<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenter Jahrgang. 1891.</title>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>schulthess_kalender_032</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
                                     Schulthess
                 Europäischer  Geschichtskalender.

                                Neue  Folge.
                    Siebenter  Jahrgang  1891.

               (Der  ganzen  Reihe  XXXII.  Band.)

                              Herausgegeben

                                       von

                             Hans  Belbrück.

 

                             München  1892.
                 C.  h.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung
                                (Oskar  Beck).
        <pb n="2" />
                         C.  H.  Beck'sche  Buchdruckerei  in  Nördlingen.
        <pb n="3" />
                                         Inhalts-Verzeichnis.

Chronik  der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1891

I.

II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.

XVII.
XVIII.

XIX.
XX.
XXI.

XXII.
XXIII.  .  .
Uebersicht  der  politischen  Entwicklung  des  Jahres  1891                         

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder
Die  Oesterreichisch-  Ungarische  Monarchie
Portugal

Spanien

Großbritannien

Frankreich

Italien.  .

Die  Römische  Kurie
Schweiz
Belgien.  .

Niederlande

Luxemburg

Dänemark  .

Schweden  und  Norwegen  .

Rußland  .
Die  Türkei  und  ihre  Vaselentaalen  .
1.  Türkei  ....  .
2.  Bulgarien

Rumänien.

Serbien.

Griechenland

Nord-Amerika  .
Mittel-und Sud  Amerika  .

Asien.  .
Australien  und  Südseeinseln

Alphabetisches  Register

Seite
IV

183
218
220
222
233
245
258
262
266
267
268
268
269
271
279
279
281
283
284
286
287
291
292
292
294
326
        <pb n="4" />
                                                  Chronik
             der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1891.

                                              —

                                        Januar.

1.  Deutsches  Reich.  Proklamation  der  deutschen  Herrschaft  an  der  ostafrikanischen

  Küste.

Mitte.  Amerika.  Bürgerkrieg  in  Chile.

20.  Sandwichs-Inseln.  Tod  König  Kalakauas.

20.  Belgien.  Große  Demonstration  für  eine  Verfassungsrevision.

23.  Oesterreich.  Auflösung  des  Reichsrats.

30.  Belgien.  Der  Thronfolger  Prinz  Balduin  f.

30.  Portugal.  Unruhen.

31.  Deutsches  Reich.  Niederlage  der  europäischen  Forschungs=  und  Handelsexpedition
  unter  Leitung  Zintgraffs  im  Hinterlande  von  Kamerun.

31.  Italien.  Das  Ministerium  Crispi  nimmt  seine  Entlassung.

Ende.  Frankreich.  Der  deutsche  Kaiser  läßt  der  Akademie  sein  Beileid
ausdrücken  über  den  Tod  Meissoniers.

                                          Februar.

Anfang.  Amerika.  Die  Vereinigten  Staaten  schließen  mit  Brasilien  einen
Handelsvertrag  ab.

2.  Belgien.  Meuterei  unter  den  Reservisten.

3.—6.  Deutsches  Reich.  Im  Reichstage  finden  Debatten  über  die  Kolonien
  statt,  wobei  der  Reichskanzler  erklärt,  daß  er  nicht  zu  den
Kolonialenthusiasten  gehöre.

4.  Oesterreich.  Rücktritt  des  Finanzministers  Dunajewski.

9.  u.  10.  Italien.  Marquis  di  Rudini  wird  Ministerpräsident  und
richtet  ein  Rundschreiben  an  die  auswärtigen  Mächte.  ·

Mitte.  Amerika.  In  den  Vereinigten  Staaten  wird  eine  Schiffahrtsbill
erlassen.

18.—27.  Frankreich.  Aufenthalt  der  Kaiserin  Friedrich  in  Paris.

22.  Norwegen.  Das  konservative  Ministerium  Stang  reicht  seine  Entlassung
  ein.

23.  Amerika.  Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  erläßt  eine  Einwanderungsbill.
  

28.  Deutsches  Reich.  Verschärfung  des  Paßzwanges  für  Elsaß-Lothringen.
        <pb n="5" />
                                  Allgemeine  Chronik.                                                V

                                    März.

1.  England  und  Frankreich.  Ein  Abkommen,  betreffend  Neu-Fundland
  wird  unterzeichnet.

Anfang.  Rumänien.  Erneuerung  des  Ministeriums.

5.  Australien.  In  Sydney  wird  ein  Vorparlament  für  eine  Föderation
der  Kolonien  eröffnet.

5.  Rumänien.  Auflösung  der  Kammer.

13.  Deutsches  Reich,  Preußen.  Rücktritt  des  Kultusministers  v.  Goßler.
An  seine  Stelle  tritt  Graf  v.  Zedlitz-Trützschler.

14.  Deutsches  Reich.  Abgeordneter  Windthorst  +.

14.  Amerika.  In  New-Orleans  werden  11  Italiener  gelyncht.

17.  Italien.  Prinz  Jerome  Napoleon  +.

22.  Ostindien.  Expedition  Quinton  wird  in  Manipur  geschlagen.

24.  Großbritannien.  Die  Demarkationslinie  in  Ostafrika  wird  von
England  und  Jtalien  festgesetzt.

Ende.  Oesterreich.  Neuwahlen  zum  Reichsrat.

27.  Bulgarien.  Attentat  auf  den  Ministerpräsidenten  Stambulow  und
den  Finanzminister  Beltschew.

31.  “  Frankreich.  Internationaler  Bergarbeiter-Kongreß  in

Paris

                                                   April.

Türkei.  Zwei  russische  Schiffe  werden  an  der  Durchfahrt  durch  den  Bosporus
  seitens  der  türkischen  Regierung  verhindert.

Anfang.  Serbien.  König  Milan  beschließt,  bis  zur  Volljährigkeit  des
Königs  das  Land  zu  verlassen,  man  fordert  die  Königin  Natalie  auf,
das  Gleiche  zu  thun.

Deutsches  Reich.  Entsendung  des  ostasiatischen  Kreuzer-Geschwaders
nach  Chile.
9.  Kamerun.  Niederlage  der  französischen  Expedition  Crampel.

11.  Öster    reich.  Eröffnung  des  Reichsrats  mit  einer  Thronrede  des

Kaisers

12.  Rußland.  Unter  Lieutenant  Maschkoff  reist  eine  russische  Expedition
nach  Abssinien  ab

17.  Portugal.  Demission  des  gesamten  Ministeriums.

22.  Portugal.  Konflikt  mit  England  in  Südafrika.

23.  Ialien.  Explosion  des  Pulver=  und  Dynamitturms  des  Forts

Bravetta.

25.  Deutsches  Reich.  Generalfeldmarschall  Graf  Moltke  f.

25.  Rußland.  Der  Groß  Fürst  Nikolaus  Nikolajewitsch  +.

25.  Rußland.  Die  Großfürstin  Sergius  tritt  feierlich  zur  orthodoxen
Kirche  über.

30.  Deutsches  Reich.  Wahl  des  Fürsten  Bismarck  im  Reichstags-Wahlkreis
  Neuhaus-Kehdingen.

 

 

 

 

 

                                              Mai.

China.  Aufstand.

1.  Deutsches  Reich.  In  Berlin  wird  eine  internationale  Kunstausstellung
  eröffnet.

Frankreich.  Unruhen  bei  der  Maifeier.

Italien.  Ruhestörungen  in  Rom.

Griechenland.  Die  Kronprinzessin  Sophie  tritt  zur  orthodoxen
Kirche  über.

—
        <pb n="6" />
        VI                                            Allgemeine  Chronik.

Anfang.  Kapland.  Die  Oberhoheit  der  Königin  von  England  über  neue
Gebiete  wird  proklamiert.

Anfang.  Rußland.  Rothschild  tritt  von  einem  Anleihevertrage  mit  der
russischen  Regierung  zurück.

11.  Rußland.  In  Japan  findet  ein  Attentat  auf  den  Großfürsten  Thronfolger
  durch  einen  japanischen  Fanatiker  statt.

Mitte.  Südafrika.  Blutiger  Zusammenstoß  zwischen  Portugiesen  und
Engländern.

15.  Röm  ische  Kurie.  Der  Papst  erläßt  eine  Encyklika  über  die  soziale

Frage.

18.—19.  Serbien.  Die  Königin  Natalie  wird  aus  dem  Lande  ausgewiesen
  und  mit  Gewalt  über  die  Grenze  gebracht.

22.  Rumänien.  In  Bukarest  feiert  man  das  25jährige  Regierungsjubiläum
  des  Königs  Karol.

25.—  4.  Juli.  Oesterreich.  In  Wien  findet  ein  Weltpost-Kongreß  statt.

25.  Haiti.  Ernsthafter  Aufstand  in  Port-au-Prince.

28.  Portugal.  Unterzeichnung  des  englisch-portugiesischen  Abkommens.

28.—29.  Deutsches  Reich.  Evangelisch-sozialer  Kongreß  in  Berlin.

31.  Rußland.  Eröffnung  der  sibirischen  Eisenbahn.

                                        Juni.

Rußland  nimmt  ein  neues  Repetiergewehr  an.

Ostindien.  Ueberwältigung  des  Aufstandes  in  Manipur.

15.  Amerika.  Präsident  Harrison  schließt  einen  Vertrag  mit  Großbritannien
  ab,  wodurch  der  Robbenfang  im  Behringsmeer  verboten  wird.

25.  Frankreich.  In  der  Kammer  wird  die  Zustimmung  zur  General-Akte
  der  Brüsseler  Konferenz  verschoben.

28.  Italien.  In  der  Kammer  wird  die  Verlängerung  des  Dreibundes
verkündigt.

Ende.  Verlängerung  des  Dreibundes  auf  sechs  Jahre.

                                         Juli.

1.  Deutsches  Reich.  Der  Kaiser  reist  nach  Holland.

4.—13.  England.  Aufenthalt  des  deutschen  Kaisers  in  London.

5.  Niederlande.  Demission  des  antiliberalen  Ministeriums.

6.—8.  Italien.  Der  König  reist  nach  Venedig,  besucht  dort  die  englische
  Flotte.

15.  Oesterreich.  Fürst  Ferdinand  von  Bulgarien  besucht  den  Kaiser.

17.  Frankreich.  Die  Deputiertenkammer  lehnt  die  Beratung  über  die
Handhabung  des  Paßwesens  in  Elsaß-Lothringen  ab.  »

23.  Luxemburg.  Feierlicher  Einzug  des  Großherzogs,  der  Großherzogin
und  des  Erbgroßherzogs.

24.  Niederlande.  Neuwahlen  zur  zweiten  Kammer.

Ende.  Rußland.  Besuch  eines  französischen  Geschwaders  in  Kronstadt.

                                        August.

Anfang.  Großbritannien.  Verhandlung  mit  der  Pforte  über  die  Räumung
  Aegyptens.    

1.  Schweiz.  Sechshundertjährige  Bundesfeier  der  schweizerischen  Eidgenossenschaft.


2.  Rußland.  Der  König  von  Serbien  in  Petersburg.  „  

4.  u.  22.  Türkei.  Bei  der  Durchfahrt  durch  die  Dardanellen  wird  wiederum
  ein  russisches  Schiff  festgehalten.
        <pb n="7" />
                                      Allgemeine  Chronik.  VII

5.—7.  Rußland.  In  Moskau  finden  Festlichkeiten  zu  Ehren  der  Offiziere

  des  französischen  Geschwaders  statt.
Oesterreich  König  Alexander  von  Serbien  besucht  den  Kaiser  Franz
Joseph.

11.  Rußland.  Roggenausfuhrverbot.

14.  Deutsches  Reich.  Die  Regierung  veröffentlicht  eine  Erklärung  über
die  Getreidezölle.

15.  Frankreich.  Der  König  von  Griechenland  besucht  Paris.

Mitte.  Frankreich.  Großfürst  Alexis  hält  sich  in  Frankreich  auf.

16.  Belgien.  In  Brüssel  findet  ein  internationaler  sozialistischer  Arbeiterkongreß
  statt.

17.  Afrika.  Niederlage  der  Expedition  Zelewski  in  Uheha.

19.—20.  England.  Aufenthalt  der  französischen  Flotte  in  Portsmouth.

20.  Deutsches  Reich.  Die  Ausstellung  des  heiligen  Rockes  in  Trier
wird  eröffnet.

22.  Chile.  Der  Bürgerkrieg  findet  ein  Ende.  Tod  Balmacedas.

Auf  den  Karolinen  finden  Unruhen  statt.

                                          September.

2.  Deutsches  Reich.  Reise  des  Kaisers  und  des  Reichskanzlers  nach
Oesterreich  zu  den  Manövern.

3.  Deutsches  Reich.  Aufhebung  des  Schweineeinfuhr-Verbots.

Anfang.  Rußland.  Baron  Hirsch  in  London  gründet  eine  Kolonisierungsgesellschaft
  für  die  russischen  Juden.

7.  Deutsches  Reich.  In  München  hat  der  Reichskanzler  eine  Unterredung
  mit  dem  päpstlichen  Nuntius.

16.  Frankreich.  Trotz  großer  chauvinistischer  Demonstrationen  Aufführung
  des  Lohengrin  in  der  Großen  Oper.

19.  Türkei.  Der  Sultan  läßt  an  die  Großmächte  ein  Rundschreiben  über
die  Dardanellenfrage  ergehen.  Wechsel  im  Groß-Vezierat.

21.  Deutsches  Reich.  Aufhebung  des  Paßzwanges  in  Elsaß-Lothringen.

21.—26.  Schweiz.  In  Bern  findet  ein  internationaler  Kongreß  für  Arbeiterunfälle
  statt.

