Felde  vor  40,000  —  60,000  Zuhörern  predigte.  In  einer
Heidelberger  Handschrift  sind  noch  altdeutsche  Predigtvorträge  desselben
erhalten.
        <pb n="128" />
        112  Niederbayern  unter  Heinrich  XIII.

&amp;amp;55.  Bei  dem  Hinscheiden  Otto's  des  Erlauchten
(1253)  war  nur  dessen  älterer  Sohn,  Ludwig  (geb.  13.  April
1229),  zugegen,  Heinrich  XIII,  der  jüngere  Sohn  (geb.  13.  Dez.
1235),  hielt  sich  eben  am  Hofe  seines  Schwiegervaters  Bela  IV.
in  Ungarn  auf.  Nach  Heinrichs  Rückkehr  führten  beide  Brüder
  die  Regierung  Bayerns  und  der  Rheinpfalz  gemeinschaftlich.
  Da  sie  aber  sehr  verschiedener  Gemüthsart  und  daher
häufig  uneinig  waren,  nahmen  sie  im  Jahre  1255  die  erste
Landestheilung  vor:

Ludwig  erhielt  Oberbayern,  die  Rheinpfalz  mit  der
an  sie  geknüpften  Kurwürde  und  einen  Theil  des  Nordgaues;

Heinrich  XIII  bekam  Niederbayern,  den  andern  Theil
des  Nordgaues  und  die  Gerechtsame  in  Regensburg.

Gegen  Feinde  wollten  sie  einander  unterstützen;
auch  sollte  einer  den  andern  erben  ½).

3Zweites  Rpitel.

Bayern  von  der  ersten  Landestheilung  bis  zum  Tode
Ludwigs  des  Bayern

(1255  —1347).

A

Niederbayern
seit  der  Trennung  von  Oberbayern  und  der  Uheinpfal)  bis  zur
Wiedervereinigung  mit  Oberbayern

(1255.—  1341)  *).
56.  Heinrich  XIII  regierte  von  1255  bis  1290  und
residirte  in  Landshut.  Er  fand  einen  Hauptgegner  an  dem

*)  Das  Geschlecht  Heinrichs  XIII  von  Niederbayern:
Heinrich  XIII,  1  1290.

 

 

 

Otto  III,  Ludwig  III,  Stephan  I.
4  1312.  1  1296.  t  1310.
Heinrich  XV,  der  Nattern-  6  Heinrich  XIV,  Otto  IV,  6
berger,  1  1333.  1  1339.  +  1334.
———....—
Johann,

4  1340.
        <pb n="129" />
        Niederbayern  unter  Heinrich  XIII.  113

Böhmenkönige  Premislaus  Ottokar  II,  der  es  nicht  verschmerzen
  konnte,  daß  die  Grafschaften  Schärding  und  Neuburg
  a.,Inn,  die  Kaiser  Friedrich  1I  nach  dem  Tode  Friedrichs
des  Streitbaren  (1246)  von  Oesterreich  abgelöst  hatte,  durch
kaiserlichen  Spruch  (1248)  an  Bayern  gekommen  waren.  Unter
dem  nichtigen  Vorwande,  Heinrich  XIII  habe  durch  die  dem
Ungarnkönige  Bela  IV  geleistete  Hilfe  den  Frieden  gebrochen,
fiel  Ottokar  II  verheerend  in  Bayern  ein,  erlitt  aber  mit
seinem  Heere  bei  Mühldorf  am  Inn  (24.  August  1257)
durch  Heinrich  XIII,  dem  sein  Bruder  Ludwig  II,  der  Strenge
zugenannt,  vom  Rheine  her  eiligst  Hilfe  gebracht  hatte,  eine
grauenvolle  Niederlage.  Noch  auf  der  Brücke  über  den  Inn
wurde  der  Kampf  fortgesetzt.  Die  Brücke  brach  und  Hunderte
von  Böhmen  fanden  in  den  Fluthen  des  Inn  den  Tod;  andere
flüchteten  in  einen  Thurm  und  gingen  durch  Feuer  zu  Grunde.
Ottokar  II  selbst  entkam  mit  großer  Mühe  und  bat  um  Frieden,
  der  ihm  auch  gewährt  wurde.  Gleichwohl  fiel  er  1266
abermals  in  Bayern  ein  und  rückte  bis  Regensburg  vor,
wurde  aber  gleichfalls  geschlagen  und  mit  großem  Verluste
zurückgeworfen.

Heinrich  XIII  gelang  es,  Niederbayern  theils  durch

Kauf,  theils  durch  Erbschaft  ansehnlich  zu  vergrößern.

Im  Jahre  1259  brachte  er  die  Orten  burgischen  Güter
(Mässing  a.  Rott,  Tabenberg,  Reichenberg,  Rothenberg,  Griesbach,
  Kraiburg,  Margquartstein  a./Alz  und  Gern)  von  dem  Grafen
Hartmann  von  Werderfels,  dem  Schwiegersohne  des  im  Jahre
1249  verstorbenen  bayer.  Pfalzgrafen  Rapoto  III,  käuflich  an  sich.

Im  Jahre  1269  kam  ihm  durch  schiedsrichterlichen  Ausspruch
der  mindere  Theil  der  Güter  zu,  welche  sein  (1268)  in  Neapel
hingerichteter  Neffe,  Konradin,  in  Bayern  besessen  hatte.

Dazu  erwarb  er  (1281)  noch  die  Güter  der  Grafen  von
Moosburg  und  Rottenburg  sammt  der  Stadt  Moosburg,
dann  die  Güter  der  Herren  von  Landau  und  Aufhausen,  von

Biburg  a./Vils  und  von  Wald  a./Alz  beim  Aussterben  dieser
Geschlechter.

Die  ungleiche  Vertheilung,  welche  die  Konradinischen
Güter  schiedsrichterlichem  Ausspruche  gemäß  (1269)  erfuhren  5),
steigerte  die  zwischen  Heinrich  XIII  und  Ludwig  II  schon
länger  bestehende  Spannung,  welche  kurz  nach  der  Erhebung

Sattler,  bayer.  Geschichte.  8
        <pb n="130" />
        114  Niederbayern  unter  Heinrich  XIII.

Rudolfs  von  Habsburg  zum  deutschen  Könige  (1273—1291)
in  offenen  Kampf  ausbrach.  Rudolf  von  Habsburg,  der
seine  Wahl  zum  deutschen  Könige  vornehmlich  dem  Einflusse
Ludwigs  des  Strengen  von  Oberbayern  zu  danken  hatte,
gab  nicht  zu,  daß  Heinrich  XIII  die  bayerische  Kurwürde
für  sich  allein  in  Anspruch  nahm,  sondern  schrieb  vor,  daß
Ludwig  II,  der  im  unbestrittenen  Besitze  der  pfälzischen
Kurwürde  war,  die  bayerische  Kurstimme  mit  seinem  Bruder
Heinrich  XIII  gemeinsam  übe.  Darüber  brach  unter  den
Brüdern  ein  zweijähriger  Krieg  (1274—  1276)  aus,  der  viel
Schlimmes  im  Gefolge  hatte.  König  Rudolf  stand  dabei  auf
Seite  Ludwigs  des  Strengen,  dem  er  nach  dem  Tode  seiner
zweiten  Gemahlin  Anna,  einer  Prinzessin  von  Polen  und
Glogau,  seine  Tochter  Mechtildis  zur  Ehe  (3.  Nov.  1273)
gegeben  hatte,  und  entschied  noch  während  des  Krieges  auf  einem
Reichstage  zu  Augsburg  (1275)  in  einer  eigenen  Urkunde,
worin  die  Kurwürde  Bayerns  mit  dem  Erzamte  des  Schenken
förmlich  anerkannt  war,  daß  die  pfälzische  Kurstimme
durch  Ludwig  den  Strengen  allein,  die  bayerische
dagegen  durch  beide  Herzöge  gemeinsam  abgegeben
werden  solle.  Den  Krieg  selbst  endete  erst  die  Vermittlung
des  Bischofes  Leo  von  Regensburg  (29.  Mai  1376).
Heinrich  XIII  blieb  auf  dieß  hin  lange  Zeit  feindselig
gegen  Rudolf  von  Habsburg  gesinnt  und  schloß  sich  sogar
dessen  Gegner,  dem  König  Ottokar  II  von  Böhmen  an,  der
sich  von  Rudolf  von  Habsburg  weder  mit  seinen  rechtmäßigen
Besitzungen  Böhmen  und  Mähren  belehnen  lassen,  noch  auch
die  widerrechtlich  in  Besitz  genommenen  Herzogthümer  Oesterreich,
  Steyermark,  Kärnthen  und  Krain  herausgeben
wollte.  Als  Rudolf  deswegen  gegen  Ottokar  II  durch  das
Gebiet  Heinrichs  XIII  ein  Heer  führen  wollte,  trat  ihm  dieser
hindernd  entgegen.  Rudolf  gewann  damals  Heinrich  XIII
für  sich,  indem  er  dessen  ältestem  Sohne,  Otto,  seine  Tochter
Katharina  verloben  ließ  und  Oberösterreich  (das  Land  ob
der  Enns)  als  Brautschatz  verhieß.  Kurz  darauf  (1276)  kam
auch  eine  Aussöhnung  zwischen  Rudolf  und  dem  Böhmenkönige
  zu  Stand,  die  aber  von  keiner  langen  Dauer  war.
        <pb n="131" />
        Niederbayern  unter  Otto  III,  Ludwig  XIII  u.  Stephan  I.  115

Ottokar  II  empörte  sich  1278  wiederholt  gegen  den  König  und
verlor  in  der  Schlacht  auf  dem  Marchfelde  (26.  August  1278)
Sieg  und  Leben.  Heinrich  XIII,  der  sich  neuerdings  auf  des
Empörers  Seite  geschlagen  hatte,  fand  durch  seinen  Bruder  Ludwig
  den  Strengen  bei  Rudolf  Verzeihung,  mußte  aber  auf
Oberösterreich,  das  er  schon  besetzt  hatte,  verzichten  und  sich
gefallen  lassen,  daß  des  Königs  Tochter  Katharing  seinem
Sohne  Otto  als  Mitgift  nur  einige  in  Oberösterreich  gelegenen
Grafschaften  zubrachte).

Wenige  Wochen  nach  dem  Tode  des  böhmischen  Königs
schlossen  die  herzoglichen  Brüder  zu  Vilshofen  (23  Okt.  1278)
den  Vergleich,  daß  zwei  und  zwanzig  Jahre  zwischen  ihnen  wegen
der  Landestheilung  und  über  Kur=  und  Herzogenwürde  kein
Streit  mehr  sein  solle.  Aber  auch  so  hörte  der  Zwist  nicht  auf,
so  daß  der  Bischof  Heinrich  von  Regensburg  sehr  oft  (1280,
1283,  1284,  1285,  1286,  1287,  1288  zwischen  den  herzoglichen
Brüdern,  und  von  1290—1293  sechs  Mal  zwischen  Ludwig  dem
Strengen  und  seinem  Neffen  Otto  von  Niederbayern)  Schiedssprüche
  auf  wechselseitiges  Anrufen  zu  erlassen  genöthigt  war.
Heinrich  XIII  starb  am  4.  Februar  1290  auf  dem  Schlosse
zu  Burghausen  und  wurde  in  Seligenthal  bei  Landshut
beigesetzt.

57.  Heinrich  XIII  hinterließ  drei  Söhne,  Otto  H.,
Ludwig  III  und  Stephan,  welche  nach  dem  Tode  des  Vaters
die  Regierung  gemeinsam  führten  (1290—1296).

Einer  dieser  Brüder,  Stephan,  wurde  nach  dem  Tode  des
Erzbischofes  Rudolf  von  Salzburg  (I  1.  August  1290)  auf
den  erzbischöflichen  Stuhl  berufen,  allein  der  Papst  Nikolaus  IV
verwarf  diese  Wahl  und  ordnete  eine  neue  an,  aus  welcher  der
Bischof  Konrad  von  Lavant  als  Erzbischof  von  Salzburg
hervorging.  Als  dieser  mit  dem  Herzoge  Albrecht  von  Oesterreich
  und  dem  Herzoge  Mainhard  IV  von  Kärnthen  und

*)  Diese  Grafschaften  waren:  Neuburg  a,/Inn,  die  in  der  Zwischenzeit
  von  Bayern  wieder  an  Oesterreich  gekommen  war,  Freistadt,  Mauthausen
  und  Klingenberg.  Sie  mußten  sämmtlich  nach  dem  Tode
Katharina#'s  (1  1283)  wieder  an  Oesterreich  zurückgegeben  werden,  da  die
zwei  von  ihr  abstammenden  Prinzen  schon  vor  der  Mutter  gestorben  waren
(1282).

8*
        <pb n="132" />
        116  Niederbayern  unter  Otto  III  und  Stephan  I.

Tyrol,  die  beide  den  Abt  Heinrich  von  Admont  als  Erzbischof
  von  Salzburg  durchsetzen  wollten,  in  Krieg  gerieth,  brachte
ihm  Otto  III  Hilfe,  denn  die  mit  Herzog  Albrecht  unzufriedenen
Steyermärker  hatten  ihm  für  den  Fall  des  Waffenglücks  als
den  Herrn  Steyermarks  anzuerkennen  verheißen.  Das  Unternehmen
  mißglückte,  worauf  der  Friede  zu  Linz  (24.  Mai  1293)
zu  Stande  kam.

Da  Ludwig  III  am  13.  Mai  1296,  im  siebenten  Jahre
der  gemeinschaftlichen  Regierung  (1290  —  1296)  starb,  führten
Otto  III  und  Stephan  I  (1296—  1310)  die  Regierung  gemeinschaftlich
  fort.  Beide  unterhielten  mit  dem  deutschen  Könige
Adolf  von  Rassau  (1292—1298)  ein  freundschaftliches  Verhältniß
  und  empfingen  von  ihm  dafür,  daß  er  in  Niederbayern
Kriegsvolk  für  die  Engländer  wider  die  Franzosen  hatte  werben
  dürfen,  eine  Summe  Geldes  auf  die  Judenschaft  in
Regensburg  angewiesen.  Als  jedoch  Abgeordnete  das  Geld
erheben  wollten,  entstand  plötzlich  Aufruhr,  in  welchem  einige
Bayern  ihr  Leben,  andere  ihre  Freiheit  verloren.  Die  beiden
Herzöge  boten,  um  diesen  Frevel  zu  rächen,  ihre  Krieger  auf
und  sperrten  der  Stadt  alle  Zufuhr  ab.  Die  Bürger,  von
Hunger  in  Verzweiflung  gebracht,  machten  einen  Ausfall,  plünderten
  und  verbrannten  Abbach  und  verheerten  noch  anderes
benachbartes  Gut  der  Herzöge.  Diese  belagerten  nun  Regensburg
  förmlich,  bis  der  Bischof  Heinrich  von  Regensburg
den  Frieden  vermittelte.  Die  Juden  zahlten  gegen  Quittung
2000,  die  Bürger  1000  Pfund  Silber  als  Entschädigung  (1297).
Gleichwohl  dauerte  die  Geldklemme,  in  welche  die  Herzöge  durch
die  doppelte  Hofhaltung  und  die  Kriegsereignisse  gekommen  waren,
fort,  daher  die  Herzöge  zur  Veräußerung  oder  Versetzung
mancher  Güter  schritten).

In  dem  Kampfe,  der  sich  1298  zwischen  dem  Könige  Adolf
von  Nassau  und  Albrecht  von  Oesterreich,  dem  Sohne
Rudolfs  von  Habsburg,  entspann,  standen  die  beiden  nieder-*)

  Unter  den  Gütern,  welche  veräußert  wurden,  war  das  berühmte
Wildbad  Gastein,  welches  Ludwig  l,  der  Kelheimer,  von  der  Gräfin
Adela  von  Peilstein-Mören  erworben  hatte.  Es  kam  (10.  März  1297)
an  Salzburg.
        <pb n="133" />
        Niederbayern  unter  Otto  III  und  Stephan  I.  117

bayerischen  Herzöge  auf  Seite  des  Ersteren  und  fochten  für  ihn
in  der  unglücklichen  Schlacht  bei  Gölheim  (2.  Juli  1298),
wo  Adolf  Krone  und  Leben  verlor.  Sie  baten  den  Sieger  um
Frieden  und  erhielten  ihn,  setzten  aber  ihr  feindseliges  Benehmen
gegen  Oesterreich  theils  offen,  theils  heimlich  fort.

Das  Hinscheiden  des  Königs  Andreas  III  von  Ungarn
(14.  Januar  1301),  des  letzten  männlichen  Sprossen  des  Arpadischen
  Königshauses,  brachte  über  Niederbayern  neues
Unglück.  Der  König  Wenzel  IV  von  Böhmen,  Karl  Robert
  von  Neapel  ')  und  Otto  III  von  Niederbayern
(dessen  Mutter  Elisabeth  eine  Tochter  des  ungarischen  Königs
Belaly  gewesen)  konnten  als  Verwandte  des  Arpadischen  Hauses
von  weiblicher  Seite  Anspruch  auf  die  Krone  Ungarns  erheben
und  jeder  derselben  hatte  einen  Theil  der  ungarischen  Magnaten
für  sich  37).  Wenzel  IV  ließ  (26.  August  1301)  seinen  Sohn
Wenzel  V  zu  Stuhlweißenburg  krönen,  rief  ihn  aber  (1304)
aus  Furcht  vor  der  überlegenen  Partei  des  Neapolitaners  Karl
Robert  aus  Ungarn  zurück  und  übergab  Otto  III  von  Niederbayern
  die  ungarischen  Reichsinsignien.  Zugleich  eröffnete
  er  diesem  den  Weg  durch  Böhmen  und  Mähren  nach
Ungarn,  der  ihm  von  den  Oesterreichern  verlegt  worden  war
(September  1305).  Otto  wurde  (6.  Dezbr.  1305)  zu  Stuhlweißenburg
  gekrönt,  bekam  aber  bald  eine  Anzahl  von  Magnaten
  gegen  sich,  weil  er  seine  Bayern  übertrieben  begünstigte.
Um  sich  gleichwohl  auf  dem  Throne  zu  erhalten,  warb  er,  da
seine  Gemahlin  Katharina  schon  1283  gestorben  war,  bei  dem

P)  Karl  Robert  von  Neapel,  ein  Enkel  des  Königs  Karl  II  von  Neapel,
hatte  Ansprüche  auf  den  ungarischen  Thron,  weil  seine  Großmutter  Mariag,
die  Gemahlin  dieses  Karl  II  von  Neapel,  die  Tochter  des  Ungarnkönigs
Stephan  V  war.

Stephan  V,  König  v.  Ungarn,

+  1278.
Maria,  1323;  F  Gemahl:  König  Karl  II  v.  Neapel,  1  1309.

Carl  Martell,  F  1301;  Gemahlin:  Clementia,
des  Kaisers  Rudolf  v.  Habsburg  Tochter.

—.—.—.  ———
Carl  Robert,  F  1342.
        <pb n="134" />
        118  Niederbayern  unter  Otto  III  und  Stephan  J.

Woiwoden  (Herzog)  Ladislaus  von  Siebenbürgen  um  die
Hand  einer  seiner  Töchter.  Allein  Ladislaus,  selbst  lüstern
nach  Ungarus  Krone,  nahm  ihn  gefangen.  Herzog  Otto  III
entkam  nach  einem  Jahre  der  Haft,  hielt  sich  auf  der  Flucht
einige  Zeit  bei  Heinrich  III,  dem  Herzoge  von  Schlesien  und
Glogau,  auf  und  verlobte  sich  mit  dessen  Tochter  Agnes.  Im
Jahre  1308  kehrte  er  nach  Bayern  zurück  und  vermählte  sich
mit  der  ebengenannten  Agnes  zu  Straubing  (18.  Mai  1309).

Während  Otto's  Abwesenheit  in  Ungarn  und  Schlesien  hatte
König  Albrecht  (1298—1308)  Niederbayern  (1307)  überfallen,
um  an  Stephan,  der  ihm  den  Durchzug  durch  Niederbayern
gewehrt  hatte,  Rache  zu  nehmen.  Stephan  lag  eben  krank  in
Landshut  darnieder  und  mußte  es  geschehen  lassen,  daß  Albrecht
  verheerend  und  plündernd  in  Niederbayern  vordrang.
Der  hinterlistige  König  überlebte  diesen  Gewaltstreich  nicht  ein
Jahr  —  er  unterlag  am  1.  Mai  1308  der  Waffe  seines  Neffen
Johann,  Herzogs  von  Schwaben,  der  seitdem  Parricida
(Verwandtenmörder)  genannt  wurde.  Als  nun  Heinrich  VII
von  Luxemburg,  der  neu  erwählte  König  Deutschlands  (1308
—  1313)  zögerte,  dem  Sohne  des  gemordeten  Albrecht,  Friedrich
dem  Schönen,  die  Reichslehen  zu  verleihen,  und  Böhmen  seinem
  eigenen  dreizehnjährigen  Sohne  zubrachte,  da  hielt  Stephan
und  der  inzwischen  heimgekehrte  Otto  dieß  für  eine  günstige
Gelegenheit,  durch  einen  Einfall  in  Oesterreich  die  Verwüstung
Niederbayerns  durch  Albrecht  zu  rächen.  Wider  Erwarten  kam
Friedrich  der  Schöne,  der  Schlimmes  ahnen  mochte,  eiligst
mit  einem  Heere  nach  Bayern  gezogen,  belagerte  Ried  und  verwüstete
  das  platte  Land  bis  Burghausen.  Ein  allgemeines
Aufgebot  der  niederbayerischen  Herzöge  und  die  Geschicklichkeit
Hartmanns  von  Puchberg  verschaffte  den  Bayern  bei  Schärding
  (8.  September  1310)  einen  entscheidenden  Sieg  über  die
Oesterreicher.  Leider  kamen  zu  den  Verheerungen,  die  angerichtet
worden,  jetzt  noch  Pest  und  Hunger  und  vergrößerten  das  Elend.
Stephan  I  selbst  starb  an  der  Seuche  (21.  Dezember  1310).
Nun  dachte  man  auf  Frieden  mit  Oesterreich,  und  dieser  wurde
1311  zu  Passau  dahin  geschlossen,  daß  gegenseitig  Schadenersatz
geleistet  werden  solle.
        <pb n="135" />
        Niederbayern  unter  vormundschaftlicher  Regierung.  119

Den  wiedergekehrten  Frieden  benützte  Otto  III  zu  Rüstungen,
um  die  verlorene  ungarische  Krone  wieder  an  sich  zu  bringen.
Zur  Aufbringung  der  nöthigen  Geldmittel  verkaufte  er  durch  eine
zu  Landshut  unterm  15.  Juni  1311  ausgestellte  Urkunde,
welche  die  „Ottonische  Handveste“  heißt,  die  niedere  Gerichtsbarkeit
  mit  Ausnahme  des  Blutbannes  (d.  i.  des  Rechtes
über  Leben  und  Tod)  an  siebenzig  Adelsgeschlechter  und  neunzehn
  Städte  und  gewährte  zugleich  das  Recht,  zur  Wahrung
dieser  Zugeständnisse  sich  zu  einigen  oder  zu  bündnen  ).

In  der  Folge  wurde  dieses  Vorrecht  von  den  Herzögen  nach

und  nach  beinahe  allen  Prälaten  und  Edelleuten  ertheilt,  so  daß
am  Ende  beinahe  die  Hälfte  Bayerns  der  richterlichen  Gewalt
der  Herzöge  entzogen  war.  Seit  dieser  Zeit  wurden  öfter  allgemeine
  Steuern  gefordert  und  die  Gewohnheit  verwandelte  sich
allmählig  in  ein  Recht.  Aus  einzelnen  Steuern,  die  man  erhoben
hatte,  wurden  beständige  Steuern.  Aber  auf  der  andern  Seite
hoben  sich  auch  die  Güterbesitzer,  die  nun  einmal  die  Gerichtsbarkeit
  in  ihren  Händen  hatten,  zu  einer  einflußreichen  Stellung  empor.
Unter  dem  Namen  der  „Landstände"“  traten  sie  seitdem  als  die
Stellvertreter  der  Nation  auf  und  machten  nicht  blos  dann,  wenn
es  um  die  Huldigung  oder  um  die  Bestimmung  künftiger
Erbfolge  zu  thun  war,  sondern  auch,  wenn  der  Landesherr
Krieg  führen,  Friede  schließen,  Geldsummen  aufnehmen
  oder  neue  Abgaben  fordern  wollte,  ferner  wenn
neue  Landesgesetze  gegeben  wurden,  und  fast  in  allen  allgemeinen
  Angelegenheiten  des  Landes  ihre  Einwilligung  zur
unentbehrlichen  Bedingung.

Otto  konnte  die  begonnene  Rüstung  nicht  vollenden  —  er
erkrankte  und  starb  am  9.  September  1312,  nachdem  er  in  den
zwei  letzten  Jahren  seines  Lebens  die  Regierung  Niederbayerns
allein  geführt  hatte.

58.  Bei  dem  Tode  Otto's  III  war  sowohl  sein  Sohn
Heinrich  XV,  später  der  Natternberger  genannt,  als  auch
die  zwei  Söhne  seines  1310  verstorbenen  Bruders  Stephan,
Heinrich  XIV  und  Otto  IV,  unmündig.  Herzog  Stephan
hatte  kurz  vor  seinem  Ende  für  seine  beiden  Prinzen  den  Herzog
Ludwig  von  Oberbayern  als  Vormund  bestellt  und  dieser
hatte  als  solcher  die  Ottonische  Handveste  mitbesiegelt.  Auch
Herzog  Otto  III  wählte  ihn  als  Vormund  und  trug  den  Bürgern
        <pb n="136" />
        120  Niederbayern  unter  Heinrich  XIV  u.  Otto  IV.

Landshuts  und  Straubings  auf,  zum  Vorllzug  dieser  letztwilligen
  Verfügung  mitzuwirken.  Damit  waren  aber  weder  die
herzoglichen  Wittwen  Juta  (Judith,  die  Wittwe  Stephans)
und  Agnes  (die  Wittwe  Otto's),  noch  die  Landesherren  oder
Adeligen  Niederbayerns  einverstanden  und  übertrugen  (1.  September
  1313)  von  Passau  aus  die  Vormundschaft  an  Herzog
Friedrich  den  Schönen  von  Oesterreich  als  Verwandten
von  weiblicher  Seite  3P),  dem  in  einem  solchen  Falle  nach  altem
deutschen  Herkommen  die  Pflegschaft  zufallen  mußte.  Thatsächlich
waren  aber  die  beiden  oberbayerischen  Herzöge  Rudolf  und
Ludwig  im  Besitze  der  Pflegschaft,  weil  sich  die  Städte  Landshut
  und  Straubing  in  ihren  Schutz  begeben  hatten  (15.  Mai
u.  22.  Juli  1313).  Darüber  kam  es  zwischen  dem  Herzoge
Ludwig  von  Oberbayern  und  Friedrich  dem  Schönen  von
Oesterreich  bei  Gammelsdorf  unweit  Moosburg  am  9.  November
  1313  zum  Kampfe,  nach  dessen  unglücklichem  Ausgang
für  Oesterreich  der  Erzbischof  von  Salzburg,  der  Bischof
von  Regensburg  und  Herzog  Heinrich  von  Kärnthen  zu
Salzburg  (17.  April  1314)  die  Sache  dahin  vermittelten,  daß
Friedrich  der  Schöne  und  sein  Bruder  Leopold  von  Oesterreich
  die  Pflegschaft  der  oberbayerischen  Herzöage  Rudolf  und
Ludwig  anerkannten  und  versprachen,  dieselbe  in  keiner  Weise  zu
stören.  Ludwig  löste  hierauf  den  vom  niederbayerischen  Adel  geschlossenen
  Bund  auf  und  führte  die  Vormundschaft  bis  1318,  wo  er
die  Regierung  den  Söhnen  Stephans  I  übergab  mit  der  Ausfsicht
über  den  noch  unmündigen  Heinrich  XV,  den  Natternberger.

59.  Die  Regierung  der  beiden  Herzöge  Heinrich  XIV
und  Otto  1V  war  nichts  weniger,  als  eine  glückliche.  Auf
ihrem  Lande  lag  in  Folge  der  vielen  Kriege  eine  große  Schuldenlast,
  welche  durch  die  gewöhnlichen  Einnahmen  des  Landes  nicht
zu  tilgen  war.  Sie  kündigten  deßhalb  eine  Klauen  =  oder
Viehsteuer  an,  die  auch  auf  den  Besitz  der  Geistlichkeit  und
der  Klöster  ausgedehnt  werden  sollte.  Dieses  Unterfangen  zog
den  Herzögen  den  Bann  und  ihrem  Lande  das  Interdikt  zu,
welche  Strafen  erst  wieder  aufgehoben  wurden,  nachdem  die  Herzöge
  auf  einer  Reichsversammlung  zu  Regensburg  (1324)  das
        <pb n="137" />
        Niederbayern  unt.  Heinr.  XIV,  Otto  IV  u.  Heinr.  XV.  121

Versprechen  gegeben  hatten,  daß  sie  die  Geistlichkeit  und  ihre
Leute  nie  wieder  einer  allgemeinen  Steuer  unterwerfen  würden.
Ehe  noch  dieses  Zerwürfniß  mit  der  Kirche  seine  Beilegung  gefunden,
war  Heinrich  XIV  mit  seinem  Bruder  Otto  IV  und  seinem
Vetier  Heinrich  XV  über  die  Verwaltung  des  Landes  in  Streit
gerathen,  der  eine  völlige  Anarchie  herbeizuführen  drohte.  Da
legten  sich  die  Stände  in's  Mittel  und  führten  eine  Versöhnung
herbei;  zugleich  ernannten  sie  einen  Ausschuß  von  sechzehn  Mitgliedern
  aus  ihrer  Mitte,  welche  dem  schlechten  Haushalte  der
Herzöge  aufhelfen  sollten.  Binnen  kurzer  Zeit  war  ein  großer
Theil  der  Schuldenlast  getilgt  und  der  Verwaltung  des  Landes
eine  Wendung  zum  Guten  gegeben.

Da  einige  Zeit  später  Heinrich  XIV  über  die  jüngeren
Herzöge  sich  Vieles  anmaßte,  klagten  diese  bei  ihrem  Verwandten,
dem  deutschen  König  Ludwig  IV,  und  erwirkten  durch  ihn
(1331)  eine  Theilung  "60).  Sie  regierten  aber  auch  nach  der
Theilung  keineswegs  zu  ihrer  und  des  Landes  Wohlfahrt.  Heinrich
  XIV,  seit  1322  mit  Margaretha,  der  Tochter  des  Königs
  Johann  von  Böhmen,  vermählt,  verließ  (1331)  die  Partei
Ludwigs  1V  und  trat  auf  die  seines  Schwiegervaters,  des
Böhmenkönigs  Johann  (1311—1326),  der  sich  plötzlich  an  den
Papst  angeschlossen  hatte,  weil  in  Aussicht  stand,  daß  nach  dem
Sturze  Ludwigs  die  deutsche  Königskrone  seinem  Hause  zufallen
werde.  Daher  kam  es  (1332)  zwischen  Heinrich  XIV  und
dem  Könige  Ludwig,  der  den  jüngeren  Herzögen  von  Niederbayern
  gegen  ihren  Bedrücker  Heinrich  XIV  zu  Hilfe  zog,  zu
einem  argen  Zusammenstoße,  dem  erst  die  Vermittlung  des  Böhmenkönigs
  Johann  ein  Ende  machte.  Die  drei  niederbayerischen
Herzöge  hoben  die  im  Jahre  1331  getroffene  Theilung  wieder
auf  und  regierten  miteinander  bis  zum  18.  Juni  1333,  wo
Heinrich  XV,  der  Natternberger,  in  Folge  eines  unglücklichen
Sprunges  starb.

Unmittelbar  vor  diesem  Todesfalle  hatte  sich  zwischen  dem
König  Ludwig  und  Heinrich  XIV  ein  solch  freundschaftliches
Verhältniß  gebildet,  daß  Ludwig,  hauptsächlich  durch  die  erfolglosen
  Unterhandlungen  mit  dem  Papste,  mit  Philipp  VI  von
Frankreich  und  Johann  von  Böhmen  vermocht,  zu  Gunsten
        <pb n="138" />
        122  Niederbayern  unter  Heinrich  XIV.

Heinrichs  XIV  eine  Verzichtleistung  auf  die  deutsche  Krone
ausstellte  (19.  November  1333),  welche  mit  der  Lösung  des  über
Ludwig  verhängten  Bannes  in  Kraft  treten  sollte.  In  Folge
dieses  Verzichtes  betrachtete  Heinrich  XIV  seine  Erhebung  auf
den  deutschen  Thron  für  so  gewiß,  daß  er  bereits  dem  Könige
Philipp  VI  von  Valois,  dem  er  sich  in  dieser  Sache  zu  Dank
verpflichtet  wähnte,  vom  arelatensischen  Königreiche  W#)
alles  Land  zwischen  Saone  und  Rhone  einerseits  und  von  den
Alpen  bis  an's  Mittelmeer  anderseits  gegen  Wiedereinlösung  von
300,000  Mark  Silber  abzutreten  sich  anheischig  machte.  Die
Sache  kam  zu  den  Ohren  Ludwigs,  der  augenblicklich  seine  Gesinnung
  änderte  und  die  Verzichtleistung  auf  den  deutschen  Thron
zurücknahm.

Am  14.  Dezember  1334  starb  Heinrichs  XIV.  Bruder,
Otto  1V,  nachdem  er  kurz  vor  seinem  Ende  mit  Verletzung  der
bestehenden  Hausordnung  den  König  Ludwig  zum  Erben  seines
Gebietes  eingesetzt  hatte.  Heinrich  XIV  war  hierüber  höchst
betroffen  und  wurde  dieß  noch  mehr,  als  König  Ludwig  IV.
Kärnthen  und  Tyrol,  die  Güter  des  (4.  April  1335)  verstorbenen
  Herzogs  Heinrich  von  Kärnthen?),  nicht  an  das
mit  dem  Erblasser  verwandte  Haus  Böhmen-Luremburg
verlieh,  welches  ein  darauf  bezügliches  Versprechen  erlangt  zu
haben  vorgab  ½),  sondern  den  nördlichen  Theil  Tyrols  vorläufig
  für  sich  behielt  und  mit  Kärnthen  und  dem  südlichen
Theil  Tyrols  die  österreichischen  Herzöage  Albrecht  den  Weisen
und  Otto  den  Kühnen,  Säöhne  des  gemordeten  Königs  Albrecht,
belehnte  (2.  u.  3.  Mai  1335).  Ob  dieser  Verfügung  Ludwigs
des  Bayern  kam  es  im  Jahre  1336  in  Niederbayern  zu  einer
großen  Truppenaufstellung  von  Seite  Ludwigs  und  Johanns
von  Böhmen,  welch’  letztern  sein  Schwiegersohn  Heinrich  XIV
unterstützte.  Ein  entscheidendes  Treffen  fiel  nicht  vor,  aber  das
niederbayerische  Gebict  zwischen  der  Isar  und  dem  Inn  wurde
schrecklich  verheert,  bis  im  Spätherbste  beide  Armeen  auseinander
gingen.  Vermöge  des  Friedensvertrages,  der  kurz  vorher  (9.  Ok-*)

  S.  die  genealogische  Tafel  der  Grafen  ven  Görz  (Tyrol-Kärnthen)
in  den  Beilagen  unter  Ziffer  57.
        <pb n="139" />
        Niederbayern  unter  Heinrich  XIV.  123

tober  1336)  zu  Stande  gekommen  war,  erhielten  die  österreichischen
  Herzöge  den  größern  Theil  Kärnthens  und
die  March,  König  Johann  von  Böhmen  erhielt  für  seinen
Sohn  Johann  Heinrich  einen  bisher  zu  Kärnthen  gehörigen
Distrikt  an  der  Donau  und  für  sich  die  Stadt  Zuaym  und
10,000  Goldgulden;  Ludwig  IV  ging  leer  aus,  ja  es
wurden  ihm  nicht  einmal  die  Kosten  für  die  den  Oesterreichern
geleistete  Hülfe  vergütet.

Im  Frühjahre  1337  zog  Heinrich  XIV  mit  seinem  Schwiegervater
  Johann  von  Böhmen  den  Deutschherren  Preußens  gegen
die  heidnischen  Lithauer  zu  Hilfe.  Heinrich  legte  zwischen
Tilsit  und  Kowno  am  linken  Ufer  der  Memel  (nahe  bei  Gilgudiski)
  eine  feste  Burg,  die  Bayerburg,  an  als  einen  Stützpunkt
  für  künftige  Unternehmungen  und  Sitz  eines  zur  Bekehrung
der  Lithauer  zu  errichtenden  Erzbisthums,  wozu  Ludwig  der
Bayer  (12.  Dezember  1337)  die  Bestätigungs-Urkunde  gab.
Der  ganze  Kriegszug  hatte  sonst  keine  nachhaltigen  Folgen,  und
um  die  Mitte  Juni  1337  war  Heinrich  bereits  wieder  nach
Niederbayern  zurückgekehrt.

Das  Jahr  1339  führte  die  Versöhnung  Ludwigs  des
Bayern  mit  Heinrich  XIV  herbei,  welche  dadurch  bekräftigt
wurde,  daß  sich  des  Herzogs  Sohn  Johann  mit  Ludwigs
Tochter  Elisabeth  verlobte.  In  demselben  Jahre  noch  starb
Heinrich  XIV  (1.  September)  und  etwas  über  ein  Jahr  darnach
  (20.  Dezember  1340)  sein  Sohn,  der  eilfjährige  Prinz
Johann.  Dieser  war  der  letzte  männliche  Sprößling  der  älteren
niederbayerischen  Linie.  Seine  Güter  zog  (1341)  Ludwig  der
Bayer,  als  nächster  und  ältester  Stammagnat,  an  sich
und  schloß  auf  diese  Weise  sowohl  die  Nachkommen  seines  bereits
verlebten  Bruders  Rudolf  von  der  Erbschaft  aus,  als  auch  die
österreichischen  Prinzen  Friedrich  und  Leopold,  welche  dem
Herzogs  Otto  dem  Kühnen  von  Oesterreich  aus  seiner  Ehe  mit
Elisabeth,  des  niederbayerischen  Herzogs  Stephan  I  Tochter,
entsprungen  waren.  Für  letztern  Prinzen  wurden  von  Oesterreich
  aus,  wo  man  die  1255  geschehene  Theilung  für  eine
Todttheilung  erklärte,  Ansprüche  erhoben;  allein  Oesterreich
mußte  der  damaligen  Uebermacht  Ludwigs  des  Bayern
        <pb n="140" />
        124  Oberbayern  unter  Ludwig  II,  dem  Strengen.

weichen").  So  wurde  Ober=  und  Niederbayern  nach  einer
Trennung  von  85  Jahren  wieder  vereinigt.

B.
Oberbayern

seit  der  Trennung  von  Uiederbayern  bis  zum  Tode  #Hudwigs  des
Bayern
(1255—1347)“7.

60.  Ludwig  II,  der  Strenge  (1255  —  1294),  dem
bei  der  1255  erfolgten  Ländertheilung  neben  andern  Städten
auch  München  zugefallen  war,  baute  sich  daselbst  eine  Residenz,
den  noch  bestehenden  „alten  Hof“,  und  wohnte  abwechselnd
hier  und  in  Heidelberg.  Der  jugendliche  Herrscher  verband
mit  vielen  guten  Eigenschaften  die  schlimme  des  Jähzorns,  die
ihn  zu  einem  schweren  Vergehen  verleitete:  er  ließ  aus  falschem
Argwohn  seine  tugendhafte  Gemahlin  Maria,  die  Tochter  Heinrichs
  des  Großmüthigen  von  Brabant,  am  18.  Januar
1256  in  Donauwörth  ohne  alle  Untersuchung  hinrichten  55).
Als  sich  hinterher  die  Unschuld  der  Herzogin  herausstellte,  befiel
Ludwig  II  eine  solche  Reue,  daß  ihm  in  einer  Nacht  die  Haare
bleichten.  Um  die  übereilte  That,  von  der  man  ihn  den  „Strengen“
  nannte,  zu  sühnen,  unternahm  er  eine  Reise  nach  Rom
und  erhielt  dort  Lossprechung  gegen  die  Verpflichtung,  ein  Kloster
zu  bauen.  Dieß  gab  dem  eeisterzienser-Kloster  Fürstenfeld
den  Ursprung.

Ludwigs  des  Strengen  erste  kriegerische  That  von  Bedeutung
  war  der  Beistand,  den  er  seinem  Bruder  Heinrich  XIII
von  Niederbayern  in  der  Schlacht  bei  Mühldorf  (1257)
gegen  den  Böhmenkönig  Ottokar  II  leistete.  Von  dort  als

*)  Daher  leitet  sich  das  später  aufgetauchte  Gerücht,  Ludwig  dem
Bayern,  der  1347  eines  plötzlichen  Todes  starb,  sei  auf  Anstiften  Oesterreichs
  Gift  beigebracht  worden.

*#)  Die  Regenten  Oberbayerns  während  dieser  Zeit  sind:

Ludwig  II,  der  Strenge,
1250—1294.

Rudolf  II,  der  Stammler,  Ludwig  der  Bayer,
1294  —1317.  (1301)  1317—1.47.
        <pb n="141" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  II,  dem  Strengen.  125

Sieger  zurückgekehrt,  war  er  auf  die  Vertheidigung  des  eigenen
Gebietes  bedacht.  Zum  Schutze  wider  Augsburg  baute  er
(1258)  die  Veste  Kaltenberg  und  befestigte  das  nahe  gelegene
Friedberg,  wider  Regensburg  baute  er  auf  dem  Geiers
Cetzt  Dreifaltigkeits)-Berge  eine  Veste,  denn  beide  Städte
zeigten  Lust,  dem  oberbayerischen  Herzog  ihre  Macht  fühlen  zu
lassen.  Schon  waren  die  Regensburger  zur  Eröffnung  eines
Krieges  in  die  Schranken  getreten,  als  der  Herzog  Heinrich  XIII
von  Niederbayern  sich  in's  Mittel  legte  und  von  seinem  Bruder
  erwirkte,  daß  die  Regensburger  die  Veste  gegen  eine
Summe  Geldes  niederreißen  durften  (3.  März  1259);  die  Augsburger
  hielten  Ruhe,  weil  sie  der  vereinigten  Macht  der  bayerischen
  Herzöge  zu  unterliegen  fürchteten.

Während  dieser  Vorgänge  war  Wilhelm  II  von  Holland,
der  seit  dem  Tode  Konrads  IV  (1254)  in  Deutschland  allgemein
  als  König  anerkannt  worden  war,  von  den  Friesen
(1256)  erschlagen  worden.  Ein  Theil  der  deutschen  Reichsfürsten
hatte  für  Geld  Alfons  X  von  Castilien,  der  andere  Theil
den  Bruder  des  englischen  Königs  Heinrich  III,  den  Prinzen
Richard  von  Cornwallis  gewählt,  der  am  17.  Mai  1257
zu  Aachen  gekrönt  wurde.  Auf  die  Wahl  des  Letztern  hatte
hauptsächlich  Ludwig  der  Strenge  mit  seinem  Bruder  Heinrich
  XIII  von  Niederbayern  hingewirkt,  die  beide  der  Wahlhandlung
  zu  Frankfurt  a,  M.  (13.  Januar  1257)  in  der
Eigenschaft  als  Kurfürsten  angewohnt  hatten.  Ludwig  der
Strenge  hatte  diese  Wahl  ohne  Zweifel  deshalb  unterstützt,
weil  er  wegen  der  willkürlichen  Landestheilung  vom  Jahre  1255
und  wegen  der  Blutthat  an  seiner  Gemahlin  Maria  von  Brabant
  den  zukünftigen  König  von  Deutschland  sich  vorhinein
geneigt  zu  machen  Ursache  hatte.  Auch  hatte  er  schon  1256
Heiraths-Unterhandlungen  wegen  einer  Tochter  oder  Schwester
des  englischen  Königs  Heinrich  III  angeknüpft  und  bei  dieser
Gelegenheit  für  das  Versprechen,  dem  Richard  von  Cornwallis
  zur  Erhebung  auf  den  deutschen  Thron  behilflich  zu  sein,
von  diesem  in  einem  geheimen  Artikel  die  Zusage  erhalten,  dem
jungen  Konradin  von  Hohenstaufen,  dem  Schwestersohn  der
beiden  bayerischen  Herzöge,  das  Herzogthum  Schwaben  (das
        <pb n="142" />
        126  Oberbayern  unter  Ludwig  II,  dem  Strengen.

Wilhelm  II  von  Holland  im  Jahre  1252  dem  Hohenstaufen
Konrad  1V  entzogen  hatte)  zu  Lehen  zu  geben  und  ihn  überhaupt
  im  Besitze  aller  seiner  Erb=  und  Lehengüter  zu  erhalten.
Diesen  Artikel  ließ  Richard  von  Cornwallis  (1257—1272)
durch  einen  Bevollmächtigten  (25.  Januar  1257)  eidlich  bekräftigen,
  aber  weder  die  englische  Heirathsverhandlung,  noch  auch
die  Belehnung  Konradins  mit  dem  Herzogthum  Schwaben
kam  zum  Vollzuge,  weshalb  sich  Ludwig  der  Strenge  (1260)
mit  Anna,  einer  Prinzessin  von  Polen  und  Glogau,  vermählte
  und  (1262—1266)  mit  allen  Kräften  dahin  strebte,  daß
sein  Neffe  Konradin  als  Gegenkönig  aufgestellt  würde.
Unglücklicherweise  ging  damals  Konradin  mit  dem  Plane
um,  Apulien  und  Sizilien,  die  sein  Vater  Konrad  IV
inne  gehabt,  an  sich  zu  bringen  und  kümmerte  sich  deshalb  wenig
um  seine  Erhebung  auf  den  deutschen  Thron.  Es  gelang  dem
ingendlichen  Helden,  gegen  Karl  von  Anjou  (Ludwigs  IX
von  Frankreich  Bruder),  dem  der  Papst  Urban  IV  das  Königreich
  beider  Sizilien  zu  Lehen  gegeben  hatte,  eine  ansehnliche
  Streitmacht  aufzubringen.  Das  zu  diesem  Unternehmen
erforderliche  Geld  erhielt  er  größtentheils  von  seinen  Oheimen,
den  Herzögen  Ludwig  dem  Strengen  und  Heinrich  XIII,
weshalb  er  diesen  Vieles  "4)  verpfändete  und  sie  auf  einer  großen
Versammlung  der  bayerischen  und  schwäbischen  Reichsfürsten
zu  Augsburg  (im  Oktober  1266)  für  den  Fall  seines  kinderlosen
  Absterbens  als  Erben  seiner  meisten  Güter  in  Deutschland
einsetzte.  Nachdem  er  noch  seine  Mutter  Elisabeth,  die  mit
Mainhard  IV  von  Görz-Tyrol  eine  zweite  Ehe  eingegangen
hatte,  durch  Ueberweisung  mehrerer  Güter  in  Bayern")  für  den
Entgang  hohenstaufischer  Güter  entschädigt  hatte,  trat  er  im
Oktober  1267  mit  seinem  Verwandten  und  Jugendfreunde,
Friedrich  von  Baden  und  Oesterreich“),  den  Zug  über  die
Alpen  an.  Herzog  Ludwig  II,  sein  Oheim  und  bisheriger
Vormünder,  so  wie  Graf  Mainhard  IV  von  Görz-Tyrol,
sein  Stiefvater,  begleiteten  ihn  bis  Verona,  wo  er  am  20.  Oktober
  1267  seinen  feierlichen  Einzug  hielt.  Sein  weiterer  Zug
über  Pavia  und  Pisa  nach  Rom  glich  einem  förmlichen
Triumphzuge.  Am  18.  August  1268  brach  er  mit  seinem  Heere
        <pb n="143" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  II,  dem  Strengen.  127

gegen  Karl  von  Anjou  auf  und  beide  trafen  zu  Tagliacozzo
  nächst  Aquila  (in  Abruzzo  II)  aufeinander.  Längere
Zeit  hindurch  behauptete  Konradin  die  Oberhand:  da  brachen
plötzlich  800  französische  Reiter  aus  einem  Hinterhalte  hervor  und
entrissen  den  nichts  ahnenden  Deutschen  den  Sieg  (23.  August
1268).  Konradin  entfloh  mit  Friedrich  von  Baden  und
Oesterreich  nebst  einigen  andern  Begleitern  nach  Rom  und
von  da  nach  Astura,  wurde  aber  dort  von  Frangipani,  dem
er  sich  anvertraut,  treuloser  Weise  an  König  Karl  von  Anjon
ausgeliefert  und  auf  dessen  Geheiß  zu  Neapel  auf  dem  Marktplatze
  enthauptet  (29.  Oktober  1268).

Als  diese  betrübende  Nachricht  in  Deutschland  eintraf,  theilten
  die  beiden  bayerischen  Herzöge  Ludwig  II  und  Heinrich  XIII
die  Güter  ihres  unglücklichen  Neffen  nach  dem  Ausspruche  von
Schiedsrichtern,  die  sie  selbst  (1269)  ernannt  hatten  ).  Ludwig
  bekam  den  größeren  Theil,  weil  an  ihn  die  Mehrzahl  der
Güter  verpfändet  war.  Die  ohnehin  nur  mehr  dem  Namen  nach
vorhandenen  Herzogthümer  Ostfranken  und  Schwaben  gingen
ein,  doch  führte  der  jeweilige  Bischof  von  Würzburg  den
Titel  „Herzog  in  Ostfranken“  fort,  wie  es  seit  dem  Jahre  1024
geschehen  war,  wo  Herzog  Konrad  von  Ostfranken  zum
König  der  Deutschen  erhoben  worden  war.

Oberbayern  hat  durch  Ludwig  II  sehr  bedeutenden  Zuwachs
erhalten:

1261  kaufte  er  von  Friedrich  von  Truhendingen  die
Ortschaften  Wahrberg,  Neunburg  v/W.,  Driesching  und
Neustadr;

1263  wurde  er  von  dem  Bischofe  Egino  von  Trient  mit
Hademarsberg  (Hartmannsberg  bei  Trostberg)  belehnt,  da
mit  dem  Grafen  Konrad  von  Hademarsberg  dieses  Geschlecht
(1263)  erloschen  war;

1269  (19.  Juni)  wurde  er  mit  den  ihm  zugesprochenen  hohenstaufischen
  Gütern,  die  im  Nordgau  lagen,  von  dem  Bischofe
Bertold  in  Bamberg  belehnt  und  bei  dieser  Gelegenheit
ward  er  von  demselben  auch  mit  Amberg  belehnt,  welches  der
Kirche  zu  Bamberg  durch  das  Aussterben  der  Markgrafen  von
Hohenburg  auf  dem  Nordgau  (1256)  ledig  geworden  war,
dann  mit  Nittenau  und  Lutzmannstein,  welche  durch  den
Tod  des  früher  damit  belehnten  Albert  Lutzmann  von  Stein
frei  geworden  waren;
        <pb n="144" />
        128  Oberbayern  unter  Ludwig  II,  dem  Strengen.

am  23.  April  1271  kaufte  Ludwig  II  von  den  drei  Brüdern
Gebhard,  Rapoto  und  Diepold,  den  Söhnen  Heinrichs,
des  jüngern  Grafen  von  Ortenburg-Murach,  alle  ihre  zwischen
der  Naab  und  Vils  gelegenen  Güter  im  Nordgau,  und  1272
auch  deren  Stammschloß  Murach  und  den  Markt  Viechtach;

1272  starb  der  Graf  Siboto  von  Falkenstein,  und  Bischof
Konrad  von  Freysing  verlieh  die  ledig  gewordene  Besitzung
Falkenstein  am  Inn  dem  Herzog  Ludwig  I;

1277  kaufte  Ludwig  II  die  Grafschaft  Rotteneck  von  dem
Bischofe  Heinrich  II  von  Regensburg,  dem  letzten  Grafen
von  Rotteneck,  welcher  mit  dem  Erlöse  seine  Domkirche  ausbaute,
die  unter  dem  Bischofe  Leo  am  20.  April  1273  abgebrannt  war.
(Schon  Bischof  Leo,  welcher  am  12.  Juli  1277  gestorben,  hatte
(1275)  den  Wiederaufbau  begonnen);

1281  bekam  Ludwig  II  die  Reichslehen  der  Grafen  von
Moosburg  und

1282  die  leuchtenberg'sche  Gerechtsame  über  Bruck  und
Waldeck.

In  der  Rheinpfalz  erwarb  Ludwig  II  1277  Wißloch  durch
Kauf  von  den  Herren  von  Maisperg:;  1277  Lindenfels  und
Bretten  vom  Markgrafen  von  Badenz;  ferner  brachte  er  an
sich  Nußloch  im  Graichgau,  Reutlingen,  Heckenheim,
Merklingen  und  Werschau;  dann  die  Stadt  Kaub  nebst
Zugehör,  die  im  Besitze  des  Grafen  Werner  von  Münzberg  gewesen
  war;  endlich  die  vormalige  Grafschaft  Alzei,  welche  nach  dem
Aussterben  der  Wildgrafen,  ihrer  ehemaligen  Besitzer,  an  den
Pfalzgrafen  Ludwig  II  wahrscheinlich  durch  Belehnung  gekommen  ist.

Bei  der  Wiederbesetzung  des  deutschen  Thrones,  der  durch
den  Tod  Richards  von  Cornwallis  (1272)  in  Erledigung
gekommen,  hatte  Ludwig  II  von  Oberbayern  seinen  Einfluß
zu  Gunsten  des  Grafen  Rudolf  von  Habsburg  (1273—1291)
geltend  gemacht  und  erhielt  dieß  dadurch  gelohnt,  daß  ihm  der
König  seine  Tochter  Mathilde  zur  Ehe  gab  und  in  dem  Streite
über  die  bayerische  Kurwürde,  die  Heinrich  XIII  von  Niederbayern
  für  sich  allein  beanspruchte,  weil  sein  Bruder  Ludwig
  im  Besitze  der  pfälzischen  sei,  auf  dem  Reichstage  zu
Augsburg  (1275)  dahin  entschied,  daß  die  bayerische  Kurwürde
  mit  dem  Erzamte  des  Schenken  beiden  Brüdern  gemeinsam,
  die  pfälzische  dagegen  dem  Herzog  Ludwig  II  allein
zukomme.  Dem  weiteren  Ansuchen  Ludwigs  II,  ihm  die  Lurch
den  Tod  des  Premislaus  Ottokar  II  ledig  gewordenen  Herzog-
        <pb n="145" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  II,  dem  Strengen.  129

thümer  Oesterreich  und  Steyermark  zu  verleihen,  wich  Rudolf
  von  Habsburg  aus  und  gab  dieselben  vier  Jahre  später
(1282)  seinen  ältesten  Söhnen  Albrecht  und  Rudolf,  um  so
seinen  Nachkommen,  deren  Nachfolge  in  der  Königswürde  sehr
zweifelhaft  war,  wenigstens  eine  ansehnliche  Stellung  unter  den
deutschen  Reichsfürsten  zu  sichern;  Kärnthen,  das  auf  dieselbe
Weise  ledig  geworden,  verlieh  Rudolf  ebenfalls  seinen  Söhnen,
belehnte  aber  auf  deren  Bitte  später  (1285)  den  Grafen  Mainhard
  IV  von  Görz-Tyrol  mit  diesem  Herzogthume  wegen
der  Dienste,  welche  dieser  im  Kriege  gegen  den  Böhmenkönig  geleistet
  hatte.  So  unangenehm  Herzog  Ludwig  II  durch  dieses
Verfahren  des  Königs  berührt  sein  mochte,  hielt  er  doch  an
dessen  Sache  fest  und  verließ  sie  auch  dann  nicht,  als  Rudolf
(25.  September  1290)  die  Kurstimme  Bayerns  seinem
Schwiegersohne,  dem  Könige  Wenzeslaus  IV  von  Böhmen,
verlieh.

Nach  dem  Tode  des  Königs  Rudolf  (I1  1291)  führte  Ludwig
  der  Strenge  als  Pfalzgraf  bis  zur  Wahl  eines  Nachfolgers
die  Verwesung  des  deutschen  Reiches  und  hielt  sich  meistens  am
Rhein  auf.  Obogleich  er  persönlich  die  Wahl  auf  seinen  Schwager,
  den  Habsburger  Albrecht  von  Oesterreich,  zu  lenken
suchte,  so  fiel  dieselbe  doch,  hauptsächlich  durch  Betrieb  des  Mainzer
Exzbischofes  Gerard  von  Eppenstein,  auf  den  Grafen  Adolf
von  Nassau  (5.  Mai  1292—12989.

Unter  Ludwig  dem  Strengen  gewann  die  Stadt  München
  vornehmlich  dadurch,  daß  sie  der  Herzog  zu  seinem  gewöhnlichen
  Wohnort  in  Bayern  erkoren  hatte,  sehr  bedeutend  an  Umfang.
  Da  die  (seit  11582  bestehende)  Pfarrei  zu  St.  Peter
nicht  mehr  im  Stande  war,  dem  religiösen  Bedürfnisse  aller
Gläubigen  zu  genügen,  so  erhob  der  Bischof  Konrad  II  von
Freysing  die  (im  Jahre  1200  erbaute)  Kirche  zur  Lieben
Frau  zur  zweiten  Pfarrkirche.  In  der  Nähe  der  herzoglichen
Residenz,  die  Ludwig  II  erbaut,  erhob  sich  durch  desselben
Herzogs  Freigebigkeit  eine  Hofkirche  und  ein  Kloster  für  die
mindern  Brüder  des  hl.  Franziskus,  die  ihr  bisheriges  Kloster
Anger  Klarissen-Nonnen  (1284)  überlassen  mußten.  Auch  das

im  Jahre  1291  auf  dem  Haberfeld  außer  der  Stadt  erbaute
Sattler,  bayer.  Geschichte.  9
        <pb n="146" />
        130  Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.

Augustiner-Kloster  mag  der  Frömmigkeit  des  Herzogs  Lu  dwig
  seine  Entstehung  verdanken.  Zwischen  1265  und  1289
erhielt  München  auch  einen  Stadtrath,  dem  anfänglich  ein
von  dem  Herzoge  ernannter  Oberrichter  vorstand.  Durch  diese
und  andere  Begünstigungen  erlangte  München  den  Vorrang
vor  der  Stadt  Landshut,  die  unter  Otto  dem  Erlauchten
einen  vorübergehenden  Aufschwung  genommen  hatte.  Herzog
Ludwig  der  Strenge  beschloß  sein  Leben  zu  Heidelberg
(3.  Febr.  1294).  Seine  irdischen  Ueberreste  wurden  in  der  Gruft
zu  Fürstenfeld  beigesetzt.

61.  Ludwig  II  hatte  aus  seiner  (dritten)  Ehe  mit
Mathilde  von  Habsburg  zwei  Söhne  hinterlassen:  Rudolf  (geb.
4.  Oktober  1274),  der  „Stammler“  zugenannt,  und  Ludwig
(geb.  1282),  nachmals  der  „Bayer“  genannt.  Da  Ludwig
bei  dem  Tode  des  Vaters  erst  zwölf  Jahre  zählte,  so  übernahm
Rudolf  der  Stammler  die  Regierung  in  der  Rheinpfalz
und  in  Oberbayern  nebst  der  Vormundschaft  über  den  noch
unmündigen  Ludwig.  Vergeblich  waren  die  Einreden  der  Mutter,
welche  nicht  nur  auf  Vormundschaft,  sondern  auch  auf  Mitregierung
  Anspruch  machte:  sie  mußte  sich  mit  einem  kleinen  Landstriche
  in  Oberbayern  (worin  die  Städte  Ingolstadt,  Neuburg
  und  Höchstadt  a.  d.  Donau  lagen)  begnügen  und  wohnte
abwechselnd  zu  Neuburg  und  Ingolstadt.  Da  ihr  unmündiger
  Sohn  Ludwig  noch  der  Erziehung  bedurfte,  so  brachte
sie  ihn  zu  ihrem  Bruder,  dem  nachmaligen  deutschen  König  Albrecht
  (1298—1308),  wo  er  mit  dessen  Söhnen  Friedrich
und  Leopold,  seinen  nachmaligen  Gegnern,  zum  Jüngling
heranreifte.

Der  junge  Herzog  Rudolf  vermuthete  in  der  Person  des
Otto  Krondorfer,  der  unter  Ludwig  dem  Strengen  aus  dem
niedersten  Stande  bis  zur  Würde  des  ersten  geheimen  Rathes
emporgestiegen,  den  Haupturheber  des  zwischen  ihm  und  seiner
Mutter  Mathilde  eingetretenen  Zerwürfnisses  und  ließ  ihn
daher,  ohne  der  Sache  auf  den  Grund  zu  sehen,  im  Schloße  zu
Dachau  hinrichten  (1294).  Als  er  aber  merkte,  daß  die  Bekämpfung
  seiner  Alleinregierung  von  den  Habsburgern  aus-
        <pb n="147" />
        Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.  131

gehe,  faßte  er  gegen  diese  heftige  Abneigung  und  verlobte  sich
(19.  Mai  1294)  mit  Mathilde,  der  dritten  Tochter  des  Königs
Adolf  von  Nassau.  Die  Vermählung  erfolgte  zu  Nürnberg
(2.  September  1294).

Im  Frühjahre  1295  ward  Herzog  Rudolf  von  dem  Bischofe
  und  den  Bürgern  Augsburgs  befehdet,  weil  er  nicht
darauf  einging,  die  Festungswerke  zu  Kaltenberg  und  Friedberg,
  die  Ludwig  der  Strenge  errichtet,  zu  beseitigen.  Die
herzogliche  Veste  Kaltenberg  wurde  durch  die  Augsburger,
das  augsburgische  Mergen  tau  (bei  Friedberg)  durch  die  Bayern
zerstört.  Ein  Vertrag  zu  Lechfeld  (4.  Oktober  1295)  sollte  der
Fehde  ein  Ende  machen,  aber  der  Bischof  und  die  Bürger
Augsburgs  bündeten  sich  (15.  Juni  1296)  auf's  neue  und
verbrannten  (1297)  das  Schloß  Päl,  welches  Rudolfs  Parteigängern,
  den  Brüdern  Engelschalk  und  Konrad  von  Wildenrode,
  gehörte.  Rudolf,  dem  Stephan  1  von  Niederbayern
  zu  Hilfe  kam,  schloß  nach  mehrfachen  Verwüstungen,
die  er  auf  dem  Gebiete  seiner  Gegner  angerichtet,  zu  München
(8.  Mai  1297)  einen  vortheilhaften  Frieden.  Auch  legte  er,
von  den  Augsburgern  unterstützt,  die  blutige  Fehde  bei,  die
ob  der  Einäscherung  Päls  zwischen  den  Rittern  von  Wildenrode
  und  Haldenberg  einerseits  und  den  Edlen  von  Rohrbeck
anderseits  entstanden  war?).

Rudolf  ließ  es  sich  angelegen  sein,  seinen  Schwiegervater,
den  König  Adolf,  in  der  Behauptung  seiner  Würde  zu  unterstützen;
  allein  Albrecht  von  Habsburg,  der  diese  Würde  anstrebte,
  brachte  es  bei  einer  Zusammenkunft  der  deutschen  Fürsten
in  Prag  (Juni  1297)  dahin,  daß  diese  über  die  Entsetzung
Adolfs  und  die  Erhebung  Albrechts  von  Habsburg  schlüssig
wurden.  Als  deshalb  im  Frühjahre  1298  zwischen  Adolf  von
Nassau  und  Albrecht  von  Oesterreich  ein  Krieg  ausbrach,
zog  Rudolf  von  Oberbayern  und  mit  ihm  die  niederbayerischen

*)  Engelschalk  von  Wildenrode  und  sein  Vetter  Konrad  von
Haldenberg  waren  der  Meinung,  daß  Päl  von  den  Edlen  von  Rohrbeck
verbrannt  worden  sei,  und  erstachen  deshalb.  zu  Augsburg  den  Weinhard
von  Rohrbeck;  Konrad  von  Wildenrode,  der  Bruder  Engelschalks
von  Wildenrode,  war  an,  diesem  Morde  nicht  betheiligt.

9  *
        <pb n="148" />
        132  Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.

Herzöge  Otto  und  Stephan  (ihr  Bruder  Ludwig  war  gegen
Ende  des  Jahres  1296  bereits  gestorben)  durch  Schwaben  nach
dem  Rhein,  um  Adolfs  Macht  zu  verstärken.  Nach  ihrer
Ankunft  wagte  Adolf  die  Schlacht  bei  Gölheim  (2.  Juli  1298),
die  ihm  das  Leben  kostete.  Auf  die  Nachricht  von  dem  Tode
Adolfs  zogen  sich  die  bayerischen  Herzöge  mit  ihren  Kriegsleuten
  nach  Heidelberg  zurück  und  blieben  daselbst  bis  zum
28.  Juli,  den  Tag,  wo  nach  mehrmaligen  Verhandlungen  Albrechts
  Wahl  zum  deutschen  König  zu  Stande  kam.  Unter  den
Wählern  Albrechts  war  auch  Herzog  Rudolf  von  Oberbayern,
  denn  seine  Mutter  Mathilde  hatte  ihn  wenige  Tage
vor  der  Wahl  mit  Albrecht  auszusöhnen  gewußt.  Rudolf
hatte  bei  dieser  Gelegenheit  versprechen  müssen,  seine  Mutter  und
seinen  Bruder  an  der  Regierung  Bayerns  theilnehmen  zu  lassen.
Er  that  es,  aber  ungern,  und  es  blieb  ein  Groll  gegen  Beide
in  seinem  Herzen  zurück.

Im  dritten  Jahre  der  Regierung  Albrechts  (1298—1308)
erhob  sich  ein  Streit  wegen  der  Rheinzölle,  bezüglich  deren
König  Albrecht  behauptete,  daß  sie  zum  Reichsgute  gehörig  und
ganz  widerrechtlich  unter  seinen  schwachen  Vorgängern  von  den
rheinischen  Fürsten  errungen  worden  seien.  Dagegen  erhoben
nicht  blos  die  drei  geistlichen  Kurfürsten,  sondern  auch
Rudolf  von  Oberbayern  in  seiner  Eigenschaft  als  Pfalzgraf
bei  Rhein  Einsprache.  Das  unvermuthete  Eintreffen  einer  Bulle
des  Papstes  Bonifazius  VIII)  welche  die  Wahl  Albrechts
als  irregulär  mißbilligte  und  eine  Untersuchung  verlangte,  gab
den  bedrohten  Rheinfürsten  eine  willkommene  Gelegenheit,  ihren
Gegner  zu  ängstigen,  und  sie  ließen  ihm  die  Weisung  zukommen,
sich  vor  dem  Pfalzgrafengerichte  wegen  der  wider  ihn  erhobenen
Anschuldigungen,  namentlich  wegen  der  eigenhändigen  Ermordung
seines  Vorgängers  Adolf  zu  verantworten.

Statt  sich  vor  das  bezeichnete  Gericht  zu  stellen,  zog  Albrecht
  gegen  Herzog  Rudolf  von  Oberbayern  in's  Feld
und  nahm  ihm  einen  Theil  der  Rheinpfalz  weg.  Rudolf
verlor  in  diesem  Kampfe,  in  welchem  sämmtliche  Herzöge  Bayerns
für  Albrecht  Partei  nahmen,  die  Stadt  Wisloch  in  der
Rheinpfalz,  die  Stadt  Schongau  am  Lech  und  die  Burg
        <pb n="149" />
        Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.  133

Schwabeck;  das  Schloß  Donauwörth  wurde  vom  Grund
aus  zerstört.  So  viel  Unglück  auf  ein  Mal  machte  auf  Rudolf
einen  schmerzlichen,  ja  niederschlagenden  Eindruck.  Da  er  seine
Mutter  für  die  Hauptursache  dieser  Unfälle  hielt,  so  beschloß  er,
selbe  durch  einen  Gewaltstreich  ihres  bisherigen  Einflusses  zu
berauben.  Im  Jahre  1301,  zu  einer  Zeit,  wo  König  Albrecht
am  Rhein  mit  der  Belagerung  der  Mainz'schen  Stadt  Bingen
vollauf  beschäftigt  war,  ließ  er  seine  Mutter,  seinen  Bruder
und  den  Rathgeber  beider,  den  Ritter  Konrad  von  Oettlinger
(so  genannt  von  der  Burg  Octtling  an  der  Donau  bei  Pföring)
auf  dem  Schlosse  Schiltberg  aufheben  und  gefangen  nach
München  führen  unter  dem  nichtigen  Vorwande,  daß  zwischen
seiner  Mutter  Mathilde  und  dem  Ritter  von  Oettlinger
eine  ungeziemende  Vertraulichkeit  bestehe.  Nach  längerer  Haft
ließ  sich  die  Herzogin-Wittwe  herbei,  gegen  Zusicherung  eines
standesmäßigen  Jahresgehaltes  den  Regierungsgeschäften  zu  entsagen,
  begab  sich  aber,  als  sie  in  Freiheit  gesetzt  war,  nach
Nördlingen  zu  ihrem  Bruder  Albrecht,  dem  sie  mit  tiefer
Wehmuth  die  von  ihrem  Sohne  erlittene  Mißhandlung  klagte.
Als  sich  die  Nachricht  verbreitete,  daß  König  Albrecht  den
zwischen  Rudolf  und  seiner  Mutter  Mathilde  geschlossenen
Vertrag  für  ungiltig  erkläre,  weil  derselbe  erzwungen  sei,  ergrimmte
  Rudolf  dergestalt,  daß  er  den  noch  immer  gefangen
gehaltenen  Oettlinger  ohne  richterlichen  Spruch  im  Gefängniße
  enthaupten  ließ.  Aus  Furcht  vor  Albrechts  Rache  stellte
sich  Rudolf  zu  Nördlingen  vor  dem  König  und  erhielt  Verzeihung
  auf  die  Bedingung  hin,  daß  er  seinem  Bruder  und
der  Mutter  eine  beschränkte  Mitherrschaft  zukommen  lasse  (1301).
Der  Anfang  der  gemeinsamen  Regierung  wurde  damit  gemacht,
daß  beide  Herzöge  (am  2.  Januar  1302)  zu  Schnaittach
eine  Urkunde  unterzeichneten,  durch  welche  die  Herren,  Prälaten,
Grafen,  Freien,  Dienstmannen,  Ritter,  rittermäßige  Mannen
auf  dem  Lande  und  in  den  Städten,  Bürger  und  Bauleute  den
beiden  Herzögen  „eine  gemeinsame  Viehsteuer"“  (so  genannt,
  weil  sie  nach  dem  Viehstande  entrichtet  wurde)  bewilligten
und  dafür  die  Erlaubniß  erhielten,  sich  miteinander  zu  einigen.
Diese  Urkunde  bildet  die  Grundlage  der  nachherigen
        <pb n="150" />
        134  Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.

landständischen  Verfassung  in  Bayern.  Die  Herzogin-Wittwe
  schloß  ihr  Leben  im  Jahre  1304  und  wurde  an  der
Seite  ihres  Gemahls  zu  Fürsten  feld  beigesetzt.

Die  Kunde  von  ihrem  Tode  kam  den  beiden  Söhnen  in  Böhmen
  zu,  wo  sie  an  der  Seite  ihres  Oheims  Albrecht  gegen  den
Böhmenkönig  Wenzel  IV  kämpften,  weil  dieser  nach  dem  Tode
des  Königs  Andreas  III  von  Ungarn  (14.  Januar  1301)
seinen  Sohn  Wenzel  V  (26.  August  1301)  als  König  Ungarns
hatte  krönen  lassen,  während  Albrecht  seinen  Sohn  Rudolf
(##  1307)  auf  den  ungarischen  Thron  erhoben  wissen  wollte.  Die
Böhmen  leisteten  in  diesem  Kampfe  so  tapfer  Widerstand,  daß
Albrecht  im  Oktober  1304  unverrichteter  Dinge  abziehen  mußte.
In  dem  folgenden  Jahre  starb  der  Graf  Gebhard  von  Hirschberg-Sulzbach,
  der  letzte  männliche  Sprosse  dieser  altadeligen
Familie.  Seine  Allodialgüter  Hirschberg  und  Bärching  fielen
zufolge  eines  Vermächtnißes  an  das  Bisthum  Eichstädt,  seine
übrigen  Besitzungen  (die  Aemter  Hilpoltstein,  Hirschau,  Werdenstein
  nächst  Sulzbach,  einige  Besitzungen  im  Amte  Hohenstein,  das
Oberamt  Sulzbach  mit  Lauterhofen,  Sulzbach,  Rosenberg,  Ammerthal,
  Breitenbrunn,  Pfaffenhofen  bei  Kastl,  die  Aemter  Hartenstein,
  Hemau,  Altmannstein  und  Holstein)  gingen  gemäß  einem
zu  Gaymersheim  (19.  September  1305)  erfolgten  Schiedsspruche
auf  die  oberbayerischen  Herzöage  Rudolf  und  Ludwig  über,  weil
die  Gemahlin  des  Erblassers,  Sophia,  eine  Schwester  Ludwigs
des  Strengen,  des  Vaters  der  beiden  Herzöge  Rudolf  und
Ludwig  gewesen.  Seit  dieser  Zeit  wurde  der  ganze  Nordgau
  bis  auf  die  Landgrafschaft  Leuchtenberg  von  den  Herzögen
Bayerns  wieder  unmittelbar  beherrscht,  wie  dieß  zur  Zeit  des
Agilolfingers  Tassilo  II  der  Fall  gewesen.  Die  niederbayerischen
Herzöge  Otto  III  und  Stephan  I,  welche  zu  dem  Grafen
Gebhard  von  Hirschberg  im  gleichen  Verwandtschaftsverhältniße
  standen,  wie  die  oberbayerischen  Herzöge,  erhoben  auf  einen
Theil  der  Hirschberg'schen  Hinterlassenschaft  Anspruch,  wurden  aber
auf  dem  Reichstage,  der  am  13.  Dezember  1307  zu  Nürnberg
gehalten  wurde,  mit  ihrer  Forderung  abgewiesen.

62.  So  lange  Kaiser  Albrecht  lebte,  wagte  es  Herzog
Rudolf  von  Oberbayern  nicht,  seinem  Bruder  Ludwig  den
Antheil  an  der  Regierung  zu  verweigern,  den  er  ihm  durch  den
Vertrag  zu  Nördlingen  (1301)  zugestanden  hatte.  Als  aber
der  Kaiser  durch  die  Hand  seines  ruchlosen  Vetters,  des  Herzogs
Johann  von  Schwaben,  am  1.  Mai  1308  gefallen  war,
        <pb n="151" />
        Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.  135

faßte  Rudolf  den  Entschluß,  die  Regierung  Bayerns  wieder
allein  zu  führen.  Dabei  kam  ihm  gelegen,  daß  nicht  ein  Habsburger,
  sondern  Heinrich  VII  von  Luxemburg  zum  deutschen
Könige  gewählt  wurde.

Diesem  Heinrich  VII  (1308—1313)  hing  Rudolf  ganz
an,  verlobte  sogar  seinen  ältesten  Sohn  (Ludwig  1  1312)  mit
des  Königs  Tochter  Maria  und  versprach  einige  Güter  am
Rhein  als  Heirathgut.  Obschon  Rudolf  den  letzten  Punkt  geheim
  hielt,  bekam  sein  Bruder  Ludwig  doch  Kenntniß  davon
und  wurde  so  aufgebracht,  daß  er  eine  Theilung  der  Länder
begehrte.  Diese  erfolgte  denn  auch  durch  Schiedsrichter  im  Jahre
1310.  München  ward  Rudolf  zugesprochen,  Ingolstadt
und  das  Land  links  der  Isar  bekam  Ludwig;  die  Pfalz  am
Rheine  blieb  beiden  gemeinsam.

Aber  wie  sehr  auch  die  Schiedsrichter  bemüht  gewesen  waren,
den  beiden  Herzögen  gerecht  zu  werden,  so  zeigte  sich  doch  Ludwig
  unzufrieden  und  griff,  als  Rudolf  auf  seine  Vorschläge  nicht
einging,  zum  Schwerte.  Zwei  Jahre  kämpften  die  Brüder  gegen
einander,  bis  Ludwigs  Mittel  so  erschöpft  waren,  daß  er  mehrere
Besitzungen  an  die  Augsburger  verpfänden  mußte.  Endlich
ging  er  in  sich  und  bot  dem  Bruder  die  Hand  zur  Versöhnung.
Weil  man  aber  einsah,  daß  eine  beide  Herzöge  zugleich  befriedigende
Theilung  schlechterdings  unmöglich  sei,  hob  man  die  früher  gemachte
  Theilung  ganz  auf  und  schritt  zur  Wiederherstellung  einer
gemeinsamen  Regierung.  Der  hierauf  bezügliche  Vertrag  wurde
zu  München  am  21.  Juni  1313  abgeschlossen  und  enthielt  die
Bestimmungen,  „daß  Rudolf  das  Kurfürstenamt  allein
verwalte,  so  lange  er  lebe;  würde  ihn  Ludwig  überleben,
  so  solle  dieser  alle  seine  Länder  und  das  Kurfürstenamt
  erben  und  alles  dieß  haben  bis  an  seinen
Tod,  und  Rudolfs  Kinder  dürften  keinen  Theil  daran
suchen,  so  lange  Ludwig  lebe,  und  so  umgekehrt.
Erst  wenn  beide  Brüder  todt  wären,  sollten  ihre
Söhne  in  die  ungetheilte  Regierung  eintreten,  jedoch
  so,  daß  der  älteste  Prinz  das  Kurfürstenamt
allein  verwalte;  wollten  sie  aber  nicht  gemeinschaftlich
  regieren,  so  sollten  sie  ohne  Rücksicht  auf  Alter
        <pb n="152" />
        136  Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.

das  Land  am  Rheine  und  in  Bayern  theilen  und  hin—
sichtlich  der  Kurwürde  dahin  sich  vergleichen,  daß  derjenige,
  welche  sie  durch  Uebereinkunft  bekäme,  die
andern  entschädige.“

Mittlerweile  war  dem  Herzog  Ludwig  von  den  niederbayerischen
  Herzöagen  Stephan  I  (1  1310)  und  Otto  III  (#  1312)
die  Vormundschaft  über  deren  minderjährige  Söhne  ")  übertragen
worden.  Der  niederbayerische  Adel  war  gegen  diese  Pflegschaft
und  lud  Friedrich  den  Schönen  von  Oesterreich  ein,  als
Verwandten  der  niederbayerischen  Prinzen  von  weiblicher  Seite
die  Vormundschaft  sich  anzueignen.  Ludwig  griff  zum  Schwerte
und  trug  bei  Gammelsdorf  unweit  Moosburg  über  das  Heer
Friedrichs  und  des  niederbayerischen  Adels  einen  glänzenden
  Sieg  davon  (9.  November  1313).  Die  Bürger  von  Moosburg,
  Landshut,  Ingolstadt  und  Straubing,  die  sich
dem  Heere  Ludwigs  angeschlossen,  hatten  dabei  den  Ausschlag
gegeben.  Deshalb  überließ  ihnen  Ludwig  reiche  Beute  und  verlieh
  den  Ingolstädtern  den  feuerspeienden  Panther  in's  Wappen,
  den  Landshutern  aber  statt  der  drei  Pickelhauben  drei
Helme,  weil  sie  es  den  Rittern  gleich  gethan  hatten.

Herzog  Friedrich  nahm  kein  zweites  Treffen  an,  denn  er
wollte  in  dem  kritischen  Zeitpunkte,  wo  Kaiser  Heinrich  VII
von  Luxemburg  gestorben  (24.  August  1313)  und  Hoffnung
auf  seine  Erhebung  zum  deutschen  Könige  gegeben  war,  seine
Streitmacht  keiner  weiteren  Schwächung  aussetzen.  So  kam
(durch  die  Vermittlung  des  Erzbischofs  von  Salzburg,  des
Bischofs  von  Regensburg  und  des  abgesetzten  Böhmenkönigs
Heinrich)  zu  Salzburg  (17.  April  1314)  ein  Vergleich  zu
Stande,  dem  zufolge  Friedrich  der  Schöne  von  Oesterreich
und  sein  Bruder  Leopold  die  niederbayerische  Pflegschaft  des
Herzogs  Ludwig  anerkannte.  Der  Bund  des  niederbayerischen
Adels  ward  aufgelöst,  damit  nicht  von  dieser  Seite  her  neue
Störungen  verursacht  würden.  Bei  dieser  Gelegenheit  besprachen
Ludwig  und  Friedrich  die  kommende  Wahl  des  deutschen

*)  Stephans  I  Söhne  waren  Heinrich  XIV  und  Otto  IV;  der  Sohn
Otto's  III  war  Heinrich  XV,  der  Natternberger.
        <pb n="153" />
        Oberbayern  unter  Rudolf  II,  dem  Stammler.  137

Königs,  und  Ersterem  lag  damals  der  Gedanke  an  seine  eigene
Erhebung  noch  so  ferne,  daß  er  seinen  Freund  Friedrich  zur
Bewerbung  aufforderte  und  ihm  versprach,  für  seine  Erhebung
nach  Thunlichkeit  mitzuwirken.

§  63.  Der  Ruhm,  den  sich  Ludwig  durch  den  Sieg  bei
Gammelsdorf  erworben,  erfüllte  ganz  Deutschland  mit  solcher
Bewunderung,  daß  die  Mehrzahl  der  deutschen  Kurfürsten,  darunter
  auch  der  Böhmenkönig  Johann  von  Luxemburg,  den
Herzog  Ludwig  von  Oberbayern  am  20.  Oktober  1314  zu
Frankfurt  vor  der  Stadt  rechts  des  Mains  zum  deutschen
König  wählte's).  Tags  zuvor  hatte  Ludwigs  Bruder  Rudolf
mit  der  Minderzahl  der  Kurfürsten  zu  Sachsenhausen,  einer
Vorstadt  Frankfurts,  Friedrich  den  Schönen  von  Oesterreich
gewählt.  Die  Frankfurter,  welche  beim  Herannahen  der  Kurfürsten
  und  ihrer  Heere  die  Thore  der  Stadt  geschlossen  hatten,
öffneten  auf  die  Nachricht,  daß  Ludwig  der  rechtmäßig  gewählte
König  sei,  die  Thore  ihrer  Stadt,  und  Ludwig  ward  nach  alter
Sitte  in  der  St.  Bartholomäuskirche  auf  den  Altar  gehoben  und
dem  Volke  als  König  gezeigt.  Von  da  begab  sich  Ludwig  nach
Aachen  und  wurde,  weil  der  gesetzmäßige  Krönungsbischof,  der
Kurfürst  von  Köln,  die  Vornahme  der  Krönung  verweigerte,
mit  seiner  Gemahlin  Beatrix  (einer  Tochter  des  Herzogs  Boleslaus
  von  Maßovien)  von  dem  Kurfürsten  von  Mainz
am  26.  November  1314  gekrönt.  Friedrich,  dem  die  Frankfurter
  und  Aachener  die  Aufnahme  in  ihre  Mauern  beharrlich
  verweigert  hatten,  war  nach  Bonn  gezogen  und  hatte  sich
von  seinem  Freunde,  dem  Erzbischofe  von  Köln,  einen  Tag
früher  krönen  lassen.  Zwischen  Friedrich  dem  Schönen  und
Ludwig  entbrannte  nun  eine  langwierige  Fehde,  wobei  Friedrich
nicht  blos  von  seinem  eigenen  Bruder  Leopold,  sondern  auch
von  Ludwigs  Bruder,  Rudolf,  unterstützt  wurde.  Trotzdem
wußte  Ludwig  die  Oberhand  zu  behaupten  und  hielt  unter  allgemeinem
  Jubel  des  Volkes  im  April  1315  seinen  Einzug  in
München.

Herzog  Rudolf,  der  noch  kurz  vorher  bei  der  Reichsstadt
Augsburg  für  Oesterreich  gegen  seinen  Bruder  Ludwig
        <pb n="154" />
        138  Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

geworben  hatte,  heuchelte  nun  Ergebung  und  zog  sich  darauf  mit
seiner  Gemahlin  Mathilde  nach  Wolfrathshausen  zurück').
Die  Niederlage,  welche  die  Oesterreicher  zuerst  (16.  November
1315)  in  den  Engpässen  bei  Morgarten  durch  die  Schweizer,
  und  dann  (19.  September  1316)  am  Neckar  bei  Eßlingen
durch  Ludwig  den  Bayern  erlitten,  beugten  Rudolf  vollends,
so  daß  er  sich  entschloß,  die  Regierung  Oberbayerns  und  der
Rheinpfalz  ganz  niederzulegen.  Er  that  dieß  zu  München  am
26.  Februar  1317,  regte  aber  bald  darauf  die  Gemüther  neuerdings
  gegen  seinen  Bruder  auf.  Da  er  Ludwigs  Rache  fürchtete,
  ging  er  gegen  das  Ende  des  Jahres  1318  nach  Oesterreich,
  wo  er  im  August  1319  herrschaftslos  starb  ?).
Friedrich  der  Schöne  sann  nunmehr  darauf,  die  Macht
seines  Gegners  mit  einem  Schlage  zu  vernichten  und  erschien
(1322)  an  der  Spitze  eines  ansehnlichen  Heeres  in  Bayern.
Wider  Erwarten  fand  er  hier  Alles  zur  Abwehr  seines  Ueberfalles
  vorbereitet:  die  tapfere  Ritterschaft,  die  treuen  Städte,
der  ganze  Adel  vom  Nordgau,  König  Johann  von  Böhmen,
  der  Burggraf  Friedrich  von  Nürnberg  und  Herzog
Heinrich  XIV  von  Niederbayern  rückten  mit  Ludwig
gegen  Herzog  Friedrich.  Auf  der  weiten  Wiese  bei  Ampfing
unweit  Mühldorf  begegneten  sich  die  Schlachtschaaren.  Mehrere
Tage  verstrichen  ohne  Treffen,  weil  Friedrich  die  Ankunft  seines
Bruders  Leopold,  der  am  Lech  stand,  abwarten  wollte.  Da
die  hin  und  her  gesendeten  Kuriere  bei  Fürstenfeld  aufgefangen
wurden,  so  war  Leopold  erst  bis  Alling  bei  Fürstenfeld
vorgerückt,  als  König  Johann  von  Böhmen  auf  den  Beginn
des  Treffens  drang.  Dasselbe  begann  am  28.  September  1322
und  endete  mit  einer  grauenvollen  Niederlage  Friedrichs,  der
durch  den  Pfleger  Konrad  Rindsmaul  von  Neustadt  a.  d.  Aisch,
einen  Kriegsmann  des  Burggrafen  Friedrich  von  Nürnberg,
gefangen  genommen  wurde.  Ludwig  gab  ihn  seinem  Vitzthume,
dem  Ritter  Weigl,  in  Verwahr,  der  ihn  in  seine  feste  Burg
Trausnitz  bei  Naabburg  abführte.  Heinrich,  ein  Bruder

*)  Die  in  neuerer  Zeit  aufgestellte  Behauptung,  daß  Rudolf  in  England
gestorben  sei,  steht  unbewiesen  da.
        <pb n="155" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.  139

Friedrichs  des  Schoͤnen,  der  den  Boͤhmen  in  die  Hände  gefallen,
wurde  von  dem  Könige  Johann  von  Böhmen  im  Schlosse
Bürglitz  bis  zur  Erlegung  eines  großen  Lösegeldes  zurückgehalten.
  Den  Sieg  hatte  Ludwig  hauptsächlich  der  Geschicklichkeit
  des  Seifried  Schweppermann,  eines  ostfränkischen  Edelmannes,
  zu  verdanken,  der  in  Nürnberg  Burgrecht  hatte  und
mit  Konrad  Rindsmaul  verschwägert  war").  Alles  erklärte  sich
auf  diesen  Sieg  hin  für  Ludwig.

Das  Nächste,  worauf  Ludwig  nun  Bedacht  nehmen  mußte,
war  die  Erweiterung  seiner  Hausmacht.  Der  erste  Schritt  hierin
war,  daß  er  die  seit  dem  Tode  Waldemars  II  (1319)  erledigte
Markgrafschaft  Brandenburg  auf  dem  Hoftage  zu  Nürnberg
seinem  ältesten  Sohne,  Ludwig,  (1323)  verlieh  "),  der  sich
(1324  zu  Woldinburg)  mit  Margaretha,  Christophs  II  von
Dänemark  Tochter,  vermählte,  nachdem  er  sich  das  Jahr  vorher
mit  derselben  vexlobt  hatte.  Er  selbst  nahm,  da  seine  Gemahlin
Beatrix  (21.  August  1321)  gestorben  war,  Margaretha,
die  Tochter  des  Grafen  Wilhelm  III  von  Hollandéo),  zur
Ehe  (1324)  und  gewann  dadurch  Aussicht,  Holland  und  die
damit  vereinigten  Länder  zu  erben,  da  der  Bruder  Margaretha's,
Wilhelm  IV,  kinderlos  war.

Je  höher  die  Macht  und  das  Ansehen  Ludwigs  stieg,
desto  heftiger  trat  Leopold  von  Oesterreich,  der  Bruder
Friedrichs  des  Schönen,  gegen  ihn  auf  und  erhielt  an
Carl  IV  von  Frankreich  (1322—1328)),  der  nach  der  deutschen
  Krone  lüstern  war,  und  an  dem  zu  Avignon  residirenden
Papste  Johann  XXII  kräftige  Stützen.

Das  Zerwürfniß  zwischen  Ludwig  IV,  dem  Bayern,  und
Papst  Johann  XII  war  dadurch  entstanden,  daß  Letzterer  keinen
der  beiden  Gegenkönige  des  römischen  Kaiserthums  würdig  erachtete
und  mit  dem  Plane  hervortrat,  diese  Würde  von  den  Deutschen

wegzunehmen  und  auf  seine  Wohlthäter,  die  Könige  von  Frankreich,
  überzutragen.  Zu  diesem  Zwecke  setzte  er  (31.  Mai  1317)

*)  Darum  gab  Ludwig  am  Abende  Jedem  ein  Ei,  dem  frommen
Schweppermann  aber  zwei.  Die  irdischen  Ueberreste  Schweppermanns  sind
in  der  Pfarrkirche  zu  Kastl  bei  Amberg  in  einem  steinernen  Sarg  beigesetzt.

*)  Die  Belehnungs-Urkunde  wurde  erst  am  24.  Juni  1324  ausgefertigt.
        <pb n="156" />
        140  Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

einen  Sprößling  dieses  Hauses,  den  neapolitanischen  König  Robert
  (1309—1343),  zum  Reichsverweser  in  Italien  ein,  hoffend,
dadurch  den  Welfen  über  die  Gibellinen  die  Oberhand  zu  verschaffen.
  So  bald  der  Mailänder  Mathäo  Visconti  vernahm,
daß  der  Papst  keinen  der  Gegenkönige  anerkenne,  ließ  er  sich  vom
Volke  zu  Mailand  als  Hauptmann  der  Stadt  erwählen  und  fing
an,  als  souveräner  Fürst  über  diese  Stadt  und  die  ganze  Lombardei
zu  herrschen.  Die  meisten  und  größeren  italienischen  Städte,  wie
Pavia,  Piacenza,  Novarra,  Pergamo,  Venedig,  Como,
auch  Verona  und  Lucca,  selbst  der  Kaiser  von  Konstantinopel,
  die  alle  nicht  wollten,  daß  Italien  unter  die  Herrschaft
Frankreichs  gerathen  solle,  traten  auf  Visconti's  Seite.  In
dieser  Bedrängniß  zog  Johann  XIII  den  Herzog  Friedrich
den  Schönen  durch  vortheilhafte  Versprechungen  in  sein  Bündniß
  und  vermochte  ihn,  ein  Heer  unter  seinem  Bruder  Heinrich
gegen  Mathäo  Visconti  nach  Italien  zu  schicken.  Friedrich
merkte  jedoch  bald,  daß  hieraus  für  ihn  und  für  Deutschland  kein
Vortheil  erwachse,  und  veranlaßte,  daß  sein  Bruder  Heinrich  mit
seinem  Heere  wieder  nach  Deutschland  zurückkehrte.  Johann  XXII
ließ  nun  seine  Truppen  unter  dem  Cardinallegaten  Pojet  auf
Mailand  losgehen  und  den  Galeazzo  Visconti,  der  seinem
Vater  Mathäo  gefolgt  war,  streng  einschließen.  Galeazzo
wandte  sich  in  dieser  Noth  an  Ludwig  den  Bayern,  und  dieser
schickte  alsbald  mehrere  Heerhaufen  nach  Italien.  Die  pägpstlichen
Truppen  wurden  besiegt,  und  damit  man  nicht  sagen  konnte,  daß
Ketzern  geholfen  worden  sei,  entsetzte  Ludwig  den  Galeazzo,
dessen  Vater  wegen  Verbreitung  irriger  Lehren  mit  dem  Banne
belegt  war,  seines  Amtes  und  ernannte  den  Grafen  von  Neyffen
zum  Statthalter  von  Mailand.  Der  Papst  war  darüber,
daß  durch  Ludwigs  Einmischung  in  die  italienischen  Angelegenheiten
der  neapolitanische  König  Robert  nicht  zur  Regentschaft  in  der
Lombardei  gekommen  war,  höchst  entrüstet  und  forderte  Ludwig
  in  einem  an  die  Kirchenthüre  zu  Avignon  angeschlagenen
Leinsis  (8.  Oktober  1323)  auf,  der  deutschen  Krone  zu  entagen.


Ludwig,  dem  die  feindliche  Haltung  des  Papstes  ernste  Besorgniß
  einflößte,  schlug  den  Weg  der  Unterhandlungen  ein  51),
konnte  aber  keine  Verständigung  erzielen.  Auf  die  bloße  Weigerung
  hin,  die  deutsche  Krone  niederzulegen,  belegte  ihn  Papst
Johann  XXII  mit  dem  Banne  und  alle  Orte,  wo  ihm  Gehorsam
  geleistet  würde,  mit  dem  Interdikte  (21.  März  und
11.  Juli  1324).  In  Deutschland  erregte  dieses  Vorgehen  des
        <pb n="157" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.  141

Papstes  großen  Unwillen,  der  noch  gesteigert  wurde,  als  der  Papst
auch  das  Ausland  (Frankreich,  Italien,  Ungarn,  Polen,  Schleßien
und  Lithauen)  gegen  Ludwig  IV  in  die  Schranken  rief.  Der
gefährlichste  aller  Gegner  war  aber  Leopold  von  Oesterreich,
der  sich  inzwischen  die  Schweiz,  Elsaß  und  das  ganze  Schwaben
unterworfen  hatte.  Ungestümer  als  je  forderte  er  die  Loslassung
seines  Bruders  Friedrich  und  drohte  für  den  Fall  längerer
Zögerung  mit  Gewalt  der  Waffen.

In  dieser  Bedrängniß  gab  Ludwig  seinem  Beichtvater
(Konrad  Tattendorfer,  Prior  des  Augustiner-Klosters  zu
München)  den  Auftrag,  mit  Friedrichs  Beichtvater  (Gottfried,
Prior  des  Karthäuser-Klosters  zu  Marbach)  in  Unterhandlung  zu
treten.  Als  der  gefangene  Fürst  sich  versöhnlich  zeigte,  begab
sich  Ludwig  IV  selbst  (in  den  ersten  Tagen  des  Monats
März  1325)  nach  der  Trausnitz.  Friedrich  entsagte  der
Krone  und  verhieß,  zur  Beilegung  des  zwischen  Ludwig  und
Leopold  bestehenden  Zwistes  mitzuwirken,  worauf  er  ohne  Lösegeld
  in  Freiheit  gesetzt  wurde.  Man  kam  überein,  daß  Ludwigs
Sohn  Stephan  die  Tochter  Friedrichs,  Elisabeth,  heirathe,
und  Friedrich  gab  das  Versprechen,  sich  am  Johannestage  zur
Sonnenwende  in  der  Trausnitz  wieder  zur  Haft  einzustellen,
wenn  er  den  Vollzug  der  eingegangenen  Vertragspunkte  nicht
durchsetzen  könne  (13.  März  1325).  Da  sich  Leopold  nicht
bewegen  ließ,  seine  Truppen  zu  entlassen  und  Ludwig  zu  huldigen,
  verließ  Friedrich  nach  kaum  zweimonatlichen  Aufenthalte
die  Stadt  Wien  und  fand  sich  auf  der  Trausnitz  ein.  Ludwig
würdigte  diese  Handlungsweise  nach  ihrem  ganzen  Werthe  und
lohnte  die  seltene  Treue  dadurch,  daß  er  in  einem  Vertrage  zu
München  (5.  September  1325)  eine  Theilung  der  königlichen
Gewalt  und  gemeinsame  Regierung  mit  Friedrich  vereinbarte.
Als  die  Reichsstände  darauf  nicht  eingingen,  schloßen  beide  zu
Ulm  (7.  Januar  1326)  einen  neuen  Vertrag,  demzufolge  Ludwig
  in  Italien,  Friedrich  in  Deutschland  regieren  sollte.
Damit  erklärte  sich  auch  Friedrichs  Bruder  Leopold  einverstanden,
  hauptsächlich  deshalb,  weil  ihm  Ludwig  versprochen  hatte,
er  werde  ihn  auf  dem  bevorstehenden  Zuge  nach  Italien  mitnehmen
  und  ihn  dort  zum  Statthalter  der  Lombardei
        <pb n="158" />
        142  Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

erheben.  Leopold  erlebte  diesen  Zug  nicht  mehr.  Er  starb  zu
Straßburg  am  27.  Februar  1326  an  einem  hitzigen  Fieber.
Sein  Bruder  Friedrich,  durch  diesen  Todesfall  heftig  erschüttert,
zog  sich  in  sein  Stammland  zurück  und  bekümmerte  sich  seitdem
wenig  mehr  um  die  Verwaltung  des  deutschen  Reiches.

63.  Die  feindliche  Haltung,  die  in  Deutschland  mit  dem
Vertrage  in  Ulm  (1326)  eingetreten  war,  benützte  Ludwig  zur
Vorbereitung  auf  den  Römerzug,  den  er  schon  lange  im  Sinne
hatte.  Nachdem  er  auf  dem  Reichstage  zu  Speyer  (1326)  die
Zustimmung  aller  weltlichen  Fürsten  erlangt  und  für  die
Rhein=  und  Niederlande  seinen  Schwiegervater,  den  Grafen  Wilhelm
  III  von  Holland,  für  Norddentschland  den  König  Johann
  von  Böhmen,  für  die  bayerische,  und  wahrscheinlich  auch
für  die  schwäbische  Provinz  seinen  getreuen  Feldherrn,  den  Grafen
Berthold  von  Neyffen,  als  Statthalter  aufgestellt  hatte,  brach
er  zu  Anfang  des  Jahres  1327  nach  Italien  auf.  In  seinem
Gefolge  befand  sich  sein  ältester  Sohn,  der  Markgraf  Ludwig
von  Brandenburg,  zwei  Sähne  seines  verlebten  Bruders  Rudolf
  I,  Rudolf  II  und  Rupert  1  (Rudolfs  I  ältester  Sohn,
Adolf,  lag  zur  Zeit,  wo  der  Zug  aufbrach,  krank  und  starb
am  29.  Januar  1327  mit  Hinterlassung  eines  Söhnleins,  Rupert
  1.),  der  Herzog  Heinrich  von  Braunschweig  und  viele
Grafen  und  Ritter,  doch  kein  einziger  geistlicher  Fürst.  In
Como  traf  er  mit  seiner  Gemahlin  Margaretha  zusammen,
die  ihren  Weg  über  den  Splügen  genommen  und  die  Nachricht
mitgebracht  hatte,  daß  am  14.  Februar  1327  der  dritte  Theil
der  Stadt  München,  darunter  das  Thal,  die  Peterskirche,
die  Kirche  zum  hl.  Geist  und  die  der  Minoriten  ein  Raub
der  Flammen  geworden  sei.  Von  Como  aus  ging  er  nach
Mailand  und  wurde  hier  am  Pfingstfeste  (31.  Mai  1327)  mit
der  eisernen,  und  seine  Gemahlin  mit  der  goldenen  lombardischen
  Krone  gekrönt.  Da  der  Erzbischof,  ein  Welfe  und
Anhänger  des  Papstes,  entflohen  war,  so  hatten  die  Bischöfe  von
Brescia,  Reggio  und  Arrezo  den  Krönungsakt  vorgenommen.

Inzwischen  waren  die  Römer  durch  die  beharrliche  Weigerung
Johann  XXII,  von  Avignon  nach  Rom  zurückzukehren,  so
        <pb n="159" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.  143

erbittert  worden,  daß  auf  die  Nachricht,  Ludwig  sei  in  Mailand
eingezogen,  gegen  die  Anhänger  des  Papstes  ein  Aufruhr  entstand.
  Der  Adel,  der  zum  Papste  hielt,  wurde  vom  Volke  überwältigt,
  der  Reichsverweser,  König  Robert  von  Neapel,  desgleichen
  Napoleo  Ursini  und  Stephan  Columna,  welche
bisher  im  Namen  des  Papstes  die  Staatsverwaltung  geführt,
wurden  abgesetzt,  Sciarra  Colona,  ein  Gibelline,  zum  Prifekten
  der  Stadt  erwählt  und  (6.  Juni  1327)  an  König  Ludwig
  nach  Mailand  Beotschafter  mit  der  Einladung  geschickt,
er  möge  nach  Rom  gehen  und  dort  die  Krone  des  römischen
Reiches  aus  den  Händen  derjenigen  in  Empfang  nehmen,  die
allein  das  Recht  hätten,  sie  zu  vergeben.  Nachdem  Ludwig  in
Mailand  noch  einige  Maßregeln  getroffen,  welche  von  der  Vorsicht
  und  Sicherheit  geboten  waren  (darunter  die  Entfernung  des
hinsichtlich  seiner  Treue  sehr  verdächtigen  Galeazzo  Visconti
vom  Staatsruder  53)  und  die  Ernennung  eines  deutschen  Statthalters
  in  der  Person  des  Grafen  Wilhelm  von  Montfort),
begab  er  sich  an  der  Spitze  seines  Heeres  über  Pisa  nach  Rom,
wo  er  (am  7.  Januar  1328)  einen  prächtigen  Einzug  hielt.  Am
17.  Januar  1328  verfügte  er  sich  von  dem  Palaste  St.  Maria
Maggiore  in  die  St.  Peterskirche  zur  Krönung.  Der  Bischof
von  Citta  Castellane  nahm  die  Salbung  vor,  Sciarra
Colonna  setzte  Ludwig  die  Krone  auf  das  Haupt,  und  Pietro
Colonna  gab  ihm  das  mit  Oelzweigen  umwundene  Scepter  in
die  Hand.  Das  Gleiche  geschah  an  Ludwigs  Gemahlin  Margaretha.


Papst  Johann  XXII,  der  in  der  Zwischenzeit  Ludwig  noch
mehrere  Male  (3.  und  9.  April  1327  und  23.  Oktober  1327)
mit  dem  Banne  belegt  und  seine  Absetzung  ausgesprochen  hatte,
forderte  jetzt  (21.  Januar  1328)  in  einer  Bulle  alle  Völker  der
christlichen  Welt  auf,  gegen  Ludwig  das  Kreuz  zu  nehmen,  und
erklärte  in  einer  darauffolgenden  Bulle  (27.  Februar  1328)  alle
Maßregeln,  die  Ludwig  in  Rom  und  in  Italien  überhanpt  getroffen,
  für  nichtig  und  suchte  außerdem  durch  besondere  Schreiben
die  deutschen  Kurfürsten  zu  bewegen,  nunmehr,  wo  Karl  IV  von
Frankreich  (F  1.  Februar  1328)  gestorben  sei,  Philipp  VI
von  Valois  (1328—1350)  auf  den  deutschen  Thron  zu  erheben.
  Einige  Kurfürsten,  wahrscheinlich  die  von  Mainz,
Köln  und  Sachsen,  gingen  wirklich  daran,  ein  neues  Reichs-
        <pb n="160" />
        144  Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

oberhaupt  zu  wählen,  allein  der  Anschlag  wurde  durch  den  Widerspruch
  des  Erzbischofes  Balduin  von  Trier  und  des  Königs
Johann  von  Böhmen  vereitelt.

Das  rastlose  Bemühen  Johanns  XXII,  Ludwig  vom
deutschen  Throne  zu  verdrängen,  steigerte  in  diesem  die  Erbitterung
auf  den  höchsten  Grad,  und  in  dieser  Stimmung  faßte  er  den
unseligen  Entschluß,  gegen  den  Papst  das  Aeußerste  zu  wagen.
—  die  Absetzung.  Nachdem  Ludwig  auf  die  Aufforderung  des
persönlich  anwesenden  Abtes  von  Fulda  hin  (am  18.  April  1328)
die  Absetzung  Johanns  XXII  ausgesprochen  hatte,  wählte  das
Volk  (am  12.  Mai  1328)  einen  andern  Papst  in  der  Person
des  Minoriten  Petrus  Rainalducci  aus  Corberia  (einem
Städtchen  in  Abruzzo),  der  den  Namen  Nikolaus  V  annahm  ?).
Er  wählte  sich  (22.  Mai  1328)  sieben  Cardinäle,  bestätigte
Ludwig  in  der  kaiserlichen  Würde  und  sprach  über  „Johann
von  Cahors“  den  Bann  aus.

Von  dieser  Zeit  an  traf  Ludwig  ein  widriges  Ereigniß  um
das  andere,  zunächst  die  Lossagung  des  Herzogs  Castruccio  de
Minellis,  den  Ludwig  für  seine  Dienste  zum  Statthalter  von
Etrurien  gemacht  hatte,  dann  Uneinigkeit  unter  den  Truppen,  die
sich  in  Oberdeutsche  und  Niederländer  absonderten,  und,
was  das  Schlimmste  war,  Mangel  an  Lebensmitteln  und  Geld,
um  die  Truppen  länger  unterhalten  zu  können.  Als  Ludwig
in  dieser  Noth  für  die  Stadt  Rom  und  die  Umgegend  eine
Steuer  ausschrieb,  kam  es  zur  Empörung,  die  ihm  die  schleunigste
  Entfernung  aus  Italien  als  geboten  erscheinen  ließ.  Unter
dem  Vorwande,  einer  Jagd  anzuwohnen,  verließ  er  am  4.  August
1328  mit  seiner  Gemahlin,  die  ihm  kurz  zuvor  einen  Sohn,  Ludwig,
  geboren  hatte,  die  Stadt  und  begab  sich  nach  Viterbo,
wohin  nach  wenigen  Tagen  der  Pseudo-Papst  Nikolaus  mit
seinen  Cardinälen  nachfolgte.  Von  Viterbo  aus  ging  Ludwig
über  Florenz  und  Pisa  und  gelangte  zu  Anfang  des  Jahres  1329

*)  Petrus  Rainalducci  war  aus  einer  ansehnlichen  Familie,  mit
den  Colonnas  verwandt,  und  vor  seinem  Eintritt  in  den  Minoriten-Orden
mit  Johanna  Mathei  aus  Corberia  fünf  Jahre  lang  verheirathet.
Zur  Zeit  seiner  Erhebung  bekleidete  er  das  Amt  eines  Peernitentiarius  apostolicus.
        <pb n="161" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.  145

nach  Pavia,  wo  er  ein  böhmisches  Hilfsheer  erwarten  wollte.
Seine  Lage,  schon  bedenklich  genug,  ward  dieß  noch  mehr  durch
das  Ausbleiben  des  versprochenen  böhmischen  Hilfsheeres  und
durch  die  hinzukommende  Drohung  seiner  Neffen,  Rudolfs  II
und  Ruperts  I.,  mit  ihren  Truppen  abzuziehen,  wenn  ihnen
ihr  väterliches  Erbe  nicht  herausgegeben  würde  633).  Ludwig
ging  auf  das  Begehren  seiner  Neffen  ein,  und  so  kam  am
4.  August  1329  der  berühmte  Vertrag  zu  Pavia  zu  Stande.
Diesem  zufolge  trat  Ludwig  der  Bayer  den  Nachkommen
seines  verstorbenen  Bruders  Rudolfl  die  Rheinpfalz
und  einen  Theil  vom  Nordgau  ab,  der  von  dieser  Zeit  an
den  Namen  „obere  Pfalz“  führt.  Die  Kurwürde  ward
vorläufig  Rudolf  II  eingeräumt  und  sollte  nach  der
im  Münchner  Vertrage  von  1313  festgestellten  Weise
zwischen  Bayern  und  Pfalz  wechseln.  Erst  nach  Abgang
  des  männlichen  Stammes  der  einen  oder  der
anderen  Linie  sollten  die  getheilten  Länder  wieder
vereinigt  werden  7).  So  entstanden  die  zwei  Hauptlinien
des  wittelsbachischen  Hauses,  die  pfäl  zische  und  die  bayerische,
deren  Stammväter  die  Brüder  Rudolf  1  und  Ludwig  1V,  der
Bayer,  sind.

Ludwig  hielt  sich  nach  Abschluß  des  Vertrages  zu  Pavia
noch  vier  Monate  in  den  größeren  Städten  Oberitaliens  auf  und
trat  im  Monate  Dezember  des  Jahres  1329  den  Rückzug  nach
Deutschland  an.

In  Trient  berieth  er  mit  dem  Herzoge  Heinrich  von  Kärnthen
  und  mehreren  deutschen  und  italienischen  Fürsten,  die
sich  um  ihn  versammelt,  den  Plan  zu  einem  neuen  Zuge  nach
Rom.  Um  Heinrich  von  Kärnthen  zu  einer  kräftigen  Unterstützung
  für  diesen  Zug  zu  bewegen,  verhieß  er  ihm,  daß,  wenn
er  ohne  männliche  Nachkommenschaft  bleiben  würde,  seine  beiden
Töchter,  Margaretha  Maultasche  (den  Namen  „Maultasche“
hatte  sie  von  einem  ihrem  Vater  gehörigen  Schloße  in  Tyrol)
und  Adelheide,  seine  Länder  und  seine  Herrschaft  erben  sollten,
jedoch  mit  Vorbehalt  seiner  Einwilligung  für  den  bestimmten
  Fall.  Dagegen  gab  Heinrich  von  Kärnthen  das

*)  Haupttheilbrief  im  Hausarchiv  I.  4.  140.  bei  Fischer  kl.  Schr.  II.
648.  Attenkofer  221.
Sattler,  bayer.  Geschichte.  10
        <pb n="162" />
        146  Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

Versprechen,  auf  Mittefasten  des  Jahres  1330  seine  ganze  Kriegsmacht
  Ludwig  dem  Bayern  zur  Verfügung  zu  stellen  5").  Zu
Anfang  Februars  1329  brach  Ludwig  von  Trient  auf.  Als  er
zum  ersten  Male  wieder  bayerischen  Boden  betrat,  ergriff  ihn
solche  Rührung,  daß  er  zum  ewigen  Andenken  an  den  Römerzug
und  zur  Belohnung  der  Krieger,  die  ihm  auf  demselben  beigestanden,
  das  Kloster  Ettal  55)  im  Ammergau  stiftete,  wo  zwanzig
Mönche  des  Benediktiner-Ordens  mit  dreizehn  Rittern,  die  sich  im
Leben  verdient  gemacht,  ein  gemeinschaftliches  Leben  führen  sollten.

Die  freudige  Aufnahme,  die  Ludwig  (16.  Februar  1330)  in
München  fand,  dazu  die  Wahrnehmung,  daß  Deutschland
trotz  der  vielen  über  ihn  ergangenen  Bannflüche  ihm  treu  geblieben,
  erfüllten  Ludwig  mit  unbeschreiblicher  Freude,  die  nur  durch
Eines  getrübt  ward,  durch  die  fortgesetzte  Feindseligkeit  des  Papstes.
Ueberzeugt,  daß  eine  Aussöhnung  mit  Johann  XXII  für  Deutschland
  nur  vortheilhaft  sein  könne,  erklärte  Ludwig  zu  Neustadt
in  der  Rheinpfalz  vor  dem  Könige  Johann  von  Böhmen  und
dessen  Oheim,  dem  Erzbischof  Balduin  von  Trier,  daß  er  vom
Papste  Nikolaus  V  und  von  der  Berufung  an  ein  Concilium  abstehen
  wolle,  nur  müsse  ihn  der  Papst  vom  Kirchenbanne  lossprechen
und  in  der  kaiserlichen  Würde  bestätigen.  Zu  Pfingsten  (26.  Mai)
1330  gingen  Eilboten  mit  diesen  Vorschlägen  nach  Avignon  ab,
aber  Johann  XIXII  wies  dieselben  entrüstet  zurück  und  forderte
die  Kurfürsten  (30.  Juli  1330)  auf's  neue  zur  Wahl  eines  andern
  Königs  auf.  König  Johann  von  Böhmen  erbot  sich
nun,  die  Vermittlung  beim  Papste  zu  übernehmen,  und  beredete
Ludwig,  er  möge  ihn,  um  sein  Geschäft  mit  mehr  Nachdruck
betreiben  zu  können,  zum  Reichsverweser  in  Italien  ernennen.
Ludwig  that  es,  ward  aber  bald  inne,  daß  König  Johaun  diese
Erhebung  nur  dazu  benütze,  die  italienische  Königskrone  an  sein
Haus  zu  bringen  '5).  Als  ihm  Ludwig  deshalb  die  Reichsverweser-Stelle
  abnahm  und  diese  dem  Herzoge  Otto  von  Oesterreich,
  dem  jüngsten  Bruder  des  am  20.  Januar  1330  verstorbenen
  Friedrichs  des  Schönen,  übertrug,  erschien  Johann  vor  Ludwig
  IV  zu  Regensburg  und  brachte  es  (1331)  dahin,  daß  ihm
die  Verwesung  Italiens  wieder  übertragen  wurde.  Ein  Vortheil
entsprang  daraus  für  Ludwig  nicht,  denn  der  Papst  wollte  weder
den  Böhmenkönig  noch  Otto  von  Oesterreich  als  Verweser
  des  lombardischen  Königreiches  und  erblickte  in  diesen  Ernennungen
  Ludwigs  nur  neue  Angriffe  auf  die  Rechte  des  päpstlichen
  Stuhles.  Um  die  Kluft  nicht  zu  erweitern,  ließ  Lud  wig
zu  Avignon  wiederholt  (14.  Oktober  1331  und  August  1332)
um  Versöhnung  nachsuchen,  fand  aber  beide  Male  kein  Gehör,
selbst  dann  nicht,  als  er  sich  bereit  erklärt  hatte,  der  deutschen
        <pb n="163" />
        Oberbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.  147

Krene  zu  Gunsten  seines  Vetters,  des  Herzogs  Heinrich  XIV
von  Niederbayern,  zu  entsagen  (s.  oben  &amp;amp;  59  Seite  121  u.
122).  Bevor  Ludwig  über  neue  Unterhandlungen  mit  dem
Papste  Johann  XXII  schlüssig  geworden,  starb  dieser  (4.  Dezember
  1334)  in  dem  hohen  Alter  von  90  Jahren.  Er  war
der  reichste  Mann  seiner  Zeit  gewesen,  denn  er  hinterließ  17  Millionen
  Goldgulden  an  baarem  Gelde  und  Kostbarkeiten  im  Werthe
von  7  Millionen.  Die  Cardinäle  einigten  sich  schon  nach  sechzehn
  Tagen  zur  Erhebung  des  vormaligen  Cisterzienser-Abtes  Jakobus
  Furnerius,  der  unter  dem  Namen  Benedikt  XII  den
päpstlichen  Stuhl  bestieg.

&amp;amp;  64.  Mit  dem  Jahre  1335  schien  für  Deutschland  die
lang  vermißte  Ruhe  wiederzukehren,  weil  der  neue  Papst  Benedikt
  XII  sich  geneigt  zeigte,  Ludwig  den  Bayern  wieder  in
den  Schooß  der  Kirche  aufzunehmen.  Die  Unterhandlungen
waren  eben  in  vollem  Gang,  als  Heinrich  von  Kärnthen")
(am  4.  April  1335)  starb  und  der  Streit,  der  über  seine  Hinterlassenschaft
  zwischen  Böhmen  und  Oesterreich  ausbrach,
hemmend  in  das  Versöhnungswerk  eingriff.  Nach  Beendigung
dieses  Erbfolgestreites  (s.  seinen  Verlauf  oben  §&amp;amp;  59  Seite  122
und  123)  nahm  Ludwig  die  Unterhandlungen  mit  dem  päpstlichen
  Stuhle  sogleich  wieder  auf,  aber  die  Könige  von  Frankreich
  und  Neapel  vereitelten  alle  seine  Versöhnungsvorschläge.
Daher  erklärten  die  geistlichen  und  weltlichen  Kurfürsten,
mit  Ausnahme  des  Königs  Johann  von  Böhmen,  auf  dem
ersten  Kurverein  zu  Rhense  (15.  u.  16.  Juli  1338),  daß,
sobald  die  Kurfürsten  einstimmig  oder  der  größere
Theil  derselben  einen  Kaiser  oder  König  gewählt
hätten,  dieser  durch  die  bloße  Wahl  (also  auch  ohne
die  Bestätigung  des  Papstes)  den  Titel  eines  Königs
oder  Kaisers  und  die  Reichsverwaltung  erlange.
Allein  das  gute  Einverständniß  Ludwigs  mit  den  geistlichen  und
weltlichen  Fürsten  wurde  durch  seine  Ländersucht  bald  wieder
getrübt.

Das  Erste,  wodurch  er  anstieß,  war  die  Besitzuahme  Niederbayerns,
  wo  (1340)  mit  Johann  der  Mannsstamm
Heinrichs  XIII  erloschen  war;  er  schloß  sowohl  die  Nachkommen
seines  Bruders  Rudolf,  die  rheinischen  Pfalzgrafen,  als

107
        <pb n="164" />
        148  Ober=  u.  Niederbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

auch  die  österreichischen  Prinzen  Friedrich  und  Leopold
(Söhne  des  Herzogs  Otto  von  Oesterreich  und  der  Elisabeth
  von  Niederbayern,  Stephans  1  Tochter)  von  der  Erbschaft
  aus  (1341).

Dazu  kam  die  Erwerbung  von  Kärnthen  und  Tyrol,
wozu  er  durch  die  Gräfin  Margaretha  Maultasche  selbst
veranlaßt  wurde.  Diese,  seit  1330  mit  Johann  Heinrich,
dem  zweiten  Sohne  des  Böhmenkönigs  Johann,  vermählt,  war
ihres  Gemahles  überdrüßig  und  ließ  (1341)  ihre  Hand  dem
ältesten  Sohne  Ludwigs  IV,  dem  Kurfürsten  Ludwig  von
Brandenburg,  antragen,  dessen  Gemahlin  Margaretha  von
Dänemark  zu  Anfang  des  Jahres  1341  gestorben  war.

Johann  Heinrich,  der  Margaretha  Maultasche  Gemahl,

hielt  sich  zur  Zeit  dieser  Umtriebe  mit  seinem  älteren  Bruder,  dem
Markgrafen  Karl  von  Mähren,  in  Ungarn  auf,  kam  aber,  so
bald  die  Sache  bekannt  wurde,  eiligst  nach  Hause  und  setzte  seine
Gemahlin  in  dem  Schloße  Tyrol  gefangen.  Durch  die  Hilfe
der  Landstände  in  Freiheit  gesetzt  zwang  sie  ihren  Gemahl  zur
Flucht.  Der  Patriarch  Bertrand  von  Aquileja  nahm  sich
des  Vertriebenen  an  und  bedrohte  Margaretha  Maultasche
im  Auftrage  des  Papstes  mit  dem  Banne,  wenn  sie  ihren  Mann
ohne  vorhergegangene  kirchliche  Scheidung  verlassen  und  einen  andern
  heirathen  würde.

Margaretha  war  durch  keine  Drohung  zur  Gesinnungsänderung
  zu  bewegen,  zumal  seit  sie  die  Nachricht  erhalten,  daß
Ludwig  IV  ihrem  Vorhaben  nicht  entgegen  sei  55).  So  ward
„schon  zu  Anfang  Februars  1342  die  Vermählung  auf  dem  Schloße
Tyrol  gefeiert,  und  Ludwig  der  Brandenburger  empfing
(26.  Februar  1342)  zu  Inspruck  von  Ludwig  dem  Bayern
nicht  blos  die  Grafschaft  Tyrol  zu  Lehen,  sondern  auch  (das
durch  den  Friedensvertrag  vom  9.  Oktober  1336  unter  die  österreichischen
  Herzöge,  Albrecht  den  Weisen  und  Otto  den  Kühnen,
und  den  Johann  Heinrich  von  Böhmen-Luremburg  vertheilte)
Kärnthen,  letzteres  aus.  dem  Grunde,  weil  Margaretha
Maultasche  auf  dasselbe  nie  verzichtet  habe.  Der  alte  Erzbischof
  Balduin  von  Trier,  welcher  bisher  den  ehrgeizigen
Plänen  seines  Neffen,  des  Böhmenkönigs  Johann,  immer  entgegen
  getreten  war,  trat  jetzt  zu  diesem  über,  ebenso  der  Pfalzgraf
        <pb n="165" />
        Ober=  u.  Niederbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.  149

Rupert  I  und  der  Herzog  Rudolf  von  Sachsen;  nur  Graf
Heinrich  von  Virneburg,  dem  auf  Ludwigs  Fürwort  hin
Balduin  von  Trier  das  Erzbisthum  Mainz  abgetreten  hatte,
hielt  fest  an  dem  König,  weil  dieser  erst  jüngst  gegen  das
Interesse  seines  Hauses  die  von  dem  Pfalzgrafen  Rupert  1
beanspruchte  Stadt  Weinheim  dem  Erzbisthum  Mainz  zugesprochen
  hatte.

Mitten  in  dem  Sturme,  der  jetzt  von  allen  Seiten  wider  Ludwig
  losbrach,  traf  dieser  eine  Reihe  der  wohlthätigsten  Einrichtungen
  im  Innern  seines  Reiches.  Er  verordnete  im  Monate  Mai
1342  einen  Landfrieden  für  ganz  Deutschland  und  gab  in
demselben  Jahre  zwei  Rechtsbücher,  eines  für  das  kaiserliche
  Hofgericht,  das  andere  für  die  herzoglich  bayerischen
Landgerichte.  Am  8.  Januar  1344  stellte  er  den  Nürnbergern
  eine  Urkunde  aus,  worin  er  dem  Bunde,  den  sie  mit  einigen
  Städten  zur  Aufrechthaltung  des  Landfriedens  geschlossen  hatten,
den  Bestand  gewährte  bis  zwei  Jahre  nach  seinem  Tode.  Eine
ähnliche  Erlaubniß  erhielten  auch  die  Bürger  von  Frankfurt
asM.,  Wetzlar,  Friedberg  und  Gelnhausen.  Die  Stadt
München,  die  von  ihm  bereits  früher  mehrfach  erweitert,  mit
dem  Alleinhandel  des  Salzes  beschenkt  und  mit  herrlichen  Gebäuden
  geziert  worden  war,  erhielt  um  diese  Zeit  verschiedene  städtische
Freiheiten  und  Rechte,  ebenso  Amberg,  Landsberg,  Schongau,
  Aichach,  Ingolstadt,  Kelheim,  Wasserburg  und
Rain.  Am  24.  Februar  des  Jahres  1344  hielt  er  einen  Landtag
  zu  Straubing  und  gab  um  diese  Zeit  den  Klostergeistlichen
von  Oberaltaich  den  Erlhof  zu  Uettlingen  als  Entschädigung
  dafür,  daß  sie  im  Herbste  1343  ihre  Arbeiter  zum  Graben
eines  Kanales  aufgeboten,  als  die  Donau  in  der  Gegend  zwischen
Straubing  und  Oberaltaich  ihr  Ufer  durchbrochen  hatte.
Auf  dem  Reichstage  zu  Nürnberg  (#April  1345)  saß  er  über
die  Brüder  Erkinger  und  Konrad  von  Sauwinsheim
(Seinsheim)  zu  Gericht,  welche  von  dem  Pfalzgrafen  Rudolf  II
beschuldigt  wurden,  daß  sie  in  einer  Fehde  bei  Mosbach  mehrere
  seiner  Unterthanen  erschlagen  hätten.  Konrad,  der  Anführer
der  Raubschaar,  mußte  6000  Mark  Silber  Schadenersatz  leisten
und  kam  um  sein  Leben,  Erkinger  verlor  Freiung  und  Halsgericht
  in  der  Hofmark  Gnezheim,  die  ihm  Ludwig  kurz  vorher
  ertheilt  hatte.  Während  dieses  Aufenthaltes  zu  Nürnberg
stiftete  Ludwig  auch  in  der  Pfarrei  Altdorf  ein  Kloster  für
Nonnen,  Pillenreut,  wo  zwölf  Jungfrauen  und  zwei  Priester
ein  einsames  Leben  führen  und  für  sein  Seelenheil  beten  sollten.
        <pb n="166" />
        150  Ober=  u.  Niederbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

Die  Stiftung  der  Klöster  Niederwintersbach  und  Pattendorf
  dürfte  einer  früheren  Periode  Ludwigs  angehören.

Während  Ludwig  lV  sich  eifrigst  bemühte,  die  wegen  der
Erwerbung  Niederbayerns  und  Tyrols  gegen  ihn  entstandene
Mißstimmung  zu  heben  und  den  Papst  Klemens  VI,  den
Nachfolger  Benedikts  XII  (r  25.  April  1342),  sich  geneigt
zu  machen,  ward  er  durch  die  Nachricht  überrascht,  daß  der  Graf
Wilhelm  IV  von  Holland,  der  Bruder  seiner  Gemahlin,
von  den  Friesen  (27.  September  1345)  erschlagen  worden  sei.
Einer  zwischen  ihm  und  dem  Erblasser  getroffenen  Vereinbarung
zufolge  erklärte  er  die  niederländischen  Provinzen  Holland,
Seeland,  Friesland  und  Hennegau  als  ein  dem  Reiche
ledig  gewordenes  Gut  und  belehnte  damit  trotz  des  Widerspruches
seiner  beiden  Schwäger,  des  Königs  Eduard  III  von  England
und  des  Grafen  Johann  Wilhelm  von  Jülich'),  zu  Nürnberg
  (15.  Januar  1346)  seine  Gemahlin  Margaretha  und
die  mit  ihr  erzeugten  Söhne.  Dieß  und  die  gleichzeitige  Verbindung
  Ludwigs  mit  dem  Könige  Ludwig  von  Ungarn,
der  den  Meuchelmord  seines  Bruders  Andreas  von  Neapel
zu  rächen  gedachte  '),  versetzte  den  Papst  Klemens  VI  und
seine  Anhänger  in  große  Bestürzung.  Um  Ludwig  an  dem
Zuge  nach  Neapel  zu  hindern,  sprach  der  Papst  über  Ludwigs
Freund,  den  Erzbischof  Heinrich  von  Mainz,  die  Absetzung
aus,  erhob  an  dessen  Stelle  den  zwanzigjährigen  Grafen  Gerlach
von  Nassau  und  ließ  durch  diesen  auf  den  11.  Juli  1346  zu
Rhense  die  Wahl  eines  neuen  Königs  ansagen.

Am  festgesetzten  Tage  trafen  die  Kurfürsten,  mit  Ausnahme
Ludwigs  von  Brandenburg,  in  Rhense  zusammen  und
wählten  getroffener  Verabredung  gemäß  den  Markgrafen  Karl
von  Mähren,  den  Sohn  des  blinden  Böhmenkönigs  Johann  "),

*)  Andreas  von  Neapel  war  von  einem  Buhlen  seiner  Gemahlin
Johanna  (25.  August  1345)  erdrosselt  worden,  und  der  Papst  hinderte
als  Oberlehensherr  von  Neapel  nicht,  daß  Johanna  den  Thron
behauptete.  4

**)  König  Johann  war  von  Jugend  auf  einäugig.  Als  er  sich  1340
zu  Paris  den  Staar  stechen  ließ,  erblindete  er  während  der  Operation
vollständig.
        <pb n="167" />
        Ober=  u.  Niederbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.  151

mit  allen  Stimmen  zum  deutschen  Könige').  Statt  nun  nach
altem  Herkommen  seinen  Gegner  auf  dem  Wahlplatze  mit  bewaffneter
  Macht  zu  erwarten,  führte  Karl  seine  Truppen  dem
Könige  Philipp  VI  von  Frankreich  zu  und  erlitt  an  dessen
Seite  durch  die  Streitmacht  des  Königs  Eduard  III  von  England
  bei  Crecy  in  der  Picardie  (27.  August  1346)  eine  grauenvolle
  Niederlage.  Sein  Vater  Johann,  der  sich  an  der  Seite
zweier  Ritter  in  die  Schlacht  gewagt,  fand  den  Tod,  er  selbst
erhielt  drei  Wunden  und  rettete  sich  nur  durch  eilige  Flucht.
Auf  den  Ruf  Ludwigs  IV  traten  jetzt  (11.  September  1346)
die  Stände  des  deutschen  Reiches,  darunter  die  Deputirten  aller
Reichsstädte,  zu  Speyer  zusammen  und  erklärten  die  Wahl
Karls  als  eine  erschlichene  für  ungiltig,  worauf  dieser  sich  anfänglich
  zu  seinem  Großoheim  Balduin  nach  Trier,  und  daun,
als  er  sich  dort  nicht  mehr  für  sicher  hielt,  nach  Böhmen
zurückjog.  Ludwig  ward  über  den  Rüstungen,  die  er  zur  vollständigen
  Demüthigung  des  Gegenkönigs  unternahm,  vom  Tode
ereilt.  Am  11.  Oktober  1347  überfielen  ihn  Schmerzen  der
Eingeweide.  Um  sie  zu  lindern,  ritt  er  auf  die  Bärenjagd.  Da
traf  ihn  unweit  Fürstenfeld  ein  Schlagfluß,  der  seinem  Leben
nach  wenigen  Minuten  ein  Ziel  setzte.  Der  Anger,  wo  er  in
den  Armen  eines  Bauern  starb,  heißt  seit  dieser  Zeit  die  Kaiserwiese.
  Seine  Leiche  wurde  anfänglich  in  der  Klosterkirche  zu
Fürstenfeld  beigesetzt,  dann  aber  durch  die  Bürger  von
München  nach  ihrer  Stadt  geführt.  Als  sich  die  Augustiner-Mönche
  weigerten,  den  Leichnam  in  ihre  Gruft  aufzunehmen,
ward  er  in  der  (damaligen)  Frauenkirche  '.)  an  der  Seite

*)  Bei  diesem  Feste  des  Meineids  fiel  die  große  Reichsfahne  in  den
Rhein  und  wurde  nicht  mehr  aufgefunden.

*“)  Diese  wurde  im  fünfzehnten  Jahrhunderte  niedergerissen  und  der
hiedurch  gewonnene  Platz  beim  Aufbau  der  jetzt  stehenden  Frauenkirche  (erbaut
  von  1468—4488)  benutzt.  Vermuthlich  ließ  man  beim  Abbruche  der
alten  Frauenkirche  die  vorhandene  Gruft  unverändert  stehen  und  behielt  sie
als  solche  für  die  neue  Kirche  bei,  woraus  sich  erklärt,  daß  sie  nach  Stil  und
Umfang  (sie  hat  beiläufig  nur  sechs  Schritte  in  der  Breite,  acht  bis  zehn  in
der  Länge  und  zehn  Schuh  in  der  Höhe)  mit  dem  sonstigen  Bau  nicht  harmonirt.
  Vgl.  Lipowsky's  Urgeschichten  von  München  II.  Theil  S.  147—172.
        <pb n="168" />
        152  Ober=  u.  Niederbayern  unter  Ludwig  dem  Bayern.

seiner  ersten  Gemahlin  Beatrix  beigesetzt  30).  Diesem  sonst  durch
sein  einnehmendes,  humanes  Wesen  und  durch  seine  Tapferkeit
hervorragenden  Könige  fehlte  es  —  namentlich  in  den  Tagen
des  Mißgeschickes  —  an  Festigkeit  und  Consequenz  des  Handelns,
an  muthiger  Ausdauer,  so  wie  an  diplomatischem  Takt.  Er
hinterließ  mehrere  Töchter  und  sechs  Söhne;  aus  der  (ersten)
Ehe  mit  Beatrix  von  Glogau  stammte  Ludwig  V,  der
Brandenburger  (geb.  1315)  und  Stephan  II,  von  den
vielen  Häckeln  seines  Leibrockes  „Fibulatus"  oder  „mit  der
Hafte“  zugenannt  (geb.  1317);  aus  der  Ehe  mit  Margaretha
von  Holland  stammten:  Ludwig  VI,  der  Römer  (geb.  1328),
Wilhelm  1  (geb.  1330),  Albrecht  I  (geb.  1337)  und  Otto  V.
(geb.  1347).  Außer  den  sechs  ehelichen  Söhnen  hinterließ  Ludwig
  IV  einen  unehelichen  Sohn,  Ludwig  von  Reichertshofen,
  dessen  Geburt  vor  seinc  erste  Verehelichung  fällt.

In  die  Regierungszeit  Ludwigs  IV  fallen  furchtbare  Naturereignisse,
  durch  welche  die  damaligen  Menschen  schwer  heimgesucht
wurden.  Im  Jahre  1337  erschien  ein  großer  Komet,  welchen
man  sogleich  als  den  Vorläufer  großen  Unheils  betrachtete  und
in  diesem  Wahne  sich  bestärkt  sah,  als  in  den  drei  nachfolgenden
Jahren  eine  ungeheure  Menge  Heuschrecken  zum  Vorschein  kam,
welche  an  vielen  Orten  große  Hungersnoth  herbeiführten.  Im
Jahre  1347  verheerte  ein  furchtbares  Erdbeben  Cypern,
Griechenland,  Italien  und  die  Alpenländer  bis  Basel,  wobei  die
Luft  übel  riechend  und  betäubend  wurde  und  feurige  Meteore  am
Himmel  leuchteten.  Den  Schluß  dieser  Schrecknisse  machte  der
sogenannte  schwarze  Tod,  eine  furchtbare  Seuche,  welche  von
China  aus  sich  durch  ganz  Asien  und  von  hier  durch  genunesische
Schiffe  nach  Aegypten,  Italien  bis  in  den  Norden  Europas  verpflanzte.
  Die  Krankheit  zeigte  sich  durch  Beulen  von  der  Größe
eines  Eies,  erst  an  einzelnen  Stellen,  dann  am  ganzen  Körper,
endlich  durch  gelbe  oder  schwarze  Flecken,  die  bei  Einigen  groß
aber  sparsam,  bei  Andern  klein  aber  zahlreich  waren  und  die  Benennung
  der  „schwarze  Tod“  veranlaßten.  Die  Aerzte  nannte
sie  „Pest  an  den  Halsmandeln  (pestilentia  glandium)“,  weil
der  Hauptsitz  des  Uebels  im  Schlunde  war.  Die  Leidenden  verschieden
  meist  am  dritten  Tage,  sobald  die  Flecken  von  den  Armen
oder  Schenkeln,  wo  sie  zuerst  erschienen,  über  den  übrigen  Leib
sich  verbreiteten.  In  Wien  starben  täglich  480  —720,  einmal
960  Menschen;  in  Passau  täglich  150—180,  einmal  330;  in
Mühldorf  blos  von  den  bessern  Einwohnern  zusammen  1400.
        <pb n="169" />
        Bayern  unter  den  Söhnen  Ludwigs  des  Bayern.  153

Prittes  RKapitel.

Bayern  von  dem  Tode  Ludwigs  des  Bayern  bis  zur
Landestheilung  unter  die  Söhne  Stephans  II

(1347—1392).

65.  Die  sechs  ehelichen  Söhne,  welche  Ludwig  der
Bayer  hinterließ,  regierten  anfangs  (1347—1349)  gemeinschaftlich,
  hatten  aber  durch  die  Winkelzüge  des  Luxemburgers  Karl
von  Mähren,  der  den  deutschen  Thron  zu  behaupten  suchte,
einen  harten  Stand.  Die  bayerische  Partei  trug  unmittelbar  nach
Ludwigs  IV  Tod  die  deutsche  Krone  dem  Könige  Eduard  II
von  England,  Königs  Ludwigs  IV  Schwager,  und  als  dieser
sie  ausschlug,  dem  Markgrafen  Friedrich  von  Meißen,  König
Ludwigs  IV  Schwiegersohn,  an,  der  sich  aber  bald  von  Karl
mit  der  Summe  von  10,000  Mark  Silbers  abfinden  ließ.  Um
die  bayerische  Partei  zu  schwächen,  unterstützte  Karl  einen
Pseudo-Waldemar  in  der  Person  eines  dem  verstorbenen
Markgrafen  Waldemar  von  Brandenburg  ährlichen  ehemaligen
  Dieners  desselben  und  nachmaligen  Müllers,  Namens
Jakob  Rehbock,  welcher  —  von  den  mit  dem  ausgestorbenen
Hause  verwandten  Fürsten  von  Anhalt  und  Sachsen  wahrscheinlich
  angetrieben  —  dem  Markgrafen  Ludwig  von  Brandenburg
  die  Regierung  in  Brandenburg  ftreitig  machte,  indem
  er  behauptete,  er  sei  der  todtgesagte  Kurfürst  Waldemar
und  komme  eben  aus  Palästina,  wohin  er  zur  Abbüßung  seiner
Sünden  gepilgert  sei.  Dieß  hielt  die  bayerische  Partei  indessen
nicht  ab,  die  Krone  Deutschlands  (13.  Januar  1349)  dem  Grafen
Günther  von  Schwarzburg  anzutragen,  der  sie  zwar  annahm,
aber  auf  sie  bald  wieder  zu  Gunsten  Karls  gegen  die  Summe
von  20,000  Mark  Silbers  verzichtete  und  kurz  darauf  (11.  Juni
1349)  an  Gift  starb,  welches  ihm,  wie  man  glaubt,  der  Arzt
Freydank  zu  Frankfurt  beibrachte.  Karl,  der  sich  kurz  vor-Günthers
  Tod  mit  Anna,  der  Tochter  des  Kurfürsten  Rudolf  II
von  der  Rheinpfalz,  vermählt  hatte  (4.  März  1349),  um  Zwietracht
  zwischen  den  bayerischen  und  pfälzischen  Wittelsbachern
zu  säen,  hielt  es  endlich  doch  für  vortheilhafter,  sich  mit  den
        <pb n="170" />
        154  Bayern  unter  den  Söhnen  Ludwigs  des  Bayern.

bayerischen  Wittelsbachern  auszusöhnen.  Er  erkannte  Ludwig
  den  Aelteren  in  Brandenburg  an,  erklärte  den  Waldemar
  für  einen  Betrüger  ')  und  erreichte  dadurch  für  sich,  daß
er  von  sämmtlichen  Kurfürsten  als  deutscher  König  anerkannt
und  (25.  Juli  1349)  zu  Aachen  gekrönt  wurde.  Von  nun  an
regierte  Karl  IV  (1349—1378)  unangefochten  bis  an  seinen  Tod.

Obschon  Ludwig  der  Bayer  seine  Söhne  nachdrücklich  vor
jeder  Theilung  des  Landes  gewarnt  hatte,  so  nahmen  diese  doch
am  13.  September  1349  zu  Landsberg  eine  solche  vor.

Ludwig  V  der  Brandenburger  und  die  Brüder  Ludwig
  VI  der  Römer  und  Otto  V  erhielten  Oberbayern,
Brandenburg  und  Tyrol,

Stephan  II,  auf  dessen  Seite  die  Mutter  Margaretha
und  die  Brüder  Wilhelm  I  und  Albrecht  I  zu  stehen  kamen,
erhielten  die  Provinzen  Niederbayern,  Holland,  Seeland,
Friesland  und  Hennegau.  Dabei  sollte  Margaretha's
Recht,  Hennegau,  das  ihr  schon  früher  als  Wittibgut  ausgewiesen
  worden  war,  ganz  für  sich  zu  nehmen,  und  das  weitere
Recht,  über  alle  vier  niederländischen  Provinzen  die  Herrschaft
zu  führen,  ungekränkt  bestehen.

Kärnthen,  dessen  im  Theilungsbriefe  keine  Erwähnung
geschieht,  scheint  von  den  Söhnen  Ludwigs  des  Bayern  kurze  Zeit
vor  dieser  Landestheilung  (zwischen  dem  25.  Juli  und  13.  September)
  an  Oesterreich  zurückgegeben  worden  zu  sein,  um  von
dieser  Seite  her  nicht  weiter  angefeindet  zu  werden.

Die  Pfalzgrafen  am  RNhein,  die  bei  dieser  Theilung  ihren
rechtlichen  Anspruch  auf  einen  Theil  Niederbayerns  gelten  d  machten,
  den  ihnen  Ludwig  der  Bayer  bei  dem  Erlöschen  des
niederbayerischen  Mannsstammes  (1340)  verweigert  hatte,  erhielten
  die  Abfindungssumme  von  60,000  Goldgulden,  bis  zu
deren  Zahlung  Cham,  Eschelkam,  Kötzting  und  der  Lammerwinkel
  verpfändet  wurden  11).

 

*)  Jakob  Rehbock  wurde  jetzt,  wo  er  Karl  IV  als  Gegner  hatte,
aus  Brandenburg  vertrieben,  fand  aber  eine  Zuflucht  am  Anhalk'schen
Hofe  zu  Dessau,  wo  er  bis  zu  seinem  Tode  als  ächter  Markgraf  behandelt
  wurde.
        <pb n="171" />
        Bayern  unter  den  Söhnen  Ludwigs  des  Bayern.  155

Bei  dieser  Theilung  blieb  es  nicht  lange.  Ludwig  der
Brandenburger,  der  gemeinsamen  Regierung  mit  seinen  zwei
Brüdern  müde,  vereinbarte  mit  diesen  am  24.  Dezember  1351
zu  Lukau  in  Brandenburg  eine  neue  Theilung.  Dieser  zufolge
bekam:

Ludwig  V,  der  Brandenburger,  ganz  Oberbayern
mit  Tyrol  und  residirte  zu  München,

Ludwig  VI,  der  Römer,  und  Otto  V  erhielten  Brandenburg
  und  die  Niederlausitz,  welch’  letztere  Karl  IV
eingezogen,  aber  inzwischen  wieder  herausgegeben  hatte.

Hinsichtlich  der  Kurstimme  von  Brandenburg  wurde
festgesetzt,  daß  sie  den  drei  Prinzen  gemeinschaftlich  zukomme.

Am  3.  Juni  1353  vereinbarte  auch  Stephan  II  mit  den
zwei  ihm  beigegebenen  Brüdern  zu  Regensburg  eine  Theilung.
Ihr  zufolge  bekam:

Stephan  II  den  Bezirk  Niederbayern-Landshut,

Wilhelm  I  die  Provinzen  Holland,  Seeland,  Friesland
  und  Hennegau,  jedoch  mit  Vorbehalt  der  Rechte,  welche
der  Mutter  Margaretha  auf  diese  Provinzen  zustanden,

Albrecht  I  erhielt  Niederbayern-Straubingss).

Die  Oberpfalz,  welche  durch  den  Hausvertrag  zu  Pavia
(1329)  dem  größern  Theile  nach  an  die  rheinischen  Pfalzgrafen
  gekommen  war,  verlor  um  diese  Zeit  sehr  beträchtlich
an  Umfang,  denn  Karl  IV,  der  sich  bei  seiner  Verehelichung
(4.  März  1349)  mit  Anna,  des  rheinischen  Kurfürsten  Rudolf
  II  Tochter,  als  Unterpfand  der  Mitgift  mehrere  Ortschaften“)
in  der  Oberpfalz  hatte  abtreten  lassen,  stellte  diese  nach  dem
kinderlosen  Ableben  Anna's  (F  2.  Februar  1352;  ihr  Söhnlein
Wenzel  war  am  30.  Dezember  1351  gestorben)  nicht  zurück
und  ließ  sich  für  die  (im  Mai  1353  von  ihm  vollzogene)  Auslösung
  des  Pfalzgrafen  Rupert  II  aus  der  sächsischen  Gefangenschaft,
  in  die  er  zur  Zeit  des  falschen  Waldemar,  seinem
Vetter  Ludwig  dem  Brandenburger  zu  Hilfe  eilend,  gerathen
war,  noch  andere  Orte"")  der  Oberpfalz  abtreten.  Zu  diesen

*)  Hartenstein,  Auerbach,  Velden,  Plech  und  Neidenstein.
*.)  Störstein,  Neustadt  a.  d.  Waldnab,  Hirschau,  Lichtenstein.
        <pb n="172" />
        156  Oberbayern  und  Tyrol  unter

wurden  ihm  nach  dem  Tode  Rudolfs  II(  4.  Oltober  1353)
für  20,000  Mark  Silber,  welche  er  diesem  geliehen,  durch  den
Vertrag  von  Hagenau  (29.  Oktober  1353)  von  den  beiden
Pfalzgrafen  Rupert  1  und  Rupert  II  mit  Einwilligung  der
bayerischen  Stammvettern  noch  weitere  dreizehn  Orte  ")  in  der
Oberpfalz  überlassen.  Dabei  war  Karl  IV  unbillig  genug,  die
pfälzische  Kurwürde,  die  nach  dem  Tode  Rudolfs  II  dem
Hausvertrage  von  Pavia  zufolge  an  die  bayerische  Linie
hätte  kommen  sollen,  dem  rheinischen  Pfalzgrafen  Rupert  1
zuzusprechen.  Einige  Jahre  später  wendete  er  diese  Kurwürde
durch  die  goldene  Bulle,  welche  er  (am  8.  Januar  1356)  zu
Nürnberg  erließ,  für  immer  und  ausschließlich  der
rudolfisch-pfälzischen  Linie  zu.  Die  bayerischen  Wittelsbacher
  mußten  dieß  über  sich  ergehen  lassen,  da  sie  seit  den
Indenverfolgungen,  die  kurz  vorher  (1349)  in  Salzburg,
Braunau,  München,  Augsburg  und  den  umliegenden  Ortschaften
  vorgekommen  waren,  vollauf  zu  thun  hatten,  im  Innern
des  Landes  Ruhe  und  Ordnung  aufrecht  zu  erhalten.
Die  Geschichte  der  seit  1351  und  1353  getrennten  bayerischen
Gebietstheile  folgt  nunmehr  in  der  Ordnung,  in  welcher  eine  um

die  andere  Herrscherfamilie  dieser  Gebietstheile  bis  auf  die  Stephans
  II  von  Niederbayern-Landshut  erloschen  ist.

A.
Oberbayern  und  Tyrol
(1351—1363)  “).

#  66.  Der  Begründer  dieser  Linie,  Ludwig  V,  der
Brandenburger  (1351—1361),  war  ein  biederer,  freisinniger
Fürst,  von  Allen,  die  ihn  näher  kannten,  geachtet  und  geliebt.

*)  Sulzbach,  Rosenberg,  Thurndorf,  Hilpoltstein,  Hohenstein,  Lichteneck,
Frankenberg,  Lauf,  Eschenbach,  Heersbruck,  Auerbach,  Pegnitz  und  Floß.
*#)  Die  Herzöge  von  Oberbayern  und  Tyrol  während  dieser  Zeit  sind:
Ludwig  V,  der  Brandenburger,
1351—1361.

Mainhard
1361—1363.

 

-*
        <pb n="173" />
        Ludwig  V,  dem  Brandenburger.  157

Auf  seinen  Wunsch  stellte  der  Herzog  Albrecht  der  Weise  von
Oesterreich  bei  dem  Papste  Innocenz  VI  (1352—  1362)
das  Ansuchen,  den  Kirchenbann,  der  noch  immer  auf  seiner  Person
  und  seiner  ganzen  Familie  lastete,  aufzuheben.  Dieß  geschah
denn  auch  im  Auftrage  des  Papstes  durch  den  Bischof  Paulus
von  Freysing  in  der  Hofkapelle  zu  München  am  3.  September
1359.  Nach  der  Lossprechung  vom  Kirchenbanne  erfolgte  zuerst
die  Trauung  des  alten  Herzogs  Ludwig  V  und  der  Herzogin
Margaretha  Maultasche,  deren  frühere  Ehe  mit  Johann
Heinrich  schon  der  Papst  Klemens  VI  (1349)  für  nichtig
erklärt  hatte,  dann  die  Vermählung  von  Ludwigs  V.  Sohn,
Mainhard,  mit  Margaretha,  der  jüngsten  Tochter  des  inzwischen
  (20.  Juli  1358)  verstorbenen  Herzogs  Albrecht  des
Weisen  von  Oesterreich.  Alsdann  erfolgte  die  Lossprechung
Oberbayerns  und  Tyrols  von  dem  Interdikte.  Aus
Dankbarkeit  gegen  Albrecht  den  Weisen  stellte  Margaretha
Maultasche,  die  in  ihren  Heirathsverträgen  (1341)  bestimmt
hatte,  daß  Tyrol  für  alle  Fälle  bei  Bayern  zu  verbleiben
habe,  lam  5.  September  1359)  eine  Urkunde  aus,  worin  sie  für
den  Fall,  daß  ihr  Gemahl  Ludwig  und  ihr  Sohn  Mainhard
ohne  Nachkommen  sterben  würden,  ihre  Länder  dem  österreichischen
Herzog  Rudolf  IV  und  seinen  Brüdern,  den  Söhnen  Albrechts
  des  Weisen,  zu  überlassen  verhieß  7).

Für  Oberbayern  konnte  Ludwig  V  wenig  thun,  weil
er  erst  in  der  letztern  Zeit  seines  Lebens  daselbst  bleibenden  Sitz
genommen  hatte.  Für  Hebung  des  Städtewesens  gab  er  manche
nützliche  Verordnung,  besonders  für  München,  wo  er  die  (nach
dem  Brande  am  14.  Februar  1327  in  Bau  genommene)  Peterskirche
  ausbaute  und  zu  diesem  Zwecke  Geldsammlungen  im
ganzen  Lande  veranstaltete.  Wahrscheinlich  gab  auch  auf  sein
Gesuch  der  Herzog  Rudolf  IV  von  Oesterreich  den  Bürgern

*)  Ihre  unverheirathete  Schwester  Adelheide  (T  25.  Mai  1375)  hatte
schon  1336  und  1341  zu  Gunsten  der  mit  ihr  verwandten  österreichischen  Herzöge
  Albrecht  des  Weisen  und  Otto  des  Kühnen  auf  ihren  Antheil  an
Kärnthen  und  Tyrol  verzichtet;  der  beiden  Herzöge  Mutter  Elisabeth,
die  mit  dem  Kaiser  Albrecht  I  von  Oesterreich  (1298—1308)  vermählt  war,
und  der  Vater  der  Adelheide,  Heinrich  von  Kärnthen,  waren  Geschwister.
        <pb n="174" />
        158  Oberbayern  und  Tyrol  unter  Mainhard.

Münchens  freien  Handel  nach  Oesterreich  in  derselben  Ausdehnung,
  wie  ihn  die  Regensburger  besaßen.  Zur  Verschönerung
  und  Erweiterung  Münchens  bewilligte  Ludwig  V  der
städtischen  Commune  einen  Salzaufschlag  auf  fünf  Jahre,
einen  Pfenning  für  jede  Scheibe,  welche  in  die  Stadt  geführt
wurde.  Durch  ihn  ward  auch  Ingolstadt  erweitert,  Rain
zu  einer  Stadt  erhoben  und  Landsberg  mit  Handelsrechten
beschenkt.

Ludwig  V  starb  am  18.  September  1361  zu  Zorneding,
sechs  Stunden  von  München,  eines  jähen  Todes.  Seine  Leiche
wurde  in  der  Gruft  zu  Seligenthal  bei  Landshut  (nach  dem
Zeugniße  des  Todtenbuchs  daselbst)  beigesetzt.

&amp;amp;  67.  Nach  dem  Tode  Ludwigs  V  entstanden  wegen  der
Nachfolge  seines  Sohnes  Mainhard  (1361—1363),  eines  bereits
  achtzehnjährigen  Prinzen,  große  Streitigkeiten,  an  denen
nicht  nur  alle  bayerischen  Fürsten,  sondern  auch  der  Herzog
Rudolf  IV  von  Oesterreich,  Mainhards  Schwager,  und  Kaiser
  Karl  IV  Antheil  nahmen.  Mainhard,  ein  in  der  Regierungskunst
  ganz  unerfahrner  Jüngling,  überließ  sich  und  die
Regierung  seiner  Länder  einer  herrschsüchtigen  Partei  5),  welche
Friedrich,  den  Sohn  des  Herzogs  Stephan  II  von  Niederbayern-Landshut,
  an  ihre  Spitze  stellte  und.  vorgab,  daß  sie
im  Auftrage  des  verstorbenen  Herzogs  Ludwig  V  handle.  Als
Stephan  II  von  Niederbayern  den  Plan  dieser  Partei
durchschaute,  welcher  darauf  hinausging,  dem  jungen  Mainhard
die  Zügel  der  Regierung  ganz  zu  entreißen  und  für  sich  zu  behalten,
  rückte  er  mit  seinen  Kriegsleuten  in  Oberbayern  ein,
brachte  den  flüchtigen  Herzog  Mainhard  mit  Hilfe  der  Bewohner
  Vohburgs  in  seine  Gewalt  und  bewirkte  vor  einem  in
München  zusammengetretenen  Landtag  den  Beschluß,  die  Regierungshandlungen
  des  Herzogs  Mainhard  nur  dann  anzuerkennen,
  wenn  die  Partei,  die  ihn  bisher  umlagert,  keinen  Theil  an
denselben  habe  (5.  Mai  1362).  Nachdem  Mainhard  unmittelbar
  darauf  seine  Freiheit  wieder  erlangt  hatte,  weilte  er  einige
Zeit  in  München,  ertheilte  von  dort  aus  den  Befehl,  Ingolstadt
  zu  erweitern  und  zu  befestigen,  und  folgte  gegen  das  Ende
        <pb n="175" />
        Oberbayern  und  Tyrol  unter  Mainhard.  159

des  Monats.  Oktober  1362  einer  von  den  tyrolischen  Landständen
  an  ihn  ergangenen  Einladung,  ihr  Land  zu  besuchen.
Dort  starb  er  an  einem  kalten  Trunke,  den  er,  vom  Tanze  erhitzt,
  zu  sich  genommen  hatte,  am  13.  Januar  1363  auf  dem
Schloße  Tyrol,  ungefähr  zwanzig  Jahre  alt,  ohne  Kinder.  Sein
Leichnam  wurde  zu  Meran')  bestattet.

Nach  dem  Ableben  Mainhards  führte  seine  Mutter  Margaretha
  die  Regierung  Tyrols  drei  Tage  (14.—  16.  Januar  1363),
am  vierten  Tage  (17.  Januar)  ernannte  sie  eine  Regierungs-Commission
  aus  neun  Räthen,  an  deren  Spitze  der  Gebirgshauptmann
  Ulrich  Matsch  stand.  Pläötzlich  traf  der  Herzog  Rudolf
  IV  von  Oesterreich,  vermuthlich  von  seiner  Schwester
Margaretha,  des  Herzogs  Mainhard  Wittwe,  und  von  deren
Schwiegermutter,  Margaretha  Maultasche,  herbeigerufen,  in
Botzen  ein  und  überredete  letztere,  daß  sie,  ihrem  vormals  (1359)
gegebenen  Versprechen  getreu,  ihn  und  seine  zwei  noch  lebenden
Brüder,  Leopold  III  und  Albrecht  III,  in  einer  (zu  Botzen
am  26.  Februar  1363  gegebenen)  Urkunde  als  Erben  Tyrols
einsetzte.  Damit  erklärte  sich  die  Bevölkerung  Tyrols  einverstanden,
  und  Stephan  II  von  Niederbayern-Landshut,  der
erst  Mitte  Februars  1363  von  einem  Besuche  des  pfälzischen
Kurfürsten  Rupert  1  aus  Heidelberg  zurückkehrte,  sah  sich  so
auf  die  Uebernahme  Oberbayerns  beschränkt,  dessen  Stände  ihm
(am  26.  Februar  1363)  zu  Freysing  huldigten.  Um  kein
Mittel,  Tyrol  an  sich  zu  bringen,  unversucht  zu  lassen,  trat  er
bei  Kaiser  Karl  IV  zu  Nürnberg  klagend  wider  seine  Schwegerin
  Margaretha  und  die  österreichischen  Herzöge  auf,
fand  aber  kein  geneigtes  Gehör,  weil  der  österreichische  Herzog
Rudolf  1V  eine  Tochter  Kaiser  Karls  IV,  Katharina,  zur
Frau  hatte.  Im  Unmuthe  griff  nun  Stephan  zum  Schwerte
und  bekriegte  die  österreichischen  Herzöge  innerhalb  sieben  Jahren
fünf  Mal  (1363,  1364,  1365,  1368  und  1369),  aber  nie  mit
besonderem  Erfolg.  Im  siebenten  Jahre  (29.  September  1369)
vermittelten  im  Auftrage  Karls  IV  der  cheinische  Kurfürst

*)  Nach  Arnpeckh  zu  Stamms.
        <pb n="176" />
        160  Brandenburg  und  die  Niederlausitz

Rupert  1  und  der  Erzbischof  Piligrim  von  Salzburg  zu
Schärding  den  Frieden.

Die  österreichischen  Herzöge  erhielten  Tyrol,  der  Herzog
  Stephan  II  von  Niederbayern-Landshut  erhielt  nur
die  der  Margaretha  Maultasche  als  Wittibgut  verschriebenen  Herrschaften
  Rattenberg,  Kufstein,  Kitzbühel,  die  (seit  1356)
an  die  österreichischen  Herzöge  verpfändete  Festung  Schärding,
Buch  und  Weißenhorn  in  Schwaben  ?)  und  die  Verheißung
einer  Summe  von  116,000  Goldgulden,  die  aber  nie  bezahlt
  wurden.

Margaretha  Maultasche,  welche  schon  im  Jahre  1363
(Urkunde  gez.  zu  Botzen  am  19.  September  1363,  zu  Meran
am  1.  Oktober  desselben  Jahres  bestätigt)  die  Regierung  Tyrols
an  den  Herzog  Rudolf  IV  von  Oesterreich  abgetreten  und
seit  dieser  Zeit  in  Wien  gelebt  hatte,  starb  dort  am  3.  Oktober
1369  und  wurde  im  Kloster  zum  heiligen  Kreuz  beigesetzt.
Ihre  Schwiegertochter  Margaretha  war  gegen  vier  Jahre
früher  (14.  Jannar  1366)  zu  Brünn  gestorben.  Diese  hatte  sich
im  Laufe  des  Tyroler-Erbfolgestreites  (26.  Februar  1364)  dem
Bruder  Kaiser  Karls  IV,  dem  Markgrafen  Johann  Heinrich
von  Mähren,  demselben,  mit  dem  ihre  Schwiegermutter  Margaretha
  schon  vor  zwei  und  zwanzig  Jahren  in  putativer  Ehe
gelebt  hatte,  antrauen  lassen,  damit  dem  Hause  Habsburg  in  der
Behauptung  Tyrols  die  Unterstützung  des  Kaisers  nicht  entgehe.

B.
Brandenburg  und  die  Niederlausitz
(1351—1373)“").

#  68.  Diese  Länder  erhielten  dem  Theilvertrage  von  1351
zufolge  Ludwig  VI,  der  Römer,  und  sein  Bruder  Otto  V;

*)  Buch  und  Weißenhorn  in  Schwaben  gehörten  zum  Rücklasse  des
Grafen  Berchtold  von  Neyffen,  dessen  Erbtochter  Anna  1343  mit  Friedrich,
  dem  Sohne  Herzogs  Stephan  II  von  Niederbayern-Landshut,  verehelicht
  war.

*#))  Die  Regenten  aus  dem  Hause  Wittelsbach  während  dieser  Zeit  waren:

Ludwig  VI,  der  Römer,  und  dessen  Bruder  Otto  V.
1351—1366  1360—13273.
        <pb n="177" />
        unter  Ludwig  VI,  dem  Römer.  161

jener  zaͤhlte  damals  23,  dieser  4  Jahre.  Wegen  der  Jugend
Otto's  V  wurde  Ludwig  der  Römer  anfaͤnglich  von  dem
Kaiser  Karl  IV  mit  der  Mark  Brandenburg  und  der  Niederlausitz
  allein  belehnt.  Er  schlug  seine  ständige  Residenz  zu
Berlin  auf  (1351  —  1366)  und  schloß  zur  Befestigung  seiner
Macht  mit  den  Fürsten  in  Nord-Deutschland  Bündnisse,  namentlich
  mit  dem  Herzoge  Albert  1  von  Mecklenburg,  dessen  Tochter
  Ingelburg  er  (25.  Juli  1357)  heirathete.  Da  diese  Ehe
zu  Anfang  des  Jahres  1360  noch  kinderlos  war  und  besorgen
ließ,  daß  sie  kinderlos  bleibe,  belehnte  Karl  IV  (1.  Februar
1360)  auch  Otto  V  mit  Brandenburg  und  der  Niederlausitz,
damit,  wenn  Ludwig  der  Römer  kinderlos  stürbe,  den  übrigen
Herzögen  Bayerns  keine  Veranlassung  gegeben  wäre,  diese  Länder
an  sich  zu  ziehen.

Bei  dem  Tode  Mainhards  von  Oberbayern-Tyrol
(1363)  hofften  beide  Fürsten  einen  Theil  von  Oberbayern  zu
erben,  konnten  aber  gegen  Herzog  Stephan  II  von  Niederbayern,
  der  als  der  älteste  Prinz  das  Ganze  für  sich  beanspruchte,
mit  ihren  Forderungen  nicht  aufkommen.  Dieß  rief  in  Beiden
gegen  ihren  Bruder  Stephan  II  eine  solche  Abneigung  hervor,
  daß  sie,  der  gemeinsamen  Abstammung  vergessend,  mit  Kaiser
Karl  IV  (1363)  eine  Erbverbrüderung  eingingen,  der  zufolge
nach  ihrem  Ableben  und  nach  dem  Erlöschen  ihres  männlichen
Stammes  ihre  Länder  sammt  der  Kurwürde  des  Keisers  erstgebornem
  Sohne  Wenzel  und  dessen  männlichen  Erben,  in  Ermanglung
  von  solchen  aber  des  Kaisers  Bruder  Johann  Heinrich
  und  dessen  Erben  zufallen  sollten.  Verschreibungen  ähnlicher
Art  stellte  auch  der  Kaiser  und  der  Markgraf  Johann  von
Mähren  aus.  Dadurch  verstießen  die  beiden  Markgrafen  von
Brandenburg  nicht  blos  gegen  den  Hausvertrag  zu  Pavia,  sondern
  auch  gegen  eine  unter  den  Söhnen  Ludwigs  des  Bayern
(1334)  geschlossene  Erbverbrüderung,  nach  welcher  die  Mark
Brandenburg  von  einer  Wittelsbach'schen  Linie  an  die  andere
erblich  fallen  sollte.  Um  die  schreiende  Rechtsverletzung  einigermaßen
  zu  beschönigen,  verlobte  sich  (1363)  der  damals  sechzehnjährige
  Otto  V  mit  des  Kaisers  fünfjährigen  Tochter  Elisabeth
(geb.  18.  März  1358),  erhielt  aber  später  (19.  März  1366)  eine

Sattler,  bayer.  Geschichte.  11
        <pb n="178" />
        162  Brandenburg  und  die  Niederlausitz  unter  Otto  V.

andere  Tochter  des  Kaisers,  Katharina,  zur  Frau,  die  zuvor
an  den  österreichischen  Herzog  Rudolf  II  verheirathet  und  seit
17.  Juli  1365  Wittwe  war.  Nicht  volle  zwei  Monate  nach  der
Vermählung  Otto's  V  starb  Ludwig  VI  der  Römer  (14.  Mai
1366)  kinderlos,  und  des  Kaisers  Eidam,  Otto  V,  hatte  nun
Brandenburg  und  die  Niederlausitz  allein  zu  verwalten.

&amp;amp;  69.  Otto  V  (1366—1373)  kümmerte  sich  wenig  um
die  Regierung  und  zog  sich  durch  seine  lockere  Lebensweise  viele
Unruhen  und  Verdrießlichkeiten  zu.  Um  Geld  zur  Befriedigung
seiner  Vergnügungssucht  zu  erhalten,  verpfändete  er  sogar  seine
ordentlichen  Landesgefälle  und  verkaufte  das  Münzrecht,  wodurch
er  allgemeine  Unzufriedenheit  erregte.  In  dem  Kriege,  der  1370
mit  Pommern  ausbrach,  ermannte  er  sich,  gerieth  aber  in  eine
bedenkliche  Lage,  weil  ihn  sein  Schwiegervater,  der  Kaiser  KarllIV,
ganz  ohne  Hülfe  ließ.  So  zur  Einsicht  geführt,  daß  er  von  dem
Hause  Luxemburg  nichts  Gutes  zu  erwarten  habe,  vertraute  er
sich  seinem  Bruder  Stephan  II  an,  der  sogleich  seinen  Sohn
Friedrich  (1371)  nach  Brandenburg  schickte.  Kaum  war  dieser
in  Brandenburg  angekommen,  so  stieß  Otto  V  die  Erbverbrüderung
  mit  Kaiser  Karl  um  und  setzte,  da  er  von  seiner  Gemahlin
  Katharina,  die  von  ihm  getrennt  (zu  Prag)  lebte,
keine  Leibeserben  zu  erwarten  hatte,  seine  Brüder  und  seine  Neffen
als  Nachfolger  in  der  Mark  ein.  Friedrich  half  jetzt  seinem
Oheim  die  Pommern  besiegen  und  kehrte  gegen  das  Ende
des  Jahres  1371  nach  Bayern  zurück.  Im  Mai  1373  ging
Friedrich  abermals  nach  Brandenburg  und  brachte  dem  von
allen  Geldmitteln  entblößten  Otto  V  200,000  Gulden,  wofür
ihn  dieser  die  Altmark  und  Priegnitz  verpfändete  und  durchsetzte,
daß  dem  Prinzen  Friedrich  und  seinen  Erben  in  der  Mark  gehuldigt
  wurde.

So  bald  der  Kaiser  hievon  Nachricht  erhielt,  besetzte  er  die
Mark  mit  überlegener  Macht,  so  daß  Otto  V  und  sein  Neffe
Friedrich  gezwungen  waren,  die  Niederlau  sitz  und  Brandenburg
  mit  Vorbehalt  der  Kurwürde  an  des  Kaisers  Söhne
Wenzel,  Sigmund  und  Johann  (17.  und  18.  August  1373)
abzutreten.  Dagegen  übergab  der  Kaiser  die  meisten  seiner  in
        <pb n="179" />
        Otto's  V  letzte  Lebenstage.  163

der  Oberpfalz  gelegenen  Besitzungen  unter  dem  Einloͤsungsrechte
  gegen  100,000  Gulden  an  Otto  V  und  seine  rechtmäßigen
  Erben  und  verhieß  eine  Entschädigung  an  Geld,  die
jedoch  so  gering  war,  daß  man  sagte,  man  habe  für  dieses
Geld  kaum  die  Stricke  zu  den  in  Brandenburg  vorhandenen
Glocken  kaufen  können  ").  Außerdem  gab  er  die  dem  Hochstifte
Regensburg  gehörige  Herrschaft  Donaustauf,  für  die  er  bei
dem  Edlen  Peter  von  Eck  die  Pfandsumme  erlegt  hatte,  und
das  bei  ihm  verpfändete  Adelnburg  an  den  Herzog  Stephan  II
und  seine  Söhne  heraus  ).

Otto  V  zog  sich  noch  im  Jahre  1373  nach  Bayern  zurück
und  erkor  sich  das  Schloß  Wolfstein  an  der  Isar  unterhalb
Landshut  zum  Aufenthalte.  Was  ihm  an  Gütern  in  der  Oberpfalz
  geblieben  war,  schlug  er  nach  dem  Tode  seines  Bruders,
des  Herzogs  Stephan  II  von  Landshut  (1  1375)  zu  dem
Erbe,  welches  dieser  seinen  drei  Söhnen  hinterließ,  und  erhielt
dafür  Antheil  an  der  gemeinschaftlichen  Regierung  seiner  Neffen,
die  ihm  Landshut  als  Residenz  überließen.  Außer  den  Regierungsgeschäften
  des  bayerischen  Niederlandes  besorgte  Otto  auch
noch  diejenigen,  welche  das  ihm  gebliebene  Kuramt  Brandenburgs
  mit  sich  brachte*'*).  Er  starb  am  15.  November  1379  und
wurde  zu  Seligenthal  beigesetzt.  Seine  Gemahlin  Katharina,
  welche  von  ihm  getrennt  geblieben  war,  starb  1395  und
wurde  zu  Wiern  bestattet.

*)  Im  Jahre  1382  löste  der  neue  Bischof  von  Regensburg,  Theodorich
von  Abensberg,  die  Herrschaft  Donaustauf  von  den  bayerischen  Herzögen
  ein  und  übertrug  Gamerich  dem  Sarchinger  zu  Regensburg  die
Verwaltung  derselben.

*“)  So  z.  B.  war  er  zu  Nürnberg  auf  jenem  Reichstage,  wo  Kaiser
Karl  seinen  fünzehnjährigen  Sohn  Wenzel  den  Fürsten  des  Reiches  zum
römischen  König  in  Vorschlag  brachte;  ebenso  wohnte  er  den  Versammlungen
der  Kurfürsten  zu  Rhense  und  Frankfurt  bei,  wo  Wenzel  am  3.  Oktober
  wirklich  zum  römischen  König  gewählt  und  gekrönt  worden  ist,  und
erhielt  wahrscheinlich  wie  die  übrigen  Wahlfürsten  für  seine  Stimme
100,000  Dukaten.

111
        <pb n="180" />
        164  Bayern-Holland  unter  Margaretha  u.  Wilhelm  I.

C.
Bayern-Holland  und  Niederbayern-Straubing
((1349)  1353—1434)7).

70.  Bei  der  Theilung  der  bayerischen  Länder,  welche  im
Jahre  1349  zu  Landsberg  vorgenommen  wurde,  machten
Holland,  Seeland,  Friesland  und  Hennegau  einen  Theil
der  Erbschaft  aus,  welche  den  drei  Brüdern  Stephan  II,  Wilhelm
  1,  Albrecht  I  und  der  Wittwe  Ludwig  des  Bayern,  Margaretha,
  zufiel.  Schon  damals,  als  diese  Theilung  erfolgt  war,
begleitete  Margaretha  ihren  Sohn  Wilhelm  nach  den  Niederlanden
  und  vereinbarte  mit  ihm  eine  gemeinschaftliche  Regierung.
  Sie  selbst  wollte  zu  Valenciennes  in  der  Provinz
Hennegau,  Wilhelm  sollte  zu  Haag  in  der  Provinz  Holland
  residiren  und  jährlich  10,000  Dukaten  zum  Unterhalte  der
Mutter  verabreichen.  Aber  schon  im  Jahre  1350  brach  Uneinigkeit
  aus,  weil  Wilhelm  die  10,000  Dukaten  nicht  bezahlte,  wozuer
  sich  anheischig  gemacht  hatte.  Die  Bevölkerung  Hennegau's
unterstützte  die  Forderung  der  Mutter,  die  Holländer  dagegen,
die  es  ungern  sahen,  daß  Margaretha  an  der  Regierung  Hollands
  Antheil  hatte,  standen  zu  Wilhelm  und  begehrten,  daß  er
ihr  Land  allein  regiere.  Margaretha,  die  sowohl  gemäß  Erbrecht,
  als  auch  gemäß  der  Belehnungsurkunde  ihres  Gemahls,
Ludwigs  des  Bayern,  lebenslänglich  das  Recht  auf  die  Regierung
der  vier  Provinzen  hatte,  sträubte  sich,  der  Regierung  Hollands

 

 

*)  Aus  dem  Wittelsbachischen  Hause  regierten  während  dieser  Zeit:
Ueber  Bayern-Holland:  Ueber  Niederbayern-Straubing:

1.  Wilhelm  !1349—1358(I1  1377).  1.  Albrecht  11353—1385  (K1404).

2.  Albrecht  I,  des  Vorigen  Bruder,  2.  Albrecht  II,  des  Vorigen  Sohn,
1358—1404.  1385—1399.

3.  Wilhelm  II,  des  Vorigen  Sohn,  3.  Johann,  des  Vorigen  Bruder,

1404—1417.

