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        <title>Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887.</title>
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        Schulthess
Europäischer  Geschichtskalender.

Neue  Folge.

Dritter  Jahrgang  1887.

(Der  ganzen  Reihe  XXVIII.  Band.)

Berausgegeben

von

Hans  Delbrück.

 

Nördlingen.
Verlag  der  C.  H.  Beck'schen  Buchhandlung.
1888.
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        Schulthess
Europäischer  Geschichtskalender.

Neue  Folge.
Dritter  Jahrgang  1887.

(Der  ganzen  Reihe  XXVIII.  Band.)

Herausgegeben

von

Hans  Delbrück.

 

Nördlingen.
Verlag  der  C.  H.  Beck'schen  Buchhandlung.

1888.
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        Vorbemerkung.

Der  heurige  Jahrgang  von  Schulthess'  historisch-politischem
Jahrbuch  erscheint  wieder  wie  die  früheren  Jahrgänge  gleich  komplet.
  Da  sich  die  Ausgabe  in  zwei  Hälften  nicht  sehr  bewährt
hat,  so  soll  es  auch  für  die  Zukunft  bei  dieser  Art  des  Erscheinens
verbleiben.  Für  eine  Halbteilung  des  Geschichtskalenders  in
der  Weise,  daß  die  erste  Hälfte  des  laufenden  Jahres  schon  im
Juli  desselben,  die  zweite  zu  Anfang  des  folgenden  Jahres  zur
Ausgabe  kommt,  konnten  sich  Redaktion  und  Verlagshandlung
nach  erneuter  reiflicher  Erwägung  nicht  entscheiden.  Die  Nachteile
einer  derartigen  hälftigen  Edition  des  laufenden  Jahres  überwiegen
  unbedingt  die  Vorteile.  Es  bleibt  also  auch  für  die  Zukunft
bei  der  Form  des  Geschichtskalenders,  die  sich  in  27  Jahrgängen
bewährt  hat  und  die  seinen  vielen  Freunden  auch  durch  die  Gewohnheit
  vertraut  ist.

Die  Redaktion  des  Werkes,  die  seit  dem  vorigen  Jahrgang
in  den  Händen  von  Professor  Dr.  Hans  Delbrück  in  Berlin,
Mitglied  des  deutschen  Reichstags  und  des  preußischen  Abgeordnetenhauses,
  liegt,  wird  nun  wieder  zu  der  durch  Heinrich
Schulthess'  Tod  vorübergehend  unterbrochen  gewesenen  Stetigkeit
zurückkehren.  Ist  es  schon  in  diesem  Jahre  gelungen,  die  Ausgabe
des  Jahrgangs  frühzeitiger  zu  bewirken,  als  dies  jemals  unter
Schulthess'  Redaktion  der  Fall  war,  so  darf  der  Hoffnung  Ausdruck
  gegeben  werden,  daß  im  nächsten  Jahr  das  Erscheinen  zu
noch  früherem  Termin  ermöglicht  werden  wird.  Es  wird  das
Augenmerk  von  Redaktion  und  Verlagshandlung  darauf  gerichtet
sein,  den  Geschichtskalender  so  rasch  zu  edieren,  als  es  nur  immer
die  notwendige  Gründlichkeit  gestattet.  Das  seit  dem  Jahrgang
1885  dem  Buche  beigegebene,  sehr  eingehende  „Alphabetische
Sachregister“,  dessen  Ausarbeitung  freilich  einen  gewissen  Zeitaufwand
  kostet,  dürfte  die  Brauchbarkeit  von  Schulthess'  Geschichtskalender
  wesentlich  erhöhen  und  wohl  allgemein  mit  Dank  aufgenommen
  werden.

Für  neueintretende  Abnehmer  sei  noch  bemerkt,  daß  das
komplete  Exemplar  der  ersten  25  Jahrgänge  (von
1860—84  inkl.)  erheblich  im  Preise  ermäßigt  ist  und,  solange
der  kleine  Vorrat  es  gestattet,  für  80  Mark  (anstatt  200  M.)
geliefert  wird.  Zum  Zweck  der  Kompletierung  unvollständiger
Serien  liefern  wir,  sofern  es  sich  um  den  Bezug  von  mindestens?
8  Bänden  handelt,  den  Band  für  nur  5  Mark.  —  Es  braucht
nicht  hervorgehoben  zu  werden,  daß  der  „Europäische  Geschichtskalender“
  zu  den  seltenen  Werken  gehört,  welche  nicht  nur  nicht
veralten,  sondern  vielmehr  um  so  wertvoller  werden,  je  länger  der
Zeitraum  ist,  welcher  seit  ihrem  Erscheinen  verflossen  ist.  Die
einzelnen  Bände  des  Geschichtskalenders  erweisen  sich  für  das  Durchblättern
  nur  um  so  fesselnder,  für  das  Nachschlagen  nur  um  so
ergiebiger,  je  mehr  ihr  Inhalt  schon  der  Geschichte  angehört.

C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung

in  Nördlingen.
        <pb n="5" />
        Vorbemerkung.

—

Der  Schulthess'sche  Europäische  Geschichtskalender  zerfällt  in
vier  Teile;  zwei  sind  chronologisch  und  zwei  sachlich  geordnet.  Die
„Chronik“  enthält  kurz  die  wichtigsten  Ereignisse  in  allen  Staaten
nebeneinander,  sofern  das  Interesse,  der  Ursprung  oder  die  Wirkung
  sich  nicht  auf  ein  einzelnes  Land  beschränkt.  Das  Kalendarium
  ist  im  Unterschied  davon  nach  Staaten  geordnet  und  viel
ausführlicher.  Beide  enthalten  die  Ereignisse  der  Zeitfolge  nach.
Eine  erzählende  „Uebersicht“  und  das  Register  sind  sachlich  geordnet.

Der  „Geschichtskalender“  steht  in  Wechselbeziehung  zu  den
beiden  ebenfalls  von  dem  Unterzeichneten  herausgegebenen  Werken,
den  „Preußischen  Jahrbüchern“  und  dem  „Staatsarchiv“.  Die
„Preußischen  Jahrbücher“  enthalten  in  ihren  „Politischen  Korrespondenzen“
  in  extenso  die  historisch-politischen  Betrachtungen
und  Untersuchungen,  die  hier  zur  „Uebersicht“  kondensiert  sind.
Das  „Staatsarchiv“  ist  eine  Sammlung  aller  bemerkenswerten
offiziellen  Aktenstücke  zur  Geschichte  der  Gegenwart,  auf  die  (mit
„St.A.“  Bd.  u.  Nr.)  verwiesen  wird,  wenn  es  nicht  angängig
schien,  das  vollständige  Aktenstück  hier  zu  reproduzieren.

H.  Delbrück.
        <pb n="6" />
        Inhalts-Verzeichnis.

 

Chronik  der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1887     V




























I. Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.      1
II. Die  Oesterreichisch-  Ungarische  Monarchie.              203
III. Portugal  270

IV. Spanien 272

V. Großbritannien 278

VI. Frankreich. 312

VII. Italien  359    
VII. Die  Römische  Kurie  378
IX. Schweiz  397

X. Belgien  405

XI. Niederlande  415

XII. Dänemark  419

XIII. Schweden  und  Norwegen 424

XIV. Rußland 429

XV. Die  Türkei  und  ihre  Vesallenstaaten 450

       1.  Die  Türkei  450

        2.  Bulgarien     459

        3.  Aegypten     478 

XVI. Rumänien 481

XVII. Serbien    486

XVIII. Montenegro 459

XIX. Griechenland  498

XX. Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika 501
XXI.Mittel-  und  Südamerika  505

XXII. Asien 506

XXIII. Afrika 507

XXIV. Südsee-Inseln 510

Uebersicht  der  politischen  Entwicklung  des  Jahres  1887  511

Alphabetisches  Register 559
        <pb n="7" />
        Chronik
der  wichtigsten  Ereignise  des  Jahres  1887.

Januar.

Anf.  Türkei.  Die  Pforte  beruft  Zankow,  den  Führer  der  russischen  Partei
in  Bulgarien,  nach  Konstantinopel.  Verhandlungen  über  den  Eintritt
  der  Zankowisten  in  die  bulgarische  Regierung.

—  Spanien.  Revolutionäre  Bewegungen  im  Heere.

—  Deutschland.  Aufruf  des  evangelischen  Bundes  zur  Wahrung  der
deutsch  zensestankichen  Interessen.  Erste  Generalversammlung  16.—
17.  August.

—  Rußland.  Unterdrückung  des  Moskauer  Blattes  „Rußkoje  Djelo“  auf
3  Monate  wegen  Hetzartikel  gegen  Deutschland.

11.  Frankreich.  Eröffnung  der  Kammern.

11.—14.  Deutschland.  Militärvorlage.  Septennat,  Ablehnung  desselben.
Auflösung  des  Reichstages.  Anberaumung  der  Neuwahlen  auf  den
21.  Februar.

14.  Schweiz.  Internationales  Eisenbahnabkommen.

Mitte—  folg.  Monate.  Rußland.  In  Polen  verstärkte  Truppenbewegungen
gegen  die  Grenze.  —  Außergewöhnliche  Ausschreibungen  von  Proviantund
  Armierungs-Lieferungen.

21.  Deutschland.  Mißbilligung  des  Papstes  über  die  Haltung  des  Zentrums
  bei  der  Septennatsabstimmung.

23.  Großbritannien.  Port  Hamilton  wird  von  England  geräumt.

24.—26.  Italien.  Kämpfe  in  Ostafrika,  Niederlage  bei  Dogali.

25.  Deutschland.  Pferdeausfuhrverbot.

26.  Rußland.  Botschafterkonferenz  in  Konstantinopel  zum  Zweck  der
Prüfung  der  russischen  Vorschläge  zur  Beendigung  der  bulgarischen

Krise.

31.  Türkei.  Eintreffen  der  bulgarischen  Regentschaftsabordnung  in  Konstantinopel.


Februar.

2.  Oesterreich.  Pferdeausfuhrverbot

3.  Rußland.  Pferdeausfuhrverbot.

6.—Anf.  April.  Italien.  Ministerkrise.

9.  Dänemark.  Ein  Gesetz  betr.  die  Befestigung  Kopenhagens  wird  v.
Landsthing  angenommen,  später  v.  Volksthing  verworfen.

10.—12.  Oesterreich.  Zerfall  des  deutschen  Klubs.

13.  Preußen.  Abänderung  der  von  den  katholischen  Bischöfen  zu  leistenden
  Eidesnorm  vom  6.  Dezember  1873.

Mitte—März.  Portugal.  Streit  mit  Zanzibar  wegen  der  Bai  von  Tungi.
Die  dortigen  Portugiesen  werden  dem  Schutze  Deutschlands  unterstellt.
        <pb n="8" />
        VI  Allgemeine  Chronik.

21.  Deutschland.  Reichstagswahlen.  Großer  Sieg  der  Septennatspar—
teien.

23.  Türkei.  Die  Pforte  bricht  die  Verhandlungen  mit  Zankow  ab.

26.  Oesterreich-Ungarn.  Bewilligung  von  Nachtragskrediten  für  das  Heer.

26.  Deutschland.  Konstituierende  Versammlung  der  umgebildeten  deutschostafrikanischen
  Gesellschaft.

27.  Deutschland.  Notiz  der  „Kölnischen  Zeitung“  über  diplomatische
Verhandlungen  betr.  einen  Verteidigungsbund  zwischen  Deutschland,
Oesterreich  und  Italien.

28.  Römische  Kurie.  Kardinalstaatssekretär  Jakobini  T.

28.  Bulgarien.  Militär-Revolte  in  Silistria  und  Rustschuk.

Ende.  Bündnis  Italiens  mit  Deutschland  und  Oesterreich.

Ende.  Bulgarien.  Abschluß  einer  Anleihe  in  London  durch  die  bulgarische
  Regierung.

 

März.

1.—7.  Oesterreich-Ungarn.  Aufßerordentliche  Delegations-Session  in
Pest.  Bewilligung  der  geforderten  außerordentlichen  Heereskredite  in
Höhe  von  52½  Millionen.

7.—11.  Deutschland.  Annahme  der  unverändert  wieder  eingebrachten
Militärvorlage.

8.—13.  Frankreich.  Aufenthalt  des  Grafen  Lesseps  in  Berlin.

11.  Rußland.  Sendung  eines  Ehrensäbels  an  Boulanger  aus  Petersburg.

13.  Rußland.  Attentatsversuch  auf  den  Zaren.

14.  Frankreich.  Erhöhung  des  Getreidezolls.

22.  Großbritannien.  Annahme  einer  neuen  Geschäftsordnung  für  das
Unterhaus.  

26.  Rußland.  Der  „Brüsseler  Nord“  dementiert  autoritativ  die  Nachricht
von  einem  französisch-russischen  Bündnis.

Ende.  Deutschland.  Deutschland  übernimmt  die  Schutzherrschaft  über  die
von  der  englischen  Baptistenmission  an  die  Baseler  evangelische  Missionsgesellschaft
  abgetretene  Station  Viktoria  mit  der  Ambas-Bai
(Kamerun).

Ende.  Rußland.  Auslieferungsvertrag  zwischen  Rußland  und  den  Vereinigten
  Staaten.

Ende.    Bulgarien.  Minister  Stoilow  in  Wien.  Ablehnung  der  Thronkandidatur
  durch  Prinz  Alexander.

Ende—Mai.  Konflikt  zwischen  Katkow  und  Giers,  welcher  anscheinend  mit
Katkows  Siege  endigt.

April.

Anf.  Rußland.  Stundungsersuchen  der  Türkei  wegen  der  russischen  Kriegsschuldforderung.


Anf.  Deutschland.  Deutschfeindliche  Kundgebungen  in  den  Reichslanden.
—  Franzäösische  Hetzereien.

10.  Rußland.  Ukas  betr.  die  Einführung  der  russischen  Unterrichtssprache
in  allen  höheren  Schulen  der  Ostseeprovinzen.

20.  Deutschland.  Fall  Schnäbele.  Festnahme  desselben,  des  Leiters  der
französischen  Spionage  in  den  Reichslanden  beim  Ueberschreiten  der
Grenze  auf  deutschem  Gebiet.

21.  bezw.  4.  Juli.  Großbritannien.  Annahme  eines  Bodengesetzes  für
Irland  durch  das  Oberhaus.

28.  Deutschland.  Mitteilung  des  Reichskanzlers  an  den  französischen  Botschafter
  über  Freilassung  Schnäbeles.
        <pb n="9" />
        Allgemeine  Chronik.  VII

Mai.

7.  Rußland.  Erhöhung  der  Einfuhrzölle  auf  Roheisen,  Stahl  und  Eisenfabrikate.


9.  Böhmen.  Tschechenerzeß  in  Prag  nach  der  Uhlandfeier  gerichtet  gegen
eine  deutsche  Studentenverbindung.  

10.  Frankreich.  Vorschlag  einer  Probe-Mobilmachung  seitens  des  Kriegsministers
  Boulanger.

15.  Schweiz.  Annahme  des  Branntweinmonopols.

Mitte  bis  Juni.  Belgien.  Arbeiterbewegung.

17.  Frankreich.  Sturz  des  Ministeriums  Goblet.

20.  Deutschland.  Der  Reichstag  bewilligt  300  Millionen  für  militärische
Zwecke  in  dritter  Lesung.

21.  Oesterreich-Ungarn.  Sanktion  der  Ausgleichgesetze.  Ende  der  mehrjährigen
  Verhandlungen.

21.  Frankreich.  Enthüllungen  des  Generals  Leflö.

23.  Römische  Kurie.  Ansprache  des  Papstes  an  die  Kardinäle,  betr.  die
preußische  Kirchenvorlage.

—  Deutschland.  Internationale  Litterar-Konvention  zwischen  Deutschland,
  Belgien,  Frankreich,  Großbrittanien,  Haiti,  Italien,  Liberia,
der  Schweiz,  Spanien  und  Tunis  wird  vom  Reichstag  angenommen.

—  Ungarn.  Erklärung  der  Regierung,  die  Pariser  Weltausstellung  nicht
offiziell  beschicken  zu  wollen.

24.  Rußland.  Ukas  betr.  Erwerb  und  Benutzung  von  Grundeigentum
durch  Ausländer.

25.  Rußland.  Erhöhung  der  Eingangszölle  auf  Kohlen,  Torf,  Koaks.

28.  u.  29.  Italien.  Heeres-  und  Marineverstärkung.

30.  bzw.  31.  Frankreich.  Neues  Ministerium  unter  Rouviers  Präsidium.

Juni.

Anf.  Rußland.  Verbot  des  Erwerbs  von  Domizil  und  Immobilien  seitens
der  Chinesen  im  asiatischen  Grenzgebiet.
—  Rußland.  Besetzung  der  bucharischen  Beyschaft  Kerki.

1.  Deutschland.  Veröffentlichung  der  Uebereinkunft  mit  Frankreich  über
Einführung  eines  einheitlichen  Zollsystems  in  den  deutschen  und  französischen
  Kolonien  der  Sklavenküste.

3.  Deutschland.  Grundsteinlegung  des  Nord-Ostsee-Kanals.

9.  Italien.  Interpellation  an  die  Regierung  betr.  die  Aussöhnung  mit
dem  Papsttum.

10.  Rußland.  Erhöhung  des  Einfuhrzolls  auf  Tabak,  Zigarren,  Zigaretten.

13.—  17.  Deutschland.  Reichstag.  Annahme  des  Branntweinsteuergesetzes.

21.  Großbritannien.  50jähriges  Regierungsjubiläum  der  Königin.

25.  Römische  Kurie.  Veröffentlichung  der  Instruktion  des  Papstes  an
Kardinalstaatssekretär  Rampolla  über  die  Regierungsgrundsätze  der

Kurie.

Ende  bis  September.  Deutschland.  Kampf  der  offiziösen  Blätter  gegen
die  russischen  Werte.

30.  bzw.  8.  Juli.  Italien.  Die  Kammer  genehmigt  20  Millionen  für
militärische  Ausgaben  in  Afrika.

Juli.

7.  Bulgarien.  Wahl  des  Prinzen  Ferdinand  von  Koburg  zum  Fürsten.
9.  Großbritannien.  Annahme  der  irischen  Strafrechtsbill  durch  das
Unterhaus.
        <pb n="10" />
        VIII  Allgemeine  Chronik.

13.  bzw. 19.  Frankreich.  Annahme  des  Gesetzentwurfes  betr.  die  Heeresverstärkung.


15.  Juli—  Anf.  August.  Bulgarien.  Annahme  der  Wahl  durch  den  Prinzen
Ferdinand,  vergeblicher  Versuch  Rußlands  Zustimmung  zu  erlangen.

29.  bezw.  8.  August.  Italien.  Tod  des  Ministerpräsidenten  Depretis;
Ernennung  Crispis  zu  seinem  Nachfolger.

Ende.  Italien.  Bildung  eines  ständigen  Truppenkorps  in  Afrika.

—  Portugal.  Verzicht  des  Sultans  von  Zanzibar  auf  die  Bai  von

Tungi.

August.

1.  Rußland.  Katkows  Tod.  Beileidstelegramm  des  Zaren  an  die  Witwe.

Anf.-September.  Déroulèdes  Reise  durch  Rußland.  Anlaß  mannigfacher
franzosenfreundlicher  Demonstrationen.

6.  Deutschland-Oesterreich.  Kaiserbegegnung  in  Gastein.

10.  Rußland.  Protestnote  an  die  Großmächte  wegen  Uebernahme  der  Regierung
  Bulgariens  durch  den  Prinzen  Ferdinand.

11.  Bulgarien.  Fürst  Ferdinand  trifft  in  Widdin  auf  bulgarischem
Boden  ein.

14.  Bulgarien.  Prinz  Ferdinand  von  Koburg  leistet  vor  der  Sobranje
den  Eid  auf  die  Verfassung.

22.  Bulgarien.  Einzug  Ferdinands  in  Sofia.  Deutschland  und  Frankreich
  brechen  die  Beziehungen  zu  Bulgarien  ab.

September.

1.  Frankreich.  Probemobilmachung  des  17.  Armeekorps  (Toulouse).

14.  Frankreich.  Manifest  des  Grafen  von  Paris.

Mitte.  Bulgarien.  Konflikt  mit  Deutschland.

16.  Deutschland.  Besuch  des  Grafen  Kalnoky  beim  Fürsten  Bismarck  in
Friedrichsruhe.

18.  Abschluß  der  englisch-französischen  Konvention  über  Aegypten.

20.  Großbritannien.  Unterdrückung  der  irischen  Nationalliga.

21.  Vorschlag  der  Türkei  an  Rußland,  gemeinschaftlich  Kommissare  nach
Bulgarien  zu  senden.

24.  Deutschland.  Deutsch-französischer  Grenzkonflikt:  Erschießung  des
Waldhüters  Brignon  durch  einen  deutschen  Jäger.

28.  Oesterreich.  Resolution  des  oberösterreichischen  Katholikentages  zu
Gunsten  der  Wiederherstellung  der  weltlichen  Herrschaft  des  Papstes.

Ende.  Deutschland.  Samoa.  Absetzung  König  Malietoa's  durch  deutsche
Kriegsschiffe  und  Einsetzung  Tamasese's  zum  König.

Oktober.

1.  Italien.  Besuch  Crispis  beim  Fürsten  Bismarck  in  Friedrichsruhe.
2. Rußland  formuliert  seine  Bedingungen  für  das  Vorgehen  in  Bulgarien
gemeinschaftlich  mit  der  Pforte.

4. - 6.  Deutschland.  Parteitag  der  deutschen  Sozialdemokraten  in  St.
Gallen.

6.  Frankreich.  Verhaftung  des  Generals  Caffarel  wegen  Ordensschachers.

25.  Jtalien  Rede  Crispis  in  Turin  über  die  Lage  der  italienischen
Politik.

27.  Deutschland.  Die  Entsendung  eines  Reichskommissärs  zur  Weltausstellung

  in  Melbourne  wird  durch  den  Bundesrat  genehmigt.
        <pb n="11" />
        Allgemeine  Chronik.  IX

November.

5.  Ungarn.  Interpellation  Andraffys  betr.  die  bulgarische  Fürstenfrage.
Kalnokys  Antwort.

7.—Mitte.  Rußland.  Geharnischte  Erörterungen  in  der  Russischen  Presse
über  die  Kalnoky'schen  Erklärungen  in  den  Delegationen  über  die
bulgarische  Frage.

9.  Großbritannien.  Große  Rede  Salisburys  auf  dem  Lordmayorsbankett
  über  die  politische  Lage.

Mitte.  Deutschland.  Kolonial-Politik.  Verschmelzung  des  deutschen  Kolonialvereins,
  der  Gesellschaft  für  deutsche  Kolonisation  und  des  westdeutschen
  Vereins  für  Kolonisation  und  Export  zur  „deutschen  Kolonialgesellschaft".
  .

—  Galizien.  Geldsammlungen  für  die  zur  Erhaltung  des  polnischen
Großgrundbezites  in  Posen  und  Westpreußen  gegründete  nationale

Bank.

18.  Deutschland.  Besuch  des  russischen  Kaisers  und  seiner  Familie  in
Berlin  auf  der  Rückreise  von  Kopenhagen  nach  St.  Petersburg.  Unterredung
  desselben  mit  Fürst  Bismarck.

19.  Frankreich.  Sturz  des  Ministeriums  Rouvier.

19.  Rußland.  Zoll  auf  Vegetabilien,  Zollerhöhung  auf  Baumwolle,  landwirtschaftliche
  Maschinen  etc.  etc.

21.—3.  Dezember.  Frankreich.  Sturz  des  Präsidenten  Grévy,  Wahl
Sadi  Carnots.

24.—  19.  Dezember.  Internationale  Zuckerkonferenz  in  London.

29.  Ungarn.  Katholikenkundgebung  im  Pester  Rathause.  Adresse  an  den

Papst.

Ende.  Rußland.  Rundschreiben  an  die  Vertreter  im  Auslande  über  die
Ergebnisse  des  Zarenbesuchs.

—  Rußland.  Anweisung  an  die  Presse,  ihre  leidenschaftliche  Sprache
gegen  Deutschland  zu  mäßigen.

 

Dezember.
Anf.  Spanien.  Einladung  an  die  Großmächte  zu  einer  Konferenz  betr.
Marokko.
4—12.  Frankreich.  Neubildung  des  Ministeriums  unter  dem  Präsidium
Tirards.

5.  Deutschland.  Bericht  in  der  „Kölnischen  Zeitung“  über  russische
Truppenvorschiebungen  gegen  Galizien.

8.—  Ende.  Oesterreich-Ungarn.  Kriegsbefürchtungen  aus  Anlaß  bedrohlicher
  russischer  Truppenansammlungen  an  der  Grenze.  Militärische
  Konferenzen.  Abwartende  Haltung  der  Regierung.

Erste  Hälfte.  Rußland.  Fordert  Tilgung  der  türkischen  Kriegsschuld.

9.  Rußland.  Verweiserteilung  an  General  Baranow  wegen  seiner  Déroulede
  verherrlichenden  Reden.

15.  Rußland.  Offizielle  Darstellung  im  „Russischen  Invaliden“  über  die
Grenzaufstellungen  Rußlands  und  seiner  Nachbarn.

16.  Deutschland.  Einbringung  einer  neuen  Wehrvorlage  an  den  Reichstag,
  welche  die  Kräfte  Deutschlands  um  700,000  Mann  vermehrt.

21.  Italien.  Abschluß  eines  Handelsvertrages  mit  Oesterreich-Ungarn.

22.  Römische  Kurie.  Enzyklika  des  Papstes  an  die  bayerischen  Bischöfe.

31.  Deutschland.  Veröffentlichung  der  dem  Zaren  seinerzeit  in  die  Hände
gespielten  gefälschten  diplomatischen  Aktenstücke.
        <pb n="12" />
        <pb n="13" />
        1 Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

1.  Januar.  80jähriges  Militärdienstjubiläum  des  Kaisers.

Bei  dem  Empfange  der  kommandierenden  Generale  hält  der  Kronprinz
  folgende  Ansprache  an  den  Kaiser:

„Allerdurchlauchtigster,  großmächtigster  Kaiser,  allergnädigster  Kaiser,
König  und  Kriegsherr!  Mit  Ew.  kaiserlichen  und  königlichen  Mazjestät  begeht
  heute  das  Heer  die  Erinnerung  an  den  Tag,  da  Allerhöchstdieselben  vor
achtzig  Jahren  durch  König  Friedrich  Wilhelm  III.  in  die  Reihen  der  preußischen
  Armee  aufgenommen  wurden.  Wiederholt  schon  durfte  ich,  wie  im
gegenwärtigenn  Augenblicke,  mit  Vertretern  des  Heeres  vor  unseren  Kriegsherrn
  treten  und  ihm  dafür  danken,  daß  er  uns  in  gewaltigen  Kämpfen  zu
herrlichen  Siegen  geführt  hatte.  Bei  der  heutigen  Feier  aber  blicken  Ew.
Majestät  auf  sechzehn,  von  Frieden  reichgesegnete  Jahre  zurück,  welche  vor
allem  der  ungestörten  Entwicklung  und  der  Kräftigung  des  nach  harten
Kämpfen  wieder  aufgerichteten  Reiches  gewidmet  waren.  Solche  friedliche
Arbeit  konnte  indes  nur  gedeihen,  weil  gleichzeitig  Ew.  Majestät  sachkundige
und  rastlose  Leitung  die  Schlagfertigkeit  des  Heeres  zu  der  Vollkommenheit
förterte,  deren  jeder  deutsche  Soldat  sich  mit  Stolz  bewußt  ist.  Der  preußische

  Grundsatz,  daß  es  keinen  Unterschied  gibt  zwischen  Volk  und  Heer,
weil  beide  Eins  und  zu  des  Vaterlandes  Verteidigung  jederzeit  bereit  sind,
ist  durch  Ew.  Majestät  Fürsorge  Gemeingut  der  ganzen  Nation  geworden.
In  dieser  Wehrfähigkeit  unseres  gesamten  Volkes  liegt  die  gewichtigste  Bürgschaft
  für  die  Wahrung  unseres  Friedens.  So  möge  es  mir  heute  wie  vordem
  gestattet  sein,  auszusprechen,  daß  unser  wehrhaftes,  einiges  Volk  in
dankbarer  Liebe  und  opferwilliger  Treue  seinem  Kaiser  und  Kriegsherrn  vertraut,
  mit  freudiger  Zuversicht  auf  ihn  als  den  Wahrer  des  Friedens  blickt,
und  den  einmütigen  Wunsch  hegt,  daß  Gottes  Segen  in  Fülle  auch  ferner
auf  Ew.  Majestät  ruhen  möge.“  

Der ,,Reichsanzeiger" veröffentlicht hier auf am 5. Januar das folgende
  kaiserliche  Handschreiben  an  den  Kronprinzen:

„Ew.  kaiserliche  und  königliche  Hoheit  haben  Mir  heute  in  der  Eigenschaft
  als  rangältester  Generalfeldmarschall  der  Armee  —  umgeben  von  einer
die  einzelnen  Teile  derselben  repräsentierenden  hohen  Generalität  —  die
Glückwünsche  der  Armee  zu  Meinem  80 jährigen  militärischen  Dienstjubiläum
ausgesprochen.  Ich  habe  Ew.  kaiserlichen  und  königlichen  Hoheit  und  den

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  1
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        2  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Anf.  Januar.)

Sie  umgebenden  Generalen  aus  warmem,  tief  bewegtem  Herzen  gedankt,
empfinde  aber  das  Bedürfnis,  Meinen  Dank  auch  an  die  ganze  Armee  weiter
gehen  zu  lassen  und  am  heutigen  Tage  auch  an  diese  einige  Worte  zu  richten.
  Die  Armee  weiß,  wie  nahe  sie  Meinem  Herzen  immer  gestanden  hat,
sie  wird  verstehen,  welche  Empfindungen  Mich  heute  in  dem  Gedanken  bewegen,
  ihr  nun  80  volle  Jahre  angehört  zu  haben.  Es  ist  eine  lange,  wahrlich
  wechselvolle  und  ereignisreiche  Zeit,  die  heute  an  Meiner  Erinnerung
vorbeigeht.  Beginnend  in  ernsten  Tagen  schwerster  Prüfung,  habe  Ich  wohl.
auch  in  ihrem  weiteren  Verlauf  mancher  Sorge,  manches  Tages,  wo  Mir
das  Herz  schwer  war,  zu  gedenken,  aber  es  sind  deren  doch  nur  sehr  wenige
gewesen  im  Vergleich  zu  den  vielen  des  Glücks  und  der  Freude,  die  Mir  zu
erleben  vergönnt  war.  Mein  Blick  kann  sich  nicht  in  die  Vergangenheit
richten,  ohne  Mein  tief  bewegtes  Herz  von  Dank  für  die  Gnade  des  allmächtigen
  Gottes  überströmen  zu  lassen,  die  wahrlich  Großes  an  Mir  gethan,
die  Mich  so  lange  erhalten,  die  Mir  so  viel  des  Glückes  gegeben  hat!  Und
welchen  Wechsel  hat  die  Armee  in  diesen  80  Jahren  mit  Mir  erlebt!  Sie
stand,  als  Ich  in  dieselbe  trat,  nach  dem  schwersten  Schlage,  der  Preußen
jemals  getroffen,  zurückgedrängt  an  den  äußersten  Grenzen  des  Reiches,  aber
der  Soldatensinn,  den  Meine  glorreichen  Vorfahren  in  sie  gepflanzt,  blieb
ungebrochen  und  trieb  bald  neue  Keime.  Das  bethätigten,  die  schönste  Erinnerung
  Meiner  Jugend,  die  Befreiungskriege,  das  erhielt  sie  sich  in  der
treuen  Arbeit  einer  langen  Friedenszeit,  und  die  Ruhmesthaten  der  Armee
in  neuester  Zeit  bezeugen  wahrlich,  daß  dieser  Sinn  in  voller  Kraft  erhalten
und  weiter  gediehen  ist.  Ich  habe  viele  Veränderungen  mit  der  Armee  erlebt,
  in  ihrer  äußeren  Form,  in  ihrer  Truppenzahl.  Ich  habe  die  Vereinigung
  mit  den  deutschen  Kontingenten  sich  vollziehen  und  die  Marine  entstehen
  sehen,  es  sind  unter  Meinen  Augen  Generationen  durch  die  Armee
gegangen,  aber  innerlich  im  Herzen  und  Empfinden  der  Armee  gibt  es  keine
Veränderung.  Den  Sinn  für  Ehre  und  für  Pflicht  über  alles  hochzuhalten
und  jederzeit  bereit  zu  sein,  das  Leben  dafür  zu  lassen  —  das  ist  das  Band,
welches  alle  deutschen  Stämme  eng  umschließt,  welches  Enkel  und  Urenkel
jetzt  ebenso  fest  wie  früher  die  Vorfahren  vereinigt  und  welches  Meine  Regierung
  mit  Siegen  geschmückt  hat,  deren  Ich  heute  als  der  hellstrahlendsten
Stellen  Meines  militärischen  Lebens  in  hochgehobenster  Empfindung  gedenke.
Es  ist  wahrlich  eine  hohe  Freude  für  Mich,  an  dem  heutigen  Tage  in  solcher
  Weise  zur  Armee  sprechen  zu  dürfen  und  über  diese  80  Jahre  sagen  zu
können,  daß  wir  sicherlich,  voll  und  ganz,  fest  zu  einander  gehört  haben,  Ich
mit  Meinem  ganzen  Herzen  und  Denken,  die  Armee  mit  vollster  Treue,  und
Meine  Anerkennung  die  lebendigste  Empfindung  Meines  Herzens  bis  zu
Meinem  letzten  Atemzuge  bleiben  wird.  Ew.  kaiserliche  und  königliche
Hoheit  wollen  diese  Meine  Worte  durch  die  hieher  berufenen  Generale
zur  Kenntnis  der  Armee  bringen  lassen.  Berlin,  den  1.  Januar  1887.
Wilhelm.“

Januar.  (Evangelische  Kirche.)  Eine  Anzahl  evangel.
Männer  aus  den  verschiedenen  Landeskirchen  und  Parteigruppen,
welche  im  Oktober  1886  zu  Erfurt  zur  Beratung  über  die  Gründung
  eines  „Evangelischen  Bundes  zur  Wahrung  der  deutsch-protestantischen
  Interessen“  zusammengetreten  war,  erläßt  einen  Aufruf
an  alle  Glaubensgenossen  in  Deutschland.  Der  grundlegende  Teil
desselben  lautet:

An  unsere  Glaubensgenossen  in  ganz  Deutschland!  Die  deutsche
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar.)  3

evangelische  Kirche  und  mit  ihr  unser  deutsches  Vaterland  sind  von  schweren
Gefahren  bedroht.  Durch  den  sogenannten  Kulturkampf  und  die  Art  seiner
Beilegung  sehen  wir  die  Macht  des  Romanismus  aufs  höchste  gesteigert.
Rührig  und  mit  zäher  Beharrlichkeit,  unter  Benutzung  aller  dem  deutschen
Wesen  entgegenwirkenden  Strömungen,  verfolgt  dieser  seine  Ziele.  Die  Zugeständnisse,
  welche  er  den  deutschen  Regierungen  abgerungen  hat,  bieten  ihm
nur  neue  Mittel  des  Angriffs.  Auch  die  größere  Mäßigung  und  die  Friedfertigkeit,
  welche  er  jetzt  zur  Schau  trägt,  dienen  ihm  zur  Gewinnung  weiterer
  Vorteile.  Die  größten  Einbußen  hat  der  Protestantismus  jedesmal
dann  erlitten,  wenn  die  Hierarchie  sich  auf  den  Friedensfuß  mit  der  Staatsgewalt
  zu  setzen  wußte.  Wir  fürchten  den  Feind  nicht.  Der  Herr  Jesus
Christus,  das  alleinige  Haupt  der  Kirche,  sitzt  im  Regiment.  Sein  Wort
der  frei  und  selig  machenden  Wahrheit  ist  uns  Schwert  und  Schild,  und
unser  Glaube  an  ihn  ist  der  Sieg,  der  die  Welt  überwunden  hat!  Wir
wissen  auch  wohl:  um  den  drohenden  Gefahren  zu  begegnen,  kommt  es  in
erster  Linie  darauf  an,  daß  jeder  Bekenner  des  Evangeliums  in  seiner  Weise
und  nach  seinem  Berufe  sich  die  Pflege  und  Verteidigung  evangelischen  Glaubens
  und  Lebens  angelegen  sein  läßt.  Was  in  solcher  Weise  teils  zum  Aufbau,
  teils  zur  Abwehr  von  einzelnen  Männern,  welche  die  Waffen  des
Geistes  zu  führen  wissen,  und  von  Vereinen  bisher  schon  geschehen  ist,  achten
wir  hoch.  Aber  es  hieße  die  Gefahr  unterschätzen  und  unsere  Pflicht  verkennen,
  wenn  wir  meinten,  es  sei  damit  genug  gethan.  Der  machtvollen
Einheit  Roms  steht  die  deutsch-evangelische  Christenheit  in  trauriger  Zerrissenheit
  gegenüber.  Die  Landeskirchen,  in  welche  sie  zerfällt,  sind  durch  ein
so  loses  Band  verknüpft  und  im  übrigen  so  sehr  gegeneinander  abgeschlossen,
daß  das  evangelische  Gemeinbewußtsein  verkümmert.  Noch  viel  verderblicher
ist  der  Parteihader,  welcher  die  besten  Kräfte  verzehrt  und  eine  gedeihliche
positive  Entwicklung  des  deutschen  Protestantismus  lähmt.  Während  wir
uns  über  innerkirchliche  Fragen  entzweien,  schreitet  der  Feind,  der  uns  zu
vernichten  strebt,  unaufhaltsam  vor.  Dazu  hat  er  in  unserm  eignen  Lager
gefährliche  Bundesgenossen.  Die  in  vielen  und  einflußreichen  Kreisen  verbreiteten
  falschen  Paritäts-  und  Toleranzbegriffe  leisten  ihm  willkommene
Hilfe,  und  der  Materialismus,  in  welchen  ganze  Schichten  unseres  Volkes
versunken  sind,  nicht  minder  aber  der  religiöse  Indifferentismus  bahnen  ihm
den  Weg  zur  Herrschaft.  Solch  eine  Lage  erheischt  große  Ziele  und  umfassende
  Mittel!  Alle,  welche  ein  Herz  für  unsere  Kirche  haben,  alle,  welche
von  der  Uberzeugung  durchdrungen  sind,  daß  allein  die  Treue  gegen  das
göttliche  Wort  und  der  endliche  Sieg  der  evangelischen  Wahrheit  unser  Volk
zur  Erfüllung  seines  weltgeschichtlichen  Berufes  auch  fernerhin  befähigen
kann,  müssen  sich  zusammenschließen  zu  gemeinsamer  Arbeit  und  gemeinsamem
Kampf!  Dies  erwägend  und  in  diesem  Geiste  haben  bereits  am  5.  Oktober
v.  J.  evangelische  Männer  aus  allen  Teilen  Deutschlands,  von  mannigfaltiger
  Berufsstellung  und  aus  verschiedenen  kirchenpolitischen  Parteigruppen,
einander  die  Hande  gereicht,  um  ihre  Glaubensgenossen  aufzurufen  zu  einem
evangelischen  Bunde,  dessen  Zweck  die  Wahrung  der  deutsch-protestantischen
Interessen  ist.  Das  Programm  dieses  Bundes  ist  folgendes:  Der  enangelische  
Bund  bekennt  sich  zu  Jesu  Christo,  dem  eingebornen  Sohn  Gottes,  als  dem
alleinigen  Mittler  des  Heils,  und  zu  den  Grundsätzen  der  Reformation.  Die
Aufgabe  des  Bundes  ist  eine  zweiseitige.  Er  will  im  Kampfe  gegen  die
wachsende  Macht  Roms  die  evangelischen  Interessen  auf  allen  Gebieten  wahren,
  der  Beeinträchtigung  derselben  durch  Wort  und  Schrift  entgegentreten,
dagegen  allen  Bestrebungen  wahrer  Katholizität  und  christlicher  Freiheit  im
Schoße  der  katholischen  Kirche  die  Hand  reichen.  Er  will  anderseits  gegenüber
  dem  Indifferentismus  und  Materialismus  der  Zeit  das  christlich-evan-1*
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        4  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  Anf.  —3.)

gelische  Gemeinbewußtsein  stärken,  gegenüber  dem  lähmenden  Parteitreiben
den  innerkirchlichen  Frieden  pflegen,  gegenüber  der  landeskirchlichen  Geteiltheit
  des  evangelischen  Deutschlands  die  Wechselbeziehungen  zwischen  den  Angehörigen
  der  einzelnen  Landeskirchen  beleben  und  mehren.  Zur  Erfüllung
dieser  Aufgabe  verpflichtet  sich  jedes  einzelne  Glied  des  Bundes  an  seinem
Teile  mitzuwirken.  Behufs  gemeinsamer  Thätigkeit  organisiert  sich  der
Bund,  unter  Leitung  eines  Zentralvorstandes,  sowie  eines  weitern  Ausschusses
  und  gegliedert  in  landeskirchliche  oder  landschaftliche  Zweigvereine,
über  das  ganze  evangelische  Deutschland.  Dem  Vorstande  tritt  an  die  Seite
eine  Kommission  zur  Vertretung  der  evangelischen  Interessen  in  der  Presse.
Generalversammlungen  vereinigen  die  Bundesglieder  zu  persönlichem  Meinungsaustausch
  und  zu  den  für  das  Ganze  maßgebenden  Beschlüssen.  Die
Kosten  des  Bundes  werden  teils  durch  regelmäßige  Beiträge,  teils  durch
außerordentliche  Zuwendungen  gedeckt.

Unterzeichnet  ist  der  Aufruf  von  dem  provisorischen  Vorstande  des  Bundes:
  Dr.  Bärwinkel,  Pfarrer  in  Erfurt;  Dr.  Beyschlag,  Professor  in  Halle;
Dr.  Fricke,  Professor  in  Leipzig;  Konsistorialrat  Göbel  in  Halle;  Superintendent
  Greeven  in  Büderich;  Professor  Kawerau  in  Kiel;  Konsistorialrat
Leuschner  in  Merseburg;  Professoren  Lipfius  und  Nippold  in  Jena;  Konsistorialrat
  Niemann  in  Münster;  Professor  Riehm  in  Halle;  Geh.  Ober-Regierungsrat
  v.  Voß  in  Halle;  Pfarrer  Dr.  Warneck  in  Rothenschirmbach;
Graf  v.  Wintzingerode-Bodenstein,  als  Vorsitzender,  in  Merseburg;  Dr.  Witte,
Professor  in  Schulpforta,  und  240  anderen  Mitgliedern.

Die  streng-orthodoxe  Partei  spricht  sich  im  „Reichsboten“  in
schroff  ablehnender  Weise  gegen  den  Bund  aus.

Anf.  Januar.  (Preußen.)  Die  Staatspfarrer  Kubetschak
und  Kick  legen  ohne  sich  der  Kirche  zu  unterwerfen  ihre  Stellen  nieder.
Später  folgen  die  Staatspfarrer  Rymarowicz  und  Golembiawski  nach.
Es  bleibt  somit  nur  noch  einer  im  Amte.

Anf.  Januar.  (Polnische  Rettungsbank.)  Einer  der
Mitbegründer  der  in  Posen  zur  Rettung  des  polnischen  Grundbesitzes
  unter  Beihilfe  der  gesamten  poln.  Nation  begründeten  Bank
verkauft  das  Rittergut  Radlowo  im  Kreise  Mogilno  an  die  preuß.
Ansiedlungskommission.

Anf.  Januar.  (Ostafrika.)  Einige  der  Ende  des  Jahres
1886  vor  Zanzibar  angelangten  deutschen  Kriegsschiffe  begeben  sich
nach  der  Mandabucht,  nehmen  von  den  im  Londoner  Abkommen
unerwähnt  gelassenen  Inseln  Manda,  Pata  und  Kweio  für  den
Sultan  Achmed  v.  Witu  Besitz  und  verkünden  feierlich  im  Witulande
  die  Londoner  Beschlüsse  und  damit  die  Übernahme  des  deutschen
  Protektorats.

Anf.  Jan.  (Preußen.)  Der  frühere  Unterstaatssekretär  des
Reichsschatzamts,  v.  Burchard,  wird  zum  Präsidenten  der  Seehandlung
  ernannt.

3.  Januar.  (Türkei  und  Rußland.)  Die  „Norddeutsche
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  4.—5.)  5

Allgem.  Zeitung“  bringt  einen  „von  hoher  Stelle  in  Konstantinopel“
ihr  übersandten  Artikel  zum  Abdruck.

„Bislang  galt  es  als  Regel,  daß,  wenn  man  die  Handlungsweise
einer  Regierung  kritisierte  oder  die  Politik  eines  Staates  bekämpfte,  man
dabei  dem  betreffenden  Souverän  gegenüber  mit  einer  gewissen  Ehrerbietung
verfuhr.  Diese  gute  Sitte  ist  in  allem,  was  die  Türkei  betrifft,  in  bedauerlicher
  Weise  außer  acht  gelassen  worden,  seitdem  von  einer  russisch-türkischen
Entente  die  Rede  ist,  und  zwar  waren  es  hauptsächlich  die  englischen  und
die  ungarischen  Blätter,  die  in  ihrem  ausgesprochenen  Russenhasse  sich  im
höchsten  Grade  aggressiv  und  ungerecht  gegen  den  Sultan  zeigten.  Die  Berliner
  National-Zeitung  überbietet  indes  noch  die  Sprache  dieser  Blätter.
Vergeblich,  so  ruft  das  genannte  Blatt  aus,  bemüht  sich  die  Pforte,  das
Bestehen  eines  nähern  Einverständnisses  zwischen  ihr  und  Rußland  zu  leugnen.
  Es  ist  außer  allem  Zweifel,  daß  eine  solche  Entente  besteht.  Die
National-Zeitung  erhält  diese  Nachricht  von  ihrem  Korrespondenten  aus
Konstantinopel,  der  in  einem  bunten  Durcheinander  von  seltsamen  Dingen
unzweifelhaft  beweisen  will,  daß  dem  Sultan  die  für  ein  Staatsoberhaupt
erforderlichen  moralischen  Eigenschaften  fehlen,  und  daß  der  genannte  Souverän
  die  Türkei  dem  Rande  eines  Abgrundes  zuführt.  Es  lohnt  kaum  der
Mühe,  zu  sagen,  daß  diese  Mitteilung  auf  völliger  Unwahrheit  beruht,  ebenso
wie  das  Gerücht  von  einer  Entente  zwischen  Rußland  und  der  Türkei.  Die
letztere  hat  keine  Veranlassung,  Rußland  gegenüber  eine  kurzsichtige  Politik
der  Opposition  zu  befolgen.  Damit  ist  aber  nicht  gesagt,  daß  dieselbe  geneigt
  sei,  Rußland  ihre  wichtigsten  Interessen  zu  opfern.  Von  friedlichen
Empfindungen  geleitet,  aber  im  Notfall  bereit,  ihre  Rechte  als  Großmacht
zu  wahren,  wird  die  Pforte  niemals  ihre  Zustimmung  zu  einem  Vertrage
geben,  über  dessen  Endziel  sie  sich  nicht  klar  ist."

4.  Januar.  Wiederzusammentritt  des  Reichstages.
5.  Januar.  Reichstag:  Militärvorlage;  zweite  Lesung  in
der  Kommission.

Zum  ersten  Absatz  des  §  1  der  Beschlüsse  erster  Lesung  (vgl.  Gesch.
Kal.  1886,  Dez.  9.—17.)  stellt  Rickert  (df.)  den  Antrag:  die  Zahl  der
Friedensstärke  für  die  Zeit  vom  1.  April  1887  bis  zum  31.  März  1888
auf  454,402  Mann  zu  erhöhen;  v.  Huene  (Z.):  will  die  468,409  der  Reg.
Vorlage  für  ein  Jahr  annehmen  und  erklärt  „bei  einigem  Entgegenkommen
der  Regierung  wohl  in  Erwägung  ziehen  zu  können,  ob  es  sich  nicht  empfehlen
  könnte,  auch  für  den  provisorischen  Teil  der  Bewilligungen  eine
3 jährige  Dauer  in  Aussicht  zu  nehmen;  jetzt  liege  aber  dazu  keine  Veranlassung
  vor“.  Die  Regierungs-Vorlage  wird  mit  16  gegen  12,  darauf  auch
die  ersten  beiden  Anträge  abgelehnt.  In  der  weiteren  Debatte  über  §  1
behauptet  Richter  (df.),  daß  die  Regierung  durch  die  Ablehnung  der  vom
Zentrum  angebotenen  Bewilligung  von  jedem  Mann  und  jedem  Groschen  die
Vorlage  ihres  militärischen  Charakters  entkleidet  und  zu  einer  konstitutionellen
  und  steuerpolitischen  Frage  herabgedrückt  habe,  über  deren  Lösung  nur
der  Reichskanzler,  nicht  der  Kriegsminister  Auskunft  geben  könne.  Der
Kanzler  aber  lege  durch  sein  Fernbleiben  von  der  Kommission  an  den  Tag,
daß  er  auf  die  Herbeiführung  einer  Verständigung  aus  militärischen  Gründen
  keinen  Wert  lege.  Diese  Ausführungen  werden  von  v.  Huene,  v.  Stauffenberg
  und  Windthorst  aufgegriffen,  wogegen  der  Kriegsminister  den
rein  militärischen  Charakter  der  Vorlage  verteidigt  und  aus  diesem  Gesichtspunkte
  die  einjährige  Bewilligung  verwirft.  Nach  Schluß  der  Diskussion
  wird  der  Antrag  Richter,  den  2.  Absatz  des  §  1  als  §  2  anzuneh-
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        6  Das  deutsche  Reich  und  seine  einelnen  Glieder.  (Januar  8.—9.)

men,  zum  Beschluß  erhoben;  es  kommt  sonach  über  die  Präsenzziffer  gar
kein  Beschluß  zu  stande,  trotzdem  wird  der  Titel  des  Gesetzes  „Entwurf  eines
Gesetzes  betr.  die  Friedenspräsenzstärke  des  deutschen  Heeres“  beibehalten.
Der  in  der  ersten  Lesung  zu  §  4  der  Vorlage  als  §  3a  angenommene  Antrag
  v.  Huene  (Befreiung  der  Theologie-Studierenden  vom  Militärdienst)
mit  dem  Unterantrag  v.  Maltzahn,  die  Befreiung  auf  die  kathol.  Theologen
  zu  beschränken,  wird  abgelehnt  und  zum  Schlusse  das  ganze  Gesetz
(die  beiden  Sozialdemokraten  stimmen  auf  Ersuchen  der  Freisinnigen  mit
„Ja“,  damit  nicht  ein  völliges  Vacuum  entstehe)  in  folgender  Fassung  mit
14  gegen  12  Stimmen  angenommen:

§  1.  Vom  1.  April  1887  ab  werden  die  Infanterie  in  518  Bataillonen,
  die  Kavallerie  in  465  Eskadronen,  die  Feldartillerie  in  364  Batterien,
  die  Fußartillerie  in  31,  die  Pioniere  in  19  und  der  Train  in  18
Bataillonen  formiert.  Außerdem  können  von  dem  gleichen  Tage  an  bis  zum
1.  April  1888  16  Bataillone  Infanterie  formiert  werden.  §  2.  Die  Artikel
  1  und  2  des  Gesetzes  vom  6.  Mai  1880,  betreffend  Ergänzungen  und
Anderungen  des  Reichs-Militärgesetzes  vom  2.  Mai  1874  und  die  noch  in
Geltung  befindlichen,  auf  die  Zahl  der  Truppenteile  Bezug  habenden  Bestimmungen
  des  §  2  des  Reichs-Militärgesetzes  vom  2.  Mai  1874,  treten
mit  dem  31.  März  1887  außer  Kraft.  §  3.  Gegenwärtiges  Gesetz  kommt
in  Bayern  nach  näherer  Bestimmung  des  Bündnisvertrages  vom  23.  November
  1870,  in  Württemberg  nach  näherer  Bestimmung  der  Militär-Konvention
vom  21./25.  November  1870  zur  Anwendung.

8.  Januar.  (Marschalls-Inseln.)  Der  kaiserliche  Kommissar
  für  die  Schutzgebiete  der  Marschalls-Inseln,  einschließlich  der
Brown-  und  Providence-Gruppen,  Dr.  Knappe  in  Jaluit,  bringt
die  von  ihm  vollzogene  Übernahme  der  Verwaltung  des  Landes  zur
Kenntnis  und  veröffentlicht  eine  Reihe  von  Verordnungen,  von  denen
die  wichtigsten  sind:

Es  bleibt  bis  auf  weiteres  verboten,  von  Eingebornen  der  Schutzgebiete
  Grundeigentum  auf  irgendeine  Art,  sei  es  durch  Kauf,  Tausch,  Schenkung
  oder  sonst  ein  Rechtsgeschäft  zu  erwerben;  die  dieser  Bestimmung  entgegen
  abgeschlossenen  Verträge  sollen  nicht  anerkannt  oder  geschützt  werden.
Sämtliche  fremde  Grundeigentümer  werden  aufgefordert,  ihre  Ansprüche  bis
1.  Juli  d.  J.  beim  kaiserlichen  Kommissar  zur  Prüfung  anzumelden;  später
eingehende  Anmeldungen  finden  keine  Berücksichtigung.  Es  wird  ferner  verboten,
  Eingebornen  ohne  Genehmigung  des  kaiserlichen  Kommissars  mehr  als
50  Dollars  Kredit  zu  geben;  zur  Zeit  bestehende  höhere  Forderungen  müssen
beim  kaiserlichen  Kommissar  zur  Prüfung  bis  1.  Juli  d.  J.  angemeldet
werden.  Nicht  angemeldete  Forderungen  verlieren  das  Recht  auf  Schutz.
Alle  im  Hafen  von  Jaluit  einlaufenden  Schiffe  haben  sich  zu  melden;  die
Meldegebühr  beträgt  13/4  Cts.  für  jede  englische  Register-Tonne.  Schiffe,
welche  nicht  im  Schutzgebiete  stationiert  und  im  Inselverkehr  thätig  sind,
haben  beim  Einlaufen  in  den  Hafen  von  Jaluit  und  beim  Verlassen  desselben
  sich  des  vom  kaiserlichen  Kommissar  bestellten  Lotsen  zu  bedienen.  Die
Lotsen-Gebühr  beträgt  sowohl  für  das  Einlaufen  als  auch  für  das  Auslaufen
  1  Dollar  für  jeden  Fuß  Tiefgang.

9.  Januar.  (Preußen:  Katholische  Kirche.)  Bischof
Redner  von  Kulm  erläßt  bei  Gelegenheit  seiner  Weihe  einen  Hirtenbrief,
  in  dem  er  nach  dem  Gebote  Christi:  „Gebet  dem  Kaiser,  was
        <pb n="19" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  7

des  Kaisers  ist,  und  Gott,  was  Gott  ist!“  die  Treue  zum  Kaiser
und  den  Gehorsam  gegen  die  Staatsgesetze  den  Katholiken  ans
Herz  legt.

11.  -  14.  Januar.  (Militärvorlage;  Auflösung  des
Reichstages.)  Der  Beratung  des  neuen  Heergesetzes  im  Plenum
des  Reichstages  wird  im  ganzen  Reiche,  wie  im  Auslande,  mit  ungewöhnlicher
  Spannung  entgegengesehen.  Für  die  Annahme  des
Gesetzes  sind  beim  Reichstage  1052  Petitionen  mit  142,334  Unterschriften
  —  allein  688  mit  52,000  Unterschriften  aus  Württemberg
—  dagegen  nur  9  Resolutionen,  doch  ohne  Unterschriften,  eingegangen.
  An  Petitionen  aus  theologischen  (nur  evangelischen)  Kreisen
gegen  die  Befreiung  vom  Heeresdienste  sind  87  mit  739  Unterschriften
  und  1167  Unterschriften  telegraphisch  eingelaufen.  Das  Haus
ist  an  allen  Sitzungstagen  fast  vollzählig,  der  Zudrang  des  Publikums
  ungeheuer  —  selbst  vor  dem  Gebäude  harren  die  aus  Raummangel
  Zurückgewiesenen  stundenlang  aus.  Als  der  Reichskanzler
am  letzten  Tage  nach  der  Auflösung  den  Reichstag  verläßt,  wird  er
mit  brausendem  Hurra  und  Hüteschwenken  von  der  Menge  begrüßt.

Die  deutsch-freisinnigen  Anträge  lauten:

I.  Freiherr  v.  Stauffenberg:  Der  Reichstag  wolle  beschließen:  §  1
wie  folgt  zu  fassen:  Zur  Ausführung  der  Artikel  57,  59  und  60  der  Reichsverfassung
  wird  die  Friedenspräsenzstärke  des  Heeres  an  Mannschaften  für
die  Zeit  vom  1.  April  1887  bis  31.  März  1890  auf  441,200  Mann  festgestellt.
  Für  die  Zeit  vom  1.  April  1887  bis  zum  31.  März  1888  kann
eine  Erhöhung  der  Präsenzstärke  bis  auf  454,402  Mann  eintreten.  Die
Einjährig-Freiwilligen  kommen  auf  die  Präsenzstärke  nicht  in  Anrechnung.
Die  ordentliche  Rekruteneinstellung  bei  der  Infanterie  erfolgt  im  Januar,
sofern  nicht  bei  der  Etatsfestsetzung  ein  früherer  Einstellungstermin  vereinbart
  wird.  II.  Für  den  Fall  der  Ablehnung  des  Antrages  sub  I:  in  §  1
der  Regierungsvorlage  a.  statt  „31.  März  1894"  zu  setzen:  „31.  März
1890“;  b.  in  Zeile  4  vor  dem  Worte  „auf“  zu  setzen:  „bis“.  III.  Richter:
Der  Reichstag  wolle  beschließen:  für  den  Fall  der  Ablehnung  des  Antrages
sub  I.  in  §  1  der  Regierungsvorlage  eventuell  folgenden  Zusatz  anzunehmen:
Die  ordentliche  Rekruteneinstellung  bei  der  Infanterie  erfolgt  im  Januar,
sofern  nicht  bei  der  Etatsfeststellung  ein  früherer  Termin  vereinbart  wird.
IV.  Resolution  Rickert:  Den  Bundesrat  zu  ersuchen,  dem  Reichstage  eine
Vorlage  zu  machen,  durch  welche  zur  Deckung  der  durch  das  Gesetz,  betreffend
die  erhöhte  Friedenspräsenzstärke  des  Heeres  erwachsenden  Mehrkosten  eine
Reichseinkommensteuer  nach  folgenden  Grundsätzen  eingeführt  wird:  1)  Die
Reichseinkommensteuer  wird  erhoben  vom  reinen  Einkommen  aus  Kapitalvermögen,
  Grundeigentum,  Gewerbebetrieb,  öffentlicher  oder  privater  gewinnbringender
  Beschäftigung,  Renten  oder  sonstigen  stehenden  Bezügen.  2)  Der
Reichseinkommensteuer  sind  alle  Einkommen  von  mehr  als  6000  M.  unterworfen.
  Dieselbe  beträgt  einen  bestimmten,  von  ½  Proz.  ab  aufsteigenden
Prozentsatz  desselben.  3)  Die  Zahl  der  zu  erhebenden  Monatsraten  der
Reichseinkommensteuer  wird  jährlich  durch  das  Reichshaushaltsgesetz  festgestellt."
        <pb n="20" />
        8  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

Das  Zentrum  beantragt  auf  ein  Jahr  die  volle  Höhe,  auf  drei
Jahre  441,200  Mann  zu  bewilligen.

Frhr.  v.  Huene  erstattet  den  Bericht  über  die  Kommissionsbeschlüsse,

darauf  erhält  Graf  Moltke  das  Wort:
  „Meine  Herren,  niemand  von  uns  täuscht  sich  wohl  über  den  Ernst
der  Zeit,  in  welcher  wir  uns  befinden.  Alle  größeren  europäischen  Regierungen
  treffen  eifrigst  Vorkehrungen,  um  einer  ungewissen  Zukunft  entgegenzugehen.
  Alle  Welt  fragt  sich:  werden  wir  den  Krieg  bekommen?  Nun,
meine  Herren,  ich  glaube,  daß  kein  Staatslenker  freiwillig  die  ungeheure
Verantwortung  auf  sich  nehmen  wird,  die  Brandfackel  in  den  Zündstoff  zu
werfen,  welcher  mehr  oder  weniger  in  allen  Ländern  angehäuft  ist.  Starke
Regierungen  sind  eine  Bürgschaft  für  Frieden.  Aber  die  Volksleidenschaften,
der  Ehrgeiz  der  Parteiführer,  die  durch  Schrift  und  Wort  mißgeleitete  öffentliche
  Meinung,  das  alles,  meine  Herren,  sind  Elemente,  welche  stärker  werden
können  als  der  Wille  der  Regierenden;  haben  wir  doch  erlebt,  daß  selbst
Börseninteressen  Kriege  entzündeten.  Wenn  nun  in  dieser  politischen  Spannung
  irgend  ein  Staat  in  der  Lage  ist,  für  die  Fortdauer  des  Friedens  zu
wirken,  so  ist  es  Deutschland,  welches  nicht  direkt  in  den  Fragen  beteiligt
ist,  welche  die  übrigen  Mächte  aufregen;  Deutschland,  welches  seit  dem  Bestehen
  des  Reiches  gezeigt  hat,  daß  es  keinen  seiner  Nachbarn  angreifen  will,
wenn  es  nicht  von  ihm  selbst  dazu  gezwungen  wird.  Aber,  meine  Herren,
um  diese  schwierige,  vielleicht  undankbare  Vermittlerrolle  durchzuführen,  muß
Deutschland  stark  und  kriegsgerüstet  sein.  Werden  wir  dann  gegen  unseren
Willen  in  den  Krieg  verwickelt,  so  haben  wir  auch  die  Mittel,  ihn  zu  führen.
Würde  die  Forderung  der  Regierung  abgelehnt,  meine  Herren,  dann  glaube
ich,  haben  wir  den  Krieg  ganz  sicher.  Es  ist  ja  nun  erfreulich  und  wird
seine  Wirkung  nach  außen  nicht  verfehlen,  daß  von  den  großen  Parteien
dieses  Hauses  keine  ist,  welche  ungeachtet  mancher  verschiedenen  Ansichten  in
inneren  Angelegenheiten  der  Regierung  die  Mittel  verweigern  wird,  welche
sie  nach  gewissenhafter  Erwägung  von  uns  für  die  Berteidigung  nach  außen
fordert;  nur  über  die  Zeitdauer  der  Bewilligung  sind  die  Ansichten  sehr
abweichend  von  einander.  Da  möchte  ich  nun  nochmals  daran  erinnern,
daß  die  Armee  niemals  ein  Provisorium  sein  kann.  Die  Armee  ist  die  vornehmste
  aller  Institutionen  in  jedem  Lande;  denn  sie  allein  ermöglicht  das
Bestehen  aller  übrigen  Einrichtungen,  alle  politische  und  bürgerliche  Freiheit,
  alle  Schöpfungen  der  Kultur,  die  Finanzen,  der  Staat  stehen  und  fallen
mit  dem  Heere.  Meine  Herren,  Bewilligungen  auf  kurze  Frist,  sei  es  auf
ein,  sei  es  auf  drei  Jahre,  helfen  uns  nicht.  Die  Grundlage  jeder  tüchtigen
militärischen  Organisation  beruht  auf  Dauer  und  Stabilität;  neue  Kadres
werden  erst  wirksam  im  Verlauf  einer  Reihe  von  Jahren.  Meine  Herren,
ich  glaube,  ich  darf  sagen,  daß  heute  die  Augen  Europas  auf  diese  Versammlung
  gerichtet  sind,  auf  die  Beschlüsse,  welche  Sie  in  einer  so  hochwichtigen
  Angelegenheit  fassen  werden.  Ich  wende  mich  an  Ihren  patriotischen
  Sinn,  wenn  ich  Sie  bitte,  die  Regierungsvorlage  unverkürzt  und
unverändert  anzunehmen.  Zeigen  Sie  der  Welt,  daß  das  Volk  und  die  Regierung
  einig  sind,  und  daß  Sie,  meine  Herren,  bereit  sind,  jedes  Opfer,
auch  das  Opfer  einer  abweichenden  Ansicht  zu  bringen,  wenn  es  sich  um  die
Sicherung  des  Vaterlandes  handelt!“  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)

Hierauf  begründet  Frhr.  v.  Stauffenberg  (df.)  seinen  Antrag.
Redner  verwendet  sch  zum  Schlusse  ganz  besonders  für  jährliche  Bewilligung
des  Heeresetats,  um  die  Beratungen  darüber  künftig  weniger  schwierig  und
aufregend  zu  machen.  Dieses  Verfahren  sei  auch  das  beste  für  das  Heer
und  er  hätte  gewünscht,  daß  dasselbe  von  konservativer  Seite  beantragt  woren

  wäre.
        <pb n="21" />
        Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Januar 11.- 14.)   9

Reichskanzler  Fürst  von  Bismarck:  „Die  verbündeten  Regierungen
haben  durch  ihre  Vorlage  der  Überzeugung  Ausdruck  gegeben,  daß  die  Wehrkraft
  des  deutschen  Reiches  so,  wie  sie  augenblicklich  beschaffen  ist,  dem  deutschen
Volke  nicht  diejenige  Bürgschaft  für  die  Verteidigung  des  Reichsgebietes  gewährt,
  auf  welche  die  Nation  ein  unverjährbares  Recht  hat.  Diese  Überzeugung
  der  verbündeten  Regierungen  ist  begründet  durch  das  Urteil,  durch
das  einstimmige  Urteil  aller  militärischen  Autoritäten  in  Deutschland,  Autoritäten,
  deren  Kompetenz  in  ganz  Europa  sonst  anerkannt  wird  mit  der
alleinigen  Ausnahme  des  deutschen  Reichstags  (Bewegung;  oho!  links),  wo
dem  militärischen  Urteile  dieser  Autoritäten,  die,  ich  wiederhole  es,  sich  der
Anerkennung  Europas  erfreuen,  dasjenige  der  Herren  Richter,  Windthorst,
Grillenberger  entgegengetreten  ist.  —  Meine  Herren,  ist  das  ein  Irrtum,  so
müßten  die  Druckberichte,  die  ich  zu  Hause  gelesen  habe  über  Ihre  Verhandlungen,
  doch  unrichtig  sein.  Ich  habe  sie  hier:  aber  ich  will  Ihre  Zeit  nicht
weiter  aufhalten  durch  Bezugnahme  darauf.  Es  handelt  sich  hier  vorwiegend
  um  die  militärische  Vorlage.  Ich  kann  nun  in  der  That  nicht  glauben,
  daß  die  Herren,  die  ich  eben  nannte,  so  weit  gehen  sollten,  ihr  eigenes
Urteil  in  militärischen  Fragen  über  das  des  Feldmarschalls  Grafen  Moltke,
den  wir  hier  sehen,  über  das  eines  kriegserfahrenen  Kaisers,  über  das  sämtlicher
  deutscher  Generalstäbe  und  Kriegsministerien  zu  stellen.  Es  ist  doch
kaum  möglich,  daß  ein  noch  so  einsichtiger  und  an  seine  Einsicht  glaubender
Zivilist  der  Meinung  sein  könnte.  Ich  bin  also  genötigt,  anzunehmen,  daß
die  Herren  in  ihrer  Opposition  gegen  die  Vorlage  noch  andere  Gründe  haben
als  die  Zweifel  an  der  Autorität  des  militärischen  Urteils  derjenigen  Stellen,
die  ich  namhaft  gemacht  habe.  (Murren.)  —  Aus  dem  leisen  Murren  im
Hintergrunde  ziehe  ich  den  Schluß,  daß  Sie  bei  dieser  meiner  Andeutung
etwas  ganz  anderes  vermuten,  als  ich  zu  sagen  beabsichtige.  Ob  das  ein
Zeichen  ist,  daß  irgend  jemand  sich  getroffen  fühlt  von  der  anderweiten  Vermutung,
  lasse  ich  hier  unentschieden,  das  ist  mir  auch  gleichgültig.  Ich
fürchte  aber,  Sie  setzen  bei  den  Regierungen  andere  Motive  für  deren  Antrag
  voraus  als  wie  das  ausschließliche  Bedürfnis  unserer  defensiven  Wehr-Kraft.
  Es  sind  ja  in  der  Presse  Äußerungen  gefallen,  als  ob  diese  ganze
Militärvorlage  keinen  Zweck  weiter  hätte,  als  unter  falschen  Vorwänden
Steuern,  Geld,  zu  erheben.  Das  war  der  Fall  in  denselben  entlegenen  Teilen
der  Preßpolitik,  wo  die  abenteuerlichsten,  die  kindischsten  Gerüchte,  wenn  sie
über  Nacht  ausgeschrien  werden,  sofort  Glauben  finden.  Es  ist  das  ein  so
absurder  Gedanke,  daß  wir  mit  einer  Forderung  von  20  bis  30  Millionen
eine  Grundlage  für  neue  exorbitante  Steuervorschläge  gewinnen  wollten,  daß
ich  mich  weiter  gar  nicht  damit  aufhalte.  Was  den  moralischen  Wert  einer
solchen  Insinuation  betrifft  und  ihre  Bedeutung,  so  will  ich  doch  nur  darauf
aufmerksam  machen,  daß  sie  ungefähr  in  gleicher  Linie  stehen  würde  mit  der
anderen,  wenn  wir  sagen  würden,  der  Widerstand  gegen  unsere  Vorlage  sei
eingegeben  von  dem  Wunsche,  daß  Deutschland  im  nächsten  Kriege  nicht
glücklich  sein  möge.  (Murren.)  —  Das  steht  ungefähr  auf  derselben  moralischen
  Höhe  wie  ihre  Verdächtigungen  (Murren)  —  nicht  Ihre,  sondern  die
Preßverdächtigungen  gegen  die  Intentionen  der  Regierung.  Jene  andere  Verdächtigung
  hat  doch  noch  mehr  Haltbarkeit,  da  sich  nicht  leugnen  läßt,  daß
es  viele  Einwohner  Deutschlands  gibt,  die  das  deutsche  Reich  und  seine  Fortexistenz
  negieren.  Ich  komme  vielleicht  auf  diese  Frage  nachher  noch  weiter
zurück.

Ein  glaublicheres  Motiv,  daß  die  Regierungen  und  namentlich  die
Vertreter  des  Kaisers  ihre  Pläne  nicht  eingestehen,  könnte  in  der  Richtung
gesucht  werden,  daß  eine  Verstärkung  des  deutschen  Heeres  etwa  gewollt  werde
aus  denselben  Gründen,  aus  denen  mancher  eroberungs-  oder  kriegslustige
        <pb n="22" />
        10  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

Monarch  eine  starke  Armee  erstrebt  hat,  nämlich  in  der  Absicht,  demnächst
einen  Krieg  zu  führen,  sei  es  um  bestimmte  Zwecke  durchzusetzen,  sei  es  um
irgend  etwas  zu  erobern,  sei  es  des  Prestiges  urd  des  Bedürfnisses  wegen,
sich  in  die  Angelegenheiten  anderer  Mächte  vorwiegend  einzumischen,  also
z.  B.  die  orientalische  Frage  von  hier  aus  zu  regulieren.  Ich  glaube  aber,
auch  dies  wird  als  vollständig  unbegründet  gefunden  werden  von  jedem,  der
darüber  nachdenkt,  wie  friedliebend  die  Politik  Seiner  Majestät  des  Kaisers
bisher  seit  16  Jahren  gewesen  ist.  Es  ist  ja  wahr,  der  Kaiser  hat  sich  genötigt
  gesehen,  zwei  große  Kriege  zu  führen,  aber  diese  beiden  Kriege  waren
ein  uns  überkommenes  zwingendes  historisches  Ergebnis  früherer  Jahrhunderte.
  Sie  werden  die  Thatsache  nicht  bestreiten,  daß  der  gordische  Knoten,
unter  dessen  Verschluß  die  nationalen  Rechte  der  Deutschen  lagen,  das  Recht,
als  große  Nation  zu  leben  und  zu  atmen,  nur  durch  das  Schwert  gelöst
werden  konnte  —  leider,  und  daß  auch  der  französische  Krieg  nur  eine  Vervollständigung
  der  kriegerischen  Kämpfe  bildete,  durch  welche  die  Herstellung
der  deutschen  Einheit,  das  nationale  Leben  der  Deutschen  geschaffen  und
sichergestellt  werden  mußte.  Also  man  kann  daraus  nicht  auf  kriegerische
Gelüste  schließen.  Wir  haben  keine  kriegerischen  Bedürfnisse,  wir  gehören
zu  den  —  was  der  alte  Fürst  Metternich  nannte:  saturierten  Staaten,  wir
haben  keine  Bedürfnisse,  die  wir  durch  das  Schwert  erkämpfen  könnten;  und
außerdem  wenn  das  der  Fall  wäre,  so  blicken  Sie  doch  auf  die  friedliebende
Thätigkeit  —  und  ich  sage  das  ebenso  gut  nach  dem  Auslande,  wie  hier  zu
dem  Reichstage  —  der  Kaiserlichen  Politik  in  den  letzten  16  Jahren.  Nach
dem  Frankfurter  Frieden  war  unser  erstes  Bedürfnis,  den  Frieden  möglichst
lange  zu  erhalten  und  zu  benutzen,  um  das  deutsche  Reich  zu  konsolidieren.
Diese  Aufgabe  war  keine  leichte.  Im  Reichstage  selbst  ist  uns  damals  vorgehalten
  worden  als  ein  Vorwurf  über  die  Ergebnisse  unserer  Politik  —
weil  wir  den  Mut  gehabt  hatten,  für  Deutschlands  Einigkeit  zu  kämpfen  —,
daß  wir  eine  Situation  geschaffen  hätten,  in  der  der  nächste  Krieg  wahrscheinlich
  sehr  nahe  bevorstehend  sein  würde.  Man  sprach  damals  von  4,
5,  vielleicht  3  Jahren,  die  es  dauern  würde  bis  zum  nächsten  Kriege.  Meine
Herren,  es  ist  gelungen,  wenn  auch  nicht  ohne  starke  Gegenströmungen  zu
überwinden,  den  Frieden  seit  16  Jahren  zu  erhalten.  Unsere  Aufgabe  haben
wir  zuerst  darin  erkannt,  die  Staaten,  mit  denen  wir  Krieg  geführt  hatten,
nach  Möglichkeit  zu  versöhnen.  Es  ist  uns  dies  vollständig  gelungen  mit
Österreich.  Die  Absicht  und  das  Bedürfnis,  dahin  zu  gelangen,  beherrschten
bereits  die  Friedensverhandlungen  in  Nikolsburg  im  Jahre  1866,  und  es
hat  uns  seitdem  nie  das  Bestreben  verlassen,  die  Anlehnung  an  Österreich
wieder  zu  gewinnen,  die  wir  vor  1866  nur  scheinbar  und  buchstäblich  hatten,
die  wir  jetzt  in  der  Wirklichkeit  vollständig  besitzen.  (Bravol  rechts.)  Wir
stehen  mit  Österreich  in  einem  so  sicheren  und  vertrauensvollen  Verhältnisse,
wie  es  weder  im  deutschen  Bunde  trotz  aller  geschriebenen  Verträge,  noch
früher  im  heiligen  römischen  Reiche  jemals  der  Fall  gewesen  ist  (bravo!
rechts),  nachdem  wir  uns  über  alle  Fragen,  die  zwischen  uns  seit  Jahrhunderten
  streitig  gewesen  sind,  in  gegenseitigem  Vertrauen  und  gegenseitigem
Wohlwollen  auseinandergesetzt  haben.  Es  war  die  Aussöhnung  mit  Osterreich
  aber  nicht  allein  das  Ziel,  welches  unsere  Friedenspolitik  erstrebt  hat.
Wir  haben  uns  erinnert,  daß  die  Freundschaft  der  drei  großen  östlichen
Mächte  in  Europa,  wenn  sie  auch  manche  verdrießliche  Folgen  für  die  öffentliche
  Meinung  und  andere  Staaten  gehabt  haben  mag,  doch  Europa  über
30  Jahre  lang  den  Frieden  bewahrt  hat,  den  Frieden  in  einer  Epoche,  in
der  die  Quellen  entstanden  sind,  die  den  Wohlstand,  den  wirtschaftlichen  Aufschwung,
  die  gesamte  wissenschaftliche,  technische  und  wirtschaftliche  Entwickelung
  Europas  befruchtet  und  befördert  haben.  Die  Quellen  davon  liegen
        <pb n="23" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  11

in  dem  Zeitraum,  in  welchem  die  übelberufene  heilige  Allianz  uns  den  Frieden
  erhalten  hat.  Es  wird  das  jedermann  unwiderleglich  einleuchten,  der
einen  Vergleich  zieht  zwischen  unserer  heutigen  wirtschaftlichen  Situation  von
1886  und  zwischen  dem  Maße  von  Wohlhabenheit  und  zivilisatorischer  Entwickelung,
  das  in  ganz  Europa,  namentlich  aber  in  Deutschland  im  Jahre
1816  herrschte.  Der  Unterschied  ist  ein  so  ungeheurer,  wie  er  kaum  je  in
früheren  Jahrhunderten  in  einer  gleichen  Epoche  stattgefunden  hat;  der  Fortschritt
  zum  Günstigen,  zur  Wohlhabenheit  der  Gesamtheit  ist  ein  gewaltiger
gewesen.  Nun,  ich  weiß  nicht,  ob  es  uns  gelingen  wird,  wiederum  eine
Friedensepoche  von  derselben  Länge,  d.  h.  von  mehr  als  30  Jahren,  herzustellen.
  Unsere  Bemühungen  dazu  sind  aufrichtig;  vor  allem  aber  brauchen
wir  dazu  ein  starkes  Heer,  ein  Heer,  das  stark  genug  ist,  um  unsere  eigene
Unabhängigkeit  ohne  jeden  Bundesgenossen  sicher  zu  stellen.  In  Anbetracht
dieser  Wirkung  der  früheren  Freundschaft  der  drei  großen  östlichen  Höfe
haben  wir  nicht  bloß  die  Aussöhnung  mit  unserem  früheren  Gegner,  sondern
  auch  die  Neubegründung  der  Freundschaft  zwischen  den  jetzigen  drei
Kaisermächten  als  unsere  Aufgabe  betrachtet.  Unsere  eigenen  Beziehungen
zu  Rußland  waren  dabei  nicht  schwierig.  Unsere  Freundschaft  mit  Rußland
hat  in  der  Zeit  unserer  Kriege  gar  keine  Unterbrechung  erlitten  und  ist  auch
heute  über  jeden  Zweifel  erhaben.  Wir  erwarten  von  Rußland  durchaus
weder  einen  Angriff,  noch  eine  feindselige  Politik.  —  Wenn  ich  das  so  unbefangen
  ausspreche,  so  kann  ich  der  Vorlage  dadurch  möglicherweise  die
Stimmen  der  polnischen  Abgeordneten  entfremden,  die  sonst  ja  doch  ganz
gewiß  für  die  möglichste  Stärkung  der  deutschen  Macht  gegen  russische  Anriffe
  stimmen  würden,  da  sie  bei  einem  russischen  Siege  nichts  zu  erwarten
haben.  Aber  ich  muß  doch  der  Wahrheit  die  Ehre  geben  und  sagen:  alle
die  Motive  für  die  Vorlage,  die  man  aus  unseren  Beziehungen  zu  Rußland
entnommen  hat,  sind  nach  meiner  politischen  Auffassung  hinfällig.  Wir
leben  mit  Rußland  in  derselben  freundschaftlichen  Beziehung  wie  unter  dem
hochseligen  Kaiser,  und  diese  Beziehung  wird  unsererseits  auf  keinen  Fall
gestört  werden.  Was  hätten  wir  denn  für  ein  Interesse,  Händel  mit  Rußland
  zu  suchen?  Ich  fordere  jeden  heraus,  mir  eins  nachzuweisen.  Die
bloße  Rauflust  kann  uns  doch  unmöglich  dazu  bringen,  mit  einem  Nachbar,
der  uns  nicht  angreift,  Händel  zu  suchen.  Solchem  barbarischem  Instinkte
sind  die  deutschen  Regierungen  und  die  deutschen  politischen  Auffassungen
unzugänglich.  Also  unsererseits  wird  der  Friede  mit  Rußland  nicht  gestört
werden,  und  daß  man  uns  von  russischer  Seite  angreifen  werde,  glaube  ich
nicht.  Ich  glaube  auch  nicht,  daß  man  von  russischer  Seite  nach  Bündnissen
sucht,  um  in  Verbindung  mit  anderen  uns  anzugreifen,  oder  daß  man  von
Schwierigkeiten,  die  wir  auf  anderer  Seite  haben  könnten,  den  Gebrauch
machen  würde,  uns  mit  Leichtigkeit  anzugreifen.  Der  Kaiser  Alexander  III.
von  Rußland  hat  jederzeit  den  Mut  seiner  Meinung  gehabt,  und  wenn  er
mit  Deutschland  in  unfreundliche  Beziehungen  zu  treten  beabsichtigte,  so  ist
er  der  erste,  der  dies  sagen  und  zu  erkennen  geben  würde.  Das  Vertrauen
kann  jeder  zu  ihm  haben,  der  die  Ehre  gehabt  hat,  ihm  irgendwo  näher  zu
treten.  Alle  Argumente  also,  die  für  unsere  Vorlage  daraus  entnommen
sind,  daß  wir  einer  Koalition  von  Frankreich  und  Rußland  gegenüberzutreten
  haben  würden,  die  assumiere  ich  meinerseits  nicht,  und  unsere  Stärke
ist  darauf  ja  auch  nicht  zu  berechnen.  Wir  könnten  sie  ebenso  gut  auf  eine
Koalition  zu  dreien,  wie  sie  im  7jährigen  Kriege  gegen  uns  stattgefunden
hat,  berechnen  wollen,  denn  die  Möglichkeit  ist  ja  nicht  auszuschließen,  daß
wir,  wie  Friedrich  der  Große  im  7jährigen  Kriege  die  Errungenschaften  der
beiden  ersten  schlesischen  Kriege  zu  verteidigen  hatte,  auch  unsere  Errungenschaften
  in  einem  noch  größeren  Kriege  als  in  den  vorhergehenden  zu  ver-
        <pb n="24" />
        12  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

teidigen  haben  würden;  —  womit  ich  übrigens  nicht  auf  das  Septennat  anspielen
  will.  Ich  meine  nur  die  Analogie  zwischen  den  beiden  ersten  schlesischen
  Kriegen  und  dem  großen  Kampfe,  in  dem  König  Friedrich  II.  seine
Errungenschaften  gegen  große  Koalitionen  zu  verteidigen  hatte,  ist  historisch
nicht  ganz  zu  verwerfen;  für  den  Augenblick  aber  liegt  sie  nicht  vor,  —  es
müßten  große  Veränderungen  in  den  Konstellationen  eintreten,  ehe  dergleichen
zu  befürchten  wäre.  Wir  werden  Händel  mit  Rußland  nicht  haben,  wenn
wir  nicht  bis  nach  Bulgarien  gehen,  um  sie  dort  aufzusuchen.  (Heiterkeit.)

Es  ist  merkwürdig,  daß  die  Presse  derselben  Partei,  die  jetzt  der  Verstärkung
  unserer  Armee  widerspricht,  vor  wenigen  Monaten  alles  mögliche
gethan  hat,  um  uns  in  einen  Krieg  mit  Rußland  zu  verwickeln.  Diese
Übereinstimmung  ist  in  der  That  eine  auffällige.  Ich  habe  vorher  gesagt,
daß  ich  auf  die  Frage,  über  die  dort  gemurrt  worden  ist,  vielleicht  zurückkommen
  würde;  ich  will  es  nur  mit  dieser  Andeutung:  es  ist  das  auffällig.
Damals  bin  ich  ganz  erstaunt  gewesen,  zu  lesen,  mit  welchen  leidenschaftlichen
  Argumenten  seitens  der  oppositionellen  Presse  auf  einen  Bruch  mit
Rußland  hingearbeitet  wurde;  —  ich  habe  ein  ganzes  Konvolut  von  Zeitungsausschnitten
  aus  der  Zeit  aus  dem  „Berliner  Tageblatt",  aus  der
„Freisinnigen  Zeitung“,  aus  der  „Volkszeitung“,  aus  der  „Germania“  vor
allen;  eines  überbietet  immer  das  andere  an  Beschimpfungen  der  Regierung,
weil  sie  nicht  für  Bulgarien  und  seinen  damaligen  Fürsten  Rußland  gegenüber
  den  Handschuh  aufnehmen  wollte.  Das  erste  aus  dem  Berliner  Tageblatt
  fängt  gleich  damit  an:  „Wenn  die  Grundlagen  des  europäischen  Friedens
  derartig  erschüttert  sind,  daß  derselbe  nur  durch  ein  Mittel  erhalten
werden  kann,  welches  die  Moral  in  den  Völkern  untergräbt,  dann  ist  doch
eine  Frage  berechtigt,  ob  nicht  ein  gesunder  Krieg  einem  so  krankhaften  Frieden
  vorzuziehen  sei.“  So  waren  die  Herren  damals  gestimmt.  —  Die  „Germania“
  predigt  nicht  so  geradezu  den  Krieg,  aber  sie  ist  ihrer  Natur  nach
viel  schärfer  und  bitterer  in  den  Beschimpfungen  der  Regierung  über  ihre
Feigheit.  Nun,  meine  Herren,  als  ich  das  gelesen  habe,  ich  muß  sagen,  hat
es  mir  zunächst  den  Eindruck  von  Heiterkeit  gemacht;  ich  habe  diese  ganze
Preßhetzerei  lächerlich  gefunden,  die  Zumutung,  daß  wir  nach  Bulgarien
laufen  sollten,  um  „hinten  weit  in  der  Türkei“,  wie  man  früher  zu  sagen
pflegte,  die  Händel  zu  suchen,  die  wir  hier  nicht  finden  können.  Ich  hätte
geradezu  verdient,  wegen  Landesverrats  vor  Gericht  gestellt  zu  werden,  wenn
ich  auch  nur  einen  Augenblick  auf  den  Gedanken  hätte  kommen  können,  mich
auf  diese  Dummheit  einzulassen,  und  es  hat  mich  damals  auch  wenig  verdrossen;
  wir  waren  ja  die  Herren,  zu  thun  und  zu  lassen,  was  wir  wollten.
Es  hat  mich  nur  tief  betrübt,  einen  solchen  Aufwand  von  Pathos  in  der
deutschen  Presse  zu  finden,  um  uns  womöglich  mit  Rußland  in  Krieg  zu
verwickeln.  Als  ich  diese  Deklamationen  zuerst  las  —  sie  sind  zum  Teil
weinerlich,  zum  Teil  pathetisch  —.,  so  fiel  mir  unwillkürlich  die  Szene  aus
„Hamlet“  ein,  wo  der  Schauspieler  deklamiert  und  Thränen  vergießt  über
das  Schicksal  von  Hekuba  —  wirkliche  Thränen  —,  und  Hamlet  sagt  —
ich  weiß  nicht,  wendet  er  den  Ausdruck  an,  der  durch  Herrn  Virchow  das
parlamentarische  Bürgerrecht  gewonnen  hat,  den  Ausdruck  von  „Schuft“  —:
„Was  bin  ich  für  ein  Schuft?“  oder  benutzt  er  ein  anderes  Beiwort?  —
kurz  und  gut,  er  sagt:  „Was  ist  ihm  Hekuba?"  —  Das  fiel  mir  damals
sofort  ein.  Was  sollen  diese  Deklamationen  heißen:?  Was  ist  uns  denn
Bulgarien?  Es  ist  uns  vollständig  gleichgiltig,  wer  in  Bulgarien  regiert,
und  was  aus  Bulgarien  überhaupt  wird,  —  das  wiederhole  ich  hier;  ich
wiederhole  alles,  was  ich  früher  mit  dem  viel  gemißbrauchten  und  totgerittenen
  Ausdruck  von  den  Knochen  des  pommer'schen  Grenadiers  gesagt  habe:
die  ganze  orientalische  Frage  ist  für  uns  keine  Kriegsfrage.  Wir  werden
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  —14.)  13

uns  wegen  dieser  Frage  von  niemand  das  Leitseil  um  den  Hals  werfen
lassen,  um  uns  mit  Rußland  zu  brouillieren.  (Bravol  rechts.)  Die  Freundschaft
  von  Rußland  ist  uns  viel  wichtiger  als  die  von  Bulgarien  und  die
Freundschaft  von  allen  Bulgarenfreunden,  die  wir  hier  bei  uns  im  Lande
haben.

n  Ich  kann  also  wohl  sagen,  die  Hoffnung,  die  ich  an  das  Gelingen
des  Bestrebens  knüpfte,  die  drei  Kaisermächte  wieder  zu  einigen,  welche  ich
zuerst  faßte,  als  es  erreicht  war,  die  Monarchen  hier  in  Berlin  im  Jahre
1872  zusammenzubringen,  —  die  hat  sich  insoweit  verwirklicht,  daß  wir
weit  entfernt  sind  von  der  Wahrscheinlichkeit,  mit  Österreich  oder  mit  Rußland
  in  Händel  zu  kommen;  es  liegen  gar  keine  direkte  Motive  vor,  die
unseren  Frieden  mit  diesen  beiden  gefährden  könnten.  Aber  der  Schutz,  den
der  Frieden  durch  diese  Verbindung  zu  dreien  —  ich  möchte  sagen,  durch
das  trianguläre  Karré,  welches  die  drei  Kaiserreiche  unter  sich  formieren,
wenn  der  Ausdruck  nicht  unsinnig  wäre  —  gewinnt,  ist  eben  stärker  zu  dreien
als  zu  zweien,  —  und  die  Schwierigkeit  der  Aufgabe  liegt  nicht  darin,  unseren
  Frieden  mit  Österreich  oder  Rußland  zu  erhalten,  sondern  den  Frieden
zwischen  Österreich  und  Rußland.  Dort  liegt  die  Sache  anders.  Es  gibt
wirklich  rivalisierende  und  mit  einander  konkurrierende  Interessen,  die  diesen
beiden,  unseren  Freunden,  die  Erhaltung  des  Friedens  unter  sich  schwieriger
machen,  als  es  für  uns  mit  jedem  von  ihnen  ist.  Es  ist  unsere  Aufgabe,
diese  Schwierigkeit  nach  Möglichkeit  zu  ebnen,  in  beiden  Kabinetten  der  Anwalt
  des  Friedens  zu  sein  gegenüber  den  Erregungen  publizistischer  oder
parlamentarischer  Natur.  Ich  hrauche  diese  Erregungen  nicht  näher  zu  bezeichnen;
  die  Presse  beider  Länder  und  der  Parlamentarismus  des  einen  davon
  bilden  die  Gegenströmungen  und  Schwierigkeiten,  mit  denen  wir  bei
unseren  Bemühungen,  sie  zu  überwinden,  und  den  Advokaten  des  Friedens
in  beiden  Kabinetten  zu  machen,  rechnen  müssen.  Wir  laufen  dabei  Gefahr,
daß  wir  in  Österreich  und  noch  mehr  in  Ungarn  als  russisch  bezeichnet  und
in  Rußland  für  österreichisch  gehalten  werden.  Das  müssen  wir  uns  gefallen
lassen;  wenn  es  uns  gelingt,  den  eigenen  Frieden  und  den  Europas  zu  erhalten,
  so  wollen  wir  uns  das  auch  gern  gefallen  lassen.

Nicht  minder  aufrichtig  und  angestrengt  sind  unsere  Bemühungen  gewesen,
  nach  dem  französischen  Kriege  die  Versöhnung  mit  Frankreich  herbeizuführen;
  ob  sie  ganz  so  glücklich  gewesen  sind  wie  im  Osten,  das  weiß  ich
nicht.  Wenn  wir  mit  den  Verhältnissen  im  Osten  allein  zu  rechnen  hätten,
so  würden  dieselben  uns  nicht  zu  einer  Vorlage  dieser  Art  bestimmt  haben.
Bezüglich  Frankreichs  liegt  es  aber  anders;  ich  kann  ja  nur  nach  meinem
politischen  Urteile  sprechen,  aber  ich  kann  für  mich  geltend  machen,  daß  ich
seit  —  ich  glaube  —  jetzt  36  Jahren  in  der  großen  europäischen  Politik
thätig  bin,  und  daß  ich  mich  auf  manche  Epochen  und  Vorgänge  berufen
kann,  in  denen  mein  politisches  Urteil  das  richtige  gewesen  ist  und  namentlich
  richtiger  als  das  der  parlamentarischen  Opposition,  die  ich  mir  gegenüber
  fand.  Die  Frage,  wie  wir  mit  Frankreich  in  der  Zukunft  stehen  werden,
  ist  für  mich  eine  minder  sichere.  Ich  habe  nicht  das  Bedürfnis,  alle
europäischen  Mächte  durchzugehen;  ich  spreche  von  Italien  und  England  gar
nicht,  weil  gar  kein  Grund  vorliegt,  daß  wir  für  beide  Regierungen  und
sie  für  uns  gegenseitig  nicht  das  größte  Wohlwollen  haben  sollten.  Unsere
Beziehungen  zu  den  beiden  sind  derart,  daß  ich  sie  hier  nicht  mit  in  Betracht
  ziehe  bei  der  Vermehrung  unserer  Streitkräfte,  —  sie  sind  in  jeder
Hinsicht  freundschaftlich.  Zwischen  uns  und  Frankreich  ist  das  Friedenswerk
  deshalb  schwer,  weil  da  eben  ein  langweiliger  historischer  Prozeß  in
der  Mitte  zwischen  beiden  Ländern  liegt:  das  ist  die  Ziehung  der  Grenze,
die  ja  zweifelhaft  und  streitig  geworden  ist  von  dem  Zeitpunkt  an,  wo  Frank-
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        14  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

reich  seine  volle  innere  Einigkeit  und  königliche  Macht,  ein  abgeschlossenes
Königtum,  erreicht  hat.  Das  Infragestellen  der  deutschen  Grenze  hat  angefangen
  wenn  wir  es  rein  im  historischen,  pragmatischen  Zusammenhang  auffassen
  wollen,  mit  der  Wegnahme  der  drei  Bistümer  Metz,  Toul  und  Verdun.
Das  ist  eine  vergessene  Thatsache,  und  ich  erwähne  sie  nur  des  historischen
Zusammenhanges  wegen.  Wir  beabsichtigen  weder  Toul  noch  Verdun  wieder
zu  erobern,  und  Metz  besitzen  wir  ja.  Aber  seitdem  hat  doch  kaum  eine
Generation  in  Deutschland  gelebt,  die  nicht  genötigt  gewesen  ist,  den  Degen
gegen  Frankreich  zu  ziehen.  Und  ist  diese  Epoche  des  Grenzkampfes  mit  der
französischen  Nation  nun  heute  definitiv  abgeschlossen,  oder  ist  sie  es  nicht?
Das  können  Sie  so  wenig  wissen  wie  ich.  Ich  kann  nur  meine  Vermutung
  dahin  aussprechen,  daß  sie  nicht  abgeschlossen  ist;  es  müßten  sich  der
ganze  französische  Charakter  und  die  ganzen  Grenzverhältnisse  ändern.  Wir
haben  unsererseits  alles  gethan,  um  die  Franzosen  zum  Vergessen  des  Geschehenen
  zu  bewegen.  Frankreich  hat  unsere  Unterstützung  und  unsere  Förderung
  in  jedem  seiner  Wünsche  gehabt,  nur  nicht  in  demjenigen,  der  sich
auf  eine  mehr  oder  weniger  lange  Strecke  von  Rheingrenze  richten  konnte;
weder  im  Elsaß  noch  weiter  unten  können  wir  das  zugeben.  Aber  wir
haben  uns  redlich  bemüht,  im  übrigen  Frankreich  gefällig  zu  sein  und  dasselbe
  zufrieden  zu  stellen,  wie  wir  können.  Wir  haben  unsererseits  ja  nicht
nur  keinen  Grund,  Frankreich  anzugreifen,  sondern  auch  ganz  sicher  nicht
die  Absicht.  Der  Gedanke,  einen  Krieg  zu  führen,  weil  er  vielleicht  späterhin
  unvermeidlich  ist  und  späterhin  unter  ungünstigeren  Verhältnissen  geführt
  werden  könnte,  hat  mir  immer  fern  gelegen,  und  ich  habe  ihn  immer
bekämpft.  (Bravol)  Ich  bin  dagegen  gewesen  im  Jahre  1867,  die  Luxemburger
  Frage  aufzunehmen,  um  den  Krieg  mit  Frankreich  zu  führen.  Luxemburg
  war  gewiß  des  Krieges  mit  Frankreich  nicht  wert,  und  namentlich
nicht  unser  zweifelhaftes  Garnisonrecht,  nachdem  der  Bund  erloschen  war.
Es  konnte  damals  nur  auf  die  Frage  ankommen,  ob  wir  den  Krieg  nicht
späterhin  doch  führen  müßten,  und  da  sagte  ich:  das  ist  vielleicht  möglich,
ich  kann  das  aber  so  genau  nicht  wissen,  ich  kann  der  göttlichen  Vorsehung
nicht  so  in  die  Karten  sehen,  daß  ich  das  vorher  wüßte.  (Bravol)  Mein
Rat  wird  nie  dahin  gehen,  einen  Krieg  zu  führen  deshalb,  weil  er  später
vielleicht  doch  geführt  werden  muß.  Er  kann  vielleicht  nach  Gottes  Willen,
wenn  er  später  geführt  wird,  unter  für  uns  günstigeren  Verhältnissen  geführt
  werden,  wie  das  mit  Frankreich  der  Fall  gewesen  ist.  Wir  haben
1870  mit  günstigerem  Erfolge  geschlagen,  als  wir  1867  gekonnt  hätten;  aber
es  wäre  doch  ebenso  gut  möglich  gewesen,  wenn  der  Kaiser  Napoleon  früher
gestorben  wäre,  daß  der  Krieg  uns  ganz  erspart  geblieben  wäre.  Also  das
führe  ich  nur  an,  um  meine  Uberzeugung  zu  begründen  und  auch  anderen
im  Auslande  glaublich  zu  machen,  daß  wir  Frankreich  niemals  angreifen
werden.  Wenn  die  Franzosen  so  lange  mit  uns  Frieden  halten  wollen,  bis
wir  sie  angreifen,  wenn  wir  dessen  sicher  wären,  dann  wäre  der  Friede  ja
für  immer  gesichert.  (Lebhafter  Beifall.)  Was  sollten  wir  denn  von  Frankreich
  erstreben?  sollten  wir  noch  mehr  französisches  Land  annektieren?  Ich
bin  schon  —  ich  muß  das  aufrichtig  sagen  —  1871  nicht  sehr  geneigt  gewesen,
  Metz  zu  nehmen,  ich  bin  damals  für  die  Sprachgrenze  gewesen.  Ich
habe  mich  aber  bei  den  militärischen  Autoritäten  erkundigt,  bevor  ich  mich
endgiltig  entschloß.  Es  war  —  wenn  sie  mir  diese  historische  Episode  verstatten
  wollen  —  Herr  Thiers,  der  mir  sagte:  „Eins  können  wir  nur  geben,
entweder  Belfort  oder  Metz;  wenn  Sie  beide  haben  wollen,  dann  wollen  wir
jetzt  nicht  Frieden  schließen.“  Ich  war  damals  sehr  in  Sorge  vor  der  Einmischung
  der  Neutralen  und  hatte  mich  schon  seit  Monaten  gewundert,  daß
wir  nicht  einen  Brief  von  diesen  bekamen.  Ich  wünschte  dringend,  daß  Thiers
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  15

nicht  genötigt  werden  sollte,  nach  Bordeaux  zurückzugehen,  um  vielleicht  den
Frieden  wieder  rückgängig  zu  machen.  Ich  habe  mich  darauf  mit  unseren
militärischen  Autoritäten  und  namentlich  mit  meinem  vor  mir  sitzenden  Freunde
besprochen:  können  wir  darauf  eingehen,  eins  von  beiden  zu  missen?  —  und
habe  darauf  die  Antwort  erhalten:  Belfort  jal  Metz  ist  100,000  Mann
wert;  die  Frage  ist  die,  ob  wir  100,000  Mann  schwächer  sein  wollen  gegen
die  Franzosen,  wenn  der  Krieg  wieder  ausbricht.  Darauf  habe  ich  gesagt:
Nehmen  wir  Metz!  Sie  stehen  jetzt,  meine  Herren,  vor  derselben  Frage,  ob
Sie,  wenn  der  Krieg  mit  Frankreich  vielleicht  in  7  Jahren  wieder  ausbricht
100,000  Mann  schwächer  sein  wollen  oder  nicht.  Mit  anderen  Worten:  es
ist  ganz  von  derselben  schweren  Bedeutung  für  unsere  zukünftige  Sicherheit,
ob  Sie  Metz  aufgeben  wollen,  als  ob  Sie  uns  100,000  Mann  verweigern,
die  durch  die  jährliche  Ausbildung  von  16,000  Mann  Soldaten  geschaffen
werden  sollen  bis  dahin,  wo  der  Krieg  möglicherweise  ausbricht.  Also  wenn
Sie  vorziehen,  daß  wir  den  Franzosen  sagen:  seid  doch  gut,  wir  geben  euch
Metz,  wenn  ihr  ferner  stille  sitzen  wollt,  —  so  ist  das  ungefähr  dasselbe,
als  wenn  Sie  uns  jetzt  die  Verstärkung  der  Armee,  die  wir  nach  unserem
militärischen  Urteil  zu  gebrauchen  glauben,  versagen.  (Bewegung.)  Also
ich  wiederhole:  wir  werden  Frankreich  nicht  angreifen,  unter  keinen  Umständen.
  Es  gibt  viele  Franzosen,  die  darauf  warten,  weil  sie  lieber  einen
Verteidigungskrieg  als  einen  Angriffskrieg  führen  wollen,  weil  es  viele  gibt,
bei  denen  der  französische  Angriff  auf  Deutschland  nicht  populär  ist.  Sie
werden,  wer  von  Ihnen  die  franzö    Geschichte  kennt,  mir  Recht  geben,
daß  die  Entschließungen  Frankreichs  in  schweren  Momenten  immer  durch
energische  Minoritäten  und  nicht  durch  die  Majoritäten  und  das  ganze  Volk
bewirkt  worden  sind.  Diejenigen,  die  den  Krieg  mit  uns  wollen,  die  suchen
einstweilen  nur  die  Möglichkeit,  ihn  mit  möglichster  Kraft  zu  beginnen.  Ihre
Aufgabe  ist,  le  feu  sacré  de  la  revanche  zu  unterhalten.  Die  Aufgabe,
die  Gambetta  dahin  definierte:  ne  parlez  jamais  de  la  guerre,  mais  pensez-
  toujours!  —  und  das  ist  auch  heute  noch  die  Signatur  der  französischen
  Situation.  Man  spricht  nicht  davon,  man  spricht  nur  von  der  Befürchtung,
  von  Deutschland  angegriffen  zu  werden.  Diese  Befürchtung  ist
unwahr,  und  wer  sie  in  Frankreich  ausspricht,  weiß,  daß  er  die  Unwahrheit
  sagt.  Wir  werden  Frankreich  nicht  angreifen.  Nichts  desto  weniger
wird  damit  dem  friedliebenden  Franzosen  Jacques  Bonhomme,  der  lieber
seinen  Acker  baut,  als  in  den  Krieg  zieht,  vorgeredet,  daß  der  ruchlose  Deutsche
es  ist,  der  ihm  womöglich  —  ich  weiß  nicht  was  abnehmen  wollte.  Die
Franzosen  haben  ja  gar  nichts,  was  für  uns  irgendwie  begehrenswert  wäre.
Das  fortwährende  Unterhalten  und  Schüren  dieses  feu  sacré  ist  mir  im
höchsten  Grade  bedenklich.  Ich  habe  das  feste  Vertrauen  zu  den  friedlichen
Gesinnungen  der  gegenwärtigen  französischen  Regierung.  Die  Herren  Goblet
und  Flourens  sind  nicht  die  Leute,  die  den  Krieg  mit  uns  wünschen;  sie
haben  die  Absicht,  ehrlich  mit  uns  zu  leben.  Ebenso  war  es  mit  der  früheren
Regierung  Freycinet  oder  Ferry;  alle  diese  Herren  waren  friedlich,  so  lange
sie  am  Ruder  waren.  Und  wenn  Sie  mir  deren  Regiment  auf  längere  Zeit
verbürgen  könnten,  so  würde  ich  sagen:  sparen  wir  unser  Geld,  aber  sparen
wir  es  nicht  für  den  Fall,  daß  wir  vielleicht  feindliche  Kontributionen  zu
zahlen  haben.  Wie  die  Sachen  liegen,  kann  mich  dieses  Vertrauen  auf  die
friedliche  Gesinnungen  der  französischen  Regierung,  auf  die  friedlichen  Gesinnungen

  eines  großen  Teils  der  französischen  Bevölkerung  aber  nicht  bis
zu  dem  Grade  von  Sicherheit  einwiegen,  daß  ich  sagen  könnte:  wir  haben
einen  französischen  Krieg  gar  nicht  mehr  zu  fürchten.  Nach  meiner  Überzeugung
  haben  wir  ihn  zu  fürchten  durch  den  Angriff  Frankreichs;  ob  in
zehn  Tagen  oder  in  zehn  Jahren,  das  ist  eine  Frage,  die  ich  nicht  entscheiden
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        16  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

kann;  das  hängt  ganz  ab  von  der  Dauer  der  Regierung,  die  gerade  in  Frankreich
  ist.  Als  die  letzte  Regierung,  die  Regierung  Freycinet,  zum  Rücktritt
genötigt  wurde,  —  hat  24  Stunden  vorher  jemand  eine  Ahnung  davon  gehabt!?
  Ich  wenigstens  nicht,  und  ich  glaube,  daß  ich  ziemlich  gut  unterrichtet
  war.  Hat  nachher  8  oder  14  Tage  lang  hier  irgend  jemand  gewußt,
wer  in  Frankreich  ans  Ruder  kommen  würde?  In  welcher  Verlegenheit  die
Parteien  mit  ihrer  Parlamentsherrschaft  waren,  um  zu  bestimmen,  wer  nun
regieren  sollte,  das  haben  wir  alle  gewußt;  aber  was  daraus  werden  würde,
das  hat  keiner  vorhersagen  können.  Es  konnte  auch  noch  anders  kommen,
es  konnte  auch  ein  weniger  friedliches  Kabinet  als  das  des  Herrn  Goblet
aus  dieser  Krisis  hervorgehen.  Es  ist  an  jedem  Tage  möglich,  daß  eine
französische  Regierung  ans  Ruder  kommt,  deren  ganze  Politik  darauf  berechnet
  ist,  von  dem  feu  sacré  zu  leben,  das  jetzt  so  sorgfältig  unter  der
Asche  erhalten  wird.  Darüber  können  mich  auch  keine  friedlichen  Versicherungen,
  keine  Reden  und  keine  Redensarten  vollständig  beruhigen  —  ebenso
  wenig,  wie  ich  weiß,  was  ich  damit  machen  soll,  wenn  uns  hier  im  Parlament
  versichert  wird:  wenn  die  Gefahr  eintritt,  dann  können  Sie  auf  den
letzten  Thaler  rechnen,  dann  stehen  wir  mit  Gut  und  Blut  ein.  Das  sind
Worte,  damit  kann  ich  nichts  machen.  Worte  sind  keine  Soldaten,  und
Reden  sind  keine  Bataillone,  und  wenn  wir  den  Feind  im  Lande  haben  und
wir  lesen  ihm  diese  Reden  vor,  dann  lacht  er  uns  aus.  Ich  bin  also  der
Meinung,  daß  der  historische  Prozeß,  der  seit  drei  Jahrhunderten  zwischen
uns  und  Frankreich  schwebt,  nicht  beendigt  ist,  und  daß  wir  darauf  vorbereitet
  sein  müssen,  ihn  von  französischer  Seite  aus  fortgesetzt  zu  sehen.
Wir  sind  gegenwärtig  im  Besitz  des  streitigen  Objekts,  wenn  ich  das  Elsaß
als  solches  bezeichnen  soll.  Wir  haben  gar  keinen  Grund,  darum  zu  kämpfen;
daß  Frankreich  nach  dessen  Wiedereroberung  nicht  strebt,  kann  keiner  behaupten,
  der  ich  irgendwie  um  die  französische  Presse  bekümmert.  Hat  es
schon  irgend  ein  französisches  Ministerium  gegeben,  welches  hat  wagen  dürfen,
öffentlich  und  bedingungslos  zu  sagen:  wir  verzichten  auf  die  Wiedergewinnung
  von  Elsaß-Lothringen,  wir  werden  darum  nicht  Krieg  führen,  wir
acceptieren  die  Situation  des  Frankfurter  Friedens  gerade  so,  wie  wir  die
Situation  des  Pariser  Friedens  im  Jahre  1815  acceptiert  haben,  und  wir
beabsichtigen,  keinen  Krieg  wegen  Elsaß  zu  führen  —?  Gibt  es  in  Frankreich
  ein  Ministerium,  welches  den  Mut  hätte!  Nun,  warum  gibt  es  das
nicht?  An  Mut  fehlt  es  den  Franzosen  doch  sonst  nicht!  Es  gibt  das  deshalb
  nicht,  weil  die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich  dagegen  ist,  weil  sie
gewissermaßen  einer  mit  Dampf  bis  zur  Explosion  gefüllten  Maschine  gleicht,
wo  ein  Funke,  eine  ungeschickte  Bewegung  hinreichen  kann,  um  das  Ventil
in  die  Luft  zu  sprengen  und  —  mit  anderen  Worten  —  einen  Krieg  herzustellen.
  Es  wird  das  Feuer  so  sorgfältig  geschürt  und  gepflegt,  daß  man
die  Absicht,  es  zunächst  nicht  und  auch  nach  menschlichem  Gedenken  nicht  zu
benutzen,  um  es  ins  Nachbarland  hineinzuwerfen,  in  keiner  Weise  vorauszusetzen
  berechtigt  ist.

Nun  ist  ja  die  Frage:  ist  die  Möglichkeit,  daß  wir  von  Frankreich
angegriffen  werden,  an  sich  ein  ausreichender  Grund,  um  diese  Vorlage  zu
bewilligen:  Ich  habe  bei  meiner  Motivierung  keine  Koalitionen,  keine  Kombinationen
  und  Konjekturen  im  Auge,  sondern  die  einfache  Möglichkeit,  daß
wir  und  Frankreich  uns  ohne  Bundesgenossen  im  freien  Felde  einander
gegenüberstehen.  Schon  wenn  der  Krieg  ausbräche,  würde  die  Kalamität
eine  große.  Bedenken  Sie,  was  allein  der  ausbrechende  Krieg,  ganz  unabhängig
  von  dem  Ausgange  desselben,  zu  sagen  hat!  Unser  ganzer  Handel  zu
Lande  und  zur  See,  unsere  ganzen  industriellen  Unternehmungen  würden  sämtlich
  lahmgelegt  sein;  —  ich  brauche  das  wohl  nicht  zu  schildern,  Sie  haben
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -  14.)  17

es  selbst  erlebt.  Diese  Kalamität,  daß  der  Krieg  ausbrechen  könnte,  wird
vielleicht  gefördert,  wenn  der  Krieg  leicht  erscheint,  wird  verhindert,  wenn
der  Krieg  schwer  erscheint.  Je  stärker  wir  sind,  desto  unwahrscheinlicher  ist
der  Krieg.  Die  Wahrscheinlichkeit  eines  französischen  Angriffs  auf  uns,  die
heute  nicht  vorliegt,  tritt  ein,  wenn  unter  dem  Eintritt  einer  anderen  Regierung
  als  die  heutige,  Frankreich  irgend  einen  Grund  hat,  zu  glauben,
daß  es  uns  überlegen  sei.  Dann,  glaube  ich,  ist  der  Krieg  ganz  sicher.  Diese
Überzeugung  kann  beruhen  auf  Bündnissen,  die  Frankreich  hätte.  Ich  habe
vorhin  entwickelt,  daß  ich  nicht  glaube,  daß  solche  Bündnisse  stattfinden  werden;
  es  ist  eine  Aufgabe  der  Diplomatie,  darnach  zu  streben,  daß  dies  verhindert
  werde,  oder  Gegenbündnisse  zu  haben,  wenn  dies  eintritt.  Ich  will
bloß  das  Duell  zwischen  uns  und  Frankreich  ins  Auge  fassen.  Das  kann
also  eintreten,  sobald  Frankreich  stärker  ist  als  wir:  einmal  durch  Bündnisse
  oder  auch  durch  die  Uberlegenheit  seiner  Bewaffnung.  Diese  reine  technische
  Frage  überlasse  ich  meinem  militärischen  Kollegen;  ungeachtet  der  Uniform,
  die  ich  trage,  fällt  es  mir  nicht  ein,  habe  ich  nicht  die  Unbescheidenheit,
  meine  Autorität  in  dergleichen  Sachen  über  die  der  Herren  zu  stellen.
Aber  wenn  die  Franzosen  glauben,  daß  entweder  ihre  Armee  zahlreicher  ist,
daß  die  Masse  ihrer  ausgebildeten  Soldaten  zahlreicher  ist  als  die  der  unsrigen,
daß  ihre  Artillerie  zahlreicher  ist,  oder  vielleicht  daß  ihr  Gewehr  besser  ist
—  wie  es  1870  besser  war  —,  oder  daß  ihr  Pulver  besser  ist,  weil  sie  das
richtige  Pulver  zu  einem  kleinkalibrigen,  schnellschießenden  Gewehr  früher
haben  als  wir,  —  das  sind  alles  Sachen,  die  unter  Umständen  die  Entschließung
  der  französischen  Regierung  für  den  Krieg  bestimmen  können;  denn
sobald  sie  glauben,  zu  siegen,  fangen  sie  den  Krieg  an.  Das  ist  meine  feste,
unumstößliche  Uberzeugung,  und  Sie  mögen  mehr  Erfahrungen  in  der  Politik
  und  im  Urteil  haben,  als  ich,  —  ich  kann  nur  nach  meiner  Uberzeugung
  handeln.  Ich  sage  also:  wir  müssen  auf  den  Fall  eingerichtet  sein,
daß  wir  in  einem  solchen  Krieg  unterliegen  sollten;  ja  ich  bin  nicht  furchtsam
  genug,  das  vorauszusehen;  aber  die  Möglichkeit  kann  doch  niemand  bestreiten.
  Bis  jetzt  sind  es  nur  mutige  Zivilisten,  die  meinen,  keiner  Verstärkung
  zu  bedürfen;  diejenigen  Generäle  und  Heerführer,  diejenigen  Feldherren
  unter  unseren  Souveränen,  die  persönlich  Fühlung  mit  der  französichen
  Klinge  gehabt  haben,  die  sind  durchaus  anderer  Meinung.  Wenn  so

furchtlose  Leute  der  Meinung  sind:  wir  brauchen,  um  den  nächsten  Krieg  mit
Frankreich  sicher  zu  bestehen,  um  der  französischen  Armee  ebenbürtig  zu  sein,
die  und  die  Verstärkung,  —  dann  finde  ich  es  einen  traurigen  Mut,  dem
gegenüber  zu  sagen:  Sie  irren  sich,  wir  brauchen  sie  nicht,  wir  sind  so  stark
genug.  Ich  sage:  einen  traurigen  Mut,  weil  dieses  mich  einigermaßen  an
den  miles  gloriosus  erinnert,  der  sagt:  wir  schlagen  die  Franzosen  auch  so
wie  so.  Meine  Herren,  da  irren  Sie  sich,  die  parlamentarischen  Strategen!
Sie  unterschätzen  die  Macht  von  Frankreich:  Frankreich  ist  ein  großes  mächtiges
  Land,  ebenso  mächtig  wie  wir,  Frankreich  hat  ein  kriegerisches  Volk
und  ein  tapferes  Volk  und  hat  jederzeit  geschickte  Heerführer  gehabt.  Es  ist
ein  Zufall,  wenn  sie  uns  unterlegen  sind.  Sie  unterschätzen  die  Franzosen
in  der  allerirrtümlichsten  Weise,  und  es  wäre  eine  Überhebung,  zu  sagen,
daß  Frankreich  an  und  für  sich  als  geschlagen  zu  betrachten  wäre,  wenn  es
uns  gegenübersteht.

Wenn  aber  die  Sachen  so  zweifelhaft  sind  nach  dem  Urteil  der  kompetenten
  Behörden,  wenn  die  Möglichkeit  überhaupt  nach  menschlicher  Berechnung
  vorhanden  ist,  daß  wir  geschlagen  werden  können,  —  ja,  meine
Herren,  dann  sind  die  Folgen  eines  unglücklichen  Krieges  doch  zu  traurig,
als  daß  irgend  jemand,  wenn  sie  eintreten,  die  Verantwortung  für  ein  solches
  Votum  tragen  könnte.  Es  ist  viel  von  ministerieller  Verantwortlichkeit

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXVIII.  2
        <pb n="30" />
        18  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

die  Rede,  aber  ich  habe  nie  gehört  —  vielleicht  wird  es  der  Zukunft  vorbehalten,
  solche  Gesetze  einzuführen  —,  daß  auch  Abgeordnete,  welche  an
Beschlüssen  teilnehmen,  die  ihr  Land  ins  Unglück  führen,  einer  Verantwortlichkeit
  dafür  vor  dem  Richter  unterliegen.  (Bravo!  rechts.)  Wenn  sie  bewußterweise
  unser  Land  für  den  Krieg  schwächen,  dann  halte  ich  ein  solches
Gesetz  für  ein  Bedürfnis;  ich  werde  beantragen,  daß  es  eingebracht  wird.
Wenn  wir  unterliegen  —  ich  wage  diesen  Gedanken  ja  gar  nicht  auszudenken;
  aber  die  Möglichkeit  werden  Sie  mir  doch  nicht  bestreiten,  daß  ebenso
gut,  wie  wir  allein  Frankreich  geschlagen  haben  im  Jahre  1870,  Frankreich
siegreich  sein  kann,  nachdem  es  seine  Armee  verdoppelt,  seine  Reserven  verdreifacht
  hat  und  mit  der  größten  Bereitwilligkeit  und  Hingebung  der  Regierung
  jede  Kosten  bewilligt  hat,  ohne  auch  nur  je  eine  Sekunde  darüber
zu  diskutieren.  Ich  erinnere  Sie  daran,  daß  mit  gewissem  Mitleid  die
französischen  Blätter  auf  die  Vorgänge  im  deutschen  Reichstag,  und  mit  was
für  Schwierigkeiten  die  deutsche  Regierung  zu  kämpfen  hätte,  wenn  sie  ihr
Vaterland  stärken  wollte,  hingedeutet  haben.  Frankreich  ist  also  unendlich
viel  stärker,  als  es  gewesen  ist.  Wenn  wir  es  einmal  geschlagen  haben,  so
liegt  darin  gar  keine  Bürgschaft,  daß  wir  es  wieder  schlagen  werden;  wir
müssen  diese  Bürgschaften,  sobald  sie  nach  dem  Urteil  unserer  kompetenten
Militärbehörden  unzulänglich  sind,  verstärken.  Wenn  sie  unzulänglich  blieben,
  und  wenn  wir  geschlagen  würden,  wenn  der  siegreiche  Feind  in  Berlin
stände,  wie  wir  in  Paris  gestanden  haben,  wenn  wir  genötigt  wären,  seine
Bedingungen  des  Friedens  anzunehmen,  —  ja,  meine  Herren,  was  würden
dann  diese  Bedingungen  sein  Ich  spreche  gar  nicht  von  der  Geldfrage,  obschon
  die  Franzosen  so  glimpflich  mit  uns  nicht  verfahren  würden,  wie  wir
mit  ihnen  verfahren  sind;  ein  so  gemäßigter  Sieger  wie  der  christliche  Deutsche
ist  in  der  Welt  nicht  mehr  vorhanden.  Wir  würden  dieselben  Franzosen
uns  gegenüber  finden,  unter  deren  Herrschaft  wir  1807  bis  1813  gelitten
haben,  und  die  uns  ausgepreßt  haben  bis  aufs  Blut,  —  wie  die  Franzosen
sagen:  saigner  à  blanc,  d.  h.  so  lange  zur  Ader  lassen,  bis  die  Blutleere
eintritt,  damit  der  niedergeworfene  Feind  nicht  wieder  auf  die  Beine  kommt
und  in  den  nächsten  30  Jahren  nicht  wieder  an  die  Möglichkeit  denken  kann,
sich  dem  Sieger  gegenüberzustellen.  Das  hätten  wir,  wenn  wir  eben  nur  die
Staatsraison  und  nicht  auch  die  christliche  Gesinnung  zu  Rate  zögen,  wie
das  kriegführende  Frankreich  das  gewohnt  ist,  1870  ebenso  gut  thun  können,
wie  Napoleon  es  im  Jahre  1807  und  später  gethan  hat.  Wenn  Sie  die
Erzählungen  der  alten  Leute  aus  jener  Zeit  lesen,  wenn  Sie,  wie  ich  noch
in  meiner  Kinderzeit,  unmittelbar  die  Erzählungen  der  Bauern,  Landleute
und  Gutsbesitzer  über  die  Leiden  der  Fremdherrschaft  im  Lande  angehört
hätten,  —  ich  glaube,  Sie  würden  auch  ängstlicher  sein  vor  der  entferntesten
Möglichkeit,  daß  ähnliche  Zustände  wieder  eintreten  könnten.  Aber  das  Geld
ist  ja  das  wenigste;  man  würde  dafür  sorgen,  daß  das  deutsche  Reich  so
stark  nicht  bleibt,  wie  es  ist.  Man  würde,  von  der  Rheingrenze  ausgehend,
uns  vom  Rhein  so  viel  abnehmen,  wie  man  könnte;  ich  glaube  nicht,  daß
man  sich  mit  Elsaß-Lothringen  begnügen  würde,  man  würde  ein  alterum
tantum  dazu  verlangen  den  Rhein  abwärts.  Auch  das  würde  nicht  genügen;
man  würde  vor  allen  Dingen  die  Herstellung  des  Königreichs  Hannover  verlangen.
  (Bewegung.)  Allein  auf  diesem  Wege  und  auf  keinem  anderen  ist
das,  was  mir  einer  von  den  Herren  Welfen  sagte  die  Herstellung  des  welfischen
  Staates  auf  gesetzmäßigem  Wege,  möglich;  denn  der  Friedensvertrag,
den  wir  mit  Frankreich  —  wenn  wir  überwunden  sind,  mit  dem  Sieger  —
abschließen,  kommt  ja  in  die  Gesetzsammlung  und  dann  ist  Hannover  auf
gesetzmäßigem  Wege  hergestellt.  Wir  würden  Schleswig  ganz  ohne  Zweifel
an  Dänemark  verlieren.  Uns  in  Polen  lästige  und  erschwerende  Bedingungen
        <pb n="31" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  —14.)  19

aufzuerlegen,  ist  so  lange  recht  schwierig,  als  man  nicht  mit  Rußland  einverstanden
  ist,  und  dieses  Einverständnis,  glaube  ich,  liegt  sehr  fern  für
Frankreich.  Aber  man  könnte  doch  uns  immerhin  die  Bedingung  auferlegen,
daß  Frankreich  Gerant  derjenigen  Rechte  ist,  welche  der  König  von  Preußen
seinen  polnischen  Unterthanen  zu  gewähren  hat.  Man  könnte  in  dieser  Garantie
  noch  weiter  gehen  nach  anderen  Richtungen.  Ich  will  das  nicht  weiter
verfolgen;  ich  will  Ihnen  bloß  die  Möglichkeit  schildern,  der  wir  bei  einem
unglücklichen  Kriege  ausgesetzt  sind.  Halten  Sie  das  für  übertrieben?  Meine
Herren,  Sie  kennen  die  Zukunft  doch  nicht;  was  die  Entschließungen  eines
supponierten  französischen  Siegers  sein  würden,  das  können  Sie  doch  unmöglich
  wissen.  Wir  würden,  wenn  wir  jetzt  von  neuem  von  Frankreich  angegriffen
  würden  und  uns  noch  überzeugen  müßten,  daß  wir  nie  und  unter
keinen  Umständen  Ruhe  haben,  ähnlich  verfahren,  wenn  wir  wieder  als
Sieger  in  Paris  sind.  Wir  würden  uns  bemühen,  Frankreich  auf  30  Jahre
außer  Stand  zu  setzen,  uns  anzugreifen,  und  uns  in  den  Stand  zu  setzen,
daß  wir  gegen  Frankreich  mindestens  für  ein  Menschenalter  vollständig  gesichert
  sind.  Der  Krieg  von  1870  würde  ein  Kinderspiel  sein  gegen  den  von
1890  —  ich  weiß  nicht,  wann  —  in  seinen  Wirkungen  für  Frankreich.
(Bravol)  Also  das  wäre  auf  der  einen  Seite  wie  an  der  anderen  Seite
das  gleiche  Bestreben;  jeder  würde  versuchen  de  saigner  à  blanc.

Nun,  meine  Herren,  ich  kann  mir  darnach  nicht  denken,  wer  überhaupt
  sich  stark  genug  fühlt,  die  Verantwortung  für  die  Möglichkeit  des
Eintritts  solcher  Zustände  zu  übernehmen.  Die  verbündeten  Regierungen
sind  es  ganz  sicher  nicht;  die  werden  die  Verantwortlichkeit  dafür  nicht  tragen.
Die  verbündeten  Regierungen  haben  —  nach  dem  Eingang  zur  Bundesverfassung
  ist  der  oberste  Zweck  des  Bundes  der  Schutz  des  Bundes  und  des
Bundesgebietes  —  sie  haben  dem  Volk  gegenüber  die  Verantwortlichkeit  dafür,
  daß  dieser  Schutz  jederzeit  vorhanden  sei;  der  kann  nicht  improvisiert
werden  je  nach  dem  Belieben  einer  parlamentarischen  Majorität  durch  ein
Budgetvotum,  der  muß  dauernd  vorhanden  sein,  der  ist  eine  fundamentale
Institution  unserer  deutschen  Einrichtungen.  (Bravo!  rechts.)  Und  die  verbündeten
  Regierungen  sind  fest  entschlossen,  die  Verantwortung  dafür  nicht
zu  tragen,  sondern  sich  mit  dem  vollen  Gewicht  ihrer  Autorität  und  ihrer
verfassungsmäßigen  Rechte  dafür  einzusetzen,  daß  Deutschland  nicht  minder
geschützt  bleibe,  als  es  seinen  Kräften  nach  sein  kann.  Das,  was  einstweilen
nach  dem  militärischen  Urteil  für  diesen  Zweck  als  Bedürfnis  bezeichnet
worden  ist,  sind  40,000  Mann  zur  Verstärkung  der  Grenzbesatzungen  gegen
den  ersten  Anlauf  und  eine  Steigerung  der  Zahl  ausgebildeter  Soldaten,
die  wir  im  Lande  haben,  um  jährlich  etwa  16,000  Mann;  also  in  der
Dauer  eines  Septennats  um  beinahe  120,000  Mann,  in  der  Dauer  der
zwölfjährigen  Dienstzeit  um  beinahe  200,000  Mann.  100,000  Mann  sind
eine  Armee,  und  wenn  der  Krieg  später  ausbricht,  so  sind  wir  um  so  viel
stärker;  es  ist  ein  Gewicht,  das  einen  Krieg  und  die  entscheidende  Schlacht
einerseits  zu  entscheiden  vermag,  ob  wir  100,000  Mann  mehr  haben.  Wollen
Sie  die  Verantwortlichkeit  dafür  tragen,  daß  dies  Gewicht  nicht  zur  Verfügung
  sei?  Wir  wollen  es  nicht,  und  ich  bin  überzeugt,  es  wird  uns  möglich
  sein,  es  zur  Verfügung  zu  erhalten,  mag  Ihr  Votum  ausfallen  heute,
wie  Sie  wollen.  (Bravo!l  rechts.)  Ob  diese  Einrichtung  nun  für  längere
oder  kürzere  Zeit  getroffen  werden  soll,  das  ist  eine  Frage,  auf  deren  Gebiet
sich  die  Diskussion  in  der  jüngsten  Zeit  ja  vorwiegend  bewegt  hat.  Wir
haben  sie  auf  sieben  Jahre  verlangt  aus  keinem  anderen  Grunde,  als  weil
die  Ziffer  von  sieben  Jahren  die  Grundlage  eines  früheren  Kompromisses
war;  weil  wir  der  Überzeugung  sind,  daß  das  konstitutionelle  Leben  überhaupt
  aus  einer  Reihe  von  Kompromissen  besteht,  und  weil  wir  gern  an

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        20  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

ein  früheres  Kompromiß  anknüpfen,  so  haben  wir  es  unverändert  aufrecht
zu  erhalten  gesucht.  Jede  Ziffer  ist  mehr  oder  weniger  willkürlich.  Je
länger  die  Dauer  ist,  um  desto  größer  ist  die  Zahl  der  ausgebildeten  Soldaten,
  die  in  Aussicht  genommen  wird,  und  um  so  weiter  von  uns  entfernt
liegt  die  innere  Gefahr,  daß  wir  in  Krisen  und  Streitigkeiten  über  diese
Frage  gelangen.  Es  kann  ja  niemand  entgehen,  daß  jedesmal,  wenn  es  sich
darum  handelt,  auf  Grund  des  Art.  60  der  Verfassung  ein  neues  Gesetz
über  die  Präsenzzeit  zu  machen,  sich  aller  unserer  Schichten  und  Parteien
eine  gewisse  Aufregung  bemächtigt,  die  bedauerlich  und  unter  Umständen  auch
eine  gefährliche  ist.  Es  entsteht  jedesmal  aus  der  Diskussion  dieser  Frage
eine  gewisse  Krise  —  ich  will  nicht  sagen  ein  Konflikt,  aber  die  Besorgnis
vor  einem  Konflikt.  Es  entsteht  jedesmal  die  Frage:  was  ist  denn  rechtens,
wenn  eine  Vereinbarung  nicht  zu  stande  kommt?  Nun,  ich  glaube,  der
Reichstag  wird  sich  nicht  darüber  beschweren  können,  daß  der  Bundesrat  bisher
  einen  zu  weitgehenden  Gebrauch  gemacht  hätte  von  seinem  zweifellosen
verfassungsmäßigen  Rechte,  jedem  Gesetzentwurfe,  der  ihm  vom  Reichstage
zugeht,  seine  Zustimmung  zu  versagen  —  auch  solchen  Gesetzentwürfen,  deren
Zustandekommen  in  der  Verfassung  vorausgesetzt  ist.  Der  Bundesrat  hat
von  diesem  zweifellosen  Rechte,  der  voll-  und  gleichberechtigte  Faktor  der  Gesetzgebung
  zu  sein,  von  der  Thatsache,  daß  kein  Budgetgesetz  ohne  seine  Zustimmung
  zu  stande  kommen  kann,  von  der  Thatsache,  daß  kein  Gesetz  über
eine  Präsenzzahl  ohne  seine  Zustimmung  zu  stande  kommen  kann  nie  einen
unbequemen  Gebrauch  gemacht;  er  ist,  wie  der  Kaufmann  zu  sagen  pflegt,
koulant  in  dieser  Beziehung  gewesen.  Wir  haben  Vorlagen  recht  unerfreulich
  verkümmert  und  verändert  zurückkommen  sehen,  wir  haben  es  ruhig  hingenommen,
  aber  es  gibt  im  Interesse  des  Vaterlandes  Grenzen,  über  die  der

Bundesrat  dabei  nicht  hinausgehen  kann.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Eine
solche  Grenze  zu  ziehen  ist  die  Sorge,  die  in  erster  Linie  den  verbündeten

Regierungen  obliegt,  wenn  die  auswärtige  Sicherheit  des  deutschen  Reiches
in  Frage  steht.  (Bravo!  rechts.)  Sobald  die  ins  Spiel  kommt,  werden
wir  haarscharf  in  der  Benutzung  unserer  verfassungsmäßigen  Rechte  gegenüber
  Ihren  Beschlüssen  sein.  Und  ein  Beschluß,  der  das  deutsche  Reich
wehrloser  macht,  als  es  nach  unserer  Überzeugung  sein  könnte,  hat  nie  auf
die  Zustimmung  der  verbündeten  Regierungen  zu  rechnen.  (Bravol  rechts.)
Daß  bei  den  Verhandlungen  einer  so  wichtigen  Frage,  bei  der  es  sich  gewissermaßen
  um  Kopf  und  Kragen  für  Deutschland  handelt,  daß  dabei  der
Bundesrat  so  koulant  und  entgegenkommend  sein  und  ein  Auge  zudrücken
wird  und  die  Punkte  auf  das  i  nicht  setzen  wird,  das  erwarten  Sie  in  einer
solchen  Frage  nicht.  Warum  wollen  Sie  nun  solche  Krisen  vervielfältigen,
indem  Sie    womöglich  alle  Jahre  herbeiführen  oder  doch  alle  drei  Jahre?
Wir  haben  eine  Abneigung  gegen  solche  Krisen  und  Konflikte.  Wir  wünschen
  Kompromisse  und  halten  an  dem  Kompromiß  von  früher  fest,  und  deshalb
  haben  wir  das  Septennat  vorgeschlagen.

Wenn  dasselbe  abläuft,  so  kommt  immer  die  Fraze  was  ist  denn
Rechtens,  wenn  über  das  Präsenzgesetz  nach  Art.  60  keine  Vereinbarung  der
beiden  Faktoren  der  Gesetzgebung  stattfindet?  oder  was  ist  denn  Rechtens,
wenn  über  das  Budget  keine  Vereinbarung  beider  Faktoren  herbeigeführt
wird?  Die  zweite  Frage  will  ich  gar  nicht  berühren;  sie  liegt  nicht  vor,
und  ich  halte  es  nach  meiner  diplomatischen  Gewohnheit  nicht  für  nötig,  mich
mit  Fragen  zu  beschäftigen,  die  augenblicklich  nicht  brennend  sind.  Ich  will
bloß  sagen:  was  ist  Rechtens,  wenn  wir  über  die  Präsenzziffer  uns  nicht
einigen?  Hört  deshalb  die  Armee  auf,  zu  existieren:  Das  werden  Sie  selbst
nicht  behaupten  wollen.  Dann  treten  diejenigen  Bestimmungen  der  Verfassung
wieder  in  volle  Kraft,  die  durch  das  auf  Grund  der  Zusage  von  Art.  60
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  21

gegebene  Gesetz  beschränkt  sind.  Das  Gesetz  auf  Grund  des  Art.  60  zieht  die
obere  Grenze  der  Zulässigkeit  der  Präsenzziffer;  der  Kaiser  kann  nicht  darüber
hinausgehen.  Nach  diesem  Gesetze  dauert  sie  noch  bis  zum  nächsten  Jahr,
1888;  wenn  dieses  Gesetz  schwindet,  ein  neues  nicht  zu  stande  kommt,  dann
sind  wir  weit  entfernt  davon,  daß  diese  Grenze  sinkt,  oder  die  Armee  verschwindet,
  sondern  es  steigt  die  obere  Grenze  der  berechtigten  Präsenzstärke
der  Armee  bis  zu  dem  Satze  des  Art.  59  der  Verfassung:  „Jeder  wehrpflichtige
  Deutsche  hat  3  Jahre  lang  bei  der  Fahne  zu  dienen.“  Das  ist
dann  unsere  Präsenzziffer,  die  wir  erreichen  dürfen.  Das  ist  eine  finanzielle
Unmöglichkeit,  eine  militärische  Unbequemlichkeit,  und  deshalb  hat  die  Verfassung,
  schon  bevor  das  Versprechen  im  Art.  60  entstand,  durch  den  vierten
Absatz  des  Art.  63  das  Moderamen  gegeben,  daß  der  Kaiser  den  Präsenzstand
  der  Kontingente  des  Reichsheeres  bestimmen  soll.  Also  der  Kaiser  ist
dann  der  Moderator,  der  allein  zu  sagen  hat,  wie  hoch  unter  dem  von  Art.  59
gegebenen  Präsenzstand  der  letztere  sein  soll.  Wenn  wir  nach  Kaiserlicher

Machtvollkommenheit  strebten,  dann  wäre  dieser  Zustand  für  uns  außerordentlich
  erwünscht,  und  wir  könnten  nur  sagen:  stellen  Sie  die  Sache  so  kurz
wie  möglich,  es  ist  zu  bedauern,  daß  das  Frühjahr  1888  nicht  schon  da  ist;
dann  würden  wir  wahrscheinlich  uns  nicht  einigen  können  über  den  Inhalt
des  Gesetzes,  welches  auf  Grund  von  Art.  60  gemacht  werden  soll,  und  es
würde  dann  der  alte  verfassungsmäßige  Zustand  wieder  eintreten.  Es  ist
auch  dann  nicht  die  Möglichkeit,  durch  das  Budgetrecht  im  Ausgabeetat  dem
entgegenzuwirken;  denn  in  dem  vierten  und  letzten  Alinea  des  Art.  62  ist
ausdrücklich  gesagt  worden:  „Bei  der  Feststellung  des  Militärausgabeetats
wird  die  auf  Grund  dieser  Verfassung  gesetzlich  feststehende  Organisation  des
Reichsheeres  zu  Grunde  gelegt.“  Sie  könnten  uns  also,  ohne  Ihrerseits  sich
vom  Boden  der  Verfassung  zu  entfernen,  gar  nicht  verweigern,  wenn  eine
Präsenzziffer  überhaupt  nicht  nach  Art.  60  der  Verfassung  gesetzlich  festgelegt
ist,  das  Ausgabebudget  dem  entsprechend  einzurichten.  Wenn  also  keine  Verständigung,
  die  für  die  verbündeten  Regierungen  annehmbar  ist  im  Hinblick
auf  die  äußere  Sicherheit  des  deutschen  Reiches,  zu  stande  kommt,  so  liegt
durchaus  kein  Zustand  vor,  in  dem  die  deutsche  Armee  von  der  Bildfläche
zu  verschwinden  hätte;  sondern  es  tritt  ganz  einfach  die  größere  Kaiserliche
Machtvollkommenheit,  die  die  Verfassung  stipuliert,  wieder  in  Kraft.  Um
dem  Reichstage  die  Mitwirkung  dabei  zu  bewahren,  ist  der  Art.  60  geschaffen,
und  ist  das  Gesetz  versprochen,  das  die  Präsenzstärke,  die  der  Kaiser  nicht
überschreiten  darf,  mit  Zustimmung  des  Reichstags,  das  heißt  durch  ein  Gesetz,
feststellen  soll.  Diese  Bindung  existiert  augenblicklich  bis  1888  und  existiert
nur  durch  dieses  Gesetz.  Lesen  Sie  in  allen  Ihren  gesinnungsbefreundeten
Rechtsbüchern  darüber  nach:  Rönne,  Laband,  lesen  Sie  andere,  —  Sie  werden
immer  finden,  daß  die  Mitwirkung  des  Reichstags,  der  Einfluß  des  Reichstags
  auf  die  Höhe  des  Heeres  allein  beruht  auf  der  Fortdauer  der  Gesetze,
die  auf  Grund  von  Art.  60  gemacht  werden,  und  die  dem  Kaiser  in  seiner
Machtvollkommenheit  eine  niedrigere  Grenze  ziehen,  als  er  nach  der  Verfassung
  haben  würde.  Meine  Herren,  das  ist  doch  eigentlich  gar  kein  Grund,
warum  Sie  so  lüstern  nach  Krisen  sind  und  alle  drei  Jahre,  ja  sogar  jedes
Jahr  denselben  Streit  haben  wollen,  ob  das  deutsch-  Heer  bestehen  soll  oder
nicht;  denn  wenn  Sie  in  diesem  Streite  anderer  Meinung  bleiben  als  die
verbündeten  Regierungen,  so  würde  Ihre  Meinung  nach  dem  Inhalte  der
Verfassung  von  keiner  durchschlagenden  Wirkung  sein.  Sie  kompromittieren
sich  ganz  ohne  Not  darüber  in  einer  Richtung,  in  der  Ihren  Willen  durchzusetzen
  Sie  nicht  die  Macht  haben,  weil  Sie  das  verfassungsmäßige  Recht
nicht  haben.  Sie  haben  die  Verfassung  nicht  gelesen,  wenn  Sie  glauben
können,  daß  es  Ihnen  möglich  ist,  in  jedem  Jahre  durch  das  Budget  die
        <pb n="34" />
        22  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

Heeresstärke  festzustellen  ohne  Rücksicht  auf  den  Kaiser  und  auf  sein  Recht,
welches  auf  Art.  5  der  Verfassung  beruht,  und  demzufolge  er  befugt  ist,  in
Sachen  der  Militärgesetze  jederzeit  an  denselben  Einrichtungen,  wie  sie  bisher
bestehen,  festzuhalten.  Bei  Gesetzesvorschlägen  über  das  Militärwesen,  die
Kriegsmarine  und  die  im  Art.  35  bezeichneten  Angelegenheiten  gibt  die
Stimme  des  Präsidiums  des  Bundesrates  bei  Meinungsverschiedenheiten
desselben  den  Ausschlag,  wenn  sie  sich  für  Aufrechterhaltung  der  bestehenden
Einrichtungen  ausspricht.  Die  bestehende  Einrichtung  ist  doch  immer  die
Präsenzziffer  des  vorigen  Jahres  und  würde  infolge  des  ausschlaggebenden
Votums  des  Kaisers  immer  in  Geltung  bleiben,  selbst  wenn,  was  nicht  denkbar
  ist,  die  Majorität  des  Bundesrats  dagegen  stimmte.  Die  verbündeten
Regierungen  werden  aber  vollkommen  einstimmig  sein,  und  ein  solches  Gesetz
wird  nie  und  in  keinem  Jahre  zu  stande  kommen,  welches  uns  eine  unzulängliche
  Armee  durch  das  Budget  oktroyieren  wollte.  Ich  weiß  nicht,  warum
Sie  ein  Bedürfnis  haben,  diese  Krisen,  die  sich  daran  knüpfen,  häufiger
hervorzurufen,  als  sie  nach  dem  Kompromiß  alle  7  Jahre  stattfinden.  Wir
haben  dieses  Bedürfnis  nicht;  wir  wünschen  keine  Krisen  und  keine  Konflikte;
  wir  wünschen  an  dem  Kompromiß  festzuhalten,  das  da  ist.  Über
dieses  hinaus  werden  wir  uns  aber  nicht  treiben  lassen.  Wir  halten  unbedingt
  an  dem  vollen  Septennat  fest  und  an  der  ganzen  Vorlage,  wie  wir
sie  gemacht  haben,  und  weichen  keinen  Nagel  breit  davon  ab.  (Bravol!
rechts.)  Das  deutsche  Heer  ist  eine  Einrichtung,  die  von  den  wechselnden
Majoritäten  des  Reichstags  nicht  abhängig  sein  kann.  Wer  bürgt  uns  denn
dafür,  daß  eine  Majorität,  die  sich  auf  so  heterogene  Weise  zusammensetzt
wie  die  jetzige,  eine  dauernde  sein  werde?  Daß  die  Fixierung  der  Präsenzstärke
  von  der  jedesmaligen  Konstellation  und  Stimmung  des  Reichstags  abhängen
  sollte,  das  ist  eine  absolute  Unmöglichkeit.  Streben  Sie  doch  nicht
nach  solchen  Fantasiegebilden,  meine  Herren!  (Bravol  rechts.)  Ohne  unser
deutsches  Heer,  eine  der  fundamentalsten  Haupteinrichtungen  und  Grundlagen,
ohne  das  Bedürfnis  der  gemeinsamen  Verteidigung  gegen  auswärtige  Angriffe,
  wäre  der  ganze  Bund,  auf  dem  das  deutsche  Reich  beruht,  gar  nicht
zu  stande  gekommen.  Vergegenwärtigen  Sie  sich  das  immer,  wenn  Sie  diese
Hauptbedingung  seiner  Existenz  ihm  unter  den  Füßen  wegziehen  und  es  gefährden;
  denn  geschützt  sein  wollen  wir  alle,  auch  Ihre  Wähler,  —  rechnen
Sie  darauf!

Der  Versuch,  der  mit  diesen  Anträgen  gemacht  worden  ist,  den  Stand
des  Heeres  von  den  wechselnden  Majoritäten  und  den  Beschlüssen  des  Parlaments
  abhängig  zu  machen,  also  —  mit  anderen  Worten  —  aus  dem  Kaiserlichen
  Heer,  das  wir  bisher  in  Deutschland  haben,  ein  Parlamentsheer  zu
machen,  ein  Heer,  für  dessen  Bestand  nicht  Seine  Majestät  der  Kaiser  und
die  verbündeten  Regierungen,  sondern  die  Herren  Windthorst  und  Richter
zu  sorgen  haben,  wird  nicht  gelingen.  Mit  anderen  Worten:  dieses  Streben,
wenn  Sie  es  haben,  liegt  ganz  außerhalb  aller  Möglichkeit,  und  die  Thatsache,
  die  bei  diesen  Verhandlungen  zur  Kenntnis  gekommen,  daß  es  bei  uns
Leute  gibt,  die  darnach  streben,  die  das  für  möglich  halten,  verpflichtet  uns
allein  schon,  über  diese  Frage  an  das  Volk,  an  die  Wähler  zu  appellieren,
ob  das  wirklich  die  Meinung  der  Wähler  ist.  —  (Bravo!  rechts.  Aha!
links.)  —  Ja,  meine  Herren,  „aha!“  haben  Sie  denn  daran  gezweifelt  —  das
wäre  ja  vollkommen  wunderlich  —,  (Heiterkeit),  daß  wir  an  die  Wähler
appellieren  werden,  um  zu  erfahren,  ob  es  wirklich  der  Wille  der  Wähler
ist,  daß  die  Verteidigungsfähigkeit  Deutschlands  von  der  jedesmaligen  Abstimmung
  des  Parlaments  in  jedem  Jahre  abhängt,  daß  die  Hälfte  der  Armee
entlassen  werden  kann,  daß  die  Armee  reduziert  werden  kann  auf  den  einjährigen
  Dienst,  auf  das,  was  die  Sozialdemokraten  noch  bewilligen?  Es  ist
        <pb n="35" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -14.)  23

ja  auch  eine  sozialdemokratische  Majorität  in  diesem  Hause  möglich.  —  Es
kann  unmöglich  der  Wille  der  deutschen  Nation  sein,  daß  sie  auf  diese  Weise
in  ihrer  Wehrhaftigkeit,  in  der  Sicherheit  im  eigenen  Heere  abhängig  sein
soll  von  den  jedes  Jahr  wechselnden  Majoritäten  des  Parlaments.  Es  liegt
das  ganz  außerhalb  der  Verfassung,  und  die  verbündeten  Regierungen  wünschen
zu  einem  neuen  Kompromiß  zu  gelangen,  aber  zu  einem  siebenjährigen,  zu
keinem  kürzeren.  Wir  wollen  die  Krisen  und  die  Gefahr  der  Konflikte  nicht
häufen,  und  wir  wollen  den  Gedanken  nicht  aufkommen  lassen,  als  wären
Sie  überhaupt  berechtigt,  einseitig  ohne  die  Mitwirkung  des  Bundesrats  und
des  Kaisers  über  den  Bestand  des  deutschen  Heeres  zu  verfügen.  Gegen
diesen  Gedanken  allein  würden  wir  schon  an  die  Wähler  appellieren,  ob  dies
der  Wille  des  Volkes  ist;  und  die  verbündeten  Regierungen  sind  ihrerseits
entschlossen,  mit  dem  ganzen  Gewicht  ihres  Einflusses  im  Reiche  und  im
Volke  für  die  Aufrechterhaltung  der  Wehrhaftigkeit  Deutschlands  und  des
Heeres  einzutreten.  (Bravol)  Von  Seiner  Majestät  dem  Kaiser  werden  Sie
doch  unmöglich  erwarten,  daß  er  in  seinem  neunzigsten  Lebensjahre  nun  das
Werk  desavouiert  und  zu  seiner  Zersetzung  mitwirken  will,  dem  er  die  letzten
30  Jahre  seines  Lebens  gewidmet  hat,  der  Schöpfung  des  deutschen  Heeres
und  der  Schöpfung  des  deutschen  Reiches.  Wenn  Sie  das  glauben,  wenn
Sie  irgend  durch  Ihr  Verhalten  uns  die  Überzeugung  geben,  daß  Sie  dahin
streben,  wenn  Sie  nicht  durch  eine  baldige  und  vollständige  Annahme  unserer
Vorlage  die  Sorge  der  verbündeten  Regierungen  um  die  Wehrhaftigkeit
Deutschlands  befriedigen,  dann  ziehen  wir  es  vor,  die  Unterhandlungen  mit
einem  anderen  Reichstage,  als  den  ich  hier  vor  mir  sehe,  mit  Aussicht  auf
mehr  Erfolg  fortzusetzen.  (Bravol)  Und  dieser  Entschluß  liegt  seiner  Ausführung
sehr  viel  näher,  als  Sie  annehmen.  Wir  werden  uns  nicht  auf  lange  Verhandlungen
  mehr  einlassen,  sondern  die  Gefahr,  in  die  wir  das  deutsche
Volk  durch  Verschleppung  und  Verzögerung  möglicherweise  setzen  können  —
ich  sage  nicht:  notwendigerweise  —,  wird  uns  zwingen,  darüber  bald  eine
Gewißheit  zu  haben  oder  bald  mit  anderen  Leuten  zu  reden,  die  uns  Gewißheit
  geben.“  (Lebhaftes  Bravo.)

Nachdem  hierauf  der  Referent  der  Kommission  v.  Huene  sich  und
die  Kommission  gegen  den  Vorwurf  des  Reichskanzlers,  man  gehe  darauf
aus  die  Armee  und  das  Reich  zu  zersetzen,  mit  Bezugnahme  auf  den  Passus
der  Rede  Moltke's  verteidigt  hat,  daß  die  großen  Parteien  bereit  seien,  der
Regierung  die  Mittel  zu  gewähren  und  nur  die  Zeitfrage  strittig  sei,  erwidert
der  Reichskanzler:

„Der  Herr  Referent  ist  im  Irrtum,  wenn  er  annimmt,  ich  hätte
die  Absicht  gehabt,  die  Kommission  anzugreifen  und  speziell  den  Herrn
Referenten.  Ich  bin  dazu  um  so  weniger  im  stande  geweien,  als  es  mir
nicht  möglich  gewesen  ist,  den  Bericht  der  Kommission  überhaupt  bisher
kennen  zu  lernen.  (Hört!  hört!  —  Bewegung.)  —  Ja,  meine  Herren,  Sie
unterschätzen  die  Geschäfte,  die  ich  habe.  Außerdem  muß  ich  sagen,  daß  mir
der  Kommissionsbericht,  und  damit  die  Möglichkeit,  ihn  kennen  zu  lernen,
nicht  früher  zugegangen  ist,  als  heute  früh  im  Bette;  da  habe  ich  ein  Konvolut
  von  64  gedruckten  Seiten  erhalten,  und  ich  habe  seitdem  nicht  die
Möglichkeit  gehabt,  dasselbe  durchzulesen;  ich  habe  eine  Menge  anderer
Nebengeschäfte,  das  werden  Sie  mir  zugeben,  außerhalb  meiner  Reichstagsthätigkeit.
  —  Also  der  Gedanke,  die  Kommission  und  vor  allem  den  von
mir  verehrten  Herrn  Referenten  anzugreifen,  hat  mir  ganz  außerordentlich
fern  gelegen.  Was  der  Herr  Referent  sonst  angeführt  hat,  daß  ich  eine
Kritik  über  die  Gegner  gefällt  hätte,  das  beruht  ja  doch  auf  einzelnen
Meinungsverschiedenheiten.  Was  ist  Wehrhaftigkeit?  und  wann  ist  Wehrhaftigkeit
  vorhanden?  Ist  darüber  die  Kommission  oder  der  Generalstab  hier
        <pb n="36" />
        24  Das  deutschsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -  14.)

die  entscheidende  Behörde?  Wenn  der  Herr  Referent  uns  sein  Referat  gemacht
  hätte  mit  einem  Artikel  1  in  der  Tasche,  der  in  dem  Entwurf  weggefallen
  ist,  dann  hätte  das  Ding  mehr  Hand  und  Fuß.  Aber  was  ist  denn
das  Referat?  Es  ist  ja  die  Schuld  von  niemand;  es  ist  die  Schuld  der
Divergenz  der  Ansichten,  daß  der  Kopf,  das  eigentlich  entscheidende  der  Vorlage,
  gar  nicht  hier  zu  unserer  Entschließung  kommt.  Darüber  kann  ich
aber  dem  Herrn  Referenten  und  auch  selbst  der  Kommission  gar  keine  Vorwürfe
  machen;  denn  ich  kann  die  Kommission  von  der  Notwendigkeit,  heterogen
zusammengesetzt  zu  sein,  die  in  der  Zusammensetzung  des  Reichstages  liegt,
nicht  befreien.  Also  das  ist  ein  Unglück,  aber  kein  Vergehen."

Hobrecht  (nl.)  tritt  hierauf  für  die  Vorlage  der  Regierung  ein,
dann  ergreift  der  Reichskanzler  das  Wort:

„Ich  habe  in  der  Hauptsache  nochmal  um  das  Wort  gebeten,  um  eine
Vergessenheit  wieder  gut  zu  machen,  die  ich  vorher  bei  der  Reichhaltigkeit  des
Stoffs  begangen  habe.  Ich  habe  die  Fälle,  in  denen  wir  meiner  Ansicht  nach
unter  Umständen  einen  Angriff  von  Frankreich  zu  erwarten  haben,  nicht  so  vollständig
  klar  gestellt,  wie  ich  beabsichtigte;  ich  habe  nur  den  Fall  erwähnt,  daß
eine  französische  Regierung  ans  Ruder  kommen  könnte,  die  glaubte,  uns  an  Rüstungen
  und  Kraft  so  weit  überlegen  zu  sein,  daß  sie  des  Sieges  sicher  wäre,  —
wenigstens  dieselbe  Sicherheit  hätte,  welche  die  französische  Armee  im  Jahre  1870
hatte,  als  sie  gegen  uns  in  den  Krieg  zog;  ich  habe  aber  einen  anderen  Fall,  bei
dem  eine  solche  Siegessicherheit  gar  nicht  so  absolut  notwendig  ist,  und  den
ich  erwähnen  wollte,  übergangen,  einen  Fall,  der  doch  auch  ein  ziemlich
breites  Feld  in  den  Konjekturen  einnimmt,  die  wir  machen  müssen,  wenn
wir  auf  alles  gerüstet  sein  wollen.  Das  ist  der  Fall,  daß  ähnlich  wie  unter
dem  dritten  Napoleon  die  Unternehmungen  nach  außen  hin  als  ein  Sicherheitsventil
  für  die  inneren  Angelegenheiten  dienen  sollten  (sehr  richtig!  rechts),
daß  man  im  Innern  gewissermaßen  nicht  mehr  weiß,  wo  aus  noch  ein,  daß
man  in  der  Verlegenheit  ist,  aus  der  man  sich  dadurch  zu  ziehen  sucht,  daß
man  auf  seinen  friedliebenden  Nachbar  einhaut.  Es  wäre  das  namentlich  ja
möglich,  wenn  in  Frankreich  eine  Regierung  von  militärischen  Neigungen
ans  Ruder  käme.  (Hört!  hört!  rechts.)  Ich  will  noch  gar  nicht  sagen:
eine  militärische  Diktatur,  aber  doch  eine  Regierung,  die  sich  sagte:  ich  weiß
nicht,  ob  wir  uns,  wenn  wir  lediglich  die  inneren  Fragen  ansehen,  hier
werden  halten  können;  wenn  es  uns  aber  gelingt,  einen  populären  Krieg
zu  entzünden,  so  haben  wir  immer  noch  die  Chance,  daß  wir  uns  halten,
wenn  wir  siegen;  werden  wir  geschlagen,  dann  ist  es  nicht  schlimmer,  als
wenn  wir  so  zur  Abtretung  genötigt  werden,  und  wir  haben  dann  wenigstens
die  ganze  große  Tragfähigkeit  des  französischen  Patriotismus,  der  auch  für
eine  geschlagene  Regierung  unter  Umständen  Partei  nimmt,  und  der  sich  entzündet,
  wenn  Frankreich  im  Krieg  ist.  In  Frankreich  ist  eine  Redensart:
dieser  Regierung  keinen  Groschen,  und  wenn  der  Feind  auf  dem  Kreuzberg
steht!  —  ja  absolut  unmöglich.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Da  stellt  sich  jeder
Franzose;  der  päpstliche  Zuave  und  der  Sozialdemokrat  dienen  alle  unter
einem  Regiment,  so  wie  das  Vaterland  in  Gefahr  ist.  Bei  uns  —  ich
kanns  nicht  finden!  (Unruhe  im  Zentrum  und  links.)  —  Doch?  glauben
Sie?  ich  will  es  abwarten.  Also  diese  Möglichkeit  liegt  doch  auch  vor.
Wenn  Napoleon  III.  den  Feldzug  1870  gegen  uns,  einen  großen  und  schweren
Krieg,  der  ihm  den  Thron  kostete,  —  in  keiner  Weise  durch  das  Ausland

genötigt,  unternahm,  lediglich  weil  er  glaubte,  daß  das  seine  Regierung  im
Inlande  befestigen  würde,  —  warum  sollte  dann  nicht  z.  B.  der  General
Boulanger,  wenn  er  ans  Ruder  käme,  dasselbe  versuchen?  (Sehr  richtig!
rechts.)  Ich  würde  ihm  gar  nicht  einmal  ein  Verbrechen  daraus  machen,
ich  würde  ihn  gar  nicht  einmal  beschuldigen,  daß  er  dabei  persönlichen  In-
        <pb n="37" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  25

stinkten  folge;  ich  würde  immer  annehmen,  was  von  jedem  französischen
Offizier  voraussetze  —  und  auch  von  jedem  deutschen  natürlich  —,  daß  er
glaubte,  auf  diese  Weise  seinem  Vaterlande  besser  zu  dienen,  als  wenn  er  es
unterließe.  Ich  würde  ihm  persönlich  einen  Vorwurf  nicht  machen.  Aber
das  kann  uns  nicht  abhalten,  uns  auch  für  den  Fall  einzurichten,  daß  Frankreich
  uns  nicht  überlegen  zu  sein  glaubt,  aber  doch  die  Chance  ausnutzen
will,  ob  eine  Regierung  sich  nicht  durch  einen  Krieg  noch  halten  kann,  wenn
sie  durch  den  Frieden  nicht  haltbar  wäre.  Napoleon  hat  das  gemacht;  warum
sollte  es  sein  Nachfolger  nicht  machen,  wenn  wir  uns  eine  Militärdiktatur  in
Frankreich  als  möglich  denken  —  und  sie  ist  so  oft  dagewesen  —  warum
sollte  es  nicht  sein?

Nachdem  ich  einmal  das  Wort  genommen  habe,  möchte  ich  dem  Herrn
Vorredner  noch  auf  eine  Frage  erwidern,  die  er  sich  nicht  angeeignet  hat,
aber  die  er  doch  wiederum  gestellt  hat:  warum  eigentlich  das  Ende  des
Septennats  nicht  abgewartet  werde.  Nun,  es  ist  ja  das  eigentliche  Septennat
an  sich  doch  mit  der  Augmentation,  die  wir  haben  wollen,  nur  eine  Berechnung
  auf  eine  Zukunft,  die  wir  möglichst  fern  wünschen,  der  gegenüber  wir
aber  gewappnet  sein  müssen.  Aber  eins  glauben  wir  gleich  vom  1.  April
1887  in  Aussicht  nehmen  zu  sollen:  das  ist  die  Verstärkung  unserer  Grenzbewachungen,
  die  stärkere  Besetzung  der  Vogesen-,  Jura-  und  anderer  Pässe
und  namentlich  auch  der  Schwarzwaldpässe  gegen  den  möglichen  Einbruch
über  das,  was  wir  die  trouée  de  Belfort  nennen.  Diese  Verstärkung  schon
vom  1.  April  dieses  Jahres  ab  in  Wirksamkeit  treten  lassen,  das  können
wir  budgetmäßig  nicht,  wenn  wir  nicht  Ihre  Bewilligung  haben;  die  Mittel
dafür,  um  so  viel  mehr  Urlauber,  Dispositionsurlauber  heranzuziehen,  haben
wir  nicht.  Wenn  durch  eine  Auflösung,  die  dazwischen  träte,  die  Zeit  vergehen
  sollte,  so  würde  die  Regierung  vielleicht  sich  genötigt  sehen,  von  den
Möglichkeiten,  die  ihr  das  Militärgesetz  bietet,  momentan,  weil  sie  fürchtet,
die  Kriegsgefahr  zu  verstärken,  Gebrauch  zu  machen,  und  nachher  die  Indemnität
  dafür  zu  fordern  haben.  Ich  habe  vorher  schon  gesagt,  der  Ausbruch
des  Krieges  kann  zehn  Jahre  dauern,  er  kann  aber  auch  in  zehn  Tagen  eintreten.
  Wenn  er  nun  in  zehn  Wochen  eintritt,  dann  müßten  wir  schon  die
40  000  Mann  zur  Verfügung  haben,  und  selbst  wenn  wir  uns  mit  diesem
Reichstage  über  das,  was  wir  für  unentbehrlich  halten  für  die  Sicherheit
Deutschlands,  nicht  einigen  sollten,  würden  wir  doch  gewisse  Vorkehrungen
schon  treffen  müssen,  wenn  gegen  unsere  Überzeugung  das  gegenwärtige  friedlich
  gesinnte  Ministerium  in  Frankreich  früher  abtreten  sollte,  als  wir  wünschen.
Wir  wünschen  ihm  eine  möglichst  lange  Dauer,  weil  wir  glauben,  daß,  so
lange  dies  Ministerium  dauert,  wir  Friedensstörungen  nicht  zu  befürchten
haben.  Sie  können  mir  darauf  vielleicht  mit  einigem  Recht  erwidern,  wenn
eine  so  wichtige  Frage  vorliegt,  wo  die  Sicherheit  des  Reichs  auf  dem  Spiele
steht,  dann  hätte  man  die  Bevölkerung  schon  früher  darauf  vorbereiten  müssen,
vielleicht  schon  vor  zwei  Jahren  bei  den  Wahlen.  Wir  hatten  aber  immer
noch  die  Hoffnung,  daß  es  uns  gelingen  würde,  die  Stimmung  in  Frankreich
zu  besänftigen;  nachdem  wir  indes  16  Jahre  uns  vergeblich  bemüht  haben,
die  Revancheideen  zu  beruhigen,  und  abgewartet  haben,  ob  nicht  endlich  eine
Regierung  sich  fände,  die  den  Mut  und  die  Kraft  habe,  den  status  quo,  wie
er  ist,  als  einen  dauernden  zu  acceptieren,  haben  wir  uns  schließlich  doch
sagen  müssen,  daß  es  loves  labor  lost  wäre,  daß  unsere  Liebesbemühungen
ganz  umsonst  gewesen  sind.  Wir  haben  uns  schwer  dazu  entschlossen,  und
diese  ganze  Äußerung,  die  ich  heute  ausspreche,  hätte  ich  lieber  zurückgehalten;
  wenn  sie  nicht  notwendig  gewesen  wäre,  um  die  Zustimmung  des
Reichstags  zu  gewinnen,  wäre  es  mir  lieber  gewesen.  Ich  weiß  auch  nicht,
ob  ich  sie  gewinnen  werde.  Sie  hätten  also  vielleicht  verlangen  können,  wir
        <pb n="38" />
        26  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

hätten  früher  auflösen  sollen,  ad  hoc  für  diese  Frage,  damit  die  Wähler  in
der  Lage  seien,  zu  wissen  bei  den  Neuwahlen:  es  dandelt  sich  darum,  ob  die
Sicherung  gegen  auswärtige  Angriffe  verstärkt  werden  soll  oder  ob  sie  nur
die  gegenwärtige  unzulängliche  bleiben  soll.  Es  ist  ganz  richtig,  man  muß
für  eine  so  wichtige  Frage  eigentlich  vorher  auflösen  und  die  Neuwahlen  ad
hoc  veranlassen.  Wir  sind  überhaupt  viel  zu  ängstlich  in  Bezug  auf  die
Auflösungen.  In  England  löst  man  jeden  Donnerstag  ein  Parlament  auf,
wenn  man  glaubt,  mit  dem  Nachfolger  sich  leichter  verständigen  zu  können
als  mit  dem  gegenwärtigen.  Darauf  bin  ich  jedoch  nicht  gekommen.
rechne  auf  gemeinsame  Arbeit,  nicht  auf  Parteieinflüsse.  Unterblieben  ist
die  Auflösung  hauptsächlich  deshalb,  weil  wir  gar  nicht  darauf  gefaßt  waren,
daß  diese  mäßigen  Forderungen  für  die  Verstärkung  der  Wehrkraft  überhaupt
auf  Widerstand  stoßen  würden.  Hätten  wir  das  vorher  mit  einiger  Sicherheit
  wissen  können,  so  hätten  wir  allerdings  mehr  Zeit  gewonnen,  wenn  wir
uns  in  einer  kaiserlichen  Proklamation  an  das  Volk  gewendet  hätten,  auf
die  Bedenken  der  militärischen  Autoritäten  darin  aufmerksam  gemacht  und
den  Wähler  klar  vor  die  Frage  gestellt  hätten:  wollt  ihr,  daß  Deutschland
stärker  geschützt  werde,  als  es  bisher  gewesen  ist,  oder  wollt  ihr  es  nicht?
Das  ist  nicht  geschehen.  Es  wird  aber  unzweifelhaft  geschehen  müssen,  wenn
Sie  uns  nicht  in  den  Stand  setzen,  diesen  Schutz  zu  verwirklichen.“  (Bravo!l
rechts.

Windthorst  (3.)  erklärt  nach  der  Drohung  des  Reichskanzlers  mit
der  Auflösung  eigentlich  nur  des  Volkes  wegen  noch  zu  sprechen.  Er  habe
der  militärischen  Autorität  genugsam  durch  die  proponierte  Bewilligung  jedes
Mannes  und  jedes  Groschens  Rechnung  getragen,  nach  den  politischen  Ausführungen
  des  Reichskanzlers  wäre  dazu  eigentlich  keine  Nötigung  vorhanden.

.....  „Dann  hat  der  Herr  Reichskanzler  gemeint  —  der  Seitenhieb
  war  ja  begreiflich  -  daß  Hannover  hergestellt  werden  könnte,  wenn
die  Franzosen  siegten  und  es  verlangten.  Meine  Herren!  wenn  das  heißen
soll,  daß  irgend  ein  Hannoveraner  eristiert,  der  mit  Hilfe  des  Auslands
eine  Wiederherstellung  der  Selbständigkeit  seines  Landes  begehrte,  so  sage
ich  ihm,  daß  mir  kein  solcher  Hannoveraner  bekannt  ist.  (Bravo!  im  Zentrum.)
  —  Der  Herr  Reichskanzler  macht  eine  Bemerkung  dazu,  die  ich  leider
nicht  gehört  habe.  (Reichskanzler  Fürst  von  Bismarck:  König  Georg  V.
wünschte  es!)  —  Der  ist  tot,  zu  meinem  großen  Bedauern.  Ich  erkläre,
daß  ich  der  Ansicht  bin,  daß,  so  heiß  die  Wünsche  Hannovers  für  die  Herstellung
  sein  mögen,  aus  den  Händen  eines  Fremden  die  Selbständigkeit
nicht  acceptiert  wird.  (Bravo!)  Wir  sind  der  Hoffnung  —  vielleicht  erleben
  wir  es  nicht,  das  kann  ich  nicht  sagen,  —  daß  es  einen  Moment  geben
wird,  wo  im  Gerechtigkeitssinn  die  deutschen  Fürsten  und  Völker  selbst  die
Herstellung  verlangen.  Eine  andere  Herstellung  verlange  ich  nicht.  Ich  höre
wohl,  daß  die  Herren  da  lachen;  ich  weiß  auch  sehr  gut,  warum  sie  lachen,
habe  das  Lachen  auch  erwartet,  aber  durch  ihr  Lachen  werden  sie  den  Gang
der  göttlichen  Gerechtigkeit  niemals  hemmen!....  Meine
Herren,  nun  frage  ich  mich:  wozu  diese  langen  Deduktionen  des  Herrn
Reichskanzlers,  die  da  nachweisen  sollen,  daß  wir  die  Verstärkung  des  Heeres
notwendig  haben?  Die  große,  erdrückende  Majorität  des  Reichstags  ist  bereit,
die  volle  Forderung  zu  genehmigen.  Das  liegt  in  dem  Antrag,  den  die
Zentrumsfraktion  gestellt  hat,  für  den  sie  einmütig  eintritt;  das  liegt  in
dem  eventuellen  Antrag  des  Herrn  von  Stauffenberg,  der,  wenn  der  Hauptantrag,
  den  er  gestellt  hat,  abgelehnt  wird,  genau  dasselbe  thut,  was  wir
thun  wollen  —  es  braucht  nur  noch  der  Satz  von  ein  zu  drei  Jahren  gemacht
  zu  werden  —  und  ich  erkläre  meinesteils,  daß  in  dem  Momente,  wo
unser  Antrag  abgelehnt  wird,  wir  einmütig  den  Antrag  Stauffenberg  accep-
        <pb n="39" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  27

tieren.  Daraus  folgt  also,  daß  die  Regierung  die  ganze  Forderung,  wie  sie
gestellt  ist,  erhält,  und  die  ganze  Differenz  zwischen  uns  und  der  Regierung
würde  lediglich  darin  liegen,  daß  die  Regierung  7  Jahre  verlangt,  wir  nur  3.
Das  heißt  nun  doch  nicht,  daß  über  drei  Jahre  die  ganze  Armee  oder  Stücke
derselben  wieder  beseitigt  werden  müssen,  sondern  nur,  daß  der  Reichstag
über  drei  Jahre  in  der  Lage  sein  soll,  auch  seinerseits  zu  prüfen,  ob  nicht
irgend  welche  Reduktionen  möglich  sind.  Wenn  dann  die  Verhältnisse  so
liegen,  wie  heute,  wenn  uns  dann  der  Abg.  Graf  Moltke  oder  der  Herr
Reichskanzler  erklärt,  daß  die  Sachen  ebenso  liegen,  wie  heute,  so  bin  ich
überzeugt,  daß  die  Bewilligung  ebenso  erfolgen  wird  wie  heute.  Daß  der
Reichstag  einen  gewissen  Einfluß  auf  etwaige  Reduktionen  haben  will,  ist  nur
natürlich  .."  Weiter  sucht  der  Redner  auszuführen,  daß  eine  zwingende  Notwendigkeit
  zur  Verstärkung  des  Heeres  in  den  politischen  Verhältnissen  nach
den  Ausführungen  des  Kanzlers  nicht  vorliege;  demnach  sei  ein  feindlicher
Ausbruch  des  russischen  Chauvinismus  nicht  zu  fürchten  und  gegen  Frankreich
  allein  seien  wir  stark  genug.  Vor  der  Auflösung  fürchte  er  sich  nicht
und  im  Falle  das  Ausland  sich  einmal  gelüsten  lassen  wolle  in  unsere  eigenen
Angelegenheiten  einzugreifen,  würden  alle  Parteien  einig  sein.  „Ich  bitte
aber  die  verbündeten  Regierungen  und  in  erster  Linie  den  Herrn  Reichskanzler,
der  bewiesen  hat,  daß  er  in  schweren  Momenten  Mäßigung  bethätigen  kann
und  zwar  eine  Mäßigung,  die  selbstgewonnene  Lieblingsideen  aufgeben  läßt
—  ich  bitte  den  Herrn  Reichskanzler,  nochmals  zu  überlegen,  ob  es  wohlgethan
  ist,  die  Bewilligung  des  ganzen  Geforderten  in  dem  Sinne,  daß  nach
drei  Jahren  eine  weitere  Prüfung  möglich  ist,  ohne  daß  dabei  irgend  in
Aussicht  genommen  ist,  das  jetzt  Zugestandene  dann  nicht  wieder  zu  bewilligen
—  diese  Bewilligung,  sage  ich,  abzulehnen.  Ich  könnte  die  Verantwortlichkeit
  nicht  tragen;  wer  sie  übernehmen  will,  mag  es  thun.  Das  deutsche  Volk
aber  soll  wissen  —  ich  wiederhole  es  nochmals:  wir  haben  alles  bewilligt,
alles,  jeden  Mann,  jeden  Groschen  (Lachen  rechts;  bravo!  im  Zentrum),
unter  der  Bedingung,  daß  wir  in  drei  Jahren  wieder  prüfen.  Das  haben  wir
gethan,  obwohl  wir  früher  vier,  dann  drei  Jahre  hatten,  obwohl  in  Osterreich,
  England,  Frankreich  alle  Jahre  bewilligt  wird  —  in  allen  konstitutionellen
Ländern  —,  und  ich  glaube,  beweisen  zu  können,  daß  für  die  Regierung  die
einjährige  Budgetperiode  auch  für  den  Militäretat  das  nützlichste  und  profitabelste
  sein  würde.  Diese  einjährige  Bewilligung  würde  am  sichersten  die
Armee  parlamentarischer  Diskussion  entziehen.  Das  glaubte  ich  nochmals
sagen  zu  sollen,  und  ich  wiederhole:  jeder  von  uns  muß  das  noch  zehnmal
sagen.  Von  anderer  Seite  und  noch  mehr  in  der  Presse,  der  offiziösen  und
ihrer  Gesellschaft  wird  man  alles  thun,  um  das  zu  verheimlichen.“  (Anhaltender
  lebhafter  Beifall  im  Zentrum  und  links,  Zischen  rechts.)

Fürst  Bismarck:  „Die  Rede  des  Herrn  Vorredners  war  in  der
Hauptsache  eine  Widerlegung  der  Behauptung,  mit  der  er  sie  einleitete,
nämlich  der  Behauptung,  daß  er  viel  zu  bescheiden  wäre,  um  sein  militärisches
  Urteil  gegenüber  dem  des  Feldmarschall  Moltke  ins  Gewicht  zu  legen.
Die  ganze  Rede  hat  doch  eigentlich  eine  Tragweite  nur,  wenn  angenommen
wird,  daß  in  militärischen  Dingen,  in  der  Beurteilung  der  Frage,  ob  das,
was  Sie  bewilligen  wollen,  der  Forderung  äquivalent  ist,  in  der  Beurteilung
der  Frage,  was  damit  zu  leisten  ist  —  wenn  in  diesen  Fragen  der  Abgeordnete
  Windthorst  dem  Grafen  Moltke,  wie  man  sagt,  „über“  ist.  Wenn  das
der  Fall  ist,  ja  dann  hat  das  alles  Hand  und  Fuß,  was  der  Herr  Abgeordnete
  soeben  gesagt  hat.  Wenn  aber  das,  was  ich  hier  kurz  mit  „Graf
Moltke“  bezeichne,  das  heißt  die  Gesamtheit  militärischer  Autoritäten,  die
für  die  Vorlage  eintreten,  wenn  die  Recht  haben,  so  ist  eben  die  Sicherheit,
die  wir  suchen,  nur  in  der  vollen  Vorlage  zu  finden  und  nicht  in  dem,  was
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        28  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -14.)

die  Herren  uns  anbieten.  Den  Unterschied  zwischen  dem  Angebot  und  der
Forderung  nachzuweisen,  das  überlasse  ich  den  militärischen  Autoritäten,  darüber
  bin  ich  nicht  so  kompetent.  Im  übrigen  gibt  mir  der  Abgeordnete
Windthorst  doch  Veranlassung  zu  manchen  Kritiken  und  Verwahrungen  gegen
das,  was  er  gesagt  hat.  Er  hat  gesagt,  wenn  gewisse  Verhältnisse  eintreten,
das  heißt,  wenn  Hannibal  ante  portas  sich  befände,  dann  würde  er,  ich
weiß  nicht  was  thun;  ja  —  dann  würde  man  den  Beweis  liefern,  daß  es
in  Deutschland  keine  Parteien  gebe.  —  Es  wäre  mir  viel  lieber,  wenn  Sie
heute  schon  den  Beweis  liefern  wollten,  daß  es  in  Deutschland  keine  Partei
gibt,  sondern  daß,  wenn  es  sich  um  die  Verteidigung  des  Landes,  seine  Unabhängigkeit
  gegen  das  Ausland,  seine  Sicherheit  handelt,  hier  alles  so  einig
ist  wie  in  Frankreich  und  Italien,  daß  dann  gar  nicht  viel  gemäkelt  und
genörgelt,  sondern  einfach  das,  was  die  militärischen  Autoritäten  des  Landes
für  unentbehrlich  halten,  bewilligt  wird.  Wenn  dieses  Maß  von  Patriotismus
  bei  uns  vorhanden  wäre,  dann  würde  ich  gar  nicht  weiter  das  Wort
ergriffen  haben.  Dann  hat  der  Herr  Abgeordnete  gesagt  wir  lösten  auf
wegen  der  Frage,  ob  das  Ganze,  was  er  zu  bewilligen  behauptete,  auf  ein
Jahr  oder  auf  drei  Jahre  bewilligt  werde  —  überhaupt  wegen  der  Zeitfrage.
Das  ist  doch  nicht  ganz  richtig.  Wenn  wir  aussen  das  heißt,  wenn  Sie
die  Vorlage  ablehnen  —,  daß  wir  dann  auflösen,  darüber,  habe  ich  doch
gehofft,  jedes  Mißverständnis  zu  beseitigen  durch  meine  erste  Äußerung  —
also  wenn  wir  auflösen,  so  ist  es  nicht  wegen  der  Zeitfrage,  sondern  wegen
der  Prinzipienfrage,  ob  das  deutsche  Reich  durch  ein  kaiserliches  Heer  oder
durch  ein  Parlamentsheer  geschützt  werden  soll!  (Lebhaftes  Bravo  rechts.
Oh!  oh!  links.)  Das  schreiben  wir  auf  unsere  Fahne  bei  der  Auflösung;
ob  die  wechselnde  Majorität,  die  ich  nur  als  die  Majorität  Windthorst-Richter
(Rufe:  Grillenberger!)  bezeichnen  kann  —  ich  möchte  das  übrige,  was  zur
Verfügung,  zur  vasallitischen  Verfügung  des  Herrn  Windthorst  steht,  gar
nicht  weiter  aufzählen,  —  ob  die  alle  Jahre  oder  alle  zwei  oder  drei  Jahe
darüber  bestimmen  soll,  ob  Deutschland  seine  Armee,  wie  sie  in  der  Verfassung
  grundrechtlich  niedergelegt  worden  ist,  behalten  soll  oder  ob  sie  reduziert
werden  kann,  darüber  werden  wir  abstimmen,  darüber  werden  wir  wählen.
(Zuruf:  Marine!)  —  Nun,  meine  Herren,  die  Marine  ist  nie  angefochten
worden,  sie  hat  immer  ein  liberales  Wohlwollen  für  sich  gehabt.  Sie  hat
von  Anfang  an  z.  B.  den  Herrn  Abgeordneten  Rickert  für  sich  gehabt;  das
ist  doch  schon  etwas  wert.  Der  Abgeordnete  Rickert  hat  früher  den  General
von  Stosch  als  Chef  der  Marine  in  einer  Weise  unterstützt  —  ja,  wenn  er
den  Kriegsminister  so  unterstützte,  so  würden  wir  auch  in  Bezug  auf  die
Landarmee  ein  anderes  Vertrauen  zum  Reichstag  haben  können.  Unser  Vertrauen
  ist  überhaupt  zum  Reichstag  vor  Jahren  größer  gewesen,  es  hat  allmählich
  abgenommen.  Es  hat  den  schwersten  Stoß  bekommen,  als  wir  in
diesem  Reichstag  eine  polnische  Majorität  gegen  deutsche  Interessen  erlebten.
(Oh!  oh!  links.)  Es  hat  den  schwersten  Stoß  bekommen  durch  einen  Einriff
  zu  Gunsten  der  polnischen  Nationalität  in  die  Unabhängigkeit  der  preußischen
  Verwaltung.  Da,  meine  Herren,  habe  ich  die  Hoffnung  auf  Sie
aufgegeben;  wir  hätten  damals  auflösen  sollen  wegen  Ihres  Polonismus,
dann  wäre  der  ganze  Bulgarismus  nachher  nicht  gekommen.  Ich  bin  der
Sache  nur  deshalb  nicht  näher  getreten;  weil  wir  den  Polonismus  noch  eine
Zeit  lang  aushalten  können;  aber  Wehrlosigkeit  können  wir  nicht  10  Minuten
  aushalten.  Werden  wir  da  an  die  Wand  gedrückt,  so  werden  wir
uns  wehren  mit  der  ganzen  Entschlossenheit,  die  uns  das  Gefühl  einer  gerechten
  Sache  gibt.  

Der  Herr  Abgeordnete  hat  gemeint,  wir  verlangten  durch  die  Auflösung,
  daß  Männer  gewählt  werden  sollten,  die  alles  unterschrieben,  die
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -  14.)  29

alles  acceptierten,  was  der  Reichskanzler  will.  Das  ist  ja  eine  Übertreibung,
die  ich  von  dem  Herrn  in  seinen  Jahren  doch  kaum  noch  vermutet  hätte.
Übertreibungen  lassen  sich  bei  jugendlichen  Leuten  rechtfertigen,  aber  so  alt,
wie  wir  beide  sind,  sollten  wir  uns  doch  mit  dergleichen  verschonen.  Es
kommt  uns  nur  darauf  an,  Leute  gewählt  zu  sehen,  die  mit  demselben  Patriotismus,
  mit  derselben  Zurückstellung  der  Parteifragen  gegenüber  der
Frage  des  Patriotismus  für  unsere  Wehrhaftigkeit  stimmen,  wie  das  in  allen
anderen  Ländern,  mit  alleiniger  Ausnahme  von  Deutschland,  der  Fall  ist,
soweit  parlamentarische  Einrichtungen  bestehen.  (Oh!  oh!  links.  Bravo!
rechts.)  Die  Nörgelei  des  Parlaments  gegenüber  Forderungen  der  Regierung,
die  der  Sicherheit  des  Landes  gelten,  ist  nur  eine  echt  deutsche  Eigentümlichkeit;
  ich  weiß  nicht,  ob  ich  ihr  verfallen  würde,  wenn  ich  Abgeordneter
wäre;  ich  glaube  nicht.  Meine  Herren,  Sie  sind  damit  auf  einen  falschen
Strang  geraten;  überhaupt,  ich  rate  Ihnen:  bremsen  Sie  so  früh  wie  möglich.
  Die  politischen  Wege  sind  nicht  so,  wie  wenn  man  sich  auf  freiem
Felde  zu  Fuß  begegnet.  Da  ist  das  Ausweichen  unter  Umständen  nicht
mehr  möglich,  und  namentlich  nicht  mehr  möglich,  wo  es  sich  um  unsere
Sicherheit  handelt.

Der  Herr  Abgeordnete  hätte  gewünscht,  daß  die  deutsche  Politik  ganz
und  voll  mit  Österreich  ginge;  er  hat  das  nachher  nach  der  Richtung  noch
erläutert,  daß  wir  uns  um  die  orientalische  Frage  mehr  interessieren  sollten,
als  wir  bisher  gethan  haben.  Meine  Herren,  unsere  Beziehungen  zu  Österreich
  beruhen  auf  dem  Bewußtsein  eines  jeden  von  uns,  daß  die  volle  großmächtliche
  Existenz  des  anderen  eine  Notwendigkeit  für  den  einen  ist,  im  Interesse
  des  europäischen  Gleichgewichts;  aber  sie  beruhen  nicht  auf  der  Grundlage,
  wie  man  es  im  ungarischen  Parlament  unter  Umständen  ausgelegt  hat,
daß  eine  von  beiden  Nationen  sich  und  ihre  ganze  Macht  und  Politik  vollständig
  in  den  Dienst  der  anderen  stellen  kann.  Das  ist  ganz  unmöglich.
Es  gibt  spezifisch  österreichische  Interessen,  für  die  wir  uns  nicht  einsetzen
können;  es  gibt  spezifisch  deutsche  Interessen,  für  die  Österreich  sich  nicht
einsetzen  kann.  Österreich  hat  das  Interesse,  daß  Deutschland  als  große,  volle
und  starke  Macht  erhalten  bleibt;  Deutschland  hat  dasselbe  Interesse  in
Bezug  auf  Österreich;  aber  wir  können  uns  nicht  unsere  Sonderinteressen
gegenseitig  aneignen.  Wir  haben  von  Österreich  niemals  verlangt  und  haben
auch  keinen  Anspruch  darauf,  daß  es  sich  in  unsere  Händel  mit  Frankreich
mische.  Wenn  wir  Schwierigkeiten  haben  mit  England  in  Kolonialfragen
oder  wenn  wir  mit  Spanien  über  Lumpereien  wie  die  Karolinen  in  Händel
kommen,  haben  wir  nie  an  Österreich  einen  Anspruch  gemacht  auf  Grund
unseres  freundschaftlichen  Verhältnisses.  Soweit  es  sich  um  unsere  beiderseitige
  Existenz  als  volle,  freie  und  mächtige  Großstaaten  handelt,  soweit
vertreten  wir  gegenseitige  Interessen.  Aber  was  Österreich  in  Konstantinopel
für  Interessen  hat,  das  wird  Österreich  allein  zu  beurteilen  haben;  wir
haben  dort  keine,  —  ich  wiederhole  das.  Wenn  der  Herr  Abgeordnete  Windthorst

  einmal  mein  Nachfolger  sein  wird,  dann  wird  er  ja  entscheiden  können,
daß  wir  in  Konstantinopel  Interessen  haben,  die  uns  unter  Umständen  einen
so  schweren  Krieg  wie  den  mit  unserem  zweihundertmeiligen  Grenznachbar,
Rußland,  ertragen  lassen  können;  wir  hätten  nachher  doch  dafür  die  Genugthuung,
  daß  am  Bosporus  das  Regime  herrschte,  das  wir  gewollt  und  gewünscht
  haben;  dafür  können  wir  schon  ein  paar  hunderttausend  Menschen
und  ein  paar  Milliarden  opfern!  Denn,  glauben  Sie  doch  nicht,  daß,  wenn
man  solche  Politik  einmal  falsch  instradiert,  man  auf  jeder  Station  umkehren
kann;  das  ist  nicht  möglich.  Wenn  wir  einmal  das  gegenseitige  Mißtrauen
erwecken,  dann  geht  es  auch,  wenn  keiner  von  beiden  sich  blamieren  will,  unaufhaltsam
  vorwärts.  Die  Politik  zweier  Großstaaten  nebeneinander  kann
        <pb n="42" />
        30  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

man  vergleichen  mit  der  Lage  zweier  Reisenden,  die  einander  nicht  kennen,
in  einem  wüsten  Walde,  von  denen  keiner  dem  anderen  vollständig  traut;
wenn  der  eine  die  Hand  in  die  Tasche  steckt,  dann  spannt  der  andere  schon
seinen  Revolver,  und  wenn  er  den  Hahn  des  ersten  knacken  hört,  feuert  er
schon.  So  ist  es  bei  Mächten  von  denen  jede  Einfluß  auf  die  Entscheidungen
der  anderen  hat;  da  muß  man  das  erste  Mißtrauen  und  die  erste  Verstimmung
  der  anderen  sehr  sorgfältig  vermeiden,  wenn  man  die  Freundschaft
bewahren  will.  Das  alles  wird  der  Herr  Vorredner  besser  wissen  als  ich,
wie  ich  überhaupt  bedaure,  daß  er  den  Platz,  den  ich  einnehme,  nicht  einnimmt;
  aber  ich  kann  gegen  den  Willen  des  Kaisers  nicht  aufkommen.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  gesagt,  was  wir  denn  zu  befürchten
hätten,  wenn  Rußland  unser  Verbündeter  sei.  Ich  weiß  nicht,  woher  er
weiß,  daß  Rußland  unser  Verbündeter  ist.  Wenn  er  geheime  Nachrichten
aus  Petersburg  hat  daß  Rußland  mit  uns  ein  Bündnis  gegen  Frankreich
abschließen  will,  so  würde  ich  ihm  dankbar  sein,  wenn  er  mir  das  mitteilen
wollte;  das  wäre  patriotischer,  als  hier  in  die  Offentlichkeit  solche  Nachrichten
  zu  lanzieren,  die  ich  für  irrtümlich  halte.  Ich  habe  gestern  noch  die
Ehre  gehabt,  mit  dem  russischen  Botschafter  zu  Mittag  zu  essen;  mir  hat
er  nichts  davon  gesagt,  daß  er  ein  Bündnis  vorschlüge.  Ich  habe  mein  Vertrauen
  dazu  ausgesprochen,  daß  Rußland  uns  nicht  angreife  und  nicht  konspiriere
  mit  anderen  Mächten,  daß  es  kein  Bündnis  gegen  uns  suche.  Wir
haben  aber  auf  kein  Bündnis  zu  rechnen,  wenn  wir  mit  Frankreich  kämpfen.
Das  ist  also  eine  irrtümliche  Nachricht,  zu  deren  zeitiger  Widerrufung  ich
durchaus  genötigt  bin.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  gesagt,  das  Verhältnis  zu  Frankreich
  sei  1881  schon  dasselbe  gewesen.  Nun,  meine  Herren,  das  will  ich
politisch  nicht  bestreiten  —  wir  haben  immer  friedliche  Ministerien  gehabt
—,  aber  militärisch  ist  die  Sache  doch  ganz  anders.  Die  französische  Armee
war  1881  nicht  so  schlagfertig  und  nicht  so  stark  wie  heute;  sie  war  es  noch
weniger  1874.  Wir  sind  auch  nicht  die  Leute,  die  gleich  auf  den  ersten  Eindruck,
  daß  die  Franzosen  ein  paar  Bataillone  mehr  einziehen,  nun  an  den
Reichstag  gehen  und  sagen:  der  bedroht  uns,  wir  verlangen  mehr,  —  sondern
  wir  warten  unsere  Zeit  ab.  Wir  haben  in  den  letzten  16  Jahren  —
1875  entstand  ein  ganz  falscher  Kriegslärm,  das  Ergebnis  einer  künstlich
aufgebauschten  Intrigue  —  nie  die  Aksicht  gehabt,  Frankreich  anzugreifen,
in  den  ganzen  16  Jahren  auch  nicht  einen  Augenblick;  es  ist  eine  elende
Lüge  gewesen,  bei  der  fremde  Intriguanten  thätig  waren,  daß  wir  jemals
die  Absicht  gehabt  hätten.  Aber  die  französische  Armee  ist  doch  seit  der  Zeit
eine  ganz  andere  geworden.  Das  ist  wieder  eine  Frage,  in  der  es  darauf
ankommt,  zu  entscheiden,  ob  in  dem  Urteil  über  die  Leistungsfähigkeit  der
französischen  Armee  der  Graf  Moltke  oder  Herr  Windthorst  der  kompetentere
sei,  und  eine  Widerlegung  des  Einleitungssatzes  des  Abgeordneten  Windthorst,
  daß  er  sich  mit  dem  Grafen  Moltke  nicht  in  Parallele  stellen  wolle.
Herr  Windthorst  hat  an  einer  anderen  Stelle  gesagt  und  wiederholt,  er
glaube,  daß  wir  Frankreich  nicht  nur  gewachsen,  sondern  auch  überlegen
seien.  Ich  wiederhole,  der  Herr  Abgeordnete  wird  doch  nicht  in  die  Rolle
eines  miles  gloriosus  verfallen  wollen  und  mit  dem  sicheren  Siege  über
Frankreich  hier  in  diesen  Räumen  prahlen.  Wenn  so  gewiegte  Strategen,
wie  in  den  Regierungskreisen  vorhanden  sind,  dem  widersprechen  und  sagen:
es  ist  nicht  unzweifelhaft,  —  dann  würde  ich  doch  an  Stelle  des  Abgeordneten,
  falls  er  wirklich  glaubt,  daß  der  Graf  Moltke  diese  militärischen
Sachen  besser  versteht,  auf  dies  Thema  nicht  mehr  zurückkommen.  Also  daß
das  Verhältnis  zu  Frankreich  militärisch  nicht  mehr  dasselbe  ist,  das  überlasse
  ich  unseren  militärischen  Autoritäten  zu  beweisen.  Den  Angriff  Frank-
        <pb n="43" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  31

reichs,  muß  ich  sagen,  ermutigen  diese  Verhandlungen  schon.  Welche  materielle
  Macht  hinter  den  Abgeordneten  Windthorst  und  Richter  steht,  inwieweit
  das  unsere  Aktionen  lähmt,  darüber  hat  ein  Franzose,  namentlich  in
der  Provinz,  ein  sehr  unvollständiges  Urteil,  und  die  Möglichkeit,  daß  der
Krieg  entsteht,  weil  man  uns  unterschätzt,  ist  durch  die  Verschleppung  der
Verhandlungen,  die  in  anderen  Parlamenten  in  8  Tagen,  in  3  Tagen,  in
2  Stunden  erledigt  würden  (oho!  links),  schon  erheblich  gesteigert.  Wenn
wir  jetzt  die  französischen  Angriffsneigungen  ermutigt  haben,  dann  weise
ich  den  Herren,  die  uns  so  lange  aufgehalten  haben,  schon  einen  erheblichen
Anteil  an  der  Verantwortung  für  die  Kalamität  eines  ausbrechenden  Krieges
zu.  (Bravo!  rechts.  Unruhe  links  und  im  Zentrum.)

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  —  er  hat  die  finanzielle  Frage
nur  leicht  gestreift  —  Bezug  genommen  auf  die  schwere  Lage,  in  der  wir
uns  doch  besonders  hüten  sollten.  Zu  deren  Beleuchtung  habe  ich  ein  kleines
Material  hier  mit;  das  ist  eine  Statistik  über  die  Situation  der  Sparkassen
in  Preußen  und  über  die  Steigerung  der  Einlagen  in  den  Sparkassen  seit
1878,  also  seitdem  die  jetzige  Gesetzgebung  über  den  Schutz  der  inländischen
Arbeit  in  Geltung  ist.  Ich  erlaube  mir,  Ihnen  darüber  einige  Mitteilungen
zu  machen,  die  Ihnen  die  Überzeugung  geben  werden,  daß  es  so  ganz  schlecht
mit  dem  Fortgang  unserer  Wohlhabenheit  doch  nicht  bestellt  ist.  Nur  die
weniger  Begüterten  legen  ihre  Ersparnisse  in  den  Sparkassen  an,  der  Reichere
legt  sie  in  Papieren  an  und  möglichst  in  den  fremdartigsten  vom  Orient
oder  von  Amerika,  mancher  auch  in  deutschen  Konsols;  bei  der  Sparkasse
ist  er  nicht  beteiligt.  Etwa  1200  Millionen  Rubel  sind  bei  uns  in  den
letzten  Jahrzehnten  in  russischen  Papieren  investiert  worden,  diese  und  die
Summen,  die  in  unzähligen  Papieren,  inländischen  und  ausländischen  —
ich  will  keinen  nennen,  um  niemanden  zu  ärgern  —  angelegt  sind,  sind  ja
sehr  viel  größer  als  alle  die  Summen,  die  in  den  Sparkassen  sich  befinden.
In  die  Sparkassen  legt  im  allgemeinen  nur  der  Arbeiter  und  der  bäuerliche
Besitzer,  der  Handwerker  ein.  Wenn  Sie  mir  gestatten,  Ihnen  zu  sagen,
wie  diese  Einlagen  seit  1878  sich  gesteigert  haben,  so  werden  sie  zugeben,
daß  ein  Rückschritt  und  ein  sehr  brennender  Notstand  nicht  vorhanden  ist.
Im  Jahre  1878  betrugen  die  gesamten  Einlagen  in  den  Sparkassen  1385
Millionen  Mark  im  preußischen  Staate.  Wenn  ich  annehme,  daß  der  preußische
  Staat  sich  zum  deutschen  Reich  verhält  wie  3:5  —  ich  weiß  im  Augenblick
  das  Verhältnis  nicht  genau  —,  so  können  Sie  sich  die  Verhältniszahlen,
wie  sie  für  das  deutsche  Reich  gelten,  ungefähr  ausrechnen;  denn  im  ganzen
sind  die  Provinzen  des  preußischen  Staates  nicht  unbedingt  die  wohlhabendsten
  im  deutschen  Reiche.  Also  die  Einlagen  betrugen  zur  Zeit,  wo  wir  die
jetzige  Gesetzgebung  über  den  Schutz  der  deutschen  Arbeit  einführten,  1385

Millionen.  Die  Gesamteinlagen  betragen  heute  2261  Millionen  Mark  in
runder  Summe,  sie  haben  sich  also  seit  der  Zeit  von  1878  gesteigert  um
975  Millionen.  Pro  Kopf,  jeden  Säugling  eingeschlossen,  kamen  an  Sparkasseneinlagen
  im  Jahre  1885  —  bis  dahin  läuft  meine  Berechnung  —  in
runder  Summe  80  Mark,  das  macht  also,  wenn  man  eine  Familie  durchschnittlich
  aus  vier  oder  fünf  Mitgliedern  bestehen  läßt,  zirka  400  Mark
auf  jede  Familie;  die  hat  sie  zurückgelegt  in  der  Zeit  von  sieben  Jahren,
von  1878  bis  1885.  Ich  will  daran  weiter  keine  Bemerkung  knüpfen,  als
die  Behauptung,  daß  die  Angabe  des  Herrn  Abgeordneten  Windthorst  über
die  schwierige  Lage  eine  Fiktion  und  eine  unrichtige  Angabe  ist.  Alle  anderen
  Klassen,  abgesehen  von  denen,  die  in  die  Sparkassen  die  Gewohnheit
haben  einzulegen,  den  Arbeitern,  kleinen  Landwirten  und  Handwerkern,  sind
in  dem  demselben  Falle.  Zu  welchem  Zwecke  wird  also  die  Fiktion  immer
benutzt  in  der  Presse  und  von  den  Gegnern  der  Regierung,  als  wenn  Deutsch-
        <pb n="44" />
        32  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

land  durch  ungeschickte  Gesetzgebung  der  Regierung  einer  immer  fortschreitenden
  Verarmung  entgegengeführt  werde?  Das  ist  eine  Entstellung,  eine  dreiste
Lüge;  sie  wird  durch  diese  ziffermäßigen  Angaben  auf  das  klarste  entkräftet.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  sich  gewundert,  warum  wir  an  den

sieben  Jahren  festhalten.  Ja  ich  habe  ganz  klar  gesagt:  wir  wollen  keine

Häufung  der  Krisen.  Es  wäre  vielleicht  noch  nützlicher,  wenn  wir  einen
längeren  Termin  gewählt  hätten.  (Zuruf:  Aternat!)  —  Auf  ein  Aternat
würde  ich  nie  eingegangen  sein,  weil  das  Aternat  dem  Kaiser  in  seinem  Einflusse
  auf  die  Armee  eine  viel  zu  starre  Grenze  setzt.  —  Es  wird  die  Armee
wahrscheinlich,  so  lange  die  anderen  Mächte  fortschreiten,  fortschreiten  müssen;
die  Bevölkerung  schreitet  ja  auch  fort.  Wir  haben  einen  längeren  Termin
nicht  gewollt  aus  Achtung  vor  der  Bestimmung  der  Verfassung  im  Art.  60,
der  einen  Einfluß,  wie  der  Herr  Abgeordnete  sich  ausdrückt,  des  Reichstags
auf  diese  Angelegenheiten  wünscht;  nur  darf  der  Einfluß  nicht  darin  bestehen,
  wie  er  sagte,  auf  Reduktionen  zu  drängen.  Er  sagte,  sie  würden  auf

Reduktion  nur  drängen,  wenn  ein  Mehr  nicht  nötig  wäre.  Aber  das  ist
ja  eine  petitio  principii,  denn  das  Urteil,  ob  ein  Mehr  nötig  ist,  legen  Sie
ja  den  Drängern  bei.  Sie  wollen  uns  also,  wenn  Sie  glauben  —  ungeachtet
  der  gegenteiligen  Überzeugung  der  Regierung  —,  daß  weniger  nötig
sei,  zwingen,  die  Armee  zu  reduzieren.  Dazu  werden  sich  die  Regierungen,
denen  die  Sicherheit  des  Vaterlandes  zu  sehr  am  Herzen  liegt,  niemals  hergeben.
  Sie  werden  sich  niemals  von  Ihnen  reduzieren  lassen.  Das  Septennat
  also  halten  wir  fest,  um  den  Anlaß  zu  Krisen  nicht  zu  häufen.  Ich
sagte  vorher:  Sind  Sie,  meine  Herren,  denn  so  lüstern  nach  Krisen,  wollen
Sie  diese  alle  Jahre  haben,  —  nun,  so  lange  ich  lebe,  kommen  Sie  heran!

Sie  werden  einen  Fels  im  Meere  finden  bei  allen  Ihren  Krisen!

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  gesagt,  es  sei  eine  unberechtigte
Andeutung,  die  ich  gemacht  hätte  in  Bezug  auf  die  Möglichkeit  der  gesetzmäßigen
  Herstellung  des  welfischen  Königreiches.  Es  ist  hier  in  diesen  Räumen
  gesagt:  eine  Wiederherstellung  des  Welfenreichs  ist  nur  auf  gesetzmäßigem
Wege  zu  erstreben.  Ein  anderes  Mittel,  das  gesetzmäßig  zu  erreichen,  als
das  von  mir  angedeutete,  sehe  ich  aber  kaum,  und  daß  Herr  Windthorst  den
Gedanken  daran  so  weit  von  sich  weist,  es  als  eine  Art  Beleidigung  betrachtet,
  wenn  man  sagt,  dabei  werde  auf  französischen  Beistand  gerechnet,
so  steht  doch  die  Erinnerung  entgegen,  die  uns  allen  lebendig  sein  wird,  die
Erinnerung  an  die  welfische  Legion  innerhalb  Frankreichs.  Die  hat  ja,  wie
ich  glaube,  Jahr  und  Tag  dort  garnisoniert,  wartend  auf  den  Moment,  wo
Napoleon  auf  Deutschland  losschlagen  würde,  um  in  seinem  Gefolge  auf
die  deutschen  Brüder  loszuhauen;  und  das  ist  nicht  etwa  eine  rein  zufällige
Erscheinung.  In  authentischen  Briefen  von  König  Georg,  die  wir  vorgelesen
  haben,  ist  ausdrücklich  geschrieben,  daß  er  koste  durch  Kaiser  Napoleon
  in  sein  Reich  wieder  eingesetzt  zu  werden.  (Hört,  hört!  rechts.)  Also
seien  Sie  nicht  so  empfindlich.  Es  ist  Ihnen  nicht  angenehm,  aber  die  Leute
leben  noch  meist  alle,  die  das  alles  mitgemacht  haben.  Haben  die  ihre  Gesinnungen
  seitdem  vollständig  geändert?  Ein  Zeugnis  haben  sie  uns  gegenüber
  noch  nicht  abgelegt,  wir  sehen  sie  uns  gegenüber  in  derselben  Zurückhaltung
  sie  folgen  dem  Führer  der  Opposition,  dem  Abgeordneten  Windthorst,

  in  allen  seinen  Angriffen  auf  die  Reichsregierung  zu  keinem  anderen
Zwecke,  als  um  uns  die  Existenz  sauer  zu  machen;  unmöglich  können  sie
doch  dabei  eine  andere  Absicht  haben.  Ich  glaube,  ich  kam  schon  darauf,
daß  der  Abgeordnete  wiederholt  die  französische  Armee  unterschätzt  und  geglaubt
  hat,  er  könnte  sie  leicht  schlagen;  ich  möchte  vor  dieser  Unterschätzung
doch  außerordentlich  warnen.  Es  zeigt  die  volle  Unerfahrenheit  des  Zivilisten
in  militärischen  Dingen,  wenn  man  glaubt,  daß  die  französische  Armee  ein
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  33

Gegner  sei,  über  den  man  so  leicht  zur  Tagesordnung  überzehen  könnte  mit
ein  paar  Redensarten.  Ich  habe  schon  vorhin  gesagt,  wenn  Worte  Soldaten
wären  —  in  der  Beredsamkeit  ist  der  Herr  Vorredner  jedem  Franzosen
überlegen;  aber  in  Beziehung  auf  militärische  Leistungsfähigkeit  glaube  ich
es  nicht.  Ich  habe  in  Frankreich  gelebt  und  kenne  die  Franzosen  ziemlich
genau;  ich  wünsche  nur,  daß  wir  ihnen  so  ebenbürtig  bleiben.  In  manchen
Beziehungen  sind  wir  überlegen,  in  der  Zahl  sind    uns  aber  überlegen;
Sie  unterschätzen  ihre  militärische  Qualifikation.  Aber  der  Abgeordnete  Windtborst
  glaubt  ja  auch  hier  den  Leuten,  die  gegen  die  Franzosen  gefochten  haben,
  überlegen  zu  sein  in  seinem  Urteil.

Er  hat  ferner  damit  begonnen,  daß  er  sagte:  endlich  sind  uns  Mitteilungen
  gemacht.  Nun,  wo  hätte  ich  die  Mitteilungen  machen  sollen?  Der
ersten  Beratung  beizuwohnen,  wenn  noch  zwei  bevorstehen,  ist  mit  meinem
Alter  und  Gesundheitszustand  nicht  immer  verträglich.  Auf  Verhandlungen
in  der  Kommission  aber  in  wichtigen  Fragen  mich  einzulassen,  halte  ich  für
taktisch  nicht  angezeigt.  Die  Kommission  ist  ja  doch  nur  die  Marterkammer
für  die  Regierungskommissarien,  in  der  versucht  wird,  was  man  ihnen  abpressen
  kann,  ohne  sich  seinerseits  zu  irgend  etwas  zu  verpflichten.  Die  Kommission
  ist  gar  nicht  im  stande,  ein  zweiseitiges  Geschäft  abzuschließen  mit
den  Vertretern  der  Regierung,  und  dazu  bin  ich  ein  zu  alter  Diplomat,  um
mit  jemandem,  der  keine  Vollmacht  hat,  mich  in  Verhandlungen  einzulassen.
Alles,  was  ich  gesagt  habe,  steht  bombenfest.  Aber  alles,  was  die  Herren
in  der  Kommission  sagen,  die  Versicherungen,  die  sie  geben  über  die  Geneigtheit,
  jeden  Pfennig  und  jeden  Mann  zu  bewilligen,  können  mir  nachher  gar
nichts  mehr  helfen;  das  verschwindet  alles  im  Plenum,  daran  ist  niemand
gebunden.  Darum  ist  die  Kommission  ein  so  ungünstiger  Kampfplatz  für
die  verbündeten  Regierungen.  Da,  wo  wirklich  ernsthafte,  schwere,  und,  ich
möchte  sagen,  Interessen,  die  an  Kopf  und  Kragen  gehen,  zu  verhandeln
sind,  da  werde  ich  mich  auf  Kommissionsverhandlungen  niemals  einlassen.
Es  ist  von  Ihnen  eine  Ungerechtigkeit,  daß  Sie  uns  erst  einmal,  wie  man
das  im  Handel  und  Wandel,  ich  möchte  sagen,  im  Pferdehandel  versucht,
jemanden,  dessen  Äußerungen  zu  nichts  verpflichten,  auf  den  Leib  schicken,
um  von  uns  herauszupressen,  was  Sie  irgend  herauspressen  können  und  dann
nachher  sagen:  alles,  was  wir  gesagt  haben,  gilt  nichts  mehr,  wir  schließen
uns  dieser  oder  jener  Äußerung  an.  Ihre  Geschäftsordnung  erlaubt  Ihnen
das,  aber  Ihre  Geschäftsordnung  hat  für  uns  gar  keine  Verbindlichkeit,  wenigstens
  glaube  ich  durch  mein  früheres  Verhalten  auch  schon  gezeigt  zu
haben,  daß  ich  mich  in  ernsten  Fragen  auf  Kommissionsverhandlungen  nicht
einlasse.  Ich  habe  in  der  Kolonialsache  einmal  eine  Ausnahme  gemacht;
„exceptio  firmat  regulam“.  In  der  Kommission,  wo  sich  ein  bündiges
Abkommen  in  keiner  Weise  erreichen  läßt,  erscheine  ich  nicht;  ich  bin  zu  alt
und  zu  matt,  um  dort  meine  Kräfte  nutzlos  zu  vergeuden.“  (Lebhaftes
Bravo  rechts.)

Nachdem  am  2.  Sitzungstage  v.  Helldorf  (k.)  für  die  Regierungsvorlage
  eingetreten  ist,  Hasenclever  (S.)  gegen  dieselbe  gesprochen  und  der
Kriegsminister  die  Darstellungen  v.  Stauffenbergs  und  Windthorsts  über
den  Verlauf  der  Kommissionssitzung  berichtigt  hat,  spricht  Windthorst  (Z.)
über  seine  persönliche  Stellung  zu  den  übrigen  Oppositionsführern,  indem
er  die  von  gegnerischer  Seite  behauptete  Einheit  der  gesamten  Opposition
bestreitet,  wendet  sich  dann  gegen  die  Ausführungen  Bismarcks  über  Hannover
  und  das  Welfentum  und  begründet  nochmals  die  Ablehnung  der  7
Jahre  und  die  Zustimmung  des  Zentrums  zu  einer  Bewilligung  der.erhöhten
Präsenzziffer  auf  3  Jahre.

Fürst  Bismarck  antwortet:  „Der  Herr  Vorredner  sagt:  „Ich  be-Europ.

  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  3
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        34  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -  14.)

willige  jeden  Mann  und  jeden  Groschen  auf  3  Jahre;  dann  werden  wir
wieder  zusammenkommen  und  sehen,  ob  das  noch  nötig  ist;  und  wenn  wir,
die  Abgeordneten,  finden,  daß  es  nicht  mehr  nötig  ist,  so  werden  wir  —
wie  er  in  seiner  gestrigen  Rede  sagte  —  darauf  dringen,  daß  das  Heer  vermindert
  werde.“  Der  Herr  Vorredner  mutet  uns  also  zu,  daß  wir  das
Vertrauen  nicht  nur  auf  den  guten  Willen,  sondern  auch  auf  die  militärische
Einsicht  desjenigen  Reichstags  haben  sollen,  welcher  über  3  Jahre  hier  wiederum
  versammelt  sein  wird.  Weiß  denn  der  Herr  Vorredner,  wie  der  beschaffen
  sein  wird?  Ist  denn  die  Majorität,  über  die  der  Herr  Vorredner
jetzt  disponiert,  so  gleichartig,  so  sicher,  so  unanfechtbar,  daß  er  auch  nur
auf  ein  gleiches  Verhältnis  wie  jetzt  rechnen  kann?  Diese  Majorität,  das
Konsortium,  welches  die  oppositionellen  Parteien  gegen  die  Regierungen  im
Reichstage  bilden,  setzt  sich  doch  aus  den  heterogensten  Elementen  zusammen
und  kann  sehr  leicht  durch  den  Abfall  von  einem  dieser  Elemente  vollständig
erschüttert  und  verkehrt  werden.  Wenn  z.  B.  auch  nur  die  25  Sozialdemokraten
  unter  der  Führung  des  Redners,  den  wir  heute  hörten,  zu  einer  anderen
  Seite  übergingen  oder  sich  lossagten  von  dieser  jetzigen  Majorität,  wenn
die  z.  B.  gouvernemental  würden,  so  würde  das  einen  Unterschied  von  50
Stimmen  machen,  da  auf  der  einen  Seite  25  abzuziehen,  auf  der  anderen
25  zuzurechnen  wären.  Wenn  auch  nur  die  Polen  und  Protestler,  Leute
aus  dem  Elsaß,  dasselbe  Mannöver  machen,  so  leidet  die  Majorität  auch
schon  Schaden.  Ich  will  von  den  Welfen  gar  nicht  reden,  die  ja  aber  finden
könnten,  daß  es  des  Kulturkampfes  genug  wäre,  und  daß  sie  sich  mal  mit
ihren  eigenen  Angelegenheiten  ohne  die  Leitung  des  Herrn  Abgeordneten
Windthorst  beschäftigen  wollten.  Noch  größer  wäre  die  Bresche  in  diese
Majorität,  wenn  beispielsweise  die  fortschrittliche  Satrapie  dem  zentralen
Sultanat  den  Gehorsam  aufkündigte.  Die  Majorität  besteht  ja  nur  auf
dieser  ganz  eigentümlichen  Verschmelzung  der  heterogensten  und  untereinander
widerspruchsvollsten  Elemente,  die  zufällig  in  der  Negation  und  in  der  Abneigung
  gegen  die  Persönlichkeiten  der  jetzigen  Regierung  einig  sind;  une
haine  commune  vous  unit;  sobald  dies  aufhört,  sobald  Sie  irgend  etwas
positives  schaffen  sollen,  so  sind  Sie  ja  vollständig  uneinig,  so  sind  Sie  ja
keine  Majorität.  Sie  können  gar  nicht  wissen,  wie  diese  Majorität  nach  3
Jahren  sein  wird,  und  auf  diese  geben  Sie  uns  eine  Inblankoanweisung!
Auf  die  Majorität,  die  dann  vorhanden  sein  wird,  sollen  wir  das  Vertrauen
haben,  welches  notwendig  ist,  um  in  ihre  Hände,  in  die  Hände  dieser  Majorität,
  die  Verfügung  zu  legen  über  das  Palladium  des  Reiches,  wie  der
Herr  Abgeordnete  selbst  am  Schlusse  seiner  Rede  sehr  würdig  und  richtig
sagt!  Ohne  die  Armee  ist  das  Reich,  ist  die  Ordnung  nicht  denkbar,  ohne
diese  Grundlage  des  Rechtsschutzes  würde  die  ganze  Verfassung  nicht  zu  stande
gekommen  sein,  wie  ich  gestern  schon  gesagt  habe;  der  Schutz  des  Bundes
ist  unsere  erste  Aufgabe.  Auf  eine  solche  Majorität  will  uns  der  Herr  Vorredner
  die  Anweisung  geben,  daß  wir  auf  sie  Vertrauen  haben  sollen,  und
daß  wir  uns  dem  aussetzen  sollen,  daß  sie  nach  3  Jahren  schon  wieder  drängt?
Meine  Herren,  vielleicht  ist  die  Majorität  nach  7  Jahren  ebensowenig  berechenbar;
  aber  weil  gerade  jedesmal  eine  schwere  Krisis  damit  verbunden
ist,  weil  es  eine  unsichere  Rechnung  ist,  weil  dem  Art.  60  der  Verfassung
Genüge  geschehen  muß  mit  irgend  einem  Termine,  und  weil  wir  das  Aternat
nicht  wollen,  das  eine  Fessel  für  den  Kaiser  wäre,  falls  er  mehr  braucht,
als  bewilligt  ist,  während  der  Ewigkeit,  —  aus  diesen  Gründen  haben  wir
uns  an  7  Jahre  gehalten;  auch  dem  Grundsatz,  daß  das  konstitutionelle
Leben  eine  Reihe  von  Kompromissen  ist.  Wir  haben  dieses  Kompromiß
einmal  gemacht  1874,  als  es  zuerst  zu  stande  kam  —  ich  lag  schwer  krank
im  Bette,  und  in  meinem  Krankenzimmer  haben  die  Verhandlungen  statt-
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -14.)  35

gefunden  sowohl  mit  den  Ministern,  wie  mit  Sr.  Majestät  dem  Kaiser,  den
Abgeordneten,  die  zu  mir  kamen  —  es  war  namentlich  der  Herr  Abgeordnete
  Miquel,  der  die  Verhandlungen  mit  mir  geführt  hat.  Wir  haben  7
Jahre  vorgeschlagen,  wir  hätten  ebenso  gut  10  oder  11  Jahre  vorschlagen
können  oder,  wie  die  Dienstpflicht  im  Heere  es  mit  sich  bringt,  12  Jahre.
Ich  hatte  mich  zu  entschließen;  ich  war  der  einzige,  dem  im  leidenden  Zustande
  die  Verantwortlichkeit  dafür  oblag,  ob  damals  auf  eine  solche  Frage
hin  aufgelöst  werden  sollte  oder  nicht,  und  im  Interesse  des  Friedens  bin
ich  auf  die  7  Jahre,  wie  sie  mir  gebracht  waren,  eingegangen;  aber  doch
nicht  in  der  Absicht,  diese  Konzession  immer  wieder  als  die  Basis  zu  einer
neuen  Forderung  gelten  zu  lassen.  Dann  können  wir  nicht  wieder  zu  Kompromissen
  kommen.  Im  Interesse  der  Kompromisse  halte  ich  an  den  7  Jahren
unbedingt  fest.  Wir  haben  sie,  zwei  siebenjährige  Perioden,  gehabt,  wir  sind
bereit,  diese  siebenjährige  Periode  weiter  zu  geben,  aber  auf  eine  kürzere  nicht
einzugehen,  wie  ich  das  schon  gesagt  habe.  Der  Herr  Vorredner  ist  seiner
Sache  mit  den  künftigen  Majoritäten  sicherer,  als  ich  glaube,  daß  er  sein
könnte.  Die  Verhältnisse  sind  weder  bei  uns,  noch  in  England,  noch  in
Frankreich  so,  daß  bei  der  Zerfahrenheit  der  Parteien  irgend  jemand  auf
eine  feste  und  klare  Majorität  in  der  Zukunft  rechnen  könnte.  Hätten  wir
bei  uns  zwei  große  Parteien,  wie  es  früher  in  England  Whigs  und  Tories
waren,  und  zwei  Parteien,  deren  jede  doch  immer  den  Fall  im  Auge  hatte,
wenn  sie  in  der  Opposition  lebte,  daß  sie  auch  mal  wieder  regieren  könnte,
—  die  waren  vollkommen  vertrauenswürdig  eine  für  die  andere.  Mit  unseren,
  ich  weiß  nicht,  9  oder  10  Parteien,  aus  denen  sich  das  Konsortium
der  Majorität  künstlich  aufbaut,  ist  gar  kein  Bund  und  Rechnung  auf  die
Zukunft  möglich.  Die  lange  Dauer  des  Kulturkampfes  hat  im  Zentrum
zufällig  Elemente  von  heterogener  politischer  Richtung  lange  Zeit  vereinigt.
Sind  Sie  gewiß,  daß  auch  nur  das  Zentrum  fortdauern  wird,  wenn  der
Kulturkampf  vollständig  beseitigt  ist:  Der  Herr  Abgeordnete  Dr.  Windthorst
  ist  vielleicht  der  Meinung,  daß  man,  um  das  Band  der  Partei,  an
deren  Spitze  er  steht,  zu  erhalten,  auch  etwas  Kulturkampf  im  Feuer  behalten
  muß.  (Zuruf  des  Abgeordneten  Dr.  Windthorst:  Nein!  Nein!)  Er
hat  uns  auch  schon  den  Kampf  wegen  der  Schule  angekündigt,  der  an  Heftigkeit
  und  Bedeutung  den  bisherigen  weit  hinter  sich  lassen  würde.  Nun,
dieses  Band,  was  Sie  bisher  vereinigt  hat,  —  sind  Sie  darüber  ganz  zweifellos,
  daß  das  halten  wird?  Der  Herr  Abgeordnete  ist  bei  den  Neuwahlen
der  Wiederwahl  aller  bisherigen  Fraktionsgenossen  sehr  sicher.  Ich  möchte
nur  auf  eine  der  wichtigsten  Provinzen  seines  Reiches  in  der  Wahl  verweisen:
  das  ist  auf  Bayern.  Der  bayerische  Wähler  ist  in  seiner  großen
Mehrheit  monarchisch  und  katholisch  gesinnt.  So  lange  er  die  Überzeugung
hat,  daß  sein  König  und  dessen  Rechte  und  die  Rechte  des  bayerischen  Staates
überhaupt  bedroht  sein  könnten;  sobald  er  die  Uberzeugung  hat,  daß  die
katholische  Kirche  bedroht  sei,  und  daß  dieselbe  Empfindung  in  Rom  geteilt
wird,  —  so  lange  mag  er  für  Sie  wählen.  Wenn  er  aber  zweifelhaft  darüber
  werden  sollte,  ob  die  Dynastie,  ob  der  König,  ob  der  römische  Stuhl
ferner  diese  Opposition  billigt,  —  ich  weiß  nicht,  ob  darüber  Zweifel  sein
können,  —  aber  wenn  sie  entstehen,  sind  Sie  dann  Ihrer  Wähler  ebenso
sicher,  wie  Sie  es  waren:  —  Ich  wundere  mich,  von  dem  Herrn  Abgeordneten
  Dr.  Windthorst  das  sonst  so  bereite  Ja  nicht  zu  hören.  Ähnliche
Irrungen  in  der  Berechnung  können  doch  auch  noch  anderswo  vorliegen.
Wir  können  die  Wahl  ja  nicht  voraussehen.  Auf  die  Haltung  der  Regierungen
  können  die  Wahlen  ja  keinen  Einfluß  haben;  die  Regierungen  haben
ihre  Überzeugung  festgelegt  nicht  nach  dem  Wunsche  des  Reichstags  oder  nach
dem  Ausfall  der  Wahlen,  sondern  ausschließlich  nach  ihrem  Pflichtgefühl,

3*
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        36  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

nach  ihrer  Verantwortlichkeit  für  die  Sicherheit  des  deutschen  Reiches  und
des  deutschen  Volkes  und  für  seine  Unabhängigkeit  und  die  Integrität  unseres
  Landes.  Diese  Erwägungen  werden  dieselben  bleiben,  auch  wenn  genau
derselbe  Reichstag,  mit  derselben  Majorität,  wieder  vor  uns  steht.  Durch
ein  nochmaliges  Urteil  des  Reichstags  kann  die  Verpflichtung  der  Regierung,
ihrerseits  als  dauerndes  und  nicht  wechselndes  Element  für  die  dauernde,
fundamentale  Institution  unserer  Verfassung,  das  Heer,  zu  sorgen,  nicht  erledigt
  werden;  —  die  Verpflichtung  bleibt  auf  den  Regierungen  lasten.
Keine  Verfassung  kann  ohne  Kompromiß  existieren.  Wenn  Sie  vom
Kompromiß  abgehen,  wie  wir  dasselbe  Ihnen  wiederum  anbieten,  so  schaffen
Sie  eine  Situation,  die  immer  von  neuem  auf  den  Konflikt  mit  Notwendigkeit
  hindrängt.  Sie  verlangen  wegen  des  Ausfalls  der  Wahlen,  wenn  diese
nach  Ihren  Wünschen  ausfielen,  daß  die  Regierungen  ihre  Überzeugungen
ändern  und  dann  sagen  sollen:  alles  das,  was  wir  vor  einigen  Monaten
behauptet  haben,  —  wir  geben  zu,  daß  es  ein  Irrtum  ist;  oder  daß  wir
sagen:  wir  geben  es  nicht  zu,  wir  halten  es  für  die  volle  Wahrheit,  wir
sind  nach  wie  vor  bedroht;  aber  aus  Feigheit  vor  dem  neugewählten  Reichstag
  thun  wir  unsere  Pflicht  nicht  und  wollen  das  deutsche  Volk  minder
wehrhaft  sein  lassen,  als  es  sein  kann.  Das  können  Sie  von  den  Regierungen
nicht,  und  namentlich  nicht  von  so  starken,  monarchischen  Regierungen,  wie
sie  im  Bundesrat  sitzen,  erwarten.  Ich  wiederhole,  was  ich  gestern  sagte:
Sie  kompromittieren  sich  ganz  unnütz  für  ein  Spiel,  indem  der  Trick  für
Sie  gar  nicht  in  den  Karten  steckt,  wo  gar  nichts  zu  gewinnen  ist.  Der
Abgeordnete  Windthorst  hat  vorhin,  um  den  Mangel  an  zutreffender  Schärfe
in  seiner  Deduktion  auszugleichen,  mit  sehr  gehobenem  Tone  seinen  Entschluß
kundgegeben,  für  die  Verfassung  und  für  die  Volksrechte  einzutreten.  Ja,
meine  Herren,  das  sind  gerade  wir,  die  hier  für  die  Verfassung  und  für  die
Volksrechte  eintreten;  die  Verfassung  ist  auf  unserer  Seite,  und  das  Wohl
des  Volkes  —  —  Ich  weiß  nicht,  ich  hörte  einen  unartikulierten  Ton,  der
vielleicht  einen  Zweifel  an  dem  ausdrückte;  aber  ich  bin  ganz  bereit,  darüber

 

Rede  zu  stehen.  Ich  habe  das  gestern  schon  entwickelt:  die  Verfassung  und
die  Sorge  für  das  Volk  ist  vollständig  auf  unserer  Seite;  und  der  Herr
Vorredner  hat  auch,  um  die  Schwäche  seiner  Argumentation  —  trotz  des

gehobenen  Tones  blieb  sie  erkennbar  —  zu  verdecken,  plötzlich  die  preußische
Verfassung  herangezogen.  und  die  Thatsache,  daß  die  beschworen  wäre.  Ja,
die  wird  bestehen  bleiben;  auch  die  deutsche  Verfassung  wird  bestehen  bleiben.
(Bravo!)    Das  sind  ja  eben  Sie,  die  dagegen  ankämpfen,  gegen  die  verfassungsmäßige
  Institution  einer  Kaiserlichen  und  dauernden  Armee;  Sie  wollen
sie  zu  einer  Parlamentsarmee  machen.  Ich  nenne  eine  Parlamentsarmee
eine  solche,  deren  Bestand  von  der  wechselnden  Majorität  des  Parlaments
abhängig  ist.  Das  hat  die  Verfassung  nicht  gewollt.  Hätten  wir  das,  als
die  Verfassung  gemacht  wurde,  gewußt,  daß  wir  je  einem  Reichstag  mit  einer
solchen  Majorität  uns  gegenüber  befinden  würden,  oder  daß  diese  Forderung
jemals  aufgestellt  werden  würde  von  einem  Reichstag,  dessen  Majorität  für
die  polnischen  Interessen  gegen  die  deutschen  gestimmt  hat,  —  hätten  wir
das  voraussehen  können,  dann  hätten  wir  dem  Reichstag  nicht,  als  wir  die
Verfassung  machten  —  ich  habe  den  ersten  Entwurf  gemacht  —,  solche  Rechte,
wie  wir  ihm  gegeben  haben,  bewilligt,  weil  wir  gefürchtet  hätten,  das  Vaterland
  in  Gefahr  zu  bringen.  Wir  haben  auf  eine  ganz  andere  Haltung  des
Reichstags  gerechnet,  auf  eine  ganz  andere  Wirkung  der  Institution  und  der
erhebenden,  begeisternden  Thatsache,  daß  die  deutsche  Nation  nach  Jahrhunderten
  des  Leidens  endlich  einmal  einig  ist,  sicher  in  ihrer  politischen  Existenz,
  sicher  in  ihrer  Unabhängigkeit  gegen  das  Ausland,  sicher  in  Gemeinschaft
  mit  den  Vertretern  des  ganzen  deutschen  Volkes  ihre  eigenen  Ange-
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -14)  37

legenheiten  beraten  zu  können;  wir  haben  geglaubt,  daß  das  so  erhebend
wirken  werde  auf  Leute,  die  die  Entbehrung  von  allen  diesen  Dingen  auf
sich  haben  lasten  gefühlt,  daß  wir  zu  solchen  elenden  Streitigkeiten,  wie  sie
hier  vorliegen,  nie  gelangen  würden.  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)  Darin  haben
wir  uns  geirrt!  Auch  das  Volk  hat  sich  geirrt,  wenn  es  Sie  hierher  geschickt
  hat,  um  die  Rolle  zu  spielen,  die  Sie  jetzt  spielen.  (Bravo!  rechts.
Zischen  im  Zentrum  und  links.)  Also  die  Verfassung,  ich  wiederhole  es,  ist
auf  unserer  Seite;  das  Volksrecht,  der  Volksschutz  ist  auf  unserer  Seite.
Wir  wollen  das  Volk  schützen,  wir  wollen  den  Frieden  schützen;  Sie  wollen
es  darauf  ankommen  lassen,  Sie  sagen:  i  wo,  vielleicht  wird  es  doch  nicht
Krieg,  und  wenn  es  Krieg  gibt,  so  werden  wir  siegen,  ganz  gewiß  siegen;
—  das  hat  der  Herr  Vorredner  gesagt;  dabei  spielt  er  doch  immer  wieder
den  Zivil-Moltke,  das  ist  doch  nicht  zu  leugnen.  (Große  Heiterkeit.)  Der
Herr  Vorredner  hat  mich  kritisiert,  weil  ich  die  Armee  eine  kaiserliche  nannte,
und  gesagt,  eine  kaiserliche  hätten  wir  gar  nicht.  Nun,  die  Anfechtbarkeit
dieses  Ausdrucks  von  jemand,  der  eine  kritische  Spitze  probieren  will,  ist  mir
ja  von  Hause  aus  ganz  klar  gewesen,  und  ich  gebe  ihm  gern  zu,  daß,  wenn
ich  Kaiserliche  Armee  sage,  —  ich  habe  schon  gestern  mit  jemand  darüber
gesprochen,  —  ich  mir  sehr  wohl  bewußt  bin,  daß  der  Ausdruck  nicht  genau
der  Verfassung  entspricht;  ich  habe  ihn  nur  der  sprachlichen  Kürze  wegen
gebraucht.  Soll  ich  jedesmal  sagen:  die  Königlich  preußische,  Königlich
bayerische,  Königlich  württembergischer  Königlich  sächsische  Armee,  die  vereinigt
  sind  zu  einem  Reichsheer  ?  —  Das  würde  ja  Ihre  Zeit  unendlich  ermüden.
  Mit  diesen  kleinen  Erinnerungen  gegen  sprachliche  Ausdrücke  bringen
wir  wirklich  die  Sache  nicht  vorwärts;  mögen  Sie  die  Armee  kaiserliche
nennen  oder  wie  —  ich  hätte  sie  monarchische  nennen  können;  aber  das  hat
auch  wieder  sein  Bedenken:  wir  haben  Republiken  in  Deutschland,  die  Hansestädte,
  und  außerdem  macht  das  so  den  Eindruck,  als  ob  ich  die  Armee  als
rein  im  Dienste  der  Monarchie  gegen  die  Demokratie  oder  gegen  sonst  jemand
gedacht  hätte  —  kurz,  ich  bleibe  dabei  —  der  Herr  Abgeordnete  möge  es  mir
nicht  übel  nehmen  —  ich  werde  auch  ferner  den  Ausdruck  Kaiserliches  Kriegsheer
  und  Kaiserliche  Armee  gebrauchen;  ich  werde  niemand  damit  zu  nahe
treten,  und  ich  glaube,  ich  habe  erläutert,  was  ich  damit  meine.  Es  ist  eine
sprachliche  Kürze.  Wir  reden  ohnehin  beide  vielleicht  mehr,  als  notwendig
ist;  lassen  Sie  uns  also  doch  wenigstens  den  Vorteil,  die  Sache  etwas  abzukürzen.
  Außerdem  wird  die  Armee  doch  unter  gewissen  Umständen  eine  rein
kaiserliche;  einmal  sobald  Krieg  ist,  dann  namentlich,  sobald  von  Präsensziffer
  die  Rede  ist.  Nach  Art.  63  viertes  Alinea  hat  der  Kaiser  die  Verpflichtung
  —  ich  habe  das  schon  gestern  gesagt  —  hat  der  Kaiser  den  Präsenzstand
  zu  bestimmen,  den  Präsenzstand  der  Kontingente  des  Reichsheeres.
Nun,  das  ist  doch  eine  kaiserliche  Funktion,  die  in  Bezug  auf  das  ganze
deutsche  Heer  geübt  wird.  Dem  Herrn  Abgeordneten  ist  es  vielleicht  entfallen,
  daß  das  in  der  Verfassung  steht.  Es  ist  überhaupt  eine  fleißigere
Lektüre  der  Verfassung  zu  empfehlen  —  er  hat  neulich  gesagt,  er  könne  nicht
mehr  lesen;  aber  wenn  er  sich  die  Verfassung  öfter  vorlesen  ließe,  dann
würde er  auf  den  Gedanken  nie  kommen,  daß  die  Verfassung  auf  seiner

Seite  sei.

Der  Herr  Vorredner  und  auch  andere  Redner  haben  erwähnt,  die
Marine  passiere  doch  in  jedem  Jahre  ganz  ruhig  die  Scylla  und  Charybdis
der  Bewilligung.  Ich  habe  schon  gesagt:  das  ist  erfreulich.  Ich  möchte
aber  doch  auch  sagen,  wie  der  französische  Dachdecker:  cela  va  bien,  pourvu
due  cela  dure.  Wenn  Sie  auf  den  Gedanken  kommen  sollten,  uns  Schiffe
auf  1  Jahr  oder  3  Jahre  zu  bewilligen,  die  nachher  wieder  im  Aufstreich
zu  verkaufen  sind  oder  wieder  abzuschaffen  oder  wieder  abzulehnen,  dann
        <pb n="50" />
        38  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

würde  auch  die  Glätte,  mit  der  bisher  die  Marinebudgetverhandlungen  sich
entwickelt  haben,  doch  sehr  bald  aufhören.  Ich  weiß  nicht,  warum  Sie  zu
Wasser  koulanter  und  militärisch  einsichtiger  sind  als  zu  Lande.  Aber  hier
sind  wir  nun  einmal  zu  Lande,  und  ich  kann  mich  auf  Ihre  Liebenswürdigkeit
  und  Urteilsfähigkeit,  die  Sie  zu  Wasser  entwickeln,  nicht  einlassen.  (Heiterkeit.)
  Die  kürzeren  Fristen  haben  alle  den  Hintergedanken,  die  Entscheidung
  über  die  Stärke  des  Heeres  nicht  nur  in  die  Majorität  des  Reichstags
zu  legen,  sondern  den  Irrtum,  die  Legende  zu  erzeugen,  als  ob  sie  bereits  in
derselben  läge:  Sie  wollen  unvermerkt  unter  dem  Vorwand,  daß  Sie  es
immer  gehabt  hätten,  eine  Besitzergreifung  vollziehen.  Die  würde  vollzogen
sein,  wenn  wir  nur  jetzt  von  unserer  traditionellen  Vorlage  des  Septennats
durch  Sie  herunterdrücken  ließen  auf  drei  Jahre,  und  schon  aus  dem  Grunde
thun  wir  es  unter  keinen  Umständen.  Eine  Veränderung  des  Reichsstaatsrechts
  und  des  Begriffs  desselben  in  der  ganzen  Nation  ist  es,  wenn  die  verbündeten
  Regierungen  sich  auf  das  einlassen,  was  die  Majorität  uns  vorschlägt,
  und  wenn  sie  sich  zurückziehen  von  dem,  wofür  die  Vorlage  ursprünglich
  eingetreten  ist.
Der  Herr  Vorredner  hat  mir  nachher  verschiedene  Vorwürfe  gemacht,
auf  die  ich  doch  noch  mit  einer  Erwiderung  eingehen  muß.  Er  hat  mir
vorgeworfen,  wie  ja  öfter,  persönliche  Anfechtungen,  die  ich  gestern  ihm  gegenüber
  ausgeübt  hätte.  Ich  habe,  so  viel  ich  mich  erinnere,  gar  keine  Kritik
des  persönlichen  Verhaltens  des  Herrn  Vorredners  gestern  ausgesprochen;  ich
habe  seinen  Namen  meines  Wissens  überhaupt  immer  nur  genannt  als  Parteiführer.
  Das  ist  auch  lediglich  ein  Bedürfnis  sprachlicher  Kürze.  Wenn
ich  „Windthorst“  sage,  die  Partei  Windthorst,  so  meine  ich  immer  Herrn
Richter  mit  und  das  ganze  Heergefolge.  Ich  kann  sie  unmöglich  immer  aufzählen,
  ich  weiß  sie  kaum  auswendig,  all  die  Völkerschaften,  die  hinter  Herrn
Windthorst  marschieren.  Also  bitte  ich,  mir  die  sprachliche  Kürze  zu  gestatten,
  daß  ich  die  gesamte  heutige  Opposition,  die  auch  zum  Teil  aus  dem
Zentrum  besteht,  das  Zentrum  im  engern  Sinne,  die  Welfen,  die  Polen,  die
Elsaß-Lothringer,  soweit  sie  nicht  konvertiert  sind,  die  Sozialdemokraten  und
die  Volkspartei  unter  dem  Namen  des  Führers  der  Opposition  begreife.  Der
Herr  Abgeordnete  hat  vorher  gegen  die  Thatsache  protestiert,  daß  er  in  Verbindung
  mit  den  Sozialdemokraten  und  mit  dem  Abgeordneten  Grillenberger
genannt  worden  ist  und  hat  gesagt,  er  verkehre  sehr  freundschaftlich  mit  diesem
Herrn  zwar  (Abgeordneter  Dr.  Windthorst:  Das  habe  ich  nicht  gesagt!),
aber  er  wünschte  nicht,  immer  mit  demselben  identifiziert  zu  werden.  —  Ich
weiß  nicht,  ich  habe  ihn  so  verstanden,  als  ob  er  im  bürgerlichen  Leben  doch
nicht  mit  ihm  einig  wäre.  (Zuruf.)  —  In  den  politischen  Grundsätzen,  —
richtig!  das  war  es,  da  ist  er  nicht  einig.  In  der  Theorie  mag  er  nicht
einig  sein,  aber  in  der  Praxis  gehen  sie  immer  Hand  in  Hand.  Die  ganze
Fraktion  Windthorst  einschließlich  der  Sozialdemokraten  marschiert  in  geschlossener
  Kolonne.  Die  Politik,  die  der  Führer  verfolgt,  ist  eben  so,  daß
die  Sozialdemokraten  sie  mit  Vergnügen  mitmachen  können;  sie  ist  geeignet,
das  Bestehende  zu  erschüttern,  in  Bresche  zu  legen  und  in  Zweifel  zu  setzen;
(Abgeordneter  Dr.  Windthorst:  Ich  bitte  ums  Wort!)  und  das  können  die
Sozialdemokraten  immer  mitmachen.  Es  mag  geschehen,  aus  welchen  Gründen
  es  wolle,  Thatsache  ist,  daß  die  Sozialdemokraten  nie  in  die  Lage  kommen,
  anders  zu  stimmen  als  wie  das  Zentrum.  (Widerspruch  im  Zentrum.
Ruf:  Oho!)  —  Es  muß  schon  lange  her  sein,  daß  mir  kein  Fall  erinnerlich
ist.  (Zuruf:  Getreidezölle!)  In  der  polnischen  Frage  —  ich  bekümmere
mich  ja  mehr  um  das  Auswärtige  als  um  das  Innere  —  in  der  polnischen
Frage,  in  der  bulgarischen  Frage  waren  sie  einig;  da  hätten  die  Sozialdemokraten
  beinahe  sogar  die  Führung  übernommen,  aber  doch  immer  gestützt
        <pb n="51" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -14)  39

auf  die  „Germania“,  die  doch  nicht  ganz  ohne  Fühlung  mit  dem  Zentrum
sein  kann,  —  sonst  wäre  die  Reputation,  deren  sich  dies  Blatt  erfreut,  eine
sehr  ungerechte.  Aber  in  allen  auswärtigen  Fragen,  wo  die  Sicherheit  und
das  Ansehen  des  Reiches  am  meisten  interessiert  ist,  da  haben  die  Sozialdemokraten
  nie  einen  Anlaß  gehabt,  einen  anderen  Weg  zu  gehen,  als  er
ihnen  vom  Zentrum  vorgezeichnet  war.  Ist  das  nicht  richtig?  Ist  das
nicht  jetzt  wieder  der  Fall!  Es  mag  in  einzelnen  Fällen  vorgekommen  sein,
daß  sie  dissentiert  haben;  aber  ich  kann  mich  im  Ausenblicke  keines  Falles
erinnern,  wo  die  Opposition  des  Zentrums  gegen  die  Regierung  von  der  Art
gewesen  wäre,  daß  die  Sozialdemokraten  sie  nicht  hätten  mitmachen  können,
oder  wo  das  Zentrum  der  Regierung  so  nahe  getreten  wäre,  sie  zu  unterstützen,
  daß  die  Sozialdemokraten  einen  anderen  Weg  gegangen  wären.  Klären
wir  uns  einmal  darüber  auf;  ich  lasse  mich  ja  gern  belehren.  (Zuruf:
Zölle!)  —  Die  Zölle  haben  die  Sozialdemokraten  zum  Teil  mit  bewilligt.
(Widerspruch.)  —  Das  thut  mir  leid;  das  ist  aber  doch  schon  recht  lange
her.  Das  war  1878.  (Zuruf:  1884!)  —  Ich  glaube,  es  war  1878  oder
1879,  und  wir  schreiben  jetzt  1887.  Also  wenn  Sie  kein  neueres  Datum
mir  anzuführen  wüßten  —  —  (Zuruf:  1884!)  Wir  wollen  das  Zwiegespräch
  nicht  fortsetzen,  das  möchte  den  Herrn  Präsidenten  beunruhigen.  Ich
behaupte  nur,  daß  ich  persönliche  Anfechtungen  gegen  Herrn  Abgeordneten
Windthorst  gestern  nicht  gemacht  habe;  ich  habe  ihn  nur  als  Zentrumspartei,
als  Opposition  im  allgemeinen  genannt;  ich  sehe  in  ihm  die  Negation  verkörpert,
  und  das  habe  ich  nur  bezeichnen  wollen.  Dann  hat  er  mir  gesagt,
er  habe  keine  Ambition,  Minister  zu  sein.  Ja,  ich  klebe  noch  immer  etwas
an  den  ersten  Traditionen,  die  ich  auf  der  Universität  eingesogen  habe  über
die  Kriterien  eines  konstitutionellen  Regiments,  das  ja  hauptsächlich  nach
englischem  Muster  sich  richtete,  —  es  ist  schon  lange  her;  da  wurde  im  allgemeinen
  der  Grundsatz  aufgestelt  man  hat  nur  insoweit  das  Recht,  Opposition
  zu  machen,  als  man  bereit  ist,  wenn  die  Regierung  sich  nicht  darauf
einläßt  oder  deshalb  zurücktritt,  die  Regierung  selbst  zu  übernehmen.  Das
mag  ja  heute  nicht  mehr  gelten.  Der  Herr  Abgeordnete  sagt,  er  hat  nicht
den  Ehrgeiz,  Minister  zu  werden;  aber  er  hat  vielleicht  doch  den  Ehrgeiz
oder  die  Absicht,  denen,  die  es  sind,  das  Gewerbe  möglichst  zu  erschweren;
wenn  er  dabei  sich  ganz  außer  stande  fühlt,  es  seinerseits  besser  zu  machen,
und  absolut  darauf  verzichtet,  so  ist  es  eigentlich  kein  gemeinnütziges  Gewerbe,
nur  den  öffentlichen  Dienst  zu  erschweren,  ohne  in  sich  die  Fähigkeit  und  die
Absicht  zu  verspüren,  es  jemals  besser  zu  machen.  Wenn  ich  mich  darauf
berufe:  werden  Sie  doch  Minister  an  meiner  Stelle!  —  so  habe  ich  nur
sagen  wollen:  ich  werfe  Ihnen  die  unkonstitutionelle  Auffassung  vor,  daß
Sie  es  für  erlaubt  halten,  einem  Minister  in  Lebensfragen,  wie  diese  ist,  so
das  Leben  schwer  zu  machen,  ihn  vielleicht  in  die  Unmöglichkeit  einer  Weiterführung
  der  Geschäfte  zu  versetzen,  ohne  daß  Sie  —  die  Fähigkeit  ist  ja  bei
dem  Herrn  Vorredner  vorhanden  —  die  mindeste  Lust  verspüren,  die  Bürde,
die  Sie  dem  anderen  unerträglich  machen,  ihm  nachher  abzunehmen.  (Abgeordneter
  Dr.  Windthorst:  Wollen  noch  darüber  sprechen!)

Dann  hat  der  Herr  Abgeordnete  eine  Bürgschaft  übernommen,  die
ich  doch  nicht  in  meiner  amtlichen  Stellung  acceptieren  kann:  das  ist  die
Bürgschaft  für  die  Friedensliebe  Frankreichs.  Er  hat  offen  erklärt,  daß  die
Franzosen  uns  nicht  angreifen  werden.  Nun,  er  mag  ja  die  französischen
Verhältnisse  und  Neigungen  durch  die  vielen  Quellen,  die  ihm  seine  katholischen
  Beziehungen  geben,  vielleicht  genauer  kennen  als  ich;  aber  sind  diese
Quellen  auch  ihrerseits  vollständig  gut  unterrichtet,  so,  daß  sie  die  Stimmung
dort  kennen?  Ist  es  nicht  vielleicht  mehr  das  geistliche  und  gläubige  Frankreich,
  mit  dem  er  Beziehungen  haben  kann?  Das  amtliche  Frankreich,  wie
        <pb n="52" />
        40  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

es  angenblicklich  beschaffen  ist,  ist  ja  auch  friedlich  gesinnt.  Ich  habe  da
mehr  mein  eigenes  Urteil,  ich  möchte  sagen,  naturwissenschaftliches  und  historisches
  Urteil  über  das  Naturell  der  Franzosen.  Ich  glaube,  wie  ich  gestern
schon  sagte,  daß  sie  uns  angreifen,  wenn  sie  entweder  des  Sieges  sicher  zu
sein  glauben,  oder  wenn  sie  finden,  daß  sie  im  Inlande  nicht  mehr  aus  noch
ein  wissen  und  versuchen  wollen,  wenn  sie  mit  dem  patriotischen  Sturm  auf
das  Ausland  losgehen,  ob  das  ihnen  nicht  eine  stärkere  Haltbarkeit  ihrer
heimischen  Zustände  wieder  verleiht.  Es  ist  ja  schon  mancher  Krieg  gemacht
worden  in  der  Absicht,  die  inneren  Verhältnisse  zu  befestigen,  warum  sollten
die  Franzosen  das  nicht  auch  thun?  Der  Herr  Abgeordnete  Windthorst  ist  der
Meinung,  das  sei  nicht  der  Fall.  Wenn  es  nun  doch  geschieht,  was  thun
wir  mit  ihm?  Sollen  wir  ihn  den  Franzosen  ausliefern?  (Heiterkeit.)  Jedenfalls
  ist  er  dann  verantwortlich.  Er  hat  dann  trotz  aller  Proteste  wieder
in  der  Frage,  ob  die  Franzosen  gefährliche  Gegner  für  uns  wären,  es  besser
gewußt  als  der  Graf  Moltke;  er  hat  wieder  gesagt:  sie  sind  vollständig  ungefährlich.
  Der  Herr  ist  immer  entrüstet,  wenn  ich  ihm  sage,  er  glaube  die
Sache  militärisch  besser  zu  verstehen,  in  welcher  ich  mir  kein  Urteil  anmaße.
Wenn  Graf  Moltke  mir  sagt:  wir  sind  wohl  sicher,  die  Franzosen  zu  schlagen,
—  so  bescheide  ich  mich;  wenn  er  mir  aber  sagt:  es  ist  doch  nützlich,  daß
wir  uns  etwas  stärker  machen,  wir  können  nicht  wissen,  es  ist  eine  ganz
ausgezeichnete  Armee,  hat  sich  sehr  gut  im  Felde  geführt,  wir  müssen  unsere
Verstärkung  im  Auge  haben,  —  so  glaube  ich  ihm  auch,  und  ich  möchte  gern  den
Herrn  Abgeordneten  zu  demselben  Maße  von  Bescheidenheit  auf  militärischem

Gebiete  herunterdrücken,  das  ich  habe.  Dann  hat  der  Her  Abgeordnete  mir
vorgeworfen,  ich  hätte  die  Karolinenfrage  einmal  für  sehr  wichtig  gehalten,
und  dann  hätte  ich  sie  eine  Lumperei  genannt.  Der  Herr  Abgeordnete  verwechselt
  dabei  zwei  Dinge,  die  ja  heute  zusammengehören,  die  aber  damals
nach  meiner  Meinung  nicht  zusammengehörten:  das  sind  die  Karolinen  und
Spanien.  Ich  halte  die  Karolinen  noch  heute  für  eine  Lumperei;  das,  was
wir  dort  erwarten  und  erstreben  konnten,  war  ein  Geschäft  von  ungefähr  —
ich  glaube  mich  zu  erinnern  —  60  000  Mark  jährlich.  Die  deutschen  Kaufleute,
  die  da  waren,  eten,  entweder  einer  oder  alle  zusammen,  60  000  Mark
oder  vielleicht  120  000  Mark  um;  —  wieviel  dabei  reiner  Gewinn  war,  weiß
ich  nicht.  Wegen  dieser  Sache  mit  Spanien  Krieg  zu  führen,  wäre  mir  nie
im  Traume  eingefallen;  und  hätten  wir  eine  Ahnung  haben  können,  daß
Spanien,  welches  1877  amtlich  zugegeben  hatte,  auf  unsere  und  die  Anfrage
Englands  amtlich  erklärt  hatte,  daß  es  keinen  Anspruch  auf  die  Karolinen
mache,  —  hätten  wir  ahnen  können,  daß  Spanien  mit  seinem  Anspruch
plötzlich  hervortreten  würde,  so  hätten  wir  von  diesem  ziemlich  wertlosen
Besitze  —  es  war  das  Geschäft  zweier  Handelshäuser  —  die  Finger  gelassen.
Denn  ein  Krieg  mit  Spanien  ist  zwar  nicht  gefährlich  für  unsere  innere
Sicherheit,  —  wir  wohnen  zu  weit  von  einander  entfernt;  aber  es  wäre
doch  immer  eine  sehr  kostspielige  Fach  gewesen,  und  unser  Handel  mit
Spanien,  der  sehr  erheblich  ist,  hätte  sehr  darunter  gelitten.  Also  ich  bezeichne
  die  Karolinen  noch  heute  als  eine  Lumperei,  und  gerade  weil  es  eine
Lumperei  ist,  habe  ich  mit  Spanien  deshalb  Frieden  haben  und  den  Krieg
nicht  herbeiführen  wollen.  Weil  Spanien  die  Sache  aus  einem  sehr  viel
höheren  Tone  nahm,  als  wir  vorausseten  konnten,  und  uns  zum  Teil  durch
Verletzungen  und  Beleidigungen  das  Erhalten  des  Friedens  sehr  erschwerte,
—  nach  französischen  Traditionen  hätte  man  vielleicht  einen  vollen  Kriegsanlaß
  daraus  genommen,  —  haben  wir  uns  an  die  Weisheit  und  Friedensliebe
  Seiner  Heiligkeit  des  Papstes  gewendet,  und  der  hat  uns  vertragen  und
auseinandergesetzt.  Dadurch  sind  wir  die  Lumperei  der  Karolinen  allerdings
wieder  los  geworden;  aber  wir  sind  dadurch  der  sehr  wichtigen  Frage  der
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  --14.)  41

Möglichkeit  eines  Krieges  mit  Spanien,  in  dem  wir  nichts  weiter  zu  gewinnen
hatten  als  eben  die  Interessen  der  Firma  Gernsheim  und  irgend  einer  anderen,
  aus  dem  Wege  gegangen.  Das  war  durchaus  eine  sehr  ernsthafte
Sache,  für  die  wir  dankbar  sein  können.  Ich  weiß  nicht,  warum  der  Herr
Vorredner  diese  Sache  wieder  aufgewärmt  hat.  Er  stand  da  wieder  in
Sympathie  mit  einer  anderen  sonst  nicht  reichsfreundlichen  Partei,  der  Volkspartei.
  Ich  glaube,  der  Herr  Abgeordnete  Payer  war  derjenige,  der  auch
von  den  Karolinen  sprach,  wenn  ich  nicht  irre,  bei  der  ersten  Diskussion;
ich  erinnere  mich,  das  gelesen  zu  haben.  Also  der  Führer  dieser  bunten
gesamten  Opposition,  dieses  Konsortiums,  hat  doch  Fühlung  mit  allen  einzelnen
  Teilen  seines  Heeres,  und  so  auch  mit  der  Volkspartei  hier  wieder
bei  den  Karolinen.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  auch  mit  einem  gewissen  Pathos,
das  mir  bewies,  daß  er  darauf  Wert  legte,  gesagt,  wir  scheuten  das  Zusammenleben
  mit  den  Arbeitern,  und  hat  dadurch  einen  gewissen  sozialistischen
Ton  angeschlagen,  den  wir  neuerdings  in  den  Zeitungen,  besonders  in  der
„Germania“  gefunden  haben.  In  der  „Germania“  geht  es  ja  bis  zum  Hetzen
zum  Klassenhaß.  Ich  hatte  den  Eindruck,  daß  der  Herr  Abgeordnete,  als
er  das  sagte,  sich  im  Augenblick  vielleicht  um  einige  Wochen  irrte  und  schon
zu  seinen  Wählern  zu  sprechen  glaubte,  daß  er  die  Arbeiterfrage  nur  einschieben
  wollte,  weil  die  Arbeiter  eine  ganze  Menge  Stimmen  haben.  Er
sagte,  wir  scheuten  das  Zusammenleben  mit  den  Arbeitern.  Nun,  meine
Herren,  ich  sehe  gewöhnlich,  in  jedem  Jahre  glaube  ich,  mehr  Arbeiter  und
spreche  mehr  Worte  mit  Arbeitern  als  mit  anderen  Menschen,  wenn  ich  den
Reichstag  vielleicht  ausnehme.  Wenn  ich  auf  dem  Lande  bin,  wo  ich  lange
lebe,  so  gibt  es  keine  Arbeiterwohnung,  die  mir  unbekannt  wäre;  die  meisten
Arbeiter  kenne  ich  persönlich,  und  spreche  mit  ihnen  persönlich,  und  ich  scheue
die  Berührung  mit  ihnen  gar  nicht.  Es  gibt  keinen  Arbeiter,  der,  wenn  ich
komme,  nicht  auf  die  Schwelle  tritt,  mir  vertraulich  die  Hand  gibt,  mich  bittet,
hereinzukommen,  einen  Stuhl  abwischt  und  wünscht,  daß  ich  mich  setzen  möchte.
Ich  kenne  deshalb  auch  die  Stimmung  der  Arbeiter  ziemlich  genau.  Die  Frage,
wie  viel  Geld  das  Heer  kostet,  habe  ich  von  ihnen  nie  berühren  gehört;  das
aber  kann  ich  Sie  versichern,  so  weit  ich  sie  kenne:  für  die  Sicherheit  des  Reiches
einzustehen  mit  dem  Gewehr  in  der  Hand  und  zu  kommen  auf  des  Königs  Ruf
jedesmal,  wo  er  sie  ruft,  dazu  sind  sie  alle  bereit  jeden  Tag  und  alle  ohne
Ausnahme.  (Bravol)  Sie  beurteilen  unsere  Arbeiter  ganz  falsch,  wenn
Sie  glauben,  daß  sie  die  Finakserien  über  den  Gewinn  von  parlamentarischem
Übergewicht  begreifen,  und  daß  es  ihnen  lieber  ist,  von  der  parlamentarischen
Oppofitionsführung,  von  den  Herren  Windthorst  und  Richter,  beherrscht  zu
werden  als  von  der  Regierung  des  Königs.  Das  sind  alles  Irrtümer,  und
das  haftet  bei  den  Leuten  auch  nicht,  das  kommt  ihnen  nicht  durch  die  äußere
Haut.  Sie  müssen  die  Arbeiter  nicht  nach  den  paar  Führern  beurteilen,  die
von  der  Beredsamkeit  ihre  Stellung  herleiten,  und  die  sich  Arbeiter  noch
nennen,  aber  längst  nicht  mehr  sind;  das  sind  nur  Abeiter  in  Stiftung  von
Unfrieden,  aber  ihr  Handwerk  haben  sie  längst  aufgegeben,  —  eigentliche
Arbeiter  sind  sie  nicht  mehr.

Nun  hat  mir  der  Herr  Vorredner  vorgeworfen,  daß  ich  gestern  die
Toten  noch  beunruhigt  hätte  —  auf  eine  für  die  siegende  Seite  wenig schevalereske
Weise,  indem  ich  den  Schatten  des  Königs  Georg  zitiert  hätte.  Er  hat  gethan,
  als  wenn  ich  das  mutwillig  herbeigebracht  hätte,  und  hat  gesagt,  er
würde  das  nicht  zur  Sprache  bringen,  wenn  er  nicht  angegriffen  wäre.  Ja,
ich  habe  ihn  gar  nicht  angegriffen.  Ich  habe  nur  die  Folgen  geschildert,
die  eine  volle  Niederwerfung  des  deutschen  Reiches  durch  die  Franzosen  haben
würde,  und  habe  unter  den  Folgen  die  Wiederherstellung  des  Königreichs
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        42  Fos  deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

Hannover  genannt.  Das  ist  doch  das  wahrscheinlichste  und  nächstliegende,
was  die  Franzosen  thun  würden,  um  das  deutsche  Reich  in  seinem  Zusammenhange
  und  Preußen  als  Hauptglied  des  Reiches  zu  schwächen.  Auch  Holstein
  würden  wir  abtreten  müssen  und  einiges  andere.  Darauf  hat  der  Herr
Abgeordnete  in  seiner  Rede  gesagt,  ich  sollte  ihm  irgend  einen  Hannoveraner
nennen,  der  jemals  beabsichtigen  könnte,  mit  den  Franzosen  zusammen  gegen
Deutschland  zu  marschieren.  Da  habe  ich  ihm  zugerufen:  König  Georg  V.]
Der  tr  Abgeordnete  hat  mich  provoziert,  er  hat  das  Bedürfnis,  jedesmal
seinerseits  tapfer  für  sein  Welfentum  einzutreten.  Er  hat  gesagt:  nennen
Sie  mich  immerhin  einen  Welfen,  ich  bin  stolz  darauf.  Ich  acceptiere  die
Erlaubnis  und  werde  ihn  in  Zukunft  immer  einen  Welfen  nennen  und  für
einen  Welfen  halten.  Er  hat  angedeutet,  als  ob  durch  meine  Außerung  die
Verdienste  des  X.  Armeekorps  irgendwie  geschmälert  würden,  die  diese  ausgezeichnete
  tapfere  Truppe  sich  im  Kriege  erworben  hat.  Ja,  meine  Herren,
das  ist  doch  auch  wohl  nur  gesagt,  um  eine  Unzufriedenheit  anderer  und
vielleicht  des  X.  Armeekorps  zu  erregen,  was  nicht  gelingen  wird.  Die
Thaten  des  X.  Armeekorps  sind  ja  ganz  andere,  sie  bewegen  sich  in  einer
anz  anderen  reichstreuen  Richtung,  als  die  Haltung  der  Welfenpartei  sowohl
hier  im  Hause  als  im  Lande.  Das  X.  Armeekorps,  die  Hannoveraner  im
ganzen,  sind  eine  Stütze  des  Reiches;  das  kann  ich  doch  von  der  Welfenpartei
  hier  im  Hause  nicht  sagen,  und  ich  habe  Vorwürfe  über  diese,  wie
sie  der  Herr  Abgeordnete  vorgebracht,  gar  nicht  gemacht.  Ich  habe  nur
Thatsachen  angeführt,  und  die  Thatsachen  sind  ganz  unwiderlegbar.  Die
Verteidigung  war  vielmehr  auf  meiner  Seite.  Herr  Windthorst  hat  die
Neigung  der  Hankioveraner,  ich  meine  das  hannoveranische  Haus,  sich  durch
Frankreich  wieder  in  den  Besitz  setzen  zu  lassen,  damit  entschuldigt,  daß  wir
die  Verhandlungen  mit  dem  König  Georg  in  Nikolsburg  und  hier  in  Berlin
E  abgewiesen  hätten.  Nun,  das  Wort  „schnöde"  hat  der  Herr  Präsident
schon  moniert.  Wir  haben  sie  abgewiesen;  das  ist  richtig;  aber  noch  viel
—  ich  will  nicht  sagen  schnöder,  aber  schärfer  sind  unsere  Bestrebungen  abgewiesen
  worden,  im  Frühjahr  1866  mit  Hannover  zu  verhandeln.  Wir
haben  der  hannoveranischen  Regierung,  dem  König  Georg,  damals  angeboten:
Wir  sehen  den  Krieg  voraus  mit  Osterreich,  versprecht  uns  neutral  zu
bleiben,  dann  habt  Ihr  das  Wort  des  Königs  von  Preußen,  daß  Euch  nichts
geschieht;  wir  verlangen  nicht  Euren  Beistand,  wir  verlangen  nicht,  das
erhältnis  im  siebenjährigen  Kriege  zu  wiederholen  —  wo  die  hannoveranischen
  Truppen  an  unserer  Seite  gefochten  haben  —,  wir  verlangen  nur  Euer
Wort,  daß  Ihr  still  sitzen  wollt,  dann  werden  wir  Euer  Territorium  respektieren
  und  Euch  als  neutrale  Macht  betrachten,  und  der  Krieg  mag  ausfallen,
wie  er  will,  Ihr  werdet  sicher  sein,  in  Eurem  Besitz  zu  bleiben.  Es  wurde
darauf  eingegangen,  und  das  Verhältnis  war  eine  Zeit  lang  sogar  so  freundlich,
  daß  eine  Verlobung  einer  hannöverschen  Prinzessin  mit  einem  preußischen
  Prinzen  im  ersten  Frühjahr  1866  in  Verhandlungen  mit  dem  Grafen
Platen,  der  damals  mich  zu  diesem  Zwecke  besuchte,  geplant  wurde  und  so
weit  zu  stande  kam,  daß  die  jungen  Herrschaften  sich  bloß  noch  einmal  sehen
sollten,  um  zu  entscheiden,  ob  sie  sich  konvenierten.  So  vertraut  und  freundschaftlich
  war  unser  Verhältnis.  Da  kamen  plötzlich  verschiedene  einflußreiche
Persönlichkeiten  —  ob  mit  oder  ohne  Auftrag  von  Wien,  das  weiß  ich
nicht  —,  die  den  König  Georg  umgestimmt  haben.  Er  fing  an  zu  rüsten
und  Truppen  auszuheben,  (Abgeordneter  Dr.  Windthorst:  Im  Generalstabswerk
  stehts  anders!)  in  der  Absicht,  seine  Armee  zu  verstärken,  eine  Absicht,
die  mit  der  Neutralität  nicht  verträglich  war.  Wir  erkundigten  uns  nach
den  Gründen  —  es  war  im  Frühjahr  —,  und  es  wurde  uns  geantwortet,
wegen  der  möglicherweise  bevorstehenden  Teurung  der  Preise  wollte  man  statt
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        Das  deutsche  Reich  und  seinr  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  43

des  Herbstmanövers  ein  Frühjahrsmanöver  machen.  —  Sie  kennen  die  bekannte
  Phrase:  zum  Frühjahr  wird  der  alte  Fritz  ein  Herbstmanöver  machen,
—  und  so  wurde  uns  auch  damals  geantwortet.  Die  Antwort  kann  ich
wohl,  ohne  zu  weit  zu  gehen,  eine  schnöde  nennen.  Inzwischen  war  ein
hoher  Herr  und  Verwandter  des  hannoverschen  Hauses  nach  Hannover  gekommen
  und  hatte  dort  Anerbietungen  gemacht,  auf  die  ich  nicht  zurückgreifen
  will,  hatte  von  800  000  Österreichern  gesprochen  und  hatte  den  König
überzeugt,  daß  der  österreichische  Sieg  ganz  sicher  sein  würde.  Er  hatte  gesagt:
  wer  weiß,  wie  es  ausfällt,  wenn  die  Österreicher  fiegen,  —  während
wir  sagten:  wenn  Ihr  mit  Preußen  geht  oder  auch  nur  neutral  bleibt  —
denn  mehr  als  das  verlangen  wir  nicht  —,  so  seid  Ihr  ja  ganz  sicher  nach
dem  Ausgange  —  einen  Bundesgenossen  und  ebenso  sehr  einen  Neutralen,
der  das  Wort  des  Königs  hat,  kann  Preußen  ja  gar  nicht  anfassen  und  wird
es  auch  nicht;  mit  dem  muß  es  nachher  unterhandeln  —;  unterliegen  wir,
dann  könnt  Ihr  immer  sagen  so  wie  wir  nach  der  geographischen  Lage  von
Hannover  zwischen  Magdeburg  und  Minden  liegen,  war  es  uns  ganz  unmöglich,
  wir  haben  die  Neutralität  acceptieren  müssen.  Das  konnte  dem
König  von  Hannover  niemand  zum  Vorwurf  machen.  Nichtsdestoweniger
hat  man  Neigung  gehabt,  über  uns  herzufallen,  und  vielleicht  in  der  Absicht
—  die  Zeugen,  die  ich  dafür  habe,  kann  ich  nicht  nennen,  deshalb  will  ich
es  nicht  sicher  behaupten  —,  eine  territoriale  Vergrößerung  im  Falle  des
Unterliegens  Preußens  zu  gewinnen,  in  der  Absicht  hat  man  sich  schließlich
auf  österreichische  Seite  gestellt.  Nun,  das  nenne  ich  in  der  That  eine  doch
wenigstens  unfreundliche  Zurückweisung  und  insbesondere,  nachdem  die  Verhandlungen
  einmal  so  weit  gediehen  waren,  daß  wir  glaubten,  der  Neutralität
  sicher  zu  sein,  und  nahe  daran  waren,  unsere  fortdauernde  Freundschaft
durch  eine  Familienverbindung  zu  befestigen.  Gerade  wenn  man  in  der
geographischen  Lage  des  Königreichs  Hannover  war,  so  mußte  man  Preußen
nicht  in  diese  Versuchung  führen.  Es  war  ganz  ähnlich  mit  Seiner  Hoheit
dem  Herzog  von  Nassau,  der  eine  Politik  führte,  die  überall  möglich  gewesen
wäre,  nur  nicht  unter  den  Kanonen  von  Ehrenbreitstein.  Auch  die  Politik,
wie  sie  Hannover  führte,  eine  aktiv  gegen  Preußen  eingreifende  Politik  war
überall  möglich,  nur  nicht  zwischen  Minden  und  Magdeburg,  in  unserem
Rücken,  während  wir  mit  Österreich  zu  thun  hatten.  Es  ist  da  wenigstens
nicht  klug  operiert  worden.  Ich  habe  zu  all  diesen  nachträglichen  historischen
Reminiszenzen  gar  keinen  Anlaß,  als  den  starken  Ausdruck  sittlicher  Entrüstung,
  den  ich  hier  vorhin  auf  der  Tribüne  gehört  habe,  und  der  mich
wenig  berührt  hat.

Nun,  meine  Herren,  kann  ich  Ihnen  nach  diesem  Exkurs,  in  dem  ja
viele  Wiederholungen  sind  von  dem,  was  ich  gestern  gesagt  habe,  nur  nochmals
  die  dringende  Bitte  aussprechen:  entschließen  Sie  sich,  schon  in  der
zweiten  Lesung  die  volle  Vorlage  mit  dem  Septennat  anzunehmen.  Ich
wiederhole  Ihnen,  daß  wir  das,  was  der  Abgeordnete  Windthorst  „jeden
Mann  und  jeden  Thaler“  nennt,  auch  dann  auf  drei  Jahre  nicht  annehmen
würden,  wenn  das  eine  wirkliche  Wahrheit  wäre,  daß  wir  jeden  Mann  und
jeden  Thaler  erhalten,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  wir  nicht  das  Beispiel
  geben  wollen,  Kompromisse,  die  einmal  beschlossen  sind,  wieder  zu  lösen
und  zu  verlassen;  wir  wollen  Sie  auf  diesem  Wege  nicht  ermutigen,  und
wir  wollen  die  Anlässe  zu  Konflikten  und  Verstimmungen  nicht  häufen.  Die
Auflösung  eines  Reichstags  ist  ja  ein  vollständig  verfassungsmäßiges  Mittel.
Wenn  der  Herr  Abgeordnete  Windthorst  sagt,  daß  ich  dabei  Leute  zu  erreichen
  hoffte,  die  zu  allem  Ja  sagen,  was  ich  wünsche,  so  macht  er  den  Wählern
  ein  falsches  Bild  von  meinen  Wünschen.  Ich  glaube,  ich  habe  mich
nie  in  der  Welt  als  einen  unbilligen  und  bis  zur  thörichten  Überhebung
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        44  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

unbilligen  Menschen  gezeigt,  und  bei  jedem,  der  mich  kennt,  wird  der  Abgeordnete
  Windthorst  mit  dieser  Charakteristik  von  meiner  Person  keinen  Glauben
  finden.  Ich  habe  mit  der  konservativen  Partei  ja  manchen  Strauß  gehabt,
  und  die  Galle  ist  mir  in  meinem  Leben  sehr  viel  öfter  übergegangen
über  meine  Freunde  als  über  meine  Gegner:  aber  nichtsdestoweniger  habe
ich  mich  nie  dazu  veranlaßt  gesehen,  irgend  jemandem  wegen  Meinungsverschiedenheiten
  Vorwürfe  zu  machen.  Ich  glaube  im  Gegenteil,  die  Herren
Führer  der  Opposition  sind  durch  den  blinden  Gehorsam,  den  sie  als  Herrscher
über  gebogene  Kniee  in  ihren  Fraktionen  zu  finden  gewohnt  sind,  ihrerseits
so  verwöhnt  (oho!  links  und  im  Zentrum),  daß  sie  auch  den  Widerspruch
der  Regierung  nicht  mehr  vertragen.  Ich  bin  vielleicht  der  einzige  Mensch,
der  im  Laufe  des  ganzen  Jahres  es  wagt,  dem  Abgeordneten  Windthorst  zu
widersprechen.  Ist  hier  im  Reichstage  irgend  einer,  der  die  Kourage  dazu
hat,  —  außer  den  Sozialdemokraten?  Diese  haben  den  Mut  —  aber  von
den  übrigen  sind  alle  in  der  Furcht  vor  dem  Herrn  Parteichef,  und  der  ist
seinerseits  keinen  Widerspruch  gewohnt  und  gerät  in  Zorn  und  sittliche  Entrüstung,
  nur  weil  ich  anderer  Meinung  bin  als  er  über  die  Auflösung.
Darum  keine  Feindschaft!  Kommen  Sie  alle  wieder,  dann  werden  wir  uns
ganz  dieselben  Reden  über  drei  Monate  hier  halten,  die  wir  heute  gehalten
haben;  aber  die  Überzeugung  der  verbündeten  Regierungen  und  ihre  feste
Entschlossenheit  in  Bezug  auf  die  Wehrhaftigkeit  des  Volkes,  die  sie  für  notwendig
  halten,  nicht  um  ein  Haar  breit  nachzulassen,  wird  in  drei  Monaten
dieselbe  sein  wie  heute.“  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)

Am  folgenden  Tage  verwahrt  sich  Graf  Moltke  gegen  irrige  Auslegungen
  seiner  Rede,  indem  er  feststellt,  daß  er  wohl  anerkannt  habe,  daß
nach  den  Worten  Windthorsts  der  Reichstag  bereit  sei,  den  letzten  Mann
und  den  letzten  Groschen  zu  bewilligen,  diese  Bereitwilligkeit  aber  nutzlos
werde  durch  eine  Zeitbeschränkung,  weil  neue  Formationen  erst  im  langen
Laufe  der  Zeit  wirksam  würden  und  Stabilität  und  Dauer  die  Grundlage
aller  militärischen  Organisationen  bilde.

Abg.  Richter  (df.)  bekämpft  die  Behauptungen  Bismarcks,  in  der
bulgarischen  Frage  habe  die  freisinnige  Presse  die  Reichsregierung  mit  Beschimpfungen
  überhäuft  und  in  einen  Krieg  mit  Rußland  zu  drängen  gesucht,
und  verliest  eine  Anzahl  Äußerungen  aus  nationalliberalen  und  konservativen
Zeitungen,  welche  die  Haltung  der  offiziösen  Presse  in  dieser  Angelegenheit
tadeln.  Sodann  führt  er  gegen  den  Reichskanzler  aus,  daß  der  deutsche
Reichstag  keineswegs  im  Vergleiche  zu  andern  Volksvertretungen  gegen  die
militärischen  Forderungen  der  Regierung  zurückhaltend  gewesen  sei,  sondern
stets  und  reichlich  bewilligt  habe.  So  sei  es  doch  der  Volksvertretung  zu
danken,  daß  heute  das  Reichsheer  mit  dem  Repetiergewehr  bewaffnet  allen
andern  Heeren  überlegen,  sei.  In  dem  Schlagworte  vom  Parlamentsheere
findet  Redner  eine  arge  Ubertreibung,  dann  wären  schon  alle  auf  jährlicher
Budgetbewilligung  beruhenden  militärischen  Formationen  von  jeher  nicht  kaiserliche,
  sondern  Parlamentsheeresteile,  aber  es  habe  noch  niemand  den  Feldmarschall
  Grafen  Moltke  als  den  Generalstabschef  der  Herren  Windthorst,
Grillenberger  und  Richter  bezeichnet.  Weiter  sucht  Redner  die  Gleichgiltigkeit
  der  Frage,  ob  7  oder  3  Jahre,  für  den  Zweck  der  Vorlage  darzuthun
und  will  endlich  nachweisen,  daß  die  Differenz  von  14,000  Mann,  welche
zwischen  der  geforderten  und  der  von  seiner  Partei  ursprünglich  bewilligten
Kopfstärke  bestanden,  von  der  Militärverwaltung  sehr  wohl  durch  eine  nur
4—5  Köpfe  auf  die  Kompagnie  jährlich  mehr  betragende  Entlassung  von
Dispositionsurlaubern  hätte  ausgeglichen  werden  können,  um  die  gewünschte
Gesamtverstärkung  des  Heeres  dennoch  zu  erreichen.  Endlich  sei  die  Frage
überhaupt  nicht  eine  rein  militärische,  sondern  eine  Frage  der  Abwägung
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        Das  denische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  45

militärischer  Interessen  mit  den  Rücksichten  der  Volkswirtschaft,  da  sei  der
vom  Kanzler  gemachte  Hinweis  auf  das  Wachstum  der  Sparkasseneinlagen
als  eines  Zeichens  wachsenden  Volkswohlstandes  und  demgemäß  größerer  Belastungsfähigkeit
  falsch.  Das  Wachstum  der  Spareinlagen  sei  nur  eine  Folge
des  Sinkens  des  Zinsfußes  und  der  großen  Unsicherheit  von  Kapitalsanlagen
in  Inhaberpapieren,  also  nur  eine  andere  Kapitalsplazierung  als  bisher.
Die  ganze  Politik  des  Kanzlers  sei  überhaupt  nicht  so  sehr  von  der  Sicherung
egen  das  Ausland,  sondern  von  der  Sicherung  gegen  das  eigene  Volk  beerrscht
  und  so  sei  die  gedrohte  Auflösung  ein  Mißtrauensvotum  gegen  das
Volk.  Die  Pflichttreue  gegen  das  Vaterland  sei  aber  nicht,  wie  es  der  Reichskanzler
  darstelle,  allein  bei  den  Regierungen,  die  Mehrheiten  in  den  Volksvertretungen
  nicht  getragen  von  mangelnder  Einsicht,  von  mangelndem  Pflichtgefühl,
  nicht  böswillige  oder  zufällige  Mehrheiten.  Der  Reichstag  sei  nicht
loß  aus  einer  Art  von  gutmütiger  Zulassung  durch  die  Regierungen  entstanden,
  sondern  er  sei  notwendig  gewesen  als  eine  Klammer  für  die  deutsche
Einigkeit,  er  sei  wie  das  Heer  ein  Einigungsband.  Die  gedrohte  Auflösung
erfolge  auch  nicht  wegen  der  Militärvorlage,  sondern  ihr  Zweck  sei,  mehr
Geld  zu  bekommen.  In  einem  nach  dem  Wunsche  des  Kanzlers  gewählten
Reichstage  würde  bald  von  dem  Militär  nicht  mehr  die  Rede  sein,  wie  nach
1878  nicht  vom  Sozialistengesetz,  sondern  von  neuen  Steuer=  und  Monopol--plänen
  und  bald  auch  von  Verfassungsrevisionen.  Der  Versuch  des  Kanzlers,
  die  Person  des  Kaisers  in  diese  Bewegung  zu  tragen  und  gewissermaßen
ein  Plebiszit  zu  veranstalten  über  das,  was  der  Kaiser  wolle  und  was  nicht,
trüge  nicht  dazu  bei,  das  Ansehen  des  Kaisertums  im  Volke  zu  kräftigen;
nich's  habe  mehr  in  Frankreich  dem  monarchischen  System  geschadet  als  dieses
Verfahren.  Redner  schließt:  „Meine  Herren,  der  Kampf,  dem  wir  entgegengehen,
  wird  ein  heftiger,  vielleicht  heftiger  als  einer,  den  wir  je  ausgefochten
haben;  aber  es  wird  der  eEtzte  Kampf  nicht  sein,  es  wird  wahrlich  nicht  der
Entscheidungskampf  sein.  Ob  wir  mit  vielen  oder  wenigen  aus  diesem  Kampfe
hervorgehen,  —  wir  werden  den  Streit,  den  wir  hier  abbrechen,  an  demselben
  Punkte  wieder  aufnehmen,  in  der  ruhigen  Zuversicht,  welche  die  Kraft
der  inneren  Uberzeugung  gewährt,  in  der  ruhigen  Zuversicht,  daß  im  Interesse
  des  Volkes  und  des  Landes  auch  in  nächster  Zeit  schon  den  Grundsätzen,
  wie  wir  sie  hier  vertreten,  eine  Einwirkung  auf  die  Gestaltung  der
öffentlichen  Verhältnisse  in  Deutschland  eingeräumt  werden  muß.  Meine
Herren,  gerade  die  Art,  wie  der  Herr  Reichskanzler  diesen  Kampf  aufsucht,
die  künstliche  Art,  wie  die  Auflösung  herheigeführt  wird,  die  Hast,  mit  welcher
  sie  ins  Werk  gesetzt  wird,  ist  uns  ein  Beweis  dafür,  daß  auch  der  Herr
eichskanzler  selbst  den  Boden  seines  politischen  Systems,  die  Grundlage
nicht  mehr  für  so  sicher  hält  auch  für  die  nächste  Zukunft,  wie  es  vielleicht
den  Anschein  hat.  (Ohol  rechts.)  Meine  Herren,  alle  solche  Kraft,  alle
solche  Praktiken,  sie  werden  doch  zuletzt  nichts  ausrichten,  sie  werden  zuletzt
doch  nichts  verschlagen,  einer  anderen  Richtung  im  Staatsleben  den  Weg  zu
vernageln  und  die  Bahn  zu  erschweren.  Wir  bleiben  bei  der  Uberzeugung,
daß  die  Zukunft,  die  nicht  allzuentfernte  Zukunft,  uns  gehört,  und  in  dieser
berzeugung  werden  wir,  mit  wenigen  oder  vielen,  auch  in  dem  neuen  Reichstage
  ausharren,  bis  auch  für  unsere  Sache  der  Tag  des  Sieges  erscheint."
(Lebhaftes,  anhaltendes  Bravo  links;  Zischen  rechts.)
ürst  Bismarck:  „Der  Herr  Abgeordnete  Richter  hat,  wie  ich  vernehme,
  in  seiner  heutigen  Aeußerung,  die  ich  zu  meinem  Bedauern  nicht  gehört
  habe,  gesagt,  es  wäre  nicht  wahr,  daß  in  der  bulgarischen  Frage  im
kosten  Herbst  die  Presse  der  verschiedenen  Oppositionsparteien  die  Regierung
beschimpft  hätte  wegen  ihrer  friedlichen  Politik;  es  sei  Entstellung,  daß  die
Presse  zum  Kriege  mit  Rußland  aufgefordert  hätte.  Er  hat  ferner  gesagt
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        46  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

—  nach  meiner  Version  —:  der  Reichskanzler  ist  der  bulgarischen  Justiz
durch  eine  diplomatische  Note  in  die  Arme  gefallen,  um  zu  verhindern,  daß
die  Hochverräter  u.  s.  w.  Nun,  diese  Äußerungen  nötigen  mich,  Ihre  Zeit,
die,  wie  ich  glaube,  ja  sehr  kostbar  und  gemessen  ist,  doch  mit  retrospektiven
Mitteilungen  in  Anspruch  zu  nehmen,  die  ich  ursprünglich  nicht  beabsichtigt
habe.  Ich  erlaube  mir  hiermit,  der  Öffentlichkeit  diejenigen  amtlichen  Depeschen
  zu  übergeben,  die  wir  in  Bezug  auf  das  „in  den  Arm  fallen  der
Justiz“"  damals  mit  Sofia  gewechselt  haben.  Das  eine  ist  eine  Instruktion
aus  Berlin  vom  1.  September  an  Herrn  von  Saldern  in  Sofia:  „Suchen
Sie  nach  Möglichkeit  zu  hindern,  daß  Hinrichtungen  stattfinden.  Die  friedliche
  Erledigung  der  Krisis  würde  durch  solche  wesentlich  erschwert  werden."
Das  ist  alles,  und  das  ist  ungefähr  in  der  Hauptsache  auch  alles  geblieben.
—  Die  Antwort  darauf,  unterzeichnet:  Freiherr  von  Thielmann,  lautet:
Sofia,  den  20.  September  1886.  „Ich  habe  die  erforderlichen  Schritte,  um
Hinrichtungen  zu  verhindern,  gethan  und  günstige  Aufnahme  gefunden.  Jedenfalls
  bis  zur  Ankunft  des  Generals  von  Kaulbars  wird  nichts  entscheidendes
geschehen.“  Diese  Antwort  kreuzte  sich  mit  einer  diesseitigen  Mitteilung  vom
19.  September:  „Der  russiche  Geschäftsträger  hat  hier  unter  Mitteilung,  daß
die  bulgarische  Regentschaft  die  in  der  Verschwörung  vom  21.  v.  Mts.  verwickelten
  Offiziere  vor  ein  Kriegsgericht  stellen  und  deren  Aburteilung  und
Exekution  womöglich  noch  vor  Ankunft  des  Generals  Kaulbars  herbeiführen
will,  um  Gegenvorstellungen  in  Sofia  gebeten.  Euer  Hochwohlgeboren  wollen
Sich,  nach  Einvernehmen  mit  Ihrem  österreichischen  Kollegen,  mündlich  im
Sinne  meiner  früheren  Weisungen  abmahnend  aussprechen.“  Dann  ein  weiteres
  Aktenstück,  ein  Bericht  des  Herrn  von  Thielmann  an  mich  vom
25.  September,  aus  dem  die  Natur  seiner  Instruktion  ersichtlich  ist.  —  Nein,
erst  folgt  ein  —  ich  habe  in  der  Geschwindigkeit  die  Sachen  nicht  so  ordnen
können  —  eine  Äußerung  von  hier;  die  Antwort  kommt  nachher.  —  Also:
Berlin,  den  25.  September.  „Aus  Ihrem  Telegramme  vom  22.  d.  Mts.  hat  der
Herr  Reichskanzler  mit  Befriedigung  ersehen,  daß  die  Gefahr  der  Ausführung
von  Hinrichtungen  —  Ausführung  unterstrichen  —  beseitigt  ist.  Der  Zweck
der  Eurer  Hochwohlgeboren  erteilten  Instruktionen  ist  damit  vollkommen
erreicht,  da  dieselben  von  Anfang  an  nur  die  Verhütung  von  Exekutionen
im  Auge  hatten.  —  Ich  begreife  nicht,  wie  die  Gegner  der  Todesstrafe  uns
daraus  ein  so  schweres  Verbrechen  machen  können;  ich  glaube,  die  meisten
der  Herren  waren  damals  gegen  die  Todesstrafe.  —  Nach  Ihren  bisher  hier
vorliegenden  Meldungen  darf  ich  annehmen,  daß  Sie  sich  bei  Ihren  Äußerungen
  innerhalb  dieses  Rahmens  gehalten  haben.  Um  den  falschen  Mitteilungen
  ausländischer  und  fortschrittlicher  Blätter,  daß  Sie  anders  und
schärfer  aufgetreten  wären,  entgegentreten  zu  können,  bitte  ich  Euer  Hochwohlgeboren,
  mir  ausdrücklich  schriftlich  zu  bestätigen,  daß  Sie  sich  in  Ihren
Aussprachen  genau  in  den  Grenzen  der  Ihnen  erteilten  Weisungen  gehalten
und  sich  demgemäß  darauf  beschränkt  haben,  von  Hinrichtungen  abzuraten.“
Wir  sind  auf  diese  Weise  genötigt,  uns  schon  gewissermaßen  mit  gerichtlichen
Attesten  gegenseitig  vom  Ministerium  und  diplomatischen  Agenten  zu  versehen
  und  zu  vergewissern  gegen  die  unglaubliche  und  alles  Maß  übersteigende
Verlogenheit  dieser  Sorte  von  Presse.  Sehr  richtig!  rechts.)  Darauf  erfolgte
  die  Antwort  am  3.  Oktober:  „Auf  den  hohen  Erlaß  vom  25.  v.  M.
beehre  ich  mich  zu  erwidern,  daß  ich  mich  genau  im  Rahmen  meiner  Instruktionen
  gehalten  habe.  Irgend  welche  weitere  Anforderungen  habe  ich
der  bulgarischen  Regierung  nicht  gestellt,  sondern  mich  in  anderen  Fragen
in  Ubereinstimmung  mit  meinem  österreichischen  Kollegen  gänzlich  zurückgehalten.
  Beide  Regierungen,  unsere  sowohl  wie  die  österreichische,  sind  in
dieser  Frage  ausnahmslos  Hand  in  Hand  gegangen.  —  Die  Hinausziehung
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  -14.)  47

des  Verfahrens  ist  uns  lediglich  als  Mittel  zum  Zweck  nützlich  erschienen;
denn  wenn  jetzt  Verurteilungen  zum  Tode  stattgefunden  hätten,  so  wäre  bei
der  Aufregung  des  Offizierkorps  für  das  weitere  nicht  zu  bürgen  gewesen.
Zu  Drohungen  und  zu  scharfer  Sprache  hätte  ich,  auch  wenn  ich  Auftrag
dazu  gehabt,  nicht  einmal  Gelegenheit  gehabt;  denn  Herr  Karaweloff  ging
ohne  weiteres  auf  meine  Anregung  ein.  Dem  Minister  des  Auswärtigen
gegenüber  habe  ich  lediglich  mein  Gespräch  mit  Herrn  Karaweloff  wiederholt.
  Herr  Stambuloff  sagte  mir  drei  Tage  später  spontan,  daß  er  von
jeher  für  Amnestierungen  gewesen  sei.  (Hört,  hört.!  rechts.)  Mit  anderen
Bulgaren  habe  ich  über  die  Sache  überhaupt  nicht  gesprochen.  (Gez.)  von
Thielmann."  Es  ist  also  eine  gänzlich  aus  der  Luft  gegriffene  Erfindung,
die  als  Unterlage  für  viele  Entstellungen  und  Verleumdungen  der  deutschen
Regierung  benutzt  worden  ist,  die  der  Abgeordnete  Richter  zu  meinem  Bedauern
  aus  der  Presse,  in  der  er  sie  wahrscheinlich  gelesen,  reproduziert  hat;
ihm  selbst  schreibe  ich  natürlich  diese  Erfindung  nicht  zu.

Was  dann  die  Behauptung  betrifft,  daß  die  Presse  nicht  zum  Kriege
gegen  Rußland  gehetzt  hätte,  —  ja,  da  liegt  mir  die  mir  noch  widerstrebendere
  Aufgabe  vor,  einige  von  den  Artikeln,  die  ich  Ihnen  vorgestern  erspart
habe,  nun  doch  als  Uberführungsstücke,  als  Beweisstücke,  hier  in  die  Öffentlichkeit
  zu  bringen,  und  ich  behalte  mir  vor,  die  ganze  Serie  zu  veröffentlichen,
  die  ich  zu  Hause  habe  —  dies  ist  vielleicht  der  zehnte  Teil  davon;
ich  habe  nicht  einmal  ausgesucht,  ich  habe  die  Zeit  dazu  nicht  gehabt,  als
ich  hörte,  daß  der  Abgeordnete  Richter  mich  en  demeure  gesetzt  habe,  auf
diese  Sache  noch  einmal  zurückzukommen.  Ich  habe  das  mitgenommen,  was
obenauf  lag;  ich  bin  überzeugt,  es  findet  sich  noch  viel  Prägnanteres.  Also
das  eine  las  ich  schon  vorgestern  vor  aus  dem  „Berliner  Tageblatt",  daß
sie  einen  gesunden  Krieg  einem  so  krankhaften  Frieden  vorziehen.  Das  folgende
  habe  ich  noch  nicht  vorgelesen.  Also  wieder  aus  der  „Freisinnigen
Zeitung“  vom  28.  August:  „Weicht  man  vor  Rußland  zurück,  —  so  wird
der  klerikalen  „Deutschen  Reichszeitung“  aus  Berlin  geschrieben“",  —  (hört!
hört!  links)  —  der  klerikalen!  ja,  das  ist  das  Geschwisterkind  mit  der  „Germania“;
  oder  nicht!  ist  die  „Germania“  nicht  einmal  klerikal!  dann  hat  sie
gar  keinen  Wert!  —  „weil  man  im  jetzigen  Moment  keinen  Krieg  will  oder
keinen  führen  kann,  so  mögen  die  Offiziösen  es  sagen.  Zum  mindesten  aber
mögen  sie  schweigen  und  nicht  unser  Volk  in  der  Art  verwirren  und  an
allem  irre  machen,  was  ihm  lieb  ist.“  Also  nicht  zurück,  das  wäre  der  Krieg,
wenn  man  nicht  zurückweicht.  „Weil  man  im  jetzigen  Moment  keinen  Krieg
will“  —  da  ist  doch  unzweideutig  der  Wunsch  ausgesprochen,  daß  der  Krieg
jetzt  geführt  werden  möchte.  Dann  „Freisinnige  Zeitung“  vom  25.  August:
„Wenn  die  Unterwerfung  unter  den  Willen  des  Zaren  den  Weltfrieden  bedeutet,
  so  mag  das  richtig  sein,  Aber  es  gibt  eine  Grenze,  wo  diese  Unterwerfung
  aufhören  muß,  und  dieser  Grenze  nähern  wir  uns  um  so  mehr,  je
mehr  die  russische  Herrschsucht  und  der  Panslavismus  durch  Erfolge  auf  der
Balkanhalbinsel  zu  neuen  Abenteuern  für  immer  weiter  gesteckte  Ziele  ermuntert
  werden.“  Also  wir  sollen  Halt  gebieten,  —  das  heißt  doch:  wir
sollen  Krieg  führen  mit  Rußland.  (Widerspruch  links.)  Glauben  Sie  denn,
daß  man  mit  solchen  vollmündigen  Phrasen  wie  „jeden  Groschen  und  jeden
Mann“  Rußland  auf  seiner  Bahn  aufhalten,  dieses  Reich  von  100  Millionen
mit  einer  sehr  starken  Armee  einschüchtern  könne!  Die  Leute  erfahren  das
ja  gar  nicht,  sie  lesen  Ihre  Reden  gar  nicht,  das  fällt  ihnen  gar  nicht  ein.
Die  „Volkszeitung"  vom  7.  September  sagt:  „Die  türkische  Weltherrschaft
wurde  eben  nur  dadurch  gehindert,  daß  es  gegen  die  Türkei  ein  Europa  gab,
daß  vor  allem  deutsche  Schwerter  die  Türken  aus  der  gesitteten  Welt  herausschlugen,
  bis  sie,  in  ihrem  europäischen  Besitzstand  mehr  und  mehr  beschränkt,
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        48  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

der  unaufhaltsamen  Verkümmerung  verfielen.  Gegen  Rußland  besteht,  wie
die  beiden  letzten  Wochen  mit  drastischer  Unwiderleglichkeit  bewiesen  haben,
augenblicklich  kein  Europa;  darf  es  seinen  Raubzug  nach  Konstantinopel  ungehindert
  vollführen,  dann  gibt  es  für  Europa  nur  noch  eine  Alternative:
die  unumschränkte  Herrschaft  der  Knute  und  des  Rubels,  oder  ein  Zeitalter
von  Kriegen,  von  denen  die  Türkenkriege  früherer  Jahrhunderte  nur  einen
verhältnismäßig  schwachen  Vorschmack  gegeben  haben.“  Nun,  es  ist  dieselbe
Tonart  und  Übertreibung,  als  wenn  man  uns  hier  sagt:  wenn  wir  auflösen,
so  wäre  das,  weil  wir  Leute,  die  eine  andere  Meinung  hätten  wie  Graf
Moltke  und  ich,  hier  gar  nicht  brauchen  könnten;  wir  könnten  nur  Leute
gebrauchen,  die  Ja  sagen.  Das  ist  dieselbe  Deklamation,  die  in  der  „Volkszeitung“
  die  praktische  Spitze  hat:  ebenso  wie  das  deutsche  Schwert  die  Türken
aus  Europa  geschlagen  hat,  soll  es  jetzt  die  Russen  aus  Europa  hinausschlagen.
  Etwas  anderes  bedeutet  das  nicht.  Dann  die  „Volkszeitung“  vom
30.  August  sagt:  „Wir  haben  es  kaum  anders  erwartet,  glauben  aber,  daß
die  Gewalt  der  Thatsachen  stärker  sein  wird  als  das  Mißwollen  und  die
Unentschlossenheit  der  Zunftdiplomaten",  —  ist  das  eine  Annehmlichkeit,  eine
Schmeichelei,  die  uns  gesagt  wird?  Ich  gehöre  auch  dazu.  „und  daß  die
männliche  Energie,  die  sich  in  dem  Battenberger  verkörpert,  und  die  flammende
  Entrüstung,  welche  sich  angesichts  eines  unerhörten  Ränkespiels  des
gesamten  deutschen  Volkes  bemächtigt  hat,  den  moralischen  und  thatsächlichen
Sieg  über  alle  „Wenns  und  Abers“  der  hohen  Politik  davontragen  werden.“
Das  ist  es,  was  mich  erinnert  an  Hekuba,  an  die  weinerliche  Deklamationen,
die  jemand  in  einer  Sache  aufwenden  kann,  die  ihm  im  Herzen  ganz  gleichgiltig
  ist.  Wer  soll  denn  glauben,  daß  diese  Artikelschreiber  irgend  eine
Begeisterung  für  Bulgarien  hätten?  Ich  will  gar  nicht  einmal  behaupten,
daß  sie  finanziell  angeregt  worden  sei,  diese  Begeisterung.  Das  Üble  will
ich  Ihnen  gar  nicht  anthun;  es  wäre  aber  zu  bedauern,  wenn  für  wenige

Mark  auf  diese  Weise  das  deutsche  Volk  beeinflußt  werden  könnte.  Ich
meine,  es  ist  alles  die  volle  Überzeugung  der  Herren,  die  auf  diese  Zeitungen
Einfluß  haben;  sonst  würde  ich  mich  gar  nicht  damit  beschäftigen.  Wenn
irgend  einer  der  —  um  mit  dem  Abgeordneten  Herrn  Dr.  Virchow  zu  reden
—  bestochenen,  bezahlten  Schufte,  die  dafür  thätig  sind,  dies  allein  auf  sein
Konto  geschrieben  hätte,  dann  wäre  es  gar  nicht  der  Rede  wert.  Aber  ich
muß  doch  annehmen,  daß  dies  nie  desavouiert  ist,  und  da  so  viele  angesehene
liberale  und  klerikale  Zeitungen  alle  dasselbe  gesagt  haben,  daß  das  die
volle  ernste  Meinung  von  denjenigen  Leuten  ist,  die  in  der  Opposition  die
staatsmännische  Führung  haben,  die  augenblicklich  die  Majorität  bilden,  und
die  vielleicht  ja  auch  in  drei  Jahren  die  Majorität  bilden  werden,  so  daß
wir  uns  in  drei  Jahren  vielleicht  einer  Majorität  gegenüber  finden,  die  auf
diese  Melodie  hin  sagt:  Jetzt  führt  Krieg  gegen  Rußland,  oder  wir  streichen
euch  so  und  so  viel  aus  der  Armee!  (Widerspruch  links  und  im  Zentrum.)
—  Ist  das  nicht  sehr  wahrscheinlich!  Glauben  Sie,  daß  diese  Herren  in
drei  Jahren  ihre  Überzeugung  ändern?  Die  Majorität  ist  vertreten  in  diesen
Artikeln;  es  sind  die  Blätter  aller  der  Fraktionen,  die  heute  die  Majorität
bilden.  Und  ich  war  darauf  gefaßt,  als  wir  im  September  den  kurzen  Reichstag
  hatten,  daß  diese  Majorität  eine  lawinenartige  Interpellation  gegen  die
Regierung  loslassen  würde  zu  Gunsten  des  Prinzen  von  Battenberg  und  für
Bulgarien.  Ich  war  erstaunt,  daß,  als  der  kleine  Ursprung  der  Lawine  in
Gestalt  der  sozialdemokratischen  Partei  bereit  war,  sich  loszulösen,  die  übrige
Masse  sich  nicht  vervollständigen  wollte.  So  viel  ich  mich  erinnere,  war  damals
  schon  der  Mut  so  gesunken,  daß  man  sich  zu  einer  Interpellation  doch
nicht  mehr  verstehen  wollte,  weil  man  das  —  ich  will  nicht  sagen:  Absurde
—  Unhaltbare  dieser  Theorie  allmählich  erkannt  hatte.  Nun,  die  Majorität
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  49

war  ja  aber  vorhanden;  eine  volle  Reichstagsmajorität  steht  hinter  dieser
Presse,  eine  Majorität,  die  so  schnell  ihre  Ansichten  wechselt,  —  heute  tritt  kein
Mensch  mehr  außer  dem  Herrn  Abgeordneten  Richter  hier  für  Bulgarien  auf,
jetzt  haben  Sie  Bulgarien  vollständig  fallen  lassen.  Ich  komme  nachher  noch
auf  einige  „Germania“-Artikel  von  derselben  Kategorie  zurück,  deren  ich  wenigstens
  vierzig  zu  Hause  habe.  Also  auf  ein  so  schwankes  Rohr,  wie  die
Stimmung  der  Majorität,  die  doch  über  die  Abstimmung  jedesmal  entscheidet,
können  wir  die  Existenz  unserer  Armee  nicht  aufbauen,  wenn  das  nicht  anerkannt
  ist,  daß  die  Existenz  der  Armee  nur  in  denjenigen  Zeiträumen  diskutiert
  werden  soll,  mit  denen  der  Kaiser  und  der  Bundesrat  einverstanden
sind.  Wenn  die  Theorie,  die  Fälschung  der  Verfassung,  überhaupt  im  Volke
Terrain  gewinnt  und  Anerkennung  findet,  daß  von  einer  Budgetmajorität
in  jedem  Jahre  der  Stand  der  Armee  abhängt,  wie  in  England  etwa  durch
die  Mutinybill  —  theoretisch;  praktisch  würde  es  auch  dort  nicht  so  der  Fall
sein  —:  dann,  meine  Herren,  ist  keine  Sicherheit  vorhanden;  dann  heißt  es
allein:  videant  Consules  oder  videat  Imperator  ne  quid  detrimenti  capiat
respublica;  dann  ist  salus  publica  suprema  lex.  —  Verzeihen  Sie,  daß
ich  in  fremden  Zungen  mich  bewege,  es  wird  mir  schwer  genug.  Dann  hier
eine  „Volkszeitung“  vom  28.  August:  „Die  brutalsten  Rechtsbrüche  des  zarischen
  Despotismus  ruhig  hinnehmen,  weil  ihnen  die  „Gewissenlosigkeit"  fehlte,
einen  „Krieg  mit  Rußland  zu  führen“,  das  konnten  die  Diplomaten  des
deutschen  Bundes  wirklich  auch.“  Nun,  das  konnten  sie  nicht  einmal,  denn
sie  waren  dem  gar  nicht  ausgesetzt,  sie  kamen  gar  nicht  zur  Geltung  dabei.
Ich  bin  ja  selbst  als  Diplomat  dort  gewesen,  wir  haben  mit  Rußland  direkte
Korrespondenzen  eigentlich  nicht  gehabt,  aber  damit  hat  doch  der  Verfasser
mit  das  kränkendste  sagen  wollen,  was  in  seiner  Macht  lag.  „Wenn  Deutschland
  in  der  Weltpolitik  auf  diese  bescheidene  Rolle  sich  beschränken  wollte,
dann  hätte  das  deutsche  Volk  sich  die  Ströme  von  Blut  und  Schweiß  sparen
können,  welche  dazu  gehörten,  das  deutsche  Reich  zu  gründen.“  Also  wozu
brauchen  wir  ein  deutsches  Reich,  wenn  wir  es  nicht  für  Bulgarien  einsetzen
wollen?  Nur  dazu  ist  es  geschaffen.  Und  solche  Herren  bilden  die  Majorität
der  Abstimmung,  die  dergleichen  schreiben  und  denken!  (Lachen  links.)  Wenn
irgend  ein  Zusammenhang  oder  eine  Identität  zwischen  diesen  Kundgebungen
und  den  Herren  hier  bestehen,  kann  ich  da  mit  Sicherheit  annehmen,  daß
die  „Volkszeitung“  ganz  außer  Zusammenhang  mit  irgend  einem  der  hier
Abstimmenden  steht?  Ich  möchte  es  wünschen.  In  der  „Vossischen  Zeitung“
vom  26.  August  heißt  es:  „Wenn  aber  alle  diese  Zugeständnisse  nur  den
Erfolg  haben,  daß  man  den  frechsten  Verletzungen  der  Friedensbedingungen
um  des  Friedens  willen  keinen  Widerstand  entgegensetzt,  wenn  also  der  Friede
nur  dadurch  aufrecht  erhalten  wird  und  werden  kann,  daß  man  derjenigen
Macht,  welche  man  erst  vor  acht  Jahren  zum  Frieden  gezwungen  hatte,  gestattet,
  diesen  Frieden  auf  den  Kopf  zu  stellen  und  gerade  diejenigen  Übergriffe
  durchzuführen,  welche  derselbe  zu  verhindern  bestimmt  war,  dann  kann
der  also  zusammengefügte  Friede  kaum  noch  auf  den  Wert  des  Papiers  Anspruch
  machen,  auf  welchem  er  niedergeschrieben  und  besiegelt  worden  ist.“
Ich  sagte  gestern  schon:  wir,  die  Regierung,  treten  für  den  Frieden  ein;  die
Politiker  dieser  Richtung  wollen  es  ankommen  lassen  auf  einen  kleinen  Krieg
mit  Rußland,  darauf  einzugehen  sind  sie  sehr  bereitwillig.  Es  ist  zwar  schon
vier  Monate  her,  diese  Bereitwilligkeit  und  diese  todesverachtende,  todesmutige
Überzeugung,  die  sich  hier  ausspricht.  Vier  Monate  sind  ja  für  die  Stimmung
  in  der  Politik  eine  recht  lange  Zeit;  aber  es  könnte  doch  sein,  daß
wir  nach  drei  Jahren  noch  auf  diesen  selben  Schlag  von  Politikern  hier  in
der  Mehrheit  stoßen  könnten.  Wir  sollen  dann  nach  der  „Vossischen  Zeitung“
weiter  dem  Zaren  einen  verstärkten  Damm  entgegensetzen,  daß  er  nicht  nach

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  4
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        50  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

Konstantinopel  geht  u.  s.  w.  Die  „Germania“  vom  1.  September  sagt:  „In
letzter  Instanz  könnte  vielleicht  sogar  Frankreich  gewonnen  werden,  da  letzteres
  an  sich  die  Stärkung  der  christlichen  Mittelstaaten  auf  der  Balkanhalbinsel
  nur  wünschen  und  fördern  kann  und  bloß  durch  die  Aussicht  auf
ein  russisches  Revanchebündnis  zu  einer  anderen  Politik  getrieben  werden
könnte,  einer  Politik,  die  ja  aber  doch  jener  obigen  Kombination  gegenüber
aussichtslos  wäre.“  Das  ist  ein  Irrtum,  auf  Frankreich  ist  in  dieser  Beziehung
  nicht  zu  rechnen;  Frankreich  wird  nichts  thun,  wodurch  es  sich  mit
Rußland  in  Ungelegenheiten  bringen  kann;  und  solche  Insinuation  zeugt  eben
nur  von  der  Unkenntnis  der  politischen  Lage  und  dem  Mangel  an  Urteilskraft
  in  europäischen  politischen  Fragen.  „Wir  glauben  also,  ein  großer
Moment  ist  jetzt  wieder  einmal  für  den  deutsch-österreichischen  Bund  gekommen
—  die  Versperrung  der  Straße  nach  Konstantinopel  gegen  Rußland  ist  möglich."
  Also  dazu  sollen  wir  deutsche  Truppen  hergeben,  um  den  Russen  die
Straße  nach  Konstantinopel  zu  versperren?  Wenn  wir  nicht  mit  Rußland
zusammengrenzten,  so  würde  schon  jedermann  eine  Absurdität  darin  finden.
Sollen  wir  auf  Schiffen  100,000  Mann  nach  Konstantinopel  bringen  und
die  Russen  zurückhalten:  Das  würde  uns  keiner  zumuten,  einen  Krieg  in
so  weiter  Ferne  zu  führen.  Dadurch  aber,  daß  wir  mit  Rußland  200  Meilen
offene  Grenze  haben,  wird  die  Frage  eine  viel  ernstere  und  schwerere,  als
wenn  wir  von  Rußland  so  weit  ab  wohnten  wie  England.  England  kann
sich  mit  Rußland  schlagen,  ohne  daß  es  zu  befürchten  braucht,  daß  es  in
England  selbst  in  einer  irgendwie  ernsthaften  Weise  durch  russische  Kräfte
belästigt  wird;  es  hat  nur  Gefahren  für  seine  Kolonien,  für  Indien  zu  befürchten.
  Aber  für  uns  ist  das  was  anderes;  den  Frieden  zwischen  zwei
benachbarten  Nationen  zu  stören,  in  deren  Massen  schon  so  manche  Verstimmung
  künstlich  gemacht  und  geschürt  wird  ducch  die  verschiedensten  sich  kreuzenden
  Interessen,  —  das  ist  eine  große  Ruchlosigkeit,  zu  der  man  gar  keinen
Grund  hat.

Als  zuerst  im  Jahre  1867  die  Gefahr  eines  französischen  Krieges
hervortrat  wegen  der  Luxemburger  Frage,  habe  ich  unter  den  Gründen,  die
dagegen  sprachen,  daß  wir  sie  Frankreich  gegenüber  kriegerisch  aufnehmen
sollten,  namentlich  auch  geltend  gemacht:  ein  neuer  Krieg  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich  ist  ja  mit  einem  Feldzug  nicht  abgemacht;  derjenige,
der  im  ersten  Feldzug,  der  im  ersten  Kriege  geschlagen  wird,  wird  nur  darauf
warten,  um  seine  Kräfte  zu  sammeln,  um  den  zweiten  Krieg  anzufangen
und  seine  Revanche  zu  nehmen.  Wären  wir  geschlagen  worden,  so  hätte  ich
vorausgesetzt,  daß  wir  dasselbe  thäten,  was  jetzt  Frankreich  thut.  Ich  habe
damals  im  Rate  des  Königs  gesagt:  es  handelt  sich  hier  nicht  um  einen
einmaligen  Krieg,  sondern  um  eine  ganze  Reihe  von  Kriegen,  die  vielleicht
ein  halbes  Jahrhundert  hindurch  dauern.  Ob  und  inwieweit  ich  Recht  gehabt
  habe,  darüber  diskutieren  wir,  und  das  überlasse  ich  Ihrem  Urteil.
Aber  ein  ähnliches  Verhältnis  der  Spannung  und  des  dauernden  Hasses
und  eine  neue  Revancherichtung  durch  einen  Krieg  mit  Rußland  einzurichten
neben  der  französischen,  dazu  gehört  ganz  notwendig,  daß  wir  von  Rußland
in  ruchloser  Weise  angegriffen  werden  und  uns  schlagen  müßten;  dann  würden
  wir  uns  verteidigen  bis  auf  den  letzten  Blutstropfen,  und  wenn  wir
einer  großen  Koalition  augenblicklich  unterliegen  sollten,  würde  eine  Nation
wie  die  deutsche  niemals  zu  Grunde  gehen,  und  wenn  sie  zu  Grunde  geht,
ist  es  doch  immer  besser,  mit  Ehren  unterzugehen,  als  mit  Schande  zu  leben.
(Bravol  rechts.)  Das  sind  aber  Sachen,  von  denen  man  wohl  gelegentlich,
wenn  man  die  vorsichtige  Politik  der  Regierung  angreift,  in  renommistischer
Weise  reden  kann,  die  aber  nach  Kräften  zu  verhindern  die  Aufgabe  einer
vaterlandsliebenden  und  ehrliebenden  Diplomatie  ist.  Und  wegen  Bulgarien,
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  51

wegen  Hekuba,  werden  wir  unser  Verhältnis  mit  Rußland  nicht  brouillieren,
und  überhaupt  werden  wir  keinen  Krieg  führen  mit  einem  Nachbar,  mit
dem  wir  keine  streitigen  Interessen  haben.  Rußland  wünscht  kein  deutsches
Land  zu  erobern,  und  wir  wünschen  kein  russisches;  es  könnten  nur  polnische
Provinzen  sein,  von  denen  haben  wir  schon  mehr,  als  für  uns  bequem  ist.
Es  ist  also  nicht  der  mindeste  Grund,  diese  für  manche  unserer  inneren  Politiker
  fehlende  Zwietracht  mit  Rußland  künstlich  erzeugen  oder  schüren  zu
wollen.  Ich  kann  solche  Kriegshetzerei  gegen  Rußland  auch  nicht  anders
erklären,  als  wie  ich  mir  manchen  französischen  Krieg  erkläre:  wegen  der
Rückwirkung  auf  die  innere  Politik.  Leben  wir  mit  Rußland  in  Feindschaft,
so  stellt  sich  manches  in  der  inneren  Politik  doch  noch  anders,  und  die  Regierung
  ist  ja  natürlich  im  ganzen  schwächer.  Aber  das  ist  doch  nur  eine
theoretische  Berechnung,  daß  sie  schwächer  wird;  ihren  eigenen  Landsleuten
gegenüber  ist  eine  Regierung  sehr  viel  stärker.  Wenn  sie  in  einem  schwierigen
  Kriege  sich  befindet,  dann  gilt  Notrecht,  dann  ist  vieles  erlaubt,  was
im  Frieden  oder  in  einem  leichteren  Kriege  schon  nicht  möglich  ist.  Also
auch  diese  Rechnung  wäre  fehlerhaft.  Ich  kann  mir  denken,  daß  Leuten,  die
eine  Änderung  der  Zustände  bei  uns  wünschen,  —  zum  Beispiel  die  polnischen
  Bestrebungen,  —  daß  denen  mit  einem  Kriege  gegen  Rußland  gedient
  wäre;  aber  sie  könnten  doch  nur  dann  ein  günstiges  Resultat  davon
hoffen,  wenn  der  Gegner  Rußlands  stärker  wäre.  Wenn  Rußland  siegt  im
Kriege  wegen  der  Schwäche  seiner  Gegner,  weil  diesen  die  Mittel  fehlen,
deren  Bewilligung  wir  heute  von  Ihnen  verlangen,  dann  glaube  ich,  würde
es  den  Polen  noch  viel  schlechter  gehen  in  den  preußischen  und  österreichischen
Provinzen  als  heutzutage  (sehr  richtig!  rechts),  wenn  also  Galizien  oder  das

Großherzogtum  Posen  dem  Weichselgouvernement  zugeschlagen  würde;  —  das
wäre  ungefähr  der  Kampfpreis,  den  die  Polen  in  diesem  Kriege  davontragen
könnten,  wenn  sie  auf  die  Schwächung  Deutschlands  hinarbeiten.  Die  „Germania“
  sagt  ferner  am  29.  August:  „Und  dieser  Gedanke,  ob  die  Lage  Europas
  derartig  sei,  daß  man  den  Frieden  fort  und  fort  durch  Trinkgelder
an  Rußland,  und  zwar  oft  durch  sehr  beträchtliche,  erkaufen  müsse,  —  dieser
Gedanke  macht  sich  fort  und  fort  immer  deutlicher  in  der  Presse  geltend.
So  heißt  es  z.  B.  in  dem  sehr  regierungsfreundlichen  Hamburger  Korrespondenten."
  Nun,  die  Regierungsfreundlichkeit  des  „Hamburger  Korrespondenten“
  kennen  wir.  Wenn  ein  Blatt  wie  die  „Germania“  so  bemüht
ist,  den  Russen  Feinde  zu  schaffen  und  zwischen  Rußland  und  dem  jetzigen
deutschen  Kaisertum  Feindschaft  zu  stiften,  so  drängt  sich  einem  ganz  unwillkürlich
  die  Frage  auf:  würde  die  „Germania“  ebenso  eifrig  dahen  arbeiten,
wenn  Rußland  ein  katholisches  Land  wäre  oder  ein  katholisches  Herrscherhaus
  hätte?  Rußland  ist  heterodox,  und  da  gibt  es  ja  so  manche  leidenschaftliche
  Politiker,  die,  wenn  Griechen  und  Protestanten  sich  etwa  in  die
Haare  gerieten,  sagen  würden:  schade  um  jeden  Schlag,  der  vorbeifällt.  Die
„Germania“  sagt  ferner  in  einem  Artikel  vom  26.  August:  „Das  alles  hat
sich  nun  mit  einem  Schlage  vollständig  verändert;  Europa  hat  sich  vor  Rußland
  rückwärts  konzentriert,  und  zwar  auf  die  bloße  Drohung  des  Losschlagens
  hin.“  —  Dem  gegenüber  sollten  wir  uns  also  vorwärts  konzentrieren;
dann  wäre  ja  der  Krieg  da.  —  „Europa  verbeugt  sich  vor  der  vollendeten
Thatsache,  vor  der  Ubermacht  des  Moskowitertums  ...  Wenn  die  Drohung
mit  einer  Kriegsthat  genügt,  um  ganz  Europa  dem  Willen  Rußlands  dienstbar
  zu  machen,  —  wollen  wir  dann  nicht  den  ganzen  haltlosen  Widerstand
gegen  den  Panslawismus  aufgeben?  Bulgarien  und  Ostrumelien  sind  jetzt
in  den  Händen  der  Russen.  Daß  Mazedonien  auch  dazu  gehört,  hat  noch
dieser  Tage  das  Organ  Zankows,  des  Hauptanstifters  der  Revolution,  förmlich
  erklärt.  Österreich  wird  ebenso  wenig  die  mazedonischen  wie  die  bul-4*
        <pb n="64" />
        52  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

garischen  Kastanien  aus  dem  Feuer  zu  holen  wagen."  Ich  frage:  sind  dies
Kriegshetzereien  oder  nicht  Darf  man  daraus  schließen,  daß  die  Staatsmänner,
  die  hinter  diesen  Blättern  stehen,  den  Wunsch  gehegt  haben,  uns
mit  Rußland  in  einen  Krieg  zu  führen?  —  Dann  wäre  es  ein  sehr  eigentümliches
  Zusammentreffen,  auf  welches  ich  schon  aufmerksam  gemacht  habe:
daß  dieselben  Parteien,  die  so  bereitwillig  sind,  uns  in  einen  Krieg  zu  stürzen,
  hier  die  Mittel,  den  Krieg  zu  führen,  uns  hartnäckig  versagen  oder  doch
nur  auf  kurze  Zeit  bewilligen  wollen;  woran  sich  doch  immer  die  Neigung
knüpft,  die  Krisis,  die  jedesmal  mit  diesen  Verhandlungen  verbunden  ist,
nicht  zu  lange  aufzuschieben.  Sieben  Jahre  der  inneren  Ruhe,  des  inneren
Friedens  —  das  kann  keine  eifrige  Parteipolitik  ertragen;  solche  Gemütsbewegungen
  und  Kämpfe,  bei  denen  der  Rechtsboden  der  deutschen  Verfassung
funditus  erschüttert  wird,  brauchen  Sie  öfter  zu  Ihren  —  ob  Gallenbewegung,
  ich  weiß  es  nicht.  Aber  wir  wünschen  Ruhe  und  Frieden  im  Innern
  wie  nach  außen  und  wünschen  nicht,  daß  alle  3  Jahre,  sondern  höchstens
  alle  7  Jahre  die  Frage,  ob  die  deutsche  Armee,  das  heißt  das  deutsche
Reich  und  die  Verfassung,  —  denn  ohne  Armee  sind  beide,  wie  Herr  Windthorst
  anerkennt,  nicht  denkbar  —  fortbestehen  sollen,  und  mit  welchem  Grade
von  Sicherheit,  —  wir  wollen,  daß  diese  Frage  nur  alle  7  Jahre  erörtert
wird.  Wer  konfliktslüsterner  ist  als  wir,  dem  werden  wir  nicht  zustimmen
und  werden  ihn  in  seiner  Kampfbegierde  allein  lassen  und  ihm  sagen:  wenn
Sie  Händel  brauchen,  so  suchen  Sie  sich  dieselben  wo  anders  auf;  bei  uns
sind  sie  nicht  zu  finden.

Ich  weiß  nicht,  von  welcher  Seite  —  ich  habe  nur  die  Notiz  gemacht,
daß  es  gesagt  wurde  —  ist  man  auch  wieder  zurückgekommen  auf  die  hannoversche
  Frage  und  sie  ist  dargestellt  in  einer  ähnlichen  Weise  wie  gestern
von  dem  Herrn  Abgeordneten  Dr.  Windthorst.  Es  ist  ja  einerlei,  wie  der
Wortlaut  der  Äußerung  gewesen  ist.  Ich  wollte  nur  Gelegenheit  nehmen,
darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß  es  doch  kein  ganz  zutreffender  Vergleich
ist,  den  Bund  zwischen  dem  ehemaligen  Königreich  Hannover  und  dem  französischen
  Kaisertum,  wie  der  Herr  Abgeordnete  Dr.  Windthorst  das  gestern
that,  auf  eine  Linie  zu  stellen  mit  dem  italienisch-preußischen  Bündnis  im
Kriege  1866.  Die  Herstellung  des  Königreichs  Hannover  durch  die  hannoversche
  Legion  im  Gefolge  des  französischen  Kaisers  war  doch  nur  denkbar,
wenn  gleichzeitig  dabei  das  linke  Rheinufer  für  uns  verloren  ging,  oder  was
Napoleon  uns  sonst  abnehmen  wollte.  Aber  das  Bündnis  Preußens  mit
Italien  hätte  in  keinem  Falle  Folgen  nach  dieser  Seite  hin  haben  können.
Es  wäre  kein  Rheinufer  dabei  ins  Spiel  gekommen  und  kein  deutsches  Land,
es  war  höchsten  italienisches  Land;  ob  es  für  Osterreich  ein  Segen  war,  in
Italien  zu  herrschen,  das  ist  in  Österreich  selbst  eine  sehr  zweifelhafte  Frage.
Aber  von  deutschem  Lande  war  in  dem  Bündnis  keineswegs  die  Rede.  Die

Herren  werden  mir  zugeben,  daß  ein  siegreiches  Frankreich,  welches  bei  uns

Hannover  hergestellt  haben  würde,  sich  damit  nicht  begnügt  haben  würde;
sondern  es  würde  doch  auch  gedacht  haben:  selber  essen  macht  fett,  wie  das
Sprichwort  sagt;  es  würde  für  Frankreich  selbst  direkt  das  Rheinufer  genommen
  haben,  und  so,  wie  wir  damals  die  französischen  Wünsche  kannten,
—  sie  sind  ja  aus  den  Benedettischen  Verhandlungen  bekannt  —  so  deckte
sich  das  ungefähr  mit  dem  Winkel,  der  vom  rechten  Moselufer  und  von  dem
linken  Rheinufer  eingeschlossen  wird  einschließlich  Koblenz;  denn  das  war
ja,  was  man  uns  als  einen  Preis  im  Frieden  abforderte.  Wenn  das  schon
damals  der  Fall  war,  so  ist  es  doch  also  wohl  sicher,  daß  Napoleon  in
einem  siegreichen  Kriege,  wenn  er  den  Frieden  diktieren  konnte,  das  ganze
linke  Rheinufer  genommen  haben  würde.  Wenn  nun  der  Herr  Abgeordnete
Dr.  Windthorst  oder  der  Herr,  der  heute  in  diesem  Sinn  über  dise  Frage
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)  53

gesprochen  hat,  mir  nicht  nachweisen  kann,  daß  in  dem  preußisch-italienischen
Bündnis  eine  ähnliche  Klausel  oder  unabweisliche  Bedingung  zum  Nachteil
Deutschlands  gesteckt  hat,  dann  wird  er  mir  zugeben  müssen,  daß  sein  Vergleich
  nicht  zutrifft,  und  daß  die  entrüstete  und  schmerzliche  Bewegung,  die
sich  bei  ihm  in  Erinnerung  an  die  Vergangenheit  gestern  erkennbar  machte,
ihn  veranlaßt  hat,  die  Sache  in  einem  unrichtigen  Lichte  zu  sehen  und  darzustellen.
  Meine  Herren,  ich  weiß  nicht,  ob  die  weitere  Diskussion  mir  noch
heute  zu  weiteren  Äußerungen  Veranlassung  geben  wird;  ich  will  es  einstweilen
  abwarten.“"  (Bravol  rechts.)

Nachdem  Windthorst  in  einer  neuen  Rede  zunächst  der  Politik  des
Kanzlers  betr.  Bulgariens  im  Ganzen  zugestimmt,  seine  Interzession  zu
Gunsten  der  Hochverräter  aber  getadelt,  erklärt  er,  daß  wenn  auch  wir  gar
keine  direkte  Interessen  am  schwarzen  Meere,  in  Bulgarien  und  Konstantinopel
hätten,  so  seien  doch  die  vitalsten  Interessen.  Österreichs,  unsers  Bundesgenossen,
  dort  engagiert.  Wie  nun?  wenn  Österreich  um  dieser  Interessen
willen  zu  thun  bekäme?  wenn  Galizien  abgerissen  würde?  Die  Bescheidenheit
  Rußlands  würde  wahrlich  nicht  vermehrt  durch  solche  Erklärungen  über
unsere  Interesselosigkeit  im  Orient;  diese  müßten  moralisch  zum  Nachteile
Österreichs  wirken.  Hier  sei  ein  abschließendes  Urteil  zu  fällen  nicht  möglich
  und  der  Kanzler  werde  keinen  tiefern  Einblick  in  die  Verhandlungen
gewähren  können,  aber  er  vertraue  auf  seine  Geschicklichkeit.  Das  Verhältnis
des  Reichstages  in  Bezug  auf  die  auswärtigen  Angelegenheiten  sei  ein  ungesundes,
  der  Reichstag  habe  den  Zeitpunkt  versäumt,  auf  diesem  Gebiete
sich  geltend  zu  machen,  jetzt  gelte  für  ihn  so  viel  wie  der  Ausschluß  von
diesen  Angelegenheiten.  Der  Standpunkt  des  Mißtrauens  gegen  den  jetzigen
und  den  künftigen  Reichstag  lasse  ein  gedeihliches  Zusammenwirken  nicht  zu.
Weiter  wendet  sich  Redner  nochmals  gegen  die  Ausführungen  des  Kanzlers
über  Hannover  und  die  Welfen  und  ersucht  denselben,  diese  entlegenen  Dinge
nicht  immer  wieder  aufs  Tapet  zu  bringen.  Schließlich  präzifiert  er  seinen
Standpunkt  zu  den  Anträgen  Stauffenberg  und  Richter  und  zur  Deckungsfrage.



Fürst  Bismarck:  „Der  Herr  Abgeordnete  hat  die  Hoffnung  ausgesprochen,
  daß  Gesetz  und  Recht  von  den  Regierungen  vollständig  beachtet
werden  würden.  Ich  kann  ihm  darüber  nochmals  die  bündigste  Zusicherung
geben:  wir  werden  uns  innerhalb  unserer  verfassungsmäßigen  Berechtigung

wegen;  wir  haben  dabei  aber  die  Hoffnung,  daß  auch  die  Majorität  des
Reichstages  dasselbe  thun  werde.  In  seiner  Zusammenstellung  derjenigen
Bestimmungen,  die  die  Verfassung  über  die  Armee  hat,  hat  der  Herr  Vorredner
  vorher  vergessen,  einen  ganz  wesentlichen  Satz  vorzutragen:  das  ist
das  vierte  Alinea  des  Verfassungsartikels  62,  das  da  lautet:  „Bei  der  Feststellung
  des  Militärausgabeetats  wird  die  auf  Grundlage  dieser  Verfassung
gesetzlich  feststehende  Organisation  des  Reichsheeres  zu  Grunde  gelegt.“  Was
ist  nun  die  „auf  Grundlage  dieser  Verfassung  gesetzlich  festsichende  Organisation?"
  Das  ist  der  Art.  59  und  der  Art.  63  im  Absatz  4.  Art.  59  bestimmt
  die  Präsenzzeit  eines  jeden  wehrpflichtigen  Deutschen  bei  der  Fahne
auf  drei  Jahre,  und  Art.  63  enthält  das  Moderamen,  daß  der  Kaiser  den
Präsenzstand  bestimmt.  Das  liegt  so  einfach  und  klar  wie  möglich.  Es  ist
alteriert,  so  lange  das  Septennatsgesetz  gelten  wird,  bis  1888.  Es  wird  den
verbündeten  Regierungen  und  Seiner  Majestät  dem  Kaiser  nicht  einfallen,
vorher  unter  Ignorierung  der  Grenze,  die  durch  das  Septennatsgesetz  gezogen
ist,  die  aber  schwindet,  wenn  das  Septennatsgesetz  abgelaufen  ist,  etwa  den
gesetzlichen  Präsenzstand  überschreiten  zu  wollen.  Es  ist  ja  möglich,  daß  —
namentlich  wenn  die  Auflösung  eintritt  —  ein  Zeitraum  verläuft,  in  dem
wir  den  Reichstag  nicht  gegenwärtig  haben;  es  ist  auch  möglich,  daß  wir
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        54  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

dauernd  vom  Reichstage  die  Mittel  nicht  erhalten  können,  die  zum  Schutz
unserer  Grenzen  vorsichtshalber  uns  notwendig  scheinen.  Dann,  glaube  ich,
wird  dem  Kaiser  als  König  von  Preußen  immer  noch  die  Möglichkeit  offen
stehen,  sich  vertrauensvoll  an  seinen  preußischen  Landtag  zu  wenden  und  zu
sehen,  ob  er  von  dem  die  Mittel  zum  Schutze  des  gemeinsamen  Vaterlandes
nicht  erlangen  kann  (Bravo!  rechts.  Bewegung);  ich  bin  überzeugt:  dort
werden  wir  nicht  so  lange  zu  bitten  und  zu  unterhandeln  brauchen.  Der
Herr  Abgeordnete  hat  in  dürren  Worten  angedeutet,  daß  die  Regierung,
wenn  sie  die  drei  Jahre  ablehne,  doch  noch  Hintergedanken  haben  musse,  die
sie  nicht  ausspricht,  Diese  Beschuldigung  gebe  ich  vollständig  zurück:  wenn
Sie  die  7  Jahre  ablehnen,  so  müssen  Sie  durchaus  Hintergedanken  haben;
Sie  können  Sie  ebenso  gut  annehmen,  Sie  rücken  damit  jede  Konfliktsmöglichkeit
  wieder  etwas  weiter  hinaus.  Wenn  ich  Ihre  Hintergedanken  ebenso
erläutern  soll,  wie  der  Herr  Vorredner  unsere  angeblichen  Hintergedanken
erläutert  hat,  so  bezeichne  ich  sie  als  eine  Intention,  die  von  der  Verfassung
gezogenen  Grenzen  zwischen  der  parlamentarischen  und  der  Regierungsgewalt
verrücken  zu  wollen,  verschieben  zu  wollen  in  dem  Urteil  und  in  der  Auffassung
  der  öffentlichen  Meinung  des  Reichs  und  in  der  Praxis.  Und  darauf,
wiederhole  ich,  werden  wir  uns  nicht  einlassen.  Die  Machtverteilung  so,
wie  sie  durch  die  Verfassung  gegeben  ist,  werden  wir  festhalten,  die  werden
wir  gewissenhaft  beobachten;  aber  ich  fürchte,  daß  Sie  nicht,  wie  ich  vorgestern
  sagte,  zu  den  saturierten  Mächten  Ihrerseits  gehören.  Sie  wollen
erobern,  wir  wollen  behalten  den  Besitzstand;  Sie  wollen  neue  Kompromisse,
wir  wollen  an  den  alten  Traditionen  festhalten;  wir  scheuen  die  Krisen,  ihre
häufigen  Wiederholungen  und  die  Möglichkeit  der  Konflikte,  Sie  gehen  diesen
bereitwillig  und  frohen  Mutes  entgegen.  Sie  verhalten  sich  einigermaßen  zu
uns  wie  die  Franzosen  gegen  Deutschland;  wir  sind  die  Konservativen,  Friedliebenden,
  und  Sie  sind  die,  die  erobern  wollen,  die  uns  das  uns  verfassungsmäßig
  gebührende  Elsaß  wieder  abnehmen  wollen.  (Ohl!  oh!  links  und  im
Zentrum.)  Der  Herr  Vorredner  hat  sich  in  Bezug  auf  die  hannöversche
Frage  auf  die  Kloppschen  Werke  berufen  und  hat  sie  Geschichtswerke  genannt;
  ich  habe  bisher  sie  als  unparteiische  Geschichtswerke  noch  von  keiner
Seite  darstellen  hören.  (Abgeordneter  Dr.  Windthorst:  Die  Dokumente  sind
unparteiisch.)  —  Gut,  den  Dokumenten  gegenüber  werde  ich  demnächst  eine
Darstellung,  die  ich  längst  beabsichtigt  habe,  aber  aus  Rücksichten,  um  alte
Empfindungen  nicht  wieder  aufzuwärmen,  bisher  unterlassen  habe,  meinerseits,
  wenn  der  Kaiser  es  genehmigt,  der  Öffentlichkeit  übergeben;  dann  werden
Sie  sehen,  was  Onno  Klopps  Dokumente  dagegen  wert  sind.

Der  Herr  Vorredner  hat  damit  begonnen,  daß  er  meine  Data  wegen
der  Sparkassen  teils  angezweifelt  hat,  teils  sie  in  Widerspruch  zu  bringen
gesucht  hat  mit  den  finanziellen  und  wirtschaftlichen  Beschwerden,  über  die
im  preußischen  Landtag  so  häufig  und  auch  von  meiner  Seite  geklagt  wird.
Ja,  meine  Herren,  diese  Sparkasseneinlagen  sind  ja,  wie  ich  schon  vorgestern
bemerkt  habe,  kein  Beweis  dafür,  daß  die  ganze  Nation  reich  ist;  aber  daß
derjenige  Teil  der  Nation,  der  in  die  Sparkassen  einzulegen  pflegt,  in  seiner
Wohlhabenheit  gestiegen  ist  und  in  den  letzten  acht  Jahren  in  erheblichem
Fortschritt  (Widerspruch  links;  Zustimmung  rechts),  —  sehr  erheblich,  das

beweisen  sie  ganz  unzweifelhaft  meiner  Überzeugung  nach.  Wir  haben  ja
Arm  und  Reich  bei  uns.  Arm  ist  bei  uns  in  Preußen  vor  allen  Dingen
der  Fiskus;  die  Hauptsteuerobjekte  sind  dem  Reich  übergeben  worden,  und
in  Benutzung  derselben  steht  uns  eine  Obstruktionspolitik  gegenüber,  die  wir
bisher  nicht  haben  überwinden  können.  Daß  die  landwirtschaftlichen  Interessen,
  also  die  Interessen  der  großen  Mehrheit  —  von  drei  Fünftel  bis
zwei  Drittel  der  Bevölkerung  —  nicht  in  einem  blühenden  Zustand  sind,
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.  —14.)  55

das  werden  Sie  aus  meiner  Statistik  ersehen.  Wenn  ich  die  Durchschnittsziffer
  der  Spareinlagen  ziehe  --  ich  habe  hier  die  Einlagen  nach  den  verschiedenen
  Provinzen  geschieden,  —  so  werden  Sie  finden,  daß  am  tiefsten
unter  dem  mittleren  Durchschnitt  die  rein  ackerbautreibenden  Provinzen  stehen,
und  am  hoöchsten  die  industrie-  und  handeltreibenden  Provinzen.  Es  kommt
auf  die  Gesamtheit  im  Durchschnitt  auf  jeden  Kopf  —  auch  das  Kind  in
der  Wiege  —  80  Mark  Sparkasseneinlage  in  der  ganzen  preußischen  Monarchie.
Ich  werde  Ihnen  nun  diejenigen  Angaben  machen,  die  erheblich  drunter  sind.
Da  ist  erstlich  einmal  Ostpreußen  mit  15  Mark  im  Durchschnitt,  Westpreußen
mit  22  Mark;  Brandenburg  mit  54  Mark  erreicht  den  Durchschnitt  der
Gesamtheit  auch  nicht;  Posen  zählt  15  Mark  gleich  Ostpreußen,  als  eine
industriearme  und  wenig  Handelsverkehr  habende  Provinz;  Schlesien  44  Mark;
dann  kommen  Sachsen  mit  104  Mark,  Schleswig-Holstein  mit  241  Mark,
weil  es  Handel,  Seefahrt,  also  Wohlhabenheit  hat.  Ich  gebe  zu,  Schleswig-Holstein
  ist  ebensowohl  eine  Ackerbauprovinz;  aber  gerade  der  Großgrundbesitz,
der  gewöhnlich  die  Scheibe  bildet,  nach  der  geschossen  wird,  der  ist  in  Schleswig-Holstein
  doch  so  gering  vertreten,  wie  kaum  in  den  anderen  Provinzen,  —
der  Besitz  ist  vorwiegend  ein  bäuerlicher.  Hannover  hat  150  Mark,  Westfalen
  192  Mark  pro  Kopf,  und  Hohenzollern  —  wieder  rein  ackerbautreibend
—  50  Mark.  Sie  werden  daraus  ersehen,  daß  die  rein  ackerbautreibenden
Provinzen  sich  lange  nicht  einer  so  blühenden  Situation  in  Bezug  auf  die
Sparkasseneinlagen  erfreuen  wie  die  rein  industriellen  und  merkantilen,  und
daß  eben  unter  dem  heutigen  Regime  sich  die  Güter  dieser  Welt  ungleich
verteilen.  Aber  vor  allen  Dingen  geht  daraus  hervor,  daß  die  arbeitende
Klasse  —  von  der,  wie  ich  mich  erkundigt  habe,  die  Haupteinlagen  im
Ganzen  herrühren  —  sich  seit  der  Einführung  der  Schutzzölle,  seit  1879,  in
einer  ununterbrochen  fortschreitenden  Sparkassenwohlhabenheit  befindet.  Ich
kann  in  die  Häuser  nicht  hineinsehen;  aber  ich  kann  mir  nicht  denken,  daß
die  Arbeiter  irgend  etwas  unentbehrliches  entbehrt  haben  werden,  um  diese
Gelder  in  die  Sparkassen  zu  tragen.  Ich  berufe  mich  da  auf  das,  was  aus
den  amtlichen  Listen  ersichtlich  ist.

Der  Herr  Vorredner  hat  ferner  jeden  Zusammenhang  von  Reichstagsmitgliedern
  mit  den  Zeitungen,  die  ich  zitiert  habe,  ganz  bestimmt  zurückgewiesen.
  Er  hat  damit  vielleicht  einzelne  hervorragende  Persönlichkeiten  im
Auge  gehabt,  also  z.  B.  seinen  ihm  nächststehenden  Geschäftsfreund,  den  Abgeordneten
  Richter.  Der  hat  ja  wohl  gewiß  keine  Beziehungen  zur  öffentlichen
  Presse,  obwohl  ich  nicht  weiß,  ob  er  nicht  im  Kalender  als  dieser
Richtung  der  Thätigkeit  angehörig  angegeben  ist.  Er  hat  damit  jedenfalls
zugegeben,  daß  das,  was  die  „Germania“  schreibt,  ohne  jedes  Fundament
irgend  einer  höher  stehenden  Autorität  ist,  daß  das  nur  die  bedauerliche
Tagesleistung  der  Redaktion  ist,  daß  sie  also  gar  keinen  Kredit  dafür  hat,
daß  nicht  eine  auch  nur  so  weit  in  der  Politik  eingeweihte  Autorität  hinter
ihr  steht,  als  es  ein  Abgeordneter  sein  muß.  Ich  weiß  nicht,  ob  es  der
„Germania“  ganz  lieb  sein  wird,  wenn  das  öffentlich  bekannt  wird,  daß  sie
ganz  auf  eigenen  Füßen  steht  und  vom  Abgeordneten  Windthorst  zurückgewiesen
  wird  in  ihres  Nichts  durchbohrendes  Gefühl.  Der  Herr  Abgeordnete
hat  außerdem  gesagt,  daß  es  mit  mir  ganz  anders  sei:  ich  stände  —  ich
weiß  nicht,  mit  wie  vielen  Zeitungen  in  einer  solchen  Verbindung,  daß  ich
nicht  nur  schreiben  lasse,  sondern  selbst  darin  schriebe;  er  hat  meinen  Stil
darin  wieder  erkannt.  Es  ist  mir  sehr  schmeichelhaft,  wenn  man  das  findet.
Die  Zeitungen  schreiben  einen  sehr  viel  besseren  Stil  als  ich.  So  viel  ich
mir  auch  Mühe  gebe,  so  kann  ich  den  Schwung  der  Phrase,  die  überhaupt
nicht  meine  Form  ist,  nicht  herausbringen,  wie  ich  sie  so  oft  in  diesen  Zeitungen
mit  Vergnügen  lese.  Es  wäre  mir  also  schmeichelhaft,  wenn  man  mich  darin
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        56  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.—14.)

erkennte.  Er  irrt  sich  aber,  wenn  er  glaubt,  ich  hätte  die  Zeit  dazu.  Bedenken
  Sie  doch,  meine  Herren-  welche  Geschäftslast  auf  mir  ruht,  und  für
einen  ganz  gewissenlosen  Arbeiter  im  Dienst  werden  mich  selbst  meine  Gegner
nicht  halten.  Diese  Gegner  dagegen  haben  ja  gar  nichts  auf  der  Welt  zu
thun,  als  mir  das  Leben  sauer  zu  machen  in  der  Presse  oder  hier  im  Reichstage.
  Das  ist  ihre  ganze  Beschäftigung,  und  wenn  sie  das  besorgt  und  ihre
Uhr  aufgezogen  haben,  sind  sie  fertig  mit  ihrer  Arbeit.  Also  glauben  Sie
nicht,  daß  ich  so  viel  Zeit,  ein  solches  —  ich  möchte  sagen  —  unberechtigtes
Maß  von  Zeitüberfluß  habe,  daß  ich  mich  noch  mit  der  Presse  selbstthätig
beschäftigen  könnte.  Ich  bestreite  ja  gar  nicht,  daß  ich  mitunter  Auftrag
gebe,  einen  solchen  Artikel  zu  schreiben,  und  ihn  mir  vorlesen  lasse,  um  zu
sehen,  ob  er  nicht  eine  Unhöflichkeit  gegen  den  Reichstag  enthält  oder  gegen
sonst  jemand.  Diejenigen  Artikel,  die  dergleichen  enthalten  sollten,  haben
sich  sicherlich  meiner  Zensur  entzogen;  das  bitte  ich  ein  für  allemal  anzunehmen.
  Aber  ich  kann  doch  unmöglich  für  jeden  Inhalt  irgend  einer  Redaktion
  verantwortlich  sein.  Es  passiert  mir,  wie  ich  schon  früher  gesagt
habe,  vielleicht  nur  in  14  Tagen  einmal,  daß  ich  ein  derartiges  Erleichterungsbedürfnis
  habe,  was  ich  nicht  zurückdrängen  könnte.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  zu  verstehen  gegeben,  er  wüßte  nicht  recht,
was  in  dem  österreichischen  Bündnisvertrage  stehe,  und  was  überhaupt  noch
darin  stehen  könnte.  Ja,  da  möchte  ich  ihn  nur  bitten,  sich  mit  dem  alten
Goethe'schen  Spruche  zu  beruhigen:  „Allwissend  bin  ich  nicht,  doch  ist  mir
viel  bewußt.“  Ihm  ist  sehr  viel  bewußt,  aber  es  muß  auch  einiges  geben,
was  er  nicht  weiß.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  —  er  schien  es  als  eine  sehr  schwere
Anklage  zu  accentuieren,  was  ich  als  eine  solche  gar  nicht  acceptieren  kann  —,
er  hat  gemeint:  wir,  die  verbündeten  Regierungen,  wären  der  Ansicht,  daß
mit  einem  so  komponierten  Reichstage  es  nicht  ginge.  Das  ist  allerdings
unsere  Meinung;  das  ist  aber  kein  Lossagen  vom  Boden  der  Verfassung.
Wir  bleiben  auf  dem  Boden  der  Verfassung,  wenn  wir  durch  eine  Auflösung
zu  einem  anderen  Beschluß  zu  gelangen  suchen,  und  wenn  wir  inzwischen
nach  Material  suchen,  um  die  Wähler  zu  überzeugen,  daß  gerade  unsere  Ansicht
  die  richtige  ist.  Das  ist  außerordentlich  schwierig,  da  nicht  viele  Leute
mehrere  Zeitungen  lesen,  sondern  nur  eine.  Aber  so  schwierig  es  auch  sein
mag,  müde  werden  wir  darin  nicht  werden,  und  zuletzt  wird  es  uns  doch
gelingen:  Recht  muß  doch  Recht,  und  Wahrheit  muß  doch  schließlich  wahr

bleiben,  und  darauf  verlassen  wir  uns.  (Bravol  rechts.)  Und  wir  werden

auch  schließlich  die  Wähler  überzeugen,  wo  wahrer  Patriotismus,  und  wo
die  Sorge  für  die  Sicherheit,  für  das  Gedeihen  des  deutschen  Reiches  und
seine  Einigkeit  zu  suchen  ist.  Ich  bezweifle  das  gar  nicht.

Der  Herr  Vorredner  hat  ferner  wieder  den  Accent  darauf  gelegt,  daß
zwischen  3  und  7  Jahren  prinzipiell  doch  eigentlich  gar  kein  Unterschied
wäre.  Nun,  prinzipiell  ist  der  Unterschied  allerdings  nicht  so  groß  wie  materiell.
  Vier  Jahre  gewonnene  Ruhe  und  Frieden  ist  doch  immer  ein  ganz
erheblicher  Gewinn.  Hauptsächlich  aber  wollen  wir  die  Tradition  des  Kompromisses
  unsererseits  nicht  kränken  und  schädigen,  weil  es  in  der  That
die  einzige  Möglichkeit  ist,  in  konstitutionellen  Verfassungen  dauernd  in
Frieden  zu  leben.  Es  gibt  keine  Verfassung  —  und  wenn  die  geschicktesten
Leute  sie  redigiert  hätten,  und  je  geschickter,  desto  seltener  gibt  es  deren  vielleicht,
  außer  der  englischen,  die  gar  nicht  geschrieben  ist  —  sonst  gibt  es
keine  Verfassung,  die  nicht  Lücken  hätte,  wo  nicht  die  Lückentheorie  in  hundert
Fällen  Anwendung  findet,  die  immer  nur  durch  Kompromiß  überwunden
werden  können.  Wir  haben  in  unserer  Friedensliebe  1874  diesen  Kompromiß
  auf  7  Jahre  lang  abgeschlossen  und  sind  bereit,  alle  7  Jahre  lang  wieder
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.)  57

in  diese  qualvollen  Diskussionen  einzutreten,  aber  nicht  öfter.  Sie  wollen
sich  nun  von  dem  Kompromiß  lossagen  und  sagen:  Nicht  7  Jahre,  alle  3
Jahre  sollen  wir  das.  Wenn  Sie  3  Jahre  haben,  werden  Sie  sagen:  alle
2  Jahre,  warum  nicht  alle  1  Jahr  —  und  wir  werden  die  Unruhe  darüber
dann  gar  nicht  los.  Es  gibt  ja  Herren,  die  so  konfliktlüstern  sind,  daß  sie
in  jedem  Jahr  das  Sicherheitsventil  unserer  verfassungsmäßigen  Zustände
auf  die  Probe  des  Springens  stellen  wollen,  und  die  Probe  des  Springens
nenne  ich  die  Abschaffung  der  Armee.  Nun,  meine  Herren,  es  gibt  außerdem
  noch  einen  für  mich  ganz  persönlichen  Grund,  weshalb  ich  für  die  7
Jahre  bin.  Ich  hoffe,  in  3  Jahren  noch  zu  leben,  in  7  Jahren  aber  nicht
mehr;  da  hoffe  ich  all  dieses  Elendes  überhoben  zu  sein,  und  ich  hoffe,  daß
der  Herr  Abgeordnete  Windthorst  —  ich  wünsche  ihm,  daß  er  noch  zehn
Jahre  lebt;  aber  er  ist  doch  in  denselben  Jahren  wie  ich,  und  wenn
wir  beide  weg  sind,  werden  Sie  sich  vielleicht  besser  vertragen.  (Bewegung.)



Nach  einer  Entgegnung  des  Kriegsministers  auf  die  speziell  militärischen
  Punkte  in  der  Rede  Richters  sprechen  für  die  Regierungsvorlage
noch  v.  Kardorff  (k.),  für  den  Antrag  Stauffenberg  Bamberger  (df.).

In  der  Schlußsitzung  am  14.  zieht  Frhr.  v.  Stauffenberg
seinen  Präzipual-Antrag  und  im  Namen  Richters  den  Antrag  Richter
zurück.  Bei  der  Abstimmung  über  den  Eventualantrag  Stauffenberg
  zu  §  1  der  Vorlage  stimmen  186  dafür,  154  dagegen,  28  Abgeordnete
  enthalten  sich  der  Abstimmung  (dafür  stimmen  geschlossen:
Zentrum,  Deutschfreisinnige,  Volkspartei  und  Welfen,  dagegen  Deutschkonservative,
  deutsche  Reichspartei  und  Nationalliberale,  ferner  die
Sozialdemokraten,  der  Däne  und  3  Elsaß-Lothringer,  unter  ihnen
Antoine  und  Frhr.  Zorn  v.  Bulach);  nachdem  hierauf  der  so  modifizierte
  §  1  der  Regierungsvorlage  mit  183  gegen  154  Stimmen
angenommen  ist,  erhebt  sich  der  Reichskanzler:  „Ich  habe  dem
Reichstag  eine  Kaiserliche  Botschaft  mitzuteilen.  (Der  Reichstag
erhebt  sich.)  Sie  lautet  wie  folgt:

Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  Deutscher  Kaiser  und  König
von  Preußen,  verordnen  auf  Grund  des  nach  Art.  24  der  Reichsverfassung
vom  Bundesrat  unter  Unserer  Zustimmung  gefaßten  Beschlusses  im  Namen
des  Reichs,  was  folgt:  Der  Reichstag  wird  hierdurch  aufgelöst.  (Bravo!
auf  der  Linken.)  Urkundlich  unter  Unserer  Höchsteigenen  Unterschrift  und

beigedrucktem  Kaiserlichen  Insiegel.  Gegeben  Berlin,  den  14.  Jannar  1887.
(ggez.:)  von  Bismarck.  (gez.:)  Wilhelm.

Auf  Grund  dieser  Kaiserlichen  Verordnung  erkläre  ich  im
Namen  der  verbündeten  Regierungen  auf  Befehl  Seiner  Majestät
des  Kaisers  die  Sitzungen  des  Reichstags  für  geschlossen.“

Die  Wahlen  werden  auf  den  21.  Februar  anberaumt.

15.  Januar.  (Preußen:  Eröffnung  des  Landtages;
Wahl  des  Präsidiums.)  Die  vom  Minister  v.  Puttkamer  verlesene
  Thronrede  lautet:

Erlauchte,  edle  und  geehrte  Herren  von  beiden  Häusern  des  Land-
        <pb n="70" />
        58  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.)

tages!  Seine  Majestät  der  Kaiser  und  König  haben  mich  mit  der  Eröffnung
des  Landtages  der  Monarchie  zu  beauftragen  geruht.

Die  Finanzlage  des  Staates  hat  die  mannigfach  erstrebte  und  namentlich
  im  vorigen  Jahre  von  einer  Reform  der  Branntweinbesteuerung  erhoffte
weitere  Besserung  durch  die  Reichsgesetzgebung  nicht  erfahren.  Das  letzte  abgeschlossene
  Rechnungsjahr  vom  1.  April  1885/86,  für  dessen  Etat  nach  einmaliger
  Unterbrechung  zuerst  wiederum  die  Notwendigkeit  einer  Anleihe  zur
Herstellung  des  Gleichgewichts  der  Einnahmen  und  Ausgaben  hervorgetreten
war,  hat,  abgesehen  davon,  ein  befriedigendes  Ergebnis  geliefert.  Ungeachtet
nicht  unerheblicher  Ausfälle  bei  der  Bergverwaltung  und  der  Eisenbahnverwaltung
  hat  dasselbe  infolge  reichlicher  Mehrerträge  anderer  Einnahmezweige
und  größerer  Uberweisungen  aus  dem  Ertrage  der  Zölle  und  der  Reichsstempelabgaben
  einen  Gesamtüberschuß  von  mehr  als  7  Millionen  Mark  ergeben,
  welcher  indessen  den  bestehenden  gesetzlichen  Bestimmungen  gemäß  auch
bereits  in  der  Rechnung  jenes  Jahres  zu  einer  Mehrtilgung  der  Staatseisenbahnschuld
  hat  verwendet  werden  müssen.  Das  laufende  Rechnungsjahr
wird  mit  Hilfe  der  im  Etat  vorgesehenen  ergänzenden  Einnahme  aus  der
Anleihe  nach  allen  bisherigen  Wahrnehmungen  in  ähnlich  befriedigender
Weise  abschließen.  Für  das  nächstfolgende  Jahr  können  die  Erträge  einiger
Betriebsverwaltungen,  namentlich  auch  der  Eisenbahnverwaltung,  nicht  ganz
in  der  bisherigen  Höhe,  und  die  Einnahmen  des  Staates  insgesamt  nur  zu
einem  Betrage  angeschlagen  werden,  welcher  um  nahezu  2 , 1/2  Millionen  Mark
hinter  dem  im  Etat  laufenden  Jahres  ohne  die  ergänzende  Anleihe  angenommenen
  Betrage  der  Einnahmen  zurückbleibt.  Anderseits  ist,  bei  aller  Sparsamkeit
  und  Beschränkung  auf  die  dringendsten  Bedürfnisse,  eine  Vermehrung
der  Ausgaben  an  vielen  Stellen  des  Etats  unvermeidlich  und  war  namentlich
  nach  dem  dem  Reichstage  vorgelegten  Entwurf  des  Reichshaushaltsetats
für  das  nächste  Jahr  eine  abermalige  Steigerung  des  Matrikularbeitrages
Preußens  um  rund  19  Millionen  Mark  vorzusehen.  Unter  diesen  Umständen
erhöht  sich  der  Anleihebetrag,  dessen  der  Staatshaushaltsetat  für  das  Jahr
vom  1.  April  1887/88  wiederum  zur  Ergänzung  der  Einnahmen  bedarf,  auf
nahezu  28, 1/2  Millionen  Mark.  Daß  bei  einer  solchen  Finanzlage  die  Notwendigkeit
  vorliegt,  die  Art  der  Beschaffung  des  öffentlichen  Geldbedarfs  zu
ändern,  werden  Sie  in  Übereinstimmung  mit  der  Staatsregierung  umsomehr
anzuerkennen  geneigt  sein,  als  über  die  gesicherte  dauernde  Herstellung  des
Gleichgewichts  im  Staatshaushaltsetat  hinaus  ein  viel  weitergehendes  Bedürfnis
  nach  besserer  Verteilung  der  Lasten,  namentlich  der  Kommunal-  und
Schullasten,  obwaltet,  welches  von  der  Bevölkerung  immer  drückender  empfunden
  wird,  in  Ihren  Verhandlungen  wiederholt  als  solches  anerkannt  ist
und  anders  als  auf  dem  Wege  der  weitern  Entwicklung  der  der  Reichsgesetzgebung
  überwiesenen  indirekten  Steuern  schwerlich  jemals  befriedigt  werden
kann.  Wenn  die  Staatsregierung  gleichwohl  zur  Zeit  darauf  verzichtet  hat,
durch  erneute  Anträge  beim  Reich  auf  eine  Förderung  in  dieser  Richtung
hinzuwirken,  so  hat  sie  sich  hierzu  durch  die  abweisende  Aufnahme  ihrer  bisherigen
  Anträge  und  in  der  Erwägung  genötigt  gesehen,  daß  die  Bedürffisse,
um  die  es  sich  handelt,  sich  bei  den  Wählern  und  den  Gewählten  zum  Reichstage
  nachdrücklicher  werden  geltend  machen  müssen,  bevor  auf  zum  Ziele  führende
  Verhandlungen  mit  dem  Reichstage  gehofft  werden  kann.  Der  Entwurf
  des  Staatshaushaltsetats  für  das  nächste  Jahr  und  eines  Gesetzes  wegen
Aufnahme  einer  Anleihe  zur  Ergänzung  der  nächstjährigen  Staatseinnahmen
wird  Ihnen  alsbald  vorgelegt  werden.