25.  Deutsches  Reich.  Reise  des  russischen  Kaiserpaares  durch  Berlin.

27.  Deutsches  Reich.  Rede  des  Reichskanzlers  in  Osnabrück.

30.  Belgien.  General  Boulanger  +.  in  Brüssel.

                                             Oktober.

Spanien.  Angriff  marokkanischer  Mauren  auf  die  Festung  Melilla.
Italien.  Französische  Pilger  veranlassen  einen  Tumult  durch  angebliche
  Beschimpfung  des  italienischen  Königtums  im  Pantheon.

Deutsches  Reich.  Württemberg.  König  Karl  +.

England.  Charles  Parnell  +.

7.  Frankreich.  Niedermetzelung  französischer  marokkanischer  Soldaten.

10.  u.  11.  Ungarn.  Erinnerungsfeier  in  Leutschau.  Rede  des  deutschen
Militärattachés,  Oberstlieutenant  v.  Deines.

13.  Portugal.  Der  König  erläßt  ein  Dekret  betr.  die  Kolonie  Mozambique.

13.  Italien.  Der  russische  Minister  des  Auswärtigen  v.  Giers  wird  vom
König  empfangen.

Mitte.  Rußland.  Große  Anleihe.

18.  Schweiz.  Die  Einführung  des  Banknoten-Monopols  wird  von  der
Volksabstimmung  angenommen.  v

27.  Deutsches  Reich.  Der  König  von  Rumänien  trifft  zum  Besuch  beim

Kaiser  ein.
        <pb n="8" />
        VIII                                Allgemeine  Chronik.

31.  Türkei.  Die  Regierung  der  Pforte  erläßt  ein  Rundschreiben  an  die
Mächte  betr.  die  Judeneinwanderung.
31.  Deutsches  Reich.  Das  russische  Kaiserpaar  passiert  Danzig.

                                           November.

Anfang.  Chile.  Wahl  des  neuen  Präsidenten  George  Montt.

Anfang.  Brasilien.  Präsident  Fonseca  proklamiert  seine  Diktatur.

2.  Rußland.  Das  Ausfuhrverbot  wird  auf  alles  Getreide  (ausgenommen
Weizen),  Getreideprodukte,  Kartoffeln  und  Kartoffelprodukte  ausgedehnt.


4.  Amerika.  Im  Staate  Rio  Grande  do  Sul  bricht  ein  Aufstand  aus.

3.—7.  Italien.  In  Rom  findet  eine  internationale  Friedenskonferenz  statt.

11.  Frankreich.  Novelle  zum  französischen  Spionengesetz  vorgelegt.

14.  Ungarn.  Der  Ausschuß  der  Delegation  für  auswärtige  Angelegenheiten
  tritt  zusammen.

19.  Frankreich.  Der  russische  Minister  v.  Giers  in  Paris.

21.  Rußland.  Weizen-Ausfuhrverbot.

21.  24.  Spanien.  Demission  des  Kabinetts.  Neubildung.

23.  Deutsches  Reich.  Empfang  des  russischen  Ministers  des  Auswärtigen,
Herrn  v.  Giers,  beim  Kaiser  und  beim  Reichskanzler.

28.  u.  4.  Dezember.  Italien.  Im  Parlament  geben  Rudini  und  Crispi
über  das  Garantiegesetz  Erklärungen  ab.

Ende.  Brasilien.  Rücktritt  des  Präsidenten  Fonseca.

China.  In  der  Mongolei  findet  ein  ernstlicher  Aufstand  gegen  die  christliche
  Bevölkerung  statt.

                                        Dezember.
1.  Australien.  Annahme  einer  Bill  betreffs  Einführung  des  achtstündigen
  Maximal-Arbeitstages.
4.  In  Paris  stirbt  der  Exkaiser  von  Brasilien  Dom  Pedro.
7.  Schweiz.  Der  Bundespräsident  Welti  nimmt  seine  Entlassung.
9.—  12.  Frankreich.  Im  Senat  und  in  der  Deputiertenkammer  wird
über  die  Agitation  der  Geistlichkeit  verhandelt.

10.  Deutsches  Reich.  Reichstag.  Erste  Beratung  der  Verträge  mit
Oesterreich-Ungarn,  Italien  und  Belgien.

12.  Portugal.  In  Lissabon  findet  das  feierliche  Leichenbegängnis  Dom
Pedros  statt.

17.  Frankreich.  Annahme  des  Gesetzentwurfs  über  die  Bildung  einer
Kolonialarmee.

18.  Deutsches  Reich.  Reichstag.  Annahme  der  Handelsverträge.

18.  Canada.  Konflikte  zwischen  dem  Gouverneur  und  dem  Minnister
Merrcier,  der  schließlich  abgesetzt  wird.

21.  u.  22.  Frankreich.  Die  Deputiertenkammer  nimmt  den  Gesetentwurf
betr.  die  Verlängerung  der  Handelsverträge,  ebenso  die  Brüsseler
Konferenzakte  an.

Italien.  Annahme  einer  Zuckersteuer  und  eines  Sperrgesetzes  in  der
Deputiertenkammer.

23.  Rumänien.  Die  am  27.  November  neu  eröffneten  Kammern  werden
ausgelöst.

23.  Ungarn.  Annahme  der  Handelsverträge.

23.  Oesterreich  Graf  Kuenburg  wird  zum  Minister  ernannt.

25.  Japan.  Das  Abgeordnetenhaus  wird  aufgelöst.

Ende.  Portugal.  Staatsbankrott.
        <pb n="9" />
                                                     I.
                 Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

                1.  Januar.  An  der  ostafrikanischen  Küste  wird  die
deutsche  Kriegsflagge  gehißt  und  die  Herrschaft  des  Deutschen  Reiches
proklamiert.

Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  eine  Verordnung,  betreffend
  die  Rechtsverhältnisse  in  Deutsch-Ost-Afrika.

4.  Januar.  Der  engere  Ausschuß  für  Reform  des  höheren
Unterrichtswesens  wird  (vgl.  1890  S.  183)  aus  folgenden  Personen
  zusammengesetzt:  1.  Der  Geheime  Ober-Regierungsrat  Dr.
Hinzpeter-Bielefeld  als  Vorsitzer,  2.  der  Kurator  der  Universität
Halle-Wittenberg,  Geh.  Ober-Regierungsrat  Dr.  Schrader-Halle,  als
Stellvertreter  des  Vorsitzenden,  3.  der  Ober-Realschuldirektor  Dr.
Fiedler-Breslau,  4.  der  Geheime  Sanitätsrat  Dr.  Graf-Elberfeld,
5.  der  Oberlehrer  a.  D.  Dr.  Kropatscheck-Berlin,  6.  der  kgl.  Realgymnasial-Direktor
  Dr.  Schlee-Altona,  7.  der  Abt  von  Loccum,
Ober-Konfistorialrat  Dr.  Uhlhorn-Hannover.

Im  nichtamtlichen  Teil  bemerkt  der  „Reichsanzeiger“  (v.  29.  Dez.)
zu  dieser  im  amtlichen  Teil  veröffentlichten  Kabinetsordre  folgendes:  „Wie
hieraus  hervorgeht,  sind  Mitglieder  des  Ministeriums  der  geistlichen  ect.  Angelegenheiten
  nicht  in  den  Ausschuß  berufen  worden.  Dagegen  sind  mehrere
vortragende  Räte  des  Ministeriums  zu  Referenten  bestellt  worden,  und  zwar
der  Geheime  Ober-Regierungsrat  Dr.  Stauder  zum  General-Referenten,  ferner
die  Geheimen  Ober-Regierungsräte  Dr.  Wehrenpfennig  und  Bobtz,  der  Geheime
  Regierungsrat  Dr.  Höpfner  und  der  Provinzial-Schulrat  Dr.  Köpke
zu  Referenten  für  die  von  ihnen  vertretenen  Gebiete.

7.  Januar.  Unter  den  Geschenken,  welche  dem  Staatssekretär
des  Reichspostamts,  Dr.  v.  Stephan,  aus  Anlaß  seines  60.  Geburtstages
  zugehen,  befindet  sich  ein  Bild  des  Kaisers,  welches
folgende  eigenhändige  Unterschrift  trägt:  „Die  Welt  am  Ende
des  19.  Jahrhunderts  steht  unter  dem  Zeichen  des  Verkehrs;  er

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.                                                 1
        <pb n="10" />
        2  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  8.—12.)

durchbricht  die  Schranken,  welche  die  Völker  trennen,  und  knüpft
zwischen  den  Nationen  neue  Beziehungen  an.“

8.  Januar.  Bei  der  Stichwahl  in  Bochum-Gelsenkirchen  zum
Reichstage  wird  Müllensiesen  (natlib.)  mit  26,869  Stimmen  gegen
Vattmann  (klerikal)  mit  25,667  Stimmen  gewählt.

12.  Januar.  Der  Finanzminister  Miquel  legt  im  Abgeordnetenhause
  den  Etat  für  1891/92  vor.

Er  schließt  in  Einnahme  und  Ausgabe  von  1,720,834,749  ab.
Die  dauernden  Ausgaben  sind  auf  1,670,452,177  M,  die  einmaligen  auf
50,382,572 M  veranschlagt.

Der  Etat  der  Domänenverwaltung  weist  einen  Ueberschuß  von
22,162,180  M  auf,  gegen  den  laufenden  Etat  um  257,150  M  mehr.

Der  Etat  der  Forstverwaltung  schließt  mit  einem  Ueberschuß  von
26,414,000  M,  was  einem  Plus  von  2,418,000  M  entspricht,  das  in  der
Hauptsache  aus  dem  Mehrerlös  für  Holz  resultiert.

Der  Etat  der  Verwaltung  der  direkten  Steuern  schließt  mit  einem
Ueberschuß  von  156,667,000  M,  das  ist  ein  Plus  von  4,818,300 M  Die
Einnahme  bei  den  direkten  Steuern  ist  veranschlagt  bei  der  Grundsteuer  auf
40,022,000  M,  bei  der  Gebäudesteuer  auf  33,613,000  M,  um  1,238,0004 M
mehr  als  im  laufenden  Etat.  Klassifizierte  Einkommensteuer  46,975,000  M,
um  2,611,000  M  mehr.  Klassensteuer  25,941,000  M,  um  1,260,000 M  mehr,
Gewerbesteuer  21,601,000  M,  um  482,000 M  mehr.

Der  Etat  der  Eisenbahn-Verwaltung  setzt  die  Einnahmen  aus  den
vom  Staat  verwalteten  Eisenbahnen  auf  929,851,000  M,  um  79,381,000 M
höher  an  als  im  Vorjahre.  Die  Summe  der  dauernden  Ausgaben  beträgt
557,796,583  M  gegen  522,079,184  +K  im  Vorjahre.

Bei  einer  Gesamt-Einnahme  von  931,051,445  M  ergibt  sich  im  Ordinarium
  ein  Ueberschuß  von  373,254,862  M,  bei  dem  aber  zur  Verzinsung
der  Eisenbahnkapitalsschuld  207,584,016  M  99  Pf.  in  Rechnung  zu  stellen
sind,  so  daß  165,670,845  M  1  JPf.  verbleiben.

An  einmaligen  und  außerordentlichen  Ausgaben  werden  im  ganzen
20,  486,  000  M,  2,679,000  M  mehr  als  im  laufenden  Etatsjahre,  verlangt.

Von  dem  Ueberschuß  von  165,670,845 M  1 Pf.  sind  zunächst  zur  Deckung
der  zur  planmäßigen  Tilgung  der  vom  Staat  für  Eisenbahnzwecke  vor  dem
Jahre  1879  ausgenommenen  oder  vor  oder  nach  diesem  Zeitpunkte  selbstschuldnerisch
  übernommenen  Schulden  5,584,161. M  66  Pf.  ferner  zur  Deckung
von  Staatsausgaben,  für  welche  die  Mittel  andernfalls  durch  Aufnahme
neuer  Anleihen  beschafft  werden  müßten,  und  zwar  zur  außerordentlichen
Tilgung  von  Staatsschulden  bezw.  zur  Verrechnung  auf  bewilligte  Anleihen
17,851,751  M  79  Pf.  und  zur  Deckung  anderweitiger  etatsmäßiger  Ausgaben
des  Rechnungsjahres  1891/92  142,234,931  M 56  Pf.  zu  verwenden.  Da  aber
infolge  des  in  den  letzten  Jahren  eingetretenen  außergewöhnlichen  Verkehrs
auf  den  Eisenbahnen  die  Verwaltung  den  an  sie  gestellten  Anforderungen
nicht  überall  hat  gerecht  werden  können,  so  soll,  um  die  disponiblen  Fonds
zur  Vermehrung  der  Betriebsmittel  zu  haben,  neben  den  etatsmäßig  zur
Erneuerung  der  Betriebsmittel  vorgesehenen  Beträgen,  der  Verwaltung  ein
Fonds  von  20,000,000  M  zu  diesem  Zweck  zur  Disposition  gestellt  werden.

Die  Staatsschuld  beträgt  5,843,000,000  M.  Die  etatmäßige
Tilgung  38,000,000  M  Im  Jahr  1889  sind  3  Prozent  getilgt  worden,
im  Durchschnitt  der  Jahre  1880  90  1,54  Prozent.  Der  Ueberschuß  des
        <pb n="11" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.)  3

Jahres  1889,  durch  den  die  starke  Tilgung  ermöglicht  worden  ist,  betrug
97  Millionen.

Die  Neuorganisation  der  Fabrik-Inspektion  wird  in
einer  Denkschrift  zum  Etat  des  Handelsministeriums  eingehend  erläutert.