4.  Johann,  des  Vorigen  Bruder,
vormaliger  Bischof  von  Lüttich,
1417—1425.

5.  Jacobäa,  Wilhelms  II  Tochter,
1425—14434  (K  1436).

1399—1425.
        <pb n="181" />
        Bayern-Holland  unter  Margaretha  u.  Wilhelm  I.  165

zu  entsagen,  und  so  kam  es  zwischen  Mutter  und  Sohn  im
Jahre  1350  zum  Krieg,  welcher  an  Heftigkeit  zunahm,  als  Stephan
  II  mit  den  ihm  beigegebenen  Brüdern,  Wilhelm  I  und
Albrecht  I,  im  Jahre  1353  eine  neue  Theilung  der  im  Jahre  1349
ihnen  zugefallenen  Erbschaft  einging  und  dabei  die  vier  niederländischen
  Provinzen  an  Wilhelm  I  abließ,  ohne  die  Rechte  pünktlich
festzustellen,  welche  der  Mutter  auf  diese  Provinzen  zukamen.  Bald
war  die  Partei  Margaretha's,  die  Häcks  oder  Häckenser
genannt,  bald  die  Partei  Wilhelms  I,  die  Kabeljauer  oder
Kabelgenser'“,),  im  Vortheile,  bis  durch  die  Vermittlung  von
Margaretha's  Schwester  Philippe,  der  Gemahlin  des  englischen
Königs  Eduard  III  /60),  am  7.  September  1354  ein  Vergleich
zu  Stande  kam,  nach  welchem  die  Regierung  der  nördlichen
Provinzen  dem  Sohne,  die  der  südlichen  der  Mutter  zustand.
Der  vielen  Unannehmlichkeiten  müde  zog  sich  Margaretha
(1355)  nach  Hennegau  zurück  und  starb  am  23.  Juni  1356
zu  Valenciennes,  wo  sie  auch  bestattet  wurde.  Ihre  Besitzungen
  in  den  Niederlanden  erbten  ihre  Söhne  Wilhelm  1
und  Albrecht  I,  ihre  Güter  in  Bayern  fielen  Stephan  II
von  Niederbayern-Landshut  zu.

Unglücklicherweise  verfiel  Wilhelm  I  schon  gegen  das  Ende  des
Jahres  1356  in  Wahnsinn,  der  sich  binnen  kurzer  Zeit  so  steigerte,
daß  Wilhelm  einen  Herrn  von  Wateringen,  eine  allgemein
geschätzte  Person,  ohne  irgend  eine  Veranlassung  mit  eigener  Hand
tödtete.  Dieß  bewog  seine  Umgebung,  ihn  nach  Onesnoi  in  Hennegau
  in  Verwahr  zu  bringen.  Da  die  Ehe,  welche  er  (1352)  mit
Mechtilde,  der  Tochter  des  Herzogs  Heinrich  II  von  Lancaster,
geschlossen  hatte,  kinderlos  geblieben  war,  so  luden  die  niederländischen
  Stände  (1358)  Albrecht  von  Niederbayern-Straubing
  ein,  die  Regentschaft  in  den  Niederlanden  zu  übernehmen.

Für  Herzog  Albrecht  kam  diese  Einladung  zur  ungelegensten
  Zeit,  denn  es  stand  gerade  die  Entscheidung  bevor,  ob  ein
mit  Kaiser  Karl  IV  abgebrochener  Krieg7)  neuerdings  beginnen
sollte.  Zum  Glücke  Albrechts  hatte  dessen  Feldherr  Peter
Chamerauer  über  des  Kaisers  Feldherrn  Dietrich  Gugelweit
(früher  Mönch,  dann  Bischof  von  Minden,  zuletzt  Führer  eines
kaiserlichen  Heeres)  kurz  vorher  einige  Vortheile  errungen  und
        <pb n="182" />
        166  Bayern-Holland  unter  Albrecht  I.

dadurch  den  Kaiser  zum  Abschluß  eines  Friedens  geneigt  gemacht.
Dieser  kam  im  Januar  1358  in  Prag  zu  Stande,  worauf  Albrecht
  ungesäumt  in  Begleitung  seines  Bruders  Ludwig  V
von  Oberbayern-Tyrol  nach  den  Niederlanden  eilte.

&amp;amp;  71.  Albrecht  I,  seit  1353  Herzog  von  Niederbayern-Straubing,
  wurde  von  den  Ständen  der  niederländischen
  Provinzen  unmittelbar  nach  seiner  Ankunft  zu  Haag  in
Holland  als  ihr  rechtmäßiger  Regent  (1358  —1404)  anerkannt,
und  die  Ansprüche,  die  Ludwig  der  Römer  auf  einen  Theil
der  Niederlande  erhob,  durch  eine  Ausgleichung  beseitigt.  Wegen
der  tiefen  Zerrüttung,  die  sich  in  allen  Theilen  der  Niederlande
zeigte,  weilte  Albrecht  fast  ständig  zu  Haag  und  bestellte  für
Niederbayern-Straubing  einen  Landeshauptmann  in  der
Person  des  Heinrich  Chamerauer,  eines  Bruders  des  tapfern
Peter  Chamerauer,  denn  ein  Sohn  war  ihm  damals  von
seiner  Gemahlin  Margaretha,  des  Herzogs  Ludwig  I  von
Brieg  Tochter,  noch  nicht  geboren.

Unter  den  Verordnungen,  die  Albrecht  1  für  Niederbayern=Straubing
  gegeben,  sind  zwei  besonders  merkwürdig,  von  denen
die  eine  am  29.  Oktober,  die  andere  am  12.  November  1365  zu
Straubing  erlassen  ist.  Die  erste  bestimmte,  daß  für  ewige
Zeiten  für  seinen  Vater,  Ludwig  den  Bayer,  alle  Jahre  an  seinem
Sterbtage  in  den  Städten  Straubing,  Kelheim,  Dingolfing,
  Landau,  Vilshofen,  Deggendorf  und  Cham  eine
feierliche  Seelenmesse  gehalten  werden  solle,  der  alle  Geistlichen
in  den  Städten  sowohl  als  auf  dem  Lande  bei  Strafe  von  einem
Pfund  Regensburger  Pfenningen  beizuwohnen  hätten.  In  der
zweiten  schaffte  er  das  bisher  noch  immer  in  Bayern  bestandene
Rüge-Gericht  ab,  gemäß  welchem  jedes  Gemeindemitglied  einem
geistlichen  Richter  eidlich  angeben  mußte,  was  es  Böses  von  andern
  Gemeindemitgliedern  wußte.

Das  redliche  Bemühen  Albrechts  I,  die  Niederlande  zur
Ruhe  zu  bringen,  scheiterte  an  der  Gehässigkeit,  mit  welcher  des
Herzogs  vertrautester  Rathgeber  und  Minister,  Johann  von
Arkel,  ein  heftiger  Kabelgenser,  gegen  die  Partei  der  Hackenser
vorging.  Es  kam  mehr  als  einmal  zu  rohen  Gewaltthaten,
welche  fünfzig  der  angesehensten  Familien  des  Landes  zur  Auswanderung
  bewogen.  Mitten  in  diesen  Wirren  (1370)  erschienen
        <pb n="183" />
        Bayern-Holland  unter  Albrecht  I.  167

Abgeordnete  des  Kaisers  Karl  IV  zu  Haag  mit  dem  Auftrage,
für  seinen  ältesten  Sohn  Wenzel,  der  neun  Jahre  zählte,  um
Albrechts  vierzehnjährige  Tochter  Johanna  zu  werben.  Albrecht
  I  sagte  zu  und  wohnte  der  Vermählungsfeier  am
29.  September  1370  bei.  Am  17.  November  desselben  Jahres
ward  Johanna  zu  Prag  als  Königin  gekrönt,  und  der  Kaiser
belehnte  an  diesem  Tage  ihren  Vater  Albrecht  mit  den  niederländischen
  Provinzen.  Auf  die  Neugestaltung  der  inneren  Verhältnisse
  der  Niederlande  übte  diese  Belehnung  nicht  den  mindesten
Einfluß.  Der  Parteihader  währte  fort,  selbst  dann  noch,  als
Wilhelm  I1  im  Zustande  des  Wahnsinns  (1377)  sein  Leben
geendet  hatte,  und  wurde  durch  die  unkluge  Begünstigung,  welche
Albrechts  erstgeborner  Sohn,  Wilhelm  II,  den  Häckensern
zuwendete,  noch  gesteigert.

Um  das  Jahr  1385  ließ  Albrecht  I  seinen  zweitgebornen
Sohn,  Albrecht  II,  nachmals  der  „Rentmeister“  genannt,
nach  Straubing  abgehen,  um  die  Regierung  von  Niederbayern-Straubing
  zu  übernehmen,  welche  in  der  letzten  Zeit  der
Landgraf  Johann  von  Leuchtenberg  geführt  hatte.  Leider
war  dem  jugendlichen  Herrscher  (1385—1399)  keine  lange  Lebensdauer
  beschieden.  Er  starb  unverehelicht  schon  am  20.  Januar
1399  zu  Straubing,  wo  ihm,  als  Stifter  des  dortigen  Karmeliterklosters,
  ein  sehenswürdiges  Grabmal  errichtet  ist.

In  seine  Stelle  als  Regent  von  Niederbayern-Straubing
rückte  Johann  (1399  —1425)  ein,  des  Herzogs  Albrecht  1
dritter  und  jüngster  Sohn,  der  schon  1389  vom  Papste  Bonifazius
  IX  das  Bisthum  Lüttich  erhalten,  aber  noch  immer
die  bischöfliche  Consecration  nicht  angenommen  hatte.  Dieser
kam  niemals  nach  Straubing,  sondern  blieb  stets  zu  Lüttich,
um  die  wider  ihn  und  seine  Regierung  aufgebrachte  Bevölkerung
dieser  Stadt  im  Zaume  zu  halten.“)

*)  Bei  den  gleichzeitigen  bayerischen  Schriftstellern  heißt  er  gewöhnlich:
„Herzog  Hans  von  Bayern",  bei  andern  Schriftstellern  kommt  er  unter
dem  Namen:  „Erwählter  von  Lüttich“  vor,  weil  er  nie  die  bischöfliche
Consecration  annahm.  Er  unterdrückte  den  allgemeinen  Aufstand,  welchen  die
Lütticher  wider  ihn,  den  Laien-Bischof,  im  Jahre  1408  erregten,  durch  den
großen  und  blutigen  Sieg  am  23.  September  1408,  wobei  40,000  Lütticher
ihren  Tod  sanden.
        <pb n="184" />
        168  Bayern-Holland  unter  Wilhelm  II.

Johanns  Vater,  Albrecht  I,  der  Alles  daran  gesetzt  hatte,
die  Parteien  in  den  Niederlanden  mit  einander  zu  versöhnen,
starb,  ohne  dieses  Ziel  erreicht  zu  haben,  am  12.  Dezember  1404
und  wurde  zu  Grafenhag  beigesetzt.  Er  hatte  sich  zwei  Mal
verehelicht,  das  erste  Mal  mit  Margaretha,  des  Herzogs
Ludwig  1  von  Brieg  Tochter,  die  1385  gestorben,  das  zweite
Mal  mit  Margaretha,  des  Grafen  Adolf  von  Cleve  Tochter,
die  ebenfalls  noch  vor  ihm  (1394)  verschieden  ist.  Die  Regierung
der  Niederlande  übernahm  sein  ältester  Sohn,  Wilhelm  II.

&amp;amp;#  72.  Sobald  Wilhelm  II  (1404—1417)  die  Zügel  der
Regierung  ergriff,  kam  die  Partei  der  Häckenser  oben  an  und
ging  jetzt  mit  den  Kabelgensern  ebenso  schonungslos  zu  Werk,
wie  diese  vorher  mit  ihnen  umgegangen  waren.  Wilhelm  H
besaß  weder  den  Muth,  noch  das  Geschick,  die  Parteien  zu  beherrschen,
  und  so  war  die  ganze  Zeit  seiner  Regierung  durch
fortwährende  Parteikämpfe  beunruhigt.  Er  starb  am  30.  Mai
1417  und  hinterließ  von  seiner  Gemahlin  Margaretha,  der
Tochter  des  Herzogs  Philipp  des  Kühnen  von  Burgund,  nur
eine  sechzehnjährige  Tochter,  Jacobäg  (Jagqueline),  die  im  April
1417  ihren  Bräutigam  Johann,  des  französischen  Königs  Karl  VI
Sohn,  durch  den  Tod  verloren  hatte.

Da  die  Häckenser  die  unter  Wilhelm  II  gewonnene  Oberhand
  zu  behaupten  suchten  und  die  Zuversicht  hegten,  daß  Jacobäa
sie  hierin  unterstützen  werde,  so  nahmen  sie  Jacobäa  in  ihren
Schutz  und  räumten  ihr  im  Einklang  mit  der  letzten  Willensäußerung
  ihres  Vaters  unverzüglich  die  Regierung  ein.  Allein
Herzog  Johann  von  Straubing-Lüttich,  der  gesetzmäßige
Erbe  der  niederländischen  Provinzen,  war  damit  nicht  zufrieden.
Er  gab  noch  im  Jahre  1417  das  Bisthum  Lüttich  in  die
Hände  des  Papstes  Martin  V  zurück,  entwand  (1418)  seiner
Nichte  die  Zügel  der  Regierung  und  ward  vom  Kaiser  Sigmund
(1410—1437)  mit  den  niederländischen  Provinzen  belehnt.  Auf
den  Rath  der  Häckenser  schloß  nun  (1418)  Jacobäa  unter
Einholung  päpstlicher  Dispensation  eine  Ehe  mit  ihrem  nächsten
Vetter,  dem  Herzoge  Johann  von.  Brabant,  und  gewann  dadurch
  die  Unterstützung  des  gesammten  burgundischen  Hauses“s)
        <pb n="185" />
        Bayern-Holland  unter  Johann  von  Brabant.  169

für  sich,  dem  ihr  Gemahl  angehörte.  Ihr  Gegner,  der  Herzog
Johann  von  Straubing,  der  schon  vorher  (1417)  mit  Elisabeth
  von  Görlitz,  der  verwittibten  Stiefmutter  des  Herzogs
Johann  von  Brabant,  zur  Che  geschritten  war,  um  die  Burgunder
  nicht  wider  sich  zu  haben,  fand  bald  heraus,  daß  ihm  von
dieser  Seite  her  Gefahr  drohe.  Deshalb  verstand  er  sich  (1420)
zu  einem  Vergleiche,  dem  zufolge  er  fünf  Jahre  lang  Schutzherr
der  niederländischen  Provinzen  verbleiben,  die  Besetzung  der
Aemter  aber  durch  ihn  und  Jacobäa  gemeinsam  geschehen  und
ihm  Südholland  sammt  den  Städten  Gorkum,  Amsterdam
u.  a.  als  Lehen  der  Jacobäa  angewiesen  sein  sollte.  Nunmehr
stand  Jacobäg  unter  dem  unmittelbaren  Schutz  des  burgundischen
  Hofes,  und  die  Häckenser  waren  mit  einem  Male  aus
ihrer  bisherigen  einflußreichen  Stellung  verdrängt.  Um  diese
wieder  zu  gewinnen,  beredeten  sie  die  unerfahrene  Jacobäa,
daß  sie  ihren  rechtmäßigen  Gemahl  Johann  von  Brabant
verließ  und  (1423)  mit  dem  Herzog  Humphred  von  Glocester,
einem  Bruder  des  englischen  Königs  Heinrich  V,  eine  Che  einging.
  Sie  kehrte,  von  ihrem  neuen  Gemahl  begleitet,  im  Oktober
1424  aus  England  nach  Hennegau  zurück,  wo  Humphred
die  Huldigung  der  Häckenser  entgegen  nahm.  Allein  der  Herzog
Johann  von  Brabant,  dem  sich  der  Herzog  Johann  von
Straubing-Holland  angeschlossen  hatte,  rückte  gegen  Hennegau
  vor,  zwang  Humphred  zur  Flucht  und  wollte  sich  eben
der  Jacobäa,  welche  zu  Mons,  der  stark  befestigten  Hauptstadt
Hennegau's,  zurückgeblieben  war,  bemächtigen,  als  sein  Verbündeter,
  der  Herzog  Johann  von  Straubing-Holland,  zu
Delft  in  Südholland  (6.  Januar  1425)  an  Gift  starb,  das
ihm  sein  Haushofmeister,  Hans  van  der  Flut  (vermuthlich
auf  Betrieb  der  Häckenser)  gereicht  hatte.

Durch  diesen  Todesfall  gewann  Margaretha,  die  Mutter
der  unglücklichen  Jacobäa,  so  viel  Zeit,  daß  sie  ihren  Neffen,  den
Herzog  Philipp  den  Guten  von  Burgund,  um  Vermittlung
anrufen  konnte.  Dieser  erschien  und  schloß  einen  Vergleich,  vermöge
  dessen  seinem  Vetter,  dem  Herzog  Johann  von  Brabant,
der  Besitz  aller  niederländischen  Provinzen,  und  der  Jacobäa
freier  Abzug  gewährt  sein  sollte.  Beides  geschah,  nur  mußte
        <pb n="186" />
        170  Bayern-Holland  unter  Philipp  von  Burgund.

Jacobäa  dem  Herzoge  Philipp  nach  Gent  in  Flandern  folgen
und  dort  ihren  Sitz  nehmen  (Juni.  1425).  Von  hier  wußte  sie
(1.  September  1425)  nach  Holland  zu  entrinnen,  fand  dort
bei  den  Häckensern  und  bei  dem  Bischofe  Rudolf  von
Utrecht  günstige  Aufnahme  und  empfing  nach  dem  Tode  ihres
Gemahls  Johann  von  Brabant  (T  1426)  die  Huldigung  von
ganz  Holland.  Dem  Kriegsheere,  welches  der  Herzog  Philipp
von  Burgund  wider  sie  anrücken  ließ,  brachte  das  holländische
  Kriegsvolk  in  Vereinigung  mit  englischen  Truppen,  die
der  Herzog  Humphred  zu  Hilfe  geschickt  hatte,  bei  dem  Dorfe
Alphen  (zwischen  Harlem  und  Leyden)  zwei  Niederlagen  bei,
konnte  aber  nicht  verhindern,  daß  Jacobäa  schlüßlich  vom  Herzog
  Philipp  von  Burgund  nach  Gouda  (spr.  Chauda)  in
Sühholland  zurückgedrängt  und  dort  belagert  wurde  (1428).
Dort  unterschrieb  die  Geängstigte  (1428)  den  Vertrag  zu  Delft,
worin  sie  ihre  Zustimmung  gab,  daß  Philipp  ihre  Lande  einstweilen
  verwalte  und  nach  ihrem  Hingange  erbe;  auch  versprach  sie,
ohne  seine  Zustimmung  nicht  mehr  zu  heirathen.  Trotz  dieses
Versprechens  ehelichte  sie  (Juni  1433),  allerdings  ganz  im  Geheimen,
  ihren  ehemaligen  Feldherrn  Franco  von  Borselen,
den  Herzog  Philipp  neben  dem  Bischofe  Rudolf  von  Utrecht
mit  der  Verwaltung  Hollands  betraut  hatte.  Wie  Philipp  dieß
vernahm,  besuchte  er  Jacobäga  zu  Haag  unter  dem  Vorwande,
sich  auf  einige  Tage  von  seinen  Arbeiten  zu  erholen,  und  ließ,
während  Jacobädg  ihn  glänzend  bewirthete,  den  General  Franco
von  Borselen  durch  eigens  bestellte  Leute  nach  dem  Schloße
Repalmont  in  Gewahrsam  bringen.  Herzog  Philipp  ließ
der  Jacobäa  die  traurige  Wahl,  ihren  Gemahl  bis  zu  seinem
Ende  im  Kerker  zu  lassen,  oder  unverzüglich  dem  Hause  Burgund
ihre  Lande  abzutreten.  Jacobäg  wählte  (1434)  das  Letztere
und  gab  sich  zufrieden,  daß  sie  unter  dem  Titel  „Gräfin  von
Ostermund“  auf  der  Grafschaft  dieses  Namens  belassen  wurde.
Philipp  nahm  von  Holland,  Seeland,  Friesland  und
Hennegau  Besitz;  über  die  Straubing'schen  Güter,  welche
der  1425  verstorbene  Herzog  Johann  von  Straubing-Holland
  zurückgelassen,  erhob  sich  unter  den  Nachkommen  des  Wittelsbachers
  Stephan  II  mit  der  Hafte  ein  Streit,  der  in  der
        <pb n="187" />
        Niederbayern-Landshut  unter  Stephan  ILI.  171

nachstehenden  Geschichte  der  Linie  Niederbayern  =  Landshut
zur  Sprache  kommen  wird.  Die  beraubte  Jacobäa  unterlag
dem  Schmerze  über  die  ihr  gewordene  Behandlung  in  dem  Alter
von  fünf  und  dreißig  Jahren  am  8.  Oktober  1436  auf  dem
Schloße  Teylingen.

D.
Niederbayern  -Landshut
und  das  1363  angefallene

Oberbayern
bis  zur  Landestheilung  unter  die  FSöhne  Stephans  II
(1353—1392)—.

73.  Stephan  II  (1353—  1375),  der  einzige  von  den
Söhnen  Ludwigs  des  Bayern,  dessen  Geschlecht  sich  längere  Zeit
hindurch  erhalten  hat,  war  bei  der  im  Jahre  1353  vorgenommenen
  Landestheilung  mit  Niederbayern-Landshut  bedacht
worden.  Die  Ruhe  in  diesem  Theile  Bayerns  wurde  zunächst
durch  den  Kaiser  Karl  IV  gestört,  der  (1355)  die  bischäflich
regensburgische  Herrschaft  Donaustauf  ohne  Wissen  und  Zustimmung
  der  niederbayerischen  Herzöge  in  Besitz  nahm  und  sich
durch  die  Verrätherei  des  bayerischen  Edlen  Peter  von  Eck  des
festen  Schloßes  Stauf  bemächtigte,  welches  der  Wittwe  eines
Regensburger  Kaufmanns,  Ruger  Reich,  von  dem  Regensburger
  Bischofe  Friedrich  als  Pfand  für  ein  Darlehen  (von  11,835
Gulden)  überlassen  war.  Kaum  war  Stephan  II  und  sein
Bruder  Albrecht  I  von  Niederbayern-Straubing  mit
Kriegsleuten  aufgebrochen,  um  den  Verräther  Peter  von  Eck  in
seiner  Veste  Natternberg  gefangen  zu  nehmen  (1356),  so
rüstete  der  Kaiser  und  kam  dem  Eingeschlossenen  (im  April  1357)
zu  Hilfe,  Ein  Vergleich,  den  Gesandte  des  Herzogs  Albrecht  II

*)  Die  Wittelsbachischen  Regenten  während  dieser  Zeit:
Stephan  II,  mit  der  Hafte,
1353—14375.

Stephan  III  Friedrich  Johann
regieren  von  1375—1392  gemeinschaftlich.
        <pb n="188" />
        172  Ober-  und  Niederbayern

von  Oesterreich  vermittelten,  setzte  fest,  daß  Peter  von  Eck
die  Veste  Natternberg  an  die  niederbayerischen  Herzöge
abzutreten  habe  (1357).

Unmittelbar  nach  Abschluß  dieses  Vergleiches  gerieth  Herzog
Stephan  II  in  eine  Fehde  mit  dem  Erzbischof  Ortolf  von  Salzburg
  und  dessen  Bruder,  dem  Bischof  Gottfried  II  von  Passau,
welche  dem  Ausbau  der  zwei  festen  Schlösser  Lichten  au  und
Dornberg  entgegentraten  und  diese,  als  Worte  nicht  fruchteten,
anzünden  und  dem  Boden  gleich  machen  ließen.  Aus  Rache  verbrannte
  Stephan  II  und  Heinrich  Tuschl,  ein  reicher  Gutsbesitzer
  im  Rotthal,  mehrere  dem  bischöflich  gesinnten  Freiherrn
  von  Abensberg  gehörigen  Burgen  und  Dörfer  (darunter
die  Hofmark  Ering),  wogegen  dieser  zwischen  Abensberg  und
Landshut  entsetzliche  Verheerungen  anrichtete,  bis  zu  Passau
(14.  Juni  1358)  durch  Ludwig  den  Brandenburger  und
Herzog  Albrecht  II  von  Oesterreich,  die  dort  die  nahe  bevorstehende
  Hochzeit  ihrer  Kinder,  Mainhard  und  Margaretha,
besprachen,  der  Friede  hergestellt  wurde.

Nach  dem  kinderlosen  Ableben  Mainhards  von  Oberbayern
  und  Tyrol  (#  1363)  fiel  Stephan  II  als  dem  ältesten
Prinzen  des  bayerisch-wittelsbach'schen  Hauses  Oberbayern
zu,  dessen  Stände  ihm  zu  Freysing  (26.  Februar  1363)  huldigten.
  Tyrol,  an  dessen  Erwerbung  ihm  ganz  besonders  gelegen
  war,  mußte  er  an  den  österreichischen  Herzog  Rudolf  IV
und  seine  Brüder  (Leopold  III  und  Albrecht  III)  übergehen  sehen,
weil  es  Kaiser  Karl  IV,  der  Schwiegervater  Rudolfs  IV,  so
wollte.  Dessen  ungeachtet  versagte  Stephan  II  dem  Keiser
seinen  Beistand  nicht,  als  dieser  (1368)  gegen  Barnaba  Visconti,
  den  Herrn  von  Mailand,  einen  Zug  unternahm.
Stephan  III  und  Friedrich,  die  älteren  Söhne  des  Bayern-Herzogs,
  nahmen  an  dem  Zuge  Theil  und  stellten  zwischen  dem
Kaiser  und  Barnaba  den  Frieden  her.  Zum  großen  Verdruße
  Stephans  II  ging  auch  Brandenburg  und  die  Niederlausitz
  trotz  der  Huldigung,  welche  (1373)  seinem  Sohne
Friedrich  in  der  Mark  Brandenburg  geleistet  worden  war,  für
sein  Haus  verloren,  weil  der  unersättliche  Karl  IV  auch  hier
seine  Hand  im  Spiel  hatte  und  es  einzurichten  verstand,  daß
        <pb n="189" />
        unter  Stephan  11  von  Landshut.  173

Stephans  II  Bruder,  Otto  V,  die  Niederlausitz  und  die  Mark
Brandenburg,  letztere  mit  Vorbehalt  der  Kurwürde,  an  die  kaiserlichen
  Söhne  Wen  zel,  Sigmund  und  Johann  (1373)  abtreten
  mußte.  Um  das  hiebei  begangene  Unrecht  einigermaßen  gut  zu
machen,  verlieh  Karl  (1.  Oktober  1374)  Stephan  III  und
Friedrich,  den  älteren  Söhnen  Stephans  II,  die  Landvogtei
im  Elsaß,  welche  bisher  die  Herzöge  Albrecht  III  u.  Leopold  III
von  Oesterreich  besessen  hatten,  und  dem  Herzoge  Friedrich
noch  insbesonders  die  Landvogtei  über  ganz  Schwaben.

In  dieser  Eigenschaft  zog  Friedrich  gegen  die  Augsburger,
welche  die  Unfälle  Bayerns  wiederholt  zu  verheerenden  Zügen  in
dieses  Land  benützt  und  die  Stadt  Friedberg  nebst  zwanzig
Dörfern  verbrannt  und  deren  Bewehner  ausgeplündert  hatten.  Stephans
  II  Vitzthum  Konrad  Freyberger  und  der  Ritter  Jakob
Pütrich  führten  die  bayerischen  Truppen  gegen  Augsburg  und
brachten  dieser  Stadt  und  ihrer  Umgebung  großen  Schaden  bei,
bis  der  Patriarch  von  Aquileja  (am  4.  Juli  1375)  einen
Waffenstillstand  herbeiführte.  Für  die  Herstellung  und  Erhaltung
des  innern  Friedens  war  Herzog  Stephan  II  selbst  thätig  gewesen,
indem  er  der  niederbayerischen  Landschaft  am  25.  November  1374
einen  Freiheitsbrief  (der  zwölfte  seit  der  ersten  Landestheilung)
einhändigte,  welcher  die  Fehden  und  Mordbrennereien  des  Adels
verpönte  und  daher  Brandbrief  hieß.

Herzog  Stephan  II  starb  am  10.  Mai  1375  mit  Hinterlassung
  von  drei  Söhnen,  Stephan  III,  Friedrich  und  Johann
  II,  die  ihm  seine  zweite  Gemahlin,  Margaretha,  des
Burggrafen  Johann  II  von  Nürnberg  Tochter  (1  1377),  geboren
hatte.  Seine  erste  Gemahlin,  Elisabeth,  des  Königs  Friedrich
von  Sizilien  Tochter,  war  am  21.  März  1349  gestorben.  Die
Leiche  Stephans  II  wurde  in  der  Klosterkirche  Seligenthal
beigesetzt).

&amp;amp;  74.  Nach  dem  Tode  Stephans  II  regierten  dessen  drei
Söhne  eine  Zeit  lang  (1375.—  1392)  gemeinschaftlich  und  gestatteten
  nebenbei  auch  ihrem  Oheime  Otto  V,  der  1373  die

*)  Arnpeckh  schreibt  auf  sein  Grabmal:  „daß  er  Tyrol  verloren  und
Brandenburg  seinem  Hause  nicht  erhalten,  dagegen  Oberbayern  mit  Niederbayern
  wieder  vereinigt  habe.“  Viel  Tadel  und  wenig  Lob!  —
        <pb n="190" />
        174  Ober-  und  Niederbayern  wird  von  den

Mark  Brandenburg  verloren  hatte,  bis  zu  seinem  Tode  (1379)
Antheil  an  der  Regierung,  weil  er  die  ihm  gebliebenen  Herrschaften
  in  der  Oberpfalz  mit  Ober=  und  Niederbayern
vereinigt  hatte.  Stephan  III  und  Johann  II  residirten  zu
München,  die  Herzöge  Friedrich  und  Otto  V  zu  Landshut.
  Von  den  drei  Söhnen  Stephans  II  war  der  ilteste,  Stephan
  III,  (seit  13.  Oktober  1364)  mit  Thaddäa,  einer  Tochter
des  reichen  Barnaba  Visconti  von  Mailand,  vermählt  und  ging
nach  deren  Tod  (#I  28.  September  1381)  mit  Elisabeth,  des
Grafen  Adolf  von  Cleve  Tochter,  eine  zweite  Ehe  ein.  Ihn
pflegte  das  Volk  wegen  seiner  kleinen,  gedrungenen  Gestalt  nicht
anders,  als  den  „Kneyffel“  zu  nennen.  Friedrich,  der  zweite
von  Stephans  II  Söhnen,  war  zuerst  mit  der  Gräfin  Anna
von  Neiffen  (I.  17.  Oktober  1380),  und  dann  (seit  Oktober
1382)  mit  Magdalena  (I  17.  Juli  1404),  einer  andern  Tochter
  des  Barnaba  Visconti  von  Mailand,  vermählt.  Johann  I
endlich,  der  jüngste  von  den  Söhnen  Stephans  II,  hatte  (seit
1372)  Katharina,  des  Grafen  Mainhard  von  Görz')  Tochter
C.  21.  Juli  1391),  zur  Ehe.

In  dem  Kriege,  welchen  im  Herbst  1376  Kaiser  Karl
mit  dem  (seit  1372  bestehenden)  schwäbischen  Städtebunde
führte,  weil  dieser  seinem  Sohne  Wenzel,  der  (am  10.  Juni
1376)  zum  deutschen  König  gewählt  worden  war,  die  Huldigung
versagte,  traten  die  Herzöge  Friedrich  und  Stephan  III  von
Bayern  als  Vermittler  des  Friedens  auf,  indem  sie  den  Kaiser
zur  Aufhebung  der  Belagerung  von  Ulm  und  zum  Rückzuge
nach  Böhmen  bewogen.  Aber  schon  im  folgenden  Jahre  brachen
die  Unruhen  in  Oberdeutschland  auf's  neue  aus,  veranlaßt  durch
den  Grafen  Eberhard  III  von  Würtemberg,  der  im  Einverständnisse
  mit  dem  Kaiser  die  schwäbischen  Städte  arg  bedrückte.
Diese  gewannen  unter  Ulms  Leitung  einen  glänzenden  Sieg
über  den  allgemein  verhaßten  Eberhard  bei  Reutlingen

*)  Gehört  der  jüngeren  von  den  beiden  Linien  an,  die  Mainhard  III,
Graf  von  Görz  und  Tyrol,  durch  seine  Söhne  Mainhard  IV  und  Albert
  II  begründet  hat.  S.  die  genealogische  Tafel  der  Grafen  von  Görz
und  Tyrol  in  den  Beilagen  unter  Ziffer  57.
        <pb n="191" />
        Söhnen  Stephans  II  gemeinsam  regiert.  175

(21.  Mai  1377),  worauf  der  Kaiser  die  Sache  des  Besiegten
verließ  und  sogar  gegen  ihn  auftrat.  Er  sprach  ihm  die  Landvogtei
  über  zwölf.  bayerische  Städte  ab  und  verlieh  sie  an  den
Herzog  Friedrich  von  Bayern,  erhob  die  Stadt  Giengen,
welche  der  Würtemberger  sich  angeeignet  und  zu  einer  Landstadt
gemacht  hatte,  wieder  zu  einer  Reichsstadt  und  gestand  den
schwäbischen  Städten  unter  Aufgebung  seines  Reichsgrundgesetzes
das  Einigungsrecht  zu.  Bald  darauf  (29.  November  1378)
starb  Kaiser  Karl  IV  und  hinterließ  das  deutsche  Reich  in  der
vollsten  Gährung  seinem  schwachen  Sohne  Wenzel  (1378—1400).

Den  Herzögen  von  Ober=  und  Niederbayern  lag
daran,  bei  dem  drohenden  Ausbruche  neuer  Wirren  nicht  vereinzelt
  dazustehen.  Daher  traten  sie,  dem  Beispiele  der  Stadt
Augsburg  folgend,  am  4.  Juli  1379  dem  schwäbischen
Städtebund  bei,  der  am  meisten  geeignet  erschien,  ihnen  Schutz
zu  gewähren.

Am  15.  November  1379  starb  Otto  V  von  Brandenburg,
der  letzte  von  den  Söhnen  Ludwigs  des  Bayern.  Die  Summe  von
100,000  Goldgulden,  die  ihm  Böhmens  König  mit  10  Procent
verzinset  hatte,  mußte  nun  dem  bestehenden  Vertrage  gemäß  an  die
drei  Herzöge  von  Ober=  und  Niederbayern  verzinst  werden;
an  dieselben  Herzöge  ging  auch  das  Land  in  der  Oberpfalz
über,  welches  Kaiser  Karl  für  diese  Summe  verpfändet  hatte.
Zwar  forderte  König  Wenzel  dieses  Land  zurück,  und  es  zogen
im  Jahre  1380  die  Böhmen  heraus  von  Freyberg  bis  Premberg)
  um  es  zu  besetzen.  Allein  eine  bayerische  Heeresabtheilung,
die  sich  zu  Amberg  gesammelt  und  mit  Truppen  der  rheinpfälzischen
  Fürsten  verbunden  hatte,  griff  die  Böhmen  an,  schlug  sie
in  einem  Treffen  und  rückte  hierauf  über  die  böhmische  Grenze  vor
gegen  Prag.  Wenzel  verließ  eilig  die  Hauptstadt  seines  Reiches
und  Prag  wäre  von  den  Bayern  genommen  worden,  hätten  nicht
der  Propst  Sulka  von  Chotinschov  und  der  Erzbischof  von
Prag  zusammen  10,000  Mann  schleunigst  in  das  Feld  gestellt
(1380).

Ein  Jahr  später  (1381)  geriethen  die  Herzöge  von  Oberund
  Niederbayern  mit  der  Reichsstadt  Regensburg  in
Zwist,  weil  einer  von  ihnen,  Friedrich,  in  Vereinigung  mit
dem  Landgrafen  Johann  von  Leuchtenberg,  Statthalter  von
Niederbayern  =  Straubing,  mit  Bewilligung  des  Königs
Wenzel  die  in  Regensburg  wohnenden  Juden  mit  einer  neuen,
außerordentlichen  Steuer  belegte.  Eine  Versammlung  der  beider-
        <pb n="192" />
        176  Ober=  u  Niederbayern  unter  d.  Soͤhnen  Stephans  II.

seitigen  Abgeordneten  zu  Weiden  sollte  den  Streithandel  schlichten.
Ehe  aber  der  Spruch  erfolgte,  ließ  sich  die  Stadt  Regensburg
in  den  schwäbischen  Städtebund  aufnehmen,  der  Bayerns
Herzöge  bewog,  von  der  beabsichtigten  Steuererhebung  Umgang
zu  nehmen.  "

Am  meisten  machte  den  Herzögen  Bayerns  der  Erzbischof
Piligrim  von  Salzburg  zu  schaffen,  mit  welchem  am  16.  April
1382  ein  Krieg  zum  Ausbruch  kam.  Veranlassung  gab  das
Stift  Berchtesgaden,  dessen  Capitulare  den  Ulrich  Wulph,
einen  gebornen  Bayer,  als  ihren  Propst  gewählt,  aber  nach
einem  Zeitraum  von  vier  Jahren  wegen  seiner  Strenge  vertrieben
und  Sieghard  Waller  an  seine  Stelle  gesetzt  hatten,  ohne
wegen  dieses  ungesetzlichen  Verfahrens  von  dem  Erzbischof  von
Salzburg  belangt  zu  werden.  Der  flüchtige  Wulph  ging  nach
Bayern,  klagte  dem  Herzoge  Friedrich  das  ihm  zugefügte  Unrecht,
  und  dieser  drang  nach  fruchtlosen  Verhandlungen  an  der
Spitze  bayerischer  Truppen  in  das  Gebiet  von  Salzburg  ein,
ließ  Dornberg  (unweit  Mühldorf)  wieder  befestigen  und  an
dem  Platze,  wo  er  in  Berchtesgaden  eingedrungen,  ein  festes
Schloß,  Hagerfels,  erbauen,  um  von  diesem  aus  freien  Einund
  Ausgang  in  dieses  Ländchen  sich  offen  zu  halten.  Nach
Ablauf  von  zwei  Jahren  brachte  der  Bischof  Berthold  von
Freysing  (24.  Oktober  1384)  einen  Fricden  zu  Stand,  dem
zufolge  Friedrich  die  von  ihm  aufgeführten  Vesten  demolirte
und  ein  neuer  Propst  gewählt  wurde,  der  sowohl  den  Herzögen
von  Bayern  als  dem  Erzbischof  von  Salzburg  zu  huldigen
  hatte.

Die  bayerischen  Herzöge,  die  inzwischen  (14.  März  1383)
vom  schwäbischen  Städtebund  zurückgetreten  waren,  weil  dieser
sichtlich  auf  Schmälerung  der  Fürstenrechte  ausging,  sahen  sich
zur  Vorsicht  gemahnt,  als  Piligrim  von  Salzburg  im  März
des  Jahres  1387  dem  von  ihnen  verlassenen  Bunde  der  schwebischen
  Städte  beitrat,  um,  wie  er  sich  ausdrückte,  Schutz  gegen
Jedermann,  namentlich  aber  gegen  die  Herzöge  von  Bayern  zu
finden.  In  übertriebener  Besorgniß  ließ  Herzog  Friedrich  den
gefürchteten  Piligrim  bei  einer  Unterredung  im  Kloster  Raitenhaslach
  aufheben  und  gefangen  auf  das  Schloß  Burghausen
        <pb n="193" />
        Bayern  unter  den  Söhnen  Stephans  II.  177

setzen  (27.  November  1387).  In  Folge  dieser  Gewaltthat  brach
(1388)  ein  zwar  kurzer,  aber  höchst  verderblicher  Krieg  zwischen
den  deutschen  Fürsten  und  den  Städten  des  schwäbischen
Bundes  aus,  wobei  die  letzteren  als  Verbündete  Piligrims
Alles  daran  setzten,  die  Gewalt  der  ihnen  verhaßten  Fürsten  für
immer  zu  brechen.  Die  Stadt  Regensburg  und  das  nahe
Donaustauf,  die  sich  besonders  für  Piligrim  einlegten,  wurden
durch  Herzog  Friedrich,  Herzog  Albrecht  II  von  Straubing,
den  Rentmeister,  und  durch  den  Pfalzgrafen  Rupert  II
von  der  Oberpfalz  hart  befehdet,  hielten  aber  wacker  aus,
bis  Truppen  ihres  Bundes  zum  Entsatze  herbei  kamen.  Endlich
(1.  Mai  1389)  löste  König  Wenzel,  über  das  gefährliche
Treiben  des  schwäbischen  Städtebundes  belehrt,  auf  einer
Fürstenversammlung  zu  Eger  diesen  Bund  auf  und  stellte  so  den
Frieden  wieder  her.  "

Unmittelbar  nach  Abschluß  des  Friedens  warb  Herzog  Ste—
phan  III  neue  Truppen  und  führte  sie  im  Monate  März  1390
den  Veronesern  zu,  welche  sich  der  mailändischen  Ober—
hoheit  entziehen  wollten.  Aber  die  Mailänder  kamen  ihm
zuvor  und  gewannen  Verona,  indem  sie  das  bayerische  Panier
aufzogen  und  von  den  getäuschten  Veronesern  in  die  Stadt  gelassen
  wurden.  Stephan  III  begab  sich  zu  den  Carrara's,  den
Herren  von  Padua,  und  von  da  nach  Rom,  bis  ihn  die  Geldnoth
  zur  Heimkehr  nöthigte.

Den  trüben  Geldverhältnissen,  die  sich  in  Folge  der  jüngsten
Kriegsereignisse  in  Bayern  eingestellt  hatten,  halfen  die  reichlichen
Ablaßgaben  auf,  welche  im  Jahre  1392  zu  München  floßen.
Dorthin  hatten  die  bayerischen  Herzöge  die  im  Jahre  1388  auf
dem  Berge  Andechs  aufgefundenen  Reliquien  *8)  gebracht  und
mit  päpstlicher  Bewilligung  eine  große  Ablaßfeier  (Jubel=  oder
Romfahrt)  vom  dritten  Fastensonntage  an  bis  zur  Oktave  Jakobi
des  Jahres  1392  veranstaltet,  wozu  von  nahe  und  ferne  so  zahlreich
  gewallfahrtet  wurde,  daß  oft  auf  einmal  40,000  Pilger  in
München  waren  und  an  Ablaßgaben  im  Durchschnitt  täglich  ein
Metzen  Regensburger  Pfennige  eingegangen  sein  soll“).

*)  Von  dieser  Ablaßfeier  stammt  der  in  München  jährlich  sich  erneuernde
Markt  zu  Jakobi,  vom  gothischen  dulths,  das  Fest,  gewöhnlich  Dult  genannt.
Die  Reliquien  wurden  wieder  nach  Andechs  zurückgebracht,  wo  des  Herzogs

Sattler,  bayer.  Geschichte.  12
        <pb n="194" />
        178  Bayern  unter  den  Söhnen  Stephans  II.

Von  den  drei  Herzögen  Ober=  und  Niederbayerns  hatte  der
jüngste,  Johann  II,  bisher  wenig  an  der  Regierung  des  Landes
Antheil  genommen,  um  dem  Waidwerk,  das  er  leidenschaftlich
liebte,  ungestört  nachgehen  zu  können.  Plötzlich  kam  ihm  die
Besorgniß,  seine  beiden  Brüder  möchten  ihn  und  seine  männlichen
Nachkommen  von  der  Regierung  des  Landes  gänzlich  ausschließen,
und  stellte  deshalb  an  seine  Brüder  das  Ansinnen,  ihm  an  Land
und  Rechten  den  ihm  gebührenden  Antheil  zu  gewähren.  Als
sich  diese  dazu  nicht  verstehen  wollten,  griff  er  zu  den  Waffen
und  fand  Unterstützung  bei  den  Bürgern  Münchens,  die  ihm
aus  Abneigung  gegen  die  beiden  älteren  Herzöge  ihre  Stadt
überließen.

Den  Grund  zu  dieser  Abneigung  hatten  die  beiden  Herzöge
selbst  gelegt,  indem  sie  1385,  als  der  Stadtrath  Münchens
einen  den  Herzögen  sehr  beliebten  Bürger,  Hans  Impler  mit
Namen,  hatte  enthaupten  lassen,  von  der  Veste  Dachau  aus
Kriegsknechte  nach  München  schickten  und  dem  wüsten  Treiben
derselben  nicht  eher  Einhalt  geboten,  bis  die  Münchner  die  härtesten
Bedingungen  erfüllten.  Hundert  Bürger  mußten  wehrlos  den  Herzögen
bis  Dachau  entgegen  gehen  und  dort  kniefällig  unter  freiem  Himmel
Abbitte  leisten;  des  andern  Tags,  als  die  Herzöge  nach  der  Stadt
ritten,  mußten  denselben  Akt  der  Unterwerfung  sämmtliche  Bürger
der  Stadt  vor  dem  Neuhauser-Thor  wiederholen  und  an  die
Herzöge  die  Schlüßel  der  Stadt  abliefern.  Zur  Strafe  ward
ihnen  hierauf  die  Einnahme  jener  Consumtions-Steuer  entzogen,
welche  sie  kurz  vorher  (1385)  gegen  ein  Darlehen  von  2000
Gulden  erhalten  hatten.  Ueberdieß  mußten  sie  6000  Gulden
baar  an  die  Herzöge  und  2000  Gulden  an  deren  Räthe  entrichten
  und  in  dem  närdlichen  Theile  der  Stadt  die  Erbauung
einer  Veste  und  eines  eigenen  Thores  dazu  —  die  sogenannte
„Neue  Veste“  (Ursprung  der  heutigen  Residenz)  zugestehen.  Von
der  Zeit  an  hatten  die  Bürger  von  München  einen  geheimen  Groll
gegen  die  beiden  älteren  Herzöge,  deren  sie  bei  der  von  Johann  II
angeregten  Theilung  des  Landes  los  zu  werden  hofften.

Nachdem  sich  die  herzoglichen  Brüder  zu  ihrem  und  des
Landes  Nachtheil  viele  Monate  hindurch  befehdet  hatten,  kamen

——

 

Johann  II  von  München  Sohn,  Ernst,  1398  ein  Stift  für  Augustiner-Chorherren
  errichtete,  das  dessen  Sohn  Albrecht  III  1453  in  ein
Benediktinerkloster  umwandelte.
        <pb n="195" />
        Bayern  unter  den  Söhnen  Stephans  II.  179

sie  endlich  (18.  Oktober  1392)  mit  einander  überein,  die  Theilung
sämmtlicher  zu  Bayern  gehöriger  Besitzungen  durch  einen  Stände-Ausschuß,
  bestehend  aus  24  Adeligen  und  16  Städte-Deputirten,
vornehmen  zu  lassen,  und  erließen,  um  die  wegen  ihrer  Rechte
und  Freiheiten  besorgte  Landschaft  zu  beruhigen,  am  19.  November
1392  einen  neuen  Freiheitsbrief,  den  fünfzehnten,  welcher  der
erste  Bundesbrief  heißt,  weil  sich  auf  seinen  Inhalt  die  Edlen
und  Bürgerlichen  eidlich  miteinander  verbanden,  jeder  ungerechten
  Gewalt  ihrer  Fürsten  und  deren  Beamten  Widerstand  zu
leisten,  jedoch  so,  daß  ihre  Herren  bei  ihren  Fürstenthümern,  sie
selbst  aber  bei  ihren  Rechten  blieben  ?').  Die  Theilung  ward
durch  den  von  den  Herzögen  selbst  gewählten  Stände-Ausschuß
am  24.  November  1392  zu  München  vorgenommen.

Stephan  III,  der  Kneyffel,  erhielt  Ingolstadt  und
zerstreute  Orte  im  Gebirge  und  an  der  obern  Donau;
Friedrich  bekam  Landshut  und  Niederbayern  mit  Ausnahme
  dessen,  was  zu  Straubing  gehörte;
Johann  II  behielt  München  mit  den  Gauen  zwischen
dem  Lech  und  der  Isar  und  erhielt  dazu  Otto's  V  von  Brandenburg
  Hinterlassenschaft  in  der  Oberpfalz.

—  —

 

*)  Die  Geistlichkeit,  d.  h.  die  Prälaten  und  Pröpste  besiegelten
dieses  Bündniß  erst  beim  Erscheinen  des  38.  Freiheitsbriefes  zu  Freysing
am  10.  Januar  1430.  Davon,  ob  Einer  den  Freiheitsbrief  besiegelte
(d.  h.  ihm  sein  Siegel  beifügte)  oder  nicht,  hing  es  ab,  ob  der  Bund  Derer,
welche  den  Freiheitsbrief  besiegelten,  ihm  in  der  Stunde  der  Gefahr  Hilfe
gewährte  oder  nicht.

12“
        <pb n="196" />
        180  Bayern-Ingolstadt  unter  Stephan  III,  d.  Kneyffel.

Viertes  Rapitel.

Bayern  von  der  Theilung  unter  die  Söhne  Stephans  II
bis  zur  Einführung  der  Primogenitur
(1392  —  1500).

A.
Bayern-Ingolstadt
als
eigenes  PDerzogthum'?)
(1392—1477).

&amp;amp;  75.  Herzog  Stephan  III,  der  Kneyffel,  (1392—
1413)  hatte  während  seines  Aufenthaltes  in  Italien  (lam  Hofe
der  Carrara's  zu  Padua)  das  Verschwenden  gelernt  und  setzte  dieß
nun,  wo  ihm  Niemand  einzureden  hatte,  im  eigenen  Lande  fort:
er  veranstaltete  glänzende  Gelage  und  hielt  einen  prächtigen  Hof,
worin  seine  Tochter  Elisabeth,  die  (1384)  den  französischen
Karl  VI  (1380—1422)  geheirathet  hatte,  mit  ihm  wetteiferte.
Mit  der  Liebe  zur  Pracht  verband  Stephan  III  ein  unruhiges,
herrschbegieriges  Wesen,  welches  neue  Nahrung  fand,  als  sein
Bruder  Friedrich  von  Bayern-Landshut  schon  1393  starb
und  einen  unmündigen  Sohn,  Namens  Heinrich,  hinterließ.
Von  der  Ritterschaft  Landshuts  begünstigt  maßte  sich  Stephan
  III  unverzüglich  die  Vormundschaft  über  den  jungen  Heinrich
  an  und  schloß  sowohl  dessen  Mutter,  Magdalena,  als
auch  seinen  Bruder,  Johann  II  von  Bayern-München,  davon
  aus.  Da  er  obendrein  begehrte,  daß  die  Landestheilung,  bei
welcher  Friedrich  zu  viel“*)  erhalten  habe,  wieder  aufhören  und

*)  Die  Regenten  von  Bayern-Ingolstadt  aus  dem  Wittelsbachischen
Hause:
Stephan  III,  der  Kneyffel,  1392—4413.

Ludwig  VII,  der  Gebartete,  1413—1477.

**)  Stephan  III  behauptete,  sein  Bruder  habe  bei  der  Theilung  um
neun  Städte  und  Märkte,  um  vier  Vesten  und  vier  Landgerichte  und  um
18,600  Pfenninge  Einkünfte  zu  viel  erhalten.
        <pb n="197" />
        Bayern-Ingolstadt  unter  Stephan  III,  d.  Kneyffel.  181

die  gemeinschaftliche  Regierung,  wie  sie  früher  bestanden,  wieder
eintreten  solle,  so  ließ  Johann  aus  Besorgniß  für  sein  eigenes
Besitzthum  die  Vormundschaft  bis  auf  weiteres  in  den  Händen
des  Bruders,  eilte  aber  sogleich  nach  Linz  zu  den  Herzögen  Albrecht
  III  und  Wilhelm  I1  von  Oesterreich  ')  und  schloß
mit  diesen  (20.  Mai  1394)  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß.

)  Genealogische  Tafel  der  Habsburger  von  Rudolf  I  bis  auf
Maximilian  I:
Rudolf  I,  1273—1291.
Albrecht  1,  1299—1308.  Rudolf  II,  1  1290.

Rudolf  III,  Friedrich  Leopoldl,  Albrecht  II,  Heinrich,  Otto,
4  1307.  der  Schöne,  (1  1326.  der  Weise  71  1327.  1  1339.

 

 

 

 

als  Habsburger  oder  d.  Lahme,
der  I,  als  1358.
Oesterreichs
Herzog  der  II;
1330.
Rudolf  IV,  Albrecht  III,  Leopold  III.  der  W  I,
1365.  1395.  Fromme,  #1386.  "6
Albrecht  IV,  11404;  Wilhelm  Leopold  Ernst  Friedrich
Gemahlin:  Johanna,  J,  IV,  1424.  IV,
Herzog  Albrechts  I  von  1  1406.  1411.  1  +  1439.

Bayern  Tochter,  1  1410.  1
4  „  ——  —  —
Margare-  Albrecht  V,  Friedrich  V,  Albrecht  VI,  Sig- 



 

 

 

 

tha,  1  1412;  als  deutscher  als  Kaiser  der  +  1463.  mund,
Gem.:  Herzog  Kaiser  Al=  III,  1440—1493.  1  1496
Heinrich  brecht  II,  1  ohne
XVI,  1  1439.  l  Kinder.
der  Reiche,
von  Bayern-Landshut.

Elisabeth,  Wladislaw  Maximilian  I.  Kunigunde,  1  1520;
Gem.:  Kasi=  IV  (0,  #.  Gem.:  Albrecht  IV,
mir  IV,  1457  ohne  Herzog  von  Bayern.

König  v.  Polen.  Kinder.

NB.  S.  die  Nachkommen  Kasimirs  IV  von  Polen  auf  der  ersten  Tafel,  die
weiter  unten  zu  Wilhelm  IV  von  Bayern  beigegeben  ist,  und  die  Nachkommen
Maximilians  I  auf  der  zweiten  Tafel,  die  sich  bei  Herzog  Wilhelm  1V  vorfindet.
        <pb n="198" />
        182  Bayern-Ingolstadt  unter  Stephan  III,  d.  Kneyffel.

Als  Stephan  III  von  dieser  Verbindung  hörte,  übergab
er  die  Regierung  seinem  zwanzigjährigen  Sohne,  Ludwig  dem
Gebarteten,  und  ging  (1394)  in  Gesellschaft  des  Bischofs
Johann  von  Regensburg,  seines  natürlichen  Sohnes,  zu
seiner  Tochter,  der  Königin  Isabella  von  Frankreich,  um
von  ihr  für  den  Fall  eines  Krieges  Hilfe  zu  erbitten.

In  seiner  Abwesenheit  zog  Ludwig  der  Gebartete  bewaffnet
  gegen  seinen  Oheim  Johann  aus  (1394).  Zuerst
wollte  er  Freysing,  dessen  Bischof  Berthold  dem  Herzog  Johann
  besonders  zugethan  war,  durch  einen  plötzlichen  Ueberfall
nehmen.  Als  dieß  trotz  des  von  dem  Freysinger  Richter  Stephan
  Weinmann  geübten  Verrathes  mißlang,  griff  er  das  zu
München  gehörige  Städtlein  Neustadt  a.  d.  Donau  an  und  ließ
es  plündern.  Zur  Vergeltung  that  Johann  das  Gleiche  an
Friedberg  und  dem  Markte  Schwaben.  So  ging  es  gegenseitig
  bis  zum  Februar  1395  fort,  wo  mit  der  Heimkehr  Stephans
  aus  Frankreich  beide  Theile  die  Waffen  niederlegten.  Der
von  beiden  Seiten  beabsichtigten  Erneuerung  des  Kampfes  wehrte
Herzog  Johann  von  Burgund,  der  im  September  1395  an
der  Spitze  eines  französischen  Heeres  durch  Bayern  zog,  um  dem
bedrängten  Könige  Sigmund  von  Ungarn  gegen  den  türkischen
Sultan  Bajazet  Hilfe  zu  bringen.  Den  bayerischen  Herzögen
durch  seine  Gemahlin  Margaretha  '')  nahe  verwandt  brachte
es  Johann  von  Burgund  zu  Landshut  (25.  September
1395)  dahin,  daß  die  entzweiten  Herzöge  sich  aufrichtig  versöhnten
und  ihre  Länder  gemeinschaftlich  regierten  ").

Diese  Art  von  Regierung  dauerte  sieben  Jahre  (1395.—
1403)  und  war,  so  lange  Herzog  Johann  lebte,  ziemlich  ruhig,
aber  von  dem  Augenblick  an,  wo  dieser  die  Augen  schloß  (r  1397)

 

—

*)  Sie  war  eine  Tochter  Albrechts  I  von  Straubing-Holland.
Siehe  in  den  Beilagen  unter  Ziffer  68  die  genealogische  Tafel  des  Hauses
Burgund.

*.)  Niederbayern-Straubing  und  Bayern-Landshut  blieben
getrennt;  letzteres  ward  von  Friedrichs  Wittwe,  Magdalena,  und  einigen
von  der  Landschaft  gewählten  Räthen  unter  der  Aufsicht  Stephans  III  und
Johanns  II  für  den  unmündigen  Heinrich  verwaltet.
        <pb n="199" />
        Bayern-Ingolstadt  unter  Stephan  III,  d.  Kneyffel.  183

und  seine  Söhne  Ernst  und  Wilhelm  nachfolgen  sollten,  in
hohem  Grade  stürmisch.

Noch  im  Todesjahre  ihres  Vaters  geriethen  Ernst  und  Wilhelm
  mit  Stephan  III  und  seinem  Sohne  Ludwig  dem  Gebarteten
  in  Streit,  weil  letztere  nach  der  Alleinherrschaft  strebten
und  die  Stadt  München  für  sich  allein  wollten.  Dazu  kam
noch  ein  Zerwürfniß  unter  der  Bewölkerung  Münchens  selbst,
dadurch  hervorgerufen,  daß  die  gemeinen  Bürger  dem  aus  Patriciern
oder  Adelsbürgern  gebildeten  Stadtrathe  angeblich  wegen  versäumter
Rechnungsstellung  (über  den  Zeitraum  von  1390—1397),  in
Wahrheit  aber,  weil  sie  demselben  wegen  seiner  Anhänglichkeit  an
die  Herzöge  Ernst  und  Wilhelm  abgeneigt  und  entschloßen  waren,
sich  an  der  obrigkeitlichen  Macht  (am  innern  und  äußern  Rath)
Antheil  zu  verschaffen,  am  6.  Mai  1398  das  Stadtregiment  entrißen,
  die  Räthe  unter  Einziehung  ihres  Vermögens  für  immer
aus  der  Stadt  verbannten  und  am  1.  Juni  1398  einen  neuen
Rath  und  ein  neues  Gemeindekollegium  einsetzten.  Bei  dieser  bedenklichen
  Gährung  unter  den  Bewohnern  Münchens  entschloßen
sich  die  vier  Herzöge,  ihren  Streit  vor  ein  Schiedsgericht  zu
bringen,  welches  aus  zwanzig  Männern  der  beiderseitigen  Landestheile
  und  einem  Obmann  unter  dem  Vorsitze  des  Kurfürsten
Rupert  II  Klem  von  der  Pfalz  und  dem  Grafen  Eberhard
  IV  von  Württemberg  zusammengesetzt  wurde.  Dieses
entschied  am  4.  Juli  1398  zu  Göppingen:  „Alle  Fehde  soll
abgethan,  die  Regierung  gemeinsam  sein;  doch  gebühre  dem  Herzoge
  Stephan  III  der  Vortritt;  es  sei  den  vier  Herzögen  zu
huldigen,  das  Einkommen  des  Landes  aber  unter  sie  zu  theilen."

Die  gesammte  Landschaft  unterwarf  sich  dem  Spruche  und  leistete
den  vier  Herzögen  den  Eid  der  Treue,  wogegen  sie  durch  den  21.
Freiheitsbrief  Bestätigung  aller  bisher  gewonnenen  Freiheiten  erhielten
  (31.  Juli  1398).  Nicht  so  leicht  kamen  die  Herzöge
Ernst  und  Wilhelm  mit  den  Münchnern  zur  Ruhe,  die  nur
dann  huldigen  wollten,  wenn  ihnen  die  Herzöge  Ernst  und  Wilhelm
  ihre  Freiheiten  „bis  auf  den  heutigen  Tag  (d.  i.  bis
zum  31.  Juli  1398)“  bestätigen  würden,  um  so  ihrem  Gewaltstreiche,
  den  sie  am  6.  Mai  1398  gegen  den  Stadtrath  verübt
hatten,  die  herzogliche  Genehmigung  zu  verschaffen.  Da  die  beiden
Herzöge  dieß  verweigerten  und  die  Freiheiten  der  Münchner  nur
„bis  zum  Tode  ihres  Vaters“  bestätigen  wollten,  so  schlossen
die  Bürger  Münchens  mit  den  Ingolstädter  Herzögen  Stephan  III
und  Ludwig  dem  Gebarteten  am  8.  September  1398  ein
Bündniß.  Ein  Vermittlungsversuch,  den  ein  Landschafts-Ausschuß
  von  24  Mitgliedern  unternahm,  machte  die  Münchner  nicht
        <pb n="200" />
        184  Bayern-Ingolstadt  unter  Stephan  III,  d.  Kneyffel.

nachgiebiger,  weshalb  sich  Herzog  Ernst  am  6.  Dezember  1398
von  denselben  förmlich  lossagte.  Um  größerm  Unheil  vorzubeugen,
bestätigten  die  angefeindeten  Herzöage  Ernst  und  Wilhelm  am
1.  Mai  1399  von  Ingolstadt  aus  den  Münchnern  die  verlangten
  Freiheiten  unbedingt  und  kehrten  nach  München  zurück;
allein  die  zum  Stadtregiment  gelangte  Partei,  von  ihrem  Hauptführer
  die  Dichtl'sche  genannt,  ging  jetzt  gegen  ihre  Gegner  noch
weiter  und  ließ  im  November  1400  drei  derselben,  welche  eine
Gegenbewegung  eingeleitet  hatten,  enthaupten.  Die  Sache  kam
endlich  vor  den  Kaiser  und  wurde  zu  Amberg,  Heidelberg,
Augsburg  und  Landshut  auf  eigens  ausgeschriebenen  Zusammenkünften
  verhandelt.

Dasich  bei  dem  Fortbestande  einer  gemeinschaftlichen  Regierung
der  vier  Herzöge  für  die  Herstellung  des  Friedens  wenig  Gutes
erwarten  ließ,  so  ward  mit  jedem  Tage  der  Wunsch  lauter,  durch
Theilung  des  Landes  Abhilfe  zu  schaffen.  Durch  die  Bemühung
des  Bischofs  Johann  1  von  Regensburg  und  des  Burggrafen
Friedrich  VI  von  Nürnberg#0),  der  sich  (1.  Oktober  1400
zu  Schongau)  mit  Elisabeth  von  Landshut,  der  jüngern
Tochter  des  bereits  verstorbenen  Herzogs  Friedrich  von  Bayern-Landshut,
  vermählt  hatte,  kam  es  so  weit,  daß  die  Herzöge
Ernst,  Wilhelm  und  Stephan  III  (Ludwig  der  Gebartete
  war  für  König  Rupert  III  von  der  Pfalz  nach  Paris
gereist)  auf  den  6.  November  1402  die  Landschaft  nach  Ingolstadt
  beriefen,  welche  in  Verbindung  mit  24  von  den  Herzögen
beigegebenen  Vertrauensmännern  (am  31.  Januar  1403)  die
früher  zwischen  Stephan  III  und  seinem  Bruder  Johann  II  bestandene
  Theilung  erneuerten.  Bayern-Ingolstadt  gehörte  nun
wieder  den  Herzögen  Stephan  III  und  seinem  Sohne  Ludwig
dem  Gebarteten,  Bayern-München  dagegen  den  Brüdern
Ernst  und  Wilhelm,  die  in  Vereinigung  mit  Herzog  Hans
von  Niederbayern-Straubing,  einem  Sohne  des  Herzogs
Albrecht  I  von  Straubing-Holland,  am  25.  Februar  1403  von
Wolfrathshausen  aus,  wo  sie  residirt  hatten,  vor  München
zogen  und  diese  Stadt  anfangs  durch  Sturm,  und  als  dieß
fehlschlug,  mittels  einer  Blokade  zu  gewinnen  suchten.

Trotz  schwerer  Bedrängniß  beharrten  die  Münchner  auf
ihrem  Widerstand,  bis  der  inzwischen  aus  Frankreich  heimgekehrte
        <pb n="201" />
        Bayern--Ingolstadt  unt.  Ludwig  VII,  d.  Gebarteten.  185

Ludwig  der  Gebartete  (am  22.  April  1403)  die  in  seiner
Abwesenheit  vorgenommene  Theilung  genehmigte  und  seine  Verbindung
  mit  München  löste.  Der  Burggraf  Friedrich,  der
auf's  neue  um  Vermittlung  angegangen  wurde,  brachte  zu  Freysing
  (31.  Mai  1403)  einen  Vergleich  zu  Stande,  der  den
Münchnern  Anmnestie  und  Bestätigung  ihrer  Freiheiten,  den
Herzögen  Huldigung  zusicherte,  die  ihnen  schon  am  1.  Juni
1403  zu  München  in  Gegenwart  des  Burggrafen  Friedrich
geleistet  wurde.  Die  innere  Ruhe  in  Bayern-München  und
Bayern-Ingolstadt  dauerte  indessen  nur  bis  zum  Tode  Stephans
  III,  der  am  2.  Oktober  (25.  September?)  1413  zu
Ingolstadt  erfolgte.  Die  Leiche  Stephans  III  wurde  im  Kloster
Niederschönfeld  bei  Rain  beigesetzt  und  im  Jahre  1430  in
die  Gruft  „zur  schönen  Frauenkirche“  in  Ingolstadt  transferirt,
  welche  sein  Sohn  Ludwig  erbaut  hatte.

&amp;amp;#  76.  In  Bayern-Ingolstadt  folgte  nach  dem  Tode  Stephans
  III  sein  Sohn  Ludwig  VII  der  Gebartete  (1413—
1441).  Dieser  talentvolle,  aber  eigensinnige,  streitsüchtige,  prachtund
  geldliebende  Fürst  (Bayerns  Kadmus)  hatte  mehrere  Jahre
(1402—1403  und  1407—1413)  bei  seiner  Schwester,  der  Königin
  Isabella,  in  Frankreich  zugebracht  und  an  den  dortigen.
Regentschaftsstreitigkeiten  Theil  genommen,  welche  die  öfter  wiederkehrende
  Geisteskrankheit  seines  Schwagers,  des  Königs  Karl  VI
nach  sich  zog.  Er  verehelichte  sich  in  Frankreich  zuerst  (1402)
mit  der  jungen  Wittwe  des  Grafen  Peter  von  Montpensier,
Anna,  einer  Tochter  des  Herzogs  Johann  1  von  Bourbon,  die
ihm  an  Erbschaft  aus  dem  Hause  Montpensier  und  an  Geld
und  Gut  aus  dem  Schatze  des  Königs  Karl  VI  gegen  95,000
Turnoser  Pfund  Pfenninge"')  zubrachte  '*).  Nach  dem  Tode

*)  Das  Turnoser  Pfund,  eine  von  der  Stadt  Tours  herstammende
Rechnungsmünze,  galt  20  Pariser  Sous  oder  28  Kreuzer  unseres  Geldes.
Ein  Turnoser  Pfund  =  ⅛  Pariser  Pfund.

*)  Karl  VI  hatte  der  Anna  von  Bourbon  bei  ihrer  Verehelichung
mit  Ludwig  dem  Gebarteten  eine  bestimmte  Summe  Geldes  verheißen
und  ihr  für  50,000  Franken,  die  er  nicht  gleich  bezahlen  konnte,  mehrere
Kleinodien  versetzt,  die  Ludwig  der  Gebartete  zu  Augsburg  an  die  Bürger
  Konrad  Gemprecht  und  Ulrich  Staier  um  5000  Dukaten  versetzte,
um  in  Bayern  feil  gewordene  Güter  ankaufen  zu  können.
        <pb n="202" />
        186  Bayern-Ingolstadt  unt.  Ludwig  VII,  d.  Gebarteten.

Anna's  (I  1408),  die  ihm  drei  Söhne,  darunter  Ludwig  den
Höckerichten,  geboren,  heirathete  er  (1409)  Katharina  von
Alengon,  eine  Tochter  des  Grafen  von  Mortagne  (Mortania,
Mortanien)  in  der  Normandie,  und  gelangte  durch  sie  in  den
Besitz  der  Grafschaft  Mortagne.  Dazu  bekam  er  von  seiner
Schwester  Isabella  und  deren  Gemahl  viele  werthvolle  Geschenke,
  von  dem  Dauphin  Ludwig  (  18.  Dezember  1415)
aber,  zu  dessen  Gouverneur  ihn  Karl  VI  zu  Anfang  des  Jahres
1409  ernannt  hatte,  die  Herrschaften  Marcoussis,  St.  Yon,
Chatamullet,  Gomer  und  einen  Theil  von  Montleberg
als  Lehen  des  französischen  Reiches  und  wurde  zugleich  Mitglied
  des  königlichen  Rathes  mit  einem  Jahresgehalt  von
120,000  Franken.

Als  Ludwig  der  Gebartete  (1413)  von  Paris  nach
Ingolstadt  zurückkam,  fing  er  allenthalben  Streit  an:  mit  den
pfälzischen  Wittelsbachern  wegen  der  rheinischen  Kurwürde,
mit  seinem  eigenen  Adel,  weil  dieser  Stephan  III,  seinem
Vater,  unter  zu  hohen  Bedingungen  Geld  vorgeschossen  habe,
mit  dem  deutschen  König  Sigmund  (1410—1437),  weil  dieser
dem  Burggrafen  Friedrich  VI  von  Nürnberg  (dem  Stammvater
  des  preußischen  Königshauses)  die  Mark  Brandenburg  zum
Kaufe  anbot,  endlich  mit  Heinrich  XVI  von  Landshut,  weil
dieser  unter  Berufung  auf  einen  rechtskräftigen  Endspruch  vom
4.  Mai  1407  die  Entrichtung  von  18,600  Pfund  Pfenningen
verweigerte,  die  sein  Vater  Friedrich  bei  der  1392  vorgenommenen
  Landestheilung  zu  viel  erhalten  haben  sollte.  Den  Streit
wegen  Brandenburgs  trug  König  Sigmund  auf  dem  Coneil
zu  Konstanz  (1414—1418#  vor,  welches  auf  seinen  Antrag
vom  Papste  Johann  XXIII  berufen  worden  war.  Nachdem
die  dort  anwesenden  Kurfürsten  des  deutschen  Reiches  (30.  April
1415)  die  Zustimmung  gegeben  hatten,  daß  die  Mark  Brandenburg
  nebst  der  Kurwürde  dem  Burggrafen  Friedrich  VI
von  Nürnberg  gegen  Verzicht  auf  die  dem  Könige  Sigmund
vorgestreckten  400,000  ungarische  Gulden  verliehen  werde,  nahm
Sigmund  am  18.  April  1417  die  Belehnung  vor.  Auf  demselben
  Concil  ward  auch  Ludwigs  Streit  mit  Heinrich  von
Landshut  zur  Sprache  gebracht  und  der  Entscheidung  eines
        <pb n="203" />
        Bayern-Ingolstadt  unt.  Ludwig  VII,  d.  Gebarteten.  187

Fürstengerichts  unterbreitet,  bei  welchem  der  König  Sigmund
den  Vorsitz  führte.  Als  dieser,  von  dem  neu  ernannten  brandenburgischen
  Kurfürsten  Friedrich,  dem  Schwager  Heinrichs
von  Landshut,  gewonnen,  gegen  den  bärtigen  Ludwig
entschied  (19.  April  1417),  kam  dieser  fast  außer  sich  und
überhäufte  den  ihm  verhaßten  Heinrich  von  Landshut  der
Art  mit  Schmähungen,  daß  dieser  auf  offener  Straße  zum
Schwerte  griff  und  seinen  schmähsüchtigen  Vetter  schwer  verwundete.
  Als  Verletzer  der  Sicherheit  des  Concils,  dem  der
verwundete  Ludwig  in  der  Eigenschaft  eines  außerordentlichen
Großbotschafters  des  Königs  Karl  VI  von  Frankreich  anwohnte,
  traf  Heinrich  von  Landshut,  der  sich  eiligst  aus
Konstanz  entfernte,  die  Reichsacht  “).

Nach  Beendigung  des  Concils  stellte  Ludwig  der  Gebartete
  an  den  Kurfürsten  Friedrich  I  von  Brandenburg  das
Ansinnen,  ihm  23,000  ungarische  Dukaten  zu  bezahlen,  denn
diese  Summe  sei  ihm  (14.  Juni  1415)  vom  Könige  Sigmund
für  verschiedene  Dienste  verheißen  und  von  Friedrich  die  Zahlung
  verbürgt  worden.  Darüber  kam  es  zwischen  Ludwig  und
Friedrich,  dem  sich  viele  Fürsten  und  sieben  Reichsstädte  anschloßen,
  zum  Krieg,  der  unter  großen  Verwüstungen  (1419—
1422)  geführt  wurde.  Auch  dem  Gebarteten  fehlte  es  für  sein

—

*)  Diese  ward  vom  Könige  Sigmund  erst  1431  zu  Nürnberg  auf
die  Fürbitte  des  Kurfürsten  Friedrich  I  von  Brandenburg  zurückgenommen
  unter  nachstehenden  Bedingungen:  „Herzog  Heinrich  soll  seinem  Vetter
Ludwig  abbitten,  drei  ewige  Messen  stiften,  zum  hl.  Grab  wallfahrten  und
dort  ein  Jahr  weilen,  dann  noch  nach  Rom,  nach  Aa#chen,  nach  Maria
Einsiedel  und  zum  hl.  Blut  zu  Welsen  ack  in  Sachsen  wallfahrten  oder
für  sämmtliche  Wallfahrten  einen  Stellvertreter  bestellen,  dem  Herzog  Ludwig
  Arztlohn  und  Kosten  ersetzen  und  zum  Hussitenkrieg  100  Gleven
(Streiter,  vom  französischen  glaive,  Schwert,)  über  sein  Contingent  stellen.“
Die  Abbitte  geschah  auf  der  Stelle  zu  Nürnberg  öffentlich;  die  Stiftung
der  Messen  wurde  ebenfalls  gleich  vollzogen  und  zwar  zu  Konstanz  und  zu
Ingolstadt  in  der  schönen  lieben  Frauenkirche.  Die  Wallfahrt  nach  Jerusalem
  verrichtete  Graf  Heinrich  von  Montfort,  die  Römer  fahrt  Ulrich
  von  Laber,  die  nach  Einsiedel  Graf  Wilhelm  von  Montfort,
die  nach  Aachen  Graf  Emicho  von  Leiningen  und  die  zum  hl.  Blut
nach  Welsenack  in  Sachsen  Graf  Albrecht  von  Lindau  und  Rupin.
        <pb n="204" />
        188  Bayern-Ingolstadt  unt.  Ludwig  VII,  d.  Gebarteten.

Geld  nicht  an  kampflustigen  Rittern.  Gegen  Heinrich  von
Landshut,  der  zum  Kurfürsten  Friedrich  von  Brandenburg  hielt,
fand  er  Unterstützung  bei  dem  unzufriedenen  niederbayerischen
Adel,  der  sich  unter  Kaspar  dem  Törringer  gegen  seinen
Landesherrn  empört  hatte.  Heinrich  zerstörte  damals  (1420)
die  Burg  Törring  im  Salzburgischen  und  baute  das  Schloß  in
Burghausen,  das  er  „Beiß  Törring"  nannte.  Bevor  dieser
Krieg  zum  Ende  gekommen  war,  eröffnete  Ludwig  der  Gebartete
  einen  Krieg  gegen  die  Münchner  Herzöge  Ernst  und
Wilhelm,  die  er  so  lange  beunruhigt  und  an  ihrem  Eigenthume
  beschädigt  hatte,  bis  sie  ihm  mehrere  Ortschaften,  darunter
den  festen  Waffenplatz  Friedberg,  wegnahmen.  Am  19.  September
  1422  fand  bei  Alling  unweit  München  (Kapelle  in
Hoflach  zwischen  Buchheim  und  Bruck  zum  Andenken  erbaut)
ein  Treffen  statt,  aus  welchem  Ludwigs  Streiter  besiegt  hervorgingen.
  Durch  dieses  Treffen,  in  welchem  Herzog  Ernst  seinem
Sohne  Albrecht  das  Leben  rettete,  und  die  Münchner  Bürger,
namentlich  die  Tuchmacher,  tapfer  für  ihre  Herzöge  fochten,
wurde  Ludwigs  Macht  dergestalt  gebrochen,  daß  er  (2.  Oktober
1422)  den  vom  Könige  Sigmund  und  dem  Kardinal  Branda
zu  Regensburg  vermittelten  Waffenstillstand  annahm.  Einer
Bestimmung  dieses  Waffenstillstandes  zufolge  begab  sich  Ludwig
noch  vor  Ablauf  des  Jahres  1422  mit  dem  Könige  Sigmund
nach  Preßburg  in  Ungarn  und  hielt  sich  dort  gegen  drei  Jahre
(1422  —  1425)  an  dem  Hofe  des  Herzogs  Albrecht  V  von
Oesterreich  auf,  der  (seit  19.  April  1422)  mit  Elisabeth,
der  einzigen  Tochter  des  Königs  Sigmund,  vermählt  war.  In
Ingolstadt  führte  während  dieser  Zeit  Bruno  von  der  Leiter
unter  dem  Titel  „königlicher  Hofmeister“  die  Verwaltung
und  gab  dem  Lande  die  Ruhe  wieder,  nach  der  es  seit  Jahren
vergeblich  getrachtet  hatte.

Um  so  eifriger  suchte  Ludwig  der  Gebartete  und  sein  Bundesgenosse,
  Kaspar  der  Törringer,  durch  Klagen  vor  Gericht  zu
gewinnen,  was  auf  dem  Schlachtfelde  verloren  und  mittels  der
Waffen  nicht  wieder  zu  erreichen  war.  Ludwig  verklagte  den
Kurfürsten  Friedrich  I  von  Brandenburg  vor  dem  königlichen
  Gericht,  daß  er  den  Frieden  gebrochen,  Kaspar  der  Törringer
  hingegen  den  Herzog  Heinrich  XVI  von  Landshut,
        <pb n="205" />
        Bayern-Ingolstadt  unt.  Ludwig  VII,  d.  Gebarteten.  189

anfänglich  ebenfalls  bei  dem  König,  und  als  er  kein  Gehör
fand,  bei  der  westphälischen  Vehme,  daß  er  als  Lügner,  Räuber
und  Mörder  das  Leben  verwirkt  habe.  Schon  war  Kurfürst
Friedrich  1  vor  den  König  geladen,  als  die  Kurfürsten  des
Reiches  erklärten,  daß  ein  Kurfürst  nur  von  den  übrigen  Kurfürsten
des  Reiches  unter  dem  Vorsitze  des  Königs  gerichtet  werden  könne.
Schlimmer  erging  es  Heinrich  XVI,  der  von  den  Freistühlen
zu  Dortmund  und  Limburg  verfehmt  wurde  und  erst  im  Jahre
1430  durch  den  Freistuhl  des  Herzogs  Adolf  von  Jülich  eine
Cassation  der  über  ihn  verhängten  Verfehmung  erwirkte.

Als  am  6.  Januar  1425  mit  Johann  (SErwählter  von
Lüttich,  Herzog  Hans  von  Bayern)  die  Linie  von  Niederbayern-Straubing
  erlosch,  brach  die  Uneinigkeit  unter  den  bayerischen
Herzögen  auf's  neue  aus.  Ludwig  der  Gebartete  verlangte
als  der  älteste  unter  den  bayerischen  Herzögen  das  ganze  Erbe,
Heinrich  XVI  von  Landshut  beantragte,  daß  drei  Theile
gemacht  würden,  da  drei  Linien  vorhanden  seien,  die  Münchner
Herzöge  Erust  und  Wilhelm  dagegen  sagten,  daß  vier  Theile
zu  machen  seien,  von  denen  zwei  ihnen  zufallen  müßten.  Der
Streit  kam  vor  König  Sigmund.  Allein  dessen  Schwiegersohn,
Albrecht  V  von  Oesterreich,  machte  ebenfalls  Ansprüche  auf
Straubing,  weil  seine  Mutter  Johanna  eine  Schwester  des
Erblassers  Johann  von  Straubing  war.  Wirklich  ertheilte
ihm  auch  König  Sigmund  einen  Belehnungsbrief  über  den
Antheil  von  Straubing.  Endlich  übertrug  der  König  die  Entscheidung
  einem  unter  Vorsitz  des  Erzbischofs  von  Mainz
zu  Preßburg  versammelten  Schiedsgerichte,  welches  die  Sache
(26.  April  1429)  dahin  beilegte,  daß  das  Erbe  von  Bayern-Straubing
  in  vier  gleiche  Theile  getheilt  und  jedem  der  vorgenannten
  vier  bayerischen  Herzöge  ein  solcher  Theil  verabfolgt
wurde  71).

In  seinen  alten  Tagen  wurde  Ludwig  der  Gebartete
noch  mürrischer  und  menschenfeindlicher,  als  er  bisher  gewesen,
und  drückte  die  Geistlichen,  besonders  die  Mönche,  mit  großen
Lasten.  Daher  brachen  auf  dem  Concil  zu  Basel  (1431—1442),
wo  die  zu  Konstanz  unterbrochenen  kirchlichen  Verhandlungen  zu
Ende  kommen  sollten,  von  allen  Seiten  Klagen  wider  ihn  los.
Das  Concil,  bei  welchem  Herzog  Wilhelm  von  München  als
        <pb n="206" />
        190  Bayern-Ingolstadt  unt.  Ludwig  VII,  d.  Gebarteten.

Schirmherr,  und  sein  natürlicher  Bruder,  Johannes  Grünwalder,
  besonders  hervorragten,  that  Ludwig  den  Gebarteten
  in  den  Bann,  welchem  bald  (1433)  die  Reichsacht  folgte.
Die  Acht  hörte  (1434)  auf,  nachdem  Ludwig  dem  Kaiser  bedeutende
  Schuldsummen  nachgelassen  und  ihm  die  Stadt  Donauwörth
  (welche  von  Kaiser  Ludwig  zur  Landstadt  gemacht,  von
Kaiser  Karl  IV  zum  Reiche  reklamirt  und  dann  wieder  an
Bayern  für  60,000  Gulden  verpfändet  ward)  zurückgegeben  hatte  7).

Etliche  Jahre  später  gerieth  Ludwig  der  Gebartete  noch
mit  seinem  eigenen  Sohne,  Ludwig  VIII,  dem  Höckerichten,
in  Streit,  weil  dieser  (1438)  aus  Aerger  über  die  Begünstigung
eines  natürlichen  Bruders,  des  Wieland  von  Freyberg“),
die  Wittwe  des  Herzogs  Albrecht  IV  von  Meklenburg,  Margaretha,
  eine  Tochter  des  Kurfürsten  Friedrich  I  von  Brandenburg
  heirathete,  gegen  den  Ludwig  der  Gebartete  einen.
unversöhnlichen  Haß  im  Herzen  trug.  Als  das  Gerücht  entstand,
Ludwig  der  Gebartete  habe  Schritte  gethan,  dem  natürlichen
Sohne  Wieland  die  Nachfolge  im  Herzogthum  Bayern-Ingolsta
  dt  zuzuwenden,  und  eine  zu  Neuburg  a.  d.  Denau  neugebildete
  Hofhaltung  dieses  Gerücht  zu  bestätigen  schien,  warb  Ludwig
  der  Höckerichte  Bundesgenossen  und  ergriff  gegen  den
Vater  die  Waffen.  Alles  war  unwillig  über  den  unnatürlichen
Kampf.  König  Albrecht  II  (als  Herzog  von  Oesterreich  Al-*)

  Man  sagt,  Ludwig  der  Gebartete  hätte  dem  Kaiser  23,000  Dukaten,
  die  dieser  ihm  seit  der  Konstanzer  Synode  schuldig  war,  nachgelassen,
für  ihn  13,000  Gulden  Zehrungskosten  in  Ulm  bezahlt  und  durch  Verzichtleistung
  auf  Donauwörth  die  Bürger  dieser  Stadt  vermocht,  das  um
5140  Gulden  in  Basel  versetzte  Silbergeschirr  des  Kaisers  auszulösen.  Des
Kaisers  Geldnoth  beweiset  unter  andern  auch  der  Umstand,  daß  er  seine  Zeche
zu  Regensburg,  das  er  zu  Anfang  des  Monates  Oktober  1434  verließ,
eine  Summe  von  4600  Gulden  nicht  bezahlen  konnte  und  abermals  sein
Silbergeschirr  und  selbst  seine  Krone  als  Pfand  zurücklassen  mußte.

**)  Ihn  hatte  Ludwig  der  Gebartete  im  Jahre  1400  mit  Canetta,
einer  Tochter  seines  Rathes  Wieland  Schwelher  erzeugt.  Als  Canetta
in  der  Folge  einen  Ritter  von  Freyberg  heirathete,  legte  sie  ihrem  natürlichen
  Sohne  Wieland  den  Namen  Freyberg  bei  und  setzte  es  mit
Hilfe  des  gebarteten  Ludwig  durch,  daß  ihm  der  Graf  von  Wertheim
(1438)  seine  Tochter  Amalie  zur  Ehe  gab.
        <pb n="207" />
        Bayern-Ingolstadt  unt.  Ludwig  VII,  d.  Gebarteten.  191

brecht  V),  der  seinem  Schwiegervater  Sigmund  in  seinen
sämmtlichen  Ländern  gefolgt  war  (1438—1439),  gebot  vergebens
Ruhe.  Ludwig  der  Höckerichte  griff  zuletzt  (1443)  Neuburg
  a.  d.  Donau  an,  eroberte  es,  und  nahm  seinen  Vater,  der
sich  eben  dort  aufhielt,  gefangen.  Bald  darauf  (7.  April  1445)
raffte  den  höckerichten  Ludwig  der  Tod  dahin.

Der  gefangene  Vater  kam  nach  Ansbach  in  die  Hände  des
Markgrafen  Albrecht  Achilles  von  Ansbach'),  des  Schwagers
  und  Kampfgenossen  Ludwigs  des  Höckerichten.  Albrecht
  Achilles  war  bereit,  den  alten  Ludwig  freizugeben,
wenn  ihm  sein  Aufwand  für  den  Krieg  ersetzt  und  seiner  Schwester
Margaretha,  der  Wittwe  des  Höckerichten,  ein  standesmäßiges
  Wittwenthum  ausgewiesen  wäre.  Auch  Heinrich  XVI
von  Landshut  forderte  Schadenersatz.  Aber  der  eigensinnige
Ludwig  wollte  von  keinem  Ersatze,  von  keiner  Anweisung  eines
Wittwengutes  hören.  Nun  zahlte  Heinrich  von  Landshut
dem  Markgrafen  Achilles  32,000  Gulden,  wies  der  Wittwe
neun  Schlößer  an  und  bekam  dafür  (13.  August  1446)  den
gebarteten  Ludwig  als  Gefangenen  und  sein  Land  zur  Verwaltung.
  Der  Greis,  den  Heinrich  XVI  nach  Burghausen
bringen  ließ,  ward  durch  solches  Mißgeschick  nicht  nachgiebiger.
Sein  unbeugsamer  Sinn  erregte  Bewunderung,  sein  hohes  Alter
erwarb  ihm  Mitleid.  Man  verwendetete  sich  für  seine  Befreiung.
Ehe  diese  kam,  starb  er  (in  der  Nacht  vom  ersten  auf  den  zweiten
Mai  1447),  ohne  die  Lossprechung  vom  Banne  erwirkt  zu  haben.
Sein  Leichnam  wurde  in  größter  Stille  im  Kloster  zu  Raitenhaslach
  beigesetzt.  Seine  ganze  Landschaft  ward,  da  Ludwig
der  Höckerichte  nur  eine  Tochter,  Katharina,  hinterlassen
hatte,  von  Heinrich  XVI  von  Landshut  in  Besitz  genommen.
Margaretha,  die  Wittwe  Ludwigs  des  Höckerichten,  gab,  als
bald  darauf  ihr  Töchterchen  Katharina  starb,  ihr  Wittwenland
an  Heinrich  XVI  von  Landshut  zurück  und  verehelichte  sich
(14487)  heimlich  mit  ihrem  Oberhofmeister  Martin  von

 

*)  Dieser  Albrecht  Achilles  von  Ansbach  war  des  Kurfürsten
Friedrich  I  von  Brandenburg  drittgeborner  Sohn,  der  1471  die  Kurwürde
Brandenburgs  erhielt.
        <pb n="208" />
        192  Bayern-Landshut  unter  Friedrich  II.

Waldenfels.  Sie  starb  1465  und  ward  zu  Seligenthal
beigesetzt.

Ludwig  der  Gebartete  war  bei  aller  seiner  Rechthaberei
und  Streitsucht  sehr  wohlthätig  und  hochsinnig,  besonders  gegen
Ingolstadt,  das  er  gerne  zu  einer  Stadt  erster  Größe  erhoben
hätte.  Ingolstadt  verdankt  ihm  Vieles,  darunter  die  Stiftung
eines  Pfründnerhauses  für  fünfzehn  Arme  und  die  (1425—1439
erbaute)  Pfarrkirche  zur  „schönen  lieben  Frau“,  so  genannt
von  einem  kunstvoll  gefertigten  Marienbilde  aus  Gold,  welches
der  Stifter  der  Kirche  zur  Zierde  des  Hochaltars  geschenkt  hatte  ).

B

Bayern-Landshut
als
eigenes  Herzogthum')

(1392  —1505).

§#  77.  Diese  Linie  eröffnet  der  zweite  Sohn  des  Herzogs
Stephan  II,  Friedrich  (1392—1393),  ein  ernster  und  verständiger
  Mann,  der  seine  beiden  Brüder,  Stephan  III  und  Johann
  II,  an  Einsicht  und  sonstiger  Tüchtigkeit  weit  übertraf.
Besonders  wohlthätig  wirkte  er  für  die  Stadt  Landshut.  Neben
den  beiden  schon  bestehenden  Pfarreien  (St.  Martin  und  St.  Jacob,
letztere  1369  vom  Herzog  Stephan  II  gegründet),  errichtete  er
auf  dem  Hofberge  noch  eine  dritte,  die  zum  hl.  Blut,  gab  der
Bürgerschaft  viele  Privileglen  und  ließ  auf  dem  Hofberge  die

*)  Nach  dem  Urtheile  des  Volkes  war  dieses  Frauenbild  ein  Königreich
werth.  Als  man  zu  Anfang  des  neunzehnten  Jahrhunderts  mit  andern
Schätzen  auch  dieses  Frauenbild  in  die  Münze  nach  München  abführte,
ward  es  nicht  höher  als  8,600  Gulden  im  Metallwerthe  befunden.

*“)  Die  Regenten  von  Bayern-Landshut  aus  dem  Wittelsbachischen
Hause:

Friedrich  1392—1393.
Heinrich  XVI,  der  Reiche,  1393—1450.
Ludwig  IX,  der  Reiche,  1450—1479.

Georg  der  Reiche,  1479—1503.
        <pb n="209" />
        Bayern-Landshut  unter  Heinrich  XVI,  d.  Reichen.  193

ersten  Weinstöcke  pflanzen.  Im  Herbste  1393  begab  er  sich  nach
Prag  zu  seiner  Nichte  Sophia,  der  Tochter  seines  Bruders
Johann,  welche  (seit  2.  Mai  1389)  den  König  Wenzel  (1378
—1400;  K  1419)  zum  Gemahl  hatte  7).  Auf  dem  Rückwege
von  Prag  erkrankte  Friedrich  und  starb,  wahrscheinlich  eines
jähen  Todes,  an  einem  den  Geschichtschreibern  nicht  bekannten
Orte  am  4.  Dezember  1393.  Seine  Leiche  wurde  nach  Landshut
  gebracht  und  im  Kloster  Seligenthal  beigesetzt.  Der
einzige  Tadel,  welcher  diesen  Fürsten  traf,  war,  daß  er  einen
seine  Einnahmen  übersteigenden  Aufwand  machte  (Dux  Friedericus
dum  vixit,  vae  tota  Bavaria  dixit:  nunc  crevit  in  pejus,
est  dux  quilibet  ejus!).

&amp;amp;  78.  Bei  dem  Tode  Friedrichs  waren  seine  beiden  Söhne,
Heinrich  und  Johann,  noch  unmündig,  und  es  erhob  sich
zwischen  deren  Mutter  Magdalena,  des  Barnaba  Visconti  von
Mailand  Tochter,  und  den  Herzögen  von  Bayern-Ingolstadt
und  Bayern-München  Streit,  wem  bis  zur  Mündigkeit  Heinrichs,
  des  älteren  Prinzen,  die  vormundschaftliche  Regierung  zustehe.
  Nach  mehrfachen  Kämpfen,  die  zwischen  den  Ingolstädterund
  Münchner-Herzögen  vorfielen,  brachte  es  Magdalena
(25.  September  1395)  dahin,  daß  ihr  und  einigen  von  der  Landschaft
  gewählten  Räthen  für  den  unmündigen  Heinrich  (1393
—1450)  die  Verwaltung  von  Bayern-Landshut  unter  der  Aufsicht
  der  Herzöge  von  Ingolstadt  und  München  eingeräumt
wurde.

Leider  starb  diese  für  das  Glück  ihres  Sohnes  Heinrich  und
für  das  Wohl  seines  Landes  gleich  sorgsame  Fürstin  schon  am
17.  Juli  1404.  Der  Tod  dieser  Frau  war  für  die  Stadt  Landshut
  ein  großes  Unglück,  denn  ihr  Sohn,  Heinrich  XVI,  der  in
diesem  Jahre  seine  Großjährigkeit  erreicht  und  die  Selbstregierung
angetreten  hatte,  überließ  sich  bald  der  Leitung  einiger  lockerer  Edelleute,
  die  ihn  zur  Verschwendung  aufmunterten  und  gegen  die  Bürger
  Landshuts  der  Art  einzunehmen  wußten,  daß  er  gegen  diese
empörende  Grausamkeit  übte.

Die  Stadt  Landshut,  welche  vom  deutschen  König,  Ludwig

dem  Bayern,  und  vom  Herzog  Stephan  II  mit  der  Hafte
Sattler,  bayer.  Geschichte.  13
        <pb n="210" />
        194  Bayern-Landshut  unter  Heinrich  XVI,  d.  Reichen.

große  Freiheiten  und  Rechte  erlangt  hatte,  brachte  diese  Errungenschaft
  dem  jungen  Herzog  Heinrich  XVI  nach  mehrmals  erlittenen
  Gelderpreßungen  in  Erinnerung  und  gab,  als  Heinrich
durch  seine  Räthe  Kaspar  Frauenhofer,  Erasmus  Preysing,
  Johann  Closen,  Sigmund  Affenthaler  und  Georg
Aham  zwanzig  Beschwerdepunkte  entgegenstellen  ließ,  die  Erklürung
  ab,  daß  vom  Nathe  der  Stadt  die  Hilfe  des  Königs
Ruprecht  von  der  Pfalz  (1400  —1410)  werde  angerufen  werden.
  Um  dieß  zu  verhüten,  ward  ein  Gewaltstreich  beschlossen
und  ausgeführt:  der  Herzog  rief  unter  dem  Vorwande,  den  Herzögen
  von  Oesterreich  eine  Schaar  Reisiger  und  Söldner  zur
Unterstützung  zuführen  und  während  seiner  Abwesenheit  die  Regierung
  des  Landes  an  einen  Ausschuß  der  Landshuter  Bürger
übergeben  zu  wollen,  vier  der  einflußreichsten  Rathsherren,
Friedrich  Pelchinger,  Martin  von  Asch,  Leonhard
Kettner  und  Joseph  Moosburger,  zu  sich  auf  das  Schloß
Trausnitz  zur  Tafel,  ließ  sie  nach  eingenommenem  Mahle  gefangen
  nehmen  und  gab  sie  nicht  eher  los,  bis  sie  die  Namen
Aller  genannt  hatten,  die  zur  Anrufung  der  Hilfe  des  Königs
Ruprecht  von  der  Pfalz  gerathen  hatten.  Diese,  etwa  vierzig
  an  der  Zahl,  mußten  große  Geldsummen  bezahlen,  die  vier  Rathsherren
  aber  wurden  aus  der  Stadt  und  dem  Lande  verwiesen,
ihres  Eigenthums  beraubt  und  ihre  Angehörigen  ohne  Erbarmen
verjagt  (1408).

Ueber  diese  Gewaltthat  entsetzte  sich  die  ganze  Stadt,  und
mehrere  Bürger  Landshuts  bildeten  eine  förmliche  Verschwörung
wider  des  Herzogs  Bedrückung.  Die  Verschworenen  fanden  sich
gewöhnlich  in  einem  dem  Ditrich  Röckl  gehörigen  Thurme  (an
der  westlichen  Seite  der  Stadtmauer  unterhalb  des  Lendthores)
ein,  um  sich  zu  berathen.  Hier  kamen  in  der  Charfreitagsnacht
  (21.  März)  des  Jahres  1410  mehr  denn  fünfzig  der
Verschworenen  zusammen:  die  vier  verbannten  Rathsherren  waren
über  die  Mauer  in  die  Stadt  eingestiegen.  Ohne  das  Mindeste
von  dieser  Zusammenkunft  zu  ahnen,  kam  in  derselben  Nacht  in
das  nämliche  Haus  der  Höfling  Ebran  von  Wildenberg,  der
mit  Röckls  leichtfertigem  Weibe  ein  strafbares  Verhältniß  unterhielt.
  Dieses  plauderhafte  Weib,  mehr  beschränkt  als  böswillig,
erzählte  dem  Höfling,  was  im  Hause  vorgehe,  und  führte  ihn
schließlich  in  ein  Gemach,  wo  er  durch  eine  Spalte  in  das  Zimmer
sehen  und  die  Versammelten  erkennen  konnte.  Ebran  machte
noch  in  der  Nacht  die  Anzeige  bei  dem  Herzoge,  der  sogleich
Röckls  Haus  durch  seine  Bewaffneten  umringen  ließ.  Ein  Theil
der  Verschworenen  sprang  über  die  Stadtmauer  hinab,  mehrere
versteckten  sich,  einige  wurden  erschlagen,  die  meisten  gefangen.
        <pb n="211" />
        Bayern-Landshut  unter  Heinrich  XVI,  d.  Reichen.  195
Am  folgenden  Tage  erging  durch  den  Herzog  und  seine  Räthe
über  die  Gefangenen  ein  fürchterliches  Gericht:  einige  wurden
öffentlich  hingerichtet,  andern  wurden  die  Augen  ausgestochen;
wer  mit  dem  Leben  davonkam,  mußte  sammt  Weib  und  Kind
Stadt  und  Land  verlassen.  Der  Bestraften  Güter  und  Vermögen
zog  der  Herzog  ein.

Zum  Elücke  sah  Heinrich  XVI  bald  ein,  wohin  solches
Benehmen  führe,  und  fing  an,  eine  gründliche  Reform  vorzunehmen.
  Er  dankte,  um  sich  aller  überflüssigen  Ausgaben  zu
entledigen,  seinen  ganzen  Hofstaat  ab,  vertraute  seine  Haushaltung
einem  klugen  und  sparsamen  Priester,  Nikolaus  von  der
Leiter  (Nicolaus  della  Scala,  der  1422—1443  den  bischöflichen
Stuhl  von  Freysing  inne  hatte),  und  nahm  (1410—1412)
Kriegsdienste  bei  dem  Orden  der  dentschen  Ritter.

Nach  seiner  Rückkehr  (1412)  fand  er  die  finanziellen  Verhältniße
  seines  Landes  und  Hofes  auf  das  Beste  geordnet  und
heirathete  (1412)  die  Prinzessin  Margaretha,  des  Erzherzogs
Albrecht  IV  von  Oesterreichs)  Tochter,  die  ihm  in  sparsamer
Haushaltung  musterhaft  voranging.  Von  dieser  Zeit  an  ward
Heinrich  XVI  sparsam,  ja  geizig,  und  legte  nach  und  nach
einen  Schatz  von  500,000  Dukaten  zurück,  der  ihm  den  Beinamen
„der  Reiche“  verschaffte.  Dabei  hielt  er  streng  auf  den  Landfrieden,
  stellte  mit  den  Bürgern  Landshuts  ein  freundliches
Verhältniß  her  und  zügelte  den  Uebermuth  seiner  vormaligen
Freunde,  der  Raubritter.  Durch  ihn  ward  für  die  Sicherheit
der  Landstraßen  in  einer  Weise  gesorgt,  daß  man  zu  sagen
pflegte:  „Ein  Kind  mit  vollem  Geldsack  könne  ohne  Gefahr  durch
das  ganze  Land  wandern."“

Nachdem  er  im  Jahre  1429  den  vierten  Theil  der  Straubing'schen
  Güter  geerbt  hatte  (siehe  oben  die  Geschichte  Ludwigs
  VII,  des  Gebarteten,  §  76,  S.  189)  und  sah,  daß  die
Wohlhabenheit  seines  Landes  im  Steigen  begriffen  sei,  ertheilte
er  1432  die  Erlaubniß,  statt  der  alten  unansehnlichen  Martinskirche
  in  Landshut  eine  neue  (mit  einem  454“  hohen  Thurme)
zu  bauen,  wozu  die  Bürgerschaft  Landshuts  schon  seit  dem

)  S.  oben  in  der  Geschichte  Bayern-Ingolstadts  S.  181  die  genealogische

  Tafel  der  Habsburger.
13“
        <pb n="212" />
        196  Bayern-Landshut  unter  Ludwig  IX,  d.  Reichen.

Jahre  1407  die  erforderlichen  Mitteln  angesammelt  hatte  ).
Gegen  den  Abend  seines  Lebens  brachte  er  noch  Bayern-Ingolstadt,
  dessen  Herrscherhaus  mit  Ludwig  VII,  dem  Gebarteten,
  1447  ausstarb,  an  sich  und  besaß  nun  ein  Land,
das  fast  um  ein  Drittel  größer  war,  als  das  seines  Vetters,  des
Herzogs  Albrecht  III  von  Bayern-München.  Wohl  machte
dieser  einige  Male  den  Versuch,  einen  Theil  von  Bayern-Ingolstadt
  zu  bekommen,  allein  stets  vergebens.  Heinrich
wies  jedes  Ansinnen  dieser  Art  entschieden  zurück  und  ward  mit
jedem  Tage  geiziger  und  hartherziger.  Außer  Geldzählen  und
Jagen  kannte  er  kein  Vergnügen  mehr,  und  sein  liebster  Umgang
war  mit  Juden,  welche  im  ganzen  Lande,  besonders  aber  in  der
Hauptstadt  Landshut  zahlreich  sich  angesiedelt  hatten.  Mit  seiner
Gemahlin  Margaretha  und  seinen  Kindern,  die  (seit  1427)
das  ärmliche  Schloß  zu  Burghausen  bewohnen  mußten,  kam
er  höchst  selten  in  Burghausen  zusammen  und  duldete  nicht,  daß
sie  ihn  ohne  besondere  Anfrage  auf  dem  Schloße  zu  Landshut
besuchten.  Margaretha  starb  zu  Burghausen  am  23.  Dezember
  1447  und  wurde  in  Raitenhaslach  bestattet;  ihr  Gemahl
  starb  am  30.  Juli  1450  zu  Landshut  und  wurde  im
Kloster  Seligenthal  beigesetzt.

Seine  Gemahlin  hatte  ihm  drei  Söhne  und  drei  Töchter  geboren.
  Von  diesen  ward  eine,  Johanna,  die  Gemahlin  des
Pfalzgrafen  Otto  von  Mosbach,  die  zweite,  Margaretha,
Nonne  im  Kloster  Seligenthal,  die  dritte,  Elisabeth,  Gemahlin
des  Grafen  Ulrich  V  von  Württemberg;  von  den  Söhnen

waren  zwei,  Albrecht  und  Friedrich,  sehr  jung  gestorben,  und
der  noch  lebende  Ludwig  ward  sein  Nachfolger  in  der  Regierung.

&amp;amp;  79.  Der  ganze  Länderbesitz  Heinrichs  XVI  ging  auf
dessen  Sohn,  Ludwig  IX,  den  Reichen  (1450—1479)  über,

*)  Der  Plan  zu  diesem  Gotteshause  wurde  von  dem  berühmten  Baumeister
  Hans  Steinmetz  entworfen,  der  im  ersten  Jahre  des  begonnenen
Baues  starb  (1432).  Am  Thurm  zu  Landshut,  oberhalb  dem  Portal  des
Glockenhauses,  steht  die  Inschrift:  „Anno  Dni  1432  starb  Hans  Steinmetz
  in  die  S.  Laurentii  (10.  Aug.),  Maister  der  Kirchen  zu  Hal
und  in  Salzburg,  zu  Oting,  zu  Straubing  und  zu  Landshut.“
Daraus  dürfte  zu  schließen  sein,  daß  der  Bau  der  Kirche  wenigstens  schon
1432  müsse  begonnen  haben.  Der  Thurm  wurde  erst  1448  vollendet.
        <pb n="213" />
        Bayern-Landshut  unter  Ludwig  IX,  d.  Reichen.  197

der  sich  zuerst  Herzog  in  Nieder=  und  Oberbayern  schrieb.
Auf  das  Wohl  seiner  Unterthanen  redlich  bedacht,  vertrieb  er
(1450)  die  Juden  aus  dem  ganzen  Lande  und  suchte  namentlich
  den  Ackerbau  und  den  Handel  emporzubringen.  Um  seinen
Vetter,  den  Herzog  Albrecht  III  von  Bayern-München,
wegen  des  Entganges  von  Bayern-Ingolstadt  zufrieden  zu
stellen,  trat  er  ihm  (16.  Dezember  1450)  die  Aemter  Schwaben,
  Lichtenberg,  Bayerbrunn  und  Deggendorf  ab,
behielt  aber  das  letztere  als  Pfand,  bis  ihm  Herzog  Albrecht
die  Summe  von  32,000  Gulden  bezahlte,  die  Bayern-Landshut
  schon  längere  Zeit  an  Bayern-München
zur  Auslösung  einiger  den  wittelsbachischen  Pfalzgrafen  verpfändeten
  Gerichte  in  der  Oberpfalz  (Heman,  Velburg,  Lengfeld
und  Kallmünz)  vorgestreckt  hatte.  Zu  Fastnacht  1451  hielt
Ludwig  IX  zu  Landshut  mit  Amalia,  des  Kurfürsten
Friedrich  II  von  Sachsen  Tochter,  Hochzeit,  zu  welcher  Fürsten
und  Grafen  von  nah  und  fern  herbeizogen,  darunter  auch  der
Pfalzgraf  am  Rhein,  Friedrich  I  der  Siegreiche,  der  seit
1449  für  seinen  Neffen,  den  pfälzischen  Kurprinzen  Philipp,
die  Kurpfalz  verwaltete.  Zwischen  diesem  und  den  bayerischen
Wittelsbachern  bildete  sich  bei  dieser  Gelegenheit  ein  solch'  inniges
Verhältniß,  daß  sie  (auf  den  17.  Dezember  1451)  eine  Zusammenkunft
  nach  Lauingen  verabredeten.  Diese  erfolgte  zur  festgesetzten
  Zeit,  und  die  bayerischen  Wittelsbacher  schloßen
daselbst  mit  Friedrich  1  von  der  Pfalz,  der  inzwischen
(6.  September  1451)  den  Titel  „Kurfürst  von  der  Pfalz"
angenommen  hatte,  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß  wider  ihre
Gegner.

Bald  gab  Ludwig  der  Reiche  auch  schöne  Beweise  von
seiner  Tapferkeit  und  Kriegskunst.  Von  der  Ueberzeugung  geleitet,
  daß  die  Stadt  Donauwörth's)  vom  Kaiser  Sigmund
(1434)  mit  Unrecht  von  Bayern  abgerissen  worden  sei  (s.  oben
in  der  Geschichte  Bayern-Ingolstadts  §  76  S.  190),  hatte  er
(19.  Oktober  1458)  durch  einen  pletzlichen  Ueberfall  derselben
sich  bemächtigt  und  sich  dadurch  das  Mißvergnügen  des  Kaisers
Friedrich  III  (1440—1493)  in  hohem  Grade  zugezogen.  Auch
dieß  verargte  ihm  der  Kaiser,  daß  er  an  dem  zu  Lauingen
        <pb n="214" />
        198  Bayern-Landshut  unter  Ludwig  K,  d.  Reichen.

mit  dem  Kurfürsten  Friedrich  1  von  der  Pfalz  geschloßenen
Bündnisse  festhielt  und  dieses  im  Jahre  1459  erneuerte.  Wie
nun  vollends  in  einem  Streite  des  Kaisers  mit  seinem  Bruder,
dem  Herzoge  Albrecht  VI  von  Oesterreich,  Herzog  Ludwig
der  Reiche  dem  letztern  Beistand  leistete,  ergrimmte  der  Kaiser
dergestalt,  daß  er  Ludwig  den  Reichen  für  einen  Reichsfeind
erklärte  und  ein  Reichsheer  gegen  ihn  anrücken  ließ.  Allein
Ludwig  und  sein  Bundesgenosse  Friedrich  1  von  der  Pfalz,
von  seinen  Gegnern  „der  böse  Fritz“  genannt,  stellten  sich
tapfer  entgegen  und  erfochten  rühmliche  Siege,  jener  bei  Gundelfingen
  (9.  April  1462)  und  bei  Giengen  (19.  Juli  1462)
über  die  Reichsarmee  unter  Albrecht  Achilles  von  Brandenburg,
  dieser  über  das  von  Ulrich  von  Württemberg
befehligte  Heer  bei  Seckenheim  am  Neckar  (30.  Juni  1462).
Diese  Niederlagen  des  Reichsheeres  flößten  dem  auch  von  anderer
Seite  her  bedrängien  Kaiser  Friedrich  III  sriedliche  Gesinnungen
  ein.  Man  schloß  zuerst  einen  Waffenstillstand,  und  dann
(22.  August  1463)  einen  Frieden,  dem  zufolge  die  Stadt
Donauwörth  von  Ludwig  IX  an  das  Reich  herausgegeben
wurde  ").

Nach  diesem  Kriege  trat  für  Bayern-Landshut  auf
lange  Zeit  hinaus  Ruhe  ein,  die  Herzog  Ludwig  weise  zur
Wohlfahrt  seiner  Unterthanen  benützte.  Das  größte  Verdienst  in
dieser  Richtung  erwarb  er  sich  unstreitig  im  Jahre  1472  durch
die  Stiftung  der  hohen  Schule  (Universität)  zu  Ingolstadt,
wozu  ihm  sein  Kanzler  Martin  Maier  den  Plan  nach  dem
Muster  der  hohen  Schule  zu  Wien  vorlegte.  Dieselbe  wurde,
nachdem  schon  am  7.  April  1459  die  Erlaubnißbulle  vom  Papste
Pius  II  (1458—1464)  ausgefertigt  und  zwischen  1459  und
1472  die  nöthigen  Fonds  ermittelt  worden  waren,  am  26.  Jund

*)  Der  Pfalzgraf  gab  dem  Grafen  Ulrich  von  Württemberg,
dem  Markgrafen  Karl  von  Baden,  dem  Bischof  Georg  von  Metz  und
Anderen,  die  er  in  der  Schlacht  bei  Seckenheim  gefangen  genommen,  auf
seinem  Schloße  zu  Heidelberg,  wo  er  dem  Kaiser  zum  Hohn  einen  Thurm,
„den  Trutzkaiser",  hatte  bauen  lassen,  Alles,  nur  kein  Brod  zu  essen
wegen  der  von  ihnen  verübten  Verheerung  der  Kornfelder.  Gustav  Schwab
hat  ein  schönes  Gedicht  „das  Mahl  zu  Heidelb  erg“  darauf  verfaßt.
        <pb n="215" />
        Bayern-Landshut  unter  Georg  dem  Reichen.  199

1472  feierlich  eröffnet  7)).  Durch  diese  hohe  Schule  trat  die
Wissenschaft  allmählich  aus  der  Klosterzelle  in  das  öffentliche
Leben  ein  75).

Am  15.  November  1475  feierte  Herzog  Ludwig  IX  zu
Landshut  die  Hochzeit  seines  Sohnes  Georg  mit  Hedwig,
einer  Tochter  des  Polenkönigs  Kasimir  IV,  mit  einer  bis  dahin
ungekannten  Pracht,  weshalb  man  derselben  lange  Zeit  hindurch
nur  unter  dem  Namen  „die  große  Hochzeit  des  Herzogs
Georg“  gedachte  '6).  Aus  den  folgenden  drei  Lebensjahren
Ludwigs  des  Reichen  ist  wenig  mehr  bekannt,  als  daß  er
fast  beständig  am  Podagra  darniederlag.  Er  starb  am  18.  Januar
  1479  im  62.  Jahre  seines  Lebens.  Nach  der  von  ihm
hinterlassenen  Verordnung  wurde  er  in  der  Familiengruft  des
Klosters  Seligenthal  ohne  fürstlichen  Schmuck  und  ohne
Sarg,  selbst  ohne  Kleidung,  wie  er  in's  Leben  getreten  war,
in  die  Erde  gelegt.  Die  irdischen  Ueberreste  seiner  Wittwe
Amalie,  die  ihm  am  18.  November  1502  in  die  Ewigkeit
nachfolgte,  fanden  ebenfalls  in  der  Gruft  zu  Seligenthal
Aufnahme.

Durch  Ludwig  den  Reichen  wurde  Bayern-Landshut
mit  Wemding  vergrößert,  das  er  1467  von  den  Grafen  zu
Oettingen  kaufte,  dann  (1471)  mit  der  Reichsherrschaft  Heideck,
die  er  dem  Konrad  von  Heideck  abkaufte,  und  mit  Stadt  und
Herrschaft  Weissenhorn,  die  er  von  den  Rechbergern  einlöste.

80.  Auf  Herzog  Ludwig  den  Reichen  folgte  in  Bayern-Landshut
  dessen  Sohn  Georg  (1479—15093),  der  ebenfalls
„der  Reiche"“  genannt  wurde.  Dieser  junge  Fürst  fing  seine
Regierung  damit  an,  daß  er  allen  seinen  Bediensteten  bei  Todesstrafe
  verbot,  von  den  Unterthanen  Geschenke  anzunehmen.  Er
wählte  sich  hintereinander  zwei  ebenso  kluge  als  gerechte  Männer
zu  Kanzlern,  zuerst  den  Priester  Friedrich  Maurkircher,  den
er  auch  nach  seiner  Erhebung  zum  Bischofe  von  Passau  als
Kanzler  beibehielt,  und  nach  dessen  Tode  (1  1485  zu  Landshut)
den  Wolfgang  Kolberger,  der  (1487)  das  Rechtsbuch
Ludwigs  des  Bayern  verbesserte  und  zur  Anerkennung  seiner
Verdienste  vom  Kaiser  Friedrich  III  (1491)  zum  Grafen
von  Neukolberg  erhoben  wurde.
        <pb n="216" />
        200  Bayern-Landshut  unter  Georg  dem  Reichen.

Um  seinen  großen  Vorrath  an  baarem  Gelde,  das  in  Burghausen
  aufgehäuft  lag,  nutzbringend  zu  machen,  kaufte  Herzog
Georg  (1481)  die  Herrschaft  Kirchberg  an  der  Iller  und
einige  Jahre  später  (1486)  die  (vom  Herzog  Sigmund  von
Oestereich  an  den  Bischof  Johann  II  von  Augsburg  verpfändete)
  Markgrafschaft  Burgau,  die  aber  schon  1492  von
Oesterreich  wieder  eingelöst  wurde.  Auf  dem  Landtage,  den  Herzog
  Georg  1488  zu  Landshut  hielt,  um  die  Getränke  (Bier,
Meth,  Wein)  mit  einer  allgemeinen  Steuer  zu  belegen,  leistete
der  Adel')  solchen  Widerstand,  daß  der  Herzog  von  der  Erhebung
der  beabsichtigten  Steuer  abging  und  sich  mit  dem  begnügte,  was
die  Städte  Landshut  und  Burghausen  freiwillig  entrichteten.
Da  auf  diesem  Landtage  auch  viele  Beschwerden  wegen  erlittenen
Wildschadens  laut  wurden,  stellte  Herzog  Georg  die  größeren
Jagden  ein  und  schenkte  seine  Jagdhunde  und  Falken  größtentheils
an  den  König  Mathias  Corvinus  von  Ungarn.

In  demselben  Jahre  (1488)  schritt  Georg  zu  einer  Erweiterung
  und  Verschönerung  des  Schloßes  Burghausen,  die
mehrere  Jahre  Zeit  und  eine  große  Summe  Geldes  in  Anspruch
nahm.  Den  Frieden,  der  bis  jetzt  im  Lande  geherrscht,  unterbrach
im  Sommer  1490  eine  Waffenthat  des  Herzogs  Georg,  die
einzige  während  seiner  ganzen  Regierung.  Er  fuhr  (im  Juli
1490)  an  der  Spitze  eines  bayerischen  Truppencorps  auf  24
Schiffen  nach  Linz  hinab  zu  Herzog  Maximilian  1  von
Oesterreich  (1493—1519  deutscher  König),  um  an  dem  Feldzuge
  Theil  zu  nehmen,  welchen  dieser  ritterliche  Fürst  nach  dem
Tode  des  ungarischen  Königs  Mathias  Corvinus  (I/  6.  April
1490)  gegen  die  Ungarn  unternahm,  um  ihnen  die  im  Jahre
1485  eroberte  Stadt  Wien  wieder  zu  entreißen.  Bei  Herzog
Georg  war  auch  der  kriegslustige  Herzog  Christoph  von
Bayern-München.  Am  19.  August  zogen  sie  mit  Maximilian
  in  Wien  ein  und  kamen  erst  zu  Anfang  des  Jahres
1491  wieder  nach  Bayern  zurück.  Dieser  Kriegsthat  ließ  Herzog

)  Zum  Andenken  an  diesen  Landtag  ließen  sämmtliche  Ritter  in  die
St.  Martins-Pfarrkirche  zu  Landshut  Glasfenster  malen,  auf  denen  ihre
Wappen  angebracht  waren.
        <pb n="217" />
        Bayern-Landshut  unter  Georg  dem  Reichen.  201

Georg  eine  Reihe  wohlthätiger  Verordnungen  für  seine  Unterthanen
  folgen  und  stellte  (1494)  zu  Ingolstadt  ein  umfangreiches
  Gebäude  her,  das  er  dem  im  Jahre  1495  von  ihm  gestifteten
  Priesterseminar,  nach  ihm  „Georgianum“  genannt,
einräumte  7).

Je  weiter  Georg  an  Lebensjahren  vorrückte,  desto  mehr
schmerzte  es  ihn,  daß  ihm  neben  seinen  Töchtern  Elisabeth  und
Margaretha,  von  denen  die  letztere  als  Noune  in's  Kloster
Altenhohenau  (bei  Wasserburg)  ging  und  nachmals  (6.  Januar
  1531)  als  Aebtissin  des  Nonnenklosters  zu  Neuburg  a.
starb,  kein  Sohn  als  Erbe  seines  Landes  und  sonstigen  Besitzthums
  geboren  war  7“).  Da  fiel  ihm  der  unheilvolle  Gedanke
bei,  sein  ganzes  Land,  das  er  durch  Ankauf  von  Gütern  beträchtlich
  gemehrt  hatte,  seiner  Tochter  Elisabeth  zuzuwenden.  Zu
diesem  Zwecke  führte  er  zu  Anfang  des  Jahres  1496  eine  Verlobung
  seiner  Tochter  Elisabeth  mit  dem  Pfalzgrafen  Rupert
herbei,  der  aus  der  Ehe  des  Kurfürsten  Philipp  des  Aufrichtigen
  von  der  Pfalz  mit  Margaretha,  der  leiblichen
Schwester  des  Herzogs  Georg  des  Reichen,  entsproßen  war,
und  errichtete  am  19.  September  1496  zu  Philippsburg  (bei
Worms)  ein  Testament,  worin  Elisabeth  als  einzige  Erbin
seines  Landes  und  aller  Schätze  erscheint.  Sollten  aus  der  von
ihr  beabsichtigten  Ehe  mit  Rupert  von  der  Pfalz  Säöhne  entspringen,
  so  werden  sie  Nachfolger  in  der  Regierung,  wenn  nicht,
so  kommt  das  ganze  Erbe  an  deren  Schwiegervater,  den  Kurfürsten
Philipp  und  dessen  Nachkommenschaft,  und  nie  an  Herzog  Albrecht
  IV  von  Bayern-München.

Vergebens  waren  die  Vorstellungen  seiner  Räthe,  vor  allen
des  Kanzlers  Grafen  von  Neukolbergs“),  vergebens  die  Einreden
  der  Herzöge  Sigmund,  Albrecht  IV  und  Wolfgang
von  Bayern-München,  der  rechtmäßigen  Erben  des  Landes,
vergebens  selbst  die  Vorstellungen  des  Königs  Maximilian  I,

*)  Graf  von  Neukolberg,  bisher  des  Herzogs  vertrautester  Rathgeber,
  fiel  wegen  seiner  Einwendungen  gegen  das  Testament  in  Ungnade
und  ward,  weil  man  dem  Herzog  beigebracht  hatte,  daß  er  den  Inhalt  des
Testamentes  an  Herzog  Albrecht  in  München  verrathen,  in  das  feste  Schloß
Winkelhof  in  Hast  gebracht.
        <pb n="218" />
        202  Bayern-Landshut  unter  Georg  dem  Reichen.

welcher  auf  Ansuchen  des  Herzogs  Albrecht  IV  dem  Testamente
die  Bestätigung  versagte,  indem  nach  dem  Hausvertrage  zu  Pavia
(1329)  die  zum  Herzogthum  Bayern  gehörigen  Länder  nie  auf
Frauen  durch  natürliche  Erbfolge  oder  durch  Testament  übergehen
könnten,  so  lange  männliche  Sproßen  der  Ludwig-Wittelsbach'schen
Linie  da  seien.  Herzog  Georg  nahm  sein  Testament  nicht
zurück,  und  König  Maximilian  versagte  demselben  standhaft  die
Bestätigung.  Am  10.  Februar  1499  erfolgte  die  Vermählung
Ruperts  von  der  Pfalz  mit  Elisabeth,  worauf  Herzog
Georg  mit  dem  Kurfürsten  Philipp  von  der  Pfalz  ein  Schutzund
  Trutzbündniß  schloß  und  (am  31.  März  1501)  an  alle  seine
Unterthanen  ein  Aufgebot  zu  Kriegsrüstungen  ergehen  ließ.

Am  24.  September  1503  erkrankte  Herzog  Georg  auf  einer
Reise  in  das  Wildbad  (in  Baden)  so  bedenklich,  daß  er  vor  Ulm
umkehren  und  sich  zu  Schiff  nach  Ingolstadt  bringen  lassen  mußte
(5.  Oktober  1503).  Auf  seine  Einladung  kam  sein  Schwiegersohn
  Rupert  dahin,  um  von  den  Ingolstädtern  die  Erbhuldigung
  entgegen  zu  nehmen.  Als  diese  von  den  Ingolstädtern
verweigert  wurde,  räumte  Herzog  Georg  seinem  Schwiegersohne
Rupert  die  festen  Schlößer  Landshut  und  Burghausen  ein
und  berief  von  Ingolstadt  aus  (am  25.  November  1503)  sämmtliche
  Landstände  auf  den  10.  Dezember  1503  nach  Landshut
mit  dem  Beisatze,  daß  der  Zusammentritt  auch  dann  erfolgen  solle,
wenn  er  mittlerweile  mit  Tod  abgehen  sollte.

Wirklich  erlebte  der  Herzog  den  von  ihm  ausgeschriebenen
Landtag  nicht  mehr.  Er  starb  am  1.  Dezember  1503  im  neuen
Schloße  zu  Ingolstadt.  Sein  Tod  wurde  fünf  Tage  lang
verheimlicht,  sein  Leichnam  am  6.  Dezember  nach  Landshut  geführt
  und  am  9.  Dezember  im  Kloster  Seligenthal  beigesetzt.
Dem  Testamente  gemäß  übergab  man  an  Rupert  sogleich  die
in  Burghausen  verwahrten  Schätze  und  ließ  ihn  im  Besitze
der  Schlösser  Burghausen  und  Landshut.  Dagegen  versagten
  ihm  die  versammelten  Landstände,  denen  ein  Abmahnungsschreiben
  der  Münchner  Herzöge  zugekommen  war,  die
Huldigung  und  ordneten  bis  zur  Entscheidung  dieser  strittigen
Sache  durch  den  deutschen  König  eine  Regentschaft  an.
        <pb n="219" />
        Der  Landshuter  Erbfolgekrieg.  203

Anfangs  machte  man  den  Versuch,  die  Sache  in  Güte  beizulegen.
  Die  Münchner  Herzöge  und  der  Pfalzgraf  Rupert
brachten  ihren  Streit  vor  den  Richterstuhl  des  Königs,  wobei
Georg  Lambarter  die  Rechte  der  Münchner  Herzöge,
Leonhard  Egloffstein  die  Rechte  Ruperts  vertheidigte
(5.  Febrnar  1504  zu  Augsburg).  Da  indessen  Deutschlands
König,  Maximilan  1,  nur  auf  seinen  Vortheil  ausging,  so
kam  die  Sache  zu  keiner  Entscheidung  durch  richterlichen  Spruch.
Deshalb  griff  Pfalzgraf  Rupert,  der  mit  den  in  Burghausen
vorgefundenen  Schätzen  große  Macht,  besonders  aus  Böhmen,
geworben  hatte,  zu  den  Waffen.  König  Maximilian  I,  der
sich  von  einer  Unterstützung  der  rheinischen  Wittelsbacher
geringen  Dankes  versah,  sprach  (23.  April  1504)  zu  Augsburg
die  Landshut'sche  Erbschaft  den  Münchner  Herzögen  Albrecht  IV.
und  Wolfgang  zu  und  verhängte  (4.  Mai  1504)  über  Rupert,
  seine  Gemahlin  und  alle  Anhänger  ihrer  Sache  die
Reichsacht.  Schrecklich  wüthete  nun  sowohl  in  Bayern  als  in
der  Rheinpfalz  jener  zwar  kurze,  aber  höchst  leidenschaftlich  geführte
  Krieg  (17.  April  1504  —  13.  April  1505),  der  von  seiner
Beranlassung  den  Namen  „Landshuter  Erbfolgekrieg“  trägt.

Auf  der  Seite  der  Münchner  Herzöge  standen:  der  schwibische

  Bund,  dem  Herzog  Albrecht  IV  (1500)  auf  zwölf
Jahre  beigetreten  war,  Herzog  Ulrich  I  von  Württemberg,
mit  welchem  Albrechts  IV  Tochter  Sabina  verlobt  war,  der
Landgraf  Wilhelm  von  Hessen,  die  Bevölkerung  der  Städte
Nürnberg  und  Augsburg,  der  Markgraf  Friedrich  von
Brandenburg,  dessen  Sohne  Kasimir')  Herzog  Albrecht  IV
seine  Tochter  Susanna  als  Frau  verhieß,  der  Herzog  Alerander
  von  Zweibrücken,  der  Graf  Emicho  von  Leiningen,
der  Herzog  Erich  von  Braunschweig  und  der  König  Maximilian
  1;  auf  der  Seite  des  Pfalzgrafen  Rupert  standen:  der
König  Ludwig  XII  von  Frankreich,  König  Ladislaus  II  von
Böhmen,  der  Markgraf  Christoph  von  Baden,  dann  Ruperts
  Vater,  der  Kurfürst  Philipp  von  der  Pfalz,  mit  dem
es  der  Bischof  von  Würzburg,  der  Landgraf  Johann  von
Leuchtenberg,  der  Graf  Wilhelm  von  Henneberg,  der

*)  Siehe  die  genealogische  Tafel  des  Hauses  Brandenburg  unter
Zisfer  70  der  Beilagen.
        <pb n="220" />
        204  Der  Landshuter  Erbfolgekrieg.

Graf  Hugo  zu  Montfort  und  Bregenz,  Götz  von  Berlichingen
  und  viele  andere  Herren  und  Ritter  hielten.

Außer  vielen  Gefechten  fiel  nur  eine  Schlacht  zwischen  Schönberg
  und  Wenzenbach  unweit  Regensburg,  am  12.  September
1504  vor,  in  welcher  das  böhmische  Hilfsheer  völlig  besiegt
und  König  Maximilian,  der  in  Folge  eines  Sturzes  vom
Pferde  in  Lebensgefahr  gekommen  war,  durch  den  Herzog  Erich
von  Braunschweig  gerettet  wurde.  Am  16.  Oktober  1504
nahm  Maximilian  I  in  Person  die  am  Eingange  Tyrols  gelegene
  Veste  Kufstein,  deren  Mauer  er  durch  zwei  ungeheuer
große  Kanonen  (Weckauf  und  Burlebaus  genannt)  zerstörte
und  dadurch  die  Besatzung  zur  Uebergabe  zwang.  Der  tapfere
und  treue  Schloßhauptmann  Johann  Pienzenauer,  der  zu
Anfang  des  Krieges  seine  Veste  Kufstein  dem  König  Marimilian
  übergeben,  später  aber  sich  für  den  Pfalzgrafen  Rupert
erklärt  hatte,  wurde  mit  einem  Theile  der  Gefangenen  (17.  Oktober
  1504)  enthauptet,  der  Rest  aber  auf  die  Fürbitte  Erichs
von  Braunschweig  freigelassen.  Wie  in  Bayern,  so  wurden
auch  in  der  Rheinpfalz  die  gräßlichsten  Verheerungen  angerichtet.
Unter  diese  Verheerungen  gehört  die  Verbrennung  der  prächtigen
Klosterkirche  Limburg  bei  Dürkheim  in  der  Pfalz  durch  den
Grafen  Emicho  von  Leiningen  am  30.  August  1504.  (Die
gewaltigen  Ruinen  dieser  Kirche  —  ihre  Länge  betrug  340“,  die
Breite  120“  —  erregen  noch  heute  Staunen  und  Mißmuth  ob  des
entsetzlichen  Vandalismus,  der  hier  zu  Tag  trat.)

Der  Pfalzgraf  Rupert  und  seine  Gemahlin  Elisabeth
erlebten  den  Ausgang  des  gräuelvollen  Bruderkampfes  nicht.
Rupert  starb  am  13.  August  1504  zu  Landshut  an  der
Ruhr,  und  seine  Gemahlin  erlag  am  14.  September  des  gleichen
Jahres  dem  erschütternden  Eindrucke,  den  die  Botschaft  von  der
Niederlage  ihrer  Verbündeten  bei  Schönberg  auf  sie  gemacht
hatte.  Auf  dem  Todbette  hatte  die  Pfalzgräfin  zum  Vormünder
ihrer  unmündigen  Söhne,  Ott  Heinrich  und  Philipp,  einen
jüngeren  Bruder  ihres  verstorbenen  Gemahls,  den  Pfalzgrafen
Friedrich  II,  ernannt.  Da  aber  dieser  sich  eben  in  den  Niederlanden
  im  Dienste  des  Königs  Philipp  von  Spanien,
eines  Sohnes  des  Königs  Maximilian,  aufhielt  und  gehindert
war,  nach  Landshut  zu  kommen,  so  blieben  die  beiden  Prinzen
unter  Aufsicht  der  pfälzischen  Hauptleute,  welche,  um  Geld  zur
Fortsetzung  des  Krieges  zu  bekommen,  alles  Silbergeschirr  und
alle  Kleinodien  um  24,000  Gulden  verkauften.  Am  13.  April
        <pb n="221" />
        Bayern-München  unter  Johann  II.  205

1505  kam  es  zu  Hagenau  (im  Elsaß)  zum  Waffenstillstande,
am  30.  Juli  1505  zum  Kölner-Vergleich  und  im  Juli  1507
auf  dem  Reichstage  zu  Konstanz  zum  schließlichen  Austrage.
Durch  diese  Entscheide  wurde  Albrecht  IV.,  dem  sein  Bruder
Wolfgang  alle  seine  Ansprüche  abgetreten  hatte,  der  Haupterbe.
An  die  Prinzen  Ott  Heinrich  und  Philipp  wurde  Alles
gegeben,  was  an  beweglichem  Gute  noch  übrig  war,  und  ein
aus  der  Herzöge  Georg  des  Reichen  und  Albrechts  IV  bisherigen
  Landen  neugestaltetes  Fürstenthum  mit  der  Hauptstadt
Neuburg  an  der  Donau,  daher  „Pfalz-Neuburg“,  oder  im
Gegensatze  zur  älteren  Rhein=  und  Oberpfalz  „die  junge  Pfalz"“
genannt.  König  Maximilian  I  riß  viele  Rechte  und  Besitzungen
  in  Bayern  und  in  der  Oberpfalz  an  sich,  und  viele
Orte  gingen  an  Württemberg,  Hessen-Darmstadt,  Zweibrücken-Veldenz,
  den  Markgrafen  von  Brandenburg,
den  Grafen  Oettingen  und  die  Stadt  Nürnberg  verloren  —
die  größte  Einbuße,  welche  die  Wittelsbacher  je  an  ihrem
Hausgute  erlitten  haben.

C.
Bayern-München

von  der  Lheilung  des  Jahres  1392  bie  zur  Einführung  der  Primogenitur
in  Vayern

(1392—1506)  J.

81.  In  Bayern-München  regierte  seit  der  im  Jahre
1392  vorgenommenen  Landestheilung  Herzog  Johann  II  (1392

*)  Die  Wittelsbachischen  Herrscher  während  dieser  Zeit:
Johann  II,  1392—1397.

Ernst  1397—1438.  Wilhelm  III,  1397—1435.

Albrecht  III,  der  Fromme,
1438—1460.

Johann  III,  Sigmund,  Albrecht  IV,  Christoph  Wolfgang,
1460—1463.  Herzog  von  der  Weise,  1468—1469;  15614.
Dachau,  1460  1465—1508.  1483.
—1467;  11501.-
        <pb n="222" />
        206  Bayern-München  unter  Ernst  und  Wilhelm  III.

—1397)  gerecht  und  wohlthätig,  hatte  aber  durch  die  von  seinem
Bruder  Stephan  III  von  Bayern-Ingolstadt  (1392—
1413)  und  dessen  Sohne  Ludwig  VII,  dem  Gebarteten  (geb.
1365,  regiert  1413  —1477),  beständig  unterhaltenen  Unruhen
(s.  oben  die  Geschichte  Bayern-Ingolstadts  S.  180—192)  eine
höchst  unangenehme  Regierung.  Er  starb  am  8.  August  1397
und  hinterließ  aus  seiner  Ehe  mit  Katharina,  des  Grafen
Mainhard  von  Görz  Tochter  (r  21.  Juli  1391),  zwei  Söhne,
Ernst  und  Wilhelm  III,  und  eine  Tochter,  Sophia,  die  (am
2.  Mai  1389)  mit  dem  Könige  Wenzel  von  Böhmen  vermählt
  wurde  (1  26.  September  1425).

82.  Nach  dem  Tode  Johanns  II  regierten  seine  beiden
Söhne  Ernst  und  Wilhelm  III  (1397—1435)  gemeinschaftlich.
In  Folge  der  Ränke,  welche  von  den  Ingolstädter-Herzögen  ausgingen,
  traten  die  Einwohner  Münchens  den  Herzögen  Ernst
und  Wilhelm  III  feindlich  entgegen,  sahen  sich  aber  schließlich
(1.  Juni  1403)  gezwungen,  die  Huldigung  zu  leisten  (s.  oben  in
der  Geschichte  Bayern-Ingolstadts  §  75.  S.  183—185).  In  dem
Kriege,  der  (1422)  zwischen  Bayern-Ingolstadt  und  Bayern-München
  ausbrach,  weil  Ernst  und  Wilhelm  nach  Hinnahme
unzähliger  Kränkungen  durch  Ludwig  den  Gebarteten  diesem
mehrere  Ortschaften  (darunter  den  festen  Waffenplatz  Friedberg)
weggenommen  hatten,  trugen  die  Münchner  Herzöge  bei  Alling
(19.  September  1422)  einen  so  entscheidenden  Sieg  davon,  daß
Ludwig  der  Gebartete  beschämt  abzog  und  weder  gleich  noch
später,  als  (1429)  die  Straubing'schen  Güter  augenscheinlich
zum  Vortheile  der  Münchner  Herzöge  vertheilt  wurden,  den  Kampf
wieder  aufzunehmen  wagte.

Herzog  Wilhelm  III,  der  durch  das  Vertrauen  des  Königs
Sigmund  (1410  —1437)  zum  Schirmvogt  des  Baseler  Conciliums
  (1431—1448)  erhoben  wurde  und  sich  durch  sein  kluges
Benehmen  die  allgemeine  Achtung  erwarb,  starb  zu  München
am  11.  September  1435.  Seine  Wittwe-Margaretha,  Herzog
Adolfs  von  Cleve  Tochter,  die  bei  Lebzeiten  Wilhelms  III  einen
Sohn,  Adolf,  und  kurz  nach  dem  Hinscheiden  des  Gemahls
einen  zweiten  Sohn,  Wilhelm  (geb.  und  gest.  1436),  geboren
        <pb n="223" />
        Bayern-München  unter  Ernst.  207

hatte,  vermählte  sich  später  (1441)  mit  dem  Grafen  Ulrich  V.
von  Württemberg  und  starb  1443.

&amp;amp;  83.  Nach  dem  Tode  des  Herzogs  Wilhelm  III  regierte
sein  Bruder  Ernst  allein  (1435—1438).  Dieser  hegte  schon
seit  Jahren  großen  Unmuth  gegen  seinen  Sohn  Albrecht  III,
weil  dieser  (1432)  mit  Agnes  Bernauer,  einer  Baderstochter
aus  der  schwäbischen  Reichsstadt  Biberach,  heimlich  eine  Ehe
eingegangen  und  dadurch  Grund  zu  der  Befürchtung  gegeben  hatte,
daß  den  allenfallsigen  Nachkommen  aus  dieser  Ehe  von  den  bayerischen
  Herzögen  das  Erbrecht  werde  angestritten  werden.  Um
dieser  Befürchtung  für  immer  los  zu  werden,  vergaß  sich  Herzog
Ernst  so  weit,  daß  er  Agnes  Bernauer  während  der  Abwesenheit
  ihres  Gemahls,  des  Prinzen  Albrecht  III,  in  Straubing
  aufheben  und  am  12.  Oktober  1435  von  der  Brücke  zu
Straubing  aus  in  die  Donau  werfen  ließ.  Lange  Zeit  kämpfte
die  Unglückliche  mit  den  Wellen.  Da  nahm  einer  der  Schergen
eine  Stange,  wickelte  um  dieselbe  ihr  langes  Haupthaar  und  stieß
die  Arme  unbarmherzig  unter  das  Wasser.

So  bald  Albrecht  III  von  dieser  schwarzen  That  Nachricht
  erhielt,  rüstete  er  gegen  den  eigenen  Vater  und  verwüstete
dessen  Land.  Allmählig  legte  sich  die  gegenseitige  Erbitterung,
Vater  und  Sohn  söhnten  sich  miteinander  aus,  und  Herzog  Ernst
ließ  die  Gemordete  in  einer  von  ihm  auf  dem  Kirchhof  zu  St.  Peter
in  Straubing  eigens  erbauten  Kapelle  ehrenvoll  beisetzen
(1436)  7).  Gegen  das  Ende  des  Jahres  1436  vermählte  sich

*)  Ob  die  irdischen  Ueberreste  der  Agnes  Bernauer  gegenwärtig  noch
in  dieser  Kapelle  ruhen,  ist  zweifelhaft.  Nach  der  Tradition,  die  in  dem
gegenwärtigen  Carmeliter-Kloster  zu  Straubing  besteht,  sind  ihre  Gebeine
1447  von  Albrecht  III,  ihrem  Gemahle,  dort  erhoben  und  in  die  Nikolaus
  kapelle  der  jetzt  noch  stehenden  Carmeliterkirche  transferirt  worden,
doch  mangelt  dem  dortigen  Kloster  für  diese  Tradition  jegliche  Urkunde.
Möglich,  daß  sich  diese  Tradition  gebildet  hat  auf  Grund  der  Carmeliter-Chronik,
  welche  leider  während  einer  Erledigung  des  Ordens--Provincialats
dem  damaligen  Prior  Peter  Heitzer  abhanden  gekommen  und  bis  auf  den
heutigen  Tag  nicht  aufgefunden  ist.  Auch  kann  diese  Tradition  mit  der
Thatsache  zusammenhängen,  daß  Albrecht  III  1447  am  Agnestag  in  der
Carmeliterkirche,  wo  sich  die  Agnes  Bernauer  einige  Zeit  vor  ihrem  Tode
eine  Begräbnißstätte  ausersehen,  eine  tägliche  Messe  und  einen  Jahrtag  gestiftet
  hat.
        <pb n="224" />
        208  Bayern-München  unter  Albrecht  III,  d.  Frommen.

Albrecht  III  nach  dem  Willen  seines  Vaters  mit  Anna,  des
Herzogs  Erich  I  von  Braunschweig-Grubenhagen  Tochter,
und  hielt  mit  dem  Vater  Frieden  bis  zu  dessen  Tod  1438.  Albrechts
  Mutter,  Elisabeth,  des  Barnaba  Visconti  von  Mailand
  Tochter,  war  schon  1432  gestorben.

84.  Auf  Herzog  Ernst  folgte  in  der  Regierung  Bayern-Münchens
  dessen  Sohn  Albrecht  III,  der  Fromme  (1438
—1460).  Von  der  hochherzigen  Gesinnung,  die  ihm  eigen  war,
gab  er  ein  glänzendes  Zeugniß,  als  ihm  die  Böhmen  nach  dem
Tode  des  deutschen  Königs  Albrecht  II  (1438—1439)  ihre
Krone  antrugen,  obschon  ein  unmündiger  Sohn  des  Königs,
Wladislav  IV  (1I),  Posthumus,  vorhanden  war.  Er  schlug
die  Krone  edelmüthig  aus  mit  den  Worten:  „Billig  ist's,
Waisen  zu  beschützen,  nicht  sie  zu  berauben.“  Für
das  Wohl  seines  Landes  sorgte  er  mit  wahrhaft  väterlicher  Sorgfalt
  durch  Anwendung  aller  ihm  zu  Gebot  stehenden  Mittel.

Er  gab  die  wohlhtätigsten  Verordnungen  nicht  blos  für  Rechtspflege
  und  Verwaltung,  sondern  auch  für  bürgerliche
Zucht  und  Ehrbarkeit,  sowie  über  Einführung  gleichen
Maaßes  und  Gewichtes,  über  Zoll  und  Markt,  und  verjagte
  1442  die  Juden  aus  München.  Die  Ritter,  welche
gegen  die  Landleute  sich  Bedrückungen  erlaubten,  ließ  er  die  ganze
Strenge  der  Gesetze  fühlen  und  führte,  um  seinen  Drohungen
Nachdruck  geben  zu  können,  die  sogenannten  Landsknechte  (servi
provincic#,  in  jeder  Grafschaft  einen  Mann  auf  400  Seelen)
ein  —  der  Anfang  des  stehenden  Heeres  in  Bayern.  Um  die
Zucht  unter  den  Geistlichen  in  und  außer  den  Klöstern  wieder  herzustellen,
  ließ  er  1451  durch  den  großen  Cardinal  Nikolaus  Cusa
Visitationen  vornehmen  und  die  nöthigen  Reformen  durchführen.

Er  selbst  ging  seinem  Volke  in  allen  Andachtsübungen  musterhaft
  voran,  machte  viele  fromme  Stiftungen,  darunter  (1453)
die  des  Benediktiner-Klosters  auf  dem  hl.  Berg  Andechs,
und  hat  so  im  Munde  des  Volkes  den  Beinamen  „der  Fromme“
erhalten.  Sein  größtes  Verdienst  erwarb  er  sich  kurz  vor  seinem
Hinscheiden  durch  die  kluge  Verordnung,  daß  seine  Söhne  nie
theilen,  sondern  daß  immer  die  zwei  ältesten  gemeinsam
  regieren,  die  übrigen  mit  den  ihnen  zugewiesenen
  Gütern  und  Einkünften  ohne  Theilnahme  an
        <pb n="225" />
        Bayern-München  unter  Johann  III  u.  Sigmund.  209

der  Regierung  leben  sollten.  Er  starb  im  Jahre  1460
und  wurde  in  der  Kirche  auf  dem  hl.  Berge  Andechs  beigesetzt.
Seine  Wittwe  Anna,  die  sich  zum  zweiten  Male  mit  Herzog
Friedrich  von  Braunschweig-Calenberg  verheirathete,
trennte  sich  bald  wieder  und  ging  zu  ihren  Kindern  nach  München
zurück,  wo  sie  1474  starb.

#  85.  Von  den  fünf  Söhnen,  welche  Herzog  Albrecht  III
hinterließ,  traten  nach  der  Verordnung  des  Vaters  die  zwei  ältesten,
Johann  III  und  Sigmund,  die  Regierung  an  (1460  —1463).
Da  aber  Johann  schon  im  Jahre  1463  an  der  Pest  starb,
und  Sigmund  mehr  Freude  an  Tauben,  Pfauen  und  ausländischem
  Geflügel,  an  Jagd  und  Kunst,  als  am  Regieren  hatte,
so  überließ  er  seinem  Bruder  Albrecht,  der  1465  mündig  ward
und  die  Mitregentschaft  antrat,  schon  im  zweiten  Jahre  (1467)
die  Regierung  allein,  ohne  jedoch  auf  seine  Eigenschaft  als  eines
regierenden  Fürsten  zu  verzichten.  Er  lebte  mit  einem  Jahrgelde
  von  4000  Gulden  auf  seinen  Schlössern  zu  Dachau,  Menzing,
Nanhofen,  Starnberg  und  Grünwald.  Als  der  ältere
regierende  Fürst  legte  er  den  Grundstein  zu  dem  schönen  Bau  der
Liebfrauenkirche  (1468  —  1488)  in  München,  die  durch
große  Anstrengungen  der  Münchner  Bürger,  der  Kirchpfleger
Katzmair  und  Sänftel  und  mittels  der  aus  ganz  Deutschland,
namentlich  aus  Bayern  und  Franken  fließenden  Ablaßgaben  hergestellt
  wurde  ").

*0  Am  1.  August  1467  wurde  die  alte  Frauenkirche  abgetragen  und
der  Schutt  durch  die  vereinigte  Bevölkerung  der  ganzen  Stadt  in  10  Tagen
weggeräumt.  Am  9.  Februar  1468  legte  Herzog  Sigmund  den  Grundstein.
  Die  Kirche  ist  336“  lang  und  eben  so  hoch  sind  die  beiden  Thürme.
Der  Baumeister  war  ein  gewisser  Jörg  Gankoffer  von  Haselbach  (einem
Dorfe  bei  Moosburg),  vorher  Maurermeister  in  Moosburg.  In  dem  Glockenhause
  des  südlichen  Thurmes  steht  der  Grabstein  des  Baumeisters  mit  der
Inschrift:  Ao.  Dm.  1488  am  Montag  nach  Michelstag  starb  maister  Jörg
von  Halspach  maurer  dis  Gotzhaus  unser  Frawen,  der  mit  der  Hilf  Gotz
und  seiner  hant  den  ersten  den  mittln  und  lostn  stain  hat  volfuert  an  diesem
pau  2c.  Auf  einer  Säule  unter  dem  Chor  ist  sein  Bildniß  und  sein  Name:
Jörg  Gankoffer.  Im  Jahre  1480  ließ  Bischof  Philipp  von  Bamberg
  in  allen  Kirchen  seinen  Dißzesanen  verkünden,  daß  Papst  Sixtus  IV
allen  denen,  welche  zur  Erbauung  der  Frauenkirche  in  München  Beiträge

geben  würden,  einen  vollkommenen  Ablaß  verleihe.
Sattler,  bayer.  Geschichte.  14
        <pb n="226" />
        210  Bayern-München  unter  Albrecht  IV,  d.  Weisen.

Albrecht  IV,  der  Weise  (1465—1508),  war  ein  Regent
von  ungewöhnlicher  Bildung:  Er  sprach  italienisch,  war  ein  guter
Lateiner,  gewandt  mit  der  Feder  (daher  „Scriptor“  oder
der  Schreiber,  d.  h.  Studirker  beigenannt)  wie  mit  dem
Schwerte,  klug  und  beredt  in  hohem  Grade.  Wissend,  wie  viel
Unheil  Theilungen  und  gemeinsame  Regierungen  dem  Lande
gebracht,  bot  er  Alles  auf,  um  die  Alleinherrschaft  zu  behaupten.
Sein  Bruder  Sigmund  ließ  sie  ihm  gerne,  obschon  er  der  Aeltere
  war,  aber  ein  jüngerer  Bruder,  Christoph,  beim  Adel
wohlgelitten,  der  beste  Springer  seiner  Zeit,  von  ungemeiner
Körperstärke  ),  bei  Tänzen  und  Turnieren  der  Erste,  forderte
Antheil  an  der  Regierung  und  ward  darin  von  Wolfgang,
dem  jüngsten  Bruder,  und  von  dem  in  den  Böcklerbund““)
vereinigten  Adel  Niederbayerns  unterstützt.  Herzog  Ludwig  IX
von  Landshut  und  die  rheinischen  Pfalzgrafen  Philipp  und
Otto  II  (Letzterer  von  Mosbach-Neumarkt)  legten  mit  Beihilfe
der  herzoglichen  Räthe  und  eines  Ausschußes  der  Landschaft
(16.  Februar  1468)  den  Streit  dahin  bei,  daß  Herzog  Albrecht  IV.
ein  Jahr  noch  allein  regiere  und  Herzog  Christoph  einstweilen
die  Stadt  Kelheim  zu  seiner  Residenz  erhalte.  Den  Böcklerbund
  erklärten  die  Herzöge  und  die  Pfalzgrafen  für  eine  staatsgefährliche
  Gesellschaft  und  lösten  denselben  auf.

Albrecht  und  Wolfgang  schloßen  bald  darauf  (28.  März
1468)  einen  Vergleich  ab,  dem  zufolge  der  Letztere  auf  zwölf
Jahre  der  Mitregierung  entsagte  und  nebst  dem  Schloße  Greifenberg
  am  Ammersee  eine  jährliche  Apanage  von  2400  Gulden
erhielt;  mit  Christoph  ward  nach  Ablauf  der  festgesetzten  Jahresfrist
  vereinbart,  daß  Albrecht  noch  weitere  fünf  Jahre  allein
regiere,  Christoph  aber  jährlich  3000  Gulden  und  zur  Residenz

—  %

*)  In  der  Residenz  zu  München  sieht  man  einen  Stein  von  gewaltiger
Größe,  den  Herzog  Christoph  hob,  und  drei  Nägel  als  Wahrzeichen  geschehener
  Sprünge  in  der  Münchener  Residenz.

**)  Dieser  Bund,  dessen  Glieder  sich  nach  dem  von  ihnen  getragenen
Zeichen  „Ritter  des  Einhorns“"  nannten,  war  am  1.  September  1466
zu  Regensburg  von  41  Adeligen  angeblich  zur  Bekämpfung  der  hussitischen
Ketzerei,  in  Wirklichkeit  aber  zur  Beschränkung  der  herzoglichen  Gewalt  geschlossen
  worden.
        <pb n="227" />
        Bayern-München  unter  Albrecht  IV,  d.  Weisen.  211

die  Burg  Päl  erhalte  (6.  Mai  1469).  So  war  Albrecht
neuerdings  Alleinregent.

Die  Freundschaft  der  Brüder  dauerte  indessen  nicht  lange,
denn  Christoph  bereute  seinen  Verzicht  auf  die  Regierung,  machte
neue  Anschläge,  Mitregent  zu  werden,  und  ließ  in  seiner  unbesonnenen
  Großsprecherei  Aeußerungen  fallen,  die  seinen  Bruder
Albrecht  in  große  Bangigkeit  versetzten.  Da  ließ  Albrecht
seinen  Bruder,  als  er  zur  Fastnachtszeit  in  München  sich  aufhielt,
  durch  Niklas  von  Abensberg,  Burkhard  Rohrbeck
und  Lorenz  Bogner  (23.  Februar  1471)  im  Bade  überfallen,
gefangen  nehmen  und  in  einem  Thurme  (den  jetzt  der  neue  Residenzbau
  gegen  den  Hofgarten  zu  umschließt)  einsperren.  Dort
saß  Christoph  trotz  der  eindringlichen  Verwendung  aller  Verwandten
  (besonders  des  Pfalzgrafen  Otto  II  von  Neumarkt,  der
Christoph  sogar  einmal  des  Nachts  zu  befreien  suchte)  19  Monate
und  wurde  erst  dann  auf  freien  Fuß  gesetzt,  als  er  aller  Fehde
abgeschworen  und  36  Ritter  als  Bürgen  gestellt  hatte  (9.  Oktober
1472).  Gleichwohl  erhob  Christoph  noch  mehrmal  Ansprüche
auf  die  Mitregierung,  bis  endlich  (1485)  von  64  Mitgliedern
der  Stände  der  Spruch  erfolgte,  daß  Albrecht  IV  auf  Lebensdauer
  regieren  solle.

Inzwischen  hatte  Herzog  Albrecht  IV  den  Bürgern  der
Stadt  München  (1469)  ihre  Freiheiten,  besonders  das  Rechtsbuch
  und  das  darin  ausgesprochene  Pfandrecht  bestätigt,  1481
das  verpfändete  Stadtamhof  eingelöst  und  (1485)  Schloß  und
Stadt  Abensberg  sammt  den  Märkten  und  Burgen  Randeck
und  Altmannstein  eingezogen,  da  deren  letzter  Besitzer,  Graf
Niklas,  durch  Herzog  Christoph  bei  Freysing  (28.  Februar
1485)  umgekommen  war  50).

Gegen  das  Ende  des  Jahres  1485  verlobte  sich  Albrecht
zu  Innsbruck  mit  Kunigunde,  der  Tochter  des  Kaisers  Friedrich
  III  (1440—1493)7).  Dieser,  über  die  von  seiner  Tochter
beabsichtigte  Ehe  anfänglich  sehr  erfreut,  änderte  plötzlich  seinen
Sinn  und  nahm  seine  Zustimmung  zurück,  weil  Herzog  Albrecht
(26.  Juli  1486)  trotz  eines  kaiserlichen  Abmahnungsschreibens

*)  Siehe  oben  Seite  181  die  genealogische  Tafel  der  Habsburger.
14“
        <pb n="228" />
        212  Bayern-München  unter  Albrecht  IV,  d.  Weisen.

die  Huldigung  der  Stadt  Regensburg  entgegennahm,  die  dadurch
  aus  dem  unmittelbaren  Reichsverbande  schied.  Als  nun
(I.  Januar  1487)  Albrecht  ohne  Wissen  und  gegen  den  Willen
des  Kaisers  mit  Kunigunde  zur  Ehe  schritt  und  sichtlich  darauf
  abzielte,  Tyrol,  das  Herzog  Sigmund  von  Oesterreich-Tyrol
  seiner  Nichte  Kunigunde  als  Heirathgut  verheißen
hatte,  an  sich  zu  bringen,  da  gerieth  Kaiser  Friedrich  III  in
solche  Aufregung,  daß  er  dem  eigenen  Schwiegersohne  mit  der
Acht  drohte.  n

Diese  Stimmung  des  Kaisers  benützten  die  unzufriedenen
Ritter  Niederbayerns  und  schloßen  zu  Cham  (1489)  zur
Vertheidigung  ihrer  Rechte  gegen  Albrecht  den  Löwlerbund,
sogenannt  von  dem  Löwen,  welchen  die  Verbündeten  als  Insignie
an  einer  silbernen  Kette  am  Halse  trugen.  Diesem  Bunde,  der
sich  mit  dem  schwäbischen  Städtebunde  vereinigte,  traten
nicht  blos  die  Herzöge  Christoph  und  Wolfgang,  sondern
auch  der  Pfalzgraf  Otto  II  von  Neumarkt  und  König  Wladislaw'y
  (II  von  Böhmen  bei.  Herzog  Albrecht,  über  den  der  Kaiser
am  23.  Januar  1492  die  Acht  verhängte,  ging  männlich  in  den
Kampf,  den  blinde  Leidenschaft  entzündet  hatte.  Nachdem  er  die
Löpler  tüchtig  gezüchtigt  hatte,  erbot  er  sich  zur  Zurückgabe
Regensburgs  und  fäöhnte  sich  (25.  Mai  1492)  mit  seinem
Schwiegervater,  dem  Kaiser  Friedrich  III,  aus.  Von  nun  an
lebte  Albrecht  einzig  der  Sorge,  sein  Land  zu  innerer  Kraft
und  Blüthe  zu  führen,  und  ließ,  um  den  Handel  mit  Italien
zu  beleben,  im  Jahre  1492  die  Straße  über  den  steilen  Kesselberg
  bei  Kochel  bauen.  Der  unruhige  Herzog  Christoph  unternahm
  1493  eine  Wallfahrt  in's  heilige  Land,  starb  aber  auf
dem  Rückwege  auf  der  Insel  Rhodus  in  der  Pflege  der  Johanniter
  (15.  August  1493).

Aus  dem  Kriege  zwischen  Bayern  und  der  Pfalz  über  die
Landshuter  Erbschaft  ging  Albrecht  als  Haupterbe  hervor.
Gegen  das  Ende  seiner  Regierung  (am  8.  Juli  1506),  gab  er
vor  seinen  zu  Landshut  versammelten  Ständen  mit  Einwilligung
  des  Kaisers  Maximilian  I  (1493—1519)  und  seines
eigenen  Bruders,  Wolfgang,  das  wohlthätige  Hausgesetz,
„daß  Bayern  fortan  ungetheilt  nach  dem  Rechte  der
        <pb n="229" />
        Bayern  unter  Wilhelm  IV,  dem  Standhaften.  213

Erstgeburt  regiert  und  jeder  nachgeborne  Prinz  nur
den  Grafentitel  und  4000  Gulden  Jahrgehalt  bekom—
men  solle.“  Von  der  großen  Einsicht,  die  sich  in  diesem  Gesetze
  offenbarte,  ward  er  der  „Weise“  zugenannt.

Er  entschlief  am  Morgen  des  18.  März  1508  mit  Hinterlassung
  von  drei  Söhnen,  Wilhelm,  Ludwig  und  Ernst.
Seine  Leiche  wurde  in  der  Liebfrauenkirche  zu  München  beigesetzt.
  Kunigunde,  des  Herzogs  Wittwe,  ging  in  München
in  ein  Kloster,  wo  sie  am  6.  August  1520  starb.

Fünftes  Rapitel.

Bayern  von  der  Einführung  der  Primogenitur  bis
zum  Tode  des  Kurfürsten  Maximilian  I

(1506—1651)  J.

#  86.  Beim  Hinscheiden  Albrechts  IV,  des  Weisen  (1508),
war  sein  erstgeborner  Sohn,  Wilhelm,  erst  fünfzehn  Jahre
alt,  weshalb  anfänglich  für  ihn  sein  Oheim  Wolfgang  und
sechs  von  den  Ständen  ernannte  Männer  die  Regierung  besorgten
(1508—1511).  Nach  eingetretener  Volljährigkeit  (13.  November
1511)  regierte  Wilhelm  IV,  der  Standhafte  (1511—1550),

*)  Regenten  während  dieser  Zeit:

Albrecht  IV,  der  Weise,
(1465)  1506—1508.

Wilhelm  IV,  Ludwig  X  reg.  Ernst,  1517  Administrader
  Standhafte,  1514—1545  tor  des  Bisthums  Passau,
1508—1550.  mit  seinem  Bruder  1540  des  Erzbisthums
Wilhelm  IV.  Salzburg,  dankt  1554

ab  und  1560.

 

Albrecht  V,  der  Großmüthige,
4550—1579.

Wilhelm  V,  der  Fromme,  .
1579—1597,  1626.
Marximilian  1,  1597—1623
Herzog,  1623—1651  Kurfürst.
        <pb n="230" />
        214  Bayern  unt.  Wilhelm  IV,  d.  Standh.  u.  Ludwig  X.

selbst,  gerieth  aber  bald  mit  seinem  herrschbegierigen  Bruder
Ludwig,  Grafen  von  Vohburg,  in  Streit.  Dieser  behauptete,
das  Erbfolgegesetz  seines  Vaters  leide  auf  ihn  keine  Anwendung,
da  er  vor  dem  Erlasse  desselben  geboren  sei  (18.  September  1495),
und  forderte  den  dritten  Theil  des  Landes  für  sich,  das  zweite
Drittel  für  seinen  Bruder  Ernst,  Grafen  von  Riedenburg.
Darin  ward  er  von  der  Mutter  Kunigunde,  den  Ständen
des  Landes,  von  Herzog  Ulrich  1  von  Württemberg  und
selbst  von  Kaiser  Maximilian  I,  seinem  Oheim  von  mütterlicher
  Seite,  unterstützt.  Nach  mehrfachen  Unterhandlungen
(17.  Februar  1514  und  14.  Oktober  1514)  kamen  beide  Brüder
überein,  daß  drei  Jahre  hindurch  Wilhelm  in  München,
Ludwig  in  Landshut  regiere.  Dieser  Vertrag  wurde  zu
München  am  12.  Februar  1516  auf  neue  fünf  Jahre  verlängert
  und  in  dem  nämlichen  Jahre  auf  dem  Landtage  zu
Ingolstadt  beschloßen,  auf  zehn  Jahre  nur  Eine  Hofhaltung
zu  haben  und  Alles  gemeinsam  in  Einem  Rathe  zu  behandeln.
Hieronymus  von  Stauff,  Reichsfreiherr  zu  Ehrenfels,
der  diese  Einigung  der  Brüder  zu  hindern  gesucht  hatte,  wurde
(8.  April  1516)  zu  Ingolstadt  enthauptet.

Die  beiden  Herzöge  regierten  seit  dem  Münchner  Vertrage
friedlich  neben  einander  und  vergrößerten  im  Jahre  1517  das
herzogliche  Land  durch  Ankaufung  der  Grafschaft  Hals  von  den
Freiherren  von  Degenberg,  die  sie  1485  von  den  Aichberg
  an  sich  gebracht  hatten.  Das  Jahr  1518  führte  für
Wilhelm  einen  Krieg  mit  dem  Herzoge  Ulrich  I  von  Württemberg
  herbei.  Dieser,  ein  roher  sittenloser  Mensch,  hatte
(1516)  seine  Gemahlin  Sabina,  die  Schwester  des  Herzogs
Wilhelm,  verstoßen  und  bald  darauf  die  Reichsstadt  Reutlingen
  mit  Gewalt  genommen,  was  Kaiser  Maximilian,  der
Oheim  der  verstoßenen  Sabina,  dadurch  ahndete,  daß  er  über
den  gewaltthätigen  Ulrich  die  Acht  verhängte.  Da  die  Stadt
Reutlingen  im  schwäbischen  Bunde  war,  so  wurde  diesem  die
Vollziehung  der  Acht  übertragen,  und  die  Schwaben  wählten  den
Herzog  Wilhelm  von  Bayern,  der  ebenfalls  Mitglied  ihres
Bundes  war,  zum  Oberanführer  des  aufgebotenen  Heeres.  Ulrich
wurde  besiegt  und  zur  Flucht  genöthigt,  sein  Land  übernahm
        <pb n="231" />
        Bayern  unt.  Wilhelm  IV,  d.  Standh.  u.  Ludwig  X.  215

Karl  V  (1519—  1556),  der  Enkel  und  Nachfolger  Maximilians  I,
zur  Verwaltung.

Eines  besonderen  Rufes  hatte  sich  um  diese  Zeit  die  Universität
  Ingolstadt  zu  erfreuen,  welche  die  bayerischen  Herzöge
  selbst  besucht  hatten  und  seitdem  auf  das  Freigebigste  unterstützten.
  An  dieser  Hochschule  wirkten  zwischen  1492  und  1589
theils  längere,  theils  kürzere  Zeit  fast  alle  durch  Wissenschaft
ausgezeichneten  Männer,  welche  Deutschland  damals  aufzuweisen
hatte,  darunter  Johann  Thurmayr,  der  Vater  der  bayerischen
Geschichtschreibung,  der  sich  von  Abensberg,  seinem  Geburtsorte,
  den  Namen  „Aventin“  beilegte  #1).

In  den  religiösen  Unruhen,  zu  welchen  Dr.  Martin  Luther,
Augustinermönch  in  Erfurt  und  Profeßor  der  Theologie  an  der
neu  gestifteten  Universität  Wittenberg,  im  Jahre  1517  den
Anstoß  gegeben,  erblickten  Bayerns  Herzöge  eine  Zeit  lang  weiter
nichts  als  eine  von  den  vielen  Schulstreitigkeiten,  die  damals  im
Gange  waren,  und  achteten  daher  wenig  darauf.  Als  aber  Luthers
Lehre  in  Bayern  an  verschiedenen  Orten  Anhänger  fand,  da
nahm  Herzog  Wilhelm  zu  strengen  Mitteln  seine  Zuflucht,  um
den  alten  Glauben  in  Bayern  zu  erhalten.  Es  wurden  Luthers
Schriften  verboten,  die  Söhne  des  Landes  von  der  wittenbergischen
Hochschule  abgerufen,  die  verheiratheten  Priester  streng  bestraft,
jedem  Unterthan  untersagt,  die  Reichsstädte  Regen  sburg  und
Augsburg  zu  besuchen,  und  noch  andere  strenge  Strafbefehle
gegeben.  Diese  Maßregeln  hinderten  indessen  nicht,  daß  viele
Bayern,  besonders  solche,  die  den  gebildeten  Ständen  angehörten,
offen  zu  Gunsten  Luthers  und  seiner  Lehre  auftraten.  Am
weitesten  ging  hierin  Argula,  des  Freiherrn  Friedrich  von
Krumbach  Gemahlin,  eine  Tochter  des  Freiherrn  Bernhardin
von  Stauff,  dessen  Bruder  Hieronymus  von  Stauff  1516
zu  Ingolstadt  wegen  Hochverrathes  enthauptet  worden  war.
Genannte  Argula  von  Krumbach  schrieb  von  Dietfurt  aus,
wo  sie  wohnke,  an  den  Rektor  und  den  Senat  der  Universität
Ingolstadt  einen  Brief,  worin  sie  in  scharfen  Ausdrücken  tadelte,
daß  die  Universität  den  Magister  Arsacius  Seehofer  3)  zu
Ingolstadt  wegen  Hinneigung  zum  Lutherthume  von  der  Universität
  ausgeschlossen,  zum  Widerruf  gezwungen  und  zu  Ettal  in
        <pb n="232" />
        216  Bayern  unt.  Wilhelm  IV,  d.  Standh.  u.  Ludwig  X.

Haft  genommen  habe.  Als  sie  auf  ihr  beigefügtes  Anerbieten,
die  Grundsätze  Seehofers  in  einer  öffentlichen  Disputation
gegen  die  Universität  vertheidigen  zu  wollen,  die  gebührende  Abfertigung
  erhielt  (Profeßor  Dr.  Johann  Eck  sandte  ihr  einen
Spinnrocken  zu),  wandte  sie  sich  mit  einem  förmlichen  Mahnbrief
an  den  Herzog  Wilhelm,  fand  aber  bei  diesem  keine  günstige
Beurtheilung  und  wurde  auf  den  Antrag  des  einflußreichen
Kanzlers  Leonhard  von  Eck  (1523)  aus  Bayern  verbannt.
Durch  sorgfältige  Bewachung  der  Grenze  und  durch  milde  Behandlung
  des  Bauernstandes  wehrten  beide  Herzöge  von  ihrem
Lande  den  Gräuel  des  im  Jahre  1524  ausgebrochenen  Bauernkrieges
  ab,  der  die  Länder  vom  Rhein  bis  zum  Lech,  besonders
  die  Gegend  um  Kempten,  Würzburg,  Kitzingen  und
Rothenburg  verwüstete  und  später  die  Thäler  von  Eichstädt
und  Salzburg  heimsuchte.

Ein  nachhaltiges  Bollwerk  setzte  Herzog  Wilhelm  der
weiteren  Ausbreitung  der  Lutherischen  Lehre  in  seinem  Lande
erst  dadurch  entgegen,  daß  er  sich  auf  den  Rath  seines  Kanzlers,
Leonhard  von  Eck,  im  Jahre  1548  vom  Papste  PaulII  (1534—
1594)  einige  Mitglieder  des  im  Jahre  1540  approbirten  Jesuiten=Ordens
  #8)  als  Lehrer  an  die  Universität  Ingolstadt
erbat.  Der  Papst  schickte  ihm  drei,  den  Savoyarden  Claudius
Jajus,  den  der  Herzog  sich  eigens  erbeten  hatte,  den  Spanier
Alfons  Salmeron  und  den  Niederländer  Peter  Canisius.
Sie  kamen  am  13.  November  1549  in  Ingolstadt  an  und  eröffneten
  am  26.  November  desselben  Jahres  ihre  Vorlesungen.
Jajus  und  Salmeron,  die  sich  schon  1550  von  Ingolstadt
wieder  entfernten,  ersterer  an  den  bischöflich  Augsburgischen  Hof
nach  Dillingen,  letzterer  nach  Neapel,  wurden  (1550)  durch
zwei  andere  Jesuiten  ersetzt,  Jajus  durch  Petrus  Schorichius,
Salmeron  durch  Nikolaus  Gaudanus.  Doch  erfolgte  die
definitive  Berufung  der  Jesuiten  an  die  Ingolstädter  Hochschule
nicht  schon  jetzt,  sondern  erst  im  Jahre  1556  unter  dem  Herzoge
  Albrecht  V.

Während  der  religiösen  Gährung,  die  seit  dem  Jahre  1517
ununterbrochen  anhielt  und  mit  jedem  Tage  wuchs,  hatte  Herzog
Wilhelm  1V  sein  Bestreben  dahin  gerichtet,  die  Krone  Böh-
        <pb n="233" />
        Bayern  unter  Wilhelm  IV,  dem  Standhaften.  217

mens  an  sich  zu  bringen,  da  Ludwig,  der  König  von  Böhmen
und  Ungarn,  im  Jahre  1526  in  der  Schlacht  bei  Mohacz
gegen  die  Türken  gefallen  war,  ohne  Leibeserben  zu  hinterlassen.
Allein  des  Kaisers  Maximilian  I  zweitgeborner  Enkel,  Ferdinand
  I,  welcher  Anna,  König  Wladislaws  V  (II)  von  Böhmen
  *)  Tochter  und  König  Ludwigs  II  von  Ungarn  Schwester,
zur  Frau  hatte,  kam  ihm  nicht  blos  in  diesem  Falle,  sondern
auch  in  dem  spätern,  wo  beide  (1529/1530)  "°)  sich  um  die
Wahl  zum  römischen  König  bemühten,  durch  Geld  und
Versprechungen  zuvor.  Dagegen  gelang  es  dem  Herzoge  Wilhelm
  1V,  nach  dem  Tode  seines  Bruders  Ludwig  X  (#  1545)
die  Regierung  Bayerns  allein  zu  behaupten,  da  Ernst,  der  dritte
von  den  herzoglichen  Brüdern,  welcher  1517  Administrator  des
Bisthums  Passau  und  1540  Administrator  des  Erzbisthums
Salzburg  geworden  war,  auf  die  Mitregierung  verzichtete.
Herzog  Erust,  der  die  Weihen  nicht  genommen  hatte,  legte  1454,
als  Rom  ihn  drängte,  sich  consecriren  zu  lassen,  das  Erzbisthum
Salzburg  nieder  und  lebte  fortan  auf  seiner  in  Böhmen  erkauften
  Herrschaft  Glatz  bis  zu  seinem  Tode  (7.  Dezbr.  1560).

*)  Die  Könige  Böhmens  von  Sigmund  aus  dem  Hause  Böhmen=Luxemburg
  bis  auf  Ferdinand  1  von  Habsburg:

Sigmund,  deutscher  Kaiser  1410—1437,
König  von  Böhmen  1419—1437.

Elisabeth,  Gemahl:  Albrecht  V  von
Habsburg,  als  deutscher  König  der  II,
1438—1439;  König  von  Böhmen  1438—1439.

Erlisabeth,  Gemahl:  Kasi=  Wladislaw  IV  (1)  Posthumus,
mir  IV,  König  von  Polen,  König  von  Böhmen  1453—1457;
1  1492.  stirbt  ohne  Kinder.

Wladislaw  V  (II),
König  von  Böhmen  1471—1516.

Anna;  Gemahl:  Ferdinand  I.  Ludwig,  1516  König  von  Böhmen
Erzherzog  von  Oesterreich,  ein  u.  Ungarnz;  fällt  bei  Mohacz  1526
Bruder  Kaiser  Karls  V;  wird  gegen  die  Türken;  Gemahlin:  Marie,

 

 

 

 

1526  König  von  Böhmen,  die  Schwester  Ferdinands  1  von
1556  deutscher  König,  Habsburg,  der  Ludwigs  Schwester
+  1564.  Anna  zur  Gemahlin  hatte.

“)  Zur  Zeit,  wo  Kaiser  Karl  V,  Ferdinands  I  Bruder,  wegen  der
Plünderung  Roms  vom  Papste  Clemens  VII  mit  dem  Kirchenbanne  belegt
  war.
        <pb n="234" />
        218  Bayern  unter  Wilhelm  IV,  dem  Standhaften.

