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        <title>Unser Kaiser.</title>
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            <forname>Ludwig</forname>
            <surname>Schneller</surname>
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            <idno>schneller_kaiser_1929</idno>
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        —

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        Ar  AE2SÊÔÊÊ
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        Unser  Kaiser

Achte  Folge  der  „Weihnachts-Erinnerungen“

von

D.  Ludwig  Schneller

27.—31.  Tausendy

Leipzig
5.  S.  Wallmann

1929
        <pb n="6" />
        Inhaltsverzeichnis.

Die  Hachzeit..  ....7
Der  Kaiser  in  Jerusalem....  ...13

Ein  Katserbesuch  n  Trn  38

In  Amerlkaoaoaoa  .  449
Der  Untergang  des  Kalsertums  5056
Haus  Doon  ..  ..  74

Erste  Begegnungen  mit  dem  Kalserpaar  ...  ..  77
Im  Nauchzimbmen  865

Eln  Gang  durch  den  Barrk.  91
Kaiserin  Hermine..  93

Gespräche  auf  Spazierwegen  1083
De  Getreuen  von  Doorn  „  122

—##
        <pb n="7" />
        S——  ——  —  .6—
SSSSSSS  SSrS

2  ic  nachstehenden  Erinnerungen  an  unseren  Kaiser  sind
#im  Herbst  1926  als  Teil  meines  Buches  „Königs-Erinnerungen“
  erschienen.  Infolge  sehr  zahlreicher  Anregungen
  aus  dem  Leserkreise  erscheint  hiermit  der  zweite,  von
Kaiser  Wilhelm  II  handelnde  Teil  gesondert  in  einer  billigen
Volksausgabe.

Vor  einigen  Tagen  fuhr  ich  im  Siebengebirge  durch  den
deutschen  Wald  vom  Drachenfels  zum  Petersberg.  Meine
Gäste  saßen  im  Wagen,  ich  selbst  auf  dem  Bock  neben  dem
katholischen  Kutscher  aus  einem  der  Dörfer  am  Siebengebirge.
  Er  hatte  den  ganzen  Krieg  mitgemacht  und  kam
von  selbst  auf  vaterländische  Dinge.  Im  Verlauf  des  Gesprächs
  sagte  er:  „Der  Krieg  ist  ganz  anders  ausgegangen,
als  wir  gedacht  haben.  An  dem  Deutschland,  wie  es  jetzt  ist,
kann  bein  Mensch  Freude  haben.  Aber  in  unserem  Landvolbk
lebt  eine  große  Vaterlandsliebe,  wenn  sie  auch  ganz  still
verborgen  ist.  Und  wenn  einmal  der  große  Umschwung
kommt,  und  der  muß  und  wird  kommen,  dann  wird  sie
mächtig  ausbrechen  wie  ein  feuerspeiender  Berg.  Und  dann
wollen  wir  auch  unseren  Kaiser  wieder  haben.  In  den  Zeitungen
  liest  man  es  ja  ganz  anders.  Da  wird  so  viel  gelogen,
  daß  man  gar  nicht  mehr  weiß,  was  man  glauben
        <pb n="8" />
        6  Vorwort.

soll.  Aber  meine  alte  zweiundsiebzigjährige  Mutter  sagt  uns
immer:  Kinder,  glaubt  das  alles  nicht!  Es  ist  nicht  wahr.
Wir  haben  doch  vor  dem  Kriege  gewußt,  was  wir  an  unserem
Kaiser  hatten,  und  haben  mit  Liebe  und  Begeisterung  zu  ihm
aufgesehen.  Meint  ihr  denn,  daß  er  nun  auf  einmal,  weil
wir  den  Krieg  gegen  die  ganze  Welt  verloren  haben,  ein
anderer  Mensch  geworden  ist?  Ich  bleibe  meinem  Kaiser  treu,
wie  ich  es  von  Jugend  auf  getan  habe,  tut  ihr  das  auch!“
Und  der  Mann  fügte  hinzu:  „Und  das  tue  ich  auch,  denn
ich  habe  ihm  doch  den  Eid  geschworen“.

Was  diese  alte  Frau  im  Siebengebirgsdörfchen  ihren
Söhnen  gesagt  hat,  das  möchte  ich,  ungefähr  ihr  Altersgenosse,
  auch  meinen  Lesern  sagen.

Cöln  (Marienburg),  den  12.  August  1927.
D.  Ludwig  Schneller.
        <pb n="9" />
        SD#####rd—XVX—  lllll..—.l..l..r.

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIILIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIICIIIIIIIIIIIIIIIIILIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIE

Se#S  S  SS

Die  Hochzeit.

Den  nachmaligen  Kaiser  Wilhelm  II  konnte  ich  während
meines  Potsdamer  Aufenthaltes  oft  sehen,  wenn  er  als
Prinz  seine  Kompanie  in  den  Dienst  führte  oder  seine  Ritte
in  die  Umgebungen  der  Havelresidenz  machte.  Aber  das
waren  flüchtige  Begegnungen  ohne  persönliche  Berührung.
Wohl  aber  durfte  ich  Zeuge  eines  der  bedeutsamsten  Tage
seines  Lebens  sein,  als  er  am  27.  Februar  1881  seine
Hochzeit  feierte.  Ich  war  damals  im  Hause  des  Oberhofmarschalls
  des  alten  Kaisers.  Und  der  Graf  hatte  die  Freundlichkeit,
  mir  einen  vielbeneideten  Platz  zu  verschaffen,  von
dem  aus  ich  alles  aus  der  Nähe  sehen  konnte.

Noch  sehe  ich  das  prächtige  Bild  vor  mir,  das  Berlin  bot,
als  es  sich  zur  Hochzeit  des  Kaiserenkels  rüstete.  Der  alte
Kaiser,  der  verehrungswürdigste  Monarch  seiner  Zeit,  lebte
noch  unter  uns.  Der  Kronprinz  stand  in  der  Fülle  seiner
Kraft.  Sein  vierundzwanzigjähriger  Sohn,  Prinz  Wilhelm,
durfte  die  holdselige  Prinzessin  Auguste  Viktoria  von  Schleswig-Holstein
  heimführen.  Die  Braut  war  schon  am  25.  Februar
  am  Potsdamer  Bahnhof  angekommen.  Aber  da  sie
die  Hauptstadt  nicht  vor  ihrem  feierlichen  Einzuge  betreten
        <pb n="10" />
        8  Unser  Kaiser.

sollte,  war  sie  einstweilen  in  dem  im  Tiergarten  gelegenen
Schlosse  Bellevue  abgestiegen.

Am  25.  Februar  sollte  sie  einziehen.  Alles  wetteiferte,
Behörden  und  Privatpersonen,  um  die  Stadt  in  ein  würdiges
Festgewand  zu  bleiden.  Vor  allem  war  das  natürlich  der
Fall  auf  der  vom  Brandenburger  Tor  durch  „die  Linden“
bis  zum  Königlichen  Schloß  reichenden  Einzugsstraße.  Diese
ganze  Strecke  war  wie  in  einen  großen  Festsaal  verwandelt.
Das  Brandenburger  Tor,  mit  seinen  gewaltigen  dorischen
Säulen  auch  sonst  den  ganzen  Platz  beherrschend,  war  von
kunstgeübten  Händen  mit  Fahnen  und  Gewinden  in  ein  erhabenes
  Triumphtor  verwandelt,  über  dem  die  Viktoria  mit
ihrem  Viergespann  in  die  Stadt  einzuziehen  schien.  Unter
den  Linden  stand  Flaggenmast  an  Flaggenmast,  mit  Tannengrün
  geschmückt,  und  die  Fahnen  leuchteten  festlich  an  dem
sonnigen  Februartage.  Die  Stirnseiten  der  Häuser  waren
mit  kostbaren  Teppichen  und  anmutig  gerafften  Stoffbehängen
festlich  herausgeputzt.

Die  größten  Vorbereitungen  waren  aber  an  unserem  Pariser
Platz  getroffen,  an  dem  wir  wohnten.  Denn  hier  sollte
die  einziehende  Braut  von  der  Stadt  Berlin  feierlich  begrüßt
  werden.  Gerade  dem  Balkon  gegenüber,  auf  dem  wir
standen,  war  eine  stufenartig  aufsteigende  Zuschauerbühne
errichtet,  deren  Brüstung  mit  schönen  Malereien  bedeckt  war.
Hier  sollten  der  Bundesrat,  die  Staatsminister,  der  Reichstag,
  der  Landtag  und  andere  Ehrengäste  ihren  Platz  haben.
Der  ganze  Pariser  Platz  war  über  Nacht  mitten  im  Winter
wie  von  Zauberhänden  in  einen  leuchtenden  Frühling  verwandelt
  worden.  Wie  erstaunt  waren  wir,  als  wir  am
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        Die  Haochzeit.  9

Morgen  vor  unseren  Fenstern  anstatt  des  grauen  Straßenpflasters
  weit  und  breit  lauter  frischen  grünen  Rasen  mit
dazwischen  leuchtenden  wundervollen  Blumenbeeten  erblickten!

Am  frühen  Nachmittag  wurde  die  Braut  erwartet.  Sie
mußte  von  Schloß  Bellevue  durch  den  Tiergarten  zum
Brandenburger  Tor  fahren.  Daher  hatten  schon  draußen
vor  dem  Tore  Tausende  von  Berliner  Jungen  die  winterlich
entlaubten  Bäume  des  Tiergartens  erklettert,  so  daß  die
Prinzeß  wie  durch  lebendige  Bäume  fuhr.  Auch  die  mächtige
Zuschauerbühne  uns  gegenüber  hatte  sich  mit  Ehrengästen
gefüllt.  Andere,  die  keinen  so  bevorzugten  Platz  hatten,
wußten  sich  zu  helfen.  Sie  stiegen  auf  die  Dachfirsten  der
Häuser,  so  daß  die  Häuser  uns  gegenüber  und  die  Linden
entlang  nicht  nur  an  den  Fenstern,  sondern  auch  auf  den
Dächern  mit  Tausenden  von  Zuschauern  besetzt  waren.

Der  Pariser  Platz  war  natürlich  abgesperrt.  Nur  einzelne
Wagen  wurden  mit  besonderer  Erlaubnis  durchgelassen.  Als
einer  der  ersten  kam  der  Generalfeldmarschall  Moltke  angefahren,
  dessen  Erscheinung  mit  lauten  Zurufen  begrüßt
wurde.  Noch  lebhafter  war  der  Beifall,  als  man  in  einem
Wagen  den  Fürsten  Bismarck  erkannte,  dessen  gewaltige
Gestalt  in  der  Uniform  seiner  Halberstädter  Kürassiere  mit
den  gelben  Aufschlägen  und  dem  blitzenden  Stahlhelm  mit
dem  tausendstimmig  ertönenden  Deutschlandlied  geehrt  wurde.

Jetzt  hörte  man  draußen  vor  dem  Brandenburger  Tor
Militärmusik.  Aller  Augen  richteten  sich  hinüber  zu  den
mächtigen  Säulen,  die  den  majestätischen  Eingang  zur  Reichshauptstadt
  bilden.  Truppen  des  ersten  Garderegiments,  nicht
im  Helm,  sondern  in  den  malerischen  hohen  Grenadiermützen
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        10  Unser  Kasser.

aus  dem  siebenjährigen  Krieg  marschierten  in  dröhnendem
Taktschritt  durch  das  Tor.  Der  jugendliche  Hauptmann
aber  an  ihrer  Spitze  war  niemand  andero  als  der  glückliche
Bräutigam,  Prinz  Wilhelm,  der  seine  Kompanie  vom  Potsdamer
  Bahnhof  zum  Schloß  führte.  Da  erscholl  tausendstimmiger
  Jubel.  Hüte  und  Mützen  flogen  in  die  Höhe,
und  alles  winkte  dem  Kaiserenkel  zu,  dem  der  heutige  Tag
vor  allen  anderen  galt,  während  er  selbst  in  militärisch
straffer  Haltung  und  mit  ernstem  Angesicht  seinen  Weg
zum  Schloß  fortsetzte.  Niemand  dachte  damals,  daß  er  schon
nach  sieben  Jahren  den  Kaiserthron  besteigen  sollte.

Nicht  lange,  da  kam  neue  Bewegung  in  die  harrenden
Massen.  Trompetenfanfaren  erklangen  von  außerhalb  des
Brandenburger  Tors.  Pferdegetrappel  hallte  scharf  auf  dem
Pflaster,  mehrere  Schwadronen  blauer  Husaren  ritten  durchs
Tor.  Hinter  ihnen  kam  kin  stattlicher  Reiterzug  der  Reichspost,
  der  Oberpostdirektor  von  Berlin  mit  wohl  fünfzig
Postillionen  in  der  hübschen  Postilliontracht.  Sie  bliesen,
da  der  Bräutigam  noch  nicht  dreißig  Jahre  alt  war,  zur
allgemeinen  Heiterkeit  das  Lied  „Schier  dreißig  Jahre  bist
du  alt“.  Und  mun  erschien  endlich  die  Hauptperson,  die
Braut.  Sie  saß  neben  der  Kronprinzessin  in  dem  goldenen
achtspännigen  Wagen,  in  dem  schon  die  Königin  Luise  im
Jahre  1793  ihren  Einzug  in  Berlin  gehalten  hat.  Die
Perdegeschirre  blitzten  von  Silber,  und  über  den  Köpfen
der  Pferde  nickten  lustig  mächtige  Straußenfedern.

Jetzt  trat  der  Oberbürgermeister  Forckenbeck  von  Berlin
an  den  Wagen  und  begrüßte  die  Prinzessin  namens  der  Stadt.
Sofort  erwiderte  sie.  Es  war  das  erste  Mal  in  ihrem  Leben,
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        Die  Hochzeit.  11

daß  sie  den  Mittelpunkt  einer  so  gewaltigen  Kundgebung
bildete.  Aber  nach  der  ersten  holden  Verwirrung,  so  erzählte
mir  nachher  einer,  der  dabei  gestanden  hatte,  in  der  das
liebliche  Gesicht  sanft  errötete,  sagte  sie  unbefangen  mit
ihrer  klangvollen  Stimme:  „Ich  danke  Ihnen,  Herr  Oberbürgermeister,
  von  ganzem  Herzen  für  die  Aufnahme,  die
ich  gefunden  habe.  Ich  bin  tief  gerührt  von  dem  großartigen
Empfang.  Ich  werde  des  heutigen  Tages  gedenken  und
werde  bestrebt  sein,  die  Liebe,  die  mir  in  so  reichem  Maße
entgegengebracht  wird,  meinerseits  zu  erwidern,  um  von  der
Berliner  Bevölkerung  ganz  zu  den  Ihrigen  gezählt  zu  werden.“
Ach,  sie  ahnte  nicht,  wie  sie  dies  Berlin  einst  verlassen
sollte!  Hinter  dem  Wagen  der  Braut  kam  nöch  eine  große
Zahl  sechs=  und  vierspänniger  Wagen.  Aber  niemand  achtete
viel  darauf.  Aller  Augen  folgten  nur  dem  Wagen  der  Braut,
so  lange  man  ihn  noch  sehen  konnte,  wie  er  durch  eine
jubelnde  Menge  von  vielen  Tausenden  dem  Koöniglichen
Schlosse  zufuhr.

Am  nächsten  Tage,  es  war  der  Sonntag  Estomihi,  fand
die  Trauung  in  der  Schloßkapelle  statt.  Ich  gehörte  zu
den  wenigen  gewöhnlichen  Sterblichen,  die  an  der  Feier  teilnehmen
  durften.  Die  Schloßkapelle  ist  ein  herrlicher  Raum,
geweiht  nicht  nur  als  gottesdienstliche  Stätte,  sondern  auch
durch  die  größten  Erinnerungen  des  brandenburgischen  Hauses.
Aber  bei  der  Menge  der  fürstlichen  Gäste  mit  ihrem  Gefolge
konnten  nur  sehr  wenige  andere  Zutritt  erhalten.  Mir  hatte
Graf  Perponcher  einen  Platz  droben  auf  der  Galerie  verschafft.
  Da  konnte  ich  alles  aufs  beste  sehen  und  hören.
Als  der  Brautzug  vom  Weißen  Saale  her  die  Kapelle  betrat,
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        12  Unser  Kaiser.

ging  die  hohe  Bischofsgestalt  Kögels  mit  der  gesamten  Hof—
und  Domgeistlichkeit  dem  Brautpaar  entgegen  und  geleitete
es,  nachdem  der  glänzende  Zug  der  Marschälle,  Kammer—
herren  und  Pagen  vorbei  war,  zu  den  Plätzen  vor  dem
Altar.  Prinz  Wilhelm,  in  der  Uniform  seines  Regiments,
mit  der  Kette  des  Schwarzen  Adlerordens  geschmückt,  führte
mit  der  hoch  erhobenen  Rechten  seine  liebliche  Braut,  auf
deren  dunkelblondem  Haar  eine  Krone  von  Diamanten
funkelte.  Auf  ihren  Wangen  lag  ein  rosiger  Schimmer,  und
Freude  strahlte  aus  ihren  blauen  Augen.  Dann  folgte  ein
so  glänzender  Zug,  wie  man  ihn  nicht  oft  in  der  Welt  sehen
kann.  Fürsten  aus  den  verschiedensten  Ländern,  Deutschland,
  England,  Holland,  Schweden,  voran  der  alte  Kaiser
mit  der  Königin  von  Sachsen,  hinter  ihm  die  ritterliche
Gestalt  des  Kronprinzen  mit  dem  Marschallstab.

Kögel  nahm  zum  Text  aus  der  Epistel  des  Sonntags
Estomihi  das  Wort:  „Die  Liebe  ist  die  größte  unter  ihnen“.
Es  war  die  Fortsetzung  des  Tertes  bei  der  nicht  lange  vorhergegangenen
  goldenen  Hochzeit  des  Kaisers:  „Nun  aber
bleibt  Glaube,  Hoffnung,  Liebe,  diese  drei"“.  In  formvollendeter
  Rede  wußte  er  dies  goldene  Wort  des  Apostels
Maulus  auf  den  festlichen  Tag  anzuwenden.  Er  schloß  mit
den  Worten:  „Weit  über  alle  Lande  ragt  Ihr  hochgebautes
Haus.  Umso  weiter  reicht  der  vorbildliche  Einfluß  desselben.
  Ein  deutsches  Haus  soll  es  werden,  ernst  und  wahr,
eine  Stätte  guter  deutscher  Zucht  und  Sitte,  und  dabei  ein
christliches  Haus,  in  dem  sich  aus  Morgen=  und  Abendsegen
Gottes  Tage  weben“.  Haben  jemals  diese  Worte  eine  vorbildliche
  Erfüllung  gefunden,  so  war  es  in  dieser  Ehe,  die
        <pb n="15" />
        Die  Hochzeit.  13

damals  in  der  Schloßkapelle  eingesegnet  worden  ist,  in  der
reinen,  frommen,  edeln  Häuslichkeit  des  nachmaligen  Kaiserpaars.


Nach  alter  Sitte  des  Hohenzollernhauses  begann  auch  der
nächste  Tag,  der  erste  Tag  des  jungen  Hausstandes,  mit
einem  Gottesdienst  in  der  Schloßkapelle.  Diesem  habe  ich
nicht  beigewohnt,  wohl  aber  am  folgenden  Abend  der  Gala—
vorstellung  im  Opernhause.  Eine  glänzende  Versammlung
füllte  das  Haus.  Aller  Augen  waren  mehr  auf  die  kaiserliche
  Laube  als  auf  die  Vorstellung  gerichtet.  Die  neuvermählte
  Prinzeß  saß  dort  neben  dem  alten  Kaiser,  der  sich
immer  wieder  an  sie  wandte.  Ich  konnte  von  meinem  Platze
aus  sehen,  wie  ein  Sonnenschein  der  Freude  über  dem  durchfurchten
  Antlitz  des  vierundachtzigjährigen  Herrschers  lag,
wenn  er  mit  ihr  sprach.  Man  merkte,  wie  froh  er  war,  daßt
sein  Enkel  ein  solches  Kleinod  sein  eigen  nennen  durfte.

Lang,  lang  ists  her.  Wenn  ich  an  alles  denke,  was  später
gefolgt  ist,  so  wollen  mir  diese  aus  den  Tiefen  der  Erinnerung
aufsteigenden  Bilder  wie  eine  Fata  morgang  aus  längst  verschollenen
  glücklichen  Zeiten  vorkommen.  Aber  mein  Leben
lang  habe  ich  mich  darüber  gefreut,  daß  es  mir  vergönnt
war,  diesen  goldenen  Tag  im  Leben  meines  Kaisers  aus
nächster  Nähe  mit  erleben  zu  dürfen.

Der  Kaiser  in  Jerusalem.

Siebzehn  Jahre  waren  seit  der  Hochzeit  des  Kaisers  vergangen,
  als  ich  durch  die  Reise  zur  Einweihung  der  Erlöserkirche
  in  Jerusalem  in  nähere  Berührung  mit  ihm  kam.
        <pb n="16" />
        14  Unser  Kalser.

Ich  war  inzwischen  jahrelang  Missionar  in  Bethlehem  ge—
wesen  und  dann  als  Pfarrer  nach  Cöln  gekommen,  wo  ich
zugleich  als  Vorsitzender  des  Vorstandes  des  Syrischen
Waisenhauses  die  Heimatleitung  dieses  Werkes  übernahm.
Über  die  Kaiserreise  habe  ich  ein  ganzes  Buch  geschrieben,
das  im  Verlage  von  H.  G.  Wallmann  in  Leipzig  erschienen
ist.  Darum  will  ich  mich  hier  nur  auf  einige  wenige  Züge
beschränken.

Es  war  ein  denkwürdiger  Tag,  als  der  Kaiser  der  Küste
des  Heiligen  Landes  bei  Haifa  nahte.  Droben  auf  dem
Karmel  hatte  man  die  auf  dem  Meere  nahende  Nauchwolke
des  herandampfenden  Geschwaders  schon  längst  gesehen.
Jetzt  sah  man  sie  auch  vom  Ufer  aus.  Prächtig  kamen  die
stolzen  Schiffe  daher,  allen  voraus  das  weiße  Kaiserschiff
Hohenzollern  mit  der  wehenden  Kaiserstandarte.  Mit  brausendem
  Jubel  empfing  die  zahllose,  in  den  malerischen
Trachten  des  Morgenlandes  schimmernde  Menge,  die  weithin
den  Strand  bedeckte,  die  hohen  Gäste.  Und  dann  folgten  in
Haifa,  Jafa  und  namentlich  Jerusalem  Tage,  die  noch  heute
im  Gedächtnis  der  Orientalen  fortleben.

Jerusalem  und  seine  Vorstädte  waren  mit  Flaggenmasten,
Triumphpforten  und  grünen  Gewinden  geschmückt  wie  noch
nie.  Höchst  eindrucksvoll  war  nach  einer  heißen  Fahrt  von
Jafa  herauf  der  Einzug  des  Kaiserpaares.  Die  ganze  Einzugsstraße
  entlang  bis  zum  Jafator  und  zur  Davidsstraße
waren  Tausende  und  Tausende  von  Bewohnern  Palästinas
versammelt,  als  die  gewaltigen  Gestalten  der  Generäle  des
deutschen  Heeres  in  braungelben  Tropenuniformen  daherritten.
  Dann  kam  der  Kaiser  auf  einem  prächtigen  Schimmel,
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        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  15

die  Kaiserin  im  Vierspänner,  dahinter  ihre  beiden  hell  leuch—
tenden  Standarten,  und  weiterhin  ein  unabsehbares  Gefolge.
Es  war  ein  eigenartiges,  farbenprächtiges  Bild.  Die  weißseidenen
  Staubmäntel,  die  Tropenhelme,  umwunden  mit  den
in  bunten  Farben  schimmernden  seidenen  Keffijen,  gaben  dem
Kaiserzug  ein  farbenfrohes,  echt  morgenländisches  Aussehen.
Dazu  kam  das  tausendfältig  bewegte  Bild  der  Orientalen,
dad  Schmettern  der  türkischen  Fanfaren,  der  laute  Jubel  von
mehreren  tausend  Deutschen,  der  imposante,  fast  düstere
Hintergrund  der  gewaltigen  Herodestürme,  das  Bewußtsein,
hier  auf  weltgeschichtlichem,  durch  eine  dreitausendjährige  Geschichte
  geweihtem  Boden  zu  stehen,  das  alles  vereinigte  sich,
um  uns  allen,  die  wir  jenen  Tag  erlebt  haben,  diesen  Einzug
unvergeßlich  zu  machen.

Schön  war  der  erste  Sonntagmorgen  in  Palästina.  Ihn
hatte  der  Kaiser  dazu  bestimmt,  Bethlehem  zu  besuchen  und
in  der  dortigen  evangelischen  Missionskirche  den  Gottes#dienst
zu  feiern.  Es  war  ein  wundervoller  Morgen,  als  das  Kaiserpaar
  nach  Bethlehem  ritt.  Auf  halbem  Wege  beim  Eliaskloster
  tat  sich  plötzlich  der  Blick  auf  Bethlehem  auf.  Drüben,
jenseits  des  tiefen  Tals,  wie  eine  Krone  auf  den  Bergen,
von  der  Morgensonne  beschienen,  lag  Bethlehem  mit  seinen
weiß  schimmernden  Häusern.  Zur  Linken  war  das  Stadtbild
  begrenzt  durch  die  festungsartigen  Bauten  der  Geburtskirche
  und  ihrer  Klöster,  zur  Rechten  auf  der  Höhe  durch
die  evangelische  Kirche.  Im  fernen  Östen,  jenseits  der  hellfarbigen,
  bergigen  Wüste  Juda  und  jenseits  des  in  der  Tiefe
in  einem  bleinen  Ausschnitt  sichtbaren  Toten  Meeres,  sahen
dunkelblau  die  Moabiterberge  herüber.  Das  ganze  wunder-
        <pb n="18" />
        16  Unser  Kaiser.

volle  Landschaftsbild  war  durch  die  aufgegangene  Sonne
mit  zauberhaften  Farben  übergossen.

Nicht  nur  ganz  Bethlehem  hatte  sich  aufgemacht,  den
Kaiserzug  zu  sehen,  sondern  weit  von  Hebron  und  aus  der
Wüste  hatten  sich  die  Beduinen  zu  Tausenden  eingefunden.
Alle  Dächer  und  Mauern  waren  mit  Menschen  dicht  besetzt,
bald  in  den  farbenprächtigen  Trachten  Bethlehems,  bald  im
schlichten  Fellachenhemd  oder  in  dem  malerischen  Aufzug  der
Wüstenbewohner.  Jubelnde  Rufe  der  Männer,  frohlockende
Triller  der  Frauen  ertönten,  als  die  Majestäten  nahten.  Vier
Beduinen,  die  sich  das  Ehrengeleite  ausgebeten  hatten,  die
farbigen  Keffijen  auf  dem  Kopf,  lange  büschelgeschmückte
Lanzen  in  den  Händen,  eröffneten  den  Zug.  Das  Kaeiserpaar
  war  zu  Pferde.  Beide  trugen  die  weißseidenen  Staubmäntel
  und  die  buntfarbigen  seidenen  Keffijen  (Kopftücher
über  dem  Tropenhut),  und  auch  das  ganze  Gefolge  kam  in
weißen  Mänteln,  fast  wie  einst  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  die
Tempelherrenritter.  Unbeschreibliche  Begeisterung  ergriff  die
Menge  beim  Anblick  des  Kaisers.  Mit  ausgestreckten  Armen
riefen  sie  ihm  ihre  Begrüßung  zu.  Aber  dem  keiserlichen
Gefolge,  den  langen  Hünengestalten  der  Generale,  gingen
sie  fast  schen  aus  dem  Wege,  als  ob  diese  Löwen,  wenn  man
ihnen  zu  nahe  käme,  alles  burz  und  blein  schlagen  könnten.

Sofort  ging  das  Kaiserpaar  in  die  Kirche.  Bewegt  trat
auch  ich  ein  in  die  kühlen  Hallen  des  Gotteshauses,  dessen
Bau  ich  selbst  einst  ermöglicht  und  begonnen  hatte.  Ich  nahm
meinen  Platz  im  Altarraum  ein,  gerade  gegenüber  den  Sesseln
des  Kaisers  und  der  Kaiserin.  Tiefer  Ernst  lag  auf  dem
Angesichte  des  Kaisers,  während  er  der  Predigt  lauschte,  deren
        <pb n="19" />
        Der  Kalser  in  Jerusalem.  17

Text  er  selbst  bestimmt  hatte:  „Im  Anfang  war  das  Wort.
Und  das  Wort  war  bei  Gott.  Und  Gott  war  das  Wort-Und
  das  Wort  ward  Fleisch  und  wohnete  unter  uns,  und
wir  sahen  seine  Herrlichkeit,  eine  Herrlichkeit  als  des  Eingeborenen
  vom  Vater,  voller  Gnade  und  Wahrheit“.  Diese
geheimnisvollen  Worte  am  Eingang  des  Johannesevangeliums
sind  wohl  selten  an  einem  so  bedeutungsvollen  Ort  vor  einer
Gemeinde  erklungen  wie  hier  in  der  Stadt,  wo  einst  in  der
heiligen  Nacht  das  Wort  Fleisch  ward,  um  unter  uns  zu
wohnen.  Wohl  besichtigte  das  Kaiserpaar  nachher  die  Sehenswürdigkeiten
  von  Bethlehem  in  der  Geburtskirche  und  die
schöne  Aussicht  auf  das  Hirtenfeld  hinab.  Aber  am  tiefsten
haftete  im  Gedächtnis  des  Kaisers  der  Eindruck  dieses  ersten
Gottesdienstes  im  Heiligen  Lande,  in  der  auf  höchster  Höhe
der  Stadt  stehenden  evangelischen  Kirche.

Seine  ersten  Eindrücke  im  Lande  aber  sprach  er  nachher
in  einer  Ansprache  aus,  die  er  auf  der  Dachterrasse  vor  der
Kirche  an  die  versammelten  Geistlichen  aus  Palästina  und
Deutschland  richtete.  In  den  geitungen  erhob  sich  bald  ein
Streit  um  ihren  Wortlaut.  Ich  habe  sie  aber  unbemerkt  in
Kurzschrift  festgehalten.  Er  sagte  auf  die  Streitigkeiten  der
alten  christlichen  Konfessionen  in  der  Grabeskirche  anspielend:


„Ec#  ist  doch  eine  gewaltige  Tatsache,  an  deren  Schauplatz
wir  stehen,  die  Emanation  der  Liebe  des  Schöpfers.  Und  wie
wenig  entspricht  dem  das,  was  wir  in  Jerusalem  gesehen
haben,  wie  es  da  an  den  heiligen  Stätten  zugeht.  Ich  bin
darum  doppelt  froh,  hier  in  Bethlehem  den  ersten  erhebenden
Eindruck  im  Heiligen  Lande  durch  die  Feier  in  Ihrer  Mitte

2
        <pb n="20" />
        18  Unser  Kalser.

empfangen  zu  haben.  Gerade  dies  Beispiel  von  Jerusalem
mahnt  uns  dringend,  daß  wir  die  bleinen  Abteilungen  bei
unserer  Konfession  zurückstellen,  und  daß  ganz  festgeschlossen
hier  im  Orient  die  evangelische  Kirche  auftrete.  Sonst  können
wir  nichts  machen.  Wir  können  nur  durch  das  Beispiel
wirken,  durch  das  Vorbild  und  den  Beweis,  daß  das  Evangelium
  ein  Evangelium  der  Liebe  ist  nach  allen  Himmelsrichtungen
  hin,  und  daß  es  andere  Früchte  trägt.  Auf  die
Muhammedaner  kann  nur  das  Leben  der  Christen  Eindruck
machen.  Das  kann  ihnen  kein  Mensch  übelnehmen,  wenn
sie  vor  dem  christlichen  Namen  keine  Achtung  haben.  Kirchlich
spalten  sie  sich,  sie  müssen  sogar  durch  äußere  Gewalt  der
Waffen  von  den  Streitigkeiten  in  der  Kirche  abgehalten
werden.  Politisch  reißt  man  unter  allen  möglichen  Vorspiegelungen
  ein  Stück  nach  dem  anderen  von  ihnen  weg,
wozu  man  gar  keine  Berechtigung  hat,  so  daß  ihre  Einwirkung
  vollständig  gesunken  und  man  auf  dies  tiefe  Niveau
heruntergekommen  ist.

„Jetzt  sind  wir  an  die  Reihe  gekommen.  Das  Deutsche
Reich  und  der  deutsche  Name  haben  im  ganzen  osmanischen
Reiche  jetzt  ein  Ansehen  gewonnen,  wie  es  noch  nie  gewesen
ist.  An  uns  liegt  es  nun,  zu  zeigen,  was  die  christliche
Religion  eigentlich  ist,  daß  die  Ausübung  der  christlichen
Liebe  auch  gegen  die  Muhammedaner  einfach  unsere  Pflicht
ist,  nicht  durch  Dogmen  und  Bekehrungsversuche,  lediglich
durch  das  Beispiel.  Der  Muhammedaner  ist  ein  sehr  glaubenseifriger
  Mensch,  so  daß  es  mit  dem  Predigen  allein  nicht
gemacht  ist.  Aber  unsere  Kultur,  unsere  Anstalten,  das
Leben,  das  wir  ihnen  vorleben,  die  Art  unseres  Verkehrs
        <pb n="21" />
        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  19

mit  ihnen,  der  Beweis,  daß  wir  untereinander  einig  sind,
darauf  kommt  es  an.

„Es  ist  jetzt  eine  Art  Examen,  das  wir  abzulegen  haben
für  unseren  protestantischen  Glauben.  Wir  müssen  ihnen
durch  die  Tat  den  Beweis  geben,  was  Christentum  ist.  Nur
dadurch  können  sie  ein  Interesse  für  unsere  Religion  und
das  christliche  Bekenntnis  gewinnen.“

*  4

2
ie

Am  Reformationsfest,  dem  31.  Oktober,  wurde  die  Erlöserkirche,
  die  der  Kaiser  auf  dem  alten  Muristaanplatze
neben  der  Grabeskirche  gebaut,  und  zu  deren  Einweihung
er  die  Reise  unternommen  hatte,  eingeweiht.  Prächtig  erhob
  sich,  aus  den  blendend  weißen,  marmorähnlichen  Steinen
Palästinas  erbaut,  der  auf  den  Grundmauern  der  alten
Johanniterkirche  errichtete  Bau  mit  seinem  ragenden  Turm.
Auch  das  Innere  stimmte  mit  seiner  schönen  Verbindung
von  Einfachheit  und  edler  Kunst  unwillkürlich  zur  Andacht.

Es  war  eine  wunderbar  gemischte  Gemeinde,  die  sich  hier
am  Gedenktage  des  weltgeschichtlichen  Thesenanschlages  Luthers
in  Jerusalem  zusammengefunden  hatte,  so  merkwürdig  zusammengesetzt,
  wie  gewiß  noch  nie  eine  Gemeinde  seit  der
Reformation.  Abgesandte  aus  allen  evangelischen  Kirchen
der  Welt  fesselten  gleich  beim  Eintritt  in  die  Kirche  den
Blick.  Neben  den  zahlreichen  Generalsuperintendenten  und
Prälaten  aus  Deutschland  sah  man  die  Vertreter  der  Kirchen
von  England,  Schweden,  Norwegen,  Holland,  Ungarn,  Italien,
Amerika,  Südafrika,  Agypten,  worunter  besonders  die  Gestalten
  in  der  Bischofstracht  ins  Auge  fielen.  Daneben  sah
        <pb n="22" />
        20  Unser  Kaiser.

man  eine  Menge  von  Militär=  und  Zivil-Uniformen,  die
schweren,  schwarzen  Mäntel  der  Johanniterritter  mit  dem
weissen,  achtspitzigen  Kreuz,  Vertreter  der  arabischen  evangelischen
  Missionsgemeinden  Palästinas  in  der  Landestracht,
sogar  türkische  Paschas  und  muhammedanische  Würdenträger
im  grünen  Turban  der  Mekkapilger.

Als  das  Kaiserpaar  unter  dem  feierlichen  Geläute  der  vier
Glocken  aus  Apolda  eintrat,  erhoben  sich  alle,  und,  begleitet
  von  der  Musikkapelle  der  Hohenzollern,  durchbrauste
die  Kirche  das  Adventslied,  mit  dem  die  Gemeinde  dem
König  aller  Könige  huldigte:  „Tochter  Zion,  freue  dich!“
Dann  folgte  unter  den  üblichen,  leider  für  die  damalige
Hitze  etwas  zu  langwierigen  Formen  der  Einweihungsgottesdienst.
  Oberhofprediger  D.  Dryander  hielt  die  Weiherede
über  den  Text:  „Einen  anderen  Grund  kann  niemand  legen,
denn  der  gelegt  ist,  Jesus  Christus“.  Nach  seinem  Amen
folgte  ein  Höhepunkt  von  ergreifender  Wirkung.  Die  Gemeinde
  stand  auf  und  sang  unter  Begleitung  des  vollen
Werks  der  Orgel,  der  Bläser  der  Hohenzollern  und  der  Glocken
alle  vier  Verse  des  Liedes  „Ein  feste  Burg  ist  unser  Gott“.
Auch  die  Ausländer  stimmten  ein  in  das  Lied,  das  alle
Evangelischen  in  der  Welt  an  ihren  gemeinsamen  Ursprung
in  Wittenberg  erinnert.  Die  Deutschen  sangen  es  deutsch,
die  Araber  arabisch,  die  Engländer  englisch,  die  Schweden
schwedisch,  die  Ungarn  ungarisch,  die  Waldenser  italienisch.
Ob,  Orgel,  Trompeten  und  Glocken  mächtig  brausten,  sie
wurden  alle  übertönt  von  der  tausendfältigen  vox  humana.
Was  das  alte  Lutherlied  mit  seinem  Glaubenomut,  seinem
siegesgewissen  Gottvertrauen,  seiner  opferfreudigen  Helden-
        <pb n="23" />
        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  21

kraft  für  eine  einigende  Gewalt  über  die  Gemüter  hat,  das
konnte  man  hier  einmal  sehen.  Die  aus  vier  Wekltteilen
zusammengekommene  Gemeinde  vergaß  hier  alles  Trennende
und  sang  das  Lied  mit  gleicher  Begeisterung  vom  ersten
bis  zum  letzten  Vers.  Nur  der  sogenannte  Weltkongreß
der  christlichen  Kirchen  in  Stockholm  suchte  siebenundzwanzig
Jahre  später  diesen  Höhepunkt  nachzuahmen,  wiewohl  hier
die  unbefangene  Stimmung  von  Jerusalem  nicht  mehr  da
war.

Nach  diesem  Gesang  betrat  der  Ortopfarrer  Propst  Hoppe
die  Kanzel  und  hielt  die  Predigt  über  das  Wort:  „Eo  ist
Ein  Gott  und  Ein  Mittler  zwischen  Gott  und  den  Menschen,
nämlich  der  Mensch  Christus  Jesus,  der  sich  selbst  gegeben
hat  für  alle  zur  Erlösung.“  Die  Predigt  führte  die  Festpilger
  auf  die  Höhe  der  einzigartigen  Stunde,  die  sie  hier
in  der  Geburtsstadt  der  christlichen  Kirche  feiern  durften.