Die  bisherige  Fabrik-Inspektion  soll  zu  einer  Gewerbe-Inspektion  erweitert
  und  den  Inspektoren  soll  die  gleiche  amtliche  Stellung  gegeben  werden,
  wie  den  übrigen  technischen  Räten  der  Regierungen.  Die  Prüfung  der
Dampfkessel  wird  mit  der  Gewerbe-Inspektion  verbunden.  Der  neue  Dienstzweig
  soll  so  geregelt  werden,  daß  1.  in  der  Regel  bei  jeder  Regierung  ein
Regierungs-Gewerberat  angestellt  wird;  2.  daß  jeder  Regierungsbezirk  in
Inspektionsbezirle  eingeteilt  und  für  jeden  der  letzteren  ein  Gewerbe-Inspektor
angestellt  wird.  An  gewerbetechnischen  Beamten  sind  in  Aussicht  genommen
26  Regierungs-Gewerberäte  und  17  Hilfsarbeiter,  für  den  Regierungsbezirk
Magdeburg  1  Regierungs-Gewerberat  und  1  Hilfsarbeiter,  für  die  Regierungsbezirke
  Merseburg  und  Erfurt  je  1  Regierungs-Gewerberat.  Die  Zahl  der
ausschließlich  für  den  Lokal-Inspektionsdienst  erforderlichen  Beamten  stellt
sich  auf  120.  Zur  Durchführung  sind  vier  Jahre  in  Aussicht  genommen.

13.  Januar.  (Reichstag:  Debatte  über  die  Kornzölle.)
Antrag  Auer  (Soz.-Demokrat):  alle  agrarischen  Zölle  aufzuheben.
Antrag  Richter:

den  Herrn  Reichskanzler  zu  ersuchen,  im  Interesse  der  Entlastung  der
minder  wohlhabenden  Volksklassen  und  behufs  Anbahnung  einer  gerechteren
Besteuerung  durch  geeignete  Vorlagen  1.  die  Kornzölle  zunächst  auf  die  bis  1887
bestandenen  Sätze  zu  ermäßigen,  sodann  eine  allgemeine  Revision  des  Zolltarifs
  einzuleiten,  welche  unter  gänzlicher  Beseitigung  der  Zölle  auf  Korn,
Vieh  und  Holz  auch  eine  Entlastung  des  Verbrauchs  der  Landwirtschaft
herbeiführt,  2.  die  Aufhebung  der  Zuckermaterialsteuer  und  der  damit  zusammenhängenden
  Ausfuhrprämien  für  Zucker  zu  veranlassen,  3.  die  Privilegien
  der  bisherigen  Brenner  bei  der  Verbrauchsabgabe  für  Branntwein  in
Fortfall  zu  bringen.

Vor  Beginn  der  Debatte  gab  der  Reichskanzler  von  Caprivi
  folgende  Erklärung  ab:

Die  Anträge  seien  im  vorigen  Jahre  eingebracht;  inzwischen  seien  die
verbündeten  Regierungen  mit  Oesterreich-Ungarn  über  den  Abschluß  eines
neuen  Handelsvertrages  in  Verbindung  getreten,  und  es  stehe  zu  erwarten,
daß  daran  solche  mit  anderen  Staaten  sich  anschließen  würden.  Es  sei  zu
  hoffen,  daß  die  Verhandlungen  mit  Oesterreich-Ungarn  zu  einem  beide  Teile

befriedigenden  Resultat  führen  würden.  Nähere  Mitteilungen  darüber  zu
machen,  sei  er  (Redner)  zur  Zeit  nicht  im  stande.  Er  beschränke  sich  auf  die
Erklärung,  daß  die  Sorge  für  Erleichterung  der  Volksernährung  den  verbündeten
  Regierungen  ebensosehr  am  Herzen  liege,  wie  irgendeiner  Partei,
und  nehme  dafür  Bezug  auf  die  Maßregeln,  welche  seit  einigen  Monaten
zur  Erleichterung  der  Fleischeinfuhr  eingeführt  sind.  Zugleich  sei  anzuerkennen,
daß  es  Pflicht  sei,  für  die  Erhaltung  derjenigen  wirtschaftlichen  Erwerbszweige
  zu  sorgen,  welche  für  die  Erhaltung  des  Staats  besonders  wesentlich
sind;  dazu  gehöre  in  erster  Linie  die  Landwirtschaft.  Bei  der  Diskussion
der  Anträge  würden  sich  die  verbündeten  Regierungen  darauf  beschränken
min  etwaige  bedenkliche  Irrtümer  über  thatsächliche  Verhältnisse  klarzustellen.                                                                              1*.
        <pb n="12" />
        4  Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder     (Januar 17.- 24. )

Nach  dreitägiger  Debatte  wird  der  Antrag  Richter  mit  210
gegen  106  Stimmen  in  namentlicher  Abstimmung  abgelehnt,  nachdem
  der  Abg.  Oechelhäuser  (natlib.)  „namens  des  größten  Teils
seiner  politischen  Freunde“  erklärt  hat:

„daß  wir  mit  der  Ermäßigung  der  Getreidezölle  auf  den  Stand  von
1887  durchaus  einverstanden  sind.  Da  indes  Abg.  Richter  erklärt  hat,  daß
er  in  eine  Trennung  seines  Antrages  nicht  willigen  würde,  und  bei  der  vorgerückten
  Zeit  verzichte  ich  auf  die  Einbringung  eines  besonderen  Antrages.

Im  übrigen  sind  wir  der  Meinung,  daß  eine  generelle  Reform  des  Zolltarifs
nur  auf  dem  Wege  der  internationalen  Vereinbarung  ratsam  ist."

17.  Januar.  Der  Präsident  des  Reichstages  v.  Levetzow  bringt
dem  Abg.  Windthorst  zur  Feier  seines  80.  Geburtstages  im  Namen
des  Reichstages  einen  Glückwunsch  dar.

22.  u.  23.  Januar.  (Reichstag.)  Antrag  Barth  betr.  Aufhebung
  des  Schweine-Einfuhrverbots.

Nachdem  die  Regierungsvertreter  erklärt  haben,  daß  die  Aufhebung
von  der  Herstellung  wirksamer  sanitärer  Schutzmaßregeln  in  Amerika  abhänge,
  wird  der  Antrag  mit  133  gegen  106  Stimmen  abgelehnt.

24.  Januar.  (Abgeordnetenhaus.)  Sperrgelder-Gesetz.
Erste  Beratung  (vgl.  1890  S.  61  ff.):

                                              Vorlage:

Entwurf  eines  Gesetzes  zur  Ausführung  des  §  9  des  Gesetzes,  betreffend
  die  Einstellung  der  Leistungen  aus  Staatsmitteln  für  die  römischkatholischen
  Bistümer  und  Geistlichen,  vom  22.  April  1875.

Art.  1.  Von  denjenigen  Beträgen,  welche  auf  Grund  der  gemäß
§  1  des  Gesetzes  vom  22.  April  1875  erfolgten  Einstellung  der  Leistungen
aus  Staatsmitteln  aufgesammelt  sind,  werden  nach  Inkrafttreten  gegenwärtigen
Gesetzes  1.  an  das  Erzbistum  Köln  3,267,619  M  75  Pf.,  2.  an  das  Erzbistum
  Gnesen-Posen  1,954,205 M  27  Pf,  3.  an  das  Bistum  Kulm
983,  565  M.  37  Pf.  4.  an  das  Bistum  Ermland  1,037,  239  M  34  Pf.,  5.  an
das  Bistum  Breslau  1  ,482,893  M  98  Pf.,  6.  an  das  Bistum  Hildesheim
681,334  M.  65  Pf.,  7.  an  das  Bistum  Osnabrück  325,865  M  35  Pf.,  9.  an
das  Bistum  Paderborn  1,182,364 M  57  Pf.,  9.  an  das  Bistum  Münster
1,535,266  M  90  Pf.,  10.  an  das  Bistum  Trier  2,122,421  M  91  Pf.,  11.  
das  Bistum  Fulda  823,819  M  35  Pf.,  12.  an  das  Bistum  Limburg  570,4164 M
31  Pf.  13.  an  das  Erzbistum  Prag  33,893  M  29  Pf.,  14.  an  das  Erzbistum
Olmütz  6865  M  11  Pf.  15.  an  das  Erzbistum  Freiburg  1561  M  87  Pf.,  zusammen
  16,009,333. M  2  Pf.  herausgezahlt.

Art.  2.  Aus  den  im  Artikel  1  aufgeführten  Summen  werden  seitens
der  betreffenden  Diözesanoberen  die  von  Instituten  und  Personen  erhobenen
Ansprüche,  soweit  sie  für  begründet  erachtet  werden,  nach  Maßgabe  der  den
Bistümern  herausgezahlten  Mittel  befriedigt.  Zu  diesem  Behufe  wird  in
jeder  Diözese  bezw.  in  jedem  preußischen  Diözesananteile  seitens  des  Diözesanoberen
  eine  Kommission,  bestehend  aus  drei  Geistlichen  und  zwei  zum  Richteramte
  befähigten,  aber  nicht  im  unmittelbaren  Staatsdienste  stehenden  Laien,
eingesetzt.  Dieselbe  entscheidet  über  die  erhobenen  Forderungen  endgültig
unter  Ausschluß  des  Rechtsweges.

Art.  3.  Die  übrig  bleibenden  Beträge  werden  von  den  Diözesanoberen
  für  kirchliche  Zwecke  der  Diözesen  bezw.  der  preußischen  Diözesan-
        <pb n="13" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  5

anteile,  sowie  zur  Unterstützung  von  Gemeinden  bei  Errichtung  oder  Wiederherstellung
  kirchlicher  Gebäude  verwendet.

Art.  4.  Ueber  die  Verwendung  der  auf  Grund  dieses  Gesetzes  herausgezahlten
  Summen  werden  die  Diözesanoberen  dem  Minister  der  geistlichen
Angelegenheiten  Mitteilung  machen.

Aus  der  Begründung:

Die  Staatsregierung  hält  nach  wie  vor  an  der  Ansicht  fest,  daß  ein
Rechtsanspruch  auf  die  aufgesammelten  Staatsmittel  nicht  besteht,  und  daß
es  Empfangsberechtigte  im  juristischen  Sinne  nicht  gibt.  Diese  Auffassung
liegt  insbesondere  den  Bestimmungen  des  Artikels  2  des  Entwurfs  zu  Grunde.
Nach  denselben  sollen  bischöflicherseits  zu  bestellende  Kommissionen  mit  Ausschluß
  des  Rechtsweges  nach  ihrem  pflichtmäßigen,  billigen  Ermessen  und
unter  Berücksichtigung  der  obwaltenden  Umstände  endgültig  entscheiden,  ob,
bezw.  inwieweit  Ansprüche  zu  befriedigen  sind,  welche  von  irgendeiner  Seite
(von  Instituten  und  Personen  —  juristischen  oder  natürlichen  —)  auf  die
den  Bistümern  herausgezahlten  Mittel  erhoben  werden.

Der  verbleibende  Rest  soll  von  den  Diözesanoberen  Inhalts  des
Artikels  3  für  kirchliche  Zwecke  ihrer  Diözesen  bezw.  preußischen  Diözesananteile
  verwendet  werden.  Einer  Aufzählung  dieser  Zwecke  bedarf  es  nicht.
Vorzugsweise  ist  auf  die  Bildung  von  Fonds  für  emeritierte  oder  hilfsbedürftige
  Geistliche  hinzuweisen,  ferner  auf  die  Unterstützung  von  Aspiranten
des  geistlichen  Standes,  auf  die  Gewährung  von  Mitteln  zur  Ausbildung
von  Geistlichen,  auf  die  Deckung  der  vermehrten  Kosten  der  Diözesanverwaltung,
  auf  die  Aufbesserung  der  Gehälter  von  Domherren,  Domvikaren  und
Beamten  der  bischöflichen  Verwaltung.  Besonderer  Wert  ist  auf  die  Unterstützung
  armer  Gemeinden  bei  Errichtung  und  Wiederherstellung  kirchlicher
Gebäude  (Kirchen,  Kapellen,  Häuser  für  Geistliche  und  Kirchendiener)  gelegt.
Daß  letztgedachte  Unterstützungen  besonders  in  dem  Entwurf  erwähnt  werden,
hat  darin  seinen  Grund,  daß  ein  Zweifel  entstehen  kann,  ob  die  Unterstützung
  von  Gemeinden  ohne  weiteres  als  ein  Diözesanzweck  anzuerkennen  sei.

Präsident  des  Staatsministeriums,  Reichskanzler  v.  Caprivi:

Es  wird  dem  hohen  Hause  erinnerlich  sein,  daß  im  vorigen  Jahre
die  Staatsregierung  einen  Gesetzentwurf  über  Verwendung  der  sogenannten
Sperrgelder  eingebracht  hat,  bei  dem  sie  in  Uebereinstimmung  mit  früheren
Erklärungen  die  Absicht  befolgte,  einen  Gegenstand  der  Beunruhigung  und
Unzufriedenheit  unter  Mitgliedern  der  katholischen  Kirche  zu  beseitigen.  Sie
hatte  zu  diesem  Behufe  vorgeschlagen,  das  vom  Staat  vereinnahmte  Kapital
mit  3 ½ %  zu  verzinsen  und  diese  Rente  den  Diözesen  der  katholischen  Kirche
zur  Verwendung  zu  kirchlichen  Zwecken  zu  überweisen.  Das  Gesetz  kam  nicht
zu  stande,  im  wesentlichen,  weil  die  Zustimmung  des  Zentrums  zu  der  von
der  Staatsregierung  vorgeschlagenen  Verwendungsweise  nicht  zu  erlangen
war.  Fehlte  aber  diese  Zustimmung,  so  war  der  Zweck,  den  die  Staatsregierung
  verfolgte,  verfehlt,  denn  es  blieb  dann  ein  Objekt  stehen,  was
nach  wie  vor  zu  Angriffen  gegen  die  Staatsregierung,  zur  Beunruhigung
unserer  katholischen  Mitbürger  gereichen  konnte.  Die  Staatsregierung  bedauerte
  diese  Lage,  sie  mußte  sich  aber  ihrerseits  in  dieselbe  schicken  und
hatte  kein  Mittel,  sie  aus  eigener  Initiative  zu  ändern.