Was  den  beiden  Herzögen  Wilhelm  IV  und  Ludwig  X  die
Regierung  ihres  Landes  wesentlich  erleichterte,  das  sind  die  vielen
Verbesserungen,  die  sie  auf  dem  Gebiete  der  gesammten  Gesetzgebung
  vorgenommen  haben.  Im  Jahre  1516  erschien  das
„Buch  der  gemeinen  Landpot  cc.  2c.“,  ein  Polizeigesetzbuch,
von  welchem  1520  zu  München  eine  neue  Ausgabe  erfolgte;  im
Jahre  1518  erschien  zu  München:  „Reformazion  der  bayerischen
  Landrecht",  eine  Revision  des  Rechtsbuches  von  Ludwig
  dem  Bayern  für  Oberbayern;  1520  erschien  zu  München:
„Gerichtsordnung  im  Fürstenthumb  Ober=  und  Niederbayern“".
  Auch  waren  beide  Herzöge  bemüht,  den  Uebergriffen
der  Landstände  zu  begegnen  und  dieselben  auf  das  ihnen  zuständige
  Gebiet  zurückzuweisen.  Nachdem  diese  schon  1507  und
1508  von  Herzog  Albrecht  IV  und  Herzog  Wolfgang  als
Vormünder  Wilhelms  IV  „die  Erklärung  der  Landesfreiheiten“
  erhalten,  ließen  sie  1514  zum  ersten  Male  die
Sammlung  ihrer  Freiheitsbriefe,  34  an  der  Zahl,  im  Drucke  erscheinen
  unter  dem  Titel:  des  löblichen  Haus  und  Fürstenthumb
  Obern=  und  Niedern-Bayern  Freyheiten  2c.  2c."
Da  die  Landstände  wegen  der  damaligen  Zeitverhältnisse,  theils
wegen  der  drohenden  Türkengefahr,  theils  wegen  der  ausgebrochenen
kirchlichen  Spaltung  oft  versammelt  werden  mußten,  so  wurden
sie  um  diese  Zeit  jene  Behörde,  denen  das  ganze  Steuer=  und
Schuldenwesen  des  Landes  übertragen  wurde.  Sie  bildeten  deshalb
aus  sich  einen  ständigen  Ausschuß  mit  einem  eigenen  Kanzler  —
die  sogenannte  Landsteuer.

Ingolstadt  wurde  1539  unter  der  Leitung  des  Grafen
Reinhard  von  Solms-Münzenberg  mit  einem  Umfange  von
5000  Schritten  zur  Festung  gemacht,  in  Landshut  wurde  auf
des  Herzogs  Ludwig  Betrieb  1536—1543  die  herzogliche  Residenz
  durch  den  Baumeister  Bernhard  Zwitzel  von  Augsburg
aufgeführt,  in  Reichenhall  ließ  Herzog  Wilhelm  IV  einen
langen  unterirdischen  Kanal  zur  Ableitung  des  süßen  Wassers
von  den  Salzquellen  herstellen,  wodurch  die  für  Bayern  so  einträglichen
  Salzsiedereien  bedeutend  emporkamen.

Herzog  Wilhelm  IV  starb  am  6.  März  1550  mit  dem
Namen  des  „Standhaften“,  den  er  sich  durch  seine  feste  Ausdauer
  bei  der  Lehre  der  katholischen  Kirche  erworben  hat.  Seine
Wittwe  Maria  Jakobäa,  des  Markgrafen  Philipp  I  von  Baden
Tochter,  starb  im  Jahre  1580  und  wurde  an  der  Seite  ihres
Gemahls  Wilhelm  IV  in  der  Liebfrauenkirche  zu  München
beigesetzt.
        <pb n="235" />
        Bayern  unter  Albrecht  V,  d.  Großmüthigen.  219

§  87.  Dem  Herzoge  Wilhelm  IV  folgte  in  der  Regierung
Bayerns  sein  Sohn  Albrecht  V,  der  Großmüthige  (1550—
1579).  Dieser  war  durch  den  Besuch  der  öffentlichen  Schulen
Ingolstadts  und  durch  Reisen  in  Italien  gebildet  und  seit  1546
mit  Anna  von  Oesterreich,  einer  Tochter  Ferdinands  17),

*)  Genealogische  Tafel  der  Habsburger  von  Maximilian  I  bis  auf
Franz  I  mit  Angabe  der  bayerischen  Herrscher,  die  von  Anna,  der  Tochter
Ferdinands  I,  abstammen:

Maximilian  I,  Kaiser  1493—1519.

Philipp,  7  1506;  durch  seine  Gemahlin
Johanna,  Ferdinands  des  Katholischen  und  der
Isabella  Erbtochter,  König  von  Castilien.

Karl,  als  Ferdinand  I,  Kaiser  Marie,
Kaiser  V,  1556—1564;  Gemahlin:  1  1558;
1519—1556;  Anna,  König  Wladis-  Gem.:  Lud-+
  1558.  laws  V  (II)  von  Böhmen  wig  II,  König
Tochter  und  Schwester  von  Ungarn.

König  Ludwigs  II  v.  Ungarn.

 

.

 

Maximilian  II,  Anna,  geb.  7.  Juli  Karl,  Erzherzog  von
Kaiser,  1528;  Gem.:  Herzog  Oesterreich,  1590;
1564—1576.  Albrecht  V  von  Gemahlin:  Marie,  des
«  Bayern  1550—1579.  Herzogs  Albrecht  V  von

l  Bayern  Tochter.

—  ——  —  L  —  —  —  —  —
Rudolf  II,  Mathias,  Wilhelm  V,  Ferdinand  II,  Kaiser

 

Kaiser  Kaiser  Herzog  von  Bayern,  1619—1637;  Gemahlin:
1576-1612.  1612-1619.  1579—1597;  Marie  Anna,  des  Her-+

  1626.  zogs  Wilhelm  V  von
I  Bayern  Tochter.

——r  qç  —  —  —
Maximilian  1,  1597—  Ferdinand  III,  Kaiser
1623  Herzog  und  1623—  1637—1657.

1651  Kurfürst  von  Bayern.  l

r  â—  —  —  —
Ferdinand  Maria,  Kurfürst  Leopold  I,  Kaiser

 

 

von  Bayern  1651—1679.  1658—1705.

-  —  S  —...  —  —
Maximilian  II  Emanuel,  Kurfürst  Joseph  I,  Karl  VI,
v.  Bayern  1679—1726;  1.  Gem.:  Kaiser  Kaiser
Marie  Antonie,  Kaiser  Leopolds  I  1705—1711.  1711—

und  der  Margaretha  Theresia  von  1740.

Spanien  Tochter;  2.  Gem.:  Therese
Kunigunde,  des  Polenkönigs  Johann  III
Sobiesky  Tochter.

 

A

%  –—..  —
1  2  Maria  There-Joseph

  Ferdinand  Karl  Albert,  Kurfürst  sia,  geb.  1717,.
geb.  28.  Okt.  1692,  von  Bayern  1726,  Kaiser  1  1780;  Gem.:
4  6.  Febr.  1699  unter  d.  Namen  Karl  VII  Franz,  Großzu

  Brüssel.  1742—1745.  herzog  von  Tos-—
  —  —  cana;  deutscher
Maximilian  III  Joseph,  Kaiser  1745—

Kurfürst  von  Bayern  1745—1777.  1765.
        <pb n="236" />
        220  Bayern  unter  Albrecht  V,  d.  Großmüthigen.

vermählt.  Durch  seine  Klugheit  und  durch  seinen  Sinn  für  alles
Gute  und  Schöne  hofften  die  Bayern  auf  den  Gipfelpunkt  ihres
Glückes  erhoben  zu  werden,  und  diese  Hoffnung  würde  nicht  getäuscht
  worden  sein,  wären  die  damaligen  Zeitverhältnisse  nicht
in  so  hohem  Grade  ungünstig  gewesen.

Der  erste  Stoß  ward  der  gedeihlichen  Entwicklung  Bayerns
durch  den  Kurfürsten  Moritz  von  Sachsen  versetzt,  der  als
Protestant  vom  Kaiser  Karl  V  beauftragt  war,  die  Stadt
Magdeburg,  welche  des  Kaisers  Interims-Verordnungen
vom  Jahre  1548  nicht  angenommen  hatte,  zu  beugen.  Statt
diesem  Auftrage  nachzukommen,  führte  Moritz  (1552)  sein  Heer
gegen  den  Kaiser,  der  sich  eines  Angriffes  von  dieser  Seite  her
nicht  im  mindesten  versehen  hatte.  Obwohl  Herzog  Albrecht  V.
von  Bayern  sich  für  neutral  erklärte,  wurde  doch  in  seinem
Lande  auf  empörende  Weise  verfahren.  Es  erfolgte  (31.  Juli
und  2.  August  1552)  zu  Passau  ein  Vertrag,  der  den  Evangelischen,
  wie  sich  die  Anhänger  der  neuen  Lehre  nannten,
freie  Religionsübung  bis  zur  Entscheidung  durch  einen  Reichstag
zusicherte.  Dieser  Reichstag  kam  1555  zu  Augsburg  zu  Stande,
und  in  dem  Reichstagabschiede  (25.  September  1555),  den  man
den  Augsburger  Religionsfrieden  nenut,  wurde  festgesetzt,  daß  den
lutherischen  Reichsständen  von  ihren  katholischen  Mitständen  völlige
  Gewissensfreiheit  und  freie  Religionsübung  zugestanden  wurde.
Dagegen  setzte  Kaiser  Karl  V,  freilich  unter  Protestation  der
lutherischen  Reichsstände,  das  sogenannte  „Reservatum  ecclesiasticum"
  oder  die  Forderung  der  Katholiken  durch,  daß  die
Besitzer  katholischer  Kirchenpfründen,  wenn  sie  zur  lutherischen
Confession  übergehen  würden,  ihre  Pfründen  verlieren  sollten.

Da  trotz  des  Friede  verheißenden  Augsburger  Reichstag-Abschiedes
  der  religiöse  Unfriede  fortdauerte  und  die  Türkengefahr
täglich  näher  rückte,  mußte  Albrecht  V  stets  gerüstet  dastehen
und  hiefür  Summen  aufwenden,  die  er  allein  nicht  bestreiten
konnte.  Daher  wurden  die  Landstände  ungewöhnlich  oft  berufen
  und  von  ihnen  Beiträge  und  Uebernahme  der  Schulden
verlangt.  Die  Stände  bewilligten,  wenn  auch  vielfach  erst  nach
langem  Widerstreben,  große  Summen,  vergaßen  aber  dabei  nie
sich  selbst,  indem  sie  sich  nicht  blos  ihre  alte  Freiheiten  bestätigen
        <pb n="237" />
        Bayern  unter  Albrecht  V,  d.  Großmüthigen.  221

ließen,  sondern  auch  neue  erwarben.  So  errang  sich  im  Jahre
1557  der  Ritterstand  den  sechzigsten  Freiheitsbrief,  durch  welchen
vollkommene  Edelmannsfreiheit  und  Hofmarksrecht  sogar
für  einzelne  Güter  und  Höfe  verliehen  wurden.

Obschon  dem  Herzog  Albrecht  V  der  katholische  Glaube
über  Alles  ging,  so  verfuhr  er  doch  gegen  die  Neugläubigen
schonend  und  mild,  denn  er  sah  ein,  daß  sich  die  bestehende
Spaltung  durch  Gewalt  nicht  mehr  beseitigen  lasse  und  hier
durch  Mittel  anderer  Art  geholfen  werden  müsse.  Das  Meiste
erwartete  er  von  der  allgemeinen  Kirchenversammlung  zu
Trient,  welche  zu  diesem  Zwecke  schon  im  Jahre  1545  zusammengetreten
  war.  Dahin  sandte  Herzog  Albrecht  (1562)  seinen
beredten,  unerschrockenen  Rath  Augustin  Baumgartner  und
den  Jesuiten  Johann  Couvillon,  welche  die  Wünsche  ihres
Herrn  und  die  Verhältuisse  der  katholischen  Kirche  in  Bayern
den  versammelten  Vätern  ohne  Rückhalt  auseinandersetzten.  Als
endlich  (1563)  die  tridentinische  Kirchenversammlung  ihre  Dekrete
kund  that,  trug  Albrecht  V  kein  Bedenken,  denselben  beizupflichten
  und  sie  in  seinem  Lande  verkündigen  zu  lassen.  Von
nun  an  legte  er  die  Nachsicht  gegen  die  Neugläubigen  ab  und
suchte  mit  aller  Strenge  das  weitere  Umsichgreifen  der  lutherischen
Lehre  zu  hindern.  Sein  Hofmeister,  Graf  von  Schwarzenberg,
  der  Jesuit  Couvillon  und  ein  im  Jahre  1556  errichteter
geistlicher  oder  Religions-Rath  gingen  ihm  dabei  hilfreich
an  die  Hand.

Dieses  Auftreten  erzeugte  aber  doch  unter  einigen  bayerischen
Edlen,  welche  der  neuen  Lehre  im  Herzen  zugethan  waren,  einiges
Mißvergnügen,  welches  gelegentlich  der  von  dem  Herzog  angeordneten
  Unterdrückung  der  lutherischen  Lehre  zu  Mattighofen,
einem  dem  reichsfreien  Grafen  Joachim  von  Ortenburg  gehörigen
  bayerischen  Landsassengute,  durch  mehrere  Briefe,  die  in
einem  Schranke  gefunden  wurden,  an's  Licht  kam.  Sieben  baherische
  Edle  (Wolf  Dietrich  von  Marlrain  Freiherr  zu  Waldeck,
Pancraz  von  Freyberg  zu  Hohenaschau  und  Wildenwart,
Achaz  von  Laimingen  zu  Tegernbach  und  Ahaim,  Hieronymus
  von  Seyboltstorf  zu  Schenkenau,  Hans  Christoph
Baumgartner  zu  Frauenstein  und  Ritzingen,  Joseph  Fröschl
zu  Marzell  und  Karlstein  und  Mathias  Pelkofer  zu  Wang,)
waren  hiebei  betheiligt,  erhielten  aber,  als  sie  den  Weg  der  Gnade
        <pb n="238" />
        222  Bayern  unter  Albrecht  V,  d.  Großmüthigen.

einschlugen,  von  dem  Herzoge  Verzeihung;  nur  einer  derselben
(Pancraz  von  Freyberg)  wurde  einige  Monate  in  Haft  gehalten
  (1564).  Wegen  des  Grafen  von  Ortenburg  entschied
der  deutsche  König  Max  II  dahin,  daß  demselben  das  Reformationsrecht
  wohl  in  seiner  reichsunmittelbaren  Herrschaft
Ortenburg  (bei  Passau)  zustehe  (daher  denn  auch  der  Markt
Ortenburg  lutherisch  blieb),  nicht  aber  in  jenen  seiner  Güter,
um  deren  willen  er  bayerischer  Landsasse  war.

Da  sich  um  diese  Zeit  bemerklich  machte,  daß  die  von  Bayern
ferne  gehaltenen  Prediger  der  lutherischen  Lehre  ihre  Glaubenssätze
  mittels  gedruckter  Bücher  in  Umlauf  setzten,  erließ  Herzog
Albrecht  1565  ein  Gesetz,  worin  der  Verkauf  aller  Bücher  verboten
  war,  die  nicht  aus  inländischen  Druckereien  hervorgingen.
Im  Jahre  1569  wurde  ein  förmliches  Verzeichniß  der  unzuläßigen
Bücher  hergestellt  und  den  im  Lande  herumreisenden  Ingquisitoren
deren  Wegnahme  befohlen.  Auch  wurde  den  Studirenden  der
Besuch  ausländischer  Universitäten  mit  Ausnahme  derer  zu  Köln,
Löwen,  Dillingen  und  Freiburg  im  Breisgau  neuerdings
untersagt.  —  Im  gleichen  Jahre  erschien  auch  eine  neue  auf  die
Befestigung  im  katholischen  Glauben  berechnete  Schulordnung
für  Ober=  und  Niederbayern,  die  einen  höchst  wohlthätigen
Einfluß  übte.

Herzog  Albrecht  V  war  aber  nicht  nur  ein  Eiferer  für  den
katholischen  Glauben,  sondern  auch  ein  Freund  der  Pracht,  der
Wissen  schaft  und  der  Künste,  besonders  der  Musik  und  unermüdlich
  in  der  Gründung  und  Bereicherung  artistischer  und
anderer  gemeinnütziger  Anstalten.

München,  die  Hauptstadt  des  Landes,  sowie  die  Schlösser
Ländshut,  Isareck,  Dachau  und  Starnberg  wurden  mit
geschmackvollen  Gebäuden  und  Anlagen  verschönert;  er  legte  den
Hofgarten  in  München  an  und  unterhielt  eine  zierliche  Lustflotte
  auf  dem  Starnberger-See.

Für  die  Hebung  und  Verbreitung  der  geistigen  Bildung
sorgte  Albrecht  vornehmlich  durch  Gründung  und  Unterhaltung
zweckmäßiger  Lehranstalten  und  Seminarien.  So  schuf  er
im  Jahre  1559  in  München  das  erste  Pädagogium  —  das
jetzige  Wilhelms-Gymnasium;  ebenda  gründete-er  1573  ein  Seminar
  oder  Pfleghaus,  indem  er  seinem  Hofprediger  und
Beichtvater  der  Hoffrauen,  dem  Jesuiten  Baptista  Confluentius,
400  Gulden  mit  der  Weisung  einhändigte,  daß  jährlich  etliche
arme  und  talentvolle  Schüler  des  Pädagogiums  gegen  die  Verpflichtung,
  als  Sänger  in  der  Kirche  zu  dienen,  in  einem  eigenen
Hause  untergebracht  und  in  solange,  als  nicht  andere  Mittel  vorhanden
  seien,  auf  Kosten  des  herzoglichen  Hofes  verpflegt  werden
        <pb n="239" />
        Bayern  unter  Albrecht  V,  d.  Großmüthigen.  223

sollen.  Des  Herzogs  ältester  Sohn,  Wilhelm  V,  der  sich  an
dem  edlen  Werke  seines  Vaters  zu  betheiligen  wünschte,  kaufte  in
demselben  Jahre  mehrere  in  der  Neuhauser=  und  ehemaligen  Röhrlsbecker=
  (jetzt  Herzogspital-)  Gasse  gelegene  Häuser  nebst  Hofräumen
und  Gärten,  und  ließ  noch  im  Laufe  des  Jahres  1573  Ein
Haus  in  Quadratform  herstellen,  welches  von  den  Seminaristen,
die  inzwischen  in  einem  in  der  Sendlingerstraße  gemietheten  Hause
untergebracht  worden  waren,  vor  Ostern  des  Jahres  1574  bezogen
wurde').  —  Im  Jahre  1575  gründete  Herzog  Albrecht  V  zu
Ingolstadt  das  „Seminarium  Albertinum“  zur  Aufnahme
armer  Studirender  und  ein  neues  Pädagogium,  welches  den  Jesuiten
  übergeben  wurde,  und  vollendete  (1575)  in  derselben  Stadt
den  von  ihm  unternommenen  Bau  des  Jesuiten-Kollegiums.
In  München  stiftete  er  1578  auf  den  Vorschlag  der  Jesuiten
das  „Contubernium  St.  Michaelis“,  ein  Erziehungshaus,
in  welchem  adelige  Jünglinge  zur  Uebernahme  hervorragender
Kirchen=  und  Staatsämter  besonders  vorbereitet  werden  sollten.  —
An  der  Universität  Ingolstadt  genoßen  unter  Herzog  Albrecht  V
einen  besondern  Ruf  die  auch  durch  ihren  Rücktritt  zur  katholischen
Kirche  namhaft  gewordenen  Friedrich  Staphylus  aus  Osnabrück
  (1560—1564),  Martin  Eisengrein  aus  Stuttgart
(1562  —  1578)  und  Kaspar  Frank  aus  Meissen  (1568—
1584);  ferner  die  ausgezeichneten  Theologen  des  Jesuitenordens
Alfons  Pisanus  aus  Toledo  (1559—1567),  Peltanus
aus  dem  Lüttich'schen  (1562—1574),  Hieronymus  Torres,
ein  Spanier  aus  Catalonien  (1567—1575),  und  Gregor
von  Valencia  (1574—1598),  der  Mentor  Maximilians  1
während  seines  akademischen  Studiums  in  Ingolstadt.

Das  Orchester  an  Albrechts  Hofkapelle  war  das  vorzüglichste
von  ganz  Deutschland.  An  der  Spitze  stand  Noland  de  Lattre,
genannt  „Orlando  di  Lasso“  aus  Bergen  im  Hennegau  (geb.
1533,  kommt  1557  nach  München,  wird  1562  als  Kapellmeister

*)  Das  ist  der  Ursprung  des  gegenwärtigen  „königlichen  Erziehungs-Institutes“,
  welches  eine  Zeit  lang  von  einem  dem  hl.  Gregor  geweihten
Kirchlein  (erbaut  von  dem  Kurfürsten  Maximilian  I  im  Jahre  1646  in
der  Neuhausergasse  neben  dem  vom  Herzog  Wilhelm  V  geschenkten  Seminar-Gebäude)
  des  „Seminarium  St.  Gregorii“,  und  von  1812—1841
nach  einem  seiner  Direktoren,  dem  aus  dem  Benediktiner-Kloster  Nerisheim
ausgeschiedenen  Priester  Benedikt  von  Holland,  das  „hollandische“
hieß.  Durch  König  Ludwig  1  von  Bayern,  der  am  4.  November  1850
die  Benediktiner-Abtei  St.  Bonifaz  in  München  stiftete,  kam  dieses  Institut
unter  die  Leitung  dieser  Abtei,  für  welche  es  König  Ludwig  von  1841—
1850  durch  die  Benediktiner-Abtei  Metten  hatte  verwalten  lassen.
        <pb n="240" />
        224  Bayern  unter  Albrecht  V,  d.  Großmüthigen.

angestellt  und  stirbt  1595°)  zu  München);  seiner  Leitung  waren
unterstellt:  Simon  Gatti  und  Masiamo  Trajano,  Julio
Gilgii,  Petro  Pietro,  Ottani,  Victorin,  Pelasco,
Zachenstorfer,  Schenfelder,  Schüßl  und  Agnollo.
Orlando's  Schüler,  Adam  Gumpelzheimer  aus  Trostberg,
war,  weil  Protestant,  nicht  bei  der  Hofkapelle  zu  München  verwendet,
  sondern  Sänger  bei  St.  Anna  in  Augsburg.

Unter  den  Malern  hatten  sich  Christoph  Schwarz  aus
Ingolstadt  (1  1597),  Hans  Mielich  aus  München  (1  1572)
und  Peter  de  Witte  (Candito)  aus  Brügge  (1573—1628),
unter  den  Kupferstechern  Johann  Sadeler  aus  Brüssel
(1588—1595;  4  1600  zu  Venedig)  der  herzoglichen  Gunst  und
Freigebigkeit  im  hohen  Grade  zu  erfreuen.

In  der  neuen  Veste  (einem  Theile  der  heutigen  Residenz,  deren
Bau  den  Herzögen  Stephan  III,  dem  Kneyffel,  und  Friedrich
1386  von  den  Münchnern  bewilligt  und  von  Herzog  Albrecht  IV
1469  ausgeführt  worden  war)  legte  Herzog  Albrecht  V  den  Grund
zur  gegenwärtigen  Hof=  und  Staatsbibliothek  durch  Ankauf
der  seltensten  Bücher  und  Handschriften.  Von  dem  gelehrten  Arzt
Hartmann  Schedel  in  Nürnberg  wurden  z.  B.  300  Handschriften
  und  500  gedruckte  Werke  in  morgenländischer  Sprache
erkauft,  von  Hans  Jakob  Fugger  in  Augsburg,  welcher
mit  Italien,  mit  den  Mediceern,  mit  dem  Papste  in  Verbindung
  stand,  viele  griechische  Manuscripte;  auch  der  Bücher=  und
Handschriften-Nachlaß  des  österreichischen  Kanzlers  und  Orientalisten
  Johann  Albrecht  Widmannstadt,  worunter  330
hebräische,  syrische  und  arabische  Handschriften,  wurden  käuflich
erworben.  Gelehrte  Männer,  wie  der  Archivar  Erasmus  Vent
aus  Amberg  (+  1585),  der  Rechtsgelehrte  Wiguleus  Hund
von  Sulzemoos  (1  1588),  Simon  Thaddäus  Eck,  ein
Bruder  des  Johann  Eck,  leisteten  bei  diesem  Geschäfte  die  ersprießlichsten
  Dienste.  —  Desgleichen  sammelte  Albrecht  V  rine
große  Menge  von  Münzen,  alten  Statuen,  Brustbildern  der  alten
römischen  Kaiser  und  ihrer  Gemahlinen  und  anderer  berühmten
Römer,  kaufte  seltene  Münzen,  Antiquitäten,  Mineralien,  Muscheln,
ausländische  Thiere  aller  Art,  Schätze  in  Gold  und  Silber,  Gemälde
  und  Kupferstiche,  und  legte  so  den  Grund  zum  Münzcabinet,
  zum  Antiquarium,  zum  Naturaliencabinet,
zur  Schatzkammer,  Gemäldesammlung  und  zur  Kunst-*)

  Diese  Jahreszahl  steht  auf  einem  im  Besitze  des  Königs  Ludwig  1
von  Bayern  befindlichen  Grabstein,  der  in  der  Liebfrauenkirche  zu
München  aufgefunden  wurde;  anderweitig  findet  sich  der  14.  Juni  1594
als  die  Sterbzeit  Orlando's  angegeben.
        <pb n="241" />
        Bayern  unter  Albrecht  V,  d.  Großmüthigen.  225

kammer.  In  der  letzten  befanden  sich  30  Bände  mit  9000
meisterhaften  Zeichnungen  seltener  Münzen  von  Jakob  Strada's
Hand,  um  1550  auf  Hans  Jakob  Fuggers  Kosten  gemalt,  der
für  jede  Zeichnung  einen  Goldgulden  bezahlt  haben  soll.

Zur  Pflege  kranker  Hofbedienten  gründete  Albrecht  V  in
der  Röhrlsbecker=  (jetzt  Herzogspital-)  Gasse  zu  München  das
Hofspital  zur  hl.  Elisabeth,  später  das  Herzogspital
genannt,  dessen  Bau  Herzog  Wilhelm  V  fortsetzte  und  der
Kurfürst  Maximilian  I  vollendete.

Unter  Albrechts  Regierung  vergrößerte  sich  Bayern  durch
die  in  Oberbayern  gelegene  Reichsgrafschaft  Haag  und  durch
die  Reichsherrschaft  Hohenschwangau.  Erstere  hatte  Albrecht
1566  käuflich  von  dem  kinderlosen  Grafen  Ladislaus  von
Haag')  erstanden;  letztere  (mit  einem  Bergschloß),  die  in  alter
Zeit  den  Welfen,  dann  den  Hohenstaufen  gehört  hatte  und
nach  dem  Tode  Konradins  (1.1268)  an  den  bayerischen  Herzog
Ludwig  den  Strengen  gefallen,  aber  bald  darauf  wieder  verädußert
  worden  war,  hatte  Albrecht  1567  einem  Herrn  von
Freundsberg  abgekauft.  Dazu  ließ  sich  Albrecht  vom  Kaiser
noch  die  Anwartschaft  auf  die  Wolfsteinischen  Reichslehen
Sulzbürg  und  Pyrbaum  in  der  Oberpfalz  und  auf  die
Degenbergischen  Güter  in  Niederbayern  ertheilen.

Diese  Ankäufe  und  Erwerbungen,  noch  mehr  aber  die
Prachtentfaltung  und  Freigebigkeit,  welche  Albrecht
bei  jeder  Gelegenheit  übte,  riefen  eine  solche  Schuldenlast  hervor,
daß  der  Herzog  in  den  Jahren  1568,  1572  und  1577  die  Hilfe
der  Landstände  neuerdings  anrufen  mußte.  Nach  längerem
Sträuben  übernahmen  die  im  Jahre  1577  versammelten  Landstände
  sämmtliche  Schulden,  bewilligten  dem  Herzog  ausreichende
Mittel  und  führten  zur  Deckung  der  übernommenen  Lasten  eine
Erhöhung  der  Steuer  ein,  welche  auf  Wein,  Bier,  Meth  und
Branntwein  lag.  Dagegen  mußte  der  Herzog  versprechen,  künftig
nicht  so  viele  Ausländer  mit  hohem  Solde  anzustellen,  sondern
den  Landeskindern  die  erledigten  Stellen  zukommen  zu  lassen.

*)  Dieser  stammte  von  dem  alten  freiherrlichen  Geschlechte  der
Fraunberg,  die  im  Jahre  1224  von  den  Herren  von  Gurren  die
Ortschaft  Haag  am  Inn  mit  allen  zugehörigen  Gütern  erbten  und  den
Titel  „Grafen  von  Haay“  erhielten.

Sattler,  bayer.  Geschichte.  15
        <pb n="242" />
        226  Bayern  unter  Wilhelm  V,  dem  Frommen.

Damit  in  alle  Zukunft  Theilungen  des  Landes  und  Streitigkeiten
  über  die  Nachfolge  in  der  Regierung  verhütet  würden,
bestätigte  Herzog  Albrecht  am  11.  April  1578  das  Hausgesetz
  der  Primogenitur  vom  Jahre  1506;  zugleich  machte
er  das  Bekenntniß  der  katholischen  Religion  zur  Bedingung  der
Nachfolge.

Albrecht  starb  am  24.  Oktober  1579,  bitter  beklagend,
daß  er  viel  Begonnenes  unvollendet  lassen  müsse.  Durch  die
Schonung  und  Milde,  die  er  allenthalben  in  seiner  Eigenschaft
als  Regent  geübt,  hat  er  sich  den  Beinamen  „des  Großmüthigen“
  erworben.  Seine  Leiche  ward  in  der  Liebfrauenkirche
  beigesetzt.  Am  16.  Oktober  1590  folgte  ihm  seine  Wittwe
Anna  nach.

#  88.  Von  den  drei  Söhnen,  welche  Albrecht  V  hinterlassen
  hatte,  folgte  in  der  Regierung  Bayerns  gemäß  dem  Hausgesetz
  der  Primogenitur  Wilhelm  V,  der  Fromme  (1579—
1597),  seit  dem  Jahre  1568  mit  Renata,  des  Herzogs  Franz
von  Lothringen  Tochter,  vermählt.  Wie  sein  Vater,  so  war  auch
er  unermüdlich  in  der  Sorge  für  Alles,  was  ihm  für  die  Wohlfahrt
  seines  Volkes,  namentlich  für  dessen  geistige  Bildung,
förderlich  schien.

Seine  Hofmusik,  die  bis  1595  unter  Orlando  di  Lasso's
Leitung  stand,  verbreitete  ihren  Ruf  über  Deutschland  hinaus;
Maler  und  andere  Künstler  fanden  bei  ihm  reichen  Erwerb,
indem  er  viele  Kirchen  erbauen,  und  viele  mit  Kunstwerken  aller
Art  schmücken  ließ.  Das  Meiste  empfingen  aus  seiner  Hand  die
Jesuiten,  aus  deren  Mitte  er  und  seine  Gemahlin  Renata
sich  den  Pater  Dominikus  Mengin  als  Beichtvater  erkoren
hatten.  Ihrer  Leitung  übertrug  er  die  Volksschulen  zu
München,  Ingolstadt  und  Landsberg,  und  bahnte  das
Gleiche  in  den  weitesten  Kreisen  an,  indem  er  den  Jesuiten  im
Jahre  1586  zu  Regensburg,  1589  in  Biburg  an  der
Abens,  1592  zu  Altötting,  und  1595  in  Ebersberg  zu
Niederlassungen  verhalf.  —  Sehr  bedeutende  Summen  verwendete
er  auf  die  Herstellung  geschmackvoller  Gebäude.  Zu
München  erbaute  er  (1579—1597)  den  Wilhelmspalast
(später  die  „Herzog  Maxburg“"  genannt,  weil  der  Kurfürst
Maximilian  I,  Wilhelms  V.  Sohn,  in  einer  Abtheilung  desselben
  wohnte,  bis  der  jetzt  noch  stehende  westliche  Flügel  der
        <pb n="243" />
        Bayern  unter  Wilhelm  V,  dem  Frommen.  227

meuen  Residenz,  gebaut  1601—1616  unter  Leitung  des  Peter
Candit  durch  den  Architekten  Schön,  bewohnbar  war),  und
(1582—1597)  das  Jesuitencollegium  sammt  der  Michaelskirche').
  Zu  Ingolstadt  ließ  er  (1582—  1584)  ein  geräumiges
  Haus  zur  Aufnahme  des  von  seinem  Vater  Albrecht  im
Jahre  1575  gestifteten  neuen  Pädagogiums  herstellen;  ebenda
baute  er  (1582—  1585)  ein  Convict,  „Collegium  Wilhelmum“
  zum  hl.  Martyrer  Ignaz  genannt,  in  welches  das  von
Albrecht  V  (1575)  gestiftete  „Seminarium  Albertinum“
transferirt  wurde,  und  (1585—  1589)  die  Kirche  zu  Ehren  des
heiligen  Kreuzes.  —  Um  der  Noth  in  München  zu  steuern,
setzte  er  den  von  seinem  Vater  begonnenen  Bau  des  Hofspitals
zur  hl.  Elisabeth  (Herzogspitals)  fort  und  donirte  für  dasselbe
mit  seiner  Gemahlin  Renata  das  große  Kapital  von  34,000  Gulden;
  ferner  errichtete  er  ein  Krankenhaus,  ein  Lazareth,  ein
Waisenhaus,  das  seinem  ausdrücklichen  Willen  gemäß  „das
städtische“  genannt  wurde,  und  bestimmte  (1589)  ein  besonderes
Haus,  welches  unter  den  Schutz  des  hl.  Rochus  gestellt  wurde,  zur
Beherbergung  dürftiger  und  hilfloser  Pilger.  Täglich  bewirthete
er  zwölf  Menschen,  die  ihm  als  die  ärmsten  bekannt  waren,  an
seiner  Tafel;  viermal  im  Jahre  versorgte  er  zwei  und  siebenzig
Männer  und  ebenso  viele  alte  Frauen  mit  Kleidern  und  jeden
dürftigen  Kranken  mit  Arzneien  und  Lebensmitteln.

Gegen  die  Kirche  erwies  sich  Herzog  Wilhelm  vV  bei  jeder
Gelegenheit  als  einen  getreuen  Sohn  und  bereitete  dem  Papste
Gregor  XIII  (1572—  1585)  die  besondere  Freude,  daß  er  den
von  diesem  Papste  (1582)  verbesserten  Kalender  zuerst  einführte,
während  die  Protestanten  diese  Verbesserung  noch  lange  zurückwiesen.
  Aber  bei  aller  Ergebenheit,  die  Wilhelm  gegen  die
Kirche  hegte,  war  er  doch  weit  entfernt,  von  seinen  Rechten  in
Bezug  auf  geistliche  Angelegenheiten  etwas  zu  vergeben,  wie  das
Concordat  zeigt,  welches  er  1583  mit  den  Landesbischöfen  unter
Zuziehung  des  päpstlichen  Legaten  Felicianus  abschloß.  Während
so  in  den  kirchlichen  Verhältnissen  Bayerns  eine  neue  Ordnung
hergestellt  wurde,  waren  am  Rhein  Dinge  vorgefallen,  die  Wil-*)

  Baumeister  dieser  Kirche  war  zuerst  Wolfgang  Müller,  und  nach
dessen  Tode  Andreas  Gundelfinger.  Im  Jahre  1590  den  10.  Mai
Vormittag  8  Uhr  stürzte  der  Thurm,  der  fast  vollendet  war,  ein  und  schlug
einen  Theil  der  Kirche  zusammen,  weshalb  sich  die  Vollendung  des  Baues
sehr  in  die  Länge  zog.

15
        <pb n="244" />
        228  Bayern  unter  Wilhelm  V,  dem  Frommen.

helm  veranlaßten,  einen  Theil  seines  Heeres  kampffertig  zu
machen.  Gebhard  Truchseß  von  Waldburg,  seit  1577
Erzbischof  und  Kurfürst  von  Köln,  war  vom  Papste  Gregor
  XIII  (1.  April  1583)  entsetzt  worden,  weil  er  Zwingli's
Lehre  angenommen  und  sich  mit  der  Gräfin  Agnes  von  Mansfeld
  (2.  Februar  1583)  vermählt  hatte.  Als  nun  das  Domkapitel
  zu  Köln  im  Auftrage  des  Papstes  zu  einer  neuen  Wahl
schritt  und  (1583)  den  Bruder  des  bayerischen  Herzogs  Wilhelm
  V,  den  Prinzen  Ernst  (Bischof  von  Freysing  seit  1566,
von  Hildesheim  seit  1573  und  von  Lüttich  seit  1580)  als
Erzbischof  von  Köln  in  Vorschlag  brachte,  suchte  sich  Gebhard
mit  Gewalt  im  Besitze  des  Kurfürstenthums  zu  erhalten  und
fand  an  dem  reformirten  Pfalzgrafen  Johann  Kasimir  und
an  den  Hugenotten  in  Frankreich  Unterstützung.  Diesen
stellten  sich  für  das  gute  Recht  des  Prinzen  Ernst  nicht  blos
die  kurkölnischen  Truppen,  sondern  auch  der  in  den  Niederlanden
  commandirende  spanische  Feldherr  Prinz  von  Parma  und
Herzog  Wilhelm  V  von  Bayern  entgegen,  letzterer  mit  einem
Armeecorps  von  5000  Mann,  welches  sein  Bruder  Ferdinand
befehligte.  Dieser  Truppenmasse  war  Gebhards  Hieer  nicht
gewachsen.  Die  Bayern  und  Spanier  eroberten  noch  im
Jahre  1583  die  Bergfestung  Godesberg  und  brachten  im  folgenden
  Jahre  Bonn  zur  Uebergabe,  worauf  Ernst  seine  Residenz
in  Köln  bezog  ).

Vier  Jahre  nach  Beendigung  dieses  Krieges  entdeckte  Herzog
Ferdinand  seinem  Bruder,  dem  Herzog  Wilhelm  V,  seine
Absicht,  sich  mit  einem  Fräulein,  das  dem  niedern  Adel  angehörte,
  zu  verehclichen.  Die  Erkorene  war  Maria  von  Pettenbeck,
  die  achtzehnjährige  Tochter  des  Georg  von  Pettenbeck,
der  damals  herzoglicher  Rath,  Kastner  und  Landeshauptmann  von

*)  Den  Stuhl  von  Köln,  mit  welchem  in  der  Regel  die  Bisthümer
Lüttich,  Hildesheim,  Münster  und  Paderborn  verbunden  waren,
hatten  von  1583—1761  fünf  bayerische  Prinzen  nacheinander  inne,  nämlich:
Ernst  bis  1612,  Ferdinand,  der  Bruder  Max#milians  I,  bis  1650,
Max  Heinrich,  Sohn  des  Landgrafen  Albert,  Bruders  Max  1,  bis  1688,
Joseph  Clemens,  Bruder  Max  Emanuels,  bis  1723,  endlich  Clemens
August,  Bruder  Kaiser  Karl  Alberts,  bis  1761.
        <pb n="245" />
        Bayern  unter  Wilhelm  V,  dem  Frommen.  229

Haag  am  Inn  war.  Herzog  Wilhelm,  der  anfänglich  in
Verbindung  mit  seiner  Mutter  Anna  diesem  Vorhaben  entgegengetreten
  war,  willigte  schließlich  ein,  weil  er  dem  Bruder  nicht
Anlaß  geben  wollte,  das  wohlthätige  Primogeniturgesetz
auf's  neue  zu  bedrohen.  Am  26.  September  1588  feierte  Herzog
Ferdinand  im  Kreise  seiner  vertrauten  Freunde  die  Hochzeit
und  erhielt  zum  Unterhalte  von  seinem  Bruder  Wilhelm  V  die
jüngst  (1566)  mit  Bayern  vereinigte  Grafschaft  Haag  und
außerdem  das  Schloß  und  Gut  Wartenberg  am  Flüßchen
Strogen  bei  Moosburg.  Von  der  letztern  Herrschaft,  deren  Besitzer
  ausgestorben  waren,  erhielten  die  Söhne  Ferdinands  den
Namen  „Grafen  von  Wartenberg“".  Ihnen  war  für  den
Fall  des  Aussterbens  der  Linie  Wilhelms  V  die  Nachfolge  in
Bayern  zugesichert  ).  Allein  die  Grafen  von  Wartenberg,
bekannt  unter  dem  Namen  „ferdinandische  Linie  der
Wittelsbacher“,  erloschen  noch  vor  der  wilhelmischen  Linie
mit  dem  Grafen  Maximilian  Emanuel  '"),  der  1736  auf

*)  Genealogische  Tafel  der  Grafen  von  Wartenberg:
Herzog  Ferdinand,  1  1608;
Gemahlin:  Maria  von  Pettenbeck,  +  1619.

 

-

Franz  Maxi-=  Ernest  Ferdinand
Wilhelm,  milian,  Benno,  Lorenz,  Z„  8
Bischof  u.  Jesuit,  111637;  4  1666;  Sebastian!
Cardinal  1I  1679.  Gem.:  Fürstin  Gem.:  Maria  Ernst,  “
v.  Regens-  Sibylle  von  Claudia,  Ferdinand,  3
burg,  Hohen-  Gräfin  von  Albrecht  +
1  1661.  zollern.  Oettingen.
——  ————  ——

 

Ferdinand  Franz  Albert  Ernst,  Zwei
Ernst,  Ernst,  Bischof  von  Söhne

 

Gemahlin:  1  als  Laodicea  und  und  drei
eine  Gräfin  Kind.  Suffragan-Bisch.  Töchter.
von  Salm-  v.  Regensburg,
Neuburg.  1  1715.
—

Ferdinand  Margquart,  vermählt  mit  der
Markgräfin  Maria  Johanna  von  Espinoy.

Max  Emanuel,  geb.  1718,  Marie  Christine  Ernestine,
gest.  1736  zu  Ettal,  der  letzte  verm.  mit  dem  Grafen  Joseph
Wartenberger.  Xaver  Benno  von  Haslang.
        <pb n="246" />
        230  Bayern  unter  Maximilian  I.

der  Ritterschule  zu  Ettal  an  den  Folgen  einer  Verwundung
starb,  die  ein  in  sein  Auge  eingedrungener  Schuß  mit  einem
Kirschkerne  angerichtet  hatte  55").  Die  weibliche  Linie  des  gräflich
  Wartenberg'schen  Geschlechtes  pflanzte  sich  in  den  adeligen
Familien  der  Haslang,  Lerchenfeld  und  Leoprechting  fort.

Bei  zunehmendem  Alter  fühlte  sich  Herzog  Wilhelm  V
sehr  beunruhigt  durch  den  hohen  Schuldenstand,  zu  welchem  seine
unbegrenzte  Wohlthätigkeit  das  Ihrige  beigetragen  hatte.  Ueberzeugt,
daß  er  dem  zerütteten  Staatshaushalte  allein  nicht  aufzuhelfen
vermöge,  nahm  er  1594  seinen  hoffnungsvollen  Sohn  Maximilian,
  der  schon  seit  einigen  Jahren  den  thätigsten  Antheil  an  der
Regierung  genommen  hatte,  zum  Mitregenten  an  und  legte  am
15.  Oktober  1597  (öffentliche  Ausschreibung  am  4.  Februar  1598)
die  Regierung  ganz  in  seine  Hände  nieder.  Seiner  Neigung  zur
klösterlichen  Einsamkeit  nachgebend  lebte  Wilhelm  V  mit  seiner
frommen  Gemahlin  Renata  fortan  in  der  Regel  entweder  in
dem  von  ihm  erbauten  Wilhelmspalaste  (der  Maxburg),  oder
zu  Schleißheim,  wo  er  eine  Hauptzelle  oder  Klause  zum
hl.  Wilhelm  mit  einer  Kapelle  und  acht  Nebenzellen  erbaute).
Ausnahmsweise  zog  er  sich  bisweilen  in  das  Carthäuser-Kloster
Prül  bei  Regensburg  zurück,  wo  auf  seine  Kosten  eine  Zelle
errichtet  war,  oder  in  das  von  ihm  erbaute  Schloß  Neudeck  in
der  Vorstadt  Au,  wohin  ihm  jederzeit  nur  Wenige  aus  seiner
Umgebung  folgen  durften.

Er  verschied  am  7.  Februar  1626  zu  München,  sauft  und
ruhig,  wie  er  gelebt  hatte.  Seiner  letzten  Willensverfügung  gemäß
  ward  sein  Leichnam  in  der  Michaelskirche  öffentlich  ausgesetzt
  und  am  28.  Februar  in  der  dortigen  Gruft  neben  seiner
Gemahlin  Renata,  die  ihm  am  23.  Mai  1602  in  die  Ewigkeit
  vorangegangen  war,  unter  allgemeiner  Trauer  bestattet.  Für
keinen  bayerischen  Fürsten  waren  bis  jetzt  so  viele  Dankes=  und
Liebes-Thränen  geweint  worden,  als  für  ihn.

#89.  Maximilian  1,  der  den  Thron  seines  Vaters  von
1597—1623  als  Herzog,  und  von  1623—1651  als  Kurfürst
inne  hatte,  war  schon  in  der  frühesten  Jugend  der  Stolz  der
Bayern,  die  in  ihm  jene  Größe  ahnten,  die  er  in  der  Folge
        <pb n="247" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  231

erwies.  Er  und  sein  Bruder  Philipp,  postulirter  Bischof  von
Regensburg  und  Cardinal  (I  1598),  erhielten  nach  einer
eigenhändigen  Instruktion  (vom  Jahre  1584)  des  Vaters  eine
strenge,  ganz  im  katholischen  Sinne  geleitete  Erziehung.  Dadurch
wurde  in  Max  I  jene  unerschütterliche  Treue  gegen  die  katholische
  Kirche  begründet,  welche  der  Mittelpunkt  aller  seiner  Unternehmungen
  blieb.  Nachdem  er  in  der  lateinischen,  italienischen,
französischen  und  spanischen  Sprache  zu  München  gründlich  unterrichtet
  worden  war,  besuchte  er  (1587—1591)  die  Universität
  Ingolstadt,  wo  er  im  letzten  Jahre  seines  Aufenthaltes
mit  seinem  Geschwisterkind,  dem  nachmaligen  Kaiser  Ferdinand
  II79),  zusammentraf.  In  allen  Zweigen  der  Wissenschaft
wohl  gebildet,  kehrte  er  1591  nach  München  zurück  und  begab
sich  1593  mit  dem  Jesuiten  Gregorius  von  Valencia  auf
Reisen,  zuerst  an  den  Hof  des  Kaisers  Rudolf  II  (1576—
1612)  nach  Prag,  dann  nach  Italien  zur  Mutter  Gottes  in
Loretto  und  von  da  nach  Rom  zum  Papste  und  nach  Neapel.

*)  S.  diese  und  die  anderweitige  Verwandtschaft  des  Hauses  Habsburg
mit  dem  Hause  Wittelsbach  aus  nachstehender  Tafel:
Kaiser  Ferdin  and  I,  Albrecht  V,  Herzog  von
1556—1564.  Bayern  1550—1579;  Gemahlin:
  Anna,  Kaiser  Fer-I
  dinands  1  Tochter.

—  .......
Kaiser  Maxi=  Annaz  Karl,  Erzherzog  Wilhelm  V.,  Mariez;
milian  II,  Gem.:  Her=  von  Oesterreich;  Herzog  von  Gemahl:
1564—  1576.  zog  Al=  Gemahlin:  Marie,  Bayern  Erzherzog
brecht  V.  Tochter  Albrechts  1579—1597.  Karl  von
v.  Bayern.  V  von  Bayern.  Oesterreich.

Kaiser  Ferdinand  II,  Maximilian  I,  Marie
1619—1637;  1597—1623  Her--  Anna,
Gemahlin:  Marie  Anna,  Herzog  zog  von  Bayern,  Gemahl:
Wilhelms  V  v.  Bayern  Tochter.  1623—1651  Kur=  Kaiser

Ferdin  and  III,  Marie  Anna,  fürst  von  Bayern;  Ferdi-Kaiser
  4  1665;  1.  Gem.:  Elisa=  nand  II.

1637—1657.  CGem.:  Kurfürst  beth  von  Loth-=Maximilian
  I  ringen,  1  1635;

von  Bayern.  2.  Gem.:  Marie

Anna,  Kaiser  Ferdinands
  II  Tochter.
        <pb n="248" />
        232  Bayern  unter  Maximilian  I.

Auf  der  Heimreise  ging  er  durch  die  Schweiz  nach  Nancy,  um
hier  seinen  mütterlichen  Oheim,  den  Herzog  Franz  von  Lothringen,
  zu  besuchen.  Bei  dieser  Gelegenheit  lernte  er  Elisabeth,
  des  Herzogs  Karl  von  Lothringen  Tochter,  kennen,  die  er
1595  ehelichte.  Von  Naucy  nach  München  zurückgekehrt,  regierte
  er  von  1594  zugleich  mit  seinem  Vater,  bis  ihm  dieser
1597  die  Alleinregierung  überließ.

Beim  Antritte  seiner  Alleinregierung  hatte  Maximilian  I
manchem  Uebel  zu  begegnen,  denn  in  seinem  Lande  war  Vieles
herabgekommen,  und  die  Gefahr,  welche  die  religiöse  Entzweiung
der  Völker  und  die  daraus  entspringende  Spannung  der  Fürsten
mit  sich  brachte,  war  größer  als  je.  Um  für  alle  Fälle  geborgen
zu  sein,  sorgte  Maximilian  hauptsächlich  für  drei  Dinge:  für
Geld,  innere  Ordnung  und  eine  ansehnliche  Kriegsmacht.


Zur  Erreichung  des  ersten  Zieles  beschränkte  Maximilian
den  Ueberfluß  am  Hofe  und  stellte  die  unter  seinem  Vater  eingerissenen
  Mißbräuche  ab,  durch  welche  die  herzoglichen  Mittel
in  empörender  Weise  verschleudert  wurden.  Dabei  ließ  er  die
Besoldungen  der  öffentlichen  Beamten  unverkürzt  und  sorgte,  daß
die  Förderung  der  schönen  Künste  keine  Unterbrechung  erlitt.
Erfinderisch,  wie  er  war,  schuf  er  selbst  neue  Finanzquellen  und
bedurfte  daher  nicht  so  oft,  wie  seine  Vorgänger,  landständische
Geldbewilligungen.  Er  hielt  nur  zwei  Landtage,  den  ersten
1605,  wo  die  Landstände  eine  Million  Schulden  übernahmen,
den  zweiten  1612,  wo  er  mit  ihnen  die  nöthigen  Mittel  für  die
Vertheidigung  und  die  übrigen  Bedürfnisse  des  Landes  berieth.
Sie  bewilligten  das  Nöthige,  und  er  berief  sie  39  Jahre
nicht  mehr.

Ein  Aufschlag  auf  Fleisch,  auf  Gold=  und  Silberwaaren,
das  Monopol  des  Weißbierbrauens  und  vorzüglich  die  auf
eigene  Rechnung  übernommene  Bereitung  des  Salzes  verschafften
  ihm  neben  weiser  Sparsamkeit,  klugen  und  treuen
Beamten,  scharfer  Ueberwachung  derselben  und  einer  verein
  fachten  Verwaltung  hinreichende  Mittel  zur  Deckung  aller
Bedürfnisse,  deren  nicht  wenige  waren.  Handel  und  Gewerbe

gab  er  frei,  belebte  und  ermunterte  sie,  so  gut  er  konnte,  nur
den  einträglichen  Handel  mit  Weißbier  und  Salz  behielt  er
        <pb n="249" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  233

sich  vor.  Um  möglichst  viel  Gewinn  aus  den  Reichenhaller  Salzquellen
  zu  ziehen,  baute  Maximilian  (1612—1616)  große
Brunnenhäuser,  erleichterte  die  Abfuhr  des  gewonnenen  Salzes
durch  die  Herstellung  einer  Straße,  die  an  dem  Berge  hin  durch
die  Felsen  gesprengt  wurde,  und  ließ  auf  den  Rath  des  Oswald
Schuß  die  Reichenhaller  Salz-Soole,  die  dort  wegen  Mangel
an  Holz  nicht  vollständig  versotten  werden  konnte,  durch  eine
künstliche  Wasserleitung  drei  Meilen  weit  nach  der  Stadt  Traunstein
  leiten,  in  deren  nächster  Umgebung  Holz  im  Ueberfluß  vorhanden
  war.  Sein  Hofbaumeister  Simon  Reifenstuhl  und
dessen  Werkführer  Fabian  Zehenter  stellten  nach  der  Angabe
des  Mathematikers  Heinrich  Vollmar  aus  Braunschweig
das  Werk  (1617—1619)  in  der  Weise  her,  daß  die  Soole  durch
sieben  Druckwerke  in  einer  Höhe  von  2168“  von  Reichenhall  nach
Traunstein  getrieben  wurde.  Das  Geld  zum  Bau  der  Wasserleitung
  mußte  Salzburg  hergeben,  dessen  Erzbischof  Wolf
Dietrich  wegen  widerrechtlicher  Besitznahme  der  dem  Coadjutor
Ferdinand  von  Köln  (einem  Bruder  des  bayerischen  Herzogs
Maximilian  I)  zugehörigen  Propstei  Berchtesgaden  von  Herzog
Maximilian  l  bekriegt  und  besiegt  worden  war  (22.  —  26.  Oktober
  1611).

Um  Ordnung  im  Innerrn  herzustellen,  ernannte  Maximilian
  bald  nach  dem  Landtage  1605  eine  Commission  erfahrner
  Geschäftsmänner  und  der  vorzüglichsten  Fachgelehrten  der
damaligen  Zeit,  welche  die  Gesetzbücher  Wilhelms  IV  und
Albrechts  V  einer  Revision  zu  unterwerfen  und  die  verbesserten
Gesetze  in  eine  neue  Form  zu  bringen  hatten.  Das  Ganze  wurde
unter  dem  Titel  „Landrecht,  Polizei-,  Gerichts-,  Malefizund
  andere  Ordnungen  der  Fürstenthümer  Ober=  und
Niederbayern"  zu  München  1616  gedruckt  und  am  24.  Januar
1617  als  bayerisches  Landrecht  öffentlich  bekannt  gegeben.

Am  längsten  beschäftigte  Maximilian  die  Erreichung  des
dritten  Zieles,  die  Herstellung  einer  ansehnlichen  Kriegsmacht,
  wobei  ihm  die  drohende  Türkengefahr  als  Vorwand  diente.
Er  bildete  aus  der  waffenfähigen  Mannschaft  des  Landes  durch
Werbung  sogenannte  Kerntruppen,  die  er  besoldete,  sorgte  für
Reiterei  und  Artillerie  und  ordnete  die  Landwehr.  Die
Zeughäuser  versah  er  mit  schwerem  und  leichtem  Geschütz
aller  Art,  umgab  Ingolstadt  mit  neuen  Werken  und  machte
München,  Schärding  und  andere  Orte  fest.  Als  Heer-
        <pb n="250" />
        234  Bayern  unter  Maximilian  I.

meister  berief  er  den  kriegsgeübten  Niederländer  Johann  Werner
  Tzerklas  (d.  i.  Herr  Klaus)  Freiherr  von  Tilly,  nachmaligen
  Reichsgrafen  87).

Bei  allen  diesen  Unternehmungen  hatte  Maximilian  tüchtige
  Staatsmänner  an  seiner  Seite,  anfangs  den  Freiherrn  Joachim
von  Donnersberg,  Wilhelm  Jocher,  Johann  Schrenk
und  den  Landschaftskanzler  Johann  Herwart,  später  Johann
Adelzreiter,  den  Grafen  von  Kurz,  den  Hofkammergerichts-Präsidenten
  Johann  von  Mandl  und  den  geheimen  Rath
Oechsle.

§90.  Während  Herzog  Maximilian  I  mit  der  Rüstung
seines  Heeres  vollauf  beschäftigt  war,  wurde  in  der  Reichsstadt
Donauwörth,  wo  seit  dem  Jahre  1577  die  protestantischen
Bürger  über  die  katholischen  die  Oberhand  hatten,  Alles  aufgeboten,
  den  Anhängern  der  alten  Lehre  den  Aufenthalt  daselbst
zu  verleiden.  Sehr  schlimm  erging  es  unter  solchem  Regiment
der  dortigen  Reichsabtei,  dem  Benediktiner-Kloster  zum
heiligen  Kreuz,  welches  die  Weisung  erhielt,  den  Gottesdienst
auf  den  Klosterbezirk  und  die  Angehörigen  des  Klosters  zu  beschränken.
  Mehrere  Jahre  kam  man  der  Weisung  nach,  dann
aber  ermannte  sich  der  Abt  Leonhard  und  hielt  in  der  Kreuzwoche
  des  Jahres  1605  einen  öffentlichen  Bittgang.  Von  diesem
heimgekehrt,  stellte  Leonhard  über  mehrfach  erlittene  Unbilden  bei
dem  Kaiser  Rudolf  II  (1576—1612)  Klage,  und  dieser  ließ
den  Bewohnern  Donauwörths  kund  thun,  daß  künftige  Störungen
des  katholischen  Gottesdienstes  die  strengste  Ahndung  zu  gewärtigen
  hätten.  Als  Abt  Leonhard  am  Markustage  1606  ungeachtet
  eines  vom  Magistrate  erlassenen  Verbotes  neuerdings
eine  Prozession  hielt,  trat  ihm  auf  dem  Rückwege  eine  Deputation
des  Magistrates,  bestehend  aus  dem  Bürgermeister  Wurm,  dem
Stadtamman  Hindenach  und  dem  Rathsherrn  Einunger,
entgegen  und  fachte  so  die  Wuth  des  erhitzten  Pöbels  an,  daß
er  sich  an  dem  Abte  und  seinen  Leuten  vergriff.  Der  Kaiser
sandte  bayerische  Räthe  (Alerander  von  Haslang  und  Otto  Forstenhauser),
  um  die  Sache  zu  untersuchen;  doch  auch  diese  mußten
sich  vor  des  Pöbels  Wuth  flüchten.  Da  sprach  der  Kaiser
        <pb n="251" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  235

(3.  August  1607)  die  Acht  über  die  Stadt,  und  Maximilian,
der  die  ehemals  bayerische  Stadt  gerne  für  sich  gehabt  hätte,
erbat  sich  deren  Vollziehung.  Er  schickte  seinen  Feldobersten
Alexander  von  Haslang  vor  die  geächtete  Stadt,  und  die
erschrockenen  Bürger  überreichten  am  17.  Dezember  1607  die
Schlüssel.  Donauwörth  hörte  auf,  Reichsstadt  zu  sein,
und  ward,  da  sie  dem  Herzog  Maximilian  bis  zum  Ersatze
der  Kriegskosten  übergeben  und  nicht  eingelöst  wurde,  eine
bayerische  Landstadt.

91.  Die  Vorgänge  in  Donauwörth  erfüllten  die  Protestanten
  mit  Unwillen  und  Groll  gegen  die  Katholiken,
womit  sich  noch  die  Furcht  verband,  in  ähnlicher  Weise  behandelt
zu  werden.  Um  für  alle  Fälle  gerüstet  zu  sein,  traten  die  Fürsten
von  Rheinpfalz,  Pfalz-Neuburg,  Ansbach,  Bayreuth,
Württemberg  und  Baden  im  ehemaligen  Kloster  Anhausen
(bei  Wassertrüdingen  im  Ansbachischen)  zusammen  und  erneuerten
am  4.  Mai  1608  die  schon  im  Jahre  1572  gegründete  Union
zur  Vertheidigung  ihres  Glaubens  und  Besitzes.  Zum  Haupte
derselben  wurde  Friedrich  IV  von  der  Pfalz  erwählt;  von
ausländischen  Mächten  waren  Frankreich  und  England  für
den  neuen  Bund  die  wichtigsten.

Herzog  Maximilian  I  von  Bayern  mußte  die  seit  dieser
Zeit  immer  häufiger  werdenden  Versammlungen  der  protestantischen
Fürsten  mit  steigendem  Mißtrauen  betrachten.  Er  sah  deutlich,
daß  der  Kaiser  Rudolf  II  weder  Ansehen  noch  Kraft  genug
hatte,  die  katholischen  Stände  gegen  die  wachsende  Macht  des
protestantischen  Bundes  zu  schützen.  Nur  ein  festes  Aneinanderschließen
  konnte  ihnen  diese  Sicherheit  gewähren.  Kam  es  je  zum
offenen  Kriege,  so  wurden  die  wehrlosen  geistlichen  Fürstenthümer
eine  leichte  Beute  der  unirten  Stände,  welche  schon  lange  darnach
gelüstete.  Auf  der  anderen  Seite  konnte  es  Maximilian  nicht
entgehen,  welchen  Zuwachs  an  Macht  und  Ansehen  ihm  ein  solches
Bündniß  gewähren  würde,  da  nur  Er  im  Stande  war,  die  oberste
Leitung  desselben  zu  übernehmen.  Die  Nothwendigkeit  eines  katholischen
  Gegenbundes  leuchtete  um  so  mehr  ein,  als  das  alte
bayerische  Haus,  dessen  nachgeborne  Prinzen  reichlich  mit  geistlichen
        <pb n="252" />
        236  Bayern  unter  Maximilian  I.

Fürstenthümern  versorgt  waren,  für  deren  Erhaltung  großes
Interesse  tragen  mußte.  Die  ersten  Eröffnungen  ließ  er  den
Gesandten  der  geistlichen  Kurfürsten  und  anderer  katholischer  Stände
auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg  vom  Jahre  1608  machen.
Bald  darauf  schickte  er  einen  eigenen  Abgeordneten  an  die  Höfe
von  Mainz,  Köln  und  Trier,  um  die  Sache  zu  betreiben.
Den  Wünschen  des  Kurfürsten  von  Mainz  nachgebend,  welcher
nicht  gerne  den  Anfang  machen  wollte,  bestrebte  sich  Maximilian
vor  Allem,  die  oberländischen  Stände  zu  einer  näheren  Vercinigung
zu  bewegen,  und  nach  vielfachen  Bemühungen  wurde  am  10.  Juli
1609  in  München  der  erste  Bundesvertrag  von  den  Bevollmächtigten
  des  Herzogs  von  Bayern,  des  Erzherzogs  Leopold
als  Bischofs  von  Straßburg  und  Passau,  dann  der  Bischöfe
von  Würzburg,  Konstanz,  Augsburg  und  Regensburg,
des  Propstes  von  Ellwangen  und  des  Abtes  von  Kempten
unterzeichnet.  Als  Zweck  des  Bündnisses  erklärte  man  die  Erhaltung
  des  katholischen  Glaubens,  die  Abwendung  besorgter  Gefahren,
die  Handhabung  des  Religionsfriedens  und  anderer  Reichsgesetze.
Die  Verbündeten  sollten  einander  gegen  jeden  Angriff  vertheidigen;
zugleich  wurde  ein  Geldvorrath  gebildet  und  Herzog  Maximilian
zum  Bundes-Obersten  ernannt.

Nachdem  dieß  geschehen,  ward  den  drei  geistlichen  Kurfürsten
Nachricht  ertheilt  mit  der  Einladung,  dem  neuen  Vereine  beizutreten.
  Maximilians  Vater,  der  alte  Herzog  Wilhelm,  machte  eine
Reiseran  den  Rhein,  angeblich  um  eine  Brunnenkur  zu  gebrauchen,
in  Wirklichkeit  aber,  um  den  Eifer  der  drei  geistlichen  Kurfürsten
zu  beleben.  Zu  Mainz,  wo  sie  sich  am  23.  August  1609  versammelten,
  erschien  auch  ein  bayerischer  Gesandter,  der  Jägermeister
  Lorenz  von  Wensin,  um  jede  Bedenklichkeit  zu  besiegen,
welche  die  geistlichen  Herren  von  dem  Eintritte  in  den  katholischen
Bund  abhalten  konnte.  Die  Vorstellungen,  welche  dieser  machte,
fanden  um  so  eher  Eingang,  als  die  gewaltthätige  Behandlung,
welche  sich  kurz  vorher  der  Kurfürst  von  der  Pfalz  gegen  das
Hochstift  Speyer  erlaubt  hatte,  den  geistlichen  Fürsten  die  Gefahr
  zeigte,  welcher  sie  sich  aussetzten,  wenn  sie  ferner  abgesondert
und  wehrlos  blieben.  Am  30.  August  unterzeichneten  sodann  die
Kurfürsten  von  Mainz,  Köln  und  Trier  die  Urkunde  ihres
        <pb n="253" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  237

Beitrittes  zum  katholischen  Bunde,  fügten  aber  die  Bestimmung
bei,  daß  der  Kurfürst  von  Mainz  als  zweiter  Bundes-Oberster
  dem  Herzog  von  Bayern  an  die  Seite  gesetzt
werde;  doch  solle  dieser  Letztere  der  Hauptbundes-Oberste
bleiben,  und  wenn  es  zur  wirklichen  Anwendung  der  Bundeshilfe
komme,  die  Direktion  ihm  allein  zustehen.

Aber  nicht  blos  im  Innern  des  Reiches  suchte  Maximilian
  den  Bund  zu  verstärken,  auch  die  katholischen  Monarchen
außer  Deutschland  sollten  ihm  ihren  Beistand  leihen.  Zwar
von  Frankreich  war  in  dieser  Beziehung  nichts  zu  erwarten;
man  kannte  die  Verbindungen,  welche  Heinrich  IV  von  Frankreich
  mit  den  deutschen  Protestanten  unterhielt.  Anders  aber
war  es  mit  dem  Papste,  mit  den  italienischen  Fürsten  und
besonders  mit  Spanien,  welches  der  Niederlande  wegen  sich
gerne  in  die  deutschen  Händel  mischte.  Der  spanische  Botschafter
am  kaiserlichen  Hofe,  Don  Balthasar  de  Zuniga,  war  persönlich
in  München  gewesen  und  hatte  Maximilians  große  Idee  von
der  Wirksamkeit  eines  allgemeinen  katholischen  Bundes  mit  Eifer
ergriffen.  Auf  sein  Anrathen  war  der  berühmte  Pater  Lorenz
von  Brindisi')  aus  dem  Kapuziner-Orden  nach  Madrid
geschickt,  um  sich  der  Beihilfe  Philipps  III  zu  versichern.  Dieser
Kapuziner,  welcher  sich  bereits  in  mehreren  Sendungen  als  ausgezeichneten
  Geschäftsmann  erwiesen,  hatte  am  Madrider  Hofe
mit  vielen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen.  Man  war  allerdings
geneigt,  die  Katholiken  Deutschlands  zu  unterstützen,  aber
man  traute  dem  Herzoge  von  Bayern  nicht  und  hätte  gerne  die
Leitung  des  Ganzen  in  den  Händen  eines  österreichischen  Prinzen
gesehen,  obwohl  Oesterreich  für  die  Gründung  des  katholischen
Bundes  so  viel  wie  nichts  gethan  hatte.  Dessen  ungeachtet  wußte
es  Lorenz  von  Brindisi  dahin  zu  bringen,  daß  König  Phi-——



 

*)  Diesen  Kapuzinermönch  hatte  der  spanische  Gesandte  am  kaiserlichen
Hof  zu  Prag,  Don  Balthasar  de  Zuniga,  nach  Spanien  abgefertigt,
  um  Philipp  III  über  den  Zustand  der  kirchlichen  Angelegenheiten  in
Deutschland  in  Kenntniß  zu  setzen  und  ihn  zu  bitten,  den  Bund  der  Katholiken
  werkthätig  zu  unterstützen.  Auf  dem  Wege  nach  Spanien  kam  der
Kapuziner  nach  München,  wo  ihm  der  Herzog  Maximilian  ein  Schreiben
an  den  König  von  Spanien  mitgab.
        <pb n="254" />
        238  Bayern  unter  Marimilian  I.

lipp  sich  zum  Protektor  des  katholischen  Bundes  erklärte  und
einen  monatlichen  Beitrag  von  45,000  Gulden  zusagte.  An  den
Papfst  ward  eine  feierliche  Gesandtschaft  von  Seite  der  drei
Kurfürsten  abgeordnet;  auch  Maximilian  sandte  einen
Agenten  nach  Rom.  Leider  war  der  päpstliche  Schatz  erschöpft,
doch  ließ  sich  Paul  V  (1605—1621)  endlich  zu  dem  Versprechen
herbei,  monatlich  8000  Gulden  in  die  Bundeskasse  zu  zahlen.

Die  Verträge  von  München  und  Mainz  enthielten  nur
die  Grundlage  des  Bundes,  seine  Organisation  sollte  nachträglich
geschehen.  Nach  Ueberwindung  vieler  Bedenken,  die  der  furchtsame
  Erzbischof  von  Mainz  vorbrachte,  kam  am  8.  Februar
1610  der  erste  allgemeine  Bundestag  zu  Würzburg  zu  Stande,
auf  welchem  die  nöthige  Organisation  des  Bundes,  besonders  der
Geldpunkt  festgesetzt  wurde.  Und  so  war  denn  nicht  ohne  viele
Kämpfe  und  Unannehmlichkeiten  für  den  Stifter  des  großen  Werkes
im  Ganzen  der  Zweck  erreicht:  eine  Vereinigung  der  katholischen
  Streitkräfte  gegen  den  drohenden  Uebermuth
der  Union.

Beinahe  wäre  schon  beim  Aussterben  des  Hauses  Jülich')
(25.  März  1609)  ein  Zusammenstoß  des  katholischen  Bundes
  mit  der  Union  erfolgt,  indem  für  die  Länder  jenes  Hauses
(Jülich,  Berg,  Cleve,  Mark,  Ravensberg  und  Ravenstein)  mehrere
Prätendenten  auftraten,  das  Haus  Sachsen  wegen  einer  von  dem
Kurfürsten  Johann  Friedrich  1  von  Sachsen  mit  dem  Hause
Jülich  geschlossenen  Erbverbrüderung,  der  Kaiser  Rudolf  aus
religiösen  Interessen,  der  Kurfürst  Johann  Sigmund  von

*)  Johann  III,  Herzog  zu  Cleve  und  Graf  von  der  Mark,  verm.  mit
Maria,  Erbin  von  Jülich,  Berg  und  Ravensberg.

 

 

Wilhelm,  Herzog  Sibylla,  verm.  mit  Anna,  verm.  mit  .
1  1592.  dem  Kurfürsten  Joh.  Heinrich  VIII  von
Friedr.  I  v.  Sachsen,  England,
+  1554.  1+  1557.
—.  -
Johann  Wilhelm,  Marie  Eleonore,  Anna,  verm.  mit
Herzog,  25.  März  verm.  mit  dem  Herzog  Philipp  Ludwig,
1609.  Albert  Friedrich  von  Pfalzgraf  zu

Preußen,  1+  1608.  Neuburg,  1  1632.

Anna,  verm.  mit  Johann  6  Wolfgang,  Pfalz.
Sigmund  v.  Brandenburg.  graf  zu  Neuburg.
        <pb n="255" />
        Bayern  unter  Maximilian  J.  239

Brandenburg,  weil  er  mit  der  Tochter  der  ältesten,  aber  bereits
gestorbenen  Schwester  des  verlebten  Herzogs  von  Jülich  verheirathet
  war,  und  Pfalzgraf  Ludwig  Philipp  von  Neuburg,
weil  er  mit  der  nächstältesten,  aber  noch  am  Leben  befindlichen
Schwester  desselben  Herzogs  vermählt  war.  Doch  wurde  die
Spannung  noch  beseitigt,  weil  der  Kurfürst  Johann  Sigmund
von  Brandenburg  und  der  Herzog  Ludwig  Philipp  von
Pfalz-Neuburg  dem  vom  Kaiser  ausgesprochenen  Entschluße
gegenüber,  die  ganze  Erbschaft  bis  zur  Ermittlung  des  rechtmäßigen
Erben  mit  Beschlag  zu  belegen,  sich  ausglichen  und  einstweilen
von  der  Jülich'schen  Erbschaft  gemeinsam  Besitz  ergriffen.  Des
Letztern  Sohn,  Wolfgang,  trat,  um  des  Beistandes  Maximilians
  von  Bayern  im  Jülich'schen  Erbstreite  sicher  zu  sein,  im  Jahre
1612  zur  katholischen  Kirche  zurück,  heirathete  am  10.  November
1613  Maximilians  Schwester,  Magdalena,  und  wendete  auch
seine  Unterthanen  wieder  der  alten  Kirche  zu.  (Der  Streit  endete
  definitiv  erst  im  Jahre  1666  mit  einem  Vergleiche,  wonach
der  Brandenburger  und  der  Pfalz-Neuburger  sich  in  die
Länder  theilten:  Cleve,  die  Grasschaft  Mark,  Ravensberg
und  Ravenstein  kamen  an  Brandenburg,  die  Güter  Jülich
und  Berg  fielen  an  Pfalz-Neuburg.

So  groß  Maximilians  Verdienst  um  die  Entstehung  des
katholischen  Bundes  war,  so  sah  er  sich  doch  wegen  der  ihm
gewordenen  Stellung  als  Bundes-Oberster  von  vielen  Seiten,
namentlich  von  den  auf  ihn  eifersüchtigen  Habsburgern,  fortwährend
  angefeindet  und  das  Gedeihen  seines  Werkes  durch  Hindernisse
  aller  Art  gehemmt.  Daher  legte  er  1615  sein  Direktorium
  nieder  und  löste  1617  die  Verbindung  völlig  auf,  schloß
aber  gleichzeitig  mit  den  kirchlichen  Oberen  von  Bamberg,
Würzburg  und  Ellwangen  ein  geheimes  Bündniß.  Aber
die  vielseitige  Bedrängniß  der  Katholiken  Deutschlands  führte  am
26.  Januar  1619  zur  Erneuerung  des  Bundes,  der  von  da  an
die  „Liga“  genannt  und  zwei  Direktoren  untergeordnet  wurde,
dem  Erzbischofe  von  Mainz  für  den  Rhein,  und  dem  Herzoge
  Maximilan  I  von  Bayern  für  die  oberen  Bundesländer;
  doch  blieb  Letzterer  beim  Verlaufe  des  inzwischen
ausgebrochenen  Krieges,  der  Deutschland  dreißig  Jahre  lang
(1618  —  1648)  verwüstete,  die  Seele  der  katholischen  Conföderation.
        <pb n="256" />
        240  Bayern  unter  Maximilian  J.

92.  Der  böhmisch-pfälzische  Krieg  1618—1623.
Die  Hauptveranlassung,  den  katholischen  Bund  unter  dem  Namen
Liga  zu  erneuern,  war  ein  in  Böhmen  erregter  Aufstand.  In
dem  großen  böhmischen  Freiheitsbriefe,  den  Kaiser  Rudolf
  II  im  Jahre  1609  gegeben  hatte,  war  den  böhmischen
Herren  und  Rittern,  so  wie  Prag,  Kuttenberg  und  anderen
  königlichen  Städten  der  Bau  von  Kirchen  auf  ihren
Gütern  gewährt  worden.  Als  aber  die  Unterthanen  der  dem
Erzbischof  von  Prag  gehörigen  Stadt  Klostergrab  und  die  des
Abtes  zu  Braunau  auf  den  Territorien  dieser  ihrer  geistlichen
Herren  protestantische  Kirchen  erbauten  und  die  dagegen  erhobene
Einsprache  unbeachtet  ließen,  ward  die  Kirche  zu  Klostergrab
niedergerissen  und  die  zu  Braunau  geschlossen  (1618).  Kurz
vorher  (Oktober  1617)  hatte  Kardinal  Khlesel  88)  dem  Grafen
Thurn  das  Burggrafenamt  des  Karlstein,  somit  die  Verwahrung
der  Privilegien  und  Insignien  des  Reiches  abgenommen  und  diesen
ehrgeizigen  Mann,  der  nicht  einmal  ein  Böhme,  sondern  nur  in
Böhmen  begütert  war,  wider  den  Kaiser  Matthias  (1612—
1619)  aufgebracht.  In  seinem  Haße  stellte  sich  Thurn  an  die
Spitze  der  revolutionären  Adelspartei  und  bot  Alles  auf,  eine
Umwälzung  der  Dinge  herbeizuführen,  die  dem  Kaiserhause  im
günstigsten  Falle  nichts  als  cinen  Schatten  von  Macht  gelassen
und  der  katholischen  Religion  den  Untergang  gedroht  hätte.  Thurn
ergriff  die  eben  obschwebende  Kirchenangelegenheit  und  suchte  aus
ihr  eine  allgemeine  Beschwerdesache  zu  machen,  verletzte  aber
damit  selbst  den  Majestätsbrief  und  ließ,  als  der  Kaiser  die
Häupter  der  stattgehabten  Versammlung  als  Aufrührer  bezeichnete,
  verkünden,  der  Kaiser  wolle  dem  Lande  seine  Privilegien
  entziehen.  Bald  war  die  Sache  so  weit  gekommen,  daß
Thurn  und  die  Seinen  nicht  mehr  zurück  konnten.  Um  so  mehr
suchte  er  durch  eine  blutige  That  ganz  Böhmen  in  sein  Geschick
zu  verwickeln.  Er,  der  Graf  von  Schlick,  Wilhelm  von
Lobkowitz  und  einige  andere  vom  böhmischen  Herrenstande,  überfielen
  am  23.  Mai  1618  —  dem  verhängnißvollen  Tage  für
Böhmens  Freiheit  und  Glück  —  die  kaiserlichen  Statthalter  auf
dem  Hradschin  (kaiserlichen  Schloße)  zu  Prag  und  stürzten  zwei
derselben,  den  Grafen  Jaroslaw  von  Martinitz  und
        <pb n="257" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  241

Wilhelm  Slavata,  und  außer  diesen  den  Sekretär  Fabricius
Platter  vom  hohen  Schlopffenster  in  den  trocken  gelegten  Schloßgraben
  hinab.  Die  Höhe  des  Sturzes  betrug  56  Juß;  dennoch
blieben  alle  drei  am  Leben  und  entkamen,  wunderbar  gerettet,
unter  mehreren  auf  sie  abgefeuerten  Schüssen.  Nur  Slavata
wurde  schwer  am  Kopfe  verwundet  und  in  das  Haus  des  Kanzlers
  Lobkowitz  gebracht.  Auf  diese  schändliche  That,  die  als
böhmische  Sitte  entschuldigt  wurde,  folgte  der  offene  Aufstand
unverweilt  nach.  Die  Stände  wählten  dreißig  Direktoren,  übergaben
  ihnen  alle  Macht,  ernannten  den  Grafen  von  Thurn
zum  obersten  Anführer,  vertrieben  die  Jesuiten  und  begannen,
als  die  Städte  Budweis,  Krumau  und  Pilsen  dem  Kaiser
treu  blieben,  den  Krieg  gegen  diese,  indem  sie  dieselben  zum
Abfalle  zu  zwingen  suchten.  Zugleich  suchten  sie  auf  allen  Seiten
Hilfe  zu  erlangen,  wo  möglich  ganz  Europa  unter  die  Waffen
zu  rufen.

Kaum  war  in  diesen  Wirren  Kaiser  Matthias  gestorben
(20.  März  1619)),  so  zeigte  sich  auch  schon,  wie  enge  die  böhmischen
  Stände  mit  den  österreichischen  verbunden  waren,
wie  ein  allgemeiner  Abfall  der  Erblande  vorbereitet  wurde.
Thurn  drang  im  Einverständniße  mit  den  aufrührerischen  Oesterreichern
  (6.  Juni  1619)  bis  nach  Wien  vor  und  belagerte
„Ferdinand  II  (1619—1637),  den  Nachfolger  des  Matthias,
in  der  kaiserlichen  Burg.  Nur  die  Standhaftigkeit  Ferdinands
hielt  einen  schmachvollen  Vertrag  ab,  und  der  Sieg  des  kaiserlichen
  Generals  Bucquoi  über  den  von  der  Union  abgeordneten
Grafen  Ernst  von  Mansfeld  bei  Budweis  (10.  Juni  1619)
hemmten  weitere  Fortschritte  der  Böhmen.  Thurn  mußte  abziehen.
  Ferdinand,  von  der  nächsten  Gefahr  befreit,  reiste
nun  nach  Frankfurt  zur  Kaiserwahl,  obwohl  die  Huldigung
in  den  österreichischen  Ländern  noch  nicht  erfolgt  und  in  seiner
Abwesenheit  viel  Schlimmes  zu  besorgen  war.  Am  28.  August
1619  ward  er  einstimmig  zum  Kaiser  erwählt,  erhielt  aber,  als
er  mit  den  Kurfürsten  des  Reiches  in  Frankfurt  aus  dem  Conclave
  der  Bartholomäuskirche  trat,  die  Nachricht  von  seiner  Absetzung
  als  König  von  Böhmen.  Die  rebellischen  Großen

dieses  Landes  hatten  am  26.  August  1619  Ferdinand  des
Sattler,  bayer.  Geschichte.  16
        <pb n="258" />
        242  Bayern  unter  Maximilian  I.

böhmischen  Thrones  verlustig  erklärt  und  den  calvinistischen  Kurfürsten
  Friedrich  V  von  der  Pfalz,  das  Haupt  der  Union,
auf  denselben  erhoben.

Trotz  der  Abmahnungen  des  Herzogs  Maximilian  I  von
Bayern  und  aller  Kurfürsten,  sowie  seiner  mit  den  eitlen
Schwächen  ihres  Sohnes  wohlbekannten  Mutter  Louise  Juliana
(Tochter  Wilhelms  von  Oranien  aus  dritter  Ehe),  des  Fürsten
von  Anhalt  und  seiner  eigenen  Räthe  ließ  sich  Friedrich  V
von  den  prahlerischen  Reden  der  böhmischen  Abgesandten,
von  den  thörichten  Schmeicheleien  seiner  nach  einer  Königskrone
krankhaft  lüsternen  Gemahlin  Elisabeth,  Tochter  des  Königs
Jakob  1  von  England,  von  den  unbesonnenen  Vorspiegelungen
des  Moritz  von  Oranien  und  hauptsächlich  von  den  hitzigen
Declamationen  seines  Hofpredigers,  Abraham  Srultetus,  verleiten,
  die  Annahme  einer  von  der  Revolution  ihm  angetragenen
Krone  zuzusagen,  hielt  am  31.  Oktober  1619  in  Prag  seinen
Einzug  und  wurde  am  4.  November  gekrönt.  Kaiser  Ferdinand
  II,  der  auf  seinem  Rückwege  von  Frankfurt  bei  seinem
Jugendfreund,  dem  Herzoge  Maximilian  I  von  Bayern,  in
München  zugesprochen,  hatte  diesen  am  24.  Oktober,  sieben
Tage  vor  dem  Einzuge  Friedrichs  V  in  Prag,  zu  einem  Vertrage
  vermocht,  in  welchem  Maximilian  unter  der  Bedingung
unumschränkter  Leitung  der  Liga  alle  seine  Macht  zur  Rettung
des  Kaiserhauses  und  zur  Erhaltung  des  katholischen  Glaubens
aufzubieten  versprach.  Friedrich  V,  vom  Glücke  berauscht,
übersah  bei  den  Gelagen  und  Festen,  die  er  veranstaltete,  die
heranzichende  Gefahr,  und  die  Union,  welche  mit  ihren  Truppen
loszuschlagen  versäumte,  schloß  am  3.  Juli  1620  mit  Maximilian
  von  Bayern  den  Vertrag  von  Ulm,  kraft  dessen
Union  und  Liga  sich  verpflichteten,  sich  in  die  böhmischen
Händel  nicht  einzumischen.  Dabei  behielt  sich  aber  Maximilian
freie  Hand,  um  dem  Kaiser  für  seine  Person,  und  nicht  im
Namen  der  Liga  zu  helfen.  Rasch  zog  Maximilian  selbst  an
der  Spitze  von  26,000  Mann  zu  Fuß  und  5500  Reitern  mit
seinem  Heermeister  Tzerklas  Freiherrn  von  Tilly  und  seinem
(1619)  neu  gebildeten  Kriegsrathe  zuerst  nach  Oberösterreich,
brachte  hier  die  Stände  zum  Gehorsam  und  marschirte  dann  von
        <pb n="259" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  243

Linz  eilig  nach  Böhmen.  Am  weißen  Berge  bei  Prag
stießen  die  feindlichen  Heere  am  8.  November  1620  aufeinander.
Als  unter  den  Feldherren  der  katholischen  Truppen  über  die  Art
des  vorzunchmenden  Angriffs  getheilte  Meinung  herrschte,  trat
der  alte,  im  Rufe  eines  Wunderthäters  stehende  Carmelitermönch
P.  Dominicus  de  Jesu  Maria  zu  den  Anführern  und  vermochte
  sie  durch  seine  begeisternden  Worte  zu  einem  unmittelbaren
Angriff  auf  Prag,  der  am  8.  November,  einem  Sonntage,  Mittags
  12  Uhr  erfolgte.  Unter  Tilly's  Fahne  focht  hier,  kaum
24  Jahre  alt,  der  nachmals  so  berühmte  Denker  Réöns  Descartes.
  In  einer  Stunde  war  das  durch  einen  Nachtmarsch
ermüdete  Heer  Friedrichs  V  vollständig  geschlagen,  gerade  an
dem  Sonntage,  an  welchem  das  Evangelium  der  treffenden  Messe
die  Worte  enthielt:  „Gebet  dem  Kaiser,  was  des  Keisers  ist,
und  Gott,  was  Gottes  ist.“  Beim  Gastmahle  sitzend,  vernahm
Friedrich  den  Anfang  und  den  Ausgang  der  Schlacht.  Die
von  Maximilian  ihm  gewährte  achtstündige  Waffenruhe  benützte
er,  um  mit  den  Seinigen  Prag  zu  verlassen,  wo  er  in  der  Eile
und  Bestürzung  Krone  und  Scepter  zurückließ.  An  demselben
Tage,  an  welchem  der  „Winterkönig"  Friedrich  von  der  Pfalz
nach  Breslau  geflohen  war,  hielt  der  Bayernherzog  Maximilian
  1  seinen  Einzug  in  der  böhmischen  Hauptstadt.  Nachdem
er  für  den  Kaiser  die  Huldigung  empfangen  hatte,  übergab  er
die  weitere  Verwaltung  dem  Fürsten  Karl  von  Lichtenstein
als  kaiserlichem  Statthalter  und  reiste  nach  München,  wo  er
am  25.  November  1620  eintraf  und  mit  großem  Jubel  empfangen
wurde.  Er  verfügte  sich  geraden  Weges  in  die  Frauenkirche
und  begab  sich  erst  nach  Beendigung  des  dort  gefeierten  Gottesdienstes
  in  die  Gemächer  des  von  ihm  (1601—1616)  erbauten
westlichen  Flügels  )  der  neuen  Residenz.  Hier  berichtete  er  unverzüglich
  an  den  Papst  Paul  V  mit  den  Worten:  „Ich  kam,

*)  Den  Bau  dieses  Flügels  hatte  Herzog  Maximilian  I  im  Jahre
1601  unternommen,  weil  während  seines  Aufenthaltes  in  Schleißheim  ein
Theil  der  neuen  Residenz  niedergebrannt  war.  In  der  Nähe  der  östlichen
Wand  dieses  Flügels,  am  Schluße  des  südlichen  Portals  rechts,  ließ  derselbe
Herzog  gleichzeitig  eine  Kapelle  bauen,  die  sogenannte  schöne  Kapelle,  die
gegenwärtig  noch  steht.

16.
        <pb n="260" />
        244  Bayern  unter  Maximilian  I.

sah,  und  Gott  siegte.“  Die  im  Jahre  1638  errichtete
Mariensäule  auf  dem  Schrannen=  (jetzt  Marien-)  Platze  ist
die  Erfüllung  seines  in  der  Prager  Schlacht  für  den  glücklichen
Ausgang  derselben  gemachten  Gelübdes.

Der  besiegte  Friedrich  V  entwich  von  Breslau  aus  nach
Berlin  und  von  da  nach  Holland.  Er  ward  mit  seinen  Anhängern
  in  die  Reichsacht  und  aller  Würden  und  Länder  verlustig
  erklärt,  Böhmen  unterworfen,  der  Majestätsbrief  vernichtet,
die  Protestanten  aller  bürgerlichen  Rechte  beraubt  und  die  protestantischen
  Prediger  nicht  allein  aus  Böhmen,  sondern  auch
aus  den  übrigen  deutsch-österreichischen  Ländern  vertrieben.
Die  Union  löste  sich  auf,  um  aller  Verbindlichkeit  gegen  den
geächteten  Kurfürsten  überhoben  zu  sein.

Die  Reichsacht  ward  von  der  Liga  vollzogen,  indem
Maximilians  Feldherr,  Tilly,  in  Verbindung  mit  spanischen
Truppen  die  von  Ernst  von  Mansfeld,  dem  Markgrafen
Friedrich  von  Baden-Durlach  und  dem  Prinzen  Christian
von  Braunschweig  vertheidigten  pfälzischen  Länder  des
flüchtigen  Kurfürsten  an  der  Donau  und  am  Rhein  eroberte.
Heidelberg,  das  sich  am  längsten  gehalten,  ward  am  17.  September
  1622  erstürmt.  Was  von  der  dortigen  ausgezeichneten
Bibliothek  bei  der  Erstürmung  und  Plünderung  nicht  zu
Grund  gegangen  war,  erhielt  Papst  Gregor  XVI  (1621—
1623))  zum  Geschenke“).  Auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg
ertheilte  Kaiser  Ferdinand  II  dem  Herzog  Maximilian  von
Bayern  am  25.  Februar  1623  die  Kurwürde  mit  dem
Erztruchsessen-Amte  für  seine  Person  auf  Lebensdauer;
als  Ersatz  für  seine  Kriegskosten  war  ihm  kurz  nach  der  Prager
Schlacht  das  österreichische  Gebiet  ob  der  Ens  verpfändet
worden.

#  93.  Der  dänische  Krieg  1625—1629.  Der  Krieg
entbrannte  auf's  neue,  als  der  König  Christian  IV  von  Dänemark,
  der  sich  von  den  Ständen  des  von  Lilly  bedrohten  Niedersachsens
  zum  Kreisobersten  hatte  wählen  lassen,  für  seinen

*)  Papst  Pius  VII  (1800—1823)  hat  im  Jahre  1815  zurückgegeben,
was  sich  davon  in  der  Vatikanischen  Bibliothek  noch  vorfand.
        <pb n="261" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  245

Schwager  Friedrich  V  und  für  die  Sache  der  Protestanten
bewaffnet  auftrat.  Kaiser  Ferdinand  II,  durch  Maximilian
und  Tilly  überzeugt,  daß  neben  dem  ligistischen  ein  eigenes
kaiserliches  Heer  von  möglichst  großer  Stärke  ausgerüstet
werden  müsse,  hatte  in  Ermanglung  erprobter  Führer  und  des
nöthigen  Geldes  den  Blick  auf  Albrecht  von  Wallenstein
(Waldstein)  39)  gerichtet,  den  er  1623  zum  Fürsten,  und  ein
Jahr  später  zum  Herzog  von  Friedland,  damals  seiner  größten
  Herrschaft,  ernannt  hatte.  Wallenstein  leistete  Unglaubliches
  —  er  stellte  dem  Kaiser  40,000  Mann  in  dem  Augenblicke
zur  Verfügung,  wo  Christian  von  Dänemark  herangezogen
kam  (1625).  Wie  schon  im  Voraus  bestimmt  worden  war,  erhielt
  Wallenstein  über  die  von  ihm  geworbenen  Truppen  den
unbeschränkten  Oberbefehl  als  des  Kaisers  „General-Obristen-Feldhauptmann.“


Der  Tag,  an  welchem  er  den  Befehl  übernahm,  bezeichnet
einen  merkwürdigen  Punkt  in  der  Geschichte  des  dreißigjährigen
Krieges.  Bis  dahin  war  der  Kampf  zum  Vortheil  der  katholischen
  Kirche  und  zur  Vergrößerung  Bayerns  geführt
  worden.  Wallenstein  drückte  ihm  alsbald  den  kaiserlichen
  Charakter  auf.  Zunächst  führte  er  sein  Heer  in  die
Gegenden  der  Niederelbe  und  schlug  den  Grafen  Mansfeld
(25.  April  1626)  an  dem  von  diesem  angelegten  Brückenkopfe
bei  Dessau.  Als  dieser  durch  Schlesien  nach  Ungarn  zog  und
sich  mit  Bethlen  Gabor,  dem  Fürsten  von  Siebenbürgen,
vereinigte,  folgte  ihm  Wallenstein;  doch  geschah  hier  nichts
Entscheidendes.  Bethlen  Gabor  schloß  mit  dem  Kaiser
Frieden,  worauf  Mansfeld  mit  Zurücklassung  seiner  Truppen
nach  Venedig  reiste,  um  sich  von  da  nach  England  einzuschiffen.
  Allein  er  wurde  zu  Wrakowitz  in  Bosnien  (am
30.  November  1626)  vom  Tode  ereilt  und  zu  Spalatro  in  Dalmatien
  begraben.

Nach  der  Niederlage,  die  Mansfeld  am  Dessauer-Brückenkopfe
  erlitten  hatte,  hing  die  Entscheidung  des  Krieges
von  den  Heeren  Tilly's  und  des  Königs  von  Dänemark  ab.
Tilly  schlug  (27.  August  1626)  das  dänische  Heer  unter
Christian  IV  bei  Lutter  am  Barenberge,  einem  Dorfe  im
        <pb n="262" />
        246  Bayern  unter  Maximilian  I.

Braunschweigischen,  und  vereinigte  sich  mit  dem  aus  Ungarn
zurückgekehrten  Wallenstein  zu  einem  gemeinschaftlichen  Angriffe
  auf  die  Länder  des  Königs  von  Dänemark.  Beide
eroberten  Holstein,  und  Wallenstein  allein  Schleswig  und
Jütland.  Ebenso  wurden  die  beiden  Herzöge  von  Mecklenburg,
  weil  sie  den  Dänen  Unterstützung  gewährt  hatten,  aus
ihren  Ländern  verjagt  und  der  Herzog  von  Pommern  gezwungen,
  sein  Land  den  Schaaren  Wallensteins  preiszugeben
(1627).  Die  stark  befestigte  Hansestadt  Stralsund  widersetzte
sich  der  Aufnahme  einer  kaiserlichen  Besatzung  und  hielt,  von
Dänemark  und  Schweden  unterstützt,  eine  heftige  Belagerung
und  die  wiederholten  Stürme  Wallensteins  glücklich  aus.
Für  aufgewandte  Kriegskosten  erhielt  Wallenstein  das
Herzogthum  Mecklenburg,  der  Kurfürst  von  Bayern
dagegen,  der  noch  immer  das  österreichische  Gebiet  ob  der  Enns
trotz  eines  gegen  ihn  erregten  Aufstandes  ")  als  Pfand  für
13  Millionen  Gulden  besaß,  die  er  auf  die  Bezwingung  Ober-Oesterreichs
  und  Böhmens  verwendet,  bekam  die  Oberpfalz
sammt  der  Grafschaft  Cham,  dann  die  Aemter  der  Unterpfalz
  rechts  des  Rheines  mit  Heidelberg  und  Mannheim
  und,  weil  Amberg  und  Heidelberg  das  Kurpräzipuum
(das  zur  pfälzischen  Kurwürde  gehörige  Gebiet)  ausmachten,
stillschweigend  auch  die  erbliche  Kurwürde  sammt  dem
Erztruchsessenamt  des  bisherigen  Wittelsbachischen  Pfälzerzweiges
(4.  März  1628),  dazu  noch  das  Recht  des  Wiedereintritts  in

*)  Ein  geringfügiger  Umstand  hatte  diesen  Aufstand  erregt,  nämlich  der,
daß  ein  bayerischer  Soldat  von  einem  Bauern  ein  Pferd  verlangte  und  dieser
die  Herausgabe  verweigerte.  Ein  deshalb  entstandener  Streit,  an  welchem
Helfer  und  Schürer  von  beiden  Parteien  Antheil  nahmen,  endigte  im  Handgemenge
  mit  der  Erschlagung  von  acht  bayerischen  Soldaten.  Die  Bauern
zogen  in  Haufen  zusammen,  drängten  die  bayerischen  Soldaten  nach  Linz
und  der  „Oberhauptmann  der  christlich-evangelischen  Armada
der  Bauernschaft  in  Oberösterreich",  der  in  den  Künsten  der  Heerführung
  und  Verwaltung  merkwürdig  begabte  und  geschickte  Hutmacher  Stephan
  Fadinger  schlug  zu  wiederholten  Malen  den  bayerischen  Statthalter,
den  Grafen  Adam  von  Herbersdorf,  und  belagerte  Linz,  wo  er  am
28.  Juni  1626  fiel.  Sein  Nachfolger,  Achatius  Wiellinger,  setzte  den
Kampf  fort,  mußite  aber  die  Belagerung  von  Linz  aufgeben.
        <pb n="263" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  247

den  Besitz  Oberösterreichs,  wenn  etwa  das  Tauschobject  verloren
gehen  sollte.

Um  zu  verhüten,  daß  Dänemark  sich  mit  Schweden
verband,  wurde  dem  Könige  Christian  IV  ein  sehr  glimpflicher
Friede  zu  Lübeck  (1629)  bewilligt,  in  dem  er  alle  seine  verlornen
Länder  zurückerhielt  und  nur  jeder  Verbindung  wider  den  Kaiser
entsagen  mußte.

Die  wiederholte  Schwächung,  welche  die  Macht  der  Protestanten
  in  den  letzten  Jahren  erlitten  hatte,  wollte  der  Kaiser
benutzen,  um  das  Uebergewicht  des  Katholizismus  im  Reiche
herzustellen  und  zu  sichern,  wie  ihm  dieß  in  seinen  Erblanden
bereits  nach  der  Schlacht  am  weißen  Berge  gelungen  war.  Daher
forderte  er  durch  das  Restitutions-Edikt  (6.  März  1629)
alle  seit  dem  Passauer  Vertrage  (1552)  von  den  Protestanten
eingezogenen  geistlichen  Güter  ')  zurück  und  bestimmte  zugleich,
daß  die  Vortheile  des  Augsburger  Religionsfriedens
(1555)  nur  für  die  Bekenner  der  Augsburger  Confession
gelten,  andere  Secten  aber  nicht  geduldet  werden  sollten.  Die
Vollziehung  dieses  Ediktes  ward  von  Wallenstein  im  Verein
mit  Truppen  der  Liga  streng  durchgeführt.  Daher  erhoben
auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg  (3.  Juni  1630),  den  der
Kaiser  versammelt  hatte,  um  seinen  Sohn  Ferdinand  zum
römischen  Könige  wählen  zu  lassen,  katholische  und  protestantische
  Stände,  namentlich  Bayerns  Kurfürst  Maximilian,
  so  laute  Klagen  über  den  wegen  seiner  raschen  Erhebung
  und  seiner  unumschränkten  Gewalt  allgemein  verhaßten
Wallenstein  und  die  von  seinen  Truppen  (angeblich)  gemachten
Uebergriffe,  daß  der  von  meisterhaften  Schachzügen  diplomatischer
List  und  Schlauheit  umgarnte  Kaiser  sich  zu  dessen  Entlassung
verstand.  So  erhielt  Wallenstein,  der  bei  dem  keaiserlichen
Heere  zu  Memmingen  in  Schwaben  verweilte,  den  Absetzungsbrief,
  den  ihm  zwei  alte  Freunde,  der  Hofkanzler  von  Werdenberg
  und  der  Kriegsrath  von  Ouestenberg  überbrachten.

*)  Im  Ganzen  120  an  der  Zahl,  worunter  die  zwei  Erzbisthümer
Bremen  und  Magdeburg  und  die  zwölf  Bisthümer  Minden,  Verden,
Halberstadt,  Lübeck,  Ratzeburg,  Meißen,  Merseburg,  Naumburg,
Brandenburg,  Havelberg,  Lebus,  Kamin.
        <pb n="264" />
        248  Bayern  unter  Maximilian  I.

Von  seinem  Heere,  das  100,000  Mann  zählte,  wurden  60,000
Mann  verabschiedet,  deren  ein  großer  Theil  alsbald  nordwärts
eilte,  um  bei  dem  Schwedenkönig  Handgeld  zu  nehmen.  Mit
Widerstreben  übernahm  Tilly  das  Oberkommando  der  übrigen
40,000  Mann  der  Wallenstein'schen  Truppen  und  der  auf
30,000  Mann  reduzirten  ligistischen,  denn  er  fühlte  die  Abnahme
seiner  Kräfte  und  sah  sich  in  die  schwierige  Lage  versetzt,  fortan
zwei  Herren,  dem  Kaiser  und  dem  Kurfürsten  Maximilian
von  Bayern,  dienen  zu  sollen.

#  94.  Der  schwedische  Krieg  1630—1635.  Kaiser
Ferdinand,  der  nach  Wallensteins  Entlassung  auf  das  ungestüme
Andrängen  der  protestantischen  Kurfürsten  hin  die  Vollziehung
des  Restitutions-Ediktes  auf  so  lange  hinausschob,  bis  die  Art
derselben  durch  einen  Berathschlagungs-Ausschuß  zu  Frankfurt
  am  Main  festgesetzt  sein  würde,  sah  bald  ein,  daß  er  mit
seiner  Nachgiebigkeit  sich  selbst  den  empfindlichsten  Stoß  versetzt
habe.  Denn  der  Schwedenkönig  Gustav  II  Adolf,  der  schon
vor  fünf  Jahren  den  niederländischen  Generalstaaten
(Holland,  Seeland,  Utrecht,  Geldern,  Gröningen,  Friesland  und
Oberyssel)  sich  zu  einem  Einfalle  in  Deutschland  durch  seinen
Rath  Arel  Orxenstjerna  hatte  bereit  erklären  lassen,  landete
nach  Abschluß  eines.  Waffenstillstandes  mit  Polen,  im  Sommer
1630,  an  der  pommer'schen  Küste.  Als  Gründe  seiner  Einmischung
  in  die  deutschen  Angelegenheiten  bezeichnete  er  die  Vertreibung
  der  ihm  verwandten  Herzöge  von  Mecklenburg,  die
Zurückweisung  seiner  Vermittlung  beim  Lübecker  Fricden,  die
Festnehmung  eines  seiner  Couriere,  die  er  mit  Depeschen  an
Bethlen  Gabor  geschickt,  ferner  die  Mißachtung  seiner  Flagge
und  die  Unterstützung  des  Königs  von  Polen  durch  ein  von
Wallenstein  algesandtes  Hilfscorps,  das  unter  seinem  Führer
Arnim  mehrmals  und  glücklich  gegen  die  Schweden  gekämpft
hatte.  Den  wahren  Grund,  daß  er  die  innere  Zerrissenheit
Deutschlands  zur  Gründung  eines  großen  nordischen  Kaiserreiches
  benutzen  wollte,  verschwieg  er.

Nachdem  es  Gustav  Adolf  gelungen  war,  die  Kaiserlichen
aus  Pommern  zu  vertreiben,  drang  er  im  folgenden  Jahre  in  die
        <pb n="265" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  249

Mark  Brandenburg  vorz  aber  seiner  Aufforderung  an  die
deutschen  Reichsstände,  sich  an  ihn  anzuschließen,  entsprachen
zunächst  nur  Hessen-Kassel  und  die  durch  das  Restitutions-Edikt
  bedrohte  Reichsstadt  Magdeburg.  Tilly,  dem  der  kaiserlich
  gesinnte  Pappenheim  0)  zur  Seite  stand,  rückte  schleunig
vor  Magdeburg,  und  während  der  heranziehende  Gustav
Adolf  über  den  Durchzug  seines  Heeres  durch  das  Land  des
Kurfürsten  von  Sachsen  noch  Unterhandlungen  pflog,  erfolgte
schon  die  Erstürmung  Magdeburgs  am  21.  Mai  1631.
Ein  allenthalben  ausbrechendes  Feuer,  welches  durch  die  von  den
Vertheidigern  angelegten  Flatterminen  “)  entstand,  verwandelte  die
Stadt  größtentheils  in  Asche,  wodurch  Tilly's  Plan,  sie  zum
Stützpunkte  seiner  Operationen  zu  machen,  vereitelt  war.  Von
dieser  Zeit  an  verließ  den  greisen  Tilly  das  Glück,  das  ihn  so
ost  begünstigt  hatte.  Nach  der  Niederlage,  die  ihm  Gustav
Adolf  vor  Leipzig  bei  Breitenfeld  (17.  September  1631)
beibrachte,  zog  er  mit  dem  Reste  der  kaiserlichen  Armee  an  die
Weser,  während  Gustav  Adolf  durch  Thüringen  und  Franken
bis  nach  Mainz  vordrang  und  dort  überwinterte.  Im  Frühjahre
  1632  zog  der  Schwedenkönig  nach  Bayern,  wo  ihm
Tilly  bei  Rain  zwischen  der  Donau  und  dem  Lech  entgegentrat.
  Da  hier  eine  Kugel  das  rechte  Bein  Till  y's  (16.  April
1632)  zerschmetterte,  hob  Kurfürst  Maximilian  das  verschanzte
Lager  bei  Rain  auf  und  zog  sich  in  die  Festung  Ingolstadt
zurück,  wo  Tilly  seiner  Wunde  erlag.  Während  Gustav  Adolf
seinem  Gegner  nach  Ingolstadt  folgte  und  diese  Festung  ohne
Erfolg  belagerte,  besetzte  Kurfürst  Maximilian  (3.  Mai  1632)
die  Stadt  Regensburg,  wie  es  ihm  Tilly  vor  seinem  Ende
dringend  gerathen  hatte.  Um  den  Kurfürsten  von  der  Donau
wegzuziehen,  wandte  sich  Gustav  Adolf  in  den  Süden  Bayerns

*)  Der  Name  jener  Minen,  die  leicht  geladen  und  seicht  gelegt  werden.
Der  schwedische  Feldmarschall  Dietrich  von  Falkenberg,  der  in  Magdeburg
  eingetroffen  war,  ehe  Tilly's  Heer  zur  Belagerung  dieser  Stadt  heranrückte,
  hatte  eine  Unzahl  solcher  Minen  längs  den  Straßen  der  Stadt  legen
lassen,  um  Magdeburg  nicht  unversehrt  in  die  Hände  der  Kaiserlichen  fallen
zu  lassen  und  den  feindlichen  Truppen  beim  Betreten  der  Stadt  große  Verluste
  beizubringen.
        <pb n="266" />
        250  Bayern  unter  Maximilian  I.

nach  Landshut,  Moosburg,  Freysing  und  traf  am  17.  Mai,
einem  Montage,  in  München  ein.

Der  Stadt  Landshut  legte  er  100,000,  der  Stadt  Freysing
  30,000,  und  der  Stadt  München  300,000  Thaler  Brandschatzung
  auf.  Alle  Kriegsvorräthe  und  Waffen,  darunter  140
in  München  vergrabene  Kanonen,  nahm  er  als  Beute.  Da
München  an  der  Brandschatzung  nur  90,000  Thaler  zu  zahlen
vermochte,  mußte  es  für  den  Rest  42  Geißeln  stellen,  welche
2  Jahre,  9  Monate  und  26  Tage  unter  unsäglichen  Beschwerden
und  Entbehrungen  von  den  Schweden  zurückgehalten  wurden.

In  dieser  Noth  hatte  der  Kaiser  schon  am  Ende  des  Jahres

1631  den  entlassenen  Wallenstein,  der  auf  seinen  Gütern  in
fürstlicher  Pracht  lebte,  wieder  berufen  und  ihn  so  von  dem
bereits  eingeschlagenen  Pfade  des  Verrathes  an  Kaiser  und  Reich
zurückgelenkt.  Schnell  brachte  Wallenstein  ein  ansehnliches
Heer  zusammen,  dem  sich  Maximilians  Truppen  anschließen
mußten,  so  groß  auch  des  Kurfürsten  Abneigung  gegen  Wallenstein
  war.  Die  feindlichen  Heere  stießen  vor  Nürnberg
aufeinander.  Zehn  Wochen  lagen  hier  die  beiden  größten  Heerführer
  ihrer  Zeit  in  verschanzten  Lagern  einander  gegenüber,
indem  jeder  den  Gegner  durch  Mangel  aus  seiner  Stellung  zu
vertreiben  suchte.  Endlich  kehrte  Gustav  Adolf  nach  einem
mißglückten  Angriffe  auf  Wallensteins  Lager  (zwischen  Stein  und
Zirndorf)  nach  Bayern  zurück,  in  der  Hoffnung,  der  Feind
werde  ihm  folgen.  Allerdings  brach  nun  auch  das  keaiserliche
Heer  auf,  entsprach  aber  durch  die  Richtung,  die  es  einschlug,
den  Erwartungen  Gustav  Adolfs  nicht.  Der  Kurfürst  von
Bayern  ging  nach  Süden,  um  sein  Land  zu  decken,  Wallenstein
  aber  brach  nach  Sachsen  auf,  um  den  Herrscher  dieses
Landes  zum  Aufgeben  des  schwedischen  Bündnisses  zu  zwingen
und  im  nächsten  Frühjahr  das  nördliche  Deutschland  wieder  zu
erobern  und  so  dem  Schwedenkönige  den  Rückzug  abzuschneiden.
Kaum  war  Sachsens  Kurfürst  durch  Wallensteins  Nahen  bedroht,
als  Gustav  Adolf  in  Eilmärschen  nach  Sachsen  vorging  und
sich  mit  Bernhard  von  Weimar  vereinigte.  Als  ihm  vor
Leipzig  die  Kunde  gebracht  wurde,  daß  Wallenstein  eben  seine
Truppen  in  die  Winterquartiere  zerstreut  und  eine  Abtheilung
derselben  unter  Pappenheim  nach  dem  Rheine  zum  Entsatz  der
        <pb n="267" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  251

Stadt  Köln  entsandt  habe,  nöthigte  er  den  Wallenstein  bei
Lützen  unweit  Leipzig  am  16.  November  1632  zur  Schlacht,
in  welcher  er  fiel.  Die  Schweden  waren  bereits  im  Weichen,
aber  die  Kunde  von  des  Königs  Tode  entflammte  sie  unter
Bernhards  Führung  zu  neuem  Muthe,  und  die  Ankunft  des
schnell  von  Halle  zurückgerufenen  Pappenheim  konnte  ihnen
den  Sieg  nicht  entreißen,  da  auch  er  tödtlich  verwundet  wurde.
Dreizehn  Tage  darnach,  am  29.  November  1632,  starb  auch
der  geächtete  Kurfürst  Friedrich  V  von  der  Pfalz  zu  Mainz.
Aber  sein  und  Gustav  Adolfs  Tod  setzte  dem  unheilvollen  Bruderkriege
  kein  Ende.  Der  in  Deutschland  anwesende  schwe  ische
Reichskanzler  Arel  Oxenstjerna  ließ  im  Einverständnisse  mit
dem  verschmitzten  Kardinal  Richelieu?),  dem  es  um  Demüthigung
  Oesterreichs  und  um  Gewinnung  von  Lothringen
und  Elsaß  zu  thun  war,  den  Krieg  fortsetzen,  wobei  die  kirchlichen
  Interessen  immer  mehr  in  den  Hintergrund  traten.
Wallenstein  führte  nach  der  Schlacht  bei  Lützen  sein  Heer
nach  Böhmen  und  ließ  ganz  Bayern  den  Schweden  offen,  die
unter  ihren  besten  Führern,  Gustav  Horn  und  Bernhard
von  Weimar,  heranzogen.  Horn,  der  1632  ein  abgesondertes
Commando  im  Trier'schen,  in  der  Rheinpfalz,  im  Elsaß
geführt  hatte,  rückte  in  Vereinigung  mit  Banéêr  durch  Schwaben
gegen  die  Iller,  konnte  aber  das  vom  keiserlichen  General
Aldringen  (15.  Januar  1633)  erstürmte  Kempten  nicht
retten;  Bernhard  von  Weimar  war  nach  der  Schlacht  bei
Lützen  gegen  Bamberg  und  Würzburg  gerückt,  hatte  beide
Bisthümer  besetzt  und  in  Würzburg  mit  Orenstjerna's  Zustimmung
eine  Weimar'sche  Administration  eingesetzt.  Obschon  ihm
der  bayerische  Reitergeneral  Johann  von  Werths)  durch  seine
damaligen  Erstlingsthaten  mehrfache  Hindernisse  in  den  Weg  legte,
so  erfolgte  doch  am  12.  Mai  1633  die  Verbindung  Horns  und
Bernhards  bei  Augsburg.  Die  Bürger  Landsbergs,
dem  jede  Besatzung  fehlte,  fielen  unter  den  Trümmern  ihrer  Stadt,
und  ihre  tugendhaften  Töchter  stürzten  sich  vom  Felsen,  um  der
viehischen  Zügellosigkeit  der  Schweden  zu  entgehen.  Neumarkt,
Eichstädt,  Neuburg  an  der  Donan,  Aichach  fielen  in  die
Gewalt  der  Schweden;  beinahe  hätte  Bernhard  von  Weimar
auch  die  Festung  Ingolstadt  durch  Ueberrumplung  genommen.
Die  Stadt  Regensburg,  die  nur  von  1700  Bayern  besetzt
war,  weil  das  bayerische  Hauptheer  zum  Entsatze  der  Festung
Breisach  abgezogen  war,  fiel  am  4.  November  1633  in  die
        <pb n="268" />
        252  Bayern  unter  Maximilian  I.

Hände  des  aus  Schwaben  zurückkehrenden  Bernhard  von  Weimar,
ebenso  die  Veste  Donaustauf,  die  im  folgenden  Jahre  durch
Bernhard  gesprengt  wurde.  Von  da  drangen  die  Schweden
verheerend  nach  Norden,  Süden  und  Osten.  Die  ganze  Oberpfalz
  mit  Ausnahme  von  Amberg,  die  Städte  Cham,  Straubing,
  Deggendorf,  Dingolfing  wurden  von  den  Schweden
besetzt,  ja  selbst  Passau  schon  bedroht.  Ein  weiteres  Vordringen
nach  Osten  hinderte  Johann  von  Werth  durch  die  Stellung,
die  er  bei  Vilshofen  genommen.

Während  die  Schweden  ganz  Bayern  durchzogen,  hielt  sich
der  Kurfürst  Maximilian  mit  der  Regierung  in  der  Festung
Braunau  auf,  Wallenstein  aber  stand  unbekümmert  um
Bayerns  Elend  mit  seinem  Heere  in  Böhmen.  Ueberzeugt,  daß
weder  der  Kaiser  ihn  durch  Uebertragung  eines  Erblandes  für
sein  Verdienst  belohnen  wolle,  noch  seine  zahlreichen  Feinde  ihn
als  Reichsfürsten  neben  sich  dulden  würden,  trat  Wallenstein
  mit  Frankreich  in  Unterhandlung,  um  die  Krone  Böhmens
  zu  gewinnen.  Einer  der  vorzüglichsten  Vertrauten  Wallensteins,
  der  Feldmarschall  Jllo  (Christian  Ilow,  aus  einer
brandenburgischen  Familie  stammend)  war  in  das  Gcheimniß
eingeweiht  und  bewog  (11.  Januar  1634)  die  zu  Pilsen  versammelten
  Generale  zur  Unterzeichnung  einer  Verbündnißakte,
kraft  welcher  sie  statt  eines  körperlichen  Eides  sich  verpflichteten,
ihrerseits  beim  Feldherrn  getreulich  bis  auf  den  letzten  Blutstropfen
  zu  verharren,  so  lange  er  in  Diensten  des  Kaisers  verbleiben
  oder  dieser  sich  seiner  Person  zur  Beförderung  seiner
Dienste  bedienen  werde  ').  Bei  dieser  Verpflichtung  fehlten  die
Generale  Aldringen  und  Gallas,  die  mit  kleineren  Abtheilungen
  von  Pilsen  entfernt  standen.  Um  auch  sie  zu  gewinnen,
schickte  Wallenstein  einen  seiner  Generale,  den  Grafen  Picco-=lomini,
  ab,  der  den  Revers  mitunterschrieben  und  seither  bei
dem  Feldherrn  unbegrenztes  Vertrauen  genossen  hatte.  Aber  der
Italiener,  der  wahrscheinlich  erfahren  hatte,  daß  die  in  Pilsen
anwesenden  Prinzen  von  Toskana,  des  Kaisers  Neffen,  die
Unterzeichnung  der  Verbündnißakte  nach  Wien  berichtet,  schickte

*)  Die  Worte:  „so  lange  er  in  Diensten  des  Kaisers  verbleiben  u.  s.  w.“
sollen  nur  vorgelesen,  aber  nicht  auf  das  Papier  gebracht  worden  sein.
        <pb n="269" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  253

schleunig  Couriere  ab,  welche  dem  Kaiser  die  Lage  der  Dinge  enthüllen
  mußten.  Auf  diese  Nachrichten  hin  entschloß  sich  der  Kaiser,
der  durch  den  Herzog  von  Savoyen  auch  über  Wallensteins
Unterhandlungen  mit  Frankreich  wohl  unterrichtet  war,  das  Patent
auszufertigen,  worin  er  die  Armee  vom  Gehorsam  gegen  Wallenstein
  entband,  den  Oberbefehl  an  Gallas  übertrug  und
Allen  Verzeihung  zusicherte  mit  Ausnahme  Wallensteins  und
seiner  zwei  Hauptgehilfen,  des  Feldmarschalls  Illo  und  des
Grafen  Terzky  (24.  Januar  1634).  Von  trüber  Ahnung  erfüllt,
  brach  Wallenstein  (23.  Februar  1634)  von  Pilsen  nach
der  Grenzfeste  Eger  auf,  um  sich  dort  durch  Verbindung  mit
Schweden  und  Sachsen  zu  behaupten.  Der  keaiserliche  Oberst
Butler,  ein  katholischer  Irländer,  der  einem  von  Wallenstein
erhaltenen  Befehle  zufolge  nach  dem  weißen  Berg  bei  Prag
ziehen  wollte  Und  auf  dem  Wege  dahin  auf  Wallenstein  stieß,
ward  von  diesem  angewiesen,  mit  seinem  Reiterregiment  nach
Eger  zu  folgen.  Als  dort  die  Nachricht  einlief,  daß  die
Schweden  im  Anzuge  seien,  faßte  Oberst  Butler,  über  den
Inhalt  des  kaiserlichen  Patents  verständigt,  den  Entschluß,  dem
schmählichen  Vorhaben  Wallensteins  durch  einen  Gewaltstreich  zu
begegnen,  dem,  wie  er  hoffte,  des  Kaisers  Billigung  folgen  werde.
Nach  kurzer  Berathung  mit  einigen  Vertrauten  verfügte  er  sich
am  25.  Februar  1634  Nachts  10  Uhr  in  das  von  Wallenstein
bewohnte  Haus  des  Bürgermeisters  Pachhübel  am  Marktplatze,
von  dem  Oberstwachtmeister  Geraldin,  dem  Rittmeister  Deveroux,
  und  sechs  Hellebadiren  begleitet.  Deveroux  drang  gewaltsam
  in  Wallensteins  Schlafgemach,  das  eben  der  Astrologe
Johann  Baptist  Senno  verlassen  hatte,  und  stieß  dem
überraschten  Wallenstein  eine  Partisane  in  die  Brust,  daß  er
todt  niedersank.  Am  Abend  des  folgenden  Tages  schwuren  Rath
und  Bürgerschaft  von  Eger  um  so  williger  dem  Kaiser  den
Eid  der  Treue,  als  ihnen  nicht  unbekannt  war,  daß  sie  zu  eben
dieser  Zeit  unter  Schreckensmaßregeln  dem  Herzog  von  Friedland
  hätten  huldigen  müssen.

Der  Kaiser  übertrug  nun  den  Oberbefehl  über  das  von
Wallenstein  zurückgelassene  Heer  seinem  ältesten  Sohne,  Ferdinand,
  König  von  Böhmen  und  Ungarn,  dem  er  den  General
        <pb n="270" />
        254  Bayern  unter  Maximilian  J.

Gallas  an  die  Seite  stellte.  Mit  ihnen  vereinigte  sich  Bayerns
Kurfürst  Maximilian.

Sie  vertrieben  die  Schweden  aus  der  Oberpfalz  und  gingen
auf  die  Stadt  Regensburg  los,  die  noch  immer  von  den
Schweden  besetzt  war.  Um  das  Belagerungsheer  von  dieser
Stadt  abzuziehen,  rückte  Gustav  Horn,  der  sich  von  Schwaben
aus  gegen  Bayern  bewegt  und  mit  Johann  von  Werth  in
der  Gegend  von  Aichach  herumgeschlagen  hatte,  über  Freysing
und  Moosburg  nach  Landshut,  das  er  (22.  Juli  1634)  in
Vereinigung  mit  dem  von  Regensburg  hinweggezogenen  Bernhard
von  Weimar  erstürmte  und  schrecklich  plünderte.  Der  bewährte
General  Aldringen,  der  dem  Kurfürsten  Maximilian  J  die
Vertreibung  der  Schweden  aus  Regensburg  überlassen  und  der
bedrängten  Stadt  Landshut  10,000  Mann  zuführte,  starb  vor
Landshut  den  Heldentod.  Nachdem  Regensburg  am  26.  Juli
1634  von  feindlichen  Truppen  gesäubert  worden  war,  zog  des
Kaisers  Sohn  Ferdinand  von  Regensburg  stromaufwärts  über
Donauwörth  nach  Höchstätt,  um  hier  den  Feind  aufzusuchen.

Bei  Nördlingen  entspann  sich  am  6.  September  1634

zwischen  der  vereinigten  kaiserlich-bayerisch-spanischen
Armee  und  den  beiden  schwedischen  Feldherren  Gustav  Horn
und  Bernhard  von  Weimar  eine  große  Schlacht,  die  am
7.  September  mit  der  völligen  Niederlage  der  Schweden  endete.
Der  Feldmarschall  Horn  wurde  gefangen  und  in  dem  festen
Thurme  Burghauseus  verwahrt,  wo  ehedem  Herzog  Ludwig
der  Gebartete  von  Ingolstadt  sein  Leben  beschlossen  hatte;
Herzog  Bernhard  von  Weimar  entfloh  nach  dem  Rheine.
Der  Sieg  bei  Nördlingen  brachte  dem  beherzten  General  Johann
von  Werth  die  wohlverdiente  Beförderung  zum  Feldmarschall-Lieutenant
  und  verschaffte  dem  Kaiser  dieselbe  Ueberlegenheit  über
die  Feindespartei,  welche  vor  drei  Jahren  der  17.  September
(1631)  den  Schweden  in  der  Schlacht  bei  Breitenfeld  über  die
kaiserliche  Sache  gegeben  hatte.  Das  bisher  behauptete  Uebergewicht
  der  Schweden  in  Deutschland  war  vernichtet;  Schwaben
  und  Franken  wurden  von  ihnen  gesäubert,  Kursachsen,
das  schon  einige  Zeit  nur  zögernd  am  Kreiege  sich  betheiligte  und
auf  den  passenden  Augenblick  wartete,  zur  Vertreibung  der
Schweden  sich  dem  Kaiser  wieder  anzuschließen,  sagte  sich  von
der  schwedischen  Partei  los  und  lähmte  durch  seine  Politik  auch
        <pb n="271" />
        Bayern  unter  Maximilian  J.  255

Brandenburgs  Interesse  an  der  deutsch-schwedischen  Sache.  Der
schmachvollen  Abhängigkeit  vom  Auslande  müde,  knüpfte  der
Kurfürst  Johann  Georg  von  Sachsen  mil  dem  Kaiser  Unterhandlungen
  an,  welche  den  Prager  Frieden  (30.  Mai  1635)
herbeiführten.  Da  in  diesem  Frieden  die  Wirkung  des  Restitutions
  =  Ediktes  auf  40  Jahre  hinausgeschoben  wurde,  so
traten  ihm  alle  protestantischen  Stände  des  mittlern  und  nördlichen
  Deutschlands,  mit  Ausnahme  des  Landgrafen  von
Hessen-Kassel,  allmählig  bei,  und  der  religiöse  Charakter
des  Kampfes  hörte  nun  vollends  auf.  Der  fernere  Zweck  desselben
  war  für  Schweden  ein  deutsches  Land  als  Ersatz  der
Kriegskosten,  für  Frankreich  das  Elsaß,  für  Bernhard  von
Weimar  ein  Herzogthum.

6  95.  Der  schwedische  und  französische  Krieg  1635
—  1648.  Da  Frankreich  nach  Abschluß  des  Prager  Friedens
sich  offen  am  Kriege  betheiligte,  so  wüthete  derselbe  an  zwei
Hauptschauplätzen,  am  Rhein  und  im  nördlichen  Deutschland,
  fort  und  artete  bei  dem  Mangel  irgend  eines  großartigen
Planes  immer  mehr  in  ein  zweckloses  Morden  und  Verwüsten  aus.

Die  Bayern  entrissen  Ende  Aprils  1635  unter  dem  Obersten
Graf  Wahl  die  Stadt  Weiden  in  der  Oberpfalz  den  Schweden
und  setzten  den  Kampf  in  Schwaben,  in  der  Rheinpfalz,  in
Lothringen,  Elsaß  und  der  Freigrasschaft  Burgund  unter
tüchtigen  Führern,  wie  Johann  von  Werth,  Franz  von
Mercy,  einem  gebornen  Lothringer,  Fürstenberg,  Götz,
Gronsfeld,  Wahl,  mit  wechselndem  Glücke  fort.

Johann  von  Werth,  der  am  2.  Februar  1635  Speier
genommen  hatte,  das  am  22.  März  desselben  Jahres  an  Bernhard
  von  Weimar  wieder  verloren  ging,  eilte  dem  kaiserlichen
Feldherrn  Mansfeld  in  dem  Rheingau  zur  Hilfe  und  kämpfte
an  dessen  Seite  mehrmals  mit  Glück.  Von  da  dem  keiserlichen
Heerführer  Herzog  Karl  III  von  Lothringen  in's  Elsaß  zugesendet,
  erlitt  er  mit  diesem  am  28.  Mai  1635  durch  den  französischen
  Marschall  de  la  Force  eine  Niederlage  bei  Belfort.
Herzog  Karl  III  von  Lothringen,  durch  frische  bayerische  und
kaiserliche  Truppen  verstärkt,  kehrte  in  Begleitung  Johanns  von
Werth  nach  Lothringen  zurück,  das  ihm  König  Ludwig  XIII
von  Frankreich  entrissen  hatte,  und  hier  errangen  beide  mehrmals
  namhafte  Vortheile.  Andere  bayerische  Heeresabtheilungen
        <pb n="272" />
        256  Bayern  unter  Maximilian  I.

waren  bei  der,  Armee,  die  unter  des  Kaisers  Sohne  Ferdinand
und  dem  General  Gallas  stand,  und  halfen  den  Herzog  Bernhard
  von  Weimar,  der  im  Oktober  1635  förmlich  in  französische
  Dienste  trat,  vom  Maine  und  Rheine  bis  über  die  Saar
in  Lothringen  zurückwerfen,  die  ganze  Rheinpfalz  dieß--  und
jenseits  des  Rheins,  und  endlich  auch  Mainz  in  Besitz  nehmen.
Im  folgenden  Jahre  1636  zeg  Johann  von  Werth  mit  einem
bayerischen  Corps  von  6000  Reitern  und  dem  entsprechenden
Fußvolke  zuerst  zum  kaiserlichen  General  Piccolomini  an  die
Maas  und  half  ihm  Lüttich  belagern,  und  nach  Aufgebung
dieser  Belagerung  (Ende  Juni)  kam  er,  ohne  vom  Kurfürsten
Maximilian  l  hiezu  ermächtigt  zu  sein,  dem  Kardinal-Infanten
von  Spanien,  Ferdinand,  nach  den  spanischen  Niederlanden
zu  Hilfe,  eroberte  in  Vereinigung  mit  ihm  mehrere  feste  Plätze
in  der  Picardie  (darunter  die  Grenzfestung  La  Capelle)  und
drang  mit  seiner  Avantgarde  bis  St.  Denis  bei  Paris  vor
(Juli  bis  November  1636).

Während  ein  Theil  des  kaiserlichen  Heeres  im  Westen  mit
den  Franzosen  beschäftigt  war,  stellte  der  schwedische  Feldherr
Banér  durch  einen  Sieg  bei  Wittstock  in  Brandenburg  (4.  Oktober
  1636)  über  die  daselbst  zusammengezogene  kaiserlichsächsische
  Armee  das  Uebergewicht  Schwedens  in  Norddeutschland
wieder  her,  war  aber  gleich  den  Besiegten  so  erschöpft,  daß  er
den  errungenen  Sieg  nicht  vollständig  ausnutzen  konnte.

Da  im  Prager  Frieden  bedungen  war,  daß  der  Kaiser  so
bald  als  thunlich  einen  Kurfürstentag  berufe,  und  da  dem
alternden  und  kränklichen  Ferdinand  (er  stand  im  59.  Lebensjahre)
daran  liegen  mußte,  den  unabweislichen  Wirren  eines  Interregnums
  im  Falle  seines  Todes  vor  der  Erwählung  seines  Sohnes
zum  römischen  Könige  vorzubeugen,  so  berief  er  eine  Versammlung
  der  deutschen  Fürsten  nach  Regensburg  und  erlebte  dort
die  Freude,  daß  am  22.  Dezember  1636  sein  Sohn  Ferdinand,
bisher  König  von  Böhmen  und  Ungarn,  einstimmig  zum  römischen
  Könige  gewählt  und  gekrönt  wurde.  Ein  Protest,  der
von  Schweden  und  Frankreich  dagegen  eingelegt  wurde,  weil  der
in  kaiserlicher  Gefangenschaft  gehaltene  Kurfürst  von  Trier,
ein  verächtlicher  Schützling  Frankreichs,  und  der  inzwischen  volljährig
  gewordene  Sohn  des  geächteten  Pfälzers,  Carl  Ludwig,
nicht  zur  Wahl  gezogen  worden  seien,  fand  durch  das  Kur-
        <pb n="273" />
        Bayern  unter  Maximilian  J.  257

fürsten-Collegium  die  gebührende  Abfertigung.  Det  bald
darauf  (15.  Februar  1637)  erfolgte  Tod  Ferdinands  II  und
der  milde  Sinn  seines  Sohnes  und  Nachfolgers  Ferdin  and  III
(1637—1657)  gaben  Hoffnung  auf  Frieden,  aber  weder  Frankreich
  noch  Schweden  waren  hiezu  geneigt,  weil  ihnen  ihre
bisherigen  Eroberungen  zu  gering  dünkten.  Bayerns  Kurfürst
Maximilian,  der  bisher  unter  allen  deutschen  Fürsten  dem
vom  Kaiserhause  vertretenen  Rechte  die  größten  Opfer  gebracht
hatte,  sah  wohl  ein,  daß  sich  der  Uebermuth  des  Auslandes  nur
durch  zähen  Widerstand  brechen  lasse,  und  versäumte  daher  nicht,
auch  ferner  in  den  Gang  der  Ereignisse  durch  Rath  und  That
einzugreifen.

Schon  im  folgenden  Jahre  (1637)  halfen  bayerische  Truppen
dem  kaiserlichen  General  Gallas  den  schwedischen  Führer  Banér
nach  Hinterpommern  zurückdrängen,  bis  sie  Kurfürst  Maximilian
  I  nach  Hessen  abrief.  In  Hessen  und  Westphalen
kämpften  bayerische  Krieger  unter  dem  ligistischen  General  Grafen
von  Götz  und  eine  andere  Abtheilung  Bayern  nahm  in  Vereinigung
  mit  kaiserlichen  Soldaten  Lahnstein  am  Rhein  und  belagerte
  das  unterhalb  gelegene  wichtige  Ehrenbreitstein,  damals
  noch  Hermannstein  genannt.  Die  Freude,  welche  die
am  26.  Juni  1637  hauptsächlich  durch  Johanns  von  Werth
Bravour  erfolgte  Einnahme  der  für  unbezwinglich  gehaltenen  Veste
Ehrenbreitstein  erregte,  ward  durch  die  Nachricht  getrübt,
daß  der  Herzog  Karl  III  von  Lothringen  und  Merch  zwei
Tage  vorher  durch  Bernhard  von  Weimar  bei  Gray  in
Hochburgund  eine  empfindliche  Niederlage  erlitten  habe.  Vom
Glücke  berauscht  rückte  Bernhard  von  Weimar  von  der  Stätte
des  Sieges  in's  Elsaß  bis  Rheinau  und  warf  bei  dem  gegenüberstehenden
  Orte  Wittenweyer  im  Breisgau  Schanzen  auf.
Aber  in  seiner  Abwesenheit  überrumpelte  Johann  von  Werth
am  22.  Oktober  1637  diese  Schanzen  und  brachte  sowohl
diese  als  auch  die  bei  dem  nahen  Drusenheim  von  den  Franzosen
  besetzten  Schanzen  in  seine  Gewalt.  Bernhard  von
Weimar  faßte  jetzt  den  Plan,  den  Krieg  tiefer  in  sein  verrathenes
  Vaterland  hineinzutragen.  Im  Jahre  1638  überraschte
er  die  bei  Rheinfelden  in  große  Sicherheit  gewiegten  Kaiserlichen,
  schlug  sie  am  21.  Februar  1638  und  machte  vier  Generale,
Johann  von  Werth,  Savelli,  Enkeford  und  Sperreuter
zu  Gefangenen  !).  Die  Folge  war,  daß  Rheinfelden,  Röteln

*)  Johann  von  Werth  wurde  zur  Befriedigung  der  neugierigen  Fran-Sattler,
  bayer.  Geschichte.  17
        <pb n="274" />
        268  Bayern  unter  Maximilian  I.

und  Freiburg  in  seine  Gewalt  kamen.  Jetzt  konnte  er  die
Einschließung  Breisachs  beginnen,  der  Hauptfestung  im  südwestlichen
  Deutschland,  des  Schlüssels  zum  ganzen  Elsaß  und  den
vorderen  Besitzungen  Oesterreichs.  Trotz  der  heldenmüthigen  Vertheidigung
  des  kaiserlichen  Kommandanten,  General-Feldzeugmeisters
von  Reinach,  trotz  des  dreimal  versuchten  Entsatzes  unter  dem
an  Werths  Stelle  getretenen  Feldmarschall  Götz“)  und  krotz  der
beispiellosen  Ausdauer  der  kaiserlichen  Besatzung  in  der  furchtbarsten
Hungersnoth  (in  welcher  eine  Ratte  für  einen  Gulden,  ein  Ei
für  einen  Thaler,  das  Viertel  eines  getödteten  Hundes  für  sieben
Gulden  verkauft  wurde)  fiel  auch  Breisach  am  13.  Dezember
1638  nach  einer  viermonatlichen  Belagerung  in  Bernhards  Hände.
An  die  Stelle  des  Feldmarschalls  Götz  kamen  nun  als  Oberbefehlshaber
  der  bayerischen  Armee,  die  schnell  wieder  ergänzt  war,
der  bisherige  kölnische  General  Hugo  von  Geleen  und  Franz
von  Mercy.  Für  Breisachs  Verlust  war  es  nur  schwacher  Ersatz,
  daß  der  von  dem  kurpfälzischen  Kronprinzen  Karl  Ludwig
und  seinem  Bruder,  dem  Pfalzgrafen  Rupert,  durch  englische
Unterstützung  gemachte  Versuch,  mit  Heeresmacht  im  nördlichen
Deutschland  für  ihre  Rechte  aufzutreten,  durch  die  Niederlagen  bei
Meppen  im  Arenberg'schen  (3.  Mai),  bei  Rheinen  im  Münsterschen
  (14.  September)  und  bei  Vlothow  im  Mindensschen
(16.  September  1638)  von  der  Hatzfeld'schen  Heeresmacht
unterdrückt,  Pfalzgraf  Rupert  selbst  gefangen  und  erst  nach  drei
Jahren  auf  Ehrenwort  aus  der  Haft  in  Wien  entlassen  wurde.
Bernhard  von  Weimar  entriß  nach  der  Einnahme  Breisachs
den  Spaniern  die  Franche  Comts  und  gedachte  seinen  nächsten
Feldzug  noch  einmal  gegen  sein  deutsches  Vaterland  zu  richten.
Bei  Neuburg,  wo  er  über  den  Rhein  gehen  wollte,  ward  er
plötzlich  krank  und  starb  nach  vier  Tagen  am  18.  Juli  1639.
Die  deutsche  Reichsfestung  Breisach,  die  er  mit  deutschen  Regimentern
  unter  dem  Schweizer  Erlach  besetzt  hatte,  damit  sie  den
ihm  wortbrüchigen  Franzosen  nicht  zufiele,  gewann  Richelien  durch
Bestechung  Erlachs,  der  seinen  Kommandostab  in  die  Hände  des
Herzogs  von  Longueville  niederlegte.  Der  küurpfilzische
Kronprinz  Karl  Ludwig,  der  mit  englischem  Gelde  die  Truppen

 

zosen  nach  Paris  geschickt  und  erst  nach  vier  Jahren  (1642)  gegen  den  in
der  Nördlingerschlacht  gefangenen  und  acht  Jahre  in  Burghausen  verwahrten
  Gustav  Horn  ausgewechselt.

*)  Feldmarschall  Götz  wurde  trotz  seines  erwiesenen  Heldenmuthes  nach
dem  Falle  Breisachs  nach  Ingolstadt  in  Haft  gebracht  und  vor  ein
Kriegsgericht  gestellt.  Nachdem  er  von  diesem  unschuldig  befunden  worden,
erhielt  er  nach  zweijähriger  Haft  seine  Freiheit  wieder.
        <pb n="275" />
        Bayern  unter  Maximilian  J.  259

Bernhards  von  Weimar  an  sich  zu  ziehen  suchte,  war  unklug
genug,  durch  Frankreich  seinen  Weg  zu  nehmen,  wo  ihn  Kardinal
Richelien  unter  nichtigen  Vorwänden  vom  24.  Oktober  1639  bis
4.  August  1640  zu  Vincennes  neben  Johann  von  Werth
zurückhielt.  Die  Hauptaufstellung  der  Bayern  nach  Bernhards
Tod  war  gegen  das  Weimar'sche  Heer  in  der  Rheinpfalz  bei
Speyer,  im  Rheingau  und  in  der  Wetterau  (1639).  Im
folgenden  Jahre  (1640)  operirten  die  Bayern  zuerst  am  Rhein
und  in  der  Wetterau  gegen  die  Weimar'schen  Truppen  und
vereinigten  sich  dann,  als  ihre  Gegner  bei  Erfurt  (16.  Mai
(1640)  an  Baner  sich  anschloßen,  mit  dem  gegen  Baner  aufgestellten
  kaiserlichen  Hauptheere.

Während  dieser  Vorgänge  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplatze
wüthete  Banér,  seit  der  Schlacht  bei  Wittstock  am  4.  Oktober
1636,  in  dem  unglücklichen  Sachsen,  bis  er  im  folgenden  Jahre
(1637)  der  Uebermacht  des  zu  Hilfe  geschickten  Gallas  weichen
mußte.  Als  die  schwedische  Regentschaft  den  Ständen  von  Pommern,
  deren  hochbetagter  Herzog  Bogislav  am  20.  März
1637  gestorben  war,  die  von  dem  Kurfürsten  von  Brandenburg
  für  sich  verlangte  Huldigung  untersagte,  ließ  dieser  8000
Mann  seiner  Truppen  zum  kaiserlichen  Heere  stoßen,  und  Banér
ward  an  die  äußerste  Küste  Pommerns  zurückgedrängt.  Hier  erwartete
  und  erhielt  er  auf  Betreiben  des  im  Jahre  1636  nach
Schweden  zurückgekehrten  Kanzlers  Oxenstjerna  frische  Truppen,
griff  die  Kaiserlichem  unter  Gallas  im  Frühjahre  1638  an,
zersprengte  bei  Elsterberg  eine  kaiserliche  Armee  unter  dem
General  Sallis,  eine  sächsisch=  bayerische  bei  Chemnitz
und  stand  am  21.  Mai  1639  vor  Prag.  Da  rief  der  Kaiser
den  Grafen  Hatzfeld  aus  Westphalen  und  Piccolomini  aus
den  Niederlanden  herbei  und  übertrug  seinem  jüngern,  dem  geistlichen
  Stande  bestimmten  Bruder,  dem  Erzherzoge  Leopold
Wilhelm  den  Oberbefehl.  Der  wilde  Banéêr  wurde  mit  seinen
heillosen  Mordbrennern  aus  Böhmen  verjagt,  nach  Sachsen
verfolgt,  bei  Plauen  geschlagen  und  nach  Thüringen  gedrängt,
wo  er  bei  Erfurt  1640  ein  festes  Lager  bezog.  Hier  führten
ihm  die  Herzöge  von  Lüneburg,  welche  die  Hildesheimischen
Stiftslande  behalten  und  deshalb  lieber  bei  den  Schweden  stehen,
als  den  Prager  Frieden  und  deutsche  Gesinnung  bewahren
wollten,  ihre  Truppen  zu,  während  auch  der  Herzog  von
Longueville  mit  den  französisch=  weimar'schen  Truppen  dem
schwedischen  Freunde  zuzog.  So  konnte  Banéêr  den  Kaiserlichen
wieder  die  Spitze  bieten,  lagerte  Piccolomini  gegenüber  eine
Zeit  lang  in  Hessen  und  vertrieb  diesen  aus  seinen  Winterquartieren
  an  der  Weser,  in  die  er  nun  selber  einrückte.

17“
        <pb n="276" />
        260  Bayern  unter  Maximilian  J.

Tief  erschüttert  von  dem  Elende,  von  welchem  Deutschland
mehr  denn  zwei  Jahrzehnte  heimgesucht  war,  glanbte  Kaiser
Ferdinand  III  Alles  aufbieten  zu  müssen,  um  Frieden  herzustellen,
  und  lud  deshalb  die  Stände  Deutschlands  zu  einer  allgemeinen
  Reichsversammlung  nach  Regensburg  ein.  Sie  erschienen
  in  beträchtlicher  Anzahl,  theils  persönlich,  theils  durch
ihre  Gesandten  vertreten.  Aber  auch  dießmal  traten  die  Welschen
dem  Gelingen  des  Friedenswerkes  hindernd  entgegen.  Während
der  Kaiser  mit  den  Ständen  zu  Regensburg  die  Mittel  und  Wege
berieth,  wie  Frankreich  zur  Einstellung  der  Feindseligkeiten  vermocht
  werden  könne,  vereinigte  sich  der  französische  Marschall
Graf  Guebriant  mit  Banér  und  standen  plötzlich  (27.  Januar
  1641)  vor  Regensburg,  um  den  Kaiser  sammt  allen
Reichsfürsten  aufzuheben.  Die  unerwartete  Erscheinung  des
schwedisch-französischen  Heeres  vor  der  Stadt,  die  weder
zureichende  Besatzung  noch  genügende  Vertheidigungsmittel  hatte,
erfüllte  Alles  mit  Furcht  und  Angst,  nur  Einer,  der  Kaiser,  ließ
das  Vertrauen  nicht  sinken.  Während  er  seinem  Bruder  Leopold
Wilhelm  den  Befehl  zugehen  ließ,  gegen  den  Feind  eiligst  heranzuziehen,
  löste  plötzlich  eintretendes  Thauwetter  die  von  den  Feinden
beim  Angriffe  auf  die  Stadt  als  Brücke  benützte  Eisdecke  der
Donau  und  die  anrückenden  kaiserlichen  Truppen  zwangen  die
französisch-schwedisch-Alliirten  zum  Rückzuge,  nachdem
Banér  im  Jorne  und  Unmuth  500  Kanonenkugeln  in  die  Stadt
gesendet  hatte.  Der  Erzherzog  Leopold  Wilhelm  und  Piccolomini
  jagten  die  Feinde  nach  Sachsen  und  durch  dieses  Land
bis  nach  Halberstadt,  wo  Baner,  dieser  gewaltige  Krieger,
am  20.  Mai  1641  starb.  An  seine  Stelle  trat  im  Oktober  1641
General  Bernhard  Torstenson,  dessen  feuriger  Geist  von  der
Sänfte  aus,  in  der  sein  siecher  Körper  getragen  werden  mußte,
die  Truppen  in  beflügelte  Bewegungen  versetzte.  Er  brachte  die
ganz  verwilderten  Horden  Banérs  rasch  in  Ordnung,  versammelte
seine  Macht  im  Lüneburgischen  und  zog  den  General  Stalhantsch
  an  sich.  Mit  diesem  zog  er  nach  Schlesien,  nahm
am  4.  Mai  1642  Glogau  im  Sturm  und  kurz  darauf
Schweidnitz.  Von  da  brach  Torstenson  in  Mähren  ein,
eroberte  Olmütz  und  schickte  sich  an,  den  Krieg  in  des  Kaisers
Erblande  zu  tragen,  mußte  sich  aber  vor  den  überlegenen  Streitkräften
  des  Erzherzogs  Leopold  Wilhelm  und  Piccolomini's
durch  Schlesien  und  die  Oberlausitz  nach  Sachsen  zurückziehen.
Hier  setzte  er,  durch  die  Truppen  des  schwedischen  Generals
Wrangel  verstärkt,  bei  Torgau  über  die  Elbe  und  bedrohte
Leipzig,  in  dessen  Ebene  er  den  immer  nachsetzenden  General=Feldmarschall
  Piccolomini  schlagfertig  erwartete.  Der  Erz-
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        Bayern  unter  Maximilian  I.  261

herzog  kam  über  Dresden  zu  dem  Kampfe  herbeigeeilt,  der  sich
am  2.  November  1642  auf  der  Ebene  bei  Breitenfeld  zu
Gunsten  Torstensons  entschied.  Auf  schwedischer  Seite  waren
in  diesem  Kampfe  zwei  treffliche  Generale,  Schlangen  und
Lilienhöck,  gefallen.  Die  Kaiserlichen  zogen  nach  Böhmen,
während  Torstenson  in  Leipzig  einzog  (8.  Dezember  1642).
Noch  im  Winter  wollte  er  auch  Freiberg  nehmen;  allein  dieses
Unternehmen  scheiterte  an  der  tapfern  Gegenwehr  des  Kommandanten
  von  Schweinitz,  der  Ausdauer  des  Bürgermeisters
Schönleben  und  der  Annäherung  Piccolomini's.  Da
Olmütz,  worin  eine  schwedische  Besatzung  lag,  von  den  Keaiserlichen
  hart  bedrängt  wurde,  so  brach  Torstenson  im  Frühling
1643  wohl  gestärkt  auf,  um  zum  zweiten  Mal  auf  die  kaiserlichen
Erbstaaten  loszugehen.  Er  vertrieb  die  Belagerer  von  Olmütz
und  bezog  bei  Dobischau  in  Mähren  ein  vortheilhaftes  Lager,
während  sein  General  Königsmark  in  Thüringen  und
Franken  selbst  bis  an  den  Rhein  hin  brandschatzte  und  Alles  in
Schrecken  setzte.  Die  Bayern,  welche  zu  Anfang  des  Jahres
1642  unter  General  Wahl  bei  der  kaiserlichen  Hauptarmee  an
der  Elbe  gestanden,  waren  am  5.  März  1642  schnell  über  den
Rhein  in's  Kölnische  und  Jülische,  wohin  die  Hessen  und
Weimarer  unter  dem  Grafen  Guebriant  eine  Seitenbewegung
gegen  den  in  den  spanischen  Niederlanden  kommandirenden  kaiserlichen
  General  Lamboi  gemacht  hatten,  um  diesen  an  einem
Einfalle  in  Frankreich  zu  hindern.  Damals  kam  bei  Zons
(am  linken  Rheinufer  unterhalb  Köln)  der  aus  seiner  Gefangenschaft
  gegen  Gustav  Horn  ausgewechselte  Johann  von  Werth
am  6.  August  1642  als  kaiserlicher  und  bayerischer  General-Lieutenant
  wieder  zur  Armee;  Guebriant  kehrte  erst  am  1.  Oktober
  1642  wieder  über  den  Rhein  nach  Deutschland  zurück,
und  ebenso  die  Bayern  unter  Johann  von  Werth  und
Wahl,  welch'  letzterer  nun  in  den  Ruhestand  trat.  Da  Torstenson
  im  Sommer  1643  in  Vereinigung  mit  dem  Siebenbürger
Meuterer  Ragoczy  das  Königreich  Ungarn  dem  Hause  Habsburg
zu  entreißen  suchte  und  im  September  1643  einen  Einfall  in
Jütland  machte,  um  Christian  IV  von  Dänemark  zu  beschäftigen,
  so  fiel  in  den  Jahren  1643  und  1644  die  ganze  Last
der  Kriegführung  gegen  die  französisch-weimar'schen  Truppen  im
südwestlichen  Deutschland  ausschließlich  auf  die  Bayern.
Schon  am  24.  Januar  1643  begann  der  Krieg  zwischen  Guebriant
  und  dem  bayerischen  Führer  Franz  von  Mercy  in
Schwaben  am  Neckar,  von  wo  sich  Ersterer  nach  Vereinigung
der  Bayern  mit  dem  über  Worms  herbeigezogenen  Herzog  Karl
von  Lothringen  in  den  Schwarzwald,  Breisgau  und  in's
        <pb n="278" />
        262  Bayern  unter  Maximilian  I.

Baden'sche  zog.  Nachdem  der  Herzog  von  Enghien,  bekannt
unter  dem  Namen  Prinz  von  Condé,  neue  7000  Mann  unter
dem  Marschall  Rantzau  den  Franzosen  zu  Hilfe  geschickt  hatte,
rückten  diese  vor  Rottweil,  wo  Graf  Guebriant  am  24.  November
  1643  fiel,  in  derselben  Stunde,  wo  der  Marschall  Rantzau
mit  den  Franzosen  bei  Tuttlingen  an  der  Denau  die  empfindlichste
  Niederlage  erlitt.  Nun  wurde  der  französische  General
Turenne  aus  Savoyen  herbeigerufen,  der  das  bayerische  Heer
unter  Franz  von  Mercy  an  der  Belagerung  Freiburgs  im
Breisgau  zu  hindern  suchte.  Franz  von  Merchy  schlug  eilf
Stürme  Turenne's  auf  sein  Lager  ab  und  gewann  am  28.  Juli
1644  Freiburg  durch  Kapitulation.  Aber  am  2.  August  1644
führte  der  Herzog  von  Enghien  frische  10,000  Mann  über
den  Rhein  herüber  und  unternahm  am  3.  und  5.  August  zwei
so  schreckliche  Stürme  auf's  bayerische  Lager,  daß  selbst  Johann
  von  Werth  erklärte,  er  habe  nie  solchem  Schlachten  beigewohnt.
  Aus  Erschöpfung  mußten  die  siegreichen  Bayern
(9.  August-1644),  nachdem  sie  eine  Besatzung  in  Freiburg  zurückgelassen,
  ihr  Lager  abbrechen  und  mit  Hinterlassung  des  Gepäcks
und  eines  Theiles  des  Geschützes  eine  neue  Stellung  bei  Villingen,
  später  bei  Wisloch  nehmen.  Der  Rhein  war  nun
den  Franzosen  offen,  Philippsburg  fiel  am  12.  September,
die  Rheinpfalz  rechts  und  links  des  Rheins  wurde  jetzt,  nach
zehnjähriger  feindlicher  Besetzung,  frei.

Da  Torstenson  mittlerweile  vom  Norden  her  wieder  in
Böhmen  eingetroffen  war  und  damit  umging,  sich  neuerdings
mit  Ragoczy  gegen  die  Kaiserlichen  zu  verbinden,  rief  Ferdinand
  III  die  bei  Wisloch  stehenden  kaiserlichen  und  bayerischen
  Truppen  unter  den  Führern  Hatzfeld,  Götz  und
Johann  von  Werth  nach  Böhmen,  um  dem  hartbedrängten
Gallas  beizustehen.  Drei  Meilen  von  Tabor,  bei  Jankau
oder  Jankowitz,  kam  es  am  6.  März  1645  zur  Schlacht,  die
zum  Nachtheile  der  Kaiserlichen  ausfiel.  Der  Feldmarschall  Götz
blieb  todt  auf  dem  Kampfplatz;  Hatzfeld  und  die  vorzüglichsten
Offiziere  wurden  gefangen.  Torstenson  eroberte  jetzt,  mit
Ragoczy  wirklich  vereinigt,  wie  im  Fluge  Mähren,  ging  über
Znaim  und  Krems  bis  an  die  Donau  und  nahm  die  Schanzen
an  der  Wolfsbrücke  vor  Wien.  Torstenson  mußte  die  Verbindung
  mit  Ragoczy  schwer  büßen,  denn  die  ungarisch-siebenbürgischen
  Banditenschaaren  hatten  die  Schweden  mit  der  Pest
angesteckt,  die  grauenhaft  wüthete.  Wien  wurde  von  der  Schwedengefahr
  durch  des  Kaisers  vortreffliche  Anordnungen  und  durch
dessen  zum  Entsatz  herbeieilenden  Bruder  Leopold  Wilhelm
bald  befreit.  Ragoczy  schloß  Frieden;  Torstenson  miühte  seine
        <pb n="279" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  263

Lan  schrecklichen  Seuchen  leidenden  Truppen  mit  einer  viermonatlichen
  Belagerung  der  wichtigen  Stadt  Brünn  ab,  welche  von
dem  Kommandanten  de  Souches,  einem  schwedischen  Ueberläufer,
tapfer  vertheidigt  wurde.  Torstensons  letzte  That  in  Böhmen
war  die  Eroberung  der  Stadt  Leitmeritz  an  der  Elbe.  Seine
Krankheit  verschlimmerte  sich  und  er  legte  seinen  Befehlshaberstab
in  die  Hände  Gustav  Wrangels,  der  hier  vollends  verwüstete,
was  noch  zu  verwüsten  war.

Im  Südwesten  Deutschlands  gewann  zwar  Franz  von
Mercy  über  Turenne  die  Schlacht  zwischen  Herbsthausen
und  Mergentheim  (5.  Mai  1645),  aber  nun  eilten  die  Hessen,
der  schwedische  Feldmarschall  Königsmark  und  Enghien  zu
Hilfe,  und  die  Schlacht  bei  Allerheim  im  Ries  am  3.  August
1645  ging  durch  die  unzeitige  Hitze  Johanns  von  Werth
verloren.  Franz  von  Merch  fiel  in  dieser  Schlacht;  Johann
von  Werth  stellte  die  bayerische  Armee  am  Schellenberge
bei  Donauwörth  schnell  wieder  auf,  so  daß  die  Franzosen,  da
auch  der  Erzherzog  und  Gallas  heranrückten,  nach  Aufgabe
der  Belagerung  Heilbronns  in  aufgelöster  Ordnung  auf  Philippsburg
  sich  zurückziehen  mußten  (13.  Oktober  1645).
Johann  von  Werth,  der  bei  Allerheim  seine  Ehre  als
tapferer  Soldat  gewahrt,  aber  den  Ruhm  eines  besonnenen  Feldherrn
  verloren,  mußte  jetzt  die  Demüthigung  über  sich  ergehen
lassen,  daß  nicht  ihm,  sondern  dem  General  Hugo  von  Geleen
der  Oberbefehl  über  die  bayerische  Armee  übertragen  wurde,  denn
der  Kriegsrath  Küttner  von  Kunitz,  der  den  Kurfürsten  Maxrimilian
  zur  Niederlegung  der  Waffen  gegen  Frankreich  zu
bewegen  suchte,  war  sein  persönlicher  Feind.  Gleichwohl  versagte
Johann  von  Werth  seine  Dienste  nicht,  als  Wrangel  sich
durch  Bayern  einen  Weg  in's  Oesterreichische  bahnen  wollte.
Wrangel,  der  im  Anfange  des  Jahres  1646  vom  Erzherzoge
Leopold  Wilhelm  nach  Westphalen  zurückgedrängt  wurde,
vereinigte  sich  hier  mit  dem  schwedischen  General  Königsmark
und  im  Sommer  bei  Gießen  mit  dem  französischen  Marschall
Turenne.  An  der  Spitze  einer  bedeutenden  Macht  drang  er
im  August  gegen  Bayern  vor  und  zwang  den  alten  Kurfürsten
zur  Flucht  aus  München.  Nach  der  Eroberung  Rains  schritt
er  zur  Belagerung  Augsburgs,  das  sich  standhaft  vertheidigte,
bis  Johann  von  Werth  aus  den  Rheinlanden  mit  4000  Reitern
heranbrauste  und  den  Schweden  zwang,  die  Belagerung  aufzuheben.
Aber  Bayern  erlitt  jetzt  von  den  Schweden  eine  grauenvolle  Verwüstung.

Der  gräßliche  Druck,  den  die  zügellose  schwedische  Armee
gegen  das  Ende  des  Jahres  1646  auf  das  Land  Bayern  übte,
        <pb n="280" />
        264  Bayern  unter  Maximilian  I.

wurde  von  der  französischen  Politik  schlau  benutzt,  um  den
Kurfürsten  von  Bayern,  der  acht  und  zwanzig  Jahre  seinem
Kaiser  treu  gedient,  von  diesem  zu  trennen.  Am  14.  März  1647
schloß  der  Kurfürst  Marximilian  zu  Ulm  mit  Franzosen
und  Schweden  einen  Waffenstillstand,  demgemäß  diese  alle  Plätze
in  Bayern  räumten,  der  Kurfürst  aber  alle  Eroberungen  in
Schwaben  herausgab  und  versprach,  „die  unter  ihm  stehende
Reichsarmada“  von  des  Kaisers  Waffen  abzuziehen.  Hugo
von  Geleen,  der  bayerische  Oberbefehlshaber,  legte  aus  Entrüstung
  über  diesen  Schritt  des  Kurfürsten  den  Oberbefehl  nieder
und  erklärte  sich  sogar  bereit,  trotz  seines  Ueberdrusses  am  Krieg
beim  Heer  des  Kaisers  einzutreten.  Johann  von  Werth  hielt
Maximilians  Waffenstillstand  mit  den  Franzosen,  Schweden
und  deren  Verbündeten  für  ein  Unrecht,  das  ihn  seiner
Pflichten  gegen  den  bayerischen  Kurfürsten  enthebe,  und  wollte
mit  seinen  Soldaten  zum  Kaiser  übergehen.  Diese  verließen
ihn  aber  auf  dem  Marsch  von  Vilshofen  nach  Berlasreuth
bei  Passau,  da  gewinnsüchtige  Offiziere  die  10,000  Thaler  erbeuten
  wollten,  die  Maximilian  auf  Werths  Kopf  gesetzt
hatte,  und  eine  Meuterei  gegen  den  ältesten  Feldherrn  Bayerns
anzettelten.  Mit  Mühe  rettete  Werth  sein  Leben  und  sprengte
mit  dem  ihm  ergebenen  Obersten  Spork  ohne  Heer  in's  kaiserliche
  Feldlager.  Ferdinand  III  hob  sogleich  die  bayerische
Achtserklärung  gegen  Werth  auf,  schenkte  ihm  als  Entschädigung
  für  seine  in  Bayern  confiscirten  und  verbrannten  Güter
die  Herrschaft  Benadeck  in  Böhmen  und  erließ  ein  öffentliches
Abberufungsschreiben  an  alle  Offiziere  des  bayerischen  Heeres,
das  Maximilian  in  der  Urkunde  des  Ulmer  Vertrags  im
Widerspruche  mit  den  Bestimmungen  des  Prager  Friedensschlusses
  eine  „Reichsarmada“  genannt  hatte.

Das  von  allen  seinen  Fürsten  im  Stiche  gelassene  deutsche
Oberhaupt,  Kaiser  Ferdinand  III,  blieb  auf  dem  Kampfplatze
muthig  und  mannhaft  unter  den  Waffen.  Da  der  alte  Gallas
gestorben  und  der  Erzherzog  Leopold  Wilhelm  in  den  Niederlanden
  als  Feldherr  nöthig  war,  erhob  Ferdinand,  entschlossen,
den  Krieg  auch  allein  fortzuführen,  den  aus  hessischen  Diensten
in  kaiserliche  übergetretenen  General  Melander  (Holzapfel)  zum
        <pb n="281" />
        Bayern  unter  Maximilian  J.  265

Oberbefehlshaber.  Inzwischen  war  Turenne  nach  dem  Westen
Deutschlands  abgegangen,  um  näher  an  Frankreich  gegen  die
von  den  Niederlanden  her  drohenden  Spanier  zu  sein,  und  der
schwedische  Befehlshaber  Wrangel  war  in  Böhmen  eingefallen,
wo  er  Eger  wegnahm.  Der  Kaiser  selbst  kam  bei  der  Belagerung
  dieser  Stadt  in  die  Gefahr,  in  seinem  Quartier  auf  dem
Schloße  Triebel  von  Wrangel  überrumpelt  zu  werden.  Drei
Schweden  waren  schon  auf  der  Treppe  in  des  Kaisers  Schlafgemach,
  als  der  durch  den  Lärm  geweckte  Johann  von  Werth
schier  unbekleidet  auf  dem  Platze  erschien  und  mit  einigen  Offizieren
  und  Hofkavalieren  die  Schweden  zu  Boden  schlug.  Eger
konnte  nicht  zurückerobert  werden.  Dieser  schmerzliche  Verlust
wurde  aber  durch  den  Umstand,  daß  Kurfürst  Maximilian
plötzlich  seine  Gesinnung  änderte,  mehr  als  ersetzt.  Maximilian
hatte  seit  dem  Vertrage  zu  Ulm  die  Ueberzeugung  gewonnen,
daß  der  mit  den  Feinden  des  Reiches  abgeschlossene  Waffenstillstand
  keineswegs  zu  einem  für  ihn  ehrenvollen  Frieden  führen
könne,  kündigte  deshalb  (im  Herbste  1647)  den  Waffenstillstand
wieder  auf  und  schloß  sich  in  einem  neuen  Bündnisse  an  Kaiser
Ferdinand  III  an,  mit  dem  er  durch  seine  zweite  Gemahlin
Maria  Anno  (seit  15.  Juli  1635)  verschwägert  war?).  Nun
war  er  wieder,  was  er  28  Jahre  hindurch  gewesen,  der  Hort
des  deutschen  Reiches,  die  Stütze  seines  Glaubens  und  der  rechte
Arm  des  deutschen  Kaisers.

Im  Frühjahr,  23.  März  1648,  vereinigten  sich  Turenne
und  Wrangel  und  drangen  in  die  Pfalz  und  in  Bayern
ein,  und  gleichzeitig  eilte  Königsmark  auf  Prag  los,  wo
es  ihm  durch  den  Beistand  eines  Ueberläufers  gelang,  sich
der  sogenannten  Kleinseite  zu  bemächtigen  '").  Wrangel
und  Turenne  trafen  am  17.  Mai  bei  Zusmarshausen
auf  die  Kaiserlichen  und  Bayern  unter  ihren  Feldherren  Melander
  und  Gronsfeld.  Melander  verlor  Schlacht  und

*)  Sie  oben  S.  231  die  Tafel,  welche  die  Verwandtschaft  des  Hauses
Habsburg  mit  dem  Hause  Wittelsbach  darstellt.

*#)  Bei  dieser  Gelegenheit  wurde  ein  Coder,  die  gothische  Bibelübersetzung
  Ulfila's,  gestohlen,  der  sich  jetzt  zu  Upsala  befindet.
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        266  Bayern  unter  Maximilian  J.

Leben.  Der  bayerische  Feldmarschall  Gronsfeld  übernahm  sofort
das  Kommando  und  führte  das  Heer  in  der  Nacht  unter  den
Schutz  der  Kanonen  vor  Augsburg,  wobei  das  brave  Regiment
des  Herzogs  Ulrich  von  Württemberg  muthvoll  den  Rückzug
deckte.  Die  Schweden  drangen  unaufhaltsam  vor  und  trieben
Gronsfeld  nach  der  Isar  zurück.  Der  schwergeprüfte  alte
Kurfürst  mußte  nach  Salzburg  flüchten.  Nach  entsetzlichen
Verheerungen  im  Bayerlande  gedachten  die  Schweden  und
Franzosen  nach  dem  von  Truppen  entblösten  Oesterreich  vorzudringen,
  aber  der  durch  einen  Sommerregen  hochangeschwollene
Inn,  über  den  keine  Brücke  geschlagen  werden  konnte,  hielt  den
Weiterzug  der  Feinde  auf.  Sie  zogen  sich  nach  der  Oberpfalz,
denn  in  Böhmen  war  der  neue  schwedische  Generalissimus,
Pfalzgraf  Karl  Gustav,  Schwestersohn  Gustav  Adolfs,  mit
frischen  Truppen  am  3.  Oktober  vor  Prag  eingetroffen  und  belagerte
  die  Altstadt  Prags.  Gegen  die  heldenmüthige  Vertheidigung
  der  Bewohner  und  insbesondere  der  Studenten  unter
Anführung  des  Jesuiten  Plaky  konnte  Königsmark  nichts
ausrichten,  und  nun  zog  ein  kaiserliches  Heer  zum  Entsatz  heran.
Diesem  war  Gustav  Adolf  eben  entgegengerückt,  als  die  Nachricht
  von  der  Unterzeichnung  des  Friedens  einlief.  Sogleich  stellten
Königsmark  und  Gustav  Adolf  alle  Feindseligkeiten  ein,
aber  Wrangel  ließ  auf  dem  Rückmarsche  von  Feuchtwangen
noch  einmal  alle  Furien  des  Krieges  los  und  der  Franzose
Turenne  ließ  noch  die  schwäbische  Reichsstadt  Weil  plündern
und  in  Asche  legen.

So  hatte  der  dreißigjährige  Krieg  vor  den  Mauern  derselben
Stadt,  innerhalb  welcher  seine  Flamme  entzündet  worden  war,
sein  Ende  erreicht.  Deutschland,  bis  in  seine  verborgensten
Winkel  mit  Blut  getränkt  und  mit  Trümmern  und  Schutthaufen
erfüllt,  war  nahe  daran,  in  völlige  Barbarei  zurückzusinken  oder
eine  große  Wüste  zu  werden.  Der  Friede  kam  am  24.  Okteber
1648  in  Westphalen  zum  Abschlusse,  und  zwar  zu  Münster
zwischen  Deutschland  und  Frankreich  und  zu  Osnabrück
zwischen  den  Schweden  und  Protestanten  einerseits,  dem
Kaiser  und  den  Katholiken  andererseits.  Maximilian  behielt
die  Kurwürde  mit  dem  Erztruchsessenamte  und  die  Oberpfalz
        <pb n="283" />
        Bayern  unter  Maximilian  I.  267

mit  Cham,  mußte  aber  die  Unterpfalz  an  Karl  Ludwig,
des  geächteten  Friedrich  V  Sohn,  zurückgeben,  für  den  eine  achte
Kurwürde  mit  dem  Erzschatzmeisteramte  errichtet  wurde.  Der
neuen  Kurlinie  in  der  Rheinpfalz  wurde  für  den  Fall  des
Aussterbens  der  Wilhelmischen  Linie  in  Bayern  der  Rückfall
  der  Oberpfalz  sammt  der  Kurwürde  und  dem  Erztruchsessenamte
  zugesichert,  dafür  sollte  die  neu  errichtete  achte  Kurwürde
mit  dem  Erzschatzmeisteramte  eingehen  und  die  Fer  dinandische
Linie  nur  im  Herzogthume  Ober=  und  Niederbayern
nachfolgen.

#  96.  Obschon  der  größere  Theil  der  Regierungszeit  Marimilians
  1  von  Bayern  unter  den  Schrecknissen  des  Krieges
dahinfloß,  so  geschah  unter  ihm  doch  Vieles,  was  sonst  nur  in
Zeiten  des  Friedens  zu  gedeihen  pflegt.

Er  baute  in  München  1601  —1616  den  westlichen  Flügel
der  neuen  Residenz,  der  noch  heute  fast  ganz  unverändert
steht,  restaurirte  1613  den  auf  der  nördlichen  Seite  der  Residenz
von  seinem  Großpvater  Albrecht  V  angelegten  Hofgarten,  führte
1617—1619  die  Soolenleitung  von  Reichenhall  nach  Traunstein
  und  errichtete  das  Denkmal  Ludwigs  des  Bayern  in  der
Frauenkirche,  das  nach  Peter  Candits  Entwurf  von  Johann
Krumpter  aus  Weilheim  in  Erz  gegossen  wurde.

Seinem  Lande  gab  er  durch  Kauf  einen  ansehnlichen  Zuwachs.
So  erkaufte  er  1602  von  dem  Grafen  von  Ortenburg  die
Herrschaft  Mattighofen  im  Innviertel,  in  demselben  Jahre  die
Güter  des  1602  ausgestorbenen  Geschlechtes  der  Freiherren
von  Degenberg  im  Walde,  auf  die  schon  seinem  Großvater
Albrecht  V  Anwartschaft  gegeben  worden  war,  ferner  das  Schloß
Haltenberg  bei  Landsberg,  im  Jahre  1617  von  den  Erben
des  ausgestorbenen  Geschlechtes  der  Freundsberg  die  Grasschaft
Mindelheim  und  1627  von  den  Graf  Heldenberg'schen
Erben  zwei  Drittel  der  Grafschaft  Wiesensteig  im  heutigen
Württemberg  (der  Rest  dieser  Grafschaft  kam  erst  1753  zu  Bayern).
An  seinen  Bruder  Albrecht,  der  sich  1612  mit  Mechtildis,
der  Erbtochter  des  Landgrafen  Marx  Adam  von  Leuchtenberg,
vermählt  und  nach  seines  Schwiegervaters  Ableben  im  Jahre  1646
die  Landgrafschaft  Leuchtenberg  geerbt  hatte,  vertauschte  er
1650  die  Grasschaft  Haag  gegen  die  Landgrafschaft  Leuchtenberg
  und  vereinigte  diese  mit  der  Oberpfalz.

Maximilians  Opfer  für  fromme  Zwecke  sind  nicht  minder
        <pb n="284" />
        268  Bayern  unter  Maximilian  I.

bedeutend.  Er  stiftete  den  Jesuiten  fünf  Kollegien:  zu  Amberg
1623,  Mindelheim  1625,  Burghausen  1628,  Landshut
1629  und  Straubing  1631,  errichtete  vier  zehn  Klöster  für
Kapuziner,  denen  er  besonders  zugethan  war,  fertigte  1631
zur  Erfüllung  seines  vor  der  Schlacht  am  weißen  Berge  bei
Prag  gemachten  Gelübdes  die  Urkunde  zur  Stiftung  eines  Klosters
für  unbeschuhte  Carmeliter  in  München  aus,  das  jedoch
erst  unter  seinem  Sohne  erbaut  wurde,  und  nahm  den  Orden
der  Paulaner  auf,  denen  in  der  Au  das  Neudecker-Schloß,
ehedem  Eigenthum  des  Herzogs  Wilhelm  V,  eingeräumt  wurde.
Er  vollendete  den  von  seinem  Großvater  Albrecht  V  begonnenen
und  von  seinem  Vater  Wilhelm  V  fortgesetzten  Bau  des  Herzogspitals
  in  München  und  schenkte  300,000  Gulden  an  die
Mission  zur  Bekehrung  der  Chinesen  und  200,000  Gulden  nach
Lüttich  zur  Begründung  eines  Kollegiums  für  Jesuiten  aus
England  und  Schottland.

Auch  die  schönen  Künste,  Malerei  und  Musik,  unterstützte
Maximilian.  Unter  ihm  lebten  die  Maler  Johann  Rottenhammer
  (geboren  zu  München  1564,  gestorben  nach  1620),
Peter  de  Witte,  genannt  Candito,  dessen  schon  unter  Wilhelm
  V  Erwähnung  geschah,  Matthias  Kager  (Lgeboren  zu
München  1566,  gestorben  zu  Augsburg  1634),  Johann  Ulrich
und  Johann  Karl  Loth,  Vater  und  Sohn  aus  München
(ersterer  daselbst  1660  gestorben,  letzterer,  geb.  1632,  der  Apelles
seiner  Zeit  genannt  und  vom  Kaiser  Leopold  I  geadelt,  starb  1698
zu  Venedig),  dann  die  berühmte  Kupferstecher-Familie  der  Sadeler,
  aus  Brüssel  stammend,  deren  Haupt  Johann  von  1589
—1595  am  herzoglichen  Hofe  in  München  diente  und  dessen
Bruderssohn  Raphael  der  Jüngere  die  Kupferstiche  zu  Raders
Bavaria  Sancta  und  Bavaria  Pia  gefertigt  hat.

Die  Wissenschaften  konnten  unter  den  Verheerungen,  die
der  dreißigjährige  Krieg  mit  sich  brachte,  minder  gedeihen,  doch
gehören  dieser  Zeit  einige  Werke  an,  welche  für  die  vaterländische
Geschichte  von  Werth  sind  3),  und  die  Universität  Ingolstadt
weist  aus  dieser  Zeit  mehrere  Männer  auf,  die  sich  durch  hervorragende
  Kenntnisse  auszeichneten  ?5).

Im  Gefühle  treuer  Pflichterfüllung  sah  der  greise  Kurfürst
Maximilian  still  und  gottergeben  das  Ende  seiner  Tage  herannahen.
  Den  Abend  seines  Lebens  verfüßte  ihm  der  Blick  auf
seinen  tugendhaften  Sohn  Ferdimand  Maria,  dem  er  den
reichen  Schatz  seiner  Erfahrungen  schriftlich  mittheilte  (monita
paterna).  In  seinem  79.  Jahre  wandelte  ihn  noch  die  Sehnsucht
        <pb n="285" />
        Bayern  unter  Ferdinand  Maria.  269

an,  Ingolstadt  zu  sehen,  den  Ort,  wo  er  im  regen  Eifer  für
die  Wissenschaften  mehrere  Jahre  verlebt,  den  keines  Schweden
Fuß  betreten  hatte.  Erkältung  auf  der  Reise  warf  ihn  auf's
Sterbelager,  und  er  verschied  sanft  und  lebensmüde  in  den  Armen
seines  Ministers,  des  Grafen  von  Kurz,  am  27.  September
1651.  Sein  Leichnam  wurde  ohne  Gepränge  in  der  Jesuitenkirche
  zu  München  neben  der  Asche  seiner  Eltern  und  seiner
ersten  Gemahlin  beigesetzt.