Auch  in  diesem  Jahre  werden  Ihnen  Vorlagen  zugehen,  welche  die
Erweiterung  und  günstigere  Gestaltung  des  Staatseisenbahnnetzes  im  Interesse
der  Landeswohlfahrt  durch  Herstellung  wichtiger  neuer  Linien  wie  durch
        <pb n="71" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.)  59

Uberführung  noch  einiger  Privatbahnen  in  den  Staatsbesitz  zum  Gegenstande
haben.  Die  Durchführung  der  Verwaltungsreform  wird  auch  in  der  bevorstehenden
  Session  Ihre  Thätigkeit  in  Anspruch  nehmen.  Nachdem  durch  die
in  der  vorigen  Session  vereinbarte  Kreis-  und  Provinzialordnung  für  die
Provinz  Westfalen  die  neuere  Verwaltungsgesetzgebung  auf  diese  Provinz
ausgedehnt  worden  ist,  werden  Ihrer  Beschlußfassung  zu  dem  gleichen  Zwecke
die  Entwürfe  einer  neuen  Kreis-  und  Provinzialordnung  für  die  Rheinprovinz,
  deren  hierbei  in  Betracht  kommende  Verhältnisse  mit  denjenigen  der
Provinz  Westfalen  im  wesentlichen  gleichartige  sind,  unterbreitet  werden.  Die
Maßregeln,  welche  unter  Ihrer  Mitwirkung  in  den  Landesteilen  mit  polnischer
  Bevölkerung  ergriffen  worden  sind,  befinden  sich  in  Erfolg  verheißender
  Ausführung  und  lassen  die  Hoffnung  berechtigt  erscheinen,  daß  sie  der
Entwicklung  der  deutschen  Bevölkerung  einen  kräftigen  Aufschwung  geben
werden.  Um  diesen  Erfolg  nach  allen  Seiten  hin  sicher  zu  stellen  und  zugleich
  für  die  Erhaltung  des  deutschen  Bestandes  wie  für  die  Förderung  der
deutschen  Bestrebungen  einen  vermehrten  Schutz  zu  gewinnen,  erweist  sich  als
notwendig,  die  in  ihrer  gegenwärtigen  Abgrenzung  zum  Teil  zu  umfangreichen
  landrätlichen  Kreise  in  diesen  Landesteilen  zu  vermehren.  Es  wird
Ihnen  daher  zu  diesem  Zwecke  ein  Gesetzentwurf  über  die  Teilung  von  Kreisen
  in  den  Provinzen  Westpreußen  und  Posen  vorgelegt  werden.  Durch  die
kirchenpolitische  Novelle  vom  21.  Mai  1886  haben  die  freundlichen  Beziehungen,
  welche  sich  zur  lebhaften  Befriedigung  Sr.  Majestät  des  Königs  zwischen
  allerhöchst  Ihrer  Regierung  und  der  römischen  Kurie  immer  mehr  befestigt
  haben,  eine  Bethätigung  gefunden,  welche,  je  länger  desto  mehr,  auf
vielen  und  wichtigen  Gebieten  des  kirchlichen  Lebens  für  die  Interessen  der
katholischen  Unterthanen  Sr.  Majestät  sich  als  segenbringend  erweist.  Es  ist
damit  der  Weg  geebnet,  durch  eine  weitere  Revision  der  kirchenpolitischen
Gesetze,  über  welche  die  vorbereitenden  Verhandlungen  mit  der  römischen
Kurie  schweben,  das  Verhältnis  zwischen  dem  Staate  und  der  katholischen
Kirche  zu  beiderseitiger  Zufriedenheit  auszugestalten.  Die  Staatsregierung
wird  Ihnen  eine  entsprechende  Vorlage  machen  und  Se.  Majestät  geben
Allerhöchstsich  gern  der  Hoffnung  hin,  daß  dieselbe  gleich  dem  Ihnen  im
vergangenen  Jahre  unterbreiteten  Revisionsentwurfe  Ihrer  bereitwilligen  Förderung
  begegnen  wird.  Es  wird  Ihnen  ferner  ein  Gesetzentwurf  zur  Beratung
  vorgelegt  werden,  welcher  bezweckt,  bei  der  Feststellung  der  Leistungen
für  Volksschulen  die  Mitwirkung  der  Selbstverwaltungsbehörden  in  erweitertem
  Umfange  in  Anspruch  zu  nehmen.  Zur  Durchführung  der  im  Reichsgesetz
  vom  5.  Mai  v.  J.  vorbehaltenen  landesgesetzlichen  Regelung  wird
Ihnen  eine  Vorlage  zugehen,  nach  welcher  die  Unfallversicherung  auch  für
die  in  land-  und  forstwirtschaftlichen  Betrieben  beschäftigten  Personen  mittels
einer  möglichst  einfachen  und  die  Steuerkraft  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung
  schonenden  Organisation  und  Verwaltung  alsbald  in  Wirksamkeit
treten  soll.  Um  die  Agrargesetzgebung  ihrem  Abschlusse  entgegenzuführen,
werden  zwei  Vorlagen  erfolgen,  von  welchen  die  eine  für  die  durch  ein  Auseinandersetzungsverfahren
  begründeten  gemeinschaftlichen  Anlagen  eine  dauernde
Vertretung  ordnen  soll,  während  die  andere  für  die  Güterkonsolidationen  im
Regierungsbezirk  Wiesbaden  Erleichterung  der  Kosten  und  Vereinfachung  des
Verfahrens  anstrebt.

Meine  Herren!  Indem  ich  Sie  im  Auftrage  Seiner  Majestät  begrüße,
  lade  ich  Sie  ein,  Ihre  Arbeiten  wieder  aufzunehmen,  und  spreche  im
Namen  der  Staatsregierung  die  Hoffnung  aus,  daß  Ihre  Thätigkeit  auch  in  der
neuen  Session  unter  Gottes  Segen  zu  einer  fruchtbringenden  sich  gestalten
wird.  Auf  Befehl  Seiner  Majestät  des  Kaisers  und  Königs  erkläre  ich  den
Landtag  der  Monarchie  für  eröffnet.
        <pb n="72" />
        60  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mitte  Januar.)

Bei  der  Präsidentenwahl  im  Herrenhause  wird  das  bisherige
Präsidium:  Herzog  v.  Ratibor,  Graf  Arnim-Boytzenburg,  Professor
Beseler  durch  Akklamation  wieder  gewählt.

Ebenso  wählt  am  17.  das  Abgeordnetenhaus  sein  früheres
Präsidium:  v.  Köller,  Frhr.  v.  Heeremann  und  v.  Benda  durch
Akklamation  wieder.

Die  Fraktionslisten  des  Abgeordnetenhauses  weisen  nach:  129  Konservative,
  97  Zentrumsmitglieder  nebst  3  Hospitanten,  67  Nationalliberale,
64  Freikonservative,  41  Deutschfreisinnige,  14  Polen,  14  Wilde.

Mitte  Januar.  (Wahlbewegung.)  Die  Vorstände  der  nationalliberalen,
  der  Reichs-  und  der  deutsch-konservativen  Partei  verständigen
  sich  über  folgende  Punkte  für  die  bevorstehende  Reichstagswahl:
  1)  Es  sollen  nur  solche  Kandidaten  aufgestellt  werden,  welche  bereit
sind,  für  das  Septennat  zu  stimmen.  2)  Es  wird  deshalb  in  der  Regel
in  denjenigen  Wahlkreisen,  in  welchen  bisher  ein  Abgeordneter  von  diesen
drei  Parteien  im  Besitz  des  Mandats  sich  befunden  hat,  dieser  wiedergewählt
oder,  insoweit  er  nicht  annehmen  kann  oder  will,  der  Ersatzmann  von  derjenigen
  Partei  des  Wahlkreises  bestimmt,  welche  der  bisherige  Abgeordnete
vertreten  hat.  3)  In  bisher  durch  Gegner  des  Septennats  vertretenen  Wahlkreisen
  soll  zur  Vermeidung  von  Stichwahlen  die  Vereinigung  über  einen
gemeinsamen  Kandidaten  stattfinden.  Insofern  eine  solche  innerhalb  des
Wahlkreises  nicht  zu  ermöglichen  ist  und  die  Anrufung  der  Zentralvorstände
ohne  Erfolg  bleibt,  gilt  als  Regel,  daß  diejenige  dieser  drei  Parteien  den
Kandidaten  bestimmt,  welche  am  stärksten  im  Wahlkreise  vertreten  ist,  wobei
insbesondere  die  Zahlen  der  letzten  Reichstagswahl  von  1884  den  geeigneten
Anhalt  geben  werden.  In  denjenigen  Fällen,  in  denen  dennoch  die  Aufstellung
  mehrerer  Kandidaten  aus  den  drei  Parteien  unvermeidlich  wird,  ist
in  der  Stichwahl  dem  Anhänger  des  Septennats  von  allen  drei  Parteien
unbedingte  Unterstützung  zu  leisten.  4)  Die  Parteivorstände  werden  dahin
wirken,  daß  in  Aufrufen  und  Ansprachen,  sowie  in  der  befreundeten  Presse
alles  vermieden  wird,  was  das  geschlossene  Zusammengehen  der  drei  Parteien
in  der  Wahlbewegung  gefährden  könnte.

v.  Bennigsen  und  Miquel  erklären  sich  zur  Annahme  eines
Mandats  bereit.  Die  nationalliberale  Partei  erläßt  folgenden
Aufruf:

Ein  gefährlicher  Streit  ist  über  unser  Vaterland  hereingebrochen.  Die
Auflösung  des  Reichstages  und  die  bevorstehenden  Neuwahlen  rufen  alle
Deutschen  zu  einer  folgenschweren  Entscheidung.  Eine  aus  bunten  Bestandteilen
  der  Opposition  zusammengesetzte,  nur  in  der  Verneinung  einige  Mehrheit
  wich  zwar  angesichts  der  Macht  der  Thatsachen  und  der  Stimmung  des
deutschen  Volkes  vor  dem  anfänglichen  Versuche,  die  Notwendigkeit  der  Verstärkung
  unserer  Wehrkraft  offen  zu  bestreiten,  zurück,  weigerte  sich  dann
aber,  die  Friedenspräsenz  des  Heeres  wie  bisher  auf  sieben  Jahre  zu  bewilligen.
  Sie  brach  die  selbst  in  friedlicher  Zeit  von  allen  Seiten  für  notwendig
  erachtete  und  auf  dieser  Grundlage  zwischen  der  Reichsregierung  und
dem  Reichstage  gefundene  Einigung,  welche  sich  12  Jahre  hindurch  den  Anforderungen
  einer  festen  Heeresorganisation  und  den  Rechten  des  Parlaments
gegenüber  als  der  beste  Ausgleich  bewährt  hatte.  Das  deutsche  Volk,  umringt
  von  äußeren  Gefahren,  mußte  erleben,  daß  die  Mehrheit  seiner  Ver-
        <pb n="73" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mitte  Januar.)  61

treter  eine  maßvolle,      hinterher selbst  von  der  Mehrheit  des  Reichstages  als
notwendig  zugestandene  Erhöhung  der  Friedenspräsenz  trotz  der  eindringlichsten
  Bitten  und  Ermahnungen  des  großen  Heerführers  in  seiner  Mitte
an  Bedingungen  knüpfte,  welche  nach  der  Natur  der  Sache,  nach  den  Erklärungen
  der  Reichsregierung  und  den  bestimmtesten  Versicherungen  aller
bewährten  Sachkenner  unvereinbar  sind  mit  den  festen  Grundlagen  der  Heeresorganisation
  und  somit  die  durch  eine  Erhöhung  unserer  Wehrkraft  verstärkte
Sicherheit  unseres  Landes  gerade  im  gegenwärtigen  Augenblick  gefährden
würden.  Die  Mehrheit  des  Reichstages  hat  so  die  Verstärkung  unserer  Heeresmacht
  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes  und  zur  Wahrung  des  Friedens
ins  Ungewisse  verzögert,  und,  wenn  die  deutschen  Wähler  nicht  helfen,  verhindert.
  Sie  hat  ohne  Not,  wo  die  höchsten  Interessen  des  Vaterlandes  die
volle  Einigkeit  im  Innern  erfordern,  die  Brandfackel  der  Zwietracht  in  das
junge  deutsche  Verfassungsleben  geschleudert,  und  wahrlich,  unheilvoll  werden
die  Folgen  sein,  falls  nicht  das  deutsche  Volk  Wandel  schafft.  Darum  wenden
  wir  uns  an  alle  Deutschen,  ohne  Unterschied  der  Partei  und  Konfession,
deren  Herzen  besorgt  sind  um  die  Zukunft  des  Vaterlandes,  welche  die  Sicherheit
  und  Unabhängigkeit  des  neu  erstandenen  deutschen  Reiches  höher  achten,
als  die  rücksichtslose  Geltendmachung  von  Fraktionsprogrammen,  welche  in
dem  Kampf  um  die  gesetzlichen  Grundlagen  unseres  deutschen  Heeres,  dieses
Palladiums  der  Unabhängigkeit  der  Nation,  zugleich  eine  schwere  Gefahr  für
eine  gedeihliche  fortschreitende  Entwicklung  im  Innern  erblicken.  Mögen  sie
sich  fest  zusammenschaaren,  möge  ein  jeder  ohne  Rücksicht  auf  persönlichen
Vorteil  oder  Nachteil,  ohne  Befangenheit  in  den  Anschauungen  der  Fraktionen
  nur  des  Vaterlandes  gedenken.  Unseren  näheren  politischen  Freunden
aber  rufen  wir  zu,  daß  diesmal  vor  allem  ein  jeder  seine  Schuldigkeit  thue.
Unsere  Stellung  zu  den  großen  Fragen  der  Reichspolitik  bleibt  dieselbe  wie
bisher.  Entscheidend  aber  ist  heute  die  Sicherung  des  Landes,  der  Friede
nach  außen  und  nach  innen.  Steht  fest  auf  der  Schanze,  kläret  das  Volk
auf,  tretet  den  Keim  schon  der  inneren  Zwietracht  nieder,  verhütet  die  Ermutigung
  des  Auslandes,  wählet  nur  Männer,  welche  hiefür  Sicherheit
bieten!  Wir  sind  des  Vertrauens,  daß  das  deutsche  Volk  auch  diesmal  alle
Lockungen  und  Versuchungen  zum  Rückfall  in  die  alte  Uneinigkeit  und  den
inneren  Hader,  unter  dem  wir  Jahrhunderte  gelitten  und  verdarben,  siegreich
zurückweisen  wird.  Berlin,  den  16.  Januar  1887.

Von  den  Parteien  der  Mehrheit  erläßt  die  deutschfreisinnige
  den  folgenden  Wahlaufruf:

„Gesinnungsgenossen!  Der  Reichstag  ist  aufgelöst.  Die  Mehrheit
der  Volksvertretung  hat  der  von  der  Reichsregierung  geforderten  Erhöhung
der  Friedenspräsenzstärke  um  41,000  Mann  zugestimmt.  Trotz  schwerer  Bedenken
  hat  die  freisinnige  Partei  in  entscheidender  Weise  zur  Bildung  dieser
Mehrheit  beigetragen.  Jetzt  wird  ein  erbitterter  Wahlkampf  eröffnet  und
das  geschieht,  weil  man  es  dem  Volke  verweigern  will,  nach  drei  Jahren
wiederum  eine  Einwirkung  auf  das  Maß  der  militärischen  Lasten  auszuüben.
Wir  dagegen  wollen  dem  künftigen  Reichstag  das  Recht  nicht  verschränkt
wissen,  eine  Abkürzung  der  Dienstzeit  und  eine  Erleichterung  der  Steuerlast
zu  erwirken.  Die  Ablehnung  dieses  Verlangens  ist  ein  unberechtigtes  Mißtrauensvotum
  gegen  das  deutsche  Volk.  Unsere  Gegner  versagen  dem  Volk
das  Vertrauen,  daß  es  in  den  Reichstag  Männer  wählen  werde,  welche,  so
wie  bisher,  auch  künftig  das  zum  Schutze  des  Vaterlandes  Notwendige  zu

gewähren  bereit  sind.  Aber  alle  konstitutionellen  Einrichtungen  beruhen  auf
solchen  Vertrauen.  Ohne  dasselbe  ist  nur  ein  absolutes  Regiment  oder  der
leere  Schein  einer  konstitutionellen  Regierung  denkbar.  Eine  ohnmächtige
        <pb n="74" />
        62  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mitte  Januar.)

Volksvertretung  würde  gewiß  jenen  Plänen  nicht  Widerstand  leisten,  deren
Durchführung  in  den  Augen  unserer  Gegner  der  wahre  Preis  des  Sieges
in  dem  bevorstehenden  Wahlkampf  sein  soll:  Branntweinmonopol,  Tabakmonopol,
  eine  weitere  Belastung  der  ärmeren  Volksklassen  durch  höhere  Besteuerung
  des  Massenverbrauchs.  Eine  Verwirklichung  unseres  Vorschlages,
im  Interesse  der  Gerechtigkeit  die  Wohlhabenden  durch  eine  Reichseinkommensteuer
  zur  Deckung  des  Mehraufwandes  für  die  Armeen  heranzuziehen,  wäre
ausgeschlossen.  Aus  einer  reaktionären  Mehrheit  würden  sicherlich,  wenn
auch  heute  verleugnet,  die  Pläne  wiederum  erstehen,  welche  sich  gegen  die
volkstümlichen  Grundlagen  unserer  Reichsverfassung,  insbesondere  gegen  das
allgemeine,  gleiche  und  geheime  Wahlrecht  kehren.  Wähler!  Gehen  wir
unbeirrt  in  den  Kampf  für  die  Verteidigung  von  Freiheit,  Recht  und  Verfassung
  durch  selbständige  unabhängige  Volksvertreter,  in  Treue  zu  Kaiser
und  Reich!“

An  verschiedenen  Orten  macht  sich  jedoch  in  der  freisinnigen
Partei  eine  Strömung  zu  Gunsten  des  Septennats  bemerkbar,  namentlich
  erklärt  in  Stralsund  der  bei  der  letzten  Wahl  für  die  Freisinnigen
  kandidierende  Ratsherr  Brandenburg  das  Verhalten  der
Partei  gegen  die  Heeresvorlage  für  eine  unverantwortliche  überhebung
  und  einen  schweren  taktischen  Fehler;  ähnlich  äußert  sich  die
Dresdner  Zeitung.  In  Königsberg,  Danzig,  Bromberg,  Rostock  und
anderwärts  erklären  sich  freisinnige  Wähler  in  Aufrufen  für  das
Septennat;  die  freisinnigen  Kandidaten  für  Landsberg-Soldin,  Randow-Greifenhagen,
  Friedeberg-Arnswalde  und  Güstrow  erklären  sich
für  das  Septennat.

In  dem  Wahlaufruf  des  Zentrums  heißt  es:

Der  Reichstag  ist  aufgelöst.  Die  Auflösung  erfolgte,  weil  die  Majorität,
  und  mit  ihr  die  Zentrumsfraktion  in  vollster  Einmütigktit  ihrer
Mitglieder,  zwar  die  verlangte  Verstärkung  des  Heeres  nach  ihrem  ganzen
Umfange  bewilligte,  aber  die  Giltigkeit  der  neu  vereinbarten  Friedenspräsenzstärke
  auf  drei  Jahre,  nicht,  wie  der  Vorschlag  der  verbündeten  Regierungen
lautete,  auf  sieben  Jahre,  festsetzte.  Die  Bewilligung  geschah  in  voller  Würdigung
  der  politischen  Lage  des  Augenblicks.  Für  die  Bemessung  der  Dauer
war  bestimmend,  daß  dem  Reichstag,  welcher  die  Frage  zu  lösen  haben  wird,
auf  welchem  Wege  die  vermehrten  Kosten  zu  decken  seien,  auch  eine  nochmalige
  Prüfung  der  geforderten  Heeresverstärkung  möglich  sein  müsse.  Neuwahlen
  stehen  unmittelbar  bevor.  Die  Zentrumsfraktion  hat  nicht  nötig,
in  dem  entbrennenden  Wahlkampfe  ihr  Programm  noch  erst  zu  entwickeln.
Es  ist  das  alte,  wofür  in  sechs  Wahlen  Millionen  von  Wählern  ihre  Stimme
abgegeben  haben.  Auch  in  der  nunmehr  abgebrochenen  Legislaturperiode  ist
die  Zentrumsfraktion  bestrebt  gewesen,  für  die  Verwirklichung  ihres  Programms,
  wo  immer  möglich,  nach  Kräften  einzutreten.  In  demselben  nimmt
die  Erkämpfung  voller  Freiheit  und  Selbständigkeit  der  Kirche  die  erste  Stelle
ein.  Gern  erkennen  wir  an,  daß  die  Wendung  zum  Bessern,  welche  auf
diesem  Gebiete  vor  einigen  Jahren  eingetreten  ist,  noch  weiter  angehalten
hat.  Bei  dem  engen  Zusammenhange,  welcher  zwischen  den  Interessen  des

Reiches  und  denen  der  Einzelstaaten  besteht,  begrüßen  wir  dankbar  die  Erleichterungen,
  welche  der  Kirche  in  Preußen  zu  teil  geworden  sind.  Aber
noch  ist  der  sogenannte  Kulturkampf  nicht  beendet,  noch  bestehen  die  Reichs-
        <pb n="75" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  Mitte  —17.)  63

gesetze  in  Kraft,  welche  die  Kirche  mit  Mißtrauen  einengen  und  der  Allgewalt
  des  Staates  ausliefern,  die  segensreiche  Thätigkeit  ihrer  Diener  und
Ordensgenossenschaften  lähmen  und  die  verfassungsmäßigen  Rechte  von  Millionen
  Reichsbürgern,  sogar  das  ursprünglichste  Recht  ans  Vaterland,  das
Heimatsrecht,  verletzen.  Nur  verhängnisvolle  Selbsttäuschung  könnte  zu  der
Meinung  verführen,  als  dürften  die  im  Interesse  der  Kirche  erhobenen  Forderungen
  von  nun  an  aus  dem  politischen  Streite  ausscheiden.  Die  Zentrumsfraktion
  wird  sie  so  lange  erheben,  bis  sie  voll  und  ganz  erfüllt  sind.
Mit  der  Forderung  der  kirchlichen  ist  die  Wahrung  der  bürgerlichen  Freiheit
  unzertrennlich  verbunden.  Das  deutsche  Volk  hat  schwer  genug  unter
der  Herrschaft  des  falschen  Liberalismus  gelitten;  absolutistischen  Regungen
aber,  welche  die  von  früheren  Generationen  mühsam  errungenen  Gerechtsame
der  Volksvertretung  wiederum  den  durch  ungeheure  Machtmittel  verstärkten
Regierungen  auszuliefern  bereit  sind,  wird  es  seiner  überwiegenden  Mehrheit
nach  immer  unzugänglich  bleiben.  Die  Zentrumsfraktion  weiß  sich  frei  von
jedem  Streben  nach  parlamentarischer  Herrschaft,  aber  sie  wird,  wie  sie  es
immer  gethan  hat,  so  auch  in  Zukunft  jedem  Versuche,  die  verfassungsmäßigen
Rechte  des  Volkes  zu  schmälern,  einen  unbeugsamen  Widerstand  entgegenstellen.
  Nicht  minder  wird  die  Aufrechterhaltung  des  geschichtlichen  und  verfassungsmäßigen
  Grundcharakters  des  deutschen  Reiches,  als  eines  Bundesstaates,
  auch  künftighin  unsere  ernsteste  Sorge  sein..  Der  Augenblick
ist  ernst.  Von  dem  Ausfall  der  Wahlen  hängt  nicht  nur  der  Fortgang  der
Gesetzgebung  während  der  nächsten  drei  Jahre,  sondern  die  ganze  Zukunft
unseres  Verfassungslebens  ab.  Gestützt  auf  das  Vertrauen  und  die  Eintracht
ihrer  Wähler  hat  sich  die  Zentrumsfraktion  bei  der  wechselnden  Verschiebung
der  Parteien  als  der  unerschütterte  „feste  Thurm“  erwiesen.  Wir  hoffen
zuversichtlich,  daß  auch  jetzt  unsere  Wähler  zu  uns  stehen,  daß  sie  einen
neuen  glänzenden  Beweis  ihrer  Eintracht,  ihrer  unabhängigen  Gesinnung,
ihrer  Pflichttreue  geben  werden.  Möge  an  dem  Entscheidungstage  kein  zur
Wahl  Berechtigter  an  der  Urne  fehlen.  Gott  und  Vaterland  verlangen  es
von  uns  als  eine  heilige  Pflichterfüllung.  Vorwärts  in  enggeschlossenen,
vollzähligen  Reihen,  vorwärts  in  alter  Tüchtigkeit  zur  Wahl!  Vorwärts
mit  Gott  für  Wahrheit,  Freiheit,  Recht!

Mitte  Januar.  (Katholische  Kirche.)  Es  wird  ein  Schreiben
  des  Kardinal-Staatssekretärs  Jacobini  an  den  Bischof  Kopp
von  Fulda  vom  4.  Dez.  1886  auf  Wunsch  des  Papstes  in  der  kath.
Presse  bekannt  gemacht,  in  welchem  die  Behauptungen,  daß  dieser
an  den  Verhandlungen  zwischen  dem  Vatikan  und  der  preußischen
Regierung  Anteil  gehabt  hätte  oder  noch  habe,  als  Erdichtungen  bezeichnet
  werden  und  seiner  Thätigkeit  „für  die  Freiheit  der  Kirche
und  die  Wiederherstellung  ihrer  Rechte“  das  Lob  des  Papstes  gespendet
  wird.  (St.  A.  Bd.  48.)

17.  Jan.  (Der  Kaiser  zur  Ablehnung  der  Militärvorlage.)
  Beim  Empfange  des  Präsidiums  des  Herrenhauses  äußert
der  Kaiser  über  die  Auflösung  des  Reichstages:

„Es  habe  ihn  als  Deutschen  und  Preußen  sehr  ernst  gestimmt  und
tief  betrübt,  daß  man  die  für  die  Erhaltung  des  Friedens  für  Deutschland
so  wichtige  Vorlage  abgelehnt  habe.  Es  habe  ihn  dies  nach  so  vielen  glücklichen
  Tagen,  die  ihm  in  seinem  hohen  Alter  beschieden  gewesen  seien  und
        <pb n="76" />
        64  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  18.—20.)

besonders  nach  seiner  achtzigjährigen  militärischen  Dienstthätigkeit  aufs  tiefste
und  schmerzlichste  berührt.  Die  Bewilligung  auf  drei  Jahre  hätte  vom
militärischen  Standpunkte  als  ausreichend  nicht  erachtet  werden  können.“  Der
Kaiser  giebt  der  Hoffnung  auf  spätere  Bewilligung  der  Vorlage  Ausdruck  und
wünscht  den  Landtagsarbeiten  gutes  Gedeihen.

18.  Jan.  Der  bisherige  Ministerresident  in  Santjago  (Chile),
Frhr.  Schenck  zu  Schweinsberg,  wird  zum  außerordentlichen
Gesandten  beim  Schah  von  Persien  ernannt.

19.  bzw.  20.  Jan.  (Preußen.  Herrenhaus:  Adresse.)
Frhr.  v.  Solemacher-Antweiler  hatte  am  15.  einen  von  46  Mitgliedern
  der  Rechten  unterstützten  Antrag,  eine  Adresse  an  den  Kaiser
zu  richten,  eingebracht  und  denselben  mit  folgenden  Motiven  versehen:



„Se.  Majestät  unser  erhabener  Kaiser  und  König  hat  in  Übereinstimmung
  mit  den  verbündeten  Regierungen  eine  Verstärkung  der  deutschen
Heeresmacht  für  notwendig  erachtet,  um  unter  gespannten  Verhältnissen  Deutschland
  und  Europa  die  Wohlthaten  des  Friedens  zu  erhalten,  dessen  Wahrung
seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  der  erfolgreichen  Sorge  Sr.  Majestät
unseres  Kaisers  und  seiner  Bundesgenossen  zu  danken  ist.  Der  deutsche  Reichstag
  hat  aber  die  Bewilligung  der  ihm  gemachten  Vorlage  an  Bedingungen
geknüpft,  welche  ihm  neue,  von  dem  bisherigen  Herkommen  abweichende  Befugnisse
  geben  sollten.  In  dem  verhängnisvollen  Augenblicke  des  Scheiterns
der  unentbehrlichen  Heeresvorlage  und  nachdem  hieraus  die  Notwendigkeit
der  Auflösung  des  Reichstags  sich  ergeben  hat,  erfüllt  das  Herrenhaus  seinen
Beruf,  wenn  es  Sr.  Majestät  die  Versicherung  unwandelbarer  Treue  und
die  Zuversicht  ausspricht,  daß  das  preußische  Volk  zu  jedem  Opfer  bereit
sein  werde,  um  seine  Armee  dauernd  in  dem  zur  Sicherung  des  Vaterlandes
notwendigen  Stande  zu  erhalten.“

Der  Antrag  war  mit  großer  Mehrheit  —  nur  einige  Ultramontane
  stimmten  dagegen  —  angenommen  und  einer  Kommission  die
Abfassung  der  Adresse  übertragen  worden.  Der  Entwurf  der  Kommission
  wird  am  19.  einstimmig  angenommen.  Die  Adresse  lautet:

„Allerdurchlauchtigster,  Großmächtigster  Kaiser  und  König!  Allernädigster
  Kaiser,  König  und  Herr!  Ew.  Kaiserliche  und  Königliche  Majestät
  sind  der  Schöpfer  des  preußischen  Heeres  in  seiner  gegenwärtigen  Gestalt.
  Durch  dessen  und  unserer  Bundesgenossen  Heldenmut  haben  Ew.  Kaiserliche
  und  Königliche  Majestät  das  deutsche  Reich  in  nie  dagewesener  Macht
und  Herrlichkeit  wiederhergestellt  und  gestützt  auf  die  jetzt  einheitliche  deutsche
Armee  durch  Allerhöchstderen  Weisheit  den  Frieden  Europas  während  langer
Jahre  erhalten.  Gerade  gegenwärtig  sind  die  staatlichen  Beziehungen  der
Völker  Europas  zu  einander  mannigsach  so  gespannt,  daß  die  Gefahr  nicht
ausgeschlossen  ist,  auch  das  deutsche  Reich  unerwartet  in  Krieg  verwickelt  zu
sehen.  Darum  ist  mit  dem  ganzen  Lande  das  preußische  Herrenhaus  tief
bewegt,  daß  Ew.  Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  nach  einer  so  langen
glorreichen  und  gesegneten  Regierung  der  Schmerz  nicht  erspart  ist,  daß  die
Bewilligung  der  Mittel,  welche  Allerhöchstdieselben  und  die  verbündeten
deutschen  Regierungen  in  einem  solchen  Augenblicke  zur  vollen  Wehrhaftigkeit
  der  deutschen  Armee  erforderlich  halten,  an  eine  Einschränkung  geknüpft
wurde,  welche  dem  auf  wiederholten  Kompromissen  beruhenden  Herkommen
        <pb n="77" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  20.)  65

entgegen  von  Ew.  Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  für  unannehmbar
gehalten  und  infolge  davon  die  Auflösung  des  Reichstages  für  geboten  erachtet
  wurde.  Geruhen  Ew.  Kaiserliche  und  Königliche  Majestät  es  gnädig
aufzunehmen,  wenn  wir  unser  erstes  Wort  nach  unserem  Zusammentritt  an
Allerhöchstdieselben  mit  der  ehrfurchtsvollen  Versicherung  richten,  daß  wir,
wie  allezeit,  so  auch  in  der  gegenwärtigen  Lage  ganz  und  freudig  zu  Ew.
Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  stehen,  wenn  wir  Allerhöchstdenselben
den  allerunterthänigsten  Dank  darbringen  für  die  treue  Sorge  der  unerschütterlichen
  Erhaltung  und  notwendigen  Fortbildung  des  deutschen  Heeres,
und  wenn  wir  endlich  Ew.  Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  die  Zuversicht
  aussprechen,  daß  dem  preußischen  Volke  kein  Opfer  zu  schwer  sein
wird,  das  Heer  dauernd  bei  der  Wehrhaftigkeit  zu  erhalten,  jede  dem  Vaterlande
  drohende  Gefahr  abzuwenden.“

Unterzeichnet  haben  106  Mitglieder,  darunter  16  Katholiken.
Beim  Empfange  der  Adreß-Deputation  des  Herrenhauses  antwortet
  der  Kaiser,  nachdem  der  Herzog  von  Ratibor  die  Adresse

verlesen:

„Ich  danke  Ihnen  von  ganzem  Herzen  für  die  Kundgebung,  die  Sie
Mir  im  Namen  des  Herrenhauses  durch  die  eben  verlesene  Adresse  haben
aussprechen  wollen.  Sie  hat  Mich  nicht  überrascht,  da  Mir  die  Gefühle
der  Treue  und  des  Patriotismus  des  Herrenhauses  bekannt  sind.  Ich  hatte
geglaubt,  nachdem  dem  Reichstage  eine  so  detaillierte  Darlegung  des  Bedürfnisses
  gemacht  worden,  wie  sonst  nicht  üblich,  wozu  Ich  Mich  aber  unter
den  Umständen  bewogen  fühlte,  auf  Annahme  seitens  des  Reichstags  rechnen
zu  können.  Es  ist  aber  dann  ein  Ereignis  eingetreten,  welches  Mich  nötigte,
Meine  Stellung  öffentlich  rasch  kundzuthun.  Hoffen  wir,  daß  es  besser  wird.
Ich  danke  Ihnen  aus  Grund  der  Seele.  Ihr  Schritt  that  Meinem  Herzen
wohl.  Jede  Kundgebung  aus  der  Monarchie,  auch  aus  ganz  Deutschland,
zeigt  Mir,  wie  recht  Ich  hatte  und  daß  es  große  tüchtige  Teile  des  Landes
gibt,  worin  man  die  Notwendigkeit  der  Maßregel  vollkommen  anerkennt.
Das  Herrenhaus  hat  Mir  in  schweren  Zeiten  so  viele  Beweise  hingebender
Treue  gegeben,  daß  Ich  auch  jetzt  nicht  an  ihm  gezweifelt  habe.  Ich  kann
wohl  sagen,  daß  Mich  die  erlebten  Ereignisse  tief  geschmerzt  haben.  Wiederholen

  Sie  dies  überall.  Ich  bin  tief  betrübt,  Sie  aber  haben  Balsam  in

ein  Herz  gegossen.  Das  Vaterland  wird  nicht  in  Gefahr  sein,  so  lange
die  Armee  in  dem  Geiste  sich  erhält,  von  dem  sie  in  den  letzten  Kriegen  so
große  Beweise  der  Treue  und  der  Aufopferung  gegeben.  Die  neuen  Maßregeln,
  durch  welche  die  Armee  gekräftigt  wird,  werden  dazu  dienen,  jede
Kriegsgefahr  zu  mindern.  Also  nochmals  Meinen  tiefgefühlten  Dank  für
den  Schritt,  wodurch  Sie  Meinem  Herzen  so  wohl  gethan,  und  bitte  Ich,
daß  Sie  dies  dem  Herrenhause  aussprechen.“

20.  Januar.  (Preußen:  Volksschulwesen.)  Dem  Herrenhause
  geht  ein  Gesetzentwurf  betreffend  die  Feststellung  der  Leistungen
für  die  Volksschulen  zu.

Derselbe  bezeichnet  als  Volksschulen  alle  diejenigen,  welche  nur  zur
Erfüllung  der  allgemeinen  Schulpflicht  dienen.  Uber  alle  von  den  Schulauffichtsbehörden
  geforderten  Steigerungen  der  Leistungen  der  zur  Unterhaltung
  einer  Volksschule  Verpflichteten  mit  Ausnahme  der  für  Bauten  beschließt
  bei  Widerspruch  derselben  der  Kreisausschuß,  bei  Stadtschulen  der
Bezirksausschuß.  Beschwerden  über  diese  Beschlüsse  gehen  an  den  Provinzialrat.
  In  Schleswig-Holstein,  Westfalen  und  der  Rheinprovinz  tritt  vor-Europ.

  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  5
        <pb n="78" />
        66  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  20.—21.)

läufig  an  Stelle  des  Kreisausschusses  eine  Kreisschulkommission,  des  Bezirksausschusses
  die  Gemeindeverwaltung,  in  der  Beschwerdeinstanz  eine  Provinzialschulkommission.
  Beide  Kommissionen  bestehen  aus  je  6  auf  6  Jahre  zu
erwählenden  Mitgliedern  des  betr.  Kreises  bzw.  der  Provinz  (Geistliche,  Elementarlehrer
  und  Kirchendiener  sind  ausgeschlossen)  und  dem  Landrate  bzw.
Oberpräsidenten.  Für  die  Provinz  Posen  verbleibt  es  bei  den  schon  bestehenden
  Bestimmungen.

20.  Januar.  (Südwestafrika.)  Die  „Norddeutsche  Allg.
Zeitung“  meldet:  Die  in  Grootfontain  in  der  Otowi-Gegend  angesiedelten
  Boeren  sind  auf  ihren  Antrag  nach  Genehmigung  des  Kaisers
  unter  den  Schutz  des  deutschen  Reichs  gestellt  worden.

21.  Januar.  (Preußen.)  Abg.-Hs.:  Etat  für  1887/88,
erste  Beratung.

Die  Hauptziffern  desselben  sind:

Die  Einnahmen  sind  auf  1.288.258,307,  die  Ausgaben  im  Ordinarium
  auf  1.283.120,623,  im  Extraordinarium  auf  33.596,684  M,  zusammen
also  auf  28.459,000  M  mehr  als  die  Einnahmen  veranschlagt.  Für  die
Deckung  dieses  Fehlbetrags  wird  eine  Anleihe  vorgeschlagen.  Gegen  den
vorhergehenden  Etat  beträgt  der  Unterschied  in  der  Einnahme  ein  Weniger
von  2.445,205  44,  in  der  Ausgabe  ein  Mehr  von  13,614,895  M.

Bei  den  ordentlichen  Einnahmen  ist  ein  Mehrüberschuß  von  12.903,999  M
in  Ansatz  gebracht  und  zwar  dabei  8.052,224  M  aus  der  Eisenbahnverwaltung,
  2.024,600  M  aus  der  der  direkten,  1.247,800  aus  der  der  indirekten
Steuern;  ferner  sind  Mehrüberschüsse  angesetzt  aus  der  Forstverwaltung
1.261,200,    aus  der  Lotterieverwaltung  1.923,800  M;  die  allgem.  Finanzverwaltung
  bringt  Mehreinnahmen  von  291,280  M  an  Überweisungen  aus
den  Erträgen  der  Zölle  und  der  Tabaksteuer,  von  1.850,000  durch  Minderausaben
  auf  Grund  der  lex  Huene,  von  1.480,600  M  des  vormaligen  Staats-Schatzes.
  Minderüberschüsse  weist  besonders  die  Verwaltung  des  Berg-,  Hüttenund
  Salinenwesens  in  Höhe  von  1.252,837  M  auf;  der  Anteil  am  Ertrage
der  Reichsstempelabgaben  von  1.622,850  M  Der  Mehransatz  an  Matrikularbeiträgen
  beträgt  19.012,624  M --  Der  Einnahme  an  Witwen-  und  Waisengeldbeiträgen
  von  6.118,874  M  steht  eine  Ausgabe  von  3.427,602  M  gegenüber.


  Mehrausgaben  im  Ordinarium  bilden  hauptsächlich  2.760,000  M
Zinsen  für  neue  Anleihen;  ferner  im  Etat  des  Finanzministeriums  779,958;
in  dem  des  Innern  393,823;  des  landwirtschaftlichen  225,904;  des  Kultus
810,775  für  den  Elementarunterricht,  185,713  für  Universitäten,  79,022  für
höhere  Lehranstalten,  77,786  für  Kunst  und  Wissenschaft,  106,226  für  evangelische
  Kirchen  und  Geistliche,  im  Ganzen  1.353,832  M

Einmalige  und  außerordentliche  Ausgaben  sind  angesetzt  14.574,000
auf  die  Betriebsverwaltungen,  18.653,715  auf  die  allgem.  Staatsverwaltungen,
368,969  auf  Dotationen  und  die  Finanzverwaltung,  zusammen  5.815,507 M
weniger  als  im  Vorjahre.

Der  Etat  wird  unverändert  in  2.  und  3.  Lesung  am  26.  bzw.
28.  Febr.  angenommen.  Im  Herrenhause  erfolgt  die  Annahme  en
bloc  am  19.  März.

21.  Januar.  (Papst  und  Septennat.)  Der  Kardinalstaatssekretär
  Jacobini  spricht  in  einem  Schreiben  an  den  päpstlichen
        <pb n="79" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  21.)  67

Nuntius  zu  München  die  Mißbilligung  des  Papstes  über  die  Haltung
  der  Zentrumspartei  bei  der  Abstimmung  über  das  Septennat
aus.  Dasselbe  lautet:

„.  .  .  .  Während  ich  davon  absehe,  die  Gründe  zu  prüfen,  mit  welchen  der
Baron  v.  Franckenstein  bemüht  ist,  das  bei  der  Abstimmung  über  die  Septennats-Gesetzvorlage
  vom  Zentrum  beobachtete  Verfahren  zu  rechtfertigen,
halte  ich  doch  für  sehr  dringend  und  wichtig,  auf  den  andern  Teil  seines
Schreibens  aufmerksam  zu  machen.  Derselbe  wünscht  zu  erfahren,  ob  der
heilige  Stuhl  der  Ansicht  sei,  daß  der  fernere  Bestand  des  Zentrums  im
Reichstage  nicht  mehr  notwendig  sei,  in  welchem  Falle  er  selbst  nebst  der
Mehrzahl  seiner  Kollegen  auf  weitere  Mandate  verzichten  würde.  Er  fügt
hinzu,  daß,  wie  er  schon  seit  1880  dargelegt,  das  Zentrum  nicht  Gehorsam
zu  leisten  im  stande  sei  bei  Gesetzen,  welche  nicht  kirchliche  seien  und  welche
nicht  auf  Rechte  der  Kirche  sich  beziehen.  Sie  müssen  hierauf  den  Baron
zunächst  versichern,  daß  der  heilige  Stuhl  die  Verdienste  unverändert  anerkennt,
  welche  das  Zentrum  und  seine  Leiter  sich  bei  Verteidigung  der  Sache
der  Katholiken  erworben  haben.  Im  Namen  des  heiligen  Vaters  wollen
Sie  ihm  daher  auf  seine  Anfrage  folgende  Bemerkung  mitteilen:  Die  Aufgabe
  der  Katholiken,  ihre  religiösen  Interessen  zu  belchüfen  kann  noch  nicht
als  geschlossen  betrachtet  werden.  Man  muß  dabei  die  absolute  und  dauernde,
sowie  andernteils  die  hypothetische  und  zeitliche  Seite  ins  Auge  fassen.  Auf
gänzliche  Beseitigung  der  Kampfgesetze  hinzuwirken,  die  legitime  Auslegung
der  neuen  Gesetze  zu  verteidigen  und  deren  Ausführung  zu  überwachen,  —
das  bedingt  jetzt  die  Aktion  der  Katholiken  im  Reichstage.  Es  ist  ferner
zu  bedenken,  daß  in  einer  Nation,  bei  der  die  religiösen  Verhältnisse  gemischt
  sind  und  der  Protestantismus  als  Staatsreligion  angenommen  ist,  sich
Veranlassungen  zu  religiösen  Reizungen  finden  können,  bei  denen  die  Katholiken
  berufen  sein  dürften,  ihre  Ansichten  in  gesetzlicher  Weise  zu  verteidigen
oder  ihren  Einfluß  zur  Besserung  ihrer  Lage  geltend  zu  machen.  Auch  wollen
Sie  nicht  verfehlen,  hervorzuheben,  daß  eine  katholisch-parlamentarische  Partei,
  welche  für  die  unhaltbare  Lage  des  erhabenen  Oberhauptes  der  Kirche
Mitgefühl  hat,  eine  passende  Gelegenheit  benutzen  kann,  um  die  Wünsche
ihrer  katholischen  Landsleute  zu  Gunsten  des  Papstes  auszusprechen  und  zur
Geltung  zu  bringen.  Dem  Zentrum  in  seiner  Eigenschaft  als  politischer
Partei  ist  stets  Aktionsfreiheit  eingeräumt  worden;  sobald  es  sich  aber  um
die  Interessen  der  Kirche  handelt,  würde  es  in  dieser  Eigenschaft  dieselben
nicht  nach  eigner  Anschauung  vertreten  können.  Wenn  der  heilige  Vater
geglaubt  hat,  dem  Zentrum  seine  Wünsche  hinsichtlich  des  Septennats  aussprechen
  zu  müssen,  so  ist  das  dem  Umstande  zuzuschreiben,  daß  diese  Frage
mit  Fragen  von  religiöser  und  moralischer  Bedeutung  zusammenhängt.  Zunächst
  lagen  triftige  Gründe  vor,  anzunehmen,  daß  der  endgiltigen  Revision
der  Maigesetze  ein  mächtiger  Impuls  und  eine  große  Berücksichtigung  seitens
der  Regierung  zu  teil  geworden  wäre,  wenn  die  letztere  durch  das  Benehmen
des  Zentrums  bei  der  Abstimmung  über  das  Septennat  befriedigt  worden
wäre.  Der  heilige  Stuhl  hätte  dann  in  zweiter  Linie  durch  Vermittlung
des  Zentrums  an  Erhaltung  des  Friedens  hingearbeitet  und  sich  auf  diese
Weise  die  Berliner  Regierung  verpflichtet  und  dieselbe  günstig  für  das  Zentrum
  und  freundlich  für  die  Katholiken  gestimmt.  Schließlich  hat  der  heilige
Stuhl  mit  seinen  hinsichtlich  des  Septennats  erteilten  Ratschlägen  eine  neue
Gelegenheit  herbeiführen  wollen,  sich  dem  deutschen  Kaiser  und  dem  Fürsten
Bismarck  angenehm  zu  machen;  außerdem  kann  der  heilige  Stuhl  von  dem
Standpunkte  seiner  eigenen  Interessen,  welche  mit  den  Interessen  der  Katholiken
  identisch  sind,  sich  nicht  eine  Gelegenheit  entgehen  lassen,  durch  welche

5*
        <pb n="80" />
        68  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  21.—24.)

er  für  die  Verbesserung  seiner  Lage  das  mächtige  deutsche  Reich  günstig
stimmen  könnte.  Vorstehende  Betrachtungen,  welche  sich  nach  der  Anschauungsweise
  des  heiligen  Stuhles  auf  die  mit  dem  Septennat  zusammenhängenden
  religiösen  und  moralischen  Fragen  beziehen,  hatten  den  heiligen

Vater  veranlaßt,  seine  Wünsche  dem  Zentrum  zu  erkennen  zu  geben.  Das
gegenwärtige  Schreiben,  welches  gleich  dem  früheren  die  erhabenen  Ansichten
des  Papstes  wiedergibt,  wollen  Sie  dem  Baron  v.  Franckenstein  mitteilen
und  ihn  beauftragen,  dasselbe  zur  Kenntnis  der  Zentrumsmitglieder  zu
bringen.  gez.  L.  Kardinal  Jacobini.“

Dieses  Schreiben  wird  am  4.  Februar  von  Wien  aus  in  der
„Politischen  Korrespondenz“  veröffentlicht.  Die  „Kölnische  Zeitung“
bemerkt  dazu:

Diese  Kundgebung  beweise:  1)  Die  Zentrumsführer  haben  vor  der
entscheidenden  Abstimmung  die  Erklärung  des  Papstes  besessen,  daß  er  hohen
Wert  darauf  lege,  wenn  das  Zentrum  in  der  Militärfrage  mit  der  Regierung
  ginge.  2)  Sie  haben  der  versammelten  Fraktion  diese  Kundgebung
verschwiegen  und  derselben  entgegengehandelt.  3)  Freiherr  v.  Franckenstein

hat  später  dem  Papst  die  Pistole  auf  die  Brust  gesetzt  und  erklärt,  wenn  der

Papst  dem  Zentrum  in  seine  Politik  dreinreden  wolle,  so  seien  ihm  auch  des
Papstes  kirchliche  Interessen  gleichgiltig  und  es  trete  in  seiner  Mehrheit  vom

Schauplatz  ab.  4)  Nunmehr  hat  der  Papst  den  Frhrn.  v.  Franckenstein
daran  gemahnt,  daß  kraft  seiner  Stellung  der  Papst  und  nicht  der  Freiherr
v.  Franckenstein  zu  entscheiden  habe,  was  im  kirchlichen  Interesse  erwünscht
und  geboten  sei,  und  daß  kirchliche  und  moralische  Erwägungen  es  unzweifelhaft
  hätten  machen  müssen,  daß  in  der  Militärfrage  die  Katholiken  auf  die

Seite  der  Regierung  getreten  wären.  5)  Endlich  brandmarkt  der  Papst  die
Unterschlagung  seiner  frühern  Kundgebung,  indem  er  durch  seinen  Kardinalstaatssekretär
  ihm  ausdrücklich  aufgibt,  diese  seine  neueste  Willenserklärung
nicht  mehr,  gleich  der  frühern,  nachdem  er  mit  Herrn  Windthorst  Exzellenz
Rücksprache  genommen,  in  die  Tasche  zu  stecken,  sondern  den  Zentrumsmitgliedern
  bekannt  zu  geben.

21.  Januar.  (Sozialistenprozeß.)  In  dem  gegen  35
Frankfurter  Sozialisten  geführten  Prozesse  wegen  Teilnahme  an
einer  auf  den  Umsturz  der  bestehenden  staatlichen  und  gesellschaftlichen
  Zustände  gerichteten  geheimen  Verbindung  wird  das  Urteil
gefällt.

Die  3  Leiter:  Füllgrabe,  Prinz  und  Trompeter  werden  zu  1  Jahr,  die

Vorsteher  der  13  Bezirke  zu  je  9,  die  übrigen  Mitglieder  der  Verbindung  zu
je  6  Monaten  Gefängnis  verurteilt.

24.  Januar.  (Preußen.)  Abg.-Hs.:  Bei  der  zweiten  Lesung
des  Etats  ergreift  beim  Etat  des  Auswärtigen,  Kapitel  Gesandtschaften,
  nachdem  Graf  Limburg-Stirum  (k.)  erklärt,  daß  nicht
im  Reichstage,  sondern  in  der  bewährten  Haltung  der  Fürsten  Deutschlands
  der  Schwerpunkt  der  deutschen  Einheit  liege,  wie  die  letzten
Reichstagsbeschlüsse  gezeigt  hätten,  daß  daher  Bedenken  gegen  die
Beibehaltung  der  Gesandtschaften  an  den  Fürstenhöfen  nicht  begründet
seien,  das  Wort
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  69

Fürst  Bismarck:  Ich  habe  im  Auftrage  Sr.  Maj.  des  Königs
in  dieser  Angelegenheit  dem  Hause  einige  Mitteilungen  zu  machen  über  die
Stellung,  die  ich  darin  in  meiner  Eigenschaft  als  Reichskanzler  zu  vertreten
habe.  Die  verbündeten  Regierungen  haben  bei  Abschluß  der  Verträge,  auf
denen  das  Reich  beruht,  sich  wesentlicher  Rechte  zu  Gunsten  des  Königs  von
Preußen  in  seiner  Eigenschaft  als  Deutscher  Kaiser  entäußert,  für  deren  Ausübung
  im  Interesse  des  Reiches  der  König  von  Preußen  verantwortlich  ist.
Der  König  von  Preußen  hat  das  Recht  nicht,  diese  Rechte  an  Dritte  abzutreten,
  am  allerwenigsten  diejenigen  ihm  übertragenen  Rechte  der  verbündeten
Regierungen,  auf  denen  ihre  Möglichkeit  und  ihre  Pflicht,  Deutschland  gegen
auswärtige  Feinde  zu  schützen,  beruht.  Die  Verwendung  der  Mittel  dazu
haben  Sie  nach  der  Verfassung  Sr.  Majestät  dem  Kaiser,  nicht  aber  der
Majorität  des  Reichstages,  am  allerwenigsten  den  Führern  von  Parteien  an.
vertraut,  die  einen  strengeren  Despotismus  ausüben.  Dem  Reichstag  weiter
hinaus  Rechte  zu  geben,  als  von  den  Fürsten  ihm  übertragen  sind,  liegt
daher  außerhalb  der  Berechtigung,  die  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  zusteht  und
deren  sich  zu  entäußern  Se.  Majestät  der  König  weder  die  Absicht  noch  die
Berechtigung  hat.  Ich  will  auf  die  Frage  eingehen  ob  die  preußische  Politik,
wie  sie  im  Bundesrat  vertreten  wird,  eine  zu  große  Nachgiebigkeit  gegenüber
den  Forderungen  der  Reichstagsmajorität  bewiesen  hat,  eine  Nachgiebigkeit,
in  der  sie  sich  in  ausnahmsloser  Ubereinstimmung  mit  ihren  Bundesgenossen
befunden  hat.  Die  Presse  hat  vielfach  den  Unterschied  zwischen  drei  und
sieben  Jahren  als  bedeutungslos  angesehen,  ganz  abgesehen  davon,  daß  der
Reichstag  die  Militärvorlage  uns  gar  nicht  bewilligt  hätte,  aber  das  Triennium
  ist  für  uns  unannehmbar  gewesen  nach  der  Art,  wie  es  angeboten  und
eingeleitet  wurde.  Anders  wäre  es  gewesen,  wenn  man  zugeben  wollte,  daß
der  Reichstag  einseitig  im  Wege  der  Budgetbeschlüsse  berechtigt  wäre,  die

Höhe  der  Streitkräfte,  auf  der  Deutschlands  Sicherheit  beruht,  festzulegen.

Schon  der  Vorschub  dieses  bloßen  Rechtsirrtums,  dieser  verderblichen  Auslegung
  der  Verfassung,  würde  uns  abgehalten  haben,  auf  diese  Beschlüsse
einzugehen.  Es  war  vor  12  Jahren  —  im  Jahre  1874  —  zur  Zeit,  als
zum  erstenmale  die  Präsenzziffer  behandelt  wurde,  den  verbündeten  Regierungen
  in  keiner  Weise  zweifelhaft,  daß  die  Verfassung,  wenn  sie  in  ihrem
Artikel  60  bestimmte,  daß  die  Präsenzziffer  im  Wege  der  Gesetzgebung  festgelegt
  werden  sollte,  damit  das  Prinzip  der  gewöhnlichen  Gesetzgebung  nicht
als  aufgehoben  betrachten  wollte,  sonst  würde  das  ausdrücklich  gesagt  worden
sein.  Es  ist  darüber  kein  Zweifel  vorhanden,  daß  die  Regierungen  eine  Absicht
  hiezu  nicht  gehabt  haben.  Sie  würden  formell  im  Rechte  gewesen  sein,
wenn  sie  1874  darauf  beharrt  hätten,  daß  ein  Gesetz  gemacht  werden  sollte
von  der  gewöhnlichen  Natur  und  Dauer  der  Gesetze,  d.  h.  ein  Aeternat.  Lediglich
  um  den  Wünschen  der  damaligen  Reichstagsmehrheit  nachzukommen,
welche  vielleicht  nicht  geblieben  wäre,  wenn  die  Regierung  schon  damals  zu
einer  Auflösung  geschritten  wäre;  lediglich  um  dem  Reiche  eine  friedliche
Fortentwickelung  zu  sichern,  haben  die  Regierungen  sich  damals  mit  Billigung
Sr.  Majestät  zu  einer  Zustimmung  zur  Bewilligung  auf  sieben  Jahre  bewegen
  lassen.  Damit  haben  sie  ein  Kompromiß  zu  schaffen  beabsichtigt,  welches
uns  demnächst  einen  Anhaltspunkt  geben  sollte  bei  künftigen  Verhandlungen.
Wenn  sie  diese  Nachgiebigkeit  gezeigt  haben,  so  ist  dies  nicht  geschehen,  um
immer  neue  Konzessionen  zu  machen,  um  so  mehr,  als  sich  schon  ein  förmlicher
  Usus  durch  die  zweimal  auf  sieben  Jahre  erfolgte  Bewilligung  herausgebildet
  hat.  Die  verbündeten  Regierungen  sind  der  Ueberzeugung,  daß  sie
durch  eine  einmalige  prinzipielle  Konzession,  einen  einmaligen  Verzicht  auf
ihr  verfassungsmäßiges  Recht  ein  Maß  der  Bereitwilligkeit  gezeigt  haben,
über  welches  hinaus  sich  drängen  zu  lassen  sie  nicht  gewillt  sind.  Darin
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        70  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)

beruht  der  große  Unterschied  zwischen  Triennat  und  Septennat;  die  Frage
ist  einfach  die:  soll  die  Verfassung  flüssig  und  zweifelhaft  sein,  oder  soll  im
Wege  eines  festen  Kompromisses  eine  friedliche  Weiterentwickelung  derselben
herbeigeführt  werden?  Auf  dem  Wege,  daß  Sie  (zur  Linken)  auf  dem  Wege
des  Budgets  uns  alles  versagen  können,  kommen  wir  nicht  weiter.  Die  verbündeten
  Regierungen  scheuen  diesen  zu  fortwährenden  Konflikten  führenden
Weg  und  haben  Sie  dringend  gebeten,  denselben  nicht  zu  betreten;  wir  werden
auf  diesem  Wege  nicht  mitgehen.  Schon  dies  ist  ein  hinreichender  Unterschied
  zwischen  Triennat  und  Septennat:  nämlich  die  Sicherstellung  und  friedliche
  Entwickelung  der  Verfassung  oder  die  Gefährdung  derselben  alle  drei
Jahre.  Wir  sind  so  verfassungstreu,  daß  wir  dieselbe  nicht  gefährden  wollen,
in  einem  Angenblicke,  wo  äußere  Gefahren  uns  umlauern.  Die  Herren  erinnern
  mich  an  den  Regensburger  Reichstag  zu  der  Zeit,  als  die  Türken
Wien  belagerten  und  die  Franzosen  Straßburg  wegnahmen,  wo  man  sich  um
den  Vorrang  der  Gesandten  zweier  kurfürstlichen  Potentaten  zankte  und  darüber
die  Interessen  des  Reichs  außer  acht  ließ.  Ebenso  kleinlich  erscheint  mir
das  jetzige  Streben  der  Reichstagsmajorität,  dem  Kaiser  in  diesem  Momente
nach  Art  eines  Wucherers  etwas  abzudrücken.  (Lebhaftes  Bravo  rechts,  Unruhe
  links.)  Es  gibt  aber  auch  einen  Unterschied  nach  außen  hin  zwischen
Septennat  und  Triennat,  welcher  sehr  ins  Gewicht  fällt.  Meine  Herren,
wenn  ich  etwas  undeutlich  spreche,  so  bitte  ich  dies  zu  entschuldigen;  die
Witterung  liegt  mir  auf  der  Lunge.  Es  handelt  sich  nicht  nur  darum,  für
heute  unsere  Wehrkraft  zu  erhöhen,  sondern  den  Gefahren  gegenüber,  welche
das  nächste  halbe  Menschenalter  uns  vielleicht  bringt.  16  000  Mann  in  12
Jahren  hintereinander  mehr  ausgehoben,  gibt  nach  Ablauf  der  12  Jahre
gegen  200  000  Mann  mehr,  als  wir  gegenwärtig  haben.  Diesen  Zuwachs
unserer  Wehrkraft  halte  ich  für  ein  wesentliches  Element  des  Friedens,  weil
es  den  Eindruck  auf  das  Ausland  macht,  daß  wir  um  so  viel  stärker  sind.
Ich  habe  dies  schon  im  Reichstage  berührt;  ich  will  nur  noch  die  Ziffern
nennen,  und  es  wird  sich  zeigen,  welchen  Unterschied  es  in  den  Empfindungen
des  Auslandes  uns  gegenüber  macht,  ob  wir  nur  48000  Mann,  d.  h.  nur
in  drei  Jahren  je  16000  Mann,  mehr  ausheben,  oder  ob  wir  auf  sieben
Jahre  dieselbe  Verstärkung  der  Armee  fordern.  Es  ist  hier  neulich  angedeutet
  worden,  daß  wir  mit  der  Auflösung  andere  Zwecke  als  die  Verstärkung
des  Heeres  verbunden  hätten;  man  findet  diese  Unterstellungen  ja  in  allen
den  auf  die  Wähler,  und  zwar  auf  die  urteilslosen  Wähler,  berechneten
Kundgebungen  der  Presse;  dort  hört  man,  daß  ein  Reichstag  geschaffen  werden
soll,  der  nachher  geneigt  wäre,  Monopole  zu  bewilligen.  Ich  kenne  die  fortschrittlichen
  Wähler  allerdings  nicht  so  genau,  aber  von  denjenigen,  welche
zu  anderen  Parteien  gehören,  bin  ich  sicher,  daß  sie  zwischen  einem  Abgeordneten,
  der  Monopole  bewilligen  wird,  und  einem  solchen,  der  die  Heeresverstärkung
  bewilligen  wird,  wohl  unterscheiden  werden.  So  dumm  sind  die
Leute  nicht,  das  sie  Kandidaten  aufstellen  könnten,  welche  nachher  alle  reaktionären
  Schändlichkeiten  mit  der  Regierung  mitmachen  werden.  (Große
Heiterkeit.)  Solche  werden  sie  nicht  wählen.  Das  Wort  „Reaktion"“,  welches
sich  ja  immer  da  einstellt,  „wo  Begriffe  fehlen“,  ist  ja  bei  dieser  Gelegenheit
wieder  in  Blättern,  welche  mit  Reichstagsabgeordneten  in  naher  Beziehung
stehen,  gehört  worden.  Es  ist  dies  eine  Verleumdung  der  Regierung,  an
welche  ehrliche  Unterthanen  nicht  glauben  werden.  (Lebhafte  Zustimmung
rechts.)  Wir  werden  uns  durch  solche  Schwierigkeiten,  die  man  uns  macht,
und  durch  Stöcke,  die  man  uns  vor  die  Füße  wirft,  nicht  abhalten  lassen,
nach  besten  Kräften  für  die  Wohlfahrt  des  Reiches  zu  sorgen.  Auch  die
Monopolfrage  ist  ja  hier  neulich  mit  dem  Herrn  Finanzminister  besprochen
worden.  Ich  bedauere  nur,  daß  der  letztere  den  Herrn  Abgeordneten  Windt-
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        Das  deutsche  Reich  nnd  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  71

horst  nicht  gefragt  hat,  ob  er  denn  an  Eidesstatt  seinerseits  die  Zusicherung
abgeben  könne,  daß  er  nicht  die  Wiedererrichtung  des  Königreichs  Hannover
erstrebe.  (Heiterkeit  und  Bravo!  rechts.)  Monopole  werden  kommen,  wenn
wir  einen  unglücklichen  Krieg  geführt  haben,  und  wenn  wir  so  erschöpft  sein
werden,  daß  wir  zu  jedem  Mittel  unsere  Zuflucht  nehmen  müssen;  dann
werden  noch  viel  härtere  Steuern  kommen,  an  die  jetzt  noch  niemand  denkt.
Dann,  wenn  wir  militärisch  schwach  sein  werden,  werden  wir  als  Geschlagene
uns  Monopole  auferlegen  müssen,  um  die  feindlichen  Kontributionen  zu  bezahlen.
  Kein  Finanzminister  wird  dem  abhelfen  können;  dann  heißt  es
einfach:  „Frriß  Vogel  oder  stirb!“  (Bewegung.)  Ich  habe  früher  gesagt,
daß  Se.  Majestät  zu  der  gegenwärtigen  Majorität  des  Reichstags  nicht  das
nötige  Vertrauen  besitzt  und  den  letzteren  deshalb  aufgelöst  hat.  Ich  glaube,
daß  dieses  Mißtrauen  gegen  die  Absichten  der  Reichstagsmajorität  bei  Sr.
Majestät  vollständig  berechtigt  ist,  namentlich,  wenn  man  sich  vergegenwärtigt,
daß  diese  Majorität  nur  dadurch  zu  stande  kam,  daß  diejenigen,  welche  eingestandenermaßen
  Intransigenten,  d.  h.  unversöhnliche  Reichsfeinde  sind,  durchaus
unentbehrlich  dabei  mitwirken  müssen.  Diese  betragen  ungefähr  70.  Einige
davon  weiß  ich  auswendig:  es  sind  etwa  25  Sozialdemokraten,  15  Polen,
11  Welfen,  dann  die  Volksparteiler  u.  s.  w.  Diese  70  sind  das  entscheidende
Element  in  der  Majorität;  ziehen  Sie  diese  70  ab,  so  haben  Sie  die  —
wenn  ich  nicht  irre  —  64  Fortschrittler  und  99  Anhänger  des  Zentrums;
dies  wären  zusammen  153  und  dem  gegenüber  haben  Sie  die  Nationalliberalen
und  die  beiden  konservativen  Fraktionen  mit  etwa  150.  Die  balancieren
sich  also  ziemlich  genau;  also  die  70  Intransigenten  und  Antimonarchisten
entscheiden  über  die  Majorität;  wie  soll  der  Kaiser  dazu  Vertrauen  haben,
wie  soll  er  die  Zukunft  unserer  Wehrkraft  und  damit  die  unseres  Landes
in  solche  Hände  legen!  Die  Fortschrittler  stimmen  stets  mit  den  Sozialdemokraten
  in  allen  Reichsfragen  überein,  und  Hr.  Windthorst  als  Führer
des  Zentrums  ist  stets  in  der  Lage,  sich  der  Fortschrittspartei  anzubequemen.
Sein  Verhältnis  zu  Herrn  Richter  erinnert  mich  an  die  Freundschaft  zwischen
Herodes  und  Pilatus,  welche  ja  auch  in  einzelnen  Punkten  nicht  harmonierten,
im  Ganzen  aber,  d.  h.  in  der  Hauptfrage,  vollkommen  einig  waren.  So
finden  sich  auch  hier  die  schönen  Seelen.  Ich  habe  in  meinen  Ausführungen
im  Reichstage  nur  annähernd  von  derselben  Freiheit  Gebrauch  gemacht,  deren
sich  die  Opposition  so  häufig  bedient,  indem  sie  bei  den  Budgetdebatten  ihr
Herz  erleichtert  und  der  Regierung  viele  Unannehmlichkeiten  sagt.  Eine
Unannehmlichkeit  habe  ich  nun  zwar  niemandem  gesagt;  auch  hier  habe  ich
nur  nochmals  bona  fide  die  Verfassungstreue  Sr.  Majestät  darlegen  wollen,
welche  sich  hier  auf  einem  Wege  bethätigen  muß,  auf  welchem  kein  Nachgeben
  möglich  ist.  (Lebhaftes  Bravo!l  rechts.  Zischen  links.)
Windthorst  (Z.):  „Ich  bin  hieher  gekommen  in  der  Meinung,  daß  es
derartige  Erörterungen  heute  nicht  geben  könne.  Daß  der  Herr  Reichskanzler
nun  doch  in  dieselben  hier  eingetreten  ist,  beweist  mir,  daß  ihn  wichtige
Motive  dazu  zwingen  müssen.  Die  Rede  des  Herrn  Grafen  Limburg-Stirum
und  die  des  Herrn  Reichskanzlers  passen  so  genau  ineinander,  daß  man  beinahe
  glauben  könnte,  sie  hätten  dieselbe  vorher  studiert.  Es  ist  nun  recht
gut,  wenn  wir  genau  wissen,  daß  das,  was  hier  vor  uns  aufgeführt  wird,
ein  vorbedachtes  Vorgehen  ist.  Nachdem  ich  heute  gehört  habe,  wie  mit  besonderer
  Beflissenheit  der  Graf  Limburg  die  Einzelstaaten  und  Einzellandtage
betont  hat  und  wie  der  Herr  Reichskanzler  in  dieselbe  Anschaungsweise
hineingestiegen  ist,  gewinnen  bei  mir  die  Gerüchte  an  Konsistenz,  welche  sagen,
es  schiene  darauf  abgesehen,  das  allgemeine  Stimmrecht  zu  beseitigen  und
aus  den  Einzellandtagen  Delegationen  zusammentreten  zu  lassen,  welche  an
Stelle  des  Reichstages  die  Geschicke  des  Reiches  leiten  sollen.  Es  gab  eine
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        72  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)

Zeit,  wo  auch  andere  Leute  diesen  Weg  für  richtig  hielten;  dies  war  zur  Zeit
des  deutschen  Bundes,  als  Österreich  derartige  Bildungen  vorschlug.  Damals
hat  Preußen  selber  durch  den  Mund  des  jetzigen  Herrn  Reichskanzlers  sich  diesem
Streben  energisch  entgegengesetzt;  es  galt  damals,  die  Sympathie  des  Volkes  für
den  Hrn.  Reichskanzler  zu  gewinnen  und  hiezu  paßte  das  allgemeine  Stimmrecht.
Jetzt  ist  dieses  Uebertrumpfungsmittel  freilich  unangenehm  geworden;  man  wird
immer  an  dem  gestraft,  womit  man  gesündigt  hat.  Ich  war  damals  kein  Freund
des  allgemeinen  Wahlrechts,  nachdem  es  aber  die  Grundlage  für  unsere  gesamte
Konstitution  geworden  ist,  sage  ich  ebenso  bestimmt:  ich  würde  es  für  sehr
verhängnisvoll  halten,  wenn  wir  jetzt  dasselbe  aufheben  wollten.  Ich  wünsche
vom  Herrn  Reichskanzler  auch  hierüber  eine  Erklärung.  Wenn
Konflikte  entstehen,  so  haben  Sie  (rechts)  dieselben  mutwillig  herbeigezogen.
Wie  werden  die  Konflikte  auf  den  Bestand  des  Reiches  einwirken,  wie  auf
die  Sicherheit  des  Thrones?  Sie  mögen  sich  sagen,  daß  dadurch  die  sozialen
Gefahren  verdoppelt  und  vervierfacht  werden.  Nun  hat  der  Herr  Reichskanzler
  geglaubt,  das  Verhalten  der  Majorität  des  Reichstages  nach  dessen
Tode  noch  einmal  kritisieren  zu  sollen.  Ich  glaube,  daß  nach  der  Auflösung
  eine  solche  Kritik  wohl  zur  Geschichte,  aber  nicht  zur  aktiven  Politik
gehört.  Es  wird  zu  meiner  Befriedigung  nicht  mehr  geleugnet,  daß  der

Reichstag  alle  Forderungen  der  Regierung  bewilligt  hat.“  (Fürst  Bismarck
ruft:  Auf  drei  Jahre  ist  keine  Bewilligung!)  Weiter  erklärt  Redner  die
Aeußerungen  des  Kanzlers  für  eine  Wahlrede  und  fährt  fort:  „Man  hat
den  Umstand,  daß  der  Finanzminister  für  die  Monopole  schwärmt,  als  unbedeutend
  hingestellt.  Dagegen  frage  ich:  wie  kann  man  es  als  irrelevant
bezeichnen,  wenn  der  berufene  Ressortminister  hier  und  im  Reichstage  sich  für
die  Monopole  bekennt?  Wenn  man  uns  keine  Vorschläge  zur  Deckung  der
neuen  Militärlasten  macht,  so  geraten  wir  in  eine  Sackgasse,  in  der  die  Volksvertretung
  keine  freie  Bewegung  mehr  hat.  Eine  solche  Schilderung  der
Reichstagsmajorität  aus  dem  Munde  eines  aktiven  Ministers  zu  hören,  war
sehr  wunderbar;  wäre  die  Schilderung  zutreffend,  so  müßte  man  dafür  sorgen,
daß  solche  Reichsfeinde  nicht  wiedergewählt  werden.  (Der  Reichskanzler  ruft:
Bravol)  Ich  kann  Ihnen  aber  nicht  verhehlen,  daß  alle  Parteien  des  Hauses,
die  Nationalliberalen  nicht  ausgenommen,  vom  Reichskanzler  bereits  als
Reichsfeinde  hingestellt  sind.  Auch  Sie  (rechts)  haben  schon  Hiebe  bekommen,
Sie  hätten  aber  noch  mehr  verdient.  Gerade  die,  welche  sich  rühmen,  die
Reichsverfassung  begründet  zu  haben,  thun  sich  jetzt  einträchtig  zusammen,
dieselbe  zu  erschüttern.  Ich  aber  sage,  dieser  Versuch,  an  die  einzelnen  Landtage
  zu  rekurrieren,  ist  nur  ein  Vorläufer  dessen,  was  uns  bevorsteht.  Möge
Gott  dann  seine  gnädige  Hand  über  Preußen  und  Deutschland  halten!  (Lachen
und  Zischen  rechts,  Zustimmung  im  Zentrum  und  links.)

Frhr.  v.  Zedlitz-Neukirch  (fk.):  „Dem  Vorredner  kam  es  nur  darauf
an,  die  Augen  der  Wähler  von  der  Militärfrage  ab-  und  auf  andere  Punkte
hinzulenken.  Die  Monopolfrage  ist  aber  nicht  geeignet,  die  Wähler  irre  zu
führen.  Wenn  wir  Monopole  bekommen,  kann  es  nur  infolge  eines  unglücklichen
  Krieges  geschehen,  und  von  einem  solchen  ist  für  die  Welfen  die
Wiederherstellung  Hannovers  abhängig.  Wer  beides  leugnet,  thut  es  wider
besseres  Wissen.  Wer  also  Monopole  nicht  will,  der  darf  auch  nicht  für
Windthorst  stimmen,  wer  Windthorst  aber  will,  der  wird  auch  die  Monopole
bekommen.  Neulich  hat  der  Abgeordnete  Windthorst  die  Wahrheitsliebe  des
Reichskanzlers  mit  Emphase  betont,  heute  aber  gegen  des  letzteren  ausdrückliche
  Erklärungen  ihm  Absichten  auf  Verfassungsverletzungen  supponiert.  Den
Weg  des  Konfliktes  betritt  der  Abg.  Windthorst,  kein  anderer.  Im  Jahre
1874  vertraute  die  Regierung,  daß  das  Septennat  ein  Kompromiß  sei,  das
von  allen  ehrlich  gehalten  werden  würde;  wenn  Sie  das  jetzt  nicht  mehr
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  73

wollen,  so  zeigen  Sie  Ihr  Mißtrauen  gegen  die  Bundesregierungen  und  besonders
  gegen  Se.  Majestät  den  Kaiser.  (Ohol!  links;  große  Unruhe.
Sehr  wahr  rechts.)  Wenn  wir  nun  bedenken,  was  für  Männer  das  sind,
welche  die  Berater  unseres  Kaisers  sind,  wenn  man  ihre  von  aller  Welt  anerkannten
  Verdienste  um  die  Begründung  und  Festigung  unseres  Vaterlandes
betrachtet,  und  dagegen  die  Männer  betrachtet,  welche  an  den  Grundlagen
und  Grundstützen  unseres  Vaterlandes  fortwährend  rütteln,  so  kann  doch  kein
Zweifel  darüber  sein,  auf  welche  Seite  wir  uns  zu  stellen  haben,  und  ich
bin  überzeugt,  daß  auch  für  das  deutsche  Volk  bei  den  Wahlen  kein  Zweifel
bestehen  wird,  ob  es  sich  auf  die  Seite  derer  zu  stellen  hat,  die  das  deutsche
Reich  geschaffen  haben,  oder  auf  die  Seite  Jener,  welche  es  durch  fortwährende
  Wühlereien  und  Hetzereien  geflissentlich  zu  schwächen  und  zu  zerstören
suchen.  Der  Konflikt  wird  nicht  auf  der  Seite  der  Regierung  gesucht,  sondern
  auf  Seite  derer,  die  hier  wieder  den  Angriff  neu  wagen.  Wir  wollen
den  bisherigen  Rechtszustand.  Aber,  wenn  es  dem  Abg.  Windthorst  wirklich
  gelingen  sollte,  den  Konflikt  heraufzubeschwören,  wenn  es  zu  einem  Konflikte
  zwischen  Volksvertretung  und  Regierung  kommen  sollte,  dann  wird  das
Volk  wissen,  was  es  zu  thun  hat,  dann  wird  das  Volk  treu  zu  seinem  Kaiser  stehen."

Fürst  v.  Bismarck:  „Der  Vorredner  hat  in  so  beredter  Weise  einen
großen  Teil  dessen  gesagt,  was  ich  dem  Abg.  Windthorst  erwidern  wollte,
und  ich  würde  überhaupt  schweigen,  wenn  der  Abg.  Windthorst  mich  nicht
durch  einige  persönliche  Angriffe  in  die  Notwendigkeit  versetzt  hätte,  ihm  zu
erwidern.  Als  der  Abg.  Windthorst  das  Wort  hatte,  glaubte  ich,  er,  als
der  Führer  der  Majorität,  würde  mir  etwas  entgegnen,  was  der  Höhe  der
Situation  würdig  wäre.  Statt  dessen  hat  er  auf  Gerüchte  hingewiesen,
welche  bestehen  über  Monopole  und  das  direkte  Wahlrecht,.  Es  fehlte  nur
noch,  daß  er  auch  die  Leibeigenschaft  erwähnt  hätte;  die  hat  er  wohl  dem
Redner  vom  Fortschritt  reserviert.  Der  Herr  Abgeordnete  hat  von  mir  eine
Erklärung  verlangt  über  das  bestehende  Wahlgesetz.  Wenn  ich  schweige,  so
würde  der  Abg.  Windthorst  in  seiner  Presse,  sowie  in  den  Wahlreden  sagen:
„Darauf  hat  der  Reichskanzler  nicht  geantwortet."  Ich  kann  dem  Abg.
Windthorst  erwidern,  daß  ich  früher  als  er  ein  Freund  des  allgemeinen
Wahlrechtes  gewesen  bin.  Der  Abgeordnete  Windthorst  hat  erklärt,  daß  er
früher  ein  Gegner  des  direkten  Wahlrechtes  gewesen  sei,  jetzt  aber  dasselbe
unangetastet  wünsche.  Ich  bekenne  mich  als  schuldigen  Urheber  des  Wahlgesetzes
  und  gebe  dem  Abg.  Windthorst  die  Versicherung,  daß  von,  den  verbündeten
  Regierungen  durchaus  nicht  daran  gedacht  wird,  eine  Änderung
dieses  Wahlgesetzes  anzuregen.  Abg.  Dr.  Windthorst  hat  sich  wiederholt  als
Welfe  bekannt,  ich  habe  das  Recht,  ihn  nach  seinem  Ausspruch  für  einen
Welfen  zu  erklären.  Wenn  er  konsequent  wäre,  dann  dürfte  er  jetzt  nicht
sich  für  einen  Anhänger  des  allgemeinen  Wahlrechts  bezeichnen.  Er  ist  auch
thatsächlich  kein  Anhänger  desselben,  und  wünscht  das  Wahlgesetz  durch  andere
  zu  Falle  zu  bringen.  Wir  dagegen  wollen  die  Verfassung  halten  und
ausführen.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  dann  gesagt,  die  Dynastien  seien  bedroht
  dadurch,  daß  sich  die  Zahl  der  Sozialdemokraten  verdoppele  und  vervierfache.
  Nun  hat  gerade  das  Zentrum  durch  Wahlkompromisse  mit  den
Sozialdemokraten  dahin  gewirkt,  durch  Erschütterungen  im  Lande  die  Feindseligkeiten
  gegen  die  Regierung,  die  in  der  sozialdemokratischen  Partei  herrschen,
  nach  Kräften  vorzubereiten.  Ich  habe  früher  einmal  gesagt:  „Der
Fortschritt  ist  eine  Vorfrucht  der  Sozialdemokratie,“  und  ich  kann  heute  hinzufügen:
  „Die  meisten  Sozialdemokraten  sind  erst  durch  Unterstützung  des
Zentrums  in  den  Reichstag  gekommen.“  (Widerspruch  im  Zentrum.)  Das
Oberhaupt  der  katholischen  Kirche  muß  diese  Politik  unbedingt  verdammen,
in  der  das  Zentrum  sich  bei  uns  bewegt,  sowohl  bei  der  Wahl  wie  bei  den
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        74  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)

Abstimmungen.  Der  Papst  ist  ein  Mann  des  Friedens,  Sie  (zum  Zentrum)
werden  auch  in  Rom  für  Ihr  weiteres  Verhalten  die  Billigung  nicht  finden,
und  ich  hoffe,  daß  die  Wähler  noch  vor  der  Wahl  hierüber  ins  Klare  kommen.
  Dem  Papste  ist  nicht  damit  gedient,  daß  die  bestehenden  Autoritäten
in  Bresche  gelegt  werden.  Der  Abg.  Windthorst  hat  ferner  eine  Andeutung
gemacht,  als  ob  wir  das  Etatsrecht  antasten  wollten.  Davon  ist  keine  Rede.
Artikel  60  der  Verfassung  schreibt,  dem  Sinne  nach,  die  Antwort  vor,  wir
haben  uns  auf  ein  Septennat  verglichen.  Der  Abg.  Windthorst  will  aber
nicht  sieben  Jahre  bewilligen,  auch  nicht  drei:  er  will  den  Konflikt  alle  Jahre
haben.  Ob  dem  Hrn.  Abgeordneten  innerlich  damit  gedient  ist,  weiß  ich
nicht;  was  ich  darüber  innerlich  denke,  unterlasse  ich  auszusprechen.  Was
der  Abg.  Windthorst  von  der  Abschaffung  des  Reichstags  und  der  Herstellung
  einer  absoluten  Monarchie  gesagt  hat,  ist  eine  Uebertreibung,  die  ich
ihm  wirklich  nicht  zugetraut  hätte.  Was  uns  übrig  bleibt,  ist  nicht  die  absolute
  Monarchie,  sondern  dem  Wähler  zu  zeigen,  wohin  es  führt,  wenn  er
seinen  oppositionellen  Abgeordneten  wieder  wählt.  Es  bleibt  nur  übrig,
einen  anderen  Reichstag  zu  bekommen,  der  eine  nationale  Mehrheit  hat.
Hätte  der  Reichstag  eine  solche  nationale  Mehrheit,  so  würde  die  Regierung
Vertrauen  zu  ihm  haben  können.  Ein  „verständiger"  Reichstag,  wie  ihn
der  Abg.  Windthorst  benannte,  würde  dann  nicht  die  Beibehaltung  oder
Verstärkung  der  Armee  ablehnen,  sondern  den  Forderungen  der  Regierung
seine  Zustimmung  erteilen.  Der  Hr.  Abgeordnete  sagte  dann,  wir  behandelten
  den  Reichstag  mit  Geringschätzung.  Aber  alles,  was  wir  sagen,  richtet
sich  nur  gegen  die  gegenwärtige  Majorität,  und  diese  besteht  aus  notorischen
Reichsfeinden  (Lebhafter  Widerspruch  links  und  im  Zentrum),  die  selbst  das
Zeugnis  des  Abg.  Windthorst,  daß  sie  „reichstreu“  wären,  nicht  acceptieren
würden.  Wir  sollen  uns  ja  alle  für  tugendhaft  und  reichstreu  halten,  und
ein  Schuft,  wer  das  Gegenteil  sagt;  es  ließe  dieß  zu  sagen  ja  auch  die  Geschäftsordnung
  nicht  zu.  Ich  aber,  der  ich  die  Politik  Sr.  Majestät  vertrete,
habe  nicht  die  Verpflichtung,  jedem,  der  sich  reichstreu  und  königstreu  nennt,
dieß  zu  glauben.  Sie  (zur  Opposition)  glauben,  auf  den  kleinen  Mann  mehr
Eindruck  zu  machen,  wenn  Sie  sich  für  königstreu  ausgeben.  Sie  beteuern
Königstreue  und  sagen:  „Richtet  mich  nach  meinen  Worten,  aber  nicht  nach
meinen  Thaten.“  Ich  halte  es  für  unbedingt  notwendig,  daß  die  Monarchie
temperiert  werde  durch  die  Freiheit  der  Presse  und  die  Notwendigkeit  und
Unentbehrlichkeit  des  Parlaments.  Durch  diese  sollen  die  Könige  auf  etwaige
Irrtümer  aufmerksam  gemacht  werden.  Weiter  aber  soll  deren  Macht  nicht
gehen,  denn  die  vollziehende  Gewalt  liegt  nach  der  preußischen  Verfassung
allein  beim  Könige.  Der  „Absolutismus“,  von  dem  der  Abgeordnete  Windthorst
  sprach,  herrscht  nur  in  den  parlamentarischen  Fraktionen.  Ein  einzelner
  absoluter  Monarch  würde  Rücksicht  nehmen  auf  die  Meinungen,  eine
Mehrheit  aber  nimmt  gar  keine  Rücksicht.  Der  Abgeordnete  Windthorst
sagt,  ich  hätte  seine  Königstreue  „verhöhnt".  Das  habe  ich  nicht  gethan;
wenn  ich  ihm  etwas  vorwerfe,  so  ist  es,  daß  Leute  mit  ihren  königstreuen
Ansichten  Geschäfte  zu  machen  suchen.  Ich  habe  dem,  was  ich  schon  sagte,
nichts  weiter  hinzuzufügen;  ich  freue  mich,  diese  Debatte  angeregt  zu  haben.
Wenn  der  Abg.  Windthorst  sagt,  ich  hätte  mich  mit  dem  Grafen  Limburg-Stirum
  verabredet,  so  erkläre  ich  ihm:  „Ja,  ich  habe  das  gethan,"  und  ich
frage  ihn,  ob  er  eine  solche  Verabredung  für  verfassungswidrig  hält?  Ich
habe  in  einer  der  vergangenen  Nächte  die  Rede  des  Abg.  Windthorst  über
das  Monopol  gelesen,  und  da  habe  ich  mir  gesagt:  „Das  kann  nicht  so  hingehen,
  es  muß  etwas  geschehen.“  Ich  habe  dann  den  Grafen  Limburg-Stirum
  gebeten,  daß  wir  etwas  darauf  erwidern.  Ich  habe  mir  die  Sache
in  einer  zweckmäßigen  Weise  einzurichten  versucht,  um  mir  die  Möglichkeit
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  75

zu  verschaffen,  den  Wählern  gegenüber  mich  auszusprechen;  daraus  mache  ich
gar  kein  Geheimmis.  Zur  Klarlegung  des  Reichstags-Konfliktes  hielt  ich
mich  für  verpflichtet,  und  es  wäre  geradezu  eine  Vernachlässigung  gewesen,
wenn  ich  es  nicht  gethan  hätte."  (Lebhaftes  Bravo!  rechts.)

Richter  (df.)  führt  aus,  daß  die  Versicherungen  des  Kanzlers  über
das  allgemeine  und  geheime  Wahlrecht  ihn  nicht  beruhigten,  sowenig  wie
die  über  das  Monopol.  Bismarck  sei  ein  Vater,  der  seine  eignen  Kinder
verzehre.  Das  erhelle  auch  aus  der  Kirchengesetzgebung.  Der  Reichskanzler
spreche  von  Verfassungstreue,  habe  aber  eine  Ansicht  von  der  Verfassung,  die
niemand  teile.  Gegen  die  Heeresvermehrung  erhebe  sich  kein  Widerspruch,
aber  gegen  die  Länge  der  Dienstzeit.  Nicht  ein  Machtgelüste  lag  in  der
Bewilligung  auf  nur  3  Jahre,  sondern  der  Wunsch,  den  Nachfolgern  im
Reichstage  freies  Feld  zu  lassen.  Der  Reichskanzler  verwechsle  die  Begriffe
reichstreu  und  bismarckstreu.  Eine  thatsächliche  Gefahr  für  das  Reich  läge
aber  nicht  in  der  Opposition,  sondern  in  der  außergewöhnlichen  Machtstellung
des  Kanzlers.

Fürst  v.  Bismarck:  Ich  möchte  doch  den  Abgeordneten  Windthorst
  bitten,  sich  die  Prinzipien  des  Abg.  Richter  näher  anzusehen  und  sich
zu  fragen,  ob  er  nach  dem  „Principiis  obsta“  noch  mit  dem  Abg.  Richter
zusammengehen  kann.  Hr.  Richter  nennt  es  unanständig,  den  Namen  des
Königs  in  die  Debatte  zu  ziehen.  Dann  muß  er  auch  die  Erwähnung  der
Verfassung  für  unanständig  halten,  denn  darin  ist  von  den  Befugnissen  des
Königs  die  Rede,  und  wer  so  etwas  wünscht,  der  hat  nur  das  Bedürfnis,
daß  die  königliche  Gewalt  in  Vergessenheit  gerate.  Wir  haben  in  ostasiatischen
  Ländern  die  Einrichtung,  den  Herrscher  in  dieser  Weise  vor  dem  Volke
verborgen  zu  sehen;  aber  bei  uns  in  Preußen  ist  der  König  ein  mächtiger
Mann,  mit  dem  jeder  rechnen  muß,  und  was  gesagt  ist  von  meiner  Person
und  der  Gefahr  für  den  Thron,  nein,  meine  Herren,  das  glauben  Sie  ja
selbst  nicht"  Sie  wollen  nur,  daß  vom  Könige  möglichst  wenig  die  Rede
ist,  dann  sind  Sie  schon  froh!  Die  Art,  wie  der  Abg.  Richter  ein  Destillat
der  Verfassung  gegeben,  war  vollständig  unrichtig;  ich  kann  nur  auf  dasjenige
  verweisen,  was  ich  in  dieser  Beziehung  vorhin  ausgeführt  habe.  Bis
zum  Jahre  1874  hat  man  sich  mit  einem  Notbehelf  begnügt,  dann  ist  ein
Gesetz  zu  stande  gekommen,  aber  der  Abgeordnete  und  viele  mit  ihm  haben
das  gegebene  Gesetz  so  dargestellt,  daß  es  eine  Maximalgrenze  enthalte,  bis
zu  welcher  der  Kaiser  zu  gehen  berechtigt  sei,  während  das  Gesetz  eine  Minimalgrenze
  bildet,  bis  zu  welcher  der  Reichstag  gehen  dürfe.  Der  Abgeordnete
  sagte  dann,  die  Regierung  habe  das  Kompromiß  nicht  gehalten:  die
Regierung  hat  das  Kompromiß  wohl  gehalten,  aber  die  Mehrheit  des  Reichstages
  nicht.  Mit  der  Monopolfrage  suchen  die  Herren  die  große  Masse  der
Wähler  ängstlich  zu  machen,  namentlich  die  Schenkwirte,  die  dann  bei  den
Wahlversammlungen  Partei  für  sie  ergreifen.  Der  Abgeordnete  wirft  mir
vor,  daß  ich  meine  eigenen  Kinder  verzehre,  und  erläuterte  es  an  dem  Beispiel
  der  Kirchengesetze.  Ich  muß  die  Vaterschaft  der  Kirchengesetze  ganz
entschieden  in  Abrede  stellen,  wenn  ich  auch  die  Verantwortlichkeit  für  dieselben
  nicht  ablehnen  will.  Nachdem  ich  das  Bedürfnis  einer  Revision  der
Kirchengesetze  anerkannt  habe,  bin  ich  zurückgegangen,  und  ich  würde  noch
weiter  zurückgegangen  sein,  wenn  ich  den  Beistand  meiner  Kollegen  gefunden
hätte.  Jeder  Fortschritt  der  preußischen  Monarchie  ist  von  den  Vertretern
der  Fortschrittspartei  auf  das  erbittertste  bekämpft  worden.  Das  feindliche
Verhalten  der  Fortschrittspartei  zeigte  sich  vor  fünfundzwanzig  Jahren,  wo
die  Herren  für  die  Polen  Partei  nahmen.  Es  kam  dann  der  dänische  Feldzug,
  den  mir  die  Fortschrittspartei  mit  allen  Mitteln  erschwert  hat,  und
beim  Krieg  mit  Österreich  hat  uns  die  Fortschrittspartei  nicht  beigestanden,
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        76  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  25.—31.)

sondern  uns  bis  zum  letzten  Augenblicke  die  Lösung  der  deutschen  Frage  erschwert;
  sie  hat  gegen  den  Norddeutschen  Bund  gestimmt,  und  im  Jahre
1869,  wo  nach  der  Schlacht  von  Sadowa  der  Krieg  mit  Frankreich  unvermeidlich
  war,  hat  die  Fortschrittspartei  einen  Abrüstungsantrag  gestellt.
Mitten  im  Kriege  gab  sich  eine  Sympathie  der  deutschen  Fortschrittspartei
mit  Frankreich  zu  erkennen;  ich  will  nur  an  den  Namen  Jacoby  erinnern.
Bei  der  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  ist  die  Fortschrittspartei  uns  bis
zuletzt  feindlich  entgegengetreten;  kurz,  alles  was  Deutschland  groß,  reich
und  einig  gemacht  hat,  ist  immer  von  der  Fortschrittspartei  bekämpft  worden.
Trotzdem  aber  ist  es  zu  stande  gekommen,  und  deshalb  gebe  ich  auch  die
Hoffnung  nicht  auf,  daß,  trotzdem  die  Fortschrittspartei  unsere  Gegnerin  ist,
auch  die  Militärvorlage  zu  stande  kommen  wird.  (Bravol  rechts.)

25.  Januar.  (Pferdeausfuhrverbot.)  Durch  kaiserliche
Verordnung  wird  die  Pferdeausfuhr  über  sämtliche  Grenzen  in  das
Ausland  bis  auf  weiteres  verboten.  Das  Verbot  wird  am  9.  Juli
wieder  außer  Kraft  gesetzt.

26.  Januar.  (Sozialisten-Verhaftungen.)  In  Danzig
werden  zahlreiche  Verhaftungen  von  Sozialisten,  darunter  die  des
Reichstagskandidaten  Jochem,  wegen  Teilnahme  an  einer  geheimen
Verbindung  vorgenommen.  Im  Anfange  des  folgenden  Monats
auch  in  Magdeburg  und  in  Freiburg  im  Breisgau.

27.  Januar.  (Preußen:  Geistliche  Orden.)  Durch  Erlaß
  der  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten  und  des  Innern
wird  den  zur  Zeit  in  Preußen  bestehenden  geistlichen  Orden  der
katholischen  Kirche  unter  Vorbehalt  des  Widerrufs  die  Befugnis  erteilt,
  ohne  vorherige  Einholung  besonderer  Erlaubnis,  neue  Mitglieder
  aufzunehmen,  doch  nur  Reichsangehörige  und  Minderjährige
nicht  ohne  Genehmigung  der  Erziehungsberechtigten.

29.  Januar.  (Chinesische  Anleihe.)  Unter  Bezugnahme
auf  die  Londoner  Meldung,  daß  die  chinesische  Regierung  die  erste
Anleihe  in  Reichsmark  mit  deutschen  Bankfirmen  abgeschlossen  hat,
sagt  die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“:

Diese  Thatsache  ist  für  den  deutschen  Handel  bemerkenswert,  da  dieselbe
  als  erstes  positives  Resultat  der  langjährigen  Bestrebungen  zu  betrachten
ist,  welche  darauf  abzielen,  den  unter  günstigen  Verhältnissen  begonnenen
Beziehungen  Chinas  zur  deutschen  Industrie  die  unerläßliche  finanzielle  Basis
zu  verschaffen.  In  diesem  Jahre  gelangen  noch  zwei  von  dem  Stettiner
„Vulkan“  für  China  gebaute  Kriegskorvetten  zur  Ablieferung.

31.  Januar.  (Kriegsbefürchtungen.)  Die  „Post“  veröffentlicht
  einen  Artikel,  überschrieben:  „Auf  des  Messers  Schneide.“
Darin  heißt  es:

Die  Stellung  Boulangers  sei  nicht  nur  befestigt,  sondern  zur  Zeit
vielleicht  unangreifbar.  Der  General,  gestützt  auf  die  radikalen  Chauvinisten,
beherrsche  auch  die  friedliebenden  Massen,  weil  diese  nicht  im  stande  seien,
ihren  Wünschen  eine  annehmbare  Gestalt  zu  geben,  vielmehr  durch  jahre-
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Ende  Januar.)  77

langes  Schüren  in  ihrem  Urteil  verwirrt  seien.  Dieser  Zustand  könne  nur
durch  eine  temporisierende  Regierung  geändert,  vielleicht  durch  eine  glückliche
Eingebung  zur  Annahme  eines  wahren  Friedens  gelenkt  werden.  Aber  eine
Regierung  unter  Boulanger  werde  kaum  noch  temporisieren.  Derselbe  sei
Herr  der  Lage  in  einem  Grade,  wie  es  weder  Thiers  noch  Gambetta  gewesen.
  Aber  er  könne  die  Lage  nur  durch  Fortsetzung  des  kriegerischen  Impulses
  beherrschen,  den  er  ihr  gegeben.  Nach  den  Eindrücken  aller  Beobachter
würden  die  Rüstungen  Frankreichs  mit  fieberhafter  Energie  betrieben.  Boulanger
  habe  es  nicht  mehr  in  der  Hand,  das  französische  Volk  in  die  Bahn
des  Friedens  zurückzulenken,  oder  er  müsse  seinen  Platz  räumen,  mit  dem
Vorwurfe  beladen,  Frankreich  an  den  Rand  einer  großen  Gefahr  geführt  zu
haben.

Ende  Januar.  (Preußen:  Katholische  Kirche.)  Unter
der  Überschrift  „Ein  Kulturkampfprozeß"  rügt  die  „Germania“,  daß
das  bischöfliche  Offizialat  in  Trier  und  der  katholische  Seelsorger
von  Neuenahr  sich  am  3.  Februar  vor  der  Strafkammer  in  Koblenz
zu  verantworten  haben  wegen  Ausschließung  einer  nicht  kirchlich

Getrauten  aus  der  katholischen  Kirche.

Die  „Köln.  Ztg.“  bemerkt  hiezu:  „Die  „Germania“  hätte  besser  gethan,
  diese  Geschichte  nicht  an  die  Offentlichkeit  zu  bringen,  da  die  betreffenden
  Geistlichen  nicht  wegen  Ausschließung  der  betreffenden  Frau  aus  der
katholischen  Kirche  verfolgt  werden,  sondern  wegen  öffentlicher  Beschimpfung,
die  in  einer  Roheit  erfolgt  ist,  wie  man  sie  gebildeten  Männern  nicht  zugetraut
  hätte.  Die  Frau  ist  mit  einem  rechtsgiltig  von  seiner  ersten  Fran
geschiedenen  Arzte  gesetz-  und  rechtsmäßig  verheiratet,  aber  nicht  kirchlich
getraut.  Und  gegen  diese  rechtmäßige  Ehefrau  wird  in  der  Pfarrkirche  von
Neuenahr  öffentlich  eine  Aufforderung  angeschlagen,  worin  die  Frau  mit
ihrem  Mädchennamen  angeredet  wird  und  deren  erster  Satz  lautet:  „Es  ist

notorisch,  daß  Sie  mit  dem  Hrn.  Sanitätsrat  R.  S.  (der  Name  ist  im  Original
  ausgeschrieben)  in  Neuenahr  in  dessen  ehelichem  Hause  wie  Gattin  und
Gatte  zusammenleben.“  Eine  so  schmähliche  Beschimpfung  einer  Ehefrau  ist
um  so  unbegreiflicher,  als  sie  gänzlich  unnötig  war,  da  es  genügt  hätte,  der
Wahrheit  gemäß  zu  sagen,  die  Ehe  sei  keine  sakramentale  kirchliche  und
müsse  darum  bei  Strafe  der  Ausschließung  aus  der  Kirche  aufgegeben  werden.“

Ende  Januar.  (Ansiedlung  in  den  polnischen  Gebieten.)
  Dem  preußischen  Landtage  geht  eine  Denkschrift  der  Kommission
  zur  Ausführung  des  Ansiedlungsgesetzes  zu.  Die  Hauptangaben
  derselben  sind:

Die  bis  zum  Schlusse  des  Jahres  1886  für  die  Zwecke  des  Ansiedelungsgesetzes
  angekauften  und  übernommenen  Besitzungen  umfassen:  a.  eine
Herrschaft  mit  3  selbständigen  Wirtschaftsdepartements  und  in  Summa  8
Vorwerken,  b.  16  Rittergüter  mit  einer  größeren  Zahl  dazu  gehöriger  Vorwerke
  und  früher  mit  ihnen  vereinigter  Bauernwirtschaften,  c)  3  selbständige
Wirtschaften  mit  Gebäuden,  Inventar  und  Ernte.  Davon  entfallen  auf  den
Regierungsbezirk  Marienwerder  Grundstücke  mit  einem  Gesamtflächeninhalt
von  4637,  45,45  Hekt.  und  einem  Gesamtkaufpreise  von  2.427,200  M;  auf
den  Regierungsbezirk  Posen  Grundstücke  mit  einem  Gesamtflächeninhalt  von
1659,a1,80  pett.  und  einem  Gesamtkaufpreise  von  1.071,200  ;  auf  den
Regierungsbezirk  Bromberg  5433,  17,46  Hekt.  mit  einem  Gesamtkaufpreise  von
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        78  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  Anf.—6.)

3.174,500  M;  ferner  auf  den  Regierungsbezirk  Bromberg  3  selbständige
Wirtschaften  mit  einem  Gesamtflächeninhalte  von  110,  84,10  Hekt.  und  einem
Gesamtkaufpreise  von  88,845 M.  Bis  zum  Schlusse  des  Jahres  1886  ist
daher  erworben  an  Gutsareal  11,730,  00,  24  Hekt.  mit  einem  Kaufpreise  von
6.672,900  M  und  sonstigem  Areal  110,  84,10  Hekt.  mit  einem  Kaufpreise  von
88,845  M.  Im  Regierungsbezirk  Danzig  sind  Ankäufe  bisher  nicht  erfolgt.
Es  sind  aus  allen  Teilen  von  Deutschland,  ferner  aus  Rußland,  in  einzelnen
Fällen  auch  aus  Österreich  und  sogar  aus  Amerika  zahlreiche  Gesuche,  diesen
Gegenstand  betreffend,  eingegangen.

Anfang  Februar.  (Preußen:  Katholische  Kirche.)  Auf
den  vom  Oberpräsidenten  der  Provinz  Posen  gegen  die  durch  Erzbischof
  Dinder  vollzogene  Ernennung  zweier  Geistlichen  —  darunter
des  Reichstagsabgeordneten  Dr.  v.  Jazdzeswski  —  zu  Pröpsten  und
Versetzung  von  3  anderen  erhobenen  Einspruch  hatte  sich  der  Erzbischof
  nach  Rom  direkt  an  den  Papst  gewandt.  Die  päpstliche
Entscheidung  fällt  zu  Gunsten  der  Regierungsbehörde  aus:  der  Erzbischof
  wird  angewiesen,  behufs  anderweiter  Besetzung  der  fraglichen
Stellen  mit  derselben  eine  Verständigung  zu  suchen.

5.  Februar.  (Reservisteneinziehung.)  Das  Armeeverordnungsblatt
  veröffentlicht  einen  kaiserlichen  Erlaß,  durch  welchen
73.000  Reservisten  auf  den  7.  Februar  zu  einer  12tägigen  Übung
mit  dem  neuen  Magazingewehr  einberufen  werden.

Die  große  Beschleunigung  der  Einstellung  erweckt  namentlich
in  Frankreich  erneute  Kriegsbefürchtungen.

6.  Februar.  (Wahlbewegung:  Zentrum.)  Auf  dem
großen  Parteitage  der  rheinischen  Katholiken  in  Köln  spricht  von
lautem  Jubel  begrüßt  Windthorst  über  die  Note  Jacobinis:

Wenn  jemand  Ursache  habe,  über  dieselbe  zu  jubeln,  so  sei  es  die
Zentrumspartei,  da  der  hl.  Vater  in  dem  Erlaß  erkläre,  die  Zentrumsfraktion
  habe  sich  in  hohem  Maße  verdient  gemacht,  dieselbe  sei  auch  jetzt  und
für  die  Folgezeit  notwendig.  Auf  die  Anfrage  Franckensteins,  ob  die  Fraktion
  zu  bestehen  aufhören  solle,  die  Abgeordneten  würden  dann  keine  Mandate
  mehr  annehmen,  habe  der  Papst  geantwortet:  Nein.  Er  billige  also
die  Fortdauer  der  Fraktion  und  sogar  die  der  Personen.  Sodann  spreche
der  Papst  den  wichtigen  Grundsatz  aus,  daß  in  Fragen  weltlicher  Natur
die  Zentrumsfraktion  wie  jeder  Katholik  nach  völlig  freier  Uberlegung  stimmen
kann.  An  diesem  Grundsatze  halte  man  fest  als  an  der  Basis  der  politischen
  Existenz  der  Partei.  Der  Papst  hat  es  allerdings  gewünscht,  daß  das
Septennat  angenommen  würde,  aber  diesen  Wunsch  basiert  er  nicht  auf  den
materiellen  Inhalt  der  Vorlage,  sondern  auf  Zweckmäßigkeitsgründe  politischer
  Erwägungen  und  Beziehungen.  Wenn  es  möglich  gewesen  wäre,  diesen
Wunsch  auszuführen,  hätten  wir  es  gethan,  aber  Unmögliches  kann  niemand
  leisten.  Windthorst  begründet  diese  Unmöglichkeit  und  ist  überzeugt,
daß,  wenn  der  hl.  Vater  diese  Gründe  nach  allen  Seiten  nochmals  erwägt,
er  seinen  treuen  Söhnen  nicht  zürnen  werde.  Die  gegnerische  Presse  zetere,
daß  man  den  Erlaß  nicht  mitgeteilt  habe  und  spreche  von  „Unterschlagung“".
Was  man  aber  unter  Diskretion  empfangen  habe,  das  gebe  man  doch  nicht
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  6.)  79

in  die  Öffentlichkeit.  Die  „Köln.  Ztg.“  werde  wohl  auch  nicht  die  Depeschen
des  Fürsten  Bismarck  an  sie  herausgeben.  Beschweren  über  Verheimlichung
könne  sich  doch  nur  der  hl.  Vater,  sowie  Jacobini  und  die  Zentrumsfraktion,
  das  wolle  man  aber  ruhig  abwarten.  Daß  der  Erlaß  mit  Rücksicht
auf  den  hl.  Vater  sorgfältig  in  Erwägung  genommen  sei,  sei  selbstverständlich,
  und  man  werde  überlegen,  ob  man  in  der  Folge  den  bezüglichen  Wünschen
  werde  entgegenkommen  können,  immer  aber  müsse  man  unterscheiden,
ob  es  sich  um  politische  oder  religiöse  Fragen  handle.  Der  hl.  Vater  erkenne
  die  Tugenden  des  deutschen  Volkes  an.  Es  sei  eine  Verleumdung  zu
sagen,  daß  er  es  übel  nähme,  wenn  deutsche  Männer  mit  ihm  ein  deutsches
Wort  sprächen.  Ehemals,  fährt  Windthorst  fort,  hat  man  Gesetze  gemacht,
um  dem  Papst  seine  Kompetenzen  in  Deutschland  zu  entziehen;  heute  ist
seine  Autorität  bei  Groß  und  Klein  mehr  anerkannt,  als  je  in  diesem  Jahrhundert.
  In  äußeren  wie  in  inneren  Angelegenheiten  ruft  man  ihn  zu  Hilfe.
Wir  sind  stolz  auf  diesen  Sieg  des  Papstes,  und  würden  gern  den  Antrag
unterstützen,  die  Militärvorlage  dem  Schiedsgericht  des  hl.  Vaters  zu  unterbreiten.
  Dann  hört  er  aber  nicht  nur  Hrn.  v.  Schlözer,  sondern  auch  uns.
Im  zweiten  Teile  seiner  Rede  behandelt  Windthorst  die  Frage:  „bekommen
wir  Krieg?“  Diese  Frage  kann  nur  Bismarck  beantworten.  Ohne  Bundesgenossen
  wird  uns  Frankreich  sicher  nicht  angreifen,  mit  Rußland  aber  stehen
wir  nach  Bismarcks  Erklärung  im  Einvernehmen,  man  muß  jedoch  das  Pulver
jederzeit  trocken  halten,  um  in  der  Stunde  der  Gefahr  gerüstet  zu  sein,  damit
  das  Vaterland  nicht  Schaden  leide;  ich  stehe  aber  hier  am  Rhein  und
habe  die  feste  Ueberzeugung,  daß  Sie  alle  mit  mir  einverstanden  sind:  „sie
sollen  ihn  nicht  haben".  Wir  halten  fest  an  den  Errungenschaften  des  Frankfurter
  Friedens.  Windthorst  bestreitet  dann  den  Zusammenhang  der  Militärvorlage
  mit  einem  drohenden  Kriege  und  erörtert,  warum  das  Zentrum
an  der  dreijährigen  Bewilligung  festhielt;  dann  spricht  er  die  Erwartung
aus,  daß  die  Männer  Rheinlands  zum  Zentrum  stehen  werden.  Er  schließt
mit  einem  Hoch  auf  Papst  Leo  XIII.  und  Kaiser  Wilhelm.

Alsdann  begründet  er  die  darauf  einstimmig  angenommenen

folgenden  Resolutionen:

1)  In  Uebereinstimmung  mit  der  Note  des  Hrn.  Kardinal-Staatssekretärs
  Jacobini  vom  21.  Januar  1887  erkennt  die  am  6.  Februar  1887
im  Gürzenich  in  Köln  tagende  Versammlung  der  rheinischen  Zentrumspartei
die  Verdienste  unverändert  an,  welche  das  Zentrum  und  seine  Leiter  bei
Verteidigung  der  Sache  der  Katholiken  sich  erworben  haben.  Sie  kann  die
Aufgabe  der  Fraktion  keineswegs  als  abgeschlossen  betrachten  und  ist  deshalb
  bereit,  für  den  Fortbestand  des  Zentrums  jederzeit  einzutreten.  2)  Die
Versammlung  spricht  ihren  bisherigen  Vertretern  im  Reichstag  die  vollste
Zustimmung  auch  zu  der  in  der  letzten  Session  beobachteten  Haltung  aus.
Sie  fordert  alle  rheinischen  Wähler  auf,  mit  der  größten  Entschiedenheit  für
die  Wiederwahl  der  alten,  bezw.  Neuwahl  gleichgesinnter  Abgeordneter  für
das  Zentrum  des  Reichstags  einzutreten.  Die  Versammlung  spricht  die  Hoffnung
  aus,  daß  es  unter  Führung  Seiner  Heiligkeit  des  Papstes  gelingen
werde,  die  glücklich  begonnene  Wiederherstellung  des  kirchlichen  Friedens  in
Deutschland  baldigst  zu  Ende  zu  führen.  3)  Die  Versammlung  schließt  sich
der  in  der  erwähnten  Note  ausgedrückten  Hoffnung  an,  daß  der  Einfluß  des
mächtigen  deutschen  Reiches  im  stande  sein  werde,  die  unhaltbare  Lage  des
erhabenen  Oberhauptes  der  Kirche  zu  verbessern  und  spricht  die  Zuversicht
aus,  daß  die  Mitglieder  des  Zentrums  im  deutschen  Reichstage  keine  Gelegenheit
  versäumen  werden,  um  auf  eine  günstigere  Gestaltung  dieser  Lage
mit  aller  Energie  hinzuwirken.
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        80  Nos  deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  6.  —9.)

6.  Februar.  (Bayern:  Sozialisten.)  In  München  findet
trotz  vorher  erlassenen  Verbotes  der  Polizeibehörde  auf  dem  Marienplatze
  eine  große  von  den  Sozialisten  einberufene  Volksversammlung
statt,  welche  aber  durch  das  Einschreiten  der  um  eine  Kompagnie
verstärkten  Hauptwache  im  Vereine  mit  der  Gendarmerie  gesprengt
wird,  16  Personen  werden  dabei  verhaftet.

7.  Februar.  (Preußen:  Katholische  Kirche.)  Der  Kultusminister
  macht  durch  den  „Reichsanzeiger“  bekannt,  daß  die  philosophisch-theologische
  Lehranstalt  in  Paderborn  zur  wissenschaftlichen
Vorbildung  der  Geistlichen  geeignet  ist.

9.  Februar.  (Der  Papst  und  die  Heeresvorlage.)  Die
„Münchner  Allgemeine  Zeitung“  veröffentlicht  nachstehendes  Schreiben
  des  Kardinalstaatssekretärs  Jacobini  an  den  päpstlichen  Nuntius
in  München:

Vertraulich.  Rom,  den  3.  Januar  1887.
An  Monsignor  di  Pietro,  apostolischen  Nuntius,  München.
Hochwürdigster  Herr!

Aus  meinem  Telegramm  vom  1.  d.  M.  haben  Sie  ersehen,  daß  allernächstens
  der  Entwurf  zur  schließlichen  Revision  der  preußischen  kirchenpolitischen
  Gesetze  vorgelegt  werden  wird.  Man  hat  darüber  ganz  kürzlich
formale  Zusicherungen  erhalten,  welche  die  früheren  dem  heiligen  Stuhl  zugegangenen
  Nachrichten  bestätigen.  Sie  können  somit  den  Herrn  Windthorst
in  dieser  Hinsicht  beruhigen  und  die  Zweifel,  welche  derselbe  in  seinem,
Ihrem  letzten  geschätzten  Berichte  beigefügten  Schreiben  ausgesprochen  hat,
zurückweisen.  Im  Hinblick  auf  diese  nahe  bevorstehende  Revision  der  Kirchengesetze,
  welche  —  wie  Grund  ist  anzunehmen  —  befriedigend  ausfallen  wird,
wünscht  der  heilige  Vater,  daß  das  Zentrum  die  Vorlage  des  militärischen
Septennats  in  jeder  demselben  möglichen  Weise  begünstige.  Es  ist  hinlänglich
  bekannt,  daß  die  Regierung  auf  die  Annahme  dieses  Gesetzes  den  größten
Wert  legt.  Wenn  es  nun  infolge  dessen  gelingen  sollte,  die  Gefahr  eines
nahen  Krieges  zu  beseitigen,  so  würde  das  Zentrum  sich  sehr  verdient  gemacht
  haben  um  das  Vaterland,  um  die  Humanität  und  um  Europa.  Im
entgegengesetzten  Falle  würde  man  nicht  verfehlen,  ein  feindliches  Verhalten
des  Zentrums  als  unpatriotisch  zu  betrachten,  und  eine  Auflösung  des  Reichstags
  würde  auch  dem  Zentrum  nicht  unerhebliche  Verlegenheiten  und  Unsicherheiten
  bereiten.  Durch  Zustimmung  des  Zentrums  zu  der  Septennatsvorlage
  würde  aber  die  Regierung  den  Katholiken,  wie  auch  dem  heiligen
Stuhl  immer  geneigter  werden,  und  auf  die  Fortdauer  der  friedlichen  und

gegenseitig  vertrauensvollen  Beziehungen  zu  der  Berliner  Regierung  legt  der
heilige  Stuhl  keinen  geringen  Wert.  Sie  wollen  daher  die  Führer  des  Zentrums
  aufs  lebhafteste  dafür  interessieren,  daß  sie  ihren  ganzen  Einfluß  bei
ihren  Kollegen  anwenden  und  dieselben  versichern,  daß  sie  durch  Unterstützung
des  Septennats  dem  heiligen  Vater  eine  große  Freude  bereiten  und  daß  das
für  die  Sache  der  Katholiken  sehr  vorteilhaft  sein  wird.  Wenn  diese  letzteren
  auch  infolge  der  neuen  Militärgesetze  immerhin  neuen  Lasten  und  Beschwerlichkeiten
  entgegengehen,  so  werden  sie  andrerseits  entschädigt  werden
durch  den  vollständigen  religiösen  Frieden,  welcher  doch  das  höchste  aller
Güter  ist.  Indem  ich  vorstehende  Betrachtungen  Ihrem  Takte  und  Ihrer
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  9.—13.)  81

Umsicht  anvertraue,  bin  ich  überzeugt,  daß  Sie  den  in  Betracht  zu  ziehenden
Personen  und  Verhältnissen  gegenüber  davon  Gebrauch  machen  werden.
gez.  L.  Kard.  Jacobini.

9.—  Ende  Febr.  (Die  Bischöfe  und  die  Wahlen.)  Das
Amtsblatt  des  Bistums  Limburg  veröffentlicht  einen  Erlaß  des
Bischofs,  welcher  mit  Bezugnahme  auf  das  Schreiben  des  Kardinals
Jacobini  dem  Klerus  untersagt,  sich  an  der  Wahlagitation  gegen
das  Septennat  zu  beteiligen.

Auch  Erzbischof  Dinder  von  Posen-Gnesen  tritt  der  Agitation
  des  niedern  Klerus  entgegen,  indem  er  den  Geistlichen  seiner
Diözese  die  Annahme  von  Mandaten  verbietet;  dem  gleichwohl  bei
den  Wahlen  gewählten  Propste  v.  Jazdzewski  erteilt  er  die  Genehmigung
  zur  Annahme  der  Wahl  nicht,  so  daß  Neuwahl  stattfinden  muß.

Der  Bischof  Stumpff,  Koadjutor  v.  Straßburg,  hatte  die
Priester  seines  Sprengels  aufgefordert,  sich  aller  Agitationen  zu  enthalten,
  welche  den  Klerus  kompromittieren  könnten.  Als  der  Abbé
Simonis,  Kandidat  für  Rappoltsweiler,  ein  Manifest  gegen  das
Septennat  erläßt,  mißbilligt  er  es  durch  ein  Rundschreiben  an  alle
Pfarrer:  „da  es  weder  dem  Gedanken  des  hl.  Vaters  noch  den  Instruktionen
  entspricht,  welche  ich  persönlich  vor  14  Tagen  auf  Befehl
  des  hl.  Vaters  erhalten  habe,“  und  verbietet  die  Unterstützung
des  Abbés.

13.  Februar.  (Preußen:  Bischofseid.)  Durch  königliche
Verordnung  wird  die  Eidesnorm  für  den  von  den  katholischen  Bischöfen
  zu  leistenden  Eid  vom  6.  Dezember  1873  aufgehoben  und
wie  folgt  festgestellt:

„Ich  schwöre  zu  Gott  dem  Allmächtigen  und  Allwissenden  auf  das
Evangelium,  daß,  nachdem  ich  auf  den  Bischofsstuhl  erhoben  bin,  ich  Seiner
Majestät  und  dessen  Nachfolger  in  der  Regierung  als  meinem  allergnädigsten
König  und  Landesherrn  unterthänig,  treu,  gehorsam  und  ergeben  sein,  dessen
Bestes  nach  meinem  Vermögen  befördern,  Schaden  und  Nachteil  aber  verhüten

  und  besonders  dahin  streben  will,  daß  in  den  Gemütern  der  meiner
Leitung  anvertrauten  Geistlichen  und  Gemeinden  die  Gesinnungen  der  Ehrfurcht
  und  Treue  gegen  den  König,  die  Liebe  zum  Vaterlande,  der  Gehorsam
gegen  die  Gesetze  und  alle  jene  Tugenden,  die  in  dem  Christen  den  guten
Unterthan  bezeichnen,  sorgfältig  gepflegt  werden,  und  daß  ich  nicht  dulden
will,  daß  von  der  mir  untergebenen  Geistlichkeit  im  entgegengesetzten  Sinne
gelehrt  und  gehandelt  werde.  Insbesondere  gelobe  ich,  keine  Gemeinschaft
oder  Verbindung  innerhalb  und  außerhalb  des  Landes  zu  unterhalten,  welche
der  öffentlichen  Sicherheit  gefährlich  sein  könnte,  und  will,  wenn  ich  erfahren
sollte,  daß  in  meiner  Diözese  oder  anderswo  Anschläge  gemacht  werden,  die
zum  Nachteile  des  Staates  gereichen  könnten,  hievon  Sr.  Majestät  Anzeige
machen.  Ich  verspreche,  dieses  alles  um  so  unverbrüchlicher  zu  halten,  als
ich  gewiß  bin,  daß  ich  mich  durch  den  Eid,  welchen  ich  dem  Papst  und  der
Kirche  leistete,  zu  nichts  verpflichte,  was  dem  Eid  der  Treue  und  Unter-Europ.
  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  6
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        82  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  14.  15.)

thänigkeit  gegen  Se.  Majestät  entgegen  sein  könne.  Alles  dieses  schwöre  ich,
so  wahr  mir  Gott  helfe  und  sein  heiliges  Evangelium.  Amen.“

14.  Februar  bzw.  26.  März.  (Preußen:  Verwaltungsgesetze.)
  Gesetz  über  die  Ausdehnung  der  Kreis-  und  Provinzialordnung
  auf  die  Rheinprovinz.

Dasselbe  wird  am  14.  Februar  im  Herrenhause  mit  einer  Resolution
„Das  Herrenhaus  ersucht  die  kgl.  Staatsregierung,  die  Anstellungs-  und
Penionsverhältnisse  der  Beamten  der  Landgemeinden  in  der  Provinz  mögichst
  bald  im  Wege  der  Gesetzgebung  zu  regeln“  angenommen.

Am  26.  März  nimmt  auch  das  Abgeordnetenhaus  den  Entwurf  unverändert
  in  3.  Lesung  an.

15.  Februar.  (Preußen:  Volksschulwesen.)  Herrenhaus:
Gesetzentwurf  über  die  Leistungen  für  die  Volksschule  (s.  Jan.  20.).

Fürst  Bismarck  bekämpft  einen  Antrag  v.  Kleist-Retzow,  die
Bestimmungen  des  Gesetzes  auch  auf  die  Bauleistungen  für  die  Volksschulen
auszudehnen,  worauf  der  Antragsteller  denselben  zurückzieht.  Zu  §  3  hatte
die  Kommission  den  Antrag  gestellt,  das  Gesetz  für  Posen,  Schleswig-Holstein,
  Westfalen  und  die  Rheinlande  erst  nach  Einführung  der  Kreisordnung
in  Wirksamkeit  treten  zu  lassen.  Dieser  Antrag  wird  vom  Kultusminister
verworfen,  auch  Fürst  Bismarck  bittet,  diesen  rein  theoretischen  Standpunkt
fallen  zu  lassen  und  den  praktischen  Weg  der  Regierung  einzuschlagen.  Darauf
  wird  das  Gesetz  in  der  Fassung  der  Vorlage  angenommen.

15.  Februar.  (Wahlbewegung:  Zentrum.)  Graf  Fürstenberg-Stammheim
  und  36  Mitglieder  des  kathol.  rheinischen  Adels
veröffentlichen  in  der  „Kreuzzeitung“  folgende  Erklärung:

An  unsere  rheinischen  Landsleute!  Mit  aufrichtiger  Anerkennung
haben  wir  bei  Beginn  des  Kulturkampfes  auf  das  Zentrum  geblickt,  als  es
die  katholische  Fahne  aufpflanzte  und  mannhaft  verteidigte.  Mit  Schmerz
aber  mußten  wir  konstatieren,  daß  die  Partei  mit  der  Zeit  immer  mehr  dahin
  kam,  im  Bunde  mit  Welfen  und  Polen  auch  undeutschen  Zwecken  zu
dienen.  Besonders  seitdem  durch  die  hochherzige  Entschließung  Sr.  Majestät
unseres  Kaisers  und  Königs  ein  Wechsel  im  Kultusministerium  eingetreten
und  durch  das  bereitwillige  Entgegenkommen  Sr.  Heiligkeit  des  Papstes  sich
eine  Verständigung  der  beiden  höchsten  Gewalten  der  Welt,  der  römischkatholischen
  Kirche  und  des  deutschen  Reiches,  anbahnte,  vermochte  die  Zentrumsleitung
  dieser  Richtung  nicht  im  gehofften  Maße  zu  folgen,  sondern
verharrte  zu  sehr  in  ihrer  früheren  Stellung  als  Oppositionspartei.  Jetzt,
im  Moment,  als  es  galt,  das  Vaterland  gegen  alle  auswärtigen  Gefahren
wehrhaft  zu  erhalten,  verfolgte  das  Zentrum,  statt  einer  großen  nationalen
Politik,  die  Politik  kleinlichsten  Nörgelns  und  endigte  schließlich  im  offenen
Bündnis  mit  dem  demokratischen  Fortschritt!  Alles  das  trotz  dringlichster
Mahnung  Sr.  Heiligkeit  unseres  Kirchenoberhauptes.  Nachdem  jedoch  auch
nach  Bekanntmachung  der  päpstlichen  Kundgebung  die  Kölner  Zentrumsversammlung
  den  Beschluß  gefaßt  hat,  den  bisherigen  Vertretern  im  Reichstage
die  vollste  Zustimmung  auch  zu  der  in  der  letzten  Session  beobachteten  Haltung
  auszusprechen,  und  alle  rheinischen  Wähler  auffordert,  mit  größter  Entschiedenheit
  für  die  Wiederwahl  der  alten,  bezw.  Neuwahl  gleichgesinnter
Abgeordneten  für  das  Zentrum  des  Reichstags  einzutreten,  halten  wir,  in
voller  Uebereinstimmung  mit  dem  päpstlichen  Schreiben,  es  für  unsere  Pflicht,
unsere  rheinischen  Landsleute  hiedurch  aufzufordern,  treu  und  fest  zum  Kaiser
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  15.  —16.)  83

zu  stehen  und  mit  uns  zusammenzuwirken  für  eine  katholisch-konservative
Partei.  Rheinprovinz,  den  7.  Febr.  1887.

Auch  ein  Teil  des  schlesischen  katholischen  Adels  sagt  sich  von
der  bisher  befolgten  Politik  des  Zentrums  los  und  erklärt  sich  für
die  Gründung  einer  eignen  konservativ-katholischen  Partei.

15.  Februar.  (Das  Zentrum  und  der  Papst.)  Die
„Augsb.  Postztg.“  veröffentlicht  folgende  Erklärung  des  Frhrn.  zu
Franckenstein:

„Schloß  Ullstadt,  den  14.  Februar  1887.  Wenn  ich  es  unterlassen
habe,  die  in  meinen  Händen  befindlichen  Aktenstücke,  von  welchen  seit  der
Publikation  der  Noten  des  Kardinals  Jacobini  vom  21.  Januar  und  3.  Januar
  so  viel  die  Rede  ist,  bekannt  zu  geben,  so  geschah  dies  nur,  weil  es
mir  nicht  gestattet  war,  die  an  mich  gerichteten  Aktenstücke  zu  publizieren,
und  ich  bisher  Anstand  nahm,  ein  Schreiben  zu  veröffentlichen,  welches  ich
an  den  päpstlichen  Nuntius  gerichtet  habe  mit  der  Bitte,  es  dem  Kardinal-Staatssekretär
  vorzulegen.  Da  aber  die  gegnerische  Presse  nicht  aufhört,  in
gehässigster  Art  meine  Handlungsweise  zu  verdächtigen,  so  ersuche  ich  Sie,
in  dem  von  Ihnen  redigierten  Blatte  zu  erklären:  1)  daß  die  Note  des
Kardinals  Jacobini  vom  3.  Januar  mir  nicht  "mitgeteilt  worden  ist  und  ich
dieselbe  zum  erstenmale  in  den  Münchener  „Allgemeinen  Zeitung“  gelesen
habe;  2)  daß  mir  der  päpstliche  Nuntius  in  München  zur  Mitteilung  an
Herrn  Dr.  Windthorst  mit  der  Weisung,  er  möge  davon  diskreten  Gebrauch
machen,  geschrieben  hat,  der  heilige  Vater  wünsche,  daß  das  Zentrum  für
das  Septennat  stimme,  weil  ihm  Zusicherung  geworden  sei,  daß  eine  vollständige
Revision  der  Maigesetze  beabsichtigt  werde  und  daß  eine  desfallsige  Vorlage
dem  nächsten  preußischen    Landtage  gemacht  werden  solle."“

Die  „Kölnische  Volkszeitung“  teilt  dazu  die  Hauptstelle  aus
dem  Schreiben  des  Freiherrn  an  den  Nuntius  in  München  mit;
dieselbe  lautet:

„Ich  brauche  nicht  zu  sagen,  daß  das  Zentrum  immer  glücklich  war,
den  Weisungen  des  hl.  Stuhles  nachzukommen,  wenn  es  sich  um  kirchliche
Gesetze  handelte.  Ich  habe  mir  aber  schon  im  Jahre  1880  erlaubt,  aufmerksam
  darauf  zu  machen,  daß  es  für  das  Zentrum  absolut  unmöglich  ist,
bei  nicht  kirchlichen  Gesetzen  gegebenen  Direktiven  Folge  zu  leisten.  Nach
meiner  Ansicht  würde  es  ein  Unglück  für  das  Zentrum  und  eine  schwere
Quelle  von  Unennehmlichkeiten  für  den  hl.  Stuhl  sein,  wenn  das  Zentrum
in  Fragen,  welche  die  Rechte  der  Kirche  nicht  berühren,  sich  Instruktionen
von  dem  hl.  Stuhle  erbitten  würde.“

16.  Februar.  (Reichslande:  der  Statthalter  und  die
Wahlen.)  Der  Statthalter  Fürst  Hohenlohe  läßt  in  der  „Landeszeitung“
  und  als  amtliches  Plakat  in  allen  Gemeinden  folgenden
Wahlaufruf  veröffentlichen:

„An  die  Wähler  in  Elsaß-Lothringen.  Die  Reichstagswahlen  werden
am  21.  Februar  stattfinden.  Als  treuer  Freund  des  Landes  will  ich  ein
wohlgemeintes  Wort  an  Euch  richten.  Es  ist  Euch  bekannt,  daß  der  Reichstag
  aufgelöst  worden  ist,  weil  seine  Majorität  der  Regierung  die  Forderung
verweigert  hat,  die  erhöhten  Militärausgaben  vom  1.  April  1887  ab  an
sieben  Jahre,  auf  ein  „Septennat“  zu  bewilligen.  Die  Regierung  hat  diese

6*
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        84  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  Mitte  —21.)

Forderung  gestellt,  weil  nach  ihrer  Ueberzeugung  dem  Deutschen  Reiche  die
Gefahr  eines  Krieges  droht,  sobald  der  kriegslustige  Teil  der  Franzosen  annehmen
  kann,  den  deutschen  Streitkräften  überlegen  zu  sein.  Ist  es  Euer
Wille,  daß  Elsaß-Lothringen  den  Schrecknissen  eines  Krieges  aufs  neue  ausgesetzt
  werde!?  In  den  Wahlen  ist  einem  jeden  Gelegenheit  gegeben,  mitzuarbeiten
  an  dem  Werke  der  Erhaltung  des  Friedens.  Zur  Klärung  der
Lage,  zur  Beruhigung  der  Gemüter,  zur  Sicherung  des  Friedens  trägt  es
bei,  wenn  ruhige  und  versöhnliche  Abgeordnete  gewählt  werden,  welche  den
Friedensvertrag  von  1871  rückhaltlos  anerkennen  und  dem  Deutschen  Reiche
die  Mittel  zur  dauernden  Erhaltung  eines  starken  Heeres  gewähren.  Sendet
Ihr  dagegen  Männer  der  Protestation  in  den  Reichstag  und  solche,  welche
unter  nichtigen  Vorwänden  begründete  Forderungen  für  die  Wehrkraft  des
Reiches  abweisen,  so  seid  Ihr  zu  Euerm  Teil  dafür  verantwortlich,  wenn
die  Unruhe  nicht  abnimmt,  wenn  die  für  Handel  und  Wandel  so  schädlichen
Gerüchte  immer  von  neuem  auftauchen  und  wenn  der  Friede  weiterhin  gefährdet
  bleibt.  Es  kann  in  einzelnen  Wahlkreisen  vorkommen,  daß  die
Freunde  des  Friedens  und  der  ruhigen  Entwickelung  Elsaß-Lothringens  es
unter  dem  Drucke  des  bisherigen  Führer  bis  zum  Wahltage  zur  Aufstellung
eines  eigenen  Kandidaten  nicht  gebracht  haben.  In  diesem  Falle  könnt  Ihr
Eure  Meinung  dadurch  zum  Ausdruck  bringen,  daß  Ihr  weiße  Zettel  in
die  Urne  legt.  Auch  auf  diese  Weise  wird  man  die  Gesinnung  des  Landes
zu  erkennen  vermögen.  Noch  einmal:  Gedenket  der  Liebe  zu  Eurem  Vaterlande
  Elsaß-Lothringen,  wisset,  daß  die  Wiedervereinigung  dieser  alten  deutschen
Lande  mit  dem  Deutschen  Reiche  eine  unwiderrufliche  ist,  die  nur  mit  dem
Bestande  des  Deutschen  Reiches  selbst  enden  kann,  und  höret  in  diesen  entscheidungsreichen
  Tagen  nur  auf  das,  was  Gewissen  und  Vernunft,  Liebe
zum  heimischen  Boden,  zur  Familie  und  zu  Eurem  Besitz  Euch  raten.  Straßburg,
  den  15.  Februar  1887.  Der  kaiserliche  Statthalter  in  Elsaß-Lothringen:
Fürst  v.  Hohenlohe.“

Mitte  Februar.  In  Straßburg,  Mühlhausen,  Maasmünster,
Hagenau  und  andern  Orten  des  Elsasses  werden  Haussuchungen
vorgenommen  und  eine  Anzahl  Personen  wegen  Teilnahme  an  der
französischen  Patriotenliga  verhaftet.

Mitte  Februar.  Die  jüdischen  Berliner  Professoren  Lazarus
und  Goldschmidt  erklären  sich  in  Broschüren  für  die  Kartellparteien
  und  verwerfen  nachdrücklich  den  freisinnigen  Standpunkt.

15.  Februar.  (Kleiner  Belagerungszustand.)  Uber  Stettin
mit  Grabow,  Altdamm  und  den  umliegenden  Amtsbezirken  wird  auf

ein  Jahr  der  kleine  Belagerungszustand  verhängt.

Die  direkte  Veranlassung  zu  dieser  Maßregel  gab  ein  Tumult,  welcher
nach  der  Auflösung  einer  sozialdemokratischen  Wahlversammlung  entstand
und  das  Versammlungslokal  vollständig  demoliert  wurde,  das  Militär  einschreiten
  mußte  und  zahlreiche  Verwundungen  vorkamen.

21.  Februar.  Wahlen  zum  Reichstage.

Das  Wahlergebnis  ist  ein  großer  Sieg  der  Septennatsparteien,  die
Wahlbeteiligung  auserordentlich  groß.  Von  9.769,802  Berechtigten  wählen
7.570,710  mit  7.540,938  gültigen  Stimmen;  von  diesen  entfallen  auf  die
Deutschkonservativen  1.147,200  (1884:  861,063),  die  deutsche  Reichspartei
736,389  (387,687);  die  Nationalliberalen  1.677,979  (997,033);  die  deutschfreisinnigen
  973,104  (997,004),  davon  für  septennatsfreundliche  Kandidaten
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  22.)  85

der  Partei  32,718;  die  Ultramontanen  1.516,222  (1.282,006),  davon  septennatsfreundlich
  101,096;  die  Polen  219,973  (203,188);  die  Sozialdemokraten
763,128  (549,990);  die  Volkspartei  88,818  (95,891);  die  Welfen  112,827
(96,388);  die  Elsaß-Lothringer  233,685  (165,571),  davon  auf  Anhänger
des  Septennats  und  Nichtprotestler  25,286;  den  Dänen  12,360  (14,447);
auf  Kandidaten  unbestimmter  Parteistellung  59,258  (12,689),  davon  septennatsfreundlich
  50,200.

Endgültig  gewählt  sind:  Konservative  75,  Reichspartei  34,  Nationalliberale
  84,  Zentrum  90,  Freisinnige  14,  Sozialisten  6,  Elsäßer  15,  Polen  13,
Welfen  2,  1  Däne;  Unbestimmte  2;  61  Stichwahlen.  Nach  den  Stich-  und
Nachwahlen  stellt  sich  die  Parteigruppierung  auf:  80  Konservative,  41  Mitglieder
  der  Reichspartei,  99  Nationalliberale,  32  Deutschfreisinnige,  98  Ultramontane,
  13  Polen,  11  Sozialdemokraten,  4  Welfen,  15  Elsäßer,  1  Dänen,
3  Unbestimmte.

Besonders  bemerkenswert  ist  außer  der  schweren  Niederlage  der  freifinnigen
  Partei  (1884:  67  Mitglieder)  das  vollständige  Verschwinden  der
Volkspartei  aus  dem  Reichstage,  der  Verlust  aller  sächsischen  Mandate  für
die  Sozialdemokraten  und  die  Fruchtlosigkeit  aller  Anstrengungen  der  Reichstreuen
  in  Elsaß-Lothringen,  wo  der  einzige  Elsäßer,  der  in  rückhaltlosem
Anschluß  an  das  Reich  für  das  Septennat  eingetreten  war,  Frhr.  Zorn  v.
Bulach  sein  Mandat  verliert.  In  Straßburg  erreicht  der  reichstreue  Kandidat
eine  sehr  erhebliche  Minderheit,  im  Stadtbezirke  Metz  schlägt  er  sogar  seinen
französischen  Gegner.

22.  Februar.  (Preußen:  Kirchengesetz.)  Herrenhaus:
Vorlegung  des  neuen  Kirchengesetzes  für  die  katholische  Kirche.  Dasselbe

  bestimmt  im  wesentlichen:

Die  Bischöfe  von  Limburg  und  Osnabrück  sind  zur  Errichtung  von
Seminarien  behufs  wissenschaftlicher  Vorbildung  von  Geistlichen  befugt.  Die
frühere  Beschränkung,  wonach  der  Besuch  der  Seminare  nur  denjenigen  gestattet
  ist,  welche  dem  Sprengel  angehören,  wofür  das  Seminar  errichtet  ist,
wird  aufgehoben.  Ein  Einspruch  gegen  die  Anstellung  eines  Geistlichen  ist
zulässig,  wenn  dafür  erachtet  wird,  daß  der  Anzustellende  aus  einem  dem
bürgerlichen  oder  staatsbürgerlichen  Gebiete  angehörenden  Grunde  für  die
Stelle  ungeeignet  ist.  Ein  staatlicher  Zwang  zur  dauernden  Besetzung  der
Pfarrämter  findet  nicht  statt.  Die  Verurteilungen  von  Geistlichen  zu  Zuchthausstrafe,
  zum  Verlust  der  Ehrenrechte,  sowie  zur  Unfähigkeit  zur  Bekleidung
öffentlicher  Amter  haben  nicht  von  Rechts  wegen  die  Erledigung  der  Stelle
zur  Folge.  Die  Verpflichtung  der  geistlichen  Oberen  zur  Mitteilung  kirchlicher
Disziplinarentscheidungen  an  den  Oberpräsidenten,  sowie  das  Gesetz  über  die
Grenzen  des  Rechts  zum  Gebrauch  kirchlicher  Strafzuchtmittel  wird  aufgehoben,
  nur  §  1  des  letzteren  Gesetzes,  welcher  die  Zuchtmittel  auf  das  rein
religiöse  Gebiet  beschränkt,  dagegen  solche  gegen  Leib,  Vermögen,  Freiheit  und
bürgerliche  Ehre  für  unzulässig  erklärt,  bleibt  in  Kraft.  Das  Gesetz,  betreffend
  die  geistlichen  Orden  und  Kongregationen  wird  dahin  abgeändert
und  ergänzt,  daß  durch  Beschluß  des  Staatsministeriums  diejenigen  wieder
zugelassen  werden  können,  welche  sich  der  Aushilfe  in  der  Seelsorge  oder  der

Übung  christlicher  Nächstenliebe  widmen,  oder  deren  Mitglieder  ein  beschauliches
  Leben  führen.  Auf  die  wieder  zuzulassenden  Orden  und  Kongregationen
finden  bezüglich  der  Errichtung  einzelner  Niederlassungen  und  sonstiger  Verhältnisse
  dieselben  Gesetzesbestimmungen  Anwendung,  welche  für  die  bestehenden
  Orden  gelten.  Den  Orden  und  Kongregationen  kann  die  Ausbildung
von  Missionen  für  den  Dienst  im  Auslande  und  zu  diesem  Behufe  die  Errichtung
  von  Niederlassungen  gestattet  werden.
        <pb n="98" />
        86  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  23.—27.)

In  der  Begründung  des  Gesetzes  heißt  es,  die  Regierung  habe  nach
der  Erfüllung  der  Zusage  der  Kurie  betreffs  der  ständigen  Anzeige  nicht  gezögert,
  in  Verhandlungen  mit  der  Kurie  einzutreten,  um  in  Bethätigung  der
Fürsorge  für  die  katholischen  Unterthanen  und  entsprechend  den  freundschaftlichen
  und  vertrauensvollen  Beziehungen  zur  Kurie  eine  Grundlage  zu  einer
Gesetzesvorlage  zu  gewinnen,  welche  die  Ausgestaltung  des  Verhältnisses
zwischen  dem  Staate  und  der  katholischen  Kirche  zu  beiderseitiger  Zufriedenheit
  bezwecke.  Die  Regierung  habe  sich  dabei  nicht  auf  den  in  den  Noten
vom  4.  und  23.  April  1886  vorgezeichneten  Rahmen  beschränkt,  sondern  sie
habe  auch,  den  Wünschen  der  Kurie  gern  entgegenkommend,  anderweite,  durch
die  vorjährige  Novelle  geregelte  Gegenstände  in  den  Kreis  ihrer  Erwägungen
gezogen.

23.  Februar.  (Reichstagsberufung.)  Der  Reichstag  wird
durch  kaiserliche  Verordnung  auf  den  3.  März,  den  frühesten  gesetzlich
  zulässigen  Termin,  einberufen.

26.  Februar.  (Papst  und  Zentrum.)  Nach  der  „Nordd.
Allg.  Zeitung“  besteht  eine  dritte  päpstliche  Kundgebung  in  einem
Ende  Januar  an  den  Nuntius  zu  München  gerichteten  Telegramm,
welches  wiederholt  einschärft,  darauf  zu  dringen,  daß  dasselbe  zur
Durchführung  des  Septennats  alle  Kräfte  aufbiete.

Tags  zuvor  meldete  das  Blatt,  die  Kundgebung  gehe  darauf
aus,  die  Katholiken  zu  warnen,  ihre  Stimmen  Sozialdemokraten  zu
geben;  der  Papst  weise  darauf  hin,  daß  in  Hirtenbriefen  die  Sozialdemokraten
  wiederholt  als  Gefahr  für  die  Kirche  bezeichnet  worden
  seien.

26.  Februar.  (Ostafrikanische  Gesellschaft.)  In  Gegenwart
  des  Legationsrats  Kayser  als  Vertreter  des  Reichskanzlers
findet  die  konstituierende  Versammlung  der  umgebildeten  deutschostafrikanischen
  Gesellschaft  statt.

Dieselbe  erhält  in  folgendem  Monate  die  Rechte  einer  juristischen
Person.  Ihre  Leitung  wird  in  die  Hände  eines  Direktionsrates  von  21—27
Mitgliedern  gelegt,  davon  ernennt  der  Reichskanzler  3,  eines  die  Seehandlung,
  welche  nach  kaiserlicher  Entschließung  mit  ½  Million  Mark  sich  an
dem  Unternehmen  beteiligt.  Die  Anteile  sind  Stamm-,  Frei-  und  Neu-Anteile.
Die  ersten  sind  die  den  frühern  Teilhabern  gewährten  in  Höhe  von  1.171,700
Mark;  15  Freianteile  zu  je  10,000  Mark  erhalten  diejenigen  Personen,
welche  der  bisherigen  Gesellschaft  Rechte  überlassen  oder  Dienste  geleistet.
Neuanteile  zu  ebenfalls  je  10,000  Mark  werden  um  5.000,000  Kapital  voll
zu  machen  365  ausgegeben.  Zeichnungen  hierauf  sind  in  beträchtlicher  Höhe
schon  eingelaufen.

Anfang  April  begibt  sich  sodann  der  Vorsitzende  Dr.  Peters  mit  einer
Expedition  von  einigen  20  Mann  nach  Ostafrika.

27.  Februar.  (Deutschland,  Österreich  und  Italien.)
Die  „Kölnische  Zeitung“  erhält  aus  Rom  folgende  Mitteilung:

Während  des  deutschen  Wahlkampfes  und  des  schleppenden  Ganges
der  italienischen  Krise  war  die  Diplomatie  thätig,  zu  den  bestehenden  Frie-
        <pb n="99" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  1.—3.)  87

densbürgschaften  neue  hinzuzufügen;  die  Verhandlungen  zwischen  den  Teilnehmern
  an  dem  Verteidigungsbunde  zwischen  Deutschland,  Oesterreich  und
Italien  wurden  eifrigst  betrieben  und  führten  zu  einem  günstigen  Schlußergebnisse.
  Obschon  strengstes  Geheimnis  bewahrt  wurde,  gelangte  der  wesentliche
  Inhalt  dieser  Abmachungen  zur  Kenntnis  der  nicht  beteiligten,  aber
meistinteressierten  Großmächte,  was  gewisse  der  jüngsten,  anscheinend  inspirierten
  heftigen  Ausfälle  gegen  Deutschland  erklärt.  Für  Deutschland  ist  in
diesen  Enthüllungen  von  höchst  beruhigender  Wichtigkeit,  daß  bei  einem
französischen  Angriff  gegen  Deutschland  Italien  thätig  eingreift,  bei  einem
russischen  Angriff  gegen  Oesterreich  aber  neutral  bleibt.  Ich  habe  allen
Grund,  diese  Angaben  für  zuverlässig  zu  halten,  obgleich  die  italienischen
Behörden  unbedingtes  Schweigen  bewahren.  Inwieweit  dieses  Ergebnis  durch
den  weiteren  Verlauf  der  Krise  beeinflußt  werden  könnte,  wäre  schwer  feststellbar.
  Der  neue  Ausbruch  der  Krise  wird  allgemein  als  bedeutend  ernster
angesehen,  als  der  erste  Teil  derselben.

1.  März.  (Rumänien:  Handelsvertrag.)  Zu  dem  zwischen
Deutschland  und  Rumänien  im  Jahre  1877  vereinbarten  Handelsvertrage
  (Si.  A.  .  ...  )  wird  eine  Nachtragskonvention  unterzeichnet.

In  derselben  wird  bezüglich  der  Ausnahmen  von  der  Verpflichtung,
den  gegenseitigen  Verkehr  durch  keinerlei  Einfuhr-,  Ausfuhr-  oder  Durchfuhrverbote
  zu  hemmen,  an  Stelle  des  Absatzes  im  Artikel  5  „bei  Tabak  in  allen
Sorten,  Salz  und  Schießpulver“  gesetzt:  „für  Staatsmonopole“.  Die  dem
Handelsvertrage  beigefügten  Tarife  haben  eine  Abänderung  erfahren.  Ferner
soll,  wenn  Rumänien  während  der  Dauer  des  Vertrags  über  den  10.  Juli  1891
hinaus  mit  einer  dritten  Nation  einen  Vertrag  oder  ein  Handelsabkommen
irgend  welcher  Art  abschließen  oder  erneuern  sollte,  die  deutsch-rumänische
Handelskonvention  mit  den  in  der  gegenwärtigen  Konvention  festgesetzten
Modifikationen  von  selbst  und  für  die  gleiche  Dauer  verlängert  werden.  Die
neue  Konvention  hat  den  Zweck,  die  durch  das  Erlöschen  der  rumänischösterreichischen
  Konvention  und  durch  den  neuen  rumänischen  Zolltarif  entstandenen
  Schwierigkeiten  zu  beseitigen.  Durch  die  Konvention  wird  es  Rumänien
  ermöglicht,  für  die  Förderung  seiner  Landwirtschaft  und  Industrie,
sowie  für  die  Erschließung  und  Ausnützung  seiner  Finanzquellen  möglichst
freie  Hand  zu  gewinnen,  während  Deutschlands  Handel  und  Industrie  aus
der  Ermäßigung  von  Eingangszöllen  Nutzen  ziehen  wird.  Neu  aufgenommen
in  den  betreffenden  Tarif  sind  u.  a.  Wollengarne,  halbseidene  Gewebe,  Damenmäntel,
  Farbenstifte,  gewisse  Kinderspielwaaren,  gewisse  Eisen=  -und  Stahlwaaren
  und  Maschinen,  Pelzwerk  und  ordinäre  Bürstenbinderwaaren.  Weitere
Zollermäßigungen  sind  vereinbart  für  Tapeten,  Luxuspapier,  gewisse  Wollenund
  Filzwaren,  gewisse  Baumwollenwaren,  Kautschukwaren,  musikalische  Instrumente
  u.  s.  w.

Der  Reichstag  genehmigt  den  Vertrag  in  dritter  Lesung  unverändert
  am  17.  Mai.  Die  Auswechslung  der  Ratifikationen  erfolgt
  in  Bukarest  am  1.  Juni.

2.  u.  3.  März.  Der  Kongreß  deutscher  Landwirte  beschließt
  nachstehende  Resolutionen:

1.  „Angesichts  der  wirtschaftlichen,  sozialen  und  politischen  Lage  des
platten  Landes  und  der  Städte  sind:  1)  die  Notwendigkeit  festen  Zusammenhaltens
  von  Landwirtschaft,  Industrie,  Handwerk  und  Arbeiterstand  gegenüber
  dem  Anwachsen  einer  staatsfeindlichen  Bewegung  in  weiten  Kreisen,
        <pb n="100" />
        88  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  3.)

2)  die  Solidarität  des  großen,  mittleren  und  kleineren  Grundbesitzes  in  Stadt
und  Land  und  3)  die  Berücksichtigung  agrar-  und  sozialpolitischer  Fragen
in  der  Gesetzgebung  als  Aufgaben  der  Zukunft  und  als  die  Basis  gesunder
Entwickelung  von  Reich,  Staat,  Gemeinde  und  Familie  zu  erachten.“  2.  „Der
Kongreß  deutscher  Landwirte  kann  in  der  Einschränkung  der  Produktion
ein  wirksames  Hilfsmittel  gegen  den  Niedergang  der  wichtigsten  landwirtschaftlichen
  Produktionszweige  nicht  erblicken,  glaubt  vielmehr,  daß  unbeschadet
  anderer  volkswirtschaftlicher  Maßnahmen  auch  eine  angemessene  Erhöhung
  der  landwirtschaftlichen  Schutzzölle  wesentlich  zur  Hebung  der
landwirtschaftlichen  Krisis  beitragen  wird.“  3.  „Die  Beibehaltung  der  Goldwährung
  würde  jede  allgemeine,  auf  die  Hebung  der  wirtschaftlichen  Krisis  gerichtete
  Maßnahme  durch  ihre  Wirkung,  die  dahin  geht,  einen  dauernden
und  anhaltenden  Druck  auf  die  Preise  der  Produktion  auszuüben,  abschwächen,
bezw.  aufheben.  Ohne  die  Remonetisierung  des  Silbers  ist  daher  ein  Ende
der  wirtschaftlichen  Krisis  nicht  abzusehen.“  4.  „Der  Kongreß  sieht  in  der
Konzessionierung  und  Kontingentierung  des  Rechtes,  Branntwein  zum  Trinkgebrauch
  des  Inlandes  herzustellen,  unter  Trennung  des  Inlands-  und  Exportpreises,
  in  der  Einführung  des  Rektifikationszwanges  und  in  der  Freigebung
  des  Rechtes,  Branntwein  zum  Bedarf  des  Weltmarktes,  sowie  zu
technischen  Zwecken  im  Inlande  zu  produzieren,  mit  der  Maßgabe,  daß  für
diese  beiden  letzteren  Zwecke  gebrannter  Spiritus  bis  zum  Nachweis  der  bestimmungsmäßigen
  Verwendung  steuerfrei  unter  amtlichen  Verschluß  gelegt
wird,  die  geeigneten  Mittel:  1)  erhöhte  Einnahmen  aus  dem  Verbrauch  des
Branntweins  zu  ermöglichen,  2)  dem  Brennereigewerbe  die  Vorbedingungen
eines  gesunden  Fortbestehens  zu  verschaffen,  3)  der  deutschen  Landwirtschaft
eine  wesentliche  Hilfe  zu  gewähren.“

3.  März.  Eröffnung  des  Reichstages.  Der  Minister  v.  Bötticher
verliest  die  Thronrede:

„Geehrte  Herren!  Se.  Majestät  der  Kaiser  haben  mir  den  Auftrag
zu  erteilen  geruht,  den  neugewählten  Reichstag  in  Allerhöchstihrem  und  der
verbündeten  Regierungen  Namen  willkommen  zu  heißen.  Ihre  Thätigkeit  in
der  bevorstehenden  Session  wird  durch  eine  Reihe  wichtiger  Vorlagen  in  Anspruch
  genommen  werden.

Der  Gesetzentwurf  über  die  Friedens-Präsenzstärke  des  deutschen  Heeres,
welcher  zum  Bedauern  der  verbündeten  Regierungen  in  der  vorgelegten  Form
die  Zustimmung  des  vorigen  Reichstags  nicht  gefunden  hat,  wird  Ihnen
alsbald  unverändert  zugehen.  Im  Zusammenhange  mit  der  Heeresvorlage
steht  die  Ihnen  obliegende  Aufgabe  der  schleunigen  Beratung  des  Reichshaushalts-Etats.
  Ungeachtet  des  nahe  bevorstehenden  Ablaufes  des  Etatsjahres
  wird  es  hoffentlich  gelingen,  das  Reichshaushalts-Gesetz  rechtzeitig  zu
vereinbaren.  Die  Opfer,  welche  das  etatsmäßige  Ausgabebedürfnis  beansprucht,
  sind  ungeachtet  der  bei  der  Veranschlagung  desselben  beobachteten
Sparsamkeit,  nicht  gering.  Unsere  finanzielle  Lage  weist  daher  darauf
hin,  die  eigenen  Einnahmen  des  Reiches  durch  die  Beschaffung  neuer  Einnahmequellen
  zu  verstärken  und  unsere  Steuergesetzgebung  im  Sinne  einer
gerechten  und  der  Leistungsfähigkeit  der  Steuerzahler  entsprechenden  Verteilung
  der  Lasten  auszugestalten.  Die  verbündeten  Regierungen  geben  sich
der  Hoffnung  hin,  daß  es  ihnen  gelingen  werde,  mit  dem  neugewählten
Reichstage  zu  einer  Verständigung  über  die  nötigen  Reformen  unseres  Steuersystems
  zu  gelangen,  die  dazu  erforderlichen  Vorarbeiten  werden  ohne  Verzug
in  Angriff  genommen.

Die  Thätigkeit  der  verbündeten  Regierungen  richtet  sich  unausgesetzt
auf  den  weiteren  Ausbau  der  auf  der  Allerhöchsten  Botschaft  vom  17.  No-
        <pb n="101" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  3.)  89

vember  1881  beruhenden  sozialpolitischen  Gesetzgebung.  Dabei  handelt  es
sich  zunächst  darum,  durch  die  Erstreckung  der  Unfallversicherung  auf  die  von
derselben  noch  nicht  erfaßten  Kreise  der  arbeitenden  Bevölkerung  einen  genügend
  breiten  und  tragfähigen  Untergrund  für  das  weitere  und  abschließende
gesetzgeberische  Vorgehen  zu  gewinnen.  Zu  diesem  Zwecke  werden  Ihnen  zunächst
  Gesetzentwü  über  die  Unfallversicherung  der  Seeleute  und  der  bei
Bauten  beschäftigten  Arbeiten  zugehen.

Eine  weitere  Vorlage,  welche  den  Interessen  des  Handwerkerstandes
durch  Erweiterung  der  den  Innungen  zu  verleihenden  Befugnisse  dienen  soll,
ist  in  der  Vorbereitung  begriffen.  Die  Anwendung  des  Nahrungsmittelgesetzes
vom  14.  Mai  1879  stößt  in  der  Praxis  auf  mannigfache  Schwierigkeiten.
Es  wird  ihnen  ein  Gesetzentwurf  zugehen,  welcher  zunächst  auf  dem  Gebiete
der  Verwendung  gesundheitsschädlicher  Farben  diese  Schwierigkeiten  zu  beseitigen
  sucht.  Die  gesetzlich  vorgeschriebene  Revision  des  Servistarifs  und
der  Klasseneinteilung  der  Orte  wird  durch  Ihre  Mitwirkung  zum  Abschluß
zu  bringen  sein.  Ebenso  werden  die  noch  unerledigt  gebliebenen  Gesetzentwürfe
  über  die  Errichtung  eines  Seminars  für  orientalische  Sprachen  und
über  Aenderungen  der  Gebührenordnung  für  Rechtsanwälte  Ihre  Thätigkeit
in  Anspruch  nehmen.

Die  Beziehungen  des  Deutschen  Reichs  zu  den  fremden  Mächten  sind
heut  noch  dieselben  wie  zur  Zeit  der  Eröffnung  der  vorigen  Reichstagssession.
Auf  Allerhöchsten  Befehl  habe  ich  die  Genugthuung  Seiner  Majestät  des
Kaisers  über  die  Kundgebungen  des  Papstes  zum  Ausdruck  zu  bringen,  durch
welche  das  wohlwollende  Interesse  Seiner  Heiligkeit  für  das  Deusche  Reich
und  für  dessen  inneren  Frieden  bethätigt  worden  ist.  Die  auswärtige  Politik
Seiner  Majsstät  des  Kaisers  ist  fortwährend  darauf  gerichtet,  den  Frieden
mit  allen  Mächten  und  besonders  mit  unseren  Nachbarn  zu  erhalten  und  zu
pflegen.  Dieser  friedliebenden  Politik  des  Kaisers  vermag  der  Reichstag  die
wirksamste  Unterstützung  zu  gewähren,  wenn  er  schnell,  freudig  und  einmütig
den  Vorlagen  zustimmt,  welche  die  sofortige  und  nachhaltige  Stärkung  unserer
defensiven  Wehrkraft  zum  Zweck  haben.  Wenn  der  Reichstag  ohne  Zaudern
und  ohne  Spaltung  den  Willen  der  Nation  zum  einmütigen  Ausdruck  bringt,
gegen  jeden  Angriff  auf  unsere  Grenzen  heut  und  jederzeit  die  ganze  Fülle
unserer  nationalen  Kraft  in  voller  Rüstung  aufzubieten,  so  wird  der  Reichstag
  schon  durch  seine  Beschlüsse  allein  und  noch  vor  deren  Ausführung  die
Bürgschaften  des  Friedens  wesentlich  verstärken  und  die  Zweifel  beseitigen,
welche  sich  an  die  bisherigen  parlamentarischen  Verhandlungen  über  die  Vorlagen
  behufs  Stärkung  unserer  Wehrkraft  geknüpft  haben  können.  Seine
Majestät  der  Kaiser  hegt  zu  dem  gegenwärtigen  Reichstag  das  Vertrauen,
daß  seine  Beschlüsse  der  nationalen  Politik  der  verbündeten  Regierungen  eine
sichere  Unterlage  gewähren  werden  und  schöpft  aus  diesem  Vertrauen  die
Zuversicht,  daß  die  Bemühungen  Sr.  Majestät,  den  Frieden  und  die  Sicherheit
  Deutschlands  zu  wahren,  von  Gott  gesegnet  sein  werden.

Auf  Allerhöchsten  Befehl  Sr.  Majestät  des  Kaisers  erkläre  ich  im
Namen  der  verbündeten  Regierungen  den  Reichstag  für  eröffnet.“

Windthorst  (3.)  widerspricht  nach  Eröffnung  der  ersten
Sitzung  durch  den  Alterspräsidenten  Grafen  Moltke  dem  Beginne
der  Geschäfte.  Da  das  Wahlgeschäft  noch  nicht  beendet  sei,  so  sei
der  Reichstag  überhaupt  noch  gar  nicht  da;  erst  dann  könne  zur
Präsidentenwahl  geschritten  werden.  Staatssekretär  v.  Bötticher
erwidert:
        <pb n="102" />
        90  Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder.(März 4.)

Wenn  Windthorst  einen  Vorwurf  darüber  erheben  wolle,  daß  es  dem
Kaiser  notwendig  erschienen  sei,  den  Reichstag  auf  heute  einzuberufen,  so
weise  er  diesen  Vorwurf  als  durchaus  unberechtigt  zurück.  Das  deutsche
Volk  sollte  der  Regierung  Dank  wissen,  daß  sie  die  Fristen  zu  der  notwendigen
schnellen  Feststellung  des  Etats  abkürzte,  und  er  nehme  diesen  Dank  für  die
Regierung  in  Anspruch.  Eine  Bemängelung  der  Maßregel  sei  ein  Eingriff
in  die  Rechte  des  Kaisers.  Wenn  der  Kaiser  den  Reichstag  berufe,  hätten
die  Mitglieder  die  Pflicht,  auf  ihrem  Platze  zu  erscheinen.  Richter  hält  die
Berufung  des  Ministers  auf  den  Kaiser  für  unzulässig;  sie  beweise,  daß  die
Minister  ihre  Stellung  für  zu  schwach  erachteten  und  sich  hinter  die  Autorität
  des  Kaisers  zurückziehen  müßten.  Zweckmäßig  möge  die  Berufung  des
Reichstags  auf  heute  sein,  es  handle  sich  aber  nicht  um  die  Zweckmäßigkeit,
sondern  um  die  Rechtsfrage.  60  Wahlkreise  seien  noch  unvertreten,  daher
sei  es  mindestens  zweifelhaft,  ob  der  Reichstag  schon  in  seine  Geschäfte  eintreten
  könne.  v.  Helldorf  bestreitet,  daß  die  Rechtsfrage  erhoben  werden
könne.  v.  Bennigsen  gibt  zu,  daß  Einwände  gegen  die  außerordentlich  frühe
Berufung  des  Reichstags  erhoben  werden  könnten,  gegen  Gesetz  und  Verfassung
  sei  jedoch  nirgends  verstoßen.  Man  müsse  den  außerordentlichen  Umständen,
  welche  vorliegen  und  jedem  einleuchten  müßten,  der  die  heutige
Thronrede  gelesen  und  der  Entwicklung  der  europäischen  Verhältnisse  gefolgt
sei,  Rechnung  tragen.  Dann  aber  könne  man  eine  Rechtsfrage  nicht  erheben,
sondern  nur  den  Wunsch  aussprechen,  daß  ähnliche  Fälle  sich  nicht  wiederholten.
  Wenn  außerordentliche  Gründe  vorlägen,  wie  im  gegenwärtigen
Falle,  habe  man  der  Regierung  zu  danken.  (Lebhafter  Beifall.)  Windthorst
wiederholt,  die  Rechtsfrage  sei  nicht  aus  der  Welt  zu  schaffen  v.  Kardorff
hebt  hervor,  es  sei  nach  Art.  12  der  Verfassung  kaiserliches  Recht,  den
Reichstag  zu  berufen,  dem  gegenüber  habe  der  Reichstag  nur  die  Pflicht,  dem
Rufe  zu  folgen.  Wo  stehe  denn  in  der  Verfassung,  der  Reichstag  könne
seine  Geschäfte  nicht  beginnen,  wenn  so  und  so  viele  Wahlkreise  unvertreten
seien?  Kardorff  widerspricht  der  Ansicht  Bennigsens,  daß  überhaupt  Bedenken
  erhoben  werden  könnten.  Bennigsen  repliziert,  es  sei  ihm  nicht  eingefallen,
  das  formelle  Recht  des  Kaisers  zur  Berufung  des  Reichstags  anzuzweifeln,
  er  habe  nur  gewünscht,  daß  dieses  Recht  nur  in  den  allerdringendsten
  Fällen  geübt  werde.  Wenn  Opportunitätsgründe  maßgebend  wären,  so
sei  dieß  bei  Windthorst  der  Fall,  sonst  hätte  dieser  mit  seinen  Freunden
nicht  hier  erscheinen  dürfen.  Windthorst  tritt  nochmals  für  seine  Ansicht
ein.  Richter  verwahrt  sich  dagegen,  daß  ein  Vorwurf  gegen  den  Kaiser  erhoben
  worden  sei.  Die  Verordnung  des  Kaisers  sei  vom  Reichskanzler  gegengezeichnet,
  dieser  also  sei  für  die  Berufung  verantwortlich.  Richter  gibt  zu,
daß  keine  mala  fides  vorliege;  für  die  Geschäfte,  welche  zunächst  zu  vollziehen
  seien,  blieben  die  Stichwahlen  völlig  indifferent.  Wenn  sich  später
zeigen  sollte,  daß  Nachteile  durch  die  vorzeitige  Berufung  erfolgt  seien,  werde
sich  noch  immer  ein  Einwand  erheben  lassen.

Damit  ist  der  Zwischenfall  beendet.

4.  März.  Reichstag:  Wahl  des  Präsidiums.

Zum  Präsidenten  wird  v.  Wedell-Piesdorf  (k.)  gewählt;  das  Zentrum
gibt  unbeschriebene  Zettel  ab.  Zum  1.  Vizepräsidenten  der  nationalliberale
Buhl  mit  172  von  282  Stimmen,  107  erhält  Frhr.  v.  Franckenstein  (Z.).
Zum  2.  Vizepräsidenten  Frhr.  v.  Hertling  (Z.);  das  Zentrum  hat  wiederum
weiße  Zettel  abgegeben.  Hertling  lehnt  ab,  da  seiner  Partei  die  erste  Vizepräsidentenstelle,
  gebührt  habe,  darauf  wird  an  seiner  Statt  v.  Unruhe-Bomst  (R.)
gewählt.
        <pb n="103" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  4.—16.)  91

4.—16.  März.  (Preußen.)  Herrenhaus:  Kirchengesetze  in
der  Kommission.

Bischof  Kopp  von  Fulda  hat  zu  der  Vorlage  die  folgenden  Anträge
  eingebracht:

Zusatz-Artikel  1.  Das  Gesetz  vom  20.  Mai  1874  (Verwaltung  erledigter
  katholischer  Bistümer)  wird  aufgehoben.  —  Zusatz-Artikel  2.  Das
Gesetz  vom  20.  Juni  1875  (Vermögensverwaltung  in  den  katholischen  Kirchengemeinden)
  wird  in  folgenden  Bestimmungen  abgeändert:  §  1.  Von  der
Verwaltung  des  Kirchenvorstandes  sind  diejenigen  Stiftungen  ausgenommen,
für  welche  die  Stifter  selbst  eine  andere  Verwaltung  bestimmt  haben.  §  2.
Den  Vorsitz  im  Kirchenvorstande  führt  regelmäßig  der  ordnungsmäßig  bestellte
  Pfarrer  oder  Pfarrverweser,  in  Filialgemeinden  der  für  dieselben  ordnungsmäßig
  bestellte  Pfarrgeistliche,  den  die  bischöfliche  Behörde  für  denselben
  bezeichnet.  §  3.  Die  Gemeindevertretung  fällt  fort,  und  werden  die
derselben  durch  das  Gesetz  vom  20.  Juni  1875  beigelegten  Rechte  und  Befugnisse
  fortan  durch  den  Kirchenvorstand  wahrgenommen.  Absatz  II  und
VI  des  Gesetzes  vom  20.  Juni  1875  werden  aufgehoben.  §  4.  Der  §  28
wird  aufgehoben  und  der  §  31  in  folgender  Weise  gefaßt:  Die  gewählten
Kirchenvorsteher  bedürfen  der  Bestätigung  der  bischöflichen  Behörde  und  sind
dann  von  dem  Pfarrer  in  ihr  Amt  im  Hauptgottesdienst  einzuführen  und
auf  treue  Erfüllung  ihrer  Obliegenheiten  zu  verpflichten.  §  6.  Alinea  3  des
§  37  wird  aufgehoben  und  tritt  an  deren  Stelle  folgende  Bestimmung:  Die
Entlassung  wird  von  der  bischöflichen  Behörde  verfügt.  §  7.  Die  §§  39
bis  41  werden  aufgehoben;  die  Aufsichtsrechte  der  Patrone  regeln  sich  nach
dem  kanonischen  Rechte  oder  den  speziellen  Fundationsbestimmungen.  §  8.
Die  nach  §  50  des  genannten  Gesetzes  erforderliche  staatliche  Genehmigung
zu  den  Beschlüssen  des  Kirchenvorstandes  findet  nur  statt:  1)  bei  dem  Erwerb,
  der  Veräußerung  oder  der  dinglichen  Belastung  von  Grundeigentum;
bei  der  Veräußerung  von  Gegenständen,  die  einen  geschichtlichen,  wissenschaftlichen
  oder  Kunstwert  haben;  3)  bei  Ausschreibung,  Veranstaltung  und  Abhaltung
  von  Kollekten  u.  s.  w.  außerhalb  des  Kirchengebäudes;  4)  bei  einer
Verwendung  des  kirchlichen  Vermögens,  welche  nicht  kirchliche,  wohlthätige
oder  Schulzwecke  innerhalb  der  Gemeinde  selbst  betrifft;  hiervon  sind  jedoch
die  Gebühren  für  solche  Stiftungsmessen  ausgenommen,  welche  wegen  anderweiter
  Belastung  des  betreffenden  Geistlichen  oder  bei  der  Vacanz  der  Stellen
auswärts  wahrgenommen  werden  müssen;  5)  bei  Umlagen  auf  die  Gemeindemitglieder,
  welche  im  Wege  administrativer  Exekution  beigetrieben  werden
sollen.  §  9.  Der  Kirchenvorstand  bedarf  zur  Führung  von  Prozessen  der
Ermächtigung  der  vorgesetzten  Kirchenbehörde,  welche  auch  Atteste  über  die
Legitimation  desselben  zur  Besorgung  von  Rechtsangelegenheiten  erteilt;  dagegen
  können  Atteste  über  das  Vorhandensein  von  Thatsachen,  welche  den
Anspruch  auf  Kostenfreiheit  begründen,  nur  von  der  staatlichen  Behörde  erteilt
  werden.  §  51  des  Gesetzes  vom  20.  Juni  1875  wird  aufgehoben.  —
Zusatz-Artikel  3.  In  dem  Gesetze  vom  7.  Juni  1876  (Gesetz  über  die  Aufsichtsrechte
  des  Staates  bei  der  Vermögensverwaltung  in  den  katholischen
Diözesen)  werden  die  Bestimmungen  im  §  2  Nr.  7  und  9,  im  §  4  Absatz  1,
im  §  7  Abs.  1  und  im  §  8  aufgehoben.

Er  enthält  sich  bei  der  Abstimmung  am  16.  derselben.  Nach  derselben
  sind  die  wichtigsten  Veränderungen  der  Regierungsvorlage  die  folgenden:


An  Stelle  des  Artikels  2  treten  folgende  Bestimmungen:  §  1:  die
Verpflichtung  der  geistlichen  Oberen  zur  Benennung  der  Kandidaten  für  ein
geistliches  Amt,  sowie  das  Einspruchsrecht  des  Staates  werden  für  die  Be-
        <pb n="104" />
        92  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  6.—  11.)

stellung  des  Verwesers  eines  Pfarramtes  aufgehoben.  §  1  a:  Der  Einspruch
ist  zulässig,  wenn  der  Anzustellende  aus  einem  auf  Thatsachen  beruhenden
Grunde,  welcher  dem  bürgerlichen  oder  staatsbürgerlichen  Gebiete  angehört,
für  die  Stelle  nicht  geeignet  ist.  Die  Thatsachen,  welche  den  Einspruch  begründen,
  sind  anzugeben.  Zu  §  2:  Aufgehoben  wird  auch  der  zweite  Absatz
des  §  19  des  Gesetzes  vom  11.  Mai  1873.  §  4:  Die  Abhaltung  von  Messen
und  die  Spendung  der  Sakramente  fallen  nicht  unter  die  Strafbestimmungen
der  Gesetze  vom  11.  Mai  1873  und  21.  Mai  1874.  Vorstehende  Bestimmung
  findet  nicht  Anwendung  auf  Mitglieder  von  Orden  und  ordensähnlichen
  Kongregationen,  welche  vom  Gebiete  der  preußischen  Monarchie  ausgeschlossen
  sind.  Die  Vorschrift  des  Artikels  15  des  Gesetes  vom  21.  Mai
1886  wird  hiedurch  nicht  berührt.  Artikel  4.  Die  §§  2  bis  6  des  Gesetzes
über  die  Grenzen  des  Rechts  zum  Gebrauche  kirchlicher  Straf-  und  Zuchtmittel
  vom  13.  Mai  1873  werden  aufgehoben.  Zu  Artikel  5  §  e:  Von
den  ausgeschlossenen  Orden  oder  ordensähnlichen  Kongregationen  können  auch
zugelassen  werden  diejenigen,  welche  sich  dem  Unterrichte  und  der  Erziehung
der  weiblichen  Jugend  in  höheren  Mädchenschulen  und  gleichartigen  Erziehungsanstalten
  widmen.  Als  §  4  wird  hinzugefügt:  Das  vom  Staate
in  Verwahrung  und  Verwaltung  genommene  Vermögen  der  aufgelösten  Niederlassungen
  wird  den  betreffenden  wieder  errichteten  Niederlassungen  zurückgegeben,
  sobald  dieselben  Korporationsrechte  besitzen  und  in  rechtsverbindlicher
Weise  die  Verpflichtung  zur  Unterhaltung  der  Mitglieder  der  aufsgelösten
Niederlassungen  übernommen  haben.  Schon  vor  der  Erfüllung  dieser  Voraussetzungen
  kann  denselben  die  Nutznießung  dieses  Vermögens  gestattet  werden.
Zusatzartikel:  Die  Paragraphen  4—19  des  Gesetzes  über  die  Verwaltung
erledigter  katholischer  Bistümer  vom  20.  Mai  1874  werden  aufgehoben.

6.  März.  Beim  Empfange  des  neuen  Reichstagspräsidiums
  bemerkt  der  Kaiser:

Er  habe  sich  schwer  entschlossen,  den  letzten  Reichstag  aufzulösen,  sei
jedoch  dazu  genötigt  gewesen,  da  trotz  der  von  ihm  befohlenen  Darlegung
hinsichtlich  der  Ueberlegenheit  der  Nachbarn  die  Opposition  die  Militärvorlage
  in  dem  als  notwendig  erkannten  Umfange  nicht  bewilligte.  Man  hätte
ja  hoffen  können,  daß  eine  solche  Vorlage  nach  dem  Beispiele  Frankreichs
einstimmig  angenommen  werden  sollte,  allein  die  Hoffnung  hätte  getäuscht.
Um  so  erfreulischer  sei  es,  jetzt  der  Erwartung  Raum  geben  zu  können,  daß
die  Vorlage  nunmehr  mit  großer  Majorität  angenommen  werde.  Hinsichtlich
der  Beziehungen  zum  Papste  bemerkte  der  Kaiser,  er  sei  schon  bei  der  Thronbesteigung
  des  jetzigen  Papstes  von  dessen  friedliebender  Gesinnung  überzeugt
gewesen  und  habe  deshalb  den  Papst  zum  Schiedsrichter  in  dem  Karolinen-Streite
  angerufen;  er  hoffe,  auch  die  kirchlichen  Verwicklungen  würden  sich
binnen  kurzem  in  vollem  Umfange  friedlich  lösen.

7.—11.  März.  (Reichstag:  Heeresgesetz.)  Die  unverändert
  wieder  eingebrachte  Regierungsvorlage  wird  nach  kurzen  Debatten
in  erster  und  zweiter  Lesung  angenommen.

Bei  Beginn  der  Verhandlungen  verzichtet  der  Kriegsminister  angesichts
  der  Erörterungen  im  vorigen  Reichstage  auf  eine  eingehende  Motitivierung.
  v.  Bennigsen  (nl.)  schlägt  vor,  das  Gesetz  nicht  erst  an  eine  Kommission
  zu  verweisen,  sondern  im  Plenum  darüber  zu  beschließen.  Richter
(df.)  erklärt:  Er  habe  am  Schlusse  des  vorigen  Reichstages  erklärt:  Ob  wir

mit  vielen  oder  wenigen  in  den  Reichstag  zurückkehren  werden,  so  wird  unser
Standpunkt  der  Vorlage  gegenüber  doch  unverändert  sein.  Demgemäß  habe
        <pb n="105" />
        Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 8)  93

seine  Partei  den  Antrag  Stauffenberg  aufs  neue  eingebracht  und  halte
daran  fest.

In  der  zweiten  Beratung  erklärt  Abg.  v.  Franckenstein:  Im  Namen
der  größeren  Mehrheit  meiner  politischen  Freunde  und  im  eigenen  Namen
habe  ich  folgende  Erklärung  abzugeben:  Auch  nach  nochmaliger  eingehender
Erwägung  glauben  wir  in  der  zur  Beratung  stehenden  Angelegenheit  auf
dem  Standpunkte  stehen  bleiben  zu  müssen,  welchen  wir  bei  der  Beratung
im  vorigen  Reichstage  eingenommen  haben  und  welcher  in  der  Abstimmung
vom  14.  Januar  dieses  Jahres  seinen  Ausdruck  gefunden  hat.  Wir  wollen
einerseits  die  volle  von  den  verbündeten  Regierungen  geforderte  Friedenspräsenzstärke
  bewilligen,  andrerseits  aber  die  Dauer  der  Bewilligung  auf
eine  kürzere  als  die  vorgeschlagene  Frist  einschränken.  Wir  halten  es  dabei
für  selbstverständlich,  daß,  wenn  nach  Ablauf  dieser  Frist  die  Verhältnisse
es  erheischen  sollten,  eine  verlängerte  Gültigkeitsdauer  eintreten  zu  lassen,
dies  geschehen  würde.  Bei  der  jetzt  veränderten  parlamentarischen  Lage,  in
welcher  wir  einer  geschlossenen,  für  die  Bewilligung  des  Septennats  geneigten
Majorität  gegenüberstehen,  ist  uns  die  Möglichkeit  genommen,  diesen  unsern
Standpunkt  zur  vollen  Geltung  zu  bringen.  Eine  Ablehnung  der  Vorlage
könnte  den  Schein  erwecken,  als  wollten  wir  die  volle  Friedenspräsenzstärke
nicht  bewilligen.  Wir  wollen  sie  bewilligt  wissen,  die  unveränderte  Annahme
ist  uns  unmöglich,  weil  wir  in  der  vorgeschlagenen  Dauer  der  Bewilligung
nach  wie  vor  eine  Gefährdung  des  verfassungsmäßigen  Rechts  erblicken  müssen.
(Sehr  wahr!  im  Zentrum;  Oho!  rechts.)  Unter  diesen  Umständen  bleibt
uns  nur  noch  übrig,  unter  Abgabe  dieser  Erklärung  uns  an  der  formellen
Abstimmung  nicht  zu  beteiligen.  (Lachen  rechts.)  Zu  gleicher  Zeit  legen  wir
Verwahrung  ein  gegen  alle  Folgerungen,  welche  aus  der  jetzt  unter  ganz
außergewöhnlichen  Verhältnissen  stattfindenden  Bewilligung  der  Frist  für  die
Zukunft  gezogen  werden  könnten,  wir  behalten  uns  vor,  bei  einer  neuen  Bewilligung
  der  Friedenspräsenzstärke  für  das  verfassungsmäßige  Recht  nach
unserer  Auffassung  einzutreten.  An  der  fernern  Diskussion  werden  wir  uns
nicht  beteiligen,  falls  es  nicht  durch  Angriffe  gegen  uns  nötig  werden  sollte.
(Beifall  im  Zentrum;  Zischen  rechts.)

Bei  der  Abstimmung  über  den  von  Bamberger  übernommenen  Antrag
  Stauffenberg  stimmen  222  dagegen,  23  (22  Freisinnige,  1  Welfe;  die
Polen,  Dänen,  Elsäßer  und  9  Freisinnige  fehlen)  dafür,  88  Abgeordnete
des  Zentrums  enthalten  sich  der  Abstimmung.  Für  die  Regierungsvorlage
stimmen  sodann  223  (außer  den  Kartellparteien  7  Zentrumsmitglieder),  dagegen
  48  (25  Freisinnige,  13  Protestler,  7  Sozialdemokraten,  1  Zentrumsmitglied,
  1  Welfe,  1  Däne),  83  Zentrumsmitglieder  enthalten  sich  der  Stimme.
Hierauf  wird  §  2  der  Vorlage  mit  247  gegen  20  Stimmen  (die  Freisinnigen
stimmen  mit  der  Mehrheit)  angenommen.

In  dritter  Lesung  wird  das  Gesetz  am  11.  März  ohne  Erörterung
  mit  227  gegen  31  Stimmen  angenommen.  Es  fehlen  in
der  Sitzung  alle  Elsässer  und  Polen,  8  Freisinnige,  5  Sozialdemokraten,
  9  Ultramontane,  1  Welfe,  2  Mitglieder  der  Kartellparteien.
Von  den  342  Anwesenden  enthalten  sich  82  Ultramontane  und
2  Welfen  der  Stimme.  Dagegen  stimmen  23  Freisinnige,  6  Sozialdemokraten,
  1  Welfe,  1  Däne.

8.  bezw.  28.  März.  (Reichstag:  Etatberatung.)  Die
Vorlage  entspricht  fast  genau  der  dem  vorigen  Reichstage  gemachten.
        <pb n="106" />
        94  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  9.—18.)

Der  Etat  balanziert  mit  746.892,644 M.  Derselbe  wird  ohne  bemerkenswerte
  Aenderungen  am  28.  März  in  dritter  Lesung  nebst
dem  Anleihegesetze  angenommen.

9.  März  bzw.  28.  April.  (Preußen:  Unfallversicherung.)
  Abg.-Hs.:  Der  Gesetzentwurf  betreffend  die  Abgrenzung
und  Organisation  der  Berufsgenossenschaften  zur  Ausführung  des
Reichsgesetzes  vom  5.  Mai  1886  (val.  Gesch.  Kal.  1886.  IV.  6.—7.)
wird  in  dritter  Lesung  angenommen.

Das  Herrenhaus  stimmt  demselben  am  28.  April  zu.

15.  März.  (Reichslande:  Landesausschuß.)  In  der
Sitzung  des  Landesausschusses  interpelliert  Stadtpfarrer  Winterer
bei  der  3.  Lesung  des  Etats  die  Regierung,  obgleich  der  leitende
Minister  Staatssekretär  v.  Hofmann  nicht  anwesend  ist,  über  die,
wie  es  heiße,  von  der  Regierung  infolge  des  ungünstigen  Ergebnisses
der  Reichstagswahlen  beabsichtigten  Maßregeln:

„Die  Wähler  hätten  nur  von  ihren  konstitutionellen  Rechten  Gebrauch
gemacht,  die  Wahlen  seien  ruhig  und  unter  Achtung  des  Gesetzes  vor  sich
gegangen,  aber  nicht  unter  dem  Druck  auswärtiger  Einflüsse.  Man  habe
von  der  Notwendigkeit  einer  Reform  der  Bildung  der  Geistlichen  gesprochen,
nötiger  scheine  eine  Reform  des  Beamtentums,  welches  in  der  Presse  zu  feindseliger
  Auffassung  der  Dinge  aufstachle.  Redner  schließt  mit  den  Worten,
die  wohl  als  Drohung  aufzufassen  sind:  „Wer  Wind  säet,  wird  Sturm
ernten.“

Unterstaatssekretär  v.  Puttkamer  verwahrt  die  Regierung  zunächst
  gegen  so  allgemein  gehaltene,  ihr  untergeschobene  Absichten,  da  doch
Redner  keine  Thatsachen  angeführt  habe.  Nicht  der  Ausfall  der  Wahlen,
der  nicht  wesentlich  überraschend  gewesen,  sondern  die  bei  der  Wahl  zu  tage
getretenen  Erscheinungen  haben  Maßregeln  notwendig  erscheinen  lassen,  welche
über  das  Maß  des  Schutzes  vor  Aufreizungen  von  außen  nicht  hinausgingen.
Die  ausländischen  Einflüsse  würden  aber  entschiedene  Abwehr  finden,  insbesondere
  die  Tendenz,  den  Frankfurter  Frieden  rückgängig  oder  hinfällig  zu
machen.  Zugleich  müsse  dahin  gewirkt  werden  und  alles  Geeignete  geschehen,
um  die  staatsrechtliche  Stellung  des  Landes  zur  allmähligen  Verschmelzung
desselben  mit  den  übrigen  Teilen  Deutschlands  zu  benützen  und  diese  Verschmelzung,
  soweit  als  nur  immer  möglich,  zu  fördern.  Die  Angriffe  auf
die  Beamten  weist  Hr.  v.  Puttkamer  kräftig  zurück;  sie  seien  Diener  des
Kaisers  und  nicht  des  Landesausschusses  und  würden  bei  Erfüllung  ihrer
Pflichten  des  Schutzes  der  Regierung  in  jeder  Weise,  und  wenn  nötig  durch
kräftiges  Einschreiten,  sich  zu  erfreuen  haben.

Unter  dem  sichtlich  tiefen  Eindruck  dieser  schneidigen  Erwiderung  ziehen
die  Unterzeichner  des  Antrages  Grad,  welcher  Streichung  der  Position  für
die  zur  Zeit  unbesetzte  Stelle  eines  Unterstaatssekräters  des  Innern  bezweckte,
einer  nach  dem  anderen  ihre  Unterschriften  zurück.

Der  Etat,  zu  welchem  der  Landesausschuß  13  Änderungen
beantragt,  womit  sich  die  Verwaltung  einverstanden  erklärt,  balanziert
mit  41.116,195  M.

18.  März.  (Zanzibar.)  Durch  den  Generalkonsul  Dr.  Arendt
        <pb n="107" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  18.)  95

und  den  Korvettenkapitän  Böters  wird  dem  Sultan  Said  Bargasch
das  vom  Kaiser  gemachte  Geschenk,  bestehend  in  einer  Batterie  von
6  reich  verzierten  und  künstlerisch  ausgestatteten  Geschützen,  in  feierlicher
  Audienz  übergeben.

18.  März.  (Internationaler  Vertrag  über  den  Spirituosenhandel
  auf  der  Nordsee.)  Dem  Bundesrat  geht  der  im  Juni
des  vorigen  Jahres  im  Haag  zwischen  Vertretern  der  bei  der  internationalen
  Nordseefischerei-Konvention  beteiligten  Staaten  vereinbarte
Vertrag  behufs  Steuerung  des  Unwesens  in  dem  von  den  sog.
Kooperschiffen  mit  den  Nordseefischern  betriebenen  Schnapshandel  zu.

Derselbe  umfaßt  12  Artikel,  seine  Bestimmungen  erstrecken  sich  auf
die  Nordsee  außerhalb  der  Küstengewässer  und  auf  alle  an  Bord  eines  Fahrzeugs
  eines  der  vertragschließenden  Staaten  befindliche  Personen.  Es  wird
jedem  Schiffe  verboten,  Spirituosen  an  Personen  auf  Fischerböten  gegen  Erträgnisse
  der  Fischerei,  Schiffsausrüstungsgegenstände  und  Fischereigeräte  zu
verkaufen.  Die  vertragenden  Teile  verpflichten  sich,  die  gesetzlichen  Maßregeln
  zur  strengen  Bestrafung  der  Zuwiderhandelnden  in  ihrem  Heimatlande
  von  den  gesetzgebenden  Körpern  durchzusetzen.  Die  Ausfsicht  führen  die
mit  Ueberwachung  der  Fischerei  von  den  einzelnen  Staaten  beauftragten  Kreuzer
und  Widerstand  gegen  die  Anordnungen  der  Befehlshaber  derselben  soll  ebenso
geahndet  werden  wie  Widerstand  gegen  die  Staatsgewalt  im  Lande  des  Beschuldigten.

  Der  Vertrag  gilt  auf  5  Jahre  und  dann  stillschweigend  als
auf  je  ein  Jahr  verlängert  bis  Kündigung  eintritt.

18.  bzw.  23.  März.  (Musterschutzvertrag  mit  Serbien.)
Reichstag:  Der  Vertrag  zwischen  dem  Reiche  und  Serbien  betr.  den
gegenseitigen  Schutz  der  gewerblichen  Muster  und  Modelle  wird  in
2.  u.  3.  Lesung  ohne  Debatte  angenommen.  (St.  A.  Bd.  48.)

18.  März  bezw.  13.  Mai.  (Preußen:  Evangelische
Kirche.)  Herrenhaus:  Erste  Lesung  der  Anträge  v.  Kleist-Retzow.



Dieselben  enthalten  im  Anschlusse  an  die  am  30.  Juni  1886  (vgl.
Gesch.-Kal.  1886)  eingebrachte  Resolution  A.  einen  Gesetzentwurf,  wonach
die  Gesetze  vom  25.  Mai  1874  und  3.  Juni  1876  im  wesentlichen  dahin
geändert  werden:  1)  daß  die  auf kirchengesetzlichem   Wege  zu  stande  gekommenen
  Abänderungen  der  in  Ausführung  der  Kirchengemeinde-  und  Synodalordnung
  vom  10.  September  1873  und  der  Generalsynodalordnung  vom
20.  Januar  1876  gebildeten  kirchlichen  Organe  und  der  ihnen  beigelegten
Berechtigungen  —  soweit  sie  mit  keinem  sonstigen  Staatsgesetze  in  Widerspruch
  stehen  —  fortan  zu  ihrer  Rechtsgiltigkeit  der  Genehmigung  durch  die
Staatsgesetzgebung  nicht  bedürfen.  2)  daß  ein  von  einer  General-  oder
Provinzialsynode  beschlossenes  Gesetz  erst  dann  dem  Könige  zur  Genehmigung
vorgelegt  werden  soll,  wenn  es  der  Kultusminister  für  nicht  gegen  die  Staatsgesetze
  verstoßend  erklärt  hat.  3)  Den  Staatsbehörden  verbleibt  ein  Einspruchsrecht
  gegen  die  zur  Besetzung  der  kirchenregimentlichen  Ämter  vorgeschlagenen
  Personen.  4)  Kirchengeset  welche  neue  Ausgaben  zu  landeskirchlichen
  Zwecken  bestimmen,  sowie  die  Verteilung  der  dazu  erforderlichen
Umlagen  auf  die  Provinzen  bedürfen  der  Zustimmung  des  Staatsministeriums.
        <pb n="108" />
        96  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  18.)

Dasselbe  gilt,  wenn  2  eine  Mehrbelastung  von  Gemeinden  anordnen.
  Motive:  Das  Herrenhaus  faßte  in  der  vorigen  Session  den  Beschluß:
  an  die  königliche  Staatsregierung  den  Antrag  zu  richten,  das  Geeignete
  wahrzunehmen,  daß  bei  der  Wiedergewährung  größerer  Freiheit  und
Selbständigkeit  an  die  römisch-katholische  Kirche  auch  der  evangelischen  Kirche
ein  entsprechend  größeres  Maß  von  Freiheit  und  Selbständigkeit  und  reichlichere
  Mittel  zur  Befriedigung  der  kirchlichen  Bedürfnisse  gewährt  werden.
Inzwischen  ist  die  kirchenpolitische  Vorlage  vom  13.  Februar  d.  J.  ins  Herrenhaus
  eingebracht.  Der  vorliegende  Entwurf  bestimmt,  welches  Maß  größerer
Freiheit    und  Selbständigkeit  mit  jenem  Antrage  beansprucht  wird,  und  sucht
die  desfallsigen  Ansprüche  zur  gesetzlichen  Geltung  zu  bringen.  —  B.  Einen
Antrag  an  die  Staatsregierung  zu  richten:  Die  königliche  Staatsregierung
wird  ersucht,  dem  nächsten  Landtage  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  durch
welchen  a)  der  evangelischen  Landeskirche  in  den  älteren  Provinzen  1)  zur
Begründung  neuer  Parochien  entsprechend  der  Zunahme  der  Bevölkerung,
namentlich  in  den  größern  Städten,  zunächst  auf  15  Jahre  jährlich  300,  000  M,
2)  zur  Herstellung  von  kirchlichen  Seminaren  und  zur  Einführung  von  Vikariaten
  jährlich  225,000  M,  3)  zur  Beihilfe  für  Ablösung  der  Stolgebühren
jährlich  750,000  M,  4)  für  die  Bedürfnisse  der  Ausübung  des  Kirchenregiments
  jährlich  1,030,000  M,  5)  zur  dauernd  gesicherten  Gewährung  eines
entsprechenden  Einkommens  der  Geistlichen,  zu  ihrer  Unterstützung  und  nach
ihrem  Tode  zur  Unterstützung  ihrer  Angehörigen,  sowie  für  sonstige  kirchliche
  Bedürfnisse  jährlich  4,870,000  M  zur  Disposition  gestellt  werden,  wogegen
  die  in  dem  Etat  des  Kultusministeriums  eingesetzten  Bewilligungen,
soweit  sie  der  evangelischen  Landeskirche  in  den  ältern  Provinzen  zu  gute
kommen,  fortfallen;  b)  durch  welchen,  soweit  dazu  ein  Bedürfnis  vorhanden
ist,  entsprechende  Leistungen  in  verhältnismäßigen  Beträgen  auch  für  die
evangelischen  Landeskirchen  in  den  seit  1866  mit  Preußen  vereinigten  Landesteilen
  und  für  die  römisch-katholische  Kirche  zur  Disposition  gestellt  werden;
  c)  durch  welchen  nach  Fortfall  des  Vermerks  zum  Titel  4  Kapitel  124
des  Etats  für  das  Kultusministerium  zunächst  auf  15  Jahre,  der  dort  erwähnte
  Fonds  auch  zur  Uebernahme  von  jährlich  drei  neuen  Patronaten  mit
ihren  Verpflichtungen  seitens  Sr.  Majestät  des  Königs  rücksichtlich  der  evangelischen
  Landeskirchen  und  der  römisch-katholischen  Kirche  in  dem  Verhältnis
verwendbar  ist,  daß  für  die  Ubernahme  von  zwei  evangelischen  Patronaten
die  Uebernahme  je  eines  römisch-katholischen  beansprucht  werden  kann.  Motive:
  Das  Herrenhaus  faßte  in  der  vorigen  Session  den  Beschluß:  an  die
königliche  Staatsregierung  den  Antrag  zu  richten,  das  Geeignete  wahrzunehmen,
  daß  bei  der  Wiedergewährung  größerer  Freiheit  und  Selbständigkeit
  an  die  römisch-katholische  Kirche  auch  der  evangelischen  Kirche  ein  entsprechend
  größeres  Maß  von  Freiheit  und  Selbständigkeit  und  reichlichere
Mittel  zur  Befriedigung  der  kirchlichen  Bedürfnisse  gewährt  werden.  Inzwischen
  ist  die  kirchenpolitische  Vorlage  vom  13.  Februar  d.  J.  ins  Herrenhaus
  eingebracht.  Der  vorliegende  Entwurf  spricht  aus:  die  Genehmigung
welcher  Mittel  und  in  welcher  Weise  dieselben  zur  Befriedigung  kirchlicher
Bedürfnisse  mit  jenem  Antrage  beansprucht  werden.  v.  Kleist-Retzow.  Der
Antrag  ist  unterstützt  durch  43  Mitglieder.

In  der  ersten  Beratung  werden  die  Anträge  an  eine  Kommission
  verwiesen.  Diese  beschließt  am  13.  Mai:

Dem  Hause  die  Annahme  eines  Gesetzentwurfes  zu  empfehlen,  der  im
wesentlichen  den  von  Hrn.  v.  Kleist-Retzow  vorgelegten,  die  „Befreiung"  der
Landeskirche  betreffenden  Vorschlägen  entspricht,  und  schlägt  bezüglich  der
Dotationsfrage  dem  Hause  folgende  Resolution  vor:  „Die  königliche  Staats-
        <pb n="109" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  21.  —22.)  97

regierung  zu  ersuchen,  sie  möge  dahin  wirken,  daß  der  evangelischen  Kirche
die  für  ihre  dringenden  Bedürfnisse,  namentlich  zur  Begründung  neuer  Parochien
  und  zum  Baue  neuer  Kirchen,  zur  Herstellung  kirchlicher  Seminare
und  zur  Einführung  von  Vikariaten,  zur  Ablösung  der  Stolgebühren,  zur
entsprechenden  Ausübung  des  Kirchenregiments  und  zur  dauernden  Bestreitung
  eines  ausreichenden  Einkommens,  sowie  einer  entsprechenden  Unterstützung
der  Geistlichen,  und  nach  deren  Tode  zur  Unterstützung  ihrer  Angehörigen
notwendigen  Mittel  gewährt  werden,  und  zwar  in  dem  Maße,  daß  die  zu
gewährenden  Mittel  zu  denen,  welche  die  römisch-katholische  Kirche  vom
Staate  empfängt,  fortan  etwa  in  dem  Verhältnisse  der  Seelenzahl  beider
Kirchen  stehen,  und  daß  sie  nicht  bloß  durch  jährliche  Etatsbewilligungen,
sondern  auf  Grundlage  eines  Staatsgesetzes  festgestellt  werden.“

Der  Landtagsschluß  unterbricht  die  weiteren  Beratungen.

21.  März.  (Marine-  und  Heeres-Etat.)  Reichstag:
Beim  Spezialetat  der  Marine  werden  alle  Forderungen  fast  unverändert
  bewilligt.

Beim  Heeresetat  wird  dieses  Mal  auch  die  Forderung  für
Errichtung  einer  Unteroffizierschule  in  Neubreisach  mit  großer  Mehrheit
  bewilligt.

22.  März.  (Kaisers  Geburtstag.)  Kaiser  Wilhelm
vollendet  sein  neunzigstes  Lebensjahr.  Aus  Anlaß  der  Feier  dieses
Tages  ergeht  an  den  Fürsten  Bismarck  folgender  Erlaß:

„Es  ist  eine  wunderbare  Fügung  des  Himmels,  daß  Mir  nach  so

vielen  unvergeßlichen  Erinnerungstagen  auch  noch  vergönnt  gewesen,  am
22.  März  Mein  neunzigstes  Lebensjahr  zu  vollenden.  In  demütigem  Ernste
erkenne  Ich  die  Gnade  Gottes,  welche  Mich  diesen  Tag  hat  erleben  lassen,
welche  Mir  in  so  hohem  Alter  Kraft  zur  Erfüllung  Meiner  fürstlichen  Pflicht
erhalten  hat,  welche  Mir  das  Glück  gewährt,  noch  Meinen  Lebensabend  mit
Meiner  geliebten  Gemahlin  zu  teilen  und  auf  eine  kräftig  emporwachsende
Nachfolge  von  Kindern,  Enkeln  und  Urenkeln  zu  schauen.  Neunzig  Jahre
eines  menschlichen  Lebens  —  welch’  eine  lange  Spanne  Zeit?  Wenn  Ich
sie  im  Geiste  an  Mir  vorübergehen  lasse,  so  will  es  Mir  oft  kaum  faßlich
erscheinen,  was  Ich  alles  erlebt,  erfahren  und  errungen  habe.  Die  göttliche
Vorsehung  hat  Meine  Wege,  wenn  auch  nicht  ohne  schwere  Prüfungen,  sicher
geleitet  und  zu  glücklichen  Zielen  geführt.  Gottes  reichster  Segen  hat  auf
einer  Arbeit  geruht.  In  frühester  Jugend  habe  Ich  die  Monarchie  Meines
tiefgebeugten  Vaters  in  ihrer  verhängnisvollen  Heimsuchung  gesehen.  Ich
habe  aber  auch  die  hingebendste  Treue  und  Opferfreudigkeit,  die  ungebrochene
Kraft  und  den  unverzagten  Mut  des  Volkes  in  den  Tagen  seiner  Erhebung
und  Befreiung  kennen  gelernt.  Jetzt  in  Meinem  Alter  blicke  Ich,  nach  so
manchen  Wechselfällen  Meines  Lebens,  mit  Stolz  und  Befriedigung  auf  die
großen  Wandlungen,  welche  die  ruhmvolle  Vergangenheit  der  jüngsten  Zeit,
ein  unvergängliches  Zeugnis  deutscher  Einigkeit  und  aufrichtiger  Vaterlandsliebe,
  in  Deutschland  geschaffen  hat.  Möge  unserem  teuren  Vaterlande  die
lang  ersehnte  Errungenschaft,  wie  Ich  zuversichtlich  hoffe,  in  ungestörter,
segensreicher  Friedensarbeit  zu  stets  wachsender  Wohlfahrt  aller  Klassen  der
Nation  gereichen!  In  wohlthuender  Erinnerung  an  eine  solche  ereignisreiche
Vergangenheit  gewinnt  die  neunzigste  Wiederkehr  Meines  Geburtstages  für
Mich  eine  besondere  Bedeutung,  welche  durch  die  allgemeine,  tief  empfundene
Teilnahme  Meines  Volkes  erhöht  wird.  Aus  allen  Teilen  des  Reichs,  aus

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Vd.  7
        <pb n="110" />
        98  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  22.—23.)

fernen  Landen,  in  denen  Deutsche  eine  neue  Heimat  gefunden,  selbst  von
jenseit  des  Ozeans  her,  sind  Mir  Adressen  in  zum  Teil  kunstvoller,  gediegener
  Ausstattung,  Zuschriften,  Telegramme,  poetische  und  musikalische  Gaben,
Blumenspenden  und  Arbeiten  in  überreicher  Anzahl  zu  diesem  seltenen  Tage
zugegangen.  Von  Gemeindeverbänden  größeren  wie  kleineren  Umfanges,  von
Kollegien,  Korporationen  und  Genossenschaften  jeder  Art,  von  wissenschaftlichen
  und  Kunstinstituten,  von  Anstalten  und  einzelnen  Personen  bin  Ich
in  der  herzlichsten  Weise  beglückwünscht  worden.  Künstler,  bildende  wie
darstellende,  Studierende  der  deutschen  Universitäten,  Akademien  und  technischen
  Hochschulen,  Krieger-,  Turn-,  Bürger-  und  andere  Vereine,  Gilden
und  Innungen  haben  in  verschiedenster  Weise  ihre  treue  Anhänglichkeit  an
Mich  kundgethan.  Durch  festliche  Veranstaltungen  und  Festversammlungen
ist  der  Tag  allerorten  verherrlicht  worden.  Der  Umfang  und  die  Mannigfaltigkeit
  dieser  beredten  Beweise  von  Liebe  und  Verehrung  ist  so  groß  gewesen,
  daß  sich  die  Feier  des  Tages  zu  einer  nationalen  Huldigung  für
Mich  gestaltet  hat.  Nicht  vermag  Ich  allen,  welche  Mir  so  liebevolle  Aufmerksamkeit
  erwiesen  haben,  im  einzelnen  dafür  zu  danken.  Tief  ergriffen
von  solcher  durch  alle  Schichten  der  Bevölkerung  gehender  Bewegung,  kann
Ich  nur  der  Gesamtheit  zu  erkennen  geben,  welche  ungemeine  Freude  Mir
jeder  an  seinem  Teile  bereitet  hat,  und  wie  tief  Mein  Herz  von  innigster
Dankbarkeit  für  alle  diese  patriotischen  Kundgebungen  erfüllt  ist.  Es  gibt
wahrlich  für  Mich  kein  größeres  Glück,  kein  erhebenderes  Bewußtsein,  als
zu  wissen,  daß  in  solcher  Weise  die  Herzen  Meines  Volkes  Mir  entgegenschlagen.
  Möge  Mir  diese  treue  Anhänglichkeit  als  ein  teures  Gut,  welches
die  letzten  Jahre  Meines  Lebens  hell  erleuchtet,  erhalten  bleiben!  Mein
Sinnen  und  Denken  aber  soll,  wie  bisher,  so  auch  ferner  für  die  Zeit,  welche
Mir  zu  wirken  noch  beschieden  sein  wird,  darauf  gerichtet  sein,  die  Wohlfahrt
  und  Sicherheit  Meines  Volkes  zu  heben  und  zu  fördern."

Am  nämlichen  Tage  wird  die  Verlobung  des  Prinzen  Heinrich
von  Preußen,  2.  Sohnes  des  Kronprinzen,  mit  Prinzessin  Irene
von  Hessen  öffentlich  bekannt  gemacht.

22.  März.  Der  Kaiser  verleiht  dem  italien.  Minister  des
Auswärtigen  Grafen  Robilant  den  Schwarzen  Adlerorden.
Mit  Bezug  auf  diese  Ordensverleihung  sagt  die  „Nationalzeitung“:
Die  Verleihung  wird  allgemein  als  ein  Zeichen  höchst  bedeutungsvoller  Vorgänge
  ausgefaßt.  Die  Erneuerung  des  Bündnisses  zwischen  Österreich-Ungarn,
Italien  und  Deutschland,  die  als  vollzogene  Thatsache  betrachtet  werden  kann,
konstituiert  aufs  neue  eine  Gruppe,  die  gewillt  und  befähigt  ist,  allen  friedenstörenden
  Elementen  ein  Gegengewicht  zu  bieten.  Nach  Auslassungen
autorisierter  Stimmen  des  Inlandes  und  Auslandes  gewährt  das  erneuerte
Bündnis  der  drei  Staaten  eine  vollständige  Deckung  auf  dem  Boden  der
Defensive.  Die  „Post“  kommentiert  die  Obensverleihung  in  gleichem  Sinne
und  hebt  hervor,  wie  töricht  die  Besorgnisse  eines  Teiles  der  französischen
Presse  seien,  der  seit  mehreren  Tagen  sich  den  Kopf  zerbreche,  welcher  künftige
  Landerwerb  von  seiten  Italiens  stipuliert  sein  möchte.  Das  Blatt  sagt:
Es  handelt  sich  nicht  um  eine  Offensivallianz,  um  Eroberungen,  sondern  um
die  Verteidigung  des  status  quo,  und  hebt  hervor,  daß  unter  den  Ereignissen
  der  letzten  Wochen  kein  günstigeres  für  die  Erhaltung  des  europäischen
Friedens  vorgekommen  sei  als  die  Erneuerung  der  Tripelallianz.

23.  März.  (Samoa.)  Auf  das  Glückwunschtelegramm  des
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  283.  —24.)  99

deutschfreundlichen  Königs  Tamasese  zu  seinem  Geburtstage  antwortet
  der  Kaiser  durch  folgendes  Telegramm:

Dem  König  Tamasese  in  Samoa  Meinen  Gruß.  Ich  danke  Ihnen
und  den  Häuptlingen  Ihres  Reiches  für  die  Teilnahme,  welche  Sie  Mir  bei
Vollendung  Meines  90.  Lebensjahres  schenken,  und  sende  Ihnen  Meine  besten
Wünsche  für  Ihr  Wohlergehen  und  die  Wohlfahrt  des  von  Ihnen  beherrschten
Gebietes.  (gez.)  Wilhelm.

Dasselbe  wird  von  den  Deutschen  in  Apia  mit  großer  Genugthuung
aufgenommen.

23.—24.  März.  (Preußen:  Kirchenpolitische  Vorlage.)
  Herrenhaus:  Beratung  der  kirchenpolitischen  Vorlage  im
Plenum.  Nachdem  Bischof  Kopp  seine  Anträge  befürwortet,
Beseler  dagegen  gesprochen,  nimmt  der  Reichskanzler  Fürst  Bismarck
  das  Wort:

Es  ist  nicht  meine  Absicht  und  auch  nicht  meine  Aufgabe,  in  eine
Spezialdiskussion  über  den  vorliegenden  Gesetzentwurf  einzutreten;  ich  benutze
deshalb  die  Gelegenheit,  um  auf  einzelne  spezielle    Bemerkungen  des  Hrn.
Vorredners  zu  antworten.  Meine  Stellung  zur  Sache  ist  ja  eine  wesentlich
andere  als  die  der  hiebei  beteiligten  Parteien;  sie  ist  keine  konfessionelle,  keine
von  irgendwelchem  Parteistandpunkte  beeinflußte,  keine  juristische;  sie  ist  eine
rein  politische,  und  von  dieser  Stellung  aus  wünsche  ich  den  Frieden  mit
der  römischen  Kurie,  wie  mit  jeder  auswärtigen  Macht;  ich  stehe  also,  wenn
Sie  es  so  ausdrücken  wollen,  auf  einem  Opportunitätsstandpunkte.  Es  ist
ja  nur  selten  oder  nie  der  Fall  gewesen,  daß  jedermann  mit  meiner  Ansicht
einverstanden  gewesen  ist,  und  wohl  niemals  ist  es  mir  gelungen,  mich  in
völligem  Einverständnis  mit  meinen  eigenen  politischen  Freunden  zu  befinden
oder  gar  mit  dem  Hrn.  Vorredner  selber.  Ich  bin  seit  25  Jahren  recht
oft  unter  sein  Seziermesser  geraten  und  der  Gegenstand  seiner  Kritik  gewesen.
Was  nun  die  Frage  anbetrifft,  die  uns  heute  hier  beschäftigt,  so  finde  ich
bei  ihr  eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  dem  Friedensschlusse  von  1866.  Auch
bei  jenem  Friedensabschlusse  habe  ich  mich  vollständig  auf  meine  eigenen
Entschließungen  verlassen  müssen;  nichtsdestoweniger  glaube  ich,  daß  ich  heute,
wenn  wir  auf  jene  Ereignisse  zurückblicken,  mehr  Anerkennung  finden  werde,
als  es  damals  der  Fall  war.  Der  Hr.  Vorredner  hat  verlangt,  dieser  Friede
mit  der  Kurie  solle  ein  ehrenvoller  und  dauernder  sein;  nun  einen  anderen
als  ehrenvollen  Frieden  habe  ich  in  meinem  Leben  noch  nicht  verhandelt
oder  unterzeichnet  (Bravo!),  und  um  zu  beurteilen,  was  ehrenvoll  heißt,  bin
ich  mein  eigener  Richter.  (Bravo!)  Was  nun  die  Dauer  des  beabsichtigten
Friedens  anbelangt,  so  mache  ich  den  Hrn.  Vorredner  darauf  aufmerksam,
daß  in  dieser  Welt  überhaupt  nichts  dauernd  ist,  weder  die  Friedensschlüsse
noch  irgendwelche  Abmachungen.  Tempora  mutantur  et  nos  mutamur  in
illis.  Wie  lange  also  der  Friede  oder  die  Annäherung  an  den  Frieden,
welche  wir  heute  erstreben,  dauern  wird,  kann  niemand  voraus  berechnen;
wir  verhandeln  eben  rebus  sic  stantibus  und  thun  für  die  Gegenwart  unsere
Schuldigkeit,  nehmen  an,  was  uns  geboten  wird  und  was  annehmbar  ist;
wie  lange  es  aber  dauert,  steht  bei  Gott,  und  ich  übernehme  für  die  Dauer
keinerlei  Verantwortung.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  bei  der  Zulassung  von
Orden,  welche  namentlich  auf  das  protestantische  Gefühl  schwer  einwirkten
und  dort  einen  Widerwillen,  Abneigung  oder  unangenehmen  Eindruck  hervorriefen,
  gemeint:  die  Orden  seien  verhaßt.  Ja,  darauf  kommt  es  gar  nicht
an,  ob  jetzt  diese  oder  jene  Maßregel  dem  einzelnen  unbequem  ist,  sondern

7*
        <pb n="112" />
        100  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.—24.)

jetzt  kommt  es  darauf  an,  den  Frieden  herzustellen.  Ich  kann  mir  auch
nicht  denken,  daß  die  Mehrzahl  meiner  Glaubensgenossen  so  empfindlich  sein
sollte,  daß  bei  ihnen  der  bloße  Anblick  einer  schwarzen  Kutte  Widerwillen
erregen  sollte.  Es  kommt  jetzt  auf  die  Frage  an,  ob  unsere  katholischen
Landsleute  glauben,  ohne  eine  prinzipielle  Zulassung  von  Geistlichen  mit
uns  in  Frieden  leben  zu  können  oder  nicht.  Wenn  sie  das  letztere  glauben,
so  kann  ich  ihnen  von  meinem  evangelischen  Standpunkte  aus  Unrecht  geben;
ich  bin  aber  nicht  berechtigt,  eine  Kritik  darüber  zu  üben,  ob  es  überhaupt
vernünftig  ist,  daß  es  Mönche  und  Nonnen  gibt;  das  muß  jeder  mit  seinem
Gewissen  abmachen  und  solche  gravaming  der  Verdrießlichkeit  unserer  Landsleute
  beseitigen.  Dazu  ist  die  Gesetzgebung  nicht  da.  (Bravol)  Für  mich
ist  es  entscheidend,  daß  man  auf  katholischer  Seite  daran  hängt.  Ich  habe
auch  früher  mir  nicht  die  Frage  vorgelegt,  warum  Dänemark  oder  Oesterreich
oder  Frankreich  dies  oder  jenes  gefordert  hat,  sondern  ich  habe  damit  gerechnet,
  daß  es  eben  gefordert  wurde.  Der  Hr.  Vorredner  hat  dann  auch
in  Bezug  auf  andere  Punkte  die  Frage  aufgeworfen:  Warum  sollen  wir
dieses  Recht  aufgeben?  Ich  glaube,  es  bezog  sich  auf  die  Strafgewalt  der
Geistlichen.  Ich  erwidere  ihm:  ob  ein  Geistlicher  strenger  oder  gelinder  bestraft
  wird,  ist  für  den  Staat  gleich.  Der  Staat  greift  ja  nicht  einmal  in
das  Verhältnis  zwischen  Lehrer  und  Schüler  hinsichtlich  der  Strafgewalt  ein,
sondern  verweist  den  Lehrer  einfach  auf  sein  Züchtigungsrecht.  Wer  die
Disziplinen  der  Kirche  nicht  als  berechtigt  anerkennt,  soll  nicht  Geistlicher
werden,  ebenso  wie  jeder,  der  sich  nicht  den  militärischen  Gesetzen  unterordnen
will,  es  vermeiden  soll,  Soldat  zu  werden,  wenn  er  kann.  Was  nun  die
Priester-Erziehung  anbetrifft,  so  legt  der  Hr.  Vorredner  dieser  einen  Wert
bei,  welchen  ich  für  weit  übertrieben  halten  muß.  Daß  die  Priester  gut  und
richtig  erzogen  werden,  muß  den  Bischöfen  selber  am  meisten  am  Herzen
liegen,  aber  den  Gedanken,  welcher  der  Maigesetzgebung  zu  Grunde  lag,  daß
die  Priester-Erziehung  auf  das  künftige  Verhalten  der  Priester  gegen  Andersgläubige,
  also  auch  gegen  unseren  Staat,  von  großem  Einfluß  sei,  halte  ich
für  einen  ganz  verfehlten.  Der  Priester  hängt  von  der  Erziehung  nicht  in
dem  Maße  ab,  wie  von  späteren  Einwirkungen  und  von  der  ganzen  geistigen
Witterung,  welche  in  Bezug  auf  diese  Dinge  in  seiner  Umgebung  herrscht,
und  wir  können  in  dieser  Erziehung  eines  Priesters,  mag  sie  noch  so  freisinnig
  sein,  keinerlei  Garantie  dafür  suchen,  daß  der  Geistliche  später  nicht
staatsfeindlich  gegen  uns  auftritt  und  gerade  die  besseren  Waffen  der  staatlichen
  Erziehung  gegen  den  Staat  selber  verwertet.  Ich  kann  nach  meiner
Erfahrung  nur  sagen,  daß  in  den  Fällen,  wo  ich  etwas  genauer  in  die  Genesis
  eines  Streitfalles  eingedrungen  bin,  unsere  erbittertsten  Gegner  nicht
Zöglinge  von  Seminaren,  sondern  von  Universitäten  waren.  Ein  Seminar,
welches  unter  der  Leitung  eines  friedliebenden,  wohlwollenden  und  deutsch
gesinnten  Bischofs  steht,  ist  mir  lieber  als  ein  Studium  auf  der  Universität,
wo  niemand  für  die  Erziehung  verantwortlich  ist,  als  die  Einflüsse,  welche
sich  unkontrolierbar  an  den  Studenten  heranmachen.  Also  auf  die  Seminarfrage
  lege  ich  so  viel  Wert  nicht,  und  ebensowenig  bin  ich  gleicher  Ansicht
mit  vielen  meiner  Freunde  über  den  Wert  und  die  Garantien,  welche  in
der  Anzeigepflicht  liegen  sollen.  Ich  schöpfe  auch  da  mein  Urteil  mehr  aus
dem  Leben  als  aus  der  Theorie.  Geistliche,  welche  seit  langer  Zeit  zu  keiner
Beschwerde  Veranlassung  gegeben  haben,  wurden  oft  nach  ersolgker  Anstellung
unsere  Gegner;  ich  erinnere  nur  an  einen  Geistlichen,  der  jetzt  nicht  mehr
lebt,  den  Fürstbischof  von  Breslau,  welcher  15  Jahre  lang  unter  den  Augen
der  Behörde  amtierte  und  über  dessen  Verhalten  wir  also  genauer  unterrichtet
  waren  als  über  irgend  einen  Geistlichen;  derselbe  änderte  auch  nach
erfolgter  definitiver  Anstellung  sein  Verhalten  zum  Staate.  Also  dies  zeigt
        <pb n="113" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.—24.)  101

uns,  daß  man  den  Wert  der  Anzeigepflicht  überschätzen  kann.  Man  steckt
doch  nicht  in  dem  anzustellenden  Priester  drin  und  kennt  nicht  seine  innersten
Herzensregungen;  also  eine  Art  von  Wettlauf  in  der  Beeinflussung  der  angestellten
  Priester  mit  dem  Papste  zu  unternehmen,  halte  ich  für  ein  verfehltes
  Beginnen.  Sobald  der  Geistliche  angestellt  ist,  wird  er  seinem  Vorgesetzten
  entweder  gehorchen  oder  seine  Stellung  untergraben;  er  wird  nie
selbständig  seine  Ansichten  geltend  machen  können,  sondern  stets  sich  nach
der  ganzen  Temperatur  richten  müssen,  welche  bei  seinen  Vorgesetzten  herrscht.
Wenn  ich  meine  Privatmeinung  aussprechen  dürfte,  so  würde  ich  sagen,  ich
frage  nach  der  ganzen  Anzeigepflicht  nichts;  aber  ich  spreche  im  Namen  der
Regierung  und  derjenigen  ihr  befreundeten  Elemente  im  Lande,  welche  ihre
Grundsätze  aus  denen  der  Regierung  entnehmen.  Meine  private  Überzeugung
mag  ja  eine  irrige  sein,  und  deßhalb  sage  ich  zur  Sicherheit:  „Was  deines
Amtes  nicht  ist,  da  laß  deinen  Fürwitz.“  Ich  erwähne  dieß  auch  nur  zur
Beantwortung  der  Frage  oder  der  Kritik,  welche  von  der  Idee  ausgeht,  als
ob  wir  staatliche  Hoheitsrechte  aufgegeben  hätten.  Wenn  ich,  dessen  Gefühl
für  Patriotismus  und  den  König  schwerlich  angezweifelt  werden  wird,  sage:
ich  möchte  die  Anzeigepflicht  preisgeben,  so  wird  man  mir  wohl  glauben.
Ich  muß  den  Herrn  Vorredner  auch  daran  erinnern:  wenn  er  kurz  vor  der
Maigesetzgebung  die  Verhältnisse  verfolgt  hat,  so  wird  er  finden,  daß  wir
viele  Hoheitsrechte,  welche,  wie  man  uns  beschuldigt,  wir  jetzt  aufgeben,
gar  nicht  besessen  haben,  und  daß  wir  damals  viel  mehr  eingeschränkt  waren.
Diejenigen  Hoheitsrechte  aber,  welche  ihm  zustehen,  hat  der  Staat  auch  vor
den  Maigesetzen  gewahrt.  Früher  aber  waren  wir  noch  mehr  gebunden  als
jetzt.  Ich  erinnere  nur  an  die  katholische  Abteilung  Ähnliche  hypothekarische
  Belastungen  von  seiten  der  Kurie  hatte  der  Staat  auch  noch  in  anderer
  Beziehung  zu  tragen.  Jedes  Gesetz  bedeutet  ja  in  einem  konstitutionellen
  Staate  einen  Verzicht  der  Krone  auf  ein  bestimmtes  Recht.  Bei  der
Erwähnung  der  Orden  hatte  der  Herr  Vorredner  einen  Grund  seines  Widerspruches
  aus  der  Abhängigkeit  der  Orden  von  ausländischen  Oberen  hergeleitet.
  Dies  kann  ja  unter  Umständen  unbequem  sein,  aber  meiner  Überzeugung
  nach  ist  die  Abhängigkeit  unserer  eigenen  Reichsgenossen  von  inländischen
  Oberen  viel  größer.  (Heiterkeit.  Bravo!)  Dies  ist  der  Kadaver-Gehorsam
  unserer  politischen  Fraktionen  gegen  ihre  Führer,  welcher  viel
unwürdiger  ist  als  der  der  Klosterorden  gegen  Rom;  auch  die  propagandistische
  Tendenz  wird  von  den  parlamentarischen  Fraktionsorden  mit  weit
größeren  Mitteln  betrieben  (Heiterkeit),  als  von  den  geistlichen  Orden.  Dann
müßte  man  auch,  wenn  wir  die  Wünsche  des  Herrn  Vorredners  befriedigen
wollten,  in  das  Treiben  unserer  Fraktionen  eingreifen.  Meine  politische  
Stellung  zu  der  Gesamtvorlage  kann  ich  nicht  besser  bezeichnen,  als  wenn  ich
eine  Aeußerung  verlese,  welche  ich  zu  einer  Zeit  gethan  habe,  wo  die  Wogen
des  Kulturkampfes  am  höchsten  gingen.  Dies  war  im  Frühjahre  1875,  wo
ich  die  ganze  Gesetzgebung  nur  als  eine  Kampfgesetzgebung,  als  eine  Waffe,
um  den  Frieden  zu  erkämpfen,  bezeichnete,  sie  aber  nicht  als  dauernd  betrachtete.
  Schon  zu  einer  Zeit,  als  wir  noch  gar  nicht  an  einen  Kampf
dachten,  haben  wir  die  Wirren  und  Gefahren  vorausgesehen,  welche  aus  der
Bildung  einer  konfessionellen  Fraktion  im  Parlament  für  unseren  inneren
Frieden  erwachsen  würden.  Dies  habe  ich  auch  dem  Kardinal  Antonelli
gegenüber  erklärt,  welcher  mir  unter  dem  22.  April  1871  antwortete,  daß
er  die  Haltung  der  katholischen  Fraktion,  d.  h.  des  Zentrums,  als  taktlos
mißbillige.  Im  Jahre  1875  erklärte  ich:  Meine  Verhandlungen  finden  zur
Zeit  nur  mit  dem  gescheidten,  aber  leider  einflußlosen  Kardinal  Antonelli
statt;  indessen  hoffe  ich,  daß  der  päpstliche  Einfluß  auf  das  Zentrum  sich
erhalten  möge.  Diese  Hoffnung  hat  sich  nun  leider,  wie  die  letzten  Vor-
        <pb n="114" />
        102  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.—24.)

gänge  gezeigt  haben,  nicht  bestätigt.  (Heiterkeit.)  Ich  hoffte,  so  erklärte  ich
1875  weiter,  daß  auch  wieder  die  Reihe  an  einen  friedliebenden  Papst  kommen
  wird,  welcher  auch  andere  Menschen  leben  läßt,  und  dann  auch  wieder
einen  Antonelli  zu  finden,  welcher  einsichtsvoll  genug  ist,  den  Frieden  mit
einer  weltlichen  Macht  aufrecht  zu  erhalten.  Diese  Hoffnung  trat  nun  1878
ein,  als  der  jetzt  lebende  Papst  sein  Amt  antrat.  Dieser  Herr  ließ  bald
merken,  daß  er  gewillt  sei,  den  Streit  aus  der  Welt  zu  schaffen.  Ich  habe
infolge  dessen  schon  damals  ein  Programm  vertreten,  welches  ziemlich  genau
übereinstimmt  mit  der  Gesamtheit  dessen,  was  bisher  an  Konzessionen  gewährt
  worden  ist,  mit  Einschluß  dessen,  was  wir  heute  beraten.  Aber  es
ist  ein  Beweis  dafür,  wie  irrtümlich  die  Erzählung  von  einem  allmächtigen
Minister  ist,  daß  ich  fast  10  Jahre  gebraucht  habe,  um  dieses  Programm
zur  Durchführung  zu  bringen;  ich  bedurfte  einer  so  langen  Zeit,  da  ich  die
Durchführung  meiner  Pläne  nicht  mit  großen  Krisen  und  Gefahren  für  die
ganze  Stellung  der  Regierung  erkaufen  wollte.  Wir  müssen  stets  in  Fühlung
  bleiben  mit  denjenigen  Elementen,  auf  deren  Unterstützung  wir  rechnen.
Ich  habe  also  das  Prinzip  stets  verfolgt,  mit  dem  Papste  Frieden  zu  schließen;
  ob  derselbe  ein  dauernder  sein  wird,  weiß  ich  nicht,  und  selbst  wenn
er  kein  dauernder  sein  wird,  so  ist  er  mir  doch  lieber  als  gar  keiner.  Uebrigens
  steht  ja  nichts  im  Wege,  daß  Sie,  wenn  sich  der  folgende  Friedenszustand
  als  unerträglich  erweisen  sollte,  die  früheren  Maigesetze  wieder  in  ihrer
alten  Schärfe  erlassen;  ich  bezweifle,  daß  der  jetzige  Zustand  der  Würde  des
Reiches  mehr  entspricht  als  ein  Friede  mit  Rom.  Der  ganze  bisherige
Kampf  hat  ja  nur  durch  die  parlamentarischen  Interessen,  durch  Bündnisse
und  durch  den  Kampfeszorn,  in  welchen  sich  der  Deutsche  mit  Vorliebe  versetzt,
  wo  es  sich  um  theoretische  Fragen  handelt,  einen  so  lebhaften  Charakter
angenommen.  Dies  trat  zuerst  ein,  als  das  Zentrum  aufhörte,  eine  rein
konfessionelle  Vereinigung  zu  sein,  und  anfing,  den  Staat  zu  bekämpfen
unter  Zuhilfenahme  aller  derjenigen  Elemente,  welche  sich  dazu  bereit  finden
ließen,  zunächst  den  Welfen,  welche  den  durch  das  Jahr  1866  geschaffenen
Zustand  negierten,  dann  der  polnisch-französischen  Partei;  sodann  trat  die
stets  zufällige  Unterstützung  durch  die  sozialdemokratische  Partei  ein  und  zuletzt
  auch  die  der  Fortschrittspartei,  welche  sich  dem  Zentrum  anschloß,  weil
ihr  Haß  gegen  die  Regierung  größer  ist,  als  gegen  die  katholische  Kirche.
Auf  diese  Weise  entstand  eine  regierungsfeindliche  Majorität  und  dadurch
denn  auch  die  Erbitterung  in  diesem  Kampfe.  Bei  dem  ersten  Auftreten  des
Zentrums  in  der  politischen  Arena  war  der  Kampf  nicht  so  hart.  Damals
beschränkte  man  sich  darauf,  das  deutsche  Reich  und  dessen  Verfassung  zu  benützen,
  um  der  katholischen  Kirche  eine  bessere  Stellung  zu  geben,  man  war
aber  weit  entfernt,  die  Reichsregierung  selber  feindlich  zu  behandeln.  Ich
habe  nicht  stets  nur  gefragt:  was  können  wir  als  wünschenswert  erstreben,
sondern:  was  braucht  der  Staat,  um  seine  Aufgabe  zu  erfüllen?  und  bin
stets  der  Meinung  gewesen,  daß  das,  was  der  Staat  nicht  notwendig  braucht,
preisgegeben  werden  muß,  wenn  der  Gegner  daraus  eine  Angriffswaffe  gegen
uns  schmiedet.  Hieher  rechne  ich  die  Priestererziehung  und  Zulassung  von
Orden.  Wo  es  sich  um  eine  Aussöhnung  zweier  bisher  feindlicher  großer
Bruchteile  des  deutschen  Volkes  handelt,  müssen  wir  preisgeben,  was  nicht
unentbehrlich  ist.  Es  liegt  mir  also  daran,  diejenigen  Elemente  zu  versöhnen,
  welche  den  Kampf  nicht  lediglich  aus  Fraktionsinteressen  führen;  mein
Bestreben  ist  lediglich  auf  die  Prophylaxis  für  die  Zukunft  und  auf  die
Befestigung  unserer  nationalen  Einheit  gerichtet;  einem  Parteiwesen,  welches
durch  und  durch  landesfeindlich  ist,  wollen  wir  die  Vorwände  zu  seiner  Agitation
  nehmen.  Die  Frage,  ob  wir  mit  den  Katholiken  einig  sind  oder  nicht,
ist  von  großer  Wichtigkeit  und  beschränkt  sich  nicht  nur  auf  unsere  inneren
        <pb n="115" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.—24.)  103

Verhältnisse,  sondern  erstreckt  sich  auch  auf  die  äußeren;  daß  z.  B.  unser
Verhältnis  zu  Oesterreich  besser  sein  wird,  wenn  wir  keine  katholischen  konfessionellen
  Streitigkeiten  haben  werden,  liegt  auf  der  Hand.  Wenn  man
mir  einwendet,  der  konfessionelle  Frieden  verbürge  nicht  den  Frieden  im
Lande,  so  verweise  ich  auf  die  letzten  Vorgänge  bei  den  Wahlen;  die  Devise
des  Zentrums:  entweder  alles  oder  gar  nichts,  ist  falsch.  Wenn  einerseits
Papst  Leo  XIII.  für  den  Frieden  eintritt  und  andrerseits  das  Zentrum  und
eine  Anzahl  demokratifierender  Geistlicher  sich  dem  Willen  des  Papstes  entgegensetzt,
  so  ist  mir  der  Sieg  des  Papstes  über  kurz  oder  lang  gar  nicht
zweifelhaft,  wenn  die  Wähler  erst  wissen,  was  der  Papst  will.  Bis  jetzt
werden  sie  noch  im  Dunkeln  darüber  gehalten.  Die  demokratische  Priesterrepublik
  wird  hinfällig  werden  und  der  Papst  Sieger  bleiben;  in  diesem
Kampfe  müssen  wir  den  Papst  im  Interesse  der  öffentlichen  Ordnung  unterstützen.
  Die  Fortschrittspartei  ist  eine  gute  Vorfrucht  der  Sozialdemokratie,
wenn  die  letztere  aber  noch  alle  die  zentrifugalen  klerikalen  Elemente  in  ihre
Hände  bekommt,  so  wird  sie  damit  noch  viel  mehr  Mittel  gewinnen,  die
staatliche  sowohl  wie  die  päpstliche  Autorität  zu  untergraben.  Die  Sozialdemokratie
  wird  dann  ihre  Mutter,  die  Fortschrittspartei,  verdrängen;  denn
die  Leute,  welche  fortwährend  einen  Raub  an  der  Autorität  begehen,  schaffen
nur  eine  Lücke,  in  welche  die  misera  contribuens  plebs,  die  Sozialdemokratie,
  eintritt.  Wir  halten  es  für  vollständig  gleichbedeutend,  ob  die  Unterwühlung
  der  Autorität  von  geistlicher  oder  von  weltlicher  Seite  ausgeht;
wir  müssen  gegen  beide  gleichmäßig  Front  machen.  Von  diesen  Anschauungen
bin  ich  ausgegangen,  wenn  ich  dem  jetzigen  hohen,  weisen,  friedliebenden
Papste  gegenüber  mich  nachgiebiger  gezeigt  habe,  als  vielleicht  vielen  lieb  ist.
Die  Macht  des  Hrn.  Windthorst  beruht  ja  nur  auf  dem  Bündnis  mit  der
Fortschrittspartei;  nach  Beseitigung  dieses  Bündnisses  wird  auch  der  Windthorst'sche
  Druck  schwinden.  Wir  dürfen  uns  aber  nicht  einer  leichtfertigen
Hoffnung  für  die  Zukunft  hingeben;  wer  weiß,  ob  die  jetzige  Majorität  nach
drei  Jahren  wiederum  zu  stande  kommt;  wer  bürgt  uns  dafür,  daß  nicht
etwa  nach  drei  Jahren  eine  neue  Verleumdung  gegen  die  Regierung  auftritt,
und  außerdem  könnte  ich  auch  aus  der  jetzigen  Majorität  keine  Berechtigung
entnehmen,  dem  Papste  in  dem  nicht  Wort  zu  halten,  was  ich  ihm  früher
versprochen  habe.  (Bravo!)  Wir  hatten  früher  zu  dem  katholischen  Episkopat
  ein  besseres  Vertrauen;  jetzt  läßt  der  Landsmann  den  Landsmann  im
Stich,  und  wir  müssen  die  Hilfe  des  Chefs  der  katholischen  Geistlichkeit  gegen
die  letztere  selber  anrufen.  Wenn  wir  aber  erst  den  Frieden  mit  dem  Papste
haben,  brauchen  wir  das  Zentrum  nicht  mehr  zu  fürchten;  ich  fürchte  das
letztere  überhaupt  nicht.  (Heiterkeit.)  Der  Kampf  mit  dem  bloßen  Zentrum
wird  austrocknen,  wie  die  Hochflut  nach  dem  Gewitter.  Wenn  Kaiser  und
Papst  einig  sind,  so  können  wir  diesem  Kampfe  mit  Ruhe  entgegensehen.
Um  nun  zu  dieser  Ruhe  zu  gelangen,  möchte  ich  das  hohe  Haus  bitten,  der
Vorlage  und  denjenigen  Amendements,  welche  der  Herr  Kultusminister  vor
Ihnen  befürworten  wird,  zuzustimmen.  (Lebhaftes  Bravo,)

Am  folgenden  Tage  erklärt  sich  Miquel  für  die  Vorlage;
nachdem  in  der  Spezialdebatte  das  Gesetz  im  wesentlichen  in  der
Fassung  der  Kommission  angenommen  worden,  gibt  Bischof  Kopp

folgende  Schlußerklärung:

Die  Entscheidung  für  oder  gegen  die  Vorlage  fällt  mir  außerordentlich
  schwer;  stimme  ich  für  das  Gesetz,  so  bringe  ich  mich  in  Gegensatz  zu
einem  großen  Teile  der  katholischen  Bevölkerung,  stimme  ich  dagegen,  so
trete  ich  in  Gegensatz  zu  meinen  Kollegen,  welche  in  manchen  Punkten  durch
        <pb n="116" />
        104  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  25.—27.)

die  Vorlage  berechtigtste  Interessen  als  befriedigt  ansehen.  Ich  bringe  mich
aber  auch  in  Gegensatz  zu  der  Friedensarbeit  zwischen  Kirche  und  Staat  und
laufe  Gefahr,  dieselbe  vielleicht  zu  vereiteln.  Diese  Verantwortung  kann  ich
nicht  übernehmen.  Ich  habe  die  Hoffnung,  daß  im  andern  Hause  doch  noch
erwogen  werden  wird,  ob  nicht  in  dem  einen  oder  andern  Punkte  den  Wünschen
  der  Kirche  entsprochen  werden  kann,  und  mit  dieser  Hoffnung,  nach
dieser  Erklärung  werde  ich  für  das  Gesetz  stimmen,  und  gebe  diese  Erklärung
auch  im  Namen  mehrerer  katholischen  Mitglieder  dieses  Hauses  ab.  (Beifall.)

Das  Gesetz  wird  hierauf  mit  großer  Mehrheit  angenommen,
dagegen  stimmen  nur  die  Nationalliberalen  außer  Migquel.

25.  März.  (Französische  Hetzereien.)  Die  „Nordd.  Allg.
Ztg.“  reproduziert  die  Deutschland  und  den  Kaiser  Wilhelm  schmähenden
  Schlußsätze  eines  Artikels  der  Pariser  „France“  über  den  22.  März
und  bemerkt  dazu:

„Wenn  wir  diese  Unverschämtheiten  des  französischen  Patriotenblattes
niedriger  hängen,  so  geschieht  es  nicht,  um  daran  eine  Kritik  zu  üben,  sondern
  um  auch  sie  zu  den  umfangreichen  Akten  zu  nehmen,  welche  einstmals
Zeugnis  dafür  ablegen  werden,  mit  welcher  Ruhe  und  Geduld  Deutschland
Jahre  lang  die  frechsten  französischen  Schmähungen  und  Herausforderungen
ertragen  hat.“

27.  März.  (Kulturkampf.)  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg."
beginnt  die  Veröffentlichung  einer  Reihe  von  Aktenstücken  zum  vatikanischen
  Konzile  1870,  um  darzuthun,  daß  die  preußische  Regierung
  demselben  nicht  feindlich  gegenüber  getreten  sei.  (S.  St.  A.
Bd.  48.)

27.  März.  (Preußen:  Katholische  Kirche.)  Der  zur
Beglückwünschung  des  Kaisers  eingetroffene  päpstliche  Abgesandte
Monsignore  Galimberti  äußert  in  einer  Unterredung  mit  einem
Berichterstatter  der  „Kölnischen  Zeitung“  über  die  Stellung  des
Vatikans  zu  Preußen  folgendes,  das  mit  seiner  Genehmigung  veröffentlicht
  wird:

„Nach  Ansicht  des  heiligen  Stuhles  vollziehe  sich  mit  der  Annahme
der  jetzigen  kirchenpolitischen  Novelle  die  Beendigung  des  Kulturkampfes  und
der  endgiltige  Abschluß  des  Friedens  zwischen  der  Kurie  und  der  preußischen
Regierung.  Durch  die  neuen  Gesetze  seien  der  katholischen  Kirche  in  Preußen
alle  wesentlichen  Bedingungen  zugestanden,  die  für  die  Freiheit  und  Unabhängigkeit
  und  die  Verfassung  der  Kirche  notwendige  Voraussetzungen  seien.
Selbstredend  sei  damit  nicht  gesagt,  daß  nunmehr  durch  die  Gesetzgebung
auch  sämtliche  kleinere  Wünsche  erfüllt  wären,  die  für  die  Entwickelung  der
kirchlichen  Interessen  zu  hegen  seien.  Nicht  einmal  in  katholischen  Ländern
wie  in  Belgien,  Frankreich  u.  s.  w.  seien  alle  solchen  Wünsche  erfüllt.  Aber
die  Hauptsache  sei,  daß  alle  wichtigen  und  grundlegenden  Punkte  der  Kirche
eingeräumt  seien  —  sogar  in  höherem  Grade,  als  man  habe  erwarten  können
—  daß  damit  auch  der  Grund  zur  gegenseitigen  Bekämpfung  weggefallen
sei  und  daß  für  alle  weiteren  Fortschritte,  die  sich  zu  Gunsten  der  Kirche

entwickeln  könnten,  nicht  mehr  der  Weg  des  gegenseitige  Ringens,  sondern
der  freundlichen  diplomatischen  Verständigung  sich  ergebe.  Diese  neue  Lage
        <pb n="117" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  30.  —  Anf.  April.)  105

werde  sich  auch  hoffentlich  bald  bei  den  Vertretern  der  kirchlichen  Rechte  im
Landtag  und  in  der  Presse  geltend  machen-  Denn  es  sei  naturgemäß,  daß
die  Erfüllung  aller  solchen  kleineren  Wünsche,  wie  er  sie  im  Sinne  habe,
sich  um  so  länger  verzögern  werde,  je  länger  sich  die  Gestaltung  eines  freundlichen
  Verhältnisses  zwischen  Zentrum  und  Regierung  verzögere.  Hr.  Galimberti
  erkannte  wiederholt  an,  daß  die  Beziehungen  zwischen  dem  Vatikan
und  der  preußischen  Regierung  die  allerbesten  seien,  wie  schon  die  Thatsache
seiner  Entsendung  zur  Feier  des  neunzigsten  Geburtstages  Kaiser  Wilhelms
beweise.  Die  preußische  Regierung  sei  auf  Grund  der  erzielten  gegenseitigen
Verständigung  und  des  wechselseitigen  Vertrauens  überaus  loyal  verfahren,
und  der  päpstliche  Stuhl  hege  auch  das  Vertrauen,  daß  dieses  freundschaftliche
  Zusammengehen  von  Dauer  sein  werde.  Hr.  Galimberti  hat  während
seines  hiesigen  Aufenthalts  wiederholt  Gelegenheit  gehabt,  mit  den  Führern
des  Zentrums  eingehend  die  gegenwärtige  kirchenpolitische  Lage  zu  besprechen
und  ihnen  die  Auffassung  des  heiligen  Stuhles  darzulegen.  So  bleibt  zu
hoffen,  daß  der  feierliche  Anlaß,  der  ihn  hiehergeführt  hat,  auch  dazu  dienen
wird,  den  inneren  Frieden  in  unserem  Vaterlande  zu  fördern  und  zu  erneuern.


30.  März.  (Reichsanleihe.)  Der  Reichstag  genehmigt  das
Anleihegesetz,  welches  die  Aufnahme  einer  Anleihe  von  46.116,485  M.
zur  Aufbringung  der  Geldmittel  für  die  außerordentlichen  einmaligen
  Ausgaben  im  Reichsetat  für  1887/88  vorschlägt.

Es  sollen  verwandt  werden  30.794,905  M  für  die  Verwaltung  des
Reichsheeres;  7.817,770  M  für  die  Marine;  592,000  M  für  die  Eisenbahnverwaltung;
  für  vorläufige  Deckung  der  aus  dem  Reichsfestungsbaufond  entnommenen
  Vorschüsse  7.411,810  M.

Gemäß  den  im  Etat  vorgenommenen  Abstrichen  ermäßigt  sich
die  Anleihe  auf  45.732,485  M

Ende  März.  (Kamerun.)  Nachdem  Ende  1886  die  englische
Baptistenmission  ihre  von  der  deutschen  Kolonie  Kamerun  umschlossene
  Station  Viktoria  mit  der  Ambas-Bai  an  die  Baseler  evangelische
  Missionsgesellschaft  abgetreten  (zur  Aufbringung  der  Abstandssumme
  von  4000  Pfd.  Sterl.  hatte  ein  Berliner  Privatmann  2000  Pfd.
Sterl.  beigesteuert),  übernimmt  das  Reich  dieses  Gebiet  in  seinen
Schutz.  Die  formelle  Übergabe  seitens  Englands  an  den  Gouverneur
v.  Kamerun  findet  Ende  März  statt.

Ende  März  bis  Anf.  April.  (Reichslande:  Verwaltungsänderung.)
  Über  die  gegen  das  Überhandnehmen  des  Franzosentums
  in  den  Reichslanden  zu  ergreifenden  Maßregeln  waren  von
der  Reichsregierung  im  Verein  mit  dem  Statthalter  eingehende  Beratungen
  gepflogen  worden.  Über  den  Inhalt  derselben  schreibt  am
2.  April  die  „Straßburger  Post“:

„Nachdem  in  Berlin  die  Entscheidung  über  die  künftige  Stellung  des
Reichslandes  im  Sinne  des  Statthalters  Karsten  Hohenlohe  gefallen,  sei
kein  Grund  mehr,  mit  der  Mitteilung  zurückzuhalten,  daß  die  Geschicke  des
Reichslandes  in  dieser  Woche  thatsächlich  „Auf  des  Messers  Schneide“  ge-
        <pb n="118" />
        106     Das deutsche Reich und seine einzelnen Gliedern. (April 1.)

standen  haben.  Die  Nachricht  des  Wolff'schen  Telegraphenbürau's  von  der
bevorstehenden  Aufhebung  der  Statthalterschaft  etc.  war  an  dem  Tage,  an
welchem  sie  erging,  vollständig  zutreffend.  Zwei  Strömungen  gingen  in  den
Berliner  leitenden  Kreisen  gegen  einander.  Die  eine,  welche  von  dem  kaiserlichen
  Statthalter  ausging,  forderte  die  Aufrechterhaltung  des  gegenwärtigen
Zustandes  unter  Einführung  derjenigen  Abänderungen,  welche  sich  aus  der
durch  die  Wahlen  gebildeten  Lage  als  notwendig  ergeben.  Die  andere,  welche
ebenfalls  von  höchst  einflußreichen  Persönlichkeiten  in  maßgebender  Stellung,
insonderheit  von  dem  Staatssekretär  im  Reichsamt  des  Innern,  Staatsminister
  v.  Bötticher,  geleitet  wurde,  hielt  durchgreifendere  Aenderungen  für
nötig  und  befürwortete  die  Rückkehr  zu  den  Zuständen  vor  1879,  d.  h.  die
Ersetzung  der  Statthalterei  durch  ein  Oberpräsidium,  die  Aufhebung  des
Landesausschusses  als  reichsländisches  Parlament  u.  s.  w.  Einen  Augenblick
hatte  es  nach  der  Ministerialsitzung  vom  letzten  Sonntag  den  begründeten
Anschein,  als  ob  die  letztere  Strömung  den  Sieg  erringen  würde;  es  wurden
bereits  darauf  bezügliche  Erhebungen  veranstaltet  und  man  nannte  bereits
den  Namen  des  Mannes,  der  zum  Oberprästdenten  bestimmt  werden  sollte.
Aber  es  gelang  den  Bemühungen  des  kaiserlichen  Statthalters,  an  maßgebender
  Stelle  denjenigen  Anschauungen  zur  Berücksichtigung  zu  verhelfen,  welche
er  als  die  im  Interesse  des  Landes  liegenden  erachtete.  Der  Kaiser  hat  die
Vorschläge  des  Fürsten  angenommen.  Hiernach  wird  das  Staatssekretariat
nicht  mehr  besetzt  werden,  um  dem  Statthalter  eine  direkte  und  intensive
Beteiligung  an  der  eigentlichen  Verwaltungsarbeit  zu  ermöglichen.  Die
Unterstaatssekretariate  werden  mit  Beamten  besetzt  werden,  denen  eine  reiche
Erfahrung  zur  Seite  steht  und  die  unter  der  unmittelbaren  Leitung  des
Fürsten,  getragen  von  seinem  vollen  Vertrauen,  ihre  Bemühungen  mit  den
seinigen  vereinigen  werden,  sich  den  Erfordernissen  der  schwierigen  Lage  gewachsen
  zu  zeigen  und  das  Land  einer  gesicherten,  glücklichen  Zukunft  entgegenzuführen.“


Schon  Mitte  März  hatte  der  kaiserl.  Staatssekretär  Staatsminister
  v.  Hofmann  seine  Entlassung  erbeten,  ebenso  treten  die
Unterstaatssekretäre  v.  Mayr  und  Ledderhose  in  den  Ruhestand  und
werden  durch  Regierungsrat  Studt  aus  Königsberg  und  Bürgermeister
  Back  von  Straßburg  ersetzt.

1.  April.  (Reichslande:  Ausweisung.)  Der  Reichstagsabgeordnete
  Antoine  in  Metz  wird  durch  Erlaß  des  Statthalters
aus  den  Reichslanden  ausgewiesen.  Derselbe  siedelt  nach  Paris  über.

Anfang  April  bzw.  6.  Mai.  (Preußen  und  Waldeck.)
Der  Landtag  des  Fürstentums  Waldeck  genehmigt  den  zwischen
Preußen  und  Waldeck  neu  geschlossenen  Accessionsvertrag  mit  12
gegen  3  Stimmen  unter  Hinzufügung  der  Bestimmung,  daß  der
Landtag  vom  Jahre  1900  ab  die  Aufhebung  des  Vertrages  beantragen
  kann.

Der  Vertrag  lautet:

„Se.  Maje.  der  Deutsche  Kaiser,  König  von  Preußen,  und  Se.  Durchlaucht
  der  Fürst  von  Waldeck  und  Pyrmont,  von  dem  Wunsche  geleitet,  den
Fürstentümern  Waldeck  und  Pyrmont  auch  fernerhin  eine  Erleichterung  der
ihnen  durch  die  Zugehörigkeit  zum  Deutschen  Reiche  auferlegten  Lasten  zu
        <pb n="119" />
        Das  deutsche  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Anf.  April.)  107

verschaffen,  haben  beschlossen,  zu  diesem  Behufe  an  Stelle  des  am  31.  Dezember
  1887  ablaufenden  Vertrages  vom  24.  November  1877  einen  neuen
Vertrag  abzuschließen,  und  zwar  wie  folgt:  Art.  1.  Preußen  führt  die  von
ihm  übernommene  innere  Verwaltung  der  Fürstentümer  Waldeck  und  Pyrmont
fort.  Ausgeschlossen  und  somit  Sr.  Durchlaucht  dem  Fürsten  vorbehalten
bleibt  diejenige  Verwaltung,  welche  dem  fürstlichen  Konsistorium  in  seiner
Eigenschaft  als  Oberkirchenbehörde  zusteht.  Art.  2.  Die  Verwaltung  wird
namens  Sr.  Durchlaucht  des  Fürsten  in  Übereinstimmung  mit  der  Verfassung
und  den  Gesetzen  der  Fürstentümer  geführt.  Art.  3.  Preußen  bezieht  die
gesamten  Landeseinnahmen  der  Fürstentümer  und  bestreitet  die  sämtlichen
Landesausgaben  mit  Ausschluß  der  Ausgaben  für  das  Konsistorium  in  dessen
Eigenschaft  als  Oberkirchenbehörde.  Diese  letzteren  Ausgaben  werden  für  die
Dauer  des  Vertrages  von  Sr.  Durchlaucht  dem  Fürsten  bestritten.  Art.  4.
Se.  Maj.  der  König  von  Preußen  übt  bezüglich  der  inneren  Verwaltung  der
Fürstentümer  die  volle  Staatsgewalt,  wie  sie  Sr.  Durchlaucht  dem  Fürsten
verfassungsmäßig  zusteht.  Letzterem  bleibt  jedoch  das  Begnadigungsrecht  in
den  verfassungsmäßigen  und  gesetzmäßigen  Grenzen,  sowie  das  Recht  der  Zustimmung
  zu  Verfassungsänderungen  und  Gesetzen,  insoweit  sie  nicht  die  Organisation
  der  Justiz-  und  Verwaltungsbehörden  (Art.  6)  betreffen,  vorbehalten.
  Art.  5.  An  der  Spitze  der  Verwaltung  der  Fürstentümer  steht  ein
von  Sr.  Maj.  dem  Könige  zu  ernennender  Landesdirektor,  welcher  die  verfassungsmäßig
  der  Landesregierung  obliegende  Verantwortlichkeit  übernimmt.
Art.  6.  Preußen  ist  berechtigt,  die  Justiz-  und  Verwaltungsbehörden  nach
eigenem  Ermessen  anderweitig  zu  organisieren.  Die  Befugnisse  der  Behörden
höherer  Instanzen  können  preußischen  Behörden  übertragen  werden.  Art.  7.
Die  sämtlichen  Staatsbeamten  werden  von  Preußen  ernannt  und  leisten  Sr.
Maj.  dem  Könige  den  Diensteid.  Sie  haben  einschließlich  des  Landesdirektors
die  Verfassung  der  Fürstentümer  gewissenhaft  zu  beobachten  und  deren  genaue
Einhaltung  ausdrücklich  zu  geloben.  In  den  Diensteid  des  Landesdirektors
wird  das  Gelöbnis  aufgenommen,  in  Bezug  auf  die  Sr.  Durchlaucht  dem
Fürsten  in  den  Art.  4  und  8  dieses  Vertrages  vorbehaltenen  Rechte  Höchstdemselben
  treu  und  gehorsam  zu  sein.  Die  Übernahme  eines  waldeckischen
Beamten  in  den  preußischen  Staatsdienst  oder  eines  preußischen  Beamten  in
den  waldeckischen  Staatsdienst  wird  als  Versetzung  innerhalb  desjenigen
Staates  behandelt,  in  dessen  Dienst  der  Beamte  übernommen  wird.  Bei  Feststellung
  des  Dienstalters  und  bei  Berechnung  der  Dienstzeit  der  Beamten
werden  denselben  die  von  ihnen  in  dieser  Hinsicht  in  dem  anderen  Staate
bereits  erworbenen  Ansprüche  in  Anrechnung  gebracht.  Art.  8.  Se.  Durchlaucht
  der  Fürst  übt  die  ihm  verbleibende  Vertretung  des  Staates  nach  außen
durch  den  Landesdirektor  und  unter  dessen  Verantwortlichkeit.  Die  entstehenden
  Kosten  werden  wie  bisher  aus  der  Landeskasse  bestritten.  Art.  9.  Die
Verwaltung  des  in  dem  Rezesse  vom  16.  Juli  1883  etc.  bezeichneten  Domanialvermögens
  steht  Sr.  Durchlaucht  dem  Fürsten  zu.  Für  diese  Verwaltung
findet  eine  Mitbenutzung  der  Landesdienststellen  nicht  statt.  Die  Erträgnisse
des  Domanialvermögens  verbleiben  Sr.  Durchlaucht  dem  Fürsten.  Einen
Geldbetrag  zu  den  Landesausgaben  leistet  das  Dominium  nicht;  ebensowenig
wird  aber  auch  für  den  Unterhalt  Sr.  Durchlaucht  des  Fürsten  und  des
fürstlichen  Hauses  oder  zu  Reparatur  und  Neubauten  fürstlicher  Schlösser
oder  für  das  Konsistorium  als  Oberkirchenbehörde  ein  Zuschuß  aus  Landesmitteln
  gewährt.  Im  übrigen  werden  die  den  Ständen  der  Fürstentümer
hinsichtlich  des  Domanialvermögens  rezeßmäßig  zustehenden  Rechte  durch  die
gegenwärtige  Übereinkunft  nicht  berührt.  Se.  Durchlaucht  der  Fürst  verzichtet
  auf  alle  Zuschüsse,  welche  er  für  die  Zeit  vom  1.  Januar  1878  bis
31.  Dezember  1887  nach  dem  Vertrage  vom  24.  November  1877  aus  Landes-
        <pb n="120" />
        108  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  bis  Mai.)

mitteln  für  sich  und  sein  Haus  oder  zu  Schloßbauten  etc.  zu  fordern  berechtigt
  sein  würde.  Andrerseits  wird  auf  alle  Geldbeiträge  verzichtet,  welche
auf  Grund  des  vorerwähnten  Vertrages  für  die  gedachte  Zeit  aus  den  Domanialeinkünften
  zu  Landesausgaben  zu  beanspruchen  sein  würden  etc.  Art.  10
besagt,  daß  der  Vertrag  am  1.  Januar  1888  in  Kraft  tritt  und  bis  mindestens
  zum  1.  Januar  1898  giltig  bleibt,  bezw.  so  lange  er  nicht  von  einer
Seite  zwei  Jahre  vor  Ablauf  gekündigt  wird."

Das  preußische  Abgeordnetenhaus  genehmigt  den  Vertrag  gegen
die  Stimmen  der  Freisinnigen  und  einiger  Zentrumsmitglieder  am
6.  Mai.

April  bis  Mai.  (Reichslande:  Deutschfeindliche  Kundgebungen.)
  Eine  ungewöhnlich  große  Zahl  von  deutschfeindlichen
Kundgebungen,  fast  ausschließlich  im  Elsaß  erfolgt,  gelangt  während
mehrerer  Wochen  zur  Bestrafung.

Die  Thäter  sind  meist  jugendliche  Burschen  aus  den  untern  Bevölkerungsschichten,
  die  eigentlichen  Anstifter  bleiben  in  der  Regel  unermittelt.
Die  Kundgebungen  bestehen  im  Absingen  der  Marseillaise,  aufrührerischen
Rufen,  Maueranschlägen  u.  dergl.  Im  Straßburger  protestantischen  Gymnasium
  stört  ein  älterer  Schüler  einen  Hochruf  auf  den  Kaiser  durch  eine
laute  Beschimpfung  desselben.  In  Zabern  verüben  zur  Gestellung  befohlene
Burschen  einen  Exzeß,  indem  sie  die,  wie  üblich,  zu  dem  unter  Musikbegleitung
erfolgenden  Aufzuge  von  der  Kreisdirektion  entliehene  deutsche  Fahne  in  der
Nähe  des  Rathauses  zerreißen  und  durch  den  Straßenkot  schleifen.  Das
Volk  nimmt  insoferne  Anteil  als  es  einigen  von  der  Polizei  verfolgten  Unruhestiftern
  zum  Entkommen  verhilft.  Eine  Anzahl  davon  wird  zur  Haft
gebracht.

Ferner  erfolgen  zahlreiche  Ausweisungen,  besonders  von
Fabrikleitern,  welche  im  Sinne  der  französischen  Patriotenliga  unter
den  Arbeitern  Propaganda  zu  machen  suchen,  mehrere  Bürgermeister
und  Beigeordnete  verschiedener  Orte  werden  aus  ähnlicher  Veranlassung
  ihres  Amtes  entsetzt.

3.  April.  (Französische  Hetzereien.)  Die  „Norddeutsche
Allg.  Ztg.“"  beleuchtet  in  einem  Artikel  die  Anschuldigungen  gewisser
französischer  Organe  gegen  Deutschland  betreffs  militärischer  Spionage.

Die  Thatsache,  daß  vor  ungefähr  einer  Woche  ein  Unterbeamter  aus
dem  französischen  Kriegsministerium  auf  irgend  welchen  Verdacht  hin  entlassen
  worden,  berührt  an  sich  das  Ausland,  und  insbesondere  Deutschland,
in  keiner  Weise.  Aber  der  Vorfall  erlangt  eine  gewisse  Bedeutung  durch
den  Nebenumstand,  daß  als  angeblicher  Empfänger  pflichtwidriger  Mitteilungen
jenes  Beamten  erst  im  allgemeinen  der  Militär-Attaché  einer  fremden  Botschaft,
  später  ein  deutscher  Militär-Attaché  von  gewissen  Blättern  bezeichnet,
schließlich  mit  Namen  genannt  und  Angriffen  ausgesetzt  wurde,  die  wir  einstweilen
  übergehen.  Dieses  Verfahren  ist  im  Verkehr  der  Staaten  neu.  Man
wird  keinen  ähnlichen  Fall  anführen  können,  selbst  aus  Epochen,  wo  die
Spannung  zweier  Staaten  einen  Grad  erreicht  hatte,  der  zum  Kriegsausbruch
führte.  Und  wie  geht  es  in  dem  Lager  zu,  aus  welchem  so  frivole  Beschuldigungen
  erfolgen:  Am  25.  Dezember  v.  J.  lief  die  folgende  Notiz  durch  alle
Pariser  Zeitungen:  „Der  Kriegsminister  teilt  der  „Agence  Libre"  die  fol-
        <pb n="121" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  3.)  109

gende,  unter  den  gegenwärtigen  Umständen  besonders  bemerkenswerte  Note
mit:  Aus  den  Mitteilungen  von  Personen,  die  in  Beziehung  zu  gewissen
Militär-Attachés  stehen,  geht  hervor,  daß  diese  Offiziere  auf  die  französische
und  namentlich  auf  die  militärische  Presse  in  Frankreich  rechnen,  um  über
unsere  Einrichtungen  Erkundigungen  einzuziehen.  Ein  Beispiel  bestätigt  dies.
Das  Konzept  (la  minute)  des  Berichtes  des  deutschen  Hauptmanns  v.  Schwarzhoff
  über  die  See-Mannöver  von  Toulon  läßt  erkennen,  daß  dieses  Schriftstück
  teilweise  nach  den  Mitteilungen  gewisser  französischer  Blätter  abgefaßt
war.  Auf  welche  Weise  ist  wohl  der  französische  Kriegsminister,  der  diese
Note  mitteilt,  zur  Einsicht  in  das  Konzept  des  Berichtes  des  Hauptmanns
v.  Schwarzhoff  gelangt?  Bisher  galt  es  für  internationalen  Anstand,  das
Kundschafterwesen  nicht  bis  zu  operativen  Eingriffen  in  fremde  Schreibtische
auszudehnen,  und  wenn  dergleichen  Mißgriffe  vorkamen,  sie  auf  der  einen
Seite  zu  verschweigen,  auf  der  anderen  zu  ignorieren.  Der  französische  Kriegsminister
  hat  das  erste  Beispiel  gegeben,  einen  solchen  Griff,  dem  er  die  Bekanntschaft
  mit  den  „Konzepten“  fremder  Missionen  verdankt,  zur  Grundlage
einer  offiziösen  Note  zu  machen.  Den  Anstand  des  Ignorierens  hat  man
auf  deutscher  Seite  trotzdem  beobachtet.  Danach  hat  man  wohl  Grund,  die
namentliche  Anschuldigung  gegen  den  deutschen  Militär-Attaché  überraschend
zu  finden.  In  solchem  Falle  fragt  man  vor  allem  nach  den  Beweisen  der
Anschuldigung  und  kann  nicht  umhin,  sich  zu  erinnern,  daß  „les  agents
provocateurs"  ein  französischer  Kunstausdruck  und  als  solcher  in  die  übrigen
gebildeten  Sprachen  übergegangen  ist.  Der  deutsche  Militär-Attaché  ist  eine
Zeit  lang  von  agents  provocateurs  überlaufen  worden,  so  daß  er  denselben
mit  Inanspruchnahme  der  Polizei  drohen  mußte.  Mit  welchen  Mitteln  die
Spionage  uns  gegenüber  betrieben  wird,  das  haben  wir  u.  a.  in  vier  Landesverratsprozessen
  erfahren,  welche  vor  dem  Reichsgericht  in  Leipzig  gegen
französische  Spione  und  ihre  Werkzeuge  erhoben  worden  sind,  und  sämtlich
die  Ueberführung  der  Angeklagten  ergeben  haben.  Dagegen  hat  man  auf
deutscher  Seite  denjenigen  französischen  Kundschaftern,  welche  dem  Offiziersstand
  angehörten  und  also  direkt  im  militärischen  Dienst  thätig  waren,  auch
wenn  man  den  Thatbeweis  in  Händen  hatte,  stets  die  Freiheit  der  Reise  gegeben,
  wie  noch  kürzlich  dem  Lieutnant  Letellier,  der  Studien  zum  Behufe
des  Rheinüberganges  machte.  Es  liegt  wohl  deutlich  vor  Augen,  wie  verschieden
  das  Maß  ist,  von  dem  man  in  Deutschland  bei  der  Abwehr  jenes
stillen  Krieges  Gebrauch  macht,  und  das  Maß,  welches  man  in  Frankreich
anwendet,  wenn  man  auch  nur  Verdachtsgründe  zu  haben  glaubt,  vielleicht
solche,  die  man  sich  selbst  erst  künstlich  geschaffen  hat.  Es  ist  bemerkenswert,
daß  die  ungebührliche  Behandlung  der  Angelegenheit  des  sogenannten  Herrn
Eyrolles  sich  nur  in  gewissen  französischen  Blättern  findet,  und  zwar  in
solchen,  die  man  als  bevorzugte  Organe  des  Kriegsministers  bezeichnet,  wie
„L'Evénement“,  „La  Wrange  „La  France  Militaire"  u.  s.  w.  Die  Organe
anderer  französischer  Minister  vertreten  den  ernstlichen  Wunsch  der  Erhaltung
des  Friedens  zwischen  beiden  Ländern.

3.  April.  (Zollpetition.)  Dem  Reichstage  geht  eine  von
zahlreichen  Landwirten  unterzeichnete  Denkschrift  zu,  welche  von
agrarischer  Seite  bei  der  Forderung  weiterer  Zollerhöhungen  als

Unterlage  in  Aussicht  genommen  wird.

Es  heißt  darin:  Der  Zoll  für  Roggen  sollte  für  den  Doppelzentner
von  3 M  auf  5 M,  für  Weizen  von  3  M  auf  8 M,  für  Raps  und  Rübsen
von  2  M  auf  5  M  erhöht  werden;  für  das  übrige  Getreide  sollte  er  verdoppelt,
  also  für  Hafer  und  Gerste  auf  3  M,  für  Buchweizen  und  Hülsen-
        <pb n="122" />
        110  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  5.—Mitte.)

früchte  auf  2  M  und  endlich  für  Malz  auf  6 M  festgesetzt  werden.  Weiter
wird  verlangt  ein  Zoll  für  Wolle  und  Flachs.

5.  April.  (Allg.  deutscher  Kongreß  und  Kolonialausstellung.)
  Der  Ausschuß  des  allgemeinen  deutschen  Verbandes
zur  Vertretung  deutschnationaler  Interessen  beschließt,  den  zweiten
allgemeinen  deutschen  Kongreß  im  Herbst  1889  einzuberufen  und
gleichzeitig  für  denselben  Zeitpunkt  die  Eröffnung  der  ersten  deutschen
Kolonialausstellung  ins  Auge  zu  fassen.

7.  April.  (Der  Papst  und  die  preußische  Kirchenvorlage.)
  Der  Papst  erläßt  an  den  Erzbischof  Krementz  von  Köln  ein
umfangreiches  Schreiben,  in  welchem  er  das  preußische  Kirchengesetz
in  der  Form  der  Herrenhausbeschlüsse  dem  Zentrum  zur  Annahme
empfiehlt.  (St.  A.  Bd.  48.)

9.  April.  (Reichslande.)  Das  Ministerium  beschließt,  daß
die  Verfügung  vom  31.  Dezember  1886,  wonach  jeder,  welcher  der
französischen  Armee  angehört  oder  zu  derselben  in  Beziehungen  steht,
eine  Aufenthaltsgenehmigung  für  die  Reichslande  einzuholen  hat,
fortan  auf  alle  Franzosen  außer  den  bereits  im  Lande  wohnenden
anzuwenden  ist.

Mitte  April.  (Zentrumspartei.)  In  einer  Flugschrift,
betitelt:  „Ist  der  Kulturkampf  als  beendet  zu  betrachten?  Ein
offenes  Wort  zur  Beherzigung,"  tritt  der  Verfasser,  Fürst  Karl
zu  Isenburg-Birstein,  den  Ausführungen  einer  Windthorst'schen
Denkschrift  —  nach  welcher  dieser  den  kirchenpolitischen  Gesetzentwurf
„in  keiner  Weise  als  eine  abschließende  Revision  der  Kulturkampfgesetze“
  ansehen  könne,  da  noch  der  Kanzelparagraph,  das  Jesuitengesetz,
  das  Ausweisungsgesetz  und  die  Beschränkungen  im  Messelesen
und  Sakramentespenden,  das  Gesetz  über  die  Vermögensverwaltung
der  kathol.  Kirchen,  das  Altkatholikengesetz  fortbestünden  und  keine
Vorsorge  getroffen  sei,  die  gesperrten  Millionen  der  Kirche  zurückzuerstatten
  —  fast  in  allen  Stücken  entgegen  und  kommt  zu  folgendem
  Schluß:

„Wenn  wir  nun  die  Beantwortung  der  Frage  versuchen,  ob  der
Kulturkampf  mit  der  Annahme  der  dem  Abgeordnetenhause  vorliegenden
Novelle  in  der  vom  Herrenhause  beschlossenen  Fassung  als  beendet  zu  betrachten
  sei,  so  möchten  wir  sie  bejahen,  insofern  man  unter  Kulturkampf
den  berechtigten  Widerstand  versteht,  welchen  die  Katholiken  den  Maigesetzen
gegenüber  zu  leisten  verpflichtet  waren.  Die  noch  bestehenden  Beschränkungen
der  Freiheit  der  katholischen  Kirche  sind  nicht  derart,  daß  Veranlassung  zu
einem  passiven  Widerstand  vorliegt.  Gewiß  ist  noch  nicht  alles  erreicht,  und

dies  haben  wir  ja  ausdrücklich  betont,  aber  die  noch  nötigen  Modifikationen
der  Gesetzgebung  werden  leichter  in  einem  freundlichen  Verhältnis  auf  dem
        <pb n="123" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  16.—27.)  111

Wege  diplomatischer  Verhandlungen  erreicht,  als  durch  parlamentarischen
Kampf.  Damit  ist  die  parlamentarische  Aktion  durchaus  nicht  ausgeschlossen,
und  das  zweite  Schreiben  des  Kardinals  Jacobini  erkennt  dieselbe  ja  sogar
ausdrücklich  als  notwendig  an,  nur  wird  es  nötig  sein,  ihr  einen  anderen
Charakter  als  den  bisherigen  zu  geben.“

16.  April.  (Sozialistenprozeß.)  In  dem  Prozesse  gegen
die  wegen  Teilnahme  an  einer  geheimen  Verbindung  angeklagten
polnischen  Sozialisten  wird  das  Urteil  verkündet.  7  Angeklagte
werden  zu  Gefängnisstrafen  (zwischen  2  Wochen  und  2  Jahren
1  Woche),  einer  —  nur  wegen  Preßvergehens  —  zu  Geldstrafe  verurteilt,
  die  übrigen  14  freigesprochen.

17.  April.  (Bayern.)  Justizminister  Dr.  v.  Fäustle  f.

19.  April.  Wiederzusammentritt  des  Reichstages;  Sozialisten-Antrag.


Bei  der  Beratung  über  die  Anordnungen,  welche  Preußen  und  Hessen
im  Februar  auf  Grund  des  Sozialistengesetzes  getroffen  (bgl.  1886.  XII.  16)
beantragt  Singer  (Soz.)  Wiedervorlegung  der  in  der  vorigen  Session  von
der  Regierung  vorgelegten,  aber  vom  Reichstage  nicht  beratenen  Rechenschaftsberichte
  über  Handhabung  des  Sozialistengesetzes.  Staatssekretär  v.  Bötticher
  widerspricht,  da  der  Regierung  zu  nochmaliger  Vorlegung  keine  Verpflichtung
  obliege.  Munkel  (df.)  behauptet  diese  Verpflichtung,  da  nur  die
vorzeitige  Auflösung  die  Beratung  vereitelt  habe.  Min.  v.  Bötticher  führt
aus,  daß  dem  formellen  Rechte  genügt  sei  und  daß  eine  Veranlassung  aus  Billigkeitsgründen
  über  das  formelle  Recht  hinauszugehen,  nicht  vorliege,  weil  die
Sozialdemokraten  nicht  um  der  Sache  selbst,  sondern  um  der  Agitation  im
Lande  willen,  ihr  Verlangen  erheben.  Der  Antrag  wird  gegen  die  Stimmen
der  Sozialdemokraten,  Deutschfreisinnigen  und  einiger  Zentrumsmitglieder
abgelehnt.

20.  April.  (Fall  Schnäbele.)  Der  französische  Grenzkommissar
  auf  dem  Bahnhofe  zu  Pagny,  der  Leiter  der  französischen
Spionagé  in  den  Reichslanden,  Schnäbele,  wird  von  2  deutschen
Geheimpolizisten  beim  Ueberschreiten  der  Grenze  auf  deutschem  Gebiete
  festgenommen.

20.  April.  (Rußland  und  Oesterreich  1876.)  Die
„Norddeutsche  Allg.  Zeitung“  beginnt  eine  länger  fortgesetzte  Polemik
  gegen  die  Verdächtigungen  Deutschlands  in  russischen  Blättern,
als  habe  dieses  1877  Rußland  um  die  Früchte  seiner  Orientpolitik
gebracht,  und  enthüllt  das  im  Jahre  1876  zwischen  Rußland  und
Oesterreich  abgeschlossene  Abkommen  über  Bosnien.  (St.A.  Bd.  48.)

21.—27.  April.  (Preußen:  Kirchengesetzvorlage.)
Abgeordnetenhaus.

In  der  ersten  Beratung  beschränkt  sich  Windthorst  (Z.)  auf  die
Erklärung:  der  heilige  Stuhl  habe  zu  erkennen  gegeben,  daß  die  Vorlage
in  der  Fassung  der  Herrenhausbeschlüsse  den  Zugang  zu  dem  ersehnten  und
mühsam  erstrebten  Frieden  bilde,  daß  weitere  Verhandlungen  über  das  Ein-
        <pb n="124" />
        112  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

spruchsrecht  zwischen  dem  hl.  Stuhle  und  Preußen  schwebten  und  der  hl
Stuhl  hoffe  hieruber  und  über  die  Handhabung  desselben  zur  Verständigung
zu  gelangen.  Daher  habe  der  hl.  Vater  das  Zentrum  aufgefordert,  für  die
Annahme  der  Vorlage  einzutreten.  Diesem  Wunsche  folgend,  würde  sich  das
Zentrum  bei  der  Abstimmung  verhalten.

Richter  (df.)  spricht  gegen  die  Vorlage.  Fürst  Bismarck:  Die
Vorlage,  welche  uns  beschaftigt,  ist  in  der  Presse  und  hier  im  Hause  in
diametral  entgegengesetzter  Richtung  von  verschiedenen  Seiten  angegriffen
worden.  Den  einen  ging  sie  nicht  weit  genug  in  ihren  Konzessionen  an  die
katholische  Kirche,  den  anderen  ging  sie  zu  weit.  Die  erstere  Meinung  ist
nach  dem,  was  wir  heute  hier  gehört  haben,  eingestandenermaßen  nur  durch
die  Fortschrittspartei  und  deren  Organ,  den  Abg.  Richter,  vertreten.  Hr.
Richter  findet,  daß  die  Vorlage  so,  wie  sie  liegt,  in  den  Konzessionen,  auf
welche  die  katholische  Kirche  Anspruch  hat,  nicht  weit  genug  gehe:  er  ist
also  seinerseits  katholischer  als  der  Papst.  Dem  Papste  ging  sie  weit  genug.
Ich  weiß  nun  nicht,  ob  Hr.  Richter  bei  dieser  Darlegung  in  seiner  Eigenschaft
  als  unabhängiges  selbständiges  Parteihaupt  oder  ob  er  noch  unter  der
Einwirkung  seines  auf  Wahleinflüssen  beruhenden  Lehnsverhältnisses  zu  einem
Teile  des  Zentrums  gesprochen  hat.  (Sehr  gutl  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.).
  Daß  das  letztere  nicht  der  Fall  ist,  daß  Hr.  Richter  das  Mundstück
  für  Äußerungen  ist,  die  man  von  seiten  der  Zentrumsabgeordneten,  die
ihm  Bravo  zuriefen,  als  er  sich  setzte,  dem  Papste  gegenüber  und  seinen  öffentlichen
  Kundgebungen  nicht  hat  selbst  in  den  Mund  nehmen  wollen,  das  wird
mir  dadurch  wahrscheinlich,  daß  ich  einen  großen  Teil  dessen,  was  Hr.  Richter
heute  gesagt  hat,  schon  vorher  in  der  „Kölnischen  Volkszeitung",  im  „Westfälischen
  Merkur"  und  anderen  Blättern  dieser  Richtung  gelesen  zu  haben
glaube.  Selbst  in  den  Détails  hat  Hr.  Richter  —  er  hat  ja  ein  gutes  Gedächtnis
  —  den  Wortlaut  beibehalten.  Ich  habe  hier  die  „Kölnische  Volkszeitung“,
  wo  gesagt  ist:  Zahlreiche  Zuschriften,  die  uns  und  anderen  katholischen
  Blättern  zugehen,  zeigen  deutlich  die  Erbitterung,  von  welcher  die
Geistlichkeit  bei  der  Aussicht  erfüllt  ist,  unter  die  Kontrolle  der  Gendarmen
und  Ortsvorsteher  zu  kommen.  Ich  habe  nicht  alle  diese  Sachen  bei  der
Hand;  aber  im  „Westfälischen  Merkur“  glaube  ich  auch  die  Anspielung  auf
meine  Person  gelesen  zu  haben,  welche  Stellung  ich  zu  den  Sachen  hätte,
ganz  wie  Hr.  Richter  es  als  gelehriger  Schüler  seiner  Lehnsherren  hier  vorgetragen
  hat.  Ich  habe  seine  Selbständigkeit  früher  höher  taxiert,  und  wenn
ich  bei  dem  geringen  Maße,  das  er  selbst  sich  beilegt,  nach  seinem  heutigen
Auftreten  auch  für  die  Sache  keinen  erheblichen  Vorteil  mir  davon  verspreche,
oh  ich  ihn  hier  widerlege  oder  nicht,  so  nötigen  mich  doch  einige  direkt  an
mich  persönlich  gerichtete  Außerungen  von  ihm,  auf  das,  was  er  gesagt  hat,
einzugehen.  Ich  kann  ihm  hiebei  das  Zeugnis  geben,  daß  er  die  Absichten
seiner,  wie  ich  glaube,  kirchlich  verschämten  Auftraggeber  doch  nicht  vollkommen
  richtig  versteht  und  würdigt,  wenn  er  sich  hier  so  bitter  darüber
ausläßt,  daß  der  Einspruch  der  Staatsbehörde  gegen  die  Ernennung  von
Geistlichen  wesentlich  aus  politischen  Motiven  entnommen  werden  sollte.  Aus
welchen  soll  er  denn  sonst  entnommen  werden?  Etwa  aus  dogmatischen?
Soll  denn  der  Staat  sich  zum  Glaubensrichter  machen  über  die  Geistlichkeit?
Ist  es  Hrn.  Richter  denn  nicht  bekannt,  daß  seit  Jahrzehnten,  wenn  nicht
länger,  es  anerkannter  Grundsatz  der  katholischen  Kirche  ist,  daß  da,  wo  sie
das  Einspruchsrecht  überhaupt  zugibt,  es  ob  causas  civiles  et  politicas
zulässig  ist?  Also  der  Hr.  Abg.  Richter  hat  noch  nicht  die  hinreichenden
Weihen  empfangen,  um  klerikal-  demokratische    Interessen  hier  mit  Sicherheit
zu  vertreten;  sonst  würde  er  diesen  bis  zur  Abgedroschenheit  bekannten  Satz
nicht  angefochten  haben,  daß  nur  politische  Gründe  das  Einspruchsrecht  der
        <pb n="125" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)  113

Regierung  motivieren  können.  Es  wird  von  demselben  wie  bisher  so  auch
in  Zukunft  ein  sehr  spärlicher  Gebrauch  gemacht  werden;  mit  Dogmatischem
werden  wir  uns  sicher  nicht  befassen.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  in  einer
Anwandlung  von  ihm  sonst  nicht  eigener,  wenigstens  bei  ihm  selten  hervortretender
  nationaler  Entrüstung  sich  darüber  ausgesprochen,  daß  wir  einen
Ausländer  zur  Hilfe  gerufen  hätten  in  deutschen  Angelegenheiten;  er  hat
gesagt,  so  etwas  würde  in  England,  in  Frankreich  —  ich  weiß  nicht,  was
er  sonst  noch  nannte  —  nicht  vorkommen.  Der  Hr.  Abgeordnete  muß  kaum
so  viel  Zeitungen  lesen,  als  er  selbst  schreibt  oder  schreiben  läßt;  sonst  würde
er  doch  wissen,  daß  in  der  französischen  Politik  die  Frage  der  Haltung  Rußlands
  eine  ganz  bedeutende  Rolle  spielt,  und  daß  selbst  in  den  nationalsten
russischen  Blättern  die  Frage,  was  Frankreich  thut  und  ob  Frankreich  Freund
oder  Feind  einer  gewissen  Richtung  der  Politik  sein  wird,  eine  hervorragende
Rolle  spielt.  England  führte  der  Hr.  Abgeordnete  ferner  namentlich  an,
mit  großer  Emphase,  die  sich  recht  hübsch  ausnimmt,  wenn  das,  was  der
Vortragende  anführt,  richtig  ist;  wenn  er  aber  so  unterstreicht,  dann  muß
er  doch  auch  die  politischen  Situationen  und  Erlebnisse  unserer  jüngsten  Zeit
einigermaßen  verstehen.  Es  ist  gar  nicht  zweifelhaft,  daß  die  englische  Regierung
  von  Wünschen,  den  päpstlichen  Beistand  früher  gegen  die  Fenier,
später  gegen  die  Parnelliten  zu  gewinnen,  lebhaft  beseelt  gewesen  ist  und
daraus  kein  Hehl  macht.  Aber  selbst  wenn  dieses  Beispiel  und  dieser  Irrtum
  des  Hr.  Vorredners  nicht  vorläge,  so  würde  ich  mich  doch  nie  bedacht
haben,  den  Beistand  eines  Ausländers,  wie  der  Hr.  Vorredner  den  Papst
nannte,  in  unseren  deutschen  Angelegenheiten  da  zu  acceptieren,  zu  erbitten,
wo  ich  glaube,  daß  er  für  unsere  deutschen  Interessen  nützlich  ist.  Das  ist
ja  doch  gerade  das  Wesen  der  Diplomatie,  an  deren  Spitze  ich  bei  uns  stehe,
daß  man  sich  Freunde  im  Auslande  verschafft.  Wenn  er  nun  den  Papst
als  Ausländer  bei  uns  so  bestimmt  bezeichnet  —  ja,  das  mag  er  als  Protestant
  thun;  aber  da,  glaube  ich,  ist  er  wieder  nicht  der  getreue  Mandatar
seiner  katholischen  Vollmachtgeber;  denn  wenn  ich  Katholik  wäre,  glaube  ich
nicht,  daß  ich  die  Institution  des  Papsttums  als  eine  ausländische  betrachten
würde,  und  von  meinem  paritätischen  Standpunkt,  den  ich  als  Vertreter  der
Regierung  innehalten  muß,  gebe  ich  das  zu,  daß  das  Papsttum  eine  nicht
bloß  ausländische,  eine  nicht  bloß  weltallgemeine,  sondern,  weil  sie  eine  weltallgemeine
  ist,  auch  eine  deutsche  Institution  für  die  deutschen  Katholiken
ist  —  also  auch  da  fällt  Hr.  Richter  durch  das  theologische  Examen.  Wenn
dieser  Ausländer  unser  Freund  ist,  so  ist  seine  Unterstützung  mir  jedenfalls
willkommen,  und  ich  würde  glauben,  die  Interessen  meines  Landes  aus  rein
nationalem  Hochmut,  wie  er  dem  Hrn.  Richter  sonst  doch  auch  nicht  eigentümlich
  ist,  zu  schädigen,  wenn  ich  die  Unterstützung  eines  ehrlichen  und
mächtigen  Herrn,  wie  es  der  Papst  ist,  deshalb  ablehnte,  weil  er  eben  in
Rom  wohnt.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  sich  darüber  beschwert,  daß  durch
preußische  Behörden,  durch  Landräte,  die  Jacobinischen  Noten  ausdrücklich
und  amtlich  mitgeteilt  wurden.  Er  hat  das  als  etwas  Strafbares,  gewissermaßen
  als  ein  pudendum,  was  er  hier  vor  der  Oeffentlichkeit  bloßstellen
müßte,  dargestellt.  Meine  Herren,  diese  Veröffentlichungen  sind  von  der  Regierung
  angeordnet,  und  die  Anordnung  ist  von  mir  angeregt  worden,  weil
ich  fand,  daß  die  katholischen  Wähler  über  den  Inhalt  der  Jacobinischen
Noten  in  einer  so  schamlosen  Weise  belogen  wurden  (Unruhe),  daß  ich  es
für  die  Pflicht  der  Regierung  hielt,  die  amtliche  Aussprache  des  Oberhauptes
er  katholischen  Kirche  zur  Kenntnis  der  preußischen  Katholiken  zu  bringen,
sovier  an  mir  lag.  Von  anderer  Seite  ist  diese  Bestrebung,  den  Katholiken,
den  katholischen  Wählern  die  Ansichten  des  Papstes  mitzuteilen,  nach  Möglichkeit
  gehindert  worden,  die  Jacobinischen  Depeschen  sind  verkürzt  worden

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXVIII.  8
        <pb n="126" />
        114 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (April  21.—27.)

entstellt  worden  und  da,  wo  die  Bevölkerung  des  Landes  der  deutschen  Sprache
unkundig  war,  falsch  übersetzt  worden.  Das  alles  ist  vorgekommen,  und  dem
gegenüber  hatte  die  Regierung  die  ehrenvolle  Aufgabe,  die  Wahrheit  gegen
die  Lüge  zu  vertreten.  (Bravo!  rechts.)  Wenn  Hr.  Richter  irgend  eine  Autorität
  über  sich  anerkennte,  die  ich  anrufen  könnte  gegen  die  Angriffe,  die
er  und  seine  Partei  auf  das  Bestehen  und  den  inneren  Frieden  des  deutschen
Reiches  richten,  es  wäre  ja  natürlich  keine  geistliche  Autorität,  aber  wenn
er  eine  solche  respektierte  —  möchte  es  ein  Ausländer  oder  ein  Inländer
sein  —  ich  würde  mich  sicher  an  den  Papst,  den  Hr.  Richter  anerkennt,  wenen,
  um  dessen  Beistand  anzurufen  gegen  die  subversiven  Angriffe,  die  seine
Fraktion  (Oho!  links)  gegen  das  Bestehen  unseres  Reiches  richtet.  Aber
eine  solche  Autorität  besteht  nicht.  Die  Klerikaldemokratie  erkennt  eine  solche
glücklicherweise  an,  und  ich  freue  mich,  daß  beide  Autoritäten,  die  weltliche
und  die  geistliche,  im  Kampfe  gegen  die  Demokratie  hier  Hand  in  Hand
gehen.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  von  Wahlkunststücken  der  diesjährigen
Wahlen  gesprochen,  er  hat  auch  in  einem  anderen  Hause  schon  gesagt,  die
ganze  Wahl  wäre  ein  Produkt  der  Angst.  Wer  die  meisten  Kunststücke  bei
dieser  Wahl  gemacht  hat,  diejenigen,  die  eine  althergebrachte  Routine  darin
haben,  oder  diejenigen,  die  als  Wähler  —  der  Hr.  Abgeordnete  führte,  ich
weiß  nicht,  welche  Zahl  an  —  neu  eingetreten  sind,  die  mehr  gewählt  haben,
als  das  vorige  Mal,  das  lasse  ich  dahingestellt.  Die  Wahrscheinlichkeit  spricht
dafür,  daß  die  alten  Routiniers  und  Werbeoffiziere,  die  das  Wahlgeschäft
kennen,  die  meisten  Kunststücke  gemacht  haben.  Der  Hr.  Abgeordnete  will
sich  gar  nicht  mit  der  Thatsache  befreunden,  daß  das  Resultat,  das  ihm
unerwünschte  Resultat  der  jüngsten  Wahlen  gar  keinen  anderen  Grund  hat,
als  die  nationale  Entrüstung,  die  sich  der  Deutschen  bemächtigt  hat  über  die
Haltung  der  fortschrittlichen  Opposition.  (Bravol  rechts.)  Gerade  die  fortschrittliche
  Partei  hat  den  größten  Nachteil  davon  gehabt.  Sie  hatte  es
möglich  gemacht,  daß  im  Reichstag  sich  auf  der  Basis  des  Kirchenstreits  eine
Art  von  babylonischem  Turm  aufbaute  gegen  die  Regierung,  daß  außer  der
Fortschrittspartei  alles,  was  malkontent  war  im  deutschen  Reich,  sich  zu  einer
geborenen  antigouvernementalen  Majorität  zusammenfand.  Dieser  Turmbau
zu  Babel  ist  eben  durch  diese  Wahl  gestürzt.  Es  ist  eine  Art  von  Sprachverwirrung
  eingerissen  unter  denen,  die  ihn  bildeten  und  bauten,  die  sich
mit  der  Zeit  wohl  klären  wird.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  mir  vorgeworfen,
nach  meinen  Aeußerungen  im  Herrenhause,  daß  ich  der  jetzigen  regierungsfreundlichen
  Majorität  im  Reichstag  doch  nicht  so  sicher  wäre  für  die  Zukunft.
  Ja,  ich  bin  überhaupt  nicht  ein  Mensch,  der  von  dem  Tag  in
den  Tag  hineinlebt  und  mit  dem  Augenblick  zufrieden  ist,  der  sich  freut  und
glücklich  ist  und  Thorheiten  begeht,  wenn  er  sich  an  der  Spitze  der  Majorität
befindet,  sondern  ich  habe  gelernt,  mit  der  Zukunft  zu  rechnen  und  sie  sorgfältig
  zu  prüfen.  Die  Möglichkeit  ist  ja  vorhanden,  daß  mal  wieder  eine
andere  Majorität  kommt.  Es  wäre  ein  großes  Unglück,  wenn  das  wiederum
eine  demokratische  wäre;  aber  man  muß  auch  damit  rechnen,  und  meine
Schuldigkeit  ist  doch,  an  meiner  Stelle  —  ich  würde  sonst  die  mir  anvertrauten
  Interessen  verraten  —  dagegen  bei  Zeiten  zu  thun,  was  ich  kann,
und  vorsorgend  dem  entgegenzuwirken.  Und  dessen  schäme  ich  mich  ja  auch
gar  nicht.  Wenn  der  Hr.  Abgeordnete  daraus  ableiten  will,  daß  ich  Furcht
vor  Majoritäten  habe,  so  habe  ich  allerdings  Furcht;  aber  der  Gegenstand,
den  sie  betrifft,  ist  doch  ein  anderer;  es  ist  nicht  die  Majorität,  sondern  die
Schädigung  des  Landes  durch  eine  landesfeindliche  und  gewissenlose  Majorität.
  (Bravol  rechts.)  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  ferner  eine  Spitze  gegen
mich  gewandt,  die  ich  geradezu  als  eine  kümmerliche  bezeichnen  muß.  Er
hat  als  Grund,  warum  ich  nach  einer  Majorität  strebte,  meinen  Wunsch,
        <pb n="127" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.  -—27.)  115

im  Amte  zu  verbleiben,  angeführt.  Nachdem  ich  fünfundzwanzig  Jahre  dieses
Vergnügen  genossen  habe,  glaube  ich  doch  in  meinem  dreiundsiebzigsten  Jahre
des  Verdachts  überhoben  sein  zu  können,  daß  die  Frage  irgendwie  auf  mich
einwirkt.  Jedermann,  der  mich  kennt,  weiß,  wie  glücklich  und  wie  froh  ich
sein  würde,  wenn  ich  mit  Anstand  aus  der  Stellung  zurücktreten  könnte,  in
der  ich  mich  augenblicklich  befinde,  wenn  ich  die  Bürde  des  Amtes  auf  andere
  übertragen  könnte.  Also  das  berührt  mich  nicht  und  ist  bloß  ein  Beweis
  des  üblen  Willens  und  der  Neigung,  mir  unwürdige  Motive  unterzuschieben,
  die  ja  den  Hrn.  Abg.  Richter  charakterisieren.  Es  wird  das  auch
niemandem  etwas  neues  sein.  Der  Herr  Abgeordnete  hat  mir  vorgeworfen,
ich  strebte  danach,  eine  Majorität  zu  gewinnen,  die  das  thäte,  was  ich  wünschte.
Nun,  soll  ich  etwa  nach  einer  Majorität  streben,  die  das  Gegenteil  will  von
dem,  was  ich  für  nützlich  und  zweckmäßig  und  für  notwendig  für  den  Staat
halte:  Das  ist  doch  natürlich,  so  lange  ich  Minister  bin,  daß  ich  mich  bemühe,
  die  Maßregeln  und  Einrichtungen  durchzusetzen,  von  denen  ich  nach
meiner  Ueberzeugung  glaube,  daß  sie  dem  Lande  nützlich  sind,  und  so  lange
ich  eben  Minister  bin,  kann  ich  nur  nach  meinen  Ansichten  und  nicht  nach
denen  des  Hrn.  Abg.  Richter  handeln.  So  wie  die  Sache  liegt,  habe  ich
aber  heute  eigentlich  kein  Bedürfnis,  die  geringen  Kräfte,  über  die  ich  verfüge,
  an  den  Hrn.  Abg.  Richter  zu  verwenden.  Ich  kam  hieher  hauptsächlich
in  der  Absicht,  diejenigen  Mitglieder  des  Hauses,  welche  ich  Freunde  der
Regierung  nennen  kann,  davor  zu  warnen,  daß  sie  durch  ihr  Verhalten  die
jetzige  Vorlage  zu  Fall  bringen.  Ich  bin  überzeugt,  daß  alle  Mitglieder
der  nationalen  Parteien  mit  mir  darüber  einig  sind,  daß  wir  unseren  katholischen
  Mitbürgern  diejenigen  Konzessionen,  die  wir  ohne  Schaden  für  den
Staat  machen  können,  auch  machen  sollen.  Wir  können  nur  in  Meinungsverschiedenheit
  sein  über  die  Grenze  für  die  Bewilligung  des  Staats.  Die
königliche  Regierung  ist  nun  der  Meinung,  daß  diese  Grenze  durch  die  Vorlage,
  wie  sie  aus  dem  Herrenhaus  kommt,  nicht  überschritten  wird,  und
wenn  auch  sie  das  eine  oder  andere  in  dieser  Vorlage  anders  gewünscht  hätte,
so  hat  sie  doch  ihrerseits  die  Pflicht  —  und  ich  glaube,  meine  Herren,  Sie
haben  sie  auch  —  den  Schaden,  der  auf  die  eine  oder  andere  Weise  dem
Lande  und  seinem  Frieden  zugefügt  werden  kann,  gegen  einander  abzuwägen
und  das  kleinere  Uebel  zu  wählen;  sich  zu  fragen:  ist  der  größere  Schaden
und  das  größere  Uebel  in  der  Fortdauer  des  Kampfes,  dessen  weitere  Entwicklung
  niemand  vorher  beurteilen  kann,  oder  ist  der  größere  Schaden  in
den,  ich  möchte  sagen,  mäßigen  Konzessionen,  durch  welche  ein  modus  vivendi,
nach  welchem  wir  lange  gesucht  haben,  erreicht  ist!  Wenn  Sie  diese  Vorlage
  zu  Fall  bringen  oder,  wie  wir  aus  den  Aeußerungen  des  Hrn.  Abg.
Dr.  Windthorst  entnehmen  können,  auch  nur  amendieren  und  sie  durch  die
Veränderung  zu  Fall  bringen,  so  zerstören  Sie  der  Regierung  die  Frucht
einer  langjährigen  und  mühsamen  Arbeit,  die  in  diesem  jetzt  mit  der  Kurie
gewonnenen  Kompromiß  ihre  Krönung  gefunden  hat.  Sie  können  nicht
voraussehen,  welche  Wendung  der  Streit  nachher  nimmt,  wenn  der  jetzige
Moment  zu  dem  beantragten  Abschluß  nicht  benutzt  wird.  Ich  begreife,  daß
ein  so  heftiger  Kampf,  wie  er  seit  15  Jahren  uns  beschäftigt  hat,  gewisse
Rückstände  von  Kampfeszorn  und  Erbitterung  hinterläßt,  die  es  einem  deutschen
Gemüte  vorzugsweise  schwer  machen,  dem  Gegner  zu  irgend  einer  Zeit  die
Hand  zu  reichen  und  den  gewohnten  und  liebgewonnenen  Beschäftigungen
des  Kulturkampfes  zu  entsagen.  Aber,  meine  Herren,  die  Regierung  darf
an  diesen  Rückständen  keinen  Teil  haben,  sie  darf  sich  nur  fragen:  was  ist
für  unseren  inneren  Frieden  und  für  den  gesamten  Staat  nützlich:  Der  Hr.
Abg.  Gneist  hat  in  seiner  wissenschaftlichen  Weise  die  Gefahren  und  Schäden
entwickelt,  die  bei  Annahme  der  jetzigen  Vorlage  für  den  Staat  erwachsen
8*
        <pb n="128" />
        116  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

würden.  Ich  halte  das  Bild,  das  er  uns  davon  entworfen  hat,  doch  für
etwas  übertrieben,  und  er  wird  mir  darin  Recht  geben  müssen,  daß  wir  vor
dem  Jahre  1871  unter  Zuständen  gelebt  haben,  bei  denen  die  katholische
Kirche  mindestens  alle  diejenigen  Rechte  hatte,  die  ihr  heute  gewährt  werden
sollen  (sehr  richtig!),  ohne  daß  wir,  die  Evangelischen,  glaubten,  dadurch  zu
kurz  zu  kommen.  (Sehr  gut!)  Alle  diejenigen,  die  sich  dieser  Zeit  erinnern
—  und  das  werden  doch  die  meisten  unter  uns  —  werden  mit  mir  darüber
einig  sein,  daß  von  evangelischer  Seite  und  von  staatlicher  Seite  damals
eigentlich  keine  Klage  stattgefunden  hat  —  ich  erinnere  mich  keiner  —  daß
sie  sich  durch  die  Rechte  der  katholischen  Kirche,  die  noch  um  einiges  bedeutender
  waren  als  diejenigen,  die  ihr  jetzt  wieder  gewährt  werden,  beengt
fühlten,  und  daß  der  Staat  seine  Aufgabe  nicht  habe  lösen  können.  Wir
haben  sie  bis  1871  gelöst,  und  zwar  große  Aufgaben;  wir  haben  in  diesem
Zustande  die  deutsche  Einheit  hergestellt,  große  Kriege  geführt,  wir  haben
eine  große  innere  Entwicklung  gehabt.  Wo  sind  denn  da  die  Gefahren  gewesen,
  die  jetzt  an  die  Wand  gemalt  werden  als  wahrscheinlich  eintretend,
wenn  wir  diese  Vorlage  annehmen?  Ich  kann  mich  ihrer  nicht  entsinnen,
und  ich  glaube,  dieser  Vergleich  mit  der  damaligen  Zeit  von  1871  wird  die
Zukunft  als  eine  minder  gefährliche  erscheinen  lassen  —  auch  in  den  Augen
des  ersten  Hrn.  Redners  (Gneist);  und  ich  glaube,  daß,  wenn  der  Herr  genötigt
  würde,  sich  die  Frage,  ob  Ja  oder  Nein,  mit  demselben  Gefühle  von
Verantwortlichkeit  vorzulegen,  wie  ich  dazu  gezwungen  bin  durch  meine  Stellung,
  er  auch  mit  mir  für  Ja  stimmen  würde.  In  der  Stellung  eines  Abgeordneten
  und  eines  gelehrten  Herrn  kann  er  allerdings  sich  den  Luxus  einer
abweichenden  Ansicht  erlauben,  ohne  sich  wesentlich  für  die  Folgen  verantwortlich
  zu  machen.  Er  hat  zwar  diese  Verantwortlichkeit  auf  sich  und  seine
politischen  Freunde  genommen  in  seiner  Rede;  aber  was  hilft  mir  das?
Wenn  die  Uebel  eintreten,  kann  ich  mich  nicht  an  die  Herren  halten.  (Sehr
gut!  rechts.)  Ich  weiß  nicht,  was  ich  damit  machen  soll,  und  ich  möchte
die  Herren  bitten,  sich  zu  erinnern,  daß  das  Beste  des  Guten  Feind  ist.  Die
Staatsregierung  muß  sich  von  Kampfesreminiszenzen,  wenn  es  sich  um  den
Friedensschluß  handelt,  vollständig  freihalten,  und  sie  kann  weder  doktrinäre
noch  konfessionelle  Motive  ihrer  Haltung  unterlegen,  sondern  nur  politische,
ausschließlich  politische,  und  auf  die  Gefahr,  dem  Hrn.  Abg.  Richter  bei
seiner  Abneigung  gegen  politische  Motive  wiederum  Grund  zur  Kritik  zu
eben,  muß  ich  doch  eingestehen,  daß  meine  ganze  Stellung  zur  Sache  von

Anfang  an  nur  eine  politische  gewesen  ist,  und  in  keiner  Weise  eine  dogmatische.
  Es  ist  ein  landläufiges  Mißverständnis,  daß  unser  ganzer  Kirchenstreit
  sich  an  das  vatikanische  Konzilium  und  den  Beschluß  der  Unfehlbarkeit
  geknüpft  habe.  Ich  habe  gerade  dieses  Mißverständnis  durch  die  Veröffentlichung
  verschiedener  Depeschen,  welche  ich  angeordnet  habe,  zu  beseitigen
gesucht,  und  der  Hr.  Abg.  Richter  hat  aus  diesen  Depeschen  mit  Befriedigung
  gesehen,  daß  ich  nicht  hochtrabende  und  prinzipielle  doktrinäre  Politik
getrieben  habe,  sondern  einfach  hausbackene  diplomatische  Politik.  Wenn  er
glaubt,  mich  dadurch  in  meinem  Selbstgefühl  herunterzudrücken,  dann  irrt
er  sich.  Ich  würde  mich  schämen,  wenn  ich  überhaupt  in  meiner  Stellung
ein  Doktrinär  sein  wollte;  und  wenn  Sie  mich  einen  Opportunisten  nennen,
nehme  ich  auch  diese  Bezeichnung  dankbar  an;  denn,  was  ist  ein  Opportunist?
Es  ist  ein  Mann,  der  die  günstigste  Gelegenheit  benutzt,  um  das  durchzuführen,
  was  er  für  nützlich  und  zweckmäßig  hält,  und  das  ist  ja  eben  die
Aufgabe  der  ganzen  Diplomatie,  und  wenn  ich  mich  hätte  konfessionell  oder
doktrinär  in  diesen  Streit  hineinziehen  lassen,  dann  verdiente  ich  nicht  das
Vertrauen  meiner  Landsleute  in  der  doch  gewiß  von  konfessionellen  Ansichten
notwendig  freien  Stellung,  in  der  ich  mich  befinde.  Das  Vatikanum  ist  uns
        <pb n="129" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)  117

damals  —  ich  werde  die  Veröffentlichung  der  Depeschen  jener  Zeit  zur  Freude
des  Abgeordneten  Richter  noch  weiter  fortsetzen  —  nicht  als  eine  Gefahr  für
den  Staat  erschienen,  vielleicht  eher  für  die  Kirche  —  aber  das  war  nicht
unsere  Sache,  dafür  zu  sorgen  —  aber  wir  hatten  nichts  davon  befürchtet,
sind  auch  nicht  einmal  wesentlich  verstimmt  darüber  gewesen;  es  wäre  uns
allerdings  in  damaliger  Zeit  lieber  gewesen,  wenn  es  nicht  geschehen  wäre,
und  ich  kann  überhaupt  von  meinem  persönlichen  Eindruck  sagen:  auch  ich
habe  damals  nichts  wesentlich  befürchtet,  sondern  ich  habe  das  als  dogmatische
  Frage  innerhalb  der  katholischen  Kirche  angesehen,  mit  der  wir  uns
abzufinden  haben  würden,  wenn  sie  sich  irgendwie  in  Fragen  der  inneren
Politik  bei  uns  übersetzte  und  darstellte.  Ich  habe  auch  nach  dem  Vatikanum
  während  des  ganzen  französischen  Krieges  noch  in  einem  politisch
befreundeten  Verhältnis  mit  dem  jetzigen  Kardinal  Grafen  Ledochowski  gestanden;
  und  noch,  als  wir  aus  Frankreich  zurückkamen,  habe  ich  in  ähnlichen
  Beziehungen  zu  dem  damaligen  Bischof  von  Mainz,  Frhrn.  v.  Ketteler,
gestanden.  Alles  das  wird  Ihnen  beweisen,  daß  ich  damals  noch  durch  keine
Furcht  vor  dem  Vatikanum  angekränkelt  war  und  eine  solche  Krankheit  auch
von  diesen  hochstehenden  Prälaten  bei  mir  nicht  entdeckt  wurde.  Die  Frage,
wie  ich  dennoch  in  den  Streit  verwickelt  worden  bin,  werde  ich  gleich  berühren.
  Auch  der  Streit  in  Braunsberg  —  wenn  ich  nicht  irre,  war  es
der  des  Lehrers  Wollmann  —  hat  mich  noch  nicht  berührt,  ich  habe  das
als  Ressortsache  des  Kultusministeriums  betrachtet  und  bin  erst  hineingezogen
  worden,  wie  Hr.  Abg.  Richter  sehr  richtig  bemerkte,  durch  den  Angriff
einer  starken  und  auf  achtbaren  Fundamenten  gegründeten  Fraktion,  durch
den  Angriff,  den  das  Zentrum  bei  seiner  Entstehung,  bei  seinem  ersten  Auftreten
  auf  die  Reichsregierung  machte,  in  dem  Moment,  wo  die  Risse,  welche
die  Bestandteile  des  Reiches  bis  dahin  getrennt  hatten,  noch  nicht  vernarbt
waren,  und  wo  das  Reich  noch  auf  neuen  und  schwachen  Fundamenten  stand
und  wo  uns  von  seiten  der  Zentrumspartei  sofort  in  der  ersten  Adreßdebatte
damals  schwierige  Fragen  und  Anträge  gestellt  wurden,  die  gerade  ein  Wohlwollen
  und  eine  Neigung,  das  Reich  zu  unterstützen,  gar  nicht  verrieten.  Es
war  dies  schon  damals  das  für  die  Deutschen  eigentümliche  Interesse  für
die  polnischen  Bestrebungen  —  wie  die  Herren,  die  das  noch  mitgemacht
haben,  sich  erinnern  werden  —  es  war  der  Wunsch,  die  Grundrechte,  die
wir  dem  Jahre  1848  der  preußischen  Verfassung  verdanken,  in  die  deutsche
einzubürgern,  und  auch  die  Neigung,  uns  zu  einem  Römerzuge  zu  bestimmen
(Widerspruch  im  Zentrum),  den  kaum  geschlossenen  Frieden  Europas  wieder
in  Frage  zu  stellen.  Wir  konnten  darauf  nicht  eingehen.  Daß  ich  auf  dieses
Verhalten  der  Zentrumspartei  nicht  gefaßt  war,  dafür  erlaube  ich  mir  einige
kurze  Stellen  aus  älteren  Aeußerungen  von  mir  anzuführen  im  Januar  1872
bei  der  Diskussion  in  diesen  Räumen  hier,  wo  ich  Zeugnis  abgelegt  habe
über  die  Stellung  mit  der  ich  also  neun  Monate  früher  dem  neugebildeten
Zentrum  gegenübergestanden  habe.  Ich  sagte  damals:  Wenn  dieses  streitbare
  Korps,  welches  zweifellose  Anhänger  der  Regierung,  die  im  Wahlkreise
angesehen  waren,  aus  ihren  Sitzen  verdrängt  und  eine  solche  Macht  übt,
daß  es  gänzlich  unbekannte  Leute  durch  einfachen  Befehl  von  hier  aus  durchsetzt,
  wird  dieses  streitbare  Korps  der  Regierung  verbündet  sein,  wird  es  ihr
helfen  wollen,  oder  wird  es  sie  angreifen?  Ich  erklärte,  ich  wäre  zweifelhaft
  gewesen  damals.  Ich  bin,  als  ich  aus  Frankreich  zurückkehrte,  unter
dem  Eindruck  und  in  dem  Glauben  gewesen,  daß  wir  an  der  katholischen
Kirche  eine  Stütze  für  die  Regierung  haben  würden  —  vielleicht  eine  unbequeme
  und  vorsichtig  zu  behandelnde  —  ich  bin  in  Sorge  gewesen,  wie
wir  es  anzufangen  haben  würden,  vom  politischen  Standpunkte  aus,  etwa
exigeante  Freunde  so  zu  befriedigen,  daß  wir  mit  ihnen  auf  die  Dauer  leben
        <pb n="130" />
        118  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

können,  und  daß  wir  dabei  die  nötige  Fühlung  mit  der  Mehrheit  des  Landes
  behielten.  Diese  Sorge  hat  mich  damals  in  erster  Linie  beschäftigt.
Dann  sagte  ich:  Wir  hatten  gehofft,  an  einer  streng  kirchlichen  Partei  eine
Stüze  für  die  Regierung  zu  gewinnen,  die  dem  Kaiser  gibt,  was  des  Kaisers
ist,  die  die  Achtung  vor  der  Regierung  auch  da,  wo  man  glaubt,  daß  die
Regierung  irrt,  in  allen  Kreisen,  namentlich  in  den  Kreisen  des  politisch
weniger  unterrichteten  gemeinen  Mannes,  der  Masse,  zu  erhalten  sucht.  Also
da  habe  ich  die  Gefühle  ausgesprochen,  im  Ganzen  doch  wohlwollend  und
vertrauend,  die  mich  für  das  Zentrum  damals  beseelten.  Das  erste  Auftreten
desselben  enttäuschte  mich  darüber.  Jedenfalls  ist  das,  was  ich  verlesen  und
angeführt  habe,  ausreichend,  um  zu  beweisen,  daß  es  rein  politische  Motive
waren,  die  mein  Verhalten  dem  Zentrum  gegenüber  bestimmt  haben,  keine
dogmatischen,  keine  doktrinären  und  keine  von  der  hochtrabenden  Richtung,
in  der  der  Abgeordnete  Richter  das  Verdienst  politischer  Motive  hauptsächlich
  zu  suchen  pflegt,  einer  Richtung,  die  für  oratorische  Effekte  ganz  richtig
sein  mag,  die  aber  das  Land  ins  Verderben  führte,  das  sie  sich  aneignen
wollte.  Diese  Beziehungen  wurden  nun  auf  die  Kurie  dadurch  übertragen,
daß  wir  uns  —  die  Regierung  nämlich  —  in  Rom  über  das  Verhalten
einer  Partei  beschwerten,  die  nur  auf  der  Basis  der  päpstlichen  Autorität,
die  sie  zu  vertreten  beabsichtigte,  die  Wahlstimmen  erhalten  hatte.  Wir
hatten,  wie  bekannt,  zur  Zeit  Antonellis  zu  Anfang  günstige,  später  infolge
von  deutschen  Einflüssen,  die  von  hier  aus  in  Rom  geübt  waren,  ablehnenke
Antworten  erhalten.  Wir  sahen  auf  diese  Weise  in  der  Kurie  damals  einen
Bundesgenossen  einer  inneren  Fraktion,  gegen  die  wir  glaubten  uns  wehren
zu  müssen,  weil  sie  das  Reich  in  seinen  Fundamenten  angriff.  Defensiv  kann  das
erste  Auftreten  des  Zentrums  damals  schwerlich  gewesen  sein.  In  der  ganzen
Politik  des  Norddeutschen  Bundes,  die  jener  Epoche  voranging,  hatte  nichts
gelegen,  was  die  katholische  Kirche  irgendwie  für  ihren  Besitzstand  besorgt
machen  konnte.  Der  Zuwachs  von  katholischen  Wählern,  der  durch  den  Beitritt
  von  Süddeutschland  zum  Bunde  erfolgte,  erzeugte  die  Versuchung,  nun
mit  einer  an  Zahl  stärkeren  katholischen  Partei,  als  sie  bisher  im  Norddeutschen
  Bunde  gewesen  war,  auf  Machterweiterung  auszugehen  und  zunächst
  bethätigte  sich  das  in  dem  Antrage,  den  mir  der  Bischof  von  Mainz
stellte,  die  preußischen  kirchenpolitischen  Gesetze  im  Reichstage  als  Reichsgesetze
in  Antrag  zu  bringen,  um  sie  in  die  kleineren  nichtpreußischen  Staaten  einzuführen.
  Wir  befanden  uns  also  in  der  Abwehr  eines  Angriffs.  Man  hat
in  der  Presse,  um  meinem  Auftreten  in  diesem  ganzen  Streite  einen  konfessionellen
  Charakter  beizulegen,  darauf  Bezug  genommen,  daß  ich,  laut  bekannter
  Publikationen,  schon  in  Frankfurt  antikatholisch  gewesen  wäre.  Ich
weiß  nicht,  aus  welchen  veröffentlichten  Briefen  man  das  folgert.  Jedenfalls
  ist  es  eine  Unwahrheit  und  trifft  nur  insofern  zu,  als  der  damalige
Gegner  der  preußischen  Politik  Oesterreich  war,  sowie  es  1871  das  Zentrum
war,  und  die  katholische  Geistlichkeit,  soweit  sie  auf  die  Bundesverhältnisse
Einfluß  hatte,  Partei  für  Oesterreich  nahm.  Aus  ganz  ähnlichen  Motiven,
in  dem  Kampf  für  preußische  Interessen,  bin  ich  veranlaßt  gewesen,  manche
katholische  Geistliche  und  ihre  Bestrebungen  als  Gegner  zu  behandeln.  Ich
habe  darüber  in  einer,  ich  glaube  in  derselben,  Rede  gesagt:  „Ich  habe  immer
den  Grundsatz  nützlich  gefunden,  des  Freundes  Freund  und  des  Gegners
Gegner  zu  sein  —  und  so  erklärt  sich  auch  mein  Verhalten  —  und  Konzessionen
  in  der  jetzigen  Lage  zu  machen,  ist  mir  deshalb  wie  die  alte  Fabel
vom  Wanderer,  seinem  Mantel  und  der  Sonne  und  dem  Winde  vorgekommen.
Der  Wind  konnte  ihn  nicht  nehmen,  die  Sonne  gewann  es  ihm  ab  und  mit
der  Sonne  würden  die  Herren  auch  weiter  gekommen  sein.“  Als  den  Mantel,
  den  abzunehmen  damals  der  Wunsch  sein  konnte,  betrachte  ich  die  Mai-
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        Dss  deutsche  Reich  und  seime  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)  119

gesetze  in  ihrem  vollen  Umfange,  wie  sie  nachher  gewesen  sind.  Aber  —  ich
möchte  das  Gleichnis  auch  heute  anwenden  —  wenn  nun  anstatt  des  früheren
Sturmwindes,  anstatt  der  Unterstützung  durch  stürmische  Anträge  von  Parteien
  im  Reichstage,  jetzt  die  Sonne  des  Wohlwollens,  des  friedlichen  Entgegenkommens
  nach  dem  Regierungswechsel  im  Vatikan  vor  uns  steht,  so  ist
auch  der  Moment  für  mich  eingetreten,  den  ich  damals  schon  vorausgesehen
habe,  die  dargebotene  Hand  nicht  zurückzuweisen.  Ich  kann  für  das,  was
ich  über  die  Braunsberger  Frage  sagte,  wie  gleichgiltig  sie  mir  wäre,  auch
meine  Worte  vom  Januar  1872  anführen:  Der  Weg  wird  nicht  in  kleinlichen
  Maßregeln,  in  Chikanen  liegen,  und  ich  bedauere,  daß  die  Braunsberger
  Angelegenheit,  vermöge  der  Schwierigkeiten,  mit  welchen  jede  Aenderung
  der  Staatsgesetzgebung  bis  in  kleinlichste  Konsequenzen  verbunden  ist,
und  gegenüber  der  Heftigkeit,  mit  der  aggressiv  von  der  anderen  Seite  aufgetreten
  wurde,  zu  gesetzlichen  Konflikten  hat  führen  müssen.  Dogmatische
Streitigkeiten  über  die  Wandlungen  oder  Deklarationen,  welche  innerhalb
des  Dogmas  der  katholischen  Kirche  vorgegangen  sein  können,  zu  beginnen,
liegt  der  Regierung  sehr  fern  und  muß  ihr  fern  liegen;  jedes  Dogma,  auch
das  von  uns  nicht  geglaubte,  welches  so  und  so  viele  Millionen  Landsleute
teilen,  muß  für  ihre  Mitbürger  und  für  die  Regierung  jedenfalls  heilig
sein.  Nun,  meine  Herren,  ich  glaube,  das  genügt,  um  nachzuweisen,  daß
ich  bisher  an  eine  konfessionelle  Seite  der  Sache  nicht  geglaubt  habe,  sondern
  daß  ich  nur  aus  politischen  Gründen  die  Rechte  des  Staates  einer  aggressiven
  Partei  gegenüber  geglaubt  habe  verteidigen  zu  müssen.  Wenn  ich
auf  die  Genesis  des  Kulturkampfes  einigermaßen  eingegangen  bin,  so  habe
ich  damit  nicht  die  Absicht,  jetzt  Rekriminationen  gegen  das  Zentrum  zu
machen.  Ich  bin  nicht  der  Meinung,  daß  solche  Kampfperioden  in  der  Geschichte
  eines  Landes  durch  die  Willkür  einzelner  Menschen  erzeugt  werden;
sie  sind  eben  Bruchstücke  eines  breiten  historischen  Stromes,  der  sich  durch
unser  ganzes  Volksleben  durch  Jahrtausende  hindurchzieht  und  dessen  Wellenschlag
  ab  und  zu  auftaucht,  je  nachdem  einzelne  Persönlichkeiten  oder  Angriffe
  dazu  Gelegenheit  geben.  Ich  bin  weit  entfernt,  die  einzelnen  Personen
des  Zentrums  für  alle  Forlgen    eines  solchen  Streites,  den  ich  für  ein  Stück
historischer  Entwicklung  halte,  verantwortlich  zu  machen;  im  Gegenteil,  ich
glaube,  daß  das  deutsche  Reich  dem  Zentrum  manchen  Dank  schuldig  ist
(Abg.  Richter:  Sehr  richtig  indem  es  vermöge  der  Art,  wie  es  die  Rechte
vertrat,  die  man  früher  „berechtigte  Eigentümlichkeiten  der  Einzelstaaten“
nannte  —  böswillige  Menschen  nannten  es  „Partikularismus“  —  indem  es
durch  seinen  Partikularismus  einem  übereilten  und  zu  weit  gehenden  Streben
  in  unitarischer  Richtung  einen  Hemmschuh  anlegte.  Wenn  dieser  Hemmschuh
  nicht  dagewesen  wäre,  so  ist  es  sehr  leicht  möglich,  daß  wir  mit  den
Einzelregierungen  in  stärkeren  Konflikt  geraten  wären,  als  es  bisher  der
Fall  gewesen  —  die  einzelnen  Regierungen  unter  sich  und  das  Reich  in
seinen  unitarischen  Bestrebungen;  wir  würden  dann  vielleicht  nicht  das  Vertrauen
  aller  deutschen  Regierungen  zu  einander  und  zu  dem  Reiche  und  seiner
Politik  als  die  sicherste  und  festeste  Basis  des  Reiches  heutzutage  besitzen,
wenn  wir  diesen  zentralen  Hemmschuh  nicht  an  unserem  Staatsschiffe  gehabt
hätten.  Außerdem  ist  das  Zentrum,  da  es  vermöge  seiner  Wahleinflüsse
hauptsächlich  auf  die  Stimmen  der  ländlichen  Bevölkerung  angewiesen  war,
zugleich  ein  Mittel  gewesen,  die  Ansprüche  der  ländlichen  Bevölkerung  gegenüber
  der  großstädtischen  in  manchen  wirtschaftlichen  Fragen  erfolgreich  zu
vertreten.  Also  Sie  sehen,  daß  ich  nicht  undankbar  für  die  guten  Seiten
des  Zentrums  bin  und  das  Bravo,  das  mir  vorhin  vielleicht  ironisch  (Zuruf
aus  dem  Zentrum:  Nein!)  gezollt  wurde,  verdiene.  Ich  glaube,  das  Mißverständnis,
  daß  es  sich  hier  um  konfessionelle  Fragen  gehandelt  habe,  be-
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        120  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

seitigt  zu  haben  und  damit  auch  die  Befürchtungen  des  Hrn.  Abg.  Gneist
widerlegt  zu  haben,  daß  die  protestantische  Kirche  von  der  jetzigen  Vorlage
irgend  etwas  zu  fürchten  habe  oder  an  die  Annahme  derselben  ihrerseits
Ansprüche  zu  knüpfen  genötigt  sei,  die  sie  vor  1871  ihrerseits  nicht  auch
schon  gehabt  habe.  Sie  hat  Ansprüche  auf  Verbesserung  ihrer  Lage  damals
gehabt  und  hat  sie  noch  heute;  aber  ich  möchte,  daß  sie  nicht  gerade  die  ab-
  solute  Parität  und  den  Vergleich  mit  der  katholischen  Kirche  dabei  zur  Grundlage
  nehme  und  sich  zurückgesetzt  fühle,  wenn  der  katholischen  Kirche  irgend
welche  Konzession  gemacht  wird,  die  Sie,  wie  ich  glaube,  mit  keinem  gerechten
Maßstabe  messen.  Das  Normaljahr,  von  dem  Sie  ausgehen,  ist  falsch;  es
ist  mitten  aus  der  Kampfzeit  gegriffen,  etwa  1877  oder  jedenfalls  schon  vor
der ersten  reformierenden  Novelle.  Eine  Gleichheit  der  beiden  Kirchen  im
preußischen  Staate  ist  ja  nach  ihrer  ganzen  Beschaffenheit  nicht  möglich;  sie
sind  inkommensurable  Größen.  Wollen  Sie  die  volle  Gleichheit  haben,  dann
müssen  Sie  dem  höchsten  Oberhaupte  der  katholischen  Kirche  im  preußischen
Staate  dieselben  Rechte  zuteilen,  wie  dem  höchsten  Oberhaupte  der  evangelischen
  Kirche;  mit  anderen  Worten:  dieselben,  die  unser  König  besitzt.  Das
ist  ja  eine  vollständige  Unmöglichkeit.  So  lange  das  Oberhaupt  der  protestantischen
  Kirche  das  volle  Drittel  im  Anteil  an  unserer  Gesetzgebung  hat
und  im  absoluten  und  alleinigen  Besitz  der  vollziehenden  Gewalt  ist,  mit
anderen  Worten:  so  lange  der  König  von  Preußen  Oberhaupt  der  evangelischen
  Kirche  ist,  ist  von  einer  formalen  Gleichheit  zwischen  beiden  Kirchen
gar  nicht  zu  sprechen.  Außerdem  steht  noch  im  Wege,  daß  beide  Kirchen
auf  ganz  anderen  Fundamenten  stehen:  die  katholische  Kirche  ist  durch  ihre
Geistlichkeit,  durch  den  Klerus,  vollständig  hergestellt  und  abgeschlossen;  sie
könnte  ohne  Gemeinde  bestehen,  die  Messe  kann  gelesen  werden  ohne  Gemeinde;
die  Gemeinde  ist  ein  nützliches  Objekt  der  Bethätigung  des  christlichen  Sinnes
der  katholischen  Kirche,  aber  sie  ist  zur  Existenz  der  Kirche  durchaus  nicht
erforderlich;  in  der  protestantischen  Kirche  aber  ist  die  Gemeinde  durchaus
die  Grundlage,  die  ganze  Kirche,  der  ganze  Gottesdienst  ist  ohne  Gemeinde
undenkbar,  und  die  ganze  protestantische  Kirchenverfassung  beruht  ursprünglich
  dem  Kirchengedanken  gemäß  auf  der  Gemeinde.  Was  heißt  denn  ex-####
  anders  als  Volksversammlung?  Was  heißt  ######?  Zur
Volksversammlung  reden.  Ich  ekklesiastiziere  in  diesem  Augenblick  im  alten
griechischen  Sinne  des  Wortes.  Der  protestantischen  Kirche  kann  damit  nicht
geholfen  werden,  daß  man  das  Gewicht  der  Gemeinde  in  ihr  vermindert  und
das  Gewicht  der  Geistlichkeit  in  ihr  verstärkt  (Sehr  wahr!),  auch  dadurch
nicht,  daß  innerhalb  der  Geistlichkeit  und  innerhalb  der  kirchlichen  Obrigkeiten
  überhaupt  der  Schwerpunkt  verschoben  wird;  ihr  kann  geholfen  werden
durch  reichlichere,  bessere  Dotation  (Sehr  wahr!),  durch  bessere  Ausstattung,
aber  nicht  durch  einen  gesetzgeberischen  Eingriff  in  ihre  Verfassung.  (Sehr
wahr!)  Also  glaube  ich,  daß  die  evangelische  Kirche  von  diesen  Konzessionen,
und  selbst  von  größeren,  wenn  wir  sie  der  katholischen  Kirche  zu  machen
genötigt  wären,  in  ihrer  unabhängigen  Bedeutung  im  preußischen  Staate
nichts  zu  fürchten  hat.  Die  katholische  Kirche  ist  im  preußischen  Staat  ursprünglich
  im  Gastrecht  gewesen,  und  daraus  ist  allmählich  ein  Mitbesitzer
des  Hauses  geworden;  aber  der  ursprüngliche  Besitzer  ist  immer  der  preußische
  Staat  gewesen,  und  eine  solche  Gleichstellung  führt  uns  zum  Nonsens.
Ich  sage  das  nur  für  diejenigen  meiner  Glaubensgenossen,  die  das  Wort
Gleichstellung  und  Benachteiligung  der  evangelischen  Kirche  durch  Bewilligungen
  an  die  katholische  Kirche  im  Munde  führen.  Es  kommt  nun  noch
darauf  an,  den  Freunden  der  Regierung  den  Nachweis  zu  führen,  daß  mit
den  Konzessionen,  die  heute  die  Regierung  von  Ihnen  für  die  katholische
Kirche  erbittet,  ein  Verlust  für  den  Staat,  wie  er  1871  vor  dem  Kampf
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.  -27.)  121

dagestanden  hat,  in  keiner  Weise  verbunden  ist.  Wie  schon  gesagt,  die  Meinungsverschiedenheit
  wird  dadurch  begründet,  daß  Sie  ein  anderes  Normaljahr
  annehmen,  als  wir.  Sie  gehen  davon  aus,  daß  alles,  was  wir  von
dem  status  vor  1877  abgebröckelt  haben,  daß  das  schon  Konzessionen  sind.
Das  sind  meines  Erachtens  nur  Präliminarien  zum  Friedensabschluß  im
Kampfe,  der  1871  begonnen  ist,  und  es  ist  nicht  möglich,  in  solchen  inneren
Fragen,  wo  hundert  und  vielleicht  tausend  Köpfe,  wenn  man  alle  Parlamente
  zusammenzählt,  in  der  Gesetzgebung  mitzuwirken  haben  —  einen  Friedensakt
  aus  einem  Guß  herzustellen,  der  in  2  Tagen  redigiert,  unterzeichnet
und  abgeschlossen  wird.  Die  heutige  Vorlage  bildet  das  Ergebnis  von  dem,
was  in  Preußen  die  Regierung  nach  achtjährigen  Erwägungen  und  Unterhandlungen
  in  der  Sache  glaubt  gewähren  zu  können,  ohne  ihre  Stellung
im  eigenen  Lande  zu  gefährden.  Daß  das  in  Form  von  5  oder  6  Novellen
geschehen  ist,  ist  nicht  unsere  Schuld.  Meine  Ueberzeugung  ist  1878  dieselbe
gewesen,  wie  heute;  aber  es  ist  nötig,  daß  man  auch  die  Ueberzeugung  anderer
  dafür  gewinnt,  und  namentlich,  daß  man  die  Bereitwilligkeit  des  anderen
  Teiles  gewinnt  —  ich  will  nicht  sagen  des  Gegners,  aber  des  anderen
Paziszenten.  Das  habe  ich  versucht  von  dem  Augenblick  ab,  wo  ich  es  für
möglich  hielt.  Ich  habe  den  Kampf  als  solchen  mit  mehr  oder  weniger
Teilnahme,  je  nachdem  meine  Anwesenheit  oder  der  Zustand  meiner  Gesundheit
  es  erlaubte,  geführt  bis  zum  Jahre  1878,  wo  —  ich  glaube,  es  war
im  Februar  —  der  Thronwechsel  auf  dem  päpstlichen  Stuhl  eintrat.  Von
dem  Augenblick  an  habe  ich  die  Hoffnung  auf  Frieden  gehabt,  und  ich  habe
keine  Gelegenheit  versäumt,  den  Frieden  anzubahnen.  Die  Verhandlungen,
die  wir  darüber  in  Kissingen,  in  Gastein,  in  Wien  geführt  haben  mit  Masella,
  Jacobini,  sind  ja  publici  juris.  Es  war  schwer,  zu  einem  definitiven
Resultat  zu  kommen.  Und  nachdem  wir  jetzt  es  endlich  erreicht  haben,  daß
wir  wenigstens  über  einen  modus  vivendi  uns  zur  Zeit  verständigt  haben,
so  möchte  ich  doch  an  die  befreundeten  Fraktionen,  an  die  nationalen  Fraktionen
  möchte  ich  sagen,  die  dringende  Bitte  richten,  die  Benutzung  dieses
guten  Moments  zum  Friedensschluß  —  oder  wie  der  Hr.  Abg.  Windthorst
sich  ausgedrückt  hat:  zur  Anbahnung  des  Friedens  —  das  sind  Worte,  über
deren  Bedeutung  ich  hier  nicht  streiten  will  —  aber  zur  Herstellung  eines
modus  vivendi  den  günstigen  Moment  nicht  zu  versäumen  und  die  Regierung
  nicht  in  die  Unmöglichkeit  zu  setzen,  ihn  ihrerseits  zu  benutzen.  Die
Herren  sollen  doch  erwägen,  daß  eine  richtige,  den  Moment  wahrnehmende
Politik  leichter  zu  stören  als  zu  machen  und  durchzuführen  ist,  und  ich  möchte
Sie  bitten,  sich  nicht  dem  Gedanken  hinzugeben,  daß  das  Resultat,  welches
hiemit  erreicht  wird,  dem  Bemühen  eines  13-  oder  14jährigen  Kampfes  nicht
entspreche.  Erinnern  Sie  sich,  daß  Friedrich  der  Große  den  siebenjährigen
Krieg  mit  schweren  gewonnenen  und  verlorenen  Schlachten,  mit  Verheerung
ganzer  Provinzen  und  mit  Eroberung  und  mit  Verlust  mancher  festen  Städte
geführt  hat  und  nach  siebenjährigen  Schlachten  den  Frieden  auf  dem  status
duo  ante  geschlossen  hat.  Nichtsdestoweniger  war  der  Hubertusburger  Friede
ein  ehrenvoller,  wenn  er  auch  nur  die  volle  Abwehr  des  auf  Preußen  gerichteten
  Angriffs  bestätigte.  In  unserem  Kampfe  ist  glücklicherweise  kein
Blut  vergossen,  keine  Städte  sind  zerstört  worden,  es  hat  nur  Redeschlachten
gegeben.  (Zurufe.)  Es  ist  viel  Atem  verbraucht  und  viel  Tinte  vergossen
worden;  aber  wir  haben  auf  keine  verheerten  Gefilde  und  verlorene  Provinzen
  zu  blicken;  und  ich  sage  den  Herren,  die  namentlich  dem  Papst  gegenüber
  sich  auf  das  Pferd  setzen:  wir  haben  so  lange  gekämpft  und  uns  geopfert
  und  waren  in  Gefahr  —  denen  sage  ich:  was  haben  sie  denn  für
Gefahren  gehabt,  was  haben  sie  für  Opfer  gebracht?  Sie  haben  große  Reden
gehalten  und  starke  Reden  gehalten.  (Zuruf:  Zwei  Jahre  Gefängnis!)  —
        <pb n="134" />
        122  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

Darf  ich  bitten,  deutlicher  zu  reden!  Nachher  kommt  diese  Unterbrechung
in  das  Protokoll,  und  wenn  man  nicht  darauf  geantwortet  hat,  so  sieht  es
aus,  als  ob  man  nichts  wüßte  --  also:  zwei  Jahre  gesessen.  Das  kommt
ja  auch  vor;  im  siebenjährigen  Krieg  haben  viele  viel  länger  gesessen.  Das
ist  doch  nicht  ein  so  großes  Opfer,  daß  Sie  deshalb  verlangen  können,  daß
der  Friede  der  ganzen  Nation  deshalb  gestört  bleibt,  und  daß  ein  hoher
Herr,  der  vor  allen  Dingen  Friedensfürst  ist,  nur  deshalb,  weil  einer  seiner
Anhänger  zwei  Jahre  gesessen  hat  —  was  jedem  passieren  kann  —  (große
Heiterkeit),  den  Kampf  fortsetzt.  Das  zu  verlangen,  ist  eine  Uebertreibung,
die  mit  den  Opfern,  die  sie  durch  Fortsetzung  des  Kampfes  ihren  Landsleuten
auferlegen,  in  gar  keinem  Verhältnis  steht.  Also  ich  glaube,  wir  können
von  beiden  Seiten,  von  der  protestantischen  wie  von  der  katholischen,  zufrieden
  sein,  wenn  es  uns  jetzt  gelingt,  zu  einem  modus  vivendi  zu  gelangen,
ohne  damit  zu  behaupten,  daß  die  Opfer,  die  wir  von  beiden  Seiten  gebracht
  haben,  außer  Verhältnis  stehen  zu  dem  Resultat.  Blut  hat  dieses
Resultat  nicht  gekostet,  nur  Reden,  Schriften  und,  wie  ich  allerdings  zu
meinem  Bedauern  höre,  Gefängnisstrafen.  Meine  Herren,  wenn  ich  mich
entschlossen  habe,  Sr.  Majestät  dem  König  zur  Genehmigung  einer  Einigung
mit  der  Kurie,  wie  sie  jetzt  im  vollen  Einverständnis  vorliegt,  zu  raten,  so
habe  ich  das  nicht  gethan,  ohne  einen  Blick  in  unsere  Zukunft  und  in  unser
eigenes  Lager  zu  thun.  Niemand  von  uns  kann  die  Zukunft  voraussehen,
und  auch  der  mächtigste  Monarch  und  der  geschickteste  Staatsmann  kann  sie
nicht  beherrschen  und  leiten.  Es  bildet  die  geschichtliche  Entwicklung  unseres
Landes  einen  zu  gewaltigen  und  zu  breiten  Strom,  als  daß  ein  einzelner
und  selbst  der  Herrscher  des  Landes  ihn  vorher  bestimmen  kann.  Die  ganze
Weltgeschichte  läßt  sich  überhaupt  nicht  machen;  auf  ihrem  Strom  kann  man
ein  Staatsschiff  steuern,  wenn  man  sorgfältig  auf  den  Kompaß  der  salus
publica  blickt  und  diese  richtig  zu  beurteilen  weiß.  Wenn  Sie  nun  zu  mir
das  Zutrauen  haben,  daß  ich  nach  25jähriger  Probezeit  in  diesem  Gewerbe
des  Steuerns  einige  Erfahrung  und  Einsicht  gewonnen  habe,  dann  bitte  ich:
bethätigen  Sie  dieses  Zutrauen  dadurch,  daß  Sie  einstimmig  und  ohne  Amendements
  —  wenn  ich  ,,einstimmig"  sage,  so  nehme  ich  immer  den  Hrn.  Abg.

 

Richter  aus  (große  Heiterkeit)  —  die  Vorlage,  wie  sie  aus  dem  Herrenhause
gekommen  ist,  annehmen.  Wenn  Sie  das  Vertrauen  zu  mir  nicht  haben,
daß  ich  dies  leisten  könnte,  daß  mein  Blick  der  richtige  gewesen  wäre,  wenn
ich  Ihnen  rate,  so  vorzugehen  —  wenn  mich  meine  Freunde  bei  dem  Zustandebringen,
  bei  dem  Abschluß  dieses  langen  mühsamen  Werkes  wirklich
im  Stiche  lassen  sollten  —  was  ich  nicht  hoffe  —  so  wird  es  mir  auch  unmöglich
  sein,  an  einem  Staatswesen,  das  mir  solche  Erfahrungen  bietet,  ferner
mitzuwirken,  ich  würde  mich  aus  dem  preußischen  Staatswesen  vollständig
herausziehen  müssen  und  nur  noch  meine  Erfahrungen  im  auswärtigen  Dienste
dem  Kaiser  zur  Verfügung  stellen,  d.  h.  im  Reichsdienst.  Ich  würde  dazu
genötigt  sein  nicht  aus  Verstimmung,  sondern  im  Interesse  meines  eigenen
politischen  Ansehens  und  meiner  politischen  Ehre.  In  Deutschland  ist  es
ja  möglich,  daß  die  besten-  Freunde  unter  Umständen  wegen  einer  persönlichen
  Meinungsverschiedenheit  gegen  einander  stimmen,  außerhalb  Deutschlands
  aber  wird  mir  das  niemand  glauben,  daß,  wenn  die  mir  zunächststehenden
  Freunde  gegen  die  Vorlage  stimmen,  die  ich  mit  dem  Papste  verabredet,
  die  ich  im  Herrenhause  vertreten  habe,  daß  das  gegen  meine  heimliche
Billigung  geschehen  ist.  Deshalb  sage  ich:  meine  politische  Ehre  ist  dafür
engagiert;  ich  kann  an  einem  Staatswesen  nicht  länger  teilnehmen,  welches
mich  in  dieser  Richtung  kompromittiert,  schon  deshalb,  weil  auf  dem  Vertrauen
  meiner  politischen  Rechtlichkeit  und  Zuverlässigkeit  ein  wesentlicher
Teil  des  Einflusses  beruht,  den  ich  in  Europa  übe.  Wir  können  schweren
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.  27.)  123

Prüfungen  entgegengehen  in  auswärtigen  Kämpfen  und  in  inneren  Kämpfen
gegenüber  Umsturzparteien  verschiedener  Kategorien.  Mein  Bedürfnis  ist  gewesen,
  ehe  wir  diesen  Prüfungen  ausgesetzt  werden,  alle  inneren  Streitigkeiten
  von  uns  abzuthun,  die  in  der  That  entbehrlich  für  uns  sind.  (Bravo!
rechts.)  Und  für  entbehrlich  halte  ich  den  Kirchenstreit,  wenn  er  hiemit
beigelegt  werden  kann,  weshalb  ich  die  Annahme  der  Vorlage  empfehle.  (Lebhaftes
  Bravol  rechts.)

Virchow  (df.)  spricht  hierauf  gegen  die  Vorlage  und  schließt,  die
Regierung  sinke  von  Stufe  zu  Stufe  durch  ihre  stetige  Nachgiebigkeit  und
zerstöre  damit  selbst  den  Nimbus,  der  sie  umgebe.