Aber  alles  zusammen,  die  vielen  liturgischen  Einlagen,  Gemeindegesänge
  und  Chöre,  die  Reden  der  verschiedenen  birchlichen
  Würdenträger,  die  lange  Anfangs=  und  Schlußliturgie,
hatte  zu  lange  gedauert.  Es  herrschte  unter  der  Glut  der
Oktobersonne  eine  schier  unerträgliche  Hitze.  Darum  war
doch  bei  allem  Erhebenden  schließlich  jedermann  froh,  als
der  Schlusßgesang  „Nun  danket  alle  Gott“  kam.  Schon
wandte  sich  ein  Teil  der  Gemeinde  dem  Ausgang  zu.  Da
entstand  plötzlich  eine  allgemeine  Bewegung.  Aller  Augen
richteten  sich  zum  Altar.  Etwas  ganz  Unerwartetes  geschah.
Der  Kaiser,  der  sich  nach  dem  Programm  in  die  nebenan
liegende  Kapelle  begeben  sollte,  um  Vorstellungen  entgegenzunehmen,
  hatte  sich  von  seinem  Mlatz  erhoben,  richtete  sich
        <pb n="24" />
        22  Unser  Kaiser.

hoch  auf  und  ging  mit  festen  Schritten  die  Stufen  hinan
bis  zum  Altar.  Tief  beugte  er  sich  dort  herab  zu  stillem
Gebet.  Dann  wandte  er  der  Gemeinde  sein  Antlitz  zu.
Es  war  ein  herrlicher,  unvergeßlicher  Anblick.  Droben  stand
die  ritterliche  Erscheinung  des  Kaisers,  die  Brust  vom  goldenen
Küraß  umpanzert,  eine  leuchtende  Siegfriedsgestalt,  um  vor
Gottes  Angesicht  und  vor  der  ganzen  Welt  ein  Bekenntnis
unverbrüchlichen  Festhaltens  am  Glauben  der  Reformation
abzulegen.  Langsam  und  feierlich,  mit  nachdrücklicher  Betonung
  jedes  Wortes  hallte  die  blangvolle  Stimme  des
Kaisers  durch  die  ganze  Kirche,  als  er  begann:

„Gott  hat  in  Gnaden  uns  verliehen,  daß  wir  in  dieser
allen  Christen  heiligen  Stadt  an  einer  durch  ritterliche  Liebesarbeit
  geweihten  Stätte  das  dem  Erlöser  der  Welt  zu  Ehren
errichtete  Gotteshaus  haben  weihen  können.  Was  meine
in  Gott  ruhenden  Vorfahren  seit  mehr  als  einem  halben
Jahrhundert  ersehnt,  und  als  Förderer  und  Beschützer  der
hier  im  evangelischen  Sinne  gegründeten  Liebeswerke  erstrebt
haben,  das  hat  durch  die  Erbauung  und  Einweihung  der
Erlöserkirche  Erfüllung  gefunden.  Mit  der  werbenden  Kraft
dienender  Liebe  sollen  hier  die  Herzen  zu  dem  geführt  werden,
in  dem  allein  das  geängstigte  Menschenherz  Heil,  Ruhe
und  Frieden  findet  für  Zeit  und  Ewigkeit.  Mit  fürbittender
Teilnahme  begleitet  die  evangelische  Christenheit  weit  über
Deutschlands  Grenzen  hinaus  unsere  Feier.  Die  Abgesandten
der  evangelischen  Kirchengemeinschaften  und  zahlreiche  evangelische
  Glaubensgenossen  aus  aller  Welt  sind  mit  uns  hierhergekommen,
  um  persönlich  Zeugen  zu  sein  der  Vollendung  des
Glaubens=  und  Liebeswerkes,  durch  welches  der  Name
        <pb n="25" />
        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  23

des  höchsten  Herrn  und  Erlösers  verherrlicht,  und  der  Bau
des  Reiches  Gottes  auf  Erden  gefördert  werden  soll.

„Jerusalem,  die  hochgebaute  Stadt,  in  der  unsere  Füße
stehen,  ruft  die  Erinnerung  wach  an  die  gewaltige  Erlösungstat
  unseres  Herrn  und  Heilandes.  Sie  bezeugt  uns  die
gemeinsame  Arbeit,  welche  alle  Christen  über  Konfessionen
und  Nationen  im  Apostolischen  Glauben  eint.  Die  welterneuernde
  Kraft  des  von  hier  ausgegangenen  Evangeliums
treibt  uns  an,  ihm  nachzufolgen;  sie  mahnt  uns,  um  glaubensvollen
  Aufblick  zu  dem,  der  für  uns  am  Kreuze  gestorben,
zu  christlicher  Duldung,  zur  Betätigung  selbstloser  Nächstenliebe
  an  allen  Menschen;  sie  verheißt  uns,  daß  bei  treuem
Festhalten  an  der  reinen  Lehre  des  Evangeliums  selbst  die
Pforten  der  Hölle  unsere  teure  evangelische  Kirche  nicht
überwältigen  sollen.

„Von  Jerusalem  kam  der  Welt  das  Licht,  in  dessen  Glanz
unser  deutsches  Volk  groß  und  herrlich  geworden  ist.  Was
die  germanischen  Völker  geworden  sind,  das  sind  sie  geworden
  unter  dem  Panier  des  Kreuzes  auf  Golgatha,  des
Wahrzeichens  der  selbstaufopfernden  Nächstenliebe.  Wie  vor
fast  drei  Jahrtausenden,  so  soll  auch  heute  von  hier  der  Ruf
in  alle  Welt  erschallen,  der  unser  aller  sehnsuchtvolles
Hoffen  in  sich  birgt:  Friede  auf  Erden!  Nicht  Glanz,  nicht
Macht,  nicht  Nuhm,  nicht  Ehre,  nicht  irdisches  Gut  ist
es,  was  wir  hier  suchen,  wir  lechzen,  flehen  und  ringen
allein  nach  dem  einen,  dem  höchsten  Gute,  dem  Heil  unserer
Seelen.

„Und  wie  ich  das  Gelübde  meiner  in  Gott  ruhenden  Vorfahren:
  2Ich  und  mein  Haus  wollen  dem  Herrn  dienens  an
        <pb n="26" />
        24  Unser  Kaiser.

diesem  feierlichen  Tage  wiederhole,  so  fordere  ich  Sie  alle
auf  zu  gleichem  Gelöbnis.  Jeder  sorge  in  seinem  Stand
und  Berufe,  daß  alle,  welche  den  Namen  des  gekreuzigten
Herrn  tragen,  in  dem  Zeichen  dieses  hochgelobten  Namens
ihren  Wandel  führen  zum  Siege  über  alle  aus  der  Sünde
und  der  Selbstsucht  stammenden  finsteren  Mächte.

Gott  verleihe,  daß  von  hier  aus  reiche  Segensströme  zurückfließen
  in  die  gesamte  Christenheit,  daß  auf  dem  Throne
wie  in  der  Hütte,  in  der  Heimat  wie  in  der  Fremde  Gottvertrauen,
  Nächstenliebe,  Geduld  im  Leiden  und  tüchtige
Arbeit  des  deutschen  Volkes  edelster  Schmuck  bleibe,  daß  der
Geist  des  Friedens  die  evangelische  Kirche  immer  mehr  und
mehr  durchdringe  und  heilige.  Er,  der  gnadenreiche  Gott
wird  unser  Flehen  erhören,  das  ist  unsere  Zuversicht;  er,
der  Allmächtige  ist  der  starke  Hort,  auf  den  wir  bauen.

Mit  unsrer  Macht  ist  uschts  getan,
Wir  sind  gar  bald  verloren.
Es  strest  für  uns  der  rechte  Mann,
Den  Gott  selbst  hat  erkoren
Fragst  du,  wer  der  ist?
Er  helßt  Jesus  Chrtst,
Der  Herr  Zebaoth,
Und  ist  kein  andrer  Gott,
Das  Feld  muß  er  behalten!“

„Das  Feld  muß  er  behalten“  so  hallte  es  zum  Schluß
mit  markiger  Betonung  durch  die  Kirche,  während  die  ganze
Gemeinde  mit  einem  lauten  Amen  antwortete.  Dann  beugte
sich  der  Kaiser  wieder  tief  herab  über  den  Altar  zu  stillem
Gebet  und  stieg  die  Stufen  herunter,  um  in  der  Nebenkapelle
die  Abordnungen  zu  empfangen.
        <pb n="27" />
        Der  Kalser  in  Jerusalem.  25

Je  unerwarteter  dieser  in  der  Festordnung  nicht  vorgesehene
  Vorgang  gekommen  war,  desto  nachhaltiger  hatte  er
auf  alle  gewirkt.  Eine  atemlose  Stille  war  in  der  ganzen
Kirche  entstanden.  Alles  schaute  hinauf  zum  Altar,  wo  sich
der  Kaiser,  selbst  in  tiefer  Bewegung,  vor  Gott  beugte,
ihm  Treue  gelobte  und  sein  ganzes  Volk  aufrief  zu  gleicher
Treue.  Das  war  der  Höhepunkt  der  Kaisertage  in  Jerusalem.
In  manchem  wetterharten  Angesicht  sah  man  eine  Träne
glänzen.  Und  der  Reichstags-Präsident  von  Levetzow,  der
neben  mir  stand,  reichte  mir  mit  feuchtem  Auge  die  Hand
mit  den  Worten:  „Wir  können  Gott  auf  den  Knien  danken,
daß  wir  einen  solchen  Kaiser  haben“.

.

In  jenen  Tagen  habe  ich  den  Kaiser  zum  erstenmal  von
nahem  kennen  gelernt.  Bei  den  Ausoflügen  in  die  Umgebung
Jerusalems  ritt  ich  an  seiner  Seite;  im  koaiserlichen  Lager,
das  bekanntlich  auf  einem  deutschen  Grundstück  außerhalb
der  Festung  aus  Baracken  und  Zelten  aufgerichtet  war,
hatte  ich  an  der  Tafel  meinen  Platz  ihm  schräg  gegenüber,  und
manchmal  nach  Tische  wurde  ich  zu  längerem  Gespräch  im
Freien  zu  ihm  gerufen,  wobei  er  auf  die  verschiedensten  Dinge
einging.

Bei  den  Gängen  durch  die  Stadt  oder  in  ihrer  nächsten
Umgebung  ging  er  immer  durch  dichtgedrängte  Menschenmassen.
  Denn  jedermann  wollte  den  Kaiser  sehen,  umsomehr
  als  man  ja  den  eigenen  Sultan,  der  aus  Furcht  vor
Attentaten  seine  Hauptstadt  nie  verließ,  nie  zu  sehen  bekam.
        <pb n="28" />
        26  Unser  Katser.

Auch  gegen  den  Kaiser  sollten  damals,  wie  die  Zeitungen
anscheinend  aus  englischer  Quelle  berichteten,  Attentate  in
Ferusalem  geplant  sein.  Daher  hatte  der  Pascha,  der
für  die  Sicherheit  des  hohen  Gastes  verantwortlich  war,
die  schärfsten  Absperrungsmaßregeln  angeordnet,  die  an  die
Rcisen  der  russischen  Zaren  erinnerten.  Niemand  sollte  auf  den
Straßen,  die  von  doppelten  Reihen  von  Soldaten  mit  scharf
geladenen  Gewehren  besetzt  waren,  sichtbar  sein,  jedes  Fenster
und  jede  Haustür  sollte  geschlossen  bleiben.  Glücklicherweise
erfuhr  der  Kaiser  rechtzeitig  von  der  Sache.  Er  ließ  den
Pascha  schon  von  Jafa  aus  wissen,  daß  er  nichts  dergleichen
wünsche.  Er  traue  der  arabischen  Bevölkerung  Jerusalems
nichts  Böses  zu,  und  im  übrigen  setze  er  sein  Vertrauen  auf
Allah,  der  ihn  wohl  zu  beschützen  wisse.  Das  gefiel  den
Jerusalemern  und  gewann  ihm  von  vorne  herein  aller
Herzen.  Umsomehr  war  er  jetzt  überall,  wo  er  erschien,
von  zahllosen  Zuschauern  umgeben.  Man  sah  es  den  Leuten
an,  es  war  nicht  nur  das  Staunen  über  das  ungewohnte
Bild,  sondern  es  ging  ein  Zug  ehrlicher  Begeisterung  durch
die  Menge,  die  ihm  zujubelte,  als  ob  sie  ihren  eigenen  Landesherrn
  begrüßten.  Die  hell  blitzenden  Augen  des  Kaisers,
die  majestätische  Hoheit  in  seinem  ernsten  Herrscherantlitz,
die  Nuhe  und  Stcherheit,  mit  der  er  durch  die  Menschenmassen
  ging  oder  ritt,  erfüllten  alle  mit  Bewunderung.
Anders  war  es,  wenn  die  Ausflüge  in  die  weitere  Umgebung
Jerusalems  führten.  Deutlich  sehe  ich  ihn  noch  vor  mir
den  stattlichen  Reiterzug,  der  sich  damals  so  oft  über  die  Berge
um  Jerusalem  her  bewegte.  Voraus  ritt  der  Kaiser  auf
seinem  Sicchimmel,  dem  „Kurfürst“,  den  Tropenhelm  mit
        <pb n="29" />
        Der  Kalser  Iin  Jerusalem.  27

der  Pickelhaubenspitze,  gegen  den  Sonnenbrand  mit  der  damascenischen
  Keffije  aus  bunten  Seidenstoff  umwunden,  den
weißen  damascenischen  Staubmantel  über  der  Tropenuniform,
die  Reitpeitsche  in  der  Rechten.  An  der  linken  Seite  ritt
ich  auf  unserem  viel  bescheideneren  Schimmel  aus  Bir  Salem,
der  nachher  im  Syrischen  Waisenhause  zum  Andenken  immer
der  Kaiserschimmel  genannt  wurde.  Dann  folgten  zwei
Herren  in  Tropenuniform,  hierauf  die  Kaiserin  mit  ihren
Hofdamen,  dahinter  zwei  Reiter  mit  den  beiden  Standarten
des  Kaisers  und  der  Kaiserin,  und  dann  das  übrige  Gefolge,
wohl  dreißig  bis  vierzig  Personen.

Unvergeßlich  sind  mir  die  Stunden,  in  denen  ich  so  an
der  Seite  meines  Kaisers  reiten  durfte.  Anfangs  war  ich
doch  ein  wenig  befangen,  so  allein  an  der  Seite  eines  der
mächtigsten  Herrscher  der  Welt  zu  reiten.  Aber  er  sprach
mit  einer  so  rückhaltlosen  Offenheit,  wie  ein  deutscher  Mann
zum  anderen  spricht,  dem  er  vertraut,  daß  bald  alle  Befangenheit
  wich.  Es  ging  mir  wie  allen  anderen:  ich  stand
bald  unter  dem  Bann  dieser  überragenden,  genialen  Persönlichkcit,
  die  sich  bei  aller  natürlichen  Hoheit  mit  so  herzgewinnender
  Liebenswürdigkeit  gab.  Ich  mußte  später  oft
lächeln,  wenn  ich  las  oder  hörte,  was  heute  noch  alle  Welt
nachbetet:  Oer  Kaiser  kann  keinen  Widerspruch  ertragen,
er  läst  keine  andere  Meinung  aufkommen.  Wenn  ich  eine
gegenteilige  Meinung  aussprach,  ließ  er  sie  gerne  gelten,
vorausgesetzt,  daß  ich  sie  gut  begründen  konnte.  Wenn  nicht,
so  machte  er  es  wie  vermutlich  der  geneigte  Leser  auch,  er
setzte  die  seinige  dagegen,  und  meistens  hatte  er  dank  seinem
besseren  Uberblick  dabei  recht.
        <pb n="30" />
        28  Unser  Kaiser.

Ich  habe  damals  manches  Gespräch  mit  dem  Kaiser  ge—
führt,  das  für  mich  noch  heute  vom  größten  Interesse  ist.
Es  würde  zu  weit  führen,  wollte  ich  alle  meine  damaligen
Aufzeichnungen  verwerten.  Nur  einiges  wenige  will  ich  be—
rühren,  was  auch  meine  Leser  interessieren  könnte.

So  erhob  sich  gerade  in  jenen  Tagen  der  bittere  Streit
zwischen  Frankreich  und  England  wegen  Faschoda.  Da  es
in  Jerusalem  zur  Türkenzeit  keine  Zeitungen  gab,  schwirrten
natürlich  die  wildesten  Gerüchte  durch  die  Stadt.  Die  französische
  Flotte  sei  aus  Cherbourg  ausgefahren,  eine  Seeschlacht
habe  schon  stattgefunden.  Als  ich  den  Kaiser  danach  fragte,
erwiderte  er,  daß  diese  Gerüchte  natürlich  übertrieben  wären.
Aber  die  Lage  sei  allerdings  ungeheuer  gespannt.  Tatsächlich
hätten  England  und  Frankreich  einen  Teil  ihrer  Truppen
in  Kriegsbereitschaft  gesetzt.  Er  könne  daher  trotz  meines
lebhaften  Zuredens  nicht  nach  Galiläg  gehen.  Auch  in  Jerusalem
  müsse  er  wenigstens  für  diesen  Tag  alle  geplanten
Besichtigungen  aufgeben,  denn  er  müsse  mit  dem  Grafen
Bülow  und  dem  Gesandten  in  Konstantinopel,  dem  Freiherrn
von  Marschall,  den  ganzen  Tag  am  Telegraphen  bleiben,
der  seine  Wohnung  unmittelbar  mit  dem  Auswärtigen  Amt
in  Berlin  verbinde.  In  Galiläa,  zum  Beispiel  auf  dem
Tabor,  gebe  es  keinen  Telegraphen.  Er  hätte  ja  gerne
Nazareth  und  den  See  Genezareth  gesehen,  aber  die  Pflicht
gehe  vor,  da  müßten  persönliche  Wünsche  zurückstehen.

„Ich  habe  ja  selbst  nichts  gegen  die  Franzosen“,  fuhr  er
fort,  „im  Gegenteil,  ich  habe  für  manches  bei  ihnen  Sympathie.
  Aber  Frankreich  ist  nun  einmal  eine  niedergehende
Nation.  Egs  ist  höchst  wahrscheinlich,  daß  die  Franzosen,  wenn
        <pb n="31" />
        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  29

sie  auch  in  diesem  Falle  formell  im  Rechte  sind,  klein  beigeben
werden,  sobald  sie  sehen,  daß  England  Ernst  macht“.  Auf
meinen  Einwand,  daß  doch  in  Frankreich  noch  bedeutende
geistige  Kräfte  lebendig  seien,  erwiderte  er:  „Glauben  Sie
mir,  ich  kenne  die  Dinge  besser  als  Sie.  Frankreich  ist
eine  niedergehende  Nation,  da  ist  auf  die  Dauer  nicht  mehr
zu  helfen,  das  wird  die  Zukunft  lehren.“  Aber  die  innerste
Meinung  des  Kaisers  kam  bei  dieser  Gelegenheit  zum  Ausdruck,
  als  er  sagte,  für  ihn  persönlich  gebe  es  kein  höheres
Ziel,  als  den  Frieden  in  Europa  aufrechtzuerhalten.  Von
Anfang  seiner  Regierung  an  habe  er  sich  keinen  anderen
Ruhm  gewünscht,  als  den,  seinem  Volke  lebenslang  den
Frieden  zu  erhalten.

Auch  auf  die  Metzeleien  der  Türken  unter  den  armenischen
Christen,  die  damals  ganz  Europa  erregten,  kam  der  Kaiser
zu  sprechen,  als  ich  ihm  die  armenischen  Waisen  im  Syrischen
Waisenhause  vorstellte.  Der  Kaiserin  war  ein  allerliebster
kleiner  armenischer  Junge,  der  sie  mit  seinen  großen  Augen
immer  ansah,  aufgefallen,  und  sie  hatte  mich  nach  ihm  gefragt.
  Ich  erzählte  ihr  das  Schicksal  des  armen  Kindes.
Sein  Vater  war  armenischer  Geistlicher  gewesen.  Dieser
und  seine  Frau  waren  mit  der  ganzen  Gemeinde  von  den
Türben  in  die  Kirche  getrieben,  diese  mit  Petroleumfässern
übergossen  und  das  Ganze  angezündet  worden.  Die  ganze
Gemeinde  verbrannte,  und  das  überlebende  Kind  wurde  ins
Syrische  Waisenhaus  gebracht.  Die  Kaiserin  war  ganz  entsetzt.
  „Wilhelm“,  hörte  ich  sie  flüstern,  „das  mußt  du  auch
hören".  Auch  der  Kaiser  war  entsetzt.  Er  sagte:  „Ich
weiß  wohl,  viele  meiner  Landsleute  können  es  nicht  verstehen,
        <pb n="32" />
        30  Unser  Katser.

daß  ich  nach  alledem  den  Sultan  freundschaftlich  besucht  habe.
Aber  ich  habe  dafür  gute  Gründe.  Meinen  Sie  denn,  das  solche
Greuel  mich  kalt  lassen,  daß  ich  kein  Herz  habe  für  diese
unglücklichen  Christen?  Es  kommt  nur  darauf  an,  daß
man  den  rechten  Weg  einschlägt,  um  ihnen  zu  helfen.  Die
Türken  und  ihr  Sultan  sind  wütend  gemacht,  weil  die
europäischen  Mächte  solche  Greuel,  die  sie  zum  Teil  selbst
angestiftet  haben,  immer  nur  zum  Vorwand  nehmen,  um
sich  jedesmal  ein  neues  Stück  von  der  Türkei  wegzureißen,
wozu  sie  weder  vor  Gott  noch  Menschen  ein  Recht  haben.
Das  hat  sie  auf  den  unseligen  Gedanken  gebracht,  sich  der
Christen  allmählich  ganz  zu  entledigen,  damit  diese  Mächte
keinen  Grund  mehr  haben,  einzuschreiten  und  ihren  Länderraub
  mit  der  angeblichen  Fürsorge  für  die  Christen  zu  bemänteln.
  Sehen  Sie  England  an!  Da  wurden  neulich  in
London  wieder  Massenversammlungen  gegen  die  Türbken  veranstaltet.
  Der  englische  Premier  hat  den  Sultan  in  öffentlicher
  Parlamentssitzung  als  Massenmörder  beschimpft  und
tödlich  beleidigt.  Man  hat  mit  dem  Säbel  gerasselt.  Glauben
Sie,  daß  das  alles  auch  nur  einem  einzigen  Armenier  das
Leben  gerettet  hat?  Hat  England  wirklich  etwas  für  diese
Unglücklichen  getan?  Nein,  man  hat  die  Türken  nur  noch
mehr  gereizt.  Der  Sultan  ist  ein  sehr  kluger  Mann.  Er
hat  das  falsche  Spiel,  hinter  dem  ganz  andere  Absichten
lauern,  durchschaut  und  fühlte  sich  in  seiner  Feindschaft  gegen
die  Christen  nur  noch  bestärkt.  Darum  habe  ich  einen  anderen
Weg  eingeschlagen,  und  ich  glaube  wohl  einen  blügeren,  jedenfalls
  einen  christlicheren.  Ich  vergelte  nicht  Böses  mit  Bösem,
sondern  komme  dem  Mann,  der  unter  alledem  nur  immer
        <pb n="33" />
        Der  Kalser  in  Jerusalem.  31

düsterer  wird,  mit  christlicher  Freundlichkeit  entgegen,  und
fasse  ihn  am  Gewissen.  Und  weil  er  ganz  genau  weiß,  daß
wir  die  einzigen  sind,  die  keinerlei  Annexionen  im  Sinne
haben,  glaubt  er  an  meine  uneigennützige  Freundschaft  und
hört  auf  mein  Wort.  Es  wird  sich  noch  zeigen,  wenn  einmal
alles  veröffentlicht  wird,  daß  ich  der  einzige  bin,  der  warm
für  die  Armenier  eingetreten  ist  und  ihnen  wirklich  genützt
hat.“

Seine  helle  Freude  hatte  der  Kaiser  an  dem  Aufblühen  und
an  der  ehrenvollen  Stellung,  die  sich  das  Deutschtum  in
Palästina  errungen  hatte.  Durch  Fleiß  und  Tüchtigkeit  hatten
die  Deutschen  damals  eine  geradezu  beherrschende  Stellung
im  ganzen  Lande.  Bei  den  Eingeborenen  waren  sie  beliebt.
In  Handel  und  Gewerbe  nahmen  sie  die  führende  Stellung
ein.  Mit  Deutsch  konnte  man  überall  durchkommen,  denn
allerorten  gab  es  auch  arabische  Männer  und  Frauen,  die
es  in  unseren  Anstalten  in  Wort  und  Schrift  gelernt  hatten.
„Ich  glaube  fest“,  sagte  er  einmal,  „an  die  Zukunft  des
deutschen  Volkes,  nicht  nur  in  der  Heimat,  sondern  auch
draußen.  Gott  hätte  unserem  Volke  nicht  so  große  Eigen—
schaften  verliehen,  wenn  er  ihm  nicht  eine  wichtige  Aufgabe
in  der  Welt  gestellt  hätte.“  Als  er  mich  fragte,  aus  welchen
Teilen  Deutschlands  das  Syrische  Waisenhaus  seine  vielen
Mitarbeiter  bekomme,  sagte  ich:  Aus  Süd  und  Nord;  aber
die  allermeisten  doch  aus  Württemberg.  Er  erwiderte:  „Das
ist  ja  doch  großartig  mit  diesen  Württembergern.  In  Haifa,
Jafa,  Rephaim  habe  ich  ihre  Bauerndörfer  gesehen,  deren
Ländereien  im  Gegensatz  zu  dem  verwahrlosten  Lande  wie
ein  Paradies  aussehen,  und  deren  schmucke  Dörfer  sich  von
        <pb n="34" />
        32  Unser  Kalser.

den  anderen  Ortschaften  unterscheiden  wie  Tag  und  Nacht.
Die  Lehrer  und  Meister  im  Syrischen  Waisenhause,  Ihre
dortige  Kirchenorgel,  alles  aus  Württemberg.  Was  haben  doch
diese  Württemberger  hier  im  Heiligen  Lande  geleistet!  Da
müssen  wir  Norddeutschen  uns  geradezu  schämen.“
Natürlich  kam  der  Kaiser  oft  auf  religiöse  Dinge  zu
sprechen.  Wir  waren  ja  in  Palästina,  wo  man  auf  Schritt
und  Tritt  an  Jesus  erinnert  wurde.  Es  war  schön,  wie  da
immer  wieder  ungesucht  zum  Ausdruck  kam,  daß  die  per—
sönliche  Stellung  zu  unserem  Herrn  und  Heiland  als  dem
Sohne  Gottes  seines  Lebens  tiefste  Kraft  und  sein  festester
Halt  sei.  „Ich  beklage  es  unendlich,  daß  dieser  Glaube  in
weiten  Kreisen  unseres  Volkes  ins  Wanken  geraten  ist.  Was  ich
in  der  Erlöserkirche  gesagt  habe,  ist  meine  feste  Uberzeugung:
Was  die  germanischen  Völker  geworden  sind,  das  sind  sie
geworden  unter  dem  Panier  des  Kreuzes  von  Golgatha.
Wenn  sie  daran  nicht  festhalten,  dann  sehe  ich  große  Gefahren
  für  die  Zukunft  kommen.  Unser  Volk  muß  wieder
zum  Glauben  und  zur  Gotteofurcht  zurück,  sonst  richtet  es
sich  selbst  zugrunde.  Damit  habt  ihr  Pastoren  eine  ungeheuer
wichtige  Aufgabe.  Aber  nur  nicht  soviel  dogmatische  Predigten,
  wie  man  sie  so  oft  hört!  Wir  Laien  stehen  die  Woche
über  im  Kampf  und  oft  in  schweren  Gewissenskonflikten.
Da  wollen  wir,  wenn  wir  am  Sonntag  in  die  Kirche  bommen,
keine  dogmatischen  Auseinandersetzungen,  sondern  blare  praktische
  Fingerzeige,  wie  wir  unseren  Wandel  in  der  Nachfolge
Christi  führen  sollen.  Die  Theologen  meinen  oft,  sie  müßten
die  Dogmen  immer  von  neuem  eindern.  Aber  da  würde
man  ja  in  Jahrhunderten  nicht  fertig,  um  die  Wahrheit  zu
        <pb n="35" />
        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  33

finden.  Wir  brauchen  etwas  Festes,  woran  wir  uns  halten
können.  Ich  für  meine  Person  habe  gar  kein  Bedürfnis
nach  immer  neuen  Anderungen  und  Entwicklungen.  Unsere
Glaubenssätze  hat  ja  Martin  Luther,  dieser  größte  Deutsche,
den  uns  Gott  geschenkt  hat,  in  unübertrefflicher  Weise  fest—
gestellt.  Mir  sind  sie  so,  wie  sie  im  Katechismus  stehen,
gerade  recht,  denn  sie  stimmen  vollständig  mit  der  heiligen
Schrift  überein.  Wenn  die  Theologen  dogmatische  Erörterungen
  pflegen  wollen,  was  ja  ihr  Beruf  mit  sich  bringt,
so  sollen  sie  das  in  ihren  Synoden  und  Pastoralkonferenzen
tun.  Aber  uns  Laien  sollen  sie  geraden  Weges  zu  unserem
Herrn  Jesus  führen  und  uns  so  praktisch  wie  möglich  zeigen,
wie  wir  unseren  Wandel  nach  seinem  Willen  einrichten
müssen.“

Vom  Olberg  aus  zeigte  ich  dem  Kaiser  auf  seinen  Wunsch
die  Wege,  auf  denen  der  Herr  mit  seinen  Jüngern  gegangen
ist.  Deutlich  war  der  Weg  nach  Emmaus  über  Berg  und
Tal  zu  sehen.  Im  Norden  dämmerte  die  Gegend  des  Sees
Genezareth,  von  wo  Jesus  so  oft  nach  Jerusalem  gekommen
ist,  über  die  Berge  von  Samaria  und  Ephraim,  die  vor
unseren  Augen  lagen,  teils  über  die  im  fernen  Östen  in
wunderschöner  Beleuchtung  schimmernden  Berge  von  Peräa,
durchs  Jordantal  und  die  mit  ihren  zahllosen  Bergen  und
Schluchten  zu  unseren  Füßen  liegende  Wüste.  Nachdenklich
besah  sich  der  Kaiser  alles  und  sagte:  „Unser  Herr  Jesus
muß  doch  ein  kolossal  leistungsfähiger  Fußgänger  gewesen
sein.  Uberhaupt  muß  er  auch  physisch  eine  starke  Natur
gehabt  haben.  Sonst  hätte  er  nicht  auf  dem  See  Genezareth
mitten  im  wildesten  Sturm  so  gut  schlafen  können.“

3
        <pb n="36" />
        34  Unser  Kaiser.

Auch  die  Burg  Antonia  an  der  Nordseite  des  Tempel—
platzes  fesselte  sein  Interesse.  Dort  wurde  ja  Paulus  von
dem  römischen  Hauptmann  in  Gewahrsam  gehalten,  nachdem
ihn  die  Juden  bei  der  Feier  ihres  Pfingstfestes  in  einem
rasenden  Aufstand  fast  totgeschlagen  hatten  und  er  im  letzten
Augenblick  durch  die  römische  Wache  ihren  Händen  entrissen
worden  war.  Denn  bei  den  Festen  mußten  in  der  nahen
Antonia  fortwährend  römische  Truppen  bereitstehen,  um  die
Juden  bei  ihren  häufigen  Tumulten  mit  Gewalt  auseinanderzureißen.
  Der  Kaiser,  der  auf  der  Seereise  in  der  Apostelgeschichte
  gelesen  hatte,  wußte  genau  Bescheid.  Er  sagte:
„Ich  habe  mich  beim  Lesen  gefreut,  daß  die  Römer  diesem
Paulus,  dem  wahren  Imperator  der  Jukunft,  ungewollt
eine  seiner  Bedeutung  entsprechende  Eskorte  mitgaben,  als
sie  ihn  bei  Nacht  und  Nebel  nach  Cäsarea  fortführten,  fast
ein  halbes  Regiment,  470  Mann  Infanterie  und  Kavallerie.
Ubrigens  war  es  mit  den  Juden  schon  damals  gerade  so  wie
heute  mit  den  Christen  in  der  Grabesbirche.  Auch  da  muß
bei  den  Festen  immer  türkisches,  muhammedanisches  Militär
bereitstehen,  um  mit  den  Waffen  einzuschreiten,  wenn  sich
die  Christen  in  die  Haare  kommen.“

Als  ich  damals  Palästina  wieder  verließ,  nahm  ich  den
lebhaften  Eindruck  mit,  daß  ich  an  unserem  Kaiser,  möge
kommen,  was  da  wolle,  mein  Lebenlang  nie  mehr  k(rrewerden
  könnte.  Ich  bin  auch  tatsächlich  nie  an  ihm  irregeworden,
  und  in  den  Tagen  seines  Unglücko,  das  er  so
tapfer  und  mannhaft  für  sein  Volk  trägt,  erst  recht  nicht.

*  *
*
        <pb n="37" />
        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  35

Schön  war  der  Sonntagabend,  an  dem  das  Kaiserpaar
  den  Olberg  besuchte.  Es  war  dem  Kaiser  leid,  daß,
wo  immer  er  hinkam,  gleich  gewaltige  Volksmassen  zusammenströmten
  und  so  den  hohen  Besuchern  eine  Stunde  stiller
Feier  und  Einkehr  an  den  für  jeden  Christen  bedeutsamen
Orten  unmöglich  machten.  Deshalb  wurde  der  Besuch  auf
dem  Olberge  in  ganz  Jerusalem  geheimgehalten.  Niemand
wußte  etwas  davon.  Und  in  der  Tat  gelang  es  dem  Kaiserpaar,
  mit  nur  ganz  bleinem  Gefolge  unbemerkt  auf  den
Olberg  zu  gelangen.

Es  war  ein  köstlicher  Sonntagabend.  Jerusalem  lag  jenseits
  der  Kidronschlucht  zu  unseren  Füßen,  vom  Glanz  der
Abendsonne  übergossen.  Das  ganze  Heilige  Land  lag  vor
uns  da  wie  eine  aufgeschlagene  Bilderbibel,  wo  jede  Höhe,
jedes  Tal  etwas  zu  erzählen  hatte  von  großen,  heiligen
Jeiten.  Ganz  versunken  blickte  das  Kaiserpaar  hinunter  auf
das  einzigartige  Bild.  Alle  waren  so  ergriffen,  daß  lange
niemand  ein  Wort  sagte.  Endlich  sagte  der  Kaiser:  „Ach,
was  kann  einem  hier  auf  dem  Olberg  alle  nur  landschaftliche
Schönheit  helfen!  Lieber  Dryander“,  sagte  er  zu  dem  mit
anwesenden  Oberhofprediger,  „lesen  Sie  uns  doch  etwas
aus  dem  Neuen  Testament!“

Dryander  zog  sein  Neues  Testament  heraus  und  las.
Schon  der  Text,  den  er  wählte,  war  hier  eine  Predigt.  Es
war  die  Geschichte  von  Gethsemane  nach  Matthäus.  Während
ey  las,  lag  drunten  vor  den  Augen  der  Hörer  der  Garten-Gethsemane,
  so  daß  es  war,  als  sähe  man  jene  wunderbare
Nachtgeschichte  unter  den  mondbeschienenen  Olbäumen  sich
lebendig  vollziehen.  Dryander  fügte  auch  noch  einige  eigene
        <pb n="38" />
        36  Unser  Kaiser.

Worte  hinzu.  Er  verglich  den  Herrn  in  jener  Nacht  mit
einer  Mutter,  die  einen  ungeratenen  Sohn  in  der  Fremde
hat.  Der  lebt  in  Sünden  und  Lastern.  Er  weiß  gar  nicht,
was  für  ein  schlechter  Mensch  er  ist.  Aber  ein  Herz  gibt
es  doch  in  der  Welt,  das  fühlt  jede  Sünde  und  jede  Schmach
des  mißratenen  Menschen  so  tief  mit,  als  ob  all  diese  Sünden
die  eigene  Schmach  und  eigene  Schuld  wären:  das  ist  die
arme  Mutter,  die  für  den  verlorenen  Sohn  betet.  So  war
es  in  jener  Nacht  bei  Jesus.  Auch  er  fühlte  die  Sünde  und
Schmach  nicht  nur  eines  verlorenen  Sohnes,  sondern  einer
ganzen  verlorenen  Welt  als  seine  eigene  Sünde  und  Schuld,
und  trug  sie  am  nächsten  Morgen  als  das  Lamm  Gottes
hinauf  ans  Kreuz.

Nach  diesen  Worten  kniete  der  Kaiser  nieder  auf  die
Felsen  des  Olbergs,  ebenso  die  Kaiserin  und  das  kleine  Ge—
folge,  und  ein  herzbewegtes  Gebet  Dryanders  trug  aller
Gedanken  und  Bitten  zu  dem  empor,  den  wir  Christen
dort  auf  dem  Olberge  suchen.  Das  war  eine  Feierstunde  auf
dem  Olberge,  die  wohl  einen  der  Höhepunkte  der  ganzen  Reise
bildete.  Dann  schaute  das  Kaiserpaar  noch  einmal  hinaus  in
die  einzigartige  Landschaft.  Drüben  im  Osten  lag  Bethanien.
Drunten  in  der  Tiefe  glänzte  der  weiße  Spiegel  des  Toten
Meeres.  Im  Östjordanland  erhoben  sich  in  weiter  Ferne,
von  der  untergehenden  Sonne  mit  glühenden,  purpurnen  und
bläulichroten  Lichtern  überhaucht,  die  Berge  von  Peräa  und
Moab.  Dann  wurden  die  Farben  tiefer  und  tiefer.  Die
Schatten  stiegen  staffelweise  an  der  Gebirgowand  herauf.
Fast  geisterhaft  schaute  die  stahlblanke  Fläche  des  Toten
Meeres  herauf.  Da  wandte  sich  der  Keiser,  tief  ergriffen,
        <pb n="39" />
        Der  Kaiser  in  Jerusalem.  37

zum  Gehen.  Einer  der  Generale  aber  reichte  vor  dem  Weggehen
  seinem  Nachbar  die  Hand  und  sagte:  „Wir  haben
bei  der  Fahrt  durch  die  Ebene  in  der  glühenden  Oktoberhitze
manche  Strapazen  durchgemacht,  aber  nachdem  wir  diese
Stunde  haben  feiern  dürfen,  sind  wir  für  alles  entschädigt“.