Kurfürst  Maximilian  I  war  ein  großer  Fürst,  der  stets
das  Rechte  wollte  und  im  Kampfe  für  dasselbe  unbeugsamen
Sinnes  war.  Untadelig  bis  zum  letzten  Athemzuge  hat  er  selbst
seinen  allenthalben  gepriesenen  Gegner,  Gustav  Adolf,  an
Hoheit  der  Gesinnung  und  an  Millensstärke  übertroffen  ).

Fechetes  Kapitel.

Bayern  vom  Tode  des  Kurfürsten  Maximilian  I  bis
zur  Thronbesteigung  des  Kurfürsten  Karl  Theodor
von  der  Rheinpfalz

(1651—1777)  -.

#  97.  Da  bei  dem  Tode  Maximilians  I  sein  älterer  Sohn,
Ferdinand  Maria  (1651—1679),  erst  fünfzehn  Jahre  zählte,
so  übernahmen  die  Kurfürstin-Mutter  Anna  und  Albrecht  VI,

 

 

*)  Dem  großen  Kurfürsten  Maximilian  I  setzte  in  unsern  Tagen
König  Ludwig  1  von  Bayern  auf  dem  Wittelsbacher  Platze  in  München
ein  Denkmal,  eine  Reiterstatue,  von  dem  ersten  Bildhauer  Europas,  Albrecht
Thorwaldsen  aus  Kopenhagen,  zu  Rom  geformt  und  von  dem  bayerischen
  Künstler  Johann  Baptist  Stiglmair  zu  München  in  Erz  gegossen
aus  türkischen  Kanonen  von  jenen  Schiffen,  welche  in  der  Schlacht  bei  Navarino
  (20.  Oktober  1827)  in  den  Grund  gebohrt  wurden.  Die  feierliche
Enthüllung  dieses  Monumentes  erfolgte  am  12  Oktober  1839.

**)  Die  Regenten  aus  dem  Hause  Wittelsbach  während  dieser  Zeit  sind:

Ferdinand  Maria  1651—1679.

1.
Maximilian  II  Emanuel  1679—  1726.
Karl  Albrecht  1726—1745.
Maximilian  III  Joseph  1745—  1777.
        <pb n="286" />
        270  Bayern  unter  Ferdinand  Maria.

ein  Bruder  des  verlebten  Kurfürsten  Maximilian,  die  Regentschaft.
  Sämmtliche  Räthe,  die  dem  Vater  gedient,  der  Minister
Graf  von  Kurz,  die  Kanzler  Johann  Hörwart  und
Johann  Adlzreiter  (der  Herausgeber  der  von  dem  Jesuiten
Verveaux  verfaßten  Geschichte  von  Bayern),  der  Hofkammer=Präsident
  Freiherr  von  Haslang  und  die  geheimen  Räthe
Johann  Mandel  und  Georg  Oechsle  u.  a.  wurden  für  die
Regierung  des  Sohnes  beibehalten;  auch  ward  dem  jungen  Kurfürsten
  die  von  seinem  Vater  erkorne  Henriette  Adelheid,
des  Herzogs  Victor  Amadeus  I  von  Savoyen  Tochter’),  als
Gemahlin  zugeführt  (22.  Juni  1652)  und  seinem  Bruder  Max
Philipp,  wie  es  der  Vater  verordnet  hatte,  die  Landgrafschaft
  Leuchtenberg  gegeben  (1653)  “7v).

Im  Jahre  1654  wurde  der  Prinz  volljährig  und  übernahm
die  Regierung  selbst.  Nach  dem  Ableben  des  Kaisers  Ferdinand
  III  (7  1657)  bekam  er  Streit  mit  dem  Kurfürsten  Karl
Ludwig  von  der  Pfalz,  welcher  das  Reichsvikariat  für  sich
beanspruchte,  weil,  wie  er  behauptete,  dieses  nicht  mit  der  an
Maximilian  von  Bayern  übergegangenen  alten  Kurwürde,
sondern  mit  der  Pfalzgrafschaft  verbunden  sei.  Als  dieser
zur  Vertheidigung  seines  prätendirten  Rechtes  Rüstungen  vornahm,
wendete  sich  Ferdinand  Maria  an  König  Leopold,  des

*)  Mit  ihr  kamen  mehrere  italienische  und  französische  Adelsfamilien
  (Adelheids  Mutter  Christina  war  eine  Tochter  des  Königs  Heinrich
  IV  von  Frankreich)  nach  München,  z.  B.  die  Familie  Montgelas,
Rambaldi,  La  Perouse  u.  a.

*)  Maximilian  Philipp,  der  sich  am  24.  Mai  1668  mit  Mauritia
  Febronia,  Herzogs  Friedrich  Mauritius  von  Bouillon  Tochter,  vermählte,
  residirte  später  in  dem  von  ihm  1687  erkauften  Markte  Türkheim
bei  Mindelheim,  wo  er  den  Kapuzinern  1683  ein  Kloster  gebaut  hatte.
Nach  seinem  am  20.  Mai  1705  erfolgten  kinderlosen  Ableben  fiel  die
Landgrafschaft  Leuchtenberg  wieder  an  Bayern.  Seine  Wittwe  Mauritia
  Febronia  (7  20.  Juni  1706)  stiftete  gemäß  Uebereinkunft  mit  ihrem
Gemahl  durch  letztwillige  Verfügung  vom  20.  September  1705  in  München
ein  Kloster  für  Carmeliterinen,  dessen  Bau  erst  1711—1714,  gleichzeitig
  mit  dem  Bau  der  nebenanstehenden  Dreifaltigkeitskirche,  zur  Ausführung
kam.  Bei  der  Säcularisation  im  Jahre  1802  wurde  das  Klostergebäude  an
das  kurfürstliche  Pfand=  und  Leihhaus  verkauft.
        <pb n="287" />
        Bayern  unter  Ferdinand  Maria.  271

verstorbenen  Kaisers  Ferdinand  III  Sohn,  versprach  ihm  seine
Stimme  bei  der  bevorstehenden  Kaiserwahl  und  erhielt  dafuͤr
Hilfe  gegen  Karl  Ludwig  von  der  Pfalz  zugesichert  (12.  Januar
  1658).  Bald  darauf  suchte  König  Lud  wig  XIV  von  Frankreich
  (1643—1715)  den  Kurfürsten  Ferdinand  Maria  zur
Annahme  der  deutschen  Kaiserkrone  zu  bewegen  und  schickte  zu
diesem  Zwecke  den  kurkölnischen  Gesandten  zu  Frankfurt,  den
Grafen  Franz  Egon  von  Fürstenberg,  und  den  Marschall
Grammont  nach  München.  Hier  kam  es  am  Hofe  unter  den
Gliedern  des  kurfürstlichen  Hauses  zu  einem  lebhaften  Kampfe.
Des  Kurfürsten  Gemahlin  Adelheid,  geblendet  durch  den  Glanz
einer  Kaiserkrone,  rieth  im  französischen  Sinne,  die  Kurfürstin-Mutter
  Anna,  eine  Tochter  des  Kaisers  Ferdinand  III,  mahnte
von  der  Annahme  der  Kaiserkrone  ab  und  traf  hierin  mit  den
Räthen  ihres  Sohnes  zusammen.  Ferdinand  Maria  entschied
sich  für  Ablehnung  der  Kaiserwürde  und  ging  nicht  in  Person
zur  Wahlverhandlung  nach  Frankfurt  (1658),  sondern  trug
seinem  Abgeordneten,  dem  Rathe  Georg  Oechsle  auf,  seine
Stimme  dem  Sohne  des  Kaisers  Ferdinand,  dem  Erzherzoge
Leopold,  zu  geben.  Bevor  man  in  Frankfurt  zur  Wahl  schritt,
trug  Rath  Oechsle  den  versammelten  Kurfürsten  den  Streit
seines  Herrn  mit  dem  Kurfürsten  Karl  Ludwig  von  der  Rheinpfalz
  wegen  des  Reichsvikariates  zur  Eutscheidung  vor  und  nahm
sich  dabei  der  Rechte  seines  Gebieters  mit  solcher  Wärme  an,
daß  ihm  der  hierüber  aufgebrachte  Kurfürst  Karl  Ludwig  ein
volles  Dintenfaß  an  den  Kopf  warf.  Die  Versammlung  entschied,
daß  künftig  das  Reichsvikariat  zwischen  Bayern  und  Pfalz
wechseln  solle,  und  wählte  am  28.  Juni  1658  den  Erzherzog
Leopold  zum  Kaiser  (1658  —  1705).  So  blieb  Ferdinand
Maria  mit  Oesterreich  in  Frieden  und  bewahrte  denselben  für
sein  Land  sowohl  in  dem  Kriege,  den  1661  Oesterreich  mit
den  Türken  führte,  als  auch  in  jenem,  der  1667  zwischen
Frankreich  und  Spanien  ausbrach.

Den  Segen  des  Friedens  benutzte  Ferdinand  Maria  zur
Heilung  der  Wunden,  die  der  dreißigjährige  Krieg  seinem  Lande
geschlagen  hatte.  Ein  besonderes  Augenmerk  wurde  auf  die  neu
erworbene  Oberpfalz  gerichtet,  wo  die  von  dem  rheinischen
        <pb n="288" />
        272  Bayern  unter  Ferdinand  Maria.

Pfalzgrafen  gegebenen  Einrichtungen  von  den  bayerischen  vielfach
abwichen.  Zur  Beseitigung  dieser  Ungleichheit  wurde  1657  in
der  Oberpfalz  ein  neues  Landrecht  eingeführt  und  die  Leitung
der  Geschäfte  einem  Vicedom  in  Amberg  anvertraut;  auch
wurden  die  Grenzen  dieser  Provinz  gegen  das  Gebiet  der  Reichsstadt
  Nürnberg  berichtigt  und  die  Veste  Rothenberg  mit
Schnaittach,  welche  (1478)  fünf  und  vierzig  meist  fränkische
Adelige  von  dem  Pfalzgrafen  Otto  I  von  Neumarkt  gekauft
hatten,  von  den  Erben  dieser  Geschlechter,  den  sogenannten  Ganerben
  (von  dem  alten  Worte  gan  d.  i.  gemein  und  Erben,
also  „gemeinschaftliche  Erben")  um  200,000  Gulden  (1661  und
1663)  eingelöst,  wozu  später  (1698)  noch  165,000  Gulden  nachbezahlt
  wurden.

Für  seine  Anhänglichkeit  an  die  Kirche  legte  Ferdinand
Maria  viele  sprechende  Beweise  an  den  Tag.  Im  Jahre  1654
stiftete  er  zu  Burghausen  ein  Kapuzinerkloster  und  zu
Altötting  ein  Kloster  für  Franziskaner.  Zu  München
stellte  er  (1654—1659)  für  die  unbeschuhten  Carmeliter
ein  Kloster  und  eine  Kirche  zu  Ehren  des  hl.  Nikolaus  her,
wie  es  sein  Vater  vor  der  Schlacht  am  weißen  Berge  bei  Prag
dem  obersten  Vorsteher  dieser  Mönche,  dem  Pater  Dominicus
de  Jesu  Maria,  versprochen  hatte.  Im  Jahre  1669  stellte
er  die  von  den  reformirten  Pfalzgrafen  aufgehobenen  oberpfälzischen
  Klöster  (Waldsassen,  Reichenbach,  Ensdorf,
Weissenohe,  Michelfeld,  Walterbach,  Speinshart  und  Schönthal)
w#ieder  her  und  verzichtete  zugleich  auf  die  Einkünfte,  die  er
gleich  seinem  Vater  aus  diesen  Klöstern  mit  Roms  Erlaubniß
bezogen  hatte.  Dem  von  ihm  und  seiner  Gemahlin  Adelheid
(1659)  abgelegten  Gelübde  zufolge,  eine  Kirche  und  ein  Kloster
zu  bauen,  wenn  ihre  Ehe  mit  Kindern  gesegnet  würde,  baute
er  von  1669—1675  zu  München  den  Theatinern  ein  geräumiges
  Kloster  und  zu  Ehren  des  hl.  Cajetan  eine  prachtvolle
Kirche,  denn  die  Ehe  war  inzwischen  mit  drei  Söhnen  und
zwei  Täöchtern  beglückt  worden.

Im  Jahre  1669  rief  er  den  seit  1612  nicht  mehr  versammelten
  bayerischen  Landtag  nach  München  ein,  berieth
sich  mit  ihm  über  die  Tilgung  der  noch  vorhandenen  Schuldenlast
        <pb n="289" />
        Bayern  unter  Ferdinand  Maria.  273

und  löste  ihn  dann  für  immer  auf.  An  seine  Stelle  trat  ein
permanenter  Landschafts-Ausschuß  von  sogenannten  Verordneten
  zu  München,  der  die  nöthigen  Bewilligungen  machte
und  sich  selbst  ergänzte.  Derselbe  bestand  aus  vier  Verordneten
des  Prälatenstandes,  aus  acht  Verordneten  des  Adels  und
aus  vier  Verordneten  des  Bürgerstandes.  Durch  weise  Sparsamkeit
  und  kluge  Umsicht  im  Staatshaushalte  erneuerte  sich
Bayerns  Wohlstand  und  so  konnte  der  kunstliebende  Kurfürst
daran  gehen,  die  Pracht  seines  Hofes  zu  verjüngen  und  etwas
für  die  Hebung  der  Künste  zu  thun.  Seine  Gemahlin  Adelheid,
  voll  Geschmack  und  Kunstsinn,  machte  sich  dieß  zum  besondern
  Geschäfte.  Unter  ihrer  Leitung  wurde  der  von  ihrem
Gemahle  erbaute  südliche  Flügel  der  neuen  Residenz  nach  italienischem
  Geschmacke  eingerichtet  und  verziert,  ein  Opernhaus?)
für  italienische  Gesangspiele  (1658)  aufgeführt  und  das  Schloß
Nymphenburg  (1663)  zu  bauen  angefangen  (erweitert  unter
Max  Emanuel  und  Karl  Albrecht).  Die  ruhigen  Tage  des
fürstlichen  Ehepaars  trübte  noch  am  Ende  ein  Brand"),  der
beinahe  die  Hälfte  der  Residenz  (den  südlichen  und  östlichen  Flügel)
  mit  vielen  Kostbarkeiten  und  Kunstwerken  in  Asche  legte
(9.  April  1674).  Mit  genauer  Noth  rettete  Adelheid  mit
ihren  Kindern  und  Kammerfrauen  halbangekleidet  durch  einen
Gang,  der  die  Residenz  mit  dem  Theatiner-Gebäude  verband,  das

*)  Dieses  Opernhaus,  nach  dem  Muster  des  zu  Vicenza  stehenden
erbaut,  stand  in  der  Nähe  der  Salvatorskirche,  dem  westlichen  Flügel  des
etwas  später  erbauten  Theatinerklosters  gegenüber.  Als  Kurfürst  Maximilian  III
Joseph  das  neue  Opernhaus  an  seiner  Residenz  erbauen  ließ,  wurde  das  alte
Opernhaus  für  deutsche  Schauspiele  bis  zum  Jahre  1802  verwendet,  wo  es
abgebrochen  wurde.

½%)  Fräulein  La  Perousa,  erste  Kammerfrau  der  Kurfürstin,  war  im
Bette  bei  einer  brennenden  Wachskerze  eingeschlafen  und  erwachte  erst,  als
die  Bettumhänge  in  hellen  Flammen  standen.  Bei  dieser  Gelegenheit  verbrannten
  alle  Bildnisse  der  alten  Fürsten  von  Bayern  und  ihrer  Gemahlinen.
Der  Kurfürst  Ferdinand  Maria,  der  sich  eben  zu  Braunau  aufdielt
und  durch  Eilboten  Nachricht  von  dem  Brande  bekam,  eilte  in  einem  ununterbrochenen
  Ritte  nach  München,  fand  aber  nur  mehr  die  rauchenden  Trümmer
des  von  ihm  erbauten  Flügels.  Auf  diesem  Ritte  soll  sich  der  Kurfürst  eine
Ruptur  zugezogen  haben,  welches  die  Ursache  seines  frühen  Todes  war.

Sattler,  bayer.  Geschichte.  18
        <pb n="290" />
        274  Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.

Leben.  Dieser  Schrecken  und  die  darauf  folgende  Nachricht  von  dem
Tode  ihres  geliebten  Bruders,  Karl  Emanuel  von  Savoyen,
griffen  die  Fürstin  so  an,  daß  sie  am  18.  März  1676  starb.
Mit  ihrem  Hinscheiden  war  für  Ferdinand  Maria  die  Welt
ohne  Freude.  Er  zog  sich  häufig  nach  Schleißheim  zurück,  wo
Wilhelm  V  die  Wilhelmszelle  mit  acht  Nebenzellen  und  einer
Kapelle  erbaut  hatte,  und  verschied  dort  am  26.  Mai  1679.
Seine  Leiche  ward  neben  der  seiner  Gemahlin  in  der  Gruft  der
Theatiner-Kirche  beigesetzt,  welche  in  der  Folge  alle  bayerischen
  Regenten  und  ihre  Familienglieder  in  sich  aufnahm.  Er
hinterließ  seinem  Nachfolger  eine  gefüllte  Schatzkammer,  eine
Armee  von  20,000  Mann  und  mehrere  mit  Kriegsmaterial  angefüllte
  Zeughäuser.

&amp;amp;98.  Des  Kurfürsten  Ferdinand  Maria  älterer  Sohn,
Maximilian  II  Emanuel  (169#8.—1726),  war  bei  dem  Tode
des  Vaters  noch  minderjährig,  weshalb  sein  Oheim  Maximilian
  Philipp,  Landgraf  von  Leuchtenberg  und  Herr  von
Hohenschwangau,  bis  zum  11.  Juli  1680  die  Staatsgeschäfte
leitete.  Der  jugendliche  Herrscher,  von  dem  Präsidenten  des  geheimen
  Rathes,  dem  erfahrnen  Freiherrn  von  Prielmair,
in  den  Staatsgeschäften,  und  von  einem  Franzosen,  dem  Marquis
  von  Beauveau,  in  den  leichtfertigen  Grundsätzen  der
damaligen  französischen  Nation  unterrichtet,  zog  Oesterreichs
und  Frankreichs  Augenmerk  auf  sich,  jeder  der  beiden  Staaten
suchte  ihn  und  seine  einflußreiche  Stellung  Angesichts  der  drohenden
  Ereignisse  für  sich  zu  gewinnen.  Schon  neigte  Marx  Emanuel
  zu  Frankreich  hin,  als  ihm  seine  vertrauten  Räthe  und
sein  Oheim  Max  Philipp  das  Wagniß  eines  solchen  Schrittes
vorstellten.  Bei  einem  Zusammentreffen  Kaiser  Leopolds  I  mit
Max  Emanuel  zu  Altötting,  wohin  Ersterer  mit  seiner
Tochter  Maria  Antonia  eine  Wallfahrt  unternommen  hatte,
warb  der  Kurfürst  um  des  Kaisers  Tochter  und  ward  bei  dieser
Gelegenheit  zum  Abschlusse  eines  Schutz=  und  Trutzbündnisses
mit  Oesterreich  veranlaßt.  Diesem  zufolge  nahm  Marx  Emanuel
an  drei  Zügen  gegen  die  Türken  Theil,  welche  (12.  Juli  1683)
bis  zu  den  Thoren  Wiens  vorgedrungen  waren.  Er  half  Wien
        <pb n="291" />
        Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.  275

(1683)  entsetzen,  Neuhäusel  (1685)  und  Ofen  (1686)  erobern,
  kämpfte  mit  Ruhm  bei  Esseck  und  Mohacz  (1687)  “")
und  erstürmte  Belgrad  (1688).  Von  Freund  und  Feind  wurde
Emanuels  Tapferkeit  bewundert;  die,  Türken  nannten  ihn  nur
den  „blauen  König“  und  wichen  scheu  zurück,  wenn  er  auf
dem  Kampfplatze  erschien.  Für  die  Anstrengungen  und  Auslagen
in  den  Türkenkriegen,  für  das  Blut  von  30,000  Bayern  hatte
indessen  Max  Emanuel  weiter  nichts,  als  des  Kaisers  Tochter
Maria  Antonia,  die  er  (15.  Juli  1685)  geehlicht,  und  mit
ihr  eine  schwache  Hoffnung  auf  das  Erbe  Spanien,  denn  der
Maria  Antonia  Mutter,  Margaretha  Theresia,  war  die
jüngere  Schwester  des  spanischen  Königs  Karl  II,  der  keine
näheren  Erben  hatte.  Zwar  hatten  Max  II  und  Antonia
vor  ihrer  Vermählung  für  sich  und  ihre  Nachkommen  unter  allen
denkbaren  Clauseln  den  Erbansprüchen  auf  Spanien  entsagen
und  sich  mit  der  Hoffnung  auf  die  spanischen  Niederlande
begnügen  müssen;  allein  Marx  Emanuek  zählte  für  die  Stunde
der  Entscheidung  auf  auswärtige  Hilfe.

Bald  nach  der  Erstürmung  Belgrads  riefen  den  tapfern
Emanuel  Ereignisse  im  Westen  an  die  Grenzen  Frankreichs,
dessen  König  Ludwig  XIV  unter  den  nichtigsten  Vorwänden
ein  Stück  deutschen  Gebietes  an  sich  zu  reißen  strebte.

In  der  Rheinpfalz  war  nämlich  mit  dem  Kurfürsten  Karl
von  Pfalz=  Simmern  1685  die  männliche  Linie  des  unglücklichen
  Böhmenkönigs  Friedrich  erloschen  und  nach  Recht  und  Vertrag
  mußte  sein  Land  an  Philipp  Wilhelm  von  Pfalz-Neuburg
  fallen.  Frankreichs  König  begehrte  nicht  nur  die
ganze  bewegliche  Hinterlassenschaft  des  verstorbenen  Kurfürsten,

*)  Bei  Mohacz  an  der  Donau  erbeutete  Kurfürst  Max  Emanuel
des  Großveziers  stattliches  Gezelte,  einen  Theil  der  Kriegskasse  und
die  türkische  Kanzlei.  Von  den  bei  Osen  gefangenen  Türken  ließ  Mar
Emanuel  im  Jahre  1686  achthundert  und  vierzig  Mann  nach  München
führen,  wo  sie  einen  Kanal  graben  sollten,  um  die  Wasserleitung  vom  großen
Kessel  an  der  Nymphenburger  Allee  mit  der  Isar  herzustellen.  Das  Werk
war  schon  weit  vorgeschritten,  wurde  aber  in  der  Folge,  als  die  neu  angelegte
  Maximilians-Vorstadt  nach  dieser  Richtung  sich  ausdehnte,  sistirt
und  einer  von  den  neuen  Straßen  der  Name  „Türkenstraße“  beigelegt.
Von  diesen  Türken  traten  später  die  meisten  zur  katholischen  Religion  über.

18“
        <pb n="292" />
        276  Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.

sondern  auch  die  Pfalz-Simmernschen  Lande  nebst  einigen  andern
Gütern  in  der  Rheinpfalz  für  seinen  Bruder,  den  Herzog  Philipp
  von  Orleans,  weil  dieser  Charlotte,  die  Schwester  des
verstorbenen  Karl  zur  Ehe  hatte.  Das  war  der  eine  Vorwand
zum  Kriege.  Den  andern  gab  die  Besetzung  des  erzbischöflichen
  Stuhles  von  Köln  nach  dem  Hinscheiden  (3.  Juni
1688)  des  Erzbischofes  Maximilian  Heinrich,  eines  Sohnes
des  bayerischen  Wittelsbachers  Albrecht  VI.  Bei  der  Wahl  fielen
auf  Max  Emanuels  Bruder,  den  Bischof  Joseph  Clemens  von
Regensburg,  von  den  24  Stimmen  neun,  und  der  Papst
Innocenz  XI  (1676—1689)  ergänzte,  weil  die  absolute  Stimmen-=mehrheit
  nicht  erreicht  war,  all'  und  jeden  Rechtsmangel.  Durch
diesen  Schritt  des  Papstes  fühlte  sich  Ludwig  XIV  von  Frankreich
  tief  verletzt,  denn  sein  Günstling  Wilhelm  Egon  von
Fürstenberg  *),  Bischof  von  Straßburg,  dem  der  Papst
das  Wahlbefähigungs-Breve  versagt  hatte,  mußte  auf  dieß  hin
von  seiner  Bewerbung  um  den  kurkölnischen  Stuhl  abstehen.
Ganz  unerwartet  ließ  Ludwig  XIV  nach  dem  Rathe  seines
Kriegsministers  Luvois  1688  französische  Truppen  in  die
Rheinpfalz  einrücken  und  schreckliche  Verheerungen  anrichten.
Heidelberg,  Mannheim,  Speyer,  Worms  und  alle  Orte  bis  zur
elsassischen  Grenze  sanken  in  Asche  (1689);  die  Einwohner  wurden
  mit  kaltblütiger  Unmenschlichkeit  ausgeplündert  und  mißhandelt,
  und  nicht  einmal  die  Flucht  war  gestattet,  außer  auf  französisches
  Gebiet.  Bayerns  Kurfürst  Max  Emanuel  war  einer
der  Ersten,  die  den  Franzosen  kampfgerüstet  gegenüber  standen,
und  erhielt  nach  dem  Tode  Karls  von  Lothringen  (#  18.  April
1690)  den  Befehl  über  einen  Theil  des  kaiserlichen  Heeres.  Die
Macht,  welche  alle  Fürsten  Deutschlands  mit  Beginn  des  Jahres
1691  aufboten,  hätte  der  Schrecken  Frankreichs  werden  können,
wenn  die  beiden  Hauptführer  der  deutschen  Heere  einig  gewesen
wären;  allein  der  Graf  Caprara,  Befehlshaber  der  kaiserlichen

*)  Ein  Bruder  des  früher  genannten  Franz  Egon  von  Fürstenberg,
  dem  er  auf  dem  bischöflichen  Stuhle  von  Straßburg  gefolgt  war.
Beide  waren  Söhne  des  wackern  bayerischen  Artilleriegenerals  Jakob  Ludwig
  von  Fürstenberg,  schwärmten  aber  beide  leidenschaftlich  für  Frankreich.
  Die  ihres  Vaters  unwürdigen  Söhne  wurden  vom  Kaiser  Leopold  I
1664  zu  Reichsfürsten  gemacht,  blieben  aber  nach  wie  vor  Handlanger
französischer  Interessen.
        <pb n="293" />
        Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.  277

Truppen,  wollte  nicht,  was  der  Kurfürst  von  Sachsen,  der
Anführer  der  verbündeten  Reichstruppen,  wollte  und  jeder  weigerte
  sich  von  dem  andern  Befehle  anzunehmen.  So  erreichten
die  Franzosen  einen  Vortheil  nach  dem  andern,  bis  der  Kaiser
den  Markgrafen  Ludwig  von  Baden,  einen  trefflichen  Schüler
Karls  von  Lothringen,  aus  dem  inzwischen  fortgesetzten  Türkenkriege
  (1689—1699)  abberief  und  ihm  das  Kommando  am  Rhein
übertrug.  Dieser  Feldherr  stellte  1693  das  Gleichgewicht  durch
kluge  Vertheidigung  des  Neckarstromes  wieder  her  und  verhinderte
ein  weiteres  Vordringen  der  Franzosen.  Bei  den  innern  Zwistigkeiten,
  welche  unter  den  deutschen  Fürsten  wegen  der  erst  kürzlich
(19.  Dezember  1692)  vom  Kaiser  gegründeten  neunten  Kurwürde,
  der  hannover'schen,  bestanden  (die  Kurfürsten  von
Mainz,  Bayern,  Sachsen  und  Brandenburg  waren  für
die  Errichtung  dieser  neunten  Kur,  Trier,  Köln  und  Pfalz
gegen  dieselbe),  war  es  ein  Glück,  daß  Frankreich,  zu  gleicher
Zeit  im  Kampfe  gegen  Holland,  England,  Spanien  und
Savoyen,  nur  einen  kleinen  Theil  seiner  Kraft  auf  den  Krieg
am  Rheine  verwenden  konnte.  In  Folge  der  Ermüdung  aller  kriegführenden
  Theile  ward  endlich  (9.  Mai  1697)  ein  Friedenscongreß
zu  Ryswick,  einem  Dorfe  und  Schloße  bei  Haag  in  Holland,
versammelt,  welcher  die  Entscheidung  der  Ansprüche  des  Hauses
Orleans  auf  die  Rheinpfalz  dem  Papste  überließ.  Dieser
entschied  für  die  Pfalz,  jedoch  mußte  der  Allodial-Erbschaft  wegen
eine  Schadloshaltungssumme  von  300,000  Scudi  bezahlt  werden.

Mitten  in  der  großen  Besorgniß,  welche  die  fortwährenden
Erfolge  der  Franzosen  in  den  ersten  Jahren  dieses  Krieges  erregten,
  hatte  König  Karl  II  von  Spanien  dem  bayerischen
Kurfürsten  Maximilian  Emanuel  als  Gemahl  seiner
nächsten  Base,  der  Maria  Antonia,  die  Statthalterschaft
der  Niederlande  mit  unumschränkter  Gewalt  und  75,000  Thalern
  monatlichen  Gehaltes  übergeben  (1691).  Max  sah  in  der
Statthalterschaft  die  Brücke  zum  spanischen  Thron,  übernahm  sie
deshalb  gerne  und  hielt  (am  26.  März  1692)  unter  großem
Gepränge  seinen  Einzug  in  Brüssel,  wo  der  bisherige  Statthalter,
  der  Marquis  von  Gastanaga,  den  Befehlshaberstab
in  seine  Hände  niederlegte.  Statt  die  neue  Stellung  zur  Ver-
        <pb n="294" />
        278  Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.

treibung  der  in  Deutschland  wüthenden  Franzosen  zu  benutzen,
führte  Max  Emanuel  in  den  Niederlanden  ein  üppiges,  kostspieliges
  Leben,  so  daß  nicht  nur  die  Einnahmen  aus  den  Niederlanden
  nicht  ausreichten,  sondern  auch  die  doppelten  Steuersummen
von  Bayern  und  alle  in  diesem  Lande  geöffneten  Quellen  die
Geldbedürfnisse  dieses  Fürsten  nicht  zu  decken  vermochten.  Allgemein
  hieß  es:  „In  Brüssel  geht's  zu,  wie  im  ewigen
Leben“,  in  Bayern  aber  sagte  man:  „Der  Kurfürst  brockt
den  Niederländern  sein  Bayern  ein.“

Den  herben  Schmerz,  den  Marx  Emanuel  bei  dem  am
24.  Dezember  1692  erfolgten  Tode  seiner  Gemahlin  Maria
Antonia  empfand,  überbot  die  Freude,  daß  ihm  kurz  vorher
(28.  Oktober  1692)  ein  Sohn,  Joseph  Ferdinand  Leopold,
geboren  worden  war,  dem,  wie  er  dachte,  der  spanische  Thron
nicht  entgehen  konnte.  In  diesen  Gedanken  lebte  er  sich  binnen
kurzer  Zeit  so  hinein,  daß  er  nach  dem  Tode  des  Polenkönigs
Johann  Sobiesky  (r  17.  Juni  1696)  dessen  Tochter  Theresia
  Kunigunda  er  (am  2.  Januar  1695)  geheirathet  hatte,
nicht  den  leisesten  Versuch  machte,  die  Krone  Polens  an  sich
zu  bringen,  obschon  ihm  Sobiesky's  Wittwe  dieselbe  anbieten
ließ.  Wirklich  ließ  König  Karl  II  von  Spanien  1698  dem
Kurfürsten  die  frohe  Botschaft  zugehen,  er  habe  gemäß  Gutachten
des  Papstes  Innocenz  XII  (1691—1699)  in  seinem  Testament
den  Prinzen  Joseph  Ferdinand  zum  Alleinherrscher  aller
spanischen  Reiche  eingesetzt.  In  Wien  erregte  diese  Nachricht
großes  Befremden,  denn  Kaiser  Leopolds  verstorbene  Gemahlin
Margaretha  Theresia,  die  jüngere  Schwester  König  Karls  II
von  Spanien,  hatte  bei  ihrer  Vermähluug  auf  das  Erbe  Spanien
nicht  verzichtet,  und  ihr  Gemahl  hatte  auf  die  spanische  Krone
für  seinen  zweiten  Sohn  Karl,  den  ihm  seine  dritte  Gemahlin
(Eleonore  Magdalena  Theresia,  des  Kurfürsten  Philipp  Wilhelm
von  der  Pfalz  Tochter)  geboren  hatte,  um  so  sicherer  gerechnet,
weil  seine  Tochter  Antonia  und  ihr  Gemahl,  der  Kurfürst
Max  Emanuel,  und  ebenso  Ludwig  XIV  von  Frankreich,
der  mit  des  spanischen  Königs  älterer  Schwester,  Maria  Theresia,
  vermählt  war,  auf  das  spanische  Erbe  verzichtet  hatten.
Ueberdieß  stützte  sich  Leopolds  Anwartschaft  auf  die  spanischen
        <pb n="295" />
        Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.  279

Länder  nicht  allein  auf  bie  mit  der  Infantin  Margaretha
Theresia  eingegangene  Ehe,  sondern  auch  auf  die  gemeinschaftliche
  Abstammung  beider  Häuser  von  Philipp  dem  Schönen
von  Habsburg  (I  1506),  von  dessen  Söhnen  der  ältere,
Karl  V,  die  habsburgische  Linie  in  Spanien  begründet,  während
  der  jüngere  Sohn,  Ferdinand,  das  Geschlecht  der  Habsburger
  in  Oesterreich  fortgepflanzt  hatte.

Kurfürst  Max  II  Emanuel  von  Bayern  betrachtete  die
dem  Hause  Habsburg  zur  Seite  stehenden  Ansprüche  auf  das
seinem  Sohne  zugewendete  Erbe  Spanien  als  nicht  vorhanden
und  ließ  seinen  sechsjährigen  Prinzen  nach  Brüssel  kommen,
um  ihn  von  da  an  Spaniens  Küsten  zu  bringen.  Allein  der
Prinz  erkrankte  noch  während  seines  Aufenthaltes  in  Brüssel  und
starb  am  6.  Februar  1699  .).  Für  Max  Emanuel  war  mit
dem  Leben  des  Sohnes  all'  und  jede  Hoffnung  auf  den  spanischen
Thron  dahin,  denn  er  konnte  sich  nicht  verhehlen,  daß  nunmchr
die  Ansprüche  Oesterreichs  und  Frankreichs  zum  Nachtheil
der  seinigen  zur  Geltung  gebracht  würden.  In  der  That  setzte
Ludwig  XIV  von  Frankreich  dem  sterbenskranken  König
von  Spanien  so  gewaltig  zu,  daß  dieser,  um  Ruhe  zu  bekommen,
  durch  ein  Codicill  vom  5.  Oktober  1700  Philipp  von
Anjon,  den  zweiten  Sohn  des  Dauphin,  zum  Erben  einsetzte
da  der  Dauphin  ein  Sohn  der  älteren  Schwester  König  Karls  II
war.  Als  hierauf  Karl  II  am  1.  November  1700  die  Augen
schloß,  bestieg  der  französische  Prinz  als  Philipp  V  den  spanischen
  Thron,  ohne  daß  es  Oesterreich  hindern  konnte.  Da
aber  Oesterreich  seine  Ansprüche  auf  Spanien  nicht  aufgab,  so
begann  der  mit  Unheil  jeder  Art  verbundene  spanische  Erbfolgekrieg
  (1701—1714).

&amp;amp;  99.  Die  Seemächte  England  und  Holland,  denen
die  Vereinigung  der  spanischen  mit  der  französischen  Krone  für
das  europäische  Gleichgewicht  allzu  gefährlich  erschien,  schloßen
am  7.  September  1701  im  Haag  mit  Oesterreich  ein  Schutz-*)

  Einige  behaupten,  daß  der  Prinz  durch  die  Fahrläßigkeit  des  Leibarztes,
  Don  Louis,  den  Tod  gefunden,  Andere,  daß  ihm  Gift  beigebracht
worden  sei.  Theatrum  Europaeum  P.  XV.  p.  548.
        <pb n="296" />
        280  Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.

und  Trutzbündniß,  welches  das  große  Bündniß  gegen  Frankreich
  genannt  wurde.  Bayerns  Kurfürst  Max  Emanuel  befand
sich  dabei  in  einer  sehr  peinlichen  Lage  und  wußte  für  den  ersten
Augenblick  nicht,  was  für  ihn  das  Beste  sei.  Derselbe  hatte
große  Forderungen  an  Spanien  zu  stellen;  von  seinem  Gehalte
als  Statthalter  der  Niederlande  waren  noch  vier  Millionen  im
Rückstande  und  an  der  Aussteuer  seiner  ersten  Gemahlin  hatte
er  noch  eine  beträchtliche  Summe  zu  fordern.  Alles  dieses  von
Oesterreich  zu  erhalten,  war  wenig  Hoffnung,  denn  das  Kaiserhaus
  hatte  für  die  im  Türkenkriege  gebrachten  Opfer  auch  nicht
den  geringsten  Ersatz  geleistet.  Das  Liebste  wäre  dem  Kurfürsten
  gewesen,  anstatt  baarer  Bezahlung  die  Niederlande
selbst,  oder  wenigstens  die  erbliche  Statthalterschaft  in
denselben  zu  erhalten.  Diese  Wünsche  Emanuels  kannte  der
schlaue  französische  Hof  und  suchte  durch  das  Versprechen,  sie  zu
erfüllen,  den  unschlüssigen  Kurfürsten  auf  seine  Seite  zu  bringen.
Der  Versuch  gelang  vollständig.  Max  Emanuel  schlug  sich  zu
Frankreichs  Partei  und  mit  ihm  sein  Bruder,  der  Kurfürst  Joseph
  Clemens  von  Köln,  der  ebenfalls  mit  glänzenden  Verheißungen
  geködert  worden  war.

Max  Emanuel,  der  am  22.  März  1701  von  Brüssel
nach  München  abgereist  war,  sammelte  in  aller  Eile  bei  dem
Dorfe  Schwabing  unweit  München  ein  Heer  von  18,000
Bayern  (9.  Oktober  1701),  um  dem  mit  Frankreich  vereinbarten
Plane  gemäß  zwischen  Ingolstadt  und  Augsburg  Stellung  zu
nehmen  und  wo  möglich  von  da  aus  das  feste  Ulm  durch  Ueberrumplung
  in  seine  Gewalt  zu  bringen.  Die  am  8.  September
1702  erfolgte  Wegnahme  Ulms,  an  welche  sich  die  von  Memmingen
  und  Neuburg  a.  d.  Donau  anschloß,  öffnete  dem
Kaiser  die  Augen  über  die  Gesinnungen  seines  Eidams  Max
Emanuel.  Seiner  selbst  nicht  mächtig  ermunterte  Leopold
in  einem  offenen  Schreiben  (Avocatorium)  die  Bayern  zur  Auflehnung
  gegen  ihren  Fürsten  und  entband  sie  von  Eid  und
Pflicht.  Doch  das  biedere  Volk  der  Bayern,  obschon  seit  langer
Zeit  hart  gedrückt  und  stark  vernachlässigt,  verachtete  Leopolds
Aufforderung  und  war  durch  nichts  in  seiner  Treue  zu  erschüttern.
        <pb n="297" />
        Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.  281

Während  die  versprochenen  Truppen  aus  Frankreich  unter
dem  Marschall  Villars  Bayern  zu  erreichen  strebten,  brachen
des  Kaisers  Heere  von  zwei  Seiten  in  dieses  Land  ein.  Eine
Abtheilung,  von  dem  Grafen  von  Schlick  befehligt,  überschritt
den  Inn,  die  andere,  dem  Grafen  Limburg-Styrum  untergeordnet,
  drang  in  die  Oberpfalz.  Max  begegnete  nun,  so
gut  er  konnte,  den  beiden  feindlichen  Feldherren,  gewann  manchen
Vortheil  über  sie  und  versicherte  sich  der  Reichsstadt  Regensburg,
  um  das  weitere  Vordringen  des  Feindes  zu  hindern
(8.  April  1703).  Mittlerweile  war  der  französische  Marschall
Villars  mit  28,000  Mann  und  40  Kanonen  durch  den  Schwarzwald
  und  das  Kinzinger  Thal  gezogen  und  vereinigte  sich  (am
12.  Mai  1703)  bei  Tuttlingen  in  Schwaben  mit  der  bayerischen
Armee.  Da  noch  ein  anderes  französisches  Heer,  von  dem  Herzog
  von  Vendome  geführt,  von  Italien  her  gegen  Oesterreich
ziehen  sollte,  so  entwarf  man  den  Plan,  Max  Emanuel  solle
durch  Tyrol  diesem  Heere  entgegen  gehen  und  nach  gelungener  Vereinigung
  in  die  kaiserlichen  Erblande  einfallen,  während  Villars
die  Donau  bewachte.  Daher  wandte  sich  der  Kurfürst  am
14.  Juni  1703  mit  9000  Bayern  und  5000  Franzosen  nach
Tyrol,  nahm  die  Festung  Kufstein,  welche  den  Weg  in's
Land  öffnete,  drang  ungehindert  bis  Innsbruck  und  ließ  an
allen  wichtigen  Punkten  kleine  Besatzungen  zurück  (2.  Juli  1703).
Auf  dem  Wege  von  Innsbruck  nach  dem  Brenner  stellte  sich
dem  weiteren  Vordringen  der  Bayern  das  Tyroler  Landvolk  entgegen
  und  vertilgte  von  den  Bergen  aus  manchen  Schlachthaufen.
Da  Emanuel  auch  noch  von  kaiserlichen  Truppen  auf  allen
Seiten  angegriffen  wurde,  sah  er  sich  zum  Rückzuge  gezwungen,
auf  welchem  der  kaiserliche  Revierförster  Anton  Lechleitner
bei  dem  sogenannten  reißenden  Ranggen  oder  Martinsbühel,
  Zirl  gegenüber,  den  geflissentlich  zur  rechten  Seite  des
Kurfürsten  reitenden  Kammerherrn  Grafen  Ferdinand  von  Arco
mit  einer  Kugel  durchbohrte.  Nach  diesem  Rückzuge  Emanuels  gingen
nicht  nur  alle  Eroberungen  in  Tyrol  bis  auf  Kufstein  verloren,
sondern  die  Tyroler  nahmen  an  den  Grenzorten  (Murnau,
Oeschelle,  Schweiganger)  schreckliche  Rache.  Max  Emanuels
  Lage  ward  mit  jedem  Tage  bedenklicher,  denn  fünf  feind-
        <pb n="298" />
        282  Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.

liche  Heere  (eines  von  Tyrol  unter  dem  Grafen  Heister,  eines
vom  Inn  unter  Revenklau,  eines  in  der  Oberpfalz  unter
Herbeville,  die  Truppen  unter  Limburg-Styrum  an  der
Donau  und  die  unter  dem  Markgrafen  Ludwig  von  Baden
am  Lech)  bedrohten  zu  gleicher  Zeit  ihn  und  sein  Land.  In
Vereinigung  mit  dem  Marschall  Villars  ging  Marx  Emanuel
dem  nach  Donauwörth  ziehenden  Styrum  entgegen  und  beide
lieferten  ihm  am  20.  September  1703  bei  Höchstädt  eine
Schlacht,  in  der  Styrum  trotz  des  heldenmüthigsten  Widerstandes
unterlag.  Der  Kurfürst  wandte  sich  nun  rasch  nach  Passau,
den  Schlüssel  zu  Oesterreich,  beschoß  diese  Grenzfestung  am
8.  Januar  1704  und  nahm  sie  am  folgenden  Tage  durch  Capitulation
  ein.  Durch  den  glücklichen  Ausgang  dieser  Unternehmung
kühn  gemacht  verwarf  Max  Emanuel  den  von  Oesterreich
gestellten  Friedensantrag.  Auf  dieses  setzte  auch  Oesterreich  jede
Rücksicht  bei  Seite  und  bot  Alles  auf,  Bayern  zu  verderben.  Es
erschien  (1704)  nicht  nur  der  tapfere  Prinz  Eugen  von  Savoyen
  an  der  Spitze  eines  kaiserlichen  Heeres,  sondern  auch
ein  englisch-holländisches  Heer  unter  Marlborough  und
der  Markgraf  Ludwig  von  Baden  mit  den  Reichstruppen.
Marlborough,  der  sich  bei  Ulm  mit  Ludwig  von  Baden
vereinigt  hatte,  griff  das  bayerisch-französische  Heer  am
Schellenberge  bei  Donauwröth  (2.  Juli  1704)  an  und
erfocht  den  Sieg.  Die  feindlichen  Truppen  überschwemmten  nun
Bayern  und  suchten  durch  Bedrückungen  jeder  Art  den  Kurfürsten
  zu  zwingen,  seiner  Verbindung  mit  Frankreich  zu  entsagen.
  Max  Emanuel  that  es  nicht,  denn  die  französischen
Feldherren  Tallard  und  Marsin,  die  ein  frisches  französisches
Heer  nach  Augsburg  zuführten,  erweckten  in  ihm  neue  Hoffnung.
Aber  der  verhängnißvolle  13.  August  1704  entschied  in  der
Schlacht  zwischen  Blindheim  und  Höchstädt  zu  Gunsten  des
Eugen  von  Savoyen  und  des  Marlborough.  Der  Marschall
Tallard  ließ  sich,  nachdem  Marlborough  sein  Centrum  durchbrochen,
  gefangen  nehmen  und  15,000  Franzosen  ergaben  sich  im
Dorfe  Blindheim  ohne  Theilnahme  an  der  Schlacht.

Da  das  französische  Heer  so  gut  als  vernichtet,  ganz
Bayern  und  bald  darauf  auch  Schwaben  vom  Feinde  gesäubert  und
        <pb n="299" />
        Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.  283

der  bisher  so  hartnäckige  Kurfürst  Max  Emanuel  seines  Heeres
fast  gänzlich  beraubt  war,  so  blieb  diesem  nichts  übrig,  als  mit
seinen  französischen  Bundesgenossen  über  den  Rhein  zu  ziehen.
Ganz  Bayern  mit  Ausnahme  der  Stadt  und  des  Rentamtes
München,  die  der  Kaiser  (gemäß  einem  zu  Ilbesheim  im
Zweibrückischen  am  7.  November  1704  von  dem  dort  kommandirenden
  römischen  Könige  Joseph  1I  eingegangenen  Vertrage)  der
Kurfürstin  Theresia  Kunigunda  zur  Residenz  und  zum  Unterhalte
  ließ,  wurde  von  einem  kaiserlichen  Statthalter  administrirt
und  sogleich  die  Reichsstädte  Regensburg,  Augsburg  und
Ulm  von  keaiserlichen  Truppen  besetzt.  Das  Leiden  des  unterjochten
  Bayerlandes  griff  die  schwergeprüfte  Kurfürstin  so  an,
daß  sie  auf  den  Rath  ihres  Arztes  nach  Venedig  reiste,  um  unter
mildem  Himmel  ihre  Gesundheit  herzustellen.  In  ihrer  Abwesenheit
  drückte  Joseph  1  (1705—1711),  Sohn  und  Nachfolger
des  1705  gestorbenen  Kaisers  Leopold,  die  unglücklichen  Bewohner
Bayerns  noch  härter.  Man  verschwor  sich  daher,  die  österreichische
Besatzung  in  ganz  Bayern  niederzumachen,  sich  der  Städte  im
Lande  und  eines  Passes  an  der  Donau  zu  bemächtigen  und  sich
daselbst  so  lange  zu  halten,  bis  ein  französisches  Heer  zur  Unterstützung
  ankäme.  Doch  Alles  wurde  entdeckt  und  die  Folge  war,
daß  man  auch  das  Rentamt  München  mit  der  Stadt  besetzte,
die  Verdächtigen  verhaftete,  das  ganze  Land  entwaffnete,  Münchens
Zeughaus  leerte,  seine  Festungswerke  niederrieß  und  der  aus
Venedig  heimkehrenden  Kurfürstin  an  der  Grenze  Bayerns  eröffnete,
  daß  sie  Bayerns  Boden  nicht  betreten  dürfe.  Durch  das
harte  Geschick  der  Mutter  schwer  betroffen  schrieb  Karl  Albert,
der  Kurfürstin  siebenjähriger  Sohn,  an  den  Kaiser  und  flehte  um
Gnade,  aber  Joseph  1  blieb  unerweicht.  Statt  einer  Antwort
traf  der  kaiserliche  Befehl  ein,  12,000  Bayern  auszuheben,  die
unter  des  Kaisers  Fahnen  in  Italien  und  Ungarn  kämpfen
sollten.  Als  die  bayerische  Jugend  nicht  auf  den  Musterplätzen
erschien,  griff  man  zur  Gewalt.  Man  ließ  die  jungen  Leute  in  ihren
Betten  überfallen,  unangekleidet  aus  der  Schlafkammer  reißen  und
bei  herbstlicher  Kälte  auf  Wägen  gefesselt  nach  Tyrol  schleppen.
Das  machte  das  Maaß  des  Unglücks  und  des  Mißmuthes  voll
und  rief  den  Entschluß  hervor,  das  Joch  der  Fremdbherrschaft  mit
        <pb n="300" />
        284  Bayern  unter  Martmilian  II  Emanuel.

Gewalt  abzuschütteln.  Durch's  ganze  Land  ging  die  Losung:
„Lieber  bayerisch  sterben,  als  kaiserlich  verderben,"
und  binnen  kurzer  Zeit  lag  Bayerns  waffenfähige  Bevölkerung
an  den  verschiedensten  Punkten  mit  den  österreichischen  Truppen
im  Kampfe,  bis  sie  die  steigende  Uebermacht  der  Gegner  zur
Unterwerfung  zwang.

Den  Anfang  zu  dieser  Erhebung  hatten  500  Bauern  gemacht,
die  bei  Neunburg  vor'm  Wald  und  bei  Rötz  in  der  Oberpfalz
den  Oesterreichern  die  ausgehobenen  jungen  Leute  mit  Gewalt
entrißen.  Ihrem  Beispiele  folgten  die  Bauern  am  Inn  und  an
der  Isar.  Allenthalben  gab  es  Haufen  kräftiger  Leute,  bereit,
das  Vaterland  zu  befreien.  Junge  Männer  von  höherer  Bildung
stellten  sich  an  die  Spitze  der  kühnen  Bürger  und  Landleute  und
suchten  dem  kräftigen  Arme  des  gemeinen  Mannes  durch  ihren
verständigen  Rath  den  Erfolg  zu  sichern.  Unter  diesen  zeichneten
sich  die  zwei  Studirenden  der  Hochschule  Ingolstadt,  Plinganser
und  Meindl,  und  ein  Wachtmeister  der  aufsgelösten  bayerischen
Armee,  Hofmann,  besonders  aus.  Plin  ganser,  der  zu  Ingolstadt
  die  Rechte  studirte,  eilte  in  seinen  Geburtsort  Pfarrkirchen
und  ward  von  seinen  Landsleuten  als  Führer  erkoren.  In  wewenigen
  Wochen  standen  an  den  Innufern  gegen  30,000  Landleute
  unter  den  Waffen,  die  den  Namen  „Landesvertheidiger"
führten.  Die  österreichischen  Truppen,  die  sich  nirgends  sicher
sahen,  eilten  in  die  Festungen,  aber  Plinganser  folgte  ihnen
auf  dem  Fuße  nach,  bemächtigte  sich  der  Festung  Burghausen,
lieferte  mit  seinem  Freunde  Meindl  dem  österreichischen  General
Wendt  ein  Treffen  und  stürmte  Braunau  und  Schärding.
Weder  einzelne  Niederlagen,  noch  der  Anblick  ihrer  gefangenen
Brüder,  welche  von  den  Oesterreichern  an  den  nächsten  Bäumen
aufgeknüpft  wurden,  schreckten  die  Landesvertheidiger  von  ihrem
Vorhaben  ab,  sondern  ihre  Zahl  wuchs  mit  jedem  Tage.  Vom
Inn  und  der  Isar  verbreitete  sich  der  Aufstand  an  die  Donau.
Die  Städte  Kelheim,  Vilshofen  und  Cham  erhoben  sich
nacheinander.  Eine  Menge  Landleute  rottete  sich  endlich  auch  in
Oberbayern  an  der  Grenze  Tyrols  zusammen  in  der  Absicht,
die  Stadt  München  wegzunehmen  und  die  kurfürstlichen
Prinzen,  die  sich  noch  immer  dort  befanden,  den  Händen  der
Kaiserlichen  zu  entreißen.  Eine  beträchtliche  Anzahl  mißvergnügter
Bürger,  Hofbedienten,  Studenten  und  andere  Einwohner  der
Stadt  nahmen  an  dem  Plane  Theil  und  waren  bereit,  auf  den
ersten  Wink  sich  mit  den  Waffen  in  der  Hand  an  den  bestimmten
Sammelplätzen  in  der  Stadt  einzufinden,  die  österreichische  Besatzung
  zu  überrumpeln  und  zu  entwaffnen,  sich  der  Thore  zu
        <pb n="301" />
        Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.  285

bemächtigen  und  auf  ein  gegebenes  Zeichen  den  von  Schäftlarn
heranziehenden  Bauern  den  Einmarsch  in  die  Stadt  zu  erleichtern.
Allein  die  Oesterreicher  kamen  der  Sache  auf  die  Spur  und
rüsteten  sich  zur  Gegenwehr.  Die  Einwohner  von  München  wurden
zum  zweiten  Male  entwaffnet,  die  Urheber  der  Verschwörung
und  die  vornehmsten  Theilnehmer  an  derselben  verhaftet  und  an
den  Orten,  die  als  Sammelplätze  bestimmt  waren,  ward  schweres
Geschütz  aufgepflanzt.  Dessen  ungeachtet  blieben  die  Bauern  ihrem
Vorhaben  getreu  und  waren  entschlossen,  es  auch  ohne  Mitwirkung
der  Einwohner  von  München  auszuführen.  In  dieser  Lage  rief
die  österreichische  Besatzung  den  Oberst  Kriechbaum  mit  seinem
Corps  von  Wasserburg  herbei.  Schon  rückten  die  Bauern
unter  Anführung  eines  französischen  Hauptmanns,  Gautier,  von
Schäftlärn  her,  ungefähr  5500  Mann  an  der  Zahl,  worunter
500  mit  guten  Schießgewehren  versehene  Schützen  waren,  und
kamen  in  der  Christnacht  1705  am  Giesinger  Berg  bei
München  an,  drangen  zu  dem  die  äußere  Isarbrücke  beherrschenden
Thurme  vor  und  suchten  von  da  den  Weg  in  die  Stadt  zu
nehmen.  Aber  in  demselben  Augenblicke  traf  Oberst  Kriechbaum
  aus  Anzing  hinter  ihnen  ein,  vertrieb  sie  aus  dem  Thurme
und  brachte  sie,  nachdem  ein  Theil  seiner  Reiterei  durch  die  Isar
an  das  jenseitige  Ufer  geritten  war,  zwischen  zwei  Feuer.  Die
Bauern  suchten  längs  der  Isar  gegen  das  benachbarte  Dorf  Untersendling
  zu  entweichen,  wurden  aber  auf  dem  Wege  von  der
durch  die  Isar  gedrungenen  Reiterei  Kriechbaums  so  bedrängt,  daß
sie  völlig  erschöpft  auf  dem  hochgelegenen  Kirchhofe  von  Sendling
anlangten  und  Rast  zu  halten  gezwungen  waren.  Hier  griff
sie  am  heiligen  Christtage  Morgens  General  Wendt,  der  die
österreichischen  Truppen  in  München  befehligte,  in  Vereinigung
mit  dem  Obersten  Kriechbaum  von  der  Stadt  aus  mit  überlegener
  Macht  an  und  ließ  bis  gegen  11  Uhr  Mittags  niederhauen,
  was  sich  zur  Wehr  stellte");  die  Mehrzahl  rettete  sich
durch  die  Flucht.  Die  Wuth  des  Siegers  kehrte  sich  jetzt  gegen
die  in  München  anwesenden  Glieder  der  kurfürstlichen  Familie.
Vier  Söhne  des  Kurfürsten,  Karl  Albrecht,  Philipp  Moritz,
Ferdinand  Maria,  und  der  fünfjährige  Clemens  August,
wurden  (1705)  als  Geißeln  nach  Klagenfurt  abgeführt,  wo
sie  bis  1711  unter  dem  Namen  „Grafen  von  Wittelsbach“

*)  König  Ludwig  1  von  Bayern  schmückte  am  Allerseelentage  1830
ihren  Grabhügel  auf  dem  Gottesacker  zu  München  mit  einem  ehernen  Weihwasserbecken.
  Ein  Wandgemälde  an  der  Kirche  zu  Sendling  erinnert  an
ihren  Heldentod  für  Fürst  und  Vaterland.
        <pb n="302" />
        286  Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.

wie  Gefangene  gehalten  und  dann  nach  Gratz  in  Steyermark
gebracht  wurden.  Ihr  einzige  Schwester,  Maria  Anna  Karolina,
  sperrte  man  in  das  Kloster  zur  hl.  Klara  am  Anger  in
München;  die  drei  jüngeren  Brüder,  Johann  Adolf,  Johann
Theodor  und  Maximilian  Emanuel,  übergab  man  der
vormaligen  Oberhofmeisterin  der  Kurfürstin,  dem  Fräulein  von
Weichs,  in  München  zur  Erziehung.  Ueber  Mar  II  Emanuel
  und  seinem  Bruder,  den  Erzbischof  Joseph  Clemens
von  Köln,  sprach  der  Kaiser  am  29.  April  1706  die  Reichsacht
aus  und  nahm  und  verschenkte  von  Bayern,  wie  und  was  ihm
beliebte.  Die  Oberpfalz  sammt  der  Grafschaft  Cham  und
den  böhmischen  Lehen,  und  ebenso  die  Kurwürde  kam  an
den  Kurfürsten  Johann  Wilhelm  von  Pfalz-Neuburg
(1706—1714).  Die  Herrschaft  Mindelheim  erhielt  Herzog
Marlborough,  die  Grafschaft  Hals  wurde  als  eine  immediate
Herrschaft  dem  Grafen  von  Seizendors,  die  Stadt  Dietfurt
und  der  Markt  Riedenburg  dem  Reichsvicekanzler  Grafen
von  Schönborn  eingeräumt;  Mauerkirchen  nebst  dem  Landgerichte,
  dem  Wetthalterforste  und  dem  Kastenamte  Burghausen
  wurde  dem  Fürsten  von  Löwenstein  als  eine  unmittelbare
  Herrschaft  geschenkt;  der  Markt  Utendorf  mit  Gericht
und  dem  weißen  Bräuhause  bekam  der  Kammerpräsident  Graf
von  Stahremberg;  die  Pflege  Wildshut  und  Friedburg
wurde  dem  Oberstkanzler  Freiherrn  von  Sailern  als  unmittelbare
  Herrschaft  zu  Theil;  die  Stadt  Abensberg  sammt
Gericht  wurde  dem  Grafen  von  Braun  zugesprochen;  Stadtamhof
  kam  an  die  Reichsstadt  Regensburg;  die  Stadt  Wemding
  mit  dem  Landgerichte  wurde  dem  Fürstenhause  Oettingen
verabfolgt;  St.  Nikolaus  fiel  an  das  Stift  Passau,  die
zerstörte  Festung  Rothenberg  nebst  dem  Schlosse  Hartenstein
ging  in  den  Besitz  der  Reichsstadt  Nürnberg  über;  Donauwörth
  wurde  wieder  als  deutsche  Reichsstadt  anerkannt,
die  Stadt  Braunau  mit  dem  Gerichte  Schärding,  die  Märkte
Altheim  und  Ried  sammt  ihren  Gerichten  und  Kastenämtern
wurden  mit  Oesterreich  ob  der  Ens  vereinigt;  der  Reichsstadt
  Augsburg  wurden  die  Stadt  Schongau  und  die
Dörfer  zwischen  Lech  und  Wertach  nebst  dem  Dorfe  Lechhausen
  zugetheilt,  dem  Hochstifte  Augsburg  die  Herrschaften
Schwabeck  und  Hohenschwangau  nebst  dem  zwischen  Lech
und  Wertach  gelegenen  Territorium,  der  Lechrain  genannt,  mit
Ausnahme  der  zwei  nächst  der  Reichsstadt  Augsburg  gelegenen
Meringer  Auen  zugewendet,  wofür  das  Hochstift  auf  seine
Ansprüche  an  Mindelheim  verzichten  mußte;  die  zwei  Drittel
der  Herrschaft  Wiesensteig  wurden  Württemberg  zugesprochen,
        <pb n="303" />
        Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.  287

die  Landgrafschaft  Leuchtenberg  endlich  erhielt  des  Kaisers
Oberststallmeister  Leopold  Max  Graf  von  Lamberg.

Den  letzten  Stoß  erlitt  der  gebrochene  Aufstand  durch  die
Niederlage  der  Landleute  bei  Aidenbach  unweit  Vilshofen.  Hier
kämpften  ungefähr  7000  mit  größter  Todesverachtung,  aber  durch
die  Zaghaftigkeit  ihres  Führes,  Hofmann,  und  durch  die  Uebermacht
  der  Oesterreicher  unter  Kriechbaum  geriethen  sie  in  große
Noth.  Die  meisten  blieben  auf  dem  Kampfplatze,  einige  wurden
gefangen,  wenige  entkamen  durch  die  Flucht.  Hofmann,  der
sich  unter  den  Gefangenen  befand,  wurde  (1707)  zu  München
geviertheilt.  Von  nun  an  sann  der  Verwaltungs-Ausschuß  der
sogenannten  Landes-Defension  zu  Burghausen,  wozu  man  Glieder
der  dortigen  Regierung  mit  dem  Baron  Oecfort  als  Landesdefensions-General
  genommen  hatte,  einzig  darauf,  wie  er  den
Aufstand  enden  und  sich  vor  den  ssterreichischen  Behörden  rechtfertigen
  könne.  Bald  wurde  Bayern  mit  österreichischen  Truppen
überschwemmt,  die  Städte  Burghausen,  Braunau,  (,hieses
durch  Verrätherei  Ocforts),  Cham  u.  a.  gingen  wieder  verloren
und  nach  der  letzten  Anstrengung  bei  Wasserburg  mußte  das
Volk  seinen  Widerstand  aufgeben.  Plinganser'")  und  Meindl
zerbrachen  ihre  Schwerter  und  flohen  aus  dem  unglücklichen  Vaterlande.
  Ueber  die,  welche  den  Oesterreichern  in  die  Hände  fielen,
wurde  ein  schauerliches  Gericht  gehalten.  Viele  angesehene  Bürger
Münchens  endeten  unter  dem  Schwerte,  andere  wurden  zu  ewigem
Gefängnisse  verurtheilt.

Kurfürst  Max  II  Emanuel,  der  sich  während  der  ganzen
Dauer  des  Velksaufstandes  in  Bayern  jenseits  des  Rheins  aufgehalten
  hatte,  mußte  durch  die  vom  Kaiser  über  seine  Person
verhängte  Acht  und  durch  die  Vertheilung  seiner  Länder  büßen,
was  er  nicht  in's  Werk  gesetzt,  allein  er  konnte  nichts  für  sich
und  für  Bayern  thun,  weil  er  von  allen  Mitteln  entblöst  war.
Wohl  führte  er  eine  Zeit  lang  die  Statthalterschaft  der  Niederlande,
  die  ihm  Philipp  von  Anjon  übertrug,  doch  lebte  er
meistens  nur  von  der  Gnade  des  Königs  von  Frankreich.
Im  Jahre  1711  starb  endlich  der  unversöhnbare  Feind  des
bayerischen  Hauses,  Kaiser  Joseph  1,  und  als  sein  Bruder,
Karl  VI  (1711—1740)  den  kaiserlichen  Thron  bestieg,  hielten
es  England  und  Holland  nicht  mehr  für  gut,  diesen  gegen

*)  Dieser  starb  1738  als  Syndikus  des  Reichsklosters  St.  Ulrich  und
St.  Afra  in  Augsburg.
        <pb n="304" />
        288  Bayern  unter  Maximilian  II  Emanuel.

Frankreich  zu  unterstützen,  und  schloßen  am  13.  Juli  1713  den
Frieden  zu  Utrecht,  worin  sie  Philipp  von  Anjou  als  König
von  Spanien  und  beider  Indien  anerkannten.  Da  der  Kaiser
  Karl  VI  und  das  deutsche  Reich  für  sich  allein  zu  schwach
waren,  den  Krieg  fortzusetzen,  so  schloß  der  Kaiser  zuerst  für
sich  allein  zu  Rastadt  in  Baden  am  3.  März  1714  Frieden,
der  Namens  des  deutschen  Reiches  zu  Baden  in  der  Schweiz
am  7.  September  1714  gleichlautend  angenommen  wurde.  Darin
wurden  die  Niederlande  dem  Hause  Oesterreich  überlassen,
Max  Emanuel  trat  seine  Statthalterschaft  ab  und  er  und
sein  Bruder  Joseph  Clemens  wurden  wieder  in  alle  Länder,
Ehren  und  Rechte  eingesetzt,  welche  sie  vor  dem  Kriege  besessen
hatten.  Am  8.  April  1715  sah  sich  die  unglückliche  bayerische
Fürstenfamilie  zum  ersten  Male  wieder  im  Schloße  Lichtenberg
am  Lech.  Zwei  Tage  darauf,  am  10.  April  Abends  11  Uhr,
kam  der  Kurfürst  mit  seiner  Gemahlin  ganz  unvermuthet  in
München  an  und  ward  noch  in  der  Nacht  von  seinem  treuen
Volke  auf  das  Herzlichste  begrüßt.  In  dem  Gotteshause  zur
heiligsten  Dreifaltigkeit,  welches  die  Geistlichkeit,  der
Adel=  und  Bürgerstand  während  der  Abwesenheit  des  kurfürstlichen
  Paares  zur  Befreiung  von  den  Schrecknissen  des  Krieges
(1711—1714)  gebaut  hatte,  sammelte  sich  in  den  folgenden  Tagen
die  schwergeprüfte  Bevölkerung  Münchens  vom  Morgen  bis  zum
späten  Abend,  um  dem  Lenker  der  menschlichen  Geschicke  für  die
Wohlthat  des  wiedergekehrten  Friedens  zu  danken.  Von  dem
gleichen  Gefühle  beseelt  stiftete  die  Kurfürstin,  wie  sie  in  Venedig
gelobt,  in  München  den  Servitinen  (1715),  und  ihr  Gemahl
zu  Nymphenburg  den  Kapuzinern  (1718)  ein  Kloster.

Der  Zustand,  in  welchem  Marx  Emanuel  sein  Bayern
wieder  gefunden,  ging  ihm  tief  zu  Herzen.  Die  Schuldenmasse
war  hoch  angewachsen,  das  Volk  verarmt,  die  Steuerlast  erdrückend.
  Schon  während  Max  II  Emanuel  in  den  Niederlanden
  Statthalter  war,  wurden  jährlich  zwei  Steuern  gefordert,
nach  Beginn  des  Euccessionskrieges  drei,  während  der  siebenjährigen
  Administration  des  Landes  durch  Oesterreich  vier  bis
sieben.  Nach  dem  Frieden  von  Baden  wurden  drei  Steuern
jährlich  zur  Regel.  Dazu  wurde  neben  der  seit  1690  bestehenden
Stempeltaxe  vom  Kurfürsten  im  Jahre  1717  eine  Umlage
        <pb n="305" />
        Bayern  unter  Karl  Albrecht.  289

auf  die  Feuerherde,  ein  Servisgeld  zur  Ablösung  der  Einquartierungslast
  inländischer  Truppen  und  im  Jahre  1719
statt  Naturallieferungen  an  die  Armee  eine  Fourage-Abgabe  eingeführt.
  —  Zu  dem  im  Jahre  1701  eingeführten  Amortisations-Gesetz,
  welches  todten  Händen,  d.  i.  den  Stiftern  und
Klöstern  die  Erwerbung  liegender  Güter  verbot,  wurde  1717  das
Verbot  hinzugefügt,  neue  Klöster  zu  stiften.  —  Für  Volksbildung
  konnte  in  diesen  bedrängten  Zeiten  wenig  geschehen,
doch  zeigten  sich  hin  und  wieder  Regungen  des  wissenschaftlichen
Geistes  550).  Ebenso  konnte  für  die  Erweiterung  des  bayerischen
  Gebietes  unter  dem  Drucke  der  kriegerischen  Ereignisse
nur  wenig  geschehen.  Emanuel  kaufte  das  bei  Wiesensteig  gelegene
  Dürnau  und  Gameltshausen  und  verband  nach  Abgang
  der  Grafen  von  Tilly  (1724)  die  Lehen  Freistadt,
Holnstein  und  Hoherfels  wieder  mit  Bayern.

Trotz  der  herben  Schläge,  die  Bayern  durch  Oesterreich  erlitten
  hatte,  sandte  Marx  II  Emanuel  1717  dem  Kaiserhause
Hilfstruppen  gegen  die  Türken  und  schloß  sich  demselben  durch
die  Vermählung  seines  eältesten  Sohnes,  Karl  Albrecht,  mit
Amalia,  der  jüngeren  Tochter  des  verstorbenen  Kaisers  Joseph,
enger  an  (1722).  Dabei  mußte  jedoch  von  Seite  Bayerns  für
den  Fall,  daß  Kaiser  Karl  VI  ohne  männliche  Nachkommen
sterben  würde,  auf  alle  Ansprüche  auf  Oesterreich  verzichtet  werden.
In  den  letzten  Lebenstagen  Emanuels  erfolgte  noch  eine  Annäherung
  zwischen  den  bayerischen  und  pfälzischen  Gliedern
des  Hauses  Wittelsbach  durch  Abschluß  eines  Familien-Vertrages
  zu  München  (15.  Mai  1724),  durch  welchen  sich  die
Wittelsbacher  gegenseitig  Beistand  zusagten,  die  gemeinsame
Führung  des  Reichsvikariats  feststellten  und  das  Recht  der
gegenseitigen  Erbfolge  neuerdings  bestätigten.  Im  64.  Jahre
seines  Lebens  erkrankte  Max  Emanuel  schwer  und  starb  unter
Gebet  und  Thränen  über  die  vielfachen  Verirrungen,  deren  er
sich  schuldig  gemacht,  am  26.  Februar  1726.  Seine  Wittwe
Therese  Kunigunde  folgte  ihm  am  10.  März  1730  nach.

#  100.  Karl  Albrecht  (1726  —  1745),  des  Kurfürsten
Max  II  Emanuel  ältester  Sohn  und  Nachfolger,  dachte  beim
Antritte  seiner  Regierung  ernstlich  daran,  die  Leiden  seines  Volkes

zu  heilen  und  die  Schulden  des  Landes  zu  mindern.  Er
Sattler,  bayer.  Geschichte.  19
        <pb n="306" />
        290  Bayern  unter  Karl  Albrecht.

beschränkte  die  Zahl  seiner  Diener,  reducirte  die  Armee  auf
12,000  Mann  und  ließ  in  allen  Theilen  des  Staatshaushaltes
Ersparnisse  eintreten.  Zur  Tilgung  der  öffentlichen  Schuld,  die
sich  auf  30  Millionen  belief,  ward  nach  dem  Antrage  des  geheimen
  Rathskanzlers  Joseph  von  Unertl  eine  Schuldentilgungs-Commission
  errichtet  und  an  die  Verordneten
der  Landschaft  das  Ansinnen  gestellt,  einen  Theil  der  Staatsschuld
  zu  übernehmen.  Diese  bewilligten  drei  Millionen
jährlich  an  Steuern,  gewährten  rasch  aufeinander  (1728,  1734
und  1735)  drei  außerordentliche  Landanlehen  und  erhoben  von
den  Kapitalien  der  Klöster  und  milden  Stiftungen  die  Summe
von  535,000  Gulden.  Zugleich  bewilligte  der  Papst  für  diesen
Zweck  den  zehnten  Theil  aller  geistlichen  Einkünfte.  Leider  dauerte
das  eingeführte  Sparsystem  nur  bis  zum  Jahre  1729,  wo  Kurfürst
  Karl  Albrecht,  von  Natur  zu  Pracht  und  Freigebigkeit
geneigt,  den  Glanz  seines  Hofes  zu  verjüngen  begann.  So
stiftete  er,  von  einer  Blatternkrankheit  glücklich  genesen,  am
24.  April  1729  den  Hausorden  vom  hl.  Georg  für  katholische
  Adelige,  deren  Abkunft  von  sechzehn  väterlichen  und  ebenso
vielen  mütterlichen  Ahnen  vom  Adel  erwiesen  ist.  Bald  darauf
stellte  er  den  südlichen  und  östlichen  Flügel  der  Residenz,  die  am
14.  und  15.  Dezember  1729  niedergebrannt  waren,  mit  großem
Aufwande  wieder  her  und  führte  an  der  östlichen  Seite  des  Residenzbaucs
  mit  großen  Kosten  ein  Hoftheater  auf,  worin  französische
  Schauspiele  gegeben  wurden  ").  Besonders  große  Summen
kosteten  diesem  Fürsten  seine  Schlösser  Nymphenburg  und
Starnberg,  desgleichen  auch  die  Jagd,  die  er  und  seine  Gemahlin
  leidenschaftlich  liebten.  Da  bei  solchen  Ausgaben  die
kaum  beseitigte  Geldnoth  bald  wiederkehrte,  griff  man  zu  Mitteln,
von  welchen  einige  bis  dahin  in  Bayern  noch  gar  nicht  zur  Anwendung
  gekommen  waren.  Das  Jahr  1734  brachte  die  Verordnung
  einer  Geldabgabe  statt  der  Jagdfrohnden  und
das  Jahr  1735  bescheerte  den  Unterthanen  eine  Hofanlage

–—  —  —!  —  —  —

*)  In  diesem  Theater  entstand  1750  ein  Brand,  durch  welchen  außer  dem
Theater  die  Residenz  fast  bis  auf  den  von  Herzog  Max  I  erbauten  westlichen
Tract  eingeäschert  wurde.
        <pb n="307" />
        Bayern  unter  Karl  Albrecht.  291

statt  des  Vorspanns  für  das  inländische  Militär,  eine  neue
Tax=  und  Sportelordnung  und  das  verderbliche  Lottospiel?).
  Diesen  drückenden  Abgaben  an  Geld  fügte  Karl
Albrecht  1738  noch  eine  Blutsteuer  bei,  indem  er  in  dem
Kriege  Oesterreichs  mit  den  Türken  (1736—1739)  8000  Mann
Bayern,  den  Mann  um  36  Gulden,  an  Oesterreich  als  Hilfstruppen
überließ,  von  denen  die  meisten  durch  die  Ungeschicklichkeit  des
österreichischen  Generals  Seckendorf  und  durch  Seuchen  in  den
Spitälern  ihr  Leben  verloren.

Der  Friede,  der  in  Deutschland  seit  Beendigung  des  spanischen
Successions-Krieges  herrschte,  ward  neuerdings  erschüttert,  als
Kaiser  Karl  VI  am  20.  Oktober  1740  die  Augen  schloß,  ohne
männliche  Nachkommen  zu  hinterlassen.  Die  von  ihm  (19.  April
1713)  errichtete  pragmatische  Sanktion,  welche  unter  Anderm
die  wohlberechnete  Bestimmung  enthielt,  „daß  in  Ermanglung
männlicher  Nachkommen  seine  Tochter  Maria  Theresia
die  gesammten  österreichischen  Staaten  ungetheilt
erben  solle,“  hatten  mit  Ausnahme  von  Bayern  und
Sachsen  alle  an  dieser  Sache  irgendwie  betheiligten  Mächte  von
Europa  garantirt.  Wie  nun  Karl  VI  mit  Tod  abging  und
seine  Tochter  Maria  Theresia  dem  Inhalte  der  pragmatischen
Sanktion  zufolge  die  Regierung  in  Oesterreich,  Ungarn  und
Böhmen  antrat,  erhob  der  Kurfürst  Karl  Albrecht  von
Bayern,  und  etwas  später  auch  der  Kurfürst  August  II  von
Sachsen  (als  König  Polens  August  III)  Ausprüche  auf  die
österreichische  Monarchie.  Des  Letzteren  Anspruch  gründete  sich
einzig  darauf,  daß  er  Maria  Josepha,  des  verstorbenen  Kaisers
  Joseph  1  ältere  Tochter,  zur  Gemahlin  hatte.  Von  Seite

 

 

*)  Das  Lottospiel,  dessen  Geburtsstätte  Italien  ist,  wurde  vorerst
in  München  mit  neun  jährlichen  Ziehungen  eingeführt  und  1761  als  genuesisches
  Lotto  durch  den  die  Collecten  in  Generalpacht  nehmenden
Italiener  Joseph  de  Santo  Vito  auf  ganz  Bayern  und  die  Oberpfalz
ausgedehnt.  Obwohl  der  Fortbestand  dieses  für  die  Sittlichkeit  höchst  nachtheiligen
  Spieles  im  Jahre  1766  von  der  Akademie  der  Wisenschaft  einstimmig
  widerrathen  wurde,  ließ  man  es  doch  bis  zum  Jahre  1861  fortbestehen.
  (Am  28.  Dezember  1861  war  die  letzte  bayerische  Lotterieziehung
in  Nürnberg.)

197
        <pb n="308" />
        292  Bayern  unter  Karl  Albrecht.

Bayerns  wurde  geltend  gemacht,  daß  Karl  Albrecht  ebenfalls
mit  einer  Prinzessin  des  österreichischen  Kaiserhauses,  mit  Maria
Amalia,  der  jüngeren  Tochter  des  verstorbenen  Kaisers  Joseph  1,
vermählt  sei,  daß  seit  den  Zeiten  des  Kaisers  Ferdinand  II
zwischen  dem  Hause  Wittelsbach  in  Bayern  und  dem  habsburgischen
  Hause  in  Oesterreich  mehrfache  eheliche  Verbindungen
  geschlossen  worden,  das  größte  Gewicht  wurde  aber  darauf
gelegt,  daß  Karl  Albrecht  im  fünften  Grade  von  Anna,
einer  Tochter  des  Kaisers  Ferdinand  17),  abstamme,  welcher
in  seinem  an  Bayern  abschriftlich  hinausgegebenen  Testamente
ausdrücklich  verordnete,  daß  nach  Abgang  der  männlichen
Erben  seiner  drei  Söhne  seine  an  Herzog  Albrecht  V  von  Bayern
vermählte  Tochter  Anna  und  ihre  Erben  seine  Hinterlassenschaft
  erhalten  sollten.  Der  zuletzt  genannte  Anspruch,  der  sich
auf  das  Testament  Ferdinands  I  stützte,  wurde  schon  dadurch
in  seinem  Werthe  erschüttert,  daß  in  der  Urschrift,  welche  im
Wiener  Archiv  aufbewahrt  und  nach  dem  Tode  Karls  VI  dem
bayerischen  Gesandten  De  la  Perouse  in  Wien  unbedenklich
zur  Einsicht  vorgelegt  wurde,  nicht  vom  Aussterben  der  „nännlichen“",
  sondern  der  „ehelichen“  Leibeserben  die  Rede  war  7),
und  verlor  vollends  alle  Bedeutung  durch  den  urkundlichen  Verzicht
  auf  die  österreichischen  Lande,  den  Karl  Albrecht  vor

*)  Siehe  oben  Seite  219  die  genealogische  Tasel  des  Hauses  Habsburg,
auf  welcher  sich  die  von  Anna  von  Oesterreich  abstammenden  männlichen
  Wittelsbacher  angegeben  finden.

*“)  In  der  (angeblichen)  Original-Urkunde  zu  Wien  standen  die  Worte:
„wan  der  eelich  Stamm  abginge  und  es  zu  Töchtern  käme,  daß  allsdann
Sy  (die  Prinzessin  Anna)  und  ihrer  Lieb  Erben  alles  das  zu  erben  gelassen
werden  soll,  was  sy  von  Rechts  wegen  billig  erben  mögen."  Nach  der  in
bayerischen  Händen  befindlichen  Abschrift  der  Wiener  Original-Urkunde
und  ebenso  im  Heirathbriefe  der  Prinzessin  Anna  hieß  es:  „wan  der  manlich
  Stamm  abginge  und  es  zu  Töchtern  käme,  u.  s.  w.".  Daß  mit  der  zu
Wien  aufbewahrten  Original-Urkunde  eine  Fälschung  vorgegangen,  war  Jedermann
  klar,  aber  Niemand  wollte  von  derselben  eine  Kenntniß  haben.  Da
die  in  Wien  noch  vorhandene  Urkunde  keine  Spur  einer  Radirung  zeigt,  so
liegt  die  Vermuthung  nahe,  daß  selbe  ursprünglich  mit  Absicht  falsch  geschrieben
war  und  von  dem  nichts  ahnenden  Kaiser  Ferdinand  1  ohnc  vorausgegangene
Prüfung  unterzeichnet  wurde.
        <pb n="309" />
        Bayern  unter  Karl  Albrecht.  293

seiner  Vermählung  mit  der  österreichischen  Prinzessin  Maria
Amalia  ausgestellt  hatte.  Gleichwohl  erhob  Karl  Albrecht
Ansprüche  und  gedachte,  dieselben  nöthigen  Falls  mit  Waffengewalt
zur  Geltung  zu  bringen.  In  dieser  Gesinnung  von  dem  auf  Oesterreich
  eifersüchtigen  Hofe  Frankreichs  bestärkt  schloß  Karl
Albrecht  zu  Nymphenburg  in  Gegenwart  des  französischen
Marschalls  Belle  Isle  einen  doppelten  Vertrag  (einen  vorläufigen
  vom  18.  Mai,  und  einen  definitiven  vom  20.  Mai
1741,  welch'  letzterer  unterm  3.  und  19.  Juni  ratifizirt  wurde),
worin  Frankreich  die  erforderliche  Unterstützung  an  Geld  und
Truppen  versprach.  Diesem  Vertrage  schloßen  sich  noch  vor  Ablauf
  des  Jahres  1741  Spanien,  der  Kurfürst  Clemens
August  von  Köln,  ein  Bruder  Karl  Albrechts,  so  wie  Karl
Philipp,  Kurfürst  von  der  Pfalz,  Neapel  und  der  König
Friedrich  II  von  Preußen  an.  Die  inzwischen  ausgerüsteten
Truppen  Bayerns  rückten  (am  31.  Juli  1741)  gegen  Oesterreichs
Grenzen,  nahmen  Passau  mit  List,  besetzten  die  Veste  Oberhaus
  und  drangen,  nachdem  sie  sich  bei  Schärding  mit  25,000
Franzosen  unter  Belle  Isle  vereinigt,  unter  Karl  Albrechts
persönlicher  Führung,  40,000  Mann  stark,  ohne  Schwertstreich
bis  Linz  vor,  wo  die  österreichischen  Stände  dem  bayerischen
Kurfürsten  (am  2.  Oktober  1741)  huldigten.  Statt  nun  auf  Wien
loszugehen,  wendete  sich  der  schlechtberathene  Karl  Albrecht
(am  24.  Oktober)  gegen  Böhmen.  Das  entschied  sein  und
seines  Landes  Unglück.  Anfänglich  ging  zwar  Alles  nach  Wunsch:
der  Kurfürst  nahm  (am  26.  November  1741)  Prag  mit  Sturm,
ließ  sich  (am  19.  Dezember  1741)  als  König  von  Böhmen
huldigen  und  ward  von  den  zu  Frankfurt  versammelten  Kurfürsten
  (am  24.  Januar  1742)  als  Karl  VII  zum  Kaiser
(1742—1745)  erhoben  ").  Aber  während  in  München  die  (am
12.  Februar  1742  zu  Mainz  vollzogene)  Krönung  Karls  VII
festlich  begangen  wurde,  kamen  Eilboten  und  meldeten  das  unaufhaltsame
  Vordringen  österreichischer  Truppen  in  der  Richtung

*)  Ludwig  XV  von  Frankreich,  sein  Gönner  und  Protektor,  hatte
ihn  kurz  vorher  mit  offener  Verhöhnung  der  deutschen  Nation  zum  „franzssischen
  Generallieutenant"  ernannt.
        <pb n="310" />
        294  Bayern  unter  Karl  Albrecht.

nach  München.  Maria  Theresia  von  Oesterreich,  seit
12.  Februar  1736  mit  Herzog  Franz  I1  von  Lothringen  (seit
1737  Großherzog  von  Toskana)“)  vermählt,  hatte  bei  ihrem

*)  Das  Haus  Lothringen  in  Oesterreich,  Toskana,  Modena,
Parma:
Franz  I,  seit  1737  Großherzog  von  Toskana,
deutscher  Kaiser  1745—1765,  vermählt  mit  Maria  Theresia,
Kaiser  Karls  VI  von  Habsburg  Tochter.

 

Joseph  Il,  Leopold  II,  Ferdinand  1  1806;
Kaiser  Großherzog  von  Gemahlin:  Marie  Beatrirx,
4765—1790.  Toskanga  seit  1765,  Erbtochter  Herkules  III  Rainalds,
Kaiser  1790—1792.  Herzogs  von  Modena  und

letzten  Sprößlings  des  älteren
Hauses  Este.

 

 

#W..
Franz  II,  Ferdi=  Karl  Franz  Max.  Marie
letzter  deutscher  nand  nebst  IV,  Leopol-Kaiser
  1792—  (III),  neun  Herzog  dine,
1806;  erster  Groß=  jünge=  von  1  1848;
Kaiser  von  herzog  ren  Mo-  Gem.:
Oesterreich  als  von-  Brü=  dena,  Karl
Franz  L  Toskana,  dern.  1  Theodor,
1804—1835.  1  1824.  1846.  Kurfürst
—  —î—  —  —  —  von
Marie  Ferdi=  Franz  Leopold  ll,  Franz  V.  Q„
Luise,  nand  I,  Karl;  Großherzog,  Bahern
Gemahlin  Kaiser  18385  Ce=  von  Toskana,  t  178.
Napole-  —1848,  mahlin:  dankt  am

ons  I,  dankt  zu  Sophie,  21.  Juli
stirbt  1847  Gunsten  Tochter  1859  ab.
als  Her=  seines  des  Königs
zogin  von  Neffen  Maximi-Parma.
  Franz  lian  1
Joseph  I  von
ab.  Bayern.

 

-  —  —  2
Franz  Jo-Fer=  Karl.  Lud=  Auguste  Ferdi=  Karl.  Lud=  Joseph

  I,  di-  wig.  11864;  nand  (IV),  wig.  hann
Kaiser  seit  nand.  Gem.:  seit  1859  Nep.
1848;  Gemah-=  Prinz  Großherzog,
lin:  Elisabeth,  Luitpold  wird  1859
des  Herzogs  Marx  in  Bayern.  von  Victor
in  Bayern  Tochter.  Emanuel

 

Gis  ela.  Rudo  (.  entthront.
        <pb n="311" />
        Bayern  unter  Karl  Albrecht.  295

persoͤnlichen  Erscheinen  auf  einem  Reichstage  zu  Preßburg
(11.  September  1741,  wo  sie  ihren  Säugling,  den  nachmaligen
Kaiser  Joseph  II,  auf  dem  Arme  haltend,  an  die  ungarischen
Magnaten  eine  lateinische  Rede  hielt,  welche  diese  mit  den  Worten:
„Moriamur  pro  rege  nostro  Maria  Theresia“  erwiderten,)  die
Ungarn  so  begeistert,  daß  sie  sogleich  zwei  Heere  aufstellten.
Das  eine  dieser  Heere  überschritt  unter  Führung  des  Feldmarschalls
  Graf  Khevenhüller  (am  31.  Dezember  1741)  die  Ens,
das  andere,  dem  General  Bärnklau  (LPereklö,  einem  Ungarn)
unterstellt,  nahm  (am  7.  Januar  1742)  Schärding  weg.  Zwar
suchte  der  bayerische  Feldmarschall  Graf  Törring-Jettenbach
bei  Schärding  mit  aller  Tapferkeit  zu  widerstehen,  allein  er
unterlag  dem  vielfach  überlegenen  Feinde  (17.  Januar  1742).
Am  23.  Januar  kapitulirte  der  französische  General  Segur  und
der  bayerische  General  Minucci  in  Linz,  und  am  25.  Januar
1742  übergab  der  Graf  Platin,  feig  oder  verrätherisch,  Passau
sammt  dem  Oberhaus.  Nun  ward  Bayern  von  den  nie  gesehenen
  Horden  der  Panduren,  Kroaten,  Tolpatschen  (Dalmatier),
  Heiducken  und  andern  wilden  Haufen  überschwemmt
und  gerieth  in  dieselbe  Bedrängniß,  wie  zur  Zeit  des  dreißigjährigen
  Krieges  und  unter  Max  II  Emannel.  Anfangs
März  war  Bayern  bis  auf  Ingolstadt,  Straubing')  und
Landshut  in  feindlichen  Händen.  In  München  waren  die
Oesterreicher  schon  am  13.  Februar  1742  eingerückt.

Zum  Unglücke  für  Karl  Albrecht  schloß  Maria  Theresia
  nach  der  Niederlage  des  österreichischen  Heeres  bei  Czaslau
(17.  Mai  1742)  mit  dem  Sieger  Friedrich  II  von  Preußen
(am  11.  Juni  1742)  Frieden,  worin  sie  Schlesien  und  die

*)  Die  Straubinger  schlugen  vier  Stürme  der  österreichischen  Truppen
unter  dem  General  Grafen  von  Wurmbrand  ab.  Noch  lebt  in  Straubing
  das  Andenken  dieser  Männer  fort,  welchen  hauptsächlich  die  Rettung
Straubings  zu  verdanken  war,  des  Kanoniers  Einsiedler,  des  Gerichtsdieners
  Gschray,  welcher  an  der  Spitze  von  Freiwilligen  der  Schrecken  der
Panduren  und  Kroaten  war,  und  des  Studirenden  Niklas  Lukner
aus  Cham,  der  nachmals  in  französische  Dienste  trat  und  im  siebenjährigen
und  im  Revolutionskriege  durch  seine  Tapferkeit  sich  zur  höchsten  militärischen
Würde  emporgeschwungen  hat.
        <pb n="312" />
        296  Bayern  unter  Karl  Albrecht.

Grafschaft  Glatz  an  Preußen  überließ.  Nun  konnte  sie  ihre
ganze  Macht  gegen  die  Franzosen  und  Bayern  aufbieten.
Erstere  bekamen  durch  den  General  d’Harcourt,  der  das  Kommando
  bald  an  den  Grafen  von  Sachsen  (Comte  de  Sare)
abgab,  26,000  Mann,  und  im  September  1742  durch  den  General
  Maillebois  40,000  Mann  Verstärkung,  nahmen  aber
gleichwohl,  durch  den  französischen  Premierminister  Cardinal
Fleury  gehindert,  die  von  Karl  von  Lothringen  ?)  bei
Prag  angebotene  Schlacht  nicht  an.  General  Maillebois
zog  sich  nach  dem  festen  Städtchen  Eger  an  der  westlichen  Grenze
Böhmens  zurück,  wohin  ihm  etwas  später  (Dezember  1742)  der
Marschall  Belle  Isle  folgte.  Dadurch  ward  am  Ende  des
Monats  Dezember  1742  Böhmen  von  feindlichen  Truppen  nahezu
frei,  und  Maria  Theresia  ließ  sich  am  12.  Mai  1743  zu
Prag  als  Königin  von  Böhmen  krönen.

Inzwischen  (August  1742)  hatte  Kaiser  Karl  VII  den
Oberbefehl  seiner  Truppen  dem  General  Seckendorf  übertragen,
demselben,  welcher  in  dem  jüngsten  Türkenkriege  (1736—1739)
so  entsetzliche  Fehler  begangen  hatte,  daß  er  vom  Kaiser  Karl  VI
abgesetzt  worden  war.  Dieser  eröffnete  von  Abensberg  und
Kelheim  aus  (am  13.  September  1742)  seine  Kriegsoperationen,
nahm  (7.  Oktober  1742)  München  und  (18.  Oktober  1742)
Burghausen,  entsetzte  Braunau  und  warf  die  Oesterreicher
über  den  Inn  zurück.  So  konnte  der  Kaiser  am  Ende  des
Jahres  1742  nach  München  zurückkehren,  und  Seckendorf
nahm  den  Winter  hindurch  sein  Hauptquartier  in  Landshut.
Die  Franzosen  unter  Maillebois,  Broglio,  Belle  Isle
und  dem  Grafen  von  Sachsen,  die  sich  aus  Böhmen  nach
Bayern  zurückgezogen  hatten,  nahmen  im  folgenden  Jahre  1743,
wo  Herzog  Karl  von  Lothringen  und  Khevenhüller  mit
70,000—80,000  Mann  österreichischer  Truppen  den  Feldzug  eröffneten,
  keine  so  enge  und  einträchtig  gehaltenen  Aufstellungen
und  Bewegungen  vor,  wie  sie  als  Vorbereitung  auf  einen  bevor-*)

  Des  Großherzogs  Franz  l  von  Toskana  Bruder  (geb.  12.  Dezember
  1712),  der  sich  am  7.  Januar  1744  mit  Maria  Anna,  Kaiser
Karls  VI  zweiter  Tochter,  vermählte.
        <pb n="313" />
        Bayern  unter  Karl  Albrecht.  297

stehenden  Hauptschlag  angezeigt  waren.  Sobald  Herzog  Karl
von  Lothringen  dieß  bemerkte,  rückte  er  rasch  nach  Bayern
vor,  schlug  (am  9.  Mai  1743)  eine  Abtheilung  des  bayerischen
Heeres  bei  Simpach,  jagte  den  Kaiser  (8.  Juni)  aus  seinem
Lande  nach  Frankfurt  und  zwang  dessen  Feldmarschall  Seckendorf
  am  27.  Juni  1743  im  Kloster  Niederschönfeld  zu
einem  förmlichen  Räumungs=  oder  Evacuations-Vertrag,
kraft  dessen  das  bayerische  Land  den  Oesterreichern  überlassen
ward  und  des  Kaisers  Kriegsvolk  auf  neutralen  Reichsboden  sich
zurückzog,  um  allda  in  Verachtung  als  müßiger  Zuschauer  des
Krieges  zu  weilen.  In  München  wurde  eine  österreichische  Landesadministration
  niedergesetzt,  und  Maria  Theresia  ließ  sich
im  September  1743  von  den  bayerischen  und  oberpfälzischen
Ständen  huldigen.  Ingolstadt  kapitulirte  hierauf  (1.  Oktober
1743),  da  jede  Aussicht  auf  Entsatz  verschwunden  war.

In  dieser  unglücklichen  Lage  wendete  sich  Karl  VII  an
den  König  Friedrich  II  von  Preußen.  Dieser,  wohl  wissend,
daß  ihm  Maria  Theresia  das  nicht  lassen  werde,  was  sie
ihm  in  der  Bedrängniß  durch  den  Frieden  zu  Breslau  abgetreten,
  und  daß  er  von  ihr  nach  Beendigung  des  Krieges  Alles
zu  fürchten  habe,  ließ  sich  gern  zu  einem  Bündnisse  mit  Karl  VII
herbei,  und  es  kam  am  22.  Mai  1744  zwischen  dem  Kaiser,
Preußen,  Hessen-Kassel  und  andern  Ständen  der  Frankfurter
  Verein  zu  Stande,  worin  man  versprach,  die  Neutralität
  des  Reiches  und  das  kaiserliche  Ansehen  zu  schützen  und
dem  Kaiser  zum  Besitze  seiner  Erblande  zu  verhelfen.  Auch
Frankreich  trat  aus  seiner  Unthätigkeit  heraus  und  erneute
das  Bündniß  mit  Karl  VII,  ebenso  auch  Spanien.  Frankreich
  fing  an,  den  Krieg  in  seinem  Namen  zu  führen,  war  glücklich
  am  Rhein  und  spielte  den  Krieg  in  die  Niederlande.  Gleichzeitig
  fiel  Friedrich  II  in  Böhmen  ein  und  eroberte  es.  Die
Oesterreicher  mußten  nun  vom  Rhein  weg  nach  Böhmen  eilen.
Bei  dieser  Wendung  der  Dinge  erklärte  der  General  Seckendorf
den  Vertrag  von  Niederschönfeld  wegen  unterbliebener  Ratification
  für  ungültig  und  gewann  mit  Hilfe  pfälzisscher  und
hessischer  Truppen  Bayern  wieder.  Zwar  konnte  sich  Friedrich
  II  in  Böhmen  nicht  behaupten,  aber  dafür  eroberten  die
        <pb n="314" />
        298  Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.

Franzosen  Breisgau  und  alle  vorderösterreichischen
Lande.  Ganz  Bayern  bis  auf  Ingolstadt,  Braunau,
Schärding  und  Passau  wurde  den  Oesterreichern  entrissen.
Der  Kaiser  kehrte  am  23.  Oktober  1744  nach  München  zurück,
um  sich  im  Kreise  der  Seinigen  des  wiedergekehrten  Glückes
zu  freuen.  Allein  das  Glück  hatte  nur  kurzen  Bestand,  da  die
Oesterreicher  noch  vor  Ende  des  Jahres  1744  neuerdings  in
Bayern  einfielen  und  festen  Fuß  gewannen.  General  Seckendorf,
  allseitig  angefeindet,  legte  den  Oberbefehl  nieder,  und  ein
zwischen  den  Bayern  und  Franzosen  ausgebrochener  Zwist
erleichterte  den  Oesterreichern  das  siegreiche  Vorgehen.  Fernerer
Widerwärtigkeiten  und  der  Nothwendigkeit,  neuerdings  zu  fliehen,
enthob  den  Kaiser  der  Tod,  der  wider  Erwarten  früh,  am
20.  Januar  1745,  in  Folge  zurückgetretenen  Podagra's  eintrat.
Er  ward  mit  dem  Pompe,  der  ihm  als  Kaiser  gebührte,  beigesetzt.
Unter  ihm  hat  Bayern  einen  nicht  unbedeutenden  Zuwachs  erhalten.
  Im  Jahre  1734  starb  der  letzte  Graf  von  Maxelrain,
  Besitzer  der  bedeutenden  Reichsgrafschaft  Hohenwaldeck
mit  den  Hauptorten  Miesbach  und  Schliersee.  Gemäß
einem  Erspectanz-Vertrag  von  1559  zog  Bayern  diese  Grasschaft
ein.  Zwei  Jahre  später  (1736)  starb  Mar  Emanuel  Graf
von  Wartenberg,  der  letzte  Sprößling  der  Ferdinandischen
Linie:  auch  seine  Herrschaften  fielen  an  die  Hauptlinie,  die
wilhelmische,  zurück.  Zu  dem  lang  bestrittenen  Besitz  der  in  der
Oberpfalz  gelegenen  Reichsherrschaften  Sulzbürg  und  Pyrbaum
kam  Bayern  durch  den  Tod  des  letzten  Grafen  von  Wolsfstein,
Christian  Albrecht,  im  Jahre  1740  in  Folge  eines  vom
Kaiser  Ferdinand  I  dem  Herzoge  Albrecht  V  ausgestellten  Erspectanz-Diploms.
  Mit  Sulzbürg  und  Pyrbaum  fiel  auch  die
Grasschaft  Wolfstein  (Burgruine  bei  Neumarkt  in  der  Oberpfalz)

  an  Bayern,  doch  mußten  hiefür  226,000  Gulden  bezahlt
werden.

#  101.  Maximilian  III  Joseph,  der  Gute  (1745—
1777),  der  einzige  von  Karl  Albrecht  hinterlassene  Sohn,  war
von  dem  sterbenden  Vater  mündig  erklärt  worden,  damit  er  den
Thron  besteigen  konnte.  Durch  den  Jesuiten  Daniel  Stadler
und  den  Rechtsgelehrten  Adam  von  Ickstadt  in  den  Wissenschaften
  wohl  unterrichtet  betrat  er  beim  Beginn  seiner  Regierung
die  ihm  fremde  Bahn  des  Krieges.  Von  Frankreich  matt  unter-
        <pb n="315" />
        Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.  299

stützt  hatte  er  einen  Unfall  seines  Heeres  nach  dem  andern  zu
beklagen,  und  in  kurzer  Zeit  war  ganz  Niederbayern  und
ein  Theil  Oberbayerns  mit  der  Oberpfalz  in  den  Händen
der  Feinde.  Er  selbst,  in  München  bedroht,  mußte  wie  sein
Vater  flüchten  und  begab  sich  (April  1745)  nach  Augsburg.
Da  unter  solchen  Verhältnissen  von  weiterem  Widerstande  gegen
Maria  Theresia  kein  Heil  für  die  Person  des  jungen  Kurfürsten
  und  für  sein  Land  zu  hoffen  war,  so  gab  der  kaum  achtzehnjährige
  Jüngling  den  Mahnungen  des  sterbenden  Vaters,  den
Bitten  seiner  Mutter  und  dem  Rathe  des  alten  Seckendorf  Gehör
  und  suchte  bei  Oesterreich  um  Frieden  nach.  Zu  Füßen,
einer  in  jener  Zeit  dem  Hochstifte  Augsburg  zugehörigen  Stadt,
schloß  Bayern  mit  Oesterreich  am  22.  April  1745  einen  Separatfrieden.
  Darin  begab  sich  der  Kurfürst  aller  bis  dahin  erhobenen
Ansprüche  auf  die  österreichischen  Erblande,  versprach  dem  Großherzoge
  Franz  von  Toskana  seine  Stimme  bei  der  Kaiserwahl
und  dem  Hause  Oesterreich  fortwährenden  Beistand;  dafür  wurde
Bayern  von  den  österreichischen  Truppen  geräumt  und  von
Seite  der  Seemächte  versprochen,  an  den  Kurfürsten  Max  III
eine  Million  als  Entschädigung  für  Kriegskosten  zu  bezahlen.
Da  sich  die  Nachricht  verbreitete,  daß  ein  geheimer  Artikel  dieses
Friedens  die  Streitkräfte  Bayerns  auf  eine  geringe  Zahl  beschränke"),
  so  protestirte  Herzog  Klemens  Franz  de  Paula,
Karl  Albrechts  Brudersohn  und  mit  Max  III  Joseph  Geschwisterkind,
  als  nächster  Agnat  der  Wilhelmischen  Linie  weltlichen
  Standes  gegen  den  Frieden  und  überwies  seine  Rechte  an
den  Kurfürsten  Karl  Theodor  von  der  Pfalz.

*)  Die  überzählige  Mannschaft  sollte  diesem  geheimen  Artikel  zufolge
gegen  Subsidien  an  England  und  Holland  in  Dienste  gegeben  werden.
Wirklich  wurde  1746  eine  Abtheilung  bayerischer  Truppen,  7000  Mann,  in
holländischen  Sold  gegeben  gegen  eine  jährliche  Subsidie  von  150,000  Gulden,
so  lange  die  Truppen  im  Felde  stehen,  und  250,000  Bankthaler  nach  ihrem
Rückzug.  Diese  Truppen  kamen  in  den  Schlachten  Rancoux  unweit  Lüttich
(11.  Oktober  1746)  und  bei  Lafelt  unweit  Mastrich  (2.  Juli  1747)  durch
die  Franzosen.  bis  auf  1500  Mann  um's  Leben.  Im  Februar  1795  kamen
die  Ueberbleibsel  nach  Bayern  zurück,  wurden  aber  von  dem  Kurfürsten  wieder
an  Oesterreich  um  24  Gulden  für  den  Kopf  überlassen.  Das  weitere  Geschick

derselben  ist  unbekannt;  wahrscheinlich  wurden  sie  unter  die  österreichischen
Regimenter  gesteckt.
        <pb n="316" />
        300  Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.

Nachdem  Bayern  den  lang  ersehnten  Frieden  gewonnen  hatte,
ging  des  Kurfürsten  Hauptsorge  dahin,  seinem  Lande  den  verlornen
Wohlstand  wiederzugeben.  Dabei  verfiel  er  auf  den  eigenthümlichen
  Gedanken,  Land  und  Leute  zu  verlassen  und  auf  einige
Zeit  in  spanische  Dienste  zu  treten,  um  so  die  Ausgaben  der
Hofhaltung  zu  ersparen,  wurde  aber  durch  seine  Räthe  von  diesem
Vorhaben  abgebracht  und  belehrt,  wie  auf  andere  Weise,  die  sich
mit  seinem  kurfürstlichen  Ansehen  vereinbare,  dem  gesunkenen
Staatshaushalte  aufgeholfen  werden  könne.  Am  schwersten  drückte
den  Fürsten  die  Staatsschuld,  die  auf  vierzig  Millionen
angewachsen  war.  Sie  zu  tilgen  ordnete  Max  III  nach  dem
Antrage  seiner  Räthe  eine  Commission,  das  sogenannte  Schuldenabledigungswerk,
  an,  kam  mit  den  Verordneten  der  Landschaft
  dahin  überein,  daß  die  vor  dem  Regierungsantritt  seines
Vaters  contrahirten  Schulden  von  der  Landschaft,  die  Schulden,
welche  sein  Vater  gemacht,  von  der  Landschaft  und  ihm  gemeinschaftlich,
  diejenigen  aber,  die  er  selbst  gemacht,  von  ihm
allein  übernommen  werden  sollten,  und  ließ  neben  den  gewöhnlichen
  drei  Steuern  eine  vierte  für  die  Tilgung  und  Verzinsung
der  Schulden  erheben  (18.  April  und  25.  September  1749).
Gleichzeitig  beschränkte  er  die  Ausgaben  für  das  Militär  und
für  seinen  Hof,  in  welch'  letzterem  Punkte  ihm  Maria  Anna
Sophie,  des  Königs  August  III  von  Polen  Tochter,  die  er  am
9.  August  1747  als  Gemahlin  heimgeführt,  bereitwilligst  an  die
Hand  ging.  Die  gleiche  Sorgfalt  verwendete  er  darauf,  alle
Erwerbsquellen  im  Lande,  die  bisher  nur  schwach  ausgebeutet
worden  waren,  in  vollen  Fluß  zu  bringen.

Für  den  Ackerbau  und  die  Landwirthschaft  geschah  viel
durch  die  von  dem  Freiherrn  Maximilian  von  Berchem  geleitete
  staats-ökonomische  Gesellschaft  in  Burghausen,
die  viele  gute  Vorschriften  erließ  und  nützliche  Kenntnisse  verbreitete.
Man  fing  an,  Klee  und  Hopfen  zu  bauen,  die  Brache  aufzuheben,
  und  mancher  veraltete  Mißbrauch  schwand.  —  Zur  Hebung
der  Industrie  wurden  in  den  Städten  und  Märkten  mehrere
Fabriken,  Garnspinnereien,  Manufakturen  von  wollenen  und  seidenen
Zeugen  und  von  anderen  Waaren  in's  Leben  gerufen,  die  man
bisher  für  schweres  Geld  aus  dem  Auslande  bezogen  hatte.  Am
besten  gedieh  die  um  das  Jahr  1758  auf  kurfürstliche  Kosten
        <pb n="317" />
        Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.  301

in  Nymphenburg  angelegte  Porzellanfabrik.  —  Um  die  Gewerbe
in  Flor  zu  bringen,  wurde  die  Einfuhr  fremder  Waaren  verboten,
das  Zollwesen  organisirt  und  zur  Verhütung  heimlicher  Einfuhr
ausländischer  Waare  ein  Grenzjäger-Corps  errichtet,  dessen  Leute
von  ihrer  Kleidung  „die  Grünen“  hießen.  —  Den  in  Verfall
gerathenen  Bergbau  und  das  Münzwesen  belebte  ein  neues
durch  den  Grafen  Sigmund  von  Haimhausen  errichtetes
Bergwerks=  und  Münz-Collegium  und  den  tief  gesunkenen
Handel  unterstützte  Maximilian  besonders  dadurch,  daß  er
die  alten  Straßen  verbessern  und  viele  neue  anlegen  ließ,  und
zuerst  eine  Wechselordnung  und  ein  Wechselgericht  einführte.
  —  Die  Staatsverwaltung  und  Rechtspflege  besorgten
  ein  geheimer  Rath,  dem  Mar  III  fleißig  präsidirte,  ein
Hofrath,  ein  Revisorium,  ein  Kriegs=  und  ein  geistlicher  Rath.

Ein  großes  Verdienst  erwarb  sich  Max  III  um  die  Gesetzgebung.
  Zuerst  (1751)  erschien  ein  neues  peinliches  Gesetzbuch
  (coder  criminalis),  das  aber,  auf  dem  Grundsatz  der
Abschreckung  gebaut,  die  Hinrichtungen  allzu  sehr  mehrte,  ohne
die  Verbrechen  zu  mindern.  Diesem  folgte  (1753)  eine  meisterhaft
  geschriebene  Gerichtsordnung  (coder  judiciarius)  und
(1756)  das  bayerische  Landrecht  (coder  civilis).  Diese  drei
Gesetzbücher,  welche  auch  in  der  Oberpfalz  eingeführt  wurden,
sind  Schöpfungen  des  Wiguleus  Freiherrn  von  Kreittmayer.
Er  schrieb  dazu  später  seine  musterhaften  Anmerkungen,  die  durch
den  Gebrauch  gleichfalls  Rechtskraft  erlangt  haben.  Außerdem
traf  Max  III  manche  wirksame  Maßregel  für  öffentliche  Sicherheit,
  für  Erhaltung  des  Eigenthums,  für  Gesundheit  und  Bequemlichkeit.
  Unter  ihm  wurde  zu  München  (25.  Juni  1754)
ein  Leihhaus  errichtet,  damit  Nothleidende  nicht  schändlichem
Wucher  in  die  Hände  fielen.  Eine  Bettelordnung  sollte  den
Dürftigen  Unterstützung  sichern  und  dem  Müßiggange  steuern.
Die  nächtliche  Beleuchtung  der  Hauptstadt,  ein  Sanitäts-Collegium
  und  eine  chirurgische  Schule  danken  Mar  III
ihr  Entstehen.

Auch  den  frommen  und  wohlthätigen  Anstalten  wendete
  Maximilian  III  seine  Unterstützung  zu.  Er  gewährte  den
Orden  der  barmherzigen  Brüder  und  der  barmherzigen
        <pb n="318" />
        302  Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.

Schwestern")  in  Bayern  zum  Zwecke  der  Kranken=  und
Armenpflege  Aufnahme  und  sorgte  in  der  ersten  Zeit  für  deren
Unterhalt.  Den  barmherzigen  Brüdern  baute  er  selbst  (1754)
außerhalb  München  Kloster  und  Kirche,  und  das  Gleiche  that
(1756)  seine  Mutter  Amalia  für  die  barmherzigen  Schwestern.
  Vierzig  tausend  Gulden  ließ  er  regelmäßig  alle  Jahre
an  Hausarme  austheilen,  und  mehrere  Hunderte  armer
Studirender  erhielten  wöchentlich  Brod  in  der  Hofpfisterei.
Noch  mehr  bewies  der  Kurfürst  sein  gutes  Herz  gegen  Arme  und
Nothleidende  bei  der  1771  und  1772  herrschenden  Hungersnoth,
die  durch  die  kalte,  regnerische  Witterung  im  Sommer  1770  entstanden
  war.  Max  öffnete  alle  Speicher  des  Landes  und  ließ,
als  diese  nicht  mehr  hinreichten,  Getreide  aus  Italien  kommen
und  unentgeltlich  vertheilen.  Zugleich  drang  er  darauf,  daß  auch
in  Bayern  der  Kartoffelbau  eingeführt  wurde  (1771).

Auf  das  Militärwesen  wurde  unter  Max  III  nur  wenig
verwendet,  da  die  Sorge  für  die  anderweitigen  Bedürfnisse  des
Landes  alle  Mittel  verschlang.  Die  bisherige  Landmiliz  wurde
ganz  aufgehoben  und  dafür  eine  Art  Aushebung  eingeführt,
die  später  dem  Werbesystem  Platz  machte.  Dem  Kadettencorps
  in  München,  zu  welchem  schon  der  Kurfürst  Marx  I
Emanuel  den  Grund  gelegt,  räumte  Marx  III  (1755)  ein  dem
Josephspitale  gegenüber  liegendes  Haus  in  der  Josephspital-Gasse
ein  und  nahm  sich  dessen  mit  solcher  Wärme  an,  daß  er  als
der  Stifter  dieses  militärischen  Erziehungs-Institutes  angesehen
wird  ").

*)  Das  Institut  der  barmherzigen  Schwestern  wurde  um  1634
von  dem  Spanier  Vincenz  von  Paula,  das  der  barmherzigen  Brüder
von  dem  Portugiesen  Johann  von  Gott  (#  1550)  gegründet.

**)  Als  Kurfürst  Karl  Theodor  im  Jahre  1778  die  Regierung  Bayerns
antrat,  sollte  dieses  Institut  aufgelöst  werden,  allein  die  Wittwe  des  Herzogs
Klemens  Franz  de  Paula,  Maria  Anna  Charlotte,  nahm  sich
desselben  an,  veränderte  es  in  die  herzogliche  Mariannische  Landesakademie
  und  verlegte  diese  in  den  nördlichen  Flügel  des  Jesuiten-Gebäudes,
der  von  ihr  bewohnten  Herzog  Maxburg  gegenüber.  Im  Jahre  1786  ließ
Kurfürst  Karl  Theodor  durch  den  Generallieutenant  Thompson,  der
1790  zum  Reichsgrafen  von  Rumford  (seinem  Geburtsort)  erhoben  wurde,
diese  Landesakademie  in  eine  Militärakademie  umwandeln  und  erklärte
        <pb n="319" />
        Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.  303

Die  größte  und  nachhaltigste  Sorge  widmete  Max  III  den
Wissenschaften  und  der  geistigen  Bildung  seines  Volkes,
für  welches  Ziel  schon  vor  ihm  einige  Vereine  in's  Leben  getreten
  waren.

Seit  1702  wirkte  in  diesem  Sinne  die  „Nutz  und  Lust
erweckende  Gesellschaft  der  vertrauten  Nachbarn  am
Isarstrome“  mit  politisch-historischer  Färbung,  daher  ihre  Mitglieder
  wegen  der  damals  in  den  Staatshändeln  eintretenden
kritischen  Periode  erdichtete  Namen  führten  (nur  von  dreien,
Heckenstaller,  Agnellus  Kandler  und  Lüttich,  weiß
man  die  wahren  Namen).  Im  Jahre  1720  gründete  der  Augustiner-Chorherr
  von  Polling,  Eusebius  Amort  (geboren
  unweit  Tölz  1692,  gestorben  1775)  im  Verein  mit  zwei
Augustiner-Mönchen  von  München,  Agnellus  Kandler  und
Gelasius  Hieber,  eine  gelehrte  Gesellschaft  unter  dem  Namen
„Academins  Carola-Albertina“,  deren  gesammelte  Schriften
in  sieben  Octav-Bänden  unter  dem  Titel  „Parnassus  boicus“
höchst  lehrreiche  Aufsätze  enthalten.  (Einige  wollen  wissen,  die
Academia  Carolo-Albertina  sei  nur  eine  Fortsetzung  der
auf  Betrieb  Oesterreichs  um  das  Jahr  1704  unterdrückten  Gesellschaft
  der  vertrauten  Nachbarn  am  Isarstrome
gewesen).  Sehr  viel  zur  Verbreitung  der  Bildung  trug  auch  die
von  dem  Benediktiner  Abte  Placidus  II  neben  seinem  Kloster
zu  Ettal  gestiftete  Ritterakademie  bei,  die  sich  bis  zum
Klosterbrande  1744  einer  großen  Frequenz  adeliger  Jünglinge
aus  Bayern,  Tyrol,  Italien,  Oesterreich,  Ungarn,
Böhmen  und  andern  Ländern  zu  erfreuen  hatte.

Bei  der  Vorliebe,  die  Max  III  für  die  Wissenschaften  an
den  Tag  legte,  faßten  zwei  hervorragende  Männer,  Hofrath  Georg
von  Lori  und  Bergrath  Dominik  von  Linbrunn,  dieser  der
Sohn  eines  Landgerichtsschreibers  aus  Viechtach  im  Wald,  jener
der  Sohn  eines  Bauern  vom  Dorfe  Gründel  unweit  Steingaden,
den  Entschluß,  einen  Verein  von  gelehrten  Männern  des  Inund
  Auslandes  zu  gründen,  dessen  Zweck  es  sein  sollte,  die
Naturkunde  zu  betreiben,  die  vaterländische  Geschichte  aufzuklären,
die  Denkmale  der  Geschichte  und  des  klassischen  Alterthums  an's
Licht  zu  ziehen,  das  Wahre  und  Gute  aus  allen  Wissenschaften

sie  1789  als  eine  Staatsanstalt.  Unter  der  Regierung  des  Königs  Maximilian
  I  Joseph  erhielt  diese  Militärakademie  eine  andere  Einrichtung
und  ihre  ursprüngliche  Benennung  Kadettencorps.
        <pb n="320" />
        304  Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.

in's  Leben  zu  bringen  und  einen  Gemeinsinn  für  höhere  Bildung
in  allen  Bayern  zu  nähren  (historische  und  philosophische
Klasse,  zu  welcher  1777  eine  dritte  Klasse,  die  der  schönen  Wissenschaften,
  auch  belletristische,  ästhetische,  heute  philologische  genannt,
  hinzukam).  Der  Verein  wurde  in  Linbrunns  Wohnung
am  12.  Oktober  1758  geschlossen  und  vom  Kurfürsten  Max  III
unter  dem  Namen  „kurfürstliche  Akademie  der  Wissenschaften“
  am  28.  März  1759,  seinem  Geburtstage,  bestätigt.
Unter  den  Männern,  welche  gleich  anfangs  zu  Mitgliedern  der
Akademie  ernannt  wurden,  befand  sich  Epp,  der  in  Bayern  den
ersten  Blitzableiter  setzte,  und  der  Hofbibliothekar  Felir  von
Oefele,  der  sich  durch  die  Sammlung  und  Herausgabe  älterer
und  ungedruckter  historischer  Schriften  über  Bayern  (Scriptores
rerum  Boicarum)  großes  Verdienst  erwarb.  Als  Frucht  der
wissenschaftlichen  Bestrebungen  der  Akademie  gingen  seit  dem
Jahre  1763  viele  Bände  akademischer  Abhandlungen  und  die  in
ihrer  Art  einzigen  historischen  Denkmäler  „die  Monumenta  boica“,
d.  i.  der  Abdruck  sämmtlicher  Diplome  und  Urkunden  der  Klosterarchive,
  hervor.  ·

Außerdem  wurden  Münzen,  Inschriften  und  andere  Denkwürdigkeiten
  gesammelt,  Preisfragen  aufgegeben  und  gelöst,  Aufsätze
  aus  deutschen  Klassikern  in  Sammlungen  verbreitet,  Vorlesungen
  zur  Veredlung  der  Muttersprache  und  zur  Pflege  der
Naturkunde  gehalten  und  nütliche  Zeitschriften  herausgegeben.
Viele  mißkannten  das  Streben  und  Wirken  dieses  Vereines  und
machten  ihn  sogar  bei  dem  Kurfürsten  verdächtig,  aber  weder
Maximilian,  noch  der  Verein  ließ  sich  hiedurch  irre  machen.

Wie  die  neugestiftete  Akademie,  so  kam  auch  die  Universität
  Ingolstadt  dem  Streben  Maximilians  nach  allseitiger
  Bildung  seines  Volkes  bereitwillig  entgegen  und  hatte  sich
dafür  von  seiner  Seite  der  wohlwollendsten  Fürsorge  zu  erfreuen.
Im  Jahre  1746  stellte  er  seinen  vormaligen  Lehrer,  den  berühmten
  Freiherrn  von  Ickskadt,  früher  Professor  der  Rechte
an  der  Universität  Würzburg,  als  Direktor  der  Universität  Ingolstadt
  auf,  errichtete  in  der  Folge  neue  Lehrstellen  für  Rechtslehre
und  Arzneikunde,  bereicherte  die  dortige  Bibliothek  und  erließ  die
Verordnung,  daß  künftig  nur  solche,  die  in  Ingolstadt  studirt
        <pb n="321" />
        Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.  305

hätten,  Anstellung  im  Staatsdienste  finden  sollten.  Ickstadt
und  der  aus  dem  Kloster  Tegernsee  in  den  kurfürstlichen
geistlichen  Rath  berufene  Heinrich  Braun  suchten  auch  die
deutschen  Schulen  zu  mehren  und  zu  heben  und  die  sich
anreihenden  Anstalten  in  gutem  Stande  zu  erhalten.

Der  deutschen  Schulen  gab  es  bis  daher  auf  dem  Lande
nur  wenige,  und  selbst  diese  waren  meistens  nur  Winterschulen,
von  Einsiedlern,  Leinwebern,  Maurern,  mitunter  auch  von  Hirten
besorgt.  Die  deutsche  Sprache  wurde  selbst  in  den  lateinischen
Schulen  sehr  vernachlässigt.  Heinrich  Braun,  ein  kenntnißreicher
  und  erfahrner  Mann,  entwarf  einen  neuen  Schulplan  für
die  deutschen  Schulen,  schrieb  (1765)  die  erste  deutsche  Sprachlehre
  in  Bayern,  ein  deutsches  Wörterbuch  und  andere
zweckmäßige  Lehrbücher  und  ließ  solche  auch  von  Anderen  abfaßen.
In  München  wurde  eine  Musterschule  errichtet,  in  welcher  die
angehenden  deutschen  Schullehrer  für  ihren  wichtigen  Beruf  sowohl
die  erforderlichen  Kenntnisse,  als  eine  gute  Lehrmethode  erhalten
sollten.  —  Ebenso  wurden  die  lateinischen  Schulen,  die
Gymnasien  und  Lyzeen  von  dem  Kurfürsten  und  seinen  Rathgebern
  sorgfältig  bedacht.  Dieß  erwies  sich  besonders  in  dem
Zeitpunkte  höchst  wohlthätig,  als  Papst  Clemens  XIV  (1769—
1774)  im  Jahre  1773  den  Orden  der  Jesuiten  aufhob,  von
welchem  seit  langer  Zeit  die  gelehrten  Schulen  geleitet  waren.
Max  III  wendete  sogleich  den  größeren  Theil  der  Ordensgüter
(Gesammtwerth  71  Millionen)  dem  Stiftungsfonde  für  die  gelehrten
  Schulen  zu.  Auch  für  diese  wurde  durch  Heinrich  Braun
ein  neuer  Studienplan  entworfen,  der  die  Bildung  der  Jugend
durch  Einführung  in  den  Geist  der  alten  Klassiker  anbahnte.  Das
Lehramt  wurde  seitdem  nicht  mehr  ausschließlich  einer  Klasse  von
Männern  anvertraut,  sondern  man  wählte  hiefür  jeden  fähigen
Mann,  der  sich  vorfand.  Die  neue  Einrichtung  der  gelehrten
Schulen  fand  manchen  Widerspruch,  doch  Max  III  änderte  deshalb
die  getroffenen  Anordnungen  nicht.  —  Im  Jahre  1769  ordnete
er  auch  ein  Büchercensur-Collegium  an,  aber  keineswegs  in  einem
der  wissenschaftlichen  Forschung  hemmenden  Sinne,  sondern  lediglich
dazu,  frivolem  Uebermuthe  zu  steuern.  —  Auf  religiösem  Gebiete
wirkte  Max  III  dadurch,  daß  er  in  Rom  eine  Verminderung
der  Feiertage  erwirkte  und  zur  Bildung  guter  Prediger
förmliche  Preisaufgaben  stellen  ließ.

Auch  die  Kunst  blieb  von  Max  III  nicht  unbedacht.  Er

gründete  eine  Maler=  und  Zeichnungs-Akademie  und

machte  die  (von  Herzog  Albrecht  V  angelegte  und  von  Mar  II
Sattler,  bayer.  Geschichre-  20
        <pb n="322" />
        306  Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.

Emanuel  namhaft  vermehrte)  Gemäldesammlung  den  jungen  Künstlern
  zugänglich.  Die  unter  seiner  Regierung  gelieferten  Arbeiten
der  Bildhauer  Johann  Straub  und  Roman  Boo,s,  die  von
Franz  Schega  geschnittenen  Stempel  und  die  Gemälde  Winks
und  Dorners  finden  noch  heute  die  verdiente  Anerkennung.
Da  bei  der  allgemeinen  Verarmung,  welche  die  vielen  Kriegsereignisse
  nach  sich  gezogen,  im  Ganzen  nur  wenig  gebaut  wurde,
so  ordnete  Max  III,  um  diesen  Zweig  der  Kunst  nicht  in's
Stocken  gerathen  zu  lassen,  mehrere  Bauten  an.  Von  1752—
1765  baute  sein  Hofbaumeister  Franz  de  Couvillier  an  der
östlichen  Seite  der  Residenz  statt  des  1750  abgebrannten  Theaters
das  jetzt  noch  stehende  Hofopernhausz;  in  der  Mitte  der  Residenz
  ließ  er  eine  Kapelle*')  erbauen,  welche  am  9.  Januar  1757
von  dem  Freysinger  Weihbischofe  Franz  Ignaz  Albert  von
Werdenstein  eingeweiht  wurde,  und  zehn  Jahre  später  (1767)
ließ  er  durch  Franz  de  Couvillier  die  äußere  Facade  der
Theatinerkirche  vollenden.

Obschon  Marx  III  den  Nothleidenden  stets  mit  vollen  Händen
gab,  wußte  er  doch  so  viel  zu  erübrigen,  daß  er  sein  Land  durch
Kauf  einiger  Güter  vergrößern  konnte.  Im  Jahre  1749  überließ
  ihm  gegen  eine  Summe  Geldes  der  Magistrat  zu  Donauwörth
die  Reichspflege  Wörth,  d.  i.  die  Gerichtsbarkeit,  welche
derselbe  nach  altem  Herkommen  sowohl  in  der  Stadt  als  außerhalb
  derselben  übte.  Vier  Jahre  darnach  (1753)  kaufte  er  von
den  Erben  der  Grafen  von  Fürstenberg  das  letzte  Drittel
der  Grafschaft  Wiesensteig  im  Württembergischen,  und  1759
vom  Grafen  von  Vehlin  die  schwäbische  Reichsherrschaft
Illerdießen.  Die  Herrschaften  Wertingen  und  Hohenreichen
  fielen  nach  dem  Tode  des  Fürsten  Wilhelm  von
Grünberg  als  erloschene  Mannsritterlehen  unentgeltlich  an
Bayern.  Mehr  noch  würde  in  dieser  Richtung  geschehen  sein,
hätte  nicht  Max  III  in  dem  siebenjährigen  Kriege  (1756—1763),
den  die  Kaiserin  Maria  Theresia  gegen  den  König  Friedrich  II
von  Preußen  zu  führen  hatte,  sein  Reichscontingent  stellen  und
die  Wunden  heilen  müssen,  welche  ein  Einfall  der  preußischen

*)  Nicht  zu  verwechseln  mit  der  alten  oder  schönen  Hofkapelle,
welche  an  der  östlichen  Wand  des  westlichen  Residenztraktes,  vom  Hauptportale
  dieses  Traktes  aus  rechts,  steht  und  vom  Herzog  Marx  I  gleichzeitig
mit  dem  westlichen  Flügel  der  Residenz  erbaut  worden  ist.
        <pb n="323" />
        Bayern  unter  Maximilian  III  Joseph.  307

Truppen  in  die  Oberpfalz  den  Bewohnern  dieses  Gebietesgeschlagen
  hatte.  Nach  dem  kinderlosen  Hinsterben  des  Herzogs
Clemens  Franz  de  Paula  (16.  August  1770),  Geschwisterkindes
  Max  III,  erbte  dieser  des  Erblassers  Güter  in  Böhmen,
darunter  die  Besitzung  Reichstadt,  welche  dem  Herzog  Clemens
von  seiner  Großmutter  mütterlicher  Seits,  Anna  Maria,  Prinzessin
  von  Sachsen-Lauenburg,  angefallen  waren  (Max  III  vermachte
  diese  Güter  bei  seinem  Tode  dem  Herzoge  Karl  von
Zweibrücken,  von  dem  sie  an  seinen  Bruder  Mar  Joseph
und  später  an  Oesterreich  übergingen  und  dem  Sohne  des
Kaisers  Napoleon  den  Titel  eines  „Herzogs  von  Reichstadt“  gaben).

Da  Max  III  von  seiner  Gemahlin  Maria  Anna  Sophie
keine  Kinder  erhalten  und  alle  Kinder  des  Herzogs  Clemens
Franz  de  Paula  vor  ihrem  Vater  gestorben  waren,  so  erneuerte
  Max  III  zur  Verhütung  eines  bayerischen  Erbfolgestreites
mit  den  pfälzischen  Wittelsbachern  (1766,  1771  und  1774)
die  schon  längst  bestehenden  Verträge  bezüglich  deren  Nachfolge
im  Kurfürstenthum  Bayern,  setzte  aber  dabei  ausdrücklich
in  einer  Klausel  fest,  daß  München  die  Haupt=  und  Residenzstadt
  der  gesammten  Wittelsbachischen  Erblande  sein  solle
und  daß  in  derselben  der  jeweilige  Kurfürst  seinen  Hof  zu  halten
habe.  Großen  Antheil  an  der  Erneuerung  dieser  Verträge  hatte
die  Herzogin  Maria  Anna  Charlotte,  des  Herzogs  Clemens
Franz  de  Paula  Wittwe,  eine  Tochter  des  Pfalzgrafen  Joseph
Karl  von  Pfalz-Sulzbach,  deren  Schwester  Elisabeth  Auguste
an  den  Kurfürsten  Karl  Theodor  von  der  Pfalz-Sulzbach
vermählt  war.

Die  Verhandlungen  mit  Karl  Theodor  von  der  Pfalz
über  die  Erbfolge  in  Bayern  waren  noch  in  vollem  Gange,  da
erkrankte  plötzlich  der  Kurfürst  Maximilian  III  Joseph.
Der  Leibarzt  Sänftel  hielt  dafür,  daß  der  Kurfürst  von  den
Rötheln  (Masern)  befallen  sei,  während  andere  Aerzte  erklärten,
daß  er  an  den  Kinderpocken  darniederliege.  Die  Meinung  der
Letzteren  fand  bald  ihre  Bestätigung.  Die  Lage  des  Kranken
wurde  täglich  mißlicher  und  nach  drei  leidensvollen  Wochen  verschied
  der  Kurfürst  am  30.  Dezember  1777  im  51.  Jahre  seines
Lebens.  (Die  drei  Siebner,  1727  Geburts-,  1747  Vermählungsund
  1777  Todesjahr.)  Der  am  Sterbebette  anwesende  Kanzler

20“
        <pb n="324" />
        808  Innere  Zustände  Bayerns  seit  der

Kreitmayer  äöffnete  sogleich  in  Gegenwart  der  Minister  und
geheimen  Räthe  ein  im  Zimmer  des  Kurfürsten  aufbewahrtes
Kästlein.  Dasselbe  enthielt  des  Kurfürsten  Testament  und  die  schon
ausgefertigte  Verkündigung,  daß  Karl  Theodor  von  Pfalz-Sulzbach
  die  Herrschaft  in  Bayern  antrete.  Ganz  München,
ja  ganz  Bayern  gerieth  bei  der  Nachricht  von  des  Kurfürsten
Tod  in  tiefe  Bestürzung,  es  war  ein  Schmerz,  als  hätte  jede
Familie  den  Vater  verloren.  Einer  Bestimmung  des  westphälischen
  Friedens  zufolge  ging  nun  die  1648  errichtete  achte
Kurwürde  mit  dem  Erzschatzmeisteramte  ein,  so  daß  fortan
mit  Einschluß  der  1692  für  Hannover  errichteten  wieder  acht
Kurwürden  bestanden.

6  102.  Innere  Zustände  Bayerns  seit  der  Thronbesteigung
  der  Wittelsbacher  (1180—1777).

Das  Territorium  Bayerns  war  in  dieser  Zeit  in  Folge
der  vielen  Theilungen  oft  zersplittert,  bis  das  von  Albrecht  IV,
dem  Weisen,  im  Jahre  1506  eingeführte  wohlthätige  Hausgesetz,
  daß  Bayern  fortan  nach  dem  Rechte  der  Erstgeburt  regiert
werden  solle,  diesem  Uebelstande  begegnete.  Nach  der  Wiedervereinigung
  der  getrennten  Gebietstheile  zu  Einem  Herzogthume
wurde  das  Land  in  vier  Provinzen,  Rentämter  genannt,  eingetheilt,
  München,  Burghausen,  Landshut  und  Straubing,  und
jedes  Rentamt  wieder  in  Land=  und  Pfleggerichte,  in  Städte
und  Märkte.

Die  Herzöge  und  später  die  Kurfürsten,  deren  Würde
seit  dem  Jahre  1208  in  der  Familie  erblich  war,  gelangten  den
Kaisern  gegenüber  zu  größerer  Selbstständigkeit  und  schalteten  in
ihrem  Lande  ziemlich  unbeschränkt  von  dem  jeweiligen  Oberhaupte
des  deutschen  Reiches.

Die  Bewohner  Bayerns  zerfielen  einfach  in  Obrigkeiten
und  Unterthanen.  Jene  gliederten  sich  in  landesherrliche  und
in  landständische,  je  nachdem  sie  den  Herrscher  des  Landes  oder
einen  der  Landstädte  unmittelbar  über  sich  hatten.  Ebenso  theilten
sich  die  Unterthanen  in  landesherrliche,  wenn  sie  unmittelbar
unter  den  herzoglichen  (kurfürstlichen)  Landgerichten  und  Aemtern
        <pb n="325" />
        Thronbesteigung  der  Wittelsbacher.  309

standen,  und  in  landständische,  wenn  ihre  unmittelbare  Obrigkeit
Landstände  waren.

Die  landesherrlichen  Obrigkeiten  während  dieser  Zeit
waren  die  Landesherren  unter  dem  Titel  „Herzöge“  oder
„Kurfürsten“  (seit  1214  führten  einige  Herzöge  auch  den  Titel
„Pfalzgraf  bei  Rhein"),  dann  die  ihnen  untergeordneten  Beamten,
die  Hofbeamten  und  Staatsbeamten.  Die  Hofämter  waren  zu
Anfang  dieses  Zeitraumes  die  Hofkammer,  die  Hofkanzlei,  das
Hofküchenamt,  das  Amt  der  Edelknaben,  das  Marschall=  und
Marstall-Amt,  das  der  Räthe,  Edelleute,  Hofdiener,  der  Hofkapelle
und  der  Trabantengarde.  Die  Staatsämter  waren  die  Regierungen
  zu  München,  Landshut,  Straubing  und  das  Spruch-Collegium
  zu  Ingolstadt.  Neben  den  Regierungen  wurden  durch
die  Herzöge  Wilhelm  IV  und  Albrecht  V  in  der  Residenzstadt  der  Herzöge
  zu  München  noch  drei  Central-Collegien  gebildet,  der
Hofrath,  der  Hofkammerrath  und  der  geistliche  Rath,  zu  welchen  in
der  Folge  durch  den  Kurfürsten  Max  III  noch  andere  Collegien,
wie  das  Münz=  und  Bergwerks-Collegium  u.  s.  w.,  hinzugefügt
wurden.  Der  Hofrath  war  zusammengesetzt  aus  den  zum  Hofetat
  gehörigen  Hofräthen  und  einigen  aus  der  Regierung  zu
München  genommenen  Rechtsräthen.  Er  bildete  in  Rechtssachen
für  die  privilegirten  Einwohner  des  Landes,  deren  erste  Instanz
eine  der  Regierungen  war,  das  Appellationsgericht.  Die  Hofkammer
  war  ursprünglich  kein  besonderes  Collegium,  sondern
nur  eine  Deputation,  die  unter  dem  Hofrathe  stand.  Erst  im
Jahre  1570  wurde  dieselbe  durch  den  Herzog  Albrecht  V  vom
Hofrathe  abgesondert  und  ihr  die  oberste  Finanzverwaltung  des
ganzen  Staates  ausschließlich  übertragen.  Der  geistliche  Rath,
auch  Religionsrath  genannt,  wurde  im  Jahre  1483  von
Herzog  Albrecht  IV  errichtet  und  bestand  bei  seinem  Ursprunge
aus  zwei  Domherren  von  jedem  bayerischen  Hochstifte,  welche
Herzog  Albrecht  IV  gemäß  päpstlicher  Erlaubniß  auswählen  und
mit  Belassung  ihrer  Präbenden  für  seine  Dienste  gebrauchen
durfte.  Herzog  Albrecht  V  organisirte  denselben  1556  neu  und
erhob  ihn  1573  zu  einem  fömmlichen  Collegium  unter  einem
eigenen  Präsidenten  weltlichen  Standes,  dem  alle  in  das  kirchliche
Gebiet  und  in  das  Erziehungswesen  einschlägigen  Geschäfte  an-
        <pb n="326" />
        310  Innere  Zustände  Bayerns  seit  der

vertraut  wurden.  Das  höchste  und  oberste  Collegium,  unter
welchem  die  oben  genannten  Central-Collegien  sowohl  als  auch
die  Regierungen  und  alle  äußeren  Aemter  standen,  war  der  geheime
  Rath.  Vorstand  desselben  war  der  Herzog  selbst,  in
seiner  Abwesenheit  der  Obersthofmeister.  Er  war  nicht  nur  die
letzte  Instanz  in  allen  innern  Staatsangelegenheiten,  sondern
besorgte  auch  die  auswärtigen.  Von  ihm  wurden  auch  alle
Gnadensachen  und  sonstige  Vorkommnisse,  welche  die  untergeordneten
  Stellen  selbst  zu  erledigen  nicht  competent  waren,  abgethan.
Die  Mitglieder  nahm  der  Herzog  nicht  nur  aus  dem  hohen  Adel
und  der  hohen  Geistlichkeit,  sondern  auch  aus  den  Professoren
der  Universität  und  aus  den  fähigsten  Geschästsmännern  der
Collegien  sowohl  als  auch  der  äußeren  geistlichen  und  weltlichen
„Aemter.  Nach  Einführung  der  Jesuiten  in  Bayern  wohnten
immer  auch  einige  Mitglieder  der  Gesellschaft  Jesu  den  Sitzungen
desselben  bei.  Auch  Ausländer  wurden  in  dieses  Collegium  berufen.
  So  waren  unter  Herzog  Wilhelm  V  Dr.  Georg  Lamporter,
Dr.  Lupstdich,  Dr.  Tetzler  aus  Nürnberg,  Weissenfelder,  Bonacorsi,
  Dietrich  Reisacher  und  Andere  wegen  ihrer  Kenntnisse  der
Sprachen  und  des  Staatsrechtes  für  auswärtige  Geschäfte
verwendet.

Landständische  Obrigkeiten  waren  die  Landstände")
selbst,  geistlichen  und  weltlichen  Standes,  und  die  von  ihnen

*)  Diese  Landstände,  die  erst  nach  der  Ertheilung  der  Ottonischen  Handveste
  (1311)  zum  Vorschein  kommen,  sind  wohl  zu  unterscheiden  von  den
Mitgliedern  des  früheren  bayerischen  Landtages,  wie  er  unter  Otto  1  von
Wittelsbach  und  seinen  Vorgängern  zusammengesetzt  war.  Unter  Otto  I  von
Wittelsbach  und  seinen  Vorgängern  bildeten  den  Landtag  der  jeweilige  Herzog
  des  Landes  und  die  Territorialherren,  d.  h.  die  Markgrafen  und
Grafen,  die  Bischöfe  und  Aebte,  welche  den  Titel  „Reichsfürsten“  oder
„Oynasten“  führten  und  ihre  Befugniß,  in  wichtigen  Angelegenheiten  des
Landes  mitzureden,  nicht  von  der  Gnade  oder  von  Zugeständnissen  des  Herzogs,
  sondern  von  ihrem  bedeutenden  Besitzthum  oder  von  ihrer  hervorragenden
  Stellung  im  Lande  herleiteten.  Sie  waren  gleichsam  die  gebornen
Staatsräthe  des  Herzogs,  während  die  Männer,  welche  nach  dem  Erlaß  der
Ottonischen  Handveste  als  Landstände  erscheinen,  ihren  Einfluß  auf  die  Verwaltung
  des  Landes  lediglich  den  Zugeständnissen  verdanken,  welche  sie  den
Herzögen  zur  Zeit  schwerer  Bedrängnisse  ablockten.
        <pb n="327" />
        Thronbesteigung  der  Wittelsbacher.  311

in  ihren  Hofmarken  angestellten  Beamten,  durch  welche  sie  über
die  zu  diesen  Hofmarken  gehörigen  Leute  die  niedere  Gerichtsbarkeit
  ausübten,  wie  sie  ihnen  in  der  Ottonischen  Handveste  im
Jahre  1311  bewilligt  war  und  nach  geschehener  Landesvereinigung
im  Jahre  1506,  wo  die  Stände  von  Ober-  und  Niederbayern
in  Einen  Körper  vereinigt  wurden,  bestätigt  waren.  Die  Landstände,
  welche  die  Ottonische  Handveste  schuf,  unterschieden  sich
von  den  übrigen  Unterthanen  zunächst  durch  den  Besitz  gefreiter
Güter  oder  höherer  Kirchenämter,  namentlich  aber  durch  Privilegien
  und  Freiheiten,  welche  ihnen  die  Landesherren  vor  den
andern  Unterthanen  zugestanden  hatten.  Diese  Rechte  sind  in
den  sechzig  Freiheitsbriefen  enthalten,  welche  sie  nach  und  nach
von  Herzögen  erhielten  und  von  Kaiser  und  Reich  bestätigen
ließen.  In  dem  letzten  dieser  Freiheitsbriefe,  den  ihnen  Herzog
Albrecht  V  im  Jahre  1557  ertheilte,  wurde  das  Hofmarksrecht
der  in  diesem  Jahre  vereinigten  Stände  auch  auf  ihre  in  den
herzoglichen  Landgerichten  zerstreut  liegenden  Güter  ausgedehnt.
Später  wurden  ihre  besonderen  Rechte  nicht  mehr  vermehrt.

Als  Corporation  hatten  sie  gemäß  dem  56.  Freiheitsbriefe
nicht  nur  das  Recht  der  Steuer=  und  Aufschlags-Bewilligung,
sondern  auch  der  Steuer-Perception  durch  eigene  Beamte,  Landsteurer
  genannt,  und  in  Verbindung  mit  einer  landesherrlichen
Commission  selbst  die  Aufsicht  über  die  Staatsschuld.  Ebenso
durfte  der  Landesherr  nach  dem  Inhalte  des  23.  Freiheitsbriefcs
ohne  Vorwissen  und  Rath  der  Landschaft  das  Land  nicht  vertheilen,
  verpfänden  oder  davon  etwas  veräußern,  keinen  Krieg
anfangen  oder  eine  Religionsänderung  vornehmen;  neue  Statuten
  und  Landesordnungen  sollten  ohne  Gutheißung  der  Landschaft
  nicht  gemacht  werden.  In  Streitigkeiten  der  Herzöge  untereinander
  stand  der  Landschaft  mehreren  Freiheitsbriefen  zufolge
das  Recht  der  Vermittlung  zu.  Wenn  der  Landesherr  mit  Tod
abging,  so  stand  ihr  das  Recht  zu,  von  dem  Nachfolger  noch
vor  der  Huldigung  Bestätigung  ihrer  Rechte  und  Privilegien  zu
verlangen,  und  im  Falle  der  Nichtbestätigung  die  Huldigung  zu
verweigern.

Unter  den  besonderen  Rechten  der  einzelnen  Mitglieder
der  baycrischen  Landschaft  war  das  erste,  auf  den  Landtagen  zu
        <pb n="328" />
        312  Innere  Zustände  Bayerns  seit  der

erscheinen  und  dort  Sitz  und  Stimme  zu  führen.  Weiter  kam
ihnen  zu  das  Recht  eines  gefreiten  Gerichtsstandes,  welcher  für
die  in  München  anwesenden  Landstände  der  Hofrath,  für  die
auswärts  wohnenden  eine  von  den  Regierungen  war.  Dazu
kam  die  Hofmarksgerechtigkeit  und  die  damit  verbundene  niedere
Gerichtsbarkeit  über  alle  ihre  Angehörigen,  das  grundherrliche
Auspfändungsrecht,  die  Befreiung  von  dem  jure  fodri  et  Albergariae,
  das  Recht  des  Getreideaufkaufs  bei  den  Häusern,  das
Recht  freier  Auswanderung,  der  Selbstbesteuerung,  respective
Steuerfreiheit,  gemäß  welchem  der  Landesherr  von  den  einzelnen
Landständen  keine  Steuer  erhielt,  sondern  nur  von  der  ganzen
Corporation  ein  von  ihr  selbst  bestimmtes  Quantum,  Ständesteuer
  genannt.  Diese  war  gewöhnlich  nur  der  fünfte  Theil  der
Landsteuer,  so  daß,  wenn  das  Simplum  der  Landsteuer  300,000
Gulden  betrug,  die  drei  Stände,  welche  die  Landschaft  bildeten,
nur  60,000  Gulden  übernahmen  und  unter  sich  vertheilten.

Die  bayerische  Landschaft  bestand  aus  drei  Klassen  der  Einwohnerschaft,
  aus  dem  Prälatenstand,  aus  dem  Adel  und  aus
dem  Bürgerstand.  Unter  die  Kategorie  des  Prälatenstandes  gehörten
  die  Vorstände  der  Collegiatstifter  und  der  Abteien,  nicht
aber  der  niedere  Klerus  und  die  Bettelmönche.  Von  dem  Adel
und  dem  Ritterstand  konnte  nur  derjenige  in  der  Landschaft  erscheinen,
  der  ein  adeliges,  von  Dienst,  Gilt,  Zehent  und  von
anderen  grundherrlichen  Abgaben  freies  und  der  Landschafts-Matrikel
  einverleibtes  Gut  besaß.  Der  fast  allgemein  dienstpflichtige
  Bauernstand  durfte  wegen  Mangel  freien  Eigenthums
an  den  Versammlungen  der  Freien  keinen  Antheil  nehmen,  sondern
  wurde  durch  die  Obereigenthümer  seiner  Güter  vertreten.
Zu  diesem  Zwecke  wurden  die  Landschafts-Matrikeln,  welche  auch
den  Namen  „Landtafel“  haben,  vor  jeder  Ständeversammlung
revidirt,  und  die  Namen  der  einzurufenden  Stände  dem  Landesherrn
  vorgelegt,  welcher  dann  die  Einrufung  an  jeder  einzelnen
Landstadt  erließ.  Diese  Tafeln  waren  eingetheilt  in  die  vier
Rentämter  oder  Regierungen,  jede  Regierung  in  die  unter  ihr
stehenden  landesherrlichen  Aemter,  und  in  jedem  Amte  (Herrschaft,
  Landgericht,  Pfleggericht)  waren  die  Vor=  und  Geschlechtsnamen
  der  einberufenen  ständischen  Individuen  und  der  Landgüter,
        <pb n="329" />
        Thronbesteigung  der  Wittelsbacher.  313

deren  Besitz  sie  zum  Eintritt  in  die  Landschaft  berechtigte,  dann
die  Namen  der  ständischen  Prälaten,  sowie  die  Namen  der  Städte
und  Märkte,  welche  an  den  ständischen  Verfammlungen  Theil
nehmen  durften,  benannt.  Ob  aber  jede  Stadt  und  jeder  Markt
ein  eigenes  Individuum,  oder  ob  sie  nur  einige  von  ihnen  Gewählte
  einsendeten,  und  wie  diese  Wahl  beschaffen  war,  ob  die
in  jedem  Amte  befindlichen  Städte  und  Märkte  einen  oder  mehrere,
oder  ob  die  im  ganzen  Rentamt  befindlichen  mehrere  und  wie
viele  wählten,  darüber  mangeln  verlässige  Anhaltspunkte.

Die  Anzahl  der  zur  Erscheinung  am  Landtag  berechtigten
Männer  war  nicht  immer  gleich  groß,  indem  von  den  ständischen
Landgütern  im  Laufe  der  Zeit  viele  ganz  eingingen  oder  an
Landsassen  kamen,  welche  bereits  schon  ständische  Güter  hatten,
oder  an  den  Landesherrn.  Nach  der  Landtafel  des  Jahres  1522
waren  der  eingerufenen  Edelleute  848,  der  Prälaten  80,  der
Städte  Deputirten  32,  der  Märkte  74,  also  zusammen  1034.
In  später  erschienenen  Landtafeln  wird  die  Zahl  der  einberufenen
Gutsbesitzer  aus  den  angezeigten  Gründen  immer  geringer.  In
dem  letzten  Landtage  des  Herzogs  Wilhelm  V  (1593)  betrug  die
Zahl  der  eingerufenen  Stände  vom  Adel  nur  noch  506,  der
Prälaten,  Städte  und  Märkte  124,  zusammen  630.  Sie  besaßen
miteinander  233  Schlösser,  32  Herrschaften,  880  Hofmarken,
407  Edelsitze,  136  Sedelhöfe  und  drei  gefreite  Häuser.  Die  Anzahl
  sämmtlicher  Landtage  vom  Jahre  1514  bis  1593  zu  München,
Landshut,  Straubing  und  Ingolstadt  belief  sich  auf  34,  so  daß
fast  alle  zwei  Jahre  die  Landschaft  zusammenkam.  Nach  dieser
Zeit  war  bis  zur  Auflösung  der  Landschaft,  respective  Ersetzung
durch  einen  permanenten  Ausschuß  von  sogenannten  Verordneten
zu  München  im  Jahre  1669,  während  eines  Zeitraumes  von
76  Jahren  die  Landschaft  nur  noch  drei  Mal,  1605,  1612  und
1669  zusammenberufen  worden.

Die  Landschaft  hatte  eigene  von  ihr  gewählte  Beamte.
Außer  dem  Landmarschall  (Präsidenten),  dessen  Amt  erblich  war,
hatte  sie  einen  Unterlandmarschall,  einen  Landschaftskanzler  und
ein  ihm  untergcordnetes  Kanzlei-Personal,  einen  Kassier,  Zins-Zahlmeister,
  Steurer,  Steuerschreiber,  Aufschläger  u.  s.  w.  Vor
dem  Jahre  1513  hatte  sie  in  München  kein  eigenes  Haus,  sondern
        <pb n="330" />
        314  Innere  Zustände  Bayerns  seit  der

versammelte  sich  im  Rathhause;  nach  dieser  Zeit  bekam  sie  aber
eigene  Landschaftsgebäude  in  den  vier  Regierungsstädten  des
Landes.  An  dem  zur  Eröffnung  bestimmten  Tage  erschien  der
Herzog  persönlich  oder  im  Verhinderungsfalle  durch  einen  Stellvertreter
  vor  der  Versammlung  und  trug  die  Proposition  entweder
selbst  vor  oder  ließ  sie  durch  den  geheimen  Rathskanzler  vorlesen.
Nach  Beendigung  der  Proposition  sprach  der  Landschaftskanzler
eine  Dankrede,  worauf  sich  sämmtliche  Landstände  in  den  Versammlungssaal
  begaben.  Ihre  erste  Arbeit  war  die  Wahl  des
großen  Ausschusses,  bestehend  aus  64  Mitgliedern,  wovon  die
Hälfte  aus  dem  Adel-,  ein  Viertel  aus  dem  Prälaten=  und  ein
weiteres  Viertel  aus  dem  Bürgerstand  genommen  werden  mußten.
Nach  vollendeter  Wahl  begannen  unter  Leitung  des  Landmarschalls
und  Landschaftskanzlers  die  Berathungen  des  Ausschusses  über
die  landesherrliche  Proposition.  Die  durch  Stimmenmehrheit  gefaßten
  Beschlüsse  brachte  die  Landschaft  in  Schrift,  las  den  Aufsatz
  den  Ständen  vor,  und  beide  übergaben  ihn  dann  in  die
Hände  des  Landesherrn,  welcher  die  Antwort  auf  diese  erste
Schrift  sowohl  als  auf  alle  folgenden  schriftlich  in  der  Form
eines  Dekretes  durch  einen  Kanzellisten  dem  Landmarschall  oder
auch  dem  Landschaftskanzler  zustellen  ließ.  Diese  riefen  sodann
die  ganze  Landschaft  zusammen,  trugen  den  landesherrlichen  Beschluß
  vor  und  eröffneten  hierüber  die  Debatte.  Der  durch  die
Majorität  gefaßte  Beschluß  wurde  hierauf  wieder  auf  die  beschriebene
  Art  an  den  Landesherrn  überbracht,  welcher  sie  abermals
  schriftlich  beantwortete,  annehmend,  verwerfend  oder  modifizirend.
  Zwei,  drei,  auch  vier  Mal  wurden  auf  solche  Weise
Schriften  gewechselt.

Die  Hauptgegenstände  der  Berathung  waren  die  landesherrlichen
  Postulate  und  die  Beschwerden.  Sobald  man  mit  dem
ersten  Gegenstande  fertig  war,  wurde  zu  dem  zweiten  geschritten.
Aus  jedem  Stande  wurden  drei  Mitglieder  ausgewählt,  welche
die  von  den  andern  Mitgliedern  ihres  Standes  vorgebrachten
Beschwerden  aufzeichnen  und  sie  dem  Landschaftskanzler  einliefern
mußten,  von  welchem  sie  dann  an  den  Landesherrn  übergeben
wurden.  Häufig  wurden  solcher  Beschwerden  halber  mehrere
Schriftstücke  zwischen  dem  Landesherrn  und  der  Landschaft  ge-
        <pb n="331" />
        Thronbesteigung  der  Wittelsbacher.  315

wechselt.  Außer  diesen  beiden  Gegenständen  wurden  den  Ständen
auch  noch  andere,  besonders  Gesetzentwürfe  zur  Berathung  vorgelegt.
  Vor  dem  Schluß  des  Landtages  durfte  kein  Stand  ohne
spezielle  Erlaubniß  des  Fürsten  die  Stadt,  wo  der  Landtag  gehalten
  wurde,  verlassen.  Bevor  er  auseinander  ging,  wurde  von
dem  größeren  Ausschuß  ein  engerer  gewählt,  die  Verordnung
genannt,  welcher  eine  eigene  Instruktion  erhielt  und  bis  zur
folgenden  Ständeversammlung  beisammen  bleiben  und  nach  der
erhaltenen  Instruktion  handeln  mußte.  Geschlossen  wurde  die
Ständeversammlung  mit  einem  Abschied  (Abdank  genannt),  vom
Herzog  selbst  oder  auch  von  einem  Bevollmächtigten  gesprochen.
Vor  ihrem  Auseinandergehen  empfingen  alle  Stände  einen  Schadloshaltungsbrief
  und  wurden  bei  Hof  ausgespeist.

Um  die  Gesetzgebung  in  Bayern  haben  sich  in  dieser  Zeit
namentlich  Ludwig  der  Bayer,  Herzog  Wilhelm  IV  und
sein  Bruder  Ludwig  X,  die  Kurfürsten  Maximilian  I,
Ferdinand  Maria  und  Maximilian  III  verdient  gemacht.
Nebenher  wurden  von  den  bürgerlichen  Magistraten  von  Zeit  zu
Zeit  für  Bürger  und  Landleute  Polizeigesetze  gegeben,  welche
eingeschlichenen  Uebelständen,  namentlich  dem  übertriebenen  Aufwande
  begegnen  sollten.  In  einem  von  dem  Magistrat  zu  München
im  Jahre  1405  erlassenen  Polizeimandat  wurde  festgesetzt,  „daß
künftig  bei  Gevatterschaften  niemand  mit  mehr,  als  mit  zehn
oder  acht  Mann  zum  Wein  gehen,  daß  zur  Taufe  mit  einem
Kind  nicht  mehr  als  zehn  oder  zwölf  Frauen  gehen,  daß  man
künftig  kein  Hochzeitbad  halten,  daß  man  zu  Hochzeiten  nicht
mehr  Frauen  als  vier  und  zwanzig  laden  und  kein  Kind  unter
zehn  Jahren  mitnehmen,  daß  man  künftig  nur  zwei  Hochzeitmahle
  geben,  daß  die  Bürgerinen  und  deren  Töchter  auf  ihren
Haarkränzen  nicht  mehr  als  zwei  Loth  Perlen,  kein  Bürger  und
keine  Bürgerin  mehr  als  anderthalb  Mark  Silber  tragen,  daß
keine  Bürgerin  oder  deren  Tochter  einen  Rock  von  Vehem  unterzogen
  noch  offene  Aermel  tragen,  daß  keine  ihren  Mantel  oder
Rock  länger  als  zwei  zwerche  Finger  auf  der  Erde  nachschleppen
soll.“  So  gut  gemeint  diese  und  ähnliche  Verordnungen  waren,
so  blieben  sie  doch  vielfach  unbeachtet,  besonders  von  der  Zeit
an,  wo  der  Hof  des  Kurfürsten  Max  II  Emanuel  anfing,  sich
        <pb n="332" />
        316  Bayern  unter  Karl  Theodor.

nach  Art  des  spanischen  und  französischen  Hofes  zu  kleiden  und
die  Moden  des  Auslandes  nach  Bayern  zu  verpflanzen.

Die  Rechte,  welche  dem  Landesherrn  in  Bezug  auf  geistliche
Angelegenheiten  zustanden,  wurden  seit  den  Zeiten  Albrechts  IV.
durch  den  geistlichen  Rath  geübt  und  fanden  durch  das  Concordat,
welches  Herzog  Wilhelm  V  im  Jahre  1583  unter  Vermittlung
des  päpstlichen  Nuntius  Felicianus  mit  den  Bischöfen  des  Landes
schloß,  eine  genauere  Feststellung.  Da  dessenungeachtet  die  Klagen,
der  Bischöfe  über  Eingriffe  der  weltlichen  Gewalt  in  das  geistliche
  Gebiet  nicht  verstummten,  so  waren  die  Regenten  genöthigt,
ihrem  geistlichen  Rathe  wiederholt  (1608,  1627)  neue  Instruktionen
zu  ertheilen  und  den  Geschäftskreis  dieses  Collegiums  näher  zu
bestimmen.

Ackerbau,  Handel,  Gewerbe,  Kunst  und  das  Militärwesen
  waren  in  dieser  Zeit  bald  in  Blüthe,  bald  in  Versall,
  je  nachdem  das  Land  mit  der  Wohlthat  des  Friedens  beglückt
oder  von  dem  Verderben  des  Krieges  heimgesucht  war;  nur  die
Wissenschaft  blieb  von  den  Stürmen,  die  allenthalben  tobten,
ziemlich  unberührt  und  machte  die  erfreulichsten  Fortschritte.

Fiebentes  Rapitel.
Bayern  von  der  Thronbesteigung  des  Kurfürsten  Karl
Theodor  von  der  Rheinpfalz")  bis  auf  die  Gegenwart
(1777—1867)“7).

&amp;amp;  103.  Kurfürst  Karl  Theodor  von  der  Rheinpfalz
(1777—17)99),  dem  der  Abstammung  und  den  vorliegenden  wittels-*)

  Die  Geschichte  der  Rheinpfalz  vor  der  Erhebung  Karl  Theodors
auf  den  bayerischen  Thron  findet  sich  im  Anhange  unter  Lit.  A.

*“)  Die  Regenten  Bayerns  während  dieser  Zeit  sind:
Karl  Theodor  1777—1799.
Maximilian  I  Joseph  1799—1825.

Ludwig  I  August  1825—1848.
—.
Maximilian  II  1818—1864.
Ludwig  II  seit  1864.
        <pb n="333" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  317

bachischen  Hausverträgen  gemäß  nach  dem  Tode  des  kinderlosen
Kurfürsten  Maxr  III  Joseph  die  bayerischen  Lande  als  Erbe  zugefallen
  waren,  traf  am  2.  Januar  1778  in  München  ein  und
wurde  hier  von  den  Behörden  und  dem  Militär,  die  zwei  Tage
vorher  den  Eid  der  Treue  in  die  Hände  des  pfälzischen  Gesandten
geleistet  hatten,  als  Herrscher  begrüßt.  Bayern  und  Pfalz,
448  Jahre  von  einander  getrennt,  standen  jetzt  wieder  unter
Einem  Regenten  und  wurden  zusammen  „Kurpfalzbayern“
genannt.

Der  neue  Kurfürst  war  kaum  einige  Tage  in  München,
so  vernahm  man  schon,  daß  zu  gleicher  Zeit  zwei  österreichische
Heere  in  Bayern  eingebrochen  seien,  das  eine  in  Niederbayern-Straubing
  das  andere  in  die  Oberpfalz,  um  für  Oesterreich  Anspruch
  auf  bayerisches  Gebiet  geltend  zu  machen.  Von  den
Bayern  wußte  keiner  dieses  Beginnen  Oesterreichs  zu  erklären,
nur  der  Kurfürst  Karl  Theodor  und  einige  seiner  vertrauten
Räthe,  darunter  sein  erster  Staatsminister,  Heinrich  Anton
von  Beckers,  und  sein  Gesandter  am  Wiener  Hofe,  Freiherr
von  Ritter,  kannten  die  Ursache.  Der  österreichische  Minister
Graf  Kaunitz  hatte  schon  vor  dem  Jahre  1777  einen  kühnen
Plan  entworfen,  dessen  Gelingen  von  der  Person  des  Kurfürsten
Karl  Theodor  abhing:  Karl  Theodor  sollte  Bayern  an
Oesterreich  abtreten  und  dafür  die  Niederlande  nehmen,  an
die  sein  Jülich  grenzte.  Karl  Theodor,  dem  München,  die
Hauptstadt  Altbayerns,  herzlich  zuwider  war  und  Mannheim  und
Oüsseldorf,  an  die  ihn  die  Erinnerungen  seiner  lustig  verlebten
Jugend  fesselten,  über  Alles  gingen,  zeigte  sich  dem  Vorschlage
nicht  abhold,  aber  die  Ausführung  desselben  machte  die  äußerste
Vorsicht  nöthig,  weil  eine  Vergrößerung  Oesterreichs  um  ganz
Bayern  die  Eifersucht  nicht  blos  Frankreichs  und  Rußlanbds,
sondern  auch  und  insbesondere  die  Preußens  erregt  und  einen
Krieg  veranlaßt  hätte.  So  willkommen  dieser  auch  dem  jungen
Kaiser  Joseph  II  (1765—1790)  war,  so  sehr  wurde  er  von
der  noch  lebenden  Kaiserin-Mutter  Maria-Theresia  zu  vermeiden
  gesucht.  Nun  ließ  Joseph  sich  von  dem  schlauen
Kaunitz,  der  überall  Rath  wußte,  bestimmen,  alte  Ansprüche
Oesterreichs  auf  einen  Theil  von  Bayern  geltend  zu  machen.
        <pb n="334" />
        318  Bayern  unter  Karl  Theodor.

Man  zog  zu  diesem  Zwecke  in  Oesterreich  einen  uralten  Lehensbrief
  hervor,  vermöge  dessen  beim  Aussterben  der  Linie  Niederbayern-Straubing
  mit  Johann,  dem  Erwählten  von  Lüttich
(11425),  der  Kaiser  Sigmund  (1426)  seinen  eigenen  Schwiegersohn,
  Albrecht  V,  mit  einem  Theile  der  Straubinger  Güter
belehnt  hatte,  weil  dieses  Albrechts  Mutter,  Johanna,  eine
Schwester  des  Erblassers  Johann  von  Straubing  gewesen
(ogl.  oben  Seite  189).  Die  auf  diesen  Lehensbrief  gestützten
Ansprüche  Oesterreichs  hatten  ebenso  wenig  Werth,  wie  die,
welche  sieben  und  dreißig  Jahre  früher  Bayern  gegen  Oesterreich
hatte  geltend  machen  wollen;  allein  der  schwache  Karl  Theodor,
dem  in  Ermanglung  von  legitimen  Kindern)  an  der  Erbschaft
Bayerns  wenig  und  nur  in  so  ferne  etwas  gelegen  war,  als  ihm
für  die  Verzichtleistung  große  Vortheile  für  seine  zahlreichen  natürlichen
  Kinder*“)  in  Aussicht  gestellt  waren,  trat  den  vermeintlichen
  Ansprüchen  nicht  entgegen,  und  sein  Gesandter  in
Wien,  Freiherr  von  Ritter,  schloß  am  3.  Januar  1778,  zu
einer  Zeit,  wo  Karl  Theodor  bereits  in  München  von  den
bayerischen  Landen  Besitz  ergriffen  hatte,  mit  Kaunitz  einen
Vertrag  ab,  vermöge  dessen  die  Ansprüche  Oesterreichs  auf  Niederbayern
  als  gültig  anerkannt  werden,  aber  statt  dessen  an
Oesterreich  die  Oberpfalz  abgetreten  wird.  Daß  Kaiser  Sigmund
  die  Belehnung  Albrechts  V  zurückgenommen  und  Albrecht
  V  selbst  durch  eine  besondere  Urkunde  seinen  Ansprüchen
entsagt  hatte,  und  der  weitere  Umstand,  daß  gewiß  schon  Kaiser
Maximilian  I  nach  dem  Tode  Georgs  des  Reichen  beim
Landshuter  Erbfolgekriege  auf  Straubing  Ansprüche  erhoben  haben

*)  Seine  Gemahlin  Elisabeth,  des  Pfalzgrafen  Joseph  Karl  von
Pfalz-Sulzbach  Tochter,  die  ihm  am  29.  Juni  1761  nach  neunzehnjähriger
Ehe  einen  Sohn,  Franz  Ludwig  Joseph,  geboren  hatte,  der  schon  am
Tage  seiner  Geburt  starb,  lebte  seit  dieser  Zeit  von  ihm  getrennt,  weil  sie
bei  der  Geburt  des  Kindes  tödtlich  erkrankt  war.

*)  Ein  natürlicher  Sohn  desselben,  Karl  August,  wurde  Fürst  von
Bretzenheim  und  Großprior  des  Maltheser-Ordens;  eine  Tochter,
Karoline,  heirathete  den  Fürsten  von  Asenburg,  und  drei  weitere

Töchter  die  Grafen  von  Holstein,  von  Westerhold  und  Leiningen-Gundersblum.
        <pb n="335" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  319

würde,  wenn  solche  rechtlich  begründet  gewesen,  das  alles  ward
von  Seite  Bayerns  dem  österreichischen  Hause  mit  keinem  Worte
entgegen  gehalten,  und  Kurfürst  Karl  Theodor,  theils  von
der  Verheißung  geblendet,  daß  er  die  Niederlande  und  den  Titel
eines  „Königs  von  Burgund“  erhalten  werde,  theils  von  der
Sorge  erfüllt,  daß  Oesterreich  mit  Uebermacht  das  bayerische
Gebiet  besetzen  werde,  unterschrieb  am  14.  Januar  1778  den  von
seinem  Gesandten  in  Wien  eingegangenen  Vertrag.  Indessen
war  Oesterreich  mit  dem  im  Vertrage  zugesicherten  Gebiete  nicht
zufrieden,  sondern  belegte  alle  seit  dem  Tode  Ludwigs  des  Bayern
von  dessen  Nachkommen  erworbenen  Güter  (die  Grafschaften  Hals,
Haag,  Hohenschwangau,  Hohenwaldeck,  Sulzbürg  und  Pyrbaum,
Leuchtenberg  u.  a.)  unter  dem  Vorwande  mit  Beschlag,  daß  die
Belehnung  mit  diesen  Gütern  nur  den  Wittelsbachern  der  ludwigischen
  Linie  gegolten  habe,  daß  sohin  alle  diese  Herrschaften
eröffnete  Reichslehen  seien,  über  welche  das  Kaiserhaus  zu  verfügen
  habe.  Dazu  kamen  noch  von  anderer  Seite  her  Forderungen,
auf  die  Kurfürst  Karl  Theodor  nicht  im  Geringsten  gefaßt
war:  der  Kurfürst  Friedrich  August  III  von  Sachsen  sprach
die  ganze  Allodialverlassenschaft  d.  i.  alles  erbbare  Privatgut  des
Kurfürsten  Mar  III  an,  weil  seine  Mutter,  Maria  Antonia,
die  einzige  Schwester  Maximilians  III  war,  von  welcher  Erben
vorhanden  waren.  Die  gleiche  Forderung  stellte  Maria  Theresia,
  weil  sie  ebenfalls  von  einer  bayerischen  Prinzessin  abstammte,
  von  Maria  Anna,  einer  Tochter  Wilhelms  V,  die  den
Kaiser  Ferdinand  II  zum  Gemahle  gehabt  hatte,  der  Herzog
von  Mecklenburg  endlich  forderte  die  Landgrafschaft  Leuchtenberg,
  weil  seinem  Hause  Kaiser  Maximilian  1  Anwartschaft
  darauf  gegeben  hatte.  Das  Haus  Oesterreich  hielt  von
dem  Augenblicke  an,  wo  Karl  Theodor  den  Vertrag  seines
Gesandten,  des  Freiherrn  von  Ritter,  ratifizirt  hatte,  seine
Forderung  an  Bayern  für  gesichert.  Allein  einerseits  wollte  sich
das  Bayernvolk,  stolz  auf  die  Einheit  seines  Volksstammes,
weder  von  seinem  jetzigen  Kurfürsten,  noch  von  dem  österreichischen
Nachbar,  dessen  Feind  es  gewesen  und  zum  Theil  noch  war,  in
Theile  zerreißen  oder  einem  andern,  wenn  auch  stammverwandten
Volke  einverleiben  lassen,  anderseits  regte  Friedrichs  II  pelitische
        <pb n="336" />
        320  Bayern  unter  Karl  Theodor.

Eifersucht  eine  Nebenlinie  des  Wittelsbachischen  Hauses  zu  Einsprüchen
  gegen  Oesterreich  an.  Da  der  nächste  Erbe  des  Gesammthauses
  Wittelsbach,  wenn  Karl  Theodor  ohne  legitime  Kinder
starb,  der  Herzog  Karl  August  von  Zweibrücken,  sein  sehr
nahe  liegendes  Interesse,  Bayern  seiner  Familie  zu  erhalten,  aus
Schwäche  oder  Furcht  nicht  wahren  wollte,  so  bildete  sich  in
München  selbst  (auf  Betrieb  des  Hofraths  von  Lori,  des  Freiherrn
  von  Obermayer  und  des  Sekretärs  André,  die  später
durch  Karl  Theodor  aus  München  verwiesen  wurden)  eine  starke
Partei,  an  deren  Spitze  die  Herzogin  Maria  Anna  Charlotte,
  Wittwe  des  kürzlich  verstorbenen  Herzogs  Clemens  Franz
de  Paula  von  einer  Nebenlinie  des  bayerischen  Hauses,  stand
und  von  Friedrichs  II  Agenten,  dem  Grafen  Johann  Eustach
von  Görtz,  eifrig  unterstützt  und  geleitet  wurde.  Friedrich  II,
der  in  seinem  eigenen  Interesse  zuerst  dem  Kurfürsten  Karl
Theodor  seine  Unterstützung  gegen  Oesterreich  angeboten,  und
dann,  als  dieser  davon  nicht  Gebrauch  machen  wollte,  den  Herzog
Karl  August  und  die  Herzogin  Maria  Anna  Charlotte
aufgefordert  hatte,  bei  Preußen  Hilfe  gegen  Oesterreich  zu  suchen,
trat  nun  in  der  Eigenschaft  eines  Sachwalters  auf.  Außer  der
Eifersucht  auf  Oesterreichs  gewaltige  Machtentwickelung  hatte  den
durch  Krankheit  morosen  Preußenkönig  eine  intriguante  Zuträgerei
gegen  den  Kaiser  sehr  bitter  gestimmt.  „In  Wien,"  wurde  ihm
hinterbracht,  „habe  man  die  Gicht,  an  welcher  er  im  Jahre  1775
litt,  für  Wassersucht  gehalten  und  der  Leibarzt  van  Swieten
sogar  von  der  Nähe  seines  Todes  als  von  einer  gewissen  Sache
gesprochen.“  In  seiner  Verstimmung  hierüber  schenkte  der  mißtrauische
  Monarch  dem  weiteren  Lügengewebe  Glauben,  „daß  der
kriegslustige  Kaiser  Joseph  II  Truppen  nach  Böhmen  in  Bewegung
  gesetzt  habe,  um  beim  Eintritte  des  erwarteten  Todesfalles
  durch  Sachsen  in  Brandenburg  einzufallen  und  dem  Thronfolger
  Schlesien  abzudringen.“  Jetzt  war  Friedrichs  II  Mißtrauen
  gegen  den  Kaiser  zu  der  Höhe  gestiegen,  daß  er  sich  in
den  Wahn  verlor,  Joseph  II  wolle  sich  aus  seiner  beschränkten
Stellung  als  deutsches  Reichsoberhaupt  zu  einer  freieren  emporschwingen
  und  gehe  damit  um,  dem  Kaiserthum  seine  vormalige
Macht  wieder  zu  verschaffen,  sich  in  Deutschland  so  souverain
        <pb n="337" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  321

zu  machen,  wie  es  die  Könige  von  Frankreich  durch  allmählige
Unterdrückung  der  Großen  in  ihrem  Lande  geworden,  und  zur
Einleitung  dessen  Alles  wieder  zu  nehmen,  was  seinen  Vorfahren
und  den  Häusern  Oesterreich  und  Lothringen  jemals  gehört
habe  (im  Osten  Serbien  und  Bosnien,  im  Süden  die  an  Venedig
und  Sardinien  gekommenen  Theile  des  Mailändischen,  im  Westen
Bayern,  Württemberg,  Elsaß  und  Lothringen,  im  Norden  Schlesien).
  In  diesem  Wahne,  der  den  Preußenkönig  natürlich  mit
steten  Besorgnissen  für  den  Bestand  seines  durch  Waffengewalt
zusammengerafften  Reiches  erfüllte  und  ängstigte,  wurde  er  durch
die  Besetzung  Niederbayerns  mit  österreichischen  Truppen  bestärkt
  und  innerlich  bereits  zu  dem  Entschlusse  getrieben,  gegen
den  Kaiser  noch  ein  Mal  das  Schwert  zu  zichen.  Aber  diesen
Entschluß  unverzüglich  in  die  That  überzusetzen,  gestatteten  die
Umstände  nicht;  er  fing  daher  als  „angerufener  Sachwalter“
mit  Einsprüchen,  Anfragen  und  Untersuchungen  an  und  gog  dieselben
  absichtlich  und  in  feiner  politischer  Berechnung  in  die  Länge,
um  erst  die  Gesinnungen  der  großen  Mächte  zu  erforschen  und
zu  erfahren,  auf  wessen  Beistand  er  sich  verlassen  könne.