Fürst  Bismarck:  „Der  Hr.  Abgeordnete  hat  eine  Frage  zur  Sprache
gebracht,  von  der  ich  bisher  nicht  glaubte,  daß  sie  ihn  interessiert,  das  ist  mein
persönliches  Seelenheil.  Er  hat  angeführt,  ich  hätte  bei  irgend  einer  Gelegenheit
  erklärt,  daß  dasselbe  abhängig  sei  von  der  Annahme  oder  Ablehnung
  irgend  eines  Gesetzes.  Nun,  auf  eine  so  unsichere  Basis,  wie  eine
Majoritätsabstimmung  über  ein  Gesetz  ist,  möchte  ich  doch  nicht  gern  mein
zukünftiges  Seelenheil  setzen.  Ich  glaube  er  irrt  sich  darin;  ich  werde  wahrscheinlich
  gesagt  haben,  daß  ich  an  meiner  Seele  Schaden  leiden  könnte,  wenn
ich  meine  Schuldigkeit  im  Dienste  nicht  thäte,  oder  wenn  ich  meine  religiösen
Ueberzeugungen  verleugnete,  indem  ich  sie  anderen  Rücksichten  unterordnete.
Aber  ich  glaube,  der  Herr  Vorredner  wird  besser  thun,  die  Sorge  für  diesen
Gegenstand  mir  ausschließlich  zu  überlassen  und  sich  nicht  weiter  um  mein
Seelenheil  zu  bekümmern.  Der  Vorredner  hat  außerdem  mein  ganzes
politisches  Verhalten  und  meine  Persönlichkeit  einer  Kritik  unterzogen,  an
die  ich  nun  seit  einigen  zwanzig  Jahren  bei  ihm  gewöhnt  bin.  Er  hat
mir  schon  zur  Zeit  der  dänischen  Frage,  zu  Zeiten  der  österreichischen  Händel,
  des  französischen  Krieges  immer  nur  eine  mäßige  Dosis  von  politischem
Urteil  und  Voraussicht  zugetraut;  ja,  er  hat  sich  sehr  hart  über  meine  Befähigung
  zur  auswärtigen  Politik  überhaupt  ausgesprochen.  Da  er  in  seinem
Lehramte  gewohnt  ist,  Zensuren  ohne  Widerspruch  zu  erteilen,  so  will  auch
ich  ohne  Widerspruch  die  Zensur  entgegennehmen  (Bravol  rechts),  daß  ich
meinen  Mangel  an  Befähigung  für  größere  politische  Fragen  in  einer  für
den  Hrn.  Vorredner  überzeugenden  Weise  bewährt  habe.  Der  Hr.  Vorredner
hat  mir,  wie  so  oft  und  so  mancher,  namentlich  aus  seiner  Partei,  Mangel
an  Konsequenz  vorgeworfen.  Ja,  Konsequenz  für  einen  Politiker,  für  einen
Staatsmann  ist  um  so  leichter,  je  weniger  politische  Gedanken  er  hat.  Wenn
er  nur  einen  hat,  ist  es  Kinderspiel,  und  wenn  er  den  immer  wieder  vorbringt,
  so  ist  er  der  Konsequenteste.  (Heiterkeit.  Bravo!  rechts.)  Jemand,
der  die  Situationen  und  die  Fragen,  mit  denen  er  sich  zu  beschäftigen  hat,
an  jedem  Tage,  in  jedem  Jahre  wiederholt  wechseln  sieht,  kann  unmöglich
unter  verschiedenen  Umständen  immer  dasselbe  thun.  Wenn  ich  in  der  heftigsten
  Phase  dieses  kirchlichen  Kampfes  Worte  gebraucht  habe,  die  hart  und
schneidend  waren,  so  waren  das  eben  doch  nur  rhetorische  Kämpfe,  auf  die
es  beim  Friedensschlusse  ebensowenig  ankommt,  wie  auf  die  Kanonenkugeln,
welche  die  Armeen  untereinander  ausgetauscht  haben,  und  diese  Redekämpfe
sind  doch  noch  ziemlich  unschuldig.  Daß  ich  damals  den  Papst  als  Ausländer
  bezeichnet  habe,  ist  ja  in  gewissem  Sinne  möglich.  Wenn  der  Hr.
Vorredner  mir  aufmerksam  zugehört  hätte,  so  würde  er  sehen,  daß  ich  auch
jetzt  noch  als  Protestant  den  Papst  nicht  als  Inländer  bezeichne,  daß  aber
für  den  Katholiken  die  päpstliche  Institution  —  der  Papst  kann  ja  im  Auslande
  geboren  sein,  ebenso  wie  der  König  von  Rumänien,  der  doch  ein  Rumäne
  ist,  obwohl  er  im  Auslande  geboren  ist  —  daß  für  den  deutschen
Katholiken  die  Institution  eine  deutsche  ist.  Der  Hr.  Vorredner  ist  doch
vermöge  seiner  wissenschaftlichen  Bildung  mit  der  kirchlichen  Auffassung  so
        <pb n="136" />
        124  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

vertraut,  daß  er  mir  das  zugeben  muß.  Im  übrigen,  wenn  er  es  nicht
glaubt,  verweise  ich  ihn  an  die  Herren  vom  Zentrum,  die  werden  es  ihm
klar  machen,  ob  der  Papst,  die  päpstliche  Institution,  die  Kurie  eine  ausschließlich
  ausländische  oder  eine  dem  Inlande  zugehörige  Institution  ist.
(Sehr  richtig!  im  Zentrum.)  Der  Hr.  Vorredner  hat  mir  Stein  als  Muster
vorgehalten,  der  hätte  Widerspruch  ertragen  können.  Meine  Herren,  Stein
hatte  kein  Parlament;  der  Widerspruch,  den  er  ertragen  hat,  das  war  höchstens
  der  eines  vortragenden  Rats,  der  ja  mitunter  eine  bessere  Einsicht  hat
von  einer  Sache  als  sein  Chef,  auf  dessen  Anträge  sein  Chef  mitunter  auch
eingeht.  Aber  nach  dem,  was  ich  von  dem  Charakter  dieses  Herrn,  den  der
Hr.  Abgeordnete  als  meinen  Vorgänger  bezeichnet  hat,  weiß,  möchte  ich  doch
glauben,  so  leicht  zu  nehmen  war  er  auch  nicht.  Ich  glaube  nicht,  daß  der
Hr.  Vorredner  Stein  gegenüber  mit  einer  so  ruhigen  Erwiderung  abgekommen
wäre,  das  wird  er  selbst  kaum  zu  behaupten  wagen,  wenn  er  Steins  Geschichte
  und  Charakter  einigermaßen  studiert  hat.  Ich  glaube,  daß  ich  neben
dem  ein  gutmütiger  und  versöhnlicher  Minister  zu  nennen  bin.  Der  Hr.
Vorredner  hat  mir  ferner  auch  —  und  das  ist  mir  nicht  neu,  das  habe  ich
schon  mehrfach  zu  verzeichnen  gehabt  —  das  Gewerbe  der  Penelope  vorgeworfen,
  daß  ich  das  Gewebe,  das  ich  bei  Tage  machte,  über  Nacht  wieder
auflöste.  Nun,  ganz  so  schnell  geht  es  doch  wohl  nicht;  aber  er  geht  dabei
wieder  von  dem  Irrtum  aus,  den  ich  glaubte  vorher  widerlegt  zu  haben,
daß  ich  jemals  die  Maigesetze  als  eine  definitive,  dauernde  Institution  für
uns  betrachtet  hätte.  Ich  habe  das  vorhin,  glaube  ich,  nachgewiesen,  daß
ich  sie  jederzeit  —  und  wenn  der  Hr.  Vorredner  mir  aufmerksam  zugehört
hätte,  oder  wenn  er  sich  nur  unserer  parlamentarischen  Debatten  erinnerte,
so  müßte  meine  Darlegung  ihn  überzeugt  haben  —  daß  ich  sie  jederzeit  als
Kampfgesetze  betrachtet  habe,  als  Mittel  eines  Kampfes,  durch  den  ich  den
Frieden  mit  einem  friedlichen  Papst  zu  schließen  mich  bestrebte;  nicht  ganz
in  derselben  Kategorie,  aber  doch  in  einer  ähnlichen,  wie  etwa  die  Sozialistengesetze
  ein  Kampfmittel  gegen  die  Angriffe  bilden,  welche  die  Sozialdemokratie
  gegen  Staat  und  Reich  richtet.  Bisher  hat  weder  der  Hr.  Abgeordnete
  noch  irgendein  anderer  Reichspolitiker  diese  letzteren  Gesetze  als  eine
dauernde  Institution  betrachtet,  und  wenn  der  Hr.  Vorredner  nochmals  in
die  Lage  käme,  im  Reichstage  wiederum  über  die  Beibehaltung  der  Sozialistengesetze
  seine  Meinung  zu  äußern,  und  ich  stimmte  der  Aufhebung  dieser
Gesetze  zu,  würde  er  mir  dann  vorwerfen,  daß  ich  das  Gewerbe  der  Penelope
  betriebe  und  das  mühsam  hergestellte  Gewebe  mutwillig  auflöste  und
verlangte,  man  solle  mir  darin  folgen:  Das  wäre  gerade  so  gerecht  oder
ungerecht  wie  der  jetzige  Vorwurf,  daß  ich  ein  Kampfgesetz,  nachdem  der
Zweck  des  Kampfes,  nämlich  der  Friede,  annähernd  erreicht  ist,  nicht  mehr
festhalten  wollte.  Indessen  bin  ich  ja  an  Ungerechtigkeiten  gewöhnt  in  der
Behandlung  und  von  seiten  des  Hrn.  Vorredners,  wenigstens  seit  einem
Vierteljahrhundert,  nicht  an  Gerechtigkeit  und  Wohlwollen.  Der  Hr.  Vorredner
  hat  mir  auch  wieder,  wie  der  Hr.  Abg.  Richter,  vorgeworfen,  daß
ich  Politik  nach  meinen  Absichten  triebe,  und  daß  ich  suchte,  durch  alle  parlamentarisch
  erlaubten  Mittel  mir  die  Majorität  zu  gewinnen.  Ja,  ich  habe
schon  vorher  gesagt:  verlangen  Sie  etwa  von  mir  die  Kinderei,  daß  ich  gegen
meine  eigene  Ansicht,  daß  ich  nach  den  Ansichten  des  Hrn.  Abg.  Dr.  Virchow
Politik  treibe,  wenn  ich  überzeugt  bin:  sie  sind  fehlerhaft,  nachdem  ich  mich
Jahrzehnte  hindurch  überzeugt  habe,  daß  seine  Beurteilung  und  seine  Vorhersagungen
  in  der  großen  Politik  immer  unrichtig  gewesen  sind.  (Heiterkeit
und  Bravo!  rechts.)  Wie  soll  ich  also  da  seiner  Meinung  und  seinen  Wünschen
  meine  bessere  Ueberzeugung  unterordnen?  Da  würde  ich  wirklich  mein
Seelenheil  gefährden.  Ich  kann  die  Politik  nur  nach  meiner  Ueberzeugung
        <pb n="137" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)  125

machen,  aber  —  ich  will  keinen  harten  Ausdruck  gebrauchen,  aber  er  schwebt
mir  auf  der  Zunge  —  es  ist  für  erwachsene  Leute  nicht  angebracht,  sich
gegenseitig  vorzuwerfen,  daß  sie  nach  ihrer  Ueberzeugung  handelten.  Wenn
der  Hr.  Abgeordnete  nun  mit  dem  ihm  eigenen  Scharfblick  in  die  Zukunft
voraussieht,  daß  hieraus  neue  Verwirrungen  und  Verwicklungen  hervorgerufen
würden,  so  würde  ich  das  lebhaft  bedauern,  aber  ich  würde  ebenso  lebhaft
bemüht  sein,  sie  wiederum  beizulegen,  wie  ich  dies  jetzt  zu  thun  bemüht  bin.
Der  Hr.  Abgeordnete  hat  dann  die  Begriffe  „Parität“  und  „Gleichheit“  in
einer  Weise  verwechselt,  die  ich  bloß  streifen  will,  ohne  sie  weiter  zu  widerlegen.
  Parität  erstreben  wir  allerdings,  das  heißt,  daß  die  verschiedenen
Bekenntnisse  in  den  politischen  Rechten,  die  jemand  auszuüben  hat,  keinen
Unterschied  machen,  aber  Gleichheit  in  der  staatsrechtlichen  Situation  beider
Kirchen  —  daß  die  nicht  möglich  ist  zu  erstreben,  glaube  ich  vorhin  ohne
Widerspruch  konstatiert  zu  haben.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  ferner  die  Frage
aufgeworfen  warum  wir  Konzessionen  in  Bezug  auf  die  Orden  machen  und
auf  andere  Dinge.  Ja,  ich  möchte  ihn  bitten,  sich  danach  beim  Zentrum
und  bei  den  Katholiken  zu  erkundigen,  oder  vielleicht  wird  auch  sein  politischer
  Freund,  der  Abg.  Richter,  hinreichend  informiert  sein,  um  darüber
Auskunft  zu  geben,  warum  die  Katholiken  das  verlangen.  Das  ist  ihre
Sache,  ihre  Glaubenssache;  sie  glauben  der  Orden  zu  bedürfen,  sie  glauben,
anderer  Konzessionen  zu  bedürfen  —  gut,  ich  habe  nicht  danach  zu  fragen,
ob  ich  ihren  Glauben  teile  oder  für  berechtigt  halte.  Mein  Bestreben  ist
in  diesen  ganzen  Verhandlungen  nur  das  gewesen,  die  Friedliebenden  unter
unseren  katholischen  Mitbürgern  zufriedenzustellen.  Wenn  sie  nun  das  zu
ihrer  Zufriedenheit  Erforderliche  bezeichnen,  so  würde  der  Sache  wenig  gedient
  sein,  wenn  ich  sagen  wollte:  Ihr  irrt  euch,  das  braucht  ihr  nicht.  Das
Maß  dessen,  was  die  friedliebenden,  versöhnlichen  Katholiken  unter  diesen
wirklich  zu  gebrauchen  glauben,  das  ist  für  mich  die  Grenze  gewesen,  bis
an  die  zu  gehen  ich  geneigt  bin.  Wenn  mir  Leute,  an  deren  Patriotismus,
an  deren  Hingebung  für  unsere  staatlichen  Zwecke,  an  deren  Anhänglichkeit
an  unsere  Dynastie,  an  deren  politischer  Einsicht  ich  nicht  den  mindesten
Zweifel  habe  —  wenn  mir  die  sagen:  wir  brauchen  dieses  notwendig  nach
unseren  Glaubensartikeln,  ja,  dann  sage  ich:  ich  kann  das  nicht  beurteilen,
aber  ich  konzediere  das,  ich  will  mich  bemühen,  es  euch  zu  verschaffen,  damit
ihr  zufrieden  seid.  Es  gibt  ja  unter  unseren  Landsleuten  solche,  die  ich
nicht  glaube  jemals  zufrieden  stellen  zu  können,  weil  überhaupt  Zufriedenheit
  nicht  der  Zustand  ist,  den  sie  anstreben.  Aber  es  gibt  unter  den  Katholiken
  —  unter  den  Unterthanen  des  Königs  von  Preußen  —  Gott  sei
Dank,  eine  große  Mehrheit,  die  in  den  Punkten,  an  denen,  wie  sie  glaubt,
ihr  Seelenheil  hängt,  zufrieden  zu  stellen  ist;  aber  die  Sorte  Frieden,  welche
der  Abg.  Virchow  für  die  definitive  erklärt,  halte  für  ganz  unannehmbar,
  und  ich  glaube,  er  befindet  sich  ebenso  auf  der  Jagd  nach  dem  Ideal,
was  überhaupt  auf  dieser  Welt  nicht  zu  finden  ist.  Der  Kampf  zwischen
der  Priestergewalt  und  der  Staatsgewalt,  ich  will  sagen,  der  königlichen
Gewalt,  ist  uralt  und  älter  als  unsere  Kenntnis  reicht,  und  der  erste  Priester,
  den  es  im  Menschengeschlecht  gegeben  haben  wird,  wird  schon  seine  Mitmenschen
  darauf  aufmerksam  gemacht  haben,  daß  er  Gott  näher  steht  und
daher  den  Willen  Gottes  besser  kennt,  als  die  übrigen  und  wahrscheinlich
auch  als  der  König.  Ist  der  König  zugleich  Priester  gewesen,  dann  ist  seine
Aufgabe  um  so  bequemer  gewesen.  Aber  so  lange  beide  geschieden  sind,
wird  auch  der  Konflikt  zwischen  Priestertum  und  Königtum  aus  der  menschlichen
  Gesellschaft  nicht  getilgt  sein.  Und  da  hat  der  Hr.  Abgeordnete  einer
wissenschaftlichen  Utopie  Ausdruck  gegeben.  Am  allerwenigsten  ist  aber  dieses
Ziel  dadurch  zu  erreichen,  daß  man  ausschließlich  mit  den  Staatsgesetzen
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        126  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

dekretiert,  womit  der  Katholizismus,  bezw.  die  anderen  Bekenntnisse  für  ihre
dogmatischen  und  konfessionellen  Aufgaben  zufrieden  zu  sein  haben.  Das
erkennen  wir  an,  das  Gesetz  hat  seine  Giltigkeit,  aber  wenn  wir  es  zwangsweise
  und  ohne  alle  Rücksicht  auf  die  Wünsche  der  Beteiligten  durchführen
wollen,  so  sind  wir  schließlich  zu  einem  gewaltthätigen  Verfahren  dauernd
genötigt  und  schaffen  den  Konflikt  als  dauernde  Institution.  Wenn  man
dem  gegenüber  den  Absolutismus  eines  republikanischen  Konvents  und  die
Guillotine  stellt,  so  kann  man  das  eine  Zeit  lang  halten,  aber,  wie  Frankreich
  gezeigt  hat,  auf  die  Dauer  nicht.  Ich  wenigstens  muß  dem  Versuch,
unsere  katholischen  Landsleute  gegen  ihren  Willen  dauernd  zu  vergewaltigen,
meine  Mitwirkung  versagen.  (Bravo!  im  Zentrum.)  Ich  kann,  wenn  ich
den  Staat  für  angegriffen  halte,  definitiv  um  so  schärfer  mich  auf  einen
Kampf  einlassen,  je  schärfer  und  ungerechter  die  Waffen  sind,  mit  denen  der
Angriff  gemacht  wird.  Aber  einen  Teil  unserer  Landsleute  ihres  Bekenntnisses
  wegen  dauernd  zu  vergewaltigen,  das  ist  ein  Ziel,  nach  dem  ich  noch
niemals  gestrebt  habe.“  (Lebhafter  Beifall.)
Am  zweiten  Beratungstage  ergreift  der  Reichskanzler  nach  einer
Rede  des  Abg.  Frhr.  v.  Hammerstein  für  die  Vorlage  das  Wort.  „Ich
glaube,  daß  die  Beziehungen  des  Staates  zur  evangelischen  Kirche,  welche
der  Vorredner  hauptsächlich  zum  Gegenstande  seiner  Betrachtungen  gemacht
hat,  mit  der  Beilegung  des  Streites  zwischen  Staat  und  katholischer  Kirche
in  keinem  notwendigen  Zusammenhange  stehen.  Ich  glaube  nicht,  daß  die
evangelische  Kirche  irgendwie  durch  die  Rückgewährung  früherer  Rechte  an
die  katholische  Kirche  gefährdet  und  geschädigt  sein  wird,  ich  muß  meinerseits
wenigstens  mich  weigern,  in  dem  Augenblicke,  wo  wir  den  Frieden  mit  der
einen  Konfession  suchen,  die  Hände  dazu  zu  bieten,  den  Kulturkampf  in  die
andere  Konfession  zu  werfen.  (Zustimmung  links.)  Ich  bin  überzeugt,  daß,
wenn  die  Tendenzen,  die  zuerst  in  Form  des  Hammerstein'schen  Antrags  und
nachher  im  Antrage  des  Herrn  v.  Kleist  im  Herrenhause  geltend  gemacht
worden  sind,  zu  einer  einschneidenden  und  ernsthaften  Verhandlung  geführt
hätten,  dies  kein  weiteres  praktisches  Resultat  haben  würde,  als  die  vielen
bedauerlichen  Spaltungen  innerhalb  der  evangelischen  Kirche  um  eine  neue
zu  vermehren.  (Sehr  richtig!  links.)  Dazu  wird  die  Regierung  nicht  die
Hand  bieten.  Wenn  sie  sich  zurückgehalten  hat  von  den  Verhandlungen  über
diese  Frage  im  Herrenhause  und  auch  ferner  zurückhalten  wird,  so  wäre  es
doch  eine  große  Ungerechtigkeit  gegen  uns,  namentlich  gegen  die  evangelischen
Christen  unter  den  Ministern,  daraus  auf  Gleichgiltigkeit  gegen  die  eigene
Kirche  und  Konfession  schließen  zu  wollen.  Die  Regierung  macht  es  sich  im
allgemeinen,  wenn  nicht  besondere  Gründe  dagegen  sprechen,  zur  Regel,  Initiativanträge,
  die  aus  dem  Schoße  parlamentarischer  Versammlungen  kommen,
nicht  sofort  durch  ihre  Mitarbeit  und  Hilfe  zu  Regierungsanträgen  zu  machen
oder  sich  zum  Hilfsorgan  dieser  Initiativanträge  herzugeben,  sondern  sie  hat
es  sich  zur  Regel  gemacht,  die  früher  leider  nicht  hinreichend  beachtet  worden
ist,  abzuwarten,  ob  und  in  welcher  Art  die  Majorität  der  beteiligten  Versammlung
  dafür  oder  dagegen  Partei  nimmt  und  dann  ihrerseits  Stellung
dazu  zu  nehmen,  dieselben  zu  bekämpfen,  anzunehmen,  zu  amendieren  oder
Gesetzvorschläge  darauf  zu  gründen.  Die  Regierung  ist  nicht  dazu  da,  als
Hilfsorgan  oder  aktenmäßige  Arbeitshilfe  zu  dienen  für  Velleitäten,  Anträge
zu  stellen  die  tief  ins  Staatsleben  einschneiden  und  auf  die  jeder  einzelne
nach  seinem  Belieben  kommen  kann.  Wenn  sie  das  ablehnt,  kann  man  es
der  Regierung  nicht  verdenken  oder  gar  sie  der  Gleichgiltigkeit  gegen  hohe
Interessen  beschuldigen.  (Sehr  wahr!  links.)  Das  ist  schon  ein  Grund.
Außerdem  wäre  bei  der  Hoffnung,  daß  wir  zum  Frieden  mit  der  päpstlichen
Kurie  und  infolge  dessen  auch  mit  der  größeren  Zahl  unserer  katholischen
        <pb n="139" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—  27.)  127

Mitbürger  gelangen  würden,  die  jetzige  Zeit  sehr  übel  gewählt,  um  einen
solchen  Erisapfel  unter  unsere  evangelischen  Mitbürger  zu  werfen.  Sie  werden
schon  aus  den  Kundgebungen,  welche  die  Rede  des  Vorredners  begleiteten,
gesehen  haben,  daß  er  weit  davon  entfernt  ist,  das  Einverständnis  aller  seiner
evangelischen  Mitbürger  für  sein  Auftreten  zu  besitzen.  Ich  glaube,  daß
weder  die  evangelische  Kirche  noch  die  Mehrzahl  ihrer  Angehörigen  geneigt
sein  kann,  ihre  Zustimmung  zu  dem  Friedenswerke  mit  dem  Papste  davon
abhängig  zu  machen,  ob  der  Staat  seinerseits  in  diesem  Augenblicke  der
evangelichen    Kirche  Konzessionen  auf  Kosten  staatlicher  Rechte  macht.  Ich
glaube  nicht,  daß  die  evangelische  Kirche  und  ihre  Mitglieder  gesonnen  sind,
auf  diese  Weise  einen  Kaufpreis  von  König  und  Staat  zu  fordern  dafür,
daß  sie  in  einer  Lebensfrage  des  Staates  ihre  Zustimmung  gewähren.  Ich
habe  eine  höhere  Meinung  von  Ihnen,  ich  glaube,  Sie  werden  ohne  jede

Rücksicht  der  Vorlage  zustimmen.  Ich  würde  es  bedauern,  wenn  aus  diesem
Grunde,  um  vom  Staate  in  diesem  Momente  Rechte  zu  erpressen,  möchte  ich
sagen,  uns  der  Beistand  irgend  eines  unserer  evangelischen  Mitbürger  bei
unserem  Bemühen  um  Frieden  mit  den  katholischen  Mitbürgern  entgehen
sollte.  Ich  habe  gestern  gesagt,  daß,  wenn  friedliebende  Katholiken  ihrerseits
sagen,  daß  diese  oder  jene  Konzession  notwendig  sei,  und  ich  überzeugt  bin,
daß  der  Staat  durch  diese  Konzessionen  in  keine  Gefahr  gerät,  dies  für  mich
allein  hinreicht,  solche  zu  machen.  In  einem  ähnlichen  Verhältnis  stehe  ich
keinesfalls  zur  evangelischen  Kirche.  Ich  bin  evangelischer  Christ  ebenso  gut
wie  der  Vorredner,  und  ich  werde  ihm  und  seiner  eigentümlichen  Auffassung
nie  meinerseits  das  Sacrificium  intellectus  machen.  (Lebhafter  Beifall.)  Ich
habe  meine  eigene  Anschauung  und  Ueberzeugung,  und  ich  bin  in  meinem
Glauben  an  Gott  und  Menschen  stark  und  fest  genug  begründet,  um  mich
durch  diesen  Angriff  nicht  erschüttern  zu  lassen.  In  evangelischen  Dingen
kann  ich  nur  meiner  eigenen  Ueberzeugung  folgen.  Von  den  Herzens-  und
Seelenbedürfnissen  eines  katholischen  Mitbürgers  kann  ich  mir  nicht  in  der
Art  eine  ganz  genaue  Vorstellung  von  den  notwendigen  Grenzen  der  Konzessionen
  des  Staates  machen,  daß  ich  meine  Meinung  nicht  der  seinigen
unterordne.  Meinen  evangelischen  Glaubensgenossen  gegenüber  aber,  und
selbst  wenn  sie  einen  höheren  Gottesbegriff  haben  sollten  (Große  Heiterkeit)
wie  der  Vorredner,  werde  ich  meine  Ueberzeugung  nicht  ändern.  (Stürmische
Heiterkeit.)  Ich  kann  wiederholt  die  Versicherung  geben,  daß  die  königliche
Regierung  ihrerseits,  wo  sie  einen  wirklichen  Notstand  der  evangelischen
Kirche  erkennt,  freiwillig  entgegenkommt,  und  die  Herren  können  aus  unseren
Budgetverhältnissen  ersehen,  daß  die  Regierung  in  dem  Punkte  finanzieller
Unterstützungen  auch  in  den  letzten  Jahren  reichlich  entgegengekommen  ist;
wenn  ich  sage  „reichlich",  so  meine  ich  das  in  Bezug  auf  die  Summen,  die
aufgewendet  sind,  aber  noch  immer  nicht  reichlich  in  Bezug  auf  das  Bedürfnis,
  das  noch  erhebliche  Zuschüsse  von  seiten  des  Staates  fordern  wird,  und
wenn  die  Herren  dazu  mitwirken  wollen,  Staat  und  Reich  neue  Einnahmequellen
  zu  verschaffen  (Unruhe  links),  so  wird  sich  auch  dieses  Bedürfnis  befriedigen
  lassen.  Ich  gehe  sogar  noch  weiter.  Wenn  im  äußeren  Ansehen
gegenüber  demjenigen,  dessen  sich  die  katholischen  Geistlichen  erfreuen,  irgend
etwas  der  evangelischen  Geistlichkeit  nützlich  sein  kann  nach  ihrer  Ueberzeugung,
um  ihre  Stellung  gegenüber  ihren  katholischen  Kollegen  —  ich  finde  im
Augenblick  nicht  den  richtigen  Ausdruck  dafür  —  zu  heben  und  die  Bedeutung,
  welche  König  und  Staat  auf  ihre  Stellung  legen,  auch  äußerlich  in
anderer  Weise  zu  kennzeichnen,  so  habe  ich  auch  da  nichts  dawider,  nur
möchte  ich  davon  abraten,  dergleichen  Initiativanträge  von  einzelnen  Parteirichtungen,
  ich  möchte  sagen,  von  Brüchen  von  Fraktionen  in  einem  Momente,
wo  für  die  Regierung  und  die  Zukunft  des  Reiches  eine  Geschlossenheit  aller
        <pb n="140" />
        128  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.—27.)

ihrer  Freunde,  auf  die  sie  sich  stützen  kann,  notwendig  ist,  einzubringen  und
dadurch  den  inneren  Frieden  zu  stören.  Ich  möchte  die  Herren  bitten  und
glaube,  daß  diese  Bitte  bei  der  Mehrzahl  der  Freunde  der  Regierung  von
Erfolg  sein  wird,  daß  Sie  etwas  mehr  Vertrauen,  als  aus  der  Rede  des
Vorredners  zu  ersehen  war,  zu  der  Regierung  und  zu  dem  Schutze,  den  der
König  als  summus  episcopus  der  evangelischen  Kirche  zu  jeder  Zeit  gewähren
  wird,  daß  Sie  mehr  Vertrauen  dazu  haben,  als  aus  der  Rede  des
Vorredners  hervorging,  aber  vor  allen  Dingen  bitte  ich  Sie,  diese  ganz  heterogenen
  Fragen  auseinander  zu  halten  und  den  Friedensschluß,  in  dem  wir
augenblicklich  begriffen  sind,  um  einen  modus  vivendi  mit  der  Kurie  zu
finden,  nicht  zu  hemmen.  Ueber  das  Verhältnis  des  Staates  zur  evangelischen
  Kirche  habe  ich  mich  überhaupt  nicht  zu  äußern.  Ich  bin  kein  Dogmatiker,
  die  Stellungnahme  dazu  ist  nicht  eine,  die  mit  der  äußeren  Politik
in  Beziehung  steht  und  die  ich  notwendig  meinem  verehrten  Kollegen,  dem
Kultusminister,  überlassen  muß.  (Beifall.)

Nach  einer  Rede  des  Welfen  Brüel  spricht  der  Reichskanzler
aufs  neue:  Der  Herr  Vorredner  hat  mir  dadurch,  daß  er  mit  abgewandter
Richtung  sprach,  leider  einen  großen  Teil  des  Verständnisses  seiner  Rede  entzogen,
  namentlich  sind  mir  mehrere  der  vielleicht  scharfen  Spitzen  dadurch
entgangen,  daß  der  Herr  Vorredner,  der  ohnehin  schwer  zu  verstehen  ist,
öfters  den  Ton  sinken  ließ.  Aber  so  viel  habe  ich  heraushören  können,  daß
seine  Rede  eigentlich  nur  die  Vervollständigung  derjenigen  war,  welche  der
Abg.  Richter  gestern  im  Auftrage  vielleicht  weniger  seiner  eigenen  Fraktion
als  einzelner  Mitglieder  einer  anderen  Fraktion,  die  sich  zu  schweigen  veranlaßt
  sieht,  hier  gehalten  hat.  (Heiterkeit  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.
  Murren  links  und  im  Zentrum.)  Ich  glaube,  ausdrücklich  bemerken
  zu  müssen,  daß  ich  nicht  damit  behaupte,  daß  er  im  Namen  des  Abg.
Windthorst  oder  Brüel  oder  im  Namen  des  ganzen  Zentrums  gesprochen
hat,  aber  ich  glaube,  daß  den  gravaminibus  dadurch  Ausdruck  gegeben
wurde,  welche  wir  in  antipäpstlichen  katholischen  Blättern  so  leidenschaftlich
in  den  letzten  Tagen  vertreten  finden  und  in  denen,  die  mit  diesen  Blättern
sympathisieren  —  Abgeordnete  katholischer  Konfession  natürlich  ausgenommen.
Dazu  hat  man  die  irregulären  Truppen  der  befreundeten  Abgeordneten;
diese  pflegen  in  solchen  Verlegenheiten  zu  äußern,  was  man  sich  selbst  geniert
zu  sagen,  wozu  jener  sich  bereitwillig  hingibt.  (Beifall  bei  den  Nationalliberalen.)
  Der  Abg.  Brüel  hat  noch  einen  Vorwurf  erhoben;  er  ist  nicht
nur  Lehnsmann  des  Zentrums,  sondern  auch  Hospitant,  und  nicht  bloß
Hospitant,  sondern  er  ist  auch  Welfe,  und  als  Welfe  braucht  er  ebensogut
wie  der  Abg.  Richter  zum  Gedeihen  der  Fortschrittspartei  den  Streit,  um
der  tertius  gaudens  duchbus  litigantibus  zu  sein,  und  nur  wenn  der  Streit
zwischen  Staat  und  Papst  und  zwischen  Staat  und  katholischer  Kirche  gedeiht,
  so  blüht  sein  Weizen.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Dadurch  hofft  er,  wenn
dieser  bisherige  Kirchenstreit  fortdauert,  in  dem  zahlreichen  Zentrum,  das  die
katholische,  vorzugsweise  ländliche  Bevölkerung  in  großer  Masse  vertritt,  in
dieser  starken  Partei  das  Fundament  zu  finden,  auf  das  er  bloß  zu  steigen
braucht,  um  das  Belagerungsgeschütz  gegen  den  Staat  aufzuführen  und  durch
das  Zentrum  eine  Majorität  zu  gewinnen,  die  sonst  die  reichsfeindliche  Partei
nicht  hat.  Dazu  dar  ich  doch  den  letzten  Herrn  Vorredner  ganz  unbedingt
rechnen,  denn  er  ist  ein  zweifelloser  Welfe,  und  daß  die  Welfen  mit  dem
Bestande  des  Reiches  nicht  einverstanden  sind,  hat  ja  auch  der  Abg.  Windthorst
  erklärt;  obschon  er  sich  enthält,  das  Reich  zu  bekämpfen,  hat  er  sich
doch  zu  dieser  Richtung  bekannt.  Die  Gedanken  des  Abg.  Brüel  gehen
meiner  Ueberzeugung  nach  in  ihrer  gegnerischen  Schärfe  gegen  das  Reich  und
seine  jetzigen  maßgebenden  Kräfte  noch  erheblich  über  die  des  Abg.  Windt-
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        Das  hbesise  Reich  und  seine  einjelnen  Elieder.  (April  21.—27.)  129

horst  hinaus.  Das,  was  ich  von  dieser  Rede  habe  hören  können,  das  war
doch  noch  eine  gzanz  andere  Tonart,  als  das  liebenswürdige  Wohlwollen,
was  auch  für  abweichende  Meinungen  aus  den  Aeußerungen  des  Abgeordneten
  Richter  sprach.  Der  sprach  frei  von  der  Leber,  während  die  Worte
des  Vorredners  wohlberechnet  waren  und  in  Gift  getaucht.  Er  überlegt:
wie  kann  ich  dem  Fürsten  Bismarck  etwas  anhaben?  wie  der  Herr  mich
nannte,  während  ich  hier  doch  nur  preußischer  Ministerpräsident  bin.  Ich
nenne  niemand  bei  seinem  Privattitel,  sondern  nur  als  Abgeordneten.  Er
suchte  mir  nach  Möglichkeit  zu  schaden  und  innere  Uneinigkeiten  im  Reiche
zu  schaffen.  Mir  ist  gesagt  worden,  daß  der  Vorredner  der  eigentliche  intellektuelle
  Urheber  des  Hammerstein'schen  Antrages  gewesen  sei  (Rufe:  Ist
er  auch!),  und  daß  jetzt  von  seiten  seiner  Freunde  die  Priorität  dafür  in
Anspruch  genommen  wird,  das  wirft  auf  diesen  Antrag  ein  neues  Licht.
Denn  von  Leuten,  welche  ein  Interesse  haben  an  der  Verschärfung  des  Konflikts
  mit  den  Katholiken  und  der  Verschärfung  jenes  Zankes  und  Zwiespalts
im  Reiche  überhaupt,  ist  der  Hammerstein'sche  Antrag  recht  eigentlich  ausgegangen.
  Ob  Abg.  v.  Hammerstein  sich  das  wohl  ganz  genau  klar  gemacht

 

hat?  Ich  kann  mir  nicht  denken,  daß  er  mit  offenen  Augen  und  eigenem

Willen  diesen  Interessen,  welche  der  Abg.  Brüel  vertritt,  geradezu  dienen
wollte;  ich  kann  es  auch  von  weiteren  Freunden  dieses  Antrages  nicht  glauben.
Deshalb  ist  er  gerade  in  dieser  Zeit  eingebracht,  und  welch  reichen  Schatz
von  Argumenten,  von  Zwiespaltsmotiven  zwischen  der  Regierung  und  ihren
Freunden  der  Vorredner  gerade  aus  dem  Hammerstein'schen  Antrage,  aus
den  Bestrebungen  der  evangelischen  Kirche  entnahm,  das  wird  Ihnen  allen
aufgefallen  sein.  Ich  bewundere  nur,  daß  man  mit  dieser  Auffassung  sich
so  lange  als  Hospitant  der  katholischen  Fraktion  hat  halten  können,  und
ich  vermute,  daß  da  noch  andere  Motive  dahinter  stecken,  als  reines  Interesse
für  die  evangelische  Kirche.  Der  Abgeordnete  hat  kurz  nach  der  Annexion
Hannovers,  wie  mir  gesagt  wurde,  Anlaß  zu  Beschwerden  über  Mangel  an

Erfüllung  persönlicher  Wünsche  gehabt  (Hört,  hört!),  ich  kann  mir  aber
nicht  denken,  daß  dies  auf  seine  politische  Stellung  Einfluß  gehabt  haben
sollte.  Wenn  er  noch  irgend  eine  Empfindlichkeit  infolge  dessen  hegt,  so
möchte  ich  ihn  bitten,  dieselbe  hier  außer  Acht  zu  lassen.  Es  ist  gewiß  keine
persönliche  Abneigung  gewesen,  sondern  nur  Mangel  an  richtiger  besonnener
Unterstützung  der  damaligen  Machthaber.  Der  Abgeordnete  hat  mir  gegenüber
  gewisse  Insinuationen  von  großer  persönlicher  Schärfe  und  Bitterkeit
gemacht,  er  hat  mir  Schuld  gegeben,  daß  ich  Forderungen  der  Sittlichkeit
und  Gerechtigkeit  verletzt  hätte.  Ich  wäre  also  vollständig  berechtigt,  wenn
ich  dem  Herrn  Abgeordneten  mit  ähnlichen  Höflichkeiten  dienen  wollte,  deren
ich  mich  aber  enthalten  werde;  ich  bin  das  meiner  Selbstachtung  schuldig.
Der  Abgeordnete  hat  mir  in  diesem  Sinne  vorgeworfen,  wir  hätten  Krieg
gegen  die  eigenen  Unterthanen  geführt.  Krieg  haben  wir  überhaupt  nicht
geführt,  wir  sind  nur  in  parlamentarischen  und  publizistischen  Kämpfen  gewesen.
  Wenn  er  das  Krieg  nennt,  so  sind  wir  heute  noch  im  Kriege.  Wir
haben  gekämpft  gegen  faktiöses  Parteigetriebe  und  die  dadurch  herbeigeführten
Gefahren  für  das  neugebildete  Reich.  Wir  kämpfen  gegen  die  Welfen-Fraktion
  noch  immer  mit  derselben  Entschiedenheit;  wir  hoffen,  mit  dem
Zentrum,  soweit  es  rein  katholische  Interessen  vertritt,  zu  einem  modus
vivendi  zu  gelangen.  Wir  haben  denselben  Kampf  mit  den  Sozialdemokraten
und  mit  den  politischen  Demokraten,  das  ist  aber  kein  Krieg  mit  den  eigenen
Unterthanen,  das  sind  parlamentarische  Kämpfe  zwischen  den  Ministern,
zwischen  der  Regierung  und  den  Parteien,  in  denen  ja  auch  der  Vorredner
eigentlich  lebt,  es  ist  sein  eigentliches  Element,  und  ich  glaube,  daß  er  wenig
Interesse  für  die  Welt  mehr  hat,  wenn  ihm  dieser  Fonds  verloren  ginge.

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  9
        <pb n="142" />
        130  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.  27.)

Die  Forderung  der  Sittlichkeit,  welche  der  Abgeordnete  durch  mich  verletzt
meint,  halte  ich  vielmehr  in  Frage  gestellt  gegenüber  den  Umtrieben,  welche
die  Welfenpartei  seit  21  Jahren  gegen  das  gemeinsame  deutsche  Vaterland
ununterbrochen  betreibt,  als  durch  die  ehrliche  Verteidigung  der  nationalen
Regierung  gegen  diese  Umtriebe.  (Sehr  wahr!  rechts.)  Zu  dieser  Verteidigung
gehört  es,  daß  wir  die  Welfen  bekämpfen,  und  ich  bedauere,  daß  das  Zentrum
bei  seiner  ersten  Entstehung  dieses  national-feindliche  Element  in  sich  aufgenommen
  hat.  Das  hat  uns  unsere  Kämfe  ganz  außerordentlich  erschwert.
Der  Abgeordnete  hat  ferner  gesagt,  er  glaube  kaum,  daß  außer  mir  ein  einziger
  Abgeordneter  früher  geglaubt  hätte,  daß  es  sich  bloß  um  Kampfgesetze
gehandelt  habe.  Es  ist  eine  indirekte  Manier,  mir  die  Unwahrheit  vorzuwerfen,
  denn  daß  ich  gerade  der  einzige  gewesen  wäre,  dessen  Logik  mangelhaft
  genug  beschaffen  gewesen  wäre,  um  das,  was  400  einsehen,  meinerseits  nicht
einzusehen,  das  will  der  Redner  damit  nicht  sagen,  er  hat  meines  Erachtens
angedeutet  oder  andeuten  wollen,  daß  ich  von  der  Wahrheit  abgewichen  wäre,
indem  ich  sagte,  ich  hätte  diese  Gesetze  von  vornherein  bloß  als  Kampfgesetze
betrachtet.  Meines  Erachtens  kann  gerade  über  diesen  letzteren  Punkt  niemand
  zweifelhaft  sein.  Ich  hätte  geglaubt,  mich  dessen  überheben  zu  können,
daß  ich  frühere  Aeußerungen  von  mir  verlesen  müßte,  die  ich  schon  im  Herrenhause
  zitiert  habe.  Ich  habe  mich  über  diesen  Punkt  so  expreß  ausgesprochen,
daß  darüber  niemand  im  Zweifel  hätte  sein  können.  Es  war  im  Jahre
1875,  mitten  im  Kulturkampf;  ich  habe  gestern  schon  verlesen,  in  welcher
Form  ich  im  Januar  1872  meine  Hoffnung  ausgesprochen  habe,  durch  Kampf
zum  Frieden  zu  kommen,  d.  h.  zur  Aenderung  der  Gesetzgebung.  In  jedem
Kriege,  wenn  es  ein  wirklicher  ist,  okkupiert  man  feindliche  Gebiete  keineswegs
  in  der  Absicht,  sie  zu  behalten.  Wenn  wir  die  Zustände  hätten  verewigen
  wollen,  wie  sie  durch  die  Maigesetze  geschaffen  worden  sind,  so  wäre
dies  ein  ähnlicher  Versuch  gewesen,  als  ob  wir  nach  dem  französischen  Kriege
noch  weitere  französische  Gebiete  hätten  behalten  wollen,  die  wir  doch  nicht
hätten  brauchen  können.  Wir  haben  die  Champagne  und  Burgund  geräumt,
sobald  es  in  unserem  Interesse  lag.  Ob  der  Friede,  wie  es  der  Abgeordnete
aus  Hannover  bezweifelt,  ein  dauernder  sein  wird,  das  steht  bei  Gott.  Ich
hoffe  allerdings,  daß  er  es  sein  wird;  aber  die  Möglichkeit,  daß  er  gebrochen
wird  von  einer  anderen  Seite,  wenn  die  Gesinnungsgenossen  des  Abg.  Richter
etwa  zur  Regierung  kommen  und  das  Verhältnis  zwischen  ihm  und  der
Zentrumsfraktion  sich  wieder  löst,  die  ist  ja  doch  vorhanden.  Aber  die  Frage,
ob  ein  Friede  ewig  dauern  wird  oder  nicht,  hat  noch  nie  Einen  abgehalten
in  der  Welt  Frieden  zu  schließen.  Wenn  wir  mit  dem  Frankfurter  Frieden
1871  der  Welt  die  Sicherheit  hätten  gewähren  können,  daß  zwischen  uns
und  Frankreich  nie  mehr  ein  Krieg  entstehen  würde,  dann  hätten  wir  den
Frieden  nicht  schließen  dürfen.  Nach  dieser  Meinung  müßten  wir  noch  heute
in  Versailles  stehen  und  den  damaligen  Zustand  als  dauernde  Institution
beibehalten,  weil  es  unmöglich  ist,  mit  einer  gegnerischen  Nation,  wie  es
die  französische  ist,  die  in  jedem  Jahrhundert  ein  paarmal  uns  angefallen
hat,  einen  dauernden  Frieden  zu  schließen.  Ich  habe  im  Jahre  1875  gesagt:
  „Ich  hege  die  Hoffnung,  daß  der  päpstliche  Einfluß  auf  das  Zentrum
sich  erhalten  wird.  Denn  wie  die  Geschichte  kriegerische  und  friedliche,  weltliche
  und  geistliche  Päpste  zeigt,  so  hoffe  ich,  wird  demnächst  wieder  die
Reihe  an  einen  friedliebenden  Papst  kommen.  Darauf  ist  meine  Hoffnung
gerichtet  und  dann  hoffe  ich  auch  wiederum  einen  Antonelli  zu  finden,  der
einsichtsvoll  genug  ist,  um  dem  Frieden  mit  der  weltlichen  Macht  entgegenzukommen.“
  Also  1875  habe  ich  nicht  von  einer  ewigen  Dauer  dieser  gesetzlichen
  Einrichtungen  gesprochen,  sondern  nur  von  einem  Kampf,  als  dessen
Ende  und  Ziel  ich  den  Frieden  zu  sehen  wünschte.  Wenn  auch  der  Kampf
        <pb n="143" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  22.)  131

mit  Rom  geführt  wurde,  so  war  er  deshalb  doch  kein  konfessioneller.  Er  ist
ein  politischer  geblieben,  weil  die  Kurie  den  Beistand  ihrer  politischen  Macht
und  den  Einfluß  des  Papstes  auf  die  deutschen  Wähler  dem  Zentrum  geliehen
  hat.  Dadurch  sind  wir  in  den  Kampf  mit  der  Kurie  hineingezogen.
In  diesem  ganzen  Kampfe  haben  wir  keineswegs,  wie  der  Vorredner  uns
zu  insinuieren  suchte,  die  Stärkung  der  Staatsgewalt  ausschließlich  erstrebt,
obwohl  ich  dieses  Moment  für  so  untergeordnet  nicht  halte  wie  der  Vorredner.
  Aber  die  Staatsgewalt  bedarf  an  sich  in  Preußen  eine  Verstärkung
nicht,  sie  hat  die  Stärke,  die  sie  braucht.  Grundlage  und  Ziel  des  Kampfes
war  von  Anfang  an,  das  neu  gestiftete  Reich  gegen  subversive  und  mitunter
sehr  bösartige  Angriffe  zu  schützen,  welche  die  politischen  Freunde  des  Vorredners
  dem  Reich  gegenüber,  gegen  seine  Sicherheit  und  seinen  inneren
Frieden  unternommen  hatten.  Dieser  Aufgabe  werde  ich  mich  auch  ferner
widmen.  Daß  ich  damit  den  üblen  Willen  des  Vorredners  auf  mich  ziehe,
ist  mir  längst  bekannt.  Ich  kann  im  übrigen  alle  Insinuationen,  die  er
gegen  mich  persönlich  machte,  oder,  soweit  ich  ihn  nicht  gehört  habe,  gemacht
haben  mag,  auf  sich  beruhen  lassen,  im  festen  Vertrauen  auf  das  Urteil,  das
meine  Landsleute  und  die  öffentliche  Meinung  über  mich  fällen  werden.
Sie  werden  nicht  auf  seiten  des  welfischen  Abgeordneten,  sondern  auf  seiten
des  Verteidigers  des  Reiches  stehen.  (Lebhafter  Beifall.)

Nachdem  in  der  2.  Beratung  sodann  die  ersten  4  Artikel  der  Vorlage
  angenommen  sind,  gibt  zu  Artikel  5  (Zulassung  der  Orden)  der  Reichskanzler
  folgende  Erklärung:  „Die  königliche  Staatsregierung  ist  keineswegs
blind  gegen  die  Bedenken,  die  dagegen  sprechen,  den  polnischen  Bestrebungen
in  der  Provinz  Posen  denjenigen  Beistand  zuzuführen,  der  ihnen  ohne
Zweifel  aus  der  Wiederherstellung  und  Wiederzulassung  verschiedener  Orden
erwachsen  kann.  Sie  hat  sich  aber  nichtsdestoweniger  entschließen  müssen,
Ihnen  die  Annahme  der  gesamten  Vorlage,  wie  sie  aus  dem  Herrenhause

gekommen  ist,  zu  empfehlen,  weil  durch  das  Abbröckeln  eines  Teiles  von  derselben
  das  Zustandekommen  der  Friedensverhandlungen,  welche  wir  mit  der
römischen  Kurie  geführt  haben,  wiederum  in  Frage  gestellt  werden  würde,
und  weil  die  Regierung  im  Gesamtinteresse  des  Staates  glaubt,  ein  höheres
Gewicht  auf  das  Zustandekommen  dieser  Verständigung,  dieses  Friedens,
dieses  modus  vivendi  mit  den  katholischen  Unterthanen  des  Königs  legen
zu  müssen,  als  auf  die  lokalen  Uebel,  welche  den  einzelnen  Provinzen  aus
den  gemachten  Konzessionen  erwachsen  würden.“

Hierauf  wird  dieser  Artikel,  nachdem  sich  22  Freikonservative  der  Stimmen
  enthalten,  mit  230  gegen  117  Stimmen  angenommen,  ebenso  am  27.  mit
243  gegen  99  in  dritter  Beratung.  Dafür  sind  hiebei  105  Konservative,
90  Ultramontane,  30  Freikonservative,  11  Polen,  7  Wilde;  dagegen  55
Nationalliberale,  34  Freisinnige,  7  Konservative,  3  Wilde;  der  Stimme
enthalten  sich  27  Freikonservative,  8  Konservative  und  8  Nationalliberale.

22.  April.  (Anarchistenprozeß.)  Der  frühere  Rechtskonsulent
  Sparr  wird  wegen  Hochverrats  vom  Landgericht  in  Berlin
zu  4  Jahren  Zuchthaus  und  5  Jahren  Ehrverlust  und  Stellung

unter  Polizeiaufsicht  verurteilt.

Sparr  ist  überführt,  Nummern  des  anarchistischen  „Rebell“  in  Berlin
verbreitet,  Auszüge  daraus  und  eigene  anarchistische  Pamphlete  hektographisch
vervielfältigt  und  im  Innern  von  Häusern  und  Bedürfnisanstalten  angeklebt
zu  haben.  Er  sucht  zu  seiner  Rechtfertigung  geltend  zu  machen,  daß  er  die
sozialdemorratische  Partei  habe  diskreditieren  wollen,  da  ihm  dieselbe  übel
mitgespielt  hätte.  Diese  Ausrede  findet  keinen  Glauben.  Sparr  war  1881

9*
        <pb n="144" />
        132  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  22.—26.)

aus  Berlin  auf  Grund  des  Sozialistengesetzes  ausgewiesen  worden,  dann  aber
war  ihm  auf  sein  Gesuch  widerruflich  der  Aufenthalt  daselbst  wieder  gestattet
worden.  Nach  der  Ausweisung  hatte  er  sich  jahrelang  in  Deutschland  und
dem  Auslande  umhergetrieben,  überall  von  den  Sozialdemokraten  und  Anarchisten
  unterstützt.  Die  Erlaubnis  zur  Rückkehr  nach  Berlin  mißbrauchte  er
zu  anarchistischen  Agitationen  unter  den  Arbeitern,  wobei  er  Mitte  Januar
1887  auf  frischer  That  ergriffen  wurde.

22.  April.  (Reichsanleihe.)  Dem  Reichstage  geht  ein  Gesetzentwurf
  zu,  welcher  den  Reichskanzler  ermächtigt,  die  für  einmalige
  Ausgaben  aus  Anlaß  der  Heeresverstärkung  im  Etatsjahr
1886/87  außeretatsmäßig  in  Ansatz  gebrachten  15.647,702  M  unter
nachträglicher  Genehmigung  der  bereits  davon  aufgewandten  Summen
  durch  den  Reichstag,  ferner  die  im  Nachtragsetat  zu  Heereszwecken
  erforderten  außerordentlichen  Geldmittel  bis  zur  Höhe  von
156.624,783  M,  insgesamt  also  172.272,485  M  im  Kreditwege  durch
Aufnahme  einer  verzinslichen  Reichsanleihe  und  Ausgabe  von  Schatzanweisungen
  flüssig  zu  machen.

23.  bzw.  30.  April.  (Preußen:  Volksschulwesen.)  Abg.-Hs.:
  Zweite  Lesung  des  Gesetzes  über  die  Leistungen  für  die  Volksschulen.


Der  grundlegende  §  2  wird  nach  den  Kommissionsbeschlüssen  in  folgender
  Fassung  genehmigt:

„Werden  von  den  Schulaufsichtsbehörden  für  eine  Volksschule  Anforderungen
  gestellt,  welche  durch  neue  oder  erhöhte  Leistungen  der  zur  Unterhaltung
  der  Schule  Verpflichteten  zu  gewähren  sind,  so  wird  in  Ermangelung
des  Einverständnisses  der  Verpflichteten  die  zu  gewährende  Anforderung,  soweit
  solche  innerhalb  der  gesetzlichen  Zuständigkeit  nach  dem  Ermessen  der
Verwaltungsbehörden  zu  bestimmen  ist,  bei  Landschulen  durch  Beschluß  des
Kreisausschusses,  bei  Stadtschulen  durch  Beschluß  des  Bezirksausschusses,
insbesondere  mit  Rücksicht  auf  das  Bedürfnis  der  Schule  und  auf  die  Leistungsfähigkeit
  der  Verpflichteten,  festgestellt.  Dabei  entscheidet  über  die  Frage
des  Einverständnisses  in  betreff  aller,  welche  als  Mitglieder  einer  Gemeinde
oder  eines  Schulverbandes  (einer  Schulgemeinde),  Schulsozietät,  Schulkommune
  u.  s.  w.  unterhaltungspflichtig  sind,  der  verfassungsmäßige  Beschluß
der  Gemeinde  oder  des  Schulverbandes,  beziehungsweise  der  Beschluß  ihrer
verfassungsmäßigen  Vertretungen.“  

Ebenso  der  Zusatz  der  Kommission  zu  §  3:  Auf  Schulbausachen
findet  dieses  Gesetz  keine  Anwendung.  Auch  bleiben  die  Vorschriften  des
Gesetzes  vom  6.  Juli  1885,  betreffend  die  Pensionierung  der  Lehrer  und
Lehrerinnen  an  den  öffentlichen  Volksschulen,  unberührt.

Das  Herrenhaus  stimmt  den  Aenderungen  am  30.  April  zu.
25.  April.  (Reichslande.)  Umbildung  des  Ministeriums.

Eine  kaiserliche  Verordnung  von  diesem  Tage  hebt  die  vierte  Ministerialabteilung
  für  Gewerbe,  Landwirtschaft  und  öffentliche  Arbeiten  auf
und  verbindet  die  Verwaltung  der  landwirtschaftlichen  Angelegenheiten  mit
der  dritten  Abteilung  (Finanzen  und  Domänen),  während  die  Gewerbe  und
öffentlichen  Arbeiten  der  Abteilung  1  (Inneres)  überwiesen  werden.

26.  April.  (Preußen:  Evangelische  Kirche.)  Die  zu
        <pb n="145" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  28.)  133

Berlin  tagende  Landeskirchliche  Versammlung  unter  Vorsitz  des  Frhrn.
v.  Maltzahn-Gültz  nimmt  folgende  von  Herrn  v.  Kleist-Retzow  und
Hofprediger  Stöcker  befürwortete  Resolution  einstimmig  an:

1)  Wir  erkennen  es  als  die  höchste  Lebensbedingung  der  evangelischen
Kirche,  daß  sie  auf  dem  Grunde  der  Apostel  und  Propheten,  auf  den  sich
unsere  Väter  in  den  reformatorischen  Bekenntnissen  gestellt  haben,  beständig
bleibe  und  sich  darauf  erbaue  in  Kraft  des  reinen  Worts  und  Sakraments.
Wir  rufen  daher  unsere  Freunde  zur  Treue  und  Wachsamkeit,  Hingebung
und  Opferfreudigkeit  auf.  2)  Gleichwohl  sind  wir  der  Ueberzeugung,  daß
in  der  Stellung  der  evangelischen  Landeskirche  Preußens  zum  Staat  für  die
Entfaltung  ihrer  Lebenskräfte  Hindernisse  liegen,  deren  Beseitigung,  unbeschadet
  der  von  uns  rückhaltlos  anerkannten  Hoheitsrechte  des  Staats,  anzustreben
  ist.  3)  Solche  Hindernisse  erblicken  wir  insonderheit  in  folgenden
Punkten:  a.  daß  den  Staatsbehörden  bei  der  Besetzung  kirchenregimentlicher
Aemter  nicht  bloß  das  ihnen  unbestrittene  Einspruchsrecht,  sondern  die  positive
  Mitwirkung  zusteht,  die  den  Synoden  nur  in  beschränktem  Maße  eingeräumt
  ist;  b.  daß  das  Gesamtministerium  bei  allen  Kirchengesetzen,  auch  bei
solchen,  welche  die  Mitwirkung  des  Staats  nicht  erfordern,  ein  Plazet  ausübt,
  während  das  Staatsinteresse  genügend  gewahrt  erscheinen  muß  durch  die
Bestimmung,  daß  „kirchliche  Gesetze  und  Verordnungen  nur  so  weit  rechtsgiltig
  sind,  als  sie  mit  einem  Staatsgesetz  nicht  in  Widerspruch  stehen“
(Art.  13  Abs.  1  des  Gesetzes  vom  3.  Juni  1876);  c.  daß  dem  Landtage
trotz  seiner  interkonfessionellen  Zusammensetzung  das  Recht  zusteht,  bei  jeder
Veränderung  der  inneren  Organisation  der  evangelischen  Landeskirche  gesetzgeberisch
  mitzuwirken;  d.  daß  bei  der  Besetzung  der  evangelischen  theologischen
  Professuren  ein  den  Bedürfnissen  der  Kirche  genügendes  Zusammenwirken
  der  kirchlichen  Instanzen  mit  den  Staatsbehörden  fehlt.  4)  Bei  der
Ausgestaltung  der  kirchlichen  Selbständigkeit  wird  sich  der  Staat  der  königlich
  verbrieften,  in  der  Parität  begründeten,  aber  immer  noch  vermißten  Gewährung
  einer  ausreichenden  und  festen  Dotation  für  die  evangelische  Landeskirche
  nicht  länger  entziehen  dürfen.  5)  Den  Segen  des  landesherrlichen
Kirchenregiments  wollen  wir  der  evangelischen  Kirche  auch  fernerhin  erhalten
wissen  und  erstreben  deshalb  für  dasselbe  der  Staatshoheit  gegenüber  eine
solche  Gestaltung,  welche  die  der  Kirche  gebührende  Selbständigkeit  verbürgt.

28.  April.  (Vorfall  Schnäbele.)  Der  Reichskanzler  richtet
an  den  französischen  Botschafter  Herbette  eine  Mitteilung  (St.  A.
Bd.  48),  worin  es  heißt:

„Die  von  den  beteiligten  Gerichtsbehörden  eingeforderten  Beweisstücke
ergeben  als  zweifellos,  daß  die  Verhaftung  Schnäbele's  in  ihrem  ganzen
Verlaufe  ausschließlich  auf  deutschem  Gebiete  ohne  Ueberschreitung  der  französischen
  Grenze  erfolgte.  Das  gerichtliche  Verfahren  hat  das  Verbrechen  des
Landesverrats,  begangen  im  Gebiete  des  deutschen  Reiches,  zum  Gegenstande
und  gründet  sich  auf  vollgültige  Beweise  der  Schuld,  bestehend  in  Geständnissen
  des  in  gleicher  Sache  angeklagten  Reichsangehörigen  Klein,  und  in
eigenen,  in  Metz  zur  Post  gegebenen,  von  Schnäbele  seitdem  anerkannten
Briefen  des  letzteren.  Die  Verurteilung  Schnäbele's  wird  sonach  nicht  zweifelhaft
  sein  können  und  voraussichtlich  um  so  strenger  ausfallen,  als  Schnäbele
bei  seiner  strafbaren  Thätigkeit  das  Ansehen  mißbrauchte,  welches  ihm  seine
Stellung  in  dem  ein  besonderes  Maß  gegenseitigen  Vertrauens  voraussetzenden
  amtlichen  Grenzverkehr  beider  Länder  verlieh.  Schnäbele  schädigte  das
für  den  internationalen  Verkehr  unentbehrliche  Vertrauen  dadurch,  daß  er
seine  amtliche  Stellung  im  Grenzdienste  benutzte,  um  deutsche  Reichsangehö-
        <pb n="146" />
        134  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  Anf.—14.)

rige  für  Geld  zu  verbrecherischen  Handlungen  gegen  ihr  Vaterland  zu  verleiten.
  Durch  diesen  Amtsmißbrauch  wird  in  den  Augen  des  Gerichts  die
Strafbarkeit  Schnäbele's  erhöht,  unabhängig  von  der  Frage,  ob  derselbe  in
höherem  Auftrage  gehandelt  hat.  Unterzeichneter  erlaubt  sich,  diesen  Gesichtspunkt
  für  den  Fall  hervorzuheben,  daß  Schnäbele  nach  seiner  gegenwärtigen
  Freilassung  von  neuem  auf  deutschem  Gebiete  betroffen  würde,  ohne
durch  eine  vorgängige  amtliche  Verabredung  gegen  eine  Verhaftung  gedeckt
zu  sein.  Unterzeichneter  gibt  sich  der  Hoffnung  hin,  daß  der  Hr.  Botschafter
aus  den  mitgeteilten  Aktenstücken  die  Ueberzeugung  schöpfen  werde,  daß  der
gerichtliche  Haftbefehl  gegen  Schnäbele  wohlbegründet  war  und  die  Ausführung
  desselben  innerhalb  des  deutschen  Gebiets  und  ohne  Verletzung  französischer
  Hoheitsrechte  stattgefunden  hat.  Wenn  es  der  Unterzeichnete  dennoch
für  seine  Pflicht  gehalten  hat,  den  Befehl  zur  Freilassung  Schnäbele's  von
Sr.  Maj.  dem  Kaiser  zu  erbitten,  so  wurde  er  dabei  von  der  völkerrechtlichen
  Auffassung  geleitet,  daß  Grenzüberschreitungen,  welche  auf  Grund
dienstlicher  Verabredungen  zwischen  Beamten  benachbarter  Staaten  erfolgen,
jederzeit  als  unter  stillschweigender  Zusicherung  freien  Geleits  stehend  anzusehen
  seien.  Es  ist  nicht  glaublich,  daß  der  deutsche  Beamte  Gautsch  den
Schnäbele  zur  Besprechung  in  der  Absicht  aufforderte,  die  Verhaftung  möglich
  zu  machen;  es  liegen  aber  Briefe  vor,  welche  beweisen,  daß  Schnäbele,
als  er  verhaftet  wurde,  sich  an  der  Stelle,  wo  das  geschah,  infolge  einer  mit
dießseitigen  Beamten  getroffenen  Verabredung  befand,  um  gemeinsame  amtliche
  Geschäfte  zu  erledigen.  Wenn  Grenzbeamte  bei  derartigen  Gelegenheiten
der  Gefahr  ausgesetzt  wären,  auf  Grund  von  Ansprüchen,  welche  Gerichte  des
Nachbarstaates  an  sie  machen,  verhaftet  zu  werden,  so  würde  in  der  dadurch
für  sie  gebotenen  Vorsicht  eine  Erschwerung  der  laufenden  Grenzgeschäfte  liegen,
  welche  mit  dem  Geiste  und  den  Traditionen  der  heutigen  internationalen
  Beziehungen  nicht  in  Einklang  steht.  Der  Unterzeichnete  ist  daher  der
Meinung,  daß  derartige  geschäftliche  Zusammenkünfte  jederzeit  als  unter  dem
Schutze  des  gegenseitig  zugesicherten  freien  Geleites  stehend  gedacht  werden
sollten.  In  diesem  Sinne  brachte  er,  unter  voller  Anerkennung  der  Berechtigung
  des  Verfahrens  der  dießseitigen  Gerichte  und  Beamten,  das  Sachverhältnis
  bei  Sr.  Maj.  dem  Kaiser  zum  Vortrag;  Allerhöchstderselbe  geruhte
zu  entscheiden,  daß  in  Betracht  der  völkerrechtlichen  Motive,  welche  für  die
unbedingte  Sicherstellung  internationaler  Verhandlungen  sprechen,  Schnäbele
trotz  der  Festnahme  auf  deutschem  Gebiet  und  trotz  der  gegen  ihn  vorliegenden
  Schuldbeweise  in  Freiheit  zu  setzen  sei.“

Schnäbele  wird  am  folgenden  Tage  in  Metz  in  Freiheit  gesetzt.

Anfang—14.  Mai.  (Staatskatholikenadresse.)  In  den
katholischen  Kreisen  des  Herrenhauses  und  des  Adels  zirkuliert  eine
von  dem  Herzoge  v.  Ratibor,  dem  Fürsten  zu  Isenburg-Birstein,
den  Grafen  v.  Frankenberg  und  v.  Brühl  u.  a.  unterschriebene
Adresse  an  den  Paypst.

In  derselben  danken  die  Unterzeichner  dem  Papste  für  das  Schreiben
vom  7.  April  (s.  dies.  Datum)  und  den  durch  dasselbe  und  das  Kirchengesetz
zwischen  Staat  und  Kirche  geschlossenen  Frieden.  Sie  teilen  mit  dem  Papste
die  Meinung,  „daß  das  gegenwärtig  erreichte  Gute  den  ungewissen  Hoffnungen
  der  Zukunft  vorzuziehen  ist“,  sie  „beruhigen  sich  nicht  nur  bei  den
Entschließungen  des  Papstes,  sondern  kommen  ihnen  mit  wahrer  Freude  und
Genugthuung  entgegen“.  In  dem  Begleitschreiben  mit  der  Aufforderung
zur  Unterzeichnung  heißt  es:  Die  Beschlußfasser  „wissen,  daß  diese  Kundgebung
  dem  hl.  Vater  große  Freude  bereiten  wird“.
        <pb n="147" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.   (Mai  5.)  135

Die  intransigente  Zentrumspresse  greift  die  Unterzeichner  der
Adresse,  namentlich  den  früher  entschieden  ultramontanen  Grafen
Brühl  auf  das  heftigste  an.  Die  Adresse  scheint  auch  in  den  Kreisen
des  katholischen  und  protestantischen  freikonservativen  Adels  auf
Widerstand  gestoßen  zu  sein,  nachdem  schon  ein  früherer  Adreß-Entwurf
  Anstoß  erregt  hatte,  in  welchem  dem  Papste  außerdem  noch
für  sein  Eintreten  zu  Gunsten  des  Septennats,  also  die  Einmischung
in  Sachen  der  inneren  Politik,  freudig  begrüßt  worden  war.

Am  14.  Mai  bringt  die  „Post"  folgende  vom  Herzog  v.  Ratibor
  und  dem  Grafen  Brühl  unterzeichnete  Erklärung:

„Es  ist  in  verschiedenen  Blättern  von  einer  Adresse  die  Rede,  welche
von  einigen  katholischen  Mitgliedern  des  Herrenhauses  ausgehend  an  den
Papst  gerichtet  werden  sollte,  um  demselben  zu  danken,  daß  er  zur  Herstellung
des  Kirchenfriedens  in  wohlwollendster  Weise  seinen  Einfluß  geltend  gemacht
und  in  Uebereinstimmung  mit  der  Regierung  und  unter  Zustimmung  beider
Häuser  des  Landtags  die  noch  schwebenden  Differenzpunkte  so  glücklich  gelöst
habe.  Wir  waren  weit  entfernt,  zu  glauben,  daß  eine  derartige  Kundgebung
Gegenstand  gehässiger  Angriffe  werden  könnte,  ehe  noch  überhaupt  ein  bestimmter
  Entschluß  gefaßt  worden  und  die  Adresse  selbst  bekannt  gemacht
war.  Da  dieß  leider  aber  geschehen,  stehen  wir  von  unserem  Vorhaben  ab,
weil  wir  den  so  lange  entbehrten  Frieden,  den  wir  endlich  erreicht  zu  haben
glaubten,  nicht  aufs  neue  stören  und  dazu  wenigstens  unsererseits  keinen  Anlaß
  geben  wollten.  Die  gehässigen  Angriffe  einer  sich  katholisch  nennenden
Presse  würden  uns  daran  nicht  gehindert  haben,  denn  wir  fürchten  sie  nicht,
sind  sie  auch  schon  von  dieser  Seite  gewohnt  und  in  keiner  Weise  gewillt,
darauf  zu  antworten."

5.  Mai.  Reichstag:  Vorlegung  des  Branntweinsteuergesetzentwurfes.
  (Vgl.  13.—  17.  Juni.)

Bei  der  Abstimmung  über  die  Vorlage  im  Bundesrate  hatten
sich  Bayern,  Württemberg  und  Baden  unter  Berufung  auf  Artikel  7
und  35  der  Reichsverfassung  der  Abstimmung  enthalten,  jedoch  indem
  sie  unter  Erklärung  des  Einverständnisses  mit  den  grundlegenden
  §8  sich  vorbehielten,  je  nach  dem  Ergebnis  der  Verhandlungen
mit  dem  Reichstage,  die  vorgesehene  Zustimmung  zur  Ausdehnung
des  Gesetzes  auf  ihre  Staatsgebiete  zu  erteilen.

5.  Mai  bzw.  18.  Oktober.  Reichstag:  genehmigt  das  Gesetz
betr.  die  Errichtung  eines  Seminars  für  orientalische  Sprachen
  bei  der  Universität  Berlin  in  dritter  Lesung.

Das  Reich  trägt  die  eine  Hälfte  der  Kosten,  die  andere  Preußen.
Dieselben  betragen  zur  Einrichtung  40  000  M,  zur  jährlichen  Erhaltung
72000  M  Der  preußische  Landtag  hatte  schon  vorher  das  Gesetz  angenommen.

Die  feierliche  Eröffnung  des  Seminars  durch  den  Kultusminister
  und  den  Staatssekretär  des  Äußern  Grafen  Herbert  Bismarck
  findet  am  18.  Oktober  statt.
        <pb n="148" />
        136  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  5.)

5.  Mai.  (Landwirtschaftliche  Schutz-Zölle.)  Preußen:
Abg.  Hs.  Beratung  des  vom  Frhrn.  v.  Minnigerode  und  127
Landtagsabgeordneten  eingebrachten  Antrages:

„die  königliche  Staatsregierung  zu  ersuchen,  im  Bundesrat  ihren  Einfluß
  dahin  geltend  zu  machen,  daß  mit  Rücksicht  auf  die  infolge  des  erheblichen
  Preisrückgangs  der  Produkte  bedrohliche  Lage  der  Landwirtschaft  eine
Vorlage,  welche  auf  Erhöhung  der  landwirtschaftlichen  Schutzzölle  gerichtet
ist,  dem  Reichstage  baldigst  unterbreitet  werden  möge."

Zu  dem  Initiativantrage  liegt  ein  vom  Frhrn.  v.  Schorlemer-Alst
  und  38  Zentrumsmitgliedern  eingebrachter  Antrag  vor,

welcher  lautet:

„In  Erwägung  und  mit  dem  Vertrauen,  daß  die  königliche  Staatsregierung
  in  Erkenntnis  der  bedrohten,  durch  die  ausländische  Konkurrenz
aufs  äußerste  bedrückten  Lage  der  Landwirtschaft  der  Frage,  durch  welche
Maßregeln  diesem  Notstande  abzuhelfen  sei,  insbesondere  auch,  ob  und  wann
eine  dem  Gesamtinteresse  des  Vaterlandes  entsprechende  Erhöhung  der  landwirtschaftlichen
  Schutzzölle  anzustreben  sei,  fortgehend  ihre  wohlwollende,  sorgsame
  Beachtung  zuwenden  werde,  geht  das  Haus  der  Abgeordneten  über
den  Antrag  der  Abgeordneten  Feiherr  v.  Minnigerode  und  Genossen  zur
Tagesordnung  über.“

Schorlemer  zieht  seinen  Antrag  zu  Gunsten  des  v.  Minnigerode's
zurück,  ein  Antrag  Rickert's  auf  Uebergang  zur  einfachen  Tagesordnung
wird  abgelehnt.  Minnigerode  erklärt  im  Schlußwort  seinen  Antrag  zurückzuziehen,
  weil  alle  Zwecke  desselben  durch  die  Diskussion  erreicht  seien.

Nachdem  Frhr.  v.  Minnigerode  seinen  Antrag  begründet  und  Frhr.
v.  Schorlemer  hierauf  ausgeführt,  daß  er  seinen  Antrag  auf  motivierten
Uebergang  zur  Tagesordnung  gestellt  habe  um  demselben  eine  möglichst  große
Mehrheit  zu  sichern  und  um  Annahme  „seines  oder  doch  wenigstens“  des
Antrages  v.  Minnigerode  ersucht  hat,  gibt  der  Landwirtschaftsminister
Lucius  folgende  Erklärung  ab:  Ich  bin  zu  der  Erklärung  ermächtigt,  daß
die  Regierung  die  schwere  Krisis,  unter  welcher  die  Landwirtschaft  leidet,
anerkennt,  zur  Hilfe  bereit  und  somit  geneigt  ist,  mit  einer  angemessenen
Erhöhung  der  landwirtschaftlichen  Zölle  vorzugehen  (lebhafter  Beifall  rechts),
wenn  sie  die  Zustimmung  des  Bundesrats  und  des  Reichstags  findet.  Dieselben
  Rücksichten,  welche  1879  und  1885  bei  Einbringung  und  Erhöhung
der  Zölle  maßgebend  waren,  werden  auch  künftig  maßgebend  sein.  Es  waren
dies  nicht  die  finanziellen  Erträge,  sondern  der  Schutz  der  heimischen  Landwirtschaft.
  Nach  einem  achtjährigen  Bestehen  dieser  Zölle  ist  nun  aber  nicht
zweifelhaft,  daß  die  Zölle  zwar  finanziell  sehr  günstige  Resultate  ergeben
haben,  daß  sie  aber  in  Bezug  auf  den  Schutz  der  Landwirtschaft  nur  in  sehr
geringem  Maße  gewirkt  haben.  (Zustimmung  rechts.)  Die  finanziellen
Ergebnisse  der  Getreidezölle  sind  von  14  Millionen  im  Jahre  1885  auf  30
Millionen  gestiegen.  Das  Ergebnis  der  Viehzölle  ist  von  1  auf  4½  Millionen
gestiegen.  Dieses  Ergebnis  kommt  jedem  Steuerzahler  zu  gute,  insofern  es
eine  Entlastung  auf  anderem  Gebiete  zur  Folge  hat.  Die  Zölle  haben  auch
den  moralisch  günstigen  Effekt  gehabt,  daß  sie  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung
  das  Vertrauen  gegeben  haben,  daß  die  verbündeten  Regierungen
ihre  Lage  dauernd  im  Auge  behalten  werden.  Daß  die  Preise  nicht  eine
Steigerung,  sondern  ein  Sinken  erfahren  haben,  ist  allerdings  eine  merkwürdige,
  aber  unleugbare  Thatsache.  Wir  haben  trotz  der  Einführung  und
Erhöhung  der  Zölle  in  Bezug  auf  Weizen  einen  Preisstand,  wie  wir  ihn
seit  hundert  Jahren  oder  vielleicht  nie  gehabt  haben.  (Hörtl  hört!  rechts.)
        <pb n="149" />
        Das  dentsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.   (Mai  5.)  137

Ich  habe  die  amtlichen  Zahlen  vor  mir.  Im  Jahre  1861  betrug  der
Weizenpreis  221  M.  Der  höchste  Weizenpreis  betrug  1879  264  M,  der
niedrigste  1864  159  M.  Nach  der  Einführung  der  Zölle  im  Jahre  1879
stieg  der  Preis  im  Hahre  1880  auf  219  ,  1881  auf  220  M;  im  Jahre
1882  begann  er  zu  sinken  auf  208 M,  1883  auf  185 M.  1884  auf  173 M,
1885,  im  Jahre  der  Zollerhöhung,  auf  162  M,  (Hört!  hört!  rechts),  1886
weiter  auf  157 M.  Dem  gegenüber  steht  unbestritten  fest,  daß  die  Einführung
  der  Zölle  eine  Verteuerung  der  wichtigsten  Nahrungsmittel  nicht  herbeigeführt
  hat.  Der  Roggenpreis  bietet  nicht  so  große  Schwankungen  dar,
weil  der  Kreis  der  Roggenbau  treibenden  Länder  sich  nicht  erweitert  hat,
während  wir  von  den  Weizenbau  treibenden  Ländern  in  Amerika  und  Indien
  eine  Konkurrenz  bekommen  haben.  In  dieser  Beziehung  sind  lesenswert
die  Zahlen,  welche  Dr.  Franke  in  seinem  Buche  „Acht  Jahre  deutschen  Getreidehandels"
  gegeben  hat.  Darnach  ist  die  Weizenausfuhr  aus  Indien  in
den  Jahren  1881  bis  1885  von  7  auf  15  Millionen  Zentner  gestiegen.  Der
Roggenpreis  betrug  im  Jahre  1861  154  M  und  erreichte  1881  mit  202  M
den  höchsten  Stand.  1878  betrug  er  143 M,  stieg  1879,  nach  Einführung
der  Zölle,  auf  144  M,  1880  auf  193  M,  1881  auf  202  M,  und  sank  dann
1882  auf  161,  1883  und  1884  auf  147,  1885  auf  143,  1886  auf  134 M,
(Hört!  rechts),  nach  den  März-Durchschnittspreisen  des  Berliner  Marktes
dieses  Jahres  auf  127  M  (Hört!  hört!  rechts.)  Das  Weizenmehl  Nr.  1
kostete  im  Jahre  1876  per  Kilogramm  40  Pf.  1885  32  Pf.,  1886  30  Pf.;
Roggenmehl  per  Kilogramm  im  Jahre  1876  31  Pf.,  im  Jahre  1886  Pf.  
Derselbe  Preisrückgang  macht  sich  bemerkbar  bei  den  übrigen  Verbrauchsgegenständen,
  wie  Java-Reis,  Kaffee  und  Schweineschmalz.  Wenn  nun  die
Produktionskosten  zum  Teil  dieselben  geblieben  sind,  so  müssen  die  Reinerträge
  unserer  Landwirtschaft  in  demselben  Maße  gesunken  sein.  Der  Bericht
  des  Zentralvereins  für  Westpreußen  für  das  Jahr  1885  konstatiert,
daß  die  Preise  nach  der  Danziger  und  Königsberger  Notierung  im  Jahre
1881  für  Weizen  auf  209 M.  1885  auf  141   M,  für  Roggen  1881  auf  184,
1885  auf  129  M,  für  Spiritus  1881  auf  55,70  M,  1885  auf  40,23  M,
für  Wolle  1881  auf  156,  1885  auf  115  M  sanken.  Auch  der  Westen,  speziell
Schleswig-Holstein,  hat  unter  diesem  Preisdruck  zu  leiden.  1882  kostete  der
Zentner  Butter  128  M,  1883  119  M,  1884  114  M,  1885  109 M,  1886
102  M.  Daß  man  seit  einigen  Jahren  lebhaft  dafür  thätig  ist,  die  Butterpreise
  vor  einer  unreellen  und  unanständigen  Konkurrenz  zu  schützen,  ist  ein
berechtigtes  Bestreben  (Beifall  rechts),  und  in  dieser  Beziehung  verdienen  die
Bemühungen  der  verbündeten  Regierungen  die  Zustimmung  des  Reichstages.
Nun  ist  ja  allerdings  nicht  zu  verkennen,  daß  dem  Landwirte  auch  die  niedrigeren
  Preise  von  Maschinen,  Geräten,  künstlichem  Dünger  etc.  zu  Gute
kommen;  ein  weiterer  günstiger  Umstand  ist  die  Herabsetzung  des  Zinsfußes
von  5  auf  3½  Prozent.  Trotzdem  aber  darf  man  das  Fazit  ziehen,  daß
die  Reineinnahmen  aus  der  Landwirtschaft  um  etwa  25  Prozent  zurückgegangen
  sind  infolge  der  allgemeinen  wirtschaftlichen  Lage  der  letzten  Jahre.
Dieser  Rückgang  ist  naturgemäß  genügend,  um  die  über  ¾  ihres  Besitzes
verschuldeten  Landwirte  vollständig  über  Bord  zu  werfen,  und  ich  fürchte,
daß  nach  der  Richtung  auch  keine  Staatshilfe  und  auch  nicht  eine  veränderte
Zollpolitik  die  Existenzen,  welche  an  der  Grenze  dieser  Verschuldung  stehen,
retten  können.  (Hört!  hört!  links.)  Wohl  aber  ist  es  eine  Aufgabe  der
Staatsregierung,  und  muß  es  als  solche  betrachtet  werden,  diejenigen,  welche
existenzfähig  sind,  nach  Möglichkeit  durch  ihre  Wirtschafts-  und  Zollpolitik
zu  schüfen  (Sehr  gut!  rechts),  und  dazu  ist  die  kgl.  Staatsregierung  auch
fest  entschlossen.  (Beifall  rechts.)  Hr.  v.  Minnigerode  hat  einer  erheblichen
Steigerung  der  Viehzölle  eine  große  Bedeutung  zugesprochen.  Ich  teile  diese
        <pb n="150" />
        138  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  5.—6.)

Anschauung  nicht.  Unser  Export  ist  im  wesentlichen  wahrscheinlich  im  Werte
höher  als  der  Import.  Die  Pferde-Einfuhr  betrug  in  den  Jahren  1880—
1885  54,000—76,000  Stück  bei  einem  Werte  von  49—63  Millionen  Mark.
Der  Wert  dieser  Einfuhr  ist  wahrscheinlich  zu  hoch  geschätzt.  Nach  meiner
persönlichen  Kenntnis  werden  an  der  Ostgrenze  fast  durchweg  minderwertige
Pferde  zu  10  bis  50  Thalern  importiert.  Der  amtliche  Durchschnittspreis
von  1000  M  pro  Pferd  aus  dem  Jahre  1880  scheint  mir  also  zu  hoch  gegriffen
  zu  sein.  Unser  Export  betrug  in  demselben  Zeitraum  15,000  bis
19,000  Pferde  per  Jahr  mit  einem  Werte  von  18  bis  24  Millionen  Mark.
In  Bezug  auf  Pferde  würde  eine  Zollerhöhung  von  sehr  geringer  praktischer
Bedeutung  sein.  Gegen  den  Import  von  Rindvieh  sind  unsere  Grenzen  gegen
Oesterreich  und  Rußland  seit  Jahren  gesperrt.  Der  Import  aus  dem  Westen,
der  Schweiz,  von  Holland  u.  s.  w.  belief  sich  in  den  letzten  fünf  Jahren
auf  102,000  bis  217,000  Stück  mit  einem  Werte  von  53  Millionen  Mark.
Dieser  Import  ist  bei  einem  Viehbestande  von  15,786,000  Stück  nach  der
Viehzählung  von  1883  nicht  der  Rede  wert  und  bedeutet  nicht  mehr  als
eine  Auffrischung  des  Blutes  unserer  Landrassen,  deren  sie  dringend  bedürfen.
Abgesehen  von  Schleswig-Holstein  und  Ostfriesland,  gibt  es  kaum  einen
eingebornen  Viehschlag,  der  nicht  einer  Veredelung  durch  fremdes  Blut  bedürfte.
  Daß  die  Züchter  eine  Zollerhöhung  tragen  könnten,  gebe  ich  zu;  ich
glaube  aber  nicht,  daß  sie  praktisch  von  irgend  einer  Bedeutung  sein  würde.
Die  einzige  Viehgattung,  wo  der  Import  von  einiger  Bedeutung  ist,  sind  die
Schweine.  Aber  auch  hier  ist  seit  1882  ein  erhebliches  Sinken  der  Einfuhr,
ob  infolge  der  veterinärpolizeilichen  Vorschriften  oder  der  Zollerhöhung,
bleibe  dahingestellt,  eingetreten.  Der  Schafvieh--Import  ist  gleich  Null  geworden.
  Ich  schließe  mit  derselben  Bemerkung,  mit  der  ich  begonnen  habe.
Die  staatlichen  Maßnahmen,  die  nützlich  sind,  werden  seitens  der  Staatsregierung
  ergriffen  werden.  Aber  jede,  auch  die  weitgehendste  Staatshilfe
wird  nie  die  Selbsthilfe,  die  eigene  Bestrebung  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung,
  billig,  sparsam  zu  wirtschaften  und  zu  produzieren,  überflüssig
machen.  Die  königliche  Staatsregierung  ist  entschlossen,  alles  zu  thun,  was
an  ihr  liegt,  um  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  über  die  schwierige
Krisis  hinwegzuhelfen.  Die  Regierung  bedarf  aber  zur  Lösung  dieser  Ausgabe
  unbedingt  der  Mitwirkung  der  gesetzgebenden  Körperschaften,  und  namentlich
  auch  des  Reichstages;  daß  uns  diese  Mitwirkung  nicht  fehlen  möge  —
diese  Hoffnung  wage  ich  auszusprechen.  (Lebhafter  Beifall  rechts.)

5.—6.  bzw.  20.  Mai.  (Nachtragsetat,  Reichsanleihe.)
Reichstag:  2.  und  3.  Beratung  des  Nachtragsetats  für  Heereszwecke
und  des  damit  in  Verbindung  stehenden  Anleihegesetzes.

Der  Nachtragsetat  bezweckt  die  Deckung  des  durch  die  Heeresvermehrung
  entstandenen  Mehrerfordernisses,  ferner  einer  bisher  geheim  gehaltenen
Steigerung  der  Schlagfähigkeit  des  Heeres  und  des  Verteidigungszustandes
der  Festungen,  worüber  auch  nur  einem  Ausschusse  der  Kommission  vertrauliche
  nähere  Angaben  gemacht  werden,  endlich  der  Kosten  für  den  Ausbau
des  deutschen  Eisenbahnnetzes  im  Interesse  der  Landesverteidigung.

Die  geforderte  Gesamtsumme  ist  176.085,950 M,  davon  19.  408,019  M  an
fortlaufenden,  156.677,931 M  an  einmaligen  Ausgaben,  von  denen  auf  Bayern
1.439,240  bezw.  9.280,342 M  entfallen.  Die  dauernden  Ausgaben  sind  zur
Unterhaltung  der  neuaufgestellten  Truppen  bestimmt;  die  Aufstellung,  Ausrüstung,
Bekleidung  und  Unterbringung  dieser  erfordert  an  einmaligen  Ausgaben  für
Preußen  17.298,967  M  hierzu  im  außerordentlichen  Nachtragsetat  an  Ka-Sachsen.
  2.371,  677 M  sernenbauten  für  Elsaß-Lothringen  5.743,960 M
Württemberg  360,223 M  Allenstein  i.  Preußen  500,000M.
        <pb n="151" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  6.—14.)  139

An  einmaligen  Ausgaben  „zur  Steigerung  der  Operations-  und  Schlagfähigkeit
  des  Heeres“  (wozu  die  Erläuterung  des  Etats  bemerkt:  „diese  Mittel
sind  bestimmt,  diejenigen  notwendigen  Vervollkommnungen  und  Ergänzungen
des  Kriegsmaterials  zu  bewirken,  welche  die  Militärverwaltung  mit  den
bisher  verfügbar  gewesenen  Mitteln  nicht  in  ausgiebigem  Maße  hat  erreichen
können")  werden  gefordert  für

Preußen  45.613,190  M
Sachsen.  5.389,134 M
Württemberg  2.283,221  M
Reichslande  1.199,105 M

Ferner  „zur  Ergänzung  und  Verstärkung  der  Festungen“  bezw.  ihrer
Verteidigungsfähigkeit  29.500,000  M  (ohne  nähere
also  zu  besonderer  Rüstung  insgesamt  83,984,650  M  Spezialisierung)

Zur  Vervollständigung  des  Eisenbahnnetzes  im  Interesse  der  Landesverteidigung
  werden  als  erste  Rate  36.314,000  M  (insgesamt  67.270,192  M
gefordert.  Diese  Bauten  betreffen  1)  das  Legen  zweiter  Geleise  auf  einer
Anzahl  Bahnen  in  den  Reichslanden  und  Süddeutschland  nebst  Militärrampen
  und  Ladegeleisen  auf  den  wichtigsten  Bahnhöfen,  2)  die  neu  anzulegenden
  Strecken  Tuttlingen  —Inzigkofen  (bei  Sigmaringen)  und  einiger
kleinerer  Strecken  zur  Umgehung  des  schweizerischen  Gebietes  auf  der  Bahn
zwischen  Lörrach  und  Konstanz.

Die  Deckung  soll  durch  eine  Anleihe  bewirkt  werden.

Die  Annahme  des  Gesetzes  erfolgt  fast  ohne  Abstrich  (nur
47000  M  für  eine  Kaserne  in  Münster  i.  Westfalen),  allein  gegen
die  Stimmen  der  Sozialdemokraten.

6.  bzw.  7.  Mai.  (Preußen.)  Abg.-Hs.:  Nachtragsetat,  unveränderte
  Annahme  in  2.  und  3.  Beratung.

Die  Höhe  des  Nachtragsetats  beträgt  12.775,689  M,  von  denen
11.296,829  M  durch  Erhöhung  der  Matrikularbeiträge  an  das  Reich  erforderlich
  geworden  sind.  Zur  Bedeckung  dieses  Erfordernisses  ist  eine  Anleihe
im  Betrage  von  11.997,783  M  in  Aussicht  genommen.

9.—14.  Mai.  (Preußen.)  Landtag:  Die  Teilungsvorlage
  über  die  polnischen  Kreise  der  Provinzen  Posen  und  Westpreußen
  wird  in  beiden  Häusern  in  2.  und  3.  Lesung  nach  unwesentlichen
  Abänderungen  genehmigt.

Die  Motive  zum  Gesetzentwurfe  legen  das  Hauptgewicht  auf  die  demselben
  zu  Grunde  liegenden  politischen  Erwägungen.  Es  soll  hauptsächlich
den  Schutz  des  Deutschtums  in  den  polnischen  Provinzen  vermehren.

Nach  den  Landtagsbeschlüssen  werden  geteilt  die  Kreise  Birnbaum,
Fraustadt,  Kröben,  Buck,  Schildberg,  Krotoschin,  Kosten,  Posen  (Landkreis),
Czarnikau,  Gnesen,  Neustadt  in  Preußen,  Schwetz,  Danzig  (Landkreis).
Neu  gebildet  aus  verschiedenen  Kreisteilen  werden  die  Kreise Znin und
Dirschau.

10.—  11.  Mai.  Reichstag:  Branntweinsteuergesetz.
Erste  Lesung.

Finanzminister  v.  Scholz:  Die  Grundgedanken  des  vorjährigen
Eventualentwurfs  in  der  Beibehaltung  der  Maischbottichsteuer  und  der
Branntweinmaterialiensteuer  neben  Einführung  einer  Verbrauchsabgabe  seien
im  vorliegenden  Entwurfe  dieselben  geblieben.  Die  hauptsächlichste  Abweichung
        <pb n="152" />
        140  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  10.—11.)

bestehe  in  der  Verschiedenheit  des  finanziellen  Effekts.  Der  Eventualantrag
habe  bei  progressiver  Erhebung  der  Verbrauchsabgabe  210  Millionen  Reinertrag
  in  Aussicht  genommen,  der  vorliegende  Entwurf  beziffere  den  Reinertrag
  auf  nur  nahezu  100  Millionen.....  Mit  Unrecht  habe  man
gesagt,  daß  die  Differenz  zwischen  50  und  70  Pfennig  ein  Geschenk  von
40  Millionen  für  die  Brennereien  bedeuten  würde.  Dieselbe  werde  dagegen
eine  für  die  Brenner  günstige  Preisbildung  herbeiführen,  und  diesen  Erfolg
müssen  wir  wünschen,  um  die  Kultur  des  östlichen  Preußen,  die  gefährdete
Landwirtschaft  zu  erhalten.  Der  Bundesrat  habe  reiflich  die  Frage  erwogen,
ob  der  Entwurf  derart  beschaffen  sei,  daß  auch  die  süddeutschen  Staaten  sich
der  norddeutschen  Branntweinsteuergemeinschaft  anschließen  können,  ohne  daß
die  süddeutschen  Brennereien,  bezw.  die  süddeutsche  Landwirtschaft,  dabei  geschädigt
  werden.  Der  Bundesrat  habe  die  Frage  in  günstigem  Sinne  beantwortet.
  Keine  politische  Partei,  die  über  die  bloße  Negation  hinausgehe,
werde  der  Landwirtschaft  den  Schutz,  ebensowenig  der  finanziellen  Förderung
des  Reiches  ihre  Mitarbeit  versagen.  Die  Tage  einer  Partei,  die  das  thun
wollte,  würden  gezählt  sein.

Oechelhäuser  (nl.)  erkennt  die  Notwendigkeit  der  Erhöhung  der  Reichseinnahmen
  und  die  Zweckmäßigkeit  der  höheren  Besteuerung  des  Branntweins
  an  und  hebt  hervor,  der  vorliegende  Entwurf  unterscheide  sich  von
dem  vorjährigen  Eventualentwurfe  vorteilhaft.  Die  im  Entwurf  vorgesehene
milde  Form  der  Kontingentierung  sei  dankbar  anzuerkennen,  dagegen  erscheine
die  Scheidung  der  landwirtschaftlichen  von  den  gewerblichen  Brennereien  bezüglich
  der  Maischraumsteuer  durchaus  bedenklich.  Ob  eine  Vereinbarung
mit  Süddeutschland  auf  Grund  der  Maischraumsteuer  durch  die  Vorlage  erreicht
  werde,  könne  dahingestellt  bleiben.  Es  würde  sich  vielleicht  empfehlen,
diese  Frage  offen  zu  lassen,  bis  eine  Vereinbarung  in  der  Biersteuerfrage
erlangt  sei.  Der  vorgeschlagene  Steuersatz  von  50  Pfennig  sei  ein  sehr
mäßiger  gegenüber  dem  in  Frankreich  und  Amerika  geltenden.  Die  Beseitigung
  etwaiger  Mißstände  werde  die  nach  je  drei  Jahren  wiederkehrende
Revision  des  Gesetzes  bewirken.

Bundesbevollmächtigter  bayerischer  Minister  v.  Riedel  hält  sich
im  Gesamtinteresse  des  deutschen  Vaterlandes  für  verpflichtet,  in  dieser  Sache
für  die  Vorlage  das  Wort  zu  nehmen,  man  möge  daraus  aber  nicht  schließen,
daß  Bayern  gewillt  sei,  sein  Reservatrecht  aufsugeben.  Für  Bayern  liegt
der  Schwerpunkt  in  der  Frage,  ob  die  bayerischen  Brenner  in  die  Branntweinsteuergemeinschaft
  eintreten  sollen  oder  nicht.  Die  Beantwortung  dieser
Frage  hänge  davon  ab,  ob  das  vorliegende  Gesetz  sich  derart  gestalten  werde,
daß  die  Existenz  der  bayerischen  Brennereien  dadurch  nicht  beeinträchtigt
werde.  Es  handle  sich  um  6000  Brenner,  deren  Interessen  man  ebenso  Rücksicht
  schuldig  sei,  wie  der  Kultur  des  Landes.  Er  verlange  keine  Vergünstigung
  für  die  süddeutschen  Brenner,  aber  durch  das  Gesetz  müsse  vorgesehen
werden,  daß  die  norddeutschen  Brennereien  infolge  der  günstigeren  Verhältnisse
  die  süddeutschen  nicht  unterdrücken.  Der  Minister  weist  nach,  daß  die
süddeutschen  Brenner  unter  der  heutigen  Konjunktur  bereits  eine  Einbuße
gegenüber  den  norddeutschen  erleiden.  Die  eigenartige  Natur  der  landwirtschaftlichen
  Brennereien  erfordere  große  Vorsicht  in  Bezug  auf  weitere  Erhöhungen
  der  Branntweinsteuer.

Württembergischer  Bundesbevollmächtigter  v.  Schmid
führt  aus,  daß  der  vorliegende  Gesetzentwurf  den  Intentionen  der  württembergischen
  Regierung  entgegenkomme.  Besonders  erfreulich  sei,  daß  durch
diese  Gemeinschaft  ein  neues  Band  um  ganz  Deutschland  geschlungen  werden
solle.  Man  möge  die  Wirkung  dieser  erfreulichen  Erscheinung  aber  nicht  durch
Einzelbestimmungen  beeinträchtigen.  Mycielski  (P.)  hofft,  daß  das  Gesetz
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  10.—11.)  141

zu  stande  kommen  und  die  schwerwiegenden  Bedenken  in  der  Kommission  ihre
Lösung  finden  werden.  Hasenclever  (S.)  befürchtet,  daß  durch  den  Entwurf
der  Branntwein  nicht  nur  verteuert,  sondern  auch  verschlechtert  werden  dürfte.
Es  handle  sich  hier  um  den  Kampf  zwischen  dem  mobilen  und  immobilen
Kapital,  und  die  Kosten  dieses  Kampfes  solle  die  arme  Bevölkerung  tragen.
Grad  (E.)  ist  für  die  Vorlage,  wünscht  aber,  daß  die  Regierung  die  elsaßlothringischen
  Brennereien,  die  durchweg  kleinerer  Natur  seien,  gegen  die
Konkurrenz  der  größeren  besser  schützen  möchte.  Witte  (df.)  ist  gegen  das  Gesetz,
  durch  welches  den  Kartoffelbrennern  eine  ganz  außerordentliche  Subvention
zugewendet  werde,  trotzdem  daß  die  Lage  derselben  (wie  Redner  statistisch
nachweist)  seit  den  letzten  acht  Jahren  sich  fortwährend  gebessert  habe.  Er
bitte  um  Ablehnung  der  Vorlage.  Es  sei  überhaupt  fraglich,  ob  eine  Amendierung
  derselben  im  Sinne  seiner  Partei  möglich  sei.

Abg.  v.  Wedell-Malchow  (dk.)  erklärt,  daß  er  und  seine  politischen
Freunde  im  Großen  und  Ganzen  auf  dem  Boden  der  Vorlage  stehen;  er
hofft  daß  sich  die  Bedenken  gegen  einzelne  Bestimmungen  in  der  Kommission
beseitigen  lassen  und  empfiehlt  zur  Einführung  des  neuen  Systems  die  Zeit
zwischen  Juni  und  September.

Richter  (df.)  meint,  daß  man  über  die  Erhöhung  der  Getreidezölle  sich
augenblicklich  ausschweige,  um  erst  das  vorliegende  Gesetz  in  Sicherheit  zu
bringen.  Die  veranschlagte  Reineinnahme  von  96  Millionen  werde,  wenn  die
süddeutschen  Brenner  in  die  Brennereigemeinschaft  eintreten,  auf  150  Millionen
  steigen.  Die  gegenwärtige  Produktion  sei  um  1  Million  Hektoliter  zu
gering  bemessen.  Der  schlechte  Stand  des  preußischen  Etats  beruhe  hauptsächlich
  auf  den  Matrikularbeiträgen;  sobald  letztere  fortfallen,  schwinde  das
Defizit  von  30  Millionen  aus  dem  Etat,  der  verbleibende  Fehlbetrag  von
10  Millionen  spiele  in  einem  Milliardenetat  keine  Rolle.  Er  sei  ein  entschiedener
  Gegner  des  Ueberschußsystems.  Seine  Partei  würde  zur  Frage
der  Branntweinbesteuerung  ganz  anders  stehen,  wenn  die  Regierung  mit  einer
schärferen  Heranziehung  des  Branntweins  eine  Ermäßigung  der  Steuern  auf
unentbehrliche  Lebensmittel  verbunden  und  dadurch  eine  Entlastung  der  ärmeren
  Klassen  herbeigeführt  haben  würde.  Redner  behauptet,  durch  den
vorliegenden  Gesetzentwurf  werde  nicht  eine  nationale  Einheit,  sondern  eine
nationale  Streitfrage  geschaffen.  Nur  durch  völlige  Ausgleichung  der  Steuersätze
  und  durch  Ausdehnung  der  Steuergemeinschaft  auch  auf  Bier  werde  sich
eine  wirtschaftliche  Einheit  schaffen  lassen.  Redner  unterwirft  die  Maischraumsteuer
  einer  eingehenden  Kritik,  tadelt  die  weitere  Ausdehnung  des  Systems
  der  Exportprämie  und  bemängelt  sodann  die  Unterscheidung  zwischen
landwirtschaftlichen  und  gewerblichen  Brennereien;  dieselbe  schädige  die  kleineren
  Brennereien  und  damit  den  gesamten  Bauernstand,  und  bezwecke  nur
ein  Privilegium  für  den  Großgrundbesitz  auf  Kosten  des  Bauernstandes.  Die
Entschädigung  für  die  Brenner  halte  er  für  völlig  ungerechtfertigt  und  ungerecht,
  gegen  andere  Interessengruppen  sei  man  weniger  rücksichtsvoll  gewesen.
  Der  kleine  Besitzer  erhalte  keine  Spur  von  Entschädigung,  sondern
allein  der  Besitzer  von  Gutsbrennereien.  Wenn  dieses  System  versteckter  Entschädigung
  nach  verschiedenen  Richtungen  fortgesetzt  werde,  würde  es  sich  empfehlen,
  wie  gegen  die  Polen  auch  gegen  die  Agrarier  Ausnahmsgesetze  zu
schaffen.  Die  im  Gesetz  vorgesehene  dreijährige  Revision  werde  das  Brennereigewerbe
  zu  einem  Lotteriespiel  machen,  worin  alle  drei  Jahre  große  Ziehung
stattfinde.

Finanzminister  v.  Scholz  glaubt,  in  der  Rede  Richters  eine  beredte
  Verteidigung  der  Vorlage  sehen  zu  dürfen.  Was  die  von  dem  Vorredner
  vorgetragenen  Zahlen  angehe,  so  könne  er  denselben  nicht  zustimmen.
Richter  habe  eine  zu  rosige  Anschauung  von  der  Finanzlage  des  Reiches,
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        142  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  10.—14.)

und  daß  dies  auf  jener  Seite  der  Fall  sein  würde,  habe  er  nach  den  früheren
Etatsreden,  die  stets  von  einem  großen  finanziellen  Fiasko  der  Regierung
wiedertönten,  nicht  erwartet.  Der  Ertrag  des  vorliegenden  Gesetzentwurfs
sei,  wie  er  nochmals  betonen  wolle,  notwendig  zur  Bestreitung  der  Mehrausgaben
  im  Reiche  und  zu  einer  zweckmäßigen,  sicheren,  ruhigen  Finanzierung
  der  Einzelstaaten.  Dabei  sei  ganz  abgesehen  von  den  großen  Plänen,
welche  die  Regierung  nicht  zum  Vergnügen,  sondern  zum  Wohle  des  Volkes
erwogen  und  auf  ihr  Programm  gesetzt  habe,  ohne  im  Augenblick  die  Mittel
zur  Ausführung  derselben  zu  besitzen.....  Was  die  vermeintliche  Schadloshaltung
  der  Brenner  anbetreffe,  so  handle  es  sich  lediglich  darum,  den
Brennereibetrieb  vor  dem  Untergange  zu  schützen.  Der  Minister  wendet  sich
schließlich  gegen  den  Gedanken,  daß  das  Gesetz  zum  Monopol  führe.

10.—14.  Mai.  (Preußen:  Landtag.)  Das  Gesetz  über  die
Landgüterordnung  für  den  Regierungsbezirk  Kassel  wird  von  beiden
Häusern  angenommen;  ebenso  das  über  das  Bergwerkseigentum  in
den  ehemals  hessischen  Gebietsteilen.

12.  Mai.  (Preußen:  Steuerreform.)  Abg.-Hs.:  Beratung
  des  deutsch--konservativen  Antrages  Althaus,  betreffend
die  Reform  der  direkten  Steuern.  Derselbe  lautet:

„Das  Haus  der  Abgeordneten  wolle  beschließen:  1)  In  Erwägung,
daß  die  bestehende  Klassen-  und  klassifizierte  Einkommensteuer  den  Grundsätzen
  einer  gleichmäßigen  und  gerechten  Besteuerung  nicht  entspricht;  2)  in
Erwägung,  daß  die  Ungleichheit  der  Besteuerung  des  Grundbesitzes  gegenüber
dem  mobilen  Kapital  die  Einführung  einer  Kapitalrentensteuer  notwendig
erscheinen  läßt;  3)  in  fernerer  Erwägung,  daß  im  Hinblick  auf  den  Rückgang
  des  Kleingewerbes  die  Bestimmungen  der  Gewerbesteuer  vom  stehenden
Gewerbe  einer  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  entsprechenden  Reform  dringend
bedürfen,  die  königliche  Staatsregierung  zu  ersuchen,  im  Anschluß  an  die
bereits  vom  Hause  der  Abgeordneten  in  der  Session  pro  1883/84  gemachten
Vorarbeiten  einen  Gesetzentwurf  in  der  nächsten  Session  vorzulegen,  welcher
den  zu  1—3  bezeichneten  Anforderungen  Rechnung  zu  tragen  geeignet  ist.“
  Finanzminister  v.  Scholz  dankt  den  Antragstellern  für  die  Einbringung
  desselben,  erklärt  aber,  daß  schon  einmal  ein  ähnlicher  Beschluß
einer  großen  Majorität  des  Hauses,  auf  welchen  die  Regierung  mit  einer
entsprechenden  Vorlage  eingegangen  sei,  zu  keinem  Ergebnisse  geführt  habe,
da  keine  Verhandlung  über  die  Reform  der  direkten  Steuern  Aussicht  auf
Erfolg  haben  könne,  wenn  nicht  der  feste  Entschluß  gefaßt  sei,  diese  wichtige,
schwierige  und  komplizierte  Sache  ganz  um  ihrer  selbst  willen  unbeirrt  durch
Nebenpunkte  zu  beraten.  Ein  solcher  Nebenpunkt  sei  z.  B.  der  an  diese
Frage  geknüpfte  Versuch,  die  parlamentarische  Macht  zu  erweitern,  ferner
eine  in  Verbindung  damit  erstrebte  Reform  der  Grundlagen  unseres  Wahlrechtes
  oder  die  Behandlung  der  Situation  der  vormaligen  Reichsunmittelbaren.
  Eine  Reform  sei  nur  möglich  durch  Ueberweisung  der  Grund-  und
Gebäudesteuer  an  die  Gemeinden.  Alle  Reformversuche  ohne  diesen  Schritt
seien  aussichtslos.  Daher  könne  er  trotz  seiner  über  die  pflichtmäßige  als
Minister  noch  hinausgehende  persönliche  Sympathie  für  den  Antrag  eine
bestimmte  Aussicht  auf  ein  Eintreten  der  Staatsregierung  in  der  angegebenen
Richtung  nicht  eröffnen.

Schließlich  gelangt  folgender  von  den  Abgeordneten  Frhr.  v.  Huene  (Z.),

Albrecht  (nl.),  Frhr.  v.  Zedlitz-Neukirch  (fk.)  eingebrachter  Antrag  mit  großer
Mehrheit  zur  Annahme:  „Das  Haus  der  Abgeordneten  wolle  beschließen:
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  13. -  19.)  143

In  Erwägung,  daß  von  allen  Parteien  des  Hauses  die  Bereitwilligkeit  zur
Mitarbeit  bei  der  Reform  des  direkten  Steuersystems  bereits  ausgesprochen
ist;  in  Erwägung  ferner,  daß  die  weitere  Ausbildung  der  indirekten  Steuern
im  Reiche  die  Reform  des  direkten  Steuersystems  in  Preußen  im  Sinne  einer
gerechten  Verteilung  der  Steuerlast  einerseits  zur  unabweisbaren  Notwendigkeit
  macht,  andererseits  dieselbe  erleichtert,  und  in  der  Erwartung,  daß  die
königliche  Staatsregierung  mit  entsprechenden  Vorlagen  vorgehen  wird,  über
den  Antrag  der  Abgeordneten  Althaus  und  Genossen  zur  Tagesordnung  überzugehen."


13.  bzw.  20.  Mai.  (Militärrelikten.)  Reichstag:  Gesetzesentwurf
  betr.  Fürsorge  für  die  Witwen  und  Waisen  der  Angehörigen
des  Reichsheeres  und  der  Marine.

Das  Gesetz  wird  in  2.  und  3.  Lesung  nach  den  Kommissionsbeschlüssen
unverändert  angenommen  mit  einer  Resolution,  welche  von  v.  Benda  (nl.)
eingebracht  und  von  Abgeordneten  aller  Parteien  mit  Ausnahme  der  Freisinnigen
  und  Sozialdemokraten  unterstützt  worden  war.  Dieselbe  spricht  bei
Annahme  dieses  Gesetzes  die  Erwartung  aus,  die  verbündeten  Regierungen
würden  thunlichst  im  Laufe  der  nächsten  Session  eine  Vorlage  machen,  nach
welcher  die  Witwen-  und  Waisengeldbeiträge  sowohl  der  Reichsbeamten  des
Civilstandes,  als  auch  der  Angehörigen  des  Reichsheeres  und  der  Marine
gänzlich  in  Wegfall  kommen.

Die  Kommission  hatte  in  dem  ursprünglichen  Entwurfe  den  §  3,  wonach
  die  unverheirateten  Subalternoffiziere  von  der  Zahlung  der  3%  des
Gehaltes  als  Witwengeldbeitrag  bis  nach  erfolgter  entsprechender  Gehaltserhöhung
  entbunden  sein  sollten,  dahin  abgeändert,  daß  diese  Befreiung  gelten
solle  „bis  zu  anderweitiger  gesetzlicher  Regelung“;,  außerdem  hatte  sie  dem
Gesetze  rückwirkende  Kraft  gegeben  für  die  Witwen  und  Weaisen  aller  seit
dem  1.  April  1882  verstorbener  Angehörigen  des  Heeres  und  der  Marine.

14.  Mai.  Preußen:  Landtagsschluß.

17.  Mai.  (Schutzgebiete.)  Reichstag:  genehmigt  in  3.  Lesung
  das  Gesetz  über  die  Rechtsverhältnisse  der  Reichsbeamten  in  den

Schutzgebieten.

Dasselbe  gewährt  den  Reichsbeamten  in  den  Schutzgebieten  Doppeljahre
  für  die  Zeit  ihres  Aufenthaltes  daselbst  bezüglich  späterer  Pensionierung
  und  gestattet  dem  Kaiser  jederzeit  die  vorläufige  Versetzung  derselben
in  den  Ruhestand,  jedoch  unter  Gewährung  des  gesetzlichen  Wartegeldes.

17.  bzw.  28.  Mai.  (Sozialistenprozesse.)  In  Magdeburg
  werden  31,  in  Danzig  20  von  den  angeklagten  Sozialisten
wegen  Teilnahme  an  geheimen  Verbindungen  zu  Gefängnisstrafen
von  2  Wochen  bis  zu  9  Monaten  verurteilt.  Der  frühere  Reichstagsabgeordnete
  Heine  in  Magdeburg  befindet  sich  unter  den  Freigesprochenen.


18.  Mai.  (Bayern.)  Durch  eine  vom  Gesamtministerium
unterzeichnete  Entschließung  des  Prinz-Regenten  wird  der  Landtag
aufgelöst  und  die  Neuwahlen  auf  den  28.  Juni  festgesetzt.

19.  Mai.  (Pariser  Weltausstellung.)  Eine  Note  des
Auswärtigen  Amtes  an  die  deutschen  Vertreter  in  Italien,  Rußland,
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        144  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  20.—  21.)

England  und  Belgien  betont,  daß  die  Ablehnung  Deutschlands,  sich
an  der  Pariser  Weltausstellung  offiziell  zu  beteiligen,  als  ein  Versuch,
  dem  französischen  Unternehmen  zu  schaden,  nicht  anzusehen  sei.
Es  sei  jedoch  sicher,  daß  deutsche  Industrielle  privatim  ausstellen
würden,  und  diesen  solle  jede  Erleichterung  gewährt  werden.

20.—21.  Mai  bzw.  17.  Juni.  (Kunstbutter.)  In  dem
dem  Reichstage  vorgelegten  Gesetzesentwurfe  spricht  sich  die  Reichsregierung
  über  die  Gründe  und  Zwecke  der  Vorlage  in  den  umfänglichen
  beigegebenen  technischen  Erläuterungen  wie  folgt  aus:

1)  Die  aus  dem  Fett  gesunder  Tiere  dargestellte  Kunstbutter  gibt,
abgesehen  von  einer  vielleicht  etwas  geringern  Verdaulichkeit  im  Vergleich
zur  Milchbutter,  im  allgemeinen  keine  Veranlassung  zu  der  Annahme,  daß
sie  auf  die  menschliche  Gesundheit  nachteilig  einwirken  könne.  2)  Es  besteht
der  Verdacht,  daß  ein  Teil  der  im  Handel  vorkommenden  Kunstbutter  aus
solchen  Materialien  und  nach  solchen  Fabrikationsweisen  dargestellt  wird,
welche  die  Gefahr  einer  Uebertragung  von  Krankheiten,  mögen  dieselben  durch
pflanzliche  Krankheitserreger  oder  durch  tierische  Parasiten  erzeugt  sein,  auf
den  Menschen  mit  Sicherhet  nicht  ausschließen.  3)  Es  besteht  der  Verdacht,
daß  ein  Teil  der  Kunstbutter  aus  ekelerregenden  Materialien  dargestellt  wird.
Die  aus  wirtschaftlichen  Gründen  vorgeschlagene  Kennzeichnung  der  Verkaufsstellen
  von  Kunstbutter  dürfte  indes  zur  Zeit  auch  den  Rücksichten  auf  die
öffentliche  Gesundheitspflege  im  allgemeinen  ausreichend  Rechnung  tragen.
Denn  es  würde  dadurch  jedermann  ermöglicht  werden,  zwischen  den  äußerlich
nicht  unterscheidbaren  Warengattungen  zu  wählen,  mithin  die  Kunstbutter
nicht  zu  solchen  Zwecken  zu  verwenden,  bei  welchen  jede  Gefahr  einer  vielleicht
  auch  noch  so  geringen  Gesundheitsschädigung  zu  vermeiden  ist.

Die  nach  der  ersten  Beratung  mit  der  Weiterberatung  beauftragte
  Kommission  giebt  aber  der  Vorlage  eine  wesentlich  verschärfte
Fassung,  indem  sie  die  ersten  §§  in  folgende  Form  bringt:

§  1.  Die  Geschäftsräume  und  sonstigen  Verkaufsstellen  einschließlich
der  Marktstände,  in  welchen  Margarine  gewerbsmäßig  verkauft  oder  feilgehalten
  wird,  müssen  an  in  die  Augen  fallender  Stelle  die  deutliche,  nicht
verwischbare  Inschrift:  „Verkauf  von  Margarine“  tragen.  „Margarine“  im
Sinne  dieses  Gesetzes  sind  diejenigen  der  Milchbutter  ähnlichen  Zubereitungen,
deren  Fettgehalt  nicht  ausschließlich  der  Milch  entstammt.  §  2.  Die  Vermischung
  von  Butter  mit  Margarine  oder  andern  Speisefetten  zum  Zwecke
des  Handels  mit  diesen  Mischungen,  sowie  das  gewerbsmäßige  Verkaufen
und  Feilhalten  derselben  ist  verboten.  Unter  diese  Bestimmung  fällt  nicht
der  Zusatz  von  Butterfett,  welcher  aus  der  Verwendung  von  Milch  oder
Rahm  bei  der  Herstellung  von  Margarine  herrührt,  sofern  dieser  Zusatz  nicht
mehr  als  4  Prozent  beträgt.  In  den  folgenden  §§  wird  überall  die  deutliche
  Bezeichnung  des  feilgebotenen  Fabrikats  als  Margarine  gefordert  und
für  Zuwiderhandlungen  eine  Strafe  bis  zu  150 M  oder  Haft,  im  Wiederholungsfalle
  bis  zu  600  M  oder  Gefängnis  bis  zu  3  Monaten  festgesetzt.

Trotz  des  energischen  Einspruchs  des  Staatsfsekretärs
v.  Bötticher  werden  in  der  2ten  Beratung  die  88  1  und  2  in
der  Fassung  der  Kommission  angenommen  und  in  dieser  Form  auch
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        Das  deutsch  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  23.—25.)  145

in  dritter  Beratung  genehmigt,  nur  wird  bei  §  2  der  Schlußsatz
dahin  geändert:
Daß  für  den  Zusatz  von  Butterfett  100  Gewichtsteile  Milch  oder

10  Gewichtsteile  Rahm  auf  100  Gewichtsteile  von  nicht  der  Milch  entstammenden
  Fetten  als  höchstzulässiges  Maß  festgesetzt  werden.

Der  Bundesrat  stimmt  am  7.  Juli  dem  Gesetze  in  der  vom
Reichstage  beschlossenen  Form  zu.

23.  Mai.  (Antrag  Johannsen.)  Reichstag:  Der  Däne
Johannsen  bringt,  unterstützt  von  den  elsaß-lothringischen  und  sozialdemokratischen
  Abgeordneten,  folgenden  Antrag  ein:

„Den  Reichskanzler  zu  ersuchen,  dem  Reichstage  eine  Vorlage  betr.
die  Revision  der  bestehenden  gesetzlichen  Bestimmungen  und  sonstigen  Vorschriften
  für  das  Gefängnis-  und  Strafvollstreckungswesen  zugehen  zu  lassen."

23.  Mai.  (Internationale  Litterarkonvention.)
Reichstag:  nimmt  die  zwischen  dem  Reiche,  Belgien,  Frankreich,
Großbritannien,  Hatti,  Italien,  Liberia,  der  Schweiz,  Spanien  und
Tunis  abgeschlossene  Uebereinkunft  behufs  Bildung  eines  internationalen
  Verbandes  zum  Schutze  von  Werken  der  Litteratur  und  Kunst
ohne  Debatte  in  2.  und  3.  Lesung  an.  (Vergl.  Gesch.  Kal.  1886.
Schweiz.  IX,  6.)

24.  Mai  bzw.  7.  Juni.  Reichstag:  genehmigt  das  Gesetz
über  die  Unfallversicherung  der  bei  Bauten  beschäftigten
Personen,  nachdem  dasselbe  in  der  Kommission  wesentlich  umgebildet
worden  ist.

25.  Mai.  Reichstag:  genehmigt  in  3.  Lesung  die  internationalen
  Verträge  zum  Schutze  unterseeischer  Telegraphenkabel.

Erste  Lesung  der  Zuckersteuervorlage:  Das  Gesetz  wird  an
eine  Kommission  verwiesen.

Der  dem  Bundesrate  vorgelegte  Gesetzentwurf  bestimmte  im  wesentlichen

  folgendes:  Vom  1.  August  1888  beträgt  der  Eingangszoll  für  100
Kilo  Syrup  oder  Melasse  15  M,  für  allen  anderen  Zucker  304,  Melasse
zur  Branntweinbereitung  ist  zollfrei.  Geht  ausländischer  Zucker  zur  weiteren
erarbeitung  in  inländische  Fabriken,  deren  Erzeugnisse  Verbrauchsabgaben
unterliegen,  so  kann  der  Eingangszoll  entweder  um  den  Betrag  der  Verbrauchsabgabe
  ermäßigt  oder  das  betreffende  Fabrikat  von  der  Verbrauchsabzabe
  freigelassen  werden.  Inländischer  Zucker  unterliegt  einer  Steuer,
welche  erhoben  wird  als  Materialsteuer  vom  Gewicht  der  verwendeten  Rüben
und  als  Verbrauchsabgabe.  Die  Materialsteuer  wird  vom  1.  August  1888
mit  einer  Mark  von  je  100  Kilo  Rüben  erhoben,  die  Verbrauchsabgabe  mit
10  X  für  je  100  Kilo  inländischen  Rübenzuckers.  Syrup  und  Melasse  als
solche  unterliegen  einer  Verbrauchsabgabe  nicht.  Die  Materialsteuer  wird
für  über  die  Grenze  gehenden  Zucker  vergütet.  Die  Vergütung  beträgt  für
je  100  Kilo:  1)  Rohzucker  von  mindestens  90  Prozent  Polarisation  und
für  raffinierten  Zucker  von  90  bis  98  Prozent  Polarisation  vom  1.  August
1888  an  10  M;  2)  für  Kandis  und  Zucker  in  Broten,  Blöcken,  Platten,

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII  Bd  10
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        146  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  26.—Juni  Anf.)

Stangen,  Würfeln  und  andern  vom  Bundesrat  bezeichneten  Zucker  von  mindestens
  99½  Prozent  Polarisation  vom  1.  bis  31.  August  1888  21½ M,
vom  1.  September  1888  12½  M;  3)  für  alle  übrigen  harten  Zucker,  sowie
für  weißen  trockenen  Zucker  in  Kristall,  Krümel-  und  Mehlform,  von  minestens
  98  Prozent  Polarisation,  soweit  nicht  der  vorstehende  Vergütungssatz
anwendbar  ist,  vom  1.  bis  31.  August  1888  20,15  M,  vom  1.  September
11,70  M  Für  Zucker  der  ersten  Klasse  kann  bis  1.  Oktober  1888  eine  Vergütung
  von  17¼  und  für  Zucker  der  beiden  anderen  Klassen  bis  1.  November
1888  eine  Vergütung  von  21  1/2  beziehungsweise  20,15 M  gewährt  werden,
wenn  der  Zucker  erster  Klasse  vor  dem  1.  August  1888,  der  Zucker  der  beiden
anderen  Klassen  vor  dem  1.  September  1888  der  Steuerbehörde  vorgeführt
und  seine  Identität  amtlich  festgestellt  ist.  Von  Zucker,  welcher  zur  Viehfütterung
  oder  zu  anderen  Fabrikaten  als  Verzehrungsgegenstände  verwendet
wird,  kann  nach  Bestimmung  des  Bundesrates  die  Materialsteuer  und  die
Verbrauchsabgabe  fortfallen.

Der  Bundesrat  strich  im  §  1  die  Zollfreiheit  der  Melasse  zur  Branntweinbereitung
  und  änderte  denselben  weiter  dahin  ab:  Geht  ausländischer
Zucker  zur  weiteren  Verarbeitung  in  eine  Zuckerfabrik,  so  kann  derselbe  nach
näherer  Bestimmung  des  Bundesrats  von  der  Verbrauchsabgabe  freigelassen
werden.

Der  künftige  Ertrag  der  Steuer  wird  auf  46—52  Millionen  veran- 



schlagt

Hierauf  vertagt  sich  der  Reichstag  bis  zum  7.  Juni.

26.  Mai.  (Württemberg.)  Zweite  Kammer  genehmigt  mit
64  gegen  24  Stimmen  die  Steuervorlage  der  Regierung,  nach
welcher  das  Grundeigentum  eine  Entlastung  von  einer  Million  erfahren
  soll,  von  der  738,707  M  den  Gewerben,  259,007  M  den  Gebäuden
  gegen  früher  mehr  aufzulegen  sind.

Bei  der  Abstimmung  treten  sich  die  Interessen  der  städtischen  und  der
ländlichen  Vertreter  schroff  gegenüber,  die  ersten  stimmen  geschlossen  gegen,
die  letzten  für  die  Vorlage  ohne  Rücksicht  auf  sonstige  Parteiunterschiede.

Ende  Mai.  (Reichslande:  Spionage.)  In  Straßburg
werden  drei  Beamte  des  Bezirkspräsidiums  verhaftet  und  gegen  sie
eine  Untersuchung  wegen  Landesverrats  eingeleitet.  (Vgl.  19.  Dez.)

Anfang  Juni.  (Preußen:  Evangelische  Kirche.)  Der
Präsident  des  brandenburgischen  Konsistoriums,  Dr.  Hegel,  richtet
an  die  Kreis-Synodalvorstände  der  Provinz  Brandenburg  einen  Erlaß

  betreffs  der  Mischehen.  In  demselben  heißt  es:

„Der  langjährige  sogenannte  Kulturkampf  zwischen  dem  Staate  Preußen
und  der  katholischen  Hierarchie  scheint  sich  seinem  Ende  zu  nähern,  während
der  Ansturm  des  Ultramontanismus  gegen  die  evangelische  Kirche  in  ganz
Deutschland  sich  ungemindert  fortsetzt  und  die  Gefahr  für  diese  in  dem  Maße
wächst,  je  reicher  die  Mittel  sind,  über  welche  die  katholische  Kirche  verfügt.
Einen  der  gefährlichsten  Angriffspunkte  bilden  die  zwischen  Katholiken  und
Evanzelischen  geschlossenen  gemischten  Ehen.  Solche  Ehen  verwirft  zwar
auch  die  römische  Kirche,  ja  einer  der  Päpste  hat  sie  als  ein  von  dem  katholischen
  Teile  begangenes    schweres  Verbrechen  bezeichnet,  aber  Rom  läßt  sie,
was  es  thatsächlich  nicht  hindern  kann,  gewähren  und  benützt  sie  unter  dem
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  Anfang.)  147

Gewissensdruck,  wo  nicht  die  evangelischen  Gatten  auf  seine  Seite  heranzuziehen,
  so  doch  die  Kinder  ausschließlich  für  sich  zu  gewinnen.  Eben  deshalb
  nehmen  diese  Ehen  auch  die  gespannteste  Aufmerksamkeit  der  evangelischen
  Kirche  in  Anspruch,  und  dem  hier  geschäftigen  Bekehrungseifer  mit
aller  Macht  entgegenzuwirken,  bedeutet  für  sie  auf  manchen  Punkten  bereits
den  Kampf  der  Selbsterhaltung.“  Nachdem  dies  dann  im  einzelnen  weiter
ausgeführt  ist,  schließt  das  Schriftstück:  „Die  evangelische  Kirche  steht  gegenwärtig
  wieder  an  der  Schwelle  einer  Zeit,  wo  sie  Ursache  hat,  mit  ungeteilter
  Kraft  für  ihr  schriftgemäßes  Bekenntnis  und  für  ihre  Weltstellung
gegen  die  Eroberungslust  des  Romanismus  einzutreten.  Die  strengste  Aufmerksamkeit
  erfordern  die  gemischten  Ehen,  und  wir  können  die  unserer  Aufsicht
  unterstellten  Geistlichen,  Gemeindekirchenräte  und  Gemeinden  nicht  genug
bitten,  diese  Ehen  stets  im  Auge  zu  behalten,  um,  wo  es  notthut,  rechtzeitig
seelsorgerisch  einzugreifen  und  unsere  evangelische  Kirche  vor  fortgehenden
schmerzlichen  Verlusten  zu  bewahren.“

Anfang  Juni.  (Preußen:  Evangelische  Kirche.)  Eine
große  Anzahl  evangelischer,  meist  in  kirchlichen  Aemtern  und  Gemeindevertretungen
  stehender  Männer  aus  Berlin  und  den  Provinzen
  von  der  Richtung  des  Protestantenvereines,  beschließen,  zu  den
Erklärungen  der  landeskirchlichen  Versammlung  vom  26.  April,  betr.
die  Anträge  Kleist--Hammerstein,  dem  Ministerium  und  dem  Oberkirchenrate
  ein  Memorandum  zu  übergeben.

Sie  bezeichnen  jene  Forderungen  der  landeskirchlichen  Versammlung
als  den  Ausdruck  nur  einer  Parteirichtung  in  der  Kirche  und  stimmen  denselben
  nur  darin  zu,  daß  auch  sie  die  Gewährung  reicherer  Staatsmittel  für
arme  evangelische  Gemeinden  befürwortet,  in  dem  prinzipiell  entscheidenden
Punkte  aber,  der  Stellung  der  evangelischen  Kirche  gegenüber  dem  Staate
und  den  Aufgaben  der  Zeit,  spricht  sich  die  Erklärung  aus  wie  folgt:  Der
wahre  Grund,  weshalb  die  evangelische  Kirche  in  Deutschland  nicht  zu  der
ihr  gebührenden  Bedeutung  im  deutschen  Volke  gelangen  kann,  ist  darin  gelegen,
  daß  in  dieser  Kirche  selbst  die  Grundlage,  auf  welche  die  Reformation
sich gestellt    hat  —  das  Verhältnis  freier  persönlicher  Rechtfertigung  durch

den  Glauben  —  verdunkelt  ist  durch  Bestrebungen,  welche  die  Bekenntnisschriften
  der  Reformationszeit  zur  Rechtsgrundlage  für  die  Kirche  machen  und
dadurch  —  wie  in  der  römisch-katholischen  Kirche  geschehen  —  statt  des  Glaubens
  wieder  die  Rechtsverfassung  der  Kirche  als  zum  Wesen  derselben  gehörig
feststellen  wollen.  Nicht  bei  der  Verfassungsordnung,  sondern  bei  dem  inneren
  Leben  der  evangelischen  Kirche  haben  daher  die  Bestrebungen  für  die
Befreiung  derselben  einzusetzen.  Vornehmlich  sind  die  Bemühungen  darauf
zu  richten,  alle  diejenigen  Hemmnisse  zu  beseitigen,  welche  —  weit  mehr  aus
der  Gesinnung  und  Verwaltungspraxis,  als  aus  der  Rechtsstellung  der  zeitigen
  verfassungsmäßigen  Kirchenorgane  erwachsend  —  sich  auf  Schritt  und
Tritt  der  freien  Entfaltung  der  reichen  Mannigfaltigkeit  des  christlichen  Gemeindelebens
  in  der  evangelischen  Kirche  entgegenstellen.  Die  Einheit  der
evangelischen  Kirche  ist  weniger  in  der  rechtlichen  Zusammenfassung    als  in

 

der  aus  dem  Glauben  erwachsenden  christlich-brüderlichen  Gesinnung  aller
ihrer  Glieder  und  Organe  gegeneinander  zu  suchen  und  zu  finden.

1.  Juni.  (Sklavenküste.)  Die  Uebereinkunft  mit  Frankreich
  über  die  Einführung  eines  einheitlichen  Zollsystems  in  den
10*
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        148  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.—10.)

deutschen  und  französischen  Kolonien  der  Sklavenküste  wird  amtlich
veröffentlicht.  Dieselbe  bestimmt:

Die  deutschen  und  die  französischen  Besitzungen  an  der  Sklavenküste
sollen  ein  einheitliches  Zollgebiet  ohne  Zwischenzollgrenzen  bilden,  dergestalt,
daß  die  auf  dem  einen  Gebiete  verzollten  Waren  ohne  neue  Abgabe  in  das
andere  Gebiet  eingeführt  werden  können;  die  Zölle  werden  erhoben  von  Genèvre,
  Rum,  Tabak,  Pulver  und  Gewehren.  Alle  anderen  Artikel  unterliegen
  keinem  Einfuhrzoll.  Die  Erhebung  findet  in  deutschem,  französischem
oder  englischem  Gelde  statt.  Das  neue  Zollsystem  tritt  gleichzeitig  in  den
deutschen  und  den  französischen  Gebieten  am  1.  August  1887  in  Kraft.  Die
Zollsätze  sind  vorläufig  niedrig,  um  nicht  den  in  den  ersten  Anfängen  befindlichen
  Handel  zu  schwer  zu  belasten.  Die  Vorschläge  Deutschlands,  Spirituosen
  höher  zu  belasten,  wurden  von  Frankreich  abgelehnt.

1.  Juni.  (Le  Flô's  Enthüllungen.)  Die  „Nordd.  Allg.
Ztg.“  widerlegt  die  im  Pariser  „Figaro“  vom  2.  Mai  gemachten
Enthüllungen  des  einstigen  französischen  Botschafters  in  St.  Petersburg,
  Generals  Le  Flô,  über  die  angebliche  Rettung  Frankreichs  vor
den  deutschen  Angriffsgelüsten  1875  durch  Kaiser  Alexander,  unter
Veröffentlichung  einer  Anzahl  Depeschen  des  Prinzen  Reuß,  damaligen
  deutschen  Botschafters  am  russischen  Hofe.  (Vgl.  St.  A.  Bd.  48.)

1.  Juni.  (Altkatholiken.)  In  Bonn  findet  die  10.  Synode
der  Altkatholiken  des  deutschen  Reiches  statt.

Die  Beratungen  erstrecken  sich  besonders  auf  die  Normierung  der  Gehälter
  der  Geistlichen  und  auf  die  Einführung  der  deutschen  Liturgie,  welche
eschlossen  wird.  Abgelehnt  wird  ein  Antrag,  hinfort  römisch-katholische
Geistliche  nicht  mehr  in  den  altkatholischen  Klerus  aufzunehmen.

Erste  Hälfte  Juni.  (Preußen:  Polenfrage.)  Der  Kultusminister
  unternimmt  eine  Reise  durch  die  polnischen  Gebietsteile,
um  sich  über  die  dort  waltenden  Verhältnisse  aus  eigener  Anschauung
  zu  unterrichten  und  die  weiteren  Schritte  zur  Stärkung  des
Deutschtums  vorzubereiten.

3.  Juni.  (Nord-Ostsee-Kanal.)  Unter  großen  Feierlichkeiten
  wird  vom  Kaiser  zu  Holtenau  bei  Kiel  die  Grundsteinlegung
für  den  Kanalbau  vollzogen.

Bei  der  hierauf  folgenden  großen  Flottenparade  im  Hafen  zieht  sich
infolge  des  stürmischen  Wetters  der  Kaiser  eine  Erkältung  zu,  welche  ihn
längere  Zeit  an  das  Zimmer  und  Bett  fesselt  und  ernste  Besorgnisse  in  der
Bevölkerung  erweckt.

10.  Juni.  (Deutschtum  in  Oesterreich.)  Der  Bundesrat
  beschließt,  einer  Eingabe  von  Studierenden  verschiedener  Hochschulen,
  welche  den  Wunsch  ausspricht,  daß  die  auf  der  deutschen
Hochschule  zu  Prag  zugebrachten  Studiensemester  in  Zukunft  ebenso
gerechnet  werden  möchten,  wie  die  auf  einer  andern  deutschen  Universität
  verbrachten,  nicht  Folge  zu  geben.
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  13.—17.)  149

Der  Zweck  der  Eingabe  war,  der  deutschen  Hochschule  dadurch  einen
Zufluß  von  Studierenden  aus  dem  Reiche  und  damit  dem  Deutschtum  in
Prag  eine  Stärkung  zuzuführen.

13.—17.  Juni.  Reichstag:  Branntweinsteuergesetz.
2.  und  3.  Lesung.

§  1.  Der  im  Gebiete  der  Branntweinsteuergemeinschaft  hergestellte
Branntwein  unterliegt  vom  1.  Oktober  1887  (die  Vorlage  der  Regierung
hatte  1.  April  1888)  ab  einer  Verbrauchsabgabe  und  zu  diesem  Zwecke  der
steuerlichen  Kontrolle.  Die  Verbrauchsabgabe  beträgt  von  einer  Gesamt-Jahresmenge,
  welche  4½  Litern  reinen  Alkohols  auf  den  Kopf  der  bei  der
jedesmaligen  letzten  Volkszählung  ermittelten  Bevölkerung  des  Gebietes  der
Branntweinsteuergemeinschaft  gleichkommt,  0,50  M  für  den  Liter  reinen  Alkohols,
  von  der  darüber  hinaus  hergestellten  Menge  0,70  X  für  den  Liter
reinen  Alkohols.  Die  Gesamt-Jahresmenge,  von  welcher  der  niedrigere  Abgabesatz

  zu  entrichten  ist,  sowie  der  Betrag  des  niedrigeren  Abgabesatzes  selbst

sollen  alle  drei  Jahre  einer  Revision  unterliegen.  Von  der  Verbrauchsabgabe
befreit  und  bei  Feststellung  der  nach  dem  Vorstehenden  maßgebenden  Jahresmenge
  außer  Ansatz  bleibt:  1)  Branntwein,  welcher  ausgeführt  wird;
2)  Branntwein,  welcher  zu  gewerblichen  Zwecken,  einschließlich  der  Essigbereitung,
  zu  Heil-,  zu  wissenschaftlichen  oder  zu  Heizungs-  oder  Beleuchtungszwecken
  verwendet  wird,  nach  näherer  Bestimmung  des  Bundesrats.

§  2  setzt  die  Repartition  der  ersten,  niedriger  zu  besteuernden  Produktions-Portionen
  auf  die  bestehenden  Brennereien  fest.  Alle  drei  Jahre  soll
diese  Repartition  revidiert  und  die  neu  entstandenen  Brennereien  in  dieselbe
aufgenommen  werden.

Die  wichtigsten  ferneren  Bestimmungen  lauten:

Die  Verbrauchsabgabe  ist  zu  entrichten,  sobald  der  Branntwein  aus
der  steuerlichen  Kontrolle  in  den  freien  Verkehr  tritt.  Zur  Entrichtung  der
Abgabe  ist  derjenige  verpflichtet,  welcher  den  Branntwein  zur  freien  Verfügung
  erhält.  Gegen  Sicherheitsbestellung  ist  die  Abgabe  zu  stunden.  Für
eine  Frist  bis  zu  drei  Monaten  kann  jedoch  die  Abgabe  auch  ohne  Sicherheitsbestellung
  gestundet  werden,  falls  nicht  Gründe  vorliegen,  welche  den
Eingang  gefährdet  erscheinen  lassen.

Vom  1.  Oktober  1889  ab  darf  der  nicht  aus  Roggen,  Weizen  oder
Gerste  hergestellte  oder  der  Materialsteuer  unterworfene  Branntwein,  sofern
er  der  Verbrauchsabgabe  unterliegt,  nur  in  gereinigtem  Zustande  in  den
freien  Verkehr  gebracht  werden.  Den  Grad  und  die  Art  der  Reinigung,
sowie  die  etwa  erforderlichen  Beihilfen  zur  Durchführung  derselben  bestimmt
der  Bundesrat.  Dem  Reichstage  sind  diese  Bestimmungen,  sofern  er  versammelt
  ist,  sofort,  anderenfalls  bei  dessen  nächstem  Zusammentreten  vorzulegen.
  Dieselben  sind  außer  Kraft  zu  setzen,  soweit  der  Reichstag  dies  verlangt.

Die  Kontrolle  erfolgt  durch  Sammelgefäße,  welche  in  fester  Verbindung
  mit  dem  Destillierapparat  stehen;  unter  besonderen  Umständen  auch
durch  einen  Meßapparat.

Die  Maischraumsteuer  wird  forterhoben;  in  gewerblichen  Brennereien
wird  jedoch  statt  ihrer  ein  Zuschlag  von  0,20  M  zur  Verbrauchsabgabe  erhoben.



Der  Zoll  für  Arrak,  Kognak,  Rum  wird  auf  125,  für  sonstigen
Branntwein  auf  180  M  erhöht.

Aller  am  1.  Oktober  1887  innerhalb  des  Gebietes  der  Branntweinsteuergemeinschaft
  im  freien  Verkehr  befindliche  Branntwein  unterliegt  nach
näherer  Bestimmung  des  Bundesrats  der  Verbrauchsabgabe  in  Form  einer
Nachsteuer  von  0,30  M  für  das  Liter  reinen  Alkohols.  Von  der  Nachsteuer
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        150  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  13.—18.)

befreit  bleibt:  1)  Branntwein,  welcher  zu  gewerblichen  Zwecken,  einschließlich
der  Essigbereitung,  zu  Heil-,  zu  wissenschaftlichen  oder  zu  Heizungs-  oder
Beleuchtungszwecken  verwendet  wird;  2)  Branntwein  in  Mengen  von  nicht
mehr  als  40  Liter,  welche  sich  im  Besitz  von  Wirten  oder  Branntweinhändlern
  befinden,  oder  10  Liter  im  Besitz  von  anderen  Haushaltungsvorständen.
Für  die  Zeit  vom  1.  Juli  bis  zum  30.  September  d.  J.  wird  a)  der  Betrieb
  jeder  Brennerei  mit  Ausnahme  der  Hefebrennereien  auf  drei  Viertel
des  Umfanges  desjenigen  Betriebes  beschränkt,  welchen  dieselbe  in  dem  entsprechenden
  Zeitraume  des  Vorjahres  gehabt  hat,  b)  die  Maischbottichsteuer
auf  das  Dreifache  des  bisherigen  Satzes  und  dementsprechend  die  Steuervergütung
  für  Branntwein,  welcher  aus  dem  deutschen  Zollgebiete  ausgeführt
oder  zu  gewerblichen  Zwecken  einschließlich  der  Essigbereitung  verwendet  wird,
auf  48,03  M  für  das  Hektoliter  reinen  Alkohols  festgesetzt  Hefebrennereien
unterliegen  jedoch  nur  einer  Erhöhung  der  Maischbottichsteuer  um  100  Prozent,
  andere  Getreidebrennereien  einer  solchen  um  175  Prozent  des  bisherigen

Satzes.

Die  gesamte  Jahresmenge,  welche  in  den  der  Branntweinsteuergemeinschaft

  neu  beitretenden  Staaten  zu  dem  niedrigeren  Abgabesatz  (§  1)  hergestent
  werden  darf,  wird  auf  3  Liter  reinen  Alkohols  für  den  Kopf  der
bei  der  jedesmaligen  letzten  Volkszählung  ermittelten  Bevölkerung  des  betreffenden
  Staates  bemessen.  Die  vorstehenden  Bestimmungen  können  gegenüber
  einem  der  in  die  Branntweinsteuergemeinschaft  neu  eintretenden  Staate
nur  mit  dessen  Zustimmung  abgeändert  werden.

In  der  dritten  Beratung  am  17.  Juni  wird  das  Gesetz  mit
238  gegen  80  Stimmen  angenommen.

13.—18.  Juni.  Hochverratsprozeß  gegen  elsaß-  lothringische
Mitglieder  der  französischen  Patriotenliga  vor  dem  Reichsgerichte
  in  Leipzig.

Angeklagt  sind  Fabrikant  Köchlin  (Mülhausen),  Fabrikant  Blech
(Markirch),  Schiffmann,  Trapp  und  4  andere.  Die  Angeklagten  geben  sämtlich
  ihre  Teilnahme  an  der  Liga  zu,  erklären  sich  aber  für  unschuldig,  da
diese  keine  geheime  Verbindung  sei  und  berufen  sich  betreffs  der  in  ihrer  Anteilnahme
  zu  tage  getretenen  Gesinnung  auf  ihre  französische  Geburt  und
Erziehung.  Im  übrigen  leugnen  alle  die  Kenntnis  von  den  Bestrebungen
der  Liga.  Diese  werden  aus  zahlreich  zusammengebrachtem  Material  an
Preßartikeln,  Festreden,  Liedern  und  Statuten  der  Liga  als  solche  dargethan,
welche  gegen  die  Bestimmungen  des  Frankfurter  Friedens  gerichtet  sind  und
die  Rückgabe  Elsaß-Lothringens  an  Frankreich  zu  erzwingen  bestimmt  sind.

Das  Urteil  gegen  Köchlin  lautet  auf  1  Jahr,  gegen  Blech  und  Schiffmann
  auf  2  Jahre,  gegen  Trapp  auf  1  ½  Jahre  Festung  wegen  vorbereitender
  Handlungen  zum  Hochverrat  Der  Oberreichsanwalt  hatte  Zuchthausstrafen
  beantragt.  Die  4  andern  werden  freigesprochen.

15.  Juni.  (Schutzgebiete.)  Reichstag:  lehnt  eine  Vorlage
betr.  die  Rechtsverhältnisse  in  den  Schutzgebieten  vorläufig  ab  und
ändert  dafür  §  3  des  Gesetzes  vom  17.  April  1886  (vgl.  Gesch.Kal.
1886  I,  20;  III,  23  u.  IV,  10.)  durch  Zusatz  der  Bestimmung,  daß
die  dringend  notwendige  Regelung  der  Rechtsverhältnisse  an  unbeweglichem
  Vermögen  durch  kaiserliche  Verordnung  erfolgen  kann.

Mitte  Juni.  (Reichslande:  Ausweisungen.)  Aus
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        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  16.)  151

Metz  werden  4  sonst  wenig  bisher  genannte  Persönlichkeiten,  darunter
der  Hutfabrikant  Flosse,  welcher  vor  nicht  langer  Zeit  wegen  systematisch
  betriebenen  Schmuggels  mit  französischen  Seidenwaren  bestraft
  worden  war,  als  Agenten  der  französischen  Patriotenliga  ausgewiesen.


16.  bezw.  18.  Juni.  (Zuckersteuer.)  Reichstag:  2.  und

3.  Lesung  des  Gesetzentwurfes.  (Vgl.  25.  Mai.)

In  den  Kommissionsberatungen  war  die  Erhöhung  des  Eingangszolles
von  30  auf  35 M  festgesetzt,  über  die  Erhöhung  der  Steuersätze  aber  eine
Einigung  nicht  erzielt  worden.  Diese  Lücke  zu  füllen  bringen  Graf  Chamaré
und  von  Bennigsen  den  Antrag  ein:

Die  Materialsteuer  vom  1.  August  1888  ab  auf  0,80  M  für  100  kg
rohe  Rüben  festzusetzen  und  über  die  Ausfuhrvergütung  zu  bestimmen:

„Für  Zucker,  welcher  über  die  Zollgrenze  ausgeführt  oder  in  öffentliche
  Niederlagen  oder  Privatniederlagen  unter  amtlichem  Mitverschluß,  seien
es  besondere  oder  zugleich  zur  Lagerung  ausländischer  unverzollter  Waren
bestimmte,  ausgenommen  ist,  wird,  wenn  die  Menge  wenigstens  500  kg  beträgt,
  vom  1.  August  1888  an  eine  Vergütung  der  Materialsteuer  nach  folgenden
  Sätzen  für  100  kg  gewährt:  a.  Für  Rohzucker  von  mindestens  90
Prozent  Zuckergehalt  und  für  raffinierten  Zucker  von  unter  98,  aber  mindestens
  90  Prozent  Zuckergehalt  8,50  M.  b.  Für  Kandis  und  für  Zucker
in  weißen,  vollen,  harten  Broten,  Blöcken,  Platten,  Stangen  oder  Würfeln,
oder  in  Gegenwart  der  Steuerbehörde  zerkleinert,  ferner  für  andere  vom
Bundesrat  zu  bezeichnende  Zucker  von  mindestens  99½  Prozent  Zuckergehalt
10,65  M.  c.  Für  alle  übrigen  harten  Zucker,  sowie  für  alle  weißen  trockenen
(nicht  über  1  Prozent  Wasser  enthaltenden)  Zucker  in  Kristall-,  Krümel-  und
Mehlform  von  mindestens  98  Prozent  Zuckergehalt,  soweit  auf  dieselben  nicht
der  Vergütungssatz  unter  b  Anwendung  findet,  10,60 M.  Bis  zum  1.  Oktober
  1888  ist  für  Zucker  der  Klasse  a  die  Vergütung  von  17,25  M  und
für  Zucker  der  Klassen  b  und  c  die  Vergütung  von  21,50  M  beziehungsweise
  20,15  M  zu  gewähren,  wenn  der  Zucker  vor  dem  1.  August  1888  der
Steuerbehörde  vorgeführt  und  die  Identität  bis  zur  Ausfuhr  oder  Niederlegung
  amtlich  festgehalten  wird.  Außerdem  nimmt  die  Steuerbehörde  am
1.  August  1888  auf  Antrag  in  der  Zuckerfabrik  eine  Feststellung  der  Vorräte
  an  Rohzucker  und  unfertigen  Fabrikaten  vor  und  setzt  das  Ausbringen
an  fertigem  Zucker  daraus  fest.  Bis  zur  Höhe  der  so  ermittelten  Menge
Zucker  erhält  die  Fabrik  für  den  vom  1.  August  bis  1.  Oktober  1888  zunächst
  zur  Ausfuhr  über  die  Zollgrenze  oder  zur  Aufnahme  in  eine  steuerfreie
  Niederlage  gelangenden  Zucker  die  Ausfuhrvergütung  in  der  bisherigen
Höhe.  Den  Inhabern  von  Zuckerfabriken  ist  gestattet,  Rohzucker  der  Klasse
a,  der  vor  dem  1.  August  1888  gegen  Vergütung  der  Steuer  niedergelegt
worden  ist,  bis  zum  15.  Oktober  1888  gegen  Zahlung  von  8,50  M  für
100  kg  aus  der  Niederlage  in  den  Fabrikbetrieb  zu  entnehmen.  Der  Bundesrat
  trifft  Bestimmung  über  die  Zuständigkeit  der  Amtsstellen  zur  Abfertigung
  von  Zucker  der  Klassen  a  und  c  und  von  solchem  Zucker,  welcher
durch  Bundesratsbeschluß  der  Klasse  b  zugewiesen  wird.  Derselbe  ist  auch
befugt,  zu  bestimmen,  daß  die  Deklaration  zur  Abfertigung  von  Zucker  gegen
Steuervergütung  auf  den  Zuckergehalt  gerichtet  werde.“

Diese  von  den  Konservativen,  der  Reichspartei,  den  Nationalliberalen
und  dem  Zentrum  unterstützten  Anträge  werden  angenommen.  Ebenso  das
ganze  Gesetz  gegen  die  Stimmen  der  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten.
        <pb n="164" />
        152  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  Mitte  —16.)

Der  Bundesrat  genehmigt  das  Gesetz  in  der  beschlossenen
Form  am  30.  Juni.

Mitte  Juni.  (Preußen:  Katholische  Kirche.)  Durch
königliche  Kabinetsordre  wird  die  Wiedereröffnung  des  zur  wissenschaftlichen
  Vorbildung  der  Geistlichen  bestimmten  Seminars  für  die
Diözese  Köln  genehmigt.

2te  Hälfte  Juni.  (Preußen:  Bischofsernennung.)
Der  Propst  des  Breslauer  Domkapitels  erhält  vom  Kardinalstaatssekretär
  Rampolla  eine  Zuschrift,  in  der  es  heißt:

„Nach  Erwägung  aller  sachlichen  und  persönlichen  Verhältnisse  dieser
Diözese  und  unter  Berücksichtigung  der  ausgezeichneten  Verdienste  des  Bischofs
Kopp  in  Fulda  und  des  Rufes  seines  Talentes,  seiner  Klugheit  und  seiner
Frömmigkeit  sowie  auf  die  Empfehlung  mehrerer  Bischöfe  Deutschlands  hat
der  Papst  zu  keinem  anderen  Zwecke  als  zur  Beförderung  der  Ehre  Gottes
und  des  Heiles  der  Seelen  für  gut  befunden,  unter  Hintansetzung  der  Vorschlagsliste
  des  Kapitels  den  nunmehr  schon  so  lange  verwaisten  Bischofssitz
mit  dem  Oberhirten  Kopp  zu  besetzen.  Dieses  beeile  ich  mich  nun  dir  anzuzeigen,
  damit  du  es  dem  Domkapitel  mitteilst,  in  der  Ueberzeugung,  daß
der  Entschluß  des  Papstes  allen  erfreulich  und  willkommen  sein  wird.“

Die  „Germania“,  welche  noch  kurz  vorher  die  Kandidatur  Kopp's
für  das  Bistum  in  gehässiger  Weise  abgeleugnet  hatte,  begrüßt  und  feiert
hierauf  den  Ernannten  mit  auffallender  Emphase.

16.  Juni.  (Krankheit  des  Kronprinzen.)  Schon  im
Februar  und  März  hatte  der  Kronprinz  an  hartnäckiger  Heiserkeit
gelitten  und  war  deshalb  nach  Ems  geschickt  worden.  Als  diese  Kur
erfolglos  blieb,  kamen  im  Mai  die  zugezogenen  Autoritäten,  Tobold,
Gerhard  und  v.  Bergmann,  zu  dem  Ergebnis,  daß  Kehlkopfkrebs
vorliege  und  rieten  deshalb  zu  einer  Operation,  welche  der  Chirurg
v.  Bergmann  ausführen  sollte.  Im  letzten  Augenblick  wurde  entsprechend
  dem  Vorschlag  der  genannten  Aerzte  noch  der  englische
Spezialist  Morell  Mackenzie  zugezogen,  welcher  die  krebsartige  Natur
der  Anschwellungen  im  Kehlkopf  bezweifelte  und  eine  mikroskopische
Untersuchung  exstirpierter  Teile  vorschlug.  Ueber  das  Resultat  wird
folgendes  Gutachten  verbffentlicht,  auf  Grund  dessen  eine  allgemeine
Beruhigung  eintritt.

„Die  beiden  am  gestrigen  Tage  durch  Herrn  Generalarzt  Dr.  Wegner
überbrachten  Objekte  boten  schon  bei  der  makroskopischen  Betrachtung  den
Anblick  grobkörniger  Papillargeschwülste  dar.  Ihre  gewölbte  Oberfläche  hatte
ein  drusiges,  bläulich  weißes,  leicht  durchscheinendes,  glänzendes  Aussehen,
soweit  sie  sich  in  ihrem  natürlichen  Zustande  befand;  größere  Abschnitte
freilich,  welche  der  Einwirkung  von  Katechu  ausgesetzt  gewesen  waren,  zeigten
eine  matte,  bräunliche,  etwas  bröckelige  Beschaffenheit.  Die  Schnittflächen
waren  etwas  retrahiert  und  durch  das  Umbiegen  der  Randteile  verdeckt;  sie
boten  ein  weiches,  leicht  faseriges  Gewebe  dar,  aus  welchem  einzelne  längere
oder  kürzere  Fetzen  hervorragten.
        <pb n="165" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  17.)  153

Das  größere  der  beiden  Stücke  besaß  eine  Höhe  von  3,  einen  Dickendurchmesser
  von  2,5  Mm.;  das  kleinere  hatte  ungefähr  2  Mm.  im  Durchmesser.
  Indes  dürften  diese  Massen  nicht  genau  den  Verhältnissen  im  Leben
entsprechen,  da  durch  die  Retraktion  und  die  Einfaltung  der  Schnittflächen
nach  der  Exstirpation  eine  Verkleinerung  derselben  eingetreten  sein  dürfte.

Die  mikroskopische  Untersuchung  bestätigte  die  bei  der  groben  Betrachtung
  gewonnene  Diagnose.

1)  Die  Oberfläche  bestand  überall  aus  einer  sehr  starken  und  dichten
Decke  von  vielschichtigem  Plattenepitel.  In  vielen  Zellen  desselben  zeigten
sich  größere  Gallertkörner.  Hier  und  da  lag  ein  Nest  konzentrisch  geschichteter
  Zellen.  Nach  innen  folgte  eine  gleichfalls  mehrschichtige  Lage  von
zylindrischen  Zellen  (ohne  Cilien),  welche  direkt  auf  dem  Bindegewebe  aufsaßen.

2)  Die  Bindegewebeschicht  der  Schleimhaut  war  an  ihrer  Oberfläche
mit  langen  papillären  Auswüchsen  besetzt,  welche  außer  den  Elementen  des
Bindegewebes  größere  Gefäßschlingen  enthielten.  In  jedes  Korn  der  Oberfläche
  trat  eine  derartige  Papille  ein.  Im  übrigen  zeigte  die  Schleimhaut
kaum  Veränderungen;  selbst  Kern-  und  Zellwucherungen  waren  nur  spärlich
wahrzunehmen.  Die  Blutgefäße  mäßig  erweitert.

Beide  Schnitte  haben  in  ausgiebiger  Weise  in  die  Schleimhaut  und
durch  dieselbe  in  die  Submucosa  eingegriffen  Daher  fand  sich  außer  Bindgewebe

  mit  zahlreichen  feinen  elastischen  Fasern  eine  große  Zahl  von  kleinen

Nervenstämmen  (zu  je  4  bis  6  Fasern)  und  deren  Verästelungen,  sowie  von
kleinen  Arterien  und  Venen;  an  einigen  Stellen  sah  man  auch  haufenweise
Läppchen  von  Schleimdrüsen.

Obwohl  dadurch  bewiesen  wird,  daß  der  operative  Eingriff  tiefe,  unterhalb
  der  Schleimheit  gelegene  Teile  erreicht  hat,  so  ist  doch  trotz  genauester
Durchmusterung  dieser  tieferen  Teile,  insbesondere  an  der  Schnittfläche,  keine
einzige  in  nennenswerter  Weise  veränderte  Stelle  aufgefunden  worden.  Alle
wesentlichen  Veränderungen  gehören  der  Oberfläche  an.  Sie  charaktersieren
das  Uebel  als  eine  mit  papillären  Auswüchsen  (mißbräuchlich  Papillome
genannt)  verbundene  Epitelwucherung:  Pachydermia  verrucosa.

Irgend  ein  Hineinwuchern  dieser  Epitelialgebilde  in  die  Schleimhaut
konnte  nicht  entdeckt  werden.

Der  vorliegende  Befund  geht  erheblich  über  den  Befund  vom  21.  v.
M.  hinaus.  In  dem  damaligen  Objekt  waren  nur  sehr  schwache,  höchstens
annäherungsweise  mit  den  jetzigen  in  Vergleich  zu  stellende  irritative  Veränderungen
  nachzuweisen;  allem  Anscheine  nach  gehörten  sie  nur  der  Peripherie
  des  Krankheitsherdes  an.  Gegenwärtig  ist  eine  offenbar  mehr  centrale
Stelle  gefaßt  worden.  Obwohl  diese  Stelle  eine  sehr  ausgeprägte  Erkrankung
  erlitten  hat,  so  ergibt  doch  die  gesunde  Beschaffenheit  der  Gewebe  an
der  Schnittfläche  ein  prognostisch  sehr  günstiges  Urteil.

b  ein  solches  Urteil  in  Bezug  auf  die  gesamte  Erkrankung  berechtigt
  wäre,  läßt  sich  aus  den  beiden  existirpirten  Stücken  mit  Sicherheit
nicht  ersehen.  Jedenfalls  ist  an  denselben  nichts  vorhanden,  was  den  Verdacht
  einer  weiteren  und  ernsteren  Erkrankung  hervorzurufen  geeignet  wäre.

Berlin,  Pathologisches  Institut,  den  9.  Juni  1887.

(gez.)  Prof.  Dr.  Rud.  Virchow.“

17.  Juni.  (Reichspostdampferlinien.)  Reichstag:  genehmigt
  in  3.  Lesung  ohne  Aenderung  den  Gesetzesentwurf  zur  Ergänzung
  des  Gesetzes  betreffend  die  überseeischen  Postdampferverbindungen.


Das  Gesetz  bestimmt  die  Einstellung  der  bisherigen  Linie  Triest—
        <pb n="166" />
        154       Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder.   (Juni 17. - 18.)

Brindisi  wegen  mangelnden  Verkehrs,  dafür  wird  eine  Linie  Brindisi—Port-Said
  eingerichtet  und  von  den  Schiffen  der  Hauptlinie  nunmehr  Genua  angelaufen.


17.  Juni.  (Arbeiterschutzanträge.)  Reichstag:  3.  Beratung
  der  Anträge  Hitze-Lohren.

Die  Anträge  bezwecken  eine  Abänderung  der  Gewerbeordnung  in  vierfacher
  Richtung:  1)  in  Bezug  auf  den  Schutz  der  Sonntagsruhe;  2)  auf  die
Beschränkung  der  Kinder-  und  Frauenarbeit;  3)  auf  Einführung  eines  Maximalarbeitstages;
  4)  Ausdehnung  des  Arbeiterschutzes  auch  auf  solche  Betriebe,
welche  im  Sinne  der  bestehenden  Gewerbeordnung  nicht  Fabriken  sind.

Nach  den  Beschlüssen  der  Kommission  werden  die  Anträge  zu  einem
Gesetzentwurfe  formuliert,  welcher  den  Artikel  III  des  §  135  und  die  §§  146
und  154  der  Gewerbeordnung  abschafft  und  dessen  Hauptbestimmungen  lauten:
Vom  1.  April  1890  ab  dürfen  nur  Kinder  über  13  Jahre  in  Fabriken  beschäftigt
  werden,  jüngere  nur,  wenn  sie  täglich  mindestens  3  Stunden  dem
Volksschulunterrichte  beiwohnen,  die  Kinderarbeit  darf  6,  bei  solchen  zwischen
14  und  16  Jahren  10  Stunden  täglich  nicht  überschreiten.  Die  Beschäftigung
  von  Arbeiterinnen  in  Brüchen,  Gruben  auf  Werften,  im  Hütten-,
Walz-  und  Hammerwerkbetriebe,  in  Metall-  und  Steinschleifereien,  sowie
als  Trägerinnen  von  Lasten  bei  Hochbauten  ist  untersagt;  ebenso  deren  Beschäftigung
  in  Fabriken  an  Sonn-  und  Festtagen  und  während  der  Zeit  von
8  ½  Uhr  abends  bis  5  ½  morgens.  Die  Arkeitszeit  kann  nur  ausnahmsweise
  und  auf  schriftlichen  Antrag  des  Arbeitgebers  bei  der  Ortspolizei  bis
11  Uhr  abends  ausgedehnt  werden,  doch  darf  sie  14  Stunden  nicht  überschreiten.
  Gegen  die  Versagung  der  Genehmigung  steht  die  Beschwerde  an
die  vorgesetzte  Behörde  zu.  Zu  dieser  längeren  Arbeit  darf  keine  Arbeiterin
gezwungen  werden.  An  Vorabenden  von  Sonn-  und  Festtagen  darf  die  Beschäftigung
  von  Kindern  und  Frauen  nicht  über  6  Uhr  abends  hinausgehen.
Arbeiterinnen,  welche  ein  Hauswesen  zu  besorgen  haben,  dürfen  nicht  über
10  Stunden  täglich  beschäftigt  werden.  Es  ist  in  den  Fabriken  nach  Möglichkeit
  Trennung  der  Geschlechter  durchzuführen,  durchweg  sind  gesonderte
Ankleide-  und  Waschräume  zu  beschaffen.  Die  Strafen  gegen  Zuwiderhandelnde
  gehen  bis  zu  2000 M  oder  6  Monaten  Gefängnis.  Die  Vorschriften
der  Gewerbeordnung,  betreffend  die  Verwendung  gewerblicher  Lehrlinge  und
Gehilfen,  werden  auch  auf  die  Apotheker-  und  Handlungsgehilfen;  die  über
die  Fabriken  auch  auf  alle  Hüttenwerke,  Bauhöfe,  Werften  und  alle  solchen
Arbeitsstätten  ausgedehnt,  in  denen  elementare  Kräfte  zur  Verwendung

kommen.

In  zweiter  und  dritter  Beratung  wird  dieser  Gesetzentwurf
unter  einmütiger  Zustimmung  aller  Parteien  angenommen.

17.  bzw.  23.  Juni.  (Hessen.)  Beide  Kammern  nehmen  die
kirchenpolitische  Vorlage  betreffend  die  Vorbildung  und  Anstellung
  der  katholischen  Geistlichen  an.

18.  Juni.  Reichstag:  genehmigt  in  3.  Lesung  das  Gesetz  betreffend
  die  Unfallversicherung  der  Seeleute  und  anderer
an  der  Seeschifffahrt  beteiligter  Personen.

18.  Juni.  (Reichsländische  Gesetze.)  Reichstag:  Gesetzesentwurf
  betr.  die  Anwendung  der  durch  kaiserliche  Verordnung
unter  Zustimmung  des  Bundesrats  abgeänderten  Reichsgesetze  auf
        <pb n="167" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  18.)  155

landesgesetzliche  Angelegenheiten  im  Reichslande  als  Landesrecht.
Das  Gesetz  wird  ohne  Kommissionsberatung  und  unverändert  angenommen.


Ebenso  wird  das  Gesetz  betreffend  die  Ernennung  und  Besoldung
  der  Bürgermeister  in  Elsaß-Lothringen  genehmigt.

Nur  §  1  desselben,  welcher  bestimmt  daß  die  Bürgermeister  und
Beigeordneten  reichsländischer  Gemeinden  nicht  mehr  wie  bisher  der  Gemeindevertretung
  anzugehören  brauchen,  gibt  zu  längerer  Debatte  Anlaß,  indem  die
Elsaß-Lothringer  dagegen  sprechen  und  den  Entwurf  als  eine  Rache-  und
Zwangsmaßregel  wegen  der  letzten  Wahlen  darstellen,  die  eine  systematische
Vergewaltigung  des  Reichslandes  einleite.

18.  Juni.  Reichstag:  Innungsgesetz.  Unveränderte  Annahme
  in  3.  Lesung  nach  den  Beschlüssen  der  2.  Beratung.

Die  Vorlage  beantragt  hinter  §  100  der  Gewerbeordnung  7  §§  einzuschieben
  deren  Hauptinhalt  folgender  ist:  „Für  den  Bezirk  einer  Innung
kann  auf  Antrag  derselben  durch  die  höhere  Verwaltungsbehörde  bestimmt
werden,  daß  Arbeitgeber,  welche,  obwohl  sie  ein  in  der  Innung  vertretenes
Gewerbe  betreiben,  derselben  nicht  angehören,  und  deren  Gesellen  zu  den
Kosten  1)  der  von  der  Innung  für  das  Herbergswesen  und  den  Nachweis
für  Gesellenarbeit  getroffenen  Einrichtungen,  2)  derjenigen  Einrichtungen,
welche  von  der  Innung  zur  Förderung  der  gewerblichen  und  technischen
Ausbildung  der  Meister,  Gesellen  und  Lehrlinge  getroffen  sind,  3)  des  von
der  Innung  errichteten  Schiedsgerichts  in  derselben  Weise  und  nach  demselben
Maßstabe  beizutragen  verpflichtet  sind,  wie  die  Innungsmitglieder  und  deren
Gesellen.  Die  Bestimmung  ist  widerruflich.“  Die  folgenden  neuen  Paraaphen

  treffen  Bestimmung  über  die  Voraussetzungen,  unter  welchen  die

Ausdehnung  der  Beitragspflicht  stattfinden  soll,  die  Form  der  Veröffentlichung
der  Verfügung  der  Behörde,  die  den  beitragenden  Nichtinnungsmitgliedern
und  deren  Gesellen  von  den  Innungen  zu  gewährende  Gegenleistung,  die  Erhebung
  der  Beiträge  und  das  Verfahren  bei  entstehenden  Streitigkeiten,  die
Verwaltung  und  Rechnungslegung,  endlich  über  die  erforderlichen  Ausnahmen
von  der  Beitragspflicht.  Die  Rechtsgiltigkeit  der  getroffenen  Bestimmung
kann  im  Rechtswege  nicht  angefochten  werden.

In  der  zweiten  Beratung  wird  auf  Antrag  der  Kommission  beschlossen,
daß,  wenn  einer  Innung  mehr  als  die  Hälfte  der  Arbeitgeber  beigetreten  ist,
auf  Antrag  der  Innung  die  höhere  Verwaltungsbehörde  die  übrigen  Arbeit-
  geber  zum  Beitritt  zwingen  muß;  bleibt  dieser  Antrag  aus,  so  kann  sie  es

dennoch,  wenn  die  Innungseinrichtungen  ihr  zweckentsprechend  scheinen.

Dazu  wird  ein  Antrag  Reinbaben  angenommen,  wonach  der  Beitrittszwang
  auch  auf  noch  nicht  bestehende  aber  künftig  zu  treffende  Einrichtungen
  der  Innung  ausgedehnt  werden  kann.

§  100  der  Gewerbeordnung  wird  dahin  zu  ändern  der  Regierung
vorgeschlagen,  daß  die  höhere  Verwaltungsbehörde  in  gewissen  Fällen  zur
Erteilung  des  Lehrlingsprivilegs  befugt  sein  soll.

18.  Juni.  Schluß  des  Reichstages.

Der  diesen  anordnenden  kaiserlichen  Botschaft  fügt  Staatssekretär  v.
Bötticher  noch  folgende  Worte  zu:  „Meine  geehrten  Herren!  Bei  dem  Abschluß Ihrer
  Beratungen  habe  ich  die  angenehme  Pflicht  zu  erfüllen,  auf  besonderen
  Befehl  Sr.  Maj.  des  Kaisers  den  Gefühlen  des  Dankes  und  der
Anerkennung  Ausdruck  zu  geben,  mit  denen  der  Allerhöchste  Herr  die  Ar-
        <pb n="168" />
        156  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  20.—24.)

beiten  und  die  Beschlüsse  begleitet  hat,  durch  welche  Sie  der  vaterländischen
Wehrkraft  und  den  Finanzen  des  Reiches  die  Stärke  und  Festigkeit  gegeben
haben,  welche  die  Vorbedingungen  für  unseren  Frieden  und  für  die  Entwickelung
  seiner  Werke  bilden.  Sie  haben  in  mühevoller  und  treuer  Arbeit
das  Vertrauen  des  Volkes  gerechtfertigt,  welches  Sie  entsandt  hat,  um  sein
Wohl  und  seinen  Frieden  im  Verein  mit  den  verbündeten  Regierungen  zu
fördern  und  zu  sichern.  Sie  wollen  nunmehr  neben  der  eigenen  Befriedigung,
  welche  erfolgreiche  Thätigkeit  im  Dienste  des  Vaterlandes  gewährt,  den
Dank  Sr.  Majestät  unseres  allverehrten  Kaisers  und  der  verbündeten  Regierungen
  mit  in  die  Heimat  nehmen.“

20.  Juni.  (Preußen:  Fall  Hinze.)  Dem  ehemaligen
deutsch-freisinnigen  Reichstagsabgeordneten  Major  a.  D.  Hinze  wird
durch  ehrengerichtliches  Urteil  der  Offiziers-Titel  und  das  Recht  des
Uniformtragens  aberkannt.

Als  Gründe  für  die  Einleitung  des  Verfahrens  erfährt  man,  daß
Hinze  bei  Gelegenheit  der  Wahlen  im  Jahre  1884  unter  ehrenrührigen
Vorwürfen  öffentlich  schwer  beleidigt  worden  sei,  ohne  die  dem  Offizierstande
vorgeschriebene  Genugthuung  gefordert  zu  haben  und  daß  er  in  öffentlichen
Versammlungen  erschienen  und  Reden  gehalten  habe,  welche  mit  den  Standesbegriffen
  und  Pflichten  des  Offiziers  unvereinbar  gewesen  seien.  Das  Urteil
erhält  die  kaiserliche  Bestätigung,  doch  wird  Hinze  das  eiserne  Kreuz  und
das  Militärverdienstkreuz  belassen.

22.  Juni.  (Bayern.)  Abgeordnetenwahlen  zum  Landtage:
Das  Ergebnis  ist  das  Aufhören  der  bisherigen  ultramontanen  Mehrheit,
  indem  73  Liberale,  74  Ultramontane,  5  Konservative  und

6  Mitglieder  der  Zentrums--Mittelpartei  gewählt  sind.

In  Würzburg  wird  infolge  von  Stimmengleichbeit  unter  den  Wahlmännern
  trotz  mehrfach  wiederholter  Wahl  eine  Entscheidung  nicht  erzielt.

24.  Juni.  (Hessen.)  Verfassungsänderung  betr.  der  Unverletzbarkeit

  der  Landtagsabgeordneten.

Nachdem  vom  Ausschusse  der  zweiten  Kammer  der  Gesetzesantrag  folgende
  Fassung  erhalten:  „Mitglieder  der  Ständeversammlung  können  von
der  Einberufung  des  Landtages  an  bis  zur  Schließung  oder  Auflösung  desselben
  ohne  Genehmigung  der  Kammer,  welcher  sie  angehören,  wegen  einer
mit  Strafe  bedrohten  Handlung  nicht  in  Untersuchung  gezogen  oder  in  Untersuchungshaft
  genommen  werden.  Die  Genehmigung  der  Kammer  ist  nicht
erforderlich,  wenn  ein  Mitglied  der  Ständeversammlung  auf  frischer  That
betroffen  oder  im  Laufe  des  nächstfolgenden  Tages  ergriffen  wird,  in  welchem
Falle  aber  alsbald  der  Kammer,  zu  welcher  der  Verhaftete  gehört,  die  Anzeige
  des  Vorfalls  mit  Entwickelung  der  Gründe  gemacht  werden  soll.  Die
im  Satz  1  erwähnte  Genehmigung  ist  für  die  dort  angegebene  Zeit  auch  bei
der  Zivilhaft  erforderlich,  soweit  in  dieser  Beziehung  reichsgesetzliche  Regelung
nicht  vorliegt.  Auf  Verlangen  der  Kammer  wird  jede  gegen  ein  Mitglied
derselben  eingeleitete  Untersuchung  und  jede  Untersuchungs-  oder  Zivilhaft
für  die  Dauer  des  Landtags  aufgehoben"  und  in  der  Vollversammlung  der
Zusatz  beschlossen:  „Für  die  Dauer  des  Landtags  kann  die  Vollziehung  der
gegen  ein  Mitglied  desselben  erkannten,  bei  Einberufung  des  Landtags  noch
nicht  angetretenen  Freiheitsstrafe  nur  mit  Genehmigung  der  Kammer  erfolgen,
  welcher  das  Mitglied  angehört.“  Derselbe  erhält  aber  nur  einfache
        <pb n="169" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  29.—Juli  8.)  157

Mehrheit  und  stößt  in  der  ersten  Kammer  auf  Ablehnung.  Bei  erneuter
Beratung  in  der  zweiten  Kammer  wird  er  mit  Stimmengleichheit  abgelehnt.
Doch  wird  dieser  Beschluß  angefochten,  da  Verfassungsänderungen  mit  mindestens
  26  Stimmen  beschlossen  sein  müssen.  Da  über  diesen  Punkt  Einigung
nicht  erzielt  wird,  erklärt  der  Präsident,  es  müsse  der  Regierung  überlassen
bleiben,  ob  sie  das  Gesetz  als  verfassungsgemäß  zu  stande  gekommen  erachte
und  veröffentlichen  zu  können  glaube.

29.  Juni.  (Reichslande.)  Eine  Verordnung  des  Statthalters
  bestimmt,  daß  der  durch  Gesetz  vom  14.  Juli  1874  bis  auf
weiteres  gewährte  Dispens  vom  Gebrauche  der  deutschen  Sprache
bei  den  Gerichten  französischen  Sprachgebiets  für  die  gerichtlichen  Verhandlungen
  und  Urteile  sowohl  wie  für  Akte  der  Gerichtsvollzieher
vom  1.  Januar  1888,  für  die  Verhandlungen  und  Beurkundungen
der  Notare  vom  1.  Januar  1889  ab  aufhören  solle.

Ende  Juni.  (Reichslande:  Maßregelung.)  Bürgermeister
  und  Großindustrieller  Jaunez  in  Saargemünd  wird  als
Mitglied  des  elsaß-lothringischen  Staatsrates  entlassen.

Er  war  von  Manteuffel,  obgleich  er  seine  deutschfeindlichen  Gesinnungen

stets  zur  Schau  getragen  in  denselben  berufen  worden  und  hatte  großen  Einfluß
  ausgeübt.

Ende  Juni—September.  (Russische  Werte.)  Die  „Kreuzzeitung",
  die  „Post“,  die  „Kölnische  Zeitung“,  die  „Berliner  Politischen
  Nachrichten“  und  andere  offiziöse  oder  regierungsfreundliche
Zeitungen  bringen  fortgesetzt  eine  Reihe  von  Artikeln  über  die  russischen
  Effekten,  in  denen  sie  mit  dem  Hinweis  auf  den  Ukas  vom
26.  März  über  den  Grundbesitz  der  Ausländer  in  Rußland  und  eine
Anregung  der  „St.  Petersburger  Zeitung“,  die  russischen  Goldobligationen
  in  Kreditrubelobligationen  zu  verwandeln,  das  Publikum
vor  der  Anlegung  von  Kapital  in  russischen  Werten  warnen  und
für  eine  allmählige  Entlastung  des  deutschen  Besitzes  von  der  Ueberschwemmung
  mit  russischen  Papieren  eintreten.

Diese  Auslassungen  werden  als  ein  Gegendruck  gegen  die  russische
  Zollpolitik  und  gegen  den  Versuch,  eine  neue  russische  Anleihe
auf  dem  deutschen  Markte  unterzubringen,  zugleich  auch  als  eine
Art  Repressalie  für  den  erwähnten  Ukas  aufgefaßt.  Sie  führen  zu
einem  erheblichen  Kursrückgange  und  Massenverkäufen  russischer  Papiere
  in  Berlin,  trotzdem  Graf  Schuwalow  mehreren  Berliner  Bankfirmen
  Versicherungen  zugehen  läßt,  welche  die  Auslassung  der  „St.
Petersburger  Zeitung“  als  völlig  außerhalb  der  Pläne  der  russischen
Finanzpolitik  liegend  darstellen.

4.—8.  Juli.  (Landesverratsprozeß.)  Vor  dem  Reichs-
        <pb n="170" />
        158  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  4.  bzw.  5.)

gerichte  zu  Leipzig  wird  der  Prozeß  gegen  die  Elsaß-Lothringer
Klein,  Grebert  und  Erhart  wegen  Landesverrates  verhandelt.

Der  Hauptbelastete  ist  Klein,  welcher  an  den  Festungsbauten  in  Straßburg
  und  Mainz  mitgearbeitet  und  gegen  ein  Monatsgehalt  von  200  Franken
genaue  Pläne  davon  an  den  französischen  Grenzkommissar  Fleuriel  und  nach
Paris  geliefert  hatte.  Seit  1885  ist  er  in  enger  Verbindung  mit  Schnäbele
gewesen  und  hat  auf  dessen  Veranlassung  seine  Hauptthätigkeit  auf  Straßburg

  gewandt.  Grebert  war  ihm  bei  Anfertigung  seiner  Zeichnungen  behülflich,
  Erhart  hat  die  Geldzahlungen  von  Schnäbele  an  Klein  vermittelt.
Bei  der  Beweisaufnahme  kommen  u.  a.  3  Briefe  Schnäbeles  an  Klein  zur
Verlesung,  in  denen  dieser  aufgefordert  wird,  über  militärische  Vorbereitungen
und  Rüstungen  in  Straßburg  Auskunft  einzuziehen,  ähnlich  wie  Schnäbele
über  dergleichen  aus  Metz  erhalten  habe.  Schnäbele  hatte  bei  den  Vernehmungen
  während  seiner  Festhaltung  die  Urheberschaft  dieser  mit  falschen
Namen  gezeichneten  Briefe  zugegeben.  Die  Verhandlung  deckt  das  ganze
durch  Vermittelung  der  französischen  Grenzpolizei  betriebene  Spioniersystem
Frankreichs  auf.  Oberreichsanwalt  Tessendorf  hält  folgende  Schlußrede:
„Dieser  Prozeß,  dessen  Gegenstand  eigentlich  die  Oeffentlichkeit  ausschließt,
ist  öffentlich  behandelt  worden.  Das  war  notwendig,  das  war  gut,  damit
ähnlichen  Verdächtigungen  und  Uebertreibungen  entgegengetreten  werden  kann,
zu  denen  seinerzeit  der  Fall  Schnäbele  Anlaß  bot.  Selten  ist  so  viel  gelogen
  worden  wie  in  der  französischen  Presse  über  den  Fall  Schnäbele,  den
man  als  besonders  harmlosen,  diensteifrigen,  namentlich  um  Deutschkands
Wohl  hochverdienten  Beamten  hingestellt  habe,  dem  nichts  ferner  läge,  als
die  Spionage  im  Reichslande  zu  unterstützen,  der  vielmehr  mit  den  deutschen
Kollegen  Hand  in  Hand  gegangen  sei.  Man  sagte  ferner,  der  ganze  vorliegende
  Prozeß  sei  nur  eingeleitet  worden,  um  eine  Handhabe  für  das  Einschreiten
  gegen  Schnäbele  zu  gewinnen  und  Frankreich  auf  jede  mögliche

Weise  zu  schikanieren  und  zu  provozieren.  Die  Verhandlung  hat  ergeben,
daß  seit  Jahren  die  französische  Grenzpolizei,  anstatt  sich  um  Aufgaben  zu
kümmern,  die  in  der  Natur  ihres  Amtes  liegen,  unablässig  den  Landesverrat
im  Reichslande  nicht  bloß  begünstigt,  sondern  geradezu  anstiftet,  landesverräterische
  Korrespondenzen  unterhält  und  Löhne  für  dieselben  vermittelt.
Wäre  die  Verhandlung  nicht  öffentlich  gewesen,  dann  hätte  dies  die  französische
  Presse  sehr  angenehm  berührt  und  sie  hätte  einen  Vorwand  gehabt,  zu
behaupten,  der  Prozeß  scheue  die  Oeffentlichkeit.  Sie  würde  sagen,  alles
offiziös  über  Schnäbele  Verbreitete  sei  erlogen  und  dieser  Prozeß  künstlich
inszeniert,  um  nach  außen  formell  zu  befriedigen.“  Das  Urteil  lautet  gegen
Klein  auf  6,  gegen  Grebert  auf  5  Jahre  Zuchthaus  und  je  10jährigem
Ehrenverlust,  Erhart  wird  freigesprochen.  Klein  benimmt  sich  während  der
ganzen  Verhandlung  sehr  herausfordernd  und  prahlt  mit  seinem  französischen
Patriotismus.  Die  französische  Presse  feiert  ihn  allgemein  als  Märtyrer
seiner  vaterländischen  Gesinnung.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  bemerkt  dazu:
Es  sei  eine  vollständige  Perversion  der  moralischen  Grundsätze  in  Frankreich
eingetreten,  wenn  so  wenig  Scheu  getragen  werde,  einen  mit  Geld  bezahlten
Spion  als  Helden  und  als  Märtyrer  zu  preisen.

4.  bzw.  5.  Juli.  (Baden:  Branntweinsteuer.)  Die
zweite  und  die  erste  Kammer  genehmigen  einstimmig  den  Anschluß
an  die  Branntweinsteuergemeinschaft  des  Reiches.

Die  Kommission  der  2.  Kammer  stimmte  einhellig  dem  Regierungsvorschlage
  zu.  Da  indes  in  dem  von  der  Regierung  vorgelegten  Gesetzentwurf
  wie  in  dessen  Begründung  die  ständische  Ermächtigung  nur  für  die
        <pb n="171" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  5.—15.)  159

zum  Vollzug  dieses  Eintritts  nötigen  Vorkehrungen  verlangt  war  und  es
demnach  zweifelhaft  scheinen  konnte,  ob  die  Regierung  die  Zustimmung  der
Stände  zur  Aufgabe  des  Reservatrechtes  und  zum  Eintritt  in  die  Branntweinsteuergemeinschaft
  für  geboten  halte,  machte  die  Kommission,  welche  diese
Zustimmung  allerdings  nach  der  badischen  Verfassung  für  unbedingt  erforderlich
  erachtet,  den  Vorschlag,  die  Fassung  des  Gesetzentwurfs  dahin  abzuändern,
daß  ausdrücklich  der  Regierung  die  Ermächtigung  erteilt  wird,  den  Eintritt
Badens  in  die  Branntweinsteuergemeinschaft  zu  vollziehen.  Dieser  Antrag
wird  von  beiden  Kammern  angenommen.

5.  Juli.  (Reichsanleihe.)  Die  zur  Zeichnung  aufgelegte
Reichsanleihe  von  100  Millionen  wird,  obgleich  sie  nur  3½  %
Zinsen  trägt  und  fast  zum  Nennwerte  ausgegeben  wird,  mehr  als
7fach  überzeichnet.

9.  Juli.  (Siamesische  Gesandtschaft.)  In  Berlin  trifft
der  Prinz  Kram  Hluang  Diwawongse  Waroprakar  von  Siam  mit
4  andern  siamesischen  Prinzen  im  Auftrage  des  Königs  von  Siam
ein,  um  dem  Kaiser  den  höchsten  siamesischen  Orden  Maha  Chakoi
und  auch  dem  Prinzen  Wilhelm  eine  hohe  Ordensauszeichnung  zu
überreichen.

14.  Juli.  (Bulgarische  Fürstenwahl.)  Entgegen  einer
Bemerkung  der  „Koburger  Zeitung",  wonach  Prinz  Ferdinand,  wie
alle  übrigen  Prinzen  des  Hauses  in  Belgien,  Portugal,  England,
die  deutsche  Staatsangehörigkeit  behalten  habe  und  daher  der  Erlaubnis
  des  deutschen  Kaisers  und  des  Herzogs  von  Koburg  zur
Annahme  des  bulgarischen  Thrones  bedürfe,  bemerkt  die  „Nordd.
Allg.  Zeitung“:  Die  Frage,  ob  der  Prinz  der  Zustimmung  des
Herzogs  von  Koburg  bedürfe,  entschiede  sich  nach  den  koburgischen
Hausgesetzen,  dagegen  sei  aus  der  Reichsverfassung  nicht  erfindlich
noch  erklärlich,  daß  der  deutsche  Kaiser  mit  dieser  Angelegenheit  zu
thun  haben  sollte.  Er  habe  nur  als  Mitunterzeichner  des  Berliner
Vertrages  vom  13.  Juli  1878  bei  der  Gutheißung  der  Wahl  mitzuwirken,
  also  nur  infolge  der  Großmachtstellung  des  Reiches."

14.  Juli.  Geheimer  Kommerzienrat  Alfred  Krupp  in
Essen  t.

15.  Juli.  (Sozialisten.)  Die  Polizei  verhaftet  in  der  Nacht
vom  15.  zum  16.  Juli  in  Berlin  das  aus  7  Personen  bestehende
Zentralkomitee,  welches  die  Spitze  der  geheimen  Organisation  der
Berliner  Sozialdemokratie  bildete.

15.  Juli.  (Sarauw.)  Der  wegen  Landesverrats  seinerzeit
zu  12jähriger  Zuchthausstrafe  verurteilte  dänische  Kapitän  a.  D.
Sarauw  wird  vom  Kaiser  gänzlich  begnadigt  und  sofort  in  Freiheit

  gesetzt.
        <pb n="172" />
        160  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (2te  Hälfte  Juli  —20.)

Zur  Berichtigung  der  vielfach  zur  Erklärung  dieses  Ereignisses  in
den  Zeitungen  aufgestellten  Behauptungen  veröffentlicht  Sarauw  in  dem
dänischen  Blatte  „Politiken“  uber  den  wirklichen  Sachverhalt  Folgendes:
,,1)  Durch  die  persönliche  Fürbitte  meiner  Frau  bei  dem  Kaiser  wurde  das
Urteil  des  Reichsgerichts  in  Zellengefängnis  —  nicht  Staatsgefängnis  —
umgewandelt,  ohne  Abkürzung  der  Strafzeit.  2)  Weder  unter  der  Anklage
noch  später  habe  ich  in  irgend  welcher  Weise  Sympathien  für  Deutschland
zur  Schau  getragen.  3)  Ich  habe  weder  durch  den  Direktor  der  Strafanstalten
  zu  Halle,  noch  durch  irgend  jemanden  der  preußischen  Regierung  angeboten,
  meine  „Mitschuldigen“  anzugeben.  Diese  waren  entweder  vor
längerer  Zeit  ins  Ausland  gereist  oder  gleichzeitig  mit  mir  verhaftet  worden.
Nur  ein  einziger,  welcher  bisher  der  Aufmerksamkeit  entgangen  war,  wurde
unmittelbar  nach  gefälltem  Urteil  verhaftet,  weil  er  sich  durch  unvorsichtige
Aeußerungen  verdächtig  gemacht  hatte.  Was  meine  Begnadigung  betriftt,
so  wurde  dieselbe  auf  Veranlassung  des  Direktors  der  Strafanstalten  von
dem  preußischen  Justizministerium  beantragt:  erstens,  weil  die  Aerzte  ein
Gutachten  dahin  abgegeben  hatten,  daß  ich  durch  die  lange  Beraubung  der

Freiheit  in  dem  Grade  physisch  und  geistig  angegriffen  sei,  daß  eine  längere
fortgesetzte  Einsperrung  meine  Gesundheit  vollständig  zerstören  würde,  und
zweitens,  weil  das  Ministerium  es  als  im  Widerspruch  mit  dem  Humanitätsgefühl
  erachtete,  daß  meine  Familie,  welche  durch  das  Vorgehen  der  dänischen
  Regierung  gegen  mich,  nach  welchem  u.  a.  meine  Pension  mir  entzogen
wurde,  in  eine  hilflose  Lage  gekommen  sei,  noch  länger  ihre  natürliche  Stütze
und  ihren  Ernährer  entbehren  soll.“

2te  Hälfte  Juli.  (Reichslande:  Franzosentum.)  Der
von  dem  Reichstagsabgeordneten  Goldenberg  geleitete,  deutschfeindlichen
  Bestrebungen  huldigende  landwirtschaftliche  Kreisverein
in  Zabern  wird  aufgelöst.

18.  Juli.  (Kaiserreise.)  Kaiser  Wilhelm  begibt  sich  nach
dem  Abschlusse  seiner  Badekur  in  Ems  und  kurzem  Aufenthalte  auf
der  Mainau  über  Bregenz  und  Innsbruck  nach  Gastein.

In  Bregenz  findet  eine  sehr  herzliche  Begegnung  mit  dem  Prinz-Regenten
  von  Bayern  statt,  dorthin  haben  ihm  zugleich  der  Großherzog  und
die  Großherzogin  mit  dem  Prinzen  Ludwig  von  Baden  das  Geleit  gegeben.
Alle  deutsch-österreichischen  Zeitungen  widmen  der  Ankunft  des  Kaisers  auf
österreichischem  Gebiete  nach  seiner  schweren  Krankheit  die  wärmsten  Begrüßungsartikel.


20.  Juli.  (Südsee-Schutzgebiete.)  Es  ergeht  von
Gastein  aus  eine  kaiserliche  Verordnung,  durch  welche  die  Grundeigentumsverhältnisse
  in  den  Gebieten  der  Neu-Guinea-Kompagnie
auf  Grund  des  Gesetzes  vom  17.  Juni  (vergl.  Juni  15.)  geregelt
werden.  Die  neue  Ordnung  soll  vom  1.  Oktober  1887  an  in
Kraft  treten.

Die  Verordnung  umfaßt  14  §§  und  ist  wesentlich  auf  das  preußische
Immobiliarrecht  gegründet.  Insbesondere  ist  das  preußische  Gesetz  vom  5.  Mai
1872  als  maßgebend  bestimmt  worden,  jedoch  mit  der  Ausnahme,  daß  die

Auflassungserklärung  schriftlich  und  gesondert  erfolgen  kann  und  daß  die
Vorschriften  über  die  Grundschuld,  das  Bergwerk,  Eigentum  und  die  Grund-
        <pb n="173" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  21.  —Anf.  Aug.)  161

buchordnung vom 5. Mai 1872 außer Anwendung bleiben. In letzterer Hinsicht  wird  dem  Reichskanzler  überlassen,  nach  Anhörung  des  Direktoriums
der  Neu-Guinea-Kompagnie  eine  Grundbuchordnung  für  das  Schutzgebiet  abzufassen.
  Dieselbe  ist  bereits  in  Vorbereitung.  Die  übrigen  Bestimmungen
der  Verordnung  betreffen  vorzugsweise  die  Erwerbungen  vor  der  Uebernahme
der  deutschen  Herrschaft  und  die  Regelung  des  Erwerbs  von  herrenlosem
Land  und  von  Grundstücken  der  Eingeborenen,  wofür  der  Neu-Guinea-Kompagnie
  im  Schutzbrief  ein  ausschließliches  Privilegium  erteilt  worden  ist.

21.  Juli.  (Reichstagswahl  in  Straßburg.)  Bei  der
Nachwahl  für  den  verstorbenen  Abgeordneten  Kablé  wird  der  reichstreu
  gesinnte  Altelsässer  Rechtsanwalt  Dr.  Petri  (der  schon  am
21.  Febr.  der  Gegenkandidat  des  Protestlers  Kablé  war)  mit  6474
Stimmen  gewählt,  die  Protestpartei  enthielt  sich  der  Abstimmung  oder
gab  leere  Zettel  ab  (2936);  1163  Stimmen  von  Eingewanderten
fielen  auf  den  Zählkandidaten  derselben,  Feldmarschall  Moltke.

22.  Juli.  (Preußen:  Katholische  Kirche.)  Dem  kathol.
Pfarrer  Hölscher  zu  St.  Goar  wird  wegen  seiner  Agitationen  bei
der  letzten  Reichstagswahl  —  u.  a.  hatte  er  Stimmzettel  durch  die
Schulkinder  an  deren  Eltern  versandt  —  durch  Verfügung  der  Regierung
  die  fernere  Leitung  und  Erteilung  des  schulplanmäßigen
Religionsunterrichts  innerhalb  seiner  Pfarrei  untersagt.

Eine  Anzahl  von  Geistlichen  der  Diözesen  Köln  und  Münster
wurden  schon  vorher  von  ihren  Bischöfen  zur  Verantwortung  gefordert
  wegen  Mißbrauchs  ihrer  geistlichen  Stellung,  besonders  der
Kanzel,  zu  politischen  Zwecken.

Ende  Juli.  (Französische  Feindseligkeit.)  Die  seit
6  Jahren  bestehende  Pappenfabrik  der  Brüder  Weisbach  zu  Ebermenil
  wird,  nachdem  die  Hetzpresse  die  Besitzer  als  Deutsche  denunziert
  hat,  durch  Dekret  des  Präfekten  Schnerb  von  Nanch  geschlossen.
Ueber  100  teils  französische,  teils  deutsche  Arbeiter  werden  damit
außer  Brot  gesetzt.  Das  Schließungsdekret  wird  nach  etwa  8  Tagen
von  der  franz.  Regierung  wieder  aufgehoben.

Anfang  August.  (Preußen:  Klostereröffnungen.)  Dem
Vorstande  der  rheinisch-westfälischen  Ordensprovinz  der  Kapuziner
geht  auf  das  Gesuch,  das  Kloster  in  Münster  wieder  eröffnen  zu
dürfen,  ein  bejahender  Bescheid  des  Ministeriums  zu.

Ebenso  wird  dem  Franziskanerorden  die  Wiedereröffnung  der
Niederlassungen  zu  Münster  und  Dorsten  und  den  Benediktinern  die
Rückkehr  in  das  Kloster  Beuron  im  Hohenzollernschen  gestattet.  Es
folgen  hierauf  bald  noch  eine  Reihe  von  Genehmigungen  zur  Wiedereröffnung
  von  Niederlassungen  verschiedener  Orden.

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  11
        <pb n="174" />
        162  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  Anf.—12.)

Anf.  August.  (Reichslande:  Ausweisungen.)  Etwa  30
Familien  von  französischen  Eisenbahnbeamten,  welche  in  dem  Grenzort
  Deutsch-Avricourt  wohnen,  wird  der  fernere  Aufenthalt  im  Reichslande
  unter  Bewilligung  längerer  Abzugsfristen  untersagt.

6.  August.  (Kaiserbegegnung.)  Kaiser  Franz  Josef  von
Oesterreich  trifft  zum  Besuche  des  Kaisers  Wilhelm  in  Gastein  ein;
er  reist  folgenden  Tages  nach  überaus  herzlichem  Verkehre  unter  den
Monarchen  wieder  ab.

10.—11.  August.  (Bischofskonferenz  in  Fulda.)  Es
nehmen  daran  alle  preußischen  Bischöfe  oder  für  die  unbesetzten
Bistümer  deren  Vertreter,  ferner  der  Erzbischof  von  Freiburg  und

der  Bischof  von  Mainz  teil.

Es  verlautet,  daß  die  Beratungen  der  Abfassung  einer  Adresse  an
den  Papst  und  der  praktischen  Stellung  zur  Anzeigepflicht  gewidmet  sind.
Einer  der  teilnehmenden  Bischöfe  nennt  in  einem  Gespräche  mit  einem  Gewährsmann
  der  Köln.  Zeitg.  die  Beschlüsse  „die  Schlußdemobilisierung  des
1873  in  Fulda  organisierten  passiven  Widerstandes“  und  äußert  weiter:  Der
Episkopat  zweifle  nicht  daran,  daß  man  in  Berlin  ernstlich  den  vollen  Frieden
  wolle,  und  was  auf  dem  Wege  zu  diesem  Ziele  noch  zu  thun  sei,  werde
bei  gegenseitigem  Entgegenkommen  gewiß  bald  geschehen  können.  Gern  trügen
die  Bischöfe  hierzu  das  ihrige  bei  und  hofften,  recht  bald  die  jährlichen  Konferenzen
  einzig  den  innern  Angelegenheiten  der  katholischen  Kirche  in  Preußen
widmen  zu  können.

11.  August.  Kaiser  Wilhelm  trifft  aus  Gastein  wieder  in
Babelsberg  ein.  Dort  empfängt  er  den  gleichzeitig  aus  Friedrichsruhe
  in  Berlin  eingetroffenen  Fürsten  Bismarck.

12.  August.  (Wahlprozeß.)  Das  Landgericht  zu  Stettin
entscheidet  über  den  bei  Gelegenheit  der  Reichstags-Stichwahl  in
Stettin  am  2.  März  von  seiten  der  Freisinnigen  verübten  Wahlschwindel.



Angeklagt  sind  Buchbinder  Sieber  und  der  Redakteur  der  Neuen
Stettiner  Zeitung  Dr.  König  nebst  14  andern  wegen  Vergehens  gegen  das
Sozialistengesetz  verübt  durch  verbotene  öffentliche  Verbreitung  von  Druckschriften.
  Als  die  von  der  sozialdemokratischen  Parteileitung  in  Stettin  tags
zuvor  ausgegebene  Parole  der  Wahlenthaltung  die  Arbeiter  abhielt,  für  den
freisinnigen  Kandidaten  zu  stimmen  und  sich  daher  die  Entscheidung  zu  Gunsten
  des  Kartellkandidaten  geneigt  hatte,  verbreiteten  am  Nachmittage  die
genannten  ein  gefälschtes  Depeschen-Flugblatt  in  den  Arbeitervierteln,  welches
mit  den  Namen  der  sozialistischen  Parteiführer  unterzeichnet  war  und  gemäß
dem  älteren  Parteibeschluß  die  Arbeiter  zur  Wahl  des  freisinnigen,  Brömel,
aufforderte,  dem  nun  infolge  der  Massenbeteiligung  der  Arbeiter  in  letzter
Stunde  noch  der  Sieg  zufiel.  Tags  darauf  erklärte  ein  Sozialist:  er  sei
Verfasser  der  Depesche  und  habe  sie  in  Druck  gegeben.  Doch  gestand  Sieber
vor  Gericht  ein,  daß  die  Fälschung  von  ihm  herrühre,  auch  König  mußte
seine  Teilnahme  einräumen,  die  übrigen  hatten  sich  nur  an  dem  Vertrieb
beteiligt.  Einer  von  diesen  hatte,  als  er  von  der  Polizei  ertappt  wurde,
        <pb n="175" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  13.—17.)  163

ausgerufen:  Mögen  sie  mich  immer  in  20  M  Strafe  verurteilen,  das  Wahlkomitee
  bezahlt  doch  alles!

Sieber  und  König  werden  zu  je  100  M,  die  übrigen  zu  50  bis  3 M
Strafe  verurteilt.

13.  August.  Der  Reichskanzler  reist  nach  Kissingen  zum
Kurgebrauche.

16.  August.  (Bulgarische  Frage.)  Die  „Norddeutsche  Allg.
Zeitung“  schreibt:

„Nach  den  aus  Tirnowa  hier  eingegangenen  telegraphischen  Nachrichten
hat  der  Prinz  Ferdinand  von  Koburg  am  14.  d.  M.  den  Eid  auf  die  Verfassung
  geleistet  und  demnächst  eine  Proklamation  an  das  bulgarische  Volk
erlassen,  in  der  er  sich  „von  Gottes  Gnaden"  nennt,  zu  seinem  „freien  Volke“
spricht  und  anzeigt,  daß  er  „den  Thron  der  hochberühmten  bulgarischen
Zaren"  bestiegen  habe.  Die  Proklamation  schließt  mit  den  Worten:  „Es
lebe  das  freie  und  unabhängige  Bulgarien!“  Der  Mächte  und  des  Sultans
geschieht  in  jener  Kundgebung  keine  Erwähnung  und  der  ganze  Zusammenhang
  derselben  erweckt  den  Anschein,  als  ob  ihr  die  Bedeutung  einer  Unabhängigkeitserklärung

  Bulgariens  beigemessen  werden  solle.  Es  unterliegt
keinem  Zweifel,  daß  schon  die  Reise  des  Prinzen  Ferdinand  von  Koburg
nach  Bulgarien  und  die  Uebernahme  der  Regierung  durch  ihn  eine  Verletzung
des  Artikels  3  des  Berliner  Vertrages  involvierte,  wonach  die  Wahl  des
Fürsten  erst  nach  erfolgter  Bestätigung  desselben  seitens  der  Pforte  und  der
Mächte  perfekt  wird.  Sollten  obige  telegraphische  Nachrichten  sich  in  ihrem
ganzen  Umfange  bestätigen,  so  würde  damit  ein  verstärkter  Bruch  des  bestehenden
  Vertragsrechts  konstatiert  sein,  den  die  deutsche  Politik  nicht  gutheißen
  könnte.  Die  Thatsache,  daß  dies  der  dritte  Sommer  ist,  in  dem  rechtswidrige
  Vorgänge  in  Bulgarien  die  Ruhe  und  die  Friedensaussichten,  deren
Befestigung  allen  Großmächten  am  Herzen  liegt,  in  Frage  stellen,  kann  dem
bulgarischen  Volke  und  seinen  Führern  die  Sympathien  der  Mächte,  welche
für  die  Erhaltung  des  Friedens  thätig  sind,  unmöglich  erwerben."

Später  wird  konstatiert,  daß  in  dem  Abdruck  im  Amtsblatt  und  in
der  französ.  Uebersetzung  statt  des  „freien“  Volkes  das  „vielgeliebte“  (bienaimé)
  gesetzt  ist.

16.—17.  August.  (Evangelische  Kirche.)  Der  Evangelische
Bund  (vgl.  Januar)  hält  zu  Frankfurt  a.  Main  seine  erste  zahlreich
  besuchte  Generalversammlung  ab.  Es  werden  die  nachstehenden
  Beschlüsse  gefaßt:

1)  Wir  erachten  es  für  eine  Pflicht  der  Staaten,  daß  der  zurücksetzenden
  Behandlung,  unter  welcher  die  evangelische  Kirche  vieler  Orten  durch
unzulängliche  Ausstattung  mit  äußern  Mitteln  leidet,  ein  Ende  gemacht  werde,
den  evangelischen  Kirchen  die  notwendigen  Mittel  zur  ausreichenden  kirchlichen
  Versorgung  ihrer  Glieder  und  zur  geeigneten  Vorbildung  ihrer  Geistlichen
  gewährt  werden.

2)  Angesichts  der  Verluste,  welche  die  evangelische  Kirche  auf  dem
Gebiete  der  gemischten  Ehen  erleidet,  sowie  angesichts  des  unheilvollen  Einflusses
  den  die  römische  Behandlung  der  gemischten  Ehen  für  den  Frieden

es  Familienlebens  und  die  Einheit  der  Volksgemeinschaft  hat,  erachten  wir
es  für  dringend  geboten,  1)  daß  die  evangelischen  Kirchen  eine  feste  und  möglichst
  gleichmäßige  Ordnung  in  Bezug  auf  Behandlung  der  gemischten  Ehen
und  derjenigen  Mitglieder  derselben,  welche  das  Versprechen  römisch-katholi-11*
        <pb n="176" />
        164  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  19.)

scher  Kindererziehung  gegeben  haben,  aufstellen  und  durchführen,  2)  daß  den
Gliedern  der  evangelischen  Kirche  die  Pflicht  der  Treue  gegen  das  evangelische
Bekenntnis  eingeschärft  werde.

3)  Die  im  größten  Teil  von  Deutschland  thatsächlich  bestehende  Freiheit
  der  römischen  Kirche,  auch  an  Orten  konfessionell  gemischter  Bevölkerung
öffentliche  Prozessionen  zu  halten,  hat  im  römisch-katholischen  Volke  einen
Anspruch  auf  Anbequemungen  der  Protestanten  an  diese  Kultusakte,  ja,  auf
Huldigungen  gegen  dieselben  erzeugt.  Diese  Anbequemungen  und  Huldigungen
widerstreiten  der  evangelischen  Ehre  und  Bekenntnistreue  umsomehr,  als  sie
römischerseits  durch  keinerlei  ähnliche  Ehrerbietungen  gegen  unsern  Kultus
ausgeglichen  werden.  Wir  protestieren  gegen  den  bei  den  Prezessionen  seitens
  der  römisch-katholischen  Bevölkerung  auf  die  evangelische  geübten  Druck
als  einen  anmaßlichen  Uebergriff  in  fremde  Gewissensfreiheit  und  fordern

Abhilfe.

4)  a.  In  Erwägung,  daß  die  Ansiedlung  römisch-katholischer  Ordensleute
  in  konfessionell  gemischten  Gegenden  zur  Störung  des  kirchlichen  Friedens
  führen  kann,  spricht  der  Evangelische  Bund  die  Erwartung  aus,  daß
die  staatliche  Genehmigung  zu  Ordensniederlassungen  wenigstens  in  überwiegend
  evangelischen  Ortschaften  werde  versagt  werden.  b.  Gegenüber  den
vielfach  hervorgetretenen  Uebergriffen  der  Barmherzigen  und  der  Grauen
Schwestern  mahnt  derselbe  die  evangelische  Bevölkerung  zu  größerer  Wachsamkeit
  und  richtet  an  die  weinliche  Jugend  des  evangelischen  Bekenntnisses
den  Aufruf,  sich  in  reicherem  Maße  als  bisher  dem  christlichen  Liebeswerke
der  Krankenpflege  zu  widmen.

5)  Der  Evangelische  Bund  erklärt  es  für  ein  öffentliches  Aergernis,
daß  der  Name  des  Mannes,  welchem  das  evangelische  Deutschland  seinen
gereinigten  Christenglauben  und  seine  geistliche  und  sittliche  Freiheit  verdankt,
  in  römisch-katholischen  Blättern  und  Schriften  fortwährend  aufs  unwürdigste
  beschimpft  wird.  Er  sieht  dagegen  in  der  jährlichen  volkstümlichen
Feier  des  Geburtstages  von  Dr.  Martin  Luther  ein  wichtiges  Mittel  zur
Weckung  des  evangelischen  Bewußtseins  in  der  protestantischen  Bevölkerung
Deutschlands.  Es  wird  daher  den  Vorständen  der  Zweig-  und  Lokalvereine,
sowie  den  einzelnen  Bundesmitgliedern  empfohlen,  eine  solche  volkstümliche
Feier  nach  Kräften  überall  anzuregen  und  für  deren  würdige  Gestaltung
Sorge  zu  tragen.

19.  August.  (Protestantisches  Bistum  Jerusalem.)
Die  „Norddeutsche  Allg.  Zeitung“  läßt  sich  über  die  Gründe,  welche
Ende  1886  zur  Auflösung  des  mit  England  über  das  Bistum  Jerusalem
  bestehenden  Staatsvertrages  (St.  Arch.  Bd.  48)  geführt  haben,
wie  folgt  aus:

„Die  Gründe  zu  diesem  Schritt  sind  darin  zu  suchen,  daß  erstlich  die
abhängige  Stellung,  in  welche  die  deutsche  Gemeinde  in  Jerusalem  zu  der
anglikanischen  Schwesterkirche  geraten  war,  den  Verhältnissen  Deutschlands
nicht  entsprach.  Die  Vereinigung  der  beiden  Kirchen  in  dem  Bistum  Jerusalem
  hatte  von  vornherein  der  evangelischen  deutschen  Kirche  und  Gemeinde
nicht  die  gleichen  Rechte  gewährt.  Der  von  Preußen  zu  ernennende  Bischof
sollte  nach  anglikanischem  Ritus  geweiht  werden  und  die  39  Artikel  des
anglikanischen  Glaubensbekenntnisses  unterzeichnen,  wodurch  praktisch  die  Vorschriften
  der  deutsch  -evangelischen  Kirche  ausgeschlossen  wurden.  Sodann

hatte  der  Erzbischof  von  Kanterbury,  das  Haupt  der  anglikanischen  Kirche,
Sich  ein  Veto  gegen  den  von  Preußen  Erwählten  vorbehalten.  Der  Gedanke
des  Königs  Friedrich  Wilhelm  IV.,  im  Bistum  Jerusalem  einen  Vereini-
        <pb n="177" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  29.—30.)  165

gungspunkt  aller  evangelischen  Kirchen  herbeizuführen,  ist  nicht  nur  nicht
verwirklicht  worden,  sondern  diese  Kirchen  sind  in  ihrer  nationalen  Isolierung
  verblieben,  eine  Annäherung  auf  der  Basis  der  unbedingten  Gleichheit
  der  evangelischen  Kirche  Preußens  mit  der  anglikanischen  ist  überhaupt
nicht  erreichbar.  Ferner  hatten  die  Interessen  der  deutschen  Gemeinde  durch
den  Bischof  niemals  Unterstützung  gefunden,  sondern  mußten  vom  preußischen
oder  deutschen  Konsul  wahrgenommen  werden,  der  gemeinsame  Bischof  erschien
  nie  in  der  deutschen  Kapelle,  weil  er  in  dieser,  die  nicht  nach  englischem
  Ritus  geweiht  sei,  keinen  Gottesdienst  abhalten  könne.  Endlich  aber
haben  sich  in  diesen  vierzig  Jahren  auch  die  äußern  Verhältnisse  der  deutschen
Gemeinde  völlig  geändert.  Sie  übertrifft  die  englische  Kolonie  an  Zahl,
besitzt  eigene  Kapelle,  Schule,  Geistliche  und  Lehrer,  vorzügliche  Krankenhäuser
  und  es  fehlt  ihr  nur  noch  das  eigene  Gotteshaus,  um  vor  der  Welt
ihre  vollständige  und  unabhängige  Organisation  darzuthun,  welche  preußischerseits
  nunmehr  angestrebt  wird.  Nach  fast  vierjährigen  Verhandlungen
benachrichtigte  der  deutsche  Botschafter  in  London,  Graf  Hatzfeld,  am  4.  Dezember
  v.  J.  das  britische  auswärtige  Amt,  daß  die  preußische  Regierung
in  Uebereinstimmung  mit  den  auf  englischer  Seite  kundgegebenen  Anschauungen
  das  Abkommen  von  1841  für  aufgehoben  ansehe,  daß  jedoch  Se.  Majestät
  der  Kaiser,  auch  nach    Aufhören  dieser  Vertragsbeziehungen  zur  englischen
  Kirche,  großen  Wert  auf  das  fernere  harmonische  Zusammengehen
beider  Schwesterkirchen  lege.  Dieser  Wunsch  ist  englischerseits  entsprechend
erwidert  worden  und  die  deutsch-evangelische  Gemeinde  in  Jerusalem  geht
nunmehr  ihrer  selbständigen  Organisation  entgegen.“

29.  August—1.  September.  (Katholikenkongreß.)  Der  zu
Trier  abgehaltene  Kongreß  ergibt  das  Ueberwiegen  der  unversöhnlichen
  Richtung,  welche  den  Kampf  gegen  die  Regierung  fortsetzen
  will.

In  der  Schlußsitzung  bezeichnet  Windthorst  das  von  dem  Grafen
Ballestrem  als  Aufgabe  des  Zentrums  hingestellte  „Retablissement  des
Ultramontanismus“  als  das  zutreffende  Programm  der  Partei.  Als  die  Hauptgebiete,
  welche  der  Kirche  wieder  erobert  werden  müßten,  werden  die  Schule
und  die  Fürsorge  für  die  Bedürftigen  und  wirtschaftlich  Schwachen  hingestellt,
  vor  allem  soll  der  Religionsunterricht  nur  unter  Aufsicht  des  Bischofs,  
nicht  des  Staates  fallen  und  ein  darauf  hinzielender  Antrag  auf  Aufhebung
des  Schulaufsichtsgesetzes  eingebracht  werden.

Ein  Antrag  des  Fürsten  Karl  zu  Löwenstein  u.  a.  spricht  sich
für  die  Wiederherstellung  der  weltlichen  Souveränetät  des  Papstes  aus  und
sagt,  dankerfüllten  Herzens  erkennten  die  Katholiken  Deutschlands  die  Bemühungen
  des  Papstes,  den  Kirchenfrieden  herzustellen.  (Der  Antrag  leugnet
also  den  geschlossenen  Frieden!)

30.  August.  (Sozialistenprozeß.)  Fünf  von  den  in  Altona
angeklagten  Sozialisten  werden  wegen  Teilnahme  an  einer  geheimen
staatsgefährlichen  Verbindung  zu  5  Monaten  Gefängnis  verurteilt,
die  übrigen  freigesprochen.

30.  August.  (Württemberg.)  Der  Minister  des  Innern
Julius  von  Hölder  T.

Ende  August.  (Spiritusbank.)  Ein  Konsortium  von  Bankfirmen

  und  Brennern  tritt  zusammen,  um  den  gesamten  Spiritus-
        <pb n="178" />
        166  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  Sept.  Anf.—5.)

handel  in  seiner  Hand  zu  konzentrieren.  Der  Grundgedanke  ist,  daß
durch  die  hohe  Konsumsteuer  der  Spiritusverkehr  ohnehin  in  wenigen
Händen  sich  zentralisieren  müsse.  Da  nun  für  die  nächsten  drei
Jahre  durch  das  den  bestehenden  Brennereien  verliehene  Steuer-Privilegium
  das  Entstehen  neuer  Konkurrenz  nahezu  ausgeschlossen
ist,  so  will  das  Konsortium  eine  große  Koalition  aller  Brenner
schaffen  und  dadurch  den  Spirituspreis  völlig  in  die  Hand  bekommen.
Die  Brenner  sollen  sich  verpflichten  auf  3  Jahre,  ihre  ganze  Produktion
  dem  Konsortium  zu  überlassen;  dafür  erhalten  sie  von  diesem:
a)  70  M  für  die  erste  Steuer-Portion  des  Gesetzes,  b)  50  M  für  2/5
desselben  Quantums,  c)  für  den  Rest  den  Verkaufspreis,  den  die
Gesellschaft  selbst  erzielt  (dabei  hat  der  Brenner  die  Maisch-Steuer
von  ca.  16  M  zu  tragen).  Das  Kapital  der  Gesellschaft  beträgt
30  Mill.  Mark.  Die  Ausführung  wird  abhängig  gemacht  davon,
daß  80%  der  Gesamt-Produktion  bis  zum  30.  September  angemeldet
  wird.  Da  diese  Summe  nicht  erreicht  wird,  löst  sich  das
Konsortium  auf.

Anf.  September.  (Begegnung  des  Kaisers  und  des
Zaren.)  Eine  Londoner  Meldung,  welche  für  den  Herbst  eine  Begegnung
  zwischen  dem  Zaren  und  Kaiser  Wilhelm  in  Aussicht  stellt,
gibt  der  gesamten  europäischen  Presse  Anlaß  zu  den  verschiedenartigsten
  Beurteilungen.  Im  allgemeinen  wird  in  Deutschland  der
Nachricht  wenig  Glauben  beigemessen  und  auch  der  angenommene
Fall  sehr  kühl  beurteilt.  Die  russische,  namentlich  panslawistische
Presse  widerspricht  dem  Gerüchte  mit  Leidenschaft  und  unter  heftigen
Ausfällen  auf  Deutschland.

Anf.  September.  (Reichslande:  Straßburger  Bürgermeister.)
  Der  Unterstaatssekretär  Back,  welcher  vorläufig  die  Gemeindeverwaltung
  neben  dem  Reichsamte  weiter  verwaltet  hatte,  tritt
von  diesem  auf  die  wiederholten  Bitten  des  Gemeinderates  zurück
und  übernimmt  wieder  sein  früheres  Bürgermeisteramt.

3.  September.  Der  Kaiser  gibt  infolge  Unwohlseins  die  Reise
zu  den  großen  Manövern  nach  Königsberg  auf.  An  seiner  Statt
begibt  sich  hierauf  Prinz-Regent  Albrecht  von  Braunschweig  dorthin.

5.  September.  (Deutschland  und  Rußland.)  Auf  einen
so  überschriebenen  Artikel  der  „Kölnischen  Zeitung“,  in  welchem  diese
gegen  ein  allzugroßes  Entgegenkommen  der  deutschen  Politik  gegen
Rußland  sich  ausgesprochen  hat,  erwidert  die  „Norddeutsche  Allgemeine
  Zeitung“  in  einem  offiziösen  Artikel:
        <pb n="179" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einelnen  Glieder.  (Septbr.  5.)  167

Die  Kölnische  Zeitung  warnt,  wie  man  sieht,  „die  deutsche  Staatskunst“
  davor,  sich  mit  Frankreich  in  ein  „Wettkriechen“  um  die  Gunst  Rußlands
  einzulassen.  Es  ist  uns  unerfindlich,  durch  welche  Gedankenverbindung
sie  zu  dieser  Warnung  veranlaßt  worden  ist.  Sie  beruft  sich  im  weitern
Verlauf  des  Artikels  darauf,  daß  „ein  junger  russischer  Diplomat“  erzählt
habe,  „Herr  v.  Giers  habe  scherzhaft  geäußert,  Fürst  Bismarck  stelle  sich  in
der  bulgarischen  Angelegenheit  dermaßen  auf  den  russischen  Standpunkt,  daß
man  zweifeln  könne,  ob  er  deutscher  oder  russischer  Minister  sei“.  Wir  überlassen
  es  den  Lesern,  den  Wert  dieses  Belastungsmaterials  zu  beurteilen.
Die  Aufgabe,  welche  die  deutsche  Politik  sich  gestellt  hat,  und  die  Wege,  auf
denen  sie  dieselbe  zu  lösen  sucht,  liegen  klar  genug  zu  tage.  Man  hat  dieser
Politik  bisher  den  Vorzug  der  Offenheit  nicht  abgesprochen,  ihre  Handlungen
haben  sich  immer  gedeckt  mit  ihren  Worten.  Die  Weltlage  stellt  derselben
im  Interesse  des  Reichs  und  seiner  Würde  gegenwärtig  keine  andern  Aufgaben

  als  die  der  Erhaltung  des  Friedens,  so  lange  derselbe  mit  Ehren
haltbar  sein  wird.  Der  Ausgangspunkt  dieser  Thätigkeit  kann,  wenn  letztere
  berechtigt  und  erfolgreich  bleiben  soll,  nur  auf  dem  Boden  der  Verträge
gesucht  werden,  welche  Deutschland  geschlossen  hat.  Wenn  die  im  übrigen
erfolgreichen  Arbeiten  der  deutschen    Politik  im  Interesse  des  Friedens  seit
drei  Jahren  in  jedem  Sommer  durch  Bulgarien  und  seine  Fürsten  gestört
werden,  so  kann  das  diesem  Balkanlande  unmöglich  das  Wohlwollen  der
deutschen  Politiker  zuwenden.  Wir  stellen  nicht  den  Satz  als  Richtschnur
auf:  „Knock  down  the  first  who  breaks  peace“,  aber  wir  finden  es  den
Interessen  unserer  ebenso  friedliebenden  wie  wehrhaften  Nation  entsprechend,
daß  Deutschland  sein  volles  Gewicht  im  Rate  Europas  dafür  einsetzt,  daß
die  ehrgeizigen  bulgarischen  Fürsten  und  Minister,  welche  geneigt  sind,  Feuer
in  Europa  anzulegen,  durch  Europa  zur  Ruhe  verwiesen  werden.  Der  Prinz
von  Koburg  so  gut  wie  der  von  Battenberg  vor  ihm  haben  die  Verträge
gebrochen,  auf  Grund  deren  Bulgarien  überhaupt  existent  geworden  ist.
Deutschland  hält  an  diesen  Verträgen  fest,  nicht  aus  Gefälligkeit  gegen  andere
  Mächte,  sondern  aus  Achtung  vor  der  eignen  Unterschrift  und  weil  jede
Basis  für  seine  Friedensbestrebungen  fortfallen  würde,  wenn  man  die  Verträge,
  welche  unter  dem  Vorsitze  Deutschlands  geschaffen  wurden,  nach  beliebiger
  politischer  Konvenienz  zu  Gunsten  strebsamer  junger  Fürsten  ignorieren
wollte.  In  diesem  Sinne  widerstand  die  Regierung  vor  einem  Jahre  dem
Preßsturm  zu  Gunsten  Battenbergs  und  widersteht  sie  heute  der  Zumutung,
die  von  ihr  vollzogenen  Verträge  und  damit  die  Basis  ihrer  Friedenspolitik

 

dem  von  ihr  von  Haus  aus  gemißbilligten  orleans-koburgischen  Unternehmen
zu  opfern.  Wir  sind  der  Ansicht,  daß  das  Unternehmen  des  Prinzen  Ferdinand
  eine  noch  weit  schärfere  Verurteilung  verdiene,  als  seinerzeit  das
Verhalten  des  battenbergischen  Prinzen.  Für  die  Frivolität,  mit  welcher
der  Friede  Europas  dabei  aufs  Spiel  gesetzt  worden  ist,  läßt  sich  auch  nicht
der  Schein  einer  Entschuldigung  anführen.  Nur  wenn  man  den  Prinzen
Ferdinand  als  Träger  einer  ausschließlich  orleanistischen  Politik  auffaßt,  vermag
  man  sein  Unternehmen  unter  einen  logischen  Gesichtspunkt  zu  bringen.
Die  Interessen  des  Hauses  Orleans  sind  von  der  Art,  daß  dauernder  Friede
in  Europa  sie  nicht  fördern  wird.  Ein  europäischer  Krieg,  wie  und  wo
immer  er  entstehen  mag,  würde  zunächst  das  „Bestehende"  in  Frage  stellen
und  nach  dessen  Sturz  Wege  und  Raum  für  einen  Wechsel  der  Zustände
in  Frankreich  schaffen  können.  Wir  hoffen,  daß  der  Verfasser  des  Artikels
in  Nr.  243  der  Köln.  Ztg.  aus  dieser  Darlegung  entnehmen  werde,  daß  die
deutsche  Politik  sich  nicht  in  einem  Wettlaufe  mit  Frankreich  um  die  Gunst
Rußlands  befindet,  sondern  in  voller  Selbständigkeit  die  Bahnen  wandelt,
welche  sie  durch  die  Interessen  des  deutschen  Reichs  für  angezeigt  und  durch
        <pb n="180" />
        168  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Septbr.  9.—16.)

die  bestehenden  Verträge  für  geboten  hält.  Wir  empfehlen  dem  Verfasser
jenes  Artikels,  wenn  er  die  Politik  der  Regierung  mißbilligt,  lieber  an  der
Einsicht  als  an  dem  Ehrgefühl  ihrer  Leiter  zu  zweifeln.

9.  September.  Rückkehr  des  Reichskanzlers  aus  Kissingen
nach  Berlin.

13.—15.  September.  (Württemberg.)  Die  Kammern,  zu
einer  außerordentlichen  Session  einberufen,  genehmigen  —  die  erste
einstimmig,  die  zweite  mit  64  gegen  19  Stimmen  —  den  Anschluß
Württembergs  an  die  Branntwein  steuergemeinschaft  des  Reiches.

15.  September.  (Bayern:  Eröffnung  der  Kammern.)
Bei  der  Bildung  des  Bureau's  im  Abgeordnetenhause  erlangen  auch
die  Liberalen  zum  ersten  Male,  seit  es  eine  klerikale  Kammermehrheit
  gibt,  einen  Sitz  im  Präsidium.  Sämtliche  Liberale  bilden  eine
Partei,  ihnen  nahe  steht  eine  aus  den  gemäßigten  Katholiken  und
Konservativen  gebildete  Mittelpartei;  damit  ist  die  Herrschaft  der
Ultramontanen  gebrochen.

Die  Thronrede  verbreitet  sich  über  die  Frage  des  Beitritts  Bayerns
zur  Branntweinsteuergemeinschaft,  die  das  wichtigste  Anliegen  der  Session
bildet.  So  sehr  auch  der  bayerischen  Regierung  der  Fortbestand  der  Reservatrechte
  am  Herzen  liege,  so  glaube  sie  doch  in  diesem  Falle  an  ihrem
Sonderrecht  nicht  festhalten  zu  sollen,  da  es  sich  nicht  nur  um  eine  voraussichtlich
  nie  wiederkehrende  Gelegenheit  zur  Erreichung  namhafter  Vorteile,
sondern  auch  um  die  Abwendung  schwerwiegender  wirtschaftlicher  Nachteile
handelt.  Die  zur  Zeit  bestehenden  Einnahmeüberschüsse  würden  zur  dauernden
  Befriedigung  der  erfahrungsgemäß  sich  steigernden  Reichs-  und  Staatsausgaben
  nicht  ausreichen.  Auch  wird  der  Eintritt  Bayerns  in  die  Branntweinsteuergemeinschaft
  die  Möglichkeit  bieten,  die  längst  als  Bedürfnis  anerkannte
  Aufbesserung  der  Gehälter  der  Geistlichen  und  Lehrer,  sowie  der
instabilen  Bediensteten  des  Staates  vorzunehmen,  die  Invaliden-  und  Hinterbliebenen-Versorgung
  der  bei  den  Staatseisenbahnen  verwendeten  ständigen
Arbeiter  durchzuführen,  die  Lage  der  Beamten  der  Staatsverkehrsanstalten
aufzubessern,  eine  Reihe  Lokalbahnen  zu  bauen.

Mitte  September.  (Katholische  Kirche.)  Der  neue  Nuntius
in  München,  Fürst  Ruffo  Scilla,  zeigt  in  einem  Rundschreiben  an
die  deutschen  Bischöfe  seine  Ernennung  und  seinen  Amtsantritt  an.

Mitte  September.  (Kaiserbegegnung.)  Die  Reise  des
Kaisers  zu  den  Manövern  nach  Stettin  läßt  aufs  neue  das  Gerücht
Glauben  finden,  daß  bei  dieser  Gelegenheit  eine  Begegnung  mit  dem
Zaren  stattfinden  würde,  der  aus  Kopenhagen  nach  Swinemünde
kommen  werde.  Vielfache  falsche  Nachrichten  durchlaufen  daraufhin
die  europäische  Presse  und  werden  lebhaft  besprochen.  Die  „Norddeutsche
  Allg.  Zeitung“  weist  darauf  hin,  daß  der  Besuch  in  jedem
Falle  nur  die  Bedeutung  eines  Höflichkeitsaktes  haben  würde.

16.  September.  Der  österreichisch-ungarische  Minister  des  Aus-
        <pb n="181" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  22.  —24.)  169

wärtigen,  Graf  Kalnoky,  trifft  zu  zweitägigem  Aufenthalte  in
Friedrichsruhe  beim  Fürsten  Bismarck  ein.

22.  September.  (Bayern:  Branntweinsteuer.)  Das
Abgeordnetenhaus  nimmt  mit  133  gegen  18  Stimmen  das  Gesetz
über  den  Eintritt  Bayerns  in  die  Branntweinsteuergemeinschaft  des
Reiches  an.

Finanzminister  v.  Riedel  gibt  bei  den  Beratungen  folgende  Erklärung
  über  die  Reservatrechte  ab:  Ich  habe  bereits  im  Ausschusse,  und
war  in  Uebereinstimmung  mit  dem  Ministerrate  erklärt,  daß  nach  der  Aufsassung
  der  königlich  bayerischen  Staatsregierung  ein  Reservatrecht  vom
reichsrechtlichen  Standpunkte  aus  als  in  gültiger  Form  aufgegeben  zu  erachten
  sei,  wenn  Bayern  gemäß  Art.  78  Absatz  2  seine  Zustimmung  im
Bundesrate  erklärt  hat,  daß  aber  das  betreffende  Ministerium  dem  Lande
egenüber  die  volle  Verantwortlichkeit  für  eine  derartige  Erklärung  zu  tragen
babe  und  daß  daher  wohl  kein  Ministerium  und  insbesondere  auch  nicht
das  gegenwärtige  daran  denken  werde,  ein  Reservatrecht  von  irgend  einem
Belange  ohne  vorherige  Zustimmung  des  Landtags  aufzugeben.  Ferner  habe
ich  gleichfalls  in  Uebereinstimmung  mit  meinen  Herren  Kollegen  erklärt,  daß
die  nach  §  47  des  Reichsgesetzes  vom  24.  Juni  1887  den  süddeutschen
Staaten  vorbehaltenen  Rechte  zweifellos  als  Reservatrechte  zu  betrachten  seien
und  daß  eben  deshalb  ein  Aufgeben  irgend  eines  dieser  Rechte  bayerischerseits
ohne  vorhergehende  Zustimmung  des  Landtages  nicht  stattfinden  werde.  Es
hat  sich  hierauf  in  Ihrem  Ausschusse  eine  Diskussion  darüber  entsponnen,
erstens  ob  Gesetzesvorlagen,  welche  das  Aufgeben  eines  Reservatrechtes  bezwecken,
  allgemein  im  Landtage  unter  den  für  Abänderungen  der  bayerischen
Verfassung  vorgeschriebenen  Förmlichkeiten  zu  behandeln  seien,  und  zweitens
eventuell,  ob  eine  solche  Behandlung  für  den  folgenden  Fall  erforderlich  erscheine.
  Die  letztere  Frage  wurde  von  der  Mehrzahl  der  Mitglieder  im
Ausschusse  selbst  verneint,  was  aber  die  erste  Frage  betrifft,  so  habe  ich  bemerkt,
  daß  ich  es  nicht  für  opportun  halten  könne,  diese  weit  über  den
Nahmen  der  konkreten  Vorlage  hinausgehende,  äußerst  schwierige  prinzipielle
Frage  im  gegenwärtigen  Momente  zu  diskutieren  und  zu  entscheiden;  es  empfehle
  sich  vielmehr,  die  aufgeworfene  Frage  von  Fall  zu  Fall,  je  nach  der
Natur  und  Tragweite  des  einzelnen  in  Betracht  kommenden  Reservatrechtes,
zur  Erledigung  zu  bringen.  Aus  diesem  Grunde  sei  auch  in  den  Motiven
eine  Erörterung  jener  Frage  unterblieben.  Nachdem  jedoch  die  Meinung
aufgetaucht  ist,  aus  der  Behandlung  des  gegenwärtigen  Gesetzentwurfs  könne
ein  Präjudiz  für  kommende  Fälle  abgeleitet  werden,  so  erkläre  ich  im  Einverständnisse
  mit  den  übrigen  Staatsministern,  daß  uns  eine  derartige  Schlußfolgerung
  nicht  berechtigt  erscheint  und  daß  wir  nicht  der  Meinung  sind,
dem  Landtage  oder  der  königlichen  Staatsregierung  —  denn  auch  diese  kann
hierbei  ein  wesentliches  Interesse  haben  —  sei  infolge  der  heutigen  Sachbehandlung
  die  Befugnis  entzogen,  für  die  Zukunft  bei  Fällen,  welche  anders
  als  der  gegenwärtige  geartet  sind,  auf  die  Beobachtung  der  erwähnten
Förmlichkeiten  zu  dringen.

23.  September.  25jähriges  Ministerjubiläum  des  Reichskanzlers.


24.  September.  (Grenzkonflikt.)  Zwei  deutsche  Jäger  aus
Hagenau,  welche  zur  Unterstützung  des  Forstpersonals  gegen  die  überhand
  nehmende  Wilddieberei  französischer  Unterthanen  an  der  süd-
        <pb n="182" />
        170  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  24.—Ende.)

lichen  Grenze  des  Elsaßes  kommandiert  sind,  treffen  bei  Raon-sur-Plaine
  auf  eine  französische  Jagdgesellschaft  auf  deutschem  Gebiete.
Da  dieselbe,  von  dem  Jäger  Kaufmann  angerufen,  nicht  steht,  so
schießt  dieser,  tötet  den  französischen  Wildhüter  Brignon  und  verwundet
  den  Lieutenant  v.  Wangen.

Der  Vorfall  ruft  eine  außerordentliche  Erregung  in  Frankreich  hervor;
  die  Presse  benimmt  sich  anfangs  besonnen,  bald  aber  wird  der  Fall
von  den  Intransigenten  zu  wilden  Hetzartikeln  gegen  Deutschland  ausgebeutet.
Die  Urteile  der  beiderseitigen  Untersuchungskommissionen  gehen  wesentlich
dahin  auseinander,  daß  die  französische  bestreitet,  daß  die  Jagdgesellschaft
die  deutsche  Grenze  überschritten  habe,  jedenfalls  sei  sie  im  Augenblicke  des
Schießens  auf  französischem  Gebiet  gewesen;  die  deutsche  behauptet,  daß  beide
Franzosen  auf  deutschem  Gebiete  getroffen  seien.

Von  der  deutschen  Regierung  wird  unparteiischeste  Würdigung  des
Falles  zugesichert  und  der  Witwe  Brignon  noch  vor  Abschluß  der  Untersuchung
  eine  Entschädigung  von  50,000  —  gewährt.  Diese  korrekte  und
entgegenkommende  Haltung  macht  im  Ganzen  in  Frankreich  einen  guten  Eindruck
  und  wird  auch  dementsprechend  beurteilt.

24.  September.  Der  chinesische  Gesandte  überreicht  in
feierlicher  Audienz  dem  Kaiser  die  diesem  zu  seinem  Geburtstage
vom  Kaiser  von  China  gewidmeten  kostbaren  Geschenke.

27.  September.  (Preußen:  Polenfrage.)  Durch  königliche
Kabinetsordre  wird  in  der  Provinz  Posen  der  polnische  Sprachunterricht
  in  allen  Volksschulen  vom  1.  Oktober  ab  bedingungslos
aufgehoben.

29.  September.  (Der  junge  Schnäbele.)  Der  wegen  Anheftens
  eines  aufrührerischen  Plakats  in  einem  deutschen  Grenzorte
am  19.  September  verhaftete  Sohn  des  französischen  Grenzkommissars
  Schnäbele  wird  von  der  Strafkammer  in  Metz  zu  3  Wochen
Gefängnis  unter  Anrechnung  der  Untersuchungshaft  und  20  M  Geldbuße
  verurteilt.  Derselbe  wird  aber  Tags  darauf  vom  Kaiser  auf
sein  Gesuch  begnadigt  und  sofort  in  Freiheit  gesetzt.

Ende  September.  (Samoa.)  König  Malietoa  wird  von
dem  deutschen  Kriegsschiffe  „Adler“  aus  seinem  Lande  abgeführt  und
auf  dem  „Albatros“  nach  Neu-Guinea  übergesiedelt.  An  seiner  Stelle
wird  Tamasese  zum  Könige  eingesetzt.

Auf  eine  Interpellation  im  Repräsentantenhause  der  Vereinigten
  Staaten  von  Nordamerika  erklärt  Staatssekretär  Bayard  mit
Bezug  hierauf  am  4.  Oktober:  „Er  wäre  im  voraus  benachrichtigt  gewesen,
daß  Deutschland  Malietoa  absetzen  werde;  es  sei  ihm  gleichzeitig  die  Versicherung
  gegeben  worden,  daß  die  amerikanischen  Interessen  würden  geschützt
werden.  Deutschland  beabsichtige  nicht,  Samoa  zu  annektieren,  sondern  lediglich
  Malietoa  zu  bestrafen.  Der  Vertrag  zwischen  Amerika  und  Samoa  enthalte

  nichts,  was  zu  einer  Intervention  Amerikas  berechtige,  so  lange  nicht
ein  Angriff  auf  die  Interessen  Amerikas  vorliege.“
        <pb n="183" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  1.)  171

1.  Oktober.  (Crispi  in  Friedrichsruhe.)  Der  italienische
Ministerpräsident  Crispi  trifft  in  Friedrichsruhe  zu  mehrtägigem
Besuche  beim  Reichskanzler  ein.

An  den  Konferenzen  nehmen  auch  teil  der  italienische  Botschafter
Graf  de  Launay  und  Graf  Herbert  Bismarck.  Die  Zusammenkunft  erregt
das  höchste  Aufsehen,  sie  wird  mit  warmer  Freude  und  Genugthuung  in
Deutschland,  Oesterreich-Ungarn,  Italien  und  England  begrüßt,  mit  offenbarer
  Beunruhigung  in  Frankreich  besprochen,  in  der  russischen  Presse  in
ihrer  Bedeutung  abzuschwächen  gesucht.

Die  „Riforma“,  das  Organ  Krispis,  schreibt  zu  der  Begegnung:  „Die
Begegnung  gibt  die  beruhigendste  und  schmeichelhafteste  Idee  der  politischen
Situation,  welche  Italien  in  Europa  einnimmt.  Es  war  übrigens  infolge
der  die  beiden  Regierungen  vereinigenden  Beziehungen  und  bei  den  Sympathien,
  durch  welche  die  zwei  Staatsmänner  verbunden  sind,  nur  natürlich,

daß  man  einen  direkten  Meinungsaustausch  über  die  beide  Staaten  und  den
europäischen  Frieden  am  meisten  interessierenden  Fragen  angezeigt  fühlte.
Niemand  vermöge  zu  sagen,  welche  Fragen  speziell  bei  der  Begegnung  verhandelt
  werden;  die  Riforma  teilt  aber  die  Meinung  der  Blätter,  welche
sagen,  Crispi  werde  mitwirken  zum  Wohle  des  Vaterlandes  auf  der  Basis
des  Völkerrechtes  und  der  Verträge.  „Wir  haben“  —  sagt  die  Riforma  —
offen  und  loyal  den  Schluß  gezogen,  daß  er  den  Frieden  sichern  und  nicht
den  Krieg  vorbereiten  werde.“

Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  bezeichnet  unter  Hinweis
  auf  die  historische  Aehnlichkeit  zwischen  der  deutschen  und  italienischen
Einheit  den  Besuch  Crispi's  bei  Bismarck  als  einen  neuen  Beweis  der  alterprobten,
  unter  den  Herrschern  und  Völkern  bestehenden  Freundschaft  und
ihrer  friedlichen  Bestrebungen.  Sie  schreibt  ferner:  „Der  Besuch  des  Herrn
Crispi  hat  die  volle  Uebereinstimmung  beider  Staatsmänner  in  ihrer  Entschlossenheit
  ergeben,  im  Vereine  mit  Oesterreich-Ungarn  den  Frieden  zu  erhalten,
  einen  europäischen  Krieg  nach  Möglichkeit  zu  verhindern  und  im  Falle
der  Notwendigkeit  gemeinsam  abzuwehren.  Diese  Aufgabe  ist  keiner  schwebenden
  Detailfrage  untergeordnet,  auch  nicht  der  Ausfluß  vorübergehender  persönlicher
  Stimmungen,  sondern  das  Ergebnis  der  Gesamt-Interessen  beider
Völker,  welche  gewillt  sind,  nach  Herstellung  ihrer  nationalen  Einheit  sich
der  Pflege  der  damit  errungenen  Güter  zu  widmen.  Der  friedliebende  Bürger,
der  jedes  neue  Pfand  zur  Bekräftigung  des  Friedens  freudig  begrüßt,  wird,
wie  auf  den  Besuch  des  Grafen  Kalnoky,  so  auch  auf  den  Besuch  des
Minister-Präsidenten  Crispi  mit  Genugthuung  hinblicken.  In  diesem  Sinne
hat  sich  die  öffentliche  Meinung  Europas  durch  die  überwiegende  Mehrzahl
der  Zeitungen  ausgesprochen.  Diejenigen  ausländischen  Stimmen,  welche  ihr
Mißfallen  über  diesen  Besuch  zu  erkennen  geben,  zeigen  dadurch,  daß  sie  nicht
der  großen  Mehrheit  der  europäischen  Bevölkerungen  angehören,  welche  den

Frieden  will,  sondern  der  kleinen  Anzahl  derer,  welche  die  Kalamität  großer

Kriege  über  Europa  herbeizuführen  suchen.“

Auf  die  Beglückwünschung  Crispis  zu  dem  Ministerjubiläum
des  Reichskanzlers  hatte  dieser  in  einem  Telegramme  geantwortet:

„Zwischen  dem  Schicksal  und  der  Mission  unserer  Länder,  welche
beide  in  der  zweiten  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  geschaffen  wurden,
bestehen  wunderbare  Analogien.  Ich  bin  glücklich  über  die  so  liebenswürdigen

Worte  von  Ihnen,  der  Sie  so  würdig  sind,  Ihr  Land  zu  leiten.  Ich  schöpfe
daraus  die  besten  Hoffnungen  im  Interesse  der  beständigen  Freundschaft,
        <pb n="184" />
        172  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  3.—10.)

welche  Italien  mit  Deutschland  und  die  ruhmreichen  Dynastien  verknüpft,
welche  deren  Schicksale  lenken.“

Der  Reichskanzler  knüpft  hieran  die  Einladung  zum  Besuche
in  Friedrichsruhe.

Auf  der  Rückreise  in  Frankfurt  empfängt  Crispi  einen  Mitarbeiter
  der  „Frankfurter  Zeitung“,  der  über  die  Unterredung  mit
ihm  folgendes  mitteilt:

Crispi  folgte  diesmal  einem  speziellen  Wunsche  des  Fürsten  Bismarck,
der  ihn  zu  sich  einlud.  Die  Gespräche  beider  Staatsmänner  hatten  keine
besonderen  politischen  Ziele  zum  Gegenstande.  Die  römische  Frage  sei  nicht
berührt  worden.  Diese  Frage  existiere  für  die  Italiener  nicht.  Das  Verhältnis
  zum  Vatikan  sei  eine  innere  italienische  Angelegenheit,  in  welche
sich  niemand  einmischen  dürfe.  Fürst  Bismarck  wolle  dies  am  wenigsten.
Der  Papst  lebe  unter  den  Gesetzen  Italiens  wie  ein  italienischer  Bürger.
Betreffs  der  allgemeinen  internationalen  Lage  äußerte  Crispi,  Italien  wolle
die  Aufrechthaltung  des  Friedens  und  des  europäischen  Gleichgewichts,  deßhalb
  habe  es  sich  der  deutsch-österreichischen  Allianz  angeschlossen,  und  deßhalb
  sei  es  bestrebt,  zur  Vermeidung  großer  internationaler  Konflikte  beizutragen.
  Wegen  der  Besorgnis  der  Festsetzung  Rußlands  auf  der  Balkan-Halbinsel
  meinte  Crispi,  Italien  habe,  wie  alle  Staaten  Europas,  allen

rund,  Rußlands  Vordringen  bis  Konstantinopel  zu  fürchten.  Das  mittelländische
  Meer  dürfe  kein  russischer  See  werden.  Die  Bulgaren  und  ihre
Unabhängigkeit  hätten  Italiens  volle  Sympathie.

3.  Oktober.  (Bayern:  Adresse.)  Deputationen  beider  Häuser
des  Landtages  überreichen  dem  Prinz-Regenten  Adressen.  Die  Adreßdebatten
  sind  im  Hinblick  auf  die  Zurückweisung  der  letzten  Adresse
im  Jahre  1875  durch  König  Ludwig  streng  geheim  gehalten  worden.
Die  Debatten  im  Abgeordnetenhause  nehmen  jedoch  viele  Zeit  in
Anspruch  und  es  verlautet,  daß  der  Adreßentwurf  nicht  ohne  Schwierigkeiten
  Genehmigung  erhält.  Der  angenommene  Entwurf  enthält
nur  eine  Umschreibung  der  Thronrede,  ist  aber  in  sehr  warmem  Tone
gehalten.

3.—10.  Oktober.  Der  Anarchist  Neve  wird  vom  Reichsgerichte
  wegen  Hochverrats  zu  fünfzehn  Jahren  Zuchthaus  verurteilt.
Die  Verhandlung  findet  unter  Ausschluß  der  Oeffentlichkeit  statt.

Neve  war  während  der  Arbeiterunruhen  in  Lüttich  verhaftet  und  ausgeliefert
  worden  und  ist  der  Teilnahme  am  Niederwaldattentat  (Gesch.Kal.

1884  XII,  15.)  und  an  der  Ermordung  Rumpffs  (Gesch.  Kal.  1885  I,  13.)
beschuldigt.

4.—6.  Oktober.  (Sozialdemokratie.)  Die  deutschen  Sozialdemokraten
  halten  in  St.  Gallen  einen  Parteitag.

Die  Vorbereitungen  sind  so  geschickt  getroffen,  daß  erst  als  der  Kongreß
  versammelt  ist  die  ersten  Nachrichten  von  seinem  Zusammentritt  in  die
Oeffentlichkeit  dringen.  Es  nahmen  80  Repräsentanten  teil,  darunter  Singer,
Hasenclever,  die  zu  Vorsitzenden  erwählt  werden,  ferner  Bebel,  Liebknecht  u.  a.

Die  extreme  Partei  richtet  gegen  die  letzten  beiden  heftige  Angriffe
        <pb n="185" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  4.—6.)  173

wegen  ihrer  Opportunitätspolitik,  doch  findet  folgende  Resolution  Annahme:
„Der  Parteitag  ist  der  Ueberzeugung,  daß  nach  wie  vor  die  Stellung  der
Partei  zu  der  parlamentarischen  Thätigkeit  im  Reichstag  und  in  den  Landtagen
  die  bisherige  bleibe;  wie  bisher  ist  das  Hauptgewicht  auf  die  kritische
und  agitatorische  Seile  zu  legen,  und  die  positive  gesetzgeberische  Thätigkeit
nur  in  der  Voraussetzung  zu  pflegen,  daß  bei  dem  heutigen  Stand  der
Parteigruppierung  und  der  gegenwärtigen  ökonomischen  Verhältnisse  über
die  Bedeutung  und  Tragweite  dieser  positiven  Thätigkeit  für  die  Klassenlage
der  Arbeiter  in  politischer  wie  sozialer  Beziehung  kein  Zweifel  gelassen  und
keine  Illusion  geweckt  werden  kann.“

Gegen  die  anarchistische  Bewegung  wird  folgende  Resolution  beschlossen:
  „Der  Parteitag  erklärt  die  anarchistische  Gesellschaftstheorie,  insoweit
  dieselbe  die  absolute  Autonomie  des  Individuums  erstrebt,  für  antisozialistisch,
  für  nichts  als  eine  einseitige  Ausgestaltung  der  Grundgedanken
des  bürgerlichen  Liberalismus,  wenn  sie  auch  in  ihrer  Kritik  der  heutigen
Gesellschaftsordnung  von  sozialistischen  Gesichtspunkten  ausgeht.  Sie  ist  vor
allem  mit  der  sozialistischen  Forderung  der  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel
  und  der  gesellschaftlichen  Regelung  der  Produktion  unvereinbar
und  läuft,  wenn  nicht  die  Produktion  auf  den  Zwergmaßstab  des  kleinen

Handwerks  zurückgeführt  werden  soll,  auf  einen  unlöslichen  Widerspruch
hinaus.  Der  anarchistische  Kultus  und  die  ausschließliche  Zulassung  der
Gewaltpolitik  beruht  auf  einem  groben  Mißverständnis  der  Rolle  der  Gewalt
in  der  Geschichte  der  Völker.  Die  Gewalt  ist  ebenso  gut  ein  reaktionärer
als  ein  revolutionärer  Faktor,  ersteres  sogar  häufiger  gewesen  als  das  letztere.
  Die  Taktik  der  individuellen  Anerkennung  der  Gewalt  führt  nicht  zum
Ziel  und  ist,  insofern  sie  das  Rechtsgefühl  der  Masse  verletzt,  positiv  schädlich
  und  darum  verwerflich.  Für  die  individuellen  Gewaltakte  bis  aufs
äußerste  Verfolgter  und  Geächteter  machen  wir  die  Verfolger  und  Aechter
verantwortlich  und  begreifen  die  Neigung  zu  solchen  als  eine  Erscheinung,
die  sich  zu  allen  Zeiten  unter  ähnlichen  Verhältnissen  gezeigt  hat  und  welche
gegenwärtig  in  Deutschland  von  gewissen  Polizei-Organen  durch  bezahlte
Agents  provocateurs  für  die  Zwecke  der  Reaktion  gegen  die  arbeitende  Klasse
ausgenützt  wird.“

In  weiteren  Beschlüssen  werden  der  Schutzzoll  und  alle  Gesetze  zur
Besteuerung  von  Lebensmitteln,  sowie  alle  Monopole  verworfen  und  fast  mit
Einstimmigkeit  beschlossen  künftig  mit  keiner  der  „Bourgeois-Parteien“,  auch
bei  Stichwahlen  nicht,  Wahlkompromisse  einzugehen.  Seit  dem  letzten  Parteitage
  haben  die  Sozialdemokraten  170,000  M  davon  100,000  für  Wahlzwecke
und  50,000  zur  Unterstützung  verfolgter  Mitglieder  ausgegeben.  Für  1888
wird  die  Einberufung  eines  internationalen  Arbeiter-Kongresses  in  Aussicht
genommen.  

Die  Sozialisten  von  Paris  und  Umgegend  senden  hierauf  durch  ihren
Vorsitzenden  an  den  Parteitag  der  deutschen  Sozialdemokratie  eine  Adresse.
Sie  verweisen  auf  die  Beschlüsse,  welche  sie  im  Einverständnis  mit  den  Vertretern
  der  sozialdemokratischen  Föderation  Englands  auf  ihrem  Nationalkongreß
  1884  in  Roubaix  gefaßt  haben.  Es  sind  die  folgenden:  1)  Es  liegt
den  sozialistischen  Parteien  aller  Länder  ob,  einen  gemeinsamen  Feldzug  zu
Gunsten  einer  internationalen  Arbeiterschutzgesetzgebung  zu  unternehmen.
2)  Diese  internationale  Gesetzgebung  hat  sich  zu  erstrecken:  a.  auf  das  Verbot
  der  Arbeit  von  Kindern  unter  14  Jahren;  b.  auf  die  Einschränkung
der  Arbeit  von  Männern  und  Frauen;  c.  auf  das  Verbot  der  Nachtarbeit,
ausgenommen  in  gewissen,  nach  den  Anforderungen  der  modernen  Technik  zu
bestimmenden  Fällen;  d.  auf  das  Verbot  gewisser,  der  Gesundheit  der  Arbeiter
  nachteiliger  Industriezweige  und  Produktionsmethoden;  e.  auf  die
        <pb n="186" />
        174  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  6.—25.)

Festsetzung    eines  internationalen    Minimallohnes.  3)  Der  Arbeitstag  ist  auf
acht  Stunden  im  Maximum  festzusetzen,  jedoch  fordert  der  Kongreß  die  Arbeiterorganisationen,
  welche  stark  genug  sind,  ihre  Regierenden  zu  einer  erheblichen
  Herabsetzung  zu  bewegen,  auf,  im  nationalen  Rahmen  in  diesem
Sinne  handeln.  4)  Das  internationale  Lohnminimum  muß  für  beide  Geschlechter
  gleich  sein.

6.  Oktober.  (Polenfrage.)  Eine  Versammlung  polnischer
Notabeln  in  Lemberg,  hauptsächlich  aus  Ostgalizien  besucht,  beschließt,
der  in  Posen  gegründeten  polnischen  Rettungsbank  mit  einem  Beitrage
  von  1.200,000  M  zu  Hilfe  zu  kommen.

400,000  M  sollen  in  den  Städten  Ostgaliziens,  800,000  in  den  Großgrundbesitzbezirken
  durch  Sammlung  aufgebracht  werden.  Die  Leitung  der
Komitees  übernehmen  Graf  Arthur  Potocki,  Fürst  Adam  Sapieha  und  Fürst
Georg  Cäzartoryski.

Mitte  Oktober.  (Baden:  Landtagswahlen.)  Bei  den
Landtagswahlen  gewinnen  die  Nationalliberalen  von  den  9  bisher
ultramontanen  Wahlkreisen  5,  von  den  bisher  demokratischen  2,
darunter  Mannheim.

17.  Oktober.  (Sachsen:  Landtagswahlen.)  Von  den  29
neu  gewählten  Abgeordneten  gehören  28  den  Kartellparteien  —  19
der  konservativen,  9  der  nationalliberalen  —  an;  von  den  Sozialdemokraten
  hat  nur  Bebel  in  Leipzig-Land  sich  behauptet.

22.  Oktober.  Eine  anscheinend  offiziöse  Note  der  „Post“  über
die  deutsch-russischen  Beziehungen  besagt:

Die  meisten  deutschen  Blätter  fahren  fort,  den  Wert  zu  erörtern,  den
es  für  unsere  politischen  Beziehungen  zu  Rußland  haben  würde,  falls  sich
der  Zar  entschließen  sollte,  die  Rückreise  über  Berlin  zu  nehmen.  Dem
gegenüber  muß  wiederholt  darauf  hingewiesen  werden,  daß  es  durchaus  mehr
als  zweifelhaft  ist,  ob  ein  solcher  Besuch,  wenn  er  überhaupt  stattfindet,  für
die  erwähnten  Beziehungen  von  Nutzen  wäre.  Angesichts  der  systematischen
Feindschaft  der  russischen  Blätter  gegen  Deutschland  muß  als  sicher  angenommen
  werden,  daß  seitens  der  Panslawisten  und  ihres  Preßanhanges  es
dem  Zar  verdacht  werden  würde,  wenn  er  dem  deutschen  Kaiser  einen  Besuch
  abstattete.  Es  liegt  deßhalb  die  Vermutung  nahe,  daß  die  russische

Politik,  um  ihre  Deutschfreundlichkeit  in  den  Augen  der  Panslawisten  auszugleichen
  und  Nachsicht  für  dieselbe  zu  erhalten,  in  ernsteren  Dingen,  als
Besuchsfragen  sind,  nur  um  so  anti-deutscher  aufzutreten  sich  veranlaßt
sehen  würde.

25.  Oktober.  Bei  dem  Tode  Elihu  B.  Washburne's,  des
ehemal.  Gesandten  der  Vereinigten  Staaten  in  Paris,  erbittet  der
deutsche  Konsul  in  Chikago,  Baron  Nordenflycht,  von  dem  Sohn
des  Verstorbenen  die  Erlaubnis,

„die  deutschen  Farben,  wie  sie  die  Flagge  dieses  Konsulats  zeigt,  am
Katafalk  niederzulegen“,  „ich  werde  den  Zeremonien  als  Delegat  des  Vertreters
  des  Deutschen  Reiches  in  diesem  Lande  beiwohnen.  Der  Gedanke,
daß  Sie  diese  symbolischen  Handlungen  als  den  Tribut  der  Dankbarkeit  der
        <pb n="187" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  27.—Ende.)  175

deutschen  Nation  für  das  gesegnete  Andenken  des  großen  Toten  acceptieren
werden,  erfüllt  mich  mit  Genugthuung."“

Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  widmet  demselben  folgenden  Nachruf:

„In  Deutschland  hat  man  nicht  vergessen,  daß  Washburne  es  war,
der  während  des  Krieges  1870/71,  die  in  Paris  zurückgebliebenen  Deutschen,
trotz  des  blinden  Hasses,  mit  dem  eine  krankhaft  erregte  Bevölkerung  diese
verfolgte  unter  den  Schutz  des  Sternenbanners  der  Vereinigten  Staaten
nahm  und  viele  von  ihnen  vor  Unbill  bewahrte,  was  nicht  nur  Besonnenheit
und  Gewandtheit,  sondern  auch  großen  persönlichen  Mut  und  aufopfernde,
unbeugsame  Pflichttreue  erheischte.  Washburne  besaß  diese  edelsten  staatsmännsschen
  Tugenden  in  ungewöhnlich  hohem  Grade,  und  wurde,  ohne  je  zu
schwanken,  allen  Anforderungen  gerecht,  die  infolge  der  ihm  anvertrauten
schwierigen  Mission  an  ihn  herantraten.  Seine  damalige  Amtsführung  hat
noch  wesentlich  dazu  beigetragen,  um  die  Innigkeit  der  auf  traditioneller
und  niemals  getrübter  Freundschaft  beruhenden  nahen  Beziehungen  zwischen
den  beiden  stammesverwandten  Völkern  zu  erhöhen,  und  in  der  Geschichte
des  deutschen  Volkes  ist  dem  amerikanischen  Diplomaten  ein  dankbares  und
ehrenvolles  Andenken  gesichert.“

27.  Oktober.  (Weltausstellung  in  Melbourne.)  Der
Bundesrat  genehmigt  die  Entsendung  eines  Reichskommissärs  zur
Ausstellung  in  Melbourne  und  übernimmt  die  dadurch,  sowie  durch
die  Ausschmückung  und  Beaufsichtigung  der  für  den  deutschen  Teil
der  Ausstellung  bestimmten  Räume  entstehenden  Kosten  auf  das  Reich.

27.  Oktober.  (Französisch-englisches  Abkommen.)  Die
„Nordd.  Allg.  Ztg.“"  weist  auf  die  lebhafte  Befriedigung  der  französischen
  und  der  englischen  Presse  über  den  Abschluß  des  Abkommens
  bezüglich  des  Suez-Kanals  und  der  Neu-Hebriden  hin  und  sagt:

Auch  hier  liegt  kein  Grund  vor,  diese  Verständigung  anders  als
sympathisch  zu  begrüßen,  da  dieselbe,  wenn  sie  erst  perfekt  geworden,  dazu
angethan  ist,  ein  weiteres  Unterpfand  für  die  Erhaltung  des  europäischen
Friedens  zu  bieten  und  eine  der  Schwierigkeiten,  welche  den  Frieden  gefährden,
  zu  beseitigen.

28.  Oktober.  (Hannover:  Moorkolonisierung.)  Der  Provinziallandtag
  beschließt  auf  Antrag  des  Landesdirektors  v.  Bennigsen
400,000  M  zu  bewilligen  zum  Ankauf  und  zur  Kolonisation  einer
großen  Fläche  der  Emsmoore  bei  Meppen.

Ende  Oktober.  Fürstbischof  Kopp  von  Breslau  erläßt,
nachdem  er  am  18.  Oktbr.  in  die  Hände  des  Kultusministers  den
Bischofseid  in  der  neuen  Form  geleistet  und  Tags  darauf  in  Breslau
feierlich  eingezogen  ist,  an  die  Geistlichen  seiner  Diözese  ein  Rundschreiben,
  in  dem  es  heißt:

„Es  gibt  Zeiten,  in  welchen  die  Seelsorge  in  Ruhe  und  Frieden  geführt
  werden  kann,  und  Zeiten,  in  welchen  es  der  ganzen  Glaubensstärke
bedarf,  um  die  Herde  vor  den  drohenden  Gefahren  zu  bewahren.  Solche
schlimme  Zeiten  haben  wir  selbst  erlebt;  aber  durch  die  große  Gnade  Gottes,
der  die  Herzen  der  Menschen  bildet  wie  Wachs,  und  durch  die  Mühen  der
        <pb n="188" />
        176  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Ende  Oktober.)

erlauchten,  an  die  größten  Stellen  berufenen  Männer,  denen  wir  den  höchsten
Dank  schuldig  sind,  ist  infolge  der  Abänderung  der  Gesetze  eine  bessere  Zeit
angebrochen,  in  der  es,  wie  wir  zuversichtlich  hoffen,  der  Kirche  vergönnt
sein  wird,  ihre  heilsamen  Kräfte  zum  Wohle  der  Gesellschaft  wirken  zu  lassen.
Ich  weiß  wohl,  daß  viele  Geistliche  jene  Gesetze,  durch  welche  jüngst  die
kirchlichen  Angelegenheiten  in  Preußen  geordnet  worden  sind,  nicht  ohne  Besorgnis
  betrachten,  da  sie  besonders  für  die  Freiheit  des  Klerus  fürchten.
Aber,  ehrwürdige  Brüder,  vertrauet  eurem  Bischof  und  den  übrigen  Bischöfen,
denen  viel  an  der  Erhaltung  der  Freiheit  des  Klerus  liegt;  vertrauet  dem
hl.  Vater,  der  jene  Freiheit  des  Klerus  nie  vernachlässigt  und  der  noch  jüngst
mit  solchem  Erfolge  für  dieselbe  gesorgt  hat,  daß  wir  nichts  mehr  zu  fürchten
haben.  Indem  wir  also  diese  Besorgnis  fallen  lassen,  sorgen  wir,  daß  wir
unter  Benutzung  der  besseren  Lage  der  Kirche  das  aufbauen  und  stärken,
was  die  Ungunst  der  vergangenen  Zeiten  zerstört  oder  erschüttert  hat.  Denn
dann  werden  wir  hoffen  können,  etwanige  kirchliche  Gefahren  glücklich  zu
überwinden.  Wenn  wir  verlangen,  daß  der  Staat  die  Rechte  unserer  Kirche
achte  und  beschütze  und  ihre  Autorität  in  kirchlichen  Dingen  anerkenne  und
bestätige,  müssen  wir,  dem  Gebote  des  hl.  Apostels  Paulus  folgend,  jene
Rechte,  welche  die  weltliche  Gewalt  von  Gott  zum  Nutzen  der  Gesellschaft
empfangen  hat  und  ausübt,  selbst  gewissenhaft  ehren  und  durch  Ermahnung
andere  dazu  anhalten,  damit  wir  zeigen,  daß  die  Kirche  sich  mit  Recht  rühmt,
die  festeste  Stütze  des  Staates  zu  sein.“

Ende  Oktober.  (Südwestafrika.)  Aus  der  Kapstadt  geht
die  anfänglich  mit  Zweifeln  aufgenommene,  bald  aber  bestätigte
Nachricht  von  der  Entdeckung  großer  Goldfelder  im  Herero-Land
nordöstlich  der  Walfischbai  auf  deutschem  Gebiet  ein.

Ende  Oktober.  (Arbeiterpetition.)  In  einer  mit  etwa
10,000  Unterschriften  bedeckten  Petition  an  den  Reichstag  äußern
die  Maurer  Berlins  sich  über  ihre  Lage.

Sie  betonen,  daß  trotz  der  glänzenden  Lage  des  Baugeschäftes  in
Berlin  die  Piesigen  Maurer  noch  nicht  den  Lohn  bekommen,  den  die
Hamburger  Maurer  erhalten.  Der  Strike  von  1885,  der  in  größter  Ordnung
  und  Ruhe  verlaufen,  habe  zwar  für  sie  eine  kleine  Lohnerhöhung  gebracht;
  1886  wäre  eine  größere  Anzahl  ihrer  „bessern  Kollegen,  obgleich  dieselben
  sämtlich  der  politischen  Bewegung  ferngestanden  und  sich  durch  ihre
Arbeit  redlich  ernährten“,  aus  Berlin  ausgewiesen  worden.  Der  Vorstand
des  „Vereins  zur  Wahrung  der  Interessen  der  Berliner  Maurer“  wäre  in
einen  Prozeß  verwickelt  worden,  der  „jetzt  nach  fast  anderthalbjähriger  Voruntersuchung
  noch  nicht  das  Material  zur  Erhebung  einer  Anklage  geliefert
zu  haben  scheine.“  Am  schwersten  aber  fühlten  sich  die  Berliner  Maurer
dadurch  betroffen,  daß  ihnen  seit  Jahresfrist  jede  öffentliche  Versammlung
fortgesetzt  verboten  sei.  Die  Berliner  Maurergesellen  seien  so  nicht  nur  des
nach  dem  preußischen  Vereinsgesetze  ihnen  zustehenden  Versammlungerechtes,
sondern  auch  des  durch  die  Reichsgewerbeordnung  ihnen  gewährleisteten  Rechtes,
  sich  zur  Erreichung  günstiger  Arbeitsbedingungen  zu  vereinigen,  thatsächlich
  benommen.  Hiergegen  erhobene  Beschwerden  im  vorgeschriebenen  Instanzenzuge,
  der  erschöpft  wurde,  hätten  eine  Abhilfe  nicht  gebracht.  Die
Berliner  Maurer  wenden  sich  daher  an  den  Reichstag,  derselbe  wolle  dahin
wirken,  daß  ihnen  das  gesetzlich  zustehende  Vereinigungs-  und  Versammlungsrecht,
  das  sie  nie  mißbraucht  hätten,  voll  und  ganz  in  den  gesetzlichen
Grenzen  wiedergegeben  werde.
        <pb n="189" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  Anf.—12.)  177

Anf.  November.  (Prof.  Beyschlag  über  den  Einzug
des  Bischofs  Kopp  in  Breslau.)  Prof.  Dr.  Beyschlag  in  Halle
macht  in  den  „Deutsch-Evangelischen  Blättern“  aus  Anlaß  des  in
denselben  erwähnten  Einzugs  des  neuen  Fürstbischofs  von  Breslau,
Dr.  Kopp,  auf  zwei  neuerdings  in  Preußen  aufkommende  Sitten
aufmerksam,  die  auch  bei  dem  in  Rede  stehenden  Anlaß  in  Anwendung
  gekommen  sind:

„Die  Zeitungen  melden  einmal,  daß  die  Spitzen  der  Behörden  in
Breslau,  darunter  ohne  Zweifel  nicht  wenige  Protestanten,  der  Inthronisationsfeier
  des  Fürstbischofs  beigewohnt,  welche  mit  einer  von  demselben  zelebrirten
  missa  solemnis  geschlossen.  Dieses  offizielle  Messehören  hochgestellter
Protestanten  scheint  sich  demnach  in  den  preußischen  Beamtenpflichten  einzubürgern.
  Ob  das  in  einer  Zeit,  wo  kein  römischer  Bischof  an  einem  evangelischen
  Gottesdienste  gastweise  theilnehmen  wird,  ja  in  der  man  eine  evangelische
  Trauung  neben  der  römischen  für  ein  römisches  Trauungshindernis
erklärt,  schicklich,  paritätisch,  mit  protestantischer  Selbstachtung  vereinbar  ist,
darf  gefragt  werden.  Das  Andere  ist,  daß  bei  dem  unvermeidlichen  Festmahl
in  Gegenwart  derselben  staatlichen  Autoritäten  der  neue  Fürstbischof  im
Toast  den  Papst  dem  Kaiser  vorangestellt  hat.  Das  war  noch  vor  kurzer
Zeit  selbst  bei  Bischofstoasten  anders,  es  ging  innerhalb  Preußens  nichts
auf  Erden  über  den  Landesherrn.  Die  „Post“  hat  auch  in  einer  bemerkenswerten
  Gefühlsanwandlung  gesagt:  „Dem  Kaiser  und  dem  Papste;“
aber  der  wörtlich  mitgeteilte  Toast  lautet  umgekehrt.  Geschähe  so  etwas  in
einem  geschlossenen  Kreise  von  Priestern,  so  ginge  es  uns  nichts  an:  daß  es
aber  in  Gegenwart  der  Repräsentanten  des  preußischen  Staates  und  unter
deren  aktiver  Beteiligung  geschieht,  das  ist  —  eine  Neuerung  von  nicht  zu
unterschätzender  symbolischer  Bedeutung  und  als  solche  ein  Zeichen  der  Zeit.“

4.  November.  (Preußen.)  Das  Domkapitel  von  Fulda
wählt  den  Stadtpfarrer  Josef  Weyland  in  Wiesbaden  zum  Bischof.

5.  November.  (Landwirtschaftsrat:  Getreidezölle.)  Der
in  Berlin  tagende  Landwirtschaftsrat  nimmt  in  definitiver  Abstimmung
  die  Erhöhung  aller  Getreide-  und  Viehzölle  an  und  beschließt
außerdem  einen  neuen  Zoll  von  50  Pfennig  für  Kleie.  Der  Antrag,
  den  Identitätsnachweis  aufzuheben,  wird  abgelehnt,  der  Antrag
  auf  Aufhebung  der  gemischten  Transitlager  für  Getreide  mit
dem  Zusatze  angenommen,  den  Bundesrat  zu  ersuchen,  die  bereits
lagernden  Bestände  für  die  bewilligte  Zeit  darin  zu  belassen,  gegen
sofortige  nachträgliche  Baarzahlung  des  Zolles,  und  keine  neuen  Zufuhren
  in  diese  Lager  zu  gestatten.  Die  Anträge  betreffs  der  Einführung
  von  Sperrmaßregeln  und  der  Erteilung  der  Vollmacht  an
den  Bundesrat,  zu  besonderen  Zeiten  auf  die  Zolltarifsätze  von  1885
zurückzugreifen,  werden  einstimmig  angenommen.

8.—12.  Norbr.  (Krankheit  des  Kronprinzen.)  (Vergl.
16.  Juni.]  Auf  Grund  der  Diagnose  Dr.  Mackenzies  und  des  Gut-Europ.

  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  12
        <pb n="190" />
        178 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder.(Novbr. 10.-15.)

achtens  Prof.  Virchows  hatte  die  Meinung  die  Oberhand  gewonnen,
daß  es  sich  um  eine  ziemlich  harmlose  Warzenbildung  auf  dem
Stimmbande  handle.  Die  Kur  Dr.  Mackenzies,  welche  sich  auf
Entfernung  der  Warze  richtete,  schien  von  bestem  Erfolge  begleitet.
Der  Kronprinz  nahm  seinen  Aufenthalt  in  England,  erst  auf  der
Insel  Wight,  dann  in  Schottland,  und  erfreute  sich  eines  vortrefflichen
  Allgemeinbefindens.  Dr.  Mackenzie  wurde  von  der  Königin
von  England  in  den  Ritterstand  (als  Sir  Morell  Mackenzie)  erhoben.
  Von  Schottland  begab  sich  der  Kronprinz  mit  seiner  Familie
  nach  Toblach.  Hier  trat  plötzlich  eine  Verschlimmerung  ein,
die  aber  nach  einiger  Zeit  überwunden  wurde.  Von  Toblach  begab
sich  der  Kronprinz  nach  Baveno  am  Comer  See  und  von  da  nach
San  Remo.  Da  zeigten  sich  von  neuem  Schwellungen  (Oedeme)  so
bedenklicher  Natur,  daß  nicht  nur  Dr.  Mackenzie,  sondern  auch  Prof.
Schrötter  aus  Wien  und  Dr.  Krause  aus  Berlin  zugezogen  werden,
welche  nunmehr  einstimmig  zu  dem  Urteil  kommen,  daß  die  Krankheit
  krebsartig  sei.  Auch  die  Söhne  des  Kronprinzen,  die  Prinzen
Wilhelm  und  Heinrich,  begeben  sich  nach  San  Remo.  Den  Vorschlag
  einer  Exstirpation  des  Kehlkopfes  lehnt  der  Kronprinz  ab.
Nach  einiger  Zeit  tritt  eine  Rückbildung  der  Schwellungen  und  entschiedene
  Besserung  des  Allgemeinbefindens  ein.

10.  November.  (Russische  Werte.)  Die  Reichsbank  macht
bekannt,  daß  sie  russische  Papiere  nicht  mehr  beleihe.  Die  Seehandlung
  schließt  sich  diesem  Vorgange  einige  Tage  später  an.

11.  November.  (Sachsen.)  Eröffnung  des  Landtages.
Die  Thronrede  hebt  den  schweren  auf  Landwirtschaft  und  Erzbergbau
  lastenden  Druck  hervor,  sowie  die  wohlthätigen  Folgen  der  gesetzlichen
  Kranken-  und  Unfallversicherung.

12.  November.  Der  sozialistische  Abgeordnete  Hasenclever
wird  geisteskrank  und  in  das  Maison  de  santé  zu  Schöneberg  bei
Berlin  gebracht.

15.  November.  (Preußen:  Polenfrage.)  Eine  von  3000
Teilnehmern  besuchte  Polenversammlung  zu  Posen  protestiert  gegen
die  Aufhebung  des  polnischen  Sprachunterrichts  und  beschließt  eine
Adresse  an  den  Papst  zu  Händen  des  Kardinals  Grafen  Ledochowski,
in  welcher  das  Gelöbnis,  an  der  polnischen  Sprache  festzuhalten  und
der  Ergebenheit  gegen  den  päpstl.  Stuhl  Ausdruck  finden  soll.

Hauptredner  sind  Graf  Zoltowski  (Schwiegersohn  des  galizischen
  Fürsten  Adam  Sapieha),  Fürst  Czartoryski  und  der  Gnesener
Kanonikus  Kantak.
        <pb n="191" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  Mitte—17.)  179

Der  Papst  sendet  der  Versammlung  durch  Vermittelung  des
Kardinals  Ledochowski  seinen  Segen.

Mitte  November.  (Kolonialpolitik.)  Zwischen  den  Vorständen
  des  deutschen  Kolonialvereins  und  der  Gesellschaft  für  deutsche
Kolonisation  kommt  eine  Vereinbarung  zum  Zwecke  der  Verschmelzung
  beider  Vereine  zu  einer  „Deutschen  Kolonialgesellschaft"
zu  stande.  Dieselbe  wird  durch  die  Generalversammlungen  beider  Vereine
  am  19.  Dezember  genehmigt.  Auch  der  westdeutsche  Verein
für  Kolonisation  und  Export  erklärt  seinen  Eintritt  als  Gesamtheit
in  die  neue  Gesellschaft.

16.  November.  (Alters-  und  Invalidenversicherung.)
Es  werden  die  „Grundzüge“  eines  Gesetzentwurfes  über  die  Altersund
  Invalidenversicherung  der  Arbeiter  veröffentlicht,  um  Meinungsäußerungen
  aus  der  Bevölkerung,  welche  für  die  definitive  Gestaltung
  des  Gesetzentwurfes  verwertet  werden  sollen,  hervorzurufen.

Die  Grundzüge  bestimmen  folgendes:  Die  Altersversorgung  erhält,
wer  das  siebzigste  Lebensjahr  vollendet,  die  Invalidenversorgung,  wer  nachweislich
  dauernd  erwerbsunfähig  geworden,  in  Rente.  Letztere  kann  in  gewissen
  Fällen  bis  zu  drei  Viertel  in  Naturalleistung  gewährt  werden.  Die
Mittel  zur  Gewährung  der  Renten  werden  vom  Reich,  den  Arbeitgebern
und  den  Versicherten  zu  je  einem  Drittel  aufgebracht.  Die  Höhe  der  für  jeden
Arbeitstag  zu  entrichtenden  Beiträge  ist  derart  im  voraus  festzustellen,  daß
die  Verwaltungskosten,  die  erforderliche  Rücklage  zum  Reservefonds  und  zwei
Drittel  des  Kapitalwertes  der  voraussichtlich  entstehenden  Belastung  gedeckt
werden.  Die  volle  Rente  kann  nur  beansprucht  werden,  wenn  bis  zum  Invaliditätseintritt
  in  jedem  Kalenderjahre  Beiträge  für  mindestens  300  Arbeitstage
  geleistet  wurden.  Sonst  tritt  entsprechende  Kürzung  ein.  Die  Invalidenrente
  beträgt  bei  Männern  120  M  jährlich  und  steigt  nach  Ablauf  der
ersten  15  Beitragsjahre  für  jedes  vollendete  Beitragsjahr  um  je  4 M  jährlich
  bis  zum  Höchstbetrage  von  jährlich  250  M  Die  Altersrente  beträgt
jährlich  120  M  und  fällt  fort,  sobald  der  Empfänger  die  Invalidenrente
erhält.  Weibliche  Personen  erhalten  zwei  Drittel  des  Betrages  dieser  Renten.
Träger  der  Versicherung  sind  die  Berufsgenossenschaften.

17.  November.  (Sozialistenprozeß.)  Von  den  37  vor  dem
Breslauer  Landgericht  unter  Ausschluß  der  Oeffentlichkeit  angeklagten
Sozialisten  werden  8  freigesprochen,  29  zu  Gefängnisstrafen  von
4  Wochen  bis  zu  1  Jahr  verurteilt;  darunter  die  Studenten  Lux
zu  einem  Jahre,  Marcuse  zu  4  Monaten,  der  Reichstagsabgeordnete
  Kräcker  zu  7  Monaten.  Alle  Verurteilten  werden  gegen  eine
Bürgschaftsleistung  von  6000  M  aus  der  Haft  entlassen.

Ueber  den  Gegenstand  der  Anklage  wird  nachträglich  folgendes  bekannt.
Die  Studenten  Lux  und  Marcuse  und  der  polnische    Schriftsteller  Kasprowicz
  hatten  einen  Verein  „Pacific“  gegründet  und  auch  bei  der  Breslauer
Polizei  angemeldet.  Nach  §  1  des  Vereinsstatuts  war  der  Zweck  des  Vereins:
„Die  Bedingungen  des  Gedeihens  einer  allgemeinen  Wirtschaftsgenossenschaft

12*
        <pb n="192" />
        180  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  17.—18.)

in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  zu  untersuchen  und  gegebenenfalls
  die  Vorbereitung  zur  Gründung  eines  solchen  in  die  Hand  zu  nehmen.“
So  seltsam  das  Beginnen  war,  von  Breslau  aus  die  wirtschaftliche  Umgestaltung
der  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  zu  betreiben,  die  jugendlichen
Stürmer  und  Dränger  setzten  alle  Hebel  in  Bewegung,  Geld  nicht  blos  für
Agitationsreisen  in  Schlesien  zur  Anwerbung  neuer  Mitglieder  aufzutreiben,
sondern  auch  für  die  Ausrüstung  ihres  Vorsitzenden,  Alfred  Plötz  der,  um
sich  zu  unterrichten,  nach  Amerika  gesandt  wurde.  Woher  Herr  Plötz  seine
Belehrung  über  „die  Bedingungen  des  Gedeihens  einer  allgemeinen  Wirtschaftsgenossenschaft“
  holte,  erhellt  aus  einem  aus  Chicago  an  Lux  gerichteten
  und  später  von  dem  Staatsanwalt  aufgefundenen  Briefe,  in  dem  es  u.
a.  heißt:  „Ich  habe  hier  die  sozialistischen  und  anarchistischen  Kreise  der
Unterrichtung  halber  aufgesucht.“  Und  am  16.  September  1884  schrieb
Herr  Plötz:  „Die  Hauptidee,  von  der  aus  ich  mein  Ziel  verfolgte,  war  die,
durch  die  Gründung  und  Ausbreitung  sozialistischer  Niederlassungen  schneller
und  besser  für  die  allgemeine  Durchführung  des  Sozialismus  zu  arbeiten
als  durch  Anschluß  an  die  Partei.“  Plötz  ist  nicht  unter  den  Verurteilten,
er  hatte  sich  rechtzeitig  nach  der  Schweiz  in  Sicherheit  gebracht.

Ueber  den  Reichstagsabgeordneten  Kräcker  wird  bekannt,  daß  er  bis
zu  seiner  Verhaftung  jährlich  3000  M  von  den  Inhabern  der  neuen  Breslauer
  Gerichtszeitung  bezog,  für  Dienste,  deren  Natur  auch  jetzt  noch  nicht
aufgeklärt  ist.  Kräcker  hal  dieses  Geld  selbst  dann  noch  angenommen,  als
die  Verleger  der  Zeitung,  Zimmer,  Störmer,  Hövel  und  Genossen,  als  politische
  Denunzianten  entlarvt  und  demgemäß  vom  Züricher  „Sozialdemokrat"
als  nicht  mehr  zur  Partei  gehörig  erklärt  worden  waren.  Den  Empfang
des  Geldes  hatte  Kräcker  seinen  Parteigenossen  gegenüber  wiederholt  in  Abrede
  gestellt,  ja,  er  hat  sogar  in  einem  besonderen  Falle  seine  Versicherung,
daß  er  von  Zimmer  und  Genossen  eine  Untersützung  nicht  beziehe,  mit  seinem
Ehrenwort  bekräftigt,  im  Verlaufe  des  Prozesses  aber  gesteht  er  nach  Vorhalt
  der  Beweise  diese  Bezüge  ein.

17.  November.  (Reichslande:  Bischofswechsel.)  Bischof
Andreas  Räß  von  Straßburg,  geb.  6.  April  1794  zu  Sigolsheim
im  Oberelsaß,  T.  Er  war  auf  dem  vatikanischen  Konzile  einer  der
eifrigsten  Verfechter  des  Unfehlbarkeitsdogmas  und  trat,  1874  zum
Reichstagsabgeordneten  für  Schlettstadt  gewählt,  für  die  Anerkennung
  des  Frankfurter  Friedens  ein.  Seit  1883  stand  ihm  als  Koadjutor

  mit  dem  Rechte  der  Nachfolge  Weihbischof  Stumpf  zur  Seite.

Bei  der  feierlichen  Inthronisation  desselben  am  4.  Dezember  wird  er
vom  Münsterpfarrer  Domherrn  Marula  namens  der  Geistlichkeit  in  französischer
  Ansprache  begrüßt,  er  erwidert  ebenfalls  französisch.  Auch  das  bifchöfliche
  Rundschreiben,  welches  eine  kirchliche  Fürbitte  für  die  Genesung  des
Kronprinzen  anordnet,  ist  in  französischer  Sprache  abgefaßt.

Bischof  Räß  hatte  früher  gegen  die  unter  dem  napoleonischen  Regime
angestrebte  Einführung  der  französcher  Sprache  in  den  Religionsunterricht
seinen  Einfluß  geltend  gemacht.

18.  November.  (Zarenbesuch.)  Kaiser  Alexander  von  Rußland
  trifft  mit  der  Kaiserin  und  seinen  Kindern  vormittags  in  Berlin

  auf  der  Rückreise  von  Kopenhagen  nach  St.  Petersburg  ein  und
fährt  abends  weiter.
        <pb n="193" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  18.)  181

Schon  lange  vorher  war  die  Frage  ob  der  Zar  nach  Berlin  kommen
oder  den  Weg  durch  Deutschland  vermeiden  werde  in  der  gesamten  europäischen
  Presse  Gegenstand  vielfacher  Erörterungen  gewesen.  Im  Allgemeinen,
namentlich  von  der  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  wird  dem  Besuche  politischer  Charakter
  und  größere  Bedeutung  abgesprochen,  besonders  da  H.  v.  Giers  nicht,
wie  vielfach  erwartet  worden  war,  in  Berlin  eintrifft.  Am  12.  hatte  dieselbe
Zeitung  gemeldet,  daß  Fürst  Bismarck  „auf  Befehl  des  Kaisers“  nach  Berlin
kommen  werde.  Kopenhagner  Blätter  hatten  die  Reise  zuerst  in  der
Art  angekündigt,  daß  der  Zar  diesen  Weg  nur  nehme,  weil  er  durch  die  Erkrankung
  seiner  Kinder  an  den  Masern  zu  lange  in  Kopenhagen  aufgehalten,
den  Weg  über  See  in  der  winterlichen  Jahreszeit  nicht  mehr  wählen  könne.
In  der  „Post“  wird  diese  Art,  einen  Besuch  anzukündigen,  als  eine  Beleidigung
  hingestellt  und  ihr  der  Gedanke  untergelegt,  gleichzeitig  durch  den
Eindruck  des  Besuches  auf  die  Börse  den  Kurs  der  russischen  Papiere  zu
heben  und  doch  die  panslawistische  Partei  nicht  zu  verletzen.  In  jedem  Falle
sei  der  Besuch  ein  sehr  wichtiges  Ereignis:  Das  Verhältnis  der  beiden
Staaten  müsse  nach  einem  solchen  Akt  entweder  besser,  oder,  wenn  man
diesen  Erfolg  nicht  habe,  noch  schlechter  werden.

Vor  dem  Diner  hat  der  Zar  eine  mehr  als  einstündige  Unterredung
  mit  dem  Fürsten  Bismarck  ohne  Zeugen.

Ueber  den  Gegenstand  der  Erörterungen  bringt  die  „Kölnische
Zeitung“  am  22.  November  folgende  auf  authentische  Ouellen  zurückgeführte
  Enthüllung:

„Es  ist  selbstverständlich,  daß  dieselbe  zu  keinerlei  Abmachungen  oder

gar  Bündnisabschlüssen  geführt  hat.  Immerhin  hat  sie  in  einem  wesentlichen
Punkte  zu  einer  sehr  erwünschten  Aufklärung  geführt.  Wie  uns  von  unbedingt
  zuverlässiger  Seite  mitgeteilt  wird,  ist  im  Laufe  dieser  Unterredung
festgestellt  worden,  daß  dem  Zaren  eine  ganze  Reihe  von  Briefen  und  Depeschen
  über  die  Haltung  des  Fürsten  Bismarck  in  der  bulgarischen  Frage
vorgelegt  worden  sind,  die  von  Anfang  bis  Ende  gefälscht  waren  und  die
wenn  sie  echt  gewesen  wären,  in  der  That  dem  Zaren  allen  Grund  gegeben
haben  würden,  erzürnt  zu  sein,  der  Politik  des  Fürsten  Bismarck  zu  mißtrauen
  und  ihn  gegen  dieselbe  zu  verhetzen.  Die  ursprüngliche  Quelle  dieser
Fälschungen  ist  alsbald  ermittelt  worden;  es  genügt  vorläufig  mitzuteilen,
daß  sie  orleanistischen  Ursprungs  ist,  und  daß  sie  vielleicht  noch  der  Staatsanwaltschaft
  Anlaß  zum  Einschreiten  bieten  wird.  Dem  Fürsten  Bismarck
ist  es  rasch  gelungen,  den  Zaren  davon  zu  überzeugen,  daß  er  in  dieser
Hinsicht  ein  Opfer  der  schlimmsten  jesuitischen  Kniffe  geworden  sei,  und  hätte
die  Unterredung  auch  nur  diesen  Erfolg  allein  aufzuweisen  und  diese  großartige
  Intrigue  einer  europäischen  Kriegspartei  zu  entlarven,  so  würde  sie
schon  in  nicht  unwesentlichem  Maße  zur  Erhaltung  des  europäischen  Friedens
beigetragen  haben.  Im  Laufe  der  Zusammenkunft  hat  sich  aber  auch  noch
ferner  herausgestellt,  daß  ein  kleiner  aber  einflußreicher  Teil  der  hiesigen
Hofkreise  dazu  mitgewirkt  hat,  bei  dem  Zaren  den  falschen  Glauben  zu  erwecken,
  als  wenn  der  Reichskanzler  in  seiner  auswärtigen  Politik  nicht  in
vollem  Einklange  mit  Kaiser  Wilhelm  stehe,  sondern  von  diesem  nicht  selten
nur  widerwillig  die  Genehmigung  seiner  Vorschläge  und  seiner  Politik  erhalten
  könne.  Auch  in  dieser  Hinsicht  hat  der  Zar  bei  der  jetzigen  Zusammenkunft
  leicht  eines  bessern  und  richtigern  belehrt  werden  können.  Im
übrigen  wird  von  allen  Seiten  bestätigt,  daß  der  Charakter  der  Unterredung
ein  gefälliger  und  nahezu  freundschaftlicher  gewesen  ist.  Die  einzelnen  Beschwerdepunkte
  sind  zur  Sprache  gekommen  und  zum  Teil  aufgeklärt  oder
        <pb n="194" />
        182  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  18.)

richtig  gestellt  worden.  Ob  die  Unterredung  auch  weitere  praktische  Folgen
für  das  fernere  gegenseitige  Verhalten  der  beiden  benachbarten  Kaisermächte
zeitigen  wird,  kann  freilich  erst  die  Zukunft  lehren  und  wird  zunächst  der
Ton  der  russischen  Zeitungen  äußerlich  verraten.

An  diese  Enthüllungen  schließt  das  Blatt  folgende,  gleichfalls
auf  direkte  Inspiration  aus  dem  Auswärtigen  Amt  zurückgeführte
Auslassung:

Man  darf  wohl  annehmen,  daß  der  Zar  Berlin  mit  der  Ueberzeugung
verlassen  hat,  daß  Leute,  welche  vorgaben,  ihm  zu  dienen,  es  gewagt  haben,
ihn  gründlich  hinters  Licht  zu  führen.  Ob  diese  Ueberzeugung,  mit  welcher
der  Zar  in  Rußland  vorerst  ziemlich  vereinsamt  stehen  wird,  stark  geuug  sein
wird,  um  sich  inmitten  einer  feindlichen  Welt  zu  behaupten,  ob  der  Zar
die  Macht  hat,  derselben  praktische  Folge  zu  geben,  seine  Beamten  zur  Ordnung
  zu  rufen,  seine  diplomatischen  Agenten  an  Wahrheitsliebe  zu  gewöhnen,
  die  russische  Presse  zu  zügeln,  das  kann  nur  die  Erfahrung  lehren.
Daß  er  den  guten  Willen  hat,  an  diese  vielleicht  unlösbare  Riesenaufgabe
heranzugehen,  bezweifeln  wir  nicht.  Wir  möchten  das  Ergebnis  des  Zarenbesuches,

  welches  vielleicht  auch  der  wankenden  französischen  Republik  und
ihrem  Präsidenten  mittelbar  zugute  kommt,  nicht  unterschätzen,  aber  wir
haben  mit  Rußland  zu  üble  Erfahrungen  gemacht,  als  daß  wir  Lust  haben
könnten,  dasselbe  zu  überschätzen.  Auch  nach  Beseitigung  des  Unrats,  welchen
  elende  Ränkeschmiede  zwischen  Rußland  und  Deutschland  aufgehäuft
haben,  bleibt  der  Verstimmungsstoff,  der  seinen  Grund  in  thatsächlichen  Verhältnissen
  hat,  noch  schlimm  genug.  Wir  brauchen  nur  das  Wort  Oesterreich
  auszusprechen,  um  eine  Welt  von  Gegensätzen  vor  uns  aufsteigen  zu
sehen;  denn  Rußland  grollt  Oesterreich,  Deutschland  aber  wird  trotz  aller
Lockungen  an  dem  Bündnisse  mit  Oesterreich  und  Italien  festhalten.  Für
denjenigen  aber,  der  unsere  Haltung  Rußland  gegenüber  begriffen  hat,
brauchen  wir  wohl  nicht  hinzuzufügen,  daß  wir  jede  Annäherung  Rußlands
an  den  friedenverbürgenden  Dreibund  mit  Freuden  begrüßen  würden,  obgleich
diese  Annäherung  die  Aufgabe  der  deutschen  Politik  den  Verbündeten  gegenüber
  schwieriger  und  verwickelter  machen  würde  und  die  jetzige  Lage  wenigstens
  den  Vorzug  der  Klarheit  und  Einfachheit  besitzt.

Am  25.  bringt  dasselbe  Blatt  noch  weitere  Mitteilungen:

Der  Zar  habe  im  September  dieses  Jahres  wirklich  die  Absicht  gehabt,
die  Reise  nach  Stettin  zu  unternehmen,  um  dort  mit  dem  Kaiser  Wilhelm  zusammenzutreffen.
  Im  letzten  Augenblicke  sei  jedoch  diese  Reise  aufgegeben  worden,
weil  der  Zar  aus  Konstantinopel  ein  Schriftstück  mitgeteilt  erhielt,  in  welchem
  Fürst  Bismarck  sehr  bloßgestellt  wurde.  Der  Zweck  der  Fälschung
war  jedoch  erreicht,  die  Reise  nach  Stettin  unterblieb.  Die  Kölnische  Zeitung
  lehnt  es  übrigens  ab,  Beweise  für  ihre  Enthüllungen  beizubringen,
indem  sie  meint,  der  Zar  und  Fürst  Bismarck  hätten  sich  gegenseitig  so  vollgiltige
  Beweise  erbracht,  daß  Beide  die  Ueberzeugung  gewannen,  daß  Einer
von  ihnen  betrogen  und  der  Andere  verleumdet  worden  sei.

Den  Enthüllungen  der  „Kölnischen  Zeitung“  schließen  sich
einige  Tage  darauf  folgende,  ebenfalls  auf  authentische  Quellen  zurückgeführte
  Mitteilungen  des  „Pester  Lloyd“  an:

„...  Danach  haben  die  Vorgänge  geradezu  einen  dramatischen  Verlauf
  genommen.  Beide  Teile  waren  anfangs  kühl  und  traten  sich  gegenseitig
  mit  gemessener  Höflichkeit,  beziehungsweise  mit  schuldiger  Ehrfurcht  entgegen.
  Beide  Teile  aber  fühlten  sehr  wohl  das  Schwergewicht  des  Moments
        <pb n="195" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  18.)  183

und  sie  waren  sich  vollkommen  klar  darüber,  wieviel  von  dem  abhänge,  was
sie  sich  zu  sagen  hatten.  Es  schien  übrigens,  als  wäre  Jeder  von  ihnen
mit  der  Absicht  zu  der  Besprechung  gekommen,  die  möglichste  Offenheit  walten
  zu  lassen.  Allmälig  erwärmten  sich  die  Herren,  und  in  dem  Augenblick,
in  welchem  Kaiser  Alexander  die  unberechtigten  Anklagen  gegen  Deutschlands
Politik  und  ausdrücklich  gegen  die  Haltung  des  Fürsten  Bismarck  vorbrachte,
hatte  es  fast  den  Anschein,  als  würde  der  Großmeister  der  europäischen
Staatskunst  seine  Gemütsruhe,  ja  seine  Geduld  verlieren.  Die  Art  und
Weise,  in  welcher  er  dem  Zaren  rundweg  erklärte,  daß  man  es  gewagt,  ihn
den  Kaiser,  zu  betrügen,  der  Ton,  in  welchem  er  konstatierte,  daß  man  sich
Fälschungen  erlaubt  hat  und  daß  man  den  Zaren  spystematisch  hinters  Licht
geführt,  —  diese  Art  und  Weise,  dieser  Ton,  entsprachen  nicht  ganz  dem
Herkommen,  dafür  aber  legten  sie  Zeugnis  ab  für  die  Entrüstung  des  Reichskanzlers
  über  eine  unerhörte  Frevelthat,  und  gerade  diese  Entrüstung  des
Fürsten,  seine  mächtig  aufwallende  Empörung,  die  nur  durch  die  Gegenwart
eines  gekrönten  Hauptes  gezügelt  wurde,  blieben  auf  den  ebenfalls  bewegten
Monarchen  nicht  ohne  tiefen  Eindruck.  Doch  noch  viel  wichtiger  als  all  das
sind  einige  positive  Mitteilungen,  die  wir  über  den  weiteren  Verlauf  der
Unterredung  erhalten.  Kaiser  Alexander  hatte  nach  den  ihm  vom  Reichskanzler
  gegebenen  Aufklärungen  in  sehr  bestimmter  Weise  versichert,  daß  er
überhaupt  die  Erhaltung  des  Friedens  wünsche  und  jetzt  sehr  gern  die  Versicherung
  wiederhole,  daß  ihm  weder  ein  Angriff  gegen  Deutschland,  noch
die  Teilnahme  an  einer  gegen  Deutschland  gerichteten  Koalition  in  den
Sinn  komme.  Darauf  nahm  Fürst  Bismarck  Veranlassung,  den  Kaiser  zu
bitten,  daß  er  auch  der  von  Deutschland  abgeschlossenen  Allianzen  gedenken
möge.  Fürst  Bismarck  machte  kein  Hehl  daraus,  daß,  wer  mit  Deutschland
in  Frieden  leben  wolle,  auch  dessen  Verbündete  nicht  angreifen  dürfe.  Er
führte  ganz  direkt  den  casus  foederis  dem  Zaren  vor  Augen  und  ließ  sich
hierüber  so  deutlich  aus,  daß  Kaiser  Alexander  ausdrücklich  erklärte,  die
Bemerkungen  des  Fürsten  in  Bezug  auf  die  Allianzen  Deutschlands  und
auf  den  durch  Verträge  stipulirten  casus  foederis  enthielten  für  ihn  eigentlich
  nichts  Ueberraschendes,  und  nicht  einmal  etwas  Neues,  aber  er  nehme
Akt  davon,  daß  Deutschland,  woran  er  übrigens  nie  gezweifelt,  seine  vertragsmäßigen
  Verpflichtungen  ernst  auffasse.  Es  gelang  auch  dem  Fürsten
Bismarck,  die  Besprechung  derart  zu  lenken,  daß  Kaiser  Alexander  in  der
Folge  äußerte,  er  ergänze  seine  frühere  Versicherung,    gegen  Deutschland  keinen
  Angriff  und  keine  Teilnahme  an  dem  Angriff  von  anderer  Seite  zu
planen,  bereitwillig  dahin,  daß  ganz  dasselbe  auch  mit  Bezug  auf  Oesterreich-Ungarn
  seine  Geltung  habe  unter  der  selbstverständlichen  Voraussetzung,
daß  von  dieser  Seite  keinerlei  Provokationen  gegen  Rußland  erfolgen,  eine
Voraussetzung,  die  er,  der  Zar,  übrigens  als  außer  Frage  stehend  betrachten
zu  dürfen  glaube  "

Entgegen  verschiedenartigen  Mutmaßungen  über  von  Bismarck
an  den  Zaren  gestellte  Forderungen  läßt  sich  die  „Nordd.  Allg.
Zeitung“  (vom  19.  Nov.)  in  einem  offiziösen  Artikel  wie  folgt  aus:

„Der  Times  wird  von  ihrem  Wiener  Korrespondenten  berichtet,  die
russische  Regierung  suche  dem  Finanzkriege  mit  Deutschland  ein  Ende  zu
machen.  Der  russische  Botschafter  in  Berlin  sei  einer  Versöhnung  sehr  günstig
  gestimmt;  bevor  jedoch  in  der  Angelegenheit  irgend  etwas  erreicht  werden
könne,  müsse  Rußland  gewisse  Bedingungen  annehmen,  die  das  Berliner
Kabinet  als  unerläßlich  für  ein  gutes  zukünftiges  Einvernehmen  betrachte.
Herr  Wyschnigradski  dürfe  nicht  länger  Finanzminister  bleiben  und  Graf
Tolstoi  sowie  Herr  Pobjedonoszew  müßten  aufhören,  die  französischen  Re-
        <pb n="196" />
        184  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  22.)

vanchepolitiker  offen  zu  ermutigen.  Unter  diesen  Bedingungen,  so  glaube
man  in  Wien,  würde  Fürst  Bismarck  einer  Erneuerung  der  freundschaftlichen
Beziehungen  zu  Rußland  zustimmen.  Der  Wiener  Berichterstatter  der  Times
ist  in  dieser  Beziehung  gänzlich  falsch  unterrichtet.  Dergleichen  Einmischungen
in  die  innern  Angelegenheiten  anderer  Mächte  liegen  ganz  außerhalb  der
diplomatischen  Tradition  und  Möglichkeit,  und  der  Times-Korrespondent
beweist,  daß  er  den  Kreisen  amtlicher  Beurteilung  fern  steht,  wenn  er  es
für  möglich  hält,  daß  eine  Macht  von  der  andern  als  Bedingung  der  Fortsetzung
  der  Freundschaft  Entlassung  oder  Einsetzung  bestimmter  Minister
verlangt.  In  der  Diplomatie  wäre  das  so  ungeheuerlich,  daß  es  wo  die
Absicht,  in  Frieden  zu  bleiben,  besteht,  ganz  unmöglich  und  ausgeschlossen
ist.  Die  inneren  Einrichtungen  Rußlands  können  nie  Gegenstand  eines
Abkommens  mit  Deutschland  oder  Oesterreich  sein;  in  denselben  muß  jede
Macht  ihre  Wege  gehen,  ohne  einen  Einfluß  auf  die  Freiheit  der  Entschließung
  der  andern  auch  nur  zu  versuchen.  Was  würde  beispielsweise  die
Times  zu  der  Zumutung  einer  kontinentalen  Macht  sagen,  eine  Modifikation
des  englischen  Ministeriums  als  Bedingung  der  Fortsetzung  guter  Beziehungen
  aufzustellen,  oder  welchen  Eindruck  würde  es  auf  die  deutsche  Presse
machen,  wenn  Rußland  von  Deutschland  die  Entfernung  des  Fürsten  Bismarck
  verlangte  Die  Times  ist  auch  darüber  im  Irrtum,  daß  die  wirtschaftlichen
  Fragen,  wie  sie  Herr  Wyschnigradski  repräsentirt,  ein  entscheidendes
  Element  für  die  auswärtige  Politik  der  beiden  Mächte  in  sich  trügen.
Die  wirtschafftlichen  Divergenzen  zwischen  Deutschland  und  Rußland  dauern
seit  dem  Anfang  des  Jahrhunderts,  namentlich  seit  den  zwanziger  Jahren,
und  haben  ebenso  akute  Phasen  wie  die  jetzige  durchgemacht,  ohne  auf  das
politische  Einvernehmen  beider  Mächte  zurückzuwirken.  Auf  diesem  Gebiete
muß  jede  Regierung  eben  den  Wohlstand  ihrer  Nation  pflegen,  wie  sie  es
versteht,  und  kann  man  aus  der  Schwierigkeit,  wirtschaftliche  Interessen  in
Einklang  zu  bringen,  unter  befreundeten  Regierungen  keinen  Anlaß  zu  Verstimmungen
  hernehmen.“

Nachdem  sich  in  der  Presse  des  In-  und  Auslandes  eine  lebhafte
  Erörterung  breit  gemacht  hat  darüber,  ob  Fürst  Bismarck  der
Begegnung  mit  dem  Zaren  ausgewichen  und  von  diesem  zur  Unterredung
  aufgefordert  oder  diese  bei  dem  Zaren  nachgesucht  habe,  meldet
ein  Provinzialblatt  folgendes,  was  von  der  „Nordd.  Allg.  Ztg."  als
dem  Sachverhalt  entsprechend  anerkannt  wird:

Völlig  verbürgt  könne  nunmehr  mitgeteilt  werden,  daß  Fürst  Bismarck
  in  einem  Schreiben  an  den  russischen  Botschafter,  Grafen  Schuwalow,
eine  Audienz  bei  dem  Kaiser  Alexander  nachgesucht  hat  und  daß  der  Zar
demzufolge  am  18.  d.  den  Botschaftsrat  Grafen  Murawiew  zu  dem  Reichskanzler
  mit  dem  Auftrage  sendete,  demselben  mitzuteilen,  daß  er  bereit  sei,
den  Fürsten  Bismarck  in  besonderer  Audienz  nachmittags  3  ½  Uhr  zu  empfangen.
  Was  die  Blätter  von  einer  Sendung  des  russischen  Generals
Tscherewin  zum  Fürsten  Bismarck,  welcher  letzteren  zu  der  Unterredung  mit
dem  Zar  hätte  auffordern  sollen,  zu  erzählen  wußten,  sei  unrichtig.  Der
Besuch  des  genannten  russischen  Generals  galt  dem  Grafen  Herbert  Bismarck,
  welcher  mit  demselben  früher  in  Petersburg  bekannt  geworden  war.
General  Tscherewin  hatte  sich  bei  seinem  Besuche  keines  Auftrages  seines
Souveräs  zu  entledigen,  und  dieser  Besuch  trug  lediglich  einen  persönlichen

Charakter.

22.  November.  (Polnischer  Religionsunterricht.)  Erz-
        <pb n="197" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  22.)  185

bischof  Dinder  von  Posen  richtet  an  die  Religionslehrer  der
höhern  Schulanstalten  seiner  Didzese  nachstehenden  Erlaß:

Infolge  der  seinerzeit  von  dem  hiesigen  königlichen  Provinzial-Schulkollegium
  getroffenen  Anordnung,  daß  der  katholische  Religionsunterricht  an
den  Gymnasien  und  höhern  Bildungsanstalten  durch  alle  Klassen  von  Sexta
bis  Prima  auch  für  die  von  Hause  aus  polnisch  redenden  Schüler  nur  in
deutscher  Sprache  zu  erteilen  sei,  hat  sich  mein  hochverehrter  Amtsvorgänger,
der  damalige  Erzbischof  und  nunmehrige  Kardinal  Ledochowski,  bewogen  gefunden,
  durch  ein  Rundschreiben  vom  23.  Februar  1873  an  die  bei  den
höhern  Lehranstalten  der  Erzdiözesen  Gnesen  und  Posen  angestellten  Religionslehrer
  die  ihnen  erteilte  Missio  canonica  näher  zu  unmschreiben  und
ihnen  aufzugeben,  nur  in  der  Secunda  und  Prima  den  Religionsunterricht
in  der  deutschen  Sprache  zu  erteilen,  dagegen  in  den  untern  Klassen  bis
Tertia  einschließlich,  die  Schüler  je  nach  ihrer  Muttersprache,  die  deutschen
in  deutscher  Sprache,  die  polnischen  in  polnischer  Sprache  zu  unterrichten.
Das  hat  nach  weitern  fruchtlosen  Verhandlungen  zwischen  Erzbischof  und
Provinzial-Schulkollegium  zum  größten  Schaden  der  Schüler  und  zum  schmerzlichsten
  Leidwesen  ihrer  Angehörigen  dahin  geführt,  daß  seit  Ostern  1873  in
allen  höhern  Lehranstalten  der  beiden  Erzdiözesen  mit  Ausnahme  der  rein
deutschen  Anstalten  in  den  untern  Klassen  von  Sexta  bis  Tertia  einschließlich
  gar  kein  katholischer  Religionsunterricht  erteilt  worden  ist.  Hieran  ist
auch  seit  meinem  Amtsantritt,  nachdem  neue  Religionslehrer  im  Nebenamt
angestellt  sind,  kein  Wandel  eingetreten.  Es  ist  denselben  nur  gestattet  worden,
  in  Sekunda  und  Prima  deutsch  zu  unterrichten.  Es  haben  demnach  seit
über  14  Jahren  die  Schüler  der  untern  Klassen  an  den  höhern  Bildungsanstalten
  keinen  katholischen  Religionsunterricht  erhalten  und  sind  nach  dem
mühsam  besorgten  Beicht-  und  Kommunionunterricht  ohne  obligatorischen
Religionsunterricht  aufgewachsen.  Diesen  traurigen  unhaltbaren  Zuständen
gegenüber  konnte  ich,  Gott  und  die  schwere  Verantwortung  betreffs  der  religiösen
  Ausbildung  und  Erziehung  der  studierenden  Jugend  vor  Augen
haben,  nicht  länger  schweigen,  und  bin  darum  zunächst  mit  dem  Herrn
Oberpräsidenten  zur  Erzielung  eines  annehmbaren  Einverständnisses  in  Verhandlungen
  getreten,  die  nunmehr  zum  Abschluß  gelangt  sind.  Infolge
dessen  habe  ich  mich,  obwohl  schweren  Herzens,  entschließen  müssen,  die  Anordnungen
  meines  hochverehrten  Amtsvorgängers  abzuändern,  und  verordne
demnach  bis  auf  weiteres,  wie  folgt:  1)  der  Religionsunterricht  wird  auf
allen  Klassen  der  höhern  Lehranstalten  der  Erzdiözesen  Gnesen  und  Posen  in
deutscher  Sprache  erteilt;  2)  auf  allen  Klassen  von  Sexta  bis  Ouarta  einschließlich,
  also  auf  Sexta,  Quinta  und  Quarta,  wird  bei  der  Unterweisung
der  polnischen  Schüler  die  aushilfsweise  Anwendung  der  polnischen  Muttersprache
  zur  Vermittlung  des  Verständnisses,  soweit  dieses  erforderlich,  zugelassen
  und  gestattet;  3)  in  der  Tertia  wird  der  Religionsunterricht  unter
derselben  Voraussetzung  erteilt,  wie  solcher  gegenwärtig  in  der  Prima  und
Sekunda  unbeanstandet  erteilt  wird;  4)  der  Memorirstoff  wird  nur  in  deutscher
  Sprache  gelernt.  Dem  Herrn  Oberpräsidenten  ist  diese  meine  Verordnung
  zur  gefälligen  weitern  Veranlassung  zur  Kenntnis  gebracht,  und  steht
demnach  zu  erwarten,  daß  das  kgl.  Provinzial-Schulkollegium  moglicht  bald
die  Erteilung  des  katholischen  Religionsunterrichts  am  allen  Klassen  der
höhern  Bildungsanstalten  wieder  zulassen  wird.

Posen,  den  22.  November  1887.

 

 

T Julius,
Erzbischof  von  Posen  und  Gnesen.

Wegen  dieses  Erlasses  wird  der  Erzbischof  von  der  polnischen
        <pb n="198" />
        186  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  24.)

Presse  in  der  schärfsten  Weise  angegriffen.  Der  „Dziennik  Pohnanski“
schreibt  u.  a.:

Diesem  Erlasse  gegenüber  müsse  das  Vertrauen  der  Gelellschaft  zur
kirchlichen  Behörde  schwinden  und  das  bisherige  Band  sich  lösen.  Ob  denn
dem  Interesse  der  Religion  und  des  sittlichen  Wohles  innerhalb  der  Gesellschaft
  wirklich  ein  Dienst  erwiesen  werde,  wenn  man  sich  auf  diesem  Gebiete
irgend  welchen  von  der  augenblicklichen  Politik  eingegebenen  Forderungen
der  weltlichen  Behörde  gegenüber  willfährig  zeige  ?

Vor  den  Thüren  der  erzbischöflichen  Wohnung  werden  im

Dezember  mehrmals  polnische  Schmäh-  und  Drohschriften  gefunden.

24.  November.  (Eröffnung  des  Reichstages.)  Die  vom
Staatssekretär  des  Innern,  v.  Bötticher,  verlesene  Thronrede  lautet:

Geehrte  Herren!

Die  Wiederaufnahme  der  Arbeiten  des  Reichstags  fällt  in  eine  ernste
Zeit.  Das  schwere  Leiden,  von  welchem  Se.  K.  und  K.  Hoheit  der  Kronprinz
  heimgesucht  ist,  erfüllt  nicht  nur  Se.  Majestät  den  Kaiser,  sondern
auch  Allerhöchstdesselben  hohe  Verbündete  und  das  ganze  deutsche  Volk  mit
banger  Sorge.  Was  menschliche  Wissenschaft  und  Kunst,  was  sorgsame
Pflege  zu  thun  vermögen,  um  die  drohende  Gefahr  zu  bekämpfen,  wird  nicht
versäumt  werden.  Unsere  Blicke  und  Gebete  aber  richten  sich  zu  Gott,  nach
dessen  Ratschluß  die  Geschicke  der  Völker  wie  des  einzelnen  Menschenlebens
sich  erfüllen.  Festes  Gottvertrauen  und  treue  Pflichterfüllung  sind  zu  jeder
und  besonders  in  schwerer  Zeit  die  bewährten  Stützen  Unseres  Volkes  gewesen.
  Sie  werden  Uns  auch  heute  befähigen,  den  Aufgaben,  welche  den
gesetzgebenden  Körpern  des  Reichs  bevorstehen,  gerecht  zu  werden.

Voran  steht  unter  diesen  Ihre  verfassungsmäßige  Mitwirkung  bei  der
Feststellung  des  Reichshaushaltsplanes.  Der  Etat  ist  wiederum  unter  Bethätigung
  strenger  Sparsamkeit  und  Zurückstellung  der  nicht  unaufschiebbaren
Ausgaben  aufgestellt  worden.  Er  zeigt  eine  erfreuliche  Besserung  der  Finanzlage.
  Obwohl  die  Wirkungen  der  in  der  vorigen  Session  des  Reichstags
vereinbarten  ausgiebigeren  Besteuerung  des  Zuckers  und  Branntweins  in
ihrem  vollen  Umange  erst  den  späteren  Etatsperioden  zu  gute  kommen  werden,
  so  läßt  doch  schon  das  nächste  Rechnungsjahr  einen  Ueberschuß  aus  dem
Reichshaushalt  erwarten,  der  selbst  nach  Gegenrechnung  der  Matrikularbeiträge
  sich  annähernd  auf  etwa  50  Millionen  Mark  beziffert.  Angesichts
dieses  Ergebnisses  wird  mit  der  Aufbesserung  des  Einkommens  im  Dienste
des  Reichs  stehender  Personen  ein  Anfang  zu  machen  und  zunächst  der  vom
Reichstag  befürwortete  Wegfall  der  Witwen-  und  Waisengeldbeiträge  der
Offiziere  und  Beamten  in  Aussicht  zu  nehmen  sein.  Eine  entsprechende  Vorlage
  ist  in  Vorbereitung.  Fehlt  es  auch  auf  einzelnen  Gebieten  des  nationalen
  Erwerbslebens  nicht  an  Zeichen  eines  zu  erhoffenden  Aufschwungs,  so
befindet  sich  doch  die  wichtigste  Quelle  unseres  wirtschaftlichen  Wohlstandes,
die  Landwirtschaft,  in  einer  bedrohlichen  Notlage.  Die  Preise  unserer  landwirtschaftlichen
  Erzeugnisse,  namentlich  des  Getreides,  sind  unter  dem  Drucke
des  Angebots  aus  fremden,  billiger  produzierenden  Wirtschaftsgebieten,  obwohl
  wir  uns  reicher  Ernten  zu  erfreuen  gehabt  haben,  so  tief  gesunken,
daß  jede  Ertragsfähigkeit  der  Arbeit  des  deutschen  Landmannes  gefährdet  erscheint.
  Die  bestehenden  Getreidezölle  haben  diesem  Drucke  nicht  ausreichend
zu  begegnen  vermocht.  Die  bedrängte  Lage  unserer  Landwirtschaft  wirkt  auf
die  wirtschaftliche  Thätigkeit  der  gesamten  Bevölkerung  ungünstig  zurück.
Unter  diesen  Umständen  ist  eine  weitere  Erhöhung  der  Getreidezölle  von  den
        <pb n="199" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieber.  (Novbr.  24.)  187

verbündeten  Regierungen  ins  Auge  gefaßt  worden.  Ein  dieses  Ziel  verfolgender
  Gesetzentwurf  wird  dem  Reichstag  zugehen.  Die  Vorsorge  Sr.  Majestät
des  Kaisers  und  der  verbündeten  Regierungen  ist  unausgesetzt  auf  die  weitere
Entwicklung  des  Heerwesens  gerichtet.  Ein  Ihnen  vorzulegender  Gesetzentwurf,
  welcher  die  Landwehr  und  den  Landsturm  betrifft,  ist  bestimmt,  eine
wesentliche  Erhöhung  der  Wehrkraft  des  Reichs  herbeizuführen.  Schon  in
der  Allerhöchsten  Botschaft  vom  17.  November  1881  ist  der  dringende  Wunsch
Sr.  Majestät  des  Kaisers  ausgesprochen,  den  Arbeitern,  welche  durch  Alter
und  Invalidität  erwerbsunfähig  werden,  das  berechtigte  Maß  staatlicher  Fürsorge
  durch  die  Gesetzgebung  zu  sichern  und  damit  eine  weitere  Gewähr  für
die  Befestigung  des  sozialen  Friedens  und  für  die  Stärkung  der  nationalen
Arbeitskraft  zu  gewinnen.  Nach  der  schrittweisen  Weiterführung  der  für  die
genossenschaftliche  Gliederung  unseres  Erwerbslebens  grundlegenden  Unfallversicherungs-Gesetzgebung
  ist  es  nunmehr  möglich  geworden,  die  mit  besondern
  Schwierigkeiten  verknüpfte  Aufgabe  ihrer  Lösung  so  weit  näher  zu  führen,
  daß  die  Ausarbeitung  eines  Gesetzentwurfs  über  die  Alters-  und  Invalidenversicherung
  der  Arbeiter  vorliegt.  Se.  Majestät  der  Kaiser  hofft,
daß  der  Entwurf,  nachdem  die  Grundzüge  für  denselben  der  öffentlichen  Erörterung
  unterstellt  und  der  besondern  Prüfung  sachverständiger  Kreise  übergeben
  worden  sind,  Ihnen  noch  in  dieser  Session  wird  vorgelegt  werden
können.  Daneben  wird  nicht  verabsäumt,  die  weitere  Ausdehnung  der,  wie
mit  Genugthuung  hervorgehoben  werden  darf,  je  länger  um  so  segensreicher
wirkenden  Unfallversicherung    auf  die  derselben  bedürftigen  Teile  der  Bevölkerung
  im  Auge  zu  behalten.  Das  gegenwärtig  geltende  Gesetz  über  die  Erwerbs-
  und  Wirtschaftsgenossenschaften  beruht  auf  dem  Grundsatze  der  vollen
Gesamthaft  aller  Mitglieder.  Die  Erfahrung  hat  ergeben,  daß  die  Notwendigkeit,
  sich  dieser  Haftsform  zu  unterwerfen,  der  wünschenswerten  Fortentwicklung
  des  Genossenschaftswesens  hinderlich  ist  und  die  beitretenden  Mitglieder
  nicht  selten  einer  unverhältnismäßigen  Gefährdung  ihrer  wirtschaftlichen
  Lage  und  Selbständigkeit  aussetzt.  Demzufolge  und  da  auch  die
Einzelbestimmungen  des  Gesetzes  in  manchen  Punkten  einer  Aenderung  und
Vervollständigung  bedürfen,  wird  Ihnen  ein  Gesetzentwurf  zugehen,  welcher
die  Verhältnisse  der  freien  Genossenschaften  regeln  und  insbesondere  die  Bildung
  von  Genossenschaften  mit  beschränkter  Haftpflicht  der  Mitglieder  ermöglichen
  soll.  Die  Anwendung  des  Nahrungsmittelgesetzes  auf  den  Verkehr  mit
Wein  begegnet  in  der  Praxis  mannigfachen  Schwierigkeiten.  Dieselben  sind
wiederholt  im  Reichstag  Gegenstand  der  Verhandlungen  gewesen.  Es  wird
Ihnen  ein  Gesetzentwurf  vorgelegt  werden,  dessen  Zweck  es  ist,  diese  Frage
in  gesundheitspolizeilicher  Hinsicht  zu  regeln.

Der  bevorstehende  Ablauf  unseres  Handelsvertrages  mit  Oesterreich-Ungarn
  hat  den  verbündeten  Regierungen  Anlaß  geboten,  der  Frage  der
Neugestaltung  des  Vertragsverhältnisses  ihre  volle  Aufmerksamkeit  zuzuwenden.
  Die  verbündeten  Regierungen  können  sich  die  Schwierigkeiten  nicht  verhehlen,
  welche  einer  befriedigenden  Lösung  dieser  Frage  zunächst  noch  entgegenstehen,
  glauben  sich  aber  zu  der  Hoffnung  berechtigt,  Ihnen  rechtzeitig
ein  Abkommen  mit  der  Kaiserlich  und  Königlich  österreichisch-ungarischen
Regierung  zur  verfassungsmäßigen  Zustimmung  vorlegen  zu  können,  durch
welches  der  bestehende  Handelsvertrag  vorläufig  verlängert  und  der  Eventualität
  eines  vertragslosen  Zustandes  vorgebeugt  wird.  Verträge  behufs
Regelung  der  Handelsbeziehungen  des  Reichs  mit  einigen  amerikanischen
Staaten  werden  Ihnen  zur  verfassungsmäßigen  Beschlußnahme  vorgelegt
werden.

Die  auswärtige  Politik  Sr.  Majestät  des  Kaisers  ist  mit  Erfolg  bemüht,
  den  Frieden  Europas,  dessen  Erhaltung  ihre  Aufgabe  ist,  durch  Pflege
        <pb n="200" />
        188  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  27.)

der  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  allen  Mächten,  durch  Verträge  und
durch  Bündnisse  zu  befestigen,  welche  den  Zweck  haben,  den  Kriegsgefahren
vorzubeugen  und  ungerechten  Angriffen  gemeinsam  entgegenzutreten.  Das
deutsche  Reich  hat  keine  aggressive  Tendenzen  und  keine  Bedürfnisse,  die  durch
siegreiche  Kriege  befriedigt  werden  könnten.  Die  unchristliche  Neigung  zu
Ueberfällen  benachbarter  Völker  ist  dem  deutschen  Charakter  fremd,  und  die
Verfassung  sowohl  wie  die  Heereseinrichtungen  des  Reiches  sind  nicht  darauf
berechnet,  den  Frieden  unserer  Nachbarn  durch  willkürliche  Angriffe  zu  stören.
Aber  in  der  Abwehr  solcher  und  in  der  Verteidigung  unserer  Unabhängigkeit
  sind  wir  stark  und  wollen  wir  mit  Gottes  Hilfe  so  stark  werden,  daß
wir  jeder  Gefahr  ruhig  entgegensehen  können.

In  seiner  ersten  Sitzung  beschließt  der  Reichstag  folgendes
Telegramm  an  den  Kronprinzen:

„An  Se.  K.  und  K.  Hoheit  den  Kronprinzen  des  deutschen  Reiches
und  von  Preußen;  San  Remo.  Der  Reichstag  gedenkt  in  tiefster  Ehrerbietung
  und  herzlicher  Liebe  Ew.  K.  und  K.  Hoheit.  Möge  Gott  das  teure
Leben  unseres  geliebten  Kronprinzen  beschirmen  und  zum  Heile  des  Vaterlandes
  erhalten.  Im  Auftrage  des  deutschen  Reichstages:  v.  Wedell-Piesdorf.“

Der  Kronprinz  beantwortet  dasselbe,  wie  folgt:

„Ich  danke  dem  Reichstage  aufrichtig  für  den  Ausdruck  seiner  Teilnahme
  an  meiner  Erkrankung,  welcher  gleich  so  zahlreichen  aus  allen  Schichten
  der  Bevölkerung  und  allen  Teilen  des  Reiches  an  mich  gelangten  Kundgebungen
  wahrer  Anhänglichkeit  meinem  Herzen  ungemein  wohl  gethan  hat.
Mit  Gottes  Hilfe  hoffe  ich,  daß  durch  den  Aufenthalt  in  südlicher  Luft  die
bereits  wieder  fühlbar  werdende  günstige  Wendung  in  meinem  Befinden  mir
gestatte,  meine  Pflichten  gegen  das  Vaterland  wieder  im  vollem  Umfange
aufzunehmen.  Friedrich  Wilheln,  Kronprinz.“

Bei  der  Wahl  des  Präsidiums  wird  das  alte  Präsidium
(s.  März  4.)  wiedergewählt;  das  Zentrum  gibt  weiße  Zettel  ab.

27.  November.  (Russische  Stimmen.)  Die  „Norddeutsche
Allg.  Zeitung“  veröffentlicht,  ohne  eine  Bemerkung  dazu  zu  machen,
eine  Anzahl  von  Artikeln  aus  russischen  Blättern,  welche  den  Versuch
  machen,  das  alte  Märchen  von  einem  „Dualismus“  zwischen
dem  Kaiser  und  dem  Fürsten  Bismarck  neuerdings  glaubhaft  zu

machen.

Von  den  gesammelten  Auslassungen  lautet  die  der  „Nowoje
Wremja“:  „Es  wird  genügen,  wenn  wir  zunächst  in  der  Berliner  Zusammenkunkt
  einen  neuen  Beweis  der  frappanten  Einheitlichkeit  des  Charakters
des  Kaisers  Wilhelm  erblicken.  Der  greise  Monarch  schwankte,  obschon  er
durch  Familienleid  schwer  bedrückt  ist,  keinen  Augenblick,  alles  zu  thun,  was
er  als  Pflichten  seiner  hohen  Stellung  und  der  verwandtschaftlichen  Bande
betrachtete,  die  ihn  mit  dem  russischen  Kaiserhause  verknüpfen.  In  diesem
Sinne  können  die  gestrigen  Depeschen  aus  Berlin  die  Gefühle  nur  befestigen
und  neubeleben,  die  alle  russischen  Leute  seit  jeher  persönlich  für  den  gekrönten
Lenker  Deutschlands  gehegt  haben.  Dieses  Gefühl  ist  durchaus  zu  trennen
von  jenem  andern,  das  in  der  letzten  Zeit  ganz  Rußland  ergriffen  hat,  ohne
Ansehen  der  Lager  und  Parteien,  und  zwar  infolge  der  Politik  des
Berliner  Kabinets,  das  unserm  Vaterlande  so  feindselig  gesinnt  ist.  Noch
nie  ist  in  unserer  Gesellschaft  so  allgemein  die  Neigung  zutage  getreten,  eine
        <pb n="201" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Novbr.  27.)  189

vollständige  Identität  zwischen  den  Anschauungen  des  deutschen  Kaisers  und
seines  ersten  Ministers  in  Abrede  zu  stellen.  An  die  Möglichkeit  einer  aufrichtigen
  Umkehr  des  Fürsten  Bismarck  zu  einer  russenfreundlichen  Politik
glaubt  hier  jetzt  niemand  mehr.  Allzu  klar  ward  es,  daß  der  Reichskanzler
in  dieser  Sache  überhaupt  nie  aufrichtig  gewesen.  Die  Ereignisse  der  letzten
beiden  Jahre  sind  so  lehrreich,  daß  es  ganz  unmöglich  wäre,  sie  in  einem
andern  Sinne  zu  deuten,  als  in  Rußland  geschieht.  Der  Kanzler  hat  sein
Spiel  ganz  aufgedeckt  seit  der  Zeit,  wo  Prinz  Ferdinand  in  Bulgarien  auftrat.
  Seine  anfängliche  Bereitwilligkeit,  den  russichen  Standpunkt  in  dieser
Angelegenheit  zu  unterstützen,  schwand  sofort,  als  es  sich  zeigte,  daß  die  russische
  Regierung  vollste  politische  Aktionsfreiheit  vorzöge  der  Notwendigkeit,
auf  sie  zu  verzichten  um  den  Preis  einer  sofortigen  Wiederherstellung  der
gesetzlichen  Ordnung  in  Bulgarien.  Seitdem  hat  sich  nichts  verändert.  Alle
politischen  Maßnahmen  des  Fürsten  Bismarck,  angefangen  bei  der  Erneuerung
  des  österreich-italienisch-deutschen  Dreibundes  bis  zu  der  jüngsten  Verfolgung
  russischer  Wertpapiere,  zeigen  klar,  daß  der  Kanzler  sich  nicht  in  die
Vorstellung  eines  Rußland  fügen  kann,  das  seine  nationalen  Interessen  auf
den  ersten  Plan  stellt,  und  daß  er  hofft,  noch  einmal  eine  Rückkehr  dieser
Macht  zur  Politik  der  Jahre  1870/71  zuwege  bringen  zu  können“.

In  einem  Artikel  des  „Grashdanin“  findet  sich  folgende  Stelle:
„Zu  unserem  großen  Erstaunen  —  vielleicht  aber  auch  der  Deutschen  —
bietet  der  deutsche  Kanzler  im  gegenwärtigen  Augenblicke  der  Welt  das
Schauspiel  einer  Meinungsverschiedenheit  zwischen  ihm,  als  erstem  Diener
des  Staats,  und  seinem  Monarchen  hinsichtlich  Rußlands.  Wozu  dies
führen  wird,  ist  nicht  unsere,  sondern  seine  Sache!  Unsere  Sache  ist  es,
diesen  neuen  Staat  im  Staate  Deutschland  in  der  Person  seines  Kanzlers
nicht  zu  kennen.  Wenn  Fürst  Bismarck  der  Ansicht  ist,  daß  in  Rußland
etwas  ähnliches  besteht,  wie  sein  Dualismus  mit  dem  deutschen  Kaiser,  daß
die  russische  Richtung  und  Regierung  einander  gegenüberstehen,  so  irrt  er
sich  sehr.  Die  gegenwärtige  Regierung  und  das  heutige  Rußland  sind  eins;
dies  eins  ist  aber  der  russische  Zar.“

27.  November.  Empfang  des  Reichstagspräsidiums

durch  den  Kaiser.

Der  Kaiser  spricht  sich  dabei  folgendermaßen  aus:  „Sie  können  sich
denken,  wie  tief  es  mich  in  meinem  Alter  erschüttert,  daß  ein  Mann,  der
körperlich  und  geistig  die  besten  Garantien  für  die  Zukunft  des  Reiches  zu
gewähren  schien,  von  einem  Leiden  ergriffen  ist,  das  ihn  zwischen  Tod  und

Leben  schweben  läßt,  so  daß  seine  völlige  Wiederherstellung  nach  menschlichem
Ermessen  fast  wie  ein  Wunder  erscheinen  muß.“  Sodann  äußert  der  Kaiser
sein  tiefes  Bedauern  darüber,  daß  er  den  Eröffnungsakt  nicht  selbst  vollziehen
konnte.  „Ich  hätte,  gern  namentlich  die  Schlußworte  der  Thronrede  zu
Ihnen  gesprochen.“  Dann  sagt  er,  einen  Schritt  zurücktretend  und  sich  hoch
aufrichtend,  mit  besonders  kräftiger  Betonung:  „Ich  hätte  Ihnen  gern  persönlich
  gesagt,  daß  ich  den  Frieden  will,  aber,  wenn  ich  angegriffen  werde,
zur  Abwehr  gerüstet  bin.“.  .  ..  „Warum  sollten  wir  den  Frieden  nicht
behalten?  Keine  Großmacht  hat  ein  Interesse  daran,  ihn  zu  stören.“  Der
Kaiser  wiederholt  sodann  abermals  seine  Mißbilligung  über  die  Ablehnung
der  Heeresvorlage  durch  den  vorigen  Reichstag.  In  Frankreich  würde  da
kein  Sou  verweigert;  es  habe  ihn  geschmerzt,  daß  preußische  Mitglieder  mit
der  Opposition  gingen.  Jetzt  sei  die  Scharte  ausgewetzt;  der  Reichstag  werde
hoffentlich  auf  dem  beschrittenen  Wege  fortfahren.  Im  Laufe  der  Unterhaltung
  weist  der  Kaiser  auf  die  französische  Krise  hin;  Grevy  sei  im  redlichsten
Sinne  für  die  Republik  thätig  gewesen  und  so  konservativ  für  die  Republik,
        <pb n="202" />
        190  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  28.—29.)

wie  wir  es  nur  für  die  Monarchie  sein  könnten.  Die  Zukunft  sei  nicht
unbedenklich,  da  man  nicht  wisse,  wer  sein  Nachfolger  wird.

28.  November.  (Prinz  Wilhelm.)  Um  die  Beschaffung
von  Mitteln  für  die  Berliner  Stadtmission  zu  besprechen,  findet  bei
dem  Generalquartiermeister  Grafen  Waldersee  eine  Versammlung
statt,  an  welcher  auch  Prinz  und  Prinzessin  Wilhelm  teilnehmen.
Anwesend  sind  neben  Hofprediger  Stöcker  auch  Nationalliberale,  wie
v.  Benda,  Hansemann  u.  a.

Die  „Post“  berichtet  darüber:

„Die  Versammlung  wurde  vom  Grafen  Walhdersee  mit  einer  längeren
Ansprache  eingeleitet.  Derselbe  wies  zunächst  auf  den  Zweck  der  Versammlung
  hin,  in  der  Männer  aller  kirchlichen  Schattierungen  zugegen  waren.
Es  gilt  die  Berliner  Stadtmission,  deren  Aufgabe  es  ist,  den  kirchlichen
Notstand  besonders  in  den  Vorstadt-Gemeinden  durch  die  Verwendung  von
Laienkräften  im  Anschluß  an  die  Kirche  abzuhelfen,  kräftigst  zu  unterstützest.
Ausdrücklich  wurde  dabei  betont,  daß  die  Stadtmission  absolut  keine  bestimmte
  politische  Farbe  trage,  keiner  politischen  Partei  angehöre,  sondern
ihre  einzige  Norm  an  der  Königstreue  und  Pflege  des  patriotischen  Geistes
habe.  Hervorgehoben  wurde  dann  noch,  daß  das  einzige  wahrhaft  wirksame
Mittel,  den  anarchistischen,  grundstürzenden,  das  Vaterland  und  den  Staat
bedrohenden  Tenzenden  der  Jetztzeit  entgegen  zu  treten,  die  geistliche  Versorgung
  sei,  die  mit  der  materiellen  Unterstützung  in  Not  und  Krankheit  Hand
in  Hand  gehe.  Dadurch  allein  könne  der  Mensch  zufrieden  mit  seinem
Loos  gemacht  werden.  Im  Vordergrund  der  Verhandlungen  stand  der  Gedanke,
  daß  alle  Evangelischen  aus  den  verschiedensten  Landesteilen  Deutschlands
  solidarisch  haftbar  seien  für  die  kirchliche  Versorgung  Berlins,  indem
sie  die  Hauptkontingente  zur  Vermehrung  der  Stadt  und  ihrer  kirchlichen
Not  lieferten.  Leben  doch  zur  Zeit  hier  nicht  weniger  als  rund  69  000
Menschen  aus  der  Provinz  Sachsen,  12000  aus  dem  Königreich  Sachfen,
nahe  an  4000  Bayern,  rund  2500  Württemberger  u.  s.  w.  Deshalb  nahmen
an  der  Versammlung  Vertreter  aus  allen  Provinzen  und  Gebieten  Deutschlands
  Teil,  die  sich,  nachdem  Prinz  Wilhelm  in  einer  kurzen  Rede  seine
Zustimmung  zu  den  Ausführungen  des  Grafen  Waldersee  ausgesprochen  hatte,
dahin  einigten,  einen  Apell  zur  Unterstützung  der  Berliner  Stadtmission  an
die  Evangelischen  in  allen  Provinzen  zu  erlassen  und  ein  Aktions-Komite
zu  schaffen,  das  die  nötigen  Mittel  flüssig  machen  soll.  In  der  Diskussion
nahm  u.  a.  auch  Herr  v.  Benda  das  Wort,  der  namentlich  betonte,  daß  die
Sache  der  kirchlichen  Versorgung  Berlins  nicht  auf  die  Dauer  nur  der  privaten
  Wohlthätigkeit  einzelner  ohnehin  sehr  belasteter  Kreise  bleiben  dürfe,
sondern  daß  die  Mittel  gesucht  werden  müßten,  die  Kreise  heranzuziehen  und
für  die  Berliner  Stadtmission  zu  interessieren,  die  bis  jetzt  ihrer  Pflicht
gegen  Berlin  sich  nicht  bewußt  gewesen  wären.“

In  dem  Referat  der  „Kreuz-Zeitung“  über  die  Rede  des
Prinzen  Wilhelm  wird  diesem  der  Ausdruck  „christlich-sozialer  Gedanke“
  in  den  Mund  gelegt.

29.  November.  (Reichs-Etat.)  Bei  der  ersten  Lesung  des
Etats  stellt  der  Staatssekretär  des  Reichsschatzamtes,  Jacobi,  fest,

daß  im  Etats-Jahr  1886/7  ein  Ausfall  in  der  Zuckersteuer  von
22.237,691,  in  der  Getreidezöllen  von  24.356,170,  in  der  Stempelabgabe
        <pb n="203" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  29.—Dez.  1.)  191

von  2.870,023  M  stattgefunden  habe.  In  anderen  Zöllen  und  indirekten
Abgaben  hat  eine  Mehr-Einnahme  stattgefunden.  Es  bleibt  aber  gegen  den
Voranschlag  doch  ein  Fehlbetrag  von  22.352,246  M  und  eine  Minder-Ueberweisung
  an  die  Bundesstaaten  von  13.953,481 M

für  das  Jahr  1887/8  wird  der  Ausfall  an  Zuckersteuer  auf  17.200,000 M
veranschlagt;  der  Fehlbetrag  gegen  den  Etat  auf  22.550,000  M;  dagegen  die
Ueberweisung  an  die  Bundesstaaten  um  24.725,000  M  höher  als  im  Vorjahre.

Für  das  Jahr  1888/9  werden  die  Ausgaben  auf  771.961,697  M  an
fortdauernden  und  149.727,443  M  an  einmaligen,  Sa.  921.689,140  M  veranschlagt.
  Die  den  ordentlichen  Einnahmen  zur  Last  fallenden  Ausgaben
sind  12,6  Mill.  Mark  höher  als  1887  (einschließlich  des  fast  5  Mill.  höheren
Fehlbetrages  aus  1886).  Die  ordentlichen  Einnahmen  verringern  sich  um
13  Mill.,  so  daß  25.732,694     an  Matrikularbeiträgen  mehr  eingestellt
werden  müssen.  Dagegen  werden  den  Bundesstaaten  mehr  überwiesen
117.588,000  M.  Die  Summe  der  Ueberweisungen  beträgt  266  Mill.;  die
Matrikularbeiträge  54  Mill.  weniger,  nämlich  212  Mill.

Im  Laufe  der  Debatte  beklagt  v.  Bennigsen  die  Unübersichtlichkeit
des  Etats.  Er  konstatiert,  daß  sich  das  Verhältnis  der  Bundesstaaten  zum
Reich  um  92  Mill.  gebessert  habe,  da  im  Jahr  1887/8  noch  38  Mill.  (nach
dem  Voranschlag)  an  Matrikularbeiträgen  thatsächlich  zu  zahlen  gewesen
seien;  1888/9  die  Staaten  vom  Reich  54  Mill.  herausgezahlt  bekämen.  In
Zukunft  sei  noch  eine  weitere  Steigerung  der  Branntwein-  und  namentlich
der  Zuckersteuer-Erträge  zu  erwarten.

29.  November.  (Handelstag:  Getreidezölle.)  Der  zu
außerordentlicher  allgemeiner  Sitzung  versammelte  deutsche  Handelstag,
  welcher  schon  im  März  1886  sich  entschieden  gegen  alle  Bestrebungen
  der  Agrarier  ausgesprochen  und  dieselben  für  eine  schwere
Bedrohung  des  Erwerbslebens  erklärt  hatte,  nimmt  zu  den  Beschlüssen
  des  Landwirtschaftsrates  (vgl.  Novbr.  5)  durch  folgenden
Beschluß  Stellung:

Der  deutsche  Handelstag  vermißt  in  den  Verhandlungen  des  deutschen
Landwirtschaftsrats  und  in  den  sonstigen  Kundgebungen  landwirtschaftlicher
Interessenkreise  für  weitere  Zollerhöhungen  denjenigen  Nachweis  der  wirtschaftlichen
  Notwendigkeit,  welcher  für  derartige  einschneidende  Aenderungen
in  der  wirtschaftlichen  Gesetzgebung  gefordert  werden  muß.  Der  deutsche
Handelstag  verbleibt  deshalb  um  so  mehr  bei  seinen  am  12.  März  1886
gefaßten  Beschlüssen,  als  derselbe  in  weitern  landwirtschaftlichen  Zollerhöhungen
  eine  wesentliche  Erschwerung  der  deutschen  Erwerbsthätigkeit  in  Handel.
und  Industrie  und  eine  bedenkliche  Gefährdung  des  sozialen  Friedens  erblickt.

30.  November.  (Bayern.)  Münchener  Gemeinderatswahl.
  Bei  den  Ergänzungswahlen  fallen  den  Liberalen  12,  den
Klerikalen  8  Sitze  zu;  die  letzteren  haben  damit  7  Sitze  an  die
Liberalen  verloren,  denen  zur  absoluten  Mehrheit  jetzt  nur  noch
5  Sitze  fehlen.

1.  Dezember.  (Baden:  Adresse.)  Die  zweite  Kammer  beschließt
  mit  allen  gegen  die  9  Stimmen  der  katholischen  Volkspartei
eine  Adresse  zur  Beantwortung  der  Thronrede.

Die  Thronrede,  mit  welcher  am  22.  Nov.  die  Kammer  eröffnet  worden
        <pb n="204" />
        192  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  Anf.)

war,  hatte  unter  andern  Gesetzesentwürfen  die  kirchenpolitische  Vorlage  angekündigt,
  welche  den  wiederholten  Anträgen  der  Leitung  der  katholischen
Kirche  des  Landes  durch  Verzicht  auf  einige  vom  Staatsinteresse  nicht  mehr
gebotene  Einschränkungen  unter  voller  Wahrung  der  erprobten  Grundlagen
der  freisinnigen  kirchenpolitischen  Gesetzgebung  des  Landes  entgegenkomme.
Die  Vorlage  verfolge  das  Ziel,  dem  in  den  heutigen  ernsten  Tagen  besonders
  bedeutsamen  Verhältnisse  des  Staates  und  der  Kirche  Gewähr  und
Dauer  zu  geben.

Die  bezügliche  Stelle  der  Adresse  lautet:  „Mit  dankbarer  Verehrung
erkennt  unser  Heimatland,  daß  Ew.  K.  Hoheit  zu  allen  Zeiten  eine  zarte
Fürsorge  für  die  Pflege  wahrer  religiöser  und  sittlicher  Bildung  des  Volkes
bewährt  haben.  Die  mit  gutem  Rechte  von  Ew.  K.  Hoheit  als  eine  freisinnige
  Ordnung  der  staatlich-kirchlichen  Verhältnisse  des  Landes  bezeichneten
Gesetzgebungswerke  sind  das  wertvolle  Ergebnis  langer  und  angestrengter
Bemühungen.  Sie  tragen  das  Gepräge  einer  maßvollen,  gerechten,  die  Religionsübung
  jedes  Bekenntnisses  und  den  Kirazen  zur  Entfaltung  ihres
hohen  Berufes  die  erforderliche  Freiheit  gewährleistenden  Rechtsordnung.
Mit  Ew.  K.  Hoheit  werden  wir  die  dauernde  Wahrung  dieser  Grundlagen
der  fortschreitenden  Bildung  des  Volkes  und  des  öffentlichen  Friedens  im
Lande  als  eine  unserer  wichtigsten  Aufgaben  erachten  und  daher  jeden  Vorschlag
  einer  Aenderung  auf  diesen  Gebieten  einer  zugleich  wohlwollenden
und  sorgsamen  Prüfung  unterziehen."

Die  einige  Tage  später  von  der  ersten  Kammer  angenommene  Adresse
gibt  der  Freude  Ausdruck,  „daß  ein  friedlicher  Geist  in  kirchlicher  Hinsicht
durch  das  ganze  deutsche  Land  wehe"  und  spricht  die  Hoffnung  aus,  „daß,  nachdem
  der  erzbischöfliche  Stuhl  zu  Freiburg  wieder  in  regelmäßiger  Weise  besetzt  ist,
es  der  Weisheit  der  großherzoglichen  Regierung  im  Vereine  mit  den  Ständen
  gelingen  werde,  eine  befriedigende  und  Dauer  verheißende  Regelung  der
Rechtsverhältnisse  der  katholischen  Kirche  zum  Staate  herbeizuführen.“

1.  Dezember.  (Hessen:  Steuer-Ermäßigung.)  Dem
Landtage  geht  ein  Finanzgesetz  zur  Herabsetzung  der  direkten  Abgaben
  bei  der  Einkommensteuer  zu.

Da  der  Ertrag  der  Grund-,  Kapitalrenten-  und  Einkommensteuer
für  das  Etatsjahr  1887/88  mit  8.391,182  M  veranschlagt  ist,  für  die  kommende
  Finanzperiode  aber  auf  8 1/2  Mill.  angesetzt  werden  muß,  die  Finanzverhältnisse
  indessen  nur  die  Einstellung  einer  Jahressumme  von  8  Mill.
aus  den  direkten  Steuern  zulassen,  so  soll  der  Betrag  von  ½  Mill.  an  der
Einkommensteuer  gekürzt  werden,  indem  künftig  der  Ansatz  der  Grundsteuer
—  15%  von  der  Mark  Einkommensteuerkapital  nicht  wie  bisher  17  J.  —  auch
in  der  Gewerbe-,  Grundrenten-  und  Kapitalrentensteuer  eingeführt  wird,  damit
  sämtliche  Klassen  von  Steuerpflichtigen  bei  der  Ermäßigung  gleichmäßig
berücksichtigt  werden.

1.—2.  Dezember.  (Getreidezölle.)  Reichstag:  Erste  Lesung.
Das  Gesetz  wird  an  eine  Kommission  verwiesen.

Die  Vorlage  setzt  den  Zoll  für  Weizen  und  Roggen  auf  6,  für  Hafer,
Raps  und  Rübsaat  auf  3,  für  Buchweizen  und  Hülsenfrüchte  auf  2, für
Gerste  auf  2¼,  für  Mohn  und  andere  Oelfrüchte,  sowie  Mais  und  Dari
auf  2,  für  Malz  auf  4 M  fest.  Der  Zollsatz  für  Kraftmehl,  Puder,  Stärke
u.  s.  w.  wird  auf  14,  für  Nudeln  und  Makkaroni  auf  15,  für  Mühlenfabrikate
  aus  Getreide  und  Hülsenfrüchten  auf  12 M  erhöht,  der  Zoll  für
Speise-Oele,  Rüböl,  Baumwollsamenöl  in  Fässern  auf  10,  für  denaturiertes
Leinöl,  Baumwollsamenöl  auf  4 M  festgesetzt.  Die  Tarissätze  der  Vorlage
        <pb n="205" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  Anf.)  193

treten  für  Weizen,  Roggen,  Hafer,  Gerste,  Mais,  Dari,  Malz  und  Mühlenfabrikate
  aus  Getreide  mit  dem  Tage  der  Gesetzesveröffentlichung  in  Kraft.

Am  ersten  Beratungstage  wird  die  Vorlage  durch  den  Landwirtschaftsminister
  Dr.  Lucius  eingeführt.  Von  den  Nationalliberalen  wendet  sich
Geibel  mit  Entschiedenheit  gegen  die  Vorlage,  die  dem  Arbeiter  das  Brot
verteure  und  doch  nur  einem  Teil  der  Landwirte  zugute  komme.

Anf.  Dezember.  (Alters-  und  Invaliden-Versicherung.)
In  Berlin  finden  dreitägige  Beratungen  einer  vom  Zentralverband
deutscher  Großgewerbetreibender,  vom  Verein  deutscher  Eisen-  und
Stahlgewerbetreibender  und  vom  Wirtschaftlichen  Verein  für  Rheinland
  und  Westfalen  eingesetzten  Körperschaft  über  die  Grundzüge  zur
Alters-  und  Invalidenversicherung  der  Arbeiter  statt.

Es  wird  beschlossen  das  Zustandekommen  des  Gesetzes  nach  Kräften
zu  fördern.  Die  Ausdehnung  auf  12  Millionen  Staatsbürger  und  der

Reichszuschuß  wird  für  nötig  erachtet,  dagegen  wird  die  Trägerschaft  der
Versicherung  durch  die  Berufsgenossenschaften  verworfen  und  die  Gründung
einer  Reichsversicherungsanstalt  befürwortet,  wobei  den  Berufsgenossenschaften
durch  Feststellung  der  Invalidität,  Einziehung  der  Beiträge  u.  s.  w.  hinlängliche
  Mitwirkung  gesichert  bleibe.  Statt  des  Prämiendeckungsverfahrens
wird  das  Umlageverfahren  in  Verbindung  mit  Ansammlung  eines  großen
Reservefonds  vorgeschlagen,  da  das  erste  Verfahren  durch  Anhäufung  zu
großen  der  Industrie  entzogenen  Kapitalien  —  mehrere  Milliarden  bis  zum

Eintritt  des  Beharrungszustands  —  große  Gefahren  für  das  Wirtschaftsleben
fürchten  lasse.

Anf.  Dezember.  (Beleidigungsklage  gegen  Bismarck.)
Nachdem  der  Redakteur  der  Berliner  „Volkszeitung“  von  dem  Staatsanwalt,
  dem  Oberstaatsanwalt  und  dem  Kammergericht  mit  einer
Klage  gegen  den  Fürsten  Bismarck  wegen  Beleidigung  abgewiesen
worden  war,  weil  der  Kanzler  als  Offizier  à  la  suite  der  Armee
der  Militärgerichtsbarkeit  unterstehe,  hatte  die  „Volkszeitung“  ihren
Antrag  dem  General-Auditoriat  unterbreitet.  Darauf  ergeht  vom
Kommando  des  III.  Armeekorps  folgender  Bescheid  an  die  Zeitung:

Euer  Wohlgeboren  gereicht  auf  Ihren  an  das  königliche  General-Auditoriat
  gerichteten  und  hieher  ressortmäßig  abgegebenen  Strafantrag
vom  22./23.  Oktober  d.  J.  gegen  den  Reichskanzler  Fürsten  v.  Bismarck  zu
dem  Bescheide,  daß  zu  einem  strafrechtlichen  Einschreiten  wider  denselben
wegen  Beleidigung  keine  Veranlassung  vorliegt.  Denn  die  angeblich  beleidigenden
  Aeußerungen  sind  von  dem  Reichskanzler  Fürsten  v.  Bismarck
in  einer  Sitzung  des  Reichstages  zur  Verteidigung  der  Regierungs-Politik
gegen  Angriffe  der  Tagespresse,  also  zweifellos  in  Wahrnehmung  berechtigter
Interessen  —  §  193  Allg.  StGB.  —  gemacht  worden.  Nach  dem  eben
zitierten  Gesetze  würden  diese  Aeußerungen  nur  insofern  strafbar  sein  können,
als  das  Vorhandensein  einer  Beleidigung  aus  der  Form  der  Aeußerung
oder  aus  den  Umständen,  unter  welchen  sie  geschah,  hervorgeht.  Dies  vorliegend
  anzunehmen,  ist  aber  vollkommen  ausgeschlossen.  Denn  der  Reichskanzler
  Fürst  v.  Bismarck  hat  sich  in  seiner  Rede  ausdrücklich  dagegen  verwahrt,
  daß  er  etwa  den  Schreibern  der  betreffenden  Artikel,  insbesondere
des  hier  in  Rede  stehenden,  vom  Antragsteller  verfaßten  Artikels,  den  Vor-Europ.

  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  13
        <pb n="206" />
        194  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  2.—4.)

wurf  machen  wolle,  finanziell  beeinflußt  zu  sein.  Die  Schlußworte  der  von
dem  Antragsteller  wortgetreu  wiedergegebenen  Rede  sind  hienach  gar  nicht  auf
Letzteren  zu  beziehen,  und  ist  mithin  weder  aus  der  Form  der  Aeußerung,
noch  aus  den  Umständen,  unter  denen  sie  geschehen,  die  Absicht,  zu  beleidigen,
  zu  entnehmen.  Der  kommandierende  General:  Graf  Wartensleben.

Die  Volkszeitung  findet,  daß  das  Ergebnis  ihres  Strafantrages  eine
Anzahl  von  Widersprüchen  an  das  Licht  gestellt  habe:  Sie  sagt:  „Der
Herr  Reichskanzler  ist  höchster  Zivilbeamter  des  Reiches,  hat  aber  vor  einem
Korpsgeneral  in  Strafsachen  Recht  zu  nehmen.  Er  ist  zwar  im  Zivildienste
dauernd  angestellt,  ist  aber  dennoch  aktiver  General.  Obwohl  er  aktiver
General  ist,  übt  er  doch  das  Wahlrecht  aus.  Er  ist  aktiver  General,  obwohl
  er  im  Militärdienste  keine  Funktion  hat,  auch  keinen  Gehalt  bezieht.
Er  ist  zwar  Chef  des  Magdeburg'schen  Landwehr-Regiments  Nr.  26  und
steht  à  la  suite  des  Magdeburg'schen  Kürassier-Regiments  Nr.  7,  trotzdem
ist  er  dem  dritten  Brandenburg'schen  Armeekorps  unterstellt,  obwohl  er  nicht
Landwehr-,  sondern  aktiver  Offizier  ist.“

2.  Dezember.  (Fünfjährige  Legislaturperiode.)  Die
3  Kartellparteien  bringen  im  Reichstage  einen  Gesetzesantrag  auf
Einführung  fünfjähriger  Legislaturperioden  statt  der  bisher  geltenden
  dreijährigen  ein.

2.  Dezember.  (Diplomatische  Fälschung.)  Die  „Kölnische
  Zeitung“  veröffentlicht  eine  ihr  im  Namen  der  Prinzen  des
Hauses  Orleans  zugegangene  Zuschrift.  (St.  A.  Bd.  48.)

In  derselben  verwahrt  Eduard  Bocher,  Mitglied  des  Senats  und  Bevollmächtigter
  der  Prinzen,  diese  gegen  die  von  der  Kölnischen  Zeitung  ausgesprochene
  Behauptung,  daß  die  gefälschten  Aktenstücke,  welche  dem  Zaren
zugesteckt  worden  waren,  orleanistischen  Ursprungs  seien  und  erklärt:  1)  daß
keiner  der  Prinzen  weder  direkt  noch  indirekt  an  der  Herstellung  der  Akten
beteiligt  gewesen  sei;  2)  daß  die  Prinzen  durchaus  mit  den  Ereignissen  auf
der  Balkanhalbinsel  nichts  zu  thun  hätten.

4.  Dezember.  Der  Kronprinz  richtet  ein  Schreiben  an
den  Geh.  Rat  Hinzpeter,  aus  welchem  folgendes  veröffentlicht  wird:

„Indem  ich  für  beide  Briefe  recht  von  Herzen  danke,  kann  ich  mit
gutem  Gewissen  die  Mitteilung  machen,  daß  die  von  den  Aerzten  angeordneten
  Mittel  bald  nach  den  Tagen  der  Konsultation  den  entzündlichen  Teil
völlig  beseitigten,  und  daß  die  fatalen  Erscheinungen  sich  zurückbildeten,  wobei
  ich  mich  körperlich  vollkommen  wohl  befinde,  niemals  von  Kräften  kam,
stets  den  guten  Appetit  und  den  gesunden  Schlaf  bewahrte,  auch  zum  Erstaunen
  aller,  die  mir  begegnen,  blühend  aussehe.

Absichtlich  teile  ich  solche  Einzelheiten  Ihnen  mit,  weil  es  mir  vorkommt,
  als  sei  die  an  sich  gewiß  ernste  Erscheinung  einer  Neubildung  ungünstigen
  Aussehens  mit  bedeutenden  Uebertreibungen  ausposaunt  worden,
so  daß  man  nicht  recht  an  eine  günstige  Wendung  glauben  will.

Der  liebe  Gott  wird  bestimmen,  was  für  einen  Verlauf  das  Leiden
nehmen  soll,  dessen  Pflege  nächst  der  Kronprinzessin  den  besten  Sachverständigen
  anvertraut  ist,  die  trotz  aller  Anfeindungen,  denen  sie  ausgesetzt  sind,
mein  volles  Vertrauen  besitzen.  Ich  verzage  keineswegs  und  hoffe,  wenn  auch
nach  längerer  Schonung,  meine  Kräfte  dem  Vaterlande  dereinst  wieder  in
alter  Weise  widmen  zu  können.

Tief  gerührt  von  den  zahllosen  Beweisen  der  Teilnahme,  die  mir  aus
        <pb n="207" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  5.  -  16.)  195

dem  ganzen  Reiche  wie  vom  Auslande  zugehen,  erkenne  ich  mit  aufrichtiger
Dankbarkeit  an,  daß  man  mir  Vertrauen  schenkt,  und  daß  man  auf  meinen
Charakter  baut.  ·

Solche  Erfahrungen  unter  solchen  Verhältnissen  sind  ein  wahrer
Schatz  für  mich,  den  ich  Zeit  meines  Lebens  hoch  in  Ehren  halten  werde..

Etwa  gleichzeitig  gelangt  folgendes  schon  vom  27.  Oktober
datierte  Schreiben  an  die  preußischen  Großlogen  zur  Publikation:
„Die  Wünsche,  welche  die  drei  preußischen  Großlogen  Mir  zu  Meinem
Geburtstage  und  zu  Meiner  baldigen  Wiederherstellung  ausgesprochen  haben,
erkenne  Ich  gern  als  den  Ausdruck  der  Treue  und  Ergebenheit  an.  Mit
dem  Dank  hierfür  verbinde  Ich  den  Wunsch,  daß  die  Maurerei  ihre  wohlthuende
  Wirksamkeit  in  immer  weitere  Kreise  tragen  möge.  Für  Mich  war
sie  mit  eine  Quelle,  das  Mir  auferlegte  Leid  in  Ergebenheit  gegen  den
Willen  Gottes  zu  tragen.  Zu  ihm  blicke  Ich  auch  voll  Vertrauen  empor,
und  hoffe,  daß  Ich  in  nicht  allzuferner  Zeit  genesen,  mit  den  Meinen  in
die  Mitte  des  geliebten  Vaterlandes  und  in  die  Residenz  zurückkehren  kann.
Ihnen  und  allen  Logen  sende  Ich  Meinen  Gruß.
Der  stellvertretende  Protektor.
gez.  Friedrich  Wilhelm,  Kronprinz.“

5.  Dezember.  (Russische  Rüstungen.)  Die  „Köln.  Ztg.“
bringt  einen  ausführlichen  militärischen  Bericht  von  der  russischen
Grenze  über  die  seit  Anfang  November  in  Rußland  bemerkten  Truppenvorschiebungen
  gegen  Galizien.

Derselbe  kommt  zu  dem  Schlusse,  daß  durch  diese  Vorschiebungen  das
Streitmachtsverhältnis  sich  sehr  zu  Ungunsten  Oesterreichs  verschoben  habe.
Während  die  in  Galizien  stehenden  Truppen,  auf  den  Kriegsfuß  gebracht,  im
Ganzen  nur  40,200  Mann  Infanterie,  6300  Reiter  und  112  Geschütze  zählen
würden,  betrüge  die  an  der  Grenze  von  Rußland  vorgeschobene  Streitmacht
auf  Kriegsfuß  108,200  Mann  Infanterie,  64,800  Reiter  und  336  Geschütze,
wozu  noch  die  Grenzbesatzung  mit  6—8000  Mann  zu  zählen  sei.

5.—16.  Dezember.  (Volkswirtschaftsrat:  Alters-  und
Invaliden  versicherung.)  Der  vom  Staatsminister  v.  Bötticher
eröffnete  Volkswirtschaftsrat  weist  den  einzigen  Gegenstand  seiner  Beratungen,
  die  Grundzüge  zum  Altersversicherungsgesetz,  auf  Vorschlag
des  Ministers  einem  Ausschusse  zu.  Dieser  beschließt  folgende  wichtigere
  Aenderungen:

Die  Versicherungspflicht  ist  nicht  auf  Kinder  unter  16  Jahren  auszudehnen.
  Staats-  und  Kommunalbeamte,  sowie  Unfallbeschädigte  haben  keinen
Anspruch  auf  Invalidenrente  wenn  sie  mehr  als  250  M  (die  Grundzüge
haben  120  M)  Pension  beziehen.  Schuldhafte  Beteiligung  bei  Schlägereien
schließt  nur  dann  von  der  Pension  aus,  wenn  sie  strafrechtlich  festgestellt  ist.
Die  Karenzzeit  für  die  Invalidenrente  wird  von  5  auf  3  Jahre  herabgesetzt.
  Das  Beitragsjahr  wird  auf  280  (statt  300)  Tage  festgesetzt,  Mehrarbeitstage
  werden  nicht  in  Anrechnung  gebracht.  Die  Höhe  der  Rente  wird
nach  den  Grundzügen  angenommen.

In  den  Plenarberatungen  werden  die  Ausschußbeschlüsse  im
wesentlichen  angenommen.  Ein  Antrag,  die  Berufsgenossenschaften
13*
        <pb n="208" />
        196  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  13.  —  16.)

in  der  Hauptsache  durch  eine  Reichsanstalt  als  Trägerin  der  Versicherungen
  zu  ersetzen,  wird  mit  beträchtlicher  Mehrheit  abgelehnt.

13.  Dezember.  In  Flensburg  siegt  bei  den  Wahlen  zum
Kirchenkollegium  die  deutsche  Liste  über  die  der  Dänen  zum
erstenmale  seit  1864.

13.  u.  14.  Dezbr.  Getreidezölle.  Reichstag:  Zweite  Lesung.

6430  Petitionen  sind  für,  116  gegen  die  Zoll-Erhöhung  eingelaufen.
Rf.  v.  Ow  konstatiert,  daß  die  Kommission  zu  einem  positiven  Resultat  nicht
gelangt  ist.  Korrektur  der  Regierungsvorlage  ist  versucht  worden,  erstens
in  der  Richtung  statt  der  starken  Erhöhung  speziell  für  Weizen  und  Roggen
eine  gleichmäßige  für  alle  landwirtschaftlichen  Produkte  (auch  Vieh  etc.)  von
1/3  eintreten  zu  lassen;  ferner  Hafer,  Gerste  und  Mais  stärker  zu  belasten,
endlich  den  sog.  Identitäts-Nachweis  beim  Export  aufzugeben  und  für  jeden
Export  die  gleiche  Menge  desselben  Getreides  frei  eingehen  zu  lassen.  Keiner
dieser  Vorschläge  hat  so  wenig  wie  die  Regierungsvorlage  in  der  Kommission
  die  Majorität  erreicht.

Abg.  Delbrück  stellt  den  Antrag,  die  höchstbeantragten  Sätze  anzunehmen,
  mit  der  Klausel:  „Sobald  an  60  Börsentagen  im  Laufe  eines
Jahres  an  der  Berliner  Getreidebörse  der  Preis  für  die  Tonne  Roggen  mit
wenigstens  180,  der  Preis  für  die  Tonne  Weizen  mit  wenigstens  220  M
notiert  worden  ist,  treten  für  Weizen,  Roggen  und  Mühlenfabrikate  die
Sätze  des  Zolltarifs  vom  24.  Mai  1885  wieder  ein.“  Nachdem  der  Minister
Dr.  Lucius  sich  dagegen  ausgesprochen  und  erklärt  hat,  daß,  sobald  die  Preise
sich  solcher  Höhe  nur  von  ferne  näherten,  die  Regierung  aus  eigenem  Antrieb  den
Reichstag  einberufen  und  Herabsetzung  der  Zölle  vorschlagen  werde,  wird  der
Antrag  zurückgezogen.

Die  Regierungsvorlage,  den  Zoll  auf  Weizen  und  Roggen  von  3  auf
6  zu  erhöhen,  wird  mit  238  gegen  108  Stimmen  abgelehnt;  auch  ein
Teil  der  Reichspartei  stimmt  dagegen.

Angenommen  werden  die  Anträge  Windthorst:  Weizen  und  Roggen
mit  5  M  Zoll  zu  belegen,  mit  226  gegen  125,  resp.  213  gegen  126  Stimmen;
  vom  Zentrum  stimmen  6  Mitglieder  mit  „Nein",  von  den  Nationalliberalen
  etwa  20  mit  „Ja“.

16.  Dezember.  (Wehrgesetzvorlage.)  Reichstag:  Erste
Beratung  der  Wehrvorlage.  Der  Entwurf  zerfällt  in  4  Abschnitte;
der  erste  betrifft  die  Landwehr,  der  zweite  die  Ersatzreserve,  der  dritte
die  Marine--Ersatzreserve  und  Seewehr,  der  vierte  den  Landsturm.
Die  Hauptbestimmungen  sind  folgende:

Die  Landwehr  zerfällt  in  2  Aufgebote:  die  Dienstpflicht  im  ersten
beträgt  5  Jahre,  im  zweiten  läuft  sie  bis  zum  39.  Lebensjahre.  Der  Eintritt
in  das  zweite  Aufgebot  geschieht  nach  Zurücklegung  des  ersten  und  für  Ersatzreserven,
  welche  geübt  haben,  nach  Ablauf  ihrer  zwölfjährigen  Ersatzreservezeit.
  Das  zweite  Aufgebot  ist  im  Frieden  frei  von  Uebungen  und  Kontrolversammlungen
  und  bedarf  keiner  Erlaubnis  zur  Auswanderung.  Die
Ersatzreserve  dient  zur  Heeresergänzung  bei  Mobilmachungen  und  zur  Bildung
  von  Ersatztruppenteilen.  Ihr  sind  jährlich  soviel  Mannschaften  zuzuweisen,
  daß  mit  7  Jahresklassen  der  erste  Bedarf  für  die  Mobilmachung  gedeckt
  ist.  Solche  Mannschaften  sind  die  von  der  Einstellung  in  den  Dienst
des  aktiven  Heeres  Freigelosten,  ferner  die  wegen  geringer  Fehler  nicht  Eingestellten
  oder  zeitweilig  Dienstuntaugliche  und  Dienstbefreite.  Die  Ersatz-
        <pb n="209" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  16.—17.)  197

reservisten  gehören  zum  Beurlaubtenstande  und  haben  3  Uebungen  von  10,
6  und  4  Wochen  abzuleisten.  Die  Ersatzreservisten,  welche  nicht  geübt  haben,
treten  nach  Ablauf  der  12jährigen  Ersatzreserve-Zeit  in  den  Landsturm  ersten
Aufgebots  über.  Die  Ersatzreserve  zweiter  Klasse  fällt  weg  und  tritt  in  den
Landsturm  ersten  Aufgebots  über.  —  Entsprechend  den  Bestimmungen  für
die  Landwehr  und  Ersatzreserve  sind  die  über  die  Seewehr  und  Marineersatzreserve.
  —  Der  Landsturm  hat  die  Pflicht  an  der  Verteidigung  des  Vaterlandes
  teilzunehmen;  er  kann  in  Fällen  außerordentlichen  Bedarfs  zur  Ergänzung
  des  Heeres  und  der  Marine  herangezogen  werden.  Er  enthält  alle
Wehrpflichtigen  vom  17.  bis  zum  vollendeten  45.  Lebensjahre,  soweit  sie
nicht  dem  Heere  oder  der  Marine  angehören.  Das  erste  Aufgebot  umfaßt
die  Altersklasse  bis  zum  39.  Lebensjahre,  dasselbe  wird  durch  die  kommandierenden
  Generäle  aufgerufen  und  kann  bei  unmittelbarer  Gefahr  durch  die
Gouverneure  und  Kommandanten  der  Festungen  aufgerufen  werden;  das
zweite  Aufgebot  wird  durch  kaiserliche  Verordnung,  im  unmittelbaren  Bedarfsfalle
  auch  durch  die  oben  bezeichneten  Offizieren  aufgerufen.  Die  Aufgerufenen
  treten  unter  das  Militärgesetz.  Der  Landsturm  unterliegt  im  Frieden
  keinerlei  Kontrolle;  der  Landsturm  ist  in  einer  für  jede  Art  militärischer
Verwendung  geeigneten  Weise  zu  bewaffnen,  zu  bekleiden  und  auszurüsten.