In  der  französischen  Presse,  die  sich  lebhaft  mit
dem  Kaiserbesuch  in  Palästina  beschäftigte,  stand  darüber
folgender  Bericht:

Der  Katlser  wollte  den  Sonntag  auf  dem  Olberg  feiern.  Der  Weg
dahln  führt  von  den  Mauern  der  Stadt  in  das  Tal  Josaphat  hinab
und  dann  hinauf,  auf  einem  schlimmen  Fußsteig.  Diesen  Weg  ist
vlellescht  der  Gottmensch  gegangen  am  letzten  Abend  selner  irdsschen
Wallfahrt.  Der  Sultan  hat  für  den  Kaiser  eine  breite  Straße  anlegen
  lassen,  die  auf  elnem  großen  Umwege  bequem  zum  Gipfel  des
Berges  führt  und  leider  mit  einer  Staubschscht  von  zwei  Zoll  bedeckt
ist,  welche  man  statt  Kies  auf  die  Straße  geworfen  hat.  Ste  bietet
prachtvolle  Blicke  auf  die  Stadt.  Oas  schönste  Bauwerk  ist  die  Felsenmoschee,
  welche  an  der  Stätte  des  Tempels  Salomos  einsam  in  wester
Ode  thront.  Nach  der  anderen  Seflte  hin  erstreckt  sich  ein  westes  Tal
von  erschreckender  Unfruchtbarkelt.  Ein  grüner  Streifen  von  Bäumen
deutet  den  Jordan  an,  in  der  Ferne  taucht  das  Tote  Meer  silbern  auf.
Vor  dem  Turm  bet  der  russischen  Kapelle  stehen  die  türkischen  Truppen
hinter  ihren  zusammengesetzten  Gewehren.  Hser  hielten  die  Wagen  des
Kalserlichen  Gefolges.  Es  ist  7  Uhr.  ODer  Kaiser  ist  vom  Pferd  gesttegen.
  HInter  dem  Turm  ist  unter  frelem  Himmel  ein  Teppich  auf
den  bresten  Vorplatz  gelegt.  Zwel  vergoldete  Sessel  standen  für  den
Katser  und  die  Katserin  berekt  an  der  elnen  Kante  des  Tepplchs.
Hinter  ihnen  gruppiert  sich  das  Gefolge.  In  der  Mitte  des  Teppichs
steht  der  Oberhofprediger.  In  seiner  Ansprache  erinnert  er  den  Kalser
an  seinen  Vater,  der  auch  nach  Jerusalem  gepilgert  iste  er  dankt  dem
Sohne,  diesem  Belsplele  gefolgt  zu  seln  und  damit  seinen  Glauben
öffentlich  bekannt  zu  haben,  er  ist  überzeugt,  daß  diese  Tat  einen
segensrelchen  Widerhall  finden  wird  er  fleht  zu  Gott,  über  dem
        <pb n="40" />
        38  Unser  Kalser.

Gürsten  zu  walten  und  ihn  mit  selnem  Gelst  zu  erfüllen.  Der  Redner
spricht  natürlich  und  mit  Uberzeugungstreue,  er  versteht  die  schwere
Kunst,  im  Namen  Gottes  zu  einem  Katser  zu  reden.  Der  Katser  hat
mit  entblößtem  Haupte  in  ehrfürchtiger  Sammlung  zugehört.  Belm
Gebet  kniet  er  mit  der  Katserin  nieder.  Sie  blekben  nach  dem  Amen
noch  einige  Minuten  in  dieser  Stellung,  als  hörten  sie  Gottes  Stimme
in  dem  fekerlichen  Schwesgen.  Die  Kasserin  hat  die  Hände  über  ihren
Sonnenschirm  gefaltet  und  ist  in  tiefe  kindliche  Andacht  versunken,  der
Katser  glich  elner  schönen  Gebetsstatue  und  erinnerte  an  den  „Benseroso“.
Als  er  sich  erhoben,  begann  das  Orchester  ein  Kirchenlied  leise  zu
spielen.  Die  Versammlung  fiel  mit  ihrem  Gesang  elin,  in  welchem  die
schöne  Stimme  der  Katserin  deutlich  zu  vernehmen  war.  Die  Feier
machte  den  tiefsten  Eindruck.  Hser  hatte  der  Kalser  das  Gehelmnis  der
wahren  Gröste  gefunden  und  die  Weihe  der  vollbrachten  Anbetung  lag
noch  auf  ihm,  als  er,  bel  einbrechender  Nacht,  an  der  Spitze  seines
schwelgenden  Gefolges  nach  Jerusalem  zurückritt.

Ein  Kaiserbesuch  in  Cöln.

Schon  mehrmals  hatte  der  Kaiser  während  seiner  Regierungszeit
  als  Gast  der  Stadt  Cöln  in  unseren  Mauern
geweilt.  Aber  keiner  dieser  Besuche  war  so  glänzend  und
von  so  einmütiger  Liebe  und  Begeisterung  der  ganzen  Bevölkerung
  getragen  wie  der  vom  22.  Mai  1911.  Es
war,  nachdem  ich  inzwischen  in  Berlin  und  Potödam
wiederholt  Berührungen  gehabt  hatte,  das  letzte  Mal,  daß
ich  den  Kaiser  vor  Auöbruch  des  Weltkrieges  gesehen  habe.
Aus  trüben  Novembernebeln  der  kaiserlosen,  der  schrecklichen
Zeit,  die  und  mit  der  irrsinnig  dummen  deutschen  Revolution
alles  genommen  hat,  was  einst  unsere  Freude  und  unser
Stolz  gewesen  ist,  richten  sich  meine  Blicke  zurück  auf  jenen
einzig  schönen  Maitag.
        <pb n="41" />
        Ein  Katserbesuch  in  Cöln.  39

Der  Kaiser  kam  mit  seiner  Gemahlin  und  seiner  Tochter,
der  noch  unvermählten  Prinzessin  Viktoria,  aus  fernen  Landen.
Im  Süden,  in  Italien,  hatte  er  geweilt,  man  sah  es  an  seinem
sonnenverbrannten  Gesicht.  In  England  hatte  er  dann  seine
königlichen  Verwandten  besucht  und  war  dort  glänzend  aufgenommen
  worden.  Jetzt  kam  er  zurück  in  die  Heimat,
um  mit  frischen  Kräften  seine  unermüdliche  Arbeit  im  Dienste
seiner  Kaiserpflicht  wiederaufzunehmen.  Die  erste  Stadt,
die  er  auf  deutschem  Boden  besuchte,  war  Cöln.  Sie  hatte  ihn
eingeladen,  der  Enthüllung  des  Reiterstandbildes  seines  Vaters,
des  Kaisers  Friedrich,  auf  der  Hohenzollernbrücke  beizuwohnen.

Stadt  und  Bürgerschaft  wetteiferten,  um  das  ganze  Stadtbild,
  Straßen,  Kirchtürme,  Paläste,  Privathäuser,  in  ein
glänzendes  Festgewand  zu  kleiden.  Nie  habe  ich  Cöln  so
festlich  geschmückt  gesehen.  Schwarzweißrote  oder  schwarzweiße
  Fahnen  wehten  von  allen  Häusern  und  öffentlichen
Gebäuden.  Lange  Reihen  von  hohen  Masten  waren  auf
weiten  Strecken  mit  frischem  Tannengrün  bekleidet,  und  man
atmete,  durch  sie  hingehend,  den  würdigen  Harzduft  des
Waldes.  Besonders  schön  sahen  sie  aus  auf  dem  Domplatz
an  der  Portalseite  des  Doms,  wo  man  durch  einen  Wald
von  grünen  Säulen  wandelte,  über  dem  sich  der  erhabenste
Kirchenbau  Deutschlands  um  so  wirkungsvoller  erhob.

In  der  ganzen  Stadt,  in  Amtsstuben,  Geschäftshäusern,
Fabriken,  Werkstätten,  ruhte  die  Arbeit.  Heute  war  ein
Feiertag,  den  sich  niemand  entgehen  lassen  wollte.  Jeder
wollte  den  Kaiser  sehen,  der  während  eines  dreiundzwanzigjährigen
  Friedenswaltens  Deutschland  auf  eine  früher  nie
gekannte  Höhe  hinaufgeführt  hatte.
        <pb n="42" />
        40  Unser  Kaiser.

Ein  klarblauer  Himmel  wölbte  sich  vom  frühen  Morgen
an  über  der  Stadt  mit  dem  ewigen  Dom.  Die  Sonne  ver—
goldete  mit  ihren  Strahlen  die  Türme,  die  sich  im  grünen
Rhein  spiegelten,  die  beiden  himmelragenden  Domtürme,  den
riesigen,  breiten  Turm  von  Groß  Sankt  Martin,  drüben
die  beiden  mächtigen  Türme  von  Deutz,  rheinabwärts  den
spitzen  Turm  von  Sankt  Cunibert,  und  mitten  in  der  Stadt
den  alten  Rathausturm.  Die  Stadt  mit  ihrem  Häusermeer
und  den  vielen  anderen  Kirchtürmen  lag  so  schön  und  heiter
da,  wie  es  eben  nur  an  einem  sonnigen  Maientage  sein  kann.
Durch  die  festlichen  Straßen  drängte  sich  eine  ungeheure
Menschenmenge  aus  Cöln  und  der  ganzen  Umgegend.
Hunderttausende  waren  auf  den  Beinen  und  bewunderten
den  Festschmuck,  der  in  verschwenderischer  Fülle  von  allen
Seiten  auf  sie  heruntersah.  Man  hatte  bequem  Zeit  dazu,
denn  erst  auf  den  Nachmittag  war  der  Kaiserbesuch  angesagt.

Gegen  fünf  Uhr  nahte  endlich,  von  Vlissingen  herkommend,
der  kaiserliche  Hofzug.  Das  erste  Zeichen  gaben  die  Kanonen
der  (inzwischen  von  den  Engländern  und  Franzosen  zerstörten)
  Festung,  die  donnernd  den  Kaisersalut  schossen,  daß
die  Erde  zitterte.  Gleichzeitig  erklangen  in  melodischen
Akkorden  sämtliche  Glocken  der  Stadt.  Am  Bahnhof  wartete
eine  vieltausendköpfige  Menge  auf  den  Kaiser.

Jetzt  erschien  er.  Leicht  und  elastisch  der  Schritt,  wettergebräunt
  das  Gesicht,  so  schritt  er,  dessen  Haar  leicht  ergraut
  war,  unter  den  brausenden  Zurufen  der  Menge  die
Treppe  vom  Fürstenzimmer  des  Hauptbahnhofs  herab.

Oberbürgermeister  Wallraf  begrüßte  ihn  im  Namen  der
Stadt.  Mit  knappen  und  beredten  Worten  faßte  er  alles
        <pb n="43" />
        Ein  Kalserbesuch  in  Cöln.  41

zusammen,  was  die  Hauptstadt  des  Rheinlandes  dem  Hohenzollernhaus
  seit  ihrer  Zugehörigkeit  zu  Preußen  verdankt.
„Eure  Majestät  haben  zu  der  Wacht  am  Rhein  die  Wacht
am  Meere  gesellt.  Da  wissen  wir  Söhne  der  alten  Hansestadt,
  daß  auch  aus  dem  Kielrauschen  stolzester  Schiffe  über
die  Erde  blingt:  Lieb  Vaterland,  magst  ruhig  sein!  Getreu
ihrem  Wahlspruch  seit  uralter  Zeit  „Holl  fast  zum  Rüich,  du
Cölscher  Buur,  Et  mag  komme  soeß  oder  fuur'  wahrt  unsere
ur=  und  berndeutsche  Stadt  Cöln  die  Treue  zu  Kaiser  und  Reich.“

Der  Kaiser  antwortete:  „Die  schönen  Tage  und  Stunden,
die  ich  als  Bonner  Student  hier  im  ehrwürdigen  Cöln  zu
ernstem  Studium  und  heiterem  Frohsinn  verleben  durfte,
gehören  zu  den  angenehmsten  Erinnerungen  meines  Lebens.
Die  reizvolle  Stadt  mit  ihrem  zum  Himmel  ragenden  Dom,
ihren  historischen  Bauwerken,  ihrem  kräftig  pulsierenden
Leben  in  Industrie  und  Handel,  dem  lebhaften  Schiffoverkehr
auf  dem  grünen  Strom,  mußten  auf  das  jugendliche  Gemüt
einen  tiefen,  bleibenden  Eindruck  machen.  Diese  Stadt,  im
weiten  Halbkreis  an  den  Rheinstrom  geschmiegt,  die  sich  aus
kleinen  römischen  Anfängen  zur  zweitgrößten  Stadt  der
Monarchie  und  zu  einem  der  bedeutendsten  Handelsplätze  des
Deutschen  Reiches  durchgerungen  hat,  wird  mir  allezeit  besonders
  am  Herzen  liegen.“

Nach  der  Enthüllung  des  Kaiser  Friedrich-Denkmals  auf
der  Hohenzollernbrücke  gab  es  ein  Festmahl  im  Gürzenich,
dem  altberühmten  Stadthause,  das  seit  dem  Mittelalter  der
Stolz  Cölns  ist,  und  in  dem  schon  mancher  Deutsche  Kaiser
mit  den  Edelsten  der  Bürgerschaft  getafelt  hat.  Der  wundervolle
  Festsaal,  der  im  Oberstock  die  ganze  Fläche  des  mächtigen
        <pb n="44" />
        42  Unser  Kaiser.

Baus  einnimmt,  und  der  an  geschichtlichen  Erinnerungen
und  künstlerischer  Wirkung  seiner  gotischen  Form  in  ganz
Deutschland  nicht  seinesgleichen  hat,  war  aufs  prächtigste
geschmückt.  Der  Ratssilberschatz  prangte  auf  der  Ehrentafel,
an  der  die  kaiserlichen  Gäste  saßen,  der  Saal  leuchtete  in
der  Fülle  seiner  Lichter,  seines  grünen  Waldkleides,  seinem
tausendfachen  Rosenflor.  Eine  glänzende  Versammlung  füllte
den  gewaltigen  Raum.  Meister  Franke,  der  erste  Orgelkünstler
  Deutschlands,  spielte  die  Gürzenichorgel,  und  der
weltbekannte  Cölner  Männergesangverein  ließ  seine  deutschen
Lieder  in  wundervoller  Vollendung  erklingen.  Aber  bei  dem
allen  will  ich  mich  nicht  aufhalten,  nicht  nur,  weil  ich  selbst
nicht  mit  dabei  war,  sondern  vor  allem,  weil  es  mir  nicht
darauf  ankommt,  zu  erzählen,  was  nur  ein  verhältnismäßig
kleiner  Kreis  mitmachen  durfte,  sondern  darauf,  noch  einmal
die  Liebe  und  Begeisterung  zu  vergegenwärtigen,  welche  damals
das  ganze  Volk  für  seinen  Kaiser  empfand.

Diese  kamen  am  schönsten  zum  Ausdruck  bei  der  abendlichen
  Beleuchtung  des  Rheinstroms,  welche  die  ganze  Bevölkerung
  ihrem  Kaiser  veranstaltete.  Ich  konnte  sie  von  bevorzugter
  Stelle  aus  sehen,  da  mich  und  die  Meinigen  eine
befreundete  Familie  in  ihr  am  Rhein  gelegenes  Haus  eingeladen
  hatte.  Während  noch  der  Kaiser  im  Gürzenich  saß,
blitzten  nach  Einbrechen  der  Dunkelheit  bald  da,  bald  dort
Lichter,  Lichtgarben,  Lichtreihen  in  blendender  Abwechslung
auf,  bis  ganz  Cöln  in  ein  Meer  von  Flammen  getaucht  schien.
An  den  großen  Gebäuden  hoben  feurige  Linien  elektrischer
Glühbirnen  ihre  Gliederungen  und  Stockwerke  mit  blendender
Schrift  aus  der  dunklen  Nacht  heraus.
        <pb n="45" />
        Ein  Kaiserbesuch  in  Cöln.  43

Die  Hauptsache  aber  war  die  Beleuchtung  des  Rheins.
Cöln  wollte  dem  Kaiser  seinen  stolzen  deutschen  Strom  in
noch  nie  gesehenem  Glanze  zeigen.  Alle  Gebäude,  die  in
langer  Reihe  die  Rheinufer  säumen,  waren  beleuchtet.  Viele
erstrahlten  von  oben  bis  unten  in  rotem  bengalischem  Licht.
Weite  Häuserreihen  waren  dadurch  von  roter  und  grüner
Farbe  übergossen.  Von  den  Kirchtürmen  blitzten  Lichter  und
Flammen  auf  die  Stadt  und  den  Rhein  herunter.  Das  ganze
Blendwerk  spiegelte  sich  im  Rhein,  der  wie  in  ein  Meer
von  Licht  getaucht  war.  Auf  der  rechten  Rheinseite,  wo
noch  ganze  Strecken  unbebaut  waren,  standen  von  Mülheim
bis  weit  über  Poll  hinaus,  eine  geographische  Meile  weit,
Männer  mit  Fackeln,  deren  roter  Widerschein  im  Wasser  ihre
Wirkung  verdoppelte.  Auf  der  linken  Seite,  wo  ich  stand,
flammten  an  den  stolzen  Häusern,  aus  elektrischen  Glüh—
birnen  gebildet,  sinnbildliche  Darstellungen,  Namenszüge  des
Kaisers,  Kaiserkronen,  Reichsadler  und  dergleichen.

Aber  auch  der  Strom  selbst  bot  prächtige  Bilder.  In
der  Gegend  der  Hohenzollernbrücke  stand  eine  Flotte  von
achtzig  Rheindampfern,  alle  über  die  Toppen  mit  zahllosen
Flaggen  und  Wimpeln  geschmückt  und  bis  in  die  Mastspitzen
mit  Lichtern  in  allen  Farben  beleuchtet,  alle  voll  von  Menschen,
die  darauf  warteten,  den  Kaiser  auf  seiner  beabsichtigten  nächtlichen
  Rheinfahrt  zu  begleiten.

Endlich  um  halb  zehn  Uhr  kam  der  Kaiser.  Mit  seiner
Gemahlin  und  seiner  Tochter  betrat  er  den  bereitstehenden
Dampfer  „Kronprinzessin  Cecilie“,  über  dessen  Schornstein
ein  mächtiges  W  glühte,  und  auf  dem  sehon  hundertundzwanzig
  Ehrengäste  seiner  harrten.  Dann  ging  die  Kaiser-
        <pb n="46" />
        44  Unser  Kaltser.

standarte  am  Mast  hoch,  und  das  Koaiserschiff  begann  seine
langsame  Fahrt,  gefolgt  zunächst  von  einem  zweiten  Dampfer
mit  fünfhundert  geladenen  Gästen,  und  dann  von  der  ganzen
Flotte  wartender  Schiffe,  die  sich  in  breiter  Linie  anschloß.
Im  Augenblick  der  Abfahrt  ließen  sämtliche  Glocken  der
Stadt,  geführt  von  dem  dröhnenden  Baß  der  Kaiserglocke,
ihre  ehernen  Stimmen  durch  die  Nacht  erschallen.  Salutschüsse
  donnerten  vom  Industriehafen  her,  Musikkapellen  auf
den  verschiedenen  Schiffen  ließen  vaterländische  Weise  erklingen.


Noch  war  das  Kaiserschiff  nicht  lange  gefahren,  da
flammten  plötzlich  die  beiden  Türme  des  Domes  in  rotem
bengalischem  Licht.  Wie  zwei  Riesenfackeln  ragten  die  beiden
ungeheuern,  und  doch  mit  ihren  kunstvoll  durchbrochenen
Steinmassen  so  leicht  und  schlank  erscheinenden  Türme  in
die  Nacht  hinein.  Hell  beschienen  hoben  die  anderen  Türme
von  Groß  Sankt  Martin,  vom  Rathaus  und  von  dem
fernen  Sankt  Cunibert  ihre  Finger  zum  dunkeln  Firmament
empor.  Scheinwerfer  blitzen  rechts  und  links  auf  und
richteten  ihre  blendenden  Strahlen  immer  wieder  auf  das
Kaiserschiff,  so  daß  wir  auch  aus  der  Ferne  alles  sehen
konnten  wie  bei  hellem  Tageslicht.  Langsam  fuhr  dieses
Schiff,  mit  Blumen  und  Laubgewinden  verschwenderisch  geschmückt,
  durch  dies  Feuermeer,  während  von  allen  Seiten

ein  Regen  vielfarbiger  Raketen  und  anderer  Feuerwerbe  den
nächtlichen  Himmel  erhellte.

So  kam  das  Kaiserschiff  mit  der  ganzen  folgenden  Flotte
an  dem  in  grünem  bengalischem  Licht  erglühenden  mittelalterlichen
  Bayenturm  vorbei,  fuhr  unter  der  Südbrücke
        <pb n="47" />
        Ein  Kaiserbesuch  in  Cöln.  45

durch  und  näherte  sich  unserem  Standort.  In  demselben
Augenblick  züngelten  in  unserer  nächsten  Nähe  Feuersäulen
über  dem  Bismarckturm  empor,  und  gleichzeitig  umloderte
rotes  Licht  die  Kirchtürme  der  nahen  Vorstädte  Marienburg,
Bayental,  Poll  und  Rodenkirchen.  Auch  hier  standen  auf
beiden  Seiten  des  Rheins  lange  Ketten  von  Männern,  welche
rote  bengalische  Fackeln  emporhielten,  so  daß  man  an  den
roten  Linien  bis  zum  fernen  Mülheim  den  gebogenen  Lauf
des  Stromes  durch  die  Nacht  verfolgen  konnte.

So  fuhr  der  Kaiser  mit  der  ihm  folgenden  Flotte  langsam
den  Rhein  hinauf  bis  Rodenkirchen,  dann  hinunter  nach
Mülheim  und  endlich  wieder  zurück  an  die  Landungsstelle
in  der  Nähe  des  Domes  und  der  Hohbenzollernbrücke.  Bei
Annäherung  des  Schiffes  ging  von  der  ganzen  Breite  der
riesigen  Brücke  ein  Fcuerregen  in  den  Rhein  hinunter.  Es
war  wie  ein  Niagarafall  von  flüssigem  Silber,  untermischt
mit  vielfarbigen  Sternen,  durch  den  Widerschein  in  dem
unruhig  glitzernden  Wasser  dem  Auge  doppelt  so  groß  erscheinend,
  während  die  zahllosen  mit  Donnerhall  platzenden
Raketen  fast  das  Getöse  eines  Artilleriegefechts  vortäuschen
konnten.

Immer  wieder  sprach  der  Kaiser  den  Vertretern  der  Stadt
seine  Uberraschung  und  Freude  über  diese  einzigartige  Huldigung
  aus.  Und  als  er  unter  dem  tiefen  Dröhnen  der
Kaiserglocke  und  den  melodischen  Klängen  der  übrigen  Glocken
der  Stadt  gegen  elf  Uhr  am  Brückenkopf  landete,  um  noch
in  der  Nacht  mit  dem  bereitstehenden  kaiserlichen  Sonderzug
wieder  fortzufahren,  umjubelte  seinen  Wagen  auf  dem  ganzen
Weg  zum  Bahnhbof  eine  unabsehbare  Menge  aus  allen  Ständen
        <pb n="48" />
        46  Unser  Kaiser.

und  rief  ihm  das  herzlichste  Lebewohl  der  Stadt  Cöln  zu.
Wohl  war  er  von  der  unerwarteten  Pracht  und  Fülle  dieser
Veranstaltung  hoch  erfreut.  Was  ihn  aber  viel  mehr  er—
freute  als  alles  andere,  das  war  die  einmütige,  ehrliche  Begeisterung
  der  Rheinländer,  die  für  ihre  dankbare  Liebe  zu
ihm  und  zum  Hohenzollernhause  einen  so  glänzenden  Ausdruck
  gefunden  hatte.

Ja,  so  war  damals  die  Stimmung  gegen  unseren  kaiserlichen
  Herrn.  Und  die  Kölnische  Zeitung  sagte  nur,  was  alle
empfanden,  als  sie  am  nächsten  Tage  schriebö:  „Das  alles
war  in  tausend  Flammen  der  Widerschein  des  Willens  eines
großen  und  stolzen  Volkes,  seinem  kaiserlichen  Führer  zu
folgen;  der  Ausdruck  des  Dankes  der  Rheinländer  an  das
Haus  Hohenzollern,  das  ihnen  ein  wirtschaftliches  Aufblühen
  ohnegleichen  gesichert  hat.  Mögen  wir  uns  dieses
Hohenzollernfriedens  noch  lange  erfreuen!“

Solche  Schilderungen  muten  uns  im  heutigen  Deutschland
fast  an  wie  ein  Märchen  aus  uralten  Zeiten.  So  etwas
könnte  man  sich  heute  einfach  nicht  mehr  denken.  Aber  das
waren  eben,  wie  sich  heute  die  eidbrüchigen  Macher  der
Nevolution  auszudrücken  lieben,  die  „fluchwürdigen  geiten
der  Wilhelminischen  Ara“.  Sie  haben  das  deutsche  Volk,
ohne  es  zuvor  zu  fragen,  so  gründlich  von  dieser  Ara  befreit
und  überschütten  uns  seither  in  solchen  Strömen  mit  dem
Segen  der  Republik,  daß  wir  in  ihren  Fluten  beinahe  umkommen.
        <pb n="49" />
        In  Amerika.  47

In  Amerika.

Zwei  Jahre  vor  dem  Weltkriege,  im  Jahre  1912,  weilte  ich
in  Amerika.  Das  Syrische  Waisenhaus  in  Jerusalem  war
abgebrannt  und  die  Arbeit  und  Mühe  von  fünfzig  Jahren
in  einen  rauchenden  Trümmerhaufen  verwandelt  worden.
Unsere  Freunde  in  Deutschland  und  der  Schweiz  halfen  uns
in  herzerhebender  Weise.  Aber  es  fehlten  schließlich  doch
noch  60  o00  Mark  an  der  Bausumme,  um  all  das  Zerstörte
in  der  früheren  Weise  aufzurichten.  Da  reiste  ich  in  die
Vereinigten  Staaten,  die  ich  von  früher  kannte,  und  es
gelang  mir,  die  noch  nötige  Summe  fast  genau  in  der  erforderlichen
  Höhe  aus  den  Kreisen  der  Deutsch-Amerikaner
zusammenzubringen  und  an  unseren  Schatzmeister  in  Cöln
zu  schicken.

Da  habe  ich  die  weitesten  Kreise  der  Deutsch-Amerikaner
kennen  gelernt.  Sie  halfen  mir  in  jeder  Hinsicht  wie  einem
alten  Freunde,  daß  ich  mich  bei  ihnen  wie  zuhause  fühlte
und  ihre  Gastfreundschaft  nicht  dankbar  genug  rühmen  kann.
Bei  einem  früheren  Besuche  hatten  sie  sogar  dafür  gesorgt,  daß
ich  im  Weißen  Hause  beim  Präsidenten  Roosevelt  empfangen
wurde.  In  seiner  männlich  geraden,  schlichten  Weise  begrüßte
  er  mich.  Er  sagte  zuerst  in  englischer  Sprache,  er
habe  sich  vor  25  Jahren  in  Deutschland,  und  zwar  in  der
wunderschönen  Stadt  Dresden,  aufgehalten,  und  habe  das
Volk  und  die  Sprache  liebgewonnen.  Dann  wechselte  er
aber  die  Sprache  und  fuhr  deutsch  fort.  Wenn  er  auch
manchmal  nach  dem  Auödruck  suchen  mußte,  sagte  er  doch
ziemlich  fließend:  „Ja,  ich  liebe  Ihre  schöne  deutsche  Sprache,
        <pb n="50" />
        48  Unser  Kalser.

und  will  doch  lieber  deutsch  mit  Ihnen  sprechen.  Besonders
freut  es  mich,  den  Mann  zu  sehen,  der  den  Deutschen  Kaiser
in  Jerusalem  begleitet  hat.  Denn  das  muß  ich  Ihnen  sagen:
ich  bewundere  Ihren  Kaiser  von  ganzem  Herzen.  Welch  ein
hervorragender  und  auf  allen  Gebieten  beschlagener  Mann
muß  er  sein!  Welch  ein  mächtiger  Monarch,  und  doch  dabei
der  entschlossenste  Beschirmer  des  Weltfriedens!  Ich  kann
die  Deutschen  nur  beglückwünschen,  daß  sie  einen  solchen
Kaiser  haben.“

Als  ich  im  Jahre  1912  in  Amerika  war,  bam  ich  nicht
ins  Weiße  Haus.  Aber  in  allen  Kreisen,  in  die  ich  kam,
fand  ich  noch  dieselbe  Stimmung,  die  Präsident  Roosevelt
in  diesen  Worten  ausgesprochen  hatte.  Zwar  war  schon
damals  die  englische  Verfälschung  der  Weltmeinung  im
Dunkeln  am  Werk,  die  den  Kaiser  als  eine  Gefahr  für
den  Weltfrieden  zu  verdächtigen  suchte.  Denn  die  Lügenpropaganda
  am  Anfang  des  Weltkrieges  war  von  langer  Hand
vorbereitet.  Dazu  mußte  namentlich  der  Titel  des  Kaisers
„Oberster  Kriegsherr“  auf  englisch  „War  Lord“  herhalten.
Er  wurde  nicht  so  gedeutet,  wie  er  gemeint  ist,  daß  nämlich
der  Kaiser  im  Kriegsfall  ebenso  die  oberste  Befehlogewalt
habe,  wenn  auch  nicht  so  unbeschränkt,  wie  der  Präsident  der
Vereinigten  Staaten,  sondern  so,  daß  er  unter  den  Monarche#y
der  Welt  der  kriegslüsterne  Herr  sei,  der  Tag  und  Nacht
an  Entfesselung  eines  Weltkrieges  denke.  Auch  das  bebannte
Lied  „Deutschland,  Deutschland  über  alles“,  in  dem  der
Deutsche  singt,  daß  ihm  sein  Vaterland  über  alles  in  der
Welt  lieb  ist,  wurde  politisch  umgedeutet,  als  ob  die  Deutschen
danach  trachteten,  über  alles  andere  in  der  Welt  zu  herrschen.
        <pb n="51" />
        In  Amerika.  49

Aber  diese  Verdächtigungen  hatten  damals  ihre  Wirkung  noch
lange  nicht  bei  allen  getan.  Im  allgemeinen  fand  ich  eine
durchaus  freundliche  und  sympathische  Stimmung  gegen  den
Kaiser.

Am  meisten  war  das  natürlich  bei  den  Deutsch-Amerikanern
  der  Fall,  namentlich  bei  den  älteren,  die  ihre  Jugend
noch  in  Deutschland  zugebracht  hatten  und  noch  mit  allen
Fasern  ihres  Herzens  an  der  alten  Heimat  hingen.  Gewifß,
es  ist  sehr  vielen,  die  in  den  vor  etwa  fünfzig  Jahren  für
Einwanderer  noch  so  günstigen  Zeiten  ins  Land  gekommen
sind,  gut  gegangen.  Sie  haben  es  zu  bemerkenswertem  Wohlstand,
  oft  zu  großem  Reichtum  gebracht.  Sie  wurzeln  mit
allen  materiellen  Interessen  in  der  neuen  Heimat,  haben  ihre
Kinder  und  Verwandten  dort.  Aber  ein  Zug  tiefen  Heimwehs
  nach  dem  Neckar  oder  Rhein,  nach  den  Marschen  der
Nord=  und  Ostsee  ging  doch  durch  sie  alle  hindurch.  Und
wie  oft  klang  durch  das,  was  sie  mir  sagten,  jene  Stimmung,
welche  Rückert  in  die  unnachahmlich  schönen  Worte  gekleidet
hat:

Aus  der  Jugendzest,  aus  der  Jugendzeit

Klingt  ein  Lied  mir  immerdar,

O  wie  liegt  so  west,  o  wie  liegt  so  weit,
Was  meln  einst  war!

O  du  Heimatflur,  o  du  Heimatflur,

Könnt  in  deinen  selgen  Raum

Ich  noch  einmal  nur,  ich  noch  einmal  nur
Entflsehn  im  Trauml!

Auf  meiner  langen  Fahrt  durch  die  Staaten  näherte  ich
mich  von  Westen  herkommend,  langsam  dem  Staate  Ohio
und  seiner  Hauptstadt  Cincinnati.  Dort  kannte  ich  von

4
        <pb n="52" />
        50  Unser  Kalser.

früher  her  den  Oberrichter  Lüders,  einen  geborenen  Deutschen,
der  aber  von  Jugend  an  Amerikaner  war,  eines  der  angesehensten
  Amter  im  Staate  hatte  und  wohl  der  populärste
Mann  der  Stadt  war.  Als  er  von  meinem  Kommen  hörte,
schrieb  er  mir  schon  zwei  Monate  vorher,  er  wolle  meine
Sache  in  Cincinnati  selbst  in  die  Hand  nehmen,  um  mich
der  Mühe  zu  überheben,  in  all  den  deutschen,  in  die  verschiedensten
  Synoden  und  Kirchengemeinschaften  zerspaltenen
Kirchen  der  Stadt  einzeln  aufzutreten.  Ich  solle  nur  an
einem  einzigen  Abend  in  der  Stadt  reden,  und  er  wolle
schon  dafür  sorgen,  daß  der  Zweck  meines  Kommens  zeitig
in  allen  Gemeinden  bekannt  gemacht  und  eine  Gabe  für
Jerusalem  schon  vor  meinem  Kommen  gesammelt  werde,
die  mir  dann  an  dem  einen  Abend  im  Namen  äller  überreicht
  werden  solle.  Dafür  bäte  er  sich  nur  eins  aus:
ich  solle  an  diesem  Abend  gar  nichts  von  Jerusalem  erzählen,
sondern  nur  vom  Deutschen  Kaiser.  Dann  könne  er  mir
mit  Sicherheit  ein  volles  Haus  versprechen,  und  dazu  eine
Kollekte  von  mindestens  tausend  Dollars.  Denn  die  Herzen
schlügen  in  Cincinnati  noch  warm  für  Deutschland  und  besonders
  für  Kaiser  Wilhelm  II.  Ich  würde  damit  allen
einen  Herzenswunsch  erfüllen.

Mit  der  ihm  eigenen  Tatbraft  bereitete  Oberrichter  Lüders
alles  vor.  Es  gelang  ihm,  was  bei  der  birchlichen  gerrissenheit
  der  Deutschen  für  einen  solchen  Zweck  fast  unmöglich
schien,  die  evangelischen  Gemeinden  aller  Richtungen  und
Schattierungen  unter  einen  Hut  zu  bringen.  Ein  weiterer
Ausschuß,  bestehend  aus  785  deutschen  Geistlichen  und  vielen
angesehenen  Männern  und  Frauen  wurde  gebildet.  Aus
        <pb n="53" />
        In  Amerika.  51

ihm  wurden  sieben  Unterausschüsse  gewählt:  ein  allgemeiner
Festausschuß,  ein  Programmausschuß,  ein  Kassenausschuß,
ein  Werbeausschuß,  ein  Festordnerausschuß,  ein  Empfangsausschuß
  und  endlich  ein  Musikausschuß,  der  für  Orchester,
Sänger  und  Sängerinnen  zu  sorgen  hatte.  Die  Presse  wurde
sechs  bis  sieben  Wochen  lang  in  amerikanischer  Weise  bearbeitet,
  um  die  allgemeine  Aufmerksamkeit  auf  den  bevorstehenden
  Abend  zu  lenken.

Endlich  kam  ich  nach  Cincinnati,  dieser  bedeutendsten
Fabrik=  und  Handelsstadt  des  mittleren  Westens.  Wie  es
im  125.  Psalm  von  Jerusalem  heißt,  so  kann  man  auch
von  dieser  Stadt  sagen:  „Um  Cincinnati  her  sind  Berge“.
Ein  prächtiger,  weiter  Kranz  von  Bergen  umgibt  die  Stadt,
die  in  einem  tiefen  Kessel  am  Ohio  liegt.  Es  ist  gewiß
landschaftlich  die  schönste  Stadt  an  diesem  Flusse,  den  schon
die  Indianer  „Ohio“,  den  schönen  Strom,  genannt  haben.
Unter  den  Einwohnern  ist  mehr  als  ein  Drittel  deutsch,
und  ein  großer  Teil  der  englisch  sprechenden  Bevölkerung
ist  wenigstens  deutschen  Ursprungs.  Die  Schilder  über  den
Kaufläden  tragen  meistens  gut  deutsche  Namen.  Den  Stadtteil
  jenseits  des  Miumikanals  nennt  man  allgemein  „Uber
dem  Rhein“  oder  kurzweg  „Deutschland“,  weil  hier  meistens
Deutsche  wohnen.  Wenigstens  war  es  damals  so.  Ob  der
Weltkrieg  mit  seiner  Hetze  gegen  alles  Deutsche  das  geändert
  hat,  weiß  ich  nicht.

Als  ich  am  23.  Februar,  zwei  Tage  vor  der  beabsichtigten
Versammlung,  in  Cincinnati  eintraf,  wurde  ich  am  folgenden
Morgen  von  Oberrichter  Lüders  im  Stadthause  empfangen,
worauf  er  mir  unter  Zuziehung  mehrerer  hervorragender  Per-
        <pb n="54" />
        52  Unser  Kalser.

sönlichkeiten  ein  festliches  Frühstück  gab.  Das  war  den
Vertretern  der  Presse  vorher  mitgeteilt  worden.  Als  ich
daher  nach  Bewältigung  der  lukullischen  Genüsse  in  den  Vorsaal
  hinaustrat,  stand  ich  zu  meiner  Uberraschung  einer
ganzen  Kette  von  Zeitungs-Berichterstattern  gegenüber,  die
mich  alle  sprechen  wollten.  Ich  begriff  gar  nicht,  was  sie
wollten  und  war  schon  im  Begriff  weiterzugehen.  Aber
da  nahm  mich  einer  der  Beamten  auf  die  Seite  und  sagte
mir:  „Das  wäre  das  Verkehrteste,  was  Sie  tun  bkönnten!“
„Aber  ich  habe  den  Herren  ja  gar  nichts  zu  sagen!  „Ist
auch  gar  nicht  nötig“,  erwiderte  er.  „Sie  haben  gar  nichts
weiter  zu  tun,  als  die  ganze  Reihe  entlang  zu  gehen,  jedem
die  Hand  zu  geben,  liebenswürdig  dabei  zu  lächeln,  und  ihm
zu  sagen,  How  de  you  de“  (Wie  geht's  Ihnen)?  Und
wenn  er  dann  fragt,  H  do  you  like  Amerikka  (Wie
gefällt  es  Ihnen  in  Amerika2),  dann  antworten  Sie  nur
immer:  Woncderkul,  wonderkul  (wundervoll)!  Alles  andere
weiß  der  Mann  schon  längst  durch  unsere  vorbereitende
  Preßarbeit.  Und  Sie  sollen  sehen,  aus  den  paar
Worten  macht  Ihnen  der  Herr,  wenn  Sie  ihm  nur  nett
entgegentreten,  den  schönsten  Artikel  von  der  Welt,  den  Sie
morgen  früh  in  der  geitung  lesen  können.  Er  wird  seinen
Lesern  von  einer  hochinteressanten  Begegnung  mit  Ihnen,  dem
Freunde  des  Deutschen  Kaisers,  berichten,  und  Sie  haben
morgen  abend  ein  brechend  volles  Haus“.  So  durchschlagenden
  Gründen  konnte  ich  natürlich  nicht  widerstehen.  Ich
drückte  also  die  Hände,  ich  lächelte  liebenswürdig,  ich  sagte
Wonderful  wonderful',  und  am  nächsten  Morgen  standen
die  reizendsten  Artikel  in  der  Zeitung.
        <pb n="55" />
        In  Amerifka.  53

Am  Abend  des  25.  Februar  betrat  ich  die  Emery  Hall,
die  größte  Halle  von  Cincinnati,  welche  Oberrichter  Lüders
gemietet  hatte.  Der  prächtige  Raum,  der  sonst  für  Schauspiele
  und  Musikaufführungen  gebraucht  wird,  ist  wie  alle
Theater  gebaut,  also  mit  großem  Parkett  und  ringsum  übereinander
  stehenden  Zuschauerreihen  und  Lauben.  Das  Haus
war  strahlend  erleuchtet  und  mit  einigen  tausend  Zuhörern
bis  zum  letzten  Platz  gefüllt.  Vom  Parkett  bis  hinauf  in
die  Galerien  sah  ich  lauter  deutsche  Gesichter.