England  war  damals  mit  dem  Kriege  gegen  die  Nordamerikaner
  beschäftigt,  die  ihre  Unabhängigkeit  von  dem  herrsch=  und
gewinnsüchtigen  Mutterlande  erklärt  hatten;  Frankreich  wurde
durch  seinen  Antheil  an  diesen  amerikanischen  Händeln  und  durch
den  Bruch  mit  England  gehindert,  gegen  Oesterreich  zu  Gunsten
Preußens  eine  thätigere  Nolle  zu  spielen,  versprach  aber  auf  jeden
Fall  völlige  Neutralität  und  mißbilligte  des  Kaisers  Verfahren,
obwohl  dessen  Schwester  Marie  Antoinette  die  Gemahlin
Ludwigs  XVI  war;  Rußland,  Friedrichs  Bundesgenosse,  durfte
die  Türkei  nicht  aus  den  Augen  verlieren,  von  wo  her  jeden
Augenblick  eine  Kriegserklärung  zu  erwarten  war.

Obgleich  Friedrich  II  bald  herausgefunden  hatte,  daß  er
bei  Eröffnung  eines  Kampfes  fast  ganz  auf  seine  eigenen  Kräfte
beschränkt  sein  werde,  so  konnte  und  wollte  er  doch  nicht  von  der
vorgehabten  Demüthigung  Oesterreichs  abstehen,  um  so  weniger,
als  der  einzig  berechtigte  Erbe  Bayerns,  der  Herzog  Karl
August  von  Zweibrücken,  inzwischen  auf  dem  Reichstage
  zu  Regensburg  (1778)  gegen  die  von  Oesterreich  erhobenen

  Ansprüche  feierlichst  protestirt  und  sich  an  den  König
Sattler,  bayer.  Geschichte.  21
        <pb n="338" />
        322  Bayern  unter  Karl  Theodor.

Ludwig  XVI  von  Frankreich  um  Vermittlung  gewendet  hatte.
Als  Friedrich  II  eine  an  den  Wiener  Hof  schristlich  erlassene
Abmahnung  nicht  befolgt  sah,  ließ  er  (im  Juli  1778)  seine
Truppen  in  Böhmen  einrücken.  Maria  Theresia  sah  den  Krieg
so  ungerne,  daß  sie  nach  einigen  Märschen  und  unbedeutenden
Scharmützeln  (im  August)  ihren  Minister  Thugut  an  den
König  nach  Kloster  Braunau  sandte  und  heimlich,  ohne  Wissen
ihres  Sohnes,  über  den  Frieden  unterhandeln  ließ.  Der  alte
Preußenkönig  wollte  nichts  auf's  Spiel  setzen  und  war  zu
billigen  Vergleichsvorschlägen  geneigt;  allein  Joseph  und  der
ihm  ergebene  Kaunitz  beharrten  auf  einer  Entscheidung  durch
die  Waffen.  Im  Winter  1778  begann  der  Krieg  auf's  neue  in
Oberschlesien,  wurde  aber,  nachdem  (gegen  das  Ende  von
1778)  ein  Heer  der  russischen  Kaiserin  Katharina  drohend  an
Oesterreichs  Grenzen  erschienen  war,  vor  einem  entscheidenden
Treffen  in  den  ersten  Tagen  des  März  1779  abgebrochen.  Am
7.  März  1779  wurde  ein  Waffenstillstand  geschlossen  und  alsbald
  zu  Teschen  ein  Congreß  eröffnet,  dessen  Verhandlungen
der  Entwurf  zu  Grunde  gelegt  wurde,  den  der  französische  Gesandte
  zu  Wien,  Baron  von  Breuteuil,  gefertigt  und  dabei
den  Vergleichsvorschlag,  den  Friedrich  II  im  abgelaufenen  Jahre
im  Kloster  zu  Braunau  entworfen,  wesentlich  berücksichtigt  hatte.
Die  Hauptpunkte  des  am  13.  Mai  1779  unterzeichneten  Friedens
waren:  Oesterreich  erhält  von  Bayern  das  Innviertel,  d.  i.
den  von  den  Flüssen  Donau,  Inn,  Salza  und  Traun  umfaßten
Bezirk,  gibt  alles  andere  in  Besitz  genommene  Land  zurück  und
entsagt  den  Ansprüchen  darauf;  Preußen  erhält  die  Zusicherung
der  Erbfolge  in  Ansbach  und  Baireuth,  Sachsen  für  seine
Ansprüche  sechs  Millionen  Gulden  und  der  Herzog  von  Mecklenburg
  das  Privilegium,  daß  seine  Unterthanen  von  seinen
Gerichten  nicht  an  das  Reichsgericht  appelliren  dürfen  (privilegium
  de  non  appellando).  Salzburg,  das  von  älteren  Zeiten
her  eilf  Millionen  meistens  aus  Rechnungen  über  Salz  forderte,
erhielt  430,000  Gulden,  und  der  schwäbische  Kreis,  der
Donauwörth  als  ehemalige  Reichsstadt  begehrte,  bekam  10,000
Gulden.  Die  Theilnehmer  des  Friedens  erkannten  die  Erbfolge
der  pfälzischen  Wittelsbacher  in  Bayern  an  und  sicherten  den
        <pb n="339" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  323

Besitz  von  Kurpfalzbayern  nicht  nur  der  Zweibrücker  Linie
dieses  Hauses,  sondern  auch  der  Birkenfeld-Gelnhauser
Seitenlinie  zu.  Rußland,  Frankreich  und  das  deutsche
Reich  übernahmen  die  Gewährleistung  dieses  Friedens.  Durch
ihn  ward  ein  Krieg  beendigt,  den  der  Soldatenwitz  den  „Kartoffelkrieg"
  nannte,  weil  mehrmals  Gefechte  um  den  Besitz  eines
Kartoffelfeldes  vorfielen;  allein  auch  der  „Kartoffelkrieg“  oder,
wie  er  noch  genannt  wurde,  „der  bayerische  Rummel“  war  Veranlassung,
  daß  ein  deutscher  Fürst,  Friedrich  II,  in  einer  rein
deutschen  Frage  an  ausländische  Mächte  appellirte.

»  Der  nicht  unbedeutende  Vortheil,  welchen  das  österreichische
Haus  aus  dem  Frieden  zu  Teschen  zog,  ließ  dem  alten  ehrgeizigen
  Friedrich  II  um  so  weniger  Ruhe,  als  die  Freundschaft
  der  russischen  Kaiserin  für  Preußen  immer  lauer  wurde.
Da  that  er  1781  den  unverzeihlichen  Schritt,  der  russischen  Kaiserin
  in  eigener  Person  den  Antrag  zu  stellen,  beim  deutschen
Reichstage  eine  stehende  russische  Gesandtschaft  zu  errichten.  Die
Dinge  gestalteten  sich  indessen  wider  seinen  Willen  so,  daß  Joseph
  II,  dem  dieser  Streich  zugedacht  war,  Vortheil  davon  zog,
weil  Katharina,  von  dem  ekelhaften  Treiben  Friedrichs  abgestoßen,
  sich  immer  mehr  der  österreichischen  Freundschaft  zuneigte.
Dieser  Freundschaft  versichert  und  mit  Frankreich  verbündet,  nahm
Joseph  II  seinen  durch  den  Teschener  Frieden  gescheiterten
Planu  der  Erwerbung  Bayerns,  dieses  ihm  so  wohlgelegenen  Landes,
  wieder  auf  und  betrieb  ihn  mit  allem  Eifer,  den  Ehrgeiz
und  Staatsinteresse  einem  für  beide  glühenden  Fürsten  geben
können.  Eine  erwünschte  Aussicht  für  das  Gelingen  des  Planes
lag  in  der  Fortdauer  der  Freundschaft  zwischen  dem  Kaiser  und
dem  Kurfürsten  Karl  Theodor,  der  den  Teschener  Frieden  mit
unverhaltenem  Unmuthe  unterzeichnet  hatte,  weil  er  durch  ihn
seine  früheren  Verträge  mit  dem  Kaiser  zu  seinem  großen  Verdrusse
  zerrissen  sah.  Mit  Freuden  ging  er  deshalb  auf  die  Unterhandlungen
  ein,  die  mit  ihm  auf's  neue  wegen  des  Ländertausches
  angeknüpft  wurden,  und  nahm  den  im  Januar  1785
ihm  gemachten  Antrag,  ganz  Bayern,  die  Oberpfalz,  die
Fürstenthümer  Neuburg  und  Sulzbach,  und  die  Landgrafschaft
  Leuchtenberg  dem  Hause  Oesterreich  zu  überlassen  und

21“
        <pb n="340" />
        324  Bayern  unter  Karl  Theodor.

dafür  die  oͤsterreichischen  Niederlande  (mit  Ausschluß  des  Herzogthums
  Luxemburg  und  der  Grafschaft  Namur)  unter  dem  Titel
eines  Königreichs  Burgund  und  drei  Millionen  Gulden
baares  Geld  anzunehmen.  Der  Vortheil,  der  dem  Hause  Oesterreich
  aus  dem  Gelingen  dieses  Vorschlages  zugegangen  sein  würde,
war  zu  gewaltig,  als  daß  der  von  Eifersucht  gequälte  Friedrich  II
unthätig  bleiben  konnte.  Darum  wurde  von  Seite  Preußens
Alles  aufgeboten,  diesen  Ländertausch  zu  hintertreiben,  und  der
präsumtive  Erbe  Bayerns,  der  Herzog  Karl  August  von
Zweibrücken,  veranlaßt,  sich  an  den  König  von  Preußen  zu
wenden.  Die  Bemühungen  des  russischen  Ministers  Romanzow,
den  Pfalzgrafen  Karl  August  zur  Genehmigung  der  Uebereinkunft
zu  bewegen,  schlugen  fehl;  auch  Karl  Augusts  Bruder  Maximilian
Joseph  ließ  sich  nicht  gewinnen,  obwohl  ihm  eine  halbe  Million
Gulden  angeboten  wurde.  Friedrich  II  wußte  das  französische
  Kabinet  gegen  Josephs  II  Plan  einzunehmen  und  auch
das  russische  in  so  weit  umzustimmen,  daß  Katharina  erklärte,
  sie  habe  dem  Herzog  Karl  August  den  Tausch  nur  als
eine  Sache  antragen  lassen,  die  vom  freien  Willen  beider  Theile
abhänge.  Aus  Rücksicht  für  Frankreich  ließ  auch  Joseph  I
das  Tauschprojekt  fallen.  Trotz  dieser  vom  Kaiser  geübten  Nachgiebigkeit
  beharrte  Friedrich  II  in  seiner  feindseligen  Haltung
gegen  das  Reichsoberhaupt  und  stiftete  1785  den  deutschen
Fürstenbund,  angeblich  zur  Aufrechthaltung  der  deutschen  Verfassung
  und  des  deutschen  Länderbestandes,  in  Wahrheit  aber,
um  das  keaiserliche  Ansehen  vollends  zu  untergraben  und  dem
Kaiser  seine  Ohnmacht  gegenüber  den  Fürsten  des  Reiches  gründlich
  fühlen  zu  lassen).  Der  Stifter  des  deutschen  Fürstenbundes

–—

 

*)  Am  23.  Juli  1785  unterzeichneten  diesen  Fürstenbund  zu  Berlin
die  drei  Bevollmächtigten  der  Kurhäuser  Brandenburg,  Hannover  und
Sachsen.  Außer  Trier  und  Köln,  Württemberg,  Oldenburg  und
Darmstadt  traten  in  der  Folge  alle  deutschen  Fürsten  dem  Bunde  bei,
obwohl  sie  sich  gestehen  mußten,  daß  von  dem  Zeitpunkte  an,  wo  Kaiser
Joseph  II  den  Eintausch  Bayerns  aufgegeben  hatte,  die  Integrität  des
deutschen  Reiches  von  keiner  Seite  her  bedroht  war.  Den  undeutschen  Charakter
  dieses  Bundes  beweist  am  besten  der  Umstand,  daß  König  Friedrich  II
selbst  Frankreich  in  denselben  zu  ziehen  bemüht  war.
        <pb n="341" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  325

trat  ein  Jahr  nach  seiner  Stiftung  durch  den  Tod  vom  politischen
Schauplatz  ab,  aber  seine  Eifersucht  gegen  Oesterreich  und
seine  dualistische  Politik  in  Deutschland  blieben  und  wirkten
als  sein  Vermächtniß  an  Preußen.

§#  104.  Karl  Theodor  hatte  sich  vom  Beginne  seiner
Regierung  an  nicht  recht  in  das  Wesen  und  den  Charakter  der
Altbayern  hineingefunden  und  daher  auch  nicht  jenes  Vertrauen
gefunden,  welches  Max  III,  seinem  Vorgänger  in  der  Regierung,
zu  Theil  geworden  war.  Die  Mißstimmung,  in  die  er  hierüber
gerieth,  wurde  von  seiner  nächsten  Umgebung  (seinem  Beichtvater
Ignaz  Frank,  einem  Jesuiten,  seinem  Schwiegersohne  Graf
von  Leiningen,  dem  Freiherrn  von  Vieregg  und  dem  geheimen
  Rath  Kaspar  Lippert)  wach  erhalten  und  fand  in
der  Folge  durch  einige  beklagenswerthe  Vorfälle  neue  Nahrung.
Utzschneider,  der  geheime  Sekretär  der  Herzogin  Maria  Anna
Charlotte,  entdeckte  ihm  den  Bestand  einer  geheimen  Gesellschaft,
der  sogenannten  „Illuminaten“,  welche  von  Adam  Weishaupt,
  Professor  des  Kirchenrechts  in  Ingolstadt  (er  führte  den
fingirten  Namen  „Spartacus"),  im  Jahre  1783  unter
dem  Aushängschilde  „wissen  schaftlicher  Bildung“  gestiftet
war  und  sehr  gefährliche  Absichten  für  Staat  und  Kirche  verfolgte.
  Karl  Theodor  unterdrückte  sie  (erstes  Dekret  vom
22.  Juli  1784)  mit  gebührender  Strenge  und  ließ,  durch  diese
Entdeckung  gegen  Aufklärung  und  Wissenschaft  mißtrauisch  gemacht,
  von  nun  an  die  Censur  der  Bücher  und  die  Einfuhr  selbst
nützlicher  Werke,  die  im  Auslande  verlegt  waren,  mit  großer
Strenge  überwachen.  Gleich  schmerzlich  berührte  ihn  die  Unruhe,
die  von  den  gewerbtreibenden  Einwohnern  Münchens  erregt  wurde,
als  er  zur  Hebung  der  Gewerbe  freie  Concurrenz  eröffnete  und
den  Bewohnern  der  Vorstädte  (Au,  Haidhausen,  Lehel)  gestattete,
ihre  Arbeiten  in  die  Hauptstadt  zu  liefern.  Im  Unmuthe  über
die  arge  Verkennung  seines  guten  Willens  ging  Karl  Theodor
nach  Mannheim  und  kehrte  von  dort  erst  nach  neun  Monaten
auf  vieles  Bitten  wieder  nach  München  zurück.  Bei  aller  Mißstimmung
  gegen  das  altbayerische  Volk,  die  auch  bei  der  Rückkehr
  von  Mannheim  nicht  gehoben  war,  hegte  Karl  Theodor
        <pb n="342" />
        326  Bayern  unter  Karl  Theodor.

doch  viel  Sinn  für  das  Aufblühen  des  geerbten  Landes  und
stiftete  während  seiner  Regierung  manches  Gute.

Agricultur,  Handel,  Gewerbe,  Industrie  und  sonstige
  Erwerbszweige  nahmen  durch  ihn  einen  bisher  ungekannten
  Ausschwung.  Er  hob  auf  seinen  Besitzungen  die  lästige
Leibeigenschaft  auf  und  verwandelte  das  Leibeigenthum
(ein  Gut,  welches  der  Leibeigene  benutzen  durfte,  aber  nur  mit
Bewilligung  seines  Herrn  vererben  konnte)  in  Erbeigenthum.
Nach  dem  Rathe  einsichtsvoller  Männer  gab  er  mehrere,  sehr
wohlthätige  Gesetze  für  die  Forstcultur  und  schuf  zur  Heranbildung
  tüchtiger  Forstleute  1786  die  erste  Forstschule,  errichtete
eine  Vieharznei-,  Chirurgen=  und  Hebammenschule  in
München,  eine  Oekonomieschule  zu  Schleißheim,  verbesserte
die  Salzwerke  zu  Reichenhall  und  Traunstein,  unterstützte  die
Ausbeute  der  reichen  Eisengruben  bei  Amberg,  Bodenwöhr  und
Gottesgabe  am  Fichtelberg,  desgleichen  die  dort  bestehenden  Hammerwerke,
  förderte  die  Bienenzucht  und  führte  den  Kleebau
und  die  Seidenzucht  ein,  welch  letztere  sich  jedoch  nicht  lohnte,
so  wenig  als  die  mit  großen  Kosten  hergestellte  Austrocknung
des  Donaumooses  auf  dem  rechten  Ufer  der  Donau  von
Neuburg  bis  Ingolstadt  in  einer  Ausdehnung  von  60,000  Tagwerken.


Sehr  erheblich  waren  die  Summen,  welche  unter  der  Leitung
des  Direktors  Adrian  von  Riedel  auf  Straßen=  und  Wasserbauten
  verwendet  wurden.  Im  Jahre  1790  wurde  in  der
Gegend  von  Ingolstadt  zum  Behuf  der  Rectification  des  Donaustromes
  ein  drei  Stunden  langer  Kanal  gegraben  und  das  Donauwasser
  in  denselben  geleitet,  wodurch  der  Strom  eine  gerade
Richtung  und  die  Schifffahrt  durch  Vermeidung  der  Krümmung
aufwärts  2½  Stunden  gewann.  In  demselben  Jahre  wurde
die  Bergstraße  bei  Dachau,  wegen  ihres  jähen  Abhanges  für
Fuhrwerke  höchst  gefährlich,  mehr  geebnet,  und  im  Jahre  1792
fing  man  an,  die  Felsen  zu  sprengen,  welche  die  von  Postsaal
nach  Regensburg  führende  Landstraße  zwischen  dem  Rinnsal
der  Donau  und  diesen  Felsen  so  enge  machten,  daß  dieselbe
immer  sehr  gefährlich  und  bei  Hochwasser  gar  nicht  zu  befahren
war.  Denkmäler  bei  Dachau  und  Abbach  verkünden  der  Nachwelt
  den  Urheber  der  beiden  letzten  Schöpfungen.

Viel  Zeit  und  Geld  verwendete  Karl  Theodor  auf  die  Verschönerung
  Münchens,  dem  er  gerne  die  Reize  des  ihm  unvergeßlichen
  Mannheim  verliehen  hätte.  Im  Jahre  1789  wurden
alle  Begräbnißplätze  um  die  Kirchen  der  Stadt  in  offene  Plätze
umgewandelt  und  der  allgemeine  Kirchhof  zum  hl.  Stephan  ver
        <pb n="343" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  327

dem  Sendlingerthore  erweitert.  In  dem  nämlichen  Jahre  wurde
auch  der  englische  Garten  angelegt,  ein  Park,  der  in  Europa
einzig  in  seiner  Art  dasteht,  und  die  Herstellung  der  Schönfeld-Vorstadt
  in  Angriff  genommen.  Im  Jahre  1791  wurde  der
vor  dem  Neuhauserthor  befindliche  Wall  abgetragen  und  ein  neues
Thor,  das  Karlsthor,  gebaut,  an  dessen  Außenseite  durch  die
rechts  und  links  angebauten  Häuser  eine  schöne  Rotunde  zu  Stande
kam.  Die  Seele  dieses  Werkes,  ja  der  meisten  Verschönerungen
und  Verbesserungen,  die  in  und  außer  München  getroffen  wurden,
war  der  im  Jahre  1784  nach  München  gerufene  Benjamin
Thompson,  der  nachmalige  Graf  von  Rumford  8),  der  des
Kurfürsten  unbedingtes  Vertrauen  genoß.  Durch  eben  diesen
Rumford  wurde  auch  der  höchst  lästige  Straßenbettel  in
München  abgestellt  und  die  unter  seinem  Namen  fortbestehende
„Rumford'sche  Suppenanstalt“  gegründet.

Für  die  schönen  Künste  that  Karl  Theodor  in  Bayern
nicht  weniger,  als  er  am  Rheine  gethan.  Schauspiel  und
Ballet  wetteiferten  um  die  Anerkennung,  seine  Hofmusik  war
die  erste  in  Deutschland.  Die  übrigen  Künste  ermunterte  und
belebte  er  in  einer  Weise,  daß  München  weithin  als  Musterschule
genannt  wurde.  Von  den  schönen  Gemälden  in  Schleißheim,  die
wegen  der  weiten  Entfernung  von  München  von  den  Künstlern
nur  mit  großen  Kosten  benutzt  werden  konnten,  ließ  er  einen
Theil  nach  München  schaffen  und  in  einem  am  Hofgarten  dazu
errichteten  Gebäude  aufstellen,  bereicherte  ihre  Zahl  mit  der
Düsseldorfer  Sammlung  und  gestattete  jedem  Freunde  der
Kunst  den  Zutritt.

Auch  zur  Aufnahme  der  Wissenschaften  leistete  Karl  Theodor
  sehr  Erhebliches.  Er  sorgte  für  die  Vermehrung  und  Verbesserung
  der  in  dem  ehemaligen  Jesuitenkloster  bei  St.  Michael
untergebrachten  Hofbibliothek  und  bereicherte  das  Münzkabinet,
  welches  durch  Ignaz  von  Streber  zweckmäßig  geordnet
  wurde.  Die  Akademie  der  Wissenschaften,  von
Karl  Theodor  ermuntert,  setzte  ihren  rühmlichen  Eifer  fort  und
verbreitete  ihren  Ruf  über  die  Grenzen  Deutschlands  hinaus.  An
der  Universität  Ingolstadt  wurden  neue  Lehrstühle  für  Statistik,
  Geschichte,  Oekonomie  und  Cameralwissenschaft
errichtet  und  mit  namhaften  Gelehrten  (der  Lehrstuhl  der  Geschichte
mit  dem  um  dieses  Fach  sehr  verdienten  J.  N.  Mederer)  besetzt,
so  daß  die  hohe  Schule  zu  Ingolstadt  als  der  Sammelplatz  ausgezeichneter
  Gelehrten  galt??).  Daß  Karl  Theodor  die  Güteder
  Jesuiten,  welche  Mar  III  Joseph  für  die  Zwecke  der  Bildung
und  des  Unterrichts  bestimmt  hatte,  zur  Errichtung  einer  Maltheser
  Zunge  (der  neunten  oder  bayerischen)  für  Ober=  und
        <pb n="344" />
        328  Bayern  unter  Karl  Theodor.

Niederbayern,  Oberpfalz  und  Pfalz-Neuburg  (14.  Dezember  1781)
verwendete,  hauptsächlich  aus  dem  Grunde,  um  seinen  natürlichen
Sohn,  den  Fürsten  von  Bretzenheim,  als  Großprior  zu  versorgen,
  führte  bittere  Klagen  herbei,  weil  dadurch  große  Summen
ihrem  bisherigen  Zwecke  entfremdet  wurden  und  der  Unterricht  an
Gymnasien  und  Lyceen  ganz  in  die  Hände  der  Klostergeistlichen
gelegt  werden  mußte.  Als  man  in  der  Folge  wahrnahm,  daß
die  Klostergeistlichen  die  ihnen  anvertrauten  Schulen  (1781—
1800)0  mit  Eifer  und  Erfolg  besorgten,  verstummten  die  Klagen
allmählig,  doch  blieben  die,  welche  mit  Würden  der  neu  gestifteten
Maltheserzunge  bedacht  worden  waren,  für  Viele  ein  Gegenstand
der  Anfeindung.  Auch  das  erregte  Anstoß,  daß  Karl  Theodor
dem  Damenstifte  zur  hl.  Anna  in  München,  welches  Maria
Anna  Sophia,  die  Wittwe  des  Kurfürsten  Max  III  Joseph,
im  Jahre  1781  gegründet  hatte,  das  den  Salesianerinen
gehörige  Kloster  zuwendete  und  letztere  in  das  wegen  vieler  Schulden
  aufgehobene  Kloster  Indersdorf  versetzte.  Den  Stiftsdamen
schenkte  er  etwas  später  die  gleichfalls  überschuldete  Prämonstratenser
  Abtei  Osterhofen.  Um  bei  Verleihung  von  Pfarreien
nicht  nach  Willkür  oder  auf  bloße  Empfehlungen  hin  verfahren
zu  müssen,  ließ  Karl  Theodor  den  1780  eingeführten  Pfarramts-Concurs
  jährlich  halten  und  bestand  darauf,  daß  Keinem
eine  Pfarrei  verliehen  werde,  der  im  Conrurse  nicht  befriedigt
hatte.

Mit  der  bayerischen  Armee,  für  welche  in  der  letzten  Zeit
des  Kurfürsten  Mar  III  Joseph  wenig  mehr  geschehen  war,  nahm
Thompson  im  Auftrage  Karl  Theodors  eine  gründliche  Reform
vor,  ohne  jedoch  den  Militär-Etat  von  2,700,000  Gulden  zu
überschreiten.  Eine  der  ersten  Neuerungen  auf  diesem  Gebiete
war  die  1780  begonnene  Errichtung  eines  Landessecuritäts-Corps
  (Gensdarmerie-Corps),  dem  die  Aufgreifung  aller  Verbrecher
  zustand.  Das  von  Mar  III  Emanuel  gegründete  Kadettencorps,
  durch  die  bayerische  Herzogin-Wittwe  Maria
Anna  Charlotte  1778  in  eine  Landesakademie  umgewandelt,
  wurde  1786  wieder  als  Militärakademie  zur  Bildung
guter  Ober=  und  Unteroffiziere  hergestellt.

Da  bei  den  enormen  Auslagen,  welche  Karl  Theodor  für
alle  Zweige  des  Staatshaushaltes  machen  ließ,  große  Geldnoth
eintrat,  wendete  sich  der  Kurfürst  auf  den  Rath  seines  Finanzministers,
  des  Freiherrn  von  Bettschart,  an  den  Papst
Pius  VII  (1775—1799)  und  erhielt  von  diesem  gegen  das  Ende
seiner  Regierung  (1798)  den  zehnten  Theil  des  Stammvermögens
aller  Klöster  und  Stifter,  ungefähr  15  Millionen,  zugesprochen,
die  unter  großem  Widerspruche  der  Landstände  erhoben  wurden.
        <pb n="345" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  329

Den  erfreulichen  Fortgang,  den  unter  Karl  Theodors
Regierung  die  Künste  des  Friedens  nahmen,  hemmten  mit  einem
Male  die  stürmischen  Ereignisse,  welche  durch  den  Ausbruch  der
französischen  Revolution  (1789)  über  Deutschland  hereinbrachen.
Karl  Theodor,  welcher  bald  nach  dem  Beginne  dieser  Revolution
  zwei  Mal  nacheinander,  nämlich  nach  dem  Tode  des  Kaisers
  Joseph  II  (1  1790)  und  seines  Bruders  und  Nachfolgers
Leopold  II.  (T  1792),  die  Stelle  eines  Verwesers  des
deutschen  Reiches  versah,  war  anfänglich  der  Meinung,  Deutschland
  solle  die  strengste  Neutralität  beobachten.  Als  aber  (20.  April
1792)  Frankreich  selbst  den  Krieg  gegen  das  deutsche  Reich  und
den  Kaiser  Franz  II  (1792—1806)  unter  dem  nichtigen  Vorwande
  erklärte,  daß  die  französischen  Emigranten  und  das  Ausland
  einig  seien,  mit  deutschen  Truppen  die  absolute  Monarchie
in  Frankreich  wieder  einzuführen,  stellte  auch  Bayern  sein  Contingent
  zur  Vertheidigung  des  deutschen  Vaterlandes.  Die  kurpfälzischen
  Länder  jenseits  des  Rheines,  die  Rheinpfalz,  Jülich
und  Zweibrücken,  kamen  zuerst  (1792—1795)  in  die  Gewalt
der  Feinde.  Im  Jahre  1795  fielen  Düsseldorf  und  Mannheim,
  und  im  Jahre  1796  näherte  sich  eine  Abtheilung  der
Franzosen  unter  dem  General  Jourdan  der  Oberpfalz,  eine
andere  unter  dem  General  Moreau  dem  Gebiete  Altbayerns.
Jourdan  rückte  nach  einem  hartnäckigen  Gefechte  in  Amberg
ein  und  suchte  von  da  aus  rasch  vorzudringen.  Aber  der  Erzherzog
  Karl,  ein  Bruder  des  Kaisers  Franz  II,  erschien  an
der  Spitze  frischer  Truppen,  schlug  (22.  August  1796)  Jourdans
rechten  Flügel  (unter  General  Bernadotte,  dem  nachmaligen
König  Karl  XIV  von  Schweden)  bei  Neumarkt  und  Deining
und  trieb  das  ganze  Heer,  das  bei  Amberg  (24.  August  1796)
und  Würzburg  (3.  September  1796)  neue  Niederlagen  erlitt,
bis  an  den  Rhein.

Moreau  hatte  unterdessen  Augsburg  besetzt,  die  Oesterreicher
  bei  Friedberg  vertrieben,  Ingolstadt  belagert  und
war  bis  München  vorgedrungen.  Die  Oesterreicher  und
die  unter  dem  ausgewanderten  französischen  Prinzen  Condé  geschaarten
  Truppen  warfen  sich  auf  das  rechte  Ufer  der  Isar.
Der  Kurfürst  mußte  seine  Residenz  verlassen,  welche  Graf  von
        <pb n="346" />
        330  Bayern  unter  Karl  Theodor.

Rumford  mit  10,000  Mann  bayerischer  Truppen  vergeblich  zu
decken  suchte.  Da  Preußen  durch  den  Separatfrieden,  den  es
am  5.  April  1795  mit  Frankreich  geschlossen,  die  übrigen
Reichsglieder  preisgegeben  und  unter  solchen  Verhältnissen  die
Fortsetzung  des  Krieges  von  Seite  Bayerns  auch  nicht  die  mindeste
  Aussicht  auf  guten  Erfolg  hatte,  so  schloß  Bayern  nach
dem  Beispiele  Badens  und  Württembergs  am  7.  September
1796  zu  Pfaffenhofen  mit  Moreau  einen  Waffenstillstand,
worin  man  versprach,  den  Franzosen  freien  Zug  durch  das  Land
zu  gestatten  und  10  Millionen  Livres  nebst  einer  Menge  von
Naturalien,  selbst  Kunstschätzen  (3300  Pferde,  200,000  Centner
Getreide,  eben  so  viel  Heu,  100,000  Paar  Schuhe,  10,000  Paar
Stiefel,  30,000  Ellen  Tuch,  20  Gemälde  aus  der  Bildergallerie
u.  a.  m.)  zu  entrichten.  Doch  der  schnelle  Rückzug  Jourdans
an  den  Rhein,  ein  verlornes  Treffen  bei  München  gegen  die
österreichischen  Generale  Frölich  und  Fürst  von  Fürstenberg
(11.  September  1796),  das  Anrücken  des  österreichischen  Generals
Hotze  gegen  Ingolstadt  nöthigte  auch  Moreau  zu  dem  berühmt
gewordenen  Rückzug  über  Augsburg  nach  Schwaben,  durch  den
Schwarzwald  und  das  Kinzingthal  nach  Straßburg.  Bayern
war  so  der  aufgelegten  Lieferungen  enthoben  und  binnen  wenigen
Tagen  von  Feinden  leer.  Uebrigens  hatte  es  durch  Ouartierlasten,
  Contributionen,  Plünderungen  und  Erpressungen  aller
Art  von  den  Oesterreichern  und  Condéern  nicht  weniger  erlitten
als  von  den  Franzosen.  Der  Schaden  dieses  Krieges  belief  sich
auf  dreißig  Millionen.  Diesen  mehrte  noch  eine  verhceerende
Viehseuche,  die  sich  1796—1799  über  das  ganze  Land  verbreitete.
Glücklicher  als  Jourdan  und  Moreau  in  Deutschland  war  Napoleon
  Bonaparte  in  Italien  gewesen.  Seine  Siege  bei
Montenotte,  Millesimo  (ein  Collectivname  für  die  Gefechte
vom  13.—15.  April  1796),  Lodi,  Arcole,  Tarvis  zwangen
den  Kaiser  Franz  II  zum  Frieden  von  Campo  Formio
(17.  Oktober  1797).  Ein  geheimer  Artikel  dieses  Friedens  verhieß
  den  Oesterreichern  Salzburg  und  von  Bayern  alles
Land  amrechten  Ufer  des  Inn  nebst  der  Stadt  Wasserburg,
  wogegen  Oesterreich  in  die  Abtretung  des  linken
Rheinufers  an  Frankreich  einwilligte,  ein  würdiges  Seitenstück
        <pb n="347" />
        Bayern  unter  Karl  Theodor.  331

zu  dem  von  Preußen  zu  Basel  geschlossenen  Frieden.  Die
deutschen  Reichsfürsten  und  der  Statthalter  von  Holland
  sollten  nach  dem  Inhalte  desselben  Artikels  für  die  von
ihnen  erlittenen  Verluste  durch  Säcularisation  (Aufhebung
und  Einziehung)  geistlicher  Besitzungen  entschädigt  und  zu
diesem  Zwecke  ein  Reichsfriedens-Congreß  nach  Rastadt
berufen  werden.  Zum  Glücke  für  Bayern  wurde  der  seine  Integrität
  bedrohende  Artikel  nicht  vollzogen,  denn  der  (25.  November
1797)  in  Rastadt  eröffuete  Congreß  löste  sich  bald  (8.  April
1799)  ohne  irgend  eine  Beschlußfassung  auf,  ja  es  wurden  sogar
zwei  französische  Gesandte  auf  der  Heimreise  ermordet.

Karl  Theodor  lebte  nach  dem  Frieden  von  Campo
Formio,  von  dessen  Bestimmungen  ihm  die  für  Bayern  nachtheiligen
  verschwiegen  wurden,  nur  noch  etliche  Monate  über  ein
Jahr,  ohne  sich  an  den  Geschäften  der  Regierung  mehr  zu  betheiligen,
  als  unumgänglich  nothwendig  war.  Der  zum  Cabinets-Sekretär
  erhobene  Caspar  Edler  von  Lippert,  seit  Jahren  von
dem  Kurfürsten  in  Allem  zu  Rath  gezogen,  erledigte  anstatt  des
Kurfürsten  die  gewöhnlichen  Einläufe,  machte  sich  aber  dabei
vielfach  empörender  Willkür  schuldig;  doch  war  er  schlau  genug,
die  höheren  Administrativ=  und  Justiz-Collegien  mit
Eingriffen  in  ihre  Befugnisse  zu  verschonen.  Aus  der  Ehe,  die
der  (seit  17.  August  1792)  verwittibte  Kurfürst  Karl  Theodor
am  15.  Februar  1795  mit  Marie  Leopoldine  von  Este  und
Modena,  Tochter  des  Erzherzogs  Ferdinand  von  Oesterreich“)
und  Enkelin  der  Kaiserin  Maria  Theresia,  geschlossen  hatte,  erblühte
  wenig  Freude  —  die  Ehe  blieb  kinderlos  und  die  jugendliche
  Kurfürstin,  des  hochbetagten  Gatten  überdrüssig,  verursachte
durch  ihre  Haltung  vielfaches  Aergerniß.  Karl  Theodor  starb,
vom  Schlage  gerührt,  am  16.  Februar  1799.  Mit  ihm  erlosch
die  Pfalz-Sulzbachische  Linie  "7).

—.  —  —

 

*)  S.  oben  S.  294  die  Tafel  des  Hauses  Lothringen  in  Oesterreich,
  Toskana,  Modena,  Parma.

*)  Seine  Wittwe  Marie  Leopoldine  kaufte  1800  die  Herrschaft
Stepperg  bei  Neuburg,  vermählte  sich  1804  mit  dem  Grafen  Ludwig
von  Arco  und  starb  am  24.  Mai  1848  bei  Wasserburg  in  Folge  eines
Wagensturzes.
        <pb n="348" />
        332  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

#  105.  Da  der  Herzog  Karl  August  von  Pfalz-Zweibrücken,
  der  im  Frieden  zu  Teschen  (1779)  als  der
nächste  Erbe  Karl  Theodors  in  Aussicht  genommen  war,  schon
im  Jahre  1795  ohne  Hinterlassung  von  Nachkommen  sein  Leben
beschlossen  hatte,  so  war  dessen  Bruder,  der  Herzog  Maximilian
Joseph,  der  nächstberechtigte  Erbe  Karl  Theodors  und  wurde
an  demselben  Tage,  an  welchem  dieser  verschieden,  am  16.  Februar
1799,  als  Kurfürst  von  Pfalzbayern  ausgerufen,  das  er
von  1799—  1805  als  Kurfürst  Maximilian  IV  Joseph,
und  von  1805  —  1825  als  König  Maximilian  I1  Joseph
regierte.

Der  Vater  Maximilian  Josephs  war  Friedrich  Michael,
des  Pfalzgrafen  Christian  III  von  Zweibrücken-Birkenfeld-Bischweiler
  zu  Bischweiler  Sohn,  welcher  nach  dem  Tode  seines  kinderlosen
  Vetters  Gustav  Samuel  aus  der  Linie  Pfalz-Zweibrücken
  zu  Guttenburg  im  Jahre  1731  das  Herzogthum
Zweibrücken  geerbt  hatte  und  von  da  an  sich  „Herzog  von
Zweibrücken"  nannte.  Die  Mutter  Marimilian  Josephs  war
Maria  Franziska  Dorothea,  des  Pfalzgrafen  Joseph  Karl
Emanuel  von  Sulzbach  Tochter,  von  deren  Schwestern  die  eine,
Elisabeth,  mit  dem  Kurfürsten  Karl  Theodor  von  Kurpfalzbayern,
  die  andere,  Maria  Anna,  mit  dem  Herzog
Clemens  Franz  de  Paula  in  Bayern,  vermählt  war.
Friedrich  Michael  hatte  sich,  wie  fast  alle  pfälzischen  Prinzen,
schon  frühzeitig  dem  Militärstand  gewidmet  und  anfangs  in
Frankreich,  später  in  Oesterreich  Dienst  genommen,  wo  er
sich  im  Laufe  des  siebenjährigen  Krieges  bis  zur  Würde  eines
General-Reichsfeldmarschalls  emporschwang.  Im  Jahre
1746  war  er  von  der  reformirten  zur  katholischen  Religion  übergetreten
  und  hatte  in  dieser  auch  seine  Kinder  erziehen  lassen.
Sein  jüngster  Sohn,  Maximilian  Joseph,  zu  Schwezingen
unweit  Mannheim  am  27.  Mai  1756  geboren,  verlebte  die  ersten
sechs  Jahre  seines  Lebens  mit  der  Mutter  zu  Mannheim  bei
dem  Vetter,  dem  Kurfürsten  Karl  Theodor.  Nachher  kam  er
nach  Zweibrücken  und  wurde  von  seinem  Oheim,  dem  Herzoge
Christian  IV  von  Zweibrücken,  standesgemäß  erzogen,  trat
aber,  dem  Beispiele  des  Vaters  folgend,  schon  frühzeitig  (1777)
in  französische  Militärdienste,  wo  er  Inhaber  des  in  Straßburg
liegenden  Regimentes  Elsaß  wurde.  Dort  lebte  er  viele  Jahre
lang  bis  zum  Ausbruche  der  französischen  Revolution  (1789),
während  sein  Bruder,  Karl  August,  nach  dem  Ableben  Christians
  IV  im  Jahre  1775  regierender  Herzog  von  Zwei-
        <pb n="349" />
        Bayern  unter  Maximilian  1V  Joseph.  333

brücken  geworden  war.  Am  30.  September  1785  hatte  sich
Maximilian  Joseph  mit  Wilhelmine  Auguste,  des  Prinzen
  Georgs  von  Hessen-Darmstadt  Tochter,  vermählt,  welche  ihm
am  25.  August  1786  einen  Sohn  gebar,  welcher  den  Namen
Ludwig  erhielt,  und  in  der  Folge  noch  drei  weitere  Kinder,
nämlich  am  21.  Juni  1788  die  Prinzessin  Augusta,  die  sich
mit  dem  Prinzen  Eugen  von  Beauharnais,  Herzog  von
Leuchtenberg  und  Fürst  von  Eichstädt,  vermählte,  am  8.  Februar
1792  die  Prinzessin  Charlotte  Auguste,  die  als  Kaiserin
von  Oesterreich  den  Namen  Karoline  führte,  und  am  17.  Juli
1795  den  Prinzen  Karl,  die  beiden  letzteren  zu  Mannheim,
wohin  Maximilian  Joseph  nach  dem  Ausbruche  der  französischen
  Revolution  gezogen  war.  Hier  und  in  Darmstadt
bei  den  Eltern  seiner  am  30.  März  1796  verstorbenen  Gemahlin
Wilhelmine  lebte  er  von  1789—1797,  anfänglich  von  der  aus
dem  Herzogthum  Zweibrücken  fließenden  Apanage,  und  dann,  als
diese  unter  dem  Drucke  der  kriegerischen  Ereignisse  ausblieb,  von
den  geringen  Beiträgen,  die  ihm  Karl  Theodor  und  die  bayerische
  Landschaft  zuwendeten,  hauptsächlich  aber  von  Darlehen,
welche  der  jüdische  Banquier  Aaron  Elias  Seligmann  (der
sich  später  taufen  ließ  und  unter  dem  Titel  „Freiherr  von
Eichthal“  in  den  bayerischen  Adelsstand  erhoben  wurde)  nicht
ohne  Gefahr  für  die  Wohlhabenheit  seines  Hauses  gewährte.  Zur
Zeit,  wo  Karl  Theodor  starb,  war  Maximilian  Joseph
alleiniger  Herr  von  Pfalz-Zweibrücken,  denn  er  hatte  1795  seinen
Bruder  Karl  August  geerbt,  der  am  1.  April  1795  ohne
Hinterlassung  von  Nachkommen  gestorben  war.

Max  traf  am  26.  Februar  1799  Abends  in  München  ein,
mit  ihm  seine  zweite  Gemahlin  Karoline,  des  Erbprinzen  Karl
Ludwig  von  Baden  Tochter,  die  er  am  9.  März  1797  geehlicht  hatte,
seine  Kinder  aus  erster  Ehe  und  sein  Schwager"),  der  Pfalzgraf
Wilhelm  von  Zweibrücken-Birkenfeld-Bischweiler  zu
Gelnhausen,  der  seit  dem  Jahre  1781  in  dem  von  Karl  Theodor
ihm  geschenkten  kurfürstlichen  Palaste  zu  Landshut  residirte  und  am
16.  Februar  1799  den  Titel  „Herzog  in  Bayern“  erhalten  hatte.
Der  neue  Kurfürst  erschien  den  Bayern  zu  einer  Zeit,  wo  für
ihre  Selbstständigkeit  die  größte  Gefahr  drohte,  denn  alle  Staats-*)

  Er  war  mit  Maria  Anna,  des  Herzogs  Friedrich  Michael  von
Zweibrücken-Birkenfeld  -Bischweiler  zu  Bischweiler  Tochter,  folglich  einer
Schwester  Max  IV  Joseph,  vermählt.
        <pb n="350" />
        334  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

kassen  waren  erschöpft  und  das  Land  stand  da  ohne  hinreichende
Kriegsmacht,  ohne  Freunde,  ohne  bestimmte  politische  Richtung,
mitten  zwischen  kämpfenden  Feinden,  den  Franzosen  einerseits,
und  den  Oesterreichern  und  Russen  andererseits.  Die  Aufgabe
  Maximilians  IV  war  demnach  eine  ungewöhrlich  schwere,
aber  er  bebte  vor  derselben  nicht  zuück.  Von  dem  Wunsche  erfüllt,
  daß  Kurpfalzbayern  seine  Selbstständigkeit  bewahre  und
erstarke,  hatte  er  schon  als  Herzog  von  Zweibrücken  mit  seinem
Schwager,  dem  Pfalzgrafen  Wilhelm  zu  Gelnhausen,  am
12.  Oktober  1796  zu  Ansbach  einen  Haus=  und  Familien-Vertrag
  geschlossen,  in  welchem  Unveräußerlichkeit  nicht
blos  des  Landes,  sondern  auch  seiner  Domainen,  Einziehung
  aller  heimfallenden  Lehen,  Aufhebung  aller
Amtsanwartschaften  und  der  Erblichkeit  aller  Würden,
sowie  der  Zungenrechte  in  der  Wittelsbachischen  Familie  (d.  i.
des  Rechtes  eines  eigenen  Landbesitzes  für  die  nachgebornen
Prinzen  und  die  Seitenlinien  des  Wittelsbachischen  Hauses)  festgestellt
  war.  Beim  Antritte  seiner  Regierung  führte  Maximilian
  IV  diese  Vereinbarungen  durch,  beseitigte  den  alt  hergebrachten
  Mißbrauch,  daß  in  Pfleggerichten,  auf  Mautämtern
und  dergleichen  Stellen  ein  Amtsinhaber  oder  eine  Inhaberin  die
Einkünfte  bezog,  während  ein  Verweser  die  Geschäfte  besorgte,
und  hob  den  sogenannten  Bier=  und  Brodzwang  auf.  Seinem
Plane,  die  Güter  des  Jesuitenordens  den  Zwecken  des  Unterrichts
und  der  Bildung  durch  Aufhebung  der  Maltheserzunge  wiederzugeben,
  trat  der  Großmeister  dieses  Ordens,  der  Kaiser  Paul
von  Rußland,  hindernd  in  den  Weg  und  zeigte  darüber  solche
Verstimmung,  daß  Max  für  gut  fand,  den  Herzog  Wilhelm
zu  Gelnhausen  mit  beruhigenden  Erklärungen  nach  Petersburg
zu  entbieten.

Die  Haupttriebfeder  dieser  und  der  meisten  von  den  folgenden
Unternehmungen  des  Kurfürsten  Mar  IV  Joseph  war  Marx
Freiherr  (seit  1809  Graf)  von  Montgelas's),  der  Anfangs
nur  die  auswärtigen  Angelegenheiten  besorgte.

Für  die  Leitung  der  geistlichen  Angelegenheiten  war

Graf  Heinrich  Theodor  Topor-Morawizki,  für  die  Finanzen
  Franz  Karl  Freiherr  von  Hompesch,  für  die  Justiz
        <pb n="351" />
        Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.  335

der  Freiherr  Friedrich  von  Hertling  als  Minister  bestellt.
Das  Heerwesen  stand  unter  einem  Oberkriegs-Collegium,
seit  1802  Militärdepartement  genannt,  wobei  das  Personelle
  und  die  Armatur  durch  den  Kurfürsten  unmittelbar,
das  Uebrige  durch  den  Kriegsjustiz=  und  Kriegsökonomie=Rath
  besorgt  wurde.  Die  oberste  innere  Verwaltung  ging
von  drei  Landes-Direktionen  aus,  der  General-Landes-Direktion
  für  Ober=  und  Niederbayern,  der  Landes-Direktion
  für  Oberpfalz,  Sulzbach  und  Leuchtenberg,
der  Landes-Direktion  für  Neuburg.  Die  Justiz  stand  in
letzter  Instanz  unter  dem  Revisorium  (seit  1802  „oberste
Justizstelle“  genannt)  in  München,  dann  unter  dem  Hofrathe
in  München  für  den  Regierungsbezirk  München,  ferner
unter  den  Regierungen  Landshut,  Straubing,  Burghausen,
  Amberg  und  Neuburg.  Für  dierheinischen  Kurlande
  bildeten  die  Regierung  in  Mannheim  im  Polizeilichen,
  das  Oberappellationsgericht  und  Hofraths-Dicasterium
  zu  Mannheim  in  der  Justiz,  die  Hofkammer
in  Mannheim  für  die  Finanzen  die  obersten  Stellen.  Aehnlich
bestand  in  Jülich-Berg  ein  geheimer  Rath,  ein  Ober-Appellationsgericht
  und  ein  Hofrathsdicasterium,  ein
geheimer  Steuerrath  und  eine  Hofkammer.  Die  Stände
für  Jülich-Berg  waren  aus  der  Ritterschaft  und  den
Hauptstädten.  Für  die  niederländischen  Besitzungen
(Bergen  op  Zoom  und  zerstreute  Herrschaften)  bestand  ein  General-Commissär
  in  den  Niederlanden,  für  die  böhmischen
Herrschaften  eine  Administration  in  Prag.

Die  gedeihliche  Entwickelung  dessen,  was  Max  IV  gleich
in  der  ersten  Zeit  seiner  Regierung  für  die  Wohlfahrt  des  Landes
schuf,  hinderte  der  bereits  im  Anfange  des  Jahres  1799  ausgebrochene
  Krieg  gegen  die  französische  Republik,  zu  welchem
sich  Rußland,  Oesterreich  und  das  deutsche  Reich  vereinigt
  hatten.  Gegen  Oesterreich  hatte  den  Kurfürsten  Mar  IV.
der  geheime  Artikel  des  Friedens  von  Campo  Formio  (17.  Oktober
  1797),  in  welchem  Oesterreich  ein  Theil  Bayerns  bis  an
den  Inn  mit  Einschluß  der  Stadt  Wasserburg  zugesichert  erhielt,
mit  großem  Mißtrauen  erfüllt,  und  doch  blieb  für  Bayerns
Rettung  nur  das  Eine  übrig,  an  der  Allianz  mit  Oesterreich
festzuhalten,  denn  die  nicht  zahlreichen  bayerischen  Truppen  waren
unter  die  österreichischen  vertheilt,  der  französische  General  Bernadotte
  hatte  bereits  Mannheim  überrumpelt  und  anderseits
        <pb n="352" />
        336  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

war  der  Feldzug  von  den  Oesterreichern  unter  Erzherzog
Karl  in  Deutschland,  und  von  den  Russen  unter  Suwarow
in  Italien  siegreich  eröffnet.  Um  Bayern  eine  Achtung  gebietende
Stellung  zu  geben,  war  eine  Mehrung  seiner  Streitkräfte  um
so  dringender  nothwendig,  weil  Kaiser  Paul  1  von  Rußland
nach  dem  unglücklichen  Treffen,  welches  seine  Truppen  unter
Korsakow  gegen  die  Franzosen  unter  Massena  bei  Zürich
(24.  September  1799)  lieferten,  seine  Gesinnung  gegen  Frankreich
  änderte  und  seine  Truppen  zurückzog.  Zur  Mehrung  des
bayerischen  Heeres  mangelten  aber  die  Mittel,  und  dieselben  im
Lande  aufzubringen,  bestand  keine  Hoffnung.  Deshalb  nahm
Bayern  von  England  Hilfsgelder  und  rüstete  mit  denselben
zu  dem  bisherigen  Heere  von  14,000  Mann  ein  zweites  von
12,000  Mann.  Die  Verpflegung  dieser  Truppen  übernahm
England  durch  einen  in  Amberg  (15.  August  1800)  abgeschlossenen
  Vertrag,  in  welchem  es  auch  dem  Kurfürsten  den
ungeschmälerten  Besitz  seines  Gesammtgebiets  gewährleistete.  Die
verstärkte  bayerische  Armee  rückte  nun  in  Verbindung  mit  österreichischen
  Truppen  an  den  Main  und  Rhein,  aber  ein  großes
französisches  Heer  unter  Moreau  drängte  die  Verbündeten  bis
in's  Innere  von  Bayern  zurück.  Zu  gleicher  Zeit  war  Napoleon
  Bonaparte  nach  seiner  Rückkehr  vom  ägyptischen  Feldzuge
  und  seiner  Ernennung  zum  ersten  Consul  der  französischen
Republik  mit  einer  ungeschwächten  Armee  über  den  großen
St.  Bernhard  gedrungen  und  hatte  in  der  Schlacht  bei  Marengo
(14.  Juni  1800)  gesiegt.  Auf  die  Nachricht  von  diesem  Erfolge
der  französischen  Waffen  drang  Moreau  in  Bayern  vor,  nahm
(27.  Juni  1800)  München  und  bald  darauf  (7.  Juli  1800)
Landshut.  Kurfürst  Maximilian  IV  hatte  sich  nach  dem
Falle  Münchens  nach  Amberg  zurückgezogen  (27.  Juni  1800)
und  erließ  von  dort  aus  (10.  November  1800)  ein  Toleranz--Edikt,
  welches  auch  den  Nichtkatholiken  die  Niederlassung  in
Bayern  gestattete.

Unterdessen  hatte  Oesterreich,  um  von  dem  siegreich  vordringenden
  Moreau  Waffenstillstand  zu  erhalten,  den  Franzosen
durch  die  Verträge  zu  Parsdorf  (unweit  Ebersberg)  vom  15.  Juli
und  zu  Hohenlinden  (acht  Stunden  von  München)  vom  20.  Septbr.
        <pb n="353" />
        Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.  337

1800  ganz  Franken  bis  Eichstädt,  Regensburg,  die  Festungen
  Philippsburg,  Ulm  und  Ingolstadt  preisgegeben,
ohne  vorher  dem  Kurfürsten  von  Bayern  auch  nur  die  geringste
  Kunde  hievon  gegeben  zu  haben.  In  dieser  Bedrängniß,
welche  bei  der  fortdauernden  Unthätigkeit  des  russischen  Kaisers
Paul  I  noch  höher  zu  steigen  drohte,  mußte  sich  Bayern  dem
siegenden  Frankreich  nähern.  Man  zog  daher  das  bayerische
Hilfscorps  vom  Rheine  zurück  und  sandte  Bevollmächtigte  nach
Paris  zu  Unterhandlungen.  Doch  ehe  diese  zum  erwünschten
Ziele  führten,  schlug  Moreau  (3.  Dezember  1800)  bei  Hohenlinden
  die  bayerisch-österreichische  Armee  unter  dem  Kommando
des  Erzherzogs  Johann.  Oesterreich  mußte  nun  Frieden
schließen,  welcher  zu  Luneville  in  Lothringen  (9.  Februar  1801)
vereinbart  und  zu  Paris  (16.  März  1801)  bestätigt  wurde.
Nach  diesem  Frieden,  zu  dessen  Abschluß  auch  Bayern  zugezogen
war,  mußte  das  deutsche  linke  Rheinufer  an  Frankreich
abgetreten  werden;  den  deutschen  Fürsten  sollte  ihr  Verlust
durch  Reichsstädte  und  durch  Säcularisation  der  Fürstbisthümer,
  Stifter,  Klöster  u.  s.  w.  ersetzt  werden.  Maximilian
  überließ  am  24.  Februar  1801  das  Marquisat  Bergen
op  Zoom  und  die  Herrschaft  St.  Michael-Gestel  der  batavischen
  Republik  und  schloß,  um  einer  vollen  Entschädigung
für  alle  seine  Verluste  gewiß  zu  sein,  zu  Paris  (24.  August
1801)  mit  Frankreich  einen  besonderen  Frieden,  in  welchem
ihm  vollständiger  Ersatz  für  die  Güter  am  linken  Rheinufer  zugesichert
  und  an  der  Kriegsentschädigung,  die  Bayern  dem  Luneviller
  Frieden  zufolge  an  Frankreich  leisten  sollte,  ein  Nachlaß
von  sechs  Millionen  Franken  bewilligt  wurde.  Sobald  der  Kaiser
Franz  II  von  dem  Inhalte  dieses  Vertrages  Nachricht  erhielt,
ließ  er  sich  in  Paris  für  seinen  Bruder  Ferdinand,  welcher
Toskana  an  Frankreich  verloren  hatte,  die  Probstei  Berchtesgaden
  und  die  Bisthümer  Salzburg  und  Passau,  worauf
Bayern  rechnete,  zusichern,  erhob  neuerdings  Ansprüche  auf  die
Oberpfalz  und  that  sogar  Schritte,  die  Grenze  Oesterreichs  bis
an  das  rechte  Ufer  der  Isar  vorzurücken  ).  Da  nicht  anzunehmen

*)  Eine  Note  des  französischen  Kabinets  vom  13.  September  1802  sagt

gar:  „Die  Projekte  des  Hofes  von  Wien  gingen  dahin,  sein  Ge-Sattler,
  bayer.  Geschlchte.  22
        <pb n="354" />
        338  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

war,  daß  Oesterreich  so  hochgehende  Forderungen  stelle,  ohne  die
Zustimmung  Frankreichs  für  sich  zu  haben,  so  warb  der  bayerische
Kurfürst  um  die  Freundschaft  und  Hilfe  des  Kaisers  Alexander
von  Rußland,  des  Sohnes  und  Nachfolgers  Paul  I.  Oesterreichs
  Gelüsten  fand  am  Petersburger  Hofe  allgemeine  Mißbilligung,
  und  bald  darauf  (18.  August  1802)  ließ  Rußland  und
Frankreich  im  Einverständniße  mit  dem  deutschen  Kaiser  dem
Reichstage  zu  Regensburg  einen  durch  den  französischen
Minister  Talleyrand  und  den  russischen  Kanzler  Kurakin
bearbeiteten  Plan  über  die  Entschädigung  der  deutschen  Fürsten
für  ihre  Verluste  am  linken  Rheinufer  und  über  die  künftige
Gestaltung  Deutschlands  vorlegen,  der  einem  Ausschuße  von  acht
Reichsständen,  Reichsdeputation  genannt,  zur  Prüfung  und
Berichterstattung  überwiesen  wurde.  Nach  vielen  Unterhandlungen
erschien  (am  23.  November  1802)  das  Endresultat  der  Ausschuß-Berathungen
  in  einem  Hauptentschädigungsplan,  dessen  Inhalt
der  deutsche  Reichstag  am  25.  Februar  1803  unter  dem
Namen  des  Reichsdeputations-Hauptschlusses  (aus  89
Paragraphen  bestehend)  annahm.
Der  Kurfürst  von  Pfalzbayern,  welcher  unter  allen
Reichsständen  durch  den  Luneviller  Frieden  am  meisten,  nämlich
alle  pfälzischen  Besitzungen  jenseits  und  diesseits  des  Rheins  mit
Ausnahme  des  Herzogthums  Berg  verloren  hatte,  erhielt  dafür
als  Ersatz:
a)  die  Hochstifter  Würzburg,  Bamberg,  Augsburg  (doch  nicht
die  Reichsstadt),  Freysing,  einen  Theil  von  Eichstädt  und
Passau  nebst  den  mittelbaren  Klöstern  innerhalb  dieser  Gebiete;

b)  die  13  Reichsabteien:  Kempten,  Ebrach,  Elchingen,  Irrsee,
Kaisheim,  Ottobeuren,  Roggenburg,  Söflingen,  St.  Ulrich
und  Afra  (im  Hochstifte  Augsburg),  Ursberg,  Wettenhausen,
Wengen  (in  Ulm)  und  Waldsassen.  Kurfürstliches  Besitzergreifungspatent
  vom  26.  November  1802;

c)  die  15  Reichsstädte:  Bopfingen,  Buchhorn,  Dinkelsbühl,
Kaufbeuren,  Kempten,  Leutkirch  (mit  Heide),  Memmingen,

–––.-.

biet  bis  an  den  Lech  vorzurücken,  und  würden  zur  Folge  gehabt
haben,  Bayern  ganz  aus  der  Zahl  der  Mächte  zu  vertilgen.“
Ob  diese  Anschuldigung  begründet  gewesen,  steht  dahin;  Oesterreich  stellte  der
französischen  Note  die  Behauptung  entgegen,  „daß  es  nur  ein  Vorrücken
bis  an  die  Isar  mit  Ausnahme  Münchens  beabsichtigt  habe."
        <pb n="355" />
        Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.  339

Nördlingen,  Ravensburg,  Rothenburg,  Schweinfurt,  Ulm,
Wangen,  Weißenburg  und  Windsheim;
d)  die  Stadt  Mühldorf  am  Inn  (aus  dem  Hochstift  Salzburg);
e)  die  Reichsdörfer:  Gochsheim  und  Sennfeld  (bei  Schweinfurt).

Der  Verlust  für  Bayern  betrug  220  Quadratmeilen  mit
780,000  Einwohnern,  die  neuen  Erwerbungen  288  Quadratmeilen
mit  854,000  Einwohnern.  Den  Werth  der  Letztern  erhöhte  der
Umstand,  daß  Bayern  durch  dieselben  mit  Ausnahme  des  Herzogthums
  Berg  vollkommen  abgerundet  und  ein  zusammenhängendes
Ganzes  wurde.

Der  Großherzog  Ferdinand  erhielt  für  das  verlorene  Toskana
  das  Erzbisthum  Salzburg,  den  größeren  Theil  des  Bisthums
  Eichstädt,  einen  Theil  des  Bisthums  Passau  (mit  Ausnahme
  der  Stadt  Passau  und  der  Inn=  und  Ilzstadt),  die  Propstei
Berchtesgaden,  alles  zusammen  unter  dem  Titel  eines  Kurfürstenthums
  Salzburg.  Neben  dem  Titel  eines  „Kurfürsten“  erhielt
er  auch  Anwartschaft  auf  die  böhmischen  Herrschaften  des  Kurfürsten
Max  IV.  Joseph.

Der  Kurerzkanzler  von  Mainz,  Karl  Theodor  von  Dalberg,
der  einzige  geistliche  Fürst,  der  aus  dieser  Umwälzung  mit  einem
Landbesitz  hervorging,  erhielt  für  das  verlorne  Kurfürstenthum
Mainz  die  Reichsstadt  und  das  Bisthum  Regensburg,  das  wegen
der  Uebertragung  der  Würden  des  Kurfürsten-Erzkanzlers,  des
Metropolitan-Erzbischofs  und  Primas  in  Deutschland,  als  Erzbisthum
  erklärt  und  vom  Papste  Pius  VII  am  2.  Februar  1805
als  solches  bestätigt  wurde.  Zur  Dotation  des  neuerrichteten
Erzbisthums  gehörten  vom  aufgelösten  Kurfürstenthum  Mainz  die
Stadt  und  das  Gebiet  Aschaffenburg,  dann  die  Stadt  und  das
Fürstenthum  Regensburg  mit  den  Abteien  und  Klöstern  und  die
Stadt  (Grasschaft)  Wetzlar.

Der  Markgraf  von  Baden  bekam  das  pfälzische  Land  am
rechten  Rheinufer,  die  untere  Pfalz  genannt,  mit  den  Städten
Heidelberg  und  Mannheim,  und  dazu  den  Titel  „Kurfürst“,  der
auch  dem  Herzog  von  Württemberg  und  dem  Landgrafen
von  Hessen-Cassel  gegeben  ward,  so  daß  Deutschland  nunmehr
neben  den  acht  älteren  Kurländern  vier  neue  zählte,  Salzburg,
Baden,  Württemberg  und  Hessen-Cassel.

Karl  August  von  Bretzenheim,  früher  Reichsgraf  und
seit  1790  Reichsfürst,  erhielt  für  Bretzenheim  und  Wingenheim
  (an  der  Nahe)  die  Stadt  und  das  gefürstete  Damenstift
Lindau,  die  er  noch  im  Jahre  1803  gegen  ungarische  Güter  an
Oesterreich  abtrat.

Die  Mannesklöster  wurden  zur  Verfügung  der  Landesfürsten
oder  der  neuen  Besitzer  gestellt;  die  Frauenklöster,  welche

22.
        <pb n="356" />
        340  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

Clausur  hatten,  sollten  nur  im  Einverständnisse  mit  dem  Bischofe
der  Diözese  säcularisirt  werden.  Der  Deutsch-Orden  und  der
Maltheser-Orden  waren  von  der  Secularisation  ausgenommen;
  jenem  fielen  als  Entschädigung  für  seine  Verluste  jenseits
des  Rheins  die  mittelbaren  Klöster  der  Diözesen  Augsburg  und
Constanz  zu,  soweit  über  dieselben  noch  nicht  verfügt  war.

§.  106.  Ungeachtet  des  Druckes,  der  von  1799  —  1803
beständig  auf  Bayern  lastete,  geschah  in  dieser  und  ebenso  in  der
nächstfolgenden  Zeit  doch  sehr  Vieles  für  die  Umgestaltung  der
inneren  Verhältnisse,  darunter  freilich  auch  Manches,  das  sich  in
der  Folge  als  nachtheilig  oder  nutzlos  erwies.

Im  Jahre  1799  kam  eine  Versicherungsanstalt  gegen
Brandschäden  (Brandassekuranz)  zur  Einführung,  deren  Nützlichkeit
  bald  allgemein  anerkannt  wurde,  und  ein  Dekret  vom
31.  August  1801  schrieb  die  Einimpfung  der  Kuhpocken
für  alle  Landesangehörigen  vor.  Durch  Verordnung  vom  26.  Mai
1801  wurden  die  Ministerien  neu  organisirt,  nämlich  als  Ministerium
  des  Auswärtigen,  der  Justiz  und  Polizei,  der
Finanzen  und  der  geistlichen  Angelegenheiten.  Die
innere  Verwaltung  in  den  sechs  Provinzen  Bayern,  Ober  pfalz,
Neuburg,  Schwaben,  Franken  (d.  i.  Würzburg-Bamberg)
  und  Herzogthum  Berg  kam  an  sechs  Landesdirektionen,
  von  welchen  die  in  München  für  Ober=  und  Niederbayern
  bis  zur  neuen  Organisation  vom  1.  September  1803  den
Titel  „General-Landesdirektion"  führte.  Jede  der  sechs
Landesdirektionen  hatte  einen  Präsidenten,  der  auch  „General=Kommissär“
  genannt  wurde.  Die  Justiz  wurde  durch  eigene
Hofgerichte  verwaltet,  die  in  München  an  die  Stelle  des  bisherigen
  Hofraths,  in  Straubing,  Amberg  und  Neuburg  an  der
Donau  an  die  Stelle  der  bisherigen  Regierungen,  und  zu  Würzburg
  und  Bamberg  an  die  Stelle  der  früheren  Justizbehörden
traten  und  mit  Ausnahme  der  von  Würzburg  und  Bamberg  ihre
letzte  Instanz  an  dem  Revisorium  in  München  hatten,  während
für  die  Gerichtshöfe  zu  Würzburg  und  Bamberg  eine  oberste
Justizstelle  in  Bamberg  geschaffen  wurde.  Für  Schwaben  war
die  Justizbehörde  in  Memmingen  und  führte  den  Namen  „Appellationsgericht",
  das  gleichfalls  unter  dem  Revisorium  in  München
stand.  Wichtiger  noch,  als  diese  Organisation,  war  die  ganz  neue
der  äußeren  Justiz-,  Polizei=  und  Finanzverwaltung  nach  Landgerichten
  und  Rentämtern,  welche  am  24.  März  1802  in's
Leben  trat.  Um  unfähige  Leute  von  den  öffentlichen  Aemtern
fern  zu  halten,  mußte  Jeder,  der  ein  solches  erlangen  wollte,
        <pb n="357" />
        Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.  341

seine  Befähigung  hiefür,  in  einer  Concursprüfung  vor  der  Staatsbehörde
  nachweisen;  dafür  wurde  auch  die  Stellung  und  Besoldung
der  öffentlichen  Diener  und  ihrer  Familien  durch  Verordnungen
vom  Jahre  1803  und  1805  verbessert  und  gesichert.  —  In  die
Verhältnisse  der  arbeitenden  und  gering  bemittelten  Bevölkerung
kam  dadurch  eine  Wendung  zum  Bessern,  daß  die  Vertheilung
der  Gemeindegründe  und  die  Ablösung  der  Schaarwerke
und  der  grundherrlichen  Lasten  gegen  billigen  Ersatz  gestattet
wurde.  Die  zu  gleichem  Zwecke  unternommene  Anlegung  von
Kolonien  auf  unfruchtbaren  Mooren,  wie  bei  Dachau,  Schleißheim,
  Rosenheim,  oder  an  der  Stelle  abgetriebener  Wälder,  wie
bei  Kelheim  und  anderen  Orten,  hatte  nicht  den  erwarteten  Erfolg,
  so  sehr  man  auch  die  Kolonisten  durch  Abgaben=  und  Zehnt-Freiheit
  auf  10—25  Jahre,  durch  Schenkung  von  Zimmerholz
zu  ihren  Gebäuden  u.  s.  w.  unterstützte,  denn  die  Zahl  der  Tagwerke,
  die  man  einer  Familie  anwies,  war  zu  gering  und  die
Aufnahme  der  Kolonisten  selbst  erfolgte  nicht  mit  der  gehörigen
Auswahl.  Ebenso  wenig  vortheilhaft  zeigte  sich  die  mit  Begünstigungen
  mancherlei  Art  gewährte  Zertrümmerung  großer
Bauerngüter,  von  der  man  sich  so  viel  versprochen  hatte.

Das  Verderblichste  von  Allem,  was  vermeintlich  im  Interesse
der  Volksbeglückung  unternommen  wurde,  war  ohne  Zweifel  die
mit  Hintansetzung  aller  sonstigen  Rücksichten  unternommene  Aufhebung
  der  Klöäöster,  welche  der  Reichsdeputations-Hauptschluß
  vom  25.  Februar  1803  bewilligte.  Schon  im
Jahre  1802,  also  vor  dem  Erscheinen  des  Reichsdeputations-Hauptschlusses,
  wurde  in  Bayern  zur  Aufhebung  der  Mendikanten
(Bettel)=  Klöster,  und  am  18.  März  und  5.  August  1803  zur
Säcularisation  der  noch  bestehenden  geistlichen  Stifter  und  Klöster
geschritten  ).  Die  Aussicht  auf  den  leichten  Erwerb  der  ansehnlichen
  Klostergüter  in  Verbindung  mit  Vorurtheilen  gegen
diese  kirchlichen  Anstalten  verdrängte  jede  andere  Rücksicht  und
jede  Erwägung  dessen,  was  die  Klöster  dem  Lande  waren,  und
was  sie  ihm  noch  sein  oder  werden  könnten.  Besonders  groß
waren  die  Verluste  bei  dieser  Klösteraufhebung  dadurch,  daß  viele
derselben  große  Besitzungen  und  Kapitalien  in  Oesterreich
hatten,  welche  sämmtlich  wie  die  von  den  Hochstiftern  dort  gelegenen
  Besitzungen  von  der  österreichischen  Regierung  nach  einem
vorgeblichen  Heimfallsrecht  (droit  d’epave)  wie  herrenloses
Gut  ohne  alle  Entschädigung  oder  theilweise  Uebernahme  der
        <pb n="358" />
        342  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

Pensionsverpflichtung  an  die  Mitglieder  der  aufgelösten  Hochstifter
  und  Kloͤster  eingezogen  wurden.  Die  Art  und  Weise,  wie
einzelne  Kommissäre  gegen  den  Willen  des  Kurfürsten
bei  der  Aufhebung  der  Klöster  verfuhren,  minderte  den  erwarteten
finanziellen  Gewinn  und  verletzte  vielfach  sowohl  Personen  als
ganze  Gemeinden.  Aus  den  Kunstschätzen,  Bibliotheken,  Archiven
und  wissenschaftlichen  Sammlungen  der  Klöster  wurde  zwar
Manches,  was  einer  schnellen  und  oberflächlichen  Untersuchung
als  werthvoll  erschien,  der  Akademie  der  Wissenschaften,  der  Gemälde-Gallerie
  in  München,  der  Landesuniversität  und  einzelnen
Lehranstalten  zugewendet,  allein  es  gingen  dabei  viele  unersetzliche
Werke  der  Wissenschaft  und  Kunst  und  manches  Denkmal  der
Geschichte  zu  Grunde.  Die  Mitglieder  der  aufgehobenen  Klöster
wurden  theils  pensionirt,  theils  für  den  Unterricht  und  Kirchendienst
  verwendet,  theils  in  sogenannten  Centralklöstern  ((besonders
  Mendikanten  und  Nonnen)  untergebracht.  Der  nädmliche
Zeitgeist,  welcher  rücksichtslos  Stifter  und  Klöster  zertrümmerte,
waltete  auch  vom  Jahre  1800  —  1806  in  allen  religiösen
und  kirchlichen  Verhältnissen.  Daher  zu  meist  jene  vielen
Verordnungen  über  Aufhebung  und  Beschränkung  der  Bitt=  und
Kreuzgänge,  der  Wallfahrten  und  Bruderschaften,  der  Feiertage,
Kirchenfeste  und  Gottesdienste,  über  Abbrechung  von  Kirchen,
Kapellen,  religiösen  Denkmälern,  über  Aufhebung  und  Errichtung
von  Pfarreien  u.  s.  w.,  welche  häufig  den  religiösen  Sinn  des
Volkes  wie  die  Rechte  der  kirchlichen  Behörden,  die  dabei  selten
gehört  wurden,  verletzten.  Die  Landschaft  zeigte  sich  zwar  diesen
und  anderen  Neuerungen  abgeneigt  und  trug  auf  einen  Landtag
an,  allein  die  Wirksamkeit  der  Landschaft,  welcher  seit  Aufhebung
der  Klöster  der  ganze  geistliche  oder  Prälaten-Stand  fehlte,  befand
sich  selbst  im  Zustande  des  Erlöschens.

Für  die  Pflege  des  Unterrichts  und  der  Wissen  schaften
wollte  Max  1V  viel  geleistet  wissen,  aber  die  mit  dem  Vollzuge
seiner  Instruktionen  Betrauten  verfuhren  häufig  ohne  die  nöthige
Rücksicht  auf  den  National-Charakter,  auf  die  Sitten,  Gebräuche
und  den  kirchlichen  Glauben  des  Volkes.  Die  vielen  Veränderungen,
  welche  in  dieser  Beziehung  erfolgten,  begannen  mit  der
Versetzung  der  Landes-Universität  von  Ingolstadt  nach
        <pb n="359" />
        Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.  343

Landshut  (17.  Mai  1800).  Die  Ueberweisung  der  Güter  von
drei  Klöstern  an  dieselbe  gestattete  die  Mehrung  der  Lehrer  und
ihrer  Bezüge,  die  Berufung  namhafter  Gelehrten  vom  Auslande,
die  Verbesserung  der  Bibliothek,  der  verschiedenen  Sammlungen
für  Naturkunde  und  anderer  Lehrmittel,  fand  aber  die  gehoffte
Anerkennung  nicht,  weil  bei  der  Besetzung  der  Lehrstühle  arge
Mißgriffe  gemacht  wurden  100).  Die  Angelegenheiten  des  Unterrichts,
  welche  seit  1782  der  kurfürstliche  geistliche  Rath  neben
den  geistlichen  Angelegenheiten  geleitet  und  überwacht  hatte,  wurden
  nach  Aufhebung  dieses  Rathes  (16.  Dezember  1802)  einem
unter  die  Leitung  des  Freiherrn  von  Fraunberg  gestellten
General-Schul=  und  Studien-Direktorium  überwiesen,
welches  für  die  Verbesserung  des  deutschen  Schulunterrichts,  für
die  Mehrung  der  deutschen  Schulen,  für  die  Ermunterung  der
Geistlichen  zur  Thätigkeit  für  den  Unterricht  viel  Zweckmäßiges
verordnete.  Nur  der  von  demselben  ausgegangene  Lehrplan  für
die  gelehrten  Schulen  erwies  sich  unbrauchbar,  weil  durch  ihn
die  sogenannten  Realien  (Mathematik,  Geschichte,  Geographie
u.  dgl.),  für  welche  eigene  Fachlehrer  angestellt  wurden,  zu  sehr
auf  Kosten  der  alten  Sprachen  bedacht  waren.

&amp;amp;  107.  Die  Thätigkeit  der  bayerischen  Regierung  nach
Innen  wurde  im  Jahre  1805  neuerdings  durch  Kriegsunruhen
gehemmt.  Napoleon  Bonaparte,  vormals  Consul  der  französischen
  Republik,  hatte  die  seinem  Leben  bereiteten  Nachstellungen
dahin  zu  benutzen  verstanden,  daß  man  ihn  (18.  Mai  1804)
zum  Kaiser  der  Franzosen,  und  ein  Jahr  darnach  (26.  Mai
1805)  zum  Könige  von  Italien  erhob.  Schon  vor  und  noch
mehr  nach  dieser  Erhebung  verletzte  er,  besonders  in  Italien,
die  eingegangenen  Friedensverträge,  weshalb  England,  Rußland
  und  Oesterreich  eine  neue,  die  dritte  Coalition
gegen  Frankreich  bildeten.  Die  Lage  Bayerns  ward  bei  dieser
Gelegenheit  auf's  neue  gefährdet.  Oesterreich  enthielt  sich  jeder
Mittheilung  über  seine  Absichten  und  jeder  Annäherung  gegen
den  bayerischen  Kurfürsten,  während  Napoleon  Vertrag
und  Bündniß  anbieten  ließ.  Erst  dann,  als  der  Kurfürst  in
Wien  das  Gesuch  stellte,  neutral  bleiben  zu  dürfen,  brach
        <pb n="360" />
        344  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

Oesterreich  das  Schweigen  und  ließ,  als  seine  Truppen  bereits
an  der  Ostgrenze  Bayerns  standen,  durch  den  Fürsten  Schwarzenberg
  (6.  September  1805)  in  München  Eröffnungen  machen,
die  auf  eine  Vereinigung  der  bayerischen  Truppen  mit  den
österreichischen  abzielten.  Max  IV  verlangte  aus  Besorgniß  für
seinen  Kurprinzen  Ludwig,  der  sich  damals  auf  Reisen  in
Frankreich  befand,  nochmals  die  Bewilligung  zu  einem  neutralen
  Verhalten,  wurde  aber  unverzüglich  zum  Anschluß  an
Oesterreich  aufgefordert  und  für  den  Weigerungsfall  mit  einem
Einfalle  österreichischer  Truppen  in  Bayern  gedroht.  Auf  dieß
hin  schloß  sich  der  Kurfürst  an  Napoleon  an,  trat  in  der
Nacht  vom  8.  auf  den  9.  September  1805  mit  seiner  ganzen
Familie,  dem  Hofe,  den  Ministern  und  den  Gesandten  Oesterreichs,
  Rußlands  und  Frankreichs  die  Reise  nach  Würzburg
an  und  ratifizirte  dort  den  Allianzvertrag,  den  unterm  24.  August
1805  sein  Minister  Montgelas  provisorisch  mit  Frankreich
geschlossen  hatte.  Das  Anerbieten  Oesterreichs,  Bayern  zum
Königreiche  zu  erheben  und  ihm  Salzburg,  Berchtesgaden,
  Passau  und  Eichstädt  einzuverleiben,  wenn  für  den
Bruder  des  Kaisers  Toskana  wieder  erobert  wäre,  kam  zu  spät
und  konnte  schon  darum  keine  Berücksichtigung  finden,  weil  die
österreichischen  Truppen  unmittelbar  nach  der  Entfernung  Maximilians
  IV  von  München  (am  9.  September  1805)  in  feindlicher
  Absicht  den  Inn  überschritten  (am  12.  September  1805)
und  München  besetzt  hatten.

Oesterreich,  welches  dafür  hielt,  der  Krieg  würde  wieder
in  Italien  entschieden  werden,  wie  es  früher  geschehen  war,
sendete  120,000  Mann  unter  seinem  vorzüglichsten  Feldherrn,
dem  Erzherzoge  Karl,  nach  Italien,  stellte  30,000  Mann
unter  dem  Erzherzoge  Johann  in  Tyrol  auf  und  ließ  80,000
Mann  unter  dem  General  Mack  durch  Bayern  und  Schwaben
bis  zum  Fuße  des  Schwarzwaldes  ziehen,  wohin  bald  zwei  russische
  Heere  nachfolgen  sollten.  Napoleon  aber  wollte  vor  Allem
das  österreichische  Heer  am  Schwarzwalde  schlagen,  ehe  die  russische
Verstärkung  eingetroffen  wäre.  Daher  entbot  er  den  Massena
mit  60,000  Mann  nach  Italien  zur  Defensive,  wählte  für  sich
selbst  den  Kriegsschauplatz  in  Deutschland  und  concentrirte  sein
        <pb n="361" />
        Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.  345

Heer,  das  sich  auf  200,000  Mann  belief,  an  der  oberen  Donau.
Gleichzeitig  rückte  der  französische  Marschall  Bernadotte  mit
50,000  Mann  von  Hannover  gegen  Franken  vor,  vereinigte  sich
hier  (am  2.  Oktober  1805)  mit  den  25,000  Bayern  unter  den
Generalen  Deroy  und  Wrede  und  mit  einem  französischen
Corps,  das  unter  General  Marmont  aus  Holland  kam,  und
drang  (vom  3.—  6.  Oktober)  mit  Verletzung  der  Neutralität
Preußens  durch  das  Ansbachische  gegen  Ingolstadt  vor.  Nach
einer  Reihe  einzelner  Gefechte,  welche  die  Reihen  der  österreichischen
Truppen  stark  lichteten,  fielen  die  Franzosen  im  Rücken  Macks
in  Bayern  ein.  Mack  ward  in  Ulm  eingeschlossen  und  übergab
am  20.  Oktober  1805  die  Festung  mit  allen  Kriegsvorräthen,
obgleich  er  gemäß  der  am  17.  Oktober  geschlossenen  Capitulation
erst  am  25.  Oktober  zur  Uebergabe  der  Festung  gehalten  war;
seine  Soldaten  (33,000  Mann)  wurden  ohne  die  Offiziere  gefangen
  nach  Frankreich  geführt.  Erzherzog  Ferdinand  und
Fürst  Schwarzenberg,  die  sich  mit  20,000  Mann  des  Macklschen
  Heeres  von  Ulm  gegen  Neresheim  geflüchtet  hatten,  wurden
vom  Feinde  unaufhörlich  verfolgt  und  brachten  nur  6000  Mann
nach  Böhmen;  mit  den  übrigen  14,000  Mann  hatte  General
Werneck  die  schmähliche  Capitulation  von  Trochtelfingen
(19.  Oktober  1805)  eingegangen.

Die  Auflösung  des  österreichischen  Heeres  bei  Ulm  bewog
den  Erzherzog  Karl,  Italien  aufzugeben,  und  da  der  französische
General  Ney  Tyrol  eroberte,  so  umschloßen  die  feindlichen  Armeen
in  einem  gewaltigen  Bogen  von  der  Südgrenze  Böhmens  bis
zum  adriatischen  Meere  die  österreichischen  Erblande,  auf  deren
Hauptstadt  Napoleon  jetzt  vorrückte.  Das  inzwischen  am  Inn
eingetroffene  erste  russische  Heer  unter  Kutusow  zog  sich  vor
ihm  nach  Mähren  zurück,  wohin  sich  auch  der  kaiserliche  Hof
und  das  zweite  russische  Heer  mit  Kaiser  Alexander  begab.
Die  vereinigten  Russen  und  Oesterreicher  griffen  das  ihnen
nach  Mähren  gefolgte  französische  Heer  an,  um  Napoleon
von  Wien  abzuschneiden  und  gegen  Norden  zu  drängen,  wurden
aber  von  diesem  am  2.  Dezember,  dem  Jahrestage  seiner  Krönung
  durch  Papst  Pius  VII,  bei  Austerlitz  in  der  ersten  Dreikaiserschlacht
  so  entscheidend  geschlagen,  daß  Kaiser  Franz  II,
        <pb n="362" />
        346  Bayern  unter  Maximilian  IV  Joseph.

ohne  die  schon  auf  dem  Marsche  begriffenen  Verstärkungen  abzuwarten,
  in  einer  persönlichen  Unterredung  mit  Napoleon
Waffenstillstand,  und  bald  nachher  (26.  Dezember  1805)  den
Frieden  zu  Preßburg  schloß.  Er  mußte  Tyrol  (sammt  den
Fürstenthümern  Brixen  und  Trient,  dann  die  Herrschaften  Feldkirch,
  Bregenz,  Bludenz,  Sonneberg  in  Vorarlberg  und  die  Grafschaft
  Hohenems,  in  Schwaben  die  Grafschaft  Königsegg-Rothenfels
  mit  Immenstadt  und  Staufen,  die  Herrschaften  Tetnang  und
Langenargen  am  Beodensee,  die  Stadt  Lindau  und  die  Markgrafschaft
  Burgau)  an  Bayern  überlassen;  außerdem  sollte  Bayern
vom  Kurfürsten  von  Salzburg  dessen  Theile  an  den  frühern
Bisthümern  Eichstädt  und  Passau  und  obendrein  die  Reichsstadt
  Augsburg  erhalten,  dagegen  Würzburg  an  den  Kurfürsten
  von  Salzburg  überlassen.  Preußen,  das  nach  der
Verletzung  des  Ansbachischen  Gebiekes  durch  Bernadotte  dem  österreichisch-russischen
  Bündnisse  bedingungsweise  beigetreten  war,
mußte  gemäß  dem  Frieden  zu  Schönbrunn,  den  es  am  15.  Dezember
  1805  mit  Napoleon  geschlossen  hatte,  die  Markgrafschaft
  Ansbach  an  Bayern  abtreten,  wogegen  dieses  das  Herzogthum
  Berg  an  Napoleon,  und  die  böhmischen  Herrschaften
Reichsstadt,  Buschtierad  u.  s.  w.  an  den  Erzherzog  Ferdinand
  überlassen  mußte.  Das  Kurfürstenthum  Bayern,  welches
vor  dem  Preßburger  Frieden  1091  Quadratmeilen  mit  2,446,463
Einwohnern  zählte,  begriff  nach  der  Erfüllung  der  im  Preßburger
Frieden  und  im  Schönbrunner  Vertrage  enthaltenen  Bestimmungen
(Preußen  trat  die  Markgrafschaft  Ansbach  erst  am  20.  Mai
1806  ab)  einen  Flächeninhalt  von  1618  ½/  Quadratmeilen  mit
3,070,463  Einwohnern  in  sich,  also  um  527½  Quadratmeilen
mit  624,000  Einwohnern  mehr,  als  vorher.  Diese  beim  Abschluße
  des  Preßburger  Friedens  sicher  gestellte  Vergrößerung
Bayerns  hatte  Napoleon  bestimmt,  für  den  Kurfürsten
Max  IV  Joseph  die  Königswürde  zu  fordern,  und  der  Kaiser
Franz  II  übernahm  die  Verpflichtung,  den  bisherigen  Kurfürsten
von  Bayern  als  König  mit  allen  Souveränetätsrechten,  die  er
und  der  König  von  Preußen  in  seinen  Ländern  geltend  machte,
anzuerkennen.
        <pb n="363" />
        Bayern  unter  Koͤnig  Max  J  Joseph.  347

#  108.  Maximilian  Joseph,  bisher  Kurfürst  von
Bayern,  wurde  am  1.  Januar  1806  als  „Max  1  Joseph,
von  Gottes  Gnaden  König  von  Bayern,  des  hl.
römischen  Reiches  Erzpfalzgraf,  Erztruchseß  und  Kurfürst“
  im  Lande  ausgerufen  und  feierte  diese  seine  Erhebung
zu  München  an  der  Seite  Napoleons,  der  vom  31.  Dezember
1805  bis  17.  Januar  1806  in  dieser  Stadt  weilte.  Glücklich
hatte  Max  in  seinen  ersten  sechs  Regierungsjahren  die  Selbstständigkeit
  Bayerns  gegen  Oesterreich  gewahrt,  allein  dieselbe
Aufgabe  war  nun  dem  gewaltigen  Napoleon  gegenüber  zu
lösen,  der  das  Haus  Wittelsbach  durch  Familienbande  an  sich
zu  fesseln  suchte.  Am  12.  Januar  1806  erklärte  Napoleon
den  bisherigen  Vicekönig  von  Italien,  Eugen  Beauharnais,
den  ihm  seine  erste  Gemahlin  Josephine')  in  die  Ehe  gebracht,
zu  seinem  Nachfolger  in  Italien  und  beging  am  14.  Januar
1806  dessen  Vermählung  mit  Augusta  Amalia,  der  ältesten
Prinzessin  des  Königs  Max  I.  Je  mehr  Napoleon  seinen
Einfluß  auf  Deutschland  befestigte,  desto  rascher  steuerte  er  auf
das  Ziel  los,  die  deutschen  Fürsten  von  sich  abhängig  zu  machen.
Zur  Erreichung  dieses  Vorhabens  errichtete  er  am  12.  Juli  1806
mit  sechzehn  deutschen  Fürsten  den  sogenannten  Rheinbund,
an  dessen  Spitze  er  den  Kurerzkanzler  Karl  Theodor  von
Dalberg  mit  dem  Titel  „Fürst  Primas  und  eminenteste
Hoheit“  stellte.  Sich  selbst  warf  er  als  Schutzherrn
(Protector)  dieses  Bundes  auf,  dessen  Mitglieder  alle  auf  das
deutsche  Reich  bezüglichen  Titel  ablegten  und  ihre  Ausscheidung
aus  dem  deutschen  Reichsverbande  (lam  1.  August  1806)  dem
Reichstage  zu  Regensburg  förmlich  anzeigen  ließen.  Die
verbündeten  Fürsten  verpflichteten  sich,  in  einer  Allianz  mit
Frankreich  an  jedem  Continentalkriege  dieser  Macht  mit  einem
bestimmten  Contingente  Theil  zu  nehmen.  König  Max  I1  Joseph,
das  erste  und  mächtigste  Glied  des  Bundes,  ging  die  Verbind-*)

  Des  Hafencapitäns  Tascher  de  la  Pagerie  zu  Martinique  Tochter,
die  sich  nach  dem  unglücklichen  Ende  ihres  ersten  Gemahls,  des  Alexander
Beauharnais  (er  wurde  als  Oberbefehlshaber  der  Rheinarmee  1793  entsetzt
  und  am  23.  Juli  1794  guillotinirt),  am  9.  März  1796  mit  Napoleon
vermählt  hatte.
        <pb n="364" />
        348  Bayern  unter  Koͤnig  Max  J  Joseyph.

lichkeit  ein,  zu  jedem  Bundeskriege  30,000  Mann  zu  stellen,
wofür  ihm  durch  drei  Artikel  der  Bundesakte  namhafte  Vortheile
zugewendet  wurden.  Die  Artikel  13  und  17  bestimmten,  daß
Bayern  die  erkaufte  Herrschaft  Wiesen  steig  und  die  Landvogteirechte
  auf  die  Abtei  Wiblingen  bei  Ulm  an  Württemberg  abtrete
  und  zum  Ersatz  die  Reichsstadt  Nürnberg  mit  Gebiet
(20  Quadratmeilen  mit  80,000  Seelen),  sowie  die  Deutschordens-Comthureien
  Rohr  und  Waldstetten  erhalte.  Noch  größer
war  der  Gewinn,  der  Bayern  aus  dem  24.  Artikel  der  Bundesakte
  zufloß.  Nach  diesem  wurden  viele,  bisher  unabhängige
deutsche  Reichsfürsten  und  Reichsgrafen  der  Landeshoheit
einzelner  Bundesglieder  untergeordnet  und  so  aus  unmittelbaren
  Fürsten  und  Herren  zu  mittelbaren  gemacht,  d.  h.  sie
wurden  mediatisirt.

Der  König  von  Bayern  erhielt  alle  Landeshoheitsrechte  über
folgende  Herrschaften:

1)  Fürstenthum  Schwarzenberg  (Markt  Scheinfeld,  Schloß
Schwarzenberg,  Geiselwind,  Seehaus,  Nordheim,  Erlach,
Marktbreit,  Michelbach);

2)  Grasschaft  Castell  (Castell,  Remlingen,  Rüdenhausen);

3)  Herrschaft  Speckfeld  (Markt  Einersheim,  Sommerhausen,
Winterhausen);  1

4)  Herrschaft  Wiesentheid  (Dorf  und  Schloß  gl.  N.  des  Grafen
Schönborn);

5)  Fürstenthum  Hohenlohe,  soweit  es  von  der  Markgrasschaft
Ansbach  und  dem  Rothenburger  Gebiet  unschlossen  ist

(SSchillingsfürst,  Kirchberg  a.  d.  Jart);

6)  Gefürstete  Grasschaft  Sternstein  in  der  Oberpfalz  (Neustadt
an  der  Waldnaab,  Schönsee,  Dorf  Sternstein  mit  Schloßruine
  —  1807  ganz  an  Bayern  übergegangen);

7)  Fürstenthümer  Oettingen  (Oettingen,  Aufkirch,  Mönchsroth,
Dürrwangen,  Spielberg,  —  Wallerstein,  Bissingen,  Allerheim,
  Harburg,  Hohenaltheim,  Deggingen);

8)  die  Besitzungen  des  Fürsten  von  Thurn  und  Taxis,  welche
nördlich  vom  Fürstenthum  Neuburg  liegen  (Eglingen,  Dischingen,
  Neresheim,  Balmershofen  —  in  der  Folge  zu  Württemberg);


9)  Grasschaft  Edelstetten  (des  Grafen  Esterhazy)  im  Bereiche
der  ehemaligen  Markgrafschaft  Burgau;

10)  die  Besitzungen  der  Fürsten  und  Grafen  Fugger  (Baben-
        <pb n="365" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  349

hausen,  Boos,  —  Kirchheim  a.  d.  Mindel,  Mickhausen,  Glött,
Oberndorf,  Wellenburg);

11)  das  Burggrafenthum  Winterrieden  (des  Grafen  Sinzendorf)
in  der  ehemaligen  Abtei  Ochsenhausen  in  Schwaben;

12)  Herrschaft  Burheim  (des  Grafen  Waldbott-Bassenheim)  bei
Memmingen;

13)  Herrschaft  Thannhausen  (des  Grafen  Stadion)  a.  d.  Mindel;
dazu  die  Gesammtheit  der  großen  Heerstraße,  welche  von
Memmingen  nach  Lindau  führt.

Auf  dieses  legte  Franz  II,  der  schon  1804,  um  mit  Ruß-=land
  und  Frankreich  in  gleichem  Range  zu  stehen,  den  Titel
eines  „erblichen  Kaisers  von  Oesterreich  als  Kaiser
Franz  1“  angenommen  hatte,  am  6.  August  1806  die  Kaiserkrone
  des  deutschen  Reiches  nieder,  ohne  daran  zu  denken,  daß
die  fortbestehende  Würde  des  Reichsoberhauptes  in  der  Folge  leicht
der  Krystallisationskern  für  die  Glieder  des  in  die  Länge  unhaltbaren
  Rheinbundes  hätte  werden  können.  Nach  diesem  Schritte
des  Kaisers  lösten  sich  die  Reichsgerichte  zu  Wetzlar  und
Wien,  sowie  die  Reichsversammlung  zu  Regensburg
auf.  So  endete  nach  tausendjährigem  Bestande  das  römischdeutsche
  Reich.  Stimmen,  die  sich  gegen  diese  Umgestaltung
der  Dinge  vernehmen  ließen,  wurden  mit  Gewalt  zum  Schweigen
gebracht  7).

In  dem  Kriege,  der  noch  im  Jahre  1806  zwischen  Frankreich
  und  Preußen  ausbrach,  weil  letzteres  sich  weigerte,  den
durch  seinen  Gesandten  Haugwitz  mit  Napoleon  zu  Schönbrunn
  abgeschlossenen  Vertrag  zu  ratifiziren,  stand  Rußland,
Schweden  und  Sachsen  auf  Seite  Preußens,  das  nicht  blos
Frankreich  und  England,  sondern  auch  den  von  Napolcon
(21.  September  1806)  aufgebotenen  Rheinbund  gegen  sich
hatte.  Bayern,  das  ansehnlichste  Glied  des  Rheinbundes,  sandte
sein  Contingent  von  30,000  Mann,  die  der  Sache  Frankreichs
erhebliche  Dienste  leisteten.

 

 

*)  Der  Buchhändler  Friedrich  Palm  von  Nürnberg  wurde  wegen
Druckes  und  Verbreitung  der  von  Arndt  verfaßten  Schrift:  „Deutschland
in  seiner  tiefsten  Erniedrigung"“  auf  Befehl  Napoleons  am  20.  August
  1806  zu  Braunau  erschossen.
        <pb n="366" />
        350  Bayern  unter  König  Max  I1  Joseph.

Ein  Theil  der  bayerischen  Truppen  in  Vereinigung  mit
einer  Division  Württemberger  belagerte  und  nahm  die  Festungen
  Glogau  (2.  Dezember  1806),  Breslau  ((4.  Januar
1807),  Brieg  (16.  Januar),  Schweidnitz  (16.  Februar),
Cosel  (18.  Juni),  Neisse  (1.  Juni)  und  Glatz  (25.  Juni
1807)  in  Schlesienz  ein  anderer  Theil  focht  mit  großer  Todesverachtung
  anfänglich  unter  Minuzzi,  später  unter  dem  bayerischen
Kronprinzen  Ludwig  und  dem  General  Wrede  in  Polen
bei  Pultusk  und  Sierock  (13.  Mai  1807)  und  bei  Poplawy
(15.  Mai  1807).

Napoleon,  dessen  Truppen  aus  der  Doppelschlacht  bei  Jena
und  Auerstädt  (14.Oktober  1806)  siegreich  hervorgegangen  und
in  dem  mörderischen  Kampfe  bei  Preußisch  Eylau  (7.  u.  8.  Februar
  1807)  nicht  unterlegen  waren,  entschied  den  Krieg  durch
den  Sieg  bei  Friedland  (14.  Juni  1807)  und  schloß  nach
einer  persönlichen  Zusammenkunft  mit  Alexander  auf  dem
Niemen  zu  Tilsit·Frieden  mit  Rußland  (7.  Juli  1807)  und
Preußen  (9.  Juli  1807),  weil  er  nicht  darauf  vorbereitet  war,
den  Krieg  in  Rußland  selbst  fortzusetzen,  und  weil  er  den
Beitritt  Oesterreichs  zur  Coalition  vermeiden  wollte.  Bayern,
welches  zum  Siege  der  französischen  Waffen  viel  beigetragen,
blieb  für  seine  Dienste  ungelohnt,  dagegen  wurde  der  Kurfürst
von  Sachsen,  der  unglücklich  gegen  Napoleon  gekämpft  hatte,
in  den  Rheinbund  aufgenommen,  zum  König  erhoben  und  erhielt
  von  dem  preußischen  Gebiete  alle  ehemals  zum  Königreiche
Polen  gehörigen  Länder  unter  dem  Namen  „Herzogthum
Warschau".

&amp;amp;  109.  Die  Art  und  Weise,  wie  Napoleon  nach  dem
Frieden  zu  Tilsit  gegen  Portugal  und  Spanien  verfuhr,
die  Vertreibung  der  Fürsten  dieser  Länder  und  die  Erhebung
  seines  Bruders  Joseph  zum  König  von  Spanien,
die  Vereinigung  Toskana's  mit  Frankreich,  die  Besetzung
  der  päpstlichen  Staaten,  die  Absperrung  der  europäischen
  Küsten  gegen  den  englischen  Handel,  all  dieß
erregte  in  ganz  Europa  große  Unzufriedenheit  und  rief  in  Norddeutschland
  einen  geheimen  Bund,  den  sogenannten  Tugendbund,
hervor,  welcher  dem  wachsenden  Uebermuthe  des  ausländischen

Herrschers  zu  begegnen  suchte.  Auch  zeigte  sich  die  Freundschaft
        <pb n="367" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  351

des  Kaisers  Alexander  von  Rußland  mit  Napoleon  bei  der
Versammlung  zu  Erfurt,  wo  beide  Kaiser  und  die  Fürsten  des
Rheinbundes  (1808)  zusammengekommen  waren,  sehr  in  Abnahme
begriffen,  und  die  Behandlung,  welche  hier  die  Fürsten  Deutschlands
von  Napoleon  erfuhren,  ließ  sie  ihre  unwürdige  Stellung  gegenüber
dem  Gewaltigen  schmerzlich  fühlen.  Diese  Stimmung  und  die
Verwickelung  Napoleons  in  den  Kampf  mit  Spanien  und  in
die  Händel  mit  dem  Papste  glaubte  das  von  England  aufgereizte
  Wiener  Cabinet  zu  einem  nochmaligen  verzweifelten
Kampfe  für  die  deutsche  Freiheit  und  zur  Herstellung  seines
politischen  Ansehens  benutzen  zu  sollen.  Zu  diesem  Zwecke  betrieb
  Erzherzog  Karl  mit  großem  Eifer  eine  neue  Einrichtung
des  Heerwesens  (400,000  Mann  für  den  Felddienst,  300,000
Mann  Landwehr  und  eine  dreifache  Reserve).  Als  Napoleon
wegen  dieser  Rüstungen  die  Fürsten  des  Rheinbundes  aufforderte,
ihre  Contingente  in  Bercitschaft  zu  halten,  beschloß  der  Wiener
Hof,  dem  Angriffe  Napoleons  zuvorzukommen.  Die  Brüder  des
Kaisers,  die  Erzherzöge  Karl  und  Johann,  sollten  die  österreichische
  Urmee  nach  Bayern  und  Italien  führen,  aus  beiden
Ländern  Verstärkungen  an  sich  ziehen  und  Napoleon  zur  Schlacht
zwingen,  bevor  er  seine  Macht  concentrirt  hätte.  Leider  verfuhr
Oesterreich  auch  dießmal  gegen  Bayern,  daß  sich  ihm  anschließen
  sollte,  nicht  offen.  Ein  Brief  des  Erzherzogs  Karl,
des  Generalissimus  in  diesem  Kriege,  an  den  König  von
Bayern,  worin  angezeigt  war,  daß  man  vorwärts  marschiren
und  die  Franzosen  überall,  wo  sie  gefunden  würden,  bekämpfen
werde,  war  Alles,  was  Oesterreich  in  diesem  wichtigen  Augenblicke
an  Bayern  erließ.  Zu  gleicher  Zeit  drangen  österreichische  Truppen
über  den  Inn  nach  Bayern  und  von  Böhmen  her  in  die
Oberpfalz  ein  und  veranlaßten  durch  ihr  Erscheinen  einen
Aufstand  der  mit  der  bayerischen  Regierung  unzufriedenen
Tyroler.  In  dieser  unheimlichen  Lage,  die  Bayerns  Selbstständigkeit
  in  Frage  stellte,  entschloß  sich  König  Max,  neuerdings
mit  Frankreich  zu  gehen,  und  die  übrigen  Glieder  des  Rheinbundes
  folgten  seinem  Beispiele.  Der  Kampf,  der  nun  auf
bayerischem  Boden  losbrach,  war  in  wenigen  Tagen  entschieden.
Die  österreichischen  Heermassen  (200,000  Mann)  rückten  ohne
        <pb n="368" />
        352  Bayern  unter  Koͤnig  Max  I  Joseph.

Widerstand  (vom  9.  bis  19.  April  1809)  vom  Inn  nach  München
und  Landshut  und  von  der  Oberpfalz  aus  nach  Regensburg
vor,  denn  die  drei  bayerischen  Divisionen  unter  dem  damaligen
Kronprinzen  Ludwig  und  den  Generälen  Wrede  und  Deroy
(unter  dem  Oberkommando  des  französischen  Marschalls  Lefebre)
hatten  Befehl,  sich  in  kein  ernstliches  Treffen  einzulassen,  bis
die  übrigen  Rheinbundestruppen  und  die  Franzosen  unter  den
Marschällen  Davoust,  Massena  und  Oudinot  zu  ihnen  gestoßen
  wären.  Napoleon,  der  die  Nachricht  von  dem  Uebergange
  des  Erzherzogs  Karl  über  den  Inn  am  12.  April  erhalten
  hatte,  war  schon  am  16.  April  in  Dillingen  und
besprach  sich  hier  mit  dem  aus  München  geflüchteten  König
Max  I.  Die  erste  entscheidende  Schlacht  gewann  Napoleon
fast  nur  mit  bayerischen  Truppen  am  20.  April  bei  Abensberg,
  wo  sich  der  Kronprinz  Ludwig  von  Bayern  als  Kommandirender
  der  ersten  Division  durch  persönliche  Tapferkeit  auszeichnete.
  Die  geschlagenen  Oesterreicher  flohen  unter  Erzherzog
  Ludwig  von  Abensberg  nach  Landshut.  Hier  wurden
sie  von  Napoleon  am  linken,  und  von  Marschall  Massena  am
rechten  Ufer  der  Isar  angegriffen  und  zur  Beschleunigung  der
Flucht  gezwungen.  Während  Marschall  Bessieres  und  General
Wrede  mit  dem  größten  Theil  der  Reiterei  den  fliehenden  Feind
bis  über  Neumarkt  a.  d.  Rott  hinaus  verfolgten,  wo  der
österreichische  General  Hiller  am  24.  April  plötzlich  Halt  machte
und  die  Division  Wrede  zurückwarf,  wendete  sich  Napolcon
von  Landshut  gegen  den  Erzherzog  Karl,  der  unterdessen  das
nur  von  einem  französischen  Regimente  vertheidigte  Regensburg
genommen,  die  Höhen  von  Abbach  besetzt  und  bei  Schierling
gegen  die  Franzosen  unter  Davoust  und  die  Bayern  unter
Deroy  ein  Treffen  bestanden  hatte.  Erzherzog  Karl  stand  bei
der  Ankunft  Napoleons  mit  110,000  Mann  bei  Eckmühl  in
Schlachtordnung  (22.  April).  Der  sich  entspinnende  Kampf
dauerte  bis  zur  einbrechenden  Nacht  und  wurde  vorzüglich  durch
die  bayerischen  Chevauxlegers  und  Davousts  hartnäckigen
Widerstand,  wegen  dessen  er  von  Napoleon  zum  Fürsten  von
Eckmühl  erhoben  wurde,  zum  Nachtheile  der  Oesterreicher
entschieden.  Diese  zogen  sich  noch  in  der  Nacht  nach  Regensburg.
        <pb n="369" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  353

Die  Franzosen  folgten  ihnen  nach,  warfen  (am  23.  April)  auf
der  Ebene  vor  Regensburg  die  österreichische  Reiterei  und
erstürmten  in  wenigen  Stunden  die  Stadt.  Beim  Abzuge  aus
Regensburg  zündeten  die  Oesterreicher  Stadtamhof  an,  um  die
nachsetzenden  Franzosen  aufzuhalten,  und  gelangten  über  Cham
und  Waldmünchen  nach  Böhmen.  Um  die  Macht  Oesterreichs
vollends  zu  brechen,  eilte  Napoleon  mit  seinen  Heeresmassen
längs  der  Donau  Oesterreich  zu,  brachte  (am  13.  Mai  1809)
Wien  in  seine  Gewalt  und  gewann  am  5.  und  6.  Juli  1809
die  Entscheidungsschlacht  bei  Wagram,  in  welcher  die  Bayern
unter  Wrede  rühmlich  mitkämpften.  Am  12.  Juli  1809  wurde
zu  Znaim  Waffenstillstand,  und  am  14.  Juli  1809  zu  Schönbrunn
  der  sogenannte  Wiener  Friede  geschlossen.  Oesterreich
  verlor  2058  Quadratmeilen  mit  3½⅛  Millionen  Menschen
und  mußte  85  Millionen  Franken  Kriegssteuer  bezahlen.  Von
den  Ländern,  die  es  abtreten  mußte,  sollte  Salzburg  mit  etlichen
benachbarten  Gütern  an  Bayern  kommen.

Während  dieses  an  der  Donau  vorging,  hatte  Andreas
Hofer,  Sandwirth  zu  Passeyr,  unterstützt  von  dem  Freiherrn
von  Hormayer,  dem  österreichischen  Major  Teimer,  dem
Wirthe  Speckbacher  und  dem  Kapuziner  Haspinger,  die  zu
Gunsten  Oesterreichs  geschehene  Erhebung  der  Tyroler  geleitet
und  es  dahin  gebracht,  daß  ganz  Tyrol  unter  den  Waffen  stand.

Mit  Hilfe  der  Oesterreicher  unter  dem  Feldmarschall-Lieutenant
Marquis  von  Chasteler  wurden  die  im  Lande  zerstreuten
Bayern  theils  getödtet,  theils  gefangen,  theils  vertrieben.  Am
12.  April  1809  eroberte  Hofer  die  Stadt  Innsbruck  und
nahm  die  bayerische  Besatzung  gefangen.  Tags  darauf  streckte  ein
französisches  Corps  unter  General  Bisson  bei  Wiltau  die
Waffen.  Wenige  von  den  gefangenen  Bayern  und  Franzosen
entgingen  dem  Tode.  Auch  die  Vorarlberger  unter  dem  Advokaten
  Schneider,  Doktor  Gries  und  dem  Wirth  Riedmüller
  in  Bludenz  folgten  dem  Beispiele  der  Tyroler.  Ein
warnender  Aufruf  an  die  Insurgenten  vom  1.  Mai  blieb  ohne
Erfolg.  Zur  schnellen  Unterdrückung  des  Aufstandes  rückten  daher
zwei  bayerische  Divisionen,  von  dem  Kronprinzen  Ludwig  und
dem  General  Wrede  unter  dem  Oberbefehl  Lefevre's  geführt,
gegen  Tyrol  vor.  Die  Bewohner  Tyrols  leisteten  überall  verzweiflungsvollen
  Widerstand.  Die  Bayern  erstürmten  (11.  Mai)
Sattler,  bayer.  Ceschichte.  23
        <pb n="370" />
        354  Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.

Lofer  und  die  Pässe  bei  Strub,  schlugen  die  Oesterreicher
und  Tyroler  (13.  Mai)  bei  Wörgel,  zerstörten  im  Sturm
(15.  Mai)  Schwatz,  verwandelten  vierzehn  Ortschaften  in
Schutthaufen  und  besetzten  (19.  Mai)  Innsbruck.  Der  Aufruhr
  schien  gedämpft.  Wrede  eilte  mit  seiner  Diovision  wieder
auf  den  Kampfplatz  an  der  Donau  und  erwarb  sich  durch  seine
Dienste,  die  er  bei  Wagram  (5.  und  6.  Juli  1809)  leistete,
lden  Grafentitel  und  die  Güter  Englzell,  Mondsee  und
Suben.  Inzwischen  erneuerten  die  Tyroler  nach  der  Niederlage,
die  Napoleon  bei  den  Dörfern  Aspern  und  Eßling  (21.  und
22.  Mai  1809)  erlitten  hatte,  den  Aufruhr.  Die  unter  Deroy
zurückgebliebene  bayerische  Division,  von  einem  dreimal  stärkeren
Insurgentenhaufen  angegriffen,  von  allen  Seiten  umzingelt,  ohne
Zufuhr  von  Lebensmitteln  und  ohne  Hoffnung  auf  Unterstützung
mußte  Tyrol  gegen  Ende  Mai's  verlassen  und  mit  schwerem  Verluste
  nach  Bayern  sich  zurückziehen.  Die  Tyroler  und  Vorarl-=berger
  machten  nun  aus  ihren  Gebirgen  Ausfälle  in  die  oberländischen
  Gebiete  Bayerns,  um  Geld,  Lebensmittel  und  Waffen
zu  erpressen.  Auf  der  ganzen  Linie  von  Reichenhall  bis  Lindau
gab  es  einzelne  Gefechte  mit  den  Insurgenten.  Als  nach  dem  Waffenstillstande
  zu  Zmnaim  (12.  Juli)  die  Oesterreicher  vertragsmäßig
  aus  Tyrol  abzogen,  befürchteten  die  Tyroler  von  der
schon  empfundenen  Rache  ihrer  Gegner  das  Schlimmste  und  beschloßen,
  den  Kampf  für  sich  fortzusetzen.  Statt  also  dem  Marschall
  Lefevre,  der  mit  Franzosen,  Bayern  und  Sachsen
in  Tyrol  wieder  vordrang,  sich  zu  ergeben  und  die  Waffen  zu
strecken,  zwangen  sie  die  kriegsgewandten  Truppen  in  einem  blutigen
  Treffen  bei  Innsbruck  (13.  August  1809)  zum  Rückzuge,
auf  welchem  selbst  Weiber  durch  Herabstürzen  von  Steinmassen
und  Baumstämmen  mit  den  hinter  Bäumen  und  Felsen  lauernden
Scharsschützen  die  Reihen  der  Flüchtigen  lichteten.

Erst  nach  dem  Frieden  von  Schönbrunn  (14.  Juli  1809),
als  die  vereinigten  bayerischen  Truppen  (25.  Oktober)  das  Unterinnthal
  gegen  Innsbruck  zu  mit  unwiderstehlicher  Gewalt
durchzogen  und  (1.  November)  den  Berg  Isel  erstürmt  hatten,
während  ein  französisch-italienisches  Heer  unter  dem  Vicekönig
  Eugen  Beauharnais  im  südlichen  Tyrol  vordrang,
sandte  Hofer  Unterwerfungsschreiben  an  Eugen.  Aber  verleitet
durch  falsche  Berichte,  als  habe  Oesterreich  die  Feindseligkeiten
gegen  die  Franzosen  erneuert,  rief  Hofer  (15.  November)  seine
Landsleute  neuerdings  zu  den  Waffen.  Da  ward  die  Amnestie,
welche  den  Tyrolern  im  Friedensschlusse  von  Schönbrunn  zugesichert
        <pb n="371" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  3655

worden  war,  für  verwirkt  und  Andreas  Hofer  für  geächtet
erklärt.  Die  Tyroler  konnten  keinen  erfolgreichen  Widerstand
mehr  leisten.  Hofer  flüchtete  sich  in  eine  Sennhütte  des  Passeyr-Thales,
  wurde  aber  verrathen,  gefangen,  nach  Italien
abgeführt  und  in  Mantug  am  20.  Februar  1810  auf  Befehl
Napoleons  erschossen“).  «
Um  Tyrol  für  die  Zukunft  wehrlos  zu  machen,  wurde  es
von  Napolcon  getheilt.  Durch  die  in  Paris  am  1.  Mai  1810
erlassene  Theilungsacte  ward  der  südliche  Theil  mit  dem
Königreich  Italien,  ein  östlicher  Theil  (das  Pusterthal)  mit
Illyrien  vereinigt;  Bayern  erhielt  den  Rest  zurück  und  als
Entschädigung  für  das,  was  es  von  Tyrol  an  Italien  und  Illyrien
  verloren  und  von  seinem  sonstigen  Gebiete  an  Württemberg
  und  Würzburg  abzugeben  hatte,  Salzburg,  Berchtesgaden,
  das  Innviertel,  den  größern  Theil  des  Hausruckviertels
  in  Oberösterreich  und  außerdem  die  seit  1806  von
den  Franzosen  besetzte  Markgrafschaft  Bayreuth  und  die  Stadt
Regensburg  mit  dem  fürstbischöflichen  Gebiete.  Für
die  Markgrafschaft  Bayreuth  hatte  Bayern  25  Millionen  Franken
an  die  Franzosen,  und  für  Regensburg  100,000  Franken
an  Verwandte  des  Fürsten  Primas  Karl  Theodor  von  Dalberg
  zu  entrichten.  Für  diesen  ward  das  neue  Großherzogthum
  Frankfurt  gebildet  (aus  Frankfurt,  Fulda,  Hanau,
Wetzlar,  Aschaffenburg)  mit  der  Bestimmung,  daß  sein  Nachfolger
der  Vicekönig  von  Italien,  Eugen  Beauharnais,  sein  sollte.
Bayern,  das  143  Quadratmeilen  mit  396,000  Seelen  abzutreten
hatte,  erhielt  dafür  318  Quadratmeilen  mit  706,690  Seelen  und
faßte  nun  1811  Quadratmeilen  mit  3,543,160  Seelen  in  sich.

&amp;amp;  110.  Da  Napoleon  aus  der  Ehe,  welche  er  am  9.  März
1796  mit  der  Wittwe  Josephine  Beauharnais  eingegangen
hatte,  keine  Kinder  erhielt  und  durch  einen  Leibeserben,  der  aus
der  Verbindung  mit  einer  Fürstentochter  hervorgegangen  wäre,
eine  Dynastie  zu  begründen  hoffte,  so  schied  er  sich  von  seiner

 

—.

*)  Kaiser  Franz  1  erhob  seine  Familie  in  den  Adelsstand  und  setzte
ihm  später  ein  Denkmal  in  der  Franziskanerkirche  zu  Innsbruck.
23*
        <pb n="372" />
        356  Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.

bisherigen  Gemahlin  und  heirathete  (2.  April  1810)  des  Kaisers
Franz,  1  älteste  Tochter,  Maria  Louise,  die  ihm  (20.  März
1811)  einen  Sohn  gebar,  dem  er  den  Titel  „König  von  Rom“
beilegte.

Auf  die  Unterstützung  Oesterreichs  bauend  suchte  Napoleon
die  Engländer,  deren  Macht  ihm  schon  lange  ein  Dorn  im
Auge  war,  durch  Vernichtung  ihres  Handels  zu  schwächen  und
ordnete  zu  diesem  Zwecke  durch  ein  Dekret  vom  19.  Dezember
1810  die  Continentalsperre  (Verbot  aller  englischen  Manufacturwaaren
  in  den  von  ihm  abhängigen  Staaten)  an.  Bayern
fügte  sich,  wies  aber  sonstige  Eingriffe,  die  Napoleon  in  seine
inneren  Verhältnisse  zu  machen  suchte  (z.  B.  die  Zumuthung  der
Einführung  seines  Gesetzbuches)  klug  und  fest  zurück.  Auch  von
Rußland  forderte  Napoleon  die  strengste  Handelssperre  gegen
England  und  begann,  als  ihm  Kaiser  Alexander  nicht  willfuhr,
  diesen  auf  jede  Weise  zu  beleidigen.  So  kam  im  Frühjahre
1812  der  russische  Krieg  zum  Ausbruch,  der  Napoleon
zwang,  seine  Kräfte  zu  theilen,  denn  während  des  Kampfes  im
fernsten  Nordosten  durfte  der  leicht  erregbare  Südwesten
nicht  ungedeckt  bleiben.  Bayern  mußte,  so  schwer  es  ihm  fiel,
sein  Bundescontingent  von  30,000  Mann  unter  dem  Oberbefehle
Frankreichs  nach  Rußland  absenden.

Die  Hauptmasse  der  Bayern  kämpfte  als  19.  und  20.  Division
  der  großen  Armee  im  sechsten  Armeecorps  unter  dem
Oberbefehle  Gouvions  St.  Cyr  mit  Auszeichnung  (16.,  17.,
18.  und  22.  August  1812)  bei  Polotzk  an  der  Düna,  wo  die
tapferen  Generale  Deroy  und  Siebein  blieben.  Bis  zum
18.  Oktober  hielt  sich  Gouvion  St.  Cyr  bei  Polotzk,  an
diesem  und  dem  folgenden  Tage  aber  wurde  er  von  den  überlegenen
  Heeresmassen  des  russischen  Generals  Wittgenstein  und
des  mit  schwedischen  Truppen  herbeigeeilten  Generals  Steinheil
angegriffen.  Er  behauptete  zwar  mit  den  Bayern,  die  gegen
sechstausend  Mann  einbüßten,  seine  Stellung,  aber  der  General
Merle,  der  den  schwerverwundeten  Gouvion  St.  Cyr  im
Kommando  ablöste,  sah  sich  zur  Aufgebung  der  Stellung  gezwungen
  und  zog  sich  gegen  Lukomila  an  der  Ulna  zurück,  wo
am  29.  Oktober  die  Vereinigung  mit  dem  von  Smolensk  sich
zurückziehenden  Marschall  Victor  erfolgte.  Die  Bayern  unter
Wrede,  nur  mehr  2000  Mann  stark,  waren  in  südwestlicher
        <pb n="373" />
        Bayern  unter  König  Max  I  Joseph.  357

Richtung  gegen  Wilna  zurückgeschickt  worden,  um  die  Straße
nach  Wilna  für  den  Rückzug  offen  zu  halten.  Unter  Victor
selbst  ging  bei  steter  Verfolgung  durch  Wittgenstein  der  Rückzug
  zu  der  verhängnißvollen  Beresina,  wo  die  Generale  Ney
und  Oudinot  am  28.  November  1812  (mit  8000  Mann)  gegen
zwei  aus  dem  Süden  und  Norden  herbeigezogene  Heere  (zusammen
25,000  Mann  stark)  den  Uebergang  erkämpften  und  Marschall  Victor
am  29.  November  Morgens  mit  seiner  Nachhut  als  der  Letzte  die
Brücke  passirte  und  sie  dann,  unbekümmert  um  die  zurückgelassene  hilflose
  Masse,  beim  Erscheinen  der  Russen  anzündete.  Am  4.  Dezember
war  das  Hauptquartier  der  retirirenden  Armee  zu  Smorganie,
wo  Napoleon  das  Heer  verließ  und  auf  einem  Schlitten  nach
Paris  eilte.  In  der  Nähe  von  Wilna  nahm  Wrede  mit
seinen  2000  Bayern  die  8000  Franzosen,  welche  dem  Marschall
Victor  nach  Ueberschreitung  der  Beresina  noch  geblieben  waren,
auf,  deckte  deren  Rückzug  und  zog  am  10.  Dezember  mit  seiner
Nachhut  aus  Wilna,  als  die  Russen  schon  zu  allen  Thoren
hereindrangen.  Von  da  ging  der  Rückzug  unaupfhaltsam  auf  der
Straße  nach  Kowno,  in  dessen  Nähe  die  bis  auf  200  Mann
zusammengeschmolzenen  Bayern  bei  Balwierzki  über  den
Niemen  setzten.  Von  Kowno  ging  die  Rückzugslinie  der  Bayern
nach  Plotzk  an  der  Weichsel,  wo  drei  aus  Bayern  nachgesandte
Regimenter  in  der  Stärke  von  4300  Mann  eingetroffen  waren.
Allein  von  diesen  mußten  3000  Mann  als  Besatzung  nach  Thorn
abgegeben  werden,  und  so  war  das  sechste  Armeekorps  so  gut  als
aufgelöst.  Wrede  übergab  daher  sein  Kommando  an  den  General
Rechberg,  trat  den  Rückzug  nach  Bayern  an  und  traf  am
17.  Februar  1813  in  München  ein.  Die  von  ihm  zurückgelassenen
Bayern  rückten  über  Gnesen  und  Posen  nach  Frankfurt  an
der  Oder,  wo  sie  am  18.  Februar  1813  noch  2253  Mann
stark  waren  und  384  Pferde  mit  sich  führten).

Es  währte  nicht  lange,  so  erschien  Napoleon  mit  neuen
Heeren  auf  dem  Kampfplatze.  Auch  Kaiser  Alerander  überschritt
  die  Grenzen  seines  Reiches  und  erhielt  an  Preußen,  dem

*)  Dem  Andenken  der  30,000  Bayern,  die  im  russischen  Kriege  den
Tod  fanden,  errichtete  König  Ludwig  1  einen  aus  dem  Erze  eroberter
Kanonen  gegossenen,  100  Fuß  hohen  Obelisk  auf  dem  Karolinenplatze  in
München  mit  der  Inschrift:  „Auch  sie  starben  für  des  Vaterlands
Befreiung."  Den  Erzguß  und  die  Aufstellung  dieses  Obeliskes  vollbrachte
Stiglmair  nach  einer  Zeichnung  von  Klenze's.  Die  feierliche  Enthüllung
  desselben  erfolgte  am  18.  Oktober  1833,  als  dem  Jahrestage  der
Leipziger  Völkerschlacht,  in  der  Gegenwart  vieler  Veteranen  des  bayerischen
  Heeres.
        <pb n="374" />
        3568  Bayern  unter  Koͤnig  Max  J  Joseph.

er  im  Vertrage  zu  Kalisch  (16.  Februar  1813)  Wiedereinsetzung
in  seinen  früheren  Besitz  zugesichert  hatte,  einen  willkommenen
Waffengefährten.  Bayern,  dessen  Stellung  äußerst  bedenklich
war,  rüstete  auf's  neue  mit  aller  Anstrengung  und  schickte  Napoleon
  im  März  1813  acht  tausend  Mann  frischer  Truppen
unter  Raglowich  nach  Sachsen,  die  am  20.  Mai  bei  Bautzen
gegen  das  russisch-preußische  Heer  mitfochten.  Gleichzeitig
wurde  um  München  eine  Armee  theils  frisch  ausgehobener  Truppen,
theils  zum  zweiten  Male  einberufener  Soldaten  (mobile  Legion)
aufgestellt,  die  unter  Wrede  am  Inn  Position  nahm.  Der
Kronprinz  Ludwig  trat  an  die  Spitze  der  Landesbewaffnung.
Nachdem  Napoleon  bei  Lützen  (2.  Mai  1813)  und  Bautzen
(20.  Mai  1813)  Sieger  geblieben,  drang  Oesterreich,  das
bisher  fruchtlos  auf  Frieden  gedrungen,  nachdrücklicher  auf  Einstellung
  der  Feindseligkeiten  und  erreichte  mit  vieler  Mühe  einen
Waffenstillstand  und  die  Eröffnung  von  Friedensunterhandlungen
zu  Prag.  Als  aber  hier  Napoleons  Gesandte  nur  Ausflüchte
suchten,  erklärte  auch  Oesterreich  den  Krieg  an  Frankreich.

Die  Rücksichtslosigkeit,  mit  welcher  Napoleon  nach  den
Siegen  bei  Lützen  und  Bautzen  jeden  Friedensantrag,  auch  den
von  Bayern  gestellten,  von  sich  wies,  führte  in  König  Max  1
den  Entschluß  herbei,  die  Sache  Napoleons  zu  verlassen  und  der
zwischen  Rußland,  Preußen  und  Oesterreich  gebildeten
Allianz  gegen  Frankreich  beizutreten.  Im  Angesichte  der  an
den  beiden  Ufern  des  Inns  sich  gegenüberstehenden  österreichischen
und  bayerischen  Streitkräfte  wurde  durch  Wrede  der  Vertrag  von
Ried  mit  Oesterreich  zu  Stande  gebracht  (8.  Oktober  1813).
Durch  diesen  trat  Bayern  aus  dem  Rheinbunde,  schloß  sich
den  drei  Großmächten  gegen  Napoleon  an  und  erhielt  zugleich
die  Gewährleistung  seiner  Souverainetät  und  seines  bisherigen
Besitzes,  jedoch  mit  Vorbehalt  gegenseitiger  mit  freier  Uebereinkunft
zu  treffender  Abtretungen  zum  Behufe  besserer  militärischer  Grenzen.

Wrede  begab  sich  mit  den  vereinigten  Bayern  und  Oesterreichern
  (beiläufig  50,000  Mann)  vom  Inn  an  den  Main  und
nöthigte  den  in  der  Völkerschlacht  bei  Leipzig  (16.—19.  Oktober
1813)  geschlagenen  und  nach  Frankreich  fliehenden  Napoleon  durch
den  hartnäckigen  Kampf  bei  Hanau  (30.,  31.  Oktober  und
1.  November  1813),  den  deutschen  Boden  für  immer  zu  verlassen.
  Wrede  selbst  wurde  bei  Hanau  schwer  verwundet.  Auch
        <pb n="375" />
        Bayern  unter  König  Max  LJoseph.  359

im  Jahre  1814  nahmen  die  Bayern  unter  Wrede  und  dem
königlichen  Prinzen  Karl  an  dem  auf  Frankreichs  Boden  fortgesetzten
  Kampfe  gegen  Napoleon  rühmlichen  Antheil,  so  in
der  Schlacht  bei  Brienne  (1.  Februar),  bei  Bar  an  der  Aube
(27.  Februar)  und  bei  Arcis  (20.  und  21.  März)  ').  Paris
ergab  sich  am  21.  März.  Napoleon  mußte  (11.  April)  die
Krone  Frankreichs  an  Ludwig  XVIII,  Bruder  Ludwigs  XVI,
überlassen  und  sich  mit  der  Insel  Elba  begnügen.  Am  30.  Mai
1814  erfolgte  der  erste  Pariser  Friede,  und  fünf  Tage
darnach  (3.  Juni)  wurde  zwischen  dem  österreichischen  Minister
Metternich  und  dem  (am  7.  März  1814)  zum  Marschall  und
(bald  darnach)  zum  Fürsten  erhobenen  Wrede  ein  Vertrag
verabredet,  gemäß  welchem  Bayern  an  Oesterreich  Tyrol  und
Vorarlberg,  das  Inn=  und  Hausruckviertel  abtreten  und
dafür  Würzburg  und  Aschaffen  burg  und  das  zu  Böhmen
gehörige  Amt  Redwitz  an  der  Bayreuther  Grenze  erhalten  sollte.
Da  Bayern  durch  diesen  Austausch  eine  Einbuße  von  wenigstens
  200  Quadratmeilen  bevorstand,  so  gab  Oesterreich  die
beruhigende  Zusage,  bei  den  Allürten  dahin  zu  wirken,  daß
Bayern  die  Rheinpfalz  mit  einem  Landstriche  erhalte,  der  das
Gebiet  am  Rheine  mit  dem  am  Maine  verbände.  Die  Hauptfrage
  über  die  Landesentschädigung  aller  Betheiligten  und
über  den  künftigen  Zustand  Deutschlands  und  Europa's  sollte
auf  einem  Congresse  zu  Wien  durch  gemeinsame  Berathungen
aller  Mächte  gelöst  werden.

Während  dieser  Congreß,  der  am  5.  Oktober  1814  eröffnet
wurde,  die  ihm  gestellte  Aufgabe  zu  lösen  bemüht  war,  führte
die  Entweichung  Napoleons  von  der  Insel  Elba  und  sein
Wiederauftreten  in  Frankreich  (1.  Mai  1815)  einen  neuen
Krieg  der  Alliirten  gegen  Frankreich  herbei,  wozu  Bayern
mit  der  höchsten  Anspannung  seiner  ganzen  Wehrkraft  eine  Armee
von  80,000  Mann  zusammenbrachte.  Der  gänzliche  Sturz  Napoleons
  wurde  durch  die  große  Schlacht  bei  Waterloo  oder
Belle  Alliance  am  18.  Juni  1815  entschieden,  demselben

 

 

*)  König  Ludwig  1  hat  zur  Erinnerung  an  diese  Waffenthaten  drei
Straßen  Münchens  nach  diesen  Kampfplätzen  benannt.
        <pb n="376" />
        360  Bayern  unter  König.  Max  1  Joseph.

Zeitpunkte,  in  welchem  der  Wiener  Congreß  auseinander  ging.
Durch  die  Beschlüsse  dieses  Congresses  war  für  Deutschland  am
8.  Juni  1815  eine  Bundesakte  zu  Stande  gekommen,  gemäß
welcher  Deutschland  fortan  einen  völkerrechtlichen  Verein  der
deutschen  souverainen  Fürsten  und  freien  Städte  sowohl
  zur  Erhaltung  seiner  äußeren  Sicherheit  und  inneren  Einheit,
  wie  der  Unabhängigkeit  und  Unverletzlichkeit  der  einzelnen
Bundesglieder  bilden  sollte.  Ein  Bundestag  zu  Frankfurt
sollte  über  die  gemeinsamen  Angelegenheiten  des  deutschen  Vaterlandes
  zu  wachen,  zu  berathen  und  zu  entscheiden  haben.  Gemäß
dieser  Bundesakte  sollte  Bayern  unter  den  Bundesstaaten  nach
Oesterreich  und  Preußen,  welche  sich  zugleich  als  europäische
Mächte  geltend  machten,  den  ersten  Rang  einnehmen,  im  engern
Ausschuß  der  17  Bundesstaaten  Eine  Stimme,  in  der  vollen
Versammlung  der  39  Bundesglieder  Vier  Stimmen  haben  und
zum  Schutze  des  gemeinsamen  Vaterlandes  im  Frieden  ein  Contingent
  von  35,600  Mann  unterhalten,  im  Kriege  aber  noch
weitere  17,800  Mann  stellen.  Nachdem  allen  Bestimmungen
dieser  Bundesakte  von  Seite  der  souveränen  Fürsten  und  freien
Städte  Deutschlands  beigepflichtet  worden  war,  schloßen  die
Kaiser  von  Oesterreich  und  Rußland  und  der  König  von
Preußen  am  25.  September  1815  zur  Erhaltung  des  Friedens
und  wahrer  Gerechtigkeit  nach  den  Vorschriften  des  Christenthums
den  sogenannten  „heiligen  Bund“,  dem  König  Max  I  von
Bayern  schon  am  26.  September  1815  beitrat.  Um  auch  mit
Frankreich  vollends  in  Ordnung  zu  kommen,  wurde  am
20.  November  1815  der  zweite  Pariser  Friede  geschlossen,
welcher  Frankreich  nur  die  Abtretung  einiger  Festungen  und
eine  Kriegscontribution  von  700  Millionen  Franken  auferlegte.
Ein  Theil  Frankreichs  blieb  bis  zu  dessen  voller  Beruhigung  von
den  Alliirten  besetzt.  Von  der  französischen  Kriegscontribution
erhielt  Bayern  25½  Millionen  Franken  für  die  in's  Feld  gestellten
  Truppen  und  weitere  15  Millionen  zur  Verstärkung  der
in  seinem  Umfange  gelegenen  Bundesfestungen.  Bezüglich  des
künftigen  Länderbesitzes  erfolgte  zwischen  Oesterreich  und  Bayern
am  14.  April  1816  ein  neuer  Vertrag  auf  Grund  des  früher
(3.  Juni  1814)  getroffenen  Uebereinkommens,  sowie  der
        <pb n="377" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  361

Schlußacte  des  Wiener  Congresses  (vom  9.  Juni  1815)
und  des  zweiten  Pariser  Friedens.

Bayern  trat  an  Oesterreich  ab:  Tyrol,  Vorarlberg,
das  noch  besetzt  gehaltene  Inn=  und  Hausruckviertel,  das
Amt  Vils  bei  Füssen  und  das  Salzburgische  Gebiet  mit
Ausnahme  der  Landgerichte  Waging,  Tittmoning,  Laufen  und
Teisendorf.

Dagegen  erhielt  Bayern  außer  dem  Großherzogthum  Würzburg
  und  dem  Fürstenthum  Aschaffenburg:

1)  diesseits  des  Rheins:

a.

die  vormals  Fuldaischen  DAemter  Hammelburg,  Bruükkenau
  und  Weihers;

b.  einen  Theil  des  Amtes  Biberstein  und
c.  das  österreichische  Amt  Redwitz  an  der  böhmischen  Grenze;
2)  jenseits  des  Rheins:

K.

x.
d.
2

f.

—-von

  der  ehemaligen  Kurpfalz:  die  Rheinschanze  gegenüber
  von  Mannheim,  Germersheim,  Neustadt,
Wachenheim,  Oggersheim,  Mutterstadt,  Frankenthal,
  Kaiserslautern  mit  Landstuhl,  Otterberg,
  Wolfstein,  Roggenhausen,  Lauterecken,
Ramstein,  Waldfischbach;

.  Zweibrücken  mit  Kusel,  Hornbach,  Homburg,

Waldmohr,  Bergzabern,  Annweiler,  Odernheim,
  Münchweiler,  Moschel,  Gravenstein,
Hagenbach,  Langenkandel  und  den  Wald  zwischen
Zweibrücken  und  Landau;

von  Nassau:  Kirchheimbolanden  mit  Göllheim,
Alsenz,  Herbizheim;

von  der  österreichischen  Grafschaft  Falkenstein:  Falkenstein
  und  Winn  weiler;

von  dem  Fürstenthum  Leiningen:  Grünstadt,  Dürckheim,
  Ungstein  u.  a.;

aus  dem  Gebiete  des  Grafen  von  der  Leyen:  Blieskastel
  und  Medelsheim;

vom  Elsaß:  Landau;
vom  Hochstifte  Worms:  Dirmstein,  Baumersheim,

Bobenheim  u.  a.;

.  von  Hanau-Lichtenberg:  Amt  Lemberg  mit  Pirmasenz;
.  vom  Hochstifte  Speier:  Deidesheim  mit  Forst  und

Rupertsberg,  Rheinzabern,  Jockgrimm,  Madenburg
  und  Edesheim;

.  die  Stadt  Speier;
.  von  dem  Gebiete  der  ehemaligen  Rheingrafen:  Gaugrehweiler

  u.  a.
        <pb n="378" />
        362  Bayern  unter  König  Max  I  Joseph.

3)  die  Anwartschaft  auf  die  mainz-hessischen  Aemter  Amorbach,
  Miltenberg  (beide  fürstlich  leiningisch),  Heubach
(fürstlich  löwensteinisch)  und  Alzenau  (vollzogen  1.  September
  1819,  ratifizirt  am  20.  Juli  1819  durch  den
Frankfurter  Abschied).

4)  Die  Zusage,  daß  die  Pfalz  rechts  des  Nheines  und  der
badische  Main=  und  Tauberkreis  an  Bayerrn  fallen
solle,  wenn  der  Großherzog  Karl  von  Baden  ohne  Hinterlassung
  männlicher  Nachkommen  sterben  würde");  bis  dieser
Anfall  erfolge,  sollte  Bayern  jährlich  100,000  Gulden
von  Oestereich  erhalten.

Bayern  verlor  durch  die  Bestimmungen  dieses  Vertrages
nicht  nur  an  Flächeninhalt  (es  zählte  statt  1811  Quadratmeilen
nur  mehr  1387½  Quadratmeilen,  also  um  423½  Quadratmeilen
weniger),  sondern  auch  an  Abrundung  und  an  strategischer  Sicherheit
  seiner  Grenzen.  (König  Max  I  kaufte  1817  das  Schloß
und  Patrimonialgericht  Tegernsee  (vorher  ein  Kloster)  um
180,000  Gulden  und  1818  das  Bad  Kreuth;  das  vormalige
Kloster  Banz  mit  12  Dörfern,  mit  Höfen  und  Waldungen
hatte  1813  Herzog  Wilhelm  von  Birkenfeld  zu  Gelnhausen,
der  seit  1806  in  Bamberg  residirte,  um  309,000  Gulden  gekauft.)
  Trotz  der  großen  Schädigung,  die  Bayern  von  Seite
Oesterreichs  durch  den  1816  geschlossenen  Vertrag  erlitt,  blieb
das  gute  Einvernehmen  zwischen  beiden  Cabineten  doch  gewahrt
und  gewann  durch  die  am  10.  November  1816  vollzogene  Ver-*)

  Die  auf  diese  Zusage  gegründete  Hoffnung  Bayerns,  daß  es  nach
dem  kinderlosen  Hingange  des  badischen  Großherzogs  Karl  die  Pfalz  rechts
des  Rheins  und  den  badischen  Main=  und  Tauberkreis  erhalten  werde,  blieb
unerfüllt.  Denn  als  am  8.  Dezember  1818  der  Großherzog  Karl  ohne
männliche  Leibeserben  starb,  bestieg  dessen  unvermählter  Oheim  Ludwig
den  badischen  Thron  und  erwirkte  bei  dem  heiligen  Bunde  die  Anerkennung
  der  Integrität  Badens  und  des  Erbfolgerechtes  der  Grasen  von
Hochberg,  einer  Seitenlinie  des  badischen  Hauses,  für  welche  der  Großherzog
  Ludwig  wie  ein  Vater  sorgte.  Bayern  bekam  nach  dem  Abschiede
der  zur  Schlichtung  dieser  Sache  in  Frankfurt  versammelten  Territorial=Commission
  vom  20.  Juli  1819  von  Baden  nur  einen  Theil  des  Amtes
Wertheim,  die  Bewilligung  einer  Heerstraße  von  Würzburg  nach  der
Rheinpfalz  und  von  Oesterreich  die  früher  stipulirte  Jahresrente  von
100,000  Gulden.
        <pb n="379" />
        Bayern  unter  König  Max  J  Joseph.  363

mählung  des  Kaisers  Franz  l  mit  der  bayerischen  Prinzessin
Karoline  Auguste,  deren  frühere  Ehe  mit  dem  Kronprinzen
Wilhelm  von  Württemberg  vom  Paypste  geschieden  worden
war,  an  Festigkeit  und  Dauer.

&amp;amp;  111.  Nach  Herstellung  des  Völkerfriedens  wendete  König
Max  I  von  Bayern  seine  Sorge  wieder  ungetheilt  den  inneren
Angelegenheiten  des  Landes  zu,  für  deren  Umgestaltung  selbst
während  der  lange  anhaltenden  Kriegsunruhen  viel  geschehen  war.

Mit  der  von  den  Zeitverhältnissen  dringend  gebotenen  Hebung
des  Militärwesens  hatte  Marx  I  bald  nach  seinem  Regierungsantritte
  den  Anfang  gemacht  und  war  seitdem  für  dieses
Ziel  ununterbrochen  thätig  gewesen.  Eine  im  Jahre  1801
am  Hofgarten  erbaute  große  Kaserne  erleichterte  die  Quartierlast
  für  München,  und  die  im  Jahre  1805  unter  dem  Namen
„Kadettencorps"“  neu  organisirte  Militärakademie  (siehe  deren
Entstehung  oben  Seite  302  und  303  unter  den  Noten)  gab
der  Armce  tüchtige  Offiziere.  Im  Jahre  1805  wurde  auch  die
allgemeine  Dienstpflicht  der  bayerischen  Jünglinge  zu  den
Waffen  mit  wenigen  Ausnahmen  ausgesprochen,  und  am  1.  März
1806  zur  Belohnung  der  Tapferkeit  der  „Militär-Max-Josephs-Orden“
  gestiftet.  Zur  Hebung  und  Mehrung  der
inneren  Wehrkraft  wurde  1808  das  Bürgermilitär  neu
organisirt  und  am  6.  April  1809  das  Gesetz  über  die.  Nationalgarde
  erlassen.  Um  die  für  den  Felddienst  erforderliche
Mannschaft  stets  vollzählig  zu  erhalten,  ohne  dabei  gegen  Einzelne
ungerecht  zu  werden,  erschien  am  29.  Mai  1812  ein  neues
Gesetz  über  die  Ergänzung  des  Heeres,  als  Conscriptions-=gesetz,
  welches  jedem  der  Unterthanen  die  Möglichkeit  gewährte,
sich  für  einen  seiner  Anlage  und  Neigung  entsprechenden  anderweitigen
  Beruf  heranzubilden.

Wie  das  Militärwesen,  so  machte  auch  die  Gesetzgebung
während  der  Kriegsjahre  erhebliche  Fortschritte.  Durch  den  berühmten
  Rechtsgelehrten  Feuerbach  wurde  ein  besseres  Strafgesetzbuch
  abgefaßt,  gründlich  geprüft  und  dann  (1813)  als  für
alle  Gebietstheile  geltend  publicirt.  —  Ein  Gesetz  vom  8.  Juni
1807  hob  die  Steuer  freiheit,  welche  die  bisherigen  Landstände
  genossen  hatten,  auf  und  ordnete  eine  gleichmäßige  Besteuerung
  aller  Unterthanen  des  Reiches  an.  Die  mancherlei
Steuern,  die  man  bisher  erhoben  hatte,  wurden  auf  vier
Hauptsteuern,  nämlich  Grund-,  Haus-,  Dominikal=  und
Gewerbesteuer,  neben  einer  Familiensteuer,  den  indirekten  und  den
        <pb n="380" />
        364  Bayern  unter  Koͤnig  Max  J  Joseph.

Lokalabgaben  zurückgeführt  und  zur  Controllirung  der  öffentlichen
Einnahmen  und  Ausgaben  ein  oberster  Rechnungshof  er—
richtet.  Zum  Behufe  der  gleichmäßigen  Besteuerung  wurde
durch  den  geheimen  Rath  Joseph  von  Utzschneider  und  Professor
  Schiegg  die  Vermessung  des  ganzen  Landes  und  die  Herstellung
  genauer  Steuerkataster  auf  den  Grund  der  Vermessungen
angeordnet.  Zur  Benützung  der  Vermessungen  und  Herstellung
eines  guten  Atlasses  von  Bayern  wurde  1808  ein  topographisches
  Bureau  errichtet.  Die  baldige  Vollendung  der  großen
Landesvermessung  hinderten  aber  die  oft  wiederkehrenden  Kriegsereignisse.
  Deshalb  mußte  eine  Besteuerung  nach  dem  Schätzungswerthe
  der  Güter  (Steuerprovisorium)  für  die  nicht  vermessenen
Bezirke  des  Landes  (13.  Mai  1808)  eingeführt  werden.  —
Große  Sorge  wurde  auch  der  finanziellen  Lage  Bayerns
zugewendet,  da  die  Staatsschuld  theils  durch  die  fortwährenden
Kriegsrüstungen,  theils  durch  die  auferlegten  Kriegscontributionen,
theils  durch  die  mit  den  nenuen  Gebietstheilen  übernommenen
Schulden  sehr  hoch  angewachsen  war.  Um  diese  Schulden  zu
regeln  und  den  Credit  zu  sichern,  wurde  eine  eigene  Schuldentilgungscommission
  unter  Joseph  von  Utzschneider  in's
Leben  gerufen.  —  Durch  Dekret  vom  11.  Februar  1807  wurden
die  bisher  vereinigten  Salinen=  und  Bergwerks-Administrationen
  wieder  in  zwei  Collegien  getrennt  und  jedes  unter
einen  eigenen  General-Administrator  gestellt,  ersteres  unter
den  geheimen  Rath  Joseph  von  Utzschneider,  letzteres  unter
Flurl,  Am  27.  August  1807  wurde  ein  oberstes  Forstamt,
am  2.  November  desselben  Jahres  eine  General-Zoll=  und
Mauth-Direktion  errichtet,  und  am  1.  Dezember  1807  eine
General-Zoll=  und  Mauth-Ordnung  erlassen.  Im  Laufe
des  Jahres  1808  wurde  für  Wasser-,  Brücken=  und  Straßenbau
  eine  Generaldirektion,  für  das  Stiftungs=  und
Communalvermögen  eine  General-Administration,  und
am  1.  März  1808  für  das  Postwesen?)  eine  General-*)

  Bis  zum  Jahre  1806  standen  in  ganz  Deutschland  alle  Postanstalten
  unter  dem  Oberpostmeister  des  deutschen  Reiches,  dem  Fürsten  von
Thurn  und  Taxis.  Am  14.  Februar  1806,  wo  der  deutsche  Reichskörper
  bereits  in  der  Auflösung  begriffen  war,  wurde  von  Bayern  mit
dem  Fürsten  von  Thurn  und  Taxis  ein  Vertrag  geschlossen,  vermöge
dessen  derselbe  für  sich  und  seine  männliche  Descendenz  die  Würde  eines
„kgl.  bayr.  Erblandpostmeisters“  als  ein  Thronlehen  und  die  Regie
des  gesammten  Postwesens  unter  der  Aufsicht  und  Mitwirkung  königlicher
Commissäre  erhielt.  Durch  die  am  1.  März  1808  erfolgte  Errichtung  einer
General-Post-Direktion  wurde  der  Pacht  des  Fürsten  von  Thurn  und
        <pb n="381" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  365

Direktion  errichtet,  die  durch  Dekret  vom  17.  Dezember  1808
eine  Section  im  Ministerium  des  Auswärtigen  bildete.
Ein  Edikt  vom  8.  September  1808  regelte  das  Medizinal-=wesen.
  —  Zur  Ermunterung  der  Staatsdiener  hatte  Mar  I
schon  am  30.  März  1800  den  (im  Jahre  1444  von  dem  Herzoge
Gerhard  von  Jülich)  gestifteten  Orden  vom  hl.  Hubertus
bestätigt;  am  19.  Mai  1808  stiftete  er  den  Civil-Verdienst-Orden
  der  bayerischen  Krone  und  bestätigte  am  11.  September
  1808  den  (im  Jahre  1693  von  dem  Kurfürsten  Joseph
Clemens  von  Köln  gegründeten)  Orden  vom  heiligen
Michael.

Große  Summen  verwendete  man  auf  Straßen-,  Wasserund
  Brückenbau,  auf  die  Forstcultur,  auf  das  Berg=  und
Salinenwesen.  Die  reichen  Salzbergwerke  in  Berchtesgaden
wurden  durch  neue  Grubenbauten  zweckmäßiger  ausgebeutet  und
die  daraus  gewonnene  reichliche  Soole  durch  künstliche,  aber  äußerst
einfache  und  sichere  Druckwerke  von  dem  berühmten  Mechaniker
Reichen  bach  über  Reichenhall,  Siegsdorf  und  Traunstein  bis
Rosenheim  geleitet,  und  in  der  hier  errichteten  neuen  Saline
1812  das  erste  Salz  gesotten.

Zur  Förderung  der  Landwirthschaft  bildete  sich  1809  ein
eigener  Verein.  Diesem  gab  die  Vermählung  des  Kronprinzen
Ludwig  von  Bayern  mit  Theresia,  Prinzessin  von  Sachsen-Hildburghausen
  (jetzt  Sachsen-Altenburg),  welche  am
12.  Oktober  1810  erfolgte,  Anlaß,  am  17.  Oktober  1810  in
München  ein  landwirthschaftliches  Fest  zu  begehen,  an  welchem
jene  Landwirthe,  die  sich  in  der  Viehzucht  oder  im  Hanf-,  Flachs-,
Kartoffelbau  u.  a.  D.  auszeichneten,  mit  bedeutenden  Preisen  belohnt
  und  durch  allgemeine  freudige  Theilnahme,  die  man  durch
Pferderennen,  Festschießen  und  Musik  zu  beleben  suchte,  geehrt
wurden.  Dieses  Fest  wurde  seit  1810  alljährlich  im  Oktober
wiederholt  und  wurde  ein  wahres  Nationalfest  auf  der  nach  der
Kronprinzessin  benannten  Theresienwiese.  Bald  nach  der
Gründung  dieses  Festes  wurde  es  dem  Vereine  möglich,  in  allen
Kreisstädten  ähnliche  Feste  einzuführen  und  dadurch  einen  rühmlichen
  Wetteifer  im  ganzen  Lande  zu  erregen.  Die  landwirthschaftlichen
  Musteranstalten  in  Schleißheim,  Fürstenried,
Weihenstephan  und  Triesdorf  (bei  Ansbach)  wirkten  wohlthätig
  auf  Ackerbau  und  Viehzucht  überhaupt,  die  königlichen
Landgestüte  aber  -auf  die  Pferdezucht  insbesondere.

Taxis  aufgehoben.  Im  Jahre  1812  kaufte  das  fürstliche  Haus  die  Gebäude
des  vormaligen  Reichsstiftes  St.  Emmeran  zu  Regensburg  und  erhielt  am
18.  Mai  1812  die  Herrschaft  Donaustauf  von  dem  Könige  von  Bayern
als  Lehen.
        <pb n="382" />
        366  Bayern  unter  König  Max  I1  Joseph.

Im  Jahre  1811  wurde  mit  dem  landwirthschaftlichen  Vereine
ein  polytechnischer  zur  Beförderung  der  Gewerbe  und  der
Industrie  in  Verbindung  gesetzt.  Die  Seele  beider  Vereine
war  der  geheime  Rath  Joseph  von  Utzschneider,  der  sich  um
die  Landwirthschaft,  das  Gewerb=  und  Fabrikwesen  Bayerns  Verdienste
  erworben  hat,  die  bis  auf  den  heutigen  Tag  unerreicht
dastehen.

Von  den  Erfindungen,  die  in  Bayern  unter  der  Regierung
des  Königs  Maximilian  1  gemacht  worden  sind,  haben  drei
einen  Weltruf  erlangt:  die  Erfindung  des  Steindruckes
(der  Lithographie)  durch  Simon  Schmid')  und  Alois  Senefelder"*)
  im  Jahre  1800,  die  Erfindung  der  genauen
Eintheilung  des  Kreises  in  Grade,  Minuten  und  Sekunden
zur  Verbesserung  aller  Meßinstrumente  im  Jahre  1800  durch  den
Artillerielieutenant  und  späteren  Vorstand  des  Bauwesens,  Georg
von  Reichenbacht),  endlich  die  Entdeckung  (1806—1807)
des  Flint=  und  Crownglases  für  die  Meßinstrumente  in
Utzschneiders  Glasfabrik  zu  Benediktbeuren  durch  Joseph  von
Fraunhofer  tt).

Das  Erziehungs=  und  Unterrichtswesen  wurde  im
Jahre  1806.  nach  Aufhebung  der  General-Schul=  und
Studien-Direction  einer  eigenen  Section  des  Ministeriums
des  Innern  anvertraut,  von  welcher  1806  ein  guter  Lehrplan
für  die  deutschen  Schulen  und  später  (1808  —  1814)
viele  zweckmäßige  Verordnungen  für  die  Bildung  der  Schul-*)

  Simon  Schmid  war  1761  zu  München  geboren  und  starb  daselbst
  als  Hofkaplan  bei  Herzog  Max  im  Jahre  1841.

*)  Alois  Senefelder,  Sohn  eines  Schauspielers  in  München,  war
am  6.  November  1771  zu  Prag  geboren,  machte  schon  im  Jahre  1796  mit
dem  Steindrucke  die  ersten  Versuche  und  starb  am  26.  Februar  1834  in
München.

t)  Georg  von  Reichenbach  war  1772  zu  Mannheim  geboren  und
starb  1826  in  München.

#t)  Joseph  von  Fraunhofer  war  am  6.  März  1787  zu  Straubing
  geboren  und  starb  am  7.  Juni  1826  in  München.  Er  trat  nach
Erfindung  des  Flint=  und  Crownglases  am  7.  Februar  1809  mit  utzschneider
  und  Reichenbach,  die  im  Jahre  1803  unter  Mitwirkung  des
Mechanikers  Liebherr  ein  mathematisch-mechanisches  Institut  gegründet
  hatten,  in  Verbindung  und  schuf  mit  denselben  eine  Anstalt,  aus
welcher  die  vorzüglichsten  optischen  und  physikalischen  Instrumente  für  Erdund
  Himmelsmessungen  in  alle  Theile  der  Welt  ausgingen.  Beide  Institute
bestehen  noch,  das  mathematisch-mechanische  unter  Ertl,  das  optisch-physikalische
  unter  Sigmund  Merz.
        <pb n="383" />
        Bayern  unter  König  Max  J  Joseph.  367

lehrer  in  eigenen  Seminarien,  deren  fast  in  jedem  Kreise  eines
errichtet  wurde,  über  den  Geschäftskreis  der  Lokal-  und
Distrikts-Schulinspektoren,  über  die  Umwandlung  der
bisherigen  Knabenseminarien  in  Erziehungsinstitute
u.  s.  w.  ausgingen.  Der  neue  Lehrplan  vom  Jahre  1808  für
die  gelehrten  Schulen  wurde  schon  1816,  und  dann  wieder
1824  abgeändert.  Die  Hochschulen  zu  Dillingen  und  Bamberg
  wurden  1804,  und  die  sogenannte  Nürnberger  Universität
Altdorf  1809  aufgehoben  und  die  vorzüglichsten  Lehrer  an  die
Universitäten  Landshut,  Würzburg  und  Erlangen  versetzt.
Die  Universitäten,  wie  die  Akademie  der  Wissenschaften,
erhielten  im  Jahre  1814  neue  Satzungen.  Der  letzteren  wurde
die  Hof=  und  Staatsbibliothek,  das  Naturalien-,  das
physikalische,  polytechnische  und  Münz-Cabinet,  das  am
21.  April  1812  gegründete  allgemeine  Reichsarchio,  der
im  Jahre  1812  unter  Leitung  des  Professor  Franz  Paula
von  Schrank  angelegte  botanische  Garten,  das  1816  errichtete
  chemische  Laboratorium,  die  1818  erbaute  Sternwarte
  und  das  (1823  neu  erbaute)  anatomische  Theater
zur  Oberaufsicht  und  Benützung  übertragen.  Alle  diese  wissenschaftlichen
  Sammlungen  mehrte  Marx  I  von  Zeit  zu  Zeit  durch
kostbare  Geschenke.  —  Damit  von  den  nachwachsenden  Aerzten
sowohl  die  kostbaren  wissenschaftlichen  Sammlungen,  als  die
Gebär=  und  Veterinär-Anstalt  (letztere  im  Jahre  1790
gegründet  und  am  1.  Februar  1810  neu  organisirt)  und  das
im  Jahre  1813  vollendete  allgemeine  Krankenhaus  in
München,  das  nach  Angabe  des  Arztes  Kaver  von  Häberl
eingerichtet  worden,  gehörig  benützt  werden  könnten,  wurde  1824
eine  medizinisch-praktische  Lehranstalt  in  München  errichtet.
Um  dürftigen  Eltern  die  Erziehung  und  Ausbildung  ihrer  Söhne
und  Töchter  zu  erleichtern,  spendete  König  Marx  I  große  Summen
theils  an  die  Eltern  selbst,  theils  an  die  männlichen  und  weiblichen
  Erziehungshäuser  in  München,  Neuburg,  Nymphenburg,
  Indersdorf  u.  a.

Einer  vorzüglichen  Pflege  Maximilians  erfreuten  sich  auch  alle
Künste.  Die  vier  Schulen  der  1808  gegründeten  Akademie
der  Künste  für  Malerei,  Bildhauerei,  Bau=  und  Kupferstecherkunst
  zeigten  von  Zeit  zu  Zeit  ihre  Fortschritte  in
öffentlichen  Ausstellungen.  Max  1  beschäftigte  viele  Künstler  und
lohnte  ihre  Werke  königlich.  Die  Schaubühne,  die  Oper,
das  Ballet,  das  Orchester  in  München  waren  unter  Marimilian
  mit  hervorragenden  Talenten  besetzt  und  die  Leistungen
dieses  Kunstpersonals  nicht  gering  gelohnt.  Das  große  und
prächtige  National-Theater,  das  unter  Max  von  dem  Pro-
        <pb n="384" />
        368  Bayern  unter  König  Marx  I  Joseph.

fessor  Karl  von  Fischer  1811  zu  bauen  angefangen  und  am
Namenstage  des  Königs  1818  feierlich  eröffnet  wurde,  hatte
wenige  seinesgleichen  in  Deutschland.  Nachdem  es  am  14.  Januar
1823  ein  Raub  der  Flammen  geworden,  wurde  es  nach  einem
Jahre  ganz  nach  dem  ersten  Plane  in  seiner  früheren  Pracht
wieder  hergestellt.  —  Die  Residenzstadt  München  vergrößerte
und  verschönerte  sich  unter  Marx  I1  ungemein,  theils  durch  öffentliche,
  theils  durch  städtische,  theils  durch  Privatbauten.
Man  trug  einen  großen  Theil  der  Stadtmauern  ab,  brach  neue
Thore  aus,  ebnete  die  Umgebungen  und  legte  neue  Vorstädte  an.
Unter  den  öffentlichen  Bauten  zeichneten  sich  das  neue  Münzgebäude
  (1809),  die  Reitschule  und  Frohnveste  (1820),
der  Bazar  (Kaufhaus,  1822)  und  die  Kaserne  am  Türkengraben
  (1824—  1828)  aus.  Der  Magistrat  erweiterte  die
Kaufinger-,  Neuhauser=  und  Sendlingerstraße,  verschönerte
  und  vergrößerte  den  Kirchhof  (1818)  und  baute  eine
steinerne  Brücke  über  die  Isar  (1821).

Um  die  Unterthanen  sowohl  der  alten,  als  der  neuen  Gebietstheile
  unter  einem  Namen  und  in  einer  Gesittung  zu
vereinigen,  wurde  als  äußeres  Zeichen  der  Einheit  am  16.  Januar
1806  eine  bayerische  National-Kokarde  und  am  20.  Dezember
  1806  ein  neues  königliches  Wappen  angeordnet.  Desgleichen
  wurde,  um  in  die  verschiedenen  Gebietstheile  Einheit
zu  bringen,  das  Königreich  am  21.  Juni  1808  in  fünfzehn
Kreise  eingetheilt,  in  den  Main-,  Pegnitz-,  Naab-,  Rezats-,
Altmühl-,  Oberdonau-,  Lech-,  Regen-,  Unterdonau-,
Isar-,  Salzach-,  Iller-,  Inn-,  Eisack-,  Etschkreis,
und  jedem  derselben  bezüglich  der  Landesverwaltung  ein  Generalkommissär
  nebst  einem  Kreiskanzlei-Direktor  und  eine  Kreis=Finanzdirektion
  mit  den  nöthigen  Räthen  vorgesetzt.  Als
höhere  Instanzen  für  die  Justiz  wurden  anfänglich  für  die  fünfzehn
  Kreise  neun  Appellationsgerichte  und  für  das  ganze
Königreich  ein  Oberappellationsgericht  errichtet.  Der
Minister  Montgelas,  der  1806  neben  dem  Ministerium  des
Aeußern  auch  das  des  Innern  übernommen  hatte,  führte  seit
1809  auch  noch  das  Ministerium  der  Finanzen.  Neben  den
genannten  Ministerien  wurde  1809  auch  noch  ein  Kriegsministerium
  errichtet,  welches  einer  Militärperson  untergeordnet
wurde.  Die  einzelnen  Ministerien  wurden  nach  bestimmten  Gegenständen
  in  Sectionen  abgetheilt.  Zur  Minderung  der  Verwaltungskosten
  wurde  1809  die  Zahl  der  Kreise  von  fün  fzehn
auf  neun,  den  Isar-,  Regen-,  Oberdonau-,  Unterdonau-,
  Salzach-,  Inn-,  Iller-,  Rezat-,  Mainkreis,
zurückgebracht.  Nach  der  im  Jahre  1816  mit  Oesterreich  voll-
        <pb n="385" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  369

zogenen  Ausgleichung  des  Länderbesitzes  wurde  1817  die  dritte
Kreiseintheilung  des  Landes  vorgenommen  und  diesmal  die  Zahl
der  Kreise  von  neun  auf  acht,  Isar-,  Obermain-,  Untermain-,
  Rezat-,  Regen-,  Oberdonau-,  Unterdonauund
  Rheinkreis  beschränkt.  Jedem  Kreise  wurde  eine  Regierung
in  zwei  Abtheilungen  oder  Kammern,  für  die  innern  und
für  die  Finanz-Angelegenheiten,  mit  einem  Präsidenten
für  beide  mit  den  nöthigen  Räthen  vorgesetzt,  welche  durch  gemeinsame
  Berathungen  und  collegiale  Beschlüsse  über  die  wichtigsten
  Regierungsangelegenheiten  entscheiden  sollten.  Als  sich  der
Minister  Montgelas,  der  am  7.  November  1809  in  den  erblichen
  Grafenstand  des  bayerischen  Reiches  erhoben  worden  war,
am  2.  Februar  1817  in  den  Ruhestand  begab  (1  13.  Juni  1838),
erfolgte  eine  neue  Organisation  und  Besetzung  der  Ministerien
und  zugleich  die  Bildung  eines  Staatsrathes.

Eine  besondere  Sorgfalt  wurde  auch  dem  Städte=  und  Gemeindewesen
  zugewendet.  König  Mar  1,  welcher  in  der  ersten
Periode  seiner  Regierung  den  Städten  und  Gemeinden  fast  alle
Rechte,  ihre  Angelegenheiten  durch  selbstgewählte  Magistratspersonen
  und  Gemeindevorsteher  zu  besorgen,  entzogen  hatte,  gab  im
Hinblicke  auf  die  daraus  entsprungenen  Nachtheile  durch  ein  umfassendes
  Edikt  vom  17.  Mai  1818  den  Städten  und  Gemeinden  den
größten  Theil  ihrer  früheren  Rechte,  nämlich  die  Besorgung  ihrer
Communal=  und  Gewerbsangelegenheiten,  die  Verwaltung  ihres
Gemeinde=  und  Stiftungsvermögens  (dieses  schon  unterm  6.  März
1817)  und  die  freie  Wahl  ihrer  Vorstände  und  Bevollmächtigten
wieder  zurück.

Auch  die  kirchlichen  Verhältnisse,  welche  durch  die  Säcularisation
  in  große  Unordnung  gekommen,  erfuhren  durch  König
Max  I  eine  gründliche  Verbesserung.  Die  einseitigen  Verordnungen,
  durch  welche  man  besonders  in  den  Jahren  1800—1806
kirchliche  Mißbräuche  beseitigen  wollte,  hatten  ihrem  Zwecke  nicht
entsprochen.  Deshalb  wurde  schon  im  Jahre  1807  mit  dem
Nuntius  des  römischen  Stuhles,  della  Genga  (dem  nachmaligen
Papste  Leo  XII  1823  —  1829)  Unterhandlungen  angeknüpft,
allein  sie  führten  damals  nicht  zum  Ziele.  Die  bald  erfolgte
Gefangenschaft  des  Papstes  Pius  VII  und  die  fortwährenden
Kriegsunruhen  hinderten  die  Wiederaufnahme  der  Verhandlungen
bis  zum  Jahre  1814.  Im  Verlaufe  dieser  Unterhandlungen
waren  mit  Ausnahme  Eichstädts  alle  bischöflichen  Stühle  in
Bayern  in  Erledigung  gekommen.  Um  so  nachdrücklicher  drang
Max  auf  Abschluß  der  Berathungen,  welche  zu  Rom  zwischen
dem  Cardinal  Hercules  Consalvi  und  dem  bayerischen  Gesandten
  Casimir  von  Häffelin,  Bischof  von  Chersones,  ge-Sattler,
  bayer.  Geschichte.  24
        <pb n="386" />
        370  Bayern  unter  König  Mar  J  Joseph.

pflogen  wurden.  So  wurde  endlich  zwischen  Papst  Pius  VII  und
König  Mar  I  von  Bayern  ein  Concordat  (5.  Juni,  bestätigt
am  24.  Oktober  1817)  abgeschlossen,  welches  die  Verhältnisse  der
katholischen  Kirche  in  Bayern  neu  ordnete.  Durch  dieses  Concordat
  wurde  Bayern  in  acht  Bisthümer,  nämlich  in  das
Erzbisthum  München-Freysing  mit  den  Suffragan=Bisthümern
  Augsburg,  Regensburg  und  Passau,  und
in  das  Erzbisthum  Bamberg  mit  den  Bisthümern  Eichstädt,
  Würzburg  und  Speier  getheilt,  für  jedes  Bisthum
ein  Propst  und  ein  Dechant,  acht  bis  zehn  Canoniker,
sechs  Vikare  mit  ihren  Bezügen  bestimmt,  die  Dotation  der
Domkapitel  und  Domkirchen  in  liegenden  Gründen  angewiesen
und  die  Rechte  der  Kirche  und  der  Krone  auzgeschieden.  —
Das  Concordat  wurde  der  im  Jahre  1818  gegebenen  Verfassungs-Urkunde
  einverleibt  und  so  als  Staatsgrundgesetz
anerkannt,  was  auch  später  in  jenen  Entschließungen  (vom  7.  November
  1818  und  vom  15.  September  1821),  welche  das  Verhältniß
  der  zweiten  Verfassungsbeilage,  des  sogenannten  Religionsediktes,
  zum  Concordate  erläuterten,  wiederholt  wurde.
Der  Vollzug  des  Concordates  verzögerte  sich  indessen  über  drei
Jahre,  bis  die  bischöflichen  Stühle  und  Domkapitel  besetzt  waren
und  die  Grenzen,  sowie  die  übrigen  Verhältnisse  der  acht  kirchlichen
Sprengel  durch  die  Circumscriptionsbulle  vom  8.  September
1821  bestimmt  werden  konnten.  Diese  selbst  wurde  am  23.  September
  1821  in  allen  Domkirchen  Bayerns  feierlichst  verkündet
und  im  November  desselben  Jahres  begann  die  neue  kirchliche
Regierung.  Die  inneren  kirchlichen  Angelegenheiten  der  protestantischen
  Gesammtgemeinde  in  Bayern")  waren  durch
ein  besonderes  Edikt  vom  26.  Mai  1818  geregelt,  welches  gleichfalls
  einen  Theil  der  Verfassungs-Urkunde  bildete.

Ein  Dekret  vom  1.  Mai  1808  erklärte  die  Auf  hebung  der
bisherigen  Landstände  und  enthielt  die  Grundzüge  zu  einer
neuen  Landesverfassung  und  zu  der  künftig  einzuführenden
Vertretung  aller  Stände  und  Grundbesitzer  im  Lande.  Die  Urkunde
  über  diese  neue  Verfassung  mit  den  dazu  gehörigen
besonderen  Gesetzen  oder  Edikten  in  neun  Beilagen  gab  Mar  I
am  26.  Mai  1818,  als  am  Vorabende  seines  Geburtstages  und
dem  Schlußtage  seines  zwei  und  sechzigsten  Lebensjahres.

*)  In  München  war  im  Jahre  1806  eine  protestantische  Pfarrei  errichtet
worden;  im  Jahre  1810  wurden  vier  protestantische  Generaldekanate,  Bayreuth,
  Ansbach,  Regensburg,  München,  geschaffen,  welche  dem
General-Consistorium  bei  dem  königlichen  Ministerium  des  Innern  in
München  untergeordnet  wurden.
        <pb n="387" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  371

Die  Grundzüge  der  Verfassungsurkunde  vom  Jahre  1818
sind:  Bayern  ist  eine  erbliche  Monarchie  mit  einer  Ständeversammlung.
  Der  König  ist  das  allein  regierende  Oberhaupt  des
ganzen  Königreichs.  Er  gibt  die  Gesetze,  in  seinem  Namen  wird
die  Gerechtigkeit,  die  Polizei  sammt  den  Staatseinkünften  verwaltet.
  Er  allein  unterhandelt  mit  auswärtigen  Mächten.  Unter
ihm  steht  die  ganze  Kriegsmacht.  Er  führt  die  oberste  Aufsicht
über  Alles  im  Staate,  —  Er  ist  Monarch.  —  Er  hat  dabei
einen  Rath  von  Ministern  und  Staatsräthen  um  sich.  Die  Ausübung
  seiner  Macht  vertraut  der  König  seinen  Ministern,  welche
ihm  für  den  guten  Gebrauch  derselben  verantwortlich  sind.  Der
König  ernennt  die  Staatsdiener  und  bestimmt  die  Amtspflichten
derselben.  —  Er  beruft  von  3  zu  3  Jahren  die  vornehmsten
Herren  des  Königreichs  und  Abgeordnete  vom  ganzen  Lande,
welche  frei  gewählt  werden,  um  ihren  Beirath  und  ihre  Einwilligung
  zu  den  wichtigsten  Regierungsangelegenheiten  zu  erholen.
Jene,  die  vornehmsten  Herren  des  Königreichs,  bilden  die  Kammer
  der  Reichsräthe,  diese  die  Kammer  der  Abgeordneten.
Beide  Kammern  haben  gleiches  Recht  des  Beirathes  und  der  Beistimmung
  und  bilden  mit  einander  die  Stände-Versammlung.

In  der  Kammer  der  Reichsräthe  haben  Sitz  und  Stimme:
alle  volljährigen  Prinzen  des  königlichen  Hauses,  die  obersten
Kronwürdenträger,  die  Häupter  der  ehemaligen  reichsständischen
Familien,  die  beiden  Erzbischöfe  und  ein  vom  Könige  aus  den
übrigen  6  Bischöfen  ernannter  Bischof,  der  jeweilige  Präsident
des  protestantischen  Oberconsistoriums,  die  größten  Gutsbesitzer,
welche  an  Grund=  und  Dominikalsteuern  in  simplo  wenigstens
dreihundert  Gulden  entrichten  (alle  diese  gelten  als  erbliche  Reichsräthe),
  endlich  noch  andere  Herren,  die  der  König  wegen  ihres
hohen  Standes  oder  ihrer  Verdienste  um  das  Vaterland  auf  die
Dauer  ihres  Lebens  dazu  ernennt.

Die  Mitglieder  der  Kammer  der  Abgeordneten  werden  alle  sechs
Jahre  vom  ganzen  Lande  aus  allen  Klassen  und  Ständen  der
Unterthanen  neu  gewählt,  und  außerdem  noch  in  dem  Falle,
wenn  die  Kammer  der  Abgeordneten  von  dem  Könige  aufgelöset
wird.  Die  Zahl  der  zu  wählenden  Abgeordneten  richtet  sich  nach
der  Zahl  aller  Familien  im  Lande.  Auf  7000  Familien  trifft
ein  Abgeordneter.  Von  der  hiernach  bestimmten  ganzen  Anzahl
der  Abgeordneten  trifft  ein  Achtel  auf  die  adeligen  Gutsbesitzer,
die  nicht  den  für  einen  Reichsrath  vorgeschriebenen  Grundbesitz
haben,  ein  Achtel  auf  die  Klasse  der  Geistlichen,  der  Pfarrer;
zwei  Achtel  auf  die  Bürger  der  größeren  Städte,  die  Hälfte  aber
auf  die  Bürger  der  kleineren  Städte  und  die  Landbesitzer.  Dazu
kommen  noch  drei  Abgeordnete  von  den  drei  Landes-Universitäten.