Für  die  durch  das  Gesetz  vorgesehene  Erweiterung  der  Kontrolarbeiten
werden  nur  250,000  M  zu  erstmaliger  Einrichtung  gefordert,  die  laufenden
Kosten  werden  auf  150,000  M  jährlich  veranschlagt.

Bei  der  Beratung  im  Reichstage  sagt  der  Kriegsminister
Bronsart  v.  Schellendorf:

„Als  ich  im  Frühjahr  dieses  Jahres  bei  den  Reichstagsverhandlungen
darauf  angesprochen  wurde,  ob  mit  dem  Frühjahr  dieses  Jahres  die  Forderungen
  der  Militärverwaltung  ihren  Abschluß  gefunden  hätten,  habe  ich  diese
Frage  bejaht.  Ich  kann  nun  nichts  weiter  erklären,  als  daß  ich  nun  doch

genötigt  bin,  mit  neuen  großen  Forderungen  für  die  Herresverstärkung
hervonzutreten,  und  daß  meinerseits  die  Entwicklung  der  Dinge,  wie  sie  thatsächlich
  stattgefunden  hat,  nicht  vorhergesehen  werden  konnte.“

In  der  Debatte  spricht  sich  nur  der  Sozialdemokrat  Bebel  gegen
das  Gesetz  aus.  Auch  Richter  spricht  nicht  dagegen.  v.  Bennigsen  sieht
in  dem  Gesetz  „eine  letzte  äußerste  Aufforderung  an  die  Vernunft  und  die
Einsicht  anderer  Länder,  den  eigenen  Leidenschaften  und  den  wahnwitzigen
Aufhetzungen  einflußreicher  Demagogen  Widerstand  zu  leisten.“

16.  Dezember.  Die  Wahlprüfungskommission  beschließt  die

Ungültigkeit  der  Wahl  Eugen  Richters  in  Hagen.

Richter  war  nur  mit  358  Stimmen  Mehrheit  durchgedrungen.  Da
aber  die  Regierung  zu  Arnsberg  ein  sozialdemokratisches  Wahlkommittee  aufgelöst
  hatte,  diese  Verfügung  jedoch  vom  Ministerium  rückgängig  gemacht
worden  war,  so  konnte  die  Fortschrittspartei  und  das  Zentrum  ihren  bisher
beobachteten  Grundsätzen  nach  die  Wahl  nicht  aufrecht  erhalten  und  daher
beantragten  die  fortschrittlichen  Mitglieder  der  Wahlprüfungskommission  selbst
die  Ungültigkeit  der  Wahl.  Die  Konservativen  enthalten  sich  der  Stimmen.

17.  Dezbr.  (Getreidezölle.)  Dritte  Lesung.  Das  Gesetz
wird  mit  203  gegen  116  Stimmen  angenommen  in  folgender  Fassung:
Weizen  5  M,  Roggen  5  M,  Hafer  4  M  (Reg.-Vor.  3  M),  Buchweizen
  2  M,  Hülsenfrüchte  2  M,  Gerste  2,25  M,  Mais  und  Dari  2  M,

Malz  (gemalzte  Gerste  und  gemalzter  Hafer)  4  M,  Hefe  aller  Art  mit  Ausnahme
  der  Weinhefe  65  M  für  100  Kilogramm.  In  Nr.  25q  wird  der
        <pb n="210" />
        198  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  2.  Hälfte.)

Zollsatz  a)  der  Position  1  cc,  Kraftmehl,  Puder,  Stärke,  Stärkegummi,  Kleber,
  Arrowroot,  Sago  und  Sagosurrogate,  Tapioka,  von  9  M  auf  12 M 50  ct,
b)  der  Position  1,8,  Nudeln,  Makkaroni,  von  10 M  auf  13 M 50  ct.,  c)  der
Position  2,  Mühlenfabrikate  ans  Getreide  und  Hülsenfrüchten,  nämlich  geschrotene
  oder  geschälte  Körner,  Graupe,  Gries,  Grütze,  Mehl;  gewöhnliches  Backwerk
  (Bäckerware)  von  7 M 50  ct  auf  10 M  50  ct  für  100  Kilogramm  erhöht.

Ein  besonders  heftiger  Kampf  findet  bis  zuletzt  über  die  Position
„Mais“  statt,  welche  Anträge  der  Konservativen  auf  4  M  erhöhen  wollen.
Vor  den  absoluten  Widerspruch  des  Ministers  Lucins,  der  das  ganze  Gesetz
damit  für  bedroht  erklärt,  werden  die  Anträge  zurückgezogen.

In  der  Uebergangsbestimmung  wird  dem  Vorschlag  der  Regierung:
„Die  im  §1  festgesetzten  neuen  Tarifsätze  für  Weizen,  Roggen,  Hafer,  Gerste,
Mais  und  Dari,  Malz  (Nr.  9  a,  b  cc  und  ß  c,  e  und  f)  und  Mühlenfabrikate
  aus  Getreide  (aus  Nr.  25q  2)  sind  mit  der  im  §  9  Absatz  2  des
Vereinszollgesetzes  vom  1.  Juli  1869  (Bundes-Gesetzbl.  S.  317)  angegebenen
Wirkung  vom  26.  November  1887  ab  gültig“,  wesentlich  nach  den  Vorschlägen
  des  Abg.  Windthorst  hinzugefügt:  „Insoweit  die  in  diesem  Gesetze
genannten  Gegenstände  bis  zum  15.  Jannar  1888  infolge  von  Verträgen
eingeführt  werden,  welche  nachweislich  vor  dem  26.  November  cr.  abgeschlossen
  sind,  werden  die  bis  jetzt  gültig  gewesenen  Zollsätze  erhoben.  Der  hiernach
  erforderliche  Nachweis  kann  durch  alle  in  der  deutschen  Civilprozeß-Ordnung
  zugelassenen  Beweismittel  erbracht  werden.  Die  betreffenden  Ansprüche
sind  bei  Verlust  des  Rechts  innerhalb  vier  Wochen  nach  der  Publikation
dieses  Gesetzes  bei  der  Amtsstelle,  an  welcher  die  Ware  zur  Eingangsabferitigung
  angemeldet  wird,  geltend  zu  machen.  Die  Bestimmungen  in  vorstehenden
  Absätzen  2,  3  und  4  finden,  wenn  die  Kontrahenten  über  die  Tragung
des  Zolles  für  den  Fall  einer  Erhöhung  desselben  schriftliche  Vereinbarung
getroffen  haben,  keine  Anwendung.  Im  Uebrigen  tritt  dieses  Gesetz  am
1.  Januar  1888  in  Kraft.“

2.  Hälfte  Dezember.  (Alters-  und  Invaliden-Versicherung.)
  Der  zu  Berlin  tagende  anßerordentliche  Berufsgenossenschafts-Tag
  beschließt  mit  Zweidrittel-Mehrheit,  zu  den  Grundzügen
  in  Uebereinstimmung  mit  der  Regierung  die  Uebernahme  der
Versicherung  auf  die  Berufsgenossenschaften  zu  befürworten.

Die  „Nationalliberale  Korrespondenz“  schreibt  am  27.  Dez.
zu  diesen  Beschlüssen:  „Außer  diesem  für  den  Gegenstand  der  Beratung
selbst  hochwichtigen  Ergebnis  hatten  die  Verhandlungen  des  Genossenschaftstages
  aber  auch  insofern  noch  eine  allgemeine  Bedeutung,  als  sie  den  Mitgliedern
  der  vereinigten  Berufsgenossenschaften  als  den  organisierten  Vertretungen
  der  deutschen  Industrie  hier  zum  erstenmale  Gelegenheit  boten,  in
einer  wichtigen  öffentlichen  Frage  ihr  Gutachten  in  die  Wagschale  zu  legen.
Eine  solche  selbständige  Vertretung  der  deutschen  Industrie  war  bisher  überhaupt
  nicht  vorhanden.  In  den  Handelskammern  war  neben  dem  Handel
allerdings  auch  das  Großgewerbe  vertreten,  da  die  Interessen  beider  aber  —
wie  die  Verhandlungen  des  deutschen  Handelstages  oft  geung  bewiesen  —
einander  nicht  selten  entgegenstehen,  so  konnten  die  gutachtlichen  Aeußerungen
dieser  Körperschaften  naturgemäß  nicht  immer  als  ein  wirklicher  Meinungsausdruck
  der  Industrie  gelten.  Der  aus  freiwilligen  Teilnehmern  gebildete
„Centralverband  deutscher  Industrieller“,  der  eine  zeitlang  das  Recht  der
Vertretung  der  dentichen  Industrie  beanspruchte,  hat  diese  Bedeutung,  soweit
er  sie  besessen,  längst  verloren  und  kann  nur  noch  als  das  Organ  der  Wünsche
einzelner  Großindustrieller  gelten.  Seine  grundsätzliche  Ablehnung  gegen-
        <pb n="211" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  19.—24.)  199

über  den  von  der  Reichstagskommission  im  vorigen  Jahre  beratenen  Arbeiterschutzgesetzen
  sowie  sein  jüngstes  Auftreten  gegen  die  Alters-  und  Invalidenversicherung
  der  Arbeiter,  das  durch  den  Berufsgenossenschaftstag  eine  so
entschiedene  Abweisung  erhalten  hat,  haben  unzweideutig  bewiesen,  daß  die
Gesamt-Industrie,  wie  sie  in  den  Berufsgenossenschaften  verkörpert  ist,  keineswegs
  den  engherzigen  Standpunkt  teilt,  den  die  tonangebenden  Persönlichkeiten
  des  Centralverbandes  den  Forderungen  des  öffentlichen  Interesses  gegenüber
  nur  zu  oft  eingenommen  haben.  Es  dürfte  hiernach  kaum  einem
Zweifel  unterliegen,  daß  die  Berufsgenossenschaften  als  die  gesetzllichen  Vertretungskörper
  der  Industrie  bald  auch  zur  Lösung  anderer  Aufgaben,  insbesondere
  zur  Mitwirkung  bei  der  Behandlung  gewerblich-technischer  Fragen
herangezogen  werden,  und  somit  die  umfassende  und  wohlgegliederte  Organisation
  auch  nach  weitern  Richtungen  hin  im  Dienste  der  öffentlichen  Interessen
  nutzbar  gemacht  werden  wird.“

Der  „Zentralverband“  antwortet  darauf  sehr  gereizt  und  erklärt
  die  Berufsgenossenschaften  für  ungeeignet  zur  Repräsentation
der  Gewerbe.

19.  Dezember.  (Reichslande:  Landesverratsprozeß.)
Der  Kanzleibeamte  im  Bezirkspräsidium,  Cabannes,  wird  wegen
Bestechung,  Landesverrats  und  Beseitigung  amtlicher  Gegenstände  in
Konkurrenz  mit  Diebstahl  zu  10  Jahren  Zuchthaus  und  10  Jahren
Ehrverlust  von  dem  Reichsgerichte  zu  Leipzig  verurteilt.

Das  Verfahren  gegen  den  Mitangeklagten  Brückner  war
wegen  mangelnder  Beweise  eingestellt  worden,  der  dritte,  der  Steindrucker
  Clausinger,  hatte  sich  in  der  Untersuchungshaft  durch
Selbstmord  der  Strafe  entzogen.  (Vgl.  Mai  Ende.)

Cabannes  stand  im  Solde  des  französ.  Obersten  Vincent,  Chefs  des
geheimen  Nachrichtenbureaus  des  Kriegsministeriums,  und  lieferte  seit  1883
fortlaufende  Auszüge  aus  den  Registraturen  des  Bezirkspräsidiums,  vor  allen
Dingen  Berichte  über  die  Stimmung  in  der  Bevölkerung,  Tabellen  über
Truppenstellungen,  Verfügungen  über  Haltung  von  Brieftauben,  Verfügungen
zur  Vorbereitung  der  Mobilmachung  u.  a.  geheime  Akten.  Ein  Teil  der
Verhandlung  —  die  Zeugenvernehmung  —  findet  unter  Ausschluß  der
Oeffentlichkeit  statt.

21.  Dezember.  (Polenfrage.)  Bei  den  Wahlen  für  den
Provinziallandtag  von  Posen  bringen  die  Deutschen  im
Kreise  Wongrowitz  zum  erstenmale  die  drei  deutschen  Kandidaten
durch.  Man  schreibt  diesen  Erfolg  den  Wirkungen  des  Ansiedlungsgesetzes
  zu,  da  gerade  in  diesem  Kreise  mehrere  Ankäufe  großer  polnischer
  Güter  erfolgt  sind.

24.  Dezbr.  (Prinz  Wilhelm.)  Die  „Post“  bringt  einen
Artikel,  welcher  davon  ausgeht,  daß  der  nationale  Gedanke  in  Deutschland
  von  den  geistig  und  sozial  höherstehenden  Schichten  der  Gesellschaft
  getragen  werde  und  erst  allmählich  in  den  breiteren  Schichten
der  Bevölkerung  Boden  finde  und  fortfährt:
        <pb n="212" />
        200  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  24.)

„Zu  den  empfindlichsten  Störungen,  welche  dieser  Prozeß  erleiden
könnte,  würde  ein  Wiederauftreten  einer  stärkeren  klerikal-konservativen  Strömung
  in  Verbindung  mit  Stöckerei  und  christlich-sozialen  Tendenzen  gehören.
Denn  darüber  besteht  für  alle  diejenigen,  welche  sehen  wollen,  kein  Zweifel,
daß  gerade  in  den  höheren  gebildeten  Kreisen  der  Nation  ein  entschiedener
Widerwille  gegen  Muckerei  und  Stöckerei  besteht.  Und  zwar  in  dem  Maße,
daß  die  „Nordd.  Allg.  Ztg."“  nicht  Unrecht  mit  der  Befürchtung  weitgehender
Abwendung  dieser  Kreise  von  einer  Politik  hat,  in  welcher  jene  Richtung
eine  größere  Rolle  spielen  würde.  Letztere  wurzelt  nicht  in  dem  protestantisch-deutschen
  Geiste,  dessen  Werk  die  Reformation  ist,  und  die  Regierung,
welche  auf  diese  Richtung  sich  stützen  wollte,  würde  sehr  bald  sehr  zu  ihrem
Schaden  erkennen,  daß  sie  auf  Sand  gebaut.

Je  ernster  aber  die  äußere  wie  die  innere  Lage  ist,  um  so  dringlicher
erscheint  es,  alles  zu  vermeiden,  was  den  Zusammenschluß  der  nationalen
Parteien,  die  Stärkung  und  Ausbreitung  des  Nationalbewußtseins  stört.
Nach  beiden  Richtungen  ist  der  neueste  klerikal-konservative  Vorstoß  von  entschiedenem
  Uebel,  und  Aufgabe  einer  weisen  Regierungspolitik,  dafür  zu
sorgen,  daß  er  über  die  Bedeutung  einer  Episode  in  dem  politischen  Leben

er  Gegenwart  nicht  hinaus  gelangt.

Dazu  kommt,  daß  die  Beflissenheit,  mit  welcher  die  Stöckerei  sich  an
die  Sohlen  des  Prinzen  Wilhelm  anzuheften  sucht,  für  diesen  und  für  seine
künftigen  Aufgaben  nur  schädliche  Folgen  haben  kann.  Nicht  als  ob  wir  befürchteten,
  daß  diese  Richtung  auf  einen  jungen  und  kräftigen  Sproß  des

Hohenzollernhauses  Einfluß  gewinnen  könnte.  Gegen  einen  solchen  ist  jedes

Glied  unseres  Herrscherhauses  schon  durch  das  Beispiel  der  großen  Herrscher
aus  demselben,  vor  allem  unseres  Kaisers,  gefeit,  und  wir  zweifeln  nicht,
daß  die  goldenen  Worte,  mit  welchen  derselbe  sein  glorreiches  Regiment  einleitete,
  auch  seinem  Enkel  zum  Leitstern  dienen  werden.

Allein  es  läßt  sich  aus  zahlreichen  Anzeichen  mit  Sicherheit  erkennen,
daß  weite  Kreise  der  Bevölkerung  und  zwar  vornehmlich  auch  solche,  welche
von  entschieden  monarchischer  und  nationaler  Gesinnung  beseelt  sind,  mit
Besorgnis  und  beginnendem  Mißtrauen  erfüllt  sind.  Gerade  in  der  heutigen
Zeit,  wo  das  gegenseitige  Vertrauen  des  Herrschers  und  des  Volkes  von  so
hervorragender  Bedeutung  für  die  gedeihliche  Entwickelung,  vielleicht  selbst
für  den  Bestand  des  Reiches  ist,  erscheint  es  besonders  bedenklich,  die  Saat

es  Mißtrauens  auszusäen.

Von  welcher  Seite  man  also  den  neuesten  Versuch  der  Fruktifizierung
der  Zeitereignisse  im  klerikal-konservativen  bez.  christlich-sozialen  Parteiinteresse
betrachten  mag,  erscheint  er  verderblich.  Je  rascher  und  gründlicher  damit
aufgeräumt  wird,  um  so  besser  ist  es.“

Im  „Deutschen  Tageblatt“  taucht  um  dieselbe  Zeit  eine  Erzählung
  auf,  Prinz  Wilhelm  habe  geäußert:  „Ich  bin  kein  Antisemit.“
  Von  der  „Kreuz-Zeitung“  wird  diese  Erzählung,  sowie  die
Darstellung  der  „Post“  auf  das  heftigste  bestritten.  Die  Versammlung
  beim  Grafen  Waldersee  (28.  Nov.)  habe  keinen  anderen  Zweck
als  christliche  Liebesthätigkeit  gehabt  und  sei  auch  von  keinem  konservativen
  Blatt  zu  Parteizwecken  ausgebeutet  worden.  Die  „Post“
repliziert  (28.  Dez.):

„Erst  als  aus  zahlreichen  Einzelwahrnehmungen  unabweisbar  der

Schluß  gezogen  werden  mußte,  daß  die  klerikal-konservative  Partei  und  insbesondere
  die  Richtung  Stöcker  die  Person  des  Prinzen  Wilhelm  genau  in
        <pb n="213" />
        Das  deutsche  Reich  uad  seine  enzelnen  Glieder.  (Dezbr.  24.—31.)  201

derselben  Weise  als  Vorspann  für  ihre  Parteizwecke  mißbrauchen  will,  wie
dies  seitens  der  deutsch-freisinnigen  Partei  mit  seinem  erlauchten  Vater  geschieht,
  als  selbst  kaum  mehr  daran  zu  zweifeln  war,  daß,  als  man  Prinz
Wilhelm  für  die  Stadtmission  interessierte,  in  der  Hauptsache  der  Zweck  verfolgt
  wurde,  für  die  Fruktifizierung  seines  Namens  in  majorem  gloriam
jener  Richtung  die  Möglichkeit  zu  gewinnen,  haben  wir  unsere  Abneigung
gegen  eine  Beteiligung  an  der  öffentlichen  Diskussion  überwunden  und  alsdann
  unsere  Meinung  mit  der  gewohnten  Deutlichkeit  ausgesprochen.  Denn
es  kann  in  einer  Zeit  voll  äußerer  und  innerer  Gefahren  nichts  im  monarchischen
  Interesse  Bedenklicheres  geben,  als  wenn  das  Königshaus  in  das  politische
  Parteigetriebe  hineingezogen  wird,  als  wenn  man  die  künftigen  Träger
der  Krone  als  Träger  oder  Schützer  einer  politischen  oder  kirchlichen  Partei
darstellen,  ihre  Namen  und  ihre  Autorität  für  spezifische  Partei-Interessen
mißbrauchen  will.  Dank  der  königstreuen  Gesinnung  unseres  Volkes  ist  es
ohne  Zweifel  ein  mächtiger  Hebel  für  die  Bestrebungen  einer  politischen
Partei,  wenn  sie  dieselben  an  den  Namen  eines  Erben  der  Krone  Preußens
und  des  Reiches  anknüpfen  kann;  diesem  aber  und  dem  Kaiserhause  kann
kein  schlechterer  Dienst  erwiesen  werden,  als  wenn  man  sie  zu  Schirmherren
einer  einseitigen  Parteipolitik  und  selbst  einer  solchen  extremster  Richtung  in
der  öffentlichen  Meinung  zu  stempeln  sucht.  Nicht  nur  schädlich,  sondern.
geradezu  verwerflich  ist  es,  wenn  dies,  wie  bezüglich  des  Kronprinzen  und
eines  Sohnes,  ohne  thatsächliche  Unterlage  und  selbst  wahrheitswidrig  geschieht.
  Am  moralisch  verwerflichsten  aber  ist  ein  solcher  Mißbrauch  von
seiten  einer  Richtung,  welche  die  Königstreue  und  monarchische  Gesinnung
vorzugsweise  im  Munde  führt  und  sich  mit  einem  besonders  hohen  Maße
derselben  brüstet.  Ein  solches  Gebahren  geht  noch  weit  über  jenes  Wort
„Und  der  König  absolut,  wenn  er  unseren  Willen  thut“  hinaus:  es  ist  ein
Akt  der  schlimmsten  Heuchelei,  daß  man  die  Notwendigkeit  mit  Emphase  betont,
  das  Königtum  gegen  den  Anarchismus  zu  verteidigen,  und  sich  eine
Art  besonderen  Vorkämpfertums  in  diesem  Kampfe  vindiziert,  zugleich  aber
die  Autorität  und  das  Vertrauen  thatsächlich  erschüttert,  indem  man  das
Königshaus  als  Deckung  für  die  eigenen  Partei-  und  Herrschaftsgelüste  mißbraucht.“


24.  Dezember.  Graf  Herbert  Bismarck,  Staatssekretär
im  Auswärtigen  Amte,  wird  zum  wirklichen  Geheimen  Rate  mit
dem  Prädikat  Exzellenz  ernannt.

27.  Dezember.  (Südwestafrika.)  Der  „Reichsanzeiger"
veröffentlicht  die  Verordnung  betreffend  die  südwestafrikanischen  Schutzgebiete.


Nach  derselben  tritt  das  Gesetz  über  die  Konsulargerichtsbarkeit  vom
10.  Juli  1879  am  1.  Januar  1888  außer  Kraft.

29.  Dezember.  (Russische  Anleihe.)  Die  „Kreuzzeitung“
  schreibt:

„Von  einem  Antwerpener  Bankhause  ist  heute  hier  eine  Nachricht
eingetroffen,  der  zufolge  die  mit  dem  belgisch-holländisch-französischen  Konsortium
  versuchte  und  sehr  geheim  betriebene  russische  Anleihe  im  Betrage
von  700  Millionen  als  gescheitert  betrachtet  werden  kann.  Für  die  betreffenden
  belgischen  und  holländischen  Finanzmänner  war  nach  dieser  Mitteilung
wesentlich  mit  entscheidend,  daß  bei  der  „unklaren  Politik  Rußlands  selbst
eine  erheblich  geringere  Forderung  sich  nicht  zu  finanziellen  Operationen
        <pb n="214" />
        202  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezbr.  31.)

empfehlen  würde,  da  die  notwendigste  Unterlage,  eine  an  sich  zwar  genügende
Sicherheit,  durch  jene  Politik  vollkommen  illusorisch  erscheine.“

31.  Dezember.  Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  die
dem  Zaren  seinerzeit  in  die  Hände  gespielten  gefälschten  diplomatischen
  Aktenstücke.  (Staats-Arch.  Bd.  48.)

Sie  bestehen  aus  angeblichen  Briefen  des  Prinzen  Ferdinand  von
Koburg  an  die  Gräfin  von  Flandern  und  einem  Schreiben  des  deutschen
Botschafters  in  Wien,  Prinzen  Reuß,  welche  alle  darauf  hinauslaufen,  daß
Deutschland  im  Geheimen  den  Prinzen  Ferdinand  in  seiner  bulgarischen
Thronkandidatur  unterstützt  habe  und  weiter  im  Widerstand  gegen  Rußland
ermuntere.  Der  „Reichsanzeiger“  leitet  die  Publikation  mit  der  Erklärung
ein,  daß,  wenn  diese  Aktenstücke  ächt  gewesen  wären,  Rußland  in  der  That
Recht  gehabt  haben  würde,  den  Fürsten  Bismarck  doppelzüngiger  Politik
anzuklagen.
        <pb n="215" />
        II.
Die  Oesterreichisch-Ungarische  Monarchie.

Anfang  Januar.  (Böhmen.)  Landtag:  Sprachengesetzvorlage
  für  den  Unterricht.  Der  von  der  Schulkommission  des
Landtages  mit  der  Ausarbeitung  betraute  Abg.  Korzan  faßt  im
wesentlichen  die  Lex  Kviczala,  die  Lex  Clam  und  den  Entwurf  des
Landesausschusses  zusammen.  Die  hauptsächlichsten  Bestimmungen
des  Entwurfs  find:

§  1.  Beide  Landessprachen  in  Böhmen  find  gleich  berechtigt,  als
Unterrichtssprachen  in  den  Schulen  verwendet  zu  werden.

§  2.  An  den  öffentlichen  Schulen  Böhmens  darf  nur  eine  der  beiden
Landessprachen  Unterrichtssprache  sein.

§  4.  In  Schulgemeinden,  wo  sich  deutsche  und  tschechische  Volksschulen
befinden,  dürfen  schulpflichtige  Kinder  nur  in  jene  Schulen  aufgenommen  werden,
deren  Unterrichtssprache  sie  mächtig  find.  Dasselbe  gilt  von  Schulgemeinden,
in  denen  sich  öffentliche  wie  Privat-Volksschulen  bchinden.  In  letztere  darf
die  Aufnahme  nur  dann  erfolgen,  wenn  die  Kinder  der  Unterrichtssprache
mächtig  find.

§  5.  Von  der  Bestimmung  des  §  4  können  Ausnahmen  nur  dann
stattfinden,  wenn  die  Eltern  oder  deren  gesetzliche  Vertreter  gewichtige  Gründe,
über  welche  der  Bezirksschulrat  entscheidet,  vorbringen.

§  6.  Ist  in  einer  Schulgemeinde  bloß  eine  Schule  mit  einer  Unterrichtssprache
  und  befinden  sich  dort  wenigstens  40  Kinder,  die  dieser  Sprache
nicht  mächtig  sind,  so  ist  für  dieselben  eine  öffentliche  Schule  mit  der  zweiten
Landessprache  als  Unterrichtssprache  zu  errichten,  doch  hat  hiefür  ein  fünfjähriger
  Durchschnitt  der  Schüleranzahl  maßgebend  zu  sein.

§  7.  An  allen  Mittelschulen  Böhmens,  die  vom  Staate  ganz  oder
teilweise  erhalten  werden,  ist  die  zweite  Landessprache  obligat.

In  einer  Resolution  empfiehlt  die  Schulkommission  ferner:  der  Landesausschuß
  möge  auch  in  Erwägung  ziehen,  ob  nicht  Schulen  hür  Minoritäten
  in  gemischten  Gemeinden  vom  Lande  zu  erhalten  wären;  bezüglich  der
Kindergärten  möge  der  Landesausschuß  bei  Vorlage  eines  Gesetzentwurfes
über  dieselben  die  Unterrichtssprache  genau  berücksichtigen.

1.  Januar.  (Friedensaussichten.)  Beim  Neujahrs-Empfange
  der  liberalen  Partei  äußert  der  ungarische  Ministerpräsident
Koloman  Tisza,  nachdem  er  angesichts  der  innern  Lage  Ungarns
die  Möglichkeit  seines  Rücktritts  erörtert  hat,  über  die  äußere  Lage:
        <pb n="216" />
        204  Bie  Gesterreichisc-Ausarische  Monarchie.  (Januar  8.—11.)

„In  Bezug  auf  die  orientalischen  Verwicklungen  kann  ich  nur  wiederholen,
  was  ich  im  vorigen  Jahre  sagte  und  was  in  der  Delegation  der
gemeinsame  Minister  des  Aeußern  des  Eingehenden  entwickelte,  daß  nämlich
unser  Ziel  kein  anderes  sein  kann,  als  zur  Erhaltung  des  Friedens  alles
zu  thun,  ganz  bis  zu  jener  Grenze,  wo  der  Preis  der  Erhaltung  des  Friedens
  ein  solcher  wäre,  welcher  der  Ehre  und  den  Existenz-Interessen  dieser
Monarchie  und  des  Vaterlandes  widersprechen  würde.  (Lebhafte  Eljen-Rufe.
Beifall.)  Natürlich  finde  ich  —  wohl  nicht  die  Kleinmütigkeit,  denn  diese
halte  ich  in  Fragen,  die  das  Vaterland  betreffen,  unter  keinerlei  Umständen
zulässig  —  aber  die  Besorgnis  zu  einer  Zeit,  wo  wir,  es  kann  nicht  geleugnet
  werden,  trotz  aller  Friedenserklärungen,  die  Staaten  überall  mit  der
Vermehrung  ihrer  bewaffneten  Macht  beschäftigt  sehen.  Ich  meinerseits  kann
jedoch  erklären,  daß  seit  der  Zeit,  als  die  von  mir  bereits  erwähnten  Enunziationen
  erfolgten,  nichts  vorgekommen  ist,  was  uns  in  unserer  damals  ausgesprochenen
  Hoffnung,  daß  der  Weltfriede  bewahrt  werden  kann,  schwankend
machen  könnte.  Vielmehr  manifestieren  sich  Tag  für  Tag  die  auf  die  Erhaltung
  des  Friedens  gerichteten  Absichten  der  Herrscher  und  Regierungen,
die,  wie  ich  glaube,  überall  den  Wünschen  der  Bevölkerungen  begegnen.“

8.  Januar.  (Salzburg:  Sittliche  Zustände.)  Landtag:
Bei  der  Verhandlung  über  die  Alimentationsgebühren  für  uneheliche
Kinder  werden  die  Berichte  der  5  Bezirksgerichte  des  Landes  darüber
vorgelegt.  Dieselben  geben  ein  sehr  trübes  Bild  der  sittlichen  Zustände
  des  Landes,  indem  u.  a.  im  Bezirke  Hofgastein  60  %  aller
Geburten  uneheliche  find  und  in  Mitterfill  die  erwachsenen  Mädchen
meist  3—8  uneheliche  Kinder  haben  und  stets  von  verschiedenen
Bätern,  so  daß  sie  durch  die  Alimentationspflicht  der  Väter  in  den
Stand  gesetzt  find,  ihre  Existenz  zu  fristen  und  aus  dem  Dienst  treten.

9.  Januar.  (Oesterreich:  Arbeiterkammern.)  In  Prag
und  Brünn  tagende  Arbeiterversammlungen  zur  Beratung  des  Plener“-schen
  Antrages  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886,  X.  5.)  sprechen  sich  im  ganzen
ungünstig  über  denselben  aus.

Die  Brünner  Arbeiter  erklären  denselben  ungenügend  und  fordern
das  allgemeine  Wahlrecht,  sie  erhofften  von  keiner  Kartel  des  Reichsrates
etwas,  sondern  vertrauten  einzig  ihrer  eignen  Kraft.

In  Prag  stimmen  die  Arbeiter  wohl  der  Idee  des  Antrags  zu,  verlangen
  aber  viel  weitergehende  Abänderungen.  Dabei  warnt  der  jungtschechische
  Abgeordnete  Dr.  Gregr  die  Arbeiter,  dieses  Geschenk  aus  den  Händen
Pleners  zu  nehmen.  Was  von  dem  „deutsch-österreichischen  Klub“,  in  welchem
  so  viele  Millionäre,  Fabrikanten  und  Großgrundbesitzer  sitzen,  komme,
müsse  mit  äußerster  Vorsicht  ausgenommen  werden.

11.  Januar.  (Galizien:  Ruthenische  Beschwerden.)
Landtag:  Bei  den  Wahlprüfungen  beklagt  der  Ruthene  Romanczuk
sich  über  ungerechte  Beförderung  der  Polen  durch  die  Regierung  bei
den  Wahlen.

Er  macht  befonders  auf  die  Wahl  im  Bezirke  von  Dolina  aufmerksam,
  der  zum  nur  geringen  Teile  von  Polen  bewohnt  wird,  wo  aber  der
Bezirkshauptmann  dadurch  die  Wahlen  zu  Gunsten  der  Polen  beeinflußt
        <pb n="217" />
        Die  Oefterreithis-Angarishe  Menarhie.  (Januar  14.  -17.)  205

habe,  daß  er  den  oppositionellen  Geistlichen  keine  staatlichen  Unterstützungen  aus
den  vom  Reichsrate  für  den  Kurat-Klerus  bewilligten  Mitteln  gewährt  und
die  ruthenischen  Bauern  durch  Drohungen  mit  Entziehung  seiner  Gunst  eingeschüchtert
  und  von  der  Beteiligung  an  der  Wahl  zurückgeschreckt  habe.

ber  trotz  aller  Beschwerden  gegen  die  Bezirkshauptleute  würden  diese  nicht
zur  Verantwortung  für  ihr  gesetzwidriges  Verhalten  gezogen.

Der  Statthalter  erklärt  hierauf,

daß  der  Bezirkshauptmann  von  Dolina  keinerlei  Weisung  so  zu  handeln
  gehabt  habe,  übrigens  auch  schon  in  den  Ruhestand  getreten  sei.  Bestimmte
  Beschuldigungen,  die  eine  Unterlage  für  ein  einzuleitendes  Diszipli-*2
  bieten  könnten,  seien  nicht  vorgebracht  worden.  Die  Behörden
würden  sich  stets  gewissenhaft  an  das  Gesetz  halten.

14.  Januar.  (Aeußere  Lage.)  Der  „Pester  Lloyd“  beurteilt
  die  Stellung  Deutschlands  zu  Rußland  und  Oesterreich-Ungarn
in  einem  inspirierten  Leitartikel  wie  folgt:

„Wer  die  deutsche  Vermittlung  zwischen  uns  und  Rußland  will,  muß
auch  die  Freundschaft  zwischen  Rußland  und  Deutschland  sich  gefallen  lassen.
Für  uns  gibt  es  dabei  nur  eine  einzige  Bedingung  und  diese  besteht  darin,
daß  die  Basis  der  Vermittlung  keine  für  uns  nachteilige  sei.  Dafür  aber
haben  wir  selbst  zu  sorgen,  und  daß  in  dieser  Hinsicht  unsere  leitenden  Faktoren
  ihre  Pflicht  erfüllen  und  auf  der  Hut  sind,  darf  zweifellos  aus  dem
Umstande  gefolgert  werden,  daß  Fürst  Bismarck  auf  die  Gefahr  hin,  seinen
staatsmännischen  Kredit  zu  schmälern,  offen  erklärt,  die  Vermittlung  zwischen
uns  und  Rußland  bereite  ihm  große  Schwierigkeiten.  Man  irrt  aber  wohl
nicht,  wenn  man  behauptet,  daß  die  Schwierigkeiten  keineswegs  von  unserer
Monarchie  allein  ausgehen.  Hier  können  sie  nur  in  dem  Sinne  vorhanden
sein,  daß  Oesterreich-Ungarn  von  seinen  Lebensinteressen  nicht  ein  Jota  nachzugeben
  vermag,  von  Rußland  aber  stellen  sich  dem  Vermittler  andere  und

rößere  Schwierigkeiten  entgegen,  die  minderwertig  und  weniger  berechtigt
ind.  So  groß  dieselben  aber  auch  sein  mögen,  Fürst  Bismarck  ist  nicht
der  Mann,  der  rasch  die  Flinte  ins  Korn  werfen  würde.  Mit  gewohnter
Konsequenz  wird  er  sein  Ziel  verfolgen  und  wir  hörten  ja  von  ihm,  daß
er  sich  nicht  einmal  davor  scheue,  bei  uns  für  „russisch“  gebalten  zu  werden.
Der  eiserne  Kanzler  möge  sich  beruhigen;  bei  uns  läßt  man  ihm  Gerechtigkeit
  widerfahren."

Der  „Lloyd“  zieht  aus  den  Erklärungen  den  Schluß,  daß  Oesterreich
militärisch  die  größten  Anstrengungen  machen  muß,  denn  je  gerüsteter  es  ist,
desto  leichter  wird  auch  dem  Fürsten  Bismarck  die  Vermittelung  zwischen
Oesterreich  und  Rußland  fallen.

16.  Januar.  (Steiermark:  Deutschtum.)  Landtag:  beschließt
  eine  Belobung  des  Landesschulrats  für  seine  entschiedene
Pflege  der  deutschen  Sprache,  worauf  die  Slovenen  unter  Widerspruch
  gegen  die  Germanisierung  des  steirischen  Unterlandes  den
Landtagssaal  verlassen.  Die  Klerikalen  stimmen  mit  den  Deutschen.

17.  Januar.  (Galizien:  Deutsche  Sprache.)  Landtag:
genehmigt  bei  Beratung  des  Volksschuletats  einen  Resolutionsantrag
des  Schulausschusses,  wonach

„der  Landesausschuß  im  Einvernehmen  mit  dem  Landesschulrate  innerhalb
  der  bestehenden  Einrichtungen  bezüglich  der  Unterrichtssprache  Mittel
        <pb n="218" />
        206  HNie  Gekerreichisch-Angarische  Monarchie.  (Januar  18.—27.)

in  Anregung  bringen  soll,  um  die  Schuljugend  der  deutschen  Sprache  in
Wort  und  Schrift  vollkommen  mächtig  zu  machen.“

18.—27.  Januar.  (Ungarn:  Budgetdebatte.)  Im  Abg.=Hause
  begründen  die  Oppositionsparteien  folgende  Beschlußanträge
für  die  Generaldebatte:

Ignaz  Helfy  (äuß.  Linke):  „Da  das  durch  die  Regierung  für  1887
eingereichte  Staatsbudget  ein  so  trauriges  Bild  der  allgemeinen  finanziellen
Lage  gewährt,  daß  dasselbe  ernste  Besorgnisse  schon  für  die  nächste  Zukunft
erweckt;  in  Anbetracht  dessen,  daß  diese  kritische  Lage  gerade  jene  Regierung
hervorgerufen  hat,  welche  besonders  die  Herstellung  des  Gleichgewichtes  im
Staatshaushalte  unternommen  hat  und  unter  diesem  Titel  der  Nation  fast
unerschwingliche  Lasten  aufbürdete,  während  andererfeits  dadurch  eine  solche
Menge  aufeinander  gehäufter  Staatsanlehen  erreicht  wurde,  daß  deren  jährliche
  Zinsen  unseren  Staatshaushalt  zu  erdrücken  drohen;  in  Anbetracht
dessen,  daß  die  Vorlage  der  Regierung  überhaupt  keinerlei  Mittel  und  Wege
enthält,  um  sich  von  der  kritischen  Lage  zu  befreien;  in  Anbetracht  endlich
dessen,  daß  die  Erfahrungen  von  nunmehr  zwei  Dezennien  unwiderleglich
beweisen,  daß  auf  Grundlage  des  im  Jahre  1867  festgestellten  Systems,  auf
welcher  auch  das  auf  der  Tagesordnung  befindliche  Budget  basiert,  Ungarn
weder  seine  Finanzen  regeln,  noch  überhaupt  seine  materielle  und  geistige
Kraft  entwickeln  kann:  möge  das  Abgeordnetenhaus  aussprechen,  daß  es  das
durch  die  Regierung  für  1887  eingereichte  Staatsbudget  im  allgemeinen  auch
zur  Grundlage  der  Spezialdebatte  nicht  annehme.“

Horanusky  (gem.  Opposition):  „In  Anbetracht  dessen,  daß  in  dem
für  1887  eingereichten  Budgetentwurfe  keine  solche  Tendenz  erkannt  werden
kann,  deren  Befolgung  zur  Sanierung  des  kritischen  Zustandes  unserer  Finanzen
führen  könnte;  in  Anbetracht  ferner,  daß  auch  die  Erklärungen  der  Regierung
in  dieser  Beziehung  keinen  klaren  Hinweis  enthalten,  ja  sogar  vollständige
Unorientiertheit  und  Planlosigkeit  verrieten;  in  Anbetracht  endlich  dessen,
daß  man  den  auf  die  Zukunft  bezüglichen  allgemeinen  Versprechungen  kein
Gewicht  beilegen  kann,  wenn  dieselben  von  seiten  einer  Regierung  geschehen,
welche,  die  Schranken  des  Budgets  nicht  beachtend,  mit  Nachtragskrediten
Mißbrauch  trieb;  einer  Regierung,  welche  die  schwierige  Lage  unserer  Finanzen
  bisher  stets  leugnete,  von  Zeit  zu  Zeit  sich  der  Herstellung  der  Ordnung
im  Staatshaushalte  rühmte,  ja,  wie  mehrere  ihrer  in  neuerer  Zeit  getroffenen
Verfügungen  und  Initiativen  bekunden,  den  Ernst  der  Lage  gar  nicht  in
gehöriger  Weise  würdigte,  —  einer  Regierung,  deren  Finanzpolitik  der  sorgsamen
  Vorsicht  und  Planmäßigkeit  vollständig  entbehrt  und  die  enorme  Erhöhung
  der  Lasten  der  Nation  resultatlos  machte,  zur  Zeit  des  allgemeinen
Friedens  den  Staat  in  eine  sehr  schwere  Finanzkrisis  schleuderte  und  hiedurch
  in  der  Erfüllung  seiner  Aufgaben  im  Innern  lähmte  und  sein  Ansehen
nach  innen  und  außen  erschütterte,  möge  das  Haus  aussprechen,  daß  es:
1)  das  für  1887  eingereichte  Budget  auch  nicht  zur  Grundlage  der  Spezialverhandlung
  annehme;  2)  die  Finanzpolitik  der  Regierung  mißbillige.“

Die  9tägigen  Debatten  sind  überaus  leidenschaftlich.  Tisza
verteidigt  die  Regierung  und  die  Vorlage,  während  der  Finanzminister
sich  an  den  Debatten  nur  anfänglich  noch  beteiligt.  Auf  die  Worte
Apponyis:  Es  bedürfe  einer  Systemänderung,  einer  Reform  in
capite  et  membris,  erklärt  Tisza:  Daß  ihm  sein  männliches
Ehrgefühl  verbiete,  zu  gehen,  wenn  Kalamitäten  vorhanden  wären,
        <pb n="219" />
        Die  Gesterreichisc-Rugarische  Monarchie.  (Januar  20.—24.)  207

für  die  man  mit  Recht  oder  Unrecht  die  Regierung  verantwortlich
mache.  Die  Behauptung  Dimitrijevics  (Slowak),  daß  jedermann
im  Hause  den  Krieg  mit  Rußland  wünsche,  erklärt  er  für  unwahr.

Bei  der  Abstimmung  wird  endlich  das  Budget  zur  Grundlage
  für  die  Spezialberatung  angenommen,  indem  261  Abgeordnete
dafür,  144  dagegen  stimmen;  44  sind  abwesend.  Damit  erlangt
Tisza  eine  der  größten  Mehrheiten,  die  er  je  erreicht  hat.

20.  Januar.  (Oesterreich:  Pairsschub.)  Der  Kaiser  ernennt
  15  Herrenhausmitglieder.

Während  11  unzweifelhaft  zur  Verstärkung  der  Rechten  des  Hauses
berufen  sind,  können  nur  4  der  Verfassungspartei  zugerechnet  werden;  unter
diesen  befindet  sich  der  Chirurg  Perst  Billroth.

21.  Januar.  (Steiermark:  Sprachenfrage.)  Der  Landtag
  beschließt  mit  allen  Stimmen  der  Linken  eine  Verwahrung  gegen
den  Prazak'schen  Sprachenerlaß  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886,  X.  4.—  12.),
in  dem  er  eine  „Schädigung  der  berechtigten  Interessen  des  deutschen
Volks  in  Oesterreich  und  eine  Kompetenz-Ueberschreitung“  erblickt.
Er  legt  Verwahrung  dagegen  ein,  daß  je  ein  Versuch  gemacht  werde,
„eine  ähnliche  Einschränkung  der  Rechte  der  deutschen  Sprache  auf
steierischen  Boden  zu  verpflanzen“.

22.  Januar.  (Niederösterreich.)  Landtag:  beschließt  die
Pensionierung  des  extrem-deutschen  Gymnasiallehrers  Polzer,
dessen  Entfernung  vom  Lehramt,  nachdem  er  schon  früher  den  Staatsdienst
  hatte  verlassen  müssen,  der  Unterrichtsminister  fordert,  weil  er
in  einer  Broschüre  die  deutschen  Katholiken  zum  Massenübertritt  in
die  „wahre  deutsch-nationale  Religion“,  den  Protestantismus,  aufgefordert
  hat.

24.  Januar.  (Tirol:  Schulaufsichtsgesetze.)  Landtag:
Im  Schulausschusse  hatte  der  Regierungsvertreter  Baron  Reden
zu  den  Abänderungsanträgen  der  Klerikalen,  welche  die  ständige  Bestellung
  der  Ortsseelsorger  zu  Ortsschulinspektoren  bezwecken,  erklärt:

Dieser  Antrag  stehe  in  unlösbarem  Widerspruche  zu  dem  geltenden
Grundsatze  der  staatlichen  Schulaufsicht  und  sei  daher  unbedingt  zu  verwerfen.
  Die  Regierung  habe  die  Schulvorlage  nur  eingebracht  in  der  Voraussetzung,
  die  Mehrheit  des  Landtages  werde  endlich  bereit  sein,  zur  Regelung
der  Schulverhältnisse  des  Landes  im  Rahmen  der  Reichsgesetze  zu  schreiten.
Im  speziellen  Auftrage  des  Unterrichtsministers  erkläre  er,  daß  weitere  Zugeständnisse
  nicht  gemacht  werden  könnten,  noch  würden.  Mit  dieser  Thatsache
  müsse  die  Mehrheit  rechnen  oder  neuerdings  ein  unfruchtbares  Werk
unternehmen.  Dann  aber  möge  sie  sich  nicht  damit  beschwichtigen,  daß  die
bisherige  provisorische  Schulverwaltung  einfach  weiter  bestehen  und  alles
beim  alten  bleiben  werde.  Nur  der  Großmut  des  Reiches,  welches  Staatsmittel
  für  die  Schulzwecke  zur  Verfügung  gestellt,  sei  es  zu  danken,  daß  ein
        <pb n="220" />
        208  lile  Gesterreichisc--Angerische  Menarchie.  (Januar  25.—26.)

verhältnismäßiger  Fortschritt  konstatiert  werden  könne.  Es  entstehe  aber  die
Frage,  ob  auch  weiter  dem  Lande  Tirol  gewissermaßen  eine  Prämie  aus
Staatsmitteln  dafür  zugewandt  werden  dürfe,  daß  der  Landtag  wie  bisher
und  nun  für  unabsehbare  Zeiten  der  landesgesetzlichen  Regelung  der  Schulfrage
  widerstrebt  habe.  Die  ganze  und  volle  Verantwortung  für  alles  Kommende
  werde  die  Landtagsmehrheit  und  nur  diese  zu  tragen  haben.

Bei  der  Debatte  im  Plenum  erklärt  Bischof  Aichner  von
Brixen:  Der  Papst  und  die  Bischöfe  hätten  die  Gesetze  verworfen,
man  solle  ihnen,  konservativen  Männern,  nicht  zumuten,  daß  fie
ihre  katholischen  Prinzipien  aufgäben.  Die  Majoritätsanträge  werden
  angenommen,  damit  ist  die  Vorlage  gefallen.

25.  Januar.  (Niederösterreich.)  Infolge  der  Ablehnung
des  im  Landtage  gestellten  Antrages,  die  Vertretung  der  Stadt  Wien
im  Landtage  um  2  Abgeordnete  zu  vermehren,  wird  vom  Gemeinderate
  eine  Kommission  zur  Beratung  der  Frage  der  Reichsunmittelbarkeit
  Wiens  eingesetzt.

25.  Januar.  (Galizien:  Ruthenisches  Gymnasium.)
Der  Landtag  beschließt  auf  Befürwortung  des  Unterrichtsausschusses,
der  Regierung  die  von  dem  Ruthenen  Romanczuk  beantragte  Errichtung
  eines  Gymnasiums  mit  ruthenischer  Unterrichtssprache  in
Przemysl  zu  empfehlen.

26.  Januar.  (Böhmen.)  Landtag:  beschließt  die  Mandate
der  ausgetretenen  deutschen  Mitglieder  für  erloschen  zu  erklären  und
Neuwahlen  dafür  vorzunehmen.

Hierauf  antworten  die  deutschen  Abgeordneten  mit  folgendem
Aufruf:

„An  das  deutsche  Volk  in  Böhmen!

Durch  Beschluß  des  böhmischen  Landtages  vom  heutigen  Tage  wurden
eure  Abgeordneten  für  ausgetreten  erklärt  und  hiemit  ihrer  von  euch  empfangenen
  Mandate  entkleidet.  Euch  selbst  soll  es  überlassen  sein,  die  Motive
  der  sichtlichen  Eiligkeit  dieses  Vorganges  zu  untersuchen  und  dessen  Einklang
  mit  dem  Gesetze  und  dem  bestehenden  Brauche  zu  prüfen.  Wir  aber
begrüßen  es  mit  Genugthuung,  daß  euch  nun  Gelegenheit  gegeben  sein  soll,
eure  in  Hunderten  von  Resolutionen  erteilte  Zustimmung  zu  unserem  Austritte
  durch  euer  Verhalten  bei  den  kommenden  Neuwahlen  und  durch  deren
Ergebnisse  zu  erhärten.  An  eure  Entscheidung  allein,  an  eure  Standhaftigkeit
  und  Einigkeit  ist  die  Wahrung  und  Gestaltung  eurer  Rechte  und  Geschicke
  in  Böhmen  verwiesen.  Liefert  den  Beweis,  daß  das  nationale  Bewußtsein,
  von  welchem  ihr  durchdrungen  seid,  nicht  auf  dunklen  Gefühlen,
sondern  auf  dem  vollen  und  klaren  Verständnisse  eurer  Lage,  eurer  Rechte
und  Bedürfnisse  beruht.  Harrt  aus  in  Treue,  unterscheidet  zwischen  den
Worten  und  Thaten  der  Versöhnung  und  bleibt  unbeirrt  durch  die  Verlockungen
  und  Drohungen,  welche  vielgestaltig  an  euch  herantreten  werden.
Handelt  also  daß  ihr  von  dem  Spruche  der  Geschichte  nicht  zu  klein,  sondern

  wert  befunden  werdet  eures  Anteiles  an  dem  großen  deutschen  Volkstume.
Im  Auftrage  eurer  bisherigen  Abgeordneten  Dr.  Schmeykal.“
        <pb n="221" />
        Die  Gesterreichis-Angarische  Mosarchie.  (Januar  28.)  209

28.  Januar.  (Oesterreich.)  Wieder  -=  Zusammentritt  des
Reichsrats.

28.  Januar.  (Kriegsbefürchtungen.)  Das  offiziöse  „Fremdenblatt“
  tritt  den  Alarmgerüchten  mit  folgender  Auslassung  entgegen:



„Bei  der  noch  immer  schwebenden  Ungewißheit  mancher  Frage,  bei
dem  Umstande,  daß  Regierungen  oft  mit  Faktoren  rechnen  müssen,  welche
sich  ihrem  Einflusse  entziehen,  ist  es  eine  selbstverständliche  Pflicht  aller  Staaten,
  bei  ihren  Vorkehrungen  auch  Eventualitäten  ins  Auge  zu  fassen,  welche
ihren  Interessen  zuwiderlaufen  würden;  nichtsdestoweniger  darf  man  von  dem
besten  Willen  aller  Kabinette,  den  Frieden  zu  erhalten,  und  ihrem  Eifer  in
dieser  Hinsicht  überzeugt  sein,  und  das  ist  und  bleibt  die  wichtigste  Voraussetzung
  für  die  fernere  Gestaltung  der  Verhältnisse.  Die  Situation  liegt
nach  ihrem  ganzen  Wesen  unverhüllt.  Sie  ist  für  den  Einblick  aller  Welt
zugänglich,  da  nirgends  ein  Grund  vorliegt,  etwas  zu  verheimlichen  und  der
öffentlichen  Beurteilung  zu  entziehen.  Bei  kühler  Erwägung  ist  sie  daher
bei  weitem  nicht  so  geartet,  um  jeder  entweder  absichtlichen  oder  unabsichtlichen
  Fabel  eine  Macht  über  die  Gemüter  und  über  die  Geldmärkte  einzuräumen.
  Wer  sich  seinerseits,  ohne  die  bisherigen  Fortschritte  in  der  Lage
und  auch  ihre  vielen  beruhigenden  Momente  zu  prüfen,  von  jedem  Märchen
einschüchtern  läßt,  den  trifft  der  daraus  resultierende  Verlust  nicht  ohne  sein
Verschulden,  der  hat  die  Verantwortung  daher  mit  Fug  und  Recht  allein
zur  tragen!  der  ist  durchaus  kein  Opfer  der  Lage,  sondern  seiner  eigenen  Leichtgläubigkeit."


28.  Januar.  (Oesterreich:  Nationalitätenstreit,  Interpellationen.)
  Abg.  Hs.:  Der  Abg.  Magg  richtet  an  den  Obmann
des  Sprachenausschusses  eine  Interpellation  über  die  Verschleppung

der  Beratungen.  Er  sagt  darin:

Das  Haus  stehe  bei  seinem  Wiederzusammentritt  unter  dem  Eindrucke
der  betrübenden  Ereignisse  im  böhmischen  Landtage;  (vgl.  Gesch.-Kal.  1886
XII.  22.)  dieser  sei  ein  Rumpflandtag  geworden.  Dissez  betrübende  Ereignis
  wäre  Oesterreich  und  uns  allen  erpart  geblieben,  wenn  es  gelungen
wäre,  zur  Regelung  der  Sprachenfrage  zu  kommen.  Daraus  ergibt  sich  am
weutiehsten  wie  überaus  dringend  diese  Frage  geworden  ist,  eine  Lebensfrage
  ür  die  Wahrung  aller  nationalen  Minderheiten,  eine  Lebensfrage  für
as  Reich  zur  Herstellung  des  Rechtszustandes  in  demselben  und  zur  Versöhnung
  der  schwer  gekränkten  Deutschen.  Um  zu  diesem  Ziele  zu  gelangen,
en  wir  daher  sogleich  heute  an  den  Obmann  des  Sprachengesetzausschuses
  das  Ansuchen  und  die  Frage:  Ist  er  geneigt,  nicht  nur  den  Ausschuß
baldigst  einzuberufen,  sondern  auch  Sorge  zu  tragen,  daß  derselbe  seine
Aufgabe  unaufgehalten  zu  Ende  führe?"  (Beifall  und  Händeklatschen  links.)

Der  Obmann  des  Sprachenausschusses,  Graf  Hohenwart,

erklärt  hierauf,

daß  er  eine  neue  isung  noch  nicht  anberaumt  habe,  da  noch  viele
Abgeordnete  fehlen.  Eine  solche  Debatte,  die  eine  seit  20  Jahren  vergeblich
erstrebte  Lösung  einer  wichtigen  Frage  bezwecke,  könne  nicht  beliebig  abgelnitien
  werden.  Darum  könne  er  eine  Garantie  über  die  Zeit,  die  zur
eendigung  der  Generaldebatte  im  Ausschusse  nötig  sein  werde,  nicht  übernehmen.
  glaube,  daß  alle,  welche  wirklich  wünschten,  daß  der  Schar-Europ.
  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  14
        <pb n="222" />
        210  Lie  Gesterreichisch-Augarische  Monarcie.  (Januar  29.—31.)

schmidtsche  Antrag  ein  erster  Schritt  zur  Lösung  der  Frage  sei,  gut  thun
würden,  den  Ausschuß  nicht  zu  sehr  zu  drängen.

Hierauf  wird  eine  Interpellation  Knotz  u.  Gen.  an  den
Minister  des  Innern  verlesen.  Dieselbe  beginnt:

„Die  Sprachenverordnung  vom  23.  September  1886,  durch  welche
das  Prager  Ober-Landesgericht  der  vollständigen  Tschechifierung  preisgegeben
und  den  deutschen  Richtern  die  Erlangung  einer  Richterstelle  beim  Gerichts-*
  zweiter  Instanz  uumöglich  gemacht  wird,  hat  bei  dem  deutschen  Volke  in

öhmen  eine  tiefe  Bewegung  hervorgerufen.  Bei  dem  durch  das  gegenwärtige  Reierungssystem
  uud  insbesondere  durch  das  verhängnisvolle,  jedes  politischen
Verständnisfes  bare  Walten  des  gegenwärtigen  Statthalters  von  Böhmen
zum  Rassenhasse  gesteigerten  Gegensatze  der  beiden  Volksstämme  Böhmens,
muß  das  deutsche  Volk  das  Vertrauen  in  die  Objektivität  einer  Rechtspflege
verlieren,  welche  nicht  vom  Stammesgenossen,  sondern  von  nationalen  und
olitischen  Gegnern  geübt  wird.  Die  allgemeine,  durch  verschiedene  That-2
  gerechtfertigte  Ansicht,  daß  der  gegenwärtige  Statthalter  von  Böhmen
einen  unbefugten  und  verderblichen  Einfluß  auf  den  Gang  der  Justizpflege
Böhmens  übt;  die  seinerzeitige  tendenziöse  Warnsdorfer  Hochverrats-Affaire,
die  Delegierung  des  tschechischen  Schwurgerichtshofes  in  Prag  in  dem  gegen
die  Journalisten  Karl  Wolf  und  Genossen  wegen  in  der  Reichenberger  Deutschen
  Volkszeitung  angeblich  begangener  subjektiv  verfolgter  wiergen  eingeleiteten
  Verfahren,  welche  Delegierung  mit  dem  Umstande  begründet  wird,
daß  der  Reichenberger  Staatsanwalt  von  der  Intervention  in  dieser  Strafseche
  ausgeschlossen  ist,  weil  er  in  einem  der  inkriminierten  Artikel  angegrifen
  wurde,  muß  den  Glauben  an  die  Unabhängigkeit  der  Rechtspflege  in
Böhmen  erschüttern  (So  ist  es!  links)  und  die  Ansicht  umsomehr  wachrufen,
daß  für  die  Deutschen  Böhmens  an  Stelle  einer  objektiven  Rechtspflege  eine
von  tschechischen  Richtern  und  tschechischen  Geschworenen  besorgte  Kabinetsjustiz
  eingeführt  werden  soll  (Beifall  links),  als  bei  dem  oben  erwähnten
Reichenberger  Prozesse  der  Befangenheit  eines  tschechischen  Staatsanwaltes
wegen  statt  eines  deutschen  Schwurgerichtes  ein  tschechisches  delegiert  wurde.
Der  durch  die  Sprachenverordnung  hervorgerufenen  Entrüstung  haben  nicht
bloß  in  Böhmen,  sondern  auch  in  mehreren  anderen  deutschen  Provinzen
Gemeinden,  Bezirksvertretungen  und  deutsche  Vereine  in  zahlreichen  Resolutionen
  Ausdruck  gegeben."“

Weiter  wird  auf  die  ungerechte  Sistierung  deutscher  Zeitungen  und
Auflösung  von  Versammlungen  bingewiefen  und  schließlich  angefragt,  ob  an
die  Polizeibehörden  bali  der  Sistierung  von  gegen  die  Sprachenverordnung
  gefaßten  Beschlüssen  oder  der  Beanstandung  von  Zustimmungskundgebungen
  an  Schmerling  und  die  deutsch-böhmischen  Abgeordneten  besondere  Aufträge
  der  Regierung  ergangen  sind  und  wenn,  wie  diese  die  Regierung  mit
dem  Staatsgrundgesetze  in  Einklang  zu  bringen  vermöge.

29.  Januar.  (Ungarn:  Arbeiterpartei.)  Die  ungarische
Arbeiterpartei  veröffentlicht  in  ihrem  Organ  einen  Aufruf  zu  Geldsammlungen

  für  Wahlzwecke  der  deutschen  Sozialisten.

Die  Arbeiter  werden  zur  Leistung  von  Beiträgen  mit  dem  Bedeuten
aufgefordert,  daß  ein  Sieg  der  deutschen  Sozialisten  bei  den  Wahlen  zugleich
der  Sieg  aller  Arbeiter  wäre,  und  daß  im  Hinblicke  auf  das  Prinzip  der
Solidarität  die  Arbeiter  der  gesamten  Welt  sich  beeilen  sollten,  ihren  deutschen
  Genossen  aus  Anlaß  der  Wahlen  materielle  Hilfe  zu  bieten.

##l.  Januar.  (Kriegsbereitschaft.)  Zu  den  in  den  letzt-
        <pb n="223" />
        Bie  Gesterreichisch-Augarische  Mssarthie.  (Jan.  31.  bzw.  Febr.  5.)  211

vorangegangenen  Tagen  abgehaltenen  Beratungen  der  gemeinsamen
Minister  und  der  Vertreter  der  wichtigsten  Ressorts  beider  Reichshälften
  schreibt  das  offiziöfe  „Fremdenblatt"“:

„In  den  jüngsten  Ministerberatungen,  welche  gestern  unter  dem  Vorsitze
  des  Kaisers  ihren  Abschluß  fanden,  hat  es  fich,  wie  uns  von  gut  informierter
  Seite  berichtet  wird,  nebst  einigen  auf  den  Ausgleich  bezüglichen
Fragen  zunächst  um  die  Frage  der  Aktivierung  und  Ausrüstung  des  von  den

ertretungskörpern  im  vorigen  Jahre  votierten  Landsturmes  gehandelt.  Bekanntlich
  war  dessen  Aktivierung  im  Sinne  des  betreffenden  Gesetzes  ursprünglich
  einem  späteren  Zeitpunkte  vorbehalten  und  für  die  Durchführung
dann  längere  Zeit  in  Aussicht  genommen.  Die  inzwischen  eingetretene  bedrohliche
  allgemeine  politische  Lage  macht  jedoch  die  Durchführung  der  nötigen
  Maßregeln  in  kürzester  Frist  erforderlich,  und  es  tritt  damit  auch  die
Notwendigkeit  heran,  die  Bewilligung  der  Mittel  hiefür  im  verfassungsmäßigen
  Wege  in  nächster  Zeit  sicherzustellen.  Weiter  waren  wohl  auch  diejenigen
  zur  Kompletierung  der  Ausrüstung  unserer  gemeinsamen  Armee  nötigen
  Bestellungen  Gegenstand  der  Beratung,  deren  Dringlichkeit  bereits  in
den  zu  Anfang  des  Monats  abgehaltenen  Ministerkonferenzen  festgestellt  war,
und  die  ausschließlich  solche  Nachschaffungen  von  Bekleidungs-,  Verpflegsund
  Ausrüstungsgegenständen  betreffen,  welche  zur  Herstellung  und  Beischaffung
  eines  längeren  Zeitraumes  bedürfen.  Da  mit  Rücksicht  auf  die  noch
immer  andauernde,  in  den  letzten  Tagen  durch  die  immer  prekärer  sich  gesalten-
  Situation  im  Westen  Europa's  noch  bedrohlicher  akzentuierte  Geamtlage
  des  Weltteils  an  eine  Unterbrechung  dieser  Maßregeln  nicht  gedacht
  werden  kann,  sondern  die  Fortsetzung  derselben  in  Aussicht  genommen
werden  muß,  so  wird  hiefür  auch  eine  größere  Summe  erforderlich  sein,  für
deren  Bedeckung  vorzusorgen  unumgänglich  notwendig  ist,  so  daß  als  wahr-Heinlich
  angenommen  werden  muß,  daß  in  einiger  Zeit  auch  die  Einberuiuig

  der  Delegationen  zu  einer  Session  ad  hoc  behufs  Gutheißung  und
verfassungsmäßiger  Zustimmung  zu  den  angedeuteten  Maßnahmen  der  Kriegsverwaltung
  sich  als  unabweisbar  erweisen  dürfte."“

31.  Januar  bzw.  5.  Februar.  (Auswärtige  Politik.)  Im
ungarischen  Abg.-Hs.  antwortet  bei  der  Beratung  des  Budgettitels
„Gemeinsame  Ausgaben“  auf  die  Interpellation  Daniel  Iranyis
(äußerste  Linke)  Minister-Präsident  Tisza:

Geehrtes  Haus!  Ich  hoffe,  Sie  werden  mir  darin  Recht  geben,  daß
ich  an  diesem  Platze  in  meinen  Aeußerungen  noch  vorsichtiger  sein  muß,  als
in  solcher  Zeit  ein  Abgeordneter  sein  muß  und  der  Herr  Abgeordnete,  der
diese  Fragen  an  mich  gerichtet  hat  —  ich  anerkenne  dies  bereitwillig  —
thatsächlich  gewesen  ist.  Was  die  erste  Frage  betrifft,  ob  unsere  Beziehungen
zu  den  auswärtigen  Staaten  und  namentlich  zu  Deutschland  keine  Aenderungen
  erlitten  haben,  seitdem  ich  als  Ministerpräfident  hier  im  Hause  und
später  der  Herr  Minister  des  Aeußern  in  den  Delegationen  noch  ausführlicher
  uns  geäußert  haben,  kann  ich  bestimmt  antworten,  daß  sie  keine  Aenderung
  erlitten  haben.  Das  Verhältnis  ist  heute  ein  solches,  wie  es  der
Herr  Minister  des  Aeußern  in  den  Delegationen  charakterisiert  hat.  (Allgemeine
  Zustimmung.)  Der  Herr  Abgeordnete  fragte  weiter,  ob  die  Regierung
  auch  heute  noch  die  Hoffnung  hegt,  daß  es  ihr  gelingen  werde,  unter
Wahrung  der  Interessen  des  Landes  und  der  Monarchie  den  Frieden  aufrecht
  zu  erhalten.  Geehrtes  Haus!  Ich  hoffe  dies  auch  heute  noch,  und
hier  benütze  ich  die  Gelegenheit,  um  auf  jene  Rüstungsgerüchte  zu  reflektieren,

14*
        <pb n="224" />
        212  Vie  Gesterreichish-Angarische  Monarcie.  (Februar  2.—4.)

deren  auch  der  Herr  Abgeordnete  gedachte.  Es  ist  Ihnen  bekannt,  daß  es
in  Europa,  selbst  die  Schweiz  und  Belgien  nicht  ausgenommen,  wenn  gleich
alle  Staaten  gleichmäßig  das  Bestreben  zur  Aufrechterhaltung  des  Friedens
bekunden,  doch  keinen  einzigen  Staat  gibt,  der  nicht  den  Wunsch  hätte,  sich
in  den  Stand  zu  verschen.  daß  er  —  wenn  er  in  seinen  Hoffnungen  sich
täuschen  sollte  —  seine  Interessen  auch  aus  eigener  Kraft  verteidigen  könnte.
Das  ist  keine  Vorbereitung  zum  Kriege,  das  ist  eine  Maßnahme  der  Vorsicht,
  und  ich  glaube,  daß  eine  Regierung,  die  unter  solchen  Verhältnissen
und  in  unserer  Lage  es  verabsäumen  würde,  gleichfalls  solche  Maßregeln  der
Vorsicht  zu  treffen,  in  der  That  die  Mißbilligung  der  Gesetzgebung  verdienen
würde.  (Allgemeine  lebhafte  Zustimmung.)  Diese  ausschließlich  der  Vorsicht
entspringende  Maßregel  wird  auch  bei  uns  getroffen,  und  sie  wird  —  ich
will  es  dem  geehrten  Hause  nicht  verhehlen  —  zum  Teile  mit  Einholung
der  Zustimmung  der  dazu  kompetenten  gesetzgebenden  Faktoren  geschehen.  Wir
werden  nichts  verabsäumen,  doch  bitte  ich  das  geehrte  Haus  schon  im  voraus
dringend,  gleichwie  auch  der  Herr  Abgeordnete  es  sagte,  diese  Maßregel  nicht
als  Vorbereitung  zum  Kriege  anzusehen,  sondern  eben  nur  als  eine  Maßregel
  der  Vorsicht  aus  dem  Gesichtspunkte,  daß,  wenn  angesichts  der  Vorkehrungen
  sämtlicher  Staaten  der  Friede  —  ich  hoffe,  es  wird  nicht  geschehen
—  demnoch  gestört  werden  sollte,  wir  unsere  Interessen,  wie  der  Herr  Abeordnete
  dies  in  seiner  dritten  Frage  von  uns  erwartet,  wenn  sie  trotz  aller
Friedensbestrebungen  nur  auf  einem  andern  Wege  wahrgenommen  werden
könnten,  auch  auf  diesem  Wege  wahrnehmen  können.  (Allgemeine  lebhafte
Zustimmung.)  Ich  denke,  man  kann  eine  weiter  gehende  Antwort  von  mir
nicht  erwarten.  (Lebhafte  Zustimmung.)

Im  österreichischen  Abg.-Hause  gibt  am  5.  Februar  Minister
v.  Ziemialkowski  an  Stelle  des  erkrankten  Grafen  Taaffe  auf  eine
Interpellation  Mauthners  die  ferneren  Erklärungen:

Die  Beziehungen  der  Monarchie  zu  den  auswärtigen  Mächten  find
durchaus  befriedigend  (Beifall),  und  ist  in  letzter  Zeit  hierin  namentlich
keinerlei  dem  Frieden  nachteilige  Aenderung  eingetreten.  (Beifall.)  Trotz  der
Unsicherheit  und  des  Ernstes  der  allgemeinen  politischen  Lage  in  Europa  hält
die  Regierung  an  der  Hoffnung  fest,  daß  die  Aufrechterhaltung  des  Friedens
gelingen  werde,  da  dies  den  wiederholt  betonten  Wünschen  aller  Regierungen
und  namentlich  der  Regierung  Sr.  Majestät  entspricht.  (Lebhafter  Beifall.)
Wenn  nichtsdestoweniger  von  seiten  der  Militärverwaltung  gewisse  Anschaffungen
  für  nötig  befunden  werden,  so  entspricht  dies  jenen  Erfordernissen
er  Vorsicht  und  Vorsorge  für  die  Sicherheit  und  Machtstellung  des  Reiches,
welche  die  Regierung  als  eine  ihrer  wichtigsten  Pflichten  ansieht.  (Beifall.)
Es  kann  hierin  ebensowenig  ein  kriegerisches  Symptom  erblickt  werden,  als
in  der  seinerzeitigen  Einholung  der  verfassungsmäßigen  Zustimmung  zu  jenen
als  nötig  erkannten  militärischen  Vorsichtsmaßregeln.  (Lebhafter  Beifall.)

2.  Februar.  (Pferdeausfuhr.)  Das  Verbot  der  Ausfuhr
von  Pferden  aus  Oesterreich-Ungarn  wird  vom  Kaiser  unterzeichnet
und  darauf  amtlich  bekannt  gemacht.

4.  Februar.  (Oesterreich.)  Abg.-Hs.:  Abg.  v.  Plener
interpelliert  den  Obmann  des  Wahlprüfungsausschusses  über  den
Stand  der  Prüfung  der  dalmatinischen  Wahlen.

Nacchdem  nämlich  1  1/8  Jahre  die  Angelegenheit  liegen  geblieben,  erklärt
  der  mit  dem  Berichte  darüber  solange  betraute  Slovene  Poklukar,
        <pb n="225" />
        Die  Oefterreichisqh  ·  Angarische  Menarthie.  (Februar  5.—6.)  213

das  Mandat  für  den  Legitimationsausschuß  niederzulegen,  und  zwar  wegen
Mangels  an  der  zu  diesem  Geschäfte  erforderlichen  Sprachkenntnis.  Der
Abg.  Plener  erklärt  dieses  Verfahren  für  einen  unerhörten  Vorgang,  der
öffentliches  Aergernis  errege,  denn  es  hätten  somit  eine  Anzahl  Abgeordneter
Jahr  für  Jahr  an  den  Abstimmungen  teilgenommen  und  oft  für  die  Regierungspartei
  den  Ausschlag  gegeben  ohne  genügende  Berechtigung.  Das  sei
eines  der  traurigsten  Mittel,  zu  dem  die  Mehrheit  habe  greisen  können,  um

sich  zu  behaupten.

5.  Februar.  (Oesterreich.)  Skandal  im  Abgeordnetenhause.

Bei  der  Verhandlung  über  den  Antrag  Plener,  betreffend  die  Errichtung
  von  Arbeiterkammern,  wird  von  antisemitischer  Seite  die  liberale
Partei  auf  das  hestigste  angegriffen.  Töge  Türk  erklärt:  Die  Partei  des
Hrn.  v.  Plener  hat  alle  Stämme  und  Völker  des  Reiches  gleichmäßig  dem
wirtschaftlichen  Ruine,  insbesondere  aber  unsere  Stammesgenossen  der  nationalen
  Entnervung  und  Entmannung  zuzuführen  gesucht.  Gerade
unter  der  Herrschaft  der  Partei  des  Abg.  Plener  hat  sich  der  wirtschaftliche
Ruin  unseres  Volkes  durch  die  Vermehrung  des  Judentums  zu  erkennen  gegeben.
  (Gelächter.)  Diese  Vermehrung  ist  mit  geradezu  affenhafter  Geschwindigkeit
  erfolgt.  (Gelächter;  Abg.  Dr.  Pattai:  Sehr  richtigl)  Und  kein  Vernünftiger
  wird  leugnen  können,  daß  diese  Vermehrung  alle  Stämme  unseres
Volkes  gleichmäßig  zu  ruinieren  geeignet  ist.  (Erneuertes  Gelächter.)  Abg.
Dr.  Pattai:  Dem  Wrabetz  gefällt  das;  der  denkt  so  wie  ein  Jude.  (Erneutes
  Gelächter.)  Abg.  Türk:  Abg.  Plener  ist  ein  größerer  Gegner  des
deutschen  Volkes  als  selbst  der  Abg.  Gregr,  der  gewiß  ein  Feind  des  deutschen
Volkes  in  Oesterreich  ist.

6.  bzw.  8.  Februar.  (Oesterreich:  Arbeiterkammern.)
Eine  sehr  zahlreich  besuchte  Arbeiterversammlung  zu  Lemberg  erklärt
sich  rückhaltlos  für  den  Antrag  Plener  und  beschließt  eine  Eingabe
an  den  Reichsrat,  das  Wahlrecht  für  die  Arbeiterkammern  auf  alle
Personen  über  21  Jahren,  auch  die  Frauen,  auszudehnen,  ferner
den  Arbeiterkammern  zu  Lemberg,  Krakau  und  Brody  das  Recht,  je
einen  Vertreter  in  das  Abgeordnetenhaus  zu  entsenden,  einzuräumen.
Die  Ueberreichung  der  Eingabe  wird  dem  Dr.  Kronawetter  übertragen,
  da  es  nahezu  gewiß  sei,  daß  kein  einziger  von  den  polnischen
Abgeordneten  sich  der  Sache  der  Arbeiter  annehmen  werde.

In  einer  vom  Arbeiterverein  „Wahrheit“  in  Graz  veranstalteten

  Volksversammlung  referiert  Arbeiter  Pichler  über  den  Antrag.

Er  befürwortet  eine  Erklärung,  in  welcher  in  Erwägung  der  Thatsache,
daß  bisher  in  Oesterreich  keine  gemeinseme  Arbeiter-Organisation  bestanden  und
nach  den  jetzigen  Gesetzen  unmöglich  sei,  die  Einführung  von  Arbeiterkammern
im  Prinzipe  als  förderlich  bezeichnet  wird,  doch  könne  der  Entwurf  als  Erfüllung
der  berechtigten  Forderung  nicht  angesehen  werden;  namentlich  seien  der  Wirkungskreis,
  Wahlmodus  und  die  unentgeltliche  Funktion  nicht  genügend.  Die
österreichischen  Arbeiter  halten  an  der  Forderung  des  allgemeinen  direkten
Wahlrechts  fest.  —  Arbeiter  Gans  polemisiert  gegen  den  Abg.  Türk  und
sagt,  die  Bauern  lassen  sich  immer  am  Gängelbande  führen  vom  Liechtenstein
oder  von  einem  Türk.  —  Marbitsch  bezeichnet  den  Entwurf  als  eine  Beleidigung
  der  österreichischen  Arbeiterschaft.  Diese  lasse  sich  durch  nichts  vom
        <pb n="226" />
        214  Sie  Gesterreichisch-Auserische  Moenarchie.  (Febr.  7.—8.)

Internationalismus  abbringen.  —  Riesmann  sagt,  im  Falle  der  Annahme
des  Gesetzes  sei  er  für  die  Abstinenz.  Ihm  sei  es  gleich,  ob  9  oder  50  Abgeordnete
  im  Parlamente  sitzen.  Selbst  der  wässerige  Rochefort  habe  eingesehen,
  daß  auf  parlamentarischem  Wege  nichts  zu  erreichen  sei.  —  Reinthal
  fragt:  Auf  welchem  denn?  (Pause.)  Ich  bitte  um  eine  Antwort.  —
Riesmann  nennt  dies  eine  Provokation.  Er  würde  die  Aufklärung  geben,
wenn  er  reden  dürfte.  Alle  Arbeiter  in  Oesterreich  treten  für  das  allgemeine
Stimmrecht  ein.  Dann  beantragt  er  eine  Erklärung,  in  welcher  die  radikale
  Umgestaltung  der  privatkapitalistischen  Produktion  gefordert  wird  und
alle  Vorschläge,  wie  das  allgemeine  Wahlrecht,  als  Versuche,  die  Arbeiter
von  ihrem  Wege  abzulenken  und  auf  den  unfruchtbaren  Weg  des  Parlamentarismus
  zu  locken,  bezeichnet  werden.  —  Gans  bezeichnet  solche  Forderungen
als  einen  Blödsinn.  Es  entsteht  Lärm.  Der  Polizeikommissär  unterbricht
den  Redner.  Schließlich  wird  Riesmanns  Erklärung  angenommen.

7.  Februar.  (Mähren:  Schulfrage.)  Der  Unterrichtsminister
  weist  den  von  den  Tschechen  eingebrachten  Rekurs  gegen  die
vom  Landesschulrate  verfügte  Errichtung  einer  zweiklassigen  dentschen
  Volksschule  in  Stefanau  bei  Zöptau  ab.

Kurz  vorher  hatte  der  Minister  auch  ein  Gesuch  der  Gemeinde
Freiberg,  nachdem  ein  von  dieser  widerrechtlich  errichtetes  tschechisches
Obergymnasium  geschlossen  worden  war,  die  Errichtung  eines  tschechischen
  Untergymnasiums  zu  gestatten,  abgewiesen.

8.  Februgar.  (Bukowina.)  Der  Landespräsident  Baron
Hieronymus  Alesani  f.  An  seiner  Stelle  wird  der  ehemalige
Handelsminister  Baron  Pino  v.  Freudenthal  zum  Landespräsidenten
  ernannt.

8.  Februar.  (Oesterreich:  Interpellation  Knotz.)  Abg.=Hs.:
  Ministerpräsident  Graf  Taaffe  beantwortet  dieselbe.  (Vgl.
Januar  28.)

Er  weist  zunächst  die  Ausfälle  gegen  die  Unabhängigkeit  und  Unparteilichkeit
  des  Richterstandes  ab,  die  in  der  Begründung  der  Interpellation
mit  dem  Hinweise  auf  2  konkrete  Fälle  lägen;  bestreitet  sodann  die  Einleitung
  des  Warnsdorfer  und  Reichenberger  Prozesses  aus  tendenziösen  Beweggründen
  und  fährt  fort:

„Die  an  diese  beiden  Strafprozesse  geknüpfte  Bemerkung,  daß  die
Rechtsprechung  in  Böhmen  von  nationalen  Gegensätzen  und  politischen  Anchauungen
  beeinflußt  werde,  und  daß  die  Einführung  einer  sogenannten
Kabinetsjustiz  drohe,  entbehrt  nach  dem  dargelegten  Sachverhalte  jeder  Begründung,
  und  müssen  diese  Vorwürfe  unter  Hinweis  auf  die  staatsgrundgesehlich
  gewährleistete  Unabhängigkeit  der  österreichischen  Richter  und  unter

etonung  ihrer  allseits  anerkannten  Müchttrene  zurückgewiesen  werden.  Ebenso
wird  gegen  die  Unterstellung  Verwahrung  eingelegt,  als  ob  von  irgend  einer
Seite  je  auch  nur  der  geringste  Elnfluh  auf  die  richterliche  Judikatur  genommen
  worden  wäre.  Was  nun  zunächst  die  Anfrage  betrifft,  ob  bezüglich
der  Sistieruug  der  fraglichen  Beschlüsse  und  Zustimmungs-Kundgebungen  an
die  politischen  Behörden  besondere  Aufträge  erflossen  sind,  würde  sich  dieselbe
als  eine  interne  Angelegenheit  der  Exekutive  eigentlich  der  Beantwortung
entziehen;  ich  nehme  jedoch  keinen  Anstand,  zu  erklären,  daß  besondere  Auf-
        <pb n="227" />
        Bie  Gesterreichisch-Augerische  Mssarchie.  (Februar  8.—16.)  215

träge  zur  Sistierung  von  bestimmten  Beschlüssen  oder  Zustimmungs-Kundgebungen
  nicht  ergangen  sind.  Im  Hinblick  auf  die  anläßlich  des  Erscheinens
der  Verordnung  des  Justizministeriums  vom  23.  September  1886  in  der
Sprachenfrage  in  legislativen  Körperschaften  vorgekommenen  Kundgebungen
und  auf  die  in  weiterer  Folge  aufgetauchten  Agitationen  sind  lediglich  die
politischen  Behörden  im  Bereiche  der  von  den  Agitationen  berührten  Länder
daran  erinnert  worden,  in  vorkommenden  Fällen  gegenüber  den  autonomen
Körperschaften,  Vereinen  und  Versammlungen  das  staatliche  Aufsichtsrecht
zu  handhaben.“  (Laute  Heiterkeit  links.)

Betreffs  der  Sistierung  von  Zeitungsartikeln  und  Auflösung  von
Versammlungen  weist  der  Minister  darauf  hin,  daß  nach  Artikel  13  der
Verfassung  das  Recht  zu  freier  Meinungsäußerung  nur  innerhalb  der  gesetzlichen
  Schranken  gewährt  sei,  da  die  Interpellanten  nun  bestimmte  Fälle
nicht  namhaft  gemacht  hätten,  so  könne  er  das  Vorgehen  der  Behörde  nicht
näher  erörtern.  Dieses  ruhe  aber  stets  auf  dem  Grunde  der  Gesetze.  Auf  die  gegen
das  Regierungssystem  und  dem  böhmischen  Statthalter  vorgebrachten  Ausfälle
  einzugehen,  erachte  er  mit  der  Rücksicht  auf  das  Haus  und  mit  der  Würde
der  Regierung  für  nicht  vereinbar.

Der  in  heftiger  Rede  von  Knotz  gestellte  Antrag,  über  diese
Antwort  die  Diskussion  zu  er5öffnen,  wird  in  namentlicher  Abstimmung
  mit  149  gegen  101  Stimmen  abgelehnt.

8.—16.  Februar.  (Oesterreich:  Sprachenausschuß.)  Der
Ausschuß  zur  Beratung  des  Scharschmidt'schen  Gesetzentwurfs  (vyl.
Gesch.  Kal.  1886  II,  9.)  nimmt  seine  Beratungen  wieder  auf  und
gelangt  nach  lebhaften  Erörterungen  zu  dem  Beschlusse,  die  Weiterberatung
  einem  Unterausschusse  zu  überweisen.

10.—12.  Februar.  (Oesterreich:  Zerfall  des  deutschen
Klubs.)  In  einer  fünfstündigen  Klubsitzung  stellt  das  Komitee
zur  Erörterung  der  Stellung  des  deutschen  Klubs  zu  dem  deutschösterreichischen
  und  den  zwei  andern  Fraktionen  der  Linken  folgende
Anträge:

1)  Der  deutsche  Klub  hält  an  den  in  seinem  Programmaufrufe  vom
23.  September  1885  dargelegten  Grundsätzen  ungeschmälert  fest.  Für  denselben
  wird  daher  die  Rücksicht  auf  das  Wohl  des  deutschen  Volkes  in  Oesterreich,
  seine  Erhaltung,  seine  Freiheit,  seinen  geistigen,  sittlichen  und  wirtschaftlichen
  Fortschritt  stets  in  erster  Linie  maßgebenh  bleiben.  In  Verfolgung
  dieses  Zieles  erscheint  es  dem  deutschen  Klub  ebenso  notwendig,  seine
volle  Selbständigkeit  zu  wahren,  als  das  von  allem  Anfange  an  in  Aussicht
genommene,  schon  im  Klubprogramm  vorgesehene  freundschaftliche  Einvernehmen
  mit  dem  deutsch-österreichischen  Klub  im  Auge  zu  behalten.  2)  Dem
nationalen  Zuge  folgend,  wird  er  unermüdet  der  übernommenen  Aufgabe
obliegen,  die  Korruption,  mag  sie  wo  immer  zu  tage  treten,  auf  das  entschiedenste
  zu  bekämpfen,  aber  auch  mit  der  gleichen  Festigkeit  Bestrebungen
entgegentreten,  welche  diesen  Kampf  für  gutes  Recht  und  strenge  Moral  durch
einen  wüsten  Rassen=  und  Klassenhaß  nur  zu  trüben  und  zu  schwächen  geeignet
  sind.  Mit  Fraktionen,  welche  diesen  Haß  zum  politischen  Prinzipe
und  zur  Richtschnur  ihrer  öffentlichen  Thätigkeit  erheben,  lehnt  der  deutsche

Klub  jede  Gemeinschaft  ab.
Ein  Antrag  des  Abg.  Steinwender,  welcher  den  zweiten  Teil  so
        <pb n="228" />
        216  HNile  Gekeerreichish-  Angarische  Mosarchie.  (Februar  12.—17.)

fermuliert  „Lediglich  von  der  Rückfsicht  auf  die  Interefssen  des  deutschen
olkes  in  Oesterreich  ausgehend,  erblicken  wir  nicht  in  der  möglichst  baldigen
Gewinnung  der  parlamentarischen  Majorität,  sondern  in  der  Durchdringung
des  Volkes  vom  nationalen  Gedanken  unser  Ziel  und  die  Gewähr  des  endlichen
  Sieges  der  nationalen  Sache",  wird  hierauf  mit  20  gegen  17  Stimmen
angenommen,  dagegen  folgende  drei  Abänderungsanträge  zwar  verworfen,  aber
in  der  Schlußabstimmung  der  Komiteeantrag  mit  20  gegen  15  Stimmen
bergestellt:  1)  Die  Gegnerschaft  gegen  die  amiismitische  Fraktion  ist  durch  das

orgehen  derselben  von  selbst  gegeben.  Tagegen  ist  es  eine  Konsequenz  unserer
  nationalen  und  volkswirtschaftlichen  Ueberzeugungen,  dem  schädlichen
Einflusse  des  Judentums,  wo  er  thatsächlich  vorhanden  ist,  entgegenzutreten.
2)  Die  Gegnerschaft  gegen  die  antisemitische  Fraktion  ist  durch  das  Vorgehen
derselben  von  selbst  gegeben.  Die  Stellungnahme  gegenüber  der  Judenfrage
ist  den  Klubmitgliedern  freizugeben.  3)  Der  deutsche  Klub  verwirft  den
Antisemitismus  als  politisches  Porteiprinz.

Nachdem  über  die  Auslegung  des  angenommenen  2.  Punktes  eine
heftige  Debatte  entbrannt  war  und  Einigung  nicht  erzielt  werden  konnte,
wird  am  ersten  Beratungstage  die  Sitzung  geschlofen.

In  der  folgenden  Sitzung  führt  die  Frage  des  Antisemitismus  aufs
neue  zu  erbitterten  Debatten,  da  inzwischen  die  Majorität  des  Klubs  zu  dem
Entschlusse  gekommen  ist,  die  Antisemitengruppe  aus  demselben  herauszudrängen.
  Nachdem  auf  Antrag  Weitlof  (Mehrheit)  die  Beschlüsse  vom  10.
aufs  neue  zur  Diskussion  gestellt  werden,  obgleich  dieselben  gar  nicht  auf  der
Tagesordnung  stehen,  verläßt  die  Minorität  unter  Protest  den  Saal.  Hierauf
erklären  18  Mitglieder  des  Klubs,  darunter  auch  die  Nichtantisemiten  Wenczliczke,
  Stingl  und  Roser  ihren  Austritt.  Am  15.  erlassen  sodann  die  zu  einer
„freien  Vereinigung  der  Deutsch-Nationalen"“  zusammengetretenen
Dissidenten  Ausserer,  Bareuther,  Derschatta,  Foregger,  Fuß,  Garnhaft,  Hock,
Kraus,  Pernerstorfer,  Posch,  Prade,  Reicher,  Richter,  Stadlober,  Steinwender,
Stingl  eine  Rechtfertigungsschrift  an  ihre  Wähler,  in  der  sie  erklären,  daß  sie  nur

fordert  hätten,  daß  in  der  Judenfrage  jedem  gestattet  sein  solle,  vollkommen
"“  und  nur  nach  seinem  Gewissen  und  nach  seiner  Auffassung  von  den

flichten  Len  das  deutsche  Volk  vorzugehen,  daß  sie  dies  gemäß  dem  Statut
vom  25.  September  1885  gethan  hätten  und  im  übrigen  nort  und  fort  auf
dem  Boden  desselben  ständen.

Eine  Anzahl  der  Ausgetretenen  legt  die  Mandate  nieder.

Am  28.  Mai  erfolgt  die  Anzeige  der  Bildung  des  neuen  Klubs  an
simihe  Parteien  im  Ab5  ordnetenhue.  In  dem  Programm  verlangt  die

artei  eine  Aenderung  der  Verfassung  zu  Gunsten  der  Deutschen  durch  Ausscheidung
  von  Galizien  und  Dalmatien  aus  den  im  Reichsrate  vertretenen
Ländern,  ferner  eine  „wirklich  neutrale“  Regierung,  den  Antisemitismus  wird
sie  weder  in  ihr  Programm  aufnehmen,  aber  auch  nicht  dessen  Bekämpfung;
in  allen  wesentlichen  Fragen  will  der  Klub  auf  dem  Boden  des  Programms
des  deutschen  Klubs  vom  25.  Septbr.  1885  stehen  bleiben.

12.—  17.  Februar.  (Oesterreich:  Arbeiterun  fallversicherung.)
  Herren-Hs.:  nimmt  das  Gesetz  (vgl.  1886  V,  20.)  in
2.  u.  3.  Lesung  an.

Die  §§  45—47  waren  in  2.  beiung  nochmals  an  die  Kommission
urückverwiesen  worden  und  werden  von  derselben  so  umgestaltet,  daß  sie
solgenden  Inhalt  erhalten:

Die  Versicherungs-Anstalt  sichert  dem  von  einem  Unfalle  betroffenen

Arbeiter  unter  allen  Umständen,  mag  der  Unfall  durch  Vorsatz,  durch  grobes
oder  leichtes  Verschulden  oder  durch  Zufall  herbeigeführt  worden  sein,  die
        <pb n="229" />
        DLie  Gesterreitzisch-Angerische  Mosnarc#ie.  (Februar  15.—20.)  217

im  Gesetze  bestimmte  Entschädigung.  Ist  aber  der  Zufall  durch  vorsätzliches
Handeln  oder  durch  grobes  Verschulden  des  Unternehmers  herbeigeführt  worden,
  dann  soll  dieser  nicht  günstiger  gestellt  sein,  als  nach  den  Bestimmungen
des  bürgerlichen  Rechtes.  Daher  können  der  versicherte  Arbeiter  oder  dessen
Hinterbliebene  gegen  den  Unternehmer  jene  Entschädigungsansprüche  geltend
machen,  welche  über  die  ihnen  von  der  Versicherungs-Anstalt  prästierten
Leistungen  hinausgehen;  die  Versicherungs-Anstalt  aber  kann  für  ihre  Leistungen
  aus  der  Versicherung  ihren  Regreß  an  dem  Unternehmer  nehmen.

15.  Februar.  (Ungarn.  Abg.-Hs.:  Tumult.)  Bei  Beratung
  des  Unterrichtsbudgets  kommt  es  infolge  einer  Bemerkung
des  Antisemiten  Komlossy,  kathol.  Geistlicher  und  ehemals  Professor
  der  Theologie,  daß  der  Unterrichtsminister  Trefort  für  seine
Ernennungen  politische  Dienste  fordere,  zu  einem  überaus  stürmischen
Auftritte.

Abgeordneter  Mocsfary  bemängelt,  daß  einige  slovakische  Studenten
vom  Leutschauer  Gymnasium  ausgeschlossen  wurden,  und  daß  die  Komitate
zu  Gunsten  des  Siebenbürgischen  Kulturvereins  einen  besonderen  Steuerzuschlag
  ausgeworfen  haben,  daß  im  Zempliner  Komitate  viele  Ortschaften
ihre  Namen  magyarisierten,  und  endlich,  daß  die  Gerichte  nur  Eingaben  annehmen,
  die  in  magyarischer  Sprache  abgefaßt  sind.  —  Die  Unabhängigkeitspartei
  nötigt  ihn,  infolge  dieser  Rede  aus  ihrem  Verbande  zu  treten.

15.  Februar.  (Ungarn:  Ministerwechsell)  Finanzminister
Graf  Szapary  tritt  von  seinem  Amte  zurück,  Ministerpräsident
Koloman  Tisza  wird  interimistisch  mit  der  Leitung  desselben,
Baron  Orczy  interimistisch  mit  der  des  Ministeriums  des  Innern
betraut.

15.  Februar.  (Böhmen.)  Der  Landesschulrat  beschließt,  daß
eine  der  vom  Prager  Stadtrate  dem  Lehrer  Mathé  entzogenen  Zulagen
  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886,  VII.  10.  bzw.  12.)  demselben  zu  belassen
  sei.  ·

15.—26.  Februar.  (Oesterreich-Ungarn:  Nachtragskredite
  für  das  Heer.)  Den  Reichsräten  beider  Reichshälften
gehen  Gesetzesvorlagen  über  Forderungen  zur  Beschaffung  von  Ausrüstungsgegenständen
  für  die  Landwehr  und  den  Landsturm  zu.

Für  Oesterreich  werden  gefordert  12.011,655  fl.  und  zwar  für  die
Errichtung  von  je  80  Landsturm-Ausrüstungs=  und  Landsturm-Munitionsmagazinen,
  ferner  für  die  Ergänzung  der  Bestände  an  Bekleidung,  Rüstung
und  Bewaffnung  einschließlich  der  schon  im  Frieden  vorzusehenden  Kriegsreserve-Vorräte
  ur  die  Landwehr  und  für  Beschaffung  der  Bekleidung  und
Rüstung  für  die  Auszugsformationen  des  Landsturms.  Die  Bedeckung  soll
durch  Ausgabe  von  5%  igen  Obligationen  geschaffen  werden.

Für  Ungarn  werden  unter  ähnlicher  Motivierung  7.460,000  fl.  als
außerordentlicher  Kredit  gefordert.

Im  ungarischen  Abg.-Hause  wird  die  Vorlage  noch  am  Tage
des  Einlaufs  in  erster  Lesung  einem  Ausschusse  überwiesen,  welcher  noch  am
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        218  Nie  Gesterreichisch-Angerische  Mosarchie.  (Febr.  2.  Hälfte  —  März  7.)

selben  Tage  dieselbe  einstimmig  annimmt;  am  19.  Februar  erfolgt  unter
Zustimmung  aller  Parteien  einhellig  die  Annahme  im  Plenum.
Das  Oberhaus  nimmt  die  Vorlage  ebenfalls  einstimmig  am  26.  Feruar
  an.

Im  österreichischen  Abg.-Hause  wird  die  Vorlage  ebenfalls  sofort
  nach  der  Einbringung  einem  Ausschusse  überwiesen,  welcher  sie  am  18.
in  geheimer  Sitzung,  in  der  der  Landesverteidigungsminister  ein  eingehendes
Exposé  über  die  militärische  Lage  gibt,  einstimmig  annimmt.  Ebenso  erfolgt
die  Annahme  des  Gesetzes  im  Plenum  einstimmig,  nachdem  die  Antisemiten
den  Saal  vor  der  Abstimmung  verlassen  haben,  am  25.  Februar  in  2.  und
3.  Lesung.  Im  Herrenhause  erfolgt  die  Annahme  en  bloc  einstimmig
in  2.  und  3.  Lesung  am  26.  Februar.

2.  Hälfte  Februar.  (Beziehungen  zu  den  Vereinigten
Staaten.)  Der  Botschaftsrat  v.  Tavera  in  Berlin  wird  zum
Gesandten  in  Washington  ernannt,  nachdem  mehrere  Jahre  lang
dieser  Posten  unbesetzt  geblieben  ist.  Mitte  April  wird  General
Alexander  Lawton  vom  Präsidenten  der  Union  zum  Gesandten  in
Wien  ernannt.

16.  Februar.  (Delegationen.)  Durch  kaiserliches  Handschreiben
  von  diesem  Tage  an  die  Ministerpräfidenten  beider  Reichshälften
  werden  die  Delegationen  zu  einer  außerordentlichen  Session
auf  den  1.  März  nach  Pest  einberufen.

21.  Februar.  (Ungarn:  Justizreform.)  Abg.-Hs.:  Bei
Beratung  des  Etats  des  Justizministeriums  entwickelt  der  Justizminister
  v.  Fabinyi  sein  Arbeitsprogramm.  Er  verheißt  Kodifikation
  des  Privatrechtes  und  des  Strafprozesses,  die  Reform  des
Civilprozesses  der  Advokaten-Ordnung,  des  Disziplinar-Verfahrens
und  des  Verfahrens  in  Grundbuchsachen.

25.  Februar.  (Oesterreich.)  Abg.-Hs.:  vertagt  sich  wegen
der  Einberufung  der  Delegationen  auf  unbestimmte  Zeit.

1.  März.  (Ungarn.)  Abg-Haus:  Das  Finanzgesetz
für  1887  wird  mit  der  großen  Mehrheit  von  115  Stimmen  (219
gegen  104)  angenommen.

Demnach  sind  die  Ausgaben  auf  350.283,145,  die  Einnahmen  auf
328.258,351  fl.,  das  Defizit  mithin  auf  22.024,794  fl.  festgesetzt.

Dazu  treten  durch  die  späteren  Bewilligungen  der  Delegation  noch
16½  Millionen,  ferner  die  Kredite  für  die  Amortisationsquote  mit  12,  für
Stärkung  der  Kassenbestände  mit  18,  für  den  Landsturm  mit  7½  Millionen,
so  daß  im  Ganzen  77½  Millionen  durch  Anleihen  gedeckt  werden  müssen.

1.—7.  März.  Außerordentliche  Delegations-Session
  in  Pest  zur  Beratung  der  geforderten  außerordentlichen
Heereskredite  als  einziger  Vorlage.

In  der  Vorlage  wird  gesagt:

„Die  gemeinsame  Regierung  hat  nach  gewissenhafter  Prüfung  der
        <pb n="231" />
        Bie  Gesterreichisch-Augerische  Monarie.  (März  1.—7.)  219

unaufschiebbaren  Bedürfnisse  den  Gesamtaufwand  hiefür  mit  52½  Millionen
  berechnet.  Die  dringendsten  Maßnahmen  sind  mit  24½  Millionen
(wovon  1½  Millionen  für  die  Marine)  präliminiert,  wovon  in  Anhoffung
der  Indemnität  bereits  16  2/10  Millionen  (1  2/10  Millionen  für  die  Marine)
verwendet  worden  sind.  Die  Regierung  verlangt  daher  Indemnität  für  die
obengenannte  Summe  von  16  /10  Millionen  und  die  Ermächtigung,  für
weitere  dringende  Maßnahmen  8  3/10  Millionen  zu  verwenden,  ferner  die  Ermächtigung,
  die  bei  unabweisbarer,  dringender  Notwendigkeit  sich  ergebenden
außerordentlichen  Heereserfordernisse  bis  zur  Höhe  von  28  (davon  2  Millionen
  für  die  Marine)  Millionen  zu  bestreiten.“"

Von  diesen  52  ½  Millionen  fl.  entfallen  auf  Oesterreich  36  Millionen,
auf  Ungarn  16  ½  Millionen.

Im  Budgetausschusse  der  österreichischen  Delegation  ergreift  auf  die
Frage  des  Berichterstatters:  durch  welche  Veränderungen  in  der  boktüsen
Lage  die  gemeinsame  Regierung  sich  dermalen  veranlaßt  sehe,  Kredite  für
militärische  Maßnahmen  zu  verlangen,  welche  bei  der  vor  kurzem  stattgehabten
ordentl.  Delegationssession  nicht  als  notwendig  erachtet  wurden,  der  Minister
des  Aeußern,  Graf  Kalnoky,  das  Wort:  „Der  Unterschied  in  der  Situation
charakterisiere  sich  schon  dadurch,  daß  damals  eine  politische  Frage  beinahe
ausschließlich  den  Gegenstand  der  Verhandlung  gebildet  habe,  nämlich  die
bulgarische,  während  diese  Frage  zwar  leider  noch  immer  bestehe,  aber  jetzt
in  die  zweite  Linie  getreten  sei  und  den  bedrohlichen  Charakter,  der  ihr  damals
  zugeschrieben  wurde,  nicht  mehr  an  sich  trage.  Im  weiteren  Verlaufe
seiner  Auseinandersetzungen  konstatiert  der  Minister,  daß  es  nicht  diese  lokale
Frage,  auch  nicht  direkt  die  politische  Situation  der  Monarchie  sei,  welche
gegenwärtig  zu  so  allgemeinen  Besorgnissen  Anlaß  gebe,  sondern,  daß  vielmehr
  die  allgemeine  europäische  Lage  mit  ihren  Wechselwirkungen  zwischen
Ost  und  West  es  sei,  welche  so  sehr  den  Stempel  der  Unsicherheit  trage,  daß
fast  alle  Staaten  sich  veranlaßt  sehen,  ihre  Wehrkraft  durch  rechtzeitige  Vorsichtsmaßregeln
  zu  stärken.  Der  Minister  erinnert  daran,  daß  er  die  Politik
der  Monarchie  in  der  letzten  Delegationssession  als  eine  durchaus  friedliche
und  konservative  bezeichnet  habe;  daher  werde,  was  immer  von  uns  aus
geschehen  könne,  auch  geschehen,  um  die  Monarchie  vor  der  furchtbaren  Kalamität
  eines  Krieges  zu  bewahren.  In  Besprechung  der  in  Verhandlung
stehenden  Regierungsvorlage  betont  der  Minister,  daß  auch  heute  die  Monarchie
unmittelbar  von  keiner  Kriegsgefahr  bedroht  sei  und  daß  aus  den  eben  vernommenen
  Ausführungen  des  Kriegsministers  über  den  Charakter  der  militärischen
  Vorsichtsmaßregeln  genügend  hervorgehe,  daß  es  sich  nicht  um  Kriegsrüstungen,
  sondern  um  administrative  Vorsorgen  und  Maßnahmen  defensiver
Natur  handelt.  Die  Regierung  trage  nach  zwei  Seiten  eine  schwere  Verantwortung,
  indem  sie  einerseits  die  gewissenhaftesten  Rücksichten  auf  die
finanzielle  Lage  zu  nehmen  habe,  andrerseits  aber  sich  dem  schwersten  Vorwurfe
  aussetzen  würde,  wenn  sie  nicht  rechtzeitig  genügende  Vorsorge  für  die
Ausrüstung  und  Schlagfertigkeit  des  Heeres  treffen  würde.  Hiebei  die  richtige
  Mitte  einzuhalten,  sei  unendlich  schwer;  nach  Ansicht  des  Ministers  sei
dies  jedoch  mit  der  Vorlage  geschehen.  Nach  einigen  weiteren  Ausführungen
über  die  auswärtige  Situation  hebt  der  Minister  zum  Schlusse  hervor,  daß
je  entschlossener  und  einmütiger  die  gesamte  Monarchie  zeige,  daß  sie  mit
Energie  und  Kraft  und  mit  der  traditionellen  Opferwilligkeit  für  ihre  Interessen
  und  für  den  allseitig  gewünschten  Frieden  einzustehen  entschlossen  ist,
desto  mehr  Aussicht  vorhanden  sei,  den  Krieg  unmöglich  zu  machen.  Der
Minister  empfiehlt  die  Vorlage  zur  einstimmigen  Annahme,  indem  er  als
Ziel  derselben  nochmals  bezeichnet,  daß  damit  nicht  der  Krieg  vorbereitet
werde,  sondern  der  Friede  gesichert  werden  solle.

14““
        <pb n="232" />
        220  Jie  Gesterreichisch-Augarische  Monarie.  (März  Anf.—18.)

Aehnliche  Erklärungen  gibt  der  Minister  in  dem  Budgetausschusse
der  ungarischen  Delegation.

Beide  Delegationen  bewilligen  einstimmig  die  geforderten  Kredite,
darauf  wird  am  7.  März  die  Session  geschlossen;  Graf  Kalnoky  spricht
beiden  Delegationen  den  besonderen  Dank  des  Kaisers  und  der  Regierung
aus.  In  der  Schlußrede  der  österreichischen  Delegation  betent  präsident
Smolka  die  Wichtigkeit  der  erzielten  Einstimmigkeit.  Diese  imposante
Kundgebung  werde  die  Friedenshoffnungen  wesentlich  stärken.  Unter  stürmischen
  Hochrufen  auf  den  Kaifer  und  König  schließen  beide  Delegationen.

Anfang  März.  (Mähren:  Sprachenfrage.)  In  der
Handelskammer  zu  Brünn  gelingt  es,  eine  friedliche  Einigung  der
Deutschen  und  Tschechen  über  die  Sprachenfrage  zu  erzielen.

Die  Kammerprotokolle  sollen  im  Original  in  deutscher  Sprache  abgefaßt,
  doch  davon  eine  tschechische  Uebersetzung  ausgegeben  werden,  die  Einladungen
  an  die  tschechischen  Mitglieder  7  deren  Wunsch  in  ihrer  Sprache
abgefaßt  werden.  Ein  tschechisches  Mitglied  erklärt  namens  der  Minorität
nunmehr  iiben  Sprachenstreit  für  abgethan  und  spricht  für  das  Entgegenkommen
  dem  Präsidenten,  dem  Referenten  und  dem  Plenum  den  Dank  der
tschechischen  Minorität  aus.

Anfang  März.  (Krain:  Sprachenfrage.)  Der  Landesschulrat
  beschließt,  daß  an  allen  Krainer  Volksschulen  außer  Gottschee
und  Weißenfels  die  slowenische  Unterrichtssprache  für  alle  Gegenstände
  der  Volksschule  in  allen  Klassen  zu  gelten  habe.  Die  deutsche
Sprache  ist  nur  an  den  drei=  und  mehrklassigen  Schulen  obligater
Lehrgegenstand  und  zwar  von  der  dritten  Klasse  an.  Bisher  war  sie
das  auch  an  den  zweiklassigen  und  zwar  von  der  ersten  Klasse  an.

2.  März.  (Ungarn  und  Kroatien.)  Die  Verhandlungen
der  von  beiden  Ländern  entsandten  Regnikolardeputationen  zum  Abschlusse
  eines  Ausgleichs  werden  abgebrochen,  da  in  betreff  der  Staatssprache
  keine  Einigung  erzielt  wird,  während  in  Bezug  auf  die  übrigen
Punkte  meist  ein  volles  oder  doch  teilweises  Einvernehmen  zu  stande
kommt.

16.  März  bzw.  23.  April.  (Anarchistenprozesse  in  Prag.)
Auf  Grund  des  neuen  Anarchistengesetzes  (vergl.  Gesch.  Kal.  1886,
VI,  4.—19.)  wird  von  einem  Sechsrichterkollegium  der  Kattundrucker
Johann  Schön  aus  Jungbunzlau,  der  anarchistische  Schriften  unter
den  Arbeitern  in  der  Fabrik  verbreitet  hatte  und  mit  den  hervorragendsten
  Führern  der  Anarchisten  im  Auslande  in  Verbindung
steht,  wegen  Hochverrats,  Majestätsbeleidigung  und  Religionsstörung
zu  10  Jahren  schweren  Kerkers,  ein  Genosse,  der  Schuster  Mach,
wegen  Geheimbündelei  zu  1  Monat  Arrest  verurteilt.

Am  23.  April  werden  7  Mitglieder  der  Sozialistenpartei
wegen  Geheimbündelei  zu  Gefängnisstrafen  von  3  Wochen  bis  zu
        <pb n="233" />
        Die  Getterreichisc-Axgarisce  Mearzie.  (März  18.—28.)  220a

4  Monaten  verurteilt.  Von  einem  der  Angeklagten  ist  die  Verbindung
  mit  den  in  Wien  verurteilten  Anarchisten  (vgl.  März  21.—28.)
nachgewiesen.

18.  bzw.  28.  März.  (Oesterreich.)  Annahme  des  Bankgesetzes
  der  Ausgleichsvorlagen  (vgl.  Gesch.Kal.  1886  X,  7.—9.)  im
Abgeordneten=  und  im  Herrenhause.

Der  tschechische  Antrag  auf  Herstellung  eines  polyglotten  Notentextes
wird  abgelehnt.

19.—28.  März.  (Ungarn:  Armeesprache.)  Der  Honvedminister
  Baron  Fejervary  antwortet  einer  Studentendeputation,
welche  ihn  bittet,  künftig  die  Reserveoffiziersprüfung  in  deutscher
Sprache  ablegen  zu  dürfen:

Er  sagt,  die  deutsche  Sprache  sei  das  Band,  welches  das  gemeinsame
Herr  der  Monarchie  zusammenhalte,  es  sei  naturgemäß,  daß  man  deren

enntnis  von  jedem  Offizier  fordern  müsse.  Er  könne  ihre  Bitte  daher  nicht
erfüllen,  wenn  er  ihnen  auch  ein  etwas  geringeres  Maß  der  Anforderungen
in  Bezug  auf  die  Kenntnis  des  Deutschen  als  bisher  zugestehen  wolle.  Einen

Antrag  auf  Abhaltung  der  Prüfungen  nicht  in  deutscher  Sprache  getraue  er
sich  gar  nicht  vorzubringen.

Ein  Teil  der  Studenten  in  Pest  sucht  hierauf  eine  große  Agitation
  gegen  die  deutsche  Heeressprache  in  Szene  zu  setzen,  und  richtet
eine  diesbezügliche  Petition  an  den  Reichsrat.

Der  Abg.  Meszlenyi  (äußerste  Linke)  interpelliert  den  Honvedminister
  im  Abgeordnetenhause  wegen  seiner  Antwort.  In  der
Erwiderung  betont  dieser  auch  hier  die  Notwendigkeit  der  deutschen
Heeressprache  und  daher  der  Ablegung  der  Reserveoffizierprüfungen
in  dieser  Sprache.  Auch  auf  die  Landwehroffiziere  müsse  die  Forderung
  der  Kenntnis  des  Deutschen  in  gewissem  Grade  ausgedehnt
werden.  Man  dürfe  nicht  den  babylonischen  Turm  in  die  Armee
einführen.

21.—28.  März.  (Anarchistenprozeß.)  Der  Ausnahmegerichtshof
  in  Wien  verurteilt  13  von  den  bei  und  infolge  der  Versuche,
  die  Holzlagerplätze  Wiens  am  3.  Oktober  1886  in  Brand  zu
stecken  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886  X,  3.),  verhafteten  Anarchisten,  davon
7  zu  12—20  Jahren,  die  übrigen  6  zu  6  Monaten  bis  9  Jahren
schweren  Kerkers  mit  teilweisen  Strafverschärfungen  durch  Fasttage

und  Dunkelhaft.

Alle  Angeklagten  sind  völlig  unbescholten  oder  haben  doch  nur  geringfügige
  Vorstrafen.  Die  Anklage  lautet  gegen  die  einzelnen  auf  Brandstiftung,
Mithilfe  dazu,  gemeingefährlichen  Gebrauch  von  Sprengstoffen,  versuchten
Diebstahl  und  versuchte  Verleitung  zum  Raube.  Drei  der  Haupträdelsführer
ist  es  gelungen,  sich  in  Sicherheit  zu  bringen.  »

Die  Änklage  deckt  eine  seit  August  1885  bestehende  Vereinigung  unter
        <pb n="234" />
        220b  Hie  Geterreichis-Auzarisohe  Monarchie.  (März  24.—April  Auf.)

den  Wiener  Arbeitern  zur  Verwirklichung  der  Mostschen  Lehre  von  der
Propaganda  der  That  auf.  Die  Angeklagten  haben  versucht,  durch  List  und
Gewalt  Geld  für  anarchistische  Zwecke  aufzubringen,  Druckermaterial  zum
Betriebe  einer  anarchistischen  Druckpresse  zu  stehlen,  höchst  gefährliche  Sprengbomben
  angefertigt  und  endlich  durch  eine  planmäßig  angelegte,  aber  nicht
von  dem  erwünschten  Erfolge  gekrönte  Brandlegung  auf  allen  bedeutenderen
Holzplätzen  Wiens  an  demselben  Tage  durch  nach  Rezepten  der  Zeitschrift
i.ebel  angefertigte  Brandflaschen  eine  Einschüchterung  des  Großkapitals
ezweckt.

Mehrere  Angeklagte  weisen  die  Zustimmung  zu  Gewaltmaßregeln  und
die  Bezeichnung  als  Anarchisten  von  sich  und  nennen  sich  Sozialisten;  die
meisten  sind  im  Ganzen  geständig.

24.  März.  (Oesterreich.)  Abg.  Hs.  nimmt  das  Gesetz  über
die  Kranken  ersicherung  der  Arbeiter  an.

Das  Gesetz  hält  den  Grundsatz  der  obligatorischen  Versicherung  fest.
Es  werden  alle  der  Unfallversicherung  unterliegenden  Arbeiter,  aber  auch  alle
Arbeiter  und  Betriebsbeamten  (letztere  mit  einem  800  fl.  nicht  überschreitenden
  Jahresverdienste),  die  in  Bergwerken,  irgend  welchen  gewerbsmäßig  betriebenen
  Unternehmungen  und  im  Eisenbahnbetriebe  beschäftigt  sind,  dem
Versicherungszwange  unterworfen.  Dazu  zählen  auch  Lehrlinge,  Volontäre,
Praktikanten.  Ausgenommen  sind  die  landwirtschaftlichen  Arbeiter,  für  die
ein  Versicherungszwang  der  Ministerialverordnung  überlassen  wird.

28.  März.  Ergänzungswahlen  zum  Wiener  Gemeinderat.


Das  Wahlergebnis  aus  allen  3  Wahlkörpern  ist:  19  Deutschliberale,
2  Demokraten  und  2  Antisemiten.

Anf.  April.  (Bulgarien.)  Der  bulgarische  Minister  Stoilow
trifft  in  Wien  ein  und  hat  eine  längere  Unterredung  mit  dem  Grafen
Kalnoky.

über  den  Inhalt  derselben  berichtet  eine  Wiener  Korrespondenz  der
„Daily  News"“.  Kalnoky  sagte:

„In  die  inneren  Angelegenheiten  Bulgariens  sich  einzumischen,  find
die  Mächte  nicht  befugt.  Eine  derartige  Einmischung  ist  auch  seitens  Rußlands
  nicht  erfolgt.  Das  Wiener  Kabinet  wird  nach  wie  vor  fest  auf  dem
Boden  des  Berliner  Vertrages  verharren  und  jeder  Verletzung  desselben  entgegentreten,
  insolange  sich  die  Regentschaft  auch  in  den  Grenzen  des  Vertrages
  bewegt.  Es  scheint  indeß,  daß  die  Regentschaft,  welche  bisher  mit
Klugheit  vorging,  von  dieser  Basis  abweichen  will.  Die  trotz  der  Mahnung
einiger  Bulgarien  freundlichen  Mächte  beabsichtigte  Einberufung  der  Sobranje,
um  einen  Fürsten  von  Bulgarien  zu  wählen,  wäre  nur  eine  leere  Demonstration,
  welche  Rußland  reizen  würde  und  von  welcher  die  Bulgaren  nur
einen  negativen  Erfolg  haben  würden.  Welcher  Fürst  wird  sich  heute,  nachdem
  ihm  die  Reise  nach  Sofia  nicht  von  allen  Mächten  angeraten  worden,
dorthin  begeben:  Prinz  Alexander:  Nimmermehr!  Stoilow  sagte  hierauf,
daß  die  Sobranje  nur  dann  einen  Fürsten  zu  wählen  gedenke,  wenn  sie
vorher  dessen  Zusicherung  besitze,  daß  er  bestimmt  nach  Sofia  käme.  Andernfalls
  würde  die  Spbrane  zu  einem  dreijährigen  Definitivum  der  Regentschaft
schreiten.  Auch  dieser  Schritt  —  bemerkte  Graf  Kalnoky  wäre  erst  von
den  Mächten  zu  billigen.  In  dem  Momente,  wo  die  Regentschaft  aus  ihrem
Provisorium  in  ein  Definitivum  übertritt,  ist  sie  als  ein  regierendes  Haupt
zu  betrachten  und  bedarf  ebenso  wie  die  Wahl  eines  Fürsten  der  Bestätigung
        <pb n="235" />
        Die  Gesterreisisch-Angarische  Mesarhie.  (April  10.—22.)  2200

und  Anerkennung  sämtlicher  Mächte.  Und  glauben  Sie,  daß  dieselbe  erfolgen
wird?  Ich  nicht!  Und  wenn  dieselbe  nicht  seitens  aller  Mächte  erfolgt,  dann
ist  die  Regentschaft  gezwungen,  den  Platz  zu  räumen.  Die  Staatsmänner
in  Bulgarien  denken,  wir  beabsichtigen,  die  bulgarische  Frage  in  die  Länge
zu  ziehen.  Keineswegs.  Aber  die  Mächte  sind  alle  einig  darüber,  daß  die
Lösung  der  Frage  noch  nicht  reif  ist.  Wollten  wir  dieselbe  gewaltsam  lösen,
so  stünde  uns  sicherlich  ein  Krieg  bevor,  und  in  einen  solchen  werden  wir
uns  Bulgariens  wegen,  so  sehr  wir  auch  dessen  Freunde  sind,  nicht  stürzen.
Wir  können  Ihnen  nur  den  Rat  geben,  geduldig  zu  warten.  Überlassen  Sie
den  Mächten  die  Regelung  dieser  Frage.  Unterstützen  Sie  die  Mächte  durch
eine  weise  und  maßvolle  Regierung.  Vermeiden  Sie  jede  Provokation  eines
Dritten.  Hüten  Sie  sich  (vornehmlich  in  Bezug  auß  die  Unabhängigkeits-Erklärung)
  vor  jeder  Verletzung  des  Berliner  Vertrages.  Das  sind  die  Ratschläge,
  welche  ich  Ihrem  Lande  noch  in  letzter  Stunde  geben  kann.  Wird
der  Berliner  Vertrag  verletzt,  so  vermögen  wir  nicht,  Bulgarien  zu  schützen;
es  wird  dann  von  den  ihm  jetzt  wohlwollenden  Regierungen  seinem  Schicksale
  überlassen  werden.“

10.—11.  April.  (Ungarn:  Arbeiterkongreß.)  In  Pest
tagt  an  den  beiden  Osterfeiertagen  ein  von  mehr  als  20  Provinzialvereinen

  beschickter  Kongreß  der  Arbeiterpartei.

Derselbe  verläuft  sehr  ruhig.  Es  werden  Beschlüsse  gefaßt  zu  Gunsten
der  Einführung  des  allgemeinen  Pohlrechss  und  einer  planmäßig  dafür  zu
betreibenden  Propaganda,  ferner  betreffs  Anstrebung  einer  umfassenden  Fabrikgesetzgebung
  zum  Schutze  der  wirtschaftlichen  und  sanitären  Lebensverhältnisse
des  Arbeiterstandes,  ferner  zu  Gunsten  des  Verbots  der  Sonntagsarbeit.
Endlich  wird  ein  Vorschlag  auf  Einführung  einer  alle  Arbeiter  umfassenden
Kranken=  und  Invaliden-Unterstützungskasse  durchberaten.

Die  ungarische  Arbeiterpartei  gewinnt  durch  diesen  Kongreß  ihre  erste
umfassende  Organisation.

12.  April.  (Dalmatien.)  In  Sebenico  fallen  Ruhestörungen
vor,  indem  die  seit  lange  aufgehetzte  kroatische  Bevölkerung  bei  Gelegenheit
  eines  von  einer  italienischen  Privatkapelle  veranstalteten,
aber  wegen  der  Spannung  in  der  Bevölkerung  abgesagten  Konzerts,
eine  italienische  Apotheke  und  einen  Kaufladen  demoliert  und  erst
nach  Einschreiten  der  Sicherheitsbehörden  mit  der  blanken  Waffe
und,  nachdem  einige  Verwundungen  stattgefunden  haben,  auseinandergetrieben
  werden  kann.

22.  April.  (Ungarn:  Anleihe.)  Abg.-Hs.:  Der  Finanzminister
  und  Ministerpräsident  Tisza  bringt  eine  Vorlage  ein,
welche  die  Regierung  zur  Aufnahme  einer  Anleihe  von  32  Millionen
Gulden  zur  Ergänzung  der  Kassenbestände  ermächtigt.

Nach  der  Begründung  des  Gesetzes  ist  die  Höhe  der  Anleihe  dadurch
bedingt  worden,  daß  aus  gewissen  vom  Staate  verwalteten  Fonds  seit  Jahren
rund  8  Millionen  durch  den  Finanzminister  Grafen  Szapary  ohne  verfassungsmäßige
  Zustimmung  des  Reichsrats  entnommen  wurden,  welche  nun
ersetzt  werden  müssen.

Das  Gesetz  wird,  nachdem  es  vom  Finanzausschusse  befür-
        <pb n="236" />
        2204  HNie  Oefterrtitisqh·Augarishe  Menarhhie.  (April  22.  -  Mai  7.)

wortet  worden,  trotz  der  heftigen  Anstrengungen  der  Opposition,  es
zu  Falle  zu  bringen,  angenommen.

22.  April—7.  Mai.  (Oesterreich:  Antrag  Schmerling.)
Herren-Hs.:  Ritter  v.  Schmerling  begründet  seinen  Antrag  (vergl.

Gesch.  Kal.  1886  X,  28.).

Er  führt  aus:  Einem  Laien  möchte  die  Prazaksche  Verordnung  wohl
als  harmlos  erscheinen,  sie  sei  aber  von  größter  Tragweite.  Sie  enthalte
eine  bedeutende  Einschränkung  der  deutschen  Geschäftssprache  und  daher  die
vielen  Kundgebungen  der  Deutschen  dagegen.  Noch  charakteristischer  aber
seien  die  Aeußerungen  aus  dem  entgegengesetzten  Lager,  dort  habe  man  deutlich
  den  Wert  des  nationalen  Zugeständnisses  gefühlt.  Um  zu  erkennen,  ob
dadurch  eine  große  Schädigung  des  Dienstes,  wie  er  meine,  hervorgerufen  sei,
möge  man  Galizien  betrachten,  wo  das  Polnische  ausschließlich  Geschäftssprache
sei.  Die  Regierung  sei  dadurch  in  der  Wahl  der  Beamten  beschränkt,  die  sie
nicht  mehr  aus  allen  Teilen  des  Reiches  nehmen  könne  und  andrerseits  sei
eine  Art  Monopol  für  einen  kleinen  Kreis  geschaffen.  Dadurch  aber  habe  trotz
aller  Anerkennung  für  den  Richterstand  in  Galizien  die  Rechtspflege  in  diesem
Lande  gelitten.  Es  fehle  der  Zufluß  frischer  Elemente;  es  erschwere  diese
rein  polnische  Rechtspflege  die  weitere  Ausbildung  des  Richterstandes  durch
die  neueste  Rechtslitteratur,  da  die  polnische  nicht  dazu  ausreiche.

Ihm,  dem  einstigen  Verteidiger  der  ungarischen  Forderungen  werde
man  nicht  den  Vorwurf  machen  können,  nach  allzu  weit  gehender  Germanisierung
  zu  streben;  er  stehe  völlig  auf  dem  Boden  des  jedem  Oesterreicher  gewährleisteten
  Rechtes  der  Uebung  und  Geltendmachung  seiner  Muttersprache.
Das  aber  habe  nichts  zu  thun  mit  der  Frage  des  innern  Dienstes.  Vorläufig
  gelte  die  Verordnung  nur  für  den  Prager  Oberlandesgerichts-Sprengel,
doch  ser  dessen  Ausdehnung  auf  den  Brünner  schon  in  Aussicht  genommen.
Wenn  ein  Strom  aber  einmal  seine  Wogen  treibe,  wo  solle  man  ihm  Halt
gebieten?  Schon  kämen  ähnliche  Forderungen  von  den  Slowenen  aus  Krain
und  Steiermark;  was  solle  gar  in  Triest  und  Dalmatien  geschehen,  wo  vier
Sprachen  mit  einander  konkurrierten!  Wenn  diese  Dinge  nur  etwas  zur
Ausführung  gelangten,  dann  sei  man  am  Turm  zu  Babel  angelangt.  Aus
der  Justizpflege  aber  würden  diese  sprachlichen  Wünsche  auch  auf  das  Gebiet
der  politischen  Administration  und  der  Finanzverwaltung  übergreifen;  wenn
nun  gar  die  Institute  der  Landwehr  und  des  Landsturmes  von  dieser  Bewegung
  ergriffen  würden!  Da  könne  man  nur  mit  Schrecken  an  die  Zukunft
  denken.

In  den  Erwägungen  zu  dem  Antrage  habe  er  geltend  gemacht,  daß
die  Verwendbarkeit  des  Richterstandes  eingeschränkt  werde.  Zwar  gäbe  es
genug  Richter,  die  der  nichtdeutschen  Sprachen  soweit  mächtig  seien,  um  die
Akten  völlig  zu  verstehen  und  einen  Vortrag  in  diesen  Sprachen  zu  halten,
aber  nicht,  um  Ausfertigungen,  öffentliche  Urkunden,  bei  denen  mit  der
größten  Gewissenhaftigkeit  und  Genauigkeit  verfahren  werden  müsse,  veranlassen
  zu  können.  Durch  die  Einführung  der  tschechischen  Dienstsprache
seien  viele  dieser  Herren  von  der  Thätigkeit,  wenigstens  in  höhern  Aemtern
ausgeschlossen.  Das  sei  gegen  Gerechtigkeit  und  Billigkeit.  Aber  auch  der
rechtliche  Stand  der  Verordnung  sei  zweifelhaft.  Die  Uebung  des  Deutschen
als  Geschäftssprache  in  Böhmen  habe  den  Charakter  eines  Gelches,  dieses
könne  in  einem  Verfassungsstaate  nur  abgeändert  werden  unter  Mitwirkung
der  Vertretungskörper.  Die  Exekutive  nähme  nach  den  Erklärungen  des
Ministerpräsidenten,  das  Recht  für  sich  in  Anspruch,  die  Geschäftssprache  zu
regeln,  Was  ist  denn  die  Exekutive:  Das  ist  die  Regierung  unter  der
        <pb n="237" />
        Sie  Gesterreichisch-  Angarische  Monarcie.  (April  22.—Mai  7.)  2200

Sanktion  der  Krone,  er  könne  es  aber  nicht  anerkennen,  daß  ein  einzelner
Minister  eine  Abänderung  eines  bestehenden  Gesetzes  vornehme.

Seine  Ausführungen  der  gerechten  Befürchtungen  über  die  Tragweite
der  in  Rede  stehenden  Verordnung  seien  dem  ihm  vor  Augen  stehenden  Reichsgedanken
  entsprungen.  An  diesem  wolle  er  festhalten.  Die  Prärogativen
des  Reiches  müßten  unangetastet  bleiben;  wir  wünschen,  daß  der  schöne  Bau,
das  Kaisertum  Oesterreich,  die  Schöpfung  hochherziger  und  weiser  Monarchen,
intakt  bleibe  und  daß  nicht  einzelne  Steine  ausgebrochen  werden,  um  den
Bau  zu  erschüttern.  Unsere  Huldigung  gilt  dem  Kaiser  von  Oesterreich,  die
Kaiserkrone  ist  es,  die  für  uns  das  Symbol  der  Macht  und  der  Größe  des
Reiches  ist.  Wir  wünschen,  daß  der  Glanz  der  Kaiserkrone  nicht  getrübt,
daß  er  nicht  in  Schatten  gestellt  werde  durch  die  Kronen  und  Herzogshüte
einzelner  Königreiche  und  Länder.  (Lebhafter  Beifall  links.)  Das  ist  unser
Gedanke,  in  diesem  Sinne,  in  patriotischem  Gefühle,  in  dynastischem  Gefühle
haben  wir  den  Antrag  eingebracht  und  empfehlen  ihn  der  Annahme  des
hohen  Hauses.  Gebhütter  Beifall  und  Händeklatschen  links.)

Ministerpräsident  Graf  Taaffe  verliest  eine  lange  Erklärung,



welche  darzuthun  versucht,  daß  die  Sprache  des  inneren  Dienstes  der
Gerichte  schon  bisher  in  Südtirol,  Dalmatien  und  Galizien  nicht  die  deutsche
ist.  Durch  die  Verordnung  werde  den  Gefahren  und  Uebelständen  vorgebeugt,
welche  mit  der  Uebersetzung  von  gerichtlichen  Entscheidungen  jederzeit  verbunden
  seien.  Die  Regierung  erachtet  den  Antrag  zwar  nicht  für  begründet,
mit  der  Einsetzung  der  Kommission  sei  aber  die  Regierung  einverstanden.
Der  Richterstand  und  die  öffentliche  Meinung  seien  mit  Rücksicht  auf  die
amtliche  Stellung  des  Antragstellers  einseitig  beeinflußt  worden.  Die  Regierung
  ersuche  daher  das  Haus,  den  Antrag  Schmerlings  möglichst  rasch  zu
erledigen  und  dadurch  die  weitere  Beirrung  der  Bevölkerung  hintanzuhalten.

Der  Antrag  wird  an  eine  Kommission  verwiesen.  Diese  nimmt
am  28.  April  einen  Antrag  des  Baron  Conrad  an,  welcher  die
Gesetzwidrigkeit  des  Prazakschen  Antrages  nicht  anerkennt,  aber  die
Regierung  auffordert,  den  von  ihr  selbst  anerkannten  bisherigen
Bestand  der  deutschen  Sprache  als  innere  Dienstsprache  fortan  unverändert
  aufrechtzuerhalten.  Ein  Antrag  des  Grafen  Falkenhayn
  hatte  die  rechtliche  und  politische  Unbedenklichkeit  des  Prazakschen
  Erlasses  auszusprechen  gefordert;  v.  Schmerling  und  Graf
Falkenhayn  halten  ihre  Anträge  als  Minoritätsvotum  aufrecht.

Bei  der  Beratung  im  Plenum  am  7.  Mai  werden  nach  sehr
lebhaften  Erörterungen,  in  welchen  Minister  v.  Prazak  erklärt,
daß  die  Regierung  den  Unterschied  der  Gerichts=  und  der  innern
Dienstsprache  bestimmt  aufrechterhalte,  daß  ein  so  entwickeltes  Volk
wie  das  tschechische  nicht  mit  Uebersetzungen  abgefertigt  werden  könne
und  der  Kaiser  keine  bevorzugten  Nationalitäten  kenne,  der  Antrag
Conrad  und  Schmerling  abgelehnt,  dagegen  der  Antrag  Falkenhayn
angenommen.

Der  oberste  Gerichtshof  erkennt,  daß  die  von  der  Regieru#n##
        <pb n="238" />
        220f  Hie  Geserreichisch-  Angerische  Moenarchie.  (April  26.—  Mai  2.  J.)

verfügte  Aufhebung  einer  großen  Anzahl  von  Zustimmungskundgebungen
  von  Städten  und  Gemeinden  zu  dem  Schmerlingschen  Antrage,
  ein  verfassungswidriger  Eingriff  in  das  gewährleistete  Recht
der  Gemeinden  zu  freier  Meinungsäußerung  sei.

26.  April—26.  bzw.  27.  Mai.  (Oesterreich.)  Abg.-Hs.:
Budgetberatung  2.  u  3.  Lesung.

Nach  der  Annahme  des  Finanzgesetzes  find  die  Etatszahlen  für  die
Staatsausgaben  auf  537.221,802  fl.,  die  Einnahmen  auf  509.546,594  fl.
festgesetzt;  mithin  bleibt  ein  Fehlbetrag  von  27.675,268  fl.

In  das  Defizit  sind  die  vom  Reichsrate  bewilligten  12  Mill.  für
Ausrüstung  der  Landwehr  und  des  Landsturmes  eingerechnet,  dagegen  noch
nicht  die  36  Mill.  an  auf  Oesterreich  entfallender  Quote  von  den  durch
die  Delegationen  bewilligten  67½  Mill.  außerordentlichen  Heereskredits  un
5.368,000  fl.  Ausgaben  für  die  Staatseisenbahnen.  Demgegenüber  kommt
ein  Betrag  von  1.700,000  fl.  an  ;  ktien  der  Franz-Josephs-Bahn  aus
dem  Besitze  der  Westbahn  in  Ansatz,  sodaß  das  thatsächliche  Defizit  auf
67.343,268  fl.  steigt.

29.  April.  (Ungarn:  Zoll=  und  Handelsbündnis  mit
Oesterreich)  Nachdem  die  langwierigen  Verhandlungen  zwischen
der  österreichischen  und  ungarischen  Regierung  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886)
dazu  geführt  haben,  daß  Ungarn  den  vom  österreichischen  Abgeordneten-Hause
  beschlossenen  Zollsatz  für  Petroleum  annimmt  und  nachdem
  das  Gesetz  von  beiden  Häusern  des  österreichischen  Reichsrats
und  dem  ungarischen  Herrenhause  genehmigt  worden,  erteilt  demselben
  und  dem  damit  in  Zusammenhang  stehenden  Zolltarifgesetze
auch  das  Abgeordnetenhaus  seine  Zustimmung.

2.—3.  Mai.  (Oesterreich:  Dispositionsfonds.)  Abg.-=Hs.:
  Bei  der  Beratung  über  das  Spezialbudget  des  Ministeriums
des  Innern  gibt  der  Titel  2  „Dispositionsfonds“  Gelegenheit  zu
einer  sehr  heftigen  Debatte.

Abg.  Neuwirth  (deutscher  Klub)  spricht  gegen  den  Posten.  Er  bezeichnet
  denselben  als  eine  Vertrauenssache.  Darum  müsse  man  genau  wissen,
wem  dieser  Posten  votiert  werden  solle,  welche  Ziele  diese  Regierung  verfolge.
Das  habe  der  Finanzminister  am  29.  April  bei  der  Generaldebatte  über  das
Budget  dargethan,  als  er  sagte:  „Man  wirft  uns  ja  oft  vor,  wir  nennen
uns  eine  Regierung  über  den  Parteien  und  auch  einigen  hochgeehrten  Freunden
  von  der  Rechten  will  dieser  Ausdruck  nicht  behagen..  Wenn  ich  aber
ser.  ich  stehe  über  den  Porteien  und  es  so  aufgenommen  wird,  daß  ich  mich
ür  ein  höheres  Wesen  betrachte,  so  begreife  ich,  daß  man  dieß  übel  nimmt.
Das  habe  ich  aber  nie  gesagt.“  Der  Minister  habe  damit  also  ausdrücklich
erklärt,  die  Regierung  stehe  nicht  über  den  Parteien.  Das  aber  widerspreche
direkt  früheren  Aeußerungen  des  Ministers,  z.  B.  vom  21.  Mai  1886,  wo
er  erklärte:  „Ich  muß  mich  ein  für  alle  Mal  ausdrücklich  verwahren  gegen
eine  gewisse  Unterstellung,  die  den  öffentlichen  Blättern  erlaubt  ist,  die  aber
nicht  gemacht  werden  sollte,  indem  man  von  einem  Regime  Taaffe-Dunaewski
  spricht;  ich  kenne  nur  einen  Chef  des  Ministeriums  und  ich  folge
Eirn  Programme."“  Damit  sei  also  die  Solidarität  der  Minister  ausge-
        <pb n="239" />
        Bie  Gesterreithisch-Angerische  Menarsie.  (Mai  2.—3.)  221

sprochen,  der  Ministerpräsident  aber  habe  zweimal  direkt  erklärt:  „Die  Regierung
  stehe  über  den  Parteien.“  So  frage  er  nun:  Steht  Graf  Taaffe
noch  über  den  Parteien,  wo  Dr.  Dunajewski  nicht  stehen  will!  Er  wolle
diesem  Widerspruche  nicht  weiter  vachgehen,  aber  einer  solchen  Regierung
könne  er  nie  und  nimmer  eine  Summe  bewilligen,  die  den  Charakter  einer
Vertrauenssumme  habe.  Denn  dieses  Ministerium  habe  auf  sein  Vertrauen
keinen  Anspruch,  sondern  lediglich  auf  sein  Mißtrauen.

Ministerpräsident  Graf  Taaffe  führt  hiergegen  aus:  Als  er  das
erste  Mal  den  Ausspruch,  er  stehe  über  den  Parteien,  gethan,  habe  er  einem
neuen  Reichsrate  gegenüber  gestanden,  der  eine  fest  Majorität  noch  nicht  besessen
  habe,  es  war  also  nur  ein  Abwarten  der  sich  entwickelnden  Parteikonstellation.
  Man  müsse  zwischen  Regierung  und  Verwaltung  einerseits
und  der  Gesetzgebung  anderseits  unterscheiden.  In  ersterer  müsse  die  Regierung
  unparteiisch  sein,  aber  in  der  Gesetzgebung  schlechterdings  auf  eine
Partei  sich  süßen,

Hierauf  ergreift  Abg.  Weber  (ultramont.)  das  Wort  zu  einem  heftigen
  Angriffe  auf  den  Unterrichtsminister:  Er  erklärt,  daß  ihn  sein  Gewissen
als  katholischer  Friester  zwinge,  die  Ungerechtigkeiten,  mit  welchen  das  böhmische
  Volk  in  Mähren  fast  erdrückt  werde,  aufzudecken  und  auf  das  entschiedenste
  zu  verlangen,  daß  demselben  das  zu  Teil  werde,  was  ihm  nach
Gott  und  Völkerrecht  gebühre.  Das  böhmische  Volk  hat  für  die  riefigen
Opfer  an  Geld  und  Blut  verlangt,  daß  auf  die  Geldzeichen  der  Bank  zwei
böhmische  Worte  gesetzt  werden,  und  was  alle  früheren  Regierungen  als  selbstverständlich
  erachteten,  was  das  Bach'sche  Regiment  mit  seinen  Husaren  nicht
anzutasten  wagte,  was  sogar  die  revolutionäre  Regierung  eines  Kossuth  gethan
  hat,  ist  für  unsere  Regierung  ein  Chimborasso,  den  sie  nicht  übersteigen
kann.  Kann  man  dies  die  Durchführung  einer  Gleichberechtigung  nennen
oder  ist  dies  nicht  vielmehr  eine  Provokation?  Man  sagt,  die  Herren
Magyaren  wollen  dies  nicht.  Sollen  wir  denn  schon  alles  thun,  was  die
Herren  Magyaren  wollen,  aben  wir  es  schon  dahin  gebracht,  daß  das  ungarische
  Ministerium  unsere  Regierung  ist?  Redner  erörtert  hierauf  die  Schulverhältnisse
  in  Mähren.  Wie  überall,  so  arbeitet  auch  bei  uns  der  Liberalismus
  an  der  Vernichtung  des  Katholizismus.  Der  Kampf  um  die  Schule
ist  die  entscheidende  Schlacht.  Das  katholische  Gymnafium  in  dem  katholischen
  Freiberg  sollte  nach  christlichen  Grundsätzen  eingerichtet  sein,  es  war
dazu  bestimmt,  eine  kat  glisch-bohmise  Intelligenz  zu  schaffen.  Die  jüdischliberale
  kapitalistische  Großmacht  setzte  alle  ihre  Hebel  in  Bewegung,  um
das  verhaßte  Projekt  im  Keime  zu  vernichten,  und  es  it  ihr  gelungen  mit
Hilfe  des  katholischen  Unterrichtsministers  eines  katholischen  Staates.  Ich
rufe  dem  Unterrichtsminister  Paul  Edlen  v.  Frankenthurn  die  Worte  des
Erlösers  ins  Gedächtnis:  Paule!  Paule!  Quid  me  persequeris!  Den  Superlativ
  der  Gewaltthätigkeit  erreicht  zu  haben,  war  diesem  Unterrichtsminister
  vorbehalten.  Wenn  ich  das  Geld  hätte,  möchte  ich  ihm  eine  Säule  errichten
  mit  der  Aufschrift:  Omar  II.  Se.  Exzellenz  hat  einen  Landesschulrat
nach  Waloachisch-Meseritsch  mit  dem  Auftrage  -  die  Schüler  aufs  unbarmherzigste
  zu  prüfen.  Der  Landesschulrat  that  dies;  natürlich  find  alle
Schüler  Trottel  und  müssen  von  der  Anstalt  weg,  die  Parallelklassen  werden
aufgehoben  und  der  Unterrichtsminister  unterbreitet  seinem  Kollegen  600  fl.
als  Beitrag  zum  schönen  Maifest  der  Versöhnung  der  Völker.  Ich  glaube,
wenn  man  den  Auftrag  erteilt  hätte,  Se.  Exzellenz  und  den  Landesschulrat
zu  prüfen,  ob  wir  nicht  in  der  Lage  wären,  den  Verlust  des  Herrn  Unterrichtsministers
  und  Landesschulrates  unter  Thränenströmen  zu  beweinen.  Der
Minister  erklärt,  das  Bedürfnis,  Mittelschulen  zu  errichten,  richte  sich  nicht
nach  der  Zahl  der  Bevölkerung,  sondern  nach  den  wirtschaftlichen  und  sozia-
        <pb n="240" />
        222  Bie  Gesierreichis-Angerische  Menartie.  (Mai  2.—3.)

len  Verhältnissen.  Höre  es,  o  böhmisches  Volk  im  Königreich  Böhmen  und
den  Nebenländern!  Deine  wirtschaftlichen  und  sozialen  Zustände  sind  so  erbärmlich,
  daß  du  nicht  würdig  bist,  zu  den  anderen  Völkern  Sr.  Majestät
als  ebenbürtig  gezählt  zu  werden!  Der  Minister-Präsident  erklärt,  er  kenne
keine  Volker  zweiter  Kategorie,  und  der  Unterrichtsminister  drückt  dem  böhmischen
  Volksstamme  unter  dem  Gejauchze  der  Linken  das  Kainzszeichen  der
inferioren  Rasse  auf  die  Stirne.  Der  Steuergulden  dieser  Rasse  non  olet,
ihr  Blut  non  olet,  aber  fie  soll  nicht  einmal  ihren  letzten  übriggebliebenen
Kreuzer  auf  die  Erziehung  der  Kinder  verwenden  dürfen.  Schöne  Gegend!
Schöne  Zeiten!  Und  wenn  es  so  fortgeht,  dann  werden  wir  Böhmen  in
Mähren  den  Böhmen  im  Königreiche  bald  zurufen:  Morituri  vos  salutamus.
Vielleicht  wird  es  unter  einem  andern  Un.errichtsminister  besser  werden.
Dieser  ist  der  Totengräber  unserer  Schulen.  Zu  seinen  Füßen  erheben  sich
die  Grabhügel  von  Wischau,  Freiberg  und  Kremsier,  an  denen  die  verwaisten
Musenkinder  von  Walachisch-Meseritsch  ihre  Klagen  erheben.  Unterdessen
werde  ich  zu  Gott  beten  um  die  Bekehrung  der  Sünder.

Am  folgenden  Tage  spricht  der  Slowene  Gregorec:  Die  Bewilligung
des  Dispositionsfonds  ist  ein  Bertrauensvotum  für  das  Ministerium,  welches
jetzt  im  Amte  steht.  Im  Jahre  1880  haben  meine  slowenischen  Wähler  ein
großes  Vertrauen  zu  dieser  Regierung  gehabt,  aber  jetzt  haben  sie  bedeutend
davon  verloren.  Wenn  ich  aber  gleichwohl  für  die  Bewilligung  des  Dispositionsfonds
  spreche  und  stimme,  so  thue  ich  das  deshalb,  weil  ich  dieses
Ministerium  als  ein  Vorbereitungs-,  als  ein  Uebergangs-Ministerium  zu
demjenigen  betrachte,  welches  dereinst  berufen  sein  wird,  Oesterreich  jene  Organisation
  zu  geben,  welche  für  die  Völker  und  Länder  des  Reiches  entsprechend
  ist;  ein  liberales  Ministerium  darf  nicht  mehr  kommen.  Ich  werde
auch  deshalb  für  den  Dispositionsfonds  stimmen,  weil  ich  die  großen  Resultate
  anerkennen  muß,  welche  sich  die  Regierung  unstreitig  für  die  Purifizierung
  unseres  Parteiwesens  in  Oesterreich  erworben  hat.  Die  übermütige
Verfassungspartei  liegt  in  Trümmern,  aber  auch  die  vereinigte  Linke  ist  in
völliger  Auflösung  begriffen.  Gegen  die  Zoll-Union  mit  Deutschland  muß
ich  mich  verwahren,  denn  sie  wäre  der  Ruin  unserer  gesamten  Agrikultur,
sie  bedeutet  den  Anfang  vom  Ende  Oesterreichs  —  die  Annexion,  und  das
hat  man  ja  auch  gesagt.  (Widerspruch.)  Ich  bitte,  es  wurde  gesagt,  daß
Oesterreich  mit  Deutschland  zusammenwachsen  sollte.  Das  würde  einen  schönen
Zwitter  geben,  eine  Mißgeburt,  gegen  welche  ich  protestiere.  Als  ich  den
Abgeordneten  aus  Marburg  (Ausserer)  horte,  da  meinte  ich,  daß  er  vielleicht
geglaubt  habe,  in  einer  Weinstube  in  Marburg  zu  sitzen.  (Laute  Oho-Rufe
links.)  Er  hat  die  Slowenen  als  inferiore  Nation  bezeichnet.  Wir  haben
geglaubt,  daß  er  sich  in  diesem  Hause  wenigstens  mäßigen  werde.  Er  hat
auch  uns  Slowenen  beschimpft,  indem  er  uns  Windische  nannte.  Das  Wort
hat  dieselbe  Bedeutung  wie  das  Wort  „Schwab“  im  Munde  eines  aufgeblasenen
  Ungarn.  Er  hat  dann  eine  Geschichte  aus  Cilli  erzählt,  wo  man
einem  Angeklagten  einen  Akt  in  neuflowenischer  Sprache  vorgelesen,  welche
dieser  nicht  verstanden  hat.  Aber  der  Betreffende  hat  eben  auch  nicht  Deutsch
verstanden,  und  das  ist  der  Erfolg  Ihrer  germanisierenden  Volksschule.  In
dieser  lernt  man  weder  Deutsch  noch  Slowenisch,  da  lernt  man  gar  keine
Sprache.  Der  Abg.  Ausserer  spricht  von  einem  Schiffe,  das  leck  geworden
  und  im  Begriffe  ist,  unterzugehen,  und  das  ist  ihm  Oesterreich.  Ich
habe  immer  gehört,  daß  es  ein  unwiderleglicher  Beweis  dafür  ist,  daß,  wenn
ein  Schiff  zu  Grunde  geht,  die  Ratten  das  Schiff  verlassen.  So  viel  ich
aber  sehe,  wollen  diese  Ratten,  die  hier  in  Oesterreich  sind  ..  .  (Rufe  links:
Wer  sind  die  Ratten?),  dieses  Schiff  noch  durchaus  nicht  verlafsen  (erneuerte
Rufe  links:  Wer  sind  die  Ratten?  Die  Slowenen  oder  Deutschen?  Rufe
        <pb n="241" />
        Die  Oefterreithish  ·Angarische  Mosarcie.  (Mai  8.)  223

rechts:  Ruhe!),  und  deswegen,  meine  ich,  wird  Oesterreich  noch  lange  bestehen.
(Abg.  Prade:  „Wer  sind  die  Ratten?“  Rufe  rechts:  „Ruhe!“  Rufe  links:
„Das  können  wir  doch  fragen!“  Rufe  rechts:  „Ruhe!“  Prade:  „Er  soll's
sagen,  wenn  er  die  Kourage  hat.“  Abg.  Foregger:  „Wenn  er  einen  beleidigenden
  Vergleich  zieht,  kann  man  ihn  wohl  fragen.“  Abg.  v.  Tonkli:
„Sie  sind  nicht  Krästdent11)  Es  ist  in  diesem  Hause  vor  kurzem  gesagt
worden,  daß  der  Dualismus  ein  Verbrechen  an  der  Reichseinheit  ist.  Dieser
Ausdruck  ist  scharf,  aber  zutreffend.  Der  Dualismus  ist  eine  Negation  der
Gleichberechtigung.  Er  schafft  zwei  große  Kerker,  in  welchen  die  Deutschen
und  Magyaren  zu  Kerkermeistern  bestellt  sind.  Graf  Taaffe  hat  den  Dualismus
  nicht  geschaffen,  und  wir  haben  darüber  nachzudenken,  daß  der  Dualismus
  beseitigt  und  die  Reichseinheit  wieder  hergestellt  werde.  (Hört!  hört!
links.)  Wir  Südflawen  glauben,  daß  die  Tage  des  Dualismus  bereits  gezählt
  sind  (Hört!  hört!  links),  und  hoffen,  daß  der  magyarische  Chauvinismus
  aus  den  Angeln  gehoben  werden  wird.  Es  ist  dazu  nur  notwendig,
daß  Oesterreich  nicht  mehr  ein  zweites  Mal  Frankreich  niederwerfen  läßt
(Hört!  Hört!  links),  und  daß  es  seine  Machtsphäre  nach  Salonichi  hinunter
ausdehne  und  ein  südflawisches  Verwaltungsgebiet  schaffe,  welches  mächtig
genug  ist,  den  Magyaren  Halt  zu  gebieten.  Die  zweite  Ursache  des  nationalen
  Streites  ist  die  Länder-Autonomie  mit  ihrer  ungerechten  Wahlordnung.
Sie  ist  das  Prinzip  des  Zwanges  und  der  Vergewaltigung,  sie  ist  die  kssac
des  Krieges  Aller  gegen  Alle.  Man  trenne  die  Streitenden,  man  verhüte,
daß  die  Deutschen  in  Angelegenheiten  der  Slawen,  daß  die  Böhmen  in
Schulfragen  der  Deutschen  beschließend  dreinreden.  Jeder  Volksstamm  soll
selbst  Richter  sein  in  seinen  nationalen  Fragen.  Man  schaffe  also  für  jede
einzelne  Nation  ein  nationales  Verwaltungsgebiet,  dann  wird  der  Streit
aufhören.  (Zustimmung  links.)  Deshalb  ist  das  einzige  Mittel,  dem  nationalen
  Streite  ein  Ende  zu  machen,  die  nationale  Völker-Autonomie.  Wir
Slowenen  streben  nach  der  Verwirklichung  eines  eigenen  slowenischen  Verwaltungsgebietes,
  wir  werden  daher  zur  geeigneten  Zeit  mit  den  bezüglichen
Anträgen  vor  das  Haus  treten.  Wir  schränken  unsere  Forderungen  fortwährend
  ein  und  hoffen,  daß  wenigstens  das  wenige  erreicht  werden  wird.
Wir  stehen  zur  Regierung  in  allen  wesentlichen  Abstimmungen  heldenmütiger
wie  alle  Mameluken.  (Ironischer  Beifall  und  Händeklatschen  links.)  Dafür
werden  wir  aber  um  so  ernster  das  fordern,  was  wir  zur  Wahrung  und
Pflege  unserer  Nationalität  haben  müssen.  Der  Minister-Präsident  hat  einmal
  gesagt!  Die  Slawen  werden  so  lange  keine  Ruhe  geben,  bis  sie  das  erreicht
  haben,  was  ihnen  gebührt.  Ich  wünschte,  daß  den  Worten  nunmehr
auch  die  That  folgen  möge.

3.  Mai.  (Oesterreich:  Anarchistenprozeß.)  Der  Bäckergeselle
  Hajek  wird  wegen  Hochverrats  und  Störung  der  öffentlichen
Ruhe,  der  Perlmutterdrechsler  Markowitsch  wegen  Beihilfe  dazu
durch  Verhehlung,  der  erste  zu  4  Jahren,  der  letzte  zu  8  Monaten
schweren  Kerkers  verurteilt.

Hajek  hatte  im  August  und  September  1886  in  Wien  und  den  Vororten
  auf  den  Straßen  zahlreiche  Exemplare  eines  Flugblattes  ausgestreut
und  angeklebt,  welches  die  Aufschrift  trug:  „Im  August  1886.  Lebenszeichen
der  Anarchisten.  Arbeiter!  Brüder!"  und  schloß:  „Es  lebe  die  soziale  Revolution!
  Hoch  die  Anarchie!  Warnung:  Denunzianten  werden  vernichtet.“
Der  Inhalt  dieser  Flugschrift  bestand  aus  Aufreizungen  gegen  die  Staatsgewalt
  und  die  besitzenden  Klassen,  wobei  auf  Gift  und  Dolch  als  die  einzige
  Lösung  der  sozialen  Frage  hingewiesen  wurde.  Außerdem  enthielt  das
        <pb n="242" />
        224  Hie  Geserreisic-Mugarilte  Messrsie.  (Mai  4.—13.)

Flugblatt  Majestäts-Beleidigungen,  sowie  Anpreisungen  der  Thaten  Stellmachers
  und  Kammerers.

4.  bezw.  16.  Mai.  (Ungarn.)  Abg.-Hs.:  genehmigt  in
3.  Lesung  das  Gesetz  betreffend  die  Aufnahme  eines  Anlehens  von
32  Millionen  Gulden  zur  Ergänzung  der  Reservebestände  der  Staatskassen.
  Am  16.  erfolgt  die  Annahme  im  Oberhause.

9.  Mai.  (Ungarn.)  Die  in  Hermannstadt  tagende  Rumänenkonferenz
  beschließt,  das  Programm  von  1881  bis  1884
beizubehalten,  doch  dahin  zu  erweitern,  daß  die  Rumänen  nicht  nur
gegen  von  der  Staatsgewalt  unternommene,  sondern  auch  gegen  jedwede
  Magyarisierungsbestrebungen  kämpfen  wollen.  Durch  eine
Deputation  soll  ein  diese  Beschlüsse  begründendes  Memorandum
dem  Könige  überreicht  und  ein  Komitee  aus  11  Mitgliedern  für
die  folgenden  5  Jahre  gewählt  werden.

9.  Mai.  (Böhmen:  Tschechenexzeß.)  Eine  Menge  von
etwa  50  Personen  bewirft  das  Kneiplokal  einer  deutschen  Studentenverbindung
  in  Prag  nach  der  Uhlandfeier  des  Nachts  mit  Steinen
und  zertrümmert  die  Fenster  in  demselben.  Nur  ein  Unruhestifter
wird  zur  Haft  gebracht.

10.  Mai.  (Oesterreich:  Die  Tschechen  und  der  Unterrichtsminister.)
  Im  Abg.-Hse.  greift  bei  der  Spezialdebatte  des
Budgets  über  das  Unterrichtsministerium,  Titel  Zentralleitung,  der
mährische  Tscheche  Zaczek  den  Unterrichtsminister  heftig  an  und

ird  die  Veranlassung  zu  einem  stürmischen  Auftritte.

13.  bezw.  14.  Mai.  (Oesterreich-Ungarn:  Ausgleich.)
Nach  langwierigen  Verhandlungen  der  beiden  Ouotendeputationen
  hatten  sich  dieselben  endlich  dahin  geeinigt,  einfach  die  Verlängerung
  des  Status  quo  vorzuschlagen  und  zwar  aus  folgenden
im  Protokolle  der  gemeinsamen  Schlußsitzung  am  20.  April  angeführten
  Gründen:

„Nachdem  die  reichsrätliche  Deputation  den  von  Seite  der  ungarischen
Deputation  ausgesprochenen  Wunsch  nach  Beseitigung  des  im  Gesetzartikel  4
vom  Jahre  1872  (österreichisches  Gesetz  vom  8.  Juni  1871,  R#Bl.  49)  festgestellten
  zweiperzentigen  Präzipuums  und  Berechnung  einer  einheitlichen  Quote
für  die  gesamten  Länder  der  ungarischen  Krone  nicht  nur  vom  staatsrechtlichen
  Standpunkte  als  berechtigt  anerkannte,  sondern  auch  zu  dessen  Realiftruno
  die  Hand  zu  bieten  bereit  war,  vorausgesetzt,  daß  eine  in  Gesetzesorm
  gekleidete  Garantie  geboten  werden  könnte,  daß  in  Folge  einer  solchen
Beseitigung  des  Präzipuums  den  im  Reichsrate  vertretenen  Königreichen  und
Ländern  nicht  nur  innerhalb  der  nächsten  zehn  Jahre,  sondern  überhaupt
ein  materieller  Nachteil  gegen  dem  Status  quo  nicht  erwachsen  werde,  eine
socche  für  beide  Teile  annehmbare  und  beruhigende,  zugleich  aber  auch  mit
em  Ausgleichsgesetze  in  vollem  Einklange  stehende  Garantie  jedoch  trotz  eif-
        <pb n="243" />
        Sie  Getkterreichisc-Aungerische  Monarckie.  (Mai  27.—Juni  4.)  225

rigsten  Bemühens  von  beiden  Seiten  nicht  gefunden  werden  konnte;  nachdem
ferner  für  die  Berechnung  der  Quote  präzise  gesetzliche  Normen  nicht  existieren
  und  auch  beide  Deputationen  sich  über  eine  feste  Bafis  für  die  Berechnung
  der  Ouote  nicht  einigen  konnten,  haben  dieselben,  um  die  Anwendung
  des  für  diesen  äußersten  Fall  im  Gesetze  vorhergesehenen,  jedoch  vom
konstitutionellen  Standpunkte  nicht  wünschenswerten  Mittels  zu  vermeiden,
sich  dahin  geeinigt,  von  allen  speziellen  Berechnungen  abzusehen  und  lediglich
unter  allgemeiner  Inbetrachtnahme  der  für  die  Jahre  1876  bis  inklufive
1885  vorliegenden  Daten,  ohne  Präjudiz  für  die  Zukunft,  die  Aufrechthaltung
  des  gegenwärtig  zu  Recht  bestehenden  Zustandes  auf  weitere  10  Jahre
in  Vorschlag  zu  bringen."“

Bei  der  Verhandlung  im  österreichischen  Abgeordnetenhaufe
wird  am  13.,  im  ungarischen  am  14.  Mai  dem  Vorschlage  zugestimmt.


18.  Mai.  (Oesterreich:  Auflösung  des  Tschechenklubs.)
Dr.  Rieger,  der  Leiter  des  Cesky-Klub,  erklärt  denselben  auf  Grund
eines  Klubbeschlusses  vom  16.,  welcher  ihn  aufforderte,  eine  Rekonstruktion
  desselben  vorzunehmen,  für  aufgelöst.

Den  Anlaß  bietet  der  Gegensatz  zu  den  Jungtschechen  unter  Gregrs
Führung.  Dieser  hatte  sich  mit  4  andern  geweigert  in  der  Klubsitzung
eine  Vertrauenskundgebung  für  Rieger  zu  unterzeichnen.  Hierauf  hatten
51  Mitglieder  des  Klubs  eine  Kundgebung  veröffentlicht,  worin  sie  sich
über  die  beleidigenden  und  subversiven  Schritte  der  Jungtschechen  beschwerten.
  Der  Angriff  Gregrs  wird  als  unwürdig  und  unpatriotif
bezeichnet,  und  der  Wunsch  ausgesprochen,  „der  geliebte“  Führer  möge  no
lange  Jahre  ohne  auf  das  Gespött  „niedriger  Charaktere“  zu  achten,
„an  der  Spitze  der  Nation  vorschreiten.  —  Der  letzte  innere  Grund
zu  dem  Zerwürfnis  aber  wird  in  einem  Drängen  der  Feudalen  in  Verbindung
  mit  der  Regierung  gesucht,  weil  das  jungtschechische  Treiben  den  Cesky-Klub
  als  Staatspartei  unmöglich  zu  machen  drohe.

Die  Rekonstruktion  des  Klubs  besteht  einfach  in  einem  Ausschlusse
der  5  Jungtschechen,  unter  denen  außer  Gregr,  Graf  Kaunitz  die  hervorragendste
  Persönlichkeit  ist.  «

Gregrveröffentlichthieraufinden»NarodniListy«eine  lange  Erklärung,
  in  welcher  er  sagt:  Was  den  Ausdruck  des  Vertrauens  zu  Rieger
betrifft,  wolle  er  sich  demselben  anschließen,  und  er  würde  denselben  gern
unterschreiben,  aber  nur  insoweit,  als  es  sich  um  den  Patriotismus  und  viele
andere  Eigenschaften  Riegers  handle.  Nur  zu  der  Ansicht  könne  er  sich
vigt  bekennen,  daß  Rieger  ein  guter  und  glücklicher  Politiker  sei.  Denn
dafür  seien  ja  die  kläglichen  Mizerfolge  der  tschechischen  Bestrebungen,  für
welche  doch  Rieger  in  erster  Linie  verantwortlich  sei,  der  beste  Beweis.
Gregr  kommt  dann  auf  den  von  ihm  der  Oeffentlichkeit  übergebenen  bekannten
  Ausspruch  Riegers  im  Tschechen-Klub  zu  sprechen  und  sagt,  daß  er  sich
durch  diese  Veröffentlichung  nicht  gegen  die  Klubstatuten  vergangen  habe,
welche  für  die  Geheimhaltung  der  Klubvorgänge  eine  besondere  Beschlußfassung
  vorschreiben,  was  in  dem  vorliegenden  Falle  nicht  geschehen  sei.
Jeder  Abgeordnete  sei  daher  berechtigt  gewesen,  die  Worte  Riegers  weiter
zu  erzählen.  Uebrigens  sei  das  9—  ihn  nur  Nebensache.  „Denn  sobald  es

 

sich  um  den  Vorteil  des  Volkes  handle,  sobald  es  darum  gehe,  einer  nationalen
  Schädigung  vorzubeugen,  find  für  mich,“  sagt  Gregr,  „Formalitäten
nichts  Anderes  als  bloßer  Rauch,  und  im  vorliegenden  Falle  habe  ich  es

Europ.  Geschichtskalender.  IXVIII.  Bd  15
        <pb n="244" />
        226  Die  Oeferreithisq  ·  Ingarishe  Moenarchie.  (Mai  20.)

für  patriotische  Pflicht  erachtet,  den  unglücklichen  Ausspruch  Riegers  gleich
im  ersten  Moment  abzuschwächen,  zu  widerlegen  und  womöglich  unschädlich
zu  machen.  Denn  der  Ausspruch  Riegers  wäre  nicht  geheim  geblieben.
Gethan  vor  sämmtlichen  Ageordneten,  wäre  er  durch  dieselben  im  ganzen
Vaterlande  verbreitet  worden,  und  so  mancher  Abgeordnete  hätte  um  die
Unfruchtbarheit,  Lauheit  und  Erfolglosigkeit  der  derzeitigen  tschechischen  Politik
u  rechtfertigen,  ganz  einfach  den  Ausspruch  Riegers  zitiert,  „daß  wir  die
Brosamen  unseres  Rechtes  unterm  Tische  auflesen  müssen.“  Wäre  dieser
Ausspruch  von  einem  anderen  tschechischen  Abgeordneten  gethan  worden,  so
wäre  es  wohl  ein  Beweis  von  der  verzweifelten  Resignation  des  Betreffenden,
  hätte  aber  im  Volke  nichts  zu  bedeuten.  Wenn  aber  solche  Worte  aus
dem  Munde  des  Führers  der  Nation  kämen,  wenn  dieser  Ausspruch  als
Moti#  für  das  politische  Verhalten  der  tschechischen  Abgeordneten,  als  Regulativ
  für  die  ganze  tschechische  Politik  gebraucht  werde,  dann  werde  ein  solcher
  Ausspruch  ein  Losungswort  für  jenen  Teil  des  Tschechenvolkes,  welcher
gewohnt  ist,  blindlings  der  Autorität  Riegers  zu  glauben,  und  darin  liege
die  Hauptgefahr  für  die  nationale  Sache.  Rieger  habe  bereits  mehrere  solche
Schlagworte  ins  Volk  gesendet,  die  schädlich  wirken;  so  den  Ausspruch,  daß
jeder  gebildete  Tscheche  Deutsch  können  müsse.  Der  Ausspruch  Riegers  vom
Auflesen  der  Brosamen  unter  dem  Tische  müsse  den  lezten  Rest  von  Entschlossenheit
  im  Tschechenvolke  schwinden  machen  und  das  Volk  zu  stumpfer
  Resignation  und  Verzweiflung  bringen.  Gregr  habe  es  daher  für  seine
Pflicht  angesehen,  dafür  zu  sergen  daß  das  verderbliche  Gift,  welches  aus
einem  solchen  Ausspruche  fließe,  neutralisiert  werde,  ehe  es  in  weiteren  Kreisen
  gewirkt.  Das  habe  nicht  anders  als  im  Wege  der  Oeffentlichkeit  geschehen
  können.  Wenn  gesagt  werde,  Rieger  habe  den  Ausspruch  nicht  so
gemeint,  so  müsse  Gregr  erwidern,  daß  die  Interpretation  erst  nach  erfolgter
  Veröffentlichung  gegeben  wurde,  daß  also  die  Abschwächung  des  Ausspruches
  ein  Erfolg  dieser  Veröffentlichung  war.  Die  Pflicht  Riegers  war
es,  diese  Interpretation  auch  öffentlich  vor  der  ganzen  Nation  zu  geben.
20.  Mai.  (Kroatien:  Parteibildung.)  Verschiedene  Zeitungen
  veröffentlichen  das  Programm  einer  neugebildeten  „kroatischen
selbständigen  Serbenpartei“.  Dasselbe  gipfelt  in  folgenden  Punkten:
Wahrung  der  (erbisch-nationalen  Individualität,  der  Kirchen=  und
Schul-Autonomie  auf  Grund  der  Privilegien;  Revision  des  Schulgesetzes  zur
Sicherung  der  serbischen  Schulen  und  materielle  Unterstützung  für  dieselben,
sowie  für  die  übrigen  serbischen  Kultur-Institutionen.  Die  aus  Landesmitteln
  gewährten  Unterstühungen  des  serbischen  Klerus  sollen  nicht  durch  die
Regierung,  sondern  im  Wege  der  kirchlichen  Behörden  verteilt  werden.  Die
vollständige  Gleichberechtigung  der  Cyrillschrift  soll  derart  durchgeführt  werden,
  daß  wo  Serben  die  Majorität  haben,  diese  Schrift  für  die  Amtierung
vorgeschrieben  sei.  Das  Programm  betont  dann  die  Verteidigung  des  Ausgleichsgesetzes
  als  paritätisch  abgeschlossenen  zweiseitig  verbindlichen  Vertrages,
  ferner  die  Verteidigung  aller  freiheitlichen  Institutionen,  insbesondere
der  Preß-,  Wahl-,  Versammlungsfreiheit  und  der  richterlichen  Unabhängigkeit.
  In  national-ökonomischer  Beziehung  werden  in  Bezug  auf  den  gemeinsamen
  Reichstag  größere  Sparsamkeit  und  die  Hintanhaltung  von  Steuer-Erhöhungen
  gefordert.  Das  Programm  erklärt,  daß  die  Partei  selbständig
vorgehen  werde,  während  die  Serben  im  Landtage  entgegen  den  Beschlüssen
der  Rumaer  Versammlung  in  die  Nationalpartei  eintraten  und  durch  ihr
Verhalten  die  Kluft  zwischen  Kroaten  und  Serben  erweiterten.  Die  selbständige
  Serbenpartei  werde  mit  jeder  Oppofition  ins  Einvernehmen  treten,
welche  den  Prinzipien  des  Programms  am  nächsten  stehe.  Das  in  letzter
        <pb n="245" />
        Lie  Gekerreichis-Augurische  Monarcie.  (Mai  21.)  227

Session  beschlossene  Serbengesetz  wird  als  den  Wünschen  der  Serben  nicht
entsprechend  und  die  Landes-Autonomie  schädigend  hingestellt.  Schließlich
wird  aufgefordert,  schleunigst  Wahlausschüsse  zu  organiieren  und  sich  mit
dem  Agramer  Zentral-Ausschuß  in  Verbindung  zu  setzen.

21.  Mai.  (Ungarn:  Heeressprache.)  Nachdem  der  Petitions-Ausschuß
  des  Abgeordnetenhauses  über  die  von  der  akademischen
  Jugend  der  Pester  Universität  an  das  Abgeordnetenhaus  gerichtete
  und  von  seiten  der  Studierenden  der  Rechtsakademien  zu
Marmaros-Sziget,  Großwardein,  Kecskemet,  Erlau,  Eperies,  Raab,
Debreczin  und  Preßburg  unterstützte  Petition,  in  welcher  dem  Verlangen
  Ausdruck  gegeben  wird,  daß  in  den  ungarischen  Regimentern
der  gemeinsamen  Armee  der  Sprache  des  ungarischen  Staates  Geltung
  verschafft  werde,  mit  Einhelligkeit  beschlossen  hatte,  dem  Abgeordnetenhause
  folgenden  Resolutions-Antrag  zur  Annahme  zu  empfehlen:



„Diese  wichtige  Rechte  berührenden  Gesuche  werden  behufs  Studiums
und  zur  Veranlassung  der  im  Rahmen  des  Gesetzes  möglichen  Verfügungen
dem  Landesverteidigungs-Minister  ausgefolgt.“  —

ergreift  der  Honvedminister  Baron  Fejervary  bei  der
Beratung  im  Plenum  nach  einer  lebhaften  Debatte  das  Wort.

Er  betont,  daß  das  jetzige  Petitum  der  Jugend  viel  weiter  gehe,  als  das
vom  22.  März;  da  das  Haus  damals  seine  auf  die  Interpellation  Meszlennyi'’s
erteilte  Antwort  zur  Kenntnis  nahm,  könne  er  das  Gleiche  heute  umsomehr
erwarten.  Der  Minister  beruft  sich  auf  seine  dermaligen  Aeußerungen,  der
Behauptung  widersprechend,  daß  die  ungarische  Sprache  ausgeschlossen  sei,
da  ja  die  Nichtungarn  verpflichtet  sind  —  bei  sonstiger  Einstellung  des
Avancements  —  sich  die  Regimentssprache  binnen  drei  Jahren  anzueignen.
Er  widerlegt  auch  mehrere  oppositionelle  Behauptungen.  Wenn  die  Oppoition
  nun  vor  den  Wahlen  auch  diese  Frage  als  Agitationsmittel  benütze,
su  sei  dies  begreiflich;  doch  sollte  man  Anstand  nehmen,  ganz  grundlose  Behauptungen
  vorzubringen,  und  auch  die  jüngsten  Entscheidungen  des  Hauses
mehr  beachten  und  nicht  dieselben  Fragen  immer  wieder  aufs  Tapet  bringen.  Es
bwi  ihm  nahegelegt  worden,  daß  die  Räte  der  Krone  die  Pflicht  haben,  Se.

ajestät  über  die  Wünsche  der  Nation  zu  unterrichten.  Dies  geschehe  auch,
nur  glaube  er  für  sich  nicht  eben  die  Wünsche  Thaly's  u.  s.  w.,  sondern
dasjenige  als  maßgebend  betrachten  zu  müssen,  was  er  für  zweckmäßig  und
im  Interesse  des  Landes  gelegen  erachte.

Der  Ausschußantrag  wird  schließlich  von  der  Überwiegenden

Majorität  angenommen.

21.  Mai.  (Oesterreich-Ungarn:  Ausgleich.)  Die  von
den  Vertretungen  beider  Reichshälften  angenommenen  Ausgleichsgesetze
  erhalten  die  kaiserliche  Sanktion.

Damit  ist  der  seit  mehr  als  Jahresfrist  verhandelte  Ausgleich  endlich
abgeschlossen.  Die  Gesetze  sind:  das  Ouotengesetz,  das  Zoll=  und  Handels-Bündnis,
  das  Bankstatut  mit  den  beiden  Uebereinkommen  über  die  80  Millionen-Schuld.
  Es  ist  damit  die  Zoll-,  Bank=  und  Währungseinheit  beider

15“
        <pb n="246" />
        228  Die  Oefterreitisq·Ingarise  Nenarhie.  (Mai  21.—23.)

Reichshälften  und  die  Verteilung  der  Lasten  aus  den  gemeinsamen  Ausgaben
auf  10  Jahre  vom  1.  Januar  1888  ab,  mit  welchem  Tage  das  Gesetz  in
Kraft  tritt,  festgestellt.

21.  Mai.  (Besetzung  von  Bosnien.)  Ungarn:  Unterhaus.
Ministerpräsident  Koloman  Tisza  beantwortet  eine  Interpellation
  Daniel  Iranyis  über  die  von  der  „Nordd.  Allg.
Ztg.“  gemachten  Enthüllungen  betr.  der  Vorgeschichte  der  Besetzung
Bosniens  und  der  Herzegowina.  (Vgl.  Deutsches  Reich  IV,  20.)

Er  gesteht  zu,  daß  am  15.  Januar  1877  zu  Reichstadt  zwischen  Rußland
  und  Oesterreich-Ungarn  ein  Abkommen  getroffen  worden  sei.  Dieses
habe  keinen  Plan  zur  Teilung  der  Türkei  enthalten,  es  seien  nur  von  Oesterreich
  die  Grenzen  bezeichnet  worden,  innerhalb  welcher  sich  die  Machtentwicklung
  einer  fremden  Großmacht  auf  der  Balkanhalbinsel  bewegen  müsse,  wenn
sie  nicht  die  bewaffnete  Intervention  Oesterreich-Ungarns  heraufbeschwören
wolle.  So  sei  für  den  Fall,  daß  die  Erhaltung  geordneter  Zustände  in
Bosnien  und  der  Herzegowina  ein  Einschreiten  erforderlich  machen  würde,
von  Rußland  Oesterreich-Ungarn  das  Recht  zur  Besetzung  dieser  Provinzen
eingeräumt  worden.  Diese  Abmachung  habe  aber  nicht  den  Charakter  einer
gemeinsam  einzuleitenden  Aktion  gehabt.  Der  Friede  von  St.  Stefano  habe
sodann  den  Abmachungen  von  Reichstadt  nicht  entsprochen  und  sei  daher  die
Veranlassung  des  auf  Oesterreich-Ungarns  Betreiben  zu  stande  gekommenen
Berliner  Kongresses  geworden,  auf  dem  aus  dem  von  Rußland  zugestandenen
Rechte  ein  auch  von  Rußland  befürwortetes  europäisches  Mandat  zur  Besetzung
  Bosniens  und  der  Herzegowina  geworden  sei.

Anfangs  hatten  die  ungarischen  Blätter  den  Enthüllungen
der  „Nordd.  Allg.  Zeitung“  widersprochen  und  in  der  österreichischen
Presse  hatte  sich  eine  starke  Verstimmung  darüber  gezeigt,  indem  dieselbe
  eine  Verdächtigung  der  österreichischen  Politik  in  den  Enthüllungen
  sehen  zu  müssen  glaubte.

23.  Mai.  (Ungarn:  Pariser  Weltausstellung.)  Abg.=Haus:
  Ministerpräsident  Tisza  beantwortet  die  Interpellation

Helfys  betreffs  Beschickung  der  Ausstellung.

Er  erklärt,  daß  eine  offizielle  Einladung  zur  Pariser  Weltausstellung
eingetroffen  sei.  Die  Regierung  hatte  zu  erwägen,  daß  die  häufig  wiederkehrenden
  Weltausstellungen  deren  wirtschaftichen  Wert  vermindern  und  die
offizielle  Beteiligung  mit  solchen  Kosten  verbunden  sei,  daß  sie  mit  den
Staatsfinanzen  nicht  vereinbar  wären;  deßhalb  sei  die  Regierung  entschloslen,
  sich  offiziell  nicht  zu  beteiligen,  und  dies  der  Pariser  Regierung,  mit

er  die  besten  Beziehungen  bestehen  und  erhalten  werden  sollen,  freundschaftlich

mitzuteilen.  Soweit  die  Beteiligung  ohne  Inanspruchnahme  der  Staatsfinanzen
  möglich  sei,  werde  die  Regierung  die  Beteiligung  Einzelner  förern.
  In  der  Replik  auf  die  Bemerkungen  Helfys  erklärt  Tisza,  daß  nach
seiner  amtlichen  Kenntnis  Deutschland,  England,  Italien  und  auch  Rußland
offiziell  sich  an  der  Weltausstellung  nicht  beteiligen.  Eben  weil  Ungarn  zu
Frankreich  in  guten  Beziehungen  stehen  und  bleiben  wolle,  könne  er  auf  die
vom  Interpellanten  erörterte  Frage  nicht  eingehen,  ob  Frankreich  richtig
vorgegangen  sei  und  den  Zeitpunkt  richtig  gewählt  habe;  denn  dies  sei  eben
Frankreichs  eigene  Sache.  (Lebhafter  Beifall  rechts.)
        <pb n="247" />
        Pie  Gesterreichisch-Augarische  Monarchie.  (Juni  Mitte—20.)  229

Die  Antwort  wird  von  der  Majorität  und  von  der  gemäßigten  Opposition
  zur  Kenntnis  genommen.

24.  Mai.  Kroatien:  Landtagsschluß.

In  dem  vom  Banus  Grafen  Khuen  verlesenen  königlichen  Reskripte
wird  die  Notwendigkeit  des  neugeschaffenen  einheitlichen  Verwaltungs-Organismus
  als  Folge  der  Einverleibung  des  Grenzgebietes  betont  und  hinzugefügt,
  dasjenige,  was  noch  ungeregelt  sei,  werde  in  der  nächsten  fünfjährigen
Landtagsperiode  normiert  werden.  Als  besonders  erfreulich  hebt  das  Reskript
die  Schaffung  des  Serbengesetzes,  demzufolge  nun  eine  vollständige  Gleichberechtigung
  durchgeführt  sei,  ferner  die  Reformen  im  Justizwesen,  das  Gesetz
über  die  Schulinspektoren  und  das  über  die  Seidenzucht  hervor,  womit  den
seit  langem  empfundenen  Bedürfnissen  auf  den  Gebieten  der  Justiz,  Schule
und  Landwirtschaft  entsprochen  worden  sei.  Bezüglich  der  Verhandlungen
der  Regnikolar-Deputationen  spricht  das  Reskript  das  Bedauern  über  deren
Erfolglosigkeit  aus,  bemerkt  aber,  daß  der  anläßlich  der  Verhandlungen  bethätigte
  friedliche  Geist  hoffen  lasse,  die  Mißverständnisse  würden  behoben
und  dabei,  ohne  die  Autonomie  Kroatiens  zu  verletzen,  das  staatsrechtliche
Verhältnis  zwischen  Kroatien  und  Ungarn  gefestigt  werden.

26.  Mai.  (Ungarn:  Schluß  und  Auflösung  des  Reichstages.)
  Der  letzte  dreijährige  (val.  Gesch.  Kal.  1886  I,  16.)  Reichstag
  wird  vom  Könige  mit  folgender  Thronrede  geschlossen:

„Geehrte  Herren  Magnaten  und  Abgeordnete!  Liebe  Getreue!  Als  Wir

Sie  vor  drei  Jahren  an  diesem  Orte  zuerst  begrüßten,  haben  Wir  dem  Vertrauen
  Ausdruck  gegeben,  daß  auch  Sie,  dem  Beispiele  der  früheren  Reichstage
  folgend,  mit  unermüdlichem  Fleiße  Ihren  Obliegenheiten  nachkommen
werden.  Es  gereicht  uns  zur  Freude,  heute  erklären  zu  können,  daß  Wir
uns  in  diesem  Vertrauen  nicht  getäuscht  haben.  Es  war  Ihnen  wohl
nicht  möglich,  alle  jene  Fragen  zu  lösen,  welche  Wir  bei  jener  Gelegenheit
  angedeutet  haben;  doch  sind  hievon  viele  gelöst  und  nebstdem  auch
zahrlreiche  andere  hochwichtige  Gesetze  geschaffen  worden.  Die  Reorganisierung
  der  Magnatentafel  ist  erfolgt  und  Wir  zweifeln  nicht,  daß  dieselbe
in  der  jetzigen  Gestaltung  ihre  legislatorischen  Aufgaben  im  Interesse
des  Thrones  und  des  ungarischen  Staates  mit  vollem  Eifer  erfüllen
wird.  Die  Dauer  der  Reichstage  wurde  verlängert,  und  somit  wird  das
neu  zu  wählende  Abgeordnetenhaus  die  ungelöst  gebliebenen  wichtigen  Fragen
  mit  mehr  Muße  der  Erledigung  zuführen  können.  Die  Versorgungsngelegenheit
  der  Staatsbediensteten  wurde  auf  billigeren  Grundlagen  gereelt,
  das  Wasserrecht  wurde  neu  geschaffen  und  auch  hierdurch  einem  großen
angel  abgeholfen;  die  Regulierung  der  oberen  Donau  wurde  gesetzlich
sicher  gestellt,  und  überhaupt  sind  auf  allen  Gebieten  des  staatlichen  Lebens
wichtige  Schöpfungen  zu  Stande  gebracht  worden.  Durch  die  in  hohem
Maße  erfolgte  Entwicklung  der  Vizinalbahnen  und  den  Ausbau  der  vom
staatlichen  Standpunkte  aus  so  wichtigen  Munkacs-Stryer  Eisenbahn  wurde
das  Eisenbahnnetz  höchst  bedeutend  vervollständigt.  Durch  die  Umarbeitung
des  Jurisdiktions-,  Gemeinde=  und  Disziplinar-Gesetzes  wurde  die  Verbesserung
  der  Verwaltung  bewirkt.  Im  Interesse  des  so  wichtigen  Sanitätswesens
  sind  auch  neuerlich  zweckmäßige  Gesetze  geshasfen  die  kulturellen  Interessen
  des  Landes  durch  Bewilligung  der  zur  erfolgreichen  Durchführung  der
früher  eingebrachten  Gesetze  ersorderlichen  Geldmittel  befördert  worden.  Die
allgemeine  Landesausstellung  wurde  auf  Grund  des  geschaffenen  Eesetzes  in
Folge  ihrer  Opferwilligkeit  mit  glänzendem  Erfolge  zu  stande  gebracht.
Mit  dem  Gesetze  über  die  Aufhebung  des  in  der  provinzialifierten  ungari-
        <pb n="248" />
        230  Die  Oesterreithisch·Angarise  Menarqie.  (Mai  27.)

Echen  Militärgrenze  bestandenen  Instituts  der  Hauskommunionen  ist  neuerlich
ie  Beseitigung  einer  von  den  zwischen  diesen  und  den  übrigen  Teilen  des
ungarischen  Staates  bestandenen  Rechtsverschiedenheiten  ausgesprochen  worden,
  und  sind  im  Allgemeinen  auf  dem  Gebiete  der  Justiz,  wenn  auch  die
Schöpfungen  größeren  Stiles  nur  vorbereitet  wurden,  zahlreiche,  die  Ergänzung
  der  durch  die  Praxis  erwiesenen  Mängel  bezweckende  Gesetze  zu
stande  gebracht  worden.  Auch  haben  die  Witwen  und  Waisen  der  Mitlieder
  der  Wehrmacht  Beweise  des  opferwilligen  Wohlwollens  der  Gesetzgeung
  empfangen.  —  Es  ist  nicht  möglich,  hier  Alles  aufzuzählen,  was  während
der  Dauer  dieses  Reichstages  geschehen  ist.  Indem  Wir  übrigens  Unser  Bedauern
darüber  aussprechen,  daß  teils  in  Folge  der  inzwischen  eingetretenen  volkswirtschaftlichen
  Verhältnisse  und  Weltereignisse,  teils  aber  unter  dem  Einflusse
des  Bestrebens  nach  Beschleunigung  der  staatlichen  Entwickelung  es  nicht  gelungen
  ist,  in  der  Richtung  der  Herstellung  des  Gleichgewichtes  im  Staatshaushalte
  so  stetig  fortzuschreiten,  wie  Wir  dies  gewünscht  haben,  gereicht
es  Uns  gleichzeitig  zur  wahren  Freude,  Unsere  Anerkennung  und  Anfern
Dank  für  jene  patriotische  Opferwilligkeit  auszusprechen,  womit  Sie  ungeachtet
  der  weniger  günstig  gestalteten  finanziellen  Lage  für  die  Sicherheit
  des  Thrones  und  der  Monarchie  Sorze  getragen  haben.  —  Das
Gesetz  über  den  Landsturm  hat  die  Wehrkraft  der  Monarchie  wesentlich
  erhöht.  Jene  herzerhebende  Einhelligkeit  aber,  womit  Sie  die  Summen
  zur  Verfügung  stellten,  welche  inmitten  der  gefahrdrohend  scheinenden
auswärtigen  Hclitistzen  Lage  zur  Sicherung  der  Verteidigung  unserer  Monarchie
  erforderlich  waren,  hat  den  unzweifelhaften  Beweis  davon  geliefert,
daß,  während  auch  Sie  mit  Uns  die  Erhaltung  des  Friedens  wünschen,
dennoch,  wenn  dies  wann  immer  unmöglich  werden  sollte,  jeder  Sohn  Unseres
eliebten  Ungarn  bereit  stehen  wird,  mit  Gut  und  Blut  die  Interessen  Unferes
  Thrones,  Unserer  Monarchie  und  hierin  auch  des  teuren  ungarischen
Vaterlandes  zu  verteidigen.  Diese  Opferwilligkeit,  sowie  der  Umstand,  daß
die  zwischen  den  beiden  Staaten  Unserer  Monarchie  zeitweise  mittelst  eines
neuen  Uebereinkommens  zu  regelnden  Fragen  in  freundschaftlicher  Art  gelöst
wurden,  gewährt  Unseren  Regierungen  eine  mächtige  Stütze  in  ihren  Bestrebungen
  bei  Erhaltung  der  guten  Beziehungen,  in  welchen  wir  heute  zu  sämtlichen
  Mächten  stehen,  mit  Erfolg  und  zunehmender  Hoffung  ihre  Wirksamkeit
  in  der  Richtung  fortzusetzen,  daß  bei  vollständiger  Wahrung  Unserer  Lebens-Interessen
  der  Friede  auch  ferner  erhalten  werden  könne.  —  Empfangen
Sie  für  diese  Ihre  patriotische  Thätigkeit  und  überhaupt  für  Ihre  eifrigen  Bemühungen
  Unsern  wärmsten  Dank.  Empfangen  und  überbringen  Sie  Ihren
Kommittenten  Unsern  aufrichtigen  königlichen  Gruß.  Hiemit  erklären  Wir
den  gegenwärtigen  Reichstag  für  geschloßen.“

Die  Neuwahlen  werden  zugleich  auf  die  Zeit  vom  17.  bis
26.  Juni  anberaumt  und  der  neue  Reichstag  auf  den  26.  September
einberufen.

27.  Mai.  (Oesterreich:  Antisemitische  Anträge,  Sessionsschluß.)
  Abg.-Hs.:  In  der  Vormittagssitzung  werden  Petitionen
  der  antisemitischen  Partei  vorgelegt,  die  Regierung  aufzufordern,
  nach  dem  Vorbilde  der  1882  und  1884  in  den  Vereinigten
Staaten  beschlossenen  Anti-Chinesen-Bill  ein  Antisemitengesetz  mit
strengen  Bestimmungen  gegen  Einwanderung  und  Niederlassung  von
Juden  dem  Abgeordnetenhause  vorzulegen.  Der  Antrag,  diese  Peti-
        <pb n="249" />
        Die  Oefterreithisch·Angarishe  Monarchie.  (Mai  30.—Juni  10.)  231

tion  einer  Kommission  zu  überweisen,  wird  aber  nicht  genügend
unterstützt,  da  nur  4  Antisemiten  (2  fehlten),  3  Deutschnationale
und  9  aus  dem  Zentrum  dafür  stimmen.

Dasselbe  Los  teilt  ein  in  der  Abendsitzung  eingebrachter,  der
Petition  entsprechender  Gesetzesantrag.

Hierauf  wird  die  Sesfion  geschlossen.

30.  Mai.  (Oesterreich:  Deutscher  Schulverein.)  In
der  zu  Wien  stattfindenden,  überaus  stark  besuchten  Hauptversammlung
  giebt  der  Obmann  des  Vereins  Reichsratsabgeordneter  Dr.  Weitloff
  in  der  Eröffnungsansprache  eine  Uebersicht  über  den  Stand  des

Vereins  und  seiner  Arbeiten.

Danach  zählte  der  Verein  am  1.  Mai  1174  (darunter  88  Frauenund
  Mädchen-)  Ortsgruppen  mit  rund  120,000  Mitgliedern.  Die  Einnahmen
betrugen  1886:  293,247  fl.  (1885:  279,889  fl.),  seit  der  Gründung  insgesamt
  1.462,218  fl.  Für  Schulzwecke  wurden  verwandt  1886:  211,292  fl.
(1885:  186,630  fl.),  zum  Grundstückerwerb  und  auf  Bauten  44,925  fl.
(1885:  31,708  fl.)

Ende  Mai.  (Böhmen:  Jungtschechische  Bewegung.)
Dr.  Gregr  wird  bei  seiner  Ankunft  in  Prag  von  der  großen  Masse
der  tschechischen  Studentenschaft  mit  stürmischen  Ovationen  gefeiert.
In  einer  Volksversammlung  auf  der  Sopyhieninsel  unterzieht  er
unter  großem  Beifall  Rieger  und  die  Alttschechen  einer  sehr  feindseligen
  Kritik.  Vor  Riegers  Wohnung  finden  lärmende  Kundgebungen
  statt.  Die  jungtschechische  Bewegung  zeigt  sich  überall  im
Wachsen.

4.  Juni.  (Ungarn.)  Zu  den  Wahlen  erklärt  die  slowakische
  Nationalpartei  in  ihrer  Zeitung  „Narodni  Novine“,  daß
sie  sich  der  Teilnahme  an  den  Reichstagswahlen  enthalten  werde.

4.  Juni.  (Oesterreich:  Altkatholiken.)  Der  altkatholischen
  Gemeinde  in  Wien,  welche  den  Bischof  Reinkens  aus  Bonn
zu  einer  Firmungsreise  nach  Wien  eingeladen  hatte,  wird  vom  Kultusminister
  die  Vornahme  der  Handlung  unter  Hinweis  auf  die  bestehenden
  Gesetze  untersagt.  Der  Synodalrat  führt  beim  Verwaltungsgerichtshofe
  Beschwerde  hierüber.

5.  Juni.  (Oesterreich.)  Graf  Heinrich  Jaroflaw  Clam-Martinitz,
  Führer  der  Feudalen  Böhmens  und  der  mit  ihnen  verbundenen
  Tschechen,  sf  in  Prag.

10.  Juni.  (Siebenbürgen:  Wahlbewegung  bei  den
Sachsen.)  Prof.  v.  Meltzel,  Kandidat  der  sächsischen  Volkspartei
für  Hermannstadt,  sagt  in  einer  sehr  bemerkenswerten,  durchaus  versöhnlich
  gehaltenen  Wahlrede  u.  a.:
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        232  Hie  Oesterreihhisqh  ·  Augarische  Meonarchie.  (Juni  Mitte.)

„Ich  habe  das  Recht,  zu  verlangen,  daß  an  den  Worten  eines  ernsten
Mannes  nicht  gedeutelt  und  gemäkelt  werde,  und  das  ist,  daß  unsere  Opposition
  nicht  dem  magyarischen  Volke  gilt,  das  Kraft  des  historischen  Rechtes,
kraft  seiner  Zahl,  kraft  des  Besitzes  und  kraft  seiner  Intelligenz  zur  führenden
Rolle  in  diesem  Staatswesen  bestimmt  ist,  und  dem  wir  die  Stellung  des

rimus  inter  pares  einzuräumen  nicht  den  mindesten  Anstand  nehmen.  Auch
*  magyarischen  Staatssprache  an  und  für  sich  gilt  unsere  Opposition  nicht,
da  wir  dieselbe  im  Interesse  der  Einheit  des  Staates  und  der  Einheitlichkeit
  der  Staatsverwaltung  für  notwendig  halten,  und  hierin  unterscheidet
sich  die  sächsische  Staatstreue,  wie  ich  meine,  nicht  zu  ihrem  Nachteile,  von
der  Staatstreue  der  Tschechen,  Slowenen  und  Polen.  Unsere  Opposition
gilt  jenen  Verfügungen,  nicht  so  sehr  der  gesetzgebenden,  als  vielmehr  vollziehenden
  Gewalt,  die  geeignet  sind,  uns  das  bischen  Luft  und  Licht,  das
wir  zum  Leben  nötig  haben,  zu  entziehen;  denn  leben  wollen  wir,  das  heißt
bleiben,  was  wir  sind,  nämlich  Sachsen,  Deutsche.  Darüber  mag  ja  nirzends
  auch  nur  der  geringste  Zweifel  bestehen:  wir  werden  unsere  deutsche
ationalität  nimmermehr  aufgeben.  Darin  besteht  unsere  Treue  gegen  uns
selbst  und  unser  eigen  Blut,  aber  auch  unsere  Staatstreue.  Denn  wir  können
nützliche  Glieder  dieses  Staatswesens  nur  sein,  wenn  wir  bleiben  was  wir  sind.“
Nachdem  dann  Redner  die  sehr  maßvollen  Forderungen  der  Sachsen
aufgezählt  hat,  fährt  er  also  fort:  „Ich  werde  es  als  eine  meiner  seaute
aufgaben  betrachten,  im  persönlichen  Verkehre  mit  den  Abgeordneten  sowohl.
wie  mit  der  Regierung  und  ihren  Organen  über  unsere  speziellen  Verhältnisse,
  unsere  Einrichtungen,  unsere  Bedürfnisse  aufklärend  zu  wirken.  Es  ist
namentlich  meine  feste  Ueberzeugung,  daß  Manches,  was  uns  angethan
worden,  nicht  geschehen  wäre,  wenn  man  oben  über  unger-  Verhältnisse  besser
unterrichtet  gewesen  wäre,  und  daß  an  sehr  vielen  Unbilden,  die  wir  zu  erleiden
  gehabt  haben,  namentlich  auf  dem  Gebiete  der  lokalen  Verwaltung,
nicht  die  Regierung,  ich  meine  die  Zentralregierung,  unmittelbare  Schuld
trägt.  Wer  dies  leugnet,  dem  ist  eine  Thatsache  entgangen,  welche  dem
aufmerksamen  Beobachter  unserer  Zustände  sofort  in  die  Augen  springen
muß.  Ich  meine  die  Thatsache,  daß  bei  uns,  je  nach  der  Persönlichkeit  des
leitenden  Obergespans,  in  verschiedenen  Verwaltungsgebieten  nach  sehr  verschiedenen
  Grundsätzen  regiert  wird.  Diese  Verschiedenheit  spricht  sich  am
deutlichsten  in  der  gen  u  aus,  welche  die  staatliche  Verwaltung  dem  sächsischen
  Volkselemente  gegenüber  einnimmt.  Es  herrscht  in  diesem  Punkte,
wenn  ich  mich  so  ausdrücken  darf,  eine  gewisse  Anarchie,  die  dem  Umstande
zuzuschreiben  ist,  daß  die  Zentralregierung,  da  sie  über  die  siebenbürgischen
Verhältnisse  nicht  genügend  aufgeklärt  erscheint,  den  Obergespanen  einen  sehr
weiten  Spielraum  für  ihre  freie  Thätigkeit  einräumt."“

Auch  der  sächs.  Kandidat  für  Schäsburg,  Prof.  Schwicker
aus  Pest,  erklärt  sich  für  die  Regierungspartei,  da  nur  von  männlich-vertrauensvollem
  Entgegenkommen  gegen  die  Regierung  und  die
liberale  Partei  eine  befriedigende  Lösung  aller  sächsischen  Fragen  zu
erwarten  sei.

Mitte  Juni.  (Krain:  Panslawismus.)  Die  „Slovanske
Narod“  begrüßt  den  Ministerwechsel  in  Serbien  mit  folgenden  Auslassungen:


„Im  benachbarten  Königreiche  bereitet  sich  nunmehr  ein  radikaler
Umschwung  vor.  Dem  deutschen  und  magyarischen  Einflusse  wird  man  das
        <pb n="251" />
        Die  Oefterreithisqh·AIngarische  Menargir.  (Juni  18.—20.)  233

Ende  läuten,  und  wieder  wird  in  Belgrad  der  russische  Einfluß  maßgebend
sein.  König  Milan  erkannte  selbst,  daß  es  so  nicht  weiter  gehen  und  daß
Serbien  ohne  die  Hilfe  Rußlands  seine  geschichtlichen  und  nationalen  Aufgaben
nicht  erfüllen  könne.  Die  russischen  Blätter  haben  es  ganz  allgemein  bestätigt,
  daß  die  Königin  nicht  früher  nach  Serbien  zurückkehren  werde,  bis
sich  nicht  die  serbische  Politik  geändert  haben  werde.  Und  jetzt  hat  sie  sich
gründlich  geändert.  Jovan  Ristitsch,  der  serbische  Cavour,  ist  wieder  am
uder,  und  das  stolze  Belgrad,  in  dem  bis  jetzt  Grabesstille  geherrscht,
widerhallt  neuerdings  von  Freudenrufen  überall  begrüßte  man  das  Ministerium
  Ristitsch-Velimirovitsch  mit  Hochrufen,  auf  allen  öffentlichen  Plätzen
spielte  man  die  serbische  und  russische  Hymne.  Diese  Freude  ist  aber  auch
eine  berechtigte.  Die  serbische  Nation  ist  des  drückenden  Alpes  losgeworden,
der  bisher  auf  ihr  gelastet  und  ihr  tiefe  Wunden  geschlagen  hat  .  .  .,  sie
wird  das  Andenken  Garaschanin's  verfluchen,  wie  sie  ihm  schon  jetzt  vor  den
Fenstern  seines  Palastes  „Slivnitza!“  und  „Pereat  Garaschanin!"  zuruft.“  —
Die  künftige  auswärtige  Politik  Serbiens  anbelangend,  habe  zwar  Ristitsch
erklärt,  daß  er  die  guten  Beziehungen  mit  allen  benachbarten  Reichen  fortsetzen
  und  kräftigen  werde,  „aber  auf  die  Dauer  wird  das  beim  besten

illen  nicht  möglich  sein“.  „Wenn  es  in  der  Politik  „zur  Teilung  des
Brotes“  kommen  wird  —  und  diese  dürfen  wir  auch  an  der  Donau  erwarten
—  dann  erst  wird  sich  das  wahre  Endziel  der  neuen  Ristitsch'schen  Politik
zeigen.  Für  jetzt  kann  man  annehmen,  daß  auch  Ristitsch  seine  Worte  nur
esprochen  habe,  um  mit  ihnen  seine  Gedanken  zu  verbergen,  man  muß  jedoch
sofen,  daß  er  die  Geschicke  des  jungen  Königreiches  kräftig  und  würdig
führen,  daß  dann  seine  Regierung  Serbien  zum  Wohle,  allen  Südflawen
aber  zur  Ehre  gereichen  werde.“

16.—20.  Juni.  (Böhmen:  Tschechische  Demonstrationen.)
  In  Prag  treffen  eine  Anzahl  Mitglieder  tschechischer  Turngenossenschaften
  aus  Amerika  zur  Feier  des  Stiftungsfestes  des  Prager
Turnvereins  „Sokol“  ein,  obgleich  sie  telegraphisch  benachrichtigt
worden  waren,  daß  die  Behörde  einen  Umzug  nicht  gestatten  würde.
Sie  werden  auf  dem  Bahnhofe  der  großenteils  beflaggten  Stadt  vom
Bürgermeister  Walisch  im  Namen  der  Stadtgemeinde  unter  lauten
  Slawa-Rufen  mit  einer  lächerlichen  Ansprache  begrüßt,  in  der
es  heißt:

daß  seit  jener  Zeit,  in  welcher  die  Schiffe  des  Kolumbus  mit  der
Nachricht  von  der  Entdeckung  eines  neuen  Weltteils  nach  Europa  zurückgekehrt
  sind,  kein  Schiff  die  Wogen  des  atlantischen  Ozeans  durchkreuzte,
welches  von  einem  so  erhebenden  Gefühl  getragen  worden  wäre,  wie  jenes,
welches  nun  schon  zum  zweitenmale  die  amerikanischen  Tschechen  in  die  Umarmung
  ihrer  Landsleute  führte.  „Seid  uns  willkommen,  ihr  Herolde  des
edlen  nationalen  Gedankens,  seid  uns  willkommen,  ihr  strammen  Sokole,
die  ihr  über  den  weiten  Ozean  herübergeflogen  seid,  um  die  Unsterblichkeit
  des  tschechischen  Geistes  und  die  Stärke  des  tschechischen  Armes  zu  bekunden.

  Das  königliche  Prag  heißt  euch,  die  ihr  aus  dem  Lande  eines
Washington,  Linkoln  und  Franklin  kommt,  willkommen."

Jeden  Abend  finden  lärmende  Kundgebungen  der  Volksmenge
statt,  welche  durch  verstärktes  Aufgebot  der  Polizeimannschaften  zerstreut
  werden  muß.
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        2#3t  Ile  Gekerreichisch-Augarische  Mssarchie.  (Juni  18.—26.)

18.  Juni.  (Kroatien:  Landtagswahlen.)  Das  Wahlergebnis
  ist  ein  großer  Sieg  der  Regierungs-(National-ypartei,  welcher
von  den  110  Mandaten  87  zugefallen  sind.  Sonst  sind  gewählt:
9  Starcevicianer,  7  von  der  Unabhängigkeitspartei,  2  Mitglieder
des  Zentrums,  2  Parteilose.  In  3  Bezirken  wurden  die  Wahlen

sistiert.

In  mehreren  Bezirken  führten  die  Wahltage  zu  ernsten  Ausschreitungen.
In  Agram  empfangen  die  Studenten  die  als  Anhänger  der  Regierungsparteie
gewählten  Professoren  Egersdorfer  und  Spevaz  mit  Pfeifen  und  Fußstampfen
und  verlassen  deren  Hörsäle.  In  einer  Nacht  werden  denselben  Katzenmusiken
  gebracht,  die  Fenster  eingeworfen  und  ihre  Häuser  in  ekelhafter
Weise  besudelt.  Aehnlicher  Unfug  wiederholt  sich  mehrere  Nächte  hindurch;
8  Studenten  werden  verhaftet.

Der  frühere  Abgeordnete  der  Unabhängigkeitspartei,  Kamenar,  wird
auf  der  Poststraße  zwischen  Petrowina  und  Draganic  von  einem  bewaffneten
  Haufen  und  dem  Gemeinde-Notar  Kovacic  überfallen,  gemißhandelt
und  zur  Haft  gebucht,  sein  Wagen  umgestürzt,  die  Pferde  ausgespannt.  In
Kostainitza  erfolgt  ein  blutiger  Zusammenstoß  der  Bevölkerung  mit  der
Gendarmerie,  wobei  von  der  ersteren  3  Personen  getötet,  mehrere  verwundet
werden.

Im  Mai  hatten  alle  oppositionellen  Parteien  ein  Kartell  geschlossen
und  gemeinsam  in  82  Bezirken  Kandidaten  aufgestellt.

In  Djakovar  werden  mehrere  Geistliche  wegen  Mißbrauchs  der  Kanzel
zu  Wahlzwecken  verhaftet.

19.  Juni.  (Böhmen:  Jungtschechische  Bewegung.)  Von
den  jungtschechischen  Führern  ist  eine  große  Volksversammlung  an
den  Fuß  des  Berges  Rzip  bei  Raudnitz  einberufen.  Dieselbe  wird
von  mehr  als  20000  Teilnehmern  besucht.  Sie  nimmt  eine  gegen
Rieger  und  die  Alttschechen  äußerst  feindselige  Haltung  an.

Gregr  spricht  unter  nicht  enden  wollendem  Beifalle,  der  nur  von
Pereat=  und  Schande-Rufen  auf  Rieger  unterbrochen  wird;  seine  Rede  gipfelt
in  dem  Satze:  das  größte  Unglück  für  die  Tschechische  Politik  sei  die  feudal-klerikale
  Allianz!  Graf  Wenzel  Kaunitz  wird  mit  dem  Rufe:  „Es
lebe  die  einzige,  treue  aristokratische  Seele“  jubelnd  begrüßt,  als  er  erklärt
mit  Gregr  völlig  übereinzustimmen.  Zum  Schlusse  gelangt  eine  Resolution
zur  Annahme,  in  der  es  heißt:

Böhmen  sei  nicht  bedeutungsloser  als  Ungarn.  Man  wolle  dieses
Land  zu  einer  Provinz  herabwürdigen,  gönne  demselben  nicht  die  geringste
Autonomie,  der  böhmische  Landtag  besitze  gar  keine  Macht.  Die  Tschechen
wollen  weder  eine  zweisprachige  noch  eine  untergeordnete  Nation  werden,
sondern  ewig  sein  und  bleiben  ein  flawisches  Volk.  Die  tschechische  Sprache
müsse  die  herrschende  sein  im  Lande,  und  man  werde  nicht  ruhen,  bis  sie
auch  als  innere  Amtssprache  ihre  volle  Geltung  findet.  Dem  böhmischen
Staatsrechte  werde  man  niemals  entsagen  und  allen  reaktionären  Bestrebungen
  aufs  entschiedenste  entgegentreten.  Die  Versammlung  spricht  sich
weiters  gegen  die  Zweiteilung  Böhmens  aus  und  verdammt  die  bisherige
arsa  Politik  des  Cesky  klub  und  seiner  Führer.  (Stürmische  Slävaund
  Na  2dar-Rufe.)

26.  Juni.  (Ungarn:  Abgeordnetenwahlen.)  Das  Schluß-
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        Die  Oeherreithisch·Angarise  Monarcie.  (Juni  27.—Juli  Anf.)  235

ergebnis  der  seit  dem  17.  Juni  begonnenen  Wahlen  ist  folgendes:
Die  liberale  Partei  zählt  259,  die  gemäßigte  Oppofition  44,  die
Unabhängigkeitspartei  77  Mitglieder.  Außerhalb  der  Parteien  stehen
7  Abgeordnete,  Vertreter  bestimmter  Nationalitäten  sind  8,  Antisemiten
  11.  Sechs  Stichwahlen;  in  einem  Bezirke  wurde  die  Wahl
suspendiert.

Die  Wahl  ist  ein  großer  Sieg  der  Regierung,  da  die  liberale  Partei
26  Sitze  gewonnen  und  eine  Mehrheit  von  mehr  als  100  Stimmen  über
alle  übrigen  Parteien  zusammen  erzielt  hat.  Der  schwerste  Verlust  trifft
die  gemäßigte  Opposition,  die  13  Bezirke  verloren  hat,  während  die  äußerste
Linhee  Site  gewann.  Die  Nationalitäten  und  die  Antisemiten  verloren
je  itze.

Der  Wahlkampf  wird  mit  äußerster  Erbitterung  geführt  und
führt  zu  vielfachen  blutigen  Zusammenstößen  mit  der  Gendarmerie  und  dem
Militär.  Die  schwersten  Ausschreitungen  ereignen  sich  in  den  Bezirken,  wo
Antisemiten,  für  welche  namentlich  ein  Teil  der  katholischen  Geistlichkeit
mit  Fanatismus  eintritt,  bei  der  Wahl  in  Frage  kommen.  In  Uezbegh
bei  Neutra  werden  durch  einschreitendes  Militär  vier  Personen  getötet,
sechs  zum  Teil  tödlich  verwundet.  In  Gajar  (Komitat  Preßburg)
werden  den  Anhängern  des  liberalen  Kandidaten  die  Fenster  eingeworfen
und  einige  Läden  gestürmt.  Das  mit  dem  Bajonett  einschreitende  Militär
verwundet  eine  Anzahl  Personen.  Einzelne  Totschläge  bei  Prügeleien  der
Parteien  ereignen  sich  mehrfach.  In  Mattersdorf  (Komitat  Oedenburg)  greifen
bes.  kroatische  Ruhestörer  die  Gendarmerie  an,  diese  feuert,  6  Personen  werden
getötet,  8  z.  T.  lebensgefährlich  verwundet.  Die  zum  größten  Teile  von
Juden  bewohnte  Stadt  Duna-Szerdahely  wird  bei  der  Wahl  des  Antisemiten
  Szabo  von  dessen  Anhängern  an  drei  Seiten  gleichzeitig  in  Brand  gesteckt,
  80  Häuser  brennen  nieder,  120  Familien  werden  obdachlos,  der  meist
nicht  versicherte  Schaden  beläuft  sich  auf  160,000  fl.  Auch  in  Czegled,  wo
der  Antisemit  Verhovay  dem  liberalen  Komjathy  unterliegt,  werden  Brandbriefe
  gegen  die  Juden  ausgestreut,  doch  ernste  Ruhestörungen  durch  das
Aufgebot  des  Militärs  verhütet.  Dagegen  wird  Nagy-Karoly  wiederholt
der  Schauplatz  von  Brandstiftungen.

27.  Juni.  (Kroatien:  Parteibildung.)  Unter  Führung
des  Grafen  Drascovic  schließen  sich  die  „Unabhängige  Nationalpartei“
  (Stroßmayer-Partei)  und  das  Zentrum  zu  einer  Partei  der
„Gemäßigten  Opposition“  zusammen.

Ihre  Aufgabe  will  sein:  Verteidigung  und  ungeschmälerte  Aufrechthaltung
  der  dem  dreieinigen  Königreiche  gesetzlich  und  vertragsmäßig  garantierten
  Rechte.

Ende  Juni—  Anf.  Juli.  (Galizien.)  Kronprinz  Rudolf
mit  der  Kronprinzessin  Stefanie  durchreist  das  Land  und  wird  überall
in  der  glänzendsten  Weise  von  dem  polnischen  Adel  und  der  Bevölkerung
  aufgenommen.  In  seinen  Bankettreden  betont  er  stets  die
Notwendigkeit  einer  Versöhnung  der  nationalen  Gegenfätze  und  der
gerechten  Handhabung  der  Gesetze.

Die  „Deutsche  Zeitung"  äußert  in  einer  Besprechung  der  Kronprinzenreise:
  „Für  uns  Deutsche  in  Oesterreich  ergibt  sich  aus  den  Vor-
        <pb n="254" />
        236  Hie  Gesterreichisch-Angeriscze  Menarchie.  (Juni  Ende-—Juli  Auf.)

kommnissen  der  Kronprinzenreise  eine  eigenartige  Betrachtung.  Allenthalben,
wo  der  Kronprinz  mit  leitenden  Persönlichkeiten  zusammentraf  und  sich  ein
Austausch  von  Reden  entwickelte,  waren  die  Polen  nicht  bloß  in  ihrer  nationalen
  Prachtgewandung  erschienen,  sondern  sie  trugen  auch  ihre  nationale
Gesinnung  auswendig.  Wir  hören  da  von  nationaler  Vergangenheit,  von
nationalen  „Traditionen“;  wir  hören  von  Dank  für  „Zuerkennung  nationaler
  Rechte  und  der  Muttersprache"“;  wir  hören  aber  auch  von  nationalen
Hoffnungen.  Die  polnischen  Hoffnungen  sind  so  ziemlich  allgemein  bekannt,
und  man  kann,  trotzdem  kaum  in  dieser  Richtung  mehr  als  dieses  zweisilbige
  Wort  über  die  Lippen  der  Polen  floß,  nicht  sagen,  daß  das  damit
Ausgedrückte  nicht  hinlänglich  deutlich  wäre.  Es  wurde  so  ziemlich  dem
Kronprinzen  allein  überlassen,  bei  all  dieser  „Vergangenheit“  und  „Zukunft"
auch  der  „Gesammtmonarchie“  zu  gedenken.  Im  übrigen  sehen  wir  den
Kronprinzen  über  diese  mitunter  überschwängliche  Betonung  des  Nationalen
weder  überrascht  noch  empfindlich;  er  geht  bereitwillig  in  seinen  Antworten
auf  die  Betonung  des  Nationalen  ein.  Nun  möchten  wir  Deutschen  in  Oesterreich,
  die  auch  seit  der  jüngsten  Aera  vielfache  Gelegenheit  hatten,  das  Benehmen
  und  die  Reden  von  Angesehenen  und  Wortführern  unter  uns  zu  bemerken,
  wenn  sie  bei  festlichen  oder  anderen  Anlässen  öffentliche  Ansprachen
an  Hoch=  und  Hoöchstgestellte  halten  —  uns  fragen,  ob  wir  denn  gar  keine
„Vergangenheit",  keine  „Traditionen",  keine  wohlerworbenen  „Rechte"  und
noch  viel  weniger  eine  „Hoffnung“  haben?  Bei  uns  Deutschen  herrscht  eine
Aengstlichkeit,  eine  Zurückhaltung  in  dieser  Beziehung,  welche  es  teilweise  erklärlich
  erscheinen  ließe,  wenn  uns  ein  Wandel  in  dieser  Haltung  vielleicht
sogar  übel  genommen  würde.  Eine  Veränderung  unserer  demütigen  Schweigsamkeit
  über  Alles,  was  unser  Volkstum  und  einen  berechtigten  Stolz  auf
dasselbe  betrifft,  würde  heute  vielleicht  Erstaunen  hervorrufen,  während  das

erauskehren  der  Nationalität  bei  den  andern  VBölkern  Oesterreichs  als
ein  Selstverständliches  hingenommen  wird.  Und  doch  sind  die  Zeiten,  welche
wir  erleben,  ganz  darnach  angethan,  den  Deutschen  in  Oesterreich  den  Mund
zu  öffnen  und  sie  deutsch  reden  zu  lehren.  Bescheidenheit  ist  unter  allen
Umständen  just  keine  Tugend,  und  die  Unbescheidenheit  sehen  wir  ja  Tag
für  Tag  Erfolge  erringen.  Fast  möchte  man  wünschen,  daß  es  mit  den
Reisen,  auf  welchen  es  zu  politischen  und  nationalen  Erörterungen  kommt,
einmal  umgekehrt  ginge,  daß  solche  Reisen  nicht  von  Wien  etwa  nach  Lemberg,
  sondern  von  Lemberg  nach  Wien  gemacht  würden,  und  daß  dann  die
Männer  unseres  Volkes  für  dasselbe  hier  in  Wien  eine  Sprache  führten,
wie  dort  in  Krakau  und  Lemberg  heute  die  Polen.“

Ende  Juni—Anfang  Juli.  König  Milan  von  Serbien
trifft  zu  mehrtägigem  Aufenthalt  in  Wien  ein.  Er  hat  in  Schönbrunn
  eine  längere  geheime  Unterredung  mit  Graf  Kalnoky.

Man  bringt  die  Reise  mit  der  Beunruhigung  in  Verbindung,  welche
der  serbische  Kabinetswechsel  in  Wien  und  bei  der  Bevölkerung  der  ganzen
Monarchie  hervorgerufen  hat.  Es  heißt,  daß  eine  vollständige  Klärung  des
Verhältnisses  Serbiens  zu  Oesterreich  erzielt  worden  sei.

An  dem  Tage  der  Ankunft  des  Königs  in  Wien  schreibt  das

Laibacher  Blatt  „Slowenski  Narod“:

„Was  Ristic  und  dessen  Partei  für  Serbien  bedeuten,  hat  die  Begeisterung
  bezeugt,  mit  der  das  neue  Ministerium  ausgenommen  wurde:  Illumination,
  Hochrufe  auf  Ristic,  Serbien  und  Rußland,  die  serbische  und
russische  Volkshymne,  eine  Deputation  zu  Ristic,  das  alles  zeigt,  daß  Serbien
        <pb n="255" />
        Bie  Gekerreichis-Angarische  Monarchie.  (Juli  4.)  237

noch  nicht  der  Sklaverei  fremden  Einflusses  verfallen  ist,  und  daß  es  in  Rußland
  seine  Stütze  sieht  und  in  der  Entwickelung  der  flawischen  Idee.  Als
man  dem  neuen  Minister  Ovationen  brachte,  schlug  man  Garaschanin  die
Fenster  ein  und  rief:  „Krepiere  Garaschanin!“  Der  alte  Fersenlecker  deutscher
Patrone  aber  nahm  den  Revolver  und  schoß  in  den  Kaufen.  Die  Kugel  traf
nicht,  aber  sie  tötete  für  immer  den  politischen  Einfluß  Garaschanin's  und
seiner  Kreatur,  die  Serbien  einige  Jahre  hindurch  ohne  Scham  und  Gewissen
verkaufte  (Milan?!).  Die  Frage  ist  nun,  was  brachte  Milan,  der  mit  Garaschanin
  ein  Ganzes  war,  dazu,  Ristic  zu  berufen?  Er  hatte  dies  schon  einmal
  gethan,  aber  von  jenseits  der  Donau  erhielt  er  einen  Wink  und  Garaschanin
  blieb.  Wie  kommt  es,  daß  Milan  diesmal  sich  um  den  Zorn  seiner
„Freunde“  und  Protektoren  nicht  kümmerte?  König  Milan's  Thron  ruht  auf
thönernen  Füßen,  er  muß  sich  auf  einen  oder  den  anderen  Nachbar  verlassen.
Milan  steht  vor  der  Alternative:  ob  er  Serbe  und  Slawe  sein  oder  ob  er
mit  dem  Magyarismus  und  dem  Schwabismus  gehen  will.  Im  ersten  Falle
wirst  du,  Milan,  fest  auf  dem  Throne  sitzen,  denn  hinter  dir  steht  Rußland;
wenn  du  aber  dem  Nachbar  die  Hand  reichst,  der  dich  seiner  „ewigen  Freundschaft“"
  versichert  und  dir  alle  möglichen  Schätze  verspricht,  wirst  du  die  Knute
in  der  Faust  halten  und  dein  Volk  hauen  müssen;  zum  Schlusse  aber  wird
das  Ende  des  Duldens  kommen,  und  du  samt  deinem  Geschlechte  kannst  ans
andere  Ufer  der  Save  laufen!  .  So  wie  Milan  bis  jetzt  das  blinde  Werkzeug
  in  der  Hand  des  erkauften  Garaschanin  war,  so  wird  er  sich  künftig
der  neuen  Partei  ergeben  müssen,  was  ihm  als  einem  beschränkten  Menschen

ganz  gleich  ist.“

4.  Juli.  (Ungarn:  Bischofsstreit.)  Der  Kardinal  Fürstprimas
  Simor  von  Gran  nimmt  in  der  Frage  des  Rechtes  der
Krone  zu  Bischofsversetzungen  die  Partei  des  Landes  gegen  die  Einwendungen
  der  päpstlichen  Kurie.

Die  Regierung  hatte  die  Bischöfe  von  Kaschau  und  Szathmar  nach
Waitzen  bezw.  Großwardein  behufs  Verbesserung  ihres  Einkommens  versetzt.
Der  päpstliche  Nuntius  hatte  dagegen  Einwendungen  erhoben  und  das  seete
der  Krone  Ungarn  zu  solchen  Transferierungen  bestritten.  Es  waren  hierauf
  Gegenbemerkungen  Graf  Kalnokys,  „nicht  ohne  Emotion"  nach  Rom  ergangen.
  Man  hatte  vielfach  geglaubt,  daß  die  ganze  Angelegenheit  von
Kardinal  Simor  angestellt  worden  sei.  Dieser  läßt  nun  durch  die  Zeitungen
  erklären,  daß  er  keineswegs  die  Kurie  veranlaßt  habe,  eine  Note  in
betreff  der  Versetzung  der  Bischöfe  nach  Wien  zu  richten;  ebensowenig  sei
er  mittelbar  oder  unmittelbar  daran  beteiligt  gewesen,  daß  diese  Note  zur
öffentlichen  Kenntnis  gelangte.  Der  Primas  habe  im  Gegenteil,  als  er
hörte,  daß  von  ungarischer  Seite  bei  der  Kurie  wegen  der  Versetzung  einiger
Bischöfe  Beschwerde  geführt  und  das  Versetzungsrecht  des  W  Königs
von  der  päpstlichen  Kurie  in  Zweifel  gezogen  wurde,  sich  beeilt,  die  Kurie
aufzuklären,  daß  die  Könige  von  Ungarn  dieses  Recht  ohne  Einflußnahme
der  Päpste  immer  ausübten.  Der  Primas  habe  demnach  seinerseits  in  seiner
Eigenschaft  als  Primas  von  Ungarn  an  maßgebender  Stelle  nachgewiesen,
daß  dieses  Recht  des  apostolischen  Königs  unanfechtbar  sei.  Er  finde  nichts
daran  auszusetzen,  daß  die  Regierung  nur  solche  Bischöfe  ernenne,  welche
ihr  genehm  sind;  keine  Regierung  würde  anders  handeln;  es  sei  denn  auch
ganz  unwahr,  als  hege  er  dem  Ministerpräsidenten  gegenüber  Groll  im
Herzen.  Wenn  ein  Blatt  das  Versetzungsrecht  dem  Koͤnige  entziehen  und
dem  Papste  zuwenden  möchte,  so  beweise  es  lediglich,  daß  es  die  Gesinnun
des  Episkopats  in  einer  so  wichtigen  Frage  nicht  kennt.  Zugegeben,
        <pb n="256" />
        238  Hie  Gesterreichis#z-  Angerische  Monarchie.  (Juli  16.)

zuweilen  zwischen  der  Regierung  und  dem  Primas  Meinungsverschiedenheiten  obgewaltet
  hätten,  so  seien  sie  doch  nicht  derartig  gewesen,  daß  sie  zu  Zorn
und  Groll  Anlaß  gegeben  hätten  und  daß  daraus  die  Geneigtheit  zur  Preisgebung
  eines  wichtigen  Rechtes  des  Staates  hätte  entspringen  sollen.

16.  Juli.  (Oesterreich:  Deutsche  Bewegung.)  Dem
Benediktiner-Abte  Karl  von  Mekk,  welcher  im  Herrenhause
bei  Beratung  des  Antrages  Schmerling  kräftig  für  die  deutsche
Staatssprache  eingetreten  war,  wird  auf  Veranlassung  des  Gemeinderats
  von  Melk  eine  von  mehr  als  1400  Gemeinden  und  vielen  Vereinen
  unterzeichnete  Dankadresse  überreicht.

Abt  Karl  antwortet  in  längerer  Rede:  Er  betont  die  Uebereinstimmung
  seines  deutsch-österreichisch-zentralistischen  Standpunktes  mit  seinem  religiösen
  Bewußtsein.  Die  Staatssprache,  die  nicht  wir  lebenden  Deutschen
geschaffen  haben,  sondern  die  der  österreichische  Staat  nach  Geburt  und  Entwicklung
  als  seine  Mutter=  oder  Umgangssprache  sich  angeeignet  habe,  stehe
höher  als  einzelne  Landessprachen.  —

Die  Klerikalen  hatten  die  Rede  des  Abtes  im  Herrenhause
mit  unverhohlenem  Verdruß  aufgenommen.  Auf  eine  lobende  Besprechung
  seines  Verhaltens  in  der  „Neuen  Freien  Presse“  schreibt
das  ultramontane  „Vaterland“:

Der  Herr  Abt  von  Melk  dürfte,  wenn  er  Vorstehendes  gelesen  hat,
lebhaft  an  den  Spruch  gedacht  haben:  „Herr,  bewahre  nich  vor  meinen
Freunden,  vor  meinen  Feinden  werde  ich  mich  schon  selbst  bewahren.“  —
Zwar  wird  ihn  nicht  das  Lob  des  genannten  Blattes  genieren;  er  wird  vielleicht
sogar  Genugthuung  darüber  fühlen  —  denn  Herr  Abt  Karl  ist  Liberaler
vom  reinsten  Wasser.  Nach  unserer  Erinnerung  hat  er  nie  anders  als  liberal
gestimmt,  und  ebenso  wie  sein  Gesinnungsgenosse  im  Abgeordnetenhause,
Prior  Posselt,  sogar  in  Schulsachen  den  liberalen  Standpunkt  nicht  verlassen.
Er  gehört  somit  zu  jenen  Priestern,  die  gerne  den  Anachronismus  des  geistlichen
  Liberalismus  mitmachen.  Das  Lob  des  hochliberalen  Judenblattes
wird  der  Ferr  Prälat  sohin  nicht  anstößig  finden;  aber  der  Hohn,  der  in
der  Hyperbel  liegt,  daß  das  Volk  ihn  mit  Ehrenzeichen  schmücte,  muß  ihm
denn  doch  wehethun.  Nicht  ein  Dutzend  Gemeinde-Vertretungen  haben  in  der
ganzen  Monarchie  dem  Herrn  Abte  von  Melk  ihre  Verehrung  ausgedrückt,
und  damit  macht  man  Wind!  Mit  „Volks“-Demonstrationen  ist  es  also
nichts,  und  der  „Wille  der  Bürger“  kommt  da  blutwenig  in  Betracht.  —
Das  „unzählige  deutsche  Gemeinden“  ist,  wenn  nicht  eine  Lüge,  so  doch  eine
häßliche,  tendenziöse  Uebertreibung;  man  sollte  denn  doch  einen  alten  Herrn
nicht  in  einer  Weise  erheben,  daß  er  dadurch  fast  der  Lächerlichkeit  anheimfallen
  könnte.  —  Der  „schweigende  Prälat“  hat  übrigens  nicht  seine  deutsche
Empfindung  bezeugt,  sondern  nur  seine  treue  und  innige  Zugehörigkeit  zur
liberalen  Partei,  mit  der  er  in  jeder  Richtung  Schritt  halten  will.  „Deutsche“
Empfindungen  haben  ja  doch  gar  nichts  mit  der  Vereinfachung  der  Urteilsschaffung
  beim  Prager  Ober-Landesgerichte  zu  thun!  Würde  Rauscher  noch
unter  den  Lebenden  wandeln,  so  wäre  Abt  Karl  —  doch  allein  gestanden,
denn  Kardinal  Rauscher  ereiferte  sich  nicht  für  die  Sprachen  in  einigen
Aktenstücken  und  würde  bis  heute  zur  Ueberzeugung  gekommen  sein,  daß
Oesterreich  eben  kein  exklusiv  deutscher  Staat  mehr  sein  könne.  Man  möge
doch  den  gutmütigen  Herrn  Abt  von  Melk,  den  man  im  Herrenhause  zunächst
  nur  nach  seinen  Abstimmungen  kennt,  die  nie  von  einer  bestimmten
        <pb n="257" />
        Sie.  Gesterreichisch-Augarische  Monarchie.  (Juli  18.—  August  3.)  239

Richtung  abweichen,  nicht  mit  dem  genialen  Kardinal  in  Vergleich  stellen!
Das  muß  ihm,  dem  edlen,  bescheidenen  Mönche,  doch  sicherlich  höchst  unangenehm
  sein.

18.  Juli.  (Bulgarische  Fürstenwahl.)  Das  auswärtige
Amt  macht  infolge  der  großen  Erregung  des  Landes,  namentlich  in
Ungarn,  die  Grundzüge  der  auf  das  Rundschreiben  der  Pforte  vorbereiteten
  Antwortnote  bekannt.

Nach  derselben  hat  Graf  Kalnoky  jeden  Zusammenstoß  mit  Rußland
dadurch  unmöglich  gemacht,  daß  er  im  vorhinein  feststellt,  er  habe  keine  Veranlassung,
  sich  über  die  Gesetzlichkeit  der  Fürstenwahl  in  Bulgarien  auszusprechen,
  denn  diese  Frage  könne  nur  auf  Grundlage  der  bulgarischen  Verfassung
  entschieden  werden,  welche  russischen  Ursprungs  ist  und  der  Regierung
Oesterreich-Ungarns  amtlich  nicht  zur  Kenntnis  gebracht  wurde.  In  erster
Reihe  ist  zur  Prüfung  der  Gesetzlichkeit  der  Tirnowaes  Fürstenwahl  die
Pforte  berufen.  Die  bulgarische  Abordnung  hat  auch  keinerlei  Schritte  gethan,
  um  mit  den  österreichisch-ungarischen  Regierungskreisen,  sei  es  auch  nur
auf  offiziösem  Wege,  in  Fühlung  zu  treten.

29.  Juli.  (Oesterreich:  Mittelschulaufhebungen.)  Durch
kaiserliche  Entschließung  werden  eine  Anzahl  Gymnasien  und  Realschulen
  wegen  mangelhaften  Besuches  aufgehoben.  Unter  ihnen  befinden
  sich  mehrere  tschechische  und  slowenische;  hingegen  werden  am
Staatsgymnasium  zu  Przemysl  ruthenische  Parallelklassen  eingerichtet.

Diese  Maßregel  erregt  in  Böhmen  einen  Sturm  der  Entrüstung  gegen
den  Unterrichtsminister  v.  Gautsch.  In  den  tschechischen  Blättern  wird  der
Erlaß  als  ein  Verfassungsbruch  bezeichnet,  ein  jungtschechisches  Organ  fordert
die  Versetzung  des  Ministers  in  den  Anklagezustand.  Die  Städte  Pilsen  und
Kuttenberg  verweigern  die  Schließung  ihrer  tschechischen  Oberrealschulklassen.

Ende  Juli—Ende  August.  König  Milan  von  Serbien
besucht  auf  seiner  Badereise  nach  Schmecks  und  Gleichenberg  Wien
und  Pest  und  hält  sich  daselbst  längere  Zeit  auf.

Gleichzeitig  halten  sich  zufällig  auch  Prinz  Vogorides  (Aleko  Pascha),
Prinz  Alexis  Karageorgiewitsch  und  der  bulgarische  Thronkandidat  Prinz
Ferdinand  von  Koburg  in  Wien  auf

Anfang  August  trifft  König  Milan  in  Pest  ein,  wo  er  längeren  Aufenthalt
  nimmt  und  freundschaftlich  mit  Tisza,  Eugen  Zichy  u.  a.  Magnaten
  verkehrt.  Bei  einer  Vorstellung  von  Literaten  gibt  er  seinen  Sympathieen
  für  Oesterreich-Ungarn  freien  Ausdruck  und  versichert,  daß  solange  er
den  serbischen  Thron  innehabe,  die  Politik  der  Anlehnung  Serbiens  an  Oesterreich-Ungarn
  keine  Aenderung  erfahren  werde.  „Es  gibt  zwischen  Serbien
und  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie  schriftliche  Vereinbarungen,  #%%
daß  unser  gegenseitiges  Verhältnis  von  dem  Wechsel  der  Regierungen  unberührt
  bleibt.“

3.  August.  (Oesterreich:  Die  Tschechen  und  Deutschland.)
  Das  Brünner  Blatt  „Hlas“,  das  konservativ  klerikale
Tschechenorgan  des  Grafen  Egbert  Belcredi,  äußert  sich  in  einem
Artikel  über  die  Lage,  wie  folgt:

„Dritthalb  Jahrhunderte  bemühte  sich  Oesterreich,  uns  zu  germani-
        <pb n="258" />
        240  Die  Geserreichisch-Augarische  Morarchie.  (August  9.—15.)

sieren,  und  ist  damit  doch  nicht  fertig  geworden  und  wird  es  auch  in  Zukunft
  nicht  werden.  Unser  allergefährlichster  Feind,  der  uns  das  Messer  an
die  Kehle  setzt,  ist  das  geeinigte  Deutschland.  Und  dieses  geeinigte  Deutschland
  steht  vor  einem  großen  Kriege  mit  Frankreich  und  Rußland.  Was  ist
natürlicher,  als  daß  wir  alle  Sympathien  denen  zuwenden,  die  gegen  Deutschland
  kämpfen  werden,  und  daß  unser  heißester  Wunsch  der  ist,  daß  Deutschland
  eine  Niederlage  bereitet  werde.“  In  dem  Artikel  wird  weiter  die
Drohung  ausgesprochen:  „Die  Tschechen  würden  —  wenn  das  Ministerium
ihre  Forderungen  nicht  ersülle  —  zu  ihrer  slawischen  Pflicht  zurückkehren.

Bischof  Bauer  von  Brünn  verwahrt  sich  hierauf  öffentlich,
daß  man  den  „Hlas“  als  sein  Organ  betrachte.

Auch  das  Organ  Riegers  „Hlas  Naroda“  äußert  einige  Tage
darauf:

„Den  österreichischen  Völkern  ist  es  gleichgültig,  ob  die  Grenzen
Deutschlands  nach  Ost  und  West  sich  vorwärts  oder  rückwärts  schieben;  sie
werden  nicht  zugeben,  daß  solcher  Dinge  wegen  die  Knochen  eines  österreichischen
  Soldaten  gefährdet  werden.“

9.  August.  (Bulgarische  Fürstenwahl.)  Bei  der  Abreise
des  Prinzen  von  Koburg  nach  Bulgarien  widmen  ihm  die  Blätter
beider  Reichshälften  im  ganzen  sehr  sympathische  Auslassungen.

Die  offiziösen  Blätter  dagegen  erklären:

Der  Prinz  habe  auf  eigene  Gefahr  und  ohne  Unterstützung  durch  die
Mächte,  ja,  gegen  den  Rat  seiner  guten  Freunde  (wenige  Tage  vorher  war
durch  die  Blätter  eine  Notiz  gegangen,  daß  eine  Unterredung  zwischen  dem
Prinzen  und  dem  Grafen  Kalnoky  stattgefunden  habe),  das  bulgarische  Wagnis
  unternommen.  Man  muüsse  befürchten,  die  Uebernahme  der  Regierung
durch  den  neuen  Fürsten  werde  die  bulgarische  Frage  weder  einfacher  gestalten
  noch  der  Lösung  entgegenführen.  Das  Regime  des  Prinzen  von  Koburg
sei  mit  den  noch  vor  einigen  Wochen  von  ihm  nachdrücklich  betonten  Bestimmungen
  des  Berliner  Vertrags  nicht  in  Einklang  zu  bringen.  Schließch

  seiich  entscheide  der  Erfolg  viel  in  der  Politik,  es  sei  also  möglich,
daß  er  dem  Prinzen  eine  dauernde  Herrschaft  in  Bulgarien  ermögliche.

10.  August.  (Ungarn:  Panslawismus  in  Oesterreich.)
Der  „Pester  Lloyd“  bringt  einen  von  der  Regierung  inspirierten
Artikel,

welcher  das  Uebergreifen  des  Panslawismus  auf  ungorisches  Gebiet
feststellt  und  erklärt,  Ungarn  würde  seine  Passivität  gegenüber  den  Vorgängen
in  Oesterreich  sofort  aufgeben,  wenn  die  Tschechen  die  auswärtige  Holfär
beeinflussen  oder  den  inneren  Frieden  Ungarns  stören  sollten.

10.  August.  (Prinz  Ferdinand  v.  Koburg.)  Auf  dem
Bahnhofe  in  Temeswar  erscheinen  bei  der  Durchreise  des  Prinzen
der  Generalstabschef  des  7.  Armeekorps  und  der  Platzhauptmann
und  fordern  den  Sekretär  des  Prinzen,  Major  Laba,  auf,  nach  Wien
zurückzukehren  oder  seinen  militärischen  Charakter  zu  quittieren.  Der
Major  unterzeichnet  sofort  sein  Austrittsgesuch  aus  der  Armee.

15.  August.  (Böhmen:  Deutsche  Partei.)  Die  Vertrauens-
        <pb n="259" />
        Die  Oefterreithisqh·Angarische  Menarthie.  (August  15.  -Ende.)  241

männerversammlung  der  Deutschen  in  Prag  unter  Führung  von
Schmeykal  und  Plener  kommt  zu  dem  Beschlusse,  die  Erfüllung
der  deutschen  Forderungen  zur  Vorbedingung  jedes  Aussgleichs  mit
den  Tschechen  zu  machen.  Schmeykal  erklärt  die  dauernde  Enthaltung
  von  den  Landtagsverhandlungen  für  „das  letzte  äußerste  Kampfmittel“,
  zu  dem  man  habe  greifen  müssen.

In  dem  Wahlaufrufe  heißt  es:

„.  ..  Was  wir  gemeinsam  erstreben,  um  unsere  nationalen  Interessen
vor  allen  Widrigkeiten  und  Bedrohungen  der  Gegenwart  und  Zukunft  sicherzustellen,
  ist  zwischen  uns  längst  klargestellt  und  für  niemand  ein  Geheimnis.
Dazu  bedarf  es  keiner  weitern  Worte.  Daran  aber  müssen  wir  euch  wiederholt
  erinnern,  daß  euch  vom  Geschicke  nicht  das  Glück  ruhiger  Arbeit  und
Entwicklung  beschieden,  sondern  die  Aufgabe  gestellt  ist,  auf  schweren  Wegen
und  durch  schicksalsvolle  Prüfungen  hindurchzugehen  zu  dem  Ziele  sicherer,
glücklicher  Zukunft.“

15.  bzw.  24.  August.  Erster  Nordböhmischer  Katholikentag
  zu  Warnsdorf.

Derselbe  wird  unter  dem  Vorsitze  Lien  bachers  abgehalten  und  faßt
eine  Reihe  Resolutionen,  welche  das  Papstjubiläum,  Unterricht  und  Erziehung,
die  soziale  Frage,  die  katholische  Bewegung  und  die  Presse  zum  Gegenstande

aben.

Am  24.  August  beschließt  hierauf  der  Warnsdorfer  Gemeinde-Ausschuß
  eine  Erklärung,  in  der  es  heißt,  daß  der  Katholikentag  nicht  sowohl
den  Charakter  einer  religiösen  als  vielmehr  einer  politischen  und  zwar  antiliberalen
  Parteiversammlung  gehabt  habe  und  daß  daher  „unter  ausdrück-Licher
  Anerkennung  des  jeder  Religionsgesellschaft  und  politischen  Porue  zustehenden
  Rechtes  freier  Meinungsäußerung"  der  Gemeindeausschuß  erkläre,
„daß  die  weit  überwiegende  Mehrheit  der  Bewohner  Warnsdorfs  den  gegen
die  freiheitlichen  Grundsätze  des  Staatslebens  und  gegen  die  Freiheit  der
Wissenschaft  und  ihrer  Lehren  gerichteten  Beschlüssen  des  Kathelikentages
vollständig  fern  stehe".

23.  August  bis  Ende  November.  (Kärnten:  Jefuiten.)
Der  Gemeinderat  von  Klagenfurt  fpricht  in  einer  Resolution  sein
tiefes  Bedauern  über  die  Berufung  der  Jesuiten  durch  den  Fürstbischof
  Kahn  von  Gurk  an  das  Priesterseminar  zu  Klagenfurt
aus,  weil  dadurch  die  deutschen  Theologen  ihrem  Volke  entfremdet
würden.

Diesem  Beschlufse  stimmen  almählich  die  Stadt=  und  Dorfgemeinden
zu  Hermagor,  Villach,  St.  Thomas  am  Zeiselberg,  St.  Martin,  Spital,
Gmünd,  Puchreit  u.  a.  bei.

Ende  August.  (Böhmen.)  Es  erscheint  eine  Broschüre,  betitelt:
  „In  die  Opposition."“

Der  pseudonyme  Verfasser  (Jiskra-Funke)  knüpft  an  die  1848er  Aeußerung
  Hlawitscheks  an,  daß  die  Tschechen  auf  die  Entwicklung  ganz  Mittel-Europas
  und  des  Orients  einen  ungeheuren  Einfluß  gewinnen  könnten  und
noch  größer  an  Ruhm  und  Macht  werden  wie  unter  König  Ottokar.  Sie

Europ.  Geschichtskalender.  XXVII.  Bb.  16
        <pb n="260" />
        242  Hie  Gesterreichisch-Aungarische  Monarchie.  (Septbr.  Anf.—  Novbr.)

machten  dagegen  nur  Rückschritte,  was  schon  ein  flüchtiger  Vergleich  mit  den
Ungarn  ergebe.  Er  schilt  die  Alttschechen  duckmäuferige  Politiker,  welche  in
den  nationalen  Wirren  durch  Hinterlist  Einfluß  errungen  hcktten,  aber  wohl
wüßten,  daß  fie  ohne  die  jetzige  Regierung  ihre  fetten  Pfründen  verlieren
müßten.  Sie  betrögen  das  Volk,  wenn  sie  von  errungenen  Erfolgen  sprächen.
Obgleich  immer  wieder  getäuscht  gingen  Rieger  und  Gen.  nicht  in  die  Oppofition.
  Das  geschehe,  weil  ein  Teil  derselben  in  Regierungsdiensten  stünde
oder  Minister  werden  wolle.  Die  Jungtschechen  seien  keine  Partei,  sie  hätten
weder  Organisation  noch  Programm.  Darum  könnten  auch  fie  nicht  ernstlich
und  gewichtig  ihren  Ruf:  In  die  Opposition!  erheben.

Die  Schrift  schließt:  „Mit  Bitternis  und  Offenheit  schreiben  wir  es
nieder:  In  die  Opposition  wird  uns  auch  in  diesem  Jahre  niemand  hineinbekommen!
  Wir  lassen  uns  nicht  irreführen  durch  die  gegenwärtige  Gährung
in  tschechischen  Volke,  durch  das  heuchlerische  Eifern  der  alttschechischen  Blätter
und  auch  nicht  durch  die  Versöhnung,  welche  mit  einemmale  die  Prager
(tschechischen)  Blätter  geschlossen  haben.  Wissen  wir  doch,  wie  es  bei  uns
zugeht:  Bevor  der  Reichsrat  zusammentritt,  wird  an  die  Stelle  des  heutigen
Wetterns  gegen  die  Regierung  die  obligate  Täuschung  des  Volkes  treten,
und  die  Abgeordneten  werden  dann  ihre  alten  Sitze  einnehmen.  Und  doch
kann  es  nicht  so  weiter  gehen.  Aus  den  gegenwärtigen  Zuständen  muß  eine
neue  nationale,  demokratisch-slavische  Partei  erstehen!“

Anf.  September.  (Ungarische  Produkte.)  Die  österreichische
Regierung  richtet  an  die  ungarische  eine  Zuschrift,  in  welcher  sie
erklärt,

daß  sie  die  in  einigen  tschechischen  Kreisen  gegen  die  ungarischen  Landesprodukte
  eingeleitete  Agitation  auf  das  nachdrücklichste  mißbillige,  in  der
Besteuerung  derselben  eine  Verletzung  des  Zoll=  und  Handelsbündnisses  sehen
würde  und  daher  die  Statthalter  von  Böhmen  und  Mähren  angewiesen  habe,
festzustellen,  ob  es  wahr  sei,  daß  die  Stadt  Trebitsch  u.  a.  eine  solche  Sonderbesteuerung
  ungarischen  Mehles  und  ungarischer  Schweine  beschlossen  habe,
um  alsdann  diese  Beschlüsse  sofort  für  ungültig  zu  erklären.

Anf.  September  bis  November.  (Galizien:  Bauernbewegung.)
  Ein  Bericht  der  Statthalterei  gibt  eine  Uebersicht  über
die  infolge  Durchführung  des  1885ger  Straßengesetzes  seit  Monaten
in  Galizien  stattfindenden  Bauernunruhen.

Das  Gesetz,  welches  sehr  schroffe  Bestimmungen  über  die  zum  Straßenbau
  zu  leistenden  Hand=  und  Spanndienste  der  Hausbesitzer  u.  a.  enthält,
hat  in  der  Bauernbevölkerung  die  Besorgnis  von  geplanter  Wiedereinführung
des  Robot  erweckt.  In  45  Bezirken  ist  die  Einführung  ohne  Schwierigkeit
erfolgt,  in  16  haben  einzelne  Gemeinden,  in  8  aber  die  ganze  Bevölkerung
sich  dagegen  aufgelehnt,  sodaß  in  mehreren  das  Gesetz  überhaupt  noch  nicht
hat  in  Wirksamkeit  treten  können,  überall  ist  aber  Mißtrauen  und  Beunruhigung
  des  Landvolks  zu  bemerken.  Vielfach  haben  die  Widersetzlichkeiten
zu  ernsten  Ruhestörungen  geführt,  sodaß  in  einzelnen  Orten  Militär  aufgeboten
  werden  mußte,  einzelne  Gemeinden  haben  sich  mit  direkten  Eingaben
an  den  Kaiser  gewandt.

Es  werden  später  durch  Erlaß  des  Landeshauptmanns  die  Behörden
angewiesen,  hinfort  bei  durchführung  des  Gesehes  mit  größerer  Schonung
zu  verfahren,  gleichwohl  wiederholen  sich  die  Unruhen  noch  mehrfach  und
zwingen  zu  wiederholter  Inanspruchnahme  des  Militärs.

Im  Oktober  und  November  finden  eine  Reihe  von  Prozessen  gegen
        <pb n="261" />
        Vie  Gesterreichisch-Augerische  Monarcie.  (September  10.—29.)  243

fi  Unruhestifter  statt,  welche  zur  Bestrafung  von  mehreren  100  Bauern
ren.

10.—16.  September.  (Böhmen.)  Bei  den  Landtags-Ergänzungswahlen
  für  die  ungiltig  erklärten  Mandate  der  ausgetretenen
  Deutschen  behaupten  die  Deutschen  sowohl  in  den  Landgemeinden
  als  auch  in  den  Städten  sämtliche  bisher  besessene  Sitze.

In  Budweis,  wo  die  Tschechen  die  äußersten  Anstrengungen  machen,
ihnen  die  Vertretung  zu  entreißen,  und  ernsthafte  Wahlstörungen  verursachen,
nehmen  von  den  2750  Wählern  2420  an  der  Wahl  teil;  davon  erhält  der
deutsche  Kandidat  1363,  der  tschechische  1047  Stimmen.

11.  September.  Die  diesjährige  altkatholische  Synode

wird  zu  Warnsdorf  in  Böhmen  abgehalten.

Außer  der  Regierung  sind  28  Gemeinden  vertreten.  Die  Hauptbeschlüsse
  betreffen  die  Neubegründung  einer  Anzahl  von  Pfarrgemeinden  in
den  Dörfern  des  Isergebirges.

26.  September  bzw.  13.  Oktober.  (Böhmen:  Prager  Gemeinderatswahl.)
  Die  engere  Wahl  zwischen  den  beiden  zur
Stichwahl  gekommenen  deutschen  Kandidaten  (vergl.  1886  I,  11.)
wird  endlich,  nachdem  die  Prager  Stadtvertretung  auf  jede  mögliche
Weise  den  Eintritt  eines  Deutschen  in  das  Stadtverordnetenkollegium
zu  hintertreiben  versucht  hatte,  aber  überall  abgewiesen  und  zuletzt
durch  die  Entscheidung  des  obersten  Verwaltungsgerichtshofes  gezwungen
  war,  der  Wahl  freien  Lauf  zu  lassen,  nach  fast  2jähriger
Verschleppung  zu  Gunsten  des  Dr.  Bendiener  entschieden  und  am
13.  Oktober  vom  Stadtverordnetenkollegium  genehmigt.

27.  September.  (Böhmen:  Jungtschechische  Bewegung.)
Bei  der  Bürgermeisterwahl  in  Prag  fsiegt  der  bisherige  Bürgermeister
  Scholz  über  den  jungtschechischen  Gegenkandidaten  mit  60
von  78  Stimmen.  Bei  verschiedenen  Ersatzwahlen  zum  Reichsrate
und  Landtage  unterliegen  aber  die  Alttschechen  den  Jungtschechen  im
ganzen  Lande.

28.  September.  (Oesterreich.)  Oberösterreichischer  Katholikentag
  zu  Linz.  Die  in  Anwesenheit  des  Statthalters  tagende
Versammlung  nimmt  eine  vom  Bischof  Müller  v.  Linz  in  Vorschlag
gebrachte  Resolution  zu  Gunsten  der  Wiederherstellung  der  weltlichen
Herrschaft  des  Papstes  an.

Der  Papypst  sendet  sofort  ein  Dankestelegramm  für  diese  Kundgebung
  an  die  Versammlung.

29.  September.  (Ungarn.)  Eröffnung  des  ersten  fünfjährigen
  Reichstages.  Die  Thronrede  lautet:

Geehrte  Herren  Magnaten  und  Abgeordneten!  Liebe  Getreue!  Mit
16“
        <pb n="262" />
        244  Bie  Gesterreichis-Angarische  Menarcie.  (September  29.)

Zuversicht  und  Freude  begrüßen  Wir  Sie  am  Beginne  dieses  Reichstages,
während  dessen  gesetzlich  längerer  Dauer  Ihre  Vaterlandsliebe  und  Weisheit,
wie  Wir  es  hoffen  und  glauben,  viele  schwebende  Fragen  lösen  wird.
Wir  erachten  es  hier  nicht  fur  notwendig,  zu  erörtern,  wie  Vieles  auf  allen
Gebieten  des  Staatslebens  noch  zu  thun  erübrigt,  dessen  richtige  Austragung
notwendig  ist,  um  den  Wohlstand  und  das  Aufblühen  Unseres  geliebten
Königreiches  Ungarn  erfolgreicher  zu  fördern.  Es  ist  Ihnen  dies  gewiß
bekannt;  ebenso  gut  wissen  Sie  es  aber,  daß,  so  erwünscht  auch  nach  vielen
Richtungen  hin  ein  rascher  Fortschritt  sein  möge,  derselbe  doch  mit  der  finanziellen
  Kraft  des  Staates  gleichen  Schritt  halten  muß,  damit  deren  Erschöpfung
  nicht  allein  den  Fortschritt.  sondern  selbst  die  bereits  erreichten
Resultate  nicht  gefährde.  Unsere  Regierung  wird  bei  allen  ihren  Vorlagen  hierauf
  eine  besondere  Rücksicht  nehmen.  Bei  den  Kostenvoranschlägen  wird  sie
bis  zu  jener  Grenze  der  Sparsamkeit  gehen,  über  welche  hinaus  man  ohne
Gefährdung  des  Staatsinteresses  nicht  gehen  kann,  und  nebstbei  wird  sie
Vorlagen  zur  Hebung  der  Einkünfte  des  Staates  machen,  mit  steter  Bedachtnahme
  darauf,  daß  die  zu  tragenden  Lasten  sich  möglichst  verhältnismäßig
verteilen  und  daß  die  Völker  Unseres  zetreuen  Ungarn  nicht  überbürdet
werden.  Wir  bauen  darauf,  daß  Sie  bei  der  Feststellung  der  Ausgaben
mit  strenger  Sparsamkeit  in  Betreff  der  angestrebten  Verbesserungen,  mit  der
durch  die  finanzielle  Lage  gebotenen  Vorsicht,  ja,  wenn  es  sein  muß,  mit
Selbstverleugnung,  bei  den  zur  Bedeckung  der  unaufschiebbaren  Erfordernisse
des  Staates  unumgänglich  notwendigen  Verfügungen  aber,  wie  jederzeit,  so
auch  jetzt,  mit  patriotischer  Bereitwilligkeit  vorgehen  werden.  Mit  Beachtung
  dieser  Gesichtspunkte  wird  Unsere  Regierung  ihre  Vorlagen  machen,
welche  die  Ergänzung  der  Mängel  auf  dem  Gebiete  der  Gerichtspflege,  der
Administration,  der  Kommunikationen,  der  Volkswirtschaft  und  der  allgemeinen
  Bildung  die  Sicherung  eines  stetigen,  aber  stufenweisen  Fortschrittes
bewerkstelligen  sauen.  Auf  allen  diesen  Gebieten  werden  wichtige  Vorlagen
den  Gegenstand  Ihrer  Beschlüsse  bilden.

In  Ansehung  der  Rechtspflege  wird  Unsere  Regierung  sowohl  auf
dem  Gebiete  des  Straf=  wie  auch  des  Privatrechtes  und  überhaupt  in  jeder
Hinih,  wo  es  die  Vervollkommnung  der  Rechtssprechung  erfordert,  Ihnen

orlagen  in  entsprechender  Reihenfolge  einbringen.  Sie  wird  ehestens  Gesetzentwürfe
  vorlegen  über  die  Regelung  des  Veterinärwesens  und  über  die
Feldpolizei,  die  Negelung  der  öffentlichen  Arbeit,  die  entsprechende  Modifizierung
  des  Gesetzes  über  die  Vizinal-Eisenbahnen.  Die  Inartikulierung
es  Eisenbahnrechtes  wird  Ihre  Thätigkeit  in  Anspruch  nehmen.  Während
der  Dauer  dieses  Reichstages  wird  unsere  Regierung  Vorschläge  machen
über  die  Ablösung  der  kleineren  Regalien.  Sie  wird  auch  eine  Vorlage  in
Betreff  der  Verwaltungs-Gerichtsbarkeit  einbringen,  in  welcher  fie  bestrebt
sein  wird,  die  vollkommen  noch  nirgends  gelöste  Frage  zu  lösen,  in  welcher
Art  den  Bürgern  der  größtmöglichste  Rechtsschutz  geboten  werden  könnte,
ohne  daß  deshalb  die  Schnelligkeit  und  Wirksamkeit  der  Administration  und
damit  das  Staatsinteresse  leide.  Demnächst  werden  Sie  sich  mit  der  Erneuerung
  des  mit  Kroatien  und  Slavonien  geschlossenen  und  mit  Ende  dieses
Jahres  ablaufenden  finanziellen  Uebereinkommens  zu  befassen  haben,  wobei
gewiß  auch  diesmal  Gerechtigkeit  und  Billigkeit  Ihre  Beschlüsse  leiten  werden.
Die  Erneuerung  des  mit  Ende  des  Jahres  1889  ablaufenden  Gesetzes  über
die  Wehrmacht  wird  im  Einvernehmen  mit  der  Legislative  des  andern  Staates
  Unserer  Monarchie  ebenfalls  einen  sehr  wichtigen  Gegenstand  Ihrer  Beratungen
  bilden.

Mit  sämtlichen  auswärtigen  Mächten  stehen  wir  fortdauernd  in
freundschaftlichen  und  guten  Beziehungen,  und  wenn  auch  die  Weltlage  nicht
        <pb n="263" />
        Bie  Gesterreihisch-Angerische  Mosarcie.  (Septbr.  29.—Okt.  Anf.)  245

derart  ist,  daß  es  zulässig  erschiene,  die  größtmögliche  Vervollkommnung
Unserer  Wehrmacht  außer  Acht  zu  lassen,  hegen  wir  doch  die  begründete
Hoffnung,  daß,  indem  Unsere  Regierung  auch  gerwerhin  eifrig  zusammenwirkt
  mit  jenen  Faktoren,  mit  welchen  vereint  ihr  die  Erhaltung  des  Friedens
  bisher  gelungen  ist,  dessen  ungestörte  Aufrechthaltung  auch  weiterhin
gesichert  bleiben  werde.  Mit  dem  Ausdrucke  dieser  Hoffnung  erbitten  Wir
den  Seen  Gottes  für  Ihre  Thätigkeit,  und  vertrauend  am  Ihren  Eifer,
Ihre  Weisheit  und  Vaterlandsliebe  erklären  Wir  den  gegenwärtigen  Reichstag

  für  eröffnet.

29.  September.  (Ungarn.)  In  Pest  wird  das  aus  Nationalspenden
  errichtete  Deak-Monument  in  Gegenwart  des  Kaisers,
des  Erzherzogs  Josef,  der  Erzherzogin  Klotilde  und  aller  Hof=  und
Staatswürdenträger  feierlich  enthüllt.  Die  Stadt  Fiume  enthält
sich  demonstrativ  der  Absendung  von  Vertretern  zu  dieser  Feier.

Ende  September.  (Oesterreich-Ungarn:  Zollstreit  mit
Rumänien.)  Die  von  Rumänien  gemachten  neuen  Tarifvorschläge
werden  in  einer  Note  als  ungeeignete  Grundlage  für  Verhandlungen
abgelehnt.

Anfang  Oktober.  (Böhmen:  Freie  reformierte  Kirche.)
Eine  Deputation  derselben  bittet  den  Premierminister  und  den  Minister
  des  Kultus  um  Aufhebung  des  von  der  Prager  Polizeidirektion
ergangenen  Dekrets,  wodurch  die  Betsäle  der  Kirche  geschlossen  wurden.

Beide  Minister  erklären  ihre  Bereitwilligkeit,  soweit  es  die  Gesetze
zuließen,  den  Gemeinden  zur  Ausübung  ihrer  Andachten  möglichste  Freiheit
zu  teil  werden  zu  lassen  und  das  Verfahren  der  Prager  Polizeidirektion  einer
strengen  Prüfung  unterwerfen  zu  wollen.

Bei  ähnlichen  Bedrückungen  hatte  1879  der  Kaiser  selbst  infolge  einer
Vorstellung  durch  eine  Deputation  der  Glaubensgenossen  die  freie  Ausübung
der  Religion  diesen  gewährt.

Anf.  bzw.  21.  Oktober.  (Kroatien.)  Der  Agramer  Gemeinderat
  beschließt,  eine  Adresse  an  den  Kaiser  zu  richten,  in

welcher  Klage  über  den  Banus  und  die  Landesregierung  geführt  wird.

Der  Banus  wird  beschuldigt,  daß  er  planmäßig  auf  das  Verderben
der  Landeshauptstadt  und  ihrer  Bevölkerung  hinsteuere;  so  lange  Graf
Khuen-Hedervary  an  der  Spitze  der  Landesregierung  stehe,  sei  keine  Wendung
  zum  Bessern  zu  erwarten,  und  darum  wende  Sc  die  Gemeindevertretung
  an  die  Krone,  damit  diese  Maßnahmen  verfüge,  „welche  die  sorgenvollen

erzen  der  Gemeindevertretung  sowohl  als  der  Gesamt-Bevölkerung  der
andeshauptstadt  Agram  zu  beruhigen,  sie  zur  anhaltenden  gemeinnützigen
Strebsamkeit  und  Thätigkeit  aufzumuntern  geeignet  sein  werden."“

Der  Schritt  scheint  von  der  parlamentarischen  Opposition
ausgegangen  zu  sein,  welche  ihren  im  Landtage  verlorenen  Einfluß
auf  diese  Weise  wieder  geltend  zu  machen  sucht.  Der  Oberbürgermeister
  Sieber  fistiert  den  Beschluß,  da  damit  der  Gemeinderat
seinen  Wirkungskreis  überschritten  habe;  der  Banus  bestätigt  diese
        <pb n="264" />
        246  Die  Oelterreithisch-Angarishe  Menarthie.  Oktober  3.  10.)

Verfügung.  Nachdem  hierauf  19  Gemeinderäte  in  einer  neuen  Sitzung
je  5  Gulden  für  den  Vizebürgermeister  Crnadak  zur  Bestreitung  der
Reisekosten  erlegt  haben,  überbringt  dieser  das  Schriftstück  nach  Wien
in  die  kaiserliche  Kabinetskanzlei.

3.  Oktober.  (Ungarn:  Antisemitenmaßregelung.)  Der
als  antisemitischer  Kandidat  zum  Abgeordnetenhause  aufgetretene
Universitätsprofessor  Lubrich  und  Gymnasialprofessor  Tomor  werden
  vom  Unterrichtsminister  auf  unbestimmte  Zeit  beurlaubt.

4.  Oktober.  (Böhmen:  Nationalitätenstreit.)  Vier
deutsche  Professoren  an  der  k.  k.  Kunstgewerbeschule  in  Prag  werden
entlassen,  angeblich  „weil  sie  der  Verpflichtung,  sich  die  Kenntnis
der  tschechischen  Sprache  binnen  gegebener  Frist  anzueignen,  nicht
entsprochen  haben“.

2  von  den  Entlassenen  waren  von  Staatswegen  aus  Deutschland  berufen

  worden;  es  bleiben  nur  noch  ein  Professor  und  2  Lehrerinnen  von
deutschen  Lehrkräften  an  der  Anstalt.

10.  Oktober.  (Steiermark:  Sprachenstreit.)  Der  Landesausschuß
  beschließt  einen  Protest  gegen  den  Sprachenerlaß  des
Justizministers  Prazak,  welcher  verfügt,  daß  Eintragungen  in  das
Grundbuch  auf  Verlangen  der  Parteien  in  slowenischer  Sprache  zu
erfolgen  haben.  Es  heißt  in  der  Verwahrungsschrift:

„Ein  Erlaß  solchen  Inhalts  berührt  so  wesentliche  Landes-Interessen,
deren  Wahrung  dem  Landesausschusse  als  Exekutiv-Organ  des  Landtages  obliegt,
  daß  zunächst  wohl  die  Voraussetzung  als  eine  gewiß  berechtigte  anerkannt
  werden  daff.  daß  eine  derartige,  die  innere  Einrichtung  der  Grundbücher
  wesentlich  berührende  Verordnung,  ohne  vorher  die  Wohlmeinung  des
Landesausschusses  gehört  zu  haben,  nicht  verfügt  werden  solle  und  könne.
Nachdem  aber  das  k.  k.  Justizministerium  es  nicht  für  notwendig  erachtet
hat,  in  dieser,  eminente  Landes-Interessen  berührenden  Frage  die  Anschauung
  des  Landesausschusses  kennen  zu  lernen,  ist  der  ergebenst  gefertigte
Landesausschuß  leider  bemüssigt,  in  diesem  Falle  seine  berusene  Stimme  auf
diesem  Wege  zur  Geltung  zu  bringen.  Daß  aber  im  gegebenen  Falle  die
Stimme  des  Landesausschusses  berufen  ist,  gehört  zu  werden,  ergibt  sich  aus
dem  Umstande,  daß  die  Bestimmungen  über  die  Anlegung  und  innere  Einrichtung,
  der  Grundbücher  in  die  Kompetenz  der  Landesgesetzgebung  gehören,
und  daß  nach  den  §§  18  und  19  der  Landesordnung  für  Steiermarck  zweifelsohne
  nur  der  steiermärkische  Landtag  zu  entscheiden  hat,  in  welcher
Sprache  die  Grundbücher  in  Steiermark  anzulegen  und  weiterzuführen  find.“

Da  nun  kraft  Landtagsbeschlusses,  welcher  durch  kaiserliche  Sanktion
Gesetz  geworden  sei,  die  Grundbücher  deutsch  angelegt  seien,  so  könne  eine
Aenderung  hierin  nur  durch  einen  neuen  Landtagsbeschluß  herbeigeführt
werden.  Weiter  wird  gesagt,  daß  das  Grundbuch  in  einer  in  ihrer  technischen
  Ausbildung  möglichst  entwickelten  Sprache  abgefaßt  sein  müsse  wegen
der  notwendigen  scharsen  Ausprägung  der  Begriffe.  Dann  heißt  es  weiter:
„Indem  daher  im  entgegengesetzten  Falle  die  Eintragungen  in  das  öffentliche
Buch  zur  Quelle  zahlotfer  Rechtsstreitigkeiten  werden  und  zu  verwirrender
Rechtsunsicherheit,  wodurch  die  Wohlfahrt  im  Lande  ernstlich  gefährdet  würde,
        <pb n="265" />
        Bie  Gesterreichisch-Angerische  Monarchie.  (Oktober  11.—Ende.)  247

führen  müßten,  und  indem  weiters  der  ergebenst  gefertigte  Landesausschuß
in  der  besprochenen  Verordnung  des  k.  k.  Justizministeriums  einen  Eingriff
in  die  Kompetenz  der  bandesgesetgebung  erblickt  —  erachtet  es  der  Landesausschuß
  unter  Vorbehalt,  über  diesen  bedauerlichen  Zwischenfall  dem  hohen
Landtage  in  der  nächsten  Session  Bericht  zu  erstatten,  als  seine  Pflicht,  schon
derzeit  gegen  diesen  die  Rechtssicherheit  und  wirtschaftliche  Wohlfahrt  im
Lande  gefährdenden  Eingriff  in  die  Rechte  der  Landesgesetzgebung  Verwahrung
  einzulegen.“"  Zum  Schluß  wird  die  begründete  Erwartung  ausgesprochen,
  daß  der  Justizminister  die  Rücknahme  des  Erlasses  verfügen  werde.

Am  nächsten  Tage  richten  beim  Wiederzusammentritte
des  Reichsrats  die  deutsch-steirischen  Abg.  Sturm,  Magg,  Moro
u.  Gen.  in  derselben  Sache  eine  Interpellation  an  die  Regierung,
in  welcher  sie  auf  die  mangelhafte  Form  der  Publizierüng  hinweisen
und  nach  der  Veranlassung  und  Rechtfertigung  des  Erlasses  fragen.

11.  Oktober.  (Kärnten.)  Fürstbischof  Kahn  versendet
einen  Erlaß  an  den  Klerus  seiner  Diözese,  worin  er,  veranlaßt
durch  einen  Fall  unvorfichtiger  Aeußerung  eines  slowenischen  Priesters
  in  nationaler  Hinsicht,  den  Klerus  ermahnt,  nationale  Umtriebe
zu  meiden.

11.  Oktober.  (Ungarn.)  Der  einzige  rumänische  Abgeordnete,
  General  Trajan  Doda,  richtet  ein  Schreiben  an  den
Präsidenten  des  Hauses,  in  dem  er  erklärt,  an  den  Verhandlungen
nicht  teilnehmen  zu  wollen,  da  das  Volk  der  Rumänen  —  fast
3  Millionen  in  Ungarn  stark  —  keine  genügende  Vertretuung  im
Reichsrate  habe  und  er  allein  nicht  im  stande  sei,  die  schwer  bedrohten
  oder  geschädigten  Interessen  seines  Volkes  genügend  wahrzunehmen.


11.—Ende  Oktober.  (Die  Tschechen  und  der  Unterrichtsminister.)
  Der  Alttschechenführer  Rieger  interpelliert  im  Abg.=Hse.
  die  Regierung  wegen  der  Mittelschulaufhebungen  Gautschs.

Er  erklärt  die  Entschließung  des  Ministers  für  „eine  unfreundliche,
auf  die  Zurückdrängung  kultureller  Bestrebungen  des  Tschechenvolkes  gerichtete
  Maßregel“  und  frägt  an:  wie  die  Regierung  dieselbe  im  Hinblick  auf
die  bestehenden  Vertragsrechte  rechtfertigen  könne,  ob  sie  geneigt  sei,  den  fubventionierten
  Kommunalmittelschulen  diese  Staatssubventionen  zu  belassen,
und  ob  die  tschechische  Bevölkerung  erwarten  könne,  daß  aus  Staatsmitteln
dem  Bedürfnisse  nach  Schulen  in  ausreichendem  Maße  Rechnung  getragen
werde?

Am  14.  Oktober  stellt  der  Jungtscheche  Gregr  den  Antrag,
das  Abg.-Hs.  möge  die  Zurücknahme  des  Erlasses  fordern.  Dieser
Antrag  findet  aber  selbst  bei  den  Alttschechen  keine  Unterstützung,
nachdem  der  Tschechen-Klub  beschlossen  hat,  denselben  nicht  anzunehmen,
  und  erlangt  damit  nicht  die  nötige  Stimmenzahl,  um  zur
        <pb n="266" />
        248  Hie  Gesterreichisc-  Angerische  Monarchie.  (Oktober  13.—Mitte.)

Debatte  gestellt  werden  zu  können.  Infolgedefsen  steigert  sich  die
Erbitterung  zwischen  beiden  tschechischen  Gruppen.

Ende  Oktober  beschließt  der  Tschechenklub,  die  Beantwortung
der  Interpellation  Riegers  nicht  in  dieser  Session  zu  fordern,  sondern
  die  Verhandlungen  mit  der  Regierung  fortzusetzen.

13.  Oktober.  (St.  Pöltner  Reichsratswahl.)  Nach  heftigem
  Wahlkampfe  unterliegt  in  der  engeren  Wahl  der  deutsch-liberale
  Dr.  Granitsch  dem  Antisemiten  Ursinn,  nachdem  die  Klerikalen
  insgesamt  für  diesen  nach  der  Ausscheidung  ihres  Kandidaten
im  ersten  Wahlgange  eingetreten  waren.

Für  Granitsch  war  auch  der  Abt  Karl  des  gefürsteten  Benediktinerklosters
  Melk  eingetreten.  Das  klerikale  „Vaterland“  greift  denselben  deshalb
  mit  folgender  Auslassung  an:  „An  gar  manche  der  Wähler  wird  der
liberale  Agitator  mit  der  Behauptung  herantreten,  daß  ja  auch  katholische

riester,  insbesondere  der  Abt  von  Melk,  für  Dr.  Georg  Granitsch  gewonnen
eien.  Es  ist  wahr:  Ein  katholischer  Priester,  Abt  Karl  von  Melk,  befindet
  sich  in  dem  traurigen  Irrwahne,  daß  er  für  den  Kandidaten  der  Liberalen
  wirken  dürfe.  Ihn  kümmert  es  nicht,  oder  er  weiß  es  nicht,  daß  dieser
Kandidat  sich  seit  jeher  als  Feind  der  katholischen  Kirche  gezeigt  hat,  daß
er  zu  den  Dienern  des  Götzen  Mammon  gehört,  daß  er  jener  Partei  sich
anschließt,  welche  die  Beraubung  der  katholischen  Kirche,  wo  immer  sie  durcheführt
  oder  geplant  wurde,  mit  Jubel  begrüßte.  So  traurig  dieser  eine

all  ist,  so  muß  doch  hervorgehoben  werden,  daß  es  eben  nur  der  einzige
ist,  und  deßhalb  hoffen  wir,  jeder  Christ  werde  erkennen,  daß  er  sich  von
seinem  Beispiele  nicht  verleiten  lassen  darf.

14.  Oktober.  (Oesterreich.)  Vorlegung  des  Budgets  für
1888  im  Abg.-Hse.

Das  Gesamt-Erforderniß  stellt  sich  auf  535.715,753  fl.  und  ist  um
1.506,049  fl.  niedriger  als  das  Erfordernis  des  Jahres  1887,  da  aber  imgeltenden
Budget  für  das  Rüstungs-Erfordernis  der  Landwehr  und  des  Landsturmes
ein  Betrag  von  11.9  Millionen  Gulden  eingestellt  war,  welcher  1888  entfällt,
  so  hätte  um  diesen  ganzen  Betrag  sich  die  Summe  der  Ausgaben  vermindern
  sollen;  indem  aber  die  Kosten  für  die  Anschaffung  der  neuen  Gewehre
nur  zu  Lasten  Oesterreichs  mit  10.641,575  fl.  veranschlagt  werden,  so  beträgt
  das  Mindererfordernis  nur  1½  Millionen.  Die  gesamte  Bedeckung
wird  auf  514.471,836  fl.  und  im  Vergleiche  mit  dem  Staatshaushalte  für
das  Jahr  1887  um  4,92  Millionen  Gulden  höher  veranschlagt.  Stellt  man
die  Einnahmen  den  Ausgaben  gegenüber,  so  ergibt  sich  als  Defizit  ein  Betrag
  von  21.243,917  fl.  während  der  Abgang  im  Budget  des  Jahres  1887
mit  27.675,208  fl.  angesetzt  war.  Läßt  man  die  für  1887  erforderlich  gewesenen
  Rüstungskredite  außer  Betracht,  so  hat  sich  aber  das  Defizit  nicht
vermindert,  sondern  um  5½/  Millionen  vermehrt.

Mitte  Oktober.  (Slawische  Kirchenliturgie.)  Gegen  die
tschechischer=  und  slowenischerseits  lebhaft  in  den  Zeitungen  und  in
Volksreden  geäußerten  Wünsche  nach  Einführung  der  slawischen
Liturgie,  welche  offen  bereits  die  Einführung  derselben  nach  griechischem,
  nicht  nach  römischem  Ritus  fordern,  versendet  der  päpstliche
        <pb n="267" />
        Die  Oeßterreihish-Angarische  Menarthie.  (Oltober  21.)  249

Nuntius  Galimberti  folgendes  Rundschreiben  an  die  Bischöfe  der
in  Frage  kommenden  Didzesen:

„Es  wird  Euer  Gnaden  schon  bekannt  sein,  daß  der  Heilige  Stuhl
den  Katholiken  des  Fürstenthums  Montenegro  den  Gebrauch  der  sogenannten
altflawischen  Sprache  bei  Uebung  des  lateinischen  Ritus  gestattet  hat.  Diese
Erlaubnis  ist  seitens  des  Fürsten  von  Montenegro  vom  Heiligen  Stuhle  zu
einer  Zeit  erbeten  worden,  wo  es  sich  um  den  Abschluß  eines  Konkordats
mit  dem  Papste  handelte.  Es  schien  jedoch  angemessener,  dieses  Ersuchen
erst  nach  Abschluß  des  Uebereinkommens  einer  Prüfung  zu  unterziehen.
Nachdem  also  das  Konkordat  glücklich  abgeschlofsen  und  zugleich  mehrere
Konzessionen  zu  Gunsten  der  katholischen  Religion  erlangt  worden  waren
und  nachdem  der  Fürst  die  Dotation  des  Klerus  auf  sich  genommen  hatte,
schien  die  Zeit  gekommen,  diese  Prüfung  vorzunehmen.

Die  Kongregation  der  Kardinäle,  welcher  diese  Angelegenheit  übertragen
  wurde,  glaubte  dem  Wunsche  des  Füre  nach  Einführung  der
slawischen  Sprache  umsomehr  entsprechen  zu  sollen,  als  derselbe  von  den
Bitten  des  Erzbischofs  von  Antivari  wärmstens  unterstützt  war.  Hieraus
werden  Euer  Gnaden  ersehen,  daß  rücksichtlich  der  Einführung  des  slavischen
Idioms  in  den  lateinischen  Ritus  ein  vollkommenes  Einverständnis  zwischen
den  weltlichen  und  kirchlichen  Behörden  herrschte.  Ueberdies  darf  nicht  übersehen
  werden,  daß  es  sich  in  dem  vorliegenden  Falle  nicht  um  ein  völlig
neues  Zugeständnis,  sondern  vielmehr  nur  um  die  Bestätigung  einer  älteren
Konzession  handelte  wie  aus  den  apostolischen  Konstitutionen  der  Päpste  Nikolaus
  I.,  Hadrian  II.,  Johann  VIII.  und  Benedikt  XIV.  erhellt.  Auch  ist
es  nicht  überflüssig,  zu  bemerken,  daß  dabei  nicht  eine  vulgäre  Sprache  oder
irgend  ein  Dialekt  in  Frage  stand,  sondern  eine  liturgische  Sprache,  deren
Anwendung  bei  der  Feier  des  Gottesdienstes  der  Heilige  Stuhl  seit  Langem
gebilligt  hat.  Da  Letzteres  von  großer  Wichtigkeit  ist,  hat  der  Heilige

tuhl  den  Erzbischof  von  Antivari  verpflichtet,  an  die  Einführung  dieser
altflawischen  Sprache  in  seiner  Diözese  nicht  eher  zu  schreiten,  als  bis  der
Heilige  Stuhl  das  Idiom  selbst  und  alle  liturgischen  Bücher  geprüft  und
Qutgheeißen  habe.

Aus  all  dem  werden  Euer  Gnaden  erkennen,  daß  es  nicht  angehe,
sich  des  Zugeständnisses,  welches  der  Erzdiözese  Antivari  gemacht  wurde,  als
eines  Argumentes  zu  Gunsten  anderer  slawischer  Staaten,  außerhalb  Monte--negros,
  zu  bedienen.  Es  fehlen  da  eben  die  spezifischen  Gründe,  welche  zu
Gunsten  Montenegros  in  die  Schranken  traten;  wohl  aber  liegen  Gründe
vor,  welche  ganz  für  das  Gegenteil  sprechen.  Euer  Gnaden  werden  daher
zu  verhindern  suchen,  daß  ähnliche  Ansuchen  seitens  der  Slawen,  welche
Ihrer  Jurisdiktion  unterstehen,  an  den  Heiligen  Stuhl  gerichet  werden,
weil  derselbe  solchen  Ansuchen  wegen  Mangels  der  notwendigen  analogen
Verhältnisse  zwischen  der  Erzdiözese  Antivari  und  der  österreichisch-ungarischen
  Monarchie  nicht  willfahren  könnte.  Der  Klugheit  Eurer  Gnaden  wird
es  gelingen,  alle  diesbezüglichen  Agitationen  namentlich  seitens  der  katholischen
  Blätter,  welche  die  Bevölkerung  behufs  Erlangung  dieses  Zugeständnisses
  ermutigen  könnten,  zu  unterdrücken.“

21.  Oktober.  (Spionage.)  Aus  der  Kanzlei  des  Festungs-Artillerie--Kommandos
  in  Przemysl  werden  6  für  Bauführer  bestimmte
  Blätter  mit  Plänen  für  3  im  Bau  begriffene  Forts  entwendet.


Der  Dieb  ist  der  Militärbäcker  Marek,  welcher  mit  den  gestohlenen
Plänen  nach  Rußland  entflieht  Es  wird  amtlich  erklärt,  daß  die  Zeitungen
        <pb n="268" />
        250

Die  Gekerreichis#-Angerische  Mssarcie.  (Oktober  22.—26.)

die  Bedeutung  des  Falles  weit  übertrieben  haben  und  die  entwendeten  Pläne

nur  einen  geringen  Wert  haben.

22.  Oktober.  (Ungarn:  Budget.)  Abg.-Hs.:  Der  Ministerpräsident
  Tisza  als  Finanzminister  legt  den  Entwurf  für  den

Staatshaushalt  des  Jahres  1888  vor.
Die  Hauptziffern  desselben  find:

 

 

 

1888  ndr  gegenüber  1887

u  en
Ordentliche  Ausgaben  321.072,608  +  575,467
Vorübergehende  Ausgaben  2.267,426  —  1567,807
Investitinn:  13.771,079  —  3.971,601
Außerordentliche  gemeinsame  Ausgaben  7.925,995  +  3.775,  078
Zusammen:  345.037,108  +  211,137
Ordentliche  Einnahmen.  319.899,999  +  3.710,  967
Vorübergehende  Einnahmen  6.741,988  +  129,843
Zusammen:  326.641.987  +  3.840,  810
Gesamt-Ausgaben  J-.  345.037,108  +  211),137
Gesamt-Einnahmen.  3226.641,987  +  3.840,810
Defizit:  18.395,121  —  3.629,673

Das  Defizit  im  Ordinarium  beträgt  demnach,  wenn  von  den  ordentlichen
  Ausgaben  mit  321.072,608  fl.  die  ordentlichen  Einnahmen  mit
319.899,999  fl.  abgezogen  werden,  1.172,609  fl.,  und  die  Bilanz  des  Gesamt-Budgets
  stellt  sich,  obwohl  weder  die  Mehreinnahmen  nach  den  verschiedenen
  Steuergesetz-Entwürfen  für  das  nächste  Jahr  in  Rechnung  gezogen
sind  und  namentlich  die  direkten  Steuern  blos  den  1886er  Schlußrechnungen
entfprechend  eingestellt  wurden,  um  3.629,673  fl.  günstiger,  als  die  Bilanz
des  für  1887  votierten  Budgets.

In  seinem  Exposs  spricht  Tisza  die  Hoffnung  aus,  daß  vermöge  der
neuen  Spiritussteuer  mit  Ende  1889  das  Defizit  nicht  mehr  als  zwei,  höchstens
  drei  Millionen  betragen  werde.  (Bewegung  links.)

„Ich  glaube,  daß  das  Spiritussteuer-Gesetz  von  beiden  Legislativen
angenommen  werden  wird;  ich  glaube  dies  deshalb,  weil  dasselbe,  während
es  einerseits  zur  Erhöhung  der  Staatseinnahmen  namhaft  beiträgt,  andererseits
  den  Bestand  der  industriellen  wie  der  landwirtschaftlichen  Brennereien
nicht  nur  nicht  erschwert,  sondern  meiner  Ueberzeugung  nach  sogar  sichert
und  auch  die  Existenz  der  zwar  noch  nicht  für  das  ganze  Land,  wohl  aber
für  einzelne  Gegenden  sehr  wichtigen  Kesselbrennereien  unter  Hintanhaltung
einer  Schädigung  des  Staates  in  vollem  Maße  ermöglichen  wird.  Ich  werde
den  Gesetzentwurf  über  die  Zuckersteuer  wahrscheinlich  noch  dieser  Tage  und
etwas  später  auch  den  Gesetzentwuf  über  die  Spiritussteuer  einbringen;  aber
schon  jetzt  halte  ich  es  für  nötig,  zu  erklären,  daß,  wenn  diese  beiden  Gesetzentwürfe
  angenommen  werden,  Hieselden  nur  gemeinschaftlich  der  a.  h.  Sanktion
  unterbreitet  werden  können.“  (Allgemeiner  lebhafter  Beifall.)

Für  das  Jahr  1890  erscheine  das  Verhältnis  zwischen  den  steigenden
und  finkenden  Ausgaben  bereits  viel  günstiger.  Das  Minder-Erfordernis
werde  in  runder  Zahl  4/  Millionen  Gulden  betragen,  und  selbst  dann,
wenn  in  Folge  eines  Rechnungsfehlers  ein  Ausfall  von  einigen  Millionen
einträte,  müsse  das  Jahr  1890  mit  einem  Ueberschusse  von  mehreren  Millionen
  abschließen.  (Lebhafte  Zustimmung  rechts.)

26.  Oktober.  (Böhmen.)  Ergänzungswahlen  der  Prager
Stadtvertretung.  3
        <pb n="269" />
        Die  Oesterreithisch·-Angarische  Menarchie.  (Oktober  28.  -29.)  251

Im  ersten  Wahlkörper  der  Alt-  und  Neustadt  siegen  die  Alttschechen,
da  die  Jungtschechen  aus  Besorgnis,  daß  die  deutschen  Kandidaten  sonst
durchdringen  könnten  —  diese  erhalten  von  456  abgegebenen  Stimmen  187
—  eigne  Kandidaten  nicht  aufgestellt  hatten.  Im  dritten  Wahlkörper  beider
Städte  siegen  die  Jungtschechen.  Im  zweiten  Wahlkörper  der  Altstadt  ist
engere  Wahl  zwischen  den  Alt=  und  Jungtschechen  nötig,  in  der  Neustadt
hingegen  stehen  5  Alttschechen,  4  Deutsche  und  ein  Jungtscheche  zur  engern  Wahl.

28.  Oktober.  (Oesterreich.)  Abg.-Hs.:  vertagt  sich  bis  zum
Januar.

29.  Oktober  bzw.  20.  November.  (Delegationen.)  Beim
Empfange  der  nach  Wien  zusammenberufenen  Delegationen  hält  der
Kaiser  folgende  Ansprache:

„Ich  danke  Ihnen  für  die  Versicherungen  treuer  Ergebenheit,  die  Sie
Mir  soeben  ausgesprochen  haben.  Dieselben  gereichen  Mir  stets  zur  aufrichtigen
  Freude.

Mit  Befriedigung  kann  Ich  darauf  hinweisen,  daß  die  auswärtigen
Beziehungen  der  Monarchie  unverändert  #nstine  und  erfreuliche  find  und
daß  die  beharrlich  von  Meiner  Regierung  verfolgte  Politik,  welche  die  Erhaltung
  des  Friedens  und  des  auf  den  Verträgen  beruhenden  Rechtszustandes
  anstrebt,  nicht  nur  Anerkennung,  sondern  auch  gewichtige  Unterstützung
findet.  Die  bulgarische  Frage  ist  zu  Meinem  Bedauern  noch  nicht  zu  5
Abschlusse  gelangt,  doch  gebe  ich  Mich  gerne  der  Hoffnung  hin,  daß  dieselbe
auch  fernerhin  ihren  lokalen  Charakter  bewahren  und  schließlich  in  einer
Weise  gelöst  werden  wird,  welche  die  zulässigen  Wünsche  der  Bulgaren  mit
den  europäischen  Verträgen  und  Interessen  in  Einklang  bringt.  enn  auch
Europa  fortdauernd  von  dem  Gefühle  der  Unsicherheit  beherrscht  wird  und
dies  Meine  Regierung  zwingt,  in  ihrer  Fürsorge  für  die  Wehrkraft  der
Monarchie  sich  nicht  überflügeln  zu  lassen,  so  ist  doch  die  Annahme  berechtigt,
  daß  die  eifrigen  Bemühungen  und  das  enge  Zusammenschließen  der  für
die  Erhaltung  des  Friedens  eintretenden  Mächte  eine  Störung  desselben  auch
ferner  hintanhalten  werden.

Dank  Ihrer  patriotischen  Opferwilligkeit  konnte  im  laufenden  Jahre
die  Neubewaffnung  des  Heeres  beginnen.  Zur  Fortsetzung  derselben  wird
Meine  Kriegsverwaltung  die  für  das  künftige  Jahr  erforderlichen  Mittel  in
erhöhtem  Maße  in  Anspruch  nesen  müssen,  wogegen  sie  bemüht  war,  diese
Mehrforderung  durch  die  zulässigen  administrativen  Maßregeln  möglichst
herabzumindern.  Die  Auslagen  der  Verwaltung  Bosniens  und  der  Herzeowina

  werden  auch  in  diesem  Jahre  ausschließlich  aus  den  eigenen  Einünften
  dieser  Länder  gedeckt,  wie  auch  diesmal  eine  weitere  Herabminderung
des  für  die  Truppen  in  Bosnien  und  der  Herzegowina  erforderlichen  Kredits
in  Aussicht  genommen  ist.  Ueberzeugt,  daß  Sie  an  die  Prüfung  der  Ihnen
zugehenden  Vorlagen  mit  bewährter  Einsicht  und  patriotischem  üer  herantreten,
  wünsche  Ich  Ihren  Arbeiten  gedeihlichen  Erfolg  und  heiße  Sie  herzlich
  willkommen.“

Die  den  Delegationen  gemachten  Vorlagen  umfassen:  den  gemeinsamen
  Voranschlag  für  das  Jahr  1888,  den  außerordentlichen
Kredit  für  die  im  Okkupations-Gebiete  befindlichen  Truppen,  die
Nachtragskredite  des  Ministeriums  des  Aeußern,  eine  Vorlage,  betreffend
  die  Erstreckung  von  Krediten  für  die  Heeresverwaltung,  die

Schlußrechnung  für  das  Jahr  1885  nebst  dem  Gebahrungsausweise
        <pb n="270" />
        252  Die  Oesterreiqisq  ·  Ingarise  Nenarie.  (November  5.)

für  das  Jahr  1896,  endlich  das  bosnische  Budget.  Eine  Darlegung
über  die  Verwendung  des  Rüstungskredites  findet  sich  unter  den  Vorlagen

  nicht.

Das  gesamte  Brutto-Erfordernis  stellt  sich  nach  der  Budgetvorlage  auf
rund  134½  Mill.  gegen  123,9  Mill.  für  1887.  Davon  entfallen  113,7  Mill.
(gegen  1887  —1,95  Mill.)  auf  den  ordentlichen  Bedarf.  Das  Erxtraordinarium
  mit  20,8  Mill.  ist  um  12,6  Mill.  gegen  das  Vorjahr  gestiegen.  Die
Einnahmen  sind  mit  2,8  Mill.  (—  340,000  fl.)  eingestellt.  Zur  Deckung
sind  nach  dem  Quotengesetze  in  erster  Linie  die  Zollgefälle,  abzüglich  der  auf
Bosnien  entfallenden,  zu  verwenden.  Diese  sind  auf  rd.  44  Mill.  (rd.  1  Mill.
gegen  1887  weniger)  veranschlagt,  da  nach  dem  Ouotengesetze  die  Verzehrungssteuer-Restitutionen
  nicht  mehr  in  Abzug  kommen,  so  beträgt  der  Ueberschuß
  aus  den  Zollgefällen  nach  Abzug  der  Regiekosten  und  des  bosnischen
Pauschals  411/  Mill.,  so  daß  aus  den  Quoten  nur  rd.  90  Mill.  (rd.  12  Mill.
weniger  als  1887)  zu  bedecken  bleiben;  davon  entfallen  auf  Oesterreich  61,8,
auf  Ungarn  26,5  Mill.  Dazu  tritt  der  Okkupationskredit  für  Bosnien  mit
4,4  Mill.  (—  595,000  fl.)  und  Nachtragskredite  in  Höhe  von  85,500  fl.,  sodaß
  das  Nettoerfordernis  sich  auf  rd.  136.170,000  fl.  beläuft.

Von  diesem  Erfordernis  entfallen  auf  das  Heer  rd.  117  Mill.  (11,2  Mill.
mehr  als  1887),  nämlich  im  Ordinarium  98/  Mill.  (—  1¼⅛  Mill.),  im
außerordentlichen  Erfordernis  aber  18,6  Mill.  (+  12,6  Mill.).  Diese  werden
  hauptsächlich  durch  das  Repetiergewehr  erfordert,  für  dessen  Weiterbeschaffung
  mit  Munition  15  ½  Mill.  angesetzt  sind;  ferner  für  einen  Reservevorrat
  an  Stahlbronzegeschützen  250,000  fl.  Zu  Festungsbauten  werden  für
Tirol  900,000z  für  Pola  600,000;  für  Przemysl  400,000  fl.  beansprucht.

Für  die  Kriegsmarine  werden  9,18  Mill.  gefordert,  nur  um  7185  fl.
mehr  als  1887.  Die  in  Aussicht  genommenen  Neubauten  halten  sich  im
Rahmen  der  nötigen  Ergänzung  des  schwimmenden  Materials,  doch  werden
500,000  fl.  zur  Erbauung  von  Torpedobooten  und  weiter  Raten  zum  Neubau
  eines  Torpedovedettschiffes  und  eines  Rammkreuzers  beansprucht.

Die  gesamten  Forderungen  werden  in  beiden  Delegationen
übereinstimmend  bewilligt;  beim  Extraordinarium  für  das  Heer  wird
der  im  Frühjahr  genehmigte  Kredit  von  52½  Mill.  (vgl.  März  1.
—  7.),  soweit  er  noch  nicht  zur  Verwendung  gelangt  ist,  für  erloschen
erklärt.  Am  20.  November  wird  die  Session  geschlossen.

5.  November.  (Aeußere  Politik.)  Im  Ausschuß  der  ungarischen
  Delegation  für  die  äußeren  Angelegenheiten  frägt  Graf
Julius  Andrassy  den  Minister  des  Auswärtigen:

„Ob  er  die  Wahl  des  Prinzen  von  Koburg  als  legal  und  als  eine
solche  betrachte,  für  die  er  seinen  Einfluß  verwenden  könne,  ferner  wie  er
den  Artikel  3  des  Berliner  Vertrages  verstehe,  d.  h.  bedürfe  die  Wahl  des

ürsten  der  Zustimmung  aller  Mächte  und  müsse  diese  kollektiv  oder  könne
ie  separat  erfolgen?!"

Graf  Kalnoky  antwortet:

Die  Thronrede  sagt,  die  bulgarische  Frage  sei  nicht  gelöst,  sie  deutet
aber  auch  gleichzeitig  die  Art  der  Cssang  an.  Er  sei  überzeugt,  diese  Lösung
werde  allgemeine  Zustimmung  finden,  und  zwar  nicht  nur  bei  uns,  sondern
sie  entspreche  auch  sicherlich  den  Intentionen  der  uns  befreundeten  Kabinette,
und  dieß  sei  von  großer  Wichtigkeit,  weil  in  dieser  Frage  nicht  unsere  An-
        <pb n="271" />
        Mie  Gesterreichisch-  Anserische  Menerchie.  (November  5.)  253

sicht  allein  maßgebend  ist,  sondern  jede  Lösung  auf  europäischem  Boden  erfolgen
  müfse,  und  weil  ja  auch  unserer  Ansicht  nach  jede  Intervention  einer
einzelnen  Macht  in  der  bulgarischen  Frage  unbedingt  ausgeschlossen  werden
solle.  Graf  Andrassy  habe  gesagt,  durch  die  bisher  befolgte  Politik  sei  die
Herstellung  eines  Definitivums  in  Bulgarien  erschwert  worden.  Der  Miniser
  gibt  zu,  daß  die  Entwicklung  in  Bulgarien  durch  verschiedene  Zwischenälle
  in  einzelnen  Momenten  aufgehalten  worden  sei;  aber  gerade  derjenige,
der  den  Fortschritt  der  Ereignisse  mit  Aufmerksamkeit  begleitet,  wird  zueben
  müssen,  daß  inmitten  dieser  Schwierigkeiten  und  teilweise  durch  die-Flben
  der  Patriotismus  und  das  Selbstgefühl  der  Bulgaren  sich  bedeutend
gehoben  hat  und  daß  ohne  diese  Hindernisse  der  lgerisch  Charakter  sich
vielleicht  nicht  in  so  prägnanter  Weise  zu  zeigen  Gelegenheit  gehabt  hätte.
Gerade  der  Umstand,  daß  in  jeder  Einmischung  einer  frenden  Macht  unberechenbare
  Gefahren  liegen,  macht  die  Frage  zu  einer  überaus  heiklen.  Den
Umstand  allein,  daß  diese  Gefahr  einer  Einmischung  bisher  und  hoffentlich
für  immer  abgewendet  und  den  Bulgaren  die  Freiheit  ihrer  inneren  Entwicklung
  gewaht  worden  sei,  betrachte  er  als  einen  bedeutenden  Erfolg.  Bezüglich
  des  Prinzen  Koburg  könne  er  nur  bestätigen,  was  Referent  gesagt,
dbaß  dieser  Prinz  nämlich  kein  österreichisch-ungarischer  Kandidat  gewesen.
Derselbe  habe  hier  allerdings  um  Rat  angefragt,  und  der  Minister  habe  es
für  seine  Pflicht  erachtet,  dem  Prinzen  alle  jene  Schwierigkeiten  zu  schildern,
denen  derselbe  entgegengehe.  Der  Prinz  versuchte  es  in  der  That,  anfänglich
sich  strenge  auf  dem  Boden  des  Berliner  Vertrages  zu  halten,  es  gelang  ihm
jedoch  nicht,  die  Bestätigung  der  Pforte  und  die  Zustimmung  der  Mächte
für  seine  Thronbesteigung  zu  erwirken.  Er  ging  also  in  dieses  Land,  nicht
aber  als  Kandidat  Oesterreich-Ungarns  oder  überhaupt  irgend  einer  Macht,
sondern  als  Kandidat  Bulgariens,  und  das  vermag  ihm  vielleicht  eine  festere
Stellung  zu  verleihen,  als  wenn  er  von  seiten  irgend  einer  einzelnen  Macht
unterstützt  worden  wäre.

Artikel  3  des  Berliner  Vertrages  sichere  Bulgarien  das  Recht  der
freien  Wahl,  verlange  aber  zugleich  die  Zustimmung  der  Pforte  und  die
Anerkennung  der  Mächte.  Daraus  gehe  klar  hervor,  daß  das  bulgarische
Volk  seinen  Fürsten  frei  wählen  könne,  und  wir  haben  dieses  Recht  stets
unbedingt  anerkannt  und  haben  uns  nicht  berufen  gefühlt,  zu  untersuchen,
ob  die  Sobranje  genau  nach  der  bulgarischen  Konstitution  zu  stande  gekommen
  sei  oder  nicht.  Auch  bezüglich  der  Persönlichkeit  des  Prinzen  von  Koburg
  entspricht  die  Wahl  der  bulgarischen  National-Versammlung  jener  Bestimmung
  des  Berliner  Vertrages,  wonach  der  gewählte  Fürst  keiner  Dynastie
er  europäischen  Großstaaten  angehören  dürfe.  Daß  jedoch  auch  die  Zustimmung
  der  Pforte  eine  ausdrückliche  Bedingung  bilde,  das  sei  nicht  nur  unsere
  Ansicht,  sondern  auch  die  der  übrigen  Mächte.  Was  die  Zustimmung
der  Mächte  zur  Fürstenwahl  betrifft,  so  sagt  der  Minister,  die  diesfällige
Frage  des  Grafen  Andrassy  beantwortend,  daß  hiezu  die  Zustimmung  aller
Mächte  notwendig  sei,  und  ganz  ähnliche  Formulierungen  in  verschiedenen
internationalen  Verträgen  seien  stets  in  diesem  Sinne  gedeutet  worden.

Schwer  zu  beantworten  sei  die  Frage  des  Grafen  Andrassy,  was  wir
in  nächster  Zukunft  bezüglich  Bulgariens  zu  thun  gedenken.  Darauf  könne
der  Minister  eine  eingehende  Antwort  nicht  erteilen.  Der  Standpunkt,  den
wir  eingenommen  haben,  ist  der,  daß  wir  die  bulgarische  Regierung  als  eine
de  facto  bestehende  anerkennen,  daß  wir  aber  den  Prinzen  als  einen  legal
auf  dem  bulgarischen  Throne  befindlichen  Fürsten  heute  anzuerkennen  nicht
vermögen,  also  die  amtlichen  Beziehungen  mit  ihm  bisher  vermieden  haben.
Alles,  was  die  Interessen  und  das  Wohl  der  Balkanvölker  zu  fördern  geeignet
  ist,  wird  von  uns  stets  aufrichtig  unterstützt  werden,  und  wir  find
        <pb n="272" />
        254  Die  Oesterreihisq  ·  Angarise  Menerchie.  (November  5.)

ehrlich  und  auch  gegenwärtig  bemüht,  auch  andere  Mächte  zu  Freunden  dieser
Völker  zu  machen.  Was  die  bulgarische  Frage  als  Element  der  Beunruhigung
betrifft,  so  sei  nicht  zu  leugnen,  daß  sie  allerdings  eine  Quelle  der  Beunruhigung
  in  der  allgemeinen  Situation  bilde,  und  daß  ein  Verschwinden
dieser  Frage  von  der  Oberfläche  der  Tagespolitik  eine  entschiedene  Besserung
dieser  Situatien  zu  bedeuten  hätte;  allein  der  wesentlichste  Punkt  dieser  Unsicherheit
  und  der  alleinige  Grund,  der  uns  alle  zu  so  außerordentlichen  Anstrengungen
  zwingt,  sei  die  bulgarische  Frage  denn  doch  nicht.  Es  ist  für
einen  Minister  nie  gut,  sich  in  Prophezeiungen  einzulassen,  und  er  wird  sich
dessen  auch  vollkommen  enthalten.  Aber  er  glaube,  daß  Oesterreich-Ungarn
und  Deutschland  mit  der  nun  seit  Jahren  befolgten  Friedenspolitik  eine
segensreiche  Propaganda  gemacht  haben,  und  daß  der  Anschluß  Italiens,  der
ja  nicht  erst  seit  dem  letzten  Jahre  bestehe  und  nur  in  der  jetzigen  Situation
prägnanter  zum  Ausdruck  gekommen,  sowie  die  Identität  der  Ziele,  welche
die  italienische  Regierung  mit  uns  teilt  und  die  auch  von  dieser  Seite  mit
einer  gewissen  Sicherheit  auf  eine  Unterstützung  unserer  friedlichen  Politik
im  Orient  hoffen  läßt,  zu  den  erfreulichsten  Faktoren  der  jetzigen  Situation
zu  rechnen  sei.  Der  Minister  glaubt  zum  Schlusse  ausdrücklich  erwähnen  zu
sollen,  daß  er  bemüht  sei  und  stets  bemüht  war,  die  Beziehungen  zu  Rußland
  so  freundschaftlich  als  überhaupt  möglich  zu  erhalten,  wie  denn  auch
heute  unsere  Beziehungen  zur  russischen  Regierung  nur  als  freundschaftliche
Feichrel  werden  können.  Er  gebe  die  Hoffnung  nicht  auf,  dasjenige  zu
erreichen,  was  er  immer  angestrebt  habe  und  was  Graf  Andrassy  gewiß
approbieren  werde,  nämlich  daß  Rußland  sich  mehr,  als  dieß  gegenwärtig  der
Fall  ist,  den  friedlichen  und  konservativen  Bestrebungen  der  Zentralmächte
nähere  und  daß  wir  mit  diesem  großen  und  mächtigen  Nachbar  auf  einem
Fuße  bleiben,  der  den  beiderseitigen  Bölkern  eine  größere  Beruhigung  für
die  Zukunft  bietet.  Er  wenigstens  werde  diese  Bestrebungen  nie  aufgeben,
welche  er  nicht  nur  mit  den  Interessen  der  Monarchie  für  vereinbar,  sondern
beinahe  für  eine  Grundbedingung  der  Herstellung  eines  verläßlichen  Friedenszustandes
  in  Europa  hält.

Graf  Julius  Andrassy  erwidert:

Um  seine  Fragestellung  zu  legitimieren  und  zugleich  als  Erwiderung  auf
die  vom  Minister  des  Auswärtigen  abgegebenen  Erklärungen  wolle  er  sich  einige
Bemerkungen  erlauben.  Er  sei  vollkommen  mit  jenem  Passus  der  Thronrede
einverstanden,  wonach  die  zulässigen  Wünsche  der  Bulgaren  mit  den  Bestimmungen
  der  Verträge  in  Einklang  zu  bringen,  ferner  nach  Möglichleit  auch
die  Lokalisierung  der  bulgarischen  Frage  angestrebt  werden  solle.  Allein  eben
diese  beiden  Ziele  können  nur  dann  erreicht  werden,  wenn  über  gewisse
Punkte,  hauptsächlich  die  nicht  vollkommen  richtige  Auslegung  des  Artikels  3
des  Berliner  Vertrages,  Klarheit  geschaffen  werde.  Die  vom  Minister  des  Auswärtigen
  gegebene  Definition  dieses  Artikels  sei  wohl  im  ganzen  richtig,  nur
Eines  habe  der  Minister  nicht  hervorgehoben,  daß  nämlich  dieser  Artikel
gar  nicht  das  eigene  Faktum  des  Berliner  Vertrages,  sondern  wörtlich  aus
dem  Vertrage  von  San  Stefano,  wo  derselbe  als  Artikel  7  siguriere,  in
den  Berliner  Vertrag  herübergenommen  worden  sei.  Man  muß  sich  geenwärtig

  halten,  daß  Rußland  diesen  Artikel  der  Türkei  gegenüber  geschafaen
  und  daher  die  Rechte  der  Pforte  sicherlich  auf  ein  Minimum  reduziert
hat;  man  gebrauchte  daher  den  Ausdruck  „consentement",  weil  man  weniger
  schon  nicht  mehr  geben  konnte.  Die  Zustimmung  der  anderen  Mächte
war  nur  im  Sinne  einer  Kontrasignatur  verstanden.  Diese  Mächte  sollten
gleichsam  als  Zeugen  assistieren  bei  dem  Akte  einer  muselmanischen  Macht
gegenüber  einem  christlichen  Lande.  Die  Bestätigung  seitens  der  Türkei  sei
        <pb n="273" />
        Die  Oeferreithisqh·  Angarishe  Menarthie.  (November  5.)  255

hier  so  zu  verstehen,  wie  dies  früher  bei  ähnlichen  Gelegenheiten  der  Fall
war,  wo  die  Länder  ebenfalls  frei  gewählt  und  die  Pforte  die  Wahl  zu
bestätigen  hatte,  ohne  daß  der  Regierungsantritt  des  Gewählten  davon  abhängig
  gemacht  worden  wäre.  Der  Berliner  Kongreß  hat  diesen  Artikel
aus  dem  Vertrage  von  San  Stefano  angenommen,  weil  darin  die  freie  Wahl
durch  das  Volk  und  die  Autonomie  Bulgariens  ausgesprochen  ist.  Seine
Intention  war,  Bulgarien  in  den  Sattel  zu  heben,  dann  aber  es  dem
Fürsten  und  dem  Lande  zu  überlassen,  weiter  zu  reiten.  Eine  Beschränkung
der  freien  Wahl  lag  nicht  in  den  Intentionen  des  Kongresses,  und  mehr
als  eine  Art  Kontrasignatur  wollte  derselbe  den  Mächten  nicht  zugestehen.
Allein  selbst  abgesehen  hievon,  wäre  es  logisch  und  politisch  absurd,  ein
Land  schaffen  zu  wollen,  welches,  so  oft  ein  Wechsel  in  der  Person  seines
Fürsten  eintritt,  Europa  beunruhigt  und  eine  Art  Veto  zu  schaffen,  wodurch
jede  Wahl  annulliert  werden  kann.  Auch  er  —  Graf  Andrassy  —  ist  der
Meinung,  daß  die  Zustimmung  aller  Mächte  erforderlich  sei,  jedoch  nicht
kollektiv,  sondern  jede  derselben  gibt  ihre  Meinung  ab,  sobald  ihr  dies  opportun
  erscheint.  Wäre  nicht  diese  Deutung  die  richtige,  so  könne  das,  was
heute  Rußland  thut,  morgen  von  uns,  übermorgen  von  einer  anderen  Macht
bersucht  werden,  was  eine  fortwährende  Gefährdung  des  Friedens  involvieren
müßte.  Wird  jedoch  die  Deutung  acceptiert,  daß  die  Zustimmung  nicht  kollektiv
  abgegeben  wird,  dann  dürfte  jede  Macht  es  sich  wohl  überlegen,  ehe
sie  sich  isoliertt  außerdem  wäre  keine  derselben  genötigt,  ihren  Standpunkt
nachträglich  zu  verleugnen,  und  die  Konsolidierung  Bulgariens  würde  nicht
behindert.  Graf  Kalnoky  habe  gesagt,  der  Prinz  von  Koburg  habe  anfänglich
  versucht,  auf  dem  Boden  des  Berliner  Vertrages  zu  bleiben,  habe  aber,
nachdem  er  die  Zustimmung  der  Mächte  nicht  erwirken  konnte,  ein  illeales
  Terrain  betreten.  Wo  war  denn  eigentlich  das  legale  Terrain  zu
Nach  Ansicht  des  Redners  hätte  die  Pforte  sofort  nach  der

ahl  Ja  oder  Nein  sagen  müssen.  Sie  hat  das  nicht  gethan,  und  dadurch
  ist  ein  circulus  vitiosus  entstanden.  Die  Mächte  glaubten  ihre  Zustimmung
  erst  nach  Bestätigung  seitens  der  Pforte  geben  zu  können;  der
Pforte  aber  konnte  doch  nicht  zugemutet  werden,  sich  zu  engagieren,  so  lange
sie  mit  Bestimmtheit  wußte,  daß  jene  Zustimmung  nicht  erfolgen  werde.
Es  wurde  also  von  dem  Prinzen  von  Koburg  ein  Vorgehen  verlangt,  welches
zu  den  Unmöglichkeiten  gehört.  Graf  Andrassy  richtet  daher  an  den  Minister
  die  Bitte,  derselbe  möge  die  befreundeten  Mächte  zur  Kooperation  heranziehen,
  im  Vereine  mit  diesen  der  Pforte  die  Bestätigung  der  jüngsten  Wahl
empfehlen  und  dem  Berliner  Vertrage  seine  wahre  und  richtige  Deutung
wiedergeben,  wch  das  Hauptgewicht  auf  die  freie  Wahl  der  Bulgaren,
nicht  aber  auf  die  Zustimmung  der  Mächte  zu  legen  sei.  Die  Hauptgefahr
liege  nach  einer  weiteren  Aeußerung  des  Grafen  Kalnoky  im  Westen.  Redner
  wolle  nicht  leugnen,  daß  diese  Gefahr  existiert;  allein  die  Annäherung
zwischen  Rußland  und  Frankreich  sei  doch  ganz  besonders  erst  in  Folge  der
bulgarischen  Frage  in  den  Vordergrund  getreten,  und  wenn  es  schon  nicht
in  unserer  Macht  liegt,  jene  Hauptgefahr  abzuwenden,  so  sei  es  doch  unsere
Aufgabe  und  unsere  Pflicht,  wenigstens  diesen  Anlaß  derselben  zu  beseitigen.
Schließlich  habe  Graf  Kalnoky  gesagt,  er  lege  großes  Gewicht  auf  ein  freundschaftliches
  Verhältnis  zu  Rußland.  Auch  er  (Redner)  teile  diese  Anseicht,
umsomehr,  als  Rußland,  wie  er  fest  überzeugt  sei,  ebensowenig  als  wir  ein
Interesse  am  Kriege  habe,  sowie  er  auch  niemals  ernstlich  an  die  Intervention
  Rußlands,  respektive  eine  militärische  Intervention  in  Bulgarien  geglaubt
  habe.  Allein  eben  im  Interesse  des  guten  Verhältnisses  zu  Rußland
wünsche  er  eine  definitive  Lösung  der  bulgarischen  Frage,  denn  ein  solches
Verhältnis  wird  sich  viel  leichter  herstellen  lassen,  wenn  diese  Frage  gelöst
        <pb n="274" />
        256  Vie  Oelterreiqhisqh  ·  Angarische  Monarthie.  (November  8.)

ist,  als  wenn  unsere  Repierung  genötigt  ist,  bei  jeder  einzelnen  Phase  derselben,
  wie  zum  Beispiel  der  Mission  Kaulbars  oder  Ernroth,  zu  Rußland
in  einen  Gegensatz  zu  treten.  Wenn  die  Majorität  der  Mächte  sich  über  gewiss
  Punkte  der  ösung  einigt,  dann  wird  auch  die  panflawistische  Partei  in
Rußland  gegen  den  Kaiser  Alexauder  nicht  mehr  den  Vorwurf  erheben
können,  daß  ja  Europa  selbst  gewisse  Sonderrechte  Rußlands  bezüglich  Bulgariens
  anerkenne  und  daß  der  Zar  eine  Unterlassungssünde  begehe,  wenn
er  diese  Rechte  nicht  zur  vollen  Geltung  bringe.  Dies  seien  seine  (des  Redners)
  Ideen,  ohne  daß  er  ein  Eingehen  des  Ministers  darauf  erwarten  oder
verlangen  würde.  Er  (Redner)  habe  die  Ueberzeugung  gewonnen,  daß  im
Großen  und  Ganzen  die  Intentionen  des  Ministers  mit  den  seinigen  übereinstimmen
  und  daß  nur  bezüglich  des  Zeitpunktes  der  Lösung  eine  Abweichung
  der  Meinungen  besteht.  Ein  Aufschub  dieser  Lösung  wäre  aber  nur
dann  zu  rechtfertigen,  wenn  man  sicher  ist.  daß  dieselbe  in  einer  späteren
Zeit  unter  gleich  günstigen  oder  noch  Hünst  eren  Verhältnissen  durchzuführen
sein  wird.  Redner  würde  nicht  den  Mut  haben)  hiefür  die  Verantwortung
zu  übernehmen.  Was  die  seit  der  letzten  Delegations-Session  befolgte  Politik
des  Ministers  des  Auswärtigen  betrifft,  so  schließe  er  sich  dem  Antrage  des
Referenten  an  und  sei  bereit,  der  Anerkennung  derselben  zuzustimmen.

Nach  einer  Pause  ergreift  das  Wort  Minister  des  Aeußern,

Graf  Kalnoky:

Er  glaube  auf  die  eingehenden  Erörterungen  des  Grafen  Andrassy
Einiges  erwidern  zu  sollen.  Der  Art.  3  des  Berliner  Vertrages  sei  niemals
in  dem  Sinne  einer  kollektiven  Zustimmung  gedeutet  worden.  Allerdings
werde  jedoch  darunter  die  Zustimmung  aller  Mächte  verstanden.  Die  urgpringlie
  Intention  bei  Abfassung  des  Art.  3  möge  vielleicht  eine  andere
gewesen  sein,  aber  der  Text,  wenn  er  auch  nicht  mit  wünschenswerter  Präzision
  formuliert  sei,  lasse  doch  nur  diese  Deutung  zu,  und  zwar  umsomehr,
als  in  dem  Protokolle  des  Berliner  Kongresses  der  Bericht  über  eine  auf
diesen  Artikel  bezügliche  Verhandlung  niederlegt  ist,  wonach  der  Vertreter
Englands  diesen  Artikel  in  dem  Sinne  gedeutet  wissen  wollte,  daß  die  Bestätigung
  des  gewählten  Fürsten  dann  als  vollzogen  zu  betrachten  sei,  wenn
die  Majorität  der  Mächte  ihr  zugestimmt  habe.  Rußland  habe  jedoch  diese
Deutung  verworfen,  und  auch  Graf  Andrassy  habe  dem  russischen  Bevollmächtigten
  darin  beigepflichtet,  daß  solch  eine  Majorisierung  nicht  durchzuführen
  sein  würde.  Was  die  Pforte  betrifft,  so  habe  dieselbe  nach  der
Wahl  des  Prinzen  von  Koburg  allerdings  nicht  definitiv  Ja  oder  Nein  gesagt,
  dagegen  habe  sie  gegen  die  Anwesenheit  des  Prinzen  von  Koburg  in
Bulgarien  eine  förmliche  Einsprache  erhoben.

Graf  Albert  Apponyi  drückt  es  als  seine  individuelle
Ueberzeugung  aus  —  die  wohl  von  vielen  geteilt  werde  —  daß
das  Auswärtige  Amt  der  Monarchie  für  die  Anerkennung  des  Fürsten
Ferdinand  wirken  solle.

8.  November.  (Auswärtige  Politik.)  Auf  die  Anfrage
des  Delegierten  v.  Demel:  Wie  gestalten  sich  seit  dem  Kabinetswechsel
  in  Serbien  die  Beziehungen  unserer  Monarchie  zu  diesem
Königreiche!  bemerkt  Kalnoky  ferner  vor  der  österreichischen  Deleation:


8  Er  könne  die  vom  Delegierten  Demel  betonte  ausschließliche  Einfluß-
        <pb n="275" />
        Die  Gesterreichisch-Ausarische  Monarchie.  (November  14.  bzw.  17.)  257

nahme  auf  Serbien  nur  so  verstehen,  wie  der  Einfluß  auf  eine  unabhängige
und  befreundete  Macht  überhaupt  verstanden  werden  kann.  Er  habe  schon
bei  einer  früheren  Gelegenheit  das  Verhältnis  zu  Serbien  als  ein  Verhältnis
  unter  Freunden  definiert,  in  welchem  man,  so  oft  es  gewünscht  oder
notwendig  wird,  bereit  ist,  zu  raten  und  zu  helfen,  es  aber  streng  vermeidet,
sich  in  die  inneren  Familien-Angelegenheiten  einzumischen.  Dieses  Programm

be  er  immer  strikte  allen  Balkanstaaten  gegenüber  und  auch  bei  dieser  Geegenheit
  in  Serbien  aufrechterhalten.  Die  letzte  Kabinets-Veränderung  in
Serbien  sei  durch  —  Ursachen  herbeigeführt  worden  und  entsprach
auch  der  Thatsache,  daß  die  Partei,  die  bisher  regierte,  nicht  mehr  die  Majorität
  im  Lande  hatte.  Wir  hatten  noch  vor  der  Kabinetskrise  erklärt,  da
uns  jedes  Kabinet  recht  ist,  dem  der  König  sein  Vertrauen  schenkt,  und  da
wir,  sofern  dasselbe,  die  gleiche  freundschafillche  Haltung  uns  gegenüber  beobachtet,
  wie  das  frühere  auch  bereit  find,  demselben  gleich  freundschaftlich
und  ohne  Vorurteil  entgegenzukommen.  Die  Uebernahme  des  Ministeriums
durch  berrn-  Ristitsch  ist  von  der  öffentlichen  Meinung  mit  viel  zu  viel  und
jedenfalls  mit  mehr  Mißtrauen,  als  berechtigt  war,  ausgenommen  worden.
Man  hatte  nicht  genügend  in  Betracht  gezogen,  daß  Herr  Ristitsch,  der  ein  sehr
erfahrener  und  einsichtiger  Politiker  und  ein  patriotischer  Serbe  ist,  es  vollkommen
  begriffen  haben  muß,  daß  die  Stellung  Serbiens  als  selbständiges
Königreich  eine  Resenu  andere  geworden  sei,  die  auch  eine  andere  Haltung
erfordere,  und  daß  er  dieselbe  mehr  den  ichigen  Verhältnissen  als  der  früheren
Sachlage  gemäß  einrichten  werde.  Der  Minister  glaubt  auch  konstatieren
u  können,  daß  wir  bisher  keinen  Grund  haben,  uns  über  Herrn  Ristitsch  und
2  Kabinet  zu  beschweren.

14.  November.  (Krain:  Panslawismus.)  In  einem  Artikel
  des  „Slovenski  Narod“,  des  hervorragendsten  slowenischen  Blattes,
über  die  politische  Lage  wird  gesagt:

„Wenn  heute  Rußland  in  Verfall  gerät,  dann  gibt  es  morgen  keine
Slowenen,  keine  Kroaten,  keine  Tschechen.  Das  einzige  Ziel  aller  Slawen
muß  die  kulturelle  Vereinigung  sein  auf  Grundlage  der  russischen,  als  der
allgemeinen  flawischen  Sprache,  und  der  russischen  Kirche.  Die  Slawen  sind
Eine  Nation,  sie  sind  die  Nation  der  Zukunft,  die  ihrer  sein  wird  und
muß.“  —  „Wenn  die  Zeit  kommt,  schließen  wir  die  Rechnung  mit  Allen,
und  diese  Rechnung  wird  nicht  gemacht  werden  zwischen  zwei  oder  drei
Reichen,  sie  wird  gemacht  werden  im  Zweikampfe  des  Slawentums  mit
dem  verderblichen  Teutonentum.  Wir  haben  genug  der  Knrechtschaft  aus
Berlin  und  Rom,  wir  haben  genug  der  süßen  Worte  und  der  heuchlerischen
Liebkosungen  und  Versprechungen,  wir  wollen  Thaten,  alle  unsere  Rechte
wollen  wir,  die  wir  Söhne  der  Mutter  Slavia  sind.“

14.  bzw.  17.  November.  (Römische  Frage.)  In  der  ungarischen
  Delegation  bei  der  Beratung  des  Budgets  des  Aeußern  hält
zu  allgemeiner  Ueberraschung  Bischof  Lorenz  Schlauch  von  Großwardein
  eine  Rede,  in  der  er  sagt:

Zur  Hebung  des  Gewichtes  des  Bündnisses  zwischen  unserer  Monarchie
und  Deutschland  K  heute  ein  mächtiger  neuer  Faktor  hinzugetreten  durch
den  nunmehr  offen  eingestandenen  Anschluß  Italiens  als  des  Dritten  an
dieses  Bündnis.  Dieses  Bündnis  zwischen  unserer  Monarchie,  Deutschland
und  Italien  zeigt,  daß  Italiens  Ansichten  mit  unserer  äußeren  Politik  übereinstimmen.
  Andererseits  aber  wird  das  Resultat  dieses  Bündnisses  sein,
daß  das  Vertrauen  unserer  äußeren  Politik  gegenüber  wachsen  und  der

Europ.  Geschichtskalender.  XIXVIII.  Bd.  17
        <pb n="276" />
        258  NVie  Gesterreichisch-Augarische  Moenarchie.  (November  14.  bzw.  17.)

europäische  Friede  überhaupt  eher  gesichert  sein  wird.  Daß  dieses  mit
Italien  geschlossene  Bündnis  in  Ungarn  über  die  politischen  Gesichtspunkte
hinaus  auch  noch  eine  tiefere  Wirkung  ausübt,  kann  nicht  geleugnet  werden,
und  ich  wäre  der  Letzte,  der  sich  dieser  Wirkung  entziehen  wollte.  Denn  ich
kann  die  politische  Wichtigkeit  dieses  Ereignisses  nicht  nur  nicht  ignorieren,
sondern  n  billige  in  vollem  Maße  dieselbe,  wie  ich  auch  sehr  gerne  jene
Fäden  aufsuche,  welche  diese  beiden  Nationen  in  der  Vergangenheit  verbunden
  nicht  nur  in  politischer,  sondern  auch  in  kultureller  Beziehung.  Unsere
Geschichte  ist  mehr  als  einmal  mit  der  Italiens  parallel  gelaufen,  und,
was,  ich  hervorheben  will,  die  Katholiken  Ungarns  verehren  im  römischen
Papste,  in  diesem  Sohne  der  italienischen  Nation,  das  Haupt  ihrer  Kirche,
und  diese  Nation  war  es,  die  den  Katholiken  die  größten  Päpste  gegeben
hat.  Ungarn  hat  Rom  viel  zu  verdanken,  vom  kulturellen  Stanpunkte  aber
hat  es  mehr  als  einmal  in  Italien  seine  Meister  und  Lehrer  gesucht.  Eben
deßhalb  kann  ich  die  Ideen  derjenigen  sehr  gut  verstehen,  die  ein  Bündnis
mit  Italien  mit  vollen  Sympathien  begrüßen,  aber  auch  mich  werden  Sie
verstehen,  wenn  ich  die  heilige  Pflicht  meines  Gewissens  erfülle,  indem  ich,
um  einem  Mißverständnisse  vorzubeugen,  das  Wort  erhebe,  welchem  Mißverständnisse
  ich  mich  dann  aussetzen  würde,  wenn  ich  den  auf  das  Bündnis
mit  Italien  bezüglichen,  in  allgemeinen  Worten  gehaltenen  Ausdruck  meinerseits
  mit  allen  eventuellen  Erklärungen  acceptieren  würde.  Ich  hätte  es
nicht  gern,  ja  ich  würde  es  sogar  nicht  gestatten,  daß,  indem  ich  mit  meiner
Stimme  dem  Ausschußberichte  beipflichte,  diesem  meinem  Votum  die  Bedeutung
  gegeben  werde,  als  wenn  ich  mit  dem  Ausdrucke  der  Sympathie  Italien
  gegenüber  stillschweigend  auch  all  das  gutheißen  würde,  was  in  Italien
seit  beinahe  zwei  Jahrzehnten  geschieht  und  wodurch  derjenige,  den  ich  als
das  Haupt  meiner  Kirche  betrachte,  tief  gekränkt  und  getrofen  wird.  Ich
weiß,  diese  Frage  ist  heute  nicht  auf  der  Tagesordnung,  und  deßhalb  lasse
ich  mich  in  die  Auseinandersetzung  derselben  jetzt  nicht  ein,  aber  ich  wünsche
innigst,  und  es  sei  mir  gestattet,  auch  der  Hoffnung  Ausdruck  zu  geben,  daß
diese  Frage  eine  Lösung  finden  werde,  welche  das  Bündnis  mit  Italien  nicht
nur  kräftiger,  sondern  auch  in  bedeutendem  Maße  gesuchter  und  gefesteter
machen  kann.  Dante,  der  bisher  unvergeßliche  Dichter  Italiens,  hat  mit
prophetischem  Geiste  in  dem  Kampfe  der  Welfen  und  Ghibellinen  die  zukünftige
  Einheit  und  Größe  Italiens  gesehen;  er  sah  aber  diese  Einheit  und
Größe  mit  den  zwei  Weltmächten,  dem  Papsttum  und  dem  Kaisertum,  vereint,
  und  das  heutige,  sowie  das  zukünftige  Italien  kann  die  größte  moralische
  Macht  dieser  Erde  nicht  aus  seiner  Berechnung  weglassen,  jene  Macht,
deren  Träger  in  dem  Genusse  seiner  Unabhängigkeit  und  seiner  Freiheit  als
treuer  Verbündeter  ein  mächtiger  Faktor  der  zukünftigen  Größe  Italiens,
dessen  schönste  Zierde,  größte  Gewähr  und  edelster  Stolz  wäre.  Das  Gewicht
der  moralischen  Macht  kann  eine  wirkliche  Größe  verleihen,  und  die  italienische
  Nation  wird  schließlich  zur  Erkenntnis  dessen  gelangen,  daß  ihre
Großmachtstellung  einen  unberechenbaren  Kraftzuwachs  erhalten  würde,  wenn
sie  mit  jener  moralischen  Weltmacht  in  eine  engere  Verbindung  treten  würde,
welche  Macht  neben  ihrer  besonderen  Stellung  dennoch  Fleisch  aus  ihrem
Fleische,  Blut  aus  ihrem  Blute  ist.  Ich  aber  habe  geglaubt  eine  edle
Pflicht  zu  erfüllen,  indem  ich,  das  Vorgehen  unserer  äuscken  Politik  vollständig
  billigend  und  begrüßend,  den  Ausschußbericht  acceptiere,  dennoch  die
Treue  zu  meiner  Kirche  und  die  Achtung  Italien  gegenüber  verbindend,
meiner  Ueberzeugung  und  meiner  Ansicht  offen  Ausdruck  verleihe.  (Zustimmung.)

Auch  in  der  österreichischen  Delegation  drückt  im  Laufe  der
Debatte  über  das  Budget  des  Aeußern  Abt  Hauswirth  unter
        <pb n="277" />
        Die  Gesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (Novbr.  Mitte—20.)  259

Anerkennung  des  hohen  Wertes  des  Bündnisses  mit  Italien  für  die
Friedenserhaltung  den  warmen  Wunsch  aus,  daß  dem  Payste  eine
würdige  Heimstätte  und  eine  unabhängige  Stellung  verschafft  werde,
was  für  Italien  selbst  vorteilhaft  wäre.

Mitte  November.  (Galizien:  Polnische  Rettungsbank.)
In  sämtlichen  galizischen  Bezirken  werden  bereits  von  den  Hilfskomitees
  Geldsammlungen  für  die  zur  Erhaltung  des  polnischen
Großgrundbesitzes  in  Posen  und  Westpreußen  gegründete  nationale
Bank  veranstaltet.  An  der  Rettungsaktion  beteiligen  sich  in  nichtoffizieller
  Weise  auch  die  meisten  galizischen  Stadtvertretungen.

16.  November.  (Galizien:  Vereinsauflösung.)  Der  Verein
  zur  Unterstützung  der  Teilnehmer  an  dem  letzten  Polenaufstande
in  Lemberg  wird  infolge  eines  vom  Vorstande  veröffentlichten  Aufrufs
  an  die  Waffengenossen  des  Jahres  1863  wegen  Ueberschreitung
seines  statutarisch  bestimmten  Wirkungskreises  durch  den  Statthalter
aufgelöst.

16.  bzw.  17.  November.  (Krankheit  des  deutschen  Kronprinzen.)
  In  der  ungarischen  wie  in  der  österreichischen  Delegation
drücken  die  beiden  Präsidenten  Ludwig  Tisza  und  Graf  Revertera
vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  die  tiefe  Teilnahme  der  Versammlungen
  an  der  Krankheit  des  deutschen  Kronprinzen  aus.

20.  November.  (Ungarn:  Katholikenkundgebung.)  Im
Pesther  Rathause  findet  unter  dem  Vorsitze  des  Grafen  Stephan
Karolyi  und  des  Domherrn  Steiner  eine  zahlreich  besuchte
Katholiken-Versammlung  statt.

Darin  kommt  eine  Adresse  an  den  Papst,  welche  dieser  aus  der  Hand
des  Kardinals-Primas  Simor  am  30.  November  entgegenzunehmen  zugesagt
  hat,  zur  Besprechung.  Für  dieselbe  sind  auf  5000  Bogen  1½  Millionen
Unterschriften  gesammelt,  an  Peters-Pfennigen  280,000  Franken  zusammengebracht,
  dazu  kommen  noch  86,000  Unterschriften  und  61,000  Franken,  die
ein  Damenkomitee  gesammelt  hat.  Die  Hauptstelle  der  Adresse  lautet:

„Was  dein  Vorgänger  glorreichen  Andenkens  gesagt,  was  scharffinnige
Geister  vorhersahen,  das  haben  während  weniger  Jahre  die  Ereignisse  bewahrheitet.
  Es  war  beabsichtigt,  daß  nur  du  unterdrückt,  nur  du  verfolgt
werdest,  aber  der  Papst  kann  nie  allein  leiden;  wenn  er  leidet,  kann  auch
die  Welt  nicht  in  Frieden,  nicht  in  Ruhe  verbleiben.  Wie  Viele  gibt  es,  die
von  den  verführerischen  Worten  betäubt,  unter  der  Last  der  Unterdrückung
ächzen,  sich  krümmen  und  im  Todeskampfe  röcheln?  Wir  wissen  es:  das  war
beabsichtigt,  daß  nur  du  von  der  Erde  vertilgt  werdest  und  nicht  einmal
dein  Name  unter  den  Lebenden  genannt  werde,  auf  daß,  nachdem  der  Hirt
niedergeschlagen,  die  Herde  der  Gläubigen  sich  von  selbst  auflöse  oder,  während
  der  Hirt  gefangengehalten  wird,  die  große  Menge  der  Gläubigen  einig
8  bewahren  unmöglich  werde.  Und  fiehe  da,  das  Werk  Gottes,  die  gläubige

elt,  die  Jesus  Christus  nicht  nur  im  Kämmerchen  des  Herzens,  son-17“
        <pb n="278" />
        260  Die  Gesterreichisch-Augerische  Monarchie.  (November  20.)

dern,  wie  es  Pflicht  ist,  auch  offen  auf  den  Lippen  trägt,  wirft  sich  in  Liebe
vereint  dir  zu  Füßen,  läßt  dich  vom  Herzensgrunde  hochleben,  und  die  sich
von  dem  beraubten,  von  dem  gefangengehaltenen  Papste  abgewendet  hatten,
suchen  den  Pfad,  der  zum  Papste  zurückführt,  und  die  mit  deinen  behufs
deines  Verderbens  verschworenen  Feinden  Hand  in  Hand  gegangen  waren,
rufen  zu  dir  um  Hilfe  und  preisen  die  von  dir  gewährten  Begünstigungen
leich  wie  einen  Triumph.  Gott,  der  auch  die  aufrührerischen  Seelen  in
fün  Gewalt  hat,  that  dies  Alles  zu  unserem  Troste,  damit  auch  die  für
en  Irrtum  empfänglichen  oder  durch  ihn  schon  angesteckten  Geister  erkennen,
daß  der  gegen  Gott  und  seine  Kirche  unternommene  Feldzug  zwar  der
Kirche  großen  Schaden  zufügen  kann,  aber  für  die  Angreifer,  so  sie  nicht
ur  Vernunft  kommen,  den  völligen  Untergang  herbeiführt.  Die  Lage,  die
seihen  eine  drohende  Gestaltung  annimmt,  erfüllt  Jedermann  mit  Beorgnis.
  Wir  sagen  aber  mit  der  Ruhe  tiefer  Ueberzeugung,  so  lange  die
gegen  den  heiligen  apostolischen  Stuhl  begangene  Ungerechtigkeit  nicht  eingestellt
  und  gutgemacht  ist,  bleibt  jeder  Versuch,  jedes  Streben,  den  dauernden
  Weltfrieden  sicherzustellen,  eitel,  unfruchtbar  und  erfolglos.“

Fast  jeder  Satz  dieser  Adresse  wird  bei  der  Vorlesung  mit  demonstrativem
  Beifalle  aufgenommen.  In  einer  darauf  vom  Grafen  Ferdinand
Zichy  gehaltenen  Rede  heißt  es:  „Wir  begrüßen  den  Inhalt  der  Adresse
mit  Begeisterung  als  treuen  Ausdruck  jener  Gedanken  und  Empfindungen,
die,  unseren  Glaubensprinzipien  entstammend,  hier  eine  so  beredte  Wiedergabe
  gefunden  haben.  Aus  vollem  Herzen  und  ganzer  Seele  teilen  auch  wir
den  tief  empfundenen  Wunsch,  daß  dem  Papste  die  weltliche  Selbständigkeit
und  Unabhängigkeit  wiedergegeben  werde,  die  eine  unerläßliche  Vorbedingung
des  katholischen  Regiments  ist.“

20.  November.  (Böhmen:  Jungtschechen.)  In  Prag  findet
ein  von  etwa  400  Teilnehmern  besuchter  jungtschechischer  Parteitag
statt.  Leiter  find  die  Reichsratsabgeordneten  Prof.  Blazek,  Gregr,
Engel,  Graf  Lazansky  und  Waschaty,  die  Landtags-Abgeordneten
Celakowsky,  Herold  und  Tekly  und  der  Parteiobmann  Prof.  Tilscher.

Nachdem  Tilscher  in  heftiger  Rede  die  schwächliche  Haltung  Riegers
und  der  Alttschechen  angegriffen,  ergreift,  stürmisch  begrüßt,  Waschaty  das
Wort,  um  zunächst  darauf  hinzuweisen,  daß  die  äußere  Politik  Oesterreichs
eine  verfehlte  sei.  Die  Delegationen,  seitens  welcher  so  große  Summen  bebewilligt
  werden,  kommen  ihm  so  vor,  wie  wenn  eine  absolrtiftische  Regierung
  einige  Vertrauensmänner  zusammenruft  und  ihnen  ihre  Wünsche  kundgibt.
  Daß  die  ungarischen  Delegierten  willfährig  sind  in  der  Erfüllung
dieser  Wünsche,  sei  erklärlich.  Die  Magyaren  erreichen  jährlich  neue  Konzessionen.
  Diesmal  habe  man  ihnen  eine  Waffenfabrik  und  eine  Militär-Akademie
  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  ungarischen  Sprace  bewilligt.
Wenn  das  so  fortgeht,  werde  auch  die  magyarische  Sprache  die  Armeesprache
in  Ungarn  werden.  Man  verlange  bedeutende  Summen  für  Kriegszwecke,
und  es  sei  nicht  einmal  Einem  der  Delegirten  eingefallen,  zu  fragen,  gegen
wen  eigentlich  Krieg  geführt  werden  solle.  Die  Bewilligung  so  bedeutender
Summen  sei  wahrscheinlich  auf  einen  Wink  Deutschlands  erfolgt,  welches
Oesterreich  mit  Rußland  beschäftigen  wolle,  um  freie  Hand  gegen  Frankreich
zu  haben.  Redner  spricht  sich  aufs  entschiedenste  gegen  das  Bündnis  Oesterreichs
  mit  Deutschland  und  Italien,  den  früheren  zwei  größten  Feinden
gesterree  aus  und  plaidirt  unter  allgemeiner  Zustimmung  für  das  nach
seiner  Ansicht  viel  gesündere  Bündnis  Oesterreichs  mit  dem  „uneigennützigen“
Rußland.  Die  Vertreter  des  tschechischen  Volkes  sollten  für  letzteres  Bünd-
        <pb n="279" />
        Die  Gesterreichis=  Angarische  Moenarcie.  (November  20.)  261

nis  mit  aller  Energie  eintreten  und  sich  auf  diese  Weise  des  Vertrauens  ihrer
Wähler  würdig  erweisen.  (Beifall.)  Auf  die  innere  Politik  übergehend,
macht  Redner  für  die  unglückliche  Vertretung  des  tschechischen  Volkes  im
Reichsrate  seitens  des  Cesky  klub  in  erster  Reihe  den  verstorbenen  Grafen
Heinrich  Clam  verantwortlich,  kritisiert  das  Verhalten  der  alttschechischen  Abgeordneten
  in  der  Nordbahnfrage,  ferner  bei  der  Beratung  der  Vorlagen  der
Gebäude=  und  Petroleum-Steuer,  endlich  gegenüber  der  Bankfrage  und  dem
Antrage  Scharschmid's.  Was  den  letzteren  Antrag  betrifft,  habe  Graf  Richard
  Clam  offenkundig  sein  Wort  gebrochen.  (Rufe:  Schmach  ihm!)  Dieser
  habe  im  Plenum  den  tschechischen  Abgeordneten  zugeredet,  für  die  Zuweisung
  des  Antrages  an  den  Ausschuß  zu  stimmen,  und  habe  ihnen  sein
Wort  gegeben,  der  Antrag  werde  im  Ausschusse  sofort  verworfen  werden.
Wie  er  dieses  Versprechen  gehalten  habe,  sei  bekannt.  So  sei  es  mit  der
Wahrheitsliebe  des  Grafen  Richard  Clam  und  der  Mitglieder  des  sogenannten
  historischen  Adels  bestellt.  #Aufea  Schmach  ihnen!)  Wenn  diese  nun
ihren  Kollegen  gegenüber  das  Gelöbnis  nicht  halten,  wie  soll  es  dann  die
Regierung  mit  ihren  Versprechen  den  chehen  gegenüber  ernst  nehmen?
Redner  beklagt  sich  weiters  bitter  darüber,  daß,  so  ust  er  in  letzter  Zeit  im
Parlamente  sprach,  die  tschechischen  Abgeordneten  sich  aus  dem  Saale  entfernt
  hatten.  (Rufe:  Pereant!  Schmach  ihnen  !)  Einmal  haben  sie  während  seiner
  Rede  —  Tieren  gleich  —  die  Thür  des  Saales  absichtlich  einigemal  zugeschlagen,
  um  ihn  in  seinen  Auseinandersetzungen  zu  stören.  Ja  es  sei  soweit  gekommen,
  daß  sie  dafür  gestimmt  haben,  das  ihm  das  Wort  entzogen  werde.
Nach  anderen  Rednern  spricht  Gregr,  von  stürmischem  Beifalle  begrüßt.
Er  schildert  zunächst  den  Sturm,  welchen  der  Dislokations-Erlaß  in  den  alttschechischen
  Blättern  hervorgerufen  hat,  und  bemerkt,  daß,  wenn  bei  den
Konservativen  zum  Sturm  geblasen  werde,  es  ihm  gerade  so  vorkomme,  als
wenn  der  Landsturm  aufgeboten  wird.  Was  sei  das  Ende  dieses  Sturmes
gewesen:  Die  im  Reichsrate  eingebrachte  Interpellation.  Diese  habe
gar  nichts  bezweckt.  Es  begannen  Unterhandlungen,  welche  zu  gar  keinem
  Resultate  geführt  haben.  Nur  wenigen  Eingeweihten  find  die  Absichten
  der  Regierung  bekannt,  und  diese  haben  schwören  müssen,  ja  kein
Wort  hievon  verraten  zu  dürfen.  So  hat  die  Expedition  unseres  politischen
  Landsturmes  geendet.  Ist  dies  ein  Sieg  oder  eine  Niederlage?
(Rufe:  Große  Niederlage!)  Ist  dies  eine  ehrenhafte  oder  eine  unehrenhafte
Kapitulaltion:  (Rufe:  Eine  unehrenhaftel)  Ja,  eine  unehrenhafte,  sehr  unthrenhafte
  Kapitulation  ist  das,  ruft  der  Redner,  und  wem  dies  nicht  einleuchtet,
  bei  dem  ist  jedes  Nationalgefühl  verloren.  Als  ich  von  Wien  nach
Prag  zurückkehrte  und  an  die  Grenzen  Böhmens  kam,  wo  ich  das  thätige,
brave,  arbeitsame  tschechische  Volk  erblickte,  sagte  ich  zu  mir:  „Unglückliche
Nation,  wann  werden  dein  Unheil,  deine  Schmach  und  deine  Schande  enden!“
Dr.  Rieger  hätte  entweder  den  Kampf  nicht  beginnen  sollen  oder  hätte  im
Kampfe  standhaft  ausharren  müssen.  Seine  Zuflucht  zur  Lüge  zu  nehmen,
sei  unmännlich.  (Rufe:  Schmach  ihm  !)  Er  hat  versprochen,  daß  im  Frühling
  der  Sieg  gewiß  sei.  Ich  stelle  an  ihn  die  Bitte,  er  möge  sich  dieses
Versprechen  merken.  Das  tschechische  Volk  werde  sich  überzeugen,  daß  der
Zweck  dieses  Versprechens  nur  eine  Besänftigung  desselben  sein  solle.  Es
handle  sich  einfach  um  eine  Täuschung,  um  eine  Irreführung  des  Volkes.
Rieger's  ni  Nu  komme  ihm  so  vor,  als  wenn  ein  Beleidigter  vor
dem  Duell  vor  dem  Beleidiger  auf  die  Knie  falle  und  ihn  um  die  Erstreckung
  der  Frist  zum  Duell  bitte.  Dr.  Rieger  sollte  jedoch  nicht  vergessen,
daß  das  tschechische  Volk  nicht  so  aus  dem  Kampfe  fliehen  werde,  wie  er.
Die  Ausrede,  daß  man  nachgeben  müsse,  sonst  werde  das  Ministerium
Chlumecky  ans  Ruder  kommen,  sei  albern.  Der  Name  Chlumeckys  werde
        <pb n="280" />
        262  JNie  Gesterreichisc-Augerische  Monerchie.  (November  22.—26.)

ganz  einfach  mißbraucht  und  als  Vogelscheuche  benützt.  So  oft  die  Tschechen
etwas  verlangen,  was  Graf  Taaffe  nicht  gewähren  will,  ruft  er  ihnen  zu:
„Geht  ins  Winkerl,  sonst  werde  ich  über  euch  den  Chlumecky  schicken  !“  Die
Tschechen  brauchen  sich  vor  hundert  Chlumeckys  und  hundert  Knotzen  nicht
zu  fürchten.  Ich  bin  überzeugt,  daß  der  Cesky  klub  niemals  in  Opposition
  gehen  wird,  und  zwar  deshalb,  weil  die  Großgrundbesitzer  es  nicht
erlauben  werden.  Uebrigens  wird  es  seine  eigene  Journalistik  nicht  zulassen.
  Wie  soll  diese  in  Opposition  zur  Regierung  treten,  wenn  sie  dieselbe
jeden  Augenblick  um  den  Nachlaß  des  Zeitungsstempels  anbetteln  muß,  da
sie  sonst  nicht  existieren  könnte!  (Rufe:  Schöne  Journalistiklf)  Redner  glaubt,
man  könne  die  Regierung  nur  dann  willfährig  machen,  wenn  man  sie  in  wichtigen
  Fragen  im  Stiche  ließe.  So  zum  Beispiel  sollte  man  aufs  energischeste
gegen  die  bisherige  äußere  Politik  auftreten.  Jedes  Volk,  schließt  Redner,
ist  seines  Glückes  Schmied  und  hat  solche  Abgeordnete,  wie  es  sie  verdient.
(Stürmischer  Beifall.)

22.  November.  (Kroatien:  Panflawismus.)  Der  „Pesti
Naplo“  berichtet,

daß  die  Kapläne  in  Kroatien,  insbesondere  jene  der  Djakowarer  Diözese
seit  längerer  Zeit  über  größere  Geldfummen  zu  Agitationszwecken  verfügen.
Das  Geld  komme  aus  der  Schweiz,  zumeist  aus  Zürich,  in  Francs-Billetten,
und  werde  von  den  Kaplänen  für  russenfreundliche  Zwecke  verwendet.  Es
wird  speziell  ein  Kaplan  bezeichnet,  der  monatlich  500  Francs  aus  Zürich
empfangen  soll,  die  er  in  Vukowar  einwechsle;  dieser  Kaplan  sei  einer  der
gefährlichsten  Agitatoren  unter  den  Panflawisten.

22.  November.  (Böhmen:  Deutsche  Partei.)  Auf  dem
Parteitage  der  Deutschen  in  Prag  gelangt  folgende  von  Plener
entworfene,  von  Schmeykal  in  zündender  Rede  begründete  Resolution

  unter  großem  Beifalle  einstimmig  zur  Annahme:

„Im  Einklange  mit  der  von  der  Versammlung  der  Vertrauensmänner
  der  Deutschen  in  Böhmen  am  15.  August  1887  zu  Prag  gefaßten  Resolution
  und  auf  Grundlage  der  ihnen  durch  letztere  erteilten  Vollmacht
erklären  die  deutschen  Abgeordneten  des  böhmischen  Landtages  hiemit,  daß
fe  bei  dem  fortbestehenden  Abgange  jener  Voraussetzungen,  an  welche  sowohl

ie  in  der  Landtagssitzung  vom  22.  Dezember  1886  abgegebene  Austrittserklärung,

  als  jene  Resolution  vom  15.  August  1887  den  Wiedereintritt  der
deutschen  Abgeordneten  in  den  böhmischen  Landtag  der  Regierung,  sowie  der
Mehrheit  des  Landtages  gegenüber  geknüpft  haben,  sich  an  den  Verhandlungen
  der  zur  Zeit  einberufenen  Landtagssession  nicht  beteiligen  werden.
Dieser  unserer  Erklärung  steht  die  volle  Unterstützung  zur  Seite,  welche  das
deutsche  Volk  in  Böhmen  dem  Vorgehen  seiner  Abgeordneten  durch  den  Ausgang
  der  jüngsten  Wahlen  in  erhebender  Einmütigkeit  erteilt  hat.“

25.  November.  (Galizien.)  Die  Repräsentanz  des  meist
von  Ruthenen  bewohnten  Bezirkes  Turka  überreicht  dem  Landtage
eine  Petition  um  Einführung  der  deutschen  Sprache  als  obligater
  Lehrgegenstand  in  den  galizischen  Volksschulen.

26.  November.  (Ungarn:  Gegen  die  Tschechen.)  Im
Landesindustrieverein  wird  ein  Antrag  eingebracht,  angesichts  der
tschechischen  Agitation  gegen  ungarische  Landesprodukte  in  ganz
        <pb n="281" />
        Die#  Gesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (November  26.  28.)  263

Ungarn  eine  Propaganda  gegen  böhmische  Industrieartikel  einzuleiten.
  Der  Antrag  gelangt  zwar  nicht  zur  Annahme,  die  Vereinsleitung
  wird  aber  beauftragt,  die  Agitation  des  Tschechentums  aufmerksam
  zu  verfolgen  und  Vorschläge  zu  machen,  wenn  dieselbe  bedrohliche
  Ausdehnung  gewinnen  sollte.

26.  November.  (Ungarn:  Stellung  zu  den  inneren
Bewegungen  Oesterreichs.)  Das  Regierungsblatt  „Nemzet"
bespricht  die  Vorgänge  in  den  österreichischen  Landtagen  mit  Rücksicht
  darauf,  daß  die  dortigen  Entwicklungen  auch  Ungarn  sehr  nahe

berühren.

Dem  böhmischen  Landtag  seien  die  in  in  ihren  angestammten  Bezirken
  wieder  gewählten  Deutschen  abermals  fern  geblieben.  Dessen  Thätigkeit
sei  überdies  auch  durch  den  Konflikt  zwischen  Alt=  und  Jungtschechen  gefährdet.
  Dieser  Konflikt  könnte  leicht  Dimensionen  annehmen,  die  selbst  Rieger
die  Allianz  mit  den  Deutschen  willkommen  erscheinen  ließen  und  dem  Kabinet
  Taaße  jedenfalls  nicht  beneidenswerte  Schwierigkeiten  bereiten  würden.
In  Salzburg  habe  die  Reaktion  ihr  Haupt  erhoben;  sie  fordere  die  Wiederherstellung
  der  weltlichen  Macht  des  Papstes  und  die  konfessionelle  Schule.
Die  Regierung  werde  Farbe  bekennen  und  entweder  die  höchsten  staatlichen
Interessen  opfern  müssen  oder  durch  Ablehnung  ihre  eigene  Stellung  durch
einen  Konflikt  mit  einem  ansehnlichen  Teile  ihres  parlamentarischen  Anhanges
  gefährden.  In  Galizien  endlich  verdiene  das  Schicksal  der  Ruthenen
die  vollste  Aufmerksamkeit.  Es  sei  notwendig,  insbesondere  an  unserer  Grenze
Alles  zu  thun,  damit  die  Monarchie  im  Augenblicke  der  Gefahr  nicht  der
Schauplatz  geführicher  Umtriebe  werde.  Versehlie  Maßregeln  könnten  die
innere  Sicherheit  der  Monarchie  und  deren  Ansehen  nach  Außen  gefährden.
Dies  sei  der  Punkt,  der  auch  Ungarn  lebhaft  interessiere,  denn  wir  haben
das  Recht,  zu  fordern,  daß  unsere  außergewöhnlichen  Kraftanstrengungen  für
die  Interessen  der  Monarchie  nicht  durch  den  Partikularismus  der  Maulwürfe
  jenseits  der  Leitha  gelähmt  oder  paralyfiert  werden.

28.  November.  (Böhmen:  Tschechische  Schulforderungen.)
  Die  Jungtschechen  Gregr  und  Genossen  bringen  im
Landtage  einen  Antrag  ein  gegen  den  Erlaß  des  Unterrichtsministers,
welcher  die  Auflassung  von  4  tschechischen  Realschulen  anordnet.

Der  Antrag  fordert  die  Einsetzung  einer  fünfgliedrigen  Kommission
mit  dem  Auftrage  die  Wirkungen  zu  untersuchen,  welche  diese  Schulschließungen
  auf  die  nationale  und  kulturelle  Entwicklung  des  tschechischen  Volkes
  haben  würden  und  dem  Landtage  entsprechende  Anträge  zu  unterbreiten.

Der  Antrag  war  Dr.  Rieger  und  dem  Tschechen-Klub  zur  Unterstützung
übersandt  worden,  diese  haben  aber  die  Mitunterfertigung  desselben  abgelehnt.
  „Daraus  erfahren  wir,  bemerken  hiezu  die  „Narodni  Listy“,  das
Jungtschechenorgan,  welche  Antwort  die  Regierung  nicht  nur  auf  die  tschechische
  Interpellation,  sondern  auch  auf  das  ncchechisch  Promemoria  betreffs
der  Schulforderungen  gegeben  hat.“

Die  Alttschechen  bringen  einen  auf  den  vorgeschobenen  Namen
des  Abg.  Petak  getauften  Gegenantrag  ein,  wonach  in  den  von
        <pb n="282" />
        264  Nie  Gesterreichisc-Angarische  Monarchie.  (Novbr.  Ende—Dezbr.  5.)

der  Mittelschulauflösung  betroffenen  Städten  gewerbliche  und  kaufmännische
  Fachschulen  errichtet  werden  sollen.

Damit  ist  der  Rückzug  vor  dem  Unterrichtsminister  klar  ausgesprochen,
denn  diser  hatte  stets  als  Grund  der  Schließung  der  Mittelschulen  deren
Ueberfluß  und  den  Mangel  an  Fachschulen  angegeben.

Ende  November.  (Lehrer  als  Abgeordnete.)  Der  Unterrichtsminister
  verbietet  auf  Grund  einer  kaiserlichen  Entschließung
die  gleichzeitige  Ausübung  des  Lehramts  und  des  Abgeordnetenmandats.
  Die  sieben  Reichsrats-Abgeordneten,  welche  Mittelschul-Professoren
  find,  sollen  für  die  sechsjährige  Wahlzeit  mit  vollem
Gehalt  beurlaubt  werden.

2.  Dezember.  (Ungarn.)  Abg.-Hs.:  genehmigt  ohne  Debatte
und  einstimmig  die  Verlängerung  des  finanziellen  Ausgleichs
mit  Kroatien,  sowie  den  Antrag  Tiszas  auf  Entsendung  einer
Regnikolar-Deputation.

2.—3.  Dezember.  (Kroatien:  Agramer  Gemeinderatswahl.)
  Da  nach  Verkündigung  der  Wahl  am  ersten  Tage  der
Vorsitzende  des  Wahlbüreaus  die  Stimmzettel  verbrannt,  erklärt  der
Regierungskommissar  diesen  Vorgang  für  ungesetzlich  und  fistiert  die
weiteren  Wahlen.

Im  Landtage  werden  hierauf  am  folgenden  Tage  von  regierungsfreundlicher
  wie  oppofitioneller  Seite  Interpellationen  eingebracht,
  worauf  der  Banus  erklärt,  die  Regierung  billige  das  Verfahren
  ihres  Kommissars  und  werde  auch  die  bereits  vollzogenen
Wahlen  kassieren,  da  alle  Wahlakten  den  Wahlprotokollen  nach  dem
Gesetze  beizuschließen  seien.

Die  Opposition  verwirft  die  Antwort,  dringt  aber  mit  diesem
Antrage  nicht  durch.

4.  Dezember.  (Arbeiterbewegung.)  Bei  dem  Gründungsfeste
  des  „Arbeiterbildungsvereines“  in  Wien,  welches  von  etwa
6000  Personen  besucht  ist,  wird  unter  großem  Jubel  und  Schwenken
roter  Fahnen  die  Marseillaise  und  der  Lasalle-Marsch  gesungen.
Begrüßungstelegramme  treffen  aus  London,  Paris,  Berlin,  Lyon,
New-York  und  St.  Gallen  ein,  u.  a.  von  Bebel  im  Namen  der
deutschen  Sozialdemokratie,  von  Peukert  und  Formanek  in  New-Vork
  und  anderen  Vertretern  extremster  Richtungen.