Ich  habe  meinen  Kaiser  schon  immer  geliebt  und  verehrt,
und  wes  das  Herz  voll  ist,  des  geht  der  Mund  über.  Aber
hier,  angesichts  dieser  gewaltigen  Versammlung  im  fernen
Weltteil,  die  nichts  lieber  wollte,  als  recht  viel  vom  Kaiser
hören,  ging  mir  das  Herz  erst  recht  auf.  Ich  erzählte  vom
Kaiser  und  immer  wieder  vom  Kaiser,  von  seinem  edeln,
reinen  Charakter,  seiner  Liebe  zu  seinem  Volk,  seiner  Pflege
alles  dessen,  was  deutsch  und  gut  und  fromm  ist,  von  der
früher  nie  gekannten  Machtstellung  und  wirtschaftlichen  Blüte,
zu  der  er  Deutschland  geführt,  von  seiner  Friedensliebe,  die
kein  höheres  Ziel  kenne,  als  den  Weltfrieden  zu  erhalten,
von  der  Kaiserin,  dieser  herrlichen,  echt  deutschen  Frau,  die
an  seiner  Seite  walte.  Ich  schloß  mit  der  Kaiserreise  nach
Palästina  und  der  Schilderung  jenes  Gottesdienstes  in  der
Erlöserkirche  in  Jerusalem,  wo  die  aus  vier  Weltteilen  zusammengekommene
  Gemeinde  in  den  verschiedensten  Sprachen
das  Ein  feste  Burg  sang  und  der  Kaiser  durch  seine  wundervolle
  Ansprache  vom  Altar  das  Fest  auf  die  Höhe  geführt
habe.  Während  der  Rede  wurde  ich  immer  wieder  von  brausendem
  Beifall  unterbrochen,  der  nicht  mir,  sondern  dem
        <pb n="56" />
        54  Unser  Kaiser.

Kaiser  galt.  Und  als  ich  geendet  hatte,  kam  der  Oberrichter
zu  mir  auf  die  Bühne  und  rief  in  die  Versammlung  hinein:
„Wir  haben  heute  abend  die  große  Freude  gehabt,  von
unserem  Kaiser  Wilhelm  zu  hören  und  aus  dem  Munde  eines
Mannes,  der  ihn  persönlich  kennt.  Das  war  für  uns  alle
eine  große  Stunde.  Wir  können  auf  das  Gehörte  keine
bessere  Antwort  geben  als  die,  daß  wir  wie  jene  Versammlung
  am  Reformationsfest  in  der  Kirche  in  Jerusalem  alle
mit  einander  das  Glaubenslied  der  Reformation  anstimmen.“

Die  ganze  Versammlung  stand  wie  ein  Mann  auf.  Das
Orchester  spielte  die  Melodie,  und  unter  Begleitung  der  Blasund
  Streichinstrumente  erscholl  tausendstimmig  durch  das
mächtige  Haus  das  Trutz=  und  Schutzlied  Luthers:  „Ein
feste  Burg  ist  unser  Gott!“  Es  wurde  mit  solcher  Begeisterung
  gesungen,  daß  dem  Deutschen  Kaiser  in  Berlin
an  jenem  Abend,  wo  im  fernen  Amerika  mehrere  tausend
Amerikaner  mit  solcher  Liebe  und  mit  so  freudigem  Stolze
seiner  gedachten,  die  Ohren  hätten  klingen  müssen.

Wie  schon  am  Anfang  herrliche  Gesänge  eines  Sängerchors
  den  Abend  eingeleitet  hatten,  so  folgten  jetzt  verschiedene
Musikvorträge  des  Orchesters  und  einer  Sängerin.  Dann
betrat  der  Oberrichter  noch  eimmal  mit  mir  die  Bühne  und
überreichte  mir  im  Angesichte  der  ganzen  Versammlung  einen
Scheck  von  1270  Dollars  oder  5330  Mark  für  den  Wiederaufbau
  des  Syrischen  Waisenhauses  in  Jerusalem.

Und  alos  ich  dann  wieder  drunten  im  Saale  stand,  da
kam  nach  amerikanischer  Sitte  das  „shake  hands“,  das
Händeschütteln.  Eine  schier  nicht  endende  Menge  von  Menschen
kam,  um  mir  die  Hand  zu  geben  und  zu  danken,  daß  ich
        <pb n="57" />
        In  Amerika.  55

ihnen  vom  Kaiser  erzählt  hatte.  Auch  eine  Gruppe  ehemaliger
  deutscher  Soldaten,  die  jetzt  in  guter  Stellung  in
Cincinnati  lebten,  trat  an  mich  heran.  Mit  leuchtenden
Augen  grüßten  sie  mich,  und  einer,  ein  wahrer  Hüne,  der
bei  der  Garde  gedient  hatte,  schlug  mit  der  Faust  auf
die  Brust  und  sagte  stolz:  „Und  das  war  mein  Keiser,

dem  ich  drei  Jahre  gedient  habe!  Den  macht  uns  doch  die
ganze  Welt  nicht  nach.“

Nur  von  einem  anderen  kleinen  Erlebnis  will  ich  zum
Schluß  noch  erzählen  —  vielleicht  hat  jetzt  in  der  kaiserlosen,
  der  schrecklichen  Zeit  für  manchen  Leser  das  Urteil
Interesse,  das  damals  ein  Vollblut-Amerikaner  über  den
Kaiser  gefällt  hat.  Es  war  in  einer  anderen  Stadt.  Ich

war  zum  Abendessen  eingeladen.  Mein  Tischnachbar  begann
die  Unterhaltung,  indem  er  mir  sagte:

„Ich  bin  in  Deutschland  gewesen,  und  ich  sage  Ihnen,
das  deutsche  Volk  ist  das  dümmste  Volk  in  der  ganzen
Welt.“

„Und  das  amerikanische“,  erwiderte  ich,  „anscheinend  das
höflichste“.

„Ich  will  Ihnen  gar  nicht  zu  nahe  treten“,  fuhr  er  lebhaft
  fort.  „Aber  warten  Sie  nur,  ich  will  es  Ihnen  beweisen!
  Es  gibt  in  der  ganzen  Welt  kein  so  gut  regiertes
Land  wie  Deutschland,  aber  bein  Volk  der  Welt  ist  zugleich
so  ewig  unzufrieden.  Kein  Land  hat  so  unparteiische  Gerichte,
  während  bei  uns  der  reichste  Prozefsführer  selbstverständlich
  immer  gewinnt,  wenn  er  auch  ein  Räuber  und
Mörder  ist,  und  nirgends  wird  soviel  über  das  Gericht
        <pb n="58" />
        56  Unser  Kalser.

räsonniert  wie  bei  Ihnen.  Kein  Land  der  Welt  hat  eine
solche  Armee  wie  Deutschland,  und  wie  wird  in  jedem  Reichstage
  über  sie  hergezogen!  Kein  Land  der  Welt  hat  einen
solchen  Kaiser  wie  Sie,  mit  steigender  Achtung  und  Bewunderung
  sieht  die  ganze  Welt  auf  ihn,  und  wie  kleinlich
wird  er  im  eigenen  Lande  bekrittelt,  wenn  er  eine  seiner  Reden
gehalten  hat,  die  doch  meistens  einfach  famos  sind.  Wenn
Ihr  Kaiser  einmal  gestorben  ist,  dann  werden  wahrscheinlich

dem  Lande  die  Augen  darüber  aufgehen,  was  es  an  ihm
gehabt  hat,  aber  natürlich  zu  spät!“

Der  Untergang  des  Kaisertums.

Rußland  hatte  durch  seinen  Krieg  mit  der  Türkei  im
Jahre  1877  Konstantinopel,  und  damit  einen  der  besten
Häfen  der  Welt  in  seine  Gewalt  bekommen.  Es  brauchte
notwendig  einen  eisfreien  Hafen  für  sein  einen  so  großen
Teil  der  Erdoberfläche  umfassendes  Reich.  Das  eifersüchtige
England  aber,  das  sich  für  allein  berechtigt  hielt,  fremde
Länder  zu  rauben,  drohte  mit  Krieg,  falls  Rußland  Konstantinopel
  nicht  an  die  schwache  Türkei  zurückgäbe.  Um
das  Unglück  eines  Weltkrieges  zu  verhüten,  berief  Bismarck
im  Jahre  1878  den  Berliner  Kongreß,  in  dem  Rußland
seine  schon  sicher  geglaubte  Beute  wieder  herausgeben  mußte.
Das  konnte  Rußland  Deutschland  nie  vergessen.  Es  gab  die
hundertjährige  Freundschaft  mit  Preußen  auf,  stand  von
da  an  grollend  abseits  und  schloß  schließlich  mit  Frankreich,
dem  Erbfeinde  Deutschlands,  ein  Bündnis,  um  sein  Ziel  auf
anderem  Wege  zu  erreichen.
        <pb n="59" />
        Der  Untergang  des  Kaisertums.  57

England  hingegen,  dem  zuliebe  jener  Kongreßbeschluß
durchgesetzt  war,  sah  mit  wachsendem  Neid,  daß  Deutschland
auf  dem  Weltmarkt  eine  immer  machtvollere  Entwicklung
nahm.  Zwar  Kaiser  Wilhelm  II  tat  das  Menschenmögliche,
um  unter  Wahrung  der  Handlungsfreiheit  Deutschlands  gute
Beziehungen  mit  dieser  Macht  aufrechtzuerhalten,  und  wurde
deshalb  in  Deutschland  nicht  selten  der  Liebedienerei  gegen
England  bezichtigt.  Aber  in  demselben  Maße,  als  der  gefährliche
  deutsche  Mitbewerber  durch  Fleiß  und  Tüchtigkeit
England  auf  dem  Weltmarkte  zu  überflügeln  drohte  und
deshalb  das  höchste  Interesse  an  der  Erhaltung  des  Weltfriedens
  hatte,  reifte  in  England  der  Plan,  Deutschland  bei
gegebener  Gelegenheit  zu  vernichten,  wie  es  das  schon  wiederholt
  bei  früheren  Nebenbuhlern  getan  hatte.  Das  „Ceterum
Censeo,  Germaniam  esse  delendam“  einer  der  angesehensten
Londoner  Zeitungen  war  die  Meinung  von  ganz  England.
Es  wartete  nur  auf  seine  Stunde.

Eduard  VII,  „der  Erzintrigant  und  Unglücksstifter  von
Europa“,  wie  ihn  der  ermordete  russische  Kaiser  in  einem
Briefe  an  Wilhelm  II  genannt  hat,  fädelte  den  dunkeln
Handel  von  langer  Hand  ein.  Der  Bund  der  drei  feindlichen
  Mächte  gegen  Deutschland  wurde  lange  vor  dem  Kriege
beschlossen.  Frankreich  wollte  zum  zweitenmal  das  urdeutsche
Elsaß  rauben,  Rußland  wollte  Konstantinopel  wiederhaben,
England  wollte  den  deutschen  Gewerbefleiß  und  Handel
vom  Weltmarkte  wegfegen.  Die  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  waren,  wie  der  amerikanische  Präsident  Wilson
selbst  zugegeben  hat,  schon  lange  stille  Teilhaber  an  diesem
Handel,  bei  dem  sie  das  riesenhafteste  Geschäft,  das  die
        <pb n="60" />
        58  Unser  Katser.

Welt  je  gesehen  hat,  machen  konnten  und  auch  wirklich
gemacht  haben.  Alles  war  vorbereitet,  man  konnte  den
günstigen  Augenblick  kaum  mehr  erwarten.

Nur  Deutschland  war  schwer  zum  Kriege  zu  bewegen.
Hier  herrschte  ja  Kaiser  Wilhelm  II,  dessen  Friedensliebe
die  ganze  Welt  kannte.  Auch  war  Deutschland  das  einzige
Land,  das  von  einem  Kriege  keinerlei  Vorteil  zu  erwarten
hatte.  Der  namhafte  englische  Jurist  und  Schriftsteller
  S.  Ewart  schreibt  in  seinem  weiter  unten  zu  erwähnenden
  Buche:  „Die  lange  Friedensperiode  seit  1871,
davon  volle  25  Jahre  unter  der  Regierung  Wilhelm  II,  hatte
Deutschland  in  einem  unerhörten  Aufschwung  zum  Nang
einer  Großmacht  verholfen.  Seine  glänzende  wirtschaftliche
Lage  konnte  durch  einen  Krieg  niemals  irgendwie  gewinnen.
Ob  es  den  Krieg  verlor  oder  gewann,  für  Deutschland  bedeutete
  er  ein  Martyrium,  und  das  wußten  seine  Lenker.
Deutschland  trug  auch  im  Gegensatz  zu  anderen  Kontinentalmächten
  kein  Verlangen  nach  einer  Gebietserweiterung.  Gewiß
  wollte  es  Osterreich-Ungarn  in  seinem  Bestande  gesichert
seben  und  war  bestrebt,  russische  Angrifföpläne  zurückzuweisen.
  Aber  das  war  auch  alles.  Daß  Deutschland  nach
einer  Weltherrschaft  strebte,  ist  eine  höchst  lächerliche  Behauptung.
  Daß  es  in  Fragen  der  Weltpolitik  entscheidend
mitzusprechen  verlangte,  ist  genau  so  wahr  wie  dies  das
Vereinigte  (englische)  Königreich  während  der  letzten  hundert
Jahre  getan  hat.“

Aus  scheinbar  geringfügigem  Anlaß  kam  es  im  Jahre
1914  zum  Kriege.  NRußland  machte  seine  gesamte  mit
französischem  Gelde  ausgerüstete  Kriegsmacht,  die  schon  seit
        <pb n="61" />
        Der  Untergang  des  Katsertums.  59

Jahresfrist  in  aller  Stille  gegen  die  deutsche  Grenze  vorgeschoben
  war,  mobil  und  ließ  seine  Riesenheere  gegen
Deutschland  marschieren.  Es  wäre  sträflich  gewesen,  wenn
Deutschland  nicht,  um  sich  zu  wehren,  denselben  Schritt  getan
  hätte.  England,  dem  Deutschland  nie  etwas  zuleidegetan
  hatte,  schloß  sich  mit  fadenscheiniger  Begründung  sofort
den  Feinden  an.  Kaiser  Wilhelm  war  der  einzige  Monarch,
der  bis  zur  letzten  Minute  die  äußersten  Anstrengungen  machte,
den  Kriegsausbruch  zu  verhindern.  Es  waren  die  schwersten
Stunden  seines  Lebens,  als  er  sehen  mußte,  daß  alle  seine
Bemühungen  vergebens  waren.  Er  war  wie  Daniel  in  der
Löwengrube  zwischen  entsehlossenen  Raubtieren.

Eine  Macht  gab  es  freilich,  die  den  Krieg  mit  einem
einfachen  Wink  hätte  verhindern  können:  England.  Wenn
in  unseren  Großstädten  an  einer  Straßenkreuzung  zehn  oder
zwanzig  Kraftwagen  gegen  einander  rasen,  und  der  an  der
Kreuzung  stehende  Schutzmann  hebt  die  Hand,  so  stehen
alle  plötzlich  still.  Dieser  Schutzmann  war  damals  England.
Nie  wäre  der  Weltkrieg  ausgebrochen,  nie  hätten  Frankreich
und  Nußland  losgeschlagen,  wenn  England  nicht  gewollt
hätte.  Aber  es  hob  die  Hand  nicht,  sondern  ließ  den  Dingen
den  längst  gewünschten  Lauf,  in  der  törichten  Meinung,  damit
Englands  Geschäft  mächtig  zu  fördern.  „Wir  sind  überfallen,
und  wir  wehren  unsg“,  sagte  mit  Recht  der  Kaiser.

Selbst  im  feindlichen  Auslande  erheben  sich  immer  bedeutsamere
  Stimmen,  die  nach  langer  Verdunklung  durch  die
Weltlüge  endlich  der  Wahrheit  die  Ehre  geben.  Großes  Aufsehen
  erregte  im  Jahre  1926  ein  öffentlicher  Vortrag  des
amerikanischen  Geschichtsprofessors  Barnes,  der  in  einer  der
        <pb n="62" />
        60  Unser  Kailser.

größten  Hallen  von  Atlantic  City  sagte  und  dann  auch  in
Vorträgen  in  Halle  und  München  wiederholte:  „Frankreich
  wollte  das  Elsaß,  Rußland  die  Dardanellen.  Frankreich
und  Rußland  sind  allein  schuldig  am  Kriege.  Frankreich
verausgabte  ungezählte  Summen  für  die  antideutsche  Propaganda
  im  In=  und  Auslande.  Deutsche  Kriegsgreuel  wurden
erfunden  und  mit  den  raffiniertesten  Mitteln  bildlich  dargestellt.
  Wachsfiguren  wurden  hergestellt  mit  abgehackten
Händen,  die  als  Vorbilder  für  die  französischen  Greuelbilder
dienten.  Deutschland  ist  das  Opfer  einer  riesigen
  Verschwörung.“  Von  der  gewaltigen  Mitschuld
Englands  schweigt  der  Angelsachse  noch.  Aber  die  Wahrheit
beginnt  auch  im  Ausland  langsam  durch  die  Nebelschwaden
der  Lüge  durchzuscheinen.

So  begann  der  Weltbrieg  als  ein  riesiges  Geschäftsunternehmen
  der  drei  Mächte,  das  den  Franzosen  Elsaß-Lothringen,
den  Russen  Konstantinopel  und  den  Balkan,  den  Engländern
die  Alleinherrschaft  auf  dem  Weltmarkt  und  außerdem  einen
ungeheuern  Länderzuwachs  bringen  sollte.  Der  Weltkrieg
kam  mit  der  unaufhaltsamen  Gewalt  einer  Sturmflut,  die
keines  Menschen  Hand  aufhalten  konnte.  Selbst  wenn  wir
hundert  Bisomarcke  gehabt  hätten,  sie  hätten  sie  nicht  mehr
zurückddämmen  können.  Und  gerade  dem  Kaiser,  dem  „friedliebendsten
  aller  Fürsten“,  wie  ihn  der  Kronprinz  in  seinem
Buche  nennt,  schob  die  feindliche  Kriegolüge,  die  die  ganze
Welt  im  Banne  hielt,  die  Schuld  am  Auobruch  des  Krieges  in
die  Schuhe.  Unter  einander  machten  diese  Mächte  kein  Hehl
daraus,  daß  sie  allein  den  Krieg  herbeigeführt  hätten.  Der
Leiter  der  russischen  Politik,  Ssasonow,  schrieb  in  einem
        <pb n="63" />
        Der  Untergang  des  Kalsertums.  61

später  veröffentlichten  Schreiben  an  seinen  französischen  Verbündeten:
  „Die  Friedensliebe  des  Deutschen  Kaisers  bürgt
uns  dafür,  daß  wir  den  Zeitpunkt  für  den  Krieg  selbst  bestimmen
  können.“

Das  waren  die  Ursachen  des  Weltkrieges.  Wer  ihn  auf
andere  Ursachen  zurückführt,  auf  Deutschlands  Eroberungslust
  oder  gar  einige  zugespitzte  Reden  des  Kaisers,  beweist
nur,  daß  er  vom  Zusammenhang  der  Dinge  keine  Ahnung  hat.

Der  Krieg  begann.  Deutschland,  nicht  wie  seine  Gegner
durch  unangreifbare  oder  schwer  angreifbare  Grenzen  geschützt,
  sondern  auf  allen  vier  Seiten  dem  Angriff  bloß,  auch
in  seiner  Arglosigkeit  nicht  besonders  vorbereitet,  führte  den
Kampf  zu  Land  und  zu  Wasser  in  allen  fünf  Weltteilen.
Durch  die  englischen  Lügen,  die  den  Nachrichtendienst  der
Welt  beherrschten,  wurden  fast  sämtliche  Mächte,  die  diesen
Namen  verdienen,  in  den  Feindbund  hineingezogen  oder  mit
Gewalt  hineingezwungen.  Diesem  Weltbunde  stand  Deutschland
  mit  ein  paar  schwachen  Bundesgenossen  gegenüber.  Das
deutsche  Volk,  in  der  klaren  Erbenntnis,  daß  es  ein  Kamrf
auf  Leben  und  Tod  sei,  und  daß  die  Politik  seines  ebensofriedlichen
  wie  weitschauenden  Kaisers  an  diesem  frevelhaft
heraufbeschworenen  Unglück  unschuldig  sei,  stellte  sich  wie
ein  Mann  hinter  seinen  Kaiser.  Selbst  die  Führer  der
Sozialdemokratie  im  Reichstag,  die  es  nicht  wagten,  eine
andere  Stellung  einzunehmen  als  das  einmütige  Volk,  versprachen
  dem  Kaiser  am  4.  August  1914  mit  feierlichem
Handschlag,  daß  sie  „fest  entschlossen  seien,  ohne  Parteiunterschiede,
  ohne  Standes=  und  Konfessionsunterschiede  mit  ihm  zusammenzuhalten
  durch  dick  und  dünn,  durch  Not  und  Tod“.
        <pb n="64" />
        62  Unser  Kaiser.

Dieser  Haltung  des  Volkes  entsprach  die  wundervolle
Haltung  des  Kriegsheeres.  Uber  vier  Jahre  hat  es  dem
Ansturm  fast  der  ganzen  Welt  siegreich  standgehalten.  Dieses
kleine  Deutschland,  bleiner  als  einzelne  der  44  Staaten  der
Vereinigten  Staaten,  hat  Heldentaten  vollbracht,  von  denen
man  noch  nach  tausend  Jahren  wie  von  einem  Heldenlied
der  Menschheit  reden  wird.  Alle  Kriegomächte  der  Welt
standen  zusammen  und  wurden  doch  mit  dem  erschöpften
und  ausgehungerten  Deutschland  nicht  fertig.

Da  kam  das  Verhängnis  aus  dem  eigenen  Lager.  Die
Sozialdemokratie,  die  dem  Kaiser  am  Anfang  feierlich  Treue
geschworen  hatte,  hielt  ihre  Zeit  für  gekommen.  Sie  glaubte
ihre  Parteiziele  durch  eine  deutsche  Niederlage  zu  erreichen
und  begann  auf  zahllosen  Wegen  die  Treue  des  Heeres  hochverräterisch
  zu  untergraben  und  zur  Revolution  gegen  den
Kaiser  zu  hetzen.  Das  war,  wie  es  selbst  ein  Feind  Deutschlands,
  der  englische  General  Maurice,  zutreffend  genannt  hat,
„der  Dolchstoß  von  hinten“,  der  das  durch  die  Hungerblockade
furchtbar  geschwächte  Deutschland  schließlich  dazu  brachte,
die  unbesiegten  Waffen  niederzulegen.

*  k

Während  das  Heer  unvergleichliche  Heldentaten  vollbrachte,
waren  die  Dinge  in  der  von  ihren  besten  Männern  entblößten
  Heimat  immer  trostloser  geworden.  Die  Macht
glitt  immer  mehr  in  die  Hände  der  Mehrheitsparteien  des
Reichstages,  die  mehr  auf  ihre  Parteizwecke  als  auf  die
Rettung  des  Vaterlandes  bedacht,  aber  auch  von  dem  dummen
Glauben  an  Wilson  benebelt  waren,  der  Deutschland  gerechte
        <pb n="65" />
        Der  Untergang  des  Kalsertums.  63

und  günstige  Friedensbedingungen  versprach,  wenn  es  nur
vorher  die  Hohenzollern  verjagte.  Der  schlaue  Yankee  wußte,
das  Deutschland  erst  dann  ein  Spielball  der  Mächte  sein
würde,  wenn  es  keinen  Kaiser  mehr  hätte.  Nun  wurde
das  Heer  draußen  an  der  Front  und  noch  mehr  in  der  Etappe
von  der  Sozialdemokratie  immer  schlimmer  verhetzt.  Leider
fehlte  Deutschland  neben  der  unvergleichlichen  Heeresleitung
unter  Hindenburg  und  Ludendorff  in  der  Heimat  ein  Mann
von  Eisen  wie  Clemenceau,  der  in  Frankreich  alle  Flaumacher,
  auch  die  Abgeordneten,  einfach  bis  zum  Friedensschluß
  hinter  Schloß  und  Riegel  setzte.  Die  sozialdemokratischen
  Reichstagsabgeordneten  haben  durch  ihre  Verhetzung
des  Heers  schon  im  März  1918  den  kriegentscheidenden
Vorstoß  auf  Amiens  1100  Meter  vor  dem  Ziel  zum  Stehen
gebracht.  Sie  waren  daran  schuld,  daß  treue  Divisionen,
die  tapfer  in  den  Kampf  gingen,  von  den  anderen  als  Streikbrecher
  verhöhnt  wurden.  Sie  haben  das  Gift  der  Meuterei
heimlich  in  die  Marine  getragen  und  Deutschland  damit  die
letzte  Verteidigungswaffe  aus  der  Hand  geschlagen.

Im  Bunde  mit  dem  gentrum  und  den  Demokraten  führten
die  Sozialdemokraten  ihren  zielbewußten  Kampf  gegen  das
kaiserliche  Regiment,  um  Deutschland  der  elendesten  und  unredlichsten
  aller  Regierungsformen,  dem  Parlamentarismus,
auszuliefern,  unter  dem  die  Parteien  ihre  Geschäfte  ungehemmt
  und  ungestraft  betreiben  können.  Im  Oktober
1918  wurde  dem  Kaiser  ein  Recht  nach  dem  anderen  abgepreßt.
  Selbst  die  oberste  Heeresleitung  fand  sich  mit  dem
in  unserer  Lage,  mitten  im  Kriege,  geradezu  wahnsinnigen  und
selbstmörderischen  Reichstagsbeschluß  ab,  daß  dem  Kaiser,
        <pb n="66" />
        64  Unser  Katser.

dem  obersten  Kriegsherrn,  die  Kommandogewalt  entrissen
und  dem  vielköpfigen  Reichstag  übertragen  wurde,  von  dessen
Mitgliedern  kein  einziger  eine  persönliche  Verantwortung  auf
Leben  und  Tod  hatte.  Unglücklicherweise  gelang  es  auch,  den
genialen  Ludendorff  von  seinem  Platze  zu  verdrängen  und  als
heillosen  Ersatz  den  dem  Reichstag  gefügigen  General  Gröner
an  seine  Stelle  zu  setzen.

So  konnte  es  geschehen,  daß  einige  Wochen  später  dem
Kaiser  aus  seinem  eigenen  Volke  heraus  von  dem  schwachen
und  unfähigen  Reichskanzler  Prinz  Marx  von  Baden  und
seiner  Reichsregierung  die  Zumutung  gestellt  wurde,  abzudanken!
  Es  war  dasselbe  ungeheuerliche  Verlangen,  das
die  feindlichen  Mächte  Tag  für  Tag  stellten.  Es  wurde  dem
Kaiser  in  allen  Tonarten  vergestellt,  nur  so  könne  der  allgemeine
  Bürgerkrieg  in  Deutschland  vermieden  werden.  Dabei
wurde  ihm,  um  ihn  willig  zu  machen,  in  amtlichen  Meldungen
aus  Berlin  vorgelogen,  ganz  Berlin  flösse  in  Blut  —  wovon
bekanntlich  von  denen,  die  in  Berlin  wohnten,  bein  Mensch
etwas  gesehen  hat.

Der  Kaiser  wies  diese  Zumutungen  mit  Entrüstung  zurück.
Er  war  entschlossen,  mit  seinem  Heer  oder  einem  Teil  desselben
nach  Deutschland  zurückzukehren,  um  sein  Kaiser=  und  Königsrecht
  zu  behaupten.  Zwar  einen  Bürgerbrieg  zu  entfesseln,
lag  ihm  nach  seiner  ganzen  edeln  Gesinnung  fern.  Aber
er  hatte  das  gute,  und  sicher  berechtigte  Vertrauen  zu  seinem
deutschen  Volk,  daß  es  zu  seinem  Kaiser  stehen  würde.

Um  die  Stimmung  des  Heeres  festzustellen,  rief  die  jetzt
wesentlich  von  Gröner  beeinflußte  Oberste  Heeresleitung  in
einer  eiskalten  Winternacht  von  allen  Kampfesdivisionen
        <pb n="67" />
        Der  Untergang  des  Katsertums.  65

einzelne  Offiziere,  aber  seltsamerweise  mit  Umgehung  aller
böchsten  Armeekommandanten,  schleunigst  ins  Hauptquartier
zusammen.  Ihnen  wurde,  matt  und  durchfroren,  wie  sie
nach  einer  Nachtfahrt  von  vielen  hundert  Kilometern  waren,
die  Lage  in  den  düstersten  Farben  dargestellt  und  die  Frage
an  sie  gerichtet,  ob  das  Heer  bereit  sein  würde,  auch  gegen
die  Heimat  zu  kämpfen.  Auf  die  viel  zu  hoffnungslose  Darstellung
  antworteten  fast  alle  mit  Nein.

Von  den  großen  Heerführern  war  nur  Graf  Schulenburg,
der  Chef  des  Generalstabs  des  Kronprinzen,  miterschienen.
Er  war  der  einzige,  der  den  Kopf  oben  behielt.  In  einem
Gespräch  mit  den  amvesenden  Generalen  hörte  ihn  der  Kronprinz
  zu  ihnen  sagen:  „Ihr  seid  hier  wohl  alle  verrückt?
Die  Armee  hält  fest  zum  Kaiser!“

Beratungen  mit  dem  Kaiser  folgten,  in  denen  der  Staatssekretär
  des  Auswärtigen  Amts  von  Hintze,  der  Beauftragte
des  Reichskanzlers  Max  von  Baden,  die  Reichsregierung  vertrat.
  Von  einer  Seite  wurde  auf  den  Fahneneid  hingewiesen,
  den  das  Heer  dem  obersten  Kriegsherrn  geschworen
habe.  Darauf  gab  General  Gröner  in  Gegenwart  des
Kaisers  die  nichtswürdige  Antwort:  „Fahneneid?  Kriegöherr?
Das  sind  schließlich  Worte,  das  ist  am  Ende  eine  bloße
Idee!“  Erschütternd  ist,  was  der  Kronprinz  in  seinem  Buche
„Erinnerungen“  als  Augenzeuge  davon  erzählt.  „Als  Herr
von  Hintze  mit  seinem  Drängen  auf  Abdankung  zu  Ende
war,  nickte  der  (so  von  allen  Seiten  umdrängte)  Kaiser
kurz  —  suchte  dann  mit  seinen  Augen  den  Blick  des  Generalfeldmarschalls
  (Hindenburg),  als  müßte  er  da  Kraft  und

Hülfe  finden  in  seiner  Qual.  Aber  da  war  nichts.  Still,
5
        <pb n="68" />
        66  Unser  Kaiser.

tief  erschüttert  stand  der  große  alte  Mann  und  ließ  das  Schicksal
  seines  königlichen  Herrn,  dem  er  so  lange  treu  und  tapfer
als  Soldat  gedient  hatte,  sich  erfüllen.  Allein  war  der
Kaiser.  Nicht  einer  mehr  von  all  den  Männern  der
Obersten  Heeresleitung,  die  einst  von  Ludendorff  zu  einer
Einheit  fest  zusammengeschmolzen  waren,  trat  jetzt  zu  ihm
und  sprang  ihm  bei.  Jetzt  herrschte  General  Gröners  Wesen,
und  das  gab  den  Kaiser  mit  einem  Achselzucken  auf.  Der
Kaiser  war  entschlossen,  den  Weg  der  Pflicht  zu  gehen  und
auf  diesem  Wege  zu  kämpfen  und  auch  zu  fallen.  Aber
in  der  entscheidenden  Stunde,  als  Volk,  Heimatheer  und
Flotte  ihn  verließen,  versagte  sich  ihm  der  Mann,  der  für
ihn  wie  für  das  Volk  die  größte  Autorität  war,  und  dem
auch  er  sich  untergeordnet  hatte“.  Denn  der  Kaiser  hatte  ja
gar  nicht  mehr  die  oberste  Kommandogewalt.

So  hatte  der  große  Feldmarschall,  dem  wir  alle  sonst  un—
endlich  viel  zu  danken  haben,  in  dieser  entscheidungsvollsten
Stunde  des  Weltkrieges  mit  ihrer  furchtbaren  Verantwortung
auch  seine  schwache  Stunde.  Niemand  als  nur  der  eine  Graf
Schulenburg  trat  fest  und  ohne  Wanken  auf  die  Seite  des
Kaisers.  Der  Kronprinz  hat  recht:  „Allein  war  der  Kaiser“.
Leser,  lege  jetzt  das  Buch  hin,  schließ  einen  Augenblick  deine
Augen  zu  und  überlege  dir,  was  das  in  dieser  Lage  zu  bedeuten
  hatte:  allein  —  —  —  —

Mitten  in  diese  furchtbare  Lage  platzte  das  Telegramm  des
Reichskanzlers  Max  von  Baden,  das  durch  das  Wolfssche
Telegraphenbüro  der  ganzen  Welt  die  verlogene  Mitteilung
machte,  der  Kaiser  habe  abgedankt.  Durch  Funkspruch  ging
diese  Nachricht  hinaus  auch  zum  Frontheer,  das  noch  auf
        <pb n="69" />
        Der  Untergang  des  Kaisertums.  67

Tod  und  Leben  kämpfte.  Jeder  Soldat  in  den  weiten
Schützengräben  von  der  Nordsee  bis  zur  Schweizergrenze
wußte  es  jetzt  nicht  anders,  als  daß  der  Kaiser  sein  Heer
im  Stiche  gelassen  habe.  Mit  dieser  erlogenen  Nachricht
war  natürlich  der  Kampfesmut  des  Heeres  gebrochen.  Jeder
sagte  sich:  Wenn  der  Kaiser  geht,  wozu  sollen  wir  dann
noch  weiterkämpfen?  So  wurde  der  schwache  Mann,  dieser
Prinz  Mar  von  Baden,  dem  der  Kaiser  in  gutem  Zutrauen
sein  höchstes  Amt  gegeben,  zum  Totengräber  des  ruhmbedeckten
  deutschen  Heeres,  zum  Totengräber  des  deutschen
Kaisertums.  Diesen  Ruhm  wird  er  mit  ins  Grab  nehmen,
und  diesen  Ruhm  wird  er  vor  der  Weltgeschichte  behalten.
Auch  der  größte  Teil  des  deutschen  Volkes  mußte  die  Auffassung
  des  Heeres  teilen.  Denn  nur  wenige  Zeitungen
brachten  die  kurz  darauf  veröffentlichte  urkundliche  Darstellung
  „Ereignisse  im  Hauptquartier  am  9.  November
1918“,  unterschrieben  von  Hindenburg  und  anderen  hervorragenden
  Generalen,  die  uns  schon  damals  eines  Besseren
belehrten.  Jetzt  war  kein  Halten  mehr.  Die  Etappe,  schon
lange  das  Krebsgeschwür  am  deutschen  Heer,  verweigerte  den
Gehorsam,  löste  sich  auf  und  marschierte  auf  eigene  Faust
nachhause.

Auch  die  feste  Haltung,  die  der  Kaiser  immer  noch  einnahm,
  half  nichts  mehr.  Als  letzten  Ausweg  hatte  Hindenburg
  dem  Kaiser  empfohlen,  nach  Holland  zu  gehen,  freilich
nur  als  letzten  Ausweg,  der  nach  seiner  Ansicht  noch  nicht
nötig  war.  Aber  am  Nachmittag  waren  wieder  Hindenburg,
Staatssekretär  von  Hintze  und  sein  Legationssekretär  von
Grünau  zum  Vortrag  beim  Kaiser.  Hier  ist  der  Kaiser  von
        <pb n="70" />
        68  Unser  Kaiser.

den  beiden  Letztgenannten,  wie  der  Kronprinz  berichtet,  „aufs
schärfste  bedrängt  worden,  die  Abdankung  auszusprechen  und
die  Reise  nach  Holland  anzutreten“.  Aber  der  Kaiser  blieb
fest.  Er  erklärte  dem  treuen  General  Contard  ausdrücklich,
er  werde  „dem  Rate  der  Obersten  Heeresleitung,  die  Armee
zu  verlassen  und  außer  Landes  zu  gehen,  nicht  folgen.  Vielmehr
  wolle  er  bei  seinem  Heer  bis  zum  ußersten  verharren
und  sein  Leben  einsetzen.  Die  Zumutung,  die  Armee  zu  verlassen,
  sei  unerhört“.

Also  der  Kaiser  widerstand  bis  aufs  äußerste.  Er  wäre
tausendmal  lieber  vor  dem  Feinde  gefallen  wie  Hunderttausende
  seiner  Soldaten.  Aber  dazu  war  jetzt  keine  Gelegenheit
  mehr,  es  wäre  ein  sinnloses  Beginnen  gewesen.
Man  suchte  den  Kaiser  mürbe  zu  machen  mit  der  Vorstellung,
  er  dürfe  jetzt  nicht  an  sich  und  seine  Wünsche,  lieber
ehrenvoll  unterzugehen,  denken,  sondern  nur  an  das  deutsche
Volk,  dem  er  dadurch,  daß  er  sich  selbst  zum  Opfer  bringe,
den  blutigen  Bürgerkrieg  ersparen,  aber  auch  nach  Versicherung
  Wilsons  einen  besseren  Frieden  verschaffen  würde.

Da  kam  die  entscheidende  Nachtstunde.  Es  war  gegen
zehn  Uhr  in  der  Nacht.  Da  ließ  sich  im  kaiserlichen  Salonwagen,
  in  dem  der  Kaiser  übernachtete,  noch  einmal  Herr
von  Grünau,  der  Beauftragte  des  Herrn  von  Hintze,  also
des  Vertreters  des  Reichskanzlers,  ganz  überraschend  melden.
Er  legte  dem  Kaiser  „aufgrund  telefonischer  Anweisung  des
Staatssekretärs  von  Hintze  und  gleichzeitig  im  Auftrage
des  Generalfeldmarschalls“,  dringend  nahe,  die
Abreise  nach  Holland  nicht  mehr  zu  verschieben,  da  nur  schnelles,
  überraschendes  Handeln  Erfolg  verspreche;  meuternde
        <pb n="71" />
        Der  Untergang  des  Kaisertums.  69

Truppen  versperrten  den  Weg,  jedes  Zögern  müsse  verhäng—
nisvoll  werden.  Grünau  selbst  schreibt  in  seinen  schriftlichen
Aufzeichnungen:  „Staatssebretär  von  Hintze,  der  von  dem
Entschluß  des  Kaisers,  bei  der  Armee  zu  bleiben,  Nachricht
  erhalten  hatte,  rief  mich  telefonisch  an  und  bat  mich,
in  seinem  Namen  und  dem  des  Feldmarschalls,
der  mit  ihm  völlig  übereinstimme,  den  Kaiser  nochmals  zu
beschwören,  an  dem  Reiseplan  festzuhalten.  Man  könne
nicht  wissen,  wie  sich  die  Dinge  entwickelten,  und  dann  sei
es  unter  Umständen  zu  spät.  Auch  bönne  der  Kaiser  von
Holland  aus  eher  etwas  für  Ihre  Majestät  die  Kaiserin
tun  und  sie  vielleicht  dorthin  nachkommen  lassen.“  Jetzt
entschloß  sich  der  Kaiser  endlich,  nachzugeben.  Entscheidend
war  für  ihn,  daß  selbst  Hindenburg,  der  ihm  mehr  galt  als
alle  andern,  ihn  jetzt  „beschwören“  ließ,  um  des  deutschen
Volkes  willen  das  schwerste  Opfer  zu  bringen  und  außer
Landes  zu  gehen.