247
        <pb n="388" />
        372  Bayern  unter  Koͤnig  Max  J  Joseph.

(Abänderung  dieser  Wahlordnung  durch  neues  Wahlgesetz  vom
4.  Juni  1848.)

Die  Verrichtungen  der  Stände-Versammlung  sind:  Ohne
Beirath  und  Einwilligung  der  Stände-Versammlung  können  keine
Gesetze  gegeben  werden.  Wenn  der  König  ein  Gesetz  für  nütlich
und  nothwendig  erachtet,  so  legt  er  es  den  Ständen  vor;  finden
diese  es  nach  reiflicher  Ueberlegung  nicht  für  sachgemäß,  oder  vereinigen
  sich  die  beiden  Kammern  nicht  über  dasselbe,  so  kömmt  es
in  derselben  Sitzung  nicht  wieder  zur  Berathung,  d.  h.  es  beruht
für  diese  Sitzung  auf  sich  und  der  König  besteht  für  diese  Sitzung
nicht  weiter  darauf.  Schlagen  entgegen  die  Stände  dem  Könige
in  den  zu  ihrem  Wirkungkreise  gehörigen  Gegenständen  eine  allgemeine
  Anordnung  vor,  und  der  König  hält  sie  nicht  für  gut,
so  können  auch  jene  nicht  mehr  darauf  bestehen.  Nur  was  von
dem  Könige  und  den  Ständen  für  gut  und  nütllich  anerkannt
wird,  das  schreibt  der  König  als  Gesetz  für  das  ganze  Land  aus.
—  Der  König  läßt  den  Ständen,  und  zwar  für  diesen  Gegenstand
  zuerst  in  der  Kammer  der  Abgeordneten,  alle  sechs  Jahre
die  Bedürfnisse  des  Staates  vortragen,  wie  viel  die  Einkünfte  von
den  Staatsgütern  ausmachen,  wie  viel  noch  weiter  an  Steuern
erforderlich  sei.  Ohne  Einwilligung  der  Stände  kann  keine  neue
Steuer  ausgeschrieben  werden,  und  von  dem,  was  eingenommen
wurde,  weisen  die  Minister  bei  der  nächsten  Stände-Versammlung
die  Verwendung  nach.  Ohne  Einwilligung  der  Stände  dürfen
weder  neue  Staatsschulden  gemacht,  noch  etwas  von  den  Staatsgütern
  veräußert,  noch  von  dem  Stiftungsvermögen  etwas  zu
fremdartigen  Zwecken  verwendet  werden.  —  Sollte  jemand  an
seinen  Rechten  gekränkt  werden,  sollte  er  weder  bei  den  untern
noch  bei  den  obern  und  obersten  Stellen  Abhilfe  seiner  Beschwerden
finden,  so  darf  er  diese  der  Stände-Versammlung  vorlegen,  welche
sie  zu  prüfen  und,  wenn  sie  ihr  begründet  erscheint,  dem  Könige
zur  Abhilfe  mitzutheilen  hat.

Uebrigens  hat  nach  der  Verfassungsurkunde  jedes  Mitglied  des
Königreichs,  hoch  oder  niedrig,  den  Staatsgesetzen  zu  gehorchen,
die  Abgaben  nach  Vermögen  zu  zahlen  und  auf  einige  Jahre
zum  Kriegsdienste  bereit  zu  sein.  Außerdem  kann  ihn  niemand
hindern,  über  seine  Person  und  sein  Vermögen  frei  zu  verfügen.
Vor  dem  Gesetze  sind  Alle  gleich.  Jeder  hat  Anspruch  auf  Gerechtigkeit
  und  jeder  muß  sich  den  Aussprüchen  der  Gerichte  unterwerfen.
  Auf  Aemter  und  Stellen  im  Staate,  in  der  Kirche
und  im  Militär  hat  Niemand  einen  ausschließenden  Anspruch;
Talente,  Kenntnisse  und  Verdienste  bahnen  einem  jeden  den  Weg
dazu.
        <pb n="389" />
        Bayern  unter  König  Max  1  Joseph.  373

Dreimal  berief  König  Marimilian  I  die  Stände-Versammlung,
um  mit  ihr  nach  den  Bestimmungen  der  Verfassungsurkunde  das
Beste  des  Vaterlandes  zu  berathen.  Die  Eröffnung  der  ersten
Stände-Versammlung  geschah  auf  eine  besonders  feierliche  Weise
am  4.  Febr.  1819.  Max  nannte  diesen  Tag  in  der  Eröffnungsrede
  „den  schönsten  seines  Lebens““  Sie  konnte  erst  am
25.  Juli  1819  geschlossen  werden.  —  Den  Ständen  wurden  umfassende
  Aufschlüsse  über  den  Zustand  des  Königreichs,  über  das
Einkommen  und  die  Bedürfnisse  des  Staates,  über  die  öffentliche
Schuld  und  ihre  Deckung  gegeben.  Das  Resultat  der  ersten
Stände-Versammlung  war:  das  sechsjährige  Finanzgesetz  mit  Festsetzung
  aller  Einnahmen  und  Ausgaben,  Anerkennung  der  Staatsschuld
  und  Deckung  ihrer  Verzinsung  und  allmählichen  Tilgung,
eine  neue  Zollordnung  und  Gesetze  für  eine  bessere  Gerichtsordnung,
über  Umlagen  in  den  Gemeinden  für  ihre  Bedürfnisse  und  über
die  Ausgleichung  und  Abtragung  der  Kriegslasten.  Der  erste
Landtag  mehrte  und  befestigte  aber  auch  den  Staatskredit,  die
Liebe  und  das  Vertrauen  zu  dem  Geber  der  Verfassung,  wie  die
Einheit  der  ungleichartigen  Bestandtheile  des  Landes.

Auf  dem  zweiten  Landtage  (vom  15.  Jänner  bis  2.  Juni  1822)
wurden  zum  erstenmale  die  Rechnungen  über  die  öffentlichen  Einnahmen
  und  Ausgaben  vorgelegt  und  geprüft.  Zugleich  wurde
auf  diesem  Landtage  einer  großen  Lücke  im  bürgerlichen  Rechte,
bezüglich  der  Sicherheit  der  Schuldanlehen  bei  Privaten  abgeholfen.
Es  wurde  nämlich  ein  von  dem  Staatsrathe  v.  Gönner  bearbeitetes
  Hypotheken=  und  Prioritäts-Gesetz  zur  Vorlage  gebracht,
geprüft  und  genehmigt,  wodurch  dem  Privatcredite  aufgeholfen
und  viele  Prozesse  abgeschnitten  oder  verkürzt  wurden.

Bei  dem  dritten  Landtage  (vom  19.  Febr.  bis  12.  Septbr.
1825)  mußten  die  öffentlichen  Bedürfnisse  auf  neue  6  Jahre  für
die  zweite  Finanzperiode  gedeckt  werden.  Es  zeigte  sich  theils  durch
die  sehr  herabgedrückten  Preise  aller  Getreidarten,  welche  einen
großen  Theil  der  öffentlichen  Einnahmen  bildeten,  theils  durch  die
Zunahme  der  Ausgaben,  besonders  für  Ruhegehalte  und  Pensionen
der  öffentlichen  Diener  und  ihrer  Relikten  ein  bedeutendes  Deficit
zwischen  Einnahmen  und  Ausgaben,  das  aber  doch  ohne  eine  neue
Belastung  der  Unterthanen,  vielmehr  unter  Aufhebung  der  Zugvieh=
  und  eines  Theiles  der  Familiensteuer  gedeckt  wurde.  Auch
die  öffentliche  Schuld  war  besonders  in  Folge  der  Liquidation  und
Einweisung  verschiedener  älterer  Ansprüche  an  den  Staat  bis  auf
129  Millionen  angewachsen.

Zur  Deckung  der  Zahlungen  an  pensionirte,  quiescirte  und
säcularisirte  Personen  wurde  die  sogenannte  Amortisationskasse  gebildet
  und  dotirt,  und  dieselbe  mit  der  Staatsschuldentilgungskasse
        <pb n="390" />
        374  Bayern  unter  Koͤnig  Max  J  Joseph.

so  verbunden,  daß  die  letztere  dasjenige,  was  fie  an  jene  in  den
ersten  15  Jahren  vorschießen  würde,  in  den  nächsten  15  Jahren
wieder  zurückerhalten  sollte.  Die  Folge  der  Zeit,  und  ein  glücklich
  erhaltener  Weltfriede  hat  die  Maßregel,  die  man  anfangs
für  sehr  bedenklich  hielt,  als  zweckmäßig  und  wohlthätig  gerechtfertiget.


I  Aaf  keinem  der  drei  Landtage  ließen  es  die  beiden  Kammern,
besonders  jene  der  Abgeordneten,  an  den  mannigfaltigsten  Anträgen,
  Wünschen,  Beschwerden  u.  s.  f.  fehlen.  —  Keine  gegründete
Beschwerde  ließ  die  Regierung  unabgestellt,  keinen  wahrhaft  nützlichen
  Antrag  unberücksichtiget.

Neben  dem,  was  König  Maximilian  I  für  das  allgemeine
  Beste  gethan  hat,  verdient  noch  das  hervorgehoben  zu
werden,  was  er  öffentlich  und  geheim  Einzelnen  aus  allen
Ständen  Gutes  erwiesen,  namentlich  in  den  Theuerungsjahren
1816  und  1817,  wo  selbst  das  getreidereiche  Bayern  Mangel  litt.
Magx  ließ  alle  Vorrathshäuser  des  ganzen  Landes  öffnen,  Getreide
  vom  Ausland  kommen  und  namhafte  Geldsummen  zur
Vertheilung  bringen.  Sein  Schwiegersohn,  Eugen  Beauharnais,
  der  (am  15.  November  1817)  den  Titel  „Herzog  von
Leuchtenberg“  und  das  Fürstenthum  Eichstädt  mit  dem  ersten
Rang  unter  den  Fürsten  des  Königreichs  erhalten  hatte  7),  trug
zur  Linderung  der  Noth  wesentlich  bei,  indem  er  in  München
seinen  Palast  (nunmehr  Eigenthum  des  Prinzen  Luitpold)  aufführen
  ließ  und  so  der  arbeitenden  Volksklasse  Verdienst  verschaffte.
  Der  16.  Februar  des  Jahres  1824,  an  welchem  König
Max  I  das  Jubelfest  seiner  fünfundzwanzigjährigen  Regierung
beging,  gab  den  Landeskindern  willkommene  Gelegenheit,  ihrer
Liebe  zu  dem  Herrscher,  ihrer  Dankbarkeit  gegen  den  unermüdlichen
  Wohlthäter  einen  Ausdruck  zu  geben.  Ganz  Bayern  nahm
an  dem  Jubelfeste  Theil  und  viele  Städte  und  Landgemeinden
suchten  das  Andenken  an  den  schönen  Tag  durch  fromme  Stiftungen,
  durch  Bauten  oder  durch  irgend  ein  anderes  Denkmal  zu
verewigen.  Die  Hauptstadt  München  beging  diesen  Jubeltag

*)  Etliche  Tage  später,  am  10.  Dezember  1817,  erhielt  der  Herzog
Wilhelm  von  Bischweiler  zu  Gelnhausen  für  sich  und  seine  Nachkommen
den  Titel  „Königliche  Hoheit“  statt  des  früheren  „Herzogliche  Durchlaucht"
  (erneuert  am  11.  März  1845).
        <pb n="391" />
        Bayern  unter  König  Max  J  Joseph.  375

besonders  feierlich.  Alle  Armen  empfingen  reichliche  Geschenke
und  der  Magistrat  legte  an  diesem  Tage  den  Grundstein  zu
einem  Denkmale,  das  dem  edlen  Fürsten  nach  seinem  Tode  auf
dem  Max  Josephplatze  errichtet  werden  sollte  ).  König
Max  selbst  stiftete  an  diesem  Tage  zwanzig  Stipendien,  jedes
zu  300  Gulden,  aus  dem  Vermögen  des  Civilverdienst  -Ordens
der  bayerischen  Krone  für  Söhne  und  Töchter  der  Ordensmitglieder.
  Die  Freude  des  Tages  trübte  nur  Eines  —  Herzog
Eugen  von  Leuchtenberg,  dem  König  Max  I  und  sein  Volk
mit  großer  Liebe  zugethan  waren,  lag  hoffnungslos  darnieder.
Sein  am  21.  Februar  1824  erfolgter  Tod  versetzte  ganz  Bayern
in  tiefe  Betrübniß.

König  Maximilian  I  lebte  nach  der  Feier  seines  Jubiläums
  noch  neunzehn  Monate.  Am  Morgen  des  12.  Oktober
1825  nahm  er  die  Münsche  seiner  hohen  Familie  und  der
Bediensteten  zu  seinem  Namensfeste  entgegen  und  wohnte  Abends
dem  Balle  bei,  den  ihm  zu  Ehren  der  russische  Gesandte  Graf
Woronzow  gab,  zog  sich  aber,  um  die  Anwesenden  aller  Rücksicht
  auf  seine  Person  zu  entheben,  bald  nach  Nymphenburg
zurück,  wo  er  sich  im  besten  Wohlbefinden  zu  Bette  legte.  Als
man  am  Morgen  des  13.  Oktober  sein  Schlafgemach  betrat,  lag
König  Max  I  todt  im  Bette.  Die  sanften  Züge  seines  Antlitzes
verriethen,  daß  ein  schmerzloser  Schlagfluß  seinem  Leben  ein  Ziel
gesetzt  hatte.  Die  Trauer,  welche  diesem  höchst  unerwarteten
Todesfalle  in  Bayern  folgte,  glich  der,  welche  einst  das  Ableben
des  Kurfürsten  Max  III,  des  Guten,  hervorgerufen  hatte.
Des  hingeschiedenen  Königs  eltester  Sohn  und  Nachfolger  Ludwig
  ließ  das  Herz  des  theuern  Vaters  in  einer  silbernen  Kapsel
mit  der  Inschrift:  „das  beste  Herz“  verwahren  und  überreichte
es  dem  Priester,  der  das  Kleinod  in  die  hl.  Kapelle  nach  Altötting
  zu  bringen  hatte,  mit  den  Worten:  „Ein  besseres  Herz
hat  noch  auf  keinem  Throne  geschlagen!“

*)  Dieses  Denkmal,  nach  dem  Entwurfe  von  Klenze's  von  Rauch  in
Berlin  geformt  und  von  Stieglmaier  in  Erz  gegossen,  wurde  am  13.  Oktober
  1835,  dem  Sterbetage  des  Königs  Max  1,  feierlich  enthüllt.  Im  Bade
Kreuth,  in  der  Nähe  seines  Lieblingsaufenthaltes  Tegernsee,  wurde  ihm
schon  1828  ein  Denkmal  errichtet.
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        376  Bayern  unter  König  Ludwig  I.

Familie  des  Königs  Maximilian  I  Joseph.
Gemahlinen:

a.  Wilhelmine  Auguste,  Tochter  des  Landgrafen  Georg
Wilhelm  von  Hessen-Darmstadt,  geb.  14.  April  1765,  vermählt
  30.  Sept.  1785,  1  30.  März  1796  zu  Rohrbach.

b.  Friederike  Wilhelmine  Caroline,  Tochter  des  Erbprinzen
  Karl  Ludwig  von  Baden  und  Hochberg,  geb.  13.  Juli
1776,  verm.  9.  März  1797,  1  13.  Nov.  1841  zu  München.

Kinder:

a.  Ludwig  Karl  August,  geb.  25.  August  1786  zu
Straßburg.

Auguste  Amalia,  geb.  21.  Juni  1788,  vermählt  mit
Eugen  Beauharnais  (Herzog  von  Leuchtenberg)  1806.

Charlotte  Auguste,  geb.  8.  Febr.  1792,  verm.  1808
—1814  mit  dem  Kronprinzen  Friedrich  von  Württemberg,
  29.  Okt.  10.  Nov.  1816  mit  Franz  I,
Kaiser  von  Oesterreich.

Karl  Theodor,  geb.  7.  Juli  1795.

b.  Elisabethe  Ludovike,  geb.  13.  Nov.  1801,  vermählt
18./29.  Nov.  1823  mit  dem  Kronprinzen  Friedrich
Wilhelm  von  Preußen.

Amalie  Auguste,  geb.  13.  Nov.  1801,  verm.  10./21.  Nov.
1822  mit  dem  Prinzen  von  Sachsen,  Johann  Nepomucenus.


Friederike  Sophie  Dorothea,  geb.  27.  Jan.  1805,
verm.  4.  Nov.  1824  mit  dem  Erzherzog  von  Oesterreich
  Franz  Karl.

Maria  Anna  Leopoldine,  geb.  27.  Jan.  1805,  verm.
24.  April  1833  mit  Friedrich  August,  König  von
Sachsen.

Ludovike  Wilhelmine,  geb.  30.  Aug.  1808,  vermählt
9.  Sept.  1828  mit  Maximilian,  Herzog  in  Bayern.

Zwei  Kinder  starben  in  früher  Jugend.

112.  Ludwig  I  Karl  August,  geboren  am  25.  August
1786  zu  Straßburg,  wird  von  dem  Könige  Ludwig  XVI  von
Frankreich  und  seinem  Oheime,  dem  Herzoge  Karl  von  Zweibrücken,
  aus  der  Taufe  gehoben,  und  erhält  von  dem  frommen
Priester  Sambuga  seinen  ersten  religiösen  Unterricht.  Regiert
als  König  von  Bayern  von  1825—1848.
        <pb n="393" />
        1803

1804
1807

1809

1810

1811
1813

1814
1815

1816

1821
1823

1825

Bayern  unter  König  Ludwig  I.  377

besucht  Kurprinz  Ludwig  die  Universität  Landshut  und  lernt
dort  den  edlen  Michael  Sailer  kennen,  der  1832  als  Bischof
von  Regensburg  starb.
unternimmt  Kurprinz  Ludwig  Reisen  nach  Italien  und
Frankreich.
13.  Mai  kämpft  Kronprinz  Ludwig  in  Polen  bei  Pultusk
und  am  15.  Mai  bei  Poplawy  für  Frankreich  gegen  Preußen
und  Rußland.
20.  April  zeichnet  sich  Kronprinz  Ludwig  als  Kommandirender
der  ersten  bayerischen  Division  bei  Abensberg  im  Kampfe
mit  den  Oesterreichern  durch  persönliche  Tapferkeit  aus.
11.—19.  Mai  hilft  Kronprinz  Ludwig  den  Aufstand  in
Tyrol  unterdrücken.
12.  Oktober  vermählt  sich  Kronprinz  Ludwig  mit  der  Prinzessin
  Theresia  von  Sachsen-Hildburghausen  (jetzt  Sachsen-Altenburg).

28.  November  wird  dem  Kronprinzen  Ludwig  der  erste  Sohn,
der  nachmalige  König  Maximilian  II,  in  München  geboren.
im  März  stellt  sich  Kronprinz  Ludwig  als  General-Kommandant
  an  die  Spitze  der  Landesbewaffnung.
Am  30.  August  wird  dem  Kronprinzen  Ludwig  die  erste
Tochter,  Mathilde,  zu  Augsburg  geboren.
reist  Kronprinz  Ludwig  nach  England.
1.  Juni  wird  Prinz  Otto,  der  nachmalige  König  von  Griechenland,
  zu  Salzburg  geboren.
legt  Kronprinz  Ludwig  den  Grund  zur  Glyptothek  (vollendet
1830),  welche  Cornelius  mit  Fresko-Gemälden,  Schwanthaler
  mit  Bildwerken  und  Verzierungen  nach  griechischen
Mythen  ausschmückt  nach  Leo  von  Klenze's  Entwurf.
7.  Okt.  Geburt  der  Prinzessin  Theodolinde  zu  Würzburg,
12.  April  1817.
12.  März  wird  Prinz  Luitpold  zu  Würzburg  geboren.
19.  März  wird  die  Prinzessin  Adelgunde  zu  MWürzburg
geboren.
10.  Juni  wird  die  Prinzessin  Hildegarde  zu  Würzburg  geboren.
19.  Okt.  legt  König  Ludwig  I  den  Eid  auf  die  Verfassung
ab,  die  er  schon  als  Kronprinz  gewährleistet  hatte.
23.  Okt.  gibt  König  Ludwig  I  durch  feierliches  Patent
seinen  Regierungs-Antritt  kund  und  nimmt  die  Huldigung
entgegen.

1825—28.  Joseph  Ludwig  Graf  von  Armansperg,  Staatsminister

des  Innern.

1825—41.  Peter  Cornelius,  Direktor  der  Akademie  der  Künste  in

München.
        <pb n="394" />
        378
1825

1826

Bayern  unter  König  Ludwig  I.

Joseph  Baader,  königl.  Oberbergrath,  Mechaniker,  stellt  zu
Nymphenburg  ein  Eisenbahnmodell  auf.

14.  Nov.  Jean  Paul  Friedrich  Richter  st.  zu  Bayreuth

(geb.  21.  März  1763  zu  Wunsiedel).
21.  Mai.  Georg  von  Reichenbach,  Mechaniker,  königl.  Salinenrath,
  st.  zu  München  (geb.  1772  zu  Durlach).  Sein
mathematisch  -mechanisches  Institut  geht  an  Traugott  Leberecht
  Ertel  über.

7.  Juni.  Joseph  von  Fraunhofer  (geb.  1787  in  Straubing),
Optiker  zu  München  st.  Approximavit  sidera.  Sein  optisches
Institut  übernimmt  Georg  Merz  (von  Bichl  bei  Benediktbeuren).


3.  Okt.  K.  Dekret.  Die  Ludwig-Marximilians  Universität
wird  von  Landshut  nach  München  verlegt.  Eröffnung  der
Vorlesungen  daselbst  15.  Nov.

Fr.  Wilh.  Jos.  Schelling  und  Gotthilf  Heinr.  Schubert
werden  von  Erlangen  nach  München  berufen.

22.  Sept.  6.  Nov.  Errichtung  und  Eröffnung  der  Blinden-Erziehungsanstalt
  zu  Freysing  (1836).

1826—35.  Erbauung  der  neuen  Residenz  (des  Königsbaues)  in

München  (Baumeister  Leo  Klenze).  Saalbau  1832—42.

1826  —37.  Erbauung  der  Allerheiligenhofkapelle  in  München  (durch

Leo  Klenze).

1826  —  40.  Bau  der  Pinakothek  in  München  (durch  Leo  Klenze).

1827

1827

21.  März.  Neue  Organisation  der  kgl.  Akademie  der  Wissenschaften
  (Eintheilung  in  drei  Klassen:  philosophisch  -philologische,
  mathematisch-physikalische,  historische  Klasse).

25.  Aug.  Stiftung  des  kgl.  Ludwigsordens  zur  Belohnung
fünfzigjähriger  Dienste.

27.  Sept.  Kgl.  Verordnung:  Errichtung  einer  polytechnischen
  Centralschule  in  München.

12.  Dez.  Stiftung  des  kgl.  Theresienordens  für  unverheirathete
  Töchter  des  bayerischen  Adels.

Dez.  Lorenz  Oken  wird  als  Professor  der  Physiologie  an  die
Universität  München  berufen  (geht  1833  nach  Zürich,  st.  1851).
König  Ludwig  erwirbt  die  Stuttgarter  Gemäldesammlung
der  Brüder  Sulpiz  und  Melchior  Boisserée  und  schenkt  sie
dem  Staate.

1827—33.  Erbauung  der  protestantischen  Pfarrkirche  in  München.

1828

18.  Jan.  Grundvertrag  über  die  gegenseitigen  Zollverhältnisse

  zwischen  den  Königreichen  Bayern  und  Württemberg.

Vollzogen  1.  Juli  d.  J.
25.  Aug.  Grundsteinlegung  zum  Neubau  der  Festung
Ingolstadt  (Erweiterung  1834).
        <pb n="395" />
        Bayern  unter  König  Ludwig  I.  379

1828  28.  Aug.  Eduard  von  Schenk,  Staatsminister  des  Innern
(bis  Mai  1831).

1828  25.  Juli.  Karl  Ernst  Christoph  Heß,  Lehrer  der  Kupferstecherkunst
  an  der  Akademie  zu  München,  st.  (Seine  Söhne
die  Maler  Peter,  Heinrich,  Karl  Heß).

1828—36.  König  Ludwig  läßt  den  Dom  zu  Bamberg  zu  seiner
ursprünglichen  Reinheit  wieder  herstellen.

1829  9.  Febr.  Entwurf  eines  neuen  Studienplanes  (der  Thiersch'sche
Schulplan).

15.  März.  Lorenz  von  Westenrieder,  Geschichtschreiber,
st.  zu  München  (geb.  1748  ebd.).

27.  Mai.  Handelsvertrag  der  Könige  von  Bayern  und
Württemberg  mit  dem  Könige  von  Preußen  und  dem  Großherzog
  von  Hessen  (in  Vollzug  gesetzt  1.  Jan.  1830).

15.  Aug.  Gesetz  über  die  Einführung  der  Landräthe  (1821).

1829—42.  Erbauung  der  St.  Ludwigskirche  in  München  (Baumeister
  F.  Gärtner).

1830  13.  März.  Ordnung  der  lateinischen  Schulen  und  der  Gymnasien
  im  Königreich  Bayern  (revidirt  24.  Febr.  1854).

1830  Die  Glyptothek  in  München  (1816  begonnen)  wird  vollendet
und  eröffnet.  Baumeister  Leo  Klenze.

1830—33.  Die  Arkaden  des  Hofgartens  in  München  werden  mit
Fresken  geschmückt.

1831  Franz  Kaver  Gabelsberger  tritt  in  München  als  Stenograph
auf  (st.  1849).

1832  Jan.  bis  Nov.  1837.  Ludwig  Fürst  von  Oettingen-Wallerstein
  Staatsminister  des  Innern.

13.  Febr.  8.  März.  Prinz  Otto  von  Bayern  wird  von
den  Großmächten  (England,  Frankreich,  Rußland)  zum  König
von  Griechenland  erwählt.  Londoner  Vertrag  7.  Mai.

20.  Mai.  Johann  Michael  Sailer,  seit  1829  Bischof  von
Regensburg,  st.  (geb.  1751  zu  Aresing  bei  Schrobenhausen).

6.  Dez.  König  Otto  reist  von  München  ab,  zieht  6.  Febr.
1833  in  Nauplia  ein  (tritt  die  Regierung  selbstständig  an
1.  Juni  1835.  Bis  dahin  Regentschaft  unter  dem  Präsidenten
  Ludwig  Graf  von  Armansperg).

1832  Kronprinz  Maximilian  läßt  das  Schloß  Hohenschwangau
neu  aufbauen.  Baumeister  Dominik  Quaglio,  1837  Dan.
Joh.  Ohlmüller.  Erweiterung  1850.

1832—43.  Errichtung  des  neuen  Staatsbibliothek=  und  Archivgebäudes
  in  München.  Baumeister  Fr.  Gärtner.

1833  16.  Febr.  Kgl.  Verordnung:  die  Gewerb=  und  polhtechnischen
  Schulen  betr.  (in  Vollzug  gesetzt  Okt.  d.  J.).
Dazu  Vollzugs-Instruktion  4.  April  1836.
        <pb n="396" />
        380  Bayern  unter  König  Ludwig  I.

1833  22.  März.  Zollvereinigungsvertrag  zwischen  Bayern  und
Württemberg  einerseits,  dann  Preußen,  Kurheffen-#und-Großherzogthum
  Hessen  anderseits  (für  den  Zeitraum  vom  1.  Jan.
1834  bis  1.  Jan.  18429.

30.  März.  Zollvereinigungsvertrag  mit  dem  Königreich

—Sachsen,  11.  Mai  mit  den  zu  dem  Thüringischen  Handelsvereine
  verbundenen  Staaten.

1834  1.  Juli.  Gesetz:  die  Errichtung  einer  bayerischen  Hypotheken=
  und  Wechselbank  betr.

18.  Okt.  Grundsteinlegung  zur  Festung  Germersheim.

20.  Dez.  (7.  Jan.  1835).  Errichtung  der  Benediktiner
Abtei  St.  Stephan  in  Augsburg,  welcher  die  katholische
Studienanstalt  zugetheilt  wird  (Okt.  1835).

1834  26.  Febr.  Alois  Senefelder  st.  zu  München  (geb.  1771
zu  Prag).

27.  Sept.  Konrad  Mannert,  Geschichtschreiber,  st.  zu
München  (geb.  1756  zu  Ältdorf).

1835  12.  Mai.  Anschluß  des  Großherzogthums  Baden,  12.  Dez.
des  Herzogthums  Nassau  an  den  Handels=  und  Zollverein
von  1833.

18.  Okt.  Kgl.  Verordnung.  Die  große  Titulatur  des
Königs  betr.  „Ludwig  von  Gottes  Gnaden  König  von  Bayern,
Pfalzgraf  bei  Rhein,  Herzog  von  Bayern,  Franken  und  in
Schwaben  u.  s.  w.“

Aenderung  des  königlichen  Wappens.

7.  Dez.  Eröffnung  der  Eisenbahn  von  Nürnberg  nach
Fürth,  der  ersten  in  Deutschland.

1835  5.  Dez.  August  Graf  Platen  st.  zu  Syrakus  (geb.  1796
zu  Ansbach).

1835—40.  Errichtung  des  neuen  Universitätsgebäudes  in  München.
Baumeister  F.  Gärtner.

1835—50.  Bau  der  Basilika  zum  heil.  Bonifazius  in  München.
Baumeister  Friedrich  Ziebland  von  Regensburg.

1836  2.  Jan.  Die  freie  Stadt  Frankfurt  tritt  dem  großen  deutschen
Zoll=  und  Handelsverein  bei.

Mai.  Der  Bau  des  bayerischen  Verbindungskanals  zwischen
der  Donau  und  dem  Main  (Ludwigskanals)  beginnt;  vollendet
  1845;  der  Kanal  wird  auf  der  ganzen  Linie  von  Kelheim
  bis  Bamberg  dem  Verkehr  übergeben  15.  Juli  1846.
Plan  von  Heinrich  Freiherrn  von  Pechmann,  königl.  Oberbaurath,
  welcher  den  Bau  bis  1843  leitete.

25.  Juli.  Stiftungsurkunde  König  Ludwigs  für  die  neuzugründende
  Blindenbeschäftigungsanstalt  in  München.

Okt.  bis  Jan.  1837.  Die  Cholera  in  München.
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        Bayern  unter  König  Ludwig  I.  381

1836  22.  Nov.  König  Otto  von  Griechenland  vermählt  sich  mit

1837

1837

1838

1838

1838

Amalia,  Prinzessin  von  Oldenburg.
8.  Jan.  Wilhelm  von  Bischweiler  zu  Gelnhausen,  Herzog  in
Bayern  st.;  sein  Sohn  Pius  August  st.  3.  August  d.  J.

16.  Febr.  Kgl.  Verordnung:  der  St.  Michaelsorden  wird
zu  einem  Verdienstorden  erhoben.

26.  Aug.  Münzconvention  zwischen  den  Königreichen
Bayern  und  Württemberg,  den  Großherzogthümern  Baden
und  Hessen,  dem  Herzogthum  Nassau  und  der  freien  Stadt
Frankfurt.  (Kronenthalerfuß  unter  Einhaltung  des  24½
Gulden-Fußes.)

4.  Nov.  Der  Staatsrath  Karl  von  Abel  erhält  das
Portefeuille  für  das  Staatsministerium  des  Innern  ((ritt  ab
13.  Febr.  1847,  st.  1859).

29.  Nov.  Kgl.  Verordnung:  Eintheilung  des  Königreiches
Bayern  nach  den  Volksstämmen:  Ober-,  Niederbayern,  Pfalz,
Oberpfalz  und  Regensburg,  Oberfranken,  Mittelfranken,
Unterfranken,  Schwaben  und  Neuburg.  In  Vollzug  gesetzt
1.  Jan.  1838.  Die  Regierungen  bleiben  an  ihren  Orten,
nur  die  von  Niederbayern  wurde  1839  von  Passau  nach
Landshut,  dagegen  das  Appellationsgericht  von  Straubing
nach  Passau  verlegt.

Bevölkerung  Bayerns:  4,244,000;  —  der  Stadt  München
(ohne  Au)  80,000  E.

Professor  G.  A.  Steinheil  in  München  errichtet  einen  galvano-magnetischen
  Telegraphen  zwischen  München  und  der
Sternwarte  in  Bogenhausen.

30.  Juli.  Allgemeine  Münzconvention  der  zum  deutschen
Zoll=  und  Handelsvereine  verbundenen  Staaten  (14  Thalerund
  24½  Gulden-Fuß).

14.  Aug.  Die  Kniebeugungs-Ordre  (zurückgenommen
12.  Dez.  1845).

12.  April.  Joh.  Adam  Möhler,  Prof.  der  Theologie  zu
München  (design.  Domkapitular  von  Würzburg),  st.  zu
München  (geb.  1796  zu  Igersheim  bei  Mergentheim).

11.  Mai.  Ignaz  von  Rudhart  (seit  1836  Ministerresident
in  Griechenland)  st.  auf  der  Rückreise  nach  Bayern  in  Triest
(geb.  1790  zu  Weißmain).

12.  Dez.  Feldmarschall  Karl  Philipp  Fürst  Wrede  st.  zu
Ellingen  (geb.  1767  zu  Heidelberg).

20.  Sept.  Scheyern  wird  als  Benediktiner-Propstei  wiederhergestellt
  (1842  als  Abtei).

„  1.  Nov.  Gründung  des  Collegiatstiftes  zu  St.  Cajetan
in  München.
        <pb n="398" />
        382  Bayern  unter  Koͤnig  Ludwig  J.

1839  25.  Aug.  Einweihung  der  Maria-Hilfkirche  in  der  Vorstadt
Au  bei  München  (Grundsteinlegung  28.  Nov.  1831.  Baumeister
  Dan.  Jos.  Ohlmüller  22.  April  1839).

1840  31.  Jan.  Joseph  von  Utzschneider,  kgl.  Geheimrath,  Optiker,
st.  zu  München  (geb.  1763  zu  Rieden  bei  Murnau).

11.  Okt.  Eröffnung  der  Eisenbahn  von  München  nach
Augsburg.

1841  F.  W.  J.  Schelling  folgt  einem  Rufe  nach  Berlin  (1  20.  Aug.
1854  im  Bade  Ragaz).

1841  26.  April.  Eduard  von  Schenk,  ehemal.  Minister,  Dichter,
st.  zu  München  (geb.  1788  zu  Düsseldorf).

3.  Mai.  Prinz  Karl  von  Bayern  wird  Feldmarschall.

23.  Mai.  Franz  von  Baader,  Philosoph,  st.  zu  München
(geb.  1765  ebd.).

Redemptoristen  in  Altötting,  später  auch  in  Vilsbiburg,
Gars  u.  a.  O.

1842  6.  Juli.  Prinz  Karl  von  Bayern  erhält  das  ehemalige  Kloster
Tegernsee.

5.  12.  Okt.  Kronprinz  Maximilian  vermählt  sich  mit
Maria,  Prinzessin  von  Preußen.

18.  Okt.  Vollendung  und  Eröffnung  der  Walhalla  beie
Regensburg  (Grundsteinlegung  18.  Okt.  1830).  Baumeister
Leo  Klenze.

1843—353.  5  der  Ruhmeshalle  in  München.  Baumeister  Leo
Klenze.  —  Die  Bavaria  aus  der  Erzgießerei  von  Ferdinand
Miller.

1844  2.  März.  Joh.  Bapt.  Stiglmaier,  Inspektor  der  kgl.  Erzgießerei
  zu  München,  st.  (geb.  1791  zu  Bruck  bei  Fürstenfeld).

25.  Aug.  Eröffnung  der  Eisenbahn  von  Nürnberg  nach
Bamberg.

1844—50.  Bau  des  Siegesthors  in  München.  Baumeister  F.
Gärtner  und  E.  Metzger.

1845  15.  Jan.  Melchior  von  Diepenbrock,  Domdechant  in  Regensburg,
  wird  zum  Fürstbischof  in  Breslau  erwählt,  st.  1853.

25.  Aug.  Eröffnung  des  Kunstausstellungsgebäudes  in
München.  Baumeister  F.  Ziebland.

1846  wird  die  bayerische  Donaudamyfsschifffahrt  vom  Staat  erworben.
  S.  1862.

14.  Okt.  Trennung  des  Ministeriums  für  Kultus  und
Unterricht  vom  Ressort  des  Ministeriums  des  Innern.
1846  —53.  Bau  der  neuen  Pinakothek  in  München.  Baumeister

August  Voit.

1846  —58.  Wiederherstellung  des  Doms  zu  Speier  durch  König

Ludwig.  Freskomalerei  von  Joh.  Schraudolph.
        <pb n="399" />
        Bayern  unter  König  Maximilian  I.  383

1847  21.  April.  Friedrich  von  Gärtner,  kgl.  Oberbaurath,  Direktor

der  Akademie  der  Künste,  st.  (geb.  1792  zu  Coblenz).

Wilhelm  Kaulbach  von  Arolsen  wird  Direktor  der  Kunstakademie.


1.  Dez.  Gasbeleuchtung  in  Nürnberg  eingeführt  (bald
darauf  in  München,  Augsburg  u.  a.).

Volkszählung  in  Bayern:  4,564,800  E.;  München
95,000  E.

1848  28.  Jan.  Johann  Joseph  von  Görres,  Prof.  der  Geschichte

—HEIIE

zu  München,  st.  (geb.  1776  zu  Coblenz).

6.  März.  Proklamation  des  Königs  Ludwig:  Völlige  Preßfreiheit,
  Oeffentlichkeit  und  Mündlichkeit  der  Rechtspflege,
verfassungsmäßige  Verantwortlichkeit  der  Minister  u.  a.

20.  März.  König  Ludwig  entsagt  dem  Throne  zu  Gunsten
des  Kronprinzen.

Nachkommenschaft  des  Königs  Ludwig  I.

.  Maximilian,  geb.  28.  Nov.  1811  zu  München.
u.  Mathilde,  geb.  30.  Aug.  1813  zu  Augsburg,  verm.  1833

mit  Ludwig,  Erbgroßherzog  von  Hessen-Darmstadt;
1  25.  Mai  1862.

Otto,  geb.  1.  Juni  1815  zu  Salzburg:  s.  1832.
Theodolinde,  geb.  7.  Okt.  1816  zu  Würzburg,  1  12.  April
1817.

Luitpold,  geb.  12.  März  1821  zu  Würzburg,  verm.  1844

mit  Auguste,  Tochter  des  Großherzogs  Leopold  II  von
Toscana.

.  Adelgunde,  geb.  19.  März  1823  zu  Würzburg,  verm.  1842

mit  Franz  V,  Herzog  von  Modena.

Hildegard,  geb.  10.  Juni  1825  zu  Würzburg,  verm.  1844
mit  Albrecht,  Erzherzog  von  Oesterreich;  1  2.  April  1864.
Alerandra,  geb.  26.  Aug.  1826  zu  Aschaffenburg.
Adalbert,  geb.  12.  Okt.  1828  zu  München,  verm.  1856
mit  Amalia,  Tochter  des  Infanten  Don  Francesco  de  Paula
von  Spanien.

11  3  Maximilian  II  König  von  Bayern  1848—1864.

1848  29.  März.  Das  Vorparlament  in  Frankfurt  wird  eröffnet.

18.  Mai  bis  30.  Mai  1849.  Das  deutsche  Parlament
zu  Frankfurt.  (Grundrechte  des  deutschen  Volkes  28.  Dez.
Reichsverfassung  28.  März  1849.)

4.  Juni.  Das  Grundlagengesetz:  Trennung  der  Justiz  von
der  Verwaltung;  Oeffentlichkeit  und  Mündlichkeit  der  Verhandlung
  in  Civil=  und  Strafsachen;  Aufhebung  aller  pri-
        <pb n="400" />
        384

1848

1849

1850

1851

1852

Bayern  unter  König  Maximilian  II.

vilegirten  Gerichtsstände;  Aufstellung  von  Staatsanwälten;
Einführung  der  Schwurgerichte;  Zuweisung  der  Polizeistrafrechtspflege
  an  die  Gerichte.

4.  Juni.  Gesetz:  Aufhebung,  Firirung  und  Ablösung  der
Grundlasten;  die  Wahl  der  Landtagsabgeordneten  (nicht  mehr
nach  Ständen,  sondern  nach  Wahlbezirken  in  gleichförmigen
Wahlhandlungen),  die  ständische  Initiative,  die  Verantwortlichkeit
  der  Minister  u.  a.

13.  Juli.  Der  deutsche  Bundestag  in  Frankfurt  schließt
seine  Sitzungen.

1.  Okt.  Die  standes=  und  gutsherrliche  Gerichtsbarkeit
geht  an  den  Staat  über.

14.  Nov.  Ludwig  von  Schwanthaler,  Bildhauer,  st.  zu
München  (geb.  1802  ebd.).

1.  Jan.  Einführung  der  Oeffentlichkeit  und  Mündlichkeit  der
Strafrechtspflege  und  der  Schwurgerichte.

April.  Ludwig  von  der  Pfordten,  Minister  des  kgl.  Hauses
und  des  Aeußern;  Dez.  kgl.  Ministerpräsident  bis  April  1859.

2.  Mai.  Aufstand  in  der  Pfalz,  21.  Juni  durch  preußische
Truppen  bewältigt.

29.  Sept.  Eisenbahn  von  München-Augsburg  nach  Nürnberg
  vollendet  und  eröffnet.

29.  Dez.  Phil.  Franz  von  Walther,  Chirurg  und  Augenarzt,
  kgl.  Geheimrath,  st.  zu  München  (geb.  1782  zu  Burrweiler
  in  der  Pfalz).

6.  Juni.  Gesetz:  die  Herstellung  eines  telegraphischen  Netzes
für  Bayern  (10.  Nov.  1861).

7.  Juli.  Karl  Rottmann,  Landschaftsmaler,  st.  zu  München
(geb.  1798  zu  Handschuchsheim  bei  Heidelberg).

1.  Nov.  Oesterreichische  und  bayerische  Truppen  rücken  in
Kurhessen  ein,  welches  seit  7.  Sept.  in  Kriegszustand  erklärt
ist;  die  Bayern  ziehen  zurück  10.  Jan.  1851.

1.  Jan.  Einführung  der  (1847  in  Leipzig  festgesetzten)  allgemeinen
  deutschen  Wechselordnung.  (Gesetz  vom  25.  Juli
18500.

12.  Mai.  Der  deutsche  Bundestag  in  Frankfurt  wird
wieder  eröffnet;  die  Grundrechte  des  deutschen  Volkes  vom
28.  Dez.  1848  werden  für  aufgehoben  erklärt.

21.  Jan.  Friedrich  von  Roth  (1828  —1848  Präfident  des
protest.  Oberconsistoriums)  st.  zu  München  (geb.  1780  zu
Vaihingen  in  Württemberg).

15.  März.  Errichtung  einer  naturwissenschaftlich  technischen
  Commission  an  der  kgl.  Akademie  der  Wissenschaften.

28.  März.  Das  neue  Forstgesetz.
        <pb n="401" />
        Bayern  unter  König  Maximilian  II.  385

1852  21.  Juni.  Franz  von  Paula  von  Gruithuisen,  Astronom,

1853

1854

st.  zu  München  (geb.  1774  zu  Haltenberg  am  Lech).

27.  Juli.  Johann  Andreas  Schmeller,  Sprachforscher,
Verfasser  des  bayer.  Wörterbuchs,  st.  zu  München  (geb.  1785
zu  Tirschenreuth).

18.  Sept.  Kgl.  Verordnung:  Verlegung  der  landwirthschaftlichen
  Centralschule  von  Schleißheim  nach  Weihenstephan
bei  Freysing.

5.  Dez.  Max  Herzog  von  Leuchtenberg  st.  zu  Petersburg.

Justus  Freiherr  von  Liebig,  Chemiker,  wird  von  Gießen
an  die  Universität  München  berufen.

19.  Febr.  Der  preußisch-österreichische  Handelsvertrag.
23.  April.  Eröffnung  der  kgl.  bayer.  Telegraphenanstalt.
17.  Sept.  Eröffnung  der  Maximilians-Getreidehalle  in

München.

28.  Nov.  König  Maximilian  II  stiftet  den  Maximiliansorden
  für  Wissenschaft  und  Kunst.

1.  Jan.  Der  deutsche  Zollverein  verbindet  sich  mit  dem

norddeutschen  Steuerverein.

6.  Juli.  Georg  Simon  Ohm,  Pbhysiker,  st.  zu  München
(geb.  1789  zu  Erlangen).

15.  Juli  —  18.  Okt.  Erste  allgemeine  deutsche  Industrieausstellung
  zu  München.  Glaspalast,  errichtet  von  Cramer-Klett
  in  Nürnberg.

Aug.  Sept.  Die  Cholera  in  München,  Nürnberg,  Augsburg
  u.  a.  O.

3.  Sept.  Christoph  von  Schmid,  Domkapitular  in  Augsburg,
  Jugendschriftsteller,  st.  (geb.  1768  zu  Dinkelsbühl).

12.  Okt.  Eröffnung  der  Eisenbahn  von  Augsburg-Kempten-Lindau.


26.  Okt.  Königin  Therese  st.  zu  München.

1854—62.  Bau  der  Propyläen  in  München.  Baumeister  Leo  Klenze.
1855  1.—  31.  Juli.  König  Marimilian  mit  seiner  Gemahlin  zu

Nürnberg.  Glänzender  Aufzug  der  Gewerbe.

1856  5.  März.  Joh.  Nep.  von  Fuchs,  Mineralog  und  Chemiker,

(1818)  Erfinder  des  Wasserglases,  st.  zu  München.
31.  Mai.  Gesetz:  Die  Einkommensteuer  und  die  Kapitalrentensteuer
  betr.

1857  15.  Jan.  Eröffnung  der  deutschen  Handelsgesetzgebungskonferenz

  zu  Nürnberg  (Schluß  ebendaselbst  11.  März  1861).
8.  Mai.  Joh.  Adam  von  Seuffert,  Rechtsgelehrter,  st.  zu
München  (geb.  1764  zu  Würzburg).
12.  Okt.  Philipp  von  Lichtenthaler,  Direktor  der  königl.
Hof=  und  Staatsbibliothek,  st.  (geb.  1778  zu  Surlzbach).

Sattler,  bayer.  Geschichte.  25
        <pb n="402" />
        386
1858

1859
1860

1861

1862

Bayern  unter  König  Maximilian  II.

16.  März.  Ludwig  Merz,  Optiker,  Mitbesitzer  des  Fraunhofer'schen
  Instituts,  st.  zu  München.

7.  Aug.  Münzvertrag  der  süddeutschen  Staaten  (52½⅛  Gulden-Fuß).


1.  Mai.  Karl  Freiherr  von  Schrenk  Minister  des  Aeußern
und  des  königlichen  Hauses  bis  5.  Okt.  1864.
25.  Febr.  Friedrich  von  Thiersch,  Philolog,  st.  zu  München
(geb.  1784  zu  Kirchscheidungen  in  Thüringen).

1.  Juli.  Gotthilf  Heinrich  von  Schubert,  Naturforscher,
st.  zu  Laufzorn  bei  München  (geb.  1780  zu  Hohenstein  in
Sachsen).

7.  Aug.  Cajetan  von  Tertor,  Vorstand  des  Juliusspitals
in  Würzburg,  st.  (geb.  1782  zu  Schwaben  bei  Ebersberg
in  Oberbayern).

9.  Mai.  Ernst  von  Lasaulr,  Prof.  der  Philologie  und  Aesthetik
in  München,  st.  (geb.  1805  zu  Coblenz).

31.  Aug.  Vollendung  der  Ostbahn  bis  zur  österreichischen
Grenze.

28.  Dez.  Letzte  Lotterieziehung  in  Bayern  (Nürnberg;
erste  Ziehung  daselbst  28.  Jan.  1812).

Zählung  in  Bayern:  4,689,837  E.;  München  (mit  Au,
Haidhausen  und  Giesing)  147,000  E.

21.  April.  Vollzugsinstruktion  zum  Gewerbsgesetz  v.  J.  1825.

1.  Juli.  Vollzug  des  Gesetzes  vom  10.  Nov.  1861.
Trennung  der  Justiz  von  der  Verwaltung;  Einführung  des
Notariats,  des  neuen  Strafgesetzbuches,  des  Polizeistrafgesetzbuches.



1863

Errichtung  des  Handelsappellationsgerichts  für  Bayern  in
Nürnberg.

Einführung  des  allgemeinen  deutschen  Handelsgesetzbuches
nach  Gesetz  vom  10.  Nov.  1861.

5.  Juli.  Vertrag.  Die  kgl.  bayer.  Dampfschifffahrt  geht
mit  Mobiliar  an  die  kaiserl.  kgl.  privil.  Donaudampfschifffahrtsgesellschaft
  in  Wien  über.

25.  Okt.  König  Otto  verläßt  Griechenland  und  geht  nach
Bayern  zurück,  nimmt  1863  seinen  Wohnsitz  in  Bamberg.
15.  —  31.  Aug.  König  Marimilian  II  auf  dem  deutschen
Jürstentag  zu  Frankfurt.  Entwurf  einer  Reformakte  des
deutschen  Bundes.

18.  Okt.  Eröffnung  der  Befreiungshalle  bei  Kelheim.
(Grundsteinlegung  19.  Okt.  1842.)  Baumeister  F.  Gärtner,
seit  1847  Leo  Klenze.

9.  Nov.  Ludwig  von  Döderlein,  Philolog,  st.  zu  Erlangen
(geb.  1791  zu  Jena).
        <pb n="403" />
        Bayern  unter  Koͤnig  Ludwig  II.  387

1864  23.  Jan.  Joh.  Lucas  Schönlein  (1840—59  Leibarzt  des
Königs  von  Preußen)  st.  zu  Bamberg  (geb.  ebd.  1793).
27.  Jan.  Leo  von  Klenze,  kgl.  Kämmerer  und  Hofbau-Intendant,
  st.  zu  München  (geb.  1784  zu  Hildesheim).
1864  10.  März.  König  Maximilian  II  st.

Hinterlassene  Söhne:
Ludwig,  geb.  25.  Aug.  1845  zu  Nymphenburg;
Otto,  geb.  27.  April  1848  zu  München.

&amp;amp;#  114.  Ludwig  II,  König  von  Bayern  seit  1864.

1864  4.  Dez.  Ludwig  Freiherr  von  der  Pfordten  zum  zweiten
Mal  Minister  des  Aeußern  und  des  königlichen  Hauses  bis
29.  Dez.  1866.

1866  14.  Juni.  Preußen  erklärt  in  der  Bundestagssitzung  in
Frankfurt  seinen  Austritt  aus  dem  deutschen  Bunde  und
diesen  selbst  für  aufgelöst.

30.  Juni.  Ein  zu  Olmütz  zwischen  Oesterreich  und  Bayern
geschlossener  Vertrag  garantirt  Bayern  die  Integrität  seines
Gebietes  und  die  Theilnahme  an  den  dereinstigen  Friedensverhandlungen.


3.  Juli.  Die  Oesterreicher  werden  von  den  Preußen  bei
Königgrätz  besiegt  Goon  den  Siegern  Schlacht  bei  Sodowa
genannt).

Nachmittags.  Ein  Vorpostengefecht  bei  Zella  und  Neidhardshausen
  zwischen  den  Preußen  unter  General  Vogel  von
Falkenstein  und  den  Bayern.

4.  Juli.  Unentschiedenes  Treffen  zwischen  den  Preußen
und  Bayern  bei  den  zwischen  Dermbach  und  Kaltennordheim
gelegenen  Ortschaften  Zella  und  Neidhartshausen;  die  Preußen
nehmen  bei  Lengsfeld,  die  Bayern  bei  Kaltensundheim  Stellung.

Unentschiedenes  Gefecht  der  bayerischen  Division  Hartmann
mit  den  Preußen  bei  Roßdorf.

Das  nach  Fulda  detachirte  bayerische  Reserve-Cavallerie=Corps
  Fürst  Taxis  wird  bei  Quecksmoor  in  der  Gegend  von
Hünfeld  von  den  Preußen  entscheidend  zurückgewiesen  und  auf
dem  Rückzuge  gegen  Brückenau  durch  falschen  nächtlichen  Allarm
in  der  Nacht  vom  4.  auf  den  5.  Juli  auseinandergesprengt.

10.  Juli.  Die  Bayern  werden  bei  Hammelburg  von  den
Preußen  unter  General  Beyer,  bei  Kissingen  von  den  Preußen
unter  den  Generalen  Manteuffel  und  Göben  angegriffen.
Kissingen  und  Nüdlingen  werden  von  den  Preußen  genommen,
aber  Nüdlingen  wird  von  den  Bayern  spät  Abends  wieder
erobert.

25  *
        <pb n="404" />
        388  Bayern  unter  Koͤnig  Ludwig  II.

Generallieutenant  Zoller,  Kommandant  der  bayerischen
dritten  Division,  fällt  bei  Winkels  in  der  Nähe  von  Kissingen,
von  einem  Granatstücke  tödtlich  verwundet.

1866  11.  u.  12.  Juli.  Concentrirung  der  bayerischen  Armee  bei
Schweinfurt  und  Gerolzhofen.

13.  Juli.  Die  Hessen  werden  bei  Laufach  von  den  Preußen
zurückgedrängt.

14.  Juli.  Die  Stadt  Aschaffenburg  fällt  in  die  Hände
der  Preußen.

23.  Juli.  Einstellung  der  Feindseligkeiten  zwischen  Oesterreich
  und  Preußen.

24.  Juli.  Die  Württemberger  werden  an  der  Tauber
von  den  Preußen  zurückgedrängt.

25.—27.  Juli.  Unterhandlungen  zwischen  Oesterreich  und
Preußen  zu  Nikolsburg  zum  Abschlusse  eines  Waffenstillstandes
und  zur  Feststellung  von  Friedenspräliminarien;  Oesterreich
tritt  aus  dem  deutschen  Bund  und  überläßt  dem  Olmützer
Uebereinkommen  entgegen  Bayern  mit  den  übrigen  süddeutschen
Bundesgenossen  der  Gnade  Preußens;

25.  Juli.  Kampf  der  Bayern  mit  den  Preußen  bei  Helmstadt,
  welcher  mit  dem  Rückzuge  der  Bayern  nach  Waldbrunn
und  Uettingen  endete.

26.  Juli.  Kampf  der  Bayern  mit  den  Preußen  bei  Roßbrunn;
  die  Angriffe  der  Preußen  werden  blutig  zurückgewiesen,
wodurch  der  von  den  Bayern  beabsichtigte  Rückzug  hinter  den
Main  unbehelligt  bewerkstelligt  werden  konnte.  Eine  gut
geführte  bayerische  Cavallerie-Attaque  bei  den  Hettstädter
Höfen  bringt  den  Preußen  eine  empfindliche  Schlappe  bei.

27.  Juli.  Die  preußische  Artillerie  eröffnet  ihr  Feuer  gegen
die  Feste  Marienberg  bei  Würzburg  ohne  Erfolg.

29.  Juli.  Der  im  Dienste  Preußens  stehende  Großherzog
von  Mecklenburg  wirft  sich  bei  Seibottenreuth  (südlich  von
Bayreuth)  mit  dem  zweiten  preußischen  Reserve-Corps  auf
ein  bayerisches  Bataillon.

31.  Juli.  Preußen  unter  Führung  des  Großherzogs  von
Mecklenburg  rücken  in  Nürnberg  ein.

2.  Aug.  Dreiwöchentlicher  Waffenstillstand  zwischen  Preußen
und  Bayern.

22.  Aug.  Preußen  und  Bayern  schließen  Frieden  und  ein
geheimes  Schutz=  und  Trutzbündniß,  welches  am  3.  März  1867
veröffentlicht  wurde.  Bayern  muß  an  Preußen  30  Millionen
bezahlen  und  folgende  Gebietstheile  abtreten:  1)  Bezirksamt
Gersfeld  mit  23,361  E.;  2)  Landgericht  Orb  ohne  Aura
mit  9109  E.,  zusammen  32,470  E.  nach  der  Volkszählung
        <pb n="405" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  389

vom  Dez.  1864;  hiezu  Bevölkerungsvermehrung  in  11/,  Jahren
um  4,4%  ,  also  um  1430  E.  mehr,  zusammen  33,900  E.
23.  Aug.  Friede  zu  Prag  zwischen  Oesterreich  und  Preußen.
1867  1.  Jan.  Fürst  Chlodwig  von  Hohenlohe-Schillingsfürst
Minister  des  Aeußern  und  des  königlichen  Hauses.
1867  22.  Jan.  König  Ludwig  II  verlobt  sich  mit  Sophie  Charlotte
Auguste,  des  Herzogs  Maximilian  in  Bayern  jüngster  Tochter.
25.  Juni.  Austausch  der  Ratifikationen  der  zwischen  Bayern
und  Preußen  geschlossenen  Uebereinkunft  wegen  der  Fortdauer
des  Zoll=  und  Handelsvereines.

Anhang.

—

A.  Kurze  Geschichte  der  Rheinupfalz  bis  zum
Jahre  1867.

&amp;amp;#  1.  Nach  Erneuerung  des  abendländischen  Kaiserthums  entstanden  in
verschiedenen  Gegenden  Deutschlands  Pfalzgrafschaften,  unter  welchen  die
bei  Rhein  die  älteste  und  vornehmste  war.  Ihren  Ursprung  hat  die
rheinische  Pfalzgrafenwürde  in  dem  Pfalzgrafenamte,  welches  Karl
der  Große  zu  Aachen,  der  eigentlichen  Kaiserstadt  Deutschlands,  gegründet
  hat.

4)  Der  erste  rheinische  Pfalzgraf,  wie  man  annimmt,  war  Eberhard,
Bruder  des  Königs  Conrad  1,  eigentlich  Herzog  in  Rheinfranken  und  Markgraf
  im  Nordgau,  der  936  das  Erztruchsessen-Amt  versah,  welches  später
(973)  der  bayerische  Herzog  Heinrich  II,  der  Zänker,  zu  verwalten  bekam.

2)  Um  944  wird  uns  als  rheinischer  Pfalzgraf  Hermann  genannt,
ein  Franke,  der  993  noch  lebte.

3)  Ihm  soll  gefolgt  sein  der  Sohn  Ezo  oder  Ehrenfried,  des  Königs
Otto  III  Schwager.  Er  theilte  mit  seinem  Bruder  und  starb  1035.

4)  Diesem  folgte  sein  Sohn  Otto,  der  1045  auch  Herzog  in  Schwaben
wurde  und  1047  oder  1048  starb.

5)  Heinrich  I,  ein  Verwandter  des  Vorigen,  endete  1071  wahnsinnig.

6)  Hermann  II,  vielleicht  ein  Bruder  des  Vorigen,  hielt  es  mit  Kaiser
Heinrich  IV  und  starb  1085.

7)  Theils  vor  Hermann  II,  theils  nach  ihm  Heinrich  II  von  der
Lache  (so  genannt  von  seiner  Stammburg  Lache  am  Lachersee  im  Regierungsbezirk
  Coblenz),  gestorben  1095.  Seine  Gemahlin  Adelheide  hatte
aus  ihrer  früheren  Ehe  mit  dem  Grafen  Adalbert  zu  Ballenstädt  und
Orlamünde  einen  Sohn
        <pb n="406" />
        390  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

8)  Siegfried  zu  Ballenstädt  und  Orlamünde,  seit  1096  Pfalzgraf
  bei  Rhein,  gestorben  1113.

9)  Graf  Godefred  zu  Calwe  von  1113—1125  Pfalzgraf  bei  Rhein;
unter  ihm  tritt  die  Aachener  Pfalzgrasschaft,  bisher  auf  den  Niederrhein  beschränkt,
  gegen  den  Mittel=  und  Oberrhein  hin  ausgedehnt  hervor.

10)  Wilhelm  von  Orlamünde,  des  Siegfried  zu  Ballenstädt  und
Slsmiste  inzwischen  mündig  gewordener  Sohn,  von  1125—1140  rheinischer

falzgraf.

11)  Der  Babenberger  Heinrich  Jasomirgott  von  Oesterreich
1140—1141.

12)  Hermann  III,  Graf  zu  Stahlecke  (bei  Bacharach  am  Rhein),
zweifelhafter  Abkunft,  wird  von  König  Konrad  1II  belehnt  1141  —  1156.
Kaiser  Fried  rich  1  ächtete  ihn  und  gab  die  Pfalzgrasschaft  seinem  Stiefbruder
  “)

13)  Konrad  dem  Staufer  1156—  1195;  dieser  vereinigte  die  von
ihm  erheiratheten  Besitzungen  mit  den  bisherigen  der  pfalzgräflichen  Würde
anklebenden  Gütern  zu  einem  sehr  beträchtlichen  Ganzen  rechts  und  links  des
Mittelrheins  und  erhielt  vom  Bischofe  zu  Worms  den  Stahlbühel  an  der
Bergstraße  und  das  Schloß  Heidelberg  als  Hofssitz  zu  Lehen,  an  dessen
Fuß  unter  ihm  die  Stadt  Heidelberg  sich  erhob.  Seit  Konrad  schloß
sich  der  Kreis  der  Gerechtsame  dieser  Pfalzgrasschaft  ab:  der  Pfalzgraf  bei
Rhein  war  der  erste  weltliche  Fürst  und  Kurfürst  des  Reiches,  des
deutschen  Reiches  Oberrichter,  bei  dem  man  sogar  gegen  den  Keiser  selbst
klagen  konnte,  des  Reiches  Vertreter  oder  Vicar  bei  Abwesenheit  des
Kaisers  außerhalb  des  Reiches  oder  im  Todesfalle,  Bewahrer  der  Reichs-Insignieen,
  Träger  des  Reichs-Erztruchsessenamtes  (archidepiferatus  —
Truchseß,  so  viel  als  Majordom  oder  Wahrer  der  kaiserlichen  Kammergüter).
Pfalzgraf  Konrad  der  Staufer  hatte,  da  sein  Sohn  Konrad  1186  gestorben
  war,  nur  mehr  eine  Tochter,  Agnes,  die  1194  von  der  Mutter  gegen
den  Willen  des  Kaisers  Heinrich  VI,  des  Staufers,  mit

14)  Heinrich  dem  Langen,  einem  Sohne  des  aus  dem  deutschen
Reiche  verbannten  Heinrichs  des  Löwen,  vermählt  wurde  und  ihrem  Gemahle
die  Pfalzgrafschaft  bei  Rhein  als  Erbe  zubrachte  (1195—1214).  Der  hohen-*)

  Genealogische  Tafel  der  ältesten  Staufer:
Friedrich  von  Bären  oder  Beuren,  '  1054.

Friedrich  der  Staufer  wird  nach  seiner  Vermählung
  mit  Agnes,  der  Tochter  des  deutschen
Königs  Heinrich  IV,  1180  Herzog  von
Schwaben,  71  1105.

Friedrich  (II),  der  Einäugige,  Konrad,
Herzog  von  Schwaben  1105—1147;  deutscher  König
1.  Gemahlin:  Indith,  des  Herzogs  Hein-  1138—1152.
rich  IX  des  Schwarzen  von  Bayern  Tochter;
2.  Gemahlin:  Agnes,  des  Grafen  Friedrich
  von  Saarbrück  Tochter.

 

 

s[s

1.  2.
Friedrich  (III)  Barbarossa,  deutscher  Konrad,  Pfalzgraf
Kaiser  1152—1190  als  Friedrich  I.  bei  Rhein  1156—1195.

Konrad,  1  1186.  Agnes,
Erbin  der  Pfalz,  F  1204;  ihr  Gemahl:  Heinrich  der
Lange,  Heinrichs  XII,  des  Löwen,  Sohn,  F  1227.
(Siehe  oben  Seite  104#die  genealogische  Tafel.)

 

*
        <pb n="407" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  391

staufische  Kaiser  Friedrich  II,  der  mit  Otto  IV  von  Braunschweig,
einem  Bruder  Heinrichs  des  Langen,  wegen  der  deutschen  Kaiserwürde
im  Kampfe  lag,  sprach  dem  rheinischen  Pfalzgrafen  Heinrich  dem  Langen
1214  die  Pfalzgrafenwürde  ab  und  sprach  sie  seinem  Kampfgenossen,  dem
bayerischen  Herzoge  Ludwig  J,  dem  Kelheimer,  und  dessen  Sohne,  Otto
dem  Erlauchten,  zu,  welch'  letzterer  sich  1214  mit  Agnes,  der  Erbtochter
Heinrichs  des  Langen,  gegen  das  Ende  des  Jahres  1214  verlobte,  um  die
rheinische  Pfalzgrafschaft  bei  Bayern  zu  erhalten.  Die  Herausgabe
der  rheinischen  Pfalzgrafschaft  an

15)  Ludwig  I,  den  Kelheimer,  erfolgte  indessen  erst  im  Jahre  1225,
wo  sich  Ludwigs  I  Sohn,  Otto  der  Erlauchte,  zu  Straubing  mit  der
Pfalzgräfin  Agnes  vermählte.  Die  hauptsächlichsten  Bestandstücke  der  Pfalzgrafschaft
  bei  Rhein  waren  in  dieser  Zeit:  Bacharach  mit  der  Burg  Stahlecke,
  Stromberg,  Alzey,  Weinheim,  Wachenheim,  Erbach,
Schloß  Heidelberg  mit  dem  Stahlbühel,  Wisloch,  Neustadt  a.  d.
Hardt,  Oggersheim,  Freinsheim,  Lambsheim  und  einzelne  Besitzungen
von  der  Grafschaft  Zweibrücken.  Der  alte  Pfalzgraf  Heinrich  der
Lange,  der  sich  in  sein  Erbland  Braunschweig  zurückgezogen,  starb  1227
und  ein  Jahr  darauf,  1228,  trat  Ludwig  der  Kelheimer  die  Pfalzgrafschaft
seinem  Sohne

16)  Otto  dem  Erlauchten  förmlich  ab  (1228—1253).  Nach  dem
Tode  Otto's  des  Erlauchten  hatten  dessen  Söhne

17)  Ludwig  II,  der  Strenge,  und  Heinrich  XIII  von  1253—
1255  die  rheinische  Pfalzgrafenwürde  gemeinschaftlich  inne,  nahmen  aber  1255
eine  Theilung  ihrer  Länder  vor,  der  zufolge

18)  Ludwig  II  die  rheinische  Pfalzgrasschaft  mit  der  Kurwürde  und
Oberbayern  nebst  einem  Theile  des  Nordgaues  erhielt  (1255—1294).  Nach
dem  Ableben  Ludwigs  II  behauptete  von  dessen  zwei  Söhnen,  Rudolf  I,  dem
Stammler,  und  Ludwig  dem  Bayern,  der  ältere,

19)  Rudolf  I1,  von  1294—1301  alle  vom  Vater  hinterlassenen  Lande,
darunter  auch  die  rheinische  Pfalzgrafschaft,  allein,  gewährte  von  1301—1313
seinem  Bruder,  Ludwig  IV,  dem  Bayern,  Antheil  an  der  Regierung  des
gesammten  Landes,  nahm  aber  1313  zu  München  eine  Theilung  vor,  bei
der  ihm  die  rheinische  Pfalzgrafschaft  ungetheilt  zufiel.  Von  da  an  begleitete
Rudolf  I  die  rheinische  Pfalzgrafenwürde  noch  bis  zum  Jahre  1317,  wo
er  die  Regierung  über  sämmtliche  ihm  bei  der  Theilung  zugefallenen  Länder
in  die  Hände  seines  Bruders  Ludwig  legte  und  im  August  1319  in  Oesterreich
  herrschaftslos  starb.

20)  Ludwig  IV,  der  Bayer,  welcher  1317  die  rheinische  Pfalzgrafschaft
  mit  seinem  sonstigen  Besitze  verband,  war  nach  dem  Inhalte  des  zu
München  am  21.  Juni  1313  abgeschlossenen  Vertrages  berechtigt,  die  1317
erlangte  rheinische  Pfalzgrafschaft  sammt  der  Kurwürde  bis  zu  seinem  Tode
zu  behalten,  wurde  aber  von  seinen  Neffen  Rudolf  II  und  Rupert  I,
den  Söhnen  seines  verstorbenen  Bruders  Rudolf  I,  auf  der  Heimkehr  von
dem  1327  nach  Italien  unternommenen  Zuge  so  lange  bestürmt,  bis  er  am
4.  August  1329  zu  Pavia  an  diese  seine  Reffen  und  an  Rupert  II,
welchen  Rudolfs  des  Stammlers  ältester  Sohn,  der  im  Jahre  1327  verstorbene
  Adolf,  hinterlassen  hatte,  die  Rheinpfalz  und  einen  Theil  vom  Nordgau,
  von  da  an  „obere  Pfalz“  genannt,  überließ.  Die  pfälzische
Kurwürde,  für  die  sich  erst  bei  dem  Tode  des  Königs  Ludwig  IV  ein
Wirkungskreis  zu  eröffnen  schien,  ward  vorläusig,  bis  Rupert  II  mündig
geworden  wäre,  dem  damals  zwanzigjährigen  Rudolf  II  eingeräumt  und
sollte  nach  der  im  Münchner  Vertrage  von  1313  festgestellten  Weise
(siehe  oben  Seite  135)  zwischen  Pfalz  und  Bayern  wechseln.
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        392  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

21)  Rudolf  II,  mit  dem  Beinamen  „der  Blinde“?),  regierte  mit
seinem  Bruder  Rupert  1  und  seinem  Nefsen  Rupert  II  eine  Zeit  lang
(1329—1338)  die  pfälzischen  Lande  gemeinsam  und  erhielt  von  Ludwig  IV,
dem  Bayern,  1330  das  Jus  de  non  evocando  “")  und  1331  die  Landvogtei
  im  Speiergau  (Neustadt,  Annweiler,  Germersheim).  Im  Jahre  1338
schritten  sie  zu  einer  Theilung,  bei  welcher  Rudolf  II  den  größern  Theil  der
Rheinlande,  dann  Lauf,  Hilpoltstein,  Pegnitz,  Sulzbach  u.  a.,  Rupert  1
und  Rupert  II  das  Uebrige  gemeinsam  bekamen.

Rudolf  II,  von  1338  —  1353  Alleinherrscher,  hing  seinem  Oheime,
Ludwig  dem  Bayern,  treu  an  und  stimmte  nach  dessen  Tod  für  die  Wahl
Günthers  von  Schwarzburg,  trat  aber  im  März  1349  auf  die  Seite
des  deutschen  Königs  Karl  IV,  des  Erzfeindes  des  Ludwigischen  Hauses  und
gab  diesem  nicht  blos  seine  Tochter  Anna  (1349)  zur  Ehe,  sondern  auch
als  Pfand  für  ihre  Mitgift  mehrere  Ortschaften  der  Oberpfalz.  Dagegen
war  das  an  Mainz  verpfändete  Weinheim  1345  wieder  eingelöst  und
Schrießheim  und  Strahlenberg  1347  erkauft  worden.  Nach  Rudolfs  II  Tod
(1  1353)  erhob  sich  Streit  um  die  pfälzische  Kurwürde  einerseits  zwischen
Rupert  I  und  Rupert  II,  anderseits  zwischen  diesen  beiden  und  den
Söhnen  Ludwigs  des  Bayern.  Denn  es  war  im  Vertrage  zu  Pavia  (1329)
bedungen,  daß  die  pfälzische  Kurwürde  in  der  Art  zwischen  Pfalz  und
Bayern  wechseln  solle,  daß  nach  dem  Tode  eines  Kurfürsten  aus  der
Pfälzisch-Wittelsbachischen  Linie  ein  Wittelsbacher  der  bayerischen
  Linie  als  Kurfürst  folgen  solle  und  so  umgekehrt.  Der  deutsche  König
Karl  1IV,  durch  seine  Gemahlin  Anna  an  das  Pfälzisch-Wittelsbachische
  Haus  gekettet,  kümmerte  sich  indessen  um  diese  Bestimmung  des
Vertrages  zu  Pavia  nicht  und  entschied,  daß  Rupert  1  der  Rothe,  des
verstorbenen  Rudolfs  II  Bruder,  und  für  den  Fall  seines  Ablebens  Rupert  II
die  pfälzische  Kurwürde  bekleiden  solle.

22)  Kaum  war  Rupert  I1  (1353  —  1390)  zum  Besitze  der  pfälzischen
Kurwürde  gelangt,  so  schloß  er  mit  seinem  Nessen  Rupert  II  zu  Hagenau
(29.  Oktober  1353)  einen  Vertrag,  worin  letzterer  verhieß,  bei  Lebzeiten
Ruperts  I1  keinen  Anspruch  auf  die  Regierung  der  pfälzischen  Lande  zu  erheben.
  Dafür  wurde  ihm  von  seinem  Oheime  das  Surccessionsrecht  in  allen
zur  Pfalzgrafschaft  gehörigen  Landen  eingeräumt  und  einstweilen  die  Stadt
Amberg  als  Sitz  überlassen.  Bei  dieser  Zusammenkunft  wurden  die  beiden
Pfalzgrafen  auch  darüber  schlüssig,  von  der  Oberpfalz  die  Strecke  von  Böhmen
bis  eine  Stunde  vor  Nürnberg  (Neuböhmen  mit  der  Hauptstadt  Sulzbach)
an  den  König  Karl  IV  abzutreten,  weil  dieser  an  den  verlebten  Kurfürsten
Rudolf  II  eine  Geldsumme  vorgestreckt  und  für  Rupert  II,  der  im  Kriege
gegen  den  falschen  Waldemar  (siehe  oben  Seite  153)  in  Gefangenschaft  gerathen
  war,  das  Lösegeld  entrichtet  hatte.  Rupert  I  suchte  das  Wohl
seines  Landes  möglichst  zu  fördern  und  setzte  sich  bei  dem  Könige  Karl  IV
in  solche  Gunst,  daß  dieser  durch  die  „goldene  Bulle“,  die  1356  zu
Nürnberg  und  Metz  veröffentlicht  wurde,  der  pfälzischen  Linie  der  Wittelsbacher
  im  Widerspruche  mit  den  Bestimmungen  des  Hausvertrages  zu
Pavia  (1329)  die  Kurwürde  ausschließlich  und  für  immer  zusprach  und
mit  derselben  das  bleibende  Recht  verband,  bei  Erledigung  des  deutschen
Thrones  die  Reichsverwesung  zu  führen.  Unter  den  Verdiensten,  die  sich
Rupert  1  gesammelt,  steht  die  im  Jahre  1386  erfolgte  Gründung  der

*)  Ob  wegen  allmähliger  Erblindung  oder  daher,  weil  er  ohne  Ansehen
der  Person  Recht  sprach,  ist  ungewiß.

*#)  Bei  fürstlichen  Personen  des  deutschen  Reiches  das  Recht,  sich  nur  vor
das  Gericht  des  deutschen  Königs  oder  Kaisers  zu  stellen,  bei  Personen  aus
dem  Volke  das  Recht,  sich  nur  da  vor  Gericht  zu  stellen,  wo  man  Unterthan  ist.
        <pb n="409" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  393

Universität  Heidelberg  oben  an,  welche  Marsilius  von  Inghen,  einen
Holländer  und  Schüler  des  geistvollen  Minoriten  Occam,  zum  ersten
Rector  hatte.

Unter  der  Regierung  Ruperts  I  wurden  für  die  Rheinpfalz  wichtige
Erwerbungen  gemacht:  Simmern,  Stadt  und  Burg,  wurde  1358  von  den
Bolanden  erworben;  von  dem  Reiche  wurden  durch  Einlösung  erworben:
Oppenheim,  Ingelheim,  Jagenheim,  Winternheim,  Lautern
(letzteres  bisher  Stadt  des  Reiches  —  daher  Kaiserslautern  genannt);
1385  verkaufte  Graf  Eberhard  die  Hälfte  seiner  Grafschaft  Zweibrücken
nebst  Hornbach  und  Bergzabern,  die  andere  Hälfte  nahm  er  von  der
Pfalz  zu  Lehen;  durch  Pfandschaft  und  Kauf  kam  1361  Billigheim,  1386
Ladenburg,  1370  Weingarten,  1390  Bretten,  Germersheim,
Amt  Otzberg  und  halb  Umstadt  an  die  Rheinpfalz.  Auf  Rupert  1,  der
15290  kinderlo  starb,  folgte,  wie  der  Vertrag  zu  Hagenau  festgesetzt,
ein  Neffe

23)  Rupert  II  (1390—1398)  mit  dem  Beinamen  „der  Harte“,  den
er  von  seiner  Strenge  im  Felde  und  gegen  Verbrecher  (er  ließ  an  einem
Tage  66  Mordbrenner  in  einen  glühenden  Ziegelofen  werfen)  erhielt.  Da
sein  Sohn  Rupert  III  mehrere  Söhne  hatte,  so  entwarf  er  1395  zu
Gunsten  des  ältesten,  Rupert  Pipan,  die  sogenannte  „Rupertinische
Constitution",  durch  welche  er  das  Einfürstenthum  begründen,  die
nachgebornen  Prinzen  durch  Güteranweisungen  in  nutznießlicher  Weise  ohne
Hoheits=  und  Regentenrechte  abfinden  und  sonstige  heilsame  Maßregeln  einführen
  wollte.  Der  Entwurf  trat  aber  nie  ins  Leben,  da  Rupert  Pipan
1396  dem  aus  Frankreich  und  Deutschland  den  Ungarn  gegen  den  Großsultan
  Bajazet  zu  Hilfe  ziehenden  Heere  sich  anschloß,  krank  von  Konstantinopel
  nach  Amberg  heimkehrte  und  dort  1397  starb").  Auf  Rupert  II
folgte  sein  Sohn

24)  Rupert  III  (1398  —1410)  mit  dem  Beinamen  „Klem“"").
Dieser  sprach  (1400)  mit  den  drei  geistlichen  Kurfürsten  die  Absetzung  des
Königs  Wenzel  (1378—1400)  aus  und  wurde  selbst  zu  Rhense  als  König
erhoben,  vermochte  aber  ungeachtet  seiner  vortresflichen  Eigenschaften  während
seiner  zehnjährigen  Regierung  (1400—1410)  weder  in  Deutschland  noch  in
Italien  Ruhe  und  Ordnung  herzustellen.  Er  unternahm  1401  einen  Römerzug
  gegen  den  Herzog  Galeazzo  Giovanni  Visconti  von  Mailand,
  wurde  aber  bei  Brescia  (21.  Oktober  1401)  geschlagen  und  mußte
ohne  Erfolg  nach  Deutschland  zurückkehren.  Als  er  hierauf  in  der  Wetterau
den  Raubadel  züchtigte,  gerieth  er  mit  dem  Kurfürsten  Johann  von  Mainz
in  Mißhelligkeiten,  der  mit  dem  Grafen  Eberhard  von  Württemberg,
Bernhard  von  Baden  und  21  schwäbischen  undrheinischen  Städten
  am  1.  September  1405  den  Marbacher  Bund  wider  ihn  schloß.
Mitten  unter  den  Wirren  gab  Rupert  dem  rheinpfälzischen  Gebiete  eine
ansehnliche  Vergrößerung.  Er  kaufte  das  Amt  Lauda  an  der  Tauber  von
den  Grafen  Hoh-enlohe,  erhielt  einen  Theil  der  Grafschaft  Sponheim
von  Rupert  Pipans  Wittwe,  der  Gräfin  Elisabeth  von  Sponheim,  geschenkt,

*)  Seine  irdischen  Ueberreste  wurden  in  der  St.  Martinskirche  zu  Amberg
binter  dem  Hochaltare  in  einem  sehenswürdigen  Mausoleum  beigesetzt.

**)  Was  „Klem“  bedeute  ist  streitig.  Veit  Arnpeckh  V.  31.  bringt  es
mit  pressura  und  pressus  in  Zulammenhang,  weil  Rupert  III  unter  Ruperts
  1  Regierung  knapp  oder  klem  leben  mußte,  oder  weil  er  seine  Feinde
in  die  Klemme  brachte,.  Andere  gaben  dem  Worte  die  Bedeutung  „ernst“;
nach  Suntheim  (Oefele  II.  576.)  hätte  er  „klein“  geheißen  als  Enkel
Ruperts  I.  Große  VWahrscheinlichkeit  hat  die  Meinung  für  sich,  daß  „Klem“
nur  eine  Abkürzung  des  Beinamens  „Clemens“,  d.  i.  der  Milde,  sei.
        <pb n="410" />
        394  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

erwarb  die  Grasschaft  Kirchberg  im  Nahegau  und  eroberte  (1400—1401)
die  noch  aus  der  Zeit  Kaiser  Karls  IV  bei  Böhmen  befindlichen  oberpfälzischen
Ortschaften),  die  er  mit  der  rheinischen  Pfalzgrafschaft  verband.  Von  ihm
rührt  der  „Rupertsbau"  am  Heidelberger  Schloße  her;  auch  verdankt  ihm
die  Heidelberger  Universität  große  Schankungen.  Rupert  III  (als  deutscher
König  Rupert  1)  starb  auf  dem  Schloße  Landskron  bei  Oppenheim  am
18.  Mai  1410  und  wurde  in  der  hl.  Geistlirche  zu  Heidelberg  beigesetzt.

§6  2.  Nach  Ruperts  III  Tode  wurde  die  Pfalz  gemäß  dem  von  Rupert
  III  hinterlassenen  Testamente  durch  den  Kanzler  Raban,  Bischof  von
Speier,  und  sechs  Ritter  im  Oktober  1410  unter  die  vier  Söhne  Ruperts
  III  getheilt.

Zuerst  schied  man  den  schon  im  Jahre  1368  bezeichneten  Besitz  aus,
welcher  mit  der  Kurwürde  stets  verbunden  sein  sollte,  nämlich  Heidelberg
  mit  Bacharach,  Stahlecke,  Pfalzgrafenstein,  Neustadt  und  Weinheim
in  der  Rheinpfalz,  dann  Amberg  mit  Kemnat,  Naabburg  u.  a.  in  der
Oberpfalz  —  das  Kurpräcipuum  genannt.  Das  übrige  Land  schied
man  in  vier  möglichst  gleiche  Theile  und  verfügte  in  folgender  Weise:

a.  Ludwig  III,  der  Gebartete,  erhielt  mit  der  Kurwürde  das
Kurpräcipuum  und  dazu  noch  Kaiserslautern  und  die  verpfändeten
  Orte  Oppenheim,  Ingelheim,  Nierstein  und  die  Landvogtei
Hagenau  —  ältere  Kurlinie  bis  1559;

b.  Johann  bekam  Neumarkt,  Sulzbach,  Hersbruck,  Altdorf,
Schwandorf,  Cham,  Neunburg  vor  dem  Wald  (Pfalzgraf  im  Nordgau
  und  Neumarkt),  von  seiner  Vorliebe  für  Neunburg  der  „Neunburger“
  genannt  —  Nachkommen  bis  1448;

c.  Stephan  empfing  Simmern,  Zweibrücken,  Hornbach,  Bergzabern,
Annweiler;  —  diese  Linie,  bei  ihrem  Ursprunge  „Pfalz-Simmern"
genannt,  theilte  sich  wieder  in  Pfalz-Simmern  und  Pfalz-Zweibrücken.
  Jene  erhielt  1559  die  Benennung  „iüngere  Kurlinie"
  und  erlosch  1685,  diese  hingegen  pflanzte  sich  bis  äuf  den
heutigen  Tag  fort,  einerseits  durch  die  Linie  Zweibrücken-Birkenfeld-Bischweiler
  zu  Bischweiler  im  königlich  bayerischen
Hause,  andererseits  durch  die  Linie  Zweibrücken-Birkenfeld-Bischweiler
  zu  Gelnhausen  im  herzoglich  bayerischen  Hause;

d.  an  Otto  siel  Mosbach,  Sinsheim  und  Kaiserswerth  am  Rhein.

Von  diesen  (sub  lit.  a.  b.  c.  und  d  hier  aufgeführten)  vier  Hauptlinien
erlosch  am  frühesten

Die  Linie  Pfalz-Neumarkt
(1410  —1448).

&amp;amp;  3.  Der  Begründer  dieser  Linie,  Johann  von  Neumarkt  (1410—
1443)  lag  mit  Herzog  Ludwig  dem  Gebarteten  von  Ingolstadt  in

*)  Hartenstein,  Thurndorf,  Wolfstein,  Bernau,  Eschenbach,
Rothenberg,  Freistadt,  Hohenfels,  Holnberg,  Petzenstein,
Stierberg,  Tännesberg,  Heimburg,  Holnstein,  Auerbach.  Es
sind  dieß  die  nachmals  im  bayerischen  Staats=  und  Hausrechte  so  berühmt
gewordenen  „böhmischen  Lehen“,  mit  welchen  im  Jahre  1465  der  Pfalzgraf
  Otto  II  von  Mosbach-Neumarkt  (1461—1499)  vom  böhmischen  König
Georg  Podiebrad,  und  am  25.  März  1631  Kurfürst  Max  I  vom  Kaiser
Ferdinand  II  belehnt  worden  ist.  Maria  Theresia  forderte  als  Königin
von  Böhmen  beim  Erlöschen  der  Ludwigischen  oder  Wilhelmischen  Linie  in
Bayern  diese  Ortschaften  als  eröffnete  Lehen  zurück.
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        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  395

Streit,  erwarb  sich  (1411)  die  Schirmvogtei  über  das  Kloster  Waldsassen,
kämpfte  glücklich  gegen  die  Hussiten,  besonders  bei  Hiltersried  in  der
Nähe  von  Rötz  (16.  September  1433),  und  stiftete  1438  das  Kloster  Gnadenberg
  bei  Neumarkt.  Er  starb  am  13.  Mai  1443  zu  Neuburg  vor
dem  Walde,  wo  auch  seine  Asche  ruht.  Von  seinen  sechs  Söhnen  überlebte
ihn  nur  sein  Erstgeborner

#4.  Christoph  (1443—1448).  Dieser  erlangte,  nachdem  König
Erik  1  (XIII)  von  Dänemark,  Schweden  und  Norwegen  1438  abgesetzt
  worden  war,  wegen  seiner  Mutter  Sophie,  einer  Tochter  des  Pommernherzogs
  Wratislav  VII  ),  im  Jahre  1439  die  Krone  Dänemarks,
1440  die  Krone  Schwedens  und  1442  die  Krone  Norwegens,  starb  aber
schon  1448  zu  Helsingborg  in  Schonen  an  Gift,  ohne  Kinder  zu  hinterlassen.
  Seine  Besitzungen  in  der  Rheinpfalz,  in  die  sich  Pfalz-Simmern
und  Pfalz-Mosbach  hätten  theilen  sollen,  fielen,  da  jenes  von  diesem
schadlos  gehalten  wurde,  an

Die  Linie  Pfalz-Mosbach
(1410—1499).

6  5.  Der  Begründer  dieser  Linie,  Otto  I  (1410  —  1461),  vermählte
sich  1428  mit  Johanna,  des  Herzogs  Heinrich  XVI  von  Bayern-Landshut
Tochter.  Er  hatte  viel  von  den  Hussiten  zu  leiden,  brachte  1448  beim
Aussterben  der  Linie  Pfalz-Neumarkt  das  ganze  Gebiet  dieser  Linie  an
sich,  indem  er  den  zur  Erbschaft  mitberechtigten  Stephan  von  Pfalz-Simmern
  durch  40,000  Gulden  baar  und  56,000  Gulden  in  Pfandschaften
zum  Verzicht  auf  seinen  Erbtheil  bewog,  und  residirte  seitdem  zu  Neumarkt.
Er  6non  1461  und  wurde  im  Kloster  Reichenbach  beigesetzt.  Ihm  folgte
sein  Sohn:

§  6.  Otto  II  (1461—1499).  Dieser  nahm  1465  jene  oberpfälzischen
Ortschaften,  die  Rupert  III  Klem  1400—1401  von  Böhmen  losgerissen
hatte,  von  dem  böhmischen  Könige  Georg  Podiebrad  als  Lehen  (siehe
Seite  394),  unterstützte  den  unruhigen  Herzog  Christoph  von  Bayern
gegen  seinen  Bruder  Albrecht  IV,  den  Weisen,  suchte  jenen  aus  der  Gefangenschaft
  in  der  herzoglichen  Veste  zu  München  zu  befreien,  trat  dem
Löwlerbund  gegen  Albrecht  1IV  bei  und  starb  1499  unverehelicht  zu

*)  Waldemar  III,  König  von  Dänemark
1340—  1376.

Margaretha,  Königin  von  Jageburga,  7  1400;

Dänemark  1387,  von  Nor-  Gem.:  Herzog  Heinrich

wegen  1387,  von  Schweden  von  Mecklen  burg.
1388;  1  1412.  —

 

 

Maria,  Gem.:  Wratislav  VII,
Herzog  zu  Pommern,  /  1392.

Erik  I  (XIII),  König  von  Sophie,  7  1426;
Dänemark,  Schweden  und  Gem.:  Johann  von
Norwegen  seit  1412,  abgesetzt  Pfalz-Neumarkt,

1438,  k  1459  in  Armuth.  +  1443.

 

 

Christoph,  Pfalzgraf  von
Neumarkt,  1439  König  von  Dänemark,  1440
von  Schweden  und  1442  von  Norwegen,  1  1448.
        <pb n="412" />
        396  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

Neumarkt,  wo  er  auch  begraben  liegt.  Da  seine  drei  jüngeren  Brüder  in
den  geistlichen  Stand  getreten  waren  (Rupert,  Bischof  von  Regensburg,
+  1465,  Johann,  Domherr  zu  Augsburg,  t  1486,  Albrecht,  Bischof
von  Straßburg,  1  1506),  so  fiel  Pfalz-Mosbach-Neumarkt  an

Die  Linie  Kurpfalz  (ältere  Kurlinie)
(1410—1559).

&amp;amp;  7.  Der  Begründer  dieser  Linie,  Ludwig  III,  der  Gebartete
(1410  —1436),  stand  bei  dem  deutschen  Könige  Sigmund  (1410—1437),
dem  Nachfolger  Ruperts  von  der  Pfalz,  in  solchem  Ansehen,  daß  ihn  dieser
1415  zum  Schirmvogt  des  Conciliums  zu  Konstanz  (1414—1418)  ernannte.
  In  dieser  Eigenschaft  hielt  Ludwig  III  den  abgesetzten  Papst
Johann  XXIII  drei  Jahre  in  Haft,  anfänglich  in  Heidelberg,  später
in  der  Burg  Rheinhausen  zu  Mannheim,  und  ließ  an  Johann  Luß
(6.  Juli  1415)  und  Hieronymus  Faulfisch  von  Prag  (30.  Mai  1416
das  Todesurtheil  vollziehen.  Da  Ludwig  VII,  der  Gebartete,  Herzog  von
Bayern-Ingolstadt,  am  8.  November  1414  der  Rheinpfalz  den  Besitz
der  Kurwürde  angefochten  hatte,  so  ließ  sich  Ludwig  III  den  Besitz  der
pfälzischen  Kur  vom  Könige  Sigmund  neu  bestätigen;  auch  behauptete  er
die  ihm  von  seinem  Vater,  dem  deutschen  Könige  Rupert,  in  der  Ortenau
als  Pfand  angewiesenen  Ortschaften  Ortenberg,  Offenburg,  Gengenbach,
  Zell,  Selz  und  die  ihm  von  demselben  Könige  gegen  2000  Gulden
jährlicher  Steuer  verliehene  Landvogtei  im  Elsaß  wider  König  Sigmund
und  das  deutsche  Reich.  Im  Jahre  1421  gab  er  der  Bibliothek  an
der  heiligen  Geistkirche  in  Heidelberg,  die  1438  der  Universität  zu  Heidelberg
übergeben  und  nachmals  so  berühmt  geworden  ist,  ihre  Entstehung  und  legte
in  Amberg  den  Grundstein  zur  Martinskirche,  die  erst  1534  vollendet
wurde.  Im  Frühlinge  des  Jahres  1426  trat  er  eine  Reise  nach  Palästina
an  und  kehrte  von  dort  mit  einem  Vollbarte  zurück,  von  dem  er  seinen  Beinamen
  erhielt.  Wegen  Erblindung  zog  er  sich  gegen  das  Ende  des  Jahres
1435  von  der  Regierung  allmählig  zurück  und  starb  am  20.  Dezember  1436.
Sein  Leichnam  ruht  zu  Neustadt  an  der  Hardt.  Ludwig  III  hinterließ
drei  Söhne:  Ludwig  IV,  der  dem  Vater  in  der  Regierung  folgte,  Friedrich
  1,  Victorios  (Abkürzung  des  Wortes  „Victoriosus“  d.  i.  der
„Siegreiche“)  und  Rupert,  der  1463  —  1473  den  erzbischöflichen  Stuhl
von  Köln  inne  hatte.

88.  budwig  IV,  der  Sanftmüthige  (1436—1449),  stand  anfänglich
  (1436—1442)  unter  der  Vormundschaft  seines  Oheims,  des  Pfalzgrafen
  Otto  I  von  Mosbach,  der  1441  die  Grafschaft  Löwenstein  von
dem  letzten  Besitzer  kaufte  und  zur  Kurpfalz  schlug.  Nachdem  Ludwig  IV
mündig  geworden,  ergriff  er  (1442)  die  Zügel  der  Regierung  und  vertrieb
mit  Hilfe  der  elsäßischen  Städtemacht  die  französischen  Söldner,  die  sogenannten
  Armagnac's,  die  1444  die  Pfalz  plündernd  durchzogen,  aus  dem
Lande.  Wegen  seiner  fortdauernden  Bemühung,  die  Ruhe  und  den  Frieden
im  Lande  zu  erhalten,  erhielt  er  den  Beinamen:  „der  Sanftmüthiges.
Er  starb  am  13.  August  1449  mit  Hinterlassung  eines  einzigen  Sohnes,
Philipp.  Da  dieser  beim  Hinscheiden  des  Vaters  erst  wenige  Tage  über
ein  Jahr  zählte,  so  übernahm  Ludwigs  IV  Bruder,

9.  Friedrich  I,  der  Siegreiche  (1449—1476)  die  Regierung.
Den  Beinamen  „des  Siegreichen“  erhielt  er  wegen  der  vielen  glücklichen
Kämpfe,  die  er  gegen  die  zahlreichen  Feinde  seines  Hauses  führte;  von
        <pb n="413" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  397

seinen  Gegnern  ward  er  nur  „der  böse  Fritz“  genannt.  Um  den  widerspenstigen
  Vasallen,  die  sich  vom  kurpfälzischen  Verbande  loszureißen  suchten,
mit  mehr  Nachdruck  begegnen  zu  können,  ließ  er  sich  am  6.  September  1451
von  den  Angesehenen  des  Landes  (denn  eigentliche  Stände  gab  es  nicht)  die
Regierung  sammt  der  Kurwürde  förmlich  übertragen,  versprach  aber
dagegen,  sich  nicht  standesmäßig  zu  verheirathen,  damit  seinem  Mündel  und
Adoptivsohne  Philipp  die  Kurwürde  und  das  dazu  gehörige  Land  um
so  sicherer  bewahrt  bliebe.  Vom  Papste  Nikolaus  V  und  den  Kurfürsten
des  deutschen  Reiches  ward  Friedrich  1  als  Kurfürst  anerkannt,  die
Rheinpfalz  huldigte  ihm  fast  ohne  Widerrede,  aber  der  Kaiser  Friedrich
  III  (1440—  1493)  erklärte  sich  wider  ihn,  und  die  Oberpfalz
lehnte  es  ab,  Friedrich  1  als  Kurfürsten  anzuerkennen.  Um  den  Widerstand
  in  der  Oberpfalz  zu  brechen,  rückte  Friedrich  I,  der  am  17.  Dezember
  1451  zu  Lauingen  mit  dem  Herzog  Ludwig  IX  von  Bayern-Landshut
  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß  geschlossen  hatte,  mit  einem  Heere
vor  Amberg  und  zwang  die  Bewohner“)  dieser  Stadt  zur  Huldigung
(2.  Februar  1454).  Nach  einiger  Zeit  gab  auch  Kaiser  Friedrich  III
nach  und  nahm  (Dezember  1454)  den  Pfalzgrafen  Friedrich  I  in  das
Kurfürstencollegium  auf.  Aber  in  dem  Herzen  des  Kaisers  blieb  eine  arge
Verstimmung  zurück,  die  neu  erregt  wurde,  als  Kurfürst  Friedrich  I  dem
Herzog  Ludwig  IX  von  Bayern-Landshut  bei  der  Eroberung  Donauwörths
  (1°58.  Unterstützung  gewährte  und  nach  der  zweispaltigen  Wahl
für  ben  erzbischöflichen  Stuhl  in  Mainz  gegen  des  Kaisers  Willen  zuerst
für  den  Grafen  Adolf  von  Nassau  gegen  den  Grafen  Diether  von
Isenburg  (Sieg  Friedrichs  bei  Pfeddersheim  unweit  Worms  am  4.  Juli
1460),  und  dann  für  Diether  gegen  den  Grafen  Adolf  von  Nassau
die  Waffen  errift.  Auf  Veranlassung  des  Kaisers  Friedrich  III  zog  der
Graf  Ulrich  V  von  Württemberg,  der  Markgraf  Karl  von  Baden,
der  Bischof  Georg  von  Metz  und  der  Pfalzgraf  Ludwig  der  Schwarze
von  Pfalz=  Simmern  wider  den  Kurfürsten  Friedrich  1  in's  Feld,  erlitten
  aber  bei  Seckenheim  (30.  Juni  1462)  eine  empfindliche  Niederlage.
Friedrich  1  behielt  selbst  dann,  als  sein  Mündel  Philipp  volljährig
wurde,  mit  dessen  Zustimmung  die  Regierung  des  Landes  und  die  Kurwürde
bei  trotz  der  Reichsacht,  die  Kaiser  Friedrich  III  (27.  Mai  1474)  zu
Augsburg  über  ihn  verhängte.  Am  12.  Dezember  1476  verschied  Kurfürst
  Friedrich  1  und  hinterließ  aus  der  Ehe,  die  er  im  Jahre  1460  mit
der  Augsburger  Bürgerstochter  Klara  Dettin  (von  ihm  zum  Fräulein
von  Dettingen  erhoben)  geschlossen  hatte,  einen  Sohn,  Ludwig,  von  dem
die  Fürsten  und  Grafen  von  Löwenstein  stammen.

+6  10.  Nach  dem  Tode  Friedrich  I  übernahm  dessen  Neffe,  der  schon
genannte  Philipp  I,  der  Aufrichtige  (1476—1508),  die  Regierung  mit
der  Kurwürde.  Dieser  erbte  1499  die  Linie  Pfalz-Mosbach-Neumarkt
gemäß  den  Verträgen,  die  er  1479  und  1490  mit  Otto  II  von  Pfalz-Mosbach-Neumarkt
  eingegangen  hatte.  Von  seinen  Söhnen  hatte  sich
der  Drittgeborne,  Rupert,  mit  Elisabeth,  der  Tochter  des  Herzog  Georg
des  Reichen  von  Bayern-Landshut  vermählt  und  dadurch  Aussicht  gewonnen,
Bayern-Landshut  bei  dem  Tode  seines  Schwiegervaters  zu  erben.  Als
dieser  Todesfall  1503  wirklich  eintrat,  entspann  sich  zwischen  Rupert  und

*)  Fünf  Rathsherren  wurden  ob  ihres  Widerstandes,  den  sie  dem  Gewaltstreiche
  Friedrichs  entgegengesetzt,  auf  dem  Marktplatze  enthauptet,  ein
sechster  entkam  durch  die  List  seiner  Frau,  die  ihn  in  den  Bauch  einer  Kuh
einnähen  und  diese  aus  der  Stadt  fahren  ließ,  unter  dem  Vorwande,  daß  die
Kuh  durch  eine  Seuche  gefallen  sei.
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        398  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

den  Herzögen  von  Bayern-München  der  verderbliche  Landshuter
Erbfolgekrieg  (siehe  dessen  Verlauf  oben  Seite  203—205).  Da  Rupert
während  dieses  Krieges  starb  (1504),  so  führte  sein  Vater,  Philipp  I1,  denselben
  fort  und  endigte  ihn  so,  daß  die  von  Rupert  hinterlassenen  Söhne
Ott  Heinrich  und  Philipp  das  neugebildete  Fürstenthum  „Pfalz-Neuburg“"
  erhielten.  Philipp  der  Aufrichtige  starb  1508  und  hatte  zum
Nachfolger  in  der  Regierung  und  in  der  Kurwürde  seinen  ältesten  Sohn

##11.  Ludwig  V,  den  Friedfertigen  (1508—1544).  Unter  ihm
brach  die  Reformation  aus.  Er  zeigte  sich  anfangs  dem  neuen  Glauben  geneigt,
  wurde  aber  durch  die  Gräuel  des  Bauernkrieges  von  der  Annahme
desselben  zurückgeschrect.  Den  Namen  des  „Friedfertigen“  erwarb  er
sich,  weil  er  nicht  nur  den  Bauernkrieg,  sondern  auch  das  Aufflammen  des
wilden,  altdeutschen  Ritterthums  in  Franz  von  Sickingen  unterdrücken
half.  Er  starb  1544  kinderlos.  Da  sein  Bruder  Philipp,  der  zweitgeborne
  Sohn  Philipps  1,  als  Bischof  von  Freysing  und  Naumburg  schon
1541  gestorben  war,  so  hätte  jetzt  nach  den  Bestimmungen  der  goldenen  Bulle
die  Kurwürde  an  Ott  Heinrich  von  Pfalz-Neuburg  kommen  sollen,
denn  dieser  war  der  ältere  Sohn  des  1504  verlebten  Ruperts,  des  drittgebornen
  Sohnes  Philipps  I.  Allein  Ott  Heinrich  und  sein  Bruder
Philipp  verzichteten  gemäß  Vertrag  vom  10.  Juni  1524,  den  Kaiser  Karl  V
1539  bestätigt  hatte,  auf  die  Kurwürde  zu  Gunsten  ihres  Oheims  Friedrich,
des  viertgebornen  Sohnes  Philipps  I,  der  seiner  Zeit  als  Vormund  so
viel  für  sie  gethan  hatte.

S#  12.  Friedrich  II  (1544  —  1556),  wegen  seines  Uebertrittes  zur
lutherischen  Religion  „der  Weise“"  genannt,  wußte  sich  solches  Ansehen  zu
geben,  daß  ihn  Kaiser  Karl  V  zu  den  wichtigsten  Sendungen  gebrauchte.
Er  starb  1556  kinderlos.  Ihm  folgte  in  der  Kurwürde

#  13.  Ott  Heinrich  von  Pfalz-Neuburg  (1556—1559).  Dieser
hatte  schon  als  Herzog  von  Pfalz-Neuburg  die  lutherische  Lehre  angenommen
  und  verbreitet.  Er  zeichnete  sich  besonders  dadurch  aus,  daß  er  die
Heidelberger  Bibliothek  zur  ersten  der  damaligen  europäischen  Büchersammlungen
  machte.  Auch  er  hatte  keine  Nachkommen.  Da  sein  Bruder  Philipp
  der  Kriegerische  schon  1548  kinderlos  gestorben  war,  so  erlosch  mit
ihm  1559  die  von  Ludwig  III,  dem  Gebarteten,  gegründete  Linie  Kurpfalz
  oder  die  ältere  Kurlinie.  Die  Kurwürde  sammt  der  Oberpfalz
und  die  Besitzungen  in  der  Rheinpfalz  kam  an  Friedrich  III  von  Pfalz-Simmern
  zu  Simmern;  Pfalz-Neuburg  (die  junge  Pfalz)  vermachte
Ott  Heinrich  dem  Herzoge  Wolfgang  aus  der  Linie  Pfalz-Simmern
zu  Zweibrücken.

Die  Linie  Pfalz-Simmern
(1410—1867).

§  4.  Der  Begründer  dieser  Linie,  die  sich  allein  bis  auf  unsere  Zeit
fortpflanzte,  ist  Stephan  (1410—1459),  der  drittgeborne  Sohn  des  Kaisers
Nupert  Klem.  Stephan  erwarb  durch  seine  Vermählung  mit  Anna,  der
Erbtochter  des  Grafen  Friedrich  III  von  Veldenz  (T  1444),  die  Grasschaft
Veldenz  und  von  der  Grasschaft  Sponheim  einige  Theile,  welche  der  eben
genannte  Graf  Friedrich  III  von  Veldenz  durch  seine  Mutter  Lauretta
von  Sponheim  geerbt  hatte.  Von  den  sechs  Söhnen  Stephans  blieben
nur  zwei,  Friedrich  und  Ludwig  der  Schwarze,  im  Laienstande,  und
        <pb n="415" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  399

diese  theilten  nach  dem  Ableben  ihres  Vaters  (I  1459)  die  von  diesem  hinterlassenen
  Besitzungen  in  der  Weise,  daß  der  ältere,  Friedrich  auf  dem
Hundsrücken  (Gebirgszug  im  Simmern'schen,  tractus  Hunnorum,  Cynonotus),
  Simmern  und  die  von  dem  Vater  geerbten  Theile  Sponheims,
  der  jüngere  dagegen,  Ludwig  der  Schwarze,  Zweibrücken  und
Veldenz  erhielt.  Jener  ist  der  Begründer  der  Linie  Pfalz-Simmern  zu
Simmern,  dieser  der  Begründer  der  Linie  Pfalz-Simmern  zu  Zweirücken.


1)  Bie  LCinie  Pfalz-Fimmern  zu  Simmern
(seit  1559  die  „zün  gere  Kurlinie“  genannt)
(1459—1685).

115.  Der  Stammvater  dieser  Linie,  Friedrich  auf  dem  Hundsrücken
  (1459—1480),  war  mit  Margaretha,  des  Herzogs  Arnold  von
Geldern  Tochter,  vermählt  und  hinterließ  bei  seinem  Tode  "  1480)  fünf
Söhne:  Stephan,  Johann,  Friedrich,  Rupert  und  Wilhelm.  Da
der  älteste  von  diesen,  Stephan,  beim  Tode  des  Vaters  bereits  in  den
Priesterstand  getreten  war,  so  kam  die  Regierung  von  Pfalz-Simmern  zu
Simmern  an  den  zweitältesten  dieser  Brüder,

8  16.  Johann  I  (1480—1509).  Dieser  heirathete  1481  Johanna,
des  Grafen  Johann  von  Nassau-Saarbrück  Tochter,  die  ihm  drei  Kinder
gebar:  Friedrich  den  Aelteren,  Johann  und  Friedrich  den  Jüngeren.
  Von  diesen  starb  Friedrich  der  Aeltere  schon  am  Tage  der  Geburt
(7.  Dezember  1490),  Friedrich  der  Jüngere  wurde  Dompropst  zu  Straßburg,
  und  der  zweitgeborne,  Johann,  folgte  1509  dem  Vater  in  der  Regierung.

5  17.  Johann  II  (1509—  1557)  war  zuerst  mit  Beatrir,  des
Markgrafen  Christoph  von  Baden  Tochter,  und  dann  mit  Marie  Jacobine,
  des  Grasen  Ludwig  XV  von  Oettingen  Tochter,  vermählt.  Er
hinterließ  aus  seiner  ersten  Ehe  drei  Söhne,  Friedrich,  Georg  und
Richard,  von  welchen  Friedrich  dem  Vater  in  der  Regierung  folgte.

6l18.  Friedrich  (1557—1576)  war  gleich  seinen  Brüdern  katholisch
getauft  und  erzogen  worden,  trat  aber  auf  Betrieb  seiner  Gemahlin  Marie,
des  Markgrasen  Kasimir  von  Brandenburg-Kulmbach  Tochter,  zur  lutberischen
Lehre  über  und  zog  durch  sein  Beispiel  seine  beiden  Brüder  nach  sich,  von
denen  der  eine,  Gregor,  in  den  geistlichen  Stand  getreten  war.  Bald  darnach
  (1557)  trat  Friedrich  mit  seiner  Gemahlin  der  Lehre  Calvins  bei,
weil  ihm  Melanchthon  einige  Zweifel  über  Luthers  Lehre  nicht  zu  lösen
vermocht  hatte.  Ueber  diesen  Schritt  Friedrichs  wurde  Ott  Heinrich  von
Pfalz-Neuburg,  ein  eifriger  Anhänger  der  lutherischen  Lehre  und  seit  1556
Kurfürst  von  der  Rheinpfalz,  so  ungehalten,  daß  er  durch  Testament  vom
30.  Juni  1557  für  den  Fall  seines  kinderlosen  Hinscheidens  den  Herzog  Wolfgang
von  Pfalz-Simmern  zu  Zweibrücken,  der  an  der  lutherischen  Lehre
festhielt,  zum  Erben  von  Pfalz-Neuburg  einsetzte  und  verordnete,  daß
Friedrich  nur  die  Kurwürde  und  die  Regierung  der  Oberpfalz  und
der  zur  Kur  gehörigen  Theile  der  Rheinpfalz  erhalten  solle.  Als  Ott
Heinrich  am  12.  Februar  1559  wirklich  ohne  Nachkommen  starb,  trat
Friedrich  das  ihm  zugedachte  Erbe  an  und  regierte  seitdem  unter  dem
Namen  „Kurfürst  Friedrich  III.“  Er  überließ  die  Grafschaft  Simmern  zuerst
(1559)  seinem  Bruder  Georg,  und  dann,  als  dieser  1509  ohne  Leibeserben
starb,  seinem  andern  Bruder  Richard.  Als  dieser  1598  ebenfalls  ohne
        <pb n="416" />
        400  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

Leibeserben  starb,  fiel  die  Grafschaft  Simmern  an  die  Nachkommenschaft
Friedrichs  III  zurück.

Kurfürst  Friedrich  III,  dessen  Linie  seit  dem  Jahre  1559  die  Benennung
  „jüngere  Kurlinie“  führt,  ließ  1563  durch  zwei  caldinische
Prediger,  Zacharias  Ursinus  Beer  aus  Breslau  und  Kaspar  Olevianus
  aus  Trier,  den  „Heidelberger  Katechismus“  ausarbeiten  und
zwang  nach  dem  damals  geltenden  Grundsatze:  „die  Religion  des  Fürsten
ist  auch  die  seines  Landes“  alle  seine  Unterthanen  calvinisch  zu  werden.
Hiemit  nicht  zufrieden  schickte  er  1574  den  Calvinisten  in  den  Niederlanden
  Truppen  unter  seinem  Sohne  Christoph  zur  Hilfe,  der  im  Kampfe
das  Leben  verlor,  unterstützte  1568  und  1575—1576  die  Hugenotten  in
Frankreich  durch  Hilfsheere,  die  ihnen  sein  Sohn  Johann  Kasimir  zuführte,
  und  nahm  viele  um  ihres  calvinischen  Bekenntnisses  willen  vertriebene
Franzosen  und  Niederländer  in  seinem  Lande  auf.  Ein  Theil  derselben
  ließ  sich  in  Fränkenthal,  dem  ehemaligen  Kloster,  nieder,  das  von
Friedrich  III  zur  Stadt  erhoben  wurde.  Friedrich  III  starb  am
26.  Oktober  1576  und  hinterließ  zwei  Söhne,  Ludwig  und  Johann
Kasimir,  von  welchen  der  Erstere  dem  Vater  in  der  Kurwürde  nachfolgte.

#*#19.  Ludwig  VI  (1576—1583)  war  am  Hofe  Ott.  Heinrichs
streng  in  der  Lehre  Luthers  erzogen  worden  und  hatte  als  Statthalter  der
Oberpfalz,  wozu  ihn  sein  Vater  ernannt  hatte,  Alles  aufgeboten,  die  lutherische
Lehre  in  diesem  Lande  zu  erhalten.  Nachdem  er  dem  Vater  in  der  Kurwürde
gefolgt  war,  führte  er  die  lutherische  Confession  in  den  pfälzischen
Landen  wieder  ein  und  verjagte  Alle,  die  sich  weigerten,  von  der  calvinischen
Lehre  zur  lutherischen  überzutreten.  Die  Universität  Heidelberg  verlor
durch  diesen  Gewaltstreich  seine  besten  Lehrkräfte,  darunter  Hugo  Donellus,
den  #bten  Juristen  seiner  Zeit,  und  Matthias  Launoy.  Als  Ludwig
  VI  1583  starb,  folgte  ihm  in  der  Kurwürde  sein  neunjähriger  Sohn

§20.  Friedrich  IV  (1583—1610).  Als  Vormünder  hatte  ihm  der
sterbende  Vater  die  lutherischen  Fürsten  von  Brandenburg,  Württemberg
  und  Hessen  bestellt,  aber  Johann  Kasimir,  Friedrichs  IV
Oheim,  brachte  es  mit  Hilfe  eines  in  der  goldenen  Bulle  enthaltenen  Artikels
dahin,  daß  die  Vormundschaft  ihm  übergeben  wurde.  Johann  Kasimir,
streng  calvinisch  gesinnt,  hatte  in  dem  1576  geerbten  Lande  Lautern
die  von  seinem  Bruder  verjagten  calvinischen  Lehrer  aufgenommen  und  für
sie  1578  zu  Neustadt  an  der  Haardt  das  Kasimirianum  t(seit  1587
Gymnasium  illustre  genannt)  gestiftet.  Als  Vormund  Friedrichs  1V  ließ
er  nicht  bloß  diesen  in  Calvins  Lehre  erziehen,  sondern  drang  diese  auch
dessen  Unterhanen  in  der  Rheinpfalz  auf,  entfernte  von  Heidelsberg  die
lutherischen  Lehrer  und  übertrug  ihre  Stellen  den  Reformirten.
Johann  Kasimir  starb  1592  kinderlos,  worauf  Lautern  mit  Neustadt
seinem  Neffen  Friedrich  IV  zufiel.

Friedrich  IV  führte  nach  dem  Tode  Johann  Kasimirs  die  Regierung
selbst  und  vollendete  als  eifriger  Calvinist  die  Einführung  der  reformirten
Lehre  in  den  unter  seiner  Herrschaft  stehenden  Theilen  der  Rheinpfal)z,
dagegen  blieb  sowohl  in  der  Oberpfalz,  als  in  Simmern,  das  ihm
1598  zufiel,  das  Lutherthum.  Unter  Friedrichs  Regierung  erreichte  die
Universität  Heidelberg,  an  welcher  Goldast,  Freher,  Tremellius,
Junius  und  andere  lehrten,  den  höchsten  Glanz.  Im  Jahre  1606  erhob
Friedrich  das  Dorf  Mannheim  zur  Stadt  und  wurde,  als  die  protestantischen
  Fürsten  im  Jahre  1608  zu  Anhausen  die  im  Jahre  1572
gegründete  Union  erneuerten,  das  Haupt  dieses  Bundes.  Nach  seine##  Tode
(1610)  folgte  ihm  in  der  Kurwürde  sein  unmündiger  Sohn
        <pb n="417" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  401

5*#21.  Friedrich  V  (1610  —  1621)  unter  der  Vormundschaft  des
Pfalzgrafen  Johann  II  von  Pfalz-Simmern  zu  Zweibrücken.  Der
junge  Kurfürst  vermählte  sich  1613  mit  Elisabeth,  des  Königs  Jakob  1
von  England  Tochter,  und  regierte  von  1614  an  selbstständig,  ##e  aber
durch  die  Annahme  der  böhmischen  Königskrone  (1619)  sich  und  sein  Land
in  unsägliches  Elend.  Von  seinem  Vetter  Maximilian  I1  von  Bayern,
dem  Haupte  der  im  Jahre  1609  gestifteten  Liga,  in  der  Schlacht  am  weißen
Berge  bei  Prag  (1620)  gänzlich  geschlagen  floh  Friedrich  V,  nachmals  der
„Winterkönig“  genannt,  über  Breslau  zu  Moritz  von  Oranien  nach  Haag,
ward  im  Januar  1621  geächtet  und  kam  um  alle  seine  Länder.  Der  unerwartete
  Tod  Gustav  Adolfs,  von  dessen  Gunst  und  Glück  er  die  Wiedererlangung
  wenigstens  eines  Theiles  seiner  pfälzischen  Lande  gehofft,  war  für
ihn  ein  solcher  Schlag,  daß  er  dreizehn  Tage  später  (29.  November  1632)
vor  Gram  starb.  Sein  unglückliches  Geschick  theilten  seine  dreizehn  Kinder.
Der  Kurprinz,  Heinrich  Friedrich,  fand  1629  den  Tod  im  Harlemer
Meere  vor  den  Augen  des  Vaters,  als  das  Schiff,  auf  dem  sie  nach  England
übersetzen  wollten,  durch  ein  größeres  überfahren  wurde.  Der  zweite  Sohn,
Karl  Ludwig,  erhielt  durch  den  westphälischen  Frieden  #r  die  um  die
Aemter  an  der  Bergstraße  verkleinerte  Rheinpfalz  mit  der  neu  gegründeten
achten  Kurwürde  und  dem  Erzschatzmeisteramte.  Der  dritte  Sohn,  Rupert,
wurde  im  dreißigjährigen  Kriege  gefangen,  diente  dann  unter  den  Königen
Karl  1  und  Karl  II  von  England  und  starb  1682  als  Viceadmiral  in  London.
  Der  vierte  Sohn,  Moritz,  diente  zuerst  den  Schweden  und  dann
Karl  1  von  England  und  verunglückte  1652  zur  See  bei  Westindien.  Der
fünfte,  Eduard,  vermählte  sich  in  Frankreich,  trat  dort  zur  katholischen
Religion  über  und  starb  1663  in  Paris.  Der  sechste  Sohn,  Philipp,  starb
1650  in  lothrinzischen  Diensten  in  der  Schlacht  bei  Rethel.  Unter  den  Töchtern
  Friedrichs  V  ward  die  jüngste,  Sophie,  die  Stammmutter  des  jetzigen
königlichen  Hauses  von  Großbritannien,  denn  als  man  nach  dem  Teode  der
Königin  Anna  alle  katholischen  Glieder  der  königlichen  Familie  Stuart  vom
englischen  Throne  ausschloß,  wurde  Georg  I,  den  Sophie  ihrem  Gemahle,
dem  Kurfürsten  Ernst  August  von  Braunschweig-Hannover,  geboren  hatte,  als
Enkel  der  englischen  Prinzessin  Elisabeth  Stuart  auf  den  Thron  von  Großbritannien
  gerufen.

#622.  In  der  durch  den  westphälischen  Frieden  wieder  hergestellten
Kurpfalz  regierte  zuerst  Friedrichs  V  zweitgeborner  Sohn,  Karl  Ludwig
(16  G160,  der  den  zerrütteten  Verhältnissen  seines  Landes  durch  Sparsamkeit
  im  Staatshaushalte  und  durch  Herbeiziehung  von  Auswanderern
  aus  der  Schweiz,  aus  England,  Frankreich  und  Piemont
  aufzuhelfen  suchte.  Wie  sein  Vater,  so  war  auch  er  ein  strenger
Verfechter  des  Calvinismus  und  erlaubte  sich  beim  Beginne  seiner  Reierung
  große  Härte  gegen  die  Lutheraner  und  Katholiken,  baute  aber
später  zur  Einigung  der  drei  Confessionen  in  Mannheim  den  sogenannten
„Eintrachtstempel“  (Ecclesia  Sanctae  Concordiae),  der  1679  eingeweiht
wurde.  Mit  seinem  Vetter,  dem  Kurfürsten  Ferdinand  Maria  von
Bayern")  und  seinen  übrigen  Verwandten,  selbst  mit  seiner  Gemahlin
Charlotte,  einer  Tochter  Wilhelms  V  von  Hessen-Kassel,  lebte  er  in  beständigem
  Zwist,  ließ  sich  von  dieser  1658  scheiden  und  heirathete  Marie

 

7)  Diesem  bestritt  Karl  Ludwig  das  Recht  des  Reichsvikariats,
weil  dieses,  wie  er  behauptete,  nicht  mit  der  an  Maximilian  1  von  Bayern
übergegangenen  Kurwürde,  sondern  mit  der  Pfalzgrafschaft  verbunden
sei  (ausgeglichen  1724).

Sattler,  bayer.  Geschichte.  26
        <pb n="418" />
        402  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

Louise,  des  Freiherrn  Christoph  von  Degenfeld  Tochter,  die  den  Titel
„Raugräfin“  erhielt.  Die  Grafschaft  Simmern,  die  er  1649  seinem
Oheim  Ludwig  Philipp  überlassen  hatte,  fiel  ihm  1674  wieder  zu,  da
Ludwig  Philipps  Sohn,  Ludwig  Heinrich,  im  Jahre  1674  ohne  Erben
starb.  In  dem  französisch-niederländischen  Kriege  (1673—1678)
wurde  die  Rheinpfalz  durch  Türenne  schrecklich  verwüstet,  und  gemäß  dem
Frieden  zu  Nimwegen  (1678)  mußte  Karl  Ludwig  einen  Theil  der
Rheinpfalz  an  Frankreich  abtreten  —  ein  Verlust,  der  ihn  so  ergriff,  daß  er
1680  dem  Schmerze  hierüber  erlag.  Ihm  folgte  sein  Sohn

g  23.  Karl  (1680—1685),  ein  verschwenderischer,  lebenslustiger  Fürst,
dem  für  sein  Vergnügen  keine  Ausgabe  zu  groß  war.  Da  seine  Ehe  mit
Wilhelmine  Ernestine,  des  Königs  Friedrich  III  von  Dänemark  Tochter,
  kinderlos  blieb  und  vorauszusehen  war,  daß  die  Kurpfalz  an  die  Linie
Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken  zu  Neuburg  fallen
werde,  stellte  er,  von  seinem  Hofprediger  Langhans  berathen,  in  dem
Schwäbisch-Haller  Vertrage  die  reformirte  Lehre  in  seinem  Lande  als
Bedingung  der  Nachfolge  fest.  Mit  ihm  erlosch  am  16.  Mai  1685  die  Linie
Pfalz-Simmern  zu  Simmern,  die  seit  1559  die  „jüngere  Kurlinie"
  hieß.  Sein  Nachfolger  war  Philipp  Wilhelm  von  Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken
  zu  Neuburg.  Da  des  Erblassers
  Schwester,  Elisabeth  Charlotte,  seit  dem  Jahre  1671  mit  dem
Herzoge  Philipp  von  Orleans,  dem  Bruder  des  Königs  Ludwig  XIV
von  Frankreich,  vermählt  war,  so  erhob  letzterer  für  seinen  Bruder  auf  die
Kurpfalz  Ansprüche  und  führte  einen  Krieg  herbei,  der  den  Namen  „pfälzicer“
  i-  sionskrieg“  führt  (siehe  diesen  Krieg  oben  Seite  275,  276
und  .

2)  BVie  Linie  Pfalz-Fimmern  zu  Zweibrücken
(1459—1867).

24.  Der  Begründer  dieser  Linie  ist  Ludwig  I,  der  Schwarze
(1459  —1489),  des  oben  genannten  Stephan  von  Pfalz-Simmern  viertgeborner
  Sohn.  Er  ist  der  Stifter  der  Kirche  zu  Meisenheim,  einer  der
architektonischen  Zierden  des  einstigen  Pfalzgrafenlandes  (heute  zu  Hessen-Homburg
  gehörig).  Von  den  sieben  Söhnen,  die  ihm  seine  Gemahlin  Johanna,
  des  Grafen  Anton  von  Croy  Tochter,  gebar,  starben  zwei  vor  dem
Vater,  drei  wurden  Domherren  zu  Straßburg,  zwei,  Kaspar  und  Alexander,
  blieben  im  Laienstande  und  sollten  nach  dem  Willen  des  Vaters
das  Erbe  dereinst  gemeinsam  besitzen  und  in  zwei  nutznießlich  getheilten  Regierungsdistrikten
  regieren.  Da  aber  Kaspar  nach  dem  Tode  des  Vaters
(1  1489)  bedrohliche  Leidenschaftlichkeit  und  Rachsucht  an  den  Tag  legte,  so
setzten  ihn  die  männlichen  Geschwister  im  Dezember  1490  in  Haft  und  hielten
ihn  bis  zu  seinem  Tode  (1527)  gefangen,  ohne  daß  der  Kaiser,  sämmtliche
Pfalzgrafen,  die  Lehensherren  und  Unterthanen  dagegen  Einsprache  erhoben.
Auf  diesem  Wege  wurde

§25.  Alexander  (1490  —  1514)  Alleinherrscher.  Er  unternahm
(1495)  eine  Fahrt  nach  Jerusalem,  baute  (1496  —  1498)  die  sogenannte
Alexanderkirche  zu  Zweibrücken,  ein  gothischer  Bau  von  schönem  Ebenmaße,
  vermählte  sich  1499  mit  Margaretha,  des  Grafen  Crato  von  Hohenlohe
  Tochter,  und  hinterließ  durch  Testament  vom  Jahre  1497,  dem  der
Kaiser  Maximilian  I  1514  die  Bestätigung  ertheilte,  sein  Land  als  ein  nicht
zu  theilendes  Ganzes  seinem  ältesten  Sohne  Ludwig  II.  Der  zweit-
        <pb n="419" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  403

geborne  Sohn  Alexanders,  Rupert,  wurde  Domherr  zu  Straßburg,  und
Georg,  der  drittgeborne  Sohn  Alexanders,  ward  Domherr  zu  Trier  und
Köln  &amp;amp;  16.  Juni  vor  1537).

§526.  Ludwig  II  (1514—1532)  heirathete  1525  Elisabeth,  des
Landgrafen  Wilhelm  des  Aelteren  von  Hessen  Tochter,  die  ihm  einen  Sohn,
Wolfgang,  und  eine  Tochter,  Christine  (71  1534),  gebar.  Da  Ludwig  II
wider  Erwarten  früh,  am  3.  Dezember  1532,  starb,  so  folgte  ihm  in  der
Herrschaft  sein  sechsjähriger  Sohn

527.  Wolfgang  (1532  —  1569)  unter  der  Vormundschaft  seines
Oheims  Rupert,  der  1532  als  Straßburger  Domherr  dem  geistlichen  Stande
entsagte,  zur  lutherischen  Lehre  überging  und  sich  1537  mit  Ursula,  einer
Tochter  des  Wild=  und  Rheingrafen  Johann  VII  zu  Kyrburg,  verehelichte.
Nachdem  Wolfgang  1543  mündig  geworden  war,  überließ  er  seinem  Oheim
Rupert  die  Grafschaft  Veldenz  und  dazu  Lautereck  und  Lützelstein.
Die  Linie  Ruperts,  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Veldenz  genannt,
  setzte  sich  durch  vier  Generationen,  nämlich  Rupert  (1532—1544),
Georg  Johann  (1544—1592),  Georg  Gustav  (1592—1634)  und  Leopold
  Ludwig  (1634—1694)  fort,  worauf  das  Gesammtgebiet  dieser  Linie
auf  die  von  Wolfgang  gegründete  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken
zu  Zweibrücken  überging.

An  Wolfgang,  einen  eifrigen  Bekenner  der  lutherischen  Lehre,  fiel
1559  kraft  eines  Testamentes,  welches  Kurfürst  Ott  Heinrich  am  30.  Juni
1557  gemacht  hatte,  Pfalz-Neuburg  und  Sulzbach  mit  der  Verpflichtung,
  in  diesen  Ländern  die  lutherische  Confession  zu  schützen.  Der  übernommenen
  Pflicht  eingedenk  stiftete  Wolfgang  1559  zu  Lauingen  ein
lutherisches  Gymnasium  und  verlegte  in  demselben  Jahre  die  protestantische
  Klosterschule  von  Hornbach  nach  Zweibrücken,  wo  sie  in
der  Folge  zu  einem  Gymnasium  heranblühte.  Im  Jahre  1566  zog  Wolfgang
  mit  seinem  Sohne  Ludwig  Philipp  dem  Kaiser  Maximilian  II
gegen  Soliman  II  zu  Hilfe  und  errichtete  nach  der  Heimkehr  am  18.  August
  1568  eine  Fideicommißdisposition,  der  zufolge  die  beiden  Fürstenthümer
  Zweibrücken  und  Neuburg  fortan  nach  dem  Gesetze  der  Primogenitur
  regiert  werden  und  die  den  nachgebornen  Prinzen  zur  Nutznießung
überwiesenen  Güter  mit  dem  einen  und  dem  andern  Fürstenthume  unzertrennlich
  verbunden  bleiben  sollten.  Zu  Anfang  des  Jahres  1569  zog
Wolfgang  den  Hugenotten  (Calvinisten)  in  Frankreich  zu  Hilfe,  erlag
aber  in  dem  französischen  Dorfe  Nessoun  in  Limousin  am  11.  Juni  1569
den  gewaltigen  Strapazen,  welchen  er  sich  an  der  Spitze  seines  Heeres  unterzogen
  hatte.  Seine  Leiche  ward  1571  in  Meisenheim  beigesetzt.  Gemäß
der  Fideicommißdisposition  vom  18.  August  1568  wurde  die  Verlassenschaft
  Wolfgangs  im  Jahre  1569  von  den  fünf  Söhnen  folgendermaßen  in
Besitz  genommen:  ·

Philipp  Ludwig  —  erhielt  Neuburg.

Johann  —  erhielt  Zweibrücken.

Otto  Heinrich  —  erhielt  Sulzbach  unter  Oberhoheit  von  Neuburg.

Friedrich  —  erhielt  Vohenstrauß  unter  Oberhoheit  von  Neuburg.

Karl  —  erhielt  Birkenfeld  unter  Oberhoheit  von  Zweibrücken.

Von  diesen  fünf  Brüdern  starben  zwei  kinderlos,  Friedrich  von
Vohenstrauß  im  Jahre  1597,  und  Otto  Heinrich  von  Sulzbach  im
Jahre  1604;  ihre  Länder  fielen,  wie  im  Voraus  bestimmt  worden  war,  an
Neuburg.  Die  Linie  Zweibrücken,  welche  Johann  gründete,  pflanzte

26*
        <pb n="420" />
        404  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz

sich  bis  zum  Jahre  1731  fort,  wo  sie  mit  Gustav  Samuel  Leopold
erlosch.  Das  Gebiet,  welches  dieser  Linie  eigen  war,  fiel  durch  Vergleich  mit
dem  Kurfürsten  Karl  Philipp  aus  der  Linie  Pfalz-Neuburg  (41733)
und  nach  den  Bestimmungen  der  im  Jahre  1568  errichteten  Fideicommiß-Commission
  an  Christian  III  aus  der  Linie  Birkenfeld.  Eine  besondere
Bedeutung  hat  die  von  Johann  begründete  Linie  Zweibrücken?)  dadurch
erlangt,  daß  drei  ihrer  Sprossen  unter  den  Namen  Karl  X,  Karl  XI
und  Karl  XII  (Vater,  Sohn  und  Enkel)  den  schwedischen  Thron
inne  hatten“).

Von  den  fünf  Linien,  welche  durch  die  Söhne  Wolfgangs  von
Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Zweibrücken  begründet  worden  sind,
sind  demnach  nur  mehr  zwei  darzulegen,  nämlich  die  Linie  Neuburg,
welche  Bayern  den  Kurfürsten  Karl  Theodor  gegeben  hat,  und  die  Linie
Birkenfeld,  aus  welcher  das  gegenwärtige  Herrscherhaus  von  Bayern
und  die  herzogliche  Linie  in  Bayern  stammt.

*)  Die  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken  zu

 

Zweibrücken:
Johann  I1  1569—1604.

Zu  Zwei-  Zu  Landsberg.  Zu  Kleeburg.  6
brücken.  Friedrich  Kasimir  Johann  Kasimir  1604—1652.
Johann  IMI  1604—1645.  Gemahlin:  11.  Juli  1615  Katharina,
1604—1635.  des  schwedischen  Königs  Karl  IX

l  Tochtet,1·1638.
——  iD  -  —  J
Friedrich,  Friedrich  Ludwig,  Kleeburg  zu  Kleeburg  zu

 

 

der  letzte  Pfalz-  1645—1681,  Kleeburg.  Guttenburg.
graf  von  dieser  erbt  1661  Zwei-  Karl  Gustav,  als  Adolf  Johann,
Linie,  1635—  brücken,  1  1681.  Karl  X  König  in  Pfalz-1661;
  sein  Lands-  und  Zwe  i=  von  Schweden,  Guttenburg
Land  Zwei=  berg  brücken  folgte  in  Kleeburg  1652—1689.
brücken  fallen  1681  an  1652,  König  n0v.  —
geht  1661  an  Karl  XI  aus  der  Schweden  1654—4660.  Gustav  Samuel
Friedrich  Linie  Kleeburg.dLeopold  folgt
Ludwig  ——.dKarl  XI.  König  1689—1731  in
von  Lands-Wilhelm  Karl  Ka=  von  Schweden  1660  Guttenburg
berg  über.  Ludwig,  mir,  —1697,  erbt  1681  und  erbt  1718
1  1675.  1673.  Landsberg  und  von  König

Zweibrücken,  das  Karl  XII  von
er  mit  Kleeburg  Schweden  Kleevereinigt.

  burg,  Lands-—
  —  —  .  berg  und
NB.  Alle  Glieder  dieser  Karl  XII,  König  Zweibrücken.
Linie  waren  der  calvini-  von  Schweden  1697  Nach  seinem
schen  Lehre  zugethan.  —1718;  Kleeburg,  Tode  (1731)  geht
Gustav  Samuel  Leo-  Landsberg  und  sein  ganzer
pold,  der  letzte  Sprosse,  Zweibrücken  fallen  Länderbesitz  an
trat  1696  zur  katholischen  1718  an  Gustav  Christian  Il
Kirche  über.  Samuel  Leopold  aus  der  Linie
zu  Pfalz-  Birkenfeld-Guttenburg.
  Bischweiler
zu  Bischweiler

  über.

**)  Johann  Kasimir  zu  Kleeburg,  der  Vater  Karls  Gustavs,
der  als  Karl  X  den  schwedischen  Thron  bestieg,  hatte  Katharina,  die  Halbschwester
  Gustavs  II  Adolf  von  Schweden,  zur  Frau.  Als  Gustav  II  Adolf
1632  in  der  Schlacht  bei  Lützen  gefallen  war,  regierte  seine  Tochter  Christina
in  Schweden  (1632—1654),  legte  aber  1654  die  Regierung  nieder  und  berief  den
        <pb n="421" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  405

a.  Die  Tinie  Pfalz-Simmern-Zweibrüchen  -  Zweibrücken
zu  Neuburg
(1569—17)99).

#§J  28.  Der  Stammvater  dieser  Linie,  Philipvp  Ludwig  (1569—
1614),  war  der  lutherischen  Lehre  zugethan  und  verehelichte  sich  am  27.  September
  1574  mit  Anna,  des  Herzogs  Wilhelm  von  Jülich  Tochter.  Durch
diese  Heirath  kam  in  der  Folge  (1666)  Jülich,  Berg  und  Ravenstein
an  Philipp  Ludwigs  Enkel,  Philipp  Wilhelm,  der  1685  auch  die  pfälzische
Kurwürde  erhielt  (siehe  den  Jülich'schen  Erbfolgestreit  oben  Seite  238  und
239).  Philipp  Ludwig  starb  am  12.  August  1614  und  hinterließ  drei
Söhne,  Wolfgang  Wilhelm,  August  und  Friedrich.  Diese  drei
theilten  sich  in  das  väterliche  Erbe:

Wolfgang  Wilhelm  —  erhielt  Neuburg;

August  —  bekam  Sulzbach  unter  Oberhoheit  Neuburgs;

Friedrich  —  bekam  Hilpoltstein  und  Heideck  (Orte  in  der  Oberpfalz,

  die  Ott  Heinrich  von  Pfalz-Neuburg  an  die  Nürnberger  versetzt
und  Philipp  Ludwig  durch  das  Heirathgut  seiner  Gemahlin  Anna,
Prinzessin  von  Jülich  und  Berg,  eingelöst  hatte),  beide  ebenfalls  unter
der  Oberhoheit  Neuburgs.

edriche  Söhne,  Philipp  Ludwig  und  Johann  Friedrich,
schon  in  früher  Jugend  starben,  so  fiel  Hilpoltstein  und  Heideck  nach
dem  Tode  Friedrichs  (1644)  an  Neuburg  zurück.  Folglich  kommt  von
der  Linie  Pffalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken  zu  Neuburg
nur  mehr  die  Linie  zu  Neuburg  und  die  zu  Sulzbacch  in  Betracht.

An.  Vie  Linie  Pfalz-Fimmern-Zweibrücken-Zweibrücken-MNeuburg
zu  Neuburg
(1614—1742).
#§#.  29.  Der  Begründer  dieser  Linie,  Wolfgang  Wilhelm  (1614—
1653),  hatte  sich  dem  väterlichen  Wunsche  zufolge  mit  Anna  Sophia,
einer  Tochter  des  Kurfürsten  Johann  Sigmund  von  Brandenburg,  vermählen

Sohn  Johann  Kafimirs  und  Katharina's,  Karl  Gustoo,  auf  den  schwedischen
Thron.  S.  d.  nachstehende  Tafel:  7  *  ch

Gustav  Wasa,  Köntg  von  Schweden

 

 

23  —  1560.
Erik  U  (XIV),  König  von  Johann  III,  König  Karl  IX,  König  von  6
Schweden  1560—1568;  von  Schweden  Schweden  1600—1611;
1  1578.  1568—1592.  1.  Gemahlin:  Anna
—  Maria,  des  Kurkürsten

Sigmund,  König  von  Polen  1587,  Ludwig  VI  aus  Pfalzvon
  Schweden  1592—1599;  Feht  Simmern  zu  Simmern
sich  1599  nach  Polen  zurück.  Tochter;  2.  Gemahlin:

Christina,  des

Herzogs  Adolf  zu

Holstein  Tochter.

#  3

1.  2.
Katharina;  Gustav  II  Adolf,
Gemahl:  Johann  Kasimir  1611—1632;  fällt
aus  Pfalz-Kleeburg,  7  1652.  bei  Lützen  1632.

„  —  --t  4  T.
Karl  Gustav,  als  Karl  X  Christina,  Königin
König  von  Schweden  1654—1660.  v.  Schweden  1632—1654.
        <pb n="422" />
        406  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

und  so  den  1609  ausgebrochenen  Jülich'schen  Erbfolgestreit  beilegen
sollen.  Allein  eine  Maulschelle,  die  der  vom  Wein  erhitzte  Kurfürst  Johann
Sigmund  über  Tisch  seinem  künftigen  Schwiegersohne  gab,  fügte  dieß  anders:
  Wolfgang  Wilhelm  trat  1612  im  Geheimen  zur  katholischen
Kirche  über  und  warb  um  die  Hand  Magdalena's,  der  jüngsten  Tochter
des  Herzogs  Wilhelm  V  von  Bayern,  um  der  Hilfe  dieses  Hauses  in  dem
Jülich'schen  Erbfolgestreite  sicher  zu  sein.  Nachdem  die  Ehe  am  10.  (11.2)
November  1613  geschlossen  worden  war,  bekannte  sich  Wolfgang  Wilhelm
am  15.  Mai  1614  zu  Düsseldorf  öffentlich  zur  katholischen  Kirche  und
wendete  auch  seine  Unterthanen  (1615—1622)  der  alten  Kirche  wieder  zu.
Das  von  seinem  Großvater  Wolfgang  1559  zu  Lauingen  gestiftete  lutherische
  Gymnasium  verlegte  er  1616  nach  Neuburg,  entfernte  alle  bisherigen
  Lehrer  und  vertraute  den  Unterricht  Jesuiten  an,  für  die  er  1617
ein  Collegium  gründete.  Nach  dem  Rathe  der  Jesuiten  stiftete  er  aus  den
Gütern  des  ehemaligen  Klosters  Bergen  in  Neuburg  ein  Knabenseminar
und  starb  1653  zu  Düsseldorf,  das  er  1631  zur  Residenz  erhoben  hatte.
Ihm  folgte  sein  Sohn

530.  Philipp  Wilhelm  (1653—  1690).  Dieser  verglich  sich  mit
dem  Hause  Brandenburg  wegen  der  Jülich'schen  Erbschaft  und  erhielt
davon  Jülich,  Berg  und  Ravenstein;  alles  Uebrige  (Cleve,  Mark  und
Ravensberg)  siel  an  den  Kurfürsten  Friedrich  Wilhelm  von  Brandenburg
  (1666).  Als  mit  dem  Kurfürsten  Karl  die  Linie  Pfalz-Simmern
zu  Simmern  im  Jahre  1685  ausstarb,  zog  Philipp  Wilhelm  als
Sprosse  der  nunmehr  ältesten  Linie  des  rudolfisch=  wittelsbachischen  Hauses
die  Kurpfalz  mit  der  Kurwürde  an  sich,  gerieth  aber  darüber  mit  Leopold
Ludwig  von  Pfalz-Veldenz,  welcher  einer  jüngeren  Linie  des  rudolfischwittelsbachischen
  Hauses  angehörte,  in  Streit,  indem  dieser  nach  dem  Gesetze
der  damals  im  deutschen  Staatsrechte  nicht  mehr  als  giltig  angenommenen
Gradualsuccession  (er  stand  zu  dem  Pfalzgrafen  Stephan  von  Pfalz-Simmern,
  dem  gemeinschaftlichen  Stammvater  der  Linien  Pfalz-Simmern
zu  Simmern,  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Zweibrücken  und
Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Veldenz  um  einen  Grad  näher  als
Philipp  Wilhelm)  ebenfalls  Ansprüche  erhob.  Gleichzeitig  begehrte  auch  der
König  Ludwig  XIV  von  Frankreich  für  seinen  Bruder  Philipp  von
Orleans,  der  seit  1671  mit  Elisabeth  Charlotte,  der  ältesten  Schwester
des  Erblassers  verheirathet  war,  einen  Theil  der  Kurpfalz  (das  Allodium
des  verstorbenen  Kurfürsten  Karl)  und  griff,  als  ihm  nicht  willfahren  wurde,
zu  den  Waffen.  Der  unter  dem  Namen  „pfälzischer  Successionskrieg“
geführte  Kampf  endete  mit  dem  Friedenscongreß  zu  Ryswick  (1697),  dem
zufolge  an  Frankreich  wegen  der  vorgeblichen  Ansprüche  an  das  Allodium  eine
Schadloshaltungssumme  von  300,000  Sendi  bezahlt  werden  mußte  (siehe  oben
Seite  275,  276  und  277).  Kurfürst  Philipp  Wilhelm  erlebte  die  Beilegung
  des  Kampfes  nicht.  Er  starb  als  Flüchtling  zu  Wien  bei  seinem
Schwiegersohne,  dem  Kaiser  Leopold  1,  am  2.  September  1690.  Ihm
folgte  sein  Sohn

§31.  Johann  Wilhelm  (1690—1716).  Dieser  gerieth  beim  Aussterben
der  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Veldenz  (1694)  mit  den
Linien  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Sulzbach  und  Pfalz-Simmern-Zweibrücken
  zu  Birkenfeld  in  Erbschaftsstreit,  der  erst  unter
der  Regierung  seines  Bruders  und  Nachfolgers,  Karl  Philipp,  im  Jahre
41733  mit  einem  Vergleich  ausging,  der  die  Kurpfalz  in  den  Besitz  von
Veldenz  und  Lanterecken  brachte.  In  seinem  Eifer  für  die  Erhaltung
der  katholischen  Confession  verfuhr  er  hart  gegen  die  Protestanten  und
        <pb n="423" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  407

ward  deshalb  von  Preußen  und  Braunschweig  zu  der  am  21.  November
1705  erschienenen  Religionsdeclaration  genöthigt,  welche  den  Protestanten
  größere  Freiheit  in  der  Ausübung  ihrer  Religion  gewährte.  In  dem
spanischen  Erbfolgekriege  stand  er  auf  Seite  seines  Schwagers,  des
Kaisers  Leopold  1,  und  erhielt  von  diesem  die  durch  die  Aechtung  des  Kurfürsten
  Max  Emanuel  erledigte  Oberpfalz  sammt  der  Grasfschaft
Cham,  den  böhmischen  Lehen  und  dem  Erztruchsessenamte  (1706
—1714).  Zur  Feier  dieses  Ereignisses  erneuerte  er  1708  den  Hubertus-Orden,
  welchen  Graf  Gerhard  V  von  Jülich  im  Jahre  1444  wegen
eines  am  St.  Hubertustage  erfochtenen  Sieges  gestiftet  hatte  (Kurfürst
Max  IV  Joseph  erhob  ihn  am  30.  März  1800  zum  ersten  Orden  Bayerns),
stellte  aber  sämmtliche  Erwerbungen  im  Jahre  1714,  als  Marx  Emanuel
nach  Bayern  zurückkehren  durfte,  an  diesen  zurück.  Die  Stadt  Düsseldorf,
wo  er  gewöhnlich  residirte,  verschönerte  er  mit  Prachtbauten  aller  Art  und
legte  daselbst  die  berühmte  Bildergallerie  an,  welche  später  Karl  Theodor
  mit  der  Münchner  vereinigte.  Johann  Wilhelm  starb  1716,  ohne
Kinder  zu  hinterlassen,  und  hatte  zum  Nachfolger  seinen  Bruder

6  32.  Karl  Philipp  (1716—1742).  Dieser  war  sehr  jung  Domherr
  und  Maltheserritter  geworden,  hatte  aber,  als  die  erste  Ehe  seines  Bruders
  kinderlos  blieb,  beide  Würden  niedergelegt  und  sich  (1688)  mit  Louise
Charlotte,  des  polnischen  Fürsten  Bogislaus  Radzivil  Tochter  (#  1695),
und  später  (1701)  mit  Therese  Katharina,  einer  Tochter  des  polnischen
Fürsten  Joseph  Karl  von  Lubomirsky,  vermählt.  Gestützt  auf  die  vierte
Klausel  des  Ryswicker  Friedens,  welche  den  Katholiken  in  der  Rheinpfalz
einige  Vorrechte  einräumte,  entzog  er  1719  den  Protestanten  in  Heidelberg,
das  er  als  Residenz  gewählt,  die  Benützung  der  dortigen  Kirche  zum
heiligen  Geist  und  verbot  den  Heidelberger  Katechismus,  weil  dieser
  beleidigende  Stellen  gegen  die  Katholiken  enthielt.  Als  nun  die  protestantischen
  Einwohner  Heidelbergs  beim  Reichskammergericht  gegen  ihn
Klage  führten,  verlegte  er  1720  seine  Residenz  von  Heidelberg  nach
Mannheim  und  suchte  dieses  auf  jede  Weise  emporzubringen.  Zur  Zeit,
wo  diese  Uebersiedlung  des  Hofes  nach  Mannheim  erfolgte,  hatte  Karl
Philipp  alle  seine  Kinder  bis  auf  eine  Tochter,  Elisabeth,  die  seit  1717
mit  Joseph  Karl  Emanuel,  dem  Erbprinzen  des  Pfalzgrafen  Theodor
von  Sulzbach,  vermählt  war,  durch  den  Tod  verloren  und  sein  Bruder
Franz  Ludwig,  der  noch  lebte,  war  1716  zum  Kurfürsten  und  Erzbischof
  von  Trier  erhoben  worden.  Es  stand  sonach  das  Aussterben  des
Neuburger  Mannsstammes  nahe  bevor.  Dieser  Umstand  und  der  neu
ausgebrochene  Streit  wegen  der  Jülich'schen  Erbfolge,  die  Preußen  für  die  Linie
Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken  zu  Sulzbach  nichtgelten
lassen  wollte,  führte  eine  Annäherung  zwischen  den  bayerischen  und  pfälzischen
  Wittelsbachern  herbei.  Es  wurde  zwischen  den  damaligen  weltlichen  und
geistlichen  Häuptern  des  Gesammthauses  Wittelsbach,  nämlich  dem  Kurfürsten
Max  Emanuel  von  Bayern,  dem  Kurfürsten  Karl  Philipp  von  der
Pfalz,  dem  Kurfürsten  und  Erzbischofe  Klemens  August  von  Köln
(Max  Emanuels  Sohn)  und  dem  Kurfürsten  und  Erzbischofe  Franz  Ludwig
  von  Trier  (Bruder  des  Kurfürsten  Karl  Philipp  von  der  Pfalz),  am
15.  Mai  1724  ein  Vertrag  abgeschlossen,  durch  den  sie  die  Verbindlichkeit
eingingen,  ihre  sämmtlichen  Besitzungen  gemeinsam  zu  vertheidigen  und  zu
diesem  Zwecke  ein  Heer  von  30,000  Mann  zu  unterhalten;  in  Betreff  des
Reichsvikariates  (siehe  oben  Seite  270  den  hierüber  ausgebrochenen
Streit)  kam  man  überein,  daß  es  fortan  von  Bayern  und  der  Kurpfalz
gemeinschaftlich  geführt  werde.  Zwei  Jahre  darauf  (1726)  wurden  über
Jülich  und  Berg  zwischen  dem  Kaiser,  Kurpfalz,  Preußen  und
        <pb n="424" />
        408  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

Frankreich  Unterhandlungen  gepflogen,  welche  damit  endeten,  daß  Frank--reich
  den  pfälzischen  Agnaten  den  Anspruch  auf  Jülich  und  Berg  garantirte.
  Kurfürst  Karl  Philipp  half  noch  seinen  Vetter,  den  Kurfürsten
Karl  Albrecht  von  Bayern,  bei  der  am  24.  Januar  1742  abgehaltenen
Versammlung  der  Kurfürsten  zum  deutschen  Kaiser  wählen,  erwirkte  von
Preußen,  daß  es  (1742)  auf  Jülich  und  Berg  zu  Gunsten  der  Sulzbacher
  Linie  verzichtete,  und  starb  am  34.  Dezember  1742  als  der  letzte
Kurfürst  aus  dem  Hause  Neuburg.  Sein  Länderbesitz  mit  der  Kurwürde
ging  an  die  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Sulzbach  über.

bb.  Bie  Linie  Pfalz-Fimmern-Zweibrücken-Zweibrücken-Neuburg
zu  Fulzbach")
(1614—  1799).

#  33.  Der  Stammuvater  dieser  Linie,  August  (1614—1632),  hielt  an
der  lutherischen  Lehre,  zu  der  sich  fein  Vater  bekannt  hatte,  fest  und  vermählte
sich  1620  mit  Hedwig,  des  Herzogs  Johann  Adolf  von  Holstein  Tochter,
die  ihm  sieben  Kinder,  darunter  vier  Söhne  gebar,  von  denen  drei,  Christian
August,  Johann  Ludwig  und  Philipp,  den  Vater  überlebten.  Als
dieser  1632  starb,  solgte  ihm  in  der  Regierung  sein  ältester  Sohn,

###34.  Christian  August  (1632—  1708).  Dieser  heirathete  1619
die  Wittwe  des  schwedischen  Feldmarschalls  Hermann  Wrangel,  Amalie,  eine
Tochter  des  Grafen  Johann  II  von  Nassau-Siegen,  trat  am  6.  Januar  1656
in  Neuburg  zur  katholischen  Kirche  über  (zum  Denkmal  die  Annakapelle  bei
Sulzbach),  nöthigte  seinen  Vetter,  den  Pfalzgrafen  Philipp  Wilhelm,  daß
er  am  15.  Januar  1556  in  einem  Vergleiche  zu  Neu  burg  Sulzbach  als
selbstständiges  Fürstenthum  anerkannte.  Als  Christian  August  im
Jahre  1708  starb,  folgte  ihm  in  der  Regierung  sein  Sohn

535.  Theodor  (1708—  1732).  Er  hatte  1692  Marie  Eleonore
Amalie,  des  Landgrafen  Wilhelm  von  Hessen-Rheinfels  und  Rothenburg
Tochter,  geheirathet,  die  ihm  neun  Kinder  gebar.  Der  Erbprinz  Joseph
Karl  Emanuel  vermählte  sich  1717  mit  Elisabeth  Sophie  Auguste,
des  Kurfürsten  Karl  Philipp  von  Pfalz-Neuburg  Tochter,  starb  aber  schon
1729,  ohne  männliche  Nachkommen  zu  hinterlassen.  Daher  folgte,  als  Pfalzgraf
  Theodor  1732  starb,  der  einzige  ihn  überlebende  Sohn

*)  Sulzbach  gehörte  von  1043—1305  den  Grasen  von  Sul  zbach  und
Hirschberg  aus  dem  Hause  Kastl.  Durch  Testament  des  letzten  Grafen  von
Sulzbach,  Gebhard  VII,  vom  Jahre  1305  kam  Sulzbach  mit  Ammerthal,
Rosenberg  u.  a.  O.  an  Oberbayern  und  wurde  1329  durch  den  Hausvertrag
  von  Pavia  der  Pfalz  zugetheilt.  Von  dieser  1353  an  König  Karl  IV
verpfändet  ward  es  die  Hauptstadt  von  Neuböhmen,  kam  1373  an  Bayern
zurück  und  fiel  1410  wieder  an  die  Pfalz  (Johann  von  Neumarkt,  Christoph
von  Neumarkt  und  Otto  von  Mosbach).  Vom  Herzog  Albrecht  III  ron  Bayern-München
  1450  wieder  für  Bayern  eingelöst  bildete  es  vom  Jahre  1505—1559
einen  Bestandtheil  ver  jzungen  Pfalz,  kam  nach  dem  Erlöschen  dieser  Linie
mit  Ott  Heinrich  (71559)  an  Wolfgang  aus  der  Linie  Pfalz-Simmern
zu  Zweibrücken,  und  von  diesem  1569  an  seinen  Sohn  Otto  Heinrich.
Als  dieser  1604  starb,  ohne  Söhne  zu  hinterlassen,  fiel  Sulzbach  an  Philipp
Ludwig  von  Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken  zu  Neuburg.
  Nach  dem  Tode  Philipp  Ludwigs  (1614)  nahmen  dessen  drei  Söhne  eine
Ländertheilung  vor,  der  zufolge  der  mittlere  von  den  drei  Söhnen,  August
(1614—  1632),  Sulzbach  unter  der  Oberhoheit  Neuburgs  erhdielt.
        <pb n="425" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  409

g  36.  Johann  Christian  Joseph  (1732—1733),  der  sich  1722
mit  Marie  Anna,  Tochter  und  Erbin  Franz  Egons  de  la  Tour,  Herzogs
von  Auvergne  und  Markgrafen  von  Bergen  op  Zoom,  und  nach  deren  Tode
(I  1728)  mit  Eleonore  Philippine,  des  Landgrafen  Ernst  Leopold
von  Hessen-Rheinfels  Tochter,  verehelicht  hatte  (1731).  Aus  der  Ehe  mit
Marie  Anna  waren  zwei  Kinder  entsprungen,  Karl  Theodor  und
Marie  Henriette,  die  bald  nach  der  Geburt  starb;  die  Ehe  mit  Eleonore
Philippine  blieb  kinderlos.  Johann  Christian  Joseph  starb  am
20.  Juli  1733.  Sein  Sohn  und  Nachfolger

537.  Karl  Theodor  (1733  —  1799)  war  am  11.  Dezember  1724
zu  Drogenbusch  geboren,  erbte  schon  im  neunten  Lebensjahre  die  Pfalz-Kasschaft
  seines  Vaters  und  durch  seine  Mutter  Marie  Anna  das  Marquisat

ergen  op  Zoom.  Da  der  Kurfürst  Karl  Philipp  aus  der  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken
  zu  Neuburg  keine  Nachkommen  hatte,  so  nahm
er  den  jungen  Karl  Theodor,  seinen  künftigen  Erben,  zu  sich  an  den  Hof
und  ließ  ihn  mit  Sorgfalt  erziehen.  Im  Jahre  1742  vermählte  sich  Karl
Theodor  mit  Marie  Elisabeth  Auguste,  des  Erbprinzen  Joseph  Karl
Emanuel  von  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Sulzbach  Tochter.
Am  Schluße  des  nämlichen  Jahres  (31.  Dezember  1742)  starb  der  Kurfürst
Karl  Philipp  von  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Neuburg,  und
der  neuvermählte  Karl  Theodor  erbte  dessen  Würden  und  Länder.  Von
der  Natur  trefflich  begabt  und  sorgfältig  gebildet  erwarb  sich  der  junge  Kurfürst
  am  Rheine  durch  Milde  und  Freigebigkeit,  durch  weise  Verordnungen
und  durch  Beförderung  der  Künste  und  Wissenschaften  die  Liebe  seiner  Unterthanen
  und  die  Achtung  des  Auslandes.  Nach  den  Anleitungen  des  Hofrathes
  Schöpflin  im  Elsaß  stiftete  er  1763  zu  Mannheim  eine  Akademie
  der  Wissenschaften,  schuf  außerdem  eine  vortreffliche  Bibliothek
für  seinen  eigenen  Gebrauch,  einen  botanischen  Garten,  eine  anatomische
  Sammlung,  eine  Sternwarte  für  den  berühmten  Astronomen
Maier  aus  dem  Jesuiten-Orden,  eine  deutsche  gelehrte  Gesellschaft,
eine  Chirurgen-,  Hebammen=  und  Krankenwart-Schule.  Im
Jahre  1757  begründete  er  eine  Zeichnungs=  und  Bildhauer-Akademie
und  ließ  theils  früher,  theils  später  in  Düsseldorf,  Heidelberg,  Mannheim
  und  dem  nahe  gelegenen  Lustsitze  Schwetzingen  die  herrlichsten  Gebäude
  aufführen.  Sein  Theater,  sein  Orchester  in  Mannheim  hatte
europäischen  Ruf,  Mannheim  war,  wie  Lessing  sagte,  der  Sammelplatz
  alles  Schönen,  eine  Vorhalle  der  Künste  für  Künstler.

Fünf  und  dreißig  Jahre  hatte  Karl  Theodor  mit  Klugheit  und  Ruhm
die  kurpfälzischen  Lande  regiert,  als  ihn  der  Tod  des  Kurfürsten  Maximilian
  III  Joseph  nach  Bayern  rief.  Am  2.  Januar  1778  traf  er  in
München  ein  und  regierte  fortan  Bayern  und  das  ihm  gehörige  Gebiet
der  Rheinpfalz  unter  dem  Namen  „Kurpfalzbayern“"  bis  zum  16.  Febr.
1799,  wo  ein  Schlagfluß  seinem  Leben  ein  Ziel  setzte“).  Seine  Länder  und
Würden  erbte  der  Pfalzgraf  Max  Joseph  aus  der  Linie  Pfalz-Simmern=Zweibrücken-Birkenfeld-Bisch
  weiler  zu  Bischweiler,  die  seit  1731
gewöhnlich  die  Linie  „Pfalz-Zweibrücken“  hieß  zum  Unterschiede  von  der
Seitenlinie  Pfalz-Gelnhausen.

*)  Die  ausführliche  Geschichte  Karl  Theodors  vom  Jahre  1778  bis  1799
siehe  ohen  Seite  316  bis  331.
        <pb n="426" />
        410  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

b.  Die  KLinie  Pfalz-Bimmern-Zweihrücken-Zweibrücken
zu#Wirkenfeld")
(1569  —  1867).

38.  Diese  Linie  eröffnet  Karl  1  (1569—1600),  des  Herzogs  Wolfgang
  von  Pfalz-Simmern  zu  Zweibrücken  fünfter  Sohn.  Er  vermählte  sich
1586  mit  Dorothea,  des  Herzogs  Wilhelm  von  Lüneburg  Tochter,  und
erhielt  aus  dieser  Ehe  drei  Söhne,  Georg  Wilhelm,  Friedrich  und
Christian,  die  alle  drei  den  Vater  überlebten.  Als  KarllI  im  Jahre  1600
starb,  folgte  ihm  in  der  Regierung  der  älteste  von  seinen  drei  Söhnen,

#§  39.  Georg  Wilhelm  (1600—1630).  Der  eine  von  den  Brüdern
Georg  Wilhelms,  Friedrich,  starb  1626  unvermählt,  der  andere  Bruder,
Christian,  heirathete  1630  Magdalena  Katharina,  eine  Tochter  Johanns
  II  von  Pfalz-Simmern-Zweibrücken  zu  Zweibrücken,  und  erhielt
von  seinem  Schwiegervater  das  im  Jahre  1609  an  Zweibrücken  gefallene
Bischweiler  im  Elsaß  als  Heirathgut.  Seitdem  spaltete  sich  die  Linie
Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Zweibrücken  zu  Birkenfeld  in  zwei
Linien,  in  die  Linie  Birkenfeld  zu  Birkenfeld,  und  in  die  Linie
Birkenfeld  zu  Bischweiler.

aa.  Die  Linie  Pfalz-Fimmern-Zweibrücken-Zweibrücken-Birkenfeld
  zu  Virkenfeld
(1630  —  1671).

&amp;amp;  40.  Vater  dieser  Linie  ist  der  im  vorausgegangenen  Paragraphen
enannte  Georg  Wilhelm  (1630  —1669).  Dieser  war  drei  Mal  verheirathet.
  Am  1.  September  1616  hatte  er  Dorothea,  des  Grafen  Otto  II
von  Solms  in  Sonnenwalde  Tochter  geehlicht,  die  1625  starb  und  ihm  neben
fünf  Töchtern  einen  Sohn,  Karl  Otto,  hinterließ;  am  30.  November  1641
heirathete  er  Juliane,  eine  Rheingräfin,  die  er  noch  in  demselben  Jahre
verstieß,  und  am  7.  März  1649  ging  er  mit  Anna  Elisabeth,  des  Grafen
Ludwig  Eberhard  von  Oettingen  Tochter,  eine  Verbindung  ein,  die  kinderlos
blieb.  Ihm  folgte  nach  seinem  Tode  sein  einziger  Sohn

§&amp;amp;  41.  Karl  Otto  (1669  —  1671),  seit  27.  November  1658  mit
Margaretha  Hedwig,  des  Grafen  Crato  von  Hohenlohe-Neuenstein  Tochter,
  vermählt.  Da  sein  einziger  Sohn,  Karl  Wilhelm,  schon  vor  ihm
gestorben  war,  so  ging  sein  Land  an  Christian  II  von  Birkenfeld-Bischweiler
  zu  Bischweiler  über.

bb.  Bie  Linie  Pfalz-  Fimmern-Zweibrücken-Jweibrücken-Birkenfeld
zu  Bischweiler
(1630  —  1867).

#§#42.  Urheber  dieser  Linie  ist  der  oben  (&amp;amp;  39)  bereits  genannte  Christian
  I  (1630  —1654),  der  1630  durch  seine  Gemahlin  Magdalena
Katharina  in  den  Besitz  von  Bischweiler  kam.  Er  kämpfte  1631—1634
als  General  im  schwedischen  Heere.  Bei  seinem  Tode  waren  aus  der  Ehe
mit  der  ebengenannten  Magdalena  Katharina  noch  zwei  Söhne  am  Leben,
Christian  II  und  Johann  Karl.  Jener  folgte  dem  Vater  in  der  Regierung
  und  gründete  die  Linie  Birkenfeld-Bischweiler  zu  Bischwei-*)

  Birkenfeld  gehört  gegenwärtig  zum  Großherzogthum  Oldenburg.
        <pb n="427" />
        Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.  411

ler,  dieser  wohnte  in  Ermanglung  eines  Hausgutes  in  der  ehemaligen
Reichsstadt  Gelnhausen  in  der  Grafschaft  Hanau  und  eröffnete  die  Linie
Birkenfeld-Bischweiler  zu  Gelnhausen.

a.  Die  Linie  Ffalz-Simmern-Zweibrücken  -  Jweibrücken  -  Birkenfeld
Wischweiler  zu  Bischweiler

(1654—1867).

43.  Christian  II  (1654—1717)  erbte  nach  dem  Erlöschen  der  Linie
Birkenfeld  zu  Birkenfeld  mit  Karl  Otto  (kK  30.  März  1671)  die
Grasschaft  Birkenfeld  (1671)  und  bekam  1673  nach  dem  Ableben  des
Grafen  Johann  Jakob  von  Rapoltstein,  dessen  Erbtochter  Katharina
Agathe  er  4667  geheirathet  hatte,  die  Grafschaft  Rapoltstein.  Er  trat
in  französische  Dienste,  wurde  1688  Generallieuten  ant  und  erhielt  1699
einen  Theil  von  Lützelstein  und  der  Gemeinherrschaft  Guttenburg  mit
Minfeld,  die  seit  dem  Erlöschen  der  Linie  Pfalz-Simmern-Zweibrücken-Veldenz
  zu  Veldenz  mit  Leopold  Ludwig  1694  unter  französischer
Oberhoheit  gestanden  waren.  Der  Rest  dieser  Güter,  welcher  in  demselben
Jahre  (1699)  der  Kurpfalz  gegeben  wurde,  fiel  dem  Hause  Bischweiler
zu  Bischweiler  erst  durch  den  Mannheimer  Vertrag  vom  24.  Dez.
1733  zu.  Auf  Christian  II  folgte  in  der  Regierung  sein  Sohn

#54.  Christian  III  (1717—  1735).  Dieser  ehelichte  1719  Karoline,
  des  Grafen  Ludwig  Crato  von  Nassau-Saarbrück  Tochter,  und  nahm
nach  einem  Vergleiche,  den  er  am  24.  Dezember  1733  zu  Mannheim  mit
dem  Kurfürsten  Karl  Philipp  aus  Zweibrücken-Neuburg  zu  Neuburg
  schloß,  von  Zweibrücken  Besitz,  das  er  nach  dem  Erlöschen  der  Linie
Zweibrücken-Zweibrücken  zu  Kleeburg  mit  Gustav  Samuel  Leopold
  1731  geerbt  hatte").  Einer  Bestimmung  des  Mannheimer  Vergleichs
zufolge  sollte  Christian  III  die  Grasschaft  Birkenfeld  an  die  Seitenlinie
Bischweiler  zu  Gelnhausen  abtreten,  allein  er  weigerte  sich  dessen,
und  so  blieb  Birkenfeld  bis  zum  Jahre  1775,  wo  Christians  III  Sohn
und  Nachfolger,  Christian  1V,  kinderlos  starb,  der  Gelnhauser  Linie
vorenthalten.  Christian  III  trat  gleich  seinem  Vater  in  französische  Dienste
und  erhielt  ein  französisches  Regiment  (deuxponts  —  Zweibrücken)  als
Proprietär.  Er  hinterließ  zwei  Söhne,  Christian  und  Friedrich
Michael,  von  denen  ihm  der  ältere  als

–45.  Christian  IV  (1735—1775)  in  der  Regierung  folgte.  Er
stand  bis  zum  Jahre  1740  unter  der  Vormundschaft  seiner  Mutter  Karoline,
  trat  1758  zur  katholischen  Kirche  über,  erlangte  1764  das  Jus  de  non
appellando  ohne  Beschränkung  und  starb  am  5.  November  1775  ohne  Nachkommen
  zu  Petersheim  (zwischen  Zweibrücken  und  Kusel).  Von  seinem
Länderbesitze  ging  Birkenfeld  an  Johann  aus  der  Linie  Bischweiler
zu  Gelnhausen  über,  in  dem  übrigen  Gebiete  hatte  er  Karl  August,
den  älteren  Sohn  seines  Bruders  Friedrich  Michael  (der  1746  zur  katholischen
Kirche  übergetreten  und  1767  als  General-Reichsfeldmarschall  gestorben  war),
zum  Nachfolger.

8  46.  Karl  II  August  (1775  —  1795)  hatte  1774  mit  Maria
Amalia,  einer  Tochter  des  Kurfürsten  Christian  von  Sachsen,  eine  Ehe  geschlossen,
  die  kinderlos  blieb.  Er  widersetzte  sich  durch  Erklärung  vom  16.  Mai
1778  dem  Plane  des  Kurfürsten  Karl  Theodor,  das  östliche  Bayern  an

*)  Die  einzelnen  Fürsten,  welche  Zweibrücken  vom  Jahre  1569  bis  zum
Jahre  1731  inne  hatten,  sind  aus  der  genealogischen  Tafel  Seite  404  ersichtlich.
        <pb n="428" />
        412  Kurze  Geschichte  der  Rheinpfalz.

Oesterreich  abzutreten,  und  protestirte  1785  gegen  den  Phan,  Bayern  gegen
die  österreichischen  Niederlande  auszutauschen.  Nach  seinem  Tode  (1795)
folgte  ihm  sein  Bruder

8  47.  Mar  Joseph  (1795  —  1825).  An  diesen  fiel  zufolge  der  in
den  Jahren  1771  und  1774  geschlossenen  Verträge  nach  dem  im  Jahre  1799
erfolgten  Tode  des  Kurfürsten  Karl  Theodor  von  Kurpfalzbayern  das
von  diesem  hinterlassene  Gebiet  sammt  der  Kurwürde,  und  er  nannte  sich
seitdem  Kurfürst  Mar  IV  Joseph.  Nach  seiner  Erhebung  zum  ‚„König
von  Bayern“  im  Jahre  1805  führte  er  den  Namen  önig  Maximi-=lian
  1  Joseph.  Er  starb  in  der  Nacht  vom  12.  auf  den  13.  Oktober  1825
zu  Nymphenburg.  Ihm  folgte  in  der  Regierung  Bayerns  sein  Sohn
Ludwig  I  (1825—1848),  beesem  sein  Sohn  Maximilian  I  (1848—
1864),  und  diesem  sein  Sohn  Ludwig  I  seit  1864.

6.  Die  Tinie  Ffalz-Simmern-Zweibrücken-  Zweibrücken-Virkenfeld
Vischweiler  zu  Gelunhausen

(1654—1867).

#48.  Der  Stammvater  dieser  Linie,  Johann  Karl  (1654—1704),
schlug  in  der  ehemaligen  Reichsstadt  Gelnhausen  seinen  Sitz  auf.  Er
heirathete  nach  dem  Tode  seiner  Gemahlin  Sophie  Amalie,  des  Pfalzgrafen
Friedrichs  von  Zweibrücken  Tochter  (1  1695),  am  26.  Juli  1696  eine  Tochter
Georg  Friedrichs  von  Witzleben,  Marie  Esther,  eine  verwittwete  von
Brömsee,  die  ihm  drei  Söhne  gebar,  Friedrich  Bernhard,  Johann  und
Wilhelm.  Nachdem  Johann  Karl  am  21.  Februar  1704  gestorben  war,
wußte  die  Wittwe  durch  ihr  anspruchloses  Wesen  so  einzunehmen,  daß  sie  im
Jahre  1715  vom  Kaiser  Karl  VI  in  den  Fürstenstand  erhoben  und  dadurch
ihrer  Ehe  mit  Johann  Karl  nachträglich  die  staatliche  Anerkennung  zu  Theil
wurde.  Auch  Christian  II  aus  der  Linie  Bischweiler  zu  Bischweiler
erwies  sich  wohlwollend,  indem  er  1716  durch  Vertrag  die  Wittwe  und  ihre
Kinder  als  fürstliche  Personen  und  die  Söhne  für  Stammagnaten  und
für  erbfolgeberechtigt  erklärte.  Der  älteste  von  den  Söhnen  Johann  Karls,

49.  Friedrich  Bernhard,  von  1704—1739  das  Haupt  der  Linie
Bischweiler  zu  Gelnhausen,  schloß  1737  mit  Ernestine  Louise,  des
Fürsten  Friedrich  Anton  Ulrich  von  Waldeck  Tochter,  eine  Ehe,  aus  der  nur
zwei  Töchter,  Louise  Karoline  (TF  1782)  und  Auguste  Friederike
Ernestine  (#1  1746),  hervorgingen.  Daher  war  nach  Friedrich  Bernhards
Tod  (1739)  sein  Bruder

§*  50.  Johann  von  1739—1780  das  Haupt  der  Linie  Bischweiler
zu  Gelnhausen,  welche  1775  von  Christian  IV  aus  der  Linie  Bischweiler
  zu  Bischweiler  Birkenfeld  erbte,  das  ihr  dem  Mannheimer
Vergleiche  vom  Jahre  1733  zufolge  schon  vor  41  Jahren  hätte  zufallen  sollen.
Johanns  Bruder,  Wilhelm,  erlebte  diesen  Anfall  nicht  mehr;  er  war  1760
als  kaiserlicher  Feldmarschall  gestorben,  ohne  Nachkommen  zu  hinterlassen.
Aus  der  Ehe,  die  Johann  1743  mit  Sophie  Charlotte,  des  Rheingrafen
  Karl  von  Daun  Tochter,  geschlossen  hatte,  gingen  vier  Söhne  hervor,
von  welchen  der  älteste,

551.  Wilhelm  (1780—1837),  die  Gelnhauser  Linie  fortpflanzte.
Wilhelm  war  am  15.  August  1769  zur  katholischen  Kirche  übergetreten  und
hatte  am  30.  Januar  1780,  eilf  Tage  vor  dem  Tode  seines  Vaters,  Marie
Anna,  eine  Tochter  Friedrich  Michaels  aus  der  Linie  Bischweiler  zu  Bischweiler
  (üngere  Linie  Zweibrücken),  geheirathet.  Er  bezog  im  Jahre  1781
        <pb n="429" />
        Kurze  Geschichte  Schwabens.  413

den  kurfürstlichen  Palast  zu  Landshut,  den  ihm  Kurfürst  Karl  Theodor
von  Bayern  eingeräumt  hatte,  und  erhielt  am  16.  Februar  1799  den  Titel:
„Herzog  in  Bayern“.  Vom  30.  November  1803  bis  6.  Februar  1806
hatte  er  das  Herzogthum  Berg  inne,  residirte  seit  1806  in  Bamberg  und
kaufte  das  vormalige  Kloster  Banz  mit  12  Dörfern  und  den  dazu  gehörigen
Höfen  und  Waldungen  um  309,000  Gulden.  Am  10.  September  1817
erhielt  Herzog  Wilhelm  für  sich  und  seine  Nachkommen  den  Titel  „Kö-:nigliche
  Hoheit“  statt  des  bisherigen  „Herzogliche  Durchlaucht“.
Er  starb  am  8.  Januar  1837  und  hinterließ  einen  Sohn,

552.  Pius  August  der  schon  am  3.  Angust  1887  starb.  Aus  der
Ehe,  die  er  1807  mit  Amalie  Louise  Julie,  des  Herzogs  Ludwig  Maria
von  Aremberg  Tochter,  geschlossen  hatte,  ging  nur  ein  Sohn  hervor,

553.  Maximilian  Joseph,  geboren  am  4.  Dezember  1808.
Dieser  vermählte  sich  am  9.  September  1828  mit  Ludovike  Wilhelmine,
  des  Königs  Maximilian  I  von  Bayern  Tochter.  Aus  dieser  Ehe
sind  entsprungen:

Ludwig  Wilhelm,  geboren  am  21.  Juni  1831,  trat  1867  als  Generallieutenant

  von  der  bayerischen  Armee  zurück.  ·
Wilhelm  Karl,  geboren  am  24.  Dezember  1832,  gestorben  am  13.  Februar
  1833.