5.  Dezember.  (Ungarn:  Pariser  Weltausstellung.)  Auf
eine  in  den  Blättern  an  den  Grafen  Zichy  gerichtete  Aufforderung
von  Lesseps,  er  möge  einen  ungarisch-nationalen  Ausschuß  zu
        <pb n="283" />
        Bie  Gesterreichisch=  Angarische  Monarchie.  (Dezember  6.—8.)  265

Gunsten  der  Beschickung  der  Pariser  Ausstellung  ins  Leben  rufen,
antwortet  Zichy,  die  betreffenden  Schritte  dazu  seien  bereits  gethan.

6.  Dezember.  (Hirten  brief  der  slowenischen  Bischöfe.)
Der  Fürst-Erzbischof  von  Görz  und  die  4  Bischöfe  seiner  Metropolie
erlassen  einen  gemeinsamen  Hirtenbrief,  in  welchem  sie  auf  das
schärfste  gegen  die  Russenschwärmerei  der  Slowenen,  gegen  das  Verlangen
  nach  einer  flawischen  Liturgie  und  gegen  das  Hauptorgan
der  Slowenen,  den  „Slowenski  Narod“,  sich  aussprechen,  welcher  den
Papst  in  einem  Artikel  „einen  Auswurf  der  Menschheit“  genannt
habe.  Zum  Schlusse  des  Hirtenbriefes  heißt  es:

„Hiemit  —  mit  der  entschiedenen  Stellungnahme  auf  österreichisch-staatstreuem
  und  katholischem  Standpunkte  —  glauben  die  gefertigten  Bischöfe  ihrer
Pflicht  jedoch  noch  nicht  in  vollem  Maße  gerecht  geworden  zu  sein;  die  beklagten
  Erscheinungen  und  die  daraus  resultierenden  Gefahren  erheischen  auch
bestimmte  Maßregeln  von  ihnen.  Sie  handeln  daher  ebenso  in  Bewußtsein
der  drückenden  Verantwortung,  die  sie  über  den  Stand  der  kirchlichen  Angelegenheiten
  in  ihren  Diözesen  und  über  die  ihnen  anvertrauten  Seelen  vor
Gott  dereinst  werden  zu  bestehen  haben,  wie  im  eigensten  Interesse  des  Klerus,
  dessen  Gesamtheit  man  so  gerne  für  etwaige  Unbedachtsamkeiten  der  Einzelnen
  verantwortlich  macht,  wenn  sie  den  ihrer  Jurisdiktion  unterstehenden
Priestern  und  Klerikern  alle  eigenmächtige  Neuerung  und  jedwede,  wie  immer
geartete  Beteiligung  an  Agitationen  gegen  die  jetzt  zu  Recht  bestehende  Liturgie
  und  liturgische  Sprache  auf  das  strengste  und  sub  obedientia  canonica
hiemit  verbieten.  Möge  Niemand  einen  Vorwand  zur  Uebertretung  und
Mißachtung  dieses  unseres  Verbotes  etwa  in  dem  Hinweise  auf  anderwärtige
Verhältnisse  suchen,  sondern  wissen,  daß  er  über  sein  diesbezügliches  Verhalten
dereinst  lediglich  nach  Maß  der  von  seinen  kirchlichen  Oberen  erhaltenen
Weisungen  wird  gerichtet  werden."

Schließlich  wird  den  Klerikern  das  Halten  der  eingangs  bezeichneten
Blätter  sowie  das  Mitarbeiten  an  denselben  unter  der  Androhung  kirchlicher
Strafen  verboten.

Der  Schritt  der  Bischöse  wird  von  der  slowenischen  Presse  auf
das  heftigste  angegriffen  und  im  Görzer  Landtage  häll  der  Abg.
Gregorcic,  Professor  am  Priesterseminar,  am  26.  Dezember  eine
leidenschaftliche  Rede  gegen  den  Hirtenbrief.

7.—8.  Dezember.  (Kriegsfrage.)  Das  ungarische  Regierungsblatt
  „Nemzet“  äußert  sich  über  die  Lage:

„Wir  wissen  nicht,  ob  unsere,  aus  bester  Berliner  Quelle  geschöpfte
Nachricht,  als  ob  die  Mächte  wegen  der  russischen  Truppenvorschiebungen  thatsächlich
  schon  eine  Anfrage  nach  Petersburg  gerichtet  haben,  der  Wirklichkeit
entspricht  oder  nur  die  journalistische  Signalisierung  eines  später  zu  unternehmenden
  Schrittes  sei;  aber  als  Thatsache  können  wir  berichten,  daß  die
in  Frage  stehenden  Truppenbewegungen  seit  Wochen  den  Gegenstand  regster
Wachsamkeit  bilden  und  daß  die  leitenden  Faktoren  der  österreichisch-ungarischen
  Diplomatie  keinen  Augenblick  der  Pflichten  vergaßen,  die  ihnen  diese
unsere  Interessen  so  nahe  berührenden  Vorgänge  auferlegten.  Wir  detaillieren
jetzt  nicht,  welche  Bedeutung  es  hätte,  wenn  die  Teilhaber  des  mitteleuro-
        <pb n="284" />
        266  Vie  Oefterreithisch-Angarische  Monarthie.  (Dezember  7.  —8.)

päischen  Bündnisses  schon  in  diesem  Augenblicke  genötigt  würden,  das  Gewicht
  ihres  Wortes  in  die  Wagschale  zu  werfen.  Wir  konstatieren  nur,  daß
ein  solcher  Schritt,  wie  sehr  auch  jede  Macht  in  ihren  offiziellen  Kundgebungen
  ihre  Friedensliebe  beteuern  mag,  der  Aufwerfung  der  Frage  von
Krieg  oder  Frieden  sehr  nahe  kommt.  Trotz  der  zahlreichen  alarmierenden
Nachrichten  muß  man  bei  den  friedlichen  Tendenzen  der  vereinigten  Bemühungen
  der  Kabinete  glauben  und  hoffen,  daß  sie  eine  Modalität  finden  werden,
um  jene  abnorme  Situation  zu  beseitigen,  welche  durch  die  aufgetauchten  besorgniserregenden
  Thatsachen  geschaffen  wurde.

Die  „Budapester  Korrespondenz“  von  demselben  Tage  meldet:

Jene  gfrößereren  Truppenbewegungen  und  anderseitigen  Vorkehrungen
militärischer  Natur  in  den  an  Oesterreich  grenzenden  Teilen  Rußlands,  die
schon  zu  Beginn  des  heurigen  Jahres  unsere  Heeresverwaltung  zu  den  bekannten
  militärischen  Rüstungen  und  Vorsichtsmaßregeln  veranlaßt  hatten,
haben  nach  vielseitigen  Meldungen  in  den  letzten  Wochen  neuerdings  an
Umfang  zugenommen,  und  die  der  uns  verbündeten  deutschen  Regierung
nahrsteszender  Blätter  haben  namentlich  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  jetzt  in
der  Nähe  Galiziens  dreimal  soviel  russische  Truppen  konzentriert  sind,  als
in  dem  ähnlichen  Gebietsraum  Truppen  der  österreichisch-ungarischen  Armee
disloziert  sind.  So  sehr  diese  durch  nichts  motivierten  und  erklärten  russischen
Truppenbewegungen  unsere  Aufmerksamkeit  zu  erregen  auch  im  Stande  sind,
können  dieselben  doch  unmittelbar  zu  keiner  ernsteren  Besorgnis  Anlaß  geben,
da  das  Mißverhältnis  der  auf  beiden  Seiten  der  Grenze  in  gleicher  Distanz
garnisonierenden  Truppenzahl  keineswegs  ein  so  großes  ist,  wie  dies  zum
Beispiel  die  Kölnische  Zeitung  angeführt  hat.  Unsere  Heeresverwaltung  hat
stets  in  gewissenhafter  Weise  Vorsorge  getroffen,  um  speziell  im  Norden  der
Monarchie  keinen  Ueberraschungen  ausgesetzt  zu  sein.  Dies  bewies  ja  eben
der  geforderte  außerordentliche  52⅛-Millionen-Kredit.  Die  Heeresverwaltung
  ist  auch  in  Folge  dessen  nicht  gesonnen,  für  jetzt  außergewöhnliche  weitere
  Vorkehrungen  zu  treffen,  respektive  irgend  einen  neuerlichen  außerordentlichen
  Kredit  anzusprechen.  Es  wäre  hiefür,  da  der  nicht  verwendete  Rest
des  52⅛½-Millionen-Kredits  bekanntlich  im  Sinne  der  jüngsten  Delegations-Beschlüsse
  der  gemeinsamen  Regierung  nicht  mehr  zur  Verfügung  steht,  die
Einberufung  einer  außerordentlichen  Delegations-Session  notwendig,  was
jetzt  keineswegs  in  Aussicht  genommen  ist.

Die  „Revue  de  I'Orient“  vom  nächsten  Tage  meldet  folgende,
„von  befreundeter  diplomatischer  Seite  ihr  zugegangene  wörtliche
Aeußerung  eines  hochgestellten  diplomatischen  Vertreters  einer  mit
Oesterreich-Ungarn  alliierten  Großmacht":

„Nach  den  letzten  authentisch  bekannten  Aeußerungen  des  Zars  ist  das
Vertrauen  in  dessen  derzeitige  persönliche  Friedensabsicht  jetzt  immer  noch
gerechtfertigt.  Hiezu  kommt  die  Thatsache,  daß  weder  vom  politischen  noch
vom  militärischen  Standpunkte  für  einen  jetzigen  Angriffskrieg  seitens  Rußlands
  eine  vernunftgemäße  Basis  vorhanden  ist.  Schließlich  spricht  am
meisten  noch  für  die  jetzige  Erhaltung  des  Friedens,  daß  dem  Zar  Alexander
in  präziser  und  offizieller  Form  folgende  seststehende  Thatsache  betreffs  des
casus  foederis  der  Alliierten  bekannt  wurde:  Im  Falle  eine  der  verbündeten
  Großmächte  von  einer  andern  angegriffen  wird,  hat  ein  solcher  Angriff,
gleichviel  welche  Anfangsrichtung  derselte  nimmt,  die  sofortige  Konsequenz,
daß  die  deutsche  Regierung  keinen  Moment  mehr  von  politischen  Erwägungen
beeinflußt  sein  kann,  sondern  der  gesamte  weitere  Vorgang  ausschließlich
        <pb n="285" />
        Bie  Gesterreichisch  Angarische  Monarchie.  (Dezember  8.—Ende.)  267

und  ohne  jede  andere  Rücksicht  und  ohne  Zeitverlust  nur  von  den  gemeinsamen
  und  untrennbaren  militärisch-strategischen  Exigentien  diktiert  wird.

8.—Ende  Dezember.  (Kriegsrat.)  Unter  Vorsitz  des  Kaisers
und  im  Beisein  des  Erzherzogs  Albrecht,  Kalnokys  und  mehrerer
Korpskommandanten  wird  ein  Kriegsrat  abgehalten,  welcher  nach
mehrstündiger  Sitzung,  wie  verlautet,  beschließt,  vorläufig  keine  unmittelbaren
  Maßregeln  zu  ergreifen,  da  russischerseits  in  den  letzten
Tagen  ebenfalls  neue  Maßregeln  nicht  ergriffen  worden  seien  und
der  bisherige  Stand  für  eine  etwa  nötige  Verteidigung  nichts  Bedrohliches
  enthalte.  Gleichzeitig  seien  aber  bis  ins  Einzelne  alle
Schritte  festgestellt  worden,  welche  sofort  zur  Anwendung  gelangen
sollen,  falls  Rußland  neue  Truppenvorschiebungen  vornehmen  würde.
Von  einer  Einberufung  der  Delegationen  sei  zunächst  Abstand  genommen
  worden.

Am  13.  findet  ein  neuer  Kriegsrat  unter  Vorsitz  des  Kaisers
statt;  am  15.  werden  der  ungarische  Ministerpräsident  Tisza  aus
Pest  und  Finanzminister  Dunajewski  aus  Lemberg  berufen;  am
18.  finden  Besprechungen  des  Kaisers  mit  Tisza,  den  drei  Kriegsministern
  und  dem  Landeskommandierenden  von  Ungarn,  Grafen
Pejacsevich,  ferner  unter  Vorsitz  Kalnokys  eine  Sitzung  der  gemeinsamen
  Minister  statt.  Am  19.  wird  ein  großer  Kronrat  abgehalten.



Ueber  die  in  demselben  gefaßten  Beschlüsse  verlautet,  daß  eine  bestimmte
  Summe  —  anfänglich  wurde  in  den  Zeitungen  berichtet,  es  seien
11—20  Millionen  zu  Rüstungszwecken  gefordert  worden  —  noch  nicht  festgestellt,
  sondern  nur  im  allgemeinen  die  Kosten  für  vorbereitende  Sicherungsmaßnahmen
  in  Galizien  erwogen  worden;  Truppensendungen  an  die
Grenze  wurden  vorläufig  nicht  beschlossen.

Auch  am  26.  wird  eine  militärische  Konferenz  in  der  Hofburg
  abgehalten,  an  welcher  der  Kaiser,  Erzherzog  Albrecht,  der
Kriegsminister  Graf  Bylandt-Rheydt  und  der  Generalstabschef  Feldmarschall-Lieutenant
  v.  Beck  teilnehmen.

Die  Auffassung  der  Lage  in  der  Oeffentlichkeit  ist  sehr  ernst,
die  vorherrschende  Meinung  ist,  daß  der  Krieg  unvermeidlich  sei;
auch  Blätter,  wie  die  „Neue  Freie  Presse“,  welche  anfangs  mit  Entschiedenheit
  die  Bedrohlichkeit  der  Lage  in  Abrede  gestellt  hatten,
nehmen  einen  kriegerischen  Ton  an.  Das  genannte  Blatt  schreibt
am  7.  Dezember:

Wir  fragen  nicht  mehr,  wir  stehen  vor  der  Thatsache  daß  russische
Regierungsorgane  das  Erscheinen  neuer  Divisionen  an  der  Peripherie  Oesterreichs
  ankündigen.  Rußlands  Ehrgeiz  ist  eine  Geißel  für  die  ganze  Mensch-
        <pb n="286" />
        268  HNie  Gekerreichisch-Angerische  Moenarchie.  (Dezember  9.—24.)

heit  geworden.  Rußland  allein  kann  den  Frieden  exhalten,  indem  es  seine
Politik  der  Bedrohungen  und  der  Anmaßung  ändert.“

An  der  Börse  fallen  anhaltend  bedeutende  Kursrückgänge  vor.

9.  Dezember.  (Polnische  Rettungsbank.)  Nach  einer
Mitteilung  des  „Kurjer  Lwowski“  hat  Erzbischof  Morawski  von
Lemberg  der  Geistlichkeit  die  Teilnahme  an  der  Agitation  für  die
polnische  Rettungsbank  verboten.

13.  Dezember.  (Stellung  Kalnokys.)  Das  offiziöse  „Wiener
Fremdenblatt“  schreibt:

„  Angesichts  der  Konjekturen  und  Kommentare,  welche  einige  ungarische
Blätter  an  das  Gerücht  von  einer  Demission  des  Grafen  Kalnoky  knüpfen,
erscheint  es  notwendig,  von  neuem  aufs  bestimmteste  zu  konstatieren,  daß  das
Gericht  ausschließlich  auf  ein  Börsenmanöver  zurückzuführen  ist  und  daß
daher  auch  alle  Erörterungen,  mit  denen  inländische  und  ausländische  Blätter
  diese  in  ernstern  Kreien  nicht  einen  Augenblick  beachtete  Nachricht  begleiten,
  von  selbst  hinfällig  werden.“

21.  Dezember.  (Dalmatien:  Russische  Sprache.)  Der
Landtagsabgeordnete  Bakotic  (Kroat)  und  Genossen  hatten  am  6.
den  Antrag  gestellt:

„daß  die  russische  Sprache  in  den  dalmatinischen  Realschulen  als  obligater
  Lehrgegenstand  eingeführt  und  daß  überdies  an  jedem  Gymnasium
ein  Lehrstuhl  für  russische  Sprache  und  Literatur  errichtet  werde."“

Bei  der  Beratung  begründet  er  densfelben  damit,  daß  die  herrlichen
  Geistes-  und  Kulturschätze  der  slawischen  Sprachen  dem  Volke
Dalmatiens  erschlossen  werden  müßten.

Der  Führer  des  Landtags,  Dr.  Klaitsch,  erklärt  dazu:

„Er  würdige  alles,  was  der  Vorredner  über  Rußland  gesagt,  vollkommen
  und  sei  selbst  im  zussischen  Schrifttum  gut  bewandert;  er  werde
jedoch  angesichts  des  Geschreies  der  Deutschen  gegen  den  Antrag  stimmen,  „da
dessen  Annahme  der  Erreichung  der  nächsten  politischen  Ziele,  denen  man
im  nationalen  Interesse  zustreben  müsse,  Eintrag  thun  könnte.“

Die  slawische  Mehrheit  des  Landtages  lehnt  in  diesem  Sinne
die  Einführung  des  Russischen  als  Lehrgegenstand  vorläufig  ab.

22.  Dezember.  (Bulgarische  Frage.)  Das  „Fremdenblatt"
erklärt  offiziös,  daß  keine  Verhandlungen  zwischen  Oesterreich  und
Rußland  über  Bulgarien  stattfinden.  Oesterreich  beharre  auf  seinem
alten  Standpunkte:  es  habe  den  Prinzen  Ferdinand  nicht  zum  Fürsten
gemacht  und  könne  ihn  auch  nicht  absetzen.

24.  Dezember.  (Panfslawistische  Umtriebe.)  Der  Eigentümer
  und  Herausgeber  des  in  Wien  in  deutscher  Sprache  erscheinenden
  panflawistischen  Blattes  „Der  Parlamentär“",  Dr.  Karl
Zivny,  Schwiegersohn  des  jungtschechischen  Parteiführers  Strejschowski,
  wird  verhaftet.
        <pb n="287" />
        Die  Oefterreithisch-Angarische  Menearchie.  (Dezember  24.)  269

Den  Anlaß  bieten  2  Artikel  des  Parlamentär  über  die  Stellung
der  österreichischen  Slawen  zu  Rußland.  Zivny,  seit  einigen  Jahren  zur
russischen  Kirche  übergetreten,  betrieb  eine  eifrige  Propaganda  für  Ruß-=land,
  besonders  für  Ausbreitung  der  russisch-orthodoxen  Kirche  in  Oesterreich.
  Außer  dem  „Parlamentär“  benutzte  er  noch  2  Blätter  in  Olmützund
Kremfier  zu  denselben  Zwecken.  Er  bezog  aus  Rußland  bedeutende  Summen;
  so  soll  er  in  den  Rechnungsausweisen  der  Moskauer  Wohlthätigkeitsgesellschaft
  mit  jährlich  2000  Rubeln  aufgeführt  sein.  Bei  der  Haussuchung
werden  bhlreiche  russische  Korrespondenzen  mit  Beschlag  belegt.
        <pb n="288" />
        II.
Portugal.

6.  Januar.  (Tammerauflösung.)  Nachdem  am  4.  Januar
die  Kammer  einen  der  Regierung  nicht  genehmen  Präsidenten  gewählt
  hat,  wird  dieselbe  aufgelöst.

Es  scheint  dieser  Umstand  nur  als  Vorwand  genommen  zu  sein,
da  das  fortschrittliche  Ministerium  Luciano  y  Castros  sich  durch  Neuwahlen
eine  feste  Mehrheit  zu  bilden  hofft.

22.  Januar.  Der  Führer  der  Konservativen,  Fontes  Pereira
de  Mello  f.

Mitte  Februar—März.  (Streit  mit  Zanzibar.)  Der
Gouverneur  von  Mozambique  hatte  infolge  eines  Ende  des  vorigen
Jahres  an  den  Sultan  von  Zanzibar  gerichteten  Schreibens  des
Königs  den  Sultan  am  18.  Januar  aufgefordert,  über  die  Grenzregulierung
  an  der  Tungi-Bucht  südl.  vom  Kap  Delgado  mit  ihm
zu  verhandeln.  Da  der  Sultan  sich  dessen  weigert,  begiebt  sich  der
Gouverneur  mit  den  an  der  ostafrikanischen  Küste  stationierten  Kriegsschiffen
  nach  Tungi,  bricht  die  Beziehungen  zu  Zanzibar  ab  und
unterstellt  die  dortigen  Portugiesen  dem  Schutze  Deutschlands.  Dann
nimmt  er  einen  Dampfer  des  Sultans  angeblich  wegen  Führung
von  Kriegsmaterial  weg,  giebt  ihn  aber  auf  englische  Vermittlung
hin  wieder  frei.  Infolge  der  Vermittlung  Englands  und  Deutschlands
  werden  weitere  Feindseligkeiten  gegen  Zanzibar  eingestellt  und
die  Verhandlungen  über  das  Gebiet  an  der  Tungi-Bucht  zwischen
Portugal  und  Zanzibar  wieder  aufgenommen.

Anf.  März.  (Unruhen  in  Mozambigque.)  Nach  dem  Abgang
  der  portugiesischen  Truppen  und  Kriegsschiffe  nach  der  Tungi-Bucht
  brechen  in  Mozambique  Unruhen  der  Eingebornen  aus,  der
Stamm  der  Narnarals  bricht  ein  und  bedroht  die  Stadt  Mozambique
  selbst.  Der  Gouverneur,  mit  einem  Teil  der  Truppen  zurückkehrend,
  dämpft  die  Bewegung  ohne  erhebliche  Schwierigkeiten.
        <pb n="289" />
        Jeriugal.  (März  6.  —September  15.  271

6.  März.  (Kammerwahlen.)  Das  Resultat  der  Wahlen
zur  2.  Kammer  ist:  108  Anhänger  der  Regierung,  36  Konservative
und  2  Republikaner.

Ende  April.  (Finanzen.)  Finanzminister  Carvalho  legt
den  Kortes  das  Budget  vor,  welches  mit  einem  Fehlbetrage  von
15.000,000  Franken  abschließt  und  schlägt  zur  Bedeckung  dieses
Ausfalls  folgende  Finanzoperationen  vor:

Die  Privattabakfabriken  sollen  künftig  dem  Staate  einen  Reinertrag
an  Steuern  von  5.000,000  Fr.  garantieren,  eventuell  will  die  Regierung
eine  gemeinschaftliche  Tabakregie  mit  ihnen  gründen.  Ferner  soll  der  Bank
von  Portugal  für  die  Zukunft  die  Notenausgabe  für  das  ganze  Land,  die
Erhebung  der  direkten  Steuern  und  die  Auszahlung  der  Beamtengehälter
gegen  entsprechende  finanzielle  Gegenleistungen  übertragen  werden.

Hingegen  soll  der  Zolltarif  erheblich  herabgesetzt  werden.

Ende  Juli.  Der  Sultan  von  Zanzibar  verzichtet  auf
seine  Ansprüche  an  die  Bai  von  Tungi.

Ende  Juli.  (Afrikanische  Kolonien.)  Die  Kortes  bewilligen
  die  über  die  Abgrenzung  des  Kolonialgebietes  mit  dem
Kongostaat,  Deutschland  und  Frankreich  geschlossenen  Verträge.

Danach  tritt  Portugal  an  Deutschland  in  Angola  das  Gebiet  zwischen
dem  Kunene  und  dem  18.  Grad  füdl.  Breite  (vgl.  Geschal  1886,  Dez.  30.),
an  Frankreich  in  Guinea  das  Ufergebiet  der  Flüsse  Kasamansa  und  Nuno  ab.

15.  September.  Marineminister  Macedo  wird  aufs  Neue
in  seinem  Ressort  zum  Minister  ernannt.

Derselbe  war  im  Mai  zurückgetreten,  nachdem  ihn  der  Deputierte
Ferreirad'Almeida  nach  einer  Kammersitzung  öffentlich  geohrfeigt  hatte.
Die  Pairskammer  verurteilte  hierauf  den  Deputierten  zu  4monatlichem  Militärgefängnis.
  Als  er  die  Strafe  abgebüßt  hat,  fordert  ihn  Macedo  zum
Zweikampfe,  was  großes  Aergernis  hervorruft,  da  diese  gesetzlich  unerlaubte
Handlung  ganz  in  der  Oeffentlichkeit  betrieben  wird  und  insbesondere  die
igotten  Kreise  verletzt.  Der  Zweikampf  kommt  infolge  der  von  Almeida
gestellten  schweren  Bedingungen  nicht  zu  stande.

Anf.  Dezember.  Die  Regierung  belegt  die  Ausfuhr  gewisser
Kolonialprodukte  aus  dem  Kongogebiete  mit  Zöllen.
        <pb n="290" />
        IV.

Spanien.

Anf.  Januar.  (Revolutionäre  Bewegung.)  Aus  dem
Militärgefängnis  San  Franzisko  zu  Madrid  entfliehen  mit  2  Aufsehern
  7  wegen  des  September-Aufstandes  (Gesch.  Kal.  1886.  IX,  19.)
in  Haft  gehaltene  Sergeanten.  Auch  sonst  macht  sich  im  Heere  ein
Weiterlodern  des  revolutionären  Geistes  bemerkbar;  verschiedene
Desertionen  verdächtiger  Unteroffiziere  werden  gemeldet.  In  den
Arsenalen  zu  Karthagena,  Ferrol  und  San  Fernando  werden  besondere
  Vorsichtsmaßregeln  getroffen.

Anf.  Januar.  Marschall  Martinez  Kampos  wird  zum
Generalkapitän  von  Madrid,  General  Pavia  zum  Gouverneur  von
Portoriko  ernannt.  Der  republikanisch  gefinnte  General  Karmena
wird  nach  den  Kanarischen  Inseln  verbannt.

Anf.  Januar.  Parteibildung.

Die  konservativen  Dissidenten  vereinigen  sich  mit  der  dynastischen
Linken  zu  einer  neuen  Partei  unter  dem  Namen  „Nationalpartei".  Das
Programm  fordert:  Verfassungsreform  durch  die  konstituierenden  Kortes  mit
Vorbehalt  eines  Vetos  für  die  Krone  und  aller  Prärogative  der  gegenwärtigen
  Verfassung;  allgemeines  Stimmrecht  mit  gewissen  Einschränkungen,
Zivil-Ehe,  Geschwornengerichte,  Proklamierung  der  Menschenrechte.  Parteiführer
  sind  Lopez  Dominguez  und  Romero  Robledo.

16.  Januar.  In  der  Versammlung  der  Regierungspartei  entwickelt
  Ministerpräsident  Sagasta  sein  Programm.

Er  ermahnt  die  Volksvertreter,  in  der  neuen  Tagung  die  zeitraubenden
  politischen  Redekämpfe  nach  Möglichkeit  zu  vermeiden,  damit  die  liberale
Regierung  endlich  einmal  thatsächliche  Ergebnisse,  wie  sie  in  ihren  Finanz-,
Verwaltungs=  und  Militärvorlagen  und  in  den  Gesetzentwürfen  über  die
Schwurgerichte  und  die  Zivilehe  der  Verwirklichung  harrten,  aufzuweisen  habe.

Anfang  März.  (Marokko.)  Nachrichten  von  einer  bedrohlichen
  Thätigkeit  der  französischen  Agenten  in  Marokko  rufen  große
Beunruhigung  in  Spanien  hervor.  Die  franzößische  Regierung  stellt
die  Absicht  einer  Annexion  in  Abrede  und  erklärt,  nur  die  Ruhe
        <pb n="291" />
        Spanien.  (März  10.—  April  18.)  273

Algeriens  auf  diplomatischem  Wege  sichern  zu  wollen  (vgl.  Frankreich
  II,  13.).

Auf  eine  Interpellation  des  Grafen  Toreno  in  den  Kortes  erklärt
der  Minister  des  Auswärtigen,  Moret:  Spanien  erachte  die  Unabhängigkeit
Marokkos  für  eine  nationale  Frage,  für  die  es  bereit  sei,  alle  Opfer  zu  bringen.

10.  März.  (Ministerwechsel.)  Der  Kriegsminister  General
Kastillo  tritt  zurück,  an  seiner  Statt  wird  General  Kaffola  zum
Minister  ernannt.

Seine  Ernennung  findet  anfangs  Widerstand  bei  den  demokratischen
Elementen  der  Kammermehrheit,  welche  gegen  den  wachsenden  Einfluß  der
Konservativen  im  Ministerium  Verwahrung  einlegt.  In  einer  Besprechung
mit  Martos  und  Moret  gelingt  es  Sagasta,  diesen  Widerstand  zu  beseitigen.

Kassola  hat  sowohl  aus  den  Karlistenkriegen  wie  der  Bekämpfung
des  Aufstandes  auf  Kuba  her  eine  glänzende  Vergangenheit.  Er  ist  warmer
Verfechter  der  allgemeinen  Wehrpflicht.

Mitte  März.  (Zivilehe.)  Die  Zeitungen  veröffentlichen  die
zwischen  der  Regierung  und  dem  Vatikan  vereinbarte  Form  der  Eheschließung,
  derzufolge  ein  Friedensrichter  oder  ein  anderer  Zivil-Funktionär
  der  kirchlichen  Trauung  beiwohnen  und  dieselbe  in  die
Standesregister  eintragen  soll.  Bei  den  nichtkirchlich  geschlossenen
Ehen  erkennt  die  Kirche  dem  Staate  das  Recht  zu,  deren  Giltigkeit
den  staatlichen  Gesetzen  gemäß  zu  konstatieren.

26.  März.  (Revolutionäre  Bewegung.)  In  Madrid
werden  ebenso  wie  in  Barzelona,  Valenzia,  Sevilla,  Valladolid  und
Kadix  Verhaftungen  von  Personen  vorgenommen,  die  der  Teilnahme
  an  einer  weitverzweigten  republikanischen  Verschwörung  beschuldigt
  find.

An  die  Armee  gerichtete  revolutionäre  Publikationen  werden  in  großer
Zahl  beschlagnahmt.  In  Madrid  soll  ein  Bombenattentat  auf  die  Behörden
und  den  Generalkapitän  geplant  gewesen  sein.

Bei  Besprechung  des  Vosall  in  der  Kammer  erklären  Kanovas
und  die  übrigen  Führer  der  Opposition,  daß  die  Regierung  stet  die  bedingungeloe

  Unterstützung  aller  Parteien  zur  Wahrung  der  Ordnung  haben
werde.

Anf.  April.  (Karlistische  Vorbereitungen.)  In  Gerona
fängt  die  Polizei  eine  aus  Frankreich  kommende,  aus  3  Eisenbahnwagen
  bestehende  Patronensendung  ab,  welche  an  eine  mit  den  Karlisten
  in  Verbindung  stehende  Persönlichkeit  gerichtet  ist.

April.  (Dynamit-Attentate.)  Mehrfach  werden  in  dem
Kongreß,  beim  Finanz=  und  beim  Arbeiten-Ministerium  Dynamitpetarden
  entdeckt,  einmal  explodiert  eine  solche,  ohne  jedoch  erheblichen
  Schaden  anzurichten.  Die  Thäter  bleiben  unentdeckt.

18.  April.  (Attentat  auf  Bazaine.)  Ein  Franzose,  namens
Europ.  Geschichtskalender  IXV.  Dd.  18
        <pb n="292" />
        274  Spanien.  (Juni  3.  —August  11.)

Hilairand,  macht  auf  den  in  Madrid  wohnhaften  ehemaligen  franzöfischen
  Marschall  Bazaine  ein  Attentat  und  versetzt  ihm  einen  Dolchstich
  in  den  Hals.  Die  Wunde  ist  nicht  gefährlich.  Er  erklärt  im
Gefängnis:  Gott  habe  ihn  gesendet,  den  Verräter  Frankreichs  zu
töten.  Am  8.  November  wird  er  zu  8  Jahren  Zuchthaus  verurteilt.


3.  Juni.  (Getreidezölle.)  Der  Senat  lehnt  den  Antrag
betreffs  einer  Zuschlagstaxe  von  35%  auf  vom  Auslande  eingeführles
Getreide  mit  89  gegen  36  Stimmen  ab.

Ende  Juni.  (Heeresreform.)  Der  Kriegsminister  Kassola
  legt  den  Kortes  einen  Entwurf  zur  Reorganisation  des  Heeres  vor.

Es  soll  die  im  Prinzipe  bestehende  allgemeine  Wehrpflicht  strenger
durchgeführt  werden,  ferner  zum  Zwecke  rascherer  Mobilifierung  eine  territoriale

  Gliederung  der  Armeekorps  platzgreifen  und  eine  Verminderung  der
übergroßen  Anzahl  von  Offizieren  stattfinden.

Der  Entwurf  stößt  auf  heftigen  Widerstand,  besonders  traten
ihm  alle  einflußreichen  Generale  entgegen.

Anfang  Juli.  (Unruhen.)  In  Valencia  und  Barcelona
finden  infolge  der  Erhöhung  der  Verzehrungssteuer  auf  Schlachtvieh
größere  Ruhestörungen  statt;  fast  alle  Verzehrungssteuerbüreaus  werden
in  Brand  gesteckt.

3.  Juli.  Die  Königin  unterzeichnet  ein  Dekret,  welches  dem
Generaldirektor  der  Infanterie  Primo  de  Rivera  seiner  Stelle
enthebt.

Die  Ursache  dazu  ist  der  heftige  Widerstand,  welchen  der  General  dem
Hekreresormplan  des  Kriegsministers  leistet,  der  Tags  zuvor  im  Senate  zu
eftigen  Auseinandersetzungen  zwischen  beiden  geführt  hatte.

4.  Juli.  (Vertagung  der  Kortes.)  Ministerpräfident
Sagasta  verliest  ein  königliches  Dekret,  durch  welches  die  Sitzungen
der  Kortes  fuspendiert  werden.

Es  geschieht,  um  eine  Rekonstruktion  des  Kabinets  durch  Aufnahme
von  Vertretern  aller  3  Gruppen  der  Majorität  zu  versuchen  und  dadurch
dem  von  der  Opposition  bei  Beratung  der  Heeresreform  geplanten  Sturze
des  Ministeriums  vorzubeugen.

11.  August.  (Politisches  Duell.)  Zwischen  dem  Sohne
des  Generals  Salamanka  und  dem  Direktor  des  Journals
„Resumen“,  Abaskal  findet  ein  Pistolenduell  statt,  in  welchem  der

letztere  verwundet  wird.

Die  Veranlassung  giebt  die  Veröffentlichung  einer  Unterredung  zwischen
Salamanka  und  General  Lopez  Dominguez,  in  welcher  Salamanka
den  Kolonien-Minister  Balaguer  heftig  angegriffen  hatte.  Die  Folge  war
ein  Entlassungsgesuch  Balaguers  gewesen,  welches  aber,  nachdem  Salamanka
die  ihm  zugeschriebenen  Aeußerungen  dementiert  hatte,  zurückgezogen  worden
        <pb n="293" />
        Spanien.  (August  13.—Ende.)  275

war.  Das  Organ  Lopez  Dominguez'  hielt  jedoch  die  Richtigkeit  seiner  Behauptungen
  aufrecht  und  der  Direktor  forderte  den  General,  welcher  das
Duell  ablehnte.  Für  ihn  trat  hierauf  sein  Sohn  ein.

13.  August—Ende  September.  Aufenthalt  der  Königin-Regentin
  Christina  mit  ihren  Kindern  und  der  Schwester  des
verstorbenen  Königs  Infantin  Isabella  in  San  Sebastian  zum  Gebrauche
  der  Seebäder.

Die  Königin  wird  in  allen  Städten  der  baskischen  Provinzen  Santander,
  Bilbao,  Durango  mit  größtem  Enthusiasmus  empfangen.  Es  treffen
Deputationen  von  122  Dörfern  ein,  zahlreiche  bisher  als  karlistisch  beche
nete  Gemeindevertretungen,  Provinziallandschaften  und  viele  bisher  karlistische
Magnaten  wetteifern  in  huldigenden  Begrüßungen;  dagegen  sprechen  einige
karlistische  Notabeln  in  einer  Audienz  ihr  Festhalten  an  dem  Prätendenten
unumwunden  aus  und  das  Haupt  der  Karlisten  in  den  Baskenländern,  der
Marquis  v.  Valdespina,  sucht  während  seines  Aufenthaltes  in  San  Sebastian
keine  Audienz  nach.  In  San  Sebastian  begrüßt  der  Kommandant  des  französischen
  18.  Armeekorps  die  Königin  mit  einer  Ansprache,  in  der  er  der
Hoffnung  auf  Fortseßung  der  ausgezeichneten  Beziehungen  zwischen  Frankreich
  und  Spanien  Ausdruck  giebt,  während  ein  franzöfisches  Panzerschiff
im  Hafen  durch  Kanonensalven  salutiert.

19.  August.  In  einer  bei  Eröffnung  der  Marineausstellung
  zu  Cadix  gehaltenen  Rede  bezeichnet  der  Minister  des  Auswärtigen
  Moret  als  Hauptursache  der  Verzögerung  der  Verwaltungsreformen
  die  Agitationen  und  Nuhestöbrungen,  denen  Spanien
seit  den  letzten  Jahrzehnten  unausgesetzt  überliefert  gewesen  sei.  Dann
erklärt  er  die  Spanier  für  die  Nation  die  in  der  europäischen  wirtschaftlichen
  Krise  am  wenigsten  gelitten  habe:  Während  alle  Länder
durch  die  sozialistischen  Bestrebungen  geschwächt  wurden,  habe  Spanien
nur  einen  geringen  Rückschlag  dieser  Bewegung  empfunden.

28.  August.  Durch  königliches  Dekret  wird  die  Ernennung
des  Generals  Salamanka  zum  Gouverneur  von  Cuba  aufgehoben.


Ende  August.  (Cuba.)  Sestor  Moret,  Minister  des  Auswärtigen,
  trifft  bei  der  Königin  in  San  Sebastian  ein,  wo  auch  der
Ministerpräfident  Sagasta  bereits  eingetroffen  ist,  um  Vorschläge
betreffs  Cubas  zu  machen.

Er  teilt  eine  Unterredung  mit  dem  General  Salamanka  mit,  der
in  der  nächsten  Session  im  Senat  Enthüllungen  über  die  Unterschleife  zu
machen  beabsichtige,  welche  in  Kuba  unter  dem  Schutze  hochgestellter  Personen
  in  Spanien  verübt  werden.  Moret  spricht  die  Ansicht  aus,  man  müsse
durch  energische  Maßregeln  zur  Abstellung  der  Mißbräuche  in  Kuba  diesem
Skandale  zuvorkommen.

Daraufhin  werden  an  den  interimistischen  Gouverneur  und  an
den  Generalintendanten  von  Cuba  Instruktionen  und  außerordentliche
  Vollmachten  zur  Einleitung  einer  umfassenden  Untersuchung

18“
        <pb n="294" />
        276  Spanien.  (August  Ende—Oktober  Anfang.)

über  die  Mißbräuche  erteilt.  Dieselbe  hat  die  Enthebung  von  33
meist  der  Zollverwaltung  angehörigen  Beamten  zur  Folge.

Bei  der  Besetzung  des  Zollamtes  in  Havanna  leistet  die  Bevölkerung
Widerstand  und  es  finden  blutige  Zusammenstöße  zwischen  ihr  und  dem
Militär  statt;  der  Generalkapitän  Marin  läßt  die  Miliz  entwaffnen  und
zieht  das  Militär  aus  den  Garnisonen  bei  Havanna  zusammen.

Ende  August.  In  Ponce  auf  Portoriko  wird  eine  Verschwörung
  entdeckt,  welche  den  Abfall  von  Spanien  bezweckt.  Durch
das  rasche  Einschreiten  des  Generalkapitäns,  welcher  40  Personen
verhaften  läßt,  wird  weiterer  Ausdehnung  der  Bewegung  vorgebeugt.

1.  September.  (Don  Karlos.)  Der  „Moniteur  de  Rome“,
welcher  mit  karlistischen  Kreisen  enge  Beziehungen  unterhält,  bringt
eine  schon  mehrfach  in  den  Zeitungen  erörterte  Nachricht,  wornach
Don  Karlos  geneigt  sei,  die  vollzogenen  politischen  Thatfachen  in
Spanien  anzuerkennen.

6.  September.  (Republikaner.)  Der  Führer  der  republikanischen
  Föderalisten  Pi-y-  Margall  richtet  ein  Manifest  an  seine
Anhänger.

In  demselben  erklärt  er  die  Vereinigung  mit  den  übrigen  republikanischen
  Fraktionen  für  aufgelöst.  Der  Föderalismus  und  die  Autonomie
der  Provinzen  werden  als  das  einzige  Heilmittel  für  die  politischen  Zustände
  in  Spanien  gefordert.  Die  Provinzen  würden  ihr  Ziel  auch  sicher
erreichen,  aber  nicht  durch  Militärverschwörungen,  sondern  nur  durch  große
Revolutionen,  die  allein  große  Veränderungen  zu  bringen  im  stande  seien.

Ende  September.  (Karolinen--Inseln.)  Auf  Ponape
bricht  aus  Anlaß  der  Ausweisung  eines  protestantischen  amerikanischen
Pastors  ein  Aufstand  der  Eingebornen  aus.  Die  Garnison  von
50  Mann  wird  mit  dem  als  Gouverneur  fungierenden  Fregattenkapitän
  und  dem  Marinearzte  bis  auf  wenige,  die  sich  auf  Schiffe
retten,  niedergemacht.

Über  die  Karolinen  und  Palaos  wird  der  Belagerungszustand
verhängt.

Ende  September.  (Karolinen-Inseln.)  Der  Geschäftsträger
der  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  überreicht  eine  Protestnote
gegen  die  Schließung  der  seit  1854  bestehenden  protestantisch-amerikanischen
  Missionsschulen  auf  den  Karolinen.  Bei  Übernahme  der  Inseln
1885  hatte  Spanien  Deutschland,  England  und  den  Vereinigten
Staaten  das  Versprechen  gegeben,  die  protestantischen  Missionen
schützen  zu  wollen.

Anfang  Oktober.  In  Sevilla,  Malaga  und  Kadix  werden
Vorbereitungen  zu  Truppen-Zusammenziehungen  getroffen.

Es  heißt,  diese  Truppen  seien  bestimmt,  nötigenfalls  nach  Marokko
        <pb n="295" />
        Spanien.  (Oktober  4.  —  Dezember  Mitte.)  277

übergesetzt  zu  werden,  andere  behaupten,  es  handle  sich  um  Vorsichtsmaßregeln
  gegen  die  Anzeichen  einer  revolutionären  Bewegung  in  Andalusien.

4.  Oktober.  (Marokko.)  Infolge  von  Nachrichten  über
eine  schwere  Erkrankung  des  Sultans  von  Marokko  ordnet  die
Regierung  die  Verstärkung  der  Garnisonen  in  Zeuta  und  Melilla
  an.

Anfang  November.  Der  Minister  des  Innern,  Leony
Castillos,  tritt  aus  Gesundheitsrücksichten  zurück,  an  seine  Stelle
tritt  Albareda,  bisher  Botschafter  in  Paris.

14.  November.  (Deutscher  Branntwein.)  Durch  die  in
der  amtlichen  „Gaceta“  erscheinenden  Ausführungsbestimmungen  zu
dem  Gesetze  über  die  Untersuchung  des  Branntweines  auf  seine  Güte
vom  27.  Oktober  wird  die  Anwendung  der  Verordnung  vom  30.  September,
  welche  für  den  aus  deutschen  Häfen  eingehenden  Branntwein
die  Beibringung  eines  Duplikates  des  Bonifikationsanerkenntnisses
verlangte,  aufgehoben.

1.  Dezember.  Wiedereröffnung  der  Kortes.

Die  Thronrede  bespricht  die  wirtschaftliche  Lage,  die  Krise  der  Industrie
  und  des  Ackerbaus  und  spricht  die  Erwartung  aus,  daß  die  politischen
  und  militärischen  Reformen  Gesetzeskraft  erlangen.  Der  innere  Friede
sei  gesichert,  die  äußeren  Beziehungen  nach  allen  Seiten  herzliche,  die  spanische
Flagge  werde  in  den  Kolonien  überall  behauptet  werden.

Der  Kriegsminister  Kassola  läßt  verlauten,  daß  er  sich  zurückziehen

  werde,  wenn  die  Generale  Martinez  Kampos,  Jovellar  und  Konchas
der  Heeresreform  im  Senate  Widerstand  leisten  würden.

Anfang  Dezember.  (Marokko.)  Auf  Ansuchen  des  Sultans
von  Marokko  lädt  Spanien  die  Großmächte  zu  einer  Konferenz  ein
zur  Abänderung  der  Konvention  von  1880.

Mitte  Dezember.  Die  Gefsandtschaften  zu  Berlin,  Rom,
Wien  und  London  werden  zu  Botschaften  erhoben.
        <pb n="296" />
        V.

Großbritannien.

1.  Januar.  Über  Churchill's  Austritt  aus  dem  Kabinet
  spricht  sich  Gladstone  in  einer  Zuschrift  an  den  „Scottifh
Leader“  folgendermaßen  aus:

„Es  ist  schwierig,  zum  mindesten  einen  Grad  vorläusiger  Sympathie
einem  Rücktritte  vorzuenthalten,  der  vielfach  dem  Wunsche  nach  öffentlicher
Sparsamkeit,  nach  einem  wirklich  repräsentativen  System  der  Lokalverwaltung,
  nach  einer  freifinnigen  und  sympathiesierenden  Politik  Irland  gegenüber
und  nach  einer  vernünstigen  Euthaltung  von  Einmischung  aus  unzulänglichen
  Gründen  in  kontinentale  Streitigkeiten,  sowie  auch  von  verfrühten  Vorbereitungen
  für  eine  solche  Einmischung  zugeschrieben  wird;  denn  ich  glaube,
daß  keiner  dieser  Punkte  von  wahren  Liberalen  mit  Gleichgiltigkeit  betrachtet
  werden  dürfte.  Jedenfalls  wird  diese  frühe  und  ernste  Kissozierung  des
Ministeriums  von  innen  dazu  beitragen,  Zweifel  zu  erregen  betreffs  der  Solidität
  der  Politik,  in  betreff  deren  seine  Einigkeit  und  Entschlossenheit  so
laut  verkündigt  worden  war.  Wir,  glaube  ich,  können  den  Ausgang  und
den  kommenden  Gang  der  Dinge  in  Geduld  und  Ruhe  beobachten,  und  soweit
  als  unsere  leitenden  Grundsätze  es  gestatten,  jede  Gelegenheit  wahrnehmen
  für  die  Herstellung  der  Einigkeit  der  liberalen  Partei  oder  Schmälerung
  ihrer  Differenzen."“

Anfang  Januar.  (Neubildung  des  Ministeriums.)  Infolge
  des  Austritts  Churchills  treten  einige  Veränderungen  im
Ministerium  ein.

Lordschatzkanzler,  zugleich  Führer  des  stehuusen  wird  Smith,  bisher
Kriegsminister;  Staatssekretär  für  Indien  Northbrook;  Stanhope,  biher
Staatssekretär  der  Kolonien,  wird  Kriegsminister;  Göschen  (liberaler  Unionist)
tritt  in  das  Kabinet  ein  und  wird  Präsident  des  Handelsamtes.

Anfang  Januar.  (Agypten.)  Die  brittische  Regierung  benachrichtigt
  in  Erwiderung  erneuerter  türkischer  Anfragen  die  Pforte
wiederholt,  daß  es  unmöglich  sei,  ein  Datum  für  die  Räumung
Aegyptens  festzusetzen,  ehe  eine  durchgreifende  Reorganisation  jenes
Landes  bewerkstelligt  worden.

Januar  und  Februar.  (Sozialisten.)  In  verschiedenen
Kirchen  Londons  veranstalten  die  Sozialisten  fortgesetzt  an  den  Sonntagen
  den  Gottesdienst  störende  Kundgebungen.
        <pb n="297" />
        Großbritannien.  (Januar  7.—8.)  279

Eine  große  Anzahl  besucht  in  geordnetem  Zuge  die  Pfarrkirche  von
Marylebone.  Die  Predigt  wird  durch  Rufe  unterbrochen  und  bei  Erwähnung
  des  Namens  der  Königin  erhebt  sich  Zischen.  In  der  St.  Giles-Kirche
  lassen  die  Sozialisten  Exemplare  der  Arbeiterzeitung  „Justice“  auf
den  Sitzen  zurück.

Am  27.  Februar  füllen  die  St.  Paulskirche  an  10  000  Menschen.
Die  Sozialisten  haben  viele  Kinder  und  Frauen  mitgebracht,  welche  die  Ausfüprunen
  des  Geistlichen  über  Arme  und  Reiche  wiederholt  durch  laute  Zurufe
  unterbrechen.

7.  Januar.  Die  bulgarische  Regentschaftsabordnung,
welche  seit  Ende  des  Monats  in  London  sich  aufgehalten  hat,  reist

nach  Paris  ab.

Die  Abordnung  war  von  Iddesleigh  und  Salisbury  auf  das  Zuvorkommendste
  empfangen  worden.  Auf  ihr  Exposé  und  die  Bitte  um  Englands
Intervention  zu  Gunsten  Bulgariens  hatte  Iddesleigh,  obgleich  in  der  Form
ungemein  liebenswürdig,  doch  nur  erklären  können,  daß  England  mit  den
bulgarischen  Bestrebungen  sympathisiere,  und  daß  es,  insoweit  dies  mit  den
Vertragspflichten  verträglich  sei,  den  Interessen  Bulgariens  zu  dienen  sich
bestreben  werde.  Weiter  jedoch  könne  England  sich  nicht  engagieren.  Die
Bulgaren  müßten  mit  den  Mächten,  welche  in  erster  Linie  dort  Interessen
haben,  eine  Verständigung  suchen.  Lord  Iddesleigh  lud  schließlich  die  Deputation
  mit  Sir  Frank  Lascelles,  dem  frühern  brittischen  Vertreter  in  Sophia
  auf  sein  Landgut  ein.  Die  Deputation  hatte  dann  nach  der  Unterredung
  mit  Iddesleigh  auch  eine  lange  Konferenz  mit  dem  permanenten  Unterstaatssekretär
  im  Auswärtigen  Amte.

7.  Jannar.  (Bulgarien.)  Das  Reuter'sche  Telegraphenbüreau
  teilt  den  Inhalt  der  von  Sir  William  White  an  Said
Pascha  übergebenen  Antwortsnote  Lord  Iddesleighs  auf  das  Rundschreiben

  der  Pforte  vom  8.  Dezember  mit.

Danach  erklärt  dieser,  daß  England,  da  ihm  die  Bedingungen,  welche
Rußland  an  die  Anerkennung  der  Wahl  des  Fürsten  vom  Mingrelien  knüpft,
unbekannt  seien,  und  im  Hinblicke  auf  die  ungünstige  Aufnahme,  welche  die
Kandidatur  des  Fürsten  von  Mingrelien  in  Bulgarien  gefunden  habe,  dieselbe
  nicht  in  Sophia  empfehlen  könne.  Lord  Iddesleigh  sagt  ferner,  daß
England  —  im  Einklange  mit  in  Petersburg  bereits  gemachten  Mitteilunen

  —  bereit  sein  würde,  zur  Lösung  der  bulgarischen  Frage  in  Unterhandungen
  mit  den  Mächten  zu  treten,  und  zwar  entweder  vermittelst  einer
Konferenz  oder  durch  einen  Meinungsaustausch  zwischen  den  Kabinetten.
Schließlich  drückt  der  Minister  die  Ansicht  aus,  daß  die  oben  erwähnten,
auf  den  Berliner  Vertrag  basierten  Unterhandlungen  der  Wahl  eines  Fürsten
vorangehen  sollten.

8.  Janugr.  Sir  William  White  wird  endgültig  zum
Botschafter  beim  Sultan  ernannt.  Man  betrachtet  diese  Ernennung
allgemein  als  ein  Fallenlassen  der  Abmachungen  Sir  Drummond
Wolffs.

8.  Januar.  (Irland.)  Die  „Daily  News“  veröffentlichen
ein  Schreiben  des  Erzbischofs  Walsh  von  Dublin.

In  demselben  erklärt  er  eine  Korrespondenz  der  „Daily  News“  aus
        <pb n="298" />
        280  Greßbritannien.  (Junuar  11.—Mitte.)

„hoher  römischer  Quelle"  für  unrichtig,  wonirch  man  im  Vatikan  sehr  unzufrieden
  mit  der  Haltung  des  irischen  Klerus  sei,  du  diese  dem  konservativen
  Charakter  der  Kirche  widerspreche.  Es  sollte  sogar  ein  Kardinalskolleium
  zusammengetreten  sein  um  eine  Ermahnung  „an  gewisse  hervorragende
irische  Prälaten“  auszuarbeiten;  der  Papst  selbst  an  die  Erzbischöfe  von  Dublin
  und  Kassel  geschrieben  haben,  um  von  ihrer  parnellitischen  Politik  abzuraten.
  Diese  Angaben  wurden  glaubhaft,  da  ihre  Bestätigung  von  seiten
eines  hohen  katholischen  Würdenträgers  Englands  gemeldet  wurde.  Walsh
erklärt  den  Korrespondenten  für  getäuscht  durch  diesen,  böswilliger  Verleumdung
  schuldigen  Würdenträger.  Seit  zwölf  Monaten  habe  derselbe  bereits
ähnsiche  Mitteilungen,  „ebenso  unbegründet  und  ebenso  böswillig“  in  die
Oeffentlichkeit  gelangen  lassen  und  habe  jetzt  augenscheinlich  „ermutigt  durch
seine  Erfolge  in  der  Entstellung  der  Thatsachen“"  seine  Verleumdungen  in
bestimmterer  Form  von  sich  gegeben,  sodaß  sie  sich  direkt  bestreiten  ließen.
Walsh  erklärt,  er  wolle  sie  nicht  überflüssiger  Weise  in  starken  Ausdrücken
ergehen  und  begnüge  sich  deshalb  damit,  die  Geschichte  von  dem  päpstlichen
Briefe,  „eine  im  vollsten  Sinne  des  Wortes  gänzlich  unbegründete  Unwahrheit“
  zu  nennen.  Schließlich  warnt  er  alle,  die  es  angeht,  sie  möchten  sich
über  irische  Fragen  nicht  von  einem  „englischen  Mitgliede  der  römisch-katholischen
  Kirche"“  unterrichten  lassen,  wie  „eminent“  derselbe  auch  sein  möge.

Als  der  so  bezeichnete  Würdenträger  gilt  allgemein  der  Kardinal
  Howard.

11.  Januar.  (Irland.)  Lord  Dillon,  gegen  den  sich  der
Feldzugsplan  der  irischen  Nationalliga  in  erster  Linie  richtete,  gibt
den  Forderungen  derselben  dahin  nach,  daß  er  seinen  Pächtern  eine
Ermäßigung  von  20%  gewährt  und  alle  ausgetriebenen  wieder  in
ihre  Pachtgüter  einsetzt.  Noch  in  der  Woche  vorher  hatte  er  gegen
400  Pächter  Prozesse  wegen  Zahlungsweigerung  angestrengt.

12.  Januar.  Minister  des  Auswärtigen  Lord  Iddesleigh
(vorher  Sir  Stafford  Northeote)  stirbt  plötzlich,  als  er  im  Begriff
ist,  die  Zreppe  bei  Lord  Salisbury  hinaufzugehen.

Derselbe  hatte  seine  Demission  gegeben  und  den  von  Salisbury  begehrten
  Wiedereintritt  in  das  Kabinet  endgültig  abgelehnt.  Ueber  das  zwischen
  ihm  und  Salisbury  herrschende  Zerwürfnis,  welches  kurz  vor  seinem
Tode  sich  mehr  und  mehr  verschärfte,  berichtet  die  „Pall  Mall  Gazette“,
daß  die  Königin  selbst  zu  Gunsten  des  von  ihr  hochgeschätzten  Ex-Fürsten
Alexander  von  Bulgarien  das  Ministerium  zu  Maßregeln  hätte  bewegen
wollen,  deren  Durchführung  notwendiger  Weise  einen  Krieg  mit  Rußland
hätte  heraufbeschwören  müssen.  Salisbury  sei  nur  zu  sehr  geneigt  gewesen,
diesem  Einflusse  nachzugeben;  da  habe  Churchill  sich  das  Verdienst  erworben,
einen  dahinzielenden  Beschluß  zu  vereiteln.  Der  Zwist,  welcher  sich  an  diese
Vorgänge  geknüpft,  sei  der  eigentliche  Grund  für  die  Amtsniederlegung  Churchill's
  gewesen.  Die  Meinungsverschiedenheit  betreffs  der  Mehrausgaben  für
Heer  und  Marine  stehe  damit  in  enger  Verbindung,  sei  aber  nicht  die  ursprüngliche
  Veranlassung  für  den  Bruch  Churchills  mit  seinen  Amtsgenossen.
Dieser  Bruch  mit  Churchill  sei  auch  die  Veranlassung  geworden  des  Streites
  zwischen  Salisbury  und  Iddesleigh,  der  für  Churchill  eingetreten  sei.

Mitte  Januar.  (Liberale  Parteien.)  Zwischen  den  Führern
der  liberalen  Gruppen  findet  eine  Besprechung  auf  Gladstones  Ver-
        <pb n="299" />
        Großbritannien.  (Januar  Mitte—27.)  281

anlassung  statt,  um  eine  Einigung  über  die  irische  Frage  herzustellen.
Dieselbe  verläuft  aber  ergebnislos.

Mitte  Januar.  (Irland:  Pächteraustreibungen.)  Die
mit  großer  Härte  durchgeführten  Austreibungen  der  mit  dem  Pachtzinse
  im  Rückstande  befindlichen  Pächter  in  der  Grafschaft  Kerry  besonders
  auf  dem  Gutsbezirke  Glenbeigh  führen  zu  erbittertem  Widerstande,
  indem  die  Pächter  die  Polizeibeamten  durch  Schleudern  von
brennendem  Torf  und  Steinen  angreifen,  als  diese  die  Torfhütten
der  Bauern  in  Brand  stecken,  um  sie  daraus  zu  verjagen.

18.  Januar.  Sir  Drummond  Wolff  reist  nach  Konstantinopel
  ab.

19.  Januar.  (Somaliküste:  Streitfall  mit  England.)
Der  englische  Botschafter  Lord  Lyons  macht  dem  franzöfischen  Minister
des  Auswärtigen  Flourens  die  Mitteilung,  daß  England  den  Vizekonsul
  King  von  Zellah  abberufen  und  dieser  am  24.  d.  Mts.  von
dort  abreisen  werde.  Flourens  erklärt  hierauf,  er  werde  auch  den
französischen  Konsul  Herny  sofort  abberufen.

Damit  ist  der  Zwischenfall  erledigt,  welcher  aus  der  Niederholun
der  von  den  Franzosen  an  der  Dongarika-Somaliküste  gehissten  Flagge  durch
den  englischen  Vizekonsul  entstanden  war.

23.  Januar.  Port  Hamilton  wird  von  England  geräumt

(St.  A.  Bd.  48).

Auf  eine  Anfrage  im  Unterhause  erklärt  am  1.  gebruar  der  Unterstaatssekretär
  des  Auswärtigen  Fergusson:  Man  habe  Port  Hamilton  geräumt,
  da  es  nach  der  Erklärung  der  Marinebehörde  strategisch  wertlos  sei,
sein  Hafen  nicht  genügend  geräumig  und  seine  Befestigun  for  roßen  Aufwand
  erfordern  würde.  Doch  erst  nach  Chinas  ausdrikklicher  Erk  ärung  daß
es  keine  Besetzung  Koreas  und  Port  Hamiltons  durch  irgend  eine  Macht
dulden  werde.

Weiter  bemerkt  Lord  Cranbrok  im  Oberhause  am  24.  März:  Rußland
  habe  China  die  Zusicherung  erteilt,  daß  es  das  Gebiet  von  Korea  nicht
behelligen  würde,  wenn  England  Port  Hamilton  räume.

27.  Januar.  Eröffnung  des  Parlaments.

Die  Thronrede  sagt  über  die  auswärtigen  Beziehungen:  „Unsere
  Beziehungen  zu  allen  Mächten  find  freundliche.  Die  Angelegenheiten
in  Südost-Europa  sind  noch  ungeregelt,  aber  ich  befürchte  nicht,  daß  irend
  welche  Störung  des  europäischen  Friedens  aus  den  nicht  beigelegten

treitfragen,  welche  in  jener  Gegend  entstehen,  hervorgehen  werde.  Wiewohl
ich  die  Ereignisse,  welche  den  Fürsten  Alexander  von  Bulgarien  zwangen,
sich  von  der  Regierung  des  Fürstentums  zurückzuziehen,  beklage,  habe  ich  es
nicht  für  angemessen  erachtet,  in  die  Vorgänge  zur  Wahl  einen  Nachfolgers
einzugreifen,  bis  dieselben  ein  Stadium  erreichen  werden,  wo  meine  Genehmigung
  durch  die  Stipulationen  des  Berliner  Vertrages  giforderlic  sein
wird.  —  Die  Aufgabe  meiner  Regierung  in  Egypten  ist  noch  nicht  vollendet,
  aber  es  ist  ein  wesentlicher  Fortschritt  zur  Sicherung  der  äußeren  und
inneren  Ruhe  gemacht  worden.“
        <pb n="300" />
        282  Greßjbrilaunien.  (Januar  27.)

Ueber  Irland  heißt  es:  „Die  Lage  Irlands  erfordert  noch  Ihre  stetige
  Aufmerksamkeit.  Schwere  Verbrechen  sind  zum  Glück  während  der  letzten
  Monate  seltener  geworden,  als  während  des  gleichen  Zeitraumes  des  Vorjahres.
  Aber  die  Beziehungen  zwischen  den  Eigentümern  und  den  Bebauern
des  Landes,  welche  beim  Beginn  Zeichen  der  Besserung  verrieten,  sind  seitdem
  in  einigen  Kreisen  stark  gestört  worden  durch  organisierte  Versuche,  die
letztere  Klasse  zu  vereinigen,  sich  der  Erfüllung  ihrer  gesetzlichen  Verpflichtungen
  zu  entziehen.  Den  Bemühungen  meiner  Regierung  zur  Abstellung
dieses  Uebels  sind  ernstliche  Hindernisse  entgegengetreten,  die  in  der  Art  und
Weise  beruhen,  wie  das  Gesetz  mit  dergleichen  Vergehen  verfährt.  Ihre
Aufmerksamkeit  wird  ehestens  auf  Vorschläge  zur  Reform  des  Prozesses  gelenkt
  werden,  welche  notwendig  erscheint,  um  eine  schnelle  und  wirksame
Huamsbaung  des  Kriminalgesetzes  zu  bewirken.  Seit  meiner  letzten  Adresse

aben  die  Kommissäre,  welche  beauftragt  sind,  gewisse  für  die  materielle
Wohlfahrt  Irlands  hochwichtige  Gegenstände  zu  untersuchen  ihre  Arbeiten
eifrig  gefördert.  Der  Bericht  der  Kommission  über  die  Wirkung  kürzlicher
Akte  bezüglich  des  Pachtbesitzes  und  des  Ankaufes  von  Land  wird  Ihnen
binnen  Kurzem  vorgelegt  werden  und  zweifellos  ehestens  die  sorgfältige  Be-Fäsesschigung
  von  Ihnen  erfahren,  welche  diese  hochwichtige  Angelegenheit
erheischt."“

27.  Januar.  (Churchills  Rücktritt.)  Unterhaus:  Bei  der
Adreßdebatte  gibt  Lord  Randolph  Churchill  Aufklärungen  über  seinen
Rücktritt.  Er  verliest  ein  Schreiben  an  Lord  Salisbury  vom  20.  Dezember.



In  demselben  erklärt  er,  er  habe  sich  über  die  europäische  Situation
wohl  informiert,  glaube  jedoch,  eine  weise  englische  auswärtige  Politik  werde
England  von  den  kontinentalen  Kämpfen  fernzuhalten  verstehen.  Er  habe
aber  bemerkt,  daß  Salisburys  Kabinet  eine  hievon  abweichende,  ja  gerade
eine  entgegengesetzte  Politik  befolge,  welche  er  aufzuhalten  nicht  im  Stande
gewesen  sei.  Diese  Tendenz  des  Kabinets  äußerte  sich  in  erhöhten  Ausgaen

  für  die  Armee  und  Flotte,  und  er  habe  dieselben  nur  deshalb  nicht  zu

billigen  vermocht,  weil  er  angesichts  der  Lage  Großbritanniens  die  kriegslustigen
  Kreise  im  englischen  Kriegsamte  und  in  der  Flotte  nicht  zur  Teilnahme
  an  dem  hohen  und  verzweifelten  Spiele  ermutigen  wollte,  welches
andere  Nationen  zu  riskieren  gezwungen  schienen.  Er  bekennt  ausdrücklich,
daß  er  sih  mit  einer  Reduktion  von  einer  halben  Million  begnügt  haben
würde,  obgleich  er  die  Ausgaben  um  sechs  Millionen  zu  hoch  hielt.  Er
zählt  dann  noch  alle  Skandale  seit  drei  Jahren  auf,  wie  die  Staatsgelder
verschleudert  worden  seien.  Nicht  Sparsamkeitsrücksichten  allein,  sondern  die
Unmöglichkeit,  die  Militärkreise  zu  verhindern,  England  in  die  kontinentalen
Känpe  mit  hineinzuziehen,  hätten  ihn  definitiv  zum  Rücktritte  bestimmt.

Das  Antwortschreiben  Salisburys  vom  22.  Dez.  lautet:  „Ich
habe  Ihren  Brief  vom  20.  ds.  erhalten,  worin  Sie  mir  schreiben,  was  Sie
Donnerstag  mir  mündlich  mitgeteilt  haben,  nämlich  daß  31  Millionen  Pfund
für  das  Kriegs=  und  Marine-Budget  eine  sehr  beträchtliche  Ueberschreitung  dessen
sind,  was  Sie  zugestehen  können;  daß  Sie  sich  ausdrücklich  zu  großen  Ersparungen
  verpflichtet  haben  und  Ihren  Entschluß  nicht  zu  ändern  vermögen.
In  der  Gewißheit,  weder  im  Kabinette  noch  bei  bei  mir  eine  Stütze  zu  sinden,
  sähen  Sie  sich  hiemit  gezwungen,  ihre  Entlassung  zu  nehmen  und  aus
dem  Kabinette  auszuscheiden.  Andererseits  bin  ich  im  besite  eines  Schreibens
  des  Mr.  Smith  (damaligen  Kriegsministers),  worin  derselbe  erklärt,
er  halte  sich  zur  Aufrechterhaltung  der  Ihnen  Montag  vorgelegten  Kredite
        <pb n="301" />
        Großbritaunien.  (Januar  27.)  283

verpflichtet  und  weigere  sich,  ungeachtet  Ihres  Wunsches  eine  Reduktion  der
für  die  Befestigung  der  Kohlenstationen,  der  Kriegs=  und  Handelshäfen  präliminierten
  Summen  vorzunehmen.  Ich  kann  mich  bei  dieser  mißlichen  Sachlage
  nur  auf  die  Seite  der  Herren  Hamilton  (Marineminister)  und  Smith
stellen  und  mich  gegen  Ihre  Ansicht  aussprechen,  so  sehr  ich  dies  auch  aus
Gründen  der  öffentlichen  und  persönlichen  Interessen  bedauere.  Auf  dem
Kontinente  ist  der  Horizont  sehr  düster,  und  man  sagt  nicht  zu  viel,  wenn
man  behauptet,  daß  die  Wahrscheinlichkeit  für  den  baldigen  Ausbruch  eines
Krieges  vorliegt  und  wir,  ist  einmal  der  Krieg  ausgebrochen,  nicht  sicher
sein  können,  mit  hineingezogen  zu  werden.  Es  steht  notorisch  fest,  daß  mehrere
  unserer  Häfen  und  Kohlenstationen  sich  in  verteidigungslosem  Zustande
befinden;  ein  großer  Ausschuß  hat  die  Notwendigkeit  eines  Schutzes  für
dieselben  ausgesprochen,  was  beide  Parteien  im  Unterhause  anerkannt  haben.
Es  hieße  demnach  eine  schwere  Verantwortung  auf  sich  laden,  wenn  man  die
Ergreifung  solcher  Schutzmaßregeln  verweigerte.  Ich  würde,  um  mich  allgemeiner
  auszudrücken,  in  diesem  Momente  mit  der  Verweigerung  so  mäßiger
Kredite  zaudern,  wie  sie  Smith  und  Hamilton  für  die  Eicherheit  des  Landes
  für  notwendig  erklären.  Die  Frage  ist  so  ernst,  daß  sie  jede  persönliche
oder  Parteirücksicht  ausschließt,  und  mehr,  als  ich  zu  sagen  vermag,  bedauere
ich  den  Standpunkt,  auf  welchen  Sie  sich  stellen.  Niemand  in  der  That
weiß  besser,  als  Sie  selbst,  wie  sehr  Ihr  Rücktritt  in  diesem  Augenblicke  die
öffentlichen  Interessen  schädigen  könnte.  Ihrer  so  ausdrücklichen  Erklärung
gegenüber  jedoch  erübrigt  mir  nur  mehr,  nochmals  mein  tiefstes  Bedauern
auszusprechen.  Salisbury.“

27.  Jannar.  (Aeußere  Politik.)  Oberhaus:  Bei  der  Adreßdebatte
  spricht  Lord  Salisbury  die  Gerüchte  über  die  von  England
  beabsichtigte  Wiedereinsetzung  des  Fürsten  Alexander  widerlegend:

„Wir  sahen  ein,  daß  die  Wiederwahl  des  Prinzen  unpraktisch  wäre,
und  sie  wurde  auch  von  keiner  andern  europäischen  Regierung,  noch  weniger
von  uns  angestrebt.  Bezüglich  des  Südostens  von  Europa  wünschen  wir
erstens  unsere  Pflichten  als  Signatarmacht  des  Berliner  Vertrages  zu  erfüllen
  und  zweitens  unferer  traditionellen  Politik  gemäß  die  Freiheit  jener
christlichen  Gemeinwesen  zu  erhalten,  welche  in  dem  Maße,  als  sie  sich  konsolidieren,
  die  beste  Garantie  gegen  ein  eventuelles  Uebergreifen  einer  Militärmacht
  in  jenem  Teile  von  Europa  bieten  werden.  Von  ihnen  hängt,
nachdem  sie  sich  gehörig  organisiert  und  vollständig  entwickelt  haben  werden,
der  zukünftige  Schutz  jener  Länder  ab.  Wir  wollen  keinen  eigenen  Sondereinfluß
  dort  ausüben;  er  würde  für  uns  nutzlos  sein.  Wir  wollen  Rußland
nichts  Legitimes  verweigern;  im  Gegenteile  werden  wir  glücklich  sein,  vorbehaltlich
  der  angeführten  Bedingungen  Rußlands  legitime  Wünsche  erfüllt  zu
sehen.  Wir  finden  jedoch  vor  Allem,  daß  der  Einfluß,  der  Rußland  aus
Rassen-,  Religions=  und  politischen  Rücksichten  gebührt,  nicht  zur  Ausdehnung
  seiner  Oberherrschaft  dienen  dürfe.  Jeder  derartige  Versuch  würde
nicht  nur  seinem  Einflusse  schaden,  sondern  den  europäischen  Interessen  verhüngnisvoll
  werden.  Mit  Vorsicht  spreche  ich  von  den  jüngst  aufgetauchten

efürchtungen  wegen  des  Ausbruches  eines  Krieges  zwischen  den  großen  festländischen
  Mächten.  Wir  dürfen  unmöglich  gegen  die  Gefahr  blind  sein,
welche  dem  Frieden  durch  die  zunehmenden  Rüstungen  auf  einer  andern  Seite
Europas  droht.  Allen,  welchen  die  Lawine  nahe  ist,  ist  Wachsamkeit  nötig;
diese  Wachsamkeit  jedoch  kann  einen  Verdacht  und  endlich  einen  Zusammenstoß
  veranlassen.  Allein  nichts  ist.  seitdem  ich  Minister  des  Aeußern  bin,
geschehen,  was  andeuten  kann,  daß  die  Gefahr  jetzt  größer  ist,  als  früher:
und  unsere  Botschafter  in  Paris  und  Berlin  meinen,  daß  die  Situation  nicht
        <pb n="302" />
        284  Greßbrilannien.  (Januar  27.  —Februar  5.)

kriegerisch.  sondern  friedlich  sei.  Ich  hoffe  ernstlich,  daß  diese  gowlnaungen
richtig  seien  und  daß  Europa  das  schreckliche  Unglück  eines  Konfliktes  zwischen
  den  zivilifiertesten  Nationen  erspart  bleiben  wird.“

27.  Januar  bezw.  10.  Februar.  Minister  Göschen  unterliegt
  in  Liverpool  bei  der  Nachwahl  zum  Unterhaus  gegen  den
Gladstoneaner  Neville  mit  3211  gegen  3218  Stimmen,  wird  aber
darauf  in  London  (Saint-Georges)  gegen  den  Radikalen  Haysmann
  mit  großer  Mehrheit  gewählt.

29.  Januar.  (Irland:  Unruhen.)  In  Belfast  kommt  es
wieder  zu  Ruhestörungen.

Die  Erregung  der  Gemüter  ist  seit  dem  Bekanntwerden  des  Berichts
der  Untersuchungskommission  über  die  letzten  Ruhestörungen  (vgl.  1886  VI.  10),
der  den  Protestanten  im  Wesentlichen  die  Schuld  gibt,  auf  das  höchste  gespannt.
  Die  Arretierung  eines  Betrunkenen,  der  eine  Soldatenabteilung  mit
Steinen  geworfen,  erbittert  die  Menge.  Die  Polizei  wird  mit  Steinen  und
Schüssen  wiederholt  angegriffen,  bewältigt  aber  die  Menge.  Es  gibt  mehrere
Verwundete,  an  40  Personen  werden  verhaftet.

31.  Januar.  Oberhaus:  verwirft  in  2.  Lesung  einen  Antrag
auf  Gewährung  des  Wahlrechts  an  die  Frauen.

4.  Februar.  (Aegypten.)  Unterhaus:  Bei  der  Adreßdebatte
fordert  Kremer  sofortige  Räumung  Aegyptens.

Fergusson  antwortet:  Es  sei  nicht  wahr,  daß  die  Gegenwart  brittischer
  Truppen  in  Aegypten  die  fremden  Regierungen  irritiere.  Die  fremden
Mächte  seien  von  einer  Pression  hinsichtlich  der  Dauer  der  Okkupation  abgestanden.
  Wir  haben  gezeigt,  daß  wir  in  Aegypten  sind,  um  der  Wohlfahrt
  Aegyptens  und  der  gesamten  Welt  willen,  und  daß  wir  bereit  sind,
uns  feierlichst  für  die  Neutralisierung  Aegyptens  und  des  Suezkanals  zu  verpflichten.
  Unsere  Hauptzwecke  find  die  Herstellung  des  Gleichgewichts  in  den
Finanzen,  die  Organisation  einer  gesunden  Verwaltung,  die  Besserung  der
Lage  des  Volkes  und  die  Errichtung  einer  tüchtigen  Polizei  und  einer  starken
  Regierung,  unter  Anerkennung  der  Suprematie  des  Sultans  als  Haupt
der  mohamedanischen  Religion.  Fergusson  zählt  die  bereits  gemachten  Fortschritte
  auf  und  erklärt  weiter:  betreffs  Aegyptens  suchen  wir  eine  Verständigung
  mit  den  Mächten  und  nicht  die  Verewigung  oder  die  zu  große  Verlängerung
  unseres  Aufenthaltes  daselbst;  aber  schensull  werden  wir  Aegypten
nicht  verlassen,  bevor  wir  unsere  Verpflichtungen  erfüllt  und  unsere  Verantwortlichkeiten
  erledigt  haben;  wir  find  in  Aegypten  nicht  aus  selbstsüchtigen
Rücksichten.

5.  Februar.  (Kontinentale  Kriegsfrage.)  Die  Salisbury
  nahestehende  „Morning-Post“  schreibt  über  den  Kriegs-Artikel
der  „Post“  (vgl.  Deutsches  Reich,  Jan.  31.).

„Nichts  würde  im  gesenwärtigen  Augenblicke  verhängnisvoller  für
die  brittischen  Interessen  und  den  Frieden  Europas  sein,  als  wenn  auswärtige
  Regierungen  und  Nationen  sich  eine  irrige  Idee  über  die  zukünftige  Politik
  Englands  machten.  Wenn  wir  früher  behauptet  haben,  daß  es  nicht
die  Pflicht  Englands  wäre,  die  Initiative  in  den  Angelegenheiten  der  Balkan-Halbinsel
  zu  ergreifen,  so  darf  man  daraus  nicht  schließen,  daß  wir  in
irgend  einer  Weise  unsere  Pflicht  als  Mitunterzeichner  des  Berliner  Vertra-
        <pb n="303" />
        Grefbrilaunien.  (Februar  6.—15.)  285

es  von  uns  abwälzen  wollen.  Die  Frage,  welche  sich  jetzt  aufwirft,  ist  die
1.  ende:  „Können  die  Centralmächte  auf  Großbritannien  rechnen,  um  die
eimmunzen  des  Berliner  Vertrages  durchzuführen  und  dadurch  den  Frieden
  zu  erhalten:  Die  Antwort  Englands  muß  kategorisch  und  positiv  sein.
Niemand  wird  leugnen,  daß  sie  im  bejahenden  Sinne  ausfallen  muß.  Wir
können  nicht  einen  Augenblick  glauben,  daß  irgend  Jemand  raten  wird,  daß
England  seine  Stellung  als  europäische  Großmacht  aufgeben  soll.  Die  Interessen
  des  brittischen  Reiches  sind  zu  enge  mit  unserer  Stellung  in  Europa
verknüpft,  als  daß  wir  angesichts  der  gegenwärtigen  Lage  ein  passive  Haltung
  annehmen  könnten.  Es  würde  ein  Verbrechen  sein,  wenn  wir  eine
ernstliche  Initiative  bei  der  gegenwärtigen  Lage  Europas  ergreifen  wollten;
es  würde  aber  nicht  nur  ein  Verbrechen,  sondern  geradezu  Selbstmord  bedeuten,
  sich  für  eine  Politik  strikter  Nichtintervention  zu  erklären.  Das  Letztere
  fürchtet  man  in  Berlin,  indem  man  annimmt,  daß  Englands  Paclamentarismus
  verhindern  werde,  daß  es  seine  vertragsmäßig  übernommenen
Verpflichtungen  erfüllt.“
ann  anknüpfend  an  die  Drohung  einer  Wiederbelebung  der  Heiligen
  Allianz,  bemerkt  das  Organ  Salisburys:

„Diese  Worte  sind  keine  leere  Drohung.  Erklärt  sich  England  für
eine  Politik  völliger  Nichtintervention  in  die  europäischen  Händel,  so  wird
Deutschland  weise  verfahren,  wenn  es  sich  nach  anderweitigen  mächtigen  und
verläßligen  Bundesgenossen  umsieht.  Die  Situation  ist  zu  kritisch,  um  wichtige
  Beschlüsse  auch  nur  bis  morgen  aufzuschieben.  Ein  Ministerium,  mag
es  konservativ  oder  liberal  sein,  welches  in  einem  so  kritischen  Momente  eine
Politik  verfolgt,  welche  zur  sesortigen  Isolierung  und  zur  künftigen  Demütigung
  Englands  führt,  ist  dieses  Landes  unwürdig.“

6.  Februar.  (Annäherung  an  Deutschland-Oesterreich.)
Der  Botschafter  in  Konstantinopel,  White,  erhält  für  die  Botschafterbesprechungen
  übereinstimmende  Instruktionen  mit  dem  österreichischen
und  dem  deutschen  Botschafter.

10.  Februar.  (Aegypten.)  Die  Vorschläge  Sir  Drummond
Wolffs  an  die  Pforte  über  die  Konvention  betr.  Aegyptens  werden
bekannt.  Dieselben  umfassen  diese  Punkte:

„1)  Selbstverwaltung  Aegyptens  unter  namentlicher  Suzeränetät  des
Sultans  und  Beibehaltung  des  an  die  Türkei  zu  zahlenden  Tributs;  2)eigene  Rechtprechung
  Aegyptens  unter  endgültiger  Abschaffung  der  Kapitulationen  (Konulargerichtsbarkeit);
  3)  Neutralisierung  Aegyptens,  aber  unter  Berechtigung,
in  Kriegs=  und  Friedenszeiten  Truppen  durch  den  Kanal  und  auf  dem
Landwege  zu  befördern;  4)  Freiheit  des  SSifahrtverkehr  in  Kriegs=  und
Friedenszeit;  5)  Berechtigung  Englands,  die  Mehrheit  der  Offiziersstellen  der
ägyptischen  Armee  mit  Engländern  zu  krlen  6)  Befugnis  Englands,  Aeypten
  im  Falle  des  Ausbruchs  von  Unruhen  wiederzubesetzen;  7)  Aegypten
fu  erst  dann,  wenn  alle  Mächte  diesen  Vorschlägen  beigestimmt  haben,  von
en  englischen  Truppen  geräumt  werden.“

15.  Februar.  (Irland:  Prozeß  Dillon  und  Genossen.)
Nachdem  die  Großjury  von  Dublin  den  Wahrspruch  gethan,  daß
Dillon,  William  O'Brien,  Daniel  Crilly,  David  Shechy  und  William
  Redmond,  die  Begründer  des  sogen.  „Feldzugsplanes“  der
irischen  Pächter  gegen  die  Pachtzinseintreibungen  und  Zwangsmaß-
        <pb n="304" />
        286  Großbritenmien.  (Februar  17.—21.)

regeln  der  Gutsherren,  wegen  Verschwörung  anzuklagen  seien,  beginnt
  der  Prozeß.

Die  Anklage  füllt  eine  Pergamentrolle  von  12  Fuß.  Die
Angeklagten  bestreiten  die  Gesetzmäßigkeit  der  Zusammensetzung  des
Gerichts.

Mitte  Februar.  (Irland.)  In  Loughrea  und  Umgegend
finden  trotz  Regierungsverbotes  mehrere  große  Volksversammlungen
statt,  auf  denen  Davitt  und  O'Brien  sprechen.  In  Noughal
wird  das  Verbot  öffentlich  unter  großem  Jubel  verbrannt.

17.  Februar.  (Arbeiterbewegung.)  Die  strikenden  Kohlengrubenarbeiter
  von  Lanarkshire  halten  zu  Abelshill  eine  sehr  stürmische
  Versammlung  ab,  in  welcher  beschlossen  wird,  die  Arbeit  nur
unter  der  Bedingung  wieder  aufzunehmen,  daß  ein  Aufschlag  von
6  d  für  den  kurzen  Arbeitstag  gewährt  wird  und  nur  fünf  Tage  in
der  Woche  gearbeitet  werden  soll.

Der  Sekretär  der  Genossenschaft,  Small,  verurteilt  auf  schärfste  das
Vorgehen  der  Behörden,  welche  Gewaltmaßregeln  gegen  die  Strikenden  angewandt
  hätten.  In  leidenschaftlicher  Rede  erteilt  er  den  Arbeitern  den
Rat,  anstatt  ihre  Familien  am  Hungertuche  nagen  zu  lassen,  in  Masse  von
den  Behörden  Unterstützung  zu  verlangen.  Weigerten  sich  dieselben  dessen,
so  sollten  sie  sich  in  die  Gefängnisse  und  Armenhäuser  abführen  lassen.  Dann
würden  die  Grubenbesitzer  binnen  sehr  kurzer  Zeit  zur  Einsicht  kommen  und
kniefällig  ihre  Arbeiter  bitten,  wieder  zu  arbeiten.  Dynamit  gebe  es  in
Hülle  und  Fülle.  Es  werde  nicht  lange  mehr  dauern,  so  würden  die  schottischen
  Bergleute  eine  Revolution  ins  Werk  setzen,  wie  sie  Schottland  nie
gekannt  hätte.  Man  habe  den  Gesetzen  nur  soweit  zu  gehorchen,  wie  sie  mit
den  Geboten  des  Gewissens  verträglich  wären.  Er  persönlich  sei  jederzeit
bereit,  für  die  praktische  Durchführung  seiner  Lehren  zu  büßen.

Der  Strike  wird  später  durch  Zugeständnisse  von  seiten  der
Grubenbesitzer  beendigt.

19.  Febr.  (Spannung  mit  den  Vereinigten  Staaten.)
Bei  Gelegenheit  der  Vorlegung  des  Blaubuchs  über  den  kanadischen
Fischereistreit  bestätigt  der  Kriegsminister  Lord  Stanhope  auf  eine
Anfrage  hin,  daß  in  Kanada  Pferde  angekauft  seien  für  den  Fall
einer  möglichen  Mobilisierung  des  Heeres.

21.  Februar.  Der  irische  Erzbischof  Kroke  steuert  10  Pfd.
Sterl.  zu  dem  Fond  zur  Bestreitung  der  Kosten  des  Prozesses  Dillon
und  begleitet  die  Sendung  mit  einem  Briefe,  in  dem  es  heißt:

Ich  war  vor  sechs  Jahren  gegen  ein  „Kein  Pacht-Manifest“,  weil
ich  es  nicht  für  zeitgemäß  hielt.  Wäre  damals  ein  Manifest  gegen  die  Zahlung
  von  Steuern  erschienen,  würde  ich  es  im  Prinzipe  unterstützt  haben.
Und  so  denke  ich  auch  heute  noch.  Mir  scheint  unser  Verfahren  in  dieser
Beziehung  voller  Widersprüche.  Wir  bezahlen  einer  Regierung  Steuern,
welche  dieselben  nicht  zum  allgemeinen  Besten  verwendet,  sondern  ganz  gegen
        <pb n="305" />
        Grofbritamien.  (März  5.—9.)  287

den  Willen  der  Steuerzahler.  Wir  binden  uns  auf  diese  Weise  selbst  eine
Rute.  Das  ist  Selbstmord  und  außerdem  bei  den  gegenwärtigen  Zuständen
in  Irland  ein  Widerspruch.  Wir  kämpfen  mit  dem  Feldzugsplan  gegen
schlechte  Gutsherren  und  zahlen  ihnen  keinen  Pacht  mehr  und  thun  nichts
egen  die  Regierung,  die  Roß  und  Reifige  bezahlt  zum  Schutze  der  Gutserren,
  deren  grausene  Ausweisungen  sie  vollzieht.  Wie  lange  soll  das
noch  andauern?

Auch  Erzbischof  Walhkh  steuert  die  gleiche  Summe  dazu  bei.

5.  März.  (Salisbury  über  Irland.)  In  einer  Tischrede
  bei  Einweihung  des  nationalen  konservativen  Klubs  in  London
spricht  Salisbury  über  Irland.

Er  urteilt  sehr  scharf  über  die  „schmachvollen  Szenen“"  im  Unterhause,
  welche  die  Thatkraft  der  Regierung  zur  Beseitigung  der  irischen  Krise
lähmen.  „Als  Minister  eines  Verfassungsstaates  müssen  wir  uns  strikte
an  das  Gesetz  halten;  ist  dieses  den  Umständen  nicht  angepaßt,  so  können
wir  dasselbe  nicht  ändern.  Die  Macht  der  Gerichte  ist  in  Irland  gelähmt
und  hat  in  einem  wesentlichen  Punkte  Schiffbruch  gelitten,  weil  das  Geschwornen-Institut
  den  Dienst  versagt.  Das  schadhafte  Rad  im  Apparate
muß  entweder  repariert  oder  beseitigt  werden.“"  Dies  könne  jedoch,  solange
nicht  geschehen,  als  die  Vollzugsregierung  durch  die  gegenwärtigen  Zustände
im  Unterhause  gefährdet  werde  und  solange  diese  alte  und  mächtige  Körperschaft
  nicht  die  Vorfichtsmaßregeln,  die  ihre  Terhandlungen  umgeben,  den  neuen
Lehren,  durch  welche  sie  bedroht  find,  angepaßt  habe.  Die  Regierung  könne  Irland!
erst  mit  versöhnenden  und  helfenden  Heilmaßregeln  bedenken,  wenn  die
Achtung  vor  dem  Gesetze  soweit  wieder  hergestellt  sei,  daß  es  nicht  mehr  den
Anschein  habe,  als  seien  diese  Maßregeln  durch  die  Agitation  abgetrotzt
worden.

5.  März.  (Ministerwechsel.)  Das  Amt  des  wegen  eines
Staarleidens  ausscheidenden  Staatssekretärs  für  Irland,  Hicks-Beach,
  übernimmt  der  Staatssekretär  für  Schottland,  Arthur
Balfour.

9.  bzw.  10.  März.  (Heeres=  und  Marinebudget.)
Das  Armeebudget  für  das  kommende  Finanzjahr  veranschlagt  die
Ausgaben  auf  18,393,000  Pfd.  St.,  das  ist  um  160,700  Pfd.  St.
mehr,  als  zuletzt  veranschlagt  gewesen.

Die  von  dem  Kriegsminister  Stanhope  beigegebene  Denkschrift  besagt,
  daß  ein  Mobilisierungsplan  nunmehr  ausgearbeitet  sei,  nach
welchem  zwei  starke  Armeekorps  in  kürzester  Zeit  ins  Feld  rücken  könnten.

Der  Plan  mache  indes  eine  Vermehrung  der  Geniekorps  und  der  Festungs-Artillerie
  notwendig.

Das  neue  Marinebudget  bleibt  mit  12,476,809  Pfd.  Sterl.

um  473,000  Pfd.  Sterl.  hinter  dem  Anschlage  des  Vorjahrs  zurück.

In  den  beigefügten  Motiven  wird  hervorgehoben,  daß  die  Verminderung

  der  Ausgaben  nicht  von  einer  Herabsetzung  des  Effektivstandes  der

lotte,  sondern  aus  Ersparnissen  und  Reformen  in  der  Verwaltung  herrühre.

er  Effektivstand  beträgt  62,500  Offiziere  und  Mannschaften;  derselbe

ben  eine  Vergrößerung  um  1100  Mann  gegenüber  demjenigen  des  vorigen
Jahres  auf.
        <pb n="306" />
        288  Grefbrilaunien.  (Maärz  Mitte  -22.)

Mitte  März.  Chamberlain  entwickelt  in  einer  Rede  zu
Birmingham  das  irische  Programm  der  liberalen  Unionisten.

Die  Hauptpunkte  find:  Volle  Vertretung  Irlands  im  Reichsparlament,
  Unterordnung  einer  irischen  Legislatur  unter  das  Reichsparlament,
Kontrolle  der  Reichsbehörden  über  die  Aufrechterhaltung  von  Gesetz  und
Ordnung  in  Irland.  Die  finanziellen  Maßregeln  der  Gladstone'schen  Bill.
erklärt  er  für  die  Reichseinheit  gefährdend.  In  speziell  irischen  Fragen  seien
die  Unionisten  nach  wie  vor  bereit,  Irland  das  Recht  der  Gesetzgebung  zu
verleihen.  Im  übrigen  sei  Gladstone  der  einzige  Mann,  welcher  die  Wiedervereinigung
  der  liberalen  Partei  bewirken  könne.  Jedoch  befürwortet  er  am
Schlusse  seiner  Ausführungen,  welche  im  ganzen  von  den  Journalen  mißfällig
  aufgenommen  werden,  die  liberalen  Unionisten  sollten,  im  Gegensatze
zu  dem  bisherigen  altenglischen  Zweiparteien-System,  bei  den  nächsten  Wahlen
als  selbständige  Partei  vor  die  Wähler  treten.

19.  bzw.  29.  März.  (Irland.)  Der  katholische  Priester
Keller  in  Youghal  verweigert,  in  einem  Pacht-Prozesse  als  Zeuge
vor  das  Dubliner  Gericht  geladen,  zu  erscheinen.  Bei  seiner  zwangsweisen
  Vorführung  werden  ihm  große  Ovationen  bereitet.  Erzbischof
  Kroke  begrüßt  ihn  in  überschwänglicher  Rede:  „Er  repräsentiere
  das  Prinzip  des  Widerstandes  gegen  den  ungerechten  Pachtzins.
  Die  Regierung  werde  den  Tag  bereuen,  da  sie  der  Geistlichkeit
den  Fehdehandschuh  hinwarf.“  In  Dublin  wird  Keller  vom  Lordmayor
  feierlich  empfangen.

Aehnliche  Ovationen  werden  dem  Priester  Ryan  in  einem
ähnlichen  Falle  bereitet,  der  die  Zeugenaussage  verweigert  und  dafür
  in  das  Gefängnis  nach  Kilmainham  gebracht  wird.  Der  Dubliner
  Lordmayor,  Erzbischof  Kroke  und  O'Brien  geleiten
ihn  zum  Gefängnisse.

22.  März.  (Neue  Geschäftsordnung.)  Das  Unterhaus
nimmt  den  von  der  Regierung  vorgeschlagenen  Entwurf  zu  einer
Reform  der  Geschäftsordnung  des  Hauses,  um  der  mißbräuchlichen
Ausdehnung  der  Debatten  zu  begegnen,  nach  langwierigen  Verhandlungen
  an.

Die  neue  Geschäftsordnung  enthält  vier  Hauptpunkte.  Sie  vermehrt
die  beiden  von  Gladstone  zur  Vorbereitung  von  Gesetz=  und  Handelsentwürfen
  eingerichteten  Ausschüsse  um  einen  dritten,  den  Ackerbau-Ausschuß;  verlegt
  die  tägliche  Sitzungszeit  auf  die  Stunden  von  2  Uhr  bis  Mitternacht
mit  einer  1  /stündigen  Essenspause  von  7½  bis  9  Uhr;  schafft  die  Förmlichkeit
  der  Ausschußberichte  bei  der  Adreßerörterung  zur  Thronrede  ab  und
berechtigt  den  Sprecher,  die  Abstimmung  durch  Aufstehen  und  Niedersitzen
der  Mitglieder  vorzunehmen,  ohne  sie,  wie  bisher,  zu  dem  zeitraubenden
Gänsemarsch  in  die  Abstimmungszimmer  zu  nötigen,  und  schließlich  macht
sie  den  Schluß  der  Debatte  von  der  vorherigen  Einwilligung  des  Sprechers
und  der  Zustimmung  von  mehr  als  200  Mitgliedern  im  allgemeinen  und
von  nur  101  Mitgliedern  im  besonderen,  d.  h.  wenn  die  Minderheit  weniger
        <pb n="307" />
        Großbritannien.  (März  22.—28.)  289

als  40  beträgt,  abhängig.  101  Mitglieder  können  also  39  zum  Schweigen
bringen,  während  für  40  schon  über  200  erforderlich  find.

Die  neue  Geschäftsordnung  erweist  sich  in  den  nächsten  Debatten
  über  die  irische  Strafgesetzbill  sogleich  als  unzulänglich,  indem
  die  von  den  Parnelliten  und  den  Anhängern  Gladstones  grundsätzlich
  betriebene  Obstruktion  die  Sitzungen  der  nächsten  Tage  auf
22  Stunden  und  mehr  ausdehnt.

22.—25.  März.  (Irland:  Strafrechtsnovelle.)  Unterhaus:
  nimmt  den  von  der  Regierung  gestellten  Dringlichkeitsantrag
für  die  irische  Strafrechtsnovelle  mit  349  gegen  260  Stimmen  an.

Der  von  Gladstone  lebhaft  befürwortete  Gegenantrag  Morleys
lautete:

„Das  Haus  lehnt  die  Beiseitesetzung  der  Staatsgeschäfte  zu  Gunsten
der  Abänderung  des  irischen  Strafrechts  ab,  während  keine  Mittel  vorgeschlagen
  #eien,  den  durch  die  Erpressung  von  übertriebenem  Pachte  zum  Ausdrucke
  gelangten  Mißbrauch  der  Gesetze  zu  beseitigen.“

Die  Bill  erweitert  in  der  Hauptsache  die  Kompetenz  des  Polizeirichters,
  unter  welche  von  nun  an  die  summarische  Bestrafung  des  Boykottens
und  der  Einschüchterung  fällt.  Für  die  schwersten  Verbrechen  bleibt  die
Jury  bestehen,  die  Geschwornen  sollen  jedoch  nur  jenen  Klassen  entnommen
werden,  bei  denen  eine  unabhängige,  gerechte  Prüfung  des  Falles  zu  erwarten

  ist.
28.  März.  (Irland:  Strafrechtsbill.)  Unterhaus:  Bei

Begründung  des  Gesetzes  führt  Balfour,  Obersekretär  für  Irland,
  aus:

Die  Agrarverbrechen  seien  in  Zunahme  begriffen,  1770  Personen
stünden  unter  polizeilichem  Schutze,  was  jährlich  55,000  Pfd.  St.  koste;  die
Gerichtshöfe  seien  gelähmt,  weil  selbst  die  Beschädigten  ihre  Aussage  verweigerten
  und  die  Geschwornen  eingeschüchert  würden.  Nach  Angabe  der
Richter  herrschten  in  den  Kreisen  Mayo,  Clare,  Limerik,  Cork  und  Kerry
Zustände,  welche  Aehnlichkeit  mit  Bürgerkrieg  hätten.

Die  Bill  ermächtige  die  richterlichen  Behörden,  Zeugen  zu  vernehmen,
  selbst  wenn  kein  Beklagter  vorhanden  ist.  Für  gewisse  Fälle  werden
die  Geschwornengerichte  ganz  abgeschafft.  Gerichte  für  eine  summarische  Jurisdiktion
  werden  eingeführt,  welche  auf  ein  Maximum  von  sechs  Monaten
Zuchthaus  für  Verschwörung,  Boykotten  2c.  erkennen  können.  Die  Preffreiheit
  bleibe  unberührt,  weil  das  Gesetz  hoffentlich  die  Presse  an  der  Teilnahme
  an  Verbrechen  verhindern  werde.  Die  Vorlage  bestimme  ferner,  daß
die  Verlegung  eines  Prozesses  nach  England  erfolgen  kann,  wenn  es  wünschenswert
  erscheine,  und  schreibe  eine  solche  Verlegung  für  gewisse  Fälle
vor.  Dieselbe  erfolge  jedoch  nicht  bei  politischen  Verbrechen,  wie  Hochverrat,
sondern  sei  nur  bei  Mord,  Mordversuch,  gewaltsamem  Eindringen  in  Wohnungen
  anwendbar.  Die  Bill  sei  nur  in  Dristrikten  anzuwenden,  für  die
"é  von  dem  Vizekönig  proklamiert  worden.  Verwirft  eines  der  Parlamentsäuser

  die  Proklamierung  derselben  für  einen  Bezirk,  so  ist  sie  nichtig.  Die
Dauer  des  Gesetzes  sei  nicht  beschränkt.

Dillon  (Ire)  äußert  in  seiner  3stündigen  Bekämpfungsrede:

„Wenn  die  Vorlage  Gesetzeskraft  erhalte,  wolle  er  Irland  lieber
Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd  19
        <pb n="308" />
        290  Grofbritannien.  (März  80.  —  April  4.)

verlassen,  als  dort  Sklave  bleiben,  oder  wenn  das  irische  Volk  es
wolle,  würde  er  sein  Führer  im  Widerstande  gegen  solch  nichtswürdiges
  Gesetz  werden."

30.  März.  (Irisches  Attentat.)  Den  Ministern  Mathews
und  Balfour  gehen  mit  der  Post  2  Pakete  mit  Explosivstoff  gefüllten
  Flaschen  zu.  Dieselben  werden  aber  auf  der  Post  angehalten
und  geöffnet.

1.  bzw.  16.  April.  Das  Unterhaus  nimmt  die  irische
Strafgesetznovelle  in  1.  Lesung  an  und  verwirft  einen  Antrag
  Parnells,  sich  als  Kommittee  zur  Untersuchung  der  Zustände
Irlands  zu  konstituieren.

Um  den  Schluß  der  Debatten  herbeizuführen,  kommt  zum  erstenmale
die  neue  Geschäftsordnung  in  Anwendung,  indem  die  Regierung  Schluß  der
Debatte  beantragt.  An  der  Abstimmung  beteiligen  sich  von  den  670  Mitgliedern
  des  Hauses  618;  363  (295  Tories,  66  liberale  Unionisten  und
1  Gladstoneaner)  stimmen  dafür,  255  (178  Gladstoneaner,  75  Parnelliten,
2  liberale  Unionisten)  dagegen.

Die  Annahme  in  2.  Lesung  erfolgt  am  19.  April.

4.  April.  (Kolonialkongreß.)  Lord  Salisbury  begrüßt
die  in  London  eingetroffenen  Abgesandten  der  Kolonien.

Er  hebt  hervor,  daß,  obwohl  er  die  Bestrebungen  für  eine  das  ganze
britische  Reich  mit  den  Kolonien  umfassende  Föderation  nicht  gering  schätze,
für  die  Verwaltung  der  Reichsangelegenheiten  eine  16  Einrichtung  wie
in  Deutschland  doch  nicht  anwendbar  erscheine.  Er  sei  weit  entfernt,  anzunehmen,
  daß  die  Regierungen  der  großen  europäischen  Staaten  ferngelegene
handsteie  zum  Gegenstande  eines  gewaltthätigen  Verfahrens  machen  würden;
man  dürfe  sich  aber  nicht  der  Einsicht  verschließen,  daß  ein  solches  Verfahren
gegenwärtig  erheblich  erleichtert  sei.  Unter  den  Nationen  Europas  sei  ein
immer  wachsendes  Verlangen  nach  kolonialen  Besitzungen  wahrnehmbar.  Für
die  britischen  Kolonien  erwachse  die  Notwendigkeit,  auch  ihrerseits  in  angemessener
  Weise  sich  an  der  Verteidigung  des  Mutterlandes  und  der  Kolonien
zu  beteiligen.

Die  zur  Beratung  gestellten  Punkte  sind  die  folgenden:

1.  Verteidigung  der  australischen  Häfen.  2.  Verteidigung  der  Torres-Meerenge
  und  der  Simons-Bai  durch  alle  australischen  Kolonien.  3.  Verteidigung
  der  Tafel-Bai  und  der  Simons-Bai.  4.  Errichtung  und  Verteidigung
  von  Kohlenstationen.  5.  Kabelverbindung  zwischen  England  und
den  Kolonien.  6.  Subventionierung  bestehender  Kabel-Kompagnien.  7.  Errichtung
  von  äfen  und  Anschaffung  von  Kreuzern  im  Stillen  Ozean.  8.  Vermehrung
  des  Kolonial-Geschwaders.  9.  Erleichterung  für  Armee=  und  Marine-Offiziere,
  welche  in  den  Dienst  der  Kolonien  treten  wollen.  10.  Beziehungen
mit  auswärtigen  Mächten  hinsichtlich  der  Kolonialbesitzungen.  11.  Posttarif
zwischen  England  und  seinen  Kolonien.  12.  Rettungsdienst  auf  offener  See.
13.  Ratifikation  von  in  den  Kolonien  ergangenen  gerichtlichen  Entscheidungen
in  England.  14.  Zustände  der  Staaten  der  Eingeborenen  in  Süd-Afrika.
15.  Gesetze  bezüglich  der  Heirat  der  Schwester  der  verstorbenen  Ehegattin.
16.  Gleichzeitige  Zensus-Aufnahme  im  ganzen  Reiche.
        <pb n="309" />
        Grofßbritannien.  (April  11.—Mai  6.)  291

11.  April.  (Liberales  Meeting.)  Unter  Leitung  Gladstones
  findet  im  Hyde-Park  eine  große,  von  etwa  100,000  Menschen
  besuchte  Volksversammlung  statt,  welche  sich  gegen  die  irische
Strafrechtsbill  der  Regierung  ausspricht.  Gladstone  wird  mit  großer
Wärme  und  Begeisterung  begrüßt.  Unter  den  Demonstranten  befinden
  sich  auch  viele  sozialistische  Vereine  mit  roten  Fahnen.

18.  April.  Die  „Times“  veröffentlicht  das  Faksimile  eines
Briefes  Parnells  vom  15.  Mai  1882,  in  welchem  dieser  sich  entschuldigt,
  die  Mordthaten  im  Phönixparke  öffentlich  aus  politischen
Klugheitsgründen  mißbilligen  zu  müssen.

Parnell  erklärt  hierauf  den  Brief  für  unächt.

21.  April.  (Budget.)  Unterhaus:  Schatzkanzler  Göschen
entwickelt  in  2¾  stündiger  Rede  die  Finanzlage.

Der  thatsächliche  slbersspß  betrug  darnach  im  Vorjahre  drei  Viertel-Millionen.
  Die  Geschäftsaussichten  seien  bessere  geworden.  Der  Voranschlag
für  das  laufende  Finanzjahr  weist  an  Einnahmen  91,1  Millionen,  an  Ausgaben
  90,1  Millionen  auf.

Die  jährliche  Amurtifierung  der  Staatsschuld  wird  von  28  auf  26
Millionen  reduziert,  die  Einkommensteuer  um  einen  Penny  herabgesetzt  und
die  Wagensteuer  auf  die  Lokalbehörden  zur  Unterhaltung  der  Wege  übertragen.
  Da  Irland  hieran  nicht  teilnimmt,  wird  für  Irland  ein  Jahresbetrag
  von  50,000  Pfund  für  Drainage  ausgesetzt.  Der  Tabakzoll  soll  von
42  auf  38  Pence  für  das  Pfund  und  die  Stempelgebühr  für  Seeversicherungen
von  drei  Pence  auf  einen  Penny  für  je  hundert  Pfund  reduziert  werden.  Der
veranschlagte  Ueberschuß  beläuft  sich  auf  300,000  Pfd.  St.

21.  April  bezw.  4.  Juli.  (Bodengesetz  für  Irland.)  Oberhaus:
  nimmt  die  Vorlage  in  2.  und  3.  Lesung  an.

Dieselbe  bestimmt,  daß  Pächter,  welche  Pachtverträge  besitzen,  zur
Landakte  von  1881  zugelassen  werden  sollen,  daß  der  Pächter  mit  Erlaß  des
Austreibungsbefehles  Aufseher  seines  bisherigen  Pachtgutes  wird  und  innerhalb
  von  6  Monaten  durch  Zahlung  des  Pachtrückstandes  wieder  Pächter
werden  kann.  Gegen  Pächter,  die  durch  Unglücksfälle  zahlungsunfähig  werden,
müssen  Austreibungsmaßregeln  aufgeschoben  werden.

27.  April.  (Sozialistenprozeß.)  Von  den  13  Sozialisten,
welche  angeklagt  waren,  vor  einiger  Zeit  in  der  Nähe  des  Hydepark
Ruhestörungen  veranlaßt  zu  haben,  verurteilt  das  Polizeigericht  zu
London:  sieben  Angeklagte  zu  je  sechsmonatlicher  Zwangsarbeit,
einen  zu  einmonatlichem,  einen  zu  dreimonatlichem  Gefängnisse.  Drei
Angeklagten  wird  eine  Kaution  von  20  Pfd.  St.  für  zukünftige
gute  Führung  auferlegt  und  einer  freigesprochen.

6.  Mai.  Unterhaus:  lehnt  den  Antrag  Gladstones,  die
„Times“  in  Anklagezustand  zu  versetzen,  weil  sie  Dillon  wegen
einer  Parlamentsrede  über  Irland  einen  Lügner  genannt  habe,  ab.

12.  Mai.  (Aegypten.)  In  der  Sitzung  der  Konstantinopler
19°
        <pb n="310" />
        292  Großbritannien.  (Mai  28.—Juni  Mitte.)

englisch-türkischen  Kommission  werden  die  Grundzüge  der  Konvention

über  Aegypten  festgestellt:

Die  Engländer  sollen  demnach  Aegypten  innerhalb  dreier  Jahre
räumen,  die  in  Aegypten  kommandierenden  englischen  Offiziere  jedoch  zwei
Jäiee  länger  dort  bleiben.  Sämtliche  Mächte  werden  ersucht  werden,  ihre
Zustimmung  zu  allen  auf  die  internationale  Ordnung  bezüglichen  Prinzipienfragen
  zu  geben,  welche  durch  diese  Konvention  aufgeworfen  werden,
und  zugleich  einen  Akt  zu  unterzeichnen,  welcher  die  Unverletzlichkeit  des
ägyptischen  Gebietes  gewährleistet,  solche  Fälle  ausgenommen,  wenn  nach  der
Räumung  die  öffentliche  Ruhe  gestört  oder  eine  fremde  Intervention  befürchtet
  würde.  In  diesem  Falle  können  allein  englische  und  türkische  Truppen
entweder  zusammen  oder  abgesondert  intervenieren.

28.  Mai.  (Irland.)  Eine  von  der  Regierung  veröffentlichte
Uebersicht  über  alle  in  Gemäßheit  der  irischen  Landakte  von  1881
bis  zum  30.  April  1887  von  der  Landkommission  und  den  Zivilgerichtshöfen
  erledigten  Fälle  gibt  folgende  Zahlen:  Im  Ganzen
gingen  ein  139,560  Gesuche  um  Festsetzung  einer  gerechten  Pacht;
davon  wurden  21,821  zurückgewiesen,  10,643  zurückgezogen,  90,566
geordnet.  Außergerichtlich  wurden  in  der  angegebenen  Zeit  90,365
Fälle  beglichen.

Ende  Mai.  (Wales:  Bauernunruhen.)  In  Meiford,
Nordwales,  ereignen  sich  anläßlich  der  Vornahme  von  Pfändungen
wegen  verweigerter  Zahlung  des  Zehnten  ernste  Ruhestörungen.

Die  Pächter,  welche  gepfändet  werden  sollten,  rufen  durch  Böllerschüsse,
Horn=  und  Feuersignale  die  Bauern  der  Umgegend  zusammen,  welche,  mit
Lengabeln,  Knütteln  u.  s.  w.  bewaffnet,  den  Exekutoren  und  den  ihnen  zum
chutze  beigegebenen  Polizisten  so  ernsten  Widerstand  leisten,  daß  sie  von
der  Ausführung  ihres  Mandats  Abstand  nehmen  müssen.  Der  Wagen  des
Auktionators,  welcher  die  Exekutoren  begleitet,  um  die  gepfändeten  Objekte
zu  versteigern,  wird  zertrümmert,  er  selbst  und  seine  Begleiter  entrinnen  mit
genauer  Not  der  Gefahr,  gelyncht  zu  werden.

Ende  Mai  bis  Mitte  Juni.  (Irland:  Unruhen.)  Die
Ausweisungen  auf  den  O'Kallaghan'schen  Gütern  in  Bodyke  können
dem  energischen  Widerstande  der  Bevölkerung  gegenüber  trotz  eines
starken  Polizeiaufgebots  nicht  durchgeführt  werden.  Es  wird  Militär
aufgeboten.  Als  dieses  unter  Befehl  des  Obersten  Turner  gegen
Bodyke  vorrückt,  wird  von  den  Bauern  Sturm  geläutet  und  durch
Hornsignale  das  Landvolk  zusammengerufen.  Die  Parlamentsmitglieder
  Sheehy,  Cox  und  Davitt  wohnen  den  Tumulten  bei.  Sowie
das  Militär  und  die  Polizei  einen  geräumten  Hof  verlassen  haben,
nehmen  die  Ausgewiesenen  wieder  Besitz  davon.  Davitt  bedauert
in  einer  Volksversammlung,  daß  die  Pächter  nicht  den  Wallisern
nachahmten  und  den  passiven  Widerstand  mit  offenem  vertauschen.
Er  müsse  sich  selbst  der  Schwäche  anklagen,  daß  er  früher  vom  be-
        <pb n="311" />
        Gressbritannien.  (Juni  1.—4.  293

waffneten  Widerstande  abgeraten.  Die  Folge  ist,  daß  in  den  nächsten
Tagen  der  Widerstand  an  Heftigkeit  zunimmt.  In  einem  Hause
wird  ein  Bienenschwarm  auf  die  eindringenden  Polizisten  losgelassen.
Endlich  gebrauchen  die  Pächter  auch  Waffen  und  es  finden  fortgesetzt
blutige  Zusammenstöße  statt,  bei  denen  es  beiderseits  Verwundete  gibt.
1.  Juni.  (Feniertum.)  Die  „Times“  schließt  eine  „Parnellismus
  und  Verbrechen"  überschriebene  Artikelserie  ab,  in  der  sie
eine  dokumentierte  Darstellung  der  Verbindung  der  Parnelliten  mit
dem  amerikanischen  Fenierbunde  und  den  Dynamitarden  gibt.
Daraus  geht  im  ganzen  hervor,  daß  die  irische  National-Liga  in
Amerika  aus  einer  öffentlichen  Organisation  und  einem  Geheimbund  besteht,
welche  in  innigsten  Beziehungen  zu  einander  stehen.  Die  erstere  gibt  sich  für
gänzlich  harmlos,  und  kein  irisches  Parlamentsmitglied  scheut  sich,  deren
Mitgliedschaft  einzugestehen.  Der  Geheimbund  der  Clan-na-Gael  oder  die
„Vereinigte  Brüderschaft“  wickelt  dagegen  seine  Geschäfte  vermittelst  geheimer
Zirkuläre  und  Versammlungen  ab,  deren  Verhandlungen  nur  durch  Verrat
bekannt  werden  können.  Dieser  Geheimbund  ist  die  Seele  der  irischen  National-Liga,

  das  wirkliche  Triebrad  der  fenischen  Verschwörung,  während  die  öffentliche
  Organisation  nur  hochtönende  Resolutionen  faßt.

Juni.  (Indien:  Militärbahn.)  Die  größte  militärische
Bahn  Indiens  die  Sind-Sagar-Bahn  wird  vollendet.  Sie  geht
von  der  Station  Gudchrat  der  Delhi-Lahore-Bahn  nach  dem  Indus
und  an  diesem  entlang  bis  Dhera-Khan  und  ist  560  Km.  lang.

2.—7.  Juni.  Gladstone  reist  nach  Wales.  Er  hält  in
Swansea  eine  große  Rede,  in  der  er  verlangt,  daß  Wales  die  gleiche
Autonomie  verschafft  werden  müsse,  die  er  für  Irland  fordere.
Ueberall  wird  er  auf  das  wärmste  begrüßt  und  erhält  zahlreiche
Adressen.  In  Kardiff  behandelt  er  dasselbe  Thema.

4.  Juni.  (Mißwirtschaft.)  Churchill  greift  in  einer  Versammlung
  in  Wolverhampton  die  Mißwirtschaft  und  Verschleuderung
in  der  Heer--  und  Marine-Verwaltung  an.  Die  von  ihm  vorgebrachten
  Thatsachen  finden  in  dem  kurz  darauf  bekannt  werdenden
Berichte  eines  vom  Parlamente  zur  Prüfung  der  Ausgaben  für
Kriegsmaterial  niedergesetzten  Kommission  ihre  Bestätigung.

Es  werden  schmachvolle  Fahrlässigkeiten  ans  Licht  gebracht.  Als
Thatsache  ergibt  sich  beispielsweise  aus  dem  Berichte  über  das  Artilleriematerial,
  da  Kanonen  im  Werte  von  3.000,000  Pfund  St.  zu  Schanden
gingen;  daß  Lord  Wolseley  am  13.  April  1885  geschrieben  habe,  es  sei  ihm
nicht  möglich,  die  Gefühle  zu  kennzeichnen,  mit  welchen  er  die  Berichte  über
die  von  Woolwich  gelieferte  Munition  für  die  Batterie  in  der  Bajudawüste
gelesen,  da  die  Bomben  nicht  für  die  Geschütze  paßten.  Von  110  Bomben
erwiesen  sich  55  unbrauchbar;  einzelnen  fehlte  die  Sprengladung  überhaupt,
bei  anderen  erwies  sie  sich  als  naß.  Dazu  kommen  Berichte  aus  dem  Sudan
über  sich  klemmende  Martini-Henry-Gewehre,  über  „Korkzieher"-Bajonnette,
über  schlechtes  Pulver  2c.  Der  Ausschuß  schlägt  drei  Reformen  vor:  die  Er-
        <pb n="312" />
        294  Großbrilaunien.  (Juni  7.—Juli  9.)

nennung  eines  stetigen  Vorratsausschusses,  eines  Ober-Geschützaufsehers  in  der
Lerson  eines  Soldaten  von  der  höchsten  Auszeichnung,  und  eines  technischen
eirates.

7.  Juni.  (Feniertum.)  Zum  Vergleiche  mit  ihren  früheren
Veröffentlichungen  publiziert  die  „Times“  eine  ganze  Seite  aus  der
„Irish  World“  vom  Februar  1884,  welche  die  Rechnungslegung
Mr.  Fords  über  die  von  ihm  gesammelten  Agitationsgelder  und
die  Quittungen  darüber  enthält.

Die  Gesamtsumme  der  amerikanischen  Sammlungen  betrug  mehr  als
eine  halbe  Million,  und  zwar  für  die  Phönixpark-Mörder,  für  die  Land-Liga,
für  den  sogenannten  Skirmishing-Fonds,  für  Verbrennung  englischer  Schiffe
und  Städte,  für  Ehrengaben  an  O'Donovan  Rossa  und  4hrnn  Die  Dokumente
  weisen  aus,  daß  die  Sammlungen  für  die  Land-Liga  und  die  Zerlierung
  englischer  Städte  die  höchsten  Summen  ergaben.  Die  nämlichen

ersonen  steuerten  für  alle  Mörder  und  Dynamitarden  wie  für  Parnell  bei.
Mr.  Ford,  der  Redakteur  der  Irish  World,  erklärt,  seine  Abonnenten  seien
Hauptstützen  von  Parnell's  Kasse,  und  er  beharre  noch  jetzt  bei  seiner  Dynamit-Politik.
  Ferner  erklärt  Ford,  Mr.  Parnell  habe  niemals  irgend  eine
der  amerikanischen  Subskriptionen  zurückgewiesen,  selbst  wenn  solche  zweifellos
  von  Verteidigern  von  Gewaltthaten  kamen,  und  Parnell  werde  auch  künftig
alle  Beiträge  für  die  von  ihm  geleitete  Sache  willkommen  heißen,  von  wem
immer  dieselben  auch  kommen  mögen.  Die  Dubliner  Zeitung  United  Ireland,
  zu  deren  Eigentümern  Parnell  und  Justin  Maccarthy  gehören  und
deren  Redakteur  O'Brien  ist,  wurde  mit  einem  Kapital  gegründet,  welches
ausdrücklich  zur  Zerstörung  englischer  Städte  beigetragen  worden  war:  auch
andere  jetzt  hervorragende  Parnelliten  erhielten  Beträge  aus  jenen  Sammlungen,
  welche  für  die  Phönixpark-Morde,  für  Dynamit-Anschläge  und  für
ähnliche  Zwecke  einliefen.  Alle  diese  Herren  wußten  ganz  gut,  woher  diese
Beiträge  kamen  und  wozu  sie  gesammelt  worden  waren.

10.  Juni—9.  Juli.  (Irische  Strafrechtsbill.)  Unterhaus:
  Nachdem  bei  der  3.  Lesung  der  Bill  die  Parnelliten  und
Gladstoneaner  die  ungebührliche  Hinausziehung  der  Debatten  auf's
neue  ins  Werk  gesetzt  haben,  bringt  Minister  Smith  einen  schon
tags  zuvor  angekündigten  Antrag  ein,  wornach  alle  §8  der  Bill,  welche
nicht  bis  17.  Juni  abends  10  Uhr  erledigt  find,  ohne  Debatte  zur
Abstimmung  gebracht  werden  sollen.

Nach  sechsstündiger  Debatte  wird  der  Antrag,  der  bisher  in
England  kein  Präzedens  gehabt  hat  mit  284  gegen  167  Stimmen
angenommen,  viele  Abgeordnete  enthalten  sich  der  Abstimmung.

Am  17.  erfolgt  hierauf  die  Schlußabstimmung.

Als  der  Sprecher  um  10  Uhr  die  Debatte  unterbricht,  verlassen  unter
lautem  Protestrufen  die  Parnelliten  den  Saal;  der  sofort  zur  Abstimmung  gebrachte,
  eben  behandelte  §  wird  angenommen,  nunmehr  verlassen  auch  Gladstene
und  seine  sämtlichen  Anhänger  den  Saal;  sodann  wird  die  Bill  angenommen.

"  Aehnliche  Vorgänge  wiederholen  sich  bei  den  Debatten  über  den  Bericht
  am  28—30.  Juni,  auch  hier  wird  ein  Zeitpunkt  als  Schluß  angenommen
  und  der  Bericht  ohne  Debatte,  nachdem  Parnelliten  und  Gladstoneaner
den  Saal  verlassen  haben,  genehmigt.
        <pb n="313" />
        Grosibritannien.  (Juni  15.—20.)  295

Am  9.  Juli  erfolgt  die  Annahme  des  Gesetzes  in  3.  Lesung
nachdem  es  seit  dem  28.  März  ununterbrochen  auf  der  Tagesordnung
  gestanden  hat.

15.  Juni.  (Feniertum.)  Die  „Times“  ergänzt  ihre  früheren
Mitteilungen  durch  einen  auf  den  Phönix-Park-Mord  bezüglichen
Beitrag,  worin  sie  die  direkten  Beziehungen  der  irischen  Landliga
zu  den  Mördern  Lord  Cavendishs  und  Bourkes  nachweist.

Aus  einem  von  der  Exekutive  der  Land-Liga  in  London  versendeten
geheimen  Rundschreiben  geht  von  neuem  hervor,  daß  sowohl  die  irische  Gewaltpartei
  als  die  Parnelliten  in  Irland,  England  und  Amerika  unter  Einer
Decke  steckten  und  einheitlich  geleitet  wurden.  Patrik  Egan,  der  Schatzmeister,
lieferte  die  Geldmittel,  Frank  Byrne,  der  englische  Sekretär  der  Land-Liga,
die  Waffen  für  die  Morde  im  Dubliner  Stadtparke.  Byrnes  Frau,  welche
die  Waffen  aus  den  Londoner  Büreaus  der  Liga,  Palace  Chambers  Bridge-Street
  (Westminster),  wo  fie  lange  zur  Ansicht  aufgelegen,  nach  Dublin  brachte,
wurde  dafür  später  in  Newyork  als  die  „tapfere  kleine  Frau“  gefeiert.  In
einem  Nebenzimmer  des  Liga-Büreaus  befand  sich  das  Büreau  der  „irischen
parlamentarischen  Partei“,  das  heißt  der  Parnelliten.  Das  Cityblatt  bemerkt
in  seinem  Leitartikel  über  diese  Angelegenheit,  Byrnes  Teilnahme  stehe  außer
allem  Zweifel;  es  sei  dies  um  so  bemerkenswerter,  da  nach  der  im  Besitze
der  Times  befindlichen  Information  es  eine  opportune  Rimesse  von  Parnell
selbst  am  23.  Januar  1883  gewesen  sei,  welche  es  Byrne  mölich  gemacht,
nach  Frankreich  zu  entkommen,  ehe  der  Gerichtsbefehl  für  seine  Verhaftung
Scotland  Yard  erreicht  hatte.

Mitte  Juni.  (Liberale  Unionisten.)  Chamberlain  hält
bei  einer  Parteifestlichkeit  eine  Rede,  in  der  er  der  Hoffnungslofigkeit,
  daß  jemals  die  liberale  Partei  sich  wieder  vereinigen  könne,  Ausdruck

  gibt.

Nach  der  Walliser  Kampagne  Gladstone's  und  den  Erklärungen  Parnells,
  Davitts  und  Laboucheres  sei  an  eine  Aussöhnung  nicht  mehr  zu
denken.  Es  sei  daher  an  der  Zeit,  die  Bildung  einer  neuen  liberalen  Partei-Organisation
  ins  Auge  zu  fassen,  welche  als  liberale  Nationalpartei  zum
ersten  und  höchsten  Ziele  die  Reichseinheit  haben  müsse.

Der  Gedanke  Chamberlain's  findet  sowohl  bei  den  übrigen  liberalunionistischen
  Führern  wie  Hartington,  Göschen  u.  s.  w.,  als  bei  den  leitenden
  Konservativen  vollständige  Billigung.

Aehnlich  äußert  sich  Lord  Hartington  etwas  später  in  einer
großen  Programmrede  in  Blackburne.

20.  Juni.  (Senegambien.)  Im  Unterhause  erklärte  der
Staatssekretär  der  Kolonien,  Henry  Holland:

Es  sei  zwischen  den  Franzosen  und  deren  eingeborenen  Bundesgenoffen
ein  Konflikt  mit  dem  Häuptling  von  Baddibor  am  Gambiaflusse  ausge  rochen
infolge  dessen  in  Baddibor  die  französische  Flagge  gehißt  worden
sei.  Baddibor  stehe  zwar  nicht  unter  britischem  guuue,  aber  es  befinde  sich
innerhalb  der  britischen  Interessensphäre  am  Gambiaflusse.  Die  Häuptlinge
von  Baddibor  hätten  seit  vielen  Jahren  vertragsmäßige  Verpflichtungen  gegen
England.  Die  Regierung  sei  völlig  von  der  Notwendigkeit  überzeugt,  die
britischen  Rechte  und  Interessen  am  Gambiaflusse  zu  schützen.  Sie  wendete
        <pb n="314" />
        296  Erofiritumirns.  (Juni  21.—Juli  19.)

daher  der  Angelegenheit  ernste  Aufmerksamkeit  zu  und  verhandle  über  dieselbe
  mit  der  französischen  Regierung.

21.  Juni.  50  jähriges  Regierungsjubiläum  der  Königin.

Juli—August.  (Liberale  Wahlsiege.)  Bei  den  Ergänzungswahlen
  zum  Unterhause  für  Spalding,  North-Paddington  Koventry,
Forest  of  Dean,  Bridgeton  und  Northwich  siegen  die  Gladstoneaner
über  Kandidaten  der  Regierungsparteien.  Dagegen  unterliegt  in
Nord-Huntington  der  Gladstonistische  dem  Torryistischen  Kandidaten.

15.  Juli.  (Aegyptische  Konvention.)  Unterhaus:  Fergusson
  weist  den  Vorwurf  zurück,  daß  durch  die  Verlängerung  des
Aufenthaltes  Wolff's  in  Konstantinopel  die  Ehre  Englands  gelitten
  habe.

Er  glaube,  die  Konvention  sei  nicht  ratifiziert,  Wolff  reise  heute
abends  ab.  Uebrigens  sei  der  Konvention  eine  zu  große  Wichtigkeit  nicht
beizulegen;  sie  beruhte  auf  dem  ehrlichen  Wunsche,  die  internationalen  Verpfllichtungen
  zu  erfüllen  und  den  anderen  Mächten  Zugeständnisse  zu  machen,
soweit  dies  mit  unserer  Pflicht  vereinbar  ist.  Wir  müssen  diese  Pflicht  erfüllen,

  ob  die  Konvention  ratifiziert  wird  oder  nicht.  Die  Räumung  Aegyptens
  wird  dadurch  weder  beschleunigt  noch  verzögert.

19.  Juli.  (Irische  Bodenbill.)  In  einer  Toryversammlung
  im  Karlton-Klub  spricht  Salisbury  über  die  von  der  Regierung
  an  die  liberalen  Unionisten  in  der  irischen  Bodenbill  gemachten
  Zugeständnisse.

Er  bemerkt,  daß  die  Haltung  der  liberalen  Unionisten  in  Bezug  auf
gewisse  Paragraphen  der  irischen  Bodengesetz-Vorlage  die  Regierung  bewogen
  habe,  zu  wesentlichen  Veränderungen  der  Maßregel  ihre  Zustimmung  zu
geben.  Die  Regierung,  erklärte  der  Premier,  sei  nicht  nur  vorbereitet,  Zugeständnisse
  in  vielen  von  ihr  nicht  als  „vital“  betrachteten  Fragen  zu  machen,
sondern  auch  in  der  wichtigen  Frage,  betreffend  die  Revision  der  gerichtlich
festgestellten  Pachtzinse.  Von  der  Lösung  dieser  Frage,  fuhr  er  fort,  hänge
alles  andere  ab.  Die  konservative  Partei  befinde  sich  gegenwärtig  in  einer
eigentümlichen  Lage,  in  welcher  es  der  Regierung  nicht  möglich  sei,  Bedinzn
  zu  diktieren.  Erleide  die  Regierung  eine  Niederlage,  müßte  eine

u
R

 

 

ösung  folgen.  Er  drohe  nicht  mit  einer  Auflösung,  allein  wenn  die
egierung  eine  Niederlage  erleide  und  Mr.  Gladstone  von  der  Königin  mit
der  Bildung  eines  neuen  Kabinets  betraut  werde,  würde  letzterer  seine  Annahme
  des  Mandats  von  neuen  Wahlen  abhängig  machen,  und  die  Königin
würde  alsdann  sicherlich  ihre  Zustimmung  zur  Auflösung  des  Parlaments
erteilen.  Unter  diesen  Umständen  wäre  der  Regierung  nichts  anderes  übrig
geblieben,  als  den  Anschauungen  der  liberalen  Unionisten  Rechnung  zu  tragen-
  Die  Bill  würde  folglich  durch  einen  Artikel  ergänzt  werden,  welcher
ie  Landkommissäre  ermächtigt,  Anträgen  auf  Revision  der  zwischen  1881
und  1886  gerichtlich  festgestellten  Pachtzinse  stattzugeben,  und  wenn  gefunden
  werde,  daß  der  Rückgang  in  den  Preisen  landwirtschaftlicher  Erzeugnisse
die  Bedingungen  des  Pachtvertrages  wesentlich  berühre,  eine  provisorische
Reduktion  des  Pachtzinses  zu  bewilligen.  Diese  Klausel  werde  nur  eine
zweijährige  Dauer  haben,  da  inzwischen  eine  Bodenankaufs-Vorlage  eingebracht
  werden  würde.  Zum  Schlusse  erinnerte  Lord  Salisbury  die  Ver-
        <pb n="315" />
        EGroßbrilannien.  (Inli  20.—  August  7.)  29

sammlung  wiederholt  an  die  wahrscheinlichen  Folgen  einer  Niederlage  in
diesem  Zeitpunkte  und  empfahl  ihr  in  eindringlichen  Worten,  alle  Differenzen
  um  der  Aufrechthaltung  der  Einheit  des  Reiches  willen  zu  begraben.

20.  Juli.  (Afganistan.)  Die  englisch-russische  Grenzkommission
  in  St.  Petersburg  beendet  ihre  Arbeiten.

Danach  erhält  Rußland  das  zwischen  den  Flüssen  Kuschk  und  Murgab
  gelegene  Gebiet,  das  bei  der  fühern  Absteckung  den  Pendschdeh-Turkmenen
  genommen  wurde,  nimmt  aber  am  Orus  die  von  England  vorgeschlagene
  Grenzlinie  an;  Kodscha-Saleh  und  Meruschak  bleibt  den  Afganen.

24.  Juli.  (Irland.)  Ueber  18  Grafschaften  und  die  Städte
Dublin,  Kork,  Londonderry,  Belfast  und  5  andere  wird  der  Ausnahmezustand
  verhängt.

24.  Juli.  (Flottenrevue.)  Die  Jubiläumssestlichkeiten  erhalten
  ihren  Abschluß  in  einer  großen  Flotteurevue  in  Spithead,  an
welcher  130  Kriegsschiffe  teilnehmen.

3.—6.  bezw.  19.  August.  (Irische  Landbill.)  Unterhaus:
genehmigt  die  Regierungsvorlage,  nachdem  die  den  liberalen  Unionisten
  gemachten  Zugeständnisse  darin  Aufnahme  gefunden  haben,  in
2.  und  3.  Lesung.

Am  19.  nimmt  auch  das  Oberhaus  die  veränderte  Vorlage
an;  am  nämlichen  Tage  werden  einige  Aenderungen  des  Oberhauses
im  Unterhause  angenommen.  Damit  ist  das  Gesetz  erledigt.

5.  August.  (Parteiwesen.)  Lord  Hartington  hält  in
Greenwich  bei  einem  unter  Vorsitz  John  Brights  von  den  liberalunionistischen
  Abgeordneten  gegebenen  Festmahle  eine  Rede,  in  welcher
er  sagt,

daß  die  Zeit  für  eine  engere  Vereinigung  der  liberalen  Unionisten
mit  der  Torypartei  noch  nicht  gekommen  sei  und  nicht  eher  kommen  werde,
bis  nicht  die  Torypartei  mehr  Neigung  bekunden  werde,  die  Bahn  des  Fortschrittes
  zu  betreten,  und  bis  nicht  die  liberalen  Unionisten  gewillt  sein  werden,
  aunehmbaren  Bedingungen  zuzustimmen.

6.  August.  (Kanaltunnel.)  Unterhaus:  lehnt  die  von
Watkin  eingebrachte  Kanaltunnelvorlage  ab.

Watkin  begründet  die  Vorlage  mit  dem  Wunsche  einer  engeren  Verbindung
  zwischen  Frankreich  und  England  auf  allen  Gebieten.  Der  Handelsamtssekretär
  Baron  Worms  bekämpft  den  Antrag  mit  dem  Hinweise,  daß
dessen  Annahme  die  insulare  Abgeschlossenheit  Englands  vernichten  würde,
in  der  seine  Sicherheit  liege.

7.  August.  (Irland:  Unruhen.)  In  Portrush,  wohin
1000  Mitglieder  des  Belfaster  Forester-Vereins  einen  Ausflug  unternehmen,
  kommt  es  zu  einem  heftigen  Zusammenstoße  mit  den  dortigen
  Orangisten.  Der  Eisenbahnzug  wird  mit  Steinen  angegriffen
        <pb n="316" />
        298  Großbritammien.  (August  9.—16.)

und  stark  beschädigt.  Es  fallen  auch  Schüsse,  ein  protestantischer
Geistlicher  erhält  eine  Schußwunde.

9.  August.  (Neue  Hebriden.)  Unterhaus:  Fergusson  erklärt
  auf  eine  Anfrage:

England  habe  keineswegs  eingewailligt.  daß  die  Zurückziehung  der
französischen  Truppen  von  den  neuen  Hebriden  so  lange  verschoben  werde,
bis  ein  Einvernehmen  über  die  Neutralisierung  des  Suez-Kanals  erzielt  sei.
England  dringe  auf  den  Abschluß  der  Unterhandlungen  über  die  Neuen
Hebriden,  da  England  und  Frankreich  im  Prinzipe  über  die  Frage  vollkommen
  einig  seien.  Seit  November  würden  keine  französischen  Rezidivisten

mehr  nach  Neu-Caledonien  gesendet,  dagegen  würden  von  Frankreich  fortwährend
  Ansiedler  nach  den  Neuen  Hebriden  geschickt.

11.  August.  (Aeußere  Politik.)  Lord  Salisbury  hält
beim  Bankett  im  Mansion  House  eine  Rede,  in  welcher  er  betont,

daß  das  Uebereinkommen  in  der  afganischen  Frage  billig  sei.  Weder
  Rußland  noch  England  habe  irgend  ein  Opfer  gebracht.  In  Asien  sei
für  beide  Länder  Platz  genug.  Das  Uebereinkommen  beweise,  daß  beide
Staaten  den  Frieden  wünschen.  Betreffs  Aegyptens  bemerkt  er,  daß  die
Türkei,  ungeachtet  der  ihr  gemachten  zahlreichen  Vorschläge,  die  Konvention
nicht  ratifizieren  wolle.  Es  ist  die  Pflicht  der  englischen  Regierung,  Aegypten
  stets  gegen  innere  und  äußere  Gefahren  zu  schützen;  man  werde  demnach
noch  einige  Zeit  dort  bleiben  müssen.  Die  Gefahren  für  den  Frieden  Europas
  seien  nun  vollständig  verschwunden;  er  erwarte  die  Aufrechthaltung
eines  tiefen  Friedens.

12.  August.  (Aegyptische  Konvention.)  Unterhaus:
Labouchere  beantragt  die  Vertagung  des  Hauses  zum  Zwecke  der
Erörterung  der  Beziehungen  Englands  mit  der  türkischen,  ägyptischen,
russischen  und  französischen  Regierung  wegen  der  jüngst  beabsichtigten
ägyptischen  Konvention.

Sir  James  Fergusson  verteidigt  die  Aktion  der  Regierung  und
erklärt,  jede  Verpflichtung,  Aegypten  betreffend,  müsse  aufrechterhalten  werden;
  ein  Rückzug  aus  Aegypten  und  eine  Steuer-Reduktion  daselbst  seien
unmöglich.  Uebrigens  sei  es  Englands  Pflicht,  nicht  nur  die  unternommene
Aufgabe  in  Aegypten  zu  erfüllen,  sondern  auch  darauf  zu  sehen,  daß  die
Sicherheit  des  Suez-Kanals  völlig  gesichert  werde.  Göschen  erklärt,  eine
Ermäßigung  der  Zinsen  der  ägyptischen  Staatsschuld  sei  allerdings  erwünscht,
aber  dies  hänge  nicht  von  England  allein  ab,  auch  andere  Mächte,  welche
die  Ansichten  der  Bons-Inhaber  teilten,  müßten  konsultiert  werden.  Die
Regierung  werde  alles  thun,  um  eine  befriedigende  Lösung  der  ägyptischen
Finanzfrage  zu  erlangen,  und  in  diesem  Sinne  bei  anderen  Mächten  wirken.

Labouchere  zieht  hierauf  seinen  Antrag  zurück.

16.  August.  (Südsee.)  Im  Oberhaus  wird  auf  eine  Anfrage
  von  seiten  der  Regierung  mitgeteilt,  daß  die  Unterhandlungen
zum  Zwecke  eines  internationalen  Abkommens  über  die  Verhinderung
  des  Verkaufes  von  Spirituosen,  Waffen  und
Munition  an  die  Eingeborenen  der  Inseln  des  westlichen  Stillen
        <pb n="317" />
        Großbritannien.  (August  19.—25.)  299

Ozeans  aufgegeben  werden  mußten,  da  die  Vereinigten  Staaten  von
Nordamerika  den  Beitritt  verweigerten.

19.  August.  (Irland:  Unterdrückung  der  Nationalliga.)
  Oberhaus:  Salisbury  verliest  eine  Proklamation,  welche
die  Liga  für  staatsgefährlich  erkärt.  Dieselbe  sagt  im  wesentlichen:

Da  wir  überzeugt  sind,  daß  in  Irland  eine  Verbindung  besteht,  bekannt
  unter  dem  Namen  „Die  irische  National-Liga“,  und  daß  besagte  Verbindung
  in  Teilen  Irlands  Gewaltthaten  und  Einschüchterung  fördert  und
und  zu  denselben  aufwiegelt  und  die  Rechtspflege  beeinträchtigt,  so  erklären
wir,  der  Lord  General-Statthalter  und  Gouverneur  von  Irland,  auf  Anraten
  des  Geheimen  Rates  sowie  kraft  Abschnittes  6  des  irischen  Strafrechtsgesetzes
  von  1887  und  der  uns  dadurch  verliehenen  Pachtbefugnis  und  Autorität
  durch  diese  unsere  Sonder-Proklamation  von  heute  ab  genannte  Verbindung,
  bekannt  als  „Die  irische  National-Liga“,  als  gefährlich.

19.  August.  Im  Unterhause  erklärt  Smith:  die  Regierung
sei  nicht  der  Ansicht,  daß  die  Freilassung  Arabi  Paschas  mit
den  Interessen  Englands  und  Aegyptens  oder  mit  der  Gerechtigkeit
vereinbar  sei.

24.  August.  (Irland:  Thätigkeit  der  Liga.)  Auf  dem
Gute  Curass  bei  Kanturk  waren  drei  Pächter  ausgewiesen  worden,
weil  sie  ihre  Pachtzinse  Vertrauensmännern  eingehändigt  und  sich
geweigert  hatten,  zu  zahlen.  Daraufhin  zwang  die  Nationalliga
alle  auf  dem  Gute  beschäftigten  Arbeiter,  die  Arbeit  einzustellen.
Als  nun  eine  Anzahl  von  der  Corker  Verteidigungs-Union  gesendeter
Arbeiter  auf  dem  Gute  ankommt,  versammelt  die  Liga  ihre  Anhänger,
  welche  2000  Mann  stark,  geführt  von  fünf  katholischen
Priestern,  in  Curass  erscheinen.  Die  Priester  versuchen  mit  dem
Gutsherrn,  Herrn  Leader,  zuerst  einen  Vergleich  herbeizuführen;  als
dieser  jedoch  sagt,  daß  er  ihre  Namen  nach  Dublin  schicken  werde,
entfernt  sich  die  Deputation.  In  der  Nähe  der  Ernte-Arbeiter  aber
wird  eine  Versammlung  abgehalten,  in  welcher  die  üblichen  Boycottierungs-Beschlüsse
  gefaßt  werden.  Verhaftungen  finden  nicht  statt.

25.  August.  (Irland.)  Der  Deputierte  O'Brien  wird,
weil  er  in  einem  Meeting  am  9.  August  die  Pächter  auf  den  Gütern
der  Gräfin  Kingson  aufreizte  und  dem  Gesetze  sich  nicht  fügte,  auf
den  9.  September  vor  das  Gericht  zu  Michelstown  zur  Verantwortung
  geladen.

25.  August.  (Birma  und  Tibet.)  Abschluß  eines  Vertrages
  mit  China,  wonach  dieses  England  volle  Handlungsfreiheit
in  Birma  zugesteht,  während  Birma  auch  fernerhin  die  alle  10
Jahre  nach  China  entsendete  Mission  mit  Bodenerzeugnissen  schicken
soll.  Die  Grenze  beider  Länder  soll  durch  eine  Kommission  abge-
        <pb n="318" />
        300  Grofbritannien.  (August  25.—30.)

steckt  werden  und  England  die  nach  Tibet  entsendete  Expedition  abberufen.
  (St.  Arch.  Bd.  48.)

25.—27.  August.  (Proklamation  gegen  die  Nationalliga.)
  Unterhaus:  Verhandlung  über  die  Proklamation.  Gladstone
  beantragt  eine  Resolution,  in  welcher  das  Haus  die  Königin
bittet,  die  Proklamation  aufzuheben.  Er  führt  aus:

Der  irische  Vizekönig  müsse,  als  er  die  Proklamation  erlassen,  auf
Grund  von  Auskünften  und  Berichten  gehandelt  haben,  die  dem  Parlamente
vorzulegen  seien,  damit  sie  demselben  bei  Bildung  seines  Urteils  als  Richtschnur
  dienen  könnten.  Diese  Proklamation  sei  nicht  gegen  Verbrechen,  sondern
  gegen  gesetzmäßige  Verbindungen  gerichtet;  sie  hebe  die  Habeas-Corpus-Akte
  auf,  indem  an  Stelle  gerichtlicher  Entscheidungen  die  Willkür  des  Bizekönigs
  trete.  Wenn,  wie  man  sage,  die  National-Liga  500,000  Mitglieder
zähle,  so  laufe  die  Proklamation  fast  auf  eine  Kriegserklärung  gegen
das  irische  Volk  hinaus.  Durch  Boykotten  verursache  die  National-Liga  allerdings
  viel  Ungemach  aber  die  Armen  könnten  sich  nur  durch  Verbindung
gegen  die  Reichen  schützen;  die  Liga  sei  eine  gesetzliche  Verbindung  zum
Schutze  der  irischen  Pächter  gegen  die  Erpressungen  unbarmherziger  Großgrundbesitzer.
  Durch  ihr  neuestes  Vorgehen  stelle  die  Regierung  die  Geduld
des  irischen  Volkes  auf  eine  harte  Probe.  Hoffentlich  würden  die  Irländer
fortfahren,  stumm  zu  leiden,  gehoben  durch  die  gerechte  Hoffnung,  daß  ein
Umschwung  der  öffentlichen  Meinung  in  Großbritannien  zu  Gunsten  der
vernünftigen  Wünsche  Irlands  in  nicht  sehr  weiter  Ferne  stehe.

Obersekretär  für  Irland,  Balfour,  entgegnet:

Es  lägen  Ausweise  vor,  daß  in  Irland  fünftausend  unter  dem  Fluche
des  bisweilen  von  Gewaltthaten  begleiteten  Boykottens  litten,  aber  diese
seien  nur  ein  verschwindender  Teil  derjenigen,  die  unter  dem  Terrorismus
der  Liga,  welche  keine  politische  Gesellschaft  sei,  seufzten.  Aus  diesen  Gründen
  verlange  die  Regierung  die  Befugnis  zur  Unterdrückung  einer  Verbindung,
  deren  Weiterbestehen  die  Aufrechthaltung  von  Gesetz  und  Freiheit  in
Irland  sast  unmöglich  machen  würde.

Am  27.  wird  der  Antrag  Gladstones  mit  272  gegen  194
Stimmen  verworfen,  die  Mehrheit  ist  größer,  als  die  Regierungskreise
  gehofft  hatten  und  bezeichnet  einen  durchschlagenden  Sieg
Salisburys,  über  dessen  Einschüchterung  die  gegnerischen  Blätter
nach  den  jüngsten  Wahlniederlagen  bereits  gespottet  hatten.

30.  August.  (Kanadischer  Fischereistreit.)  Unterhaus:
Fergusson  teilt  mit,  daß  die  Vereinigten  Staaten  in  die  Einsetzung
einer  neuen  Kommission  zur  Beratung  der  nordamerikanischen  Fischereifrage
  willigten.

30.  August.  (Irland.)  Erzbischof  Walsh  von  Dublin
richtet  an  „Freemans  Journal“  ein  offenes  Schreiben,  in  welchem
er  folgende  versöhnliche  Vorschläge  macht:

Die  auf  der  Versammlung  der  Gutsherren  letzte  Woche  erfolgte  Bildung

  eines  Repräsentativ-Ausschusses  legt  uns  die  Möglichkeit  nahe,  daß
jetzt  wirksame  Schritte  gethan  werden  können,  um  die  irische  Landfrage  in
        <pb n="319" />
        Großbritannien.  (September  6.—12.)  301

freundschaftlicher  und  dauernder,  gerechter  und  billiger  Weise  zu  ordnen.
Warum  könnte  eine  solche  Lösung  nicht  zu  stande  kommen?  Wir  sollten
den  gemeinsamen  Beratungen  derjenigen,  welche  auf  der  einen  Seite  nicht
minder  als  auf  der  andern  tief  an  der  erfolgreichen  Ordnung  der  Frage  interessiert
  find,  mehr  trauen,  als  den  amtlichen  Erörterungen  englischer  Staatsmänner.
  Warum  sollte  es  unmöglich  sein,  eine  Konferenz  von  regelrecht
akkreditierten  Vertretern  der  Pächter  und  der  Gutsherrn  zusammenzubringen,
um  einen  auf  billiger  und  gerechter  Grundlage  ruhenden  Plan  zur  endgiltigen
  Lösung  der  irischen  Landfrage  zu  entwerfen:  Von  seiten  der  Pächter
könnten  die  Vorbereitungen  zu  der  Konferenz  in  einem  Monate  getroffen
werden.  Die  Abschaffung  des  doppelten  Eigentums,  die  Aufhebung  der  jegigen
  Gutsherrenwirtschaft  in  Irland  steht  offen  an  der  Spitze  des  gesetzgeerischen
  Programms  des  jetzigen  Ministeriums.  Die  einzige  praktische  Frage
ist,  unter  welchen  Bedingungen  diese  Revolution  erfolgen  soll.  Jedenfalls  ist
es  wünschenswert  und  im  Interesse  aller  Klassen  unseres  Volkes,  daß  Irländer
  selbst  diese  Bedingungen  angeben.

September.  Die  englische  Mittelmeerflotte,  auf  der
sich  der  Herzog  und  die  Herzogin  von  Edinburgh  und  der  Prinz  von
Battenberg  befinden,  besucht  Venedig,  sodann  Triest  und  die  dalmatischen
  Häfen.  Sie  wird  überall  mit  größter  Auszeichnung  und
Gastfreundschaft  empfangen.  Sowohl  die  englische,  als  auch  die
österreichisch-ungarische  und  italienische  Presse  äußern  sich  sehr  befriedigt
  über  den  Besuch  und  den  Verkehr  mit  den  Gästen.

Die  „Times“  bemerkt  dabei:  man  könne  sich  leicht  Eventualitäten
denken,  wo  die  Allianz  mit  Oesterreich  und  Italien  von  höchster  Wichtigkeit
sein  würde.  England  wünsche  nichts  Besseres,  als  freundliche  Beziehungen
mit  allen  seinen  Nachbarn  aufrechtzuhalten;  allein  das  Wohlwollen  Italiens
  und  Oesterreichs  könne  leichter  gesichert  erhalten  werden,  als  das  etlicher
ihrer  Nachbarn,  während  es  unter  gewissen  Umständen  von  unendlicher  Wichtigkeit
  für  England  sein  dürfte.

6.  September.  (Helgoland.)  Unterhaus:  Tanner  beantragt
  die  Uebergabe  Helgolands  an  Deutschland.

Der  Sekretär  der  Kolonien  Holland  erklärt  darauf,  er  habe  keinen
Grund  anzunehmen,  daß  Deutschland  Helgoland  zu  erwerben  wünsche.  England
  habe  sicher  weder  die  Absicht  noch  den  Wunsch,  sich  von  Helgoland  zu
trennen,  und  er  habe  nie  gehört,  daß  Deutschland  darin,  daß  Helgoland  im
Besfitze  Englands  sei,  eine  Drohung  gegen  sich  erblicke.

9.  September.  (Irland:  Unruhen.)  Der  vor  das  Michellstowner
  Gericht  geladene  Deputierte  O'Brien  (vgl.  Aug.  25.)  erscheint
  nicht,  worauf  der  Richter  einen  Haftbefehl  gegen  ihn  erläßt.
Dies  gibt  Veranlassung  zu  einem  Meeting,  welches  bald  gegen  die
Polizei  zu  Thätlichkeiten  übergeht.  Mehr  als  50  Polizisten  werden
durch  Steinwürfe  verwundet.  O'  Brien  und  Dillon  reizen  die
Menge  noch  mehr  auf#,  endlich  gibt  die  Polizei  Feuer  und  zerstreut
die  Menge.  Zwei  Iren  werden  getötet,  eine  Anzahl  verwundet.

12.  September.  O'Brien  wird  in  Kingstown  verhaftet  und
        <pb n="320" />
        302  Großbritannien.  (September  13.—20.)

in  das  Gefängnis  nach  Michelstown  gebracht.  Ebenso  der  aus
gleicher  Ursache  angeklagte  Mandeville.

13.  September.  (Parnellitische  Reden.)  Unterhaus:  Bei
den  Beratungen  über  den  Etat  der  irischen  Gefängnisse  ergehen  sich
die  Parnelliten  in  den  heftigsten  Reden.

O'Connor  erklärt,  es  gäbe  keine  verächtlichere,  brutalere  oder  bestialischere
  Politik,  als  die,  politische  Gegner  dadurch  zum  Schweigen  zu  bringen,
  daß  man  ihnen  sechs  Monate  Kerkerhaft  diktiere.  Er  wolle  den  sehr
ehrenwerten  Herrn  (Balfour)  fragen,  ob  er  allein  unter  zivilisierten  Ministern
  den  Grundsatz  aufzustellen  gedenke,  daß  politische  Gegner  wie  gemeine
Verbrecher  behandelt  werden  sollen.  „Ich  wünschte,"  schließt  der  Redner,
„daß  der  Tag  kommen  mag,  wo  ich  im  Stande  sein  werde,  dem  sehr  ehrenwerten
  Herrn  sechs  Monate  Gefängnis  zu  geben."  Healy  sagt,  wenn  er
die  Unbill  zu  erleiden  gehabt  hätte,  die  einigen  seiner  Freunde  zu  Teil  geworden,
  so  würde  er  mit  der  Erzählung  seiner  Erlebnisse  im  Gefängnisse
gewartet  haben,  bis  eines  Tages  die  Prinzessin  von  Wales  mit  ihren  Töchtern
  in  der  Damengalerie  des  Hauses  erschienen  sei.  „Wäre  ich  einer  der
Männer,  die  in  solcher  Weise  behandelt  worden,  würde  ich  einen  Kübel  voll
schmutzigen  Wassers  aufbewahren  und  denselben  hier  in  diesem  Hause  dem
Ober-Sekretär  ins  Gesicht  schütten.“  Der  Sprecher  rügt  diese  Aeußerung
in  strengen  Ausdrücken  und  fordert  Healy  auf,  dieselbe  zurückzuziehen,  wozu
sich  dieser  nach  langem  Zaudern  versteht.

16.  September.  Vertagung  des  Parlaments.

Die  Thronrede  betont,  daß  die  Beziehungen  zu  den  auswärtigen
Mächten  fortwährend  freundschaftliche  seien,  und  gibt  der  Hoffnung  Ausdruck,
  daß  mit  Rußland  in  Betreff  der  nördlichen  Grenze  Afganistans  eine
Konvention  zum  Abschlusse  gelangen  werde,  welche,  von  dem  Emir  gern  angenommen,
  zur  Aufrechthaltung  eines  dauernden  Friedens  in  Zentral-Asien
mächtig  beitragen  werde.  Die  Thronrede  macht  einen  Hinweis  auf  die
ägyptische  Konvention,  welche  vom  Sultan  nicht  ratifiziert  wurde,  und  sagt,
das  der  Königin  durch  ihre  Verpflichtungen  gegen  den  Souverän  und  das
Volk  Aegyptens  auferlegte  Verhalten  bleibe  unverändert.  Die  Anwesenheit
der  englischen  Streitkräfte  habe  Aegypten  die  Wohlthaten  der  Ruhe  gesichert
und  der  Königin  gestattet,  die  Bemühungen  des  Khedive,  seinem  Volke  eine
gute  Regierung  zuzuwenden,  wirksam  zu  unterstützen.  —  Die  Königin  sei
mit  dem  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten  Amerikas  übereingekommen,
die  schwierigen  Fragen,  welche  aus  dem  nordamerikanischen  Fischereirechte
entspringen,  einer  Kommission  von  Vertretern  beider  Länder  zu  überweisen.
Die  Königin  habe  allen  Grund  zu  der  Annahme,  daß  der  Druck,  welcher  lange
Zeit  hindurch  auf  den  kommerziellen  und  industriellen  Interessen  lastete,
einen  minder  ernsten  Charakter  anzunehmen  beginne,  bedauert  indessen,  daß
die  harten  Prüfungen  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  nicht  abgenommen
  haben,  und  hofft,  daß  die  votierten  Gesetze  für  Irland  die  Wiederherstellung
  der  Ordnung  herbeiführen  und  die  Industrie  ermutigen  würden.
Zum  Schlusse  dankt  die  Königin  in  lebhaften  Ausdrücken  ihren  Unterthanen
im  ganzen  Reiche  für  die  loyalen  Kundgebungen  anläßlich  ihres  Jubiläums.

20.  September.  (Irland.)  Eine  Proklamation  der  Regierung
  ordnet  die  Unterdrückung  der  National-Liga  in  der
Grafschaft  Clare  und  in  gewissen  Bezirken  der  Grafschaften  Leitrim,
Galway,  Kerry,  Cork  und  Wexford  an.
        <pb n="321" />
        Erehjbritannien.  (September  22.  —Oktober  18.)  303

22.  September.  Die  „Agence  Havas“  meldet,  daß  die  Königin
Viktoria  die  erbetene  Vermittelung  zwischen  Italien  und
Abessynien  angenommen  habe.

Ende  September.  (Indien.)  Der  Nizam  von  Heiderabad
richtet  an  den  Vizekönig  von  Indien  einen  Brief  des  Inhalts:

„Er  habe  seit  geraumer  Zeit  bemerkt,  daß  die  Einkünfte  Indiens  wenig
  Zunahme  bekunden,  während  die  Ausgaben  stetig  im  Wachsen  seien,
und  er  habe  ermittelt,  daß  letztere  Thatsache  lediglich  den  großen  Summen
zuzuschreiben  sei,  die  der  besseren  Verteidigung  der  indischen  Grenze,  welche
durch  das  aggressive  Vordringen  Rußlands  in  Mittelasien  notwendig  gemacht
  werde,  gewidmet  werden."“  Der  Herrscher  von  Heiderabad  drückt  alsdann
  die  Ueberzeugung  aus,  daß  ganz  Indien  von  diesen  Maßnahmen  für
eine  Sicherheit  gegen  einen  Angriff  von  außen  Vorteil  ziehe  und  darum
ühle  er  „als  der  älteste  Bundesgenosse  der  Engländer  in  Indien“,  daß  es
ihm  obliege,  in  irgend  einer  offenen  Weise  zu  zeigen,  daß  die  Interessen
aller  Einwohner  Indiens,  brittischer  wie  eingeborener,  in  dieser  Frage  der
Grenzverteidigung  gegen  russische  Aggression  identisch  sind.  Er  biete  folglich
der  Regierung  der  Königin-Kaiserin  durch  Ihrer  Majestät  Vertreter,  den
Vizekönig,  als  freie  Schenkung  den  Betrag  von  20  Lakhs  Rupien  (200,000
Pfd.  St.)  jährlich  für  zwei  Jahre  an,  welche  Summe  den  Zwecken  der  Förderung
  der  militärischen  Verteidigung  der  nordwestlichen  Grenze  gewidmet
werden  soll.  Zum  Schluß  erklärt  der  Nizam  freimütig,  daß  sein  Geldbeitrag
  nur  für  die  Zeit  des  Friedens  und  der  Vorbereitung  bestimmt  sei.
Wenn  aber  die  Stunde  des  Kampfes  mit  irgendeinem  Eindringling  in  Indien
erscheine,  könne  England  auf  seinen  Degen  zählen.“

6.  bzw.  31.  Oktober.  (JIrland.)  Prozeßverhandlung
gegen  den  Lord  Mayor  Sullivan  von  Dublin  und  O'Brien,
weil  sie  in  irländischen  Zeitungen  Berichte  über  die  Verhandlungen
der  unterdrückten  Zweige  der  Nationalliga  veröffentlichten.

Der  Lord  Mayor  wird  auf  dem  Wege  zum  Gerichte,  dem  Beschlusse
des  Gemeinderates  gemäß,  von  den  Aldermen  und  den  städtischen  Schwertund
  Szepterträgern  in  Amtstracht  begleitet.  Den  Eintritt  der  Letzteren  in
den  Gerichtsfaal  verhindert  nach  längerem  Widerstande  die  Polizei,  welche
dieselben  zwingt,  sich  auf  die  Galerie  zu  begeben.  O'Brien  erscheint  nicht.
Das  Polizeigericht  erkennt  auf  Grund  eines  vom  Verteidiger  vorgebrachten
technischen  Einwandes  auf  Einstellung  des  Prozesses.  Der  Staatsprokurator
appelliert.  Der  Lord  Mayor  wird  beim  Heimwege  stürmisch  begrüßt.

Auch  das  Verfahren  gegen  O'Brien  wird  infolgedessen  bis  nach  der
Entscheidung  über  die  Berufung  des  Staatsprokurators  eingestellt.

Bei  der  Wiederaufnahme  des  Verfahrens  wird  O'Brien  zu  Zmonatlicher
  Gefängnisstrafe  verurteilt  und  die  eingelegte  Berufung  verworfen.  Er
hält  in  der  Zwischenzeit  eine  große  Versammlung  zu  Woodford  (Galway)
ab,  wo  er  mit  einer  Illumination  der  Stadt  begrüßt  wird,  obgleich  diese
Versammlung  polizeilich  verboten  worden  ist,  und  verbrennt  das  Verbot.
Er  wird  alsdann  zu  Midleton  verhaftet  und  nach  Cork  übergeführt.

Es  folgen  zahlreiche  weitere  Prozesse  und  Verurteilungen  der  Agitatoren
  der  irischen  Nationalliga,  so  Wilfried  Blunts,  des  Abg.  Cox',  des
Redakteurs  Walshs  u.  a.

18.  Oktober.  Gladstone  hält  zu  Nottingham  mit  Harcourt
und  Morley  eine  große  liberale  Parteiversammlung  ab.
        <pb n="322" />
        304  Grostbrilannien.  (Oktober  23.—25.)

Gladstone  spricht  gegen  die  irische  Zwangsvorlage,  die  nicht  gegen
Verbrechen,  sondern  gegen  das  Vereins=  und  Versammlungsrecht  und  gegen
die  Freiheit  der  Prese  gerichtet  sei.  Er  glaubt  das  Verhalten  der  Regierung
  als  ein  solches  hinstellen  zu  müssen,  das  man  nur  mit  dem  Worte
„impertinence“  bezeichnen  könne;  das,  was  in  der  letzten  Zeit  in  Irland
geschehen  sei,  würde  man  in  England  auch  nicht  einen  Augenblick  ertragen
haben;  wenn  die  Regierung  bei  ihrem  wahnsinnigen  Verhalten  beharren
sollte,  würde  die  Schwierigkeit,  das  Land  zu  regieren,  fast  unübersteiglich
werden;  ein  radikaler  Wechsel  des  Verwaltungssystems  sei  notwendig,  und
dieser  könne  sich  nur  vollziehen  durch  eine  befreite  Nation.

23.  Oktober.  (Sozialisten-Bewegung.)  Auf  Trafalgar-Sauare
  in  London  findet  eine  Kundgebung  der  Arbeitslosen  statt,
wie  schon  mehrere  an  den  vorhergehenden  Sonntagen.

Es  wird  eine  rote  Fahne  an  der  Nelson-Säule  aufsgesteckt  und  heftige

  Reden  gehalten.  Dann  marschiert  die  ganze  Masse  hinter  einer  roten
Fahne  durch  die  Straßen.

Aehnliche  Kundgebungen  werden  im  Hyde-Park  und  anderwärts
  veranstaltet.  Eine  Abordnung  begibt  sich  mit  den  angenommenen
  Resolutionen  ins  Ministerium  des  Innern  und  zum  Lord-Major,
  um  gegen  die  von  der  Polizei  den  Arbeitslosen  gemachten
Hindernisse  zu  protestieren.

24.  Oktober.  (Aegypten.  Neue  Hebriden.)  England  und
Frankreich  schließen  einen  Vertrag  über  Aegypten,  in  welchem  die
Neutralisierung  des  Suez-Kanales  und  dessen  Ueberwachung  durch
eine  internationale  Kommission  festgesetzt  wird,  die  aus  den  Generalkonsuln
  aller  Mächte  in  Aegypten  bestehen  soll.  Eine  technische
Kommission  soll  eine  neutrale  Zone  festsetzen.  Gleichzeitig  damit
wird  ein  Vertrag  über  die  Neuen  Hebriden  abgeschlossen,  wonach
Frankreich  seine  Besatzung  zurückzieht  und  die  Ueberwachung  der
Ordnung  englischen  und  französischen  Kriegsschiffen  gemeinschaftlich
anvertraut  wird.  England  überläßt  außerdem  Frankreich  die  Schutzhoheit
  über  die  „Unter-Wind-Inseln“.  (St.  Arch.  Bd.  48.)

25.  Oktober.  (Suez-Kanal.)  Die  Salisbury  nahestehende
„Morning  Post“  schreibt  zu  dem  Abkommen  zwischen  England  und
Frankreich:

„Es  scheint,  daß  die  Suezkanal-Frage  in  vollständigem  Einklange  mit
der  Basis  gelöst  worden  ist,  die  von  Lord  Granville  in  seiner  Depesche  vom
3.  Januar  1883  an  Ihrer  Majestät  Vertreter  in  Paris,  Berlin,  Wien,
Rom  und  St.  Petersburg  niedergelegt  wurde.  Dies  erklärt  zur  Genüge
den  jubilierenden  Ton  der  liberalen  Organe  in  ihren  Kommentaren  über
die  Unterzeichnung  dieses  wichtigen  Dokuments.  Frankreich  ist  offenbar  überzeugt,
  daß  Hr.  Flourens  England  in  ein  Dilemma  versetzt  hat,  und  daß
unsere  Unterzeichnung  der  Konvention  uns  zur  Räumung  des  Landes  zwingen
  wird.  Wir  sehen  mit  Bangigkeit  einer  Erklärung  betreffs  einer  Lösung
entgegen,  die  augenscheinlich  unsere  Aktionsfreiheit  in  Aegypten  und  unsere
        <pb n="323" />
        Gr#strünmien  (Oktober  30.—November  §.)  305

Hochstraße  nach  unserem  östlichen  Neiche  kompromittiert,  während  fie  anderseits
  die  Autorität  Frankreichs  im  StVillen  Ozean  kräftigt.“

Die  „Times“  dagegen  sagt:

„Sowohl  England  als  Frankreich  müssen  zu  den  Konventionen  über
den  Suezkanal  und  die  Neu-Hebriden  beglückwünscht  werden.  Das  Verdienst
  fur  deren  Erzielung  gebuhrt  den  auswärtigen  Ministern  beider  Mächte.
Billig  denkende  Leute  in  beiden  Ländern  werden  sich  über  die  erfolgreiche
Beseitigung  einer  lange  vorhandenen  Quelle  der  Uneinigkeit  und  Verstimmung
  zwischen  zwei  benachbarten  freundlichen  Mächten  freuen,  und  mit
Vergnügen  bemerken  wir,  daß  dies  das  herrschende  Gefühl  ist,  welches
in  den  bedeutenderen  Organen  der  offentlichen  Meinung  in  Frankreich  zum
Ausdruck  gebracht  wird.  Es  würde  nicht  edelmütig  sein,  nach  einer  Erklärung
  der  versöhnlichen  Laune  zu  suchen,  die  Frankreich  anläßlich  des  jüngsten
  Besuchs  Signor  Crispi's  in  Friedrichsruh  entfaltet;  aber  es  kann  darüber
  kein  Zweifel  herrschen,  daß  der  Abschluß  eines  Bündnisses  zwischen
Deutschland,  Oesterreich  und  Italien  dazu  gedient  hat,  Frankreich  daran  zu
erinnern,  daß  es  nicht  zu  viele  Freunde  in  Europa  hat  und  daß  die  Freundschaft
  Englands  nicht  dadurch  gesichert  werden  kann,  indem  man  jenen  Vorurteilen
  und  Sophistereien,  auf  welche  der  „Temps“  sehr  passend  hinweist,
freies  Spiel  läßt.“

30.  Oktober.  (Botschafterwechsel.)  Lord  Lytton  wird
an  Stelle  des  aus  dem  Dienste  scheidenden  Lord  Lyons  zum  Botschafter

  in  Paris  ernannt.

Lord  Lyons  tritt  kränklichkeitshalber  zurück,  er  stirbt,  nachdem  er  kurz
zuvor  noch  zur  katholischen  Kirche  übergetreten  ist,  am  5.  Dezember.

31.  Oktober.  (Irischer  Kongreß.)  In  Brüssel  halten
eine  große  Anzahl  Delegierter  aus  den  in  den  einzelnen  Städten
Großbritanniens  und  des  Festlandes  bestehenden  irischen  Nationalvereinen
  einen  Kongreß  ab.  Dieser  verläuft  so:

Patrice  Cagy,  einer  der  drei  Pariser  Delegierten,  hält  eine  sehr
heftige  Rede,  in  welcher  er  die  Nationalisten  zur  „unmittelbaren  Aktion“
auffordert,  da  gegenwärtig  die  „ärgsten  Niedermetzelungen“  in  Irland  stattfänden.
  Er  begehrt  die  „Hinrichtung“  der  Land-Lords  und  derjenigen  Pächter,
  welche  gegen  die  Gebote  der  National-Liga  handeln,  die  erglischen  Staatsmänner
  sollen  den  „Invincibles“  überliefert  werden,  während  die  Dynamitards
  ihre  „Arbeit“  in  den  Städten  und  Fabrikorten  Englands  zu  versehen
hätten.  Obwohl  diese  Rede  viel  Beifall  findet,  stößt  sie  doch  auf  einigen
Widerstand.  Dr.  Mazzin  erklärt,  man  dürfe  jetzt  das  gemeinsame  Werk
Gladstones  und  Purnele  nicht  durch  Gewaltakte  stören.  Schließlich  wird
jolgender  Beschluß  angenommen:  „Wir  irischen  Nationalisten,  die  wir  in
Brüssel  zu  einem  Kongreß  vereinigt  sind,  verpflichten  uns,  uns  vorläufig  jeder
  unüberlegten  Politik  zu  enthalten,  solange  noch  die  Möglichkeit  vorhanden
  ist,  von  England  auf  geschlichem  Wege  ein  irisches  Parlament  zu  erhalten.
  Der  Kongreß  vertagt  sich  daher  auf  sechs  Monate,  zu  welcher  Zeit
man  bereits  wissen  wird,  ob  die  Ansprüche  Irlands  durch  friedliche  Mittel
verwirklicht  werden  können.“

8.  November.  Gladstone  bespricht  in  einem  Schreiben  an
seine  Wähler  in  Midlothian  das  Verfahren  der  Regierung  in  Irland
  und  der  Homerulebewegung  und  sagt  u.  a.:

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  20
        <pb n="324" />
        306  Großbritannien.  (November  9.)

„Die  Ausschreitungen  der  Regierung  gehen  über  alle  Erwartungen
hinaus  und  haben  einen  Punkt  erreicht,  wo  ihre  Beamten,  die  besoldet  werden
und  verpflichtet  sind,  das  Gesetz  aufrecht  zu  halten,  am  schreiendsten  gegen
dasselbe  verstoßen.  Der  Verwerfung  von  Home-Rule  ist  nach  dem  natürlichen
  Laufe  der  Dinge  der  Zwang  gefolgt.  Zwang  ist  unter  dem  Vorgeben,
"  r  er  Verbrechen  verhüten  soll,  gegen  die  Presse  und  das  öffentliche  Versammlungsrecht
  gerichtet  worden.  Die  wilüriche  Untersagung  von  Volksversammlungen
  genügte  nicht,  und  es  folgte  derselben  in  Mitchelstown  die
frevelhafteste  und  unordentlichste  Ruhestörung  mit  jenen  beklagenswerten  und
verhängnisvollen  Folgen,  über  welche  sich  die  Minister  im  Parlament  beifällig
geäußert  haben.  Diese  an  sich  beklagenswerten  Vorkommnisse  werden  zum
mindesten  der  Nation,  und  nicht  am  wenigsten  Schottland,  die  uns  vorliegende
eigentliche  Frage  klar  machen.  Dieselbe  hat  bereits  die  elende  Hohlheit  der
Versicherung,  daß  die  Union,  wie  sie  jetzt  verwaltet  wird,  Irland  dieselben
Rechte  gibt,  die  wir  besitzen,  bloß  gelegt  und  bewiesen,  daß  der  Geist  der
alten  Tyrannei  in  den  Herzen  der  jetzigen  irischen  Verwaltung  lebt,  obwohl
sie  glücklicherweise  nicht  die  Macht  Straffords,  Cromwells  oder  Clare's  besitzt“.

9.  November.  Lordmayorsbankett  in  London.  Der
Premierminister  Lord  Salisbury  hält  dabei  nachstehende  Rede:

„Als  ich  das  letztemal  die  Ehre  hatte,  eine  Ansprache  an  den  obersten
Beamten  der  City  zu  halten,  wagte  ich  Sir  Reginald  Hanson  gegenüber  die
Prophezeihung  auszusprechen,  daß  er  sein  Lordmayorat  in  einer  Zeit  tiefen
Friedens  beendigen  würde.  (Beifall.)  Zu  jener  Zeit  hielt  man  meine  Prophezeihung
  für  etwas  voreilig.  Heute  freut  es  mich,  sagen  zu  können,  daß  sie
erfüllt  worden  ist.  Während  der  entschwundenen  Zeit  hat  sich  nichts  besonderes
  oder  dramatisches  in  den  auswärtigen  Angelegenheiten  zugetragen,  worüber
  ich  Ihnen  Mitteilung  zu  machen  hätte.  Unser  Ziel,  welchem  wir  nicht
ganz  ohne  Erfolg  nachstreben,  ist,  Ursachen  der  Verstimmung  und  des  Streites
zwischen  uns  und  unseren  auswärtigen  Bundesgenossen  zu  beseitigen.  Ich
habe  bereits  jenes  Abkommen  erwähnt,  welches  die  afganische  Grenzfrage
öste,  ein  Abkommen,  welches  mit  dem  Kaiser  von  Rußland  geschlossen  wurde
und  gleich  befriedigend  für  dessen  Regierung  wie  für  die  unfrige  war.  Es
freut  mich,  zum  Beweise  dafür,  daß  nichts,  was  ich  gesagt  habe,  übertrieben
ist,  konstatieren  zu  können,  daß  unser  Verbündeter,  der  Emir  von  Afganistan,
das  Abkommen  herzlich  angenommen  hat.  Mit  weiterer  Befriedigung  habe
ich  heute  nachmittag  vernommen,  daß  eine  ernstliche  Gefahr,  welche  dem  Weltfrieden
  in  jenen  Gegenden  drohte,  nun  auch  beseitigt  worden  ist.  Der  Prätendent
  Ejub  Chan,  welcher  dem  Frieden  Afganistan's  hätte  gefährlich  werden
können,  bat  sich  der  Regierung  von  Indien  ergeben.  (Anhaltender  Beifall.)
Des  weiteren  haben  wir  das  Glück  gehabt,  mit  der  französischen  Regierung
zu  einem  Einverständnis  über  den  Suezkanal  und  die  Neu-Hebriden  zu  gelangen.
  Ich  lege  weder  auf  die  oben  erwähnten  Fragen  noch  auf  die  der
afganischen  Grenze  ein  ungeheuer  großes  Gewicht.  Aber  es  bleibt  doch
immer  von  Bedeutung,  daß  ein  Stein  des  Anstoßes  zwischen  den  beiden
Ländern  beseitigt  worden  ist  und  die  Aussichten  auf  Frieden  sich  dadurch
noch  verstärkt  haben.  Wenn  ich  dazu  noch  hinzufügen  darf,  was  gegenwärtig
freilich  nur  eine  Hoffnung  und  noch  keine  vollendete  Thatsache  ist,  so  sei  es
mir  gestattet,  zu  sagen,  daß  wir  guten  Grund  haben,  zu  glauben,  daß  auch
die  zwischen  uns  und  den  Vereinigten  Staaten  entstandenen  Fischereistreitigkeiten
  bald  geordnet  werden  dürften  —  eine  Aufgabe,  welcher  sich  einer  der
hervorragendsten  Staatsmänner  der  Zeit  unterzogen  hat  und  welcher,  trotzdem
  daß  er  nicht  unser  politischer  Parteigenosse  ist,  um  des  Vaterlandes
willen  seine  großen  Talente  der  Beilegung  dieser  großen  Differenzen  gewid-
        <pb n="325" />
        Grosbritannien.  (November  9.)  307

met  hat.  Die  besten  Wünsche  aller  seiner  Landsleute  begleiten  ihn,  welche
hoffen,  daß  es  das  Resultat  seiner  Bemühungen  sein  wird,  in  Zukunft  die
Möglichkeit  zu  verhindern,  daß  Streitigkeiten  zwischen  Nationen  entstehen,
welche  von  demselben  Stamme  kommen  und  dieselbe  Sprache  reden.  Wenn
ich  nicht  nur  die  Verhältnisse  unseres  Landes,  sondern  die  allgemeine  Weltlage
  ins  Auge  fasse,  soweit  es  die  Erhaltung  des  Friedens  betrifft,  so  entgeht
  uns  nicht,  daß  eine  gewisse  Besorgnis  besteht.  Aber  dennoch  ist  nichts
zu  meiner  diplomatischen  Kenntnis  gekommen,  was  einen  Grund  für  diese
Besorgnis  bilden  könnte.  Solange  große  Nationen  enorme,  immer  an  Zahl
wachsende  Armeen  unterhalten  und  jedes  Jahr  größere  Summen  verausgaben
zur  Schärfung  ihrer  Waffen,  als  ob  jeden  Augenblick  die  Notwendigkeit  zum
Gebrauch  derselben  gegen  einander  an  sie  herantreten  könnte,  solange  die  Vervollständigung
  der  Rüstungen  anhält,  ist  es  eitel,  zu  hoffen,  daß  die  Welt
der  Segnungen  völliger  Ruhe  teilhaftig  werden  kann.  Aber  gerade  dieser
Zustand  hat  auch  seine  Kompensationen.  Die  außerordentlichen  Leistungen
der  modernen  Wissenschaft  haben  den  Zerstörungswaffen  eine  so  fürchterliche
Gewalt  verliehen,  daß  die  kleine  Schar  mächtiger  Männer,  welche  sie  in  der
Hand  haben,  sich  ernstlich  bedenken.  Sie  wissen,  daß  die  Verwüstung,  welche
auf  ein  Wort  von  ihnen  angerichtet  werden  wird,  so  furchtbar,  daß  ihre
Verantwortlichkeit  so  groß  ist,  daß  ich  fast  glauben  möchte,  daß  die  Garantien
  des  Friedens  dadurch  nicht  unbedeutend  größer  geworden  sind,  als  in
der  alten  Zeit,  wo  die  Waffen  so  schwach  waren,  der  Krieg  ein  Zeitvertreib
war  und  so  leicht  und  billig  begonnen  werden  konnte.  Mylords  und  Gentlemen!
  Ich  glaube  nicht,  daß  die  berührte  Besorgnis  begründet  ist.  Man
pflegte  früher  wohl  auszusprechen,  daß,  wenn  es  keine  Herrscher  gäbe,  die
Völker  ewig  miteinander  in  Frieden  leben  würden.  Ich  bin  überzeugt,  daß
wenigstens  heutzutage  gerade  das  Gegenteil  gilt.  Ich  glaube,  daß  jeder
Herrfhzer  und  jeder  Minister  von  Bedeutung,  jeder  Souverän,  und  ich  muß
in  erster  Linie  die  Präsidenten  von  Republiken,  wie  Präsident  Grevy  und
Präsident  Cleveland,  einschließen,  ich  glaube,  daß  alle  Souveräne  und  hervorragenden
  Minister  ohne  Ausnahme  den  tiefernsten  Feusch  der  Erhaltung
des  Friedens  hegen.  Besteht  für  die  Zukunft  eine  Gefahr,  so  rührt  sie  von
anderen  Ursachen  her,  von  den  Ausbrüchen  eines  leidenschaftlichen  und  oft
irrig  unterrichteten  Nationalgefühls  der  großen  Massen  eines  Volkes.  Wir
haben  nur  das  eine  Ziel,  die  Erhaltung  des  Friedens.  Wir  wünschen  die
Beobachtung  der  Verträge,  die  Aufrechthaltung  der  gegenwärtigen  Gruppierung
Europas,  die  Unabhängigkeit  freier  Gemeinwesen.  Dieses  sind  die  traditionellen
Bestrebungen  Englands  in  der  Vergangenheit  gewesen,  und  sie  werden  es
auch  in  der  Zukunft  bleiben,  und  in  diesem  Wunsche  wird,  meiner  Ansicht
nach,  England  nicht  allein  dastehen.  Wir  haben  kürzlich  die  Reden  ausgezeichneter
  Männer,  der  auswärtigen  Minister  Oesterreichs  und  Italiens,  gelesen
  —  zweier  Staaten,  mit  denen  wir  durch  tiefe  Sympathien  verbunden
sind  und  deren  Interessen  in  vielen  Hinsichten  genau  mit  den  unfrigen  zusammenfallen.
  Wir  haben  ihre  Reden  gelesen  —  Reden,  welche  die  Welt
zu  der  Hoffnung  ermutigt  haben,  daß  der  Friede  erhalten  bleibt,  und  wir
lauben,  daß  auch  sie  die  Ziele  verfolgen,  welche  ich  als  Ziele  der  englischen
Poritu  vorher  hingestellt  habe.  Nicht  ohne  Berechtigung,  nicht  ohne  Grund
haben  sie  die  Hoffnung  und  Ueberzeugung  ausgesprochen,  daß  sie  die  Sympathie
  Englands  auf  ihrer  Seite  haben  werden.  Ich  glaube,  daß  die  Sympathie
  Englands  bei  ihnen  sein  wird.  Aller  Einfluß,  über  den  es  gebieten
kann,  wird  denjenigen  Nationen  zufallen,  deren  Bemühungen  auf  die  Erhaltung
  der  Freiheit,  des  Rechtes  und  des  Friedens  gerichtet  sind."“
Zu  Fragen  der  inneren  Politik  übergehend,  bemerkt  der  Premier,  daß
die  Regierung  ihr  Möglichstes  gethan  habe,  gewissen  im  Parlament  eingebrachten
20“
        <pb n="326" />
        308  Großbrilannieu.  (November  9.)

Maßregeln  zur  Gesetzeskraft  zu  verhelfen;  dies  habe  sich  jedoch  als  unmöglich
erwiesen.  Gewisse  Stimmen  hätten  gesagt,  daß  von  einer  gesetzgeberischen
Thätigkeit  nicht  eher  die  Rede  sein  könne,  bis  die  irische  Frage  aus  dem
Wege  geräumt  sei,  und  zwar  in  der  Weise,  daß  Irland  Home-Rule  oder
Trennung  zugestanden  werde;  allein  Jene,  die  ihre  Hoffnungen  auf  künftige
legislative  Thätigkeit,  auf  ein  Erschlaffen  der  Anstreugungen  oder  eine  Schwächung
  des  Glanbens  Jeuer,  welche  für  die  Jutegrität  des  Reiches  eintreten,
bauten,  bereiteten  sich  nur  eine  beklagenswerte  Euttänschung.  „Unsere  Aufgabe
  ist  es“,  fuhr  der  Redner  fort,  „Gesetz  und  Ordnung  in  Irland  aufrechtzuhalten,
  und  wir  sind  entschlossen,  dieser  Aufgabe  unsere  ganzen  Anstrengungen
  und  unsere  unerschütterliche  Entschlossenheit  zu  widmen.  (Lauter
  und  anhaltender  Beifall.)  Die  neuen  Gewalten,  mit  denen  wir  betrant
wurden,  sind  erst  kaum  zwei  Monate  in  Wirkfamkeit,  und  schon  wird  mir  von
Jenen,  die  für  die  Verwaltung  Irlands  verantwortlich  sind,  versichert,  daß
eine  bemerkenswerte  Besserung  in  den  Zuständen  der  Insel  wahrzunehmen
ist.  Ich  habe  jedoch  niemals  erwartet,  daß  es  eine  leichte  Aufgabe  sein
würde,  dem  Gesetze  in  Irland  Gehorsam  zu  verschaffen.  Wir  haben  mit
Schwierigkeiten  zu  kämpfen,  welche  keine  andere  monarchische  Regierung  zu
bewältigen  haben  würde.  Wenn  früher  ein  Gesetz  angenommen  wurde,
pflegten  alle  Parteien  ihr  Haupt  zu  benugen  und  Jenen,  welche  das  Gesetz
handhaben,  loyalen  Beistand  zu  leisten.  Wir  haben  jedoch  Anzeichen  eines
Wunsches  gesehen,  die  Opposition  von  der  Tribüne  auf  die  Straßen  zu  verpflanzen,
  das  Publikum  zu  ermuntern,  den  Dienern  des  Gesetzes  Widerstand
zu  leisten.  Wenn  die  Polizei  Unrecht  thut,  kann  der  Minister,  welcher  dieselbe
  vertritt,  im  Parlament  zur  Rede  gestellt  werden;  wenn  die  Gesetze,
welche  den  Bodenbesitz  regeln,  schlecht  sind,  kaun  das  Parlament  angegangen
werden,  dieselben  zu  verbessern.  Aber  wenn  Jene,  die  im  Zaum  zu  halten
Sache  der  Polizei  ist,  darüber  urteilen  sollen,  ob  der  Polizei  Gehorsam  geleistet
  werden  soll  oder  nicht,  wenn  einer  Organisation  von  insolventen
Schuldnern  erlanbt  werden  soll,  Leuten,  die  ihre  Schuld  bezahlen  können,
zu  sagen,  ob  sie  dieselben  bezahlen  sollen  oder  nicht;  weun  solche  Dinge  existieren,
  und  von  Stimmen  von  politischem  Ansehen  unterstützt  werden,  so
mag  man  sich  darauf  verlassen;  daß  das  Uebel  nicht  auf  den  Boden  Irlands
  beschränkt  bleiben  wird.  (Beifall.)  Es  ist  gesagt  worden,  daß  Konfiskation
  ansteckend  ist.  Chrlosigkeit  ist  viel  ansteckender.  Wir  haben  in
dieser  großen  Metropole  etwas  gesehen  von  den  Ergebnissen  der  Lehren,  die
in  hohen  Kreisen  furchtlos  gepredigt  worden  sind.  Wenn  diese  Lehren  unterstützt
  werden  sollen,  würde  der  Kredit  und  das  Vertrauen,  auf  welchen,
wie  auf  zwei  Grundlagen,  das  mächtige  Gebände  unseres  Handels  und  unserer
  Industrie  errichtet  ist,  in  Trümmer  stürzen.  Die  Regierung  wird  sich
bestreben,  Irland  jene  Seguungen  der  Freiheit  und  der  Wohlfahrt  wiederzugeben,
  die  nur  der  Anerkennung  von  Verpflichtungen  und  dem  Gehorsam
  gegen  das  Geseh  entspringen  können.  Solange  wir  eine  Stimme  in
der  Angelegenheit  haben,  werden  wir  fortfahren,  wie  wir  begonnen  haben.
Wir  werden  das  Aeußerste  aufbieten,  die  Herrschaft  von  Gesetz  und  Ordnung
  in  Irland  wiederherzustellen,  und  sind  überzeugt,  daß  wir  dabei  die
Unterstützung  des  VBolkes  dieses  Landes  und  der  Bürger  von  London  haben
werden,  welche  uns  in  dem  nnternommenen  Kampfe  beistehen  werden,  sodaß
wir  ihn  zu  einem  siegreichen  Ausgange  bringen  können.  (Lanter  anhaltender
  Beifall.)  Ich  habe,  ehe  ich  schließe,  jetzt  eine  angenehme  Pflicht  zu  erfüllen,
  nämlich  Sie  zu  bitten,  auf  das  Wohl  des  Lordmayors  zu  trinken,
welcher  im  kommenden  Jahre  über  den  Geschicken  der  City  als  Symbol  des
Gesetzes  und  der  Ordunng  walten  wird,  und  in  seinem  besonderen  Falle  als
Symbol  jener  internationalen  Sympathie  mit  Gesetz  und  Ordnung,  welche
        <pb n="327" />
        Grofbritannien.  (November  13.—14.)  309

alle  Länder  gleichmäßig  durchdringt,  und  keine  Länder  tiefer  als  Belgien
und  England.“

13.  November.  (Süd--Afrika.)  Der  Kaffernhäuptling  Dinizulu
  ergibt  sich  mit  mehreren  Hundert  seiner  Anhänger  dem  britischen
  Gouverneur  Havelock  in  Ekowe.  Einige  Tage  vorher  hatte
sich  bereits  Undabuko,  der  Bruder  Ketschwayo's,  unterworfen.

13.  November.  (Sozialistenaufruhr.)  Bei  dem  Versuche
der  Sozialisten,  eine  große  Kundgebung  auf  dem  Trafalgar-Square
in  London  zu  veranstalten,  nachdem  in  den  vorhergehenden  Wochen
fortgesetzt  beunruhigende  Versammlungen  auf  dem  Platze  stattgefunden
  hatten,  sodaß  fernere  Versammlungen  daselbst  verboten  wurden,

kommt  es  zu  erbitterten  Kämpfen.

Die  zusammengerottete,  auf  50,000  Menschen  geschätzte  Menge  beginnt
die  Balustraden  gegenüber  der  National-Galerie  zu  zerstören.  4000  Schutzleuten
  gelingt  es  nur  unter  Hilfe  des  aufgebotenen  Militärs,  den  Platz  zu
umzingeln  und  zu  säubern,  wobei  400  Personen  verhaftet  —  darunter  das
sozialistische  Parlamentsmitglied  Burns  —  und  über  100  auf  beiden  Seiten
verwundet  werden.  Auch  in  nächster  Nähe  des  Parlaments  an  der  Westminsterbrücke
  findet  ein  Zusammenstoß  zwischen  starker  Polizeimacht  und
winer  gtwat  8000  Köpfe  starken  Volksmasse,  welche  dem  Trafalgar  Sauare
zuzieht,  statt.

In  der  Voraussicht  von  Wiederholungen  der  Unruhen  lassen  die  .
lizeirichter  in  allen  Teilen  der  Stadt  20,000  Spezial-Konstabler  in  den  folgenden
  Tagen  vereidigen,  doch  finden  ernstere  Ruhestörungen  nicht  mehr  statt.

14.  November.  Gladstone  beantwortet  eine  Resolution  des
radikalen  Klubs  zu  Bermondsey  gegen  das  Vorgehen  der  Polizei  bei
der  Kundgebung  des  vorhergehenden  Tages  in  London  mit  einer
Zuschrift,  in  der  es  u.  a.  heißt:

„Wie  ich  die  Sache  verstehe,  erklärte  der  Minister  des  Innern  am
Sonnabend  für  die  Information  des  Publikums,  daß  er  beabsichtigt,  die
für  Sonntag  in  Aussicht  genommene  Versammlung  auf  Trafalgar  Sauare
zu  verhindern,  und  daß  er  den  Glauben  ausdrückte,  diese  Verhinderung  sei
innerhalb  seiner  legalen  Gewalt.  Die  Frage  ist  von  großer  Wichtigkeit  für
die  Einwohner  Londons  und  besonders  für  jene,  die  sich  gegenwärtig  unglücklicherweise
  in  notleidenden  Umständen  befinden,  und  es  wird  allgemein
empfunden  werden,  daß  der  Stand  des  Gesetzes  mit  Bezu  darauf  prompt
geprüft  und  ermittelt  werden  sollte.  Es  erscheint  mir  jedoch  als  unbestritten,
daß  es  bis  zur  Erlangung  einer  Entscheidung  die  Pflicht  eines  jeden  Bürgers
  ist,  abzustehen  von  jedem  Widerstand  gegen  die  Entscheidung  der  Vollzugsregierung,
  welche  klar  befugt  ist,  die  Gesetze  in  dem  Sinne  zu  handhaben,
der  als  deren  richtige  Auslegung  ihr  angeraten  worden  sein  mag.  Eine
solche  Enthaltsamkeit  geziemt,  wie  ich  glaube,  dem  hohen  Charakter  Londons
für  die  Aufrechthaltung  der  öffentlichen  Ordnung,  sowie  der  Achtung,  die
wir  sowohl  dem  Gesetze  als  der  Weise  schulden,  in  welcher  es  in  der  Regel.
angewendet  wird,  nämlich  vermittelst  der  bewundernswerten  Politei  der
Hauptstadt.  Ich  muß  jedoch  hinzufügen,  daß  die  Berufung  an  das  Parlament
  und  die  Nation  über  die  ernsten  und  feierlichen  Fragen,  die  jetzt  durch
das  Vorgehen  der  Regierung  in  Irland  angeregt  find,  ein  unglückliches  Vor-
        <pb n="328" />
        310  Greßbritaunien.  (November  14.  —  Dezember  19.)

urteil  erleiden  würde,  wenn  fie  von  denjenigen,  welche  die  Berufung  einlegen,
in  irgendeiner  Weise  mit  hauptstädtischen  Ruhestörungen  in  Verbindung  gebracht
  wird."“

14.  November.  (Irland.)  Acht  von  mehreren  Mufikkapellen
begleitete  Deputationen  besuchen  den  Parlamentsabgeordneten  Pyne,
welcher  sich  der  gerichtlichen  Verfolgung  wegen  Aufreizung  entzogen,
und  die  dem  Herzog  v.  Devonshire  gehörige  Schloßruine  Lisfinny,
nachdem  er  dieselbe  stark  befestigt,  zum  freiwilligen  Verbannungsorte
gewählt.

Pyne  begrüßt  von  einem  90  Fuß  hohen  Fenster  seine  Freunde  und
läßt  sich  dann  an  der  anderen  Seite  an  einem  Seile  herunter,  worauf  er
die  ihm  zugedachten  Adressen  in  Empfang  nimmt.  In  seiner  kurzen  Ansprache
bemerkt  er,  die  Polizei  solle  es  nur  versuchen,  den  100  Fuß  hohen  steilen
Felsen  hinaufzuklettern.  Er  habe  vor  allem  Tabak  für  3  Monate  und
dann  werde  das  Parlament  eröffnet.

21.  November  bzw.  22.  Dezember.  (Irische  Dynamitverschwörer.)
  Beginn  eines  langandauernden  Prozeßverfahrens  gegen
zwei  aus  Amerika  herübergekommene  Iren,  welche  zur  Zeit  des  Jubiläums
  der  Königin  ein  Dynamitattentat  vorbereitet  und  auch  nachher
  dem  Staatssekretär  für  Irland,  Lord  Balfour,  nach  dem  Leben
getrachtet  hatten.

Es  werden  in  der  Wohnung  der  Verschwörer  80  Pfund  Dynamit
aufgefunden.  Die  Untersuchung  nimmt  immer  größere  Dimensionen  an.  Am
W—J3  wird  mit  einem  weitern  Angeschuldigten  auch  General  Millon
verhaftet.

29.  November.  (Liberale  Unionisten.)  In  Dublin  findet
unter  Göschens  und  Lord  Hartingtons  Leitung  eine  überaus
stark  besuchte  Versammlung  statt,  welche  die  beiden  Parteiführer
enthusiastisch  begrüßt  und  eine  großartige  Kundgebung  zu  Gunsten
der  Aufrechterhaltung  der  irisch-englischen  Union  gegen  die  Agitation
Gladstones  darstellt.

2.  Dezember.  (Irland.)  Der  Lordmayor  und  Unterhausabgeordnete
  von  Dublin,  Sullivan,  wird  zu  2  Monaten  Gefängnis
verurteilt  (vgl.  6.  bzw.  31.  Oktober).

Auch  im  Dezember  wird  das  scharfe  gerichtliche  Einschreiten  gegen
die  irischen  Agitatoren  fortgesetzt.  U.  a.  werden  das  Unterhausmitglied
Sheery  und  der  Priester  Ryan  am  21.  wegen  Aufreizung  zu  1  Monat  Gefängnis
  verurteilt.

19.  Dezember.  Die  seit  dem  24.  November  zu  London  tagende
internationale  Zuckerkonferenz  unterzeichnet  das  Protokoll,
welches  auf  Abschaffung  der  Zuckerprämie  gerichtet  ist.

Vertreten  sind  auf  der  Konferenz:  Deutschland,  Oesterreich,  Belgien,
        <pb n="329" />
        Großbritannien.  (Dezember  19.)  311

Brasilien,  Dänemark,  Frankreich,  Holland,  Rumänien,  Rußland,  Spanien,
Schweden  und  England.

Die  Konferenz  setzt  einen  Ausschuß  nieder,  welcher  aus  den  Vertretern
Deutschlands,  Oesterreichs,  Frankeichs,  Englands  und  Belgiens  besteht  und
gegen  den  anfänglichen  Widerspruch  Frankreichs  die  Empfehlung  eines  Steuersystems
  an  die  Regierungen  empfiehlt,  wonach  der  Zucker  unter  Aufsicht  von
Staatsbeamten  hergestellt  und  raffiniert  wird,  während  die  Besteuerung  erfolgt,
  wenn  der  Zucker  zum  Gebrauch  gelangt.  Das  System  der  Aussuhr-Prämie
  wäre  damit  aufgehoben.
        <pb n="330" />
        VI.
Frankreich.

1.  Januar.  (Friedensstimmung.)  Beim  Neujahrsempfange
erwidert  Ministerpräsident  Goblet  dem  Präsidenten  der  Syndikatskammer
  der  Wechselagenten,  welcher  der  Hoffnung  auf  Erhaltung
des  Friedens  im  Interesse  des  Geschäftsverkehrs  Ausdruck  giebt:

„Ich  kenne  nichts,  die  Regierung  kennt  nichts,  was  in  unseren  Beziehungen
  zu  den  fremden  Mächten,  ich  sage:  allen  Mächten,  zu  der  Vermutung
  Anlaß  geben  könnte,  daß  Ihre  eben  geäußerten  Besorgnisse  berechtigt
  wären.  Was  uns  betrifft,  so  wollen  wir,  wie  mein  ausgezeichneter
Vorgänger  noch  kürzlich  in  der  Kammer  betonte,  den  Frieden.  Wir  bedürfen
seiner  nicht  nur  für  die  Geschäfte,  sondern  auch,  um  den  regelmäßigen  Gang
des  freiheitlichen  und  demokratischen  Régime's,  das  wir  gegründet  haben,
in  unserem  Lande  zu  sichern.  Wir  wollen  den  Frieden.  Wir  haben  dies
nun  schon  oft  genug  gesagt,  um  jede  Wiederholung  überflüssig  zu  machen.
Niemand  kann  an  unserer  Aufrichtigkeit  zweifeln,  und  gewiß  thut  dies  auch
Niemand.  Wahr  ist  freilich,  daß  ganz  Europa  auf  dem  Fuße  einer  Art
bewaffneten  Friedens  lebt,  und  daß  ein  solcher  Zustand  gewisse  sorgenvolle
Augenblicke  der  öffentlichen  Meinung  erklärt.  Dieser  Zustand  ist  einmal
da;  es  hängt  nicht  von  uns  ab,  ihm  ein  Ende  zu  machen.  Die  Regierung
hat  keinen  Grund,  zu  glauben,  daß  der  Krieg  daraus  hervorgehen  müßte;
sie  hofft  fest  das  Gegenteil,  und  ihre  ganze  Politik  bewegt  sich  in  diesem
Sinne.  Doch  ist  auch  der  Krieg  eine  Eventualität,  welcher  eine  große  Nation,
wie  die  unserige,  ausgestattet  mit  Lebenskraft  und  Energie,  die  Frankreich
niemals  verlassen  haben,  nach  fünfzehnjähriger  Mühe  und  Arbeit  für  die
Wiederherstellung  ihrer  Militärmacht,  kaltblütig  ins  Auge  fassen  kann  und
darf.  Das  beste  Mittel,  den  Frieden  zu  erhalten,  ist,  die  Ruhe  zu  wahren.
Lassen  Sie  uns  Alle  miteinander  unserer  Aufgabe  obliegen.  Während  wir
bemüht  sind,  der  Regierung  mehr  Beständigkeit  zu  verleihen,  während  die
Ministerien  des  Krieges  und  der  Marine  ohne  Unterlaß  über  die  Verteidizung
  des  Landesgebietes  wachen,  fahren  Sie,  meine  Herren,  fort,  durch  den

yalen  Beistand,  den  Sie  den  Finanzoperationen  leihen,  den  Kredit  und
den  Wohlstand  Frankreichs  zu  erhalten.

Anf.  Januar.  (Verkehrsrückgang.)  Die  Uebersicht  der
Einnahmen  der  französischen  Eisenbahnen  ergiebt  für  das  Jahr  1886
eine  Gesamteinnahme  der  6  großen  Eisenbahngesellschaften  des  Landes
  von  933.971,619  Franken,  d.  i.  um  25.220,827  Fr.  weniger
        <pb n="331" />
        fra#kreich.  (Januar  Anf.—5.)  313

als  im  Vorjahre.  Seit  1888  hat  der  Rückgang  jährlich  zwischen
25  und  30  Millionen  betragen,  sodaß  das  Jahr  1886  gegen  1882
um  mehr  als  100  Millionen  zurücksteht  und  der  Bürgzuschuß  des
Staats  für  1886  auf  120  Millionen  gegen  26  Millionen  im  Jahre
1882  veranschlagt  wird.  Dabei  haben  die  Gesellschaften  1886  nur
150  Millionen  auf  Neubauten  verwandt  statt  der  250  Millionen,
zu  denen  sie  das  Abkommen  mit  dem  Staate  verpflichtet.  Eine
namhafte  Mehreinnahme  hat  nur  die  Staatsbahn  in  Höhe  von
-.  456,011  Fr.  erzielt,  doch  nur  durch  künstliche  Ablenkung  des  Verkehrs
  an  einzelnen  Hauptdurchgangspunkten  von  den  kürzesten  Linien.

Anf.  Januar.  (Rückgang  der  Staatseinnahmen.)  Die
Einnahmen  des  Staatsschatzes  im  Jahre  1886  betragen  34¼  Millionen
  Franken  weniger  als  1885  und  sind  um  72¾  Millionen
hinter  dem  Voranschlage  zurückgeblieben.  15.200,000  Fr.  an  fälligen
Steuerbeträgen  waren  nicht  einzutreiben.

Januar.  (Militärische  Rüstungen.)  In  Dänemark  werden
  auf  den  großen  Pferdemärkten  in  Randers  und  Horsens  starke
Pferdeankäufe  bewirkt,  ebenso  in  den  norddeutschen  Küstenlandschaften.
  Es  wird  verbreitet,  daß  ein  Teil  der  Pferde  für  die  Pariser
Straßenbahn  bestimmt  sei.

Der  Kriegsminister  beschließt,  die  Festungen  der  Ostgrenze,
namentlich  Toul  und  Verdun,  bedeutend  zu  verstärken.

In  Deutschland,  namentlich  in  Elsaß-Lothringen,  werden
starke  Ankäufe  von  Brettern  zu  Barackenbauten  für  die  Unterbringung
von  Truppen  in  den  östlichen  Garnisonen  gemacht.  Anf.  Februar
meldet  der  „Temps“,  daß  die  Barackenbauten  in  Nanch,  St.  Dié,
Bruyeres  und  Epinal  fast  vollendet  seien.

Große  Mengen  von  Melinitbomben  werden  angefertigt  und
in  Bourges  Schießversuche  gegen  eigens  zu  diesem  Zwecke  ausgeführte
Festungsbauten  angestellt.

5.  Januar.  Prinz  Viktor  Bonaparte  antwortet  dem
„Verein  der  Berufung  an  das  Volk“  auf  eine  zum  Neujahrsfeste
an  ihn  gerichtete  Huldigungsadresse  mit  nachfolgendem  Schreiben
aus  Brüssel:

„Meine  Herren!  Sie  haben  recht,  wenn  Sie  Vertrauen  in  das  Kaiserreich
  haben.  Das  parlamentarische  Regiment  hat  seine  Machtlosigkeit  bewiesen.
  Nur  eine  starke,  aus  der  Demokratie  hervorgegangene  Regierung  kann
Frankreich  wieder  erheben  und  es  vor  den  drohenden  Gefahren  bewahren.
Sie  haben  diese  Anschauung  immer  verteidigt:  sie  dringt  heute,  dank  Ihren
Bemühungen,  in  die  neuen  Geschlechter  ein,  die  beriheen  sein  werden,  die
Uebel  der  Gegenwart  wieder  gut  zu  machen  und  die  Zukunft  zu  sichern."
        <pb n="332" />
        314  Krankreich.  (Januar  7.  11.)

7.  Januar.  In  Paris  wird  ein  deutscher  Sozialistenklub
  —  der  erste  ausländische  —  gegründet.

9.  bzw.  10.  Januar.  (Bulgarien.)  Bei  dem  Empfange
der  bulgarischen  Abordnung  durch  den  Minister  des  Auswärtigen,
Flourens,  schildert  Grekow  die  Schwierigkeiten  der  Regentschaft:

Bulgarien  sei  um  seinen  Bedrängnissen  zu  entrinnen  zu  allen  Zugeständnissen
  bereit,  wenn  nur  die  Unabhängigkeit  im  Innern  ihm  gewahrt
bleibe;  die  Kandidatur  des  Mingreliers  könne  nicht  angenommen  werden,
da  sie  dem  Lande  keine  Gewähr  für  die  Freiheit  und  die  Beständigkeit  der
Verhältnisse  biete.

Flourens  erwidert:  Er  habe  die  Abordnung  in  Privateigenschaft
empfangen,  weil  er  in  keinem  Grade  ihr  einen  regelrechten  Auftrag  zuzugestehen
vermöge.  Bulgarien  habe  die  innere  Unabhängigkeit,  aber  in  den  internationalen
  Beziehungen  hänge  es  von  der  Pforte  ab,  welche  allein  das  Recht
habe,  in  seinem  Namen  zu  reden.  Frankreich  habe  zu  viel  Achtung  vor
den  Verträgen  und  wünsche  zu  sehr,  die  Integrität  des  osmanischen  Reiches
zu  wahren,  als  daß  es  diese  Regel  verletzen  könnte.  Indeß  habe  er  die
Herren  Stoilow,  Grekow  und  Kaltschew  gern  als  Privatmann  empfangen
und  vernehmen  wollen;  er  bedaure  aufrichtig  die  peinliche  Lage  ihres  Landes,
aber  glaube,  das  beste  Mittel  zur  Ueberwindung  der  erwähnten  Schwierigkeiten
  würde  sein,  den  Gefühlen  Rußlands  entschieden  Rechnung  zu  tragen,
dem  Bulgarien  seine  Existenz  verdanke,  und  sogar  einige  Zugeständnisse  in
diesem  Interesse  zu  machen.  Uebrigens  habe  man  sich  noch  über  keine  Kandidatur
  anszulassen;  der  Augenblick  dazu  würde  verfrüht  sein,  aber  es  sei
vielleicht  bedauernswert,  daß  die  mingrelische  Kandidatur  von  der  Regentschaft
  in  zu  unbedingter  Weise  zurückgewiesen  worden.  Welche  Sympathie
schließlich  Bulgarien  auch  verdiene,  so  müsse  Frankreich  doch  vorzüglich  auf
das  allgemeine  Interesse  Europas  bboht  sein,  welches  der  Friede  sei,  und
in  dieser  Hinsicht  könne  es  nur  die  raschesten  und  sichersten  Mittel,  um  zur
Lösung  zu  gelangen,  empfehlen.

Tags  darauf  empfängt  auch  der  Ministerpräsident  Goblet
die  Abgesandten  in  nicht  amtlicher  Weise  und  in  sehr  kurzer  Audienz;

er  erklärt:

Er  habe  den  Ausführungen  Flourens'  nichts  hinzuzufügen.  Frankreich
habe  Sympathie  für  die  Freiheit  der  Nationen,  es  müsse  aber  vor  Allem
seine  eigenen  Interessen  in  Rechnung  ziehen  und  habe  überdies  kein  besonderes
  Interesse,  durch  das  sich  eine  Intervention  Frankreichs  bei  den  bulgarischen
  Angelegenheiten  würde  erklären  lassen.  Frankreich  dürfte  nicht  die
Bande  außer  Acht  lassen,  welche  Bulgarien  mit  denjenigen  Mächten  verknüpfe,
  mit  denen  Frankreich  in  freundschaftlichen  Beziehungen  stehe.  Er  könne
nur  die  schnelle  und  günstige  Lösung  einer  Situation  wünschen,  welche  gegenwärtig
  für  ganz  Europa  die  Ursache  von  Störungen  und  Beunruhigungen  sei.

11.  Januar.  Eröffnung  der  Kammern  zur  ordentlichen

Session  für  1887.

In  der  Deputiertenkammer  wird  das  alte  Präsidium:  Floquet  als
Präsident;  Delaforge,  Lefevre,  Pyat  und  Kasimir  Perier  als  Vizepräfidenten
wiedergewählt.

Auch  der  Senat  wählt  das  alte  Präfidium:  Le  Royer  als  Präfidenten;
Peyrat,  Humbert,  Teisserene  de  Bort  und  Magin  als  Vizepräsidenten.
        <pb n="333" />
        Frankreich.  (Jannar  12.)  315

In  der  Eröffnungsansprache  des  Senats  äußert  der  Alterspräsident
  Carnot  u.  a.  unter  lebhaflem  Beisalle:

„Indem  Frankreich  sich  als  ein  Kolonialreich  ausbildet,  ist  es  seinen
Ueberlieferungen  treu  und  handelt  es  kraft  der  Notwendigkeiten  der  Gegenwart.
Frankreich  will  keine  Eroberung,  doch  es  weichi  dem  unwiderstehlichen  Bedürfnisse
der  Ausdehnung  seiner  Arbeit.  Zwei  Bedingungungen  sind  notwendig,  um  Vertrauen
  zu  den  fernern  Unternehmungen  einzuflößen,  nämlich  Stetigkeit  im  Innern
  und  Frieden  mit  dem  Anslande  —  Stetigteit?  Sie  hängt  von  unsern  Entschlüssen
  ab  —  Frieden?  Wäre  die  allgemeine  Gedrücktheit,  die  wir  beklagen,  nicht
grade  ein  Grund,  daran  zu  glanben?  Ein  KRrieg  dagegen  würde  dieselbe  noch  vergrößern,
  das  wissen  die  Bölker  ebensogut  wie  die  Regierungen,  und  die  Regierungen
  sind  gegenwärtig  gezwungen,  mit  den  Völkern  zu  rechen.  Hofften
sie  die  Völker  zu  mißbrauchen,  indem  sie  ihnen  Frankreich  als  ungeduldig
zu  einem  Kampfe  zeigten?  Dieser  Kunstgriff  kann  über  einige  parlamentarische
  Bedenklichkeiten  den  Sieg  erringen,  aber  Frankreich  ist  das  Land  des
gesunden  Menschenverstandes,  wo  der  Volksgeist  nicht  durch  Furcht  vor  dem
Fremden  umgestimmt  zu  werden  brancht.  Dieser  Volksgeist  fußt  auf  der
gegenfeitigen  Liebe  der  Bürger.  Man  kennt  sogar  in  Frankreich  nicht  einmal,
  wie  anderwärts,  eine  Militärpartei.  Die  französische  Armee  ist  wesentlich
  ein  Zivilkorps,  und  sie  wünscht,  nicht  nötig  zu  werden.  Wenn  indessen
ein  Ereignis  diese  Wünsche,  welche  auch  die  unsern  sind,  als  trügerisch  zeigen
sollte,  so  würde  unsere  Armee  zeigen,  daß  sie  ihre  Zeit  seit  fünfzehn  Jahren
nicht  verloren  hat  und  daß  sie  den  mächtigsten  Gegnern  die  Spitze  bieten
kann,  und  wir  wissen  auch,  daß  die  Nation,  aus  der  sie  unanfhörlich  heraustritt,
  um  in  dieselbe  mit  erlangter  Unterweisung  zurückzutreten,  republikanische
  Legionen  erzeugen  würde,  ähnlich  denen,  die  Frankreich  vor  nun  einem
Jahrhundert  erweckte."

12.  Januar.  (Anarchistenprozeß.)  Bei  der  Gerichtsverhandlung
  gegen  den  wegen  Mordversuches,  Brandstiftung  und  Einbruchs
  angeklagten  Anarchisten  Duval  in  Paris  ereignet  sich  ein

heftiger  Skandal.

Zu  Beginn  der  Gerichtsverhandlung  ruft  Duval  dem  Gerichtsvorsitzenden
  zu:  „Sie  waren  gestern  empörend  parteilich,  trachten  Sie  sich  heute
zu  bessern.“  Nach  der  Rede  des  Verteidigers  sagt  Duval:  „Ich  bin  kein
Dieb,  sondern  ein  Rebell,  kein  Angeklagter,  sondern  Ankläger.  Wollen  Sie
ein  Anarchistenhaupt  Gut,  nehmen  Sie  meines.  Sie  sind  die  Gewalt,
ich  bin  das  Recht  und  fordere  von  der  Bourgeoisgesellschaft  Rechenschaft.
Wir  fehen  Diebstahl  als  Rückerstattung  an.  Indem  ich  das  Hotel  der  Frau
Lemaire  plünderte,  wie  Sie  sich  ausdrücken,  gab  ich  dem  Volke  eine  Unterweisung
  in  der  Propaganda  durch  die  That.  Sie  verfolgen  mich  wegen  meiner  politischen
  Meinungen.“  Vom  Vorsitzenden  zurechtgewiesen,  ruft  Duval:  „Hoch  lebe
die  Anarchie!  Hoch  die  soziale  Nevolution!  Ich  werde  Sie  in  die  Luft  sprengen!  Sie
zittern  auf  Ihren  alten  Schienbeinen!“  Der  Gerichtshof  verfügt  seine  Abführung,
er  heult  und  tobt;  die  als  Zuhörer  anwesenden  Mitglieder  der  Anarchiftengeseslschaften
  „Der  Pauther  von  Batignolles“  und  die  „Enterbten  von  Clichy“

rechen  in  wüstes  Geschrei  aus  und  versuchen,  auf  den  Gerichtshof  loszugehen.
  Eine  allgemeine  Prügelfzene  ersolgt.  Die  Anarchisten  werden  von
den  Polizeisoldaten  hinausgeworfen  und  draußen  verhaftet,  jedoch  Abends
wieder  freigelassen.  Duval  verurteilen  die  Geschworenen  zum  Tode;  derfelbe  wird
aber  Ende  Februar  zur  allgemeinen  Ueberraschung  von  Grevn  auf  Empfehlung  des
Iustizministeriums  zu  lebenslänglicher  Zwangsarbeit  begnadigt,  weil  seine
        <pb n="334" />
        316  Frankreich.  (Januar  13.—14.)

Handlung  aus  seiner  anarchistischen  Ueberzeugung  entsprungen  sei.  Duval
nimmt  diese  Verkündigung  mit  zynischer  Ruhe  entgegen  und  bemerkt:  „Nun,
der  Pere  Gréoy  muß  eine  Nase  gemacht  haben  als  er  die  Unterschrift  auf  das

Papier  setzte!“
13.  Januar.  (Budget.)  Finanzminister  Dauphin  legt  der
Deputiertenkammer  den  neu  ausgearbeiteten  Budgetentwurf  für  1887

vor.  (Vgl.  Gesch.  Kal.  1886  XI,  18.—19.)

Derselbe  hält  alle  von  der  Kammer  bereits  bewilligten  Kapitel  aufrecht,
  doch  mit  dem  Vorbehalt  von  den  Kammern  die  Wiederherstellung  gewisser
  Abstriche  und  die  Verminderung  anderer  Kapitel  zu  fordern,  dagegen
unterdrückt  er  alle  vorgeschlagenen  Steuererhöhungen  und  ermäßigt  dafür
das  Amortisationskonto  für  fällige  kurzfristige  Obligationen  von  100  auf
25  Millionen  und  schlägt  vor,  an  Stelle  der  übrigen  75  Millionen,  und
zur  weiteren  Ausgleichung  des  Budgets  3prozentige,  in  66  Jahren  amortisierbare
  Obligationen  auszugeben.  Das  außerordentliche  Budget  wird  beibehalten;
  das  der  öffentlichen  Arbeiten  wird  von  70  auf  55  Millionen  herabgesetzt,
  für  das  Kriegsdepartement  werden  jedoch  86  Millionen  Extrabewilligungen
  verlangt.

In  dem  Motivenbericht  wird  darauf  hingewiesen,  daß  es  im  Interesse
  der  Sicherheit  des  Landes  notwendig  sei,  nach  und  nach  mit  der  Umarbeitung
  der  Waffen  und  mit  der  Vervollständigung  des  Verteidigungssystems
  Frankreichs  vorzugehen.  Von  den  geforderten  86  Millionen  sollen
71  Millionen  zur  Anfertigung  neuer  Waffen  und  15  Millionen  zum  Bau
von  Kasernen  und  zu  Befestigungsarbeiten  verwendet  werden.  Für  die  gesamte
  Forderung  des  außerordentlichen  Budgets  in  Höhe  von  141  Millionen
und  zur  Bestreitung  der  Vorschüsse  an  die  Eisenbahnen  sollen  ebenfalls  Obligationen
  der  bezeichneten  Art  ausgegeben  werden,  sodaß  im  Ganzen  279  Millionen
  neue  Schuldverschreibungen  erforderlich  sind.  Dieselben  sollen  aber
nicht  im  Wege  der  Zeichnung,  sondern  vom  Staatsschatze  je  nach  Bedürfnis
ausgegeben  werden.

Soubeyran  beantragt  die  Verweisung  der  Forderung  für  das  Kriegsdepartement
  an  einen  Sonderausschuß;  der  Kriegsminister  habe  schon  von
dem  Anlehen  von  900  Millionen  110  Millionen  erhalten.  Dauphin:
„Das  war  der  Rest  der  zweiten  Abwickelungsrechnung.“  Soubeyran:
„Der  Name  ist  Nebensache;  jedenfalls  hat  der  Kriegsminister  genug  Geldmittel.“
  Die  Kammer  lehnt  Soubeyrans  Antrag  ab  und  verweigert  einem
Antrage  Boyers  die  Dringlichkeit,  nach  welchem  der  Minister  des  Aeußern
ersucht  werden  sollte,  eine  internationale  Entwaffnungs-Konferenz
einzuberufen.

14.  bzw.  29.  Januar.  (Kultusbudget.  Skandalszene.)
Der  Budget-Ausschuß  der  Deputiertenkammer  lehnt  die  Kredite  für
Besoldung  der  Kanoniker  und  zur  Unterstützung  der  französischen
Geistlichkeit  in  Algerien  und  Tunis  ab,  genehmigt  dagegen  die  für
die  protestantischen  Fakultäten  und  die  protestantischen  und  jüdischen
Seminare.

Bei  der  Beratung  in  der  Kammer  verwirft  der  Radikale
Pichon  den  Beschluß  des  Ausschusses  und  beantragt  Streichung
sämtlicher  Posten  des  Kultusbudgets.  Minist.-Präs.  Goblet  giebt

folgende  Erklärung  ab:
        <pb n="335" />
        Kr##treich.  (Januar  17.)  317

Eine  so  wichtige  Reform,  wie  die  Aufhebung  des  Kultusbudgets,
kann  nicht  im  Wege  einer  einfachen  Kreditverweigerung  beschlossen  werden.
Wenn  das  Konkordat  gekündigt  würde,  so  wären  damit  auch  die  Besoldungen
der  Geistlichkeit  gekündigt;  denn  diese  sind  das  Entgelt  für  die  Erfüllung
eines  öffentlichen  Amtes,  das  mit  dem  Konkordat  hinfällig  würde.  Man
behauptet,  das  Konkordat  habe  zu  bestehen  aufgehört,  weil  es  nicht  mehr
so  angewendet  wird,  wie  im  Anfang.  Das  Band  besteht  aber  immer  fort,
und  das  Konkordat  wird  in  seinen  wesentlichen  Teilen  auch  jetzt  noch  durcheführt.
  Uebrigens  ist  heute  kein  Grund  mehr  vorhanden,  die  Frage  anläßich
  des  Kultusbudgets  zu  erörtern,  da  ein  besonderer  Ausschuß  sich  mit  der
Aufhebung  des  Konkordats  beschäftigt.  Von  der  Kammer  hängt  es  ab,  die
Stunde  der  Trennung  der  Kirche  vom  Staate  zu  beschleunigen.  Allerdings
ist  die  Lage  eine  mehr  und  mehr  gespannte,  und  nahm  die  katholische  Geistlichkeit
  an  den  Wahlen  von  1885  einen  Anteil,  der  in  einzelnen  Fällen
Strafmaßregeln  veranlaßte.  Eine  freisinnige  Lösung,  wie  die  Trennung  der
Kirche  vom  Staate,  erschiene  mir  höchst  wünschenswert;  aber  es  fragt  sich
nur  immer,  ob  der  Augenblick  schon  gekommen  ist.  Vielleicht  verschulden  es
gerade  die,  welche  am  meisten  dafür  zu  thun  wähnen,  daß  die  Neuerung  in
der  öffentlichen  Meinung  noch  nicht  größere  Fortschritte  gemacht  hat.  Sie
sind  zu  heftig,  stoßen  Drohungen  aus  und  rufen  dadurch  den  Eindruck  wach,
als  wollten  sie  die  Gewissensfreiheit  bedrängen.  Durch  die  Aufhebung  des
Kultusbudgets  würde  man  noch  keineswegs  den  Sinn  der  großen  Mehrheit  des
Landes  ändern,  welche  für  die  Hauptereignisse  des  Lebens  die  kirchliche  Weihe
für  notwendig  oder  für  wohlanständig  hält  und  die  Entstaatlichung  der
Kirche  verdammen  wird,  wenn  diese  ihr  die  Mittel  entzieht,  die  Kinder  taufen
  die  Ehen  einsegnen,  ihre  Toten  nach  altem  Brauch  bestatten  zu  lassen.

it  der  angestrebten  Maßregel  müßte  die  Einführung  neuer  Zustände,  welche
die  Gewissens=  und  Kultusfreiheit  sicherten,  Hand  in  Hand  gehen,  und  daran
denken  die  heutigen  Bilderstürmer  nicht  genug,  ja  gar  nicht.  Solange  aber
eine  Majorität  dieser  Frage  nicht  volle,  unparteiische  Beachtung  schenkt,  kann
von  der  Reform  nicht  ernstlich  die  Rede  sein.“

Hierauf  wird  der  Antrag  Pichons  mit  340  gegen  180  Stimmen
  und  der  der  Kommission  mit  301  gegen  208  Stimmen  abgelehnt
  und  die  Regierungsvorlage  angenommen.

Während  der  Sitzung  wird  der  Abg.  Dreyfus  von  einem
Journalisten  Rabuel  im  Vorsaale  ins  Gesicht  geschlagen,  weil  er
diesen  öffentlich  einen  Agenten  Soubeyrans  (des  Präsidenten  der
Banque  d'Escompte)  genannt  habe;  Dreyfus  zieht  einen  Revolver
hervor,  wird  aber  von  den  Dienern  des  Hauses  am  Schießen  gehindert,
  Rabuel  verhaftet.

17.  Januar.  (Angriff  auf  das  Ministerium.)  Bei  der
Beratung  des  Budgets  für  das  Ministerium  des  Innern  in  der
Deputiertenkammer  beantragt  Achard  (radikal)  die  Herabsetzung  der
Forderung  für  die  geheimen  Fonds  von  2.000,000  auf  700,000  Fr.

Ministerpräsident  Goblet  erklärt,  die  geheimen  Fonds  seien  notwendig;
  unter  einer  freiheitlichen  Regierung,  welche  den  Gegnern  freies  Spiel
lasse,  sei  eine  geheime  Polizei  wichtig,  je  mehr  die  Regierung  der  Vorbeugungsmittel
  entbehre,  desto  mehr  habe  sie  das  Bedürfnis,  zu  wissen,  was
von  den  Gegnern  wider  sie  angezettelt  werde,  die  nicht  in  Frankreich  seien,
        <pb n="336" />
        318  Fraukreiij.  (Januar  20.  —30.)

doch  deren  Geld  in  Frankreich  eindringe.  Goblet  erklärt  sich  zugleich  gegen
eine  Beaufsichtigung:  die  Bewilligung  der  geheimen  Fonds  sei  eine  persönliche
  Vertrauensfrage  für  den  Minister,  der  sie  verlange.

Bei  der  Abstimmung  fällt  der  Antrag,  indem  273  Abgeordnete
  dagegen  und  220  dafür  stimmen.  Die  Abstimmung  fällt  nur
dadurch  zu  Gunsten  der  Regierung  aus,  daß  die  äußerste  Linke,  die
anfangs  für  den  Antrag  Achard  zu  stimmen  beschlossen  hatte,  im
letzten  Augenblicke  zu  Gunsten  des  Ministeriums  umschwenkt.

In  derselben  Sitzung  aber  erleidet  das  Ministerium  dadurch
zugleich  eine  Niederlage,  daß  zum  Budget  des  Innern  ein  von
Goblet  lebhaft  bekämpftes  Amendement  mit  316  gegen  225  Stimmen
angenommen  wird.

20.  Januar.  (Tonking.)  Oberst  Brissaud  nimmt  in
der  Nacht  die  verschanzte  Stellung  von  Mikan  der  Aufständischen
der  Provinz  Than--Hoa  ohne  Verlust;  der  der  Aufständischen  wird
auf  500  an  Toten  und  Verwundeten  angegeben.

Anf.  Januar  hatte  sich  in  Than-Hoa  eine  starke  Schaar  von  Unzufeiedenen
  gesammelt  und  eine  verschanzte  Stellung  eingenommen.  Zwei  Veruche
  der  Franzosen,  sie  daraus  zu  vertreiben,  blieben  erfolglos,  die  Angreifer
wurden  mit  einem  Verluste  von  4  Offizieren,  20  französischen  und  35  tonkinesischen
  Soldaten  zurückgeschlagen.

21.  bzw.  22.  Januar.  (Budget.)  Der  Budgetausschuß  lehnt
mit  18  gegen  6  Stimmen  den  Budgetentwurf  Dauphins  ab  und
beschließt  die  Ausgabe  von  167  Millionen  in  6  Jahren  amortisierbarer
  Obligationen,  wovon  86  Millionen  zur  Deckung  der  Forderungen
  des  Kriegsministers,  26  für  das  Marine=  und  55  für  das
Budget  der  öffentlichen  Arbeiten  bestimmt  werden.

Darauf  beschließt  am  folgenden  Tage  der  Ministerrat,  das
Projekt  des  Finanzministers  fallen  zu  lassen  und  die  Kommissionsbeschlüsse
  anzunehmen.  Dagegen  stimmen  der  Ministerpräsident,  der
Finanzminister  und  der  des  Aeußern,  dafür  die  Minister  des  Kriegs,
der  Marine,  des  Ackerbaus,  des  Unterrichts  und  der  Post;  abwesend
sind  der  Justiz=  und  der  Handelsminister.  Noch  am  20.  hatte  ein
Ministerrat  die  Aufrechterhaltung  des  ministeriellen  Budgets  gegenüber
  der  Kommission  beschlossen.

30.  Januar.  (Anarchisten.)  Die  Pariser  Anarchisten  halten
gleichzeitig  3  Versammlungen  ab.

Zwei  derselben  fassen  Beschlüsse  gegen  die  Verurteilung  des  Räubers
und  Brandstifters  Duval  und  der  sieben  Chicagoer  Brüder.  Wenn  Gréyy,
so  wird  erklärt,  „der  sich  mit  den  Geldern  der  Republik  mäste“,  die  Hinrichtung
  Duvals  zulasse,  so  würden  alle  Anarchisten  nach  dem  Gefängnis
La  Roquette  ziehen,  vor  welchem  die  Hinrichtungen  stattfinden,  und  den
        <pb n="337" />
        frankreich.  (Februar  1.—8.)  319

Scharfrichter  und  seine  Knechte  erdrosseln.  Die  Tagesordnung  der  3.  Versammlung
  lautet:  „Europa  in  Waffen.  Bismarck'scher  Chauvinismus  und
französischer  Derouledismus.“  Felix  Pyat  führt  den  Vorsitz.  Louise
Michel  lobt  den  Fürsten  Bismarck,  „den  heutigen  Richelien,“  weil  er  den
Reichstag  aufgelöst  habe;  denn  die  Parlamente  taugten  alle  nichts.  Der
Inhalt  der  Verhandlungen  wird  in  folgendem  Beschlusse  zusammengefaßt:
„In  Erwägung,  daß  der  Krieg,  welcher  den  Proletarier  gegen  den  Proletarier
bewaffnet,  immer  nur  den  leitenden  Klassen  und  den  Regierungen  der  beiden
sich  gegenüberstehenden  Völker  Nutzen  gebracht  hat,  und  daß  man  der  internationalen
  Koalition  der  Kapitalisten  den  internationalen  Bund  der  Arbeiter
entgegenstellen  muß  —  beglückwünschen  die  im  Saale  des  Concert  de  Lyon
versammelten  französischen  Bürger  die  sozialistischen  Abgeordneten  des  deutschen
  Reichstags,  die  nach  dem  Worte  Hasenclevers  sich  weigerten,  Hrun.
v.  Bismarck  auch  nur  „einen  Mann  und  einen  Groschen“  zu  bewilligen,  und
die  sozialistischen  Abgeordneten  des  französischen  Parlaments,  welche  den  Antrag
  auf  allgemeine  Entwaffnung  gestellt  haben;  sie  fordern  ferner  ihre  deutschen
  Brüder,  alle  Ausgebeuteten  von  jenseit  des  Rheins,  auf,  alle  sozialistischen
  Abgeordneten  in  den  Reichstag  zurückzusenden  und,  wenn  möglich,  deren
Zahl  zu  vermehren.“  Eine  Geldsammlung  für  die  deutschen  Sozialisten
trägt  250  Fr.  ein.

1.  Febr.  (Börsenpanik.)  Der  „Post“-Artikel:  „Auf  des  Messers
Schneide“  (val.  deutsches  Reich,  Jan.  31.)  ruft  an  der  Pariser  Börse
einen  jähen  und  allgemeinen  Rückgang  der  Kurse  hervor.  Die  franzöfische
  Rente  sinkt  schon  am  ersten  Tage  um  2½  Fr.  In  den  folgenden
  Tagen  versichern  viele  Zeitungen  die  Friedensliebe  Frankreichs.

4.  Februar.  (Beziehungen  zu  Deutschland.)  Im  „Petit
Journal“  erscheint  folgende  offiziöse  Mitteilung:

„Deutschland  und  Frankreich.  Der  deutsche  Botschafter,  Graf  Münster,
hat  bei  einem  Privatbesuch,  den  er  Hrn.  Flourens,  dem  Minister  des  Aeußern,
abstattete,  die  Versicherung  der  friedlichen  Absichten  seiner  Regierung  erneuert.
Der  große  Generalstab  in  Berlin  hat  niemals  den  geringsten  Protest  gegen
die  Vorsichtsmaßregeln  erhoben,  die  ganz  selbstverständlich  an  unserer  Grenze

etroffen  wurden,  und  cbenso  wenig  gegen  die  Organisierung  der  Festungsommandos,
  welche  General  Boulanger  so  rasch  einsetzte.  Die  Berichte  unseres
  Botschafters  stimmen  mit  diesen  Versicherungen  vollkommen  überein;
aus  diesen  Berichten  scheint  sogar  hervorzugehen,  daß  die  Kriegsrüstungen  in
Rußland  wie  in  Oesterreich  in  Deutschland  mehr  Besorgnis  erregen,  als  die
in  den  übrigen  europäischen  Staaten.“

8.  bezw.  27.  Februar.  (Budget.)  Die  Kammer  bewilligt
einstimmig  das  Budgetgesetz.  Danach  werden  für  das  Kriegsministerium
  86  Millionen  (15  Mill.  zu  Kasernen=  und  Festungsbauten,
71  Mill.  zur  Anfertigung  der  Repetiergewehre),  für  die  Marine
30.666,000  Fr.,  für  öffentliche  Arbeiten  54.666,000  Fr.  an  außerordentlichen
  Ausgaben  votiert.  Diese  171.500,000  Fr.  sollen  gemäß
den  Kommissionsbeschlüssen  durch  in  6  Jahren  zu  amortisierende
Obligationen  beschafft  werden.

Die  Ausgaben  für  Heereszwecke  im  Jahre  1887  übersteigen

damit  800  Millionen.
        <pb n="338" />
        320  frankteich.  (Februar  8.—13.)

Nachdem  einige  vom  Senate  beschlossene  unerhebliche  Aenderungen
  von  der  Kammer  am  26.  Febr.  genehmigt  sind,  wird  das
Gesetz  vom  Senate  am  27.  endgültig  angenommen.

8.  Februar.  (Kirchenfrage.)  Die  Konkordatskommission
der  Kammer  spricht  sich  mit  11  gegen  9  Stimmen  für  Aufhebung
des  Konkordats  und  Trennung  von  Staat  und  Kirche  aus.

10.  bzw.  26.  Februar.  (Steuerreform.)  Bei  Beratung  des
Einnahmebudgets  beantragt  der  Radikale  Perrin  eine  Resolution,
welche  die  Regierung  auffordert,  einen  Gesetzentwurf  zur  Einführung
einer  alleinigen  progressiven  Einkommensteuer  vorzulegen.  Der  Antrag
  wird  trotz  dem  Widerstande  des  Finanzministers,  aber  unter
Streichung  der  Worte  „alleinigen  progressiven“,  mit  286  gegen  238
Stimmen  angenommen.

Hierauf  bringt  Finanzminister  Dauphin  am  26.  Februar  in
der  Kammer  einen  Gesetzentwurf  über  die  Umwandlung  der  Mobilienbesitz-
  in  eine  Miets=  bzw.  Einkommensteuer  ein.

Dieser  Entwurf  teilt  die  Gemeinden  Frankreichs  behufs  Veranlagung
zu  der  geplanten  Steuer  nach  ihrer  Bevölkerungsstärke  in  acht  Klassen,  von
denen  Paris  eine  für  sich  bildet.  Für  jede  dieser  Klassen  wird  ein  bestimmtes
Berhältnis  zwischen  der  Miete,  welche  die  Einwohner  bezahlen,  und  dem
Einkommen,  das  sie  beziehen,  angenommen,  so  daß  je  nach  der  Klasse,  in
welche  die  betreffende  Gemeinde  gehört,  das  4-,  5-,  6-,  7fache  u.  s.  w.  der
Miete,  welche  die  Steuerpflichtigen  zahlen,  als  ihr  wahrscheinliches  Einkommen
  geschätzt  wird.  Im  Budget  wird  ferner  alljährlich  festgestellt,  mit  welchem
  Satze  vom  Hundert  das  derart  veranschlagte  Einkommen  besteuert  werden
  soll.  Für  das  Jahr  1888  ist  der  Satz  von  1  Prozent  in  Aussicht  genommen,
  welcher  einen  Ertrag  von  72  Millionen  ergäbe.  In  Paris  sollen
Wohnungen  unter  500  Frcs.  jährlicher  Miete,  in  den  Provinzen  solche  von
500  bis  50  Frecs.  herab,  je  nach  der  Klasse,  von  der  Steuer  befreit  bleiben.
Die  Mobilienwertsteuer  hat  bisher  42  Millionen  Francs  abgeworfen.

Der  Entwurf  wird  einer  Kommission  überwiesen.
13.  Februar.  (Marokko.)  Die  „Agence  Havas“  bringt  folgende
  Note:

Einige  auswärtige  Blätter  haben  behauptet,  daß  Hr.  Féraud,  Gesandter
  Frankreichs  in  Tanger,  während  seines  Aufenthalts  in  Marokko  gewisse
  Grenzberichtigungen  erwirkt  habe.  Diese  Behauptung  ist  unrichtig.  Es
wurde  einfach  Vorsorge  für  die  eventuelle  Regelung  von  Entschädigungen  getroffen,
  die  von  Marokkanern  gefordert  werden  könnten,  welche  Besitzer  von
Obstbäumen  in  Djenieh-Bu-Bzey  auf  einem  Gebiete  sind,  wo  die  algerischen
  Militärbehörden  ein  Bordj  (Fort)  oder  Blockhaus  errichten  wollen.
Ebenso  unrichtig  ist  es,  daß  die  franzöfische  Regierung  sich  über  eine  internationale
  Kombination,  welche  die  Integrität  des  marokkanischen  Gebiets
garantieren  sollte,  auszusprechen  gehabt  hat.

13.  Februar.  (Anarchisten.)  Am  Todestage  des  Kommunarden
  Valles  findet  eine  große  Pilgerfahrt  der  Anarchisten  nach  dem
Pere-Lachaise  statt.
        <pb n="339" />
        Krankreic.  (Mitte  Februar—26.)  321

Daran  nehmen  auch  die  deutschen  Sozialisten,  viele  russische  Nihilisten
und  Italiener  teil.  Felix  Pyat,  Louise  Michel  und  andere  halten  die  üblichen
  Brandreden;  ein  gewisser  Brall  beantragt,  bei  der  nächsten  Revolution
alle  Bourgeois  totzuschlagen!  Diese  Rede  wird  mit  jubelndem  „Vive  la
Commune!“  „Vive  la  Révolution!“  begrüßt.  Hierauf  geht  der  Zug  nach
der  Mauer,  wo  die  erschossenen  Kommunarden  von  1871  liegen,  und  hier
werden  wiederum  Reden  gehalten,  in  welchen  aufgefordert  wird,  den  Bourgeois
  die  Hälse  abzuschneiden.  Darauf  wird  im  Saale  -Gaffard  eine  Versammlung
  zum  Besten  des  Strikes  in  Vierzon  und  der  sozialistischen  Wähler
in  Deutschland  gehalten.  Tagesordnung:  „Allgemeine  Entwaffnung  und
revolutionärer  Internationalismus  und  Chauvinismus.“  Nachdem  die  Deputierten
  Royer  und  Planteau,  Louise  Michel  und  andere  geredet,  werden
den  deutschen  Sozialisten  Glückwünsche  gesandt  und  sodann  eine  Geldsammlung
  für  ihre  Wahlen  vorgenommen.

Mitte  Februar.  (Korsika.)  Der  bonapartistische  Advokat
und  Redakteur  Leandri  geht  mit  einigen  Genossen  unter  die  Räuber,
nachdem  er  zuvor  in  einem  Aufrufe  das  Volk  von  Korsika  zur  Empörung
  gegen  Frankreich  aufgefordert  hat.  Der  Grund  zu  diesem
Schritte  war  angebliche  Ungerechtigkeit  des  Gerichts  zu  Sartene
gegen  Leandri.  Das  an  sich  unbedeutende  Ereignis  wird  durch  übertriebene
  Berichte  zu  einer  förmlichen  Revolution  aufgebauscht  und
giebt  Veranlassung  zu  mehrfachen  Anfragen  in  der  Kammer.  Leandri
flieht  Anfang  März  aus  Korsfika  angeblich  nach  Sardinien.

22.  Februar.  Bei  Beratung  des  Kredits  für  Tonking
beantragt  im  Senate  Admiral  Véron  die  Herabsetzung  von  30
auf  20  Millionen.

Flourens  verteidigt  die  Vorlage:  30  Millionen  seien  unbedingt  zur
Haltung  der  nötigen  10—12,000  Mann  daselbst  nötig.  Das  Ansehen  Frankreichs
  würde  schwer  geschädigt,  wolle  man  jetzt  Tonking  räumen,  denn  das
bedeute  die  Herabsetzung  des  Kredits.

Die  Vorlage  wird  hierauf  mit  großer  Mehrheit  bewilligt.

23.  Februar.  Der  Redakteur  der  „Revanche“",  Rigondeau
gen.  Peyramont  wird  verhaftet,  weil  er  den  Ausfall  der  Wahlen
in  Elsaß-Lothringen  durch  Anbringung  eines  Plakats  im  Schaufenster
der  Redaktion  gefeiert  hatte,  welches  von  französischen  und  russischen
Fahnen  umgeben  und  worauf  zu  lesen  war:  „Wahlen  in  Elsaß-Lothringen.
  Französische  Kandidaten  62,000  Stimmen,  deutsche
18,000.  Alle  Protestkandidaten  gewählt!  Es  lebe  Frankreich!“

Das  Einschreiten  gegen  Peyramont  wird  von  der  ganzen  besonnenen
  Presse  gebilligt,  Peyramont  aber  am  12.  Mai  von  der
Anktage,  durch  von  der  Regierung  nicht  gebilligte  Maßregeln  den
Staat  in  die  Gefahr  einer  kriegerischen  Verwicklung  gebracht  zu
haben,  von  den  Geschwornen  freigesprochen.

26.  Februar.  (Boulanger  und  Flourens.)  Im  „Intran-Europ.
  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  21
        <pb n="340" />
        322  frankreic#(März  8.—13.)

sigeant"  erscheint  ein  Artikel,  welcher  das  Verlangen  der  „Republique
Francaise"“  nach  „einer  starken  und  stetigen  Regierung“  heftig  erwidert.
  Es  heißt  darin:

„Ihr  wollt  Boulanger  los  sein,  wir  rufen  laut:  er  muß  bleiben!.
Wer  nicht  für  Boulanger  ist,  ist  für  die  Invasion.  Wir  wollen,  daß  Boulanger
  bleibe  und  Flourens  fortgejagt  werde.  Frau  Flourens  ging  zum
deutschen  Botschafter,  um  ihm  eine  im  Hirn  ihres  Mannes  entstandene  Mitteilung
  zu  machen.  Wie  kann  also  Flourens  Minister  bleiben.  Man  muß
ihn  schleunigst  aus  dem  Kabinett  hinauswerfen.“

Der  Grund  zu  dem  Zerwürfnisse  beider  Minister  ist  eine  Erzählung,
die  allgemein  für  wahr  gehalten,  aber  von  Boulanger  abgeleugnet  wird,
nänlich  daß  dieser,  ohne  den  Minister  des  Aeußern  und  das  Kabinett  zu
feagen,  an  den  Zaren  einen  Brief  habe  senden  wollen.  Flourens  erklärte
as  für  unstatthaft,  die  Minister  treten  auf  seine  Seite.  Die  Mitteilung
davon  soll  Flourens  durch  seine  Frau,  diese  sie  durch  die  Gemahlin  des
deutschen  Botschafters  erhalten  haben.

8.—13.  März.  (Lesseps.)  Aufenthalt  des  Grafen  v.  Lesseps,
des  Erbauers  des  Suez=  und  des  Panama-Kanales,  in  Berlin  zum
Besuche  des  Botschafters  Herbette,  dem  er  das  Großkreuz  der  Ehrenlegion
  im  Namen  des  Präfidenten  überbringt.

Lesseps  wird  vom  Reichskanzler,  später  auch  vom  Kaiser  und  der
Kaiserin  enpfangen  und  in  sehr  auszeichnender  Weise  behandelt.

Auf  der  Rückreise  durch  Köln  äußert  er  aus  den  Gesprächen  über  die
politische  Lage  mit  den  leitenden  Kreisen,  daß  der  Friede  in  jeder  Beziehung
Küihert  sei,  und  erzählt  den  Berichterstattern  in  Paris  aus  den  Aeußerungen

ismarcks,  dieser  habe  gesagt:  „Niemand  wünscht  den  Frieden  mehr  als  ich.
Und  dabei  versucht  man  mich  als  einen  Mann  des  Krieges  hinzustellen.
Einen  Augenblick  habe  ich  allerdings  geglaubt,  daß  es  losgehen  und  daß
ich  gezwungen  sein  würde,  meine  Waffen  auszupacken  und  mit  den  Meinigen
den  Weg  nach  der  Grenze  einzuschlagen.  Denn  wenn  ich  einerseits  den
Frieden  mit  Feankerih  über  alles  wünsche,  so  werde  ich  anderseits  mit  verdoppeltem
  Eifer  in  den  Krieg  gehen,  wenn  Frankreich  uns  angreift  oder
bedroht.  Grade  dieser  Haltung,  von  der  ich  niemals  abgewichen  bin,  Ichreibe
ich  meine  Beliebtheit  in  Deutschland  zu.  Nicht  ich  habe  Elsaß-Lothringen
verlangt,  sondern  unsere  Militärs,  die  erklärten,  daß  Metz  und  Straßburg
zur  Sicherheit  unserer  Grenzen  unentbehrlich  Fien  .  .  .  „Wenn  Sie  Herrn
Grevy  sehen  werden,  so  sagen  Sie  ihm,  daß  ich  die  höchste.  Achtung  vor
seinem  Charakter  habe  und  daß  ich  von  seinen  großen  Verdiensten  um  Frankreich
  fest  überzeugt  bin.  Ich  betrachte  ihn  als  einen  Mann  der  Vorsehung,
und  ich  bezweifle,  ob  ein  anderer  als  er  in  den  schwierigen  Verhältnissen,  in
denen  4  h  Frankreich  oft  genug  befunden  hat,  so  mäßigend  und  friedenstiftend
  hätte  wirken  können,  ohne  sich  dabei  den  Anschein  einer  unmittelbaren,
  Einmischung  in  die  innern  oder  äußeren  Verhältnisse  seines  Landes
zu  geben."“

Lesseps  fügt  hinzu,  der  Krieg  sei  einmal  zu  befürchten  gewesen,  jetzt
aber  alles  wieder  beruhigt,  den  Bericht  über  seine  Reise  könne  er  in  das
Wort  „Frieden!“  zusammenfassen.

Bei  seiner  Rückkehr  wird  Lesseps  von  Flourens  und  Goblet
empfangen,  die  sich  sehr  befriedigt  über  seine  Mitteilungen  äußern.
Die  Presse  hingegen,  welche  anfangs  die  dem  berühmten  Lands-
        <pb n="341" />
        ###u##es.  (März  9.—23.)  323

manne  zuteil  gewordene  Auszeichnung  mit  Genugthuung  aufgenommen
  hatte,  beginnt  nach  seinen  politischen  Aeußerungen  unverhohlen
ihren  Mißmut  laut  werden  zu  lassen.

Paris  tadelt  die  Aeußerung,  „Frankreich  sei  beunruhigt  gewesen“;
Lesseps  rede  bloß  in  seinem  Namen,  habe  daher  die  Bürgschaften  für  den
Frieden  keineswegs  verstärkt;  er  bringe  einen  guten  Eindruck  heim,  aber
Franzosen,  die  nicht  aufgeregt  gewesen,  brauchten  jetzt  auch  nicht  Hosianna
zu  rufen,  der  Friede  beruhe  auf  ihrer  stolzen  Gemütsruhe  und  auch  auf  der
eutschlossenen  Haltung  —  Rußlands,  das  sei  nicht  zu  vergessen.  Was  aber
die  Zeilen  betreffe,  die  Lesseps  laut  der  Kölnischen  Zeitung  unter  seine
Photographie  für  den  Konsul  Brandt  geschrieben  (er  hatte  darin  Frankreich
den  natürlichen  Freund  Deutschlands  genannt),  so  sei  zu  bemerken:  „Lesseps
wird  wieder  der  große  Franzose  werden,  wenn  er  diese  Zeilen  erklärt
hat.“  Die  Liberté  glaubt  an  die  Aeußerungen  des  Kaisers  und  Bismarcks
über  den  Frieden,  meint  aber,  die  Haltung  Rußlands  sei  die  Ursache,  daß
Berlin,  das  sonst  Frankreich  so  sehr  bedrohe,  friedfertig  geworden  sei.  Der
National  schreibt:  „Die  Regierung  handelte  leichtsinnig,  indem  sie  Lesseps
reisen  ließ.  Von  welcher  Seite  man  die  Frage  auch  ins  Auge  faßt,  es
kommt  Unerfahrenheit  oder  Ungeschicklichkeit  zum  Vorschein!“  —  Die  Gazette
de  France  spöttelt  über  Lesseps,  weil  er  gesagt,  Herbette  habe  alles  vollbracht,
  Rußland  zähle  nicht  mit,  als  wenn  es  von  den  Nihilisten  vernichtet
worden  wäre.

9.—28.  März.  (Boulanger  und  der  Heeresausschuß.)
Der  Heeresausschuß  verwirft  den  Vorschlag  Boulangers,  daß  die
polytechnische  Schule  hinfort  nur  mehr  Unterlieutenants  der  Artillerie
und  der  Ingenieure  ausbilden  solle,  welchen  dieser,  um  den  durch
die  Anstalt  erhaltenen  aristokratischen  Geist  aus  dem  Heere  zu  verdrängen,
  gemacht  hatte,  und  bestimmt,  daß  Offtziere  aller  Waffengattungen
  aus  derselben  hervorgehen  können.

Boulanger  richtet  hierauf  folgenden  Brief  an  den  Vorsitzenden
des  Heeresausschusses,  de  Mahy:  ·

„Ich  habe  nicht  gedacht,  daß  zwischen  der  Mehrheit  des  Ausschusses
und  mir  über  den  ersten  Grundsatz  der  Einrichtung  eines  republikanischen
Heeres  eine  Meinungsverschiedenheit  obwalten  könnte,  und  glaubte  nicht,
daß  ich  gerade  gegenüber  dieser  Mehrheit  mit  wesentlich  monarchischen  Irrtümern
  zu  kämpfen  haben  würde,  die  sich  bis  heute  in  den  Militärschulen
behauptet  und  den  von  den  Stiftern  dieser  Schulen  voreteichnete  Weg
durchkreuzt  haben.  Ehe  man  an  die  Lösung  der  hier  aufgeworfenen  Frage
geht,  galle  man  sich  klar  machen,  daß  an  Stelle  der  Heere  früherer  Zeiten,
mit  ihrer  beschränkten  Zahl  und  Stärke,  unsere  jetzige,  aus  der  Gesamtheit
aller  Bürger  zusammengesetzten  Heere  getreten  sind,  und  daß  kleinliches  Parteiwesen
  nicht  den  demokratischen  Charakter  unserer  Militär-Bildungsanstalten
  schädigen  sollte.“  Boulanger  greift  hierauf  den  Lehrplan  der  obengenannten
  Lehranstalten  an,  welcher  zur  Vorbildung  der  späteren  Offiziere
nicht  geeignet  sei.  „Zum  Schlusse“,  heißt  es  weiter,  „muß  ich  nochmals
darauf  zurückkommen,  daß  man  bei  Vorberatung  des  Entwurfs  dieses  organischen
  Gesetes  nicht  aus  dem  Auge  lassen  darf,  daß  dieser  Entwurf  auf
durchaus  andern  Voraussehungen  beruht,  als  diejenigen,  die  bisher  maßgebend
  waren.  Die  neuen  Gesichtspunkte  find:  Abkürzung  der  Dauer  der  all-21“
        <pb n="342" />
        324  Krankreich.  (März  14.—16.)

gemeinen  Wehrpflicht,  Aufhebung  der  bedingten  Anwerbung,  Einführung
neuer  Elemente  in  unsere  jetzigen  Heere  durch  Zulassung  von  Offizieren  der
Reserve  und  Territorialarmee.  Nur  auf  solchen  richtigen  demokratischen
Grundsätzen  dürfen  die  Einrichtungen  unseres  Heeres  geschaffen  werden.“

Diesen  Brief  läßt  er  veröffentlichen,  ehe  er  an  seine  Adresse
gelangt  ist  und  ohne  Zustimmung  der  übrigen  Minister.

Alle  nicht  radikalen  und  intransigenten  Blätter  tadeln  dieses
Verfahren  Boulangers.  Die  „Republique  Frangaise“"  schreibt:  Nie
hat  er  etwas  unterzeichnet,  was  ihm  weniger  Ehre  macht,  und  findet
sein  Verfahren  gegen  den  Anstand  verstoßend.  Der  Heeresausschuß
richtet  eine  in  der  Form  schneidend  scharfe  Erwiderung  an  den  Kriegsminister.
  Dieser  richtet  daher  ein  Entschuldigungsschreiben  an  de  Mahy,
da  aber  letzterer  nun  in  sehr  zuvorkommendem  Tone  antwortet,  tritt
der  Deputierte  Oberst  Plazanet  aus  dem  Ausschusse  aus,  weil
die  Antwort  einem  Minister  gegenüber,  der  den  Anstand  verletzt  und
dann  Abbitte  geleistet,  zu  höflich  abgefaßt  sei.

14.  März.  (Getreidezoll.)  Deputiertenkammer:  nimmt  die
Regierungsvorlage,  wonach  der  Zoll  vom  Getreide  von  3  auf  5  Fr.
für  den  Doppelzentner,  vom  Mehl  von  6  auf  8  Fr.  erhöht  wird,  an.

Ministerpräsident  Goblet  hatte  im  Laufe  der  Beratungen  erklärt,
die  Regierung  lehne  es  ab,  sich  über  die  Vorlage  zu  äußern,  weil  im
Lande  wie  im  Kabinette  die  Ansichten  darüber  geteilt  seien,  das  Ministerium
aber  die  Bewahrung  seiner  Einigkeit  für  nötiger  als  die  Aeußerung  einer
Ansicht  über  die  Zollfrage  halte.

Es  wird  bekannt,  daß  im  Ministerrate  nur  die  Minister  der  Finanzen
und  des  Ackerbaues  auf  der  Zollerhöhung  bestehen,  alle  anderen  sich  dagegen
entschieden  haben;  daß  ferner  die  Erörterung  der  Frage  mehrfach  zur  Ministerkrise
  sich  auszubilden  gedroht  hatte,  indem  nach  einander  Develle,  Lokroy
und  Granet  ihre  Entlassung  zu  geben  beabsichtigten.

14.  März.  (Anarchisten.)  In  4  öffentlichen  Versammlungen
zu  Paris  feiern  die  Anarchisten  und  Nihilisten  den  Gedächtnistag
der  Ermordung  des  Zaren  Alexander  II.  In  den  Festreden  werden
überall  die  Zarenmörder  als  Helden  und  Märtyrer  der  Freiheit
gepriesen.

16.  März.  (Unterpräfekturen.)  Nachdem  bereits  am
17.  Januar  ein  Antrag  in  der  Kammer  auf  Abschaffung  aller  Unterpräfekturen
  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886  XII,  3.)  abgelehnt  worden,  hatte
Goblet  die  Abschaffung  einer  Anzahl  von  Unterpräfekturen  und  die
Herabsetzung  des  Kredits  des  Ministeriums  des  Innern  um  35,000  Fr.
vorgeschlagen.  Die  Deputiertenkammer  hatte  zugestimmt,  der  Senat
aber  die  Posten  wieder  hergestellt.  Hierauf  war  in  der  Kammer  der
ministerielle  Antrag  aufs  neue  aufgenommen  worden;  in  dem  dafür
niedergesetzten  Ausschusse  werden,  nachdem  Goblet  erklärt  hat,  die
        <pb n="343" />
        Frankreich.  (März  17.—22.)  325

Angelegenheit  nicht  zu  einer  Vertrauensfrage  machen  zu  wollen,  alle
andern  Vorschläge  verworfen  und  dafür  der  Antrag  Colfavrus
auf  Abschaffung  aller  Unterpräfekturen  und  gänzliche  Reform  der
Verwaltung  angenommen.

17.  März.  Der  Minister  des  Auswärtigen  beauftragt  die
Vertreter  Frankreichs  im  Auslande,  im  geeigneten  Augenblicke  die
Einladung  zur  Beschickung  einer  allgemeinen  Weltausstellung  in
Paris  für  1889  zu  überreichen.

Es  lehnen  im  Laufe  des  Jahres  allmählich  sämtliche  monarchische
Staaten  Europas  die  Beschickung  ab,  da  die  Ausstellung  zu  einem  Teile  des
für  die  100jährige  Jubelfeier  der  französischen  Revolution  geplanten  Festlichkeiten
  gemacht  werden  soll,  obgleich  offiziell  behauptet  wird,  daß  der  Plan
mit  dieser  Feier  keinen  Zusammenhang  habe.  Nur  Brafilien,  die  amerikanischen
  Republiken  und  die  Schweiz  bewilligen  eine  offizielle  Beteiligung.

18.  März.  (Kommune  Feier.)  In  Paris  finden  52  Festessen
  zur  Erinnerung  an  den  Kommuneaufstand  statt.  Im  Café  du
commerce  nehmen  eine  Menge  von  deutschen,  russischen,  spanischen,
italienischen  und  belgischen  Sozialisten  an  dem  Feste  teil.  Man
fingt  dabei  höhnisch  die  russische  Nationalhymne,  „Heil  Dir  im
Siegerkranz“,  die  Brabanconne.  Ein  Franzose  hält  auf  Kaiser
Wilhelm  als  den  Friedenswahrer,  ein  Oesterreicher  auf  Lesseps  als
den  großen  Weltbürger  gegen  die  Angriffe  deutscher  Sozialisten
Lobreden.

In  Marseille  hebt  der  Stadtrat  zu  Ehren  des  Gedächtnistages
  die  Sitzung  auf.  Der  Beschluß  wird  von  den  Rufen:  Vive
la  commune!  espérons  qdue  ça  reviendra!  begleitet.

21.  bzw.  24.  März.  Der  Marseiller  Stadtrat  wird  durch
den  Präfekten  wegen  dessen  kommunistischer  Kundgebung  suspendiert
und  diese  Maßregel  vom  Ministerrate  gebilligt.

22.  März.  (Budget  für  1888.)  Deputiertenkammer:  Finanzminister
  Dauphin  legt  den  Budgetentwurf  für  1888  vor.

Derselbe  ist  nach  folgenden  Gesichtspunkten  aufgestellt:  Der  Entwurf
enthält  136  Millionen  neuer  Einnahmen,  und  zwar  30  Millionen  durch  die
Umgestaltung  der  Mobiliarsteuer,  70  Millionen  durch  die  Alkoholsteuer
(von  156,25  auf  206,25  fr.  für  den  Hektoliter)  22  Millionen  durch  die  Mehrsteuer
  auf  Zucker  und  14  Millionen  durch  die  Erhöhung  der  Getreidesteuer.
Vermittelst  dieser  136  Millionen  will  der  Minister  das  außerordentliche
Budget  der  öffentlichen  Bauten  in  das  ordentliche  Budget  aufnehmen  und
in  das  Kapitel  V  jährlich  50  Millionen  (nicht  100  Millionen)  einschreiben,
um  den  1887  unterbrochenen  Dienst  der  Schuldentilgung  wieder  herzustellen.
Ferner  müssen  311  Millionen  sechsjähriger  Schuldverschreibungen  als  Rest
der  zweiten  Liquidationsrechnung  für  den  Krieg  und  die  öffentlichen  Bauten
eingelöst  werden;  zu  dem  Ende  schlägt  der  Minister  vor,  von  1888  ab  jähr-
        <pb n="344" />
        326  Frankreich.  (März  22.—Ende.)

lich  42  Millionen  auszusetzen,  sodaß  diese  Schuld  in  7½  Jahren  getilgt
sein  werde.

22.  März.  Deputiertenkammer:  verwirft  das  Gesetz  über  die
Verzollung  von  Reis,  Mais  und  Durrha,  indem  sie  mit  267
gegen  262  Stimmen  beschließt,  nicht  in  die  Beratung  der  einzelnen
Artikel  einzutreten.

23.—31.  März.  (Nachtragskredit.)  Finanzminister  Dauphin
  bringt  in  der  Kammer  einen  Ergänzungskredit  von  670,000  Fr.
ein  für  die  Besoldung  von  Hilfsbeamten  im  Finanzministerium,
welche  bei  der  Budgetberatung  von  der  Kammer  gestrichen,  über  die
aber  mit  dem  Senate  eine  Einigung  nicht  erzielt  worden  war,  so
daß  das  Budget  nur  mit  dieser  Lücke  angenommen  werden  konnte.
Der  Budgetausschuß  setzt  die  Summe  auf  530,000  Fr.  herab,  lehnt
aber  dann  die  ganze  Summe  ab.  In  der  Kammer  erklärt  Dauphin
die  Entlassung  von  375  Hilfsarbeitern  für  unmöglich;  die  Regierung
  wird  von  Clémenceau  und  Laisant  heftig  angegriffen.
Goblet  stellt  die  Kabinetsfrage,  hierauf  wird  das  Gesetz  mit  290
gegen  220  Stimmen  angenommen.

Der  Senat  stimmt  der  Vorlage  fast  einstimmig  zu.

24.  März.  (Niederlage  des  Ministeriums.)  In  der
Kammer  wird  die  Kreditforderung  Flourens'  für  den  Ankauf  eines
Gesandtschaftsgebäudes  in  Tokio  (Japan)  verworfen  und  in  die
Kommission  zur  Beratung  des  Dauphin'schen  Einkommensteuergesetzes
  von  11  Mitgliedern  nur  eines  gewählt,  welches  sich  dafür
ausgesprochen  hat.  Die  Kommission  verwirft  noch  am  selben  Tage
den  Vorschlag  einstimmig.

24.  März.  (Einkommensteuer.)  Der  vom  Finanzminister,
dem  früher  von  der  Kammer  beschlossenen  Wunsche  folgend,  vorgelegte
  Gesetzentwurf  für  Umwandlung  der  Mobiliarsteuer  in  eine  allgemeine
  Einkommensteuer  wird  der  Budgetkommission  überwiesen.

Es  werden  9  Klassen  eingerichtet  und  jede  in  7  Steuerstufen  geteilt
nach  dem  Mietsbetrage.  Ein  gewisser  Mindestsatz  ist  steuerfrei.  Die  Klassen
ordnen  sich  nach  den  Mietspreisen  der  verschiedenen  Städte  zu  den  Lebensverhältnissen.
  Der  Entwurf  soll  eine  Steigerung  des  Staatseinkommens  um
29  Millionen  ergeben.

24.—Ende  März.  (Deutsche  Spionage.)  Ein  Unterbeamter
  des  Kriegsministeriums,  Eyrolles,  wird  wegen  angeblichen
Verkaufs  militärischer  Geheimnisse  ohne  Disziplinar=  oder  gerichtliches
  Verfahren  aus  dem  Dienste  entlassen.  Die  Presse  greift  die
Sache  auf  und  beutet  sie  zu  heftigen  Ausfällen  gegen  Deutschland
aus.  Es  stellt  sich  aber  heraus,  daß  weder  die  deutsche  Botschaft
        <pb n="345" />
        Erankreich.  (März  26.  —  April  Ende.)  327

noch  der  deutsche  Militär-Attaché  in  irgend  einer  Beziehung  zu
Eyrolles  gestanden  haben.  In  den  Parifer  Blättern  wird  aber  die
Anfeindung  des  deutschen  Militär-Attachés  fortgesetzt.  „Paris“  fordert
  in  einem  üile  chef  des  espions“  überschriebenen  Artikel  die  Entfernung
  aller  Militär-Attachés.

26.  März.  (Viehzölle.)  Die  Kammer  nimmt  das  Gesetz
betr.  die  Eingangszölle  von  Vieh  mit  333  gegen  214  Stimmen  an.

Die  Zollsätze  werden  festgestellt  für  Kühe  auf  20  Fr.,  Kälber
auf  8  Fr.,  Widder,  Hammel  und  Schafe  auf  5  Fr.  Der  Eingangszoll
  auf  frisches  Fleisch  wird  von  10  auf  12  Fr.  auf  je  10  kg.
erhöht.

4.  April.  Deputiertenkammer:  Bei  der  Wahl  der  Budgetkommission
  wird  die  Rechte,  welche  9  Sitze  fordert  und  der  die
vereinigten  Republikaner  nur  4  einräumen  wollen,  ganz  ausgeschlossen
die  Wahl  findet  durch  Listenskrutinium  statt.

Die  Rechte  protestiert  hiergegen  in  einer  Erklärung,  welche
besagt:

Durch  diese  Ausschließung  würden  gleichzeitig  3½  Millionen  Steuerpflichtige
  betroffen.  Die  republikanische  Mehrheit  sei  wegen  ihrer  Verschwendung
  und  nnordentlichen  Gebahrung  für  die  schlechte  Finanzlage  verantwortlich.
  Die  Rechte  halte  ihr  Programm  aufrecht,  welches  in  den  Worten
gipfelt:  „Weder  Stenern,  noch  Anlehen,  sondern  Ersparungen.“

Bei  der  Wahl  des  Kommissionsbüreaus  wird  Rouvier  Vorsitzender.
  Er  hält  bei  seinem  Antritt  eine  Ansprache:

Der  Wahlmodns  des  Listen-Strutiniums,  durch  welches  die  Budget-Kommission
  zu  stande  gekommen,  lege  ihr  erhöhte  Pflichten  auf.  Die  Ausgaben
  müßten  eingeschränkt  und  ein  solides,  unanfechtbares  Gleichgewicht

hergestellt  werden.  Hiezu  bedürfe  es  aber  des  einmütigen  Zusammenwirkens
aller  Parteien  und  der  Beseitigung  aller  Meinungsverschiedenheiten.

5.  April.  Senat:  lehnt  den  Handelsvertrag  mit  Griechenland
  mit  156  gegen  98  Stimmen  ab.

Flonrens  befürwortet  die  Vorlage  mit  einem  Hinweise  auf  „die  bedeutenden
  politischen  Interessen",  die  dabei  im  Spiele  seien.  Der  Senat
werde  die  Lage  im  Orient  nicht  vergessen,  von  der  der  Friede  Europas
abhänge.

7.  April.  (Deutsche  Spionage.)  Die  Regierung  läßt
offiziös  bekannt  machen,  daß  das  Verhalten  des  deutschen  Militärattachés
  zu  keiner  Klage  Veranlassung  gegeben;  die  Blätter,  außer-„Justice",
  verschweigen  diese  Notiz.

11.—  Ende  April.  Die  Minister  Millaud,  Granet  und
Berthelot  mit  etwa  160  Senatoren  und  Abgeordneten  unternehmen
eine  Rundreise  durch  Algerien.

Bei  Gelegenheit  derselben  findet  die  Eröffuung  der  Eisenbahn
        <pb n="346" />
        328  Frankreich.  (April  18.—Ende.)

Tunis-Algier  und  der  Bahn  von  Konstantine  nach  der  marokkanischen
  Grenze  statt.  Die  Reise  wird  auf  Staatskosten  ausgeführt.

Die  Kosten  betragen,  wie  sich  im  September  herausstellt,  1,100,000  Fr.
Die  Blätter  fragen:  Wer  sie  tragen  werde,  da  das  Parlament  keinen  Heller
dafür  bewilligt  habe?

18.  April.  Rücktritt  Derouledes  von  der  Präfidentschaft
der  Patriotenliga,  an  seine  Stelle  tritt  Sansboeuf.

Gegenüber  dem  Gerüchte,  der  Rücktritt  sei  auf  eine  Pression  des  Ministerpräsidenten
  und  des  Ministers  des  Auswärtigen  erfolgt,  erklärt  Sansboeuf,
  Deroulède  habe  als  Grund  den  Tod  seiner  Schwester  und  seiner  Mutter
leidenden  Zustand  angegeben;  doch  bringt  am  21.  April  der  „Figaro“  eine
Unterredung  mit  Deroulede,  worin  derselbe  erklärt,  er  habe  die  Präsidentschaft
  der  Patriotenliga  niedergelegt,  weil  ihn  die  Handlungen  des  Ministerpräsidenten
  und  die  Akte  aller  politischen  Persönlichkeiten,  die  im  Augenblicke
am  Ruder  seien,  mit  Widerw  llen  erfüllten.  Deutschland  habe  nichts  von
Goblet  und  Goblet  nichts  von  Deroulede  begehrt;  allein  die  Liga  der  Patrioten,
  die  immer  die  nationale  Verteidigung  sowohl  in  militärischer  als  industrieller
  und  kommerzieller  Beziehung  im  Auge  gehabt  und  nie  provoziert
habe,  sei  mißkannt  worden.  Die  Zeit  sei  endlich  dagewesen,  wo  Frankreich
der  Gefahr  kühn  entgegenblickte;  Frankreich  hatte  eine  ernste  Stütze  an  Rußland,
  Italien  zauderte.  Noch  nie  sei  die  Gelegenheit  so  günstig  und  nie  der
Reichskanzler  so  unverschämt  gewesen,  die  französische  Regierung  aber  nahm
alles  hin  und  bereitete  nichts  vor  gegen  eine  plötzliche  Invasion.  Und  wenn
man  ihnen  von  verlorenen  Provinzen  sprach,  antworteten  Mitglieder  des
französischen  Kabinets:  Wir  verzichten  auf  nichts,  aber  wir  sind  nicht  bereit,
wir  müssen  warten,  Deutschland  bedurfte  60  Jahre,  um  Jena  zu  rächen.
„Da  bedauerte  ich,“  sagt  Deroulède,  „daß  Ferry  nicht  da  war;  Ferry  hätte
die  einzige  Gelegenheit  für  eine  sichere  Revanche  zu  erfassen  gewußt.“  Deroulede
  fürchtet,  daß,  wenn  mit  der  Revanche  noch  drei  oder  vier  Jahre  gewartet
  wird,  alles  verloren  ist,  denn  dann  kommt  eine  neue  Generation  unter
die  Fahnen,  welche  die  Niederlagen  von  1871  nicht  gekannt  und  elsässischen
Boden  nie  betreten  hat.  Diese  Generation  werde  die  Rückeroberung  nicht
mehr  verlangen.  Da  er  sehe,  daß  die  Stunde  der  Revanche  nicht  Helegg,
ziehe  er  sich  lieber  zurück.

21.—Ende  April.  Die  Verhaftung  Schnäbeles  (vergl.
Deutsches  Reich  IV,  20.  u.  28.)  macht  auf  die  Pariser  Bevölkerung
einen  tiefen  und  anfänglich  sehr  beunruhigenden  Eindruck.  Auch  die
leitenden  Staatsmänner  sind  zuerst  davon  ganz  verblüfft  und  es  gewinnt
  die  Anschauung  Boden,  daß  es  sich  um  eine  von  Deutschland
seit  langer  Zeit  beabsichtigte  Provokation  handele,  besonders  nachdem
der  Bericht  des  Generalprokurators  von  Nanch,  Schnerb,  als  Thatsache

  hingestellt  hat,  daß  Schnäbele  auf  französischem  Boden  verhaftet
  worden  sei.

Ende  Oktober  wird  ein  schon  früher  verbreitetes  Gerücht  bestätigt,
  daß  der  Ministerrat  ernstlich  die  Frage  der  Mobilmachung
erwogen  und  über  ein  an  Deutschland  zu  richtendes  Ultimatum  abgestimmt
  habe.  Am  3.  November  meldet  „Gil  Blas“,  daß  für  das
Ultimatum  gestimmt  hätten:  der  Ministerpräsident  Goblet,  Bou-
        <pb n="347" />
        Krankreich.  (April  24.—Mai  10.)  329

langer,  Admiral  Aube,  Lockroy,  Granet;  dagegen  vor  allem
der  Präsident  Grévy  und  Flourens,  außerdem  die  Minister  des
Unterrichts,  der  Justiz,  der  Bauten,  der  Finanzen  und  des  Ackerbaus.

Die  Presse  warnt  dagegen  durchgängig  vor  unnötiger  Erregung,
mahnt  zur  Ruhe  und  bewahrt  eine  besonnene  Haltung.  Nach  der
Freilassung  Schnäbeles  loben  die  Zeitungen  ebenso  die  Mäßigung
und  Befonnenheit  Flourens'  und  das  taktvolle  Auftreten  Herbettes,
welche  Frankreich  einen  ehrenvollen  Ausgang  der  Angelegenheit  gesichert
  hätten;  eine  Anzahl  Blätter  lobt  auch  das  Verhalten  der
deutschen  Regierung.  Die  „France“  dagegen  eröffnet  eine  Sammlung
  zu  einem  Ehrenlegionskreuz  mit  Diamanten  für  Schnäbele.

Schnäbele  wird  hierauf  in  anderer  Eigenschaft  nach  Laon  versetzt;
  es  verlautet  jedoch  in  der  deutschen  Presse  bald,  daß  er  seine
alte  Spionenthätigkeit  wieder  aufsgenommen  habe.

24.  April.  Die  Neuwahlen  für  den  aufgelösten  Stadtrat
von  Marseille  fallen  unter  großer  Beteiligung  der  Wähler  trotz
der  Anstrengungen  der  Sozialisten  und  Monarchisten  zu  Gunsten
der  Regierung  aus.

Ende  April.  (Russenkundgebung.)  Ein  russischer  Oberst,
welcher  in  Zivil  einer  Uebung  des  7.  Dragonerregiments  im  Departement
  Seine-et-Marne  anwohnt,  wird  von  der  Kapelle  durch  das
Abspielen  der  russischen  Nationalhymne  „Gott  schütze  den  Zaren“
begrüßt,  wobei  der  Oberst  und  alle  Offiziere  das  Haupt  entblösten.
Der  rusfische  Offizier  dankt  „unter  Thränen“  durch  eine  Beteurung
seiner  und  Rußlands  Sympathieen  für  Frankreich,  als  hierauf  die
Kapelle  die  Marseillaise  spielt.

3.  Mai.  Erste  Aufführung  von  Richard  Wagners  Lohengrin
  in  Paris.

Es  war  eine  starke  Agitation  gegen  die  Aufführung  der  deutschen
Oper  von  den  Deutschenhetzern  ins  Leben  gerufen  worden,  welche  den  Minister
des  Innern  im  April  veranlaßt  hatte,  den  Kapellmeister  Lamoureux  zur
Vertagung  der  Aufführung  aufzufordern,  um  den  geplanten  Ruhestörungen
auszuweichen.  Als  die  Vorstellung  endlich  stattfindet,  werden  verschiedene
Demonstrationen  versucht,  aber  ohne  Erfolg.  Die  Oper  findet  lebhaften  Beifall.
  Da  aber  vor  der  zweiten  Aufführung  die  radikale  Presse  aufs  neue  zu
krutichseindlichen  Kundgebungen  aufreizt  und  die  Demonstrationen  an  Heftigkeit

  wachsen,  so  sieht  sich  Lamoureux  veranlaßt,  zu  erklären,  daß  er  die  weiteren
  Aufführungen  des  Stückes  „aus  höhern  Gründen“  ausgebe.

10.  Mai.  (Probe-Mobilmachung.)  Kammer:  Kriegsminister
  Boulanger  fordert  einen  Kredit  von  5  Mill.  Fr.  für  eine
im  Herbste  auszuführende  Probemobilmachung  eines  Armeekorps.

Der  Gesetzentwurf  wird  der  Budgetkommission  überwiesen.
        <pb n="348" />
        330  Krankreich.  (Mai  11.—17.)

11.  Mai.  (Budget.)  Die  Budgetkommission  nimmt  mit  25
gegen  5  Stimmen  eine  Tagesordnung  an,  welche  die  von  der  Regierung
  vorgeschlagenen  Ersparungen  für  ungenügend  erklärt.

Die  von  der  Regierung  im  Budget  angebrachten  Ersparnisse  beziffern
sich  auf  rund  13,000,000  Fr.,  von  denen  9,000,000  am  Budget  des  Kriegsministeriums,
  1,000,000  an  den  Krediten  für  Tonking,  1,500,000  an  dem
Etat  der  Zentralverwaltung  und  1,000,000  an  den  öffentlichen  Arbeiten  erzielt
  werden  sollen.

Schon  am  8.  April  fordert  der  Ausschuß  den  Finanzminister  Dauphin
auf,  seinen  Voranschlag  für  1888  fallen  zu  lassen  und  auf  Grund  folgender
Punkte:  „Keine  Anleihe,  keine  neuen  Steuern,  Umgestaltung  der  Verwaltung
in  demokratischem  Sinne“  einen  neuen  aufzustellen.  Dieser  Beschluß  wird
im  wesentlichen,  nachdem  die  Regierung  weitere  Ersparnisvorschläge  von  wiederum
  etwa  13,000,000  Fr.  gemacht,  am  5.  Mai  erneuert.

Goblet  erklärt  hierauf  schriftlich  seine  Bereitwilligkeit,  gemeinsam
mit  dem  Ausschuß  die  möglichen  Ersparnisse  zu  prüfen,  der  Ausschuß  aniwortet
  mit  dem  Ersuchen,  mündlich  mit  ihm  zu  verhandeln.

Hierauf  versichert  am  11.  Mai  der  Ministerpräsident  im  Ausschusfse,
daß  die  Regierung  eine  Verständigung  mit  der  Kommission  wünsche.  Gegen
den  Vorwurf,  keine  Reform  vorgeschlagen  zu  haben,  bemerkt  er,  daß  solche
nicht  im  Wege  des  Budgets  eingeführt  werden  könnten.  Im  übrigen  sei  das
Budget  im  Gleichgewicht,  wenn  das  Projekt  über  die  Miets-Einkommensteuer
angenommen  würde.  Ersparnisse  wüßte  die  Regierung  weitere,  als  die  erzielten
  26  Millionen,  nicht  vorzuschlagen,  sei  jedoch  bereit,  wenn  die  Kommission
  noch  neue  Ersparnisse  aufzufinden  im  stande  sei,  solche  in  Betracht
zu  ziehen.  Zunächst  aber  habe  die  Regierung  alles  gethan,  was  sie  könne.

13.—20.  Mai.  Prozeß  der  Prinzen  von  Orleans  und
des  Prinzen  Murat  wegen  der  Streichung  aus  den  Armeelisten
vor  dem  Staatsrate.

Der  Herzog  von  Aumale  und  der  Herzog  von  Chartres  hatten  Rekurs
gegen  die  Verfügung  vom  11.  Juli  1886  (val.  Gesch.  Kal.  1886  Juli  13.)
eingelegt;  dersele  wird  verworfen.  Hingegen  wird  der  Rekurs  des  Prinzen
Murat  für  berechtigt  anerkannt,  da  er  nicht  direkter  Abkömmling  einer  in
Frankreich  herrschend  gewesenen  Familie  sei.

Die  Unterzeichnung  des  Wiedereinsehungs-Dekreis  des  Prinzen  Joachim
Murat  und  seines  Sohnes  als  Brigade-General  bzw.  Dragonerlieutenant  am
30.  Mai  ist  der  letzte  Akt  des  Generals  Boulanger  als  Kriegsminister.

17.  Mai.  (Sturz  des  Ministeriums.)  Deputiertenkammer:
Der  Antrag  des  Ausschufses,  das  Budget  für  1888  abzulehnen,  wird
verhandelt.

Finanzminister  Dauphin  erklärt  das  Verfahren  des  Ausschusses  für
allem  Herkommen  zuwider,  und  nur  dann  zu  rechtfertigen,  wenn  die  Kammer
wirklich  bis  zur  Budgetverweigerung  gehen  müßte,  um  ein  wider  Willen  im
Amte  bleiben  wollendes  Kabinet  zu  beseitigen.  Dieses  ertremen  Mittels
bedürfe  es  nicht,  das  Budget  erfülle  aber  auch  die  Erfordernisse  des  Gleichgewichts
  von  Einnahme  und  Ausgabe.  Der  Ausschuß  selbst  gebe  zu,  daß
der  Fehlbetrag  von  92,000,000  nicht  allein  durch  Abstriche  werde  gedeckt  werden
können.  Der  veränderliche  Teil  des  Budgets  betrage  aber  überhaupt  nur  1700
Mill.,  die  Ersparnisse  von  1887  betragen  mithin  schon  2%  davon,  die  beider
Budgets  von  1887  und  1888  aber  zusammen  77,000,000.  Eine  gute  Finanz-
        <pb n="349" />
        Fr#kreich.  (Mai  21.)  331

wirtschaft  sei  nur  möglich,  wenn  alle  willig  zusammenarbeiteten.  Er  bittet
um  Ablehnung  des  Antrags.

Der  Obmann  des  u  schufses  Rouvier  erklärt,  in  zwei  Monaten
sei  die  Prüfung  des  Budgets  im  Einzelnen  unmöglich  gewesen,  darum  habe
der  Ausschuß  einen  andern  Weg  wählen  müssen,  um  zum  Ziele  zu  kommen.
Das  Budget  enthalte  Mehrausgaben  von  58  Millionen,  eine  Anleihe  von
400  Mill.  und  neue  Steuern  in  Höhe  von  136  Mill.,  das  sei  bezeichnend.
Demgegenüber  sei  man  mit  13.000,000  Ersparnissen  gekommen.  Das  war
für  den  Ausschuß  eine  wahre  Enttäuschung.  Das  war  nicht  der  Budgetausgleich,
  den  die  Kammer  beim  Antritte  des  Ministeriums  forderte.  Die
Kammer  möge  erklären,  ob  es  unmöglich  sei,  an  einem  Budget  von  3000  Mill.
58,000,000  zu  ersparen.  (Abg.  Allain-Targé:  Ist  ein  Kabinet  da,  das
die  Sache  um  60  Mill.  billiger  macht?  Gelächter  und  Lärm.)  Das  Gleichgewicht
  im  Budget  sei  herzustellen  durch  Ersparnisse  von  dieser  Höhe  und
70—80  Millionen  Mehrertrag  aus  den  bestehenden  Steuern.

Ministerpräsident  Goblet:  Die  Lage  sei  das  Ergebnis  einer  langen
Reihe  von  Fehlern,  der  Ausschuß  mache  aber  diese  Lage  zum  Gegenstand
des  Zerwürfnisses.  Die  Regierung  sei  nicht  schuld,  daß  durch  Kammerbeschlüsse
  die  Ausgaben  gleichzeitig  um  58,000,000  gewachsen  seien,  während
sie  in  den  Budgets  zweier  Jahre  77  Millionen  Ersparnisse  gemacht  habe.
Die  Regierung  sei  mit  Freuden  bereit,  Ersparnisvorschläge  des  Ausschusses
zu  beraten,  sie  finde  aber  keine  mehr.  Da  habe  der  Ausschuß  gesagt:  Das
sei  nicht  seine  Rolle.  Die  Regierung  habe  sich  dagegen  verteidigen  müssen
und  sich  geweigert,  Verwaltungsreformen  durch  Budgetabstriche  durchzuführen.
(Lärm.)  6  ssoekschufmetglieber  seien  selbst  Minister  gewesen,  8  Unterstaatssekretäre,
  8  frühere  Berichterstatter:  warum  brächten  sie  ihre  Erfahrungen
nicht  an!  Statt  die  Regierung  aufzuklären,  zwängen  sie  dieselbe  zum
Rücktritte.  Im  Interesse  des  Landes?  Er  gestatte  sich  daran  zu  zweifeln.
Dann  aber  hätte  der  Ausschuß  ein  Ministerium  sogleich  bereit  halten  müssen
bei  Beginn  seines  Feldzuges  gegen  die  Regierung.  Clémenceau  habe  doch
selbst  anerkannt,  daß  jetzt  bei  der  Spaltung  der  Republikaner  die  großen  Reformen,
  von  denen  man  immer  spräche,  nicht  anzubringen  wären.  Was
werfe  man  der  Regierung  vor?  Sie  hatte  eine  kluge  und  feste  Politik  versprochen
  und  habe  Wort  gehalten.  Nehme  die  Kammer  den  Antrag  an,  so
ziehe  sich  das  Kabinet  zurück  mit  dem  Bewußtsein,  das  Land  ruhig  im
Innern,  geachtet  nach  außen  zurückzulassen  und  nichts  gethan  zu  haben,  was
dem  Lande  nicht  zur  Ehre  gereichte.

Der  Berichterstatter  des  Ausschusses  Camille  Pelletan  verwahrt
diesen  gegen  den  Vorwurf  der  Intrigue;  Rouvier  wird  bei  einer  zweiten
koee  urch  die  Unruhe  und  fortwährende  Zwischenrufe  an  der  Fortsetzung
verhi  .

Trotzdem  der  allgemeine  Eindruck  nach  Goblets  Rede  für  einen
Sieg  der  Regierung  zu  sprechen  scheint,  ergibt  die  Pointage  für  das
von  der  Regierung  angenommene  Amendement  nur  257,  gegen  dasselbe
  275  Stimmen.  Die  Regierung  ist  also  mit  18  Stimmen
unterlegen.

Goblet:  Nach  diesem  Votum  hat  die  Regierung  kein  Interesse  mehr
an  dem  Ergebnis,  das  aus  dieser  Debatte  noch  entsteht.

Die  Minister  verlassen  den  Saal,  der  Kommissionsantrag
wird  unter  großer  Unruhe  mit  312  gegen  143  Stimmen  angenommen.
21.  Mai.  Im  „Figaro“  erscheinen  die  Enthüllungen  des
        <pb n="350" />
        332  Krankreich.  (Mai  28.—30  bzw.  31.)

Generals  Leflô,  ehemals  Botschafter  in  St.  Petersburg,  über  den
angeblich  geplanten  Angriff  Deutschlands  auf  Frankreich  im  Jahre
1875  und  dessen  Verhütung  durch  den  russischen  Kaiser.  (St.Arch.
Bd.  48.)

28.  Mai.  (Arbeiter--Invaliden-Pension.)  Kammer:
Martin  Nadaud  bringt  einen  Antrag  ein,  dessen  erster  Paragraph

  lautet:

„Die  französische  Nation  erklärt  im  Prinzip,  daß  jeder  Bürger  ein
Anrecht  auf  seinen  Lebensunterhalt  durch  die  Arbeit  hat,  wenn  er  rüstig  ist,
und  auf  Unterstützung,  wenn  er  arbeitsunfähig  ist.

Da  das  Haus  beschlußunfähig  ist,  wird  die  Beratung  abgebrochen.


30.  bzw.  31.  Mai.  (Neues  Ministerium.)  Nachdem  nacheinander
  Freycinet,  Rouvier,  Floquet  und  Deves  mit  der  Bildung
des  Kabinets  vergeblich  beauftragt  worden  find,  gelingt  es  endlich
nach  großen  Schwierigkeiten  Rouvier,  ein  Ministerium  zu  bilden.
Dasselbe  besteht  aus:

Rouvier  Präsidium  und  Finanzen  mit  Posten  und  Telegraphen,
Fallidères  Inneres,  Flourens  Auswärtiges,  Spuller  Unterricht,  Mazeau
  Justiz,  Ferron  Krieg,  Barbey  Marine,  Dautresme  Handel,
Hérédia  öffentliche  Arbeiten  und  Barbe  Ackerbau.

Die  Hauptschwierigkeit  bildet  die  Stellung  Boulangers.  Rouvier
hatte  nur  in  den  Eintritt  in  ein  Kabinet  Floquet  willigen  wollen,  wenn
jener  zurückträte,  Floquet  ebenso  wie  Freycinet  ohne  ihn  kein  Kabinet  bilden
wollen.  Es  macht  sich  namentlich  in  der  radikalen  und  intranfigenten  Presse
eine  lebhafte  Parteinahme  für  Boulanger  geltend.  Die  „Republique  francaise"
warnt  vor  dem  Kultus  der  Personen.  Die  „France  militaire",  das  Organ
Boulangers,  sagt  in  einem  die  Stimme  des  Volkes  überschriebenen  Artikel:
Das  Volk  wolle  Boulanger  behalten,  der  die  Gesetzlichkeit  nach  innen,  die
Sicherheit  nach  außen  vertrete;  es  wolle  Gehorsam  haben  und  werde  eine
Revolution  nicht  durch  Flintenkugeln,  sondern  durch  Stimmzettel  herbeiführen.
  Der  Sturz  Boulangers  wird  von  der  radikalen  und  intransigenten
Presse  mit  einer  Fluth  von  Schmähungen  und  wilden  Angriffen  auf  das
neue  Kabinet  „das  deutsche  Ministerium“  beantwortet.

Vor  der  Kammer  verliest  bei  der  Vorstellung  am  31.  Mai

Rouvier  folgende  Erklärung:

„Durch  das  Vertrauen  des  Präsidenten  der  Republik  berufen,  die
Leitung  der  Geschäfte  in  einem  schwierigen  Zeitpunkt  zu  übernehmen,  betrachten
  wir  es  als  unsere  Pflicht,  uns  Ihnen  mit  einem  Programm  vorzusecken
  das  so  einfach  und  klar  wie  möglich  abgefaßt  ist.  Wir  haben  den
esten  Entschluß,  sofort  an  die  Reformen  heranzutreten,  deren  Behandlung
zu  der  jüngsten  Krisis  geführt  und  die  Bildung  des  gegenwärtigen  Ministeriums
  veranlaßt  hat.  In  erster  Linie  kommt  die  Budgetreform  in  Betracht;
dieselbe  muß  zur  Hauptgrundlage  das  System  ernster  Sparsamkeit  und  der
Vereinfachung  der  Verwaltungsausgaben  haben.  Wir  sind  entschlossen,  dahin
zu  wirken,  daß  die  bestehenden  Steuern  den  irgendwie  möglichen  Ertrag
geben,  und  werden  uns  bestreben,  die  Autorität  der  mit  der  Erhebung  der
        <pb n="351" />
        Krankreich.  (Mai  30.  bzw.  31.)  333

Steuern  beauftragten  Beamten  zu  stärken  und  jedes  betrügerische  Verfahren
mit  Energie  zu  unterdrücken.  Das  Ausgabebudget  für  1888  wird  auf  einen
Betrag  gebracht  werden,  der  hoffentlich  geringer  ist,  als  die  im  Jahre  1887
votierten  Ausgaben,  und  keinesfalls  größer.  Die  Beratung  der  organischen
Vorlagen  der  Militärverfassung  befindet  sich  unter  den  der  Kammer  gestellten
Aufgaben;  die  Regierung  ist  bereit,  sich  daran  zu  beteiligen.  Unsere  auswärtige
  Politik  wird  sich  selbst  treu  bleiben;  sie  wird  eine  würdige,  vorsichtige
  und  feste  sein.  Wir  werden  einen  verdoppelten  Eifer  für  die  Vorbereitungen
  für  die  allgemeine  Ausstellung  fortsetzen.  Dies  sind  die  Aufgaben,
die  wir  uns  gestellt  haben.  Unsere  Ueberzeugung  ist,  daß  eine  Majorität
für  die  Unterstützung  einer  wahrhaft  praktischen  gee  vorhanden  ist.  Bei
der  Bildung  des  neuen  Kabinets  waren  wir  bemüht,  die  Konzentrierung  aller
wirklichen  Republikaner  herbeizuführen  und  eine  entsprechende  Majorität  zu
gewinnen.  Wir  fordern  alle  Republikaner,  alle  Patrioten  auf,  an  diesem
Werke,  an  dieser  Arbeit  in  Ruhe  mitzuwirken.  Das  Werk  kann  nur  durch
die  Unterstützung  aller  gelingen.  Wir  sind  von  gutem  Willen  beseelt  und
hegen  Vertrauen  zu  dem  Urteil,  welches  unsere  Kollegen  und  unsere  Mitbürger
über  uns  fällen.“

Diese  Erklärung  wird  im  ganzen  mit  Beifall  ausgenommen,
von  der  äußersten  Linken  mehrfach  durch  Lärm  und  Zwischenrufe
unterbrochen,  besonders  als  Ferry  Beifall  klatscht.

Im  Laufe  der  Debatte  erklärt  der  Kriegsminister  Ferron,  er  fei
unbedingter  Anhänger  der  dreijährigen  Dienstzeit.  „Die  Dienstzeit  muß  für
alle  gleich  sein,  für  Priesterseminaristen  und  Lehrer  wie  für  andere.  Der
größte  Mangel  unserer  Heeresorganisation  ist  der  ungenügende  Friedenseffektivstand.
  Man  muß  den  Effektivstand  der  Kompagnieen  erhöhen  durch  Verminderung
  der  Zahl  der  Kompagnieen.“

Nach  heftigen  Angriffen  von  seiten  Millerauds,  der  das
Ministerium  nicht  ein  Ministerium  der  Einigung,  sondern  der  Spaltung
  der  Republikaner,  einen  Schützling  der  Rechten  nennt  —  ein
Schutz,  der  ein  republikanisches  Ministerium  entehre  —  wird  die
von  Jullien  eingebrachte  Tagesordnung  gegen  das  Ministerium
mit  285  (160  Republikaner,  125  von  der  Rechten)  gegen  139  (Radikale
  und  äußerste  Linke)  Stimmen  (140  Stimmenthaltungen  —
davon  93  Republikaner)  abgelehnt  und  die  von  Rouvier  verlangte
einfache  Tagesordnung  sodann  mit  384  gegen  156  Stimmen  angenommen.


General  Boulanger  veröffentlicht  folgenden  Armeebefehl:

„Offiziere,  Unteroffiziere  und  Soldaten!  Das  Kabinet,  dem  ich  angehörte,
  gab  seine  Entlassung,  und  der  Präsident  der  Republik  vertraute
einem  anderen  das  Kriegsportefeuille  an.  Indem  ich  das  Kommando  der
Armee  verlasse,  danke  ich  allen,  die  mir  in  der  patriotischen  Aufgabe  beigestanden,
  die  Mittel  der  Verteidigung  auf  eine  noch  unerreichte  Höhe  zu  stellen.
Ihr  werdet  unter  dem  Befehl  meines  Nachfolgers  sein,  was  ihr  unter  meinem
Befehle  waret,  ergeben  euren  berufsmäßigen  Pflichten  und  den  konstitutionellen
Gesetzen,  deren  Achtung  in  unserem  Herzen  alle  anderen  Gefühle  beherrschen
muß.  Ich  werde  der  erste  sein,  euch  das  Beispiel  dieser  doppelten  militärischen
  und  republikanischen  Disziplin  zu  geben.  Gez.:  Boulanger.“
        <pb n="352" />
        334  Kra#kreicz.  (Juni  Anf.—21.)

Am  Abend  des  31.  Mai  finden  bei  Gelegenheit  eines  militärischen
  Festes  in  der  großen  Oper  Massendemonstrationen
des  Volkes  für  Boulanger  statt.  Das  Boulangerlied  wird  abwechselnd
  gesungen  mit  Hochrufen  auf  ihn  und  Rufen:  A  bas
Gréyyl  à  bas  Rouvier!  Die  Ruhe  wird  ernsthaft  nicht  gestört.

Anfang  Juni.  (Finanzen.)  Das  Ergebnis  der  indirekten
Steuern  für  die  ersten  5  Monate  des  Jahres  ist  um  13  Millionen
höher  als  im  Vorjahre,  bleibt  aber  um  21  Millionen  hinter  dem
Voranschlage  zurück.

2.—11.  Juni.  (Militärgesetz.)  Kammer:  lehnt  den  Antrag
  des  Bischofs  Freppel,  die  Beratung  des  Gesetzes  auf  die
nächste  Session  zu  verschieben,  mit  416  gegen  60  Stimmen  ab  und
beschließt  nach  Erledigung  der  Generaldebatte  für  die  Durchberatung
des  Gesetzes  die  Dringlichkeit  mit  359  gegen  206,  und  den  Eintritt
in  die  Spezialdebatte  mit  385  gegen  125  Stimmen.

4.  Juni.  Kammer:  nimmt  das  Zuckersteuergesetz  mit  378
gegen  177  Stimmen  an.

Ebenso  den  vom  Finanzminister  vorgeschlagenen  Zusatz,  der  den  Fabrikanten
  außer  dem  Steuersatze  noch  eine  Abgabe  von  30  Cts.  für  jede  verarbeitete
  Tonne  Rüben  auferlegt.

10.  Juni.  (Suezkanal.)  Auf  Einladung  des  Lord  Salisbury
  beginnen  zwischen  diesem  und  dem  franzöfischen  Botschafter  in
London,  Waddington,  Verhandlungen  über  die  Neutralifierung  des
Suezkanals.

Der  „Temps“  dementiert  die  Nachricht,  daß  die  französische  Regierung
ihre  Botschafter  angewiesen  habe,  die  Großmächte  itt  die  enegtee
einer  Konferenz  oder  von  Verhandlungen  von  Kabinett  zu  Kabinett  betreffs
der  englisch-türkischen  Konvention  zu  sondieren.  Von  letzterer  offiziös  in
Kenntnis  gesetzt,  habe  Frankreich  nur  die  Großmächte  benachrichtigen  lassen,
daß  es  gegen  die  Klausel  einer  arbiträren  Wiederbesetzung  Aegyptens  durch
England  sei.  Erst  wenn  die  Konvention  vom  Sultan  ratifiziert  worden  und
die  Bedingungen  dieser  Ratifizierung  bekannt  seien,  werde  Frankreich  prüfen,
welche  Haltung  es  einzunehmen  habe.

18.  bzw.  25.  Juni.  (Militärgesetz.)  Kammer:  nimmt  den
Artikel  17  des  neuen  Heergesetzes  an,  welcher  alle  Ausnahmen  von
der  allgemeinen  Wehrpflicht,  außer  für  einige  Fälle,  in  denen
Söhne  die  Ernährer  der  Eltern  sind,  aufhebt  und  verwirft  den  Antrag
  des  Bischofs  Freppel  auf  Befreiung  der  Seminaristen,  nachdem
  Rouvier  erklärt  hat:

er  geente  das  allgemeine  Recht  ebensowohl  auf  die  Seminaristen,  wie

auf  die  Lehrer  anzuwenden  und  zwar  ohne  eden  Gedanken  einer  Verfolgung.
Alle  Bürger  müßten  vor  dem  Gesetze  der  Blutsteuer  gleich  sein.
        <pb n="353" />
        Krantreich.  (Juni  22.—Juli  5.)  335

21.  Juni.  (Rotes  Meer.)  Die  „Agence  Havas“  meldet,
daß  Flourens  nach  Eingang  des  offiziellen  Textes  der  Erklärungen
Depretis'  (vgl.  Italien)  in  betreff  Zulas  und  der  Insel  Dessy
nicht  befriedigt  war  und  den  Botschafter  Grafen  Mouy  beauftragte,
aufs  neue  mit  Depretis  darüber  zu  sprechen,  da  Frankreich  seine
Rechte  auf  diese  Gebiete  stets  ausdrücklich  vorbehalten  habe.

22.  Juni.  (Englisch-türkische  Konvention.)  Das  „Journal
  des  Débats“  stellt  in  Abrede,  daß  Graf  Montebello  der  Pforte
eine  drohende  Note  bezüglich  der  Konvention  überreicht  habe.

22.  Juni.  (Der  Präsident  und  die  Rechte.)  Präsident
Grévy  läßt  im  „Temps“  folgende  offizielle  Mitteilung  erscheinen:

„  Angesichts  gewisser  falscher  Angaben  über  die  Begegnungen  des  Präsidenten
  der  Republik  mit  politischen  Persönlichkeiten  während  der  letzten
Ministerkrise,  glauben  wir  ein=  für  allemale  eine  richtige  Darstellung  der
Thatsachen  bringen  zu  sollen.  Es  wurde  wiederholt  versichert,  Grévy  hätte
aus  eigenem  Antriebe  de  Mackau,  Präsidenten  der  Gruppe  der  Rechten,  rufen
lassen,  um  mit  ihm  die  politische  Situation  zu  besprechen.  Diese  Angabe
ist  absolut  falsch.  Aähren  der  Krise  fragte  Lefèvre-Pontalis,  Deputierter  des  Departements
  Nord,  den  Präsidenten  Grévy,  ober  Mackau  empfangen  wolle;  der  Präsident
  antwortete,  er  würde  den  Abgeordneten  Mackau  empfangen,  sowie  er
alle  politischen  Persönlichkeiten  empfange,  welche  ihn  besuchen  zu  sollen
glauben.  Mackau  wurde  hierauf  Freitag  den  20.  Mai  vom  Präfidenten
empfangen.  Mittwoch  den  25.  Mai  kam  dann  Mackau  wieder,  ohne  vorher

eine  Audienz  begehrt  zu  haben,  und  wurde  ebenfalls  empfangen.  Zu  keiner
Zeit  aber  ließ  Grévy  Mackau  rufen.“

28.  Juni.  General  Boulanger  wird  zum  kommandierenden
  General  des  13.  Armeekorps  in  Clermont-Ferrand  ernannt.
Rochefort  schreibt  dazu  in  der  „Lanterne“:

„Das  Ministerium  hat  den  General  deportiert  .  er  wird  fortan
ein  Gefangener  in  den  Bergen  der  Auvergne  gein  Hätte  General  Poerron
ihn  nach  Timbuktu  verbannen  können,  so  wäre  ihm  das  noch  lieber  gewesen.
Den  Taschenspielern  des  Elysées  mußte  es  als  ein  Geniestreich  erscheinen,
daß  sie  den  General  Boulanger  so  verschwinden  ließen.“

Ende  Juni—Anfang  Juli.  (Fremdentaxe.)  Die  Kommission
der  Kammer  zur  Beratung  über  die  Einführung  einer  Fremden-Aufenthaltssteuer
  vernimmt  die  Minister  des  Aeußern  und  Innern.

Flourens  erklärt  sich  gegen  die  Taxe,  welche  den  durch  die  handas
verträge  gewährleisteten  Aufenthaltsrechte  der  Fremden  zuwiderlaufe.  Der
Minister  des  Innern  erklärt  sich  bereit,  durch  Dekret  die  Feststellung
der  Identität  der  Fremden  durchzuführen  und  diese  zu  überwachen,  doch  zur
Auflegung  einer  Taxe  gehöre  ein  Gesetz.  Die  Kommission  fordert  ihn  zu
diesen  Maßregeln  auf,  ändert  aber  den  Gesetzesantrag  dahin  ab,  daß  Ausländer
  nur  die  Taxen  bezahlen  sollen  wie  vom  Militärdienste  befreite  Inöänder.


5.  bezw.  6.  Juli.  (Militärreform.)  Die  Kammer  genehmigt
  mit  8319  gegen  228  die  Einführung  der  3jährigen  statt  der
        <pb n="354" />
        336  Krankreich.  (Juli  5.—8.)

5jährigen  Dienstzeit,  lehnt  aber  die  Entlassung  der  nach  2  Dienstjahren
  als  genügend  ausgebildet  erachteten  Soldaten  (§  49)  ab.

Bei  der  Debatte  gibt  Kriegsminister  Ferron,  nachdem  er  erklärt,  es
gei  ihm  durch  die  jetzige  Lage  große  Zurückhaltung  auferlegt,  er  sei  nicht  der
erfasser  des  vorliegenden  Entwurfes,  sondern  habe  denselben  bloß  angenommen,
  folgende  Erläuterungent  Starke  Effektivbestände  seien  unerläßlich,  und
die  Vorlage  gestatte  die  Anordnung  des  dreijährigen  Dienstes  in  den  Bedingungen
  der  jetzigen  Budgetfrage.  Das  jährliche  Kontingent  betrage
198,000  Mann;  davon  gehen  ab  36,500  Mann,  die  des  Dienstes  enthoben
oder  dienstunfähig  seien,  und  7000  Mann  für  die  Marine.  Es  bleiben
154,500  Mann,  zu  denen  12,000  vertagte  Leute  kommen,  also  im  ganzen
166,500  Mann,  wovon  wiederum  3500  Mann  wegen  Revision  ausfielen.
Im  zweiten  Jahre  sei  das  Kontingent  wegen  der  Verluste  bloß  145,000
Mann  und  im  dritten  nur  noch  125.000  Mann  stark.  Die  drei  Kontingente
ergeben  434,000  Mann,  wozu  die  stehende  Effektivstärke  von  90,000  Mann
hinzukomme,  was  524,000  Mann,  aber  mit  Abrechnung  der  Beurlaubten
nur  480,000  Mann  ergebe.  Der  jetzige  Effektivstand  betrage  415,000  Mann,
der  Ueberschuß  also  65,000  Mann;  indes  die  bewirkten  Ersparnisse  erlaubten,
19,000  Mann  in  den  Cadres  herzustellen.  Es  blieben  daher  für  den  Unteralt
  45,500  Mann,  die  durch  vorzeitige  Entlassungen  auf  36,000  Mann
erabgesetzt  würden.  Für  diese  36,000  neien  achtzehn  Millionen  erforderlich,
wovon  lehn  Millionen  durch  verschiedene  neue  Ersparnisse  aufgewogen  werden.
Die  Kammer  brauche  daher  nur  8  Millionen  zu  bewilligen,  und  eine  französische
  Kammer  werde  kein  Bedenken  tragen,  dieselben  zu  votieren.  Dies
wäre  dann  wohl  eine  Dienstzeit  von  drei  Jahren.  Werde  übrigens  Artikel  49
angenommen,  so  werde  er  niemals,  so  lange  er  Kriegsminister  sei,  einen
Gebrauch  davon  machen.

5.  Juli.  Kammer:  Budgetvorlage.

Das  Budget  veranschlagt  die  Einnahmen  mit  3,002.069,981,  die
Ausgaben  mit  3,001.758,098  Franks,  weist  also  einen  Ueberschuß  von
311,883  Franks  aus.  Gegenüber  dem  unter  dem  Ministerium  Goblet  eingebrachten
  Voranschlage  zeigt  der  gegenwärtige  ein  Minder-Erfordernis  von
129  Millionen.

Das  Budget  verlangt  weder  eine  neue  Steuer,  noch  ein  Anlehen  und
verzichtet  auf  die  vom  vorigen  Kabinett  beantragte  Steuer  und  die  Aufschlagsteuer
  auf  Alkohol.

Von  den  Ersparnissen  entfallen  69  Millionen  auf  das  Ordinarium,
60  Millionen  auf  das  Extraordinarium.

8.  Juli.  Abreise  des  Generals  Boulanger  aus  Paris.

Die  Volksmassen  benutzen  dieselbe  zu  einer  wüsten  Demonstration.
Schon  tags  zuvor  hatten  auf  ein  irriges  Gerücht  hin  Tausende  den  Lyoner
Bahnhof  besetzt.  Am  Abend  der  Abreise  wird  die  versammelte  Menge,  unter
der  sich  mehrere  Abgeordnete  der  äußersten  Linken  befinden,  auf  25,000  geschätzt.
  Als  Boulangers  Wagen  erscheint,  stürzt  sie  sich  auf  denselben,  Boulanger
  wird  in  den  Bahnhof  getragen,  der  trotz  des  Widerstandes  der
Polizei=  und  Bahnbeamten  von  der  Masse  gestürmt  wird,  wobei  viele  Thüren
und  Fenster  demoliert  werden.

Der  Stationschef  läßt  den  Zug,  um  den  Reisenden  das  Einsteigen
zu  ermöglichen,  aus  der  Halle  vorschieben,  das  Volk  stürzt  sich  in  denselben,
ersteigt  die  Düächer  der  Waggons  unter  betäubendem  Geschrei:  „C'est  Boulanger,
  qui  nous  fait!  il  reviendral  Vive  Boulanger!"  und  unter  Fahnenschwenken.
  Dérouleède  hält  eine  Ansprache,  in  der  er  zur  Ordnung  mahnt,
        <pb n="355" />
        Erankreit.  (Juli  10.  -  183.)  337

ebenso  erfolglos  wie  Boulanger  selbst.  Der  Waggon  dritter  Klasse,  in  dem
Boulanger  schließlich  Platz  gefunden  hat,  wird  von  der  Menge  abgekoppelt
unter  dem  Geschrei:  „Nach  Paris  zurück!  nicht  abreisen!“  Der  General  muß
aussteigen,  endlich  nach  2  Stunden  gelingt  es  ihm,  mit  einigen  Abgeordneten
und  Offizieren  die  Lokomotive,  die  ganz  mit  Bildern  und  Plakaten  beklebt
worden  ist,  zu  ersteigen.  Diese  fährt  allein  ab,  nachdem  ein  Teil  des  Volkes
sich  ihr  entgegen  zu  stellen  versucht  hat;  der  Zug  muß  später  gesondert  abgelassen
  werden.

Nach  der  Abfahrt  des  Generals  teilt  sich  die  Menge  und  demonstriert
vor  Rocheforts  Hause  und  anderwärts.

Auf  der  Fahrt  wird  Boulanger  an  verschiedenen  Orten  trotz  der
späten  Nachtstunden  durch  Ovationen  gefeiert.

10.  Juli.  (Die  Regierung  und  die  Kundgebungen  für
Boulanger.)  Bei  der  Preisverteilung  der  polhytechnischen  Gesellschaft
  sagt  Unterrichtsminister  Spuller  in  seiner  Ansprache:

„Ihr  Unterricht  soll  die  Heranbildung  von  Republikanern  anstreben.
von  Männern,  welche  unfähig  sind,  sich  vor  Götzen  zu  erniedrigen.  Ihr
wäret  nicht  würdig  eurer  Bäter  von  1789  und  1848,  wenn  ihr  euch  unter
die  Räder  des  Wagens  würfet,  der  den  Triumphator  von  einer  Stunde
trägt,  jetzt,  wo  es  Frankreich  und  das  Vaterland  ist,  dem  ihr  alle  eure

Huldigungen  schuldet.  Alles  für  Frankreich,  nichts  für  Götzen!  Es  lebe  die
Republik!“  (Anhaltender  Beifall.)

11.—13.  Juli.  (Angriff  auf  das  Ministerium.)  Kammer:
Die  äußerste  Linke  interpelliert  die  Regierung  wegen  angeblicher
monarchisch--klerikaler  Umtriebe.  Die  Interpellation  gibt  die  Veranlassung
  zu  stürmischen  Auftritten  und  zur  Demission  des  Kammerpräsidenten
  Floquet.

Tony  Revillon  verliest  Zeitungsartikel  aus  Blättern  der  Rechten,
welche  diese  als  Schiedsrichter  der  Lage  darstellen;  der  Graf  von  Paris  und
der  Papst  hätten  der  Rechten  ihre  Billigung  ausgesprochen.  Die  Regierung
dürfe  unter  solchen  Umständen  nicht  über  den  Parteien  stehen,  sonst  wisse
das  Land  nicht,  woran  es  sei:  „Wenn  das  Land  nicht  von  der  Regierung
erhält,  was  es  erwartet,  wird  es  dasselbe  von  einem  Manne  allein  (Boulanger)
verlangen.  Gewinnen  sie  das  Land  durch  Reformen,  welche  die  Rechte  nicht
annehmen  kann,  dann  allein  werden  sie  die  Einigkeit  der  Republikaner  wieder
haben.“"  (Beifall  und  Unruhe.)

Ministerpräsident  Rouvier:  Eine  große  Anzahl  Republikaner  hätte
sch  geweigert,  der  Nezierung  beizutreten,  die  Regierung  habe  aber  doch  niemanen

  ausgeschlossen.  Man  feindete  die  Regierung  nicht  wegen  deren  Programm
an,  danach  frage  man  sie  gar  nicht,  sondern  wegen  der  Abwesenheit  eines
Mannes.  (Cbhafter  Beifall.)  „Offen  und  laut  sage  ich  es:  Ich  habe  das
Ministerium  gebildet  nach  eigenem  Ermessen,  und  wenn  ich  auf  die  Mitwirkung
  des  gewesenen  Kriegsministers  verzichtete,  so  war  es,  weil  sein  Name
mit  einer  illegalen  Demonstration  verbunden  worden  war,  indem  er  bei  den
letzten  Wahlen,  obwohl  unwählbar,  mit  30,000  Stimmen  figurierte.  (Wiederholter
  Beifall  im  Zentrum  und  Lärm  links.)  Ich  lasse  die  Person  des
Generals  außer  Spiel,  aber  nachdem  ihn  das  Unglück  traf,  daß  sein  Name
zu  der  illegalen  Demonstration  mißbraucht  wurde,  mußte  er  aus  dem  politischen
  Kreise  entfernt  werden,  in  welchem  er  sich  befand.  Aus  diesem
Grunde  haben  Sie  von  der  Linken  uns  interpelliert,  und  deshalb  stehen  wir

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  22
        <pb n="356" />
        338  Kra#kreich.  (Juli  11.—13.)

heute  vor  ihnen.  (Wütende  Ausrufe  links.)  Wir  haben  aus  eigener  Verantwortung
  gehandelt,  und  wenn  der  Präsident  der  Republik  gezögert  hätte,
so  würden  wir  doch  gethan  haben,  was  wir  thun  mußten,  wenn  wir  regieren
wollen  mit  der  repuhlikanischen  Partei.  Ich  habe  die  Vertrauensfrage  gestellt,
  sie  waren  180  gegen  uns  —  vorzügliche  Republikaner,  das  gebe  ich
zu  —  (Rufe  links:  Mercil)  Aber  sie  erheben  den  Anspruch,  zu  regieren,
obwohl  sie  in  der  Minorität  sind!  Wir  find  eine  republikanische  Regierung,
keine  Regierung  des  Kampfes,  weder  gegen  die  Linke,  noch  gegen  die  Rechte.
(Ironische  Ausrufe  links.)  Das  Land  will  Ruhe.  Sie  aber  treten  vor  das
Land  und  sagen,  die  Regierung  müsse  eine  Regierung  der  Verfolgung  sein.
(Stürmische  Rufe  links!  Wer  sagte  solches?!)  Wenn  wir  also  sagen,  daß
wir  mit  Leidenschaft  der  Republik  dienen,  aber  mit  Mäßigung  und  Festigkeit,
warum  protestieren  sie:  Sie  können  der  Regierung  das  Vertrauen  versagen,
sie  können  dieselbe  beschuldigen,  wessen  sie  wollen,  nur  nicht  des  Mangels
an  Ergebenheit  für  die  Republik  und  die  Freiheit.  (Wiederholter  Beifall
im  Zentrum.)

Pelletan  (äußerste  Linke)  erwidert,  wird  aber  durch  stürmische
Zwischenrufe  so  oft  unterbrochen,  daß  er  die  Tribüne  verlassen  will,  endlich
vermag  der  Präsident  die  Ruhe  herzustellen.  Lacroix  (äuß.  Linke)  erklärt
die  Entfernung  Boulangers  für  nötig,  fordert  aber  bestimmte  Absage  der
Regierung  an  die  Rechte  und  deren  gemäßigte  Freunde.

Clémenceau  (radikal)  tadelt  die  Kundgebungen  zu  Gunsten  Boulangers,
  nennt  in  einer  heftigen,  fortwährend  durch  Tumult  unterbrochenen
Rede  die  Rechte  einer  monarchisch-revolutionäre  Partei  und  schreit  gegen
die  Minister  gewendet:  „Wenden  Sie  sich  von  der  Rechten  ab!“  2  Pfiffe
ertönen  im  Saale,  es  folgt  ein  beftiger  Wortwechsel  zwischen  ihm  und
Rouvier.  Clémenceau  schließt:  Man  befreie  uns  von  der  Herrschaft  des
Privilegiums  des  Papstes  und  die  Republik  wird  die  Besiegerin  der
Monarchie  sein.

Als  Rouvier  erwidert:  Auf  Clémenceaus  beleidigende  Frage,  ob
nach  den  Ferien  noch  die  Regierung  republikanisch  sein  werde,  antworte  er
nicht,  steigt  der  Lärm.  Laisant  (äußerste  Linke)  ruft  unter  furchtbarem
Tumult:  Die  Regierung  sei  unter  einer  Pression  von  außen  entstanden!
Rouvier:  Die  Regierung  hat  das  Recht,  gegen  Schmähungen  solcher  Art
geschützt  zu  werden.  Kammerpräsident  Floquet  (sehr  feierlich):  Ich  möchte
denjenigen  sehen,  der  inmitten  des  unaufhörlichen  Tumultes  besser  im  stande
wäre,  als  ich  es  war,  die  Ordnung  aufrechtzuerhalten,  der  es  vermocht  hätte,
die  Worte  des  Herrn  Laisant  zu  rügen,  ehe  sie  noch  die  legitime,  aber  heftige
Antwort  des  Konseils-Präfidenten  gefunden  haben.  Die  Kammer  wird  einen
solchen  Mann  zu  suchen  Gelegenheit  haben.  (Rufe:  Warum  denn?)  Präsident
  (wiederholend):  Die  Kammer  wird  sich  diesen  Mann  suchen  (tiefe
Stille),  aber  so  lange  ich  die  Macht  ausübe,  sage  ich:  Ich  kann  nicht  zugeben,
  daß  in  der  Kammer  ausgesprochen  werde,  eine  französische  Regierung
sei  unter  einer  Pression  von  außen  entstanden,  das  ist  ein  Gedanke,  den  jeder
französische  Bürger  verabscheut.  (Wiederholter  stürmischer  Beifall  fast  im
ganzen  ause)  Ich  füge  noch  hinzu,  daß  ich  persönliche  Gründe  hatte,  einen
solchen  Verdacht  zurückzuweisen.  (Neuer  Beifall.)

Die  Regierung  verlangt  die  einfache  Tagesordnung;  dieselbe
wird  mit  382  gegen  120  Stimmen  angenommen.

Floquet  zeigt  der  Kammer  am  folgenden  Tage  schriftlich
seinen  Rücktritt  vom  Präsidium  an,  das  Haus  entscheidet  sich,  ohne
daß  jemand  dagegen  stimmt,  mit  486  Stimmen  für  Nichtannahme
        <pb n="357" />
        Krankreich.  (Juli  13.—18.)  339

derselben.  Floquet  übernimmt  daher  am  13.  das  Präsidium  wieder
mit  einer  Ansprache,  in  der  eine  Stelle  lautet:

„Ich  habe  nie  vergessen,  was  ich  der  radikalen  Partei,  aus  der  ich
hervorgegangen  bin,  schulde,  und  wenn  Sie  meine  Dienste  nicht  mehr  wünschen,
  dann  nehme  ich  wieder  in  den  Reihen  der  radikalen  Partei  Platz.
Aber  die  Präsidentschaft  wird,  so  lange  ich  Ihr  Vertranen  habe,  niemals
die  Dienerin  der  Leidenschaft  einer  exklusiven  Sekte,  des  unüberlegten  Fanatismus
  oder  irgend  welcher  politischen  Ambition  sein,  sondern  die  nupartelische
Beschützerin  der  Freiheit  aller,  die  wachsame  Hüterin  der  gesetzlichen  Gewalt
im  Staate  und  unserer  gemeinsamen  nationalen  Würde.“  (Allgemeiner  Beifall
  im  ganzen  Hause.)

13.  bzw.  19.  Juli.  (Heeresverstärkung.)  Kammer  und
Senat  genehmigen  den  Gesetzentwurf  des  Kriegeministers  Ferron,
betreffend  die  Errichtung  neuer  Kavallerie=  und  die  Nenorganisation
der  Infanterieregimenter.

14.  Inli.  (Demonstrationen  für  Bonlanger.)  Bei  der
großen  Parade  auf  den  Longchamps  am  Nationalfeste  des  Bastillensturmes
  wird  von  Rochefort,  Laifant,  Laguerre,  als  der  Präsident
mit  allen  Ministern  sich  zur  Truppenschau  einfindet,  eine  Demonstration
  versucht.

Der  Ruf  Rocheforts:  Es  lebe  Boulanger!  wird  von  dem  Volke
mit:  Nieder  mit  Rochefort!  beantwortet.  Auch  die  von  Déroulede  und
der  Patriotenliga  versuchten  Demonstrationen  begegnen  ähnlicher  Teilnahmlosigteit
  oder  direktem  Widerspruche.  Grévy  wird  überall  mit  Hochrufen
auf  ihn,  die  Republik  und  die  Armee  empfangen.

Schon  am  Abend  vorher  hatten  lärmende  Kundgebungen  stattgefunden.
  Die  Erregung  in  Paris  war  auf  das  höchste  gespannt,
man  erwartete  sogar  am  Nationalfeste  einen  Anfstand  und  die  Regierung
  hatte  die  umfassendsten  Maßregeln  getroffen,  demselben  durch
Aufgebot  der  gesamten  Polizei  und  des  Militärs  wirksam  zu  begegnen.

Alle  nicht  intransigenten  Blätter  verzeichnen  in  den  folgenden
Tagen  mit  Genugthuung  das  vollständige  Fiasko  der  Unruhestifter.

15.  Juli.  (Boulanger.)  Der  Deputierte  Laur  (radikal)
veröffentlicht  einen  Brief  Boulangers,

worin  dieser  ihm  für  seine  Anhänglichkeit  dankt,  um  so  mehr,  als
Freundschaften  selten  würden.  Das  kümmere  ihn  aber  wenig,  er  werde  seine
Pflicht  trotz  Haß  und  Abfall  weiter  thun.  Er  stelle  ein  geachtetes  Frankreich
  über  Parteiintriguen  und  die  Juteressen  einzelner.

Dieser  Brief  erregt  in  der  Presse  und  der  Kammer  allgemeinen  Unwillen.
  Es  ist  von  bevorstehender  Bestrafung  des  Generals  die  Rede;  dieser
erklärt  das  Schreiben  für  privat  und  Laur  nicht  für  ermächtigt,  es  zu  veröffentlichen.


18.  bzw.  20.  Juli.  (Probemobilmachung.)  Kammer  und
Senat  genehmigen  den  Gesetzentwurf  (vgl.  Mai  10.).
Im  Bericht  der  Budgetkommission  des  Senats  war  das  Gesetz  in

557
        <pb n="358" />
        340  Kra#nkreich.  (Juli  19.—Ende.)

folgender  Weise  beurteilt  worden:  Wenn  die  Kommission  bloß  die  finanzielle
  Seite  ins  Auge  faßte,  so  würde  sie  die  Vorlage  verwerfen;  aber  angesichts
  der  für  die  Vorlage  günstigen  Anschauung  der  Militär-Kommission
widersetzte  sie  sich  nicht  1  Annahme.

19.  Juli.  Deputiertenkammer:  Rivet  interpelliert  die  Regierung
  wegen  der  Beförderung  des  Pfarrers  von  Chateau-Villain
  (vgl.  Gesch  Kal.  1886  IV,  13.  bzw.  17.)  durch  den  Erzbischof
von  Grenoble.

Es  werden  mehrere  auf  Kündigung  des  Konkordats  abzielende  Tagesordnungen
  eingebracht.  Unterrichtsminister  Spuller  sagt,  er  habe  den
Bischof  aufgefordert,  die  Beförderung  zurückzuziehen  und  nimmt  die  Tagesordnung
  Rivets  an,  welche  die  Regierung  auffordert,  den  Gesetzen  Geforsam
zu  verschaffen.  Dieselbe  wird  mit  388  gegen  144  Stimmen  angenommen,
nachdem  ein  Antrag  Lanjuinais  (Rechte),  die  Besprechung  der  Interpellation
  um  einen  Monat  zu  verschieben,  mit  317  gegen  166  Stimmen  verworfen
  worden  ist.

19.  Juli.  (Deutsche  Spirituosen.)  Kammer:  Für  den
Antrag  Delisse,  die  Regierung  zu  ermächtigen,  alle  nötigen  Maßnahmen
  während  der  Kammerferien  gegen  das  Eindringen  deutscher
Spirituosen  zum  Schutze  der  nationalen  Industrie  zu  ergreifen,  wird
die  Dringlichkeit  votiert,  der  Antrag  selbst  der  Zollkommission  überwiesen.


22.  Juli.  Schluß  der  Session  beider  Kammern.

25.  Juli—6.  Aug.  (Ferry  und  Boulanger.)  Ferry  hält
in  Epinal  eine  Rede,  in  welcher  er  auf  Boulanger  als  den  „General
des  café  chantant“  anspielt.  Boulanger  fordert  Ferry,  stellt  aber
außergewöhnlich  scharfe  Bedingungen,  sodaß  dessen  Zeugen  ablehnen.

Auch  die  „Autorität“  im  Duellwesen,  Cassagnac,  spricht  sich  in
einem  Gutachten  gegen  die  ungewohnten  Forderungen  des  Generals  aus.
Die  Folge  ist,  daß  das  Duell  nicht  zu  stande  kommt.

Ende  Juli.  Eine  Anzahl  radikaler  Führer  erlassen  „an  alle
Republikaner  Frankreichs“  einen  Aufruf  zur  Bildung  eines  großen
republikanischen  Bundes  anläßlich  der  Sakularfeier  der  Revolution
  von  1789.

Sie  bezeichnen  als  die  Abtrünnigen  die,  welche  das  Konkordat  mit
dem  Papste  und  das  Paktieren  mit  den  Royalisten  gutheißen.  Als  das
notwendige  Ziel  aller  Republikaner  stellen  sie  hin:  die  Trennung  der  Kirchen
vom  Staate,  die  Gemeindefreiheiten,  den  Unterricht  für  das  Kind,  den  Schutz
für  die  Frau,  die  Unterstützung  für  den  Greis,  den  Kredit  für  den  Arbeiter,
die  unentgeltliche  Rechtspflege,  die  progressive  Besteuerung,  kndlich  die  Gleichheit
  Aller  vor  dem  Militärdienste,  denn  wir  wollen  wieder  herstellen,  was
unsere  Vorfahren  von  1792  nannten:  „die  große  Partei  der  Patrioten“.

Ende  Juli.  Der  Deputierte  Laur  veröffentlicht  anonym  in
der  „France“"  angebliche  Enthüllungen  über  einen  Staatsstreich,  zu
        <pb n="359" />
        Krankreich.  (August  Anfang  —2.)  341

dem  94  Generale  den  General  Boulanger  im  Januar  ds.  Js.  zu
gunsten  der  Monarchisten  bewegen  wollten.  Boulanger  habe  aber
geantwortet,  wenn  er  einen  Staatsstreich  machen  würde,  so  würde
es  nur  zu  gunsten  der  Republik  sein.  Die  Enthüllungen  führen  zu
heftiger  Zeitungspolemik,  Cassagnac  nennt  Laur  einen  Lügner,  lehnt
aber  eine  Herausforderung  ab.  Laur  giebt  später  eine  Darstellung,
welche  die  Angelegenheit  als  eine  ziemlich  harmlose  erscheinen  läßt.
Er  neunt  unter  den  Agitatoren  für  den  Staatsstreich  nur  den  Bonapartisten
  Delafosse,  welcher  dieser  Angabe  ein  entschiedenes  Dementi
widerfahren  läßt.

Anfang  August.  Beim  Tode  Katkows  spricht  fast  die  gesamte
  Presse  mit  großen  Lobeserhebungen  von  dem  Toten.  Eine
große  Anzahl  von  Vereinen  und  Journalen,  sowie  die  Studenten
von  Paris  senden  Beileidstelegramme  an  die  Hinterbliebenen.  Nur
die  sozialistische  Presse  spricht  sich  mißbilligend  über  diese  Kundgebungen
  aus.

Der  „Cri  du  Peuple“  bezeichnet  die  Haltung  der  Pariser  Presse
als  eine  Schande,  beschimpft  den  Zaren  und  sagt,  es  sei  skandalös,  daß
Republikaner  das  Andenken  eines  der  ärgsten  Feinde  der  Gerechtigkeit  und
Freiheit  feiern.  Im  selben  Blatte  protestieren  polnische  Sozialisten
gegen  Katkows  Verherrlichung:  „Mit  Entsetzen  haben  wir  von  der  Ehrenezeigung

  für  Katkow  gehört  und  protestieren  im  Namen  der  internationalen
Solidarität  der  Sozialisten  dagegen."“

Dérouleode  und  Goupil  als  Deputierte  der  Patriotenliga,
Floquet,  Laur  und  eine  Anzahl  Vertreter  der  Presse  reisen  zur

Beerdigung  nach  Moskau.

Déroulède  legt  am  9.  August  am  Grabe  einen  dreifarbigen  Immortellenkranz
  nieder  mit  der  Inschrit.  „An  Katkow,  den  großen  Patrioten!“
Die  Bänder  tragen  die  Aufschrift:  „Es  lebe  Frankreich,  es  lebe  Rußland!“
Er  hält  dabei  eine  euthufiastische  Lobrede  auf  Katkow.

2.  August.  (Aegypten.)  Die  „Times“  veröffentlicht  ein
ihr  von  ihrem  Pariser  Berichterstatter  zugegangenes  Rundschreiben
Flourens'  an  die  Vertreter  Frankreichs  im  Auslande  über  die

Stellung  der  Regierung  zu  den  englisch-türkischen  Verhandlungen.

Dasselbe  erklärt  die  in  der  Presse  des  In=  und  Auslandes  verbreitete
Auffassung  derselben  für  irrig.  Frankreich  habe,  um  eine  Einigung,  die  es
in  dieser  Frage  wünschte,  besser  zustande  kommen  zu  lassen,  sich  der  möglichsten
  Zurückhaltung  befleißigt  und  jede  Einmischung  in  die  langwierigen
Verhandlungen  zwischen  England  und  der  Türkei  vermieden.  Das  Versprechen
der  Verhandelnden,  Frankreich  jederzeit  über  den  Stand  der  Besprechungen
auf  dem  Laufenden  zu  erhalten,  sei  jedoch  nur  anfangs  streng  innegehalten
worden,  sodaß  die  Regierung  plötzlich  einem  Projekte  gegenüberstand,  das
ihr  ebensowohl  den  Interessen  der  Türkei  als  denen  Frankreichs  und  Europas
  zuwiderlaufend  erschienen  sei.  Dies  sei  nur  von  der  Pforte  mitgeteilt
worden.  Man  habe  nicht  warten  können,  bis  die  amtliche  Notifikation  er-
        <pb n="360" />
        342  Franreic.  August  16.  Septbr.  1.)

folgt,  da  Frankreichs  Interessen  in  der  moslimischen  Welt  auf  das  ernsteste
allein  durch  die  Thatsache  geschädigt  worden  wären,  wenn  das  Haupt  der
Gläubigen  die  teilweise  Preisgabe  seiner  Oberhoheit  über  Aegypten  unterschrieben
  hätte.  Das  2.  Hauptgebrechen  der  Konvention  aber  war  neben
diesem  für  Frankreichs  Stellung  als  Mittelmeermacht,  die  muhamedanische
Interessen  zu  vertreten  habe,  sehr  gefährlichen,  die  Abwesenheit  einer  sichern
Zeitfrist  für  das  Zurücktreten  Englands  aus  seiner  Sonderstellung  gegen
Aegypten  in  die  Reihe  der  übrigen  Mächte.  Es  würde  nicht  schwer  sein,
wenn  die  Unterhandlungen  wieder  aufgenommen  würden,  diese  Gebrechen
abzustellen  und  Frankreich  würde  hierin  gern  an  jeder  Initiative  teilnehmen,
die  England  geboten  erscheinen  würde.

16.  August.  (Rußland.)  Die  radikale  „Justice",  das  Organ
Clémenceaus  bringt  einen  Artikel  über  Rußland,  in  dem  es  heißt:

Unser  sehnlichster  Wunsch  muß  die  Umwandlung  Rußlands  sein,
nämlich  daß  es  Institutionen  erlange,  die  allein  einem  modernen  Volke  die
Bestimmung  seiner  äußeren  Politik  gestatten:  Repräsentativ-System  und
Preßfreiheit.  Unseres  Erachtens  ist  dies  die  erste  Bedingung  einer  Allianz
mit  Rußland  im  wahren  Sinne  des  Wortes.  Davon  sind  wir  noch  weit.
Aber  das  ist  kein  Grund,  zu  sagen,  daß  nötigenfalls  wir  uns  nicht  auf  die
moskowitische  Regierung,  wie  sie  besteht,  stützen  würden.  Wir  besitzen  nicht
den  Hochmut  der  russischen  Staatskanzlei,  die  im  vorhinein  die  Mithilfe
der  Radikalen  zurückweist,  die  man  ihr  übrigens  gar  nicht  angeboten  hat.
Wir  sind  sicher,  daß,  wäre  Rußland  in  Gefahr,  kein  Russe  darüber  nachdenken
  würde,  ob  die  Regierung  der  Republik  in  Händen  von  Opportunisten
oder  von  Radikalen  sich  befindet.

Ende  August.  (Kongreß  der  Gemeinderäte.)  Der  Präsident
  der  Republik  erklärt  durch  Dekret  einen  Beschluß  des  Pariser
Gemeinderats  alle  Gemeinderäte  Frankreichs  für  den  September  zu
einem  großen  Kongresse  nach  Paris  zu  berufen  für  null  und  nichtig.
Der  Gemeinderat  antwortet  mit  Veröffentlichung  des  Einladungsschreibens
  an  alle  36000  Gemeinderäte  Frankreichs  auf  den  22.  September.
  Eine  Note  der  Agence  Havas  kündigt  hierauf  an,  daß  der
Minister  des  Innern  entschlossen  sei  alle  Beschlüsse  aufzuheben,  wodurch
  die  Gemeinderäte  irgend  jemand  zu  diesem  Kongresse  entsenden
würden.  Dennoch  geben  eine  Anzahl  Gemeinderäte  ihre  Zustimmung
zu  dem  Plane  des  Pariser  kund.

Ende  August.  Der  bisherige  royalistische  Abgeordnete
Lepoutre  erklärt  in  einem  offenen  Schreiben  seinen  Beitritt  zur
Republik  als  konservativer  Republikaner  und  stellt  weitere  Uebertritte
bisheriger  Monarchisten  in  Aussicht.

1.  September.  Probemobilmachung  des  17.  Armeekorps
(Toulouse).  Dieselbe  verläuft  im  Ganzen  zur  Befriedigung  der
militärischen  Kreise,  wie  der  öffentlichen  Meinung.

Der  „Figaro“  hatte  aber  bereits  mehrere  Tage  vor  Beginn  der  Mobilmachung,
  durch  Indiskretion  zur  Kenntnis  über  das  zu  mobilifierende  Armeekorps
  gelangt,  das  17.  als  das  in  Aussicht  genommene  bezeichnet.
        <pb n="361" />
        FKrankreich.  (September  Anfang.  24.)  343

Anfang  September.  (Marokko.)  Aufenthalt  des  spanischen
Ministers  des  Aeußern,  Moret,  in  Paris.

Es  findet  ein  Meinungsaustausch  zwischen  ihm  und  Rouvier  statt,
welcher  ergibt,  daß  betreffs  Marokko  kein  Grund  zu  Zerwürfnissen  zwischen
beiden  Mächten  vorliege,  indem  beide  einig  sind,  daß  der  status  quo  daselbst
aufrecht  zu  erhalten  sei.

14.  Sept.  (Manifest  des  Grafen  von  Paris.)  Es  hat
die  Form  einer  Instruktion  an  die  Monarchisten  und  geht  davon  aus,

daß  die  monarchische  Regierungsform  der  republikanischen  überlegen
sei,  deren  Wandelbarkeit  alle  Anstrengungen  zur  Herstellung  der  Ordnung
in  den  Finanzen  vereitele  und  Frankreich  in  Europa  isoliere.  Das  Streben
der  Monarchisten  sei  nicht  darauf  gerichtet,  die  Regierung  zu  stürzen,  Regierungen
  stürzten  aber  stets  durch  ihre  eigenen  Fehler;  die  Monarchisten  müßten
sich  aber  bereit  halten,  die  Erbschaft  anzutreten.  Das  Land  müsse  über  den
Uebergang  zu  der  monarchischen  Regierungsform,  den  es  in  legaler  Weise
durch  das  allgemeine  Stimmrecht  ins  Werk  setzen  könne,  aufgeklärt  werden.
Der  Kongreß  zu  Versailles  habe  seiner  Zeit  die  Republik  für  ewige  Zeiten
proklamiert,  jedoch  könne  ein  anderer  Kongreß  die  Republik  wieder  beseitigen.
Die  Monarchie  werde  keine  rückschreitende  Politik  befolgen.  Das  allgemeine
Stimmrecht  solle  beibehalten  werden.  Die  wirklich  parlamentarische  Regierungsform
  mit  den  drei  Staatsgewalten  werde  an  die  Stelle  des  republi
kanischen  Parlamentarismus  treten.  Die  Monarchie  werde  auf  friedlichem
Wege  die  politischen  Beziehungen  Frankreichs  in  Europa  wieder  heben;  sie
werde  das  nötige  Ansehen  genießen,  um  mit  den  Mächten  zu  unterhandeln
und  auf  eine  gleichmäßige  Herabminderung  der  militärischen  Lasten  hinzuwirken,
  welche  das  alte  Europa  zum  Vorteil  anderer  Weltteile  schädigten.
Die  Monarchie  werde  dem  Lande  den  Frieden  auf  religiösem  und  sozialem
Gebiete  wiedergeben.  Der  König  wolle  nicht  das  Haupt  einer  Partei  sein,
sondern  werde  der  König  aller  und  der  erste  Diener  Frankreichs  sein.

18.  September.  General  Boulanger  hält  bei  der  Revue
über  sein  Armeekorps  am  Manbberschlusse  eine  Ansprache  an  die
Offiziere,  in  der  er  auf  die  dringende  Notwendigkeit  hinweist,  den
den  französischen  Truppen  eigenen  Geist  der  Offensive  zu  entwickeln.
Er  schließt:

„Wir  bedürfen  heute  mehr  als  je  dieser  soldatischen  Eigenschaften.
Die  Stunde  der  Abrüstung  hat  für  die  Völker  des  alten  Europa  noch  nicht
geschlagen.  Eine  Thorheit  ist  es,  dies  zu  glauben,  und  ein  Verbrechen,  es
zu  sagen;  denn  es  heißt  dies,  den  Frieden  um  jeden  Preis  als  das  Ziel
hinstellen,  nach  welchem  das  Land  strebt,  und  unsere  Feinde,  die  uns  gar
oft  richtiger  beurteilen,  als  wir  selbst,  wissen  recht  wohl,  daß  dem  nicht
so  sei.  So  wollen  wir  denn  mehr  als  je  fortfahren,  zu  arbeiten;  es  geschieht
für  Frankreich.“

24.  September.  (Ersparnisse.)  Ministerpräsident  Rouvier
berichtet  in  einem  Schreiben  an  die  Budgetkommission,

daß  das  ursprüngliche  außerordentliche  Budget  nach  dem  Entwurfe
Dauphins,  welches  durch  den  Entwurf  Rouviers  auf  122  Millionen  reduziert
  worden,  nunmehr  in  Folge  weiterer  von  den  Ministern  des  Krieges

und  der  Marine  vorgenommener  Reduktionen  nur  noch  100  Millionen  betrage,
  ohne  daß  der  Dienst  in  den  beiden  Ressorts  irgendwie  beeinträchtigt
        <pb n="362" />
        344  Krankreich.  (Oktober  1.  6.)

würde.  Die  Streichungen  im  Kriegsbudget  betrügen  55,  im  Marinebudget
14½  Millionen.

1.  Oktober.  (Kundgebung  für  Rußland.)  Bei  einem
Besuche,  welchen  der  Bürgermeister  von  St.  Petersburg,  Schatschew,
im  Pariser  Gemeinderate  macht,  begrüßt  ihn  der  Vizepräsident  mit
folgender  Rede:  1

Paris  könne  die  wiederholten  Sympathie-Bezeigungen  Rußlands  für
Frankreich  nicht  vergessen.  Diese  Sympathien  seien  in  Petersburg,  dem
Paris  des  Nordens,  entstanden,  wo  die  Ideen  der  Völkerverbrüderung  so
lebhaft  seien.  Der  Vize-Präsident  bittet  den  Bürgermeister,  der  Bevölkerung
von  Petersburg  und  der  russischen  Nation  den  Ausdruck  der  brüderlichen
Gefühle  von  Paris,  welche  auch  die  von  ganz  Frankreich  seien,  zu  überbringen.

Schatschew  dankt  und  sagt,  die  Sympathie  sei  eine  gegenseitige;
er  werde  seinen  Kollegen  den  Ausdruck  der  Gefühle  von  Paris  überbringen.

2.  Oktober.  Handelsminister  Dautresme  behandelt  in  einer
Rede  zu  Elbeuf  die  Stellung  des  Kabinets  zur  Rechten.  Er  sagt
im  wesentlichen:

Was  hat  denn  das  Ministerium  gethan?  Wessen  klagt  man  uns  an?
Man  sagt,  wir  seien  ehrgeizig,  aber  hat  denn  einer  von  uns  seine  Haltung
geändert,  seit  wir  an  der  Gewalt  sind  Man  sagt,  wir  seien  Orleanisten.
Hat  einer  von  uns  an  den  Herzog  von  Aumale  geschrieben  (Anspielung  auf
Boulanger)?  Wir  sollen  den  Klerikalismus  begünstigen.  Worauf  stützt  man
denn  dicse  Anklage?  Man  wirft  uns  auch  vor,  keine  Regierung  des  Kampfes
zu  sein.  Wohlan!  ich  wiederhole  mit  Rouvier  und  Freycinet:  Wir  wollen
Frankreich  nicht  marschieren  lassen,  wir  wollen  es  überzeugen.  Was  sehen
wir  auf  der  Rechten:  Männer,  die  ihre  Geburt,  ihre  Beziehungen  verhindern,
  aus  den  Reihen  herauszutreten.  Ihnen  bewilligen  wir  nichts,  aber
wir  begegnen  ihnen  mit  der  Kollegen  schuldigen  Höfticheit.  Niemals  werden
wir  ihnen  einen  Grundsatz,  einen  Beamten  zum  Opfer  bringen.  Aber  neben
ihnen  befinden  sich  die  durch  ein  Mißverständnis  von  uns  getrennten  Wähler;
und  wenn  es  eine  Politik  gibt,  die  sie  zu  uns  zurückführen  kann,  so  ist  das
unsere  Politik.  Die  Rechte  stürzte  alle  Kabinette  in  der  Hoffnung,  daß  das
müde  gewordene  Land  sich  in  die  Arme  eines  Retters  werfen  würde.  Da
das  nicht  eintraf,  so  änderte  sie  ihre  Taktik.  Es  kamen  die  Ihnen  bekannten
Manifeste;  aber  Trompetenstöße  werden  die  Flüchtigen  nicht  zurückhalten.
Das  Kaiserreich  und  die  Monarchie  sind  in  demselben  Grabe  versiegelt.  Was
ist  bei  dieser  Lage  Pflicht  der  Republikaner:  Das  Land  zu  beruhigen,  welches
nach  innen  Sicherheit,  nach  außen  Achtung  vor  der  Fahne  Frankreichs  verlangt.
  Die  Zwischenfälle  der  letzten  Tage  haben  gezeigt,  daß  wir  auf  der
Höhe  unserer  patriotischen  Pflichten  stehen.

6.  Oktober—Anf.  Novpbr.  (Affaire  Caffarel--d'Andlau.)
General  Caffarel,  welcher  durch  Boulanger  ins  Kriegsministerium
berufen  worden  und  dort  eine  Direktorstelle  bekleidet,  wird  durch
Dekret  des  Kriegsministers  plötzlich  in  Nichtaktivität  versetzt,  einige
Tage  darauf  in  Untersuchungshaft  genommen  und  später  aus  dem
Heere  entfernt  und  des  Ordens  der  Ehrenlegion  für  verlustig  erklärt.

Ihm  wird  Schuld  gegeben,  daß  er  und  ein  anderer  General,  der
Senator  Graf  d'Andlau,  Gchüfte  mit  dem  Orden  der  Ehrenlegion  betrieben.
        <pb n="363" />
        Krankreich.  (Oktober  6.—13.)  345

Vermittlerin  ist  eine  gewisse  Ratazzi  gewesen,  anfangs  gilt  auch  eine  Frau
Limousin  dafür,  bei  der  nach  ihrer  Verhaftung  eine  große  Anzahl  Briefe
hochgestellter  Persönlichkeiten,  u.  a.  der  ehemalige  Kriegsminister  Boulanger
und  Thibaudin,  und  auch  3  Briefe  des  Deputierten  Wilson,  Schwiegersohns
des  Präsidenten  Grévy,  gefunden  werden.  Auch  ein  aus  Bayern  stammender
Baron  Kreitmayer  scheint  in  den  Ordensschacher  verwickelt.

General  d'Andlau  entzieht  sich  der  Verhaftung  durch  die  Flucht.

Die  Angelegenheit  erregt  ungeheure  Bewegung  im  ganzen  Lande.

6.  Oktober.  (Madagaskar.)  Im  Ministerrate  teilt  Flourens
eine  Depesche  des  Vertreters  in  Tananariwa,  Le  Myre's  de  Vilers,  mit,
wonach  dieser  die  abgebrochenen  diplomatischen  Beziehungen  zu  der
Howas-Regierung  wieder  aufgenommen  habe,  nachdem  dieselbe  auf
das  Recht  der  Erteilung  des  Exequatur  an  die  Vertreter  fremder
Mächte,  welches  sie  bei  dem  Wechsel  des  Vertreters  der  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  wieder  ausgeübt  hatte,  ohne  die  Zustimmung
  des  französischen  Residenten  einzuholen,  verzichtete.

7.  Oktober.  (Großfürst  Nikolaus.)  Der  „Matin“  berichtet,
  daß  der  russische  Großfürst  Nikolaus  während  seiner  Ueberfahrt
  von  Teneriffa  nach  Dünkirchen  an  Bord  des  französischen
Dampfers  Uruguay  eine  Rede  folgenden  Inhalts  gehalten  habe:

Frankreich  thäte  gut  daran,  sich  nicht  über  die  deutschen  Aufreizungen
zu  beunruhigen,  jedoch  noch  sei  es  nicht  schlagfertig,  obgleich  es  die  Revanche
vorbereite.  „Rußland,  zumal  die  kaiserliche  Familie,  ist  ein  Herz  und  eine
Seele  mit  Frankreich,  aber  an  ein  wirkliches  Bündnis  zwischen  beiden  Völkern
  ist  noch  nicht  zu  denken  wegen  der  großen  Anzahl  von  Beamten,  die
Deutschland  noch  sehr  zugethan  find.  Der  Zar  arbeitet  an  der  Säuberung
der  Beamten;  diese  Säuberung  ist  bald  vollständig.  Im  Falle  eines  Krieges
ist  es  gewiß,  daß  viele  Rufsen  sich  zum  Dienst  in  der  französischen  Armee
melden  werden,  und  ich  als  allererster.“

Von  der  russischen  Botschaft  werden  diese  „argen  Ungehörigkeiten“,
  welche  man  dem  Großfürsten  in  den  Mund  gelegt  habe,  als
„eine  geschmacklose  Erfindung“  dementiert,  der  Prinz  habe  nur  in
huldvoller  Weise  einen  Trinkspruch  auf  Rußland  mit  einem  solchen
auf  Frankreich  beantwortet.  Auch  der  Kapitän  des  Schiffes  tritt
der  Wahrheit  des  Berichtes  entgegen,  doch  erklärt  der  Berichterstatter
des  „Matin"  daraufhin,  diesen  Wortlaut  aus  dem  Munde  des  Kapitäns
  selbst  vernommen  zu  haben.

13.  Oktober.  (Bestrafung  Boulangers.)  General  Boulanger
  wird  mit  30  Tagen  Stubenarrest  vom  Kriegsminister  bestraft.

Als  er  von  der  Affaire  Caffarel-Limousin-d'Andlau  erfährt,  äußert
er,  die  ganze  Untersuchung  sei  nur  eine  gegen  ihn  angezettelte  Intrigue  und
tadelt  den  Kriegsminister,  daß  er  Caffarel  öffentlich  entehrender  Untersuchung
preisgegeben  habe,  statt  ihm  Mittel,  sich  zu  töten,  anzubieten.  Diese  Aeußerungen
  gelangen  durch  die  intransigenten  Blätter  „Lanterne“  und  „Nation“
        <pb n="364" />
        346  Krankreich.  (Oktober  Mitte—22.)

an  die  Oeffentlichkeit.  Auf  eine  telegraphische  Anfrage  Ferrons,  ob  er  dieselben
  wirklich  gethan  habe,  antwortet  er  mit  der  Bitte  um  Uebersendun
der  betreffenden  Blätter,  auf  eine  zweite  Anfrage  einfach  mit  ja,  erst  au
eine  dritte  genügend.  Die  Folge  ist  seine  sofortige  Bestrafung,  das  Korpskommando
  wird  interimistisch  dem  ältesten  seiner  Divisionsgenerale  übertragen.

Die  intransigenten  Zeitungen  greifen  den  Kriegsminister  deshalb  auf
das  heftigste  an,  doch  billigt  sonst  die  gesamte  Presse  sein  Verfahren  und
lobt  sein  entschlossenes  Auftreten.

Mitte  Oktober.  Beginn  der  Bewaffnung  der  franzöfischen
Infanterie  mit  dem  neuen  kleinkalibrigen  Lebel-(Repetier-)Gewehre.

18.  Oktober.  (Hinterindien.)  Durch  Dekret  des  Präsidenten
werden  Anam  und  Tonking  aus  dem  Ressort  des  Ministeriums
des  Aeußern  dem  Marineministerium  überwiesen;  gleichzeitig  wird
ein  Zivilgouverneur  für  die  indisch-chinesischen  Kolonieen  bestellt.

Die  Verschmelzung  der  4  ostasiatischen  Verwaltungen  erstreckt  sich  auf
die  Militär-,  Zoll-,  Post=  und  Telegraphenangelegenheiten;  für  Steuerwesen,
Rechtspflege  und  Polizei  bleiben  die  Kolonie  Kochinchina  und  die  Schutzherrschaften
  Anam,  Tonking  und  Kambodscha  getrennt.  Kochinchina  erhält
einen  Lieutenantgouverneur,  Kambodscha  und  Tonking  je  einen  Generalresidenten
  und  Anam  einen  Oberresidenten.  Dem  Generalgouverneur  tritt  eine
Art  Ministerium  zur  Seite,  der  Kolonialrat  von  Kochinchina  wird  in  seiner
bisherigen  Selbständigkeit  beschränkt  und  dem  Marineministerinm  unterstellt.
Diese  Verwaltungsänderung  soll  eine  Ersparnis  von  10.000,000  Franken
jährlich  ergeben.

Diese  Maßregel  erregt  lebhafte  Erörterungen  in  der  Presse  und  den
bogeordnetenfreifen  wird  lebhaft  angegriffen  und  als  verfassungswidrig

ezeichnet.

21.—29.  Oktober.  Der  Graf  von  Paris  hält  sich  in  Dortrecht
  auf.  Entgegen  verschiedenen  Zeitungsnachrichten  über  den  Zweck
dieses  Aufenthalts,  äußert  Camille  Dupuy,  der  Privatsekretär  desselben,
  zu  dem  Hauptredakteur  des  „Dortrechtschen  Courant":

Diese  verschiedenen  Gerüchte  seien  salsch  der  Graf  wolle  nur  seinen
nordfranzösischen  Freunden  Gelegenheit  geben,  ihn  zu  sehen.

ie  „Agence  libre“  ersährt  aber  im  November,  daß  in  Dortrecht
Baron  de  Haulleville,  der  Leiter  des  ministeriellen  Journal  de  Bruxelles,
nebst  andern  leitenden  Persönlichkeiten  der  hohen  belgischen  Aristokratie  anwesend
  war  und  daß  daselbst  Verabredungen  getroffen  wurden,  Belgien  zum
Hauptstützpunkte  der  orleanistischen  Propaganda  zu  machen.

Baron  de  Haulleville  leugnet  dagegen  seine  Anwesenheit  in  Dortrecht
  ab.

22.  Oktober.  Clémenceau  hält  auf  einer  sehr  bewegten
Versammlung  zu  Toulon  eine  heftige  Angriffsrede  auf  das  Ministerium.


Er  sagt  darin,  die  Ministerien,  wie  sie  aufeinander  gefolgt  seien,
hätten  alle,  wenn  auch  von  verschiedenen  Ansichten  ausgehend,  dieselbe  Politik
der  Verzögerung  verfolgt.  „Wir  werden  nur  einer  solchen  Regierung  Vertrauen
  schenken,  welche  Feillt  ist,  Reformen  einzuführen."“  Redner  beschuldigt
  das  gegenwärtige  Ministerium,  mit  der  Rechten  paktiert  zu  haben,  und
        <pb n="365" />
        Krankreich.  (Oktober  25.  27.)  347

setzt  dann  die  einzelnen  seiner  Ansicht  nach  unerläßlichen  Reformen  auseinander,
  worin  er  besonders  die  Trennung  von  Staat  und  Kirche  hervorhebt.
  Zu  keiner  Zeit  sei  ein  Zusammenhalten  der  Revublikaner  sowohl  in
innern  wie  äußern  Fragen  notwendiger  gewesen  als  im  gegenwärtigen
Augenblicke.  In  ganz  Europa  herrsche  nur  Unruhe  und  Unsicherheit.

25.  Oktober.  (Suez-Kanal.)  Das  „Journal  des  Dôbats“
schreibt  über  die  Neutralisierung  des  Suezkanals  (vgl.  Großbritannien

Oktbr.  26.):

„Wenn  die  Uebereinkunft  uns  schon  durch  die  Art  und  Weise  befriedigt,
  wie  sie  eine  heikle  Angelegenheit  ordnet,  so  gefällt  sie  uns,  aufrichtig
estanden,  noch  weit  mehr  durch  die  Tendenzen,  die  a0n  andeutet.  In  Wahrbeit
  vermögen  wir  in  ihr  nichts  anderes  zu  erblicken,  als  einen  ersten  Schritt
zur  Lösung  einer  ungleich  umfassenderen  und  schwierigeren,  der  ägyptischen
Frage.  England  hat  seit  mehreren  Jahren  nicht  aufgehört,  seinen  Wunsch,
Aegypten  zu  räumen  und  so  bald  als  möglich  seine  feierlichen  Versprechungen
zu  halten,  zu  betheuern;  eines  der  Hindernisse,  und  nicht  das  mindest  bedeutende,
  war  die  Furcht,  nach  seinem  Rückzuge  den  Suezkanal  und  die
Straße  nach  Indien  in  die  Hände  irgend  einer  andern  Macht  fallen  zu  sehen.
Dieses  Hindernis  ist  nun  gehoben,  und  wir  wollen  hoffen,  auch  die  übrigen
werden  nicht  unüberwindlich  sein,  und  die  eben  getroffene  Anordnung  werde
bald  ihre  natürliche  Folge  haben  können.  Es  ist  in  der  That  hohe  Zeit,
den  Mißverständnissen  ein  Ziel  zu  setzen,  welche  seit  6  Jahren  die  zwei
großen  Westmächte  zu  ihrem  beiderseitigen  Schaden  und  zum  Vorteil  ihrer
Nebenbuhler  spalten.  Es  wäre  kein  geringer  Ruhm  für  die  beiden  Minister
des  Aeußern,  wenn  sie,  das  so  gut  begonnene  Werk  fortsetzend,  für  die  Lösung
der  ägyptischen  Frage  ebenso  befriedigende  Grundlagen  fänden  wie  für  die
Regelung  der  Suez-Angelegenheit,  und  durch  die  Beseitigung  jeder  Ursache
des  Mißtrauens  zwischen  ihren  zwei  Ländern  das  herzliche  Einvernehmen
wieder  herzustellen  vermöchten,  das  die  Ereignisse  in  Aegypten  so  verhängnisvoll
  störten."“

25.  Oktober.  Wiedereröffnung  der  Kammern.

Da  man  nach  Aufforderungen  Rocheforts  und  Déroulèdes  zu  boulanistischen

  Kundgebungen  Ruhestörungen  erwartete,  waren  außerordentliche

orfichtsmaßregeln  geiosten  und  starke  Schupmannsketten  am  Kammerpalaste
aufgestellt  worden,  es  erfolgen  jedoch  keine  Kundgebungen.