Und  wie  war  in  Wahrheit  die  Sache?  Nachher  stellte  sich
beraus,  daß  Hindenburg  dieser  „Beschwörung“  völlig  fernestand,
  daß  er  beine  Ahnung  davon  hatte,  was  hinter  seinem
Rücken  in  seinem  Auftrage  mit  dem  Kaiser  gemacht  wurdel!
Mit  Recht  schreibt  dazu  „Der  Aufrechte“:  „Mit  Entsetzen
wird  jeder  fragen:  Welche  dunkle  Macht  hat  hier  ihre  Hände
gegen  den  Kaiser  im  Spiel  gehabt?“

Der  Kaiser  schrieb  selbst  später  in  dem  bekannten  Briefwechsel
  an  Hindenburg  am  §.  April  1921:  „Sie  haben
während  der  dunkeln,  unseligen  Novembertage  1918  mir  zur
Seite  gestanden.  Wie  Sie  wissen,  habe  ich  mich  zu  dem
schweren,  furchtbaren  Entschluß,  außer  Landes  zu  gehen,
        <pb n="72" />
        70  Unser  Kalser.

nur  auf  Ihre  und  meiner  übrigen  berufenen  Ratgeber  drin—
gende  Vorstellung  durchgerungen,  daß  es  nur  allein  auf
diesem  Wege  möglich  sei,  unserem  Volke  günstigere  Waffenstillstandsbedingungen
  zu  verschaffen  und  ihm  einen  blutigen
Bürgerkrieg  zu  ersparen.  Das  Opfer  ist  umsonst  gewesen.
Nach  wie  vor  wollen  die  Feinde  für  die  angebliche  Schuld
des  „Kaiserlichen  Deutschlands“  das  deutsche  Volk  büßen
lassen.“

So  wurde  der  Kaiser  buchstäblich  vom  Throne  heruntergelogen.
  Er  war  verraten.  Verraten  freilich  nicht  vor
seinem  Volke,  denn  bei  einer  Volksabstimmung  hätte  sich
ohne  Zweifel  die  überwältigende  Mehrheit  des  deutschen
Volkes  auf  die  Seite  seines  Kaisers  gestellt.  Aber  was
fragen  Parlamentsparteien  nach  dem  Willen  des  Volkesl
Verraten  war  er  von  den  Mehrheitsparteien  des  Reichstages,
  der  Sozialdemokratie  im  Bunde  mit  dem  gentrum
und  den  Demokraten,  von  denselben  Männern,  die  am
4.  August  1014  ihm  feierlich  in  die  Hand  gelobt  hatten,
„daß  sie  fest  entschlossen  seien,  ohne  Parteiunterschiede,  ohne
Standes=  und  Konfessionsunterschiede  mit  ihm  zusammenzuhalten
  durch  dick  und  dünn,  durch  Not  und  Tod“.  Er
entschloß  sich  zur  Abdankung  als  Deutscher  Kaiser  —  keineswegs
  als  König  von  Preußen  —  und  fuhr  nach  dieser  dunkeln
Nachtgeschichte  am  nächsten  Morgen  um  =  Uhr  nach  Holland.

Hätte  er's  doch  nicht  getan!  so  sagen  wir  heute  alle.  Und
wenn  er  auch  bei  dem  Versuch,  sein  Kaiserreich  zu  behaupten,
gefallen  wäre  —  warum  nicht?  Millionen  seines  Volkes  sind
im  Kampfe  gefallen,  und  nach  seiner  eigenen  tapfern  Art
hätte  er  selbst  einen  ehrlichen  Soldatentod  bei  weitem  vor-
        <pb n="73" />
        Der  Untergang  des  Kaisertums.  71

gezogen.  Aber  ich  bin  wie  unzählige  andere  fest  überzeugt,
es  wäre  ihm  in  Deutschland  kein  Haar  gekrümmt  worden.
Millionen  von  Deutschen  hätten  sich  im  Unglück  hinter  ihn
gestellt.  Deutschland  hätte  unter  seinem  Hohenzollernkaiser
die  Flinte  nicht  ins  Korn  geworfen  und  hätte  dann  einen  ganz
anderen  Frieden  geschlossen  als  jene  niederträchtige  Vergewaltigung
  von  Versailles.

Wer  aber  nach  diesen  heute  vor  jedermann  offenliegenden
Tatsachen  noch  zu  sagen  wagt,  der  Kaiser  habe  sein  Volk
treulos  verlassen  oder  gar  die  Flucht  ergriffen,  der  kann
es  nur  gegen  besseres  Wissen  und  Gewissen  tun.  Treulosigkeit
  lag  allerdings  im  höchsten  Maße  vor,  aber  nicht
Treulosigkeit  aufseiten  des  Kaisers,  sondern  Treulosigkeit
aufseiten  der  Mehrheitsparteien  des  Reichstages  und  ihrer
eidbrüchigen  Führer,  die,  um  die  Macht  in  ihre  Hände  zu
bekommen,  dies  dunkelste  Kapitel  deutscher  Geschichte  auf
dem  Gewissen  haben.“)

Den  schmachvollen  Waffenstillstand  mußte  die  Oberste
Heeresleitung  unterschreiben,  nicht  weil  wir  wehrlos  waren,
sondern  weil  die  Reichstagsmehrheit  Verrat  am  Kaiser  übte
und  die  Sozialdemokratie  die  Regierungsgewalt  in  ihre  Hände

-——-*)

  Wer  eine  genauere  Darstellung  dieser  Borgänge  haben  will,  der
lese  die  Berlchte  zweier  Augenzeugen:  General  Eisenhart-Rothe,
Der  Kasser  am  0  November  1918,  Berlin-Wilmersdorf,  Nikolsburgerplatz
  4,  Untversitätsbuchhandlung,  Abt.  Anker,  ein  kleines,  aber  sehr
klares  und  zuverlässiges  Schriftchen,  sowie  das  bekannte  Buch  des
Kronprinzen  Erinnerungen"  Stuttgart  bei  Cottaj)  auch  die  bezüglichen
  Aufsätze  des  kleinen,  ausgezeschneten  Blattes  der  Königstreuen

„Der  Aufrechte“  von  Ernst  Pfeiffer,  Berlin  SW  61,  Möckernstr.  80,
besonders  vom  März  und  April  1926.
        <pb n="74" />
        72  Unser  Katser.

bekommen  wollte.  In  der  Stunde,  wo  alles  darauf  ankam,
daß  wir  in  unerschütterlicher  Einigkeit  zusammenstanden,  wo
zugestandenermaßen  auch  für  unsere  Feinde  Sieg  oder  Niederlage
  an  einem  Haar  hingen,  machte  sie  die  dümmste  und
einfältigste  Revolution,  die  die  Weltgeschichte  kennt,  jagte
den  Kaiser  fort,  machte  das  Heer  wehrlos,  legte  die  Waffen
nicht  nur  nieder,  sondern  lieferte  sie  sogar  dem  Feinde  aus,
ohne  vorher  zu  wissen,  was  dann  mit  uns  geschehen  sollte.
Etwas  Dümmeres  ist  dem  deutschen  Michel  in  seiner  ganzen
Vergangenheit  nicht  passiert.  Man  könnte  sagen,  und  mit
Recht:  Wer  so  dumm  ist,  verdient  es  gar  nicht  anders,  als
so  behandelt  zu  werden,  wie  es  uns  in  Versailles  widerfahren
  ist.  Das  Schlimme  ist  nur:  nicht  die  Schuldigen  an
diesem  Verrat  haben  die  Folgen  zu  tragen,  sondern  das  unglückliche
  deutsche  Volk,  mit  dem  damals  so  Schindluder
getrieben  worden  ist.

Mit  dem  Kaiser  gingen  sofort  auch  alle  deutschen  Fürsten.
In  der  Sebalduskirche  in  Nürnberg  steht  ein  berühmtes,
erzgegossenes  Heilandsbild,  getragen  von  den  ehernen  Standbildern
  der  zwölf  Apostel.  Wenn  man  durch  kKösen  einer
Schraube  das  Heilandsbild  wegnimmt,  stürzen  mit  einem
Schlage  alle  zwölf  Apostel  zur  Erde.  Nicht  anders  ging
es  damals.  Als  der  Kaiser  ging,  stürzten  in  wenigen
Stunden  sämtliche  deutsche  Fürstenhäuser,  die  so  viele  Jahrhunderte
  lang  die  Liebe  und  der  Stolz  des  deutschen  Volkes
und  seiner  Stämme  gewesen  sind.  Kampflos  und  ohne
Blutvergießen  vollzog  sich  die  Umwälzung  —  ein  Beweis,
wie  gründlich  sie  von  den  vorsichtig  Daheimgebliebenen  vorbereitet
  gewesen  ist,  während  die  deutschen  Männer  draußen
        <pb n="75" />
        Der  Untergang  des  Kaisertums.  73

vor  dem  Feinde  standen  oder  in  Ost  und  West  in  den
Massengräbern  lagen.  Keiner  der  Fürsten  hat  sich  mit
seinem  Degen  vor  seinen  Thron  gestellt,  um  sein  gutes
Recht  zu  verteidigen.  Sie  sagten  sich  alle:  wenn  der  Kaiser
geht,  sind  auch  wir  verloren.

Das  deutsche  Volk,  das  seit  zwei  Jahrtausenden  in  der
ganzen  Welt  wegen  seiner  Königstreue  gepriesen  war,  hat
nun  seine  Republik  und  seine  zweitausend  Parlamentarier,
die  in  ihren  Parlamenten,  auf  deutsch  Redehäusern,  ihre
unbändigen  Reden  halten  und  nach  dem  Sprüchwort  handeln:
„Bleibe  im  Lande  und  rede  dich  nährlich“.  Dem  deutschen
Michel  ist  seine  Republik  durch  eine  Handvoll  niederträchtiger,
eidbrüchiger  Revolutionsmacher,  immer  zuerst  im  Bunde  mit
den  losgelassenen  Zuchthäuslern,  übernacht  wie  eine  Zipfelmütze
  über  die  Ohren  gezogen  worden,  und  wir  alle  haben
dabei  das  Gefühl,  wie  es  beim  Propheten  Jeremia  einmal
beißt:  „Es  ist  die  Krone  von  unserm  Haupte  abgefallen“.

In  meiner  Jugend  habe  ich  es  erlebt,  was  für  ein  Jubel
im  Jahre  1871  durch  alle  deutschen  Gaue  ging,  als  der
Traum  langer  Jahrhunderte  in  Erfüllung  ging  und  von  der
Nordsee  bis  zu  den  Alpen  der  frohe  Ruf  erscholl:  „Wir
haben  wieder  einen  Kaiser!“  In  meinem  Alter  habe  ich
es  erleben  müssen,  was  für  eine  dumpfe  Verzweiflung  durch
ganz  Deutschland  ging,  als  es  hieß:  „Wir  haben  keinen
Kaiser  mehr!“  Und  die  Raben  fliegen  wieder  um  den  Berg,

die  Raben  der  Zwietracht  und  des  Parteihaders  und  der
Ohnmacht  des  deutschen  Volkes.

*  #  *
        <pb n="76" />
        74  Unser  Katser.

Haus  Doorn.

Von  Amsterdam,  wo  die  Seeschiffe  aus  aller  Herren
Ländern  in  den  breiten  Grachten  und  Kanälen  mitten  in  die
Stadt  fahren,  zieht  sich  landeimvärts  eine  gewaltige  Villenvorstadt.
  Sie  dehnt  sich,  Städte  und  Dörfer  überspringend,
wohl  über  zwölf  Wegestunden  weit  über  Utrecht  hinaus  bis
zu  dem  Städtchen  Doorn.  Auch  dieses  besteht  fast  aus  lauter
Landhäusern,  bald  reich  und  prächtig,  bald  einfach  und  bescheiden.
  Der  Traum  des  Holländers  ist  ja,  sich  möglichst
bald  vom  Geschäft  zurückzuziehen  und  in  einem  behaglichen
Landhause  sein  Leben  zu  genießen.  Das  allerletzte  in  dieser
meilenlangen  Reihe  von  Landhäusern,  nicht  weit  vom  „Alten
Rhein“  ist  Haus  Doorn,  das  Besitztum  des  Kaisers,  von
dem  aus  der  Blick  in  die  weite  niederländische  Marsch
hinausschweift.

Die  rings  umfriedigte  Besitzung,  die  man  in  einer  Viertelstunde
  umgehen  kann,  fällt  schon  von  weitem  durch  ihren
prächtigen  hohen  Baumbestand  auf.  Unter  der  frühen  Besitzerin,
  von  der  sie  der  Kaiser  erworben  hat,  war  das  Anwesen
  verwahrlost  und  heruntergekommen.  Aber  der  Kaeiser,
ein  geborener  Gärtner,  hat  Wandel  geschaffen.  Zwar  liebt
er  seine  hohen  Baumriesen.  Aber  er  erkannte  sofort,  daß
hier  gründlich  gelichtet  werden  müsse.  Der  verstorbenen
Kaiserin  zwar  tat  es  immer  leid,  wenn  die  Axt  unbarmherzig
  unter  den  alten  Bäumen  hallte.  Aber  nachher,  wenn
Licht  und  Luft  und  schöne  Durchblicke  geschaffen  waren,
mußte  sie  ihm  doch  immer  rechtgeben.  Besonders  schön
sind  die  Gruppen  blühender  Sträucher,  die  der  Kaiser  in
        <pb n="77" />
        Haus  Doorn.  75

die  Lichtungen  hineingepflanzt  hat.  An  ihnen  sieht  man
da  und  dort  Täfelchen,  die  den  Tag  der  Pflanzung  angeben,
zum  Beispiel  „21.  Februar  1921  W.  II.“  Prachtvolle,
reiterhohe  Rhododendren,  für  die  ja  als  Sumpfpflanzen  der
Boden  Hollands  besonders  günstig  ist,  ziehen  das  bewun—
dernde  Auge  auf  sich,  und  im  Frühjahr  prangen  sie  in  ihrer
veilchenblauen  Farbenpracht.  So  sind  Garten  und  Park  unter
der  Hand  des  Kaisers  in  wenigen  Jahren  geradezu  umge—
wandelt  worden.

Ein  auserwählter  Platz  im  Park  ist  der  Rosengarten,  den
der  Kaiser  nach  dem  Vorbilde  des  Rosengartens  am  Neuen
Palais  in  Potsdam  für  seine  verstorbene  Gemahlin  angelegt
hat.  Hier  lag  sie  während  ihrer  letzten  Krankheit  oft  im
Liegestuhl,  ließ  ihre  Augen  über  die  Tausende  von  herrlichen
Rosen  schweifen  und  träumte  von  der  heißgeliebten,  verlorenen
  Heimat.

Den  Eingang  zu  der  Besitzung  bildete  anfangs  eine  einfache
Gartenpforte.  Als  aber  diese  nach  dem  Einzug  des  Kaisers
fortwährend  von  zudringlichen  Neugierigen  belagert  war,  die
mit  ihren  Kraftwagen  und  photographischen  Kammern  den
Kaiser  und  seine  Umgebung  wie  ein  Schaustück  belauerten,
ließ  er  ein  schützendes  Torgebäude  in  holländischer  Bauart
errichten,  in  dem  dann  das  Hofmarschallamt  und  die  Beamten
ihre  Räume  bekamen.

Mitten  durch  dies  Torgebäude,  in  dem  auch  die  holländische
  Polizeiwache  ihre  Wachtstube  hat,  führt  eine  Torfahrt
  in  die  breiten  Gartenwege,  die  zwischen  hohen  Baumgruppen
  und  giersträuchern  in  fünf  Minuten  zur  Wohnung
des  Kaisers  führen.  Man  breuzt  dabei  die  kirchenhohen
        <pb n="78" />
        76  Unser  Kaiser.

Hallen  eines  Schattenganges  von  mächtigen  alten  Buchen,
die  im  Sommer  Haus  Doorn  wie  durch  eine  grüne  Mauer
verhüllen.  Erst  hinter  diesem  Querwege  liegt  Haus  Doorn
frei  vor  den  Blicken  da.  Davor  ist  ein  Blumenbeet,  in
dessen  Mitte  eine  Sonnenuhr  in  Gestalt  eines  Weltballs
steht  mit  der  sinnigen  Inschrift:  Sine  sole  sileo,  Ohne
Sonne  schweige  ich.  Dann  geht's  über  eine  Brücke  nach
Haus  Doorn  selbst.  Dieses  ist  nämlich  nach  holländischer
Art  rings  von  einer  breiten  Gracht,  einem  Wassergraben
umgeben,  der  sich  zur  Linken  zu  einem  Teich  erbreitert.
An  klaren  Tagen  spiegelt  sich  das  Haus  wunderschön  auf
dem  Wasserspiegel,  der  im  Sommer  von  den  schönsten  Wasserrosen
  belebt  ist.

Nun  steht  das  Haus  selbst  vor  uns.  Man  darf  dabei  nicht
an  das  Berliner  Schloß  mit  seinen  siebenhundert  Räumen
denken.  Es  ist  ein  schlichter  Bau  mit  etwa  fünfzehn  Zimmern,
an  dem  rechts  und  links  zwei  efeubewachsene  kleine  Flügel
hervortreten.  An  der  linken  Hinterseite  sehen  wir  einen
runden  Turm  mit  spitzem  Helm,  in  dem  sich  das  Arbeitszimmer
  des  Kaisers  befindet.

Jetzt  gehen  wir  über  die  Brücke  und  betreten  das  Haus
selbst.  Wir  steigen  eine  Freitreppe  von  etwa  zehn  Stufen
hinauf  und  gelangen  durch  die  Haustür  in  eine  geräumige
Vorhalle,  die  zugleich  als  erster  Empfangssaal  dient,  wo
auch  der  Kaiser  täglich  die  Morgenandacht  hält.  Gegenüber
dieser  Eingangstür  stehen  rechts  und  links  von  der  vor  ung
liegenden  Speisesaaltür  auf  Wandbrettern  Bronzebüsten  des
Königs  Friedrich  Wilhelm  III  und  der  Königin  Luise;  ihnen
gegenüber  zu  Seiten  des  Haupteingangs  Marmorbüsten  des
        <pb n="79" />
        Haus  Doorn.  77

Großen  Kurfürsten  und  Friedrichs  des  Großen  in  seiner
Jugend.  Auf  dem  Tisch  in  der  Mitte  des  Saales  steht
ein  vergoldetes  Reiterstandbild  Friedrichs  des  Großen,  das
schöne  Werk  des  Franzosen  Gérome.  Hier  wie  in  all  den
anderen  Räumen  sehen  wir  auf  Tischen  und  an  Wänden
Ausstattungsgegenstände  aus  der  Zeit  der  großen  preußischen
Könige,  bildgewebte  Teppiche,  Tische,  Schränke,  Gemälde,
porzellanene  Zierkrüge,  Marmorbilder,  lauter  Stücke,  an
denen  große  Erinnerungen  des  Hohenzollernhauses  haften,  und
die  rechtzeitig  „vor  den  langen  Fingern  der  Kroaten“  in
Sicherheit  gebracht  worden  sind.

Um  diese  Empfangshalle  reihen  sich  die  übrigen  Räume
des  unteren  Stockwerks:  links  die  Kleiderablage,  das  Marschallzimmer,
  in  dem  gefrühstückt  wird,  einige  Wohnzimmer,
geradeaus  der  Speisesaal,  mehrere  Empfangszimmer,  auf
der  äußersten  Rechten  das  Rauchzimmer,  wo  der  Kaiser
abends  mit  seiner  Umgebung  und  seinen  Gästen  einige  Stunden
in  vertrautem  Gespräch  zu  verweilen  pflegt.  Im  Oberstock
sind  die  Privatgemächer  des  Kaiserpaars.

Erste  Begegnungen  mit  dem  Kaiserpaar.

In  diesem  Haus,  in  das  die  Gedanken  und  vielfach  die
Gebete  von  Millionen  deutscher  Männer  und  Frauen  täglich
binübergehen,  durfte  ich  auf  Einladung  des  Kaiserpaars  wiederbolt
  als  Gast  weilen.  Mein  erster  Besuch  fand  am  Sylbesterabend
  19285  statt.  Unser  Rheinland  war  gerade  von  einer
Uberschwemmung  heimgesucht,  wie  man  sie  in  dieser  Ausdehnung
  seit  einem  halben  Jahrhundert  nicht  mehr  erlebt  hatte.
In  Cöln  fuhr  man,  als  ich  abreiste,  mit  Kähnen  durch  die
        <pb n="80" />
        78  Unser  Kaiser.

Rheinstraßen,  um  von  ihnen  aus  in  die  ersten  Stockwerke  zu
gelangen.  Und  unterwegs  fuhr  mein  Schnellzug  an  vielen
Stellen  wie  durch  ein  wogendes  Meer,  aus  dem  man  nur  die
Eisenbahndämme  und  halb  überschwemmte  Bäume  aus  der
Wasserfläche  ragen  sah.

Am  Bahnhof  von  Utrecht  stand  ein  kaiserlicher  Kraftwagen
zu  meiner  Abholung  bereit.  Durch  einen  klaren  Winterabend
brachte  er  mich  in  halbstündiger  Fahrt  nach  Doorn.  Eine
Menge  von  Kraftwagen,  deren  Lichter  durch  die  scharfe  Winterluft
  blitzten,  fuhr  auf  der  Straße  nach  beiden  Nichtungen.
Zwischen  Baumriesen,  Landhäusern  und  Wiesen  fuhren  wir
dahin,  bis  der  Wagen  um  fünf  Uhr  in  die  Torfahrt  von  Haus
Doorn  einbog.  Hier  hieß  mich  der  Hofmarschall  Graf  Finckenstein
  namens  des  Kaiserpaares  willkommen,  leider  zugleich  mit
der  Mitteilung,  daß  Ihre  Majestät  die  Kaiserin  leicht  erkrankt
sei,  so  daß  ich  sie  diesmal  kaum  werde  sehen  können.

Zum  Abendbrot  erschienen  daher  außer  den  Herren  der
nächsten  Umgebung  nur  die  Kinder  der  Kaiserin,  die  Prinzen
und  Prinzessinnen  zu  Schönaich-Carolath,  während  der  Kaiser
selbst  im  oberen  Stockwerk  bei  der  Kaiserin  blieb.  Aber  nach
Tisch  erwarteten  wir  ihn  in  der  Empfangohalle.  Wir  sahen
alle  erwartungsvoll  nach  der  Treppe,  auf  der  er  herunterkommen
  mußte.  Er  erschien  in  seiner  stattlichen,  schönen
Gestalt,  sicher  und  fest,  in  königlicher  Würde.  Offenen  Auges,
schlicht  und  einfach  galt  sein  wohlwollender  Gruß  allen,  die
versammelt  waren  und  ihn  mit  tiefer  Verbeugung  grüßten.
„Herzlich  willkommen  in  Doorn!“  sagte  er  zu  mir  mit  der
aus  früheren  geiten  so  wohlbekannten  Stimme,  als  er  mit
elastischem  Schritt  auf  mich  zutrat  und  mir  mit  einem  Auf-
        <pb n="81" />
        Erste  Begegnung  mit  dem  Kaiserpaar.  79

leuchten  seiner  blauen  Augen  die  Hand  reichte.  Es  durchzuckte
  mich,  als  ich  meinen  Kaiser  so  wiedersah,  den  ich  sonst
nur  in  den  Tagen  des  Glücko  auf  den  Höhen  der  Menschheit
gesehen  hatte,  und  über  den  seither  ein  Schicksalssturm  ohnegleichen
  dahingegangen  ist.  Er  bedauerte,  daß  die  Kaiserin
unpäßlich  sei  und  heute  abend  nicht  mit  dabeisein  könne,  aber
er  selbst  freue  sich,  ein  paar  Stunden  mit  und  zusammenzusein.

Wir  folgten  ihm  dann  ins  Rauchzimmer.  Um  einen  runden
Tisch,  der  von  einer  mächtigen  elektrischen  Lampe  mit  seidenem
Schirm  beleuchtet  war,  gruppierten  wir  uns  auf  den  Sesseln
um  den  Kaiser.  Im  Kamin  prasselte  ein  behagliches  Feuer
in  einem  Stoß  von  Scheitern.  Während  der  lebhaften  Unterhaltung,
  in  der  die  verschiedensten  Dinge  besprochen  wurden,
mußte  ich  immer  wieder  den  Mann  ansehen,  auf  den  einst
die  ganze  Welt  geblickt  und  uns  um  ihn  beneidet  hat,  auf
dessen  Ruf  im  Jahre  1914  das  ganze  deutsche  Volk  begeistert
zu  den  Waffen  geeilt  ist,  um  die  Heimat  zu  verteidigen;  den
Mann,  der  im  Weltbriege  eine  fast  übermenschliche  Verantwortung
  tapfer  und  mutig  getragen,  der  auf  manchem
Schlachtfeld  in  West  und  Ost  ruhig  gestanden  hat,  während
rechts  und  links  von  ihm  die  Granaten  einschlugen,  und  der
nun  schon  sieben  Jahre  um  seines  Volkes  willen  das  bittere
Los  der  Verbannung  auf  sich  genommen  hatte.

Nein,  das  war  nicht  der  gebrochene,  verbitterte  Mann,  als
den  ihn  so  oft  die  Zeitungen  geschildert  hatten.  Es  war  noch
dieselbe  aufrechte,  straffe  Gestalt  wie  früher,  dasselbe  lebhafte
Minenspiel  in  der  Unterhaltung.  Das  Adlerauge  blitzt  noch
im  alten  Feuer.  Wohl  ist  das  Haar  ergraut,  und  anfangs
mußte  ich  in  dem  bärtigen  Gesicht  nach  den  alten  Zügen
        <pb n="82" />
        80  Unser  Kalser.

suchen.  Die  ungeheure  Verantwortung  während  des  Krieges,
die  Entthronung  durch  eine  verblendete  Reichstagsomehrheit,  die
bitteren  Erfahrungen  von  Undank  und  Treulosigkeit  seitens
solcher,  die  ihn  früher  immer  ihrer  „umwandelbaren  Treue“
versichert  hatten,  das  alles  hat  wohl  seine  Furchen  in  dies
edle  Angesicht  gegraben.  Aber  die  Züge  des  Mannes,  der  den
Sturm  des  Krieges  und  seiner  Folgen  alo  Mann  und  als
Christ  getragen  hat,  sind  dadurch  nur  vergeistigt,  vertieft,
ich  möchte  sagen  verschönt  worden,  so  das  er  nur  umsomehr
den  Eindruck  einer  im  Sturme  gereiften  Persönlichkeit  macht.

Am  anderen  Morgen  kam  das  Neujahr  1926.  Ich  hatte
den  Gottesdienst  übernommen.  Pünktlich  um  neun  Uhr  sollte
er  beginnen,  und  der  Kaiser  hält  wie  früher  in  allen  Stücken
auf  große  Pünktlichkeit.  Als  ich  aus  meinem  Zimmer  wenige
Minuten  vor  neun  erschien,  stand  er  schon  mit  der  ganzen
Gemeinde  in  der  Empfangshalle.  Der  Speisesaal  war  in
eine  Kapelle  umgewandelt.  Links  vom  Altar  stand  ein  mächtiger
  Christbaum  mit  Lichtern,  Glaskugeln  und  Lametta,  rechts,
mit  Tannenzweigen  überbaut,  eine  Krippe  mit  schön  geschnitzten
  Gestalten.  Am  Altar  sah  ich  alte  Bekannte:  die  in
Olivenholz  vom  Olberg  eingebundene  Bibel,  in  deren  Deckel
das  aus  Zedernholz  geschnitzte  Bild  der  Erlöserkirche  in  Jerusalem
  eingelegt  ist,  das  Geschenk  der  deutschen  Gemeinde  Jerusalems,
  das  sie  dem  Kaiser  im  Jahre  18098  in  meiner  Gegenwart
  überreicht  hat;  und  vor  dem  Altar  das  prächtige,  auf
vier  Olivenholzsäulen  ruhende  Evangelienpult,  das  damalige
Geschenk  der  deutschen  Gemeinde  in  Haifa.  Beide  Andenken
sind  seither  in  den  27  Jahren  in  Freud  und  Leid  bei  allen
Hausgottesdiensten  des  Kaiserhauses  in  Gebrauch  gewesen.
        <pb n="83" />
        Erste  Begegnung  mit  dem  Kalserpaar.  81

Auf  sieben  Reihen  von  Stühlen  hatte  die  Gemeinde,  etwa
dreißig  Personen,  Platz  genommen.  In  der  vorderen  Reihe  saß
der  Kaiser  mit  den  Prinzen  und  Prinzessinnen  zu  Schönaich-Carolath;
  die  Kaiserin  hatte  der  Leibarzt  dringend  gebeten,
nicht  herunterzukommen.  Dahinter  alle  Personen,  die  zum
Hause  Doorn  gehören,  Lvom  Hofmarschall  bis  zum  Dienstmädchen
  und  Gärtnerburschen.  Ein  holländischer  Lehrer  aus
Ooorn  spielte  das  Harmonium  zu  den  Liedern  „Nun  danket
alle  Gott“  und  „Nun  laßt  uns  gehn  und  treten“,  die  aus  dem
Brandenburger  Gesangbuch  gesungen  wurden.  Mein  Tert
stand  4.  Mose  6:  „Der  Herr  segne  dich  und  behüte  dich!
Der  Herr  lasse  sein  Angesicht  leuchten  über  dir  und  sei  dir
gnädig!  Der  Herr  erhebe  sein  Angesicht  über  dich  und  gebe
dir  Frieden.“  Es  war  mir  eine  herzbewegliche  Aufgabe,
meinem  Kaiser  dieses  Segenswort  als  Geleit  ins  neue  Jahr
mitzugeben.

Der  Gesang  beim  Gottesdienst  war  frisch  und  kräftig.
Bei  einem  späteren  Gottesdienst,  den  ich  im  Sommer  hielt,
sah  ich  zu  meinem  Vergnügen,  daß  der  Kaiser  ein  Feind
jenes  langsamen  Choralgesanges  ist,  wie  er  leider  noch  in  so
vielen  Kirchen  Deutschlands  üblich  ist.  Wir  sangen  „Morgenglanz
  der  Ewigkeit“,  ein  Lied,  das  nach  seinem  von  Morgenrot
  und  Morgentau  überstrahlten  Inhalt  ein  rasches  und
freudiges  Fortschreiten  fordert.  Aber  der  Organist  spielte
so  langsam,  daß  der  Gesang  schneckenartig  dahinkroch.  Der
Kaiser  schüttelte  den  Kopf  und  fing  an,  mit  dem  Arm
einen  rascheren  Takt  zu  schlagen.  Aber  der  Organist  merkte
nichts.  Da  erhob  sich  in  der  Reihe  hinter  dem  Kaiser  der
Hofmarschall  Graf  Finckenstein  und  taktierte  mit  boch  er-
        <pb n="84" />
        82  Unser  Katser.

hobenem  Arm  im  gleichen  Tempo  wie  der  Kaiser.  Der
Organist  merkte  noch  nichts.  Jetzt  erhob  sich  in  der  dritten
Reihe  Graf  Moltke  und  taktierte  mit  beiden  Armen  mit.
Endlich  sah  es  der  Organist.  Drei  so  vornehme  Taktmeister
hatte  er  in  seinem  Leben  noch  nicht  gehabt.  Schleunig  ging
er  in  die  richtige  Gangart  über,  und  mit  freudigen  Schritten
wurde  der  Gesang  beendet.

Beim  Mittagessen  saß  ich  wieder  am  keiserlichen  Tische,
wie  ich  es  einst  in  glücklicheren  Zeiten  in  Jerusalem  und
Potsdam  habe  tun  dürfen.  Die  Mahlzeiten  sind  immer  sehr
einfach  —  viel  einfacher  als  bei  den  Herren,  die  sich  durch
den  meineidigen  Treubruch  am  Kaiser  in  den  Besitz  der  Macht
gesetzt  haben,  einfacher  als  bei  vielen  Lesern  dieses  Buches.
Ich  würde  das  nicht  besonders  erwähnen,  wenn  sich  nicht  die
Zeitungslügen  auch  dieses  Punktes  bemächtigt  hätten,  um  die
Welt  glauben  zu  machen,  der  Kaiser  gebe  große  Gesellschaften
mit  üppigen  Diners.  Nur  an  Festtagen  wie  damals  zu  Neujahr
  ist  die  Tafel  etwas  reicher  ausgestattet.  Wenn  ich  irgendwo
  eingeladen  gewesen  bin,  fragt  mich  zuweilen  meine
Frau:  „Was  hat'S  denn  gegeben?“  Für  diejenigen  meiner
Leserinnen,  die  zwar  nicht  neugierig  sind,  aber  doch  gerne
alles  wissen  mögen,  will  ich  die  Speisenfolge  an  der  Neujahrsfesttafel
  verraten.  Es  gab  zuerst  Muscheln,  dann  Geflügelbraten
  und  zum  Schluß  einen  brennenden  Plumpudding.

Es  war  mir  eine  große  Freude,  daß  die  Kaiserin  trotz  des
Abratens  des  Arztes  doch  noch  zu  Tisch  herunterkam.  Schon
im  Vorsaal  führte  mich  der  Kaiser  seiner  hohen  Gemahlin  zu,
die  mich  aufs  huldvollste  begrüßte.  Dann  gingen  wir  in
den  Speisesaal,  der  wieder  seine  gewöhnliche  Gestalt  hatte.
        <pb n="85" />
        Erste  Begegnung  mit  dem  Kaiserpaar.  83

Nur  der  Christbaum  und  die  Krippe  erinnerten  noch  an  Weihnachten.
  An  der  Tafel  saßen  zwölf  Personen.  Ich  hatte  den
Matz  zur  Rechten  des  Kaisers,  schräg  gegenüber  der  Kaiserin.

Die  Unterhaltung  bei  Tisch  war  lebhaft.  Manches  ließ
sich  der  Kaiser  von  Cöln  erzählen,  in  dem  er  ja  in  glücklichen
Tagen  oft  geweilt  hat,  besonders  von  unseren  Erlebnissen
während  der  Revolution  und  der  englischen  Besetzung.  Besonderes
  Vergnügen  machte  ihm  eine  kleine  Geschichte,  die
ich  in  meinem  Hause  erlebt  hatte.  Ein  Cölner  Monteur  hatte
etwas  an  meiner  Zentralheizung  zu  machen.  Als  ich  einmal
  in  den  Heizraum  hinunterkam,  fing  er  an:

„Na,  Herr  Doktor,  was  sagen  Sie  denn  zu  all  den  politischen
  Geschichten?“

Freundchen,  da  werden  wir  beide  wohl  sehr  verschiedene
Ansichten  haben.  Lassen  Sie  uns  lieber  von  dem  Ofen  reden.

„O  nee,  man  interessiert  sich  doch  dafür,  was  so  ein
studierter  Herr  darüber  denkt.“

Nun,  wenn  Sie  das  so  interessiert,  dann  legen  Sie  los!

„Ja  der  Willem!“  rief  er  ergrimmt.

So,  was  hat  er  denn  wieder  getan,  der  Willem?

„Er  hat  den  Krieg  angefangen!“

Hat  ihn  ja  gar  nicht.

„Doch,  er  hat  angefangen,  er  ist  an  allem  schuld.  Unerhört,
ein  Siebzigmillionenvolk  so  in  den  Krieg  zu  stürzen!“

Aber  er  hat  ja  gar  nicht  angefangen.

„Er  hat  angefangen.“

Ich  sah,  daß  ich  so  nicht  weiterkam.  Zufällig  hatte  ich
gehört,  daß  er  mit  Hühneraugen  gesegnet  war.  Ich  fragte
daher:  Haben  Sie  Hühneraugen?
        <pb n="86" />
        84  Unser  Kaiser.

„Und  ob!“

Nun,  dann  will  ich  Ihnen  mal  mit  den  Absätzen  fortwährend

  auf  Ihren  Hühneraugen  herumtreten.  Was  machen
Sie  dann?

„Dann  haue  ich.“
Dann  haben  Sie  aber  angefangen!
Einige  Augenblicke  sah  er  mich  wortlos  an,  als  ob  ihm

ein  neuer  Gedanke  dämmerte.  Dann  sagte  er  gedehnt:  „Ja,
wenn  Sie  soooo  meinen?“

Ja,  soooo  meine  ich.

Das  Kaiserpaar  freute  sich  an  dem,  was  ich  von  unserer
verstorbenen  Frau  Polizeipräsident  von  Glasenapp  erzählte,
deren  Mann  bei  Ausbruch  der  Revolution  Kriegs-Polizeipräfekt
von  Warschau  gewesen  war.  In  Cöln  hatte  die  Revolution
pünktlich  mit  ihren  gewöhnlichen  Außerungen  eingesetzt:  alles
fing  an  zu  stehlen.  Ganz  Cöln  schien  eine  Diebeshöhle
geworden.  Die  zwei  Dutzend  Verbrecher  in  Marineuniform
kamen,  wie  schon  vorher  hier  bekannt  war,  aus  Kiel.  Anstatt
ihnen,  wie  sich's  gehörte,  einen  Zug  treuer  Soldaten  mit
einem  Maschinengewehr  an  den  Bahnhof  entgegen  zu  schicken,
um  sie  zu  erledigen,  setzte  sich  der  tapfere  Gouverneur  Krug
schleunigst  in  den  Schnellzug  und  verduftete.  Die  erste  befreiende
  Tat  der  Kieler  Revolutionäre  war,  daß  sie  die  Zuchthäuser
  gewaltsam  öffneten  und  die  Zuchthäusler,  ihre  würdigen
  Kumpane,  auf  die  Stadt  losließen.  Diese  plünderten
die  Warenhäuser,  holten  sich  dort  die  schönsten  Kleider  und
hörten  dann  eine  flammende  Freiheitsrede  an,  die  der  sozialdemokratische

  Reichstagsabgeordnete  Sollmann  auf  dem  Neumarkt
  hielt.
        <pb n="87" />
        Erste  Begegnung  mit  dem  Kaiserpaar  85

Dann  rückten  die  Engländer  unserer  Festung  immer  näher.
Hier  lag  eine  Menge  von  wertvollem  Heeresgut,  das  ihnen
in  die  Hände  fallen  mußte.  Niemand  tat  etwas,  um  es  zu
retten.  Da  griff  Frau  von  Glasenapp  mit  ihrer  gewohnten
Tatkraft  ein.  Sie  fernte  mich  am  Sonntagnachmittag  an:  „In
Cöln  steht  eine  große  Zahl  von  Kraftwagen  des  deutschen  Heeres,
und  in  Deutz  eine  Menge  wertvollsten  Heeresguts.  Da  die
Männer  nichts  tun,  müssen  wir  Frauen  handeln.  Ich  muß  ein
paar  hundert  junge  Mädchen  haben,  können  Sie  mir  helfen?“
Nach  einer  halben  Stunde  konnte  ich  ihr  melden,  daß  Generalkonsul
  Stollwerck  ihr  morgen  früh  300  Mäödchen  schicken
werde.  Sie  selbst  sammelte  dazu  aus  Bekanntenkreisen  noch
viele  andere,  auch  meine  Tochter,  und  zog  mit  ihnen  am
anderen  Morgen  aus.  Schön  war  es,  wie  die  braven  Frauen
die  riesigen  Kraftwagen  schoben,  und  dann  drüben  in  Deutz
in  langer  Kette  all  das  Heeresgut  von  Hand  zu  Hand  reichten
und  in  einem  mächtigen  Rheinkahn  verstauten,  in  dem  der
Inhalt  ganzer  Güterzüge  Platz  hatte.