Im  November  traten  die  katholischen  Bischöfe  in  Köln  zusammen
und  richteten  zwei  Eingaben  an  die  Staatsregierung:  die  eine  betreffend  das
Gesetz  über  die  Volksschule,  die  andere  betreffend  die  Sperrgelder.  Auf  die
erstere  Eingabe  und  auf  die  darin  niedergelegten  Wünsche  der  Bischöfe  konnte
die  Staatsregierung  nicht  eingehen,  dagegen  war  es  ihr  möglich,  in  eine
Prüfung  der  zweiten  Eingabe  einzugehen  und  sich  die  Frage  vorzulegen:  wie
        <pb n="14" />
        6  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)

weit  kann  man  den  Wünschen  der  Bischöfe,  ohne  das  Staatsinteresse  zu  gefährden,
  nachkommen?  Die  Wünsche  der  Bischöfe  gingen  im  wesentlichen
dahin,  daß  nicht  eine  Rente,  sondern  das  Kapital  der  katholischen  Kirche
zurückgestellt  werden  möge,  wogegen  dann  die  Bischöfe  die  Verpflichtung
übernähmen,  diejenigen  geschädigten  Interessenten  zu  befriedigen,  deren  Befriedigung
  überhaupt  möglich  sein  würde.  Zu  diesem  Behufe  schlugen  sie
weiter  vor,  in  jeder  Diözese  eine  Kommission  zu  ernennen,  die  die  Bischöfe
zu  unterstützen  habe.  Sie  waren  weiter  der  Meinung,  daß  der  dann  verbleibende
  Rest  des  Geldes  der  katholischen  Kirche  zu  überweisen  und  zu  Diözesanzwecken
  zu  verwenden  sei.  Die  Staatsregierung  hat  geglaubt,  hierauf
ohne  Schädigung  staatlicher  Interessen  eingehen  zu  können.  Sie  ist  der
Meinung,  daß  durch  diesen  Vorschlag  die  katholische  Kirche  befriedigt  wird;
sie  ist  weiter  der  Meinung,  daß,  wenn  sie  diesen  Weg  nicht  selbst  betreten
konnte,  weil  sie  verhindert  wurde,  das  Odium  auf  sich  zu  nehmen,  welches
entstehen  konnte  —  es  ist  ja  darüber  in  der  vorigen  Sitzung  gesprochen
worden  —,  wenn  die  Staatsregierung  den  Versuch  gemacht  hätte,  die  Interessenten
  zu  entschädigen,  daß,  wenn  sie  selbst  dies  Odium  nicht  auf  sich  nehmen
konnte,  es  dankenswert  war,  wenn  die  Bischöfe  den  Versuch  machen  wollten,
auf  diese  Weise  den  Ansprüchen  der  Interessenten  gerecht  zu  werden.  Es
ist  nicht  unwahrscheinlich,  daß  auch  nach  der  anderen  Seite  das  Gesetz  befriedigen
  kann  insofern,  als  diejenigen,  welche  im  vorigen  Jahre  der  Meinung
  waren,  daß  es  nicht  zulässig  sei,  der  katholischen  Kirche  eine  so  große
Summe  an  Kapital  zuzuwenden,  ihre  Befriedigung  finden  werden,  denn
nach  dem  vorgeschlagenen  Verfahren  ist  es  nicht  wahrscheinlich,  daß  noch  ein
großes  Kapital  zur  Verwendung  bleibt.

Wenn  ich  das  hohe  Haus  bitte,  in  eine  wohlwollende  Beratung  dieses
Entwurfs  einzutreten,  so  will  ich  mir  noch  die  Bemerkung  gestatten,  daß  die
Staatsregierung  gleichzeitig  den  Wunsch  gehabt  hat,  die  evangelischen  Defiderien
  nach  Stolgebühren  zu  befriedigen;  es  ist  bis  zur  Stunde  nicht  möglich
  gewesen.  Unter  dem  21.  Mai  v.  J.  hat  der  Evangelische  Ober-Kirchenrat
einen  Vorschlag  gemacht,  der  dahin  geht:

Der  Staat  überweist  jeder  einzelnen  Kirchengemeinde  unmittelbar  so
viel,  als  nötig  ist,  um  bei  Aufbringung  der  durch  die  Aufhebung  der
Stolgebühren  erforderlich  werdenden  Entschädigungsrenten  für  die  berechtigten
  geistlichen  und  anderen  Stellen  die  Beiträge  der  klassensteuerfreien
  und  der  zu  den  beiden  untersten  Klassensteuerstufen  eingeschätzten
Gemeindeglieder  sowie  die  Mehrbelastung  der  übrigen  Klassensteuerstufen
und  der  Einkommensteuerpflichtigen  über  4%  ihrer  Personalsteuer  zu  decken.

Die  Staatsregierung  hat  diesen  Vorschlag  in  ernstliche  Erwägung
genommen  und  ist  auf  dem  Wege,  ihn  auszuführen.  Es  sind  dazu  aber
statistische  Recherchen  seitens  des  Finanzministeriums  notwendig  geworden,
die  sehr  weit  gehen.  Wie  Sie  wissen,  liegen  die  Verhältnisse  anders  in  den
sieben  alten  Provinzen,  sie  liegen  anders  in  Rheinland-Westfalen,  sie  liegen
anders  in  den  neuen  Provinzen,  und  es  wird  nicht  möglich  sein,  während
der  jetzigen  Sitzung  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  um  so  weniger,  als  es
voraussichtlich  notwendig  sein  wird,  zur  Ausführung  dieses  Vorschlages  im
Herbst  dieses  Jahres  zunächst  die  General-Synode  zu  hören  und  das  kirchliche
  Gesetz  dem  staatlichen  Gesetz  vorangehen  zu  lassen.

Ich  habe  in  der  Presse  die  Bemerkung  gefunden,  daß  die  Staatsregierung,
  indem  sie  dem  hohen  Hause  die  Annahme  dieses  Gesetzvorschlages
empfiehlt,  wahrscheinlich  ein  Handelsgeschäft  mit  einer  Partei  dieses  Hauses
abgeschlossen  hätte.  Jch  verwahre  mich  im  Namen  der  Staatsregierung
gegen  eine  solche  Unterstellung.  (Bravol)  So  lange  ich  die  Ehre  habe  an
der  Spitze  des  Staatsministeriums  zu  stehen,  glaube  ich  versichern  zu  können,
        <pb n="15" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  7

daß  mit  Angelegenheiten,  die  das  Staatswohl  betreffen,  Handel  nicht  getrieben
  werden  wird.  (Lebhaftes  Bravo.)  Es  ist  weder  von  mir  noch  von
dem  Herrn  Kultusminister  seit  dem  Scheitern  des  letzten  Sperrgesetzes  auch
nur  ein  einziges  Mal  mit  irgend  einem  Mitgliede  der  beteiligten  Partei
dieses  Hauses  über  das  Sperrgeldergesetz  gesprochen  worden.

Ich  schließe  mit  der  Bemerkung,  daß  es  der  Staatsregierung  sehr
wünschenswert  gewesen  sein  würde,  dieses  Gesetz  im  Herrenhause  einbringen
zu  können,  und  zwar  mit  Rücksicht  auf  die  geschäftliche  Lage  dieses  Hauses
und  auf  den  nach  wie  vor  lebhaften  Wunsch  der  Staatsregierung,  alle  Gesetze,
  die  diesem  Hause  zur  Zeit  vorliegen,  noch  in  der  gegenwärtigen  Sitzung
zur  Verabschiedung  zu  bringen.  Wir  haben  das  nicht  gethan,  weil  wir  uns
verpflichtet  gehalten  haben,  auf  Grund  des  Artikels  62  der  Verfassung,  der
das  Einbringen  von  Finanzgesetzen  in  diesem  Hause  vorschreibt,  das  Gesetz
hier  vorzulegen.

Abg.  v.  Cuny  (nat.lib.)  greift  die  Regierung  scharf  an  und

erklärt,

seine  Partei  werde  gegen  das  Gesetz  stimmen,  weil  sie  an  dem  Standpunkt,
  den  mit  ihr  die  Staatsregierung  noch  vor  wenigen  Monaten  festgehalten
  habe,  anch  gegenwärtig  noch  festhalte.

Minister  v.  Goßler:

Meine  Herren!  Die  Königliche  Staatsregierung  wünscht  sofort  dem
ersten  Redner,  welcher  die  Vorlage  bekämpft,  zu  antworten,  und  sie  thut  es
um  so  lieber,  als  die  Entwürfe,  welche  der  Herr  Vorredner  gemacht  hat,
sich  weniger  an  das  Gefühl  und  die  Phantasie,  sondern  vor  allen  Dingen
an  den  Verstand  wenden,  weil  am  klarsten  die  Angriffe  gegen  die  Regierung
formuliert  sind,  welche  in  der  Presse  in  großer  Zahl  sich  vorfinden,  und
weil  es  immer  nütlich  ist,  ehe  vielleicht  die  Wogen  des  parlamentarischen
Kampfes  höher  gehen,  die  Stellung  der  Staatsregierung  zu  kennzeichnen
und  zu  verteidigen.

Es  ist  ja  natürlich,  daß  bei  einer  überraschend  eingebrachten  Vorlage,
einer  Vorlage,  bei  welcher  die  politischen  Motive  erst  in  der  ersten  Lesung
durch  den  leitenden  Staatsmann  vorgetragen  worden  sind,  selbstverständlich
eine  gewisse  Beunruhigung  in  der  parlamentarischen  Vertretung  hervortritt,
daß  sofort,  alter  deutscher  Gewohnheit  entsprechend,  die  schwersten  Angriffe
gegen  die  Staatsregierung  erhoben  werden.  (Oho!  bei  den  Nationalliberalen.)

Meine  Herren,  ich  will  ja  ausführen,  daß  das  in  der  Ordnung  ist;
die  Staatsregierung  hat  die  Verpflichtung,  in  solche  Differenzen,  die  sich  im
öffentlichen  parlamentarischen  Leben  zeigen,  einzutreten  und  dasjenige  Unbequeme,
  das  die  Situation  mit  sich  führt,  getreu,  loyal  und  gewissenhaft  auf
sich  zu  nehmen.  Also  ich  glaube  nicht,  daß,  hätten  Sie  mich  ausreden  lassen,
Sie  irgend  einen  Grund  zu  einem  Mißfallen  mir  gegenüber  gehabt  hätten.

Es  ist  ja  auch  naturgemäß,  obwohl  der  Herr  Vorredner  meinen  Namen
nicht  besonders  genannt  hat,  daß  ich  dasjenige  Mitglied  der  Staatsregierung
bin,  welches  ganz  vorzugsweise  in  der  Lage  ist,  den  Standpunkt,  den  sie
jetzt  einnimmt,  in  Uebereinstimmung  des  gesamten  Staatsministeriums  zu
kennzeichnen.  Die  Differenz  zwischen  dem  Herrn  Vorredner  und  der  Staatsregierung
  und  mir  ist  die,  daß  der  Herr  Vorredner,  wie  es  meistens  auch
in  der  Presse  geschieht,  eine  Reihe  von  Momenten  nicht  richtig  gewürdigt
hat  und  kein  Verständnis  dafür  haben  will  oder  haben  kann,  wenn  ich  behaupte,
  daß  der  Standpunkt,  den  ich  hier  im  vorigen  Jahre  eingenommen
habe,  in  keiner  Weise  ein  entgegengesetzter  ist  von  dem  gegenwärtigen.  (Unruhe
  und  Heiterkeit.)  Wenn  Sie  in  dieser  Weise  widersprechen,  um  so
        <pb n="16" />
        8  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)

ruhiger  und  unbefangener  werde  ich  bleiben.  Ich  habe  —  um  den  Ausführungen
  des  Herrn  Vorredners  zu  folgen,  soweit  mein  Gedächtnis  eben
reicht  —  im  vorigen  Jahre  ausgesprochen,  daß  die  vorjährige  Vorlage  soweit
  gegangen  wäre,  als  sie  im  Interesse  der  katholischen  Kirche  hätte  gehen
können.  Diese  Meinung  beherrscht  mich  auch  heute  noch.  Die  Staatsregierung
  war,  wie  Sie  in  allen  ihren  Aeußerungen  —  schriftlichen  und  mündlichen
  —  erkennen  können,  der  Meinung,  daß  ihren  früheren  Versprechungen
und  Erklärungen  gemäß  dieser  sogenannte  Sperrfonds  verwendet  werden
sollte  im  Interesse  der  katholischen  Kirche.  Die  Einsetzung  einer  3½  prozentigen
  Rente,  welche  dem  Sperrfonds  entsprach,  war  nach  meiner  damaligen
Meinung,  und  so  ist  es  auch  nach  meiner  heutigen,  ein  unendlich  Mehreres,
als  was  heute  der  katholischen  Kirche  geboten  ist;  wie  denn  alle  diejenigen
—  und  ich  habe  ja  das  Glück,  viele  solche  zu  kennen  —,  welche  außerhalb
der  parlamentarischen  Opposition  damals  gestanden  haben,  schon  damals  und
auch  heute  noch  keinen  Zweifel  hegen,  daß  die  katholische  Kirche  in  Preußen
keine  größere  Stärkung  erfahren  konnte,  als  wenn  im  Staatshaushalt  eine
neue  3  ½  prozentige  Rente  an  der  Stelle  eingesetzt  würde,  wo  im  Staatshaushalt
  die  Dotationsrenten  verzeichnet  sind.