Karoline  Therese  Helene,  geboren  am  4.  April  1834.  vermählt  am
24.  August  1858  mit  Maximilian  Anton  Lamoral,  Erbprinzen
von  Thurn  und  Taxis  (T  26.  Juni  1867).

Elisabeth  Amalie  Eugenie,  geboren  am  24.  Dezember  1837,  vermählt

am  24.  April  1854  mit  Franz  Joseph  I,  Kaiser  von  Oesterreich.
Karl  Theodor,  geboren  am  9.  August  1839,  vermählt  am  11.  Februar
  1865  mit  Sophie,  des  Königs  Johann  von  Sachsen  Tochter
(  am  11.  März  1867).

Marie  Sophie  Amalie,  geboren  am  4.  Oktober  1841,  vermählt  am
3.  Februar  1859  mit  Franz  II  von  Neapel.

Mathilde  Ludovike,  geboren  am  30.  September  1843,  vermählt  am
5.  Juni  1861  mit  Ludwig  Maria,  Graf  zu  Trani.

Sophie  Charlotte  Auguste,  geboren  am  22.  Februar  1847,  verlobt  seit
22.  Januar  1807  mit  Ludwig  II,  König  von  Bayern.

Maximilian  Emanuel,  geboren  am  7.  Dezember  1849.

8.  Kurze  Geschichte  Schwabens.
I.  Schwaben  vor  1080.

K.  1.  Der  Theil  Bayerns,  welcher  jetzt  den  Regierungsbezirk  Schwaben
ausmacht,  gehörte  in  den  alten  Zeiten  zu  dem  Reiche  Alemannien,  das  im
Osten  an  Bayern,  im  Westen  an  Franken,  im  Süden  an  Burgund
und  im  Norden  an  Thüringen  grenzte.  Das  alemannische  Reich  zerfiel
ehedem  in  vier  Theile,  nämlich
        <pb n="430" />
        414  Kurze  Geschichte  Schwabens.

in  Elsaß  jenseits  des  Rheins,

in  Alemannien  im  engeren  Sinne  zwischen  Rhein  und  Iller,

in  Schwaben  zwischen  Iller  und  Lech,  und

in  Rätien  südlich  von  Alemannien  und  Schwaben  bis  an  den
Höhezug  der  rätischen  Alpen.

Von  den  genannten  vier  Theilen  hat  für  die  bayerische  Geschichte  nur
Schwaben,  d.  i.  das  Land  zwischen  Iller  und  Lech,  Wichtigkeit,  da  dieses
den  größten  Theil  des  heutigen  Kreises  Schwaben  und  Neuburg  ausmacht.
Gleichwchl  kann  Alemannien  im  engeren  Sinne,  d.  i.  das  Land  vom
Rhein  bis  zur  Iller,  nicht  unberührt  bleiben,  weil  noch  vor  dem  Beginne
der  Karolinger-Herrschaft  die  Geschichte  Alemanniens  im  engeren  Sinne
mit  der  Schwabens  in  Eins  zusammenfällt.

§+  2.  Um  das  Jahr  648  tritt  als  Herrscher  Schwabens  Leuthar
hervor,  der  auch  die  übrigen  Theile  Alemanniens  beherrscht  zu  haben  hhein
Nach  ihm  tritt  in  Schwaben  ein  Herzog  Gottfried  (689—709)  und
dann  ein  Herzog  Wilchar  auf,  welche  dem  Pippin  von  Heristal  mit
Erfolg  entgegentraten.  Karl  Martell  schuf  klug  mehrere  Herzäge  neben
einander,  als  Berchtold,  Nebi,  Lautfried  um  720—725.  Einer  von
diesen,  Lantfried,  machte  in  Verbindung  mit  den  Bajoariern  den  Franken
viel  zu  schaffen  und  starb  im  Jahre  730.  Theobald,  wahrscheinlich  des
vorhin  genannten  Gottfried  Sohn  und  Vatersbruder  des  Nebi,  erlangte  die
herzogliche  Würde  über  das  ganze  diesseits  des  Rheins  bis  zum  Lech  gelegene
Alemannien,  erlag  aber  endlich  dem  Zorne  Karlmanns  (746).  Statt  der
Herzöge  kamen  nun  neben  vielen  Grafen  die  Send=  und  Kammerboten
(Missi  regis  et  Nuntii  camerae)  zum  Vorschein.  Eine  Zeit  lang  haben
Karl  der  Kahle  und  Karl  der  Dicke  Alemannien  vom  Rhein  bis  zum
Lech  als  gesondertes  Reich  regiert.  Bei  der  Schwäche,  die  namentlich  der
Letztere  an  den  Tag  legte,  schien  es  angezeigt,  die  verlorene  Unabhängigkeit
dieses  Landes  wieder  herzustellen.  Markgraf  Burkard,  ein  Sohn  des
Grafen  von  Thurgau,  trat  unter  dem  Karolinger  Ludwig  dem  Kinde
(899—911)  mit  dem  Verlangen  hervor,  zum  Herzog  Schwabens  erhoben
zu  werden,  wurde  aber  in  einer  Volksversammlung  ermordet.  Nicht  besser
erging  es  den  beiden  Kammerboten  Erchanger  und  Berthold,  die  denselben
  Plan  versolgten.  König  Konrad,  welcher  Kunigunde,  die  Schwester
der  beiden  Kammerboten  zur  Gemahlin  hatte,  schritt  gegen  sie  mit  Gewalt
ein,  nahm  den  Erchanger  gefangen  und  verwies  ihn  des  Landes.  Erchanger
kehrte  aber  bald  zurück  und  ließ  sich  915  als  Herzog  Schwabens  ausrusen-König
  Konrad  1  war  grausam  genug,  seine  Schwäger  Erchanger  und
Berthold  nach  einer  im  Jahre  916  zu  Hohenaltenheim  im  Ries  abgehaltenen
  Fürstenversammlung  bei  Adingen  im  Neckargau  am  21.  Januar
917  enthaupten  zu  lassen.

+3.  Nach  dem  traurigen  Ende  Erchangers  und  Bertholds  erneuerte
Burkard,  ein  Sohn  des  in  der  Volksversammlung  gemordeten  Markgrafen
die  herzogliche  Würde  in  Schwaben,  mußte  sich  aber  dem  Könige  Heinrich
dem  Finkler  924  unterwerfen  und  wurde  926  in  Italien  gemeuchelt.  Statt
seines  Bruders  Udalrich  folgte  der  Franke  Hermann  17),  des  im  Jahre
910  gegen  die  Ungarn  gefallenen  Grafen  Gebhard  von  der  Wetterau  zweiter
Sohn,  der  die  Wittwe  Burkards  II,  Regilinde,  ehelichte  und  936  das  Amt
eines  Erzschenken  ausübte.  Als  er  im  Jahre  948  starb,  wurde  sein  Schwiegersohn
  Ludolf,  des  Kaisers  Otto  1  Sohn,  Herzog  in  Schwaben.  Da  sich

—.

*)  Siehe  unten  in  der  Geschichte  Frankens  S.  421  die  genealogische  Tafel
des  fränkisch-salischen  Herrscherhauses.
        <pb n="431" />
        Kurze  Geschichte  Schwabens.  415

Ludolf  gegen  seinen  Vater  empörte,  so  nahm  ihm  dieser  954  das  Herzosthum
  ab  und  gab  es  einem  Verwandten  des  vorhin  genannten  Hermann  1,
Burkard  III,  welcher  sich  dem  Kaiser  verschwägerte  und  treu  zugethan  blieb.
Er  ist  einer  von  jenen  Helden,  welche  im  Jahre  955  die  Ungarn  auf  dem
Lechfelde  entscheidend  geschlagen  haben.  Nach  dem  Tode  Burkards  III  gab
Kaiser  Otto  II  das  Herzogthum  Schwaben,  mit  dem  er  975  Bayern
vereinigte,  seinem  Neffen  Otto,  dem  Sohne  des  früheren  Schwabenherzogs
Ludolf;  doch  scheint  Burkards  Wittwe  Ida,  zu  Hohen-Twiel  sitzend,  die
herzogliche  Macht  behalten  und  geübt  zu  haben.  Otto  büßte  mit  vielen
tapferen  Schwaben  982  in  Italien  das  Leben  ein.

K.  4.  Nach  Otto  nennt  man  983  einen  Schwabenherzog  Konrad  aus
dem  fränkischen  Hause,  der  bis  997  regierte  und  seinen  Neffen  Hermann  II
zum  Nachsolzer  erhielt.  Dieser  Hermann  II  widersetzte  sich  der  Erhebung
Heinrichs  II  zum  deutschen  König,  mußte  die  Wafssen  gegen  die  eigene
Hauptstadt  Straßburg  wenden,  züchtigte  sie  1002  und  versöhnte  sich  kurz  vor
seinem  Tode  (1004)  mit  König  Heinrich  II.  Hermann  III,  der  Sohn
Hermanns  II,  folgte  dem  Vater  im  Herzogthum  Schwaben,  starb  aber  schon
1012  unmündig.  Sein  Schwager  Ernst  I,  ein  Sohn  des  Markgrafen  Luitpold
  von  Oesterreich,  tritt  nun  als  Herzog  Schwabens  auf  und  hinterläßt
1016  zwei  Söhne,  von  welchen  der  ältere,  Ernst  II,  wegen  der  von  ihm
angestifteten  Unruhen  durch  den  kaiserlichen  Stiefvater  Konrad  II  Alles
verliert  (1030),  der  jüngere,  Hermann  IV,  unter  des  Bischofs  Wartmann
von  Konstanz  Vormundschaft  heranwächst  und  1038  in  Italien  von  der
Pest  weggerafft  wird,  nachdem  er  gegen  acht  Jahre  über  Schwaben  geherrscht
hatte.  Nun  gab  Kaiser  Konrad  II  Schwaben  seinem  Sohne  Heinrich,
der  es  auch  als  Kaiser  (Heinrich  III)  eine  Zeit  lang  behielt.  Bon  1045—1047
soll  Otto  II,  ein  Sohn  des  Pfalzgrafen  Ehrenfried  am  Rhein,  Herzog  von
Schwaben  gewesen  sein;  im  Jahre  1048  wurde  es  der  Markgraf  Otto  von
Schweinfurt,  welcher  1057  starb.  Nach  diesem  kam  Schwaben,  auf  welches
inzwischen  Berthold  von  Zähringen  einen  Verspruch  erhalten  hatte,  1058  an
den  Grafen  Rudolf  von  Rheinfelden,  der  die  Schwester  König  Heinrichs
  IV  ehelichte,  aber  mit  diesem  in  Mißhelligkeiten  gerieth,  1077  die  Hand
nach  der  Krone  ausstreckte  und  in  einer  Schlacht  gegen  Heinrich  IV  (1080)
Sieg  und  Leben  verlor.

II.  Schwaben  unter  den  Dohenstaufen.

#§6.  5.  Da  König  Heinrich  IV  gegen  Papst  Gregor  VII  Unterstützung
suchte,  so  verlieh  er  1080  das  durch  den  Tod  Rudolfs  ledig  gewordene
Schwaben  an  seinen  Waffengenossen  Friedrich  von  Büren  oder  Beuren,
welcher  1079  auf  dem  Staufen  eine  Burg  gebaut  und  den  Namen  „Staufer“
angenommen  hatte,  gab  ihm  seine  Tochter  Agnes  zur  Frau  und  erhob  ihn
so  in  die  Reihe  der  angesehensten  Fürsten  des  Reiches.  Allein  Berthold
von  Zähringen  hinderte  in  Verbindung  mit  Welf  I1,  der  1077  seines
Herzogthums  Bayern  entsetzt  worden  war,  die  Besitznahme  Schwabens  durch
Friedrich  und  bemächtigte  sich  zwei  Mal  (1084  und  1088)  der  Stadt
Augsburg.  Endlich  vermittelte  Bertholds  von  Zähringen  Sohn,  der  Bischof
Gebhard  von  Konstanz,  einen  Vergleich,  dem  zufolge  Schwaben  im  Jahre
1092  an  Gebhards  Bruder,  Berthold,  überlassen  wurde.  Dieser  arbeitete
mit  Glück  an  der  Beruhigung  des  Landes,  scheint  aber  gutwillig  schon  1094
dem  Staufer  Friedrich  die  Würde  abgetreten  und  sich  mit  dem  herzoglichen
  Titel  und  einigen  Ländereien  begnügt  zu  haben.  Von  den  beiden  Söhnen
des  Staufers  Friedrich  I  erhielt  der  ältere,  Friedrich  II,  der  Einäugige,
        <pb n="432" />
        416  Kurze  Geschichte  Schwabens.

1106  das  Herzogthum  Schwaben,  der  jüngere,  Konrad,  bekam  1116  von
seinem  über  den  Bischof  Erlung  von  Würzburg  erzürnten  Oheim  Heinrich
  V(1106—1125)  das  Herzogthum  Ostfranken.  Weil  aber  vom  Kaiser
Heinrich  V  durch  eine  Urkunde  vom  1.  Mai  1120  dem  Bischofe  seine  Rechte
wieder  zurückgestellt  wurden  und  der  folgende  Kaiser  Lothar  II  (1125—1137)
sich  damit  einverstanden  erklärte,  so  vererbte  sich  von  Konrad,  der  von
1138—41153  unter  dem  Namen  Konrad  III  den  deutschen  Thron  inne
hatte,  auf  seinen  Sohn  Friedrich  IV  nur  der  Titel:  „Herzog  von
Rothenburg“.

K.  6.  Auf  Friedrich  II,  den  Einäugigen  (1  1147),  folgte  im  Herzogthum
  Schwaben  sein  Sohn  Friedrich  III  Barbarossa.  Als  dieser  1152
zum  deutschen  Kaiser  erhoben  wurde,  verlieh  er  die  herzogliche  Würde  von
Schwaben,  Rätien  und  Franken  seinem  Vetter  Friedrich  IV,  dem  bisherigen
  Herzoge  von  Rothenburg  (1  1176),  von  dem  sie  der  Reihe
nach  auf  drei  Söhne  Barbarossas,  Friedrich  V  (1167—4191),  Konrad
(1191—4196)  und  Philipp  (1196—1208),  überging.  Dem  zuletzt  Genannten
  blieb  fast  nichts  als  der  Titel,  weil  er  viele  Rechte  und  Güter  veräußerte,
  um  die  1198  empfangene  Königskrone  auf  seinem  Haupte  zu
erhalten.  Er  fiel  am  21.  auguf  1208  zu  Bamberg  durch  die  Hand  des
Pfalzgrafen  Otto  VIII  von  Wittelsbach,  eines  Vetters  des  bayerischen
Herzogs  Ludwig  des  Kelheimers.  Philipps  Neffe,  Friedrich  VI,  der  1208
den  herzoglichen  Titel  von  Schwaben  erhielt  und  1212  zu  Frankfurt  als
Friedrich  II  (1212—1250)  zum  deutschen  Kaiser  gewählt  wurde,  richtete  sein
Augenmerk  und  seine  Thätigkeit  fast  einzig  auf  das  Königreich  Sizilien,  das
er  zum  Hauptsitz  seiner  Macht  erheben  wollte.  Von  seinem  Sohne  Konrad,
Herzog  in  Schwaben,  der  1237  in  Speier  zum  römischen  König  (Konrad  IV)
gewählt  und  während  der  Abwesenheit  des  Vaters  mit-  der  Reichsverwesung
betraut  wurde,  fielen  die  Schwaben  schon  1246  ab,  als  Heinrich  Raspe
von  Thüringen  als  Gegenkönig  gewählt  wurde,  und  weil  Konrad  nach
des  Vaters  Tod  in  JItalien  vollauf  beschäftigt  war  bis  zu  seinem  Ende
(1  1254),  so  konnte  der  letzte  erst  heranwachsende  Hohenstaufe  Konradin
nimmer  zum  völligen  Besitz  des  väterlichen  Erbes  gelangen.  Was  ihm  in
Deutschland  an  Gütern  blieb,  gab  er  theils  seinen  Oheimen,  den  bayerischen
Herzögen  Ludwig  II,  dem  Strengen,  und  Heinrich  XIII,  theils  anderen
Herren  für  die  Mittel  zur  Ausrüstung  eines  Zuges  nach  Italien.  Er  endigte
am  29.  Oktober  1268  zu  Neapel  auf  dem  Schaffote.  So  hörte  der  Name
eines  Herzogs  von  Schwaben  auf.

 

III.  Schwaben  nach  dem  Erlöschen  des  hohenstaufischen
Geschlechtes.

P.  7.  Da  bisher  der  Titel  eines  Herzogs  von  Schwaben  so  enge  dem
kaiserlichen  Titel  verbunden  war,  so  sahen  sich  nach  dem  Sturze  der
Hohenstaufen  große  und  kleine  Herren  als  reichsunmittelbar  an;  daher
die  Menge  der  schwäbischen  Reichsstädte,  Reichsritter,  Freistifter,
Freibauern.  Kaiser  Rudolf  und  die  Nachfolger  begünstigten  natürlich
dieses  Ringen  nach  Unmittelbarkeit  und  waren  nicht  sparsam  mit  Privilegien
aller  Art.  Ueber  die  Landvögte,  welche  König  Adolf  von  Nassau  aufstellte,
  geriethen  Herren  und  Städte  in  drohenden  Unwillen;  König  Albrecht  l
beschwichtigte  ihn  und  ernannte  neue:  den  Grafen  von  Ochsenstein  für
Breisgau,  den  Grafen  von  Lichtenberg  für  Elsaß,  den  Grafen  von
Württemberg  für  die  Reichsstädte  in  Schwaben.  Im  Jahre  1367
        <pb n="433" />
        Kurze  Geschichte  Schwabens.  417

rissen  die  Habsburger  die  Landschaft  Breisgau  u.  a.  an  sich  und  riefen
dadurch  den  alten  Unwillen  der  schwäbischen  Städte  und  Herren  auf's  neue
wach.  König  Karl  IV  ließ  den  Habsburgern  freie  Hand  und  stellte  den
trotzigen  Städten  Schwabens,  die  nach  Art  der  Schweizer  1372  den  „sch  wäbischen
  Städtebund“  schlossen,  einen  rüstigen  Verfechter  seiner  Rechte  in
dem  Grafen  Eberhard  III  von  Württemberg  auf,  verließ  aber  nach  der
Niederlage,  die  Eberhard  bei  Reutlingen  1377  erlitt,  die  Sache  des
Besiegten  und  gestand  den  schwäbischen  Städten  unter  Aufgebung  seines
Reichsgrundgesetzes  das  Einigungsrecht  zu.  Sein  schwacher  Sohn  Wenzel
verlieh  am  25.  Februar  1379  die  Landvogtei  in  Ober=  und  Niederschwaben
  um  40,000  Florentiner  Gulden  an  Leopold  III  von  Oesterreich,
  konnte  jedoch  nicht  durchsetzen,  daß  die  schwäbischen  Städte  den  neuen
Vogt  anerkannten.  Oesterreich  konnte  erst  unter  Kaiser  Friedrich  III
(1440—1493)  diese  Ansprüche  auf  Ober=  und  Niederschwaben  zur
Geltung  bringen.  Neben  den  Habsburgern  waren  in  Schwaben  namhafte
Dynasten:  die  Grafen  von  Zollern,  die  Pfalzgrafen  von  Tübingen,
die  Herzöge  von  Teck,  die  von  Urslingen,  die  Markgrafen  von
Baden,  die  von  Burgau,  die  Grafen  von  Württemberg,  Oettingen,
Fürstenberg  und  andere.  Ohne  das  Eintreten  der  Religionsunruhen  würde
Schwaben  sicher  nach  und  nach  völlig  an  Oesterreich  gekommen  sein,  denn
der  „große  schwäbische  Bund“  vertrieb  1519  den  Herzog  Ulrich  I  von
Württemberg  und  half  so  ein  Haupthinderniß  beseitigen,  welches  der
Unterwerfung  Schwabens  unter  das  österreichische  Scepter  im  Wege  stand.
Dieser  Bund  ging  aus  der  um  1436  entstandenen  Gesellschaft  des  hl.  Georg
hervor,  der  sich  am  9.  März  1488  zu  Eßlingen  mehrere  Reichsstädte,
dann  Graf  Eberhard  von  Württemberg,  Herzog  Wilhelm  IV  von
Bayern  und  andere  Dynasten  anschlossen.  Herzog  Ulrich  I  trat  dem  Bunde
nicht  bei,  brachte  ihn  vielmehr  auf,  da  er  die  Reichsstadt  Reutlingen  am
28.  Januar  1519  überwältigte  und  zur  württembergischen  Landstadt  machte.
Der  bayerische  Herzog  Wilhelm  IV,  der  Standhafte,  zog  als  Hauptmann
  des  schwäbischen  Bundes  wider  Ulrich  und  nahm  sein  ganzes  Land
weg.  Die  Behauptungskosten  scheuend  überließ  es  der  Bund  dem  Kaiser
Maximilian  I.  Die  Bundesglieder  änderten  indessen  bald  ihre  Gesinnung,
viele  neigten  sich  als  lutherisch  auf  Ulrichs  Seite  und  gingen  1533  förmlich
auseinander,  da  eben  Landgraf  Philipp  V  von  Hessen  wohlgerüstet  einfiel.
  Im  Frieden  zu  Cadan  (1534)  gab  Oestereich  so  viel  nach,  daß
Ulrich  I  sein  väterliches  Erbe  als  österreichisches  Afterlehen  zurückerhielt.

§#.  8S.  Von  den  vielen  Dynasten,  welche  um  diese  Zeit  in  dem  westlichen
  Theile  Schwabens,  d.  i.  vom  Rhein  bis  zur  Iller  begütert  waren,
haben  in  neuester  Zeit  nur  die  von  Baden  und  Württemberg  ihre
Landesherrlichkeit  gerettet.  Der  östliche  Theil  Schwabens  oder  das  Gebiet
von  der  Iller  bis  zum  Lech  ward  zu  Anfang  des  neunzehnten  Jahrhunderts
zu  Bayern  geschlagen.  Der  auf  dem  Lüneviller  Frieden  vom  Jahre  1801
basirte  Reichsdeputations-Hauptschluß  vom  25.  Februar  1803  brachte
der  Krone  Bayerns  die  Güter  des  Hochstiftes  Augsburg  und  die  der
zwei  Reichsabteien  St.  Ulrich  und  St.  Afra  in  Augsburg  ein;  den
Bestimmungen  des  Preßburger  Friedens  (1805)  zufolge  mußte  Oesterreichs
  Kaiser  Franz  II  von  Schwaben  die  Grasschaft  Königsegg-Rothenfels
  mit  Imenstadt  und  Staufen,  die  Herrschaften  Tetnang  und
Langenargen  am  Bodensee,  die  Stadt  Lindau  und  die  Markgrafschaft
Burgau  (zwischen  den  Flüssen  Donau  und  Lech)  an  Bayern  überlassen,
welches  obendrein  das  Gebiet  des  gefürsteten  Abtes  von  Kempten,  die
Reichsstadt  Augsburg  und  nach  Errichtung  des  Rheinbundes  im  Jahre
1806  durch  den  24.  Artikel  der  Bundesakte  die  Landeshoheitsrechte  über

Sattler,  bayer.  Geschichte.  27
        <pb n="434" />
        418  Kurze  Geschichte  Frankens.

die  Fürstenthümer  Oettingen,  die  Grafschaft  Edelstetten,  die  Besitzungen
der  Fürsten  und  Grafen  Fugger,  das  Burggrafenthum  Winterrieden
und  die  Herrschaften  Buxheim  und  Thannhausen  sammt  der  großen
Heerstraße  erhielt,  welche  von  Memmingen  nach  Lindau  führt  (siehe  oben
Seite  348  und  349).

C.  Kurze  Geschichte  Frankens.

#P.1.  Unter  dem  Namen  „Franken“  erscheinen  ursprünglich  zu  beiden
Seiten  des  Niederrheins  mehrere  deutsche  Volksstämme,  unter  denen  sich  die
Salier  an  der  Yssel  in  den  Niederlanden  und  die  Ripuarier  an  den
Ufern  des  Niederrheins  besonders  hervorthaten.  Nachdem  der  weströmische
Kaiser  Honorius  (395—423)  die  Legionen  vom  Rheine  zur  Beschützung
Italiens  abgerufen  hatte,  breiteten  sich  die  Franken  im  nördlichen  Gallien
weiter  aus,  griffen  unter  ihrem  zwanzigjährigen  Könige  Chlodwig
(481—511)  aus  dem  Hause  der  Merovinger  die  letzten  Ueberreste  der  römischen
Herrschaft  in  Gallien  an  und  besiegten  486  den  römischen  Feldherrn  Syagrius
  bei  Soissons.  Zehn  Jahre  später  kämpfte  Chlodwig  gegen  die
Alemannen  (wahrscheinlich  die  an  der  Westseite  des  Rheins  angesiedelten)
und  besiegte  sie  496  in  einer  Schlacht,  deren  Stelle  (bei  Tolbiacum  oder
Zülpich?)  ungewiß  ist.  Durch  den  Uebertritt  zum  Christenthum,  und  zwar
zur  katholischen  Kirche,  bahnte  sich  Chlodwig  den  Weg  zu  neuen  Eroberungen
  im  südlichen  Gallien.  Sein  Reich  grenzte  hier  an  das  der  Westothen.

  Unter  dem  Vorwande,  die  katholischen  Unterthanen  des  arianischen

estgothenkönigs  Alarich  zu  beschützen,  fiel  er  über  die  Loire  in  dessen
Reich  ein  und  eroberte  in  Folge  des  Sieges  in  der  Ebene  bei  Vouglé  507
das  südliche  Gallien  mit  Ausnahme  des  Küstenstriches  am  Mittelmeer
vom  Nordfuße  der  Pyrenäen  bis  zur  unteren  Rhone.  Sein  letztes  Werk  war
die  Vereinigung  der  gesammten  fränkischen  Macht  in  Gallien
zu  einem  Reiche,  indem  er  sowohl  die  anderen  salischen  Könige  zu
Amiens  und  Cambray,  als  den  repuarischen  König  Siegbert  zu
Köln  und  dessen  Sohn  durch  Verrath  und  Meuchelmord  aus  dem  Wege  räumte.

#.  2.  Nach  dem  Tode  Chlodwigs  (511)  regierten  seine  vier  Söhne
gemeinschaftlich  über  das  fortwährend  noch  einige  fränkische  Reich.  Ihre
Hoflager  waren  in  Metz,  Orleans,  Paris,  Soissons.  Die  Söhne
setzten  das  Werk  des  Vaters  fort:  Dietrich  (Theuderich,  Theodorich),  der
älteste  und  tüchtigste,  dem  der  nördliche  Theil  des  Reiches  zugefallen  war,
unterwarf  sich  die  Thüringer  (Nachkommen  der  Hermunduren),  welche  vom
Harzgebirge  bis  an  die  Donau  wohnten.  Den  nördlichen  Theil  Thüringens
(die  Gegenden  an  der  Saale  und  Elbe,  südlich  bis  zur  Unstrut)  erhielten
Dietrichs  Bundesgenossen,  die  Sachsen,  dagegen  ward  der  südliche  Theil
(bis  zur  Donau)  fränkisches  Land  und  hat  diesen  Namen  bis  auf  den
heutigen  Tag  behauptet,  während  nur  die  mittleren  Gegenden  den  thüringischen
  Namen  bewahrt  haben.

Der  jüngste  von  Chlodwigs  vier  Söhnen,  Chlotar  I,  überlebte  seine
Brüder  und  deren  Rachkommen,  daher  regierte  er  das  ganze  fränkische
Reich  wieder  allein,  aber  nur  auf  drei  Jahre  (558—561);  denn  da  auch
er  vier  Söhne  hinterließ,  so  zerfiel  die  Monarchie  nach  seinem  Tode  in  vier
        <pb n="435" />
        Kurze  Geschichte  Frankens.  419

Reiche  und  nach  dem  Tode  Chariberts,  des  ältesten  von  Chlotars  Söhnen
(r.  5697),  in  drei  Reiche.  In  den  Bürgerkriegen,  die  nun  in  den  drei
Reichen  zum  Ausbruch  kamen,  trat  die  Trennung  des  fränkischen  Reiches  in
seine  beiden  Hauptmassen,  die  eine  mit  deutschem,  die  andere  mit  romanischem
  Charakter  immer  bestimmter  hervor.  Dieser  Gegensatz  zwischen
dem  Westen  und  Osten  des  Reiches  bezeichneten  die  Namen  Neustrien
(Westfranken)  und  Austrasien  (Ostfranken),  doch  galt  diese  Unterscheidung
nur  für  die  Nordhälfte  des  Reiches,  denn  der  Name  Neustrien  reicht
nicht  über  die  Loire  hinaus.  Beständige  innere  Zerrüttungen  und  eine  Reihe
von  Freveln  und  Verbrechen  füllen  die  Geschichte  der  Nachfolger  Chlotars  1
aus,  bis  Chlotar  II  von  Soissons  (613—628),  ein  Urenkel  Chlodwigs,
die  getrennten  Reiche  wieder  vereinigte.  Der  ältere  von  den  Söhnen  Chlotars
  II,  der  in  mehrfacher  Beziehung  ruhmwürdige  Dagobert  1  (628—638),
behauptete  die  Alleinherrschaft,  aber  unter  seinen  Nachkommen  trat  in  dem
neuerdings  getheilten  Reiche  eine  solche  Verwirrung  ein,  daß  der  austrasische
  Majordom  Pippin  von  Heristal  durch  einen  Sieg  über  den
neustrischen  König  Dietrich  III  (1  691)  bei  Testri  an  der  Somme
unweit  von  St.  Quentin  im  Jahre  687  alleiniger  Majordom  im  gesammten
  fränkischen  Reiche  wurde.  Pippin  von  Heristal  ging
selbst  nach  Austrasien  zurück  und  ernannte  in  Neustrien  seinen  Sohn
Grimoal,d,  und  nach  dessen  Tode  (714)  seinen  Enkel  Theobald  zum  Majordom.

Als  Pippin  von  Heristal  im  Jahre  714,  und  sein  Enkel  Theobald,
der  Majordom  von  Neustrien,  schon  715  starb,  folgte  Pippins  von
Heristal  natürlicher  Sohn  Karl  Martell  (717—  741),  als  Majordom
Neustriens  und  Austrasiens.  Er  ließ  bei  dem  Tode  des  nreustrischen
Königs  Dietrich  IV  (T  737)  den  Thron  Neustriens  unbesetzt  und  theilte
bei  seinem  Tode  (741)  das  fränkische  Reich  wie  ein  Merovingischer  Regent
unter  seine  beiden  älteren  Söhne  Karlmann  und  Pippin.  Da  Karlmanrn
  sich  in  ein  Kloster  zurückzog,  so  erhielt  747  Pippin,  zugenannt  der
Kleine,  die  alleinige  Reichsverwaltung.  Um  mit  der  Macht  auch  die  Würde
eines  Königs  zu  verbinden,  ließ  er,  nachdem  der  Adel  und  die  Geistlichkeit
  für  den  Plan  gewonnen  waren,  mit  Zustimmung  des  von  den  Longobarden
  bedrängten  Pabstes  Zacharias  durch  einen  Reichstag  der  Bischöfe
und  weltlichen  Großen  und  eine  Volksversammlung  zu  Soissons  (752)  den
blödsinnigen  König  Austrasiens,  Childerich  III,  absetzen  und  in  ein  Kloster
verweisen,  sich  selbst  aber  nach  alter  Weise  von  den  Franken  zum  Könige
wählen  und  nach  neuer  Weise  kirchlich  salben.  Bei  seinem  Tode  (768)  theilte
er  mit  Bewilligung  der  Vornehmsten  sein  Reich,  jedoch  nicht  in  ein  östliches
und  westliches,  sondern,  um  den  alten  Nationalhaß  zwischen  Austrasiern
und  Neustriern  nicht  wieder  anzuregen,  in  ein  nördliches  für  Karl
und  in  ein  südliches  für  Karlmann.  Als  letzterer  771  plötzlich  starb,
ließ  sich  Karl  auch  von  den  Vasallen  des  südlichen  Reiches  huldigen,
indem  seine  beiden  Neffen  als  nicht  wehrhaft  und  für  die  Nachfolge  unfähig
betrachtet  wurden.  Während  der  Kriege,  die  Karl  der  Große  (768—814)
gegen  die  Sachsen  führte,  wanderten  viele  Sachsen  und  Serben  in  den
östlichen  Theil  des  Frankenreiches  ein  und  siedelten  sich  daselbst  an
(772—784).  Nach  dem  Tode  Karls  des  Großen  (814)  folgte  sein  Sohn
Ludwig  der  Fromme  (814—840)  im  ganzen  Frankenreiche.  Durch  die
wiederholten  Theilungen,  welche  dieser  vornahm,  gerieth  er  mit  den  eigenen
Söhnen  in  Krieg.  Er  starb  840  auf  einem  Zuge  gegen  seinen  Sohn
Ludwig,  den  er  bei  der  letzten  Theilung  in  auffallender  Weise  verkürzt
hatte.  Durch  den  Vertrag  zu  Verdün  (813),  den  Ludwigs  des  Frommen
Söhne  Lothar,  Ludwig  der  Deutsche  und  Karl  der  Kahle  schlossen,
behielt  Lothar  das  fränkische  Italien,  Ostfranken  fiel  an  Ludwig
den  Deutschen,  Westfranken  an  Karl  den  Kahlen.

27“
        <pb n="436" />
        420  Kurze  Geschichte  Frankens.

83.  Das  Reich,  welches  unter  dem  Namen  „Ostfranken“  von  Ludwig
dem  Deutschen  (843—876)  beherrscht  wurde,  faßte  alle  deutschen  Länder
östlich  vom  Rhein  mit  Ausnahme  Frieslands  und  einiger  ripuarischer  Gebiete
  in  sich,  ferner  die  slavischen  Länder  an  der  Saale,  Elbe  und  dem
Böhmerwalde,  endlich  auf  dem  westlichen  Rheinufer  die  bischöflichen  Sprengel
von  Mainz,  Worms  und  Speier.  Das  Ganze  zerfiel  in  vier  gesonderte
Staaten:  Sachsen,  Bayern  mit  dem  Nordgau,  Alemannien  und
Ostfranken  im  engeren  Sinne  oder  Frankonien,  das  westlich  an  die
Vogesen,  östlich  an  den  Thüringer-(Franken-)  Wald,  nördlich  an  die  Unstrut
  und  südlich  an  die  Donau  grenzte.  Nach  dem  Tode  Ludwigs  des
Deutschen  (876)  wurde  sein  Reich  unter  seine  drei  Söhne  Karlmann,
Ludwig  und  Karl  den  Dicken  getheilt,  fiel  jedoch  nach  dem  Tode  der
beiden  ältern  (Karlmann,  König  von  Bayern  #  880,  Ludwig,  König  von
Sachsen  und  Frankonien  1  882)  ganz  an  den  jüngsten,  Karl  den  Dicken,
welcher  auch  Italien  und  die  Kaiserkrone  erhielt.  Nachdem  dieser  auf
einer  Reichsversammlung  zu  Tribur  887  abgesetzt  worden  war,  wurde
Herzog  Arnulf  von  Kärnthen,  ein  natürlicher  Sohn  Karlmanns,  von
den  für  ihn  gewonnenen  deutschen  Vasallen  als  König  der  Ostfranken
anerkannt  (887—899).  Während  seiner  Regierung  entbrannte  in  jenem
Theil  seines  Reiches,  der  schon  unter  Ludwig  dem  Deutschen  Frankonien
  oder  Franken  genannt  wurde,  ein  höchst  erbitterter  Kampf.  Hier
hatte  sich  schon  vor  den  Tagen  Arnulfs  ein  gräfliches  Geschlecht  zu  großem
Glanze  erhoben;  von  seiner  Burg  Babenberg,  die  nachher  der  Stadt
Bamberg  den  Namen  gegeben  hat,  wurde  es  später  das  Babenbergische
genannt.  Seine  Macht  war  begründet  durch  jenen  Grafen  Heinrich,  der,
lange  einer  der  tüchtigsten  Herrführer  gegen  die  Normannen,  im  Jahre  886
im  Kampfe  vor  Paris  erlegen  war.  Heinrichs  Söhne  waren  Adalbert,
Heinrich  und  Adalhart,  alle  reich  begütert  in  den  fränkischen  Gegenden
am  Main,  und  der  älteste  überdieß  mit  der  gegen  die  flavischen  Böhmen
errichteten  Markgrafschaft  im  Nordgau  betraut;  ihr  Oheim  Poppo
bekleidete  die  thüringische  Markgrafschaft  gegen  die  Sorben  und  galt
für  einen  der  ersten  Männer  des  Reiches.  Bis  auf  die  Tage  Arnulfs  waren
die  Babenberger  ohne  Widerstreit  die  angesehenste  Familie  in  Franken;
Kaiser  Arnulf  aber  erhob  geflißentlich  gegen  dieselben  ein  ihm  verwandtes
Geschlecht,  dessen  Erbgüter  und  Lehen  auf  beiden  Seiten  des  Rheins  und  in
Hessen  lagen:  man  hat  es  später  das  Geschlecht  der  Konradiner“")  geheißen.
  Diesem  Hause  entstammten  vier  Brüder:  Konrad,  das  Haupt
desselben,  war  Graf  im  Hessengau  und  Oberlahngau;  Gebhard,
zugleich  Pfalzgraf,  hatte  Grafschaften  in  der  Wetterau  und  im  oberen
Rheingau;  Eberhard  war  Graf  im  Niederlahngau  und  Obermaingau;
  der  letzte  Bruder,  Rudolf,  wurde  dem  geistlichen  Stande  bestimmt.
Als  im  Jahre  892  in  einem  unglücklichen  Kampfe  gegen  die  Sorben
der  Bischof  Arnd  von  Würzburg  erschlagen  wurde,  maß  Arnulf  dem
Markgrafen  Poppo  die  Schuld  des  Unglückes  bei  und  entsetzte  ihn  seines
Amtes,  das  auf  Konrad  überging,  von  diesem  aber  bald  an  einen  Grafen
Burkard  abgetreten  wurde,  der  später  im  Kampfe  gegen  die  Ungarn  sein
Leben  verlor.  Das  Bisthum  Würzburg  wurde  Konrads  Bruder  Nudolf
übertragen  und  so  diese  Familie  auch  in  den  östlichen  Gegenden  Frankens
einheimisch  gemacht,  wo  bisher  die  Babenberger  ohne  Nebenbuhler  geherrscht
  hatten.  Seitdem  war  Feindschaft  aller  Orten  zwischen  den  Babenbergern
  und  Konradinern,  die  heimlich  unter  der  Asche  glimmte,  so
lange  Arnulf  noch  lebte,  aber  in  helle  Flammen  ausbrach,  als  Ludwig
das  Kind  auf  den  Thron  erhoben  wurde.

Ludwig  (899—911)  war  ein  willenloses  Werkzeug  in  den  Händen  seines
geistlichen  Vaters,  des  Erzbischofs  Hatto  von  Mainz,  der  mit  den  Kon-
        <pb n="437" />
        Kurze  Geschichte  Frankens.  42

*7)  Die  Konradiner  oder  das  fränkisch-salische  Herrscherhaus:
N.

Konrad,  Graf  im  Hessen=  Gebhard,  Pfalz=  Eberhard,  Rudolf,
gau  und  Oberlahngau,  fällt  graf  und  Graf  in  der  Graf  im  Nieder-Bischof  von
906  bei  Fritzlar  im  Kampfe  Wetterau,  fällt  910  lahngau  und  Würzburg,

mit  dem  Babenberger  Adalbert.  gegen  die  Ungarn.  Obermaingau,  fällt  908

fällt  902  gegen  gegen  die
die  Ungarn.  Ungarn.

—.  -  *  „

Konradl,  Graf  Eber-  Udo,  I  Her-  Konrad
in  Frankonien,  hard,  Her-Graf  in  der  mann  I,  Kurzpold
deutscher  König  zog  in  Wetterau.  Herzog  von  f  948.
911—918;  Ge=  Franken.  949.  Schwaben

 

mahlin:  Kuni=  911—939.  927,  948;
gunde,  des  Mark-  Gemahlin:
grafen  Luitpold  von  Reginlinde,

Bayern  Wittwe,  Wittwe
eine  Schwester  der  BurkardsllI,

schwäbischen  Her-  Herzogs  von

zöge  Erchanger  Schwaben.
und  Berthold.  1.

 

 

—  —  —  —  —
Tochter  N.  Gemahl:  Wer-  Udoll,  Kon-Ida.  Gem.:  949  Luner,
  Graf  im  Speier=  und  Graf  im  rad,  dolf,  des  Kaisers  Otto  1

 

Wormsgau.  Grab=  Her--=  Sohn,  Herzog  von
feld,  zog  Schwaben  948—954.
982.  von
l  Schwaben

983—997.
Konrad  der  Rothe,  Hermann  II,  Otto  I,  Herzog  von
Herzog  von  Lothringen  Herzog  von  Schwaben  955—982.
944;  7  955;  Gemahlin:  Schwaben
Luitgard,  Kaiser  Otto's  I  997—1004.
Tochter.  1

—

—.
Otto,  Graf  im  Wormsgau,  Hermann  III,  Gisela  f  1043;  Gem.
Herzog  von  Kärnthen.  Herzog  von  Schwa=  1.  Graf  Bruno  in  Sachsen;
ben  1004—1012.  2.  Ernst  1  von  Babenberg;
3.  König  Konrad  II.

—....—  .

Heinrich  Bruno.  Wird  Konrad,  Wilhelm,  Ernstll,  Herzog  Her-(Hezel),
  996  Papst  Herzog  von  Bischof  von  von  Schwaben  mann  IV,
Graf  in  unter  dem  Na=  Kärnthen,  Straßburg,  1015—1030.  Herzog  von

 

 

 

 

Franken.  men  Gregor  V.  1011.  1  1047.  Schwaben
1!  +  999.  a  1030—  1038.
-  —  —  —  9
Konrad  II  Gebbhard,  Konrad  Bruno,

oder  der  Bischof  von  der  Jün=  Bischof  von
Salier,  Regensburg,  gere,  Herzog  Würzburg,

deutscher  1060.  v.  Kärnthen,  7  1045.
König,  1036  —  1039.
1024—  1039.

 

—
Heinrich  III,  deutscher  König,
1039—1056.

–—  55  Ö—  ——————  ——.  —  —
Heinrich  IV,  deutscher  König,
1056—1106.

—...
Heinrich  V,  deutscher  König,
1106—1125.
        <pb n="438" />
        422  Kurze  Geschichte  Frankens.

radinischen  Brüdern  in  den  vertrautesten  Verhältnissen  lebte.  Die  Babenberger
  Grafen  sahen  sich  daher  mehr  und  mehr  zurückgedrängt  und  schritten
von  Schmähreden  und  Drohungen  endlich  zu  Thaten.  Von  beiden  Seiten
rüstete  man  sich  im  Jahre  902  zum  Kampfe.  Adalbert  brach  mit  seinen
Brüdern  aus  dem  Babenberg  auf,  fand  die  Konradiner  gerüstet,  und
gleich  beim  ersten  Zusammenstoß  wurden  von  Adalberts  Brüdern  Heinrich
getödtet  und  Adalhard  zum  Gefangenen  gemacht.  Von  den  Konradinern
dagegen  war  Eberhard  verwundet  auf  dem  Kampfplatz  geblieben  und  erlag
nach  wenigen  Tagen  seinen  Wunden.  Um  den  Bruder  zu  rächen  ließ  Gebhard
  den  gefangenen  Adalhard  enthaupten.  Alsbald  vertrieb  Adalbert
den  Bischof  Rudolf  aus  Würzburg,  nöthigte  Eberhards  Söhne  aus
ihren  Gütern  und  Lehen  diesseits  des  Spessart  zu  weichen  und  machte  sich
zum  Herrn  aller  östlichen  Gegenden  Frankens.  Ludwig  das  Kind
ließ  darauf  Fürstengericht  über  Adalbert  halten  und  erklärte  ihn  aller  seiner
Güter  verlustig.  Zur  Vollstreckung  des  Urtheils  rückte  der  König  selbst  mit
einem  Heere  vor  Adalberts  Burg  Theres  unweit  Schweinfurt;  aber  den
verwegenen  Mann  zu  überwinden  war  unmöglich.  Als  Adalbert  906  die
Konradiner  auch  aus  Hessen  zu  vertreiben  suchte,  stieß  er  bei  Fritzlar
mit  Konrad  zusammen,  der  in  dem  sich  entspinnenden  Kampfe  fiel.  Nun
ward  Adalbert  durch  des  Königs  Gebot  nach  Tribur  im  Rheingau  zur
Verantwortung  geladen.  Da  er  der  Ladung  nicht  achtete,  ward  er  von  dem
Könige  abermals  in  Theres  umlagert,  gefangen  und  vor  seiner  Burg
enthauptet  (906).

Von  den  Konradinischen  Brüdern  überlebte  keiner  lange  den  Fall  ihres
Gegners.  Bischof  Rudolf  endete  schon  im  Jahre  908  im  Kampfe  gegen  die
Ungarn  und  zwei  Jahre  später  Gebhard  durch  dieselben  Feinde.  Aber
doch  kam  der  Fall  der  Babenberger  zumeist  diesem  Geschlecht  zu  gut.
Konrads  Söhne,  Konrad  und  Eberhard,  vereinten  bald  alle  Macht  in
dem  fränkischen  Hessen,  wie  in  den  Gegenden  am  Rhein  und  Main
in  ihren  Händen  und  gelangte  durch  die  Gunst  des  Königs  und  der  Geistlichkeit
  zu  demselben  Ziele,  dem  die  Babenberger  durch  Auflehnung  zugestrebt
  hatten.

&amp;amp;#4.  Als  Ludwig  das  Kind  im  Sommer  des  Jahres  911  ohne  Erben
starb,  wählten  die  Großen  des  Reiches  einhellig  Konrad  von  Franken,
den  älteren  Sohn  des  im  Jahre  906  bei  Fritzlar  gefallenen  Konrad  zum
deutschen  Könige,  denn  er  war  dem  Karolingischen  Hause  verwandt  und  schien
vor  Allen  der  Mann,  das  ostfränkische  Reich  zu  retten.  Als  Konrad  dem
Tode  nahe  kam,  ohne  Kinder  zu  hinterlassen,  empfahl  er  den  Herzog  Heinrich
von  Sachsen  zum  Nachfolger,  weil  er  diesen  allein  für  geeignet  hielt,  sich
allgemeine  Anerkennung  zu  verschaffen  und  so  die  Einheit  des  Reiches  herzustellen.
  Heinrich  wurde  auch  von  den  Franken  und  Sachsen  zum
König  gewählt,  aber  Bayern  und  Alemannien  behaupteten  noch  eine
Zeit  lang  ihre  Selbstständigkeit.

Nach  dem  Tode  des  Königs  Konrad  (918)  erhielt  Adalbert  II,  der
Sohn  des  vor  der  Burg  Theres  enthaupteten  Babenbergers  Adalbert  I,  um
das  Jahr  920  nicht  blos  die  Markgrafschaft  in  Thüringen  gegen  die
Sorben,  sondern  auch  die  im  Nordgau  gegen  die  Böhmen  und  zugleich
die  meisten  Güter,  welche  sein  Vater  im  Nordgau  besessen  hatte.  Er  fiel  im
Jahre  933  im  Kampfe  gegen  die  Ungarn  an  der  Unstrut  und  hatte  seinen
Sohn  Berthold  zum  Nachfolger,  der  982  starb  und  seinem  Sohne  Heinrich
(Hezilo)  Schwein  furt,  Ammerthal  Hersbruck  und  den  Titel  „Markgraf
  vom  Nordgau“  hinterließ.  Dieser  Markgraf  Heinrich  unterlag  in  dem
Kriege,  den  er  1002—1004  mit  dem  deutschen  Könige  Heinrich  II.  dem
Heiligen,  um  das  Herzogthum  Bayern  führte,  erhielt  aber  von  dem  Sieger
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        Kurze  Geschichte  Frankens.  423

1005  die  markgräfliche  Würde  und  seine  Hausgüter  zurück.  Nach  seinem
Tode  (1017)  folgte  ihm  sein  Sohn  Otto,  gewöhnlich  „Graf  von  Schweinfurt“
  genannt.  Da  die  Kaiser  bereits  den  zwei  Stiftern  Würzburg  und
Bamberg  und  der  Abtei  Fulda  die  Befreiung  vom  Grafengerichte  ertheilt
hatte,  so  beschränkte  sich  die  Herrschaft  Otto's  hauptsächlich  nur  auf  seine
Erbgüter.  Otto,  1048  auch  zum  Herzog  von  Schwaben  ernannt,  starb
1057  ohne  männliche  Nachkommen,  worauf  sich  seine  Töchter  in  seine  Erblande
  theilten;  die  Lehengüter  wurden  in  der  Folge  von  König  Heinrich  V.
mit  dem  Herzogthum  Franken  verbunden.

In  Franken  (Frankonien)  war  nach  der  Erhebung  Konrads  I  auf  den
deutschen  Thron  die  herzogliche  Würde  an  dessen  Bruder  Eberhard  gekommen.
  Als  sich  dieser  in  Verbindung  mit  dem  Herzoge  Giselbert  von
Lothringen  gegen  König  Otto  I  empörte,  ward  er  von  seinen  Vettern,
dem  Grafen  Konrad  dem  Rothen  vom  Wormsgau  und  Hermann  I
von  der  Wetterau  7),  der  927  die  Herzogswürde  in  Schwaben  erhalten
hatte,  bei  Andernach  am  Rbein  939  überfallen  und  im  Kampf  getödtet.
Die  großen  Eigengüter  Eberhards  fielen  theils  dem  Herzoge  Hermannl
von  Schwaben  und  dessen  Bruder  Udo  l,  theils  dem  Wormsgauer  Grafen
Konrad  dem  Rothen  zu;  die  ausgedehnten  Lehngüter  Eberhards  wurden
theils  eingezogen,  theils  der  Kirche  geschenkt,  theils  neu  vergabt.  Herzog
Berthold  von  Bayern,  dem  schon  längst  die  Marken  am  Böhmerwalde,
die  Gegend  an  Naab  und  Regen,  die  man  später  (1329)  die  Oberpfalz
naunte,  gehörten,  erhielt  die  Gaue  bis  zum  Main  und  zum  Spessart,
die  bis  dahin  zum  Herzogthum  Franken  gezählt  waren,  so  daß  Bayern
schon  damals  die  Landstriche  gewann,  die  es  jetzt  wieder  unter  seinem  Königsscepter
  vereinigt.

Einen  eigenen  Herzog  von  Franken  setzte  König  Otto  I  nicht  wieder
ein;  fortan  galt  der  König  selbst  als  der  geborne  Herzog  der  Franken.
Der  erste  Mann  im  Frankenlande  wurde  nach  Eberhards  Fall  Graf  Konrad
der  Rothe,  dem  König  Ottol  im  Jahre  944  das  Herzogthum  Lothringen,
und  947  seine  Tochter  Liudgard  zur  Gemahlin  gab.  Mit  Lothringen
verband  Konrad  der  Rothe  die  ererbten  Grafschaften  an  der  Nahe,  und
Worms  und  Speier,  und  außerdem  reich  gesegnete  Gaue  auf  der  andern
Seite  des  Stroms  am  Main  und  Neckar.  Als  die  Ungarn  im  Jahre
955  zahlreicher  als  je  Bayern  und  den  größeren  Theil  Schwabens  überschwemmten,
  zog  Herzog  Konrad  der  Rothe  wider  sie,  verlor  aber  in  der
Schlacht  am  Lechfelde  am  10.  August  955  sein  Leben.  Sein  Sohn  Otto,
Graf  im  Worms  gau,  ward  975  Herzog  von  Kärnthen  und  hinterließ
bei  seinem  Tode  (1004)  vier  Söhne,  nämlich  Heinrich  oder  Hezel,  der
den  Titel  Graf  in  Franken  führte,  Bruno,  der  996  unter  dem  Namen
Gregor  V  Papst  wurde,  Konrad,  der  dem  Vater  als  Herzog  von
Kärnthen  folgte,  und  Wilhelm,  der  1028  Bischof  von  Straßburg
wurde.  Der  älteste  von  den  vier  Brüdern,  der  Graf  Heinrich  in  Franken,
hinterließ  nur  einen  Sohn,  Konrad  den  Aelteren;  der  Herzog  Konrad
von  Kärnthen  dagegen  hinterließ  zwei  Söhne,  Konrad  den  Jüngeren  und
Bruno.  Sowohl  Konrad  der  Aeltere  als  Konrad  der  Jüngere  trat
nach  dem  Aussterben  des  sächsischen  Königshauses  mit  Heinrich  II  (1024)
als  Bewerber  um  die  deutsche  Krone  auf.  Die  Mehrzahl  der  Wahlstimmen
fiel  Konrad  dem  Aelteren  zu,  der  sogleich  in  Mainz  gekrönt  wurde.  Er
war  als  deutscher  König  der  zweite  dieses  Namens.  Wie  die  vier  letzten

*)  Siehe  die  Verwandtschaft  dieser  beiden  Männer  mit  dem  Herzoge
Eberhard  von  Franken  aus  der  genealogischen  Tafel  der  Konradiner
oben  Seite  421.
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        424  Kurze  Geschichte  des  Burggrafenthums  Nürnberg.

Kaiser  aus  dem  sächsischen  Hause  für  Franken  keine  eigenen  Herzöge
mehr  aufgestellt  hatten,  so  that  auch  König  Konrad  II  (1024—1039)  und
seine  zwei  nächsten  Nachfolger  in  der  deutschen  Königswürde,  Heinrich  11II
(1039—  1056)  und  Heinrich  IV  (1056  —  1106);  mit  ihrer  Zustimmung
führte  der  jeweilige  Bischof  von  Wüzburg  den  Titel  „Herzog  in  Ostfranken.“"


Durch  Heinrich  V  (1106—1125),  den  Sohn  und  Nachfolger  des  Königs
Heinrich  1V,  erfuhr  Franken  eine  namhafte  Erweiterung.  Es  begriff  sofort
die  Lehengüter  der  1057  ausgestorbenen  Grafen  von  Schweinfurt
im  Nerdgau  mit  der  Burggrafschaft  Nürnberg,  alle  Grafschaften
und  unmittelbaren  Herrschaften  des  vormaligen  fränkischen  Kreises,
den  Bisthumssprengel  von  Bamberg  und  auf  kurze  Zeit  (1117  bis
1120)  auch  den  Bisthumssprengel  von  Würzburg  in  sich.  Das  so
ansehnlich  vermehrte  Franken  gab  der  wider  den  Bischof  Erlung  von
Würzburg  aufgebrachte  Kaiser  Heinrich  V  im  Jahre  1116  dem  Staufer
Konrad,  der  aus  der  Ehe  des  Herzogs  Friedrich  I  von  Schwaben  mit
Agnes,  des  Kaisers  Heinrich  V  Schwester,  entsprungen  war.  Da  Kaiser
Heinrich  V  durch  eine  Urkunde  vom  1.  Mai  1120  den  Bisihumssprengel
Würzburg  der  Landes=  oder  Herzogshoheit  des  Würzburger  Bischofs
Erlung  (71122)  wieder  zurück  stellte  und  der  folgende  Kaiser  Lothar  II
(1125.—  1137)  die  Herzogshoheit  der  Würzburger  Bischöfe  anerkannte,  so
vererbte  sich  von  Konrad,  der  von  1138  —  1152  unter  dem  Namen
Konradllll  den  deutschen  Thron  inne  hatte,  auf  seinen  Sohn  Friedrich  IV
(1  1167)  nur  der  Titel  „Herzog  von  Rothenburg".  Den  Bischöfen  in
Würzburg  blieb  der  Titel  „Herzog  in  Ostfranken“  bis  zum  Jahre  1803,  wo
Georg  Karl  Freiherr  von  Fechenbach  (1  8.  April  1809  zu  Bamberg)
den  fürstbischöflichen  Stuhl  inne  hatte.  Mit  Ausnahme  einiger  an  den
Fürsten-Primas  Karl  Theodor  von  Dalberg,  an  Löwenstein-Wertheim
  u.  a.  gekommenen  Aemter  wurde  das  von  mehr  als  300,000  Menschen
bewohnte  Hochstift  durch  den  Reichsdeputations-Hauptschluß  vom
25.  Februar  1803  an  Bayern  überlassen,  dann  1806  durch  den  Preßburger
  Frieden  dem  Kurfürsten  Ferdinand  von  Salzburg  (vorher
Großherzog  von  Toskana)  als  neuem  Großherzog  von  Würzburg
gegeben,  und  1814  wieder  mit  Bayern  vereinigt.

D.  Kurze  Geschichte  des  Burggrafenthums  Nürnberg
  oder  der  Fürstenthümer  Ansbach  und
Bayreuth.

.  1.  Neben  dem  Herzogthum  MWürzburg  gelangte  in  Franken  das
Burggrafenthum  Nürnberg  oder  die  Fürstenthümer  Ansbach
und  Bayreuth  zu  einer  hervorragenden  Stellung.

In  Nürnberg  (nurinberc,  nuorinberc,  nourenberg,  d.  h.  Berg  des
Nuro  oder  Nuoro),  das  urkundlich  schon  1050  als  ein  Ort  mit  Markt-,
Zoll=  und  Münzrecht,  d.  h.  als  eine  Stadt  (civitas)  vorkommt,  treten  von
1123—1190  Gottfried  I,  Gottfried  II  und  Konrad  aus  dem  Hause
der  Grafen  Hohenlohe  als  die  ersten  Burg  vögte  (praefecti,  castellani)
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        Kurze  Geschichte  des  Burggrafenthums  Nürnberg.  425

auf.  Im  Jahre  1191  kam  das  Burggrafenthum  an  den  Grafen
Friedrich  von  Zollern'),  der  mit  der  Gräfin  Sophie  von  Rätz  (Ragze
in  Niederösterreich)  vermählt  war  und  vermuthlich  in  Folge  dieser  Vermählung
  Löwenburg,  Stolzenried,  Neusiedl,  Wolkersdorf  u.  a.  von  Oesterreich
als  Lehen  erhielt.  Friedrich  starb  um  das  Jahr  1200  und  hinterließ  zwei
Söhne,  Friedrich  II  (T  1218)  und  Konrad  I  (T  1230  kinderlos).
Friedrich  II  hinterließ  gleichfalls  zwei  Söhne,  von  welchem  der  eine,
Friedrich  von  Zollern,  der  Stifter  der  schwäbischen  Linie,  der
andere,  Konrad  II,  der  Stifter  fränkischen  oder  burggräflichen
Linie  wurde.

Burggraf  Konrad  II  (1218  —  1265)  ehelichte  eine  Gräfin  von
Abenberg  und  brachte,  als  1230  die  Abenbergische  Dynastie  mit
dem  Grafen  Friedrich  in  ihrem  Mannesstamme  erlosch,  die  nordgauische
Grasschaft  Abenberg  mit  dem  Kloster  Heilsbronn,  Pleinfeld,  Spalt
und  anderes,  das  zusammen  den  Kern  des  nachmaligen  Unterlandes
oder  des  Fürstenthums  Ansbach  bildete,  an  die  Burggrafschaft.  Etwas
später  (1235  —  1259)  kaufte  er  die  Herrschaft  Virnsberg  von  dem
Grafen  Hohenlohe  und  verband  sie  mit  dem  Burggrafenthum.  Sein
Sohn,  Friedrich  III  (1265’—  1297),  heirathete  1246  Elisabeth,  die
Tochter  des  Herzogs  Otto  I  von  Meran,  dessen  Geschlecht  von  den  eingezogenen
  Gütern  des  im  Jahre  906  enthaupteten  Markgrafen  Adalbert
von  Babenberg  Vieles  (Bayreuth,  Creußen,  Kulmbach,  Hof  u.  a.)  geerbt
hatte.  Als  im  Jahre  1248  mit  Herzog  Otto  II  von  Meran  der  Mannesstamm
  des  Meranischen  Herrscherhauses  erlosch,  erbte  Friedrich  III  als
Schwager  des  Erblassers  die  Orte  Bayreuth,  Kadolzburg,  Weidenberg,
  Obernsees,  Blindloch  u.  s.  w.,  der  Anfang  des  spätern  Oberlandes
  oder  des  Fürstenthums  Bayreuth;  der  thüringische  Graf
Otto  von  Orlamünde,  der  mit  Beatrix,  der  drittältesten  Schwester
des  Herzogs  Otto  II  von  Meran,  vermählt  war,  erbte  die  Güter  Kulmbach,
  Plassenburg,  Berneck,  Pretzendorf  oder  Himmelscron,
Gefres,  Trebgast,  Goldkronach,  welche  im  Jahre  1338  von  dem
Nürnberger  Burggrafen  Johann  II  käuflich  erworben  und  mit  dem  Burggrafenthum
  verbunden  wurden.

Auf  den  oben  genannten  Burggrafen  Friedrich  III,  dem  Kaiser  Rudolf
von  Habsburg  am  25.  Oktober  1275  das  Burggrafenthum  Nürnberg
als  erbliches  Reichslehen  verlieh,  folgten  hintereinander  seine  beiden
Söhne  Johann  1  (1297—  1300)  und  Friedrich  IV  (1300  —  1332).
Letzterer  kämpfte  für  König  Ludwig  IV,  den  Bayern,  in  der  Schlacht  bei
Ampfing  (1322)  und  erhielt  für  diesen  Dienst  die  Stadt  Hof  als  Lehen;
im  Jahre  1327  folgte  derselbe  Friedrich  dem  Könige  Ludwig  den  Bayern
auf  seinem  Zuge  nach  Italien,  erwarb  nach  seiner  Rückkehr  ansehnliche  Gebiete,
  darunter  Onolzbach  (Ansbach)  von  den  Oettingischen  Dynasten  und
starb  1332  mit  Hinterlassung  von  fünf  Söhnen,  von  welchem  der  zweiteborne,

  Johann  II  (1332—  1357)  das  Haupt  der  Familie  wurde.  Als
ieser  1357  mit  Hinterlassung  eines  Sohnes,  Friedrich  V,  starb,  erhielt
Albrecht  der  Schöne,  ein  Bruder  Johanns  II,  das  Unterland  (Ansbach
  mit  Zugehör),  wogegen  Friedrich  V  das  Burggrafenthum  mit  dem
Oberlande  (Bayreuth  und  Zugehör)  erhielt.  Da  Albrecht  der  Schöne
schon  1361  starb,  ohne  Söhne  zu  hinterlassen,  so  wurde  Friedrich  V
(1361—1397)  Alleinherr  des  ganzen  Burggrafenthums  und  erhielt
den  Beinamen  „Erwerber“.  Die  beiden  Söhne  Friedrichs  V,  der  1397
die  Regierung  niederlegte  und  im  folgenden  Jahre  starb,  theilten  die  Güter

*)  Siehe  die  genealogische  Tafel  der  Grafen  von  Zollern  und  der
Burggrafen  von  Nürnberg  unten  in  den  Beilagen  unter  Ziffer  70.
        <pb n="442" />
        426  Kurze  Geschichte  des  Burggrafenthums  Nürnberg.

des  Vaters  in  der  Weise,  daß  Johann  III  (1397—1420)  das  Oberland
(Bayreuth),  Friedrich  VI  (1397—1440)  das  Unterland  (Ansbach)
erhielt;  die  Burg  zu  Nürnberg,  das  kaiserliche  Landgericht  und  die
Bergwerke  gehörten  beiden  gemeinschaftlich.  Mit  Johann  III,  der
1420  starb,  ohne  männliche  Nachkommen  zu  hinterlassen,  schloß  die  Reihe  der
Nürnberger  Burggrafen;  sein  Bruder,  Friedrich  VI,  der  am  18.
April  1417  mit  der  Mark  Brandenburg  belehnt  worden  war,  zog  alle
Güter  des  verstorbenen  Johann  III  an  sich  und  erscheint  seit  der  Belehnung
mit  der  Mark  Brandenburg  als  Kurfürst  Friedrich  I  von  Brandenburg.

#S.  2.  Kurfürst  Friedrich  I  von  Brandenburg  (1417—1440)  verkaufte
  1427  die  Burg  zu  Nürnberg  nebst  Waldrecht  u.  a.  um  120,000
Gulden  an  die  Stadt  Nürnberg,  vermählte  einer  seiner  Töchter,  Margaretha,
  die  Wittwe  des  Herzogs  Albrecht  IV  von  Mecklenburg,  mit  Ludwig
dem  Höckerichten  von  Bayern-Ingolstadt  und  hinterließ  bei  seinem
Tode  (21.  September  1440)  vier  Söhne,  die  sich  in  das  väterliche  Erbe
theilten.  Der  älteste,  Johann  der  Alchymist,  erhielt  unter  Verzichtleistung
auf  die  Kur  das  Oberland;  Friedrich  II,  Eisen  zahn,  ward  Markgraf
  und  Kurfürst  von  Brandenburg;  Albrecht  Achilles  erhielt
das  Unterland;  Friedrich  der  Jüngere,  mit  dem  Beinamen  „der
Fette“,  erhielt  die  Altmark  und  Priegnitz.

#.  3.  Da  Kurfürst  Friedrich  II  im  Jahre  1470  auf  die  Regierung
in  der  Mark  Brandenburg  gegen  das  Fürstenthum  auf  dem  Gebirg
(Oberland)  verzichtete,  so  ward  Albrecht  Achilles  1471  Herr  aller
brandenburgischen  Lande.  Er  hinterließ  bei  seinem  Tode  (1486)  aus
den  zwei  Ehen,  die  er  geschlossen,  drei  Söhne.  Johann  Cicero,  der  ersten
Ehe  entsprungen,  ward  Kurfürst  (1486—  1499);  von  den  aus  der  zweiten
Ehe  hervorgegangenen  Söhnen  bekam  der  eine,  Friedrich  der  Alte,  1486
Ansbach,  und  nach  dem  kinderlosen  Tode  seines  jüngern  Bruders  Sigmund
  (IF  1495),  dem  Bayreuth  zugefallen  war,  auch  Bayreuth  (1495
bis  1536).  Nachdem  der  Mannesstamm  Friedrichs  des  Alten  im  Jahre
1618  mit  Albrecht  Friedrich  erloschen  war,  fielen  alle  Güter  dieses
Hauses  an  Johann  Sigmund,  der  in  fünfter  Zeugung  von  dem  oben
genannten  Johann  Cicero  stammte  und  neben  der  Kurwürde  Brandenburgs
  die  eines  Herzogs  von  Preußen  bekleidete.  Um  mit  seinen
väterlichen  Oheimen  Christian  und  Joachim  Ernst  ein  gutes  Einvernehmen
  zu  erhalten,  gab  er  Ersterem  das  Markgrafenthum  Bayreuth,
Letzterem  das  Markgrafenthum  Ansbach.  Als  der  Mannesstamm  Christians
  von  Bayreuth  1769erlosch,  fiel  das  Markgrafenthum  Bayreuth
an  den  Markgrafen  Karl  Alexander  von  Ansbach,  der  im  Jahre  1791
sein  ganzes  Besitzthum  an  seinen  Vetter,  den  König  Friedrich  Wilhelm  U
von  Preußen,  abtrat.  Unter  Friedrich  Wilhelm  III,  dem  Sohn
Friedrich  Wilhelms  II,  nahm  General  Bernadotte  das  Fürstenthum
Ansbach  am  24.  Februar  1806  für  Frankreich  in  Besitz,  das  es  am  24.
May  1806  an  Bayern  überließ.  Am  14.  November  desselben  Jahres  nahm
der  Intendant  Camille  de  Tournow  das  Fürstenthum  Bayreuth
für  Frankreich  in  Besitz,  das  es  bis  zum  Jahre  1810  besetzt  hielt.  Durch
den  Pariser  Vertrag  vom  28.  Februar  1810  wurde  Ba  yreuth  an
Bayern  überlassen,  das  am  27.  bis  30.  Juni  1810  von  dem  ihm  zugesprochenen
  Fürstenthum  Besitz  ergriff.
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        Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.  427

E.  Die  eiustmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.

I.  In  Altbayern.
1)  Hochstift  Freysing.

Um  300  Anfänge  des  Christenthums.

720.7  Korbinian  kommt  nach  Freysing  an  den  Hof  des  Herzogs  Grimoald
und  erwirbt  Majes  im  Etschthal  für  Freysing;  1#  730,  beigesetzt  in
Majes,  dann  (769)  in  Freysing.

739.  Freysing  wird  durch  Bonifazius  zum  ständigen  Bischofssitze  geweiht.

764—84.  Sisthf  Aribo  Geschichtschreiber.

830.  Gründung  des  Collegiatsstiftes  St.  Veit  auf  Weihenstephan.

903.  Der  alte  Dom  wird  durch  eine  Feuersbrunst  zerstört;  Neubau  1005
bis  1039.  König  Ludwig  das  Kind  schenkt  Föhring  an  der  Isar
dem  Bisthum  Freising.

1020.
1157.

1159.

Gründung  des  Benediktinerklosters  Weihenstephan.

Fehde  des  Herzogs  Heinrich  XII,  des  Löwen,  mit  dem  Bischof  von

Freising;  Zerstörung  der  Brücke  bei  Föhring.
Eine  Feuersbrunst  zerstört  Freysing  mit  allen  Kirchen;  ebenso  1224.

1160—1204.  Neuer  Dombau;  Bau  der  Münsterkirche  zu  Moosburg.

1468.  Neubau  der  Münsterkirche  zu  Moosburg.

1520—37.  Bau  der  bischöflichen  Residenz  in  Freysing.

1790—1803.  Joseph  Konrad  Freiherr  von  Schroffenberg,  der  letzte  Fürst-1802.



1803.

1821.
1824.

bischof  von  Freysing,  auch  Bischof  von  Regensburg  und  Fürstpropst
von  Berchtesgaden.

23.  August.  Freysing  wird  von  Kurpfalzbayern  militärisch

besetzt.

27.  November.  Civilbesitznahme  für  Bayern  durch  Adam
Freiherrn  von  Aretin.

4.  April.  Bischof  Joseph  Konrad  Freiherr  von  Schroffenberg  stirbt
zu  Brechtesgaden.

Erzbisthum  München-Freysing  mit  dem  Sitze  zu  München.

Die  ehemalige  bischöfliche  Residenz  wird  dem  Klerikalseminar  übergeben.

2)  Hochstift  Passan.

30.  vor  Chr.  Bojodurum  (Innstadt)  von  den  Bojern  gegründet,  dann

200.
448.

von  den  Römern  in  Besitz  genommen.

nach  Chr.  Castra  Batava,  römisches  Castell  zwischen  Donau  und  Inn,
benannt  von  einer  in  römischem  Solde  gestandenen  Cohorte  Bataver.
Der  heil.  Valentin  predigt  in  und  um  Passau,  stirbt  470  in  Majes
bei  Meran;  seine  Gebeine  769  nach  Passau  gebracht;  seitdem  Valentin
der  erste  Schutzpatron  der  Kirche  von  Passau.

452—482.  Der  heil.  Severin  längs  der  Donau  für  das  Christenthum

476.

thätig.
Zerstörung  der  Stadt  Passau  durch  deutsche  Völkerstämme  (Thüringer).

500—600.  Wiedererbauung  der  Stadt  Passau.

720.

Erster  Bau  der  Kirche  zu  St.  Stephan,  zweiter  Schutzpatron  der
Stadt  und  des  Hochstiftes.
        <pb n="444" />
        428  Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.

739.  Passau  wird  von  Bonifazius  zum  ständigen  Bischofssitz  geweiht.

770—800.  Ausstattung  des  Bisthums  Passau  durch  Herzog  Tassilo  II  und
Karl  den  Großen;  bestätigt  887.

824.  Bischof  Ulrich  wird  vom  Papst  Eugen  II  wegen  seiner  Verdienste  um
die  Bekehrung  der  Mähren  und  Avaren  zum  Metropoliten  von  Mähren
und  Panonien  ernannt  und  erhält  den  Titel:  Erzbischof  von  Lorch.

898.  Privilegium  des  K.  Arnulf;  das  Bisthum  Passau  wird  von  der
Hoheit  der  kaiserlichen  Beamten  eximirt.

937.  Bischof  Gerhard  erhält  von  Leo  VII  das  Pallium.

976.  Herzog  Heinrich  II  von  Bayern  bemächtigt  sich  der  Stadt  Passau.

977.  Passau  wird  vom  Kaiser  Otto  II  erobert  und  zerstört.

985.  Die  Gebeine  des  heil.  Maximilian  werden  von  Altötting  nach  Passau
übertragen.

999.  K.  Otto  III  giebt  dem  Bischof  von  Passau  hohe  und  niedere  Gerichtsbarkeit
  über  Stadt=  und  Landgebiet,  Münzrecht  u.  a.

1010.  Allmälige  Entstehung  der  Ilzstadt.

1149—64.  L-  Residenzbau  in  Passau  (Neubauten  1350,  1560,  1690
bis  1771).

1181.  Großer  Brand  in  Passau,  Verwüstung  des  Doms.

1198.  Bau  der  Veste  Obernberg  am  Inn  zum  Schutz  des  Hochstifts.

1239.  Albert  Beham  (Bobmus),  Domdechant  in  Passau,  päpstl.  Legat.

1280.  Das  Hochstift  Passau  wird  allmälig  von  Oesterreich  abhängig.

1407.  Der  GChor  am  Dom  wird  begonnen;  Vollendung  des  ganzen  Baues  1524.

1517—40.  Herzog  Ernst  von  Bayern  Administrator  des  Bisthums  Passau.

1540—55.  Bischof  Wolfgang  1  von  Salm,  Restaurator  des  Hochstiftes.

1552.  11.  Mai  —  2.  August.  Der  Passauer  Vertrag  unter  Mitwirkung
des  Bischofs  Wolfgang  abgeschlossen.

1561—998.  Bischof  Urban  von  Trennbach,  der  letzte  Fürstbischof  von  bayerischer
Abkunft.

1598—1803.  Das  Hochstift  Passau  ausschließlich  von  österreichischen  Fürsten
und  Adeligen  besetzt.

1626.  Bischof  Leopold  tritt  zurück,  wird  Statthalter  von  Tyrol  und  Markgraf
  von  Burgau.

1796.  Bischof  Leopold  IV  Leonhard  Raimund  Graf  von  Thun,  der  letzte
Fürstbischof,  zieht  sich  1803  für  immer  nach  Böhmen  zurück  und  stirbt
auf  seinem  Schloß  Zibulca  bei  Prag  1826.

1802.  23.  November  wird  Passau  durch  den  ersten  Receß  der
Reichsdeputation  dem  Kurfürsten  Max  IV  von  Bayern
zugetheilt;  die  Bestandtheile  jenseits  der  Ilz  erhält  der
Großherzog  Ferdin  and  von  Toscana.

1803.  22.  Februar.  Bayern  ergreift  von  der  Stadt  Passau  durch
General  Deroy  und  Freiherrn  von  Frauenberg  Besitz.

1803.  25.  Februar.  Die  Besitznahme  Passaus  durch  Bayern  wird
durch  den  zweiten  Receß  der  Reichsdeputation  bestätigt.

1805.  December.  Durch  den  Preßburger  Frieden,  Art.  8,  erhält
Bayern  auch  jenen  Theil  des  Fürstenthums  Passau,  den
1803  Ferdinand  von  Toscana  erhalten  hatte.

1808—37.  Passau  Sitz  der  Regierung  des  Unterdonaukreises,  dann  bis
1839  von  Niederbayern.

3)  Reichsstadt  und  Hochstift  Regensburg.

14  v.  Chr.  Gründung  der  Stadt  Reginum,  Castrum  reginum,  Castra
Regina,  Augusta  Tiberii,  später  Ratisbona  (ratibus  bona),  Regensport,
  Reganesburg,  seit  800  Regensburg.
        <pb n="445" />
        Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.  49

554  n.  Chr.  Residenz  der  bayerischen  Herzöge  bis  788,  dann  911—4156.
649.  Emmeram  von  Peitiers,  Verkündiger  des  Evangeliums  in  und  um
Regensburg,  652  ermordet  durch  Landpert,  Herzog  Theodo's  I  Sohn.

652.  Herzog  Theodo  I  errichtet  zu  Ehren  Emmerams  in  Regensburg  eine
Kirche  mit  Kloster.

697.  Wicterp,  aus  dem  Geschlechte  der  Agilolfinger,  erster  Bischof  in  Regensburg.


805.  Regensburg  erhält  einen  „Hansgrafen“  als  Richter  und  Beschützer

.  des  Handels.

891.  Große  Feuersbrunst  in  Regensburg,  ebenso  953,  1020,  1130,  1152
und  öfter  bis  1809.

939.  Markgraf  Otto  vom  Nordgau  (Riedenburg)  Burggraf  in  Regensburg.
972—994.  Bischof  Wolfgang  aus  Schwaben,  zweiter  Gründer  des  Bisthums.

1135—46.  Bau  der  steinernen  Donaubrücke.

1185.  Das  Burggrafenamt  mit  den  Besitzungen  des  Grafen  von  Riedenburg
kommt  an  die  Herzöge  von  Bayern;  Regensburg  wird  durch  Kaiser
Frtih  Barbarossa  als  „freie  Stadt“  erklärt.  Anfang  der  Reichsreiheit.


1230.  Großes  Privilegium  Kaiser  Friedrichs  II  für  die  Stabt  Regensburg;
Befreiung  von  fremdem  Gericht,  Bestätigung  des  Hansgrafen.

1245.  Neues  Privilegium  durch  Kaiser  Friedrich  II,  Beschränkung  der
bischöflichen  Befugnisse.

1250.  Der  Franziskaner  Berthold  Lechs  von  Regensburg  tritt  als  Prediger
auf,  1272.

1275—1496.  Bau  des  Doms  zu  St.  Peter.

1295.  Kaiser  Adolf  ertheilt  dem  Abt  von  St.  Emmeram  den  Titel  „Fürst“.

1486.  26.  Juli.  Die  Stadt  Regensburg  übergiebt  sich  dem  Herzoge  Albrecht  IV.
von  Bayern  ganz  zu  eigen.

1492.  Herzog  Albrecht  IV  giebt  die  Stadt  Regensburg  an  das  Reich  zurück.

41499.  Kaiser  Maximilian  setzt  zu  Regensburg  einen  „Reichshauptmann“  ein.

1503—9.  Das  Reichskammergericht  in  Regensburg.

1521.  Regensburg  begiebt  sich  in  den  Schutz  des  Hauses  Oesterreich.

1522.  Erste  Regungen  zu  Gunsten  des  Lutherthums.

1542.  Oeffentliche  Einführung  des  lutherischen  Gottesdienstes  durch  Beschluß
des  Rathes.

Februar.  Erasmus  Zoller,  Pfarrer  bei  St.  Emmeram,  verläßt  seine
Stelle  und  wird  evangelischer  Prediger  bei  der  Kapelle  zur  schönen
Maria  (Neue  Pfarre).

1543.  Blasius,  erster  österreichischer  Stadthauptmann  in  Regensburg.

1613  —49.  Fortführung  des  Dombaus,  innere  Verschönerung  der  Kirche.

1626—31.  Bau  der  neuen  protestantischen  Kirche  (zur  heil.  Dreifaltigkeit).

1630.  15.  November.  Der  Astronom  Johann  Kepler  stirbt  zu  Regensburg,
geb.  1571  zu  Stadt  Weil.

1633.  Ordinari  Reichsdeputation.  Aufstellung  eines  kaiserlichen  Prinzipal=Commissarius.
  Beständiger  Reichstag  bis  1806.  Regensburg  erhält
die  Direktion  des  Reichsstädte-Rathes.

1748.  Alexander  Ferdinand  Fürst  von  Thurn  und  Texis,  kaiserlicher  Prinzipalcommissarius.
  Die  fürstlich  Taxis'sche  Familie  nimmt  ihren  Sitz
in  Regensburg.

1790.  Johann  Konrad  Freiherr  von  Schroffenberg  letzter  (67.)  Fürstbischof
von  Regensburg,  zugleich  Bischof  von  Freysing  und  Propst  von
Berchtesgaden  (1  1803  zu  Berchtesgaden).

1802.  24.  August.  Die  Reichsdeputation  eröffnet  unter  dem  keiserlichen

Blenipotentiarius  Freiherrn  von  Hügel  ihre  Sitzungen.
23.  November  erster  Receß;  25.  Februar  1803  zweiter  Receß.  Der
        <pb n="446" />
        430

Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.

Stuhl  zu  Mainz  wird  auf  die  Kathedrale  an  Regensburg  übertragen.
Die  Würden  eines  Kurfürsten,  Reichserzkanzlers,  Metropoliten-Erzbischofs
  und  Primas  von  Deutschland  sollen  auf  ewige  Zeiten  damit
vereinigt  bleiben.  Der  Erzkanzler  Karl  Theodor  von  Dalberg  erhält
die  Stadt  Regensburg,  die  Abteien  St.  Emmeram,  Obermünster  und
Niedermünster,  dazu  das  Fürstenthum  Aschaffenburg  und  die  Stadt
Wetzlar.  Einkommen  650,000  Gulden.

30.  Dezember  1803.  Der  Kurfürst  Erzbischof  von  Dalberg  zieht  in
Regensburg  ein.

1803—1810.  Fürstenthum  Regensburg.

1806.

1809.
1810.

1812.

1814.

Der  Kurfürst  Erzkanzler  Karl  Theodor  von  Dalberg  tritt  dem  Rheinbund
  bei,  erhält  den  Titel:  Eminenteste  Hoheit,  bekommt  zu  seinem
Gebiete  noch  die  Stadt  Frankfurt  und  Souverainetätsrechte  über
mehrere  Güter;  Residenz  des  Fürsten-Primas  zu  Frankfurt.

23.  April  großer  Brand  in  Regensburg.

17.  Juni.  Der  Fürst-Primas  nimmt  von  den  Gütern  des  auf#gehobenen
  deutschen  Ordens  Besitz.

16.  Februar.  Der  Fürst-Primas  wird  Großherzog  von  Frankfurt  mit
dem  Titel  „Königliche  Hoheit“  und  tritt  Regensburg  an  Napoleon  ab.
28.  Februar.  Regensburg  kommt  an  Bayern.  Besitznahme
durch  Freiherrn  von  Weichs  und  von  Mieg  am  9.  und  22.  Mai.
23.  September:  Regensburg  Hauptstadt  des  Regenkreises.

Der  Fürst  von  Thurn  und  Taxis  kauft  die  Gebäude  des  Stifts
St.  Emmeram  und  erhält  von  dem  König  Max  I1  von  Bayern  die
Herrschaft  Donaustauf  zu  Lehen.

Januar.  Karl  Theodor  von  Dalberg  geht  nach  Auflösung  des  Rheinbundes
  und  Verlust  des  Großherzogthums  Frankfurt  als  Privatmann
nach  Regensburg,  erhält  eine  jährliche  Sustentation  von  100,000
Gulden  und  stirbt  am  10.  Februar  1817  (geb.  1744  zu  Hernsheim
bei  Worms).

II.  In  der  Uheinpfalz.
4)  Hochslift  Speier.

Vorrömisch  oder  gallisch  Noviomagus;  römisch  Nemetes;  seit  Anfang
des  7.  Jahrhunderts  Spira,  dann  Spir,  seit  dem  16.  Jahrhundert  Speir,

Speier.

200—300  n.  Chr.  Alemannen  und  Franken  zerstören  Speier.  K.  Kon-348.



614.

665.
800.

1030.

1061.

1289.
1294.

stantius  Chlorus  Wiederhersteller  Speiers.

Jesse,  angeblich  Bischof  in  Speier.

Gründung  des  Bisthums  Speier  unter  König  Chlotar  II;  Athanasius,
Principius  die  ersten  Bischöfe.

König  Childerich  II  von  Austrasien  verleiht  der  Kirche  von  Speier
volle  Immunität.

Civitas  Spira  mit  einer  königlichen  Pfalz.

König  Konrad  II  legt  den  Grund  zum  Dombau.

Einweihung  des  Doms.

Eine  große  Feuersbrunst  beschädigt  den  Dom,  ebenso  1450.
Vollkommene  Reichsfreiheit  der  Stadt.

1530—14693.  Das  Reichskammergericht  zu  Speier.

1689.

31.  Mai  bis  2.  Juni.  Die  Stadt  Speier  wird  von  Montclas  genommen
  und  eingeäschert,  der  Dom  zerstört.
        <pb n="447" />
        1697.

1772.
1797.

1802.

1816.

800.

906.

997.
1007.
1012.
1043.
1081.
1103.
1110.
1208.

1530.

1553.
1738.

1795.

1802.

1803.

Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.  431

Wiederaufbau  der  Stadt  begonnen.

Die  Wiederherstellung  des  Domes  wird  begonnen.

Die  Stadt  Speier  mit  dem  bischöflichen  Gebiete  links  des  Rheins
wird  der  Republik  Frankreich  einverleibt  und  1798  dem  Departement
Mont  Tonnerre  zugetheilt  (defin.  Februar  1801).

November.  Durch  den  Reichsdeputations-Receß  wird  das  bischöfliche
Gebiet  rechts  des  Rheins  als  Fürstenthum  Bruchsal  dem  Markgrafen
von  Baden  zugewiesen.

Franz  Wilderich,  Graf  von  Waldendorf,  letzter  (79.)  Fürstbischof  von
Speier,  stirbt  1809  zu  Waghäusel.

14.  April.  Durch  Traktat  zwischen  Oesterreich  und  Bayern
kommt  die  Stadt  Speier  mit  dem  ehemaligen  bischöfl.
Gebiete  links  des  Rheins  an  das  Königreich  Bayern.

III.  In  Franken.
5)  Hochstift  Bamberg.

Gründung  der  Stadt  Bamberg;  Erweiterung  durch  die  Grafen  von
Babenberg.

Der  Graf  Adalbert  von  Babenberg  wird  auf  Befehl  des  Königs  Ludwig
des  Kindes  im  königlichen  Lager  vor  dem  Schlosse  Theres  enthauptet.
Herzog  Heinrich  IV  von  Bayern  (als  deutscher  König  Heinrich  II)
bestimmt  Bamberg  seiner  Gemahlin  als  Morgengabe.

König  Heinrich  II  errichtet  das  Bisthum  Bamberg.  Eberhard,  Kanzler
Heinrichs  II,  erster  Bischof.

Der  erste  Dombau  vollendet.

Bischof  Suidger  wird  Papst  unter  dem  Namen  Klemens  II,  1047.
Der  Dom  wird  durch  eine  Feuersbrunst  verzehrt.

Der  Bischof  Bambergs  erhält  in  seinem  Bezirke  die  ausschließende
Gerichtsbarkeit.

Neubau  des  Doms  zu  St.  Georg  und  Peter  begonnen;  Vollendung
  1275.

König  Philipp  wird  von  Otto  VIII  von  Wittelsbach  zu  Bamberg
gemordet.

Die  Diözöse  Bamberg  verliert  in  Folge  der  Reformation  gegen  150
Pfarreien,  besonders  im  Nürnberger,  Ansbacher,  Kulmbacher  und
sächsischen  Gebiete.  «

16.  April.  Albrecht  Alcibiades  erobert  die  Stadt  Bamberg  und  zerstört
  die  Altenburg.

Jobst  Bernhard  von  Aufseß  zu  Mengersdorf,  Domkapitular  zu  Bamberg
  und  Würzburg,  stiftet  das  Aufseßische  Seminar  zu  Bamberg
(eröffnet  1741,  aufgehoben  1803,  wieder  eingerichtet  1830).
Christoph  Franz  von  Buseck,  letzter  (62.)  Fürstbischof  von  Bamberg.
Der  Bischof  von  Bamberg  wird  durch  Vertrag  mit  Preußen  erster
mitausschreibender  Fürst  und  Direktor  des  fränkischen  Kreises,  kF  1805.
September.  Bayerische  Truppen  rücken  in  Bamberg  ein.  Besitznahme
  für  Bayern  durch  J.  W.  von  Hompesch  am  28.
November.

25.  November.  Das  Fürstbisthum  Bamberg  wird  durch
Reichsdeputations  =  Hauptschluß  dem  Kurfürstenthum
Pfalz-Bayern  einverleibt.

Georg  Karl  von  Fechenbach,  Bischof  von  Würzburg,  übernimmt  das
bischöfliche  Amt  und  führt  es  bis  zu  seinem  Tode  (9.  April  1808).
        <pb n="448" />
        432

740.
745.
1014.

Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.

6)  Hochstift  Eichslaedt.

Eine  Kirche  und  ein  Kloster  nach  St.  Benedikts  Regel  bildet  den

Anfang  der  Stadt  Eichstaedt.

Willibald,  Neffe  des  heil.  Bonifazius,  erster  Bischof  von  Eichstaedt.

Erste  Ausstattung  des  Bisthums  durch  Graf  Suidger  von  Hirschberg.

Minderung  des  Bisthums  Eichstaedt  durch  Gründung  des  Bisthums
amberg.

1042—57.  Bischof  Gebhard  I,  Graf  von  Calw,  1054  Papst  unter  dem

Namen  Viktor  II.

1195—1223.  Eichstaedt  erhält  eigene  Gerichtsbarkeit  und  Befreiung  von

Abgaben  an  kaiserliche  Vögte.

1531—65.  Bischof  Berthold,  Burggraf  von  Nürnberg  Constitutio  Berthol-1790.


1802.

1803.

1804.—
1805.
1808.
1817.
1855.

912.
1050.

1070.
1074.
1123.
1219.

1313
1320

1355.

dina  zur  innern  Reform  der  Diözese;  Neubau  der  Willibaldsburg  —
Wohnsitz  der  Fürstbischöfe  bis  1730.

Joseph  Graf  von  Stubenberg,  letzter  (68.)  Fürstbischof  von  Eichstaedt,
stirbt  1824  als  Erzbischof  von  Bamberg  und  Bischof  von  Eichstaedt.
23.  November.  Erster  Reichsdeputations-Receß.  Ende  des
Fürstbisthums  Eichstaedt.  Der  bayerische  Kommissär
Graf  von  Tassis  empfängt  die  Huldigung  für  Bayern.
25.  Februar.  Zweiter  Reichsdeputations-Receß.  Bayern
bekommt  das  Eichstaedter  Oberland,  das  untere  Stift
kommt  an  Ferdinand  von  Toscana,  Kurfürst  von  Salzburg.


Jankr.  Das  Eichstaedter  Oberland  kommt  an  Preußen,
1806  mit  Ansbach  an  Bayern.

Dezember.  Durch  den  Frieden  von  Preßburg  kommt  das
untere  Stift  von  Salzburg  an  Bayern.  "

1.  Oktober  bis  1810  Dezember.  Eichstaedt  Hauptstadt  des  Altmühlkreises.


Dezember.  Fürstenthum  Eichstaedt  dem  Herzog  Eugen  von
Leuchtenburg  verliehen.

Das  Fürstenthum  Eichstaedt  wird  aufgelöst  und  gegen
3  Millionen  Gulden  an  Bayern  zurückgegeben.

7)  Reichsstadt  RNürnberg).

Erbauung  der  Burg  unter  König  Konrad  I;  Erweiterung  unter
Kaiser  Friedrich  I,  dann  1307—1347.

Nürnberg  (Nurinbere,  nuorinberc,  nourenberg,  d.  i.  Berg  des
Nuro  oder  Nuoro)  wird  in  Urkunden  als  ein  Ort  mit  Markt-,  Zollund
  Münzrecht  genannt,  seit  1112  als  kaiserlicher  Ort.
Wallfahrten  zum  Grab  des  heil.  Sebald  in  der  St.  Peterskapelle.
Nürnberg  wird  von  Heinrich  V  belagert  und  eingenommen.

Auf  der  Burg  ein  k.  Vogt  oder  Castellan.

Der  große  Freiheitsbrief  K.  Friedrichs  II;  die  Stadt  erhält  eigenes
Gericht  unter  einem  Schultheißen  und  einem  Münzmeister.

Pisa  11.  Juni.  Privilegium  König  Heinrichs  VII.

Privilegium  König  Ludwigs  des  Bayern.

November  bis  1356  Januar.  Reichstag  zu  Nürnberg.  Die  goldene
Bulle.

*)  Siehe  das  Burggrafenthum  oben  unter  Lit.  D.  Seite  424.
        <pb n="449" />
        1422.
1427.
1575.

1803.
1806.

418.

804.
1108.
1172.
1274.
1315.
1335.
1802.

1810.

790.

952.
1003.
1112.
1130.
1253.
1259.

1275.
1330.

Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.  433

König  Sigmund  übergiebt  dem  Rathe  Nürnbergs  die  k.  Burg  mit
der  Verpflichtung,  sie  in  Stand  zu  halten.

Die  Stadt  kauft  von  dem  Kurfürsten  Friedrich  I  von  Brandenburg
das  burggräfliche  Schloß  nebst  andern  Gütern  um  120,000  Gulden.
Das  1526  bei  Egydien  in  Nürnberg  gegründete  Gymnasium  wird
nach  Altdorf  verlegt,  1578  zur  Akademie,  1622—23  zur  vollständigen
Universität  erhoben.  ·  «

25.  Februar.  Durch  den  zweiten  Reichsdeputations-Receß  wird  Nürnberg
  mit  fünf  andern  Städten  beim  Reiche  erhalten.

12.  Juli.  Durch  den  17.  Artikel  der  Rheinbundesakte
wird  Nürnberg  mit  Gebiet  dem  Königreiche  Bayern  einverleibt.
  Bayern  nimmt  am  15.  September  von  Nürnberg
  Besitz  durch  den  Grafen  von  Thürheim.

8)  Reichsstadt  Rothenburg  ob  der  Faubher.

Sage:  Der  Frankenherzog  Pharamond  baut  den  ersten  Thurm  der
alten  Burg  zu  Rothenburg.

Erste  urkundliche  Erwähnung  Rothenburgs.

Heinrich,  der  letzte  Graf  von  Rothenburg,  stirbt.

Rothenburg  erhält  vom  Kaiser  Friedrich  1  das  Stadtrecht.  Erweiterung
  der  Stadt  1204,  1408,  1452.

Die  Stadt  Rothenburg  erhält  vom  Kaiser  Rudolf  von  Habsburg  ein
großes  Privilegium.  Anfang  der  Reichsfreiheit.

K.  Ludwig  der  Bayer  bestätigt  die  Rechte  und  Freiheiten  der  Stadt.
Privilegium,  daß  die  Stadt  nicht  mehr  vom  Reiche  getrennt  werden  solle.
23.  November.  Erster  Reichsdeputations-Receß;  Rothenburg
  kommt  an  Kurpfalz-Bayern.

Der  westliche  Theil  des  Rothenburger  Gebiets  kommt  an  Württemberg.

9)  Reichsstadt  Schweinfurt.

Die  Markung  Schweinfurt  kommt  durch  eines  Hiltrich  Schenkung  an
das  Stift  Fulda.

Schweinfurt  als  Stadt  erwähnt,  östlich  von  der  heutigen  Stadt,  auf
der  Petersstirne.

Schweinfurt  wird  auf  Befehl  K.  Heinrichs  III  zur  Bestrafung  des
aufrührerischen  Markgrafen  Hezilo  zerstört.

Eberhard,  Bischof  von  Eichstaedt,  letzter  Markgraf  von  Schweinfurt,
stirbt;  das  neu  aufgebaute  Schweinfurt  fällt  an  das  Reich.

Anfang  der  Reichsfreiheit.

Schweinfurt  wird  zerstört.

Schweinfurt  wieder  aufgebaut.

Schweinfurt  fällt  wieder  an  das  Reich.

König  Ludwig  der  Bayer  verleiht  der  Stadt  eigenes  Gericht.

 

1361—68.  Neue  Privilegien  durch  K.  Karl  1V.

1401.
1568.
1802.

Privilegien  durch  K.  Ruprecht.

Die  Schutz=  und  Schirmherrschaft  wird  an  das  Reich  übertragen.
S.  September.  Schweinfurt  wird  von  Bayern  militärisch
besetzt.

5.  Dezember.  Civilbesitznahme  für  Bayern  durch  Hompesch.
Bestätigung  durch  den  Reichsdeputations-Receß  vom  25.
Februar  1803.

Sattler,  bayer.  Geschichte.  28
        <pb n="450" />
        434
1810.
1814.

420.

650.

755.

1295.
1342.
1802.
1803.
1806.
1810.

680

686.

688.

741.

Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.

8.  26.  Mai.  Die  Stadt  Schweinfurt  mit  Gebiet  wird  dem
Großherzogthum  Würzburg  einverleibt.

19.  Juni.  Schwein  furt  kommt  mit  dem  Großherzogthum
Würzburg  an  das  Königreich  Bayern

10)  Reichsstadt  Windsheim.

Sage  von  Windegast  als  Gründer  der  Stadt.

Wahrscheinliche  Gründung  der  Stadt  durch  Wenden.

Windsheim  wird  als  villa  regia  erwähnt.

Erstes  Privilegium.  K.  Adolf  von  Nassau  befreit  Windsheim  von
auswärtigem  Gericht.

Privilegium  K.  Ludwigs  des  Bayern,  daß  Windsheim  einen  eigenen
Gerichtsstand  habe.

3.  September  und  2.  Dezember.  Windsheim  wird  von  Kurpfalz-Bayern
  in  Besitz  genommen.

30.  Juni.  Windsheim  kommt  an  Preußen  (20.  Februar
1804  Besitzergreifung).

Windsheim  wird  von  französischen  Truppen  besetzt  und
10.  Juni  1807  an  Frankreich  abgetreten.

28.  Februar.  Windsheim  wird  dem  Königreich  Bayern  einverleibt
  und  am  30.  Juni  1810  von  der  bayerischen  Regierung
  in  Besitz  genommen.

11)  Stadt  und  Hochstift  Würzhurg.

soll  ein  Gozbert,  Herzog  in  Franken,  in  Würzburg  residirt  haben.
Kilian  aus  Schottland  nebst  Colonat  und  Tetnan  Verkündiger  des
Evangeliums  an  der  Rhön  und  am  Main.

8.  Juli.  Kilian  wird  auf  Anstiften  der  Herzogin  Geilane  ermordet,
weil  er  den  Herzog  Gozbert  aufgefordert  hatte,  sich  von  Geilane,  der
Wittwe  seines  Bruders,  zu  trennen.

Gründung  des  Bisthums  Würzburg  durch  Bonifazius.

741—  752.  Burkard  aus  England  erster  Bischof.  Marienkirche,  die  älteste

908.
1000.
1007.
1024.
1131.
1134.

1168.
1347.

1403.
1443.

Kirche  in  Franken.  Erbauung  des  alten  Münsters.

Der  Konradiner  Rudolf,  Bischof  von  Würzburg,  fällt  im  Kampfe  gegen
die  Ungarn.

Gründung  des  neuen  Münsters  über  St.  Kilians  Grab.
Minderung  der  Diözese  durch  Errichtung  des  Bisthums  Bamberg.
Der  Bischof  von  Würzburg  erhält  das  Landgericht  Franken  und  den
Titel  „Herzog  in  Ostfranken“.

Bischof  Embricho  Graf  von  Leiningen  erhält  von  K.  Lothar  II  den
Titel  „Herzog  in  Franken“.

Der  Name  Herbipolis  kommt  in  Gebrauch  statt  des  ursprünglichen
Wirzeburg.

K.  Friedrich  1  Barbarossa  bestätigt  die  bischöfliche  Gerichtsbarkeit.
November.  K.  Karl  19V  bestätigt  dem  Bischof  von  Würzburg  das
Landgericht  zu  Franken.

Gründung  der  Universität  Würzburg  (geht  1413  wieder  ein).
itnnilcb  nennen  sich  von  da  an  regelmäßig  „Herzöge  in  Ostranken“.


1466—95.  Bischof  Nudolf  von  Scherenberg  führt  geordneten  Haushalt  ein,

wird  deshalb  der  zweite  Stifter  des  Bisthums  genannt.
Die  Veste  Frauenberg  (Marienberg)  wird  umgebaut  (1650).
        <pb n="451" />
        Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.  435

1573—1617.  Bischof  Julius  Echter  von  Mespelbrunn.
Neubau  des  abgebrannten  Schlosses  Marienberg.

1576.  Gründung  des  Juliusspitals  mit  der  Kilianskirche.

1582.  Gründung  der  Universität;  Bau  des  Universitätsgebäudes  mit  Kirche
is  .

1650.  Verstärkung  der  Veste  Marienberg,  weiterhin  1733.

1684—99.  Bischof  Johann  Gottfried  II  von  Guttenberg  „des  heil.  römischen
Reiches  Fürst  und  Bischof  von  Würzburg,  Herzog  zu  Franken“.

1720—44.  Bau  der  neuen  Residenz  in  Würzburg.

1752.  Bischof  Karl  Philipp  von  Greifenklau  erhält  vom  Papste  Benedikt  XIV
das  Pallium.

1795.  Georg  Karl  von  Fechenbach,  der  letzte  (82.)  Fürstbischof  von  Würzburg.

1803.  25.  Februar.  Das  Hochstift  Würzburg  kommt  durch  den
zweiten  Receß  der  Reichsdeputation  bis  auf  etliche  Orte,
die  den  Fürsten  zu  Löwenstein,  Hohenlohe  und  Leiningen
zugetheilt  werden,  an  Bayern.

1805.  26.  Dezember.  Durch  den  Frieden  von  Preßburg  kommt
Würzburg  an  den  Kurfürsten  Erzherzog  Ferdinand  von
Salzburg.

1808.  9.  April.-  Fürstbischof  Georg  Karl  von  Fechenbach  stirbt.

1814.  19.  Juni.  Vertrag  mit  Oesterreich.  Das  Großherzogthum
Würzburg  wird  an  das  Königreich  Bayern  übergeben.
Ratifizirt  am  14.  und  20.  April  1816.

IV.  In  der  Sberpfalz.

12)  Reichsstadt  Weißenburg.

170.  Gründung  der  Stadt  unter  Marc  Aurel.
740.  Willibald  verkündigt  um  Weißenburg  das  Evangelium.
923.  Weißenburg  unter  dem  Gaurichter  Ernst  Graf  von  Hirschberg.
1029.  Ernst  von  Schwaben  muß  Weißenburg  an  König  Konrad  1I  abtreten.
Anfang  der  Reichsfreiheit.
1262.  Herzog  Ludwig  II,  der  Strenge,  erobert  und  verbrennt  die  Stadt.
1296.  Privilegium  des  eigenen  Gerichtsstandes,  ern.  1310,  1330  u.  ö.
1360.  2  daß  die  Stadt  nie  wieder  vom  Reiche  getrennt  werden
  solle.
1802.  19.  September.  Ende  der  Reichsstadt  Weißenburg;  Besitznahme
  durch  Kurpfalzbayern
1804.  Januar.  Weißen  burg  wird  an  Preußen  abgetreten.
1806.  24.  Februar.  Weißenburg  wird  dem  Königreich  Bayern
ein  verleibt.

V.  In  Schwaden.
13)  Reichsstadt  und  Hochstift  Augsburg.

Vorrömisch  Damasia,  Hauptort  der  Likatier.
13.  v.  Chr.  Augusta  Vindelicorum,  römische  Kolonie,  Sitz  des  Propraetors
  von  Raetia.

28“
        <pb n="452" />
        436  Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.

120.  u.  Chr.  Augsburg  wird  vom  K.  Hadrian  verschönert  und  stark  befestigt.
  Aelia  Augusta.

303.  Martertod  der  heiligen  Afra.

580.  Sosimus,  angeblich  erster  Bischof  von  Augsburg.

778—807.  Bischof  Simpert.  Erster  Bau  der  Domkirche.

923—73.  Bischof  Ulrich,  Graf  von  Dillingen  (993  kanonisirt,  wird  Schutzpatron
  der  Kirchen  in  Augsburg).

955.  Niederlage  der  Ungarn  auf  dem  Lechfelde.

995.  Neubau  der  Domkirche.

1132.  Verwüstung  der  Stadt  durch  Feuer.

4156.  K.  Friedrich  1  Barbarossa  giebt  Augsburg  ein  großes  Privilegium.

1162.  Augsburg  eine  kaiserliche  Stadt.

1183.  Großer  Brand  in  Augsburg,  und  1333  und  öfter.  ç

1276—1231.  Das  Augsburger  Stadtbuch.  Vollkommene  Reichsfreiheit  der

tadt.

1316.  Großes  Privilegium  K.  Ludwigs  des  Bayern,  daß  die  Stadt  Augsburg
  nie  vom  Reich  getrennt  werden  solle.

1401.  August.  K.  Ruprecht  in  Augsburg  bestätigt  die  alten  Rechte.

1426.  Großes  Privilegium  K.  Sigmunds.  %

1737.  28.  September.  Erneuerung  der  Privilegien  von  1426.

1802.  23.  November  und  1803.  25.  Februar.  Das  Hochstift  Augsburg
wird  aufgelöst  und  dessen  Gebiet  dem  Kurfürsten  von
Bayern  zugetheilt;  der  Bischof  Klemens  Wenzeslaus  erhält
  vom  Kurfürsten  von  Bayern  das  Dorf-Hindelang
und  das  Sommerschloß  zu  Oberdorf,  J  zu  Oberdorf  1812.
Die  Reichsstadt  Augsburg  besteht  fort.  »

1805.  21.  Dezember.  Die  Stadt  Augsburg  wird  von  Bayern  militärisch
  besetzt,  durch  den  Preßburger  Frieden  (26.  Dezember)
  dem  König  von  Bayern  zugetheilt.

1806.  3.  März.  Civilbesitznahme  für  Bayern.

14)  Markgrasschaft  Burgan.

1180—1300.  Die  Grafen  von  Ramsberg  (Romsberg)  und  Roggenstein
aus  dem  Geschlecht  der  Grafen  von  Berg  und  Schelklingen  im  Besitz
der  Markgrasschaft  Burgau  zwischen  den  Flüssen  Donau  und  Lech.

1301.  Heinrich  V  verkauft  die  Markgrafschaft  Burgau  an  K.  Albrecht  I.
Herzog  Leopold  wird  Markgraf  von  Burgau.  *

1361.  Die  Markgrafschaft  Burgau  wird  von  fremden  Gerichten  eximirt,
wiederholt  1366.

1396—443.  Herzog  Friedrich  mit  der  leeren  Tasche  wird  Markgraf  von
urgau.

1530.  K.  Karl  V  belehnt  seinen  Bruder  Ferdinand  mit  Burgau.  4%

1559.  K.  Ferdinand  1  löst  die  verpfändete  Grafschaft  wieder  ein  und  übergiebt
  sie  1564  seinem  Sohne  Ferdinand.

1608.  Karl,  Sohn  des  Erzherzogs  Ferdinand  und  der  Philippine  Welser,
erhält  die  Markgrasschaft  Burgau.

1618.  Markgraf  Karl  stirbt  ohne  Nachkommen;  die  Markgrafschaft  Burgau
fällt  an  Oesterreich  zurück.

1626—32.  Erzherzog  Leopold,  bisher  Bischof  von  Passau  und  Straßburg,
Markgraf  von  Burgau.

1662—65.  Erzherzog  Franz  Sigmund,  Cardinal,  Bischof  von  Augsburg,
Trient  und  Gurk,  Markgraf  von  Burgau.
        <pb n="453" />
        1805.

920.
1288.
1305.

1309.
1352.

1387.

1532.

1802.
1803.

1806.
1809.

1130.
1240.

1286.

1325.
1330.

1802.

14
650
773.

820.

Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.  437

Dezember.  Durch  den  Preßburger  Frieden  wird  die  Markgrafschaft
  Burgau  dem  Königreich  Bayern  zugetheilt.

15)  Reichsstadt  Dinkelsbüh.

Angeblich  von  einem  Dinkelhof,  nach  andern  Angaben  Dingsbühl,
d.  i.  öffentliche  Gerichtsmalstaette.

Dinkelsbühl  ein  oppidum  villionm,  um  1125  ummauert.

In  Dinkelsbühl  ein  k.  Landvogt.

Dinkelsbühl  erhält  von  K.  Albrecht  1  eigenes  Gericht.  Anfang  der
Reichsfreiheit.

K.  Heinrich  VII  verleiht  der  Stadt  Dinkelsbühl  neue  Rechte.

K.  Karl  IV  verleiht  der  Stadt  Dinkelsbühl  das  Recht,  einen  Richter
und  Amtmann  aus  eigenen  Mitteln  unabhängig  von  dem  Landvogt
in  Schwaben  zu  bestellen.

Der  Deutschorden  gründet  in  Dinkelsbühl  ein  Haus.

Die  Reformation  wird  durchgeführt.

30.  November.  Dinkelsbühl  wird  von  Bayern  besetzt.

30.  Juni.  Dinkelsbühl  wird  von  Bayern  an  Preußen
überlassen.

Mai.  Mit  dem  Fürstenthum  Ansbach  kommt  Dinkelsbühl
neuerdings  an  Bayern.

Die  Deutschordensvogtei  Dinkelsbühl  wird  von  Bayern
eingezogen.

16)  Reichsstadt  Kaufbeuren.

Buron,  Beuren,  seit  dem  14.  Jahrhundert  Kaufbeuren.

Kaufbeuren,  im  Besitz  der  Welfen,  kommt  1191  an  die  Hohenstaufen.
Kaufbeuren  wird  als  Stadt  erwähnt,  erste  deutsche  Urkunde  von
König  Konrad  III.

K.  Rudolf  verleiht  der  Stadt  Kaufbeuren  eigenes  Gericht  unter  einem
k.  Amman.  Anfang  der  Reichsfreiheit.

Eine  Feuersbrunst  verzehrt  den  größten  Theil  der  Stadt.

K.  Ludwig  IV  der  Bayer  verleiht  der  Stadt  Kaufbeuren  große
Rechte  und  Freiheiten.

2.  September.  Kaufbeuren  wird  von  Bayern  in  Besitz  genommenz;
  definitiv  1803.  25.  Februar  durch  den  Reichsdeputationshauptschluß.


17)  Reichsstadt  und  gefürstete  Abtei  Kempten.

Campodunum,  Stadt  der  Estioner  in  Vindelizien  auf  dem  rechten
Ufer  der  Iller.

v.  Chr.  Herrschaft  der  Römer.

n.  Chr.  Allmälige  Entstehung  der  Stadt  am  Fuße  des  Hilarmont.
Hildegard,  Gemahlin  Karls  des  Großen,  erbaut  und  begabt  die
zönigliche  Abtei"“  zu  Kempten.  Audogar,  erster  Abt  des  Klosters,
stirbt  796.

K.  Ludwig  der  Fromme  verleiht  dem  Stifte  freie  Abtswahl  und
Immunitäten.

910—41.  Einfälle  der  Ungarn;  Kloster  und  Stadt  Kempten  verwüstet.
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        438  Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.

943.  Bischof  Ulrich  von  Augsburg  stellt  das  Kloster  wieder  her.
960.  Erweiterung  der  Stadt.

1289.  K.  Rudolf  I1  verleiht  der  Stadt  Kempten  den  ersten  Freiheitsbrief.
Der  Kaiser  wird  Schirmvogt  der  Stadt.  Anfänge  der  Streitigkeiten
zwischen  Stadt  und  Stift.

1331.  K.  Ludwig  der  Bayer  verleiht  der  Stadt  Kempten  Befreiung  von
fremdem  Gerichte.  Kaiserliches  Landgericht  der  Grasschaft  Kempten.

1348.  Der  Abt  von  Kempten  urkundlich  „Fürst“  genannt;  1363  Fürstabt.

1361.  Die  Stadt  Kempten  wird  in  die  Reihe  der  „Reichsstädte“  aufsgenommen.
Dezember.  Einigungsbrief  zwischen  dem  Stifte  und  dem  Bürgerrathe.

1363.  Die  Bürger  von  Kempten  erstürmen  und  demoliren  Hilarmont,  die
Burg  des  Fürstabtes.

1379.  Die  Stadt  Kempten  erkauft  die  Burg  Hilarmont.  Ewiger  Bund
zwischen  Stadt  und  Stift  zu  gegenseitigem  Schutze.

1425.  Anfänge  zu  einer  neuen  Stadt  um  das  Stift  Kempten.

1483.  Das  Stift  Kempten  wird  dem  Papste  unmittelbar  unterstellt.

1485.  Tag  hllm  zur  Ausgleichung  der  Streitigkeiten  zwischen  Stadt
und  Stift.

1525.  6.  Mai.  Der  Abt  zu  Kempten  überläßt  an  die  Stadt  Kempten  gegen
30,000  Goldgulden  alle  seine  Gerechtsame  über  dieselbe.

1608.  Die  Stadt  Kempten  tritt  der  Union  bei,  der  Fürstabt  1609  der  Liga.

1632.  Januar.  Die  Stadt  Kempten  wird  von  den  Kaiserlichen  eingenommen,
diese  aber  werden  1634  von  den  Schweden  vertrieben.

1634.  Mär.  Das  Stift  Kempten  wird  von  schwedischen  Truppen  ganz
zerstört.

Oktober.  Oberst  Graf  von  Wolkenstein,  kaiserlicher  Kommandant  der
Stadt  Kempten.

1639—73.  Fürstabt  Roman  Giel  von  Gielsberg.

1648.  Der  Fürstabt,  ebenso  die  Stadt  Kempten,  erhalten  durch  den  westphälischen
  Frieden  volle  Landeshoheit.

1793.  Castolus  Reichlin  von  Meldegg,  letzter  (104.)  Abt  von  Kempten
(r  28.  Mai  1804).

1802.  2.  September.  Stadt  und  Stift  Kempten  von  Bayern
militärisch  besetzt.

20520.  November.  Civilbesitznahme  des  Stifts  und  der
tadt.

1803.  25.  Februagr.  Stadt  und  Stift  Kempten  werden  durch  den
Reichsdeputations-Hauptschluß  definitiv  mit  Kurpfalzbayern
  vereinigt.

18)  Reichsstadt  KTindau.

15.  v.  Chr.  Die  Römer  am  Bodensee.  Receptaculum  Tiberii.
612.  n.  Chr.  Verkündigung  des  Evangeliums  am  Bodensee  durch  Columban.
800.  Curtis  Lintowa  im  Argengau.
948.  Lindau  wird  von  dem  Herzog  Hermann  1  von  Alemannien  eingeäschert.
1180.  Erbauung  der  St.  Stephanskirche  (jetzt  protestantische  Kirche).
1275.  Rechtsbrief  K.  Rudolfs  I.  Die  Stadt  erhält  einen  Ammann  unter
dem  Landvogt  von  Schwaben.

1298.  Lindau  erhält  eigenes  Gericht  und  Befreiung  von  auswärtigen  Gerichten.


1728.  Große  Feuersbrunst  in  Lindau.

1803.  25.  Februar.  Karl  August,  Fürst  von  Bretzenheim,  natürlicher
  Sohn  des  Kurfürsten  Karl  Theodor  von  Bayern
        <pb n="455" />
        Die  einstmaligen  Hochstifter  und  Reichsstädte.  439

(11799),  erhält  durch  den  Reichsdeputations-Hauptschluß
für  seine  Verluste  jenseits  des  Rheins  die  Stadt  und
Abtei  Lindau,  vertauscht  sie  aber  alsbald  gegen  böhmische
Landgüter  an  Oesterreich.

1805.  25.  Dezember.  Durch  den  Preßburger  Frieden  wird  Lindau
dem  Königreich  Bayern  zuerkannt.

19)  Reichsstadt  Memmingen.

1128.  Die  Welfen  in  und  um  Memmingen  begütert.

1191.  Dezember.  Welf  III  (VIII),  Sohn  des  bayerischen  Herzogs  Heinrich
  IX,  des  Schwarzen,  stirbt  zu  Memmingen.
Köoig.  Heinrich  VI  nimmt  die  Stadt  nebst  den  welfischen  Gütern
in  Besitz.

1276.  K.  Rudolf  1  bestätigt  das  Stadtbuch.

1286.  Privilegium,  daß  die  Stadt  nie  veräußert,  verpfändet  oder  vertauscht,
daß  kein  Bürger  vor  ein  fremdes  Gericht  gefordert  werden  solle;  bestätigt
  1330.

1296.  Memmingen  erhält  einen  Stadtammann.

1524.  Memmingen  entscheidet  sich  für  die  Reformation.

1702.  1.  Oktober.  Max  Emanuel  nimmt  Memmingen  ein.

1802.  2.  September.  30.  November.  Die  Stadt  Memmingen  wird
von  Kurpfalz-Bayern  in  Besitz  genommen.

20)  Reichsstadt  Nördlingen.

898.  Nördlingen  unter  K.  Arnulf  als  Curtis  regia  erwähnt.
Winburg,  Wittwe  Zwentibolds,  schenkt  Nördlingen  der  Kirche  St.
Petet  und  Emmeram  in  Regensburg.

1215.  K.  Friedrich  II  bringt  Nördlingen  wieder  an  das  Reich.

1238.  Verwüstung  der  Stadt  durch  eine  Feuersbrunst;  abermals  1258.

1263.  Die  Stadt  wird  in  der  Ebene  neu  aufgebaut.  Ein  k.  Vogt  in  Nördlingen.


1314-473  Erste  Privilegien  von  K.  Ludwig  IV,  dem  Bayern.  Nördlingen
Reichskammerstadt.

1401.  Rechts=  und  Freiheitsbrief  K.  Ruprechts.

1522.  Erste  Bewegungen  zur  Kirchenreform.

1802.  8.  September.  Die  Stadt  Nördlingen  wird  von  Bayern
militärisch  besetzt.

1803.  25.  Februar  Nördlingen  wird  durch  den  Reichsdeputations-=Hauptschluß
  dem  Kurfürstenthum  Pfalz-Bayern  einverleibt.
        <pb n="456" />
        Beilagen.

Jum  ersten  Zeitraum  gehhrig  von  Siffer  1—5  incl.

1.  Bei  den  Alten  führte  die  Gegend  südlich  von  der  mittleren  und
unteren  Donau  die  Namen  Vindelizien,  Raetien,  Norikum  und
Pannonien.  Vindelizien  hieß  das  Land  vom  Bodensee,  von  der  Wertach
und  dem  untern  Lech  bis  zum  Inn;  vom  Inn  bis  zum  Kahlenberge  bei
Wien  und  von  der  Donau  bis  zum  Kraingebirge  erstreckte  sich  Norikum,
welches  seit  Hadrian  in  ein  Ufer-Norikum  (heutiges  Ober=  und  Unterösterreich)
  und  in  ein  Binnen-Norikum  (heutiges  Steyermark  und  Kärnthen)
abgetheilt  wuxde.  Pannonien  wurde  die  Strecke  vom  Kahlenberge  bis  an
den  Einfluß  der  Save  in  die  Donau  genannt;  was  südlich  von  Vindelizien
zwischen  den  Quellen  des  Rheins  und  Norikum  bis  an  die  Grenze  Jtaliens
reichte,  hieß  Rätien.  Nach  den  Zeiten  Hadrians  hieß  Vindelizien  das
zweite  Rätiten.

2.  Daß  die  Bojer  aus  Gallien  gekommen  seien,  ist  ebenso  wenig  nachweisbar,
  wie  dies,  daß  die  Bojer  eine  keltische  Völkerherrschaft  gewesen,  die
in  Gallien  ihren  Ursitz  hatte.  Darf  aus  dem  historisch  beglaubigten  Zusammenleben
  der  bofischen  Ueberreste  in  den  oberen  Donau=  und  Alpengegenden  mit  den
um  die  Mitte  des  sechsten  Jahrhunderts  nach  Christus  ebendahin  eingewanderten
Bajoariern  germanischer  Zunge  geschlossen  werden,  daß  sich  in  der  Sprache
und  Schrift  der  heutigen  Bayern  die  der  alten  Bojer  einigermaßen  erhalten
habe,  dann  läßt  die  auffallende  Aehnlichkeit  der  süddeutschen  Sprache  mit
der  griechischen  vermuthen,  daß  die  Bojer  vor  ihrem  Zusammentreffen  mit
den  Kelten  an  der  Donau  (um  590  v.  Chr.)  in  einer  Gegend  Asiens,  vermuthlich
  in  Armenien,  seßhaft  gewesen  und  ihrer  Abstammung  nach  den
Griechen  weit  näher  gestanden  seien,  als  den  Kelten.  Uebereinstimmend  damit
sagen  schon  die  Mon.  bist.  monaster.  Tegernsee  illustrantia  ap.  Bern.
Pez  Thes.  Anect.  noviss.  Tom.  III.  pag.  493:  —  Noricorum,  ut  dixi,
in  ultimo  Oriente  circa  Armeniam  vel  Indiam  usque  hodie  manet  origo,
ducd  plene  omnibus  notum  a  probatissimis  etiam  nuper  accepimus,
qui  peregrinati  illue  Bawarizantes  audierant.  Daß  Armenien  die  Heimath
  der  Bojer  sei,  behaupten  auch  Vitus  Arnpeckh  in  seinem  Chron.
Bajoar.,  Bernhardus  Noricus  ap.  Hier.  Pez  scr.  rer.  austr.  T.  I.
p.  689,  Andreas,  Presbyter  Ratisbon.  in  Joan.  Boecleri  Volum.  rer.
Germ.,  Vincenz  von  Pallbausen  in  seiner  Schrift:  Garibald,  erster
König  Bajoariens  (München  1810)  in  den  Belegen  S.  175  n.  86,  wo  auf
die  Worte  in  einem  Briefe  des  Themistokles  Bezug  genommen  wird:  In
navali  pugna  contra  Kerxem  Boji  praeclare  et  fortiter  dimicarunt,  endlich
  Felix  Josoph  Lipowsky  in  den  urzgeschichten  von  München
(München  1815)  II  in  der  Vorrede  S.  5  und  6.

3.  Böhmen  oder  Beheim  ist  das  Bojohemum  des  Vellejus,  das  Boihbe--mum
  des  Tacitus,  das  Bhovlac|kon  des  Strabo,  die  Heimath  der  Baoxcke
        <pb n="457" />
        Beilagen  zum  zweiten  Zeitraum.  441

des  Ptolomäus.  Der  letztere  Name  wurde  späterhin  abgekürzt  in  Bajas
oder  Baia.  Der  Uebergang  des  in  dem  Namen  Boiohemum  vorkommenden
oi  (oj)  in  ai  und  dann  in  e  oder  ae  (Bämi-Beheim)  kommt  auch  in  dem
Flußnamen  Moin,  Mohin  oder  Mogin,  d.  i.  Main,  lat.  Moenus,  vor.

4.  Man  findet:  Bojoarli,  Bojovarü,  Bajoarli,  Baioarü#,  Bajovarüi,
Baiovaril,  Bauuarül,  Bavvoarlül,  Bavari,  woraus  Bayer  geworden  ist,  und
außer  diesen  findet  sich  noch:  Bagoarül,  althochd.  Baigird,  Paigird;
mittelhochd.  Beier,  Beiger;  neuhochd.  Baier  und  Bayer.  Die  Endung
narü  oder  varü  kommt  auch  in  Chattuari#  aus  Chatti,  den  Chatten,  in
Angrivarül  aus  Angri,  den  Engern,  in  Ripuarii,  den  Uferfranken  und  bei

andern  Stämmennamen  vor.

Die  in  der  neuesten  Zeit  ausgesprochene  Vermuthung,

  daß  die  Bajoarier  kein  Mischvolk,  sondern  Abkömmlinge  der  Baicarier
  seien,  die  ehedem  in  Bajars  an  der  oberen  Elbe  gegen  Dacien
zu  gewohnt  hätten,  entbehrt  bis  jetzt  der  zureichenden  Begründung.

5.  Der  Berg,  auf  welchem  gegenwärtig  das  Schloß  „Hohen-Salzburg“
steht,  hieß  vormals  der  „Schloßberg“,  später  der  „Nonnenberg"“;  die  Fortsetzung
  des  „Nonnenbergs“  gegen  das  Kloster  St.  Peter  hin  führt  den

Namen  „Mönchsberg“.

Jum  zweilen  Zeitraum  gehörig  von  Ziffer  6—20  incl.

6.  Die  Avaren  waren  ein  wildes  Reitervolk  hunnischen  Ursprungs,  das
von  der  Wolga  und  dem  Ural  her  gekommen  war.

7.  Unter  dem  Namen  „Franken“  erschienen  ursprünglich  zu  beiden
Seiten  des  Niederrheins  mehrere  deutsche  Volksstämme,  unter  denen  sich  die
Salier  an  der  Assel  in  den  Niederlanden  und  die  Repuarier  an  den
Ufern  des  Niederrheins  besonders  hervorthaten.  Nachdem  der  weströmische
Kaiser  Honorius  die  Legionen  vom  Rheine  zur  Beschützung  Italiens  abgerufen
  hatte,  breiteten  sich  die  Franken  im  nördlichen  Gallien  weiter  aus,
griffen  sodann  unter  ihrem  zwanzigjährigen  Könige  Chlodwig  aus  dem
Hause  der  Merovinger  die  letzten  Ueberreste  der  römischen  Herrschaft  in  Gallien
an  und  besiegten  den  römischen  Feldherrn  Syagrius  bei  Soissons  (486).

8.  Daß  Garibald  ein  Franke  gewesen,  kann  aus  der  Stelle  des  Paulus
Diaconus  1.  1.  c.  21,  wo  gesagt  wird,  daß  Chlotar  die  Waldrade  uni  ex
suis,  qui  dicebatur  Garibald,  zur  Ehe  gegeben,  nicht  gefolgert  werden,
  denn  die  Worte  uni  ex  zuis  sagen  weiter  nichts,  als  daß  Garibald  ein
dem  Chlotar  alliirter  Heerführer  gewesen  sei.  Die  angesehensten  Forscher
nennen  Garibald  einen  Agilolfinger,  und  leiten  dieses  Geschlecht  so  ab,  wie

kdie  auf  Seite  442  angebrachte  genealogische  Tafel  zeigt.

9.  Die  Longobardischen  Könige  zur  Zeit  Garibalds  I  und  seines  Nachfolgers

  Tassilo  1:

*

*
Wacho,  derneunte(?)  Audoin,  der  zehnte
König  der  Longobarden.  König  der  Longobarden.
——s-————  —  —

Waldrade;  1.  Gemahl:  Alboin,  der  eilfte

der  Frankenkönig
Theodoald;
2.  Gemahl.:
Garibald,  Herzog
von  Bajoarien.

 

König  der  Longobarden,
574.  1.  Gemahlin:
lotsinde,  d.  fr.  Königs
Chlotar  1  Tochter.
2.  Gemahlin:  Rosamunde,

  des  Gepidenkönigs
  Kunimund

Tochter.

*
Kleph  (Klepho,  Cleve),
der  zwölfte  König  der  Longobarden
  (574—575);  Gemahlin:
Messona.

—  —  —
Autharis,  der  dreizehnte

König  der  Longobarden  (585—
591);  Gemahlin:  Theodelinde,
des  baj.  Herzogs  Garibald  1
Tochter.  Diese  vermählte  sich
nach  Autharis  Tode  mit
Agilulf,  Herzog  von  Turin,
der  den  longobardischen  Thron
von  591—616  inne  hatte.
        <pb n="458" />
        442  Beilagen  zum  zweiten  Zeitraum.
Genealogische  Täßer  der  Agilolfinger.

 

 

 

 

ticho.
Odoacer,  Arnulf  (Aonulf,  Wulf,  Welf).
Heerführer  der  He--  –
ruler  und  Rugier,  Theodo  (D.  N.  N.
stürzt  476  das  west-  ·
römischeReich,wirdTheodo(ll).
493  von  dem  ostgoth.  .1
König  Theodorich  *)1.  Garibald  1  2.  Tassilo  I
getödtet.  554—595.  595—610.
Gundoald,  Grimoald,  Theodelinde,  3.  Ga  *  bald  I
ward  durch  die  erhielt  ein  Stück  1.Gem.:  Autharis,  616—640.
Longobarden  ver=  Landes  am  Rhein.  2.  Gem.:  Agilulf,
sorgt.  l  Herzog  von  Turin.
Rodoald  (Chrodoald),  4.  Theodo  1
+  624.  640—652.
l  Ob  Sohn  Garibalds  II,
Farus,  ist  ungewiß,  vielleicht
+  10.  Bruderssohn.
â—  —  —
5.  Hugobert,  reg.  Landpert  Uta.
von  6527  —  680.
Pilitrude  (Plectrude);  6.  Theodo  II,
Gem.:  Pippin  von  Heristal,  680  —717.
714  1.  Gem.:  Reginotrude,

Eine  Concubine,  die  Gräfin  T.  Königs  Dagobert  II.
Alpais  von  Ardenne,  gebar  2.  Gem.:  Folchaide.
ihm  Karl  Martell  und  Childebrand,
  den  Stammoater  der
Capetingischen  Könige.  «
-  —  —  —
Drocus.  Gri=  Pilitrude,  1.  1.  1.  2.
moald.  1.  Gemahl:  7.  Theo=  8.  Grimoald,  Theovdoald,  10.  Odilo
Theodoald.  debert,  724  -729.  17120.  718.  ¶tilo).
2.  Gemahl.  717—724.  Gem.:  Pili=  1.Gemahl.:  737—748.
Grimoald.  Ü  trude,  Tochter  Walterade;  Gemahlin:
Pippins  von  2.Gemahl.:  Chiltrude,
Heristal.  Pilitrude,  Tocht.  Karl
Tochter  Martells
Pippins  v.  aus  erster
Heristal.  Ehe.

 

1
#

 

7

—  —  —  —  —.m  —
1.  1.  9.  Hugi-Guntrude;  1.  2.  2.  11.  Tas-Landfried.

  Theodald  bert,  Gemahl:  Sun-Land-Theo-=  silo  II,

(Theobalod),  729—737.  Luitbrand,  hilde,  fried.  disl  748—788.

4

 

 

Markgraf  im  König  der  ihr  (Theobajoar.
  Longo=  Gm.:  bald).
Westrich,  barden.  Karl
741  erschlagen.  Martell.

-  —  –——  —  —
Adelbert.  Ottokar.  Ruadhart,  Gripho.  Die  Fortsetzung  die-Graf
  im  Hegau  ser  Tafel  siche  in
und  Argengau.  den  Beilagen  Seite
–  445  unter  Lit.  B.

 

Welf  I.
Siehe  die  genealogische  Tafel  der  Welfen  in  den
Beilagen  zwischen  Seite  446  und  447.

*)  Mit  gesperrter  Schrift  und  mit  den  fetten  Zahlen  1  bis  11  sind  die
agilolfingischen  Herrscher  Bajoariens  bezeichnet.
        <pb n="459" />
        Beilagen  zum  zweiten  Zeitraum.  443
10.  Genealogische  Tabelle  der  Merovinger:
Merovaeus,  f  um  457.
Childerich  I,  y  481.
Chlodwig  l,  f#  511.  Andofleda,  Gemahlin“
des  Ostgothenkönigs
.  Theodorich.

Dietrich  I  (Theodorich),  Chlodomir,  Childebert  I,  Chlotar  1.
+  534.  1  524.  558.

 

 

*
#

Dietbert  I,  J  547.

Dietbald  I  (Tbeokobald),
-555  kinderlos.
Sein  Land  fällt  an  Chlotar  I.

11.  Diese  Krone  mit  dem  eisernen  Ringe,  der  einer  spätern  Sage  zufolge
  aus  einem  bei  der  Kreuzigung  des  Erlösers  verwendeten  Nagel  gefertigt
  worden  war,  legte  Theodelinde  nebst  den  Geschenken  des  Papstes
Gregor  des  Großen  und  andern  Kostbarkeiten  in  der  von  ihr  zu  Monza  erbauten
  prachtvollen  Kirche  nieder.  Mit  der  eisernen  Krone  wurden  nachmals
die  römischen  Kaiser  als  Könige  Italiens  gekrönt.

12.  Daß  Tassilo  dem  agilolfingischen  Geschlechte  angehöre,  ist  außer
Zweifel,  aber  ungewiß  ist  der  Grad,  in  welchem  er  mit  Garibald  1  verwandt
gewesen.

13.  Der  heilige  Gallus  gründete  das  hochberühmte  Benediktinerkloster
St.  Gallen  in  der  Schweiz,  während  dessen  Schüler  Theodor  und
Magnus  (Apostel  des  Allgaues)  den  Grund  zu  den  Benediktiner-Abteien
Kempten  und  St.  Mang  in  Füßen  legten.

14.  Daß  Theodo  1I  ein  Sohn  Garibalds  II  gewesen,  kann  nicht  nachgewiesen
  werden.  Wir  kennen  denselben  nur  aus  der  Biographie  des  heil.
Emmeram,  die  den  Bischof  Aribo  von  Freysing  (7064—782)  zum  Verfasser  hat.

15.  Herzog  Theodo  II  hatte  noch  einen  vierten  Sohn,  Namens  Odilo
(Utilo),  von  dem  in  den  Annal.  Francov.  Eginhardi  bei  Bouquet  Tom.  V.
p.  106  gesagt  ist,  daß  Sunnehilde,  die  Tochter  des  Theodoald  und  der
Walterade  seine  Nichte  (neptis),  also  seines  Bruders  Kind  war:  Grifo
matrem  habuit  Suanihildem.  neptim  Odilonis  Baioariorum  ducis.  Dieser
Odilo  (ütilo),  in  zweiter  Ehe  erzeugt,  war  zur  Zeit  der  Theilung  entweder
noch  nicht  geboren,  oder  gewiß  noch  unmündig  und  deshalb  zur  Regierung
noch  nicht  fähig.

16.  Siehe  die  genealogische  Tafel  auf  Seite  442.

17.  Der  hl.  Corbinian,  der  717  zum  ersten  Mal  als  Glaubensbote
nach  Bajoarien  gekommen,  war  geboren  zu  Chartres  an  der  Orge  (Castrus)
im  mittelalterlichen  Gaue  des  heutigen  Melun  Frankreichs.

18.  Sein  Leichnam,  der  anfangs  gegen  seinen  letzten  Willen  in  Freysing
  beigesetzt  worden  war,  wurde  am  dreißigsten  Tage  nach  seinem  Tode
nach  Majes  gebracht.  Bischof  Aribo  ließ  770  seine  Reliquien  in  feierlichem
  Zuge  nach  Freysing  zurückbringen.

19.  Die  fränkischen  Annalisten  nennen  nur  zwei  Söhne  des  Tassilo,  den
Theodo  und  den  Theodobert,  und  lassen  beide  in  Klöster  wandern
(Annal.  Nac.  ad.  A.  788),  aber  das  Chronicon  S.  Petri  in  Salzburg  ed.
1772p.  176  enthält  die  Namen  von  vier  weiteren  Söhnen,  Catan,  Englfrid,
  Gepahard,  Engilvan,  und  von  drei  Töchtern,  Hrodrud,
Adalpirech,  Cotade.  von  welchen  die  zwei  letzteren  den  Schleier  nahmen.

20.  Siehe  die  auf  Seite  445  stehende  genealogische  Tasel  der  Deutsch-Karolinger
  und  der  Luitpoldinger  (Grafen  von  Scheyern).
        <pb n="460" />
        444  Beilagen  zum  dritten  Zeitraum.

Jum  dritten  Zeitraum  gehörig  von  Zifsfer  21—23  inel.

21.  Sein  Grab  deckt  ein  Stein  mit  folgender  Inschrift:

Mole  sub  hac  magni  servantur  membra  Geroldi
Hujus  jura  loci  cunctis  qui  juribus  auxit
Pannonüs,  verae  ecclesiae  pro  pace  peremptus;
Oppetiit  Saevo  Septembribus  ense  Kalendis,
Syderibusque  animam  dedit.  Artus  Saxo  fldelis
Abstulit,  huc  retulit,  dignoque  hic  clausit  honore.

22.  Dieser  Markgraf  Ernst  wird  in  Annal.  Fuld.  ad  annum  849.
Boud.  Tom.  VII.  Dux  partium  illarum  (i.  e.  Boemanis  confinium)  genannt.
  Seine  Tochter  Luitswinde  ward  von  Karlmann,  der  seine  rechtmäßige
  Gemahlin  Hildegarde  verstieß,  geehklicht  und  gebar  den  nachmaligen
König  Arnulf.

23.  Die  älteren  Genealogen  führen  eine  Abstammung  Luitpolds  von
den  Karolingern  männlicher  Seits  auf,  haben  aber  ihre  Widerlegung  in
der  Angabe  des  gleichzeitigen  Regino  zum  Jahre  911,  daß  mit  Ludwig  dem
Kinde  in  Deutschland  der  Karolingische  Mannesstamm  erloschen  sei,  und  in
dem  Umstande,  daß  nach  dem  Tode  desselben  Herzog  Arnulf  sicher  nicht
unterlassen  hätte,  diese  Verwandtschaft  für  seine  Bestrebungen  geltend  zu
machen.  Man  ist  also  auf  eine  Ableitung  von  weiblicher  Seite  hingewiesen,
  die  ebenfalls  in  verschiedener  Weise  versucht  worden  ist.

A.  D.  Lipowsky  der  Aeltere  (Genealogische  Abhandlung  von  den  Voreltern
  Otto's  des  Großen,  in  den  Abh.  d.  k.  Akad.  d.  W.  10.  Bd.  S.  1.
München  1776)  nimmt  Luitpold  an  als  Sohn  des  entsetzten  Markgrafen
Engildeo  II  und  der  Hildegarde,  der  Tochter  Ludwigs  III,  Enkelin  Ludwigs
des  Deutschen,  und  A.  Buchner  (Gesch.  v.  B.  II.  124.  Documente  II,  24
u.  ff.)  pflichtet  dieser  Hypothese  als  der  wahrscheinlichsten  bei.  Nach  dieser
Hypothese  ist  Luitpold  wirklich  der  nepos  regis  Arnulfi,  als  den  ihn  die
Fuldaer  Annalen  zum  Jahre  895  nennen,  wie  sich  aus  der  auf  Seite  445
stehenden  genealogischen  Tafel  ergiebt.

Jum  vierten  Zeitraum  gehörig  von  Ziffer  24—31  inocl.

24.  Arnulf  ernannte  923,  als  der  Erzbischof  Piligrim  von  Salzburg
gestorben  war,  Adalbert  aus  dem  Geschlechte  der  Traungau'schen  Markgrafen
  zum  Erzbischofe  von  Salzburg;  926  erhob  er  seinen  Hofkaplan
Wolfram  auf  den  bischöflichen  Stuhl  von  Freysing,  der  durch  den  Tod
Dracholfs  erledigt  war;  im  gleichen  Jahre  gab  er  dem  Bischof  Meginbert
von  Seben  einen  Nachfolger  in  der  Person  des  Nithart,  und  930  und
931  den  verstorbenen  Bischöfen  von  Regensburg  und  Passau  in  den  Personen
Isangrim  und  Gerhard.

25.  Die  Freundestreue  und  der  Heldensinn  des  Herzogs  Ernst  II
machten  ihn  später  zum  Gegenstand  einer  märchenhaften  Volksdichtung,  von
der  wir  nur  eine  Umarbeitung  aus  dem  13.  Jahrhundert  vollständig  besitzen.
Es  findet  sich  in  ihr  eine  willkürliche  Mischung  heterogener  Dinge  und  verschiedener
  Zeiten  und  Personen.  Namentlich  wird  mit  dem  Herzoge  Ernst  II
der  weit  ältere  Ernst,  der  Markgraf  des  Nordgaues,  Vater  der  Luitswinde,
  und  Schwiegervater  des  Königs  Karlmann,  verschmolzen.  Besonders
spielt  die  durch  die  Kreuzzüge  erregte  Phantasie  lebhaft  darin,  indem  sie  den
Helden  in's  Morgenland  führt,  wo  er  mit  allen  Schrecken  der  Natur  und
mit  verzerrten  Menschen  und  Thiergestalten  kämpfen  muß.  Es  ist  dies  eine
allegorische  Darstellung  seines  Unglücks.  Jene  Ungeheuer  sind  nämlich  seine
Feinde  und  Verräther,  der  finstere  Berg,  in  welchen  er  kommt,  ist  sein  Gefängniß,
  der  Greif,  der  ihn  durch  die  Wolken  entführt,  sein  Ehrgeiz,  das
Schiff,  welches  an  dem  Magnetberge  strandet,  der  Kaiser,  die  Nägel,  welche
jener  Berg  aus  dem  Schiffe  zieht,  sind  die  Vasallen.  Vgl.  Gervinus  Gesch.
        <pb n="461" />
        Genealogische  Tafel  der  Deutsch-Karolinger  und  der  Luitpoldinger  (Grafen  von  Scheyern).

Aà

.  B
Karl  der  Große,  7  814.

—i.

Karl,  Pippin,  Ludwig  der  Fromme,  Theodo.  Theodo-=  Catan.  Engildeol,
1  811.  1  810.  1  840.  bert.  Graf  im  Hau-1·

  engau  (Huofi=Lothar,
  Pippin,  Ludwig  U'#  sengau  Guost

Karl  der  Kahle,  au  am  rechten
855.  1  838.  Deutsche,  7  876.  877.  fer  der  Donau)

!  um  802.

—

Tassilo  II,  entsetzt  788.

der  geneal.  Tafel  S.  442.)

Gepa-Engil=  Hro-Adal=  Cotade.
hart.

van.  drud.  pirch.

4

Karl  der  Dicke,
1  888.

Karlmann,  7  880.  Ludwig  III,  J  882.
1.  Gemahlin:  Hildegarde.  1.  Gemahl.:  Adalhard,  Tochter
2.  Gemahlin:  Luitswinde,  des  alemannischen  Grafen
Tochter  des  Markgrafen  Adalhard;  2.  Gemahlin:
Ernst  J.  Luttgarde,  des  Grafen  Ethico
zu  Altdorf,  oder  des  Herzogs
Ludolf  von  Sachsen  Tochter.

*  J  .(  *

2  1  Ratolt,
f.  1  899.  Hildegarde,  anfänglich  Graf  im  Hausengau,  durch
1.  Gemahl:  König  Ludwig  II  zum  Markgrafen  im
—  —  Engildeo  II.  Nordgau  und  Gaugrafen  im  nörd-Ludwig
  IV,  das  Kind,  lichen  Donaugau  erhoben,  seit  871
1911.  Herr  der  sorbischen  Mark  und  des
Herzogthums  Thüringen.

Luitpold  (1),
837.

 

1
Arnul  Hugo,
879.

Luitpold  IGD,  vor,

Graf  im  Hausengau  bis

Engildeo  II,

Graf  im  mittleren  Hausengau,
seit  871  Markgraf  im  Nordgau  und
Graf  im  Donaugau;  895  entsetzt  durch
König  Arnulf  wegen  —
gegen  die  Angehörigen  seines  Gaues;
Gemahlin:  Hildegarde.

seit  895  Markgraf  im  Nordgau  und  Graf  im  Donaugau.

 

S#t#sehe  die  Nachkommenschaft  auf  der  genealogischen  Tafel  am  Ende  des  Buches.

*)  Diese  Tafel  zeigt  neben  der  Abstammung  des  Markgrafen  Luitpold  1  von  mütterlicher  Seite  auch  die  von  väterlicher  Seite.

(Siehe  Tassilo's  II  Ahnen  auf

Tafel  zu  Ziffer  23  der  Beilagen  gehörig.

445
        <pb n="462" />
        446  Beilagen  zum  vierten  Zeitraum.

der  poetischen  Nationalliteratur  der  Deutschen  I.  S.  224  ff.  W.  Menzel
Gesch.  d.  Deutschen  I.  S.  239.  Dramatisch  behandelt  ist  die  Geschichte  des
Herzogs  Ernst  II  von  Uhland.

26.  Siehe  beifolgende  genealogische  Tafel  der  älteren  ungarischen  Könige.

27.  Vgl.  die  zweite  von  den  umstehenden  geneal.  Tafeln.

28.  Siehe  beifolgende  genealogische  Tafel  der  älteren  ungarischen  Könige.

29.  Pfister  erzählt  die  Sache  so:

„Es  liegt  diese  Stadt  am  Fuße  eines  runden  weinreichen  Berges,  auf
seiner  Spitze  die  Burg,  in  einem  kleinen,  fruchtbaren  Thale,  nicht  weit  vom
Neckar,  dessen  anmuthige  Ufer  in  immer  weiteren  Flächen  sich  ausdehnen.
Da  nahm  der  Herzog  Welf  ein  großes  Kriegsvolk,  schlug  zuerst  den  Herzog
Leopold  von  Bayern,  dann  zog  er  siegreich  herab  durch  die  schwäbischen  Gaue.
Es  war  mitten  im  Winter.  Welf  fiel  mit  Erbitterung  auf  das  Kriegsvolk
der  Waiblinger;  aber  Konrad  schlug  ihn  vor  der  Stadt  Weinsberg  in  die
Flucht  mit  großem  Verluste.  Da  ergab  sich  Burg  und  Stadt  Weinsberg.
Der  König,  der  nicht  Krieg  mit  den  Weibern  führte,  verhieß  jeder,  es  dürse
jede  aus  der  Stadt  mitnehmen,  was  sie  tragen  könne.  Als  nun  die  Thore
geöffnet  wurden,  da  kamen  die  Frauen  heraus,  jede  auf  ihrem  Rücken  ihren
Ehegemahl  tragend.  Darüber  war  Herzog  Friedrich  (II  von  Schwaben)  ungehalten
  und  rief:  Das  sei  nicht  die  Meinung  des  Vertrags.  Der  König
aber  erfreute  sich  dieser  Weiberlist  und  sprach:  Ich  hab's  ihnen  versprochen,
des  Königs  Wort  darf  nicht  gebrochen  werden.  Also  kamen  die  Frauen  mit
ihren  Ehemännern  davon,  die  Stadt  aber  wurde  den  Soldaten  preisgegeben.“
21.  Dezember  1140.

Daß  die  Deutschen  damals  zum  ersten  Mal  ihr  altes  Feldgeschrei:
„Kyrie  Eleyson“  in  den  Ruf:  „Hie  Welf,  hie  Waiblingen“  (von  einem  den
Hohenstaufen  gehörigen  Städtchen  im  Remsthale  unterhalb  Kanstadt)  umgeändert
  haben  sollen,  woraus  die  Italiener  „Guelfen  und  Ghibellinen“
machten,  ist  nicht  wahrscheinlich,  da  kein  Schriftsteller  des  12.,  13.  und  wie
es  scheint,  nicht  einmal  des  14  Jahrhunderts  dessen  Erwähnung  thut.

30.  Solche  mächtige,  reichbegüterte  Grafen=  (Dynasten-)  Geschlechter,
welche  die  Macht  der  Herzöge  von  Bayern  im  vierten,  und  zum  Theil  noch
im  fünften  Zeitraume  beschränkten,  waren:

Die  Welfen,  deren  Güter  im  Ammer=  und  Angstgau,  am  Lechrain,
im  Oberinn=  und  im  Norithale  nach  dem  Tode  des  alten  Welfen  an  die
Hohenstaufen  kamen,  und  von  diesen  zum  Herzogthume  Schwaben  gezogen
wurden.  Vieles  davon  kam  später,  nach  dem  Erlöschen  der  Hohenstaufen  mit
Konradin,  durch  Pfand  und  Erbschaft  an  Bayern.

Die  Scheyrer,  seit  1116  die  Wittelsbacher  genannt,  von  denen
durch  Arnold,  Sohn  Otto's  II,  die  Seitenlinie  Dachau,  dann  durch  den
Sohn  Arnolds,  Otto,  die  Seitenlinie  Falley  ausging.  Z

Die  Grafen  von  Schwein  furt,  Ammerthal,  Hersbruck  2c.,  zugleich
Markgrafen  im  Nordgau.  Diese  starben  aber  in  männlicher  Linie  schon  mit
Otto,  dem  Sohne  jenes  Heinrichs,  oder  Hezilo's,  der  sich  wider  König
Heinrich  II,  den  Heiligen,  empört  hatte,  1057  aus.  Seine  Hausgüter,  deren
er  viele  in  Ostfranken  und  im  Nordgau  besaß,  erbten  vier  Tochtermänner.
Einer  davon,  Heinrich,  Markgraf  von  Naabburg,  erbte  die  Güter  im  Nordgau
  mit  der  Markgrasschaft  Cham,  die  später  an  die  Grafen  von  Vohburg
überging.  Einen  andern  Theil  im  Bambergischen,  Bayreuthischen  und  Voigtländischen
  erhielten  die  Grafen  von  Andechs  und  Diessen.  Auch  die  Grafen
von  Castell  und  Sulzbach  erbten  von  dem  Schweinfurter.

Die  Andechser,  von  Andechs  und  Diessen,  mit  der  Seitenlinie  von
Wolfratshausen,  die  1158  erlosch.  —  Die  Andechser  waren  reich  begütert  im
Ober=  und  Unter-Innthale,  wo  sie  bei  ihrer  Burg  Ambras  Innsbruck  gründeten,
  im  Pusterthale,  im  östlichen  Norithale  und  um  Brixen,  dessen  Stifts-
        <pb n="463" />
        Genealogische  Tasel  der  älteren  un  garischen  Pönige,  die  von  Attilg  herstammen.  (Zu  Ziffer  26,  Seite  446.)

Attila.
#

—W4

r—i/0

#
–——

Lebe  d  ias.
Almus  884—389.
Arpad  889—907.
Zolta  u  907—9T
To  xu  "  97—972.

 

 

 

 

—  —

 

A  Ga,  der  letzte  heidnische  Fürst  in  Ungarn
1.  Gemahlin:  Sarolta,  des  Fürsten  Giula  v.
Adelheid,  des  Herzogs  Micislav

Michael,  ein  Fürst  unter  den
Hunnen.
l

M

Agnes;  Gem.:  Herzog  Ar-Beatrix;

  Gemahl:  Herzo
nulf  I  v.  Bayern,  der  Böse.  2  von  Herzos

regiert  972—997;  getauft  977;  f  997;
Eberhard  von  Kärnthen.

Siebenbürgen  Tochter;  2.  Gemahlin:
1  von  Polen  Schwester.

 

J

 

Wh  I.  Stephan  I,

 

Emerich,  7  1031.

«  Herzog  997,  König
1000-1038;  Gemahlin:  Gis  ela,  des
Kaisers  Heinrich  II  Schwester.

Ladislaus  der  Kahle;
seine  Gemahlin  eine  russische

  Prinzessin.

Leventa,  ein  Verfolger
der  Christen,  1047.

Vazul,  wird  geblendet
durch  die  List  der  Königin
Gisela.

Gisela;  ihr  Gemahl:
Wilhelm,  Prinz  aus
Burgund.

Sarola,  ihr  Gem.:  III.  Samuel
  Aba,  ein  Ungar.  1041
bis  1044  König  v.  Ungarn.

IV.  Andreas  I,  König  V.  Bela  1,  König
1046—1061.  1061—1063.

VI.  Salomon,  König  1063;  #.1074;  VII.  Geysa  I,  König  VIII.  Wladislav  1,  der
Gem.:  Sophia  a  er  Heinrichs  III  1074—1077.  Heilige,  Kg.  1077—1095.
ochter.  l

SpphietGemahkxMagttuö,Almus,-Z·in  Thra-Herzog
  von  Sachsen.

Judithaz  ihr  Gem.:
König  Boleslaus  v.
Polen.

II.  etrus;  1038  König  von  Ungarn,
1041  verjagt,  1044  restituirt,  1046  gest.

Adelheid;  ihr  Gemahl:  Adelber  t,
Markgraf  von  Oesterreich.

 

 

 

 

 

IX.  Colomann,  König  1095—1114;  Gemahlin:  1.  Busilla,  des  Grafen  Roger  von
Sizilien  Tochter;  2.  Preslava,  eine  russische  Prinzessin.

 

4

2.
X.  Stephan  II,

König  1131—1141;  Gem.:
Helene,  des  serbischen  Fürsten  Uroß  Tochter.

Gertraud;  Gemahl:  Miecislad
  III,  Herzog  von  Polen.

zien  1120.
IX.  Bela  II,  der  Blinde;

 

F
Kg.  1114—1131.  Sophie.  Adelheid;  Gemahl:  Sobieslav  1,  Herzog  von  Böhmen.

XII.  Geysa  II,  König  1141  XIV.  Wladislav  II,  König  Xy.  Stephan  1y,  König
bis  1161.  1162,  regiert  6  Monate.  1162,  regiert  5  Monate.

 

 

 

XIII.  Stephan  III,  Kg.  1161;
zum  zweiten  Mal  1162;  +  1173.

1.
XVII.  Emeri  ch,  König
1196—1204.
1!

XVnl.  Wladislav  III,
König  1204—1205.

 

—

—  ——

XXI.  Stephan  v
König  1270—1272.,

—.
A4%%  IV,  König

Gem.:
1272—1290.

1.
XX.  Bela  IV,  König  1235  bis
1270;  Gemahlin:  Marie,  des
griech.  Kaisers  Theodor  Las-Kunigunde,

  71292;  Gemahl:
  Boleslav  V,  Her-D1
  zog  von  Polen,  1279.

Marie,  1328;
Carl  II,
König  von  Neapel.

Elisabeth;  Gem.:  Friedrich,
  Herzog  v.  Böhmen.

2

XVI.  Bela  III,  König  1173—1196;  Gem.:  1.  Anna,  Schwester  der  Frau  Kaiser  Ema=  Helene;  Gemahl:  Leonuels

  v.  Konstantinopel;  2.  Margaret  ha  des  Königs  Ludwig  VII  v.  Frankreich  Tochter.

2.
Andreas  II,  König  1205—1235;  Gemahlin:  1.  Gertrud,  des  Herzogs  Berthold  IV  zu  Meran  Tochter,
1213  erstochen;  2.  Beatrix,  des  Markgrafen  Altobrandini  von  Este  Tochter;  3.  Marie,  des  Herzogs

Miecislav  zu  Halicz  Tochter.

2.  3.
Hioclesia  1261;  Stephan,  Gemahlin:  Tho—
Gem.:  Hae  Po.  masina  Morasini  v.  Venedig.
nig  von  Aragenien.

Andreas  III,  König  1290—1301;
Agnes,  des  Kaisers  Albrecht  1
Tochter,  F  1364.

XIX.

1.
Constantie.
ward

1.
Margarethe.

—  R

1.  1.
Colomann,  Andreas,
Herzog  v.  Sla-  lebte  zu
vonien.  Venedig.

1.
lisabeth;  geb.  1207,
1235;  Gemahl:  Ludig
  VI,  Landgraf  von
Thüringen,  J  1221.

Elisabeth;  Gem.:  Heinrich
  XIII,  Herzog  v.  Niederbayern,
  1  1290.

XXIV.  Otto  III,  Herzog  v.  Niederbayern
  1290—1312,  König  v.  Ungarn
1305—1308.

E
w

Helene;  Gemahl:  Anna,  Gem.:  Ro-Boleslav,
  Hrzg.  sislav,  Herzog  v.
v.  Kalisch,  1279.  Bulgarien.

caris  Tochter.

XXIII.
Gem.  :

—  —

Kunigunde,  1.1285;  Gemahl:  Gryphine,  11291;
Premislaus  Ottokar  II,  Kg.  Gemahl:  Lesk  der
v.  Böhmen;  fällt  1278  am  March=  Schwarze,  Herzog
felde  gegen  Rudolf  v.  Habsburg.  von  Polen.

 

Wenceslav  IV,

oder  der  Gute,  König  1278;  lebt  unter  der  Vormundschaft  Otto's  des  Langen,  Markgrafen  von  Brandenburg  bis  1283,  +  1305;  Gem.:

1.  Judith,  Kaiser  Rudolfs  von  Habsburg  Tochter  1286,  k  1297;  2.  Elisabeth,  König  Primislaos  II  von  Polen  Tochter,  +  1335.

.—
*

 

F  .—

1
Wenceslao?

1406;  V,  1305  bis

der  letzte  einheimische
König  Böhmens.

Agne  “  unvermählt.


2.

1.
Judith,  f  unver-  Agnes  Nixa;  Gem.:
mählt  1297.  Herzog  Heinrich  von
v.  Jauer,  1  1346.

1.
Margaretha,  11322;
Gem.:  Boleslav  III

v.  Liegnitz.

1  1.
Anna,  Gemahl:
Herzog  Heinrich
v.  Kärnthen.

1.
Elisabeth,  Erbin  d.  Königreichs  Böhmen,
+  1330;  Gemahl:  Johann,  Herzog  von
Luxemburg,  ein  Sohn  Kaiser  Heinrichs  VII.

)  Die  Ziffern  I—XXIV  bezeichnen  die  Reihenfolge  der  ungarischen  Könige.
        <pb n="464" />
        <pb n="465" />
        Genealogische  Tafel  des  Welfischen  Hürstenhauses.  (Zu  Ziffer  27,  Seite  446.)

Pippin  von  Heristal,  1  714.
Gemahlin:  1.  Pilitrude,  Tochter.  des  Agilolfingers  Hugobert  (siehe  die  genealogische  Tafel  der  Agilolfinger  Seite  442);  2.  Alpais,  Gräfin  von  Ardenne,  eine  Concubine.

1.  1.  1.  2.  2
Drocus  +  708  Grimoald  Pilitrude,  heirathet  nach  einander  zwei  Söhne  des  Agilolfingers  Theodo  II  Karl  Martell  Childel  i
«  -  .  debrandStammvaterdernachmaltgen
7'  714.  1  C  die  Tafel  Seite  44,  zuerst  Theo  doald,  dann  Grimoald.  1  741.  "  5  Könige  aus  dem  Hause  der  Capetinger.
1

1.
Landfried.  Theodald  (Theobald),  Markgraf  im  bojoarischen  Westrich,  741  erschlagen.
Adelbert.  Ottokar.  Ruadhart,  Graf  im  Hegau  und  Argengau,  eirca  780.

#

 

4

 

J.

2

Welf  1  oder  Guelphus,  eirca  800,  Graf  in  mehreren  alemannischen  Gauen.  Tassilo,  erster  Graf  von  Zollern;  Stamm-.

  —  «  -  .  –  voater  der  Hohenzollern  aus  welchen  die  Burg-Judith,
  seit  819  gasers  Eusis  des  Frommen  Konrad.  Ethico  feirca  840.  Rudolf,  Graf  zu  Altdorf.  grafen  "  goenortern  und  ecch  Migafen
emahlin  3.  «  -  .don  Brandenburg  entsprossen  sind.  (Siehe

Welf  II,  Graf  im  Ammergau,  Augstgau  2c.  850—858.  unter  Ziffer  70  *  äueleroo  ue  iind.  ogische

Gn  Tafel  der  Hohenzollern.)

Heinrich  1  mit  dem  goldenen  Wagen,  1  925.
Welf  III,  1  9600.  Konrad,  Bischof  von  Konstanz.  Rudolf.

—

Kudolf.  F1040.  Etbico,  unehelich.  Ethico,  Bischof  von  Augsburg.

Welf  IV,  1030;  Gemahlin:;  Irmengarde  ovder  Imiza,  des  Heinrich  II,  +  990.  Richardis,  Gemahlin  des  Grafen
Grafen  Sigfrid  zu  Luxemburg  4ocster  und  der  Kaiserin  Kunigunda  Adalbero  Lon  Ebersberg.
Schwester.

Welf  V,  seit  1047  Herzog  in  Kärnthen,  Markgraf  von  Verona,  1055  ohne  Kinder.  Kunizza,  Gemahlin  des  Markgrafen  Azzo  Ethico,  unehelich.

Mit  ihm  stirbt  der  Mannsstamm  der  Welfen  in  Bayern  aus.  von  Este,  der  sich  nach  dem  Tode  der  Kunizza
  wieder  verehelichte.

1.  2.  2.
Wel  070—4101;  Gemahlin:  1.  Ethelinde,  Tochter  Hugo,  Markgraf  Fulco,  bleibt  in  Italien  und  pflanzt  dort  das  Geschlecht  der  Este  fort;

f  I  (VD,  Herzog  in  Bayern  1
des  —  bt  8on  Vasern;  2.  Judith,  Tochter  des  Grafen  Balduin  von  zu  Este,  bleibt  in  von  diesem  Fulco  werden  die  Herzöge  von  Modena  hergeleitet.

Flandern.  Italien.

in  Bayern,  #  1120;  Gemahlin:  Mathilde  Heinrich  der  Schwarze,  Herzog  in  Bayern  als  Hetnrich  IX  1120  bis
Marchäiftn  *  Toskana.  )  1126;  Gemahlin:  Wulfehirde,  Tochter  des  Herzogs  Magnus  v.  Sachsen.

eih#eeoze,  als  Herzeg  in  Welf  ur  (vnl,  Graf  in  Alemannten,  Juditth  „Gemahlin  2e8
Konab,  Serar  #eein  X  1126—1138,  1  1139!  Herzog  in  Spoleto,  Markgraf  in  Toskana,  von  Hohenstaufen,  Mutter  des  Kaisers
Gemahlin:  Gertraud,  Erbtochter  des  1191;  Gemahlin:  Uta.  Friedrich  I.
Kaisers  Lothar  II.  —
Heinrich  der  Löwe,  als  Herzog  in  Bayern  Heinrich  XII;  Welf  IV  (X),  f  1168  unvermählt.
entsetzt  1180;  1  1195;  Gemahlin:  1.  C  lementine  von  Zälringen,
  getrennt  1162;  2.  Mathilde,  Heinrichs  II  von  Engla
–.  Tochter,  1189.

Wilhelm,  Stammvater  Otto  IV,  Kaiser.  Heinrich  (XII  der  Lange,  Pfalzgraf  am
des  Haufes  Braunschweig  "  s  Rhein  1195;  1.1227;  Gemahlin:  1.  Agnes,
und  Hannover.  eine  Tochter  und  Erbin  Konrads,  des  Pfalzgrafen
  am  Rhein;  2.  Agnes,  eine  Gräfin
von  Landsberg.
—  —
ich  XIV),  Agnes,  Erbin  der  Pfals  am  Rhein,  Irmengarde,  181259;  ihr
kinderlos.  +1262;  ihr  Gemahl:  Otto  der  Er-  Gem.:  Hermann  V,  Marklauchte,
  Herzog  in  Bayern,  #  1253.  graf  zu  Baden,  1248.
(S.  die  genealogische  Tafel  der  Wittelsbacher
  am  Ende  des  Buches.)

 

 

 

 

 

 

 

 

—  —

Welf  1I  (VI),  Herzog

 

einr
1214

2
        <pb n="466" />
        <pb n="467" />
        Beilagen  zum  vierten  Zeitraum.  447

vögte  sie  waren,  am  Ammer=  und  Würmsee  bis  Garching  herab,  erbten  1158
von  dem  Grafen  von  Formbach  und  Pütten  (in  Oesterreich)  die  Grafschaften
Neuburg  am  Inn  und  Schärding,  gelangten  durch  die  Heirath  Arnolds  II
von  Andechs  mit  Sophie  von  Schweinfurt,  einer  Tochter  Otto's  von  Schweinfurt,
  zu  vielen  Gütern  des  Letzteren  im  Bayreuthischen,  erhielten  unter  dem
Andechser  Berthold  II  die  Markgrafschaft  Istrien,  und  erbten  bei  Vermählung
  dieses  Berthold  mit  Hedwig,  der  Erbtochter  von  Dachau,  den  dieser
Dachauer-Dynastie  seit  1146  anklebenden  Titel  von  Herzögen  von  Dalmatien
und  Kroatien,  welchen  die  Andechser  unter  Berthold  III  (1183—1206)  in
den  Titel  der  Herzöge  von  Meran  (Merania,  Marinia,  Mariniani  hieß  im
Mittelalter  die  dalmatinische  Meeresküste)  umänderten.  Endlich  erhielten  sie
die  Pfalzgrafschaft  Burgund  durch  Heirath  Otto's  I  (1206—1234)  mit
Beatrix  von  Burgund,  einer  Enkelin  Kaiser  Friedrichs  1  Barbarossa.

Die  Burggrafen  von  Regensburg  und  Landgrafen  von  Stefling
  (Steveningen)  mit  dem  Burggrafenamte  in  Regensburg  und  den
Grasschaften  Riedenburg,  Steveningen  oder  Stefling  und  Regenstauf,  sammt
der  landgräflichen  Ambacht,  d.  i.  kaiserlichem  Gerichte  und  Geleite  in
diesen  und  andern  dem  Reiche  zuständigen  Gütern  auf  dem  Nordgaue  (nachmalige
  Aemter  Haidau,  Riedenburg,  Nittenau,  Regenstauf).  Unrichtig  ist
es,  daß  auch  die  nordgauischen  Aemter  Lengenfeld  sammt  Burg  (Burglengenfeld),
  Pettendorf,  Schwandorf,  Schmidmühlen  zu  der  Burggrasschaft  Regensburg
  und  Landgrafschaft  Stefling  gehört  haben.  Diese  Aemter  waren  ein
besonderes  Dynastengut  der  freien  Herren  (Reichsbarone)  von  Pettendorf
und  Hopfenau,  die  1119  erloschen,  und  zum  Theil  von  den  Wittelsbachern,
zum  Theile  von  den  nordgauischen  Dynasten  Waldeck-Leuchtenberg  geerbt
wurden.  Helika  oder  Heilka  von  Lengfeld  war  die  Mutter  Otto's  des
Größeren,  ersten  wittelsbachischen  Herzogs  in  Bayern.

Die  Vohburger,  in  geschichtlich  verlässiger  Geschlechtsfolge  hervortretend
  mit  dem  bei  Kaiser  Heinrich  IV  hochangesehenen  Markgrafen
Diepold,  der  sich  von  der  Stadt  Giengen  am  Berge  im  Königreiche
Württemberg  schrieb,  weil  Vohburg  damals  noch  im  Besitze  der  Rotter  Pfalzgrafen
  und  dann  ihres  Nachfolgers  Rapoto  war.  Dieser  Diepold  heirathete
die  Luitgardis,  Tochter  des  Grafen  im  Breisgau  und  Herzogs  in  Kärnthen,
Berthold  mit  dem  Barte,  Herrn  von  Zähringen,  und  fiel  in  der  Schlacht
an  der  Streu  im  Würzburgischen  1078.  Ihm  folgte  sein  Sohn  Diepold  II,
der  seit  1091  als  Markgraf  von  Cham,  Vohburg,  auch  Naabburg  auftritt
und  große  Besitzungen  im  Nordgaue  und  dem  Chambrich  bis  nach  Eger,
das  noch  vohburgisch  war,  besaß.  Ein  Seitenzweig  dieser  Vohburger  auf
dem  Nordgaue  waren  die  seit  1226  hervortretenden  Markgrafen  von  Hohenburg
  auf  dem  Nordgaue.

Die  Grafen  von  Bogen,  die  über  den  ganzen  bayerischen  Wald,
Mitterfels,  Windberg,  Deggendorf,  Natternberg,  Plattling  2c.  geboten.  (Landgerichte
  Mitterfels,  Bogen,  Kötzting,  Viechtach,  Regen,  Deggendorf.)

Die  Ortenburger,  geborne  Grafen  von  Sponheim  in  Rheinfranken,
Herzoge  von  Kärnthen,  Markgrafen  von  Istrien,  Grafen  von  Ortenburg  in
Bayern,  Vilshofen,  Krayburg,  Pfalzgrafen  von  Bayern,  Grafen  von  Murach,
Oberviechtach  in  der  heutigen  Oberpfalz.

Die  Grafen  von  Hirschberg,  Kreglingen,  Dolnstein  und  Kranzberg,
welche  1305  mit  Gebhard  von  Hirschberg  ausstarben.

Die  Grafen  von  Abensberg,  Rotteneck  sammt  Altmannstein.

Die  Grafen  von  Lechsgemünd  und  Graisbach,  Monheim,  Kaisheim,
Harburg.

Die  Grafen  von  Moosburg,  Rottenburg  und  Ranning.

Die  Plaine,  kärnthen'schen  Ursprungs,  Grafen  von  Mitterfill,  Pinzgau,
Pongau,  Waging  r2c.  (mit  Burg  Plain  am  Untersberge).
        <pb n="468" />
        448  Beilagen  zum  vierten  Zeitraum.

6ie  Grafen  von  Wasserburg,  Reichenhall  (Hallgrafen),  Atl,  Klingenberg
  ꝛc.

Die  Grafen  von  Meglingen,  Frontenhausen,  Teisbach,  Hohenburg
am  Inn  2c.

Die  Grafen  von  Kirchberg,  Mallersdorf,  Geiselhöring,  Schierling,
Eggmühl  2c.

Die  Grafen  von  Landau,  Dornberg,  Leonberg  2c.

Die  Grafen  von  Eschenloh,  Partenkirchen,  Mittenwald.

Die  Grafen  von  Hals  im  alten  Vils=  und  Schweinach=  oder  Illgau
mit  Sitz  Osterhofen.

Die  Grafen  von  Neuburg  an  der  Mangfall,  Falkenstein  am  Inn,
Hademarsberg,  Weyarn.

Die  Grafen  von  Tengling,  Burghausen,  Schala,  Peilstein
und  Mören  (vwelch  letztere  drei  Besitzungen  in  Oesterreich  lagen).  Die
Peilsteine  sassen  in  Bayern  auf  Burg  Karlstein  bei  Reichenhall.

Die  Lieben  au  mit  Burg  Liebenau  bei  Laufen,  ortenburgischen  Stammes.

Die  Landgrafen  von  Leuchtenberg.

Die  Grafen  von  Abenberg,  Spalt,  Pleinfeld.

Die  Grafen  von  Sulzbach  und  Kastell  auf  dem  Nordgau,  Inhaber
des  bambergischen  Erztruchsessenamtes  und  der  damit  im  Nord=  und  im
Donaugaue  verbundenen  großen  Besitzungen.

Die  Grafen  von  Truhendingen  (Wassertrüding).

In  Schwaben  bayerischen  Antheils:  1)  Die  Grafen  von  Burg  au,  welche
sich  als  Erben  der  Markgrafen  von  Romsberg  (Ldg.  Obergünzburg)  Markgrafen
  schrieben,  deren  letzter  Heinrich  V  die  Markgrafschaft  seinem  Anverwandten,
  König  Albrecht  1  aus  dem  Hause  Habsburg,  überließ.  2)  Die
Grafen  von  Dilingen-Kyburg  mit  dem  Seitenzweige  der  Herren  von
Schwäbisch=  oder  Donau-Wörth.  Die  Dilinger-Grafen  erloschen  1286
mit  Hartmann,  Bischof  von  Augsburg,  der  seine  Besitzungen,  darunter
Dilingen  selbst,  der  Kirche  von  Augsburg  vermachte.  Die  Seitenlinie
Wörth  war  schon  1191  mit  Mangold  1V  ausgegangen.  3)  Die  Grafen
von  Helfenstein,  erloschen  1627,  worauf  Kurfürst  Max  I  den  Erben  /
des  Helfensteinischen  Wiesensteigs  (heute  württembergisch)  abkaufte.  4)  Die
Grafen  von  Hohenzollern  wegen  der  Seitenlinie  Friedrichs  von  Zollern,
des  ersten  Burggrafen  von  Nürnberg  aus  dem  Zollern'schen  Hause  (1192—
1204).  5)  Die  Grafen  von  Kirchberg,  denen  auch  Weissenhorn  gehörte.
  6)  Die  Grafen  von  Marstetten  bei  Memmingen.  7)  Die  Grafen
von  Oettingen.  8)  Die  Herren  (ursprünglich  nicht  Grafen)  von  Hohenlohe.
  9)  Die  Herren  von  Neiffen  (im  Württembergischen),  treue  Anhänger
der  Hohenstaufen,  seit  1241  durch  Heirath  auch  Grafen  von  Marstetten,
und  seit  1326  durch  Erbschaft  auch  Grafen  von  Lechsgmünd  und
Graisbach.  Z

In  der  Rheinpfalz:  Die  Bollande,  Falkensteiner,  Leiningen,
  Blieskastell,  die  Wild=  und  Rheingrafen  u.  f.  f.  ç

31.  Im  Jahre  1068  kam  Marian,  ein  schottischer  Geistlicher,  mit
sechs  Gefährten  nach  Regensburg  und  fanden  in  den  Frauenstiften  Oberund
  Niedermünster  eine  gastliche  Aufnahme.  Marian,  fein  gebildet  und  gelehrt,
  nährte  sich  sammt  seinen  Gefährten  mit  Abschreiben  der  biblischen
Bücher  für  die  Frauen  von  Niedermünster.  Einstens  träumte  ihm,  das  Ziel
seiner  Wanderschaft  sei  noch  nicht  erreicht,  er  solle  aufbrechen  und  sich  dort
niederlassen,  wo  ihn  der  Sonne  Strahlen  am  ersten  erreichen  würden.  Er
ergriff  mitten  in  der  Nacht  den  Pilgerstab,  ging  mit  zweien  seiner  Gefährten
durch  das  schwarze  Burgthor  in  die  Vorstadt;  am  Ende  derselben  stand  eine
offene  Kapelle,  dem  hl.  Peter  geweiht.  „Hier,  Freunde!  laßt  uns  einkehren“,
sagte  er,  „und  den  Lenker  der  menschlichen  Schicksale  anflehen,  daß  er  Führer
        <pb n="469" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  449

und  Geleitsmann  auf  der  nun  beginnenden  Reise  sei“.  Sie  warfen  sich  auf
ihre  Kniee,  lang  und  inbrünstig  war  das  Gebet.  Als  Marian  sich  erhebt,
um  den  geweihten  Ort  zu  verlassen:

Fällt  mild  und  schön  aus  Morgen

Der  Sonne  erstgeborner  Strahl

Ihm  in  das  Aug.  —  Zurück',  ruft  er

Begeistert  aus,  hier  ist  —  der  Sorgen

Der  ird'schen  Laufbahn  Ziel,

Der  Ort,  der  meines  Wirkens  Rest,

Der  mein  Gebein  verschließen  will.