„Prachtvoll,  prachtvoll!“  rief  der  Kaiser.  „Da  sieht  man
doch  einmal  wieder,  was  tapfere  Frauen,  die  das  Herz  auf
dem  rechten  Fleck  haben,  leisten  können!“

„JIa“,  lächelte  die  Kaiserin,  „merkwürdig  ist  es  nur,  daß
sich  die  Männer  immer  verwundern,  wenn  wir  Frauen  so
etwac  tun“.

„Nein,  Majestät“,  wandte  der  Flügeladjutant  höflich  ein,
„nicht  ver  wundern,  sondern  be  wundern“.

„Nein,  nein“  erwiderte  die  Kaiserin  belustigt,  „berwundern!“


1
*  *
        <pb n="88" />
        86  Unser  Kailser.

Im  Rauchzimmer.

Nach  dem  Abendessen  um  acht  Uhr  versammelt  der  Kaiser
seine  Umgebung  im  Winter  gewöhnlich  im  Rauchzimmer  um
sich  und  verweilt  dort  in  angeregter  Unterhaltung  bis  halb
elf  oder  elf  Uhr.  Im  Sommer  dagegen  saßen  wir  im  Freien
auf  den  weißen  Gartenbänken  um  einen  Tisch.  Jede  dieser
Stunden  war  mir  ein  Erlebnis,  denn  hier  gibt  sich  der  Kaiser
am  unmittelbarsten.

Wir  saßen  am  Sylvesterabend  auf  Sesseln  um  den  runden
Tisch,  der  von  einer  mächtigen,  durch  einen  Seidenschirm
angenehm  gedämpften  elektrischen  Lampe  beleuchtet  war.  Von
den  Wänden  sahen  die  Erinnerungen  aus  großer  Hohenzollernzeit
  auf  uns  herunter.  Im  Kamin  knisterte  ein  behagliches
Feuer  in  den  Scheitern,  die  aus  selbstgeschlagenen  Bäumen
gewonnen  waren.

Der  Kaiser,  in  der  feldgrauen  Uniform  mit  den  aufgeklappten
  roten  Aufschlägen,  las  zuerst  bereitgelegte  Zeitungsaufsätze
  vor,  deren  Besprechung  nachher  auf  die  verschiedensten
Gebiete  führte.  Er  weiß  über  die  Zeitfragen  gründlich  Bescheid.
  Die  bedeutendsten  Bücher,  die  sie  behandeln,  sind
ihm  genau  bekannt.  Wenn  er  sie  liest,  bezeichnet  er  besonders
bemerkenswerte  Stellen  durch  Striche  oder  Randbemerkungen.
Er  redet  wie  in  früheren  Zeiten  mit  jener  natürlichen  und
ungezwungenen  Beredsamkeit,  die  aus  der  Beherrschung  einer
Sache  fließt.  Wenn  auch  die  schicksalsschweren  Jahre  seinem
ernsten  Angesicht  ihre  Spuren  eingegraben  haben,  so  ist  er
doch  noch  ganz  der  alte.  Noch  immer  diese  Vielseitigkeit
        <pb n="89" />
        Im  Rauchzimmer.  87

der  Interessen  und  Kenntnisse,  die  uns  früher  manchmal  in
Erstaunen  gesetzt  hat,  eine  Frucht  angespannter  geistiger  Arbeit.
Noch  immer  das  große  Hohenzollernauge,  das  einen  bei  einzelnen
  Bemerkungen  anleuchten  kann,  mit  einem  herzgewinnenden
  Lächeln,  wenn  er  zustimmt,  oder  auch  einem  zornigen  Aufblitzen,
  wenn  er  niedriger  Gesinnung  begegnet.  Man  atmet
immer  Höhenluft  in  seiner  Nähe.  Man  merkt,  daß  man  sich
einem  der  ganz  Großen  der  Erde  gegenüber  befindet,  einer
weltgeschichtlichen  Persönlichkeit,  welche  all  die  Tagesgrößen,
die  der  Krieg  für  kurze  Zeit  an  die  Oberfläche  getrieben  hat,
um  Haupteslänge  überragt.

Mitten  in  der  Unterhaltung  kam  es  mir  immer  wieder  zum
Bewußtsein:  da  sitzt  dir  gegenüber  der  Mann,  der  einst
Deutschland  auf  die  Höhe  seiner  Macht  und  Größe  hinaufgeführt;
  der  Mann,  auf  dessen  Schultern  sich  vor  Kriegsausbruch,
  als  sich  das  Schicksal  eines  Jahrhunderts  in  wenige
Stunden  zusammendrängte,  die  Zentnerlast  einer  ungeheuern
Verantwortung  gelegt  hat;  der  Mann,  um  den  uns  vor
dem  Kriege  die  Welt  beneidet  hat,  und  den  sie  jetzt,  wenn
er  siegreich  geblieben  wäre,  in  begeisterten  Tönen  als  den
ersten  Monarchen  des  Jahrhunderts  preisen  würde;  der  Mann,
der  in  den  trüben  Novembertagen  1918  seinen  Gethsemanekampf
  durchkämpft  hat  und  dann  nach  Holland  gegangen
ist,  um  sich  selbst  seinem  Volb  zum  Opfer  zu  bringen.  Ehrfurcht
  ergriff  mich  vor  seiner  Seelengröße,  seinem  Unglück,
seiner  Glaubenozuversicht,  mit  der  er  sein  Geschick  entschlossen
aus  Gottes  Händen  nimmt,  ohne  seinem  Volke  zu  grollen.

Wiederholt  führte  die  Unterhaltung  mitten  in  die  brennendsten
  geitfragen  hinein.  Wenn  er  die  Beziehungen  der  euro-
        <pb n="90" />
        88  Unser  Kaiser.

päischen  Mächte  vor  dem  Kriege  schilderte,  war  es  manchmal
wie  eine  packende  Vorlesung  über  Weltgeschichte  —  nur  mit
dem  Unterschied,  daß  ein  Geschichtsprofessor  bloß  das  geben
kann,  was  er  aus  den  ihm  zugänglichen  Urkunden  herausstudiert
  hat,  während  vor  uns  der  Mann  saßs,  der  als  einer
der  mächtigsten  und  bedeutendsten  am  sausenden  Webstuhl
der  Zeit  mitgewoben  hat.  Wenn  ich  das,  was  ich  hier  aus
seinem  eigenen  Munde  hörte,  mit  den  Meinungen  derer  verglich,
  die  heute  in  Presse,  Versammlungen  und  Büchern  alles
so  viel  besser  wissen,  was  der  Kaiser  in  der  oder  jener  Lage
hätte  tun  sollen,  muste  ich  manchmal  an  das  Wort  denken,
das  mir  einmal  ein  sehr  Urteilsfähiger  über  den  in  der  Ferne
weilenden  Kaiser  gesagt  hat:  „Der  Adler  auf  seinem  fernen
Felsen  sieht  weiter  als  der  Hahn  auf  seinem  Misthaufen“.
Ich  erinnere  mich  eines  Abends,  wo  Kriegsschuld  und
Kriegsausbruch  zur  Sprache  kamen.  Ich  hätte  wünschen
mögen,  das  ganze  deutsche  Volk  hätte  zugehört,  wie  sich  der
Mann  darüber  aussprach,  der  am  besten  Bescheid  weiß,  wia
es  dabei  zugegangen  ist.  Zuerst  war  von  der  Einkreisungspolitik
  Eduard  VII  die  Rede,  die  auch  er  für  die  entscheidendste
  Kriegsursache  hält.  Dann  las  er  einen  Zeitungsaufsatz
vor,  der  zum  erstenmal  durch  neu  veröffentlichte  Urkunden
schlagend  nachwies,  daß  der  wortbrüchige  letzte  Habsburger
Kaiser  Karl  schon  monatelang  vor  dem  Zusammenbruch  heimlich
  mit  dem  Feinde  über  einen  Sonderfrieden  verhandelt  hat.
„Und  mir  hatte  er“,  sagte  er  entrüstet,  „noch  kurz  vorher  in
die  Hand  versprochen,  niemals  ohne  mein  Vorwissen  in  solche
Verhandlungen  einzutreten"“.  Daran  schloß  er  eine  vernichtende
  Ubersicht  über  die  Rolle,  die  die  Haboburger  in  der
        <pb n="91" />
        Im  Rauchzimmer.  89

Geschichte  Deutschlands  gespielt  haben,  die  uns  den  Verlust
der  abgesprengten  Teile  des  deutschen  Reiches  eingebracht
haben,  Burgund,  Schweiz,  Elsaß,  Lothringen,  Luxemburg,
Belgien,  Holland,  Osterreich.

Ich  fragte  ihn,  in  welchem  Buche  wohl  die  Ereignisse,  die
zum  Kriegsausbruch  geführt  haben,  am  zutreffendsten  dar—
gestellt  seien.  Er  erwiderte:  „Seltsam  genug,  eines  der  be—
deutendsten  Bücher  ist  nicht  in  Deutschland  geschrieben,  sondern
es  kommt  aus  dem  Lager  unserer  Feinde,  der  Engländer.  Es
ist  von  dem  in  seiner  Heimat  wohlbekannten  glänzenden
Juristen  S.  Ewart  geschrieben,  der  mit  erstaunlichem  Fleiß
und  Scharfsinn  alles  zusammengetragen  hat,  was  bisher  der
Offentlichkeit  an  Urkunden  und  zuverlässigen  Zeugnissen  zugänglich
  geworden  ist.  Namentlich  was  in  meiner  Seele  vorgegangen
  ist,  als  ich  gezwungen  war,  die  furchtbarsten  Entscheidungen
  meines  Lebens  zu  treffen,  welches  die  Erwägungen
waren,  die  mich  geleitet  haben,  das  hat  der  Mann  so  verblüffend
  richtig  dargestellt,  daß  ich  mich  beim  Lesen  fragen
mußte:  Hat  denn  der  Mann  hinter  deiner  Seele  gestanden
und  in  ihr  Innerstes  hineingesehen,  daß  er  das  alles  so  richtig
darstellen  konnte?“  Der  Kaiser  gab  mir  nachher  das  zweibändige
  Werb  mit  in  mein  Zimmer  herüber.  Mit  großem
Interesse  vertiefte  ich  mich  darin  und  sah  die  Stellen,  die
er  angestrichen  oder  mit  Randbemerkungen  versehen  hatte.
Da  dies  Urteil  des  Kaisers  geradezu  geschichtlichen  Wert  hat,
will  ich  den  Titel  dahintersetzen:  „John  S.  Ewart,  The  Roots
and  Causes  ob  the  wars  1014—1018.“  (Die  Wurzeln  und
Ursachen  des  Krieges  1914—1918),  erschienen  bei  dem  weltbekannten
  Verlag  George  H.  Doran  &amp;amp;  Co.  in  New  Vork.
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        90  Unser  Kaiser.

Eine  Einzelheit,  die  der  Kaiser  aus  diesem  Buche  hervorhob,
machte  mir  Eindruck.  Bebanntlich  haben  die  Revolutionsmacher,
  die  die  Regierung  an  sich  rissen,  sofort  einen  galizischen
  Juden  Kautsky  auf  die  Akten  des  Auswärtigen  Amts
in  Berlin  losgelassen,  und  dieser  veröffentlichte  daraus  namentlich
  die  Randbemerkungen,  die  der  Kaiser  auf  manche  Schriftstücke
  geschrieben  hat.  Alle  Welt,  Zeitungsschreiber  und  Leser,
regte  sich  darüber  furchtbar  auf,  als  ob  der  Kaiser  damit
etwas  Unerhörtes  getan  hätte.  Der  Engländer  macht  sich
über  diese  bindliche  Aufregung  der  Deutschen  lustig.  Er
sagt  ungefähr:  „Wie  stellen  sich  denn  die  guten  Leute  eigentlich
  vor,  wie  das  der  Kaiser  hätte  anders  machen  sollen?
Jeder  Bankdirektor,  der  über  massenhafte  Briefeingänge  zu
entscheiden  hat,  schreibt  selbstverständlich  seine  Entscheidungen
an  den  Rand.  Solche  Randbemerkungen  sind  natürlich  nicht
für  die  Offentlichkeit  bestimmt.  Aber  sie  müssen  knapp,
klar  und  unmißverständlich  sein,  damit  der  Ausführende
genau  weiß,  was  er  zu  tun  hat:  Wac  aber  für  jeden
Bankdirektor  ganz  selbstverständlich  ist,  das  soll  dem  Kaiser
eines  so  mächtigen  Reiches  nicht  zustehen?  Soll  er  etwa
über  jede  auftauchende  Frage  eigenhändig  eine  Denkschrift
abfassen?  Handelte  es  sich  nicht  im  Drang  der  sich  überstürzenden
  Ereignisse  oft  nur  um  Minuten,  in  denen  er  seine
Entscheidungen  treffen  mußte?"  Der  Kaiser  bemerkte  dazu
nur:  „Merkwürdig,  daß  nicht  andere  Leute  auch  schon  auf
diesen  doch  eigentlich  selbstverständlichen  Gedanken  gekommen
sind!“

n
        <pb n="93" />
        Ein  Gang  durch  den  Park.  91

Ein  Gang  durch  den  Park.

Wer  die  Umwelt  des  Kaisers  kennen  lernen  will,  muß  auch
einmal  einen  Gang  durch  den  Gartenpark  machen,  welcher
Haus  Doorn  umgibt.

Wir  treten  aus  der  Haustür,  steigen  die  Treppe  hinab  und
überschreiten  die  umgebende  Gracht  auf  der  Brücke.  Da  steht
gleich  zur  Linken  ein  langgestrecktes  einstöckiges  Gebäude,  das
unter  der  früheren  Besitzerin  eine  Orangerie  war  und  jetzt
zum  Wohnhaus  der  fünf  Kinder  der  Kaiserin  Hermine  aus
erster  Ehe,  der  Prinzen  und  Prinzessinnen  zu  Schönaich-Carolath,
  umgebaut  ist.  Gehen  wir  um  dieses  Haus  herum,
so  gelangen  wir  nach  einigen  Minuten  zum  Kraftwagenhaus,
in  dem  auch  der  Kriegskraftwagen  des  Kaisers  steht.  Weitergehend
  kommen  wir  an  bleinen  wirtschaftlichen  Bauten  vorüber.

Hier  biegt  der  Weg  wieder  in  freies  Gelände  über,  wo
die  rechte  Seite  des  Kaiserhauses  gerade  vor  uns  liegt.  Die
Fenster,  zu  denen  wir  hier  hinaufsehen,  gehören  zum  Sterbegemach
  der  Kaiserin  Auguste  Viktorig.  Dieses  wird  vom
Kaiser  und  der  Kaiserin  Hermine  wie  ein  Heiligtum  in
Ehren  gehalten.  Alles  ist  unverändert  geblieben,  wie  es
beim  Tode  der  Kaiserin  war.  Mit  Wehmut  erinnern  wir
ung  daran,  wie  oft  die  dem  Tode  entgegensiechende  Fürstin
mit  heißen  Tränen  aus  diesen  Fenstern  hinausgeblickt  hat.

Von  hier  wandern  wir  innerhalb  des  stark  umfriedigten
Gartenparks  um  die  Hinterseite  des  Hauses  herum.  Immer
fallen  uns  dabei  die  prächtigen  Gruppen  von  Oleandern
und  grünen  Sträuchern  auf,  die  der  Kaiser  in  den  von  ihm
geschaffenen  Lichtungen  gepflanzt  hat.  So  gelangen  wir
        <pb n="94" />
        92  Unser  Katser.

unter  den  Schattengängen  hoher  Eichen  und  Buchen  auf  die
linke  Seite  des  Hauses,  wo  der  oben  erwähnte  runde  Turm
mit  dem  spitzen  Helmdach  das  Haus  abschließt.  Hier  in
dem  Turm,  eine  Treppe  hoch,  ist  das  Arbeitozimmer  des
Kaisers.  Es  ist  nicht  groß  und  hat  wie  der  Turm  kreisrunde
  Gestalt.  Von  seinen  Fenstern,  die  den  Blick  frei
hinausschweifen  lassen,  übersieht  der  Kaiser  sein  kbleines  gärtnerisches
  Reich.  Namentlich  der  Rosengarten,  den  er  für
die  verstorbene  Kaiserin  angelegt  hat,  liegt  hier  gerade  vor
seinen  Augen.

In  derselben  Richtung  weitergehend  kommen  wir  zu  dem
Holzhäuschen,  in  und  vor  dem  der  Kaiser  Holz  klein  macht,
um  sich  in  seiner  Gefangenschaft  die  nötige  körperliche  Bewegung
  zu  machen.  Denn  der  Mann,  der  einst  durch  Länder
und  Meere  gefahren  ist,  bejubelt  vom  eigenen  Volke  und
von  fremden  Völkern,  ist  jetzt  auf  diesen  Bezirk  beschränkt,
und  nicht  einmal  die  Wohltat  des  Reitens,  an  das  er  so
gewöhnt  war,  und  das  ihm  so  gut  tun  würde,  kann  er  sich
gestatten.  Schon  die  Mittel  dazu  würden  ihm  fehlen,  solange
die  preußische  Regierung  ihm  —  zum  DOanlk  für  allec,  was
die  Hohenzollern  für  Preußen  getan  haben  —  sein  Vermögen
  vorenthält.  Gerührt  stehen  wir  vor  dem  Häuschen,
vor  dem  unser  Kaiser  so  manche  Stunde  mit  Axrt  und
Säge  hantiert.  Davor  liegen  mächtige  Stämme  halb  zersägt
  oder  schon  zu  Brennholz  blein  gemacht,  die  der  Mann
verarbeitet,  der  einst  die  Geschichte  der  Welt  mitbestimmt
hat.  So  habe  ich  den  Kaiser,  nachdem  ich  mich  schon  von
ihm  verabschiedet  hatte,  zuletzt  gesehen:  in  der  Arbeitsjoppe
und  hohen  Stiefeln  an  der  einen  Seite  des  Baumstammes,
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        Ein  Gang  durch  den  Park.  93

an  der  anderen  einer  seiner  Getreuen,  und  beide  zogen  un—
ermüdlich  die  große  Baumsäge  hin  und  her.

Vom  Holzhäuochen  gelangen  wir  wieder  an  die  Vorderseite
  des  Hauses,  wo  man  unter  den  hohen  Bäumen  über
Wiesen  auf  die  einförmige  holländische  Marsch  hinaussieht.
Hier  erweitert  sich  der  das  Haus  umschließende  Wassergraben,
  die  Gracht,  zu  einem  anmutigen  Teich.  Wasserrosen
blühen  im  Sommer  auf  seinem  Spiegel,  und  das  ganze
Jahr  über  tummelt  sich  eine  große  Jahl  wilder  Enten  darauf.
Draußen  sind  sie  dem  Feuerrohr  des  Jägers  schutzlos  preisgegeben.
  Aber  die  hübschen,  in  prächtigen  Farben  schillernden
  Tierchen  wissen  ganz  gut,  daß  der  Herr  des  Hauses
Doorn  ihr  guter  Freund  ist,  der  niemand  erlaubt,  ihnen
innerhalb  seines  Gebietes  etwas  zuleide  zu  tun.  Im  Sommer
hatte  ich  einmal  die  Ehre,  dem  Kaiser  beim  Füttern  seiner
Wildenten  zu  helfen.

Auf  einem  meiner  Gänge  durch  dieses  Gartengebiet  begleitete
  mich  der  noch  jugendliche  Major  Mewes,  im  letzten
Kriegsjahre  Flügeladjutant  des  Kaisers,  jetzt  einer  der  Getreuen,
  die,  so  oft  sie  können,  nach  Doorn  eilen,  um  ihrem
baiserlichen  Herrn  zu  dienen.  Da  machte  er  mich  mit  dem
Tageslauf  des  Kaisers  bekannt.  Als  Zollernprinz  hat  er
von  Jugend  auf  gelernt,  eine  streng  geordnete  Tageseinteilung
einzuhalten.  Jetzt,  wo  er  aus  seinen  früheren  gewaltigem
Aufgaben  jäh  herausgerissen  ist,  tut  er  das  erst  recht.  Einen
so  furchtbaren  Glückssturz  kann  man,  wenn  man  nicht
in  unfruchtbares  Brüten  geraten  will,  nur  dann  ertragen,
wenn  Tag  für  Tag  jede  Viertelstunde  ihre  genau  geregelte
Arbeit  hat.  Morgens  um  7¾  Uhr  tritt  er  in  Arbeitsjoppe
        <pb n="96" />
        94  Unser  Kaiser.

und  hohen  Stiefeln,  im  harten  Winter  in  der  Pelzmütze,
aus  dem  Hause  und  beginnt  seine  Gartenarbeit.  Um  9  Uhr
sammelt  sich  die  Hausgemeinde  in  der  Empfangshalle  zur
Morgenandacht.  Denn  der  Kaiser,  im  Gegensatz  zu  weitesten
Kreisen  unseres  satten  Bürgertums,  deren  Bibel  morgens  die
Zeitung  oder  der  Börsenzettel  ist,  glaubt,  daß  es  sich  ge—
zieme,  jeden  Morgen  vor  allem  Gott  zu  loben  und  im  Gebet
Leib  und  Seele  seinem  Dienste  zu  weihen.  Nach  der  Andacht,
die  er  immer  selbst  hält,  frühstückt  er  eine  halbe  Stunde  mit
der  Kaiserin  in  ihren  Gemächern.  Dann  geht's  bei  jedem
Wetter  wieder  hinaus  an  die  Arbeit,  Graben,  Pflanzen,
Bäumefällen,  Holzkleinmachen.  Um  12  Uhr  kommt  er  wieder
ins  Haus,  und  die  Herren  seiner  Umgebung  sammeln  sich  um
ihn  im  Marschallzimmer.  Da  werden  Zeitungen  gelesen  und
passende  Stücke  zur  Besprechung  am  Abend  zurechtgelegt.
Um  1  Uhr  ist  Mittagessen,  an  dem  wie  in  einer  Familie  die
Herren  und  Damen  der  Umgebung  teilnehmen.  Nach  fünfzehn
  Minuten  wird  die  einfache  Tafel  aufgehoben  und  der
Kaiser  zieht  sich  zur  Mittagsruhe  zurück.

Der  Nachmittag  ist  der  geistigen  Arbeit  vorbehalten:
Schreiben,  Lesen,  auch  Ubersetzungen,  die  der  Kaiser  besonders
gerne  macht.  Abends  8  Uhr  ist  Diner.  Dazu  kommt  er
immer  in  Uniform,  die  anderen  Herren,  wenn  sie  nicht
Uniform  tragen,  im  Frack.  Nach  dem  Essen  gehen,  wie  oben
beschrieben,  alle  mit  dem  Kaiser  zu  geselliger  Unterhaltung
ind  Rauchzimmer.  Auch  die  Keiserin  beteiligt  sich,  etwa
mit  einer  Handarbeit  beschäftigt,  gerne  und  lebhaft  an  den
Gesprächen.  Gegen  halb  elf  erhebt  sich  der  Kaiser  und  sagt
jedem  mit  Handschlag  Gute  Nacht.
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        Kaiserin  Hermine.  95

Kaiserin  Hermine.

Das  Lichtbild  der  Kaiserin  Auguste  Viktoria,  die  nach
einem  vorbildlichen  Leben  für  ihr  Volk  ihrem  Gemahl  in
die  Verbannung  gefolgt  ist,  wird  im  deutschen  Volke  noch
verklärter  fortleben  als  das  der  Königin  Luise.  Beiden  hat
der  Jammer  um  ihr  Vaterland  das  Herz  gebrochen.  Die
Kaiserin  hatte  nicht  den  dichterischen  Schwung  der  Königin
Luise.  Aber  in  ihrem  tief  gegründeten  christlichen  Glauben,
in  ihren  tausend  segensreichen  Schöpfungen  christlicher  Liebe
und  Wohltätigkeit  übertrifft  sie  sie  ohne  Zweifel  weit.

An  ihrem  kaiserlichen  Gemahl  hing  sie  mit  begeisterter
Liebe  und  berechtigtem  Stolz.  In  rührender  Weise  hat  sie
es  mir  ausgesprochen,  als  sie  sich  einst  in  Jerusalem  mit
mir  unterhielt.  Niemand  wußte  besser  als  sie,  wie  sehr
der  Kaiser  immer  nur  das  Beste  seines  Volkes  gewollt  hat,
wie  edel,  rein  und  fromm  er  war,  wie  heilig  ernst  es  ihm.
mit  seinem  Friedenswillen  war,  von  dem  er  am  22.  März
1905  in  seiner  bekannten  Rede  in  Bremen  gesagt  hat:  „Ich
habe  mir  bei  meinem  Regierungsantritt  den  Fahneneid  ge—
schworen,  daß,  was  an  mir  liegt,  die  Bajonette  und  Kanonen
zu  ruhen  hätten;  daß  aber  Bajonette  und  Kanonen  scharf
und  tüchtig  erhalten  werden  müßten,  damit  Neid  und  Scheelsucht
  von  außen  uns  am  Ausbau  unseres  Gartens  und
unseres  schönen  Hauses  im  Inneren  nicht  stören.  Ich  habe
mir  gelobt,  aufgrund  meiner  Erfahrungen  aus  der  Geschichte,
niemals  nach  einer  öden  Weltherrschaft  zu  streben.  Das
Weltreich,  das  ich  mir  geträumt  habe,  soll  darin  bestehen,
daß  vor  allem  das  neuerschaffene  Deutsche  Reich  von  allen
        <pb n="98" />
        96  Unser  Kaiser.

Seiten  das  absoluteste  Vertrauen  als  eines  ruhigen,  ehr—
lichen,  friedlichen  Nachbarn  genießen  soll.“

Gerade  weil  sie  das  besser  wußte  als  irgend  ein  anderer
Mensch,  empfand  sie  es  als  eine  Tragik  ohnegleichen,  daß
gerade  unter  ihm  der  ungeheure  Krieg  ausbrechen  mußte,  mit
dem  die  vereinigten  Mächte  das  aufstrebende  Deutsche  Reich
niederzuwerfen  beschlossen  hatten.  Obgleich  schon  mit  ihrer
schweren  Herzkrankheit  ringend,  kannte  sie  doch  während  des
ganzen  Krieges  keine  Müdigkeit,  sondern  verzehrte  sich  förmlich
  in  der  Fürsorge  für  Verwundete,  Kriegsbeschädigte,  notleidende
  Kriegerfamilien.  Daß  aber  aus  der  Mitte  des  deutschen
  Volkes  der  Hochverrat  kommen  und  ihren  Gemahl  vom
Throne  stoßen  durfte,  daß  dann  sofort  plündernde  und  raubende
  Banden  —  immer  die  erste  Blüte  der  Revolution  —
verwüstend  in  das  alte  Hohenzollernschloß  an  der  Spree
dringen,  daß  gerade  im  Namen  des  Arbeiterstandes,  für
den  er  durch  eine  für  die  ganze  Welt  vorbildliche  soziale
Gesetzgebung  so  viel  getan  hatte,  ihr  Gemahl  ins  Ausland
gedrängt  wurde,  das  hat  ihr  vollends  das  Herz  gebrochen.

So  verließ  sie  die  Heimat,  um  ihrem  schwergeprüften
Gemahl  als  treues  Weib  zur  Seite  zu  stehen.  Niemals  ist
sic  an  ihm  irregeworden,  am  allerwenigsten  in  den  Tagen,
wo  ihn  alle  verließen,  und  wo  so  viele,  die  einst  von  „unwandelbarer
  Treue“  überflossen,  sich  den  neuen  Sternen  zuwandten.
  Sie  wußte  am  besten,  wie  sehr  er  litt.  Und
daß  er  sein  Los  mit  schweigender,  stolzer  Würde  trug,  erfüllte
  sie  umsomehr  mit  heißer,  liebender  Verehrung.  In
dem  Gedichte,  das  sie  ihm  an  seinem  ersten  Geburtstag  in
der  Verbannung  auf  den  Geburtstagstisch  legte,  sagt  sie  ihm:
        <pb n="99" />
        Kaiserin  Hermine.  97

Dein  teures  Haupt  trägt  erhaben  und  rein
Des  Deutschen  Reiches  Krone,

Nun  flechten  sie  dir  in  das  Edelgestein
Dornen  zum  bittern  Lohne!

Und  in  dem  aus  Holland  geschriebenen  Abschiedsbrief  an
ihre  Kinder:  „Ich  bleibe  bei  Papa  bis  zuletzt,  wenn  man
mich  läßt,  dann  ist  es  weniger  schwer.  Unsere  gegenseitige
heiße  Liebe  und  unser  Gottvertrauen  geht  übers  Grab.  Grüßt
die  Heimat,  die  jetzt  so  betört  ist.  Dereinst  werden  ihr  die  Augen
aufgehen,  über  das,  was  sie  an  Papa  verliert  —  dann  wird  es
zu  spät  sein.“  Hört  ihr's,  ihr  Kritiker,  die  ihr  zwar  der
heimgegangenen  Kaiserin  ein  treues  Andenken  bewahren  wollt,
dem  Kaiser  aber  nicht  —  gilt  euch  dies  Wort  von  ihr  nichts?

Langsam  siechte  sie,  umgeben  von  der  unermüdlichen  Liebe
und  Sorgfalt  des  Kaisers,  in  Haus  Doorn  dem  Tode  ent—
gegen.  Sie  wußte  es.  In  vielen  stillen  Stunden,  in  denen
sie  ihr  letztes  Stündlein  nahen  fühlte,  erhob  sich  vor  ihrem
Geiste  die  Zeit,  die  nach  ihrem  Tode  kommen  mußte.  Niemand
  wußte  wie  sie,  wie  einsam  dann  der  Kaiser  sein  würde.
Die  Kinder  des  Hauses  waren  ja  längst  alle  ausgeflogen  und
hatten  sich  ihr  eigenes  Heim  gegründet.  Starb  sie,  so  hatte
er  niemand  mehr  auf  der  Welt,  mit  dem  er  sich  rückhaltlos
aussprechen  konnte.  Die  Herren  im  Hofmarschallamt  und
der  Umgebung  wechselten  immer  in  kurzen  Zeiträumen.  Wer
blieb  ihm,  um  auch  in  schweren  und  schwersten  Stunden
sein  Herz  auszuschütten  und  alles  von  der  Seele  herunterzureden?
  Niemand.  Auch  niemand,  der  für  seine  persönlichsten
  Bedürfnisse  sorgte.  Schon  unter  gewöhnlichen  Verhältnissen
  ist  ein  frauenloser  Haushalt  für  einen  alternden  Mann,
der  keine  Kinder  mehr  im  Hause  hat,  ein  übles  Ding.  Beim
        <pb n="100" />
        98  Unser  Kasser.

Kaiser  in  seiner  furchtbaren  Vereinsamung  war  er  unerträglich.
  Das  alles  erwog  die  Kaiserin  in  vielen  einsamen  Stunden,
und  es  machte  ihr,  ehe  sie  der  schnöden  Welt  Gute  Nachtsagte,
  das  Sterben  schwer.  Oft  äußerte  sie  ihren  Vertrautesten
  gegenüber,  es  gebe  nur  einen  Weg,  um  den  Kaiser  vor
diesem  Schicksal  zu  bewahren,  er  müsse  sich  wieder  vermählen.
  Freiherr  von  Mirbach  sagte  mir,  sie  habe  ihm  bei
seinem  letzten  Besuch  an  ihrem  Krankenbette  gesagt:  „Mein
letzter  und  größter  Wunsch  für  den  Kaiser,  den  ich  so  allein.
zurücklassen  muß,  ist,  daß  er  eine  Frau  finde,  die  ihm  an
meiner  Statt  hilft,  sein  schweres  Schicksal  zu  tragen  —  und
zwar  bald!“  Sie  dachte  viel  zu  groß,  als  daß  sie  der  Gedanke
  hätte  stören  können,  daß  eine  andere  an  ihre  Stelle
treten  sollte,  da  nun  einmal  nach  Gottes  Rat  ihre  Ehe  durch
den  Tod  getrennt  werden  mußte.  Und  was  sie  selbst  anderen
wiederholt  gesagt  hat,  hat  sie  natürlich  ihrem  Gemahl,  den
es  am  nächsten  anging,  erst  recht  gesagt.

Diesen  letzten  Wunsch  der  Kaiserin  hat  der  Kaiser,  als
das  Trauerjahr  längst  vorbei  war,  erfüllt.  Seine  Wahl
fiel  auf  die  verwitwete  Prinzessin  Hermine  zu  Schönaich=Carolath,
  geborene  Prinzessin  Reuß,  eine  Verwandte  der  im
Jahre  1903  verstorbenen,  jedem  Evangelischen  aus  unserem
Gesangbuch  bekannten  Dichterin  des  schönen  Silvesterabendliedes:
  „Das  Jahr  geht  still  zu  Ende,  Nun  sei  auch  still,
mein  Herz.“  Und  eine  glücklichere  Wahl  hätte  er  nicht  treffen
können.  Kaiserin  Hermine,  eine  mit  Gaben  des  Herzens
und  Verstandes  reich  ausgestattete,  hochgesinnte,  fromme,
willensstarke  Frau,  gab  ihrem  Kaiser  das  Ja  und  siedelte
mit  ihren  fünf  Kindern  aus  erster  Ehe  von  ihrer  schlesischen
        <pb n="101" />
        Kaiserin  Hermine.  99

Heimat  nach  Haus  Doorn  über.  Sie  hat  das  hohe  Vermächtnis,
  das  ihr  die  sterbende  Kaiserin  hinterlassen  hat,  aufgenommen.
  Hatte  der  Kaiser  um  seines  Volkbes  willen  das
Opfer  der  Freiheit  und  der  Kaiserkrone  gebracht,  so  wollte
auch  sie  mit  ihren  Kindern  das  Opfer  bringen  und  mit  ihm
in  die  Verbannung  gehen.  Sie  schrieb  vor  ihrer  Vermählung
an  eine  Freundin:  „Ich  habe  mir  gesagt,  wenn  der  Deutsche
Kaiser,  dieser  schwergeprüfte  Mann,  mir  das  Vertrauen  entgegenbringt,
  daß  ich  sein  furchtbares  Schicksal,  wenn  nicht
erleichtern,  so  doch  mit  ihm  tragen  kann,  so  ist  es  als  deutsche
Frau  einfach  meine  Pflicht,  dem  Rufe  zu  folgen.“  Auf  die
Frage,  ob  es  ein  großes  Opfer  gewesen  sei,  antwortete  sie
später:  „Ja,  es  war  ein  Opfer.  Aber  jetzt  ist  es  gar  keines
mehr,  denn  ich  habe  ihn  von  Herzen  lieb.“

Unter  allen,  die  seither  in  Haus  Doorn  aus=  und  eingegangen
  sind,  gibt  es  nur  eine  Stimme  darüber,  daß  alle,
die  in  deutschen  Landen  ihrem  Kaiser  treu  geblieben  sind,
Gott  danken  müssen,  daß  er  eine  so  liebevolle,  tapfere,  ihm
geistig  ebenbürtige  Frau  gefunden  hat.  An  unser  aller  Statt
beweist  sie  unserem  kaiserlichen  Herrn  täglich  die  Liebe  und
Treue,  die  wir  ihm  schuldig  sind.  Darum  wollen  auch  wir
diese  opferwillige,  hochgemute  Frau  zwiefach  liebhaben,  weil
sie  unserem  unglücklichen  Kaiser  wieder  Sonne,  Wärme  und
Freude  in  sein  freudenarmes  Leben  gebracht  hat.  Und  wer
sie  gar  selbst  kennengelernt  und  gesehen  hat,  mit  welcher  Hingabe,
  Anmut  und  Würde  sie  an  seiner  Seite  waltet,  der  wird
sie  erst  recht  lebenslang  in  sein  Herz  einschließen.

Eo  ist  schön,  zu  beobachten,  mit  welcher  zarten  Liebe  beide
für  einander  besorgt  sind.  Rührend  ist  der  Kaiser  um  sie
        <pb n="102" />
        100  Unser  Kalser.

bemüht,  wenn  er  sieht,  daß  sie  das  feuchte  holländische  Klima
nicht  gut  ertragen  kann,  weshalb  sie  ja  öfters  in  auswärtigen
Bädern  Heilung  suchen  muß.  Und  wie  weiß  sie  ihm  Rosen  in
sein  schweres  Schicksal  zu  flechten!  Jeden  Tag  denkt  sie  sich
etwas  aus,  um  ihm  eine  besondere  Freude  zu  machen  oder
ihm  Dinge  aus  dem  Wege  zu  räumen,  die  ihm  schmerzlich
sein  könnten  —  sie  weiß,  er  hat  ohnehin  genug  zu  tragen.