Es  wird,  glaube  ich,  die  Zeit  kommen,  wo  man  bedauern  wird,  daß
man  die  Bemühungen  der  Staatsregierung  in  dieser  Beziehung  nicht  unterstützt
  hat,  und  ich  habe  die  Ueberzeugung,  daß  zu  Gunsten  der  katholischen
Kirche  von  dem  Kapital,  welches  jetzt  nicht,  wie  der  Herr  Vorredner  eben
annahm,  einfach  ihr  hingegeben  wird,  sondern  mit  einer  sehr  schweren  Zweckbestimmung
  belastet,  sehr  wenig  übrig  bleiben  wird,  und  daß  diejenigen
Hoffnungen  und  Wünsche,  welche  ernste  katholische  Geistliche  an  die  Regelung
  dieser  Materie  gesetzt  haben,  scheitern.  Ich  sage,  leider!  Ich  halte
nach  wie  vor  dafür,  es  wäre  katholischerseits  richtiger  gewesen,  die  vorjährige
Vorlage  anzunehmen,  und  ich  halte  auch  den  von  mir  s.  Z.  ausgesprochenen
Satz.  fest,  die  Staatsregierung  konnte  nicht  weiter  gehen,  als  im  vorigen
Jahre  geschehen  ist.  Das  ist  meine  Meinung;  Sie  brauchen  sie  ja  nicht  zu
teilen,  aber  Sie  werden  mir  erlauben,  wenn  ich  sage,  das  ist  meine  ehrliche
Meinung;  ich  habe  sie  immer  gehabt,  ich  habe  sie  heute  und  werde  sie  stets
verteidigen.

Ein  Plus  wäre  der  Rente  gegenüber  gewesen  die  Ausantwortung  des
Kapitals  bedingungslos,  die  Ausantwortung  an  den  Papst;  das  waren  die
beiden  Steigerungen,  die  bekanntlich  auch  diskutiert  sind.  Gegen  dieses  Plus
habe  ich  mich  ausgesprochen  und  sage  nach  wie  vor,  heute  wie  vorher:  das,
was  damals  geboten  war,  war  im  Interesse  der  katholischen  Kirche  das
meiste,  was  der  preußische  Staat  anbieten  konnte.

Nun  wurde  ja  damals  gleich  in  der  ersten  Lefung,  wenn  die  Herren
sich  genau  erinnern,  angeregt,  das  Kapital  sollte  seitens  des  Staats  unmittelbar
  an  die  sogenannten  Empfangsberechtigten  gegeben  werden,  und  da  muß
ich  nun  den  Herrn  Vorredner,  der  ja  alles  das  mit  mir  gemeinsam  durchgemacht
  hat,  doch  bitten,  noch  einmal  genau  das  nachzulesen.  In  den  Aeußerungen
  des  Zentrums  zeigen  sich  drei  ganz  verschiedene  juristische  Auffassungen.
Einmal  war  von  sogenannten  Empfangsberechtigten  die  Rede,  also  von  denjenigen
  Personen,  welche  empfangsberechtigt  gewesen  wären,  wenn  das  Sperrgesetz
  nicht  erfolgt  wäre.  Eine  zweite  vom  Zentrum  auch  immer  auf  gleicher
Linie  behandelte  Frage  war  die  der  Geschädigten;  es  wurde  ausdrücklich
immer  ausgesprochen,  daß  viele  Gemeinden,  Vereine,  anders  geartete  Persönlichkeiten,
  welche  Mittel  namentlich  den  Priestern  und  Geistlichen  gewährt
hatten,  die  eigentlich  Empfangsberechtigten  seien.  Und  wird  der  Herr  Vorredner
  sich  noch  entsinnen,  daß  drittens  die  katholische  Kirche  als  solche  als
der  geschädigte  Teil  hingestellt  wurde,  und  daß  gegenüber  schweren  Anklagen
        <pb n="17" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  9

gegen  mich  ich  mich  verteidigen  mußte  in  Bezug  auf  Sakrileg,  Verletzung
des  siebenten  Gebots  und  so  fort.

Ich  halte  also  nach  wie  vor  daran  fest,  —  ich  bin  auch  sicher,  daß
diese  Ansicht  meine  Kollegen  teilen  —,  daß  es  unmöglich  ist  für  den  preu-Whischen
  Staat  anzuerkennen,  daß  es  betreffs  der  Verwendung  des  Sperrfonds
dem  preußischen  Staat  gegenüber  Empfangsberechtigte  gibt.  Sie  mögen  es
konstruieren,  wie  Sie  wollen,  das  erkenne  ich  nach  wie  vor  nicht  an.

Zweitens  halte  ich  fest  an  meiner  zweiten  Behauptung,  daß  selbst,
wenn  man  sich  über  die  rechtlichen  Bedenken  hinwegsetzen  könnte,  es  für  den
Staat  faktisch  unmöglich  wäre,  wenn  er  den  Versuch  unternehmen  wollte,
diese  irgend  wie  zu  konstruierenden  Berechtigten  zu  befriedigen,  dazu  ist  der
Staat  absolut  nicht  im  stande.  Ich  will  damit  verbinden  das  dritte  Moment,
  das  Moment  des  Politischen.  Vorab  halte  ich  für  politisch  falsch,
zu  unternehmen,  was  rechtlich  unmöglich  ist  —  das  führe  ich  nicht  weiter
aus  —;z  aber  ich  halte  auch  vom  Nützlichkeitsstandpunkt  es  für  eine  verfehlte
Politik,  wenn  —  wie  im  vorigen  Jahre  angeregt  wurde  —  der  preußische
Staat  den  Versuch  machen  wollte,  seinerseits  eine  irgendwie  geartete  Klasse
von  Menschen  mit  diesen  Mitteln  zu  befriedigen.  Denn  es  ist  klar,  daß  es
dem  preußischen  Staat  nicht  gelingen  würde,  in  seinem  ganzen  Gebiet  oder
in  einzelnen  Diözesen  mit  noch  so  vermehrten  Mitteln  alle  Ansprüche  zu
decken,  die  erhoben  werden,  —  das  liegt  auf  der  flachen  Hand.  Ich  habe
es  im  vorigen  Jahre  nicht  ausgesprochen,  ich  kann  es  aber  jetzt:  wenn  man
sich  auf  diesen  fehlerhaften  Weg  drängen  ließe,  dann  hätten  wir  auf  Jahrzehnte
  hinaus  einen  so  schönen  Kulturkampf  im  Hause  wie  denkbar.  Denn
jeder  Anspruch,  der  nicht  befriedigt  wäre,  würde  Gegenstand  der  Petition
werden  oder  bei  der  Etatsberatung  vorkommen;  dann  hätten  wir  Jahre
lang  nichts  anderes  zu  thun,  als  über  die  Schändlichkeit  des  preußischen
Staats  und  seiner  perversen  Regierung  Deklamationen  zu  hören.  Also  ich
kann  sagen,  dazu  habe  ich  nie  die  Hand  geboten,  würde  das  auch  heute
nicht  thun  und  würde  sie  auch  nie  dazu  bieten.  Ich  stehe  genau  auf  dem
Standpunkt,  den  ich  im  vorigen  Jahre  in  der  Sitzung  vom  29.  April,  wie
jetzt  hier,  auf  Seite  107,  ausgesprochen  habe.

Nun  kommt  der  Herr  Vorredner  und  sagt:  was  jetzt  die  Regierung
will,  ist  ganz  dasselbe,  wie  das,  was  der  Herr  Abg.  Windthorst  vorschlug;
der  Abg.  Windthorst  schlug  vor  —  das  ist  ja  in  der  letzten  Sitzung  zur
Verhandlung  gekommen  —:  das  hohe  Haus  möge  beschließen,  daß  die  Staatsregierung
  aufgefordert  werde,  mit  den  Bischöfen  in  Verhandlungen  zu  treten.
Das  wurde  glücklicherweise  abgelehnt.  Meine  Herren,  wenn  die  preußische
Staatsregierung  auf  Beschluß  dieses  hohen  Hauses  mit  einer  anderen  Potenz
Verhandlungen  führen  soll,  so  find  wir  von  vornherein  so  schwer  vinkuliert,
daß  wir  sicherlich  auf  diesem  Gebiet  keine  Erfolge  erreichen  dürften;  und
wenn  wir  auch  das  erreicht  hätten,  was  jetzt  die  Bischöfe  freiwillig  angeboten
haben,  so  hätten  wir  ihnen  noch  dafür  Dank  sagen  mögen.  Die  Sache  lag
ungefähr  so  —  ich  kann  das  ja  nur  ausführen,  was  der  Herr  Minister-Präsident
  in  großen  Zügen  umrissen  hat  —:  als  der  7.  Juni  vorüber  war,
vermied  die  Regierung,  zu  der  Frage  Stellung  zu  nehmen,  aus  den  Erwägungen,
  die  ich  am  Schluß  der  letzten  Sitzung  angedeutet  habe.  Es  war
eine  tiefe  Verstimmung  bei  der  Staatsregierung  vorhanden;  wir  ließen  die
Sache  auf  sich  beruhen,  und  alle  die  zahlreichen  Gesuche,  welche  an  die
Staatsregierung  gebracht  wurden,  sie  solle  ihrerseits  die  Initiative  ergreifen,
wurden  abgelehnt.  So  verging  Monat  auf  Monat,  bis  plötzlich  der  Herr
Minister-Präsident  mitteilte,  daß  die  Herren  Bischöfe  mit  Anträgen  gekommen
seien  unter  dem  Anerbieten  von  Handlungen,  die  sie  ihrerseits  zu  übernehmen
gewillt  wären,  und  wie  Sie  sie  im  Gesetz  ausgesprochen  finden.  Dadurch
        <pb n="18" />
        10  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)

hat  die  Sache  eine  ganz  andere  Wendung  bekommen.  Das  werden  Sie  wohl
aus  der  Vergangenheit  gelernt  haben:  katholischen  Geistlichen  durch  ein  Gesetz
Handlungen  auf  zwingen  zu  wollen,  welche  sie  nicht  freiwillig  thun  wollen
und  die  durch  einen  Dritten  nicht  erfüllt  werden  können,  ist  ein  sehr  gefährliches
  legislatives  Unternehmen.  Ich  würde  also  niemals  den  Finger  dazu
gerührt  haben,  hier  etwas  anderes  in  das  Gesetz  zu  schreiben,  als  was  die
Bischöfe  selbst  angeboten  haben.  Ich  halte  es  für  unmöglich,  daß,  wenn
Bischöfe  derartige  Handlungen  freiwillig  anbieten,  sie  sie  nicht  ausführen.
Wie  liegt  die  Sache  mit  den  Bischöfen?  Die  Bischöfe  empfinden  —  ich
will  keine  Indiskretion  begehen  —  aber  sie  empfinden  die  Schwierigkeit  der
Lage,  in  die  sie  treten,  sicherlich  vollauf.  Wenn  es  ihnen  gelingt,  nach  dieser
hochgradigen  Erregung,  welche  die  vorjährigen  Verhandlungen  herbeigeführt
haben,  Frieden  zu  stiften  auf  diesem  Gebiet,  —  dann  ist  ein  Ziel  erreicht,
welches  vielleicht  ihre  eigenen  Hoffnungen  übertrifft.  Der  Einfluß  der  Bischöfe
  auf  die  Diözesanen  ist  sehr  groß,  aber  die  Interessenten,  die  sich  hier
gemeldet  haben,  sind  zum  Teil  solche,  die  ihrer  Jurisdiktion  nicht  unterliegen;
  unter  den  sogenannten  Rechtsnachfolgern  sind  sehr  viele,  die  sich  in
keiner  Weise  nach  ihrer  katholischen  Lehre  richten.  Die  bürgerlichen  Gemeinden
  im  Rheinland  gehen  auch  ihren  eigenen  Weg,  und  so  fehlt  es  nicht
an  zahlreichen  Interessenten,  auf  welche  die  kirchliche  Disziplin  keinen  Eindruck
  macht.  Es  ist  auch  gar  keine  Möglichkeit,  daß  der  Staat  sich  in  diese
Sachen  einläßt  mit  seinen  Richtern  oder  seinen  Beamten;  denn  das  steht
fest,  daß,  wenn  das  Bemühen  der  Bischöfe  nicht  zur  Befriedigung  der  Interessenten
  führt,  sicherlich  den  Staatsbeamten,  den  Organen  des  Staats
Schuld  gegeben  werden  würde,  daß  der  Zweck  nicht  erreicht  sei.  Ich  bin
bereit,  in  der  Kommission  noch  darüber  weiter  zu  sprechen,  wenn  es  dazu
kommt,  kann  aber  auch  hier  aussprechen:  ich  würde  es  von  meinem  Standpunkt
  bedauern,  wenn  eine  Mehrheit  des  Hauses  sich  dafür  finden  sollte,
daß  der  Staat  mit  seinen  Organen  in  diese  irgendwie  gearteten  Kommissionen
oder  wie  Sie  es  nennen  wollen,  eintritt.  Denn  damit  würden  wir  eine
neue  Gefahr  auf  den  Staat  laden.  Für  die  Bischöfe  liegt  die  Sache  so:
mißlingt  ihren  Organen  die  Befriedigung  der  Interessenten,  dann  kann  man
sagen,  sie  haben  geirrt;  gelingt  es  ihnen,  so  kann  man  sich  freuen.  Die
Bischöfe  kommen  vor  allen  Dingen  auch  in  eine  sehr  schwere  Lage;  sie  werden
natürlich  in  dem  Lichte  stehen,  daß  sie  so  viel  wie  möglich  übrig  behalten
wollen,  und  die  Erfahrungen,  die  wir  auf  dem  Gebiete  der  Allerhöchsten
Genehmigung  von  letztwilligen  Zuwendungen  und  dergleichen  gemacht  haben,
lassen  ganz  klar  erkennen,  daß  auf  dem  Gebiete  von  Mein  und  Dein,  auf
dem  Gebiete  von  Bereicherungen  und  Verlusten  auch  die  Disziplin  innerhalb
der  katholischen  Kirche  nicht  immer  vorhält.  Die  preußischen  Katholiken
genieren  sich  nicht,  auch  wenn  den  bischöflichen  Stühlen  Summen  zugewendet
werden,  ihre  Anträge  an  Se.  Majestät  zu  richten  und  Versagung  der  Genehmigung
  zu  erbitten,  da  sie  benachteiligt  seien.