Als  Hemma,  dir  Aebtissin  von  Obermünster,  hievon  hörte,  schenkte  sie
einen  Theil  des  Grundes,  worauf  die  Kapelle  stand,  den  schottischen  Geistlichen.
  Bezolin,  ein  reicher  Bürger,  baute  darauf  ein  Haus,  in  welchem  die
Schotten  ungefähr  40  Jahre  wohnten.  Die  ursprüngliche  Stiftung  mehrte
sich  durch  fromme  Schenkungen,  die  Anzahl  der  Brüder  durch  neue  Ankömmlinge
  aus  dem  Vaterland.  Als  der  enge  Raum  sie  nicht  mehr  fassen  konnte,
kaufte  der  Burggraf  Otto  der  Riedenburger  in  Verbindung  mit  einigen  Bürgern
  Regensburgs  einen  Platz  beim  Westenthor  und  bewerkstelligte  1108  den  Bau
des  Klosters  und  der  Kirche  von  St.  Jakob,  die  König  Heinrich  V  1111  in
die  Zahl  der  unter  seinem  unmittelbaren  Schutz  stehenden  Reichsklöster  erhob.
  In  der  neuesten  Zeit  ward  dieses  Kloster  durch  den  Bischof  Ignaz
von  Regensburg  als  seinem  Zwecke  nicht  mehr  entsprechend  eingezogen.

Jum  fünften  Zeitraum  gebhörig  von  Siffer  32—100  iocl.

32.  Kärnthen  nebst  Istrien,  Krain  und  Verona  hatte  Kaiser
Otto  III  (983—1002)  im  Jahre  995  an  den  fränkischen  Otto,  des  Herzogs
Conrad  von  Lothringen  und  der  kaiserlichen  Prinzessin  Luitgarde  Sohn,  gegeben;
  Steyermark  hatte  Friedrich  1  (1152  —  1190)  im  Jahre  1180  zu
einem  selbstständigen  Herzogthum  erhoben  und  dem  Markgrafen  Ottokar  VI
verliehen,  nach  dessen  kinderlosem  Absterben  (1192)  der  ganze  Besitz  an  den
Herzog  Leopold  VI  von  Oesterreich  überging;  Tyrol,  ein  Theil  der  nachmaligen
  gefürsteten  Grasschaft,  war  durch  Kaiser  Otto  1  (936—973)  im
Jahre  939  dem  Luitpoldinger  Arnulf  II  überlassen  worden,  als  der  Kaiser
den  Luitpoldinger  Berthold  zum  Herzog  in  Bayern  erhob,  und  ging  nach
dem  Tode  des  Grafen  Albert  III  von  Tyrol  (1  1254)  an  dessen  Schwiegersohn
  Mainhard  III  von  Görz  über,  der  auch  die  1248  an  Albert  III
gefallenen  Güter  von  Meran  erbte;  Oesterreich  endlich,  gebildet  aus  den
Marken  unter  und  ob  der  Ens,  welche  letztere  Friedrich  Barbarossa  1156
von  Bayern  abgetrennt  hatte,  erhob  derselbe  Kaiser  im  Jahre  1156  zum  unmittelbaren,
  auch  in  weiblicher  Linie  erblichen  Herzogthum  für  Heinrich  XI
Jasomirgott  (1156—1172).

33.  Die  Bürger  Regensburgs  scheinen  die  Verleihung  der  Burggrafschaft
an  Ludwig  den  Kelheimer  gebilligt  zu  haben,  denn  sie  schritten  zur
Wahl  ihrer  Beamten,  die  ihre  Würden  von  dem  neuen  Burggrafen,  dem
bayerischen  Her  zog,  zu  Lehen  nahmen.  Des  Herzogs  Land  und  Macht  war
dadurch  bedeutend  vermehrt  worden,  aber  der  Friede  im  Innern  des  Landes
war  auf  lange  Zeit  dahin,  weil  der  Bischof  Konrad  II  von  Regensburg
beständig  Klage  über  Beeinträchtigung  an  Einkünften  und  Gerechtsamen  durch
die  herzoglichen  Beamten  führte  und  zuletzt  einen  Krieg  hervorrief,  der  sich
über  das  ganze  Land  verbreitete  (1203).  Der  Erzbischof  von  Salzburg
schloß  sich  dem  Bischof  von  Regensburg  an  und  beide  forderten  gradezu  die
Unabhängigkeit  von  der  herzoglichen  Gewalt  für  sich  und  ihre  in  Bayern
gelegenen  Besitzungen,  Richter  und  Vögte.  Nach  wechselseitig  erlittenen
Nachtheilen  starb  der  Bischof  von  Regensburg  (23.  April  1204)  und  dessen
Nachfolger,  Konrad  III,  vormals  Dompropst  in  Freysing,  aus  dem  mäch-Sattler,

  bayer.  Geschichte.  29
        <pb n="470" />
        450  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

tigen  Geschlechte  der  Grafen  von  Meglingen  und  Frontenhausen,  bot
die  Hand  zum  Frieden.  Dieser  kam  auch  durch  die  Vermittlung  der  freien
Herren  des  Landes  in  folgender  Weise  zu  Stande:  Der  Heräog  versprach  für  den
Fall  seines  kinderlosen  Hinscheidens  die  Schlösser  Kelheim,  Lengenfeld,
Regenstauf,  Steffling,  Wolfring,  Bartensperg,  Durchelnburg
mit  Zugehör  dem  Bisthume  Regensburg  auf  ewige  Zeiten  abzutreten,  dazu
mit  Bewilligung  des  Königs  Philipp  von  Schwaben  das  bayerische
Herzogenamt.  Der  Bischof  dagegen  überließ  dem  Herzoge  die  Lehen,
welche  der  letzte  Burggraf  vom  Bisthum  Regensburg  getragen  hatte,  wozu
bedeutende  Besitzungen  im  Gebirge  (in  montanis)  mit  der  Veste  Kufstein
gehörten,  und  versprach  außerdem  ein  Fürstenlehen,  wenn  ein  solches  heimfallen
  sollte.  Daran  knüpfte  Bischof  Konrad  III  die  Hoffnung,  daß  die
bayerische  Herzogswürde  künftig  mit  der  Würde  des  jeweiligen  Bischofes  von
Regensburg  verbunden  sein  werde  —  eine  Hoffnung,  die  für  immer  schwand,
als  dem  Herzoge  Ludwig  von  seiner  Gemahlin  Ludmilla  am  23.  April
1206  ein  Sohn  geboren  wurde,  der  den  Namen  Otto  erhielt.

34.  Daß  Herzog  Ludwig  der  Kelheimer  sammt  seinem  Sohne  Otto
schon  1214  mit  der  rheinpfälzischen  Grafschaft  belehnt  worden  und  die  Verlobun
Otto's  mit  Agnes,  der  Erbin  der  Pfalzgrafschaft,  ebenfalls  im  Jahre  121
stattgefunden,  beweist  eine  von  1214  datirte  Urkunde  des  Herzogs  Ludwig,
in  welcher  er  dem  Kloster  Schönau  bei  Heidelberg  Entschädigung  wegen
erlittener  Kriegsschäden  verschreibt.  In  dieser  Urkunde  heißt  es:  „Ludovicus
D.  G.  Palatinus  comes  Reni  et  dux  Bavaria  pro  damno,
quod  homines  nostri  nobis  invitis  intulerunt  monasterio  et  venerabilibus
fratribus  Schoenaugiae  cupientes  satis  facere  reversi  a  militia  Domini
regis  Friderici  de  inferiori  Germania  ad  ipsum  claustrum  accessimus,
et  Abbati  et  fratribus  piscationem  nostram  in  Opphouuin  (Oppenheim),
  donec  dicerent  sibi  satisfactum,  contulimus.  Huic  donationi
accessit  etiam  bona  volontas  et  pius  consensus  Agnetis,  nobilis  puellae,
sponsae  filül  nostri,  quae  vera  haeres  est  ejuscem  rii  Actum
est  Ao  Domni  MCCX  IIII.  H.  v.  t.  Theobaldus  Marchio  de  Vohinpurch,
Philippus  de  Bonlanden,  miles  noster  cognomento  Crane,  Hageno
famulus  noster  Sigboto  advocatus  et  alli  plures  boni  testimonül.  Ofr.
Gudeni  Sylloge  I.  p.  85.  Der  Belehnungsbrief  selbst  hat  sich  bis  jetzt
nicht  vorgefunden,  weshalb  vorstehende  Urkunde  allein  als  Anhaltspunkt
dienen  kann.

35.  Ludwig  erhielt  die  Städte:  München,  Ingolstadt,  Wosserbuep=Steffling,
  Lengenfeld,  Riedenburg,  Regenstauf,  Kalmünz  u.  a.;  Heinrich  XIII:
Landshut,  Kelheim,  Cham,  Dingolfing,  Schärding,  Braunau,  Straubing,
Vilshofen,  Burghausen,  Oetting,  Sulzbach  u.  a.  Die  Theilungs-Urkunde
ist,  wenn  anders  eine  solche  aufgesetzt  war,  abhanden  gekommen.  Es  läßt
sich  daher  nicht  mit  Bestimmtheit  behaupten,  von  welcher  Art  die  Theilung
war,  ob  Todt=  oder  bloße  Nutztheilung  (Mutschirung).  Im  ersteren
Falle  wäre  nämlich  die  Einheit  und  der  Gesammtbesitz  des  Hausgutes  für
alle  Stammgenossen  aufgegeben  worden  und  beim  Aussterben  einer  Linie
wäre  ihr  Antheil  an  das  Reich  gefallen;  auch  würden  die  im  Hausgesetze
etwa  festgesetzten  Anordnungen  wegen  Nachfolge  der  überlebenden  Linie  für
auswärtige  Erbansprüche  keine  Wirkung  gehabt  haben.  Daß  übrigens  die
theilenden  Brüder  keine  Todttheilung  machen  wollten,  ist  für  sich  klar  und
vt  daraus  hervor,  daß  sie  sich  beide  „Pfalzgrafen  bei  Rhein,  Herzöge  von

ayern“  schrieben  und  beide  in  ihren  Wappen  den  pfälzischen  Löwen
und  die  42  blauen  und  weißen  Wecken  (Rauten)  führten.  Uebrigens  war
der  gethane  Schritt  ein  höchst  gewagter,  der  Reichsverfassung  und  dem
Reichsherkommen  durchaus  entgegengesetzter  („man  mag  kein
fürstenamt  mit  recht  zweien  mannen  leihen;  geschiet  es  aber  je,  jedweder
        <pb n="471" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  451

mag  mit  recht  nit  ein  fürst  davon  geheissen  noch  gesein“  und  „geteilet  lehen
erstirbt  dem  reich"  sagt  der  Schwabenspiegel  und  das  Kaiserrecht).  Dreimal
(1340,  1425,  1377)  entnahm  Oesterreich  aus  dieser  Theilung  Erbansprüche
auf  Niederbayern.

36.  Heinrich  XIII  erhielt  dabei:  Floß,  Parkstein,  Weiden,  Vohenstrauß,
  Erbendorf,  Bernau,  Markt  Luhe,  Mantel  undAdelnberg;  Ludwig  II
erhielt:  Hohenstein,  die  Aemter  (Stadt  Vilseck  blieb  bambergisch)  Vilseck,
Thurndorf,  Auerbach,  Plech,  Hersbruck,  Hanbach,  Lauf,  Neumarkt  mit  Berngau,
  Schwäbischwörth  (Donauwörth)  und  Möring,  Schwabeck  und  Schongau
  nebst  vielen  Gütern  zwischen  der  Donau,  Wertach  und  dem  Gebirge,
darunter  die  Grafschaft  und  das  Schloß  Hohenschwangau.  Burg  und  Stadt
Nürnberg,  Lauingen,  Nördlingen  und  die  Vogteirechte  über  Augsburg  wollten
sie  gemeinschaftlich  erobern  und  besitzen;  sie-bekamen  aber  nur  Lauingen.

37.  Siehe  die  Tabelle  der  ungarischen  Herrscher  unter  Ziffer  26.

38.  Otto  erhob  damals  vom  Schaff  Dienstwaizen  80  Pfennige,  vom
Schaff  Roggen  60  Pfennige,  vom  Schaff  Gerste  40  Pfennige,  vom  Schaff
Haber  30  Pfennige,  dazu  noch,  was  zu  Geld  angeschlagen  an  Schweinen
und  Käsen  (diese  zur  Hälfte)  und  sonst  an  Zins  von  den  Grundholden  in
diesem  Jahre  eingedient  werden  mußte.  Ein  Regensburger  Pfennig  am
Anfang  des  14.  Jahrhunderts  galt  4½/  Kreuzer  heutigen  Geldes;  das  Pfund
Pfennige  hielt  8  Schillinge  (solidl)  zu  30  Pfennigen,  also  240  Pfennige,
galt  sohin  18  Gulden  heutigen  Geldes.  Das  Geld  hatte  damals  einen
wenigstens  fünfmal  größeren  Werth,  als  heute.

39.  Friedrichs  des  Schönen  Verwandtschaft  mit  den  niederbayerischen
Prinzen  ist  aus  nachstehender  Tabelle  ersichtlich:

Otto  der  Erlauchte,  78  1253.
Gemahlin:  Agnes,  des  Pfalzgrafen  Heinrich  des  Langen  Tochter.

Elisabeth,  1295.  Ludwig  II,  Heinrich  XlII,
1.  Gemahl:  Conrad  IV  von  der  Strenge,  71294.  1  1291.
Hohenstaufen.  2.  Gemahl:
Mainhard  IV  von  Görz-Tyrol.

 

 

4  2  2  N  -
Heinrich  von  Elisabeth;  ihr  Otto  III,  Ludwig  III,  Stephan  I,
Kärnthen,  Gem.  Albrecht  1312.  1  1296.  +1  1310.
1  1335.  von  Oesterreich  1
1298  —  1308.  D
—.—.  —  *

 

Friedrich  der  Hein=  Elisabeth,  Hein--  Ottoly,
Schöne.  rich  XV,  Gem.:  Otto  rich  XIV,  13535.
1  1333.  der  Kühne  f  1339.
von  Oesterreich.


—  .
Friedrich.  Leopold.  Johann,
1  1340

40.  Heinrich  XV,  dem  Natternberger,  wurde  ein  Strich  Landes  zu
Theil,  in  welchem  Deszendorf,  Dingolfing,  Vilshofen  und  Cham  die  Hauptorte
  waren;  Otto  IV  erhielt  den  Landstrich  mit  Burghausen,  Braunau,
Altötting,  Trostberg,  Rosenheim,  Traunstein  und  Reichenhall;  Heinrich  XIV
bekam  Stadt  und  Gebiet  von  Landshut,  Straubing,  Schärding  und  Pfarrkirchen.

41.  Königreich  Arelat  hieß  das  Königreich  Burgund  seit  der  im  Jahre
933  erfolgten  Vereinigung  Hochburgunds,  das  der  Graf  Rudolf  im
Jahre  887  gegründet,  mit  Niederburgund,  das  Graf  Boso  im  Jahre
879  gegründet  hatte.  Niederburgund  bildete  das  Land  zwischen  den  Westalpen
  und  der  Rhone,  vom  Genfersee  bis  zum  Mittelmeere.  Hochburgund
reichte  von  der  Saone  bis  zur  Aar  und  schloß  das  Juragebirg  in  sich.

29*
        <pb n="472" />
        452  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

42.  Heinrich  von  Kärnthen,  ein  Sohn  Mainhards  IV  von
Görz-Kärnthen-Tyrol  und  der  Elisabeth,  einer  Tochter  des  Herzogs  Otto
des  Erlauchten  und  der  Pfalzgräfin  Agnes,  hatte  vom  Kaiser  Ludwig  zu
Trient  (11.  Januar  1330)  das  Versprechen  erwirkt,  daß,  wenn  ihm  keine
Söhne  geboren  würden,  seine  beiden  Töchter  Margaretha  Maultasche
und  Adelheid  Land  und  Herrschaft  ihres  Vaters  erben  sollten,  jedoch  mit
Vorbehalt  der  kaiserlichen  Einwilligung  für  den  bestimmten
Fall.  König  Johann  von  Böhmen,  der  hievon  Kunde  erlangt  haben
mochte,  ging  im  August  1330  nach  Tyrol  und  brachte  die  Vermählung  seines
  zweiten  (damals  zehnjährigen)  Sohnes  Johann  Heinrich  mit
Heinrichs  von  Kärnthen  älterer  Tochter,  Margaretha  Maultasche,
zu  Stande,  die  scon  15  Jahre  zählte.  Bei  der  Vermählung  ließ  es
Heinrich  von  Karnthen  geschehen,  daß  die  Stände  von  Tyrol,
Kärnthen  und  Görz  der  Tochter  und  dem  Schwiegersohne  als  ihrem
zukünftigen  Herrscherpaare  huldigten.  Dadurch  fühlten  sich  die  österreichischen
  Prinzen  Albrecht  der  Weise  (Lahme)  und  Otto  der  Kühne,
Brüder  des  im  Januar  1330  verlebten  Friedrich  des  Schönen,  verletzt,
einmal  deßwegen,  weil  ihr  Ahnherr,  Kaiser  Rudolf  von  Habsburg,  1285
Kärnthen  an  den  Grafen  Mainhard  IV  von  Görz  und  Tyrol  mit  der
ausdrücklichen  Bestimmung  abgelassen  hatte,  daß  Kärnthen  nach  Abgang  des
Mainhard'schen  Mannsstammes  an  Oesterreich  zurückfallen  solle,  dann
auch  deswegen,  weil  bei  der  Vermählung  ihres  Vaters,  des  deutschen
Königs  Albrecht  von  Oesterreich  (1298—1308)  mit  Elisabeth,  einer
Tochter  Mainhards  IV,  den  Habsburgern  die  Anwartschaft  auf  Kärnthen
neuerdings  zugesichert  worden  war.  König  Ludwig  war  daher  nicht  wenig
überrascht,  daß  der  Herzog  Heinrich  von  Kärnthen  seinem  Schwiegersohne
Johann  Heinrich  ohne  seine  (des  Kaisers)  Einwilligung  von  den  Ständen
seines  Landes  hatte  huldigen  lassen.  Die  Sache  kam  damals  an  ein
Austregalgericht,  welches  entschied,  Kärnthen  müsse  an  Oesterreich
fallen,  Tyrol  aber  falle  dem  Reiche  anheim  und  König  Ludwig  sei  befugt,
es  für  sich  zu  behalten.

43.  Den  neuesten  Forschungen  zufolge  war  der  Hergang  dieser:  Herzog
Ludwig  II  war  mit  dem  Bischofe  von  Augsburg  in  Fehde  gerathen  und
gedachte  durch  Waffengewalt  den  Bischof  zur  Nachgiebigkeit  zu  zwingen.  Um
seine  Gemahlin  für  den  Fall  eines  unglücklichen  Ausganges  seines  Unternehmens
  in  Sicherheit  zu  bringen,  brachte  er  sie  nach  der  damals  festen
Stadt  Donauwörth  und  stellte  sich  dann  an  die  Spitze  seines  unweit
Augsburg  versammelten  Heeres.  In  der  Umgebung  des  Herzogs  befand  sich
ein  tapferer  Ritter,  Namens  Ortlinger,  der  am  ganzen  Hofe  des  Herzogs
sehr  wohl  gelitten  war.  Auch  die  Herzogin  ehrte  ihn  und  gab  ihm  ihre
Hochschätzung  dadurch  zu  erkennen,  daß  sie  ihn  bei  Festlichkeiten  am  Hofe  mit
„Ihr"  anredete,  während  sie  die  Hofbeamten  und  Dienstmannen  zu  „dutzen“
pflegte.  Oefters  schon  hatte  Ritter  von  Ortlinger  die  Bitte  gestellt,  ihn  gleich
den  übrigen  Hofleuten  anzureden,  allein  die  Herzogin  that  es  nicht  aus  Rücksicht
  für  ihren  Gemahl,  der  den  Ritter  Ortlinger  gleichfalls  mit  Auszeichnung
  behandelte.  Da  nun  der  Herzog  vor  Augsburg  sehr  lange  verweilte,
schrieb  ihm  seine  Gemahlin  Maria  von  Donauwörth  aus,  er  möge  doch
endlich  zurückkehren.  Dem  Boten,  den  sie  an  ihren  Gemahl  abschickte,  gab
sie  außer  diesem  Briefe  noch  einen,  der  an  Ortlinger  gerichtet  war  und  die
Bitte  enthielt:  „er  möge  ihren  Gemahl  zur  Rückkehr  bewegen,  dann  wolle
sie  ihm  gewähren,  um  was  er  sie  schon  oft  gebeten  habe",  worunter  sie  ohne
Arg  das  „Dutzen“  gemeint  hatte.  Da  der  Herzog  bei  Empfangnahme  seines
Briefes  bemerkte,  daß  der  Bote  einen  zweiten  Brief  bei  sich  habe,  fragte  er
nach  der  Aufschrift.  Auf  die  Nachricht,  derselbe  sei  an  Ritter  Ortlinger  gerichtet,
  erwachte  des  Fürsten  Argwohn.  Er  öffnete  den  Brief,  deutete  jene
        <pb n="473" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  453

Worte  falsch  und  schickte  sogleich  nach  Donauwörth  den  Befehl,  die  Herzogin
zu  enthaupten,  was  leider  mit  zu  großer  Hast  ins  Werk  gesetzt  wurde.

44.  Die  Stadt  Schwäbischwörth  (Donauwörth),  Hersbruck,  Parkstein,
Floß  und  noch  andere  Güter  auf  dem  Nordgau.

45.  Ammergau,  Schongau,  Peutingau  und  Möringen  gem.  Urk.  geg.
zu  Innsbruck  am  6.  November  1266.

46.  Konradin  stammte  durch  seine  Mutter  Elisabeth  von  der  Pfalzgräfin
  Agnes,  Friedrich  durch  seinen  Vater  Hermann  VI  von  der  Pfalzgräfin
  Irmengarde  ab;  vgl.  d.  nachstehende  Tabelle:

Heinrich  der  Lange,
Sohn  Heinrichs  des  Löwen.

—
R

Heiwich  Agnes;  ihr  Gemahl:  Otto  der  Irmengarde  (Elicke).
1214.  Erlauchte  von  Bayern-Pfalz.  Gem.:  Hermann  V  von
Baden,  7  1243.

 

 

„  K...  —q
Elisabeth;  Ludwig  II  Heinrich  Hermann  VI  von
1.  Gem.:  Konrad  IV,  d.  Strenge.  XIII.  Baden  erbt  1246  das
deutscher  König.  Herzogth.  Oesterreich;
2.  Gem.:  Mainhard  IV  1250;  Gem.:  Gertrude
von  Görz-Tyrol.  von  Babenberg.
1  2  2.
Konradin,  Heinrich  Elisabetb.  Friedrich  von  Baden  Agnes.
1268  zu  Neapel  von  und  Oesterreich,  1268
enthauptet.  Kärnthen.  zu  Neapel  enthauptet.

47.  Siehe  die  getroffene  Theilung  oben  unter  Ziffer  36.

48.  Auf  Seite  Ludwigs  waren:  Der  Kurfürst  Peter,  Erzbischof  von
Mainz,  Balduin,  Erzbischof  von  Trier,  Bruder  des  verstorbenen
Kaisers  Heinrich  VII,  die  Markgrafen  Heinrich  und  Waldemar  von
Brandenburg  und  König  Johann  von  Böhmen-Luxemburg,  dieser
deshalb,  weil  er  einsah,  daß  er  selbst  nicht  durchgesetzt  werden  könne  und  für
den  Fall,  daß  ein  Habsburger  daran  käme,  für  das  Haus  Böhmen-Luxemburg
  Alles  zu  fürchten  sei,  besonders  hinsichtlich  Böhmens,  worauf  nicht
blos  Heinrich  von  Kärnthen,  sondern  auch  die  Habsburger  ein  näheres
Recht  zu  haben  vorgaben.  Auf  Seite  Friedrichs  des  Schönen  stand
der  Kurfürst  Heinrich  von  Virneberg,  Erzbischof  von  Köln,  und  der
Pfalzgraf  Rudolf,  welcher  dem  Münchener  Vertrage  von  1313  zufolge  die
pfalzbayerische  Kurwürde  bekleidete.  Die  beiden  Stimmen  von  Kursachsen
gaben  keinen  Ausschlag,  da  Herzog  Johann  von  Sachsen-Lauenburg
sich  für  Ludwig,  Herzog  Rudolf  von  Sachsen-Wittenberg  sich  für
Friedrich  den  Schönen  aussprach;  die  Stimme  Heinrichs  von  Kärnthen,
der  sich  für  Friedrich  entschied,  kam  nicht  in  Anschlag,  da  er  längst  sein
Königreich  Böhmen  und  damit  das  Kurrecht  verloren  hatte.  Ludwig  war
demnach  mit  4  gegen  2  Stimmen  gewählt.

49.  Vermuthlich  aus  Furcht,  die  Rudolf  vor  Ludwig  hegte,  seit  dieser
auf  dem  Kornmarkte  (jetzigen  Marienplatze)  in  München  zum  Zwecke  der
Verschönerung  trotz  des  Widerspruchs  Rudolfs  und  mehrerer  Bürger  einige
Häuser  gewaltsam  hatte  abbrechen  lassen.
        <pb n="474" />
        454  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

50.  Genealogische  Tafel  der  Häuser  Holland  und  Hennegau:

Balduin  I,
Graf  von  Hennegau.

Balduin  III,  Heinrich.  Philipp.
Graf  von  Hennegau  und
Flandern,  König  von
Jerusalem,  1205.

Johanna,  Marga--  Burchard,  Florentius  1IV,
Gemahl:  Prinz  retha.  Diakon.  Graf  von  Holland.

Portugal.  Johann  ,  Graf  von  Marga---Wilhelm  I,  Floren- 



 

 

 

Hennegau.  retha?  König  von  tius.
-  Deutschland,
Johann  II,  1  1255.

Vormund  des  Grafen  Johann—.
von  Holland,  vergiftet  seinen  Florentius  V.
Mündel  und  verbindet  Holland

mit  Hennegau.

-  .’-N-.......
Wilhelm  III,  J  1337;  Lobenne  Graf  von
Gemahl.:  Johanna,  Schwester  Holland,  wird  durch  seinen
des  Königs  Philipp  VI  von  Vormund  Johann  ll  von

Valois.  Hennegau  1299  verziftet.

Wilhelm  IV,  Margaretha,  Philipp,  Johanna,
4  1345  kinder=  Gem.:  Ludwig  Gem.:  Eduardlll  Gem.:  Herzog  Johann
los.  der  Bayer.  von  England.  Wilhelm  v.  Jülich.

51.  Ludwig  setzte  dem  Manifeste  des  Papstes  Johann  XXII  (geg.  am
8.  Oktober  1323)  zuerst  eine  Protestation  entgegen,  welche  eine  am  12.  November
  1323  von  Nürnberg  aus  nach  Avignon  abgehende  Gesandtschaft
überreichte.  Die  Gesandtschaft  bestand  aus  dem  Ordensmeister  der  Johanniter,
Albert  von  Straßburg,  dem  Archidiakon  von  Würzburg,  Magister  Guestrupp
  von  Sebeck,  und  dem  Prager  Domherrn  Heinrich  von  Thorun.
Der  ersten  Protestation  ließ  Ludwig  eine  zweite  folgen,  welche  auf  dem  Reichstage
  in  Nürnberg  am  16.  Dezember  1323  erlassen  wurde.  Man  schreibt
ihre  Abfassung  den  Minoriten  (Brüdern  des  hl.  Franziskus)  zu,  welche
sich  damals  in  sehr  bedrängter  Lage  befanden.  Sie  waren  um  der  verkehrten
Lehre  willen,  daß  die  christliche  Armuth  nur  die  Nutznießung  (simplicem
usum)  einer  Sache,  nicht  aber  das  Eigenthumsrecht  auf  dieselbe  gestatte,
hauptsächlich  auf  Betrieb  der  Dominikaner  mit  dem  päpstlichen  Banne
belegt  und  haufenweise  aus  ihren  Klöstern  in  Italien  getrieben  worden.
Von  Ludwig  IV  in  Deutschland  ausfgenommen  und  geschützt,  übernahmen  sie
dessen  Vertheidigung.  Unter  ihnen  ragte  besonders  der  Engländer  Wilhelm
Occam,  ein  Schüler  Duns  Skotus,  hervor,  der  zu  Paris  Theologie  gelehrt
  hatte  und  auf  die  Nachricht,  daß  seinen  Orden  der  Kirchenbann  getroffen,
  zu  Ludwig  IV  nach  München  geflüchtet  war,  wo  er  1347  starb.  Neben
Occam  traten  als  Vertheidiger  Ludwigs  auf:  Marsilius  von  Padua,
Jobannes  Jandunus  von  Genua,  Ludwigs  Leibarzt,  und  der  Augsburger
  Patrizier  Ulrich  Hangör,  Ludwigs  geheimer  Sekretär  und  vertrauter
  Freund.

52.  Mehrere  Fürsten  Italiens,  die  Häupter  der  Gibellinen,  hatten  dem
König  Ludwig,  als  er  auf  dem  Römerzuge  Trient  berührte  (12.  Februar  bis
11.  März),  150,000  Goldgulden  für  seine  Expedition  nach  Rom  verheißen
und  den  Galeazzo  Viskonti  in  Mailand  zur  Zahlung  dieses  Betrages  angewiesen.
  Unter  verschiedenen  Vorwänden  weigerte  sich  Galeazzo,  an  Ludwig
Zahlungen  zu  leisten.  Cane  della  Scala,  von  Ludwig  um  die  Ursache  be-
        <pb n="475" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  455

fragt,  äußerte,  daß  Galeazzo  keineswegs  ein  Freund  Ludwigs  sei,  sondern
ein  geheimes  Einverständniß  mit  dem  Papste  unterhalte.  Als  Ludwig  eines
Tags  bei  ihm  zur  Tafel  saß,  starb  Stephan,  des  Galeazzo  jüngster  Bruder,
plötzlich  an  einem  Tranke,  den  er  als  Mundschenk  Ludwigs  diesem  eben
überreichen  wollte.  Als  hierauf  Marco  Visconti  gegen  seinen  Bruder  Galeazzo
aussagte,  daß  dieser  den  Gifttrank  gemischt,  ließ  Ludwig  den  Galeazzo  mit
seinem  Sohne  Azzo  und  seinen  zwei  Brüdern  Johann  und  Luchin  auf
die  Citadelle  nach  Monza  bringen.

53.  Schon  während  ihres  Aufenthaltes  in  Rom  hatten  die  Prinzen
Rudolf  II  und  RupertI  ihrem  Oheim  (14.  April  1328)  klagend  geäußert,
daß  ihnen  dem  Münchner  Vertrag  vom  Jahre  1313  zufolge  der  väterliche  Besitz
erst  nach  dem  dereinstigen  Ableben  Ludwigs  zukommen  solle.  Als  Ludwig,  deren
Beistandes  bedürftig,  ihnen  in  einer  Urkunde  die  Herausgabe  ihres  Erbes
verheißen,  so  bald  durch  Schiedsrichter  die  Feststellung  des  ihnen  gebührenden
Antheils  erfolgt  sein  würde  (Rom  144.  April  1328),  war  Rudolf  II  mit
dieser  Urkunde  nach  Bayern  geeilt  und  hatte  nach  längerem  Aufenthalte  im
Nordgau  und  zu  München  einen  Theilungs-Entwurf  zu  Stande  gebracht.
Die  in  der  Urkunde  von  Rom  für  beide  Theile  bestimmten  Schiedsrichter
waren:  Heinrich  von  Gumppenberg,  Heinrich  von  Sur,  Heinrich
Truchseß  von  Sulzbach,  Heinrich  der  Eysolzrieder,  Dietrich  von
Chürn,  Weigl  von  Trausnitz,  Heinrich  der  Preysin  ger  von
Wolnzach,  oder,  wenn  derselbe  nicht  im  Lande  sein  sollte,  Otto  von
Greifenberg.

54.  Der  Tod  Friedrichs  des  Schönen,  welcher  am  20.  Januar
1330  eintrat,  und  die  Rüstungen,  welche  die  vom  Papste  aufgereizten  Söhne
Friedrichs  des  Schönen  vornahmen,  vereitelten  den  beabsichtigten  Zug.

55.  Der  erste  Stiftungsbrief  ist  nicht  mehr  vrhanden.  Aus  einem
Consens  des  Königs  Johann  von  Böhmen  vom  Jahre  1330  ist  aber  ersichtlich,
  daß  der  Kaiser  den  ganzen  Ammergau,  über  den  bisher  das  Kloster
Steingaden  Vogteirechte  hatte,  zu  der  Stiftung  bestimmt  und  deshalb  den
Ammergau,  welcher  bis  dahin  Reichsgut  war,  mit  Einwilligung  der  Kurfürsten
  in  ein  Allod  verwandelt  habe.  In  der  Folge  schenkte  er  noch  die
Hofmarken  Peitingau  und  Mähringen  dazu.  An  der  Stelle,  wo  das
Kloster  gebaut  wurde,  stand  früher  ein  römisches  Castrum  und  später  die  Zelle
Ettikos.  Bei  Aufgrabung  des  Bodens  zur  Grundfeste  (April  1330)  fand
man  in  der  Tiefe  acht  Leichname,  und  als  man  in  der  Folge,  wo  ein  Theil
des  Gebäudes  einstürzte,  noch  tiefer  grub,  fand  man  weitere  neun  Leichen,
wahrscheinlich  aus  den  Römerzeiten.  Nach  dem  Tode  Ludwigs  des  Bayern
zogen  dessen  Söhne  den  größten  Theil  der  Einkünfte  dieses  Stiftes  an  sich
und  ließen  nur  so  viel  übrig,  daß  sich  die  Mönche  halten  konnten.  Später
wurde  zu  Ettal  eine  Ritter-Akademie  (Erziehungs-Anstalt  für  Adelige)  errichtet,
  neben  welcher  das  Kloster  fortbestand.

56.  Den  ersten  Verdacht  erregte  Johann  dadurch,  daß  er  seinen  zweiten
Sohn  Johann  Heinrich  mit  Margaretha  Maultasche  vermählen
ließ,  wodurch  er  Kärnthen,  Krain  und  Tyrol  mit  seinem  Reiche  zu  verbinden
dachte;  dazu  kam  noch,  daß  sein  ältester  Sohn  Karl  in  Pavia  seine  Residenz
aufschlug  und  überall  das  Gerücht  begünstigte,  daß  er  zum  König  von
Italien  bestimmt  sei.
        <pb n="476" />
        456  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.
57.  Genealogische  Tafel  der  Grafen  von  Görz  (Tyrol-Kärnthen):
Mainhard,  Graf  von  Görz,

 

 

 

circa  1121.
Heinrich  1,  Engelbert  lII,  Tochter  N.;  Gemahl:
1121—1150.  1150,  1187.  Graf  von  Rechberg.
-  ———.
Mainhard  ll,  Engelbert  III,
1186,  7  1231.  1186,  1220.
Mainhard  III,  Albert  I,
1223,  k  1258  am  22.  Juli.  7  1250.

Gemahlin:  Adelheid,  Tochter
Albert  III,  des  Grafen  von
Tyrol.

 

—  .  —  —
Mainhard  IV,  Albertus  II,  Adelheid,  Bertha;  Mainhardy,
1286  Herzog  von  Graf  von  Görz.  Gemahl:  Gemahl:  11318.
Kärnthen,  F  1.  Nov.  Diese  Linie  Friedrich  Conrad
1295;  Gemahlin:  starb  1500  mit  Graf  von  Graf  von

Elisabetho.  Bayern,  d.  Grafen  Leon=  Ortenburg,  Wüllen-Otto's

  des  Erlauch=  hard  von  Görz  f1304.  stätten  und

ten  und  der  Pfalz=  aus,  worauf  die  Kirchberg.

gräfin  Agnes  Toch=  Grasschaft  Görz

ter  und  Wittwe  des  an  den  Kaiser

Hohenstaufen  Con=  Maximilian  I
rad  IV;  Hochzeit  gefallen  ist.

mit  Mainhard
6.  Oktober  1259.

 

—  —  2
Otto,  Albert,  —  Heinrich,  Elisa=  Agnes,  Marga-125.
  Nai  7  1292.  5  Sept.  Herzog  von  beth,  1295;  retha,
1310  1305.  Kärnthen,  geb.  1262,  Gemahl:  uneheliche
56  April  1335.  k  18.  Okt.  Fried--=  Tochter;
1.  Gm.:  Anna,  1313.  rich,  Gemahl#
Tochter  d.  Kg#0  Gemahl:  Land=  Ulrich
Wenzel  IV,  F3.  Albrecht  graf  v.  von  Neu-Seiir.
  1313;  von  Thürin=  haus.
2.  Gemahlin“  Oester=  gen.
Adelheid,  reich.
Prinzessin  von
Braunschw.-Lüneburg,
1.  18.  August  1320;
3.  Gemahlin:  Beatrifx,
Gräfin  von  Savoyen,
1  20.  Dezember  1331.
4.  Eine  Concubine.

—  —

"*

2.  2.  2.  4.  4.

Leopold  Margaretha  Adelheid,  Mat  1  us,  Albrecht

als  Kind.  Maultasche,  geb.  eb.  1317,  1  1353  "6  +  1555
1316,  F  3.  Okt.  1369.  25.  Mai

1.  Gein.  oh.  Heinrich  1375.

 

von  Böhmen.
2.  Gem.:  Ludwig  der
Brandenburger.
Albertus,  2.
ein  unehelicher  Sohn,  Mainhard,  Mehrere  sübse  und  Töchter,
geb.  1330  vor  der  7  1663.  die  bald  gestorben  find.

Germählung  mit  Joh.
Heinrich.
        <pb n="477" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  467

Adelheide,  die  jüngere  Tochter  Heinrichs  von  Kärnthen,  war  von
Jugend  auf  sehr  kränklich.  Deshalb  hatte  ihr  der  Vater  am  26.  August  1334
einen  Unterhalt  auf  Lebensdauer  ausgeworfen,  ohne  ihr  damit  die  Ansprüche
auf  das  väterliche  Erbe  zu  entziehen.  Sie  entsagte  1336  und  1341  ihren
Ansprüchen  auf  Kärnthen  und  Tyrol  zu  Gunsten  der  mit  ihr  verwandten
österreichischen  Herzöge  Otto  des  Kühnen  und  Albrecht  des  Weisen  (auch
der  Lahme  genannt,  weil  er  in  Folge  eines  in  der  Jugend  erhaltenen  Giftes
an  Händen  und  Füßen  lahm  geworden).

58.  König  Ludwig  IV  ließ  sich  in  dieser  Sache  ganz  durch  seine  Hofkanonisten
  leiten.  Diese  wiesen  darauf  hin,  daß  auch  Kaiser  Friedrich  I
ohne  Beiziehung  des  Papstes  seine  Gemahlin  verlassen,  daß  Friedrich  der
Streitbare  von  Oesterreich,  daß  König  Ottokar  II  von  Böhmen
das  Nämliche  gethan  hätten.  Es  handle  sich,  behaupteten  sie,  im  gegebenen
Falle  gar  nicht  um  eine  Auflösung  der  Ehe,  sondern  nur  um  den  Nichtigkeitsbeweis
  des  Ehecontraktes.  Gleichzeitig  ward  eine  Abhandlung  des  Wilhelm
  Occam  de  jurisdictione  in  causis  matrimonialibus  in  Umlauf
gelen.  um  Ludwigs  IV  offenkundige  Parteinahme  für  Margaretha  vor  dem

olke  zu  rechtfertigen.  Die  Behauptung,  daß  Ludwig  in  eigener  Person  die
Ehe  Margaretha'“'s  mit  Johann  Heinrich  geschieden  und  von  dem
zwischen  ihr  und  seinem  Sohne  bestehenden  Ehehindernisse  der  Blutsverwandtschaft
  (sie  waren  im  dritten  Grade  verwandt,  denn  Margaretha's
Großmutter  Elisabeth  und  Ludwigs  des  Brandenburgers  Großvater
Ludwig  II  der  Strenge  waren  Geschwister,  Kinder  Ottos  II  des  Erlauchten,
siehe  unten  am  Schlusse  den  Stammbaum)  dispensirt  habe,  mag  billig  in
Zweifel  gezogen  werden,  da  die  bei  Olenschlager  Nr.  81  und  82  angegebenen
Ehescheidungs=  und  Dispensations-Instrumente,  die  beide  Ludwig  IV  gefertigt
haben  soll,  keine  Angabe  des  Ortes  und  der  Zeit  der  Ausfertigung  enihalten,
in  keinem  Archive  sich  vorfinden  und  weder  Papst  Bened  ikt  XII,  noch  dessen
Nachfolger  Klemens  VI  einen  solchen  Eingriff  Ludwigs  IV  in  die  geistliche
Jurisdiktion  rügen.  Wahrscheinlich  hat  Bischof  Ludwig  von  Freysing,
der  auf  dem  Schlosse  Tyrol  die  Trauung  vollzog  und  auf  dem  Heimwege
über  den  Jaufen  durch  einen  Sturz  vom  Pferde  (8.  Februar  1342)  das
Leben  einbüßte,  mit  Ueberschreitung  seiner  Befugnisse  die  Ehescheidung  und
Dispensation  vorgenommen.

Stammbaum
Ludwigs  des  Brandenburgers  und  der  Margaretha  Maultasche.

Otto  II  der  Erlauchte,
Herzog  von  Bayern.

Ludwig  II  der  Strenge.  Elisabeth,
I  1.  Gemahl:  Konrad  IV  von
Hohenstaufen.
I  2.  Gemahl:  Mainhard  IV
von  Tyrol.
–—  —  —

 

Ludwig  IV  der  Bayer.  2.
I  Heinrich  von  Kärnthen.

—

-  W..—....  —
Ludwig  der  Brandenburger.  Margaretha  Maultasche.

59.  Siehe  die  genealogische  Tafel  der  Häuser  Holland  und  Hennegau
unter  Ziffer  50  der  Beilagen.

60.  Da  Ludwig  IV  im  großen  Kirchenbanne  starb  und  der  Papst
Klemens  VI  diesen  nicht  lösen  wollte,  so  sollte  seine  Leiche  nach  Verlauf  von
zwölf  Jahren  wieder  aus  dem  geweihten  Erdreich  genommen  und  in  ungeweihtes
  gelegt  werden.  So  wollte  es  auf  Befehl  des  Papstes  Innocenz  VI
        <pb n="478" />
        458  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

der  Bischof  Paulus  von  Freysing.  Aber  Ludwig  der  Brandenburger
und  seine  ganze  Familie  widersetzten  sich  solchem  Beginnen.  Auch  alle  diejenigen,
  welche  mit  dem  gebannten  Ludwig  Umgang  gehabt  oder  ihn  als
ihren  Herrn  und  Kaiser  anerkannt  hatten,  mußten  bei  dem  Papste  um  die
Lossprechung  vom  Banne  nachsuchen,  so  der  Bischof  von  Regensburg  und  sein
ganzes  Kapitel  und  die  meisten  Klöster  in  Bayern.  Im  Kirchenbann  befanden
  sich  auch  alle  Kinder  Ludwigs  und  alle  Mitglieder  seiner  Familie  bis
zur  vierten  Sippschaft.  Ludwig  der  Brandenburger,  seine  Gemahlin
Margaretha  und  deren  Sohn  Mainhard  wurden  1359  im  Auftrage  des
Papstes  Innocenz  VI  von  dem  Bischofe  Paulus  von  Freysing  von  dem  Banne,
und  ihre  Besitzungen  Oberbayern  und  Tyrol  von  dem  Interdikte  losgesprochen.
  Den  Herzögen  von  Niederbayern  und  ihren  Landen  wurde
diese  Wohlthat  erst  1361  zu  Theil.  Noch  im  Jahre  1431  schickten  die  Herzöge
Ernst  und  Wilhelm  an  den  Papst  Martin  V  Botschafter  mit  der  Bitte,  den
Kirchenbann  zu  lösen,  womit  der  Papst  ihren  Ahnherrn  Ludwig  und  seine  Nachkommen
  bis  zur  vierten  Sippschaft  belegt  hatte  (Haus-Archiv).  Im  Jahre
1616  setzte  sich  Herzog  Maximilian  1  dieser  Sache  wegen  mit  dem  pähstlichen
Hofe  in  einen  Briefwechsel  und  verlangte  die  Absolution  Ludwigs  vom  Kirchenbanne,
  scheint  aber  seinen  Wunsch  nicht  erreicht  zu  haben.  Trotzdem  ließ
dieser  hochsinnige  Fürst  im  Jahre  1622  seinem  großen  Ahnherrn  auf  der
Kaiserwiese  bei  Fürstenfeld  und  in  der  Frauenkirche  zu  München  ein  Denkmal
setzen,  und  später  ehrte  König  Max  Joseph  sein  Andenken  durch  die  Errichtung
  eines  Denkmals  zu  Puch  bei  Fürstenfeld.
61.  Diese  verpfändeten  Ortschaften  wurden  schon  1353  eingelöst.

62.  Albrecht  I  erhielt  durch  den  Theilungsvertrag  vom  3.  Juni  1353
von  Niederbayern:  Straubing,  Schärding,  Neuhaus,  Vilshofen,
Hilkersberg,  Hengersberg,  Deggendorf,  Natternberg,  Viechtach,
  Eschelkn  Furt,  Neukirchen,  Cham,  Kötzting,  Pleistein,
Waldmünchen,  Rötz  sammt  den  zwei  Burgen  auf  dem  Schwarzenberg,
  Falkenstein,  Saulburg,  Mitterfels,  Bogen,  Kagers,
Haidau,  Kelheim,  Abbach,  Arnsberg,  Sulzbach  (bei  Donaustauf),
Dietfurt,  Ellenbach  (bei  Pfaffenberg),  Pfaffenberg,  Geisel  höring,
Landau,  Dingolfing,  Aufhausen,  Schönberg  (bei  Reginstauf
Stephan  II  behielt  Landshut  mit  den  übrigen  Aemtern  Niederbayerns.


63.  Die  hervorragendsten  Männer  dieser  Partei  waren:  Ulrich  von
Abensberg,  Hadamar  von  Laber,  Hiltpolt  von  Stein,  Konrad
Fraunberger  und  der  Jägermeister  Konrad  Rumersprucker.

64.  Die  Städte,  Schlösser  und  Ortschaften  in  der  Oberpfalz,  welche
Kaiser  Karl  IV  an  Otto  V  von  Brandenburg  und  seine  Erben  abtrat,
waren:  Floß,  Hirschau,  Sulzbach,  Rofenberg,  Lichtenstein,
Lichteneck,  Breitenstein,  Reicheneck,  Neidstein,  Hersbruck,  Lauf
und  Buchberg  unter  dem  Rechte  der  Wiedereinlösung  gegen  100,000  Gulden;
an  Cutschädigung  in  Geld  wurde  Otto  V  zugesichert:  ein  Jahrgeld  von
3000  Schock  böhmischer  Groschen  (ungefähr  60,000  Gulden  bayer.  Geldes),
außerdem  200,000  Goldgulden  in  Fristen  und  100,000  in  Pfandscheinen
auf  die  Steuern  der  Reichsstädte  Dinkelsbühl,  Nördlingen,  Donau--wörth
  und  Bopfingen,  oder,  wenn  diese  300,000  Goldgulden  nicht  bezahlt
würden,  jährlich  10,000  Goldgulden  Zinsen.  In  der  Folge  bekam  Otto  VI
jede  Woche  60  Schock  böhmischer  Groschen  =  1200  bayerische  Gulden  (also
jährlich  62,400  Gulden),  dann  10,000  Goldgulden  jährliche  Zinsen  und  für
die  Herzöge  Stephan  und  Friedrich  ein  für  alle  Mal  30,000  Goldgulden.
  Da  die  genannten  Reichsstädte  die  Bürgschaft  für  diese  Zahlungen
ablehnten,  so  übernahm  sie  die  Stadt  Prag.
        <pb n="479" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  459

65.  Eines  Tags  jagte  ein  Schiff,  auf  welchem  sich  Anhänger  der  Margaretha
  befanden,  einem  von  Wilhelms  Parteigängern  besetzten  Schiffe
nach  und  gab  diesem  auf  sein  Anrufen,  was  es  denn  wolle,  spöttisch  zur
Antwort:  „Euch  wie  Kabeljaus  (Stockfische)  mit  Angelhacken  fangen!“  Seitdem
  wurden  die  Anhänger  Margaretha's  von  den  Angelhacken  Häcks,
Hocks  (spr.  Huhks),  Häcken  ser  oder  Hamati,  d.  h.  die  mit  Angelhaken
Versehenen,  genannt,  die  Anhänger  Wilhelms  dagegen  von  Kabeljaux  oder
Stockfsisch  Kabeljauer,  Kabeljaus,  Kabelgenser  oder  Asselati,  weil
ße  *  Gegner  wie  der  Kabeljaux  die  bleiernen  Lockfische  zu  verschlingen
rohten.

66.  Siehe  die  genealogische  Tafel  der  Häuser  Holland  und  Hennegau
  unter  Ziffer  50  der  Beilagen.

67.  Kaiser  Karl  1V,  dem  es  gelungen  war,  viele  Ortschaften  in  der
Oberpfalz  an  sein  Haus  zu  bringen,  hatte  es  darauf  abgesehen,  die  Grenze
seines  Reiches  bis  an  die  Donau  zu  erweitern.  Der  damalige  Bischof  von
Regensburg,  Namens  Friedrich,  ein  Herr  von  hoher  Geburt,  aber  voll
Schulden,  sollte  ihm  dabei  behülflich  sein.  Er  versprach  diesem  bei  einer  Zusammenkunft
  zu  Sulzbach  in  der  Oberpfalz  (12.  Juli  1355)  eine  Herrschaft
ein  Böhmen  und  eine  große  Geldsumme,  wenn  er  ihm  die  bischöflich  -regensburgische
  Herrschaft  Donaustauf  mit  den  zwei  festen  Schlössern  an  der
Donau,  Stauf  und  Wörth,  überlassen  wolle.  Friedrich  willigte  ein,
ohne  sein  Kapitel  und  ohne  die  Herzöge  von  Bayern  zu  befragen,  welche  der
bischöflichen  Lande  oberste  Vögte  und  Beschützer  waren  und  gegen  die  Besetzung
fester  Plätze  an  der  Donau  durch  eine  fremde  Macht  nicht  gleichgültig  sein
konnten.  Kaum  war  die  Sache  laut  geworden,  so  waren  schon  böhmische  Truppen
  in  der  Burg  Stauf  (1355).  Peter  von  Eck  (so  benannt  nach  seinem
Schlosse  Eck  bei  Deggendorf),  der  Vitzthum  des  abwesenden  Herzogs  Albrechtl
von  Straubing  (dieser  war  auf  einer  Reise  zu  seiner  kranken  Mutter  Margaretha
  nach  den  Niederlanden  zu  Anfang  dieses  Jahres  von  dem  Markgrafen
  von  Jülich  gefangen  worden  und  noch  immer  nicht  nach  Bayern
zurückgekommen)  war  heimlich  mit  dem  Kaiser  verstanden  und  hatte  die
freiwillige  Oeffnung  dieser  in  jener  Zeit  uneinnehmbaren  Bergfestung  bei
der  dort  liegenden  Besatzung  bewirkt.  Kaiser  Karl  kam  selbst  herbei  und
ließ  sich  von  den  bischöflichen  Unterthanen  huldigen.  Sein  Versuch,  auch  die
Veste  Wörth  zu  nehmen,  mißlang,  weil  Friedrich  Auer  von  Premberg,
dem  sie  der  Bischof  Friedrich  von  Regensburg  verpfändet  hatte,  die  Herausgabe
  verweigerte.  Das  bischöfliche  Kapitel  protestirte  gegen  den  eigenmächtigen
  Verkauf  des  Bischofs  und  wandte  sich  an  den  päpstlichen  Stuhl.  Auch
die  Herzöge  von  Bayern  legten  sich  ins  Mittel,  besonders  Herzog  Albrecht  I
von  Niederbayern-Straubing,  der  inzwischen  seiner  Haft  entkommen
und  nach  Bayern  zurückgekehrt  war.  Den  Vitzthum  Peter  von  Eck,  seinen
vormaligen  Hofmeister  und  Erzieher,  welcher  bei  der  Landestheilung  ihm
wesentliche  Dienste  geleistet  und  diesen  schönen  Theil  des  Landes  verschafft
hatte,  entsetzte  er  sogleich  seines  Amtes,  das  er  treulos  mißbraucht  hatte,
worauf  sich  Eck  aus  Furcht  vor  schärferen  Ahndungen  in  seine  Veste  Natternberg
  einschloß.  Daher  zogen  die  Herzöge  Albrecht  1  von  Straubing
und  Stephan  II  von  Landshut  vor  Natternberg  und  suchten  Eck  in
ihre  Gewalt  zu  bekommen.  Ein  böhmisches  Heer,  welches  im  April  1357
unter  Karls  eigener  Anführung  dem  Eck  zu  Hülfe  zog,  ging  bei  Stauf  über
die  Donau,  um  den  bayerischen  Herzögen  in  den  Rücken  zu  fallen  und  sie
zur  Aufhebung  der  Belagerung  von  Natternberg  zu  zwingen.  Schon  standen
Bayern  und  Böhmen  schlagfertig  einander  gegenüber,  als  Gesandte  des
Herzogs  Albrecht  II  von  Oesterreich  einen  Wasffenstillstand  vermittelten,
den  Karl  im  Gefühl  seiner  Schwäche  auch  unverzüglich  annahm.  Diesem
zufolge  wurde  die  Veste  Natternberg  den  herzoglich  bayerischen  Truppen
        <pb n="480" />
        460  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

übergeben;  Peter  von  Eck  aber  sollte  sich  hinsichtlich  seines  Verhaltens  vor
Kaiser  und  Reich  verantworten,  und  zwar  auf  einem  Congreß  zu  Wien,
wo  noch  andere  streitige  Gegenstände,  besonders  in  Betreff  der  goldenen
Bulle,  abgethan  werden  sollten.  Peter  von  Eck  starb  aber  noch  vor
Anfang  des  Prozesses  an  den  Folgen  einer  gräulichen  Hungersnoth,  welche
er  während  der  langen  Belagerung  ausgestanden  hatte.

Der  Congreß  zu  Wien  fand  im  Monat  Juli  1357  statt.  Kaiser
Karl  und  die  bayerischen  Herzö3ge  Ludwig  V,  der  Brandenburger,
Stephan  II  und  Albrecht  I  erschienen.  Allein  die  Unterredung  führte
zu  keinem  friedlichen  Resultate.  Wahrscheinlich  verlangten  die  bayerischen
Herzöge  Zurücknahme,  wenn  nicht  der  ganzen,  so  doch  einiger  Theile  der
goldenen  Bulle,  welche  ihnen  die  pfälzische  Kurwürde  für  immer  entzog
und  den  pfälzischen  Wittelsbachern  zuwendete.  Der  Kaiser  gab  indessen
in  nichts  nach  und  man  trennte  sich  in  großer  Erbitterung.  Der  Krieg  begann
  von  Neuem.  Dietrich  Gugelweit,  Karls  Feldherr,  fiel  mit  böhmischen
  Truppen  in  Niederbayern  ein,  nahm  die  Stadt  Cham  und  verheerte
das  flache  Land  umher  so  lange,  bis  Peter  Chamerauer  mit  200  Mann
Bayern  herbeikam  und  die  Böhmen  in  ihre  Wälder  zurückjagte.  Chamerauer
wendete  sich  hierauf  nach  der  böhmischen  Oberpfalz:  Floß  und  Weidengingen
  in  Rauch  auf,  alles  Land  ward  ausgeplündert,  2000  Stück  Vieh  wurden
weggetrieben  und  ein  starkes  Truppenkorps  der  Böhmen  von  den  Bayern  auf
das  Haupt  geschlagen.  Bald  darnach  erschien  Gugelweit  abermals  mit  verstärkter
  Macht  an  Bayerns  Grenze  und  drang  bis  Donaustauf  vor.  Kaiser
Karl  begleitete  den  Zug.  Herzog  Albrecht  1  war  fest  entschlossen,  den
Böhmen  eine  Schlacht  zu  liefern,  als  Kaiser  Karl  sich  zum  Frieden  geneigt
zeigte  und  mit  Albrecht  I  bis  Lichtmeß  1358  einen  Wasfenstillstand  vereinbarte
  (geg.  zu  Stauf  am  29.  November  1357).  Ehe  dieser  noch  abgelaufen,
  kam  (Januar  1358)  ein  Friede  zu  Prag  zu  Stande,  wohin  Albrecht  l
von  Straubing  zum  Kaiser  gekommen  war.  Der  Hergog  verzichtete  auf
die  von  Karl  erworbenen  Güter  in  der  Oberpfalz,  weil  ihm  der  Friede  wegen
der  an  ihn  ergangenen  Einladung,  die  Regierung  Hollands  zu  übernehmen,
  unentbehrlich  geworden.

68.  Genealogische  Tafel  des  Hauses  Burgund:

Johann  der  Gute,  König  von  Frankreich,
1

 

 

350—1364.
Karl  V,  der  Weise,  Ludwig  I  Philipp  der  Kühne,  Jakob  von
König  v.  Frankreich,  von  Anjou,  seit  1363  Herzog  von  Berry,
1364—1380.  7  1384.  Burgund,  1  1404.  1416.
9  ohann  der  Uner-=  Anton  von  Brabant  und  Margaretha

schrockene,  Herzog  von  Limburg,  1404  —  1415;  heirathet  9.  April  1385
Burgund,  1404—  1.  Gem.:  Johanna,  des  Grafen  Wilhelm  II  v.  Holland,
1419;  Gemahlin:  Valeran  zu  St.  Paul  Tochter,  der  am  30.  Mai  1417
Margaretha  von  17.  1407;  2.  Gemahlin:  starb.
Holland,  Albrechts  I  Elisabeth,  des  Herzogs  Johann
von  Holland  Tochter.  von  Görlitz  Tochter,  Erbin  von
1  Luxemburg,  3.  August  1451.
—..  —

—————  —
Philipp  der  Gute  1.  1.  Jakobäa,  Gräfin
von  Burgund,  Johann  von  Philipp  von  Holland,  geb.  1101,
1119—1467;  Brabant  und  von  1436;
dringt  1434  der  hollän-  Limburg,  Brabant  1.  Gemahl:  1418  Herzog
dischen  Gräfin  Jakobäa,  1415—  1426;  und  Johann  von  Brabant
der  Wittwe  seines  Gemahl.:  Jakobäa,  Limburg  und  Limburg,  den  sie
Vetters  Johann  von  Gräfin  v.  Holland,  1426—1430.  1423  verläßt;
Brabant  die  Provinzen  +1  1436.  2.  Gemahl:  Humphred;
olland,  Seeland,  3.  Gemahl:  Franco  von
Friesland  und  Henne-  Borselen.

gau  ab.
        <pb n="481" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  461

69.  Auf  dem  Berge  Andechs,  eine  halbe  Stunde  vom  Ammersee  entfernt,
  hatte  sich  kurze  Zeit,  nachdem  Kaiser  Karl  der  Große  das  Herzogthum
  Bajoarien  zum  fränkischen  Reiche  (788)  geschlagen,  eine  Veste  erhoben,
  die  ursprünglich  dem  Karolingischen  Herrschergeschlechte  gehörte
und  nach  dessen  Erlöschen  in  Deutschland  an  die  Nachkommen  Ratolds  I
(Sighards?),  eines  natürlichen  Sohnes  des  deutschen  Kaisers  Arnulf  (887
bis  899),  überging,  die  den  Titel  „Grafen  von  Andechs“"  führten.  An
die  Kapelle,  die  sich  innerhalb  dieser  Veste  befand,  hatte  schon  Kaiser  Ludwig
der  Fromme  (814—840),  der  drittgeborne  Sohn  Karls  des  Großen,  einige
Reliquien  geschenkt,  bestehend  in  einem  Theile  des  Schwammes,  womit
Christus  am  Kreuze  getränkt  wurde,  und  in  zwei  Stückchen  Eisen,  das
eine  von  einem  Nagel,  womit  der  Heiland  an  das  Kreuz  geheftet  war,  das
andere  von  dem  Speere,  mit  welchem  die  Seite  des  Erlösers  geöffnet  worden.
Dazu  kam  entweder  durch  Ludwigs  des  Frommen  Bruder  Pippin  (7  810),
oder,  was  mehr  Glauben  verdient,  durch  Ludwigs  des  Frommen  Sohn
Pippin  (+  838)  das  sogenannte  Siegesr  euz  Karls  des  Großen.  Ein
Sohn  des  oben  genannten  Ratold  I,  mit  Namen  Rasso,  Razzo
oder  Ratho,  Graf  von  Dießen  und  Andechs,  berühmt  durch  seine
Körpersgröße  und  noch  mehr  durch  seine  Tapferkeit  gegen  die  Ungarn,  die
er  949  und  950  schlug,  begleitete  Judith,  des  Luitpoldinger  Arnulf  1
Tochter,  welche  mit  dem  bayerischen  Herzog  Heinrich  1  (948—955)  aus  dem
sächsischen  Hause  vermählt  war,  auf  einer  Reise  in's  heilige  Land  und  wurde
dort  beim  Besuche  der  heiligen  Orte  von  dem  Verlangen  erfüllt,  Reliquien
zu  sammeln.  Nachdem  Rasso  mit  Zustimmung  des  Papstes  Agapet  II  zu
Jerusalem,  Konstantinopel,  Rom  und  Mailand  kostbare  Reliquien  gesammelt
hatte,  hinterlegte  er  dieselben  in  dem  von  ihm  erbauten  Kloster  Wörth  (dem
heutigen  „Graf  Rath“  bei  Fürstenfeldbruck),  wo  er  als  Mönch  am  15.  Juni  904
sein  Leben  beschloß.  Als  im  folgenden  Jahre  (955)  die  Ungarn  neuerdings
in  Bayern  einfielen  und  tief  nach  Schwaben  vordrangen,  flohen  die  Mönche
des  Klosters  Wörth  mit  ihren  heiligen  Schätzen  nach  Andechs,  um  sich  und
ihre  Heiligthümer  vor  der  Wuth  der  Ungarn  in  der  festen  Burg  zu  schützen.
Nach  der  Niederlage,  welche  die  Ungarn  auf  dem  Lechfelde  (955)  erlitten,
kehrten  die  Mönche  von  Wörth  in  ihr  Kloster  zurück,  die  Reliquien  dagegen
ließen  sie  in  Andechs,  weil  das  Kloster  Wörth  für  dieselben  nicht  genug
Sicherheit  bot.  Die  Zahl  dieser  heiligen  Schätze  mehrte  Graf  Poppo  von
Andechs,  des  Markgrafen  Berthold  II  von  Istrien  Bruder,  der  unter
dem  Namen  „Graf  von  Plassenburg  während  des  zweiten  Kreuzzuges
(1147—1149)  unter  König  Konrad  II  (1138—1152)  Berühmtheit  erlangt
hat.  Durch  seine  Verwandte,  die  griechische  Kaiserin  Irene  in  Konstantinopel,
kam  er  in  den  Besitz  vieler  heiliger  Reliquien,  die  von  ihm  sämmtlich  in
Andechs  hinterlegt  und  zunächst  durch  König  Ludwig  VII  von  Frankreich
(1137—1180),  und  später  durch  den  Bischof  Otto  II  von  Bamberg  (1177
bis  1196)  vermehrt  wurden.  Letzterer  übersandte  1182  seinem  Bruder,  dem
Markgrafen  Berthold  II  von  Istrien,  zur  Abwendung  der  auf  seinem  Gebiete
Andechs-Istrien  lastenden  Bedrängnisse  drei  heilige  Hostien,  die  bis  dahin
in  Bamberg  die  größte  Verehrung  genossen  hatten.  Zwei  derselben,  vom
Papste  Gregor  dem  Großem  (590  —  604)  consecrirt  (die  eine  läßt  ein
blutfärbiges  Kreuz,  die  andere  ein  blutfärbiges  Fingerglied  erkennen),  hatte
Papst  Leo  IX  (1048—1054)  dem  deutschen  Kaiser  Heinrich  III  (1039  bis
1056)  persönlich  überbracht,  die  dritte  (welche  das  blutfarbige  Zeichen

1  S  —  das  bedeutet  in  hoc  signo  vinces  =  in  diesem  Zeichen  wirst

du  siegen  —  erkennen  läßt)  war  vom  Papste  Leo  IX  selbst  consecrirt  und
dem  Kaiser  Heinrich  III  zugeschickt  worden.  Seit  diese  Hostien  nach  Andechs
gekommen  waren,  wurden  an  der  Schloßkapelle  daselbst  regelmäßig  etliche
        <pb n="482" />
        462  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

Priester  unterhalten,  denen  die  Verwahrung  der  Heiligthümer  anvertraut  war.
Einen  namhaften  Zuwachs  erhielten  diese  Heiligthümer  zu  Andechs  um  das
Jahr  1167  durch  Agnes,  des  Königs  Philipp  II  von  Frankreich  Gemahlin,
die  den  Herzog  Berthold  III-#voon  Andechs-Istrien-Meran  zum  Vater  hatte,
und  beiläufig  zwölf  Jahre  später  brachte  ein  Bruder  dieser  Agnes,  der  Markgraf
  Heinrich  von  Istrien,  der  an  der  Ermordung  des  deutschen  Königs
Philipp  von  Schwaben  (1208)  betheiligt  und  dann  nach  Jerusalem  geflüchtet
war,  bei  seiner  Heimkehr  aus  Rom  Reliquien  der  Märtyrer  Felix  und
Adauktus  nach  Andechs  und  ließ  dort  um  der  Heiligthümer  willen  einige
Benediktinermönche  von  Seeon  beständig  wohnen.  In  der  folgenden  Zeit
hat  ein  Bruder  dieses  Markgrafen  Heinrich,  der  Bischof  Eckbert  von  Bamberg
  (I#  1135),  und  eine  Nichte  dieser  beiden,  die  heilige  Elisabeth,  des
Landgrafen  Ludwig  VI  von  Thüringen  Gemahlin  (ihre  Mutter  Gertrud,
Gemahlin  des  Königs  Andreas  II  von  Ungarn,  war  eine  Schwester  des
Bischofs  Eckbert  und  des  Markgrafen  Heinrich  von  Istrien)  den  heiligen
Schatz  in  Andechs  mit  schätzbaren  Zuthaten  bereichert.

Als  Otto  I  von  Meran-Andechs'),  ein  anderer  Bruder  des
Markgrafen  Heinrich  von  Istrien,  kurze  Zeit  nach  dem  Ableben  dieses
seines  Bruders  (+  18.  Juli  1227)  mit  dem  bayerischen  Herzoge  Ludwig
dem  Kelheimer  (1183—1231)  aus  dem  Wittelsbachischen  Hause  über  den
Besitz  des  Schlosses  Andechs  in  Kampf  gerieth,  mußte  man  darauf  bedacht
sein,  die  Heiligthümer  in  Sicherheit  zu  bringen.  Die  aus  dem  Kloster  Seeon
entnommenen  Benediktiner,  welche  in  der  Burg  zu  Andechs  die  heiligen  Schätze

*)  Die  Andechser  seit  Friedrich  II  nach  P.  Joseph  Dall'  Abaco's  Chronik:
Friedrich  II,  Graf  von  Andechs  und  Dießen.

Laupold  (Luitpold),  Graf  von  Andechs  und  Dießen.

Friedrich  III  Konrad  der  Arnold  Otto  I,  Graf  von  Wolf-Roch,
  Graf  Kleriker.  (Arnulf),  Graf  rathshausen,  7  11047
von  Andechs.  von  Dießen.  Diese  Linie  stirbt  1158  aus.

Poppo,  F7  Berthold  I,  Pral,  von  Andechs  und  Dießen,  Gebhard.
1  1151  oder  1161;  Gemahlin:  Sophia,  Gräfin
zu  Kastl,  Ammerthal  und  Heubsch,
6.  September  anni?

Otto  II,  Berthold  II,  Graf  von  Andechs,  seit  1173  Poppo,
Bischof  von  auch  Markgraf  v.  Istrien,  #  1188.  Gemahlin:  genannt  „Graf
Bamberg,  1)  Agnes,  Gräfin  von  Neuburg  und  Schär=  von  Plassenburg“,
1177—1196.  ding;  2)  Hedwig,  Markgräfin  von  Sachsen;  1  1151.
3)  Lucharde,  des  Dänenkönigs  Sueno  III  Tochter.

 

 

 

 

*&amp;amp;#

2.  2.
Berthold  III,  Markgraf  zu  Istrien-Andechs,  seit  11912  Poppo,  Probfst  zu
auch  bLersot  en  Meran,  1204;  Gemahlin:  Agnes,  St.  Stephan  und
des  Markgrafen  Dedo  von  Meißen  Tochter.  Jakob  in  Bamberg.

Bert=  Eckbert,  Otto  I,  Gertrudz;  Agnes;  Knrich,  Hedwig,
hol  deIV),  Bischof  v.  Herzog  von  Gm.:  König  Gm.:  König  Markgraf  Herzogin
Patriarch  Bamberg,  Meran=  Andreas  II  Philipp  II  v.  Istrien,  von  Polen
zu  1  1235.  Istrien-An-  von  von  1  1227.  und
d

 

 

 

Aquileja.  echs.  Ungarn.  Frankreich.  Schlesien.
4.  —.—

Otto  II,  Herzog  Poppo,  Elisabeth,  7  1231;  Gemahl:

v.  Meran-Istrien=  Nachfolger  Ludwig  VI,  Landgraf  von

Andechs,  I  1248;  des  Bischofs  Thüringen,  1  1227.

mit  ihm  erlosch  der  Eckbert  von
Mannesstamm  des  Bamberg.
Andechser  Geschlechtes.
        <pb n="483" />
        Beilagen  zum  fuͤnften  Zeitraum.  463

zu  bewachen  hatten,  verschlossen  (1229)  die  drei  heiligen  Hostien  in  einer  bleiernen
Kapsel  zwischen  zwei  runden  Pergamentzettelchen,  wickelten  diese  Kapsel  mit
vielen  andern  Reliquien  in  den  Brautrock  der  heil.  Elisabeth  und  vergruben
das  Ganze  in  einer  mit  Eisen  wohlbeschlagenen  Kiste  neben  dem  Altare  in
der  Niklaskapelle,  welche  Berthold  I,  Graf  von  Andechs,  im  Jahr  1132
ganz  nahe  bei  der  Burg  Andechs  erbaut  hatte.  Bald  darauf  erschienen  die  feindlichen
  Truppen  und  brannten  die  ganze  Burg  nieder  (1230).  Der  bayerische
Herzog  Ludwig  I  der  Strenge  (1253—1294)  baute  in  der  Folge  an  der
Stelle,  wo  die  Schloßkapelle  gestanden,  eine  Kapelle  zu  Ehren  der  hl.  Katharina,
welche  anfänglich  dem  Kloster  Seeon,  dann  (13127—1388)  dem  Kloster  der
Benediktiner  zu  Ebersberg,  und  seit  1388  dem  Franziskanerkloster  in
München  zur  Obhut  anvertraut  war.  Als  am  25.  May  1388  der  Franziskanermönch
  Jakob  Dachauer,  welcher  zu  Andechs  als  Kaplan  wirkte,  in
der  Niklaskapelle  das  heil.  Meßopfer  feierte,  gewahrte  er  auf  den  Stufen  des
Altars  ein  Mäuschen,  welches  einen  Zettel  fallen  ließ  und  in  der  Nähe  des
Altars  verschwand.  Nach  Beendigung  des  Gottesdienstes  untersuchte  Peter
Dachauer  das  kleine  Zettelchen  und  fand,  daß  solches  von  Pergament  war,
auf  dem  Reliquien  verzeichnet  standen.  Er  berichtete  dies  den  herzöglichen
Brüdern  Stephan  III,  Friedrich  und  Johann  II  von  Bayern,  welche
alsbald  nach  Andechs  kamen  und  in  ihrer  Gegenwart  nachgraben  ließen.  Man
stieß  nach  kurzem  Suchen  auf  die  159  Jahre  lang  vergrabene  Kiste,  welche
die  ihr  anvertrauten  Schätze  unversehrt  in  sich  barg.  Seit  dieser  Zeit  wurde
die  Anhöhe,  auf  welcher  die  Kapelle  stand,  der  „heilige  Berg“  genannt,  den  bald
nachher  eine  mit  der  Katharinenkapelle  in  Verbindung  stehende  Kirche  zum
hl.  Niklas  zierte.  Die  Heiligthümer,  die  nach  ihrer  Auffindung  nach  München
überbracht  und  in  der  Hofkapelle  (im  alten  Hofe)  beigesetzt  wurden,  kamen
erst  1429  unter  dem  Herzog  Ernst  von  Bayern-München  (1397—1438),
einem  Sohne  des  Herzogs  Johann  II,  wieder  nach  Andechs  zurück  und
wurden  in  zwei  gesonderten  Kapellen,  in  der  „Reliquienkapelle"“  und  in
der  „heili  *7  Kapelle“  untergebracht").  Das  Stift  für  Augustiner-Chorherren,
  welches  Herzog  Erust  1438  zu  Andechs  gründete,  wandelte  dessen
Sohn,  Albrecht  III  der  Fromme  (1438—14460),  im  Jahre  1453  in  ein
Kloster  um  und  übergab  es  am  23.  April  1455  sieben  Priestern  aus  dem
Orden  des  heil.  Benedikt  zu  Tegernsee.  Im  Jahre  1669  zündete  der  Blitz
auf  dem  heil.  Berge  und  brannte  das  Kloster  und  die  Kirche  nieder,  nut
der  an  die  nördliche  Kirchenwand  anstoßende  Kapellentract,  in  welchem  die
Heiligthümer  verschlossen  lagen,  blieb  durch  ein  Wunder  verschont,  indem  sich
die  Flammen  an  einem  über  das  Mauerwerk  vorstehenden  Balken  zerschlugen.
Mit  dem  Wiederaufbau  der  Kirche  und  des  Klosters  wurde  ein  Jahr  nach  dem
Brande  unter  dem  Abte  Maurus  Ranpeckh  (1665.—  1686)  begonnen.
Die  Zeit,  wann  der  Bau  vollendet  worden,  ist  unbestimmt.  Im  Jahre  1755
nahm  der  Abt  Bernhard  Schyz  (1746  —  1759)  im  Innern  der  Kirche
eine  gründliche  Umänderung  vor  und  gab  derselben  die  Gestalt,  welche  sie  gegenwärtig
  noch  hat.  Das  Kloster  und  die  Kirche  mit  dem  unverändert  erhaltenen
Kapellentract  an  der  Nordseite  blieben  ungestört  in  den  Händen  des  Benediktiner-Ordens,
  bis  dieser  im  Jahre  1803  gleich  den  übrigen  Orden  Bayerns
aufgehoben  wurde.  König  Ludwig  I  (1825  —  1848)  brachte  das  nach  der
Säcularisation  veräußerte  Klostergebäude  zu  Andechs  im  Jahre  1846  käuflich
an  sich  und  schenkte  es  der  durch  Urkunde  vom  4.  Novbr.  1850  gegründeten
Benediktiner-Abtei  St.  Bonifaz  in  München.

*  Bei  dem  zu  Anfang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  begonnenen  Bau  der
Niklas-Kirche  war  an  die  östliche  Wand  der  Katharinenkapelle  eine  neue,  die
Seefelderkapelle,  angebaut  und  auf  jener  die  „Reliquienkapelle“,  auf
dieser  die  „Heilige  Kapelle“  aufgesetzt  worden.
        <pb n="484" />
        464  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

70.  Als  Burggraf  ist  dieser  Friedrich  der  sechste  seines  Namens,  als
Kurfürst  von  Brandenburg  ist  er  seines  Namens  der  erste.  Siehe  die  nachstehende
  genealogische  Tafel  des  Hauses  Zollern:

Tassilo,

erster  Graf  von  Zollern,  1  800,  wahrscheinlich  ein  Bruder  des  um  800  lebenden
Welf  1  oder  Guelphus.

(S.  d.  genealogische  Tafel  der  Welfen  unter  Ziffer  27  der  Beilagen.)
Dango  r1  929.  "“
Rudolf  1J  ?
Otto  lebte  938.
Wolfgang  lebte  948.
Friedrich  I  J  980.
Friedrich  II  lebte  1030.
Burchard  I,  Graf  von  Zolorin,  7  1061.
Friedrich  III,  Graf  von  Zolra,  lehte  vor  1125.
Friedrich  IV  lebte  vor  1155.  Burchard  II,  1150—155.
Friedrich  1,  erster  Burggraf  von  Nürnberg  und

Graf  von  Zollern,  f14.  Juli  1200  (7);  Gemahlin:
Sophie,  Erbtochter  Konrads  II,  Grafen  von  Ragze.

 

 

 

Friedrich  II,  Burggraf  von  Konrad  I1,  Burggraf  von  Nürnberg,
Nürnberg,  1200—1218.  1200—1230;  1230  kinderlos.
Friedrich  von  Zollern,  Konrad  II,  Burggraf  von  Nürnberg
Graf  mit  dem  Löwen,  1218—1265,  Stifter  der  fränkischen
1218—  1226  Burggraf  oder  burggräflichen  Linie,  etmählt  mit
von  Nürnberg,  von  da  Clementia  von  Habsburg.
an  nur  Graf  v.  Zollern;  —

 

1.1251  oder  1252;  Friedrich  III,  Burggraf  von  Konrad  III,  der
von  diesem  stammen  die  Nürnberg,  1265—1297.  Fromme,  f  1314.
Grafen  und  Fürsten  —
.Johann  Il,  Burggraf  Friedrich  IV,  Burggraf
von  Hohenzollern  1297—1300.  1300—1332.

 

 

Johann  II,  Burg=  Konrad  IV,  Burg=  Albrecht  der  Schöne,  Burggraf
  1232—1357.  graf  1332;  F  3.  April  graf  1357,  erhält  1358  das
l  1334.  Unterland,  1  1361.

Friedrich  V,  Burggraf  1357—1397;  bekommt  1358
das  Oberland,  1361  auch  das  Unterland  und
legt  1397  die  Regierung  nieder;  fF  21.  Januar  1398.

Johann  III,  Burggraf  1398  Friedrich  VI,  Burggraf  bis  1398;  wird  am
—1420,  erhält  das  Oberland,  18.  April  1417  vom  König  Sigmund  mit  der
11.  Juni  1420;  der  letzte  Mark  Brandenburg  belehnt  und  stirbt  am  21.
Burggraf  von  Nürnberg.  September  1440;  Gemahlin:  Elisabeth,
Herzog  Friedrichs  von  Bayern-Landshut  Tochter,
#f1442.  Als  Kurfürst  Brandenburgs  ist  er
Friedrich  I.

(Siehe  die  Fortsetzung  auf  der  folgenden  Seite.)
        <pb n="485" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  465

(Fortsetzung  der  auf  der  vorhergehenden  Seite  stehenden  Tafel.)

Friedrich  I,  Kurfürst  von  Brandenburg
seit  18.  April  1417;  f  21.  September  1440.  Gemahlin:  *  abeth,  Herzogs
Friedrich  von  Bayern-  Landshut  Tochter,  1442

Johann  Margaretha,  1.7.  Juli  Friedrich  II,  Albrecht  Friedrich
der  Alchy-  1465;  Gemahl:  Kurfürst  1410;  Achilles,  der  Fette,
mist  ver-  14)  Albrecht  IV,  Herzog  dankt  1470  ab  1470  Kur-  Herr  der
zichtet  auf  v.  Mecklenburg,  1  1423.  und  nimmt  das  fürst,  Altmark
die  Kur  u.  2)  31.  Okt.  1349  Lu#wig  Oberland,  1f  1486.  u.  Prieg- 



 

bekommt  d.  Höckerichte  v.  Bayern--  10.  Februar  itz,

d.  Ober-  Ingolstadt,  7.  April  1445.  1471.  8  1463.
land,  3)  Martin  von  Wal-1+1
  1464.  denfels.

Johann  Cicero,  Kurfürft  Friedrich  der  Alte,  mund,  1486

1486,  F  9.  Januar  1499.  1486  Megrf.  v.  Ansbach,  .  graf  o.  Bas-–.

  ——  —  —  —  1  auch  *  raf  von  rent#.  Hür  kin-·
  «  535  a  yreut  1536.  derlos;  sein  Land

Joachiml,  Kurfürst,  #  1555.  Sein  Mannesstamm  erlischt  fällt  an  seinen
—  —  1618  mit  Albrecht  Bruder  Friedrich
Joachimll,  Kurfürst,  f  1571.  Friedrich,  worauf  Ans-  den  Alten.
—......  sth  an

ohann  Georg,  Kurfürst,  den  Kurfürsten  Johann
Job  958  rfürst,  Sigmund  fallen.

 

Joachim  Friedrich,  Christian,  Markgraf  von  Joachim  Ernst,
„Kurfürst,  +  1608.  Bayreuth,  +  1655.  Markgraf  -- 



Johann  Sigmund,  Erdmann  Georg  Al-  –□
Kurfürst  u.  Herzog  v.  August,  11651.  brecht,  r-  Fried=  Albrecht,
Preußen,  erbt  1618  .  .n  1  1667.

Ansbach  und  Bay.  Christian  Christian  5  1031.  I
keuth,1-1619Ernst,-I·1712.Hecnrtch  —  n

—  —  ——  1708.  Johann  Friedrich,

Georg  Wilhelm,  or  1  1686.

s
Kurfürst  u.  Kr  Georg  Georg  Friedrich

 

 

 

 

—.  —  —
Preußen,  1610.  1619.  Wilhelm,  Friedrich  Chri=  Wilh.  Friedrich,
—1  t  1736.  stian,  +  1723.
Friedrich  Wilhelm,  |  1769.
Kurf.  u.  souv.  Herzog  —  —  y0
von  Preußen,  1  1688.  Friedrich,  Karl  Wilb,  Friedria,
—  ———  —  1763.  +  1#  757
2  2  „  1.
Friedrich  1I,  König  von  Karl  Alexander,  1757—1769
Preußen,  1  1714.  Markgr.  von  Ansbach,  erbt  1769
—.  Bayreuth,  tritt  1791  Ansbach

 

Eriedrich  Wilhelml,  König,  .  1740.  und  Bayreuthan  König  Fried--Jrich
  Wilhelm  II  ab  und  stirbt
Frievrich  II,  August,  1758.  1806.
König,  17866—..
Friedrich  Wilhelm  II,  König,  bekommt
1791  Ansbach  und  Bayreuth,  7  1797.
—
Friedrich  Wilhelm  III,  König,  1810.
Friedrich  Wilhelm  1V,  König,  1861.  Wilhelm,  König  seit  1861.
Friedrich  Wilhelm.

4  »  —
Friedrich  Wilhelm.  Charlotte.  Heinrich.

 

 

 

 

 

Sattler,  bayer.  Geschichte.  30
        <pb n="486" />
        466  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

71.  Gemäß  dieser  Entscheidung  erhielt  Ludwig  VII,  der  Gebartete:
Schärding,  Dingolfing,  Kirchberg,  die  Hoheit  über  die  Juden  in  Regensburg,
Waldmünchen,  Rötz  u.  a.  Orte  der  Oberpfalz;  Herzog  Ernst  bekam:  Straubing,
  Mitterfels,  Bogen,  Haidau,  den  Herzoghof,  die  Münze  und  alle  übrigen
Rechte  in  Regensburg;  an  Herzog  Wilhelm  fielen:  Kelheim,  Dietfurt,
Abbach,  Kötzting,  Viechtach,  Regen,  Furt  und  einige  in  diesen  Bezirken  gelegene
  Ortschaften;  Heinrich  XVI,  der  Reiche,  empfing:  Vilshofen,
Hengersberg,  die  Vogtei  über  Niederaltaich,  dann  die  Bezirke  Winzer,  Landau,
Natternberg  und  Plattling.

72.  Die  bayerischen  Geschichtsschreiber  setzen  die  Vermählung  der  Sophie
mit  König  Wenzel  in  das  Jahr  1393,  allein  Pelzl  führt  in  seiner  Geschichte
  des  Königs  Wenzel  zwei  zu  Salzburg  am  24.  und  25.  Juli  1392
datirte  Urkunden  an,  in  welchen  Offney  (Sophie)  bereits  als  römische  Königin,
als  Königin  von  Böhmen,  als  Gemahlin  Königs  Wenzel  erscheint.  Johannes
von  Pomuck  (Nepomuck,  einem  Städtchen  im  Klattauer  Kreise,  seinem
Geburtsorte),  Domherr  und  Generalvikar  des  Erzbischofs  von  Prag,  war  der
Beichtvater  dieser  Königin,  einer  frommen  Frau,  die  aber  Wenzel,  von  seinem
wüsten  Leben  aus  schließend,  im  Verdachte  der  ehelichen  Untreue  hatte  und
deswegen  in  deren  Beichtvater  drang,  ihm  das  Sündenbekenntniß  zu  eröffnen.
Als  aber  Johannes,  das  Beichtsiegel  treu  bewahrend,  ihn  mit  seinem
Ansinnen  zurückwies,  schwor  ihm  dieser  Rache.  Eine  Gelegenheit  hierzu  bot
sich  im  Jahre  1393  ihm  dar.  Wenzel  wollte  nämlich  damals  an  der  Stelle
der  Benediktinerabtei  in  Kladrau  eine  Kathedrale  errichten  und  deese  seinem
Günstling  Hyncik  Pluh  von  Rabstein  übertragen,  sobald  der  Abt  Raceck
daselbst  gestorben  sein  würde.  Kaum  war  dieser  todt,  als  die  Mönche  einen
neuen  Abt  wählten,  welchen  Johannes  von  Pomuck  als  Generalvikar  des
Erzbischofs  bestätigte,  was  Wenzel  erst  nachher  zu  seinem  größten  Verdruß  erfuhr.
Voll  Ingrimm  berief  er  deswegen  den  Erzbischof  und  dessen  Räthe  zu  sich  und
wurde  beim  Anblicke  derselben  so  von  Zorn  übermannt,  daß  er  unter  Dreohung
  furchtbarer  Züchtigung  alle  —  den  Erzbischof  ausgenommen,  den  nicht
sowohl  seine  Würde,  als  seine  zahlreich  anwesenden  Waffenträger  schützten,
auf  den  Hradschin  zu  führen  befahl,  um  dort  eine  scharfe  Untersuchung  mit
ihnen  vorzunehmen.  Wenzel  wohnte  dem  Verhör  selbst  bei  und  gerieth
dabei  in  solche  Wuth,  daß  er  dem  bejahrten  Domdecan  Dr.  Bohuslaw  von
Krnow  mit  seinem  Degenknopf  auf  das  Haupt  schlug,  daß  er  blutete,  und
ihn  dann  binden  und  in  das  Gefängniß  werfen  ließ.  Die  übrigen  aber,  den
Offizial  Puchnik,  den  Generalvikar  Johannes  von  Pomuk,  den  Propst
Wenzel  und  den  Hofmeister  des  Erzbischofs,  Népr  von  Raupow,  ließ
er  foltern  und  half  selbst  die  Gefolterten  breunen.  Alle  —  durch  die  Folter
geschreckt,  leisteten  Alles,  was  der  König  haben  wollte,  nur  Johannes  bestand
  alle  Qualen  der  Folter,  bis  er  halbtodt  auf  Befehl  Wenzels  gebunden
auf  die  Prager  Brücke  geführt  und  von  derselben  in  die  Moldau  hinabgestürzt
  wurde  am  20.  März  9  Uhr  Abends  des  Jahres  1393.  (Vergl.
Palaky,  Geschichte  von  Böhmen  III.  S.  61  ff.)  Sein  Leichnam  wurde,
ohne  daß  es  Wenzel  zu  verhindern  wagen  durfte,  in  der  Metropolitankirche
beigesetzt,  und  seitdem  wurde  Nepomuk  als  Märtyrer  und  zugleich
als  Brückenpatron  verehrt  und  später  (19.  März  1729)  vom  Papst
Benedict  XIII  canonisirt.

73.  Donauwörth,  auch  Schwäbischwörth  genannt,  war  von  dem
Grafen  Theobald  von  Dillingen,  einem  Bruder  des  heil.  Bischofs
Ulrich  von  Augsburg,  um  das  Jahr  950  gegründet  worden  und  ging
später  auf  die  Hohenstaufische  Familie  über.  Nach  dem  Erlöschen  derselben
  mit  Konradin  (1  1268)  fiel  Donauwörth  Ludwig  II,  dem
Strengen,  Herzog  von  Oberbayern,  zu,  dessen  Schwester  Elisabeth  die
Mutter  Konradins  war.  Kaiser  Albrecht  1  von  Oesterreich  nahm  Donau-
        <pb n="487" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  467

wörth  im  Jahre  1300  dem  älteren  Sohne  Ludwigs  II,  dem  Herzoge  Rudolf
dem  Stammler  in  einem  Kriege  ab  und  schlug  es  zum  deutschen  Reiche.
Nach  dem  Tode  Kaiser  Ludwigs,  des  Bayern,  der  Donauwörth  mit  Bayern
verbunden  und  zu  einer  Landstadt  gemacht  hatte,  reklamirte  diese  Kaiser
Karl  IV  (1348)  zum  Reiche  und  erhob  sie  zu  einer  Reichsstadt,  verpfändete
  sie  aber  bald  darauf  an  den  Herzog  Stephan  II  von  Niederbayern-Landshut
  um  60,000  Dukaten.  Bei  der  cbeilun  Bayerns  im
Jahre  1392  kam  die  Stadt  Donauwörth  an  Stephan  III,  den  Herzog
von  Bayern-Ingolstadt.  Der  Sohn  Stephans  III,  Ludwig  VII,  der
Gebartete,  verlor  sie  im  Jahre  1422  in  einer  Fehde  mit  Augsburg,
dem  sich  Donauwörth  angeschlossen  hatte.  Kaiser  Sigmund  Jerpfändete  die
Reichsstadt  Donauwörth  bald  darauf  neuerdings  an  Bayern,  und  zwar
an  Ludwig  VII,  den  Gebarteten,  der  sie  dem  Kaiser  1434  zurückstellte,
um  von  der  seit  1433  über  ihn  verhängten  Acht  befreit  zu  werden.  Bei
dieser  Gelegenheit  ward  Donauwörth  von  dem  Kaiser  neuerdings  als  Reichsstadt
  erklärt  und  blieb  solche  bis  zum  Jahre  1607,  wo  Herzog  Maximilian
  1  von  Bayern  die  Reichsacht  an  ihr  vollzog  und  sie  zu  einer
bayerischen  Landstadt  machte.

74.  Die  hohe  Schule  zu  Ingolstadt,  die  gleich  anfangs  für  Theologen,
Juristen,  Mediziner  und  Philosophen  (Artisten)  bestimmt  war,  zählte
bei  der  feierlichen  Eröffnung  489  Immatriculirte.  Der  erste  Rektor  war
Christoph  Mendel  von  Steinfels,  der  freien  Künste  Doktor  und  Professor;
die  ersten  Professoren  waren:  Johann  Hofmann,  Weihbischof  von  Regensburg,
  außerordentlicher  Professor  der  Theologie;  Dr.  Karl  Frommont  aus
Paris,  ordentlicher  Professor  des  neuen  (römischen)  Rechtes;  Dr.  Johann
Tardinger  aus  Franken,  ordentlicher  Professor  des  Civilrechtes;  Dr.
Andreas  Rieder,  Professor  der  Medizin;  die  Magistri  Wolfgang
Federkiel  von  Dorfen,  Urban  Klugheimer  von  Neuburg,  Heinrich
Pfeilschmid  von  München,  Samuel  Lichtenberg,  Kilian  Pflueger
von  Windsheim,  Johann  Eggenthal  von  Zusamalthaim  und  Johann
Tollkopf  von  Kemnat,  sämmtlich  Professoren  der  freien  Künste  und  der
philosophischen  Wissenschaften.  Einige  derselben  waren  zugleich  Vorstände
von  den  Bursis  oder  Wohnhäusern  der  Burschen,  welche  damals  mit  Ausnahme
  der  Juristen  und  Mediziner  unter  Aufsicht  und  eigenen  Statuten  in
Herbergen  ein  gemeinschaftliches  Leben  führten.  Ingolstadt  zählte  anfangs
eilf  solcher  Bursen,  die  eigene  Namen  und  Statuten  hatten,  z.  B.  bursa
draconis,  solis,  angelica,  rosarum,  liliorum,  aquilae,  Parisiensis,  Viennensis;
  die  Vorsteher  hießen  Regenten  und  standen  unmittelbar  unter  Aufsicht
  der  philosophischen  Fakultät.  Den  Genossen  derselben  ward  streng  das
Spielen,  Umgang  mit  Weibern,  Besitz  und  Gebrauch  der  Waffen  untersagt,
auch  durften  sie  nicht  deutsch,  sondern  nur  lateinisch  miteinander  reden  und
mußten  täglich  eine  Stunde  über  gelehrte  Gegenstände  disputiren.  In  der
Folge  nahmen  die  Bursen  den  Namen  Collegien  an,  von  denen  sich  drei
bis  auf  die  neuere  Zeit  erhalten  haben,  das  Georgianische,  Bartholomäische
  und  Kaisersheimer  Colleginm.  Die  Studenten  theilten  sich
nach  vier  Nationen,  Bayern,  Rheinländer,  Franken,  Sachsen  mit
Zutheilung  der  auswärtigen  Nationen  an  je  eine  der  vier  genannten.  Die
Professoren  lebten  gemeinsam  in  dem  von  Herzog  Ludwig  dem  Gebarteten
  gestifteten  Pfründnerhause,  welches  sammt  seinen  Fonds  der  neu  errichteten
  Universität  zugewiesen  wurde.

75.  Bayern  hatte  in  dieser  Zeit  mehrere  Gelehrte=  von  denen  wir  noch
manches  Werk  besitzen:  Schriften  von  dem  Astronomen  Johannes  Engel
aus  Aichach,  vom  Arzte  Ortolf  oder  Ortloff  (Arzneibuch,  Nürnberg  1477),
von  dem  Naturforscher  Konrad  Megenberzger  (liber  naturae,  Augsburg
  1475),  von  dem  Augsburger  Arzt  Johann  Cuba  (Herbarius,  Mainz

30“
        <pb n="488" />
        468  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

1484,  deutsch  im  Garten  der  Gesundheit,  Mainz  1485),  von  dem  berühmten
Historiker  Johann  Andreas,  regulirten  Chorherrn  im  Kloster  St.  Mang
in  Stadtamhof  (Chronik  von  den  Fürsten  aus  Bayern,  lateinisch  und  deutsch),
vom  Abte  Angelus  Rumpler  zu  und  von  Formbach  (I.  1513),  einem
vortrefflichen  und  höchst  geistreichen  Schriftsteller  im  theologischen  und  geschichtlichen
  Fache  (Epiker  über  den  Landshuter  Erbfolgekrieg,  Lyriker);  Chroniken
vom  Passauer  Domherrn  Johann  Staindel  (um  1508),  von  Burkhard
Zengg  aus  Memmingen  (um  1470),  vom  Priester  Veit  Arnpeckh  aus
Landshut  zwischen  1440  und  1495  (bayerische,  österreichische  und  freysingische
Chronik),  vom  Ritter  Hans  Ebran  von  Wildenberg,  des  Herzogs
„Georg  von  Landshut  Schloßhauptmann  zu  Burghausen  und  einer  seiner
Testamentsvollstrecker,  dann  eine  bayerische  Chronik  (deutsch  noch  nicht  herausgegeben)
  von  Füterer  oder  Fueterer,  Maler  und  Dichter  in  München,
gebürtig  in  Landshut,  Sohn  eines  der  1410  aus  Landshut  verbannten  Bürger.

76.  Von  der  Fülle,  die  bei  dieser  Hochzeit  herrschte,  wird  von  den  Chronisten
  viel  berichtet.  Unter  den  Gästen  befanden  sich  die  Kaiser  Friedrich  III,
19  Fürsten,  alle  bayerischen  Bischöfe,  Gesandten  der  meisten  deutschen  Staaten,
40  Reichsgrafen,  über  100  Freiherren,  alle  Räthe  des  Herzogs,  die  Landstände,
  Abgeordnete  der  bayerischen  Landstädte  und  Märkte  und  der  umliegenden
  Reichsstädte.  Die  Anzahl  der  fremden  Pferde  in  und  vor  der  Stadt
war  9000.  Die  Trauung  war  am  15.  November  in  der  St.  Martinskirche
und  wurde  durch  den  Erzbischof  von  Salzburg  vollzogen.  Brautführer  waren
der  Kaiser  Friedrich  III  und  der  Herzog  Otto  von  Neumarkt.  Die
Braut  fuhr  in  einem  goldenen  Wagen,  1100  Trompeter  und  Pfeifer  begleiteten
  den  Zug.  Gewohnt  und  gespeiset  wurde  in  allen  großen  Häusern  der
Stadt  auf  Kosten  Herzogs  Ludwig,  der  aus  allen  niederbayerischen  Klöstern
die  Köche  nach  Landshut  berufen  hatte.  Die  ersten  beiden  Tische  standen  in
der  Wohnung  des  Kaisers,  im  Hause  des  fürstlichen  Zollaufsehers.  Im
Ganzen  wurden  während  des  Festes,  das  acht  Tage  (15.—  23.  November)
dauerte,  verbraucht:  333  ungarische  Ochsen,  1130  ungarische  Schafe,  285
Schweine,  625  halbjährige  Schafe,  75  Wildschweine,  10537  Lämmer  und
Kitze,  490  Kälber,  684  Spanferkel,  12,000  Gänse,  62,000  Hühner,  194,045
Eier,  220  Zentner  Schmalz,  12  Schaff  Erbsen,  82  Schaff  Semmelmehl,
8  Schaff  Zwiebel,  7  Tonnen  Häringe,  14  Zentner  Hausen,  5  Zentner  Weinbeeren,
  140  Zentner  Rosinen,  3  Eimer  Honig,  2  Zentner  Safran,  286
Pfund  Pfeffer,  5  Zentner  Zucker,  85  Pfund  Muskatblüthe,  205  Pfund
Zimmet.  Getrunken  wurden  25  Lägel  Malvasier  und  Romani-Wein,  5
Eimer  Muskateller,  193  Fässer  Rheinfall,  18  Eimer  Vernetscher,  307  Eimer
Hepfwein,  5616  Eimer  gemeiner  Tischwein,  2  Eimer  Meth,  dazu  um  28  Gulden
Käse,  4125  Gulden  Fische  und  75,000  Stück  Krebse.  Die  zwei  Stadtapotheker
  lieferten  um  500  Gulden  Confect.  Unter  andern  kostbaren  Speisen
wurde  eine  Pastete  aufgetragen,  in  welcher  Knaben  saßen  und  sangen,  und
eine  andere,  aus  der,  als  man  sie  anschnitt,  ein  Zwerglein  in  Rittertracht
heraushüpfte  und  den  anwesenden  Gästen  die  Hand  bot.  Die  Leitung  des
ganzen  Festes,  welches  auf  75,000  Dukaten  zu  stehen  kam,  hatte  Graf
Friedrich  von  Helfenstein  und  der  Freiherr  Johann  von  Frauenberg
übernommen.

Am  dritten  Tage  war  ein  großes  Turnier,  bei  welchem  ein  Pole,  der
Woiwode  von  Lublin,  demjenigen  der  anwesenden  Fürsten,  der  mit  ihm
rennen  würde,  1000  Gulden  anbot.  Als  keiner  die  Herausforderung  annahm,
  bot  der  Kaiser  und  Herzog  Georg  dem  Herzog  Christoph  von
München  noch  weitere  1000  Gulden  an,  wenn  er  durch  Annahme  der
Forderung  die  Ehre  der  deutschen  Fürsten  retten  wollte.  Christoph  ging
darauf  ein,  sprang  aber  beim  Beginne  des  Turniers  vom  Pferde  und  forderte
  den  Polen  auf,  ein  Gleiches  zu  thun.  Da  zeigte  sich,  daß  der  Pole
        <pb n="489" />
        Beilagen  zum  fuͤnften  Zeitraum.  469

mit  Riemen  an  den  Sattel  gebunden  war.  Nachdem  diese  entfernt  worden,
rannten  beide  so  stark  gegen  einander,  daß  der  Pole  12“  weit  hinter  seinen
Gaul  mit  blutendem  Munde  in  den  Sand  fiel.  Der  Pole  entfernte  sich  und
ritt,  ohne  Abschied  zu  nehmen,  am  andern  Tag  in  aller  Frühe  davon.

77.  Die  ursprüngliche  Dotation  des  Herzogs  lautete  auf  11  Stipendiaten,
welche  die  elf  großen  Städte  des  Landes:  Landshut,  Ingolstadt,  Lauingen,
  Wasserburg,  Burghausen,  Schärding,  Braunau,  Oetting,
  Wemding,  Hilpoltstein  und  Weißenhorn  zu  präsentiren  hatten.
Die  Wahl  eines  Regens  und  die  Oberaussicht  hatte  die  Artistenfakultät.  Der
erste  Regens  war  Georg  Schwebermaier,  Sohn  eines  Bauern  von  Altheim
  bei  Landshut.  Außer  dem  Herzoge  stifteten  auch  Privatleute  ähnliche
Stipendien:  der  Theologieprofessor  Zingl  zwei,  Johann  Widmann,  ein
Bürger  aus  Ingolstadt,  eines,  der  erste  Regens  dieses  Collegiums,  Georg
Schwebermaier,  drei,  Johann  Permeter  von  Adorf  zwei.

78.  Die  Angabe  des  Ludwig  Adolf  Kohn,  Privatdocenten  der  Geschichte
  an  der  Universität  Göttingen,  daß  dem  Herzog  Georg  dem  Reichen
vor  seiner  Tochter  Elisabeth  ein  Sohn,  Ludwig,  geboren  worden  sei,
der  im  Jahre  1500  gestorben,  beruht  jedenfalls  auf  einem  Irrthum,  denn  die
Ehe  Georgs  mit  Hedwig  wurde  erst  am  15.  November  1475  geschlossen
und  Eisabeth  schon  im  Jahre  1476  geboren.  Sollte  dem  entgegengehalten
werden,  daß  Ludwig  und  Elisabeth  Zwillinge  gewesen  sein  können,  so
bliebe  noch  immer  unerklärlich,  warum  der  Herzog  im  Jahre  1496  mit  Umgehung
  seines  Sohnes  Ludwig  seine  Tochter  Elisabeth  als  Erbin  seiner
Länder  bestimmt  hätte.  Die  meiste  Wahrscheinlichkeit  hat  die  Vermuthung
für  sich,  daß  dem  Herzoge  Georg  erst  nach  der  Vermählung  seiner  Tochter
Elisabeth  mit  Rupert  von  der  Pfalz  (10.  Februar  1499)  ein  Sohn  geboren
  wurde,  der  bald  nach  der  Geburt  (1500)  starb.  S.  Kohns  Stammtafeln
  zur  Geschichte  der  europäischen  Staaten,  I.  Heft  Tafel  46.  Braunschweig
  C.  A.  Schwetschke  und  Sohn  1864.

79.  Die  Theilung  wurde  in  folgender  Weise  festgesetzt:

a)  Die  Prinzen  Ott  Heinrich  und  Philipp  erhielten:  Neuburg
a.  d.  Donau,  Lauingen,  Höchstädt,  Gundelfingen,  Monheim,  Hiltpoltstein,
Heideck,  Allersberg,  Graisbach,  Reichertshofen,  Weiden,  Vloß,  Vohenstrauß,
Burgheim,  dann  Sulzbach,  Burglengenfeld,  Regenstauf,  Kalmünz,  Hemau,
Velburg,  Schmidtmühlen,  Laber,  Beratzhausen,  Luppurg,  Schwandorf  und
Parkstein;  Albrecht  IV  übernahm  185,000  Gulden  Schulden  auf  diese  Besitzungen,
  die  bis  1542  in  jährlichen  Fristen  zu  9250  Gulden  abbezahlt
wurden;

b)  an  Oesterreich  kamen:  Rattenberg  mit  dem  Zillerthal,  Neuburg
am  Inn,  Kufstein,  Kitzbühel,  die  schwäbischen  Grafschaften  Kirchberg,  Weißenhorn,
  Marstetten,  die  Vogteien  über  Salzburg  und  Passau,  über  die  Klöster
Monsee  und  Formbach,  über  Kloster  Königsbrun  in  Schwaben,  dann  die
Juden  in  Regensburg,  der  Weißenburger  Reichsforst,  die  Herrschaft  Spitz  in
Oesterreich,  die  Landvogtei  Hagenau  im  Elsaß  über  10  Städte  und  60  Dörfer,
Osfenburg,  Gegenbach  und  Zell  in  der  Ortenau;

IP)  an  die  Reichsstadt  Nürnberg:  Altdorf,  Petzenstein,  Velden,  Hersbruck,
  Lauf,  Reicheneck,  Höhenstein,  Stirberg,  Haimburg,  Dainschwang,
Hensenfeld,  die  Vogteien  über  die  Klöster  Engelthal,  Gnadenberg,  Weißenohe;

4)  an  Herzog  Ulrich  1  von  Württemberg:  die  Herrschaft  Heidenheim
  an  der  Brenz,  Schloß  Helfenstein  bei  Geißlingen  und  dazu  mehrere
Orte  der  Rheinpfalz;

e)  der  Markgraf  Friedrich  von  Brandenburg  behielt  Freistadt,  der
Graf  von  Oettingen  erhielt  die  verpfändete  Grafschaft  Baldern  zurück.

Das  übrige  bayerische  Land  verblieb  dem  bayerischen  Herzoge  Albrecht  IV.
        <pb n="490" />
        470  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

80.  Graf  Niklas  von  Abensberg,  der  den  Herzog  Christoph  1471
zu  München  im  Bade  gefangen  genommen  hatte  und  bei  der  Fehde,  die
1484  —  1485  zwischen  Christoph  und  Albrecht  IV  geführt  wurde,  zu
Letzterem  hielt,  hatte  die  Fastnacht  1485  bei  Herzog  Albrecht  IV  in  München
zugebracht.  Herzog  Christoph,  der  hiervon  Nachricht  erhielt,  versteckte  sich
mit  einer  Abtheilung  seiner  Kriegsleute  bei  Freysing  in  ein  Gehölz  und
machte,  als  Graf  Niklas  mit  12  Reitern  auf  der  Straße  daher  gezogen
kam,  auf  denselben  einen  unvermutheten  Angriff.  Niklas  fiel  im  Gefechte,
von  einem  Knappen  Christophs,  Seiz  von  Frauenberg,  erdolcht.  Er  war
der  letzte  männliche  Sprosse  dieses  alten,  bayerischen  Dynastengeschlechtes.
Ein  Stein  unweit  Freysing  zeigt  die  Stelle,  wo  dieß  geschah.  Auf  die  Reichsbaronie
  Abensberg  legten  später  Kaiser  Friedrich  III  und  sein  Sohn,
der  römische  König  Maximilian  I,  das  in  52,000  Goldgulden  bestehende
Heirathsgut  Kunigundens,  der  Tochter  Friedrichs  III,  behielten  aber  dem
Reiche  das  Einlösungsrecht  bevor.

81.  Unter  den  Männern,  welche  vor  dem  Ausbruche  der  durch  Luther
herbeigeführten  Kirchenspaltung  an  der  Universität  Ingolstadt  wirkten,
ragen  besonders  hervor:

Konrad  Meißel,  der  seinen  Zunamen  latinisirt  „Celtes“,  graecisirt
„Protucius“  schrieb,  war  am  1.  Februar  1459  zu  Wipfeld  bei  Mürzburg
  geboren,  erschien  nach  verschiedenen  Lebensgeschicken  1492  auf  der  Universität
  Ingolstadt  als  der  erste  gekrönte  Dichter  unter  den  Deutschen
und  lehrte  daselbst  an  der  Seite  von  33  weiteren  Docenten,  die  für  Honorare
von  einem  Groschen  bis  zu  einem  Gulden  Collegien  lasen,  die  schönen
Wissenschaften.  Er  fand  erst  1497  eine  bleibende  Stätte  in  Wien,  wo  ihn
König  Maximilian  I  zum  Lehrer  der  Dichtkunst  und  Beredtsamkeit
an  der  Universität  daselbst  ernannte.  Zum  Vorsteher  des  auf  seinen  Betrieb
  gegründeten  Collegium  poötarum  erhoben,  veranstaltete  er  die  ersten
theatralischen  Vorstellungen  am  königlichen  Hofe.  Im  Kloster  Tegernsee
fand  er  die  alte  römische  Reisekarte,  welche  er  einem  seiner  Freunde,  dem
Konrad  Peutinger,  schenkte,  von  dem  sie  den  Namen  „Peutinger'sche
Karte“  erhielt.  Celtes  starb  am  4.  Februar  1508  und  hinterließ  eine
„Geschichte  und  Beschreibung  Nürnbergs“,  dann  ein  Gedicht  über  „die  Lage
und  Sitten  Deutschlands",  mehrere  philosophische,  rhetorische  und  biographische
Werke  und  eine  Menge  Gedichte,  in  denen  er  sich  als  glücklicher  Nachahmer
des  Tibull  und  Horaz  zeigt.

Jakob  Locher  mit  dem  Beinamen  Philomusus,  aus  Ehingen  in
Schwaben  gebürtig,  war  seit  1498  Professor  der  Dicht=  und  Redekunst.

Johann  Maier  aus  Eck  oder  Egg,  einem  Kloster  Ottobeuer'schen
Dorfe  in  Schwaben  unweit  Babenhausen  stammend,  bekannter  unter  dem
Namen  „Dr.  Eck“",  war  1486  geboren,  wurde  1501  Magister  der  Philosophie,
1510  Professor  der  Theologie,  1512  Prokanzler  der  Universität  Ingolstadt.
Früher  ein  literarischer  Freund  Luthers  ward  er  in  der  Folge  dessen  Gegner,
schrieb  1518  die  „Obeliscu“  gegen  Luthers  Thesen,  disputirte  mit  Karlstadt
  und  Luther  in  Leixzig  vom  27.  Juni  bis  16.  Juli  1519,  ging  1520
nach  Rom  und  brachte  von  da  eine  Verdammungsbulle  gegen  Luther  mit
zurück,  in  welcher  sich  zum  ersten  Male  der  Name  „Lutheraner“  findet,  eine
Bezeichnung,  durch  welche  sich  die  Anhänger  Luthers  für  verletzt  hielten.  Auf
dem  Reichstage  zu  Augsburg  (1530)  betheiligte  er  sich  an  der  Abfassung
der  katholischen  Widerlegungsschrift;  an  den  Religionsgesprächen  zu  Worms
(1540)  und  zu  Regensburg  (1541)  nahm  er  gleichfalls  Theil.  Er  starb
am  10.  Februar  101#3.

Johann  Thurmayr,  genannt  Aventinus.  Geboren  im  Jahre
1477  in  dem  niederbayerischen  Städtchen  Abensberg  machte  Hans  Thur-
        <pb n="491" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  471

mayr  seine  ersten  Studien  zu  Ingolstadt,  war  dann  später  nach  Wien
und  Krakau  gegangen  und  hatte  sich  zu  Paris  die  Magisterwürde  der  freien
Künste  geholt.  Nach  Bayern  zurückgekehrt  wurde  er  1009  zum  Erzieher  der
beiden  Prinzen  Ludwig  und  Ernst,  die  jüngern  Brüder  des  Herzogs
Wilhelm  IV,  bestellt  und  in  Dienst  genommen.  In  seinen  Instructionen
war  er  ausdrücklich  angewiesen,  seine  Zöglinge  besonders  mit  der  deutschen
und  bayerischen  Geschichte  bekannt  zu  machen.  Damit  er  aber  nichts
Fabelhaftes  und  Ungewisses  lehre,  wurde  er  angehalten,  Alles  „aus  brieflicher
  Urkunde"“  zu  schöpfen.  Aventin,  wie  er  sich  nach  damaliger  Sitte
umtaufte  —  zu  Burghausen  hieß  man  ihn  einfach  Meister  Hans  —  ließ
sich  seine  Pflicht  angelegen  sein;  er  entwarf  eine  lateinische  Grammatik,  die
später  in  vielen  Auflagen  ihre  Brauchbarkeit  bekundete,  trieb  fleißig  seine
historischen  Studien  und  verwendete  die  größte  Sorgfalt  auf  seine  beiden
Eleven,  von  denen  Herzog  Ernst  im  Voraus  zum  geistlichen  Stand  bestimmt
war.  Diesen  begleitete  er  auf  einer  Reise  nach  Italien  (1515)  und  dann
auf  die  hohe  Schule  zu  Ingolstadt,  wo  Aventin  eine  gelehrte  Gesellschaft
  unter  dem  Namen  „Sodalitas  literaria  Bojorum“  gründete.  Nach
zweijährigem  Aufenthalte  zu  Ingolstadt  verließ  der  Prinz  Ernst  die  Universität,
  um  die  Administration  des  Bisthums  Passau  zu  übernehmen.  Somit
war  denn  auch  Aventius  „Zuchtmeisterei“  zu  Ende.  Zum  Lohne  erhielt
er  reiche  Schenkungen  und  die  Stelle  eines  Historiographen  mit  der  Weisung,
„alle  Liebereien,  Briefschaften  und  alle  Monumente  der  Klöster,  Abteien  und
Archive  des  Herzogthums  zu  durchsuchen  und  das  gefundene  Material  zu
verarbeiten“".  Zwei  Jahre  lang  zog  Aventin  unermüdlich  in  allen  Städten,
Märkten  und  Klöstern  umher,  durchkroch,  wie  ein  Biograph  sagt,  alle  Winkel
des  Bayerlandes,  excerpirte,  notirte  und  sammelte  alles  Brauchbare  und
Merkwürdige  und  arbeitete  drei  Jahre  lang  in  der  Zurückgezogenheit  zu
Abensberg  (1519  —  1521)  an  der  Sichtung  des  mühevoll  gesammelten
Materials.  So  entstand  das  gute  Werk  seiner  „Juellen"  und  das  spätere
„Chronicon“,  wozu  ihn  wechselnde  Ausflüge  noch  Jahre  lang  in  landfahrender
  Thätigkeit  erhielten.  Er  war  auch  daran  eine  Geschichte  Deutschlands
  auszuarbeiten,  als  ihm  neuerdings  der  Antrag  gemacht  wurde,  einen
adeligen  Herrn  auf  die  Hochschule  zu  geleiten.  In  dieser  Stellung  starb  er  auch
am  9.  Januar  1534  zu  Regensburg  in  dem  Alter  von  57  Jahren.  Aventin
war  häufig  mit  den  Humanisten  in  Berührung  gekommen,  die  seine  gläubige
  Gesinnung  allmälig  untergruben  und  es  dahin  brachten,  daß  Aventin
seinem  alten  Glauben  ungetreu  wurde.  Er,  der  früher  jeden  Beicht=  und
Communiontag  in  seinem  Hauskalender  bemerkte,  wie  er  dabei  mit  dem
Prinzen  meditirt  und  Erbauliches  gelesen  —  er  warf  nun  Alles  weg,  sorderte
Glaubens=  und  Gewissensfreiheit,  verwarf  die  Ohrenbeichte,  schmähte  den
Papst  in  unnachsprechlicher  Weise,  schalt  die  Mönche  und  Nonnen  als  Säufer
und  Schlemmer,  leistete  aber  hierin  selbst  ganz  Erkleckliches  und  hatte  von
nun  an  manchen  „Ccrapulam“  und  „vomitum“"  im  Kalender  einzuzeichnen.
Auch  in  sittlicher  Hinsicht  wich  er  von  der  früheren  Beherrschung  seiner  selbst
ab  und  war  wenig  bemüht,  seine  Verirrungen  auf  diesem  Gebicte  der  Oeffentlichkeit
  zu  entziehen.  So  kam  er  denn  ebenso  wenig,  wie  sein  ihm  auf  diesem  Wege
vorleuchtender  Freund  Celtes  je  mit  sich  in's  Klare.  Während  ihm  der  Mariencult
  noch  genehm  war,  ärgerte  er  sich  an  Wundern  und  Legenden,  huldigte
aber  dabei  dem  größten  Aberglauben  und  war  ein  gläubiger  Bekenner  von
Teufelszauberei  und  sonstigem  Blendwerk.  Der  Klerus  aber,  der  daran
Schuld  sein  mußte,  daß  er  niemals  den  gewünschten  Lehrstuhl  zu  Ingolstadt
besteigen  konnte,  stach  ihm  immerdar  unangenehm  in  die  Augen,  gegen  ihn
richtele  sich  seine  volle  Wuth.  Eben  dieser  lächerliche  Zwiespalt  spuckt  auch
in  seinen  Schriften.  Sein  Bemühen,  überall  klassische  Ausdrücke  zu  geben,
wird  oft  geradezu  ergötzlich,  ebenso  wie  seine  Latinisirung  der  deutschen  Namen.
        <pb n="492" />
        472  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

Statt  Allersbach  schrieb  er  Adalogeriopagum,  statt  Helfenstein
gebrauchte  er  Elephantostonensis,  aus  Ernst  machte  er  Arionistus,
aus  Ludwig  Litavicus  u.  s.  w.  Dann  aber  ist  er  gerade  so  wieder  erpicht,
  die  deutsche  Sprache  von  fremden  Einmischungen  zu  reinigen.  Statt
Prophet  sagt  er  Weissager,  statt  Triumph  nimmt  er  Siegerspiel,
statt  Ketzerei  gebrauchte  er  Sünderung,  für  Fabius  Cunctator  wählt
er  Zauderer  Bohnmayer  u.  s.  f.  Was  seine  Verdienste  als  Historiker
betrifft,  so  sind  dieselben  immerdar  hoch  anzuschlagen.  Zwar  erlitt  seine
Kritik  seither  manch'  harten  Stoß,  und  seine  Objectivität,  zumal  in  kirchlichen
  Dingen,  kann  vergeblich  gesucht  werden;  gleichwohl  ist  er  ein  redlicher
Mann,  der  nie  die  geschichtliche  Wahrheit  absichtlich  in  Lüge  verkehrte;  einen
bayerischen  Patriotismus  kannte  er  nicht,  denn  zu  seinen  Zeiten  war  das
schöne  deutsche  Vaterland  noch  ein  einiges  Reich.

Laurentius  Hochwart  aus  Tirschenreuth  in  der  Oberpfalz,  war
1526—1528  Magister  an  der  Artistenfakultät  zu  Ingolstadt  und  ein  vorzüglicher
  vaterländischer  Geschichtsschreiber.  Er  starb  1569.

Urban  Rhegius,  eigentlich  „Urban  König“,  aus  Langenargen  bei
Lindau,  Lehrer  der  Dicht=  und  Redekunst  zu  Ingolstadt,  das  er  wegen  Luther
verließ.  Er  ward  einer  der  Reformatoren  Braunschweigs,  wo  er  1541
zu  Celle  starb.

Johann  Reuchlin  aus  Pforzheim  in  Schwaben,  1520  Professor
der  griechischen  und  hebräischen  Sprache,  an  Sprachkenntnissen  dem  berühmten
Erasmus  von  Rotterdam  nahe  stehend,  der  einen  an  ihn  1517  ergangenen
  Ruf  nach  Ingolstadt  ausschlug.

Peter  Bienewitz,  daher  Apianus  genannt,  war  zu  Leisnitz  in
Meissen  geboren,  wurde  1527  Professor  der  Mathematik  und  vom  Kaiser
Karl  V  in  den  Adelstand  erhoben.  Er  starb  1552.

Bartholomäus  Amantius  aus  Landsberg,  Professor  der  Redekunst,
  der  Rechtsgelehrsamkeit  und  kaiserlich  gekrönter  Dichter,  wirkte  um  das
Jahr  1534  zu  Ingolstadt.

Leonhard  Fuchs  aus  Wemding;  1526  Prefessor  der  Arzneikunde
und  Leibarzt  bei  dem  Markgrafen  Georg  von  Ansbach,  zuletzt  Professor
der  Anatomie  zu  Tübingen,  wo  er  1566  starb.

Johann  Agricola,  urspünglich  Johann  Beuerle  aus  Gunzenhausen,
  galt  für  den  größten  Arzt  seiner  Zeit  (1  1570).  Ein  anderer
Agricola  mit  dem  Vornamen  Stephan,  ursprünglich  Stephan  Kastenbauer
  genannt,  war  Beichtvater  der  Gemahlin  des  Erzherzogs  Ferdinand
von  Oesterreich  und  des  Erzbischofs  Lang  von  Salzburg.  Dieser
Agricola,  ein  Mensch  von  mittelmäßigen  Kenntnissen,  ward  wegen  seiner
Linneiguns  zur  Lehre  Luthers  in  Mühldorf  eingesperrt  und  später  nach

alzburg  abgeführt,  wo  ihn  die  Bürger  der  Stadt  in  Freiheit  setzten.

Nikolaus  Everardus  aus  Amsterdam,  Professor  der  Rechtsgelehrsamkeit,
  1529  aus  Bologna  nach  Ingolstadt  berufen,  wo  er  1570  starb.

Hieronymus  de  Croaria,  ein  berühmter  Rechtsgelehrter,  wirkte  von
1497  -  1508.

Fabius  Arcas  aus  Narnia  im  Kirchenstaate,  seit  1529  Professor
der  Rechtsgelehrsamkeit,  bis  ihn  1570  ein  Ruf  an  die  portugiesische  Universität
  Coimbra  zog.

Wiguleus  Hund  aus  dem  altadeligen  Geschlechte  der  von  Sulzemoos,
  1537  Professor  der  Rechtsgelehrsamkeit,  später  herzoglicher  Rath  und
Kanzler,  der  zweite  Begründer  der  bayerischen  Geschichtsschreibung.  Er
starb  1588.

Viglius  ab  Ayta  Zuichem,  1537  Professor  der  Rechtsgelehrsamkeit,
weanihrästeent  des  hohen  Rathes  zu  Brüssel  unter  Karl  V  und  König

ilipp  II.
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        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  473

Vitus  aus  Amerbach  bei  Wemding,  daher  Amerbachius,  seit
1543  Professor  der  Philosophie,  großer  Philolog  (T  1577).

Philipp  Apian,  der  Sohn  des  oben  genannten  Peter  Apian,  seit
1551  Professor  der  Mathematik,  Doktor  der  Medizin  zu  Bologna,  Verfertiger
  einer  großen  Karte  von  Bayern  nach  geometrischen  Aufnahmen  in  24
Blättern  (1566),  der  Grundkarte  Bayerns  bis  zu  den  neueren  trigonometrischen
  Vermessungen  der  königlichen  Steuerkataster-Commission.  Er  starb
1589  als  Professor  der  Mathematik  zu  Tübingen.

Leonard  von  Eck  auf  Randeck  und  Wolfseck,  geboren  1480  zu
Kelheim,  einer  der  größten  Staatsmänner,  welcher  die  Stelle  eines  Kurators
  der  Universität  Ingolstadt  bekleidete.  Er  starb  1550.  Neben  ihm  waren
im  Rathe  von  Gewicht:  Dr.  Augustin  Lösch,  fränkischer  Edler  und  später
Kanzler,  dann  Christoph  Graf  von  Schwarzenberg,  herzoglicher  Hofmeister,
  und  Augustin  Kölner,  geheimer  Sekretär  und  Archivar,  Ordner
des  Staatsarchivs,  Geschichtschreiber  des  Landshuter  Erbfolgekrieges
(I  um  1534).

82.  Arsacius  Seehofer,  ein  Bürgerssohn  von  München,  war,  nachdem
  er  in  Ingolstadt  die  Universität  absolvirt  hatte,  an  die  Universität  nach
Wittenberg  gegangen,  um  hier  Luther  und  Melanchthon  zu  hören.
Nach  seiner  Zurückkunft  trat  er  als  Magister  an  der  vaterländischen  Universität
  auf  und  fing  an,  über  die  Briefe  des  hl.  Paulus  zu  lesen,  und  zwar
nach  den  Heften  des  Melanchthon,  die  er  von  Wittenberg  mitgebracht
hatte.  Als  der  akademische  Senat  davon  Kunde  erhielt,  wurde  Seehofer
gefänglich  eingezogen  und  seine  Wohnung  durchsucht;  man  fand  mehrere  verdächtige
  Bücher  und  geschriebenc  Collegienhefte,  die  der  theologischen  Fakultät  zur
Prüfung  vorgelegt  wurden.  Diese  erklärte  17  Sätze  für  häretisch,  darunter
Luthers  Lehren,  „daß  der  Glaube  allein  zu  des  Menschen  Rechtfertigung  genüge,
  daß  der  Mensch  keinen  freien  Willen  habe,  sondern  daß  Gott  nach
seinem  ewigen,  unveränderlichen  Rathschlusse  Alles  vorher  bestimme.“  Auf
Befehl  des  Herzogs  Wilhelm  IV  mußte  Magister  Seehofer  die  17  Artikel
widerrufen,  wurde  dann  seines  Lehramtes  entsetzt  und  zu  Gefängnißstrafe  auf
unbestimmte  Zeit  verurtheilt,  die  er  auf  Verwendung  eines  seiner  Anverwandten,
  des  Apothekers  Riederer  in  München,  im  Kloster  Ettal  unter
Aufsicht  des  Abtes  erstehen  durfte.  Allein  Seehofer  entwich  schon  nach
einigen  Tagen  und  ging  zu  Luther  nach  Sachsen,  der  ihm  durch  seine
Empfehlung  von  dem  Hoch=  und  Deutschmeister  eine  Predigerstelle  in  Preußen
zubrachte.  Im  Jahre  1534  kam  er  als  Lehrer  der  dritten  lateinischen  Schule
bei  St.  Anna  nach  Augsburg,  wurde  dann  Prediger  in  Stuttgart  und
starb  als  Stadtpfarrer  in  Winnen  den  1545.

83.  Seinen  Ursprung  verdankt  dieser  Orden  dem  Ignatius  (Don  Inigo)
von  Loyola,  der  auf  dem  Schlosse  Loyola  in  der  spanischen  Provinz  Guipuzcoa.
im  Jahre  1491  aus  vornehmen  Geschlechte  entsprossen  war.  In  seinen  jungen
Jahren  war  er  Page  am  üppigen  Hofe  Ferdinands  des  Katholischen,
nahm  unter  dessen  Enkel  Karl  V  Kriegsdienste  und  wurde  bei  Vertheidigung
der  Festung  Pampeluna  gegen  die  unter  Franz  Ll  in  Spanien  eingefallenen
Franzosen  an  beiden  Beinen  schwer  verwundet  (1521).  Am  Feste  Mariä  Verkündigung
  1522  entsagte  er  zu  Montferrat  dem  Kriegsdienste,  zog  sich  in  das
Hospital  zu  Manresa  (Manreze)  zurück  und  ging  im  Anfang  September  1523
nach  Jerusalem.  Von  dort  zurückgekehrt  lernte  er  zu  Barcellon  a  die  lateinische
Sprache  und  besuchte  darauf  die  Universitäten  Alcala,  Salamanka  und
Paris.  In  letzterer  Stadt,  wo  Ignatius  die  Magisterwürde  erhielt,
sammelte  er  einen  Kreis  von  Studiengenossen  um  sich,  darunter  den  Alfons
Salmeron,  der  unter  den  ersten  Jesuiten  an  die  Universität  Ingolstadt
kam.  Am  Feste  Mariä  Himmelfahrt  1534  weihten  sie  in  der  unterirdischen
Kapelle  zu  Montmartre  ihr  Leben  ganz  der  Vertheidigung  und  Befestigung
        <pb n="494" />
        474  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

des  katholischen  Glaubens,  legten  1538  ihren  lang  vorbereiteten  Entwurf
eines  neuen  Ordens  dem  Papste  Paul  III  vor  und  erhielten  von  diesem
durch  die  Bulle  Regimini  militantis  ecclesiae  unterm  27.  September  1540
die  Genehmigung  ihres  Ordens  unter  dem  Namen:  „Gesellschaft  Jesu“.
Petrus  Canisius,  der  mit  Alfons  Salmeron  und  Claudius
Jajus  1549  an  die  Universität  Ingolstadt  kam,  dort  einige  Zeit  wirkte
und  1552  nach  Wien  ging,  schrieb  in  letzterer  Stadt  sein  Lehrbuch  für  den
katechetischen  Unterricht  in  der  katholischen  Religion,  welches  dergestalt  in
Gebrauch  kam,  daß  im  gemeinen  Leben  „Katechismus“  und  „Canisius“
zu  gleichbedeutenden  Worten  wurden.

84.  Der  hierauf  bezügliche  Vertrag  zwischen  Herzog  Wilhelm  V  und
Ferdinand,  geschlossen  am  23.  September  1588,  lautete  folgendermaßen:

„Die  aus  der  Ehe  des  Herzogs  Ferdinand  und  der  Marie  von
Pettenbeck  hervorgehenden  Kinder  enthalten  sich  des  herzoglichen  Titels,
Namens  und  Wappens  und  haben  keinen  Anspruch  weder  auf  das  jetzige
Herzogthum  Ober=  und  Niederbayern  und  die  dazu  gehörigen  Grafund
  Herrschaften,  welche  Herzog  Albrecht  V  besessen  hatte,  noch  auf
jene  Besitzungen,  welche  in  Zukunft  Bayern  einverleibt  werden  sollen.  Sollte
es  sich  aber  nach  dem  Willen  des  Allmächtigen  ereignen,  daß  der  Stamm
des  Herzogs  Wilhelm  V  in  männlicher  Linie  erlöschen  würde,  und  auf
keine  ehelich  erzeugten  Leibeserben  in  intinitum  mehr  gerechnet  werden  könnte,
so  succediren  die  leiblichen  Manneserben  des  Herzogs  Ferdinand,
  jedoch  so,  daß,  wenn  Ferdinand  nach  dem  allenfallsigen  Tode  der
oben  gemeldeten  Marie  von  Pettenbeck  eine  Fürstentochter  heirathen  würde,
nur  die  mit  der  zweiten  Gemahlin  erzeugten  Söhne  zur  Surccession  berechtigt
seien.  Da  dem  Herzog  Ferdinand  selbst  daran  liegt,  daß  das  Haus  Bayern
in  seiner  Integrität  nichts  verliere,  so  haben  sich  seine  etwaigen  Nachkommen
mit  dem  einfachen  Adelstitel  und  einem  noch  zu  bestimmenden  Wappen  zufrieden
  zu  geben.  Herzog  Ferdinand  bleibt  im  ungeschmälerten  Besitze
aller  bisherigen  Gefälle  und  Einkünfte,  seiner  Graf=  und  Herrschaften  und
bezieht  alljährlich  bis  zu  seinem  Absterben  das  Deputat  von  35,000  Gulden.
Sollte  Herzog  Ferdinand  nach  seinem  Ableben  nur  einen  Sohn  hinterlassen,
  so  erhält  derselbe  eine  jährliche  Apranage  von  3000  Gulden  nebst  einem
Schlosse  mit  den  dazu  gehörigen  Einkünften  und  Gütern  als  unveräußerliches
  Fideicommiß  im  Werthe  von  20,000  Gulden.  Wenn  die  Nachkommen
des  Herzogs  zwei  oder  mehre  Sprößlinge  sind,  so  erhalten  alle  übrigen  nur
noch  ein  zweites  Schloß  im  gleichen  Werth  und  eine  jährliche  Apanage  von
3000  Gulden;  die  Töchter  bekommen  4000  Gulden  als  Mitgift.  Nach  dem
Erlöschen  der  Erben  Ferdinands  fallen  diese  Schlösser  wieder  an  die  Krone
Bayern  zurück.  Von  den  werthvollen  Geräthschaften,  Möbeln,  Kleinodien  2c.,
welche  Ferdinand  von  seinem  Vater  erhalten  hatte,  sind  dessen  Kinder  verpflichtet,
  an  den  Herzog  Wilhelm  oder  seine  Erben  das,  was  diesen  beliebt,
um  den  derzeitigen  Preis  käuflich  verabfolgen  zu  lassen.  Die  Wittwe  des
Herzogs  soll  von  Wilhelm  oder  dessen  Nachfolger  eine  jährliche  Pension  von
2000  Gulden  erhalten.  Da  dem  Herzog  Ferdinand  selbst  hoch  daran  gelegen
ist,  daß  das  Haus  Bayern  in  seiner  Reputation,  Ehre  und  Hoheit  so  viel
als  möglich  erhalten  werde,  so  wird  er  und  seine  Nachkommen,  so  lange  ein
männlicher  Erbe  aus  dem  Stamme  Wilhelm  V  am  Leben  ist,  nicht  nur  mit
dem  einfachen  Grafentitel  zufrieden  sein,  sondern  auch  auf  seine  künftige
Chegattin,  um  allerlei  Nachreden  zu  verhüten,  so  einzuwirken  suchen,  daß
sie  sich  in  Kleidung  und  Haushaltung  mit  gebührender  Bescheidenheit
  und  Discretion  zeige."  «

Herr  von  Habslang  wurde  nach  Prag  gesandt,  um  diesen  Vertrag
vom  Kaiser  Rudolf  II  confirmiren  zu  lassen.  Obgleich  dieser  Contract  von
höchster  Bedeutung  war,  so  wurde  derselbe  doch  vom  Kaiser  den  16.  Februar
        <pb n="495" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  475

1589  bestätigt.  Die  Wittelsbacher  in  der  Pfalz,  welche  um  den  ganzen
Vertrag  und  die  kaiserliche  Bestätigung  nichts  wußten,  und  die  Reichsstände
  wurden  dabei  ganz  umgangen.  Um  jedoch  den  Verdacht  zu  vermeiden,
  als  hätten  die  Habsburger  bei  der  Confirmation  dieses  Vertrages
aus  Sonderinteressen  die  wittelsbachische  Linie  der  Rheinpfalz  von  der  Succession
  in  Bayern  ausschließen  wollen,  so  fügte  Rudolf  in  der  Bestätigung
die  Clausel  bei:  „.unbeschadet  der  Rechte  eines  Dritten"“.  Die  wahre  Absicht
der  Habsburger  trat  in  nächster  Zukunft  hervor.  Als  die  Ehe  des  Kurfürsten
Maximilian  I  mit  der  lothringischen  Prinzessin  Elisabeth  kinderlos
blieb,  glaubte  Kaiser  Ferdinand  II,  daß  der  Stamm  der  bayerischen
Wittelsbacher  schon  mit  Maximilian  erlöschen  würde,  und  erhob  am  25.
April  1602  die  Söhne  Ferdinands  in  den  Grafenstand,  wiewohl  die
Kurpfalz  dagegen  protestirte.

85.  Das  frühe  Aussterben  der  Grafen  von  Wartenberg  war  für
Bayern  ein  wichtiges  Ereigniß.  Denn  da  vierzig  Jahre  später  mit  dem
Kurfürsten  Maximilian  III  die  wilhelmische  Linie  erlosch,  hätten  jene
nach  dem  Vertrage  von  1588  ihre  Ansprüche  auf  die  Thronfolge  geltend
gemacht.  Die  Wittelsbacher  in  der  Rheinpfalz  würden  ebenfalls  ihre
Rechte  in  Kurbayern  behauptet  haben.  Die  Folge  hievon  wäre  eine  Zerstücklung
  Bayerns  gewesen.  Nach  den  über  diesen  Gegenstand  in  den  Westphäler
  Friedensschluß  ausgenommenen  Bestimmungen  hätten  die  Ferdinandiner
  in  Ober=  und  Niederbayern  unter  dem  Titel:  „Herzöge
von  Bayern"  succedirt,  während  die  Kurwürde  und  die  Oberpfalz
an  die  Rheinpfalz  gefallen  wäre.

86.  Die  zum  Hochstifte  Freysing  gehörige  Schwaige  Schleißheim
kaufte  Herzog  Wilhelm  V  im  Jahre  1599  von  Konrad  Hintermair
um  5000  Gulden.  Hier  erbaute  er  sich  acht  Klausen:  U.  L.  Frau,  St.
Corbinian,  St.  Jakob,  St.  Renatus  zur  Erinnerung  an  seine  Gemahlin
auf  dem  sogenannten  Klösterl,  St.  Ignatius  in  der  Nähe  des  Kalvarienberges,
  St.  Franziskus  und  St.  Margareth,  bei  St.  Wilhelm;
bei  der  letzten  als  dem  Hauptorte  stand  die  Kapelle,  bei  welcher  ein  Hofkaplan
angestellt  war.  Um  ungestört  seinen  Andachtsübungen  obliegen  zu  können,
bewohnte  er  ein  Schlößchen,  welches  er  mit  Hofmarksfreiheiten  versah  und
für  welches  er  einen  Verwalter  und  Schwaigschreiber  anstellte.  Die
verschiedenen  Klausen  räumte  er  solchen  ein,  welche  gleich  ihm  ein  Verlangen
nach  einem  einsamen  und  stillen  Leben  hatten.

87.  Johann  Werner  TzZerklas  Freiherr  von  Tilly,  Sohn  eines
kaiserlichen  Kriegsrathes,  geboren  1559  auf  einem  Landgute  bei  Lüttich,
wählte  in  einem  Alter  von  14  Jahren  die  Kriegslaufbahn  und  erlernte  das
Waffenhandwerk  unter  dem  großen  Kriegsmeister  Alba  in  der  spanischen
Schule,  der  besten  der  damaligen  Zeit.  Seine  ersten  glänzenden  Kriegsthaten
verrichtete  er  als  kaiserlicher  Oberst  im  Kampfe  wider  die  ungarischen  Mißvergnügten
  (1602—1600)  an  der  Spitze  eines  auf  seine  Kosten  geworbenen
Wallonen-Regiments.  Nach  Beendigung  dieses  Krieges  trat  Tilly  als
Generallieutenant  in  den  Dienst  des  Herzogs  Maximilian  I.  von  Bayern.
In  der  Pfarrkirche  zu  Altötting  ist  sein  Grab.  Dort  ruht,  wie  eine  kurze
Inschrift  sagt,  der  Sieger  in  sechsunddreißig  Schlachten:  qui  post  tot  ultimam
  erpectat  tubam.

88.  Khlesel  war  der  Sohn  eines  Bäckers  zu  Wien,  lutherischer  Religion,
  geboren  1553.  Im  16.  Jahre  seines  Lebens  ging  er  auf  Zureden
des  Jesuiten  Scherer  zur  katholischen  Religion  über  und  studirte  im  Convicte
  der  Jesuiten  zu  Wien  Philosophie  und  Theologie,  ging  dann  nach
Ingolstadt  und  wurde  daselbst  zum  Doktor  der  Philosophie  promovirt  und
am  30.  August  1579  in  Wien  zum  Priester  geweiht.  Im  nämlichen  Jahre
noch  ernannte  ihn  der  Bischof  von  Passau  zu  seinem  Offizial  im
        <pb n="496" />
        476  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

Lande  unter  der  Enns,  und  der  Erzherzog  Ernst  zum  Dompropst  von
St.  Stephan  in  Wien  und  zum  Kanzler  der  Universität  daselbst.  Khlesel
war  damals  erst  26  Jahre  alt.  Die  Jesuiten  hatten  diesen  mit  außerordentlichen
  Talenten  und  brennendem  Eifer  für  den  Katholizismus  begabten
Mann  ausersehen,  das  lutherische  Oesterreich  wieder  katholisch  zu  machen.
Im  Jahre  1588  wurde  er  vom  Kaiser  Rudolf  II  zum  Administrator
des  Bisthums  Neustadt  ernannt.  Die  Bürger  dieser  Stadt,  fast  alle
lutherisch,  wurden  auf  seinen  Antrag  vom  Kaiser  zur  Rückkehr  zum  Katholizismus
  oder  zur-  Auswanderung  gezwungen.  Im  Jahre  1591  wurde  er
auch  Rektor  der  Universität  Wien.  Ein  den  Professoren  gebotener  Eid  auf
Haltung  des  Tridentinums  machte  fast  alle  katholisch.  Herzog  Wilhelm  V.
von  Bayern  hatte  diesen  Rath  gegeben.  Dieser  und  seine  Schwester
Maria,  Gemahlin  des  Erzherzogs  Karl  von  Steyermark,  hatten  auf  Ansuchen
  Khlesels  eine  große  Anzahl  Jesuiten  nach  Grätz  gebracht,  wo  sie
bald  die  Oberhand  gewannen.  Im  Jahre  1598  ward  Khlesel  vom  Kaiser
Rudolf  II  zum  Bischof  von  Wien  ernannt,  so  daß  er  jetzt  zwei  Bisthümer
  beisammen  hatte.  Dazu  war  er  noch  Offizial  (Generalvikar)  im
Bisthum  Passau,  und  nach  dem  Ableben  des  Bischofs  Urban  (IT  1598)
während  der  Minderjährigkeit  des  Erzherzogs  Leopold,  Sohnes  des  Erzherzogs
  Karl  von  Steyermark  und  seiner  Gemahlin  Maria,  einer
Schwester  des  Herzogs  Wilhelm  V  von  Bayern,  unbeschränkt  regierender
Herr  des  ganzen  Bisthums.  In  der  Folge  wurde  er  vom  Papste  zum
Kardinal,  und  vom  Könige  Matthias  zum  Minister  ernannt.  Er  hatte
eine  starke  Partei  gegen  sich,  die  Beamten,  den  Erzherzog  Ferdinand  von
Steyermark  und  den  Herzog  Maximilian  1  von  Bayern,  welche
seinen  Sturz  herbeiführten.

89.  Albrecht  Wenzel  Eusebius  von  Waldstein,  der  dritte  Sohn
einer  wenig  bemittelten,  aber  doch  angesehenen  böhmischen  Adelsfamilie,  war
auf  dem  seinem  Vater  gehörigen  Gute  Hermanic  in  Böhmen  am  15.  Sept.
1583  geboren,  zeigte  schon  als  Knabe  einen  feurigen  hochstrebenden  Geist
und  machte  seinen  Erziehern  durch  seine  unbändige  Wildheit  viel  zu  schafsen.
Als  er  zwölf  Jahre  alt  seinen  Vater  verloren  hatte,  nahm  sich  des  Knaben
ein  Oheim  mütterlicherseits,  Albrecht  Slavata,  an  und  ließ  ihn  in  einer
protestantischen  Schule  der  böhmischen  Brüder  zu  Koschumberg  erziehen,
denn  das  Haus  der  Waldsteine,  wie  das  der  Slavata  bekannte  sich  zu  dem
protestantischen  Glauben.  Einige  Zeit  später  kam  er  in  das  adelige  Convict
der  Jesuiten  zu  Olmütz,  wohin  ihn  ein  anderer  Oheim,  Johann  Kavca
von  Ricam,  empfohlen  hatte.  Waldstein  trat  hier  zum  katholischen  Glauben
über,  zeigte  aber  gegen  den  Unterricht  in  den  Sprachen  große  Abneigung,
weshalb  der  Jesuit  Pachta  den  Geist  des  jungen  Menschen  durch  anderweitige
  Mittel  zu  bilden  strebte.  Nach  seinem  Austritte  aus  dem  Convicte
ging  er  in  Gesellschaft  eines  reichen  jungen  Edelmanns,  Licek  von  Riesenburg,
  auf  Reisen  und  besuchte  das  südliche  und  westliche  Deutschland,
Holland  und  Italien.  Als  Hofmeister  begleitete  die  beiden  Herren  ein
Freund  des  berühmten  Keppler,  Peter  Verdungus,  aus  Franken  gebürtig,
Mathematiker  und  Astrolog.  Wahrscheinlich  war  es  dieser  Gelehrte,  der  in
die  Seele  Waldsteins  Vorliebe  für  die  geheime  Wissenschaft  der  Sterne
legte.  In  Padua  verweilten  sie  längere  Zeit,  um  unter  der  Leitung  des
berühmten  Argoli,  eines  namhaften  Himmelskundigen  jener  Zeit,  in  die  Geheimnisse
  der  Cabbala  und  Astrologie  einzudringen.  Von  da  zurückgekehrt
erhielt  er  durch  Empfehlung  seines  Betters  Adam  von  Waldstein,  Oberststallmeisters
  bei  Kaiser  Rudolf,  eine  Stelle  in  dem  gegen  die  Türken  kämpfenden
  Heere  und  wurde  wegen  seiner  Bravour  bei  der  Belagerung  von  Gran
zum  Hauptmann  ernannt.  Nach  dem  Friedensschlusse  (1606)  heirathete  er
die  in  Mähren  sehr  begüterte  Wittwe,  Lucretia  Nikessin  von  Landeck,
        <pb n="497" />
        Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.  477

die  ihm  nach  ihrem  Tode  1614  ein  ansehnliches  Vermögen  hinterließ.  In
dem  Kriege  des  Erzherzogs  Ferdinand  gegen  die  Venetianer  übte  er  sich
unter  dem  Kommando  des  erfahrenen  Dampierre,  spielte,  da  er  200  Dragoner
  auf  eigene  Kosten  in's  Feld  gestellt  und  sechs  Monate  unterhalten
hatte,  eine  glänzende  Rolle  und  erwarb  sich  die  Gunst  des  Kaisers  Matthias
in  solchem  Grade,  daß  er  in  den  Grafenstand  erhoben  wurde.  Nun  verheirathete
  er  sich  mit  Isabella  Katharina  von  Harrach,  einer  Tochter
des  kaiserlichen  geheimen  Rathes  und  Kämmerers  Karl  von  Harrach.
Nach  dem  Ausbruche  der  böhmischen  Revolution  (1619)  erklärte  sich  Wallenstein
  auf's  Entschiedenste  für  den  Kaiser  und  leistete  dem  habsburgischen
Kaiserhause  viele  und  wichtige  Dienste  gegen  seine  Feinde.  Im  Jahre  1623
ward  er  vom  Kaiser  zum  Fürsten,  und  ein  Jahr  später  zum  Herzog  von
Friedland  ernannt,  welches  damals  seine  größte  Herrschaft  war.  Zugleich
erhielt  er  in  den  Schreiben,  die  der  Kaiser  an  ihn  erließ,  die  Titellatur
„Oheim“,  für  welche  Auszeichnung  Ferdinand  II  ihm  einen  besondern
Gnadenbrief  ausstellte.

90.  Gottfried  Heinrich  Graf  von  Pappenheim  war  1594  geboren
und  stammte  aus  einem  uralten  schwäbischen  Grafengeschlecht,  das  namentlich
unter  den  Hohenstaufen  treu  an  dem  Kaiser  hielt.  Gottfried  Heinrich,  von
den  vielen  Narben,  die  seinen  Leib,  namentlich  sein  Gesicht  bedeckten,  der
„Schrammhans“  zugenannt,  war  aus  der  Treutlin  g'schen  Linie  der
Pappenheim.  Wegen  seiner  kaiserlichen  Gesinnung  war  er  mit  Tilly,  dem
Feldherrn  der  Liga  und  des  bayerischen  Kurfürsten  Maximilian  I,  immer
gespannt,  aber  trotzdem  ein  feuriger  Vertheidiger  des  Katholizismus.  Sein
tapferes  Kürassierregiment,  die  Pappenheimer,  erwarb  sich  einen  ausgedehuten
  Ruf.  Seine  Linie  erlosch  1647  mit  seinem  Sohne  Wolfgang

am.

91.  Herzog  von  Richelien  (Jean  Armand  du  Plessis)  war  am
5.  September  1585  auf  Richelien  in  Poitou  geboren,  ward  1622  Cardinal,  kam
1624  in  den  Staatsrath  und  ward  unter  Ludwig  XIII  von  Frankreich
der  wahre  Regent  des  französischen  Staates,  den  er  im  Sinne  der  Vereinigung
  aller  öffentlichen  Gewalt  unter  die  Krone  und  der  Beschränkung
der  österreichisch-spanischen  Macht  gegen  Außen  leitete.  Er  starb  am  4.  Dezember
  1642.

92.  Johann  von  Werth,  der  gewaltigste  Haudegen  seiner  Zeit  und
einer  der  wenigen  wahrhaft  deutschen,  nicht  im  Solde  des  Auslandes  streitenden
  Führer,  war  1594  zu  Weert  in  Brabant  aus  rittermäßigem  Geschlechte
entsprossen,  verlebte  seine  Jugend  in  Lüttchen,  einem  kurkölnischen  Dorfe
in  der  Nähe  von  Neuß,  sland  längere  Zeit  in  bayerischen,  zuletzt  in  österreichischen
  Diensten  und  starb  1652  in  Böhmen  an  einem  hitzigen  Fieber.

93.  Für  die  vaterländische  Geschichte  waren  in  dieser  Zeit  thätig:

Der  Augsburger  Patrizier  Markus  Welser,  der  eine  bayerische  Geschichte
  in  fünf  Büchern  herausgab;

der  Jesuit  Matthäus  Rader,  geboren  1551  in  dem  zu  Freysing  gehörigen
  Inniching  in  Tyrol,  gestorben  1634  zu  München;  er  schrieb  eine
Kirchen=  und  Klostergeschichte  und  Legenden  (Bavaria  sancta  ac  pia);

der  Jesuit  Brunner,  der  in  Verbindung  mit  dem  Kanzler  Johann
Adlzreiter  Jahrbücher  der  bayerischen  Geschichte  herausgab;  diese  wurden
von  dem  Jesuiten  Verveaux  aus  Lothringen,  dem  Beichtvater  der  Kurfürstin
Elisabeth,  in's  Lateinische  übersetzt;

der  Jesuit  Jeremias  Drexel,  aus  Augsburg  gebürtig,  k  1638;  er
verfaßte  mehrere  ascetische  Schriften;

der  Augsburger  Patrizier  Georg  Herwart  widerlegte  in  einer  Lebensgeschichte
  Ludwigs  IV,  des  Bayern,  die  Angriffe,  welche  der  Dominikaner
        <pb n="498" />
        478  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

Bzovius  in  Polen  in  seiner  Fortsetzung  der  Kirchengeschichte  des  Baromius
auf  diesen  Regenten  gemacht  hatte;  s

dasselbe  that  der  Hofrath  und  Archivar  Christoph  Gewold  aus
Amberg,  7  1621.

Unter  Max  erfreute  sich  Bayern  des  Dichters  Jakob  Balde  aus
Ensisheim  im  Elsaß,  geboren  1603,  Jesuit  1624,  gesterben  zu  Neuburg  an
der  Donau  1668;  er  wurde  wegen  seiner  herrlichen  Oden,  von  denen  einige
die  Drangsale  des  dreißigjährigen  Krieges  und  die  Zwietracht  der  Deutschen
beklagen,  der  „bayerische  Horaz“  genannt.

94.  An  der  Universität  Ingolstadt  hatten  in  dieser  Zeit  einen  Namen:
Jakob  Gretser  aus  Martdorf  im  Bisthum  Konstanz,  großer  Philolog,
griker,  „Publieist  Gottesgelehrter  und  höchst  fruchtbarer  Schriftsteller
7  —  1625;

Adam  Tanner  aus  Innsbruck,  k  1632;

Jakob  Keller  aus  Seckingen  im  Konstanzischen,  berühmter  Polemiker;
Georg  Stengel  aus  Augsburg,  1651;

der  Weltpriester  Albert  Hunger  aus  Kelheim  1575  —  1604,  Sohn
des  bischöflich  freysingischen  Kanzlers  Wolfgang  Hunger  aus  Wasserburg,
(1  1555),  der  als  Apologet  für  Ludwig  IV,  den  Bayern,  auftrat;

der  Weltpriester  Peter  Steuart  aus  Lüttich  1584  —  1619,  Stifter
des  Ingolstädter  Waisenhauses;

Johann  Baptist  Fickler  aus  Weil  in  Schwaben,  Rechtsgelehrter,
salzburgischer  und  bayerischer  Rath  unter  Wilhelm  V.  und  Informator
Maximilians  I  in  der  Rechtsgelehrsamkeit;  .

Heinrich  Canisius,  Neffe  des  Peter  Canisius,  ein  großer  Historiker
und  Lehrer  des  Kirchenrechts  aus  Nimwegen,  +  1610;

Hubert  Giphanins  aus  dem  Geldern'schen  1590  —  1599;

Joachim  Denich  aus  Brüssel,  k  1633;

Leo  Menzel,  1  1631;

Christoph  Besold,  einer  der  größten  Publicisten  seiner  Zeit,  eine  Zeit
lang  protestantischer  Rechtslehrer  zu  Tübingen,  seit  seinem  Uebertritt  zur
katholischen  Religion  (1636)  Professor  in  Ingolstadt,  1638;

Valentin  Rottmar,  gekrönter  Dichter,  Professor  der  alten  Literatur
und  erster  Geschichtschreiber  der  Universität  Ingolstadt  1581;

Matthäus  Rader,  Jesuit,  geboren  1551  zu  Inniching  in  Tyrol,  1  1634;

Georg  Mayer  aus  Rain,  großer  Kenner  des  Hebräischen  und  Gtiechischen,
  1623;

Cysatus,  Professor  der  Mathematik  zu  Ingolstadt  (1618—1622),  der
mit  seinem  Lehrer,  dem  Jesuiten  Christoph  Schreiner  aus  Wald  bei
Mindelheim,  im  März  1611  vom  Thurme  der  Jesuitenkirche  in  Ingolstadt
aus  zuerst  die  Sonnenflecken  entdeckte,  welche  Ehre  ihnen  erst  neuerlichst  der
große  französische  Astronom  Lalande  gegen  Galilei's  vorgebliche  frühere
Entdeckung  zuerkannt  hat.

95.  Im  Jahre  1684  vereinigten  sich  mit  päpstlicher  Bewilligung  alle
bayerischen  und  oberpfälzischen  Benediktinerklöster  zu  einer  eigenen
„bayerischen  Congregation“  und  errichteten  für  sich  zur  wissenschaftlichen
Ausbildung  ihrer  Klostermitglieder  ein  gemeinsames  Studium,  welches
bis  1768  dauerte.  Die  Studienanstalt  in  Freysing  war  von  1697  bis
1803  ausschließlich,  jene  von  Salzburg  zum  Theil  mit  Professoren  aus
dieser  Congregation  besetzt.  An  der  Landesuniversität  machte  der  berühmte
Professor  der  Rechtsgelehrsamkeit,  Kaspar  Manz  (1636  —  1677)  auf  eine
bessere  Methode  des  philosophischen  Studiums  aufmerksam,  und  ein  Weltgeistlicher,
  Bartholomäus  Holzhauser,  geboren  zu  Laugna  bei  Wertingen,
wurde  1640  der  Begründer  eines  gemeinsamen  Lebens  der  Weltgeistlichen
zum  Zwecke  priesterlicher  Ausbildung.  Der  Jesuit  Ferdinand  Orban  aus

Hist
15

sl
7
        <pb n="499" />
        Beilagen  zum  fuͤnften  Zeitraum.  479

Kammer  (Pfarrei  Hoheneggelkofen  bei  Landshut),  Beichtvater  des  Kurfürsten
Johann  Wilhelm  von  der  Pfalz,  überließ  bei  seinem  Tode  (I1  1732)
seine  reiche  Sammlung  von  seltenen  Naturalien,  Kunstwerken,  Alterthümern
aller  Art  als  „  Museum  Orbanum“  der  Universität  Ingolstadt  zum
Eigenthume  und  bestimmte  von  100,000  Gulden,  die  ihm  vorgenannter  Kurfürst
  geschenkt  hatte,  20,000  Gulden  zur  Dotirung  dieses  Museums,  die
übrigen  80,000  Gulden  zu  wohlthätigen  Stiftungen  in  der  Stadt  Landshut
und  beim  dortigen  Spital  zum  heiligen  Geiste.

96.  Benjamin  Thompson  war  im  Jahre  1752  zu  Rumford,
einem  Flecken  in  der  englischen  Grafschaft  Esserhire  (nach  Andern  in
Amerika)  von  armen  Eltern  geboren.  Bei  dem  Ausbruche  des  amerikanischen
Freiheitskrieges  trat  er  in  britische  Dienste  und  kam  nach  Beendigung  des
Krieges  als  Major  nach  England  zurück,  wo  er  vom  Könige  wegen  seiner
militärischen  Kenntnisse  zum  Ritter  und  Unterstaatssecretär  im  Kriegsministerium
  ernannt  wurde.  In  dieser  Stellung  lernte  ihn  Graf  von
Haslang,  des  bayerischen  Kurfürsten  Minister  am  Hofe  zu  London,  kennen
und  lud  ihn  im  Namen  des  Kurfürsten  Karl  Theodor  ein,  nach  München
zu  kommen.  Als  er  hier  1784  eintraf,  ernannte  ihn  der  Kurfürst  zum
Obersten  der  Cavallerie  und  zu  seinem  Leibadjutanten.  Da  er  schon  Mitglied
  der  königlichen  Akademie  der  Wissenschaften  in  London  war,  so  ernannten
ihn  als  solches  auch  die  Akademieen  in  München  und  Mannheim  1785.
Thompson,  der  bald  zum  Chef  des  geheimen  Kriegsbureaus  (Hofkriegsrathes)
  ernannt  wurde,  machte  sich  durch  eine  Reihe  gemeinnütziger  Einrichtungen
um  Bayern  hochverdient.  Zu  Anfang  des  Jahres  1786  wandelte  er  die
Marianische  Landesakademie  in  München  in  eine  Militärakademie
um,  die  der  Kurfürst  Karl  Theodor  am  23.  September  1789  als  solche  bestätigte.
  Im  Jahre  1789  erwirkte  er  vom  Kurfürsten  den  Befehl,  alle  Freithöfe
  um  die  Kirchen  der  Stadt  München  zu  räumen  und  in  offene  Plätze
umzuschaffen.  Um  dieselbe  Zeit  schritt  er  zur  Anlegung  des  englischen
Gartens  und  begann  mit  der  Austrocknung  des  Donaumooses.  Für
seine  Verdienste  um  Bayern  ward  er  vom  Kurfürsten  Karl  Theodor  zum
Generallieutenant  befördert  und  zum  Grasen  von  Rumford  erhoben.
Durch  Einführung  der  nach  ihm  benannten  „Rumforder  Suppe"“,  die
man  aus  Knochen,  Blut  und  anderen  nahrhaften  billigen  Stoffen  herstellt,
ward  er  zum  Wohlthäter  der  Armen,  die  ihn  wie  einen  Vater  ehrten.  Im
Jahre  1799  ging  er  nach  England,  wo  er  praktisch-physikalische  Studien
förderte  und  begab  sich  1801  nach  Frankreich.  Er  starb  am  22.  August  1814
zu  Antieul.

97.  Unter  Karl  Theodor  und  noch  viele  Jahre  nach  ihm  zeichneten
sich  folgende  gelehrte  Männer  in  Bayern  aus:  In  der  Theologie  der
Jesuit  Benedikt  Stattler  aus  Kötzting,  der  1770  —  1782  als  Professor
der  Theologie  zu  Ingolstadt  wirkte,  dann  Dobmayer  und  Schenkl;  auf
dem  Gebiete  der  Geschichte:  Westenrieder,  die  beiden  Krenner,
Zirngibl,  Gemeiner,  Milbiller,  Ried,  Sutner,  Feßmayer,
Hellersberg,  Pallhausen,  Nagl;  in  der  Naturkunde:  Franz  Paul
Schrank,  v.  Flurl,  Thompson,  Maximus  Imhof,  Freiherr  v.  Moll,
Sömmering;  im  technischen  Fache:  die  Brüder  von  Baader;  in  der
Statistik:  Krenner,  Hazzi;  in  der  Staatsökonomie:  Rottmannerz;
in  der  Astronomie:  Placidus  Heinrich;  in  der  Literaturgeschichte
und  Bibliothekwissenschaft:  Steigenberger,  Hupfauer,  Kobolt,
Hardt,  Christoph  von  Aretin.

98.  Max  Joseph  Freiherr  von  Montgelas,  dessen  Wirken  in
Bayern  so  tief  eingreift,  war  in  München  geboren.  Sein  Vater  war
Johann  Sigmund  Freiherr  von  Montgelas,  seine  Mutter  eine  geborne
Gräfin  von  Trauner,  die  ihn  am  10.  September  1759  gebar.  Sein
        <pb n="500" />
        480  Beilagen  zum  fünften  Zeitraum.

Vater  ließ  ihm  an  dem  Pensionate  zu  Straßburg  und  Nancy  acht  Jahre
lang  (1768—  1776)  eine  gelehrte  Erziehung  geben  und  darauf  ein  Semester
an  der  hohen  Schule  zu  Ingolstadt  studiren,  um  ihn  zur  Uebernahme  einer
Hofrathsstelle  zu  befähigen,  in  welcher  Eigenschaft  er  bis  zum  Jahre  1786
gedient  hat.  In  diesem  Jahre  kam  er  Hei  dem  Kurfürsten  Karl  Theodor
in  Ungnade,  weil  sein  Name  auf  dem  Verzeichnisse  der  Jlluminaten
gefunden  wurde.  Er  verließ  nun  München  und  ging  in  die  Dienste  des  Herzogs
Karl  von  Zweibrücken,  und  nach  dessen  Ableben  1795  in  die  seines
Bruders,  des  Herzogs  Maximilian  Joseph,  der  ihn  zum  Legationsrath
und  später  zum  geheimen  Rath  ernannte,  zu  verschiedenen  Missionen  gebrauchte
  und  nach  dem  Ableben  des  Kurfürsten  Karl  Theodor  mit  sich  nach
München  nahm.  Am  7.  November  1809  wurde  Max  Joseph  Freiherr
von  Montgelas,  der  seit  Anfang  dieses  Jahres  die  Ministerien  des
Aeußern,  des  Innern  und  der  Finanzen  unter  sich  hatte,  in  den  erblichen
  Grafenstand  des  bayerischen  Reiches  erhoben,  trat  am  2.  Februar  1817
in  den  Ruhestand  und  starb  am  13.  Juni  1838  in  München.

99.  Die  von  der  Särularisation  getrofsenen  Stifter  und  Klöster
Bayerns  waren:

A.  26  Abteien  des  Benediktiner-Ordens:  Andechs,  Aspach  im  Rotthal,  Attel
bei  Wasserburg,  Benediktbeuern,  hl.  Kreuz  in  Donauwörth,  Ettal,
Frauenfels  bei  Mitterfels,  Mallersdorf,  Metten,  Niederalteich,  Oberalteich,
  Prüfening  bei  Regensburg,  Rott  am  Inn,  Scheyern,  Seeon,
Tegernsee,  Thierhaupten,  Vahrnbach  am  Inn,  St.  VBeit  bei  Neumarkt
an  der  Rott,  Weihenstephan,  Weltenburg,  Wessobrunn;  in  der  Oberpfalz:
Ensdorf,  Michelfelden,  Reichenbach,  Weißennohe.

B.  17  Propsteien  der  regulirten  Chorherren:  Au  am  Inn,  Baumburg  bei
Trostberg,  Bayerberg,  Bernried,  Beyharding  bei  Aibling,  Dießen,  Dietramszell,
  Gars  bei  Haag,  Herrenwöhrd  im  Chiemsee,  St.  Mang  bei  Regensburg,
  St.  Nikola  vor  Passau,  Polling,  Raitenbuch,  Rohr  bei  Abensberg,
Schlehdorf,  Weyarn  bei  Aibling,  St.  Zeno  bei  Reichenhall.

6  Abteien  der  Praemonstratenser  Chorherren:  Neustift  bei  Kranzberg,
St.  Salvator  bei  Griesbach,  Schäftlarn,  Steingaden,  Windberg  bei
Mitterfels,  Speinshart  bei  Eschenbach  in  der  Oberpfalz.

8  Abteien  des  Cisterzienserordens:  Aldersbach  bei  Vilshofen,  Fürstenzell

bei  Griesbach,  Fürstenfeld,  Gottzell  bei  Viechtach,  Raitenhaslach  bei

Burghausen,  Walderbach  und  Waldsassen  in  der  Oberpfalz.

1  Abtei  des  Carthäuserordens:  Prül  bei  Regensburg.

4Frauenklöster,  und  zwar  4  Bened.-Abteien:  Frauenwöhrd  im  Chiemsee,

Kühebach  bei  Aichach,  Hohenwart  und  Geisenfeld  bei  Pfaffenhofen;

2  Cisterzienser-Abteien:  Niederschönfeld  bei  Rain,  Seligenthal  bei  Landshut;

  Brigittenabtei  Altomünster,  der  Clarissinen  am  Anger  in  München.
G.  Dazu  32  Klöster  von  Franziskanern,  23  von  Kapuzinern,  10  von

Augustinern,  7  von  Carmelitern;  29  Klöster  der  Ursulinerinen,  Salesianerinen
  u.  a.  m.

100.  Die  Universität  Landshut  hatte  als  Lehrer:  In  der  Theologie:
Sailer,  Zimmer,  Winter,  Mall;  in  der  Rechtswissenschaft:
Feuerbach,  Gönner,  Feßmayer,  Mittermaier;  für  die  Medizin:
Röschlaub,  Walter,  Winter,  Bertele;  für  die  Philosophie:
Socher,  Rainer,  Köppen,  Salat;  für  die  Geschichte:  Milbiller,
später  Mannert;  für  Philologie:  Drexel,  Ast;  für  Physik  und  Mathematik:
  Weber,  Knogler,  Magold;  für  Naturgeschichte:  Schrank,
Schultes  u.  a.

5

 

9

E4
        <pb n="501" />
        Titeratur.

 

I.  Quellen  sammlungen.

Monumenta  Boica,  Urkunden  von  75  Klöstern  und  Stiftern.

F.  Oefele,  scriptores  rerum  boicarum.

Meichelbeck,  historia  Frisingensis.

Hundii  metropolis  Salisburgensis  und  Adels-Stammbuch.

HansicüGermania  sacra.

Kleinmayerns  Juvavia.

Resch,  annales  Sabionenses.

Pez  Hieronymus,  scriptores  Austriaci.

Pez  Bernhard,  thesaurus  anecdotorum.

Ried,  codex  diplomaticus  Ratisbonensis.

Raderus,  Bavaria  sancta.

Verschiedene  historische  Denkschriften  der  Akademie  der  Wissenschaften
  zu  München.

Regesten  von  Lang  und  Freiberg.

II.  Geschichtswerke.

Annalen  des  Abtes  Hermann  von  Niederaltaich  (13.  Jahrh.).
Bernhard  Noricus  von  Kremsmünster  (14.  Jahrh.),  Chronica  etc.
Beit  Arnpeckh  (15.  Jahrh.),  chronic.  bajuar.

Aventins  Annalen  (16.  Jahrh.).

Brunner,  annalium  virtutis  bojorum  tom.  III.  (17.  Jahrh.).
Welser,  rerum  boicarum  libri  V.  (17.  Jahrh.).

Adelzreiter  (Verveaux)  annalium  boicae  gentis  partes  tres

(17.  Jahrh.).
31
        <pb n="502" />
        Literatur.

Falkenstein  (18.  Jahrh.):  a.  vollständige  Geschichte  Bayerns;
b.  Nordgauische  Alterthümer.

Dubuat,  origines  boicae.

Mederer,  besonders  seine  Beiträge  zur  Geschichte  von  Bayern.

Westenrieder:  a.  Geschichte  von  Bayern  für  die  Jugend  und  das
Volk;  b.  Beiträge  zur  vaterländischen  Geschichte.

Lang:  a.  bayerische  Jahrbücher;  b.  Bayerns  Gauen.

Koch-Sternfeld,  topographische  Matrikel  und  viele  andere  Werke
und  Abhandlungen.

Rudharts  älteste  Geschichte  Bayerns.

Andreas  Buchner,  Geschichte  von  Bayern.

Freiberg:  a.  Erzählungen  aus  der  bayerischen  Geschichte;  b.  Geschichte
  der  bayerischen  Landstände.

Milbiller-Mengein,  kurze  Geschichte  des  Königreiches  Bayern,
neu  bearbeitet  von  Freudensprung.

Contzen,  Geschichte  Bayerns.

Wittmanns  Volksrecht  der  Bajoarier.

Dr.  J.  Friedrich,  das  wahre  Zeitalter  des  heil.  Rupert.

Dr.  G.  W.  Hopf,  bayerische  Geschichte  in  Zeittafeln.

Ludwig  Adolf  Cohn,  Stammtafeln  zur  Geschichte  der  europäischen
Staaten.

J.  F.  Damberger,  Fürstenbuch  zur  Fürstentafel  der  europäischen
Staatengeschichte.

P.  Joseph  dall'Abaco,  handschr.  Chronik  des  Klosters  zu  Diessen
(1776  und  1777),  aufbewahrt  im  Pfarrarchive  zu  Diessen.
        <pb n="503" />
        Verichtigungen.

Seite  30,  Zeile  10  von  unten  lies:  825  statt  828.
„  38,  „  9  von  oben  lies:  mulct  a  statt  muleta.
„  41,  „  38  von  oben  lies:  Armen  statt  Armee.
„  47,  „  15  von  unten  lies:  Im  fünften  Jahre  statt  Im  sechsten
  Jahre.
„  51,  „  18  von  unten  lies:  König  Otto  I  statt  Kaiser  Otto  I.
„  58,  „  18  ven  unten  lies:  Meinunger  =  Mark  statt  Meinungen-Mark.


60,  „  12  von  unten  setze  nach  dem  Worte:  salischen  das  Wort

luxemburgischen.

107  bis  111  lies  im  Columnentitel:  Otto  II  statt  Otto  I.

128,  Zeile  19  von  oben  lies:  Wisloch  statt  Wißloch.

139,  „  9  von  unten  lies:  Johann  XXII  statt  Jobann  XII.

142,  „  6  von  oben  setze  bei  diesem  und  allen  folgenden  S#§#  eine

Ziffer  höher  und  lies  statt  des  Wortes  feindlich  das
Wort  friedlich.

„  145,  „  6  und  7  von  unten:  Die  hier  vorgetragene  Ansicht:  daß
Margaretha  ihren  Beinamen  „Maultasche"  von  einem
ihrem  Vater  gehörigen  Schlosse  erhalten  habe,  dürfte
der  in  jüngster  Zeit  aufgetauchten  Behauptung  weichen,
daß  der  ungewöhnlich  große  Mund  Margarethens  zur
Entstehung  dieses  Namens  geführt  habe,  der  von  Margaretha
  auf  eines  der  von  ihrem  Vater  ererbten  Schlöster
überging.

10  von  unten  lies:  Innsbruck  statt  Innspruck.

148,

2

„"„  152,  „  8  von  unten  lies:  nannten  statt  nannte.

„,  174,  „  8  von  unten  lies:  Württemberg  statt  Würtemberg.

„  183,  „  13  von  unten  lies:  erhielt  statt  erhielten.

„  208,  „  12  von  oben  lies:  Wladislaw  statt  Wladislav.

„  223,  „  7  von  unten  lies:  das  Seminarium  statt  des  Seminarium.


„  236,  „  4  von  unten  lies:  Speier  statt  Speyer.

„  239,  „  4  von  oben  lies:  befindliche  statt  befindlichen.

„  239,  „  19,  20  und  21  von  oben  lies:  Cleve,  die  Grafschaft
-  Mark  und  Ravensberg  kamen  an  Brandenburg,
  die  Güter  Jülich,  Berg  und  Ravenstein
  fielen  an  Pfalz-Neuburg.
„  286,  „  12  von  oben  lies:  das  Erztruchsessenamt  statt  die
Kurwürde.

—  —
        <pb n="504" />
        Diuch  von  C.  R.  Schurich  in  München.
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