25.  Oktober.  Wilson,  von  seinen  Wählern  in  Tours  aufgefordert,
  über  die  Ordensaffaire  Rede  zu  stehen,  spricht  in  überaus
stürmischer  Versammlung  daselbst.  Schließlich  wird  mit  geringer
Mehrheit  ein  Beschluß  gefaßt,  Wilson  aufzufordern,  sein  Mandat
niederzulegen,  doch  ist  das  Stimmresultat  nicht  einmal  sicher  festzustellen.


27.  Oktober.  (Militärvorlagen.)  Kammer:  Kriegsminister
Ferron  legt  3  Gesetzesentwürfe  vor,  von  denen  der  erste  die  Bildung
eines  Korps  von  Alpentruppen  (12  Bataillone  zu  6  Kompagnieen
Gebirgsschützen  mit  12  Gebirgsbatterien),  der  zweite  die  Neubildung
zweier  Artillerieregimenter  in  Algier  und  Tunis,  der  dritte  die  Aufstellung
  eines  Eisenbahnregimentes  betrift.
        <pb n="366" />
        348  Kr##breich(Oktober  28.—November.)

28.  Oktober.  Die  Budget-Kommission  beschließt  wiederum,
wie  in  den  frühern  Jahren,  die  Aufhebung  des  Kultusbudgets
(vgl.  Gesch.  Kal.  1886  V,  26.  bzw.  28.).

Ende  Oktober.  (Chikagoer  Anarchisten.)  Die  äußerste
Linke  sendet  zu  gunsten  der  in  Chikago  zum  Tode  verurteilten  Anarchisten
  ein  Gnadengesuch  an  die  Regierung  von  Illinois.  Dasselbe

lautet:

„Im  Namen  der  Menschlichkeit,  im  Namen  der  Solidarität  der  beiden
großen  Republiken  beschlossen  die  Mitglieder  der  Deputiertenkammer  von  der
Gruppe  der  äußersten  Linken,  Anhänger  der  Abschaffung  der  Todesstrafe  jür
politische  Vergehen,  von  der  Regierung  von  Illinois  das  Leben  für  die  sieben
Verurteilten  einstimmig  zu  verlangen.  Der  Obmann  Barodet.“

Eine  ähnliche  Depesche  lassen  auch  die  Deputierten  der  Seine
abgehen.  Passy  befürwortet  diese  Kundgebungen  im  Namen  der
Friedensliga.

November.  (Skandal  Wilson.)  Im  Laufe  des  Prozesses
  gegen  Caffarel  und  die  Limoufin  wird  der  Schwiegersohn  des
Präsidenten,  Wilson,  verdächtigt,  an  diesen  und  ähnlichen  unlautern
Geschäften  mitbeteiligt  zu  sein.

Besonders  „Lanterne"  und  „XIX  Siecle“  bezichtigen  Wilson  fortgesetzt
  des  Ordensschachers  und  der  Zuwendung  von  Armeelieferungen  für
Geld,  nachgewiesen  wird  ihm  jedoch  zunächst  nur,  daß  er  kleine  Postportounterschlagungen
  begangen,  indem  er  das  Recht  der  Portofreiheit  des  Präsidenten
  für  seine  Privatzwecke  mißbraucht  hat.  Wilson  sucht  die  Sache  bei-Aulegen
  indem  er  40000  Fr.  an  das  Ministerium  als  Rückerstattung  einendet.


Am  schwersten  aber  wird  er  kompromittiert,  als  am  10.  November
die  Untersuchung  im  Prozesse  gegen  die  Limousin  ergiebt,  daß  die  bei  den
Akten  befindlichen  Briefe  Wilsons  nicht  die  an  die  Limoufin  geschrieben  gewesenen
  sind,  obgleich  sie  inhaltlich  ähnlich  lauten.  Es  wird  gewiß,  daß  diese
Stücke  aus  den  Untersuchungsakten  entwendet  und  durch  gefälschte  ersetzt
worden  find.  Der  Polizeipräfekt  Gragnon  ist  verdächtig,  diese  Manipulationen
  gemacht  oder  geduldet  zu  haben.

Die  Angelegenheit  wird  zu  einer  öffentlichen  und  politischen,
Gragnon  wird  seines  Amts  entsetzt,  der  Justizminister  Mazeau#
tritt  am  17.  zurück,  nachdem  er  schon  am  10.  heftig  in  der  Kammer
angegriffen  und  aufgefordert  worden  war,  die  Untersuchung  gegen
Wilson  zu  veranlassen,  was  er  ablehnt.  Auch  der  Kriegsminister
macht  Miene  zurückzutreten,  da  das  Gericht  Caffarel  vorläufig  wieder
in  Freiheit  setzt.

Die  öffentliche  Meinung  und  die  Presse  beginnen  dringend
den  Rücktritt  Grévys  zu  fordern,  der  unentwegt  an  der  Unschuld
Wilsons  festhält.  Auch  in  den  Kammern  dringt  die  Ueberzeugung

durch,  daß  seine  Abdankung  unvermeidlich  ist.  Wilson  hatte  schon
        <pb n="367" />
        FKr#a#kreich.  (November  3.—7.)  349

vorher  auf  Andringen  Grévys  seine  Wohnung  im  Elisée  verlassen
müssen.

Der  Untersuchungsrichter  beantragt  bei  der  Kammer  Aufhebung
  der  Immunität  für  Wilson,  den  er  unter  Anklage  zu  stellen
beabsichtige.  Die  Kammer  gibt  mit  527  gegen  3  (darunter  Goblets)
Stimmen  die  Genehmigung  zur  gerichtlichen  Verfolgung  Wilsons.
Neben  dieser  läuft  die  parlamentarische  Untersuchung  nebenher.

Am  13.  Dezember  beschließt  alsdann  die  Anklagekammer  Einstellung
  des  Verfahrens  gegen  Wilson  und  Gragnon,  indem  sie
zwar  die  erwiesenen  Unregelmäßigkeiten,  wie  die  Unterschiebung  der
Briefe  ausdrücklich  tadelt,  aber  darin  keinen  Anlaß  zu  strafrechtlicher
Verfolgung  findet.

3.  November.  (Rentenkonversion.)  Kammer:  nimmt  den
von  Rouvier  vorgelegten  Gesetzentwurf  betreffs  Umwandlung  der
4½  %  igen  Rente  in  eine  3  %ige  an.

5.  Novbr.  (Parlamentarische  Untersuchung.)  Kammer:
Der  am  25.  Oktober  gestellte  Antrag  Cuneo  d'’Ornano  (Bonapartist)
  auf  Einsetzung  eines  Untersuchungs-Ausschusses  wegen  des
Ordensschachers  wird  angenommen  mit  dem  Amendement  Colfavdru,
die  Untersuchung  auf  alle  tadelnswerte  Vorgänge  der  Verwaltung
und  alle  ausgesprengten  Gerüchte  gegen  die  Verwaltung  auszudehnen.

Cuneo  d'Ornano  beschuldigt  die  Regierung  des  Versuchs,  die  häßlichen
  Vorkommnisse  der  letzten  Zeit  zu  verdunkeln  um  der  wahren  Schuldigen
  (Wilson)  willen.  Ministerpräsident  Rouvier  verwahrt  das  Ministerium
  gegen  die  Verdächtigung,  daß  die  Caffarelsche  Angelegenheit  aus
Feindsch  cnt  gegen  Boulanger  ins  Werk  gesetzt  sei  und  gegen  die  Behauptung,
daß  man  d'Andlau  absichtlich  habe  entwischen  lassen;  spricht  gegen  den  Antrag,
  da  eine  Untersuchung  vor  Gericht  über  die  Sachen  anhängig,  eine
parlamentarische  also  unnötig  sei:  über  die  übrigen  Mißstände  stünden  Interpellationen
  frei  und  diese  genügten;  der  Antrag  sei  ein  Angriff  nicht  auf
das  Ministerium,  nicht  auf  die  bloßgestellten  Personen,  sondern  auf  die  Republik.
  Cassagnac  fordert  die  Untersuchung:  die  kleinen  Diebe  habe  man,
nicht  aber  den  großen  (Wilson).

Der  Antrag  Colfavru  wird  hierauf  mit  264  (davon  262
Republikaner)  gegen  256  (93  Republikaner,  164  von  der  Rechten)
Stimmen  angenommen;  ebenso  ein  Zusatzantrag,  der  die  Befugnisse
des  Untersuchungsausschusses  noch  erweitert  und  ihn  beauftragt,  die
allgemeine  Untersuchung  über  die  Verwaltungsmißbräuche  bis  zum
16.  Mai  1877  zurück  auszudehnen.  Die  Anträge  als  Gesamtheit

erlangen  445  Stimmen  gegen  84.

7.  November.  Beginn  des  Prozesses  gegen  Caffarel  und
d'Andlau  und  ihre  Mitschuldigen.
        <pb n="368" />
        350  Krankreich.  (November  12.—19.)

Caffarel  ist  angeklagt,  einem  „Erfinder“  eines  Insektenpulvers,  ebenso
einem  „Erfinder"  eines  Schnapses  für  Blutarme  durch  Aussicht  auf  das  Kreuz
der  Ehrenlegion  Geld  entlockt  zu  haben  und  einem  Kochgeschirrfabrikanten  für
die  Zahlung  von  50,000  Fr.  die  Einführung  seines  Fabrikats  im  Heere  versprochen
  zu  haben.  d'Andlau  ist  angeklagt,  durch  Vermittlung  der  Ratazzi
Ordenslustigen  in  3  Fällen  15,600,  10,000  und  20,000  Fr.  entlockt  zu
haben,  von  denen  er  nach  mißlungenem  Versuche,  die  Orden  zu  verschaffen,
15,000  Fr.  für  sich  behalten  habe.

12.  November.  Der  Pariser  Gemeinderat  beschließt,  die
Sühnekapelle  über  dem  Grabe  Ludwigs  XVI.  und  Marie  Antoinettes

abzutragen  und  ein  Standbild  Dantons  an  der  Stelle  zu  errichten.

15.—16.  November.  Der  Budgetausschuß  der  Kammer  beschließt
  die  Streichung  der  Botschaft  beim  Vatikan  mit  14
gegen  1  Stimme  und  beharrt  auch,  als  Tags  darauf  der  Ministerpräsident
  die  Wiederherstellung  dieses  Postens  fordert,  auf  diesem
Beschlusse.

Mitte  November.  Gegen  den  „Gaulois“  wird  wegen  eines
Vive  le  roi!  überschriebenen  Artikels  das  gerichtliche  Verfahren  eingeleitet.


In  diesem  Artikel  heißt  es,  die  Republik  sei  von  oben  bis  unten
verfault  und  halte  sich  nar  noch  durch  die  Macht  der  Gewohnheit,  die  Regierung
  sei  erledigt:  „Die  Polizei  hat  keine  Chefs  mehr,  weil  diese  unter
der  schwersten  Anklage  stehen;  man  weiß  nicht  mehr,  ob  die  Minister  noch
seen  oder  schon  am  Boden  liegen;  alle  Personen  des  angeblich  noch  bestehenden
  Regiments  sitzen  entweder  auf  dem  Richter=  oder  auf  dem  Armensünderstuhle;
  das  Publikum  glaubt  an  nichts  und  traut  niemand  mehr;  was
zögern  wir  noch  „Vive  le  roi!“  zu  rufen:  ...  Sie  dürfen  rufen:  „Vive
le  roi!“  denn  der  König  ist  bereit  ....  Die  Republik  hat  sich  selbst  verdammt,
  fsie  hat  ihr  Sedan,  das  unverzeihlicher  ist  als  das  von  1870,  welches
das  Kaisertum  hinwegspülte  —  ein  Sedan,  das  kein  Werk  des  Auslandes,
kein  Werk  der  Royalisten  ist,  ein  Sedan  aus  freiem  Entschlusse  wie  ein
Selbstmord!“

19.  November.  (Sturz  des  Ministeriums.)  Deputiertenkammer:
  Infolge  der  immer  lauter  in  der  Presse  erhobenen  Forderung
  des  Rücktrittes  Grévys,  der  allgemein  als  eine  Notwendigkeit
gefordert  wird,  bringt  Clémenceau  eine  Interpellation  über  die
allgemeine  Lage  ein  und  beantragt  die  sofortige  Verhandlung;  der
Antrag  ist  auf  eine  Pression  auf  Grévy  berechnet.  Ministerpräsident
Rouvier  erklärt,  die  Regierung  könne  auf  die  sofortige  Verhandlung
  nicht  eingehen,  da  die  Rentenkonversion  bis  zum  23.  dauern
werde  und  eine  solche  Debatte  Beunruhigung  hervorrufen  und  diese
wichtige  Angelegenheit  stören  müsse,  und  verlangt  Vertagung  der
Interpellation  bis  zum  24.  November.  Clémenceau  antwortet:

Dieser  Grund  sei  nicht  stichhaltig,  man  verspreche  den  Renteninhabern
damit  bloß  eine  Vertagung  ihrer  Beunruhigung  bis  Donnerstag,  das  sei
        <pb n="369" />
        rankreitt.  (November  21.  -Dezember  3.)  351

eine  seltsame  Ermutigung.  Nur  zu  lange  schon  sei  gewartet  worden.  Es
sei  notwendig,  daß  man  in  einer  Krisis  wie  die  jetzige  seine  Meinung  kundgebe;
  die  Kammern  könnten  kein  Schweigen  mehr  beobachten,  denn  es  sei
weder  Politik  noch  Budget  mehr  vorhanden.  Ganz  Frankreich  spreche  von
einer  Sache,  und  die  Rednerbühne  bleibe  stumm.  Niemand  bege  mehr  Fürsorge
  als  Redner  für  die  Republik,  die  Tag  für  Tag  verunglimpft  werde.
Es  sei  keine  Regierung  mehr  vorhanden.  (Unterbrechung.)  Das  Ministerium
sei  außer  stande,  die  Politik  zu  leiten  und  dem  Präsidenten  der  Republik
an  die  Hand  zu  gehen.  Das  Parlament  habe  die  Leitung  der  Angelegenheiten
  der  Rechten  überlassen;  die  Verwaltung  liege  in  vollständiger  Unordnung;
  Parquet  und  Polizei  lägen  mit  einander  im  Kampfe,  der  Polizeipräfekt
  werde  gerichtlich  verfolgt  und  der  Justizminister  habe  in  dem  Augenblicke
  abgedankt,  wo  sein  Ministerium  die  ganze  Regierung  sei;  es  sei  Thatsache,
  daß  kein  Nachfolger  zu  finden  sei.  Dieser  Stand  der  Dinge  dürfe
nicht  länger  dauern.  Die  Wahrheit  sei,  daß  eine  Vorfrage  zu  erledigen  sei.
Der  Minister  wolle  Zeit  gewinnen,  aber  es  sei  unmöglich,  Frankreich  länger
in  diesem  Zustande  zu  lassen.

Bei  der  Abstimmung  wird  die  von  Rouvier  beantragte  Vertagung
  mit  317  (davon  148  von  der  Rechten)  gegen  228  (davon
221  Republikaner)  Stimmen  verworfen.  Nachdem  Rouvier  hierauf
erklärt  hat:

Das  Kabinet  könne  sich  über  die  Tragweite  dieser  Abstimmung  nicht
täuschen,  es  werde  unverzüglich  zurücktreten;  die  Kammer  möge  entscheiden,
ob  sie  der  Interpellation  sofort  Folge  geben  oder  warten  wolle,  bis  andere
Minister  vorhanden  seien  —

zieht  Clémenceau  seine  Interpellation  zurück,  denn  er  wolle  kein  abwesendes
  Ministerium  interpellieren.

Der  Ausgang  der  Abstimmung  erweckt  allgemeine  Ueberraschung.


21.  November.  (Verfassungsänderung.)  Kammer:  Jolibois
  (Bonapartist)  stellt  den  Antrag:  den  Wahrspruch  des  souveränen
  Volkes  anzurufen  und  ein  Staatsoberhaupt  durch  das  Volk
selbst  wählen  zu  lassen,  und  verlangt  die  Dringlichkeit;  derselbe  wird
mit  381  gegen  173  Stimmen  verworfen.

Hierauf  verlangt  Michelin  (äußerste  Linke)  Dringlichkeit  für
seinen  schon  vor  dem  von  Jolibois  eingebrachten  Antrag  gleichfalls
auf  Verfassungsänderung.  Dieser  Antrag  wird  mit  369  gegen  191
Stimmen  als  letzter  Gegenstand  auf  die  nächste  Tagesordnung  gesetzt.

21.  November—3.  Dezember.  Sturz  des  Präsidenten  und
Wahl  Sadi  Carnots  an  seine  Stelle.

Nachdem  Rouvier  seine  Entlassung  gegeben,  beruft  Präsident  Grévy
zunächst  Clémenceau  zur  Neubildung  des  Kabinetts.  Dieser  erklärt  eine
Antwort  nur  in  Gegenwart  Floquets,  Freycinets  und  Goblets  geben  zu
können  und  rät  mit  diesen  gemeinsam  dem  Präsidenten,  sich  zu  verpflichten,
in  bestimmter  Frist  abzudanken,  da  sonst  kein  Kabinett  zustande  kommen
        <pb n="370" />
        352  Krankreic.  (Novbr.  21.—Dezbr.  3.)

würde.  Grévy  leugnet  die  Notwendigkeit,  sich  zurückzuziehen,  es  wird  aber
unzweifelhaft,  daß  die  Niederlage  des  Ministeriums  in  der  Kammer  mehr
ihm  als  diesem  gegolten  hat.  Grévy  beruft  nacheinander  alle  einflußreichen
Republikaner  der  verschiedensten  Schattierungen,  Ribot,  Brisson,  Deves,
Jules  Ferry  und  verschiedene  andere.  Alle  find  einig  in  der  Betonung  der
Notwendigkeit  für  Grévy,  sich  zurückzuziehen,  und  lehnen  unter  andrer  Voraussetzung
  eine  Kabinettsbildung  ab.  Am  24.  scheint  endlich  auch  Grévy
entschlossen,  zurückzutreten;  es  heißt,  Ribot  werde  ein  Uebergangsministerium
bilden.  Dennoch  zaudert  er  wieder  und  als  Rouvier  am  26.  den  Versuch
macht,  ihn  zu  einem  bestimmten  Entschlusse  zu  drängen,  bemüht  er  sich  wieder
vergeblich,  Rouvier  zu  einer  Neubildung  des  Kabinetts  zu  überreden;  doch
zieht  das  Kabinett  seine  Entlassung  vorläufig  zurück,  bis  Grévy  seinen  Rücktritt
  den  Kammern  mitgeteilt  haben  werde,  diese  vertagen  sich  in  Erwartung
dessen  bis  zum  28.  und  sodann  auf  Rouviers  Ersuchen  weiter  bis  zum
1.  Dezember.

Nachdem  ein  neuer  Versuch  Grévys,  ein  Kabinett  Goblet  zu  bilden,
wieder  gescheitert  ist,  tritt  in  der  öffentlichen  Meinung  plötzlich  ein  vollständiger
  Umschwung  ein,  da  die  zwischen  den  Parteien  inzwischen  erfolgten
  Besprechungen  über  die  Präsidentschaftskandidatur  ergeben,  daß  die  ganze
Rechte  für  Ferry  einzutreten  entschlossen  ist,  dem  damit  die  Nebrbeit  gesichert
  scheint.  Die  Folge  sind  wütende  Angriffe  vonseiten  der  radikalen  und
intransigenten  Presse  gegen  diesen  und  eine  allgemeine  Bestürzung  auf  der
Linken;  auch  die  Patriotenliga  tritt  nunmehr,  sowie  Rochefort  und  die  Radikalen
  für  das  Bleiben  Grévys  ein.  Déroulede  macht  einen  Besuch  bei  Grévy
und  erklärt  nachher  auf  autorisierte  (russische)  Veranlassuug  hin  und  im
Hinblick  auf  die  äußere  Lage  habe  er  sich  verpflichtet  gefühlt,  Grévy  zum
Bleiben  aufzufordern.  Aehnliche,  bald  russischerseits  in  der  Presse  energisch
dementierte  Angaben  macht  er  in  der  Kammer,  aus  der  er  aber  hinausgewiesen
  wird.  Die  gleichen  Versuche  machen  eine  Abordnung  Abgeordneter
der  äußersten  Linken,  dann  der  Radikalen.  Grévy  erklärt  jedoch  nunmehr
seinen  festen  Entschluß,  zurückzutreten.

Inzwischen  wird  infolge  der  Auphetzungen  der  radikalen  und  intransigenten
  Partei,  welche  wie  die  Patriotenliga  mit  Barrikaden  und  fenen
Aufstande  droht,  wenn  Ferry  —  der  Tonkinese,  der  Mann  der  Orleans,
der  beglaubigte  Vertreter  Bismarcks  —  Präsident  werden  solle,  die  Lage
äußerst  bedenklich.  Die  Polizei=  und  Militärbehörden  treffen  umfassende
Sicherheitsmaßregeln,  Truppen  aus  der  Provinz  und  Marineinfanterie  werden
an  die  Hauptstadt  und  zum  Schutze  des  bevorstehenden  Kongresses  nach  Versailles
  herangezogen.  In  den  Außenvierteln  wird  ein  Beschluß  des  Zentralausschusses
  der  Arbeiterpartei  an  den  Werkstätten  angeklebt,  welcher  die  Arbeiter
  auffordert,  sich  an  etwa  vorfallenden  Straßenkämpfen  nicht  zu  beteiligen,
  da  die  Arbeiter  an  dieser  Krise  der  Bourgeoisie  kein  Interesse  hätten
und  durch  Unruhen  nur  der  bürgerlichen  oder  militärischen  Diktatur  die
Wege  bahnen  würden.  Am  1.  und  2.  Dezember  nimmt  die  Ansammlung
der  Massen  auf  dem  Eintrachtsplatze,  vor  dem  Elysée  und  dem  Palais
Bourbon  einen  so  bedrohlichen  Charakter  an,  daß  sie  wiederholt  durch  Kavallerie
  und  berittene  Schutzmannschaften  auseinandergesprengt  werden  müssen,
wobei  zahlreiche  Verwundungen  vorfallen.  General  Boulanger  ist  inzwischen
in  dienstlicher  Angelegenheit  in  Paris  eingetroffen,  reist  aber  am  2.  Dezember
wieder  ab.

Der  Pariser  Gemeinderat  faßt  am  1.  Dezember,  da  Ferrys  Wahl
immer  wahrscheinlicher  wird,  auf  Veranlassung  einiger  revolutionärer  Abgeordneten
  den  Beschluß,  die  Kammer  durch  eine  Abordnung  aufzufordern,
sich  der  Kommune  anzuschließen,  um  die  Republik  zu  retten.
        <pb n="371" />
        Krantreich.  (Novbr.  21.—Dezbr.  3.)  353

Der  Umschwung  der  öffentlichen  Meinung  macht  endlich  auch  Grévy
wieder  schwankend,  am  1.  Dezbr.  empfängt  er  die  zur  Beratung  im  Elysse
erscheinenden  Minister  mit  den  Worten:  „Ich  hatte  gedacht,  Ihnen  Lebewohl
zu  sagen,  nun  aber  sage  ich:  auf  Wiedersehen!“  Die  Minister  verlassen  ihn
hierauf  sofort  und  schicken  aufs  neue  ihre  Entlassung.  Nach  der  Mitteilung
in  der  Kammer,  daß  der  Präfident  seinen  Entschluß  zurückzutreten  geändert
und  das  Ministerium,  welches  nur  im  Amte  geblieben  sei,  um  für  die  Ordnung
  während  des  Kongresses  zu  sorgen,  aufs  neue  die  Entlassung  gefordert
habe,  eine  Botschaft  des  Präsidenten  der  Kammer  nicht  zugehen  werde,  beschließen
  diese  —  der  Senat  mit  264  gegen  5,  die  Kammer  mit  531  gegen
3  Stimmen  —  sich  bis  zum  Abend  zu  vertagen,  um  eine  Mitteilung  des
Präfidenten  zu  empfangen.  Hierauf  lehnt  Grévy  die  Entlassung  des  Ministeriums
  ab  und  erklärt,  am  nächsten  Tage  den  Kammern  eine  Botschaft
zugehen  lassen  zu  wollen.

Am  folgenden  Nachmittage  2½  Uhr  verlesen  die  Präfidenten  des
Senats  und  der  Kammer  in  beiden  Häufern  die  folgende  Botschaft  Grévys:

„Meine  Herren  Deputierten!  Solange  ich  nur  diejenigen  Schwierigkeiten,
  welche  sich  in  der  letzten  Zeit  auf  meinem  Wege  angehäuft,  zu  überwinden
  hatte,  wie  die  Angriffe  in  der  Presse,  das  Fernhalten  der  Männer,
welche  die  Stimme  der  Republik  an  meine  Seite  berufen,  die  wachsende  Unmöglichkeit,
  ein  Ministerium  zu  bilden,  so  lange  habe  ich  gekämpft  und  bin
ich  geblieben,  wo  meine  Pflicht  mich  festhielt.  In  dem  Augenblicke  aber,
wo  sich  in  der  erleuchtetern  öffentlichen  Meinung  ein  Umschlag  kundgab,  der
mich  hoffen  ließ,  eine  Regierung  bilden  zu  können,  haben  nun  Senat  und
Deputiertenkammer  beide  einen  Beschluß  gefaßt,  der  unter  der  Form  der
Vertagung  auf  eine  festgesetzte  Stunde,  um  eine  versprochene  Botschaft  zu
erwarten,  einer  Aufforderung  an  den  Präsidenten  der  Republik  gleichkam,
sein  Amt  niederzulegen.  Meine  Pflicht  und  mein  Recht  wären,  Widerstand
zu  leisten;  aber  unter  den  obwaltenden  Umständen  könnte  ein  Streit  zwischen
der  ausübenden  Gewalt  und  dem  Parlament  Folgen  haben,  die  mich  davon
zurückhalten.  Weisheit  und  Vaterlandsliebe  gebieten  mir,  zu  weichen.  Ich
überlasse  denjenigen,  die  sie  auf  sich  nehmen,  die  Verantwortlichkeit  für  ein
solches  Vorgehen  und  für  die  Ereignisse,  die  ihm  folgen  können.  Ich  scheide
daher  ohne  Bedauern,  aber  nicht  ohne  Trauer  aus  dem  Amte,  zu  welchem
ich  zweimal  erhoben  worden  bin,  ohne  mich  darum  beworben  zu  haben,  und
in  welchem  ich  mir  bewußt  bin,  meine  Pflicht  gethan  zu  haben.  Ich  berufe
mich  auf  Frankreich;  es  wird  sagen,  daß  neun  Jahre  hindurch  meine  Regierung
  ihm  den  Frieden,  die  Ruhe  und  die  Freiheit  gesichert,  daß  sie  ihm
Achtung  verschafft  hat  in  der  Welt,  daß  sie  unermüdlich  an  seiner  Erhebung
earbeitet  und  es  inmitten  des  bewaffneten  Europas  in  den  Stand  gesetzt
bat,  seine  Ehre  und  seine  Rechte  zu  verteidigen,  daß  sie  endlich  im  Innern
die  Republik  auf  den  Wegen  der  Weisheit  zu  erhalten  gewußt  hat,  welche
das  Interesse  und  der  Wille  des  Landes  ihr  vorschrieben;  es  wird  sagen,
daß  ich  zur  Vergeltung  dafür  noch  einmal  zu  dem  Amte  erhoben  worden
bin,  zu  dem  sein  Vertrauen  mich  berufen  hatte.  Indem  ich  aus  dem  politischen
  Leben  scheide,  habe  ich  nur  noch  einen  Wunsch:  daß  die  Republik
von  den  gegen  mich  gerichteten  Schlägen  nicht  mitbetroffen  werden  und  aus
den  Eefahr,  die  man  ihr  bereitet,  siegreich  hervorgehen  möge.  Ich  lege
meinen  Abschied  von  dem  Amte  des  Präsidenten  der  französischen  Republik
auf  den  Tisch  der  Deputiertenkammer  nieder.

Geg.  den  1.  Dezember  1887.
Der  Präsident  der  französischen  Republik,
Jules  Grépy.“
Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  23
        <pb n="372" />
        354  Kr#a##kreich.  (Dezember  4.—28.)

Am  3.  Dezember  vereinigen  sich  beide  Kammern  in  Versailles  als
Nationalversammlung.  Es  herrscht  große  Ungewißheit  über  den  Ausgang
  der  bevorstehenden  Wahl,  da  auf  republikanischer  Seite  eine  Einigung
über  den  Kandidaten  nicht  habe  erzielt  werden  können.

Nach  Eröffnung  der  Sitzung  bittet  der  Intranfigent  Michelin  ums
Wort,  um  einen  Antrag  auf  eine  Verfassungsänderung  zu  stellen.  Präsfident
  Leroyer:  „Ich  kann  die  Stellung  eines  Antrags  nicht  gestatten,  denn
die  Nationalversammlung  ist  ein  Wahlkollegium.“  Cassagnac:  „Sie  ist
souverän!“  Gautier  (Linke):  „Auf  welchen  Artikel  stützen  Sie  sich,  um
ihre  Rechte  zu  beschränken?“  Präsident:  „Ich  stütze  mich  auf  die  Verfassung.“
  Gautier:  „JIch  fordere  Sie  auf,  einen  Artikel  der  Verfassung
anzuführen,  welcher  zu  dieser  Beschränkung  berechtigt.“  Andrieux:  „Befragen
  Sie  die  Nationalversammlung,  Herr  Präfident!““  Baudryd'’'Asson
(Royalist):  „Es  ist  keine  Verfassung  mehr  vorhanden!“

Die  Versammlung  schreitet  nach  diesem  Zwischenfalle  zur  Wahl.  Bei
der  ersten  Abstimmung  fallen  von  den  849  abgegebenen  gültigen  Stimmen
303  auf  Sadi  Carnot,  212  aus  Ferry,  148  auf  General  Saussier,  76  auf
Freycinet,  72  auf  General  Appert,  26  auf  Brisson,  die  übrigen  Stimmen
zersplittern  sich.  Beim  zweiten  Wahlgange  tritt  Ferry  zurück,  es  werden
833  Stimmen  abgegeben,  von  denen  auf  Carnot  616,  Saussier  188,  Ferry
10,  Freycinet  6  entfallen.

Carnot  ist  der  Enkel  des  berühmten  Kriegsministers  der  ersten  Republik
  und  der  Sohn  des  Senators.

Die  Wahl  wird  in  Paris  sehr  günstig  aufgenommen,  die  Ruhe  wird
nicht  gestört,  kropen  die  Bevölkerung  mit  ungeheurer  Spannung  dem  Ergebnif
  entgegensah  und  die  weitestgehenden  Befürchtungen  gehegt  wurden.

4.—  12.  Dezember.  (Neubildung  des  Ministeriums.)
Nachdem  der  neue  Präfident  die  wiederum  nachgesuchte  Entlassung
des  Kabinetts  Rouvier  angenommen,  beauftragt  er  nach  längeren
Beratungen  Goblet  mit  der  Neubildung.  Diese  macht  große
Schwierigkeiten.  Goblet  scheitert  am  Widerstande  der  Opportunisten,
nach  ihm  Fallières  an  dem  der  radikalen  Linken.  Auch  dem
Senator  Tirard  verweigert  Lockroy  (radikale  Linke)  seine  Mitwirkung,
  da  Tirard  zu  tief  in  Ferrys  Politik  verwickelt  sei.  Endlich
bringt  aber  Tirard  doch  das  Kabinett  zu  stande.

Dasselbe  besteht  aus:  Tirard  Präsident  und  Finanzen,  Flourens
Auswärtiges,  Fallièeres  Justiz,  Sarrien  Inneres,  Faye  Unterricht  Logerot
Krieg,  de  Mahy  Marine,  Loubet  Arbeiten,  Dautresme  Handel,  Viette  Ackerbau.

  Alle  sind  gemäßigte  Republikaner  außer  de  Mahy  und  Viette,  die  der
radikalen  Linken  angehören.

Das  Kabinett  begegnet  sehr  abfälliger  Beurteilung  vonseiten  der  Radikalen
  und  Extremen.  Clémenceaus  „Justice“  nennt  es  „den  heftigsten  Schlag
gegen  den  Geist  der  Annäherung  der  republikanischen  Gruppen  und  eine
aum  versteckte  Herausforderung“;  Rocheforts  „Lanterne"  „ein  Ministerium
Ferry  in  halber  Lebensgröße.“  Nach  Erlaß  der  Botschaft  schreibt  die  Lanterne:
  „Carnot  treibt  persönliche  Politik;  das  Ministerium  muß  unverzüg-7
  gestürzt  werden,  selbst  auf  die  Gefahr,  daß  Carnot  seine  Drohung  ausführen
  sollte,  seinen  Abschied  dann  zu  nehmen.“

7.—28.  Dezember.  (Patriotenliga.)  Döroulede  tritt
        <pb n="373" />
        Kr#streich.  (Dezember  10.—13.)  355

infolge  eines  Tadels,  den  ihm  der  Vorsitzende  des  Komitees  der
Patriotenliga  wegen  seines  Verhaltens  in  der  Präfidentschaftskrifis
erteilt,  vom  Ehrenpräsidium  und  aus  dem  leitenden  Ausschusse  der
Liga  zurück.  Die  Hauptversammlung  am  15.  genehmigt  diese  Mitteilung
  und  nimmt  eine  Tagesordnung  an,  welche  lautet:

„Die  Patriotenliga  setzt  ihr  Werk  fort  und  enthält  sich  jeder  Teilnahme
  an  der  Politik.“"

In  der  Folge  treten  viele  Mitglieder  aus  der  Liga  aus,  dieselbe
  wählt  am  23.  den  Rat  am  Rechnungshofe,  Féry  d'Escland,
zu  ihrem  Vorsitzenden  und  der  leitende  Ausschuß  erläßt  am  28.  folgenden
  Aufruf:

„Der  leitende  Ausschuß  der  Patriotenliga,  dessen  neue  Zusammensetzung
  eine  lebendige  Kundgebung  der  Vereinigung  der  verschiedenen  Elemente
  ist,  die  in  letzter  Zeit  getrennt  waren,  wendet  sich  an  den  aufgeklärten
Patriotismus  aller  aus  der  Liga  ausgetretenen  Mitglieder  und  fordert  sie
auf,  sich  um  ihn  zu  scharen  und  nachdrücklich  an  dem  gemeinsamen  Werke
fortzuarbeiten;  er  erinnert  sie  daran,  daß  sogleich  nach  den  Ereignissen,  die
ihren  Entschluß  begründen  konnten,  die  deutsche  Presse  im  Siegestone  die
bevorstehende  Auflösung  der  Liga  verkündigte;  er  erteilt  ihnen  die  Versicherung,
  daß  gegenüber  den  jetzigen  auswärtigen  Schwierigkeiten  eine  gleichviel
aus  welchem  Grunde  genommene  Entlassung  einem  Verrate  gleichkommen
werde;  er  wiederholt  ihnen  den  Beschluß,  da  die  Liga  sich  fortan  von  aller
Politik  fern  halten  wird.“

10.  Dezember.  Attentat  auf  Ferry.

In  einem  Nebensaale  des  Palais  Bourbon  giebt  der  Glaser  Aubertin
3  Revolverschüsse  auf  Ferry  ab,  von  denen  diesen  2  treffen,  jedoch  nicht  gefährlich
  verwunden.  Die  Motive  zur  That  bleiben  unklar,  da  Aubertin
keiner  politischen  Gesellschaft  angehört.  Er  scheint  geisteskrank  oder  doch  seit
längerer  Zeit  krankhaft  überreizt  zu  sein.

Die  Ferry  wohlgesinnte  Presse  macht  allgemein  die  Radikalen  und
Intranfigenten  für  das  Attentat  mitverantwortlich,  da  sie  durch  ihre  maßlosen
  Hetzereien  und  böswilligen  Verleumdungen  gegen  Ferry  dem  überspannten
Menschen  die  Richtung  gewiesen.

13.  Dezember.  Die  in  den  Kammern  verlesene  Botschaft
des  Präsidenten  betont  die  Einigkeit  im  Innern  und  den  Frieden
nach  außen.  Die  Sätze  konkreten  Inhalts  lauten:

Die  Regierung  wird  sich  bemühen,  die  notwendige  Uebereinstimmung

Ihrer  Willensmeinungen  zu  erleichtern,  indem  dieselbe  Sie  auf  das  gemeinsame
  Gebiet  der  moralischen  und  materiellen  Interessen  beruft;  durch  Beruhigung,
  Sicherung  und  Vertrauen  will  sie  dem  Lande  den  besonnenen
Fursr,  und  die  praktischen  Reformen  zuteil  werden  lassen,  welche  dazu
estimmt  find,  die  nationale  Arbeit  zu  ermutigen,  den  Kredit  zu  festigen,

die  Wiederaufnahme  der  Geschäfte  herbeizuführen  und  den  großen  industriellen
Gerichtstag  von  1889  vorzubereiten;  sie  wird  sich  vornehmlich  mit  Maßregeln
beschäftigen,  welche  die  Arbeitszustände  und  die  Gesundheitspflege,  die  gegenseitige
  Unterstützung  und  das  Sparwesen  berühren;  sie  wird  sich  die  Aufbesserung
  der  Finanzen,  eine  ernstliche  Ausgleichung  der  Budgets,  die  Vereinfachung
  der  Verwaltung  und  der  Rechtspflege  und  eine  tadellose  Leitung

23“
        <pb n="374" />
        356  Frankreich.  (Dezember  15.  bzw.  16.)

der  öffentlichen  Angelegenheiten  zur  Pflicht  machen.  Sie  wird  in  ihrer
Fürsorge  unsern  Streitkräften  zu  Lande  und  zur  See,  deren  Ehre  und  Interessen
  uns  besonders  teuer  sind,  ein  weites  Feld  anweisen.

15.  Dezember.  (Sozialisten.)  19  bisher  der  äußersten  Linken
angehörige  Abgeordnete  treten  zu  einer  besonderen  Kammergruppe

der  „Republikanischen  Sozialisten“  zusammen.

Es  sind  darunter  besonders:  Basly,  Camélinat,  Clovis  Hugues,
Michelin,  Milleraud  und  Laisant.

Auch  im  Pariser  Gemeinderate  scheiden  14  Mitglieder  aus
der  bisherigen  Mehrheit  der  „Autonomisten“  aus  und  bilden  eine
besondere  autonomistisch-sozialistische  Gruppe.

15.  bezw.  16.  Dezember.  (Ministerium  und  Kammerz;
Sessionsschluß.)  Tirard  verliest  in  der  Deputiertenkammer  eine

Erklärung  des  Ministeriums:

Das  Kabinett,  welches  die  Ehre  hat,  sich  Ihnen  vorzustellen,  hat  kein
anderes  Streben  als  das,  jene  Einigkeitsverständigung  und  jenes  republikanische
  Einvernehmen,  welches  am  Tage  des  3.  Dezember  begann,  fortzusetzen.
Das  Land  hat  in  dieser  glänzenden  Kundgebung  aller  Republikaner  der
Nationalversammlung  das  Unterpfand  erblickt,  welches  ihm  den  Frieden  im
Innern,  nach  dem  es  strebt,  sichert;  es  hofft  daher,  daß  auf  die  Streitigkeiten
der  Politik  endlich  eine  Aera  des  Friedens  und  ber  Ruhe  folgt,  die  zu  einer
Wiederaufnahme  der  seit  langem  darniederliegenden  Geschäfte  notwendig
ist.  Um  dieser  Erwartung,  dieser  Willensmeinung  des  Landes  zu  entsprechen,
werden  wir  uns  eifrig  mit  finanziellen,  ökonomischen,  administrativen,  sozialen
und  militärischen  Fragen,  deren  Lösung  der  Sorgfalt  des  Parlaments  obliegt,
  beschäftigen.  Was  die  Ordnung  der  Finanzen  angeht,  so  werden  wir
fortfahren,  unermüdlich  an  der  Wiederherstellung  des  Eleichgewichts  im  Budget
  zu  arbeiten,  das  einen  Augenblick  durch  die  lange  Krise,  von  welcher
Industrie  und  Landwirtschaft  in  der  ganzen  Welt  erfaßt  sind,  gestört  worden
ist.  Für  die  schnelle  Ausführung  der  Arbeiten,  die  unserer  Industrie  not
thun,  um  den  Kampf  gegen  die  fremde  Konkurrenz  aufnehmen  zu  können,
für  die  der  Erziehung  der  französischen  Jugend  gewidmeten  Ausgaben  und
ür  die  Opfer,  welche  die  Verteidigung  des  Landes  erheischt,  sind  schon  ernstliche
  Ersparnisse  gemacht  worden;  wir  werden  uns  bemühen,  deren  noch  mehr
zu  machen.  Um  zur  Wiederherstellung  des  Gleichgewichts  im  Budget  beizutragen,
  werden  wir  mit  fester  Hand  die  von  unsern  Vorgängern  in  Angriff
  genommenen  Maßregeln  zur  Unterdrückung  von  ünterschlechen,  die  den
Staatsschaß  in  gleicher  Weise  wie  den  ehrlichen  Handel  schädigen,  zur  Anwendung
  bringen.  Aus  diesen  selben  Anschauungen  heraus  werden  wir
mit  dem  lebhaften  Wunsche,  zu  einer  Verständigung  zu  gelangen,  die  vom
Budgetausschusse  vorgeschlagenen  Finanzreformen  prüfen.  Außerdem  werden
wir  Sie  ersuchen,  so  bald  wie  möglich  in  die  Beratung  der  schon  vorbereiteten
  oder  in  Vorbereitung  begriffenen  Gesetzentwürfe,  die  verschiedene  Zweige
der  nationalen  Arbeit  angehen,  einzutreten;  es  sind  das  vor  allem  die  Gesetze
über  die  Verantwortlichkeit  bei  Unglücksfällen  in  Fabriken  und  Werkstätten,
über  die  Regelung  der  Arbeit  von  Kindern,  minderjährigen  Mädchen  und
Frauen  in  industriellen  Werkstätten,  über  die  Hülfs=  und  Pensionskassen
für  Grubenarbeiter,  die  Aenderung  der  Gesetzgebung  über  den  Bankerott,
den  Gesetzentwurf  über  die  Leitung  der  Bergwerke,  die  Gesetze  über  die  Ge-
        <pb n="375" />
        Frankreich.  (Dezember  15.  bzw.  16.)  357

sellschaften  für  gegenseitige  Hülse  und  die  Sparkasse,  die  Regelung  der  Armenpflege
  auf  dem  Lande,  die  Förderung  des  landwittschaftlichen  Unterrichts,
die  Errichtung  von  Landwirtschaftskammern,  die  Vollendung  des  Ackergesetzbuchs,
  und  endlich  bitten  wir  Sie,  Ihre  Abstimmung  über  die  gesamten
Militärgesetze  zu  beschleunigen.

Nachdem  Tirard  hierauf  3/2  des  noch  unfertigen  Budgets
für  das  folgende  Jahr  gefordert  und  erklärt  hat,  aus  der  Bewilligung
  desselben  keine  Vertrauensfrage  machen  zu  wollen,  indem  dieselbe
  eine  Verpflichtung  sei,  die  niemand  ablehnen  dürfe,  wird  diese
Forderung  mit  521  gegen  13  Stimmen  angenommen  und  Tags

darauf  die  Session  geschlossen.

Der  „Temps“  widmet  der  beendeten  Session  einen  Nachruf,  in  dem
es  heißt:  „Alles  atmet  auf,  daß  man  einmal  drei  Wochen  Ruhe  hat;  diese
Session  hat  das  Land  mehr  beunruhigt  als  je  eine!  Es  hilft  nichts,  die
Sache  zu  verschweigen,  es  ist  besser,  den  Ursachen  nachzuforschen!“  Als
solche  hebt  der  Temps  hervor  den  Leichtsinn,  wodurch  die  Kammer  periodische
Kabinettskrisen  herbeiführt,  die  Tod  und  Verderben  für  den  Gang  der  Verwaltung
  seien;  sodann  die  Ueberraschungen  und  die  Aufregungen  durch
Theaterkoups,  das  Trachten  nach  einer  neuen  Verteilung  der  Portefeuilles
und  die  Jagd  nach  Einfluß:  „Die  Kammer  amüsiert  sich  und  das  Land  ärgert
sich;  das  ist  denn  doch  eine  zu  ungleiche  Verteilung,  und  man  fragt:  Welche
Rolle  spielen  wir  in  Europa  mit  unserer  Politik,  in  der  die  Komödie  des
Ränkespieles  und  des  Melodramas  mehr  Raum  einnehmen  als  die  Sorge
für  die  Wirklichkeit.  Daher  ein  zunehmendes  Mißtrauen,  das  jetzt  nur  gegen
die  Kammer  gerichtet  ist,  aber  sich  im  Zunehmen  auch  gegen  das  parlamentarische
  System  selbst  und  gegen  die  liberale  Regierungsform  wenden  könnte."“

Das  „Journal  des  Debats“  hebt  als  Beweis  der  bodenlosen  Leichtfertigkeit
  der  Kammer  den  Fall  mit  dem  Pferdefutter  für  die  Reiterei  hervor:
  Am  29.  Oktober  wird  der  Kriegsminister  durch  Kammerbeschluß  gezwungen,
  das  bisherige  System  aufzugeben,  wonach  die  Lieferungen  durch
Zuschlag  auf  ein  Jahr  besorgt  wurden;  die  Kammer  beschließt  direkte  Leitung,
d.  h.  besonderen  Zuschlag  für  den  Monat  und  für  jede  Garnison.  Um  von
dem  alten  System  zum  neuen  überzugehen,  können  natürlich  die  Ankäufe  auf
ein  Jahr,  deren  Verträge  ablaufen,  nicht  erneuert  werden,  der  Staat  muß
aber  die  Unternehmer  für  die  von  ihnen  gemachten  Ankäfe  entschädigen;
der  Kriegsminister  verlangt  zur  Ausführung  des  Kammerbeschlusses  einen
Zusatzkredit  von  11,648,000  Fr.  Das  gefällt  der  Kammer  aber  nicht;  man
ärgert  sich  ohnehin,  daß  das  direkte  System  mehr  als  das  der  Beschaffung
durch  Lieferanten  auf  Jahresfrist  kostet,  und  bewilligt  die  11,648,000  Fr.
nicht,  sondern  nur  4,377,000  Fr.  Weshalb?  Weil  dieß  ungefähr  der  Preis
für  den  Verbrauch  eines  Monats  ist.  Die  Kammer  hat  gar  nicht  begriffen,
um  was  es  sich  handelte:  „Sie  wollte  etwas  thun  und  hat  4  Millionen  bewilligt,
  sie  hätte  auch  jede  andere  Summe  bewilligen  können;  der  Kriegsminister
  mag  zusehen,  wie  er  fertig  wird!“  In  der  letzten  Stunde  vor
Schluß  der  Session  kam  der  Fall  vor  den  Senat,  und  dieser  beschloß,  um
sich  die  Sache  zu  überlegen,  Vertagung  bis  zur  nächsten  Session.  Der  Kriegsminister
  befindet  sich  nun  in  der  angenehmen  Lage:  er  soll  dem  Beschluß
vom  29.  Oktober  nachkommen,  das  Lieferantensystem  aufgeben,  direkte  Anschaffungen
  machen,  die  kostspieliger  find,  und  obenein  verweigert  die  Kammer
ihm.  die  nötigen  Kredite,  deren  er  bedarf,  um  ihren  Beschluß  ausführen
zu  können!
        <pb n="376" />
        358  Frankreich.  (Dezember  27.  bzw.  29.)

27.  bzw.  29.  Dezember.  (Handelsvertrag  mit  Italien.)
Nachdem  die  langwierigen  Verhandlungen  mit  Italien  zu  keinem
Ergebnisse  geführt  hatten  und  unterbrochen  worden  waren,  entsendet
das  Ministerium  auf  Antrag  des  Zollausschusses  der  Kammer  den
Senator  Teisserenc  de  Bort  mit  dem  Auftrage  nach  Rom,  als
Grundlage  der  Verhandlungen  den  Vertrag  von  1881  aufzustellen
und  zugleich  mitzuteilen,  daß  dieser  Versuch  zu  einer  Verständigung
der  letzte  von  seiten  Frankreichs  sein  werde.

In  Rom  wird  am  29.  die  vorläufige  Verlängerung  des  geltenden
  Handelsvertrages  um  ½  Jahr  zum  Zwecke  der  Zeitgewinnung
  für  die  Verhandlungen  von  Crispi  und  dem  franzöfischen  Botschafter
  unterzeichnet.
        <pb n="377" />
        VII.
Italien.

Anf.  bezw.  14.  Januar.  Der  Beschluß  des  Gemeinderats
von  Mailand  dem  Kaiser  Napoleon  III.  ein  Denkmal,  welches
schon  lange  vollendet  bisher  in  einem  städtischen  Magazine  gestanden
hatte,  vor  dem  Simplonbogen  zu  setzen,  ruft  in  der  Presse  die  lebhaftesten
  Erörterungen  hervor.

„Diritto"  und  andre  oppositionelle  Stimmen,  besonders  Radikale  und
Garibaldiner  fordern  das  Verbot  der  Denkmalsaufstellung.

Auf  eine  Interpellation  in  der  Kammer  darüber  erklärt  Ministerpräsident
  Depretis:

Der  Beschluß  des  Mailänder  Gemeinderats  sei  anerkennenswert,  denn
Italien  statte  hiemit  seinen  Befreiern  eine  Dankesschuld  ab.  Der  Heereszug
Napoleons  gehöre  der  Geschichte  an.  Das  Gedächtnis  dieser  Thatsache  ehre
sowohl  Italien  als  das  französische  Heer.  Die  von  den  Widersachern  des
Denkmals  angerufene  Freiheit  würde  verletzt  worden  sein,  wenn  die  Regierung
sich  in  einen  Gemeindebeschluß  eingemischt  hätte,  welcher  einem  großherzigen,
von  der  größten  Mehrheit  der  Mailänder  und  JItaliener  geteilten  Gefühle
entspreche.  (Beifall).

11.  Januar.  (Wahlexzeß.)  In  Castellamare  kommt  es
anläßlich  der  Wahlen  zu  einem  blutigen  Kampfe  zwischen  den  Radikalen
  und  Ministeriellen.  Der  Kandidat  der  Regierungspartei
wird  im  Getümmel  verwundet.  Das  Militär  dringt  mit  der  blanken
Waffe  auf  die  Menge  ein;  es  gibt  mehrere  Tote  und  80  Verwundete.


17.—23.  Januar.  Aufenthalt  der  Bulgarischen  Regentschafts-Delegierten
  in  Rom.  Dieselbe  wird  sowohl  vom  Grafen
Nobilant  als  auch  von  Depretis  sehr  herzlich  empfangen;  die  Studenten
  veranstalten  verschiedene  Sympathiekundgebungen,  welche  zuletzt
  trotz  der  äußersten  Zurückhaltung  der  Delegierten  einen  lärmenden
  Charakter  annehmen  und  das  Einschreiten  der  Polizei  nötig

machen.
        <pb n="378" />
        360  Italien.  (Januar  24.  26.)

In  der  anderthalbstündigen  Besprechung  beim  Minister  des  Auswärtigen
  erwidert  Robilant  auf  die  Darlegung  der  Delegierten,  daß  die  Regentschaft
  fest  entschlossen  sei,  in  der  bisherigen  Paltung.  die  dem  Lande
die  allgemeinen  Sympathien  erworben  habe,  zu  verharren,  es  sei  seine  offen
ausgesprochene  Ansicht,  daß  sofort  nach  der  Rückkunft  der  Deputation  in
Sophia  die  bulgarische  Regierung  eine  definitive  Entschließung  fassen  müsse.
Man  müsse  zwischen  zwei  Dingen  wählen:  entweder  den  gegenwärtigen  provisorischen
  Zustand  aufrechterhalten,  welcher,  wenn  fortgesetzt,  Europa  mit
Besorgnissen  und  Unbehagen  erfülle  und  demnach  den  guten  Gesinnungen
der  Mchie  gegen  Bulgarien  Eintrag  thun  und  das  Land  im  entscheidenden
Momente  isolieren  könnte,  oder  man  müsse  mit  Rußland  einen  Ausgleich
suchen,  welcher  durch  aufmerksame  Inbetrachtziehung  der  Bestimmungen  des
Berliner  Vertrages  und  des  Konstantinopler  Protokolls  nicht  unmöglich  sei;
Italien  wolle  keinen  Rat  erteilen,  da  es  jeden  Schein  einer  Einmischung  in
die  inneren  Angelegenheiten  Bulgariens  zu  vermeiden  wünsche,  welches  allein
über  die  zur  Erreichung  des  Resultates  geeigneten  Mittel  zu  beschließen
habe.  Bei  der  ersten  Begrüßung  redet  er  die  Delegierten  an:  „Seien  Sie
willkommen  im  Lande  von  Freunden.“

Depretis  bezieht  sich  in  der  kurzen  Unterredung  mit  ihnen  durchaus
auf  die  Aeußerungen  Robilants  und  fügt  hinzu,  die  Schwierigkeiten  würden
mit  Klugheit,  und  indem  die  Regenten  auf  dem  Boden  der  Verträge  sich  zu
halten  suchten,  leicht  überwunden  werden.

Bei  dem  Besuche  beim  türkischen  Botschafter  Photiades  Pascha
erklärt  dieser,  indem  er  die  Delegierten  einlädt,  Konstantinopel  zu  besuchen:
„Ich  bin  von  meiner  Regierung  ermächtigt  worden,  Sie  zu  empfangen  und
Ihnen  das  Wohlwollen  des  Sultans  für  das  bulgarische  Volk  und  zugleich
seinen  lebhaften  Wunsch  auszusprechen,  daß  die  Krifis  bald  für  Alle  einen
befriedigenden  Abschluß  erreiche.“

Die  „Opinione“  meint  am  20:  Es  könne  nunmehr  als  sicher  angenommen
  werden,  daß  die  Pforte  nach  Empfang  der  Abgesandten  Vermittlungsvorschläge
  machen  werde.  Diese  würden  auf  dem  Rücktritt  der  Regentschaft
  die  Wahl  einer  neuen  Sobranje  und  das  Fallenlassen  der  Kandidatur
des  Mingreliers  hinauslaufen.  Bulgarien  möge  diese  Lösung  annehmen,  sie
verletze  die  Unabhängigkeit  und  Freiheit  Bulgariens  nicht.  Die  Kandidaturen
  des  Herzogs  von  Leuchtenberg  oder  des  Prinzen  von  Oldenburg  seien
auch  ganz  gut  annehmbar,  denn  die  Fürsten  aus  diesen  geachteten  und  ehrenreichen
  Familien  würden  in  Bulgarien  nach  und  nach  doch  ganz  im  nationalen
  Leben  aufgehen  und  gute  Bulgaren  werden.

24.  bezw.  26.  Januar.  (Massaua.)  Bei  Beratung  des  Budgets
des  Aeußern  wird  Graf  Robilant  sowohl  in  der  Kammer  wie  im
Senat  über  die  Lage  in  Massaua  interpelliert,  da  Nachrichten  von
einem  bevorstehenden  Angriffe  der  Abeffinier  eingetroffen  find.

Graf  Robilant  berichtet  in  der  Kammer:  Am  15.  Januar  sendete
  General  Gené  eine  Depesche,  worin  er  mitteilte,  daß  Ras  Alula,  von
einer  verunglückten  Expedition  auf  Kassala  zurückkehrend,  ungefähr  65  Kilometer
  weit  von  Massaua  ein  Lager  aufgeschlagen,  um,  wie  er  wissen  ließ,
mit  seinen  Mannschaften  Feldarbeiten  zu  obliegen.  Von  dort  nach  Massaua
herabgelangte  Kaufleute  brachten  jedoch  die  Nachricht,  Ras  wolle  in  Wahrheit
  einen  Angriff  auf  Massaua  vorbereiten.  General  Gené  meldete,  daß
er  aus  Vorsicht  den  Baschibozuk-Vorposten  bei  Sahati  durch  italienische
Soldaten  verstärkt  habe,  übrigens  zu  irgend  welcher  Beunruhigung  kein  Anlaß
  vorhanden  sei.  Am  23.  langte  eine  neue  Depesche  ein,  welche,  nichts
        <pb n="379" />
        I#t#slies.  (Januar  26.—27.)  361

Neues  hinzufügend,  das  früher  Gemeldete  einfach  bestätigte.  Die  Regierung,
fügte  der  Minister  binzu,  habe  in  die  Thätigkeit  und  Entschlossenheit  des
Generals  Gens  unbedingtes  Vertrauen  und  versichere  nur  ihrerseits,  daß
die  Besatzung  Massauas  für  Hieden  Fall  vollkommen  genüge.  —  Derenzis
nimmt  die  Erklärungen  des  Ministers  zur  Kenntnis  und  bittet  ihn,  alle  weiteren
  Nachrichten  über  die  Bewegungen  der  italienischen  Truppen  in  Afrika
selbst  mitteilen  zu  wollen.  —  Robilant  erwidert:  „Ich  fühle  mich  nicht
berufen,  Bulletins  über  einen  Krieg  mit  Ras  Alula  zu  veröffentlichen.  (Heiterkeit,
  Beifall.)  Offen  gestanden,  glauben  Sie  wirklich,  daß  vier  Strolche,
vie  *  n  Afrika  in  die  Quere  kommen,  soviel  Aufmerksamkeit  verdienen?
eifall.)“  —

Im  Senate  erwidert  Robilant  auf  die  Anfrage  Serafinis  2  Tage
darauf:  Die  Lage  in  Massaua  habe  nichts  Beunruhigendes,  die  Truppen
daselbst  seien  mehr  als  stark  genug,  um  die  barbarischen  Horden  zurückzuweisen.
  Das  eventuelle  Verlangen  des  Generals  Gené  nach  Verstärkungen
wäre  bereits  vorausgesehen  gewesen,  derselbe  dürfte  vielleicht  einige  vorteilhafte
  Demonstrationen  ausführen  wollen.  Die  Verstärkungen  seien  zum  Abgehen
  bereit.  Der  Kriegsminister  fügt  behufs  Berichtigung  der  unbegründeten
  Nachrichten  gewisser  Journale  hinzu,  daß  für  den  Augenblick
1  Bataillon  Infanterie,  1  Kompagnie  Genie  und  2  Gebirgsgeschütze  nach
Massaua  abgehen.

Der  Senat  nimmt  hierauf  eine  Tagesordnung  einstimmig  an,  welche
der  Regierung  das  volle  Vertrauen  ausspricht.

24.—26.  Januar.  (Kämpfe  in  Ostafrika.)  Ras  Alula,  der
Feldherr  des  Negus  von  Abeffinien,  rückt  mit  einem  auf  20—30000
Mann  geschätzten  Heere  gegen  die  italienischen  Stellungen  vor  Massaua
  an.  Er  greift  zuerst  den  festen  Punkt  Saati  an,  wird  aber  zurückgeworfen;
  am  26.  gelingt  es  ihm  aber  bei  Dogali,  drei  italienische
Kompagnien  mit  50  Baschibozuks,  welche  einen  Provianttransport  nach
Saati  begleiten,  nach  erbitterter  Gegenwehr  und  unter  sehr  großen
eigenen  Verlusten  fast  völlig  zu  vernichten,  nur  90  meist  Verwundete
können  sich  retten.  Die  italienischen  Verluste  betragen  23  Offiziere
und  407  Mann  an  Toten,  1  Offizier  und  81  Mann  an  Verwundeten.
Der  erwartete  Angriff  auf  Massaua  findet  nicht  statt.  Ras  Alula
rückt  nach  Asmara  ab.

Die  Nachrichten  davon  treffen  in  Rom  am  1.  Februar  ein.

27.  Januar.  (Oppositioneller  Angriff.)  Deputierten-Kammer:
  Bei  Beratung  des  Budgets  für  die  öffentlichen
Arbeiten  vereinigen  sich  die  Dissidenten  und  Pentarchisten  den
Arbeiten-Minister  Genala  zu  stürzen.

Er  wird  beschuldigt  für  beschlossene  Eisenbahnbauten,  die  2  Milliarden
kosteten,  nur  1  Milliarde  ins  Budget  eingestellt  zu  haben.  Diese  Posten
datieren  jedoch  noch  aus  der  Verwaltung  seines  Vorgängers  Baccarini;  die
höheren  Kosten  sollen  teils  durch  Mehreinnahmen  gedeckt,  teils  auf  einen
längeren  Zeitraum  verteilt  werden.  Ministerpräsident  Depretis  stellt  die
Kabinetsfrage.  Cairoli,  Cri  spi  und  Nikotera  erklären  gegen  das  Ministerium
  stimmen  zu  wollen.  Mordini  und  Salaris  beantragen  ein  Ver-
        <pb n="380" />
        362  Italien.  (Januar  29.  —  Februar  1.—4.)

trauensvotum  für  das  Ministerium.  Dieser  Antrag  wird  mit  229  gegen
154  Stimmen  angenommen.

29.  Januar.  (Massaua.)  Nach  einer  Meldung  des
„Esercito“  hat  die  Regierung  dem  General  Gené  telegraphisch  befohlen,
  sich  jeder  Abenteuer  zu  enthalten  und  keine  anderen  Maßnahmen
  zu  treffen,  als  welche  zur  Wahrung  der  Ehre  des  Landes
notwendig  seien.

Die  Streitkräfte  Genés  betragen  8500  Mann  Reguläre  und
1000  Baschibozuks.

1.—4.  bezw.  5.  Februar.  (Afrikanischer  Kredit.)  Deputiertenkammer:
  Depretis  verliest  die  Depesche  des  Generals  Gené,
welche  die  Vernichtung  der  italienischen  Abteilung  bei  Dogali  mitteilt
  und  fordert  einen  außerordentlichen  Kredit  von  5  Millionen
zur  Ausrüstung  von  Truppen  nach  Massaua.

Die  Kammer  verweist  die  Vorlage  an  einen  Ausschuß,  der  Crispi
zum  Vorsitzenden  erwählt.

Die  Plenarsitzungen  am  3.  und  4.  Februar,  denen  sämtliche  Minister
anwohnen,  finden,  nachdem  inzwischen  mehr  über  die  Niederlage  von  Dogali
  bekannt  geworden,  vor  überfüllten  Tribünen  statt.  Die  Aufregung  in
der  Bevölkerung  ist  groß.  Es  finden  lärmende  Kundgebungen  des  Volkes
gegen  Depretis  und  Robilant  statt.  An  den  Abenden  erschallen  Rufe:  Nieder
  mit  den  Ministern!  Nieder  mit  den  Henkern  des  Volkes!  und  Flugblätter
  werden  verteilt  mit  den  Worten:  Es  lebe  Oberdank,  es  lebe  die  soziale
  Revolution,  es  lebe  die  Kommune!  Polizei  und  Militär  sperrt  die
Zugänge  zum  Palazzo  di  Montecitorio  ab.

Die  Kommission  befürwortet  die  Vorlage  einstimmig  mit  dem  Vorschlage
  für  jetzt  auf  die  Beurteilung  der  Kolonialpolitik  der  Regierung  zu
verzichten.  Die  Opposition,  besonders  die  Sozialisten  greifen  dennoch  die
Kolonialpolitik  aufs  Heftigste  an,  obgleich  nur  einer,  der  Sozialist  Andrea
Costa  die  sofortige  Räumung  von  Massauah  fordert.  Graf  Robilant
erklärt:  Es  falle  ihm  nicht  schwer,  zuzugeben,  daß  seine  jüngsten  Aeußerungen
in  der  Kammer,  welchen  die  Ereignisse  nicht  entsprochen  hätten,  unglückliche
gewesen  seien;  er  habe  damals  geglaubt,  Italien  müsse  besonders  bei  der
gegenwärtigen  Lage  in  Europa  zeigen,  daß  das  Vorgehen  in  Massaua  nur
eine  Episode  zweiter  Ordnung  sei,  welche  die  Stellung  Italiens  in  Europa
nicht  behindern  könne.  Jetzt  handle  es  sich  um  die  Sicherheit  der  Truppen
in  Massaua,  um  das  Ansehen  Italiens,  und  dem  gegenüber  müßten  alle
Personenfragen  verschwinden.  Der  Kriegsminister  Ricotti  erklärt,  man
müsse,  bevor  man  über  das  Ministerium  und  über  den  Befehlshaber  der
Truppen  in  Massaua  urteile,  die  ausführlichen  Schriftstücke  abwarten  und
darauf  eine  Untersuchung  veranstalten.  Der  Ministerpräsident  Depretis
bestreitet,  daß  die  Kolonialpolitik  der  parlamentarischen  Erörterung  entzogen
sei,  und  verlangt  eine  klare,  bündige  Willensmeinung.  Crispi  spricht  für,
Cairoli  gegen  die  Bewilligung  des  Kredits.  Nach  der  Erklärung  des  Ministeriums,
  es  werde  die  einfache  Tagesordnung  als  einen  Mißtrauensbeschluß
ansehen,  wird  dieselbe  mit  215  gegen  181  Stimmen  abgelehnt.  Hierauf
wird  der  geforderte  Kredit  mit  317  gegen  12  Stimmen  bewilligt.

Der  Senat  genehmigt  am  5.  einstimmig  die  geforderte  Summe.
Februar.  Wie  später  —  Anfang  Juli  —  durch  die  Zeitungen
        <pb n="381" />
        Ilalien.  (Februar  5.--11.)  363

bekannt  wird,  ist  ein  Einvernehmen  zwischen  Italien  und
England  über  die  Mittelmeerpolitik  beider  Mächte  durch  die  Bemühungen
  Robilants  zu  stande  gebracht  und  vertragsmäßig  befestigt
  worden.

5.  Februar.  (Massaua.)  Major  Piano,  einer  der  drei
italienischen  Reisenden  der  wissenschaftlichen  Expedition  des  Grafen
Salimbeni,  welche  der  Negus  von  Abeffinien  als  Geiseln  gefangen
hält,  trifft  mit  Briefen  des  Negus  und  Ras  Alulas  vom
26.  Januar,  dem  Schlachttage  von  Dogali,  in  Massaua  ein.

Im  Briefe  des  Negus  heißt  es:  „Zuerst  habt  Ihr  Massaua  genommen,
  jetzt  seit  Ihr  auch  nach  Saati  gekommen,  um  dort  eine  Festung
anzulegen.  Welchen  Zweck  habt  Ihr?  Gehort  dieses  Land  nicht  mir?  Räumet
  mein  Land;  wenn  Ihr  in  guten  Absichten  kamet,  wozu  bauet  Ihr
Festungen!  Warum  bringt  Ihr  Kanonen,  Gewehre  und  Soldaten  mit?“

as  Alula  schreibt:  „Ihr  seid  schuld  an  dem  Geschehenen.  Laßt  uns  jetzt
wieder  Freunde  sein  wie  früher.  Bleibet  in  eurem  Lande;  das  anze  Land
von  Massaua  bis  hierher  gehört  dem  Negus.  Ich  habe  einen  Bruder  entsandt,
  damit  er  mit  euch  spreche.“  Maoajor  Piano  erklärt,  er  habe  den  Auftrag,
  freundschaftliche  Verhältnisse  sowie  die  Handelsbeziehungen  wieder  herzustellen.
  General  Genék  sendet  Piano  tags  darauf  zurück  und  fordert  die
Freilassung  der  Expedition  Salimbeni  ohne  Verpflichtungen  einzugehen.  Einige
Tage  später  trifft  auch  Salimbeni  selbst  mit  mündlichen  Aufträgen  bei
Gens  ein,  wird  aber  mit  dem  nämlichen  Bescheide  zurückgesandt.

Es  scheint,  daß  das  ganze  feindselige  Verhalten  des  Negus  und  seines
Oberfeldherrn  auf  russische  oder  griechische  Ränke  zurückzuführen  sei.

6.  Februar—Anfang  März.  (Ministerkrise.)  Nachdem  Graf
Robilant  infolge  der  heftigen  Angriffe  in  der  Kammer  aus  Anlaß
der  Niederlage  in  Ostafrika  erklärt  hat,  seine  Entlassung  unter  allen
Umständen  nehmen  zu  wollen,  gibt  das  gesamte  Ministerium  am
8.  Februar  seine  Demission.

Der  König  beruft  hierauf  die  Präsidenten  der  Kammer  und  des
Senats.  Die  Kammer  vertagt  sich  sodann  bis  nach  Beendigung  der  Krise.
Die  Neubildung  des  Ministeriums  stößt  auf  außerordentliche  Schwierigkeiten.
Alle  Versuche  mit  Crispi,  Cairoli  und  wiederholt  mit  Depretis  ein  Kabinet
zu  bilden,  scheitern,  es  werden  ebenso  vergeblich  Saracco,  Rudini,  Biancheri,
Farini  und  selbst  Graf  Robilant  vom  Könige  berufen.  Nachden  endlich
alle  Kombinationen  erschöpft  find  und  zu  keinem  Resultate  geführt  haben,
len  der  König  am  3.  März  die  Entlassung  des  Kabinets  ab.  Es  wird
beschlossen,  daß  sämtliche  Mitglieder  im  Amte  bleiben  und  sich  der  Kammer
vorstellen  sollen,  um  von  derselben  eine  Vertrauenserklärung  zu  fordern.

11.  Februar.  (Stellung  zu  den  Kaisermächten.)  Die
„Opinione“  sagt  unter  Hinweis  auf  die  Verhandlungen  Robilants
über  die  Fortdauer  der  Beziehungen  Italiens  zu  Deutschland
und  Oesterreich-Ungarn  im  Interesse  der  allgemeinen  Friedenspolitik
  und  der  Sicherung  des  allseitigen  Gebietsstandes:

Die  gegenwärtige  Ministerkrifis  treffe  Italien  in  einem  sehr  schwierigen
        <pb n="382" />
        364  Italien.  (Februar  16.  —  Ende.)

Augenblick,  wer  könnte  mehr  als  Graf  Robilant  die  Fähigkeit  und  die
Autorität  besitzen,  um  diese  hochwichtigen  Unterhandlungen  zum  guten  Ziele
durchzuführen?  Wenn  ihm  die  Verpflichtung  zufalle,  einer  augenblicklichen
Entmutigung  nicht  nachzugeben,  so  liege  auch  der  Mehrheit  und  den  Dissidenten
  die  Pflicht  ob,  sich  ihrer  ungeheuren  Verantwortlichkeit  bewußt  zu
bleiben  und  eine  parlamentarische  Mittelpartei  vorzuberetten,  welche  die
Regierung  mit  der  ganzen  notwendigen  Autorität  ausrüste,  um  ihren  entscheidenden
  Einfluß  in  Europa  auszuüben.  Die  Opinione  fährt  sodann  fort:
„Wir  hatten  diese  sehr  ernste  Lage  im  Auge,  als  wir  in  den  letzten  Tagen
einen  Aufruf  an  die  Eintracht  der  Mehrheit  mit  den  Dissidenten  richteten
und  ein  ausgezeichnetes  Mitglied  einer  andern  Partei,  welche  mehr  durch
geschichtliche  Erinnerungen  als  durch  wesentliche  Meinungsverschiedenheiten
von  uns  getrennt  ist,  zum  Anschlusse  an  die  Mehrheit  und  zum  Eintritte
in  die  Regierung  aufforderten.  Wir  haben  es  nicht  eilig,  die  Krisis  in
wenigen  Tagen  beendigt  zu  sehen;  es  liegt  uns  vielmehr  daran,  daß  fsie
nicht  mit  der  Bildung  eines  schwachen  und  dem  Auslande  gegenüber  autoritätslosen
  Kabinets  abschließen.  Da  uns  der  Patriotismus  rücksichtsloseste
Offenheit  zur  Pflicht  macht,  so  sprechen  wir  es  aus,  daß  vor  allem  einigen
hervorragenden  Männern  die  Verantwortlichkeit  für  gewagte  Entschlüsse  zufällt,
  von  welchen  es  abhängt,  ob  Italien  morgen  noch  einigen  Einfluß  in
den  Angelegenheiten  Europas  besitzen  und  imstande  sein  werde,  seine  wesentlichsten
  Interessen  zu  verteidigen  oder  nicht.“

16.  Februor.  Ein  königlicher  Tagesbefehl  belobt  die
Truppen  in  Afrika  wegen  ihrer  vortrefflichen  Haltung  in  den  Kämpfen
gegen  die  Abeffinier.

28.  Februar.  (Unruhen.)  In  Cagliari  finden  infolge  Zahlungseinstellung
  der  landwirtschaftlichen  Kreditbank  Unruhen  statt.
Die  Menge  durchzieht  tobend  die  Straßen,  zertrümmert  Schauläden
und  bewaffnet  sich  mit  Steinen  und  dergl.  Die  Kirchen,  Schulen,
Büreaus  und  Fabriken  werden  geschlossen.  Es  müssen  Truppen  einschreiten
  und  es  kommt  zu  einem  Zusammenstoße  bei  dem  1  Offizier
und  2  Soldaten  und  mehrere  Einwohner  durch  Schüsse  oder  Steinwürfe
  verwundet  werden.

Ende  Februar.  (Bündnis  mit  Deutschland  und  Oesterreich.)
  Es  wird  in  Rom  bekannt,  daß  die  Verhandlungen  mit
Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn  betr.  Erweiterung  und  Festigung
des  Bündnisses  mit  Italien  günstigen  Fortgang  gehabt  haben  und
zu  Ende  gekommen  sind.  Das  Organ  Depretis',  „Popolo  Romano“,
bestätigt  den  Abschluß  dieser  Verhandlungen  mit  der  Andeutung,
daß  Italien  große  Vorteile  zugesichert,  vor  allem  der  territoriale
Bestand  garantiert  und  bedingungs=  und  schrankenlose  Hilfe  zugesagt
  worden  seien.  (Vgl.  Deutsches  Reich  II,  27.)

Am  4.  März  veröffentlicht  die  „Opinione"  einen  sehr  bemerkenswerten
  Artikel.  Sie  erklärt  die  in  italienischen  wie  in  ausländischen  Blättern

  enthaltenen  Nachrichten  über  die  Erneuerung  des  Uebereinkommens
Italiens  mit  den  Centralmächten  als  offenbar  ungenau  oder  falsch;  denn
        <pb n="383" />
        Aalien.  (März  1.—11.)  365

das  Geheimnis  sei  zweifelsohne  strengstens  gewahrt  worden.  Wenn  man
unter  den  aufgestellten  Konjekturen  eine  Wahl  treffen  solle,  so  zweifele  die
Opinione  nicht,  daß  die  getroffenen  Vereinbarungen  vor  Allem  die  Erhaltung
  des  Friedens  anstreben  und  jeden  Gedanken  einer  aggressiven  Politik
ausschließen.  Die  italienische  Regierung  werde  im  Uebrigen  nicht  verfehlt
haben,  für  alle  Eventualitäten  vorzusorgen,  indem  sie  ebensowohl  auf  die
Interessen,  welche  sich  an  die  Losung  der  Balkanfrage  knüpfen  können,  als
auf  diejenigen  Rücksicht  nahm,  welche  mit  der  Stellung  Italiens  im  mittelländischen
  Meere  zusammenhängen.  Die  Opinione  gelangt  zum  Schlusse,
daß  nicht  allein  Italien,  sondern  auch  alle  diejenigen  im  Auslande,  welche
ernstlich  den  Frieden  wünschen,  für  diese  Politik  demjenigen  sehr  dankbar
sein  sollten,  der  sie  durchzuführen  verstanden  habe.

Nachdem  hierauf  die  „Tribuna“  über  den  Inhalt  des  Bündnisses,
namentlich  über  Gebietserweiterungen  der  Verbündeten  im  Kriegsfalle  Mitteilungen
  gemacht,  tritt  diesen  „Opinione“  wiederholt  entgegen  und  versichert
  auf  das  Bestimmteste,  daß  das  Bündnis  keinerlei  aggressiven  Charakter
  trage.

1.  März.  (Massaua.)  Graf  Salimbeni  trifft  mit  einem
neuen  Schreiben  Ras  Alulas  aus  Asmara  in  Massaua  ein.
Dasselbe  enthält  wiederum  das  Gesuch  um  Herstellung  friedlicher
Verhältnisse.  Der  Negus  und  Ras  Alula  haben  jeden  Gedanken  an
Erneuerung  des  Angriffs  auf  die  italienische  Stellung  in  Ostafrika
aufgegeben.

9.  März.  Crispi  wird  von  der  Pentarchistenpartei  an  Stelle
Cairolis'’  zum  Führer  der  Opposition  bestimmt,  da  dieser  wegen
der  Anfeindungen  Zanardellis  zurücktritt.

10.—11.  März.  (Ministerium  und  Kammer.)  Deputiertenkammer:
  Vor  der  überfüllten  Kammer  gibt  Ministerpräsident
  Depretis,  schon  leidend  und  darum  ganz  in  Tücher  gehüllt

und  mit  schwacher  Stimme  sprechend,  folgende  Erklärung  ab:

„Da  alle  Hersuche,  die  in  Folge  der  Abstimmung  vom  8.  Februar
ausgebrochene  Krise  befriedigend  zu  lösen,  gescheitert,  hat  Se.  Majestät  der
König  befunden,  die  von  dem  Kabinete  erbetene  Entlassung  nicht  zu  bewilligen.  In
Gemäßheit  des  königlichen  Willens  verbleibt  das  Kabinet  im  Amte  und  erwartet
aus  einer  politischen  Abstimmung  die  Klärnng  der  parlamentarischen  Lage.“

Crispi  spricht  gegen  das  Kabinet.

Er  tadelt,  daß  dieses  seine  Entlassung  genommen  und  jetzt,  obgleich
die  Parteilage  seit  dem  8.  Februar  sich  nicht  geändert  habe,  im  Amte  bleibe;
es  sei-falsch  zu  sagen,  der  Rücktritt  sei  ihm  nicht  bewilligt  worden,  da  der
König  ja  vaschiedene  Personen  mit  Neubildung  beauftragt  habe.

Depretis  entgegnet:  das  Ministerium  sei  erst  entlassen,  wenn
das  neue  fertig  gebildet  sei,  nicht  früher.  Crispi:

„Das  mag  die  von  Ihnen  in  den  letzten  zehn  Jahren  eingeführte
Uebung  sein.  Nach  der  Verfassung  ist  sie  unzulässig.  Da  Ihre  Erklärungen

mir  nicht  genügen,  beantrage  ich  folgende  Tagesordnung:  „In  Anbetracht
des  Umstandes,  daß  die  Regierung  in  der  letzten  Krise  dem  parlamentarischen
        <pb n="384" />
        366  Ilallen.  (März  12.—16.)

Gewohnheitsrechte  untreu  geworden,  geht  die  Kammer  zur  Tagesordnung
über.“

Am  folgenden  Tage  zieht  Crispi  seinen  Antrag  zurück  und
beantragt  eine  Tagesordnung,  welche  erklärt,  daß  die  Kammer  zur
Regierung  kein  Vertrauen  habe.  Er  begründet  dieselbe,  wie  folgt:

„Ich  halte  meine  Behauptung  über  das  unkorrekte  Verhalten  der
Regierung  aufrecht.  Wir  haben  allerdings  ein  parlamentarisches,  in  jahrelanger
  Uebung  bewährtes  Gewohnheitsrecht,  allein  die  Regierung  zog  es
vor,  sich  an  Gewohnheiten  von  Ländern  zu  halten,  welche  mit  uns  verbündet
  sein  sollen.  Unsere  Ansicht  ist  eine  andere.  Wir  glauben,  daß  wir
solche  Bündnisse  schließen  können,  ohne  unsere  nationalen  Eigenheiten  aufzugeben,
  ohne  in  Berlin  und  Wien  anzufragen,  was  in  Italien  Rechtens
sein  soll.  (Diese  Auslassungen  gegen  Depretis'  Programm  der  Koordination
zwischen  innerer  und  auswärtiger  Politik  erregen  auf  der  Linken  lebhaften
Beifall.)  In  der  letzten  Krise  sind  die  Grundsätze  des  öffentlichen  Rechtes
erschüttert  worden.  Man  hat  Minister,  die  feierlich  über  Bord  geworfen
waren,  wieder  ausgenommen.  Man  hat  das  alte  Finanzprogramm  verleugnet
(Verhandlungen  mit  Saracco)  und  sich  nun  wieder  dazu  bekannt.  Einer
solchen  Regierung  können  Sie  immerhin  Ihr  Vertrauen  aussprechen,  Sie
werden  sie  darum  nicht  retten,  denn  sie  ist  ein  Kadaver,  und  alle  Galvanifierungs-Versuche
  werden  sich  als  fruchtlos  erweisen.  Diese  Regierung  wird
niemals  mehr  die  Interessen  des  Landes  vertreten  können.“  (Langandauernde
Bewegung.)

Codronchi  (bisher  für  Depretis)  erklärt  sich  für  den  Antrag
Crispis:

„Ich  hatte  eine  klare  Darlegung  eines  Regierungsprogramms  erwartet,
der  Ministerpräsident  hat  aber  geschwiegen.  Eine  Regierung,  die  in  solchem
Augenblicke  eine  so  traurige  Haltung  beobachtet,  ist  wert,  daß  sie  falle!"
(Bewegung.)

Bei  der  namentlichen  Abstimmung  ergeben  sich  gegen  Crispis
Antrag  214,  dafür  194  Stimmen;  die  Regierung  hat  also  14  Stimmen
  an  ihrer  alten  Mehrheit  verloren.  Depretis  verläßt  schweigend
den  Saal.  Der  Eindruck  der  Verhandlung  ist  im  ganzen  der,  daß  das

Ministerium  eine  schwere  Erschütterung  seiner  Stellung  erlitten  hat.

12.  März.  (Sessionsschluß.)  Die  Session  der  Kammer
wird  durch  eine  königliche  Botschaft  geschlossen,  die  Wiedereröffnung
wird  einer  königlichen  Verordnung  vorbehalten.

Die  Verlesung  der  Botschaft  wird  von  der  Linken  mit  ironischen
Zwischenrufen,  sogar  mit  einigen  Pfiffen  begleitet.

16.  bzw.  17.  März.  (Massaua.)  General  Gens  wird
aus  Massaua  abberufen,  weil  er,  um  die  Mitglieder  der  Expedition
Salimbeni  zu  befreien,  eine  nach  Abeffinien  bestimmte,  aber  mit
Beschlag  belegte  Sendung  von  Gewehren  nach  Verständigung  mit
Ras  Alula  diesem  größtenteils  aushändigen  und  ferner  noch  6
abessinische  Ueberläufer,  Häuptlinge  vom  Stamme  der  Sgaortaner,
        <pb n="385" />
        Ilalien.  (März  21.—Ende.)  367

zurückführen  ließ,  welche  bei  ihrer  Rückkehr  in  abeffinische  Gewalt
sofort  enthauptet  wurden.

Die  Mitglieder  der  Expedition  werden  hierauf  freigegeben,
mit  Ausnahme  des  Grafen  Savoiroux.

General  Saletta  wird  an  seiner  Statt  zum  Kommandeur
in  Massaua  ernannt.

21.  März.  (Tadel  für  Gené.)  Die  „Agenzia  Stefani“  veröffentlicht
  eine  Tadelsdepesche  des  Grafen  Robilant  für  den  General
Gené.  Dieselbe  lautet:

„Ihr  Telegramm  vom  18.,  hier  eingetroffen  am  Abend  des  19.,
sowie  die  eingehenderen  Meldungen,  welche  der  „Tribuna“  telegraphiert
worden  find,  haben  auf  die  Regierung  und  die  öffentliche  Meinung  den  allerpeinlichsten
  Eindruck  gemacht.  Die  Zugeständnisse,  die  Sie  Alula  gemacht
haben,  indem  Sie  ihm  die  Gewehre  sandten,  deren  Zahl  wir  noch  gar  nicht
kennen  und  die  vom  Zollamt  mit  Beschlag  belegt  waren,  sowie  die  Auslieferung
  seiner  Flüchtlinge,  denen  er,  wie  versichert  wird,  hat  den  Kopf  abhauen
  lassen,  sobald  sie  in  seiner  Gewalt  waren,  sind  unverträglich  mit
unferer  Würde,  fügen  allen  unseren  Interessen  schweren  Schaden  zu.  Sie
haben  ohne  Ermächtigung,  ohne  Anweisungen  gehandelt.  Ich  will  zugeben,
daß  dies  unter  der  Herrschaft  von  Umständen,  die  ich  nicht  kenne,  die  bei
dieser  Entfernung  mir  entgehen,  sich  zugetragen  habe,  besonders  angesichts
des  Lakonismus  Ihrer  Depeschen;  aber  Sie  müssen  unmittelbar  Halt  machen
auf  der  schiefen  Ebene,  auf  die  Sie  sich  begeben  haben.  Fortan  werden  Sie
also  jede  Mitteilung  Ras  Alula's  betreffend  Savoiroux  ohne  irgendwelche
Antwort  lassen.  Beschränken  Sie  sich  darauf,  ihn  nicht  zu  provozieren,  bevor
  Sie  Anweisung  erhalten,  es  zu  thun;  lassen  Sie  ihn  aber,  wenn  sich
die  Gelegenheit  bietet,  merken,  daß  er  mit  seinem  Gefangenen  machen  kann,
was  er  will,  vorbehaltlich  des  Tragens  aller  Folgen  seiner  Handlungen,
und  daß  dies  uns  nicht  verhindern  wird,  alles  zu  thun,  was  wir  für  unsere
Würde  und  unsere  Interessen  als  notwendig  erachten  werden.  Mit  Gegenwärtigem
  wird  ferner  der  Befehl  erneuert,  die  effektive  Blokade  der  Küste
von  Hamfila  bis  zu  den  Habab  und  Nachbarschaft  auszuführen  und  kundzuthun,
  hauptsächlich  zu  dem  Zwecke,  jewedes  Durchgehen  von  Waffen  zu
verhindern.  Robilant.“

Die  Depesche  ruft  den  heftigsten  Tadel  von  seiten  der  Oppofitionsblätter
  hervor  und  erweckt  auch  sonst  eine  sehr  mißgünstige
Stimmung.  Es  wird  der  Verdacht  laut,  daß  der  Tadel  Genés  nur
die  Mitschuld  der  Regierung  an  den  maßlosen  Zugeständnissen  an
die  Abeffinier  vertuschen  solle.

In  einem  Antworttelegramm  erklärt  Gené,  daß  er  die  von
Ras  Alula  geforderte  Herausgabe  der  übrigen  Waffen  für  die  Freilaffung
  Savoiroux'  schon  vor  dem  Eintreffen  dieses  Telegramms
abgelehnt  habe.

24.  März.  (Ministerkrise.)  Alle  Minister  stellen  Depretis
ihre  Portefeuilles  behufs  Rekonstruktion  des  Kabinets  zur  Verfügung.

Ende  März.  Der  deutsche  Botschafter  v.  Keudell  erhält
        <pb n="386" />
        368  Sl#lien.  (April  4.-  Mai  28.  u.  29.)

die  erbetene  Entlassung.  Sein  Nachfolger  wird  Graf  Solms,
welcher  Mitte  Juni  sein  Amt  antritt.

„Opinione“  ist  am  27.  März  ermächtigt,  7  erklären,  daß  die  Gründe
für  den  Rücktritt  v.  Keudells  lediglich  privater  Natur  waren.

4.  April.  (Ministerkrise.)  Durch  königliches  Dekret  wird
den  Ministern  Grafen  Robilant  (Aeußeres),  Ricotti  (Krieg),  Tajani
  (Justiz)  und  Genala  (öffentl.  Arbeiten)  die  nachgesuchte  Entlassung
  gewährt.  Depretis  wird  zum  Minister  des  Aeußern  und
Ministerpräsidenten  ernannt.  Neu  treten  in  das  Kabinet:  Crispi
(Inneres),  Bertols-Viale  (Krieg),  Zanardelli  (Justiz),  Saracco
  (öffentl.  Arbeiten).

18.  April.  Das  neue  Kabinet  stellt  sich  in  der  Deputiertenkammer
  vor.

Depretis  entwickelt  kurz  das  Programm.  Als  Ziel  seiner  Politik
bezeichnet  er  die  Erhaltung  des  Friedens,  als  Mittel  dazu  die  Verstärkung
des  italienischen  Heeres  nach  dem  Muster  anderer  Nationen.  Das  Ministerium
werde  an  Abessinien  beweisen,  daß  ihm  Thatkraft  zu  seiner  auswärtigen
Aktion  nicht  fehle,  wo  es  Not  thue.  Die  bei  Dogali  mutvoll  gefallenen  Soldaten
  dürften  nicht  ungerächt  bleiben,  doch  werde  sic.  die  Regierung  nicht
zu  unüberlegten  Handlungen  hinreißen  lassen.  Die  Regierung  beabsichtige
die  durch  diese  Bedürfnisse  verursachten  Mehrkosten  durch  eine  zeitweilige
Erhöhung  der  Getreidezölle  und  Wiedereinführung  der  Kriegszehnten  zu  decken.

19.  April.  (Geeres=  und  Marineverstärkung.)  Der
Kriegsminister  kündigt  in  der  Kammer  einen  Gesetzentwurf  über
Vermehrung  der  Artillerie,  Kavallerie  und  Genietruppen  an.  Durch
diese  Erhöhungen  wird  das  ordentliche  Heeresbudget  auf  225  Millionen
  jährlich  gesteigert.

Der  Marineminister  legt  einen  Entwurf  vor,  wonach  ein
außerordentliches  Erfordernis  von  85  Millionen  in  das  Budget  eingestellt
  werden  soll,  das  sich  auf  8  Jahre  verteilt.  Es  sollen  davon
neue  Schiffsbauten,  Torpedos,  Hafen=  und  Arsenal-Erweiterungen
und  Geschütze  bestritten  werden.

Die  Zahl  der  Kriegsschiffe  2.  Klasse  soll  in  dieser  Zeit  von  10  auf
20,  die  dritter  von  20  auf  40,  die  der  Torpedoboote  von  100  aup  190  9a4
bracht  werden.  In  der  Begründung  heißt  es,  daß  die  in  Ausführung  begriffenen

  Arbeiten,  selbst  nach  gänzlicher  Vollendung  zur  wirksamen  Verteidigung
  der  Seegrenze  keineswegs  genügen  könnten.

Ende  April—Anf.  Mai.  (Massaua.)  Die  Lage  erscheint
wieder  bedrohlicher,  Ras  Alula  scheint  einen  neuen  Angriff  auf  die
italienischen  Posten  vorzubereiten.  General  Saletta  fordert  2  Bataillone
  und  2  Batterien  an  Unterstützungen.  Dieselben  gehen  Anfang
  Mai  ab.

28.  u.  29.  Mai.  (Heeresverstärkung.)  Die  Kammer  ge-
        <pb n="387" />
        S#lien.  (Mai  30.—Juni  3.  bzw.  6.)  369

nehmigt  den  vom  Kriegsminister  verlangten  Kredit  zur  Vermehrung
der  Armee  und  Marine.

30.  Mai.  (Blokade  gegen  Abessinien.)  Auf  eine  Anfrage
  in  der  Kammer  bemerkt  Ministerpräsident  Depretis:

Alle  Vertreter  Italiens  im  Auslande  hätten  unter  dem  1.  Mai  die
Weisung  erhalten,  die  Blokade  gegen  Abessinien  zu  notifizieren.  Die  Türkei
drückte  freundschaftlich  den  Wunsch  aus,  daß  ihr  die  Notifikation  nicht
schriftlich  zugemittelt  werde.  Wir  stimmten  bei  und  gaben  der  Türkei  Erklärungen
  über  den  Charakter  der  Blokade.  Die  Türkei  machte  keine  weiteren
  Bemerkungen.  Allen  anderen  Regierungen  wurde  die  Blokade  schriftlich
wtsieiert  Bisher  trafen  seitens  keiner  Macht  Bemerkungen  oder  Vorbealte

  ein.

31.  Mai.  (Afrikanische  Politik.)  Deputiertenkammer:
Bei  Beratung  des  Heeresetats  gibt  der  frühere  Kriegsminister  Ricotti
  Aufklärungen  über  die  in  Afrika  befolgten  Pläne.

Er  sagt:  Es  handelte  sich  vor  allem  darum,  aus  Massaua  mit
Arkiko,  Otumlo  und  Mkullu  ein  befestigtes  Lager  zu  machen.  Gegen  die
Abeffinier  sollte  niemals  aggressiv  vorgegangen  werden.  Der  sanitäre  Zustand
  war,  wie  sich  nun  klar  herausstellt,  ein  vollständig  normaler;  die
Engländer  in  Suakim  waren  viel  schlimmer  daran,  und  doch  war  die  Wut

egen  mich  so  groß,  daß  man  mich  am  liebsten  zum  Fenster  hinausgeworfen

Hlite  Sahati  sollte  zum  Schutze  der  Karawanen  besetzt  werden,  doch  war
General  Genés  aus  militärischen  Gründen  dagegen.  Der  Minister  des  Aeußern
  aber,  von  dem  vormals  die  Angelegenheiten  von  Massaua  abhingen,
bestand  darauf,  und  Sahati  wurde  besetzt.  Nach  der  Katastrophe  von  Sabatl
wurden  Gensé  Verstärkungen  versprochen,  doch  jedes  Vorgehen  gegen  Abeffinien
verboten.  Das  Unternehmen  von  Dogali  war  ein  tollkühnes,  aber  auch
heldenmütiges  und  hat  dem  militärischen  Prestige  Italiens  genützt.  General
Gené  verdient  uneingeschränktes  Lob,  weil  er,  von  allen  Seiten  bedrängt,
niemals  die  Kaltblütigkeit  verlor.

1.  Juni.  Die  Kammer  erklärt  zum  fünften  Male  die  Wahl
des  Zuchthäuslers  Amilcare  Cipriani  in  Ravenna  für  nichtig.

2.—3.  Juni.  (Heeresetat:  Massaua.)  Bei  der  Beratung
des  Heeresetats  wird  die  afrikanische  Politik  lebhaft  erörtert.

Crispi  sagt:

Man  wolle  keinen  Krieg  mit  Abessinien,  allein  man  müsse  ein=  für
allemal  die  Ansprüche  Italiens  auf  einen  seiner  Lage  und  seinen  Handel  entsprechenden
  politischen  Einfluß  in  Afrika  durch  eine  rasche,  kräftige  That  befestigen
  und  zugleich  den  Barbaren  zeigen,  daß  man  nicht  gewillt  ist,  ihre

ebergriffe  zu  ertragen.  Es  werde  nicht  dieses  Kabinet  sein,  welches  den
Rückzug  der  Truppen  aus  Massaua  anordnen  werde.  (Lebhafter  Beifall.)

3.  bzw.  6.  Juni.  (Aussöhnung  mit  dem  Papsttum.)
Die  „Nuova  Antologia“  veröffentlicht  einen  Artikel  Bonghis,
welcher  die  Versöhnung  als  nützlich  für  das  Papsttum  wie  für  das
Königreich  bezeichnet  und  sagt:
Bei  der  Fessesung  der  Mobalitäten  gebe  es  zwei  Dinge,  welche  unmöglich
  seien:  dem  Papste  ein  Gebiet  abzutreten  und  ihm  irgend  welche
Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  24
        <pb n="388" />
        370  Italien.  (Juni  9.  -  10.)

Freiheit  zu  opfern.  Allein  das  Garantiegesetz  könne  in  verschiedenen  Punkten
  modifiziert  werden.  Man  könne  es  in  eine  verfassungsmäßige  Verfügung
oder  in  ein  Konkordat  umwandeln.  Auf  alle  Fälle  sei  die  Frage  aufgeworfen,
  und  die  Regierung  wie  die  Bürger  müssen  sie  diskutieren.

Das  päpstliche  Blatt  „Moniteur  de  Rome“  geht  am  6.
auf  die  Ausführungen  Bonghis  ein.  Er  bemerkt:

Keines  der  von  Am  vorgeschlagenen  Mittel  sei  zur  Herbeiführung
des  Friedens  geeignet.  enn  man  das  Garantiegesetz  in  die  Verfassungs-Urkunde
  aufnähme,  würde  der  Papst  dennoch  der  Gefangene  einer  andern
Macht  und  allen  sozial-politischen  Bewegungen  ausgesetzt  sein,  denen  er  um
seines  göttlichen  Amtes  willen  entrückt  sein  sollte.  Ein  Konkordat  hingegen
sei  nur  bestimmt,  das  Rechtsverhältnis  zweier  in  demselben  Lande  nebeneinander
  bestehender  Gewalten,  also  eine  innere  Angelegenheit  zu  regeln;  ein
Konkordat  sei  übrigens,  wie  die  Geschichte  lehrt,  so  vielen  Deutungen  zugänglich,
  daß  es  niemals  eine  absolute  Unabhängigkeit  des  Papstes  für  alle
Zeiten  zu  begründen  vermöchte.  Der  Moniteur  de  Rome  verharrt  demnach
auf  dem  alten  Standpunkte  vom  „Erdwinkelchen“,  bemerkt  aber,  es  sei  immerhin
  erfreulich,  daß  Bonghi  Verhandlungen  wünschenswert  finde;  der
erste  Schritt  sei  geschehen,  andere  werden  nachfolgen.

Diese  Auslassungen,  sowie  die  Interpellation  Bovio  rufen
eine  lebhafte  Erörterung  der  Frage  in  der  gesamten  Presse  Italiens
hervor.

9.—10.  Juni.  (Aussöhnung  mit  dem  Papsttum.)  Deputiertenkammer:
  Bovio  (radikal)  richtet  an  die  Regierung  eine  Anfrage
  betr.  der  in  letzter  Zeit  viel  erörterten  Frage  einer  Versöhnung
mit  dem  Papsttum.

Er  verwirft  jede  Verhandlung  mit  dem  Vatikan,  weil  eine  Aussöhnung
beider  unvereinbarer  Gewalten  ohne  Auslieferung  der  Nation  und  ihrer
geistigen  Güter  an  das  Priestertum  undenkbar  sei;  gerade  der  Kampf  zwischen
Staat  und  Kirche  biete  einen  Hauptantrieb  des  Fortschritts.  „Wem
würde  übrigens  die  Aussöhnung  Außen  bringen?  Den  Katholiken  nicht  —
denn  der  Papst  ist  frei  in  der  Ausübung  seines  geistlichen  Berufes,  so  frei,
daß  er  sich  sogar  nach  Belieben  zu  seinem  eigenen  Gefangenen  machen  kann;
den  Liberalen  nicht,  denn  sie  wollen  keinen  Zoll  breit  italienischen  Bodens
hergeben  und  würden  keines  Haares  Breite  von  ihrer  Seele  opfern;  der  Religion
  nicht,  denn  kein  Gesetz  kann  Religionen  wieder  lebendig  machen,  im
Gegenteil  verlieren  dieselben  soviel  an  Heiligkeit,  wie  sie  an  amtlichen  und
politischen  Charakter  gewinnen;  der  Politik  m—  auch  nicht,  denn  geschähe
die  Aussöhnung  unfrerseits.  freiwillig,  so  wäre  sie  ein  Akt  der  Schwäche,
würde  sie  durch  äußeren  Druck  erzwungen,  so  wäre  sie  eine  Beleidigung  des
Nationalgefühls."“

Justiz=  und  Kultusminister  Zanardelli  antwortet:

Die  Regierung  seit  weit  entfernt,  den  Papst  zu  verfolgen,  sie  sei
vielmehr  von  tiefster  Achtung  für  das  Oberhaupt  der  Kirche  beseelt,  habe
aber  auch  die  Prärogative  des  Staates  zu  wahren.  Die  hierauf  bezüglichen
Gesetze  Italiens  seien  die  liberalsten  in  ganz  Europa.  Er  werde  für  deren
treue  Beobachtung  sorgen.

Minister  des  Innern,  Crispi,  fügt  die  Erklärung  hinzu:
„Die  Regierung  hat  nur  eine  Pflicht,  die  Gesetze  zu  achten  und  dafür
        <pb n="389" />
        Italien.  (Juni  10.  -  14.)  371

zu  sorgen,  daß  sie  geachtet  werden,  und  sie  wird  dieser  Pflicht  beharrlich
nachkommen.  Unsere  Beziehungen  zum  Vatikan  sind  durch  das  (Garantie-)
Gesetz  vom  13.  Mai  1871  geregelt.  Wir  werden  dieses  Gesetz  aufrechthalten
und  nicht  zugeben,  daß  es  je  verletzt  werde.  Wir  suchen  keine  Aussöhnung,
denn  der  Staat  ist  mit  Niemand  im  Kriege.  Es  geht  uns  nichts  an,  was
im  Vatikan  geschieht,  wo  ein  Papst  herrscht,  der  kein  gewöhnlicher  Mann
ist.  Die  Zeit  läßt  reifen,  und  sie  kann  auch  Annäherungen  heranreifen  lassen,
  die  aber  niemals  das  nationale  Recht  beeinträchtigen  dürfen.  Italien
gehört  sich  selber  an  und  hat  nur  ein  Haupt:  seinen  König.“  (Beifall.)
Bovio  erklärt  sich  durch  diese  Erklärungen  befriedigt.
Einige  Tage  später  bekennt  sich  bei  Gelegenheit  einer  neuen
Anfrage  Toskanellis  auch  Depretis  in  Uebereinstimmung  mit

seinen  Kollegen  in  dieser  Sache.

10.  Juni.  (Antikirchliche  Bewegung.)  In  Livorno  stört
die  Volksmenge  die  Fronleichnamsprozession  durch  Schleudern  von
Steinen  auf  den  Zug.  Es  entspinnt  sich  ein  heftiges  Handgemenge.
Das  Militär  schreitet  ein  und  verhaftet  62  Personen;  zahlreiche
Verwundungen.

12.  bzw.  20.  u.  27.  Juni.  (Zula.)  In  Beantwortung  einer
Anfrage  Bonghis,  ob  Frankreich  noch  Ansprüche  auf  Zula  erhebe
und  ob  die  Küste  von  Massaua  bis  zur  Bucht  von  Hamsila  italienisch
  sei,  antwortet  Min.-Präs.  Depretis:

Frankreichs  Ansprüche  auf  Zula  und  die  Insel  Dessy  vor  dem  Golfe
von  Zula  ließen  sich  auf  keinen  Akt  der  Besitznahme  stützen,  diese  Ansicht
der  italienischen  Regierung  sei  in  Paris  geltend  gemacht  und  darauf  die
Sache  fallen  gelassen  worden,  sodaß  die  Küste  von  Massaua  südwärts  für
italienisch  gelten  müsse.  Dasselbe  gelte  von  der  Bucht  von  Hanabil.

Am  20.  Juni  meldet  hierauf  das  „Journal  des  Déôbats“,
daß  der  französische  Minister  des  Auswärtigen,  Flourens,  bei
Depretis  habe  anfragen  lassen,  ob  er  die  von  den  Blättern  gebrachte
Erklärung  wirklich  so  gegeben  habe,  Depretis  habe  geantwortet,
daß  er  den  genauen  Text  seiner  Erklärung  einsenden  werde.

Am  27.  schreibt  sodann  Crispis  Organ  „Riforma“  darüber:

Die  französische  Regierung  werde  hoffentlich  keine  Einwendungen
gegen  die  Erklärungen  Depretis'  erheben,  wonach  jene  zwei  Punkte  in  die
Aktionssphäre  Italiens  fallen.  Für  Frankreich  haben  Zula  und  die  Insel
Dessy  keinen  praktischen  Wert,  während  Italien  beide  zur  Entfaltung  seiner
Aktion  unbedingt  benötige.  Italien  baue  auf  Frankreichs  Entgegenkommen.

14.  Juni.  Der  ehemals  Garibaldinische  Abgeordnete  und
eifrige  Verfechter  der  Aussöhnung  mit  dem  Papsttum,  Fazzari,
legt  sein  Mandat  nieder  mit  der  brieflichen  Erklärung,

daß  er  einer  Kammer,  welche  ohne  die  Beteiligung  der  Katholiken
zu  Stande  gekommen,  nicht  angehören  könne.  In  einem  Schreiben  an  die
Wähler  spricht  Fazzari  die  Hoffnung,  daß  die  nächste  Kammer,  Dank  der

24“
        <pb n="390" />
        372  Ilalien.  (Juni  2te  Hälfte.)

Großherzigkeit  Leo's  XIII.,  der  Ausdruck  des  Willens  der  ganzen  Nation
sein  werde.

2te  Hälfte  Juni.  (Mailänder  Klerus.)  Nachdem  der
König  dem  milden  und  versöhnlichen  Erzbischofe  von  Mailand  den
Annunziaten-Orden  verliehen  hat,  richtet  der  gemäßigte  Teil  des
Klerus  der  Diöbzese  folgenden  Brief  an  den  König:

Majestät!  Die  hohe  Auszeichnung,  welche  Eure  Majestät  dem  ehrwürdigen
  Oberhaupte  der  Mailänder  Diözese  zu  verleihen  geruhten,  hat
uns  als  Staatsbürger  sowohl  als  auch  als  Priester  im  tiefsten  Herzen  gerührt.
  In  diesem  Akte  erblicken  wir  zugleich  mit  der  Hochherzigkeit  des
Fürsten  und  der  Ehre,  die  unserm  Vater  erwiesen  wird,  den  Ausdruck  des
schönen  Wunsches  nach  Bereinigung  von  zwei  edlen  Gefühlen:  der  Liebe  zum
Vaterlande  und  zur  Religion.  In  der  Vereinigung  beider  glauben  wir  das
Geheimnis  des  Friedens  und  der  künftigen  Wohlfahrt  Italiens  finden  zu
sollen.  In  dieser  Ueberzeugung  gestatten  uns  Eure  Majestät,  zu  Füßen  des
Thrones  den  Ausdruck  unserer  Dankbarkeit  und  unserer  Hoffnungen  niederzulegen.


Der  König  läßt  hierauf  dem  Pfarrer  von  San  Marco,  als
ersten  Unterzeichner  des  Briefes,  für  diese  Kundgebung  seinen  herzlichsten
  Dank  aussprechen.

19.  Juni.  (Klerikaler  Wahlsieg  in  Rom.)  Bei  der  Ergänzungswahl
  von  18  Gemeinde-  und  6  Provinzialräten  in  Rom
erringen  bei  einer  Wahlbeteiligung  von  fast  50  %  die  klerikalen
Kandidaten  den  Sieg,  indem  sie  zwischen  7300  und  6700  Stimmen,
die  Liberalen  nur  6500—3200  auf  sich  vereinigen.

Der  Sieg  der  Klerikalen  soll  dadurch  wesentlich  gefördert  worden
sein,  daß  alle  Gemeindebeamten  auf  Weisung  des  Bürgermeisters  Fürsten
Torlonia,  den  die  Liberalen  durch  Ausschluß  des  von  ihm  auf  die  Wahlliste
  gesetzten  Fürsten  Mario  Chigi  beleidigt  hatten,  für  die  Klerikalen
gestimmt  haben  sollen.

Der  „Moniteur  de  Rome  '  jubelt  über  den  Sieg  und  sagt:  man
werde  Rom  sicher  nicht  mehr  „unantastbar“  nennen.

21.  bzw.  24.  Juni.  (Zölle.)  Kammer:  genehmigt  mit  205
gegen  48  Stimmen  den  Gesetzentwurf  über  die  Erhöhung  der  Zölle
auf  Getreide,  Reis  und  Petroleum,  und  am  24.  mit  199  gegen  36
Stimmen  den  Generalgzolltarif.

Durch  die  Zollerhöhungen  sollen  die  Regierungseinnahmen  eine  Aufbesserung
  von  40  Millionen  erhalten,  um  das  durch  die  außerordentlichen
Erfordernisse  entstandene  Defizit  zu  ermäßigen.

25.  Juni.  (Pariser  Weltausstellung.)  In  der  Kammer
interpelliert  Cavalotti  (äußerste  Linke)  in  überaus  heftiger  Weise
die  Regierung  wegen  Ablehnung  der  Beschickung  der  188g9er  Weltausstellung
  in  Paris.

Er  behauptet,  diese  sei  eine  Folge  der  Beeinflussung  von  Deutschland

und  Oesterreich;  Italien  schulde  Frankreich  Dank  und  O  selbst  aus  der
französischen  Revolution  hervorgegangen.
        <pb n="391" />
        Italien.  (Juni  28.—Juli  1.)  373

Min.  Grimaldi  erklärt:  Italien  sei  nur  durch  finanzielle  Rücksichten
zu  der  Ablehnung  veranlaßt  worden.  Ausstellungen  hätten  nur  dann  Wert,
wenn  sie  die  Vergleichung  der  Erzeugnisse  der  verschiedenen  Länder  gestatteten,
  dies  sei  aber  bei  der  Pariser  nicht  mehr  möglich.  Nicht  Ausstellungen,
sondern  Verträge  knüpften  internationale  Freundschaften,  Frankreichs  Parlament
  habe  aber  2  Handels=  und  den  Schiffahrtsvertrag  mit  Italien  abgelehnt.

Min.  Crispi  setzt  hinzu:  Die  Freundschaft  zwischen  Italien  und
Frankreich  sei  herzlich.  Die  Monarchie  fürchte  die  Republik  nicht  und  könne
an  Freiheit  mit  ihr  wetteifern.  Eine  Beschickung  würde  nur  eine  Demonstration
  gegen  das  übrige  Europa  sein.

28.  Juni—1.  Juli.  (Senatsreform.)  Der  Senat  hält  eine
Anzahl  geheimer  Sitzungen  zur  Beratung  einer  der  Regierung  vorzuschlagenden
  Reform  dieses  Körpers  ab,  mit  deren  Bearbeitung  bereits
  seit  einem  Jahre  ein  Ausschuß  desselben  beauftragt  ist.  Es  gelangt
schließlich  gegen  6  Stimmen  eine  Tagesordnung  zur  Annahme,  welche
den  Ausschuß  auffordert,  Anträge  zu  machen,  durch  welche  die  Zusammensetzung
  des  Senats  und  die  Ausübung  seiner  Funktionen  so
geändert  werde,  wie  es  die  Idee  der  Verfassung  sei.

30.  Juni  bzw.  8.  Juli.  (Kredit  für  Afrika.)  Die  Kammer
genehmigt  den  außerordentlichen  Kredit  von  20  Millionen  für  militärische
  Ausgaben  in  Afrika  in  den  Jahren  1887/88  und  zur  Bildung

  eines  besondern  Truppenkorps  für  den  Garnisondienst  in  Afrika.

In  den  Debatten  spricht  namentlich  Mancini  für  die  Regierungsvorlage,
  indem  er  im  allgemeinen  die  von  ihm  als  Minister  inaugurierte
Kolonialpolitik  verteidigt.  Hätte  Italien  Massaua  nicht  besetzt,  so  würde
es  eine  andere  Macht  gethan  haben;  genüge  aber  eine  energische  Haltung
nht  so  dürfe  man  auch  vor  einem  Wossenonge  mit  Abessinien  nicht  zurückrecken.



Der  Kriegsminister  erklärt  über  die  geplanten  Maßnahmen  nähere
Aufschlüsse  nicht  geben  zu  können;  indem  die  Kammer  die  Kredite  bewillige,
würde  sie  der  Regierung  einen  Beweis  des  Vertrauens  geben.

Hierauf  beantragt  Elia  eine  das  Vertrauen  zur  Regierung  aussprechende
Tagesordnung.

Crispi  erklärt  diese  anzunehmen  und  fährt  fort:  „Es  ist  nicht  notwendig,
  auf  die  Vergangenheit  zurückzukommen.  Die  Regierung  versichert
nur,  daß  sie  mit  aller  gebotenen  Vorsicht  handelt.  Italien  ist  in  allen  Mittelmeer-Fragen
  mit  England  einig,  und  in  der  ägyptischen  Angelegenheit  wird
Italien  seine  Aktion  mit  jener  Englands  vereinigen,  und  wir  können  daher
auch  in  Konstantinopel  nur  der  Politik  unserer  Alliierten  folgen.  Nichts
läßt  in  Europa  eine  Trübung  des  Friedens  erwarten;  selbst  die  bulgarische
Frage  wird,  wie  man  glaubt,  eine  friedliche  Lösung  finden.  Die  Kammer
wcht  daher  nur  die  ihr  vorliegende  Frage  des  Kredits  ins  Auge  zu  fassen.
Wie  die  Regierung  den  Kredit  verwenden  wird,  das  ist  Vertrauenssache,  und
die  Kammer  wird  dies  begreifen."

Bei  der  Abstimmung  wird  Elias  Tagesordnung  mit  239  gegen  37,
das  Gesetz  selbst  mit  188  gegen  39  Stimmen  angenommen.

Im  Senate  verteidigt  Graf  Robilant  seine  Politik  und
spricht  für  die  Vorlage.
        <pb n="392" />
        374  Ilalien.  (Juli  Anfang.)

Er  erklärt,  er  habe  stets  die  lehung  von  Massaua  bekämpft  und
die  schweren  Foolzen  derselben  vorausgesehen,  doch  gab  ihm  seine  damalige
Stellung  keine  Gelegenheit  zu  erfolgreicher  Einsprache.  Die  Ursache,  weßwegen
er  im  Frühling  1885  den  Eintritt  ins  Kabinet  ablehnte,  sei  eben  die  Beseung
  von  afead  und  Massaua  gewesen.  Später  zur  Annahme  des  Portefeuilles
  gezwungen,  suchte  er  lange  die  ägyptische  Mitverwaltung  zu  beseitigen,
um  die  Angelegenheit  zu  vereinsachen.  Er  verliest  einen  Brief  des  Negus
an  König  Menelik,  worin  die  Italiener  Intriganten  in  englischem  Dienste
enannt  werden.  Ras  Alula  hätte  Pozzolini  als  Geisel  zurückgehalten,  um
talien  zu  einem  verderblichen  Kriege  zu  zwingen,  während  Europa  in  größter
Bedrängnis  schwebte.  Da  ihm  sein  Anschlag  mißlang,  verhaftete  Ras  Alulah
Salimbeni.  Das  Verhalten  des  Generals  Gens  im  Jahre  1886  war,  wie  er
konstatieren  müsse,  ein  sehr  gutes.  Bei  der  Fortdauer  des  Kriegszustandes
in  Abessinien  sei  der  Friede  undenkbar.  Daß  der  Kredit  zur  Wahrung  der
Würde  des  Landes  genüge,  ist  zweifelhaft,  doch  beweise  die  bescheidene  Forderung,
  die  Regierung  werde  gefährliche  Abenteuer  vermeiden.  Eine  übergroße
Vertrauensseligkeit  der  europäischen  Lage  gegenüber  scheine  nicht  am  Platze.
Graf  Robilant  hofft,  Italien  werde,  wenn  die  Geschütze  in  Europa  donnern,
in  kein  afrikanisches  Abenteuer  verwickelt  sein,  damit  es  bei  der  ersten  Probe,
die  es  von  seiner  militärischen  Tüchtigkeit  ablegen  soll,  jenen  vollen,  glänzen-=den
  Erfolg  erzielt,  dessen  es  zur  Festigung  seiner  Macht  bedürfe.

Hierauf  ergreift  der  Kriegsminister  das  Wort:  Er  erklärt,  daß
die  verlangten  zwanzig  Millionen  zur  Erreichung  des  von  der  Regierung  gesteckten
  Zieles,  unvorhergesehene  Ereignisse  ausgenommen,  genügen  werden.
Die  allgemeinen  Verhältnisse  lassen  Unternehmungen,  die  nicht  genau  erwogen
sind,  nicht  rätlich  erscheinen.  Die  Regierung  kenne  ihre  Verantwortung  in
betreff  der  in  Europa  eingegangenen  Engagements  und  werde  sehr  vorsichtig
vorgehen.  Er  verlange  von  dem  Senate,  daß  er  es  der  Kammer  gleichthue
und  mit  großer  Majorität  der  Regierung  das  Vertrauen  votiere.

Crispi  erinnert  daran,  daß  das  Einvernehmen  mit  England  die  Besetzung
  Massauas  hervorrief,  die  Verhältnisse  des  Sudans  ließen  diesen  Ort
auch  für  andere  Mächte  begehrenswert  erscheinen.  Die  Blokade  der  abessininischen
  Küsten  sei  von  allen  Mächten  anerkaunt  worden.

Bei  der  Abstimmung  wird  die  Vorlage  mit  79  gegen  12  Stimmen
angenommen.

Anfang  Juli.  (Der  König  und  der  Papst.)  In  einer
Audienz  eines  auswärtigen  Edelmannes,  in  welcher  das  Gespräch
auch  auf  die  römische  Frage  führt,  äußert  der  König,  nachdem  jener
die  Hoffnung  ausgesprochen,  daß  der  gegenwärtige  Zustand  sich  bald
freundlicher  gestalten  möge:

„Das  hoffe  ich  auch,  indessen  glauben  Sie  mir,  nichts  wird  den  Streit
zwischen  dem  Reiche  und  dem  Oberhaupte  der  Kirche  so  ruhig  und  sicher
in  die  Bahnen  des  Friedens  leiten  können,  als  die  Zeit  selbst,  die  Zeit,  welche
wie  Achilles'  Speer  Wunden  schlägt  und  auch  zu  heilen  vermag.“

Anf.  Juli.  (Verwaltungsreform.)  Die  Kammer  genehmigt
  den  Crispi'schen  Gesetzentwurf  über  Verbesserung  der  administrativen

  und  gesellschaftlichen  Stellung  der  Präfekten.

Derselbe  hebt  das  bisherige  Verbot,  Abgeordneten  die  Leitung  einer
Provinz  “““  überhaupt  eines  mit  Staatslasten  verbundenen  Amtes  zu  übertragen,
  auf.
        <pb n="393" />
        A#slien.  Juli  Anj.  —  August  Anj.)  375

Anf.  Juli.  (Massaua.)  Nach  englischen  Nachrichten  haben
Italien  und  England  ein  Uebereinkommen  getroffen,  demzufolge  als
Grenze  für  die  beiderseitige  Ueberwachung  der  Küste  des  Roten
Meeres  zwischen  Suakim  und  Massaua  Ras  Kasar  nördlich  von
Zaklai  festgesetzt  wird.

Erste  Hälfte  Juli.  (Massaua.)  Auf  Fort  Taulud  geht
das  Pulvermagazin  mit  6000  Kilogramm  Pulver  in  die  Luft.  Es
verunglücken  dabei  an  50  Soldaten.

6.  bzw.  12.  Juli.  Die  Kammer  vertagt  sich  nach  Erledigung
  aller  auf  der  Tagesordnung  stehenden  Vorlagen;  ebenso  der
Senat.

29.  Juli.  Ministerpräsident  Agostino  Depretis  f  in  seiner
Vaterstadt  Stradella  nach  langer  Krankheit.

Er  hatte  als  Ministerpräsident  8  Ministerkrisen  überdauert,  die  Anlehnung
  Italiens  an  das  deutschrosterreichische  Bündnis  war  hauptsächlich
sein  Werk.  Die  Trauer  in  Italien  ist  allgemein.  Die  Städte  Rom  und
Stradella  beschließen  außerordentliche  Trauerfeierlichkeiten.  Die  Zukunft  der
in  bedrängten  Verhältnissen  zurückgelassenen  Witwe  mit  ihren  Kindern  wird
vom  Könige  sicher  gestellt,  das  Begräbnis,  von  dem  sich  die  Geistlichkeit  völlig
zurückhält,  findet  auf  Staatskosten  statt.

30.  Juli.  Der  Ministerrat  unter  dem  Vorsitze  Crispis
reicht  sein  Entlassungsgesuch  ein.  Dasselbe  wird  vom  Könige
nicht  angenommen,  Crispi  am  8.  August  zum  Ministerpräfidenten
und  interimistischen  Leiter  der  auswärtigen  Angelegenheiten  ernannt.

Crispis  Organ  „Riformas  schreibt  am  2.  August:  Die  Politik  der
Regierung  werde  infolge  des  Ablebens  Depretis“  keinerlei  Veränderung  weder
nach  innen  noch  nach  außen  erleiden.  „Wir  sehen  es  mit  Vergnügen“,  sagt
das  Blatt,  „daß  weder  im  Innern  noch  im  Auslande  irgend  jemand  hieran
zweifelt,  die  gewöhnlichen  Ausnahmen  abgesehen,  welche  der  Unwissenheit
und  dem  Uebelwollen  zuzuschreiben  sind,  welchen  man  keine  Rechnung  trägt.
Alle  Staaten  wissen,  daß  die  Politik  Italiens  eine  eminent  friedliche  ist.“

Ende  Juli.  (Kolonial-Truppe.)  Der  König  bestätigt  das
Gesetz  über  die  Bildung  eines  ständigen  Truppenkorps  für  Afrika.
Dasselbe  besteht  aus  2  Regimentern  Jäger  zu  je  3  Bataillonen,
einer  Eskadron  berittener  Jäger,  4  Kompagnien  Artillerie  und  je
einer  Genie-,  Sanitäts-,  Proviant=  und  Trainkompagnie.

Anf.  August.  (Englische  Vermittlung.)  Der  Ministerrat
beschließt,  den  Vorschlag  Lord  Salisburys,  wonach  England  die  Vermittlung
  zwischen  Italien  und  Abesfinien  übernimmt,  dahin  zu  beantworten,
  daß  Italien  den  englischen  Vorschlag  nicht  ablehne,  aber
unter  allen  Umständen  auf  einer  eklatanten  Genugthuung  für  die
Niederlage  von  Dogali  bestehen  müssse.

Die  „Riforma“  schreibt  dazu:  „die  Befürchtung,  daß  Italien
        <pb n="394" />
        376  Ilalien.  (August  19.—Okiober  1.)

englischen  Wünschen  allzu  willig  Rechnung  tragen  könnte,  ist  unbegründet.
Die  Regierung  —  niemand  kann  es  bezweifeln  —  weiß  sehr  wohl,  was  fie
der  National-Ehre  und  der  Großmachtstellung  des  Reiches  schuldet;  die  Reierung
  weiß  auch,  innerhalb  welcher  Grenzen  die  gebotene  Aktion  im  Roten
eere  sich  entfalten  müßte.  Man  möge  also  beruhigt  sein.  Dem  Kriege

wird  man  in  voller  Rüstung  entgegengehen;  der  Friede  wird  die  Bürgschaft
in  sich  tragen,  daß  der  Würde  und  den  Interessen  der  Nation  in  keiner  Weise
Abbruch  geschehen  ist.“

19.  August.  Savoiroux,  von  Ras  Alulah  in  Freiheit  gesetzt,
  trifft  in  Massaua  ein.

20.  September.  In  Beantwortung  der  Huldigungsadresse
der  Stadt  Rom  zum  Jahrestage  des  20.  Septembers  1870  richtet
der  König  folgendes  Telegramm  an  den  Bürgermeister:

„Ich  danke  der  Hauptstadt,  die  mir  zu  diesem  Tage  Gefühle  ausdrückt,
  die  meinem  Herzen  heilig  sind.  Dieser  Tag  unsterblichen  Angedenkens
bietet  mir  auch  die  Gelegenheit,  Rom  meine  lebhafteste  Zuneigung  zu  bezeugen
  und  es  meiner  beständigen  Wünsche  zu  versichern,  daß  es  in  der  neuen
Aera,  welche  mit  dem  20.  September  1870  begann,  den  Glanz  seiner  alten
Größe  wiederfinde.  Dieses  höchste  Streben  meines  Lebens  erfüllt  sich  in
wunderbarer  Weise;  bei  einem  freudigen  und  demnächstigen  Anlasse  wird
Rom  der  Welt  zeigen,  daß  es  durch  die  regelmäßige  Entwickelung  jeglichen
Fortschrittes  in  der  Zivilisation  allen  jenen,  welche  kommen  werden,  dem
Papste  ihre  Huldigung  darzubringen,  eine  sichere  und  ehrende  Gastfreund-*
  bieten  und  gleichzeitig  die  Hauptstadt  eines  freien  und  starken  Volkes
ein  könne.“

1.  Oktober.  Besuch  des  Ministerpräsidenten  Crifpi  in
Friedrichsruhe  beim  Fürsten  Bismarck.  (Vgl.  Deutsches  Reich  X,  1.)
Die  Reise  kommt  ganz  unerwartet,  weder  in  Italien  noch  im  Ausland
  hatte  davon  vorher  etwas  verlautet.

Während  „Popolo  Romano“  die  abfälligen  und  feindseligen  Beurteilungen
  der  Reise  in  der  französischen  Presse  abwehrt,  verzeichnet  die
„Riforma“,  das  Organ  Crispis,  umit  Genugthuung  die  allenthalben  in
Deutschland,  Oesterreich-Ungarn  und  England  laut  gewordene  Befriedigung
darüber.  „Diese  Kundgebungen",  sagt  das  Blatt  am  5.  Oktober,  „auf  die
jedwedes  große  Land  stolz  zu  sein  Grund  hätte,  find  hinreichend,  um  uns
die  Versicherung  zu  geben,  daß  Italien  endlich  die  Stellung  einnimmt,  die
es  sich  verdient  hat  —  nicht  bloß  mit  den  Heldenthaten  seiner  epischen  Periode,
sondern  auch  mit  der  Weisheit  der  nachfolgenden  Zeit  der  bürgerlichen  Gestaltung.
  Unter  allen  europäischen  Staaten  ist  Italien  vielleicht  derjenige,
der  in  den  letzten  dreißig  Jahren  die  bedeutendsten  Proben  einer  ebenso
spontanen  wie  fruchtbringenden  Weisheit  abgelegt  hat.  Heute  endlich
dürfen  wir  sagen,  daß  wir  dem  Ziele  nahe,  wo  nicht  an  ihm  angelangt  sind.
Betreffs  des  Inneren  wie  des  Aeußeren  erblicken  wir,  wohin  wir  uns  auch
wenden,  nur  Ursachen  zur  Genugthuung.  Geachtet,  weil  stark  und  entschlossen,
geliebt,  weil  gerecht,  bestrebt  die  Erziehung  der  Leiber  und  Seelen  neu  zu
gestalten,  dürfen  wir  mit  Freude  über  die  Gegenwart  voll  gegründeten  Vertrauens
  in  die  Zukunft  blicen..  Wir  sind  an  dem  Punkte  angelangt,  an
welchem  uns  nicht  mehr  so  viel  zu  erwerben  wie  zu  bewahren  bleibt.  Und
die  Sorge  dafür  ist  sccherlich  heute  nicht  minder  schwer;  ja  ist  um  so  schwerer,
als  sie  bei  nicht  minderem  Mut  noch  größere  Klugheit  erfordert.  Jetzt  ge-
        <pb n="395" />
        Italien.  (Oktober  8.—25.)  377

hören  wir  nicht  mehr  zu  denen,  die  sich  alles  erlauben  dürfen,  weil  sie  nichts
zu  verlieren  haben.  Was  wir  rechtmäßig  besitzen,  das  ist  der  größte  Schatz,  den
die  VBölker  ersehnen  können:  die  nationale  Unabhängigkeit,  die  staatliche  Freiheit
  und  das  unter  ihrem  Schutze  sich  zu  entfalten  beginnende  wirtschaftliche
Gedeihen.  Wenn  wir  den  durchlaufenen  Weg  betrachten,  können  wir  uns
durch  den  reinsten  und  heiligsten  Stolz  gehoben  fühlen.  Besser  konnten  wir
unsere  Niederlagen  nicht  auswetzen,  unsere  Erniedrigung  nicht  gutmachen,
unsere  Fehler  nicht  verbessern.  Der  Weg,  der  uns  noch  zurückzulegen  bleibt,
ist  lang,  wenn  wir  den  Blick  auf  die  Bedürfnisse  der  großen  Bölker  der
Jetztzeit  richten,  unbedeutend,  wenn  wir  die  relative  Leichtigkeit  der  Straße
betrachten.  Moralisch  wird  die  Wirkung  des  politischen  Ereignisses,  welches
in  diesen  Tagen  Europa  beschäftigt,  unter  uns  groß  sein.  Endlich  ist  das
erreicht,  was  wir  noch  wünschen  mußten:  neben  dem  inneren  Werte  auch  das
Ansehen,  welches  aus  dessen  Anerkennung  fließt.  Es  bleibt  nun  noch  übrig.
dasselbe  materiell  zu  verwerten;  aber  darüber  darf  keine  ernste  Befürchtung
aufkommen.  Die  Regierung,  welche  uns  soweit  zu  bringen  gewußt  hat,  wird
sicherlich  ebenso  verstehen,  die  besten  Ergebnisse,  die  man  wünschen  kann,
daraus  zu  ziehen.  Das  Land,  welches  ihr  durch  seine  Hilfe  und  sein  Vertrauen
  solches  Ansehen  verliehen  hat,  wird  sie  gewiß  nicht  im  Stiche  lassen
nach  diesem  neuen  Beweise,  daß  sein  Vertrauen  wohl  begründet  war.“

Im  allgemeinen  findet  das  Ereignis  in  der  gesamten  Presse  Italiens
die  freundlichste  Aufnahme,  nur  die  radikalen  Blätter  eifern  gegen  das  ins
Schlepptau  Deutschlands  gehen.  Die  Klerikalen  sprechen  die  Hoffnung  aus,
daß  die  Unterredung  eine  günstige  Lösung  der  römischen  Frage  im  Gefolge
haben  werde.

8.  Oktober.  (Marokko.)  Infolge  der  beunruhigenden  Nachrichten
  über  das  Befinden  des  Sultans  von  Marokko  und  die  daraus
zu  erwartenden  Unruhen  gehen  die  Panzerschiffe  „Affondatore“  und
„Castel  Fidardo“  nach  Tanger  ab.

25.  Oktober.  Auf  einem  Bankett  in  Turin  hält  der  Ministerpräsident
  Crispi  eine  große  Programmrede  über  die  innere  und
äußere  Lage  und  die  Politik  der  Regierung.  Der  Inhalt  derselben
ist  folgender:

Anknüpfend  an  seine  eigene  Vertreibung  aus  dem  der  Tyrannei  verfallenen
  süditalienischen  Vaterlande  und  seine  Aufnahme  durch  die  Turiner
Patrioten  im  Oktober  1849  beglückwünscht  der  Ministerpräsident  Italien
dazu,  daß  aus  den  Wenigen  von  damals  heute  ein  Heer  geworden  sei.  Er
erinnert  an  die  Seiten  der  Geschichte,  auf  denen  die  Namen  von  Piemont
und  Sizilien  gemeinsam  verzeichnet  stehen,  und  an  Garibaldi,  den  Sendling
des  Volkes,  der  das  von  Viktor  Amadeus  II.  von  Savoyen,  erstem  Könige
von  Sizilien,  begonnene  Werk  zu  Ende  geführt  habe.  Er  hält  es  nicht  für
erforderlich,  seine  hinreichend  bekannten  Regierungsgrundsätze  im  einzelnen
vor  den  Bankettgenossen  zu  wiederholen,  umsoweniger,  als  das  Land  in
den  sieben  Monaten  der  neuen  Verwaltung  bereits  ein  thatsächliches  Programm
  vorgelegt  erhalten  hat.  Als  leitender  Grundsatz  habe  zu  gelten,  daß
er  bei  aller  Achtung  vor  den  Forderungen  der  Gegenwart  weder  seine  Vergangenheit
  verleugnen,  noch  die  Zukunft  kompromittieren  könne.  Er  ist
überzeugt,  daß  gerade  seine  Vergangenheit  den  vorausblickenden  und  loyalen
Monarchen  bewogen  habe,  ihn  zur  Leitung  der  Geschäfte  zu  berufen.  Dies
mache  ihm  eine  bonseguente  Haltung  zur  Pflicht,  was  man  in  Piemont  begreifen
  werde,  wo  man  stets  den  Ruhm  nicht  bloß  in  die  Stärke  der  Waffen,
        <pb n="396" />
        373  S##lien.  (Oktober  25.)

sondern  auch  des  Charakters  gesetzt  hat.  Auf  die  von  Männern  der  verschiedenen
  Parteien  ihm  gewährte  Unterstützung  hinweisend,  erklärt  Crispi
diese  für  eine  Frucht  der  Ueberzeugung,  daß  das  innerste  Wesen  der  italienischen
Umwalzungen  in  dem  beständigen  Fortschritte  bestehe.  „Viele  haben  sich  zur
Monarchie  bekehrt,  welche  sie  früher  als  unverträglich  mit  der  Freiheit  ansahen:
  andere,  welche  die  Monarchie  hauptsächlich  als  Damm  gegen  die  Revolution
  befürworteten,  haben  allmählich  die  Ideen  der  letzteren  angenommen.
Männer  von  ganz  gemäßigten  Ansichten  haben  sich  sogar  dazu  verstanden,
die  Vervollkommnungsfähigkeit  der  Verfassung  anzuerkennen.  Indessen  dürfen
  wir  aus  der  Vergangenheit  nicht  bloß  Anlaß  zur  Selbstgefälligkeit,  sondern
  auch  Belehrung  für  die  Gegenwart  schöpfen.“  Der  Gegenwart  ins
Antlitz  schauend,  glaubt  der  Ministerpräsident  in  den  gegegenwärtigen  Parteizuständen
  nicht  sowohl  eine  Dekomposition  als  eine  Rekomposition  derselben
zu  erkennen.  Das  Vorhandensein  zweier  verfassungsmäßiger  Parteien  sei
eine  Notwendigkeit  für  eine  freie  Regierung.  Die  gegenwärtige  Regierung
hege  gegen  Niemanden  Abneigung;  sie  werde  Keinem  aus  persönlicher  Berechnung
die  Annäherung  verschließen  oder  sich  anzunähern  suchen.  Redner  vertraut
heute  mehr  denn  je  auf  die  Kraft  der  Ideen  und  hofft,  den  eigenen  Ideen
eine  so  überzeugende  Verwirklichung  geben  zu  können,  daß  fie  auch  die  Gegner
anziehen  werden.  Er  hat  Vertrauen  sowohl  in  die  Monarchie  als  in  die
Freiheit.  Die  Freiheit  ist  für  ihn  die  Achtung  der  Einzelrechte  im  Einklange
  mit  dem  Rechte  der  Nation.  Durch  diesen  Grundsatz  wird  die  Haltung
  der  Regierung  bestimmt,  und  zwar  sowohl  gegenüber  der  Bevölkerung
als  gegenüber  der  Kirche,  welche  in  Italien  eine  Freiheit  und  Sicherheit
genießt,  die  sie  in  keinem  anderen  Staat  erwarten  dürste.  An  eine  Einmischung
  in  unsere  Beziehungen  zu  ihr  hat  nie  Jemand  gedacht  und  denkt  Niemand.
Nach  Ansicht  des  Redners  hat  die  Regierung  das  Müssen  neben  dem  Wollen
und  Können  zu  beachten.  Abseits  dieses  Zustandes  gibt  es  nur  Willkür,
welche  einem  einzelnen  Manne  nur  in  Ausnahmsfällen  gestattet  werden  darf
und  unter  der  Bedingung,  daß  er  sie  benützt,  um  in  kürzester  Frist  zu  normalen
  Zuständen  zurückzukehren.  Ein  solcher  Mann  verdient  nicht  Feinde,
wohl  aber  Mitbewerber.  Redner  hofft,  den  Tag  zu  erleben,  an  welchem  er
solche  in  Schlachtordnung  sich  gegenüber  sieht.  Die  gegenwärtige  Regierung
wird  arbeiten  in  der  Liebe  zum  Vaterlande,  in  der  Ergebenheit  gegen  die
Monarchie,  in  dem  Glauben  an  die  Freiheit,  und  es  kann  ihr  nicht  an  Stoff
fehlen.  Die  Aufwühlung,  welche  unser  Land  bei  seiner  reißend  schnellen
Einigung  erlitten  hat,  hat  in  nicht  wenigen  Teilen  einen  nicht  genau  bestimmbaren
  Mißstand  zurückgelassen,  indem  örtliche  Ueberlieferungen  ausgerottet,
  Empfindungen  und  Interessen  gestört,  Quellen  des  Wohlergehens  vernachlässigt,
  Schuldenlasten  gehäuft  sind.  Es  gilt  also,  eine  umfassende
gesetzgeberische  und  Verwaltungsthätigkeit  durchzuführen  —  eine  gewaltige
Arbeit,  für  welche  das  Leben  eines  Ministers  nicht  ausreicht.  In  der  nächsten
parlamentarischen  Session  werden  daher  nur  diejenigen  Reformen  vorgeschlagen
  werden,  welche  keinen  Aufschub  zulassen.  Welche  es  find,  wird  demnächst
aus  erhabenem  Munde  verkündet  werden.  —  Der  Minister  gibt  trotzdem  eine
kurze  Aufzählung  der  von  den  einzelnen  Verwaltungszweigen  erwarteten  und
von  der  Regierung  ins  Auge  gefaßten  Ziele:  eine  schnelle  und  allen  zugängliche
Rechtspflege,  eine  erzieherische  Schule,  die  Vollendung  der  Verteidigungsfähigkeit
  der  Land=  und  Seemacht,  Ermunterung  der  Gewerbe,  des  Handels,  der
Kunstthätigkeit,  eine  vernunftgemäße  Finanzverwaltung,  in  welcher  der  Regierung
  die  Initiative  bezüglich  der  Verwendung  der  Staatsmittel  überlassen
leibt,  die  Erfüllung  der  übernommenen  Verpflichtungen  betreffs  öffentlicher
Anlagen.  Zur  Durchführung  jedes  Planes  der  Regierung  bedarf  es  aber
des  inneren  und  äußeren  Friedens  als  unabweislicher  Bedingung.  Betreffs
        <pb n="397" />
        Ilalien.  (Okltober  25.)  379

des  ersteren  ist  nichts  zu  besorgen,  da  das  italienische  Volk  eins  der  ver—
ständigsten  und  ruhigsten  ist.  Redner  lobt  die  Haltung  der  Bevölkerung
gegenüber  der  im  Süden  aufgetretenen  Cholera  und  gegenüber  den  vatikanischen
  Demonstrationen,  und  spricht  anerkennend  von  der  Armee,  welche  sich
von  der  Politik  fern  hält,  sowie  von  der  Arbeitsamkeit  und  Frugalität  der
arbeitenden  Klassen,  welche  sich  von  den  extremen  Parteien  so  gut  wie  gar
nicht  beeinflussen  lassen.  Er  erkennt  an,  daß  auch  die  Gegner  der  monarchischen
  Verfaffung  stets  bereit  sind,  das  Vaterland  der  Partei  voranzustellen,
wie  Giuseppe  Mazzini  das  Beispiel  geliefert  hat.  Schwierigkeiten  bietet  in
Lnglien.  die  Landfrage;  doch  darf  man  hoffen,  daß  sie  ohne  Schaden  zu
ösen  ist.

Dann  fährt  Redner  fort:  „Somit  komme  ich  zur  Besprechung  der
Politik,  mittelst  welcher  wir  auf  die  Erhaltung  und  Festigung  des  Friedens
abzielen.  Es  ist  ein  Gegenstand,  der  Zartheit  und  Zurückhaltung  auferlegt;
denn  die  auswärtige  Politik  hat  geschicktes  Handeln,  aber  wenig  Worte
nötig.  Indesfsen  bildet  sie  einen  Punkt,  über  den  Sie  eine  offene  Erklärung
von  mir  erwarten.  Ich  werde  unumwunden  und  aufrichtig  reden,  gemäß
den  Grundsätzen  der  modernen  Diplomatie,  welche  die  alten  Kunstgriffe  der
Täuschung  und  Lüge  verschmäht.  Der  Friede!  Er  ist  das  hbchste  Ziel,
das  wir  verfolgen.  Der  Friede,  der  für  unsere  fortschreitende  innere  Entwicklung,
  für  die  Verwirklichung  der  geforderten  Reformen,  für  die  nützliche
und  fruchtbringende  Verwendung  unserer  Einkünfte,  für  die  Durchführung
der  in  einem  großen  Teile  Italiens  noch  fehlenden  öffentlichen  Anlagen  so
notwendig  ist  —  auf  welche  Weise  suchen  wir  ihn  zu  sichern?  —  Wir  sind
Freunde  aller  Mächte;  mit  allen  suchen  wir  die  besten  Beziehungen  zu  unterhalten.
  Unter  ihnen  find  einige,  zu  denen  wir  in  vertrautem  Verhältnis
stehen.  Aber  wenn  wir  auf  dem  Kontinent  mit  den  Zentralmächten  verbündet,
  auf  dem  Meere  mit  England  im  Einvernehmen  find,  so  verfolgen
wir  doch  kein  Ziel,  durch  welches  die  anderen  sich  bedroht  fühlen
dürften.  Meine  neuliche  Reise  nach  Deutschland  hat  die  öffentliche  Meinung
in  Frankreich  beunruhigt.  Glücklicherweise  hat  sie  jedoch  das  Vertrauen  der
dörtigen  Regierung  nicht  umgewandelt,  welche  die  Loyalität  meiner  Gesinnngen
  kennt  und  weiß,  daß  ich  nichts  unternehmen  werde  gegen  das  Nachbarvolk,
  an  welches  Italien  durch  Rassenverwandtschaft  und  Kultur-Ueberlieferungen
  geknüpft  ist  (Lebhafter  Beifall).  Ich  habe  zwei  Jahre  in  Frankreich
gelebt,  von  1856  bis  1858,  und  die  Söhne  dieser  hochherzigen  Nation,  mit
denen  ich  vertraut  geworden  bin  und  denen  ich  mein  Herz  erschlossen  habe,
wissen  sehr  wohl,  wie  ich  ihr  Land  liebe  und  wie  von  mir  niemals  eine
Herausforderung  oder  Beleidigung  ausgehen  wird.  Sie  wissen,  daß  der  glücklichste
  Tag  meines  Lebens  der  sein  würde,  an  welchem  ich  dazu  beitragen
könnte,  den  französischen  Gemütern  den  Frieden  zu  bringen.  Einen  Krieg
zwischen  den  beiden  Ländern  kann  Niemand  wünschen  und  wollen;  denn  der
Sieg  und  die  Niederlage  würden  der  Freiheit  beider  Völker  gleich  verhängnisvoll,
  dem  europäischen  Gleichgewicht  in  demselbem  Maße  verderblich  sein.
In  dieser  Ueberzeugung  und  aus  Berechnung  arbeiten  wir  an  der  Erhaltung
des  Friedens.  (Sehr  gut.)  Unser  Bündnissystem  ist  also  auf  Bewahrung,
nicht  auf  Verletzung,  auf  Ordnung,  nicht  auf  Störung  gerichtet.  Es  fördert
Italien,  aber  es  fördert  auch  die  allgemeinen  Interessen.  Auch  stehen  wir
in  Europa  nicht  allein  da  mit  dem  Wunsche  nach  Fortschritt  in  der  Erhaltung,
  nach  thätiger  Arbeit  im  Frieden.  Die  Geschichte  unserer  Zeit  wird
dominiert  durch  einen  Namen:  den  Namen  eines  Mannes,  dessen  Bewunderung
  bei  mir  eine  alte  ist,  wie  auch  die  persönlichen  Bande,  die  mich  an  ihn
knüpfen,  alte  find;  eines  Mannes,  dessen  Regierungsprogramm  ausgezeichnet
ist  durch  eine  bewundernswerte  Zusammenordnung  der  verschiedenen  Teile
        <pb n="398" />
        380  Stalien.  (Oktober  25.)

zu  einem  und  demselben  Ziele.  Dieses  Ziel,  doppelt  dem  Anscheine  nach,
ist  im  Grunde  eins:  der  Friede  und  die  Größe  seines  Landes.  Dieser  Mann
hat  30  Jahre  gearbeitet,  zuerst  um  jenes  Ziel  zu  erreichen,  dann  um  es  zu  bewahren.
  Dieser  Mann,  welcher  wußte,  was  er  wollte,  und  der  dies  mit
aller  Kraft  wollte  —  er  ist  von  ihnen  allen  schon  genannt,  und  ich  will  nur
hinzufügen,  daß  er  ein  alter  Freund  Italiens  ist,  ein  Freund  der  ersten
Stunde,  ein  Freund  aus  den  Tagen  des  Unglücks  und  der  Knechtschaft,  denn
seit  1857  war  er  eingeweiht  in  das,  was  inmitten  so  vieler  Schwierigkeiten
die  Politik  des  Grafen  Cavour  heranreifen  ließ;  und  er  schwieg  und  brachte
die  zum  Schweigen,  welche  reden  wollten;  denn  er  wußte  wohl,  welchen  Widerstand
  das  Reden  erweckt  haben  würde,  und  wieviel  für  sein  Land  darauf
ankam,  daß  die  Geschicke  Italiens  sich  erfüllten,  weil  die  deutsche  Einheit
sich  mit  der  italienischen  verbreitete.  Ich  werde  mich  über  die  jüngst  mit
ihm  gehabten  Besprechungen  nicht  verbreiten.  Ich  will  nur  sagen,  daß  die
Uebereinstimmung  der  Gedanken  und  Empfindungen,  welche  bereits  zwischen
uns  bestand,  während  der  entgegengesetzten  Wechselfälle  fortgedauert  und  sich
neu  bekräftigt  hat,  seit  die  Politik  Italiens  mir  anvertraut  worden  ist.
Man  hat  behauptet,  wir  haben  in  Friedrichsruh  konspiriert.  Mag  sein;
mir,  dem  alten  Konspirator,  macht  das  Wort  keine  Furcht.  Ja,  wenn  man
will!  Wir  haben  konspiriert,  aber  für  den  Frieden;  deshalb  können  alle,
welche  dieses  höchste  Gut  lieben,  sich  der  Verschwörunng  anschließen.  Von
den  denkwürdigen  Aussprüchen,  die  ich  gehört  habe,  gestattet  die  Diskretion
mir  nur  einen  vor  Ihnen  zu  erwähnen,  der  gethan  ward,  als  ich  Abschied
nahm.  Ich  will  ihn  nicht  verschweigen;  denn  in  ihm  ist  unsere  Besprechung
zusammengefaßt.  Er  lautete:  Wir  haben  Europa  einen  Dienst  erwiesen.
(Stürmischer  Beifall.)  Für  mein  Land  bin  ich  stolz  auf  diese  Erinnerung;
denn  niemals  sind  in  einer  vollständigen  und  herzlichen  Union,  wie  in  derjenigen
  Italiens  mit  seinen  Verbündeten,  in  gleicher  Weise  seine  Würde  geachtet
  und  seine  Interessen  gewährleistet  worden.“  (Begeisterter  und  lange
anhaltender  Beifall).

Hierauf  wendet  sich  Crispi  zur  afrikanischen  Politik  und  sagt:  „Den
Frieden  also  wollen  wir,  aber  den  Frieden  mit  Ehren;  denn  die  Ehre  steht
uns  höher,  als  selbst  die  Wohlthaten  des  Friedens.  Während  wir  deshalb
für  die  Sicherung  des  letzteren  in  Europa,  wo  unsere  hervorragendsten  Interessen
  liegen,  gearbeitet  und  dafür  gesorgt  haben,  daß  das  Gleichgewicht
zu  Lande  und  auf  dem  Meere  nicht  zu  unserem  Nachteil  gestört  werde,  find
wir  mit  Rüstungen  in  Afrika  beschäftigt,  wo  der  ungerechtfertigte  Angriff
eines  halbbarbarischen  Volkes  fünfhundert  unserer  Soldaten  einem  ruhmvollen
  Tode  geweiht  hat  (Große  Bewegung  und  donnernder  Beifall).  Die
Beleidigung  verlangt  würdige  Sühne,  und  wir  werden  sie  erlangen.  Es
kommt  darauf  an,  daß  auf  jenem  Fleck  Afrikas,  wo  wir  uns  —  es  ist  jetzt
unnütz  danach  zu  fragen,  ob  wir  wohl  thaten  oder  nicht  —  niedergelassen
haben,  die  Achtung  vor  dem  Namen  Italiens  unangetastet  erhalten  und  ihre
Verletzung  gerächt  werde.  Die  Nation  hat  nicht  auf  die  Opfer  gesehen,  und
sie  hat  wohl  daran  gethan.  Wir  wollen  keine  Abenteuer,  keine  Eroberungskriege;
  im  Gegenteil,  wir  verdammen  solche  ganz  offen.  Unser  Ehrgeiz
besteht  darin,  daß  Italien  da  seinen  Vorteil  suche  und  sich  ausbreite,  wo
seine  Söhne  aus  eigenem  Antriebe  hingehen,  nicht  lediglich  durch  vorübergehende
  Not  getrieben,  sondern  veranlaßt  durch  leichteren  Erwerb,  angezogen
durch  gastliches  Entgegenkommen,  gereizt  durch  das  edle  Fieber  des  Unbekannten,
  welches  einstmals  die  italienischen  Seefahrer  und  Kaufleute  trieb,
die  Grenzen  der  bekannten  Welt  zu  messen  und  zu  erweitern.  Aber  wir  wollen,  daß
dort  in  Afrika  zwischen  den  beiderseitigen  und  angrenzenden  Gebieten  der  Gerechtigkeit
  gemäß  eine  Grenzlinie  festgesetzt  werde,  welche  nicht  ungestraft  mit  be-
        <pb n="399" />
        Ilalien.  (Oktober  30.—November  Anf.)  381

waffneter  Hand  überschritten  werden  darf.  Wir  verlangen  eine  Grenze,  wie
sie  strategisch  erforderlich  ist  für  die  Sicherheit  unserer  Besitzungen  und  das
Wohlbefinden  unserer  Garnisonen.  Sobald  wir  diese  Grenze  und  die  schuldige
  Genugthuung  erlangt  haben,  werden  wir  die  erstere  freudig  den  Waaren
und  Produkten  unseres  Landes  und  Abessiniens  erschließen,  um  zwischen
beiden  Ländern  den  gegenseitigen  Austausch  anzubahnen,  der  uns  für  die
Zukunft  nicht  geringe  Entschädigung  verheißt.  Aber  vor  allem  ist  die  Beleidigung
  zu  fühnen,  und  da  die  Tüchtigkeit  der  italienischen  „Löwen“  heute
den  Abesiniern  nicht  mehr  zweifelhaft  ist,  so  sollen  sie  auch  von  Italien  als
Nation  einen  entsprechenden  Begriff  erhalten  und  durch  das  Licht  unserer
Macht  geblendet  werden.  Viktor  Emanuel,  die  gekrönte  Vaterlandsliebe,
hinterließ  sterbend  den  Italienern  als  Testament  das  Wort,  daß  Italien  nicht
bloß  geachtet,  sondern  gefürchtet  dastehen  müsse.  Und  wir  haben  das  Ziel
vor  Augen,  von  allen  zugleich  geliebt  und  gefürchtet  zu  sein.  Nur  diejenien,
  welche  nichts  für  das  Vaterland  gethan  haben,  wissen  nicht,  was  es
8  und  welchen  Wert  es  habe.  Nur  diese  können  glauben,  das  Gefühl  der
eigenen  Würde  sei  Verwegenheit,  das  Bewußtsein  von  der  dem  eigenen  Rechte
schuldigen  Achtung  sei  Herausforderung.“

30.  Oktober.  (Sozialisten.)  Unter  starker  Beteiligung  aus
Mittel-  und  Süd-Italien,  vor  allem  aber  aus  der  Romagna,  findet
in  Ravenna  unter  Vorsitz  des  Abg.  Costa  eine  große  Sozialistenversammlung
  statt.

Costa  kritifiert  die  Aeußerungen  Crispis  in  Turin,  welcher  die  Verdienste
  des  liberalen  Regiments  um  die  Erhaltung  des  gesunden  Geistes  unter
  den  Arbeitern  hervorgehoben  hatte.  Das  soziale  Problem  bestehe  einzig
in  dem  Dilemma  entweder  radikale  Reform  des  Kapitals  und  der  Arbeit
oder  soziale  Revolution.

„Die  chronischen  Uebelstände  erregen  die  Sorge  derer,  welche  die  Vergangenheit
  erhalten  wollen,  während  den  geschichklichen  Bedingungen  zufolge
ihre  Erhaltung  unmöglich  ist.  Die  Sozialisten  haben  in  keine  der  politischen
Parteien  Vertrauen;  denn  um  die  soziale  Neuordnung  durchzuführen,  muß
das  Bollwerk  des  Eigentums  niedergeworfen  werden,  vor  welchem  die  Männer
der  Rechten  wie  der  Linken,  ja  sogar  die  Radikalen  Halt  machen.  Die  sozialistische
  Partei,  die  genötigt  ist,  innerhalb  der  bestehenden  wirtschaftlichen
und  politischen  Einrichtungen  sich  zu  entwickeln,  muß  die  Mittel  benützen,
welche  die  Regierung  gewährt,  um  diese  anzugreifen.  Es  kommt  nur  auf
den  Anfang  an;  nachher  geht  es  von  selber  weiter.  Die  Arbeiter  organisieren
  sich,  um  der  Bourgeoisie  den  Kampf  zu  liefern,  welchen  diese  am  Ende
des  vorigen  Jahrhunderts  gegen  den  Adel  geführt  hat.“

Sodann  tadelt  er  auf  das  heftigste  das  afrikanische  Unternehmen
und  das  Bündnis  mit  Deutschland  und  Oesterreich.  Die  Friedenszwecke  desselben
  seien  heuchlerisch,  die  Sozialisten  hätten  die  einzig  wahre  Friedensrichtung:
  den  Kampfesruf  gegen  jede  Unterdrückung  und  die  Privilegien.

Es  werden  schließlich  verschiedene  Resolutionen  angenommen,  darunter
ein  Protest  gegen  die  Hinrichtung  der  Chikagoer  Anarchisten.  Sowohl
Radikale  wie  Anarchisten  haben  sich  von  der  Versammlung  fern  gehalten.

31.  Oktober—  Anf.  November.  (Massaua.)  Eine  englische
Mission  trifft  in  Massaua  ein  und  begibt  sich  von  dort  zum  Negus
von  Abesfinien,  um  diesen  zum  Frieden  mit  Italien  zu  stimmen.

Die  Expedition  wird  auf  dem  Wege  nach  Gura  von  ihren  Dienern
verlassen,  einige  derselben  zerschneiden  die  Wasserschläuche,  andere  suchen  sie
        <pb n="400" />
        382  Ilalien.  (November  2.—16.)

irre  zu  führen.  Sir  Portal  und  Brice  erreichen  zurückkehrend  am  3.  November
  das  italienische  Fort  M'kullu,  nachdem  sie  40  Kilometer  ohne  einen
Tropfen  Wasser  marschiert  sind.  Der  ägyptische  Dolmetsch  Ahmet  Effendi
stirbt  unterwegs  am  Hitzschlage.

Am  7.  November  nimmt  die  Mission  ihren  Weg  wieder  auf.

Der  Brief  der  Königin  von  England  an  den  Negus  macht  keine  Vermittelungsvorschläge;
  er  sagt  vielmehr,  daß  die  Ereignisse  vorläufig  eine
diplomatische  Einmischung  unmöglich  machten.  Dieselbe  könnte  stattfinden,
wenn  die  militärische  Ehre  Italiens  Genugthuung  erhielte,  deren  Folgen  der
Negus  durch  Abtretung  einiger  Landesgebiete  beschwören  könnte.

2.  November.  (Afrikanische  Expedition.)  Die  erste  Abteilung
  des  gegen  Abesffinien  bestimmten  Expeditionskorps  (115  Offiziere,
  2844  Mann  und  470  Pferde  und  Maultiere)  verlassen  auf
4  Dampfern  Neapel,  nachdem  schon  am  27.  Oktober  der  Oberkommandeur
  mit  dem  Stabe  und  den  Spezialtruppen  abgegangen  ist.
Im  ganzen  sollen  die  Truppen  in  Afrika  auf  etwa  20  000  Mann
gebracht  werden.  Zum  Oberkommandeur  der  Expedition  wird  General
San  Marzano  ernannt.

3.  November.  Der  Botschafter  in  London,  Graf  Corti,
wird  plötzlich  und  unerwartet  abberufen  und  in  Disponibilität  versetzt.

16.  November.  (Kammer-Eröffnung.)  Der  König,  von
seinen  Söhnen,  den  Herzogen  von  Aosta  und  Genua,  begleitet  und
von  lebhaften  Zurufen  des  Volkes  begrüßt,  eröffnet  die  Kammern
durch  Verlesung  einer  mehrfach  vom  Beifall  der  Abgeordneten  unterbrochenen
  Thronrede.  Auch  die  Königin  wohnt  dem  Akte  bei.  In
derselben  heißt  es:

Italien,  welches  stark  in  seinen  Waffen,  sicher  seiner  Verbündeten  und
befreundet  mit  allen  Regierungen  ist,  schreitet  auf  der  emporstrebenden  Bahn
weiter  und  geht  in  der  Familie  der  großen  Staaten  jetzt  in  erster  Linie.  Das
Parlament  könne  sich  mithin  in  aller  Ruhe  und  mit  allem  Eifer  mit  inneren
Angelegenheiten  und  mit  bereits  ungeduldig  erwarteten  dringenden  Reformen
beschäftigen.  Eine  vorübergehende  Vermehrung  der  Ausgaben  für  militärische
Zwecke  und  öffentliche  Arbeiten  lasse  es  notwendig  erscheinen,  jede  neue  Anforderung
  an  den  Staatskredit  zum  Zwecke  des  Baues  neuer  Eisenbahnen  in
engeren  Grenzen  zu  halten.  Wenn,  wie  man  vertrauen  darf,  der  Friede  erhalten
  bleibt,  werden  alle  außerordentlichen  militärischen  Ausgaben  nicht
mehr  im  künftigen  Budget  figurieren.  Um  jedoch  ein  gutes  Finanzrégime
zu  sichern,  werde  die  Rezierung  die  Kammern  ersuchen,  ihr  ausschließlich  die
Initiative  in  jeder  Vorlage  betreffend  neue  Ausgaben  zu  überlassen.  Alle
Wünsche  und  Bestrebungen  des  Königs  und  der  Regierung  seien  heute  der
Erhaltung  des  Friedens,  der  auch  für  Italien  unerläßlich  sei,  gewidmet.  In
diesem  Wunsche  nach  Frieden  seien  die  anderen  großen  Staaten  Europa's
mit  Italien  ganz  im  Einvernehmen.  In  einer  anherzuropäischen  Frage  bereite
  Italien  eine  gerechte  militärische  Aktion  vor,  wobei  es  der  Regierung
auch  nur  darauf  ankomme,  den  ihrem  guten  Rechte  entsprechenden  Frieden
zu  sichern.  Nur  dadurch,  daß  der  König  und  die  Regierung  den  Grundsätzen
treu  bleibe,  welchen  die  Nation  ihre  Existenz  und  die  Dynastie  ihren  Ruhm
        <pb n="401" />
        Italien.  (November  17.)  383

verdanke,  und  dadurch,  daß  König  und  Volk  vereint  auf  dem  Wege  der  Freiheit
bleiben,  konnten  Italien  für  immer  die  Sympathien  der  Völker  und  die
Gunst  des  Geschickes  erhalten  werden.

Auch  bei  der  Rückkehr  der  königl.  Familie  nach  dem  Quirinal
werden  derselben  neue  Huldigungen  der  Menge  dargebracht.

Bei  der  Präsidentenwahl  wird  Biancheri  mit  268  von  303
Stimmen  in  der  zweiten  Kammer  wiedergewählt;  im  Senat  wird
Farini  Präfident.

Die  Thronrede  wird  von  beiden  Kammern  mit  zustimmenden
Adressen  beantwortet.

17.  November.  Versuch  der  Bildung  einer  festen  Kammermehrheit.
  Crispi  lädt  alle  „Freunde  des  Ministeriums“  in  der
Kammer  zu  einer  Besprechung  in  den  roten  Saal  des  Parlaments
ein,  etwa  die  Hälfte  der  anwesenden  Deputierten  leistet  Folge,  unter
ihnen  auch  Radikale,  als  deren  Obmann  Fortis  erscheint.  Alle
Minister  außer  dem  des  Krieges  find  zugegen.

Crispi  nimmt  das  Wort,  um  zunächst  zu  versichern,  daß  sein  Ministerium
  ein  streng  parlamentarisches  sein  und  nicht  das  Geringste  ohne  Wissen
und  Zustimmung  der  Volksvertretung  thun  werde.  Das  Kabinet  werde  an
seinem  Platze  bleiben,  solange  es  sich  durch  die  Kammer  unterstützt  sehe;  es
werde  abtreten,  sobald  ihm  die  Unterstützung  zu  fehlen  drohe.  Das  Regierungsprogramm
  sei  in  der  Thronrede  enthalten,  soweit  es  die  Arbeiten
dieser  Session  betreffe.  Dieselbe  solle  eine  kurze  Dauer  haben,  weil  kurze
Sessionen  wirkungsvoller  seien.  Der  Ministerpräsident  erbitte  demnach  die
Beihilfe  aller,  welche  das  aufgestellte  Programm  zu  dem  ihrigen  machen
(genau  wie  Depretis).  Er  fügt  hinzu,  die  dringlichsten  Aufgaben  seien  die
finanziellen  und  die  Lösung  der  Eisenbahnfrage.  Es  müsse  dahin  gearbeitet
werden,  das  finanzielle  Gleichgewicht  mit  den  berechtigten  Erwartungen  des
Landes  bezüglich  neuer  Eisenbahnbauten  auszusöhnen.  Crispi  schlägt  vor,
mit  der  Bezeichnung  der  Kandidaten  für  die  verschiedenen  Permanenz-Ausschüsse
  eine  Kommission  zu  betrauen,  und  spricht  den  Wunsch  aus,  daß  der
Generalbudget-Ausschuß  alle  Finanzkoryphäen  des  Parlaments  vereinige.

Hierauf  erklärt  Fortis:  „Wir  bilden  keine  verneinende  Partei;  wir
wünschen  mit  den  übrigen  Parteien  zum  Wohle  des  Landes  zu  wirken;  aber
wir  wollen  eine  Regierung,  welche  uns  gebührend  Rechnung  trägt.  Wir
verlangen  Vertretung  in  den  Kommissionen,  besonders  in  der  Budget=  und
der  Petitionskommission.  Wir  hoffen,  die  Regierung  werde  die  seit  lange  ersehnten
  politischen  Reformen  endlich  durchführen.  Das  Ministerium  schmeichle
sich  nicht  damit,  daß  alle  heute  abend  hier  Anwesenden  seine  Freunde  seien.
Eine  Scheidung  der  Parteien  muß  kommen.  Es  ist  also  das  beste,  sie  sofort
herbeizuführen.  Möge  das  Ministerium  seine  Absichten  klar  aussprechen.“

Crispi  entgegnet:  Seine  Vergangenheit  und  seine  Ueberzeugungen,
redeten  deutlich  genug.  Er  wünschte  nichts  besseres  als  die  Verwirklichung
der  Reformen,  denen  er  seit  40  Jahren  nachstrebe;  aber  es  müsse  den
Umständen  Rechnung  getragen  werden.  Reformen  müssen  dann  ins  Werk
esetzt  werden,  wenn  sie  im  Bewußtsein  des  Landes  hinreichend  herangereift
seien.  Alle  Abgeordneten  haben  gleiche  Rechte  und  Ansprüche;  niemand  werde
ausgeschlossen  oder  beiseite  gesetzt.  Er,  Redner,  liebe  die  Freiheit  als  eine
Sonne,  deren  Strahlen  gute  Früchte  zeitige.
        <pb n="402" />
        384  Sialien.  (November  25.—26.)

In  der  hierauf  im  Auftrage  der  Versammlung  durch  Crispi  erfolgenden
  Ernennung  der  Kommission  zur  Bildung  der  ständigen  Ausschüsse
werden  das  rechte  Zentrum  und  die  Rechte  übergangen.  Die  Liste  hat  eine
stark  fortschrittliche  Färbung.

25.  November.  (Finanzen.)  Deputiertenkammer:  Vorlegung
der  Rechenschaftsberichte  für  die  Finanzjahre  1886/87  und  1887/88
und  des  Voranschlags  für  1888/89.

Im  Verwaltungsjahre  1887/88  haben  die  Einnahmen  den  Voranschlag
um  50  Millionen  überstiegen.  Die  Ueberschüsse  aus  früheren  Jahren  würden
genügen  zur  Bedeckung  der  militärischen  Ausgaben  —  für  Afrika  und  der
jüngsten  Bewilligungen  für  die  Arsenale  der  Armee  und  Marine.  Doch
sollen  hiefür  gleichwohl  noch  70  Millionen  in  10  Jahren  tilgbarer  Schafe
scheine  besonders  bestimmt  werden,  deren  Ausgaben  indes  sich  wohl  nicht  als
nötig  erweisen  werde.  Für  1888/89  sei  eine  Erhöhung  der  Einnahmen  um
44  Millionen  zu  erwarten,  die  für  1887/88  veranschlagt  gewesenen,  außerordentlichen
  Ausgaben  von  41  Millionen  würden  wegfallen.  Aus  den  im
Juni  bewilligten  außerordentlichen  Heeresausgaben  würde  ein  Fehlbetrag
von  10  Millionen  bestehen  bleiben,  welcher  durch  eine  sofort  einzuführende
Erhöhung  des  Eingangszolles  auf  Zucker  zu  bedecken  sei.  Für  etwa  nötig
werdende  besondere  Ausgaben  behalte  sich  der  Minister  außer  einer  Revision
der  Gebäudesteuer  noch  die  Beantragung  einer  besondern  Militärsteuer  vor.
Das  Gleichgewicht  des  Staatshaushalts  sei  somit  völlig  hergestellt.

26.  November.  (Allgemeine  Politik.)  Kammer:  Bei  Verlesung
  des  Entwurfs  zur  Beantwortung  der  Thronrede  ergreift  Ferrari
  (radikal)  das  Wort:

Unter  Berufung  auf  die  Vergangenheit  Crispis,  seine  notorisch  demokratischen
  Grundsätze  und  mehrere  von  ihm  als  Oppositionsmann  gehaltenen
Reden  erkennt  er  zwar  an,  daß  mit  Crispis  Uebernahme  der  Kepierung
eine  neue  politische  Aera  begonnen  habe,  daß  die  äußere  Stellung  Italiens
verbessert  worden  und  daß  die  Unterordnung  der  inneren  unter  die  äußere
Politik  beseitigt  worden  sei,  sowie  daß  der  Depretissche  Transformismus
sein  Ende  gefunden  habe;  aber  er  beklagt,  daß  die  parlamentarische  Situation
  noch  immer  an  Unklarheit  leide.  Der  Ministerpräsident  sei  moralisch
verpflichtet,  entschieden  Stellung  zu  nehmen  und  allen  Hoffnungen  auf  eine
Aerlinhn  und  Aufgebung  seines  alten,  rühmlichen  Programms  ein  Ende
zu  machen.

Crispi  erwidert:

„Meine  Ansicht  war  stets  die,  daß  die  Kammer  berechtigt  sei,  die
Beantwortung  der  Thronrede  zu  diskutieren.  Die  Kammer  hat  es  nie  gethan;
  will  sie  heute  von  ihrer  Gewohnheit  abweichen,  so  hat  die  Regierung
nichts  dagegen  einzuwenden.  Das  Programm  der  Regierung  ist  bekannt;
ihre  Handlungen  sind  die  deutlichsten  Anzeichen  ihrer  Gedanken.  Die  Regierung
  wünscht,  daß  sich  zwei  große  parlamentarische  Parteien  bilden,  deren
eine  sie  unterstützt,  die  andere  sie  bekämpft.  Wir  ziehen  den  offenen  Kampf
dem  kleinen  Kriege  mittelst  der  Stimmurne  vor,  denn  wir  wünschen  unsere
Freunde  und  unsere  Gegner  zu  kennen.  Es  ist  uns  z.  B.  vorgekommen,  als
wenn  bei  der  heutigen  Abstimmung  über  den  Schutz  der  Monumente  und
das  Sperrgesetz  zuviel  gegnerische  Stimmen  sich  offenbart  hätten.  Darin  lag
etwas  überraschendes.  Warum  bekämpft  man  das  Ministerium  nicht  mit
offenem  Visir?  In  der  königlichen  Botschaft  haben  nicht  alle  beabsichtigten
        <pb n="403" />
        Italien.  (Dezember  7—9.)  385

Reformen  Platz  finden  können.  Wir  mußten  uns  auf  diejenigen  beschränken,
welche  geeignet  sind,  feste  Grundlagen  für  die  öffentliche  Verwaltung  zu
schaffen;  und  wir  wollten  nicht  mehr  versprechen,  als  wir  halten  können.“
Der  Abg.  Ferrari  möge  überzeugt  sein,  daß  wir  unsere  Pflichten  gegen  die
Demokratie  und  die  soziale  Frage  nicht  vergessen  haben;  unsere  Vorlagen
werden  es  beweisen.

7.  bzw.  16.  u.  21.  Dezbr.  Abschluß  des  österreich-ungarischitalienischen
  Handelsvertrages.

Derselbe  tritt  am  1.  Januar  1888  bereits  in  Kraft.  Italien  verzichtet
  darin  auf  den  Eingangszoll  auf  Holz  und  Leinengewebe,  Oesterreich-Ungarn
  auf  den  auf  Südfrüchte.  Die  Frage  der  Weinzölle  bleibt  vorläufig
  offen.

Der  Vertrag  wird  am  16.  von  der  Kammer  mit  231  gegen
22  Stimmen,  am  21.  vom  Senate  angenommen.

7.—9.  Dezember.  Neuordnung  der  Zentralstaatsverwaltung.
  Kammer:  Beratung  des  nach  den  Beschlüssen  der  Kommission
  umgeänderten  Gesetzentwurfs.

Darnach  wird  die  Zentralstaatsverwaltung  künftig  bestehen  aus  der
Präsidentschaft  des  Ministerrats,  den  Ministerien  des  Auswärtigen,  des  Innern,
  der  Gnade,  der  Gerichtspflege  und  Gottesdienste,  des  Schatzes,  der  Fie
nanzen,  des  Unterrichts,  der  öffentlichen  Arbeiten,  des  Ackerbaues,  Gewerbes
und  Handels,  der  Posten  und  Telegraphen,  des  Kriegs  und  der  Marine.
Vermehrung  oder  Vereinigung  von  Ressorts  geschieht  durch  königliche  Verordnung,
  ebenso  die  Verleihung  der  Befugnisse.  Jedem  Ministerstaatssekretär
wird  ein  Unterstaatssekretär  beigegeben.  Das  Amt  des  Generalsekretärs  wird
abgeschafft.

Die  Kammer  nimmt  den  Gesetzesentwurf  mit  großer  Mehrheit
  an.  In  der  Generaldebatte  erklärt  Crispi  gegen  die  Versuche,
das  königliche  Verordnungsrecht  der  Vorlage  einzuschränken:

Nach  seiner  innersten  Ueberzeugung  sei  eine  Mitwirkung  der  Volksvertretung
  bei  der  Organisation  der  Staatsverwaltung  eigentlich  überhaupt  nicht
statthaft.  Die  einen  wollen  die  Mitwirkung  des  Parlaments  bei  der  Regierung,
  die  anderen  verlangen  eine  scharfe  Trennung  der  gesetzgebenden  von
der  ausübenden  Gewalt.  Er  gehöre  den  letzteren  an.  Wäre  die  Vorlage
von  ihm  ausgegangen,  so  würde  sie  die  einfache  Bestimmung  enthalten  haben:
„Die  Zahl  und  die  Geschäftskreise  der  Minister  werden  durch  königliches
Dekret  festgesetzt.“  Statt  dessen  suche  die  Vorlage  einen  Ausgleich  zwischen
den  beiden  Standpunkten  herzustellen.  „Es  ist  das  erstemal,  sagt  Crispi,  daß
ich  versucht  habe,  moderiert  zu  sein,  und  man  bekämpft  mich  auf  beiden
Seiten  des  Hauses.  Dies  soll  mir  eine  Lehre  sein;  fortan  werde  ich  ohne
Bedenken  bloß  meiner  Ueberzeugung  folgen.  Nach  der  Verfassung  sind  die
drei  konstitutionellen  Gewalten  einander  gleichberechtigt.  So  gut  wie  Senat
und  Kammer  das  Recht  haben,  ihre  innere  Organisation  aulonom  zu  ordnen,
muß  auch  die  Regierung  dieses  Recht  besitzen.  Wer  dem  König  die  Befugnis
  bestreitet,  die  ausübende  Gewalt  nach  seinem  Ermessen  zu  organisieren,
verläßt  den  Boden  der  Verfassung.  Wie  in  England,  in  Belgien,  in  Frankreich,
  so  ist  auch  in  Piemont  von  1848  bis  1860  die  Kreierung  und  Aufhebung
  von  Ministerien  durch  königliches  Dekret  gehandhabt  worden,  und
dasselbe  fand  bis  1877  in  Italien  statt;  sogar  die  Delegierung  der  könig-Europ.

  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  25
        <pb n="404" />
        386  Nalien.  (Dezember  10.—17.)

lichen  Gewalt  hat  durch  Dekret  stattgefunden.  Allerdings  weiß  die  Geschichte
der  parlamentarischen  Staaten  von  Usurpierungen  der  ausübenden  Gewalt
seitens  der  Parlamente;  aber  der  Mißbrauch  hat  sich  stets  gerächt;  die.  Verfassungen,
  welche  dies  zuließen,  waren  nicht  lebensfähig.  Die  Parlamente
konnen  nicht  dabei  gewinnen,  wenn  sie  ihre  Sphäre  überschreiten.  Ich  glaubte
früher  an  die  Moglichkeit  der  Verminderung  der  Ministerien;  es  war  ein
Irrtum.  Die  Arbeitsteilung  ist  auch  auf  diesem  Gebiete  nötig  und  förderlich.
  Am  besten  wäre  es,  wenn  durch  Aufhebung  des  Art.  3  des  Gesetzes
vom  30.  Juni  1878  der  Krone  das  Recht  zurückgegeben  würde,  die  Zahl
der  Minister  zu  modifizieren.  Nur  anarchische  Parlamente  bestreiten  den
Grundsatz,  auf  dem  dieses  Recht  beruht.  Die  Kammern  haben  Gesetze  zu
geben;  sie  haben  der  ausübenden  Gewalt  volle  Freiheit  in  der  Anwendung
der  Gesetze  zu  lassen  und  sich  mit  der  Verantwortlichkeit  der  Minister  zu  begnügen.“


Die  Rede  hinterläßt  einen  tiefen  Eindruck.

10.  Dezember.  (Tripolis.)  Kammer:  Franchetti  interpelliert
  Crispi  über  die  aus  verschiedenen  Veröffentlichungen  hervorgehenden
  Versuche  Frankreichs,  das  Gebiet  von  Tunis  auf  Kosten
von  Tripolis  zu  erweitern.  Er  schlägt  die  Herbeiführung  einer  vertragsmäßigen
  Bestimmung  der  Grenzen  vor.

Crispi  antwortet:

Italien  sei  durch  Verträge  verpflichtet,  die  territoriale  Integrität
des  osmanischen  Reiches  aufrechtzuhalten.  Die  Regierung  habe  neuerdings
erfahren,  daß  Frankreich  längs  der  tripolitantischen  Grenze  Befestigungen
anlege  und  Grenzberichtigungen  vornehme,  wobei  eine  Veränderung  der  Grenze
stattgefunden  zu  haben  scheine.  Dies  werde  allerdings  geleugnet,  und  es
sei  behauptet  worden,  die  Grenze  werde  auf  Grund  einer  Konvention  mit
der  Türkei  neu  festgestellt.  Auf  eine  bezügliche  Anfrage  in  Konstantinopel
habe  Italien  die  Anwort  erhalten,  daß  eine  solche  Konvention  nicht  bestehe.
Der  Minister  schließt:  er  sei  überzeugt,  daß  Niemand  daran  denke,  das  Gleichgewicht
  im  Mittelmeere  zu  stören.  Sollte  dies  dennoch  von  irgendeiner
Seite  versucht  werden,  so  werde  Italien  in  Gemeinschaft  mit  den  anderen
interessierten  Mächten  seine  Pflicht  zu  thun  wissen.

17.  Dezember.  (Finanzen.)  Kammer:  Der  Finanzminister
Magliani  gibt  ein  Exposé  der  Finanzlage.

Die  Gebahrung  des  Finanzjahres  1886/87  schließt  mit  einem  Ueberschuß
  der  Einnahmen  über  die  Effektivausgaben  von  7  Millionen,  gegen
die  Voranschläge  ergibt  sich  eine  Besserung  von  12  Millionen;  die  Vermehrung
  sei  den  Einnahmen  und  realisierten  Ersparungen  zu  verdanken.  Wäre
die  Cholera  im  Lande  nicht  aufgetreten,  so  wäre  die  Zunahme  der  Einnahmen
eine  größere.  Ohne  die  Beschleunigung  der  Rüstungen  und  die  Entsendung
von  Verstärkungen  nach  dem  roten  Meere  würden  die  Ersparungen  noch  beträchtlicher
  sein.  Einschließlich  der  Besserung  der  Steuerrückstände  von  2  3/10
Millionen  zeigt  der  Rechnungsabschluß  des  abgelaufenen  Finanzjahres  einen
Gesamtgewinn  von  14  Millionen.  Die  Gebahrung  von  1887/88  betreffend
erinnert  der  Minister  daran,  daß  troß  des  beträchtlichen  Anwachsens  der  Ausgaben
ein  in  Ausgaben  und  Einnahmen  balanzierendes  Budget  vorgelegt  würde.  Infolge
weiterer  Zunahme  der  Erfordernisse  um  118  Millionen  verbleiben  70  Millionen
  zu  bedecken,  welche  durch  wesentlich  tranfitorische  Verhältnisse  notwendig
  werden.  Für  den  Ausfall  von  70  Millionen  sollen  Obligationen
        <pb n="405" />
        Lie  Länisce  mie.  (Januar  Anf.)  387

emittiert  werden,  die  eine  Vorausbelastung  des  nächsten  Jahres  repräsentieren.
Er  hege  die  Zuversicht,  daß  es  nicht  notwendig  sein  werde,  zu  diesem  Mittel.
zu  greifen.  Die  Voranschläge  für  1888/89  seien  bedeutend  besser.  Die  Einnahmen
  im  Ordinarium  sind  um  42  Millionen,  die  Ausgaben  im  Ordinarium
  um  17  Millionen  höher,  das  Extraordinarium  ist  um  43  Millionen
verringert,  das  Defizit  auf  14  bis  15  Millionen  herabgemindert  und  wäre
ohne  die  tranfitorischen  Ausgaben  gar  nicht  vorhanden.  Der  Minister  legt
Gesetzentwürfe,  betreffend  Revision  der  Gebäudesteuer  und  Erhöhung  der  Zuckerzölle,
  deren  Ergebnis  zusammen  mit  der  vorzulegenden  Militärtaxe  25
Millionen  betrage,  vor.

Hierauf  vertagt  sich  die  Kammer  bis  zum  18.  Januar.
26.  Dezember.  (Abessinien,  englische  Vermittlung.)
Ein  Telegramm  aus  Massaua  geht  der  „Riforma“  zu,  welches  meldet:
Portal  überbringt  ein  Schreiben  des  Negus  an  die  Königin  von
England,  aus  welchem  hervorgehe,  daß  es  Ras  Alula  gelungen  sei,  den  Negus
  durch  unrichtige  Darstellungen  zum  Kriege  zu  verleiten.  Der  Negus
halte  übrigens  dafür,  daß,  nachdem  er  seine  Armee  auf  Kriegsfuß  gesett,
er  nicht  um  Frieden  bitten  könne,  ohne  seine  Autorität  gegenüber  Ras  Aula
und  seinen  Bölkern  zu  erschüttern.  Der  Negus  wünsche,  die  Italiener  sollten
  sich  auf  Besetzung  der  ehemals  von  den  Aegyptern  besetzt  gehaltenen
Stellungen  beschränken;  er  befinde  sich  auf  dem  Wege  nach  Adua.
eiter  wird  gemeldet,  daß  der  Negus  Johannes  Portal  sehr  kalt

aufnahm  und  rundweg  jede  Gebietsabtretung  und  Genugthuung  an  Italien
ablehnte.  Er  werde  das  italienische  Heer  vernichten.

Im  italienischen  Heere  wird  die  Nachricht  vom  Scheitern  der
englischen  Sendung  mit  Jubel,  in  ganz  Italien  mit  Befriedigung
aufgenommen.

30.  Dezember.  (Amtsentsetzung  Torlonias.)  Der  Bürgermeister
  von  Rom,  Herzog  Torlonia,  wird  auf  einstimmigen  Antrag
der  Minister  durch  Verfügung  des  Königs  seines  Postens  enthoben.

Die  Veranlassung  ist  ein  Besuch  des  Herzogs  bei  dem  pädpstlichen
Generalvikar  Kardinal  Parochi,  um  durch  diesen  dem  Papste  die  Glückwünsche
  zum  bevorstehenden  Jubiläum  aussprechen  zu  lassen.  Parochi  hatte
den  Besuch  sofort  erwidert.

Man  vermutet,  daß  die  Regierung  damit  einerseits  jede  Annäherung
des  Papstes  an  die  romische  Bürgerschaft  mit  Uebergehung  der  Regierung
ein  für  allemal  habe  abschneiden  und  ferner  eine  Antwort  auf  die  rückhaltlose
  Abweisung  aller  Annäherungsversuche  des  Königs  bei  Gelegenheit  des
Jubiläums  erteilen  wollen.  Torlonia  war  bisher  bei  Hofe  und  bei  der
Regierung  sehr  angesehen.

VIII.
Die  Römische  Kurie.

Anf.  Januar.  (Souveränitätskundgebung.)  Ein  Beschluß

  des  heiligen  Kollegiums  aus  dem  Ende  des  vorigen  Jahres
25“
        <pb n="406" />
        388  Die  Näuische  Aurie.  (Januar  Ende—Februar  15.)

wird  bekannt,  wonach  Leo  XIII.  von  dem  Tage  seines  Priesterjubiläums
  ab  die  päpstliche  Fahne  nach  der  Gepflogenheit  weltlicher
Herrscher  auf  dem  Vatikan  hissen  lassen  soll,  solange  er  in  dem.
selben  anwesend  ist.

Ende  Januar.  (Preßverbot.)  Der  Papyst  untersagt  den
Redakteuren  der  klerikalen  Blätter  ohne  Genehmigung  des  Staatssekretariats
  Handlungen  des  heiligen  Stuhles  zu  veröffentlichen,  weil
dadurch  die  schwebenden  Verhandlungen  mit  Frankreich  über
China,  mit  Deutschland  betr.  der  Kirchenvorlage  und  mit  England
wegen  der  Vertretung  des  Vatikans  in  London  gestört  werden  könnten.

10.—12.  Februar.  Die  päpstliche  Presse  und  die  Stellungnahme

  des  Papstes  in  der  deutschen  Heeresfrage.

Der  „Moniteur  de  Rome  feiert  das  pöäpstliche  Eingreifen  durch
Jacobinis  Depesche  als  eine  erlösende  That,  die  den  Befürchtungen  Europas
ein  Ende  gemacht,  den  Frieden  gesichert  habe.  Eine  Desavouierung  des
Zentrums  solle  die  Depesche  nicht  enthalten.  Die  Verdächtigung  italienischer
ministerieller  Blätter,  daß  der  Papst  die  Einmischung  fremder  Waffen  anrufe,
  sei  eine  schreiende  Ungerechtigkeit,  da  mehrere  friedliche  Lösungen  der
römischen  Frage  auf  völkerrechtlich-diplomatischem  Wege  gegeben  seien.  Auch
der  „Osservatore  Romano“"  bestreitet,  daß  die  Note  das  Zentrum  und
die  deutschen  Katholiken  verletze  und  bewaffnete  Hilfe  des  Auslandes  herbeiziehen
  wolle.  Habe  doch  der  Papst  in  den  neun  Jahren  seiner  Regierung
stets  das  sehr  natürliche  Verlangen  nach  Besserung  seiner  Lage  in  legitimster
und  würdigster  Weise  bekundet,  ohne  nach  Krieg  und  fremder  Waffenhilfe  zu
verlangen.  Auch  von  einer  unfreundlichen  Kundgebung  gegen  Frankreich
könne  keine  Rede  sein,  da  gerade  in  Paris  lebhafte  Befriedigung  über  den
päpstlichen  Schritt  geäußert  werde.

In  einem  weiteren  Artikel  widerlegt  der  „Osservatore  Romano“"
die  Ansicht,  daß  der  Papst  durch  das  Jakobinische  Schreiben  in  die  Entscheidungsfreiheit
  des  Zentrums  in  weltlichen  Fragen  eingegriffen  habe,  durch
den  Hinweis,  daß  das  Zentrum  nicht  vergewaltigt,  sondern  in  zarter  Weise
berücksichtigt  worden  sei,  der  Papst  habe  nur  den  Wunsch  geäußert  und  mit
Gründen  begleitet,  welche  geeignet  waren,  bei  den  Abgeordneten  die  aere
Ueberzeugung  zu  bilden,  welche  er  selbst  hegte.  Die  beiläufige  Veröffentlichung
  jener  Depeschen  habe  übrigens  dem  Zentrum  den  Rückzug  von  seiner
frühern  Stellung  dem  Septennate  gegenüber  erleichtert,  weil  sie  bezüglich  der
Militärgesetze  eine  neue  Lage  geschaffen  und  das  Gesetz  weniger  wegen  der
frühern  Beweisgründe  als  durch  den  neuen  Grund  annehmbar  gemacht  habe.
Beide  Briefe  bewiesen  den  im  höchsten  Grade  friedlichen  Charakter  des  Septennats,
  sie  bewiesen  ihn  mit  dem  Gewicht  einer  Person,  deren  friedliche  Absichten
  niemand  bezweifeln  könne,  dadurch  habe  das  Septennat  in  den  Augen
von  ganz  Europa  den  Charakter  erhalten,  daß  es  die  sichere  Entfernung
jeder  Kriegsgefahr  bedeute.

15.  Februar.  (Türkei.)  Der  Papst  empfängt  den  vom  Sulian
zur  Ueberbringung  des  Osmanieh-Ordens  an  drei  Kardinäle  —
darunter  der  Staatssekretär  Jakobini  —  und  drei  andere  hohe  Prälaten
  nach  Rom  abgesandten  katholisch-armenischen  Patriarchen
Azarian  in  einstündiger  Audienz.
        <pb n="407" />
        Die  Rämishhe  Rurie.  (Februar  28.  —  April  11.)  389

Der  Papst  trägt  in  derselben  die  von  den  armenischen  Katholiken  gespendete
  Stola  und  den  vom  Sultan  ihm  mit  einem  eigenhändigen  Schreiben
  übersandten  Ring  und  erwidert  die  Ansprache  des  Patriarchen  mit  dem
Ausdruck  des  Dankes  an  den  Sultan  für  die  den  Katholiken  in  der  Türkei
gewährten  Freiheiten.

28.  Februar.  Kardinalstaatssekretär  Jakobini  f.

Ende  Januar  hatte  der  Kardinal  in  Anbetracht  seines  leidenden  Zustandes
  um  Enthebung  von  seinem  Posten  gebeten,  welche  auch  vom  Papste
unter  Anerkennung  seiner  besondern  Verdienste  angenommen  worden  war.

3.  März.  Der  Papst  antwortet  dem  ihm  zu  seinem  Krönungstage
  in  einer  Adresse  beglückwünschenden  Kardinalskollegium  mit  einer

Ansprache.

Dieselbe  beginnt  mit  einer  Lobpreisung  auf  den  verstorbenen  Jakobini.
  Dann  fährt  der  Papst  fort:  „Bei  Beginn  meines  Pontifikats  erschrak
ich  über  die  Schwierigkeiten  der  Lage  des  Heiligen  Stuhles  im  allgemeinen
und  dessen  noch  schwierigere  Stellung  in  Rom.  Heute  fühle  ich  mich  gestärkt,
  wenn  ich  an  die  übermenschliche  Lebensfähigkeit  des  Papsttums  denke,
welche  sich  mir  lichtvoll  geoffenbart,  auch  gegenüber  den  Katastrophen,  die
sich  vorzubereiten  scheinen  und  die  zu  bestehen  man  von  der  göttlichen  Kraft
des  Papsttums  überzeugt  sein  muß.“  Obgleich  gehaßt  und  bekämpft,  setze
das  Papsttum  ohne  Unterlaß  seine  friedlichen  Eroberungen  fort  auf  dem
Gebiete  der  Missionen.  Das  einzige  Heil  der  Welt  beruhe  auf  der  wohlthätigen
  Aufgabe  des  Papsttums,  an  dieses  werde  man  sich  wenden,  wenn
Drangsale  ausbrächen.  Die  Sache  der  Ordnung  würde  überall  gewinnen,
wenn  die  Völker  und  die  Regierungen  die  Notwendigkeit  der  Freiheit  des
heiligen  Stuhles  einsehen  würden.  „Ich  werde  fortfahren,  die  Unabhängigkeit
  und  Sicherheit  des  heiligen  Stuhles  zu  verlangen.  Man  sucht  die  Akte
und  Absichten  des  Papsttums  zu  entstellen;  allein  wenn  es  die  Unabhängigkei
  wieder  erlangen  würde,  so  würde  Italien,  das  demselben  seinen  schönsten
Ruhm  verdankt,  zu  allererst  den  Vorteil  genießen."“

4.  März.  Der  Jesuitengeneral  Pater  Johannes  Beckr  f.
Es  folgt  ihm  der  bisherige  Koadjutor  mit  dem  Rechte  der  Nachfolge
  Pater  Anton  Anderledy.

14.  März.  (Kardinalsernennungen.)  In  einem  geheimen
Konfistorium  werden  zu  Kardinälen  der  Nuntius  in  Wien  Vannutelli,
  der  Nuntius  in  Madrid  Rampolla  del  Tindaro,  der
Nuntius  in  Paris  Rendé,  der  ehemalige  Nuntius  in  München,  dann
Lissabon  Masella  und  Erzbischof  Jordani  von  Ferrara  ernannt.

11.  April.  (Bismarck  und  die  römische  Frage.)  Aus
vatikanischen  Kreisen  wird  bekannt,  daß  Monsignore  Galimberti
(vol.  Deutsches  Reich  III,  27.)  in  einer  zweistündigen  Unterredung
mit  dem  Fürsten  Bismarck  auch  die  römische  Frage  berührt,  aber
leicht  über  dieselbe  hinwegzugehen  gesucht  habe.  Der  Kanzler  sei
aber  mit  Nachdruck  darauf  zurückgekommen  und  habe  gesagt:  ihm
scheine  eine  Versöhmung  zwischen  dem  Papsttum  und  Italien  im
Interesse  des  Reichs,  Italiens  und  nicht  minder  der  Kirche  selbst
        <pb n="408" />
        390  Die  Rãmishe  Kurie.  (April  Mitte  —  Mai  23.)

wünschenswert.  Es  sei  dazu  aber  vor  allem  notwendig,  daß  der
Vatikan  das  Prinzip  der  Wahlenthaltung  der  ihm  ergebenen  Katholiken
  in  Italien  aufgebe,  wie  ja  auch  die  italienischen  leitenden
Staatsmänner  den  Eintritt  kirchlich-konservativer  Elemente  in  das
nationale  Leben  Italiens  freudig  begrüßen  würden.

Mitte  April.  (Papst  und  Zentrum  in  Deutschland.)
Der  Pariser  „Univers“  teilt  eine  auch  von  der  „Kölnischen  Volkszeitung“
  bestätigte  Nachricht  mit,  daß  der  Papst  auch  an  den  Freiherrn
  von  Franckenstein  perfönlich  einen  Brief  gerichtet  habe,  um
den  Wunsch  kundzugeben,  daß  das  Zentrum  für  die  preußische  Kirchenvorlage
  stimmen  möge,  da  dieser  Wunsch  einem  Beschlusse  der
Kardinalkommission  entspreche,  welche  mit  der  Prüfung  der  Frage,
ob  die  preußische  Kirchenvorlage  dem  kanonischen  Rechte  gemäß  sei,
beauftragt  gewesen.

Mitte  April.  Mit  Rumänien  finden  Verhandlungen  statt
über  die  Gleichstellung  der  lateinischen  Kirche  mit  der  Landeskirche.

Als  Grundlage  der  Verhandlungen  wird  bezeichnet:  Rumänien  erlaubt
  dem  Monfignore  Palma,  dem  Bischofe  der  lateinischen  Katholiken
Rumäniens,  im  Lande  Missionen  und  Missionsschulen  zu  errichten,  und
unterhält  daher  mit  dem  Vatikan  eine  diplomatische  Verbindung  durch  einen
besonderen  Bevollmächtigten.

16.  April.  Der  Papst  genehmigt  den  persönlich  ausgesprochenen
  Wunsch  des  Fürsten  von  Montenegro  nach  Einführung  der
slawischen  Kirchenliturgie  für  die  Erzdibzese  Antivari.

Gegen  die  an  diesen  Vorgang  geknüpften  und  in  der  katholisch-flawischen
  Presse  vielfach  besprochenen  Hoffon  daß  die  flawische  Kirchenliturgie
auch  in  den  übrigen  katholischen  Slawenländern  werde  eingeführt  werden,
wird  aus  vatikanischen  Kreisen  Anfang  Juni  mitgeteilt,  daß  eine  Absicht,
die  slawische  Liturgie  auf  die  Tschechen  auszudehnen,  nie  bestand,  da  die
tschechischen  Priester  alle  an  dem  lateinischen  Ritus  festhalten,  daß  man  auch
dieses  Sonderrecht  nicht  auf  die  Kroaten  ausdehnen  wolle,  da  man  erkannt
habe,  daß  die  diessälligen  Wünsche  auf  panfslawistische  Wühlereien  zurückzuführen
  seien,  und  die  Befürchtung  gerechtfertigt  sei,  daß  die  rusfische  Kirche

araus  Vorteile  gezogen  haben  würde.

Mitte  Mai.  (Nuntien-Ernennung.)  Rotelli  wird  zum
Nuntius  in  Paris,  Galimberti  für  Wien,  di  Pietro  für  Madrid,
Ruffo  Scilla  für  München,  Agliardi  zum  Delegaten  für  Konstantinopel
  ernannt.

23.  Mai.  (Deutschland,  römische  Frage.)  Der  Papypfst
hält  an  die  Kardinäle  eine  große  Ansprache;  in  derfelben  behandelt
er  hauptsächlich  die  preußische  Kirchenvorlage.

Er  sagt  darüber:  „Mit  Gottes  Hilfe  sind  die  langen  und  schwierigen
  Unterhandlungen  zu  Ende  geführt,  denen  Wir  Unsere  ganze  Seele  hin-
        <pb n="409" />
        Die  Ränische  Kurie.  (Mai  23.)  391

gegeben  haben,  und  bei  denen  unter  Hintansetzung  aller  minder  wesentlichen
ücksichten  das  Seelenheil  gebührendermaßen  Unser  oberstes  Gesetz  gewesen  ist.
Es  ist  Euch  nicht  unbekannt,  wie  die  Sachen  lange  Jahre  hindurch  gestanden
  haben;  denn  Ihr  habt  oft  genug  mit  Uns  nicht  ohne  schwere  Vekümmernis
  es  zu  beklagen  gehabt,  daß  die  Kirchen  ohne  Bischöfe,  die  Pfarreien
ohne  Seelsorger  blieben,  daß  die  freie  Religionsübung  eingeschränkt  wurde,
die  geistlichen  Seminare  geschlossen  wurden  und  notwendigerweise  ein  so
roßer  Priestermangel  eintrat,  daß  die  meisten  der  Unfrigen  nicht  über  eine
binreichende  Zahl  an  Geistlichen  verfügten,  die  den  Gottesdienst  versehen  und
die  Seelsorge  üben  konnten.  Die  Größe  dieser  Uebel  bekümmerte  Uns  um
so  mehr,  weil  wir  dieselben  allein  weder  beseitigen  noch  mildern  konnten,
besonders  nachdem  Unsere  Macht  vielfach  gehemmt  war.  Wir  beschlossen
demgemäß  die  Heilung  da  zu  suchen,  wo  es  nötig  war;  und  zwar  mit  um
so  größerem  Vertrauen,  als  Wir  wußten,  daß  Unsere  Bemühungen  außer
durch  die  Bischöfe  auch  durch  die  katholischen  Volksvertreter,  die  der  besten
Sache  mit  größter  Beharrlichkeit  dienten,  unterstützt  würden.  Durch  ihr
Drängen  und  ihre  Eintracht  hat  die  Kirche  nicht  geringe  Früchte  erzielt  und
darf  gleiche  für  die  Zukunft  hoffen.  Unsere  Entschlüsse  und  Hoffnungen
wurden  jedoch  dadurch  wesentlich  bestärkt,  daß  Wir  ganz  unzweifelhaft  wahrnahmen,
  es  herrsche  bei  dem  erhabenen  Deutschen  Kaiser  und  seinen  Räten
Billigkeit  und  Friedensliebe.  In  der  That  wurde  schnell  nach  der  Beseitigung
  der  schwersten  Unzuträglichkeiten  gesucht,  dann  behutsam  mancherlei
Uebereinkunft  getroffen,  und  endlich  sind  ganz  kürzlich,  wie  Ihr  wißt,  durch
ein  neues  Gesetz  die  Bestimmungen  der  früheren  Gesetze  teils  gänzlich  aus
der  Welt  geschafft,  teils  beträchtlich  gemildert  worden,  und  es  ist  damit  dem
Zwist,  welcher  die  Kirche  bedrückt  und  dem  Staat  nicht  genütet  hat,  ein  Ende
bereitet.  Daß  es  mit  großer  Anstrengung  und  mit  Hilfe  Eurer  Ratschläge
endlich  so  weit  gekommen  ist,  erfüllt  Uns  mit  Freude,  und  Wir  bringen
dafür  Gott,  dem  Tröster  und  Schüßer  seiner  Kirche,  ganz  besondere  Dankbarkeit
  entgegen.  Wenn  den  Katholiken  nicht  ohne  Grund  noch  einiges  zu
wünschen  übrig  bleibt,  so  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  das  Erreichte
mehr  und  bedeutender  ist.  An  der  Spitze  steht,  daß  die  Gewalt  des  Papstes
bezüglich  der  Leitung  der  katholischen  Angelegenheiten  in  Preußen  nicht  mehr
als  eine  ausländische  betrachtet  wird  und  für  ihre  ungehinderte  Ausübunt
Sorge  getragen  ist.  Nicht  geringeren  Wert  hat  es,  wie  Ihr  begreift,  daß
den  Bischöfen  ihre  Freiheit  in  der  Leitung  der  Diözesen  wiedergegeben  ist,
daß  die  Priesterseminare  wieder  eingerichtet  sind,  daß  mehreren  religiösen
Orden  die  Rückkehr  gestattet  ist.  Was  den  Rest  betrifft,  so  werden  Wir
keineswegs  aufhören  daran  zu  denken;  und  da  Wir  die  Geneigtheit  des  erhabenen
  Fürsten  und  ebenso  den  Sinn  seiner  Minister  kennen,  so  haben  Wir
allen  Grund,  die  sämtlichen  Katholiken  jener  Nation  aufzufordern,  getrost
und  guten  Mutes  zu  sein;  denn  Wir  verzweifeln  nicht  an  der  Erreichung
noch  besserer  Bedingungen.“

Weiter  über  Deutschland  sagt  der  Papst:  „Es  ist  auch  erfreulich,
den  Blick  auf  die  übrigen  Teile  Deutschlands  zu  richten,  denn  nicht  ohne
Grund  glauben  Wir,  daß  in  Zukunft  auch  anderswo  als  in  Preußen  eine
den  Katholiken  günstigere  Gesinnung  Boden  gewinnen  wird.  Diese  Hoffnung
wird  belebt  durch  die  jüngste  Willensbezeugung  des  Großherzogs  von  Hessen-Darmstadt,
  der  kürzlich  einen  Gesandten  an  Uns  schickte  wegen  einer  angemessenen
  Milderung  der  Gesetze  seines  Staates  im  Interesse  der  Freiheit  der
katholischen  Kirche.  Wie  sehr  dieß  Unserem  Wunsche  entspricht,  ist  kaum  zu
sagen;  denn  Wir  wünschen  nichts  so  sehnlich,  als  daß  Uns  durch  die  Güte
Gottes  6.“  viel  Raum  zum  Leben  und  so  viel  Freiheit  des  Handelns  gegeben
werde,  daß  die  katholische  Sache  endlich  in  ganz  Deutschland  als  geordnet
        <pb n="410" />
        392  Hie  Räuische  Kurie.  (Juni  2.—  Mitte.)

betrachtet  werden  könne  und  als  ohne  Gefährdung  zu  heilbringendem  Aufschwung
  fortschreitend,  unter  dem  Schufe  der  Gesetze  ihres  Rechts  sicher."

Ueber  Italien  äußert  sich  die  Ansprache:  „Gebe  Gott,  daß  Italien
von  seinen  verhängnisvollen  Irrungen  zurückkomme  und  der  alte  Zwiespalt
sich  in  einen  segensreichen  Friedenszustand  verwandeln  könne.  Wir  wünschen
es  von  ganzem  Herzen,  denn  wir  sind  ja  schon  durch  die  Bande  der  Natur
diesem  Lande  gänzlich  ergeben  und  wissen  recht  wohl,  welche  Wohlthaten  ihm
aus  einer  Verständigung  erwachsen  würden,  die  uns  stets  als  das  erstrebenswerteste
  Ziel  unseres  Lebens  vor  Augen  geschwebt.“

Diese  Anspielung  auf  die  Lösung  der  römischen  Frage  wird  in  der
gesamten  liberalen  Presse  Italiens  mit  Erstaunen  aufgenommen  und  in  dem
Sinn  ausgelegt,  als  ob  der  Papst  auf  Rom  verzichten  wolle.  Der  „Osservatore
  Romano“"  tritt  dieser  Auslegung  auf  das  schärfste  entgegen  und  ner
dert  entschieden  Rom  für  den  Paypst.

Der  „Moniteur  de  Rome“  hebt  in  einer  Besprechung  besonders  die
Stelle  über  das  deutsche  Zentrum  hervor  und  sagt:  dasselbe  habe  noch  nie
eine  solche  autoritative  und  vollkommene  Sanktion  erhalten  wie  hier;  es  sei
die  erste  parlamentarische  Partei  Europas.

2.  Juni.  Der  „Osservatore  Romano“  veröffentlicht  die  Ernennung
  des  Kardinals  Rampolla  di  Tindaro  zum  Staatssekretär.


4.  Juni.  (Tosti  und  die  römische  Frage.)  Der  „Osservatore
  Romano“  veröffentlicht  einen  Brief  des  zweiten  Leiters  des
vatikanischen  Archivs,  Pater  Tosti,  dessen  „Versöhnung“  betitelte
Flugschrift  über  die  römische  Frage  auf  den  Index  gesetzt  worden
war,  weil  sie  die  Stelle  enthielt:

„Durch  die  Bresche  an  der  Porta  Pia  ist  ganz  Italien  in  Rom  einezogen;
  der  König  kann  Rom  dem  Papste  nicht  zurückgeben,  denn  Rom  gehürt
  dem  italienischen  Volke.“

an  den  päpstlichen  Unterstaatssekretär  Mocenni.

Er  widerruft  darin,  aber  nicht  direkt,  und  erklärt,  er  habe  die  Broschüre
  „Versöhnung"  geschrieben,  weil  es  ihn  schmerzte,  zu  sehen,  daß  der
set  die  Spenmun  vorschlug  und  niemand  ihn  unterstütze.  Im  übrigen

abe  seine  Schrift  keinen  andern  Sinn  als  jenen,  welchen  der  Papst  seiner
Rede  beilege.  Richter  über  seine  Ansichten  sei  daher  der  Papst,  und  diesem
wolle  er  sich  gerne  unterwerfen.

Obgleich  der  „Osservatore  Romano“  den  Widerruf  für  ungenügend
  erklärt,  wird  Tosti  aus  seiner  Stellung  nicht  entfernt.

Mitte  Juni.  (England.)  Nach  einer  Mitteilung  der  „Germania“
  ist  der  Hauptinhalt  eines  vom  Kardinal  Manning  auf
Verlangen  des  Papstes  über  die  Zweckmäßigkeit  der  Wiederherstellung
diplomatischer  Beziehungen  zwischen  dem  Vatikan  und  England  abgefaßten
  Gutachtens  der  folgende:

Die  Gesamtheit  der  Bischöfe  sei  der  beste  Vertreter  des  heiligen  Stuhles
in  Irland  und  am  meisten  geeignet,  dem  irischen  Volke  die  Anschauungen
des  heiligen  Vaters  mitzuteilen.  Zu  diesem  Zwecke  würde  es  sich  empfehlen,
mehrere  Bischöfe  aus  den  verschiedenen  Provinzen  nach  Rom  zu  berufen  und
        <pb n="411" />
        Die  Rãmishe  Rurie.  (Juni  24.—  September.)  393

ein  Regolamento  für  die  periodischen  und  außerordentlichen  Versammlungen
des  Episkopats  zu  entwerfen.  Die  Direktion  des  heiligen  Stuhls  würde  die
Bischöfe  leiten  und  diese  ihrerseits  würden  durch  das  lebendige  Wort  oder
durch  Hirtenschreiben  ihren  Einfluß  auf  das  Volk  geltend  machen.  Dies,
glaubt  Kardinal  Manning,  sei  bei  der  gegenwärtigen  Lage  Englands  und
Irlands  die  wirksamste  diplomatische  Politik  für  den  heiligen  Stuhl.  Speziell
in  der  Frage  der  eventuellen  Errichtung  einer  Nuntiatur  in  London  kommt
der  Kardinal  zu  dem  Schlusse,  daß  in  einem  Lande  wie  England,  wo  die
katholische  Kirche  keine  Beziehung  irgend  welcher  Art  zum  Souverän  oder
Staate  habe,  wo  die  bürgerliche  Gewalt  kein  Recht  besitze,  bei  der  Ernennung
der  Bischöfe  mitzusprechen,  wo  die  Kirche  sich  nur  auf  das  allgemeine  Landrecht
  stütze,  gerade  so  wie  alle  anderen  Unterthanen,  nicht  zu  sehen  sei,  was
für  einen  Nuntius  zu  thun  bleibe.  Derselbe  könne  in  Bezug  auf  die  Gesetzgebung
  und  die  Anwendung  der  Gesetze  keinen  Einfluß  irgend  welcher  Art
ausüben.  Er  würde  also  keinen  Vorteil  bringen,  eher  schaden,  und  überdieß
die  Empfindlichkeit  der  englischen  und  schottischen  Protestanten  erregen,  was
dem  Katholizismus  große  Gefahren  bringen  könnte.

Nach  dem  Zusatze  des  römischen  Korrespondenten  der  „Germania“
  seien  diese  Anschauungen  bisher  für  das  Verhalten  der
Kurie  zu  England  maßgebend  gewesen.

Am  27.  Juni  erklärt  Schatzkanzler  Smith  im  englischen
Unterhause  auf  eine  Anfrage,  die  Wiederherstellung  der  diplomatischen
  Beziehungen  zum  Vatikan  sei  weder  vom  Papste  noch  von
England  angeregt  worden.

24.  Juni—September.  (Irland.)  Der  Consultor  propagandae
  fidei,  Msgr.  Persico,  und  sein  Sekretär  Gualdi  begeben
sich  im  Auftrage  des  Papstes  zum  Studium  der  religiösen  und
nationalen  Verhältnisse  nach  Irland.

Die  Mission  wird  mehrfach  aufgeschoben,  auch  in  Paris  werden  die
Abgesandten  Ende  Juni  wiederum  zurückgehalten,  weil  khnen  von  Irland
gedroht  wurde,  daß  sie  „geboykottet“  werden  würden;  dann  reisen  sie  endlich

nfang  Juli  nach  Irland.

Von  authentischer  Seite  wird  als  Zweck  der  Mission  mitgeteilt:  Der
Papst  wolle  England  damit  nur  einen  Beweis  seiner  freundlichen  Gesinnung
und  Gerechtigkeit  geben;  er  habe  von  dem  Berichte,  welchen  ihm  der  Herzog
von  Norfolk  über  Irland  unterbreitet,  nicht  Kenntnis  nehmen  können,  denn
er  schien  ihm  von  Parteigeist  getrübt.  Die  Irländer  könne  er  nicht  opfern,
um  aber  sachgemäß  unterrichtet  zu  sein,  entsende  er  vertrauenswürdige  Männer,
welche  die  Dinge  mit  eigenen  Augen  prüfen  und  dann  mit  den  Bischöfen
Rücksprache  nehmen  werden.  Die  Mission  werde  Belege  zu  einem  Urteile
über  die  Haltung  der  irischen  Geistlichkeit  sammeln,  bezwecke  jedoch  keinesfalls,
  das  Vorgeen  der  Staatsbehörden  zu  prüfen.

Im  September  wird  aus  dem  Vatikan  als  Ergebnis  der  Sendung
dem  „Daily  Chronicle“  berichtet:  es  sei  ein  Umschlag  der  Stimmung  in
Bezug  auf  die  irische  Nationalbewegung  eingetreten.  Persico  habe  darauf
hingewiesen,  daß  die  irische  Geistlichkeit  eine  viel  zu  starke  Teilnahme  an  der
Bewegung  zeige,  die  revolutionärer  Natur  sei  und  unterdrückt  werden  müsse.
Es  werde  demnach  eine  päpstliche  Meinungsäußerung  an  die  irischen  Bischöfe
erwartet.  Persico  habe  auch  berichtet,  daß  viele  Geistliche  für  die  Phönix-
        <pb n="412" />
        394  VSie  Römische  Kurie.  (Juli  Anfang—25.)

parkmörder  bei  der  Zelebrierung  der  Messe  beteten,  was  im  Vatikan  großen
Unwillen  erregt  habe.

Anfang  Juli.  (Amerika:  Bann.)  Der  Erzbischof  von  New-Vork,
  Dr.  Corrigar,  veröffentlicht  die  vom  Papste  erlassene  Bulle
des  großen  Bannes  gegen  den  irischen  Priester  Mac  Glynn,  welcher
die  sozialistischen  Prinzipien  Henry  Georges  gepredigt  und  hierauf
nach  Rom  zur  Verantwortung  gerufen  diese  Zitation  unbeachtet
gelassen  hatte.

Mac  Elynn  veranstaltet  darauf  in  New-York  Versammlungen  großer
Volksmassen,  in  denen  er  mit  Heftigkeit  den  Papst  angreift,  der  sic  mit
England  auf  Kosten  der  Irländer  verständigen  wolle,  und  beginnt  eine  eifrige
Agitation  gegen  den  Papst,  welche  unter  den  amerikanischen  Iren  vielen  Beifall
  findet.

20.—25.  Juli.  (Römische  Frage.)  Kardinalstaatssekretär
Rampolla  richtet  ein  Rundschreiben  an  die  Nuntiaturen  über  die  in
letzter  Zeit  von  der  Presse  und  in  der  Oeffentlichkeit  vielfach  besprochene
  römische  Frage.  (St.  Arch.  B.  48.)

Er  nimmt  darin  ausdrücklich  die  Rechte  des  Heiligen  Stuhles  auf
Rom  in  Anspruch  als  unumgängliche  Bedingung  der  Aussöhnung  mit  Italien.
  Nachdem  das  Rundschreiben  die  Rechtstitel  des  päpstlichen  Stuhles
als  weltlichen  Souveräns  aufgezählt  hat,  sagt  es  weiters:  „Diese  Titel
könnten  durch  das  gewöhnlich  geltend  gemachte  Argument  vom  angeblichen
nationalen  Rechte  nicht  verletzt  und  noch  weniger  vernichtet  werden.  Ohne
die  einzig  wirksame  Bürgschaft  der  territorialen  Souveränetät  ist  die  Sicherung
  der  Unabhängigkeit  und  Würde  des  Heiligen  Stuhles  nicht  möglich.
Der  Souveränetät  beraubt,  würde  der  Papst  nur  eine  relative  Unabhängigkeit
  genießen,  die  stets  verletzlich  und  illusorisch  wäre.  Endlich  wäre  der
Papst  außer  stande,  seine  geistliche  Gewalt  derart  auszuüben,  daß  sie  gegen
jede  Einmengung,  jeden  materiellen  und  moralischen  Druck  geschützt  erschiene.“
Das  Rundschreiben  schließt:  „Wenn  die  italienischen  Minister  vor  dem
Parlamente  erklären,  daß  Italien  keineswegs  ein  Bedürfnis  fühle,  sich  mit
dem  Papste  zu  versöhnen,  stehen  sie  im  Widerspruche  mit  der  allgemeinen
Stimmung  der  Italiener.  Wenn  ungeachtet  all  dieser  Gründe  die  italienische
Regierung  die  väterliche  Anregung  des  Heiligen  Vaters  nicht  annimmt,  so
wird  die  Verantwortung  für  diese  Ablehnung  vollständig  auf  diese  Regierung
zurückfallen."

Am  25.  veröffentlicht  darauf  der  „Moniteur  de  Rome“  ein
Schreiben  des  Papstes  an  Rampolla  vom  15.  Juni,  in  welchem
jener  dem  Kardinal  Instruktion  über  die  Regierungsgrundsätze  des
Papstes  gibt.  (St.  Arch.  Bd.  48.)  Mit  aller  Bestimmtheit  wird
hier  wieder  die  Forderung  der  weltlichen  Souveränetät  ausgesprochen
und  fast  mit  denselben  Worten,  wie  in  dem  Schreiben  Rampollas.
Die  ministerielle  „Opinione“  schreibt  dazu:

Das  Mißverständnis,  welches  die  Allokution  vom  23.  Mai  hervorgerufen,
  sei  damit  beseitigt.  Das  einige  Italien  mit  dem  Hause  Savoyen
und  Rom  als  Hauptstadt  diskutiere  sich  nicht.  Man  nehme  deshalb  alle
solche  Aeußerungen  mit  der  äußersten  Gleichgültigkeit  auf.
        <pb n="413" />
        Die  Näuische  Kurie.  (Juli  28.—  Novbr.)  395

28.  Juli.  (Kaisergeschenk.)  Der  deutsche  Gesandte  beim
päpstlichen  Stuhle  überreicht  dem  Papste  anläßlich  seines  Regierungsjubiläums
  ein  Handschreiben  des  deutschen  Kaisers  und  eine  kostbare
in  Gold  und  Edelsteinen  ausgeführte  Mitra.

24.  August.  (Mazedonien.)  Beim  Empfange  der  Kardinäle
am  Tage  seines  Namenspatrons  teilt  der  Papst  mit,  daß  viele  Dorfgemeinden
  Mazedoniens  sich  an  den  apostolischen  Delegaten  in  Konstantinopel,
  Msigr.  Bonetti,  mit  der  Bitte  gewandt  hätten,  ihnen
Priester  zum  Unterrichte  zu  schicken,  da  sie  in  den  Schoß  der  katholischen
  Kirche  zurückzukehren  wünschten.

25.  August.  (Kirchenzehnten.)  Der  Großpönitentiar  Kardinal
  Monaco  la  Valetta  erläßt  eine  Instruktion  an  die  Bischöfe
über  die  von  der  italienischen  Kammer  beschlossene  Aufhebung  der
Kirchenzehnten.

Er  erklärt  das  Gesetz  als  „in  höchst  wesentlichen  Punkten  das  göttliche
  und  kirchliche  Gesetz  verletzend“,  ferner  daß  es  daher  für  die  Katholiken
unverbindlich  sei,  und  verfügt,  daß  diese  bei  Strafe,  den  kirchlichen  Zensuren

zu  verfallen,  auch  fernerhin  die  Naturalzehnten  an  die  Bischöfe,  Pfarrer
u.  s.  w.  zu  leisten  haben.

22.  September.  (Nuntiatur  in  Berlin.)  In  einem  Gespräche
  mit  dem  Korrespondenten  der  „Kölnischen  Zeitung“  äußert
der  neue  Münchner  Nuntius  Fürst  Ruffo  Secilla:

Der  Wirkungskreis  und  die  Befugnisse  der  Nuntiatur  seien  gegen
früher  in  keiner  Weise  verändert.  Er  sei  für  Bayern  bestätigt;  außerdem
verkehre  er  offiziell  mit  sämtlichen  deutschen  Bischöfen  und  offiziös  mit  den
übrigen  deutschen  Regierungen.  Die  Frage,  sei  es  der  Errichtung  einer
Nuntiatur  in  Berlin,  sei  es  der  Beglaubigung  des  Münchener  Nuntius  für
das  übrige  Deutschland,  sei  ebenso  wie  diejenige  einer  Londoner  Nuntiatur
noch  offen;  sollte  es  jemals  dazu  kommen,  so  würde  nicht  der  Wiener  Nuntius,
so  sehr  sich  derselbe  seiner  persönlichen  Eigenschaften  wegen  dafür  eignen
würde,  sondern  der  Münchener  damit  betraut  werden.  Irgend  welches  Neue,
noch  nicht  Bekannte  liege  aber  in  dieser  Angelegenheit  nicht  vor,  und  er
habe  keinerlei  darauf  bezügliche  Weisungen  erhalten.  Demnach  könne  er  auch
nicht  sagen,  ob  er  Berlin  besuchen  und  ob  und  wann  er  gleich  Masella  den
Fürsten-Reichskanzler  persönlich  kennen  lernen  werde.

2.  Oktober.  Kardinal  Domenico  Bartolini  f.

Er  war  Präfekt  der  Kongregation  der  Riten  und  seinerzeit  die  einflußreichste
  Persönlichkeit  im  Kardinalskollegium.  Ihm  hauptsächlich  wurde
die  Papstwahl  Leos  XIII.  zugeschrieben.

Oktbr.—Novbr.  (Römische  Frage.)  Die  sämtlichen  Bischöfe
Italiens  erklären  in  Adressen  an  den  Papst  ihre  Zustimmüng  zu
dem  Schreiben  des  Papstes  an  den  Staatssekretär  Rampolla.

Ende  November.  In  Italien  wird  von  der  Geistlichkeit  eine
großartige  Agitation  zum  Zwecke  einer  Massenpetition  ins  Leben
        <pb n="414" />
        396  Lie  Rämische  Kurie.  (Dezember  19.—Ende.)

gerufen,  welche  an  das  italienische  Parlament  gerichtet  werden  und
die  Aussöhnung  des  Staates  mit  dem  Papsttum  fordern  soll.

19.  Dezember.  (England.)  Der  Papst  empfängt  in  feierlicher
  Audienz  den  Herzog  von  Norfokk,  welcher  ihn  im  Namen
der  Königin  zu  seinem  Priesterjubiläum  beglückwünscht  und  einen
Brief  der  Königin  überbringt.

Der  Papst  erwidert  auf  die  Ansprache  des  Herzogs:

„Die  Freude,  die  ich  vor  sechs  Monaten  bei  der  Absendung  eines
Sondervertreters  zu  Ihrer  Majestät  der  Königin  von  England  enshen
wird  heute  wiederum  in  mir  wach.  Ihnen,  die  Sie  den  hohen  Auftrag
ausführen,  mir  die  Glückwünsche  und  das  Wohlwollen  Ihrer  erlauchten
Hereetern  zu  überbringen,  erkläre  ich  förmlich  und  öffentlich  meine  volle

ufriedenheit  mit  der  Freiheit,  welche  die  katholische  Kirche  in  allen  England
  unterworfenen  Ländern  genießt.  Diese  Frähhein  macht  mir  meine  Ausgabe
  leicht  und  ersprießlich  und  beweist  auf  der  andern  Seite  die  hohen
geistigen  und  Gemütseigenschaften  der  Königin.  Ich  bitte  Ew.  Exzellenz,
Ihrer  Majestät  für  den  Ihnen  gewordenen  Auftrag  zu  danken  und  ich  versichere
  Ew.  Gnaden,  daß  ich  zu  Gott  ein  aufrichtiges  und  heißes  Gebet  für
die  Wohlfahrt  und  den  Ruhm  der  Königin  von  England  richte."

Hierauf  hat  der  Herzog  eine  dreiviertelstündige  Privataudienz
und  macht  dem  Staatssekretär  einen  längeren  Besuch.

22.  Dezember.  (Bayern.)  Der  Payst  erläßt  eine  Enzyklika
an  die  bayerischen  Bischöfe.

Dieselbe  wahrt  in  sehr  bestimmter  Weise  die  Ansprüche  der  Kirche
auf  die  Erziehung  der  Geistlichkeit  in  den  Seminarien  und  die  Erziehung
der  Jugend.  Der  Papst  ermahnt  ferner  die  Bischöfe,  die  Gläubigen  von
geheimen  Gesellschaften  abzuwenden,  empfiehlt  den  Katholiken  Einigkeit  und
kräftige  Verfechtung  der  Rechte  der  Kirche  und  des  Glaubens,  weist  auf  die
Vorteile  der  Einigkeit  zwischen  der  Kirche  und  dem  Staate  hin  und  erinnert
an  das  zwischen  Bayern  und  dem  heiligen  Stuhle  abgeschlossene  Konkordat.
Der  Papfst  bedauert,  daß  der  Staat  nicht  in  derselben  Weise  wie  der  Vatikan
seinen  Verpflichtungen  nachgekommen  sei,  und  setzt  seine  Hoffnung  auf  die
Weisheit  des  Prinz-Regenten.

Ende  Dezember.  (Rußland.)  Der  Zar  läßt  dem  Papste
durch  den  französischen  Botschafter  beim  Vatikan  ein  Glückwunschschreiben
  zu  seinem  Jubiläum  überreichen.  Man  erblickt  darin  eine
Bestätigung  des  vielfach  erörterten  Gerüchtes,  daß  zwischen  dem
Vatikan  und  Rußland  neue  Verhandlungen  eingeleitet  seien,  was

vorher  beiderseits  mehrmals  in  Abrede  gestellt  worden  war.
        <pb n="415" />
        IX.
Schweiz.

Anf.  Januar.  Die  Zolleinnahmen  des  Jahres  1886  ergeben
  über  den  Voranschlag  von  201  Mill.  Franken  einen  Ueberschuß
  von  2  Millionen.

Anfang  Januar.  Es  wird  eine  lebhafte  Agitation  gegen
das  Branntweinmonopol  (dvgl.  Gesch.  Kal.  1886  XII.  9.  bzw.  20.)
betrieben.  In  Langenthal,  Kanton  Bern,  beschließt  eine  Versammlung
  von  Interessenten  mit  51  gegen  6  Stimmen  das  Gesetz  zur
Volksabstimmung  zu  bringen  und  die  dafür  nötigen  30,000  Unterschriften
  zu  sammeln.  Ebenso  wird  im  Kanton  Solothurn  und  in
Aargau  agitiert.

12.  Januar.  (Militärpflichtersatz.)  Der  Bundesrat  erläßt
  eine  Verordnung,  welche  bestimmt,  daß  eingeteilte  Wehrpflichtige,
welche  dem  Aufgebote  nicht  Folge  leisten  oder  am  Einrückungstage
wieder  entlassen  werden,  für  das  ganze  laufende  Jahr  den  Wehrpflichtersatz
  leisten  müssen;  solche  die  innerhalb  des  ersten  Halbjahrs
entlassen  werden  bezahlen  die  Hälfte,  die  nach  einem  halben  Dienstjahre
  entlassen  werden  für  das  laufende  Jahr  keinen  Wehrpflichtersatz.


14.  Januar.  (Internationales  Eisenbahnabkommer.)
Der  Bundesrat  teilt  mit,  daß  die  internationale  Vereinbarung,  betr.
die  technische  Einheit  im  Eisenbahnwesen  und  die  zollsichere  Einrichtung
  der  Eisenbahnwagen  im  internationalen  Verkehr  vom  1.  April
ab  in  Kraft  trete,  nachdem  alle  beteiligten  Staaten  ihre  Zustimmung
zu  dem  Schlußprotokoll  der  2.  internationalen  Konferenz  in  Bern
gegeben  haben.

14.  Januar.  Der  Bundesrat  erklärt  der  Tessiner  Regierung
die  Notwendigkeit  des  Anschlusses  Tessins  an  das  Bistum
Chur  aus  nationalen  Rückfichten  und  fordert  die  Regierung  des
Kantons  zur  Beistimmung  auf.
        <pb n="416" />
        398  Schweiz.  (Februar  15.  —  April  12.)

15.  bzw.  17.  Februar.  (Militärattachés.)  Die  „Neue
Zürcher  Zeitung“  bringt  einen  Aufsehen  erregenden  Artikel  über
die  den  Gesandtschaften  beigegebenen  Militärattachés  (es  find  in  der
Schweiz  je  ein  französischer,  rusffischer,  italienischer  und  deutscher)  in
dem  es  heißt:

„Einzelne  derselben  suchen  sich  populär  zu  machen,  und  bisweilen
hält  einer  von  ihnen  zu  diesem  Zwecke  an  einem  unserer  Volksfeste  eine  Rede
voll  Sympathie  und  schöner  Verheißungen  für  unser  Land,  alles  phrasenreiche
  Deklamationen,  die  zu  den  gegebenen  Verhältnissen  und  den  Lehren
der  Geschichte  der  letzten  hundert  Jahre  wie  eine  Faust  aufs  Auge  passen
und  daher  auch  von  allen  Weiterblickenden  als  das  gewürdigt  werden,  was
sie  sind.  Einzelne  Attachés  begnügen  sich  nicht,  den  Vorsteher  des  Militärdepartements
  oder  die  verschiedenen  Waffenchefs  aufzusuchen  und  auszufragen,
sondern  steigen  in  die  Bureaux  der  untergeordneten  Beamten  des  Militär--departements,
  sie  nach  allen  Richtungen  ausforschend.  Wenn  nun  auch  solche
Bemühungen  bei  der  Verschwiegenheit,  welche  diese  Beamten  zu  beobachten
als  Dienstpflicht  betrachten,  selten  den  gewünschten  Erfolg  haben  werden,  so
glauben  wir  gleichwohl  dieses  Aufsuchen  der  Subalternbeamten  vonseiten
gewisser  Attachés  als  ordnungswidrig  tadeln  zu  müssen.  Es  geht  entschieden
zu  weit,  wenn  die  Attachés  sich  zu  den  Unterbeamten  in  Beziehung  zu  setzen

suchen.“

Man  schließt  aus  den  Eingangsworten,  daß  die  Spitze  des
Artikels  gegen  den  französischen  Attaché,  Colonel  Sever,  gerichtet  ist.

Eine  am  17.  erscheinende  öffentliche  Erklärung  des  eidgenössischen
  Militärdepartements  erklärt  hierauf  die  Mitteilung
für  unbegründet,  der  Verkehr  der  Attachés  mit  den  Militärbeamten
sei  nach  jeder  Richtung  hin  durchaus  korrekt.

Der  Berichterstatter  der  „Neuen  Zürcher  Zeitung“  hält  aber
seine  Angaben  dem  gegenüber  bestimmt  aufrecht.  Der  französische
Attaché  wird  bald  darauf  abberufen  und  durch  Colonel  Marquis
d'Heilly  ersetzt.

Ende  Februar.  In  Biasca,  Kanton  Teffin,  treten  800  Bürger
aus  der  römisch-katholischen  Kirche  aus;  der  Grund  ist  die  schwere
Bedrückung  durch  das  neue  Tessfiner  Kirchengesetz  (vergl.  Gesch.  Kal.
1886  III.  21.).

28.  Februar  —8.  März.  (Kriegsbesorgnis.)  In  der
ganzen  Schweiz  findet  eine  Waffen-,  Bekleidungs--  und  Ausrüstungs-Inspektion
  über  alle  Mannschaften  des  Auszugs  und  der  Landwehr
  statt.

12.  April.  Zusammentritt  der  eidgenössischen  gesetzgebenden
  Räte  in  Bern.  Der  Ständerat  wählt  Scherb  (Thurgau,
radikal)  zum  Präsidenten  und  Herzog  (Luzern,  ultramontan)  zum
Vize-Präsidenten.
        <pb n="417" />
        Schweiz.  (April  2.  Hälfte  —Mai  7.)  399

2.  Hälfte  April.  (Solothurn.)  Infolge  von  Verlusten
der  Kantonalbank  und  dabei  entdeckten  Unregelmäßigkeiten  in  der
Verwaltung  derselben  bemächtigt  sich  der  Bevölkerung  eine  ungeheure
Aufregung.  In  einer  unter  freiem  Himmel  abgehaltenen  Volksversammlung
  wird  die  Abberufung  der  Regierung  und  des  Kantonsrats
  und  Totalrevision  der  Verfassung  durch  einen  Verfassungsrat,
sowie  sofortige  Neuwahl  der  Regierung  und  des  Kantonsrates  für
die  Uebergangszeit  bis  zur  Durchführung  der  Revision  gefordert.
Der  Regierungsrat  stellt  hierauf  beim  Kantonsrat  folgenden  Antrag:

„Es  sei  dem  Volke  der  Antrag  zur  Abstimmung  vorzulegen,  die  Vornahme
  einer  Total-Revifion  der  kantonalen  Staatsverfassung  durch  einen
Verfassungsrat  und  infolgedessen  die  Neuwahl  des  Kantonsrates,  die  Erneuerung
  der  Staatsbehörden  und  die  Neubesetzung  aller  Amtsstellen  vorzunehmen.“

22.  April.  (Ausländische  Geldsorten.)  Der  Bundesrat
schlägt  der  Bundesversammlung  im  Hinblick  auf  eine  mögliche  Mobilmachung
  die  Tarifierung  der  englischen  Sovereigns  und  Halbsovereigns
und  der  deutschen  Kronen  und  Doppelkronen  vor.

27.  April.  Ständerat:  stimmt  dem  Beschlusse  des  Nationalrats
  bei,  welcher  eine  Bundesunterstützung  des  Simplonbahnbaues
  von  4½  Millionen  gewährt.

27.  April.  (Luzerner  Kirchenstreit.)  Der  Nationalrat
stimmt  mit  86  gegen  27  Stimmen  dem  Ständeratsbeschlusse,  den
Rekurs  der  Luzerner  Regierung  gegen  die  Mitbenützung  der  Mariahilfkirche
  in  Luzern  durch  die  Altkatholiken  als  unbegründet  zu  erklären,
  bei,  insoweit  sich  dieser  auf  die  Verfassungsbestimmung  stützt,
daß  den  Kantonen  und  dem  Bunde  die  Maßnahmen  zur  Handhabung
der  Ordunng  und  des  öffentlichen  Friedens  unter  den  Religionsgenossenschaften
  vorbehalten  bleibt.

30.  April.  Schluß  der  Session  der  beiden  gesetzgebenden  Räte.

7.  Mai.  (Zolltarifrevision.)  Bundesrat:  genehmigt
eine  Abänderung  des  Zolltarifs  zu  Gunsten  der  einheimischen  Produktion.


Von  415  Nummern  des  Tarifs  sind  118  davon  berührt.  Die  wesentlichsten
  Abänderungen  erleiden  Holz,  Leder,  Nahrungs=  und  Genußmittel,
Spinnstoffe  und  Konfektion,  Tiere,  Ton=  und  verschiedene  andere  Waren.
Bei  102  Nummern  ist  der  Zoll  erhöht  und  nur  bei  16  ermäßigt.

7.  Mai.  (Landsturm.)  Die  Veröffentlichung  der  Zählungsergebnisse
  der  Landsturmpflichtigen  weist  für  denselben  folgende
Zahlen  nach.

Offiziere  2922,  feihen  Unteroffiziere  5652,  gediente  Mannschaft
31,673,  nichtgediente  Mannschaft  unter  45  Jahren  180,640,  nichtgediente
        <pb n="418" />
        400  Schweiz.  (Mai  15.—September  6.)

Mannschaft  über  45  Jahre  30,197,  Jahrgang  1869  22,303,  Jahrgang
1870  21,256,  macht  zusammen  295,643  Mann,  wovon  40,247  gedient  haben
und  43,559  unter  20  Jahre  alt  sind.

15.  Mai.  Volksabstimmung  über  das  Branntweinmonopol.
  Das  Ergebnis  ist  die  Annahme  des  Gesetzes  mit
261,134  gegen  137,091  Stimmen.

6.  Juni.  Zusammentritt  der  eidgenösfischen  gesetzgebenden
  Räte.  Der  Nationalrat  wählt  Zemp-Luzern  (ultramontan)
  zum  Präfidenten,  Kurz-Aargau  (radikal)  zum  Bizepräsidenten;
  der  Ständerat  Herzog-Luzern  (ultram.)  zum  Präfidenten,
Gavard-Genf  (radikal)  zum  Vizepräfidenten.

13.  Juni.  (Solothurn.)  Wahlen  zum  Verfassungsrat.
  Das  Ergebnis  ist:  60  Freifinnige,  37  Ultramontane,  3  Nachwahlen.
  Diese  fallen  im  November  sämtlich  zu  Gunsten  der
Liberalen  aus.

23.  Juli.  Der  Bundesrat  verbietet  der  schweizerischen
Nordostbahn  die  Dividende  aus  den  Ueberschüssen  an  die  Aktionäre
auszuzahlen  und  eine  Anleihe  aufzunehmen.

Der  Grund  ist  die  von  der  Spekulation  vereitelte  Absicht  des  Rückkaufs
  der  Bahn  an  den  Bund,  welcher  lange  geplant  kürzlich  zum  Abschluß
gediehen  schien;  die  rechtliche  Unterlage  ergiebt  die  durch  die  Ueberschüsse
nachgewiesene  Befähigung  der  Bahn  zum  Ausbau  der  sogenannten  Moratoriumslinien,
  zu  welchem  dieselbe  gegen  den  Bund  verfpflichtet  ist,  dessen  Beginn
  boe  dieser  bei  der  üblen  Finanzlage  der  Bahn  einstweilen  nachgesehen
  hatte.

3.  September.  Sämtliche  Schweizer  Gesandten  —  es  find
solche  in  Wien,  Rom,  Washington,  Paris  und  Berlin  —  haben  in
Bern  eine  Beratung  mit  dem  Bundespräsidenten  Droz,  um
Kenntnis  von  den  mit  der  Neugestaltung  des  Bundesrats  zusammenhängenden
  Bestimmungen  über  die  politische  Abteilung  und  das  Konsulatswesen
  zu  nehmen,  wobei  auch  die  allgemeine  politische  Lage
und  die  Frage  der  Handelsverträge  erörtert  wird.

5.  September.  Austausch  der  Ratifikationen  der  am  9.  September
  1886  abgeschlossenen  internationalen  Litterarkonvention
  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886  IX.  6.).  Die  Union  umfaßt  vorläufig:
die  Schweiz,  Belgien,  Deutschland,  Frankreich,  Großbritannien,
Hasti,  Italien,  Spanien  und  Tunis.

6.  September.  (Tessiner  Kirchenfrage.)  Die  Bundeskanzlei
veröffentlicht  folgende  Mitteilung:

„Nachdem  der  Bundesrat,  die  Regierung  von  Teffin  und  der  beil.
Stuhl  übereingekommen  sind,  noch  im  Laufe  dieses  Jahres  in  Bern  Verhandlungen
  zum  Zwecke  endgültiger  Regelung  der  Tessiner  Diözesanfrage  zu
        <pb n="419" />
        Schwenz.  (September  9.—November  1.)  401

eröffnen,  hat  der  Bundesrat  der  Ernennung  des  Herrn  Moolo,  Erzpriester
in  Bellinzona,  zum  provisorischen  apostolischen  Verwalter  Tessins  für  die
Dauer  der  Verhandlungen  seine  Genehmigung  erteilt.  Die  dem  Herrn  Moolo
übertragenen  Funktionen  find  interimistisch  und  präjudizieren  die  Erledigung
der  Frage  in  keiner  Weise."

9.  September.  (Savoyisches  Neutralitätsgebiet.)  Die

Bundeskanzlei  veröffentlicht  folgende  Erklärung:

„In  verschiedenen  Blättern  wird  in  jüngster  Zeit  mitgeteilt,  daß  zu
Anfang  dieses  Jahres  von  französischer  Seite  die  Aufforderung  zur  Besetzung
der  neutralisierten  Teile  Savoyens  an  die  Schweiz  gestellt  und  in  der  Folge
ein  die  Verhältnisse  im  Falle  einer  eventuellen  Okkupation  regulierender
Vertrag  abgeschlossen  worden  sei.  Beide  Nachrichten  sind  falsch.  Eine  solche
Aufforderuug  hat  nicht  stattgefunden  und  es  ist  auch  kein  Vertrag  abgeschlossen
  worden."“

22.  September.  (Straßenbefestigungen.)  Der  Bundesrat
besichtigt  in  Begleitung  von  Generalstabsoffizieren  die  neuen  Gotthardpaßbefestigungen
  und  hierauf  die  Arbeiten  an  den  Paßsperren
auf  dem  Oberalpstock  und  auf  der  Furka.

16.  bzw.  31.  Oktober.  (Chicagoer  Anarchisten.)  Eine
Sozialdemokraten-Versammlung  in  Bern  faßt  einstimmig  den  folgenden

  Beschluß:

„Die  Volksversammlung  im  Café  Rütli  in  Bern,  von  über  200  Personen
  besucht,  verdammt  das  Todesurteil,  welches  über  sieben  Pioniere  der
Arbeiter  in  Chicago  ausgesprochen  wurde.  Sie  erblickt  in  diesem  Urteil  nur
einen  wohlbedachten  Mord  und  ein  Verbrechen.

Am  31.  faßt  eine  Versammlung  in  Zürich  einen  ähnlichen

Beschluß.
23.  Oktober.  (Solothurn.)  Bei  der  Volksabstimmung  wird

die  neue  demokratische  Verfassung  mit  großer  Mehrheit  angenommen.


1.  November.  (Nordostbahn.)  Der  Bundesrat  beschließt

nachfolgende  Note  zu  veröffentlichen:

„Die  Direktion  der  Schweizerischen  Nordostbahn  hat  mit  Zuschrift
vom  18.  Oktober  letzthin  dem  Bundesrate  einen  Finanzausweis  betreffend
den  Bau  der  Moratoriumslinien  mit  dem  Gesuche  übermacht,  ihr  seine  Rückdußerung
  darüber  zugehen  zu  lassen.  Der  Bundesrat  ist  auf  dieses  Begehren
aus  folgenden  Gründen  zur  Zeit  nicht  eingetreten.  Nach  Art.  13  des  Eisenbahngesetzes
  erfolgt  die  Ansetzung  der  Frist  für  die  Leistung  des  Finanzausweises
  in  jedem  einzelnen  Falle  durch  die  Bundesversammlung,  und  es  steht
dem  Bundesrate  das  Recht  zu,  die  Prüfung  des  Finanzausweises  vorzunehmen,
  bevor  die  Grundlage  dazu  durch  die  Erteilung  einer  Konzession  oder
durch  eine  Fristverlängerung  vonseiten  der  gesetzgebenden  Behörde  geschaffen
ist.  Von  dieser  verbindlichen  Vorschrift  darf  im  vorliegenden  Falle  umsoweniger
  abgewichen  werden,  als  Art.  3  des  Bundesbeschlusses  vom  14.  Februar
  1878  in  Uebereinstimmung  mit  der  angerufenen  gesetzlichen  Bestimmung
  ausdrücklich  verfügt,  daß  die  neue  Festsetzung  der  Ausweis=  und  Bautermine
  für  die  Moratoriumslinien,  unvorgreiflich  den  gesetzlichen  Befugnissen

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  26
        <pb n="420" />
        402  Schweil,  (November  Anf.—9.  bzw.  12.)

der  Bundesversammlung,  für  jede  einzelne  Linie  zu  geschehen  habe.  Diesen
Bestimmungen  gemäß  wird  der  Bundesrat  seine  Vorschläge,  zunächst  für  die
rechtsuferige  Zürichseebahn,  den  beiden  Räten  unterbreiten  und  den  Finanzausweis
  zu  prüfen  in  der  Lage  sein,  wenn  diese  Behörde  ihren  Beschluß  über
die  Fristerstreckung  gefaßt  haben  wird.“

Anf.  November.  Der  Papst  ernennt  den  Nuntius  in  Brüssel
Msagr.  Ferrata  zum  Vertreter  des  hl.  Stuhles  bei  den  Unterhandlungen
  mit  dem  Bundesrat  über  die  Tessiner  Bistumsfrage.  Der
Beginn  derselben  wird  aber  bald  darauf  wieder  auf  unbestimmte
Zeit  verschoben.

Anf.  November.  In  Zürich  wird  der  dort  seit  5  Jahren
ansässige  ehemals  badische  Hauptmann  v.  Ehrenberg  auf  Weisung
  des  Bundesrats  verhaftet.

Derselbe  ist  Teilnehmer  an  sozialistisch-anarchistischen  und  landesverräterischen
  Umtrieben  mit  den  französischen  Militärbehörden  gegen  Deutschland.
  Er  war  Mitglied  des  Züricher  Sozialistenvereins,  aber  von  diesem
ausgeschlossen  hatte  er  sich  den  Anarchisten  zugewandt  und  Agitationen  in
Deutschland  betrieben.  Die  militärischen  Kreise  der  Stadt  ziehen  sich  von
ihm  zurück,  als  bekannt  wird,  daß  er  den  Plan  der  Festung  Wesel  an  Frankreich
  verkauft  hat  mit  einer  von  ihm  ausgearbeiteten  Anleitung  zum  Ueberfalle
  derselben.  Beide  Stücke  und  noch  andre  werden  aber  noch  bei  ihm  oder
im  Besitze  von  Bekannten  vorgefunden.  v.  Ehrenberg  entflieht  im  Dezember
unter  Bruch  des  Ehrenworts,  auf  welches  hin  man  ihm  erlaubt  hatte,  einen
Besuch  bei  seiner  Frau  zu  machen,  aus  Zürich  und  wird  nicht  wieder  ergriffen.

3.  November.  (Anarchistenattentat.)  Der  stellvertretende
Vorsitzende  des  sozialdemokratischen  Grütli-Vereins  Saluz  f  an  Stichwunden,
  welche  ihm  in  St.  Gallen  von  anarchistischer  Seite  beigebracht
  wurden,  weil  ihm  die  Hauptschuld  zu  der  schroffen  Ablehnung
  anarchischer  Bestrebungen  durch  die  Schweizer  Sozialisten  zugeschrieben
  wird.

7.  bzw.  Mitte  November.  (Rentenkonversionen.)  Der
große  Rat  von  Bern  genehmigt  einstimmig  die  Umwandlung  der
4%  igen  Kantonsanleihe  von  51  Millionen  in  eine  3½  %  ige.  Ebenso
werden  die  Staatsanleihen  von  Waadt  und  Freiburg  in  3  e
umgewandelt.

9.  bzw.  12.  November.  (Österreichischer  Handelsvertrag.)
  Der  Bundesrat  zeigt  der  österreichisch-ungarischen  Regierung
die  Kündigung  des  bestehenden  Handelsvertrages  vom  14.  Juli  1888
ab  an  unter  Erklärung  seiner  Bereitwilligkeit  zur  Eröffnung  von
Verhandlungen  betreffs  Abschlusses  eines  neuen  Vertrages.  OÖsterreich-Ungarn
  erwidert  am  12.  unter  ähnlichen  Erklärungen  mit  dem
Wunsche,  daß  es  gelingen  möge,  gerechte  Bedingungen  für  den  beiderseitigen
  Handel  zu  schaffen.
        <pb n="421" />
        Schweit.  (November  10.—Ende.)  403

10.  November.  (Heerwesen.)  In  dem  vom  Bundesrat  vorberatenen
  Budget  für  1888  werden  die  Militärausgaben  auf  17½
Millionen  Franken  festgestellt.

½  Million  wird  zur  Bekleidung  des  Landsturms;  340,000  Fr.  zur
VBeschaffung  des  Geschützmaterials  für  die  Landwehr-Artillerie;  ½  Million
für  die  Gotthardbefestigung  als  jährlicher  ordentlicher  Kredit  eingestellt.
Ebenso  wird  ein  neuer  Kredit  für  die  Bestreitung  der  Kosten  eines  Kurses
für  Obersten  über  höhere  Truppenführung  und  Operationslehre  gefordert.
Zur  Erprobung  von  2  Modellen  eines  kleinkalibrigen  Gewehrs  in  größerem
Maßstabe  werden  30,000  Franken  beantragt.

20.  November.  (Solothurn.)  Neuwahl  des  Kantonsrats
  auf  Grund  der  revidierten  Verfassung.  Es  werden  65  von
der  bisherigen  Regierungspartei  (Radikale),  23  Ultramontan-Konservative
  gewählt;  12  Stichwahlen.  Von  den  5  Regierungsräten

wird  nur  ein  Oppositioneller  gewählt.

Bei  der  Feier  des  Wahlfiegs  durch  die  Radikalen  mit  einem  Fackelzuge
  kommt  es  zu  einer  Schlägerei,  bei  der  auch  Revolverschüsse  fallen.

Ende  November.  (Genf.)  Nachdem  der  Staatsrat  beschlossen,
dem  langjährigen  verdienten  Leiter  des  Kantonalunterrichtswesens
Carteret  dieses  Departement  zu  entziehen,  tritt  dieser  aus  dem

Staatsdienst.

Eine  große  Volkskundgebung  erklärt  sich  zu  seinen  Gunsten.  44  Mitglieder
  der  Bundesversammlung  unterzeichnen  eine  Adresse  an  ihn  mit  der
Bitte  um  Wiedereintritt  in  den  Staatsdienst.

28.  November.  (Luzerner  Kirchenstreit.)  Der  Luzerner
Stadtrat  beschließt,  die  Mariahilfkirche  mit  dem  zugehörigen  Urfulinerinnenfonds
  der  römisch-katholischen  Kirchengemeinde  für  eine
bestimmte  Summe  abzutreten  und  diese  der  altkatholischen  Kirchengenossenschaft
  zum  Bau  einer  neuen  Kirche  auf  einem  von  der  Stadt
unentgeltlich  herzugebenden  Bauplatze  zu  überweisen.

29.  November.  Die  neue  31-Millionen-Anleihe  der
Eidgenossenschaft  wird  bei  ihrer  Auflage  mehr  als  Sfach  überzeichnet.


Ende  November.  Abschluß  eines  Kaufvertrags  zwischen  dem
Bundesrate  und  den  Aktionären  der  Schweizer  Nordostbahn
über  den  Rückkauf  der  Bahn  an  den  Bund.  Der  Bund  gewährt
den  Aktionären  3½/  %%  ige  auf  je  500  Franken  lautende  Rententitel.
Der  Ankauf  ist  der  erste  Schritt  zur  Eisenbahnverstaatlichung
in  der  Schweiz.

National-  und  Ständerat  lehnen  aber  am  23.  Dezember  die
sofortige  Niedersetzung  eines  Ausschusses  für  die  Beratung  des  Vertrages

  ab.
26“
        <pb n="422" />
        404  Schweif.  (Dezember  5.—14.)

5.  Dezember.  (Wiederzusammentritt  der  gesetzgebenden
  Räte.)  Nationalrat:  Alterspräsident  Matt  erläutert  die  Aufgaben
  der  bevorstehenden  Legislaturperiode.

Er  nennt  als  solche  den  gesetzgeberischen  Ausbau  der  Bundesverfassung,
darunter  die  Einführung  der  obligatorischen  Unfallversicherung,  den  Schutz
einheimischer  Produkte  durch  Aufstellung  eines  Zolltarifs  und  die  Hebung
der  Wehrkraft  durch  Einführung  kleinkalibriger  Gewehre.

Der  Ständerat  wählt  zum  Präsidenten  Gavard  (Genf)  und
zum  Vizepräsidenten  Schoch  (Schaffhausen),  beide  radikal.

9.  Dezember.  Nationalrat:  genehmigt  das  Budget  für  1888.
Dasselbe  enthält  eine  Einnahme  von  55.066,000  Franken  gegen  eine
Ausgabe  von  56.866,000  Franken.

9.  bzw.  21.  u.  23.  Dezember.  Eine  unter  Vorsitz  des  Bundesrats
  Deucher  abgehaltene  Versammlung  schweizerischer  Industrieller
  und  Landwirte  beschließt,  zur  amtlichen  Beteiligung
an  der  Pariser  Weltausstellung  für  1889  beim  Bundesrate
einen  Bundesbeitrag  von  450,000  Franken  zu  beantragen.  (Für  die
1878er  Ausstellung  waren  345,000  Fr.  bewilligt  worden.)  —  Der
Nationalrat  bewilligt  am  21.,  der  Ständerat  am  23.  Dezember
425,000  Franken.

12.  Dezember.  Das  Militärdepartement  ordnet  die  endgültige
Durchführung  der  Organifsation  des  Landsturmes  bis  Ende
Januar  1888  an.

13.  Dezember.  (Wahl  der  Bundesräte  und  des  Präsidenten.)
  Die  Bundesversammlung  wählt  sämtliche  bestehenden
Bundesräte  für  die  neue  Amtsperiode  bis  1890  wieder.  Zum
Bundespräsidenten  für  1888  wird  mit  145  von  155  Stimmen  Herten
  stein,  zum  Vizepräsidenten  mit  125  von  144  Stimmen  der
Chef  des  Finanzdepartements  Hammer  gewählt.

13.  bzw.  22.  Dezember.  Das  Alkoholbudget  wird  vom
Bundesrat  genehmigt.

Dasselbe  ist  zu  einer  Einnahme  von  9.900,000  Fr.  für  60,000  Doppelzentner
  95gradige  Monopolware  und  400,000  Fr.  als  Monopolgebühr,
also  zusammen  mit  10.300,000  Fr.  veranschlagt.  Die  Ausgaben  find  auf
3.600,000  Fr.  für  Ankauf  von  40,000  Doppelzentner  ausländischen  und
von  20,000  Doppelzentner  inländischen  Sprit  festgestellt  und  für  verschiedene
Unkosten  sind  noch  1.690,000  Fr.  angenommen,  sodaß  der  an  die  Kantone
zu  verteilende  Ueberschuß  noch  5.010,000  Fr.  beträgt.

Die  Genehmigung  des  Nationalrats  erfolgt  am  22.  Dezember.

14.  Dezember.  Nationalrat:  genehmigt  das  Gesetz  über  die
Verlängerung  der  Dienstzeit  der  Offiziere.

Dieselbe  dauert  danach  im  Auszug  bis  zum  Ablauf  des  34.,  in  der
        <pb n="423" />
        Belgien.  (Januar  1.)  405

Landwehr  bis  zum  Ablauf  des  48.  Lebensjahres,  dann  erfolgt  der  Uebertritt
zum  Landsturm.  Die  Hauptleute  aller  Gattungen  treten  erst  mit  dem  38.
Altersjahre  zur  Landwehr,  die  Stabsoffiziere  können  während  ihrer  ganzen
Dienstzeit  sowohl  in  dieser  wie  im  Auszug  verwendet  werden.

14.  Dezember.  Ständerat:  nimmt  die  Veränderungen
des  Zolltarifs  unter  Zustimmung  zu  der  unwesentlichen  Anderungen
  der  Nationalratsbeschlüsse  mit  35  gegen  5  Stimmen  an.

15.  Dezember.  Nationalrat:  Berger  (Bern)  beantragt  Maßregeln
  zur  Anbahnung  eines  mitteleuropäischen  Zollverbandes,  zieht
den  Antrag  aber,  nachdem  Bundespräsident  Droz  auf  die
der  Ausführung  entgegenstehenden  Hindernisse  hingewiesen,  zurück.

20.  Dezember.  (Unfallstatistik.)  Nationalrat:  bewilligt
den  Kredit  von  50,000  Franken  für  1888  zur  Veranstaltung  von
Erhebungen  über  die  in  der  Schweiz  vorkommenden  Unfälle.

22.  Dezember.  (Anarchisten.)  In  Riesbach  bei  Zürich
werden  bei  einer  Haussuchung  viele  anarchistische  Schriften  und  eine
Kiste  Dynamit  vorgefunden  und  der  Besitzer  verhaftet.

24.  Dezember.  Schluß  der  Session  der  gesetzgebenden  Räte.

X.
Belgien.

1.  Januar.  Beim  Neujahrsempfange  hält  der  König  an
den  Senatspräsidenten  Grafen  Mérode  eine  Ansprache,  in  der  er  auf
den  schleppenden  Gang  der  Kammerverhandlungen  hinweist  und  die
ernste  Mahnung  ausspricht,  die  Kammern  möchten  sich  vor  allem
mit  der  Arbeiterfrage  befassen,  da  deren  Lösung  die  Vorbedingung
des  sozialen  Friedens  sei.

Januar.  (Arbeiterbewegung.)  Im  Kohlenbassin  von
Mons  (du  Borinage)  wird  eine  großartige  Arbeiterorganisation  geschaffen.
  Die  Arbeiter  gliedern  sich  in  große  korporative  Gesellschaften,
  welche  eigene  Bäckereien  und  Mehl-  und  Lebensmittelmagazine
einrichten.  Alle  Gesellschaften  bilden  einen  Bund,  dessen  Sitz  Mons
ist  und  der  eine  gemeinsame  „Widerstandskasse“  gründet.

In  Marchiennes-au-Pont  fordert  am  17.  eine  von  4000  Kohlengrubenarbeitern
  besuchte  Versammlung  die  Einführung  des  allge-
        <pb n="424" />
        406  Belgien.  (Januar  Mitte  —Februar  2.)

meinen  Stimmrechts  und  die  Einsetzung  von  Schieds=  und  Sühnegerichten.


Im  Kohlenbecken  von  Charleroi  finden  umfangreiche  Arbeitseinstellungen
  statt.

Mitte  Januar  bis  Mitte  Februar.  Infolge  der  steigenden
Spannung  der  allgemeinen  Lage  und  der  daran  geknüpften  Kriegs--befürchtungen
  trifft  das  Kriegsministerium  verschiedene  vorbereitende
  Maßregeln  für  eine  etwa  nötige  Mobilmachung  und  für  die
schnelle  Armierung  und  Verproviantierung  der  Festungen.  Auch  die
klerikale  Presse,  welche  sich  bislang  den  militärischen  Maßnahmen
gegenüber  ablehnend  verhalten  hat,  billigt  die  angeordneten  Vorbereitungen.


Die  Frage  der  belgischen  Neutralität  wird  vielfach  erörtert.
Es  zirkuliert  ein  Wort  des  Fürsten  Bismarck,  der  einem  belgischen
Diplomaten  gesagt  habe,  die  belgische  Neutralität  würde  am  besten
geschützt  sein,  wenn  Belgien  für  die  Ausrüstung  eines  tüchtigen
Heeres  sorge.

17.  Januar.  (Landesverteidigung.)  Der  „Progrès“,  das
Organ  des  Grafen  Oultremont,  veröffentlicht  ein  Gespräch  desselben
mit  General  Brialmont  über  die  Lage  der  Landesverteidigung,
welches  großes  Aufsehen  erregt.

Brialmont  bestreitet  entschieden,  daß  Belgien  130,000  Mann  in  das
den  stellen  könne,  wie  der  Kriegsminister  kürzlich  erklärt  hatte.  Auch  1870

abe  man  eine  Armee  von  104,000  Mann  als  vorhanden  bezeichnet;  nach

4  Wochen  habe  man  73,807  Mann  zusammengebracht;  in  dieser  Zahl  seien
dazu  noch  die  Bestraften,  Kranken,  die  Arbeiter  und  Krankenwärter  mit
eingerechnet.  Der  General  fordert,  daß  das  Ministerium  der  Kammer  und
dem  Lande  in  aller  Offenheit  die  Wahrheit  über  die  militärische  Lage  Belgiens
  sage  und  den  Patriotismus  anrufe.  Als  unabweisbar  beansprucht  er:
Erhöhung  des  Militäretats  von  47  auf  50  Millionen  Franken,  Erhöhung
des  Effektivbestandes  der  Armee  unter  Einführung  des  obligatorischen  perfsönlichen
  Militärdienstes  und  Herabsetzung  der  Dauer  der  Dienstzeit,  eine  Operationsarmee
  von  100,000  Mann,  Reserven  von  60,000  Mann.  In  drei
Armeekorps  eingeteilt  müsse  Antwerpen  die  Operationsbasis  im  Kriege  sein,
sanenen  müsse  sich  die  Armee  auf  die  Brückenköpfe  bei  Namur  und  Lüttich
tützen.

2.  Februar.  (Liberale  Partei.)  Die  zu  dem  Zwecke  einer
Verschmelzung  der  Brüsseler  liberalen  Parteien  seit  längerer  Zeit
betriebenen  Verhandlungen  der  Abgesandten  der  Association  libérale
und  der  liberalen  Liga  werden  endgültig  abgebrochen,  weil  die  Doktrinären
  das  Prinzip  der  Ausdehnung  des  Wahlrechts  auf  alle  des
Lesens  und  Schreibens  kundigen  Bürger  und  der  Aufhebung  des

Zensuswahlsystems  verwerfen.  Man  hatte  für  den  Fall  des  Ge-
        <pb n="425" />
        Felsien.  (Februar  6.—März  1—2.)  407

lingens  der  Vereinigung  beider  Grappen  dem  Sturze  des  klerikalen
Kabinetts  mit  Bestimmtheit  entgegengesehen.

6.  Februar.  Bei  der  Entlassung  des  Sozialisten  führers
Anseele  in  Gent  finden  größere  sozialistische  Kundgebungen  statt.

Viele  Arbeiterhäuser  haben  wioe  Fae  aufgesteckt  und  rote  Laternen
ausgehängt.  Bei  dem  Meeting  im  Hofraume  der  sozialistischen  Klubs
„Vooruit",  das  von  mehr  als  3000  Personen  besucht  ist,  werden  Begrüßungsreden
  gehalten,  in  denen  der  König  heftig  angegriffen  wird.  Der  franzöfische
Deputierte  Roche  begrüßt  Anseele  im  Namen  der  französischen  Sozialisten.

8.  Februar.  (Finanzen.  Allgemeine  Wehrpflicht.)
Kammer:  Finanzminister  Beernaert  legt  einen  Gesetzesentwurf
über  die  für  das  Jahr  veranschlagten  außerordentlichen  Ausgaben  vor.

Die  Forderung  beträgt  49½  Millionen  Franken,  wovon  19  ½  Millionen
  für  das  Heerwesen,  7  Millionen  für  die  Eisenbahnen  und  20  ⅛  Millionen
für  den  Ackerbau  eingestellt  sind.

Der  Heereskredit  soll  zur  Erneuerung  der  Infanteriegewehre  und  zur
Befestigung  von  Lüttich  und  Namur  verwandt  werden  und  ¼  des  gesamten
Erfordernisses  dafür  betragen.

Die  klerikale  Mehrheit  der  Kammer  verwirft  hierauf  den  Antrag
  des  Progressisten  Houzeau,  den  Gesetzesentwurf  über  die  allgemeine
  Wehrpflicht  sofort  nach  Erledigung  der  Budgets  und  vor
Beratung  der  Zollerhöhung  auf  Vieh  und  Getreide  vorzunehmen.

8.  Februar.  (Soziale  Reform.)  Der  Kammer  werden  die
Reformvorlagen  der  Regierung  zum  Schutze  der  Arbeiter  unterbreitet.

Nach  dem  ersten  Gesetze  werden  die  Arbeitgeber  gezwungen,  fortab
alle  Löhne  in  bar  auszuzahlen;  ein  zweites  Gesetz  will  der  Trunkenheit  ein
Ziel  setzen  und  das  dritte  die  Frauen=  und  Kinderarbeit  regeln.

19.  Februar.  Die  Untersuchungs-Kommission  über  die  Lage
des  Arbeiterstandes  spricht  sich  mit  14  gegen  3  Stimmen  für  die
Einführung  der  persönlichen  Wehrpflicht  aus;  5  Mitglieder
enthalten  sich  der  Abstimmung.

1.—2.  März.  (Maaslinie.)  Kammer:  Bei  Beratung  der
Heereskredite  interpelliert  Frôr#e-Orban,  der  frühere  Ministerpräsident,
  die  Regierung  über  die  projektierte  Befestigung  der  Maaslinie.

Er  spricht  gegen  die  von  der  Regierung  genährten  Besorgnifse  der
Bevölkerung  wegen  der  bedrohten  Neutralität  Belgiens,  sucht  den  Wert  der
Garantie  der  Mächte  hervorzuheben  und  findet  den  Hauptschutz  derselben  besonders
  bei  England.  Er  erklärt  die  Maasbefestigung  für  unnütz  und  gefährlich,
  da  Belgiens  Streitmittel  zu  ihrer  Verteidigung  nicht  ausreichten.
Sie  müßte  notwendig  eine  große  Verstärkung  des  Heeres  nach  sich  ziehen.
Die  befestigten  Lager  würden  nur  die  Städte  in  denselben  der  Beschießung
und  Zerstörung  aussetzen.

Der  Kriegsminister  macht  geltend,  daß  die  Masbefestigungen
nötig  seien,  um  eine  feindliche  Invasion  aufzuhalten,  ja  um  ihr  vorzubeugen,
mit  Antwerpen  als  einzigen  Stützpunkte  stünde  das  Land  der  Invasion  ofen.

Der  Finanzminister  hält  ebenfalls  die  Befestigung  für  unerläßlich.
        <pb n="426" />
        108  Helsien.  (März  22.—Mai  10.)

Er  habe  die  Gewißheit,  daß  die  Garantiemächte  den  Plan  der  Regierung
billigten  und  ebenso  die  Art,  wie  Belgien  stets  seinen  Pflichten  als  neutrale
Macht  nachgekommen  sei.  Bei  der  Loyalität  der  Mächte  sei  eine  Invasion
direkt  nicht  zu  fürchten.

22.  März  bzw.  29.  April  u.  7.  Juli.  Papst  und  Heeresfrage.


Der  „Courrier  de  Bruxelles“  dementiert,  daß  König  Leopold  Schritte
bei  dem  Papst  gethan  hätte,  um  die  Bischöfe  zu  bewegen,  ihre  Oppofition
gegen  die  allgemeine  Dienstpflicht  aufzugeben.  Ebenso  bestreitet  am  29.  April
das  „Journal  de  Bruxelles“  die  wiederholt  aufgetretene  Behauptung.

Dagegen  verlautet  am  7.  Juli  aus  Rom,  daß  thatsächlich  A#rhardlungen
  darüber  zwischen  der  Regierung  und  dem  Vatikan  gepflogen  wurden,
dieselben  seien  aber  im  Mai  abgebrochen  worden.

23.  März.  Das  Kriegsdepartement  beschließt,  für  die  Neubewaffnung
  der  Infanterie  das  Mannlicher-Repetiergewehr  mit  dem
8  Millimeterkaliber  einzuführen.

30.  März.  (Ungesetzlichkeiten.)  Kammer:  die  Regierung
wird  wegen  der  Auslieferung  der  Anarchisten  Groß  und  Neve  an
Deutschland  interpelliert.

Es  sei  falsch,  daß  dieselben  Vagabunden  gewesen  seien;  sie  waren
wohl  Sozialisten,  hatten  aber  ein  Tagesverdienst  von  3—5  Franken.  Der
Justi  zminister  gesteht  die  Ungerechtfertigtheit  des  Verfahrens  zu  und  verspricht,
  Schritte  wegen  der  Enthaftung  des  Groß  zu  thun.

4.  April.  Die  Kammer  genehmigt  die  Regierungsvorlage  betreffs
  Emission  einer  Anleihe  für  den  Kongostaat  mit  86  gegen
9  Stimmen.  Der  größte  Teil  derselben  soll  zum  Eisenbahnbau  am
Kongo  verwandt  werden.

10.—11.  April.  Kongreß  der  belgischen  Arbeiter  in
Charleroi  während  der  Ostertage.

Es  nehmen  etwa  800  Delegierte  teil.  Nach  langen  stürmischen  Debatten
  endet  der  Kongreß  mit  einer  Spaltung  der  sozialistischen  Partei,  da
alle  südbelgischen  Arbeiter  sich  von  der  Arbeiterpartei  lossagen,  die  keine
unmittelbar  revolutionäre  Bewegungen  hervorrufen  will.  Sie  schließen  sich
Défuisseaux  an,  welcher  allgemeine  Arbeitseinstellung  als  Zwangsmittel
und  gewaltsamen  Umsturz  predigt.

20.  April.  Der  aus  Elsaß-Lothringen  ausgewiesene  deutsche
Reichstagsabgeordnete  Antoine  erhält  vom  Minister  des  Innern
die  Erlaubnis  zum  Aufenthalte  in  Brüssel  unter  der  Bedingung,  zu
keinerlei  Manifestationen  Gelegenheit  zu  geben.

10.  Mai.  (Zölle.)  Kammer:  nimmt  den  Antrag  Dumonts
auf  Erhöhung  der  Eingangszölle  auf  Vieh  und  Getreide  mit  69
gegen  54  Stimmen  an,  5  Abgeordnete  enthalten  sich  der  Stimme.
Ministerpräsident  Beernaert  spricht  entschieden  gegen  die  Zollerhöhungen.
        <pb n="427" />
        Belgien.  (Mai  13.  —31.)  409

13.  Mai—Anf.  Juni.  Arbeitseinstellungen.

Eine  in  der  Kohlengrube  Boubier  bei  Chatelet  im  Hennegau  ausebrochene
  Arbeitseinstellung  verbreitet  sich  schnell  über  alle  Kohlenwerke  der
Previnz.  Die  Regierung  konfigniert  allenthalben  das  Militär  und  verbietet
die  Kundgebungen  der  Arbeiter,  welche  mit  roten  Fahnen  und  Musikkapellen
Aufzüge  veranstalten,  revolutionäre  Reden  halten  und  republikanische  Lieder
singen.  Doch  kümmern  sich  die  Arbeiter  nicht  um  das  Verbot.  Den  Kohlengrubenarbeitern
  schließen  sich  die  Metallarbeiter  an.  In  Mons,  Charleroi,
Brüssel,  der  ganzen  Borinage  und  Lüttich  wird  die  Arbeitseinstellung  ganz
allgemein;  dieselbe  erreicht  fast  die  gleiche  Ausdehnung  wie  im  Vorjahre,
am  Ende  des  Monats  beläuft  sich  die  Gesamtzahl  der  Streikenden  auf  mehr
als  30,000.  Die  Bewegung  verläuft  aber  im  ganzen  ruhig,  nur  an  einzelnen
Stellen  kommt  es  zu  unbedeutenden  Ruhestörungen  im  weiteren  Verlaufe.
Die  gesamten  bedrohten  Punkte  find  durch  Militär  besetzt.

Allmählich  bricht  eine  stärkere  anarchistische  Bewegung,  durch  die
Agenten  Dôfuisseaux'  ins  Leben  gerufen,  durch  und  es  erfolgen  mehrere  Dynamitattentate.
  Défuisseaux  erläßt  von  Paris  aus  einen  Aufruf  zur
offenen  Revolution,  indem  er  die  Gesamtheit  der  belgischen  Arbeiter  auf.
fordert,  am  Pfingstfeste  nach  Brüssel  zu  ziehen  und  dort  Brot  und  Freiheit
zu  erzwingen.

Am  27.  wird  durch  Verhaftung  des  französischen  Anarchisten  Biquely
in  Brüssel  ein  weitverzweigtes  Anarchistenkomplott  aufgedeckt,  dessen  Leitung
in  Händen  der  französischen  Anarchisten  liegt.  Es  sollte  die  Stadt  La  Louvière
  von  60  ausgewählten  Sendlingen  an  vielen  Orten  zugleich  durch  Dynamit
  in  die  Luft  gesprengt  und  gleichzeitig  auch  in  anderen  Städten  Massensprengungen
  durchgeführt  werden.  In  Brüssel  findet  am  1.  Juni  ein  von
Anarchisten  veranstaltetes  Meeting  statt,  auf  dem  sich  10,000  Menschen  versammeln.
  Es  wird  zum  Barrikadenbau  aufgefordert,  aber  es  erweist  sich
Anfang  Juni,  daß  der  Plan  einer  allgemeinen  Arbeitererhebung  scheitert.
Allmählich  nehmen  die  Streikenden  überall  die  Arbeit  wieder  auf  und  die
Bewegung  verläuft  ruhig.

30.  Mai.  (Liberale  Partei.)  Die  Fortschrittspartei  hält
in  Brüssel  einen  Kongreß  ab  unter  Beteiligung  von  über  500  Delegierten.


Janson,  zum  Präsidenten  gewählt,  weist  in  seiner  Eröffnungsrede
auf  die  kritische  age  des  Landes  sowie  auf  den  Notschrei  der  arbeitenden
Klassen  hin  und  tadelt  die  gleichgiltige  Haltung  der  Regierung,  welche  eine
Revolution  provoziere.

Die  Hauptfrage  des  Programms  bildet  die  Revifion  der  Wahlartikel
der  Verfassung.  Ghysbrechts  und  Lebrun  sprechen  für  die  Annahme  des
allgemeinen  Stimmrechtes,  Victor  Lynen  für  die  Formel  der  Antwerpener
Progressisten,  welche  das  Primarschulzeugnis  als  Bedingung  des  Wahlrechts
festsetzt.  Auf  einen  Antrag  von  Demeurs  wird  einstimmig  das  Perlangen
nach  Revision  ausgesprochen,  doch  wird  das  allgemeine  Wahlrecht  schließlich
bei  35  Stimmenthaltungen  mit  317  gegen  127  Stimmen  abgelehnt  und
endlich  mit  großer  Mehrheit  das  Wahlrecht  für  alle  des  Lesens  und  Schreibens
  Kundigen  gefordert.

31.  Mai—14.  bzw.  24.  Juni.  (Maaslinie.)  Kammer:
Beratung  der  Heere  kredite.

Die  Hauptfrage  dreht  sich  um  die  Befestigung  der  Maaslinie  d.  h.  die
Errichtung  zweier  großer  Befestigungen  um  Namur  und  Lüttich.  In
        <pb n="428" />
        410  Helsien.  (Juni  12.  —Juli  14.)

Ausschusse  erklärt  der  Kriegsminister,  daß  die  Truppen  völlig  zur  Bildung
einer  Feldarmee  und  zur  Besatzung  der  festen  Plätze  ausreichten.  Für  die  Feldarmee
  seien  65,000  Mann,  für  Antwerpen  25,000,  für  Lüttich  und  Namur  je
6000  Mann,  für  die  übrigen  Besatzungen  28,000  Mann  veranschlagt,  zusammen
  130,000,  soviel  betrage  die  Armee.

Der  Ausschuß  spricht  sich  für  die  Vorlage  aus,  nachdem  die  klerikale
Rechte,  um  einer  Ministerkrisis  auszuweichen,  das  Projekt  anzunehmen  beschlossen
  hatte.  Die  Hauptopposition  bildet  Frèere-Orban  gemäß  seinen  schon
früher  entwickelten  Ansichten.  Die  Abstimmung  ergiebt  81  Stimmen  für  die
Heeresgesetze,  41  dagegen.

Der  Senat  stimmt  dem  Gesetze  mit  großer  Mehrheit  am  24.  Juni  zu.

12.  Juni.  Bei  Ueberreichung  einer  Fahne  an  die  Artilleriedivision
  der  Brüsseler  Bürgergarde  zu  ihrem  50jährigen  Jubiläum

hält  der  König  eine  Ansprache,

in  der  er  auf  die  Notwendigkeit  der  stärkeren  militärischen  Rüstung
Belgiens  hinweist  und  einen  scharfen  indirekten  Tadel  gegen  das  Ministerium
und  die  klerikale  Kammermehrheit  einfließen  läßt,  welche,  obwohl  Gefahr
im  Anzuge  sei,  nicht  das  Nötige  thäten,  zur  Organisation  der  Landesverteidigung
  und  zur  Verbesserung  der  Lage  aller  Bevölkerungsklassen.

Die  Ansprache,  welche  in  Gegenwart  des  Ministers  des  Innern
  erfolgt,  erregt  großes  Aufsehen.

Das  offiziöse  „Journal  de  Bruxelles"  bestreitet  den  Tadel;  die  ultramontane
  „Schelde"“  antwortet  dem  Könige,  nie  werde  ein  aus  den  Wahlen
von  1884  hervorgegangenes  Kabinett  eine  Vorlage  der  allgemeinen  perfönlichen
  Wehrpflicht  einbringen.

15.  Juni.  Kammer:  bewilligt  den  von  der  Regierung  geforderten
  Kredit  von  2,800,000  Fr.  für  eine  große  internationale
Ausstellung  in  Brüssel  im  Jahre  1888.

5.—14.  Juli.  (Allgemeine  Wehrpflicht.)  Kammer:  Beratung
  des  Gesetzentwurfs  des  Grafen  d'Oultremont  (vgl.  Gesch.  Kal.
1886  XI,  23.)  auf  Einführung  der  allgemeinen  Wehrpflicht  und
Ausschluß  der  Stellvertretung.

Ministerpräfident  Beernaert  erklärt,  die  Regierung  huldige  zwar
dem  System  der  persönlichen  Ableistung  der  Militärdienstpflicht,  gleichwohl.
könnten  aber  nicht  alle  Staatsangehörigen  in  den  Militärdienst  eingestellt
werden,  da  hierunter  der  Staatsdienst  und  die  Religion  leiden  würden.  Die
obligatorische  Militärdienstpflicht  sei  in  Belgien  wegen  der  zu  großen  Kosten
unmöglich.  Die  Regierung  erkenne  es  an,  daß  das  Prinzip  der  militärischen
Stellvertretung  unmoralisch  sei.  Aus  der  Annahme  der  Vorlage  über  die
persönliche  Ableistung  der  Militärdienstpflicht  würde  die  Regierung  keine
Kabinettsfrage  machen.

Der  klerikale  Deputierte,  ehemalige  Justizminister  Woeste  spricht

egen  die  Vorlage:  die  Abschaffung  des  Einstehersystems  verkümmere  die
Friheit  der  Arbeiter.

Bei  der  Abstimmung  wird  der  Gesetzesantrag  mit  69  gegen
62  Stimmen  verworfen.  Die  Mehrheit  besteht  nur  aus  der  Rechten,
die  Minderheit  aus  40  von  der  Linken,  4  Mitgliedern  des  Kabinets
        <pb n="429" />
        Pelgien.  (August  15.—Septbr.  4.—8.)  411

und  18  anderen  Klerikalen,  darunter  den  14  Abgeordneten  von
Brüssel;  4  Abgeordnete  enthalten  sich  der  Stimmen.

15.  August.  Bei  der  Enthüllung  der  Denkmäler  der  alten
flandrischen  Freiheitskämpfer,  de  Breydel  und  Koninks  in  Brügge
hält  der  König  in  französischer  Sprache  eine  große  Ansprache,
in  der  er  auf  die  Notwendigkeit  der  Heeresreform  anspielt.

22.  August.  Vlamländischer  Kongreß  zu  Brügge.

Auf  demselben  werden  durch  zahlreiche  Redner  die  Forderungen  aufgestellt,
  daß  der  Unterricht  in  den  vlämischen  Landesteilen  in  allen  Schulen
in  vlämischer  Sprache  zu  erfolgen  habe;  daß  das  Strafrecht  an  den  Univerfsitäten
  in  Gent,  Brüssel  und  Löwen  in  derselben  Sprache  vorzutragen
sei,  daß  in  den  vlämischen  Gebieten  kein  Beamter  angestellt  werden  dürfe,
der  des  Vlämischen  unkundig  wäre,  und  daß  in  der  nächsten  sammen
ein  Gesetzesentwurf  eingebracht  werde,  der  den  Unterricht  im  Vlämischen
auch  in  der  Militärschule  anordne.

Prinz  Balduin,  welcher  zu  dem  Kongresse  eintrifft,  antwortet  dem
Schöffen  Fonteyn  auf  dessen  vlämische  Ansprach-  auf  vlämisch.  Kurz  vorher
war  ein  in  Tausenden  von  Exemplaren  verbreitetes  Flugblatt  erschienen,
worin  der  König  und  der  Bürgermeister  als  „Letiaerts“,  d.  h.  Anhänger
der  Lilie,  bezeichnet  werden,  weil  sie  durch  ihre  französischen  Reden  vor  dem
Monumente  der  Volkshelden  Breydel  und  de  Koninks  dasselbe  entweiht
hätten.  Dasselbe,  welches  Leopold  II.  als  Könip  der  Wallonen  und  Chef
dertfranzishen  Partei  Belgiens  bezeichnet,  soll  das  Machwerk  einiger  Stuenten
  sein.

23.  August—1.  September.  (Fischeraufruhr.)  In  Ostende
überfallen  die  Fischer  die  im  Hafen  eingelaufenen  englischen  Fischerböte,
  zerstören  die  Fischereigerätschaften  derselben  und  verhindern  sie
am  Löschen  der  Ladung.  Das  Einschreiten  der  Polizei  erweist  sich
als  unzulänglich,  den  Aufruhr  zu  dämpfen.  Die  Bürgergarde  wird
aufgeboten  und  erst  nach  Abgabe  einiger  scharfen  Salven  wird  die
Ruhe  hergestellt.  Die  Auftritte  wiederholen  sich  am  folgenden  Tage.
Es  gibt  eine  Anzahl  Toter  und  Verwundeter.  Die  Stadt  wird
militärisch  besetzt,  die  Hauptunruhestifter  verhaftet.  Auch  am  31.
wird  eine  einlaufende  englische  Schaluppe  am  Ladunglöschen  verhindert
  und  zum  Wiederabsegeln  gezwungen;  am  folgenden  Tage
endlich  die  Sicherheit  der  Löschung  der  eingelaufenen  Engländer  durch
Gendarmerie  und  Polizei  geschützt.

Die  Stadtbehörden  versprechen  den  Fischern,  daß  den  Engländern
  erst  dann  gestattet  werden  soll,  ihre  Ladung  zu  verwerten,
wenn  die  Belgier  ihre  Fische  verkauft  haben.  So  wird  allmählich
die  Ruhe  wieder  hergestellt.  Der  Vorfall  führt  zu  einem  diplomatischen
  Schriftwechsel  mit  der  englischen  Regierung.

4.—8.  September.  Katholisch-sozialistischer  Kongreß
zu  Lüttich.
        <pb n="430" />
        412  Selzien.  (Septbr.  10.—  Novbr.  8.  bzw.  9.)

In  der  Eröffnungsrede  sagt  Bischof  Doutreloux  von  Lüttich:  Alles
Uebel  stamme  von  der  französischen  Revolution.  Der  Staats-Sozialismus
sei  ebenfalls  verdammenswert;  die  katholische  Kirche  allein  vermüge  die  soziale
Frage  zu  lösen,  und  die  Staatsaktion  müsse  sich  an  die  der  Kirche  anlehnen
und  ihr  untergeordnet  sein.

Nach  der  feierlichen  Schlußsitzung  findet  eine  große  Arbeiterversammlung
  unter  dem  Vorsitze  des  Kardinalerzbischofs  von  Reims
und  der  Bischöfe  von  Lüttich  und  Tournay  statt.  Auch  Fürstbischof
  Kopp  von  Breslau  nimmt  an  dem  Kongreß,  wie  es  heißt
in  besonderem  Auftrage  des  Papfstes,  teil.

10.  Septbr.  General  Brialmont  wird  auf  sein  Ansuchen
der  Stelle  als  Chef  des  Generalstabes  enthoben  und  durch  General
Boyaert  ersetzt.

Anf.  Oktober.  (Sozialistenzwist.)  In  Gent  finden  fortgesetzt
  blutige  Schlägereien  zwischen  den  Sozialisten  des  „Vorruit“
und  der  revolutionär-anarchistischen  Partei  „Opstand“  statt,  sodaß
wiederholt  die  Polizei  einschreiten  muß.  Der  schon  lange  glimmende
Zwiespalt  beider  Richtungen  ist  durch  den  Straßenverkauf  der  Parteiblätter
  zum  Ausbruche  gebracht  worden.

16.  Oktober.  Bei  den  Gemeinderatswahlen  siegen  fast
durchgehends  die  Liberalen  über  die  Klerikalen  und  die  Sozialisten.

In  Brüssel  werden  14  Liberale  gewählt,  2  weitere  siegen  in  der  Stichwahl.
  In  Antwerpen  und  Lüttich  werden  die  liberalen  Gemeinderäte  wiedergewählt.
  In  Gent  stehen  den  5000  liberalen  nur  800  sozialistische  Stimmen
  gegenüber.  In  Mecheln  und  Mypern  fiegen  die  Klerikalen.  Die  Ruhe
wird  nirgends  gestört.

23.—24.  Oktober.  (Ministerwechsel.)  Der  Minister  des
Innern  und  des  Unterrichts,  Thonissen,  tritt  von  seinem  Posten
zurück  und  nimmt  sein  Lehramt  an  der  Universität  Löwen  wieder
auf,  an  seine  Stelle  tritt  der  Justizminister  de  Volders,  dessen
Platz  der  neu  ins  Kabinet  eintretende  Brüsseler  Advokat  Lejeune
erhält.

Dieser  gilt  für  den  besten  Redner  Belgiens  und  gehörte  bisher,  ohne
politisch  sonderlich  hervorgetreten  zu  sein,  den  konservativen  Liberalen  zu.
Da  auch  der  Ministerpräsident  eine  gemäßigte  Richtung  vertritt,  scheint  der
Berufung  Lejeunes  die  absicht  desselben  untergelegen  zu  haben,  sich  dem
übrigen  strenger  klerikalen  Kabinett  gegenüber  eine  Stütze  zu  schaffen.

Anf.  November.  In  Sübdbelgien  finden  erneute  umfangreiche
Arbeitseinstellungen  statt,  welche  aber  ohne  Störung  der  Ruhe
verlaufen.

8.  bzw.  9.  November.  (Wiedereröffnung  der  Kammern.

Finanzen.)  Eine  Thronrede  wird  nicht  verlesen,  da  das  gesamte
        <pb n="431" />
        Belgien.  (November  17.  —  Dezember  1.  -22.)  413

Programm  der  am  9.  November  des  vorhergehenden  Jahres  verlesenen
  fast  noch  der  Durchführung  harrt.

Am  folgenden  Tage  ersucht  der  wiedergewählte  Kammerpräsident
  de  Lantsheere  die  Kammer,  die  Beratung  der  sozialreformatorischen
  Gesetzentwürfe  der  Regierung  dringend  zu  beschleunigen.

Der  Finanzminister,  Ministerpräsident  Beernaert  gibt  eine
Darstellung  der  Finanzlage.

Der  Fehlbetrag  für  1885  ermäßige  sich  nach  dem  Rechnungsbschlusse
auf  800,000  Fr.;  das  Jahr  1886  weise  3,000,000  auf,  das  Jahr  1887
werde  9,000,000  Ueberschuß  ergeben.  Die  beantragten  Kreditforderungen
seien  für  den  Ausbau  von  Kultusgebäuden  und  für  die  Vermehrung  der
Militärpensionen  bestimmt.

17.  November.  (Fischeraufruhr.)  Kammer:  Erörterung
über  den  Aufruhr  infolge  der  Interpellation  de  Hemptinne.

Dieser  erklärt  als  Ursache  der  Unruhen  den  Niedergang  des  Stockfischfanges
  und  das  dadurch  unter  der  Bemannung  der  Segelboote  entstandene
Elend;  dies  alles  aber  sei  eine  Folge  des  Fischereivertrags  zwischen  den
Nordseestaaten,  welcher  daher  baldmöglichst  von  belgischer  Seite  gekündigt
werden  müsse.  Der  Vertreter  für  Ostende,  v.  Stuers,  bedauert,  daß  hierlands
  die  Bootmeister  keinen  Anteil  am  Gewinn  haben;  nimmt  aber  die
Großunternehmer  der  Segelfischerei  in  Schutz:  ihre  Lage  sei  unangenehm,
insofern  sie  für  die  Geldstrafen  ihrer  Untergebenen  haftbar  sind.  Er  empfiehlt
der  Regierung,  von  den  Engländern  eine  strengere  Handhabung  des  Vertrages
ihren  nachlässigen  Landsleuten  gegenüber  zu  fordern,  sowie  zur  besseren  Wahrung
  der  belgischen  Interessen  die  Anstellung  eines  Generalkonsuls  für  Großbritannien.
  Der  Minister  des  Auswärtigen  Prinz  von  Chimay,
der  als  Abgeordneter  gegen  den  Vertrag  gestimmt  hatte,  ist  nicht  der  Ansicht,
daß  Belgien  allein  aus  dem  internationalen  Vertragsverhältnis  ausscheiden
könne;  erklärt  sich  aber  zur  Ernennung  eines  Generalkonsuls  bereit,  das  Amt
werde  einem  der  belgischen  Konsuln  in  England  verliehen  werden.  Einstweilen
habe  die  belgische  Regierung  von  der  britischen  die  Zusicherung  erhalten,  daß  die
englischen  Gerichte  künftighin  auch  gegen  fahrlässige  Fischer  ihrer  Nationalität
vorgehen  werden.  Der  Minister  bestreitet,  daß  die  belgische  Fischerei  im
Abnehmen  sei.  Seit  1882,  wo  der  Vertrag  zwischen  den  Nordseestaaten  abgeschlossen
  worden  sei,  habe  der  Ertrag  sowohl  als  die  Zahl  der  Boote  zugenommen.
  Wenn  dennoch  das  Elend  sich  unter  der  Fischereibevölkerung
vergrößere,  so  rühre  dies  von  der  Vermehrung  der  Dampfboote  her.

1.—22.  Dezember.  (Vlämischer  Antrag.)  Kammer:  Bei
Beratung  der  Bedingungen  zur  Aufnahme  und  Beförderung  im
Offizierstande  stellt  der  Vlame  Koremans  einen  Antrag  des  Inhalts,
  daß  vom  1.  Januar  1890  niemand  mehr  solle  Offizier  werden
  können,  der  nicht  beider  Sprachen  mächtig  sei.  Der  Kriegsminister
  tritt  dem  Antrage  bei;  derselbe  führt  zu  überaus  erregten
Debatten,  wird  aber  am  15.  Dezember  mit  68  gegen  49  Stimmen
zum  Beschlusse  erhoben.

Der  Senat  verwirft  am  21.  hingegen  diesen  Antrag  und  beschließt
  einen  Zusatz  zum  Gesetze,  welcher  den  Unterricht  der  Offiziere
        <pb n="432" />
        414  Selzien.  (Dezember  7.—28.)

im  Blämischen  als  sehr  erwünscht  bezeichnet.  Minister  Lejeune
tritt  im  Namen  der  Regierung  dieser  Fassung  bei.

7.—9.  Dezember.  (Geschützfrage.)  Kammer:  Bei  der  Besprechung
  über  die  Lieferungen  des  Kriegsmaterials  bringt  der  Abg.
Neujean  (Lüttich)  die  Forderungen  der  belgischen  Großindustriellen
vor,  welche  auf  Beteiligung  an  den  Lieferungen  und  Uebergehung
Krupps  gerichtet  sind.

Der  Kriegsminister  General  Pontus  betont  die  Geneigtheit  der
Regierung,  auf  das  heimische  Gewerbe  besondere  Rücksicht  zu  nehmen.  Dasselbe
  werde  keineswegs  planmäßig  übergangen,  denn  auf  die  im  vergangenen
Jahrzehnt  ergangenen  Bestellungen  für  die  Artillerie  seien  von  21  Millionen
Franken  nur  2,7  Millionen  auf  das  Ausland  gekommen.  Für  die  Ausrüstung
  der  Festungswerke  werde  möglichst  viel  im  Inlande  bestellt  werden.
Im  Einverständnisse  mit  Ausländern  und  nach  ausgeschriebener  Verdingung
könnten  Festungspanzer  hier  verfertigt  werden.  Die  Lütticher  Kanomengleßer
sei  zu  gewissen  Studien  angewiesen,  namentlich  um  für  Schnellfeuergeschütze
Muster  zu  liefern  und  später  dieselben  selbst  anzufertigen,  sowie  um  Stahlblöcke
  im  Lande  darzustellen.  Keineswegs  aber  könne  die  Anschaffung  von
von  Geschützen  unterbrochen  werden,  daher  würden  schwere  Festungs=  sowie
Feldkanonen  nach  wie  vor  im  Auslande  bestellt.  Uebrigens  handle  es  sich
dabei  nur  um  400.000  Fr.  Es  komme  darauf  an,  dieselben  Geschütze  zu
beschaffen  wie  die  bereits  gebräuchlichen.  Der  Minister  erklärt  sich  entschieden
für  Kruppsche  Geschütze  und  verweist  auf  die  erfolgreichen  Versuche,  die  damit
in  Belgien  vorgenommen  worden,  sowie  auf  die  damit  gemachten  Kriegserfahrungen.


Nach  sehr  erregten  Debatten  beantragt  Neujean  folgende
Tagesordnung:

In  Erwägung,  daß  das  einheimische  Gewerbe  sofort  zur  Lieferung
von  Kriegsmaterial  zuzulassen  ist,  geht  die  Kammer  zur  Tagesordnung  über.

Die  Kammer  nimmt  aber  die  von  der  Regierung  gebilligte
Tagesordnung  der  Klerikalen,  welche  sich  von  den  Mitteilungen  des
Kriegsministers  befriedigt  erklären  und  das  Vertrauen  aussprechen,
daß  die  Regierung  für  das  heimische  Gewerbe  sorgen  werde,  mit  65
gegen  35  Stimmen  an.

28.  Dezember.  Der  Minister  des  königlichen  Hauses  Julius
van  Praet  x  im  81.  Lebensjahre.

Er  gehörte  1830  zu  der  Abordnung,  welche  nach  England  ging,  um
dem  damaligen  Prinzen  Leopold  von  Sachsen-Koburg  die  belgische  Krone
anzubieten  und  war  seitdem  mit  dem  Königshause  auf  das  engste  verbunden.
        <pb n="433" />
        Niederlande.  (Januar  19.—Februar  22.)  415

XI.

Niederlande.

19.  Januar.  (Norddeutscher  Lloyd.)  Erste  Kammer:  Der
ehemalige  Minister  Tak  van  Poortvliet  beschwert  sich,  daß  die
belgische  Regierung  die  Dampfer  des  norddeutschen  Lloyds  von  den
Lotsengebühren  auf  der  Schelde,  die  nach  dem  belgisch-niederländischen
  Vertrage  von  1839  zu  zahlen  seien,  befreit  habe,  und  fordert
Aufrechterhaltung  der  Rechte  Hollands.

Der  Minister  des  Auswärtigen  van  Karnebeek  erklärt,  die
Regierung  habe  bereits  deshalb  eine  Vorstellung  bei  der  belgischen
Regierung  gemacht.

26.  Januar.  (Budget.)  Die  erste  Kammer  nimmt  das  von
der  zweiten  festgestellte  Budget  für  1887  (vergl.  Gesch.  Kal.  1886
IX,  23.)  an.

Danach  ist  die  Ausgabe  auf  126,220,097  Gulden,  die  Einnahme  auf
115,973,075  Gulden  veranschlagt,  das  Defizit  also  auf  10,247,022  Gulden
oder  um  7,000,000  Gulden  herabgesetzt.

Anf.  Februar.  (Arbeiterdemonstrationen.)  Die  unbeschäftigten
  und  notleidenden  Arbeiter  durchziehen  fast  täglich  in
langem  Aufzuge  von  oft  mehr  als  1000  Köpfen  die  Hauptstraßen
Amsterdams.  Die  Sozialdemokraten  halten  wöchentlich  zweimal  eine
allgemeine  Brotausteilung.  Der  von  einer  Massendeputation  um
Abhilfe  der  Not  angegangene  Bürgermeister  verweigert  den  Empfang
und  läßt  die  Notleidenden  an  die  Kirchengenossenschaften  verweisen,
zu  der  jeder  gehöre.  Nur  wenn  deren  Mittel  nicht  zureichten,  könne
er  eintreten,  aber  auch  nur  nach  Aufbringung  der  gesetzlich  geforderten
  Beweismittel  jedes  einzelnen.

22.  Februar.  (Gegen  die  Sozialisten.)  In  Amsterdam,
wo  seit  längerer  Zeit  eine  starke  Erbitterung  des  Volkes  gegen  die
Sozialdemokraten  herrscht,  besonders  seit  am  Geburtstage  des  Königs
eine  gefälschte  Depesche  mit  seiner  Todesnachricht  durch  Rotterdamer
Sozialisten  verbreitet  worden  war,  kommt  es  in  der  Nacht  vom  22.
zum  23.  Februar  zu  großen  Schlägereien  und  Tumulten.

Mit  dem  Rufe:  Es  lebe  der  König!  stürmt  und  zerstört  das  Volk
den  Laden  der  sozialistischen  Buchhandlung  von  Fortuyn,  ebenso  das  Kaffeehaus
  zum  Löwen  von  Waterloo,  wo  der  Sammelpunkt  der  Sozialisten  ist,
hier  und  an  verschiedenen  andern  Orten  werden  Sozialistenführer  arg  gemißhandelt.
  Nur  mit  Mühe  vermag  die  Polizei  die  Bewegung  zu  dämpfen;
es  werden  23,  darunter  mehrere  schwer  Verwundete  in  die  Hospitäler  geschafft.
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        416  Niederlande.  (März  24.—  August  11.)

Schon  an  den  Tagen  vorher  waren  in  verschiedenen  Städten  kleinere
antisozialistische  Kundgebungen  veranstaltet  worden.

24.  März  bezw.  29.  April.  (Wehrvorlage.)  2.  Kammer:
Die  Regierung  verlangt  die  Ermächtigung  zur  Verlängerung  des
Dienstes  der  für  dieses  Jahr  befreiten  Land-  und  Marinemiliz  um
ein  Jahr.

Die  Regierung  glaubt  angesichts  der  bedeutenden  Rüstungen  verschiedener
  Staaten  mit  der  Möglichkeit  von  Komplikationen  rechnen  zu  sollen.

Eine  der  Kammer  zugegangene  vertrauliche  Note  gibt  Informationen  über
die  Streitkräfte  zu  Land  und  zur  See.

Die  Kammer  nimmt  am  29.  April  mit  40  gegen  19  Stimmen
die  Vorlage  an.

17.  Juni.  Die  2.  Kammer  beendigt  die  Beratung  der  Verfassungsrevision
  und  genehmigt  die  vorläufige  Wahlordnung.

Die  199  Artikel  der  alten  Verfassung  werden  um  2  vermindert,  55
völlig  umgearbeitet,  doch  werden  nur  die  Umrisse  vorgezeichnet,  welche  durch
spätere  besondere  Gesetzgebungsakte  ausgefüllt  werden  sollen.  Die  Zusammensetzung
  der  ersten  Kammer  wird  geändert,  indem  außer  den  Hochstbesteuerten
auch  hervorragenden  Würdenträgern  und  Gelehrten  der  Eintritt  eröffnet  wird.
Das  Stimmrecht  wird  durch  Herabsetzung  des  Wahlzensus  erweitert,  sodaß
danach  190000  statt  der  bisher  vorhandenen  125000  vorhanden  sind.  Die
Frage  der  Heeresdienstpflicht  ist  offen  gelassen.  (Vgl.  Gesch.  Kal.  1886  27.  Nov.)

27.  Juli.  (Amnestie.)  Am  Jahrestage  des  Amsterdamer
Sozialistenaufruhrs  erläßt  der  König  allen  noch  deshalb  in  Haft
befindlichen  ihre  Strafe.

Ende  Juli.  (Ostindien.)  Gegen  das  Fürstentum  Trumon
an  der  Grenze  Atschins,  welches  auf  die  Seite  der  Atschinesen  getreten
  ist,  wird  ein  Kriegszug  eröffnet;  die  Stadt  Kampong  von  der
Flotte  bombardiert.

Anfang  August.  Beginn  der  Anlegung  einer  Eisenbahn  zur
Erschließung  der  Umbilien-Kohlenlager  in  Westsumatra.

11.  August.  (Luxemburg.)  Die  „Luxemburger  Zeitung“,
das  Hauptorgan  des  Großherzogtums,  veröffentlicht  einen  Artikel,
dessen  Spitze  sich  gegen  jene  auswärtigen  Blätter  richtet,  welche  die
Nachfolgeberechtigung  des  Herzogs  Adolf  von  Nassau  als  bedroht
hingestellt  hatte.

Die  „Luxemburger  Ztg.“  erklärt,  daß  die  Rechte  des  Herzogs  unbestreitbar
  und  unbestritten  seien  und  daß  die  Luxemburger  sich  folglich  wegen
ihrer  Zukunft  nicht  beunruhigten.  Der  Artikel  wendet  sich  besonders  gegen
das  „J.  de  Bruxelles“,  welches  auf  eine  stille  Opposition  der  Luxemburger
gegen  die  künftige  Herrschaft,  auf  das  lutherische  Bekenntnis  des  Herzogs
und  auf  die  unabweisbaren  Kosten  eines  besonderen  Hofes  anspielte.  Die
„Luxemb.  Ztg.“  weist  diese  Einflüsterungen  als  perfid  zurück  und  beschuldigt
die  belgischen  Offiziösen,  dieselben  angeregt  zu  haben.  Ein  anderes  Brüsseler
Blatt  hatte  von  dem  Verlangen  zahlreicher  Luxemburger  gesprochen,  zu  Bel-
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        Niederlande.  (September  1.—23.  bzw.  26.)  417

gien  gehören  zu  dürfen.  Auch  diese  Voraussetzung  wird  nachdrücklich  abgewiesen.
  Die  Luxemburger  seien  weiter  vorgeschritten  als  die  Belgier  und
unter  dem  Zollverein  glücklicher  als  diese,  sowohl  in  wirtschaftlicher  als  in
sozialer  und  religiöser  Beziehung;  wenn  sie  sich  Sympathien  für  die  Belgier
bewahrt  hätten,  so  seien  das  persönliche  und  nicht  politische  Sympathien.
lsnt  der  alten  wie  unter  der  neuen  Herrschaft  wollen  wir  bleiben,  was
wir  sind."“

1.  September.  Das  Ergebnis  der  Neuwahlen  für  die
zweite  Kammer  ist,  daß  der  alte  Parteibestand  (47  Liberale,  20
Kalvinisten,  19  Ultramontane)  erhalten  bleibt.  Die  Wahlbeteiligung
war  sehr  gering.

2.  September.  Der  Sozialist,  frühere  Pfarrer  Domela
Nieuwenhuis,  der  wegen  Majestätsbeleidigung  zu  1  Jahr  Haft
verurteilt  seit  dem  19.  Januar  saß,  wird  begnadigt  und  entlassen.

Die  Sozialisten  der  Stadt  benutzen  trotz  seiner  Abmahnung  diesen
Anlaß  zu  lärmenden  Kundgebungen,  welche  aber  durch  Polizei  und  Militär
schnell  und  energisch  gedämpft  werden.

In  Rotterdam  und  Utrecht  finden  wiederum  aus  Anlaß  der  zur  Feier
der  Haftentlassung  Nieuwenhuis'  von  den  Sozialisten  veranstalteten  Festlichkeiten
  heftige  Tumulte  statt,  indem  die  antisozialistische  Menge  die
Versammlungslokale  der  Sozialisten  stürmt.

Bei  seiner  Ankunft  in  Amsterdam  wird  er  von  einer  großen  Volksmenge,
  worunter  allerdings  die  Mehrzahl  Neugierige,  empfangen.  Im  Volkspark
  findet  eine  Sozialistenversammlung  zu  seiner  Begrüßung  statt.

Ein  Vorstandsmitglied  begrüßt  den  der  Partei  wiedergegebenen  Führer
und  spricht  den  Fluch  über  die  Bourgeoisie  aus,  die  darauf  ausgehe,  Nieuwenhuis
  zu  vernichten.  Als  erster  Hauptredner  tritt  der  Sozialdemokrat
van  der  Stadt  auf,  der  zunächst  eine  Parallele  zwischen  dem  „durch  Geld
und  Genever  erkauften  Königsfest“  im  April  und  der  heutigen  „pfreiwillig
aus  dem  Herzen  des  Volkes  aufsteigenden  Kundgebung“  zieht  und  dann  zeigt,
wie  die  ganze  Bewegung  gegen  Nieuwenhuis  nur  die  Anhänglichkeit  an  den
Mann,  der  nach  Prof.  Pürsons  Behauptung  so  viel  Liebe  gepflanzt  hatte,
vermehrt  hätte.  In  demselben  Atemzuge  legt  der  Redner  seinen  Zuhörern
ans  Herz,  den  Worten  des  Heilandes:  „Liebet  eure  Feinde",  nicht  mehr  zu
folgen,  sondern  nur  Haß  und  zwar  den  tötlichsten  Haß  zu  säen.  „Auge
um  Auge,  Zahn  um  Zahn,  nichts  soll  geschont  werden,  weder  Frau  noch
Kind!  Ueben  wir  uns  im  Haß,  damit  die  Schläge  auf  die  Köpfe  unserer
Feinde  desto  dichter  und  kräftiger  fallen;  denn  nur,  wenn  der  Haß  unser
Führer  ist,  werden  wir  den  Sieg  erringen!“  Dann  ergreift  Nieuwenhuis
das  Wort.  Die  Schuld  seiner  Behandlung  sei  bei  den  Regierenden  und  der
Volksvertretung,  welche  die  Gesetze  machten,  durch  welche  ein  Mörder  und
ein  politischer  Verbrecher  auf  dieselbe  Weise  gestraft  werden;  wenn  diese
Herren  selbst  einmal  ins  Gefängnis  kommen  würden,  dann  würde  es  auch
anders  werden.  Nicht  gebessert,  sondern  verbittert  komme  er  aus  dem  Gefängnis
  und  nehme  er  seine  Stelle  in  den  Reihen  der  Unversöhnlichen  wieder
ein,  denn  er  wolle  in  den  Gliedern  des  streitenden  Proletariats  kämpfen!

23.  bezw.  26.  September.  Vorlegung  des  Budgets  für
1888.

Der  Entwurf  schließt  mit  einem  Fehlbetrag  von  12  /16  Mill.  Gulden
ab,  wozu  aus  den  Vorjahren  noch  ungefähr  dieselbe  Summe  kommt.  Ursache

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  27
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        418  Niederlande.  (Oktober  Anfang  —November  Ende.)

sind  die  großen,  gegenwärtig  in  der  Ausführung  begriffenen  öffentlichen  Arbeiten.
  Die  Schlußrechnungen  der  Jahre  1885—  1887  werden  voraussichtlich
Ueberschüsse  ergeben.  Der  Fehlbetrag  des  ordentlichen  Budgets  für  1888
soll  durch  den  Budgetüberschuß  von  Holländisch-Indien  gedeckt  werden.  Vorderhand
  ist  keine  Anleihe  erforderlich.  In  den  Ausführungen  zum  Budget
wird  hervorgehoben,  daß  angesichts  der  Erfordernisse  des  Staatshaushalts
die  Finanzverwaltung  mit  großer  Vorsicht  gehandhabt  werden  müsse.

Am  26.  wird  der  Haushalt  für  Indien  vorgelegt:

Die  Ausgaben  find  mit  138.876,522,  die  Einnahmen  mit  133.784,060
Gulden  berechnet,  was  also  einen  Fehlbetrag  von  5.092,462  Gulden  ergeben
würde.  Da  aber  unter  den  Ausgaben  6.774,340  Gulden  für  den  Bau  von
Eisenbahnen  und  1.140,000  Gulden  für  die  Herstellung  einer  telegraphischen
Verbindung  zwischen  Java,  Bali  und  Celebes  begriffen  sind,  also  einmalige
und  produktive  Ausgaben,  und  da  der  Verkaufspreis  für  Kaffee  (47  ·#  für
½  kg.)  weit  unter  dem  Marktpreis  angenommen  ist,  so  verschwindet  der
Fehlbetrag  thatsächlich  und  es  würde  sich  sogar  noch  ein  Ueberschuß  herausstellen.
  Der  Ertrag  der  Kaffee-Ernte  ist  aber  auf  400,000  Picols  (1  Picol
—  61,7  kg.)  geschätzt,  während  die  Telegramme  aus  Indien  die  Ernte  nur
auf  250,000  Picols  angeben.

Anfang  Oktober.  (Java.)  In  Beantwortung  einer  Interpellation
  in  der  ersten  Kammer  gesteht  der  Kolonialminister  die  Befürchtung

  einer  drohenden  Hungersnot  auf  Java  zu.

Er  erklärt,  man  müsse  Hilfe  bringen  und  zwar  zeitig  und  dürfe  nicht
warten  bis  bedenkliche  Unruhen  dieselbe  mit  gebieterischer  Notwendigkeit  fordern
  würden.

12.—14.  Oktober.  Die  zweite  Kammer  nimmt  die  Verfassungsänderung
  in  2.  Lesung  mit  der  erforderlichen  Zweidrittelmehrheit
  unverändert  an.  Auch  die  katholische  Gruppe  Schangman
stimmt  für  den  Entwurf,  nur  eine  kleine  Gruppe  starrster  Ultramontanen

  verhält  sich  ablehnend.

Der  Thronfolgeparagraph  stellt  nunmehr  fest,  daß,  wenn  ein
König  nur  Töchter  hat,  im  Falle  des  Mangels  männlicher  Erben  zuerst  die
alteste  Tochter  zur  Thronfolge  berufen  wird,  daß  aber,  wenn  letztere  vor
ihrer  Thronbesteigung  auch  mit  Hinterlafsung  von  Kindern  stirbt,  nicht
diese,  sondern  die  Tante  derselben,  also  die  Schwester  der  letzten  Thronerbin,
den  Thron  besteigen  muß.

Die  2.  Kammer  wird  hierauf  bis  auf  weiteres  vertagt.

16.  November.  Im  Haag  wird  der  Vertrag  über  den  Handelsverkehr
  mit  geistigen  Getränken  mit  den  Nordsfeefischern
  von  Deutschland,  England,  Frankreich,  Dänemark,  Belgien
und  den  Niederlanden  unterzeichnet  (vgl.  Deutsches  Reich  III,  18.).

30.  November.  Feierliche  Verkündigung  der  neuen
Verfassung.

Ende  November.  (Indien:  Hungersnot.)  Die  2.  Kammer
verwirft  einen  Antrag  zum  indischen  Budget,  der  dem  Kolonialminister
  aus  den  Ueberschüssen  der  Kaffeeernte  eine  Summe  von
        <pb n="437" />
        Nänem#ark.  (Januar  8.)  419

1  Million  Gulden  zur  Verfügung  stellen  wollte,  um  der  notleidenden
  Bevölkerung  zu  helfen.

Anf.  Dezember.  (Heeresreform.)  Der  Kriegsminister  erläßt
  eine  Verordnung,

welche  allen  jungen  Leuten,  die  sich  dem  seit  1870  errichteten  Freiwilligen-Vereinen
  zur  Abhaltung  von  Waffenübungen  anschließen,  bei  ihrem
Eintritt  in  die  Armee  bedeutende  Vorteile  gewährt.  Sobald  sie  dienstpflichtig
werden  und  genügende  Beweise  ihrer  Fertigkeit  in  der  Waffenübung  ablegen,
können  sie  alsbald  zu  Gefreiten  oder  Unteroffizieren  befördert  werden  und
noch  andere  Vorteile  z.  B.  hinsichtlich  des  Kasernenlebens  genießen.

Die  Einrichtung  soll  einen  Ersatz  für  die  deutsche  Einrichtung  des
Einzährig-Freiwilligen-Wesens  bieten.

19.  Dezember.  Die  2.  Kammer  genehmigt  das  Heeresbudget

  mit  den  außerordentlichen  Ausgaben  für  die  Verstärkung
der  „Festung  Holland“  mit  46  gegen  7  Stimmen.

Die  sämtlichen  Ausgaben  für  die  Landesverteidigung  für  das  nächste
Jahr  betragen  20.274,391  fl.  In  dieser  Summe  ist  auch  enthalten  die  einmalige
  Ausgabe  für  die  Umwandlung  der  bei  der  Armee  gebräuchlichen
Beaumont-Gewehre  in  Magazin-Gewehre  nach  dem  Muster  des  österreichischen
Mannlicher-Gewehres.  Die  hierfür  von  dem  Kriegsminister  geforderten  Mittel
wurden  ohne  namentliche  Abstimmung  genehmigt.

XII.

Dänemark.

8.  Januar.  Auflösung  des  Folkethings.

Entsprechend  der  Erklärung  der  Folkethingsmehrheit,  in  eine  sachliche
Prüfung  des  Budgets  eintreten  zu  wollen,  wenn  die  aus  den  provisorischen
Bestimmungen  sich  ergebenden  Ansätze  fortblieben  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886  X
13),  hatte  das  Folkething  das  Budget  einer  Kommission  zur  Prüfung  übergeben.
  Diese  legt  am  7.  Januar  ihren  Bericht  vor.  Derselbe  setzt  das  von
der  Regierung  im  Ordinarium  auf  eine  Einnahme  von  53.400,000  bei  einem
Erfordernis  von  62.500,000  Kronen  veranschlagte  Budget  in  Einnahme  und
Ausgabe  auf  49.300,000  Kronen  herab  und  streicht  neben  allen  aus  den
provisorischen  Maßnahmen  der  Regierung  erwachsenen  Auslagen  besonders
den  für  die  Gendarmen  von  dem  für  die  Befestigung  Kopenhagens  und  deren
Armierung,  ferner  für  Schiffsbauten,  wozu  die  Regierung  früher  erste  Raten
durch  provisorische  Finanzgesetze  sich  selbst  bewilligt  hatte,  geforderten  Extraordinarium
  von  9.300,000  Kronen  8.000,000.  Da  die  Genehmigung  dieser
Herabsetzungen  in  dem  zu  /8  aus  Oppositionellen  bestehenden  Folkethinge
außer  Zweifel  steht.  So  löst  der  König  das  Folkething  am  8.  auf;  der
Bericht  des  Finanzausschusses  lasse  keine  Hoffnung  auf  Verständigung  mit
dem  Folkething  zu  und  es  solle  darum  keine  Zeit  mit  den  Beratungen  im

lenum  vergeudet  werden.  Das  Folkething  geht  nach  einem  dreimaligen
och  auf  die  Verfassung  auseinander.

27*
        <pb n="438" />
        420  Dãnemark.  (Januar  28.  —Februar  20.)

Am  selben  Tage  noch  erscheint  ein  Manifest  der  gesamten  Op—
position,  in  dem  es  heißt:  „Zum  sechstenmale  hat  das  Ministerium  Estrup
das  Folkething  aufgelöst.  Es  hat  diesmal  den  Zeitpunkt  gewählt,  wo  das
Thing  mit  der  Hauptbehandlung  des  Finanzgesetzentwurfes  zu  beginnen  im
Begriff  stand.  Das  Ministerium  hat  im  voraus  die  Verhandlungen  über
ein  Finanzgesetz  abgebrochen,  das  nach  den  Anträgen  des  Ausschusses  höhere
Bewilligungen  als  irgend  ein  bisher  vom  Reichstage  angenommenes  gegeben
haben  würde,  das  aber  die  provisorischen  Gesete  der  Regierung  gut  zu  heißen
und  die  Staatskasse  mit  einem  Defizit  von  Millionen  für  die  Befestigung
von  Kopenhagen  zu  belasten  sich  weigert.  Um  diese  Fragen  wird  es  sich  im
Wahlkampfe  handeln.“

28.  Januar.  (Folkethingswahlen.)

Die  Opposition  verliert  7  Wahlkreise,  behauptet  also  von  den  102
Sitzen  noch  76.  Sie  verliert  aber  von  den  5  im  Jahre  1884  eroberten
Kopenhagener  Mandaten  4,  das  letzte  behauptet  der  Sozialdemokrat  Holm
mit  nur  30  Stimmen  Mehrheit  bei  13481  in  diesem  Bezirke  abgegebenen
Stimmen.  Die  regierungsfreundlichen  Stimmen  im  ganzen  Lande  zeigen
ein  starkes  Anwachsen.

Ende  Januar.  (Wahlmaßregeln.)  Die  Regierung  erläßt
ein  provisorisches  Gesetz,  welches  jeden  Beamten,  der  sich  gegen  die
Politik  der  Regierung  ausspricht,  mit  der  Verabschiedung  ohne
Pension,  jeden  pensionierten  in  diesem  Falle  mit  Verlust  der  Pension
bedroht.

1.  Februar.  Zusammentritt  des  neugewählten  Folkethings.
  Dasselbe  wählt  den  Präsidenten  des  alten,  Berg,  mit
60  von  84  Stimmen  wieder.

7.  Februar.  Budgetvorlegung  in  Folkething.

Die  Einnahme  ist  auf  53  Millionen,  die  Ausgabe  auf  59  Millionen
Kronen  berechnet,  es  find  also  über  3  Millionen  an  dem  im  Oktober  vorelegten
  Budget  in  den  Ausgabentiteln  gestrichen,  darunter  hauptsächlich
Aushaben  des  Heeresbudgets.

8.  Februar.  Der  Kriegsminister  legt  dem  Folkething  einen
Gesetzentwurf  vor,  der  4,1  Millionen  Kronen  für  Anschaffung  von
42,000  Stück  Repetiergewehren  nebst  Schießbedarf  fordert.

9.  Februar.  Der  Ausschuß  des  Landsthing  billigt  die  Regierungsvorlage
  über  die  Befestigung  Kopenhagens  und  die
dafür  geforderten  Mittel  von  54  Mill.  Kronen.

17  Mill.  sollen  für  die  Seebefestigung,  34½  Mill.  für  die  Landbefestigung
  und  2½  Mill.  für  die  der  Insel  Amager  nebst  den  Geschützausrüstungen
  verwandt  werden.

Die  Minderheit  des  Ausschusses  erklärt,  daß  der  Staat  derartigen
Ausgaben  nicht  zwachsen  sei  und  die  Kosten  der  Befestigung  in  keinem  Verhältnisse
  zu  der  fehr  aglichen  Sicherheit,  die  sie  gewähre,  stünden.

Bei  der  späteren  Beratung  im  versammelten  Hause  wird  der
Ausschußbeschluß  mit  36  gegen  30  Stimmen  genehmigt.

20.  Februar.  Das  Landsthing  nimmt  in  erster  Lesung  einen
        <pb n="439" />
        Daänemark.  (März  3.  —August.)  421

Antrag  Oxenböll  auf  Regelung  der  Polizeiverwaltung  auf
dem  Lande  an,  damit  die  provisorischen  Gesetze  über  die  Gendarmerie
und  die  außerordentlichen  Polizeimaßregeln  aufgehoben  werden
könnten.  Der  Justizminister  erklärt  sich  mit  dem  Antrage  einverstanden.


3.  März.  Im  Folkething  erklärt  Marineminister  Ravpn
auf  eine  Anfrage:

Die  europäischen  Mächte  wüßten  sehr  wohl,  daß  Dänemark  bei  einem
etwaigen  Konflikte  nur  eine  nach  allen  Seiten  freundliche  unparteiische
Neutralität  beobachten  würde.  Einzelne  Aeußerungen  gewisser  auswärtiger

Blätter,  welche  die  Absichten  Dänemarks  diesbezüglich  zu  verdächtigen  suchten,
würden  daher  keinen  Glauben  finden.

30.  bzw.  31.  März.  Folkethingspräsident  Berg  legt  „aus
politischen  Gründen“  sein  Amt  nieder;  an  seiner  Statt  wird  Tags
darauf  Hoegsbro  zum  ersten,  ferner  Bojsen  zum  Vizepräfidenten

gewählt.

Der  Rücktritt  Bergs  hängt  mit  dem  Widerstande  zusammen,  der  die
semälstgt  Opposition  unter  dem  Grafen  Holstein-Ledreborg  der  unveröhnlichen

  Ablehnungspolitik  der  Radikalen  gegenüber  der  Regierung  leistet.
1.  April.  Schluß  des  Reichstages.

Die  Haltung  der  Oppofition  während  der  verflossenen  Session  hat
entschieden  an  Schärfe  abgenommen,  da  in  ihren  Reihen  die  verföhnliche  Richtung
  die  Oberhand  gewonnen  hatte:  31  Regierungsvorlagen  sind  endgültig
beraten  und  meist  genehmigt  worden.  Hingegen  ist  über  das  Budget  eine
Einigung  nicht  erzielt,  indem  auch  die  gemäßigte  Opposition  in  der  Frage
der  Landbefestigung  Kopenhagens  und  der  Bewilligung  der  aus  den  provisorisch
  erlassenen  Gesetzen  erwachsenen  Kosten  auf  der  Ablehnung  beharrt.

1.  April.  (Provisorische  Budgetgenehmigung.)  Ein
Erlaß  des  Königs  ermächtigt  das  Ministerium  zur  Bestreitung  aller
zur  Führung  des  Staatshaushaltes  nötigen  Ausgaben.

April—Juli.  In  Kopenhagen  finden  wiederholt  Versammlungen
  von  Mitgliedern  der  Rechten  und  der  gemäßigten  Oppofition
statt,  um  eine  Grundlage  für  die  Aussöhnung  der  Mehrheiten
des  Folkethings  und  des  Landsthings  zu  schaffen  und  den
seit  15  Jahren  anhaltenden  Verfassungsstreit  zu  beseitigen.

15.  April.  Aufhebung  des  provisorischen  Gesetzes  vom
5.  Mai  1885  über  Einfuhr  und  Anschaffung  von  Waffen  und  Einübung
  im  Gebrauche  derselben  durch  ein  provisorisches  Gesetz.

Juli—August.  (Island.)  Der  „nedri  deild“,  das  Unterhaus
  des  seit  1.  Juli  tagenden  Altthings  beschließt  aufs  Neue  die
seit  1885  geforderte,  aber  von  der  Regierung  jedesmal  verworfene
Verfassungsänderung  (val.  Gesch.  Kal.  1885  XI,  19.).

Dieselbe  bezweckt  eine  Aenderung  des  staatsrechtlichen  Verhältnisses
        <pb n="440" />
        122  Dãunemark.  (August  Anf.  —Septbr.  3.)

zu  Dänemark,  sodaß  zwischen  beiden  Ländern  nur  eine  Personalunion  bestehen
  bliebe;  ferner  Abschaffung  des  Einspruchsrechts  des  Königs  gegen  die
Althingsbeschlüsse  und  des  besondern  Ministers  für  Island.

Die  politische  Spannung  mit  der  Regierung  hat  die  Auswanderung
in  diesem  Jahre  ungemein  gesteigert.  Die  Zahl  der  Ausgewanderten  in  der
7n  Hälfte  des  Jahres  beträgt  gegen  1500  bei  im  ganzen  70,000  Einwohnern.


Der  „efri  deild“,  das  Oberhaus  des  Althings,  verwirft  in
erster  Lefung  am  5.  August  die  Verfassungsrevision,  da  2  der  gewählten
  mit  den  vom  Könige  ernannten  Abgeordneten  stimmen.

Am  26.  August  wird  das  Althing  bis  1889  geschlossen.

Anf.  August.  (Aeußere  Politik.)  Auf  einer  großen  Versammlung
  der  Linken  zu  Kjöge  in  Östseeland,  welche  von  gegen
25,000  Männern  besucht  wird,  protestiert  Graf  Holstein-Ledreborg
gegen  die  mit  der  Befestigung  Kopenhagens  verbundenen  Ziele  der
dänischen  Politik,  die  Dänemark  ins  Unglück  zu  ziehen  drohten  und
der  Abg.  Lauritzen  legt  namens  der  dänischen  Demokratie  feierlich
Verwahrung  ein  gegen  die  Militär-Allianz  mit  Rußland  und  jede
feindliche  Haltung  gegen  Deutschland.

11.  August.  (Friedliche  Haltung.)  Die  „Berlingske  Tidende"“
  sagt  den  Aeußerungen  auswärtiger  Blätter  gegenüber:

Die  Befestigungen  Kopenhagens  beschränken  sich  auf  solche,  die  seit
15  Jahren  allen  ausländischen  Regierungen  bekannt  seien,  und  involvieren
folglich  nichts  aggressives.  Augenblicklich  werden  nur  wenige  Millionen
kostende  Feldbefestigungen  angelegt.  Eine  Rede  des  Kriegsministers  Bahnson
in  Sazkjobing  sei  von  der  Oppositionspresse  unrichtig  wiedergegeben  und
kommentiert  worden.  Die  Aeußerungen  des  Kriegsministers  stimmen  volltändig
  mit  den  Erklärungen  überein,  die  der  Marineminister  im  Folkething
im  Laufe  des  März  gethan,  nämlich  daß  die  Bestrebungen  Dänemarks  bei

eventuellen  Konflikten  nur  darauf  gerichtet  seien,  allen  Mächten  gegenüber
eine  gleich  freundliche  und  unparteiische  Neutralität  zu  behaupten.

26.  August.  Ankunft  des  russischen  aiserpaares  in
Kopenhagen.  Dasselbe  bezieht  das  Schloß  Fredensborg.

Der  Aufenthalt  des  Zaren  wird  bis  zum  16.  November  verzögert,
da  die  jüngsten  Kinder  desselben  an  den  Masern  erkranken.  Auch  die  Kinder
des  dänischen  Kronprinzenpaares,  der  Großfürst-Thronfolger,  mehrere  Töchter
des  Prinzen  von  Wales  und  der  Prinz  Georg  von  Griechenland  erkranken
daran  und  zuletzt  noch  der  Bruder  des  dänischen  Königs  Prinz  Johann
und  die  Prinzessin  Waldemar  von  Dänemark.

Außer  dem  Prinzen  von  Wales  hält  sich  auch  der  König  von  Griechenland
  längere  Zeit  in  Kopenhagen  auf.

3.  September.  Neben  weiteren  Kundgebungen  gegen  die  chauvinistischen
  Gelüste  des  Kriegsministers  und  eines  Teils  der  Rechten,
welche  von  verschiedenen  Versammlungen  der  Linken  gegeben  werden,
faßt  eine  Versammlung  des  dänischen  Friedensvereins  in  Stokkemarke

  auf  Laland  einstimmig  eine  Resolution,  in  der  es  u.  a.  heißt:
        <pb n="441" />
        Dãnenark.  (Oktober  3.  —  Dezember  21.)  423

„Wir  würden  es  sehr  beklagen,  wenn  sich  in  Deutschland  die  Vor—
stellung  ausbreitete,  daß  das  dänische  Volk  geneigt  wäre  zu  einer  gegen
Deutschland  gerichteten  Allianz-Politik.  Wir  sehen  sehr  wohl  ein,  daß  wir
durch  eine  solche  Politik  das  Bestehen  unseres  Vaterlandes  einer  drohenden
Gefahr  aussetzen  würden.  Diese  Erkenntnis  wird  im  großen  und  ganzen
von  den  politischen  Parteien  geteilt.  .  .  .  Wir  halten  es  für  richtig,  dies
auszusprechen,  und  wir  ganz  besonders  deutsche  Zeitungen  jeder
Parteifarbe  um  Aufnahme  dieser  unserer  Erklärung.“

3.  Oktober.  Wiedereröffnung  des  Reichstages.

Das  Landsthing  wählt  den  frühern  Präfidenten  Liebe,  das  Folkething
Hogstbro  (gemäß.  Oppos.)  zu  Präfidenten.

4.—Mitte  Oktober.  Budgetvorlage  im  Folkething.

Der  Ministerpräsident  und  Finanzminister  Estrup  legt  das  Budget
für  1887/88  por,  welches  nach  den  Landsthingsbeschlüssen  auf  53½  Mill.
Kronen  Einnahmen  und  59.1  Mill.  Ausgaben  festgestellt  und  vom  Könige
provisorisch  genehmigt  war.

Das  Budget  für  1888/89  ist  in  den  Einnahmen  zu  53.8,  in  den
Ausgaben  zu  55.9  Mill.  Kronen  angesetzt,  das  Defizit  also  von  6  auf  2
Mill.  vermindert.  Das  Defizit  verwandelt  sich  aber  in  einen  Ueberschuß  von
200,000  Kr.,  da  durch  Auszahlung  der  Amsterdamer  Anleihen  von  1764
und  1785  und  der  Antwerpener  von  1788  nebst  andern  Schulden  in  Höhe
von  2.278,000  Kr.  die  Staatsschuld  getilgt  werden  soll.  Die  Ausgaben  für
Landesverteidigungszwecke  sind  um  5  Mill.  herabgesetzt.  Es  fehlen  die  Ansätze
  für  die  Befestigung  Kopenhagens,  indem  der  Kriegsminister  darüber
dem  Folkething  zwei  besondere  Vorlagen  betr.  der  Land=  und  der  Seebefestigung
  unterbreitet,  wie  sie  das  Landsthing  bereits  genehmigt  hat.

Das  Folkething  verwirft  das  Budget.  In  der  Debatte  erklärt
  am  13.  Graf  Holstein-Ledreborg:

Eine  Verständigung  sei  nicht  möglich,  solange  nicht  das  verfassungsmäßige
  Recht  der  Kammer  geachtet  und  die  seit  zwei  Jahren  an  die  Stelle
der  interimistischen  Budgetbewilligung  getretenen  „provisorischen  Finanzgesetze"
wieder  beseitigt  würden.  Das  diesmal  vorgelegte  Budget  enthalte  allerdings
Anzeichen,  die  auf  ein  Entgegenkommen  der  Regierung  schließen  lassen.
Scherling  spricht  vom  Standpunkt  der  gemäßigten  Rechten  und  versichert,
daß  jedes  Entgegenkommen  der  Linken  bereitwillig  erwidert  werden  würde.
Berg  setzt  in  einer  1½stündigen  Rede  auseinander,  daß  dem  Ministerium
Estrup  kein  Oer  bewilligt  werden  dürfe.

20.  Oktober.  Der  Reichstag  wird  infolge  der  Budgetverweigerung
  durch  offnen  königlichen  Brief  bis  zum  5.  Dezember  vertagt
  und  ein  provisorisches  Gesetz  veröffentlicht  betr.  Ermächtigung
der  Regierung  zu  den  Steuererhebungen  und  zur  Bestreitung  der
nötigen  Ausgaben.

7.  Dezember.  Nachdem  der  Reichstag  am  5.  wieder  zusammengetreten
  ist,  beantragt  Graf  Holstein-Ledreborg  im  Folkething,
  das  von  der  Regierung  noch  nicht  wieder  vorgelegte  vorläusige
  Budget  vom  1.  April  zu  verwerfen.  Die  Kammer  verwirft  es
durch  eine  motivierte  Tagesordnung  mit  allen  gegen  17  Stimmen.

21.  Dezember.  Das  Folkething  verweist,  nachdem  der  Minister-
        <pb n="442" />
        424  Schweden  und  Norwezen.  (Januar  Anf.—Februar  2.)

präsident  Estrup  das  vorläufige  Finanzgesetz  für  1887/88  wieder
vorgelegt  hat,  mit  73  gegen  9  Stimmen  dasselbe  an  einen  Ausschuß.

Graf  Holstein-Ledreborg  bemerkt,  eigentlich  sei  das  Gesetz  gar
nicht  mehr  vorhanden,  da  es  ja  schon,  bevor  die  Regierung  es  vorgelegt,
auf  seinen  Antrag  bereits  vor  acht  Tagen  durch  eine  begründete  Tagesordnung
  vom  Hause  mit  allen  gegen  17  Stimmen  verworfen  und  somit  für
ungültig  erklärt  worden  sei.  Da  die  jetzige  Vorlage  aber  auch  Ausgabebewilligungen
  für  den  Rest  des  Finanzjahres  enthalte,  die  nicht  so  ohne
weiteres  abgelehnt  werden  dürften,  weil  die  Regierungspartei  das  so  auslegen
  könnte,  als  wolle-die  Oppofition  eine  Auflösung  der  Kammer  herausfordern,
  so  müsse  man  schon  darauf  eingehen.  Berg  begehrt  eine  rücksichtslose
  Verwerfung  der  Vorlage;  die  Mehrheit  aber  ist  für  die  Verweisung  an
den  Ausschuß;  5  Abgeordnete  schweigen,  13  sind  abwesend.

XIII.
Schweden  und  Norwegen.

Anf.  Januar.  (Norwegen.)  Das  Christianiaer  „Morgenblad“
  bringt  unter  der  Ueberschrift  „die  Sverdrupsche  Kapitulation“
  die  Mitteilung,  daß  das  Kabinet  Sverdrup  in  dem  Zwiespalte
  mit  dem  Könige  über  das  von  der  demokratischen  Partei,
der  das  Ministerium  angehört,  bestrittene  absolute  Veto  der  Krone
in  Verfassungsfragen  sich  nach  Zustimmung  des  demokratischen  Vereins
  der  Anschauung  des  Königs  unterworfen  habe.

Anf.  Januar.  (Norwegen.)  Bei  den  Gemeinderatswahlen
  in  den  Städten  verdrängt  die  konservative  Partei  die  liberale
aus  mehreren  Städten,  überall  zeigt  sich  ein  starkes  Anwachsen  der
konservativen  Stimmen.

18.  Januar.  (Schweden.)  Eröffnung  des  Reichstags.

Die  Thronrede  sagt,  die  Finanzabrechnung  habe  bedeutende  Ueberschüsse
  ergeben;  die  Ernte  des  vorigen  Jahres  sei  ziemlich  gut  gewesen,  doch
litten  Handel  und  Industrie  unter  dem  auch  andere  Länder  beherrschenden
Drucke,  indes  sei  eine  baldige  Besserung  zu  erwarten.  Neue  Vorlagen  würden
betreffen:  den  Verkehr  zwischen  Norwegen  und  Schweden,  die  Umänderung
der  Privatzettelbanken,  ein  neues  Preßgesetz,  ein  Firmengesetz  für  das  Handelsregister,
  einen  Entwurf  über  die  Branntweinproduktion.  In  Aussicht
genommen  sei  eine  Reform  des  Schulwesens.

2.  Februar.  (Norwegen.)  Eröffnung  des  Storthings.

Die  Thronrede  kündigt  u.  a.  Gesetzesvorschläge  betr.  der  Heeresorganisation
  und  des  gerichtlichen  Verfahrens  in  Strafsachen  an.

Die  dem  Storthing  vorgelegte  Finanzübersiche  weist  1.041,000
Kronen  Ueberschuß  aus  dem  vorigen  Finanzjahre  —  nämlich  43.541,000
Einnahmen  gegen  42½  Mill.  Ausgaben  —  nach;  das  neue  Budget  beläuft
        <pb n="443" />
        Schweden  und  Nerwezen.  (Februar  Ende—Juli  Anf.)  425

sich  in  Einnahme  und  Ausgabe  auf  44.100,000.  Apanagen  für  die  Prinzen
Oskar,  Karl  und  Eugen  find  nicht  eingestellt,  das  außerordentliche  Heeresbudget
  fordert  390,000  Kronen,  hauptsächlich  zur  Beschaffung  von  Artillerie
und  580,000  Kronen  zum  Neubau  von  Kriegsschiffen  bes.  Torpedobooten.

Ende  Februar.  (Norwegen.)  Beide  Kammern  verwerfen
den  Vorschlag  auf  Einführung  der  obligatorischen  Zivil-Ehe
mit  überwiegender  Mehrheit.

5.  März.  (Schweden.)  Auflösung  der  zweiten  Kammer.

Die  Kammer  beschloß  tags  zuvor  entgegen  den  Bemühungen  der  Regierung
  und  dem  Beschlusse  der  ersten  Kammer  mit  111  gegen  101  Stimmen
die  von  den  Agrariern  geforderte  Erhöhung  der  Getreidezölle.  Daraufhin
  erfolgte  die  Auflösung,  die  erste  seit  der  Einführung  der  Verfassung
von  1866,  weil  auch  die  sonst  verfassungsmäßig  vorzunehmen  gewesene  gemeinsame
  Abstimmung  beider  Kammern  voraussichtlich  für  die  Zölle  hätte
ausfallen  müssen.

Die  im  Laufe  des  folgenden  Monats  vorgenommenen  Neuwahlen
  ergeben  eine  Mehrheit  gegen  die  Getreidezölle  von  60
Stimmen.

25.  April.  (Norwegen.)  Das  Odelsthing  verwirft  mit
44  gegen  40  Stimmen  den  Beitritt  zur  internationalen  Litterarkonvention;
  begründet  wird  die  Ablehnung  mit  dem  Hinweis  auf
den  Nichtanschluß  Dänemarks  und  Schwedens.

17.  Mai.  (Norwegen.)  Am  „Freiheits=  und  Verfassungstage“
  überreicht  zu  Christiania  in  einem  von  Tausenden  gebildeten
Aufzuge  unter  Vorantragung  weißer  Fahnen  mit  den  Ausfschriften:
„allgemeines  Stimmrecht  und  Normalarbeitstag“  eine  Arbeiterdeputation
  dem  Storthingpräsidenten  Nielsen  (Ultrademokrat)  eine
Adresse  mit  der  Forderung  des  allgemeinen  Stimmrechtes.
Nielsen  erklärt,  daß  er  hoffe,  daß  dieses  Losungswort  bei  der  nächsten
Storthingswahl  als  Programm  aufgestellt  werden  würde;  in  der
gegenwärtigen  Storthingsperiode  könne  die  Frage  noch  keine  befriedigende
  Lösung  erhalten.

Mitte  Juni—Anf.  Juli.  (Norwegen.)  Das  Odelsthing  beschließt
  mit  42  gegen  39  Stimmen  gegen  den  regierungsseitig  durch
Vermittelung  des  2.  Storthingspräsidenten  Nielsen  gemachten  Vorschlag
  die  Kirchengemeinderats-Gesetzesvorlagen  schon  in
der  gegenwärtigen  Session  in  Beratung  zu  ziehen.

Die  Absicht  der  radikalen  Demokraten  ist  durch  Ablehnung  der  Vorlage
  das  von  seiner  ursprünglich  ganz  demokratischen  Richtung  abgewichene
Ministerium  Sverdrup  zu  stürzen;  nur  die  gemäßigten  Demokraten  haben
sich  der  Schwenkung  des  Ministeriums  angeschlossen.  Obgleich  aber  bei  der
weiteren  Beratung  der  Vorlage  im  Storthing.  dieselbe  mit  überwiegender
Stimmenmehrheit  verworfen  wird,  tritt  das  Ministerium  doch  nicht  zurück
        <pb n="444" />
        426  Schweden  und  Norwegen.  (Juli  5.—Dezbr.  Ende.)

und  selbst  der  Urheber  der  Vorlage,  der  Neffe  des  Ministerpräsidenten  Jakob
Sverdrup  bleibt  im  Amte,  trotzdem  früher  der  Ministerpräsident  gedroht
hatte,  bei  der  Vorlage  die  Kabinettsfrage  zu  stellen.  Jakob  Sverdrup  läßt
erklären,  daß  er  damit  einem  besonderen  Wunsche  des  Königs  folge.  Der
Zwiespalt  zwischen  dem  Ministerium  und  dem  linken  Flügel  der  demokratischen
  Partei  verschärft  sich  dadurch  noch  mehr.

Das  der  Rechten  zugehörende  Christianiaer  „Morgenblad"“  schreibt  zu
dieser  Haltung  des  Ministeriums:  „Hiernach  kann  man  also  die  parlamentarische
  Regierungsform  als  von  dem  Ministerium  aufsgegeben  betrachten,
und  hiezu  beglückwünschen  wir  das  Land.  Der  Ministerpräsident  Sverdrup,
welcher  seit  1860,  als  er  begann,  für  die  Teilnahme  der  Minister  an  den
Storthingsverhandlungen  zu  sprechen  und  zu  stimmen,  der  wärmste  Vorkämpfer
  für  die  Einführung  des  Parlamentarismus  in  Norwegen  gewesen
ist,  hat  hiemit  die  Thaten  eines  ganzen  Lebens  desavouiert.  Daß  mehrere
seiner  Gesinnungsgenossen,  die  noch  an  der  Theorie  festhalten,  höchst  erbittert
sind,  ist  nicht  anders  zu  erwarten.  Kraft  seiner  Prinzipien  im  Amte  zu
bleiben,  wie  es  die  alte  Regierung  that,  verdient  alle  Ehre  bei  Gegnern  wie
Gefinnungsgenossen.  Zu  bleiben  trotz  seiner  Grundsätze,  bringt  keine  Ehre
weder  bei  Freunden  noch  Gegnern.“

5.  Juli.  (Norwegen.)  Das  Storthing  genehmigt  einstimmig
die  dem  Heere  eine  neue  milizartige  Organisation  gebende  Wehrvorlage.


Juli—August.  (Norwegen.)  Nachdem  das  Storthing  die
Einführung  der  Geschwornengerichte  beschlossen  hat,  gibt  der
dieser  Einrichtung  nicht  geneigte  Justizminister  Sörenssen  seine
Entlassung.  Dieselbe  wird  aber  vom  Könige  nicht  angenommen,
sondern  Sörenssen  beauftragt,  dem  nächsten  Storthing  eine  Vorlage
über  die  Kosten  der  neuen  Gerichtsverfassung  zu  unterbreiten,  da
der  Widerstand  der  konstitutionellen  Partei  und  des  Justizministers
sich  hauptsächlich  gegen  den  durch  die  Schwurgerichte  nötigen  größeren
Kostenaufwand  gerichtet  hatte.  Die  Demokraten  fordern  hierauf  von
Sörenssen,  er  solle  das  königliche  Handschreiben  ganz  unberücksichtigt
lassen,  dieser  aber  veranstaltet  Erhebungen  bei  den  Justizbehörden
als  Vorarbeit  für  die  Ausarbeitung  des  vom  Könige  begehrten  Kostenanschlags.


Ende  Juli.  (Norwegen:  Radikale  Demokratie.)  Eine
in  Drontheim  tagende  Versammlung  von  Abgeordneten  der  demokratischen
  Vereine  des  Landes  spricht  sich  gegen  die  Haltung  des
Ministeriums  aus  und  faßt  eine  Anzahl  radikaler  Resolutionen.

Es  wird  das  allgemeine  Wahlrecht,  die  strenge  Durchführung  des
parlamentarischen  Regierungssystems,  die  Trennung  der  diplomatischen  und
konfularischen  Vertretung  Norwegens  im  Auslande  von  derjenigen  Schwedens
und  die  Aufhebung  der  norwegischen  Vize-Königschaft  gefordert.

September—Ende  des  Jahres.  (Schweden.)  Die  infolge
Ablaufs  der  Legislaturperiode  erforderlich  gewordenen  Neuwahlen
        <pb n="445" />
        Schweden  und  Nerwezen.  (Oktober  Mitte  —Dezember.)  427

zur  zweiten  Kammer  ergeben  für  die  Schutzzöllner  von  den  222
Mandaten  nur  97.  Da  aber  bei  den  Wahlen  der  22  Stockholmer
Abgeordneten,  in  welchen  die  22  demokratisch-freihändlerischen  Kandidaten
  siegen,  während  die  Schutzzöllner  die  nächsthöchste  Stimmenzahl,
  die  gemäßigten  Freihändler  der  ministeriellen  Partei  dagegen
erst  die  dritte  Stelle  erreichen,  infolge  der  Wahl  eines  nicht  wählbaren
  Kandidaten  die  demokratischen  Mandate  vom  Oberstatthalteramte
  für  ungiltig  erklärt  werden  und  somit  nach  der  Verfassung  die
schutzzöllnerischen  Kandidaten  an  ihre  Stelle  treten,  erlangen  die
Schutzzöllner  in  der  zweiten  Kammer  die  Mehrheit.

Der  höchste  Gerichtshof  bestätigt  am  17.  November  die  Entscheidung
des  Oberstatthalters  und  die  Neuauszählung  der  Stimmen  ergibt  dasselbe
Resultat,  sodaß  am  28.  Dezember  der  Eintritt  der  Schutzzöllner  in  den
Reichstag  vom  Oberstatthalter  verkündigt  wird,  nachdem  die  Gerichte  die
Anfechtung  der  Wahlen  derselben  durch  die  Freihändler  verworfen  haben.

Durch  die  Ergänzungswahlen  zur  ersten  Kammer  stellt
sich  in  dieser  das  Verhältnis  der  schutzzöllnerischen  Stimmen  zu  den

freihändlerischen  auf  76  zu  69.

Mitte  Oktober.  (Norwegen:  Ministerkrisis.)  Infolge
der  Ablehnung  des  Kirchengemeindegesetzes  entsteht  im  Ministerium
ein  Zwiespalt,  da  die  der  Linken  angehörenden  Mitglieder  desselben
Aritander  (Inneres),  Astrup  (öffentl.  Arbeiten)  und  Kildel  den  Rücktritt
  Jakob  Sverdrups  fordern.  Da  dieser  im  Einvernehmen  mit
dem  Ministerpräsidenten  Johann  Sverdrup  und  den  übrigen  Ministern
diese  Zumutung  zurückweist,  fordern  die  ersten  3  ihre  Entlassung.
Erst  der  persönlichen  Vermittlung  des  Königs,  der  am  19.  mit  den
norwegischen  Mitgliedern  der  Stockholmer  Staatsrats-Abteilung  in
Christiania  eintrifft,  gelingt  es,  den  Zwiespalt  zu  heben  und  das
ganze  Ministerium  bis  zur  Entscheidung  des  Storthings,  d.  h.  bis
Februar  1888,  vorläufig  im  Amte  zu  erhalten.

November  —  Dezember.  (Schweden.)  Verhandlungen  des
Königs  mit  dem  Erzbischofe  von  Upsala,  Dr.  Sundblad,  und  dem
Oberstatthalter  von  Stockholm,  Frhrn.  v.  Bildt,  behufs  Bildung
eines  neuen  Ministeriums  aus  der  konservativ'schutzzöllnerischen
Mehrheit,  da  der  Rücktritt  des  Kabinetts  Themptander  angesichts  des
Ausfalles  der  Stockholmer  Wahl  unvermeidlich  geworden.

Es  verlautet,  daß  Sundblad  die  Bildung  eines  Kabinetts  angenommen
  habe,  aber  verlange,  daß  das  alte  Kabinett  bis  zum  Zusammentritte
des  Reichstags  am  15.  Januar  1888  im  Amte  bleibe,  um  das  Budget  vorzulegen,
  das  ein  neues  Ministerium  wegen  der  Kürze  der  Zeit  bis  dahin
nicht  fertig  stellen  könne.
        <pb n="446" />
        428  Schweden  und  Norwezen.  (Dezember  Mitte.)

Mitte  Dezember.  (Schweden.)  Der  im  vorigen  Jahre  zur
Beratung  der  Mittel  und  Wege,  wie  der  gedrückten  wirtschaftlichen
Lage  im  ganzen  Lande  abzuhelfen  sei,  eingesetzte  Wohlfahrtsausschuß
schlägt  vor:

Zux  Förderung  des  Ackerbaues,  daß  zu  Verbesserungs-Unternehmungen
ein  Darlehensfonds  von  drei  Millionen  Kronen  gegründet  werde.  Zur  Abstellung
  des  Notstandes  auf  dem  Lande  befürwortet  der  Ausschuß  Erleichterungen
  der  Grundsteuer;  er  weist  auf  die  Notwendigkeit  einzelner  Reformen
auf  dem  Wege  der  Handels-,  Gewerbe=  und  Kreditgesetzgebung  hin  und  fordert
  die  Herabsetzung  des  Zinsfußes  der  Hypothekenbank.  Die  sonstigen  Anträge
  beziehen  sich  auf  Genossenschaftswesen  und  Getreide-Absatz  und  schließlich
  auf  die  Notwendigkeit  der  Reform  des  gesamten  Unterrichtswesens.
        <pb n="447" />
        XIV.
Rußland.

Anf.  Januar.  In  Smolensk  brechen  Bauernunruhen  aus.
Das  schwache  Militär  wird  entwaffnet,  mißhandelt  und  vertrieben.
3  Kompagnien  gehen  nach  dem  unruhigen  Bezirke  ab.

Anf.  Januar.  Das  Moskauer  Blatt  „Rußkoje  Djelo“  wird
auf  3  Monate  wegen  trotz  Gegenweisung  der  Regierung  fortgesetzter
Hetzartikel  gegen  Deutschland  unterdrückt.  Der  Artikel,  auf
Grund  dessen  die  Unterdrückung  verfügt  wird,  beginnt:

„Ja,  es  gehört  viel  Bürgermut,  viel  Selbstbeherrschung  dazu  und
ebenso  viel  Fähigkeit,  sich  vor  der  moralischen  Pflicht  zu  beugen,  um  nicht
durch  das  Regierungs-Communiqués  vom  3.  (15.)  Dezember  (vgl.  Gesch.Kal.
1886  XII  15)  in  Versuchung  geführt  zu  werden!  Wahrlich,  diese  Versuchung
ist  groß!  Die  allmächtige,  alles  beherrschende  Regierungsgewalt  hat  ihre  Gedanken
  laut  verkündet,  und  ein  Privatmann,  ein  Journalist  fühlt  im  Herzen
die  Mangelhaftigkeit  dieser  Gedanken,  fühlt  die  schreiende  Dissonanz  derselben
mit  der  Herzensftimmung  eines  Volkes  von  hundert  Millionen.  Ihm  scheint,
daß  das  Gefühl  des  Volkes  in  diesem  historischen  Momente  seitens  der  Regierung
  nicht  ausgedrückt  wurde!  Dasselbe  harrt  vielmehr  der  Veröffentichung
  durch  ein  Privatjournal!“  Das  Blatt  verlangt,  die  Regierung  solle
den  bejagten  Erlaß  umstoßen  und  eingestehen,  Deutschland  sei  für  Rußland
gleichbedeutend  mit  Verderben.  Dann  faßt  es  die  Forderungen,  die  Rußland
an  Deutschland  zu  stellen  habe,  ohne  daß  es  dabei  eigentlich  einen  Krieg
gebrauche,  in  folgende  4  Punkte:

„1)  Man  muß  Deutschland  auf  immer  die  räuberische  Rolle  nehmen,
welche  sowohl  dem  Slawen=  wie  dem  Romanentum  droht  und  diese  beiden
sowohl  in  ewiger  Aufregung  und  permanentem  Zwange  des  Selbstschutzes,
wie  unausgesetzter  Anspannung  aller  Kräfte  erhält.  2)  Dazu  ist  es  notwendig,
  Deutschland  auf  seine  natürlichen  ethnographischen  Grenzen  zurückzuführen:
  im  Westen  den  Rhein,  im  Osten  und  Süden  das  Slawentum.
Diejenigen  flawischen  Länder,  welche  bereits  durch  die  deutschen  Wirte  verdorben
  sind,  mögen  Deutschland  verbleiben;  streitige  Landstrecken  jedoch,  wie
beispielsweise  Polen,  müssen  an  ihre  gesetzlichen  Besitzer  zurückfallen.  Mit
Polen  wird  Rußland  selbst  abrechnen,  diesem  aber  steht  nicht  das  Recht
zu,  es  Deutschland  zur  Vernichtung  zu  überantworten.  3)  Das  westliche
Slawentum  muß  so  organifiert  werden,  daß  es  eine  sichere  Wehr  bis  zum
        <pb n="448" />
        430  Rußland.  (Jannar  10.—26.)

ägäischen  Meere  hin  gegen  jeden  deutschen  Einfluß  und  jede  deutsche  Bewegung
  bildet.  Mit  den  Magyaren,  Rumänen,  Griechen  u.  s.  w.  werden
wir  unsere  häuslichen  Verhältnisse  selbst  ordnen.  4)  Deutschlands  Genius
mögen  die  Ozeane  und  die  Meere,  mit  Ausnahme  des  mittelländischen,  offen
stehen,  in  denen  es  sich  kühn  mit  England  messen  und  dessen  Erbe  antreten
kann.  Uns  und  Frankreich  ist  dies  vollständig  gleichgiltig.“

10.  Januar.  Moskauer  Notabeln  schicken  dem  französischen
General  Saussier  einen  kunstvollen  Speisetopf,  das  russische  Symbol
  der  Brüderlichkeit,  als  Anerkennung  für  eine  Rußland  verherrlichende
  Rede.

12.  Januar.  Budget  für  1887.

Dasselbe  weist  an  ordentlichen  Einnahmen  793.118,046  Rubel  an
Ausgaben  829.676,680  Rubel,  also  einen  Fehlbetrag  von  36.553,634  Rubel
auf.  An  außerordentlichen  Ausgaben  für  Eisenbahn=  und  Hafenbauten  sind
48.414,194  Rubel  vorgesehen.

Die  Darlegung  des  Finanzministers  zum  Budget  sagt,  der  Fehlbetrag
sei  eine  Folge  der  wirtschaftlichen  Krise  und  des  badurch  unvermeidlichen
Sinkens  der  privaten  und  staatlichen  Einkünfte.  Die  Deckung  des  Ausfalls
durch  Erhöhung  oder  Neueinführung  von  Steuern  sei  nicht  zeitgemäß,
Hülfsquellen  zur  Deckung  aber  vorhanden.  Für  die  außerordentlichen  Ausgaben
  würden  nur  42½  Mill.  Rubel  im  Anleihewege  aufzubringen  sein.

Mitte  Januar  und  folgende  Monate.  In  Polen  find  verstärkte
  Truppenbewegungen  gegen  die  Grenze  bemerkbar.  Es
werden  außergewöhnliche  Lieferungen  für  Proviant,  Militärstoffe,
Wagengeschirre,  ferner  für  100  000  Zelte  ausgeschrieben.  In  Polen
werden  große  Baraken  gebaut  und  an  den  Festungswerken  wird  mit
größter  Beschleunigung  gearbeitet;  die  Schulen  werden  benachrichtigt,
  sich  zur  eventuellen  Räumung  bereit  zu  halten,  um  Militär
aufzunehmen.

Mitte  Januar.  (Ministerwechsel.)  Der  bisherige  Finanzminister
  Bunge  wird  Präsident  des  Ministerkomitees,  an  seine  Stelle
tritt  Staatsrat  Wyschnigradski.

16.  Januar.  (Bulgarien.)  Der  Brüsseler  „Nord“  erklärt:

Wenn  in  Bulgarien  eine  frei  und  legal  gewählte  Sobranje  vorhanden
sein  und  die  Regenten  vor  der  Wahl  derselben  zurücktreten  würden,  und
wenn  das  bulgarische  Volk  dann  den  Herzog  von  Leuchtenberg  zum  Fürsten
wählen  und  der  Sultan,  sowie  die  Großmächte  nichts  gegen  diese  Kandidatur
einwenden  würden,  so  sei  es  wenig  wahrscheinlich,  daß  Kaiser  Alexander  auf
der  Wahl  des  Fürsten  von  Mingrelien  bestehen  würde.

26.  Januar.  (Botschafterkonferenz  in  Konstantinopel.)
  Die  Pariser  russische  Botschaft  sendet  den  Zeitungen  eine
Note,  welche  besagt:

Die  französischen  Journale  legten  der  beabsichtigten  Vereinigung  der
Botschafter  in  Konstantinopel  einen  Charakter  bei,  den  sie  nach  russischer
Auffassung  nicht  habe.  In  der  That  sollen  sich  die  Botschaster  und  Chargés
d'affaires  in  Konstantinopel  vereinigen,  aber  ihre  Beschlüsse  werden  bloß  die
        <pb n="449" />
        Rußland.  (Ende  Januar  —Februar  4.)  431

Bedeutung  einer  moralischen  Sanktion  haben.  Es  handelt  sich  um  die  Prüfung
  der  russischen  Vorschläge  zur  Beendigung  der  bulgarischen  Krise;  aber
ubian  dürfe  durch  seine  Bereitwilligkeit,  die  Vorschläge  einer  internationalen
  Konferenz  zu  unterbreiten,  nicht  das  Recht  des  Protektorates,  welches
ihm  der  Berliner  Vertrag  einräumt,  verlieren.  Rußland  wolle  durch  seine
Nachgiebigkeit  den  Mitunterzeichnern  des  Vertrages  seine  Achtung  bekunden,
behalte  sich  aber  für  den  Fall,  als  die  Beschlüsse  der  Konferenz  den  Rechten
Rußlands  Schaden  brächten,  die  Freiheit  seiner  Entschließungen  vor.