Ich  kann  sagen:  für  mich  ist  jedes  irgendwie  geartete  Mitwirken  des
Staats  bei  der  Unterverteilung  wie  ein  Eingreifen  in  heißes  Eisen;  ich  bin
bereit,  mich  in  der  zweiten  Lesung  oder  wo  Sie  sonst  wollen,  noch  mit  Ihnen
weiter  über  die  Sache  zu  unterhalten.

Nun  können  Sie  sagen:  Die  Institute  bekommen  ja  auch  sehr  viel
und  die  Institute  sind  ja  bischöflicher  Qualität.  Sieht  man  sich  aber  die
Etats  näher  an,  so  findet  man,  daß  erstens  schon  die  Domkapitel  ausscheiden.
Die  Domkapitulare  und  Domvikare  sind  irdisch  geschaffene  Menschen,  und
die  Fonds,  welche  der  Staat  gibt,  werden  wesentlich  zu  personellen  Zwecken
verwendet.  Von  den  Bischöfen  sind  fast  alle  gestorben,  welche  unter  dem
Sperrgesetz  amtiert  haben,  sogar  zweimal  sind  Bischöfe  gestorben.  (Heiterkeit.)
        <pb n="19" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  24.)  11

—  Ich  meine  natürlich  nicht  dieselbe  Person,  sondern  dasselbe  Bistum.  —
Ebenso  die  Seminarien:  überall  werden  Sie  finden,  daß  das  persönliche
Moment,  Gehalt,  Pension  und  dergleichen  das  Uebergewicht  haben;  Sie  haben
da  nicht  mit  juristischen  Personen  als  solchen,  sondern  innerhalb  der  juristischen
  Personen  mit  personell  Geschädigten  zu  thun.  Ich  glaube  also,  daß
dieser  Konkursus  im  juristischen  Sinne,  welcher  da  eintreten  wird,  ein  recht
unerfreulicher  sein  wird,  ein  so  unerfreulicher,  daß  —  glaube  ich  —  durch
das  Einwirken  des  Staats  nichts  gelindert  und  gebessert  werden  kann.

Es  kommt  nun  allerdings  hinzu  —  und  das,  glaube  ich,  wird  eintreten
  —,  daß  die  Einwirkung  der  Bischöfe  soweit  gehen  wird,  daß  die  heute
noch  lebenden  Geistlichen  vielfach  auf  eine  Befriedigung  ihrer  Ansprüche
verzichten  werden  im  Interesse  der  emeritierten.  Denn  darauf  drängt  die
gesamte  katholische  Geistlichkeit  hin,  daß  für  ihre  Emeritierten  besser  gesorgt
wird,  und  nach  dieser  Richtung  glaube  ich  werden  die  Bischöfe  nach  Mitteilungen,
  die  mir  geworden  sind,  sicherlich  gern  ihre  Einwirkung  eintreten
  lassen.

Nun,  meine  Herren,  knüpfe  ich  wieder  an  an  das  politische  Moment.
Als  mir  das  Anerbieten  der  Bischöfe  kam,  legte  ich  mir  die  Frage  vor:
kann  man  es  annehmen,  und  wenn  man  es  annehmen  kann,  soll  und  darf
man  es  annehmen?  Meine  Herren,  ich  habe  Ihnen  in  kurzen  Worten  meinen
rechtlichen  und  politischen  Standpunkt  zur  Sache  gesagt;  ich  habe  im  ersten
Moment  nach  ruhigem  Nachdenken  gesagt:  man  kann  es  annehmen!  —  und
ich  sage  es  heute  noch:  man  kann  es  annehmen.  Wenn  man  es  nicht  annimmt,
  dann  wird  der  Dorn,  von  dem  ich  im  vorigen  Jahre  sprach,  noch
viel  tiefer  ins  Fleisch  gedrückt,  und  es  wird  immer  schwieriger,  in  der  Materie
  dasjenige  Ziel  zu  erreichen,  das  nach  der  bisherigen  Entwickelung  der
Sache  erreicht  werden  kann,  das  heißt,  daß  der  Staat  im  Interesse  der  katholischen
  Kirche  das  Geld  verwendet.  Wenn  man  nun  zu  der  Ueberzeugung
kommt,  es  ist  politisch  und  rechtlich  möglich,  vielleicht  menschlich  unbequem,
dann  ist  doch  eine  verantwortungsvolle  Staatsregierung  meines  Erachtens
verpflichtet,  über  die  Unbequemlichkeiten  hinwegzusehen  und  das  zu  thun,
was  sie  für  Pflicht  hält.  Ich  räume  ein,  daß  ein  einzelner  Abgeordneter
oder  ein  einzelner  Mensch,  namentlich  wenn  einer  Leitartikel  schreibt,  diese
Erwägung  nicht  anzustellen  braucht,  aber  die  ganze  Verantwortung,  das
ganze  Leben  eines  preußischen  Ministers  spielt  sich  auf  diesem  Gebiete  ab.
Hat  er  die  Ueberzeugung,  daß  eine  Maßregel  politisch  richtig  ist,  rechtlich
möglich,  wenn  auch  sehr  unbequem,  dann  hat  er  meines  Erachtens  die  Pflicht,
mit  seiner  Verantwortung  einzutreten;  ich  wüßte  nicht,  wer  sie  tragen  sollte.
Man  kann  sich  ihr  entziehen,  aber  das  Entziehen  macht  nicht  immer  die
Sache  besser,  und  es  bleibt  dann  doch  der  Vorwurf  übrig,  der  wenigstens
meiner  Natur  nach  am  schwersten  wiegt:  der  Vorwurf  der  Feigheit.  Es  ist
viel  besser,  man  wird  nicht  verstanden,  man  bricht  möglichenfalls  auch  zusammen;
  aber  das  gute  Gewissen,  seine  Pflicht  gethan  zu  haben,  muß  über
alles  weghelfen.

Meine  Herren,  damit  will  ich  schließen:  Ich  persönlich  will  meine
Gefühle  nicht  weiter  schildern;  ich  spreche  ganz  nüchtern  und  ganz  ruhig.
Ich  bin  überzeugt,  wenn  einige  Wochen  ins  Land  gegangen  sind,  werden  Sie
die  Stellung  der  Staatsregierung  und  die  meinige  mehr  würdigen  als  heute.
Sie  brauchen  nicht  zu  sagen:  ich  stimme  mit  dem  Manne  überein;  das  verlange
  ich  nicht;  aber  Sie  können  sagen:  ich  verstehe  den  Mann.

Im  übrigen  aber  kann  ich  sagen:  wenn  ein  versöhnendes  Moment
und  mir  angenehmes  Licht  in  diese  Debatte  fällt,  so  ist  es  die  Stellung  zur
evangelischen  Kirche.  Das  ist  für  mich  die  Last,  an  der  ich  zehn  Jahre
lang  getragen  habe:  die  Ausführung  des  §  54  des  Gesetzes  von  1874.  Es
        <pb n="20" />
        12  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  24.—  Febr.  Anf.)

ist  heute  von  dem  Herrn  Minister-Präsidenten  rund  heraus  erklärt,  daß  die
Regierung  nach  der  Richtung  hin  entgegenkommen  wird,  daß  wir  alle  Kräfte
daran  setzen  werden,  diese  Materie  —  wie  ich  hoffe  —  mit  der  Generalsynode
im  nächsten  Herbst  in  Ordnung  zu  bringen  und  in  dem  nächsten  Jahre
Ihnen  einen  entsprechenden  Gesetzentwurf  vorzulegen.  Wir  haben  über  den
ersten  Gegenstand  der  Tagesordnung  heute  leichthin  verhandelt,  aber  die,
welche  die  Geschichte  des  zuerst  behandelten  Gesetzes  kennen,  werden  sich  erinnern,
  werden  wissen,  was  in  demselben  enthalten  ist.  Mit  dieser  gesetzgeberischen
  Maßregel  und  mit  der  Erklärung  des  Herrn  Minister-Präsidenten
vom  24.  Januar  fängt  meines  Erachtens  eine  neue  Periode  für  die  evangelische
  Kirche  an,  und  das  ist  der  verklärende  Lichtstreif,  der  auf  meine
Thätigkeit  fällt.

Nachdem  Graf  Limburg  im  Namen  eines  Teiles  der  Konservativen
  die  Bereitwilligkeit  erklärt  hat,  über  die  Vorlage  zu  verhandeln,
  während  andere  Redner  (Stöcker,  v.  Zedlitz)  sie  völlig  ablehnen,
  wird  sie  an  eine  Kommission  verwiesen.

24.  Januar.  (Reichstag.)  Die  Abgg.  Auer  und  Gen.  (sozialdemokratische
  Partei)  bringen  im  Reichstage  den  Antrag  ein:  Die
verbündeten  Regierungen  zu  ersuchen,  alsbald  dem  Reichstage  einen
Gesetzentwurf  vorzulegen,  durch  den  die  Uebernahme  der  Verwaltung
  und  des  Eigentums  des  Apothekenwesens  durch
das  Reich  herbeigeführt  wird.  Dem  Antrage  sind  folgende  Motive
beigegeben:

„Der  Uebergang  des  Apothekenwesens  in  Reichsverwaltung  und  Reichseigentum
  ist  die  notwendige  Konsequenz  der  Gesetze  über  Kranken-,  Unfallund
  Invaliditätsversicherung.

Das  Reich  soll  mit  der  Verwaltung  und  Besitznahme  des  Apothekenwesens
  kein  fiskalisches  Interesse  verfolgen,  sondern  die  Medikamente  zum
Selbstkostenpreise  verabreichen."

30.  Januar.  (Stuttgart.)  Die  Abgeordnetenkammer  nimmt
mit  70  gegen  13  Stimmen  die  Verwaltungsreformvorlage
an,  durch  welche  die  Lebenslänglichkeit  der  Ortsvorsteher  beibehalten,
aber  deren  Absetzbarkeit  durch  Schaffung  eines  Disziplinarhofs  für
Beamte  von  Kördperschaften  erleichtert  wird.

31.  Januar.  Eine  Einladung  mit  1300  Unterschriften  aus
allen  Teilen  Deutschlands  fordert  auf,  dem  „Volksverein  für
das  katholische  Deutschland“  beizutreten.  Der  Zweck  des  Vereins
  ist,  die  Irrtümer  und  Umsturzbestrebungen  auf  sozialem  Gebiet
  zu  bekämpfen.

31.  Januar.  Im  Hinterlande  von  Kamerun  findet  ein  Gefecht
  statt  zwischen  den  Europäern  (Forschungs=  und  Handelsexpedition
  unter  Zintgraff)  vereint  mit  5000  Balis  und  feindlichen
Stämmen.  Die  Europäer  müssen  sich  zurückziehen.

Anf.  Februar.  Die  „Berliner  Politischen  Nachrichten“  ver-
        <pb n="21" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  2.)  13

öffentlichen  eine  Erklärung  des  Zentralverbandes  der  Indrustriellen
mit  der  Unterschrift  der  Herren  Schwartzkopff  und  Buek,  worin
angesichts  der  Vertrags-Verhandlungen  mit  Oesterreich-Ungarn
versichert  wird,  daß  „die  deutsche  Industrie  keine  Vorteile  anstrebt,
welche  nur  auf  Kosten  der  Landwirtschaft  erreicht  werden  können.
Wichtiger  als  die  Höhe  der  landwirtschaftlichen  Zölle  ist  die
Erhaltung  genügender  Arbeitsgelegenheit  für  landwirtschaftliche  und
industrielle  Arbeiter,  die  Aufrechterhaltung  der  vaterländischen  Erwerbsthätigkeit
  im  bisherigen  Umfange,  hierin  sind  die  Interessen
von  Landwirtschaft  und  Industrie  solidarisch."“

2.  Februar.  Der  Kaiser  läßt  dem  Magistrat  zu  Berlin

folgendes  Dankschreiben  zugehen:

Der  Eintritt  in  ein  neues  Lebensjahr  gibt  stets  zu  ernster  Selbstprüfung
  Veranlassung,  besonders  in  Meinem  verantwortungsvollen  fürstlichen
Berufe  und  weiß  Ich  es  hochzuschätzen,  wenn  Mir  bei  solchen  Gelegenheiten
durch  treue  Kundgebungen  dargethan  wird,  daß  Meine  auf  die  Wohlfahrt
des  Vaterlandes  gerichteten  Bemühungen  verständnisvolle  Würdigung  finden
und  Mein  Volk  im  Vertrauen  auf  Meine  Führung  unter  Gottes  gnädigem
Schutze  hoffnungsvoll  in  die  Zukunft  blickt.  Diesen  Hoffnungen  und  Gesinnungen
  bin  Ich  zu  Meiner  Freude  auch  in  der  Adresse  des  Magistrats
begegnet,  in  welcher  derselbe  Mir  zu  Meinem  Geburtstage  herzliche  Wünsche
widmet.  Gern  gebe  Ich  daher  dem  Magistrat  Meiner  Haupt=  und  Residenzstadt
  Berlin  für  diesen  erneuten  Ausdruck  treuer  Anhänglichkeit  Meinen
aufrichtigen  Dank  zu  erkennen.