Da  Kaiserin  Hermine  während  meines  ersten  Besuchs  an
den  abendlichen  Zusammenkünften  nicht  teilnehmen  konnte,  zog
sie  mich  tagsüber  mehrmals  besonders  ins  Gespräch.  Sie  kam
dabei  auf  die  Kaiserreise  nach  Jerusalem  zu  sprechen.  Der
Kaiser  habe  ihr  zwar  manches  davon  und  auch  von  mir
erzählt,  aber  sie  möchte  gerne  auch  von  mir  etwas  darüber
hören.  Ganz  überrascht  war  sie,  wie  ich  ihr  von  jenem
Einweihungsgottesdienst  in  der  Erlöserkirche  berichtete,  wo
alles  von  der  Gluthitze  ermattet  war,  und  das  unerwartete
Auftreten  des  Kaisers  am  Altar  mit  seiner  herrlichen  Ansprache
  an  die  Gemeinde  die  Feier  wieder  auf  die  Höhe  gebracht
  und  mit  der  größten  Begeisterung  aller  Teilnehmer
geschlossen  habe.  Aufmerksam  hörte  sie  zu.  Ihr  Gesicht
strahlte  vor  Freude,  als  sie  sagte:  „Von  alledem  habe  ich
ja  nie  etwas  gehört.  Ich  war  damals  erst  elf  Jahre  alt
und  konnte  natürlich  den  Zeitungsberichten  noch  nicht  folgen.
Aber  auch  der  Kaiser  hat  mir  nie  eine  Silbe  von  diesem
Vorgang  gesagt,  den  Sie  als  den  Höhepunkt  jener  Tage
bezeichnen.“

Und  nach  einer  Weile  des  Nachdenkens  fügte  sie  hinzu:
„Aber  sehen  Sie,  so  ist  der  Kaiser,  wirklich  bescheiden  —
niemand  kennt  ihn  doch  so  genau  wie  ich  —  aber  ich  ver-
        <pb n="103" />
        Königin  Hermine.  101

sichere  Sie,  ein  aufrichtig  bescheidener  Mann,  ganz  das  Gegen—
teil  von  dem,  was  die  Welt  von  ihm  behauptet.  Von  der
Vergangenheit  erzählt  er  mir  viel,  aber  immer  nur  von  dem,
was  andere  getan  haben;  von  dem,  was  er  selbst  getan  hat,
fast  niemals.“

„Es  ist  ja  schwer  für  den  Kaiser“,  fuhr  sie  fort,  „der
früher  täglich  in  den  lebendigsten  Beziehungen  mit  der  ganzen
Welt  gestanden  hat  und  auf  seiner  „Hohenzollern“  durch  die
Meere  gefahren  ist,  nun  auf  einen  so  engen  Raum  beschränkt
zu  sein,  abgeschnitten  von  allem,  was  einst  seinen  Geist  täglich
  beschäftigte.  Und  doch  kann  ich  Sie  versichern,  das
Leben  an  seiner  Seite  ist  ungemein  vielseitig.  Mein  Leben
war  ja  schon  früher  reich,  aber  durch  ihn  ist  es  noch  ganz
außerordentlich  bereichert  worden  und  wird  es  noch  jeden
Tag  mehr.  Ich  muß  immer  wieder  staunen  über  sein  Wissen
auf  den  verschiedensten  Gebieten.“

Ja,  erwiderte  ich,  so  ist  es  auch  mir,  wie  einst  auf  der
Malästinareise,  gestern  abend  wieder  gegangen.  Da  hat  uns
der  Kaiser  durch  eine  große  Ubersicht  über  die  Geschichte  des
Hauses  Habsburg  mit  seiner  habsüchtigen  Politik  förmlich
im  Bann  gehalten.  Es  war  ein  aus  dem  Augenblick  geborener
Geschichtsvortrag,  der  alle  mitriß,  der  dem  größten  Geschichtsprofessor
  Ehre  gemacht  hätte.  Nicht  die  Kenntnis
von  Einzelheiten  macht  ja  den  großen  Historiker,  sondern  die
geistvollen  Uberblicke,  die  die  großen  Zusammenhänge  ins
rechte  Licht  rücken.

Die  Kaiserin  erwiderte:  „Diesen  Vortrag  muß  ich  mir
gleich  heute  noch  einmal  halten  lassen.  Ich  weiß  wohl,  daß
heute  viele  ganz  anders  vom  Kaiser  reden.  Die  Welt  urteilt
        <pb n="104" />
        102  Unser  Kaiser.

über  ihn,  und  sie  urteilt  falsch.  Man  muß  in  dieser  Welt
warten  können.  Die  Zeit  vergeht  ja  so  schnell.  Ich  bin
fest  überzeugt,  wenn  einmal  fünfzig  Jahre  dahingegangen
sein  werden,  wird  sich  das  Urteil  nach  den  dann  offen—
liegenden  geschichtlichen  Zeugnissen  vollständig  gewandelt
haben.  Und  das  Urteil  wird  dann  gerechter  sein  als  heute.
Denken  Sie  an  Karl  den  Großen!  Wer  die  Geschichte
kennt,  weiß,  daß  seine  Gestalt  neben  den  großen  Seiten  doch
auch  durch  tiefe  Schatten  verdunkelt  war.  Aber  davon  redet
heute  kein  Mensch  mehr,  man  redet  nur  noch  von  seinen
wahrhaft  großen  Eigenschaften.  So  wird  es  mit  dem  Kaiser
auch  gehen.“

Zustimmend  erwiderte  ich:  „Im  Grunde  ist  es  nicht  zu
verwundern,  daß  von  allen  Deutschen  das  schwerste  Schicksal
gerade  den  Kaiser  getroffen  hat.  Schon  Goethe  sagt,  daß
man  gerade  die  Besten  und  Bedeutendsten  von  je  gekreuzigt
und  verbrannt  hat.  Die  Christen  sehen  in  dem  Leiden  Jesu
am  Kreuz  ein  stellvertretendes  Leiden.  Auch  das  harte
Schicksal  des  Kaisers  ist  ein  stellvertretendes  Leiden.  Nicht
um  eigener  Schuld  willen  leidet  er,  sondern  um  seines  Volkes
willen,  welches  die  Feinde  nicht  vernichtender  treffen  konnten,
als  indem  sie  es  seines  Führers  und  Kaisers  beraubten.  Wie
der  Blitz,  der  sich  auf  die  Kirche  entlädt,  vor  allem  die  Turmspitze
  trifft,  so  hat  der  Blitz,  der  auf  Deutschland  niedergegangen
  ist,  vor  allem  den  Kaiser  getroffen.  Er  leidet  für
uns  alle.  Auch  ich  bin  fest  überzeugt,  daß  die  Zukunft  das
klar  erkennen  wird.  Und  daß  der  Kaiser  groß  genng  ist,
trotz  aller  bitteren  Erfahrungen  seinem  deutschen  Volke  ohne
Verbitterung  die  Treue  zu  halten  und  dabei  seinen  festesten
        <pb n="105" />
        Königin  Hermine.  103

Halt  in  seinem  Gottvertrauen  findet,  das  ist  mir  einer  der
schönsten  Eindrücke,  die  ich  von  Haus  Doorn  mitnehme.“

Noch  manchen  Beweis  huldvoller  Gesinnung  durfte  ich
in  Doorn  von  der  Kaiserin  Hermine  erfahren.  Wenn  ich
meines  Kaisers  in  der  Ferne  gedenke,  dann  denke  ich  jedesmal
auch  mit  Dankbarkeit  und  Verehrung  dieser  herrlichen  Frau
und  rufe  Gottes  Segen  auf  sie  herab.  Sie  ist  unserem  Kaiser
in  den  schwersten  Tagen  sein  Engel  geworden.

Gespräche  auf  Spazierwegen.

Wenn  der  Kaiser  einen  Gang  in  die  nächste,  zum  Teil
bewaldete  Umgebung  von  Haus  Doorn  macht,  nimmt  er
außer  den  Herren  seiner  Umgebung  oft  auch  einen  Gast  mit.
Er  geht  mit  flottem  Schritt  und  unterhält  sich  dabei  aufs
lebhafteste.  Die  ernstesten  Gegenstände  kommen  da  zur
Sprache,  wie  es  nach  so  erschütternden  Erlebnissen  ja  nicht
anders  sein  kann.  Aber  gelegentlich  entfaltet  er  auch  einen
so  fröhlichen  Humor,  der  alle  ansteckt.  Ich  habe  manchmal
gedacht,  die  Leute,  die  sich  den  Kaiser  als  einen  gebrochenen
Mann  vorstellen,  sollten  einmal  zuhören,  wie  herzlich  er
lachen  kann,  so  wie  es  nur  bei  einem  guten  Gewissen  möglich
  ist.

Mir  war  besonders  eindrucksvoll  sein  unerschütterlicher
Glaube  an  die  Weisheit  und  Gerechtigkeit  der  göttlichen
Weltregierung.  Nichts  kann  ihn  daran  irremachen,  auch
nicht  die  Schicksalsstürme,  die  über  sein  Haupt  dahingegangen
sind.  Festgemauert  ist  sein  Glaube  an  Gottes  einzige  Weisbeit,
  Gerechtigkeit  und  Treue.  Seine  Grundstimmung  möchte
        <pb n="106" />
        104  Unser  Kaiser.

ich  in  den  ersten  Worten  des  62.  Psalms  zusammenfassen:
„Meine  Seele  ist  stille  zu  Gott,  der  mir  hilft“.  Aber,stille“
nicht  im  Sinne  einer  müden,  hoffnungolosen  Ergebung  ins
Unabänderliche,  sondern  stille  im  Sinn  eines  mutigen,  tapferen
Glaubens,  der  seiner  Sache  gewiß  ist  und  deshalb  es  auf
Gott  wagt,  mag  geschehen,  was  da  will.  Gott  macht  alles
recht,  auch  in  seinen  Gerichten.  Er  wird  es  auch  mit  ihm
und  seinem  Volke  zuletzt  recht  machen.  In  dieser  inneren
Klarheit  und  unerschütterlichen  Gewißheit  könnte  er  an
Luther  erinnern,  der  es  auch  mit  der  ganzen  Welt  aufnahm,
weil  er  seines  Gottes  gewiß  war.  Dabei  nie  etwas  Gemachtes
und  Berechnetes,  was  ja  überhaupt  seiner  durch  und  durch
wahren  Natur  völlig  fremd  ist.  Es  ist  alles  nur  ein  Ausdruck
seiner  innersten  Uberzeugung.

Einiges  von  dem,  was  er  auf  solchen  Gängen  im  Juli
1926  mit  mir  gesprochen  hat,  will  ich  hier  mitteilen.  Ich
will  nichts  davon  sagen,  wie  ich  immer  wieder  überrascht  war
über  sein  Wissen  auf  den  verschiedenartigsten  Gebieten.  Er
weiß  über  alles  Bedeutende  Bescheid,  was  im  Gebiete  der
Politik,  der  Literatur,  der  Weltpresse,  der  technischen  Fortschritte
  und  Erfindungen,  in  Wissenschaft  und  Kunst  vor  sich
geht  —  eine  Frucht  seiner  angespannten  geistigen  Arbeit.
Ich  will  mich  nur  auf  weniges  beschränken,  und,  da  dies
gerade  meinen  Leserkreis  besonders  interessieren  wird,  auch
einige  religiöse  Gespräche  wiedergeben.  Denn  gerade  in
seinem  christlichen  Glauben  steht  der  Kaiser  felsenfest.  Und
inobesondere  in  seiner  Stellung  zu  unserem  Herrn  und  Heiland
ist  ihm  jenes  Wort  des  alten  Kaisers  Wilhelm  I  ganz  aus
der  Seele  gesprochen:  „Wenn  wir  nicht  festhalten  an  dem
        <pb n="107" />
        Gespräche  auf  Spazierwegen.  105

Glauben  an  Gott  und  die  Gottheit  Christi,  sind  wir  keine
Christen  mehr.“

ꝛ  *  nh

Wir  haben  an  Frankreich  und  Rußland  gewiß  entschlossene
Gegner  gehabt.  Aber  unser  geschworenster  und  zielbewußtester
Feind  war  immer  England.  Hinter  allem,  was  uns  angetan
worden  ist,  stand  immer  England.

Die  Kriegsschuld  der  Entente,  die  den  Krieg  mit
kaltem  Blute  von  langer  Hand  vorbereitet  hat,  schält  sich
aus  den  Tatsachen  und  Veröffentlichungen  immer  deutlicher
heraus.  Ich  habe  Sie  früher  auf  das  Werk  von  Ewart
aufmerksam  gemacht.  Jetzt  ist  ein  neues  Werk  eines  hochangesehenen
  Amerikaners  herausgekommen,  gleich  bedeutend,
gleich  glänzend  geschrieben.  Ich  werde  es  Ihnen  nachher
in  Ihr  Zimmer  hinüberschicken.  Es  hat  den  Titel  The  genesis
obk  the  world  war,  ist  verfaßt  von  Harry  Elmer  Barnes,
Professor  am  Smith  College  in  Northampton,  bei  Alfred
A.  Knopf  in  New  Vork  erschienen.  Der  Mann  sagt  in  seiner
Vorrede,  er  sei  während  des  ganzen  Krieges  probritisch  und
profranzösisch  gewesen  und  habe  die  alleinige  Kriegsschuld
Deutschlands  wie  alle  anderen  verfochten.  Zum  erstenmal
sei  er  stutzig  geworden  durch  die  Veröffentlichung  des  amerikanischen
  Professors  Fay,  der  die  berühmte  Fabel  von  dem
Potodamer  Kronrat,  in  dem  ich  heimlich  den  Krieg  beschlossen
haben  soll,  als  eine  ungeheure  Lüge  entlarvt  habe.  Der
Kronrat  hat  bebanntlich  nie  stattgefunden.  Damit  wurde
das  ganze  Fundament  der  Beweisführung  für  Deutschlands
Kriegsschuld  den  Gegnern  unter  den  Füßen  weggezogen.
        <pb n="108" />
        106  Unser  Kalser.

Jetzt  hielt  es  Barnes  für  seine  wissenschaftliche  Pflicht,  der
Sache  auf  den  Grund  zu  gehen.  Er  siudierte  aufs  gründlichste
  alle  Urkunden,  Veröffentlichungen  und  Enthüllungen,
die  in  Deutschland,  England,  Frankreich,  Belgien,  Sowjet-Rußland
  allmählich  an  die  Oberfläche  getrieben  worden  sind
und  stellte  zu  seinem  Erstaunen  fest,  daß  die  allgemein  geglaubte
  Kriegsschuld  Deutschlands  eine  ebenso  ungeheuerliche
Lüge  sei.  Als  alleinschuldig  ergab  sich  ihm  eine  Handvoll
verbrecherischer  Männer:  Poincaré,  Delcassée,  Iswolski,
Sasonoff,  Großfürst  Nikolaus,  Paul  Cambon,  Viviani  und
einige  andere.  Sie  klagt  er  des  größten  Verbrechens  an,
das  die  Geschichte  kenne.  Sie  hätten  durch  diesen  Krieg
mehr  Menschen  vorzeitig  ins  Jenseits  befördert  als  alle  Mörder
zusammengenommen,  die  in  der  ganzen  Welt  seit  der  Steinzeit
einzelne  Menschen  ermordet  hätten.

Das  Buch  von  Barnes  ist  geradezu  ein  Markstein  in
der  historischen  Feststellung  der  Tatsachen.  Kein  Forscher
wird  mehr  daran  vorübergehen  können,  gerade  weil  es  nicht
von  einem  Deutschen  kommt,  sondern  aus  dem  Lager  der
damaligen  Feinde.  Aber  es  gibt  auch  ein  kleines,  in  Amerika
geschriebenes  Schriftchen,  das  ausgezeichnet  geschrieben  ist,
nur  40  Seiten  umfaßt  und  deutsch  übersetzt  ist:  Hurst,
Unser  Geheimbündnis,  erschienen  im  Verlage  der  League  to
insure  international  Justice  in  Chikago.

*  *  t
Es  ist  ja  vorläufig  gelungen,  Deutschland  niederzuwerfen.
Kein  Wunder,  wenn  man  mit  der  halben  Welt,  28  Nationen,

zu  fechten  hatte,  und  schließlich  noch  der  Dolchstoß  von
        <pb n="109" />
        Gespräche  auf  Spazterwegen.  107

hinten  kam.  Aber  wovor  wir  uns  hüten  müssen,  das  ist  der
Kleinglaube,  und  dem  erliegen  jetzt  in  Deutschland
leider  so  viele,  die  sonst  gutgesinnt  sind.  Was  ist  denn  ein
Glaube  wert,  der  in  solchen  Zeiten  nicht  standhält?  Gott
hat  das  Ruder  der  Weltgeschichte  fest  in  Händen,  die  kleinen
Menschen  da  unten  mögen  machen,  was  sie  wollen.  Sie
müssen,  ob  sie  wollen  oder  nicht,  seinen  Ratschluß  vollziehen.
Das  deutsche  Volk  hat  durch  seinen  weitverbreiteten  Materialismus
  und  Unglauben  die  Gerichte  Gottes  auf  sich  herabgezogen.
Gott  ist  immer  gerecht,  auch  in  seinen  Gerichten.  Vor  ihm
hat  das  deutsche  Volk  eine  große  Schuld.  Aber  den  Nationen
gegenüber,  die  uns  zum  Verteidigungskrieg  gezwungen  haben,
sind  wir  ohne  Schuld.  Wir  haben  ein  gutes  Gewissen
  und  das  Recht  auf  unserer  Seite,  das
ist  das  Entscheidende.  Darum  können  wir  den  weiteren  Gang
der  Dinge  getrost  der  Gerechtigkeit  und  Treue  Gottes  überlassen.
  Ich  bin  darüber  vollständig  ruhig.  Gott  wird  uns
auf  die  Dauer  nicht  im  Stich  lassen,  wenn  wir  auch  jetzt
schwere  Wege  gehen  müssen.  Der  Kleinglaube  so  vieler  zeigt,
wie  schlecht  sie  das  Examen  bestanden  haben,  dem  uns  Gott
durch  diesen  Krieg  unterzogen  hat.  Sie  leben  nur  in  klagenden
Erinnerungen  an  das  Verlorene  und  werfen  die  Hoffnung
ganz  weg.  Das  ist  ein  klägliches  Resultat  von  alledem,  was
wir  erlebt  haben.  Nicht  Kleinglaube  ist  es,  was  wir  haben
müssen,  sondern  Glaube,  mutiger,  unerschütterlicher  Glaube.

Ich  sehe  die  Vorsehung  deutlich  am  Werk.  Sehen  Sie
denn  nicht,  wie  das  böse  Gewissen  die  Urheber  des  Krieges
nicht  zur  Ruhe  kommen  läßt?  Während  die  deutsche  Regierung,
  die  nun  einmal  auf  dem  Vertrag  von  Versailles
        <pb n="110" />
        108  Unser  Kalser.

steht,  nicht  wagt,  ihr  Wort  einzulösen  und  das  abgepreßte
Kriegsschuldbekenntnis  von  Versailles  kraftvoll  zu  widerrufen,
liefern  uns  unsere  bittersten  Feinde  die  schärfsten  Waffen
dafür.  Lord  Grey  hat  sein  Buch  geschrieben,  in  dem  er,
der  damalige  Leiter  der  englischen  Politik,  Englands  Kriegsschuld
  schlagend  beweist;  ihm  sind  Oberst  House  und  Page
mit  ihren  Büchern  gefolgt.  Hier  hat  die  Welt  aus  der  Hand
derer,  die  den  Kriegsausbruch  am  meisten  gefördert  haben,
die  unzweideutigsten  Beweise.  Man  könnte  sich  wundern,
wie  sie  dazu  kommen,  sich  selbst  zu  verraten.  Aber  es  ist
das  böse  Gewissen.  Es  ist  derselbe  Drang,  der  den  Mörder
immer  wieder  zu  der  Stelle  hintreibt,  wo  er  den  Mord  begangen
  hat.  Darin  erblicke  ich  die  Hand  der  Vorsehung.

*  V##
n

Das  Denkmal,  das  die  Universität  Berlin  ihren  Gefallenen
errichtet  hat,  trägt  die  Inschrift:  Invictis  victi  victuri.  Den
Unbesiegten  die  Besiegten  und  künftigen  Sieger.  Diesen
mutigen  Geist  atmeten  immer  wieder  die  Worte  des  Kaisers.
So  sagte  er:

Wir  müssen  mehr  Glauben  an  Gottes  Weltregierung
haben.  Man  darf  sich  durch  den  heutigen  Zustand  der  Dinge
nicht  täuschen  lassen.  Jetzt  liegt  ja  Deutschland  am  Boden.
Aber  sehen  Sie  nicht,  wie  Gottes  Vergeltung  schon  beginnt?
Rußland  in  größter  Verwirrung,  Frankreich  vor  dem  Bankrott,
England  weiß  sich  vor  lauter  Streiks  und  Arbeitslosigkeit
nicht  zu  helfen,  und  in  seinem  Weltreich  gehen  Dinge  und
Wandlungen  vor  sich,  von  denen  sich  der  oberflächliche  Beobachter
  nichts  träumen  läßt.
        <pb n="111" />
        Gespräche  auf  Spazlerwegen  109

Nur  keinen  Kleinglauben!  Gott  lebt.  Gott  regiert  die
ganze  Welt.  Man  muß  nur  warten  bönnen.  Wenn  einer
Ursache  hätte,  sich  zu  beklagen,  dann  bin's  weiß  Gott,  ich
selbst,  denn  schlecht  genug  ist  mir's  ergangen.  Aber  ich  bin
weit  davon  entfernt,  mich  zu  beblagen.  Ich  warte  nur,
wie  Gott  die  Sache  machen  wird.  Seine  Gerechtigbeit  vollzieht
  sich  langsam,  aber  sicher.  Es  wird  sich  zeigen,  daß
die  andern  in  immer  größere  Schwierigkeiten  geraten,  und
Deutschland  wird  dann  gefestigt  und  geläutert  in  ihrer  Mitte
aufsteigen.  Darauf  vertraue  ich  unbedingt.  Je  toller  es
in  der  Welt  zugeht,  desto  mehr  bin  ich  Optimist.  Darum
sage  ich  heute  schon,  trotz  des  entgegenstehenden  Augenscheins:
Wir  haben  den  Krieg  nicht  verloren,  sondern  gewonnen.
Natürlich  nicht  in  dem  gegenwärtigen  Zustand.  Aber  die
innere  Logil  der  Tatsachen,  des  Rechts,  der  Wahrheit  wird
es  noch  der  ganzen  Welt  vor  Augen  stellen:  Wir  haben  den

Krieg  gewonnen.
x  *e  *

Ich  kann  es  nicht  verstehen,  daß  in  Deutschland  nicht  mehr
geschieht,  um  die  Kriegsschuldlüge  zu  bekämpfen.  Alle
Männer  der  Geschichtswissenschaften  müßten  daran  arbeiten,
sie  mit  so  klaren  und  hellen  Gründen  an  den  Pranger  zu
stellen,  das  kein  anständiger  Mensch  sie  mehr  vertreten  kann.
Unermüdlich  müßte  jede  vaterländische  Zeitung  mit  immer
neuen  Tatsachen,  immer  neuen  Mitteilungen,  immer  neuen
Gründen,  immer  neuen  Formen  diese  Lüge  als  solche  der  Welt
einhämmern,  daß  diese  schließlich  sich  gezwungen  sehen  muß,
der  Sache  näherzutreten  und  sie  aus  der  Welt  zu  schaffen.
        <pb n="112" />
        110  Unser  Kaiser.

Selbst  Lloyd  George,  einer  der  Haupturheber  des  Vertrags
von  Versailles,  hat  in  öffentlicher  Rede  erklärt,  dieser  Vertrag
stehe  und  falle  mit  dem  Schuldbekenntnis  Deutschlands.  Kann
man  einen  mächtigeren  Ansporn  haben,  diese  Lüge  mit  allen
Mitteln  zu  bekämpfen,  bis  sie  totgehetzt  ist?  Es  ist  unverständlich,
  daß  man  sich  in  Deutschland  nicht  mehr  Mühe
gibt,  diese  Aufgabe  zu  lösen,  welche  die  Voraussetzung  von
allem  anderen  ist.  Im  Ausland  erheben  sich  immer  mehr
Stimmen  für  die  Wahrheit,  sogar  in  Frankreich  sind  vierzehn
Bücher,  zum  Teil  von  französischen  Offizieren,  erschienen,
die  eine  Abänderung  des  ungerechten  Vertrages  von  Versailles
fordern.  Aber  im  größten  Teil  der  deutschen  Presse  wird
das  alles  fast  totgeschwiegen.

"“  #3  t

Was  für  unwahre,  ja  unsinnige  Dinge  werden  heute  in
Zeitungen,  Büchern  und  Volksversammlungen  mir  nachgeredet!
  Ich  könnte  ja  sagen:  Das  ist  gar  kein  schlechtes
Zeichen,  es  beweist  nur,  daß  die  Welt  noch  mit  mir  rechnet
und  über  meine  Person  nicht  zur  Ruhe  kommen  kann.  Aber
unerhört  ist  es  doch.  Von  den  Ubelwollenden  will  ich  gar
nicht  reden,  da  ist  es  nicht  anders  zu  erwarten.  Aber  selbst
Bessergesinnte  machen  mit.

Als  sich  meine  Frau  vor  einiger  Zeit  in  Deutschland  aufbielt,
  ließ  sich  auch  ein  Professor  bei  ihr  melden,  der  im
Begriffe  war,  ein  Buch  über  mich  zu  schreiben.  Sie  gab
ihm  eine  Audienz,  und  er  entwickelte  auf  ihre  Frage,  was
er  über  mich  schreiben  wollte,  ganz  schiefe  Auffassungen.
        <pb n="113" />
        Gespräche  auf  Spazierwegen.  111

Die  Kaiserin  fragte  ihn  erstaunt:  „Kennen  Sie  denn  den
Kaiser?“

Nein.

„Haben  Sie  sich  wenigstens  bei  solchen  erkundigt,  die  ihn
persönlich  kennen?“

Nein.

„Aber  wie  wollen  Sie  dann  ein  Buch  über  ihn  schreiben?“

Ich  stelle  alles,  was  ich  an  Urkunden,  Zeugnissen,  Büchern
über  ihn  finde,  kritisch  zusammen,  und  danach  entwerfe  ich
sein  Bild.

„Aber  erlauben  Sie  einmal“,  erwiderte  die  Kaiserin,  „wenn
Sie  über  eine  geschichtliche  Persönlichkeit  der  Vergangenheit
schreiben,  etwa  über  Karl  den  Großen,  dann  sind  Sie  natürlich
nur  auf  schriftliche  Urkunden  angewiesen.  Aber  der  Kaiser
lebt  ja  noch!  Da  wäre  es  doch  das  Nächstliegende,  daß  Sie
einmal  selbst  kommen  und  sich  bei  ihm  erkundigen,  oder  doch
bei  solchen,  die  ihn  genau  kennen.  Das  ist  doch  mehr  wert
als  alle  papierenen  Zeugnisse!“  Und  nun  entwarf  ihm  die
Kaiserin  ein  Bild  von  meiner  Person,  meinen  Grundsätzen,
Gedanken  und  Auffassungen,  daß  der  Mann  erstaunte.

Ich  wundere  mich  ja  gar  nicht,  wenn  das  Ausland  solche
Dinge  über  mich  glaubt  und  verbreitet.  Aber  meine  eigenen
Landsleute  könnten  es  doch  wahrhaftig  besser  wissen.  Dreißig
Jahre  lang  habe  ich  in  der  größten  Offentlichkeit  vor  den
Augen  des  deutschen  Volkes  gelebt.  Jeder  konnte  sehen,  daß
mein  ganzes  Denken  und  Arbeiten  dem  Vaterlande  galt.
Ihm  habe  ich  meine  ganze  Lebenskraft  gewidmet,  ihm  meine
Person  immer  untergeordnet.  Da  könnten  es  wirklich  die
meisten  besser  wissen.  Hofprediger  Döring  hat  ja  neulich
        <pb n="114" />
        112  Unser  Katser.

im  Verlage  Fr.  Zillessen  in  Berlin  ein  Schriftchen  erscheinen
lassen,  worin  er  zusammengestellt  hat,  wie  rückhaltlos  anerkennend
  sich  die  Zeitungen  fast  aller  Parteischattierungen
früher,  namentlich  anläßlich  meines  Regierungojubiläums,
über  mich  ausgesprochen  haben.  Und  heute  schreiben  sie
zum  großen  Teil  genau  das  Gegenteil,  und  die  halbe  Welt
spricht  es  ihnen  gedankenlos  nach.

Ich  muß  dabei  immer  an  jenes  Wort  Jesu  vor  Milatus
denken.  Er  wird  von  seinen  Feinden  verklagt,  er  habe  nach
der  politischen  Königskrone  getrachtet.  Pilatus  fragt  ihn
danach.  Aber  der  Herr  antwortet  ihm  in  seiner  ruhigen
Überlegenheit  mit  der  Gegenfrage:  „Redest  du  das  von  dir
selbst?  Oder  haben's  dir  andere  von  mir  gesagt?“  Er  faßte
ihn  damit  an  seiner  Beamtenehre:  „Du  bist  der  höchste  Beamte
im  Lande.  Du  hast  die  Pflicht,  nicht  nach  Hörensagen  zu
urteilen,  sondern  nach  deiner  innersten  Uberzeugung.  Du  weißt
ja  die  Antwort  auf  deine  Frage  schon.  Du  weißt  es  viel  besser
als  die  brüllende  Menge  da  draußen.  Du  bist  ja  als  oberster
Beamter  ganz  genau  über  mein  Leben,  mein  Wirken,  meine
Taten  orientiert  und  hast  dir  dein  Urteil  schon  gebildet  —
wozu  also  die  Frage?“

Und  wenn  ich  solche  Zeitungen  oder  Bücher  lese,  wo  die
unsinnigsten  Dinge  über  mich  geschrieben  und  von  Tausenden
gedankenlos  geglaubt  und  nachgesprochen  werden,  dann  denke
ich  immer:  Redest  du  das  von  dir  selbst?  Oder  haben  es
dir  andere  von  mir  gesagt?  Aber  solche  Pilatusse  laufen  in
Deutschland  millionenweise  herum.

6  "  6
        <pb n="115" />
        Gespräche  auf  Spazierwegen.  113

„Inschallah,  Inschallah!“  (So  Gott  will)  dieses
Wort,  das  ich  in  Konstantinopel  und  Jerusalem  so  oft  aus
dem  Munde  der  Muhammedaner  gehört  habe,  hat  mir  gut
gefallen.  Es  ist  geradezu  bezeichnend  für  das  Wesen  des
Orientalen.  Immer,  wenn  er  eine  Absicht  äußert,  sagt  er
Inschallah.  Wer  tut  das  noch  bei  uns  Christen?  Im  Neuen
Testament  heißt  es  ja  auch  einmal:  „Ihr  sagt:  heute  oder
morgen  wollen  wir  in  die  oder  die  Stadt  gehen,  ein  Jahr
dort  bleiben  und  Handel  treiben.  Statt  dessen  solltet  ihr
sagen:  So  der  Herr  will  und  wir  leben,  wollen  wir  dies
oder  das  tun.“  Der  Muhammedaner  tut's.  Der  sagt  immer
Inschallah,  und  wenn  er  etwas  ganz  und  gar  unter  Gottes
Willen  stellen  will:  Maschallah.  Aber  tun's  auch  die  Christen?

Überhaupt  die  arabischen  Sprüchwörter,  wie  fein  sind  die
oft!  Die  Eile  ist  vom  Teufel,  sagt  der  Araber  zu  unserem
hastigen  Geschlecht.  Oder:  Die  Hunde  bellen,  die  Karawane
marschiert.  Wie  oft  habe  ich  daran  denken  müssen:  Laß  die
Hunde  bellen,  soviel  sie  wollen,  ich  gehe  ruhig  meinen  geraden
Weg  —  die  Karawane  marschiert.

Ich  habe  im  Gegensatz  zu  den  europäischen  Mächten  immer
den  Standpunkt  vertreten,  daß  wir  Christen  den  Türken
und  Muhammedanern  gegenüber  eine  ganz  andere  Stellung
einnehmen  müssen.  Wir  dürfen  sie  nicht  wie  bisher  immer
nur  als  ein  Objebt  der  Beraubung  ansehen,  so  daß  man  ihnen
unter  allen  möglichen  heuchlerischen  Vorwänden  ein  Stück
nach  dem  anderen  von  ihrem  Gebiete  entreißt.  Nein,  was
ihnen  Allah  gegeben  hat,  das  sollen  sie  auch  behalten,  und
zwar  ganz  unangefochten.  Gewiß,  sie  sind  noch  in  vielem

zurtck,  und  es  muß  bei  ihnen  vieles  besser  werden.  Aber  ist
8
        <pb n="116" />
        114  Unser  Kaiser.

denn  der  einzige  Weg  dazu  der,  daß  man  sie  beraubt  und
dadurch  aufs  äußerste  erbittert?  Man  trete  ihnen  freundlich
entgegen,  wie  das  unser  Christenglaube  von  uns  fordert.  Man
helfe  ihnen,  gebe  ihnen  Rat,  wie  sie  es  anfangen  müssen,  man
erwerbe  Konzessionen,  ihre  Bodenschätze  zu  heben,  Maschinen
einzuführen.  Und  das  alles  nicht,  um  ihnen  das  Ihre  abzunehmen,
  den  Hauptsegen  von  ihrem  Lande  sollen  sie  selbst
haben.  Dann  wird  alles  andere,  Schulen,  Bildung,  Handel
und  Gewerbe,  sittlicher  Fortschritt  allmählich  ganz  von  selbst
kommen.  Aber  laßt  ihnen  das  Land  und  die  Bodenschätze,  die
ihnen  Gott  gegeben  hat.  Sehen  Sie,  das  ist  meine  ganze
viel  angefochtene  Türkenpolitik.  Wir  müssen  uns  auch  den
Muhammedanern  als  wahre  Christen  beweisen,  so  wie  es
uns  unser  Heiland  gelehrt  hat.  Dann  haben  wir  auch  in
religiöser  Beziehung  den  größten  Einfluß,  haben  eine  überragende
  geistige  Grundlage  und  kbönnen  ein  gegenseitiges  Verstehen
  erreichen.  So  würde  durch  unsere  deutsche  Zusammenarbeit
  mit  ihnen  nicht  nur  der  europäischen  Kultur  eine  neue
Bahn  eröffnet,  sondern  allmählich  auch  durch  unseren  christlichen

  Wandel  unser  Herr  Jesus  den  Sieg  gewinnen  auch  über
den  Islam.

k  *

Man  nimmt  im  christlichen  Europa  meistens  eine  ganz
falsche  Stellung  zu  den  Muhammedanern  ein.
Es  ist  doch  eine  kompakte  Masse  von  230  Millionen,  die
im  Gegensatz  zur  Heidenwelt  wie  wir  an  einen  Gott  glauben.
Wie  viel  ferner  stehen  uns  da  die  Heiden  mit  ihrem  Götzendienst,
  auch  in  Ländern  mit  alter  Kultur  wie  in  Ostasien.
        <pb n="117" />
        Gespräche  auf  Spazierwegen.  115

Sie  glauben  nicht  nur  an  Gott,  sie  verehren  unseren  Herrn
Christus,  wenn  auch  noch  nicht  als  Sohn  Gottes,  so  doch
als  ihren  zweitgrößten  Propheten.  Es  ist  nicht  recht  und
nicht  christlich,  daß  man  sich  immer  so  abweisend  gegen  sie
stellt.  Glaubt  man  sie  dadurch  zu  gewinnen?  Die  Muhammedaner
  sehen  mich  als  ihren  Freund  an,  und  ich  bin  es  auch
ganz  aufrichtig,  gerade  weil  ich  ein  Christ  bin.

Ich  sprach  mit  dem  Schah  von  Persien,  als  er  mich  in
Potsdam  besuchte,  und  hatte  mir  als  Dolmetscher  den  Gesandten
  Rosen  bestellt.  Ich  war  ganz  überrascht,  wie  unterrichtet
  der  Mann  über  unsere  religiösen  und  birchlichen  Verhältnisse
  war.  Als  ich  meine  Freude  darüber  äußerte,  daß  ich
so  manche  Berührungspunkte  in  unserem  Glauben  fand,  erwiderte
  er:  „Ja,  wir  schiitischen  Muhammedaner  in  Persien
sind  eben  die  Protestanten  des  Islam.“

In  Konstantinopel  hatte  ich  eine  lange  Unterredung  mit
dem  damaligen  obersten  Haupt  der  muhammedanischen  Religion,
  dem  Scheech  ul  Islaam.  Es  war  ein  noch  jüngerer,
überaus  bluger  und  unterrichteter  Mann.  Mit  der  größten
Bereitwilligkeit  und  Liebenswürdigkeit  ging  er  auf  religiöse
Fragen  ein.  Es  entwickelte  sich  daraus  eine  lange  Unterhaltung,
  an  deren  Schluß  er  der  Hoffnung  Auaödruck  gab,
daß  noch  die  ganze  Welt  muhammedanisch  würde.  Dagegen
sprach  ich  ihm  als  meine  Uberzeugung  aus,  daß  am  Ende
die  ganze  Welt  evangelisch  würde.

#76  .
*

Jesus  wird  bei  uns  vielfach  ganz  falsch  dargestellt.
Es  fehlt  ganz  die  geniale  Überlegenheit  der  göttlichen  Per-
        <pb n="118" />
        116  Unser  Kalser.

sönlichkeit.  Man  stellt  ihn  hin  als  einen  Mann  mit  einer
weichlichen,  immer  nur  mitleidigen  Stimmung,  der  keine
scharfen  Kanten  und  unnachgiebigen  Grundsätze  gehabt  hat.
Schon  diese  Darstellungen  unserer  meisten  Maler:  immer
der  rote  oder  blaue  Mantel,  das  weichliche  Gesicht,  die
Frauenhaare!  Warum  nicht  die  orientalische  Tracht,  wie
wir  sie  noch  heute  sehen,  die  orientalische  Kopfbedeckung  und
das  lang  herabwallende  Gewand?  Wir  erfahren  es  ja  bei
der  Kreuzigung,  daß  er  das  von  oben  bis  unten  ungenähte
Gewand  getragen  hat.

Nein,  Jesus  war  keineswegs  immer  nur  das  sanftmütige
„Lamm  Gottes“,  ein  Bild,  das  freilich  zur  Karfreitagsgeschichte
  wunderbar  paßt,  sondern  er  war  am  rechten  Ort
auch  der  Zornentbrannte,  der  die  Geißel  zur  Hand  nahm  und
die  tempelschänderischen  Mammonsdiener  aus  dem  Hause
seines  Vaters  hinaustrieb.

Auch  bei  der  Versuchungsgeschichte  des  Herrn,  was  für
unwürdige  und  unzulängliche  Bilder  haben  uns  da  unsere
Maler  geschaffen!  Da  steht  der  Teufel  womöglich  mit
Pferdefuß,  Schwanz  und  Hörnern.  Und  das  soll  eine  Versuchung
  sein?  Ich  nehme  den  Teufel  ganz  ernst,  wie  es
uns  unser  Heiland  gelehrt  hat.  Den  ganzen  Zweck  seines
Kommens  faßte  er  ja  in  die  Worte  zusammen:  Ich  bin  gekommen,
  daß  ich  die  Werke  des  Teufels  zerstöre.  Aber
dieser  ungeheure  Gegner  ist  dann  nicht  einer  mit  Hörnern
und  Pferdefuß,  sondern  ein  gewaltiger,  mit  dämonischen
Kräften  ausgestatteter,  genialer  Geist,  mit  dem  überhaupt
kein  anderer  fertig  wird  als  der  Sohn  Gottes.  Deshalb
mußte  eben  dieser  kommen,  daß  er  seine  Werke  zerstörte.
        <pb n="119" />
        Gespräche  auf  Spazierwegen.  117

Diese  ganz  untergeordnete  Darstellung  des  Teufels  sieht
man  immer  auch  auf  der  Bühne  bei  der  Aufführung  des
Faust.  Was  sind  das  für  unzulängliche  Darstellungen  des  sich
schmiegenden  und  biegenden  Mephisto  im  roten  Mäntelchen
und  allerlei  anderen  Späßen,  die  dem  mittelalterlichen  Volksglauben
  vom  dummen  Teufel,  nicht  aber  der  biblischen  Idee
von  diesem  furchtbaren  Geist  entsprechen!  Keiner  hat  das
so  erkannt  und  den  Satan  so  richtig  gezeichnet  wie  Milton
in  seinem  ersten  Gesang  —  aber  freilich,  wer  liest  heute
noch  Miltons  „Verlorenes  Paradies“!