Ende  Januar.  (Arbeiterunruhen.)  In  den  großen  Demidowschen
  Spinnereien  im  Gouvernement  Wladimir,  welche  3000
Arbeiter  beschäftigen,  brechen  ernste  Unruhen  aus,  wie  es  heißt,  aus
Anlaß  der  Durchführung  der  neuen  Fabrikordnung,  welche  von  den
Arbeitern  die  Unterschrift  eines  Reverses  zur  genauen  Erfüllung  der
gegebenen  Vorschriften  fordert;  es  wird  versucht  die  Fabrik  in  Brand
zu  stecken,  die  Beamten  werden  mißhandelt,  das  Komptoir  gestürmt
und  alle  Bücher  und  Dokumente  verbrannt,  endlich  die  Maschinen
zerstört.  Erst  das  Aufgebot  von  Militär  dämpft  den  Aufruhr.

3.  Februar.  Ein  kaiserlicher  Erlaß  untersagt  die  Pferdeausfuhr
  über  die  europäische  und  transkaukasische  Grenze.

4.  Februar.  Katkow  erörtert  in  den  Moskowskija  Wjedomostj
  die  Gefahr  eines  deutsch-russischen  Zusamenstoßes  im
Anschlusse  an  die  Reden  Bismarcks  im  deutschen  Reichstage.

Er  sagt,  Deutschland  habe  nach  Bismarcks  Worten  keine  Interessen
im  Orient,  wozu  suche  es  da  den  ehrlichen  Makler  zwischen  Rußland  und
Oesterreich  zu  spielen:  Es  würde  besser  dem  Frieden  nützen,  wenn  es  sich
nicht  in  Sachen  einmische,  an  denen  es  kein  Interesse  habe.  Weiter  führt
er  die  historische  Begründung  des  russischen  Einflusses  im  Oriente  aus  und
sagt,  was  Oesterreich=  Ungarn  betreffe,  so  dringe  dasselbe  dort  in  ein
ihm  gänzlich  fremdes  Gebiet  ein,  es  suche  im  Oriente  Kompensationen  für
erlittene  Verluste  und  neue  Beitümer;  es  erscheine  dort  als  Erpresser,
Unterdrücker  und  Feind  alles  dessen,  was  die  allgemeine  Grundlage  der
Völkerschaften  des  Orients  bilde  und  diese  mit  Rußland  verbinde.  Bei
einer  solchen  politischen  Richtung  muß  Oesterreich-Ungarn  mit  Rußland
kollidieren.  Was  will  hier  die  Vermittlung  Deutschlands  bedeuten?  Kein
Kompromiß  zwischen  Rußland  und  Oesterreich-Ungarn  kann  im  Orient  ohne
Nachteil  für  Rußland  sein,  was  auch  für  die  Nationalitäten  gilt,  welche
dasselbe  System  haben  und  denselben  Weg  wandeln  wie  Rußland.  Rußland
  ist  nicht  der  angreifende  Teil.  Was  bleibt  in  einer  ähnlichen  Lage
einem  wohlwollenden  und  wirklich  ehrlichen  Vermittler  zu  thun  übrig!  Den
Angreifer  anzuhalten,  ihn  nicht  in  fremdes  Gebiet  eindringen  und  die  Annexionen
  aufgeben  zu  lassen.  Wenn  dieser  Vermittler  sich  die  Aufgabe  stellt,
dem  angreifenden  Teile  zu  helfen  und  den  andern  Teil  zu  Konzessionen  zu
veranlassen,  so  heißt  dies  nicht  Vermittler,  sondern  der  Verbündete  des  angreifenden
  Teiles  sein,  d.  h.  selbst  angreifen,  und  es  ist  das  natürlichste,
zu  denken,  daß  der  vermeintliche  Vermittler  sich  nicht  uneigennützig  zur  Sache
verhalte  und  daß  in  dieser,  trotz  seiner  Versicherungen,  seine  Interessen
irgendwie  berührt  werden.  Welches  Bedürfnis  hat  der  Vermittler,  eine
Uebereinkunft  herbeizuführen,  welche  immer  einen  einseitigen  Charakter  haben
und  immer  ein  Schritt  vorwärts  für  Oesterreich  und  ein  Schritt  nach  rück-
        <pb n="450" />
        432  Nustland.  (Februar  4.—11.)

wärts  für  Rußland  sein  werde?  Es  sei  sehr  natürlich,  daß  die  der  angreifenden
  Partei  helfende,  für  sie  sorgende,  mit  ihr  solidarisch  handelnde  Macht,
welche  von  Rußland  sogar  zu  dessen  eigenem  Schaden  in  ihren  Angriffen
und  Annexionen  gefördert  wurde,  daß  das  Bismarcksche  Deutschland,  eine
solche  gegenüber  Rußland  doppelsinnige  Politik  ergreifend,  stets  befürchtet,
aß  Rußland  doch  nicht  immer  zurückweichen,  sondern  irgend  einmal  Widerstand
  leisten  werde.  Die  Gerüchte  von  einem  russisch-deutschen  Kriege  tauchen
periodisch  auf;  sie  tauchen  wieder  auf  ungefähr  zur  Zeit,  wo  das  Triumvirat
des  Bundes  abläuft,  in  welchem  Deutschland  sich  die  Vermittlerrolle  angeeignet
und  wo  diese  Rolle  sich  dem  allmähligen  Vordrängen  Rußlands  und  der
Ersetzung  dessen  Einflusses  durch  den  österreichisch-ungarischen  zuneigt.  Rußland
  werden  Kriegslust  und  aggressive  Absichten  nicht  deshalb  zugeschrieben,
weil  es  dieselben  bal,  sondern  aus  der  Befürchtung,  daß  es  am  Ende  nicht
willig  den  Weg  weitergehen  werde,  welcher  ihm  in  einer  Uebereinkunft  mit
Oesterreich-Ungarn  durch  die  Vermittlung  Bismarcks  angegeben  werde.  Und
nun  beginnt  man  von  der  Unvermeidlichkeit  des  Krieges  zu  sprechen,  wenn
Rußland  seine  eigene  Politik  zu  haben  wünscht  und  sich  den  Forderungen
der  ihm  feindlichen  Politik  nicht  unterwerfen  will.  Es  beginnen  Einschüchterungen
  durch  Koalitionen  und  es  beginnen  Anregungen  zu  neuen  Unruhen
im  Orient.

„Uns  scheint  es,  so  schließt  der  Artikel,  daß  der  Leiter  der  deutschen
Politik  seinem  Lande  den  besten  Dienst  erweisen  und  den  Frieden  Europas
richtiger  sichern  würde,  wenn  er  dieses  Bündnisspiel  einstellen  und  sich  auf
einfache  gute  Beziehungen  zu  Rußland  beschränken  würde,  woraus  einem
friedlichen,  von  wröten  freien  Deutschland  keine  Gefahr  drohen  würde.
Nichts  hindert  ihn,  thatsächlich  freundschaftliche  Beziehungen  auch  zu  anderen
Mächten,  ebenfalls  zu  Oesterreich-Ungarn  aufrechkhuerhakten  doch  sollte  er
letzteres  nicht  zu  einer  aggressiven  Politik  im  Oriente  aufmuntern,  wo  es
früher  oder  später  unbedingt  mit  Rußland  kollidieren  wird.  Bismarck  führte
in  seinem  Leben  große  Thaten  aus;  es  sei  Zeit  für  ihn,  sich  zufrieden  zu

eben;  es  sei  genug  damit,  was  er  gethan,  und  es  sei  gut,  wenn  er  seine

Kaufbahn  mit  der  Konsolidierung  des  Erreichten  schließt,  und  dazu  könne
am  besten  die  Lossagung  von  allen  weiteren  Absichten  und  Prätensionen  auf
eine  Allerwelts-Diktatur  beitragen.  Diese  ist  eine  napoleonische  Idee,  welche
—  wie  bekannt  —  auch  dem  ersten  Napoleon  mißlang.“

10.—11.  Februar.  (Tschechen  und  Russen.)  Der  „Ruski
Kurjer“  bringt  eine  ausführliche  Mitteilung  über  ein  Gespräch  eines
seiner  Korrespondenten  mit  dem  Alttschechenführer  Rieger.

Rieger  hatte  dabei  unter  anderm  geäußert:  Die  Tschechen  seien  eine
mächtige  geng  im  Herzen  Europas,  welche  das  deutsche  gegen  Osten  flutende
Meer  in  seinen  natürlichen  Grenzen  zwinge  und  den  Rücken  des  slawischen
Ostens  decke.  Deutsche  und  Ungarn  erhöben  einen  großen  Lärm  über
die  Wiedererstehung  des  Tschechentums,  weil  sie  die  blose  Existenz  eines  flawischen
  Staates  der  Böhmen,  Mähren  und  Schlesien  umfasse  in  ihren  Germanisierungs=
  und  Magyarisierungsbestrebungen  fürchteten  .  Leider  habe
das  Rußland  im  entscheidenden  Momente  nicht  abgehalten  mit  seiner  Intervention
  das  ganze  mühevoll  errichtete  tschechische  Staatsgebäude  über  den
Haufen  zu  werfen.  „Ich  kann  Sie  pofttiv  versichern,  daß  die  russische  Regierung
  einen  offiziellen  Protest  gegen  die  Wiederaufrichtung  des  tschechischen
Staates  erhoben  hat  in  der  Befürchtung,  daß  dies  die  Wiederherstellung  des
Königreichs  Polen  nach  sich  ziehen  würde.  .  Er  halte  dafür,  daß  ein
russisch-österreichisches  Bündnis  beider  Interessen  mehr  entspreche,  insbesondere
Oesterreich-Ungarn  größere  Sicherheitsbürgschaften  gebe  als  das  deutsch-öster-
        <pb n="451" />
        Roslland.  (Februar  16.—März  13.)  433

reichische.  Das  ließe  ich  durch  Abgrenzung  der  beiderseitigen  Interessensphären
  auf  der  Balkanhalbinsel,  wie  sie  faktisch  schon  vorliege,  wohl  erreichen.
  „Wegen  Bulgariens  werden  wir  uns  mit  Rußland  nicht  schlagen,
wenn  die  Leiter  der  russischen  und  unfrer  Politik  es  verstehen  werden,  die
eheimen  Aufstachelungen  des  deutschen  Kanzlers  abzuweisen,  der  augen-Shinlich
  bemüht  ist,  das  drohende  Gespenst  eines  österreichisch-russischen
Krieges  auf  die  Bühne  zu  zerren.“  Siege  dann  Oesterreich,  so  sei  Rußland
geschwächt,  das  Bismarck  mehr  fürchte  als  Frankreich  —  unterliege  es,  so
werde  er  in  der  Liquidation  des  habsburgischen  Kaiserreiches  den  ganzen
Westen  für  Deutschland  wegzunehmen  trachten  und  dann  buchstäblich  à  cheval
ganz  Europa  auf  dem  Rücken  sitzen.  Das  deutsch-österreichische  Bündnis
werde  verschwinden,  sobald  die  höchsten  Kreise  das  Phantomhafte  desselben
einsehen  würden.  Auch  Rußland  werde  ein  Bündnis  mit  Oesterreich  einem
solchen  mit  Deutschland  vorziehen.  Der  Panfslawismus  erschrecke  in  Oesterreich
  niemand  so  wie  Bismarck,  der  aus  Furcht  davor  die  Polenausweisungen
verfügt  habe.  Schade,  daß  Rußland  diesen  günstigen  Augenblick,  um  billigen
Preis  die  polnischen  Sympathieen  zu  gewinnen,  versäumt  habe.

Rieger  sucht  diese  Aeußerungen  abzuleugnen,  doch  der  Russki
Kurjer  setzt  diese  Mitteilungen  am  24.  fort  und  erhält  seine  Angaben
  aufrecht.

16.  Februar.  (Bulgarien.)  Ein  heftiger  Artikel  Katkows
  in  den  „Moskowskija  Wjedomosti“  tadelt  die  russische  Politik
betreffs  Bulgariens  und  klagt  über  den  Mißerfolg  derselben  in  Konstantinopel.
  Er  findet  den  Sitz  des  Uebels  in  den  Instruktionen,
welche  Nelidow  aus  Petersburg  erhalten  und  in  dem  engherzigen
Geiste  der  russischen  Diplomatie.

20.  Februar.  (Auswärtige  Politik.)  Der  Brüsseler  „Nord“
veröffentlicht  über  die  künftige  rusfische  Politik  eine  Auseinandersetzung,
welche,  wie  das  Blatt  ausdrücklich  bemerkt,  die  Ansichten  des  Herrn

v.  Giers  wiedergibt.

Darnach  werde  Rußland  in  der  nächsten  Zeit  ausschließlich  die  Vor-Hnge

  am  Rhein  überwachen  und  die  Orientfrage  erst  in  zweiter  Linie  in

etracht  ziehen.  Das  Interesse  Rußlands  verbiete,  einem  möglicherweise
ausbrechenden  neuen  deutsch-französischen  Kriege  mit  der  gleichen  wohlwollenden
Neutralität  zuzusehen  wie  1870,  da  das  St.  Petersburger  Kabinett  eine
neuerliche  Schwächung  Frankreichs  unter  keinen  Umständen  zulassen  könne.
Um  für  diesen  Fall.  gurn  Hand  zu  haben,  werde  Rußland  jeden  Konflikt
mit  Oesterreich  und  England  vermeiden  und  die  bulgarischen  Vorgänge  ihre
Entwicklung  nehmen  laßten.

11.  März.  Aus  Petersburg  wird  an  den  franzößischen  Kriegsminister
  General  Boulanger  ein  prachtvoller  Kosakensäbel  mit
der  russischen  Inschrift:  „Wage,  dem  Kühnen  hilft  Gott!“  gesandt.

13.  März.  (Attentatsversuch.)  Auf  den  Newsky  Prospekt
in  St.  Petersburg  werden  3  Petersburger  Studenten  verhaftet,  welche
mit  Sprengbomben  bewaffnet  den  Schlitten  des  Zaren  erwarten.

Die  Verhaftung  derselben  hat  noch  weitere  umfangreiche  Verhaftungen
Europ.  Geschichtskalender.  XXV.  Bd.  28
        <pb n="452" />
        434  Rastland.  (März  Mitte-  21.)

—  man  spricht  von  mehreren  Hundert  —  in  Petersburg,  Charkow
und  anderwärts  im  Gefolge.  Endlich  entdeckt  man  auch  in  der  etwa
2  Meilen  von  Petersburg  entfernten  Sommerfrische  Pargolowo  den

Sitz  der  Konspiration.

Obgleich  bekannt  wird,  daß  die  ersten  Nachrichten  über  das  geplante
Attentat  der  Petersburger  holtei  von  der  deutschen  in  Berlin  zugegangen
find,  wird  in  den  russischen  Zeitungen  doch  die  Meinung  andauernd  vertreten,
daß  „die  europäische  Politik  selbst  die  Anarchisten  22  um  auf  Rußland
eine  Pression  auszuüben,  damit  es  zum  Dreikaiserbündnisse  beitrete.“  Katkow
sagt:  Is  fecit,  cui  prodest.

Sogleich  darauf  werden  noch  verschiedene  geplante  Attentate  gemeldet
und  auch  von  einem  zur  Ausführung  in  Gatschina  gekommenen  berichtet,
doch  diese  Gerüchte  wieder  dementiert,  sodaß  es  nicht  möglich  ist,  völlige
Klarheit  darüber  zu  gewinnen.

Mitte  März.  Der  Zar  genehmigt  einen  vom  Justizminister
Manassein  vorgelegten  Antrag,  wonach  für  jedes  Gerichtsverfahren
  künftig  auf  Antrag  des  Justizministers  die  Oeffentlichkeit
  ausgeschlossen  werden  kann.

Der  Reichsrat  hatte  mit  32  gegen  20  Stimmen  die  Billigung  abgelehnt,
  nachdem  besonders  der  frühere  Justizminister  Pahlen  ausgeführt
hatte,  daß  damit  aller  Willkür  die  Thür  gröffnet  sei  und  der  Minister  bald
den  Einflüssen  von  oben  und  unten  dabei  erliegen  werde;  auch  ein  Gutachten
des  auswärtigen  Ministeriums  hatte  sich  im  Hinblick  darauf,  daß  die  fremden
Staaten,  welche  bisher  Verbrecher  ausgeliefert  hätten,  diesen  geheimen  Gerichtshöfen
  gegenüber  ihr  Verhalten  ändern  würden,  dagegen  ausgesprochen.

21.  März.  (Deutschland.)  Nachdem  in  der  russischen
Presse  über  ungünstige  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Rußland
  viel  geschrieben  worden  und  namentlich  der  deutsche  Geschäftsträger
  in  Sofia  heftig  angefeindet  worden,  weil  er  angeblich  russische
Unterthanen,  die  bei  dem  Rustschucker  Aufstande  beteiligt  gewesen,
nicht  gegen  die  Hinrichtung  geschützt  habe,  bringt  der  „Regierungsbote“
  das  nachstehende  Kommuniqus:

„Infolge  der  im  vorigen  Jahre  in  etlichen  russischen  Zeitungen  erschienenen
  unbegründeten  Gerüchte  über  die  angeblich  ungünstigen  Beziehungen
der  deutschen  Regierung  zu  uns,  wurde  im  „Regierungsboten“  vom  3.  Dezember
  1886  mitgeteilt,  daß  die  gedachten  Beziehungen  keinen  Grund  zu  den

eringsten  Befürchtungen  geben.  Ungeachtet  einer  solch  entschiedenen  Erklärung
seitens  der  Regierung  begannen  jene  Gerüchte  wieder  in  den  Zeitungen  aufzutauchen,
  insbesondere  nach  dem  blutigen  Gericht,  welchem  die  Teilnehmer
an  dem  mißlungenen  Rustschuker  Aufstande  unterworfen  wurden.  Etliche
Zeitungen  dehnten  ihre  Unmäßigkeit  und  Parteilichkeit  so  weit  aus,  daß  sie
nicht  Anstand  nahmen,  die  deussche  Regierung  und  deren  Agenten  in  Bul-Harien
  selbst  für  das  in  Rustschuk  vollzogene  Gericht  verantwortlich  zu  machen.

ie  Regeln  der  Moral  verpflichten  Jeden,  welcher  eine  derartige  schwere
Auschuldigung  zu  formulieren  sich  entschließt,  auch  genügende  Beweise  zur
Bekräftigung  derselben  vorzubringen.  Bei  dem  Mangel  solcher  Beweise  ist
es  jedoch  nicht  möglich,  eine  Grenze  zu  ziehen  zwischen  einer  Anschuldigung
und  müßigen  Verleumdung,  welche  ebenso  unvereinbar  mit  der  Würde  eines
        <pb n="453" />
        RNaßlund.  (März  26.—Mat.)  435

sich  selbst  achtenden  Preßorgans,  wie  mit  der  Würde  einer  Privatperson  ist.
Die  der  kaiserlichen  Regierung  zugegangenen  Informationen  über  die  letzten
Ereignisse  in  Bulgarien  stehen  im  ofsenen  Widerspruche  gegen  die  obenerwähnten
  Zeitungsgerüchte.  Vorstellungen  zu  Gunsten  der  Teilnehmer  am
Rustschuker  Aufstande  wurden  vom  deutschen  General-Konsul  in  Sofia  sofort
nach  Empfang  der  Anzeige  von  dem  über  dieselben  ausgesprochenen  Todesurteile
  gemacht.  Baron  Thielmann  kann  nicht  die  geringste  Verantwortung
für  jene  Eile  tragen,  mit  welcher  das  Todesurteil  ausgeführt  wurde.  Andererseits
  ist  es  wohlbekannt,  daß  der  deutsche  Vize-Konsul  in  Rustschuk  bereits
  für  die  Verurteilten  eintrat,  ehe  er  noch  die  Weisungen  seiner  Vorgesetzten
  erhalten  hatte.  Dank  seinem  Beistande  wurde  unter  anderen  der
russische  Unterthan  Bohlmann  aus  der  Liste  der  Verurteilten  ausgeschlossen.
Indem  die  kaiserliche  Regierung  den  Schutz  ihrer  Interessen  den  deutschen
Agenten  in  Bulgarien  anvertraute,  hatte  dieselbe  durchaus  genügende  Gründe,
dies  zu  thun,  und  entbehren  die  Auslassungen  der  Zeitungen,  welche  diese
Maßnahme  in  den  Augen  des  lesenden  Publikums  zu  diskreditieren  suchen,
jeder  Begründung.“

Katkow  hatte  sogar  am  15.  März  die  bulgarischen  Hinrichtungen
  ein  mit  bulgarischer  Wildheit  gemischtes  Werk  der  Deutschen
genannt;  die  Regenten  hätten  nur  als  Werkzeuge  der  deutschen
Politik  gehandelt,  welche  eher  eine  russische  Okkupation  als  einen
freien  festen  Anschluß  Bulgariens  an  Rußland  wünsche.

26.  März.  Der  Brüsseler  „Nord“  sagt  über  die  Zeitungsnachricht
  von  einem  französisch-russischen  Bündnisse:

„Wir  find  in  der  Lage,  diesem  Gerüchte  das  formellste  und  autorifierteste
  Dementi  entgegenzusetzen."

Ueber  das  deutsch-österreichisch-italienische  Bündnis

äußert  er  weiter:

Die  Tripel-Allianz  sei  erneut  und  frisch  vergoldet,  mit  einem  Schilde
und  einer  friedlichen  Devise  versehen  worden;  der  Friede  beruhe  nun  auf
dem  Gleichgewichte  der  gegnerischen  Kräfte  in  Europa,  welches  eine  große
Kaserne  bleibe,  in  welcher  jedoch  die  Waffen  ruhen.  Rußland  sei  der  ausgesprochene
  Vorkämpfer  des  gegenwärtigen  europäischen  Gleichgewichts.  Frankreich
  habe  bewiesen,  wie  ungerecht  die  Anklage  sei,  daß  es  kriegerische  Absichten
  verfolge.  England  sei  hurh  innere  Schwierigkeiten  in  Anspruch  genommen.
  Der  Friede  erscheine  daher  gesichert.

Ende  März.  Die  „World“  veröffentlicht  den  Wortlaut  eines
zwischen  Rußland  und  den  Vereinigten  Staaten  abegeschlossenen

  Auslieferungsvertrages.

Derselbe  enthält  Eistämmungen  für  die  Auslieferung  von  Angeklagten
in  Fällen  von  Mord,  Totschlag,  Notzucht,  Brandstiftung,  Einbruch,  Fälschung,
  Falschmünzerei,  Unterschlagung,  Seeräuberei,  Meuterei  und  böswilliger
Zerstörung  von  Eigentum,  die  Lebensverlust  in  sich  schließt.  Politische  Verbrecher
  sollen  nicht  ausgeliefert  werden,  aber  Mord  und  fahrlässige  Tötung,
die  absichtliche  oder  fahrlässige  Tötung  des  Herrschers  oder  Oberhauptes  eines
Staates  oder  irgend  eines  Mitgliedes  der  Familie  eines  der  Beiden  in  sich
chließend,  sowie  ein  Versuch,  die  gedachten  Verbrechen  zu  verüben  oder  an
olchen  teilzunehmen,  werden  nicht  als  ein  politisches  Verbrechen  erachtet.

Ende  März—Mai.  (Katkow  und  Giers.)  Von  dem  Ar-28*
        <pb n="454" />
        436  Kußland.  (März  Ende—Mai  11.)

tikel  des  Regierungsboten  vom  21.  März,  den  alle  Blätter  nachdrucken,
  nimmt  das  Organ  Katkows  nur  in  einer  kurzen  telegraphischen
  Depesche  Notiz  und  stellt  die  Auslassung  nur  als  Privatmeinung
  von  Ministern  hin,  die  nicht  den  Anspruch  erheben  könne,
in  Rußland  als  Handlung  der  Regierung  zu  gelten.

Dann  erklärt  das  Blatt:  Der  Weg  der  höchsten  Regierung  in  Rußland
  sei  nicht  der  der  Knechtung,  sondern  der  der  Aktionsfreiheit  des  Zaren.
Die  Verfasser  der  sogen.  Regierungsmitteilungen  möchten  sich  gesagt  sein
lassen,  daß  die  russische  Presse  mit  allen  Russen  nur  an  spezifisch  russische,
nicht  an  spezifisch  deutsche  Interessen  gebunden  sei.  Denken  und  Handeln
im  Geiste  von  Rußland  fremden  Interessen  heiße  sein  Bürgerrecht  verbrecherisch
  verraten.  —  Die  alte  Interessengemeinschaft  Rußlands  und  Deutschlands
habe  nur  gegenüber  der  friedlichen  Föderation  selbständiger  Staaten  gelten
können,  die  früher  in  Europa  den  Namen  Deutschland  führte,  dem  heutigen
Deutschland  gegenüber,  das  von  Rußland  den  Verzicht  auf  seine  Lebensbedürfnisse
  verlange,  um  sich  die  Diktatur  in  Europa  sicher  zu  stellen,  gelte
keine  Interessengemeinschaft.

Es  verlautet  Ende  März  Herr  v.  Giers  sei  um  seine  Entlassung
  eingekommen,  Katkow  trifft  in  St.  Petersburg  ein,  wird
zur  kaiserlichen  Tafel  gezogen  und  scheint  Sieger  in  dem  Kampfe  zu
sein.  Es  heißt,  er  habe  in  der  Unterredung  mit  dem  Zaren  Giers
beschuldigt,  schlecht  über  Bulgarien  unterrichtet  zu  sein.  Hitrowo
wird  aus  Bukarest  zur  Berichterstattung  berufen.  Gleichzeitig  wird
aber  versichert,  Katkow  habe  vorher  von  der  Oberpreßverwaltung
im  Namen  des  Zaren  einen  Verweis  erhalten,  derselbe  werde  jedoch
nicht  veröffentlicht  werden.

Ein  Artikel  des  Brüsseler  „Nord“  bespricht  indessen  den  „bedauerlichen
  Zwischenfall“  erklärt,  es  gebe  in  Rußland  nicht  2  Politiken
sondern  nur,  die  eine  des  Zaren,  die  mit  der  seines  Ministers  identisch
  sei.

Der  Vorfall  macht  in  Rußland  und  ganz  Europa  das  größte
Aufsehen.  Es  heißt  Giers  werde  zum  rusfischen  Osterfest  eine  hohe
Ordensauszeichnung  erhalten  und  ein  eigenhändiges  Billigungsschreiben
des  Zaren  für  seine  Politik.  Dieselbe  bleibt  aus,  aber  Giers  tritt
nicht  zurück,  obgleich  das  Gericht  dieser  Absicht  sich  wiederholt.  Auch
Katkow  ändert  seine  Sprache  nicht.

Anf.  April.  (Türkische  Kriegsschuld.)  Der  russische  Botschafter
  in  Konstantinopel  v.  Nelidow  übergibt  eine  Note,  in  der  er
die  Türkei  an  die  Zahlung  der  rückständigen  Kriegsschuld  gemahnt.

Die  Türkei  ersucht  hierauf  neuerdings  um  Stundung  der
russischen  Forderung.

9.  April—11.  Mai  bzw.  21.  Mai.  Prozeß  gegen  die
Attentäter  vom  13.  März.
        <pb n="455" />
        Rußland.  (April  10.—Mai  12.)  437

Es  sind  im  ganzen  15  Personen  vor  einem  besonders  ernannten  Senate
angeklagt,  von  denen  einige  Studenten,  einige  Edelleute,  andre  Kleinbürger,
einer  Bauer,  einer  Kandidat  der  St.  Petersburger  geistlichen  Akademie  und
3  Frauen  find.  Die  Untersuchung  ergibt,  daß  seit  Herbst  1886  die  genannten
einen  Bund  bildeten  zu  einer  terroristischen  Thätigkeit  und  im  Dezember  den
Plan,  den  Zaren  zu  ermorden,  faßten.  »

Alle  Angeklagten  werden  zum  Tode  durch  den  Strang  wegen  Teilnahme
  oder  Beihlse  zu  dem  Komplott  verurteilt,  doch  werden  die  8  weniger
Belasteten  der  Gnade  des  Zaren  empfohlen,  ebenso  3  von  den  11  um  Gnade
einkommenden  Verbrechern.  Dem  Antrage  des  Senats  gemäß  werden  die
Strafen  derselben  in  Gefängnis  von  2  Jahren  mit  Verbannung  nach  Sibirien
  bezw.  in  Zwangsarbeit  von  10  Jahren  bis  zu  unbegrenzter  Dauer
umgewandelt.  Für  die  5  Hauptbelasteten  bleibt  das  Todesurteil  bestehen,
dieselben  werden  am  21.  Mai  hingerichtet.

10.  April.  (Ostseeprovinzen.)  Ein  kaiserlicher  Ukas  ordnet
an,  daß  die  russische  Unterrichtssprache  nicht  nur  in  allen  vom  Staate
unterhaltenen  deutschen  Gymnasien,  sondern  auch  in  sämtlichen  von
den  Ritlerschaften,  Städten  oder  von  Privaten  unterhaltenen  Gymnasien
  und  Realschulen  eingeführt  werde.  Die  Maßregel  soll  vom
1.  August  ab  durch  den  Minister  der  Volksaufklärung  durchgeführt
werden.

25.  April.  (Oesterreich.)  An  die  Aeußerungen  Kalnokys
in  der  Unterredung  mit  Stoilow  anknüpfend  (vgl.  Oesterreich
IV  Anf.)  wirft  Katkow  in  einem  scharfen  Artikel  Kalnoky  vor,  nicht
Stoilow,  sondern  er  provoziere  Rußland,  indem  er  mit  Stoilow  verhandle,
  wie  Rußland  sicher  zu  benachteiligen  sei.

Ende  April.  (Armenier.)  Der  armenisch-lutherische
Missionar  und  Uebersetzer  der  Bibelgesellschaft  Amirssanians
wird  in  Tiflis  plötzlich  festgenommen  und  nach  Orenburg  verbannt.
Man  sieht  in  dieser  Maßregel  eine  Folge  des  jüngsten  Besuchs  Pobedonoszews
  im  Kaukasus.  Das  gleiche  Schicksal  erleiden  2  Baptistenmissionare.


Der  Katholikos  von  Etschmiadzin  als  oberstes  Haupt
der  armenischen  Kirche  weist  sämtliche  Bischöfe  an,  die  Durchführung
des  Verbots  der  Regierung  den  Katechismus  in  den  armenischen
Schulen  in  armenischer  Sprache  zu  lehren  zu  hindern  und  richtet
ein  Protestschreiben  an  die  Regierung  gegen  die  Ersetzung  des  Armenischen
  durch  das  Russische  im  Religionsunterricht.

7.  Mai.  Eine  kaiserliche  Verfügung  erhöht  die  Einfuhrzölle
  auf  Roheisen,  Stahl  und  Eisenfabrikate.

12.  Mai.  (Bosnische  Okkupation.)  Der  ehemalige  Diplomat
  Tatischtschew  verbffentlicht  in  den  „Moskowskija  Wjedomosti“
eine  umfangreiche  Darstellung  der  russischen  Politik  gegenüber  der
        <pb n="456" />
        438  Rußlaud.  (Mai  Mitte  -24.)

österreichischen  Okkupation  Bosniens,  in  der  er  die  Enthüllungen  der
„Norddeutschen  Allg.  Ztg.“  (vgl.  Deutsches  Reich  April  20.),  die  den
Sachverhalt  entstellten,  als  eine  Verletzung  des  elementaren  politischen
Anstandes  bezeichnet.  Die  Ausführung  gipfelt  in  den  Worten  einer
Depesche  Gortschakows  an  Stowikow  während  des  Kongresses  in
Berlin,  welche  fagt:  „Es  stellt  sich  heraus,  daß  das  Abkommen  der
3  Kaisermächte  durch  unsere  beiden  Bundesgenossen  (Oesterreich  und
Deutschland)  faktisch  vernichtet  wird;  wir  müssen  das  Vergangene
liquidieren  und  fortan  den  Schutz  bei  uns  selber  suchen.“

Mitte  Mai.  Ein  bei  der  Jubiläumsfeier  des  Volksdichters
Slawjanski  in  Moskau  eintreffendes  Glückwunsch-Telegramm
Boulangers  wird  unter  ungeheurem  Beifallssturme  verlesen.  Ebenso
  ein  von  Dr.  Pasteur  eingehendes,  welches  mit  den  Worten  schließt:
„Vivent  Russie  et  France  unies!“

18.—20.  Mai.  Aufenthalt  des  Kaisers  mit  der  Kaiserin
und  dem  Großfürsten  bei  den  donischen  Kosaken  in  Nowo-Tscherkask.


Die  Kaiserfamilie  wird  mit  außerordentlicher  Begeisterung  empfangen
und  gefeiert  und  erhält  von  Kosaken  und  Kalmücken  landesübliche  kostbare
Geschenke.  Eine  große  Heerschau  über  die  Kosaken  und  die  Kosakenkinder
wird  abgehalten,  der  Großfürst-Thronfolger  zum  Hetman  der  donischen  Kosaken
  ernannt  und  den  Kosaken  ein  großer  Freibrief  erteilt,  der  alle  ihre
eigentümlichen  Einrichtungen  und  Vorrechte  bestätigt.

Gleichwohl  wird  ruchbar,  daß  auch  in  dieses  Gebiet  nihilistische  Bestrebungen
  Eingang  gefunden  haben  und  es  verlautet,  daß  sogar  während
1n  Aulenthalts  des  Kaisers  in  Nowo-Tscherkask  ein  Attentat  geplant  gewesen
  sei.

19.  Mai.  Im  Kreise  Bachmut  in  den  Kohlenwerken  der  südrussischen
  Bergwerksgesellschaft  bricht  eine  allgemeine  Arbeitseinstellung
  aus.

Die  benachbarten  Kohlenwerke  schließen  sich  an,  die  Zahl  der  Feiernden
  steigt  auf  1200,  es  werden  eine  Bierbrauerei  und  verschiedene  Weinlager
geplündert;  die  berittenen  Werkmeister  etwa  50  versuchen  die  Ausschreitungen
zu  dämpfen,  im  Handgemenge  wird  ein  Arbeiter  getötet,  eine  größere  Anzahl
verwundet,  40  werden  verhaftet.  Die  Bewegung  wird  noch  vor  Einschreiten
des  Militärs  gedämpft.

24.  Mai.  (Grundeigentum  der  Ausländer.)  Ein  an
diesem  Tage  verbffentlichter  kaiserlicher  Ukas  vom  14.  März  an  den
Senat  enthält  Bestimmungen  über  Erwerb  und  Benutzung  unbeweglichen
  Eigentums  durch  Ausländer  in  Polen,  Bessarabien,  den  Gouvernements
  Wilna,  Witebsk,  Wolhynien,  Grodno,  Kijew,  Kowno,
Kurland,  Livland,  Minsk  und  Podolien.

Danach  können  Ausländer  nicht  außerhalb  der  Hafenplätz  und  Städte
Immobilien  und  Rechte  auf  Benutzung  derselben  erwerben.  In  Polen  dürfen
        <pb n="457" />
        Rufland.  (Mai  25.—Juni  4.)  439

Ausländer  außerhalb  der  Städte  nicht  als  Verwalter  fungieren.  Die  Begrenzung
  der  Rechte  der  Ausländer  erstreckt  sich  nicht  auf  Mieten  von  Häusern,
  Quartieren  und  Billen.  Die  Erbschaft  von  Immobilien  in  gerader
Descendenzlinie  und  zwischen  Eheleuten  ist  gesetzmäßig  gestattet,  falls  der  Erbe
in  Rußland  vor  Feröslenpsichune  des  Ukas  angesiedelt  war,  anderenfalls  muß
der  Ausländer  nach  dreijähriger  Frist  seinen  Besitz  an  Russen  verkaufen.
Geschieht  dies  nicht,  so  wird  das  Eigentum  meistbietend  verkauft  und  der
Erlös  den  Erben  übergeben.

Der  amtliche  „Dniewnik  Warshawski“  schreibt  über  die  hierdurch
auch  unter  den  Polen  hervorgerufene  Bewegung:

„In  der  polnischen  Presse  sei  nicht  selten  über  den  großen  Zuzu
von  Ausländern  und  über  die  dadurch  hervorgerufene  Beeinträchtigung  un
Verdrängung  der  einheimischen  Bevölkerung  geklagt  worden.  Manche  polnische
  Blätter  hätten  sogar  die  russische  Regierung  wegen  ihrer  allzu  großen
Duldung  der  ausländischen  Arbeit  und  des  gremden  Arbeiters  getadelt.  Man
habe  daher  von  den  Polen  eine  freudige  Begrüßung  des  Ukas  vom  14./26.
März,  welcher  auch  den  Schuß  einheimischer  polnischer  Interessen  einschließe,
erwarten  können.  Ganz  im  Gegenteil  suche  aber  die  ganze  polnische  Presse
von  Posen  und  Galizien  mit  merkwürdiger  Uebereinstimmung  den  Ukas  als
eine  politische,  nicht  allein  gegen  die  Deutschen,  sondern  auch  gegen  die  Polen
gerichtete  und  allen  juridischen  und  Humanitätsgrundsätzen  zuwiderlaufende
Maßregel  hinzustellen.  Die  Polen  hätten  immer  noch  nicht  genug  durch  die
Erfahrung  gelernt.  Sie  meinten,  Rußland  könne  verhindert  werden,  seine
inneren  Angelegenheiten  selbständig  zu  ordnen,  und  ignerierten  diejenige  Seite
des  Ukas,  welche  zur  Förderung  und  Steigerung  des  ökonomischen  Wohlstandes
  der  polnischen  Bauern  und  des  gechgüc  Fortschritts  der  größeren
polnischen  Gutsbesitzer  geeignet  sei.  Alle  diese  Auslassungen  der  polnischen
Zeitungen  bezweckten  hauptsächlich,  die  von  der  russischen  Regierung  beabsichtigte
  Unterdrückung  der  Aspirationen  des  polnischen  Adels  bezüglich  der
Wiederherstellung  Polens  deutlich  hervorzuheben.  Die  polnische  Presse  vergesse
  offenbar,  daß  ein  jeder  Staat  nicht  sowohl  den  Wünschen  einzelner

evölkerungsklassen  als  vielmehr  den  allgemeinen  Interessen  des  ganzen
Landes  Rechnung  zu  tragen  habe  —  und  daß  es  durchaus  nicht  im  Interesse
Rußlands  liege,  irgendwelchen  Hoffnungen  auf  die  Wiederherstellung  des
polnischen  Reiches  Vorschub  zu  leisten."

Eine  später  veröffentlichte  amtliche  Zusammenstellung  gibt
den  Grundbesitz  der  Ausländer  in  Russisch-Polen  auf  1.900,000
Morgen  an.  Unter  den  Grundbesitzern  seien  29,370  Preußen,  3040
Oesterreicher  und  77  andere  Staatsangehörige.

25.  Mai.  Der  Reichsrat  beschließt  die  Erhöhung  der  Eingangszölle
  auf  Kohlen,  Torf  und  Koaks.  Das  Gesetz  tritt
am  9.  Juni  in  Kraft.

26.  Mai—4.  Juni.  Nihilistenprozeß  gegen  21  Mitglieder
der  „Narodnaja  Wolja."“

Sie  sind  der  Teilnahme  an  dieser  nihilistischen  Verbindung,  einzelne
verschiedener  Raubüberfälle,  Mordtaten,  Errichtung  geheimer  Druckereien  u.  s.  w.
beschuldigt.  Das  Fesgeere  nehmen  die  Verhandlungen  gegen  die  Mörder

 

des  Petersburger  Polizeiobersten  Sudejkin  in  Anspruch,  von  denen
der  Haupträdelsführer  Degajew  noch  immer  nicht  ermittelt  ist.
Die  Verhandlung  ergiebt,  daß  Sudejkin  1884  der  Mitwisser  eines
        <pb n="458" />
        440  Rustland.  (Juni  Anf.—3.)

gegen  den  Grafen  Tolstoi  und  den  Großfürsten  Wladimir  geplanten  Mordanschlags
  war;  in  der  Verwirrung  nach  der  That  sete  er  dann  durch  Aufhebung
  der  Täter  sich  dem  Zaren  als  Retter  empfehlen  wollen,  war  aber
von  den  das  Doppelspiel  durchschauenden  Nihilisten  unter  Leitung  seines
Vertrauten  Degajew  vorher  durch  Revolverschüsse  und  Hiebe  mit  Brecheisen
getötet  worden.

Von  den  21  Angeklagten  werden  3  freigesprochen,  15  zum  Tode  verurteilt;
  für  8  sucht  das  Gericht  um  Gnade  nach.  Die  Seele  der  ganzen  Anschläge
  ist  der  Edelmann  Ssergej  Iwanow,  neben  ihm  Lopatin,  gleichfalls
  von  Adel.  Der  Kaiser  begnadigt  7  von  den  zum  Tode  Verurteilten
zu  lebenslänglicher  Zwangsarbeit.

Anf.  Juni.  Die  Bezirke  von  Taganrog  und  Rostow  werden
mit  dem  Gebiete  der  donischen  Kosaken  vereinigt,  da  sich  in  denselben
  der  Nihilismus  in  allen  Bevölkerungsschichten  ausgebreitet  hat.

Anf.  Juni.  Im  asiatischen  Grenzgebiete  wird  vorläufig
auf  3  Jahre  probeweise  den  Chinesen  der  Erwerb  von  Domizil
und  Immobilien  in  den  Städten  untersagt.

Anf.  Juni.  Rußland  besetzt  die  bucharische  Beyschaft  Kerki.

Die  „Nowoje  Wremja“  meldet  dazu,  daß  die  Vorgänge  in  ucsarn
zweifellos  zur  Annexion  des  Khanats  durch  Rußland  führen  müßten,  falls
der  Khan  die  Umtriebe  seines  von  England  unterstützten  Bruders  nicht  zu

unterdrücken  im  stande  sein  werde.  Die  Ersetzung  des  Khans  durch  eine  russenfeindliche
  Persönlichkeit  wäre  das  Signal  zum  Einmarsche  russischer  Truppen.

Es  wird  gemeldet,  daß  Rußland  in  Askabad  ein  starkes  Armeekorps
  versammle.

Anf.  Juni.  Die  zur  Prüfung  des  Vorschlags  die  Küste  des
Schwarzen  Meeres  durch  Kosaken  zu  besiedeln  eingesetzte
Kommission  spricht  sich  für  den  vorgelegten  Entwurf  aus.

Anf.  Juni.  Senator  Saburow,  ehemals  Botschafter  in
Berlin,  und  Tatischtschew  werden  wegen  unerlaubter  Veröffentlichung
geheimer  diplomatischer  Aktenstücke  in  ihren  gegen  Deutschland  gerichteten
  Veröffentlichungen  (vgl.  Mai  12.)  aus  dem  Staatsdienste
entfernt;  Katkow  erhält  wegen  Aufnahme  dieser  Mitteilungen  in
seiner  Zeitung  einen  strengen  Verweis.  Es  verlautet  jedoch,  daß
die  Maßregelung  der  beiden  ehemaligen  Diplomaten  auf  Verwendung
von  einflußreicher  Seite  —  man  nennt  Manassein  —  wieder  zurückgenommen
  sei.

2.  Juni.  Der  Reichsrat  stimmt  dem  Weiterbau  der
transkaspischen  Eisenbahn  durch  Buchara  nach  Samarkand
  zu.

3.  Juni.  Ein  Tagesbefehl  des  Kriegsministers  beruft  zum
erstenmale  die  Reservisten  der  Infanterie  zu  im  September  abzuleistenden
  Uebungen  von  3wöchentlicher  Dauer  ein.  Die  Uebungen
sollen  von  nun  an  alljährlich  stattfinden.
        <pb n="459" />
        Nußland.  (Juni  10.—  August  1.)  441

10.  Juni.  Veröffentlichung  eines  Gesetzes  über  Erhöhung  der
Einfuhrzölle  auf  Tabak,  Zigarren  und  Zigaretten.

26.  Juni.  Der  Zar  genehmigt  den  vom  Staatsrate  gut  geheißenen
  Plan  einer  sibirischen  Eisenbahn,  welche  Petersburg
mit  Wladiwostok  verbinden  und  den  Verkehr  zwischen  beiden  Städten
in  15  Tagen  ermöglichen  soll.

Ende  Juni.  (Beschränkung  des  Studiums.)  Den  Studierenden
  der  Petersburger  Hochschule  werden  ihre  Papiere  zurückgegeben
  und  die  Immatrikulationen  dadurch  für  ungültig  erklärt.
Es  sollen  Beschränkungen  der  Aufnahmebedingungen  eintreten.  Gleichzeitig
  ergeht  ein  Erlaß  des  Unterrichtsministers,  betr.  Beschränkung
der  Zulassung  zu  den  Gymnasien,  welcher  den  Schuldirektoren  völlig
freie  Hand  für  die  Aufnahme  oder  Zurückweisung  von  Schülern
gewährt.

Anf.  Juli.  General  Bogdanowitsch  wird,  nachdem  er
schon  Anfang  Juni  den  Abschied  erhalten,  wegen  seiner  Umtriebe
gegen  Deutschland  und  wegen  während  eines  Aufenthalts  in  Paris
angeknüpfter  Verhandlungen  mit  franzöfischen  Politikern  zur  Herbeiführung
  eines  russisch  französischen  Bündnisses  aus  den  Heereslisten
  gestrichen  und  mit  Verbannung  von  allen  Orten,  wo  der  Hof  sich
aufhält,  bestraft.  Es  heißt,  daß  er  im  direkten  Auftrage  Katkows
gehandelt  habe.  Bogdanowitsch  ist  Verfasser  der  Schrift:  L'alliance
franco-russe.

4.  Juli.  (Rumänien.)  Katkow  kündigt  in  den  „Moskowskija
  Wjedomosti“  an,  daß  er  zum  Schutze  der  durch  die  andersgläubige
  Propaganda  in  Rumänien  bedrohten  orthodoxen
Kirche  mit  der  dortigen  Opposition  in  Verbindung  treten  wolle.

9.  Juli.  Der  Brüsseler  „Nord“  bespricht  die  Wahl  des
Prinzen  Ferdinand  zum  Fürsten  von  Bulgarien.

Er  sagt:  diese  bedürfe  in  erster  Linie  der  Zustimmung  Rußlands.
Den  Haupteinwand  gegen  diese  Wahl  bilde  der  Umstand,  daß  a0n  unter  den
Auspizien  der  usurpatorischen  Regierung,  die  zwar  für  den  Moment  verschwinden
  solle,  bald  aber  wieder  erscheinen  werde,  vollzogen  worden  se

Der  Prinz,  dieser  Regierung  alles  verdankend,  würde  derselben  gegenüber
nicht  die  Energie  des  Widerstandes  haben.

22.  Juli.  Unterzeichnung  des  Russisch-afghanischen
Grenzprotokolls  in  St.  Petersburg  s.  Großbritannien.
1.  August.  Michail  Nikifurowitsch  Katkow  in  Moskau.

Der  Zar  richtet  an  die  Witwe  folgendes  von  ihm  selbst  niedergeschriebene
  Telegramm:  „Im  Verein  mit  allen  echten  Russen  bedaure  ich
herzlich  Ihren  und  unsern  Verlust.  Die  mächtige  Stimme  Ihres  Mannes,
den  eine  begeisterte  Vaterlandsliebe  beseelte,  wußte  in  Zeiten  der  Trübsal
        <pb n="460" />
        442  Rusland.  (August  10.—11.)

das  Nationalgefühl,  den  Einfluß  und  den  gesunden  Sinn  Rußlands  zu  beleben.
  Rußland  und  wir  selbst  vergessen  seine  Dienste  nicht  und  wir  vereinen
  uns  mit  Ihnen  im  Gebet  für  die  Ruhe  seiner  Seele."“

Der  Brüsseler  „Nord“  schreibt  über  ihn:  „Katkow  war  ein  großer
Patriot  mit  einem  edlen  Herzen,  einer  hochangelegten  Natur  und  einem
graden  Charakter,  aber  es  fehlte  ihm  die  biegsame  Geschmeidigkeit.  Seine

nfichten  waren  einseitig.  Er  nahm  weder  Rücksicht  auf  die  verschiedenen
Wandlungen  der  politischen  Fragen,  noch  hatte  er  Verständnis  für  den  Kompromiß,
  welcher  das  Wesen  der  Diplomatie  ausmacht.  Daher  stammten  seine
leidenschaftlichen  und  oft  ungerechten  Angriffe  auf  jene  Personen,  deren  Pflicht
es  ist,  eine  vermittelnde  und  temporisierende  Thätigkeit  auszuüben.  Er  war
kein  Mann  für  die  Alltagspolitik,  sondern  geschaffen  für  den  Augenblick  einer
großen  nationalen  Krifis,  wie  die  polnische  Erhebung  des  Jahres  1863.“

10.  August.  Rußland  richtet  nachfolgende  Protestnote
gegen  die  Uebernahme  der  Regierung  Bulgariens  durch  den  Prinzen
Ferdinand  an  die  Großmächte:

„Die  kaiserliche  Regierung  konnte  die  Giltigkeit  der  Wahl  des  Prinzen
von  Koburg  nicht  anerkennen.  Der  Prinz  hat  diese  Wahl  zur  Kenntnis
des  Kaisers  gebracht.  Er  hat  verlangt,  hieher  zu  kommen,  um  die  Ratschläge
  Sr.  Majestät  einzuholen,  bevor  er  sich  nach  Bulgarien  begibt.  Der
Kaiser  hat  den  Prinzen  wissen  lassen,  daß  seine  Wahl  nicht  anerkannt
werden  und  daß  seine  Reise  nach  Bulgarien  unter  keinem  Titel  gerechtfertigt
erscheinen  könnte.  Aehnliche  Ratschläge  find  dem  Prinzen  seither  seitens  der
Mehrzahl  der  Großmächte  und  in  erster  Linie  seitens  des  suzeränen  Hofes
erteilt  worden.  Da  jedoch  Se.  Hoheit  geglaubt  hat,  den  Wünschen  der  angeblichen
  bulgarischen  Volksvertreter  willfahren  und  sich  nach  dem  Fürstentum
  begeben  zu  können,  sehen  wir  uns  gezwungen,  zu  erklären,  daß  Rußland
  weder  die  Giltigkeit  der  Wahl  des  Prinzen  von  Koburg,  noch  die  Legalität
  seines  Erscheinens  in  Bulgarien,  um  sich  an  die  Spitze  der  Regierung
dieses  Landes  zu  stellen,  anzuerkennen  vermag.  Wir  wollen  gerne  hoffen,
daß  die  Regierung  diese  Anschauung  teilen  und  diese  stagrarte  Verletzung
  des  Berliner  Vertrages  nicht  dulden  wird.  Rußland  kann  sich  nicht
zum  alleinigen  Beschützer  dieser  Stipulationen  machen,  auf  welchen  der  von
einem  definitiven  Zusammensturze  bedrohte  Stand  der  Dinge  ruht."“

11.  August.  Zur  Reise  des  Prinzen  von  Koburg  nach
Bulgarien  schreibt  das  „Journal  de  St.  Petersbourg“:

„Wir  haben  diese  Reise  bereits  als  ein  Abenteuer  bezeichnet,  als  davon
  zum  erstenmale  die  Rede  war,  und  wir  können  diese  Bezeichnung  nur
wiederholen.  Als  der  Prinz  die  bulgarische  Abordnung  empfing,  umschrieb
er  die  vorgängigen  unerläßlichen  Bedingungen,  unter  denen  allein  seiner  Erwählung
  stattgegeben  werden  könne,  so  vollkommen,  daß  es  müßig  wäre,
dieselben  hier  zu  wiederholen.  Man  kann  nur  erstaunen  und  in  erster  Linie
für  den  Prinzen  selbst  bedauern,  daß  er  dieselben  so  schnell  vergessen  hat.
Sicherlich  kann  sich  unseres  Erachtens  Rußland  durch  dieses  Vergessen  aller
Bedingungen  der  Gesetzlichkeit  sowie  aller  Rücksichten  nicht  veranlaßt  fühlen,
seine  Anschauungen  über  eine  Wahl  zu  ändern,  die  eine  Versammlung  vollzogen
  hatte,  deren  Gesetzlichkeit  Rußland  stets  bestritten  hat.  Was  die  andern
Großmächte  und  die  hohe  Pforte  angeht,  so  liegt  die  Ungesetzlichkeit  und  die
Unzukömmlichteit  der  Entschließung  des  Prinzen  gegenüber  diesen  so  offen
zutage,  daß  keine  dieser  Regierungen  dieselbe  wird  billigen  können.  Es  scheint
uns  daher,  daß  die  Reise,  welche  der  Prinz  soeben  angetreten  hat,  einen  bedauerlichen
  Zwischenfall  bildet,  welcher  allen  denjenigen  anzureihen  ist,  an
        <pb n="461" />
        Rußland.  (August—Oktober  9.)  443

denen  die  neuere  Geschichte  des  Fürstentums  Bulgarien  bereits  so  reich  ist.
Derselbe  bietet  von  keinem  Gesichtspunkt  aus  eine  Lösung  und  man  muß
bis  auf  weiteres  die  Entwicklung  der  Ereignisse  in  diesem  so  sehr  geprüften
Lande  abwarten.“

Der  Brüsseler  „Nord“  verspottet  den  Fürsten  als  ein  mit  ernsten
Dingen  spielendes  Kind,  nennt  das  Ganze  eine  Operette,  der  Prinz  habe  von
Natschowitsch  durch  eine  goldgestickte  Generalsuniform  mit  Federbusch  verführt
  die  Reise  ins  lustige  Land  Gerolstein  angetreten.  „Wenn  der  „Säbel
meines  Vaters“  fehlt,  so  haben  wir  dafür  die  Staatskutsche  meiner  Mutter,
welche  für  den  Einzug  im  Triumphe  benützt  wird.  Wie  lange  wird  diese
heitere  Note  haushalten?"“

August—September.  Paul  Déroulede  durchreist  von  Moskau
  aus  Rußland  und  ist  vielfach  der  Gegenstand  franzosenfreundlicher
  Demonstrationen  der  russisch-nationalen  und  panflawistischen
Wortführer.  Er  begibt  sich  von  Petersburg  nach  Kopenhagen  und
bemüht  sich  wiederholt  vergeblich  um  eine  Audienz  beim  Zaren.
Es  heißt  jedoch,  daß  er  vom  Könige  von  Griechenland  empfangen
worden  sei.

26.  August—26.  Oktober.  Aufenthalt  des  Zaren  in  Dänemark
  s.  Dänemark.

Anfang  September.  Beginn  des  Baues  eines  Barakenlagers
  bei  Warschau  innerhalb  des  Festungsgürtels.  Dasselbe
soll  150,000  Mann  aufnehmen  können.

Ende  September.  Ein  kaiserlicher  Ukas  befiehlt  die  Verlängerung
  des  Belagerungszustandes  über  näher  bezeichnete
Teile  Rußlands  zur  Niederhaltung  der  nihilistischen  Bewegung  auf
3  Jahre.

Die  betroffenen  Gouvernements  sind  St.  Petersburg  Moskau,  Charkow,
  Pultawa,  Czernigow,  Kijew,  Volhynien,  Podolien,  Cherson  und  Bessarabien,
  dann  die  Kreise  Simseropol,  Eupatoria,  Jalta,  Theodofia  und  Perekop
  des  Taurischen  Gouvernements,  endlich  die  Städte  Saratow,  Rostow
am  Don,  Taganrog,  Odessa,  Kertsch-Jenikale,  Sebastopol,  Nikolajew  und
Kronstadt.  Alle  Arten  von  bewaffneter  Widersetzlichkeit  gegen  Zivil=  und
Militärbehörden,  sowie  alle  Arten  von  Attentaten  auf  behördliche  Funktionäre
  werden  in  ganz  Rußland  auf  weitere  drei  Jahre  den  Kriegsgerichten
zugewiesen.  Ebenso  werden  die  Vollmachten  des  Ministers  des  Innern  zur
Verhaftung  und  Deportierung  von  Personen,  die  er  für  die  öffentliche  Ordnung
  als  gefährlich  erachtet,  auf  weitere  drei  Jahre  verlängert.

8.  Oktober.  Der  „Nord“  konstatiert  die  Erfolglofigkeit  der
rusfisch-türkischen  Verhandlungen  über  die  bulgarische  Frage.

9.  Oktober.  (Bauernrevolte.)  Durch  Kriegsgericht  werden
von  30  angeklagten  Bauern  des  Dorfes  Inssar  (Gvt.  Pensa),  welche
im  März  d.  Is.  nach  förmlichen  Beschluß  in  offener  Gemeinde-Versammlung
  den  gutsherrlichen  Verwalter,  der  ihren  Eingriffen  in

den  herrschaftlichen  Besitz  zu  steuern  suchte,  ermordet  hatten,  14  wegen
        <pb n="462" />
        444  Rußland.  (Oktober  Ende  —November  Mitte.)

vorbedachten  Mordes  zum  Tode,  die  Gemeindeältesten  und  Schulzen
wegen  äußerst  fahrlässiger  Amtsführung  zu  3  bis  3  ½/  Jahren  Zuchthaus
  verurteilt.

Ende  Oktober.  (Livland:  Deutschtum.)  Der  Gouverneur
von  Livland  General  Sinowjew  erläßt  ein  Rundschreiben,  in
dem  er  zur  Kenntnis  bringt,

daß  er  die  Glieder  mehrer  Bauergemeindeverwaltungen  zu  Belohnungen
  vorgeschlagen  habe  dafür,  daß  sie  deutsche  Schreiben,  die  an  sie  gerichtet
  wurden,  zurückgewiesen,  dagegen  die  Glieder  anderer  Bauergemeindeverwaltungen
  und  Gerichte  mit  Geld  und  Gefängnis  bestraft  habe  dafür,
daß  sie  solche  in  einer  „ausländischen  Sprache“  geschriebene  Papiere  angenommen
  hätten.

In  Riga  wird  gegen  50  evangelische  Prediger  Prozeß  eröffnet
wegen  Vornahme  von  Taufen  und  anderen  geistlichen  Handlungen,
an  Personen,  welche  die  orthodoxe  Kirche  als  ihr  zugehörig  erklärt
  hat.

7.—Mitte  November.  Die  ruffische  Presse  bespricht  die  Erklärungen
  des  Grafen  Kalnoky  in  den  Delegationen  über  die  bulgarische
  Frage  (vgl.  Oesterreich  XI.  5.  u.  8.)  in  äußerst  gereiztem  Tone.

Das  „Journal  de  St.  Pétersbourg“  sagt,  die  Auffassung  Kalnokys
  über  die  Lage  des  Prinzen  Ferdinand  unterscheide  sich  wesentlich  von
der  russischen.  Nach  Kalnoky  ermangle  die  Lage  des  Prinzen,  um  eine  gesetzliche
  zu  sein,  nur  der  Bestätigung  der  Mächte;  Rußland  aber  habe  niemals
  die  Gesetzlichkeit  der  Wahl  des  Prinzen  durch  die  Sobranje  von  Sofia
anerkannt,  da  diese  Versammlung  selbst  nur  ein  Erzeugnis  der  Gewaltthat
und  Ungesetzlichkeit  sei.  Bei  dieser  tiefgehenden  Meinungsverschiedenheit
hinsichtlich  des  Ausgangspunktes  sei  es  schwierig,  sich  über  den  Charakter
der  bulgarischen  Krisis  zu  verständigen.  Was  die  Bemühung  Kalnokys
angehe,  Rußland  zu  der  Sache  des  Friedens  heranzuziehen,  so  bedürfe  es
keiner  besondern  Hervorhebung,  daß  diese  Bemühungen  anderwärts  besser
angebracht  wären.  Dieser  Friede  werde  von  Rußland  ebensowenig  bedroht
wie  die  Unabhängigkeit  der  Balkanvölker.

In  einer  zweiten  Besprechung  sagt  dasselbe  Blatt:  Kalnoky  habe
erklärt,  die  österreichisch-ungarische  Regierung  sei  nicht  berufen,  die  Verfassungsmäßigkeit
  der  bulgarischen  Naticnnalversammlung  zu  prüfen.  Dadurch
habe  er  einbegreiflich  eine  Versammlung  anerkannt,  die  jeder  gesetzmäßigen
Grundlage  entbehrt  hätte  und  der  außer  dem  Makel  ihres  Ursprunges  noch
der  Makel  anhafte,  daß  sie  ein  Erzeugnis  der  Gewaltthat  und  des  Betruges
sei.  Es  sei  dies  ebenso  der  Fall  mit  der  r  gegenwärtigen  So- 



branje,  die  berufen  worden  sei,  die  Wahl  des  Prinzen  zu  bestätigen.  Man
wolle  sich  der  Einsicht  verschließen,  daß  es  sich  um  die  Missethaten  einer
Handvoll  Agitatoren  handle  und  spreche  von  einem  Ausfluß  des  gehobenen
Selbstgefühls,  welches  die  Völker  des  Balkans  beseele  und  welches  der  Politik
des  Wiener  Kabinetts  als  kräftige  Stütze  dienen  solle.  Mit  solchen  Stützen
komme  man  nicht  weiter.

Sehr  gereizt  äußert  sich  der  Brüfseler  „Nord“:  Rußland  werde  es
nicht  zugeben,  daß  der  österreichische  Minister  parlamentarischer  Erfolge  halber
die  Rollen  umkehre  und  jenen  Staat,  welcher  allein  bisher  Beweise  der
Friedensliebe  gab,  als  Friedensstörer  hinstelle.  Nicht  Rußland,  sondern  die
        <pb n="463" />
        Rußland.  (November  10.—  21.)  445

Tripel-Allianz  sei  eine  Gefahr  für  den  Frieden,  weil  dieselbe  das  Abenteurer-Regiment
  des  Koburgers  unterstütze  und  die  Achtung  vor  internationalen
Verträgen  untergrabe.  Es  wäre  Rußland  leicht,  nachzuweisen,  die  Wahl
des  Prinzen  von  Koburg  sei  ein  Werk  der  Konspiration;  aber  es  sei  wahrscheinlich,
  daß  Rußland  die  gegen  dasselbe  Güüre  maßlose  Sprache  nur
durch  „Geringschätzung“  beantworten  werde.  Graf  Kalnoky  hätte  dem  Verhältnisse
  zwischen  Rußland  und  Oesterreich-Ungarn  mehr  genützt,  wenn  er

gar  nicht  gesprochen  hätte.

10.  November.  (Orthodoxe  Propaganda.)  Der  amtliche
„Dnjewnik  Warschawski“  berichtet,  daß  200  in  Polen  angesiedelte
Tschechenfamilien  eine  Eingabe  behufs  Uebertritts  zur  griechischorthodoxen
  Kirche  gemacht,  daß  ferner  1500  andere  Kolonisten  gleichfalls
  ihre  Bereitwilligkeit  zu  diesem  Schritte  erklärt  haben.

11.  November.  Der  Prinz  Nikolaus  Dadian  von  Mingrelien
  erhält  auf  seinen  Antrag  den  Abschied  aus  der  Armee.

Er  war  unzufrieden,  daß  er  bei  seinem  Austritte  aus  der  kaiserlichen
Snite  in  die  Reserve  versetzt  worden  war  und  erbat  daher  seinen  Abschied.

17.  November.  (Livland.)  Die  evangelische  Geistlichkeit
Livlands  sucht  in  einer  Eingabe  um  die  Aufhebung  der  Artikel  der
livländischen  Bauernverordnung  nach,  durch  welche  ihre  Mitwirkung
an  der  Leitung  der  Volksschulen  vorgeschrieben  ist.  Der  Grund  liegt
in  der  Russifizierung  der  Volksschulen,  welche  zugleich  die  Ueberführung
  des  esthnischen  und  lettischen  Volkes  in  die  orthodoxe  Kirche
einzuleiten  bestimmt  ist.

18.  November.  Zarenbesuch  in  Berlin  s.  Deutsches  Reich.

18.  November.  (Livland.)  Der  Gouverneur  General  Sinowjew
  lehnt  den  vom  Landrate  Frhrn.  v.  Tiesenhausen  und  dem  Kalzenauer
  Kirchenvorsteher  v.  Brümmer  erbetenen  Schutz  gegen  die  im
Kalzenauer  Kirchspiel  herrschenden,  von  der  Regierung  begünstigten
anarchischen  Zustände  ab.

Er  antwortet,  ihm  seien  vier  Bataillone  zur  Verfügung  gestellt  worden,
  welche  gegen  den  „aufsässigen  livländischen  Adel“  verwandt  werden
würden,  und  beschuldigt  in  der  rücksichtslosesten  Weise  den  livländischen
Adel,  daß  er  gegen  die  Regierung  die  feindseligste  Gesinnung  hege  und  daß
er  mit  allen  Mitteln  die  Anordnungen  des  Staates  zu  nichte  zu  machen  suche.

19.  November.  Der  Kaiser  genehmigt  einen  neuen  Zoll
auf  Pflanzen,  Blumen  und  Samen,  ferner  offizinelle  Pflanzen  und
eine  Zollerhöhung  auf  Baumwolle,  landwirtschaftliche  Geräte  und
Maschinen,  Südfrüchte,  Heringe  und  gedörrte  Fische,  Gewürze,  verschiedene
  Gewebearten,  Spitzen,  Glas,  Perlen  und  Uhren.

21.  November.  (Nihilisten.)  In  einem  Prozesse  gegen  18
Offiziere  wird  das  Urteil  verkündigt.

Das  höchste  Strafmaß  beträgt  acht  Jahre  Bergwerksarbeit,  das  nied-
        <pb n="464" />
        446  Kußland.  (November  Ende—Dezember  Ende.)

rigste  einfache  Verbannung  nach  Sibirien;  von  den  Angeklagten  gehoren  je
1  der  Garde,  den  Sappeuren,  der  Artillerie  und  den  Kosaken,  5  der  Marine,
9  der  Linien-Infanterie  an;  alle  sind  noch  sehr  jung,  der  älteste  24  Jahre
alt.  Ihre  Schuld  besteht  hauptsächlich  in  der  Beteiligung  an  nihilistischen
Zeitschriften  und  in  gemeinsamen  Gesprächen  über  gewaltsame  Verbesserun
der  inneren  Zustände  Rußlands;  diese  Handlungen  wurden  größtenteils  no

während  der  Anwesenheit  auf  der  Schule  begangen.  Die  Richter,  sämtli

höhere  Offiziere,  erkannten  alle  an,  daß  in  den  Handlungen  der  meisten
mehr  Jugendthorheiten  als  Verbrechen  zu  erblicken  seien;  alle  Verurteilten
sind  dem  Zaren  zur  Begnadigung  empfohlen.  Alle  werden  vom  Kaiser  in
Anbetracht  ihrer  Jugend,  der  gegen  fie  angewandten  Verführungskünste  und
an  den  Tag  gelegten  Reue  zur  Degradation  mit  der  Möglichkeit  späterer
Zurückgewinnung  des  Offiziersranges  begnadigt.

Ende  November.  An  die  Vertreter  Rußlands  im  Auslande
ergeht  ein  Rundschreiben  über  die  Ergebnisse  des  Zarenbesuchs.


Dasselbe  hebt  drei  Punkte  besonders  hervor:  erstens,  daß  Fürst  Bismarck
  und  Kaiser  Alexander  nach  Prüfung  aller  einschlägigen  Verhältnisse
in  der  Lage  gewesen  seien,  festzustellen,  daß  kein  Grund  zu  einem  Bruche
zwischen  Deutschland  und  Rußland  vorliege,  zweitens,  daß  Fürst  Bismarck
erklärt  habe,  in  den  bulgarischen  Angelegenheiten  die  vollständigste  Neutralität
innehalten  zu  wollen,  drittens,  aus  der  Unterredung  habe  sich  ergeben,  daß
alle  Mißverständnisse  auf  die  feindselige  Sprache  der  Presse  beider  Länder
zurückzuführen  seien:  beiderseits  habe  man  sich  das  Versprechen  gegeben,  auf
die  Haltung  der  offiziösen  Presse  mäßigend  einzuwirken.

Es  fällt  auf,  daß  in  dem  Schreiben  der  gefälschten  Aktenstücke  so
wenig  Erwähnung  geschieht  wie  der  Erklärung  Bismarcks  über  das  Eintreten
des  Bündnisfalles  im  Augenblicke  eines  russischen  Angriffs  auf  Oesterreich.

Ende  November.  Die  russische  Presse  erhält  den  Befehl
ihre  leidenschaftliche  Sprache  gegen  Deutschland  zu  mäßigen.  Derselbe
  wird  jedoch  nur  vorübergehend  wirksam

Eine  Anzahl  Blätter  versuchen  an  die  Enthüllungen  der  Kölnischen
Zeitung  über  die  diplomatischen  Fälschungen  (s.  Deutsches  Reich  XI
18.)  anknüpfend  die  Unrichtigkeit  derselben  darzuthun,  sie  auf  den  Fürsten
Bismarck  selbst  zurückzuführen  und  als  einen  von  ihm  ausgehenden  Versuch,
die  öffentliche  Meinung  irrezuführen,  hinzustellen.  Die  Nowoje  Wremja  bechuldigt
  Oesterreich  der  Fälschungen.

9.  Dezember.  General  Baranow,  Gouverneur  von  Nowgorod
erhält  für  seine  begeisterten  Reden  auf  Déroulede  und  seine
Bündnisbestrebungen  vom  Zaren  einen  Verweis.

Ein  großes  Bild  Dérouleèdes  in  einem  Schaukasten  des
Petersburger  Newskiprospekt  wird  auf  Befehl  der  Polizei  entfernt.

12.—Ende  Dezember.  (Studentische  Unruhen.)  Die  Universität
  Moskau  wird  bis  auf  weiteres  geschlossen.

Der  Grund  für  diese  Maßregel  ist  eine  thätliche  Beleidigung,  welche
ein  Student  dem  Inspektor  der  Universität  Staatsrat  Brygsgalow  in
einem  Konzert  wegen  eines  Streites  um  einen  Sitz  zufügt.  Dieselbe  scheint
aber  schon  längere  Zeit  beabsichtigt  gewesen  zu  sein  und  wird  auf  einen
unter  der  Studentenschaft  bestehenden  Plan,  die  Entfernung  des  verhaßten
        <pb n="465" />
        Kußland.  (Dezember  15.  bzw.  16.)  47

durchzusetzen,  zurückgeführt.  Der  Vorfall  führt  zu  studentischen

die  durch  die  Polizei  nicht  ohne  Gewaltmittel  gesprengt
Am  10.  Dezember  stellen  die  Studenten  den  Besuch  der  Universität
ein  und  sagen  den  Universitätsbehörden  den  Gehorsam  auf.

Die  Maßregel  erregt  die  Studentenschaft  der  übrigen  ruffischen
Universitäten,  Polytechniken  und  Tierarzneischulen.  In  Charkow,
Odessa,  Kasan  wird  von  den  Hörern  stürmisch  die  Aufhebung  der
bestehenden  Universitätsordnung  gefordert  und  es  fallen  ernstliche
Ruhestörungen  vor,  bei  denen  einige  Studenten  getötet  werden.  Auch
diese  Anstalten  werden  geschlossen.

Am  20.  versuchen  die  Petersburger  Studenten  des  Technikums
eine  große  Kundgebung  gegen  das  Verfahren  gegen  die  übrigen  Hochschulen
  zu  veranstalten,  werden  aber  von  der  Polizei,  die  einige
Studenten  verhaftet,  daran  gehindert.  Tags  darauf  fassen  die  Universitätsstudenten
  Beschlüsse,  welche  den  Rektor  auffordern,  vor  ihnen
zu  erscheinen,  die  Erlaubnis,  Kränze  auf  das  Grab  der  getöteten
Studenten  zu  legen  erbitten  und  die  Wiederherstellung  der  alten
Universitätsstatuten  beanspruchen.  Das  auf  Befehl  des  Stadthauptmanns
  erfolgende  Einschreiten  der  Polizei  führt  zu  Tumultszenen
und  vielen  Verhaftungen.  Die  Universität  wird  von  Polizei  besetzt,
doch  setzen  sich  die  Ruhestörungen  auch  am  folgenden  Tage  fort,
werden  aber  durch  beschwichtigende  Versprechungen  eines  Professors
gedämpft.  Die  Studenten  beschließen,  eine  Bittschrift  an  den  Zaren,
in  der  sie  diesen  um  die  Entlassung  des  Rektors,  Freilassung  der
Verhafteten  und  die  Aufhebung  der  neuen  Statuten  angehen.

15.  bzw.  16.  Dezember.  Der  „Ruffische  Invalide“  gibt  folgende
Darstellung  über  die  Grenzaufstellungen  Rußlands  und  seiner
Nachbarn.

Darnach  hätte  sich  der  Friedensbestand  des  deutschen  Heeres  in  den
*  fünf  Jahren  um  65  Bataillone,  384  Geschütze,  der  Bestand  der  deutschen
  Truppen  an  der  zusüschen  Grenze  um  21  Bataillone,  27  Batterieen
und  25  Schwadronen  vermehrt.  Seit  dem  Jahre  1878  hat  Deutschland  in
seinem  östlichen  Gebiete  4850  km.  Eisenbahnen  erbaut.  Elf  deutsche  Bahnlinien
  können  die  Truppen  zu  der  russischen  Grenze  schaffen,  zehn  Knotenstationen
  dieselben  an  der  russischen  Grenze  auswaggonieren  und  konzentrieren.
Deutschland  hat  Lagerfestungen  erster  Klasse  in  Thorn,  Posen,  Danzig  und
Königsberg  errichtet,  die  Errichtung  einer  solchen  in  Graudenz  folgt.  Oesterreich-Ungarn
  hat  zu  den  frühern  23  Infanterie-Divifionen  9  neue  erworben,
wozu  bei  einer  Mobilmachung  14  Landwehr=  bezw.  Honved-Divisionen  kommen.
Die  Truppen  in  Galizien  sind  im  letzten  Jahre  durch  18  Eskadrons  und
13  Batterieen  verstärkt  worden.  Sämtliche  dorthin  verlegte  Batterieen  erhielten
  volle  Bespannung.  In  den  Gebieten  Oesterreich-Ungarns,  welche  der
Schauplatz  eines  Krieges  mit  Rußland  sein  könnten,  sind  seit  1878  insgesamt
4500  km.  Eisenbahnen  mit  zwei  Geleisen  bis  zur  russischen  Grenze  hergestellt
worden.  Jetzt  vermögen  sechs  österreichisch-ungarische  Bahnen  Truppenmassen
        <pb n="466" />
        448  Kußland.  (Dezember  15.  bzw.  16.)

nach  Galizien  zu  werfen  und  an  neun  Knotenpunkten  sie  an  der  russischen
Grenze  aufzurollen.  In  Lemberg,  Przemysl,  Jaroslaw,  Dembitza,  Rjaschew
und  andern  Punkten  find  bereits  zahlreiche  Militärbaracken  erbaut,  große
Proviantmagazine  werden  dort  errichtet.  Die  Festungen  Przemysl  und  Krakan
sind  in  Lagerfestungen  umgewandelt  worden.  Von  den  Forts  bei  Krakan
kann  russisches  Gebiet  beschossen  werden.  Ebendort  find  Waggonmassen  angehäuft,
  welche  zum  Befahren  der  russischen  Bahnen  eingerichtet  sind.  Dieses
alles  find  Vorbereitungen  über  die  Verteidigung  hinaus.  Ungeachtet  solcher
Vorbereitungen  seiner  Nachbarn  ist  es  Rußland  zuerst  gewesen,  welches  inmitten
  der  fieberhaften  Rüstungen  seiner  Nachbarn  seine  Wehrkräfte  nicht
vermehrte,  sondern  verminderte.  In  den  Jahren  1881  und  1882  hat  Rußland
  den  Friedensbestand  seiner  Armee  fast  um  100,000  Mann  verringert;
freilich  hat  Rußland  in  den  folgenden  Jahren  wiederum  etwas  den  Effektivbestand
  seiner  Truppen  vermehrt.  Hierzu  war  es  gedrängt  durch  die  afganische
  Angelegenheit  wie  durch  die  Notwendigkeit,  auch  seine  Mobilmachungsbereitschaft
  zu  heben,  da  die  Nachbarn  ihre  Kampfbereitschaft  ununterbrochen
vermehrten.  Nichtsdestoweniger  zählt  der  Friedensbestand  der  russischen  Armee
sogar  in  diesem  Jahre  75,185  Mann  weniger  als  im  Jahre  1881,  während
die  Nachbarn  in  derselben  Zeit  ihren  Friedensbestand  um  75,000  Mann
erhöhten.  Ohne  Zweifel  würde  Rußland  im  Falle  eines  Krieges  eine  mächtige
Armee  aufstellen,  aber  die  Konzentrierung  derselben  an  der  Grenze  ist  unvergleichlich
  schwieriger  als  bei  den  Nachbarn.  In  den  letzten  zehn  Jahren
find  in  den  russischen  Westmarken  2828  km.  Eisenbahnen  gebaut  worden,
während  in  den  Ostprovinzen  Deutschlands  und  Oesterreichs  in  der  nämlichen
Zeit  auf  einer  um  die  älfte  kleinern  Fläche  9300  km.  gebaut  wurden.
Die  russischen  Bahnen  überschreiten  nirgends  die  von  dem  Dreieck  Petersburg,
  Warschau  und  Odessa  begrenzte  Verteidigungslinie,  die  Nachbarbahnen
hingegen  laufen  direkt  zur  russischen  Grenze,  und  es  ist  leicht  begreiflich,
daß  sie  nicht  für  die  Grenzposten,  sondern  zur  Konzentration  der  Truppen
selbst  hergestellt  sind.  Ein  Blick  auf  die  Karte  genügt,  um  sich  zu  überzeugen,
  mit  welchem  dichten  Bahnnetz  die  russische  Grenzzone  umgeben  und
auf  welche  unbedeutende  Anzahl  von  Wegen  anderseits  Rußland  seine  in  der
Friedenszeit  westlich  dislozierten  Kräfte  stützen  kann.  Nicht  nur  von  Deutschland,
  sondern  auch  von  Oesterreich-Ungarn  her  droht  dem  russischen  Gebiete
ein  schnelles  Eindringen.  Die  wirksamste  Maßnahme  gegen  diese  Gefahr
wäre  die  Vergrößerung  des  rufsischen  Eisenbahnnetzes  bis  zu  dem  gleichen
Umfange  wie  bei  den  Nachbarn;  hierzu  wären  aber  ungeheure  Geldmittel
und  hauptsächlich  großer  Zeitaufwand  erforderlich.  Es  bleibt  daher  für
Rußland  nur  das  eine  übrig,  die  Wehrbereitschaft  seiner  Festungen  und  die
Truppenstärke  in  den  Grenzbezirken,  um  nicht  überrascht  zu  werden,  zu  erhöhen.
  Die  im  vorigen  Jahre  getroffenen  verstärkten  militärischen  Vorereitungen
  der  Nachbarn  zwangen  Rußland,  eine  Reihe  von  Gegenmaß-=regeln
  zu  entwerfen,  welche  allmählich  ausgeführt  werden.  Militärpersonen
werden  in  Ueberführung  etlicher  Kavallerieregimenter  in  das  Weichselgebiet
nicht  mehr  als  eine  Maßregel  zur  Verteidigung  sehen.  Rußland  müßte
sonst,  um  Gleichgewicht  zu  Halten,  ganz  andere  Truppenmassen  nach  der
Grenze  führen.  Rusfische  Militärs  bekennen  offen,  daß  die  Verteidigung  des
russischen  Gebiets  noch  nicht  gesichert  ist  und  daß,  wenn  die  Friedensliga
sich  berechtigt  erachtet,  ihre  Verteidigungsmaßnahmen  entwickelnd,  sogar  einige
russische  Landesteile  unter  Schußweite  ihrer  äußersten  Forts  zu  bringen,
Rußland  auch  ebenso  zweifellos  das  Recht  habe,  für  seine  Verteidigung  zu.
sergen  und  mit  allen  Maßnahmen  die  Unantastbarkeit  seines  Gebietes  und
einer  Ehre  zu  wahren.“

Die  Schlußsätze  des  Artikels  bezeichnen  den  Sieg  Rußlands  über  die
gesamte  Friedensliga  als  unzweifelhaft.
        <pb n="467" />
        Rufland.  (Dezember  24.)  149

Es  heißt,  daß  der  Artikel  vor  seiner  Veröffentlichung  dem
Zaren  vorgelegen  habe  und  auf  dessen  ausdrückliche  Anordnung  mit
diesen  Schlußsätzen  versehen  worden  sei.  In  einer  Besprechung  des
Artikels  am  folgenden  Tage  führt  das  „Journal  de  St.  Pétersbourg“
  aus:

Jeder  unparteiische  Richter  wird  zugeben,  daß  es  nicht  Rußland  ist,
dem  die  Verantwortlichkeit  für  die  beständige  Vermehrung  des  Friedensstandes
  der  Armeen  zufalle.  Allerdings  bezeichnen  die  im  Zentrum  Europas
als  Friedensliga  vereinigten  Mächte  als  den  ausschließlichen  Zweck  iher
Bündnisse  wie  ihrer  Rüstungen  die  friedliche  Aufrechterhaltung  des  bestehenden
  Zustandes  auf  Grund  der  bestehenden  Verträge.  Wenn  dem  wirklich  so
ist,  so  schließt  sich  Rußland  dieser  Friedensbürgschaft  nur  an,  indem  es  an
seinen  Grenzen  die  notwendigen  Abwehrmaßregeln  trifft,  um  ein  Gleichgewicht
der  Streitkräfte  zu  bewahren.  Es  bleibt  nur  noch  zu  entscheiden,  inwieweit
ein  Mißbrauch  des  Grundsatzes:  „Si  vis  pacem,  para  bellum“,  welcher
schwer  lastet  auf  den  Finanzen  aller  Länder,  auf  ihrer  wirtschaftlichen  Lage,
auf  jeder  Bewegung  der  Geschäfte,  indem  er  die  Leidenschaften  aufregt  und
die  Geister  beunruhigt  —-inwieweit  ein  solcher  Mißbrauch  das  beste  Mittel
ist,  ienen  Frieden  zu  bewahren,  den  alle  Welt  zu  wünschen  scheint  und  den
auch  wir  für  uns  dank  unsern  guten  Beziehungen  zu  unsern  Nachbarn  auf
lange  Zeit  gesichert  glauben.

Die  deutschen  Zeitungen,  besonders  die  Kölnische,  weisen  die
tendenziöse  und  unrichtige  Darstellung  des  Invaliden  nach.

24.  Dezember.  Es  ergeht  ein  Befehl  des  Zaren  zur  Gründung

einer  Kriegsflotte  auf  dem  Amu  Darja.
        <pb n="468" />
        XV.

Die  Türkei  und  ihre  Vasallenstaaten.

1.  Die  Türkei.

12.  Januar.  (Kreta.)  Der  Gouverneur  Sawas  Pascha
kommt  infolge  der  Verweigerung  von  Verstärkungen,  die  er  zur  Verhinderung
  von  Umtrieben  gefordert,  um  seine  Entlassung  ein.  An
seine  Stelle  tritt  Kostakis  Pascha  Anthopulos.

17.  Januar.  (Bulgarien.)  Zankow  trifft  in  Konstantinopel
  ein  (vgl.  Bulgarien  Anf.  Jan.).

Die  Verhandlungen  mit  dem  Großvezir  drehen  sich  um  die  Frage,
ob  Zankow  in  ein  Kabinett  aus  allen  Parteien  eintreten  wolle,  nachdem  die
Regentschaft  abgeschafft  ist.  Dieses  Kabinett  soll  sodann  eine  neue  große
Sobranje  zum  Zwecke  der  Fürstenwahl  einberufen.  Zankow  überreicht  der
Pforte  hierauf  ein  Memorandum,  welches  die  von  ihm  aufgestellten  Vorschläge
  enthält.  Dieselben  betreffen  hauptsächlich:

Rücktritt  und  Entfall  der  Regentschaft,  da  eine  solche  durch  die  bulgarische
  Verfassung  nur  für  den  Fall  der  Minderjährigkeit  des  Fürsten  vorgesehen
  sei;  Bildung  eines  neuen  Ministeriums  unter  Vorsitz  eines  Zankowisten
  und  Besetzung  der  Portefeuilles  des  Innern  und  des  Aeußern  mit
Mitgliedern  der  Zankow'schen  Partei;  Berufung  eines  russischen  Generals
zur  Leitung  des  Kriegsministeriums,  wenn  möglich  des  Generals  Cantacuzene,
der  diesen  Posten  bereits  bekleidete;  Ausschreibung  neuer  Wahlen  für  die
Sobranje  zum  Zwecke  der  Fürstenwahl  und  Annahme  des  von  Rußland
vorgeschlagenen  Kandidaten;  allgemeine  politische  Amnestie  und  Wiedereinsetzung
  der  aus  politischen  Gründen  außer  Landes  befindlichen  Hffiziere  und
Funktionäre  in  ihre  früheren  Stellungen;  Verabschiedung  aller  ausgedienten
Soldaten  und  Ersetzung  derselben  durch  die  neu  ausgehobene  Mannschaft
sofort  nach  Installierung  des  neuen  Fürsten;  Notwendigkeit  einer  Revision
der  bulgarischen  Verfassung.

31.  Januar.  Die  bulgarische  Regentschaftsabordnung
  trifft  in  Konstantinopel  ein.

Dieselbe  wird  vom  Großvezir  sehr  freundlich  empfangen,  welcher
erklärt,  er  habe  Zankow  ausschließlich  zur  Anbahnung  einer  Verständigung
zwischen  den  Parteien  berufen,  da  aber  die  bulgarische  Regierung  darüber
jede  Verhandlung  ablehnte,  so  habe  er  das  Projekt  fallen  lassen.  Er  wolle
im  Sinne  des  Berliner  Vertrages  handeln  und  werde  die  Unabhängigkeit
Bulgariens  stets  im  Auge  behalten.  —  Der  Sultan  empfängt  die  Abordnung
        <pb n="469" />
        Die  Tũrkei.  (Februar  4.  —  März  Mitte.)  451

später  ebenfalls  sehr  gnädig,  spricht  seine  Sympathieen  für  Bulgarien  aus
und  warnt  sie  vor  der  Befolgung  extremer  Ratschläge.

4.  Februar.  Bei  der  Wahl  des  ökumenischen  Metropoliten
  von  Konstantinopel  wird  der  Metropolit  von  Adrianopel
Dionysios  als  Kandidat  der  griechischen  Partei  gegen  den  russischerseits
  gewünschten  ehemaligen  Patriarchen  Joachim  mit  12  von  17
Stimmen  gewählt.

28.  Februar  und  folgende  Wochen.  (Mission  Riza  Beys.)
Nachdem  die  Verhandlungen  zwischen  der  Pforte,  der  Regentschaftsabordnung
  und  Zankow  zu  keinem  Ergebnis  geführt,  entsendet  dieselbe
  zur  Fortsetzung  der  Verhandlungen  mit  der  Opposition  Riza
Bey  als  Spezialkommissar  nach  Sofia.  Derselbe  reist  mit  Grekow
dahin.

Es  wird  berichtet,  daß  von  ruffischer  Seite  energische  Vorstellungen
gegen  die  issston  Rizas  gemacht  worden  seien,  Nelidow  sogar  mit  Abbruch
der  diplomatischen  Beziehungen  gedroht  pebe  und  daher  die  Mission  Rizas
einmal  wieder  aufgegeben  gewesen  sei.  Das  „Journal  de  St.  Pétersburg“
dementiert  diese  Nachricht.

Riza  fordert  in  Sofia  die  Ernennung  eines  russischen  Kriegsministers,
dagegen  läßt  er,  nachdem  der  Militäraufstand  die  einmütige  Zustimmung
des  ganzen  bulgarischen  Volkes  zur  Politik  der  Regierung  dargethan,  die
Idee  des  Eintritts  der  Opposition  in  die  Regierung  sallen;  fährt  aber  sort
mit  den  Anhängern  Zankows  und  Karawelows  zur  Herstellung  einer
ständigung  mit  der  Regierung  zu  verhandeln.

Anf.  März.  (Montenegro.)  Infolge  der  starken  kriegerischen
  Vorbereitungen  in  Montenegro  verbietet  die  Pforte  den  Behörden
  in  Skutari  den  Munitionstransport  von  Antivari  auf  der
Bojana  und  über  den  Skutari--See  länger  zu  gestatten.

2.  März.  Zuhdi  Pascha,  Statthalter  in  Brussa  und
früher  schon  einmal  Finanzminister  wird  an  Agopp  Paschas
Stelle  zum  Finanzminister  ernannt.

10.  März.  Zankow  überreicht  dem  Großvezier  ein  neues
Memorandum.

Er  erklärt  angesichts  der  barbarischen  Strenge  und  des  Blutvergießens
bei  dem  Militäraufstande  in  Silistria  und  Rustschuk  seien  die  geringen  Hoffnungen,
  die  er  schon  zu  Beginn  seiner  Verhandlungen  mit  dem  Großvezir
auf  die  Versöhnlichkeit  der  bulgarischen  Regierung  gesetzt,  ganz  geschwunden.
Er  halte  daher  und  erkläre  namens  der  Opposition,  die  Fortführung  der
Unterhandlungen  nicht  nur  für  überflüssig,  sondern  geradezu  für  gefährlich.
Er  glaube,  es  sei  Zeit  darüber  nachzudenken,  auf  welche  Weise  die  energischsten
  Maßregeln  ergriffen  werden  könnten,  die  notwendig  ergriffen  werden
müßten,  um  neue  traurigere  Ereignisse  aufzuhalten,  die  Bulgarien  in  ein
Blutbad  zu  stürzen  drohten.

Auf  die  Frag-  des  Großvezirs  erläutert  Zankow  die  energischen  Maßregeln
  durch  die  Worte:  türkische  Okkupation  Rumeliens  und  Bulgariens.

Mitte  März.  (Spannung  mit  Rußland.)  Die  „Revue
29“

er-
        <pb n="470" />
        452  Die  Tũrkei.  (Maͤrz  Ende  —  Mai  Anf.)

de  l'Orient“  meldet  über  eine  wachsende  Spannung  zwischen  der
Pforte  und  Rußland:  dieses  habe  die  Türkei  zu  einer  Aktion  in
Bulgarien  zu  drängen  gesucht,  die  Pforte  aber  Schakir  Pascha,  den
Botschafter  in  St.  Petersburg  angewiesen  zu  erklären,  die  Türkei
werde  in  ihrer  reservierten  Haltung  verbleiben  und  sei  nicht  geneigt
eine  Haltung  einzunehmen,  welche  ihre  Aktionsfreiheit  beeinträchtigen
könne;  sie  wolle  vom  Wege  friedlicher  Lösung  nicht  abgehen  und
mit  allen  Mächten  gleichmäßig  das  beste  Einvernehmen  erhalten.

Der  russische  Botschafter  Nelidow  hatte  um  eine  Audienz
beim  Sultan  nachgesucht,  dieselbe  war  auf  den  13.  festgesetzt,  dann
aber  wiederholt  verschoben  worden  und  fand  endlich  am  21.  statt.
Es  verlautet,  daß  Nelidow  in  derselben  darauf  hingewiesen  habe,
daß  die  Mission  Riza  Beyps  gegenstandslos  geworden  sei  und
er  dessen  Abberufung  für  geboten  halte.

Ende  März.  (Religionsunruhen.)  In  Smyrna  greifen
durch  ihre  Geistlichen  aufgehetzte  griechische  Pöbelmassen  die  amerikanisch-evangelische
  Kirche  an  und  demolieren  sie,  ebenso  auch  das
Pfarrhaus.  Die  einschreitende  Polizei  verhaftet  eine  große  Anzahl
der  Ruhestörer  und  treibt  diese  auseinander.

6.  April.  (Bulgarien.)  Der  bulgarische  Vertreter  Vulkowitsch
  richtet  an  den  Großvezir  das  Ansuchen  durch  ein  Rundschreiben
die  Mächte  zur  Nennung  eines  Kandidaten  für  den  bulgarischen  Thron
aufzufordern.  Wenn  das  nicht  geschehe,  müßten  die  Bulgaren  auf
eigene  Faust  an  die  Lösung  der  Frage  gehen.

Es  finden  hierauf  lebhafte  Verhandlungen  zwischen  der  Pforte
und  den  Großmächten  statt,  die  in  Aussicht  gestellte  Versendung  des
Rundschreibens  unterbleibt  aber.

Ende  April.  Die  Rüstungen  in  Montenegro  veranlassen
die  Türkei  zu  Truppenverschiebungen  gegen  die  montenegrinische
Grenze.  Das  Lager  bei  Prizrend  wird  durch  12,000  Mann  verstärkt;
auch  in  Mazedonien  werden  militärische  Vorsichtsmaßregeln  getroffen,
da  Anzeichen  einer  vorbereiteten  Erhebung  vorhanden  find.  Auch
von  Kreta  werden  Unruhen  gemeldet.

Anf.  Mai.  (Bulgarien.)  Der  russische  Botschafter  Nelidow
  erklärt,  nach  einem  Berichte  der  Sofiaer  halbamtlichen  Swoboda,
dem  Sultan,  er  sei  vom  Zaren  beauftragt,  ihm  die  rufssische  Armee
und  Flotte  zur  Verfügung  zu  stellen,  falls  der  Sultan  gegen  die
bulgarische  Regierung  ernsthafte  Schritte  thun  wolle.

Der  Sultan  lehnt  ab  und  ersucht  Rußland  um  Nennung  von
        <pb n="471" />
        Die  Tũrkei.  (Mai  Anfang  —28.)  453

3  Kandidaten  für  den  Fürstenthron,  von  denen  die  Sobranje  einen
wählen  könnte.

Anfang  Mai.  (Albanien.)  Tahir  Pascha  der  Militärkommandant
  von  Oberalbanien  stiftet  auf  einer  albanesischen  Notabelnversammlung
  einen  Frieden  behufs  Einstellung  der  aus  der  Blutrache
  entsprungenen  Geschlechterfehden.  Ein  Brief  des  Sultans  darüber
wird,  wie  der  Vorschlag  einer  allgemeinen  Amneslie  mit  großem  Beifalle
  aufgenommen,  doch  stößt  die  Ausführung  der  allgemeinen  Aussbhnung
  auf  Schwierigkeiten.

12.  Mai.  (Kreta.)  Zusammentritt  der  Nationalversammlung.


Der  Generalstatthalter  eröffnet  kurz  darauf  derselben,  daß  die  christlichen
  Mitglieder  der  Versammlung  sich  weigerten,  an  derselben  teilzunehmen,
ehe  nicht  den  von  ihnen  vorgebrachten  Beschwerden  abgeholfen  sei.  Am  19.
verweigern  die  christlichen  Deputierten  auch  die  Steuerzahlung  vor  Lösung
der  schwebenden  Finanzfragen  und  fordern  Gericht  und  Polizei  auf,  gegen
Steurrperweigen  weder  Strafurteile  zu  fällen  noch  Verhaftungen  vorzunehmen.


23.  Mai.  (Bulgarien.)  Die  Pforte  teilt  endlich  den  Mächten
die  schon  längere  Zeit  beabsichtigte  Zirkularnote  mit.

Dieselbe  erklärt  als  Hauptgrund  der  Schwierigkeiten  die  nicht  verfassungsgemäße
  Einrichtung  der  Regentschaft.  Die  Pforte  habe  demgemäß
versucht,  eine  Neubildung  der  Statthalterschaft  und  des  Ministeriums  aus
allen  Parteien  zustande  zu  bringen.  Das  sei  am  Verlangen  der  Opposition,
dabei  das  Uebergewicht  zu  erlangen,  gescheitert.  Als  dann  die  Verhandlungen
  aufs  neue  ausgenommen  wurden,  sei  der  Aufstand  in  Silistria  und
Rustschuk  ausgebrochen,  der  das  Vertrauen  der  Parteien  zu  einander  erschüttert
habe,  worauf  die  Zankowisten  auch  eine  Weiterführung  der  Verhandlungen
ablehnten.  Die  Pforte  empfiehlt  nunmehr  den  Mächten,  einen  oder  zwei
Thronkandidaten  namhaft  zu  machen,  da  die  baldige  Besetzung  des  fürstlichen
Stuhles  das  einzige  Mittel  zu  einer  glücklichen  Lösung  der  Schwierigkeiten  sei.

Die  bis  Ende  Mai  eingehenden  Antworten  aller  Mächte  lauten
insgesamt  dahin,  daß  sie  sich  bereit  erklären,  in  den  angeregeten
Meinungsaustausch  über  die  Mittel  zur  Beschleunigung  der  Lösung
der  Frage  einzutreten;  Rußland  fügt  jedoch  hinzu,  daß  in  Aufrechterhaltung
  seines  ursprünglichen  Standpunktes  es  nicht  in  der  Lage
sei,  solange  an  diesem  Meinungsaustausche  sich  zu  beteiligen  als  die
gegenwärtige  bulgarische  Regierung  am  Ruder  sei.

28.  Mai.  (Aegypten.)  Zwischen  Sir  Drummond  Wolff
und  den  türkischen  Delegierten  wird  in  Konstantinopel  die  seit  langer
Zeit  verhandelte  Konvention  über  Aegypten  unterzeichnet  (vgl.  Großbritannien
  V.  12.  und  St.  Arch.  Bd.  48).

Der  Schlußartikel  lautet,  daß  die  Ratiftkation  des  Abkommens
binnen  Monatsfrist  erfolgen  müsse.
        <pb n="472" />
        454  Die  Tũrkei.  (Mai  Ende  —  Juli  Mitte.)

Der  Brüsseler  „Nord"  nennt  die  Konvention  einen  schlechten  Witz,
dieselbe  gebe  den  Ansprüchen  Englands  in  deren  ganzem  Umfange  die  Weihe,
indem  sie  dieselben  mit  einem  Schleier  verhülle,  welcher  nicht  dichter  als
jener  einer  Odaliske  sei.  Die  Suzeränetät  der  Pforte  bestünde,  würde  das
Abkommen  von  den  Mächten  angenommen,  nur  mehr  dem  Namen  nach;
England  wäre  dann  der  wahre  Souverän  Aegyptens  und  in  gegebener  Zeit
würde  Europa  aus  Aegypten  verdrängt  sein.  Frankreich  würde  durch  seine
Zustimmung  seine  gänzliche  Abdankung  unterzeichnen,  und  was  Rußland
anbelange,  so  könne  die  russische  Regierung  dem  Abkommen  nicht  zustimmen.
Möglicherweise  hätten  sich  die  türkischen  Staatsmänner  nur  in  der  Hoffnung
auf  eine  wahrscheinliche  Ablehnung  von  Seite  Europas  England  gegenüber
engagiert.

Ende  Mai—Juni.  (Kreta.)  Auf  Vorschlag  des  Großvezirs
erteilt  der  Statthalter  den  Kretern  den  Rat,  einen  Ausschuß  aus
der  Nationalversammlung  zu  bilden,  der  sich  nach  Konstantinopel
begeben  soll  um  die  Forderungen  der  Kreter  direkt  der  Pforte  zu
unterbreiten.  Der  Vorschlag  wird  angenommen.

Anfang  Juni  treffen  eine  mohamedanische  und  eine  christliche
Deputation  in  Konstantinopel  ein.  Die  erstere  hat  den  Auftrag,  die
Forderungen  der  Christen  zu  bekämpfen.  Diese  find  die  folgenden:

Zwei  Drittel  von  den  Einnahmen  der  Insel  und  die  ganzen  indirekten
Steuern  sollen  dem  Budget  Kretas  zugeführt  und  die  Steuereinhebung  den
Inselbehörden  überlassen  werden.  Die  Pforte  soll  verhalten  sein,  alle  Beschlüsse
  der  kretensischen  National-Versammlung  innerhalb  der  Frist  von  drei
Monaten  zu  sanktionieren.  Die  Vertretung  der  christlichen  Bevölkerung  soll
in  der  National-Versammlung  nicht  die  absolute  Majorität,  sondern  zwei
Drittel  bilden,  und  die  Verleihung  der  Aemter  dem  Verhältnisse  der  christlichen
  zur  mohamedanischen  Bevölkerung  entsprechen;  die  Beamten  selbst  sollen
durch  die  National-Versammlung  gewählt  werden.

Nachdem  in  einer  Besprechung  mit  dem  Großvezir  die  Christen
bemerkt  haben,  die  christliche  Bevölkerung  der  Insel  werde  keine
Steuern  zahlen,  wenn  ihre  Wünsche  unerfüllt  blieben,  eröffnet  ihnen
derselbe,  daß  er  sich  nicht  in  irgend  welche  Verhandlungen  einlassen
könne,  ehe  nicht  die  Volksvertreter  der  Bevölkerung  den  Rat  gegeben
haben  würden,  ihre  Steuern  pflichtgemäß  zu  zahlen.  Es  sei  unter
der  Würde  der  Pforte  irgend  einem  Drucke  zu  weichen.

14.  Juni.  (Bulgarien.)  Riza  Bey  erklärt  der  bulgarischen
Regierung,  die  Pforte  betrachte  die  Einberufung  der  großen
Sobranje  zur  Zeit  als  ungünstig,  da  deren  Zusammentritt  in
Europa  beunruhigende  Deutungen  widerfahren  müßte.

Mitte  Juni—Mitte  Juli.  (A  gypten.)  Rußland  und  Frankreich
  erklären  sich  nach  dem  Bekanntwerden  der  englisch-türkischen
Konvention  über  Agypten  gegen  dieselbe.  Infolge  dessen  fordert
die  Türkei  eine  Anderung  dahin,  daß  nach  dem  Rückzuge  der  Eng-
        <pb n="473" />
        Die  Tũtkei.  (Juni  23.  —Juli  Ende.)  45

St

länder  die  Türkei  allein  zu  militärischem  Einschreiten  in  Agypten
befugt  sein  soll.  England  lehnt  diese  Anderung  ab.

Am  19.  überreicht  der  französische  Botschafter  Graf  Montebello  dem
Sultan  ein  Memorandum,  welches  die  endgültige  Ablehnung  der  Konvention
seitens  Frankreichs  enthält.  Geschehe  die  Ratifikation,  so  werde  Frankreich
seine  Aufmerksamkeit  dem  Schutze  seiner  Interessen  widmen  und  alle  Maß-=nahmen
  ergreifen,  die  durch  die  Schädigung  derselben  im  Mittelmeere  nötig
würden,  andern  Falles  werde  es  den  Sultan  gegen  alle  aus  der  Verweigerung
  der  Ratifikation  erwachsenden  Folgen  schützen  und  wahren,  welcher  Art
dieselben  auch  wären.

Die  am  gleichen  Tage  vom  russischen  Botschafter  Nelidow  überreichte
  Note  soll  sogar  eine  Kriegsdrohung  für  den  Fall  der  Ratifikation
des  Abkommens  enthalten  haben.  Diese  Nachricht  wird  jedoch  vom  Journal
de  St.  Pétersburg  als  unrichtig  bezeichnet.

Es  wird  dem  Sultan  ein  Aufschub  der  Ratifikationsfrist  bis
zum  4.  Juli  gewährt.  Der  französische  und  ruffische  Botschafter
wiederholen  ihre  dringenden  Abmahnungen.  Nachdem  auch  Lord
Salisbury  dem  türkischen  Botschafter  in  London  eindringliche  Vorstellungen
  gemacht,  wird  der  Sultan  wieder  schwankend,  es  heißt,
er  werde  doch  unterzeichnen.  Er  verlangt  aber  einen  neuen  Aufschub.
  Dieser  wird  von  England  verweigert.  Sir  Drummond
Wolff  erklärt,  seinen  Aufenthalt  bis  zum  10.,  dann  bis  zum  15.  Juli
verlängern  zu  wollen.  Nachdem  die  Ratifikation  auch  dann  nicht
erfolgt  ist,  reist  er  am  15.  abends  von  Konstantinopel  ab.

Den  hierauf  erfolgten  türkischen  Vorschlag,  auf  neuer  Grundlage
  Verhandlungen  einzuleiten,  lehnt  England  ab.

23.  Juni.  (Deutschland  und  die  bulgarische  Fürste
  nwahl.)  Die  „Turquie“  bringt  in  Erwiderung  eines  Artikels
des  Temps,  welcher  von  einer  angeblichen  Schwankung  Deutschlands
in  der  Frage  der  bulgarischen  Thronkandidatur  berichtet  hatte,  folgende
  offiziöse  Berichtigung:  .

„Einige  Organe  der  Lokalpresse  haben  nach  einem  Pariser  Journal
berichtet,  daß  Deurschland,  nachdem  es  in  Beantwortung  des  Zirkulärs  der
Hohen  Pforte  über  die  bulgarischen  Angelegenheiten  der  kaiserlichen  Regierung
  eine  Verständigung  mit  Rußland  angeraten  hatte,  um  dem  unregelmäßigen
  Zustande  in  Bulgarien  ein  Ende  zu  machen,  infolge  der  erhaltenen
Information,  daß  Rußland  keineswegs  geneigt  sei,  von  dem  seit  Anbeginn
beobachteten  Verhalten  abzuweichen,  daß  Deutschland,  sagen  wir,  der  Hohen
Pforte  folgende  Mitteilung  gemacht  habe:  „Nachdem  Rußland  bei  seinem
Beschlusse,  keinen  Kandidaten  für  das  Fürstentum  Bulgarien  zu  bezeichnen,
beharrt,  möge  die  Pforte  den  Mächten  einen  Kandidaten  vorschlagen.“  Aus
unseren  besonderen  Informationen  ergibt  sich,  daß  der  Hohen  Pforte  eine
derartige  Mitteilung  von  Seite  Deutschlands  nicht  gemacht  worden  ist."

Anf.—Ende  Juli.  (Kreta.)  Da  die  Bewegung  auf  der
Insel  fortgesetzt  in  bedrohlicher  Weise  zunimmt,  die  christliche  Be-
        <pb n="474" />
        456  Hie  Tũrkei.  (Juli  13.)

völkerung  sich  in  den  Gebirgen  zusammenzurotten,  die  türkische  in
die  Städte  zu  flüchten  beginnt,  wird  der  Vizepräsident  des  Staatsrates
  Mahmud  Dschellal-eddin  Pascha  in  besonderer  Versöhnungsmission
  nach  Kreta  entsandt.

Die  christlichen  Abgeordneten  in  Konstantinopel  erlassen  an
ihre  Glaubensgenossen  einen  Aufruf,  sich  jeder  Handlung  gegen  Leben
oder  Vermögen  der  Mahomedaner  zu  enthalten  und  die  Ruhe  nicht
zu  stören.  Hierauf  erklärt  das  christliche  Komitee  in  Kanea,  die
früheren  mit  ernsten  Zusammenstößen  drohenden  Maßregeln  zurückgenommen
  zu  haben  und  die  Lösung  der  schwebenden  Fragen  allein
der  Huld  des  Sultans  anvertrauen  zu  wollen.

Nachdem  sodann  zwischen  der  Abordnung  und  der  Pforte  eine
Einigung  erzielt  ist,  macht  Mahmud  Dschellal-eddin  in  einer  Proklamation
  die  Zugeständnisse  des  Sultans  bekannt.  Dieselben  find
im  Wesentlichen  die  folgenden:

Die  Hälfte  der  jährlichen  Zolleinnahmen  von  Kreta  wird  dem  Budget
der  Insel  zufließen.  Die  Kontrolle  der  Zollverwaltung  wird  durch  die  Verwaltung
  der  Insel  ausgeübt  werden.  Das  Defizit  ungünstiger  Jahre  soll
durch  die  eventuellen  Ueberschüsse  der  günstigen  Jahre  kompensiert  werden,
und  zwar  wird  jeder  Jahresüberschuß  zwischen  dem  Staatsschatze  und  dem
Gouvernement  der  Insel  geteilt  werden.  Die  Sanktionierung  oder  Verwerfung
  der  von  der  kretensischen  National-Versammlung  beschlossenen  Gesetze
muß  in  Zukunft  innerhalb  dreier  Monate  erfolgen.  Die  Zahl  der  chefe
lichen  Beamten  wird  in  allen  Zweigen  der  Verwaltung  vermehrt  werden,
wobei  jedoch  keineswegs  das  Prinzip  der  Verteilung  der  öffentlichen  Funktionen
  im  Verhältnisse  der  numerischen  Stärke  der  beiden  Elemente  der  Bevölkerung
  maßgebend  sein  wird.

Hierauf  beschließen  die  christlichen  Deputierten,  wieder  an  den
Sitzungen  der  Nationalverfammlung  teilzunehmen,  Überreichen  aber
zugleich  dem  Kommissar  des  Sultans  ein  Memorandum,  in  welchem
sie  ihr  Bedauern  aussprechen,  daß  nicht  alle  ihre  Forderungen  gewährt
  worden  seien.

13.  Juli.  (Bulgarische  Fürstenwahl.)  Die  Pforte  erläßt
ein  Rundschreiben  an  ihre  Vertreter  bei  den  Signatarmächten  des
Berliner  Vertrages,  welches  folgenden  Inhalt  hat.

In  der  Einleitung  der  Depesche  teilt  der  Minster  des  Aeußern  mit,

Laß  die  provisorische  bulgarische  Regierung  der  Hohen  Pforte  angezeigt  habe,
daß  die  National-Versammlung  von  Tirnowa  den  Prinzen  Ferdinand  von
Koburg  zum  Fürsten  von  Bulgarien  gewählt  hat.  Die  Wahl  eines  Fürsten
von  Bulgarien  bedarf  zu  ihrer  Giltigkeit  der  Zustimmung  der  Signatarmächte
  des  Berliner  Vertrages.  Die  ottomanische  Regierung  wünscht  daher
vor  allem  die  Ansichten  und  Meinungen  dieser  Mächte  über  die  erfolgte
Fürstenwahl  kennen  zu  lernen,  und  beauftragt  somit  ihre  Vertreter,  die  Kainette,
  bei  denen  sie  beglaubigt  sind,  darüber  zu  sondieren  und  die  ihnen
        <pb n="475" />
        Die  Tũrkei.  (2.  Hfte.  Juli  —  Aug.  15.  bzw.  27.)  457

zuteil  gewordenen  Antworten  der  Hohen  Pforte  bekannt  zu  geben.  Jeder
eigenen  Meinungsäußerung  hat  sich  die  Pforte  enthalten.

Der  Beantwortung  des  Rundschreibens  erklärt  Rußland,
daß  es  keine  von  der  gegenwärtigen  Sobranje  ausgehende  Wahl  als  giltig
anerkenne.  England  ist  bereit,  jede  Wahl  zu  acceptieren,  welche  die  Bedingungen
  des  Berliner  Vertrages  erfüllt.  Frankreich  antwortet,  es  werde
der  Wahl  zustimmen,  wenn  dies  sämtliche  Mächte  thun.  Deutschland
und  Italien  verhalten  sich  wie  Frankreich.  Oesterreich-Ungarn  betont
die  Notwendigkeit,  der  Situation  durch  die  Besetzung  des  bulgarischen  Fürstenthrones
  ein  Ende  zu  machen,  und  erklärt,  es  werde  jeder  Wahl,  die  den
Bestimmungen  des  Berliner  Vertrages  entspricht,  seine  Billigung  geben.

2.  Hälfte  Juli.  Der  armenische  katholische  Patriarch
Azarian  verliest  in  einer  Kirchenversammlung  die  von  seiner  Romreise
  mitgebrachten  Vorschläge  des  Vatikans,  um  den  Streit  der
Hassunisten  und  Antihassunisten  beizulegen.

Die  päpstlichen  Zugeständnisse  werden  von  der  antihassunistischen
Richtung  als  ungenügend  verworfen.  Dieselbe  fordert  Anerkennung  aller
dem  armenischen  Patckarchen  von  Alters  zustehenden  Rechte,  besonders  hinsichtlich
  der  Wahl,  bezüglich  deren  sie  dem  Papste  nur  eine  Bestätigung  formeller
  Art  zugestehen  wollen,  indem  der  Patriarch  durch  die  Wahl  schon
alle  Rechte  seiner  Stellung  erlange.

Ende  Juli.  (Beziehungen  zu  Griechenland.)  Infolge
der  wirksamen  Unterstützung  der  griechischen  Regierung  zur  Beilegung
der  Schwierigkeiten  auf  Kreta  läßt  der  Sultan  dem  griechischen  Gesandten
  in  Konstantinopel  durch  seinen  Privatsekretär  seinen  wärmsten
  Dank  aussprechen,  ebenso  in  Athen  durch  den  türkischen  Gesandten
  dem  Ministerpräsidenten.  Der  griechische  Konsul  in  Kanea
erhält  den  Medschidje-Orden.

2.  August.  (Bulgarische  Wahl.)  Die  Pforte  übermittelt
dem  Prinzen  Ferdinand  eine  Depesche,

welche  den  Prinzen  an  seine  bisherigen  korrekten  Erklärungen  erinnert,
die  Abreise  nach  Bulgarien  ohne  vorherige  Zustimmung  aller  Mächte  als
eine  Ueberstürzung  bezeichnet  und  beifügt,  die  Pforte  würde  einen  solchen
Schritt  des  Prinzen  mit  Bedauern  sehen.

4.  August.  (Montenegro.)  Durch  kaiserliches  Irade  wird
das  zwischen  den  türkischen  und  montenegrinischen  Grenzkommissaren
getroffene  übereinkommen  über  die  Grenzabsteckung  sanktioniert.

11.  August.  (Bulgarien.)  Abberufung  Riza  Beys  aus
Sofia  infolge  der  Fürstenwahl.

13.  August.  (Bulgarien.)  Der  russische  Geschäftsträger
zeigt  der  Pforte  den  Protest  Rußlands  gegen  die  Wahl  und  Ankunft
des  Prinzen  Ferdinand  in  Bulgarien  an.

15.  bzw.  27.  August.  (Bulgarien.)  Rundschreiben  der  Pforte
an  die  Signatarmächte.  In  demselben  wird  gesagt,
        <pb n="476" />
        458  Nie  ürtei.  (August  22.—Oktober  2.)

daß  die  Pforte  nach  der  feierlichen  Erklärung  des  Prinzen  Ferdinand
von  Koburg,  vor  einem  Einvernehmen  der  Pforte  und  der  Mächte  nicht  abzureisen,
  sich  aller  offiziellen  Beziehungen  zu  dem  Prinzen  enthalte  und  die
Anschauungen  der  Mächte  über  das  Verhalten  des  Prinzen,  die  ihren  Agenten
in  Sofia  gegebenen  Instrukkionen,  sowie  ihre  Erwägungen  über  die  Mittel
zur  Lösung  der  Frage  kennen  zu  lernen  wünsche.

Die  Antwort  Rußlands  darauf  ist  folgenden  Inhalts:

Rußland  erklärt,  General  Ernroth  werde  nach  Bulgarien  gehen  in
der  Eigenschaft  eines  einzigen  Regenten  und  als  General-Gouverneur  von
Ost-Rumelien,  wie  dies  durch  die  Konferenz  festgestellt  worden  ist.  Er  wird
dieselben  Befugnisse  wie  der  Fürst  haben.  Sobald  er  in  Bulgarien  eingetroffen
  ist,  wird  er  ein  neues  Ministerium  ernennen  und  zur  Wahl  einer
neuen  Sobranje  schreiten,  welche  einen  Fürsten  erwählen  wird.  Die  rumeliotischen
  Deputierten  werden  bei  der  Wahl  des  Fürsten  durch  die  Sobranje
nicht  zugelassen  werden.

Deutschland  und  Frankreich  stimmen  dem  ruffischen  Vorschlage
zu;  England,  Italien  und  Osterreich-Ungarn  lehnen  ihn  hingegen  ab.

22.  August.  (Bulgarien.)  Die  Pforte  läßt  durch  den  in
S]ofia  zurückgebliebenen  Sekretär  Onik  Effendi  einem  Herren  aus
der  Suite  des  Fürsten  Ferdinand  eine  Notifikation  des  Sultans
überreichen,  welche  denselben  unter  Berufung  auf  den  Berliner  Vertrag
  auffordert,  das  Land  zu  verlassen.

Da  das  Schriftstück  keine  Unterschrift  trägt,  so  beschließt  der  bulgarische
  Ministerrat,  dasselbe  unberückfichtigt  zu  Laffen.

Ende  August.  (Bulgarien.)  Die  Pforte  richtet  an  den
Fürsten  Bismarck  das  Ansuchen,  England.  ÖOsterreich-Ungarn  und
Italien  zur  Zustimmung  zu  den  russfischen  Vorschlägen  betreffs  der
Mission  Ernroth  zu  bewegen.

Fürst  Bismarck  lehnt  den  türkischen  Vorschlag  ab.

21.  September.  (Bulgarien.)  Die  Pforte  richtet  eine  neue
Note  an  Rußland.

Dieselbe  erwähnt  der  Ablehnung  der  von  der  Pforte  nachgesuchten
Berliner  Bermittlung  und  der  Aussichtslosigkeit  des  russischen  Vorschlages  bei
der  ablehnenden  Haltung  Englands,  Italiens  und  Oesterreich-Ungarns.  Sie
schlägt  daher  neue  Wege  vor  und  zwar  erstens  die  Entsendung  eines  russischen
Kommissärs,  den  ein  türkischer  Ober-Kommissär  zu  begleiten  hätte;  zweitens,
falls  es  wünschenswert  sein  sollte,  die  Verstärkung  dicses  Duumvirates  durch
einen  Kommissär,  den  eine  dritte  Macht  stellen  könnte;  drittens  endlich  und
für  alle  Eventualitäten  die  Entsendung  einer  aus  Delegierten  der  Mächte
zusammengesetzten  internationalen  Kommission.

2.  Oktober.  (Bulgarien.)  Antwort  Rußlands  auf  die

letzten  Vorschläge  der  Pforte.  Dieselbe  enthält  folgende  5  Punkte:

1)  Rußland  lehnt  implicite  die  doppelte  Statthalterschaft  mit  der
Einwendung  ab,  daß  dieselbe  zahlreiche  Schwierigkeiten  schaffen  würde;  es
nimmt  aber  den  Vorschlag  an  und  wünscht  sogar  lebhaft,  daß  ein  türkischer
Kommissär  den  General  Ernroth  begleite.
        <pb n="477" />
        Hulserien.  (Januar—Februar.)  459

2)  Rußland  verlangt,  daß  der  rusfische  Statthalter  eine  gewisse  Freiheit
  bei  der  Bildung  des  neuen  bulgarischen  Kabinetts  habe  und  daß  er
nicht,  wie  es  die  Pforte  wünscht,  gebunden  sei,  das  gegenwärtige  Kabinett
beizubehalten  oder  ein  gemischtes  Kabinett  zu  bilden.

3)  Rußland  besteht  darauf,  daß  die  Wahlen  zur  Sobranje  sofort
stattfinden  sollen,  nachdem  General  Ernroth  sich  von  der  Situation  die  erforderliche
  Kenntnis  verschafft  haben  wird,  nicht  aber,  wie  es  die  Meinung

er  Pforte  ist,  unmittelbar  nach  der  Bildung  des  Kabinetts.  Herr  v.  Giers

teilt  die  Ansicht  der  Pforte  hinsichtlich  der  Teilnahme  Ost-Rumeliens  an
den  Wahlen,  aber  er  fügt  hinzu,  daß  die  Ausschließung  durch  ein  internationales
  Einvernehmen  bestimmt  werden  müsse.

4)  Rußland  hält  es  für  überflüssig,  sofort  eine  Liste  der  Kandidaten
für  den  Fürstenthron  aufzustellen.  ·

5)  Rußland  verlangt  als  Minimum  für  die  Dauer  der  Gewalten
des  Statthalters  eine  Frist  von  vier  Monaten.  Als  Zwangsmittel,  glaubt
Herr  v.  Giers,  würde  es  für  den  Augenblick  genügen,  daß  der  Sultan  die
Absetzung  des  Fürsten  Ferdinand  proklamiere,  weil  dessen  Wahl  mit  dem
Berliner  Vertrage  im  Widerspruche  war.

Bei  einem  Besuche,  welchen  2  Tage  später  der  rusfische  Geschäftsträger
  in  Konstantinopel  dem  türkischen  Minister  des  Auswärtigen
  macht,  schlägt  er  vor,  die  Pforte  möge  darauf  hinarbeiten,
eine  europäische  Konferenz  zur  Regelung  der  bulgarischen  Frage  zu
stande  zu  bringen.

Mitte  Oktober.  (Albanien.)  In  einem  großen  Teile  Oberalbaniens
  herrscht  Anarchie,  da  die  Albanesen  sich  offen  gegen  die
Behörden  auflehnen  und  die  Zahlung  der  neuen  Grundsteuer  verweigern.
  Sie  richten  eine  Bittschrift  an  den  Sultan,  in  der  sie
um  Gerechtigkeit  gegen  die  Willkür  der  Beamten  bitten,  sonst  müßten
  sie  sich  selbst  Recht  verschaffen.  Die  Pforte  entsendet  eiligst  erhebliche
  Streitkräfte  dorthin.

Erste  Hälfte  Dezember.  Nach  einer  Meldung  der  „Politischen
Korrespondenz“  verlangt  der  rusfische  Botschafter  neuerdings  wenigstens
  eine  teilweise  Tilgung  der  fälligen  Kriegsentschädigungsraten
  und  zwar  vom  Rückstande  400,000  Pfd.  und  die  Jahresrate
von  350,000  Pfund.

26.  Dezember.  Mahmud  Djellal-eddin  Pascha  wird  an
Stelle  Zuhdi  Paschas  zum  Finanzminister  ernannt.

27.  Dezember.  Eine  russische  Note  verlangt  dringend  Maßnahmen
  zur  Verhinderung  der  kurdischen  Einfälle  in  Russih-Armenien.


 

2.  Bulgarien.

Januar—ZFebruar.  In  Rumänien,  Bessarabien  und  Konstantinopel
  macht  sich  eine  verstärkte  Tätigkeit  der  Flücht-
        <pb n="478" />
        460  Onlzarien.  (Januar  Anf.  —5.)

lingsvereine  bemerklich.  In  Bukarest  treffen  die  Revolutionäre
Gutschow  und  Benderew  aus  Moskau,  mit  andern  ehemals  bulgarischen
  Offizierep  ein.  Zahlreiche  Proklamationen,  welche  das  Volk
zum  Aufstande  aufreizen,  werden  nach  Bulgarien  eingeführt  und
dort  verbreitet.

In  Odessa  findet  Ende  Januar  unter  dem  Vorsitze  des  Kapitäns
Nabokow  eine  Versammlung  statt,  welcher  auch  der  Stadtgouverneur  beiwohnt
  und  in  der  beschlossen  wird,  Benderew  und  Gruew  sollen  einen  offenen
Brief  an  Stambulow  richten,  in  dem  dieser  zum  Rücktritte  aufgefordert
werden  soll.

In  Sofia  wird  eine  Frau  Papasoglou  verhaftet,  welche  in  dem  Verhöre
  gesteht,  vom  russischen  Botschafter  in  Konstantinopel  Geld  zur  Bestechung
des  gerkicgminissern  mehrer  höherer  Offiziere  und  andrer  Personen  erhalten
zu  haben.

Die  Nesawissima  Bolgaria  berichtet  Ende  Februar  von  Versammlungen
  der  mit  falschen  russischen  Pässen  versehenen  Emigranten  in  Bukarest
unter  Teilnahme  des  russischen  Gesandten  Hitrowo.

Mitte  Februar  veröffentlicht  die  offiziöse  „Swoboda“  ein  vielen  bulgarischen
  Offizieren  zugegangenes  Schriftstück,  welches  besagt,  Rußland  wünsche
den  Sturz  der  Regenten  und  Minister,  die  Wahl  eines  russischen  Kandidaten
und  die  Rückkehr  aller  flüchtigen  Offiziere  und  Beamten;  ferner:  die  Emigranten
  hätten  eine  Anleihe  namens  Bulgariens  ausgenommen,  die  sie  decken
würden,  wenn  sie  zur  Regierung  kämen  und  die  zu  ihrem  Unterhalt  diene.

Anf.  Januar.  Die  Pforte  beruft  Dragan  Zankow,  den
Führer  der  russischen  Partei,  nach  Konstantin  opel.

Der  Schritt  geschieht  auf  Veranlassung  des  russischen  Botschafters
Nelidow  und  bezweckt,  die  Bildung  eines  Ministeriums  Zankow  oder  doch
den  Eintritt  desselben  in  das  Kabinett  herbeizuführen.  —  Zankow  regt  durch
diese  Verhandlungen  die  Erbitterung.  der  Massen  in  höchstem  Maße  gegen
sich  auf,  er  muß  bei  seiner  Abreise  durch  einen  ihm  zur  Begleitung  bis  an
die  türkische  Grenze  beigegebenen  Offizier  geschützt  werden.  In  Philippopel
nehmen  die  gegen  ihn  gerichteten  Demonstrationen  einen  so  ernsthaften  Charakter
  an,  daß  Militär  einschreiten  muß,  um  ihn  vor  Gewalt  zu  schützen;
das  Volk  bewirft  ihn  dennoch  mit  Koth  und  Steinen  unter  dem  Rufe:  Nieder
mit  dem  russischen  Spion  und  Vaterlandsverräter.

5.  Januar.  Zur  Widerlegung  der  in  einem  russischen
Rundschreiben  vom  23.  Novbr.  1886  enthaltenen  Darstellung  des
Verhaltens  der  bulgarischen  Regierung  (vergl.  St.  Arch.  Bd.  48
Nr.  9473  u.  Gesch.  Kal.  1886,  Rußld.  XII,  2.)  sendet  der  Minister
des  Auswärt.,  Natschewitsch,  ein  eingehendes  Rundschreiben  an
die  Vertreter  Bulgariens  im  Auslande.  Dasselbe  hat  im
wesentlichen  folgenden  Inhalt:

„Die  Mitglieder  der  Regentschaft  und  das  gegenwärtige  Kabinett
hätten  sich  um  die  übernommenen  Stellen  durchaus  nicht  beworben,  waren
vielmehr  angesichts  der  Gefahr,  worin  Bulgarien  sich  befand,  gezwungen,
der  Berufung  Folge  zu  leisten.  Sie  waren  hiebei  von  der  Hoffnung  geleitet,
die  Regierungslast  in  einigen  Wochen  in  die  Hände  eines  neuen  Fürsten
niederzulegen.  Bulgarien  habe  alle  russischen  Forderungen  erfüllt,  soweit
        <pb n="479" />
        Bulzarien.  (Januar  Mitte  —28.)  461

sie  gesetzlich  zuläffig  und  nicht  gefährlich  für  die  öffentliche  Ordnung  gewesen
find,  so  Aufhebung  des  Belagerungszustandes  und  die  Freilassung  der
Attentäter.  Niemals  sei  dagegen  von  Kaulbars  ein  Koalitions-Ministerium
gefordert  worden,  und  wenn  Giers  dies  behaupte,  so  müsse  er  falsch  berichtet
  sein;  im  Gegenteil,  Zankow  habe  auf  Kaulbars  Rat  die  selbständigen
Vorschläge  der  bulgarischen  Regierung  diesbezüglich  abgelehnt.  Zwei  Wochen
nach  Kaulbars  Abreise  habe  dann  Gadban  Pascha  den  auf  das  Koalitions=Ministerium
  bezüglichen  Vorschlag  gemacht,  aber  mit  der  Bedingung,  den
Mingrelier  zum  Fürsten  zu  wählen,  was  unannehmbar  gewesen  sei.  Das
Zirkular  schließt:  „Wir  haben  immer  anerkannt,  daß  die  Lösung  der  bulgarischen
  Frage,  für  welche  sich  besonders  Rußland  interessiert,  das  Bulgarien
  geschaffen  hat  und  gewiß  nicht  an  seine  Unabhängigkeit  rühren  will,
in  den  gide  der  Signatarmächte  des  Berliner  Vertrages  liegt.  Wir  hegen
die  Hoffnung,  daß  angesichts  einer  praktischen  Lösung  der  gegenwärtigen
Schwierigkeit  die  Großmächte  den  Wünschen  des  bulgarischen  Volkes  ebenfalls
Rechnung  tragen  werden,  welches  zwar  Ruhe  und  Ordnung  will,  aber  auch
oft  Kenu  seinen  festen  Willen  ausgesprochen  hat,  sein  Recht  auf  politische
Selbständigkeit  zu  verteidigen."“  1

Dem  Rundschreiben  find  die  Abschriften  der  zwischen  den  Vertrauensmännern
  der  Regierung  und  Zankow  gewechselten  Briefe  beigefügt,
  aus  denen  hervorgeht,  daß  die  Regierung  Zankow  und  der
Oppofition  aus  freiem  Antriebe  den  Eintritt  in  die  Regentschaft
und  die  Regierung  vorgeschlagen,  diesem  auch  das  Zurateziehen
Kaulbars'  in  der  Frage  nicht  verweigert  hat,  daß  aber  Zankow  auf
der  Bildung  einer  Regierung  ohne  Regentschaft  und  nur  aus  Männern

  der  ruffischen  Partei  bestanden  hat,  worauf  die  Verhandlungen
sich  zerschlugen.

Mitte  Januar.  Der  „Politischen  Korrespondenz“  wird  aus
Sofia  gemeldet,  daß  die  Regentschaft  ihre  Entlassung  zu  nehmen
  bereit  sei,  wenn  der  von  mehreren  Seiten  ausgesprochene  Gedanke
  die  Lösung  der  bulgarischen  Frage  einer  europäischen  Konferenz
  anzuvertrauen  verwirklicht  würde.  Die  gesamte  Regierung  sehe
diesen  Gedanken  als  einen  sehr  glückichen  an  und  würde  nur  die  eine
Bedingung  für  ihren  Rücktritt  stellen,  daß  die  derzeitige  Sobranje
anerkannt  werde.

Zweite  Hälfte  Januar.  Griechenland  willigt  in  die  Bestellung
  einer  bulgarischen  Agentschaft  in  Athen  auf  der  Grundlage
  wie  die  in  Rumänien,  Serbien  und  in  der  Türkei  bestehenden
Vertretungen  Bulgariens.

28.  Januar.  Der  vorübergehend  von  der  Deputationsreise
in  Sofia  eingetroffene  Regent  Kaltschew  reist  nach  Konstantinopel.


Er  ist  beauftragt,  die  Pforte  auf  die  Beunruhigung  aufmerksam  zu
machen,  welche  das  Volk  über  die  Berufung  Zankows  empfinde;  dieselbe  sei
        <pb n="480" />
        462  Bulgarien.  (Januar  29.  —Maärz  6.)

nicht  geeignet  zur  Aufrechterhaltung  der  Ruhe  und  Ordnung  beizutragen
Sollte  die  Pforte  ihre  gegen  die  Freiheit  Bulgariens  gerichtete  Haltung  nicht
ändern,  so  könnte  die  Regierung  für  die  Erhaltung  der  Ordnung  weder  in
Bulgarien  noch  in  Mazedonien  einstehen.  Zugleich  soll  er  die  Bereitwillig-=keit
  der  Regierung  zur  Bildung  eines  gemischten  Kabinetts  durch  Eintritt
der  Opposition  in  dasselbe  erklären,  wenn  die  Pforte  eine  annehmbare  Kandidatur
  für  den  Thron  vorschlage,  1  Regent  und  2  Minister  sollen  aus
dieser  genommen  werden,  doch  müßten  alle  übrigen  Forderungen  Zankows
abgelehnt  werden.

29.  Januar.  Die  Regierung  läßt  dem  französischen  Konsul
in  Sofia  zur  Übermittelung  an  Rußland  das  über  den  russfischen
Kapitän  Nabokow  ausgesprochene  Todesurteil  wegen  seiner
Teilnahme  an  der  vorjährigen  Verschwörung  von  Burgas  aushändigen.


Mitte  Februar.  Karawelow  tritt  dem  von  Zankow  in
Konstantinopel  vertretenen  Programm  bei;  es  wird  nach  längeren
Verhandlungen  ein  von  ihm,  Slaweikow,  Nikiforow  und  den  Zankowisten
  gefertigtes  Protokoll  nach  Konstantinopel  gesandt,  um  die
Verhandlungen  Zankows  mit  dem  Großvezier  zu  unterstützen.

23.  Februar.  Die  Pforte  bricht  die  Verhandlungen  mit
Zankow  ab.

Ende  Februar.  Die  Regierung  schließt  in  London  eine  Anleihe
  in  Höhe  von  15.000,000  Franken  ab.

28.  Februar—6.  März.  (Militäraufstand.)  Die  Regierung
war  bereits  seit  einiger  Zeit  von  einer  von  den  bulgarischen  Revolutionsverbindungen
  der  Flüchtlinge  in  Rumänien,  Rußland  und
der  Türkei  auf  den  3.  März,  den  Tag  des  Friedens  von  San  Stefano
  geplanten  allgemeinen  Erhebung  in  Nordbulgarien  und  dahin
zielenden  Konspirationen  mit  verschiedenen  höheren  Offizieren  und
Beamten  in  den  Donaustädten  unterrichtet  und  hatte  die  Verhängung
des  Belagerungszustandes  über  die  Donaudistrikte  und  die  Versetzung
einer  Anzahl  verdächtiger  Offiziere  beschlossen.  Um  dem  zuvorzukommen
  —  wie  es  scheint  —  proklamierte  der  Kapitän  Krestow
in  Silistria  am  28.  Februar  die  Erhebung  gegen  die  Regierung.
Die  Garnison,  vorher  gewonnen,  schließt  sich  ihm  an,  auch  einzelne
aus  Rumänien  über  die  Donau  gesetzte  Flüchtlinge  unter  dem  ehemaligen
  Kapitän  Benderew  finden  sich  ein.  Aber  die  auf  telegraphischen
  Befehl  schleunigst  von  Varna,  Schumla  und  Rustschuk
abgerückten  Teile  der  dortigen  Garnisonen  finden  in  Silistria  keinen
nennenswerten  Widerstand,  da  die  schwache  Garnison  sich  sofort  ergiebt
  und  die  Bevölkerung  an  der  Erhebung  nicht  teilgenommen  hat.
        <pb n="481" />
        Huls#erien.  (Februar  28.—März  6.)  463

Einige  der  Rädelsführer,  darunter  Benderew,  retten  sich,  Krestow
wird  auf  der  Flucht  erschossen.

Während  der  Abwesenheit  eines  Teils  der  Rustschuker  Garnison
  erklärt  am  3.  März  der  dortige  Kommandeur  des  Pionierregiments
  Major  Usunow,  im  serbischen  Kriege  Verteidiger  Widdins,
  mit  dem  Obersten  Filow,  der  an  der  Gegenrevolution  für
Fürst  Alexander  teilgenommen  und  den  Zurückkehrenden  enthufiastisch
empfangen  hatte,  und  dem  außer  Dienst  stehenden  Major  Panow,
während  des  Krieges  Befehlshaber  der  Artillerie,  sich  gegen  die
Regierung;  ihnen  schließt  sich  das  ganze  Pionierregiment  an,  in  der
Morgenfrühe  wird  das  Telegraphenamt  besetzt,  alle  höhern  Regierungsbeamten
  verhaftet  und  die  Kaserne  des  noch  in  der  Stadt  verbliebenen
  5.  Infanterieregiments  eingeschlossen.  Dieses  aber  nimmt
den  Kampf  auf  und  wird  von  der  sofort  zu  den  Waffen  greifenden
Bürgerschaftsmiliz  unterstützt.  Nach  mehrstündigem  Gefecht  ist  die
Bewegung  niedergeschlagen,  das  Pionierregiment  zersprengt,  nachdem
die  Führer  fast  sämtlich  verwundet  sind,  und  der  Rest  gefangen.  Die
in  Kähnen  flüchtenden  Führer  werden  von  einem  Donaukanonenboot,
dessen  sich  die  Infanterie  bemächtigt,  eingeholt  und  ebenfalls  gefangen.
  Ein  sofort  eingesetztes  Kriegsgericht  verurteilt  16  Rädelsführer,
  meist  Offiziere,  zum  Tode;  8,  darunter  Usunow,  Panow  und
2  Zivilpersonen,  werden  am  6.  früh  kriegsrechtlich  erschossen,  Filow
stirbt  an  seinen  im  Kampfe  erhaltenen  Wunden,  der  russische  Untertan
  Kapitän  Bollmann  wird  auf  Verlangen  des  deutschen  Konsuls
diesem  ausgeliefert.  Eine  Anzahl  Offiziere  und  Zivilisten  werden
zu  15  Jahren  Zuchthaus,  die  Unteroffiziere  zur  Degradation  und
längeren  Festungsstrafen  verurteilt,  die  gemeinen  Soldaten  meist
begnadigt.

Die  gegen  den  Vollzug  der  Hinrichtungen  von  dem  franzöfischen
  Vertreter  in  Sofia,  Flesch,  erhobenen  Vorstellungen,  ebenso
die  von  dem  deutschen  Vertreiter  v.  Thielmann  an  die  Regierung
gerichtete  Reklamation  der  sechs  als  russische  Unterthanen  ihm  von
Hitrowo  bezeichneten  Verurteilten  bleiben  erfolglos,  da  sie  erst  nach
Vollzug  der  Hinrichtungen  geschehen.  An  Thielmann  antwortet  die
Regierung,  daß  nur  der  freigegebene  Bollmann  russischer  Unterthan
sei,  die  andern  im  Prozesse  selbst  sich  für  Bulgaren  erklärt  hätten.

In  Rustschuk  und  Silistria  vorgefundene  Papiere  ergeben  die
Mitschuld  der  russischen  Behörden  in  Rumänien  an  dem
Aufstande;  in  einem  Briefe  Benderews  an  einen  Vetter  sagt  er,  die
        <pb n="482" />
        464  Sulssrier.  (März  18.—15.)

russische  Regierung  habe  den  Verschwornen  nach  dem  Gelingen  des
Aufstandes  die  höchsten  Stellen  in  der  neuen  Verwaltung  zusichern
lassen  und  die  Verschwornen  auch  ermächtigt,  Anlehen  auf  Rechnung
des  bulgarischen  Staatsschatzes  aufzunehmen;  aus  Rumänien  wird
ferner  gemeldet,  daß  der  russische  Gesandte  Hitrowo  einige  Tage
vor  dem  Aufstande  an  die  rumänische  Regierung  eine  Anfrage  gerichtet
  habe,  wie  sie  sich  einer  in  Bulgarien  ausbrechenden  Bewegung
gegenüber  verhalten  würde.

In  Sofia  werden  eine  große  Anzahl  Personen,  darunter  Karawelow,
  Tsanow,  Major  Nikiforow,  der  ehemalige  Kriegsminister,
  Usagow  und  mehrere  Offiziere  verhaftet,  die  alle  durch
die  bei  den  Gefangenen  in  Rustschuk  vorgefundenen  Papiere  der
Mitschuld  an  dem  Aufstande  dringend  verdächtig  find.  Dieselben
werden  aber  nach  einigen  Tagen  —  Karawelow  und  Niliforow  erst
im  April  —  auf  Verwendung  der  diplomatischen  Vertreter  in  Sofia,
besonders  der  sehr  dringenden  Forderungen  des  franzöfischen  und  des
türkischen  Spezialbevollmächtigten  Riza  Bey  nach  Stellung  von
Kautionen  wieder  auf  freien  Fuß  gesetzt.

Der  Sultan  und  die  Pforte  beglückwünschen,  nach  einer  Wiener
Meldung,  die  bulgarische  Regierung  zu  der  schnellen  Herstellung  der
Ordnung.

13.  bezw.  20.  März.  Eine  große  Volksversammlung  in  Sofia
beschließt  einstimmig  zur  Abwehr  der  durch  die  verräterischen  Agitationen
  in  Bulgarien  dem  Lande  drohenden  Gefahren  die  Bildung
eines  Patriotischen  Bundes  unter  einem  Zentralkomite  in  Sofia.
Eine  gleiche  Versammlung  am  20.  in  Philippopel  beschließt  ein  ähnliches
  Zentralbüreau  für  Ostrumelien  und  eine  Resolution,  welche
besagt,

daß  das  Volk  entschlofssen  sei,  die  Unabhängigkeit  des  geeinigten  Bulgarien

  unter  allen  Umständen  gegen  alle  Feinde  im  Innern  und  auswärts
zu  verteidigen.

An  dem  schnell  sich  über  das  ganze  Land  verbreitenden  Bunde
nehmen  auch  verhältnismäßig  viele  Türken  teil.

15.  März.  Auf  ein  Gerücht  über  angeblich  gegen  die  in  Sofia
verhafteten  Personen  besonders  den  Major  Nikiforow  verübte  Mißhandlungen
  findet  auf  Einladung  des  dazu  von  der  Pforte  beauftragten
  Riza  Bey  eine  Besprechung  der  diplomatischen  Agenten  über
einen  dagegen  einzuleitenden  Kollektivschritt  der  Großmächte
statt.  Dieselbe  verläuft  ergebnislos.

Der  französische  Vertreter  erklärt,  er  werde  Rizas  Vorschlag  eines
        <pb n="483" />
        Bulgarien.  (März  22.  —  Ende.)  465

Schrittes  bei  der  Regentschaft  auch  dann  unterstützen  wenn  die  übrigen  nicht
beistimmten.  Der  deutsche  und  österreichische  Vertreter  erklären,  sich  der
Mehrheit  anschließen  zu  wollen,  sie  sähen  aber  keinen  praktischen  Erfolg
voraus;  der  englische  und  italienische  lehnen  jede  Einmischung  in  diese  innere
  bulgarische  Angelegenheit  ab.

22.  März.  Infolge  eines  Schreibens  Zankows  stellen  die
Zankowisten  die  Verhandlungen  mit  Riza  Bey  über  die
Versöhnung  mit  der  Regierung  ein.

25.  März  bzw.  Anf.  August.  In  dem  Prozesse  gegen  die  Unruhestifter
  bei  den  Wahlen  in  Dubnitza  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886
X.  10.—16.)  werden  vom  Kriegsgericht  zu  Radomir  von  den  74
Angeklagten  5  zum  Tode,  30  zu  15  Jahren  Kerkers,  31  zu  geringeren
Strafen  verurteilt,  8  freigesprochen.  Das  Sofiaer  Appelgericht  bestätigt
  Anfang  August  die  verhängten  Todesstrafen.

26.  März—April.  Der  „Patriotische  Bund“  von  Orchanie
ersucht  die  Regenten  telegraphisch,  für  die  schleunige  Rückkehr  des
Fürsten  Alexander  zu  wirken,  den  sie  allein  als  rechtmäßigen
Fürsten  anerkennen  und  für  den  sie  alles  zu  opfern  bereit  sei.

In  ganz  Bulgarien  wächst  die  Bewegung  zu  Gunsten  der  Rückberufung
  des  Fürsten.  Mehrere  der  Patriotenbünde  nehmen  den  Wahlspruch:
„Bulgarien  für  sich  mit  dem  Fürsten  Alexander“  an.  Man  erklärt  dieselbe
für  das  einzige  Mittel,  die  im  Heere  bemerkbare  Teilung  der  Meinungen
und  daraus  entstandenen  Zwistigkeiten  rechtzeitig  zu  dämpfen.  An  seinem
Geburtstage  (5.  April)  erhält  der  Prinz  von  allen  Städten,  Patriotenbünden
und  fast  allen  Offizieren  Glückwunschtelegramme.  Die  Regierung  verhindert
an  diesem  Tage  alle  offiziellen  Festlichkeiten  und  Demonstrationen,  welche
die  Ausrufung  Gesamtbulgariens  zum  Königreiche  mit  Alexander  an  der
Spitze  beabsichtigen.

Ende  März.  (Reise  Stoilows  nach  Wien.)  Justizminister
Stoilow  reist  zu  mehrlägigem  Aufenthalte  nach  Wien  (vgl.  Oesterreich
  Anf.  April).  Derselbe  war  kurz  zuvor  aus  Konstantinopel
eingetroffen.

Die  „Daily  News“  meldet  am  31.  über  den  Zweck  der  Reise.  Dieselbe
  sei  eine  Orientierungs-Reise,  hauptsächlich  zu  dem  Zwecke,  Gewißheit
darüber  zu  erlangen,  ob  Abmachungen  bezüglich  Bulgariens  zwischen  Oesterreich
  und  Rußland  bestehen  und  welche  Tragweite  diese  eventuellen  Abmachungen
  mit  Bezug  auf  die  Zukunft  Bulgariens  haben.  Weiters  wird
Herr  Stoilow  jenen  Staatsmännern,  die  er  zu  sprechen  Gelegenheit  haben
sollte,  auseinandersefen,  daß  es  der  bulgarischen  Regierung  unmöglich  sei,
dem  Rate  gewisser  Mächte,  ruhig  zuzuwarten  und  nichts  zu  unternehmen,
zu  entsprechen.  Die  Regierung  von  Sofia  sei  angesichts  der  Stimmung  des
Landes  gezwungen,  die  Sobranje  baldigst  einzuberufen  und  ihr  eine  Lösung
vorzuschlagen.  Die  Tendenzen  der  Regierung  gehen  dahin,  von  der  Sobranje
eine  Erstreckung  der  Vollmachten  der  Regenten  auf  drei  Jahre  zu  verlangen.
Sollte  es  aber  nicht  möglich  sein,  die  Zustimmung  der  Mächte  hiezu  zu
erlangen,  so  müßte  man  zur  definitiven  Wahl  eines  Fürsten  schreiten.  Diese
Lösung  würde  aber  in  Bulgarien  selbst  den  größten  Schwierigkeiten  begegnen,

Europ  Geschichtskalender.  XXVII.  Bd.  30
        <pb n="484" />
        466  Fulserin.  (April  4.—8.  bzw.  9.)

da  in  der  Bevölkerung  und  in  der  Armee  eine  überwältigende  Bewegung
zu  Gunsten  der  Wiederwahl  des  Prinzen  Alexander  von  Battenberg,  welche
von  den  meisten  Mächten  perhorresziert  wird,  vorhanden  ist.  Diese  Bewegung
hat  in  Lester  Zeit  und  insbesondere  seit  Begründung  der  „Patrioten-Liga“
an  Intensität  sehr  zugenommen.  Aus  allen  Städten  liegen  Petitionen  zu
Gunsten  dieser  Wiederwahl  vor,  und  die  Regierung  ist  kaum  in  der  Lage,
dieser  Bewegung  Einhalt  zu  thun.  Von  Wien  aus  werde  sich  Herr  Stoilow
nach  Berlin  und  vielleicht  auch  nach  Stockholm  begeben,  da  der  bulgarischen
Regierung  nahegelegt  worden  ist,  daß  vielleicht  Prinz  Oskar  von  Schweden
ein  Thron-Kandidat  wäre,  der  die  Zustimmung  der  meisten  Großmächte  erhalten
  könnte.  «

Anfang  April  wird  bekannt,  daß  Stoilow  sich  Gewißheit  verschaffen
solle,  ob  Prinz  Ferdinand  von  Koburg  eine  Wahl  annehmen  würde;  außerdem
  verhandelt  er  über  Aufnahme  einer  Anleihe  in  Wien  und  Berlin.

4.  April.  (Russische  Geldunterstützungen  der  Revolutionären.)
  Das  offiziöse  Blatt  „Swoboda“  veröffentlicht  einen
aufgefangenen  Brief  eines  gewissen  in  Rustschuk  verhafteten  Theodorow
an  seinen  Bruder  in  Rumänien.

In  demselben  ersucht  der  Schreiber  von  einem  gewuissen  Dimitriew
die  Einsendung  einer  Quittung  über  4000  Franken  zu  verlangen,  damit
dieselbe  der  russischen  Gesandtschaft  in  Bukarest  vorgelegt  werden  könne,  und
meldet,  daß  er  noch  300  Napoleonsdor  habe,  deren  Verwendung  für  jetzt  die
zusüche  Gesandtschaft  nicht  gestatte,  Dimitriew  möge  sich  bei  diese  verwenden,
daß  ihm  —  dem  Schreiber  —  ein  Monatsgehalt  von  400  Franken  angewiesen
  werde.

5.  April.  Von  Stoilow  aus  Wien  geht  der  Regierung  die
Mitteilung  zu,  daß  Prinz  Alexander  seine  Wiederwahl  entschieden
  ablehne.

8.  bezw.  9.  April.  Dankesantworten  des  Prinzen

Alexan  der  von  Battenberg.

Dem  Zentralkomitee  des  Patriotenbundes  in  Sofia  antwortet
  er  auf  dessen  Glückwünsche:

„Ich  bitte  das  Komitee,  meinen  herzlichsten  Dank  zu  empfangen.  Ich
erblicke  in  dieser  Liga  die  Rettung  des  Landes  und  die  beste  Form  zum
Schuze  des  Thrones,  denn  sie  bietet  die  Möglichkeit,  das  Land  ohne  Furcht
und  Gefahr  zu  regieren.  Das  Land  ist  nach  Außen  hin  Dank  der  allgemeinen
  europäischen  Lage  gesichert  und  im  Innern  stark,  Dank  dem  vorzüglichen
  Patriotismus  des  ganzen  Volkes,  welches  selbst  die  Liga  geschaffen  hat.
Ihr  könnt,  gestützt  auf  diesen  Patriotismus,  ruhig  den  günstigen  Moment
zur  Lösung  der  bulgarischen  Frage  abwarten.“

Der  Kriegsminister  Nikolajew  veröffentlicht  folgende  an  ihn
ergangene  Antwort:

„Ihre  Beglückwünschungen  haben  mich  tief  gerührt.  Mein  Geburtstag
  war  für  mich  ehemals  ein  Feiertag,  und  obwohl  die  gegenwärtige  Situation,
  in  der  wir,  ihr  und  ich,  uns  befinden,  eine  gefährliche  ist,  vertraue
ich  dennoch  eurem  Stern.  Ich  bin  krank,  lebe  einsam  und  habe  keinen  Kameraden,
  weshalb  ich  nicht  Jedem  abgesondert  antworten  kann.  Ich  bitte
Sie,  nicht  als  Minister,  sondern  als  alten  Freund  und  Kriegskameraden,
allen  Truppenkörpern,  die  mir  gratulierten,  zu  danken.  Sagen  Sie  allen
Offizieren,  daß  die  Erinnerung,  welche  sie  mir  bewahren,  mir  sehr  teuer  ist
        <pb n="485" />
        Onlgarien.  (April  15.  -24.)  467

und  daß  fie  mir  glauben  mögen,  daß  die  Gefühle  innigster  Liebe,  welche  ich
für  sie  hege,  stels  unveränderlich  bleiben  werden.“

15.  April.  (Beförderung  im  Heere.)  Ein  Ukas  der  Regentschaft
  sieht  allen  Offizieren  eine  8  monatliche  Dienstzeit  in  der  Beförderung
  in  Anbetracht  der  während  der  kritischen  Zeiten  geleisteten
außerordentlichen  Dienste  nach;  es  erfolgt  eine  allgemeine  Beförderung,
in  der  30  neue  Majors  und  70  neue  Hauptleute  ernannt  werden.

Ein  Ansuchen  an  Oesterreich-Ungarn  die  Aussuhr  von
600  Pferden  zu  gestatten,  wird  vom  Wiener  Kabinet  verweigert.

Zweite  Hälfte  April—27.  Mai.  (Regentenreise.)  Die
Regenten  unternehmen  eine  Rundreise  durch  Bulgarien  und  Ostrumelien.
  Sie  werden  überall  begeistert  aufgenommen  und  an  allen
Orten  mit  festlichen  Begrüßungen  und  Vertrauenskundgebungen  empfangen.
  Namentlich  der  neugegründete  Patriotenbund  spricht  ihnen
allerwärts  die  Hoffnung  aus,  daß  sie  auch  weiterhin  den  Grundsätzen
  folgen  würden,  welche  zur  Wahrung  der  bulgarischen  Unabhängigkeit
  und  der  baldigen  Besetzung  des  Fürstenthrones  führen
müssen.

In  Philippopel  bringt  der  englische  Generalkonful  bei
einem  Bankett  auf  die  Regenten  folgenden  Toast  aus:

„Ich  trinke  auf  die  Gesundheit  der  anwesenden  Regenten,  welche  es
durch  ihre  Weisheit  verstanden,  das  Fürstentum  zu  leiten  und  es  unter  Aufrechthaltung
  der  Ordnung  und  Achtung  der  internationalen  Verträge  aus
einer  schwierigen  und  gefährlichen  Position  herauszuführen.  Ich  trinke  auch
auf  die  Unabhängigkeit  und  den  Fortschritt  der  bulgarischen  Nation,  einer
kleinen  Nation  von  drei  Millionen  Seelen,  welche  es  verstanden  hat,  durch
ihre  Energie  und  ihre  kriegerischen  Tugenden  zu  beweisen,  daß  sie  ihrer  Unabhängigkeit
  würdig  sei,  und  die  in  dieser  Weise  Europa  ermutigt,  derselben
beizustehen,  den  Forderungen  des  russischen  Kolosses  Stand  zu  bieten.“

Zu  demselben  bemerkt  die  St.  Petersburger  „Nowoje  Wremja"“:
ein  diplomatischer  Meinungsaustausch  sei  unvermeidlich,  doch  sei  man  überzeugt,
  daß  der  Generalkonful  nicht  ermächtigt  war,  die  Gesinnungen  der  englischen
  Regierung  und  noch  dazu  in  ungebührlicher  Form  zur  allgemeinen
Kenntnis  zu  bringen.

Die  Richtigkeit  des  Wortlauts  des  Trinkspruchs  wird  englischerseits
offiziell  in  Abrede  gestellt.

Bei  ihrer  Rückkehr  nach  Sofia  werden  die  Regenten  feierlich
eingeholt  von  den  Ministern,  den  Behörden  und  einer  großen  Volksmenge,
  die  Stadt  ist  festlich  beflaggt,  auch  alle  fremden  Konsulate
mit  einziger  Ausnahme  des  russischen.

24.  April.  In  der  Nacht  wird  in  Sofia  gegen  das  Haus  des
Majors  Popow  ein  Dynamit.  Attentat  verübt.  Dasselbe  richtet
jedoch  keinen  erheblichen  Schaden  an.  Die  Polizei  entdeckt  hierauf
ein  weitverzweigtes  Komplott  der  zankowistischen  Partei,  welches  im

30“
        <pb n="486" />
        468  FKulserien.  (Mai  Ende—Juni  16.)

Hinbick  auf  die  Aussichtslofigkeit  eines  allgemeinen  Aufstandes,  die
Ermordung  einer  Anzahl  hervorragender  einzelner  Personen  bezweckt.
4  ehemalige  Offiziere  und  andere  Personen  werden  verhaftet.

Ende  Mai.  (Kandidatur  des  Prinzen  Alexander.)  Justizminister
  Stoilow  richtet  aus  Wien  an  den  Prinzen  Alexander  von
Battenberg  nachstehendes  Telegramm.

Sr.  Hoheit  Alexander  Battenberg  in  Kissingen.  Die  bulgarische  Regentschaft
  hat  auf  ihrer  Rundreise  durch  Bulgarien  und  Ost-Rumelien  die
Ueberzeugung  gewonnen,  daß  die  Zivil-Bevölkerung  und  das  Heer  treu  an
der  Absicht  festhalten,  Eure  Hoheit  zur  Regierung  zu  berufen.  Infolge
Auftrages  der  Regentschaft  stelle  ich  die  Anfrage,  wie  sich  Eure  Hoheit  zur
Kandidatur  auf  den  bulgarischen  Thron  verhalten  würden.

Prinz  Alexander  antwortet:

Dr.  Stoilow,  Wien.  Obgleich  sehr  erfreut  und  geehrt  durch  die
Treue,  welche  die  bulgarische  Nation  dem  Andenken  meiner  Regierung  bewahrt
  hat,  muß  ich  doch  erklären,  daß  ich  eine  offizielle  Kandidatur  nicht
acceptieren  würde,  und  bitte  ich  die  Regentschaft  und  die  Regierung,  mich
von  allen  Kombinationen  auszuschließen.  Alexander  Battenberg.

Anfang  Juni.  (Erregung.)  In  der  Provinz  macht  sich
eine  ungeduldige  Bewegung  unter  der  Bevölkerung  geltend  wegen
der  wiederholten  Verzögerung  der  Einberufung  der  großen  Sobranje.
Regent  Mutkurow  reist  nach  Philippopel,  Regent  Ziwkow  nach  Warna
zur  Beruhigung  der  Gemüter.  Zwischen  den  Ministern  Natschewitsch
und  Radoslawow  ist  eine  ernste  Spannung  eingetreten,  welche  weiter
auf  die  Regierungspartei  ungünstig  wirkt  und  Spaltungen  in  derselben
  zur  Folge  hat.

5.  Juni.  (Gemeinderatswahlen.)  Dieselben  verlaufen
in  vollkommener  Ruhe  und  Ordnung  und  ergeben  im  ganzen  Lande
etwa  80%  Gewählte  der  Regierungspartei.

13.  Juni.  (Russi  sche  Mitschuld  an  dem  Staatsstreiche
gegen  Alexander.)  Die  Pariser  „Liberté“  veröffentlicht  ein
Schreiben  des  Obersten  Lakarow,  Militärattachés  der  ruffischen
Agentschaft  in  Sofia  während  des  Staatsstreiches  vom  21.  August,
an  Major  Gruew  den  Urheber  desselben,  welches  diesem  verschiedene
Ratschläge  hinsichtlich  der  Beschlagnahme  von  Telegrammen  und  der
an  die  Konsuln  zu  machenden  Mitteilungen  gibt.

16.  Juni.  Einberufung  der  großen  Sobranje  auf  den
3.  Juli.

Der  außerordentliche  Bevollmächtigte  der  Pforte  Riza  Bey  hatte
einige  Tage  vorher,  als  die  bevorstehende  Einberufung  bekannt  wurde,  die
Vertagung  derselben  um  einige  Wochen  gefordert,  weil  die  Großmächte  über

den  vorzuschlagenden  Kandidaten  noch  nicht  einig  seien;  auch  die  VBertreter
der  Großmächte  bei  der  Pforte  teilen  dieselben  Bedenken  dem  türkischen  Ka-
        <pb n="487" />
        Bnlgzarien.  (Juli  3.—7.  bzw.  8.)  469

binett  mit.  Die  bulgarische  Regierung  beantwortet  diesen  Schritt  mit  der
Erklärung  der  durch  die  inneren  Zustände  bedingten  Notwendigkeit  der  Einberufung,
  die  Beschlüsse  der  Sobranje  hätten  auf  die  Verhandlungen  der
Mächte  keinen  Einfluß,  die  Fürstenwahl  würde  noch  nicht  erfolgen.

Einige  Tage  später,  nachdem  Stoilow  am  19.  nach  Sofia
zurückgekehrt  ist,  wird  bekannt,  daß  die  Sobranje  dennoch  zur
Fürstenwahl  schreiten  werde.

3.  Juli.  Zusammentritt  der  großen  Sobranje  in

Tirnowa.

Zum  Präsidenten  wird  der  Regentschaftskandidat  Kontishen  mit
275  Stimmen  gewählt,  74  fallen  auf  Valtschew,  die  gleiche  Zahl  auf  den
oppofitionellen  Geschow.  Vizepräsident  wird  der  erbitterte  Rufsenfeind
Sacharja  Stojanow.

5.  Juli.  Sobranje:  Kaltschew  verliest  den  Rechenschaftsbericht
  der  Abordnung  an  die  Kabinette  der  Großmächte.

Der  Bericht  konstatiert  die  Sympathien  der  Völker  für  die  Sache
Bulgariens  und  dankt  besonders  der  Pforte.  Ein  Passus,  in  welchem  hervorgehoben
  wird,  daß  ein  Kandidat  für  den  Fürstenthron  vorhanden  sei,
erregt  freudige  Bewegung;  lebhaften  Beifall  findet  auch  die  Betonung  der
solidarischen  Interessen  Bulgariens  mit  Serbien  und  Griechenland.  Slavejkow
  polemisiert  gegen  den  Bericht  und  fragt,  ob  die  Delegation  offiziell
empfangen  worden  und  ob  die  Fürstenwahl  unter  dem  Belagerungszustand
möglich  sei.  Der  Redner  wird  in  seinen  Ausführungen  von  der  Majorität
unterbrochen  und  ihm  schließlich  das  Wort  entzogen.  Minister  Stoilow
widerlegt  denselben  und  sagt,  die  Mission  habe  Bulgarien  vor  der  zu  jener
Zeit  beabsichtigten  russischen  Okkupation  gerettet.  Ein  Deputierter  beantragt
hierauf,  die  Sobranje  solle  jenen  Mächten,  welche  die  Deputation  empfingen,
ihren  Dank  übermitteln.  Der  Antrag  wird  einstimmig  angenommen.  Infolge
  des  Antrages  eines  andern  Deputierten,  daß  am  folgenden  Tage  der
Fürst  gewählt  werden  solle,  beantragt  Minister-Präsident  Radoslavow,
daß  die  nächste  Sitzung  Donnerstag  sattfinden  und  in  derselben  über  die
Fürstenwahl  verhandelt  werden  solle.

7.  bzw.  8.  Juli.  Prinz  Ferdinand  von  Koburg-Cohary
wird  von  der  Sobranje  zum  Fürsten  von  Bulgarien  gewählt.

Präsident  Tontschew  schlägt  die  Wahl  des  Prinzen  vor,  gibt
einige  Aufklärungen  über  seine  Familienbeziehungen  und  bittet,  die  Wahl
durch  Akklamation  zu  genehmigen.  Die  geamte  Sobranje  erhebt  sich  und
stimmt  unter  brausendem  Jubel  der  Wahl  zu.  Am  Tage  vor  der  Wahl
hatte  eine  geheime  Sitzung  stattgehabt,  in  der  Regent  Stambulow  Bericht
  über  die  in  den  letzten  8  Monaten  befolgte  Politik  erstattet,  Aufklärungen
über  die  Gründe  der  Ablehnung  des  Prinzen  Alexander  und  über  die  Geneigtheit
  des  Prinzen  von  Koburg,  die  Wahl  anzunehmen,  gegeben  hatte.

Tontschew  richtet  hierauf  das  folgende  Telegramm  an  den  Prinzen:

„Monseigneur!  Die  Deputierten  der  großen  National-Versammlung,
durchdrungen  von  den  hohen  Eigenschaften,  welche  die  erlauchte  Person  Eurer
königlichen  Hoheit  auszeichnen,  sowie  von  den  lebhaften  Sympathieen,  welche
Eure  Hoheit  der  bulgarischen  Sache  entgegenbringen,  haben  heute  in  öffentlicher
  Sitzung  Eure  königliche  Hoheit  in  feierlicher  Weise  einstimmig  zum
Fürsten  von  Bulgarien  akklamiert.  Indem  ich  meine  Tprrbleunten  Glückwünsche
  darbringe,  bin  ich  der  Dolmetsch  der  heißen  Wünsche  der  Deputierten
        <pb n="488" />
        470  Sulserien.  (Juli  8.—15.)

und  der  gesamten  Nation,  daß  Eure  königliche  Hoheit  sich  möglichst  bald
nach  Bulgarien  als  Souverän  eines  Volkes  begebe,  das  den  unerschütterlichen
Glauben  hegt,  daß  Eure  königliche  Hoheit  sein  edles  und  kostbares  Leben
der  Entwicklung  des  Landes  und  der  Freiheit  und  Größe  der  bulgarischen
Nation  widmen  werde.  Tontschew,  Präfident  der  Sobranje.“

Der  Prinz  antwortet  am  8.  Juli:

„Ich  bin  stolz  und  dankbar  für  das  Votum  der  großen  National-Versammlung,
  welche  mich  zum  Fürsten  von  Bulgarien  erwählt  hat.  Ich
hoffe,  mich  des  Vertrauens  der  edlen  bulgarischen  Nation  würdig  zu  erweisen,
und  bin  bereit,  dem  Rufe  der  großen  National-Versammlung  folgend,  mich
nach  Bulgarien  zu  begeben,  um  mein  Leben  dem  Glücke  und  der  Wohlfahrt
der  bulgarischen  Nation  zu  weihen,  sobald  meine  Wahl  von  der  Hohen
Pforte  angenommen  und  von  den  Mächten  anerkannt  sein  wird.  Ich  bitte
Sie,  meinen  besten  Dank  allen  Vertretern,  welche  mich  mit  einer  Einstimmigkeit,
  die  mich  lebhaft  gerührt  hat,  erwählten,  und  durch  dieselben  dem  ganzen
bulgarischen  Volke  zu  übermitteln.  Prinz  von  Koburg.“

Am  9.  überreicht  der  diplomatische  Agent  Vulkowitsch  in  Konstantinopel
  der  Pforte  eine  Note,  in  der  er  die  Wahl  und  Annahme  des
Prinzen  Ferdinand  anzeigt  und  um  die  Zustimmung  der  Pforte  bittet.

8.—12.  Juli.  (Ministerkrisis.)  Zwischen  dem  Ministerpräsidenten
  Radoslawow  und  dem  Kriegsminister  Nikolajew  einerund
  den  Regenten  anderseits  obwaltende  Zerwürfnisse,  deren  Grund
in  persönlichen  Motiven  zu  liegen  scheint,  führen  zum  Rücktritt  des
Ministeriums,  welches  seine  ihm  vom  Fürsten  Alexander  gestellte
Aufgabe  mit  der  Annahme  der  Wahl  durch  den  Prinzen  Ferdinand
für  erledigt  erklärt.  Auch  die  Regenten  bieten  der  Sobranje  ihren
Rücktritt  an.  Die  Sobranje  lehnt  jede  Personalveränderung  in  den
höchsten  Stellen  ab,  dennoch  beharrt  das  Kabinett  auf  seinem  Rücktritte
  und  es  wird  durch  den  bisherigen  Justizminister  Stoilow
ein  neues  Uebergangsministerium  gebildet  bis  zur  Ankunft  des  Fürsten.

Dasselbe  besteht  ganz  aus  Mitgliedern  der  konservativen  Partei,  außer
Stoilow  ist  nur  Natschewitsch  geblieben,  neu  eintreten:  Stransky,  Inneres:
Tschomakow,  Unterricht,  und  Petrow,  Krieg.

15.  Juli.  Die  große  Sobranje  wird  auf  unbestimmte  Zeit
vertagt.

15.  Juli.  Prinz  Ferdinand  empfängt  auf  Schloß  Ebenthal
bei  Wien  die  Abordnung  der  Sobranje,  welche  dem  Prinzen
das  Protokoll  des  Wahlaktes  und  die  Einladung,  sich  nach  Bulgarien
zu  begeben,  überbringt.

Der  Prinz  antwortet  auf  die  Ansprache  des  Sobranje-Präsidenten
  Tontschew:

Herr  Präsident!  Meine  Herren!  Ich  nehme  mit  Dank  den  Wahlakt
entgegen,  den  Sie  mir  überbringen.  Ich  bleibe  meinem  Versprechen  und
meinem  Entschlusse  treu,  welchen  ich  vom  ersten  Tage  an  der  Nation  bekanntegeben
  habe,  welche  mich  berief.  Wäre  es  mir  erlaubt,  der  Regung  meines
Herzen  zu  folgen,  so  würde  ich  in  Ihre  Mitte  eilen,  um  mich  an  die  Spitze
        <pb n="489" />
        Bulgarien.  (Juli  26.  —  August  11.)  471

der  bulgarischen  Nation  zu  stellen  und  die  Zügel  der  Regierung  zu  ergreifen.
Aber  der  erwählte  Fürst  von  Bulgarien  muß  die  Verträge  achten;  diese
Achtung  wird  die  Stärke  seiner  Regierung  ausmachen  und  die  Größe  und
das  Gedeihen  der  bulgarischen  Nation  sichern.  Ich  hoffe,  daß  es  uns  gelingen
  wird,  das  Vertrauen  der  Hohen  Pforte  zu  rechtfertigen  und  uns  mit
der  Zeit  die  Sympathieen  Rußlands  wiederzugewinnen,  welchem  Bulgarien
seine  politische  Befreiung  verdankt  und  infolgedessen  eine  große  Dankbarkeit
schuldet,  und  die  Zustimmung  aller  Mächte  zu  erlangen.  Zählen  Sie  auf
mich,  auf  meine  Ergebenheit  fü-  Ihr  Land  —  eine  Ergebenheit,  von  welcher
ich  dem  Lande  einen  Beweis  zu  liefern  gedenke,  sobald  ich  den  Augenblick
dazu  für  gekommen  erachten  werde.  Mut,  Klugheit  und  patriotische  Eintracht!
  Gott  segne  Bulgarien  und  schenke  ihm  eine  glänzende  Zukunft!

Auf  die  weiteren  Bitten  der  Deputation,  sofort  nach  Bulgarien
  zu  eilen,  antwortet  der  Prinz  mit  dem  Hinweise  auf  die  noch
schwebenden  Verhandlungen  mit  den  Kabinetten  ausweichend:  er
hoffe  in  14  Tagen  darüber  eine  endgültige  Antwort  geben  zu  können.
Diese  auch  in  fortgesetzten  Verhandlungen  mit  der  Deputation  festgehaltene
  Erklärung  wirkt  auf  dieselbe  und  in  Bulgarien  sehr  herabstimmend.


26.  Juli.  Kaltschew  begibt  sich  in  auperordentlicher  Mission
nach  Konstantinopel,  um  im  Verein  mit  dem  ständigen  bulgarischen
Vertreter  daselbst,  Vulkowitsch,  die  Sanktion  der  Wahl  des
Prinzen  Ferdinand  von  der  Pforte  zu  erlangen.

1.  August.  Minister  des  Auswärtigen,  Natschewitsch,  der
Tags  zuvor  in  Wien  eingetroffen,  hat  auf  Schloß  Ebenthal  eine
Zusammenkunft  mit  dem  Prinzen  Ferdinand.  Er  bleibt  noch
längere  Zeit  in  Wien  und  es  wird  seinen  eindringlichen  Vorstellungen
und  Hinweisungen  auf  die  wachsende  Unruhe  und  Mißstimmung  in
Bulgarien  zugeschrieben,  daß  der  Prinz  sich  endlich  entschließt,  nach
Bulgarien  abzureisen.

9.  August.  Dem  Prinzen  Ferdinand  wird  der  erbetene
Austritt  aus  dem  Verbande  der  ungarischen  Honved-Armee
gestattet  ohne  Beibehaltung  des  Offizierranges.

11.  August.  Prinz  Ferdinand  trifft  in  Widdin  ein.
Er  wird  von  den  auf  der  Regierungsyacht  ihm  entgegenfahrenden
Regenten,  Ministern  und  höheren  Offizieren  und  am  Lande  von  den
Stadt=  und  Distriktsbehörden,  dem  Klerus  und  den  Offizieren  der
Garnison  feierlich  empfangen  und  von  dem  Volke  lebhaft  begrüßt.
Er  begibt  sich  nach  kurzem  Aufenthalt  auf  das  Schiff  zurück  und

reist  nach  Rustschuk  weiter.

Von  Widdin  aus  wird  die  folgende  dem  Erzbischofe  auf  dessen  Ansprache
  erteilte  Erwiderung  als  Proklamation  an  das  Volk  verteilt:  „Von
den  Vertretern  der  bulgarischen  Nation  einstimmig  zum  Souverän  gewählt,
        <pb n="490" />
        472  Sulsarien.  (August  11.)

erachte  ich  es  als  meine  heilige  Pflicht,  das  Gebiet  meines  neuen  Vaterlandes
zu  betreten  und  mein  Leben  dem  Glücke,  der  Größe  und  dem  Fortschritt
meines  teuren  Volkes  zu  weihen.  Indem  ich  der  wackeren  bulgarischen  Nation
  für  das  Vertrauen,  das  sie  mir  bekundet,  sowie  für  die  Gefühle  der
Treue  und  Ergebenheit,  von  denen  fie  gegen  mich  beseelt  ist,  aus  dem  Grunde
meines  Herzens  danke,  bin  ich  überzeugt,  daß  sie  mich  in  meinen  Bemühunen
  unterstützen  wird,  um  unser  Land  groß  und  blühend  zu  machen  und
hre  und  Ruhm  vollständig  zu  erreichen.  Der  Allmächtige  schütze  Bulgarien
und  helfe  uns  in  allen  unseren  Thaten!  Ferdinand."“

Durch  seine  Mutter,  die  Herzogin  Klementine,  läßt  er  gleichzeitig
nachfolgende  Note  an  sämtliche  Großmächte  versenden:  „Unter  Berufung  auf
meine  Antwort,  welche  ich  der  Sobranje-Deputation  gab,  beehre  ich  mich,
mitzuteilen,  daß  ich  nach  Bulgarien  reise,  um  den  mir  angebotenen  Thron
anzunehmen.  Ich  leistete  der  Aufforderung  der  bulgarischen  Nation  nicht
sofort  Folge,  weil  ich  hoffte,  daß  die  auf  mich  gefallene  Wahl  der  Sobranje
den  Beifall  der  Höfe  erringen  werde,  und  weil  ich  abwarten  wollte,  bis  die
Antworten  der  Großmächte  einlangen.  Diese  Antworten  lauten  zwar  nicht
in  günstigem  Sinne;  da  dieselben  jedoch  nicht  gegen  meine  Person,  sondern

egen  die  Formen  Einwendungen  erheben,  trete  ich  meine  Reise  in  der  sicheren
#  an,  daß  die  Mächte  angesichts  der  vollendeten  Thatsachen  von  der
Form  absehen  werden.  Ich  begebe  mich  demnach  mit  dem  festen  Entschlufse
nach  Bulgarien,  die  bis  zum  heutigen  Tage  bestehenden  desolaten  Zustände
der  bulgarischen  Nation  zu  ordnen,  und  ich  hoffe  zu  dem  Allmächtigen,  daß
ich  dieselbe  auf  friedlichem  Wege  den  Segnungen  der  Zivilisation  und  der
Kultur  entgegenführen  und  auf  jene  Höhe  erheben  werde,  welche  ihr  in  der
Reihe  der  europäischen  zivilisierten  Staaten  gebührt.  Die  Aufgabe,  die  ich
mir  gestellt  habe,  ist  edel  und  erhaben,  aber  7  ist  auch  heilig,  denn  ich  will
mein  ganzes  künftiges  Leben  der  Sache  einer  edlen  Nation  widmen;  der  Allmächtige
  wird  mich  darin  unterstützen,  daß  ich  auf  dem  Wege,  den  ich  gewählt,
  nicht  wanke  und  festen  Schrittes  meinem  Ziele  entgegensteuere.  Euere
.  aber  bitte  ich,  mir  Ihre  Gewogenheit  auch  in  Zukunft  nicht  zu  entziehen
  und  mich  in  meinen  Bestrebungen  zu  unterstützen.“

Der  Pforte  sendet  er  nachstehende  Erklärung:  „Mit  vollster  Ergebenheit
  teile  ich  der  Hohen  Pforte  mit,  daß  ich  die  auf  mich  gefallene  Wahl
der  bulgarischen  Sobranje  annehme  und  heute  den  Boden  Burlgariens  betreten
  habe.  Ich  hoffe,  daß  dieser  Schritt  den  Wünschen  und  Intentionen
Eurer  Majestät  begegnen  werde.  Eure  Majestät  möge  überzeugt  sein,  daß
ich  das  bulgarische  Volk  mit  größter  Gerechtigkeitsliebe  regieren  und  daß  ich
allen  Konfessionen  gegenüber  Gleichberechtigung  gelten  lassen  werde.“  Einige
Tage  später  teilt  Wulkowitsch  in  Konstantinopel  dem  Großvezir  eine  Note
Stoilows  mit,  die  zu  ähnlichen  Versicherungen  noch  den  Wunsch  des  Prinzen
fügt,  dem  Sultan  persönlich  seine  Gefühle  zu  bezeugen,  wenn  dieser  es  für
opportun  halten  werde.

In  Rustschuk  verläßt  der  Fürst  unter  großem  Jubel  der  Bevölkerung
das  Schiff  und  reist  nach  Tirnowa  weiter.  Gleichzeitig  hält  in  der  Kathedrale
  zu  Sofia  der  Erzbischof  Klement  das  Tedeum  ab  und  hält  dabei
eine  sehr  viel  Aufsehen  erregende  Rede,  in  der  er  sagt:  Es  sei  aller  Grund
zu  der  Hoffnung  vorhanden,  daß  Fürst  Ferdinand  die  Mittel  zu  einer  Aussöhnung
  mit  dem  russischen  Befreier  finden  werde;  der  Fürst  habe  hieran
sogleich  gedacht,  als  ihm  die  Nachricht  von  seiner  Erwählung  zur  Kenntnis
kam.  Nunmehr  werde  Jedermann  frei  seine  Meinung  aussprechen  können,
ohne  fürchten  zu  müssen,  verhaftet  zu  werden.

Kein  Vertreter  einer  Großmacht  nimmt  an  den  Begrüßungsfestlichkeiten
  teil,  auch  werden  auf  keinem  Konsulatsgebäude  die  Flaggen  gehißt.
        <pb n="491" />
        Balgarien.  (August  12.—Sept.  Anf.)  473

12.  August.  Riza  Bey  verläßt  im  Auftrage  der  Pforte
Sofia  und  begibt  sich  nach  Konstantinopel.

Vor  seiner  Abreise  benachrichtigt  er  die  Regierung,  daß  ein  provisorischer
  Nachfolger  Artin  Effendi  bald  in  Sofia  eintreffen  werde.

14.  August.  (Eidesleistung  des  Fürsten.)  Der  Fürst
Ferdinand  leistet  in  Tirnowa  in  der  Sobranje  den  Eid  auf  die  Verfassung.


Die  Regenten  und  Minister  geben  ihre  Entlassung,  am  folgenden
  Tage  wird  die  Sobranje  geschlossen;  der  Fürst  reist  nach  Philippopel
  weiter.

15.  August.  Die  gesamte  Armee  wird  auf  den  Fürsten
vereidigt.

22.  August.  Feierlicher  Einzug  des  Fürsten  Ferdinand
in  Sofia.  Der  deutsche  und  französische  Vertreter  brechen  die  Beziehungen
  zu  Bulgarien  ab.

Bei  dem  feierlichen  Tedeum  in  der  Kathedrale  hält  Erzbischof
Klement  eine  Rede,  in  der  er  den  Fürsten  in  Bulgarien  willkommen  heißt,
dann  auf  die  schuldige  Dankbarkeit  Bulgariens  gegen  Rußland  hinweist  und
den  Fürsten  ermahnt,  diese  nie  zu  vergessen.  „Das  Volk  ist  fest  davon  überzeugt,
  o  Fürst,  daß  sich  zur  Bewahrung  der  Freiheit  und  Unabhängigkeit,
welche  mit  russischen  Opfern  erkauft  wurden,  zur  Befestigung  des  bulgarischen
Thrones  zum  Ruhme  der  bulgarischen  Krone,  zum  For#chritte,  zur  Entwicklung,
  zur  Erreichung  einer  wolkenlosen  Zubinst  notwendigerweise  erst  die
Abgründe  schließen  müssen,  welche  sich  durch  Zufall  und  gegen  den  Willen
des  Volkes  zwischen  dem  Befreier  und  Befreiten  gebildet  haben.  Es  möge
die  natürliche  Intimität  der  Beziehungen  zwischen  zwei  Brüdervölkern,  von
denen  das  eine  sein  Blut  für  das  andere  vergoß,  hergestellt  werden.  Es
mögen  uns  Liebe  und  Vertrauen  unserer  Befreiermacht  und  ihres  großen
Monarchen  wiedergegeben  werden,  dies  ist  der  heißeste  Wunsch  des  bulgarischen
  Volkes,  dessen  tiefste  Ueberzeugung,  sein  eingewurzelter  Glaube.“

Es  wird  sehr  bemerkt,  daß  Klement  hierauf  an  dem  großen  Hofdiner
am  30.  August  nicht  teilnimmt.

31.  August.  (Neues  Ministerium.)  Nach  großen  Schwierigkeiten,
  ein  Kabinett  zu  bilden,  an  denen  erst  Stambulow,  dann
Tontschew  und  Stransky  scheitern,  kommt  endlich  ein  neues  Ministerium
  mit  Stambulow  an  der  Spitze  zu  stande.  Dieser  übernimmt
das  Innere,  Natschewitsch  das  Aeußere,  Stoilow  die  Justiz,
Mutkurow  den  Krieg,  Ziwkow  den  Unterricht  und  Nikiforow
(nicht  der  frühere  Kriegsminister)  die  Finanzen.

Anfang  September.  (Konflikt  mit  der  Geistlichkeit.)
Infolge  der  ablehnenden  Haltung  des  in  Konstantinopel  residierenden
  Exarchen  Joseph  gegen  den  Fürsten  erklärt  Stambulow  diesen
für  abgesetzt  und  erkennt  den  1878  von  der  Synode  ahgesetzten
frühern  Exarchen  Anthimos  wieder  an  und  beruft  ihn  nach  Sofia.
        <pb n="492" />
        474  Hulsarien.  (Septbr.  Anf.—2.  Hälfte.)

Die  Geistlichkeit  ergreist  aber  größtenteils  für  Joseph  Partei  und
erklärt  die  Schritte  der  Regierung  für  ungesetzlich.

Anf.  September.  Der  Belagerungszustand  wird  im  ganzen
Lande  aufgehoben.

Mitte  September.  (Konflikt  mit  Deutschland.)  Ein  in
Rustschuk  erscheinendes  Blatt  „Der  Bulgare“"  beleidigt  den  dortigen
deutschen  Vizekonful  v.  Löper  in  einem  Artikel,  dessen  Urheberschaft
dem  Stadtpräfekten  Mantow  zugeschrieben  wird,  der  durch  sein  formloses
  Auftreten  bereits  die  Ursache  von  Beschwerden  seitens  mehrerer
fremder  Konsuln  und  der  Abreise  des  französischen  geworden  war.
Nachdem  die  ersten  Schritte  zur  Erlangung  einer  Genugthuung
deutscherseits  erfolglos  geblieben,  teilt  die  türkische  Regierung  der
bulgarischen  mit,  daß  Deutschland  bei  ihr  um  die  Erlaubnis  zum
Passieren  der  Dardanellen  für  3  Panzerschiffe  zur  Blockierung  des
Hafens  von  Varna  nachgesucht  habe.  Das  Rustschuker  Blatt  wird
nunmehr  von  der  Regierung  unterdrückt  und  der  Präfekt  Mantow
abgesetzt.  Damit  ist  der  Zwischenfall  erledigt.

2.  Hälfte  September.  Der  Führer  der  liberalen  Opposition
Petko  Slaweikow  richtet  an  den  Fürsten  Fer  dinand  ein  Schreiben,

  welches  im  Wesentlichen  Nachfolgendes  enthält.

Die  bulgarische  Nation  habe  viele  Tage  des  Unglücks  und  der  Trauer
erlebt,  aber  in  solcher  Weise  wie  jetzt  sei  sie  niemals  mißhandelt  worden.
Alles  habe  das  bulgarische  Volk  in  der  Hofnung  ertragen,  einen  legitimen
Fürsten  zu  bekommen,  dessen  Ankunft  ihnen  die  Ruhe  wiedergeben  würde.
Diese  Hoffnung  sei  jedoch  getäuscht  worden.  Slaweikow  erinnert  sodann  den
Fürsten  an  seinen  Eid  in  Tirnowa,  mit  welchem  er  beschworen  habe,  das
Land  der  Verfassung  gemäß  zu  regieren;  seine  Regierung  führe  jedoch  das
Regiment  nach  ihrem  Belieben;  die  Gewaltmißbräuche  und  Willkürlichkeiten
hätten  nicht  aufgehört,  die  schrecklichen  Vorkommnisse  des  verflossenen  Jahres
sich  wieder  erneuert,  man  wende  von  neuem  Gewalt  an.  Offenbar  wolle  die
gegenwärtige  Regierung  der  Nation  ihren  Willen  mit  allen  Mitteln,  selbst
den  ungesetzlichsten,  aufzswingen.  Obwohl  der  Belagerungszustand  aufgehört,
sei  doch  die  Preßfreiheit  von  neuem  unterdrückt;  dieser  ungesetzliche  Akt  könne
den  Thron  nicht  befestigen  und  werde  dem  Fürsten  die  Ergebenheit  des  Volkes,
welches  wisse,  daß  jene  Maßregel  mit  des  Fürsten  Zustimmung  ergriffen
worden,  nicht  gewinnen.  Das  Gesetz  sei  kein  toter  Buchstabe,  wie  die  Regierung
  es  sich  vorstelle.  Zu  ihrem  Unglücke  befinde  sich  die  Regierung  auf
einer  Bahn,  welche  sie  in  Gefahren  stürzen  werde;  sie  habe  nicht  nur  das
Land,  sondern  auch  den  Fürsten  selbst  in  eine  wenig  beneidenswerte  Lage
gebracht.  Diese  Regierung  habe  dem  Fürsten  den  wahren  Willen  des  Volkes
und  dem  Volke  die  Absichten  des  Fürsten  verheimlicht,  und  es  sei  eine
Schlechtigkeit  so  mit  dem  Schicksale  eines  Volkes  und  eines  regierenden
Fürsten  sein  Spiel  zu  treiben.  Diese  Regierung  lasse  sich  von  ihren  Launen
und  nicht  von  politischen  Erwägungen  leiten,  und  dies  sei  der  Grund,  daß
sie  sich  zu  Akten  der  Ungerechtigkeit  und  der  Willkür,  welche  die  Autorität
des  Fürsten  untergraben,  hinreißen  lasse.  Mit  Lügen,  Willkür  und  Schrecken
        <pb n="493" />
        Sulserien.  (Septbr.  26.—Oktbr.  10.)  475

werde  es  aber  nicht  gelingen,  den  Staat  und  den  Thron  zu  befestigen.  Was
auch  die  Minister  dem  Fürsten  sagen  mögen,  schließt  Slaweikow,  die  Majorität
  des  bulgarischen  Volkes  teilt  deren  Ansichten  nicht  und  wolle  die  Früchte
ihrer  Politik  nicht  über  sich  ergehen  lassen.

26.  September.  Zwischen  Serbien  und  Bulgarien  gelangt
eine  Eisenbahnko  nvention  über  den  Betrieb  der  neuerbauten
durchgehenden  Linien  zum  Abschlusse.

26.  September.  Prinz  Ferdinand  empfängt  den  englischen
Vertreter  in  anfangs  geheim  gehaltener  Audienz  doch  als  Privatperson.


Ende  September.  (Russische  Agitation.)  In  dem  bulgarischen
  Heere  wird  von  den  Anhängern  der  russischen  Partei  nachstehende
  Proklamation  verbreitet:  ·

„Das  Blut,  welches  für  die  Befreiung  Bulgariens  vergossen  wurde,
du,  bulgarischer  Soldat,  du  weißt  es,  war  russisches  Blut!  Der  Heldenmut,
welchen  du  dem  Feinde  gegenüber  bewiesen  hast,  ist  dir  von  den  Russen  gelehrt
  worden.  Heute  bist  du  das  unglückliche  Opfer  der  Intriguen  der
Engländer,  Schwaben  und  Magyaren.  Jetzt  will  dich  der  manyarische  Lieutenant
  Ferdinand  von  Koburg  gegen  die  Heere  des  Zars  in  den  Kampf
führen.  In  dem  Augenblicke,  in  welchem  der  große  Protektor  Bulgariens
sich  entschließen  wird,  noch  einmal  sein  geliebtes  Volk  von  der  schrecklichen
magyarisch-schwäbischen  Tyrannei  zu  befreien,  dann,  bulgarischer  Soldat,
wirst  du  nicht  als  Feind,  sondern  mit  lautem  Hurrageschrei,  mit  offenen
Armen  und  mit  Freudenthränen  in  den  Augen  deinen  Befreiern  entgegenehen!“

  Unterzeichnet  ist  diese  Proklamation:  „Das  Komitee  vom  19.  Feruar."


6.  Oktober.  Radoslawow  hat  eine  lange  Audienz  beim

Fürsten.

Er  legt  in  derselben  rückhaltlos  die  Beschwerden  dar,  zu  welchen  die
Regierung  der  loyalen  Opposition  Anlaß  gäbe  und  erklärt,  daß  er  nicht,
wie  dem  Fürsten  eingegeben  wäre,  gegen  ihn  sei,  der  unter  seiner  Regierung

ewählt  worden  wäre.  Sein  Programm  sei:  Loyalität  gegen  den  Thron,
Freiheit  des  Verfassungslebens  und  Unabhängigkeit  Bulgariens.  Der  Fürst
erwidert:  Dann  sei  seine  Opposition  gegenstandslos,  denn  dasselbe  erstrebe
Stambulow.  Radoslawow  führt  dagegen  aus,  daß  die  Freiheit  der  Verfassung
  jetzt  nur  auf  dem  Papiere  stünde,  jede  freie  Meinungsäußerung  und
er  mit  seiner  Partei  mit  den  strengsten  Polizeimaßregeln  unterdrückt  werde.
Der  Fürst  antwortet:  Er  sei  stets  bereit,  die  Wünsche  einer  loyalen  Opposition
  entgegenzunehmen,  er  stehe  über  den  Parteien,  unter  so  schwierigen
Verhältnissen  sei  es  nötig,  daß  alle  Parteien  sich  eng  um  ihn  schaarten.  Er
verspricht  sodann  Besserung  der  Verhältnisse  im  Innern  und  entläßt  Radoslawow
  sehr  gnädig.

10.  Oktober.  Wahlen  zur  kleinen  Sobranje.

Das  Ergebnis  ist  ein  großer  Sieg  der  Regierung:  den  258  regierungsfreundlichen
  Gewählten  stehen  nur  27  Oppositionelle,  halb  von  der  Richtung
Radoslawows,  halb  Zankows  gegenüber;  7  Gewählte  find  unentschiedener
Parteistellung.  Die  Wahlbeteiligung  ist  schwach,  namentlich  in  Sofia,  da
die  Wahlen  unter  dem  Drucke  einer  ganz  ungewöhnlichen  Wahlbeeinflussung
vonseiten  der  Regierung  vollzogen  werden,  welche  sich  die  gröbsten  Willkür-
        <pb n="494" />
        476  Bulgarien.  (Oktober  Mitte  —  31.)

lichkeiten  zu  schulden  kommen  läßt.  So  werden  kurz  vor  der  Wahl  allein
in  Sofia  an  200  Personen  verhaftet.  —  An  einzelnen  Orten  kommt  es  zu
ernstlichen  Ruhestörungen,  die  aber  überall  durch  Gendarmen  und  Militär
ohne  Mühe  unterdrückt  werden.  In  Kutlowitza  wird  wie  schon  im  Vorjahre
der  russische  Kaiser  gewählt.

Mitte  Oktober.  Metropolit  Klement,  welcher  unter
steter  Aufsicht  gehalten  worden  ist,  sucht  eine  Audienz  beim  Fürsten
nach,  angeblich  um  sich  über  diese  Behandlung  zu  beschweren,  wie
vermutet  wird,  um  sich  zu  unterwerfen  und  den  Fürsten  seiner
Loyalität  zu  versichern.  Dieselbe  findet  nicht  statt;  wie  die  Parteigänger
  Klements  versichern  weil  er  dieselbe  gar  nicht  nachgesucht
habe,  doch  wird  diese  Thatsache  mit  Bestimmtheit  von  anderer  Seite
aufrecht  erhalten.  Klement  habe  nicht  den  richtigen  Gesuchsweg  gewählt,
  darum  sei  die  Audienz  nicht  bewilligt  worden.

16.  Oktober.  Der  Ukas,  welcher  den  früheren  Kriegsminister
Nikolajew  zum  fürstlichen  Adjutanten  ernennt,  wird  zurückgenommen.


26.  Oktober—Anf.  Dezember.  (Streit  mit  Klement.)  Die
Regierung  ersucht  den  Exarchen  in  Konstantinopel,  den  Metropoliten
  Klement  aufzufordern,  Sofia  zu  verlassen  und  in  seine
eigentliche  Diözese  Tirnowa  zurückzukehren.  Der  Exarch  weist  jedoch
am  2.  November  Klement  an,  in  Sofia  zu  bleiben  und  sein  Amt
als  Stellvertreter  des  Exarchen  fortzuverwalten.  Die  russische  Regierung
  schickt  ihm  50,000  Rubel  und  spricht  die  Hoffnung  aus,  er
werde  tapfer  auf  seinem  Posten  verharren.  Er  verweigert  auch  einer
Deputation  von  Abgeordneten,  Sofia  zu  verlassen  und  erklärt,  nur
der  Gewalt  weichen  zu  wollen.  Ende  November  beauftragt  aber
der  Exarch  den  Metropoliten,  nach  Tirnowa  zurückzukehren  und
überweist  die  Diözese  Sofia  einem  andern  Bischofe.  Am  8.  Dezember
  reist  Klement  nach  Tirnowa  ab.

31.  Oktober.  Die  offiziöse  „Swoboda“  fordert  in  einem  heftigen
  Artikel  die  Anklage  wegen  Hochverrats  gegen  die  drei
ehemaligen  Minister  Karawelow,  Zanow  und  Nikiforow  aus  Anlaß
ihres  Anteils  an  dem  Sturze  des  Fürsten  Alexander.

31.  Oktober.  (Tribut.)  Der  Vertreter  in  Konstantinopel
Vulkowitsch  giebt  im  Auftrage  der  Regierung  bei  der  Pforte  folgende

  Erklärung  ab.

Die  Regierung  von  Sofia  ließ  der  Verwaltung  der  öffentlichen  Schuld
antworten,  daß  sie  dieser  nichts  zahlen  könne,  bevor  die  Frage,  welche  das
Land  aufregt,  endgültig  geregelt  *  ·  »

sche  Demzufolge  gilt  die  Verhandlung  wegen  der  Tributzahlung  als  völlig
gescheitert.
        <pb n="495" />
        Bulgzarien.  (November  3.  —  26.)  477

38.  November.  Kriegsminister  Mutkurow  geiebt  seine
Entlassung  wegen  der  Nichtbestätigung  seines  Vorschlags,  den
früheren  Kriegsminister  Petrow  zum  Direktor  der  Kriegsschule  zu
ernennen;  der  Fürst  besteht  wegen  der  politischen  Unzuverlässigkeit
Petrows  auf  der  Ernennung  des  Majors  Winarow  für  diesen  Posten
und  lehnt  die  Entlassung  Mutkurows  ab.  Dieser  zieht  hierauf  sein
Gesuch  zurück.

6.  November.  In  Sofia  trifft  die  erste  Lokomotive  nach
Vollendung  der  Anschlußbahn  an  das  Serbische  Eisenbahnnetz  ein.

9.  November.  (Unruhen.)  Eine  Bande  von  Emigranten
unter  Führung  des  ehemaligen  Offiziers  Bojanow  dringt  von  der
Türkei  aus  bei  Eski-Sagra  über  die  Grenze,  wird  aber  nach  heftigem
  Kampfe,  bei  dem  es  beiderseits  zahlreiche  Tote  und  Verwundete
  giebt,  von  dem  gegen  dieselbe  aufgebotenen  Militär  zersprengt.
Bojanow  entkommt  über  die  Grenze.

15.  November.  (Tribut.)  Der  Ministerrat  beschließt,  mit
den  Zahlungen  des  an  die  Pforte  von  Ostrumelien  zu  zahlenden
Tributs  vom  1.  Januar  an  zu  beginnen,  die  rückständigen  Beträge
sollen  in  Jahresraten  nachbezahlt  werden.

19.  November.  Der  Justizminister  Stoilow  erklärt  durch
einen  Erlaß,  daß  in  Zukunft  den  türkischen,  persischen,  serbischen
  und  montenegrinischen  Untertanen  Bulgariens
nicht  mehr  die  Rechte  zustehen  sollen,  wie  nach  den  Kapitulationen
denen  der  Großmächte,  sondern  daß  sie  forthin  den  Landesgerichten
unterstellt  sein  sollen.

20.  November.  (Depeschenwechsel  mit  Prinz  Alexander.)
  Am  Jahrestage  der  Schlacht  von  Slivnitza  sendet  Fürst
Ferdinand  an  den  Prinzen  Alexander  nachstehendes  Telegramm:

„In  meinem  und  meines  Heeres  Namen  sende  ich  Ew.  Hoheit  den
Ausdruck  der  Gefühle  der  Bewunderung,  welche  demjenigen  gebühren  der
vor  zwei  Jahren  an  demselben  Tage  dem  bulgarischen  Heere  die  Bahn  des
Sieges  und  des  Ruhmes  zu  zeigen  gewußt.  Ferdinand.“

Prinz  Alexander  antwortet:

„Ich  danke  Ew.  Hoheit  aufrichtig  für  Ihre  Gefühle;  ich  zweifle  nicht,
daß  das  Heer,  welches  ich  geschaffen  und  zum  Siege  geführt,  stets  Ew.  Hoheit
in  Ihren  Bestrebungen  für  das  Glück  und  Gedeihen  Bulgariens  unterstützen
wird.  Alexander.“

26.  November.  Herzogin  Klementine  von  Koburg,
die  Mutter  des  Fürsten  trifft  von  diesem  und  den  Ministern  geleitet
  in  Sofia  ein  und  wird  von  der  Geistlichkeit,  den  Stadtbehörden
und  der  Einwohnerschaft  festlich  eingeholt.
        <pb n="496" />
        478  Jessrien.  (Januar  19.)

28.  November.  Justizminister  Stoilow  giebt  seine  Entlassung,
  nachdem  die  von  ihm  veranlaßten  Ernennungen  zu  Staatsanwälten
  in  der  offiziösen  „Swoboda“  scharf  kritisiert  und  er  ebenso
in  der  Sobranje  nicht  ohne  Billigung  des  Ministerpräsidenten  Stambulow
  heftig  angegriffen  worden.  Dieser  äußert  in  der  Kammer,
er  selbst  habe  kein  Zutrauen  in  die  Gerichte.  Der  Fürst  und  der
Ministerrat  lehnen  das  Entlassungsgesuch  ab.

18.  Dezember.  Die  Sobranje  bewilligt  das  Einnahmebudget
  und  genehmigt  die  mit  den  Vertretern  der  Bondholders
in  Konstantinopel  geschlossene  Ubereinkunft  zur  Zahlung  des  jährlichen
  Tributs  von  Ostrumelien  in  Höhe  von  130,000  K.,
sowie  eine  Eisebahnanleihe  von  50  Millionen  für  die  Strecken
Rustschuk-Varna  und  Zaribrod-Vakarel.

Bei  der  Budgetberatung  hatte  der  ehemalige  Präfekt  von  Rustschuk
Mantow  versucht,  einen  Schlag  gegen  das  Ministerium  zu  führen,  um  sich
selbst  mit  Radoslawow  ans  Ruder  zu  bringen,  indem  er  einen  großen  Teil
der  bisher  ministeriellen  Abgeordneten  für  die  Verweigerung  des  Budgets  zu
gewinnen  verstanden  hatte.  Stambulow  versammelte  hierauf  die  Deputierten
  in  privater  Weise  und  hielt  eine  bedeutende  Rede,  in  der  er  die  Sucht
Mantows  und  anderer  Ränke  gegen  das  Ministerium  zu  spinnen,  um  aus
egoistischem  Streben  im  trüben  zu  fischen,  scharf  geißelte,  die  Gefahr,  welche
in  der  Spaltung  der  nationalen  Einheit  liege,  darstellte  und  dann  fortfuhr:
„Warum  das  alles?  Weil  wir  aus  Rücksficht  auf  die  Mächte  ihn  als  Präfekten
  von  Rustschuk  absetzen  mußten  und  weil  wir  aus  eben  diesen  Rücksichten
  abgeraten  haben,  ihn  zum  Vizepräsidenten  der  Kammer  zu  ernennen.
Sie,  die  Abgeordneten  von  Rustschuk,  wissen  am  besten,  ob  Mantow  als
Präfekt  von  Rustschuk  despotisch  regiert  hat  oder  nicht.  Ich  mache  ihm
daraus  keinen  Vorwurf,  aber  gerade  sein  Beispiel  zeigt,  daß  man,  um  eine
politische  Krisis  zu  überwinden,  Rücksichtslosigkeit  und  Strenge  aufwenden
muß.  Unsere  Krisis  ist  aber  durchaus  noch  nicht  beendet.  Die  Feinde  der
gegenwärtigen  Regierung  und  die  Verräter  fahren  fort,  Verschwörungen  anzuzetteln
  und  Beunruhigung  ins  Land  zu  tragen.  Wir  müssen  streng  sein,
unerbittlich,  vor  allem  aber  einig.  Wollen  Sie  in  dieser  Ausnahmslage  die
Negierung  schwächen,  um  kleinlichen  Ränken  und  persönlichem  Ehrgeiz  zu

ienen?“

Die  Rede  macht  ungewöhnlichen  Eindruck,  stimmt  die  Abgeordneten
um  und  Mantow  selbst  soll  hierauf  Stambulow  das  Einstellen  seiner  Agitation
  versprochen  haben.

 

 

3.  Aegypten.

19.  Januar.  (England  und  Frankreich.)  Der  „Pariser
Temps“  enthält  folgende  halbamtliche  Mitteilung:

Die  „Times"  erhielt  von  Alexandrien  eine  gegen  die  franzöfischen
Interessen  gerichtete  Depesche;  es  wird  darin  zunächst  gesagt,  daß  das  Dekret
wegen  der  in  Aegypten  von  aller  Welt  verlangten  Abschaffung  des  Frondienstes
  am  14.  Juli  Frankreich  unterbreitet  worden  sei;  die  französische
Regierung  habe  jedoch  diese  Maßregel  zwar  nicht  grundsätzlich  verworfen,
        <pb n="497" />
        Jegupien.  (Februar  Anfang—I1.)  479

aber  sich  ausweichend  verhalten,  um  die  ägyptische  Regierung  zu  zwingen,
einen  Franzosen  zum  Generalprokurator  zu  ernennen.  Nach  unsern  Mitteilungen
  vermischt  die  „Times“  zwei  ganz  verschiedene  Dinge.  Es  ist  richtig,
daß  die  französische  Regierung  grundsätzlich  nicht  gegen  Abschaffung  des  Frondienstes
  ist,  aber  sie  ist  in  Zwiespalt  mit  der  englischen  Regierung  über  die
Verwendung  der  durch  diese  Abschaffung  freigewordenen  Gelder.  Sie  will,
daß  dieselben  für  den  Unterhalt  des  ägyptischen  Heeres  verwendet  werden,
was  England  verweigert.  Mit  der  Ernennung  des  Generalprokurators  verhält
  es  sich  folgendermaßen:  Inhaber  dieses  Psstens  ist  dem  Abkommen  gemäß
  gegenwärtig  ein  Franzose;  dieser  ist  nun  gezwungen,  sich  aus  Gesundheitsrücksichten
  zurückzuziehen.  Die  französische  Regierung  verlangt  also  mit
Recht,  daß  für  die  Zeit  von  dessen  Amtsdauer  ein  Franzose  angestellt  werde.
Diesen  Aufpruch  bestreitet  die  englische  Regierung,  welche  sofort  einen  englischen
  oder  italienischen  Generalprokurator  ernennen  möchte.

Anfang  Februar.  (Nubien.)  Ein  aus  Kartum  kommender
Emissär  bringt  die  Nachricht,  daß  die  in  Kartum  wohnenden  Stämme
bereit  seien,  die  Autorität  Aegyptens  wieder  anzuerkennen.

3.  Februar.  Stanlen  bricht  von  Kairo  mit  60  Freiwilligen
zur  Befreiung  Emin  Paschas  (Dr.  Schnitzler)  auf.

8.  Februar.  Der  Pariser  „Temps“  bestätigt,  daß  Frankreich
dem  Dekrete  des  Khedive  über  die  Abschaffung  der  Fronden
zugestimmt  habe,  doch  fehle  noch  eine  Einigung  darüber,  wer  in
Zukunft  die  Arbeit  der  Fellahs  leisten  und  mit  welchen  Mitteln
diese  Arbeiten  bezahlt  werden  sollten.  Frankreich  sei  gegen  die  Entnahme
  dieser  Summen  aus  den  Loskaufsgeldern  vom  Militärdienste,
denn  diese  gehörten  dem  Heere,  das  fie  nötig  brauche,  wenn  es  neu
organisiert  worden  und  die  englische  Okkupation  einmal  aufgehoben  sei.

11.  Februagr.  Das  „Journal  des  Débats“  bemerkt  zu  den
Vorschlägen  Sir  Drummond  Wolffs  bezüglich  der  Neutralisierung
  Aegyptens  (vgl.  Großbrit.  II.  10.):

„Wenn  man  den  Fall  setze,  Frankreich  oder  Deutschland  erhielten
durch  einen  feierlichen  Vertrag  das  Recht,  die  belgische  Armee  zu  befehligen,
das  Recht,  Belgien  mit  einer  Heeresmacht  zu  durchziehen,  das  Recht,  im
Fall  eines  Aufruhrs  Antwerpen,  Brüssel  und  Lüttich  zu  besetzen,  so  erhalte
man  annähernd  die  richtige  Vorstellung  von  der  Art  der  Neutralität,  welche
England  Aegypten  zugedacht  habe.  In  Frankreich  nenne  man  dieß  ein
Protektorat.  Das  genannte  Blatt  meint,  die  Türkei  dürfte  einer  so  seltsamen
Neutralität  den  status  quo  vorziehen,  der  ihr  den  Ellbogen  frei  lasse.

Die  „France“  von  demselben  Tage  sagt:

Die  englische  Regierung  hat  sich  endlich  entschlossen,  einen  Vorschlag
zur  Regelung  der  ägyptischen  Frage  abzufassen.  Nachdem  es  ihr  nicht  gelungen
  ist,  den  Krieg  in  Europa  zum  Ausbruch  zu  bringen,  nachdem  ihr
Projekt  der  Erhebung  auf  Kandia  gescheitert  ist,  trotz  all  der  Anstrengungen
des  englischen  Konsuls,  der  durch  die  Agenten  Rußlands,  Frankreichs  und
Griechenlands  lahmgelegt  wurde,  hat  fie  alle  ihre  Einschüchterungsmittel  erschöpft.
  Nun  greift  sie  zu  ihrem  Lieblingsvorgehen:  der  Verzögerung
Alles,  was  die  englische  Regierung  durch  Sir  H.  Dr.  Wolff  vorschlägt,  wird
        <pb n="498" />
        480  Jesgs#nten.  (Febr.  14.  —  April  Mitte.)

nicht  verhindern,  daß  Aegypten,  selbst  nach  dem  Abzug  der  englischen  Truppen,
  eine  englische  Provinz  bleiben  wird.  Wir  aber  wollen  ein  wahrhaft
autonomes  Aegypten  unter  der  Suzeränetät  des  Sultans,  mit  einer  nationalen
  Armee,  einer  unabhängigen  Regierung,  einer  wahrhaft  ägyptischen
Verwaltung.  Dazu  braucht  nicht  die  Räumung  auf  die  Unterzeichnung  des
Abkommens  zu  folgen.  Ihr  Herren  Engländer,  fangt  damit  an,  zu  gehen,
und  alles  wird  wieder  in  die  Ordnung  kommen,  die  ohne  ECuch  gar  nicht
gestört  worden  wäre.“

14.  Februar.  Im  englischen  Unterhause  teilt  Fergusson  mit:

„Es  sei  nicht  in  Aussicht  genommen,  in  Aegypten  den  Frondienst
durch  eine  neue  Steuer  zu  ersetzen;  die  Aufhebung  der  Fronarbeit  solle  an
Stelle  der  beabsichtigten  Reduktion  der  Bodensteuer  treten;  dieselbe  solle  in
ihrer  früheren  Höhe  bleiben,  außer  da,  wo  sie  für  die  Steuerzahler  zu  hoch
sei.  250,000  Pfd.  Sterl.  des  Steuerertrags  seien  für  die  Entlohnung  der
Arbeiten  bestimmt,  welche  die  bisherigen  Frondienste  ersetzen  müssen.  Die
Mächte  hätten  diesen  Vorschlägen  im  Prinzip  zugestimmt.

20.  Februar.  Eine  Note  der  Regierung  kündigt  die  Aufhebung
  der  Einberufung  der  Fronpflichtigen  und  die  zur
Bezahlung  der  Arbeiter  getroffenen  Maßnahmen.

15.  März.  Die  Staatsschuld-Kommission  willigt  mit
5  Stimmen  gegen  Eine  in  das  Verlangen  der  Regierung,  die  Rechnungen
  vom  Jahre  1886  auf  Grundlage  des  Dekrets-Entwurfes  bezüglich
  der  Aufhebung  des  Frondienstes  zu  regeln.  Der  französische
Kommissär  legt  Protest  gegen  diesen  Beschluß  ein,  welchen  er  als
illegal  betrachte,  indem  von  diesem  Dekrets-Entwurfe  Abstand  genommen
  wurde.

Ende  März.  Mukhtar  Pascha,  türkischer  Kommissär  in
Aegypten,  sendet  seinen  Bericht  nach  Konstantinopel.

Er  ist  gegen  den  Neutralisationsvorschlag  und  schlägt  die  Festsetzung
der  Heeresziffer  auf  15,000  Mann  vor,  gegen  die  von  England  vorgeschlagene
von  6000  Mann.  Sonst  enthält  derselbe  nur  Behandlung  von  Fragen  administrativer
  Natur.

Mitte  April.  (Sudan.)  Infolge  einer  Niederlage  der  Aufständischen
  bei  Dongola  durch  den  mit  Geld  und  Kriegsbedarf  vom
Khedive  unterstützten  Scheikh  Saleh  vom  Kababisch-Stamme  sendet
der  Nachfolger  des  Mahdi  Kalif  Abdullah  4  Abgesandte  mit
Briefen  an  die  Königin  Viktoria,  den  Sultan  und  den  Khedive
nach  Kairo.

Im  Schreiben  an  den  Khedive  heißt  es:  „Erkennet  mich  als  den
wahren  Mahdi  an,  und  Ihr  werdet  heil  und  wir  werden  Freunde  sein.  Im
andern  Falle  werde  ich  gegen  Euch  ausziehen,  und  es  wird  Ouch-  ergehen,
wie  es  Euren  Feldherren  ergangen  ist.“  Der  Nachfolger  des  Mahdi  sei
willens,  die  Autorität  des  Sultans  anzuerkennen,  werde  jedoch  nicht  mit  den
Ungläubigen  unterhandeln,  da  diese  die  Quelle  aller  sunrufen  im  Sudan  seien."

Im  Schreiben  an  den  Sultan  erklärt  der  Khalif  sich  bereit,  sich  der
Entscheidung  des  Sultans,  als  Khalifen,  zu  fügen,  und  wenn  der  Sultan
        <pb n="499" />
        Rumãnien.  (Januar  25.—26.)  481

ihm  befehle,  Frieden  zu  schließen,  so  werde  er  gehorchen.  In  keinem  Falle
aber  werde  er  sich  mit  den  Ungläubigen  verständigen,  außer  auf  ausdrücklichen
  Befehl  des  Sultans.  Abdullah  verlangt  für  den  Sudan  dieselbe
Stellung,  wie  jene  Aegyptens,  und  will  als  Vize-Regent  unter  der  Suzeränetät
des  Sultans  das  Land  regieren.  Er  verspricht  außerdem,  dem  Sultan  Tribut
zu  zahlen,  doch  solle  der  Sudan  gänzlich  unabhängig  von  Aegypten  sein.

Der  Khedive  erteilt  den  Abgesandten  keine  Antwort,  sondern
gibt  das  Schreiben  nach  Kenntnisnahme  denselben  zurück.

Ende  April.  (Kämpfe  in  Ober-Aegypten.)  Bei  Wadi-Halfa
  greifen  die  Derwische  aufs  neue  die  englisch-ägyptischen  Posten
an,  werden  aber  nach  einem  heftigen  Kampfe  mit  starken  Verlusten
zurückgeschlagen.  Der  Verlust  der  Aegypter  beträgt  40  Mann.

30.  Juli.  Das  Kriegsgericht  in  Kairo  spricht  nach  3wöchentlicher
  Verhandlung  den  Major  Hassan  Bey  el  Behnassui,  der
angeklagt  ist,  die  Stadt  Kartum  und  General  Gordon  verraten
  zu  haben,  frei.

15.  August.  Nachdem  England  und  Frankreich  sich  geeinigt
haben,  von  den  Einkünften  Aegyptens  jährlich  250,000  Pfd.  Sterl.
zur  Kostendeckung  für  die  teilweise  Abschaffung  der  Fronden  zu
verwenden,  wird  dieser  Vorschlag  von  seiten  Aegyptens  den  übrigen
Mächten  zur  Genehmigung  unterbreitet.

18.  September.  Abschluß  der  englisch-französischen  Konvention
  über  Aegypten  (vgl.  Großbritannien  Okt.  26.).

26.  Oktober.  Die  Einnahmen  der  ägyptischen  Staatsschuldenkasse
  weisen  einen  Ueberschuß  von  440,000  Pfd.  Sterl.  über  die
zur  Zinsendeckung  des  Koupons  nötige  Summe  auf.

XVI.
Numänien.

25.  Januar.  (Vertrauensvotum.)  Bei  einer  Interpellation
  Majoreskus  über  die  am  Tage  nach  dem  Mordanfall  auf
den  Ministerpräsidenten  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886  IX,  16.)  in  den  Redaktionen
  der  Oppositionsblätter  durch  das  Volk  verübten  Verwüstungen
  beschließt  die  Kammer  nach  der  Erwiderung  Bratianus
eine  ihr  Vertrauen  zur  Regierung  aussprechende  Tagesordnung  mit
105  gegen  35  Stimmen;  5  Abgeordnete  enthalten  sich  der  Stimme.

26.  Januar.  (Ministerduell.)  Infolge  der  überaus  heftigen

Angriffe,  welche  der  frühere  Bürgermeister  von  Bukarest,  üg.  Fleva,
Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.
        <pb n="500" />
        482  Kuninien.  (Februar  3.—März  31.)

in  der  Kammer  bei  einer  von  ihm  eingebrachten  Interpellation  über
die  Wahlbeeinflussungen  bei  den  letzten  Gemeindewahlen  gegen  den
Minister  des  Aeußern,  Pherekyde,  richtet,  fordert  dieser  Fleva.
auf  Pistolen  und  verwundet  ihn  leicht  am  Arme.

Die  Angelegenheit  wird  von  dem  Bruder  Flevas,  der  den  Vorfall
in  der  Kammer  mit  den  Worten  mitteilt,  sein  Bruder  sei  durch  einen  von
der  Ministerbank  gefallenen  Schuß  verwundet  worden,  zu  einem  Kammerstandale
  ausgebeutet,  der  solchen  Umfang  annimmt,  daß  die  Sitzung  unterrochen

  werden  muß.

Pherekyde  kommt  um  seine  Entlassung  ein,  die  aber  vom
Ministerrate  abgelehnt  wird.

3.  Februar.  Die  Kammer  bewilligt  mit  allen  gegen  1  Stimme
auf  den  Bericht  Kogalniceanus  5  Millionen  Lei  zu  Vervollständigung
  der  militärischen  Rüstungen.

17.  Februar.  (Rüstungen.)  Die  Kammer  beschließt  einen
von  80  Abgeordneten  unterzeichneten  Dringlichkeitsantrag,  welcher
der  Regierung  angesichts  der  militärischen  Vorbereitungen  in  Europa
und  besonders  der  Nachbarstaaten  zur  Vervollständigung  der  Rüstungen
und  zur  Verteidigung  der  Neutralität  30  Millionen  zur  Verfügung
zu  stellen  empfiehlt,  mit  99  gegen  11  Stimmen.

Anf.  März.  Der  bulgarische  Hauptmann  Benderew  wird
mit  4  andern  flüchtigen  bulgarischen  Offizieren,  welche  sich
in  Bukarest  aufhielten,  weil  sie  gegen  ihr  Ehrenwort,  die  Stadt  nicht
zu  verlassen,  sich  nach  Kalarasch  begeben  haben,  um  von  dort  an
dem  in  Bulgarien  angezettelten  Aufstande  teilzunehmen,  aus  Rumänien
  ausgewiesen.  Benderew  begibt  sich  nach  Bessarabien  und  fordert
  die  in  Rumänien  weilenden  bulgarischen  Emigranten,  welche
bis  dahin  im  Hause  des  russischen  Gesandten  Hitrowo  ihren
Sammelpunkt  gehabt  haben,  auf,  nach  Rußland  überzutreten.

19.  März.  Das  Königspaar  trifft  auf  seiner  Reise  zum
Geburtstagsfeste  des  deutschen  Kaisers  nach  Berlin  in  Pest  ein  und
hat  dort  eine  kurze  Begegnung  mit  dem  österreichischen  Kaiser.

Den  an  diese  Begegnung  wieder  anknüpfenden  Zeitungserörterungen
über  in  Wien  eingeleitete  Verhandlungen  zur  Neutralisierung  Rumäniens
  tritt  eine  Bukarester  Zuschrift  der  Politischen  Korrespondenz  entgegen
mit  dem  Bemerken,  insoweit  die  rumänischen  Neutralitäts-Bestrebungen  augenblicklich
  realisierbar  seien,  hätten  dieselben  schon  im  Anschlusse  Rumäniens
an  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn  ihre  Deckung  gefunden;  die  Erwirkung
einer  vollständigen  Neutralitäts-Garantie  aber  sei  im  gegenwärtigen  Augenblicke
  ebensowenig  erreichbar  als  vor  fünf  oder  zehn  Ahhren.

81.  März.  (Attentat.)  In  Bukarest  überfallen  2  bulgarische
  Emigranten  den  dort  weilenden  Präfekten  von  Rustschuk,
        <pb n="501" />
        Numinien.  (April  11.  bzw.  12.—Mai  11.)  483

Mantow,  und  bringen  ihm  durch  Revolverschüsse  3  schwere  Wunden
  bei.  Mantow  befand  sich  in  Begleitung  des  Dragomans  der
russischen  Gesandtschaft  und  war  auf  Veranlassung  des  Gesandten
Hitrowo  nach  Bukarest  gereist,  nachdem  er  dazu  von  der  bulgarischen
Regierung  die  Ermächtigung  erhalten.

Infolgedessen  werden  24  bulgarische  Emigranten  woligeilihh  über  die
russische  Grenze  gebracht.  Bei  einer  Interpellation  über  den  Vorfall  erklärt
Ministerpräsident  Bratiann  am  2.  in  der  Kammer,  er  wolle  zwar  die  leider
allzuhumanen  Gesetze  Rumäniens,  die  keine  Todesstrafe  kennten,  nicht  durch
Einführung  derselben  verändern,  doch  dürfe  Rumänien  nicht  der  Sammelplatz
  für  Mörder  werden.  Deshalb  werde  er  ein  Ausnahmegesetz  zur
Auslieferung  fremder  Verbrecher  an  ihre  Heimatsbehörden  vorlegen.
Dasselbe  werde  jedoch  keine  rückwirkende  Kraft  haben.

11.  bezw.  12.  April.  (Handelsverträge.)  Die  Kammer
beschließt  die  von  der  Regierung  vorgelegten  Gesetze,  betr.  des  Abschlusses
  von  Handelsverträgen.  Dieselben  lauten:

1)  Die  Regierung  wird  ermächtigt,  das  provisorische  Handels-Uebereinkommen
  mit  Frankreich  bis  zum  31.  Dezember  1887  zu  verlängern.
2)  Die  Regierung  wird  ermächtigt,  provisorische  Konventionen  bis  zu  demselben
  Endtermine  mit  anderen  Staaten  abzuschließen  unter  Zugrundelegung
des  mit  den  neuen  Konventionen  inaugurierten  wirtschaftlichen  Systems  un
Sicherstellung  der  Vieh=  und  Getreide-Ausfuhr.

In  Verteidigung  derselben  gibt  Min.  des  Auswärt.  Pherekyde
folgende  Erklärungen  über  die  in  handelspolitischer  Beziehung  befolgten
  Grundsätze:

Er  sagt,  die  Kammer  habe  den  Wunsch  ausgedrückt,  den  Landes-Produkten
  das  Absatzgebiet  nicht  nur  Frankreichs,  gondern  auch  der  übrigen
Länder  erschlossen  zu  sehen.  „Sie  wissen,  daß  Verhandlungen  mit  den  fremden
  Regierungen  eingeleitet  wurden,  und  ich  glaube  sagen  zu  können,  daß
die  Regierung  alle  Anstrengungen  gemacht  hat,  um  zu  einer  befriedigenden
Regelung  der  Handelsbeziehungen  mit  Oesterreich-Ungarn  zu  gelangen,  um-Hemmter.
  als  die  Beziehungen  mit  der  benachbarten  Monarchie  von  hauptächlicher
  Wichtigkeit  sind.  Sie  wissen,  wie  sehr  es  unser  Wunsch  ist,  zu
einem  befriedigenden  Abkommen  mit  dieser  Monarchie  zu  gelangen,  und  Sie
kennen  auch  alle  Bemühungen  der  Regierung,  in  dieser  Beziehung  unsere
legitimen  Interessen  zu  befriedigen.  Schon  bei  den  ersten  Verhandlungen
hat  die  Regierung  dem  Parlamente  ihre  Anschauungsweise  mitgeteilt,  indem
sie  festgestellt  hat,  daß  sie  der  befreundeten  Regierung,  mit  der  sie  verhandelte,
es  nicht  verheimlichte,  daß  Rumänien  keinen  Handelsvertrag  abschließen
könne,  ohne  in  solider  Weise  seinen  Vieh=  und  Getreidehandel  zu  sichern.“

11.  Mai.  (Kabinetsrekonstruktion.)  Ministerpräsident
  Bratianu  gibt  die  von  ihm  bisher  verwalteten  Ressorts  des
Innern  und  des  Handels  an  den  bisherigen  Minister  der  öffentlichen.
Arbeiten  General  Radu  Mihat  und  den  neu  eintretenden  Liberalen
Gheorgianu  ab  und  behält  nur  den  Vorsitz  ohne  Portefeuille.  Die
öffentlichen  Arbeiten  übernimmt  der  gleichfalls  neu  eintretende  Aureliann.


31“
        <pb n="502" />
        484  Kminien.  (Mai  11.—Oktober  Anf.)

11.  Mai.  Der  Herausgeber  der  oppositionellen  „Lupta“  Panu
wird  durch  die  Geschworenen  wegen  Majestätsbeleidigung,  begangen
  durch  Verherrlichung  einiger  oppositioneller  auf  der  Straße
in  Jassy  bei  Gelegenheit  des  Königsbesuches  in  Szene  gesetzter  Skandale,
zu  zwei  Jahren  Kerker  und  5000  Franken  Geldstrafe  verurteilt  und
das  Urteil  durch  das  Kassationsgericht  bestätigt.

Mitte  Mai.  Die  Generalratswahlen  fallen  fast  ausnahmslos
  zu  Gunsten  der  Regierung  aus.

In  Galatz  fallen  bei  der  Stichwahl  ernsthafte  Ruhestörungen
vor,  bei  denen  ein  Wähler  durch  Revolverschüsse  tötlich  verwundet
  wird.

5.  Juni.  In  Bukarest  wird  der  neue  Handelsvertrag
mit  Deutschland  ratifiziert;  derselbe  tritt  am  11.  Juni  in  Kraft.

25.  Juni.  (Abwehr  gegen  russische  Hetzereien.)  Der
Brüfseler  „Nord“  hatte  in  einem  „die  Lage  in  Rumänien“  überschriebenen
  Artikel  auf  einige  bei  einer  Reise  des  Königs  nach  Jassy
vorgefallene  Ausschreitungen  und  auf  die  Galatzer  Wahlexzesse  hingewiesen
  und  die  Lage  in  Rumänien  sehr  beunruhigend  genannt.

Zwar  sei  König  Karl  mit  Bratianu  durch  persönliche  Dankesrücksichten
  für  die  Schaffung  der  königlichen  Krondomänen  verknüpft,  trotzdem
werde  man  aber,  wenn  das  despotische  Regiment  noch  einige  Zeit  andauere,
einer  heillosen  Katastrophe  entgegengehen.

Das  offiziöse  Blatt  des  Ministeriums  „Etoile  Roumaine"

beantwortet  diese  Darstellungen  mit  einer  scharfen  Entgegnung.

Es  erklärt,  daß  es  Lügen  und  Verleumdungen,  welche  ihm  als  Enunziationen
  der  hiefigen  Oppositions-Presse  vollständig  gleichgiltig  geblieben
wären,  nicht  stillschweigend  hinnehmen  könne,  wenn  sie  von  einem  Blatte
ausgehen,  dessen  Beziehungen  zur  Petersburger  Regierung  allgemein  bekannt
find.  Die  erste  Pflicht  eines  offiziösen  Blattes  sei  Wahrheit  und  Objektivität.
Da  die  Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Rumänien  nichts  zu  wünschen
übrig  ließen  und  die  Fusücche  Regierung  über  Mittel  und  Wege  genug  versüge
  um  sich  über  den  wahren  Stand  der  Verhältnisse  Rumäniens  zu  inormieren,
  so  sei  nicht  anzunehmen,  daß  die  russische  Regierung  von  den
Insulten  ihres  offiziösen  Organs  gegen  die  Regierung  und  den  König  Rumäniens
  Kenntnis  gehabt  habe.  Doch  sei  es  umsomehr  Pflicht  der  rumänischen
  Presse,  gegen  die  Verdächtigungen  und  Beschimpfungen  des  „Nord“  zu
protestieren,  als  es  selbst  zur  Zeit,  da  infolge  des  Berliner  Vertrages  die
Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Rumänien  keineswegs  die  besten  gewesen
seien,  keinem  rumänischen  Blatte  eingefallen  sei,  den  russischen  Kaiser  zu
insultieren.

Anfang  Oktober.  In  Brukarest  finden  mehrere  Versammlungen
des  Zentralkomitees  der  vereinigten  Opposition  statt,  doch
scheitert  der  Versuch,  die  oppositionellen  Gruppen  zu  einer  Partei  zu
verschmelzen.
        <pb n="503" />
        Rmäirien.  (November  9.—  Dezember  2.)  485

9.  November.  (Spannung  mit  Griechenland.)  Infolge
eines  Streites  über  die  Behandlung  der  Hinterlassenschaft  eines  angeblichen
  griechischen  Unterthanen  reicht  der  griechische  Gesandte
Duruttis  eine  Protestnote  gegen  die  rumänischen  Gerichte  beim  Minister
  des  Aeußern  ein,  in  der  er  jede  Entscheidung  der  rumänischen
Gerichte  in  dieser  Sache  für  null  und  nichtig  erklärt.  Dieselbe
wird  aber  von  diesem  als  eine  unberechtigte  Einmischung  in  das
Gerichtsgebaren  zurückgewiesen.  Hierauf  beruft  die  griechische  Regierung
  ihren  Gesandten  ab,  ohne  einen  diplomatischen  Stellvertreter
einzusetzen.

Rumänien  richtet  sofort  eine  versöhnliche  Mitteilung  nach
Athen.

16.  November.  Eine  Arbeiterversammlung  in  Bukarest
zum  Zwecke  der  Organisation  eines  Strikes  führt  zu  einer  Anzahl
Verhaftungen  u.  a.  auch  der  des  Sozialistenführers  Bakalbascha.
  Alle  übrigen  werden  schon  am  nächsten  Tage  wieder  in
Freiheit  gesetzt.

17.  November.  Rücktritt  des  Kriegsministers  Generals
Angelesku;  Ministerpräsident  Bratianu  übernimmt  vorläufig  die
Verwaltung  des  Ressorts.

27.  November.  Der  König  eröffnet  die  Kammerfession
mit  einer  Thronrede.

In  dieser  heißt  es:  Die  guten  Beziehungen  zu  allen  Mächten  seien
unverändert.  Trotz  der  Beunruhigung,  welche  in  den  letzten  Jahren  aus
den  an  der  Grenze  herrschenden  Verhältnissen  entsprang,  sei  Rumänien  von
jedem  Zusammenstoß  verschont  geblieben.  Die  Unterhandlungen  wegen  Abschlusses
  von  Handelsverträgen  wurden  fortgesetzt.  Mit  Genugthuung  wird
mitgeteilt,  daß  die  Unterhandlungen  mit  Oesterreich-Ungarn  um  eine  feste
Grenzlinie  zum  Ziele  geführt  haben.  Das  Heer  sei  kräftig  entwickelt  und
im  stande,  Herestigten  Erwartungen  des  Landes  zu  entsprechen.  Der  nationale

  Wohlstand  habe  sich  beträchtlich  gehoben  und  die  Finanzen  wie  der
Kredit  des  Landes  befänden  sich  in  glücklicher  Lage.

Ende  November.  Unterzeichnung  des  neuen  Handelsvertrages
  mit  der  Türkei.

Die  Verhandlungen  haben  4  Zahre  gedauert.  Die  Türkei  gewährt
Rumänien  das  Meistbegünstigungsrecht,  Rumänien  dagegen  nicht  umgekehrt
dasselbe  der  Türkei,  sondern  nur  die  niedrigsten  Sätze  der  gegenwärtigen
und  künftigen  Vertragstarife  und  räumt  außerdem  für  28  Posten  von  Rohstoffen
  ausschließlich  türkischer  Herkunft  geringere  Zollsätze  ein.

2.  Dezember.  Kammer:  In  einer  Interpellation  über  den
Rücktritt  des  Kriegsministers  weist  Fleva  auf  Gerüchte  hin,
daß  derselbe  mit  großen  Unterschleifen  bei  Lieferungen  und  Arbeitsausführungen

  in  Beziehung  stehe.  Ministerpräsident  Bratianu
        <pb n="504" />
        486  Lerbien.  (Januar  Ende—Februar  17.)

weist  diese  Behauptungen  entschieden  zurück  und  erklärt,  es  seien
keinerlei  Unregelmäßigkeiten  vorgekommen.  Die  Kammer  beschließt
mit  großer  Mehrheit  Uebergang  zur  Tagesordnung  über  die  Interpellation.


Die  Debatte  ist  äußerst  bewegt  und  führt  zu  einer  Herausforderung
Flevas  durch  Angelesku,  welche  jener  aber  ablehnt.

16.  Dezember.  Kammer:  Epuresku  fragt  die  Regierung,
welche  Vorkehrungen  sie  gegen  die  immer  schamloser  werdenden  Angriffe
  der  Oppositionspresse  auf  die  Krone  und  die  Person  des  Königs
zu  treffen  gedenke.  Justizminister  Statesku  antwortet:

Er  kritisiert  mit  Schärfe  die  Blätter,  welche  in  vollständiger  Verkennung
  der  hohen  Aufgabe  der  Presse  im  konstitutionellen  Staate  die  Preßfreiheit
  mißbrauchen,  um  die  Skandalsucht  zu  befriedigen  und  durch  unerhörte

erleumdungen  selbst  der  höchstgestellten  Personen  einen  flüchtigen  Reiz  auf
ihr  Lesepublikum  auszuüben.  Was  die  Haltung  der  Regierung  diesem  Treiben
gegenüber  anbelange,  so  denke  diese  nicht  daran,  die  Freiheit  der  Presse
zu  beschränken.  Doch  könnte  bei  einer  Fortsetzung  der  vom  Interpellanten
erwähnten  Preßangriffe  auf  die  Krone  leicht  ein  Augenblick  eintreten,  in
welchem  die  bisher  trotz  aller  Mißbräuche  beobachteten  Rücksichten  auf  die
Freiheit  der  Presse  keinen  weitern  Anspruch  auf  Geltung  erheben  dürften.

22.  Dezember.  Kammer:  bewilligt  einstimmig  die  von  der
Regierung  geforderten  10  Millionen  zur  Anschaffung  von  1000000
Mehrladegewehren  und  Schießbedarf.

XVII.

Serbien.

Ende  Januar.  Die  englische  Residentschaft  in  Belgrad
wird  zum  Range  einer  Gesandtschaft  erhoben.

Man  erblickt  hierin  die  Besiegelung  einer  in  letzter  Zeit  zu  Tage
getretenen  Annäherung  zwischen  England  und  Serbien,  worauf  auch  die

ermehrung  der  englischen  Konsulate  in  Serbien,  über  welche  Verhandlungen

angeknüpft  find,  zurückgeführt  wird.

17.  Februar.  Kriegsminister  General  Horwatowitsch  reicht
sein  Entlassungsgesuch  ein;  Bautenminister  Topalowitsch  tritt  an
seine  Stelle.

Horwatowitsch  hatte  Anfang  Januar  einen  von  ihm  ausgearbeiteten
Keeresk  Organisationsentwurf,  welcher  die  Errichtung  berittener
chützenkompagnien,  die  Einreihung  der  regelmäßigen  Truppen  in  Kordonswachen
  unter  Befehl  von  aktiven  Offizieren  und  die  Aufstellung  von  Strafkompagnieen
  für  Selbstverstümmler  und  bei  der  Aushebung  nicht  im  Besitze
der  bürgerlichen  Ehrenrechte  Befindliche  vorschlug,  einem  Kriegsrat  aller  nach
Belgrad  zusammenberufenen  Divisionäre  vorgelegt.  Dieser  hatte  an  dem
        <pb n="505" />
        Lerbien.  (März  6.—21.)  487

Plane  Aenderungen  für  nötig  befunden,  die  Horwatowitsch  nicht  glaube  vertreten
  zu  können.

6.  März.  (Beziehungen  zu  Bulgarien.)  Zwischen  den
bulgarischen  Regenten  und  Ministern  und  dem  Könige  und  dem  Ministerpräsidenten
  findet  aus  Anlaß  der  Jahresfeier  der  Erhebung
Serbiens  zum  Königreiche  ein  überaus  herzlicher  Depeschenwechsel  statt.

10.  März.  Bei  Ueberreichung  seines  Beglaubigungsschreibens
hält  der  neuernannte  österreichisch-ungarische  Gesandte  v.

Hengelmüller  an  den  König  eine  Ansprache,

in  welcher  er  hervorhebt,  daß  der  Kaiser  ihm  den  Auftrag  gegeben
habe,  seine  ganze  Sorgfalt  auf  die  Erhaltung  und  Förderung  der  zeir  ichen
und  intimen  Beziehungen  aufzuwenden,  welche  zwischen  Oesterreich-Ungarn
und  Serbien  zum  Vorteile  beider  Länder  bestünden.

Der  König  erwidert:

Er  sei  gerührt  von  dem  Auftrage,  welchen  der  Gesandte  vom  Kaiser
erhalten  und  welcher  auch  den  Wünschen  des  Königs  entspreche.  Der  Gesandte
  könne  sich  der  loyalsten  Unterstützung  und  der  Mitwirkung  sowohl
des  Königs  wie  auch  der  Regierung  in  der  Ausführung  der  gemeinsamen
Aufgabe  behufs  Konsolidierung  und  stetiger  Entwicklung  der  gegenseitigen
Beziehungen  zum  Vorteile  beider  Länder  versichert  halten,  welchen  der  König
jederzeit  bestrebt  war  und  bestrebt  ist,  den  Charakter  der  vollkommensten
Herzlichkeit  zu  geben.

10.  März.  (Anschluß  an  Rußland.)  Die  Ristitsch'sche
„Nova  Ustavnost“  schreibt  zur  Lage  nach  den  deutschen  Reichstagswahlen:


Die  europäische  Lage  sei  durch  Bismarcks  Sieg  nunmehr  geklärt.  Die
allgemeine  Kriegsgefahr  sei  beseitigt,  und  infolgedessen  sei  die  bulgarische
Frage  neuerlich  in  den  Vordergrund  getreten.  Serbien  sei  berufen,  zur  Lösung
derselben  einzuschreiten,  da  die  anormalen  Zustände  Bulgariens  das  allgemeine
Interesse  Serbiens  schädigen.  Das  neue  Freundschaftsbündnis  mit  Bulgarien
konnte  bei  der  Ohnmacht  und  der  Unpopularität  der  provisorischen  bulgarischen
  Regierung  die  von  Seite  Serbiens  gestellten  Forderungen  nicht  erfüllen,
  und  es  sind  daher  die  Fragen,  welche  den  serbisch-bulgarischen  Krieg
hervorgerufen  haben,  auch  heute  noch  nicht  gelöst.  Hiedurch  leiden  aber  die
ökonomischen  Verhältnisse  Serbiens.  Serbien  müsse  daher,  wenn  auch  nicht
durch  militärische  Intervention,  so  doch  durch  energisches  Aufrechthalten  der
früheren  berechtigten  Forderungen  und  durch  innigen  Anschluß  an  jene
Großmacht,  welcher  der  Frieden  auf  der  Balkan-Halbinsel  und  der  Fortschritt
  der  dortigen  slawischen  Staaten  am  Herzen  gelegen  ist,  die  Lösun
der  bulgarischen  Frage  zu  erreichen  streben.  Serbien  müsse  uawiderrulich
mit  Rußland,  dem  Befreier  der  flawischen  Balkanstaaten,  gehen,  da  dieses
allein  berechtigt  sei,  jeden  fremden  Einfluß  auf  das  Schicksal  der  slawischen
Balkanvölker  abzuwehren.  Ein  solcher  Umschwung  in  der  serbischen  äußern
Politik  sei  allein  geeignet,  Serbien  jenen  Weg  zu  führen,  der  ihm  durch
dessen  internationale  Lage  vorgeschrieben  ist  und  der  allein  dessen  Ansehen
im  slawischen  Süden  und  im  Serbentume  wahren  könne.

A.  März.  Das  radikale  Blatt  „Odjek“  erhält  von  der  Regierung
  die  Aufforderung,  seine  Meldung  von  einer  zwischen
        <pb n="506" />
        488  Lerbien.  (April  4.—Juli  Mitte.)

Oesterreich-Ungarn  und  Serbien  geschlossenen  Militärkonvention
  zu  widerrufen,  da  dieselbe  eine  zum  Zwecke  der  Aufreizung
  erfundene  Unwahrheit  sei.  Gleichzeitig  wird  wegen  Verbreitung
  beunruhigender  Nachrichten  gegen  das  Blatt  das  Strafverfahren

  eingeleitet.

4.  April.  Austausch  der  Ratifikationen  des  am  3.  Juli  1886
mit  Deutschland  geschlossenen  Musterschutzvertrages  in  Berlin.

16.  April.  Unterzeichnung  des  Abkommens  mit  Bulgarien,
durch  welches  der  Bregowastreit  endgiltig  abgeschlossen  wird,  in
Sofia.  Das  strittige  Gebiet  wird  Serbien  zuerkannt  (val.  Gesch.=Kal.
  1886).

Ende  April—14.  Mai.  Infolge  von  perfönlichen  Reibungen
zwischen  den  Ministern  bricht  eine  Ministerkrisis  aus,  indem,
nachdem  der  König  den  Rücktritt  einzelner  Minister  abgelehnt  hat,
das  ganze  Kabinet  seine  Entlassung  eingibt.  Die  Neubildung  stößt
auf  große  Schwierigkeiten;  nachdem  alle  Kombinationen  zu  einer
Rekonstruktion  gescheitert  find,  zieht  am  14.  Mai  das  Kabinet  Garaschanin
  seine  Entlassung  zurück.

Der  radikale  „Odjek“  schreibt  am  25.  zur  Lage:  Die  Spannung
zwischen  Deutschland  und  Frankreich  bedrohe  den  Frieden,  da  infolge  dessen
auch  die  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Rußland  mehr  und  mehr
erkalteten  und  auch  einer  Einmengung  Oesterreichs  das  Thor  öffneten.  Die
in  Rußland  herrschende  slawische  Strömung  mache  ein  Bündnis  mit  Frankreich
  für  den  Ernstfall  wahrscheinlich,  ein  Umstand,  den  alle  und  besonders
die  Balkanflawen  mit  großer  Genugthuung  begrüßen  müssen  und  der  auch
eine  radikale  Aenderung  der  inneren  und  äußeren  Politik  Serbiens  dringend
notwendig  macht.  Nur  der  Mangel  an  Einsicht  und  an  Vaterlandsliebe  der
gegenwärtigen  Regierung  könne  das  Fortbestehen  der  gegenwärtigen,  Oesterreich
  freundlichen  Politik  wünschenswert  erscheinen  lassen.  Der  Odjek  appelliert
  an  die  serbische  Nation,  sie  möge  diese  Veränderung  bewirken,  falls
die  Regierung  dies  nicht  selbst  thun  sollte.

12.  Mai—Mitte  Juli.  Die  Königin  Natalie  reist  mit
dem  Kronprinzen  über  Bukarest  nach  der  Krim  und  bleibt  hier  bis
Anfang  Juli.

Die  Reise  ist  die  Folge  eines  schweren  Zerwürfnisses  mit  dem  Könige.
Es  heißt,  es  werde  Scheidung  erfolgen;  dann  der  König  wolle  zu  Gunsten
des  Kronprinzen  abdanken.  Als  Grund  wird  Eifersucht  angegeben,  doch
scheinen  auch  politische  Momente  im  Spiel,  da  die  Königin  als  geborne

ussin  dem  engen  Anschlusse  des  Königs  an  Oesterreich  sehr  feindlich  gegenüberstehen
  soll.  In  Rußland  ist  sie  überall  der  Gegenstand  von  Huldigungen,
welche  diese  Auffassung  bestärken.  So  überreicht  der  Petersburger  ssawische
Wohlthätigkeitsverein  in  Jalta  der  Königin  vom  Vereine  herausgegebene
Bücher,  wobei  der  Ueberbringer  P.  S.  Tolstoi  in  der  Ansprache  u.  a.  sagt:
„Als  die  der  Vereinigung  der  flawischen  Völker  feindselige  Agitation  bis
in  die  höchsten  Regierungskreise  Serbiens  gedrungen  war,  da  waren  es  Eure
Majestät,  welche  derselben  energischen  Widerstand  entgegensetzten,  und  deshalb
        <pb n="507" />
        Herbien.  (Juni  9.—13.)  489

erblickte  das  russische  Volk  in  der  Person  Eurer  Majestät  die  Gewähr  dafür,
daß  die  früheren  brüderlichen  Beziehungen  zwischen  dem  serbischen  und  russischen
  Volke,  welche  in  der  letzten  Zeit  eine  kleine  Trübung  erfahren  hatten,
wiederkehren  würden.“

In  den  Dankesworten  erwidert  die  Königin,  daß  sie,  ohne  auf  politische
  Fragen  Einfluß  nehmen  zu  wollen,  doch  als  geborene  Russin  von  einer
glühenden  Liebe  zu  Rußland  durchdrungen  sei  und  sich  stets  über  die  Sympathie-Aeußerungen
  der  beiden  Völker  freuen  werde.

Juni.  (Grenzunruhen.)  An  der  türkischen  Grenze  fallen
fortgesetzt  kleine  Scharmützel  zwischen  den  Grenzposten  und  serbischen
und  arnautischen  Banden  vor.

Serbien  richtet  am  18.  Juni  eine  Protestnote  gegen  diese
„Arnauten  Einfälle“;  die  Türkei  beantwortet  dieselbe  Anf.  Juli
indem  sie  alle  Schuld  den  Grenzüberschreitungen  der  serbischen  Grenzwachen
  zuschreibt.

Serbien  beschließt  in  dem  Bezirke  Topitza-Wranje  Einrichtungen
zu  treffen,  welche  denen  der  früheren  österreichischen  Militärgrenze
nachgebildet  find.  Die  Bewohner  sollen  Waffen,  Monturen  und  Ausrüstung
  vom  Staate  erhalten,  dafür  aber  die  Grenzverteidigung  übernehmen
  und  militärisch  organifiert  werden.

9.—13.  Juni.  (Ministerkrisis.)  Ministerpräsident
Garaschanin  gibt  aufs  neue  seine  Entlassung  ein,  worauf  das
ganze  Kabinet  die  Entlassung  fordert,  die  vom  Könige  gewährt  wird.
Die  Versuche  aus  den  Parteigenossen  des  Ministeriums  und  aus
den  Konservativen  ein  Ministerium  zu  bilden  scheitern,  infolgedessen
beauftragt  der  König  am  13.  Jovan  Ristitsch  mit  der  Kabinetsbildung.
  Derselbe  bringt  noch  am  selben  Tage  ein  solches  aus  Mitgliedern
  der  Liberalen  und  radikalen  Fufionisten  zu  stande.

Die  Mitglieder  desselben  sind:  Ristitsch,  Präsidium  und  Aeußeres;
Milojkovitsch,  Inneres;  Wasiljevitsch,  Unterricht;  Avakumovitsch,  Justiz;
Milosavljevitsch,  Volkswirtschaft;  Wuitsch,  Finanzen,  und  Welimirovitsch,
Bauten.  Zum  Kriegsminister  wird  später  der  Militärbevollmächtigte  in
St.  Petersburg  Oberst  Gruitsch  ernannt.

Das  Programm  des  Kabinetts  nennt:  1)  Revision  der  Verfassung.
  2)  Pflege,  Aufrechthaltung  und  Festigung  guter  freundschafklicher
Beziehungen  zu  allen  Staaten.  3)  Erfüllung  aller  dem  Auslande  gegenüber
eingegangenen  Verbindlichkeiten.  4)  Ersparnisse  im  Staatshaushalte  und
Regelung  desselben.  5)  Regelung  der  inneren  Angelegenheiten.

Das  neue  Ministerium  wird  in  Belgrad  mit  lauten,  russenfreundlichen
  Demonstrationen  begrüßt.  Im  Palais  Garaschanins  werden  die  Fenster
eingeworfen,  dieser  schießt  in  die  Menge  und  verwundet  einen  jungen  Menschen;
  die  Polizei  vermag  nur  mühsam  ernsteren  Ruhestörungen  vorzubeugen.

Der  radikale  „Odjek“  bringt  einen  sehr  gemäßigten  Artikel  in  betreff
der  Stellung  Oesterreichs  zu  dem  Ministerwechsel.  Er  sagt,  das  alte  Kabinett
  habe  Oesterreich-Ungarn  keine  verläßlichen  Garantieen  zur  Ausbreitung
seines  Einflusses  in  Serbien  geboten,  indem  es  selbst  im  Lande  verhaßt  war.
        <pb n="508" />
        490  Serbien.  (Juni  15.  —Juli  1.)

Serbien  aber  könne  sich  der  Einsicht  nicht  verschließen,  daß  gute  Beziehungen
zum  Nachbarstaate  unbedingt  notwendig  seien.  Nur  äußerlich  seien  die  Beziehungen
  zwischen  beiden  Staaten  unter  dem  vorigen  Kabinett  herzliche  gewesen,
  der  Haß  gegen  dieses  habe  die  Gereiztheit  gegen  Oesterreich  gesteigert;
nur  das  neue  Kabinett  könne  diesen  Zustand  mildern  und  mit  diesem  breche
auch  die  Morgenröte  der  politischen  Zukunft  an;  die  äußere  Politik,  der
finanzielle  Verfall,  der  ökonomische  Niedergang  und  Stillstand  des  Handels,
die  Korruption  der  Administration,  der  vernachlässigte  Unterricht,  die  durch
Feilheit  entwürdigte  Justizpflege,  die  Vernachlässigung  der  Amtspflichten
erheischen  eine  gründliche  Kur,  und  die  radikale  Volkspartei  werde  diesbezüglich
  die  Regierung  nach  Kräften  unterstützen.

Ein  auf  Ristitsch  selbst  zurückgeführter  Artikel  der  „Nova  Ustavnost"
sagt,  das  Programm  des  neuen  Kabinetts  enthalte  sicher  nichts  für  Oesterreich-Ungarn
  Beunruhigendes.  Auch  früher  habe  Ristitsch  ein  möglichst  gutes
Verhältnis  zu  dem  Nachbarstaate  für  seine  Aufgabe  als  Ministerpräsident
angesehen.  Seine  Bestrebungen  nach  freundlichen  Beziehungen  zu  Rußland
schlössen  das  nicht  aus.  Ja  als  er  1880  den  Eisenbahnvertrag  mit  Oesterreich
  geschlossen,  sei  von  der  Gegenpartei  ihm  der  Vorwurf  der  Preisgebung
Serbiens  an  Oesterreich  gemacht  worden.  Es  könne  Oesterreich-Ungarn  richts
nützen,  sich  auf  eine  unpopuläre  Regierung  in  Serbien  zu  stützen.  Beide
Staaten  hätten  so  viel  gemeinsame  Interessen,  daß  ein  Zweifel  an  Ristitschs
gutem  Willen  zur  Erhaltung  der  herzlichen  Beziehungen  einen  Zweifel  an
seinem  bons  sens  gleichkäme.

In  Oesterreich  begegnet  man  dem  neuen  Ministerium  allgemein
mit  unverhohlenem  Mißtrauen.  Die  „Norddeutsche  Allg.  Ztg."  dagegen
sagt:  das  Programm  desselben,  welches  Aufrechthaltung  der  besten  Beziehungen
  mit  allen  fremden  Staaten  und  Sparsamkeit  in  den  wirtschaftlichen
Angelegenheiten  als  Richtschnur  aufstellt,  könne  allseitig  nur  beifälliger  Aufnahme
  versichert  sein,  da  dasselbe  durchwegs  Punkte  anführe,  welche  der
Ruhe  in  den  Orientstaaten  weitere  Bürgschaften  zu  gewähren  versprechen.  —
Die  russischen  Zeitungen  feiern  den  Ministerwechsel  durchweg  als  einen
großen  und  entscheidenden  Sieg  Rußlands.

15.  Juni.  Durch  königlichen  Ukas  wird  die  Auflösung  der
Skuptschina  für  die  laufende  Jahresperiode  verfügt.

20.  Juni.  Der  bulgarische  Justizminister  Stoilow
macht  auf  der  Rückreise  von  Wien  (vgl.  Oesterreich  Anf.  April)
Ristitsch  einen  längern  Besuch.

Ristitsch  erklärt  hiebei,  er  werde  die  wiederhergestellten  freundschaftlichen
  Beziehungen  zu  Bulgarien  strikte  erhalten  und  pflegen,  und  fügte
hinzu,  daß  wenn  die  Wiederherstellung  der  guten  Beziehungen  nicht  bereits
erfolgt  wäre,  er  selbst  die  Initiative  hie  ergriffen  hätte.

24.  Juni.  Reise  des  Königs  Milan  nach  Wien  (s.  Oesterreich-Ungarn
  Ende  Juni—Anf.  Juli).

1.  Juli.  Ministerpräsident  Ristitsch  erläßt  ein  Rundschreiben
  an  die  Vertreter  Serbiens  im  Auslande  über  die  Aufgabe

  des  Kabinetts.

In  demselben  erklärt  er  für  den  Grund  des  Regierungswechsels  lediglich
  die  Frage  der  inneren  Verhältnisse.  Das  Zirkulär  zählt  die  bekannten
fünf  Programmpunkte  der  neuen  Regierung  auf  und  sagt,  Serbien  dürfe
nicht  gestatten,  daß  das  Ausland  auch  nur  einen  Moment  an  seinem  auf-
        <pb n="509" />
        Lerbies.  (Juli  2.—August  Ende.)  491

richtigen  Willen  zweifle,  die  guten  Beziehungen  zu  allen  Staaten  zu  erhalten,
denn  diese  müßten  selbst  unter  den  schweren  Opfern,  die  dem  Lande  von  der
früheren  Regierung  hierin  aufgebürdet  seien,  eingehalten  werden.  Serbien
müsse  ein  Element  der  Versöhnung  vor  dem  In=  und  Auslande  sein,  es  dürfe
die  Rolle  des  Ruhestörers  nicht  übernehmen  und  das  Feuer  schüren,  sondern  den
kleinsten  Funken,  welcher  den  Brand  anfachen  könnte,  sofort  im  Entstehen
ersticen,  um  das  Land  vor  unabsehbaren  schweren  Folgen  zu  bewahren.
Erhien  müsse  der  Träger  des  Friedens  und  der  Ordnung  auf  dem  Balan
  sein.

2.  Juli.  Ristitsch  antwortet  einer  Begrüßungsdeputation
aus  Nisch  über  die  Aufgaben  des  Kabinetts:

Man  müsse  das  Mögliche  vom  Unmöglichen  unterscheiden.  Die  konsolidierte
  Staatsschuld  betrage  277  Millionen,  die  schwebende  Schuld  mehr
als  16  Millionen.  Im  Jehre  1880  war  die  Staatsschuld  eine  geringe,  sie
war  zumeist  im  Inland,  und  ca.  6  Millionen  waren  in  Rußland  plaziert;
jetzt  betrage  die  Annuität  der  Staatsschuld  gegen  16  Millionen  in  Gold.
Serbien  müsse  seinen  finanziellen  Verbindlichkeiten  nachkommen,  da  seine
wirtschaftliche  Existenz  sonst  gefährdet  wäre.  Eine  Verminderung  der  Abgaben
  sei  daher  nicht  möglich,  wohl  aber  eine  gerechtere  Verteilung  verselben
Sparsamkeit  und  die  hoffentlich  baldige  Eröffnung  der  Bahn  nach  Salonichi
würden  gleichfalls  zur  Besserung  der  Lage  beitragen.  Die  Regierung  werde
trachten,  Handelsverträge  mit  der  Türkei,  Bulgarien  und  Rumänien  abzuschließen.
  Unter  allen  Umständen  sei  die  Ordnung  aufrechtzuerhalten;  etwaige
Beschwerden  sollen  in  gesehmähiger  Weise  behoben  werden.  Nach  der  ordentlichen
  Skupschtina  werde  die  Verfassung  revidiert  werden,  um  größere  Bürgschasten
  für  die  Sicherheit  der  Person,  des  Vermögens  und  des  Rechtes  zu
erlangen.

13.  August.  (Gegen  den  frühern  Finanzminister.)  Der
Finanzminister  ordnet  auf  Grund  eines  Berichts  der  von  ihm  am
17.  Juni  zur  Ueberprüfung  der  Finanzlage  aus  allen  Parteien  berufenen
  Kommission  die  Beschlagnahme  des  Vermögens  des  frühern
Finanzministers  Wukafin  wegen  vorgefallener  Unterschleife  an.  Der
Kassationsgerichtshof  hebt  aber  die  Beschlagnahme  am  Ende  des
Monats  wieder  auf.

17.  August—Novbr.  (König  und  Königin.)  Die  Königin
Natalie  reist  zu  längerem  Aufenthalte  nach  Baden  bei  Wien,  in  Pest
nimmt  sie  den  vom  Könige  ihr  zugeführten  Kronprinzen  in  Empfang
und  hat  eine  kurze  Begegnung  mit  jenem.

Anfang  Oktober  verlebt  der  König  einige  Tage  bei  ihr  in
Baden,  die  Versöhnung  ist  äußerlich  wieder  hergestellt.  Anfang
November  begibt  sich  die  Königin  mit  dem  Kronprinzen  zu  längerem
Aufenthalte  nach  Florenz.

Ende  August.  Die  zur  Beratung  des  Heeresorganisations-Entwurfs
  zusammengerufene  Kommisfion  der  Stabsoffiziere  beschließt,
dem  Könige  eine  Vorlage  zu  unterbreiten,

wonach  das  stehende  Heer  auf  20,000  Mann  normiert  und  zur  Aus-
        <pb n="510" />
        492  Serbien.  (September  Anfang  —  November  1.)

bildung  geeigneter  Truppen-Offiziere  in  Belgrad,  Nisch  und  Kragujevac  je
eine  Offizier-Ausbildungsschule  errichtet  werden  soll.  Diese  Einführung
wird  damit  motiviert,  daß  in  dem  letzten  Feldzuge  wegen  des  großen  Mangels
  an  Offizieren  und  geeignetem  Nachwuchs  die  Offiziers-Beförderungen
direkt  aus  dem  Mannschaftsstande  ohne  Rücksicht  auf  den  entsprechenden
Bildungsgrad  erfolgen  mußten.  Derartige  Beförderungen  überschreiten  die
Zahl  von  200,  diese  Offiziere  sollen  nun  eine  entsprechende  Ausbildung  in
den  betreffenden  Anstalten  erhalten.  Die  Aufstellung  eines  stehenden  Kadres
für  das  zweite  Aufgebot  ist  fallen  gelassen.

Anfang  September.  Der  König  setzt  eine  Kommission  aus
Vertretern  aller  Parteien  nieder  zur  Revision  der  Verfassung.
Zur  Teilnahme  daran  wird  auch  der  Gesandte  in  Wien,  Boghitschewitsch,
  berufen.

Als  Hauptbeweggründe  zu  dieser  Maßnahme  führt  das  an  die  Kommissionsmitglieder
  gerichtete  Rundschreiben  Ristitschs  aus:  1.  Die  Notwendigkeit
  einer  strengeren  Kontrolle  tu  der  Landesverwaltung,  denn  man  stützt
sich  darauf,  daß  die  Lasten,  die  das  Volk  zu  tragen  hat  und  die  noch  im
steten  Zunehmen  begriffen  sind,  die  Volksrepräsentation  dazu  berechtigen,  sowohl
  eine  ausgebreitetere  Beteiligung  an  den  Staatsgeschäften  im  allgemeinen,
als  auch  eine  größere  Kontrolle  in  der  Landesverwaltung  speziell  fordern  zu
dürfen,  und  2.  die  Notwendigkeit  einer  größeren  Garantie  für  die  Sicherheit
der  Person  und  des  Eigentums,  nachdem  die  derzeitigen  Garantien  als  unzulänglich,
  als  gänzlich  wirkungslos  angesehen  werden  können.

Anfang  September.  (Das  Ministerium  und  die  Wahlen.)
Nachdem  die  Wahlen  zur  Skuptschina  auf  den  17.  September  ausgeschrieben
  worden,  hatte  der  Minister  des  Innern  einen  geheimen
Erlaß  an  die  Behörden  gerichtet,  bei  den  Wahlen  nur  die  liberalen
Kandidaten  zu  unterstützen.  Die  Radikalen  fordern  von  Ristitsch
das  Festhalten  an  der  in  der  Uebereinkunft  mit  ihnen  zugesicherten
Nichteinmischung  der  Behörden  bei  den  Wahlen  und  drängen  die
radikalen  Kabinettsmitglieder  zur  Demission,  wenn  Ristitsch  nicht
nachgeben  wolle.  Infolgedessen  ergeht  ein  Erlaß,  welcher  den  Behörden
  jede  Einmischung  bei  den  Wahlen  aufs  strengste  untersagt.

Ende  September.  Ergebnis  der  Wahlen  zur  Skuptschina.
Von  142  gewählten  Abgeordneten  gehören  65  der  liberalen,  71  der
radikalen  Partei  an;  14  Wahlen  sind  unentschieden.

Ende  Oktbr.—Ende  Dezbr.  Wiederholte  Beunruhigungen
an  der  türkischen  Grenze  durch  Zusammenrottungen  arnautischer
Banden  veranlassen  die  Regierung,  Truppenverstärkungen  dorthin
abzusenden.  Serbien  schlägt  Ende  November  die  Einsetzung  einer
türkisch-serbischen  Kommission  vor,  um  gemeinsame  Maßregeln  zur
Befriedung  der  Grenzgebiete  zu  treffen.  Dieselbe  tritt  am  27.  Dezbr.
zusammen.

1.  November.  Der  König  ernennt,  nachdem  die  Angelegenheit
        <pb n="511" />
        Serbien.  (November  17.  —  Dezember  4.)  493

der  Gegenstand  langwieriger  und  schwieriger  Verhandlungen  zwischen
dem  Ministerpräsidenten  und  der  radikalen  Partei  gewesen,  zu  Krondeputierten
  29  liberale  und  23  radikale,  sodaß  beide  Parteien  in
der  Kammer  die  Kopfzahl  von  94  erhalten.

17.  November.  (Parteifusion.)  Die  liberale  und  radikale
Partei  schließen  ein  Abkommen,  wonach  sie  alle  Angelegenheiten
durch  ein  gemeinsames  Vertrauensmännerkollegium  behandeln  wollen.
Diese  Abmachungen  werden  im  Beisein  aller  Minister  geschlossen.

17.  November.  (Bischofsenthebungen.)  Der  seit  Jahren
in  Rußland  weilende  und  gegen  die  Dynastie  agitierende  ehemalige
Metropolit  Michael  wird  durch  königlichen  Ukas  mit  10,000  Franken
pensioniert,  ebenso  die  Bischöfe  der  z.  T.  aufgehobenen  Bistümer  von
Nisch,  Schabatz  und  Negotin  mit  je  5000  Franken.  Damit  ist  der
langwierige,  von  der  radikalen  und  russenfreundlichen  Partei  geschürte
  Kirchenstreit  zum  Abschlusse  gebracht.

Ende  November.  (Steuerreform.)  Der  Finanzminister
Wuitsch  legt  einen  umfassenden  Steuerreformplan  vor.

Dieselbe  soll  die  Bauern  entlasten.  Grundbesitz  unter  1  Hektar  ist
steuerfrei.  Dagegen  sollen  die  städtischen  Klassen  stärker  herangezogen  werden.
Es  wird  die  Ikklassige  Personalsteuer  zwischen  4  und  200  Franken  jährlich
auf  alle  Männer  vom  18.  Lebensjahre  an  ausgedehnt;  ferner  wird  eine
Hagestolzensteuer  eingerichtet,  wonach  alle  Unverheirateten  und  sinberihsen
Witwer  in  Städten  und  Märkten  zwischen  dem  30.  und  60.  Lebensjahre
eine  dreifache  Personalsteuer  zu  zahlen  haben  gegen  die  Verheirateten.

4.  Dezember.  Feierliche  Eröffnung  der  Skuptschina  durch
den  König.

In  der  Thronrede  wird  hervorgehoben,  die  Beziehungen  zu  allen
Staaten  seien  die  besten.  Die  neue  Regierung,  von  der  Ueberzeugung  durchdrungen,
  daß  die  Freundschaft  der  Mächte  für  Serbien  von  größtem  Wert
sei,  habe  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht,  die  Beziehungen  mit  allen  Mächten
im  Geiste  gegenseitiger  Freundschaft  und  Achtung  zu  pflegen  und  zu  kräftigen.
Die  regelrechte  Haltung  Serbiens  werde  von  allen  Seiten  vollkommen  anerkannt.
  Was  die  Revision  der  Verfassung  angehe,  so  habe  der  König  Aufträge
  für  die  betreffenden  Vorarbeiten  angeordnet.  In  der  Finanzfrage  habe
die  Regierung  die  doppelte  Aufgabe:  die  früher  eingegangenen  Verpflichtungen
einzuhalten  und  die  ordentlichen  Ausgaben  zu  decken.  Dies  solle  durch  Konsolidierung
  der  schwebenden  Staatsschuld,  durch  Sparsamkeit  ohne  Schädigung
  der  Militärkraft  und  durch  eine  Reform  der  Steuern  auf  gerechter
Basis  erzielt  werden.  Die  Thronrede  konstatiert,  daß  Serbien  sämtlichen
Verpflichtungen  des  Berliner  Vertrages  bezüglich  des  Eisenbahnbaues  nachgekommen
  sei.  Die  Eröffnung  des  großen  Verkehrs  stehe  bevor;  mit  der
Türkei  und  Bulgarien  seien  bereits  Uebereinkünfte  betreffs  des  Anschlusses
abgeschlossen.  Mit  der  Türkei  und  Rumänien  seien  Verhandlungen  wegen
eines  Handelsvertrages  im  Gange;  mit  Bulgarien  sollten  solche  demnächst
ebenfalls  eingeleitet  werden.  Die  Thronrede  stellt  ferner  mehrere  Gesetzentwürfe
  im  liberalen  Sinne  in  Aussicht.
        <pb n="512" />
        494  Lerbien.  (Dezember  Mitte—22.)

Mitte  Dezember.  Unterzeichnung  der  Eisen  bahnübereinkunft
  mit  der  Türkei.

18.  Dezember.  (Aeußere  Politik  des  Königs.)  Der  König
hält  am  Tage  seines  Familienpatrons  des  hl.  Nikolas  bei  Gelegenheit
  des  Festmahls  im  Konak,  zu  dem  alle  frühern  Ministerpräfidenten,
  die  Generalität,  die  hohe  Geistlichkeit  u.  s.  w.  geladen  find
—  Ministerpräsident  Ristitsch  fehlt  —  eine  Ansprache.

Er  gibt  einen  geschichtlichen  Rückblick  auf  die  Leistungen  seiner  Vorfahren,
  hebt  die  Verdienste  des  Milosch  Obrenowitsch  I.,  des  Michael  Obrenowitsch
  III.  um  den  serbischen  nationalen  Gedanken  hervor.  Auf  ihn,  den
König,  sei  dieser  serbische  Gedanke  übergegangen,  er  widme  sich  demselben
mit  Leib  und  Seele  und  müsse  deswegen  oft  schwere  Kämpfe  bestehen,  bittere
Stunden  durchleben.  „Das  patriotische  Werk  wird  oft  verkannt.“  In  solchen
schwierigen  Augenblicken  stärke  ihn  das  Bewußtsein,  Serbien  zu  dienen  und
die  ganze  Nation  hinter  sich  zu  haben.  Er  fände  stets  treue  Genossen  der
Arbeit,  die  besten  Serben  stehen  ihm  in  der  Verteidigung  der  serbischen  Interessen
  zur  Seite.  So  wie  er  brächten  auch  die  Volksfreunde  und  Anhänger
der  Dynastie  die  größten  Opfer  der  heiligen  Sache  des  Serbentums.  Er  sei
von  Dankbarkeit  durchdrungen  für  alle  seine  gewesenen  und  gegenwärtigen
Mitarbeiter.  Er  sei  überzeugt,  daß  Tausende  von  Herzen  in  Serbien  für
den  König  und  die  nationale  Idee,  deren  Träger  er  ist,  warm  schlagen,  und
r  rechne  auf  alle  guten  Serben,  die  er  in  der  Stunde  der  Gefahr  zur  Verteidigung
  des  Vaterlandes  rufen  werde.

Die  Ansprache  ruft  begeisterte  Zustimmung  hervor.  Im  Namen  der
Gäste  und  des  ganzen  serbischen  Volkes  antwortet  der  Metropolit  mit  Versicherungen
  der  Treue.  Am  Nachmittage  empfängt  der  König  die  Skupschtina.
Er  antwortet  auf  ihre  Glückwünsche:  Die  serbische  Idee  habe  im  Panslawismus
ihren  Feind,  denn  das  unersättliche  Russentum  wolle  das  Serbentum  nur
verschlingen,  während  wenig  Gefahr  vorhanden  sei,  daß  die  Serben  jemals
germanisiert  würden.  So  erkläre  sich  seine  äußere  Politik  und  es  sei  seine
Ueberzeugung  und  sein  Wille,  daß  das  Serbentum  in  dem  großen  bevorstehenden
  Kampfe  zwischen  Germanentum  und  Slawentum  neutral  bleibe.

21.  Dezember.  Bei  Beratung  der  Eisenbahnübereinkunft

mit  Bulgarien  in  der  Skuptschina  erklärt  Ristitsch:

Serbien  habe  mit  der  Regierung  Bulgariens  verhandelt;  die  Lösung
der  Fragen  bezüglich  Bulgariens  sei  Aufgabe  der  Berliner  Vertragsmächte,
das  Kabinett  halte  seit  seinem  Regierungsantritte  an  dem  Programm  fest,
mit  allen  Staaten  freundschaftliche  Beziehungen  im  Sinne  gegenseitiger
Achtung  zu  pflegen.

Die  Skuptschina  genehmigt  die  Uebereinkunft.

22.  Dezbr.  (Gesandtschaftsaufhebung.)  Die  Skuptschina
nimmt  den  von  mehreren  Abgeordneten  eingebrachten  und  vom  Finanzausschusse
  befürworteten  Antrag,  aus  Sparsamkeitsrücksichten  die  Gesandtschaften
  in  Rom,  London,  Paris,  Berlin  und  Athen  aufzuheben,
  an.

Ristitsch  erklärt  den  Beschluß  bei  der  Budgetvorlegung  in
Rücksicht  ziehen  zu  wollen.
        <pb n="513" />
        Montenezre.  (Januar—Februar.)  495

24.  Dezbr.  Die  11  Ergänzungswahlen  zur  Skuptschina
fallen  sämtlich  zu  gunsten  der  Liberalen  aus.  Damit  gewinnt
Ristitsch  eine  feste  Mehrheit  gegen  die  Radikalen.

24.  Dezember.  Die  Regierung  erklärt  dem  französischen  Gesandten,
  aus  finanziellen  Gründen  sich  an  der  Pariser  Weltausstellung
  von  1889  nicht  beteiligen  zu  können.

24.  Dezember.  Die  Skuptschina  überweist  einen  Antrag,  den
frühern  Ministerpräsidenten  Garaschanin  in  Anklagezustand  zu
versetzen,  an  den  Justizausschuß.

25.  Dezbr.  (Bulgarien.)  Ristitsch  teilt  in  der  Skuptschina
mit,  daß  von  Sofia  aus  in  Belgrad  ein  Schritt,  welcher  die  Anerkennung
  des  Fürsten  bezweckte,  gemacht  worden  sei,  doch  habe  er
geantwortet,  daß  diese  Frage  der  formellen  Anerkennung  des  faktischen
  Zustandes  in  Bulgarien  vor  das  Forum  der  Signatarmächte
gehöre.

29.  Dezember.  (Ministerkrisis.)  Die  radikale  Partei  greift
infolge  des  Ausfalls  der  Ergänzungswahlen  den  Minister  des  Innern
  Milojkowitsch  auf  das  heftigste  wegen  starker  Wahlbeeinflussung
an  und  fordert  seine  Entlassung.  Da  gleichzeitig  eine  Gruppe  von
Liberalen  und  Radikalen  auch  den  Kultusminister  Wafsiljewitsch  wegen
Begünstigungen  bei  Besetzung  von  Lehrstühlen  zu  Falle  bringen  will,
so  erklärt  Ristitsch  im  Ministerrate,  nicht  mehr  mit  der  Skuptschina.
regieren  zu  können  und  fordert  mit  dem  gesamten  Kabinette  die
Entlassung  vom  Könige.

XVIII.

Montenegro.

Januar.  (Militärische  Vorbereitungen.)  Der  „Politischen
  Korrespondenz“  gehen  unterm  6.  Januar  aus  Skutari  Nachrichten
  über  umfangreiche  Rüstungen  in  Montenegro  zu.

Es  sollen  34  neue  Krupp-Geschütze  angeschafft,  neue  Gewehre  an  die
Milizen  verteilt  und  5  Millionen  Gewehrpatronen  angekauft  worden  sein.
Ferner  fänden  ungewöhnliche  Schießübungen  der  Artillerie  und  Einrichtung
von  Schulbataillonen  zur  Einübung  der  jungen  Mannschaften  statt.

Am  1./13.  Februar  erklärt  der  „Glas  Crnagorca“  diese  und
andere  ähnliche  Meldungen  für  grobe  Lügen.
Januar—Februar.  (Mohamedanische  Auswanderung.)
        <pb n="514" />
        496  Monlenuegt#.  (Januar  29.—April  Mitte.)

Aus  Dulcigno  wandert  fast  die  gesamte  mohamedanische  Bevölkerung
  aus.

Die  Ursache  zur  Unzufriedenheit  beruht  einerseits  auf  den  mißlungenen
Versuchen  in  Dulcigno  aus  der  dort  ansässigen  albanesisch-mohammedanischen
Bevölkerung,  eine  montenegrinische  Handelsflotte  zu  schaffen,  andrerseits  in
der  hiernach  energisch  betriebenen  Slawisierung,  namentlich  seit  die  Behörden
bei  hohen  Geldstrafen  die  Kinder  der  Mohamedaner  zum  Besuche  der  slawischen
  Volksschulen  zu  zwingen  suchen.  Es  verläßt  damit  die  ganze  wohlhabende
  Bevölkerung  die  Stadt;  ihre  Grundstücke  werden  mit  Montenegrinern
  besetzt.

29.  Januar.  Der  erste  Erzbischof  von  Antivari,  Simon
Milinovich,  leistet  zu  Rjeka  in  die  Hände  des  Fürsten  den  Eid
der  Treue.

Nach  einer  Anfprache  in  der  der  Erzbischof  —  von  Herkunft  Kroat
—  seiner  treuen  Hingebung  an  den  Thron  und  die  Dynastie  und  seiner  Liebe
zum  montenegrinischen  Volke  Ausdruck  gibt,  spricht  er  folgenden  Eid:

„Ich  schwöre  und  verspreche  vor  Gott  und  den  heiligen  Evangelien,
daß  ich  Sr.  Hoheit  dem  Fürsten  von  Montenegro  treu  und  folgsam  sein
werde;  ich  verspreche,  daß  ich  keine  Beziehungen  unterhalten  noch  einer  Beratung
  beiwohnen,  daß  ich  keine  Unternehmungen  aufmuntern,  auch  nicht
gestatten  werde,  daß  die  mir  untergeordnete  Geistlichkeit  an  solchen  teilnehme,
welche  die  öffentliche  Ruhe  des  Staates  zu  stören  geeignet  wären.“

„Glas  Crnagorza“  betont  mit  großer  Genugthuung  die  durch  diesen
Akt  besiegelte  Konstituierung  der  unabhängigen,  katholischen  Kirche  Montenegros.


Mitte  März.  (Spannung  mit  der  Türkei.)  Nachdem
Ende  Februar  die  Türkei  infolge  der  montenegrinischen  Rüstungen
Truppen  in  Unteralbanien  zusammengezogen  und  den  Transport  von
Munition  aus  Antivari  nach  Rjeka  durch  türkisches  Gebiet  untersagt
  hat,  verbietet  die  Regierung  den  in  Montenegro  ansässigen  Albanesen
  den  Besitz  von  Waffen  und  untersagt  die  Getreideausfuhr  aus

Dulcigno.

Mitte  April.  (Rüstungen.)  Der  in  Zara  erscheinende
„Srpski  List“  bringt  eine  auf  authentisch-montenegrinische  Quelle
zurückgeführte  Mitteilung,  in  welcher  die  Thatsache  verstärkter  militärischer
  Vorbereitungen  zugegeben  wird,  hingegen  habe  Hr.  Rakics,
der  Vertreter  Montenegros  in  Konstantinopel,  von  der  Pforte  in
freundschaftlicher  Weise  über  die  Rüstungen  befragt,  geantwortet,
Montenegro  rüste  wie  alle  übrigen  großen  und  kleinen  Staaten,
diese  Rüstungen  bedrohten  jedoch  niemand,  vor  allem  nicht  die  Pforte.
Die  Korrespondenz  fügt  hinzu,  Montenegro  richte  sein  Verhalten
ganz  nach  Rußland;  da  dieses  mit  der  Türkei  keinen  feindlichen
Zusammenstoß  haben  werde,  so  halte  es  auch  Montenegro  ebenso.
Die  Rüstungen  wendeten  ihre  Spitze  gegen  eine  ganz  andere  Seite.
        <pb n="515" />
        Montenegro.  (Juni  Anf.—Juli  Mitte.)  497

Anf.  Juni.  Zu  Paris  erscheint  in  serbischer  Sprache  das  von
dem  russischen  Professor  Bogiscic  ausgearbeitete  bürgerliche  Gesetzbuch
  für  Montenegro.  Gleichzeitig  wird  eine  französische  und
eine  deutsche  Ausgabe  davon  veranstaltet.

Anf.  Juni—7.  November.  Wiederaufnahme  und  Abschluß  der
Verhandlungen  zur  Grenzberichtigung  zwischen  Montenegro
und  der  Türkei.

Die  Pforte  entsendet  außer  ihrem  Gesandten  in  Cettinje  Djevat  Pascha
noch  den  Generalgouverneur  von  Kossowo  und  Ali  Pascha  ron  Gussinje
Anfang  Juni  nach  Berana,  wo  auch  die  montenegrinischen  Abgesandten  sich
einfinden.  Türkischerseits  war  durch  Ali  Pascha  vorher  von  sämtlichen  albanesischen
  Häuptlingen  von  Plawa,  Gussinje  und  Berana  die  Zusage  erlangt
worden,  daß  sie  sich  der  Grenzregulierung  nicht  widersetzen  würden.  Dennoch
scheitern  die  Verhandlungen  Ende  Juni,  werden  aber  wieder  ausfgenommen
und  führen  am  7.  November  zu  einem  Abschlusse,  der  Montenegro,  wie  es
heißt,  gänzlich  befriedigt.

Anf.  Juli.  Die  „Politische  Korrespondenz“  meldet,  daß  sich
eine  Annäherung  zwischen  Serbien  und  Montenegro  vollzogen
  habe  und  daß  nach  Rückkehr  des  im  Auslande  weilenden
Fürsten  sofort  Schritte  gethan  werden  würden,  um  die  freundschaftlicheren
  Beziehungen  beider  Staaten  zu  festigen  und  den  beiderseitigen
Interessen  entsprechend  zu  gestalten.

Mitte  Juli.  Zwischen  Montenegrinern  und  Albanesen
finden  an  der  Grenze  fortgesetzt  blutige  Kämpfe  statt,  sodaß  das
montenegrinische  Militär  zum  Schutze  des  Landes  aufgeboten  wird.
Die  Montenegriner  bleiben  Sieger,  einem  Rachezuge  der  albanesischen
Stämme  gelingt  es  türkischerseits  durch  Vereinbarung  eines  Gottesfriedens

  bis  zum  St.  Demetertage  (5.  Nov.  a.  Stils)  vorzubeugen.
        <pb n="516" />
        XIX.
Griechenland.

4.  Januar.  (Kammerwahlen.)  Das  Endergebnis  ist  ein
vollständiger  Sieg  des  Ministeriums  Trikupis  (vgl.  die  Kammerauflösung
  Gesch.  Kal.  1886  Xl.  17),  indem  von  den  150  Gewählten
einige  über  100  der  Regierungspartei  angehören.  Sämtliche  Minister
find  gewählt.

7.  bezw.  11.  Januar.  (Spannung  mit  der  Türkei.)  Nachdem
  die  Pforte  am  7.  an  die  griechische  Regierung  eine  Note  gerichtet
  hatte,  in  welcher  sie  die  Abberufung  der  griechischen  Konsuln
in  Kanea,  Rethymo  und  Heraklion  auf  Kreta  verlangte,  weil  diese
an  den  für  die  Türkei  feindseligen  Kundgebungen  bei  Gelegenheit
der  Großjährigkeitserklärung  des  griechischen  Kronprinzen  teilgenommen
  hatten,  antwortet  die  griechische  Regierung  am  11.,  daß  sie  die
gegen  die  Konsuln  erhobenen  Anschuldigungen  als  unbegründet  ansehe
  und  daher  das  Verlangen  nach  Abberufung  derselben  abweisen
  müsse.

2.  Februgr.  Eröffnung  der  Kammer  durch  den  König.

Die  Thronrede  dankt  für  die  aus  Anlaß  der  Feier  der  Großjährigkeitserklärung
  des  Kronprinzen  ausgesprochenen  Gesinnungen.  Die  Beziehungen
  zu  den  auswärtigen  Mächten  seien  geordnet  und  regelmäßig  und
gestatteten,  sich  der  Aufbesserung  der  inneren  Verhältnisse  zuzuwenden.  Die
Finanzen  erforderten  umfassende  Sorgfalt,  um  Griechenland  die  Erreichung
der  nationalen  Ziele  zu  ermöglichen.  Die  verlangten  finanziellen  Opfer
überschritten  in  keiner  Weise  die  Produktionskräfte  des  Landes.  Die  Regelung
  der  Finanzen,  welche  allen  Verpflichtungen  Rechnung  trage,  werde  den
Kredit  heben  und  die  Wiederaufnahme  der  unterbrochenen  Arbeiten  für  die
Entwicklung  der  Verkehrsstraßen  und  die  Organisation  der  Armee  und  der
Marine  gestatten.  Die  Genehmigung  der  von  der  Regierung  eingebrachten
Vorlagen  werde  das  Ansehen  Griechenlands  heben,  welches  für  die  Entwicklung
  des  Hellenismus  mehr  als  je  notwendig  sei.

Die  Botschaft  wird  mit  lautem  Beifalle  aufgenommen.
17.  März.  Die  Kammer  genehmigt  in  zweiter  Lesung  den
Gesetzentwurf  über  die  Umwandlung  der  ältesten  3  Anleihen
        <pb n="517" />
        Griechenland.  (März  22.—Mai  Ende.)  499

von  zusammen  35  Mill.  Drachmen.  Der  Vertrag  mit  den  betreffenden
  Bankhäusern  wird  am  3.  Juni  unterzeichnet.

22.  März.  Ministerpräsident  Trikupis  legt  eine  Anzahl  Gesetzesvorlagen,
  betreffs  der  Heeres-Reorganisierung,  vor.

Dieselben  betreffen  hauptsächlich  die  Verlängerung  der  Dienstzeit,  die
Festsetzung  einer  Altersgrenze  für  den  Rücktritt  der  Offiziere  und  die  Organifierung
  der  Kadres  für  die  Territorial-Armee  und  die  Reserve.

5.—9.  April.  Budgetdebatte.

Der  Bericht  des  Budgetausschusses  weist  nach,  daß  für  die
schlechte  Finanzlage  nicht  das  gegenwärtige  Ministerium  verantwortlich  sei
und  bekämpft  die  Idee,  die  Verbindlichkeiten  Griechenlands  durch  Einstellung
der  Schuldamortifierung  zu  verletzen,  als  nationale  Schmach.  Der  Gegenbericht
  der  Ausschuß-Minderheit  erblickt  eine  finanzielle  Rettung  nur  in
der  Verminderung  der  Ausgaben,  da  die  produktiven  Kräfte  des  Landes  nicht
ausreichend  seien,  um  die  von  der  Regierung  verlangten  Steuern  aufzuringen.
  v

Trikupis  wirft  den  Mitgliedern  der  Opposition  vor,  den  Bankerott
beantragt  zu  haben,  und  behauptet,  daß  die  beantragten  Reduktionen  die
Armee  und  den  öffentlichen  Dienst  desorganisieren  würden,  ohne  die  Lage  zu
verbessern.  Nur  die  von  der  Regierung  vorgeschlagenen  Maßnahmen  werden
die  Finanzlage  Griechenlands  verbessern,  welches  die  verlangten  Steuern  ertragen
  könne.  Delyannis  versucht  die  Ausführungen  Trikupis  zu  widerlegen.

Bei  der  Abstimmung  billigt  die  Kammer  die  Finanzpolitik
der  Regierung  mit  77  gegen  38  Stimmen.

27.  April.  Ein  königlicher  Erlaß  bewilligt  für  die  Fertigstellung
  der  Arbeiten  am  Kanal  von  Korinth  eine  Frist  bis  zum
Jahre  1891.

Mai.  Der  König  mit  der  Königin  und  dem  Kronprinzen
durchreist  den  Peloponnes  und  wird  überall  mit  großer  Begeisterung
und  Herzlichkeit  empfangen.

10.  Mai.  (Kreta.)  Der  Sultan  dankt  der  griechischen  Regierung
  für  ihre  Bemühungen  um  die  Beruhigung  der  Aufregung
auf  Kreta.

29.  Mai.  (Kriegsgericht.)  Der  Revisionsgerichtshof  verwirft
  das  Urteil  des  Kriegsgerichts  wider  die  der  Desertion  bei  der
vorjährigen  Truppenzusammenziehung  an  der  türkischen  Grenze  angeklagten
  Offiziere  und  überweist  die  Sache  einem  anderen  Gerichtshofe

  zur  erneuten  Behandlung.

Das  am  30.  April  gefällte  Urteil  lautete  gegen  die  Hauptleute  Orest
Pinios  und  Petros  Lalos,  ferner  gegen  den  Lieutenant  Papakaralambo  auf
Tod  nach  vorausgegangener  Degradation;  die  übrigen  Angeklagten  wurden
freigesprochen.  Die  Offiziere  hatten  erklärt,  sie  seien  von  den  Türken  in
einen  Hinterhalt  gelockt  worden,  während  sie  wegen  eines  Waffenstillstandes
unterhandeln  zu  sollen  meinten.

Ende  Mai.  Eine  von  der  griechischen  Regierung  an  die  Groß-32*
        <pb n="518" />
        500  Eriechenland.  (Juni  3.—November  29.)

mächte  gerichtete  Vorstellung  um  durch  deren  Vermittelung  von  der
Türkei  Zugeständnisse  für  die  Kreter  zu  erlangen,  wird  allgemein
  ablehnend  beantwortet,  indem  die  Kabinette  fast  überein.
stimmend  erklären,  Griechenland  habe  kein  Recht,  sich  in  innere  Angelegenheiten
  des  türkischen  Reiches  zu  mischen.

3.  Juni.  Die  Kammer  genehmigt  das  am  7.  April  vorgelegte
  Gesetz  über  die  für  den  Kronprinzen  ausgesetzten
Jahresbezüge  von  200000  Drachmen.  2  Paläste  werden  ihm
zur  Wohnung  zugewiesen.  Die  Opposition  enthält  sich  der  Abstimmung.


4.  Juni.  Trikupis  erklärt  in  der  Kammer,  daß  3  Panzerschiffe
  im  Bau  befindlich  seien,  die  einen  Aufwand  von  30  Mill.
Drachmen  erforderten.

Ende  Juli.  Bei  der  Bürgermeisterwahl  für  Athen  wird
der  von  der  Regierung  befürwortete  Kandidat  Sutzo  abgelehnt  und
der  Bankier  Syngros  gewählt,  welcher  nicht  einmal  das  Bürgerrecht
von  Athen  besitzt.  Die  Wahl  desselben  wird  von  der  Regierung  für
ungültig  erklärt.

Oktober.  Der  Kronprinz  bezieht  zum  Studium  die  Universität
  Leipzig.

9.  November.  Spannung  mit  Rumänien  s.  Rumänien.

29.  November.  Deputiertenkammer  beschließt  mit  75  gegen
52  Stimmen  eine  Vertrauenskundgebung  für  die  Regierung.
        <pb n="519" />
        XX.

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika.

5.  Januar.  (Fenier.)  Der  Zentralausschuß  der  fenischen
Brüderschaft  zu  New-York  macht  bekannt,  daß  O'Donovan  Rossa
aus  dem  Bunde  wegen  Unehrlichkeit,  Treubruch,  Verrat  von  Geheimnissen
  und  der  Sache  Irlands  ausgestoßen  worden  ist.  Es
herrsche  unter  den  Feniern  kein  Zwiespalt,  sondern  größte  Einigkeit:
alle  Abteilungen  hätten  die  Ausstoßung  Rossas  gebilligt.

Er  sucht  später  den  Schutz  der  Polizei  nach,  da  er  fürchtet,  ermordet

zu  werden,  doch  wird  auch  die  Vermutung  laut,  daß  der  ganze  Vorgang

nur  ein  Scheinmanöver  ist.
Die  Zahl  der  Fenier  beträgt  in  Amerika  ca.  8000;  das  Monatseinkommen
  des  Bundes  4000  Dollars.

12.  Januar.  Repräsentantenhaus:  genehmigt  einen  Gesetzesentwurf
  zur  Unterdrückung  der  Vielweiberei  in  Utah.

Die  Hauptbestimmungen  desselben  sind:  Bielweiberei  wird  zum  Verbrechen
  gestempelt;  die  hauptsächlichsten  Finanzkorporationen  der  Mormonen
sind  aufgelöst,  und  der  Generalanwalt  wird  angewiesen,  dieselben  gerichtlich
abzuwickeln;  Polygamisten  sind  des  Stimmrechtes  beraubt;  von  allen  Wählern
  in  Utah  wird  ein  Eid  gefordert,  daß  sie  den  Gesetzen  der  Vereinigten
Staaten,  und  besonders  den  Gesetzen  gegen  die  Vielweiberei  Gehorsam  leisten
wollen;  das  Frauenwahlrecht  in  Utah  ist  abgeschafft;  gesetzmäßige  Frauen
und  Ehemänner  gelten  als  kompetente  Zeugen  gegen  Personen,  die  der  Vielweiberei
  angeklagt  sind.  Die  Mormonen-Agenten  machten  energische,  aber
vergebliche  Anstrengungen,  um  die  Verwerfung  der  Bill  zu  erzielen.

17.  Januar.  (Katholische  Kirche.)  Erzbischof  Corrigan
von  New-Vork  setzt  den  Priester  Mec  Glynn,  weil  er  bei  einer  der
letzten  Wahlen  die  sozialistische  Landtheorie  Henry  Georges  verfochten
hatte  und  sich  weigerte,  sich  in  Rom  zu  verantworten,  ab.

24.  Januar.  (Fischereistreit.)  Senat  nimmt  mit  46  gegen
1  Stimme  die  Vorlage  an,  welche  den  Präfidenten  ermächtigt,  die
Rechte  der  amerikanischen  Fischer  in  den  kanadischen  Gewässern
energisch  zu  verteidigen.
        <pb n="520" />
        502  Fereirizte  Staaten  vor  Nerdemerika.  (Febr.  7.—  Novbr.  17.)

In  den  Verhandlungen  sprechen  sich  Ingalls  (Kansas)  und  Frye
(Maine)  drohend  gegen  England  aus  und  bezeichnen  als  Zweck  der  Vor  *
England  kund  zu  thun,  daß  eine  Fortsetzung  seines  in  der  Fischereisache  beobachteten
  Verfahrens  zu  kriegerischen  Verwicklungen  führen  werde.

7.  Februar.  Senat:  genehmigt  2  Gesetzentwürfe,  wodurch  der
Regierung  21,000,000  Dollars  behufs  Unterstützung  der  Stahlfabrikation
  für  Zwecke  der  militärischen  Ausrüstung  der  Kriegsmarine
  und  der  Küstenverteidigung  bewilligt  werden.

Anf.  April.  Bei  der  Bürgermeisterwahl  in  Chikago
wird  John  A.  Roche,  der  Kandidat  der  Republikaner,  mit  fast
30,000  Stimmen  gegen  den  sozialistischen  Arbeiterkandidaten  gewählt.

Er  erklärt  bei  Annahme  der  Wahl,  hinfort  werde  niemand  mehr  die
Sozialistenfahnen  in  den  Straßen  Chikagos  sehen.

8.  November.  Wahlen  zu  den  Legislaturen  der  Einzelstaaten
und  zur  Besetzung  der  höchsten  Staatsämter.

Dieselben  finden  diesmal  nur  in  12  Staaten  statt;  in  Pennsylvanien,
Massachusetts,  Ohio  und  Nebraska  und  in  Chikago  siegen  die  Republikaner;
in  Virginien,  Maryland  und  New-Jersey,  ferner  in  Stadt  und  Staat  New-Vork
  die  Demokraten.

Die  wichtigste  Wahl  ist  in  New-York,  wo  der  Oberst  Fred  Grant
(Sohn  des  Generals)  unterliegt.  Der  von  der  Arbeiterpartei  für  den  Staatssekretärposten
  im  ganzen  Staate  New-York  aufgestellte  hent  George
bringt  es  nur  auf  60,000  Stimmen,  während  er  im  Jahre  vorher  allein
aus  der  Stadt  New-York  bei  seiner  Kandidatur  zum  Bürgermeister  68,000
Stimmen  erzielt  hatte.

10.  November.  (Anarchistenprozeß.)  Nachdem  der  oberste
Gerichtshof  der  Vereinigten  Staaten  das  Gesuch  der  zum  Tode  verurteilten
  Chikagoer  Anarchisten  um  Aufhebung  dieses  Urteils  abgewiesen,
  werden  die  vier  Hauptleiter  des  Anarchistenaufstandes  in
Chikago  (Engel,  Parsons,  Spieß  und  Fischer)  gehenkt.  Es  fällt
keinerlei  Störung  der  Ordnung  vor,  da  zwei  Milizregimenter  zusammengezogen
  und  eine  starke  Polizeimacht  aufgeboten  worden  waren.

Auch  das  Begräbnis  der  Gerichteten  verläuft  ohne  Ruhestörung.

Die  ebenfalls  zum  Tode  verurteilten  Schwab  und  Fielden  wurden
am  Tage  vor  der  Hinrichtung  infolge  ihres  Gesuches  zu  lebenslänglichem
Gefängnis  begnadigt.  Der  siebente  Lingg  tötete  sich  einige  Tage  vorher  durch
Entzündung  einer  Explosionskapsel,  die  er  sich  in  den  Mund  gesteckt  hatte,
nachdem  bei  einer  Inspektion  seiner  Zelle  sechs  in  Delikatessenbüchsen  eingeschmuggelte
  Dynamitbomben,  mit  welchen  er  das  Gefängnis  in  die  Luft  zu
sprengen  beabsichtigt  hatte,  entdeckt  worden  waren.

17.  November.  Der  im  April  nach  10monatlicher  Haft  entlassene
  Johann  Most  wird  in  New-Vork  infolge  einer  aufrührerischen
  Rede  verhaftet  und  unter  Anklage  gestellt.  Er  wird  am
8.  Dezember  zu  12  Monaten  Gefängnis  verurteilt,  aber  gegen  eine
        <pb n="521" />
        Vereinigte  Stasten  von  Nordamerika.  (Dezember  5.—6.)  503

Bürgschaft  von  5000  Dollars  vorläufig  in  Freiheit  gesetzt  bis  zur
Entscheidung  über  die  von  ihm  eingelegte  Berufung.

5.  Dezember.  Zusammentritt  des  Kongresses.  Das  Repräsentantenhaus
  besteht  aus  168  Demokraten,  153  Republikanern  und
4  Wilden.  Der  Senat  aus  39  Republikanern  und  37  Demokraten.

Palmer,  Senator  für  Michigan,  kündigt  einen  Gesetzentwurf
an,  welcher  die  Einschränkung  der  Einwanderung  durch  Ausschluß
  aller  derjenigen  Personen,  welche  wenig  genehme  Bürger  abgeben

  könnten,  bezwecken  soll.

In  der  Vorlage  soll  gefordert  werden,  daß  jeder,  der  nach  Amerika
kommen  wolle,  sich  zuvor  mit  einem  von  dem  amerikanischen  Konsul  in  seinem
Wohnbezirke  ausgestellten  Zeugnisse  versehen  müsse,  worin  erklärt  wird,  daß
die  Person  des  Bürgerrechts  würdig  sei;  allen,  denen  ein  solches  Zeugnis
fehle,  sei  die  Landung  zu  verweigern:

6.  Dezember.  Präsident  Cleveland  verliest  folgende  Botschaft

  an  den  Kongreß:

An  der  Schwelle  Ihrer  gesetzgeberischen  Thätigkeit  tritt  Ihnen  ein
Zustand  der  nationalen  Finanzen  entgegen,  welcher  gebieterisch  Ihre  sorgfältige
  Erwägung  verlangt.  Die  Geldsummen,  welche  gemäß  den  gegenwärtigen
  Gesetzen  von  der  Industrie  und  den  Lebensbrdürfnissen  des  Volkes
erhoben  werden,  sind  bei  weitem  größer  als  der  Betrag,  welcher  zur  Bestreitung
  der  Ausgaben  der  Regierung  erforderlich  ist.  Die  Erhebung  von
mehr  Steuern,  als  zu  einer  sorgsamen  und  sparsamen  Führung  der  Regierung
  nötig  ist,  ist  eine  Erpressung  und  ein  schuldhafter  Verrat  am  amerikanischen
  Billigkeits=  und  Gerechtigkeitssinn.  Der  öffentliche  Schatz,  welcher
nur  einen  Kanal  bilden  sollte,  um  die  Beisteuer  des  Volkes  zu  den  gesetzmäßigen
  Ausgaben  aufzunehmen,  wird  ein  Aufhäufungeplaß  für  Geld,  welches
unnötigerweise  dem  Verkehr  und  der  Benutzung  des  Volkes  entzogen  wird.
Auf  diese  Weise  verkrüppelt  die  nationale  Energie,  die  Entwicklung  des
Landes  wird  gehemmt,  die  Anlage  in  eesprießlichen  Unternehmungen  verhindert
  und  die  Folgen  sind  finanzielle  Störung  und  geradezu  eine  Aufforderung
  zu  öffentlicher  Plünderung.  Die  Ueberschüsse  betrugen  in  dem  mit
Juni  1885  abschließenden  Finanzjahre  18,000,000  Dollars,  im  Juni  1886
49,500,000  Dollars  und  im  Juni  1887  55,500,000  Dollars.  Bis  zum
Dezember  beziffern  sich  die  Ueberschüsse  schon  in  dem  laufenden  Finanzjahre
auf  55,250,000  Dollars  und  der  Betrag  wird  sich  bis  zum  30.  Juni  des
nächsten  Jahres  auf  113,000,000  Dollars  steigern,  wodurch  die  gesamten
Ueberschüsse  im  Schatzamt  die  Summe  von  140,000,000  Dollars  erreichen.
Das  kürzliche  Verfahren  des  Schatzamts,  Anleihescheine  anzukaufen  und  die
Zinsen  im  voraus  zu  zahlen,  hat  dazu  gedient,  eine  unmittelbare  Gefahr
abzuwenden.  Die  Notlage  wird  indessen  wahrscheinlich  bald  wiederkommen.
Wenn  es  für  weise  erachtet  wird,  dem  Schatzamtssekretär  bei  der  gegenwärtigen
  Lage  Vollmacht  zu  erteilen  zum  Ankauf  von  Anleihescheinen,  so
sollte  ein  klares  Gesetz  darüber  gegeben  werden,  welches  jedoch  zugleich  seine
Defugnise  derartig  einschränkt,  daß  er  allzu  großer  Verantwortlichkert  ent-7
  en  wird.  Man  darf  nicht  außer  Acht  lassen,  daß  der  Ankauf  von  Aneihescheinen
  die  Zahlung  einer  Prämie  in  sich  schließt  und  die  Besitzer  der
Anleihescheine  leicht  diese  Prämie  ungebührlich  in  die  Höhe  treiben  könnten.
Der  Erfolg  des  Vorschlages,  die  Schuld  neu  zu  fundieren  und  zur  Entlastung
des  Schatzamts  den  Unterschied  zwischen  dem  alten  und  neuen  Zinsfuß  bar
        <pb n="522" />
        504  Pereinigte  Staasten  von  Nordamerika#  (Dezember  6.—Ende.)

auszuzahlen,  hängt  vom  freien  Willen  der  Anleihescheininhaber  ab.  Der
Umstand,  daß  der  Kongreß  in  der  letzten  Session  keine  Maßnahmen  der
Finanzlage  gegenüber  ergriffen  hat,  hat  Not  und  Befürchtung  erregt,  und
die  Regierung  hat  alle  Mittel  aufbieten  müssen,  wozu  sie  ermächtigt  war.
Diese  Mittel  scheinen  jetzt  erschöpft  zu  sein.  Die  Verantwortlichkeit  muß
jetzt  diejenigen  treffen,  welchen  sie  zukommt.  Vor  allem  muß  die  Ursache
des  Uebels  beseitigt  werden.  Indirekte  Steuern  werden  auf  Tabak  und  Spirituosen
  erhoben  und  nichts  eignet  sich  dazu  besser,  ohne  daß  das  Volk  sie
als  Last  empfindet.  Unsere  Zollgesetze  dagegen  sind  verderblich,  ungerecht
und  unlogisch  und  die  Quelle  unnötiger  Besteuerung.  Sie  sollten  alsbald
verbessert  werden,  obgleich  nicht  die  Absicht  besteht,  das  Land  ganz  von  dieser
Art  von  Besteuerung  zu  befreien.  Bei  der  Reform  des  Tarifs  müssen  die
Interessen  von  Arbeit  und  Kapital  sorgfältig  berücksichtigt  werden.  Man
mag  es  Schutzzoll  nennen,  sollte  aber  die  Härte  des  gegenwärtigen  Tarifs
zu  lindern  suchen,  und  zwar  mit  besonderer  Vorsicht,  um  die  Fabrikationsinteressen
  nicht  zu  gefährden,  obgleich  eine  derartige  Vorsicht  nicht  übergroßen
Nutzen  bedeuten  solle.  Die  begehrte  Ermäßigung  muß  jedoch  derartig  bemessen
  werden,  daß  dadurch  nicht  die  Verwendung  von  Arbeitern  oder  deren
Löhne  berührt  werden.  Auch  der  Wolltarif  muß  beseitigt  oder  berabgeett
werden,  denn  die  landwirtschaftliche  Klasse  verliert  durch  den  höhern  Preis
von  Kleidungsstücken  bedeutend  mehr,  als  sie  durch  den  gesteigerten  Preis
der  Wolle  gewinnt.  Es  ist  unbillig,  den  Vorschlag  zu  einer  Herabsetung
der  Zölle  als  unfreundlich  gegen  die  Fabrikanten  aufzunehmen,  deren  Wert
und  Bedeutung  gewürdigt  wird,  aber  in  dem  gegenwärtigen  Notfalle  werden
sie  angegangen,  für  das  allgemeine  Wohl  etwas  zu  opfern;  und  ihr  Patriotismus
  sowie  ihre  Dankbarkeit  für  die  bisher  genossenen  Vorteile  sollte  sie
zur  bereitwilligen  Mitwirkung  veranlassen.  Dies  sollte  auch  ihr  Selbstinteresse
thun,  wenn  sie  daran  erinnert  werden,  daß  die  finanzielle  Panik  und  der
Zusammenbruch,  wohin  die  jetzigen  Zustände  führen  müssen,  den  Fabrikanten
keinen  größern  Schutz  gewähren  als  andern  Unternehmungen.  Es  ist  ein
Zustand,  dem  wir  gegenüberstehen,  keine  Theorie.  Die  Frage  des  Freihandels
ist  durchaus  irrelevant,  und  die  Behauptung  in  gewissen  Kreisen,  daß  alle
Anstrengungen  zur  Ermäßigung  der  Besteurung  die  Pläne  von  sogenannten
Freihändlern  seien,  ist  unheilvoll  und  von  Rücksichten  für  das  öffentliche
Wohl  weit  entfernt.  Die  einfache  und  klare  Pflicht,  welche  wir  dem  Volke
schuldig  sind,  besteht  darin,  die  Steuern  bis  zu  einem  Betrage  zu  ermäßigen,
wie  er  zur  Bestreitung  der  notwendigen  Ausgaben  erforderlich  ist.  Eine  ökonomische
  Regierung  wird  dem  Handel  und  dem  Lande  Gelder  zurückgeben,  die  durch
einen  Mißbrauch  der  Regierungsgewalten  im  Schatzamte  aufgehäuft  wurden.
Dies  könnte  und  sollte  vereinbar  mit  der  Sicherheit  aller  Interessen  geschehen.

6.  Dezember.  (Finanzen.)  Nach  dem  Berichte  des  Schatzsekretärs
  beliefen  sich  die  Einkünfte  des  laufenden  Rechnungsjahres
auf  383  Millionen  Dollars,  die  Ausgaben  einschließlich  des  Tilgungsfonds
  auf  316,817,785  Dollars.  Die  Einkünfte  des  kommenden
Rechnungsjahres  werden  auf  383  Millionen,  die  Ausgaben  auf
326,530,793  Doll.  veranschlagt.

Ende  Dezember.  (Arbeitseinstellung.)  Infolge  Befehls
der  „Ritter  der  Arbeit“  stellen  über  50,000  Arbeiter  und  Beamte
der  Philadelphia-Reading-Eisenbahn  die  Arbeit  ein.  Nachdem  ein
Abkommen  die  bestehenden  Streitpunkte  einem  Schiedsgerichte  zu
        <pb n="523" />
        Mittel=  und  Südameriha.  (März  7.—Dezember.)  505

unterbreiten  zu  einer  vorübergehenden  Wiederaufnahme  der  Arbeiten
geführt,  stellen  am  letzten  Tage  des  Jahres  wiederum  sämtliche  Arbeiter
  die  Arbeit  ein.  Der  Grund  ist  der  Beschluß  der  Bahn,  den
Lohn  um  8%  herabzusetzen.

XXI

Mittel=  und  Südamerika.

7.  März—28.  April.  (Hakti.)  Eine  seit  10  Jahren  schwebende
Forderung  einer  Engländerin  Frau  Maunders  veranlaßt  England
ein  Kriegsschiff  und  einen  Spezialgesandten  nach  Port-au-Prince  zu
senden.  Die  laut  gewordenen  Gerüchte,  England  wolle  die  Tortugas-Insel
  als  Pfand  besetzen  oder  Port-au-Prince  nötigenfalls  bombardieren,
  rufen  in  den  Vereinigten  Staaten  und  in  Frankreich  eine
große  Erregung  hervor.  Hatti  willigt  endlich  in  eine  Entschädigungssumme
  von  32,000  E.

Anf.  April.  (Kolumbia.)  Die  Regierung  beschließt,  die
Ersatzansprüche  jener  fremden  Staatsangehörigen,  welche  durch  die
im  Frühjahre  1885  in  Panama  vorgekommenen  Unruhen  Schaden
erlitten  haben,  durch  ein  besonders,  am  31.  August  1886  erlassenes
Gesetz  zu  regeln.

Mitte  Oktober.  (Chile.)  Spannung  mit  Peru  und  Argentinien.
  Peru  verhandelt  mit  einer  englischen  Gesellschaft,  betr.  Uebernahmen
  der  Hälfte  der  Staatsschulden,  wofür  derselbe  auf  60  Jahre
die  weitestgehenden  Rechte  eingeräumt  werden  sollen  in  Bezug  auf
kommerzielle  Ausbeutung.  Die  andere  Hälfte  soll  auf  Chile  abgewälzt
  werden  auf  Rechnung  der  abgetretenen  Landesteile.

Die  Spannung  mit  Argentinien  ist  begründet  in  den  alten
Grenzstreitigkeiten  in  Patagonien,  Feuerland  und  der  Magelhaensstraße.
  Man  rüstet  daher  beiderseits.

Ende  Oktober.  (Guatemala.)  Der  ehemalige  Vizepräsident
Castinada  läßt  sich  zum  Diktator  ausrufen  und  stellt  sich,  unterstützt
  von  den  ersten  Familien  des  Landes,  an  die  Spitze  eines  Aufstandes
  gegen  den  Präsidenten  Barrillas.  Die  Regierung  unterdrückt
  jedoch  die  Bewegung  und  nimmt  die  Anführer  gefangen;
diese  werden  mit  vier  anderen  Beteiligten  erschossen.

Dezember.  (Peru.)  Durch  Kongreßbeschluß  werden  die  Jesuiten,
  welche  General  Iglesias  nicht  allein  geduldet,  sondern  geschützt
  hatte,  verfassungsmäßig  des  Landes  verwiesen.
        <pb n="524" />
        506  Asien.  (Januar  —  Mai  Mitte.)

XXIL.
Asien.

Januar.  (China.)  Die  Russen  dringen  wiederum  in  den
Golddistrikt  von  Wan-loli-Kur  bei  Mengata  am  Amur  vor  und
lassen  sich  dort  auf  chinesischem  Gebiete  nieder.

Anf.  April  —  August.  (Afganistan.)  Der  Stamm  der
Gilzais  erhebt  sich  gegen  den  Emir,  die  Bewegung  nimmt  einen  sehr
gefährlichen  Charakter  an,  da  bald  auch  andere  Stämme  besonders
die  Schinwarris  sich  anschließen.  Es  finden  zahlreiche  entscheidungslose
  Kämpfe  statt,  in  denen  sich  aber  die  Truppen  des  Emirs  nur
mit  Mühe  behaupten.  «

Am  9.  Juni  meutert  ein  Teil  der  Garnison  von  Herat,  doch
werfen  die  treuen  Truppen  nach  erbittertem  Kampfe  den  Aufstand
nieder,  die  flüchtigen  Rebellen  werden  fast  sämtlich  gefangen.

Endlich  gelingt  es  am  13.  und  16.  Juni  dem  Oberbefehlshaber
  des  Emirs  Golam  Haider  Chan  die  Gilzais  in  2  blutigen
Treffen  vollständig  zu  schlagen,  worauf  der  Aufstand  allmählich  erlischt.
  Ein  Teil  der  aufständischen  Stämme  tritt  auf  brittisches
Gebiet  über.

Der  Emir  erläßt  Ende  Juli  folgende  Proklamation:

Die  brittische  Regierung  halte  sechs  Infanterie-Divisionen  mit  Kavallerie
und  Artillerie  für  den  Einmarsch  in  Afganistan  bereit,  um  die  Feinde  des
Emirs  im  Innern  des  Landes  niederzuwerfen.  Er,  der  Emir,  bedürfe  zwar
derselben  nicht,  aber  sie  seien  zugleich  in  Bereitschaft  für  den  Fall,  als  Rußland
  die  herrschenden  Wirren  benützen  wollte,  um  in  Afganistan  einzufallen.
Der  Aufstand  sei  nahezu  niedergeworfen,  die  Rebellen  mögen  daher  heimkehren,
  da  nur  die  Anstifter  die  Rache  des  Emirs  fühlen  würden.  Zum
Schlusse  warnt  die  Proklamation  die  brittische  Regierung  vor  Eyub  Khan
und  seinen  Anhängern,  daß  ihnen  nicht  gestattet  werde,  sich  der  afganischen
Grenze  zu  nähern.

Mitte  Mai.  (Birma.)  Der  Fürst  von  Limbin,  der  letzte
legitime  Alomprafürst,  der  gegen  die  Engländer  zu  Felde  stand,
unterwirft  sich  diesen.  England  erlangt  damit  eine  Hoheitsstellung
über  mehrere  Schanfürsten  im  Süden  von  der  chinefischen  Provinz
Jünnan,  welche  bisher  die  Hoheit  Chinas  anerkannt  hatten.

24.  Mai.  (Buchara.)  Die  Russen  besetzen  die  bucharische
Stadt  Kirki.  Die  Truppenabteilung  wendet  sich  aber  später  weiter
südlich  in  der  Richtung  auf  Herat.

Mitte  Juli.  (Afganistan.)  Der  aus  Kabil  gebürtige  arabische
  Scheikh  Dschemal-Eddin,  bekannt  als  fanatischer  Moha-
        <pb n="525" />
        Afrika.  (Januar  —  Februar  3.)  507

medaner,  ehemaliger  Genosse  Arabi  Paschas  und  seitdem  Agitator
gegen  England  in  Indien,  trifft  in  Moskau  ein  und  reist  von  da
Mitte  August  nach  St.  Petersburg.

Mitte  August.  (Afganistan.)  Der  ehemalige  Khan  von
Herat  Eyub  entflieht  aus  dem  persfischen  Gewahrsam  in  Teheran.
Infolge  der  Nachricht  hiervon  bricht  ein  neuer  Aufstand  der  Gilzais
aus,  der  aber  nach  kurzen  blutigen  Kämpfen  unterdrückt  wird.

Anfang  September.  (Afganistan.)  Zwischen  der  Garnison
von  Herat  und  russischen  Truppen  finden  in  der  Nähe  des  Zulfikarpasses
  leichte  Scharmützel  statt.

Ende  Oktober.  (Gesandtschaftswechsel.)  Der  Gesandte
in  Berlin  Hfü-Ching-Cheng  wird  auf  sein  Ansuchen  abberufen
und  an  seine  Stelle  der  Vizekanzler  im  inneren  Kabinet  des  Großsekretariats
  der  kaiserlichen  Kabinetskanzlei  Hung-Suen  zum  Gesandten
  bei  den  Höfen  in  Berlin,  Wien  und  dem  Haag  und  gleichzeitig
  in  Petersburg  ernannt.

Anf.  November.  (Afganistan.)  Eyub  Khan  ergibt  sich,
nachdem  er  vergeblich  die  afganische  Grenze  zu  überschreiten  versucht
  und  hierauf  monatelang  von  den  Persischen  Streifkorps  verfolgt
  in  der  Steppe  umhergeirrt  ist,  dem  englischen  Gesandten  in
Mesched.

XX  III.
Afrika.

Januar.  (Südwestafrika.)  Der  Tod  des  Begründers  der
ersten  deutschen  Kolonie  in  Angra  Pequena,  August  Lüderitz,
wird  zur  Gewißheit.  Derselbe  war  auf  einem  kleinen  Boote  den
Oranjestrom  herabgefahren,  um  von  der  Mündung  desselben  Lüderitzland
  zu  erreichen.  Seit  Dezember  fehlte  jede  Nachricht  von  ihm.

Ende  Januar.  (Abessinien.)  Der  abessinische  Vasallenkönig
Menelik  von  Schoa  nimmt  die  Stadt  und  das  Emirat  von
Harrar  ein  und  vertreibt  den  graufamen  Somali-Emir  Abdallah
Ibn  Said  Abdurrhaman.

#.  Februar  u.  folgende  Monate.  (Sudan.)  Stanley  reist
mit  einer  Truppe  von  etwa  60  Freiwilligen  von  Kairo  zur  Befreiung
  Emin  Paschas  (Dr.  Schnitzlers),  des  ägyptischen  Gouver
neurs  im  Obern  Sudan,  ab.
        <pb n="526" />
        508  Ifriks.  (April  80.  -  Ende  des  Jahres.)

Er  reist  über  Zanzibar  nach  dem  Kongo,  nachdem  der  arabische  Großhändler
  Tibbo  Tib,  der  zum  Gouverneur  des  Kongostaates  auf  den  innern
Stationen  ernannt  worden  war,  sich  bereit  erklärt  hat,  ihn  auf  seiner  Expedition
  vom  Obern  Kongo  an  zu  begleiten.  Am  19.  März  bricht  Stanley
vom  Kongo  aus  auf.  Am  23.  Juni  schreibt  er  vom  Aruwimiflusse  einen
Brief  an  den  englischen  Großindustriellen  und  ostafrikanischen  Kolonialunternehmer
  Makinnon,  der  am  23.  September  in  die  Hände  des  Adressaten  gelangt.
  Seitdem  kommen  keine  weiteren  Nachrichten  und  wiederholt  taucht
das  Gerücht  auf,  Stanley  sei  ermordet.

30.  April.  (Kongostaat.)  In  Brüssel  wird  zwischen  dem
Kongostaate  und  Frankreich  ein  Grenzabkommen  unterzeichnet,  welches
den  mehr  als  2jährigen  Grenzstreit  beider  beendet.  Dasselbe  stellt
folgendes  fest:

1)  Das  zwischen  beiden  Teilen  strittige  Ubangi-Gebiet  wird  derart
geteilt,  daß  drei  Vierteile  Frankreich  zugesprochen  werden,  während  ein  Vierteil
  dem  Kongo-Staate  verbleibt.  2)  Bezüglich  der  noch  nicht  erforschten
afrikanischen  Aequatorialgegend  wird  bestimmt,  daß  das  Gebiet  am  linken
Ufer  des  Ubangi  dem  Kongo-Staate  zur  Erforschung  überlassen  wird,  das
Gebiet  am  rechten  Ufer  des  genannten  Flusses  jedoch  Frankreich,  wodurch
letzteres  das  Ouellgebiet  des  Weißen  Nil  gewinnt.  3)  Frankreich  gestattet
den  Handel  mit  der  neu  zu  emittierenden  Kongo-Anleihe  bis  zur  Höhe  von
80  Millionen  Franken  an  französischen  Börsen.  Jedoch  müssen  die  Titres
in  Belgien  und  nicht  auf  außerbelgischen  Märkten  emittiert  sein.  4)  In
dem  Falle,  daß  der  Kongo-Staat  sein  Unternehmen  liquidieren  sollte,  hat
Frankreich  das  Recht,  das  ganze  unabhängige  Kongo-Gebiet  vor  allen  anderen
Staaten  der  Welt  käuflich  zu  erwerben.  Dieses  Vorkaufsrecht  fällt  weg,  sobald
  der  belgische  Staat  die  afrikanische  Kolonie  übernehmen  will.

19.  Mai.  (Zululand.)  Der  Gouverneur  von  Natal,  Havelock,
erklärt  in  einer  Bekanntmachung  das  Gebiet  des  Königs  Dinizulu,
des  Sohnes  Cetewayos,  zur  englischen  Kronkolonie.

Dinizulu  wird  ein  Jahresgehalt  von  300  Dollars  ausgesetzt,  derselbe
lehnt  aber  das  Geld  ab  und  erklärt,  Herr  seines  Landes  bleiben  zu  wollen.
Er  lacht  Verbindung  mit  den  Buren,  um  sich  der  englischen  Herrschaft  zu
erwehren.

Ende  September—Ende  des  Jahres.  (Marokko.)  Der  Sultan
Sidi  Muley  Hassan  erkrankt  schwer,  so  daß  eine  Zeit  lang  das
Gerücht  geht,  er  sei  bereits  gestorben,  nur  halte  man  den  Tod  geheim,
  um  dem  bestimmt  zu  erwartenden  Ausbruche  eines  Krieges
um  die  Krone  zwischen  dem  Oheim  des  Sultans  Muley  Abbas  und
dem  Sohne  desselben  Muley  Mohammed  vorzubeugen.

Im  Süden  Marokkos  brechen  auch  wiederholt  Unruhen  aus,
doch  werden  die  aufrührerischen  Stämme  bald  niedergeworfen.
Spanien,  Frankreich,  England  und  Italien  senden  Kriegsschiffe  nach
Tanger.  Spanien  rüstet  in  Andalusien  Truppen  aus.

Der  Sultan  erholt  sich  jedoch  wieder  und  richtet  an  Spanien
das  Ersuchen,  Schritte  zu  thun,  um  nach  Madrid  eine  europäische
        <pb n="527" />
        Afrika.  (Oltober  Ende  —  Dezember  14.)  509

Konferenz  zusammenzuberufen,  welche  eine  Abänderung  der  Konvention
  von  1880  bewirken  soll.

Der  Sultan  wünscht  hnihei,  eine  Abänderung  der  auf  den  Schutz
inländischer  Handelsagenten  durch  die  fremden  Konsuln  bezugnehmenden  Bestimmungen,
  die,  wie  der  Sultan  versichert,  seine  Autorität  schädigen.  Der
Sultan  stellt  dafür  gewisse  Konzessionen  für  den  europäischen  Handel  in  Aussicht.

Es  tritt  aber  eine  Verzögerung  der  Einberufung  der  Konserenz
ein,  da  zunächst  von  den  verschiedenen  Regierungen  an  die  Konsuln
in  Tanger  der  Auftrag  ergeht,  Berichte  bzw.  Denkschriften  einzureichen,
  damit  eine  vorgängige  Einigung  über  das  Programm  einer
Konferenz  erzielt  werde.

Ende  Oktober—  Anf.  November.  (Zululand.)  Der  Gouverneur
  von  Natal  rüstet  eine  starke  Expedition  gegen  den  Zuluhäuptling
Dinizulu  und  dessen  Oheim  Undobuko  aus,  nachdem  beide  einer
Ladung  des  Gouverneurs  wegen  ihrer  Versuche  Verbindungen  mit
den  Buren  anzuknüpfen  nicht  Folge  geleistet  haben.  Undobuko  stellt
sich  am  4.  November;  Dinizulu  verzichtet  auf  Anraten  der  Buren
auf  Widerstand  und  ergibt  sich  Havelok  am  13.  November,  reicht
aber  gleichzeitig  diesem  eine  schriftliche  Einspruchserklärung  gegen
die  Einverleibung  des  Zululandes  in  Natal  ein.

Anfang  November.  (Südafrika.)  Die  Buren  der  Neuen
Republik  beschließen  in  Volksabstimmung  mit  großer  Mehrheit  die
Vereinigung  mit  Transvaal.  Nach  seiner  Rückkehr  aus  dem
Oranjestaat  erklärt  Präsident  Krüger  von  Transvaal  hingegen  den
Plan  einer  Vereinigung  der  gesamten  südafrikanischen  Staaten  und
Kolonien  für  unausführbar,  da  weder  England  noch  Transvaal  ihre
Flagge  einziehen  könnten.

Anf.  November.  (Südafrika.)  Buren  und  Deutsche.

Die  „Volksstem“,  ein  in  Prätoria  erscheinendes  Blatt  wendet  sich
egen  die  von  einer  englischen  Zeitung  versuchten  Verdächtigungen  der  Deutchen.
  Sie  zieht  eine  vermehrte  deutsche  Einwanderung  nach  Vollendung  der
Delagoa-Bai--Eisenbahn  in  Betracht  und  erklärt,  es  sei  für  Transvaal  entschieden
  besser,  eine  vermehrte  Einwanderung  von  Deutschen  zu  erhalten  als
eine  solche  von  Engländern  oder  Irländern,  denn  überall,  wo  Deutsche  das
Land  beackerten,  könne  man  sich  überzeugen,  wie  deutscher  Fleiß  den  Wert

des  Landes  zu  steigern  wisse.

14.  Dezember.  (Südafrika.)  Eröffnung  des  ersten  Teiles
der  Delagoa-Eisenbahn.

Die  eröffnete  Strecke  ist  54  englische  Meilen  lang  und  endet  in  der
Wildnis,  die  Bahn  soll  weiter  nach  Prätoria  in  Transvaal  geführt  werden;
nach  Natal  sind  Anschlußstrecken  in  Angriff  genommen.

Bei  der  Eröffnung  durch  den  portugiesischen  Generalgouverneur
Vertreter  des  Kaplands,  Natals  und  Transvaals  zugegen.
        <pb n="528" />
        510  Süysee-Juseln.  (Juli—September  15.)

XXIV.
Südsee-Inseln.

Juli.  (Sandwichinseln.)  Es  entsteht  in  Honolulu  eine
Revolution,  welche  gegen  die  Mißwirtschaft  des  Kabinetts  Gibson
gerichtet  ist.  Die  Einwohner  der  Hauptstadt  zwingen  den  König
Kalakaua,  dasselbe  zu  entlassen  und  durch  ein  Kabinett  Greene
zu  ersetzen,  nachdem  die  Truppen  sich  auf  ihre  Seite  gestellt.  Ferner
wird  der  König  zur  Unterzeichnung  einer  Verfassung  gezwungen,
nachdem  die  Vertreter  der  Vereinigten  Staaten,  Englands,  Frankreichs
  und  Portugals  ihm  dazu  dringend  geraten.  Diese  führt  eine
Erweiterung  des  Wahlrechts  und  die  Ministerverantwortlichkeit  ein.

25.  August.  (Samoa.)  Proklamation  des  Königs  Tamasese
nach  Uebernahme  der  Herrschaft.

15.  September.  (Samoa.)  Eine  von  König  Tamasese
erlassene  öffentliche  Proklamation  bringt  nochmals  seine  Thronbesteigung
  zur  allgemeinen  Kenntnis.  Dieselbe  ist  unterzeichnet  von
sämtlichen  Mitgliedern  der  Regierung  des  abgesetzten  Königs  Malietoa,
  den  gebornen  Häuptlingen  des  Landes  und  den  gewählten
Landesvertretern  aus  den  Familienhäuptern.

Eine  von  den  in  Samoa  lebenden  Vertretern  der  amerikanischen
  Handelsinteressenten  an  den  König  gerichtete  Adresse  lautet:

Wir,  die  unterzeichneten  Bürger  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.
und  Bewohner  von  Samoa,  wünschen  unsern  Gefühlen  bezüglich  der  günstigen
politischen  Veränderungen  in  Samoa  Ausdruck  zu  geben.  Bis  jetzt  sind
uusere  Rechte  und  Interessen  in  Samoa  infolge  des  Mangels  einer  ordentlichen
  Regierung  und  ordentlicher  Gesetze  in  hohem  Maße  der  Gefahr  ausgesetzt
  gewesen,  willkürlich  aufs  Spiel  gesetzt  zu  werden.  Wenn  wir  icht
aber  die  Vergangenheit  mit  der  Gegenwart  vergleichen,  kommen  wir  zu  dem
Schluß,  daß  die  gegenwärtige  Verwaltung  der  samoanischen  Regierung  auf

utem  Wege  ist,  sich  auf  einer  festern  Grundlage  als  der  frühern  aufzubauen.
Lei  dem  Rat  und  dem  Einfluß,  von  welchem  sich  die  Regierung,  wie  wir
annehmen,  leiten  lassen  wird,  haben  wir  das  volle  Vertrauen,  daß  dieselbe
ute  Gesetze  einführen  und  auf  den  sämtlichen  zur  Samoagruppe  gehörigen
Inseln  Ordnung  herstellen  und  daß  sie  von  ihrem  Ansehen  und  ihrer  Macht
in  gerechter  und  unparteiischer  Weise  gegen  alle  Fremden  ohne  Rücksicht  auf
ihre  Nationalität  Gebrauch  machen  wird.  Wir  haben  ferner  das  volle  Vertrauen,
  daß  die  amerikanischen  Rechte  und  Handelsinteressen  in  keiner  Weise
durch  dieselbe  benachteiligt  oder  verletzt  werden,  wir  sind  im  Gegenteil  überzeugt,
  daß  dieselben  besser  geschützt  und  sicherer  sein  werden  als  früher,  und
wir  setzen  alles  Zutrauen  in  die  gute  und  gerechte  Verwaltung  der  gegenwärtigen
  samoanischen  Regierung.
        <pb n="529" />
        Uebersicht
der  politischen  Eutwickelung  des  Jahres  1887.

„Bulgarien  gleicht  einer  kleinen  Wunde  an  einer  Stelle,  in  Alewelche
  alle  großen  Nervenstränge  ihre  Ausläufer  einsenden“  —  so  wureleiteten
  die  „Preußischen  Jahrbücher“  ihre  politische  Betrachtung  päische
am  Beginne  des  Jahres  1887  ein  und  der  Fortgang  der  Ereignisse  Politit.
hat  während  des  ganzen  Jahres  die  Richtigkeit  jenes  Satzes  so  sehr
bestätigt,  daß  wir  ihn  unsererseits  bei  der  rückblickenden  Betrachtung
ebenfalls  an  die  Spitze  stellen  dürfen.  Die  bulgarische  Verwickelung
drohte  während  des  ganzen  Jahres  zu  einer  allgemeinen  europäischen
Krisis  zu  führen  und  am  Ende  des  Jahres  schien  die  Gefahr  noch
näher  als  am  Anfang.

Nach  der  Vertreibung  des  Fürsten  Alexander  (August  1886)
machten  die  Bulgaren  den  ehrlichen  Versuch,  sich  mit  Rußland  zu
versöhnen.  Der  Versuch  scheiterte,  nicht  an  dieser  oder  jener  Einzelfrage,
  sondern  daran,  daß  Rußland  die  vollständige  und  unbedingte
Herrschaft  in  Bulgarien  durch  seine  Creaturen  verlangte.  Diese
Forderung  waren  die  Bulgaren,  welche  die  Brutalität  und  Korruption
  des  russischen  Regimes  kennen  gelernt  hatten,  entschlossen
nicht  zu  bewilligen,  und  da  Rußland  von  seiner  Forderung  nicht
lassen  wollte,  so  war  auch  kein  Ausgleich  möglich.

Nichts  schien  näher  zu  liegen,  als  daß  Rußland  von  seiner
Macht  Gebrauch  machte  und  den  Bulgaren  mit  Gewalt  seinen  Willen
auferlegte.  Dadurch  daß  Rußland  zu  dem  Entschluß  kam,  das  nicht
zu  thun,  wurde  die  bulgarische  Frage  zur  europäischen.  Die  Erfahrung
  von  1878  hatte  Rußland  gelehrt,  daß  eine  Stellung  in
        <pb n="530" />
        512  Aebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1887.

Bulgarien  mit  einem  feindlichen  Österreich  im  Rücken  nicht  haltbar
sei.  So  hatte  sich  die  Vorstellung  gebildet  und  zuerst  in  dem  General
Skobelew  einen  autoritativen  Verkündiger  gefunden,  daß  der  Weg
nach  Konstantinopel  über  Wien  und,  was  wiederum  dazu  als  die
nothwendige  Etappe  erschien,  über  Berlin  gehe.  In  einer  wahrhaft
grenzenlosen  Verblendung  bestärkten  die  Magyaren  durch  ihr  Verhalten
  die  rusfischen  Politiker  in  diesen  Vorstellungen,  statt  sie  ihnen
nach  Möglichkeit  auszureden.  Statt  sich  klar  zu  machen,  daß  Rußland
  sich  in  einem  mit  Gewalt  unterworfenen  Bulgarien  nur  ein
neues  Polen  schaffe,  daß  die  auf  diese  Dependenz  zu  verwendenden
Mittel  an  der  Finanz=  und  Militärkraft  Rußlands  zehren  würden,
daß  die  dorthin  geworfenen  Truppen  im  Falle  eines  Krieges  mit
Oesterreich  für  Rußland  so  gut  wie  verloren  wären  und  die  etwa
zu  gewinnenden  Balkan-Slaven  durch  die  auf  die  Seite  Osterreichs
getriebenen  reichlich  aufgewogen  werden  würden  —  statt  alle  diese
ganz  einfachen  überlegungen  anzustellen,  sahen  die  Magyaren  in
dem  Ansetzen  einer  russischen  Autorität  in  Bulgarien  den  Keim
einer  russischen  Herrschaft  über  die  gesamte  Balkan-Halbinsel  und
glaubten  solchen  Plänen  nicht  früh  genug  entgegentreten  zu  können.
Als  ob  man  einen  Feind  immer  bei  seinem  ersten  Auftreten  und
nicht  in  dem  besonders  auszusuchenden  günstigsten  Moment,  der  erst
im  Verlauf  der  Aktion  hervorzutreten  braucht,  angreifen  müßte!
Selbst  die  Autorität  des  Fürsten  Bismarck  war  nicht  im  stande,
die  magyarische  Politik  auf  verständigere  Wege  zu  bringen  und  die
Leiter  des  österreichisch-ungarischen  Gesamtstaats  beharrten  infolge
dessen  dabei,  laut  und  wiederholt  zu  erklären,  daß  sie  Rußland  ein
militärisches  Auftreten  in  Bulgarien  nicht  gestatten  würden.  In
Rußland  bildete  sich  daraufhin  der  Verdacht,  daß  wie  Osterreich
Bulgarien,  so  Deutschland  Osterreich  den  Rücken  stärken  und  Deutschland
  daher  den  wahren  Widersacher  Rußlands  darstelle.

Diese  Vorstellung  suchte  der  Reichskanzler  in  seiner  Rede  im
Reichstag  am  11.  Januar  zu  bekämpfen.  Er  erklärte  mit  aller
Bestimmtheit,  daß  das  deutsch-österreichische  Bündnis  sich  keineswegs
auf  jedes  einzelne  Interesse  der  beiden  Großstaaten  beziehe,  daß
Bulgarien  für  Deutschland  wie  früher  die  Herzegowina  „Hecuba"
sei,  nicht  der  Knochen  eines  pommerschen  Musketiers  wert,  und  daß
        <pb n="531" />
        Nebersict  der  pyolitischen  Eutwickelung  des  Jahres  1887.  513

„Deutschland  wegen  dieser  Frage  sich  von  niemand  das  Leitseil  um
den  Hals  werfen  und  mit  Rußland  brouillieren  lassen“  werde.

Danach  hätte  es  Rußland  wagen  dürfen,  seine  Balkan-Politik
zu  verfolgen  und  es  darauf  ankommen  zu  lassen,  ob  Osterreich-Ungarn
  sich  getrauen  werde,  ihm  ohne  Deutschlands  Hilfe  aktiv  in
den  Weg  zu  treten.  Ob  England  sich  in  solchem  Kampf  um  die
Balkanhalbinsel  auf  die  Seite  Osterreichs  geschlagen,  dürfte  wenigstens
  zweifelhaft  erscheinen.  Mit  Osterreich  allein  fertig  zu  werden,
trauten  sich  die  Russen  unzweifelhaft  zu  —  dennoch  sprach  sich  die
panslawistische  Presse  gegen  einen  solchen  isolierten  Kampf  aus  mit
der  Begründung,  daß  Deutschland  mittlerweile  die  Zeit  benützen
werde,  Frankreich  niederzuschlagen  und  militärisch  zu  vernichten.
Das  dürfe  Rußland  unter  keinen  Umständen  dulden.  Man  war
also  wieder  auf  dem  Punkt,  daß  die  bulgarische  Krifis  nothwendig
zu  einer  allgemeinen  europäischen  hinüberleiten  müsse.

Was  für  Verhandlungen  zwischen  Petersburg  und  Paris  geführt
  wurden  und  wie  weit  sie  gelangt  sind,  darüber  schwebt  heute
noch  ein  Dunkel,  was  wohl  erst  in  sehr  viel  späterer  Zeit  gelichtet
werden  wird.  Schon  im  Herbst  1886  soll  in  Paris  ein  russisches
Bündnis  angeboten  und  von  Freycinet  abgelehnt  worden  sein.  Bald
darauf  wurde  Freycinet  gestürzt.  Im  März  1887  soll  nach  der
„Times“  abermals  eine  Anfrage  nach  Paris  gerichtet  worden  sein,
was  Frankreich  thun  würde,  wenn  Rußland  Bulgarien  besetze.
Wiederum  soll  man  in  Paris  sich  zurückgehalten  haben.  (Vgl.  Preuß.
Jahrb.  Bd.  59  S.  373).  Zwischendurch  erschienen  wieder  Stimmen
in  der  russischen  Presse,  die  ein  formelles  Bündnis  für  überflüssig
erklärten  und  Frankreich  versicherten,  daß  es  von  einem  Kriege
wenig  zu  besorgen  habe,  da  im  Fall  der  Niederlage  Rußland  seine
schützende  Hand  über  den  natürlichen  Bundesgenossen  breiten  werde.

Trotz  allem  ist  es  im  Jahre  1887  noch  nicht  zum  Kriege  gekommen.
  In  beiden  Staaten,  Rußland  wie  Frankreich,  gibt  es  doch
noch  wieder  eine  nicht  unerhebliche  Menge  retardierender  Elemente,
welche  den  Krieg  entweder  zu  verschieben  oder  ganz  zu  vermeiden
wünschen.  In  Frankreich  möchte  jene,  in  Rußland  diese  Stimmung
vorherrschen;  das  zur  Zeit  stärkere  Friedens-Element  bildete  unzweifelhaft
  Frankreich  und  nicht  Rußland.  In  Rußland  ist  es

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  33
        <pb n="532" />
        514  Mebersicht  der  pvolitischen  Eutwichelung  des  Jahres  1887.

vornehmlich  ein  gewisses  Interesse  der  Dynastie,  nicht  ein  zu  enges
Bündnis  mit  einem  revolutionären  Staat  wie  Frankreich  einzugehen
und  den  stärksten  Hort  des  Monarchismus  in  Europa,  das  deutsche
Reich  zu  zerstören.  In  Frankreich  ist  es  die  politische  Besonnenheit,
welche  den  Revanchekrieg,  den  sie  vielleicht  prinzipiell  nicht  verwirft,
doch  nicht  führen  will  unter  der  Agide  des  Radikalismus  und  ohne
die  genügenden  Chancen  des  Erfolges.

Hier  nun  setzte  die  Staatskunst  des  deutschen  Reichskanzlers
ein,  um  Europa  und  Deutschland  so  lange  als  irgend  möglich  doch
noch  den  Frieden  zu  erhalten.  Das  ganze  Jahr  1887  ist  von  unablässiger
  Arbeit  für  dieses  erhabene  Ziel  erfüllt.

Zuerst  war  dazu  nötig,  die  militärischen  Kräfte  Deutschlands
aufs  höchste  zu  entwickeln.  Die  Regierung  brachte  daher  die  sogenannte
  Septennats-Vorlage  ein,  durch  welche  die  Armee  um  41000
Mann,  von  427000  auf  468409  Mann  Friedenspräsenz  vermehrt
wurde.  Als  die  deutschfreifinnig-kleriale  Majorität  des  Reichstages
  zwar  nicht  die  momentane  Vermehrung,  aber  doch  die  siebenjährige
  Festlegung  verweigerte,  wurde  der  Reichstag  aufgelöst  und
der  glänzende  Sieg,  den  die  Regierung  in  dem  nunmehr  entbrennenden
  Wahlkampf  erfocht,  die  Art  und  Weise,  wie  alle  patriotischen
Elemente  sich  um  die  Regierung  schaarten,  die  Einmütigkeit,  die
in  aller  Leidenschaftlichkeit  des  Wahlkampfes  doch  wieder  darin  zu
Tage  kam,  daß  auch  die  Oppofitionsparteien  nichts  höher  und  heiliger
  versicherten,  als  daß  auch  sie  allen  spezifisch  militärischen  Anforderungen
  sich  nicht  widersetzen  wollten  —  alles  das  machte  auf
die  europäische  Kriegspartei  vielleicht  einen  noch  größern  Eindruck,
als  die  Verstärkung  der  Armee  selbst.

Sobald  das  Septennat  von  dem  neuen  Reichstag  bewilligt
war,  brachte  die  Regierung  einen  Nachtrags-Etat  ein  (vgl.  5.  Mai),
welcher  neue  außerordentliche  Mittel  zur  Herstellung  strategischer
Bahnen,  zum  Umbau  und  Ausbau  von  Festungen,  entsprechend
den  neuesten  Fortschritten  der  Artillerie  und  „zur  Steigerung  der
Operations=  und  Schlagfähigkeit  des  Heeres“  verlangte.  Eingeschlossen
  die  in  späteren  Jahren  zur  Verwendung  gelangenden  Raten,
welche,  wenn  auch  noch  nicht  formell,  doch  thatsächlich  mit  der  ersten
Bewilligung  mitbewilligt  wurden,  erreichte  die  Höhe  der  Gesamt-
        <pb n="533" />
        NMebersicht  der  politischen  Gutwichelmus  des  Jahres  1887.  515

forderung  etwa  300  Millionen  Mark.  Der  Eindruck  dieser  exorbitanten
  Forderung  wurde  noch  dadurch  verstärkt,  daß  die  Verwendungszwecke
  nur  ganz  im  allgemeinen  angegeben  und  nur  einzelnen
von  der  Budget-Kommission  bezeichneten  Vertrauensmännern  mitgeteilt
  wurden.

Nächst  den  eigenen  Waffen  sind  das  stärkste  Kriegsmittel  die
Bundesgenossen.  Schon  Ende  Februar  verlautete  (vgl.  27.  Februar
und  22.  März  S.  98),  daß  zwischen  Deutschland,  Osterreich  und
Italien  ein  neues  Bündnis  abgeschlossen  sei.

Wahrscheinlich  seit  Ende  1882  oder  Anfang  Januar  1883
(vgl.  neben  dem  vorigen  Jahrgang  den  Aufsatz  von  O.  Speyer  in
den  Preuß.  Jahrb.  Bd.  60  S.  57)  befand  sich  Italien  in  einer
mehr  oder  minder  bestimmt  formulierten  Defensiv-Allianz  mit  den
beiden  Kaisermächten.  Sei  es  nun,  daß  dieß  Bündnis  nur  auf
fünf  Jahre  abgeschlossen  und  deshalb  dem  Ablauf  nahe  war,  sei
es,  daß  die  veränderte  Situation  dazu  trieb,  jedenfalls  wurde  die
Allianz  jetzt  nicht  nur  erneuert,  sondern  auch  aller  Wahrscheinlichkeit
  nach  bestimmter  und  positiver  formuliert.

Parallel  mit  diesem  imponierenden  Vorgehen  auf  dem  Gebiet
der  Kraftentwickelung  ging  ein  drittes,  ein  publizistischer  Feldzug,
wie  ihn  der  Reichskanzler  schon  mehrfach  geführt  hat:  nämlich,
wenn  die  Gefahr  auf  eine  gewisse  Höhe  gestiegen  ist,  sie  nicht  mehr
durch  Verdecken,  sondern  durch  Enthüllen  zu  bekämpfen.  In  dem
Kriegsminister  General  Boulanger  (seit  7.  Januar  1886)  hatte  die
französische  Kriegspartei  endlich  den  Mann  gefunden,  von  dem  sie
die  Erfüllung  ihrer  Wünsche  erwartete  und  der  auch  unzweifelhaft
die  Absicht  und  den  Willen  hatte,  sich  des  großen  Werkes  des
Revanchekrieges  mit  Hilfe  Rußlands  zu  unterfangen.  Obgleich  Boulanger
  aus  diesen  Ideen  kaum  ein  Hehl  machte,  im  Gegenteil  fortwährend
  nach  Gelegenheiten  suchte,  deutliche  Anspielungen  zu  machen
und  das  Revanchefeuer  dadurch  anzufachen,  so  hatte  man  in  Deutschland
  während  des  ganzen  Jahres  1886  sein  Gebahren  doch  fast  ignoriert.
  Jetzt  wurde  gegen  ihn  vorgegangen.  Wenn  es  noch  eine  Möglichkeit
  gab,  die  Elemente  des  Friedens  im  französischen  Staatsleben
zu  einer  Zusammenfassung  ihrer  Kräfte  und  zur  Aktion  zu  treiben,  so
war  es  die,  sie  in  der  allerstärksten  Weise  darauf  hinzuweisen,  daß

33“
        <pb n="534" />
        516  Nebersit  der  pvolitischen  Entwicheluns  des  Jahres  1887.

nunmehr  die  Gefahr  brennend  werde,  daß  der  letzte  Moment  gekommen
  sei,  die  Lunte  zu  löschen,  ehe  sie  das  Pulver  erreiche.  Sehr
häufig  findet  man  ja  in  der  Geschichte  der  Menschheit  die  Fälle,
daß  eine  große  friedliebende  Majorität  durch  eine  kleine  kriegerische
Minorität  in  einen  Krieg  hineingerissen  wurde,  weil  sie  die  Dinge
aus  Selbsttäuschung  und  Indolenz  auf  einen  Punkt  kommen  ließ,
wo  die  Umkehr  nicht  mehr  möglich  war.  Die  Friedenspartei  in
Frankreich  war  an  sich  keineswegs  schwach;  es  galt  jetzt,  sie  von
Deutschland  aus  in  Thätigkeit  zu  setzen.  Der  Reichskanzler  leitete
diese  Aktion  damit  ein,  daß  er  in  seinen  Reichstagsreden  den  Franzosen
  ausmalte,  was  sie  im  Falle  der  Niederlage  zu  erwarten  hätten.
Man  werde  das  französische  Volk  „Saigner  à  blanc“,  um  es  auf
30  Jahre  außer  Stand  zu  setzen,  uns  wieder  anzugreifen.  Dann
erschien  (31.  Januar)  ein  Leitartikel  in  der  „Post“,  offenbar  aus
derselben  Feder,  welche  1875  in  ähnlicher  Situation  den  berühmten
„Krieg  in  Sicht“-Artikel  verfaßt  hatte,  ein  Artikel  mit  der  Aufschrift
  „Auf  des  Messers  Schneide“.  Darin  wurde  gezeigt,  daß  das
Boulanger'sche  System  mit  nothwendiger  innerer  Konsequenz  zum
Kriege  führe.  Er  beherrsche  die  Massen  in  diesem  Augenblick  dadurch,
  daß  er  ihnen  die  Revanche  verspreche,  und  könne  seine  Stellung
  und  seine  Herrschaft  nur  durch  unausgesetzte  Fortführung  und
Steigerung  des  einmal  gegebenen  Impulses  behaupten.  In  ähnlicher
Weise  wurden  jetzt  von  den  der  Regierung  nahestehenden  Organen
die  französischen  Provokationen  nicht  mehr  wie  bisher  totgeschwiegen,
sondern  recht  ins  Licht  gestellt.  (Vgl.  5.  März,  3.  April.)  Wenn
nicht  die  Kriegsgefahr  selbst,  so  stieg  doch  in  der  öffentlichen  Meinung
  in  Europa  das  Bewußtsein  von  der  Größe  dieser  Gefahr  von
Tag  zu  Tag.

Grade  in  der  passenden  Jahreszeit,  im  Frühling  (20.  April)
spielte  der  Zufall  der  europäischen  Kriegspartei  noch  eine  passende
Gelegenheit  zur  Kriegserklärung  in  die  Hand.  Die  deutsche  Polizei
vigilierte  seit  längerer  Zeit  auf  einen  französischen  Grenzbeamten,
Schnäbele,  der  die  französische  Spionage  in  den  Reichslanden  leitete.
Zwei  Geheimpolizisten  waren  abgeschickt,  den  Franzosen,  sobald  er
sich  auf  deutschem  Gebiet  betreffen  lasse,  zu  verhaften.  Diese  Polizisten
  brachten  in  Erfahrung,  daß  ein  deutscher  Grenzbeamter  (wie
        <pb n="535" />
        ;ILIIIEIIIIIIIIIIIIIV  517

es  scheint,  handelte  es  sich  auch  dabei  um  einen  Versuch  Schnäbele's,
weitere  Kundschafter-Verbindungen  anzuknüpfen)  seinen  franzöfischen
Kollegen  zu  einer  Besprechung  an  die  Grenze  eingeladen  habe.  Als
Viehhändler  verkleidet  begaben  sich  die  Polizisten  an  den  betreffenden
Platz  und  nahmen  Schnäbele,  sobald  er  einige  Schritte  über  die
Grenze  gemacht  hatte,  fest.  Die  französischen  Blätter  brachten  das
Ereignis  sofort  in  der  Form,  daß  Schnäbele  sich  von  den  deutschen
Beamten  noch  einmal  losgerissen  und  verfolgt  erst  auf  französischem
Gebiete  überwältigt  worden  sei.  Für  ein  so  reizbares  Volk  wie  die
Franzosen  wäre  damit  der  passende  Kriegsgrund  gegeben  gewesen.
Im  Ministerrat  wurde  der  Antrag  auf  Mobilmachung  gestellt  und
nur  mit  6  gegen  5  Stimmen  durch  den  Einfluß  des  Präsidenten
Grävy  abgelehnt.  Schon  aber  hatte  der  Reichskanzler  den  Stein
des  Anstoßes  wieder  bei  Seite  geräumt.  Schnäbele  wurde  in
Freiheit  gesetzt  und  in  einer  meisterhaften  Note  dem  französischen
Botschafter  diese  Entscheidung  mitgeteilt  (28.  April).  Die  Note
stellt  fest,  daß  Scchnäbele  wirklich  auf  deutschem  Gebiet  und  formal
  korrekt  verhaftet  worden  sei;  sie  stellt  ferner  fest,  welcher
Verbrechen  Schnäbele  sich  schuldig  gemacht  habe  und  benützt  diese
Feststellung,  den  Franzosen  ihr  ganzes  System  der  Spionage  vor
die  Augen  zu  halten.  Dennoch  sei  die  Freilassung  verfügt,  weil
Schnäbele  zum  Zweck  einer  amtlichen  Besprechung  an  die  Grenze
bestellt  worden  sei  und  darin  eine  Art  von  freiem  Geleit  gesehen
werden  müsse.  So  war  der  schöne  Kriegsvorwand  zerstört.  Da  die
Kriegspartei  nicht  vorwärts  gegangen  war,  so  mußte  sie  jetzt  zurück.
Vier  Wochen  darauf  kam  der  innere  Kampf  der  Parteien  in  Frankreich
  zur  Krisis,  in  der  die  Friedenspartei  die  Oberhand  behielt  und
Boulanger  aus  dem  Ministerium  entfernte  (Ende  Mai).

Damit  war  für  den  Sommer  der  Friede  gesichert.  Die  feindselige
  Stimmung  der  russischen  Presse  gegen  Deutschland  ließ  jedoch
so  wenig  nach  und  zugleich  wurden  in  der  inneren  Regierung  so
gehässige  Maßregeln  gegen  das  in  Rußland  ansässige  Deutschtum
unternommen,  daß  endlich  auch  auf  dieser  Seite  der  Kampf  offen
aufgenommen  wurde.  Noch  in  seinen  Reichstagsreden  im  Januar
hatte  der  Reichskanzler  Rußland  aufs  sorgfältigste  geschont  und  die
ganze  Schärfe  seines  Angriffs  gegen  Frankreich  gewandt,  selbst
        <pb n="536" />
        518  Mebersicht  der  polilischen  Gutwichelnus  des  Jahres  1887.

die  Wahrscheinlichkeit  eines  russischen  Krieges  nahezu  abgeläugnet.
Da  die  russische  Publizistik  besonders  mit  der  Behauptung  gegen
Deutschland  arbeitete,  daß  Deutschland  auf  dem  Berliner  Kongresse
Osterreich  Bosnien  verschafft  und  den  Frieden  von  San  Stephano
aufgehoben  habe,  so  veröffentlichte  Ende  April  die  „Norddeutsche
Allgemeine  Zeitung"“  eine  Reihe  von  Aktenstücken,  aus  denen  hervorging,
  daß  Fürst  Gortschakoff  bereits  vor  dem  Beginn  des  Krieges
  im  Januar  1877  Oesterreich  Bosnien  vertragsmäßig  überantwortet
  habe,  die  russische  Diplomatie  also  selbst  diese  ihr  jetzt  so
anstößige  Situation  geschaffen  habe  (vgl.  Preuß.  Jahrb.  Bd.  59
S.  615).  Alles  Entgegenkommen  aber,  alle  Beweisführung  blieb
erfolglos.

Am  25.  Mai  erschien  ein  Ukas,  welcher  vorschreibt,  daß  in
den  westlichen  Gouvernements  Grundeigentum  nur  noch  an  Russen
vererbt  oder  verkauft  werden  kann.  Ausländische  Erben  müssen  ihren
Besitz  binnen  drei  Jahren  an  Russen  verkaufen.  Das  ist  für  die
zahlreichen  deutschen  Besitzer  in  Rußland  so  gut  wie  Konfiskation,
da  Russen  von  genügender  Kapitalkraft  zur  Uebernahme  der  Güter
zu  wenig  vorhanden  find.  Als  man  sich  diese  Tragweite  der  Bestimmung
  klar  gemacht  hatte,  begann  die  deutsche  Presse  darauf
hinzuweisen,  daß  die  russische  Regierung  so  gut  wie  sie  deutschen
Grundbesitz  in  Rußland  legislativ  entwerten,  auch  deutschen  Besitz
von  russischen  Papieren  konfiszieren  könne.  Bei  weitem  der  größte
Teil  der  auswärtigen  russischen  Staatsschuld  ist  in  deutschen  Händen,
man  nimmt  an  über  2  Milliarden.  Würde  die  russische  Regierung
im  Falle  eines  Krieges  mit  Deutschland  diesen  Gläubigern  Zinsen
zahlen?  Ja,  ist  es  so  sicher,  daß  selbst  im  Frieden  die  Verpflichtung,
  die  Zinsen  in  Gold  und  nicht  in  entwerteten  Papierrubeln
zu  zahlen,  gehalten  wird?  Hier  und  da  ist  schon  in  der  russischen
Presse  der  Gedanke  aufgetaucht,  die  russischen  Finanzen  durch  Verkürzung
  des  verhaßten  ausländischen  Gläubigers  aufzubessern.  Namentlich
  war  es  wieder  ein  Artikel  in  der  „Post“,  der  die  Finanzwelt
  erschreckte  und  den  Kurs  mehrerer  russischer  Papiere  in  einem
Tage  um  10%  warf.  Der  Kurs  des  russischen  Papierrubels,  der
in  Berlin  normal  über  320  stehen  müßte,  sank  bis  auf  175.