2.  Februar.  Dem  Präsidenten  des  Reichsgerichts  Dr.  von
Simson  wird  die  nachgesuchte  Dienstentlassung  erteilt,  der  Staatssekretär
  des  Reichs-Justizamts  v.  Oehlschläger  wird  zum  Präsidenten
des  Reichsgerichts,  der  Unter-Staatssekretär  im  Reichsamt  des  Innern
  Dr.  Bosse  zum  Staatssekretär  des  Reichs-Justizamts,  der  vortragende
  Rat  in  der  Reichskanzlei  Dr.  v.  Rottenburg  zum  Unter-Staatssekretär
  im  Reichsamt  des  Innern,  sowie  der  vortragende
Rat  im  Auswärtigen  Amt  Goering  zum  vortragenden  Rat  in  der

Reichskanzlei  ernannt.

2.  Februar.  General  von  Leszczynski,  kommandierender
General  des  IX.  Armeekorps,  wird  mit  einer  sehr  gnädig  gehaltenen
Ordre  zur  Disposition  gestellt.  Die  Zeitungen  bringen  Erzählungen,
wonach  die  Verabschiedung  zusammenhänge  mit  einer  angeblich
demonstrativen  Huldigung,  die  der  General  dem  Fürsten  Bismarck
gebracht  habe.

2.  Februar.  Der  Chef  des  Generalstabes,  General  Graf
v.  Waldersee,  wird  von  dieser  Stellung  entbunden  und  zum  kommandierenden
  General  des  IX.  Armeekorps  ernannt.
        <pb n="22" />
        14  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)

Die  Ordre  hat  folgenden  Wortlaut:

Ihrem  Abschiedsgesuch  vom  30.  v.  Mts.  vermag  ich  nicht  zu  entsprechen,
  denn  Ihre  bisher  geleisteten  Dienste  sind  Mir  zu  wertvoll,  als  daß
Ich  schon  jetzt  auf  dieselben  verzichten  möchte.  Ich  habe  Sie  für  den  Fall.
eines  Krieges  zur  Führung  einer  Armee  in  Aussicht  genommen  und  erachte
es  zu  diesem  Zwecke  —  da  Sie  seit  langer  Zeit  dem  Truppendienst  entzogen
gewesen  sind  —  im  Interesse  der  Armee  für  geboten,  Sie  zunächst  an  die
Spitze  eines  Armeekorps  zu  stellen,  wo  Sie  Ihre  vortrefflichen  Führereigenschaften
  zur  Geltung  zu  bringen  in  der  Lage  sein  werden.  Es  wird  Mir
sehr  schwer,  Sie  damit  als  Chef  des  Generalstabes  verlieren  zu  sollen;  indessen
  halte  Ich  Mich  verpflichtet,  Meine  diesbezüglichen  persönlichen  Wünsche
den  eben  erwähnten  Interessen  der  Armee  unterzuordnen.  Indem  ich  Sie
daher  von  der  Stellung  als  Chef  des  Generalstabes  der  Armee  entbinde,
ernenne  ich  Sie  hierdurch,  unter  Belassung  in  dem  Verhältnis  als  Mein
Generaladjutant  und  à  la  suite  Meines  Ulanenregiments  (1.  Hannoversches)
Nr.  13,  zum  kommandierenden  General  des  IX.  Armeekorps.

In  diese  Ihre  neue  Stellung  folgt  Ihnen  Mein  lebhafter  und  herzlicher
  Dank,  nicht  nur  für  Ihre  Mir  persönlich  stets  bethätigte  treue  Hingebung,
  sondern  auch  für  die  hervorragenden  Dienste,  welche  Sie  als  Chef
des  Generalstabes  Mir  und  der  Armee  geleistet  haben.  Ich  gedenke  hierbei
der  trefflichen  Unterweisungen,  durch  welche  Sie  Mich  seinerzeit  mit  den
umfassenden  Aufgaben  des  Generalstabes  vertraut  gemacht,  und  hebe  hervor
die  energische  Durchführung  der  Organisation  des  Generalstabes,  die  umsichtige
  Heranbildung  der  Offiziere  desselben,  die  zweckmäßigen  Vorarbeiten
für  eine  etwaige  Verwendung  der  Truppen  im  Felde  und  die  noch  bei  den
letzten  Manövern  vor  Mir  besonders  hervorgetretenen  ausgezeichneten  Leistungen
  in  Anlage  großer  Truppenübungen.

An  Meinem  unlängst  begangenen  Geburtstagsfeste  habe  Ich  Ihnen
bereits  durch  Verleihung  des  Groß-Komthurkreuzes  Meines  Hausordens  von
Hohenzollern  Meinen  Königlichen  Dank  für  alle  Ihre  hohen  Verdienste  zu
erkennen  gegeben  und  lasse  es  Mir  zur  angenehmen  Pflicht  gereichen,  diesen
Dank  aus  vollem  Herzen  in  dem  Augenblicke  zu  wiederholen,  wo  Sie  an
die  Spitze  desjenigen  Armeekorps  treten,  welches  Mir  vermöge  seiner  Beziehung
  zur  Heimatprovinz  Ihrer  Majestät  der  Kaiserin  und  Königin,  Meiner
vielgeliebten  Gemahlin,  besonders  nahe  steht.  Ich  verbinde  damit  den  Ausdruck
  der  Ueberzeugung,  daß  Sie  in  Ihrer  nenen  wichtigen  Stellung  volle
Befriedigung  finden  und  den  hohen  Erwartungen  entsprechen  werden,  die
Ich  jederzeit  an  Ihre  Begabung,  Ihren  Eifer  und  Ihre  Pflichttreue  zu  stellen
gewohnt  gewesen  bin.

3.  Februar.  Der  Deutsche  Landwirtschaftsrat  hält  eine
Sitzung  in  Berlin  und  beschließt  einstimmig,  daß  die  Beibehaltung
der  vollen  agrarischen  Zölle  notwendig  sei.

3.—6.  Februar.  (Reichstag:  Kolonialdebatten.)  Der
Reichskanzler  erklärt  am  3.,  daß  er  „nicht  zu  den  Kolonialenthusiasten
gehöre“  und  hält  am  4.  über  Südwest-Afrika  folgende  Rede:

Auch  ich  stehe  dieser  südwestafrikanischen  Kolonie  kühl  gegenüber  und
bekenne,  daß  sie  mir  schon  manche  Sorgen  gemacht  hat.  Es  ist  bei  der  Entstehung
  unserer  Kolonien,  die  ja  zum  großen  Teil  Kinder  des  Gefühls  und
der  Phantasie  sind,  nur  zu  natürlich,  daß  plötzliche  Umschläge  in  der  Wertschätzung
  kommen,  und  wie  man  Südwest-Afrika  vor  Jahren  als  eine  Art
von  Paradies  schilderte,  in  das  Hunderttausende  von  arbeitslosen  Deutschen
        <pb n="23" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.  —6.)  15

auswandern  könnten,  in  dem  Gold  und,  ich  weiß  nicht,  was  sonst  alles  auf
der  Hand  lag,  ist  man  jetzt  in  ein  pessimistisches  Extrem  nach  der  anderen
Seite  umgeschlagen.  Die  gegenwärtige  Kolonialregierung  hält  an  den  Traditionen
  ihrer  Vorgängerin  auch  in  Bezug  auf  diese  Kolonie  fest;  wir  verfolgen
  dieselben  Ziele,  wie  sie  in  früheren  Jahren  verfolgt  worden  sind.  Ich
will  sie  nicht  damit  ermüden,  zu  verlesen  etwa  die  Motive  für  das  Gesetz
vom  2.  Februar  1889,  durch  das  der  Reichskommissar  in  Ost-Afrika  eingesetzt
  wurde,  in  denen  gauz  klar  ausgesprochen  worden  ist,  wie  die  verbündeten
  Regierungen  das  Verhältnis  der  Regierung  in  den  Kolonien  zu  den
Weißen  und  zu  den  Eingeborenen  sich  denken.  Genau  auf  diesen  Grundsätzen
  fußend  find  diejenigen  Instruktionen  gegeben  worden,  die  der  Civil-=beamte
  und  der  Offizier  in  Südwest-Afrika  erhalten  haben.  Diese  Instruktionen
  gehen  im  ganzen  darauf  aus,  daß  sie  die  Weißen  zu  schützen,  sich
aber  in  Händel  der  Eingeborenen  nicht  zu  mischen  haben.  Nach  diesen  Instruktionen
  ist  früher  und  auch  jetzt  verfahren  worden.  Ich  komme  nachher
noch  darauf  zurück.

Man  hat  weiter  die  Frage  gestellt,  wie  die  verbündeten  Regierungen
sich  dann  stellen  würden  zu  der  Zulassung  ausländischer  Gesellschaften.  Wir
haben  nichts  dagegen  und  haben  das  durch  die  That  an  vielen  Orten  bewiesen,
  sind  auch  durch  Verträge  dazu  verpflichtet,  andere  als  Deutsche  in
unseren  Kolonien  thätig  zuzulassen.  Indessen  darin  weiche  ich  doch  von  dem
Herrn  Abg.  Dr.  Hammacher  ab:  wenn  es  schließlich  so  weit  käme,  daß  eine

Kolonie  nur  durch  Nichtdeutsche  exploitiert  würde,  so  würde  ich  der  Meinung
  sein,  daß  der  deutsche  Schutz  gegenstandslos  geworden  ist;  denn  was
haben  wir  für  ein  Interesse,  Geld  und  Ehre  zu  engagieren  für  Nichtdeutsche ?  
(Sehr  richtig!)

So  weit  ist  die  Sache  indessen,  was  Südwest-Afrika  angeht,  noch
nicht  gekommen.  Die  Zahl  der  Deutschen,  die  bis  jetzt  dort  thätig  sind,  ist
allerdings  sehr  gering,  aber  wir  brauchen  zur  Zeit  die  Hoffnung  noch  nicht
aufzugeben,  daß  sich  dies  Verhältnis  ändern  wird.

Es  sind  im  Augenblick  Verhandlungen  mit  einer  Gesellschaft  im  Gange,
und  wenn  nicht  im  letzten  Augenblick  Störungen  eintreten,  haben  wir  die
Hoffnung,  daß  sie  perfekt  werden,  da  die  Gesellschaft,  im  wesentlichen  aus
Deutschen  mit  deutschem  Kapital  zusammengesetzt,  mit  ihrem  Besitz  in  Deutschland
  gegründet,  sich  die  Aufgabe  stellen  wird,  einen  Teil  der  Dinge  zu  übernehmen,
  die  bisher  in  den  Händen  der  südwestafrikanischen  Gesellschaft  waren.
Ich  kann  bei  dem  Stande  der  Berhandlungen  mich  auf  Einzelheiten  nicht
einlassen,  kann  mich  aber  der  Hoffnung  hingeben,  daß,  wenn  dieser  Vertrag
zu  stande  kommt,  die  deutschen  Interessen  in  einer  gedeihlichen  Weise  in
Südwest-Afrika  sich  werden  entwickeln  können,  und  daß  damit  jeder  Grund
für  die  Regierung,  der  Gesellschaft,  die  sich  gründet,  oder  denen,  die  sich  noch
gründen  werden,  die  Bestätigung  zu  versagen,  wegfällt;  denn  wenn  mein
Amtsvorgänger,  ebenso  wie  ich  bisher,  Gesellschaften  die  Genehmigung,  in
Südwest-Afrika  sich  zu  etablieren,  versagt  hat,  so  geschah  es,  weil  es  vorwiegend
  nichtdeutsche  Gesellschaften  waren.  Der  Herr  Abg.  Dr.  Hammacher

hat  an  mich  die  Anfrage  gerichtet,  ob  ich  die  Absicht  hätte  oder  gehabt

hätte,  Südwest-Afrika  zu  verkaufen,  da  es  in  Zeitungen  gestanden  hat.  Ich

habe  wirklich  geglaubt,  bei  meiner  Enthaltsamkeit  in  Bezug  auf  die  Presse
nachgerade  über  derartige  Fragen  fort  zu  sein.  Wenn  ich  auf  alles  das  erwidern
  wollte,  was  in  der  Presse  steht,  so  hätte  ich  viel  zu  thun,  und  diese
Nachricht  gehört  genau  in  den  Kreis  der  massenhaften  Fabeln,  die  heute
verbreitet  werden.  (Sehr  gut!)

Wenn  dies  nun  der  Standpunkt  der  verbündeten  Regierungen  ist,  so
ist  weiter  die  Frage  angeregt  worden,  ob  das  nun  für  alle  Zeiten  so  wäre.
        <pb n="24" />
        16  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)

Ja,  mir  fehlt  die  prophetische  Gabe,  und  wenn  ich  von  Kolonien  rede,  so
möchte  ich  noch  vorsichtiger  sein,  als  wenn  ich  sonst  von  der  Zukunft  rede.
Ich  kann  nur  sagen:  Das  ist  der  Standpunkt  der  Regierungen  heute.  Von
diesem  Standpunkt  haben  sie  die  Vorlage  eingebracht  und  wünschen,  daß  sie
genehmigt  werde.  Man  ist  nun  auf  das  Verhältnis  der  Schutztruppe  zu
Witboy  gekommen.  Die  Schutztruppe  besteht  aus  40  bis  50  anfangs  beritten
gewesenen,  nachgerade  aber  unberitten  gewordenen  Polizisten.  (Heiterkeit.)