Ich  habe  einmal  länger  mit  meinem  Bühnenintendanten
Hülsen  gesprochen  und  ihn  beauftragt,  nach  dieser  Miltonschen
Auffassung  die  Sache  auf  die  Bühne  zu  bringen.  Ich  hatte
soeben  wieder  eine  solche  verfehlte  Aufführung  gesehen:  den
Satan  in  der  üblichen  lächerlichen  Gestalt  und  auf  der
Treppe,  die  den  Aufgang  zum  Himmel  bezeichnete,  ein  paar
Kinder  in  Florgewändern  und  Flügelchen.  Ich  sagte  ihm:
Lesen  Sie  einmal  Milton,  dann  werden  Sie  die  rechten  Gedanken
  finden.  Da  ist  der  Satan  geschildert  als  ein  gewaltiger
  Held,  ein  überlegener  Geist,  strahlend,  im  funkelnden
  Panzer,  ein  Riese  an  physischer  und  geistiger  Kraft.
Und  ihm  gegenüber  nun  die  himmlischen  Scharen:  nicht  ein
paar  spielige  Kinderchen,  sondern  vorne  der  Erzengel  Michael
in  gewaltiger  Kraft  und  Rüstung,  das  bloße  Schwert  ruhig
in  der  Rechten  haltend,  neben  ihm  die  Erzengel  Rafael  und
Uriel,  gleichfalls  himmlische  Fürsten,  und  hinter  ihm,  soweit
  das  Auge  reicht,  die  himmlischen  Heerscharen  in
schimmernder  Wehr,  so  daß  der  Satan  beim  ersten  Blick
merken  muß:  gegen  diese  ungeheure  Macht  des  Himmels  kann
        <pb n="120" />
        118  Unser  Kalser.

unsereiner  nicht  ankommen!  Das  wäre  eine  ganz  andere
würdige  Darstellung,  als  man  sie  auf  unseren  Bühnen  zu
sehen  gewohnt  ist.  Ich  bin  überzeugt,  daß  auch  Goethe
sich  die  Sache  ähnlich  vorgestellt  hat.  Wir  sehen  es  ja  schon
im  Prolog,  wo  diese  himmlischen  Helden  so  erhaben  und
ihres  Herrn  würdig  auftreten  mit  jenen  wundervollen  Gesängen:
  „Die  Sonne  tönt  nach  alter  Weise  in  Brudersphären
Wettgesang“.
7*  „  #

„Ohne  mich  könnet  ihr  nichts  tun“,  das  ist  für
Christen  eine  der  fundamentalsten  Wahrheiten,  die  es  gibt.

Ich  habe  mich  neulich  mit  der  Erzählung  des  Sturms
auf  dem  See  Genezareth  nach  dem  Evangelium  Markus
beschäftigt.  Da  ist  mir  wieder  aufgefallen,  was  der  Herr
an  seinen  Jüngern  tadelt:  nicht  den  Unglauben,  aber  den
Kleinglauben,  der  ihm  nahe  verwandt  ist.  Jesus  hatte  den
ganzen  Tag  gepredigt  und  geheilt.  Auch  das  Heilen  griff
ihn  an;  er  sagt  es  ja  selbst  in  jener  Geschichte:  Es  hat
mich  jemand  angerührt,  denn  es  ist  eine  Kraft  von  mir
ausgegangen.

Also  er  bedurfte  der  Ruhe  und  hieß  seine  Jünger,  ihn
über  den  See  zu  fahren.  Die  Jünger  waren  eifrig  um  ihren.
Herrn  bemüht.  Markus,  der  treue  Chronist  unseres  Herrn,
berichtet,  wie  sie  im  Achterschiff  das  Lager  und  das  Kissen
für  ihn  bereit  machten.  Sie  hatten  das  Gefühl:  der  Herr
muß  schlafen,  jetzt  kommt  es  nur  auf  und  an.  Der  ermüdete
Herr  legt  sich  auf  das  bereitete  Lager,  sein  Haupt  auf  das
Kissen  und  sieht  hinüber  auf  die  Jünger,  die  so  emsig
        <pb n="121" />
        Gespräche  auf  Spazierwegen.  119

schaffen  und  sich  so  wichtig  vorkommen  und  meinen:  Jetzt
kommt  es  auf  uns  an,  er  kann  schlafen,  und  wir  werden  es
schaffen.  Aber  der  Herr  sah  lächelnd  zu.  Er  wußte  schon,
wie  es  kommen  würde.  Er  hatte  ja  vor,  sie  durch  diese  Fahrt
einem  Examen  zu  unterwerfen,  um  zu  sehen,  ob  ihr  Glaube
schon  soweit  erstarkt  war,  daß  er  auch  im  Sturm  die  Probe
aushalten  würde.  Er  sagte  wohl  im  stillen:  Macht  ihr  das
nur,  Petrus  und  Johannes  und  ihr  anderen,  ihr  werdet  schon
sehen,  wie  weit  ihr  ohne  mich  kommt.  Ihr  werdet  es  schon
merken:  Ohne  mich  könnet  ihr  nichts  tun.

Nun  wird  das  Schiff  ins  Wasser  geschleppt,  vom  Gestade
fortgerudert,  die  Ragen  geheißt,  das  große  dreikantige  Segel
gesetzt  und  die  Reise  beginnt.  Die  Jünger  sitzen  an  ihren
RNuderbänken,  Petrus  am  Steuer  lenkt  das  Schiff.  Der
ermüdete  Herr  ist  inzwischen  sanft  eingeschlummert,  rings
tiefe  Stille.

Da  kommen  plätzlich  von  den  umliegenden  Plateaus  heftige
Fallböen.  Petrus  gibt  die  Kommandos,  die  Segel  werden
gerefft,  die  Ragen  gefiert,  schließlich  zu  den  Riemen  gegriffen
  und  ordentlich  gepullt.  Petrus  stemmt  sich  mit
Fuß  und  Hand  gegen  sein  Steuerruder,  um  das  Schiff  einigermaßen
  in  Kurs  zu  halten.  Alles  umsonst!  Die  Gefahr  wird
immer  größer  und  größer,  bis  sie  völlig  verzweifeln.  All
ihr  Eigendünkel  ist  zertrümmert.  Nicht  sie  müssen  dem
Herrn,  sondern  der  Herr  ihnen  helfen.  In  Todesangst
wecken  sie  ihn  auf  und  schreien  um  Hülfe.  Der  Herr
wacht  auf  und  schüttelt  verwundert  sein  Haupt.  Dann  bebt
er  ruhig  seine  drohende  Hand  gegen  das  Wetter,  wie  man
einen  bösen  Hund  abwehrt,  und  das  Meer  wird  ganz  stille.
        <pb n="122" />
        120  Unser  Kailser.

Aber  zu  den  Jüngern  sagt  er  mißbilligend:  „Ihr  Klein—
gläubigen,  warum  so  furchtsam?“  Jetzt  merken  sie  erst,
daß  der  Sturm  nur  ein  Examen  gewesen  war,  durch  das  ihr
Glaube  auf  die  Probe  gestellt  wurde.  Sie  hatten  das  Examen
schlecht  bestanden.  Der  Herr  wollte  ihnen  mit  diesem  Worte
sagen:  Soviel  Glauben  solltet  ihr  doch  schon  haben,  um  zu
wissen,  daß  es  nicht  die  Bestimmung  des  Sohnes  Gottes
sein  kann,  hier  auf  dem  See  Genezareth  zu  ertrinken.  Es
war  nicht  der  geringste  Anlaß  zur  Furcht  da.  Solange  ich
bei  euch  war,  ob  auch  schlafend,  wart  ihr  mitten  im  Sturm
so  sicher  wie  in  Abrahams  Schoß.  Aber  nehmt  euch  die
Lehre  von  dieser  Stunde:  Ohne  mich  könnet  ihr  nichts  tun.

So  erfährt  auch  heute  noch  jeder  in  seinem  Leben  seinen
Sturm,  der  ihm  alle  hohen  Gedanken  über  sich  selbst,  alle
Trugschlösser  über  sein  Können  und  Leisten,  besonders  wenn
sie  ohne  Gott  gedacht  sind,  gründlich  über  den  Haufen  wirft.
Da  wird  ihm  erst  klar,  daß  er  ohne  Gott,  ohne  Christus
eine  absolute  Null  ist,  und  daß  er  dann,  wenn  er  noch  so
viele  scheinbare  Erfolge  hat,  das  Schlußeramen  von  sich
aus  nicht  besteht.

Kleinglaube  ist  es,  der  auch  heute  so  weite  Kreise  in
Deutschland  ergriffen  hat.  Gewiß,  wir  sind  im  Sturm.
Aber  gerade  da  muß  es  sich  zeigen,  daß  wir  an  unseren
Herrn  glauben.  Wenn  unser  Glaube  an  ihn  nicht  auch  im
Sturm  standhält,  dann  ist  er  nichts  wert.  Jenen  trotzigen
Glaubenömut  müssen  wir  haben,  der  es  furchtlos  mit  Himmel
und  Hölle  aufnimmt,  wie  ihn  Luther  hatte,  der  es  kühn

mit  allen  Mächten  der  Welt  aufnahm,  einfach  weil  er  wuste,
daß  Gott  mit  ihm  war.
        <pb n="123" />
        Gespräche  auf  Spazierwegen.  121

Der  Kleinglaube  ist  ein  ganz  bedenkliches  Symptom  bei
einem  Christen.  Er  beweist,  daß  es  an  dem  inneren  Feuer
fehlt,  das  nur  aus  der  Gemeinschaft  mit  dem  Herrn  und
durch  seinen  heiligen  Geist  kommen  kann.  Darum  das  ungeheuer
  ernste  Wort  der  Offenbarung  Johannis:  „O  daß  du
kalt  oder  heiß  wärest!  Weil  du  aber  lau  bist,  will  ich
dich  ausspeien  aus  meinem  Munde.“

*  3  *

„Ohne  mich  könnet  ihr  nichts  tun“,  dies  Wort
unseres  Herrn  müssen  wir  auf  alle  Verhältnisse  auf  Erden
beziehen.  Was  nicht  mit  Gott  getan  ist,  mißrät  und  geht
zugrunde.  Wo  nicht  der  Herr  um  Beistand  angerufen  wird
und  hilft,  geht  alles  in  die  Brüche,  aller  Menschenkunst
und  allem  Weltgeist  zum  Trotz.  All  unser  Tun  und  Lassen
müssen  wir  auf  den  Herrn  beziehen.  Unsere  kleinste  und
einfachste  Lebensarbeit  muß  bei  einem  Christen  aufgefaßt
werden  als  „von  Gottes  Gnaden“.  Aber  er  muß  sich  die
Kraft  und  Gnade  dazu  fortwährend  erbitten  von  dem,  welcher
gesagt  hat:  Ohne  mich  könnt  ihr  nichts  tun.  Dann  sieht
der  Herr  jede  Arbeit  an,  als  sei  sie  ihm  getan.  Er  sagt
dann:  „Was  ihr  getan  habt  einem  der  geringsten  unter  diesen
meinen  Brüdern,  das  habt  ihr  mir  getan“.  Jede  Arbeit,
gleichgültig  ob  Kopf=  oder  Handarbeit,  ob  von  hoch  oder
niedrig  geleistet,  erhält  dann  den  Adel:  in  Gott  getan,  für
andere  geleistet.  Jeder  einzelne  von  uns  hat  „von  Gottes
Gnaden“  einen  festen  Platz  als  Teil  seines  ganzen  Schöpfungswerbes
  angewiesen  bekommen,  auf  dem  er  einen  göttlichen  Auftrag,
  einen  Befehl  Gottes  auszuführen  hat.
        <pb n="124" />
        122  Unser  Kaiser.

Die  Getreuen  von  Doorn.

Uns  Deutsche  hat  kelne  Tugend  so  hoch  gerühmt
und  bieher  so  hoch  erhaben  erhalten,  als  daß  man
uns  für  treue  wahrhafiige,  beständige  Leute  gehalten
hat.  Martin  Luther.

Im  November  1918  glich  Deutschland  einem  Tollhaus.
Gewiß  stand  der  weit  überwiegende  Teil  des  deutschen  Volkes
in  seinem  Herzen  auf  Seiten  seines  Kaisers.  Aber  die  Abwesenheit
  der  besten  Männer  draußen  beim  Heer  oder  in  den
Massengräbern,  die  entscheidende  Rolle,  die  vorsichtig  Daheimgebliebenen
  und  den  zahllosen  Fahnenflüchtigen  zufiel,  die
völlig  unerwarteten  Ereignisse,  die  wie  ein  Donnerschlag
hereinbrachen,  die  vergifteten  Nachrichten,  die  die  neue,  durch
Hochverrat  und  Meineid  hochgekommene  Regierung  dem  Volke
auf  allen  Wegen  zuführte,  machten  alle  so  bestürzt,  daß
jedes  blare  und  gesunde  Urteil,  jedes  tatkräftige  Handeln
verloren  ging  und  eine  beispiellose  Verwirrung  der  Geister
Platz  griff.

Jetzt,  wo  sich  der  Nebel  ein  wenig  verzogen  hat,  muß  man
fragen:  Wie  war  eg  nur  möglich,  daß  sich  das  deutsche  Volk
von  seinem  Kaiser  abwenden  ließ,  dem  es  sonst  zugejubelt
hatte,  mit  dem  es  in  heller  Begeisterung  und  Einmütigkeit
in  den  Verteidigungokrieg  hinausgezogen  war!  War  er  denn
dadurch,  daß  ein  so  ungeheures  Unglück  über  ihn  kam,  ein
schlechter  Mensch  geworden?  War  Siegfried,  nachdem  ihm
am  Quell  im  Odenwald  der  tückische  Hagen  den  Speer  von
hinten  ins  Herz  gestoßen  hatte,  nicht  mehr  der  alte  Held?
Hätte  den  Kaiser  nicht,  wenn  er,  was  um  ein  Haar  ge-
        <pb n="125" />
        Die  Getreuen  von  Doorn.  123

schehen  wäre,  siegreich  geblieben  wäre,  ganz  Deutschland  und
die  ganze  Welt  als  einen  der  größten  Männer  der  Weltgeschichte
  gefeiert?  Hat  nicht  das  Jahr  1914  Deutschland
auf  einer  unvergleichlich  höheren  Machtstellung  gefunden  als
bei  seinem  Regierungsantritt  im  Jahre  13882  Hat  er  uns
nicht  dreißig  Jahre  lang  inmitten  neidischer  und  übelwollender
Weltmächte  einen  leuchtenden  Weg  geführt?  War  er  nicht
ein  Mehrer  des  Reichs,  der  immer  nur  eines  wollte:  das  ganze
deutsche  Volk  einig  und  stark  machen,  daß  es  nicht  wie
früher  und  jetzt  das  Gespött  seiner  Feinde  sei?  Ist  nicht
unter  seiner  Führung  die  ungeheure  Kraft  des  deutschen
Heeres  und  der  deutschen  Flotte  auf  eine  Höhe  gebracht
worden,  die  die  Welt  noch  nach  Jahrhunderten  anstaunen
wird?  Und  war  er  nicht  bei  alledem  der  größte  Friedensfürst
  seiner  Zeit,  um  Unterschied  von  Rußland,  England,
Frankreich  und  den  Vereinigten  Staaten  der  einzige,  der
während  seiner  Regierungszeit  nie  sein  Schwert  gezogen  hat,
so  verführerisch  auch  manchmal  die  Gelegenheit  sein  mochte?
War  er  nach  dem  unglücklichen  Ende  des  Krieges  nicht  mehr
derselbe  edle,  ritterliche,  offene  Mann  ohne  Falsch,  an  dessen
Sittenreinheit  sich  selbst  der  erfinderische  Klatsch  niemals
gewagt  hat?  War  er  nicht  vor  allen  Fürsten  seiner  Zeit
mitten  in  einer  materialistischen  JZeit,  die  in  ihrer  mammonistischen
  Geld=  und  Genußsucht  immer  mehr  in  Gottlosigkeit
versank,  der  Mann,  der  sich  auf  seinem  weithin  sichtbaren
Mlatze  bei  jeder  gebotenen  Gelegenheit  vor  aller  Welt  zu  Gott
und  seinem  Heiland  bekannte  und  sein  Volk  mit  den  ernstesten
Tönen  zur  Gottesfurcht  zurückrief?  Ja,  ist  denn  alles  ausgelöscht,
  daß  wir  ihm  die  Treue  nicht  mehr  halten  sollten?
        <pb n="126" />
        124  Unser  Kalser.

Selbst  im  Ausland  kann  man  das  nicht  begreifen.  Wie
oft  haben  mir  meine  Freunde  in  Amerika  fast  wörtlich
dasselbe  geschrieben:  „Nichts  hat  Deutschland  hier  so  ver—
ächtlich  gemacht  wie  seine  erbärmliche  Treulosigkeit  seinem
Kaiser  gegenüber“.  Gerade  heute,  wo  ich  dies  schreibe,  habe
ich  einen  Brief  aus  Newark-New  Jersey  erhalten,  in  dem
es  heißt:  „Ich  bin  seit  vielen  Jahrzehnten  amerikanischer
Bürger,  aber  mein  Herz  schlägt  noch  warm  für  mein  altes
Vaterland.  Ich  will  in  diesem  Jahre  Deutschland  wieder
besuchen,  und  ich  will  den  Versuch  machen,  auch  den  großen
Einsamen  in  Doorn  zu  sehen  und  ihm  ein  freundliches  Wort
zu  sagen.  An  diesem  Mann  hat  sich  die  ganze  Welt  schwer
versündigt,  und  Deutschland  am  allermeisten.  Niemals  wäre
es  so  in  die  Gewalt  seiner  Feinde  gekommen,  wenn  der
Kaiser  geblieben  wäre.  Diese  von  der  Sozialdemokratie  künst—
lich  gemachte  Revolution  war  deshalb  ebenso  unsäglich  dumm
wie  unnötig,  weil  sie  das  deutsche  Volk  um  die  Früchte
seines  vierjährigen  Heldenkampfes  gebracht  hat.  Ich  halte
von  Republiken  gar  nichts.  Wir  haben  hier  in  Amerika  das
schönste  Beispiel  davon.  Daß  Gott  erbarm!“

Und  ein  anderer  Amerikaner,  der  nach  dreißig  Jahren
sein  altes  deutsches  Vaterland  besucht  hat,  Otto  Kleine  in
Philadelphia,  schreibt  in  seinem  prächtigen  bei  H.  G.  Walle
mann  in  Leipzig  erschienenen  Büchlein  „Nach  dreißig  Jahren“,
das  sich  jeder  für  zwei  Mark  kaufen  sollte:  „Gegen  nichts
muß  ich  mich  innerlich  so  wehren  wie  gegen  die  Verachtung
der  Menschen,  die  von  der  Tragik  dieses  Menschenschicksals
kaum  einen  Hauch  verspürt  haben.  Ich  habe  immer  gemeint
  und  meine  noch,  daß  vor  dieser  Tragik  jeder  die
        <pb n="127" />
        Die  Getreuen  von  Doorn.  125

Empfindung  haben  müsse:  das  große  Unglück  adelt.  Und
was  erlebten  wir?  Nie  hat  die  Welt  so  das  schonungslos
aufdeckende  Wort  (Matth.  15,  19)  des  größten  Menschenkenners
  über  das  Menschenherz  bestätigt  wie  in  dem  Verhalten
  dieser  Tragil  gegenüber.  Welche  Flut  von  Schmutz
ergoß  sich  durch  die  Zeitungen  in  das  Volk!  Sie  beschmutzte
nicht  ihn,  sie  beschmutzte  das  Volk.  Sie  unterwühlte  jedes
sittliche  Empfinden.  Und  Keiner  war  da,  der  einen  Damm
dagegen  errichtet  hätte!  Das  sind  gallenbittere  Erinnerungen,
die  heute  noch  Ekel  erregen.“

Der  Kaiser  selbst  kann  es  nicht  begreifen,  daß  sich  sein
Volk  so  gegen  ihn  verhetzen  lassen  konnte.  Er  sagt  in
seinem  Buche  „Gestalten  und  Erinnerungen“:  „Wenn  ich
sehe,  wie  dieselben  Leute,  die  mir  früher  in  übertriebener
Weise  Weihrauch  gestreut  haben,  mich  heute  mit  Schmutz
bewerfen,  so  bann  ich  höchstens  ein  Gefühl  des  Mitleids
empfinden.  Was  ich  aus  der  Heimat  Bitteres  über  mich
höre,  enttäuscht  mich.  Gott  ist  mein  Zeuge,  daß  ich  immer
das  Beste  für  mein  Land  und  mein  Volk  gewollt  habe.  Ich
glaubte,  daß  jeder  Deutsche  das  erkannt  und  gewürdigt
hätte.  Auch  hier  in  der  Einsamkeit  fühle  und  denke  ich  nur
für  das  deutsche  Volk,  wie  ich  durch  Aufklärung  und  Rat
bessern  und  helfen  könnte.  Auch  herbe  Kritik  vermag  niemals
  meine  Liebe  zu  Land  und  Volk  zu  beeinträchtigen.
Ich  bleibe  den  Deutschen  treu,  ganz  gleichgültig,
wie  sich  die  einzelnen  zu  mir  stellen.  Die,  die  sich  aus
ehrlicher  Uberzeugung  gegen  mich  stellen,  bann  ich  achten.
Die  anderen  mögen  sehen,  wie  sie  vor  Gott,  ihrem  Gewissen
und  der  Geschichte  bestehen.“
        <pb n="128" />
        126  Unser  Kaiser.

In  seinem  Buche  „Wanderungen  mit  Wilhelm  II“  berichtet
  Niemann  folgende  ergreifende  Beichte  des  Kaisers:
„Wenn  ich  eine  Schuld  bekennen  soll,  dann  will  ich  wenigstens
eine  wahre  Schuld  bekennen.  Ich  bebenne  mich  schuldig,
das  Vaterland  stets  über  meine  Person  gestellt  zu  haben;
bekenne  mich  schuldig,  dem  Vaterland  und  dem  Heer  meine
Person  zum  Opfer  gebracht  zu  haben,  sie  der  Schmach
überhoben  zu  haben,  ihren  entthronten  Kaiser  dem  Landesfeind
  ausliefern  zu  müssen;  bekenne  mich  schuldig,  die  Verbannung
  dem  freiwilligen  Tode  vorgezogen,  ja  mein  Leben
erhalten  zu  haben,  um  Zeugnis  abzulegen  wider  diejenigen,
die  Deutschland  des  größten  Verbrechens  zeihen,  das  die
Weltgeschichte  je  gesehen  hat  ..  ..  .  Wie  oft  gehen  mir
die  bitteren  Worte  Gregors  VII  durch  den  Sinn:  Dilexi
justitiam  et  odi  iniquitatem,  propterea  morior  in  exilio  (Ich
habe  die  Gerechtigkeit  geliebt  und  das  Unrecht  gehaßt,  darum
sterbe  ich  in  der  Verbannung)!“

Darauf  antworten  ihm  alle  Kaisertreuen  in  Deutschland:
„Ja,  Kaiser,  das  ist  deine  Schuld,  deine  einzige  Schuld  #
Du  leidest  nicht  um  eigener  Missetaten  willen,  sondern  du
leidest  stellvertretend  für  dein  Volk,  das  durch  seinen
Mammonodienst  und  seine  Gottlosigkeit  die  Gerichte  Gottes
auf  sich  herabgezogen  hat.  Dir  aber,  dem  wir  in  den  Tagen
des  Glücks  die  Treue  gehalten  haben,  dir  wollen  wir  sie
in  deinem  Unglück  erst  recht  halten.  Wir  wollen  dir  treu
bleiben,  nicht  nur,  weil  wir  dir  als  dem  rechtmäßigen  König
von  Preußen  den  Eid  geschworen  haben,  von  dem  uns  weder
Gott  noch  Menschen  entbunden  haben,  sondern  weil  wir  dich
lieb  haben,  weil  wir  aus  innersier  Uberzeugung  zu  dir  stehen
        <pb n="129" />
        Die  Getreuen  von  Doorn.  127

und  es  wie  unsere  Väter  mit  dir  halten  wollen  bis  zum  letzten
Odemzug.  Wir  können  nie  vergessen,  wie  viel  Dank  wir
dir  schuldig  sind.  Wir  sehen  auch  jeden  Tag,  was  für  eine
Knechtschaft  und  was  für  erbärmliche  Zustände  wir  unter
der  „Republik“  für  die  goldene  Freiheit  eingetauscht  haben,
deren  wir  uns  in  deiner  Regierung  erfreuten.  Darum  glauben
wir  auch,  daß  Deutschland  nie  und  nimmer  wieder  zurecht—
kommt,  als  bis  das  ganze  deutsche  Volk  seinen  Kaiser  wieder
ruft.“

Aus  den  Kreisen  Deutschlands  in  Nord  und  Süd,  die  so
denken,  stammen  die  Getreuen  von  Doorn,  die  die  Umgebung
ded  Kaisers  bilden.  Ich  habe  sie  kennen  gelernt,  und  das
Herz  schlägt  mir  höher,  wenn  ich  an  sie  denke.  Sie  alle,
hoch  und  nieder,  sind  wie  eine  große  Familie,  die  sich  fest
um  ihren  Kaiser  schart.  Am  schönsten  kommt  das  zum  Ausdruck
  in  der  Morgenandacht,  die  der  Kaiser  jeden  Tag  hält.
Kurz  vor  neun  Uhr  versammeln  sich  alle,  die  zum  Hause
gehören,  Hofmarschall,  Beamte,  Gäste,  Diener,  Dienstboten,
in  der  Eingangoshalle.  Punkt  neun  Uhr  erscheint  der  Kaiser.
Er  kommt  in  Joppe  und  hohen  Schaftstiefeln,  denn  er  hat
schon  über  eine  Stunde  im  Freien  gearbeitet.  Er  tritt  an
das  Evangelienpult  aus  Olivenholz  von  Jerusalem.  Der
Mann,  der  einst  Millionen  geboten  hat,  waltet  jetzt  seineo
Hauspriesteramts,  das  in  unserem  Vaterlande  leider  so  viele
Hausväter  nicht  mehr  üben  und  dadurch  mit  schuldig  sind
am  Niedergang  von  Gottesfurcht  und  Frömmigkeit.  Heiliger
Ernst  liegt  auf  seinen  Zügen.  Er  beginnt:  „Die  Gnade  und
Wahrheit  des  Herrn  waltet  über  uns  in  Ewigkeit.  Gnade
sei  mit  und  und  Friede  von  Gott  unserm  Vater  und  dem
        <pb n="130" />
        128  Unser  Kaiser.

Herrn  Jesus  Christus.“  Dann  liest  er  aus  dem  vor  ihm
liegenden  Buche  die  für  den  Tag  bestimmte  Andacht  mit
dem  zugehörigen  Gebet.  Den  Schluß  bildet  das  Vater—
unser,  zu  dem  sich  alle  Anwesenden  von  ihren  Plätzen  er—
heben.

Nichts  bindet  Menschen  so  fest  zusammen  wie  gemeinsamer
Glaube  und  gemeinsames  Gebet.  Das  kann  man  auch  in
Doorn  sehen.  Aus  dieser  Wurzel  wächst  die  Königstreue,
die  alle  vom  ersten  bis  zum  letzten  beseelt.  Zwar  einen  amt—
lich  angestellten  Hofmarschall  wie  früher  im  Kaeiserschloß
gibt  es  in  Doorn  nicht  mehr.  Und  doch  fehlt  es  dem  Kaiser
nicht  an  Getreuen,  die  ihm  diese  Dienste  leisten.  Eine  Anzahl
königstreuer  Männer,  Generale,  Admirale,  ehemalige  hohe
Staatsbeamte,  Leibärzte,  haben  sich  unter  einander  verabredet,
  ihren  Kaiser  nicht  zu  verlassen  und  in  bestimmter
Reihenfolge  je  zwei  Monate  nach  Doorn  zu  kommen.  Freiwillig
  verläßt  jeder  Haus  und  Hof,  Weib  und  Kind,  und
geht  für  zwei  Monate  zum  Kaiser  ins  Ausland.  Der  freiwillige
  Dienst  ehrt  diese  Männer  mehr  als  die  glänzendsten
Titel  und  Orden  früherer  Zeiten.  Da  ist  Exzellenz  von  Berg,
Admiral  von  Rebeur-Paschwitz,  General  Graf  Finckenstein,
Graf  Moltke,  General  Gontard,  Freiherr  von  Sell  und
mancher  andere,  alle  unterstützt  von  dem  treuen  Hofrat  Kogge,
der  mit  seiner  Gattin  die  Verbannung  seines  Herrn  teilt.
Alle  tun  ihren  Dienst  mit  derselben  Ergebenheit,  Ehrfurcht
und  Hingabe,  wie  wenn  der  Kaiser  noch  auf  der  Höhe  seines
Glanzes  und  seiner  Macht  stünde.  Deutschland  soll  sie  nicht

vergessen,  diese  Männer,  deren  Tun  ein  Heldenlied  deutscher
Treue  ist.
        <pb n="131" />
        Die  Getreuen  von  Doorn.  129

Dieselben  Gesinnungen  fand  ich  auch  beim  Dienstpersonal.
Es  lag  mir  daran,  auch  die  Stimmung  der  kleinen  Leute
kennen  zu  lernen.  Ihr  Urteil  gibt  sich  noch  rückhaltloser  als
das  der  großen.  Bei  ihnen  allen  ohne  Ausnahme  sprach  sich
eine  begeisterte  Hingabe  an  ihren  kaiserlichen  Herrn  aus.
Sie  würden  alle  für  ihn  durchs  Feuer  gehen.  Das  katho—
lische  Dienstmädchen,  das  mein  Zimmer  besorgte,  sagte:  „Wir
sind  alle  glücklich,  daß  wir  dem  Kaiser  dienen  dürfen.  Wenn
er  nicht  so  fromm  wäre,  könnte  er  sein  schweres  Schicksal
nicht  ertragen.  Es  ist  sein  fester  Glaube,  der  ihn  aufrecht
erhält.“  Andere  sagten  mir:  „Er  ist  so  gut,  so  gut.  Wenn
wir  morgens  mit  einem  Auftrag  durch  den  Park  gehen,  grüßt
er  jeden  von  uns  schon  von  weitem.  Für  jeden  hat  er  ein
freundliches  Wort.  Keinen  übersieht  er,  keinen  vergißt  er,
auch  den  geringsten  nicht.  Wenn  wir  ihm  einmal  am  Tage
begegnen  und  ein  Wort  von  ihm  bekommen,  so  ist  das  für
uns  immer  der  schönste  Augenblick  des  Tages.  Wir  richten
uns  selbst  an  ihm  auf.  Es  ist  nicht  so,  als  ob  es  selbstverständlich
  wäre,  daß  wir  ihm  dienen,  weil  wir  nun  einmal
bezahlt  sind.  Nein,  er  erkennt  jeden  Dienst  mit  freundlichen
  Worten  wie  eine  ihm  persönlich  erwiesene  Gefälligkeit
an.  Wenn  die  Deutschen  wüßten,  wie  gut  er  ist,  sie  würden
nicht  so  alberne  Dinge  von  ihm  glauben.“

Ja,  so  sind  sie,  die  Getreuen  von  Doorn.  Es  war  mir
ein  Erlebnic,  unter  ihnen  zu  weilen.  Hier  sah  ich,  was
Königstreue  ist.  Ich  hatte  das  Gefühl,  daß  hier  in  Doorn
das  Herz  Deutschlands  schlägt.  „Nichts“,  sagt  der  Kronprinz
  in  seinem  Buche,  „trifft  den  Kaiser  schwerer  als  Handlungen
  oder  Unterlassungen,  die  er  als  Treubruch  ansieht“.

9
        <pb n="132" />
        130  Unser  Kaiser.

Er  hat  an  Treubruch  wahrlich  genug  zu  schmecken  bekommen.
Aber  die  Getreuen  von  Doorn,  denen  er  täglich  ins  Auge
blickt,  sagen  ihm  an  unser  aller  Statt:  Wenn  alle  untreu
werden,  so  bleib  ich  dir  doch  treu.

Das  alles  ging  mir  durch  den  Sinn,  als  ich  im  Juli  1926
auf  dem  Rückweg  von  Doorn  wieder  in  meinem  hollän—
dischen  Eisenbahnwagen  saß  und  über  alles  nachdachte,  was
ich  erlebt  hatte.  Und  ich  hatte  das  Gefühl,  daß  ich  das  nicht
für  mich  allein  behalten  dürfe.  Auch  andere  sollen  es  wissen.
Die  meisten  von  denen,  die  einst  beim  Kriegsausbruch  treu,
ja  begeistert  zum  Kaiser  gestanden  haben  und  jetzt  an  ihm
irregeworden  sind,  konnten  nur  deshalb  dahin  gelangen,  weil
sie  ehrlich  geglaubt  haben,  was  in  Zeitungen  und  Büchern,
vornehm  auzgestatteten  und  schlecht  gebundenen,  tausendstimmig
  über  ihn  gelogen  worden  ist  und  noch  immer  gelogen
wird.  Da  ist  es  Pflicht,  daß  jeder,  der  die  Wahrheit
kennt,  auch  der  geringste,  seine  Stimme  erhebt.  Denn  hier
heißt  es  auch:

Wer  die  Wahrheit  kennt  und  saget  sie  nicht,
Der  ist  fürwahr  ein  erbärmlscher  Wicht!

Allen  möchte  ich  zurufen:  Versündigt  euch  nicht  an  eurem
Kaiser,  indem  ihr  die  nichtswürdige  Lüge  nachsprecht  oder  auch
nur  unwidersprochen  laßt,  als  habe  er  sein  Volk  treulos
verlassen!  Er  ist  im  Augenblick  der  furchtbarsten  Entscheidung
allein  gelassen  worden.  Das  ganze  feindliche  Ausland,  die
Heimat,  die  Reichsregierung,  der  Reichstag,  die  oberste  Heeresleitung,
  alles  rief  ihm  tausendstimmig  zu:  Geh,  geh!  Und
als  er  sich  nach  furchtbarem  Seelenkampf  gegen  seine  innerste
Neigung  zu  dem  Entschluß  durchgerungen  hatte,  nachzugeben
        <pb n="133" />
        Die  Getreuen  von  Doorn.  131

und  seinem  Volke  dies  größte  Opfer  zu  bringen,  da  schämen
sich  dieselben  Leute  nicht,  ihm  nachzurufen:  Du  hast  deinen
Fahneneid  gebrochen,  du  bist  geflohen!

Wahrlich,  wenn  er  sich  wie  der  alternde  Friedrich  der  Große
voll  bitterer  Menschenverachtung  von  seinem  Volke  innerlich
abgewandt  hätte,  es  wäre  bein  Wunder.  Aber  er  hat  das
nicht  getan.  Er  ist  euch  Deutschen  treu  geblieben.  Er  wird
euch  treu  bleiben  bis  zum  Tod.  Und  dies  Heldentum  der
Treue  ist  ihm  möglich  geworden,  weil  er  den  stahlbeschlagenen
Stab  des  Gottvertrauens  auch  im  tiefsten  und  finstersten
Tal  nicht  fortgeworfen,  sondern  fest  in  seinen  Händen  behalten
  hat.

So  habe  ich  den  Kaiser  gefunden,  ungebeugt,  ungebrochen,
groß,  ehrfurchtgebietend.  Und  habe  ich  ihn  schon  früher  in
den  Tagen  seines  Glanzes  geliebt  und  verehrt,  heute  tue  ich  es
noch  hundertmal  mehr  und  neige  mich  vor  seiner  Seelengröße.

Daran  dachte  ich,  als  ich  von  Doorn  zurückfuhr.  Und  als
ich  dann  die  holländische  Grenze  überschritten  hatte  und  das
deutsche  Land  wiedersah,  das,  seit  es  den  rechten  Steuermann
auf  dem  Reichsschiff  verloren  hat,  in  der  grausamen  Brandung
der  Weltgeschichte  von  einem  Felsenriff  zum  andern  geschleudert
  wird,  ein  Spielball  der  um  die  Macht  hadernden
Reichstagsparteien,  ein  Spielball  der  lachenden  feindlichen
Mächte,  da  ging  durch  meine  Seele  das  Gebet,  das  wir  einst
so  oft  an  Königs  Geburtstag  gesungen  haben:

Sammle  um  den  Thron  die  Treuen,
Die  mit  Rat  und  frommem  Flehn
Fest  #n  deiner  Streiter  Reihen

Für  des  Landes  Wohlfahrt  stehen.
        <pb n="134" />
        132  Unser  Kaiser.

Baue  um  den  Königsthron
Eine  Burg,  o  Gottessohn,

Sei  du  dem  Gesalbten  gnädig,
Segne,  segne  unsern  König.

t
r*17  9  x

Und  nun  gehab  dich  wohl,  lieber  Leser.  Nicht  oft  bin  ich
aus-  und  eingegangen  in  der  Fürsten  Palästen,  und  immer
nur  als  ein  Gast,  nicht  als  ein  Zugehöriger.  Aber  das  Wenige,
das  ich  gesehen  und  erfahren  habe,  hat  mich  doch  oft  an  jenes
Wori  aus  Schillers  Braut  von  Messina  erinnert:

Wohl  dem,  selig  muß  ich  ihn  preisen,

Der  in  der  Stille  der  ländlichen  Flur

Fern  von  des  Lebens  verworrenen  Kreisen

Kindlich  liegt  an  der  Brust  der  Natur.

Denn  das  Herz  wird  mir  schwer  in  der  Fürsten  Palästen,
Wenn  ich  herab  vom  Gipfel  des  Glücks

Stürzen  sehe  die  Höchsten,  die  Besten

In  der  Schnelle  des  Augenblicks.

Sie  sind  nicht  zu  beneiden,  die  berufen  sind,  auf  den  Höhen
der  Menschheit  zu  wandeln.  Das  sehen  wir  auch  bei  den  Fürsten,
von  denen  ich  in  meinen  „Königgerinnerungen“  erzählt  habe.
Es  ist  wahr,  was  ein  alter  Spruch  sagt:  „Das  Purpurkleid
ist  gefüttert  mit  Herzeleid“.  Als  unser  preußischer  König
Friedrich  Wilhelm  III,  der  Urgroßvater  unseres  Kaisers,  in
seinen  dunkelsten  Tagen  auf  dem  Grabmal  der  preußischen
Herzoge  im  Dom  zu  Königoberg  die  Worte  las:  „Meine
Zeit  in  Unruhe,  meine  Hoffnung  in  Gott“,  da  seufzte  er  und
sagte  in  seiner  wortkargen  Art:  „Die  Inschrift  da  —  wie
entsprechend  meinem  Zustand!“  Sein  Sohn  Friedrich  Wil-
        <pb n="135" />
        Die  Getreuen  von  Doorn.  133

helm  IV  klagte:  „Die  Wege  der  Könige  sind  tränenreich“
und  fügte  hinzu:  „Die  Kronen  sind  von  Gold.  Sie  lasten
schwer  auf  Haupt  und  Herz.“  Und  unser  Gesangbuch  stimmt
ein,  wenn  es  in  dem  bekannten  „Lobe  den  Herren,  o  meine
Seele“  ron  Daniel  Herrenschmidt  sagt:

Fürsten  sind  Menschen,  vom  Weib  geboren,

Und  kehren  um  zu  ihrem  Staub;

Ihre  Anschläge  sind  auch  verloren,

Wenn  nun  das  Grab  nimmt  seinen  Raub.

Weil  denn  kein  Mensch  uns  helfen  kann,

Rufe  man  Gott  um  Hülfe  an,
Hallelujah.  Hallelujah.

—
5

Druck  der  Untwersitälsbuchdruckerei  Johannes  Bredt,  Münster  1.  W
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