Dieser  Kampf  gegen  den  russischen  Kredit  war  zwar  ein  für  Ruß-
        <pb n="537" />
        Nebersicht  der  Vvolitischen  Enlwichelung  des  Jahres  1887.  519

land  höchst  empfindlicher,  aber  zunächst  doch  rein  wirtschaftlicher  Natur.
Die  Politik  des  deutschen  Reichs  blieb  nach  wie  vor  die  des  äußersten
Entgegenkommens  gegen  die  russischen  Wünsche.  Das  kleine  Bulgarenvolk,
  da  es  sah,  daß  es  sich  vor  der  russischen  Tatze  nicht  so
zu  fürchten  brauche,  schritt  (7.  Juli)  ganz  kecklich  dazu,  sich  aus
eigener  Machtvollkommenheit  einen  Fürsten  zu  setzen.  Es  erkor  den
Prinzen  Ferdinand  von  Coburg-Cohari,  der  aus  einer  katholisch
gewordenen  Nebenlinie  des  Hauses  Coburg  stammend  in  Osterreich
lebte.  Die  tiefere  Geschichte  dieser  Thronkandidatur  ist  noch  nicht
bekannt.  Es  scheint  so,  als  ob  der  Prinz  ursprünglich  darauf
gerechnet  habe,  im  Einverständnis  mit  Rußland  nach  Bulgarien
gehen  zu  können.  Da  das  nicht  gelang  und  Verhandlungen
ergebnislos  blieben,  so  entschloß  er  sich,  auch  ohne  den  russischen
Segen  die  angebotene  Krone  anzunehmen  (August).  Rußland  versuchte,
  ihn  auf  diplomatischem  Wege  wieder  zu  vertreiben.  Der
Sultan  sollte  als  Oberlehnsherr  gegen  ihn  vorgehen  und  einem  russischen,
  unterstützt  von  einem  türkischen  Kommissar  die  Verwaltung
von  Bulgarien  übertragen.  Der  Sultan  erbat  hiefür  die  Unterstützung
  Deutschlands;  sie  wurde  ihm  zugesagt,  dennoch  kam  es  zu
keiner  Aktion.  Rußland  verlangte,  daß  seinem  Kommissar  die  Üüberordnung,
  Fürsten=  und  Statthalter-Rang  zugestanden  werde,  was
der  Pforte  doch  gar  zu  weit  ging,  und  vor  allem  blieb  immer  die
Frage,  mit  welchen  Mitteln  die  Bulgaren  zum  Gehorsam  gebracht
werden  sollten.  Als  dem  deutschen  Konsul  in  Rustschuk  von  dem
bulgarischen  Präfekten  ungehörig  begegnet  wurde,  ließ  der  Reichskanzler
  bei  der  Pforte  sofort  die  Erlaubnis  zur  Durchfahrt  deutscher
Kriegsschiffe  nach  Burgas  erbitten,  was  denn  genügte,  die  Bulgaren
zur  Satisfaktion  zu  veranlassen.  Rußland  konnte  und  wollte  zu
ähnlichem  Vorgehen  sich  nicht  entschließen.  So  setzte  sich  der  Fürst
Ferdinand  wirklich  in  Bulgarien  fest,  die  Spannung  Rußlands  mit
Österreich  und  Deutschland  aber  blieb.

Ein  neuer  Zwischenfall  an  der  französischen  Grenze  war  ganz
wie  der  Fall  „Schnäbele“  im  Frühling  nahe  daran,  im  Herbst  die
kaum  noch  sich  im  Gleichgewicht  haltenden  Massen  zum  Sturz  zu
bringen.  Ein  zur  Grenzbewachung  gegen  Wilddieberei  kommandierter
  Soldat,  der  Jäger  Kaufmann,  traf  auf  eine  franzöfische
        <pb n="538" />
        520  Mebersicht  der  politischen  Entwicelung  des  Jahres  1887.

Jagdgesellschaft,  welche  an  einem  ausspringenden  Winkel  die  Grenze
überschritten  hatte,  machte,  da  er  Wilderer  vor  sich  zu  haben  glaubte,
welche  auf  seinen  Anruf  nicht  standen,  von  der  Waffe  Gebrauch,
erschoß  einen  Waldhüter  namens  Brignon  und  verwundete  einen
Offizier.  Sofort  erhob  sich  in  der  französischen  Presse  von  neuem
ein  ungeheurer  Lärm.  Da  der  Vorfall  sich  abermals  ganz  hart  an
der  Landesgrenze  abgespielt  hatte,  so  wurde  auch  wieder  die  Behauptung
  aufgestellt,  daß  eine  Grenzverletzung  stattgefunden,  die
Jagdgesellschaft  sich  auf  französischem  Gebiete  befunden  habe.  Die
Erregung  wurde  so  groß,  daß,  wäre  General  Boulanger  noch  im
Ministerium  gewesen,er  vielleicht  jetzt  die  Verwickelung  zur  Katastrophe
gedrängt  hätte.  Aber  mit  der  höchsten  Schnelligkeit  war  schon  der
große  Hüter  des  Friedens,  der  deutsche  Reichskanzler,  zur  Stelle,  um
den  Funken,  der  in  der  Luft  wirbelnd  in  den  aufgehäuften  Explosionsstoff
  zu  fallen  drohte,  zu  löschen.  Die  regelmäßige  Untersuchung
des  Vorfalls,  genaue  Feststellung  des  Platzes  der  That,  Beurteilung,
wie  weit  die  französischen  Jäger  sich  einer  Unvorsichtigkeit  schuldig
gemacht,  wie  weit  der  deutsche  Soldat  zu  seinem  Verdacht  berechtigt
gewesen  sei,  mußte  längere  Zeit  in  Anspruch  nehmen.  So  lange
durfte  man  der  franzöfischen  Kriegspartei  nicht  Zeit  lassen,  das
Fünkchen  anzublasen.  Schon  am  vierten  Tage  nach  dem  Ereignisse
erschien  daher  der  deutsche  Botschafter  bei  dem  französischen  Minister
des  Auswärtigen,  um  ihm  in  einer  Note  zu  erklären,  daß  die  deutsche
Regierung  nicht  umhin  könne,  die  Ursache  des  Unglücks  in  einer
deutschen  Institution  zu  sehen  und  daß  sie  sich  daher  zu  einer  Entschädigung
  an  die  Witwe  des  getöteten  Brignon  verpflichtet  fühle.
Man  gewähre  ihr  als  solche  50000  Mark.  Was  ist  eine  Summe
von  einigen  tausend  Mark  mehr  oder  weniger  für  ein  Land  wie
das  deutsche  Reich:  Und  doch  war  es  fast  noch  mehr  als  die  Promptheit
  des  Entschlusses  und  die  Feinheit  der  Begründung  die  für  die
Verhältnisse  des  Getöteten  ungemein  hoch  bemessene  Summe,  welche
auf  die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich  einen  ganz  konsternierenden
  Eindruck  machte.  40000  Francs  verlange  die  Witwe  Brignon,
hatte  Rochefort  verkündigt,  in  der  Meinung,  damit  gehörig  aufzutrumpfen.
  Jetzt  hatte  Deutschland  freiwillig  noch  fast  um  die  Hälfte
mehr  gegeben.  Deutschland,  das  nach  französischer  Meinung  ebenso
        <pb n="539" />
        Mebersicht  der  volltischen  Entwickelung  des  Jahres  1887.  521

hungerleidende  wie  habgierige  Land,  hatte  sich  generös  erwiesen  und
es  blieb  nichts  übrig,  als  den  Mund  zuzumachen  und  den  Degen
wieder  einzustecken.

Fast  gleichzeitig  hiermit  spielte  sich  freilich  ein  anderer  Vorgang
  ab,  der  auf  das  französische  Volk  wie  auf  die  franzöfischen
Staatsmänner  einen  noch  nachhaltigern  Eindruck  machen  mußte.
Nachdem  schon  im  September  der  österreichische  Minister  Graf  Kalnoky
  dem  deutschen  Reichskanzler  in  Friedrichsruh  einen  Besuch  abgestattet,
  erschien  daselbst  plötzlich  auch  der  neue  italienische  Minister
des  Auswärtigen,  Francesco  Crispi.  Gleich  nach  dem  Abschluß  des
neuen  deutsch-österreichisch-italienischen  Bündnisses  im  März  war  in
Italien  eine  Ministerkrisis  ausgebrochen,  der  der  Vertreter  und,
was  Italien  angeht,  Schöpfer  des  Bündnisses,  der  Minister  Graf
Robilant  zum  Opfer  gefallen  war.  Die  Linke  war  in  das  Kabinet
eingetreten  unter  Führung  Crispis  und  das  hatte  den  Franzosen
nicht  geringe  Hoffnung  gemacht,  Italien  wieder  mehr  auf  die  französische
  Seite  zu  ziehen.  Crispi  hatte  als  alter  Radikaler  unzweifelhaft
  vielerlei  persönliche  Beziehungen  und  Gesinnungs-Sympathien
mit  hervorragenden  französischen  Staatsmännern.  Aber  Crispi  zeigte
sich  als  ein  Mann,  der  weiß,  daß  es  für  den  leitenden  Staatsmann
einer  modernen  Großmacht  nur  eine  Richtschnur  des  Verhaltens
geben  darf,  das  ist  das  wohlverstandene  Interesse  des  ihm  anvertrauten
  Staatswesens.  Seit  der  Besitznahme  von  Tunis  durch
die  Franzosen  ist  es  für  die  Italiener  entschieden,  daß  sie  mit
Frankreich  in  einem  starken  Interessen-Konflikt  leben.  Dazu  kommt
die  Gefahr  der  erstarkenden  Kraft  des  Republikanismus,  die  von
Frankreich  droht  und  die  das  italienische  Königtum  unbedingt  an
der  Seite  der  Monarchieen  festhält.  Ohne  Zweifel  hat  sich  in  dieser
Beziehung  König  Humbert  mit  Crispi  bei  Übernahme  des  Ministeriums
  in  erster  Linie  verständigt  und  volle  üebereinstimmung
in  der  Auffassung  gesichert.  Allen  Zweifeln,  die  darüber  aber  noch
existieren  konnten,  machte  der  Besuch  Crispi's  in  Friedrichsruh  ein
Ende.  Eine  amtliche  Publikation  über  die  Abmachungen,  die  hier
getroffen  find,  hat  nicht  stattgefunden,  aber  aus  einer  Rede,  welche
Crispi  bald  darauf  (25.  Oktober)  in  Turin  hielt,  ist  der  Geist  des
Vertrages  deutlich  zu  erkennen.  Von  einer  Verschwörung  habe  man
        <pb n="540" />
        522  Nebersicht  der  politischen  Eulwichelung  des  Jahres  1887.

gesprochen,  sagte  der  italienische  Minister,  die  in  Friedrichsruh  gemacht
  worden  sei;  dies  Wort  schrecke  ihn,  einen  alten  Verschwörer,
nicht.  Ja  es  sei  dort  eine  Verschwörung  gemacht  worden,  nämlich
eine  Verschwörung  für  den  Frieden.  Er  fügte  hinzu,  „daß  Italien
niemals  eine  so  innige  und  völlige  Allianz  eingegangen  und  daß
nie  Italiens  Würde  so  geachtet,  Italiens  Rechte  und  Interessen  so
sicher  gestellt  waren"“.  Man  darf  daraus  schließen,  daß  zu  der
gegenseitigen  Verbürgung  des  Besitzstandes,  welche  der  frühere  Zweck
der  Tripel-Allianz  war,  Verabredungen  gekommen  sind  über  die
Maßregeln  im  Fall  der  Bedrohung  einer  der  verbündeten  Mächte
und  Verabredungen  über  die  zu  erstrebenden  Kriegsziele,  nachdem
der  Angriff  von  anderer  Seite  gekommen.  (Preuß.  Jahrb.  Bd.  60
S.  516.)

Im  August  begab  sich  der  russische  Kaiser  mit  seiner  Familie
zu  seinen  Schwiegereltern  nach  Kopenhagen,  und  da  in  früheren
Zeiten  die  russischen  Kaiser  bei  Reisen  nach  dem  Westen  jedesmal
das  so  nah  verwandte  preußische  Königshaus  in  Berlin  zu  besuchen
pflegten,  so  knüpfte  sich  an  die  Kopenhagener  Reise  auch  sofort  das
Gerücht,  daß  der  Zar  mit  dem  deutschen  Kaiser  eine  Zusammenkunft
  haben  werde.  Die  panflawistische  Presse  widersprach  sofort
heftig.  Das  Gerücht  tauchte  jedoch  bald  von  neuem  auf  in  der
Form,  daß  die  beiden  Kaiser  in  Stettin,  wohin  Kaiser  Wilhelm
sich  zum  Zwecke  des  großen  Manövers  begab,  oder  doch  in  Swinemünde,
  wohin  der  Zar  besonders  leicht  von  Kopenhagen  gelangen
konnte,  zusammentreffen  würden.  In  der  That  müssen  Verhandlungen
  darüber  gepflogen  und  ziemlich  weit  gediehen  sein,  da  mit
Sicherheit  gemeldet  wurde,  daß  in  Stettin  Ouartier-Vorbereitungen
dafür  getroffen  würden.  Allmählich  aber  verstummten  die  Nachrichten
  darüber,  ohne  daß  man  erfahren  hätte,  was  in  den  inneren
Kammern  der  Politik  gespielt  hatte.

Während  die  Zarenfamilie  in  Kopenhagen  weilte,  erkrankten
nun  die  kaiserlichen  Kinder  an  den  Masern  und  dies  Mißgeschick
zwang  auch  die  Eltern,  so  lange  in  Dänemark  zu  weilen,  daß  die
Rückfahrt  nach  Petersburg  über  das  Meer,  wie  die  Hinfahrt  gemacht
  war,  unthunlich  wurde.  Man  mußte  sich  also  zur  Fahrt
durch  Deutschland  entschließen  und  konnte  diese  unmöglich  machen,
        <pb n="541" />
        Aebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1887.  523

ohne  dem  deutschen  Kaiser  einen  Besuch  abzustatten.  Wie  war  aber
ein  solcher  Besuch  dem  leidenschaftlichen  Haß  der  Panflawisten  genehm
  zu  machen?  Die  Kopenhagener  Zeitungen,  die  die  ersten
Nachrichten  brachten,  fügten  sofort  den  Kommentar  hinzu,  daß  der
Zar  in  Berlin  nichts  als  ein  Absteigequartier  suche,  wo  er  auf  der
Reise  Station  mache.  Die  deutschen  Zeitungen  antworteten,  ein
Besuch,  den  man  auf  solche  Weise  ankündige,  sei  eine  Unverschämtheit.
  Man  gedenke  wohl,  so  beiläufig  den  Kurs  der  russischen  Papiere
  in  Deutschland  zu  heben  und  doch  noch  panflawistischen  Hochmut
  zur  Schau  zu  tragen.  Man  lege  in  Deutschland  durchaus
keinen  Wert  auf  den  Besuch;  wichtig  werde  er  allerdings  werden.
Entweder  die  deutsch-russischen  Beziehungen  verbesserten  sich  danach
oder  aber  sie  verbesserten  sich  nicht,  und  das  würde  eine  starke  Verschlimmerung
  bedeuten.  Dennoch  blieb  es  bei  der  Anmeldung,  ohne
daß  die  russische  Presse  ihren  Ton  gegen  Deutschland  geändert  hätte.
Die  Antwort  war,  daß  acht  Tage  vor  der  Ankunft  des  Zaren  die
Reichsbank  und  die  Preußische  Seehandlung  bekannt  machten,  daß
sie  keine  russischen  Papiere  mehr  beleihen  würden.  „Die  „Nordd.
Allg.  Zeitung“  meldete,  daß  „auf  Befehl  des  Kaisers“  der  Reichskanzler
  von  Friedrichsruh  zu  dem  Tage  nach  Berlin  komme.

Die  Zusammenkunft  (18.  November)  hatte  nun  doch  ein  höchst
unerwartetes  Resultat.  Der  Reichskanzler  ließ  den  Zaren  um  eine
Audienz  ersuchen,  in  deren  Verlauf  festgestellt  wurde,  daß  der  Zar
durch  bestimmte  Aktenstücke  in  den  Glauben  versetzt  worden  sei,  daß
trotz  alles  zur  Schau  getragenen  Wohlwollens  für  die  russische  Politik
  in  Bulgarien  die  deutsche  Diplomatie  im  Geheimen  die  russenfeindlichen
  Bestrebungen  ermuntere  und  unterstütze.  Mit  starker
Betonung  und  erhobener  Stimme  erklärte  der  Kanzler  Aktenstücke,
die  dergleichen  enthalten  könnten,  für  gefälscht.  Der  Zar  versprach
darauf  dem  Kanzler  die  betreffenden  Aktenstücke  vorlegen  zu  lassen
und  am  letzten  Tage  des  Jahres  brachte  der  „Reichsanzeiger“  diese
Aktenstücke  zur  öffentlichen  Kenntnis  mit  dem  ausdrücklichen  Hinzufügen,
  daß,  wenn  sie  echt  gewesen  wären,  Rußland  wirklich  Anlaß
gehabt  haben  würde,  die  deutsche  Politik  für  doppelzüngig  zu  halten.
In  weiten  Kreisen  machte  sich  seitdem  die  Meinung  geltend,  daß
der  Friede  nunmehr  gesichert  sei;  schärfer  blickende  Augen  wollten
        <pb n="542" />
        Präfident-



in
Frank.
reich.

521  Mebersicht  der  pelllischen  Enlwickelnus  des  Jahres  1887.

jedoch  diesen  eigentümlichen  Zwischenfall  nicht  so  hoch  anschlagen,
sondern  meinten,  daß  der  Gegensatz  viel  zu  tief  in  der  Natur  der
Dinge,  nämlich  im  Charakter  eines  panslawistischen  Rußland  liege,
als  daß  er  durch  solche  Fälscherkunststückchen,  von  denen  man  nicht
einmal  den  Ursprung  aufdecke,  geschaffen  oder  durch  ihre  Enthüllung
beseitigt  werden  könne.

Neben  diesen  anscheinend  friedenverkündenden  Aufklärungen
gingen  auch  Erscheinungen  ganz  entgegengesetzter  Natur  fortwährend
nebenher.  Deutsche  und  österreichische  Zeitungen  meldeten  von  auffälligen
  Vorschiebungen  russischer  Truppen  aus  dem  Innern  des
Reichs  gegen  die  westliche  Grenze.  Russischerseits  wurden  sie  bis  auf
einen  gewissen  Grad  zugegeben,  aber  damit  motiviert,  daß  Österreich
  und  Deutschland  vermöge  ihres  entwickelteren  Eisenbahnnetzes
so  sehr  viel  schneller  ihre  weiter  zurückliegenden  Truppen  an  die
Grenze  schaffen  könnten.  Deutscherseits  wurde  wieder  auf  die  Bahnen
hingewiesen,  die  offenbar  zu  rein  strategischen  Zwecken  von  Rußland
gebaut  seien.

Dem  deutschen  Reichstag,  der  um  diese  Zeit  zusammenzutreten
pflegt,  wurde  sofort  abermals  ein  neues  Wehrgesetz  vorgelegt,  welches
die  Wehrpflicht  durch  Wiedererrichtung  einer  Landwehr  zweiten  Aufgebots,
  Erweiterung  der  Ersatzreservepflicht  und  Bestimmungen  über
den  Landsturm  erheblich  ausdehnt  und  für  diese  Rüstungen  von
neuem  280  Millionen  in  Anspruch  nahm.

Im  Zusammenhang  der  großen  internationalen  Politik  muß
endlich  noch  ein  Ereignis  erwähnt  werden,  welches  seiner  äußeren
Erscheinung  nach  nur  der  inneren  Geschichte  Frankreichs  anzugehören
  scheint,  thatsächlich  jedoch  eine  Frucht  auswärtiger  Politik  ist.
Es  ist  der  Sturz  des  Präsidenten  Grévy.  Wenn  in  den  Ponderationen
  der  letzten  beiden  Jahre  die  Kriegspartei  in  Frankreich  im
Begriff  schien,  das  übergewicht  über  die  Friedenspartei  zu  bekommen,
so  war  es  jedesmal  der  Einfluß  des  Präfidenten  der  Republik  gewesen,
  der  durch  einen  kräftigen  Druck  die  entgegengesetzte  Entscheidung
  gegeben  hatte.  Hätte  in  der  letzten  Krisis  im  Mai  die  radikale
Partei,  die  sich  seit  einigen  Jahren  den  Charakter  der  Kriegspartei
gegeben  hatte,  den  Präsidenten  auf  ihrer  Seite  gehabt  oder  ihn  nur
zur  Nachgiebigkeit  vermocht,  so  hätte  diese  Partei  sich  unzweifelhaft
        <pb n="543" />
        Nebersicht  der  volitischen  Entwichelung  des  Jahres  1887.  525

des  großen  Werkes  unterfangen,  die  Kammer  aufzulösen,  um  durch
die  Neuwahlen  eine  Moajorität  zu  erzielen  und  gleichzeitig  den  Revanchekrieg
  zu  beginnen.  Eben  deshalb  hatte  Grevy  von  allen  republikanischen
  Gruppenführern  allein  Clemenceau  nicht  die  Bildung
des  Kabinetes  angetragen  und  endlich  sogar  ein  Kabinet  (Rouvier)
ohne  Boulanger  gebildet.  Durch  eine  einfache  parlamentarische  Aktion
den  Präsidenten  zur  Unterwerfung  zu  zwingen,  war  die  Stimmenzahl
  der  Radikalen  in  der  Kammer  zu  klein.  Man  mußte  den
Hebel  an  einer  anderen  Stelle  einsetzen.

Der  intime  Berater  des  80jährigen  Präsidenten  war  sein
Schwiegersohn,  der  Bankier  Wilson,  der  bei  ihm  im  Elysee-Palais
wohnte.  Auf  seine  Eingebungen  wurde  der  Widerstand  des  Präsidenten
  gegen  die  Radikalen  zurückgeführt.  In  ihm  traf  man  zugleich
  den  Präsidenten  selbst.  Wenn  es  gelang,  Wilson  zu  vernichten,
  so  kam  entweder  der  Präfident  der  Republik  mit  zum  Sturz
oder  seine  Kraft  war  zum  wenigsten  gebrochen.  Sei  es  nun,  daß
ein  Zufall  der  Partei  zu  Hilfe  kam,  sei  es,  daß  eine  ungemein  tief
und  fein  angelegte  Intrigue  vorliegt,  eines  Tages  wurde  gegen  einen
General  im  Kriegsministerium,  Caffarel,  die  Anschuldigung  der  Bestechung
  erhoben  (6.  Oktober)  und  mit  lawinenartigem  Wachsen
wurde  daraus  binnen  wenigen  Tagen  eine  Anklage  auf  Korruption
gegen  eine  ganze  Reihe  hochgestellter  Persönlichkeiten,  namentlich
Wilson.  Die  öffentliche  Meinung  geriet  in  die  ungeheuerste  Aufregung;
  täglich  tauchten  neue  und  unerhörtere  Erzählungen  auf.
Der  Ursprung  des  Ungewitters  war  anfänglich  nicht  zu  erkennen,
weil  Caffarel  ein  Schützling  des  General  Boulanger  war  und  man
deshalb  auf  einen  Vorstoß  gegen  diesen  riet.  Boulanger  selbst  beschuldigte
  seinen  Nachfolger,  den  Kriegsminister  Ferron,  dieser  Absicht
und  erhielt  dafür  von  ihm  30  Tage  Arrest.  Allmählich  aber  spitzte
sich  die  ganze  Affaire  ausschließlich  auf  Wilson  zu.  Die  Dinge,  die
Caffarel  nachgewiesen  wurden,  waren  ziemlich  unerheblich.  Der
zweite,  gegen  den  substanziierte  Anklagen  vorgebracht  wurden,  ein
Senator  General  Graf  Andlau,  entfloh  ins  Ausland;  aber  auch
seine  Verbrechen  waren  immerhin  zwar  für  seinen  persönlichen
Charakter  sehr  gravierend,  doch  aber  derartig,  daß  sie  eher  einen
Rückschluß  auf  eine  im  ganzen  integre  Verwaltung  als  auf  eine
        <pb n="544" />
        526  Nebersicht  der  polllischen  Entwinzelnus  des  vahres  1887.

korrumpierte  zulassen.  Auch  Wilson  konnte  zunächst  außer  dem
Patronisieren  (in  Bezug  auf  Orden  u.  dergl.)  von  Leuten,  die  sich
ihm  persönlich  dienstbar  erwiesen  hatten,  nichts  nachgewiesen  werden
  als  eine  mißbräuchliche  Ausnutzung  der  seinem  Schwiegervater
zustehenden  Portofreiheit,  ein  Mißbrauch,  der  bekanntlich  von  je.
vorgekommen  ist,  allenthalben  wo  Portofreiheit  existiert.  Durch
Nachzahlung  einer  den  hinterzogenen  Betrag  um  das  Zehnfache
überschreitenden  Summe  (40000  Franks)  suchte  er  diesen  Angriff
abzuwehren.  Er  würde  damit  vielleicht  wirklich  den  Sturm  beschworen
  haben,  wenn  nicht  eine  Unvorsichtigkeit  ihn  zuletzt  doch
noch  seinen  Feinden  ans  Messer  geliefert  hätte.  In  die  Untersuchung
gegen  Caffarel  und  Andlau  war  eine  Kupplerin  verwickelt,  Frau
Limoufin,  in  deren  Papieren  die  Polizei  auch  zwei  Billets  Wilsons
gefunden  hatte.  Obgleich  diese  Billets  völlig  inhaltlos  waren,  nichts
als  Benachrichtigung  über  eine  erbetene  Audienz  enthielten,  so  hatte
die  Polizei  in  ihrem  üÜbereifer,  den  Schwiegersohn  des  Präfidenten
außer  jeder  Beziehung  mit  der  schmutzigen  Affaire  zu  erhalten,  die
Billets  aus  den  Papieren  entfernt,  sie  an  Wilson  selbst  zurückgestellt
und  dieser  sie  vernichtet.  Als  sich  nun  die  Limoufin,  um  zu  beweisen,
  daß  sie  keine  Betrügerin  sei,  sondern  wirklich  hohe  Patrone
gehabt  habe,  darauf  berief,  daß  unter  ihren  Papieren  Briefe  von
Wilson  sein  müßten,  schrieb  dieser,  von  der  Polizei  darum  ersucht,
die  Briefe  eben  desselben  Inhalts  neu.  Das  Unglück  aber  wollte,
daß  das  Papier,  auf  dem  diese  Reproduktion  geschrieben  war,  ein
Wasserzeichen  trug,  das  die  betreffende  Fabrik  erst  seit  kurzem,  nach
dem  Jahre,  in  dem  sie  angeblich  geschrieben  waren,  eingeführt  hatte.
Natürlich  erregte  es  ein  ungeheures  Aufsehen  und  den  schwärzesten
Verdacht,  als  der  Verteidiger  der  Limoufin  auf  Grund  dieser  Thatsache
  vor  Gericht  nachwies,  daß  die  vorliegenden  Briefe  gefälscht
seien.  Die  radikale  Presse  läutete  Sturm  gegen  die  durch  und  durch
korrumpierte  Bourgeois-Regierung,  deren  ganze  Schurkerei  nur  deshalb
  nicht  an  den  Tag  zu  bringen  sei,  weil  sie  mit  der  Polizei  gemeinschaftlich
  die  Akten  fälsche.  Die  Phantasie  Rocheforts  und  ähnlicher
  Gesellen  setzte  täglich  neue  Erzählungen  sogar  von  Einbrüchen
und  Meuchelmorden  Wilsonscher  Bravos  in  Umlauf.  Die  Monarchisten,
  voller  Schadenfreude  über  die  Blöße  der  vielgerühmten
        <pb n="545" />
        Nebersi#t  der  pyolitischen  Entwicelnun  des  Jahres  1887.  527

republikanischen  Tugend,  unterstützten  die  Radikalen,  so  daß  endlich
weder  Ministerium  noch  Kammer  länger  zu  widerstehen  wagten.
Grévy  war  für  seinen  Schwiegersohn  eingetreten,  hatte  aber  damit
nur  den  allgemeinen  Zorn  auf  sich  selbst  gelenkt.  Das  Ministerium
demissionierte  und  kein  Parteiführer  wollte  die  Bildung  eines  neuen
übernehmen,  denn  es  sei  eine  Präsidentschafts=  und  keine  Ministerkrifis
  vorhanden.  Vergeblich  berief  sich  Grevy  darauf,  daß  nach
der  Verfassung  der  Präsident  auf  sieben  Jahre  gewählt  sei  und  nicht
zur  Abdankung  gezwungen  werden  dürfe.  Da  alle  Versuche  der
Bildung  eines  neuen  Kabinets  scheiterten,  so  verkündigte  Grévy
seinen  Entschluß  abzudanken  und  das  bisherige  Ministerium  Rouvier
nahm  für  diesen  Akt,  der  ja  der  Vermittlung  eines  Ministers  bedurfte,
  seine  Funktionen  wieder  auf.  In  dem  Augenblick  schien  noch
einmal  ein  Umschwung  einzutreten.  Es  verlautete,  daß  die  Rechte
gedenke,  dem  Kandidaten  der  Opportunisten,  Ferry,  also  der  ausgesprochensten
  Friedenspartei,  ihre  Stimme  zu  geben  bei  der  Wahl
eines  neuen  Präsidenten.  Damit  würde  Ferry  die  Majorität  gehabt
haben.  Voll  Entsetzen,  statt  eines  alten  schwachen  Mannes  gar  einen
wirklichen  Staatsmann  der  Friedenspartei  am  Ruder  zu  sehen,  verfielen
  die  Radikalen  einen  Augenblick  auf  das  groteske  Mittel,  Grévy
zum  Bleiben  zu  bewegen.  Rochefort  verschwur  sich,  wie  er  die  Pariser
  in  Raserei  versetzt  habe,  sie  auch  ebenso  wieder  beruhigen  zu
können.  Wirklich  war  Grévy  schwach  genug,  auf  diese  Anerbietungen
einzugehen.  Aber  bald  zeigte  sich,  daß  Rochefort  und  die  Patrioten--liga
  doch  ihre  Kunst  überschätzt  hatten.  Die  öffentliche  Meinung
weigerte  sich,  ihre  Umkehr  mitzumachen  und  nach  mehrfachen  Vertagungen
  verlas  endlich  Rouvier  in  der  Kammer  die  Abdikation.
Das  Recht,  einen  neuen  Präsidenten  zu  wählen,  haben  der
Senat  und  die  Deputiertenkammer  in  einer  gemeinschaftlichen  Sitzung,
die  in  Versailles  stattfinden  muß,  um  sie  dem  Einfluß  der  hauptstädtischen
  Bevölkerung  zu  entziehen.  Der  Kandidat  der  Kriegspartei
und  der  Radikalen  war  Freycinet.  In  einer  Vorwahl,  welche  die
republikanischen  Gruppen  miteinander  abhielten,  erhielt  aber  nicht
er,  sondern  Ferry  die  relative  Majorität  und  neben  diesen  beiden
Vertretern  einer  prononzierten  Richtung  erhielt  eine  große  Stimmenzahl
  ein  bisher  weniger  hervorgetretener  Abgeordneter  Namens
        <pb n="546" />
        528  ILIIXIITTIIIII

Carnot.  In  der  Hand  der  Monarchisten  hätte  es  gelegen,  Ferry
auf  den  Präsidentenstuhl  zu  erheben,  aber  sie  stimmten  im  ersten
Wahlgang  teils  für  den  General  Saussier,  teils  für  den  General
Appert.  Wäre  in  den  weiteren  Wahlgängen  Ferry  gewählt  worden,
so  hätte  es  in  Paris  vielleicht  einen  Straßenkampf  gegeben,  zu  dem
die  Radikalen  alles  vorbereitet  hatten.  Zwar  hatte  der  Kommandant
  von  Paris,  der  General  Sauffier,  seine  Gegenanstalten  getroffen,
  aber  immerhin  war  die  Aussicht  auf  einen  Kampf  niederdrückend;
  dazu  mußte  Ferry  sich  sagen,  daß  er,  von  den  Monarchisten
  gewählt,  eine  unmögliche  Stellung  als  Präfident  haben
werde.  Er  entschloß  sich  also,  zu  verzichten,  ging  im  Saal  vor
aller  Augen  auf  Carnot  zu,  teilte  ihm  seinen  Entschluß  mit  und
bat  seine  Freunde,  ihre  Stimmen  auf  diesen  zu  vereinigen.  Da
auch  die  Radikalen,  ohne  Aussicht,  ihren  Kandidaten  durchzubringen,
zuletzt  für  ihn  stimmten,  so  ging  Carnot  mit  großer  Majorität  aus
der  Wahlurne  hervor.

Die  Wahl  befriedigte  zuerst  allgemein,  da  sie  die  lange  Krisis
beendigte  und  jede  Partei  sich  erleichtert  fühlte,  daß  nicht  ein  ausgesprochener
  Gegner  das  Feld  behauptet  habe.  Dazu  konnten  sich
die  Chauvinisten  darauf  berufen,  daß  Carnot  1871  zu  den  Abgeordneten
  gehört  hatte,  die  gegen  den  Frieden  stimmten;  die  Gemäßigten,
  daß  er  ein  besonnener  und  ehrenwerter  Mann  sei,  der
nicht  im  frivolen  Leichtsinn  ohne  weiteres  die  Kriegsfurie  entfesseln
werde.  Die  erste  That  des  neuen  Präsidenten  entsprach  den  Hoffnungen
  der  Gemäßigten.  Weit  entfernt,  Clemenceau  oder  Boulanger
ins  Ministerium  zu  rufen,  suchte  er  ganz  wie  Grévy  nach  einem
Kompromiß  zwischen  allen  verschiedenen  republikanischen  Gruppen
und  stellte  ein  accentuiertes  Friedens-Programm  auf.  Die  große
Aktion  des  Chauvinismus  war  also  mißglückt;  es  war  nichts  als
eine  Personal-Veränderung  durchgesetzt.  Grôvy  und  Wilson  waren
der  radikalen  Rache  zum  Opfer  gefallen,  aber  ein  Mann  von,  wie
es  wenigstens  schien,  ganz  ähnlicher  Gefinnung  war  an  die  Stelle
getreten.

Innere  Die  Darstellung  der  inneren  Politik  Deutschlands  muß  auf
Sausden  Schluß  des  Jahres  1886  zurückgreifen.  Obgleich  in  dem  1884
lands.  gewählten  Reichstage  die  vereinigten  Oppositions-Parteien  die  Majo-
        <pb n="547" />
        Mebersicht  der  volitischen  Entwickelung  des  Jahres  1887.  529

rität  hatten,  so  waren  doch  die  ersten  beiden  Sessionen  nicht  unfruchtbar
  gewesen,  dank  der  Unterstützung,  welche  auf  dem  Gebiet  der
Wirtschafts=  und  Sozial-Politik  das  Zentrum  der  Regierung  lieh.
Völlig  resultatlos  aber  blieben  alle  Versuche  auf  dem  Gebiete  der
Finanzen,  so  dringend  auch  das  Reich  neuer  Mittel  und  die  Einzelstaaten
  einer  Hilfe  zum  Zweck  der  Kommunalsteuer-Reform  bedurften.
Es  war  nicht  etwa  bloß,  daß  man  sich  über  den  Gegenstand  und  den
Modus  der  neu  einzuführenden  Steuern  nicht  zu  einigen  vermochte.
Der  Führer  des  Zentrums  hatte  auch  offenbar  den  Gedanken,
die  Regierung  grundsätzlich  knapp  zu  halten,  um  die  Macht  des
Parlamentes  zu  stärken.  Noch  schärfer  war  der  Gegensatz  zwischen
der  Regierung  und  der  Parlaments-Majorität  auf  dem  Gebiet  der
Armee-Frage.  Die  beiden  maßgebenden  Parteien  in  der  Opposition,
Zentrum  und  Deutsch-Freisinn  (Fortschritt),  hatten  von  je  die  Ansicht
vertreten,  daß  die  Militärlasten  übermäßig  hoch  seien  und  formell
der  jährlichen  Bewilligung  des  Parlaments  zu  unterliegen  hätten.
Für  die  beiden  Reichstage,  in  denen  diese  Parteien  die  Majorität
hatten,  war  die  Frage  noch  nicht  praktisch  geworden,  da  vermöge
der  Institution  des  Septennats  die  Heereseinrichtungen  bis  zum  Jahre
1888  fixiert  waren.  Auch  die  Session  1886/87  hätte,  da  das  Septennat
  noch  über  ein  Jahr  giltig  war,  sich  der  Entscheidung  entschlagen
können,  wenn  nicht  die  drohenden  auswärtigen  Verhältnisse  die
Regierung  gezwungen  hätten,  auf  schleunige  und  sehr  bedeutende
Heeresverstärkungen  Bedacht  zu  nehmen.  Hierbei  mußte  sowohl
die  materielle  Frage,  ob  die  Opposition  trotz  ihres  hergebrachten
Jammerns  über  die  Militärlast  gewillt  sei,  jetzt  selber  in  die  Erhöhung
  dieser  Militärlast  zu  willigen,  als  auch  die  formelle,  ob
man  die  Bewilligung  auf  sieben  Jahre  aussprechen  wolle,  oder  ob
die  Regierung  sich  eine  kürzere  Frist  aufzwingen  lassen  werde,  zur
Entscheidung  kommen.  Für  beide  Fraktionen  war  die  Frage  sehr
delikat.  Denn  beide  hatten  in  den  letzten  Jahren  danach  gestrebt,
neben  und  trotz  aller  Opposition  doch  gewisse  Momente  von  Regierungsfähigkeit
  hervorzukehren.  Das  Zentrum  hatte  die  Regierung
thatsächlich  auf  vielen  Gebieten  unterstützt,  die  Gründung  der
„deutsch-freisinnigen“  Partei  vermöge  der  Verschmelzung  des  alten

„Fortschritts“  mit  den  „Sezessionisten“  war  erfolgt  mit  der  unver-Europ.
  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  34
        <pb n="548" />
        530  Neber#t  der  volitischen  Entwichelung  des  Jahres  1887.

holenen  Absicht,  eine  Partei  zu  bilden,  die  einmal  das  Erbe  des
Fürsten  Bismarck  antreten  könne.  Da  man  annehmen  darf,  daß
es  nie  einen  deutschen  Kaiser  geben  wird,  der  an  den  festen  Institutionen
  der  Armee  rütteln  läßt,  so  ist  Nachgiebigkeit  auf  diesem
Punkt  eines  der  ersten  Erfordernisse  der  Regierungsfähigkeit.  Dazu
hatte  man  von  Anfang  an  das  Gefühl,  daß  unter  den  drohenden
auswärtigen  Verhältnissen  das  deutsche  Volk  in  Heeresfragen  sehr
empfindlich  sein  würde.  Man  gab  daher  die  früheren  Oppositions-Prinzipien
  in  der  Heeresfrage  von  vorn  herein  auf  und  erklärte
sich  bereit  zu  Kompromissen.  Aber  ebenso  wie  die  Opposition
ihrer  Schwäche,  so  war  die  Regierung  ihrer  Stärke  in  dieser  Frage
sich  bewußt  und  obgleich  einige  Aeußerungen  des  Kriegsministers
in  den  ersten  Beratungen  fast  so  klangen,  als  ob  die  Regierung
auch  eine  Bewilligung  auf  eine  kürzere  Frist  als  sieben  Jahre  acceptieren
  würde,  so  mußte  man  sich  doch  bald  überzeugen,  daß  die
Regierung  entschlossen  sei,  in  jeder  Beziehung  an  der  vollen  Forderung
  festzuhalten  und  es  auf  eine  Auflösung  ankommen  zu  lassen.

Auch  unter  den  der  Regierung  befreundeten  Parteien  erwartete
  man  anfangs  diesen  Ausgang  nicht.  Man  vermutete,  daß  die
Opposition  materiell  die  ganze  Forderung  der  Regierung  bewilligen
werde,  sei  es  auf  ein,  sei  es  auf  drei  Jahre  und  daß  dadurch  eine
Situation  geschaffen  werde,  welche  für  eine  Auflösung  nicht  günstig
sei.  Für  den  Unterschied  von  Septennat  und  Triennat  werde  der
gemeine  Mann  kein  Verständnis  haben.  Sieben  Jahre  sei  kein
Prinzip  und  zuletzt  hätte  die  kürzere  Frist,  welche  die  Parteien
zwinge  immer  wieder  Farbe  zu  bekennen,  sogar  große  Vorteile.  Die
lange  Frist  gebe  der  Opposition  die  Möglichkeit  ohne  jede  Gefahr
über  den  Druck  der  Militärlast  klagen  zu  können;  die  kurze  zwinge
sie  entweder  wirklich  die  Mittel  zu  versagen  und  sich  dadurch  alle
patriotisch-besonnenen  Elemente  zu  entfremden  oder  zu  bewilligen
und  damit  auf  das  wirksamste  aller  Agitationsmittel  zu  verzichten.


Der  Reichskanzler  aber  sah  schärfer.  Er  erkannte  die  Möglichkeit,
  nicht  nur  das  Septennat  durchzusetzen,  sondern  auch  der
Opposition  eine  solche  Niederlage  beizubringen,  daß  voraussichtlich
für  absehbare  Zeit  nie  wieder  eine  große  Partei  versuchen  wird,
        <pb n="549" />
        Nebersicht  der  polilischen  Enlwickelnns  des  Jahres  1887.  531

die  nötigen  Mittel  für  die  Heeresverwaltung  zu  versagen.  Je  mehr
man  sich  der  Entscheidung  näherte,  desto  größer  wurden  die  Anerbietungen.
  Anfänglich  war  es  das  Zentrum  gewesen,  welches  den
besseren  Kompromiß  anbot,  nämlich  die  ganze  Neuforderung  von
41,000  Mann  auf  ein  Jahr  und  einen  Teil  auf  drei  Jahre;  der
„Freifinn“  wollte  14,000  Mann  streichen.  Unmittelbar  vor  der
Plenarberatung  machte  diese  letztere  Partei  eine  Wendung.  Es
heißt,  Herr  von  Forckenbeck,  der  sich  sonst  ganz  von  den  Verhandlungen
  des  Reichstags  fern  hielt,  sei  in  der  Fraktions-Sitzung  erschienen
  und  habe  nach  heftigem  Kampfe  die  Majorität  auf  seine
Seite  gebracht.  Daß  Kämpfe  in  der  Fraktion  stattgefunden  haben
mußten,  erkannte  man  aus  den  nunmehr  eingebrachten  Anträgen.
Das,  was  man  eigentlich  wollte,  nämlich  die  ganze  Bewilligung
auf  drei  Jahre,  war  in  die  Form  eines  bloßen  Eventual--Antrages
gebracht  und  nicht  von  der  Fraktion,  sondern  nur  von  Herrn
v.  Stauffenberg  persönlich  unterzeichnet.  Daneben  aber  brachte  Richter
ebenfalls  einen  persönlichen  Antrag  ein,  der  durch  Verkürzung  der
Dienstzeit  (Verschiebung  der  Rekruten--Einstellung  auf  den  Januar)
das  Zugeständnis  des  Eventual-Antrages  Stauffenberg  wieder  einschränkte.
  So  glaubte  man  sich  nach  allen  Seiten  zu  decken.  Beharrte
  die  Regierung  auf  der  vollständigen  siebenjährigen  Bewilligung,
  und  trieb  damit  den  Konflikt  zur  Krisis,  so  konnte  man  von
den  Wählern  behaupten,  materiell  alles  bewilligt  zu  haben  und  so
viel  wie  möglich  entgegengekommen  zu  sein.  Zeigte  sich  aber  die
Regierung  zum  Kompromiß  geneigt,  so  konnte  das  Gros  der  Fraktion
  sich  hinter  den  Antrag  Richter  zurückziehen  und  hier  die  alten
Fahnen  des  Anti-Militarismus  wieder  aufpflanzen.

So  fein  diese  Rechnung  war,  so  trog  sie  dennoch.  Zwar
wurden,  sobald  der  Reichskanzler  vor  dem  Plenum  des  Reichstages
erklärt  hatte,  daß  die  Regierung  keinerlei  Kompromiß  annehmen
werde,  alle  anderen  Anträge  zurückgezogen  und  der  Eventualantrag
Stauffenberg  auf  volle  Bewilligung  für  drei  Jahre  von  beiden
Oppofitionsparteien  angenommen;  die  Parteien  hatten  damit  das
HOpfer  aller  ihrer  Traditionen,  aller  ihrer  Prinzipien  gebracht;  der
materielle  Unterschied  gegen  die  Regierungsforderung  war  auf  ein

Minimum  herabgedrückt  —  es  war  alles  vergeblich.  In  solchen
34“
        <pb n="550" />
        532  Mebersict  der  volitischen  Entwmickelunz  des  Jahres  1887.

Elementarfragen  entscheiden  keine  parlamentarisch-diplomatischen
Finasserien,  sondern  der  populäre  Instinkt.  Das  war  es,  was  der
große  Menschenkenner  Bismarck  vorausgesehen  hatte.  Als  der  Reichstag
  nach  einer  gewaltigen  dreitägigen  Redeschlacht  aufgelöst  war
(14.  Januar)  und  das  Volk  zur  Neuwahl  berufen  wurde,  da  half
es  den  oppositionellen  Kandidaten  gar  nichts,  daß  sie  versicherten
„wir  haben  jeden  Mann  und  jeden  Groschen  bewilligt.“  Gewiß  nur
eine  kleine  Minderzahl  der  Wähler  war  im  stande,  sich  den  materiellen,
politischen  und  moralischen  Unterschied  von  Triennat  und  Septennat
klar  zu  machen;  oder  darauf  zu  achten,  daß  die  Bewilligung  erst
ausgesprochen  war,  als  man  wußte,  daß  sie  so  nicht  angenommen
werden  würde:  aber  sie  stimmten  gegen  die  Oppositions-Kandidaten,
weil  ihnen  die  Auflösung,  die  gewaltige  Bewegung  selbst  sinnlich
vor  die  Augen  führte,  daß  es  sich  hier  um  einen  großen  tiefen
Gegensatz  handle,  daß  das  Streitobjekt  die  Stärke  der  Armee  sei
und  sie  in  einem  solchen  Streit  unbedingt  für  die  Armee  gemäß  der
Autorität  ihrer  Führer  eintreten  wollten.

Eine  besondere  Bedeutung  erhielt  die  Wahlbewegung  noch
dadurch,  daß  sie  die  bestehenden  Parteien  in  eine  etwas  andere
Gruppierung  brachte.  Schon  seit  Jahren  hatte  sich  der  Riß  zwischen
den  Nationalliberalen  und  dem  Deutsch-Freisinn  immer  mehr  erweitert
  und  der  Ruf  nach  Zusammenschluß  zu  einer  „großen  liberalen
Partei“  war  allmählich  verstummt.  Die  Scheidung  der  Parteien
in  septennatsfeindliche  und  freundliche  führte  nun  definitiv  die
Nationalliberalen  zum  Anschluß  an  die  Konservativen.  In  den
beiden  letzten  Reichstagen  hatte  jene  Partei  nur  eine  untergeordnete
Rolle  gespielt;  sie  war  auf  eine  Stärke  von  50  Mann  herabgesunken,
deren  Votum  keine  Bedeutung  zukam.  Denn  ging  das  Zentrum
mit  den  Konservativen,  so  bedurfte  man  ihrer  nicht;  blieb  das  Zentrum
in  der  Opposition,  so  half  auch  die  Unterstützung  der  Nationalliberalen
nichts.  Wohl  hauptsächlich  in  der  Empfindung  der  Machtlosigkeit
hatten  die  hervorragendsten  Politiker  der  Partei  wie  Bennigsen  und
Miquel  sich  vom  parlamentarischen  Schauplatz  zurückgezogen.  Jetzt
war  der  Moment,  wo  die  Partei  wieder  groß  werden  konnte.  Die
beiden  genannten  Herren  erklärten  sich  zur  Wiederannahme  eines
Mandates  bereit  und  schlossen  mit  den  Vertretern  der  konservativen
        <pb n="551" />
        Hebersicht  der  pelitischen  Eniwichelnng  des  Jahres  1887.  533

und  der  Reichspartei  ein  „Kartell“  ab,  wonach  diese  drei  Parteien
sich  im  Wahlkampf  gegenseitig  unterstützen  wollten  (vgl.  Mitte
Januar  S.  60).  In  Berlin  traten  die  bisherigen  Leiter  der  populären
  Bewegung  Stöcker  und  Cremer  von  der  Kandidatur  zurück,
um  den  Nationalliberalen  zu  ermöglichen,  mit  den  Konservativen
zusammen  zu  gehen.  An  anderen  Stellen  unterdrückte  die  nationalliberale
  Zentralleitung  lokale  Versuche  ihrer  Parteigenossen,  gegen
Konservative  aufzutreten.

Das  Resultat  war  ein  glänzender  Sieg  der  Kartell-Parteien,
welche  etwa  70  Sitze  und  damit  20  Stimmen  über  die  absolute
Majorität  gewonnen.  Die  Nationalliberalen  verdoppelten  sich  geradezu,
  sie  kamen  von  50  auf  fast  100  Stimmen.  Den  Hauptverlust
erlitt  die  deutsch-freisinnige  Partei,  welche  von  72  (mit  der  Volkspartei)
  auf  32  Stimmen  reduziert  wurde.  Auch  von  diesen  32  Stimmen
hatte  sie  keine  sechs  aus  eigener  Kraft  behauptet,  alle  anderen,
nicht  weniger  als  18  sogar  erst  in  der  Stichwahl,  nur  durch  die
Hilfe  von  Ultramontanen  oder  Sozialdemokraten.  Die  Sozialdemokraten
  wurden  von  25  auf  11  Plätze  reduziert  und  verloren
namentlich  alle  ihre  alten  Sitze  im  Königreiche  Sachsen,  welches
Land  überhaupt  mit  Ausnahme  einer  einzigen  Stichwahl  nur  Kartell-Kandidaten
  wählte.  In  Hannover  verloren  die  Welfen  von  ihren
11  Sitzen  sechs  an  das  Kartell.  Eine  Niederlage  erlitt  die  Regierung
  allein  in  Elsaß-Lothringen,  wo  nicht  nur  kein  deutscher
Kandidat  gewählt  wurde,  sondern  sogar  der  einzige  Elsässer,  der
für  das  Septennat  eingetreten  war,  Herr  v.  Bulach  durchfiel.  Das
Ergebnis  war  insoferne  natürlich,  als  das  stärkste  Motiv  in  Altdeutschland,
  Stärkung  der  militärischen  Rüstung  gegen  Frankreich,
in  den  Reichslanden  nicht  nur  wegfiel,  sondern  sich  eher  in  das
Gegenteil  verkehrte.  Als  einige  Monate  darauf  der  protestlerische
Vertreter  von  Straßburg  Kablé  starb,  wurde  fast  ohne  Widerspruch
sein  ehemaliger  Gegenkandidat  Petri  gewählt,  der  sich  im  Reichstag
der  national-liberalen  Fraktion  anschloß  (vgl.  21.  Juli).

Eine  wenig  erquickliche  Episode  im  Septennats-Wahlkampf
bildete  die  Einmischung  des  Papstes.  Schon  lange  vor  der  entscheidenden
  Verhandlung  im  Reichstag  (3.  Jan.  vgl.  9.  Februar
S.  80)  hatte  der  Kardinal  Jakobini  im  Auftrage  des  Papstes  eine
        <pb n="552" />
        534  Aeberscht  der  politischen  Entwicheluns  des  Jahres  1887.

Note  an  den  Nuntius  in  München  gerichtet  und  ihm  den  Wunsch
des  heiligen  Vaters  ausgedrückt,  daß  das  Zentrum  für  das  Septennat
  stimmen  möge.  Der  Nuntius  hatte  diesen  Wunsch  dem  Freiherrn
  von  Franckenstein  mitgeteilt,  Letzterer  jedoch  hat  es  nicht  für
nötig  gehalten,  die  Fraktion  des  Zentrums  davon  in  Kenntnis  zu
setzen.  Wie  er  später  behauptete,  ist  ihm  auch  selbst  nicht  der  Wortlaut
  der  Note  übergeben  worden  (vgl.  15.  Februar).  Das  Zentrum
ging  also  in  die  Abstimmung,  ohne  von  den  Intentionen  des  Papstes
informiert  zu  sein.  Zur  Rechtfertigung  dieses  Verhaltens  hatte  der
Freiherr  von  Franckenstein  ein  Schreiben  nach  Rom  gerichtet,  worin
er  sich  darauf  berief,  daß  das  Zentrum  in  weltlichen  Angelegenheiten
  keine  Befehle  von  Rom  anzunehmen  brauche  und  sich  auflösen
  würde,  wenn  man  es  von  Rom  anders  verlange.  Unter  aller
Anerkennung  der  Verdienste  des  Zentrums  und  der  Notwendigkeit
seines  ferneren  Bestehens  antwortete  hierauf  Jakobini  (21.  Januar),
daß  auch  solche  Fragen  wie  das  Septennat  in  engem  Zusammenhang
  mit  kirchlichen  und  religiösen  Fragen  stünden  und  verlangte
zum  Schluß  in  ziemlich  scharfer  Weise,  daß  dieses  Schreiben  der
Fraktion  zur  Kenntnis  gebracht  werde.  Beide  Schreiben  wurden
darauf,  und  zwar  erst  das  zweite  (4.  Februar)  und  dann  das  erste
(9.  Februar)  publiziert.

Als  der  Fürst  Bismarck  zuerst  in  einer  Rede  im  Abgeordnetenhause
  (24.  Januar  S.  74)  eine  Andeutung  machte,  daß  der
Papst  mit  der  Haltung  des  Zentrums  nicht  zufrieden  sei,  hatte  die
Parteipresse  solche  Möglichkeit  mit  lautem  Hohn  zurückgewiesen.
Die  „Schles.  Volks-Ztg.“  hatte  gefragt:  „für  was  hält  man  denn
Leo  XIII.  für  einen  eitlen  Greis,  der  sich  durch  einige  Schmeicheleien
den  Kopf  verdrehen  läßt?“  Die  nun  folgende  Enthüllung  machte
einen  gewaltigen  Eindruck  (vgl.  6.  Februar).  Unter  den  Zentrumsgliedern,
  die  nicht  ins  Vertrauen  gezogen  waren,  machte  sich  große
Erregung  bemerkbar.  Mehrere  Bischöfe  traten  der  geistlichen  Agitation
  entgegen.  Dennoch  hatte  der  ganze  Zwischenfall  auf  das
Wahlergebnis  keinen  Einfluß.  In  einigen  Kreisen  hatte  man  versucht
  den  Zentrumsmitgliedern  „Septennats-Katholiken“  entgegenzustellen,
  die  auch  von  den  Liberalen  unterstützt  wurden,  aber  nirgends
  erlangte  ein  solcher  Kandidat  die  Majorität.  In  den  Stich-
        <pb n="553" />
        Nebersicht  der  politischen  Estwickelung  des  Jahres  1887.  535

wahlen  stimmten  die  ultramontanen  Wahlmassen  ganz  wie  früher
für  die  deutsch-freisinnigen  und  sozialdemokratischen  Kandidaten  (vgl.
26.  Februar).  Selbst  als  in  dem  neugewählten  Reichstag  das  Septennat
  von  neuem  zur  Abstimmung  kam,  stimmten  vom  Zentrum
nur  sieben  dafür  und  83  enthielten  sich  der  Stimme.  So  geschah
es,  daß  zuletzt  gegen  die  so  heftig  bekämpfte  Septennats-Vorlage,
ohne  daß  die  Regierung  sie  nur  neubegründet,  ohne  daß  sie  wieder
in  einer  Kommission  beraten  wäre  nur  31  Stimmen  abgegeben
wurden.  Die  dritte  Lesung  war  bereits  acht  Tage  nach  Eröffnung
des  Reichstags  (11.  März).

Unter  den  Erwägungen,  welche  Jakobini  in  seiner  Note  für  Kulturdas

  Septennat  anführte,  stand  an  erster  Stelle,  daß  die  preußische  kampf.
Regierung  die  im  Jahre  1886  in  Aussicht  genommene  Weiterführung
der  Reform  der  kirchlichen  Gesetzgebung  zugesagt  habe.  Die  Vorlage
ließ  auch  nicht  lange  auf  sich  warten  (22.  Februar);  ihr  Hauptinhalt
  war,  neben  vielfachen  Einzelnheiten  in  der  Reduktion  des
staatlichen  Einflusses  auf  die  Kirche,  die  Wiederzulassung  der  Mönche
und  Nonnen  (vgl.  Anf.  August).  Im  Herrenhaufe  wurde  sie  mit
Amendements  des  Bischofs  Kopp  angenommen  (4.  März,  23.  März).
Im  Abgeordnetenhause  kam  es  darauf  an,  ob  das  Zentrum  selbst
dafür  stimmen  werde,  da  ein  Teil  der  Freikonservativen  und  die
Nationalliberalen  ihre  Zustimmung  versagten.  Die  Intransigenten
im  Zentrum  hätten  gern  das  Zustandekommen  des  Gesetzes  verhindert
  (vgl.  9.  April),  aber  die  positive  Willenserklärung  des
Papstes  (vgl.  7.  April  und  21.  April)  erzwang  die  Zustimmung.
Wie  stark  die  Spannung  zwischen  der  Kurie  und  dem  Zentrum  sei,
kam  erst  zu  Tage,  als  zur  Feier  des  90jährigen  Geburtstages  des
Kaisers  ein  Abgesandter  des  Papstes,  Galimberti,  in  Berlin  war,
der  einen  intimen  Verkehr  nicht  mit  Windthorst  und  den  Führern
des  Zentrums,  sondern  mit  katholischen  Magnaten,  die  im  Kulturkampf
  auf  Seiten  der  Regierung  gestanden  hatten,  pflegte.

Die  Aussöhnung  des  Staates  mit  der  katholischen  Kircheangel.
hatte  bereits  im  Jahre  1886  (vgl.  20.  Mai  1886  und  Seite  453  Kirche.
Jahrgang  1886)  in  evangelischen  Kreisen  die  Forderung  angeregt,
ihrer  Kirche  eine  annähernd  ähnliche  Selbständigkeit  gegenüber  dem
Staat  zu  verschaffen.  Trotz  des  Widerstandes  der  Regierung  ging
        <pb n="554" />
        Elsaß=Lothrin=



536  Mebersicht  der  polilischen  Eutwickelung  des  Jahres  1887.

diese  Bewegung  auch  im  Jahre  1887  fort,  führte  zu  Beschlüssen
im  Herrenhause  (vgl.  18.  März)  zu  einer  Resolution  der  landeskirchlichen
  Versammlung  (26.  April)  und  wiederum  zu  einem  Protest
dagegen  von  seiten  der  Liberalen  (vgl.  Anf.  Januar  S.  147).  Eine
andere  Rückwirkung  des  „Kulturfriedens“  war  die  Stiftung  des
„Evangelischen  Bundes“  unter  Führung  des  Professors  Beyschlag
in  Halle  (Januar  Seite  2;  vergl.  16.  August  und  Anfang  November).


Ein  Zwischenspiel  in  dem  Kampf  um  das  Septennat  sei  an
dieser  Stelle  noch  erwähnt,  nämlich  der  Versuch  des  Zentrums,  die
Theologen  vom  Militärdienst  frei  zu  machen.  Hätte  die  Regierung
ein  Kompromiß  angenommen,  so  würde  dies  eine  der  Bedingungen
des  Zentrums  gewesen  sein.  Da  war  es  nun  hbchst  charakteristisch,
daß  gegen  diese  katholische  Forderung  die  gesamte  evangelische  Geistlichkeit
  sich  wie  ein  Mann  erhob  und  in  Petitionen  gegen  diese
Befreiung  von  der  allgemeinen  Bürgerpflicht,  als  Erniedrigung  ihres
Standes  protestierte.

In  den  Reichslanden  Elsaß-Lothringen  brachte  die  aufgeregte
Zeit  eine  innere  Krisis  zum  Ausbruch.  Die  Erwartung,  daß  der
Revanchekrieg  vor  der  Thür  stehe,  hatte  naturgemäß  alle  in  der
Bevölkerung  noch  schlummernde,  hier  und  da  vielleicht  schon  im
Absterben  begriffene  Sympathie  für  Frankreich  zu  neuem  Leben  erweckt.
  In  fortwährenden  Demonstrationen  und  kleinen  Widersetzlichkeiten
  machte  sich  diese  Stimmung  geltend  und  kam  namentlich
in  dem  Ausfall  der  Reichstagswahlen  massiv  zum  Vorschein.  Vergleicht
  man  den  Ausfall  dieser  Wahlen  mit  den  letzten,  so  ist  keineswegs
  ein  Rückgang,  eher  ein  Fortschritt  der  deutschen  Stimmen  zu
konstatieren  (vol.  Preuß.  Jahrbücher  Bd.  59  S.  359),  aber  verleitet
durch  den  Ausfall  der  Gemeindewahlen  im  vorigen  Jahr  und  die
Eindrücke  bei  dem  letzten  Besuche  des  Kaisers  hatte  man  ein  sehr
viel  günstigeres  Resultat  erwartet.  Man  schob  die  Schuld  des
ganzen  Zustandes  auf  das  Regierungssystem  des  vorigen  Statthalters
v.  Manteuffel  und  beschloß,  nachdem  eine  Zeit  lang  der  Gedanke
ventiliert  war,  die  Lande  ganz  mit  Preußen  zu  verschmelzen,  die
bisherige  Verfassung  zwar  bestehen  zu  lassen,  aber  die  Zügel  straffer
anzuziehen.  Mehrere  der  bisherigen  leitenden  höchsten  Beamten,
        <pb n="555" />
        Nebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1887.  537

namentlich  der  Minister  von  Hofmann  traten  von  ihren  Stellungen
zurück  (vgl.  15.  März  S.  105,  S.  108).

Die  Aufgabe,  welche  nach  dem  Septennat  den  neuen  Reichs-Steuertag
  am  meisten  beschäftigte,  war  die  Beschaffung  der  Geldmittel  für  besete,
die  neue  Rüstung  und  die  seit  so  vielen  Jahren  vergeblich  angestrebte
Verstärkung  der  Finanzkraft  des  Reiches  überhaupt.  Man  nahm
zu  dem  Zweck  von  neuem  die  Reform  der  Branntwein=  und  der
Zuckersteuer  in  Angriff.  Das  Problem  der  Branntweinsteuer  besteht
darin,  den  richtigen  Träger  für  die  Verauslagung  der  Steuer  zu
gewinnen.  Die  Steuer  selbst  beträgt  das  mehrfache  (zur  Zeit  das
vierfache)  des  eigenen  Werts  des  Produkts;  kein  kleiner  Brenner
oder  Händler  hat  so  viel  Betriebskapital  oder  Kredit,  ein  so  enorm
belastetes  Produkt  mit  einem  solchen  Risiko  zu  betreiben.  Die  Lage
wurde  noch  dadurch  erschwert,  daß  die  Spirituspreise  ganz  außerordentlich
  niedrig  standen,  die  Brenner  also  ohnehin  in  Verlegenheit
  waren  und  voraussichtlich  durch  die  zu  erwartende  (glücklicherweise
  zu  erwartende)  Konsumbeschränkung  noch  mehr  geschädigt
wurden.  Die  einzige  vollständige  Lösung  des  Problems  hätte  das
Monopol  geboten;  da  dieses  aber  einmal  verbraucht  war,  so  war
man  auf  einen  anderen  Ausweg  verfallen.  Man  schätzte  alle  bestehenden
  Brennereien  nach  ihrer  bisherigen  Produktion  ein  und  gab
ihnen  für  einen  bestimmten  Prozentsatz  ein  sehr  erhebliches  Steuerprivileg.
  Der  Prozentsatz  war  so  gegriffen  (4  ½  Liter  auf  den  Kopf
der  Bevölkerung  im  Ganzen),  daß  die  privilegierte  Portion  nicht
ausreichte  für  den  Konsum.  Der  Gewinn  aus  der  Differenz  der
ersten  und  zweiten  Steuerportion  (zu  50  und  70  Mark  das  Hektoliter)
  mußte  daher  mit  je  20  Mark  der  Brennerei  als  Gewinn  zufallen
  und  sollte  sie  für  die  sonst  durch  das  Gesetz  auferlegte  Last
entschädigen.  Auf  nicht  weniger  als  34  Millionen  Mark  jährlich
wurde  die  Summe  berechnet,  auf  die  der  Staat  zu  Gunsten  der
Brenner  verzichtet.  Alle  drei  Jahre  soll  eine  Revision  dieser  Bestimmungen
  stattfinden.  Schon  diese  Bestimmung  zeigt,  daß  das
Gesetz  kein  definitives  ist  und  es  ist  sicherlich  nicht  auf  die  Dauer
haltbar.  Die  kleineren  Brenner  und  Händler  können  trotz  der
enormen  Opfer  des  Staates  nicht  dabei  bestehen.  Schon  im  Herbst
wurde  von  einem  Konsortium  von  Geldleuten  und  Brennern  ver-
        <pb n="556" />
        Kunstbutter.


Getreide-




538  Kebersicht  der  yolitischen  Eulwichelnus  des  Jahres  1887.

sucht,  durch  Vereinigung  aller  Brenner  einen  Ring,  eine  Art  Privat-Monopol
  zu  schaffen,  aber  der  Versuch  mißlang.  In  kleinerer  Form
wurde  darauf  im  Winter  der  Versuch  erneuert.  Wohin  die  Entwickelung
  führen  wird,  ist  nicht  abzusehen.  Immerhin  hatte  zunächst
das  Kartell  es  fertig  gebracht,  dem  Reich  aus  dem  Branntwein
eine  neue  Einnahme  von  100  Millionen  zu  verschaffen  (vgl.  5.  Mai,
13.  Juni,  Ende  August,  22.  September).

Mit  dem  Zucker  war  die  Aufgabe  leichter,  da  die  Regierung
endlich  den  bisher  hartnäckig  festgehaltenen  Standpunkt  der  Materialsteuer
  fallen  ließ.  Diese  Steuer  wurde  auf  die  Hälfte  herabgesetzt,
womit  eo  ipso  die  Ausfuhr-Prämie,  die  bisher  die  größere  Hälfte
der  Steuer  wieder  verschlungen  hatte,  auf  die  Hälfte  reduziert
wurde.  Daneben  wurde  eine  Konsumsteuer  von  10  Mark  auf
100  Kilogramm  eingeführt.  (Vgl.  25.  Mai,  16.  Juni.)  Der  Ertrag
  der  Konsumsteuer  wurde  auf  40  Mill.  Mark  veranschlagt;  die
noch  bleibende  Materialsteuer  mag  zwischen  Null  und  20  Millionen
im  Ertrage  schwanken.

Ein  eigentümliches  Gesetz  dieser  Session  ist  noch  das  Kunstbutter-Gesetz.
  Seit  längeren  Jahren  ist  ein  Verfahren  bekannt,  aus
Rindertalg  durch  einen  chemischen  Prozeß  eine  der  Butter  höchst  ähnliche
  Substanz  auszusondern.  Gegen  dieses  Produkt  ist  an  sich
durchaus  nichts  einzuwenden,  aber  es  wurde  in  einer  doppelten  Hinsicht
  gemißbraucht,  dadurch  daß  es  unter  wirkliche  Butter  gemischt
wurde  und  dadurch,  daß  ekelhafte  Substanzen  zur  Herstellung  verwendet
  wurden.  Namentlich  die  Landwirte  führten  Klage,  weil  die
Kunstbutter  auf  den  Preis  der  ächten  Butter  drückte.  Die  Regierung
brachte  deshalb  einen  Gesetzentwurf  ein,  der  strenge  Vorschriften
darüber  enthielt,  daß  Kunstbutter  oder  Margarine  sowie  jede  Mischung
  dieses  Produkts  mit  echter  Butter  nur  unter  jenem  Namen
verkauft  werden  dürfe.  Der  Reichstag  ging  aber  noch  einen  Schritt
weiter  und  verbot  die  Mischung  von  Butter  und  Margarine  im
Handel  überhaupt,  da  sonst  die  Täuschung  nicht  zu  unterdrücken
sei  (20.  Mai).

Hatten  bei  diesem  wie  beim  Branntwein=  und  Zuckersteuer-Gesetz
  die  agrarischen  Interessen  eine  nicht  geringe  Rolle  gespielt,
so  stand  doch  noch  eine  viel  bedeutendere  agrarische  Frage  im  Hin-
        <pb n="557" />
        KHebersicht  der  yvolitischen  Eutwickelnns  des  Jahres  1887.  539

tergrund.  Die  Getreidepreise  sind  in  den  letzten  Jahren  fortwährend
immer  weiter  so  sehr  gesunken,  daß  selbst  die  Verdreifachung  des
Zolles  im  Jahre  1885  dadurch  wieder  überholt  wurde  und  die
Preise  viel  tiefer  standen  als  vor  dem  Zoll.  Daraufhin  wurde
schon  im  Frühling  im  Preußischen  Staatsministerium  der  Beschluß
gefaßt,  abermals  eine  Zollerhöhung  zu  beantragen  und  der  Minister
Lucius  verkündigte  diesen  Beschluß  im  Abgeordnetenhause  (5.  Mai).
Aber  die  Führer  der  nationalliberalen  Partei  versagten  ihre  Mitwirkung
  und  da  man  des  Zusammenhalts  des  Kartells  für  die
Branntwein=  und  Zuckersteuer  nicht  entbehren  konnte,  so  wurde  der
Plan  zurückgestellt.  Die  Spekulation  machte  sich  natürlich  die  vorzeitige
  Ankündigung  zu  Nutzen  und  schaffte  während  des  Sommers
und  Herbsts  noch  große  Mengen  Getreide  hinein.  Bei  der  Eröffnung
  der  neuen  Reichstagssession  im  November  kam  nun  diese  Frage
zuerst  auf  die  Tagesordnung.  Da  das  Gros  der  Nationalliberalen
sich  versagte,  so  war  die  Regierung  genötigt,  sich  an  das  Zentrum
zu  wenden  und  so  wurde  Herr  Windthorst  trotz  aller  Niederlagen
im  Frühjahr  im  Herbst  wieder  der  Führer  des  Hauses.  Er  setzte
die  Vorschläge  der  Regierung  in  den  Hauptposten  Waizen  und
Roggen  von  6  auf  5  Mark  herab.  Dieses  Zollgesetz  wird  in  mehrfacher
  Beziehung  eine  sehr  bedeutende  Rolle  in  der  deutschen  Geschichte
  spielen.  Einmal  zeigt  es  die  Grenzen  des  „Kartells“.  Nicht
den  Kern  einer  dauernd  maßgebenden  großen  gemäßigten  Partei
wird  das  Kartell  bilden,  sondern  ein  Abkommen  für  bestimmte
Zwecke  unter  den  weiter  bestehenden  drei  besonderen  Parteien.  Die
Regierung  aber  wird  infolgedessen  nicht  von  dem  „NKartell“  ihre
Impulse  empfangen,  sondern  abwechselnd  bald  mit  dieser,  bald  mit
jener  Majorität,  bald  mit  Hülfe  der  Nationalliberalen,  bald  des
Zentrums  ihre  Absichten  durchzusetzen  suchen.  Ferner  aber  ist  auch
materiell  das  Zollgesetz  höchst  wichtig.  Zwar  sind  zunächst  trotz
der  Erhöhung  auf  50  Mark  die  Getreidepreise  weit  unter  dem  in
Deutschland  herkömmlichen  Durchschnittspreis  geblieben,  aber  es
wird  die  Zeit  kommen,  wo  die  Getreidepreise  wieder  steigen  und  da
in  dem  Gesetz  keinerlei  Vorsorge  für  diese  Eventualität  getroffen
ist,  so  kann  der  Fall  eintreten,  daß  vermöge  des  Zolles  eine  Verteuerung
  des  Brotes  einfällt.  Eine  tiefe  Rückwirkung  auf  das  poli-
        <pb n="558" />
        510  Mebersicht  der  pelitischen  Eatwigelung  des  Jahres  1887.

tische  Leben  überhaupt  und  die  Beziehungen  der  Parteien  kann  dann
nicht  ausbleiben.

Sozial=  Die  Sozial-Gesetzgebung  wurde  in  dieser  Session  durch  zwei

gesehe,  besonders  schwierige  Erweiterungen  ausgebaut,  die  Unfallversicherung
der  Seeleute  und  derjenigen  Bauarbeiter,  welche  nicht  im  Dienste
eines  zur  Berufsgenossenschaft  gehörigen  Arbeitgebers  arbeiten.  Für
die  Seeleute  wurde  festgesetzt,  daß  der  neunmonatliche  Heuer  mit
einem  Zuschlag  von  zwei  Fünfteln  für  Beköstigung  als  Jahresverdienst
  gelte;  für  die  Relikten  aber  der  Zweifünftel-Zuschlag  nicht
in  Anrechnung  kommen  solle.  Diese  formelle  Benachteiligung  schien
richtig,  weil  in  dem  hohen  Lohne  der  Seeleute  eine  gewisse  Gefahren=Prämie
  stecke  und  erfahrungsmäßig  die  Witwen  der  Matrosen
meistens  jung  sind  und  Nebenverdienst  haben.  Für  die  Versicherung
der  Arbeiter  in  Regiebauten  wurden  die  Gemeinden  als  Zwischenglieder
  und  Träger  eingeschoben,  da  es  unmöglich  ist,  alle  diejenigen,
die  einmal  irgend  eine  kleine  Bauausführung  oder  Erdarbeit  machen
lassen,  zu  einer  Genossenschaft  zu  vereinigen.  Für  Fälle,  die  nicht
in  die  Gemeinde-Versicherung  passen,  wie  z.  B.  ein  Kanal-Bau,
wurde  den  Bauherrn  Versicherung  mit  dem  Kapital-Deckungs-Verfahren
  auferlegt.

Krank-  Eine  schmerzliche  Bewegung  ging  durch  das  ganze  deutsche

keit  des  Volk,  als  im  Mai  erst  gerüchtweise,  dann  immer  bestimmter  die

prinzen.  Nachricht  von  einer  schweren  Erkrankung  des  Kronprinzen  sich  verbreitete.
  Die  ärztlichen  Autoritäten,  welche  zugezogen  waren,  hatten
Kehlkopfkrebs  diagnostiziert  und  wollten  zur  Exstirpation  schreiten.
Im  letzten  Augenblick  wurde  noch  der  englische  Spezialist  Morell
Mackenzie  zugezogen  und  kam  auf  Grund  einer  mikroskopischen  Untersuchung,
  welche  Professor  Virchow  mit  exstirpierten  Teilen  vornahm,
zu  dem  Ergebnis,  daß  keinerlei  ernstliche  Gefahr  vorliege.  (Vergl.
16.  Juni.)  Im  November,  während  eines  Aufenthalts  in  San  Remo,
Villa  Zirio,  zeigt  sich  die  Krankheit  von  neuem  in  höchst  besorgniserregender
  Weise  und  diesmal  kamen  alle  zugezogenen  Aerzte,
auch  Mackenzie,  zu  dem  Ergebnis,  daß  sie  carcinomatöser  Natur
sei.  (Vgl.  S.  177.)  Ganz  Deutschland  war  erfüllt  von  lautem
Schmerz,  daß  sein  Held  und  seine  Hoffnung,  dieser  Mann,  den
Natur  und  Thaten  zur  erhabensten  Mission  bestimmt  erscheinen
        <pb n="559" />
        Nebersicht  der  politischen  Eulwichelnus  des  Jahres  1887.  541

ließen,  so  jammervoll  zu  Grunde  gehen  solle.  Weit  über  die  deutschen
  Grenzen  hinaus,  namentlich  in  dem  befreundeten  Oesterreich-Ungarn
  gab  sich  laute  Teilnahme  kund.  Da  der  bösartige  Charakter
der  Krankheit  sich  nicht  weiter  entwickelte,  im  Gegenteil  die  Oedeme
wieder  schwanden,  Vernarbungen  eintraten,  so  erwuchs  auch  allmählich
  wieder  die  Hoffnung,  daß  die  Aerzte  sich  doch  noch  getäuscht
und  eine  weniger  gefährliche  Krankheit  zu  Grunde  liege.  Man  vermutete
  jetzt  Knorpelhautentzündung  (Perichondritis).  Der  Kronprinz
selbst  ließ  den  Mut  nicht  sinken  und  während  sonst  die  Umgebung
den  Kranken  zu  trösten  und  aufzurichten  pflegt,  so  war  es  hier  der
Kranke,  der  seinem  völlig  verzweifelten  Volk  etwas  von  seiner  eigenen
Zuversicht  mitzuteilen  suchte.  (Vgl.  das  Telegramm  an  den  Reichstag
  S.  188  und  das  Schreiben  an  den  Geh.  R.  Hinzpeter  S.  194.)

Ein  eigentümlicher  Streit  knüpfte  sich  gegen  Ende  des  Jahres  FPrinz
an  den  Namen  des  Prinzen  Wilhelm.  Bei  dem  General  Grafen  Kal.
Waldersee  fand  eine  Versammlung  statt  zum  Zweck  der  Beschaffung
pekuniärer  Mittel  für  die  innere  Mission,  an  welcher  der  Prinz
und  die  Prinzessin  Wilhelm  teilnahmen.  Den  Bericht  der  „Post“
über  den  Verlauf  der  Versammlung  haben  wir  oben  wiedergegeben.
In  der  Kreuz-Zeitung  lautete  er  folgendermaßen:

„Nach  einigen  einleitenden  Worten  des  Grafen  Waldersee
nahmen  S.  K.  H.  der  Prinz  Wilhelm  selbst  das  Wort:  „  daß
gegenüber  den  grundstürzenden  Tendenzen  einer  anarchischen  und  glaubenslosen
  Partei  der  wirksamste  Schutz  von  Thron  und  Altar  in  der
Zurückführung  der  glaubenslosen  Massen  zum  Christentum  und  zur
Kirche  und  damit  zu  der  Anerkennung  der  gesetzlichen  Autorität
und  der  Liebe  zur  Monarchie  zu  suchen  sei.  Der  christlich-soziale
Gedanke  sei  deshalb  mit  mehr  Nachdruck  noch  als  bisher  zur  Geltung
  zu  bringen  und  die  Stadtmission  nicht  nur  in  Berlin,  sondern
auch  in  andern  großen  Städten,  welche  dieses  segensreiche  Werk
bisher  in  erster  Reihe  gefördert  haben,  bedürfe  daher  einer  kräftigeren
Unterstützung  als  bisher  seitens  aller  christlich  und  monarchisch  gefinnten
  Elemente  ohne  Unterschied  der  Parteien.“

Die  Bewegung,  welche  sich  an  diesen  Bericht  knüpfte,  schilderte
die  Germania  folgendermaßen:  Anfänglich  habe  nur  die  jüdischliberale
  Presse  den  Vorgang  im  politischen  Sinne  öffentlich  behan-
        <pb n="560" />
        Kolonial-



Oesterreich.


542  Kebersict  der  yolitisczen  Enlwickelung  des  Jahres  1887.

delt  und  als  Parteinahme  des  Prinzen  Wilhelm  für  die  Richtung
Stöckers  ausgegeben,  gesprochen  sei  darüber  auch  in  allen  politischen
Kreisen,  in  parlamentarischen  wie  außerparlamentarischen  in  eben
diesem  Sinne.  Dann  habe  der  „Reichsbote“  ausgeführt,  wie  die
„liberale  Wissenschaft“,  die  „liberale  Presse  und  Litteratur“  naturalistische
  Anschauungen  in  die  Volksmassen  getragen  und  deshalb
alles  bergab  gehe.  Die  Sozialreform  müsse  auch  eine  religiöse  sein
und  ihr  Träger  sei  die  Stadtmission.  Damit  habe  der  „Reichsbote“
  die  Waldersee'sche  Versammlung  zu  einer  politischen  gestempelt
und  den  Prinzen  Wilhelm  zum  Parteimann  gemacht.  In  einem
außerordentlich  scharfen  Artikel  über  „Stöckerei  und  Muckerei“  warf
sich  die  Post  dieser  Auslegung  entgegen  (vgl.  24.  Dez.)  und  gab
dadurch  Veranlassung  zu  einem  leidenschaftlichen  Zeitungskrieg,  der
erst  im  nächsten  Jahr  einen  vorläufigen  Abschluß  und  Aussöhnung
fand.

Die  deutsche  Kolonial-Politik  machte  in  diesem  Jahre  nicht
unwesentliche  Fortschritte.  Es  wurde  eine  kapitalkräftige  Gesellschaft
für  Ostafrika  gebildet  (24.  Februar)  und  die  beiden  bisher  rivalisierenden
  Kolonial-Gesellschaften  verschmolzen  sich  zu  einer  einzigen
(S.  179).  Noch  wichtiger  wird  sich  vielleicht  in  Zukunft  die  Thatsache
  erweisen,  daß  in  dem  schon  halb  wieder  aufgegebenen  Südwest-Afrika
  Goldadern  entdeckt  wurden  (S.  1760).

Die  äußere  Politik  Oesterreichs  wird  noch  ausschließlicher  als
diejenige  Deutschlands  von  dem  an  der  bulgarischen  Frage  in  Brand
geratenen  allgemeinen  europäischen  Problem  beherrscht,  weil  für
Oesterreich  die  bulgarische  Frage  nicht  bloß  indirekt,  sondern  auch
direkt  eine  vitale  ist.  Was  also  über  die  auswärtige  Politik  Oesterreichs
  zu  sagen  war,  ist  schon  bei  der  allgemeinen  europäischen
Politik  zur  Sprache  gekommen.  Hinzuzufügen  wäre  hier  vielleicht
noch  ein  Wort  über  die  Art  des  Zusammenwirkens  der  österreichischen
  und  der  deutschen  Politik.

Es  dürfte  sich  korrekt  dargestellt  finden  in  einem  Artikel  des
offiziösen  Pesther  Lloyd  (v.  22.  Sept.)  nach  dem  Besuche  des  Grafen
Kalnoky  in  Friedrichsruh,  wo  es  heißt:  „Divergenzen,  wenn  sie
vorgekommen  sind,  konnten  lediglich  Detailfragen  betreffen,  und  auch
diese  wurden  jedesmal  rasch  und  freundschaftlich  ausgeglichen.  Dazu
        <pb n="561" />
        Mebersicht  der  politischen  Entwigzelns  des  Jahres  1887.  543

gehörte  allerdings  wiederholt,  daß  beide  Verbündete  unbefangen
und  loyal  ihre  respektive  Individualität  berücksichtigten,  daß  kein
Teil  vom  andern  eine  unmögliche  und  absolute  Identifizierung  mit
dem  Partner  beanspruchte.  Es  muß  in  der  Allianz  allerdings  ein
Moment  der  rückhaltlosen  Identifizierung  Beider  geben,  das  ist,  wo
es  sich  im  Ernstfalle  um  das  Endziel  der  Allianz,  um  die  Großmachtstellung
  und  die  Verteidigung  der  Verbündeten  gegen  koalierte
Feinde  handelt.  Aber  darüber  hinaus  nicht;  die  österreichisch-ungarische
  Politik  wollen  und  müssen  wir  selber  machen,  und  umgekehrt
kann  und  darf  unser  deutscher  Alliierter  die  deutschen  Angelegenheiten
  nur  allein  besorgen.“  Die  eingehendste  und  präziseste  Auskunft
  über  die  spezifisch  österreich-ungarische  Auffassung  der  bulgarischen
  Frage  ergeben  die  Reden  von  Kalnoky  und  Andrassy  in  der
ungarischen  Delegation  vom  5.  November  (S.  252).

Die  innere  Politik  Oesterreichs  bewegt  sich  in  dem  alten  Geleise
  fort:  Sprachenstreit,  Finanznot,  geringe  Produktion  der  Gesetzgebung.
  Als  neue  bedeutsame  Erscheinungen  des  Jahres  auf
diesem  Boden  sind  zu  bezeichnen  die  weitere  Spaltung  der  Parteien
und  das  ungescheute  Hervortreten  des  Panslawismus.  Der  deutsche
Klub,  der  sich  1886  von  dem  deutsch-österreichischen  getrennt  hat,
hat  sich  seinerseits  wieder  wegen  Zwiespalts  über  den  Antisemitismus
  in  zwei  Fraktionen  getrennt  (10.  Februar);  in  Kroatien  bildete
sich  eine  neue  „kroatische  selbständige  Serbenpartei“  (20.  Mai,  val.
27.  Juni)  und  der  Tschechenklub  hat  sich  in  Alt=  und  Jung-Tschechen
gespalten.  Erstere  sind  unter  Führung  Riegers  geblieben,  die  letzteren
  unter  der  Führung  Gregrs  zählten  ursprünglich  nur  fünf
Abgeordnete;  es  hat  sich  jedoch  bald  gezeigt,  daß  ihr  Anhang  im
Lande  sehr  bedeutend  ist.  (Vgl.  19.  Juni,  27.  Sept.,  20.  Nov.)
Die  Alt-Tschechen,  die  die  konservativen  Elemente  in  ihrer  Mitte
haben,  namentlich  den  Großgrundbesitzerstand,  den  Adel,  haben  immer
noch  einige  Rücksicht  darauf  genommen,  daß  sie  nicht  bloß  Tschechen,
sondern  auch  Oesterreicher  sind.  Sie  haben  in  der  Berechnung,  daß
ihre  politische  Stellung  zuletzt  von  dem  Willen  des  Monarchen
abhängt,  der  sie  stürzen  kann,  sobald  er  sich  wieder  den  Deutschen
zuwendet,  dem  Gesamt-Bedürfnis  des  Kaiserstaates  keine  Opposition
entgegengesetzt,  in  der  äußeren  Politik  ihre  Sympathie  für  Rußland
        <pb n="562" />
        land.

544  Nebersiczt  der  pelitischen  Entwichelnns  des  Jahres  1887.

unterdrückt  und  im  innern  zwar  möglichst  viel  für  das  Tschechentum
  herauszudrücken  gesucht,  aber  wenn  dann  die  Regierung  einmal
  Halt  gebot  oder  verweigerte,  sich  thatsächlich  gefügt  (vgl.  28.
Nov.).  Die  Jung-Tschechen  wollen  von  solchem  Opportunismus
nichts  mehr  wissen;  sie  fordern  für  Böhmen  und  Nebenländer,  die
„Wenzelskrone“,  eine  annähernd  ähnliche  Stellung  wie  die  Ungarn
und  die  „Stephanskrone“  und  ihr  Deutschenhafß  ist  so  fanatisch,
daß  sie  offen  das  deutsche  Bündnis  perhorreszieren  und  Rußland
als  Hort  des  Slawentums  verehren  (vgl.  3.  August).

Noch  offener  und  frecher  trat  der  Panslawismus  bei  den
österreichischen  Südslawen  auf  (vgl.  21.  Dez.).  Slowenische  Blätter
begrüßten  das  Ministerium  Ristitsch  in  Serbien  mit  lautem  Jubel,
weil  es  russisch  und  nicht  österreichisch  gefinnt  sei  (Mitte  Juni
S.  232,  Anfang  Juli  S.  236)  und  erflehten  in  dem  zukünftigen
Kriege  den  Sieg  Rußlands,  der  allgemeinen  slawischen  Mutter
(14.  Nov.).  Auch  Nährung  des  Panslawismus  durch  fremdes  Geld
glaubt  man  bereits  entdeckt  zu  haben  (22.  Nov.)  und  schritt  zur
Verhaftung  eines  panslawistischen  Agitators  und  Journalisten  (24.
Dez.).  Wegen  der  mit  diesem  Panslawismus  verbundenen  Propaganda
  für  die  griechische  Kirche  sah  sich  der  katholische  Episkopat
mehrmals  veranlaßt,  öffentlich  dagegen  aufzutreten  (Mitte  Oktober
S.  248,  6.  Dez.).  Auch  in  Ungarn  fing  die  Bewegung  an,  Unruhe
  zu  erregen  und  wurde  von  der  offiziösen  ungarischen  Presse
scharf  zurückgewiesen  (10.  August).

So  weit  ist  diese  exzentrische  Bewegung  jedoch  noch  nicht  gediehen,
  daß  sich  in  den  Volksvertretungen  ein  Widerstand  gegen  die
von  der  Regierung  in  der  gefahrvollen  auswärtigen  Situation  für
notwendig  erachteten  militärischen  Anforderungen  hervorgewagt  hätte.
Die  Geldmittel  wurden  in  den  Delegationen  stets  einstimmig  bewilligt
  (29.  Okt.).  Auch  wurde  nach  unendlichen  vergeblichen  Verhandlungen
  der  sog.  Ausgleich  zwischen  Oesterreich  und  Ungarn,
der  die  wirtschaftliche  Einheit  beider  Reiche  verbürgt  und  die  Quoten
für  die  gemeinschaftlichen  Ausgaben  festsetzt,  unverändert  auf  10
Jahre  verlängert  (21.  Mai  S.  227)  und  damit  der  Zusammenhalt
des  Gesamt-Staates  wesentlich  verstärkt.

England  steht  dauernd  unter  dem  Druck  seiner  inneren  Lage,
        <pb n="563" />
        Nebersicht  der  politisczhen  Entwickelung  des  Jahres  1887.  545

der  Unfähigkeit,  einen  Ausgleich  mit  Irland  zu  finden.  Ganz  umgekehrt
  wie  in  Frankreich,  wo  im  Kampfe  der  Parteien  das  auswärtige
  Moment,  die  Revanche,  das  stärkste  Agens  ist,  ist  England
durch  die  innern  Verhältnisse  für  auswärtige  Politik  fast  unfähig
gemacht.  Die  Natur  der  Dinge  würde  dem  Inselstaat  seine  Stellung
  an  der  Seite  der  Zentral-Mächte  anweisen  zur  Bewahrung
des  Friedens  so  lange  wie  möglich  und  Verteidigung  seiner  Interessen
  im  Falle  des  Kampfes.  In  unverhohlener  Weise  vertrat  noch
im  Anfang  des  Jahres  der  leitende  Minister  Lord  Salisbury  diesen
Standpunkt  (vgl.  27.  Jan.,  5.  Febr.).  Er  besorgte  damals  noch,
daß,  wenn  England  den  Zentralmächten  seine  aktive  Unterstützung
versage,  diese  sich  veranlaßt  sehen  könnten,  mit  Rußland  ein  Abkommen
  zu  treffen  und  ihm  die  englischen  Interessen  in  Asien
und  in  der  Türkei  zu  opfern.  Aber  in  seinem  eigenen  Kabinett
stieß  er  auf  Widerstand.  Das  befähigtste  der  jüngeren  Mitglieder
der  Tory-Partei,  Lord  Churchill,  glaubte  nicht  an  eine  solche  Wendung
  und  verlangte  eine  reine  Abstinenz-Politik.  Bei  dem  politischen
Scharfblick,  den  der  Lord  sonst  unzweifelhaft  bewährt  hat,  kann
man  nicht  annehmen,  daß  er  die  Gefahren  eines  solchen  Rücktritts
aus  dem  europäischen  Konzert  für  die  zukünftige  Großmachtstellung
Englands  verkenne;  aber  er  wird  sich  klar  gemacht  haben,  daß  der
englische  Parlamentswähler  für  eine  andere  Politik  nicht  zu  haben
sei.  Nichts  wird  dem  Durchschnitts-Engländer  besser  einleuchten
als  der  Gedanke,  daß  es  ein  ganz  erfreuliches  Schauspiel  sein  werde,
die  Kontinentalmächte  sich  gegenseitig  zerfleischen  zu  sehen  und  selber
unbehelligt  zu  bleiben  und  sich  der  Pflege  von  Handel  und  Wandel
zu  widmen.  Nichts  würde  ihm  unbegreiflicher  erscheinen  als  die
Zumutung,  sich  für  die  Interessen  Deutschlands  und  Oesterreichs
zu  schlagen,  wenn,  wie  vorauszusehen,  Rußland  seinem  Vorgehen
diese  Maske  überhängen  sollte.  Churchill  verlangte  also  von  seinen
Minister-Kollegen  unbedingte  Neutralität  und  als  Pfand  derselben
Abstriche  am  Armee=  und  Marine-Budget,  anstatt  Beschaffung  einer
ernsthaften  Kriegsrüstung.  Ueber  dieser  Differenz  trat  er  in  höchst
brüsker  Form  (23.  Dez.  86)  aus  dem  Kabinett  (vgl.  1.  Jan.,  27.
Jan.),  aber  es  hat  nicht  lange  gedauert,  so  hat  sich  thatsächlich  das
Tory-Ministerium  seinen  Anschauungen  genähert.
Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.  35
        <pb n="564" />
        516  Nebersicht  der  volltischen  Eulmichelung  des  Jahres  1887.

Im  Frühjahr  versuchte  es  noch,  eine  selbständige  Politik  auszuüben
  in  Gestalt  eines  Arrangements  über  Aegypten.  Sir  Drummond
  Wolf  unterstützt  von  Sir  Andrew  White  brachte  mit  der
Pforte  eine  Konvention  zustande,  wonach  die  Engländer  zwar  nach
drei  Jahren  Aegypten  räumen  sollten,  das  Recht  einer  etwaigen
neuen  Intervention  in  Zukunft  jedoch  allein  den  Türken  und  Engländern
  vorbehalten  blieb.  Damit  hätte  England  einen  Rechtstitel
für  sein  Protektorat  im  Nillande  gewonnen,  der  für  alle  weiteren
Ereignisse  einen  vortrefflichen  Kampfesboden  gab.  Aber  das  isolierte
England  war  nicht  im  stande,  gegen  den  vereinigten  russisch-französischen
  Einfluß  die  Ratifikation  des  Vertrags  bei  dem  Sultan
durchzusetzen.  Nach  langen  vergeblichen  Bemühungen  ließ  man  sie
fallen  und  begann,  sich  Frankreich  zu  nähern.  Im  Oktober  wurde
eine  Konvention  über  den  Suez-Kanal  abgeschlossen,  welche  die  unbedingte
  Neutralität  des  Kanals  festsetzt,  auch  im  Kriege  Kriegsschiffen
  die  Durchfahrt  gestattet,  die  Blokade  und  jede  Art  der  Befestigung
  verbietet.  Die  Konsuln  in  Kairo  unter  Vorsitz  des  Aeltesten
  sollen  über  die  Ausführung  wachen.  Die  Konvention  bedarf
des  Beitritts  des  Sultans  und  aller  Großmächte.

Gleichzeitig  mit  dieser  Konvention  wurde  eine  zweite  über  die
Neuen  Hebriden  abgeschlossen,  die  seit  längerer  Zeit  England  und
Frankreich  in  Konflikt  zu  bringen  drohten.  Die  Franzosen  hatten
sich  hier  militärisch  festgesetzt  und  die  englisch-australischen  Kolonien
waren  darüber  in  solche  Eifersucht  geraten,  daß  sie  drohten,  sie  mit
Gewalt  zu  entfernen,  was  natürlich  das  Mutterland  kompromittiert
hätte.  Man  kam  überein,  daß  die  Franzosen  ihre  Besatzung  zurückziehen,
  England  auf  seine  besonderen  Ansprüche  verzichten  und  beide
Mächte  ein  gemeinschaftliches  Protektorat  über  die  Inselgruppe  ausüben
  wollten.  Der  allgemeine  Eindruck  war,  daß  England,  um
das  Zugeständnis  auf  den  Neuen  Hebriden  zu  erhalten,  in  der  Suezkanalfrage
  nachgegeben  habe.

In  der  irischen  Frage  ist  das  Programm  des  Salisburyschen
Ministeriums:  Verbesserung  der  Lage  der  irischen  Pächter,  aber
strenge  Unterdrückung  aller  revolutionären  Bewegungen  und  Versagung
  des  Home  Rule.  Die  Iren  hingegen  verlangen  Home  Rule
d.  h.  ein  selbständiges  Parlament  für  die  besonderen  irischen  An-
        <pb n="565" />
        Nebersicht  der  pelitischen  Eutwickelung  des  Jahres  1887.  547

gelegenheiten  und  völlige  Auflösung  der  englischen  Grundherrschaft
in  Irland.  Es  wird  ewig  ein  Verdienst  Gladstones  bleiben,  daß
er  erkannt  hat,  wie  allein  durch  volle  Befriedigung  der  Iren  England
  sich  im  Innekn  Ruhe  und  Sicherheit  schaffen  kann.  Aber  der
englische  Hochmut  und  das  englische  Nationalgefühl  in  den  Massen
widersetzen  sich  und  unter  den  Staatsmännern  wagt  man  Gladstone
die  Aufgabe  nicht  anzuvertrauen,  weil  er  in  seinem  wilden  Radikalismus,
  einmal  im  Zuge,  bald  ganz  England  um=  und  umkehren
würde.  Nur  konservative  Staatsmänner  wären  im  stande,  das  Gladstonsche
  Programm  gesund  durchzuführen,  die  Konservativen,  selbst
wenn  sie  das  erkennen  sollten,  erhalten  sich  aber  nur  dadurch  im
Regiment,  daß  sie  dem  Instinkte  der  Massen  schmeicheln  und  dem
anglikanischen  Hochmut,  der  verblendeten  Selbstsucht  und  der  manchesterlichen
  Doktrin  die  Gladstoneschen  Ideen  als  antinational  und
sozialistisch  denunzieren.  So  sind  sie  gezwungen,  die  Skandalwirtschaft
  in  Irland  aufrechtzuerhalten,  die  Bewegungen  mit  Gewalt
niederzudrücken  und  zu  versuchen,  was  mit  kleinen  Linderungsmitteln
zu  erreichen  ist.  Den  Mittelweg  zwischen  der  Demokratie  und  der
Aufrechterhaltung  unhaltbarer  Zustände  wissen  die  englischen  Mittelklassen
  nicht  zu  finden.  Siegt  endlich  Gladstone,  so  wird  er  wohl
die  irische  Frage  lösen,  aber  auch  die  Grundlagen  des  englischen
Staatslebens  und  damit  die  englische  Weltmacht  zerstören.  Diese
unglückselige  Verquickung  des  innern  und  des  äußern  Problems
bringt  das  ganze  englische  Leben  zur  Stagnation.  (Vgl.  Preuß.
Jahrb.  Bd.  61  S.  208.)  Unter  fortwährender  Obstruktion  im  Parlament,
  welche  nur  durch  Anderung  der  Eeschäftsordnung  überwunden
  werden  konnte  (22.  März),  ist  eine  Strafrechtsbill,  welche
Ausnahme-Gerichte  für  Irland  anordnet,  endlich  durchgesetzt.  Ob
es  gelingen  wird,  damit  die  permanente  Revolution  zu  unterdrücken,
muß  sich  zeigen.

Die  Hauptereignisse  der  inneren  Geschichte  Frankreichs,  die  Frank.
periodischen  Ministerkrisen,  die  sich  endlich  zu  einer  Präfidentschafts-  c.
krifis  potenzierten,  haben  wir  bereits  bei  der  europäischen  Politik
behandelt.  Denn  von  dieser  sind  sie  in  erster  Linie  beherrscht.  Die
öffentliche  Meinung  in  Deutschland  hat  zwar  in  dem  Sturm,  den

die  Katastrophe  Grévys  herbeiführte,  wirklich  ein  Aufwallen  der
35“
        <pb n="566" />
        548  IILIIIIIIIIIIIIIIIIII

moralischen  Entrüstung  der  Franzosen  gegen  die  Korruption  des
Gouvernements  sehen  wollen,  so  wie  es  die  Sffner  des  Aolus-Schlauches
  in  Frankreich  glauben  machen  wollten,  aber  es  war
schon  während  der  Aktion  selbst  nicht  schwer,  ihren  wahren  Charakter
  zu  erkennen.  Eigentlich  erst  nachträglich  hat  man  die  gravierendsten
  Dinge  gegen  Wilson  entdeckt,  und  was  er  gethan  hat,
thut  unzweifelhaft  die  Mehrzahl  der  Politiker  in  parlamentarischen
Staaten  und  hat  es  von  je  gethan,  nämlich  Menschen  und  Mittel
zusammenbringen,  um  die  Regierungsmacht  in  die  Hände  zu  bekommen
  und  wiederum  die  Regierungsmacht  zu  benützen,  um  die
Klientel  zu  vergrößern,  journalistischen  und  persönlichen  Einfluß
allenthalben  zu  verstärken.  Mischt  sich  dann  ein  skrupelloser  Agent
da  herein,  so  ist  der  übergang  in  das  Kriminelle  vollzogen  und
bei  wem  es  gerade  herauskommt,  wird  durch  die  Straßen  geschleift.
Aber  es  sind  darum  nicht  die  Unschuldigen,  die  den  Schuldigen  anklagen
  und  verdammen.  Wilson  wurde  angeklagt,  nicht  weil  er
viel  schlimmer  wäre  als  andere,  sondern  weil  eine  Faktion  in  solcher
Anklage  das  beste  Mittel  sah,  ihn  politisch  zu  vernichten.  Die  sehr
hohen  Beiträge,  mit  welchen  man  sich  an  Wilson'schen  Unternehmungen,
  speziell  Zeitungen  beteiligen  mußte,  um  seine  Empfehlung
zu  einer  so  kleinlichen  Auszeichnung  wie  das  rote  Bändchen  der
Ehrenlegion  zu  genießen,  beweisen,  daß  das  Geschäft  keinen  erheblichen
  Umfang  gehabt  haben  kann.

Als  besonders  bemerkenswerte  Zwischenfälle  sind  in  diesem
Jahr  sonst  noch  zu  verzeichnen  die  fortwährenden  Kundgebungen
gegenseitiger  Sympathien  zwischen  Franzosen  und  Russen  (vgl.  Ende
April,  Anf.  August,  1.  Okt.,  7.  Okt.);  eine  „Probemobilmachung“
eines  Armee-Korps  (31.  August,  vgl.  10.  Mai,  18.  Juli),  bemerkenswert
  für  den  französischen  National-Charakter,  der  an  solche
Schaustellungs-Scheinbeweise  glaubt,  und  endlich  ein  Manifest  des
Grafen  von  Paris  (14.  Sept.,  vgl.  21.  Okt.),  welches  zeigt,  wie
sehr  dieser  sich  auf  seine  Thronbesteigung  vorbereitet.  Er  erkennt
darin  den  demokratischen  Charakter,  den  das  französische  Staatsleben
  in  diesem  Jahrhundert  angenommen  hat,  an  und  will  auf
Grund  der  Theorie  von  den  drei  Gewalten  eine  wirkliche  Monarchie
mit  dem  System  des  Parlamentarismus  vereinigen.  Das  jetzige
        <pb n="567" />
        Teberf#ht  der  politischen  Gualwickelung  des  Jahres  1887.  549

System  des  Parlamentarismus  ist  in  Frankreich  auf  einem  Punkt
angelangt,  wo  die  Maschine  nur  noch  arbeitet,  um  sich  selbst  im
Gang  zu  erhalten,  aber  nichts  mehr  produziert.  Nur  eine  Maßregel,
  welche  auf  die  Revanche-Phantasie  spekuliert,  wie  die  Probemobilmachung,
  ist  noch  durchzusetzen.  Im  übrigen  stockt  die  Gesetzgebung.
  Auf  dem  sozialen  Gebiet  hat  diese  demokratische  Republik
noch  gar  nichts  gethan  (vgl.  28.  Mai)  und  die  Armee  kommt
in  Gefahr  durch  die  wechselnden  Kriegsminister,  deren  jeder  neue
Reformen  beginnt,  aber  sie  nicht  durchführen  kann,  desorganisiert
zu  werden  (vgl.  15.  Dezember  S.  357).

Der  erneuerte  und  befestigte  Anschluß  Italiens  an  die  Zen,-ztalien.
tralmächte,  wie  er  in  der  Darstellung  der  allgemeinen  Politik  geschildert
  worden  ist,  hat  nach  innen  und  außen  um  so  größere
Bedeutung,  als  dieser  Akt  nicht  bloß  von  einer  grade  am  Ruder
befindlichen  Partei  vollführt  worden,  sondern  in  eine  Zeit  gefallen
ist,  welche  eine  große  Wandlung  in  der  inneren  Regierung  zeitigte,
von  dieser  Wandlung  aber  so  wenig  alteriert  wurde,  daß  er  vielmehr
  von  der  einen  Regierung  begonnen,  von  der  anderen  vollendet
und  gekrönt  wurde.  Das  ist  bedeutsam  nach  außen,  denn  es  zeigt,
wie  sehr  der  Vertrag  den  innersten  Bedürfnissen  des  italienischen
Nationalstaates  entspricht  und  wie  fest  deshalb  Italien  ihn  halten
wird.  Es  ist  aber  ebenso  bedeutsam  nach  innen,  denn  es  zeigt,  daß
die  italienischen  Parteien  in  den  Grundlagen  ihres  Staatslebens
einig  sind  und  daß  Königtum  und  Volksvertretung  in  gegenseitiger
Anerkennung  ihrer  Rechte  fruchtbar  und  gedeihlich  zusammenwirken.
Denn  unzweifelhaft  ist  es  das  Königtum,  welches  diesen  Vertrag
geschaffen  und  dem  die  Parteien  in  Anerkennung  seiner  führenden
Stellung  sich  angeschlossen  haben.  Die  italienische  Verfassung  zeigt
darin  ihren  Charakter  als  Mittelform  zwischen  dem  englischen  Parlamentarismus
  und  dem  deutschen  Konstitutionalismus.  Im  englischen
  Parlamentarismus  hat  das  Königtum  nur  noch  formale
Befugnisse;  in  Wahrheit  regiert  das  Parlament  allein  und  die
Ministerien  sind  Ausschüsse  der  Majorität.  In  Deutschland  sind
die  Ministerien  die  Spitzen  des  königlichen  Beamtentums,  allein  vom
Monarchen  abhängig  und  einigen  sich  von  Fall  zu  Fall  mit  der
Volksvertretung  über  die  Akte  der  Gesetzgebung.  In  Italien  nehmen
        <pb n="568" />
        550  Mebersict  der  polilischen  Gutwichelnaz  des  Jahrek  1887.

die  Parteiführer  die  Ministerstühle  ein,  aber  der  König  ist  stark
genug,  ihnen  Bedingungen  vorzuschreiben,  sie  empfangen  von  ihm
Direktiven  und  Impulse.  Um  zu  verstehen,  wie  das  möKglich  sei,
muß  man  sich  den  Charakter  der  italienischen  Parteien  klar  machen.
Sehr  viel  schwächer  als  sonst  in  europäischen  Staaten  sind  zwischen
ihnen  die  sozialen  oder  prinzipiellen  Gegensätze.  Abgesehen  von
einigen  extremen  Elementen,  sind  sie,  wie  ein  italienisches  Blatt  es
einmal  ausdrückt  (11.  Febr.),  „mehr  getrennt  durch  geschichtliche
Erinnerungen  als  durch  erhebliche  Meinungsverschiedenheiten“.  Es
sind  mehr  Koterien  als  Parteien.  Aristokratische,  bürgerliche,  demokratische
  Tendenzen  sind  wohl  vorhanden,  aber  doch  nicht  gegenständlich
  genug,  um  den  Parteikampf  zu  bestimmen.  Das  wesentlichste
Element  moderner  Parteikämpfe,  namentlich  in  katholischen  Ländern,
der  Gegensatz  des  Klerikalismus  und  Liberalismus  ist  in  Italien
latent,  da  das  Papsttum  seinen  Anhängern  nicht  gestattet,  sich  an
dem  politischen  Leben  des  Königreichs  Italien  zu  beteiligen.  Unter
diesen  Umständen  hatte  es  seit  vielen  Jahren  Depretis  verstanden,
durch  Kombination  verschiedener  Gruppen  ziemlich  sichere  Kammer-Majoritäten
  zu  bilden.  Er  führte  einen  Teil  der  Linken  zur  Rechten
hinüber,  was  die  Italiener  den  „Transformismus“  der  Parteien
nennen,  und  schloß  sein  Lebenswerk  damit  ab,  daß  er  wieder  seine
Anhängerschaft  mit  einer  Fraktion  der  Linken  amalgamierte  und
endlich  sogar  der  Führung  des  Chefs  dieser  bisherigen  Oppofition,
Crispi,  überließ.  Den  Anstoß  hiezu  gab,  nicht  eben  zum  Ruhm
der  Besonnenheit  der  Italiener,  ein  auswärtiger  Vorfall.  Ganz
wie  seinerzeit  (1885)  die  Franzosen  den  tüchtigsten  Staatsmann  an
ihrer  Spitze  stürzten,  weil  ein  General  in  Anam  eine  Niederlage
erlitten  hatte,  so  riß  im  Februar  1887  der  Untergang  von  drei
Kompagnien  italienischer  Truppen  im  Kampf  mit  Abesfiniern  das
Ministerium  Depretis-Robilant,  das  eben  im  Begriff  war,  den  entscheidenden
  Schritt  der  großen  Allianz  mit  Deutschland-Osterreich
zu  thun,  zu  Boden.  Die  innere  Geschichte  des  nun  folgenden  Neubildungs-Prozesses
  ist  noch  unbekannt.  Wochenlang  verhandelte  der
König  mit  den  verschiedensten  Parteiführern,  das  alte  Ministerium
erschien  noch  einmal  vor  der  Kammer  (10.  März),  da  alle  anderen
Versuche  gescheitert  waren.  Es  erhielt  zwar  eine  Majorität  von
        <pb n="569" />
        Mebersicht  der  yvelitischen  Entwichelung  des  Jahres  1887.  551

20  Stimmen,  aber  die  unausgesetzten  Angriffe  vermochte  namentlich
Graf  Robilant  endlich  nicht  mehr  zu  ertragen,  das  Ministerium
demissionierte  von  neuem  und  jetzt  wandte  sich  Depretis  an  den
Patriotismus  desjenigen  Parlamentariers,  der  bisher  die  Opposition
gegen  ihn  geführt,  Crispi,  um  durch  einen  neuen  „Transformismo“
mit  ihm  vereinigt  eine  starke  Regierung  herzustellen.  Zunächst  als
Minister  des  Innern  trat  Crispi  in  das  Ministerium  ein,  Depretis
selbst  übernahm  an  Robilants  Stelle  das  Auswärtige  und  als  der
80jährige  Depretis  tief  betrauert  von  seiner  Nation  starb  (29.  Juli),
wurde  Crispi  das  Haupt  des  Ministeriums,  übernahm  selbst  das
auswärtige  Departement  und  wußte  durch  seine  Reise  nach  Friedrichsruhe
  und  eine  meisterhafte  Rede  in  Turin  (25.  Oktober)  sein  Ministerium
  mit  einem  gewissen  Schwung  und  im  großen  Styl  zu
inaugurieren.  In  höchst  beachtenswerter  Weise  charakterisierte  er  in
einer  anderen  Rede  (7.  Dezember)  seine  Auffassung  des  italienischen
Konstitutionalismus,  welche  durch  die  Lehre  von  den  drei  Gewalten
  dem  Königtum  eine  für  die  radikale  Vergangenheit  des
Ministers  überraschende  —  oder  wenn  man  will,  da  erfahrungsmäßig
  Radikale  im  Besitze  der  Gewalt  sehr  oft  sogar  zum  Despotismus
  neigen,  nicht  überraschende  —  große  Prärogative  einräumt.
Die  afrikanische  Politik  seines  Vorgängers  setzt  Crispi  mit  Entschiedenheit
  fort;  im  Innern  sind  Reformen  angekündigt,  aber  bis
auf  eine  Anderung  in  der  Verwaltung,  die  den  Einfluß  des  Ministeriums
  auf  das  Parlament  vermehren  wird  (Anf.  Juli),  noch
nicht  ausgearbeitet.  Am  stärksten  betont  Crispi  im  Gegensatz  zu
seinen  Vorgängern,  die  manchmal  gegen  die  Klerikalen  allzu  nachgiebig
  waren,  seinen  unbedingten  Anti-Klerikalismus.  Der  Bürgermeister
  von  Rom,  Fürst  Torlonia,  wurde,  als  er  nur  eine  ganz
unbedeutende  papstfreundliche  Demonstration  wagte,  auf  der  Stelle
abgesetzt  (30.  Dezember).

Von  pöäpstlicher  Seite  wurden  im  Frühjahr  allerhand  unbestimmte
  Andeutungen  von  Aussöhnung  mit  Italien  in  die  Welt
gesetzt,  bald  genug  jedoch,  wie  es  der  Papst  auch  kaum  anders  kann,
das  Festhalten  an  der  weltlichen  Souveränetät  in  Rom  von  neuem
als  Programm  aufgestellt.  Dem  gegenüber  war  Crispis  Antwort
einfach,  daß  es  für  Italien  eine  römische  „Frage“  nicht  gebe.
        <pb n="570" />
        552  Aebersiht  der  pelitishen  Entwichelung  des  JZahrtes  1387.

Di
O

Belgien.  Das  früher  so  besonders  einfache  Parteiwesen  in  Belgien

Niederlande.


kompliziert  sich  allmählich  mehr  und  mehr.  Neben  dem  Gegensatz
der  Liberalen  und  Klerikalen  wird  immer  schärfer  der  Gegensatz  der
Wallonen  und  Vlamen.  Letztere  verlangen  bereits  Gleichberechtigung
  ihrer  Sprache  mit  der  französischen.  Dazu  verstärkt  sich  der
Sozialismus  und  die  einschneidende  Frage  der  Armee-Reform  und
der  allgemeinen  Wehrpflicht,  für  welche  letztere  der  König  persönlich
eintritt,  zersetzt  die  Parteien.

Für  die  Niederlande  war  das  Jahr  1887  bedeutsam  durch
eine  Verfassungsreform,  welche  eine  Erweiterung  des  Wahlrechts
verfügte  (vgl.  17.  Juni)  und  Festsetzungen  über  die  Erbfolge  traf
(vgl.  12.  Okt.).  Die  sozialistische  Bewegung  ist  zwar  im  Volke
selbst  auf  starken  Widerstand  gestoßen  (22.  Febr.,  2.  Sept.),  scheint
aber  doch  an  Stärke  zuzunehmen.  In  sozialer  Gesetzgebung  ist  man
über  Berichte  und  Debatten  nicht  hinausgekommen.

Schweiz.  Die  innere  Schweizer  Politik  ist  in  diesem  Jahr  merkwürdig

Norwegen


dadurch,  daß  es  ihr  gelang,  eine  Institution  zu  schaffen,  welche  alle
Macht  des  großen  deutschen  Kanzlers  im  deutschen  Reich  nicht  im
stande  gewesen  war  durchzusetzen,  nämlich  das  Spiritus-Monopol.
Das  Gesetz  ist  höchst  durchgreifend  konstruiert.  Die  bestehenden  gewerblichen
  Brennereien  werden  ausgekauft  vom  Staat  und  gehen
ein.  Die  landwirtschaftliche  Brennerei  darf  dasselbe  Quantum,  was
sie  bisher  produziert  hat,  etwa  ein  Drittel  bis  ein  Viertel  des  Bedarfs,
  weiterproduzieren  und  der  Staat  kauft  es  ihr  gegen  einen
sehr  hohen  Preis  (48—64  +  sind  in  Aussicht  genommen  für  das
Hektoliter,  das  im  Ausland  für  20  bis  30  4  zu  haben  wäre)  ab.
Den  Rest  des  Bedarfs  kauft  der  Staat  im  Ausland.  Das  Schankgewerbe
  bleibt  ein  privates,  aber  stark  gefesselt  durch  Konzessionszwang
  und  Schanksteuer.  (Vgl.  das  Nähere  in  d.  Preuß.  Jahrb.
Bd.  59  S.  628.)

In  Norwegen  regiert  noch  das  im  Jahr  1884  ans  Ruder
gelangte  demokratische  Ministerium  Sverdrup.  Mehrere  Jahre  ist
es  Sverdrup  wirklich  gelungen,  seine  demokratische  Anhängerschaft
in  Disziplin  zu  erhalten;  im  Jahre  1887  aber  scheinen  sich  Abwandlungen
  eingeleitet  zu  haben.  Auf  der  einen  Seite  hat  sich
Sverdrup  in  auffallender  Weise  den  früher  von  ihm  bekämpften
        <pb n="571" />
        Meberscht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1887.  553

monarchischen  Anschauungen  genähert  (vgl.  Anf.  Januar,  Mitte
Juni),  auf  der  andern  beginnen  radikal-demokratische  Forderungen,
auch  mit  sozialistischem  Anflug  (17.  Mai),  und  wirtschaftlich-protektionistische
  Fragen  seine  Gefolgschaft  aufzulösen.

Die  innere  Politik  Rußlands  bewegt  sich  zwischen  Nihilismus
und  Panfslawismus,  die  beide  in  all'  ihrem  Gegensatz  doch  die  innere
  Verwandtschaft  des  echten  Russentums  zeigen.  Beide  sind  fanatisch
  und  ausschweifend,  aber  ziellos,  in  all'  ihrer  Kraftentwickelung
  nicht  aufbauend,  sondern  nur  zerstörend;  eine  barbarische  Kraft,
aber  nicht  bildungsfähig  wie  die  germanische.  Die  gräßlichen  Attentate,
  in  denen  der  Nihilismus  sich  entladet,  haben  die  öffentliche
Meinung  Europas  gegen  ihn  erregt;  aber  der  von  der  russischen
Regierung  selbst  geschützte  Panslawismus  ist  um  nichts  besser;  den
Mordanfall  auf  den  bulgarischen  Präfekten  Mantow  dirigierte
ein  russischer  Würdenträger,  der  Panslawist  Hitrowo.  Wie  dieser
Panflawismus  in  der  äußern  Politik  Rußlands  Europa  beunruhigt,
haben  wir  gesehen.  Er  ist  es  aber  auch,  der  im  Innern  politisch
und  namentlich  wirtschaftlich  die  Entwickelung  Rußlands  hemmt
und  jenes  Elend  hervorbringt,  das  wieder  zu  den  verzweifelten
Ausbrüchen  des  Nihilismus  treibt.  Rußland  hat  von  je  eine  strenge
Schutzzoll-Politik  verfolgt,  die  eine  exklusive  Richtung  wie  der  Panslawismus
  die  natürliche  Neigung  hat,  noch  weiter  zu  treiben.  Die
Früchte  dieser  Schutzzölle  kommen  aber  in  erster  Linie  den  westlichen
  Provinzen  Rußlands  zugute,  die  im  nächsten  Konnex  mit
Kultur-Europa  stehen.  Es  ist  jene  Reihe  von  Eroberungen,  die  sich
im  Halbkreis  um  das  eigentliche  Großrußland  herumlagern  und
von  Letten,  Deutschen,  Polen  und  Kleinrussen  bewohnt  sind.  Hier
hat  sich  Industrie  und  Wohlstand  sichtlich  entwickelt,  aber  solche
Blüte  ist  nicht  das,  was  der  Panslawismus  will.  Er  will  europäische
  Industrie  und  Kunstfertigkeit  durch  Schutzzölle  und  Staats-Subventionen
  an  der  Wolga  und  am  Ural  emportreiben.  Immer
von  neuem  wird  durch  andere  Konstruktion  des  Zollsystems  der
Versuch  gemacht,  die  Fabriken  nicht  nur  in  die  russischen  Staatsgrenzen,
  sondern  sobald  sie  anfangen,  sich  hier  blicken  zu  lassen,  sie
in  das  wahre  nationale  Rußland  hineinzuziehen.  Die  Folge  ist
ein  steter  Wechsel  von  Aufbau  und  Zerstörung  ohne  jede  dauernde

Rußland.
        <pb n="572" />
        554  Mebersicht  der  pelilischen  Entwichelnns  des  Jahres  1887.

Frucht.  Der  russische  Stamm  hat  einmal  für  diese  höheren  Funktionen
  menschlicher  Thätigkeit  nicht  die  genügende  Zuverlässigkeit
und  Exaktheit.  Die  russischen  Arbeiter  und  Werkmeister  leisten  nicht,
was  Deutsche,  Engländer  und  Franzosen  fertig  bringen.  Die  ungeheure
  räumliche  Entfernung  von  den  Zentren  der  Industrie  macht
auch  äußerlich  die  richtige  Behandlung  komplizierter  Maschinen  bei
allen  außerordentlichen  Fällen,  Reparaturen,  Verbesserungen  kaum
erreichbar.  Verfolgung  und  gehässige  Behandlung  verscheucht  die
Deutschen,  deren  man  sich  bedienen  könnte.  So  stampft  das  wirtschaftliche
  Leben  fortwährend  mit  der  größten  Kraftanstrengung  auf
demselben  Fleck  und  mehrt  das  Mißbehagen  unter  den  Russen,  Not
und  Elend  unter  den  annektierten  Völkerschaften.  Der  Druck,  der
auf  der  Landwirtschaft  allerwärts  liegt,  trifft  vielleicht  am  allerschwersten
  die  russische.  Die  deutschen  Getreidezölle  haben  sie  gezwungen,
  auf  ihrem  Hauptabsatzgebiet  zu  unerhört  niedrigen  Preisen
zu  verkaufen,  wenn  sie  überhaupt  etwas  lossein  will.  Der  Adel
ist  ruiniert.  Die  Bauern,  noch  im  alten  agrarischen  Kommunismus
lebend,  sind  unfähig,  sich  die  modernen  Hülfsmittel  der  Landwirtschaft
  und  des  Kredits  nutzbar  zu  machen.  Das  stete  Sinken  des
Papierrubels  verschiebt  fortwährend  alle  Bedingungen  der  Wirtschaft
  und  die  so  erzeugte  Unordnung  wirkt  zurück  auf  den  Kurs
und  läßt  den  Rubel  noch  weiter  sinken.  (Vgl.  über  diese  wirtschafts-politischen
  Verhältnisse  zwei  anonyme  Aufsätze  aus  sehr  eingeweihter
  Feder  in  den  Preuß.  Jahrb.  Bd.  60  S.  431  und  580.)

Aus  diesem  Boden  der  Hoffnungslosigkeit  saugt  der  Nihilismus
  immer  neue  Nahrung.  Der  ungeheuerste  Polizei-Apparat,
Deportation,  Kerker  und  Hinrichtung  vermögen  ihn  nicht  auszurotten.
  Gerade  die  Elemente,  die  noch  ein  Gefühl  von  Menschenwürde
  und  Schwung  der  Gesinnung  in  sich  haben,  die  nicht  so  weit
herabgedrückt  sind,  die  Herrschaft  der  Knute  als  den  natürlichen
Zustand  eines  nach  Gesittung  strebenden  Volkes  anzusehen,  wenden
sich  ihm  zu  und  suchen  das  Leiden  ihres  Volkes  in  noch  schrecklicheren
  Verbrechen  an  den  Gewalthabern  zu  rächen.  Nur  im  letzten
Augenblick  wurde  am  Jahrestage  der  Ermordung  Kaiser  Alexanders
  II.  (13.  März)  die  Wiederholung  dieser  That  verhindert.  80000
Soldaten  mußten  aufgeboten  werden,  um  auf  der  Rückreise  der
        <pb n="573" />
        Kebersicht  der  politischen  Entwichelnnz  des  Jahres  1887.  555

Zaren-Familie  aus  Deutschland  (im  November)  die  Eisenbahnlinien
bis  nach  Petersburg  sicher  zu  stellen.

An  Katkow  verlor  der  Panslawismus  in  diesem  Jahr  (1.
August)  seinen  bedeutendsten  Wortführer.  Erst  in  seinen  letzten
Lebensjahren  aber  hatte  dieser  Mann  dem  Panslawismus  die  spezisisch
  deutsch-feindliche  Richtung  gegeben.  Er  selbst  hatte  sich  an
den  Brüsten  deutscher  Bildung  und  Wissenschaft  genährt  und  erst,
als  die  Einführung  europäischer  Institutionen  unter  Alexander  II.
auf  dem  Boden  des  russischen  Volkscharakters  so  gar  schlechte  Früchte,
namentlich  im  Schwurgericht  und  der  Selbstverwaltung  zeitigte,  da
wandte  sich  Katkow  von  dieser  Richtung  ab,  verlangte,  daß  das
Russentum  sich  auf  sich  selbst  besinne,  im  patriarchalen  Despotismus
seine  wahre  naturgemäße  Staatsform  erkenne  und  sich  gegen  die  Infizierung
  mit  fremden  Ideen  verschließe.  Der  romantische  Schimmer,
mit  dem  er  so  den  zarischen  Absolutismus  als  nationalste  Institution
  zu  umgeben  wußte,  machte  ihn  zum  Freunde  Alexander  II.
wie  des  III.  und  gab  ihm  dadurch  einen  Einfluß,  der  zuletzt  den
der  Minister  überwog.  Die  Republik  Frankreich,  die  Mutter  aller
revolutionären  Ideen,  war  dem  Verteidiger  des  Prinzips  der  Autorität
  ein  Greuel.  Dennoch  hat  der  Fanatismus  des  Slawentums
ihn  endlich  so  weit  getrieben,  auch  ein  Bündnis  mit  Frankreich
willkommen  zu  heißen,  um  die  schrankenlose  Herrschaft  Rußlands
über  die  östliche  Welt,  der  das  Deutsche  Reich  im  Wege  steht,  aufzurichten.
  So  war  er  der  Vertreter  des  chauvinistischen  Panslawismus
  nach  innen  und  außen  geworden  und  durfte  es  wagen,  seine
Politik  derjenigen  des  Ministers  des  Auswärtigen,  Giers,  direkt
entgegenzusetzen.  Als  den  wahnsinnigen  Verläumdungen  der  deutschen
  Politik  in  den  panslawistischen  Blättern  endlich  eine  amtliche
Darstellung  im  Regierungsanzeiger  entgegentrat  (21.  März),  lehnte
die  Katkow'sche  Zeitung  diese  Direktive  in  der  schroffsten  Form  ab.
Katkow  wurde  darauf  zum  Kaiser  befohlen,  um,  wie  es  hieß,  einen
Verweis  zu  erhalten.  Aber  der  Erfolg  der  Reise  war  ein  ganz
entgegengesetzter.  Giers  forderte  seinen  Abschied,  der  ihm  in  der
ungnädigsten  Weise  abgeschlagen  wurde,  da  es  russische  Sitte  sei,
daß  der  Zar  seinen  Minister  entlasse,  wenn  er  es  für  recht  halte
und  nicht,  wenn  es  diesem  gerade  einfalle,  gehen  zu  wollen.  Die
        <pb n="574" />
        Bulgarien.


556  Uebersicht  der  peolitischen  Eutwitzelung  des  Jahres  1887.

Verleihung  des  Wladimir-Ordens,  die  schon  ausgefertigt  gewesen
sein  soll,  wurde  wieder  zurückgenommen  und  Katkow  kehrte  triumphierend
  nach  Moskau  zurück.  Als  er  starb,  telegraphierte  der
Kaiser  persönlich  an  die  Witwe,  daß  alle  echten  Russen  um  ihn
trauern  müßten,  während  der  „Nord“,  das  Organ  Giers,  ihm  die
eigentlich  politischen  Fähigkeiten  absprach.  (Eine  eingehende  Charakteristik
  Katkows  s.  in  den  Preuß.  Jahrb.  Bd.  60  S.  316.)

Der  Kern  der  bulgarischen  Frage  ist,  ob  Bulgarien  eine
russische  Dependenz  oder  ein  selbständiger  türkischer  Vasallenstaat
sein  soll.  Die  weiteren  Fragen,  ob  Ostrumelien  mit  dem  Bulgarien
des  Berliner  Vertrages  vereinigt  oder  von  ihm  getrennt  und  welche
türkischen  Gebiete  etwa  sonst  noch  diesem  Staate  angefügt  sein  sollen,
sind  im  Vergleich  mit  jener  ersten  Frage  sekundär  und  werden  von
ihr  beherrscht.  Als  die  Russen  1878  glaubten,  ein  von  ihnen  abhängiges
  Bulgarien  zu  schaffen,  da  forderten  sie  für  diesen  Staat
ein  größtmögliches  Gebiet.  Seit  sich  Bulgarien  ihrer  Hegemonie
entzogen  hat,  sind  sie  selbst  gegen  die  Union  mit  Ostrumelien.  Wir
saheen  nun  schon,  aus  welchen  Gründen  Rußland  darauf  verzichtet
hat,  durch  Aufgebot  direkter  militärischer  Gewalt  seine  Autorität
in  Bulgarien  herzustellen.  Es  hofft  und  strebt  fortwährend  auf
indirektem  Wege  zu  seinem  Ziel  zu  gelangen,  durch  die  Bulgaren
selbst.  An  der  orthodoxen  Priesterschaft,  namentlich  dem  Metropoliten
  Clement  hat  es  eine  bedeutende  Bundesgenossenschaft.  Die
Armee  hat  sich  bei  der  Vertreibung  des  Fürsten  Alexander  dem
Rubel  und  den  Versprechungen  des  großen  Zaren,  man  mag  auch
sagen  dem  Appell  an  die  Kriegsgenossenschaft  von  1877  zugänglich
gezeigt.  Warum  sollte  es  nicht  gelingen,  mit  Hilfe  dieser  Mächte
die  ergebensten  Parteigänger  Rußlands  ans  Ruder  zu  bringen?  So
rechnet  man  offenbar  in  Petersburg.  Aber  das  eben  aus  der  Sklaverei
  entlassene  Volk  setzt  dem  Beschützer  und  Unterdrücker  einen
unerwarteten  Widerstand  entgegen.  Die  Männer,  denen  Fürst
Alexander  bei  seinem  Rücktritt  die  Zügel  der  Regierung  übergab,
haben  sie  fest  in  der  Hand  behalten  und  offenbar  nicht  nur  alle
besseren  Elemente,  sondern  auch  die  große  Mehrzahl  ihrer  Volksgenossen
  hinter  sich.  Dabei  verfuhren  sie  höchst  gemäßigt.  Sie  versuchten
  immer  von  neuem  sich  mit  den  Russenfreunden  zu  verstän-
        <pb n="575" />
        Nebersicht  der  velitischen  Eutwichelnus  des  Jahres  1887.  557

digen  und  boten  Zankow  den  Eintritt  in  die  Regierung  an;  auch
die  Vermittlung  der  Pforte  wurde  zu  diesem  Zweck  nicht  verschmäht.
(vgl.  Türkei  17.  Jan.  u.  81.  Jan.).  Die  Verhandlungen  scheiterten
daran,  daß  die  russische  Partei  nicht  mitregieren,  sondern  allein
regieren  wollte.  Dem  gegenüber  blieb  die  Regentschaft  fest  und  als
wirklich  in  Silistria  und  Rustschuk  ein  Militäraufstand  ins  Werk
gesetzt  wurde  (28.  Februar),  wurde  er  nicht  nur  sofort  niedergeschlagen,
  sondern  auch,  da  die  Milde,  die  man  im  Jahre  1886
walten  ließ,  keine  Früchte  getragen  hatte,  an  den  Rädelsführern  die
kriegsrechtlich  erkannte  Todesstrafe  rücksichtslos  vollstreckt.  Eine
große,  patriotische  Liga  bildete  sich  zur  Unterstützung  der  Regierung
und  forderte  bald  mit  Entschiedenheit  die  Wahl  eines  Fürsten,  um
der  Ungewißheit  ein  Ende  zu  machen;  ja  mehr  und  mehr  wurden
Stimmen  laut,  welche  Rußland  zum  Trotz  die  Wiederwahl  des
Fürsten  Alexander  verlangten.  Der  Justizminister  Stoilow  richtete
(Ende  Mai)  die  direkte  Anfrage  an  den  Prinzen,  ob  er  die  Wiederwahl
  annehmen  werde.  Alexander  verharrte  auf  seiner  Weigerung,
hatte  aber,  bei  Gelegenheit  eines  Glückwunsch-Telegramms,  die  Bulgaren
  versichert,  daß  die  allgemeine  europäische  Lage  ihnen  günstig
sei  (vgl.  8.  April).  Auf  der  Rundreise,  die  eine  Gesandtschaft  an
die  europäischen  Höfe  gemacht,  hatte  man  zwar  allenthalben  den
prinzipiellen  Rat  der  Aussöhnung  mit  Rußland  erhalten,  aber  dabei
namentlich  von  England  und  Italien  entschiedene  Sympathie-Bezeugungen.
  Die  Regentschaft  meinte  daher  weder  dem  allgemeinen
populären  Verlangen  widerstehen  zu  können,  noch  auch  zu  viel  zu
wagen,  wenn  sie  die  große  Nationalversammlung,  die  Sobranje,
berufe  und  zur  Wahl  eines  Fürsten  schreite.  Am  7.  Juli  wurde
Prinz  Ferdinand  von  Coburg  gewählt  und  eine  Deputation  begab
sich  nach  Wien,  ihn  zur  sofortigen  Ubernahme  seines  Amtes  einzuladen.
  Nach  dem  Berliner  Vertrag  gehören  zur  Wahl  eines
Fürsten  die  Wahl  der  Sobranje,  die  Bestätigung  der  Pforte  und
aller  Großmächte.  Diese  letzteren  beiden  Bedingungen  waren,  obgleich
  man  sich  darum  bemühte,  nicht  zu  erlangen.  Da  aber  der
provisorische  Zustand  ebenfalls  unerträglich  war,  so  stellte  man  die
Theorie  auf,  daß  die  Bestimmungen  der  Verträge  zwar  in  voller
Kraft  bestünden,  daß  aber  nichts  den  gewählten  Fürsten  abhalten
        <pb n="576" />
        Türkei.

558  Meberscht  der  politischen  Gutwickeluns  des  Jahres  1887.

könne,  sich  vorläufig  in  sein  Land  zu  begeben  und  hier  die  nötigen
Bestätigungen  abzuwarten,  mittlerweile  aber  die  Regierung  zu
führen.  So  wurde  es  in  einem  Rundschreiben  (11.  August)  den
Mächten  verkündet;  der  Fürst  erschien  in  Bulgarien  und  fand  allseitigen
  Gehorsam.  Er  beschwor  die  Verfassung;  Beamte  und  Armee
leisteten  ihm  den  Eid.  Der  einzige,  der  einige  Oppositionen  markierte,
  aber  doch  auch  den  Fürsten  anerkannte,  war  der  Metropolit
Clement  (11.  Aug.,  22.  Aug.,  26.  Okt.).  Die  neugewählte  Sobranje
schloß  sich  fast  einstimmig  dem  neuen  Herrscher  an  und  obgleich  es
an  persönlichen  Reibungen  und  Beschwerden  nicht  fehlte,  so  ist  es
doch  den  Russen  bisher  noch  nicht  gelungen,  eine  Gegenbewegung
zu  provozieren.

Die  Staatskunst  der  hohen  Pforte  war  in  diesem  Jahr  neben
der  bulgarischen  Frage  wesentlich  durch  Kreta  und  Aegypten  in  Anspruch
  genommen.  Auf  allen  drei  Gebieten  zeigt  sie  das  Bild  der
Hilflosigkeit,  die  jedem  Druck  bald  von  dieser  bald  von  jener  Seite
weicht  und  deren  höchstes  Ziel  und  fast  einziges  Mittel  Zeitgewinn
und  Hinzögern  ist.  Die  Ansprüche  der  kretensischen  Christen  auf
selbständige  Verwaltung,  welche  an  Autonomie  grenzt,  wurden
endlich  großenteils  bewilligt  (vgl.  12.  Jan.,  Anf.  Juli).  Aegypten
war  ja  bereits  mehr  als  ein  Menschenalter  lang  der  Herrschaft  der
hohen  Pforte  entglitten  und  stand  unter  der  Dynastie  seiner  Vizekönige
  thatsächlich  unabhängig  da.  Erst  als  dieses  Regiment  unter
seiner  eigenen  Mißwirtschaft  1882  zusammenbrach,  griff  Europa  auf
die  halb  vergessene  Oberhoheit  des  Sultans  zurück,  um  sich  ihrer  zum
Zweck  der  Einwirkung  auf  Aegypten  zu  bedienen.  Einen  wahren
Inhalt  konnte  eine  so  restaurierte  Autorität  natürlich  niemals  erlangen;
  die  Pforte  hat  auch  wohl  kaum  danach  gestrebt.  Alles,
was  sie  that  und  nicht  that,  zugestand  und  verweigerte  in  den
Verhandlungen,  die  von  jetzt  an  fortwährend  über  Aegypten  gepflogen
  wurden,  war  nicht  der  Ausdruck  ihrer  eigenen  Interessen,
sondern  des  größeren  oder  geringeren  Einflusses,  den  bald  Rußland,
bald  England,  bald  Frankreich  auf  ihre  Entschließungen  auszuüben
wußten.
        <pb n="577" />
        Alphabetisches  Register.

Die  römischen  Zahlen  bezeichnen  die  Monate,  die  deutschen  die  Monatstage.

Abessinien.  tinopel;  Türkei  VI.  Mitte—VII.

(Bgl.  Italien  u.  Uebersicht  S.  550.)  Mite  5.  französischer  Ver-Einnahme

  v.  Harrar  durch  König  trag  über  den  Suezkanal  IX.  18
Menelik  v.  Schoa,  Afrika  I.  Ende.  woll.  g  bbrit.  ,  Frankreich;  Uebers.

Afganistan.  S##scheffung  der  Fronden.

(Vgl.  Rußland  u.  Großbritannien.)  vnalnne  ““E“x  “33

Aufstand  der  Ghilzais,  Afien  —  Frankreich  stimmt  zu  II.  8.—.
IV.  Anf.—VIII.  Mitte.  Fergusson  darüber  im  engl.  Uhs.
Eyub  Kon  entflieht  aus  dem  .14.  —  Aufhebungsverkündung
pers.  Gewahrsam  As.  VIII.  Mitte;  I  20.  —  Kostenbewilligung  durch

ergibt  sich  d.  Engländ.  XI.  Anuf.  d  Staatsschuldenk  uh
Scheit  Oschemat-Eddin  in  Ku)  ie  Staatsschuldenkommission

land  As.  VII.  Mitte.  10  Statseinnahmen  X.  26.
Grenzscharmütel  ?  der  Herater  m.  Sudan.  Die  Stämme  um  Kard.
  Russen  Af  Arf.  tum  für  Aegypten  II.  Anf.

Stanley  zur  Ausfsuchung  Emin

Aegypten.  Beys  II.  3;  Afrika  II.  3.  —  Kalif
(Val.  Eroßbrit.  Frankreich,  Türkei;  Abhallah  irese  an  den  S  ultan
llbers.  S.  346  u.  538.)  k.  Kedine  itte:  —  Kaͤmpfe
bei  Wadi  Halfa  IV.  Ende.  —
Englisch-türkische  Konven-  Hassan  Bey,  Freisprechung  wegen
tion.  Bericht  Mukhtar  Paschas  des  Falles  von  Kartum  VII.  30.
nach  Konstantinopel  III.  Ende.  —
Z  Journal  de  e  und  die  Belgien.  (Uebers.  552.)
rance  zu  den  Vorschlägen  Drum-Feanee
  #n  den  Torschlägen  Luum  Juskelng  in  Frifel  1888
zeichnung,  Artikel  des  Nord  dazu;  Kostenbewilligung  durch  d.  Kamkürkei
  V.  5½#d  enkrrinsruch  Ruß-  mer  VI.  15.
ands  un  rankreichs  dagegen;
türkischer  Aenderungsvorschlag  von  Inswiriige  Velitik.
England  abgelehnt,  Nichtratifi-  Neutralität  Belgiens,  Ausspruch
kation  durch  den  Sultan,  Abreise  Bismarcks  dar.  I.  Mitte—II.  Mitte.
Drummond  Wolffs  aus  Konstan-  —  Rede  Frere-Orbans  III.  1—2.
        <pb n="578" />
        560

Kriegsbesorgnisse  s.  Kriegswesen.

Internationale  Litterarkonvention.
  Dtsch.  Rch.  V.  23.

Deutschland.  Gestattung  des
Aufenth.  Antoines  in  Brüfsfel  IV.
20.  —  Auslieferung  von  Anarchisten,
  Interpellat.  i.  d.  Kammer

England  s.  Soziale  Bewegung:
Fischereiaufruhr  in  Ostende.
Papsttum  s.  Allgem.  Wehrpflicht.

Finanz=  und  Sienerwesen.

Vorlage  über  außerordentliche
Ausgaben  in  der  Kammer  II.  8.

Vieh=  u.  Getreidezollerhöhung
V.  10.  —  Winanzerbos  Beernaerts
VI.  8  bzw.

Heerwesen.

Allgemeine  Wehrpflicht:  General
Brialmont  dazu  I.  17;  Antrag
Houzeau  i.  d.  Kammer  v.  d.  Klerikalen
  abgelehnt  II.  8;  Untersuchungskommiss.
  z.  Arbeiterfrage,  dafür
  II.  19.  —  Verhandlungen  mit
dem  Papste  deshalb  III.  22.  bzw.
IV.  29.  —  Reden  des  Königs
darüber  VI.  12;  VIII.  15.—  Gesetzesantrag
  d-Oultremont  in  der
Kammer  verworfen  VII.  5—74.

Befestigung  der  Maaslinie.  Interpellation
  Frère-Orbans  dagegen
III.  1—2;  Annahme  in  der  Kammer
  V.  31—VI.  14  bzw.  24.

Militärische  Lage  in  Belgien.
General  Brialmont  dazu  I.  17.

Heereskredite:  Außerordentliche
Ausgaben  II.  8;  Heereskredite  in
der  Kammer  V.  31.—VI.  14.  —
Geschützanschaffungen  XII.  7—9.

Militär.  Rüstungen:  angesichts
d.  europ.  Lage  I.  Mitte  —II.  Mitte.
—  Repetiergewehre,  Beschluß  des
Kriegsdepartements  auf  An  6  affung
III.  23.  —  Geschützanschaffungen
XII.  7—9.

Blämische  Sprache.  Antrag  Koremans
  betr.  der.  Kenntnis  bei  den
Offizieren  XII.  1—22.

Hammern  und  Ministerinm.

Kammern.  Neujahrsempfang
der  Präsidien,  der  König  über  den

 

Uphahetisches  Reziser.

schleppenden  Gang  der  Verbblgn.
I.  1;  Wiedereröffnung,  der  Kammerpräfid.
  üb.  d.  Beschleunigung
d.  Beratungen  XI.  8—

Ministerwechsel.  Nücktritt
Thonissens,  Eintritt  Lejeunes  X.
23—24.

Säuig  sespeld.

Keujahrsempft.  d.  Kammerpräs.,
Ansprache  üb.  d.  Arbeiterfrage  u.
d.  schleppend.  Gang  d.  Kammerverholgn.
  I.  1;  z.  Heeresreform  u.
allgem.  Wehrpflicht  beim  Jubil
d.  Brüsseler  Bürgergarde  VI.  12;
bei  d.  Denkmalsenthüllung  für  de
Breydel  und  Koninks  in  Brügge
VIII.  15.  —  Blämischer  Angriff
auf  ihn  VIII.  22.

Prinz  Balduin  auf  d.  Vlämischen
  Kongresse  VIII.  22.

Parteien.

Klerikale  Partei.  Ablehnung
  der  allgemeinen  Wehrpflicht
II.  8;  VII.  5—14;  Tadel  des  Königs
  beshalb  VI.=  12;  Verhandlungen
  d.  Regierung  m.  d.  Papste
deshalb  III.  22  bzw.  IV.  29.  —
Kathol.-sozial.  Kongreß  zu  Lüttich
IX.  4—8.  —  Niederlage  bei  den
Gemeinderatswahlen  X.  16.

Liberale  Partei.  Verschmelzungsversuche
  d.  liberalen  Gruppen
II.  2.  —  Kongreß  der  Fortschrittspartei
  in  Brüssel,  Beschlüsse  über
Aenderg.  d.  Wahlverfassg.  V.  30.
—  Sieg  bei  den  Gemeinderatswahlen
  X.  16.

Versonalien.

Anseele,  Sozialist.  Haftentlassung,
  Demonstration  für  ihn  II.6.

Beernaert,  Finanzmin.  Finanzexposs
  XI/8—9.

Boyaert,  Gen.  Ernennung  z.
Generalstabschef  IX.  10.

Brialmont,  Gen.  Ueber  die
militär.  Lage  Belgiens  I.  17.  —
Rückteitt  als  Generalstabschef  IX.

Défuisseaux,  anarch.  Revolutionär.
  Anhang  in  Südbelgien
        <pb n="579" />
        Belzien.  Birma.  Onthara.  Hulgerien.  561

IV.  10—11.  —  Aufruf  zur  Revolution
  V.  13—VI.  Anf.
Frere-  .Orban,  ehem.  Min.
Ueber  d.  Neutralität  Belgiens  u.
ger.  22.  Befestig.  d.  Maaslinie  III.

Woß,  deutscher  Anarchist,  ausgeliefert
  III.  30.

Koremans.  ang,  Antrag
üb.  b.  2,  Sprache  i.  d.  Armee  XII.

Neve,  deutsch.  Anarchist,  ausgeliefert
  III.  30.  —  Prozeß
Dtsch.  Rch.  X.  3—10.

v.  PTraet,  Min.  d.  k.  Hss.  #1
XII.

aissen,  Min.  d.  Innern
u.  d.  Unterrichts.  Rücktritt  X
23—24.

de  Volders,  Justizmin.,  übernimmt
  das  Innere  u.  den  Unterricht
  X.  23—24.

Sejiale  Pewegung.

Anarchisten:  Anhänger  Defuisseaux'
  auf  d.  Arbeiterkongreß  zu
Charleroi  IV.  10—11;  Anarchist.
Anschläge  bei  d.  Unruhen  V.  13
—VI.  Anf.  —  Auslieferuny  der
Anarchisten  Groß  und  Neve  an
Deutschland,  Interpellation  in  der
Kammer  II.  80.

Der  König  über  die  Arbeiterfrage
  I.  1.  —  Arbeiterschutzvorlagen
  in  der  Kammer  II.  8.
Untersuchungskommiss.  üb.  d.  Lage
d.  Arbeiter,  Bericht  II.  19.

Arbeiterorganisation  in  der  Borinage
  I.  —  Arbeiterkongreß  in
Charleroi,  südbelg.  Revolutionäre
IV.  10—11.  —  Streitigkeiten  unter
den  Sozialisten  in  Gent  X.  Anf.

Arbeiterdemonstration  für  Anseele
  II.  6.

Arbeitseinstellungen  u.  Unruhen
I.;  V.  13—VI.  Anf.;  XI.  Anuf.

Fischeraufruhr  in  Ostende  egen
d.  engl.  Fischer,  Notenwechsel  mit
England  VIII.  23—IX.  1;  Beratung
  in  der  Kammer  darüber  XI.  17.

Kathol.-sozial.  Kongreß  f.  Klerikale
  Partei.

-  z.  Justizmin.  ernannt
23—24.

 

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.

 

Fläuisce  KHewegung.

Enthüllung  der  Denkmäler  für
de  Breydel  u.  Koninks  in  Brügge
VIII.  15.  —  Vlämischer  Ronguß,
Prinz  Balduin  auf  demselben,  Angriffe
  gegen  den  König  VIII.  22.
—  Aläm.  Antrag  i.  d.  Kammer
üb.  d.  Kenntnis  *.  Sprache  bei  d.
Offiz.  XII.  1—22.

Birma  fs.  Großbrit.

Buchara.

Besetzung  von  Kerki  durch  die
Russen,  mi  V.  24;  vgl.  Rußld.

Bulgarien.

Gulgar.  Na  s.  eusberiict

Ilexander,  Prinz  v.  Hattenberz.

Bewegung  für  seine  Wiederwahl
III.  26—IV.;  Ablehnung  durch
ihn  IV.  5;  Dankesantwort  an  den
Patriotenbund  u.  kenegement  IV.
8  bzw.  9.  —  Erneute  Ablehnung
d.  Kondibatur  auf  Stoilows  offiin
  Angebot  V.  Ende.  —  Russ.

itschuld  a.  Staatsstreiche  gegen
ihn  VI.  13.  —  Depeschenwechsel
m.  Fürst  Ferd.  XI.  20.

Inswirtige  Volitik.

Deutschland  (ol-  Deutsches
Reich,  Rußld.,  Türkei,  Rusf.  Partei),
  Eintreten  für  die  ausstädisch
Russen  II.  28—III.  6.  —  Abbruch
d.  Beziehungen  zu  Bulg.  VIII.  22.
—  Konflikt  we  r*rt  d.  Präf.  von
Rustschuk  IX.  Mitte.

Frankreich  (vergl.  Frankreich,
Regentschaftsabordnung.  Ruff.  Partei,
  Abbruch  d.  Beziehungen  VIII.

Giechenkang  (vergl.  Regentschaftsabordnung).
  Diplomatische
Agentur  in  Athen  I.  2.  Hlfte.

Großbritannien  (vgl.  Groß--brit.,
  Regentschaftsabordnung).  Genercikonful
  in  Philippopel,  Taast
auf  d.  Regenten  IV.  2.  Hlfte.—

36
        <pb n="580" />
        562

V.  27.  —  Stellung  zum  Fürsten
Ferdinand  IX.  26.

Italien  (vgl.  Regentschaftsabordnung).


Oesterreich=  Ungarn  (vbergl.
Oesterreich).

Rußland  (ogl.  Russ.  Partei,
Rußld.,  Türkei).  Todesurteil  üb.
Nabokow  I.  29.  —  Rundschreiben
a.  d.  Vertret.  im  Auslande  gegen
d.  russ.  Beschuldigungen  I.  5.

Serbien.  Eiseshahnkondention,
Abschluß  IX.  26.

Türkei.  (lebersicht  S.  519.)
Vergl.  Rußland.  Verhandlungen
mit  Zankow  u.  d.  Zankowisten:
Zankow  nach  Konstantinopel  berufen
  I.  Anf.;  freiwill.  Angebot
d.  Regierung  betr.  Eintritt  in  dieselbe
  I.  5;  Ankunft  in  Konstantinopel,
  Memorandum  a.  d.  Pforte,
Türkei  I.  17;  Kaltschew  nach  Konstantinopel,
  Vorschläge  über  Eintritt
  Zankows  i.  d.  Regierung  I.
28;  Abbruch  d.  Verhandlungen  m.
ihm  II.  23.  —  Riza  Bey  nach
Sofia  gesandt,  Türkei  II.  28;  Forderung
  d.  Abberufung  durch  Rußland
  III.  Mitte.  —  Abbruch  der
Verhandlungen  m.  d.  Zankowisten
III.  22;  Abberufung  VIII.  12,
Türkei  VIII.  11.  —  Neues  Memorandum
  Zankows,  Forderung
d.  türk.  Okkupat.,  Türkei  III.  10.

Glückwunsch  d.  Pforte  üb.  Unterdrückung
  d.  Militäraufstds.  a.  d.
Regierung  II.  28—III.  6  (S.  464).

Verhandlungen  üb.  d.  Fürstenwahl.
  Ersuchen  d.  Regierung  um
Nennung  eines  Kandidaten,  Türk.
IV.  6;  Zirkular  der  Pforte  darauf
u.  Antworten  der  Mächte  V.  23;
Riza  Beys  Erklärung  gegen  Einberufung
  der  Sobranje  VI.  16;
Türk.  VI.  14.

Stellung  zur  Wahl  des  Prinzen
v.  Koburg  (vgl.  Fürst  Ferdinand).
Rdschrben  a.  d.  Mächte  u.  Antworten
  ders.,  Türk.  VII.  13;  Reise
Kaltschews  nach  Konstantinopel
VII.  26;  Abmahnung  a.  d.  Prinzen
  betr.  d.  Abreise,  Türk.  VIII.  2;
Abberufung  Riza  Beys  VIII.  12,
Türk.  VIII.  11;  Rdschrben  nach

 

Alxhebelisqhes  Rezister.

Eintreffen  d.  Prinzen,  Türk.  VIII.
15.  bzw.  27.  (Das  weitere  s.  Türkei.)
Tribut  a.  d.  Pforte.  Erklärung
Vulkowitschs  in  Konstantinopel  X.
81.  —  Beschluß  d.  Minist.  üb.  d.
Zahlung  Xl.  15;  Beschluß  der
Sobranje  dazu  XII.  18.
Ausland  im  allgemeinen.  Erklärung
  Stoilows  üb.  d.  Stellung
der  nicht  in  den  Kapitulationen
einbegr.  Ausländer  XI.  19.

 

Pelazermssimtand.

Aufhebung  IX.  Anf.

Finanzen  und  SEisenbahnes.

Anleihe  in  London  II.  Ende;
Anleihe  z.  Eisenbahnbau,  Beschluß
d.  Sobranje  XII.  18;  Einnahmebudget,
  Beschl.  d.  Sobranje  XII.
18.  —  Eisenbahnkonvention  mit
Serbien  IX.  26.  —  Eisenbahneröffnung
  XI.  6.

Sũrst  Ferdinand,  Irin;  #vo#  Nohur

(Uebersicht  S.  519,  557);  vergl.
Rußland,  Deutsches  Reich,  Oesterreich,
  Türkei,  Auswärt.  Politik.

Reise  Stoilows  zu  ihm  nach
Wien  III.  Ende.  —  Wahl  zum
Fürsten  VII.  7—8;  Empfang  der
Sobranjeabordnung,  Erklärungen,
Ablehnung  Fefort  Reise  n.  Bulg.
VII.  15;  Reise  Natschewitschs  zu
ihm  VIII.  1;  Austritt  aus  dem
ungar.  Heere  VIII.  9;  seines  Sekretärs
  d.  Majors  Laba,  Oesterreich
VIII.  10;  Reise  nach  Bulgarien,
Oesterreich  VIII.  10;  Ankunft  in
Widdin,  Notifikationen  an  die
Mächte  und  die  Pforte  VIII.  11;
Eidesleistung  in  d.  gr.  Sobranje
VIII.  14;  Eid  d.  Armee  auf  ihn
VIII.  15;  Empfang  d.  engl.  Vertreters
  IX.  26;  Russ.  Agitat.  geg.
ihn  im  Heere  IX.  Ende;  Depeschenwechsel
  mit  Prinz  Alexander  von
Battenb.  XI.  20.  —  Oppos.  der
Geistlichkeit  s.  Geistlichkeit.

erzogin  Klementine  von
Koburg:  Notifikationen  über  die
Abreise  ihres  Sohnes  a.  d.  Großkiächte
  VIII.  11  (S.  472).  —  Ankunft
  in  Sofia  XI.  26.
        <pb n="581" />
        GAulsarien.  563

Geistlicheit.  (Uebers.  S.  556.)

Ablehnende  Haltung  gegen  den
Fürst.  Ferd.,  Konflikt  m.  d.  Regierrung
  X.  Anf.  —  Metropolit  Klement:
  Rede  bei  der  Ankunft  des
Fürst.  VIII.  11  (S.  472);  Audienzgesuch
  b.  Fürsten  X.  Mitte;  Streit
mit  der  Regierung,  Rückzug  aus
Sofia  X.  26—  XII.  Anf.

Herrwesen.

Beförderungen  IV.  15.—  Pferdeausfuhrverbot
  Oesterreichs  IV.  15.
—  Militäraufstand  s.  Russ.  Partei,
  Verschwörungen.  —  Eidesleistung
  s.  Fürst  Ferdinand  VIII.
15.—  Russ.  Agitat.  im  Heere  IX.

nde.

Jeuale  Gppostien.
Schreiben  Petko  Slaweikows  a.
d.  Fürsten  IX.  2.  Hlfte.  —  Audienz
  Radoslawows  beim  Fürsten

Regenischaft  und  Rezierung.  (Uebers.
S.  556.)

Regentschaftsabordnung  in  England,
  Großbrit.  I.  7;  in  Frankreich,
Frkrch.  I.  9—10;  in  Italien,  It.
I.  17—23;  in  Konstantinopel  I.
31;  Kaltschew  nach  Konstantinopel
I.  28.  —  Bericht  vor  der  Sobranje
VII.  5.

NegentschaftsrundreiseIV.2.Hfte.

Rücktritt  der  Regenschaft,  Bedingungen
  dafür  I.  Mitte;  vergl.
Türkei  u.  Zankow.  Demission  VIII.
14.

A  Spaltung  in  der  Reg.  rung  VI.

nf.

Ministerium,  Wahlfieg  bei  den
Gemeinderatswahlen  V.  5;  Ministerkrifis,
  Rücktritt,  Minister.  Stoilow
  VII.  8—12.  —  Demiss.  d.
Regent.  u.  Min.  nach  Ankunft  d.
Fürsten  VIII.  14.  —  Ministerkrise,
Kab.  Stambulow  VIII.  31;  Wahlbeeinflussung
  X.  6;  Streit  mit
Mantow  XII.  8.

Kriegsmin.  Mutkurow,  Rücktritt
abgelehnt  XI.  3.

Kriegsmin.  Nikolajew.  Antw.  d.

 

Prinz.  Alexand.  an  ihn  IV.  8  bzw.
9;  Streit  m.  Stambulow  VII.  8
—12;  Rücknahme  f.  Ernennung
z.  fürstl.  Adjut.  X.  16.
inist.-Präsid.  Stoilow.  Reise
nach  Wien  III.  Ende;  Verhandlgn.
m.  Kalnoky,  Oesterr.  IV.  Anf.  —
Ablehnung  d.  Kandid.  durch  Fürst
Alexander  an  ihn  IV.  5;  zum  2.
Male  V.  Ende.  —  Rückkehr  VI.
16.  —  Rücktritt  d.  Kabinetts  VII.
8—12.  —  Justizmin.  VIII.  31.
—  Erlaß  üb.  d.  Ausländer  betr.
d.  Kapitulationen  XI.  19.  —  Entlassungsges.
  abgelehnt  XI.  28.

Russische  Vertei.  (Uebers.  S.  556.)

Verschwörungen  u.  Aufstände:
Gesteigerte  Bewegung  in  Rumän.,
unterstützt  v.  russ.  offiziell.  Organen
  1.—II.;  Todesurteil  üb.  Nabokow
  I.  29.  —  Militäraufstand
in  Silistria  u.  Rustschuk,  Niederwerfung,
  Todesurteile,  Vollstreckung,
  deutsche  u.  franz.  Einsprache
dageg.,  Mitschuld  d.  russ.  Behörd.,
Verhaftungen  in  Sofia  II.  28—
III.  6;  angebl.  Mißhandlung  der
Verhafteten,  Vorschlag  eines  Kollektivschritts
  d.  Großmächte  III.  15;
Russ.  Geldunterstützung  der  Revolutionäre
  IV.  4.  —  Unruhen  in
Dubnitza,  Prozeß,  Todesurteile  III.
25  bzw.  VIII.  Anf.  —  Dynamitattentat
  d.  Zankowisten  gegen  Popow
  IV.  24.  —  Aogitation  d.  Verschwörer
  im  Heere  IX.  Ende.  —
Putsch  v.  Eski  Sagra  XI.  9.

Zankow,  Verhandlungen  mit  d.
Pforte  s.  Türkei.

Karawelow,  Anschluß  a.  d.  Proramm

  Zankows  II.  Mitte.  —

Verhaftund  II.  28—III.  6  (S.  464).
—  Forderung  der  Anklage  auf
Hochverrat  geg.  ihn  X.  31.

Sebranie.

Große  Sobranje:  Einberufung
VI.  16;  Zusammentritt  VII.  3;
Fürstenwahl  VII.  7  bzw.  8;  Empfang
  der  Abordnung  durch  Prinz
Ferdinand  VII.  15;  Vertagung  VII.
5  Eidesleistung  d.  Fürsten  VIII.
14.
        <pb n="582" />
        564
Kleine  Sobranje:  Wahlen  dazu
X.  10.

Ms#bhäuziskeits-Partei.

Patriotenbund:  Bildung  III.  13
bzw.  20;  Eintreten  für  die  Rückkehr
  d.  Fürsten  Alexander  III.  26.
—IV:  Dankesantwort  d.  Fürsten
IV.  8  bzw.  9.  —  Erregung  der
Bevölkerung,  Drängen  nach  Fürstenwahl
  VI.  Anf.

Chile.

Spannung  mit  Peru  u.  Argentinien,
  Mittel=  u.  Südamerika  X.
Mitte.

China.

Vordringen  der  Russen  in  die
chines.  Grenzgebiete,  Afien  I.  —
Verbot  der  Grundstückserwerbung
u.  Niederlassung  von  Chinesen  in
.  russ.  Grenzgebiete,  RHld.  VI.

nf.

Gesandtschaftswechsel  in  Berlin,
As.  X.  Ende.  —  Anleihe  in  Deutschland,
  nacuo  Nch.  I.  29.  —  Gesch.
a.  d.  deutsch.  Kaiser,  Dtsch.  Nch.
IX.  24.

Verhandlungen  mit  d.  Papste  fs.
Röm.  Kurie  I.  Ende.

Großbritannien  s.  unter  diesem.

Dänemark.

Auswirtige  Velitik.

Allgemeine  Haltung,  Stellung
zu  Deutschland  und  Rußland:  Erklärung
  des  Marineministers  im
Folkething  III.  3;  friedliche  Haltung
  der  Regierung,  Artikel  d.
Berlingske  Tidende  VIII.  11.  —
Die  Opposition  und  die  deutschfeindl.
  Ziele  d.  Regierung:  7
gegen  die  Befestgg.  Kopenhagens
VIII.  Anf.;  Beichrufe  des  dän.
Friedensvereins  IX.  3.  —  Ruß-=land:
  Aufenthalt  des  Zaren  in
Fredensborg,  Erkrankungen  VIII.
26.  (Ueberf.  S.  522.)

 

Ilyphabetisces  Rezister.

Islan!.

Selbständigkeits  -Bestrebungen,
Althingsbeschlüsse  dazu  VII.—VIII.

Könisliches  Haus.
Zarenbesuch,  Erkrankgn.  VIII.  26.

Krietswmesen.  Vgl.  äuß.  Politik,  Budget,
  Opposition.
Repetiergewehre:  Vorlage  II.  8.
—  Befestigung  Kopenhagens:  Bewilligung
  im  Landsthing  II.  9;
Auslassung  d.  Anschlags  aus  dem
Budget  X.  4—  Mitte.

Perssnalien.
Berg,  Folkethingspräs.:  Amtsniederlegung
  III.  30  bzw.  31.  —
Rcbe  z.  Budget  für  1888/89  XlII.

Hoegsbro,  gem.  Oppos.:  Wahl
z.  Folkethingspräf.  III.  30  bzw.  31.

Graf  Holstein-Ledreborg,
Führ.  d.  gemäß.  Oppos.:  Haltung
geg.  d.  Extremen  III.  30  bzw.  31;
eg.  d.  Regierg.  üb.  d.  auswärt.
Paleei  VIII.  Anf.;  beantragt  Budgetverwerfg.
  XII.  7;  Rede  z.  Budget
  f.  1888/89  XII.  21.

Lauritzen,  oppos.  Abg.,  Protest
egen  die  deutschfeindl.  u.  russengienr
  Politik  d.  Regierg.  VIII.
e.

Reichstas.

Landsthing:  Antrag  Oxenböll
betr.  Regelung  d.  Polizeiverwltg.
auf  d.  Lande  II.  20,  s.  a.  Befestgg.
Kopenhagens.

Folkething:  Auflösung  I.  8.  —
Neuwahlen  I.  28;  prroifor.  Wahlges.
  d.  Regierg.  I.  Ende.  —  Zusammentritt
  des  neuen  II.  1.  —
Amtsniederlegung  d.  Präfid.  Berg,
Präsidentenwahl  III.  30  bzw.  31.

Reichstagsschluß  IV.  1;  Wiedereröffnung,
  Präsidiumswahl  X.  3;
Vertagung  X.  20;  Wiederzusammentritt
  XII.  7v.

VPerfafsungstreit.
Budget  für  1887/88  i.  d.  Folkethingskommission
  abgelehnt  I.  8;
Neuvorlage  im  neuen  Folkething
        <pb n="583" />
        ELIIIIIIIIIIIIII  565

II.  7;  Nichtannahme,  provisorische
Genehmigg.  IV.  1;  Vorlegung  des
provisor.  genehmigten  X.  4—Mitte;
Verwerfung  im  Folkething  XII.  7.
—  für  1888/89  Vorlage  im  Folkething,
  Verwerfung  X.  4—Mitte;
prov.  Ermächtg.  a.  d.  Regierung
z.  Steuererhebg.  X.  20;  Verweisung
  an  den  Ausschuß  XII.  21.
Proviforische  Gesetze:  Streichung
d.  Kosten  dafür  i.  d.  Budgetkommission
  des  Folkethings  I.  8.  —
Wahlgesetz  I.  Ende.  —  Antrag
Oxenböll  im  Landsthing  zum  provisor.
  Ges.  üb.  die  Polizeiverwaltung
  auf  d.  Lande  II.  20.  —  Budgetgenehmigg.
  IV.  1.  —  Aufhebg.
d.  prov.  Ges.  üb.  Waffeneinfuhr
u.  zankauf  IV.  15.  —  Provisor.
Gesetz  d.  Ermächtgg.  z.  Steuererhebg.
  X.  20.  —  Verwerfung  des
provis.  genehmigten  Budgets  für
1887/88  im  Folkething  XII.  7.
Die  Opposition:  Manifest  nach
Folkethingsauflösg.  I.  8  (S.  420);
Wahlmißerfolg  I.  28;  Spaltung
III.  30  bzw.  31.  —  Gemäß.  Oppos.
  u.  d.  Regierung  IV.  1;  Verholgn.
  mit  d.  Rechten  z.  Aussöhnung
  IV.—  Juli;  Parteitag  zu
Kiöge,  Protest  ##gen  deutschfeindl.
Politik  VIII.  Anf.;  Friedensvereinstag,
  Beschlüsse  über  Stellung
z.  Deutschld.  IX.  3  (val.  Budget,
Provisor.  Gesetze,  Personalien).

Deutsches  Reich.

 

I.  29;  Botschaftsernenng.  X.  Ende;
Geschenke  des  Kaisers  an  Kaiser
Wilhelm  IX.  24.

Dänemark.  Deutschfeindl.  Politik
  und  Gegenströmung  i.  Lde.  f.
Dänemark.

Frankreich.

riegsfrage.  Postartikel:  Auf
d.  Messers  Schneide  I.  31.  —  Bisurcch,
  Friedenspolititf  (Uebersicht

Grenzkonflikte.  Schnäbele
(Ueberf.  516):  Verhaftung  IV.  20;
Freilasfsung  u.  deutsche  Note  IV.  28.
—  Verhaftung  des  jungen  Schnäbele
  IX.  29.  —  Erschießung  Brignons
  IKX.  24  (Uebers.  519).

Französische  Feindseligkeiten.
  ESietereten  III.  25;
IV.  3.  —  Schließung  der  Weisbachschen
  Fabrik  VII.  Ende.

Franz  ölische  Spionage  V.
Ende.  BVgl.  Reichslande,  Franzosentum.


Pariser  Weltausstellung
8  8  Ablehnung  der  Beschickung

Zollkonvention  für  die  Sklavenküste
  VI.  1.

Leflo“s  Enthüllungen  VI.  1.

Frankreich  und  England.
Nordd.  Allg.  Ztg.  über  d.  Suezkanal=
  und  Hebridenvertrag  X.  27.

 

 

 

Großbritannien  s.  a.  Kolonialwesen,
  Kamerun.  —  Bistum
Jerusalem,  Aufhebung  d.  preuß.=engl.
  Vertrages  VIII.  19.

Iltkatbelikenfruebe  VI.  1.
Avarchisten  s.  Sozialdemokratie.

Auswirtige  Volitik.

Italien.  Bündnis  mit  Deutschland
  u.  Oesterreich  II.  27  (vgl.
Rußland,  Frankreich.  —  Uebers.
515).  —  Schwarzer  Adlerorden  an

Internationale  Kabelschutzverträge
  V.  23;  Litterarkonvention
V.  23;  Vertrag  über  Spiritushandel
  in  der  Nordsee  III.  18.

Australien.  Beschickung  der
Melbourner  Weltausstellung  X.  27.

Bulgarien  (dgl.  Ueberf.  512).
Erklärungen  der  Nordd.  Allg.  Ztg.:
zur  Fürstenwahl  VII.  14;  zur  Eidesleistung
  des  Prinzen  Ferdinand  VIII.
16.  —  Konflikt,  Bulgar.  IX.  Mit.

China.  Anleihe  in  Deutschland

 

Robilant  III.  22.  —  Crispi  in
Friedrichsruhe  X.  1  (Ueberf.  521).

Oesterreich-Ungarn.  Bündnis
  mit  Deutschland  u.  Italien  II.
27  (vgl.  Rußland,  Frankreich.  —
Uebers.  515).  —  Ablehnung  der
Studienberechtigung  auf  d.  Prager
deutsch.  Univerf,  VI.  10.  —  Kaiserbegegnung
  in  Gastein  VIII.  6.
—  Graf  Kalnoky  in  Friedrichsruhe
IX.  16.  —  Bosnische  Okkupation
vgl.  Rußld.
        <pb n="584" />
        566

Papsttum  s.  Kathol.  Kirche  u.
Römische  Kurie.

Persien.  Gesandter  Schenk  v.
Schweinsberg  I.  18.

ortugal.  Grenzvertrag  über
die  afrikan.  Kolonieen.  Port.  VII.
Ende.

Rumänien.  Handelsvertrag
III.  1.

Rußland  (vol.  Rßld.).  Aßld.
u.  d.  Türkei,  Nordd.  Allg.  Ztg.
darüber  I.  3.  —  Spannung
zwischen  Deutschland  u.  Rußland
  (1Uebers.  S.  517  ff.).  Enthüllungen
  über  die  Bosnische  Okkupation
  IV.  20.  Kampf  gegen  d.
russ.  Werte  VI.  Ende—IX;  Nichtbeleihung
  durch  d.  Reichsbank  XI.
10.—  Artikel  der  Post  über  Deutschland
  u.  Rußland  IX.  5;  X.  22.  —
Russische  Preßstimmen  in  der  Nordd.
Allg.  Ztg.  XI.  27.  —  Russ.  Rüstungen
  XII.  5.  —  Diplomatische
Fälschungen:  Schreiben  d.  Prinz.
v.  Orleans  an  die  Köln.  Ztg.  XII.
2;  Veröffentlichung  derselben  XII.31.
—  Zarenbesuch.  Preßmeldungen
IX.  Anf.;  IX.  Mitte;  die  Post  darüber
  X.  22.  Besuch  in  Berlin,  Erebnisse,

  Preßstimmen  XI.  18  (Ueberscct
  522.  —  Russische  Anleihe

Samoa.  Antwort  auf  Kg.  Tamaseses
  Glückwunsch  III.  23.  —
Absührung  Malietoas  IX.  Ende.
Eiam.  Gesandtsch,  in  Berlin

Serbien.  Musterschutzvertra
III.  18  bzw.  23.  schut

Vereinigte  Staaten  v.  Nord-Amerika.
  E.  B.  Washburne  1  X.  25.

Zan  Zibar.  Geschenk  des  Kaisers
an  d.  Sultan  III.  18;  deutsches
Geschwader  daselbst  I.  Anf.  Bgl.
auch  Kolonialpolitik.

Baben.

Landtgswhln.  X.  Mitte;  Thronwee
  u.  Adresse,  Kirchengesetzvorlage
.  1l.

Kammern.  Auflösung  V.  18;
Wahlen  VI.  22;  Eröffnung,  Thron- 



Ilphebetisches  Rezister.

rede,  Parteien  IX.  15;  Adreßdebatte
X.  3

Branntweinsteuergemeinschaft
  des  Reichs.  Erklärung  v.
Riedels  im  Reichstage  V.  10—14
(S.  140);  Beitritt  durch  die  Kammern
  genehmigt,  v.  Riedel  darüber
in  der  Kammer  IX.  22.

Justizminister  v.  Fäustle  1#
IV.  17.

Münchener  Gemeinderatswahlen
  XlI.  30.

Sozialisten.  Gesprengte  Versammlung
  II.  6.

Päpstlicher  Nuntius.  Fürst
Ruffo  Scilla  IX.  Mitte.  —  Päpstl.
Enzyklika  a.  d.  Bischöfe,  Röm.
Kur.  XII.  22.

Dãnen  s.  Parteiwesen.

Evanzelische  Kirche.
Evangelischer  Bund:  Aufruf

z.  Bildung  1;  erste  Generalversammlung
  VIII.  16—17.

reußen.  Anträge  Kleist-Retzow
u.  Hammerstein  im  Herrenhause  III.
18bzw.  V.  13;  Beschlüsse  der  landeskirchl.
  Versammlung  IV.  26;  Eingabe
  d.  freieren  Richtung  VI.  Anf.
—  Erlaß  d.  brandenburg.  Konsfi-=storiums
  üb.  d.  Mischehen  VI.  Anf.
—  Berliner  Stadtmission  u.  Prinz
Wilhelm  XI.  28;  XII.  24.  —  Prof.
Beyschlag  über  Einzug  des  Bisch.
Kopp  in  Breslau  XI.  Anf.
Bistum  Jerusalem.  Aufhebung
  des  preußisch-englischen  Vertrages
  VIII.  19.

Heerwesen  uud  Morine.

Heerverstärkungs-Vorlage
im  Reichstage  (Uebers.  514,  528  f.).
In  der  Kommission  I.  5;  im  Plenum:
  2.  Lesung,  Ablehnung  I.
11—14;  Beratung  und  Annahme
im  neuen  Reichstage  III.  7—11.
—  Der  Kaiser  über  d.  Ablehnung
u.  die  Reichstagsauflösung  I.  27;
I.  19  bzw.  20;  III.  6.  —  Eintreten
  des  Papstes  dafür  s.  kathol.
Kirche  und  Zentrumspartei.

Heeresetat.  Rchstg.:  Bewilligungen
  III.  21;  Anleihen  für
        <pb n="585" />
        Veutsches  Reic.  567

Heereszwecke  III.  30;  IV.  22.  —
Nachtragsetat  V.  5—6  bzw.  20.

Wehrverfassungsänderung.
Nchstg.:  Vorlage  XII.  16  (leben
524).

Militärhinterlassenengesetz.
  Rchstg.:  Annahme  V.  13
bzw.  20.

Nordostseekanal.  Grundsteinlegung
  VI.  3.

Pferdeausfuhrverbot  I.  25.

Reservisteneinziehung  II.  5.

Militärdienstjubiläum  d.
Kaisers  I.  1.

Bessen.
Kirchenpolititische  Vorlage  VI.
17  bzw.  23.  —  Unverletzbarkeit  d.
Abgeordneten  VI.  24.  —  Steuerermäßigung
  XII.  1.

Natholische  Kirche.  Vgl.  auch  Römische
  Kurie.

Papst  und  Septennat  s.  a.
Zentrumspartei  u.  Reichstag  (Uebrs.
533  ff.).  Schreiben  Jakobinis  a.  d.
Nuntius  Pietro  I.  21;  II.  9.  —
Erklärung  v.  Franckensteins  dazu
u.  Schreiben  desselben  a.  d.  Nuntius
  II.  15.  —  Neue  Kundgebung
d.  Papstes  II.  26.  —  Die  Bischöfe
und  die  Wahlen  II.  9—Ende.  —
Prozeß  u.  Einschreiten  der  Bischöfe
geten  Wahlnmißbräuche  Geistlicher

Papst  und  die  Volen  val.
Eb.  Dinder  und  Polenfrage.  —
Polenadresse  an  den  Papst,  Segen
desselben  XI.  15.  —  Entscheidung
im  Streite  d.  Regierung  mit  Eb.
Dinder  II.  Anf.

Sendung  Galimbertis  an
den  Kaiser  III.  27.

Neuer  Nuntius  in  München
  IX.  Mitte.

Die  Bischöfe.

Erzb.  Dinder  v.  Posen.  BVgl.
a.  Polenfrage.  Bei  d.  Wahlen  II.
9—Ende.  —  Streit  mit  d.  Regieung,
  über  Ernennungen  Gei  kicher
II.  Anf.  —  Erlaß  über  poln.  Religionsunterricht
  und  Anfeindung

 

B.  Kopp  v.  Fulda,  dann
Breslau.  Note  Jakobinis  an  ihn
I.  Mitte.  —  Anträge  z.  Preuß.
Kirchengesetze  im  Herrenhause  III.
4—16;:  Schlußerklärung  dazu  III.
23—24  (S.  103).  —  Ernennung
3.  Fürstb.  v.  Breslau  VI.  2.  Hlft.;
Einzug,  Eidesleistung,  Rundschreiben
  X.  Ende;  Prof.  Beyschlag  darüber
  XI.  Anf.  —  Auf  d.  Lütticher
lathol-#zia  .Kongreß,  Belgien

B.  Räß  v.  Straßburg  f
XI.  17

B.  Redner  v.  Kulm.  Hirtenbrief
  I.  9.

B.  Stumpff  v.  Straßburg
bei  d.  Wahlen  II.  9—Ende;  Nachfolge
  XI.  17.

B.  Weyland  v.  Fulda.  Wahl
XI.  4

Bischofskonferenz  in  Fulda
VIII.  10—11.

Katholikenkongreß  in  Trier
VIII.  29—  IX.  1.

Preußen  u.  d.  kath.  Kirche:

Neues  Kirchengesetz.  Vorlage
  im  Herrenhause  II.  22;  in  d.
Kommission,  Anträge  Kopps  III.
4—16;  im  Plenum,  Annahme  III.
23—  24;  Galimberti  über  dieselbe
III.  27.  —  im  Abg.  Hause  IV.
21—27;  Annahmeempfehlung  des
Tepftes  an  Eb.  Krementz  v.  Köln

Staatskatholiken  u.  Zentrum.
  Fürst  v.  PMenburg  gegen
Windthorst  IV.  Mitte.  —  Adresse
an  den  Papst  V.  Anf.—14.

Neuer  Bischofseid  II.  13.

Veröffentlichung  d.  Nordd.
Allg.  Zeitung  z.  Haltung  Preu-Rens
  gegenüb.  d.  vatikan.  Konzil

Geistliche  Orden.  Erlaubnis
zu  Neuaufnahmen  I.  27;  Klostereröffnungen
  VIII.  Anf.

Priesterseminare  Gestattung
des  Paderborner  II.  7;  Wiedereröffnung
  des  Kölner  VI.  Mitte.

Staatspfarrer.  Rücktritte  I.

nf.
Prozeß  wegen  öffentl.  Aus-
        <pb n="586" />
        568

schließung  einer  nicht  kirchl.  Getrauten
  I.  Ende.

Erzb.  Dinder,  B.  Redner,  B.
Kopp,  Bischofskonferenz,  Polenfrage
  s.  o.

 

Die  übrigen  Einzelstaaten
und  die  kathol.  Kirche:

Baden:  Kirchenvorlage  XII.  1.
—  Bayern:  Enzyklika,  Röm.  Kur.
XII.  22.  —  Hessen:  Kirchenvorlage
  VI.  17.  bzw.  23.

Solonialwesen  (Uebers.  542).

Allgemeines.

luescstese  Gesetz  üb.  Rechtsverhältnisse
  d.  Reichsbeamt.  i.  d.  Kolonieen
  V.  17.  —  Vorlage  über  d.
Rechtsverhältnisse  in  Schutzgebieten
VI.  15.  —  Seminar  für  oriental.
Sprachen:  Genehmigung  V.  5;  Eröffnung
  X.  18.  —  Reichspostdampferlinien;
  Aenderung  VI.  17.

Verschmelzung  des  Kolonialvereins
  u.  d.  Gesellsch,  f.  deutsche  Kolonisation
  XI.  Mitte.  —  Allg.
deutsch.  Kongreß  u.  Kolonialausstellung
  für  1889  IV.  5.

Kamerun.  Uebernahme  v.  Viktoria
  u.  d.  Ambasbai  III.  Ende.

Ostafrika.  Umbildung  d.  ostafrikan.
  Gesellsch.  II.  26.  —  Geschwader
  vor  Zanzibar  I.  Anf.;
Geschenk  d.  Kaisers  a.  d.  Sultan
III.  18;  Besetzung  d.  Mandainseln
und  -Bucht  für  d.  Sultan  v.  Witu
I.  Anf.

Sklavenküste.  Zollabkommen
mit  Frankreich  VI.  1.

Südafrika.  Lüderitz  f,  Afrika
1.—  Goldfelder  X.  Ende.  —  Burenansiedlung
  I.  20;  Deutsche  u.  Buren,
Afrika  XI.  Anf.  —  Kaiserl.  Verordnung
  üb.  d.  südwestafrik.  Schutzgebiete
  XII.  27.

Südseeinseln.  Marschallsinseln
  und  zugehör.  Gruppen:  Verordnung
  d.  kaiserl.  Kommissars  I.
8.  —  Neuguinea:  Ordnung  der
Grundeigentumsverhältnisse  in  den
Kompagniegebieten  VII.  20.  —
Samoa  s.  Auswärt.  Politik.

Sandesverratsprazesse  s.  Reichslande.

 

Ilrbabetisches  Register.

Rerdeltseekanal.
Grundsteinlegung  VI.  3.

Jarteimesen  vgl.  Reichstag:  Wahlbewegung.
  (Uebers.  S.  532.)
Anarchisten  s.  Sozialdemokratie.
Dänen.  Antrag  Johannsen  im
Reichstage  betr.  Revision  des  Gefängniswesens
  V.  2.  —  Wahlniederlage
  b.  d.  Wahlen  z.  Kirchenkollegium
  in  Flensburg  XII.  13.
Deutschfreisinnige  s.  a.  Personalien,
  Richter:  Wahlaufruf  I.
Mitte;  Septennatsanhänger  I.  Mitte
(S.  62);  jüdische  Professoren  geg.
d.  Freifinn  II.  Mitte;  Wahlschwindel
  in  Stettin  VIII.  12.

Elsaß-Lothringen  s.  Reichslande.


Nationalliberale:  Wahlaufruf,
  Wiederauftreten  v.  Bennigsens
u.  Miquels  I.  Mitte.

Polen  s.  Polenfrage.

Septennatsparteien:  Kartell
I.  Mitte  (S.  60).  —  Antrag  betr.
5jähr.  Legislaturperioden  XII.  2.

Sozialdemokraten  s.  Sozialdemokratie.
  .

Zentrum  s.  a.  kathol.  Kirche;
Personalien,  Windhorst:  Wahlaufruf
  I.  Mitte;  Aufruf  rheinisch.  Adliger
  für  die  Heeresvorlage  II.  15;
Parteitag  d.  rheinisch.  Kathol.  in
Köln  II.  6;  Wahlmißbräuche  der
Priester  VII.  22.  Stellung  zu
d.  päpstl.  Kundgebungen  für  die
Heeresvorlage  I.  21  (S.  68),  II.  6,
II.  15.  —  Staatskatholikenadresse
a.  d.  Papst  V.  Anf.—17;  Fürst
v.  Isenburg  geg.  Windhorst  IV.
Mitte.  —  Katholikentag  in  Trier
VIII.  29—IX.  1.

Versonalien.

Kaiser  Wilhelm.  Millitärdienstjubiläum,
  Ansprache  a.  d.  Generale,
  Handschreiben  an  d.  Kronprinzen
  I.  1;  90.  Geburtstag,  Erlaß
  a.  d.  Reichskanzler  III.  22.  —
Krankheit  VI.  3,  IX.  3.  —  Thronreden:
  z.  Reichstage  III.  3,  XI.  24;
z.  prenß.  Landtage  I.  15.  —  Ueber
die  Ablehnung  der  Heeresvorlage
        <pb n="587" />
        Denisqhes  Reith.

und  die  Reichstagsauflösung:  an
d.  Reichstagspräsidium  III.  6;  a.
d.  Herrenhauspräfid.  I.  17;  a.  d.
Herrenhaus-Adreßdepntatio  I.  19
zw.  20;  Dank  a.  d.  Reichstag  VI.
18.  —  Ueber  die  Lage  a.  d.  Reichstagspräfid.
  XI.  27.  —  Reise  nach
Gastein  VII.  18;  Kaiserbegegnung
VIII.  6  vgl.  Oesterreich  VIII.  6;
Rückkehr  VIII.  11.  —  Reise  zur
Eröffnung  d.  Arbeiten  a.  Nordostseekanal
  VI.  3;  Nichtabreise  zu
d.  Manövern  nach  Königsberg  IX.
3.  —  Besuch  des  Zaren  in  Berlin
s.  Auswärt.  Politik,  Rußland.  —
Geschenk  an  d.  Sultan  v.  Zanzibar
III.  18.  —  Telegramm  an  Kg.  Tamasese
  v.  Samoa  III.  22.

Kronprinz  Friedrich  Wilhelm
  (lebers.  540).  Erkrankung,
Gutachten  Virchows  VI.  16;  drohende
  Wendung  XI.  8  —12;  Telegramm
  d.  Reichstags,  Antwort  darauf
  XI.  24;  Schreiben  a.  Geh.  Rat
Hinppeter  u.  d.  Großlogen  X  II.  4.
—  Beileidsbezeugungen  in  der  österreich---ungar.
  Delegation:  Oesterr.
XI.  16—17.

Prinz  Wilhelm  v.  Preußen
u.  d.  Berliner  Stadtmission  Xl.  28;
Zeitungserörterungen  XII.  24.

Prinz  Heinrich  v.  Preußen.
Verlobung  mit  Prinzeffin  Irene  v.
Hessen  III.  22.

Reichskanzler  Fürst  v.  Bismarck.
  Reden:  zur  Heeresvorlage
im  Reichstage  I.  11—14,  und  über
d.  Reichstagsauflösung  im  Preuß.
Abg.  Hse.  I.  24  (S.  69,  73,  75);
zum  preuß.  Volksschulgesetze  im
Herrenhause  II.  15;  zur  Kirchengesetzuorlage
  im  Herrenhause  III.
23—24,  im  Abg.-Hse.  IV.  21—27.
—  Konferenz  beim  Kaiser  VIII.  11.
—  Reise  nach  Kissingen  VIII.  13;
Rückkehr  IX.  9.  —  Besuch  Crispis
X.  1;  Besuch  Graf  Kalnokys  IX.
16.  —  Ministerjubiläum  IX.  23.
—  Beleidigungsklage  der  Volkszeitung
  geg.  ihn  XII.  Anf.

Päpstl.  Nuntien  Pietro,  Ruffo
Scilla;  päpstl.  Ges.  Galimber= 



 

 

 

569

ti;  Bischöfe:  Dinder,  Kopp,
Rumpff,  Redner,  Räß,  Weiland
  s.  Kathol.  Kirche.

 

Antoine,  Reichstagsabgeordn.
s.  Reichslande.

Back,  Oberbürgzernstr.v  Straßburg
  s.  Reichslande.

v.  Bennigsen.  Wiedereintritt
in  d.  Reichstag  II.  Mitte.

v.  Bergmann,  Arzt  beim  Kronprinzen
  VI.  16.

Graf  Herbert  Bismarck,
Wirkl.  Geh.  Rat  u.  Exzell.  XII.
24

Kriegsmin.  Bronsartv.  Schellendorf
  zur  Wehrverfassungsvorlage
  XlI.  16.

Graf  Brühl.  Erklärung  über
d.  Staatskatholikenadresse  an  den
Papst  V.  Anf.—14.

v.  Burchard,  Präsid.  d.  Seehandlung
  I.  Auf.

v.  Fäustle,  bair.  Justizminister

IV.  17.

Frhr.  v.  Franckenstein  s.  Kathol.
  Kirche  u.  Zentrumspartei.
Graf  Fürstenberg-Stammheim,
  Aufruf  für  das  Septennat
.  1

Hasenclever,  Sozialist,  wahnfinnig
  XI.  12.
Hinze,  ehem.  Major,  Maß-=regelung
  VI.  20.

Statthalter  Fürst  Hohenlohe
s.  Reichslande.

v.  Hölder,  württemberg.  Minister
  d.  Innern  VIII.  30.

Fürst  v.  Isenburg-Birstein
gegen  Windhorst  IV.  Mitte.

Krupp,  Geh.  Kommerzienrat  f
VII.  14.

Ackerbaumin.  Lucius  über  Getreidezollerhöhung
  V.  5.

Lüderitz,  Kolonialunternehmer
#f.  Afrika  I.

Mackenzie,  Sir  Morell,  Arzt
des  Kronprinzen  VI.  16,  Xl.  8—12.

Migquel,  Oberbürgermeister  von
Frankfurt  a  M.  Wiedereintritt  in
d.  Reichstag  II.  Mitte.

Graf  Moltke,  Feldmarschall.
Reden  zur  Heeresvorlage  I.  11—14
(S.  8,  44).
        <pb n="588" />
        570  Anpbsbetisches  Negiser.

Petri,  reichstreuer  Elsässer,  gewählt
  in  Straßburg  VII.  21.

v.  Puttkammer,  Unterstaatssekretär
  in  d.  Reichslanden,  Erklärung
  über  d.  Maßregeln  d.  Regierung
  gegen  d.  Franzosentum  III.  15.

ichter,  deutschfreifinn.  Parteiührer.
  Reden:  zur  Heeresvorlage
im  Reichstage  I.  11——14  (S.  44),
im  preuß.  Abg.-Hse.  I.  24  (S.  75);
zur  Branntweinsteuer  im  Reichstage
  V.  10—11  (S.  141).  —  Ungültigkeit
  seiner  Wahl  XII.  16.

v.  Riedel,  bair.  Minister,  über
Bayerns  Anschluß  a.  d.  Branntweinsteuergemeinschaft
  des  Reichs
im  Reichstage  V.  10  —14  (S.  140),
im  bayr.  Landtage  IX.  22.

Sarauw,  Spion,  Begnadigung
VII.  15.

Frhr.  Schenck  zu  Schweinsberg,
  Gesandter  in  Persien  I.  18.

v.  Schmid,  württemb.  Bevollmächt.
  z.  Bundesrate,  über  d.  Anschluß
  Württembergs  a.  d.  Branntwiinsteuergemeinsch
  d.  Reichs  V.

Schnäbele,  Spion,  s.  Auswärt.
  Politik,  Frankreich.

Finanzminister  v.  Scholz  über
Steuerreform  V.  12,  z.  Branntweinsteuergesetze
  V.  10—11.

Virchow,  Prof.  d.  Medizin,
Gutachten  über  d.  Krankheit  des
Kronprinzen  VI.  16.

Windthorst,  Zentrumsparteiführer.
  Reden:  zur  Heeresvorlage
im  Reichstage  I.  11—14  (S.  26,
33,  53);  im  Abg.-Hse.  I.  24  (S.
71);  auf  d.  rhein.  Zentrumsparteitage
  in  Köln  zu  den  Papstnoten
II.  6;  auf  dem  Trierer  Katholikenkongreß
  VIII.  29—IX.  1.  —  Obstruktionspolitik
  bei  der  Reichstagseröffnung
  III.  3.

Frhr.  v.  Zedlitz-Neukirch.
Rede  im  preuß.  Abg.-Hse.  z.  Heeresvorlage
  I.  24  (S.  72).

Frhr.  Zorn  v.  Bulach,  reichstreuer
  Elsässer,  nicht  gewählt  II.  21.

Voleufrage.
Deutsche  Ansiedlung.  Denkschrift
  der  Kommission  über  ihre

 

Thätigkeit  I.  Ende.  —  Polnische
Rettungsbank:  Verkauf  des  Guts
Radlowo  I.  Anf.;  Polnische  Notabeln
  zu  ihrer  Unterstützung  X.  6;
Sammlungen  in  Galizien.  Oestr.
Mitte;  Erzb.  Morawski  v.  Lemberg
  verbietet  die  Teilnahme  der
Geistlichkeit  seines  Sprengels  daran
Oestr.  XII.  9.

Teilung  der  polnischen
Kreise  vom  preuß.  Landtag  genehmigt
  V.  9—14.

olnische  Sprache  in  der
Schule.  Aufhebung  des  Unterrichts
  darin  IX.  27;  Polnischer
Protest  gegen  d.  Aufhebung  d.  Poln.
Religionsunterrichts  XI.  15;  Erlaß
des  Erzb.  Dinder  darüber,  Angriffe
der  Polen  gegen  ihn  Xl.  22.  —
Einspruch  gegen  Ernennung  poln.
Geistlicher  durch  d.  Regierung,  Entscheidung
  des  Papstes  II.  Anf.  —
Erzb.  Dinder  u.  d.  niedere  Geistlichkeit
  bei  der  Wahl  II.  9—Ende.
Aäse  des  Kultusministers  VI.
.  Hlft.

Posenscher  Provinziallandtag:
  Deutscher  Wahlfieg  XII.  21.

Preußen.  enl  Kathol.  Kirche,  Evane,


gel.  Kirche,  Polenfrage,  Sozialdemokratie,
  Sozialpolitik,  Steueru.
  Wirtschaftspolitik.
Etat  für  1887/88  I.  21.  —
NUachtragsetat  für  1886/87  V.  6
w.  7

zw.  7.

Landtag.  Eröffnung,  Thronrede,
  Präsidentenwahl  I.  15;  Herrenhauspräfidium
  vor  dem  Kaiser
I.  17;  Adresse  des  Herrenhauses
11  bzw.  20;  Landtagsschluß  V.

Moorkolonisation  in  Hannover
  X.  28.

Staatsvertragmit  Waldeck
IV.  Anf.  bzw.  V.  6.

Steuerreform.  Abg.-Hs.:
Antrag  Althaus  V.  12.

unsellnersicherune  Organisation
  nach  d.  Reichsgesetze,  Annahme
  im  Landtage  III.  9  bzw.
IV.  28.

Verwaltungsgesetze.  Landgüterordnung
  für  Kassel  V.  10—
        <pb n="589" />
        Beisches  Reic.  571

14.  —  Ausdehnung  der  Kreis=  u.
Provinzialordnung  auf  d.  Rheinprovinz
  II.  14  bzw.  III.  26.

Volksschulgesetze.  Herrenhaus:
  Vorlage  I.  20;  Rede  Bismarcks,
  Annahme  II.  15;  im  Abg.=Hse.
  IV.  23  bzw.  30.

Reichsetat  und  Finanzen.

Etatsvorlage  für  1887/88  III.
8—28;  für  1888/89  XI.  21.  —
Anleihe  für  außerordentliche  Ausgaben
  III.  30;  für  die  Heeresvermehrung
  u.  Steigerung  d.  Schlagfertigkeit
  IV.  22;  Anleihe  zum
Nachtragsetat  V.  5—6  bzw.  20;
Ueberzeichnung  der  Anleihe  VII.  5.

Reichslanbe.  (Ueberf.  S.  356.)

Personalien.  Bischof  Räß
v.  Straßburg  f,  Stumpff  Nachfolger
  XI.  17.  Unterstaatssekretär
Back,  Bürgermeister  v.  Straßburg
IX.  Arf.

Regierung  und  Franzosentum
  nach  den  Wahlen.

Verwaltungsänderung  III.  Ende
—IV.  Anf.  —  Umbildung  des
Ministeriums  IV.  25.  —  Reichsländische
  Eesetze  im  Reichstage  VI.
18.  —  Aufhebung  des  Dispenses
vom  Gebrauch  d.  deutsch.  Sprache
vor  Gericht  VI.  29.

Französ.  Patriotenliga:  Haussuchungen
  u.  Verhaftungen  II.Mitte;
Prozeß  gegen  Mitglieder  VI.  13—
18.  —  Aufenthaltsbeschränkung  d.
Optanten  IV.  9.  —  Ausweisungen:
Antoines  IV.  1,  vgl.  Belg.  IV.  20;
weitere  IV.—V.,  VI.  Mitte,  VIII.
6.  —  Maßregelung  Mißliebiger
VI.  Ende;  Auflösung  des  Zaberner
Kreisvereins  VII.  2.  Hlfte.
IV#Detchfeindliche  Kundgebungen

Debatte  über  die  verschärften
Regierungsmaßregeln  im  Landesausschusse
  III.  15.

Reichstagswahlen:  Ergebnis
  II.  21;  Nachwahl  in  Straßburg,
  Petri  gewählt  VII.  21.—
Wahlaufruf  des  Statthalters  II.
16;  Koadjutor  Stumpff  und  die
Wahlen  II.  9—Ende.  —  Reichs- 



treue  Elsässer:  Zorn  v.  Bulach
II.  21;  Petri  VII.  21.

Spionage.  Verhaftungen  V.
Ende.  —  Loandesverratsprozesse:
Klein,  Grebert,  Erhart  VII.  4—
8;  Cabannes  XII.  19.

Reichslag.

Wiederzusammentritt  I.  4;  Auflösung
  I.  11—14  (S.  57).  —  Neuwahlen
  (Uebers.  S.  532):  Wahlbewegung,
  Parteiaufrufe  I.  Mitte;
Rheinischer  Zentrumsparteitag  in
Köln  II.  6;  Staatskathol.  Adel,
Erklärung  II.  15;  die  Bischöfe  u.
die  Wahlen  II.  9—Ende;  Wahlaufruf
  des  Statthalters  der  Reichslande
  II.  16;  Jüdische  Professoren
gegen  den  Freisinn  II.  Mitte;
Wahlmißbräuche:  kathol.  Priester
VII.  22;  freisinnige  in  Stettin,
Prozeß  VIII.  12.  —  Wahlergebnis
  II.  21.

Berufung  des  neuen  Reichstags
  II.  23.  —  Eröffnung,  Thronrede
  III.  3.  —  Präsidium:  Wahl  III.
4;  Empfang  beim  Kaiser  III.  6.
—  Wiederzusammentritt  IV.  19;
Vertagung  V.  25;  Schluß,  Dank
des  Kaisers  VI.  18.

Reichspostdampferlinien.
Abänderung  VI.  17.

Seminar  für  orientalische
Sprachen.  Genehmigung  der  Errichtung
  V.  5;  Eröffnung  X.  18.

Kunstbuttergesetz.  Annahme
V.  20—21  bzw.  VI.  17  (leberfs.
S.  538r.

Herbstsession:  Eröffnung,
Thronrede  XI.  24;  Empfang  des
Präsidiums  b.  Kaiser  XI.  27.  —
Beileidstelegramm  a.  d.  Kronprinzen
u.  Antwort  desselben  XlI.  24.
Antrag  der  Kartellparteien  auf
5jährige  Legislaturperioden
XII.  2.

—

Landtagswahlen  X.  17.  —  Landtagseröffnung,
  Thronrede  XI.  11.

Seiialbemekratie  und  Ssezjislistengeset#.

Antrag  Singer  über  Neuvorlegung
  des  Rechenschaftsberichts  üb.
        <pb n="590" />
        572

d.  Handhabung  d.  Sozialistengesetzes
  im  Reichstage  IV.  19.

Gesprengte  Versammlung  in
München  II.  6.

Kleiner  Belagerungszustand  üb.
Stettin  u.  Umgeg.  verhängt  II.  15.

Verhaftungen:  in  Danzig,  Magdeburg,
  Freiburg  i.  B.  I.  26;  in
Berlin  VII.  15.  —  Prozesse:  in
Frankfurt  I.  21;  Posen  IV.  16;
Magdeburg  u.  Danzig  V.  17  bzw.
28;  Altona  VIII.  30;  Breslau
XI.  17.

Parteitag  in  St.  Gallen  X.  4—6.

Petition  der  Berliner  Maurer
a.  d.  Reichstag  X.  Ende.

Kasenelever  wahnsinnig  XI.  12.

narchisten.  Beschlüsse  des

Sozialistenkongresses  gegen  d.  Anarchismus
  X.  4—6.  —  Preozesse:
gegen  Sparr  IV.  22;  Neve  X.  3
—10.  —  Interpellat.  i.  d.  belg.
Kammer  üb.  Auslieferung  Neves
u.  Groß',  Belg.  III.  30.

Serialpelitik.  (Uebers.  S.  540.)

Alters=  u.  Invalidenversicherung.
  Veröffentlichung  der
Grundzüge  XI.  16.  —  Beschlüsse
des  Zentralvereins  deutsch.  Großgewerbetreibender
  dazu  XII.  Anf.;
des  Volkswirtschaftsrats  XII.  5—
16;  des  Berufsgenossenschaftstags
XII.  2.  Hlfte.

Arbeiterschußanträge  pite-Lohren
  im  Reichstage  VI.  17.

Innungsgesetz:  Annahme  im
Reichstage  VI.  18.

Unfall-Versicherung:  der
Bauhandwerker,  Annahme  i.Reichstage
  V.  24;  der  Seeleute,  Annahme
i.  Rtge.  VI.  18.  —  Organisation
der  Unfallversicherung  in  Preußen
III.  9  bzw.  IV.  28.

Stener-  und  Wirtschafispelitik.  (Uebersicht
  S.  537.)

Branntweinsteuer.  Gesetzesvorlage
  im  Reichstage  V.  5;  1.  Lesung
  V.  10—11;  2.  u.  3.  Lesung
VI.  13—17.  —  Beitritt  Bayerns
IX.  22;  Württembergs  IX.  13—
15.  —  Spiritusbank,  Gründungsversuche
  VIII.  Ende.

 

Ulphabetisches  Register.

Getreidezölle  (leberf.  S.  538).
Reichstag:  Petition  v.  Landwirten
um  Erhöhung  III.  3;  Antrag
v.,  Minnigerode,  Beratung,  Regierungserklärung
  V.  5.  —  Gesetzesvorlage
  darüber:  1.  Lesung  XII.
1—2,  2.  Lesung  XII.  13—14,  3.
Lesung,  Annahme  XII.  17.

Deutscher  Landwirtschaftskongreß,
  Beschlüsse  für  Getreidezollerhöhung
  u.  a.  III.  2  u.  3;  ebenso
Landwirtschaftsrat  XI.  5.  —  Gegenbeschlüfe
  des  deutsch.  Handelstages

Zuckersteuer.  Reichstag:  Gesetzesvorlage
  u.  1.  Lesung  V.  25;
2.  u.  3.  Lesung,  Annahme  VI.  16
18½

Waldes.

Staatsvertrag  mit  Preußen  IV.
Anf.  bzw.  V.  6.

Wirttenberg.

Minist.  d.  Innern  v.  Hölder  #f
VIII.  30.
Reichsbranntweinsteuer:
Erklärung  des  württemb.  Bevollmächt.
  v.  Schmid  dazu  im  Reichstage
  V.  10—11  (S.  140);  Beitritt
v.  d.  Kammern  genehmigt  IX.  13

Steuerreform  V.  26.

Frankreich.

Auswirtige  und  Nolsnial-Volitik.
Kriegsfrage  vg  Deutschland,
Rußland  (Uebers.  S.  512  ff.).  —
Friedenerode  Goblets  1.  11;  des
enators  Carnot  I.  11.  —  Börsenpanik
  II.  1.  —  Internationaler
Entwaffnungsantrag  Boyers  i.  d.
Kammer  abgelehnt  I.  13.  —  Sozialist.
  u.  Kriegsfr.  s.  Sozialisten
u.  Anarchisten.
Aegypten  val.  Aegypten,  Großbritannien,
  Türkei.
Suezkanalkonvention  mit  England:
  Beginn  d.  Vhdlan.,  d.  Temps
dazu  VI.  10;  Abschluß  X.  25.  —
Engl.-türk.  Vertrag  über  Aegypten:
drohende  Haltung  Frankreichs  in
        <pb n="591" />
        Krankreich.  573

Konstantinopel,  Dementi  VI.  22;
Rdschreib.  Flourens  dazu  VIII.  2.

Algier  vagl.  Marokko.

Ministerreise,  Eisenbahn  n.  Tunis
  u.  Marokko  IV.  11—Ende;
Truppenvermehrung  X.  27.

Bulgarien.

Empfang  der  Regentschafts-Abvurdung
  bei  Flourens  und  Goblet
9—10.

Deutschland  vgl.  Dtsch.  Nch.,
Boulanger,  Kriegsfrage.

Beziehungen  zu  demselben,  beruhigende
  Note  d.  Regierung  II.  4.

Grenzvorfälle  (Ueberf.  516.  519).
Schnäbele:  Verhaftung,  Stimmung
in  Frankreich,  Ministerrat  über  d.
Kriegsfrage  IV.  21—Ende.—  Brignon
  s.  Deutschland.

Lesseps  in  Berlin.  Rückkehr,  Empfang
  bei  d.  Ministern,  Friedensversicherungen,
  Abfällige  Kritik  d.
Presse  III.  8—13.

Gen.  Leflo,  Enthüllungen  üb.  d.
Kriegsgefahr  1875,  V.  21.

Fremdentaxe  s.  Steuerpolitik.

Antrag  gegen  d.  deutschen  Spirituosen
  i.  d.  Kammer  VII.  19.

Deutschenhetze:  Demonstration
Rigondeau-Peyramonts,  retep  II.
23.  —  Presse  bei  Rückkehr  Lesseps
s.  dens.  —  Angebl.  deutsche  Spionage,
  Fall  Eyrolles  III.  24—Ende;
Erklärung  des  Ministers  dazu  IV.
7.  —  Skandal  b.  d.  Lohengrinaufführung
  V.  83.

Griechenland.

Handelsvertrag,  Ablehnung  im
Senat  IV.  5.

Großbritannien  vgl.  dass.  u.
Aegypten.

Italien  vol.  dass

Streitfrage  über  Zula  u.  Dessy
VI.  21.  —  Handelsvertrag,  Wiederaufnahme
  d.  Verhdlan.,  vorläuf.
Verlängerung  XII.  27  bzw.  29.

Madagaskar.

Zwist  mit  d.  französ.  Refidenten,
Beilegung  X.  6.

Marokko  vgl.  Spanien,  Marokko.


Beruhigende  Note  über  d.  Absichten
  der  Regierung  II.  13.—

 

 

Eisenbahn  v.  Algier  z.  Grenze  IV.
11—Ende.  —  Meinungsaustauf
mit  d.  span.  Min.  Moret  IX.  Anf.

Römische  Kurie  vgl.  dieselbe
u.  Kathol.  Kirche.

Rußland.

Bündnis  (lUebers.  513,  548),
militärische  Demonstrationen  dafür
IV.  Ende;  im  Pariser  Gemeinderate
  X.  1.  —  Clémenceau  über  d.
Schwierigkeiten  dess.  VIII.  16.  —
Reise  Dérouledes,  Floquets,  Laurs
z.  Begräbnis  Katkows  VIII.  Anf.
—  Groffürst  Nikolaus,  deutschfeindliche
  Rede,  Dementi  X.  7.

Gen.  Leflo,  Enthüllungen  über
Rußland,  Deutschland  u.  Frankreich
  1875  V.  21.

Feier  d.  Ermorpung  d.  Zaren
  Alexander  durch  Anarchisten
u.  Nihilisten  in  Paris  III.  14.

Tonking  u.  Hinterindien.

Sieg  über  d.  Aufständischen  I.
20.  —  Kredite  II.  22.  —  Verschmelzung
  der  hinterindischen  Kolonial=
  u.  Schutzgebiete  X.  18.

Vereinigte  Staaten.

Agitation  für  die  Begnadigung
der  8  ikagoer  Anarchisten  I.  30,

e.

Finanzen  u.  Wirischeftspelitik.

Rückgang  d.  Staatseinnahmen
  u.  d.  Eisenbahnverkehrs  I.
Anf.  —  Börsenpanik,  Sinken  d.
Rente  II.  1.  —  Schlechtes  Ergebnis
  der  indirekten  Steuern  VI.
Anf.

Budget  für  1887.  Vorlegung
J.  13;  Ablehnung  im  Ausschusse,
Annahme  d.  Ausschupveshl.  durch
d.  Minist.  I.  21  bzw.  22.  —  Bewilligung
  i.  d.  Kammer  II.  8  bzw.
27.  —  Nachtragskredite  III.  23—31.

Budget  für  1888.  Entwurf
Dauphins  III.  22;  Kommissionsbeschl.
  geg.  d.  geringe  Höhe  d.  Ersparnisse
  V.  11;  Annahme  derselb.
in  d.  Kammer,  Sturz  d.  Kab.  V.
17.  —  Vorlage  Rouviers  VII.  5;
neue  Abstriche  Rouviers  IX.  24.
—  Rentenkonversion  XI.  3.

Einkommensteuer.  Antrag
        <pb n="592" />
        574

Perrins,  Vorlage  Dauphins  II.  10
bzw.  26;  Verweisung  a.  d.  Kommission
  III.  24.

VIS#lersteuergesset.  Annahme

Zölle.  Erhöhung  d.  Getreidezölle
  i.  d.  Kammer  genehmigt  III.
14;  Ablehnung  d.  Zollerhöhg.  auf
Reis,  Mais,  Durrha  III.  22;  Viehzölle,
  Annahme  VI.  4.

Antrag  geg.  d.  deutsche  Spirituseinfuhr
  in  der  Kammer
VII.  19.

Fremdentaxe.  D.  Minist.  d.
Innern  und  Aeußern  darüber  VI.
Ende—VII.  Anf.

Die  Vanmern.

Cröffung  d.  Frühjahrssession,
Ansprache  Carnots  i.  Senat  I.  11.
—  Skandalszene  I.  14.  bzw.  29
(S.  317).  —  Wahl  d.  Einkommensteuerkommiss.
  gegen  d.  Regierung
III.  24.  —  Neh  d.  Budgetkommission,
  Uebergehung  der  Rechten,
Protest  ders.,  Ansprache  Rouviers
IV.  4;  Budgetkomm.  geg.  d.  Budget,
  Streit  mit  Minister.  V.  11.
—  Angriff  auf  d.  Kab.  Rouvier,
Demission  des  Kammerpräsidenten
VII.  11—  13.  —  Sessfionsschluß
VII.  22.

Herbstsession:  Eröffnung  X.  25.
—  Einsetzung  der  parlamentar.
Untersuchungskomm.  üb.  d.  Mißbräuche
  der  Verwaltung,  Antrag
Cuneo  d'Ornano-Colfavru  angen.
XI.  5.  —  Anträge  auf  Verfassungsänderung
  s.  Verfassungsänderung.
.—  Sessionsschluß,  Kritik  d.  Presse
üb.  d.  Leistungen  d.  Parlaments
XII.  15  bzw.  16  (S.  357).

Katholische  Kirche.

Kultusbudget:  Ablehnung  i.
d.  Kommission,  Restitution  in  der
Kammer  I.  14  bzw.  29;  Erneute
Aufhebung  i.  d.  Kommiss.  X.  28.

Konkordatskommission:
Beschl.  üb.  Trennung  d.  Kirche  v.
Staate  II.  8.

Botschaft  b.  Vatikan:  Budgetkommissbeschl.
  Streichung  XlI.
15—16.

 

Irhabetisces  Regiser.

Beförderung  d.  Pfarrers
v.  Chateau-Villain:  Interpellat.
  i.  d.  Kammer  VII.  19.

Bischof  Freppel:  gegen  das
Militärgesetz  VI.  2—11;  VI.  18
bzw.  25.

Korske.

Unruhen  des  bonapartist.  Advokaten
  Leandri  II.  Mitte.

SGricsswesen.

Rüstungen  I.  —  Heersßverstärkung
  i.  d.  Kammern  bewilligt  VII.
13  bzw.  19;  Formierung  v.  Eisenbahntruppen,
  Artillerie  u.  Alpentruppen,
  Vorlage  Ferrons  X.  27.
—  Neubewaffnung  m.  kleinkalibr.
Repetiergewehr  X.  Mitte.

eeresbudget  II.  8  bzw.  27.

treit  Boulangers  m.  d.  Heeresausschuß
  üb.  d.  polytechn.  Schule
III.  9—23.

Probemobilmachung  (Uebersicht
548).  Vorlage  Boulangers  V.  10;
genehmitt  i.  d.  Kammern  VII.  18

zw.  20;  Ausführg.  beim  XVII.
Korps,  vorh.  Bekanntmachg.  durch
d.  Figaro  IX.  1.

Heeresorganisationsgesetz:  dreijähr.
  Dienstzeit,  Erklärung  Ferrons
dazu  V.  30  bzw.  31  (S.  333).  —

erschiebungsantrag  des  Bisch.
Freppel  abgelehnt  VI.  2—11;  Aufhebung
  d.  Dienstbefreiung  d.  Seminarist.
  VI.  18  bzw.  25.  —  Annahme
  d.  Gesetzes  VII.  5—6.

Ministeriun  (Uebers.  547).

Kabinett  Goblet.

Angriff  darauf  i.  d.  Kammer  I.
17.  —  Ministerrat  über  d.  Ablehnung
  d.  Budgets  im  Ausschuß  I.
21  bzw.  22.  —  Beruhigende  Note
üb.  d.  Verh.  z.  Deutschland  II.  4.
—  Zwiespalt  i.  Kabinett  über  die
Zölle  III.  14;  Sieg  i.  d.  Kammer
bei  d.  Nachtragskrediten  III.  23—
31;  Niederlage  III.  24.  —  Ministerreise
  durch  Algier  IV.  11—Ende.
—  Kriegsfrage  im  Ministerrate
beim  Vorfall  Schnäbele  IV.  11—
Ende.  —  Angriff  durch  d.  Budgetkommission
  V.  11.  —  Sturz  V.  17.
        <pb n="593" />
        Krantreich.  575

4  Ministerpräsident  Goblet:
d.  Friedlichk.  d.  Lage  I.  1.  —
.  d.  bulg.  Abordnung  I.
9  bzw.  10.  —  Ne  üb.  db.  Kultusbudget
  i.  d.  Kammer  I.  24  bzw.
29.  —  Angriff  auf  ihn  bei  d.  .
Fonds,  Sieg  I.  17.  —  üb.  d.
schaffung  d.  Unterpräfekturen  III.
16.  —  üb.  d.  Abstriche  zum  Budget
  i.  d.  Kommission  V.  11.
ges.  d.  Budgetausschußbeschlüsse  i.  i.

Kammer  V.  17.

Kriegsminister  Boulanger
(s.  a.  Kriegswesen):  Streit  m.  Flourens
  II.  26;  m.  d.  Heeresausschuß
III.  9—23.  —  Rücktritt  V.  17.  —
Stellung  bei  d.  Ministerkrifis,  radikale
  Wühlereien  u.  Demonstrat.
für  ihn,  Armeebefehl  V.  30  bzw.
31.  —  Ernennung  z.  Kommandeur
d.  XII.  Korps  VI.  28.  —  Abreise
a.  Paris,  Volksdemonstration  VII.
8;  Min.  Spuller  darüber  VII.  10.
—  Demonstrat.  Rocheforts  für  ihn
VII.  13  bzw.  19.  —  Veröffentlichung
  d.  Briefes  an  Laur  VII.
15.  —  Angebl.  Plan  eines  Staatsstreichs
  d.  Monarchisten  durch  ihn
VII.  Ende.  —  DTuellhandel  mit
Ferry  VII.  25—VIII.  6.  —  An-Fache
  an  s.  Korps  IX.  18.  —

erwicklung  i.  d.  Affaire  Caffareld'Andlau,
  Disziplinlosigkeit,  Bestrafung
  T.  13.  —  Vorsichtsmaßregeln
  d.  Regierung  weg.  Demongra.
  für  ihn  X.  25.  —  bei  der

räsidentschaftskrise  in  Paris  XI.
21—XII.  2  (S.  3529.

Finanzminister  Dauphin:
Budgetvorlage  I.  13;  Ablehnung
im  Tusschuffe  Annahme  d.  Ausschußbeschl.
  im  Ministerrate  I.  21
bzw.  22.  —  Steuerreformentwur
II.  10  bzw.  26.  —  Budgetentwu
für  1888  III.  22.  —  Nachtragskredite
  III.  23—31.  —  Rede  für
d.  Budget  V.  17.

Min.  d.  Ausw.  Flourens:
Empfang  d.  bulg.  Abordnung  I.
9  bzw.  10.  —  für  d.  Kredite  für
Tonking  II.  22.  —  Streit  m.  Boulanger
  II.  26.  —  z.  Handelsvertrag
  m.  Griechenland  im  Senate
IV.  5.  —  bleibt  im  neuen  Kabi- 



 

nett  Rouvier  V.  30  bzw.  31.  —
—  gegen  d.  Fremdentar  VI.  Ende
bis  VII.  Anf.  —  Rdschreib.  über
Aegypten  VIII.  2.  —  bleibt  im
neuen  Kabinett  Tirard  XII.  4  —12.

 

Kabinet  Rouvier.

Bildung,  Angriffe  d.  Radikalen
V.  30  bzw.  31.  —  gegen  d.  Bou
lau  erdelbons  VII.  10.—  Angrise

  darauf  i.  d.  Kammer  VII.
.-  13.  —  Gegen  d.  Pariser  Gemeinderat
  s.  Grévy.  —  Stellung
z.  Rechten  X.  2.  —  Angriff  Clémenceaus
  in  Toulon  darauf  X.  22.
—  Niederlage  in  d.  Kammer  bei
d.  Antrage  Cuneo  d'Ornano  auf
Einsetzung  einer  parlament.  Untersuchungskommis
  XI.  5.  —  Sturz

X.  19.  —  Das  Kabinett  i.  d.  Präsidentschaftskrise
  XI.  21—XII.  2.

Ministerpräsident  Rouvier.
Vorsitzender  d.  Budgetkommission,
Ansprache  IV.  4;  Rede  gegen  d.
Budget  des  Ministeriums  oblet
V.  17.  —  Ministerpräs.,  Erklärung
vor  d.  Kammer  V.  30  bzw.  31.
—  Geg.  Ausnahme  d.  Priester  v.
Heeresienst  VI.  18  bzw.  25.  —
Budgetvorlage,  Ersparnisse  VII.  5.
—  Rede  geg.  d.  Angriffe  d.  äußersten
  Linken  in  d.  Kammer  VII.
11—13.  —  Neue  Abstriche  am
Budget  IX.  24.

Handelsmin.  Dautresme
üb.  d.  Stellung  d.  Kabinetts  zur
Rechten  X.  2.

in.  d.  Innern  Fallieres
über  d.  Fremdentaxe  VI.  Ende—
VII.  Anf.

Kriegsmin.  Ferron.  Erklärung
  i.  d.  Kammer  üb.  d.  3jähr.
Dienstzeit  V.  30  bzw.  31  (S.  333)
—  ebendarüb.,  Exposé  über  die

eeresstärke  VII.  5  bzw.  6.  —

orlagen  s.  Kriegswesen.

Min.  d.  Ausw.  Flourens  i.
Kabinet  Goblet.

Justizmin.  Mazeau.  Rücktritt
  weg.  d.  Affaire  Wilson  XI.

Unterrichtsmin.  Spuller.
Rede  geg.  d.  Boulangerdemonstrationen
  VII.  10.  —  Antw.  auf  d.
        <pb n="594" />
        576

Interpellat.  über  d.  Pfarrer  von
Chãteau--Villain  VII.  19.

Kabinett  Tirard.

Schwierigkeit  d.  Bildg.,  abfäll.
Kritik  d.  Presse  XII.  4—12;  vor
d.  Kammer,  Erklärung  d.  Ministeriums
  XII.  15  bzw.  16.

Nalissalversannluns.

Zusammentritt  z.  Präfsidentenwahl,
  Zwischenfall  üb.  d.  Antrag
auf  Verfassungsänderung  XI.  21
—NX  II.  2  (S.  354).

Grdeusschacher  s.  Personalien:  d'Andlau,
  Caffarel,  Gragnon,  Wilson.  —
Präsid.  Grévy;  Minister  Rouvier,
Gen.  Boulanger.

Pariser  Gemeinderat.

Einberufung  eines  Kongresses  d.
Gemeinderäte,  Verbot  v.  Grévy
VIII.  Ende.  —  Demonstrat.  f.  Rld.
X.  1.  —  Abbruch  d.  Sühnekapelle
f.  Ludwig  XVI.  u.  Marie  Antoinette,
  Ersetzg.  durch  Standbild  Dantons
  XI.  12.  —  Beschluß  d.  Republik
  z.  retten  in  d.  Präsidentschaftskrisis
  XI.  21—XII.  2  (S.
352  u.).  —  Bildg.  einer  sozialist.
Gruppe  XII.  15.  —  Gemeinderat
v.  Marseille  s.  Sozialist.  u.  Anarchisten.



Porteien  s.  a.  Ministerium,  Personalien.



Republikan.  Bund:  Aufruf
z.  Bildung  VII.  Ende.

Patriotenliga:  Rücktritt  Dérouledes
  v.  Präfid.,  Wahl  Sansboeufs
  IV.  18.  —  Dérouleède  u.
Goupil  z.  Grabe  Katkows  VIII.
Anf.  —  Déroulede  in  d.  Präsidentschaftskrisis
  XI.  21  —  XII.  2
(S.  352);  Rücktritt  deshalb  vom
Ehrenpräsid.,  Spaltungen  in  der
Liga,  Wahl  Féry  d'Esclauds  z.
Vorsitzenden  XII.  7—28.

Monarchisten:  Uebergehg.  bei
Wahl  d.  Budgetkommiss.,  Protest
IV.  4.  —  Grévy  u.  d.  Rechte  VI.
22.  —  Angebl.  geplant.  Staatsstreich
  mit  Boulanger  VII.  Ende.
—  Das  Kabinett  Rouvier  u.  die

 

Aurbabetisches  Negister.

Rechte,  Hdlsmin.  Dautresme  darüb.
X.  2.  —  Der  Gaulois-Artikel:
Vive  le  roi!  XI.  Mitte.  —  Manifeste
  s.  Gf.  v.  Paris,  Prinz  Viktor
Bonaparte-Lepontre,  Uebertritt  z.
Republik  VIII.  Ende.
Sozialisten  u.  Anarchisten:
Deutsch.  Klub  in  Paris,  Gründg.
I.  7.  —  Anarchist  Duval,  Prozeß
Skandal  I.  12.  —  International.
Entwaffugsantrag  Boyers  I.  13.
—  Versammlungen  üb.  d.  Friedensfrage
  u.  geg.  d.  Hinrichtg.  d.
Chikagoer  Anarchisten  I.  30.  —
Demonstrat.  a.  Todestage  Vallès'
II.  13.  —  Feier  des  Gedächtnistages
  der  Ermordung  des  Zaren
Alexand.  II.,  III.  14.  —  Kommuneaufstandsfeier
  in  Paris  und
Marseille  III.  18;  Absetzung  des
Mars.  Stadtrats  III.  21  bzw.  24;
Neuwahl,  Niederlage  d.  Kommunards
  IV.  24.  —  Antrag  Nadaud
auf  Arbeiterinvalidenpension  V.  28.
—  Sezialist.  Presse  b.  Tode  Katkows,
  Anf.  VIII.  —  Kundgebung
d.  Arbeiterpartei  bei  d.  Präsidentschafts-Krise
  XI.  21—XII.  2  (S.
352).  —  Bildung  der  republikan.
Sozialistenpartei  i.  d.  Kammer  u.
d.  Pariser  Gemeinderat  XII.  15.

VPersonalien  vgl.  Präsidentsch.,  Ministerium.


—

 

 

d'Andlau,  General:  Ordensschacher
  X.  6  —XlI.  Anf.;  Prozeß
geg.  ihn  XI.  7.

Bonaparte,  Prinz  VBiktor:
Schreib.  a.  d.  Verein  f.  Berufung
a.  d.  Volk  I.  5.

Caffarel,  General:  Ordensschacher
  X.  6—IX.  Anf.;  Prozeß
geg.  ihn  XI.  7.

Carnot,  Senator;  Rede  üb.  d.
Frieden  I.  11.  —  Sohn:  Sadi
Carnot  s.  Präfid.

Clémenceau,  radik.;  Artikel
üb.  d.  Schwierigk.  d.  russ.  Bündnisses
VIII.  16.  —  Angriff  auf  d.  Minist.
  Rouvier,  Rede  in  Toulon  X.
22;  Rede  beim  Sturz  d.  Kab.  Rouvier
  XI.  19.

Déroulede  s.  Parteien:  Patriotenliga.
        <pb n="595" />
        Krankreich.  Griechenland.

Ferry,  kons.  Republikaner.  Beifall
  für  Rouvier  V.  30  bzw.  31.
—  Duellaffäre  m.  Boulanger  VII.
25—  VIII.  6.  —  Präsfidentschaftskandid.,
  Agitat.  d.  Radikal.  gegen
ihn  XI.  21—XII.  2.  —  Attentat
auf  ihn  XII.  10.

Flocgquet,  radik.,  Kammerpräsident.
  Demission,  Vertrauenskundgabe,
  Wiederaufnahme  des  Amts
VII.  11—13.  —  Reise  zu  Katkows
Grabe  VIII.  Ende.

Bischof  Freppel  s.  Kathol.
Kirche.

Gragnon,  Polizeipräf.  v.  Paris,
  Amtsentsetzung  weg.  d.  Affäre
Wilson  XI.

Laur,  radik.  Abg.  Veröffentlichung
  eines  Briefes  Boulangers
an  ihn  VII.  15.  —  Enthüllg.  üb.
angebl.  bonapart.  Staatsstreich  VII.
Ende.  —  Reise  z.  Grabe  Katkows
VIII.  Ende.

Leandri,  bonapart.  Redakt.  in
Korsika.  Unruhen,  Flucht.  II.  Mitte.

Gen.  Leflo,  ehemal.  Botsch.  in
St.  Petersburg.  Enthüllgn.  üb.
Rußlds.  Intervent.  bei  d.  angebl.
geplanten  Angriffe  Deutschlds.  auf
Frkrch.  1875,  V.  21.

Lepoutre,  Royalist,  Uebertritt
z.  Republik  VIII.  Ende.

Murat,  Prinz  Joachim,  u.
Sohn.  Restitution  in  die  Armee
V.  13—20.

Orleans,  die  Prinzen  (Hrege.
v.  Aumale  u.  Chartres),  Verwerfung
  ihres  Rekurses  gegen  die
Streichung  aus  der  Armee  V.  13

Paris,  der  Graf  v.;  Manifest
IX.  14  (Uebers.  S.  548).  —  Aufenth.
  u.  Agitation  in  Dortrecht  X.
21—29.

Wilson,  Schwiegersohn  Grévys,
  Verwicklung  in  die  Ordensschacheraffäre:
  Rechtfertigungsrede
in  Tours  X.  25.  —  Briefentwendung,
  gerichtl.  Verfahren  geg.  ihn,
Einstellung  desselb.  XI.

Frästdentschaft  (Krise,  Ueberf.  524).

Präsident  Grépy.
Verwahrung  gegen  die  Angriffe

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.

 

577

betr.  Konspiration  m.  d.  Rechten
VI.  22.  —  Verbot  d.  Gemeinderatskongresses
  VIII.  Ende.  —  Agitationen
  für  s.  Rücktritt  XI;  Antrag
  auf  Verfassungs-Aenderung
gegen  ihn  i.  d.  Kammer  XI.  21;
Sturz,  Botsch.  a.  d.  Kammern  XI.
21  —  XI.  2.  —  Schwiegerso  Wilson,
  Ordensschacher,  val.  Personaien.


Sadi

Präsident
(Ueberf.  528).

Wahl  XI.  21  —XXII.  3  (S.  354).
—  Botsch.  a.  d.  Kammern  XII.  13.

Versasungeiänbernug.

Anträge  bei  der  Präfsidentschaftskrisis;
  i.  d.  Kammer  XI.  21;  i.  d.
Nationalversamml.  XI.  21—XIII.  2
(S.  354).

Verwaltungswesen.

Abschaffung  d.  Unterpräfekturen
u.  Reform  d.  Verwaltung  in  der
Kammer  III.  16.  —  Parlamentar.
Untersuchung  üb.  d.  Mißbräuche
der  Verwaltung,  Antrag  Cuneo
d'Ornano-Colfapru  i.  d.  Kammer
angen.  XI.  5.  —  Ordensschacher
s.  Wilson,  Caffarel,  d'Andlau.

Weltansktel##g  für  1889.

Einladungen,  Ablehnungen  III.
17  vgl.  Dtsch.  Rch.,  Ung.,  Ital.,
Serbien.

Carnot

Griechenland.

Answirtige  Angelegesheites.

Türkei  und  Kreta  (vgl.  Türkei):
Spannung  weg.  d.  griech.  Agitat.
auf  Kreta  I.  7  bzw.  11.  —  Dank
d.  Sultans  für  die  Unterstützung
in  d.  Beruhigung  d.  Kreter  V.  10.
—  Note  an  die  Großmächte  betr.
Reformen  in  Kreta,  Ablehnung  V.
Ende.

Bulgarien.  Diplomat.  Vertretung
  in  Athen  zugestand.  Bulg.
I.  2  Hft.

Frankreich.  Handelsvertrag  v.
frz.  Senate  abgelehnt.  Frkrch.  IV.  5.

Rumänien.  Spannung  s.  Rum.

37
        <pb n="596" />
        578  Alxhabelises  Register.

Finanzen.

Budgetdebatte,  Sieg.  d.  Minist.
IV.  5—9;  Anleihenkonversion,  Bewilligung
  i.  d.  Kammer  III.  17.

Kanal  von  Korinth.  Festsehung
  d.  estellungefaist1.0  IV.  27.

Kriegswesen  eeresreorganisation
  III.  22;  Ebauten
  VI.  4.  —  Kriegsgericht
weg.  d.  Grenzkämpfe  d.  vor.  Jahres
mit  d.  Türken  V.  29.

Sönig  und  Kronprinz.
Reise  d.  tgt  Familie  durch  den
Keloponnes.  —  Kronprinz:  die
reter  bei  s.  Großjährigkeiterkla.
I.  7  bzw.  11;  Apanagierung  v.
Kammer  bewilligt  VI.  3;  nach
Leipzig  zur  Univerfität  X.

Ministerinn  und  Kammer.

Kammerwahlen,  Sieg  d.  Minist.
I.  4;  Kammereröffnung,  Thronrede
II.  3;  für
Trikupis  IV.  5—9;

Großbritannien.
——  I#  Ssinlpelifik.  Uebers.

Allgemeine  Lage  u.  Politik
des  Kabinetts  Ueberf.  545  pgl.
Ministerium,  Salisbury.  —  Kriegsfrage
  auf  d.  Kontinent,  Art.  d.

„Morning  Post“  II.  5.

Abessinien,  Vermittlung  mit
Italien  IX.  22;  vgl.  Italien.

Afganistan,  Abschluß  der
Grenzabsteckung  in  St.  Petersburg
VII.  20.

Aegypten  (vgl.  Türkei,  Rußland,
  Frankreich)  Ueberf.  546.  —
Festsetzung  eines  Zeitpunkts  f.  d.
Räumung  gegenüber  d.  Pforte  abgelehnt
  1  Anf.  —  Sir  Dr.  Wolff,

breise  n.  Konstantinopel  I.  18.—
Uhs.:  Antrag  Kremer  auf  sofortige
Räumung,  Antwort  Fergussons  II.
4.  —  Wolffs  Vorschläge  a.  d.
Pforte  II.  10;  Grundzüge  d.  Konvention
  festgestellt  V.  12;  Nichtratifikation
  durch  d.  Sultan,  Fergusson
  im  Uhs.  darüber  VII.  15.
—  Uhs.:  Labouchere,  Antrag  auf

 

Erörterung  d.  internationalen  Beziehungen
  bez.  Aegyptens  VIII.  12.
—  Arabi  Pascha,  Unzweckmäßi  eit
s.  Freilassung  VIII.  18.  —
trag  mit  Frankreich  s.  Frarreich

Belgien.  Fischeraufruhr  in
Ostende  s.  Belgien.

Birma.  Unterwerfung  d.  Fürsten
  v.  Limbin,  Asien,  V.  Mitte.
—  u.  Tibet,  Hoheits-  u.  Handelsvertrag
  mit  China  VIII.  25.

Bulgarien.  Empfang  d.  Regentschaftsabordnung
  I.  7.  —  Antwort
  auf  d.  türk.  Rundschreiben  I.
7.  —  Lord  Salisbury  üb.  angebl.
Unterstützung  d.  Kandidatur  des
Fürst.  Alex.  J.  27  (S.  283).

China  vgl.  Birma.  —  Räumung
  v.  Port  Hamilton,  Erklärung
Fergussons  i.  Uhs  I.  23.

Deutschland.  Annäherung  an
d.  mitteleurop.  Bündnismächte  II.
6.  —  Antr.  Tenner  im  Uhs  auf
Abtretung  Helgolands  abgelehnt
IX.  6.  —  Abtretung  v.  Viktoria
und  d.  Ambasbai,  dtsch.  Nch.  III.
Ende.  —  Ausfehurg  des  Vertrags
m.  Preußen  üb.  d.  Bist.  Jerusalem
  VIII.  19.

Frankreich  (vogl.  Aegypten,
Türkei).  Uebers.  546.  —  Botschafterwechsel
  in  Paris  X.  30.  —
Kanaltunnel,  Antrag  Watkin  im
Uhs.  abgelehnt  VIIIs  6.  —  Streit
weg.  Flaggenhissung  a.  d.  Somaliküste,
  Beilegung  I.  19.  —  Stellung
ze  franz.  Flaggenhissung  in  Baddibor
  (Senegambien)  VI.  20.  —
Neuhebriden:  Fergusson  im  Uhs.
üb.  d.  Lage  daselbst  VIII.  9;  Vertrag
  darüber  u.  über  d.  Neutralität
  des  Suezkanals  X.  24;  die
Morning  Post  dazu  X.  25.

Harti.  Streit  mit  d.  Republik,
Mittel=  u.  Süd-Amerika  III.  7—
IV.  28.

Port  Hamilton  s.  China.
Neue  Hebriden  s.  Frankreich.
Kee  and  s.  Deutschland.
ndien.  Militärbahn  VI.  —
Freiwilh  Geldspende  d.  Nizam  v.
eiderabad  z.  Landesschutz  gegen
Rußland  IX.  Ende.
Internationale  Zuckerkon-
        <pb n="597" />
        Großbritannien.  579

ferenz  in  London,  Protokollunterzeichnung
  XII.  19.  —  Internat.
Litterarkonvention,Teilnahme
Dtsch.  Rch.  V.  23.  —  Internat.
Regelung  d.  Waffen  u.  Spiritushandels
  i.  d.  Südsfee  f.
Zudsee.  —  Internat.  Vertrag

d.  Spiritushandel  auf  d.
z.  2  Dtsch.  Nch.  III.  18;
Niederl.  XI.  16.

Italien.  Vermittlung  m.  Abesfsinien
  IX.  22  (vgl.  Italien).  —
Mittelmeerflotte  in  Venedig  IX.

Kanada.  Fischereistreit  m.  d.
Vereinigten  Staaten  s.  dieselben.

Kolonialkongreß  IV.  4.

Oesterreich-Ungarn.  Annähe-T
  an  dieses  u.  Deutschland  II.
6.  —  Mittelmeerflotte  in  Triest

Rußland.  Aganische  Grenzabsteckung,
  Abschluß  in  St.  Petersburg
  VII.  20.  —  Militär.  Maßregeln
  in  Indien  s.  Indien.

Südsee.  eiten  d.  internat.
Regelung  üb.  Handel  m.  Waffen
u.  Spirituosen  durch  Widerstand
d.  Ver.  Staaten  VIII  16.

Türkei  (vgl.  Türkei,  Aegypten
u.  Bulgarien).  Antworinote  auf  d.
türk.  Rundschr.  üb.  Bulg.  I.  7.
White  als  Botsch.  in  Korstanti.
nopel  endgültig  bestätigt  I.  8.

Vereinigte  Staaten  v.  Nordamerika.
  Feniertum  daselbst,  Ver.
Staaten  I.  5.  —  Fiichereistreit  m.
Kanada:  Beschluß  d.  Senats  d.
Union,  Ver.  Staaten  J.  24;  Engl.
Vorbereitungen  II.  9;  Einsetzung
einer  neuen  Kommission,  Einwilligung
  d.  Ver.  Staaten  VIII.  30.
—  pgl.  Südsee.

Zululand.  Einverleibung  in
Natal,  Afrika  V.  19.  —  Ergebung
Dinizulus  u.  Undobukos  XI.  13,
vgl.  Afrika  X.  Ende  —  XI  Anf.

Finanzen,  Heer  und  Flotte,  Juneres.

Budget  IV.  21.  —  Mißwirtsch.
d.  Heeres=  und  Marineverwaltung,
Enthüll.  Churchills  VI.  4;  Heeresu.
  Flottenbudgets  III.  9  bezw.  10;
Flottenrevue  VII.  27.  —  Kanaltunnelbau,
  Antr.  i.  Uhs.  abgelehnt

 

VIII.  6.  —  Frauenwahlrecht,  Ablehnung
  im  Ohs.  1.  31.

Kland.  Uebers.  546.

Frische  Politik:  d.  Regierung,
allgem.  Standpunkt  s.  Salisbury;
Gladstones  s.  denf.;  der  liberale
Unionist  s.  Chamberlain,  Harting

  ton.
Geseß  für  Irland:  Strafrechtsbill
  im  Uhs.  III.  22—25,  28;
Annahme  IV.  1  bzw.  16;  Liberal.
Meeting  dagegen  V.  11;  Letzte
Lesung  VI.  10.—VII,  9  —  Bodeenbill
  im  Uhs.  IV.  21  bzw.  VII.  4;
Zugeständnis  d.  Reg.  a.  d.  liber.
Unionist.  VII.  19;  Annahme  im
Uhs.  u.  Ohs.  VIII.  3—6  zw.  19.
—  Budget  d.  irischen  Gefängnisse,
Angriffe  d.  Parnelliten  IX.  13.
Vorgehen  gegen  die  irische
Liga  und  die  Unruhestifter.
Verhängung  des  Ausnahmezstds.
VII.  24.  —  Erkl.  d.  Staalsgefähr
lichk.  d.  Liga  VIII.  19;  Verhdlg.
im  Uhs.  darüber,  Resolution  Gladstones
  VIII.  25—27;  Thätigk.  d.
Liga  VIII.  24;  untterdrückung  L.
20.  —  Verhaftungen  u.  Prozesse:
Prozeß  Dillon  u.  Gen.  II.  15;  Beisteuern
  d.  irischen  Bischöfe  I.  21.
iederspenstige  Priester:  Verhaftungen,
  Demonstrationen  d.  Lordmayors
  v.  Dublin  u.  d.  Eb.  Kroke
dabei  III.  19  bzw.  29.  —  O'Brien:
Torladung  weg.  Aufreizung  VIII.
aftbefehl,  Unruhen  IX.  9;
Hib  aftung  desselb.  u.  Mandevilles
IX.  12;  Prozeß  gegen  ihn  u.  Lordmayor
  Eullivan  X.  6.  bzw.  31.
—  Lordmayor  Sullivan:  Demon-=strat.
  für  d.  verhaft.  Priester  III.
19  bzw.  29;  Prozeß  wegen  Veröffentl.
  v.  Thätigkeitsbericht.  d.
Nationalliga  a  X.  6  bzw.  31;  Verurteilung
  XII.  2.  —  Abg.  Pyne:
Verfolgung,  Widerstand  gegen  d.
Regierung,  Kundgebungen  XI.  14.
x  Fischer  Kongreß  in  Brüssel

Fu  in  Amerika,  Ausstoßung
  O'Donnovan  RNossas,  Ver.
Staaten  I.  5.  —  Enthüllungen  d.
Times  über  u  t  d.  Phönir-
        <pb n="598" />
        580

parkmorde  IV.  18;  über  die  fenischen
  *  VI.  1,  VI.
7,  VI.

Miaden,  Verschwörungen,
Attentate,  Demonstrationen.
Pächteraustreibung  in  Glenbeigh
I.  Mitte.  —  Unr.:  in  Belfast  I.  29;
Bodyke  V.  Ende  bis  VI.  Mitte,  bei
Belfast  VIII.  7,  bei  Erlaß  d.  Haftbefehls
  gegen  O'’Brien  IX.  9.  —
Volksversammlung  trotz  Verbots  in
Lougheaa  II.  Mitte;  Demonstration
für  den  verhaft.  Priester  III.  19
bezw.  29;  für  Pyne  XlI.  14.  —
Dynamitattentat  geg.  Mathews  u.
Lord  Balfour  III.  30;  Dynamitverschwörung
  geg.  d.  Königin  XI.
21  bzw.  XII.  22.

Pächteraustreibungen=  u.
prozesse.  Lord  Dillon  u.  s.  Pächter
  I.  11.  —  Pächteraustreibungen
in  Glenbeigh  I.  Mitte.  —  Prozesse
u.  Vergleiche  V.  28.

Irische  Bischöfe.  Eb.  Walsh:
geg.  Kard.  Howard  I.  8;  Beisteuer
z.  Prozeß  Dillon  II.  21:  versöhnl.
Schreiben  VIII.  30.  —  Eb.  Kroker
Beisteuer  z.  Prozeß  Dillon  II.  21;
Demonstrat.  für  d.  verhaft.  Priester
Keller  III.  19  bzw.  29.

Unionistisches  Meeting  zu
Dublin  XI.  29.

Ministerinn.

Umbildung  nach  Rücktritt
Churchills  (vgl.  Churchill)  I.  Anf.
—  Ministerwechsel  nach  Ausscheiden
  Hicks-Beachs  III.

Lord  S'achern  Empf.  d.
bulg.  Abordnung  I.  7.  —  Stellung
zu  Churchills  Rücktritt  I.  27.  —
Spannung  m.  Lord  Iddesleig
12.  —  Reden:  üb.  d.  allg.  Politik
d.  Kabinetts  auf  d.  Lordmayorsbankett
  XI.  9;  über  Bulgar.  Politik
  I.  27  (S.  283),  Ueberf.  545;
über  Irland  III.  5;  über  d.  Zugeständnis
  a.  d.  liberal.  Unionist.
in  d.  irischen  Bodenbill  VII.  19;
Eröffnungsrede  z.  Kolonialkongreß

ockn  Balfour  Anttentat  auf
ihn  III.  30.
Göschen.  Eintritt  ins  Minist.

 

Ilpbebetisches  KNozister.

I.  Anf.  —  Wahlniederl.  in  Liverpool.
  Wahl  in  London  I.  27  bzw.
10.  —  Auf  d.  Unionistenmeein
  in  Dublin  XI.  29.
Hicks-  Beach.  Rücktritt  III.  5.
Lord  Iddesleigh.  Zerwürfnis
  m.  Salisbury,  Rücktritt  und
Tod  I.  12.

Verlament.

Eröffnung,  Thronrede  I.  27;
Vertagung,  Thronrede  IX.  16.  —
Neue  hehen  d.  Uhs.,
Debatteschluß  III.  22;  Anwendung
bei.  der  Strafrechtsbill  VI.  10—

II.  9.

Parteien  s.  Ministerium,  Chamberlain,
  Gladstone,  Hartington,  Irland,
  Sozialisten.

Versonalien  s.  a.  Irland,  Ministerium.
Königin  Viktoria.  Thronreden
  z.  Parlamentseröffnung  I.
27;  z.  Schluß  IX.  16.  —  50.  Regierungsjubiläum
  VI.  21;  Flottenrevue
  dazu  VIII.  27.  —  Verschwörung
  gegen  ihr  Leben  XlI.  21  bzw.
XII.  22.

Chamberlain.  Irisches  ooe,
gramm  III.  Mitte;  üb.  d.  Unheilark.
  d.  Spaltung  i.  d.  liberalen
Partei  VI.  Mitte.

Churchill  (Uebers.  545).  Rücktritt
  aus  d.  Kabinett:  Gladstone
darüber  I.  1;  Aufklärungen  i.  Uhs.
I.  27  (S.  282).  —  Angriff  auf
d.  Mißwirtsch.  d.  Heeres=  u.  Marineverwaltung
  VI.  4.

Gladstone  (Uebers.  547).  Ueb.
Churchills  Rücktritt  I.  1.  —  Versöhnungsversuche
  mit  d.  Unionist.
I.  Mitte.  —  Antrag  zu  ir.  Strafrechtsbill
  III.  22—25;  Rede  dazu
auf  d.  Hydepark-  Meeting  IV.  .
—  Antrag  auf  Versetzung  d.  Times
i.  Anklagezustand  6.  —  Agitation
  in  Wales,  Rede  in  Swansea
  VI.  2—7.  —  Antr.  gegen  d.
Erklärung  d.  Staatsgefährlichk.  d.
ir.  Liga  VIII.  25—27.  —  Rede
in  Nottingham  geg.  d.  Zwangsbill
X.  18;  Schreiben  darüber  an  d.
Rähter  v.  Midlothian  X.  8.  —

d.  Polizei  u.  den  Sozialisten-
        <pb n="599" />
        Großbritannien.  Gualemala.  Hatti.  Italien.  581

aufruhr  XI.  Anf.  —  Wahlsiege  s.
Partei  VII—VIII.

Hartington.  Ueb.  d.  Unheilbarkeit
  d.  Spaltung  d.  liberalen
Partei  VI.  Mitte;  üb.  s.  Verhältnis
  zu  d.  Torys  VIII.  5.  —  auf
dem  Unionistenmeeting  in  Dublin
XI.  29.

Kardinal  Howard.  Angriffe
d.  Erzb.  Walsh  auf  ihn  I.  8.

Erzb.  Kroke  s.  Irland.

Lord  Lyons,  Botsch.  i.  Paris,
Rücktritt,  Uebertritt  z.  Katholizismus
  u.  Tod  X.  30.

Lord  Lytton,  Beotsch.  i.  Paris,
Ernennung  X.  30.

Erzb.  Walsh  s.  Irland.

White,  Sir  William,  Botsch.
i.  Konstantinopel,  endgült.  Ernennung
  I.  8,  vgl.  Bulqg.

Wolff,  Sir  Drummond,  siehe
Aegypten,  Türkei.

Sejislisten  und  solisle  He#wegunz.
Kundgebungen  i.  Londoner  Kirchen
  I.  u.  II.  —  Strike  in  Lanarkshire

  II.  17.  —  Krozeß  gegen  d.
Ruhestörer  in  London  IV.  27.  —

Demonstrat.  4ua  Trafalgar  Saquare
X.  23;  Aufruhr  ebenda  Xl.  13;
Gladstone  darb.  XI.  14.  —  Bauernunruhen
  s.  Wales.

Wales.  Bauernunruhen  V.  Ende.  —
Agitation  Gladstones,  Rede  in
Swansea  VI.  2—7.

Guatemala.

Aufstand,  Mittel=  u.  Südamerika,
X.  Ende.

Halti.
Streit  m.  England,  Mittel=  und
Südamerika,  III.  7—IV.  28.  —

Beitritt  z.  intern.  Litterarkonvention,
  Dtsch.  Rch.  V.  23.

Italien.

Inswirtige  uad  Kolenial-Pelitik.
Abessinien  s.  Massaua.
Bulgarien.  Regentschaftsabordnung

  in  Rom,  Empfg.  d.  Ro- 



bilant,  Depretis,  Photiades  Pascha
u.  d.  Publikum  I.  17-  23.

Deutschland  (val.  Dtsch.  Rch.)
Uebers.  S.  515.  Artikel  d.  Opinione
  über  das  Bündnis  mit  den
Kaisermächten  II.  11;  Bekanntwerden
  des  Abschlusses,  Preßstimmen
  II.  Ende;  Crispi  darüber  in
Turin  X.  25  (S.  379).  —  Rücktritt
  d.  Botsch.  v.  Keudell,  Ernennung
  d.  Gfn.  Solms  III.  Ende.
—  Crispi  in  Friedrichsruhe,  Preßstimmen
  dazu  X.  1.  (Uebersf.  S.
521.)

Frankreich.  Denkmal  Napoleons
  i.  Mailand,  Interpellat.  in
d.  Kammer,  Depretis  dazu  I.  Anf.
bzw.  14.  —  Streitfrage  üb.  Zula
u.  Dessy  a.  rot.  Meer,  Erklärung
Depretis  in  der  Kammer  VI.  12
bzw.  20  u.  27;  vgl.  Frkrch.  VI.
21.  —  Pariser  Weltausstellung,
Crispi  üb.  d.  Nichtbeschickung  VI.
25.  —  Grenzfrage  zw.  Tunis  u.
Tripolis  und  franz.  Bestrebungen
XII.  10.  —  HandelsvertragsverholgnFrkrch.
  XII.  27.  bzw.  29.

Großbritannien.  Einvernehmen
  üb.  d.  Mittelmeerpolit.  II.;
üb.  d.  Ueberwachg.  d.  Küsten  des
rot.  Meeres  VII.  Anf.  —  Engl.
Vermittlg.  m.  Abessinien:  Ministerrat
  dazu  VIII.  Anf.;  Engl.
Mission  in  Massaua,  Abreise  z.
Negus  X.  31—TXI.  Anf.;  Rückkehr,
Schreiben  d.  Negus  XII.  26.

Marokko.  Entsendg.  v.  Panzeshhen
  X.  8.

Massaua.  (lUeberf.  S.  551.)
Ef.  Robilant  zuversichtl.  Beantwortung
  v.  Anfragen  in  d.  Kammern
  I.  24  bzw.  26.  —  Kämpfe
mit  Ras  Alula,  heweel  v.  Dogali
  I.  24—26.  —  Bef.  a.  Gen.
Gené  üb.  s.  allgem.  einzunehmde.
Haltung  I1.  29.  —  Mitteilung  d.
Nachricht  in  d.  Kammer,  Kreditforderung
  II.  1—4  bzw.  5.  —  Briefe
d.  Negus  u.  Ras  Alulas  an  Gens
durch  Maj.  Piano  u.  Gf.  Salimbeni
  II.  5;  III.  1.  —  Kgl.  Tagesbefeöl
  a.  d.  Truppen  II.  16.  —
A  berufung  Genes  weg.  s.  Haltg.
geg.  Ras  Alula  betr.  Befreiung
        <pb n="600" />
        82

d.  Expedit.  Salimbenis,  Saletta
Oberbefehlshaber  in  Massaua  III.
16  bzw.  17.  —  Tadel  Robilants
an  Gens  III.  21.  —  Verstärkgn.
für  Saletta  IV.  Ende  —V.  Anf.

Blokade  4  Abeffinien  V.  30.
—  Ehem.  Kriegsmin.  Ricotti  üb.
das  Verhalten  Genês  V.  31.  —
Erörterg.  üb.  d.  Massauafrage  in
d.  Kammer,  Rede  Crispis  VI.  2
—3.  —  Aufßerordentl.  Kreditforderung,
  Debatte  darüber  VI.  30
bezw.  VII.  8.  —  Uebereink.  mit
Engld.  über  die  Küsten  des  roten
Meeres  VII.  Anf.  —  Explofion  in
Fort  Taulud  VII.  1.  Hlfte.  —
Bildung  der  Kolonialtruppe  VII.
Ende.  —  Engl.  Vermittlg.  s.  Großbrit.
  —  Freilassg.  d.  Es.  Savoiroux
  VIII.  19.  —  Crispi  üb.  die
awrikan.  Politik  in  Turin  X.  25
(S.  3801.  —  Beginn  d.  Einschiffg.
d.  Expeditionskorps,  General  San
d  Oberbefehlshaber  XI.  2.
—  Rückkehr  der  engl.  Missfion,
Stimmung  im  Lande  und  Heere
XII.  26.

Oesterreich-Ungarn.  Bündnis
  s.  Deutschld.  Ueberf.  S.  515.
—  Handelsvertrag,  Abschluß,  Genehmigung
  in  den  Kammern  XII.
7  bzw.  16.  u.  21.

Papsttum  (vgl.  Römische  Kurie).
Römische  Frage  (Ueberf.  S.  551).
Bonghi  üb.  d.  Aussöhng.,  Gegenausführgn.
  d.  Monit.  d.  Rome
VI.  3—.6;  Interpellat.  Bovio  in
der  Kammer  VI.  9—10;  d.  König
üb.  d.  Frage  VII.  Anf.  —  Antikirchl.
  Demonstrat.  in  Livorno  VI.
10.  —  Abg.  Fazzari,  Mandatsniederlegg.
  VI.  14.  —  Der  Mailänder
  Klerus,  Brief  a.  d.  König
nach  Ordensauszeichug.  des  Erzbisch.
  VI.  2.  Hlfte.  —  Klerikaler
Wahlsieg  in  Rom  VI.  19.  —
Amtsentsetzung  d.  Bürgerm.  von
Rom  Hzg.  Torlonia  XlII.  30.

Türkei.  Photiades  Pascha  u.
die  bulg.  Regentschaftsabordnung
I.  17—23.  —  Stellg.  z.  abesfin.
Blokade  V.  30.

Vereinigte  Staaten  v.  Nordamerika.
  Sozialist.  Protest  gegen

 

 

Ilyphebetisches  Rezister.

d.  Chikagoer  Anarchistenhinrichtg.
X.  30.

Finant--  und  Wirtscheftsvelitik.

Rechenschaftsbericht  für  1886  —
87;  Budget  für  1887/88,  Vorlage
XI.  25;  Finanzexposé  Maglianis
XII.  17.  —  Erhöhung  der  Zölle
auf  Getreide,  Reis,  Petroleum  VI.
21  —24.  —  Handelsverträge  s.
Frkrch.  u.  Oesterr.-Ung.

Heer  und  Maorine.

Gesetzesvorlage  über  Verstärkung
d.  Heeres  u.  d.  Flotte  IV.  19;
Genehmigung,  Flottenbauplan  V.
28  u.  29.  —  Heeresetat:  Massaua
VI.  2—3;  Heeresausgaben  i.  Budget
  XI.  25.  —  Kolonialtruppe,
Gesetz  durch  d.  König  genehmigt
VII.  Ende.

Bie  Kammern.
Schließung  d.  Session,  Haltg.
der  Linken  bei  Verlesg.  d.  königl.

Botsch.  III.  12.  —  Das  Minister.
vor  d.  Kammer  III.  10—11;  IV.
18.  —  Ungültigkeitserklärung  der
Wahl  Ciprianis  VI.  1.—  Vertagg.
VII.  6  bzw.  12.  —  Wiedereröffnung,
  Thronrede,  Präfidentenwahl
XI.  16.  —  Versuch  der  Bildung
einer  festen  Mehrheit  XII.  17.

Sraat-  Reformbeschlüsse  VI.  28

.  1.

Kirchliche  Angselegenheiten  s.  Auswärt.
Politik,  Papsttum.

Ver  Käni.

Auszeichng.  d.  Mailänd.  Erzbischofs,
  Brief  des  Mail.  Klerus
an  ihn  VI.  2.  Hfte.;  zur  römisch.
Frage  VII.  Anf.;  Antwort  auf
die  Huldigungsadrefse  der  Stadt
Rom  IX.  20.  —  Thronrede  b.  d.
Kammereröffnung,  Volksbegrüßung
XI.  16.  —  Tagesbefehl  a.  d.  afrikan.
  Truppen  II.  16.

Ministerinn.  (Uebers.  S.  549.)
Ministerkrise  d.  Gesamtminist.
vorläufig  beigelegt  II.  6  —III.Anf.;
Zurückgabe  aller  Portefeuilles  an
Depretis  III.  24;  Neubildg.  IV.  4.
        <pb n="601" />
        Malien.

—  Neues  Minister.  vor  d.  Kammer
  IV.  18;  Entlassungsges.  nach
Depretis'  f  abgelehnt  VII.  30.  —
Allgem.  Politik,  Rede  Crispis  in
Turin  X.  25.  —  Neuordnung  d.
Zentralstaatsverwaltg.  XII.  7—9.
Ministerpräsid.  Depretis
(Ueberf.  S.  550)  über  das  Napoleonsdenkmal
  I.  Anf.  bzw.  14.
Empfg.  d.  bulg.  Rgtschftsabordug.
I.  17—23.  —  Mitteilung  d.  Gemetzels
  v.  Dogali  a.  d.  Kammer
II.  1—  4  bzw.  5.  —  Erklärung
über  d.  Verbleiben  des  Kabinetts,
Debatte  m.  Crispi  III.  10—11;
Neubildg.  d.  Kabin.  IV.  4;  Programm
  vor  der  Kammer  IV.  18.
—  3.  Frage  d.  Aussöhng.  m.  d.
Papsttum  VI.  9—16.  Ueber
Frankrch.  u.  Zula  VI.  12  bezw.  20
u.  27  (vgl.  Frkrch.).  —  f.  VII.  29.
Min.  d.  Auswärt.  GEf.  Robilant.
  Empf.  d.  bulg.  Regent- 



schaftsabordnung  I.  17—23.  —
Zuversichtl.  Reden  üb.  Massaua  i.

Kammer  u.  Senat  I.  24  bzw.  26;
üb.  d.  Gemetzel  v.  Dogali  II.  1

4  bzw.  5.  —  Rücktrittsgesuch  ll.
6—III.  Anf.  —  Tadel  geg.  Gené,
Eindruck  auf  d.  Oppos.  III.  21.—
Definit.  Rücktritt  IV.  4.  Für
d.  afrik.  Kredite  i.  Senate  VI.  30
bzw.  VII.  8.

Arbeitenmin.  Genala.  Augriff
  d.  Oppos.  i.  d.  Kammer  auf
ihn  I.  27.  —  Rücktritt  IV.  4.
Kriegsmin.  Ricotti.  Zu  d.
Krediten  für  Afrika  nach  d.  Gemetzel
  v.  Dogali  II.  1—4  bzw.  5.
—  Rücktritt  IV.  4.  —  Ueber  die
militär.  Maßregeln  in  Afrika  u.
d.  Verhalten  Genée  V.  31.

Ministerpräs.  Crispi  (Uebersicht
  S.  521,  550);  Führer  der
Oppof.  a.  Cairolis  Stelle  III.  9;
Angriff  auf  d.  Kabinett  III.  10
11.  —  Eintritt  i.  d.  Kabinett  IV.
4.  —  üb.  d.  Absichten  am  roten
Meere  VI.  2—3;  über  die  Aussöhnung

  m.  d.  Papste  VI.  6—10;

üb.  d.  Ablehng.  d.  Beschickung  d.

Pariser  Weltausstellg.  VI.  25;  üb.
d.  Kredite  f.  Afrita  VI.  30—VII.
8  (S.  373  u.  374).  —  Verwal-1


M
Pt

tungsreform  VII.  Anf.  Ministerpräsid.
  VII.  30.  —  Reise  nach
Friedrichsruhe,  Preßstimmen  dazu
X.  I  (vgl.  Disch.  Rch.).  —  Große
Programmrede  in  Turin  X.  25,
Uebers.  S.  521.  Versuch  der
Bildg.  einer  ministeriell.  Mehrh.
XI.  17  —  über  d.  innere  Politik
XI.  20;  über  die  Kammer  u.  d.
Krone  in  der  Frage  der  Zentralstaatsverwaltg.
  XII.  7—9,  Ueberf
S.  551;  über  Frankreich  und  die
Tripolitan.  Grenze  XII.  10.

Insti  zmin.  Zanardelli:  üb.
d.  Aussöhnung  m.  d.  Papste  VI.
9  10.

Finanzmin.  Magliani.  Finanzexpose
  XII.  17.

Gewerbe=  u.  Handelsmin.
Grimaldi:  üb.  d.  Ablehnung  d.
Pariser  Weltausstellg.  VI.  25.

Kriegsmin.  Bertole-Viale:
üb.  d.  afrikan.  Kredite  VI.  30  bzw.
VII.  8  (S.  373  u.  374).

Personalien.

Bonghi.  Artikel  üb.  d.  Ans—
söhnung  m.  d.  Papsttum,  Gegenausführung
  d.  Mon.  d.  Rome  VI.

6.

Bovio  (radikal),  Interpellation
üb.  d.  Ansföhnung  m.  d.  Papstitum
VI.  9—10.

Cipriani,  Sträfling,  Deputiertenwahl
  für  ungültig  erklärt
VI.  1

Gf.  Corti,  Botsch.  in  London,
Abbernfung  Xl.  3.

Costa,  Sozialist,  auf  d.  Kongresse
  zu  Navenna  X.  30.

Fazzari  (Garibaldiner)  Mandatsniederlegung
  VI.  14.

Ferrari  (radikal)  Interpellat.
üb.  d.  iunere  Politik  Xl.  26.

Fortis  tradikal)  üb.  d.  Stellung
z.  Ministerium  XI.  17.

Gen.  Gené,  Kommandeur  in
Massaua.  Instruktion  an  ihn  l.
29.  Abberufnng  lll.  18  bzw.
17.  Tadelsdepesche  Robitlants
a.  ihn,  Autwort  III.  21.  von
Ricotti  verteidigt  V.  31.

v.  Reudell,  deutscher  Botschafter,
  Nücktritt  Ul.  Ende.
        <pb n="602" />
        584

Mancini,  ehem.  Min.,  in  d.
Kammer  für  d.  afrikan.  Kredite
VI.  30  bzw.  VII.  8.

Gen.  San  Marzano,  Oberkommand.
  d.  Expedit.  nach  Afrika

Photiades  Pascha,  türk.  Botschafter,
  Empfang  d.  bulg.  Regentschaftsabordnung
  I.  17—23.

Gen.  Saletta,  Kommand.  in
Massaua,  Ernenng.  III.  16  bzw.  17.

Gfn.  Salimbeni  u.  Savoiroux
  s.  auswärt.  Politik:  Massaua.

Gf.  Solms,  deutscher  Botschafter,
  Ernennung  III.  Ende.

erzog  Torlonia,  Bürgerm.
v.  Rom,  Amtsentsetzung  XII.  30.

Ssjialisten.
Kongreß  in  Ravenna  X.  30.

Stadt  Nem.

Klerikaler  Wahlsieg  VI.  19.  —
Huldigungsadresse  bei  d.  Gedächtnisfeier
  d.  Einrückens  d.  Italiener
in  Rom,  Antwort  d.  Königs  IX.
20.  —  Bürgerm.  Hg.  Torlonia
Amtsentsetzung  XII.  30.

Verwaltungereforn.

Gesetzentwurf  Crispis  über  die
Präfekturen,  Annahme  VII.  Anf.
—  Neuordnung  d.  Zentralstaatsverwaltung
  XII.  7—9.

Velksbewes#u#ungen.

Wahlexzeß  i.  Castellamare  I.  11.
—  Aufläufe  in  Rom  bei  Einlauf
d.  Nachricht  v.  Gemetzel  bei  Dogali
II.  1—4  bzw.  5.  —  Unruhen  in
Cagliari  II.  28.  —  Antikirchliche
Demonstrat.  in  Livorno  VI.  10.

Kolumbien.

Ersatzansprüche  d.  fremd.  Staatsangehörigen,
  Mittel=  u.  Südamerika
  IV.

Kongostaat.

Grenzvertrag  mit  Frankreich,
Afrika  IV.  30;  m.  Portugal,  Prtgl.
VII.  Ende.  —  Anleihe  s.  Belgien.

 

Ilphebetisses  Neziker.

—  Reise  Stanleys  z.  Aufsuchung
Emin  Beys  s.  Aegypten.

Luxemburg.

Thronfolgefrage,  Luxembg.
Ztg.  für  d.  Recht  des  Hezgs.  Adolf
v.  Nassau,  Niederlande  VIII.  11.

Montenegro.
Auswärtiges  und  Militärisches:



Türkei  (vgl.  dieselbe)  Spannung
III.  Mitte.  —  Grenzberichtigung,
Abschluß  VI.  Anf.—XI.  7.  —
Grenzkämpfe  mit  d.  Albanesen  VII.
Mitte.

Serbien:  Annäherung  VII.  Anf.

Rüstungen  I.,  IV.  Mitte.

Bürgerliches  Gesetzbuch:  erscheint
  in  Paris  VI.  Anf.

Erzdiözese  Antivari:  Eidesleistung
  des  Eb.  Simon  Milino-=vich
  I.  29.  —  Slaw.  Kirchensprache
bewilligt,  Röm.  Kurie  IV.  16.

Mohammedbanert  Auswanderung
  aus  Dulcigno  Il.—II.

Niederlande.  Uebersicht  552.

Inswärtige  und  Kolsnial-Politik.
Belgien-Deutschland.  Beschwerde
  weg.  Gebührenbegünst.  d.
Nordd.  Lloyddampfer  i.  Antwerpen
i.  d.  Kammer  I.  19.
Europ.  Kriegsfrage:  militär.
Vorsichtmaßregeln  III.  24  bzw.
.  29.

Internationale  Konven—
tion  über  Spirituosenhandel
in  der  Nordsee.  Unterzeichnung
im  Haag  XI.  16,  vgl.  Dtsch.  Reich
III.  18.

Luxemburg.  Thronfolgefrage,
Luxemburger  Ztg.  geg.  d.  Fweiifel
d.  d.  Rechte  d.  Hzgs.  Adolf  v.
Nassau  VIII.  11.

Ostindien.  Staats-Haushalt
für  1888  IX.  26.  —  Atschin:
Kriegszug  geg.  d.  Fr.  Trumon  VII.
Ende.  —  Java:  Hungersnot,  Ausbruch
  X.  Anf.;  Verweigerung  d.
v.  Kolonialminist.  gef.  Mittel  d.
        <pb n="603" />
        sielumbien.  Rengostaai.  Iinzemburs.  Monienegre.  Niederlande.  Gek.-Aus.  585

2.  Kammer  XI.  Ende.  —  Sumatra:

Eisenbahn  n.  d.  Kohlenlagern  VIII.

Anf.

Sudgei

für  1888  Vorlage  IX.  22  bzw.  26.

Heerwesesn.
Militär.  Vorsichtsmaßregeln  bei
d.  Kriegsdrohung  III.  24  bzw.  IV.
29.  —  Heeresreform:  Freiwillige
XII.  Anf.  —  Heeresbudget:  Ausbau
  d.  Festung  Holland  XII.  19.

Sstfialisten.

Arbeiterdemonstrat.  in  Amsterdam
  II.  Anf.;  bei  Begnadigung
Nieuwenhuis'“  IX.  2.  —  Sozialistenfeindliche

  Ruhestörungen  II.
22  ei  Entlassung  Nieuwenhuis'
IX.  2.

Verfasungsrevison.

Annahme  in  d.  2.  Kammer  u.
vorläuf.  Wahlordnung  VI.  17.—
Neuwahlen  z.  Kammer  IX.  1;  Annahme
  i.  d.  neuen  Kammer,  Thronfolgeordnung
  X.  12—14;  feierliche
Verkündigung  XI.  30.

Norwegen
s.  Schweden  u.  Norwegen.

Oesterreich-Ungarn.
I.  Gemeinfame  Angelegenheiten.

Auswärtige  Velitik.  Uebers.  S.  542.

Allgemeine  Lage  und  die
auswärt.  Politik  der  Monarchie.
  Friedensaussichten,  Tisza
darüber  beim  Neujahrsempfang  d.
liberalen  Partei  in  Ungarn  I.  1.
—  Kriegsbefürchtungen  offiziöses
Fremdenblatt  dagegen  I.  28.  —
Kriegsbereitschaft,  Fremdenblatt
darüber  I.  31.  —  Erklärungen
Tiszas  im  ungar.,  Ziemialkowskis
im  österr.  Abg.-Hse.  üb.  d.  auswärt.
  Politik  I.  31  bzw.  II.  5.  —
Graf  Kalnoky  über  die  auswärt.
Politik  vor  den  Delegationen  III.
1—7,  XI.  5  (Interpell.  Andrassys);
Dementi  s.  Rücktritts  XII.  13.

für  1887,  Annahme  I.  26.  —

l
I
l
t

 

 

Bulgarien.  Stoilow  in  Wien,
Unterredung  mit  Kalnoky  III.  Anf.
(ogl.  Bulg.).  —  Ablehnung  von
Pferdeausfuhr  IV.  15.  —  Die  Bevölkerung
  und  die  Wahl  d.  Prinzen
  Ferdinand  v.  Koburg,  Note  an
die  Türkei  VII.  18.  —  Nichtoffiziöse
  u.  offiziöse  Prefse  bei  Abreise
des  Prinzen  Ferdinand  VIII.  9;
Austritt  aus  der  Armee,  Bulg.
VIII.  9;  Reise  desselb.,  Austritt
des  Majors  Laba  aus  der  Armee
VIII.  10.  —  Dementi  über  Verhandl.
  mit  Rußland  betr.  Bulgariens
  XII.  22.

Deutschland.  Pester  Lloyd
offiziös  üb.  d.  deutsche  Bündnis  I.
14;  Tschechischer  Angriff  darauf
VIII.  3.  Bgl.  Oesterr.:  Panflawisten
  u.  Deutsch.  Rch.  —  Kaiserbegegnung,
  Dtsch.  Rch.  VIII.  6;
Giaf  Kalnoky  in  Friedrichsruhe,
Dtsch.  Rch.  IX.  16  (Uebers.  S.
521).  —  Die  Delegationen  u.  die
Krankh.  des  deutsch.  Kronprinzen
XI.  16  bzw.  17.

Frankreich.  Pariser  Weltansstellung
  für  1889:  Ablehnung  der
Beschickung.  Tisza  darüb.  im  ungar.
Abg.  Hse.  V.  23;  Agitation  Lesseps
u.  Gf.  Zichys  dafür  XII.  5.

Papsttum  (.  Kathol.  Kirche  in
Oesterreich-Ungarn  u.  Röm.  Kurie.

Rumänien.  Zollstreit:  Ablehnung
  d.  rumän.  Vorschläge  XI.
Ende.

Rußland  (val.  allg.  Lag  u.
Bulg.).  Die  Aschechen  u.  Rußland,
  Räld.  II.  10.—11.  —  Kriegsdrohung:
  d.  ungar.  Presse  u.  die
russ.  Truppenbewegungen  XII.  7
—8;  wiederholter  Kriegsrat,  die
Kriegsfrage  u.  d.  öffentl.  Meinung
XII.  8—Ende.  —  Dementi  über
Verhandlungen  betr.  Bulgariens
XII.  22.  —  Russ.  Spionage  X.
21.  —  Oesterr.-Russ.  Abmachung
üb.  Bosnien  1876,  Tisza  üb.  d.
Enthüll.  d.  Nordd.  Allg.  Ztg.  V.
21

Serbien.  Der  Slowanske  Narod
  üb.  d.  serb.  Ministerwechsel
VI.  Mitte.  —Kg.  Milan  in  Wien,
Unterredung  mit  Kalnoky;  Slto-
        <pb n="604" />
        *

wanske  Narod  darüber  VI.  Ende
—VII.  Anf.  —  Kg.  Milan  in
Wien  u.  Pest,  üb.  Serbiens  Verhältnis
  zu  Oesterreich  VII.  Ende
—VIII.  Anf.  —  Gf.  Kalnoky  üb.
d.  Beziehungen  zu  Serb.  vor  der
österr.  Delegation  X  I.  8  —  val.
auch  Serbien.

erein.  Staaten  v.  Nord-Amerika.
  Wiederbesetzung  der
beiderseitigen  Gesandtschaften  VI.
2.  Hlfte.

Iussleis(Uebers.  544.)

Das  Bankgesetz  im  öst.  Reichsrate,
  Annahme  III.  18  bez.  28.—
Zoll=  u.  Handelsbündnis  i.  beid.
Reichsräten,  Annahme  IV.  29.—
Quotendeputationen,  Einigung  u.
Zustimmung  in  beid.  Abg.-Häusern
V.  13  bzw.  14.  —  Kaiserl.  Sanktion
  d.  Ausgleichsgesetze  V.  21.

Seles#stienen.  (Uebers.  544.)

Außerordentl.  Session:  Einberufung
  II.  16;  Session  III.  1—7.
—  Ordentl.  Herbstsession,  Ansprache
d.  Kaisers  X.  29.  bzw.  XI.  20.

Geweinfanes  udzet  f.  1888.
In  gen  Delegationen  X.  29  bzw.

 

 

 

 

X

Heerwesen.

Nachtragskredite  in  beiden  Reichsräten
  bewilligt  II.  15—26.  —
Außerordentl.  Heereskredit  in  den
Delegationen  bewilligt  III.  1—7.—
Gemeins.  Heeresbudget  für  1888  in
den  Delegat.  bewilligt  X.  29.  bzw.
XI.  20.

Pferdeausfuhrverbot  II.  2.

Heeressprache  in  Ungarn  s.  Ungarn.


Vas  kaiserliche  Haus.

Kaiser  Franz  Josef:  Begegnung
  mit  K.  Wilhelm  in  Gastein,
Dtsch.  Rch.  VIII.  6.  —  Thronreden
  im  ung.  Reichsrate:  V.  26;
IX.  29.  —  Ansprache  an  die  Deleationen

  X.  29  bzw.  XI.  20.  —
eskript  an  den  kroat.  Landtag
V.  24.

586  Ilh#abetisches  Regisier.

Kronprinz  Rudolf:  Reise
durch  Galizien,  die  deutsche  Presse
darüber  VI.  Ende  —VIII.  Anf.

Nie  Augars  und  bir  inneren  Pewegungen

 

I
l

 

in  Gesterreich.  (Uebers.  544.)
Artikel  des  Nemzet  XI.  26.

II.  Gesterreich.

A.  Ver  Gesesttrat.
Sudzet

für  1887.  2.  u.  3.  Lesung  im
Abg.-Hse.  IV.  26—V.  26  bzw.  27.
—  für  1888  Vorlegung  im  Abg.=Hse.
  X.  14.

S#hrchliche  Auselegenbeiten.

Altkatholiken:  Verbot  d.  Firmung
  durch  Bisch.  Reinkens  VI.  4.
—  Synode  zu  Warnsdorf  IX.  11.

Freie  reformierte  Kirche  in
Böhmen:  Deputat.  an  d.  Min.  d.
Innern  u.  d.  Kultus,  Gesuch  um
Aufhebung  d.  Bedrückungen  X.  Anf.

Katholische  Kürche

Weltl.  Herrsch.  d.  Papstes:  Resolution
  d.  oberöst.  Katholikentages
IX.  28;  Abt  Hauswirt  i.  d.  öster.
Delegat.  darüber  XI.  14  bzw.  17.
—  Slovische  Kirchenliturgie  (Uebers.
544):  Panflawist.  Agitation  dafür
XI.  14;  Rundschreiben  d.  Nuntius
Galimberti  darüber  X.  Mitte;  Hirtenbrief
  d.  sloven.  Bischöfe,  Widerstand
  dagegen  XII.  6.  Vgl.  Röm.
Kurie.  —  Jesuiten  in  Kärnten:
Bewegung  geg.  deren  Einführung
VIII.  23—XI.  Ende.  —  Erster
nordböhm.  Katholikentag  zu  Warnsdorf,
  Verwahrunge  des  dort.  Gemeinderats
  dageg.  VIII.  15  bzw.
24.  —  Klerikale  Schulforderungen
in  Tirol,  Regierung  dageg.  I.  24;
Ultramont.  Angriff  geg.  d.  Unterrichtsminist.
  im  Abg.-Hse.  V.  2—3.
Abt  Karl  v.  Melk,  klerikale  Angriffe
  geg.  ihn  s.  Personalien.  —
Polzer,  Lehrer,  Pensionierung  weg.
Aufforderung  zum  Massenübertritt
in  die  protestant.  Kirche  I.  22.

Natissalitätenstreit  u.  Sprachenfrage.

Sprachenantrag  v.  Schar-
        <pb n="605" />
        Geserreich-Angarn.  587

schmid  im  Abg.-Hse.:  Interpellat.
weg.  Verschleppung  im  Ausschusse
I.  28;  Fortsetzung  d.  Beratungen
im  Ausschusse,  Verweisung  a.  Unterausschuß
  II.  8—16.

Sprachenverordnungen  des
Justizmin.  Prazak:  für  Böhmen
und  Mähren:  Sprachenantrag  v.
Schmerling  dageg.  im  Herrenhause,
Rede  v.  Schmerlings,  Ablehnung
IV.  22—V.  7;  Abt  Karl  v.  Melk;
Stellung  dazu  s.  Personalien.  —
Interpellation  Knoß  im  Abg.-Hse.
V.  28;  Beantwort.  drch.  Gf.  Taaffe
II.  8.  —  für  Steiermark:  Verwahrung
  des  Landesausschusses  dagegen,
  Interpellat.  Sturm,  Moro,
Nag  u.  Gen.  im  Abg.-Hse.  X.  10.

Slowenische  Beschwerden:
Gregorec  im  Abg.-Hse.,  Tumultszene
  V.  2—3  (S.  222).  —  Dgl.
a.  Tausgmsmu,

anslawismus  (Uebers.  543).
Artikel  der  „Slowanske  Narod“
zum  serb.  Ministerwechsel  VI.  Mitte;
zur  Reise  Kg.  Milans  nach  Wien
VI.  Ende—VII.  Anf.;  üb.  d.  Zukunft
  Rußlands  XI.  14.  —  Agitation
  für  die  flaw.  Kirchenliturgie
s.  Kathol.  Kirche.  —  Beschlüsse  des
Dalmatiner  Landtags  üb.  Einführung
  d.  Russisch.  i.  d.  Schulen
XII.  21.  Verhaftung  des  Agitators
  Zimny  XII.  24.  —  Rieger
u.  Rußland  f.  Rußland  II.  10—11.
—  Uebergreifen  nach  Ungarn  f.
Ungarn  u.  Kroatien.

Deutscher  Schul-Verein:
Hauptversammlung,  Thätigkeitsübersicht
  V.  30.

Vgl.  ferner  die  einzelnen  Kronländer.


Parteien.  Uebers.  543.

Deutscher  Klub:  ZerfallII.  10—12.
Freie  Vereinigung  der  Deutsch-Nationalen:
  Begründung  II.  10—12.
Antisemiten:  Anträge  gegen  jüdische
  Einwanderung  V.  27.  —
Wahlsieg  in  St.  Pölten  X.  13.—
Tumultszene  im  Abg.-Hse.  II.  5.
Klerikale  s.  Kathol.  Kirche.  —
Polen;  Tschechen;  Slowenen;  Deutsche
  in  Böhmen,  Mähren,  Kärnten,

 

Steiermark  s.  Nationalitätenstreit
und  die  einzelnen  Kronländer.  —
Arbeiter,  Sozialisten,  Anarchisten
s.  Sozialpolilik  und  Soziale  Bewegung.


Personalien.

Minist.-Präs.  Graf  Taaffe:
Antw.  auf  Interpellat.  Knotz  üb.
d.  Prazaksch.  Sprachenerlaß  II.  8;
Erklärung  z.  Sprachenantrag  v.
Schmerling  im  Herrenhause  IV.
22—V.  7;  Erklärung  üb.  d.  Dispositionsfonds;
  Angriffe  Neuwirts,
Weber,  Gregorec'  geg.  ihn  V.  2—3
(S.  221).

Unterrichtsminister  Gautsch  v.
Falkenthurn.  Angriffe  d.  ultramont.
  Weber  V.  2—3;  der  Tschechen
  V.  10;  X.  11—Ende.  Bgl.
Böhmen,  Tschechen;  Unterrichtswesen.


Min.  Ziemialkowski  üb.  d.
auswärt.  Polit.  J.  31  bzw.  II.  5.

Gregr,  GEf.  Kaunitz,  Rieger
s.  Böhmen.

Baron  H.  Alesani,  Landespräfid.
  d.  Bukowina  1  II.  8.

Graf  Clam-Martiniz  feudal.
Parteiführer  #.  VI.  5.

Abt  Karl  v.  Melk,  Stellung
in  d.  Sprachenfrage,  Ovation,  Angriffe
  der  Ultramontanen  gegen  ihn
VII.  16;  geg.  d.  Antisemiten,  neue
ultramont.  Angriffe  X.  13.

Baron  Pinov.  Freudenthal,
Landespräs.  d.  Bukowina  II.  8.

Lehrer  Polger,  Maßregelung
s.  Kathol.  Kirche.

Baron  Reden,  Regierungsvertr.
auf  d.  Tirol.  Landtage.  Erklärung
gegen  die  klerikalen  Schulanträge
I.  24.

Ritter  v.  Schmerling,  Präsid.
d.  oberst.  Gerichtshofes,  Sprachenantragsbegründung
  im  Herrenhause
IV.  22—V.  7.

Reichera#t.

Frühjahrssession:  Wiederzusammentritt
  I.  28;  Abg.-Hs.,  Vertagung
  I.  25;  Reichsratsschluß  V.
27.  —  Herbstsession:  Zusammentritt
  d.  Reichsrats  X  10  (S.  247);
Abg.-Hs.,  Vertagung  X.  28.
        <pb n="606" />
        Vr

ent
J

Herrenhaus:  Pairsschub  I.  20.

Abg.-Haus:  Wahlprüfungsverschleppung,
  Interpellat.  Plener  II.
4.  —  Tumurltszenen  II.  5;  V.  2—3.
(S.  223);  V.  10.  —  Verbot  d.
Ausübung  des  Lehramts  durch
Abgg.  XlI.  Ende.

Settalpelitik  u.  Seiflale  Pewegung.

Arbeiterkammern:  Gesetzantrag
Plener.  Beschlüsse  von  Arbeiterversammlungen
  darüber  zu  Brünn
u.  Prag  l.  9,  zu  Lemberg  u.  Graz
II.  6  bzw.  8.

Arbeiterunfallversicherungs-Gesetz
im  Herrenhause  II.  12—17.  —
Arbeiterkrankenversicherungs-Gesetz
im  Abg.-Hse.  III.  24.

Gründungsfest  des  Arbeiterbildungsvereins
  in  Wien  XII.  4.

Anarchistenprozesse:  in  Prag  III.
16  bzw.  IV.  23;  in  Wien  III.
21—28;  V.  3.

Bauernunruhen  in  Galizien  IX.
Anf.  -XI.

Msterrichtswesen.

Mittelschulaufhebungen  VII.  29;
Interpellation  Rieger,  Antrag  Gregr
dagegen  X.  11—Ende.  Vgl.  Tschechen,
  Personalien:  Gautsch.  —  Verbot
  der  Ausübung  des  Lehramts
durch  Abgg.  XI.  bre

B.  Bie  eisntielse  Ar##lisber.

Böhmen.

Landtag:  Tschech.  Sprachenantrag
  für  d.  Schule  I.  Anf.  —  Kassierung
  d.  deutsch.  Mandate  I.  26;
Ergänzungswahlen  deshalb  IX.  10
—16;  Nichteintritt  der  gewählten
Deutschen  XI.  22.  —  Jungtschech.
Antrag  u.  alttschech.  Gegenantrag
geg.  d.  Mittelschulerlaß  d.  Unterrichtsmin.
  XI.  28.

Deutsche:  Mandatkassierung  im
Landtage,  Aufruf  d.  Abg.  I.  26;
Vertrauensmännerversmml.,  Wahlaufruf
  VIII.  15;  Wahlsieg  IX.
10  —16;  Parteitag,  Beschluß  des
Nichteintritts  d.  Gewählt.  i.  d.  Ldtg.
XI.  22.  —  Entlassung  deutscher
Professoren  X.  4;  Restituierung  d.
Lehrers  Mathé  II.  15.  —  Uhland- 



Ilybebelisces  Rezister.

feier  in  Prag,  Tschechenerzeß  V.  9.
—  Deutsche  Gemeinderäte  in  Prag
IX.  26  bzw.  X.  13.

Tschechen  (Ueberf.  543)  (vgl.  Nationalitätenstreit,
  Panflawismus):
Geg.  das  Bündnis  m.  Deutschland
VIII.  3;  Rieger  über  Rußland,
Ifß#ld.  II.  10—11;  Agitation  geg.
ungar.  Produkte,  Erklärung  d.  österreich.
  Regierung  dazu  IX.  Anf.
(vgl.  Ungarn).  —Tschech.  Sprachengesetzvorlage
  im  Landtage  I.  Anf.
—  Demonstration  bei  Ankunft  der
amerik.  Sokolmitglieder  in  Prag
IV.  16—.20;  Exceß  bei  d.  Uhlandfeier
  V.  9.  —  Stellung  zur  Reierung:

  Bewegung  geg.  Mittelschuler
  aß  d.  Unterrichtsmin.  VII.
29.  vgl.  Alt=  u.  Jungtschech,  u.
Mähren;  „In  die  Oppos."  VIII.
Ende.  —  Slaw.  Kirchenliturgie  s.
Kathol.  Kirche.  —  Alttschechen,
Tschechenklub  im  Reichsrat:  Auflösung
  u.  Rekonstruktion,  Ausschluß
d.  Jungtschech.  V.  18;  Interpellation
  geg.  Unterrichtsmin.  u.  Rückzug
  X.  11.—Ende;  Antrag  Petak
im  Ldtge.  dazu  XI.  28  (vgl.  Prag).
—  Jungtschechen:  Gregr  auf  der
Prager  Arbeiterversammlung  üb.
d.  Arbeiterkammern  I.  9;  Ausschluß
  aus  dem  Tschechenklub  V.
18;  Demonstrat.  geg.  Rieger,  Ovation
  für  Gregr  in  Prag  V.  Ende;
Parteitag  auf  dem  Berge  Rezip,
Reden  Gregrs,  Gf.  Kaunitz',  Resolut.
  geg.  Rieger  VI.  19;  Wahlkampf
  mit  d.  Alttschech.  IX.  27,
X.  26.  —  Antrag  geg.  d.  Mittelschulerlaß:
  im  Abg.-Hse.  X.  11—
Ende,  im  Ldtge.  XI.  28;  Parteitag
  in  Prag,  Reden  Gregrs  und
Waschaty's  XI.  20  (vagl.  Prag).
rag.  Gemeinderat:  Eintritteines
Deutschen  IX.  26  bzw.  X.  13;  Ergänzungswahlen
  X.  26.  —  Bürgermeisterwahl
  IX.  27.  —  Straßendemonstr.
  geg.  Rieger  f.  Gregr  V.
Ende;  Ansprache  d.  Bürgermeist.
a.  d.  amerikan.  Sokol  IV.  16—20.
Exzeß  bei  der  Uhlandfeier  V.  9.

Katholikentag,  Altkathol.  Synode,
  Freie  reform.  Kirche  s.  Gesamtstaat:
  Kirchl.  Angelegh.
        <pb n="607" />
        ZI  589

Anarchisten  s.  Gesamtstaat:  Sozialpolit.


Bukowina.

Landespräsidentenwechsel  II.  8.

Dalmatien.

Verschleppung  d.  Wahlprüfung
d.  dalmat.  Abgeordn.  II.  4.  —
Ruhestörungen  in  Sebenico  IV.  12.

Galizien.

Landtag:  Deutsche  Sprache,  Beschluß
  üb.  deren  Pflege  I.  17.  —
Wahlbegünst.  d.  Polen  durch  d.
Regierung,  Interpellat.  Romanczuk
I.  11.  =  Beschluß  über  ruthen.
Gymnas.  z.  Przemysl  I.  25.

Reise  des  Kronprinzen  VI.  Ende
—VIII.  Anf.

Bauernunruhen  IX.  Anf.—XlI.

Deutsche  Sprache:  Resolut.  im
Ldtge.  üb.  der.  Pflege  I.  17.  —
Gesuch  um  Einführung  als  Lehrgegenstand
  d.  Volksschulen  XlI.  25.

Polen:  Wahlbegünst.  durch  die
Regierung  I.  11.  —  Bewegung  für
d.  poln.  Rettungsbank  XI.  Mitte,
Dtsch.  Nch.  X.  6G.  —  Auflösung  d.
Vereins  d.  Teilnehmer  am  letzten
Polenaufstande  XI.  16.

Ruthenen:  Beschwerden  üb.  Wahlbegünst.
  d.  Polen  durch  d.  Regierung
  i.  Ldtge.  I.  10.  —  Ruthen.
Gymnas.  z.  Przemysl,  Beschluß  d.
Ldtgs.  I.  25;  Errichtung  v.  ruth.
Klassen  VII.  29.

Kärnten.

Bewegg.  geg.  Einführung  d.  Jesuiten
  VIII.  23—XI.  Ende
Slowen.  Agitat.  d.  Priester,  Erlaß
d.  Fürstbisch.  Kahn  dageg.  X.  11.
—  s.  a.  Ges.-Staat:  Nationalitätenstr.;
  Slowenen  u.  Panslawismus.

Krain.

Schulsprache,  Beschlüsse  d.  Landesschulrats
  III.  Anf.  —  s.  a.  Ges.=Staat:
  Nationalit.-Streit;  Slowenen
  u.  Panflawismus.

Mähren.
Tschechen  s.  a.  Böhmen:  Rekurs

geg.  Schließung  tschech.  u.  Eröffnung

  deutsch.  Schulen  v.  Unterrichtsmin.
  abgewies.  II.  7.—  Friedl.
Einigg.  üb.  d.  Sprachenfrage  in  d.
Brünner  Handelskammer  III.  Anf.

 

Niederösterreich.

Stadt  Wien.  Frage  d.  Reichsunmittelbarkeit
  I.  25.  —  Gemeinderatswahl
  III.  28.

Oberösterreich.

Katholikentag,  Beschlüsse  üb.  d.
weltl.  Papstherrsch.  IX.  28.

Salzburg.

Sittliche  Zustände  I.  8.

Steiermark.

Landtag:  Belobung  d.  Landesschulrats
  weg.  Pflege  des  Deutschen
I.  16;  Verwahrung  geg.  d.  Prazakschen
  Sprachenerlaß.  —  Landesausschuß:
  Verwahrung  geg.  d.  Erlaß
  d.  Justizmin.  Prazak  üb.  d.
Gebrauch  d.  slowen.  Sprache  i.  d.
Grundbüchern,  Interpellat.  i.  Abg.-Hse.
  deshalb  X.  10.  —  s.  a.  Ges.-Staat:
  National.-Streit;  Slowenen
u.  Panflawismus.

Tirol.

Landtag:  Schulaufsichtsgesetze,
Klerikale  Anträge,  Regierung  dagegen
  I.  24.

III.  Angarn.

Veuisce  Heeresspracze.
Agitation  dageg.,  d.  Honvedminist.
  darüber  III.  19—28;  Interpellat.
  im  Abg.-Hse.  V.  21.

Finanzen.

Budget  für  18872:  Beschlußanträge
  d.  Oppos.,  Sieg  d.  Min.  I.
18—27;  Annahme  d.  Finanzges.
im  Abg.-Hse.  III.  1.  —  Anleihe
zur  Ergänzung  der  Kassenbestände,
Abg.-Hs.:  Vorlage  IV.  22,  Annahme
  V.  4  bzw.  16.  —  Budget
für  1888  X.  22.

Instürreform.
Entwürfe  d.  Justizmin.  II.  21.

Katpolische  Firche.

Streit  üb.  d.  Bischofsernennungen,
  Kardinal  Fürstprimas  Simor
VII.  4.  —  WMeltl.  Herrsch.  des
Papstes:  Bisch.  Schlauch  in  der
ungar.  Delegat.  darüber  XI.  14
bzw.  17;  Katholikenkundgebung  dazu
  Xl.  20.
        <pb n="608" />
        590

Krostiesn.

Ausgleich  m.  Ungarn:  Abbruch  d.
Regnikolardeput.-Verbdlan.  III.  2;
Genehmigung  d.  finanz.  Ausgleichs
im  ung.  Abg.-Hause.  u.  Entsendg.
einer  neuen  Regnikolardeput.  XII.  2.

Landtag:  Schluß,  kal.  Reskript
V.  24;  Neuwahlen,  Wahlexzesse
VI.  18.

Parteiwesen:  Bildung  d.  kroat.
Serbenpartei  V.  20;  der  gemäßigt.
Oppos.  unter  Draskovic  VI.  27.  —
Hanllawismus:  Rufs.  Besoldungen

eistlicher  XI.  22.

Stadt  Agram:  Streit  mit  d.
Banus,  Beschwerdeadresse  a.  d.
Kaiser  X.  Anf.  bzw.  21.  —  Gemeinderatswahl,
  Sistierung  XII.

Minikeria#n.

Die  Regierung  u.  d.  innern
Bewegungen  in  Oesterreich,
Artikel  des  Nemzet  XI.  26  (vgl.
Nationalitätenstreit,  Panslawism.)

Minist.-Präs.  Koloman  Tisza.
Reden:  üb.  d.  allg.  Lage,  b.  Empf.
d.  liberal.  Partei  I.  1,  im  Abg.=Hse.
  I.  31  bzw.  II.  5;  üb.  d.  Enthüllg.
  d.  Nordd.  Allg.  Ztg.  betr.
d.  Bosn.  Okkupation  V.  21;  üb.
Ablehnung  d.  Beschickung  d.  Paris.
Weltausstellg.  V.  23;  Finanzexposé
X.  22.  —  Finanzminister  II.  15.
—  Sieg  i.  d.  Budgetdebatte  I.
18—27.

Justizminist.  v.  Fabinyi:  Reformpläne
  II.  21.

Honvedmin.  Baron  Fejervafzy:
  üb.  d.  deutsche  Heeressprache
III.  19—28;  im  Abg.-Hse.  V.  21.

Interim.  Leiter  d.  Innern  Baron
  Orczy  II.  15.

Finanzmin.  Graf  Szapary:
Rücktritt  II.  15.

Matissalititenstreit  und  Parteien.

Nationalitäten-Streit  und
Parteien.

Abg.  Mocsary  gegen  die  Unterdrückung
  der  Nationalitäten  II.  15.

Deutsche:  Wahlbewegung  i.  Siebenbürgen,
  versöhnliche  Richtung,
Meltzel  u.  Schwicker  VI.  10.

 

 

Apbabetisches  Nezister.

Slawen:  d.  Pester  Lloyd  üb.  d.
Uebergreif.  d.  Panslawismus  nach
Ungarn  VIII.  10.  —  D.  Regierg.
u.  die  inneren  Bewegungen  Oesterreichs,
  Artikel  d.  Nemzet  XI.  26
(Ueberf.  S.544).  —  Tschech.  Agitat.
geg.  ungar.  Produkte  IX.  Anf.;
der  Landesindustrieverein  dazu  XI.
26.  —  Slowaken:  Wahlenthaltung
VI.  4.  —  Panslawism.  in  Kroatien
s.  Kroat.

Rumänen:  Rumän.  Konferenz
V.  9.  —  Fernbleib.  d.  Abgeordn.
Trajan  Doda  aus  dem.  Abg.-Hse.

Antisemiten:  Wahlexzesse  VI.  26.
—  Maßregelung  antisemit.  Kandidaten
  X.  3.

Ultramontane:  s.  Kathol.  Kirche.

Sozialisten:  Geldsammlung  für
d.  deutsch.  Sozialist.  z.  d.  Wahlen
0  2  —  Arbeiterkongreß  IV.

Jersenalien.

Ef.  Andrassy:  Interpellat.  u.
Rede  üb.  d.  äuß.  Politik  i.  d.  Delegat.
  XI.  5.

Franz  Deak:  Enthüllung  seines
Denkmals  IX.  29.

Gf.  Draskovic,  kroat.  Parteiführer
  VI.  27.

Gen.  Trajan  Doda,  Rumän.
Tb-—  Fernbleib.  aus  d.  Abg.-Hse.

Helfy,  äuß.  Linke,  Beschlußantrag
  b.  Budgetdebatte  I.  18—27.
Parenalg,  gem.  Oppos.,  Beuß
  antrag  b.  Budgetdebatte  I.

Meltzel,  deutsch.  Kandid.  für
Hermannstadt,  Wahlrede  VI.  10.

Mocsary,  Abg.,  Eintreten  für
d.  Nationalitäten,  Ausschluß  aus
d.  Unabhängigkeitspartei  II.  15.

Bisch.  Schlauch  v.  Großwardein,
  Rede  für  weltl.  Herrsch.  d.
Popstes  XI.  14  bzw.  17.

ardin.  Simor,  Fürstprimas,

Erzb.  v.  Gran,  Stellung  im  Bischofsernennungsstreite
  VII.  4.

Reichorat.

Schluß  u.  Auflösung  d.  letzt.
3Zjähr.,  Thronrede  V.  26.  —  Wah-
        <pb n="609" />
        Gesterreich-Anzern.  Versien.  Verluzal.  Vie  Kömische  Aurie.  591

len  z.  Abg.-Hse.,  Exzesse  VI.  26
(ogl.  Nationalitäten  u.  Parteien.
—  Eröffug.  d.  erst.  5jähr.,  Thronrede
  IX.  29.  —  Tumult  im  Abg.=Hse.
  II.  15.

Slehenbürgen  s.  Nationalitätenstreit:

Deutsche.
Persien.

Deutsche  Gesandtschaft  daselbst
Dtsch.  Rch.  I.  18.  —  Flucht  Eyub
Khans  s.  Afganistan.

Portugal.

Auswärtige  Politik.  Streit
mit  Zanzibar  über  die  Tongibucht
II.  Mitte  —März;  Verzicht  d.  Sultans
  darauf  VII.  Ende.  —  Grenzabkommen
  mit  dem  Kongostaat,
Frankreich  u.  Deutschland  über  die
Afrikanischen  Kolonieen  von  den
Kortes  genehmigt  VII.  Ende.

Finanzen.  Budgetvorlage  IV.
Ende.

Fontes  Pereira  de  Mello,
Führer  d.  Konservativen  ##l.  22.

olonien.  Mozambigque,  Unruhen
  III.  Anf.  —  Kongogebiet,
Ausfuhrzölle  XII.  Anf.  —  Grenzabkommen
  über  d.  afrik.  Kolonien
s.  auswärt.  Politik.

Kortes.  Kammerauflösung  I.  6.
—  Neuwahlen  III.  6.

Warine  Minister  Macedo.
Wiederernennung  aufhandel  IX.

Die  Römische  Kurie.

Answärtize  Feziehnszen.

Belgien,  Verhandlungen  über
d.  Frage  d.  allg.  Wehrpflicht  Belg.
III.  22  bzw.  IV.  29.

China  s.  Frankreich.

Deutschland  (vgl.  dtsch.  Rch.)
Uebers.  S.  533.  Verhandlungen
üb.  d.  preuß.  Kirchenvorlage,  Preßverbot
  I.  Ende.  —  Der  Papst  u.
d.  Heeresvorlage,  Päpstl.  Presse
dazu  II.  10—  12.  —  Mission  Galimbertis
  nach  Berlin  (Dtsch.  Rch.
III.  27):  Bismarck  über  d.  röm.

 

Frage  IV.  11.  —  Papstbrief  a.  d.
Frhrn.  v.  Franckenstein  IV.  Mitte.
—  Allokution  a.  d.  Kardinäle  üb.
d.  Kirchenvorlagen  in  Deutschland
V.  23.  —  Jubiläumzgeschenk  d.
Kaisers  VII.  28.  —  Nuntiatur  in
Berlin:  Ruffo  Scilla  darüber  IX.
22.  —  Enchklika  a.  d.  bayer.  Bischöfe
  XII.  22.

Frankreich  (vgl.  dasselbe,  kath.
Kirche).  Verhandlungen  üb.  China
(vol  Gesch-Kal.  1886),  Preßverbot

.  e.

Großbritannien  (vgl.  dass.).
Verhandlungen  üb.  Vertretung  in
London,  Preßverbot  I.  Ende;  Kard.
Manning,  Gutachten  darüber  VI.
Mitte.  —  Mission  Msgr.  Persicos
nach  Irland  z.  Stud.  d.  national.
u.  religiös.  Verhältnisse  VI.  24—
1X.  —  Gesandtsch.  d.  Herzogs  v.
Norfolk  XII.  19.

Italien  (vgl.  dass.),  Römische
Frage  (Uebers.  S.  551):  Allokut.
d.  Papstes  V.  23  (S.  392);  Aeußerungen
  Bismarcks  zu  Galimberti
darüb.  IV.  11;  Pater  Tosti  für
Nachgiebigkeit,  Maßregelung,  Unterwerfung
  VI.  4;  Rdschreib.  d.
Kardinals  Rampolla  u.  Brief  d.
Papstes  an  ihn  VII.  20—25;  Zustimmung
  sämtl.  ital.  Bischöfe  K—
XI;  Massenpetition  für  d.  Aussöhnung
  mit  Italien  XI.  Ende.  —
Maßregeln  geg.  d.  italien.  Gesetz
über  d.  Kirchenzehnten  VIII.  25.

Montenegro,  Genehmigung  d.
slaw.  Kirchenliturgie  IV.  16.

Oesterreich-Ungarn  (s.  dass.)

eg.  d.  tschech.-slowen.  Agitation
46  d.  slaw.  Kirchenliturgie  IV.  16.

Peru,  Jefuitenausweisung,  M.=u.
  Süd-Amerika  XlII.

Rumänien,  slerhandlunge  üb.
Gleichstellung  d.  kathol.  m.  d.  Landeskirche
  IV.  Mitte.

Rußland,  Glückwunsch  d.  Zaren
  z.  Jubiläum  XII.  Ende.

Spanien,  Konkordat  über  d.
Zivilehe  Span.  III.  16.

Schweiz  s.  dieselbe.

Türkei  (pvgl.  dieselbe),  Türk.
Ordensauszeichnung  für  Kardinäle,
Mission  des  armen.  Patriarchen
        <pb n="610" />
        592

Azarian  II.  15.  —  Bewegung  für
d.  Rückkehr  in  d.  kathol.  Kirche
in  Mazedonien  VIII.  24.
Vereinigte  Staaten  v.  Nordamerika,
  Bann  üb.  d.  irischen  sozialist.
  Priester  Mac  Glynn  VII.
Anf.,  vgl.  Vereinigte  Staaten  I.  17.

Innere  Volitik.

Souveränetätskundgebung  I.  Anf.
—  Kardinalsernennung  III.  14.

Personalien.

Papst  Leo  XlIII.,  Allokution
a.  d.  Kardinäle:  Deutsche  Kirchengesetze,
  Italien  V.  23.  —  Brief
a.  d.  Frhrn.  v.  Franckenstein  üb.
d.  preuß.  Kirchenvorlage  IV.  Mitte.
—  Schreiben  a.  Rampolla  üb.  d.
röm.  Frage  VII.  20—25.

Agliardi,  Delegat  in  Konstantinopel,
  Ernennung  V.  Mitte.

P.  Anderledy,  Jefuitengeneral
  III.  4.

Kard.  Bartolini  f  X.  2.

P.  Beckx,  Jesuitengeneral  ##
III.  4

Galimberti,  Spezialges.  a.  d.
deutschen  Kaiser  Dtsch.  Rch.  III.
27.  —  Gespr.  m.  Bismarck  üb.  d.
röm.  Frage  IV.  11.  —  Nuntius
in  Wien  V.  Mitte.

Jakobini,  Kard.-Staatssekretär
1  11.  28.

Erzb.  Jordani  von  Florenz,
Kardinalsernennung  III.  14.

Masella,  Nuntius  i.  Lissabon,
Kardinalsernennung  III.  14.

Kard.  Monaco  di  Valetta,
Großpönitentiar,  Rundschreib.  üb.
d.  ital.  Kirchenzehntenges.  VIII.  25.

di  Pietro,  Nuntius  i.  München
  (vgl.  dtsch.  Rch.),  z.  Nuntius
i.  Madrid  ernannt  V.  Mitte.

Kard.  Rampolla  di  Tindaro,
  Staatssekretär,  Ernennung
VI.  2.  —  Schreib.  d.  Papstes  an
ihn,  Rdschrbn.  über  d.  röm.  Frage
VII.  20—25.

Rendé,  Nunt.  i.  Paris,  Kardinals-Ernennung
  III.  14.

Rotelli,  Nunt.  i.  Paris,  Ernennung
  V.  Mitte.

Fürst  Ruffo  Scilla,  Nunt.

 

Alxhabelishes  Keister.

in  München,  Ernennung,  V.  Mitte
(ogl.  Dtsch.  Rch.).  —  zur  Frage
d.  Berliner  Nuntiatur  XlI.  22.

P.  Tosti,  Päpstl.  Archivar,  für
d.  Anerkennung  d.  ital.  Herrsch.
in  Rom,  Maßregelung,  Unterwerfung
  VI.  4.

Vanutelli,  Nuntius  i.  Wien,
Kardinalsernennung  III.  14.

Numänien.
Bulgarische  Agitatoren,
Ausweisen  III.  Anf.  —  Mordanfall

  auf  d.  Rustschuker  Präfekten
Mantow  III.  31.

Generalratswahlen,  Sieg
d.  Regierung  V.  Mitte.

Griechenland,  Spannung,
Beilegung  XlI.  9.

Handelsverträge,  Ermächtigung
  d.  Regierung  z.  Abschlusse
mit  Frankreich  u.  generell  v.  d.
Kammer  erteilt  IV.  11  bzw.  12.
—  mit  Deutschland,  Ratifikation
VI.  5.  —  mit  d.  Türkei,  Untergeichnung
  XI.  Ende.

ammereröffnung,  Thronrede
  XI.  27.

König  Karl,  Reise  nach  Berlin,
  Begegnung  m.  d.  Kaiser  v.
Oesterreich  in  Pest  III.  19.  —  Majestätsbeleidigungsprozesse
  V.  11;
Angriffe  d.  Opposit.  auf  ihn,  Interpellation
  i.  d.  Kammer  XII.  16.
—  Thronrede  z.  Kammersessionseröffnung
  XI.  27.

Ministerium,  Vertrauensvoten
d.  Kammer  I.  25,  X.  2.  —  Kabinettsrekonstruktion
  V.  11.  —  Sieg
bei  d.  Generalratwahlen  V.  Mitte.
—  Ministerpräs.  Bratianu  über
Maßregeln  geg.  d.  bulgar.  Verschwörer
  in  d.  Kammer  III.  31.  —

in.  d.  Auswärt.  Pherekyde:  Duell
mit  Abg.  Fleva  I.  26;  über  die
Handelspolitik  in  d.  Kammer  IV.
11  bzw.  12.  —  Justizmin.  Statesku:
  über  d.  Angriffe  d.  Oppos.
auf  d.  Pers.  d.  Königs  i.  d.  Kammer
  XII.  16.

Militärische  Rüstungen,
Kammer:  Bewilligung  v.  30  Mill.
in  d.  kriegsdrohenden  europ.  Lage
        <pb n="611" />
        Rmminien.  Rußland.  593

II.  17;  v.  10  Mill.  zu  Mehrladern
XII.  22.

Neutralisierungsfrage,
Preßerörterung  III.  19.

Opposition,  Skandale  bei  d.
Königsreise  in  Jassy  V.  11.  —
Scheitern  d.  Einigungsversuche  X.
Anf.  —  Angriff  auf  d.  Minist.
bei  Rücktritt  d.  Kriegsministers  X.
2.  —  Maßregeln  geg.  d.  oppos.
Presse  XII.  16.

Russische  Anfeindungen  im
Nord,  Abwehr  in  der  Etoile  Roumaine
  VI.  25.

Sozialistenversammlung,
Verhaftungen  XI.  16.

Nußland.

Aunswirtige  Politik.

Allgemeine  Richtung  d.  Politik
  (Uebers.  S.  511):  Artikel
Giers  in  Nord  II.  20.  —  Rüstungen
  s.  Heerwesen.

Bulgarien  (vol.  Türkei,  Bul--garien)
  Uebers.  S.  511,  518:  Artikel
  d.  Nord  üb.  d.  Kandidatur
Leuchtenberg  und  Aufgabe  d.  Mingeliers
  1.  16.  —  Note  d.  Pariser

otsch.  über  d.  Konstantinopler
Botschafterkonferenz  I.  26.  —  Katkows
  Tadel  d.  bulg.  Politik  Rußlands
  II.  16.  —  Prinz  Ferdinand:
Nord  über  s.  Wahl  VII.  9;  Protestnote
  geg.  s.  Uebernahme  d.  Regierung
  VIII.  10;  Journal  de  St.
Pétersburg  zu  s.  Reise  nach  Bulgarien
  VIII.  11.  —  Ergebnislosigkeit
  d.  russ.-türk.  Verhdlgn.  X  8.

Ehina  s.  China  u.  Ausländeresetze.



Deutschland  (val.  Dtsch.  Rch.)
Uebers.  S.  511,  517:  Artikel  d.
Rußkoje  Djelo  u.  Suspendierung
d.  Blattes  I.  Anf.  —  Katkow  üb.
Gefahr  eines  deutsch-russ.  Krieges
u.  Bismarcks  Reichstagsreden  II.
4;  Verleumderische  Angriffe  auf
d.  deutschen  Geschäftsträger  i.  Sofia.
III.  21  (S.  435);  gegen  Giers
deutschfreundliche  Nordartikel  III.
Ende—Mai.  —  Regierungskommuniqué
  geg.  d.  Angriffe  auf  d.
deutschen  Geschäftsträger  i.  Sofia

Europ.  Geschichtskalender.  XXVIII.  Bd.

 

III.  21.  —  Der  Nord  und  das
deutsch-österr.-ital.  Bündnis  III.  26.
—  Beschränkung  d.  Grundeigentumserwerbung
  durch  Ausländer
V.  24,  Uebers.  S.  518.  —  Zarenbesuch
  (s.  dtsch.  Rch.):  Rundschreib.
über  dessen  Ergebnisse  XI.  Ende;
Befehl  geg.  d.  Deutschenhetze  in  d.
Zeitungen  XI.  Ende.  —  Kriegsrüstungen
  s.  Heerwesen.
Frankreich  (vgl.  Frankreich)
Sympathieen  u.  Bündnisbestrebungen
  (Uebers.  S.  513):  Speisetopfsendung
  an  Sauffier  I.  10;  Kosakensäbel
  an  Boulanger  III.  11;
Boulangers  u.  Pasteurs  Telegramm
Slawijanskifeier  V.  Mitte.  —
Bndnisnachricht  dementiert  III.
26.  —  Bestrafung  d.  Gen.  Bogdanowitsch
  weg.  d.  Bündnisagitat.
VII.  Anf.;  des  Gen.  Baranow
XII.  9.  —  Déroulede,  Floquet  2c.
Reise  z.  Grabe  Katkows  s.  Frkrch.;
Agitationsreise  Déroulèdes  durch
Rußland  nach  Kopenhagen,  Ovationen,
  Empfang  b.  Zaren  verweigert,
  angen.  vom  Könige  v.  Griechenland
  VIII—IX;  Entfernung  s.
Bildes  in  Petersburg  XII.  9.
Großbritannien  (.  dasselbe
u.  Mittelasien.
Italien,  Bündnis  m.  Deutschland
  u.  Oesterreich  f.  Deutschland.
Mittelasien.  Besetzung  von
Kerki  in  Buchara  VI.  Anf.;  Asien
V.  25;  Weiterbau  der  transkasp.
Eisenbahn  durch  Buchara  n.  Samarkand
  VI.  2.  —  Sibir.  Eisenbahn
  genehmigt  v.  Zaren  VI.  26.
—  Asganisches  Grenzprotokoll,  Unterzeichnung
  VII.  22  (vgl.  Asien
u.  Großbrit.).  —  Kriegsflotte  auf
d.  Amu  Darja  XII.  24.
Oesterreich-Ungarn,  Enthüllungen
  d.  Rußki  Kurjer  üb.  Riegers
  Gespräche  betr.  Rußland  u.
d.  Slawen  in  Oesterr.  II.  10—11.
—  Bündnis  mit  Deutschland  und
Italien  s.  Deutschland.  —  Katkow
üb.  Kalnokys  Gespräch  m.  d.  bulg.
Min.  Stoilow  IV.  25.—  Bosnische
Okkupation:  Tatischtschew  geg.  d.
Nordd.  Allg.  Ztg.  V.  12.  —  Die
Russ.  Presse  u.  Kalnokys  Reden

38
        <pb n="612" />
        594

i.  d.  Delegationen  XI.  7—  Mitte.
Kriegsrüstungen  s.  Heerwesen.

Rumänien,  Katkow  üb.  d.  russ.=orthodoxe
  Propaganda  das.  VII.  4.

Türkei  (val.  dieselbe  u.  Bulg.)
Mahnung  um  d.  Kriegsentschädigung
  IV.  Anf.  —  Ergebnislasige
d.  russ.-türk.  Verhölgn.  üb.  Bulg.
X.  8.  —  Nordd.  Allg.  Ztg.  über
Rußld.  u.  d.  Türkei  I.  3.

Vereinigte  Staaten  v.  Nordamerika.
  Auslieferungsvertrag,  Abschluß
  III.  Ende.

Ansländerzefetze.
Grundeigentumsbeschränkung  der
Ausländer  in  d.  westl.  Gouvts.,
Ukas,  Artikel  des  Dujewnik  Warshawski
  V.  24;  im  afiat.  Grenzgebiet
  gegen  d.  Chinesen  VI.  Anf.

Finanzen.  Uebers.  S.  518.

Finanzministerwechsel  I.  Mitte.
—  Budget  für  1887  I.  12.  —
Zollerhöhungen-  auf  Eisen  und
Stahl  V.  7;  Brennstoffe  V.  25;
Tabak  r2c.  VI.  10;  Baumwolle  2c.,
neue  Zölle  XI.  19.

Gerichtswesen.
Ausschluß  d.  Oeffentlichkeit  bei
Gerichtsverhölgen:  Entwurf  Masasseins

  d.  Staatsrat  dagegen,  genehmigt
  v.  Zaren  III.  Mitte.  —
Auslieferungsvertrag  m.  d.  Vereinigt.
  Staat.  III.  Ende.  —  Prozesse,
  Militärgerichte  im  Belagerungszustande
  s.  Nihilisten.

Heerwesen.

Truppenbewegungen  geg.  d.  poln.
Grenze  I.  Mitte  u.  folg.  Monate.
—  Pferdeausfuhrverbot  II.  3.  —
Erste  Reservisteneinziehg.  VI.  3.  —
Barackenlagerbau  b.  Warschau  IX.
Anf.  —  Der  russ.  Invalide  u.  d.
Journal  de  St.  Pétersbourg  üb.
d.  Vorbeweggn.  XII.  15  bzw.  16.
—  Kriegsflotte  auf  dem  Amu
Darja  XII.  24.  —  Transkasp.
Bahn  s.  Mittelas.,  Kosaken  am
Schwarzen  Meere  s.  Kosaken.

Kosaken.
Zarenreise  zu  d.  Donisch.  Ko- 



Aphabelisches  Reziser.

saken  V.  18—20;  Vereinigg.  v.
Taganrog  u.  Rostow  mit  ihrem
Bezirk  VI.  Anf.  —  Plan  d.  Besiedlg.
  d.  Schwarz.  Meerküste  mit
Kosaken  VI.  Anf.

Nihilisten.

Attentatsversuch  auf  d.  Zaren
III.  13;  Prozeß  geg.  d.  Attentäter,
Hinrichtgn.  u.  Begnadiggn.  IV.  9
—V.  11.  —  Verbreitung  bei  den
Donisch.  Kosaken  V.  18—20;  im
Bezirk  Taganrog  u.  Rostow,  Vereinigung
  mit  dem  Kosakengebiete
VI.  EArb-  —  Prozeß  geg.  d.  Mörder
  Sudejkins  V.  26—  VI.  4.  —
Studienbeschränkg.  VI.  Ende.  —.
Belagerungszustand  üb.  gen.  Gvts.
auf  3  *  verhängt  IX.  Ende.
—  Prozeß  gegen  18  Offiziere,
Strafen,  Begnadigungen  XI.  21.

GErthadeze  Firche.

Propaganda  in  Rumänien,  Katkow
  darüber  VII.  4;  in  Polen
XI.  10.  —  Vergewaltigung  der
Armenier  IV.  Ende;  der  evangel.
Kirche  s.  Ostseeprovinzen.

Gseeprerisjen.

Russ.  Unterrichtssprache  auch  an
d.  Privatgymn.  eingeführt  IV.  10.
—  Livland:  Gouv.  Sinowjew  geg.
d.  Gebrauch  d.  beutsch-  Sprache,
Prozesse  gegen  evangel.  Geistliche
in  Riga  X.  Ende;  Ges.  d.  Geistlichk.
  um  Enthbg.  v.  d.  Schulaufsicht
  XI.  17;  Gesuch  um  ebschaffg.
anarch.  Zustände  v.  Sinowjew  abgelehnt
  XI.  18.

Personalien.

Gen.  Baranow,  Verweis  weg.
Verherrlichung  Dérouleèdes  u.  d.
Bündnisagitat.  XII.  9.

Gen.  Bogdanowitsch,  Bestrafg.
  weg.  franz.-russ.  Bündnisumtriebe
  VII.  Anf.

Finanzmin.  Bunge,  Rücktritt,
  Präfid.  d.  Ministerkomitees
I.  Mitte.

Fürst  Dadian  v.  Mingrelien
  Austritt  aus  dem  Heere

I.  11.
        <pb n="613" />
        Samon.  Sandwichiuseln.

Min.  d.  Auswärt.  v.  Giers:
im  Nord  üb.  d.  auswärt.  Politik

II.  20.  —  Streit  mit  Katkow  III.

Ende—V:  Nordartikel  üb.  Katkows

1  VIII.  1.

Katkow:  über  die  Gefahr  des
deutsch-russ.  Krieges  u.  Bismarcks
Reden  II.  4.  —  Tadel  der  bulg.
Politik  Rflds.  II.  16;  Streit  mit
Giers,  Reise  z.  Zaren,  Verweis,
Sieg  III.  Ende—V;  scharfer  Artikel
  üb.  Kalnokys  Gespräch  mit
Stoilow  IV.  25;  Verweis  VI.  Anf.;
üb.  d.  Orthodoxie  in  Rumän.  VII.
4;  f.,  Zarentelegramm,  der  Nord
über  ihn  VIII.  1.

Justizmin.  Manassekn.  Gesetzesvorlage
  üb.  Ausschluß  d.  Oeffentlichk.
  b.  Gerichtsverhdlg.,  vom
Zaren  geg.  d.  Staatsrat  genehmigt
III.  13.

Pahlen,  früh.  Justizmin.,  geg.
d.  Entwurf  Manasseins  III.  13.

Gen.  Saburow,  ehemals  Botschafter
  in  Berlin,  Entfernung  aus
d.  Staatsdienste  wegen  nuerlaubt.
Veröffentlichung  von  Aktenstücken
VI.  Anf.

Gen.  Sinowjew,  Gouverneur
v.  Livland,  s.  Ostseeprovinzen.

Tatischtschew.  Geg.  d.  Enthüllg.
  d.  Norddentsch.  Allg.  Ztg.
über  d.  Vorgesch,  d.  bosn.  Okkupation
  V.  12.  —  Bestrafung  VI.
Anf.

Wyschnegradski,  wird  Fi—
nanzminist.  I.  Mitte.

Nuruhen.

Banernunruhen:  in  Smolensk
I.  Anf.;  in  Jussar,  Strafgericht
X.  9.  Arbeiterunruhen:  im
Gvt.  Wladimir  I.  Ende;  im  Kreise
Bachmut  V.  19.  —  Studentenunruhen:
  in  Moskan,  Charkow,  Petersburg;
  Universitätsschließungen
XII.  12—Ende.

Anterrichtswesen.

Studienbeschränkg.  VI.  Eude.  —
Studentennuruhen  infolge  d.  neuen
Statuts  s.  Unruhen.

Zar  Alexander  III.  «
AttcntatsverfnchlILlszGnaden- 



...-,.--  —

Schweden  und  Norwegen.

 

—  —

Norwegen.

505

akte  geg.  Nihilisten  s.  diese.  —  Genehmigt
  Manasseins  Gerichtsordnung
  gegen  d.  Staatsratsbeschluß
III.  Mitte.  Reise  zu  d.  donisch.
Kosaten  V.  18—20.  —  Telegramm
an  d.  Witwe  Katkows  VII.  1.
Abweisung  Dérouledes  VIII—IX.
—  Aufenth.  in  Dänemark  VIII.
26  (s.  Dänemark);  in  Berlin  Xl.
18  (s.  Dtsch.  Nch.  Uebers.  S.  523):
Rdschrbn.  üb.  d.  Ergebnisse  dieses
Besuchs  XlI.  Ende.  —  Zusatz  zum
Invalidenartikel  üb.  d.  Rüstungen
XII.  15  bzw.  16  (S.  449).

Samoa.

KNg.  Malietva.  Abführg.  durch
deutsche  Kriegsschiffe  Dtsch.  Rch.
IX.  Ende.

Kg.  Tamasese.  Beglückwünschung
  K.  Wilhelms  u.  Antwort
desselb.,  Dtsch.  Rch.  III.  23.  —
Thronbesteigung,  Südseeinseln  VIII.
25.  —  Proklamation,  Adresse  d.
Amerikaner  an  ihn  IX.  15.

Sandwichinseln.
Revolnution,  Südseeinseln  VII.

Schweden  und  Norwegen.

Schweden.

Ministerium.  Verhandlungen
d.  gs.  mit  Erzbisch.  Sundblad  v.
Lund  und  Frhr.  v.  Bildt  üb.  Bildung
  eines  Kabinetts  XI.XlI.

Reichstag:  Eröffuung,  Thronrede
  I.  18.  2.  Rammer,  beschließt
Erhöhung  der  Getreidezölle,  Auflösung,
  Neuwahl.,  freihändl.  Mehrheit
  Ill.  5:  ordentlt.  Neuwahlen.
freihändl.  Mehrheit  durch  Sliockholmer
  Wahlfehler  geschlagen  IX.
—Ende  d.  Jahrs.

Wohlfahrtsansschuß  z.  Beratung
  d.  wirtschaftlichen  Notlage,
Vorschläge  XII.  Mitte.
Uebers.  S.  552.

Arbeiterpartei.  Demoustration
  u.  Petition  s.  d.  allg.  Stimm
recht  V.  17.

Demokratische  Partei.  Wahl

N
3
        <pb n="614" />
        596

verluste  bei  d.  Gemeinderatswahlen
I.  Anf.  —  Spaltung  VI.  Mitte—
VII.  Anf.  —  Radikal.  Demokraten:
Parteitag,  Beschlüsse  VII.  Ende.
Ministerium.  Verfassgsstreit
mit  d.  Krone,  Unterwerfg.  I.  Anf.
—  Angriff  d.  radikal.  Demokraten
im  Odelsthing  durch  Beschluß  d.
Dringlichkeit  f.  d.  Kirchengemeinderatsgesetz
  Jak.  Sverdrups,  Verwerfung
  d.  Gesetzes,  Verbleiben  d.
Ministeriums  VI.  Mitte  —VII.  Anf.
—  Demission  d.  Justizmin.  weg.
d.  Kammerbeschl.  üb.  d.  Schwurgerichte,
  Ablehnung  durch  d.  Kg.,
Auftrag  z.  Ausarbeitung  eines  diesbez.
  Entwurfs  VII—VIII.  —  Mitnisterkrifis
  weg.  d.  Kirchengemeinderatsvorlage
  X.  Mitte.
Storthing.  Eröffnung,  Thronrede,
  Finanzen  II.  2.  Obligator.
Zivilehe  verworfen  II.  Ende.  —
Beitritt  z.  internat.  Litterarkonvent.
i.  Odelsthing  verworf.  IV.  25.—
Dringlichkeitsbeschl.  f.  d.  Kirchengemeinderatsgesetz,
  Verwerfung  des
Gesetzes  VI.  Mitte  —VII.  Anf
Annahme  d.  Wehrreformges.  VII.
5.  —  Einführung  v.  Geschwornengerichten
  beschlossen  VII—VIII.

 

Schweiz.  Ueberf.  S.  552.

Bundesrat.  Konferenz  aller
schweizer.  Gesandten  üb.  dess.  Umgestaltung
  beim  Bundespräsid.  IX.
3.  —  besichtige  d.  Straßenbefestigungen
  IX.  22.  —  Neuwahl  des
Bundesrats  u.  Bundespräsidenten
XII.  13.

Eisenbahnwesen.  Simplonbahn:
  Zustimmung  i.  Ständerate
IV.  27.  —  Nordostbahn:  Einschreit.
d.  Bundesrats  geg.  dieselbe  VII.  23;
XI.  1;  Kaufvertrag  mit  d.  Aktionären,
  Widerstand  im  National=  u.
Ständerate  XI.  Ende.

Finanzwesen.  Günst.  Zolleinnahme
  I.  Anf.  —  Tarifierung
ausländ.  Geldsorten  IV.  22.  —
Zolltarif:  Revision  V.7;  Annahme
i.  Ständerate  XII.  14.  —  Hdls.=u.
  Konsularvertragswesen,  Beratgn.
im  Bundesrate  IX.  3;  Hdlsverträge

 

Alphabetisches  Rezister.

s.  Oesterreich;  Antrag  auf  Anbahng.
eines  mitteleurop.  Zollverbandes
XII.  15.  —  Rentenkonversion  XI.
7  bzw.  Mitte;  Ueberzeichn.  d.  konvert.
  Anleihe  XI.  29.  —  Budget
für  1888  genehmigt  IXII.  9.

Branntweinmonopol:  Agitat.  daeg.
  I.  Anf.;  Volksabstimmung  dafür
  V.  15;  Alkoholbudget  i.  Bundesu.
  Nationalrate  XII.  13.  bzw.  22.

Frankreich.  Geg.  d.  Militärattaché:
  Artikel  d.  Zürich.  Ztg.,
Wechsel  d.  Attachés  II.  15  bzw.
17.  —  Savoyisch.  Neutralitätsgebiet:
  Dementi  über  Besetzungsgerüchte
  IX.  9.  —  Pariser  Weltausstellung:
  Beschickungsbeschlüsse,
Bewilligungen  XII.9  bzw.  21  u.  23.

Gesetzgebende  Räte  Zusammentritt,
  Aräsidentenwahlen  IV.  12;
VI.  6;  XII.  5.  —  Sessionsschlüsse
IV.  30;  XII.  24.

Internationale  VLVitterarkonvention,
  Austausch.  d.  Ratifikat.
  IX.  5.  —  Internat.  Eisenbahnkonvent.
  I.  14.

Landesverteidigung.  Verordnung
  üb.  d.  Militärpflichtgesetz
I.  12.  —  Waffen=  u.  Ausrüstungsmusterung
  II.  28—III.  8.  —  Landsturmzählung
  V.  7.  —  Straßenbefestigungen,
  Besichtigg.  durch  d.
Bundesrat  IX.  22.—  HGrresbubger
XI.  10.  —  Verfügg.  üb.  d.  Organisat.
  d.  Landsturms  XII.  12.  —
Gesetz  üb.  d.  Dienstzeit  d.  Offiziere
XII.  14.

Oesterreich-Ungarn.  Handelsvertrag:
  Kündigg.,  Verhdlgn.
XI.  9  bzw.  12.

Papst  s.  Kanton  Tesfin.

Sozialisten  u.  Anarchisten.
Beschlüsse  geg.  d.  Hinrichtung  der
Chikagoer  Anarchisten  X.  16  bzw.
31.  —  Verhaftung  u.  Flucht  des
deutsch.  ehemal.  Hauptmanne  v.  Ehrenberg
  XI.  Anf.  —  Ermordg.  d.
Sozialist.  Saluz  durch  Anarchist.
XI.  3.  —  Haussuch.  geg.  Anarch.
XII.  22.  —  Deutscher  Sozialdemokratenkongreß
  in  St.  Gallen  s.
Disch.  Rch.

Sozialpolitik.  Aufnahme  ein.
Unfallstatistik  XII.  20.
        <pb n="615" />
        Schweiz.

Vereinigte  Staaten  v.  Nordamerika.
  Sozialist.  Beschlüsse  geg.
d.  Hinrichtung  d.  Chikagoer  Anarchisten
  X.  16  bzw.  31.

Kastenale  Auselegenheiten.

Genf:  Rücktritt  Carterets  aus
d.  Staatsdienste  XI.  Ende.

Luzern.  Kirchenstreit  zw.  Katholiken
  u.  Altkatholiken:  Zustimmung
  d.  Nationalrats  zu  d.  Ständeratsbeschlüssen
  IV.  27.  —  Beschlüsse
des  Stadtrats  XI.  28.

Solothurn.  Volksbewegung,
Verfassungsänderung  IV.  2.  Hlfte.;
Wahlen  z.  Verfassungsrate  VI.  13;
Volksabstimmung  üb.  d.  neue  Verfassung
  X.  23;  Neuwahl  d.  Kantonalrats
  XI.  20.

Tessin.  Bistumsfrage:  Bundesrat
  für  Anschluß  an  Bist.  Chur
I.  14;  Neue  Verhdlgn.,  provisor.
Zustimmg.  z.  Ernennung  Moolos
z.  Delegaten  IX.  6;  Brüsseler  Nuntius
  z.  päpstl.  Unterhändl.  ernannt
XI.  Anf.  —  Wirkungen  d.  neuen
Kirchengesetzes,  Massenaustritt  aus
d.  kathol.  Kirche  II.  Ende.

Serbien.

König  Milan.  Depeschenwechsel
m.  d.  bulg.  Regentsch.  III.  6.  —
Empfang  u.  Ansprache  d.  neuen
österr.  Gesandten,  Antwort  d.  Kgs.
III.  10.  Zerwürfnis  mit  d.  Königin,
  Reise  derselb.  m.  d.  Kronprinzen
  nach  Rußld.,  russ.  Huldigungen
  V.  12—-VII.  Mitte.  —  Reise
d.  Kgs.  n.  Oesterreich  VI.  24  (vgl.
Oesterreich-Ungarn).  —  Reise  d.
Königin  nach  Baden  b.  Wien  und
Florenz,  Zusammenkunft  u.  Aussöhnung
  m.  d.  Kön.  VIII.  17—  XlI.
—  Thronrede  bei  d.  Skuptschinaeröffnung
  XII.  4.  —  Stellung  z.
duß.  Politik,  Erklärung  gegen  d.
Panflawismus  XII.  18.

Auswärtige  Folitik.

Bulgarien  (vergl.  dasselbe).
Herzl.  Depeschenwechsel  zw.  d.  Kge.
u.  d.  bulg.  Regenten  u.  d.  beiderseit.
  Ministerien  III.  6.  —  Unter- 



Lerbien.  597

zeichnung  d.  Abkommens  über  d.
Bregowastreit  IV.  16.  —  Stoilow
u.  Niftusch,  freundl.  Erklärungen
VI.  20.  —  Eisenbahnübereink.,
Ristitsch  darüber  XII.  21.  —  Gesuch
  um  Anerkennung  d.  Fürsten
Ferdinand,  Antwort  Ristitschs  XII.
25

Deutschland.  Austausch  der
Ratif.  d.  Musterschutzvertrages  IV.
4  (vgl.  Disch.  Rch.).

Frankreich.  Nichtbeschickung  d.
Pariser  Ausstellung  XII.  24.

Großbritannien.  Erhebg.  d.
engl.  Residentsch.  in  Belgrad  z.
Gesandtsch.  I.  Ende.

Oesterreich-Ungarntvgl.  dasselbe)
  Ansprache  d.  neuen  österr.
Gesandten,  Antwort  d.  Kgs.  beim
Empfange  III.  10.  —  Dementi  üb.
d.  angebl.  Militärkonvention  III.
21.  —  Stellg.  d.  Minist.  Ristitsch
z.  Oesterreich,  serb.  und  auswärt.
Creßstimmen  VI.  9.—131(v#  I  Oester.:

erbien  und  Panslawismus).  —
Aufenthalt  d.  Kgs.  in  Oesterreich
u.  Ungarn  IV.  Anf.;  VIII.  17—1IX
(vgl.  Oestr.).

Rußland  und  die  Russenpartei.
  Die  Nowa  Ustawnost  üb.
d.  Anschluß  a.  Rild.  III.  10.  —
Der  Odjek  u.  d.  angebl.  Militärkonvent.
  m.  Oestr.,  Strafverfolgg.
d.  Blattes  III.  20.  —  D.  Odiek
für  Anschluß  a.  ßld.  bei  d.  Ministerkrisis
  IV.  Ende  —V.  14.  —
Empfg.  d.  Königin  in  Rußld.  V.
12  —  VII.  Mitte.  —  Pensionierung
d.  russenparteil.  Bischöfe  XI.  17.

Türkei  (vgl.  dieselbe).  Grenzunruhen
  VI.;  militär.  Maßregeln
dageg.,  Einsetzung  einer  gemischt.
Kommiss.  z.  Grenzbefriedg.  X.  Ende
—XII.  —  Eisenbahnübereink.  XII.
Mitte.

Aufhebung  der  Gesandtschaften,
  Skuptschinabeschl.,  Ristitsch
  dazu  XII.  22.

Heerwesen.

Organisationsentwurf  Horwatowitschs,
  Aenderngn.  d.  Kriegsrats
II.  17.  —  Neuer  Entwurf  d.  Organisationskommiss.
  VIII.  Ende.  —
        <pb n="616" />
        598

Maßregeln  z.  Grengschut  geg.  d.
Türkei  X.  Ende  —XlII.  Ende.

Innere  Volitik.

Steuerreformplan  des  Finanzmin.
  MWuitsch  XI.  Ende.

Verfassungsrevision.  Einf.
einer  Kommission  dazu,  Gründe
IX.  Anf.

Minikeriun.

Kabinet  Garaschanin.  Wechsel
  im  Kriegsministerium  II.  17.—
Kabinetskrifis,  Scheitern  d.  Neubildg.,
  Zurückziehg.  d.  Entlassungsgesuchs
  IV.  Ende  —V.  14;  neue
Krisis,  Entlassung  VI.  9—13.  —
Finanzmin.  Wukafin:  Untersuchg.
geg.  ihn  eingeleitet  VIII.  13.  —
Min  präf.  Garaschanin,  Antr.  auf
Anklage  geg.  ihn  i.  d.  Skuptschina
XII.  24.

Kabinet  Ristitsch.  Bildung,
Programm,  Mäßigg.  d.  Odjek  VI.
9—13.  —  Ristitschs  Erklärung  a.
bulg.  Min.  Stoilow  VI.  20.  —
Rundschreib.  a.  d.  Vertret.  i.  Auslande
  üb.  d.  Politik  d.  neuen  Kabinets
  VII.  1.  —  Ristitsch  üb.  d.
Aufgaben  d.  Kab.  an  Deputat.  aus
Nisch  VII.  2.  —  Untersuchg.  geg.
früh.  Finanzmin.  Wukasin  VIII.
13.  —  Krisis  im  Minist.  weg.  d.
Wahlbeeinflussung  IX.  Anf.  —
Ristitsch  u.  d.  Ernenng.  d.  Krondeputierten
  XI.  1.  —  Ministerium
u.  d.  Parteifusion  d.  Radikal.  u.
Liberalen  XI.  17.  —  Ristitsch  fehlt
bei  kgl.  Diner  u.  den  Ansprachen
d.  Kgs.  üb.  seine  Stellg.  z.  Panslawismus
  XII.  18.  —  Ristitsch
üb.  d.  Eisenbahnübereink.  m.  Bulqg.
XII.  21;  zum  Staptschinabeschlu
üb.  d.  Gesandtschaftsaufhebgn.  XII.
22;  üb.  d.  Anerkennung  d.  Fürst.
Ferdinand  v.  Bulgar.  XII.  25.—
Angriff  d.  Radikalen,  Entlassungsgesuch
  d.  Kabinets  XII.  29.

Bie  Skupischine  und  die  Parteien.
Auflösung  d.  Skuptschina  VI.
15.—  Neuwahlen:  Frage  d.  Wahlbeeinflussg.
  im  Minister.  IX.  Anf.;
Wahlergebnis  IX.  Ende.  —  Er- 



 

Ilphabetisches  Rezgister.

nennung  d.  Krondeputierten  XI.  1.
—  Parteifusion  d.  Radikal.  u.  Liberal.
  XI.  17.  —  Skuptschinaeröffnung,
  Thronrede  XII.  4.  —  Ergänzungswahlen,
  Niederlage  d.  Radikalen
  XII.  24.  —  Antrag  auf
Erhebung  d.  Anklage  geg.  Garaschanin
  XII.  24.  —  Radikaler  Angriff
  auf  d.  Kabinet,  Entlassungsgesuch
  desselb.  XII.  29.

Spanien.
Auswirtige  und  Nolenielpolitik.

Auswärtige  Vertretung:
Erhebung  d.  Gesandtsch.  i.  Berlin,
Wien,  Rom  u.  London  zu  Botschaften
  XII.  Mitte.

Deutschland:  Aufhebung  d.
Bonitätszeugnisses  f.  dtsch.  Branntwein
  XI.  24.

Marokko:  Franz.  Note  über
Frankreich  u.  Marokko  Frkrch.  II.
13.  —  Beunruhigung  durch  die
Thätigkeit  d.  franz.  Agenten  in
Marokko,  Erklärung  Morets  III.
Anf.  —  Moret  i.  Paris,  Einigung
mit  Rouvier  üb.  Marokko  IX.  Anf.
—  Truppensendungen  nach  d.  Süden
  X.  Anf.  —  Krankh.  d.  Sultans
  (val.  Afrika  IX.  Ende—XlII.
Ende),  Verstärkung  v.  Zeuta  und
Melilla  X.  4.  —  Konferenz,  Einladung
  a.  d.  Großmächte  XII.  Anf.

Römische  Kurie:  Konkordat
üb.  d.  Civilehe  III.  Mitte.

Karolineninseln,  Aufstand
weg.  Ausweisung  d.  amerik.  Missionare,
  Belagerungszustand  IX.
Ende,  amerikan.  Vorstellung  deshalb
  IX.  Ende.

Kuba:  Ernennung  Gen.  Salamankas
  z.  Generalgouv.,  Zurücknahme
  VIII.  23.  —  beachsicht.  Enthüllungen
  desselben,  Maßnahmen
d.  Regierung  VIII.  Ende.

En-  ortoriko:  Verschwörung  VIII.
e.

Cirilehe.
Einführung,  Vereinbarung  zw.
Spanien  u.  d.  Vatikan  III.  Mitte.
Getreideföle.
Ablehnung  auf  Erhöhung  i.  Senate
  VI.  3.
        <pb n="617" />
        Spanien.  Südafrikanische  Kepubliken.  Türbei.  599

Heerwesen.

Reformentwurf  in  den  Kortes
VI.  Ende;  Widerstand  des  Gen.
Primo  de  Rivera  dagegen,  Maßregelung
  desselben  VII.  3.  —  Truppenzusammenziehung
  i.  Süden  X.
Anf.  —  Marineausstellung  zu  Kadix
  VIII.  19.  —  Revolutionäre
Bewegung  i.  Heere  I.  Anf.

Kortes  und  Parieten.

Vertagung  durch  k.  Dekret  VII.
4.  —  Korteseröffnung,  Thronrede
  XII.  1.  —  Nationalpartei:
Bildung  I.  Anf.  —  Republikaner:
Py  y  Margall"  Manifest  üb.  d.
Spaltung  d.  Partei  IX.  6.  —  Revolutionäre
  Bewegung  III.  26.  —
Karlisten:  Patronensendung  aus
Frankreich  abgefangen  IV.  Anf.;
Stellung  z.  Königin  während  ihres
Aufenthalts  i.  San  Sebastian  VIII.
13—1IX.  Ende;  Don  Karlos  will
die  polit.  Thatsachen  anerkennen

.  J.

Ministerinn.

Ministerwechsel  III.  10.  —  Ministerpräs.
  Sagasta,  Programm  I.
16.  —  Kriegsmin.  Kassola,  Drohung
  mit  Rücktritt  XII.  1.  —
Min.  d.  Ausw.  Moret  üb.  Stellung
  zu  Marokko  III.  Anf.;  üb.
d.  innere  Lage  i.  Spanien  VIII.
19;  bei  der  Königin  in  San  Sebastian,
  Vorschläge  üb.  Kuba  VIII.
Ende;  in  Paris  Meinungsaustausch
m.  Rouvier  üb.  Marokko  Frkrch.
IX.  Anf.  —  Min.  d.  Innern  Leon
y  Castillos,  Rücktritt,  Ernennung
Albaredas  dazu  XI.  Anf.

Versenalien.

Königin-Regentin  Christine:
  Aufenth.  in  San  Sebastian
VIII.  13—IX.  Ende.  —  Thronrede
XII.  1.

Bazaine,  franz.  ehem.  Marschall,
  Attentat  auf  ihn  IV.  18.

Gen.  Carmena,  Republikaner,
Verbannung  I.  Anf.  «

Gen.  Lopez  Dominguez,  Parteiführer
  I.  Anf.

Marsch.  Martinez  Campos,

 

Generalkapit.  v.  Madrid,  Ernennung
  I.  Anf.

Gen.  Pavia,  Gouverneur  v.
Portoriko,  Ernennung  I.  Auf.

Gen.  Primo  de  Rivera,  Ent-Ö25
  als  Generaldirektor  d.  Inanterie
  VII.  3.

Romero  Robledo,  Parteiführer
  I.  Anf.

Gen.  Salamanka,  Duell  s.
Sohnes  VIII.  11.  —  Zurücknahme
s.  Ernennung  z.  Generalgouv.  v.
Kuba  VIII.  23;  beabs.  Enthüllungen
  üb.  d.  Unterschleise  in  Kuba
VIII.  Ende.

Nur#hen  und  Perschwäru#zen.
Unruhen  wegen  Erhöhung  der
Verzehrungssteuer  in  Valenzia  u.
Barzelona  III.  Anf.  —  Revolutionäre
  Bewegung  d.  Republikaner,
Verhaftungen  i.  Madrid  2c.  III.

26.  —  Dynamitattentate.

Südafrikanische  Republiken.

Vereinigung  der  Neuen  Republik
mit  Transvaal,  Afrika  XI.  Anf.
—  Buren  u.  Deutsche,  Afrika  XI.
Anf.  —  Delagoaeisenbahn,  Eröffnung
  XII.  14.

Türkei.  Uebers.  S.  558.

IAlbauien  (vgl.  Serbien,  Montenegro).

Frieden  d.  Geschlechterfehden  V.
Anf.  —  Unruhen  X.  Mitte.

Auswirtige  Volitik.

Aegypten  (val.  Aegypt.,  Großbritannien,
  Frankreich):  Unterzeichnung
  d.  Konvention  m.  England,
Artikel  des  Nord  dazu  V.  28.—
Widerstand  Rußlands  u.  Abwehr
geg.  d.  Ratifikat.,  Nichtvollziehung,
Abreise  Drummond  Wolffs  VI.
Mitte—VII.  Mitte.

Bulgarien  Ueberf.  S.  556
(ogl.  dasselbe  Oesterreich-Ungarn,
Rußland):  Bulg.  Regentschaftsabordnung,
  Empfang  bei  Phoiiades
Pascha,  Ital.  I.  17—23.  —  Zankow
  in  Konstantinopel,  Memorand.
dess.  I.  17;  Ergebnislosigkeit  der
        <pb n="618" />
        600

Verhandlungen  m.  ihm,  Mission
Riza  Beys  n.  Sofia,  s.  Forderungen
daselbst  II.  28:  Rußlands  Ford.
s.  Abberufung  III.  Mitte;  Zankows
neues  Memorandum,  Forderung  d.
türk.  Okkupat.  Bulgariens  III.  10.
Bulg.  ersucht  die  Pforte  um
Nennung  v.  Thronkandidaten  IV.
6;  Angebot  ruff.  Hülfe  geg.  Bulg.
V.  Anf.;  Zirkular  d.  Pforte  über
Kandidatennennung  an  d.  Großmächte,
  Antworten  derselben  V.  23.
—  Bulg.  Fürstenwahl:  Riza  Bey
gegen  d.  Sobranjeeinberufung  VI.
14,  Bulg.  VI.  16;  Deutschland
u.  b.  bulg.  Fürstenwahl,  Note  in
der  Turquie  VI.  23;  Rdschreib.  d.
Pforte  üb.  d.  Wahl,  Antworten
d.  Großmächte  VII.  13;  Abmahnung
  an  Prinz  Ferdinand  betr.
d.  Reise  nach  Bulg.  VIII.  2;  Abberufung
  Riza  Beys  VIII.  11,
Bulg.  VIII.  12;  —  Rdschreib.  n.
Ankunft  des  Fürsten  Ferdinand,
Antw.  Rußlands  VIII.  15  bzw.
27;  Aufford.  d.  Land  zu  verlassen
an  ihn  VIII.  22,  Ersuchen  a.  Bismarck,
  d.  wiersrebenden  Mächte
zur  Zustimmung  z.  d.  russ.  Vorschlägen
  zu  bewegen,  Ablehnung
VIII.  Ende;  neue  Vorschläge  an
r  Fist  Antw.  X.  2.
Frankrei
Proßbrikonnienss.  egypten.
Griechenland  s.  Kreta  u.  Griechenland.

Italien,  Anzeige  d.  ital.  Blokade
  geg.  Abessfinien,  Ital.  V.  30.

Montenegro  (pvgl.  dass.):  Verbot

  v.  Munitionszufuhr  III.  Anf.
—  Truppenverschiebungen  nach  d.
Grenze  weg.  d.  Rüstungen  IV.  Ende.
—  Sanktionirung  d.  Grenzabkommens
  VIII.  4.

Rußland  (ogl.  Rußland,  Bulgarien,
  Aegypten):  Stellung  zur
Türkei,  Art.  d.  Nordd.  Allg.  Ztg.,
Dtsch.  #ch.  I.  3;  geg.  d.  Mission
Riza  Beys  II.  28;  Spannung  zw.
Rußland  u.  Türkei  III.  Mitte;
Angebot  d.  Hülfe  geg.  Bulg.  abgelehnt
  V.  Anf.;  Antw.  auf  d.
türk.  Zirkular  betr.  Nennung  eines
Kandidaten  V.  23;  Protest  gegen

#

 

Ilyhabelisches  Reziker.

Wahl  u.  Abreise  F  Foponrdinen
n.  Bulgarien  bei  d.  Pforte  VIII
13;  Antw.  auf  d.  türk.  Rdschrbn.,
Vorschlag  d.  Mission  Ernroth  VIII.
15  bzw.  17;  Antw.  auf  d.  türk.
Gegenvorschläge  X.  2;  rusf.  Forderung
  der  Kriegsschuldentilgung
XII.  1.  Hälfte.  —  fordert  Abhülfe
geg.  d.  Kurdeneinfälle  in  rufs.  Armenien
  XII.  27.  —  Aegypten  s.
Aegypten.

Ehristlice  Kirchen.

Griech.  Orthodoxe.  Wahl  d.
ökumen.  Metropoliten  II.  4.  —
Angriff  griech.  Pöbels  auf  evang.
amerikan.  Missionare  in  Smyrna
III.  Ende.

Römisch-kathol.  Kirche.  Armenien:
  Patriarch  Azarian  in  Rom,
Nöm.  Kur.  II.  15.  —  Rückkehr,
päpstl.  Zugeständnisse,  Widerstand
d.  Antihaßunisten  VI.  2.  Hfte.

Kreta  (val.  Griechenland)  Uebersicht
S.  558.

Gouverneurwechsel  I.  12;  Unruhen
  IV.  Ende.  —  Nationalversammlung:
  Zusammentritt,  Schwierigkeiten
  d.  Christen  geg.  d.  Regierung,
  Wegbleiben  v.  d.  Versammlung
  V.  12;  Deputationen
nach  Konstantinopel,  christl.  Forderungen
  V.  Ende  —VI;  drohende
Bewegung,  Sendung  Dschellal--Eddin-Paschas,
  Zugeständnifse,  Wiedereintritt
  d.  Christen  in  d.  Nationalversammlung
  VII.  Anf.—Ende.
—  Dank  an  Griechenland  für  Unterstützung
  in  d.  Beruhigung  Kretas
  VII.  Ende.

Masedonien.

Römisch-kathol.  Bewegg.,  Röm.
Kur.  VIII.  24.

Versonalien.
Agopp  Pas  ch  a,  Finanzminist.,
Rücktritt  III.
Azarian,.  Anen  -kathol.  Patriarch
  s.  Röm.  3kath.  Kirche.
Dionysios,  ökumen.  griech.=orthoder-
  Metropolit,  Wahl  II.  4.
ostakis  Pascha,  Gouv.  von
Kreta,  Ernennung  I.  12.
        <pb n="619" />
        Vereinigte  Staaten  ven  Nord-Aueriks.

Mahmud  Dschellal-Eddin

Pascha,  VBizepräs.  des  Staatsrats,
Sendung  nach  Kreta  VII.  Anf.—
Ende;  Finanzmin.  XII.  26.

Riza  Bey,  Spezialges.  nach
Bulgar.;  s.  Bulgarien.

Sawas  Pascha,  Gouvern.  v.
Kreta,  Rücktritt  I.  12.

Zühdi  Pascha,  Finanzmin.,
Ernennung,  III.  2;  Absetzung  XII.

Vereinigte  Staaten  v.  Nord-Amerika.

Auswirtige  Volitik.

Deutschland.  Samoafra
Samoa.  —  Dlsche.  Regierg.  gein
Tode  afhbuth  Dtsch.  Nch.  X.  2.
Großbritannien  (vergl.  dasselbe).
  Fischereistreit  m.  Kanada:
Senatsbeschlüsse  I.  24;  Marinerüstungen.
  —  Fenier:  Ausstoßung
O'Donnovan  Rossas  I.  5.
Oesterreich-Ungarn.  Wiederbesetzung
  d.  beiderseit.  Gesandtsch.
Oesterr.  II.  2.  Hfte.
d.  mische  Kurie.  Bamn  üb.
d.  sozialist.  irischen  Priester  Mac

Glynn  I.  17;  Röm.  Kurie  VII.
Anf.
Rußland.  Auslieferungsvertrag,

  Abschl.  Rld.  III.  Ende.
Samoa.  Intervellat.  i.  Repräsentantenhause
  üb.  d.  deutsche  Vorgeben
  Dtsch.  Nch.  IX.  Ende.  —
dresse  der  amerikan.  Bürger  in
Samoa  a.  Kg.  Tamasese.  Südsee- 



l

601

ins.  IX.  15.—  Internat.  Vbhdlg.
üb.  Waffen  u.  Spiritushdl.  i.  d.

Südsee,  Ablehng.;  Großbritann.
VIII.  16.
Spanien.  Vorstellg.  über  die

Vertreibg.  der  amerik.  Missionare
auf  d.  Karolinen,  Span.  IX.  Ende.

Innere  Auselegenhbeiten.

Einwanderung,  Gesetzentw.
zu  deren  Einschränkg.  XII.  5.

Finanzen  XII.  6;  vgl.  Botsch.
d.  Präsidenten.

Legislaturwahlen  i.  d.  Einzelstaaten
  XI.  8.

Militärisches.  Marinerüstgn.
II.  7.

Präsident  u.  Kongreß.  Zusammenteitt
  d.  Kongresses,  Botsch.

d.  Präsid.  XII.  5;  Xll.  6.

Sozialisten  l  Anarchisten.
Bürgermeisterwahl  in  Chikago,  Erklärung
  d.  Neugewählten  IV.  Anf.;
Anarchisteuprozeß  daselbst  XI.  10
(ogl.  Sozialisten  in  Deutschland,
Frkrch.,  Großbrit.,  Ital.,  Schweiz).

Sczialisten  bei  d.  Legislaturwahlen
  in  New-York  XI.  8.  —
Unarchist  Most,  Prozeß  geg.  ihn
XI.  17.  —  Arbeitseinstellungen
XII.  Ende.

Vielweiberei,  Gesetz  z.  Unterdrückung
  I.  12.

Zanzibar
s.  Deutsches  Reich,  Portugal.

Zululand  s.  Großbritannien.

Druckfehler.
S.  382  Italien,  16.  Nov.  ist  statt  „seinen  Söhnen“  zu  lesen  „seinem  Sohne'  und

das  Komma  hinter  „Genua“  zu  streichen.
        <pb n="620" />
        Nag  der  C.  F.  Bicschen  Buchhaudluug  in  Rördlingen.

Soeben  ist  ferner  erschienen:

Akademische  Dorträge

J.  von  Döllinger.

Erser  Vaud.

Inhalt:  1.  Die  Bedeutung  der  Dynastien  in  der  Weltgeschichte.  —  2.  Das  Haus
Wittelsbach  und  seine  Bedeutung  in  der  deutschen  Geschichte.  —  3.  Die  Beziehungen  der  Stadt
Nom  zu  Deutschland  im  Mittelalter.  —  4.  Dante  als  Prophet.  —  5.  Deutschlands  Kampf
mit  dem  Papstthum  unter  Kaiser  Ludwig  dem  Bayer.  —  6.  Avbentin  und  seine  Zeit.  —  7.  Einfluß
  der  griechischen  Literatur  und  Kultur  auf  die  abendländische  Welt  im  Mittelalter.  —
8.  Die  orientalische  Frage  in  ihren  Anfängen.  —  9.  Die  Juden  in  Europa.  —  10.  über
Spaniens  politische  und  geistige  Entwickelung.  —  11.  Die  Politik  Ludwig's  XIV.  —  12.  Die
einflußreichste  Frau  der  franzöfischen  Geschichte.

27½2  Bog.  80.  Geh.  7  .;  in  feinem  Halbfranz  gebunden  9  +X

Der  Zweite  Band  der  „Akademischen  Vorträge“  von
J.  von  Döllinger  erscheint  im  Herbst  1888.

KAus  den  Fapieren
des
Kal.  Baper.  Staatsministers

Maximilian  Freiberrn  von  Lerchenfeld

herausgegeben  von
Maz  Freiherrn  von  Terchenfeld.
Mit  Porträt.  33½  Bog.  gr.  80.  Eleg.  geh.  94

Den  Schwerpunkt  dieser  an  Ausbeute  für  die  neuere
Geschichte  Bayerns  und  Deutschlands  reichen  Biographie
eines  der  bedeutendsten  bayerischen  Staatsmänner  unseres
Jahrhunderts,  bildet  die  Korrespondenz  Lerchenfelds,  bestehend
  zumal  aus  den  bis  jetzt  noch  nicht  veröffentlichten
Briefen  Ludwigs  I.  an  denselben.

Das  Werk  ist  seiner  Bedeutung  entsprechend  vornehm  ausgestattet
  und  eignet  sich  demgemäß  vorzüglich  auch  zu  Geschenken.
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