An  der  Spitze  der  Schutztruppe  steht  ein  vorzüglicher  Offizier,  der
Hauptmann  von  Frangois,  dem  ich  das  Zeugnis  ausstellen  muß,  im  Gegensatz
zu  manchen  Anfeindungen,  die  er  erfahren  hat,  und  denen  ja  jede  Polizei,
vollends  eine  Polizei  unter  braunen  Menschen  ausgesetzt  ist  (Heiterkeit),  daß
er  seinen  Funktionen  vorzüglich  genügt  und  seine  Instruktionen  unter  den
schwierigsten  Verhältnissen  genau  befolgt  hat.  Er  ist  preußischer  Offizier,
und  ich  weiß  aus  seinen  Berichten,  daß  es  ihm  viel  schwerer  geworden  ist,
nicht  zu  schießen,  als  zu  schießen.  Er  hat  aber  seine  Instruktionen  befolgt,
und  ich  habe  gar  keinen  Anlaß,  diese  Instruktionen  zu  äudern,  sondern  ich
habe  sie  von  neuem  bestätigt  und  ihm  eingeschärft;  denn  was  soll  entstehen,
wenn  diese  50  Polizeisoldaten  sich  in  den  Streit  von  Völkerschaften  einmischen,
  die  auf  der  einen  Seite  60,000,  auf  der  anderen  Seite  vielleicht
12,000  Mann  zählen?  Im  südlichen  Teile  unseres  Schutzgebietes  ist  ein
Mann  auferstanden,  halb  Prophet  und  halb  Krieger,  Witboy  mit  Namen.
Er  hat  sicherlich  das  Talent,  seine  Umgebung  zu  begeistern  und  fortzureißen.
Er  hat  eine  Truppe  zu  stande  gebracht  von  400  bis  500  Mann,  zum  größten
Teil  beritten,  alle  mit  Hinterladern  bewaffnet  und  dank  der  Freundlichkeit
unserer  Nachbarn  in  Südwest-Afrika  auch  reichlich  mit  Munition  versehen.
(Hört,  hört!)

Mit  dieser  seiner  Truppe  hat  er  sich  in  ein  Felsennest  zurückgezogen,
Hornkranz  genannt,  und  in  dem  lebt  er,  und  wenn  ihn  der  Hunger  treibt,
macht  er  Ausfälle.  So  ist  er  denn  im  Herbst  vorigen  Jahres  in  das  Land
der  Hereros  gezogen,  um  denen  die  Herden  wegzutreiben.  Das  ist  ihm  auch
im  vollen  Umfange  geglückt.  Nun  sagt  der  Herr  Abg.  Hammacher:  Da  hat
die  deutsche  Schutztruppe  mit  Gewehr  bei  Fuß  dabei  gestanden.  Nun  möchte
ich  Sie  einmal  bitten,  sich  die  Konsequenzen  auszumalen,  wenn  die  deutsche
Schutztruppe  nicht  mit  Gewehr  bei  Fuß  gestanden  hätte,  sondern  das  Schießen
gekriegt  hätte  (Heiterkeit),  was  sollen  denn  50  Hinterlader  gegen  400  bis
 500 ?  Nun  will  ich  den  Deutschen  sehr  hoch  rechnen,  und  die  Schießausbildung
  der  Hottentotten  sehr  niedrig  anschlagen:  auf  die  Dauer  kommt
aber  doch  einmal  der  Moment,  wo  von  dem  schlechtest  gezielten  Feuer  eine
solche  Zahl  von  Schüssen  trifft,  daß  50  Leute  vom  Erdboden  verschwinden.
Der  Hauptmann  von  Frangois  hat  das  nicht  so  angesehen,  er  sagt:  Ich
würde  sehr  gern  losschlagen,  ich  würde  einen  entscheidenden  Schlag  gegen
den  Mann  riskieren.  Ich  muß  mir  aber  sagen:  Wenn  dieser  brave  Mann
den  entscheidenden  Schlag  riskiert  und  er  siegt  nun,  was  ist  dann  die  Folge?
Wie  viel  Mann  wird  er  von  der  Schutztruppe  dann  noch  übrig  haben?  Was
macht  er,  wenn  der  Witboy  wieder  in  seine  Feste  zurückgeht?  Zernieren
kann  er  sie  nicht.  Wie  will  er  die  50  Mann  verwenden,  um  sich  im  Lande
nur  so  lange  zu  halten,  bis  wir  ihm  eine  neue  Unterstützung  schicken?

Nun  ist  die  Frage  angeregt:  kann  man  nicht  diese  unsere  Freunde,
die  Hereros,  bewegen,  sich  mit  Hauptmann  von  Frangois  zu  verbünden?
Nun  sagt  letzterer  selbst,  er  dankt  für  diese  Bundesgenossenschaft  (Heiterkeit),
und  ich  glaube,  er  hat  recht.  Zunächst  kommt  dabei  eine  Schwierigkeit  in
Betracht,  die  das  Land  bietet:  Größere  Abteilungen  sind  sehr  schwer  auf
dem  Wege  der  Regquisition  in  Südwest-Afrika  zu  ernähren  und  oft  noch
schwerer  zu  tränken;  mit  der  Zahl  der  Streiter,  wenn  es  nicht  vollwertige
        <pb n="25" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)  17

Menschen  sind,  wächst  der  Ballast  einer  solchen  Expedition,  und  Herr  von
Francois  hat  für  die  Vermutung,  daß  diese  Hereros  nur  Ballast  sein  würden,
  auch  insofern  eine  Berechtigung,  als  sie  sich  bisher  —  ich  will  dem
Ehrgefühl  der  Hereros  nicht  zu  nahe  treten  (Heiterkeit)  —  durch  einen  hohen
Grad  von  Vorsicht  ausgezeichnet  haben.  (Große  Heiterkeit.)

Auch  bei  den  Ereignissen  im  September  ist  keinem  Weißen  ein  Haar
gekrümmt  worden,  so  viel  Respekt  hat  der  Witboy  vor  den  Weißen  gehabt.
Er  hat  das  Haus  keines  Weißen  betreten,  er  hat  nicht  aus  der  Pfütze  getränkt,
  von  der  Hauptmann  von  Frangois  behauptete,  sie  gehöre  ihm.  Trotzdem
  haben  die  Hereros  sich  wenig  oder  gar  nicht  gerührt,  sondern  sie  haben
es  vorgezogen,  in  die  Häuser  der  Weißen  zu  laufen,  um  da  Schutz  zu  finden,
statt  sich  zu  wehren,  obwohl  sie  eine  Bevölkerung  sind,  die  im  ganzen
60,000  Mann  zählt.

Daß  wir  also,  solange  nicht  deutsche  Interessen  in  Südwest-Afrika
in  größerem  Umfange  engagiert  sind,  keinen  Grund  haben,  deutsches  Blut
für  die  Hereros  zu  vergießen,  ist  mir  zweifellos;  um  so  zweifelloser,  als  bei
den  Ereignissen  in  Otjimbimgue,  auf  die  der  Herr  Abg.  Hammacher  anspielte,
  bei  denen  der  Engländer  Lewis  beteiligt  war,  dieselben  Hereros  sich
gegen  uns  recht  unschön  benommen  haben.  Nichtsdestoweniger  würde  ich  einer
Vermehrung  der  Schutztruppe  nicht  abgeneigt  sein,  immer  aber  unter  der
Voraussetzung,  daß  erst  mehr  zu  schützen  da  ist.  Man  hat  mich  wiederholt
angegangen  und  gesagt:  „Ja,  mein  Gott,  was  wollen  Sie?  Wie  sollen  wir
uns  in  Südwest-Afrika  niederlassen:  Wir  finden  dort  keinen  Schutz!  Erst
bringen  Sie  einmal  eine  Truppenmacht  hin,  die  uns  garantiert,  daß  wir
dort  ungestört  arbeiten  können!“  Ich  kann  das  nicht  acceptieren;  ich  bleibe
bei  dem  Grundsatz,  auf  dem  mein  Herr  Amtsvorgänger  gestanden  hat:  Erst
muß  etwas  zu  schützen  sein,  und  dann  kommt  die  Truppe  hin;  denn  wenn
wir  an  diesem  Grundsatz  nicht  festhalten,  dann  wäre  das  eine  Schraube
ohne  Ende,  und  wir  bekämen  ein  Armeekorps  von  Kolonialtruppen,  die  über
ganz  Afrika  zerstreut  wären.  (Sehr  richtig!  links.)

Wir  wollen  nun  in  Ruhe  abwarten,  wenn  das  hohe  Haus  die  Anträge
  der  Regierung  genehmigt,  wie  dieses  Jahr  verlaufen  wird.  Wir  sehen
dieses  Jahr  nur  als  ein  Versuchsjahr  an;  wir  können  eben  nicht  in  die
Zukunft  sehen,  wir  haben  aber  nicht  den  mindesten  Grund,  an  der  Zukunft
zu  zweifeln,  denn  in  dem,  was  der  Herr  Abg.  Hammacher  in  Bezug  auf
die  Zukunft  von  Minen  sagt,  kann  ich  ihm,  gestützt  auf  meine  Kenntnis
südafrikanischer  Verhältnisse,  die  übrigens  wahrscheinlich  auf  denselben  Büchern
basiert,  wie  die  seine,  nur  zugeben:  man  kann  nicht  wissen,  was  aus  diesen
Kolonien  nicht  alles  noch  einmal  wird,  sobald  man  Zeit  hat  und  Kapital
hineinzustecken  geneigt  ist.  Der  gegenwärtige  Zustand  wird  nicht  haltbar
sein;  geben  Sie  uns  aber  ein  Jahr  Zeit,  dann  werden  wir  in  der  Lage
sein,  klarer  zu  sehen  und  beurteilen  zu  können,  was  weiter  werden  soll.
(Bravo ! )

Am  5.  Februar  äußert  der  Reichskanzler  über  Ost-Afrika:

Die  Aeußerungen  des  Herrn  Abg.  Grafen  Mirbach,  so  nachsichtig  sie
für  die  Personen,  die  die  Ehre  haben,  die  jetzige  Regierung  zu  vertreten,  sind,
nötigen  mich  doch,  näher  einzugehen  auf  unser  jetziges  Verhältnis  zu  Ost-Afrika,
  der  bedeutendsten  und,  wie  ich  annehmen  darf,  derjenigen  unserer
Kolonien,  die  hier  in  und  außer  dem  Hause  das  meiste  Interesse  in  Anspruch
nimmt,  weil  in  dieser  Aeußerung  doch  eine  Kritik  der  Regierung  lag.

Herr  Graf  Mirbach  sagt  zwar:  das,  was  geschehen  wäre,  würde,  wie
er  hoffe,  das  Ansehen  der  Regierungen  nicht  alterieren.  Ich  habe  die  Besorgnis
  auch  nicht,  aber  er  sprach  da  einen  Tadel  aus,  der  gestern  in  einer

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII                                              2
        <pb n="26" />
        18  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)

etwas  indirekteren,  aber  vielleicht  noch  schärferen  Form  von  Herrn  von  Kardorff
  ausgesprochen  ist,  der  aussprach,  er  könne  jetzt  nicht  mehr  sich  für  die
Kolonialpolitik  enthusiasmieren  —  ich  weiß  nicht,  ob  das  der  Ausdruck
war  —,  früher  hätte  er  es  gethan;  seit  man  aber  Witu  und  das  Protektorat
über  Sansibar  aufgegeben  habe,  sei  ihm  die  Sache  nichts  mehr  wert.  Das
ist  ein  unendlich  schwerer  Vorwurf  für  die  Regierung,  wenn  deren  Verhalten
so  gewesen  sein  sollte,  daß  so  patriotische  Männer  nicht  mehr  in  der  Lage
sind,  sich  für  einen  so  wesentlichen  Zweig  unseres  öffentlichen  Lebens  zu  interessieren.
  Und  wenn  die  Regierung  daran  die  Schuld  trüge,  so  müßte  sie
allerdings  sehr  große  Fehler  gemacht  haben.  Ich  werde  versuchen,  von
meinem  Standpunkt  aus  nachzuweisen,  daß  das  nicht  geschehen  ist.  Ich  bin
zu  diesem  Versuch  umsomehr  veranlaßt,  als  nach  dem  deutsch-englischen  Abkommen
  ein  thatsächlicher  Entrüstungssturm  durch  die  Presse  ging  gegen  diese
Regierung,  für  die  kaum  ein  Attribut  scharf  genug  war.

Verzeihen  Sie  mir,  wenn  ich  etwas  weiter  aushole  und  mit  der  Frage
anfange:  was  fanden  wir  denn  vor  einem  Jahre  in  Bezug  auf  Ost-Afrika
vor?  Wir  fanden  in  Ost-Afrika  zwei  deutsche  Schutzgebiete:  Witu  und  das
von  der  Deutsch-Ostafrikanischen  Gesellschaft  erworbene  Ost-Afrika.  Diese
beiden  Gebiete  waren  durch  eine  breite  Zone  anderen  Gebiets  voneinander
getrennt.  Unser  eigenes  Ost-Afrika  gliederte  sich  in  die  10  Seemeilen  breite
Küste,  auf  der  die  Flagge  des  Sultans  von  Sansibar  unangefochten  nach
wie  vor  wehte.  Es  folgte  dann  das  Schutzland,  in  dem  die  Ostafrikanische
Gesellschaft  einen  gewissen  Einfluß  übte,  und  endlich  die  Interessensphäre.
Dieser  Interessensphären  waren  wieder  zweierlei:  einmal  die  anerkannt  deutsche
Interessensphäre,  an  die  England  keinen  Anspruch  machte,  und  dann  die  sogenannten

  strittigen  Interessensphären,  von  denen  eine  im  Norden  und  eine
im  Süden  der  anerkannten  deutschen  Interessensphäre  lag.  Im  Lande  war
Kriegszustand:  der  Major  von  Wißmann,  auf  Grund  der  Vollmachten,  die
er  bekommen  hatte,  suchte  das  Land  zu  pazifizieren.  Handel  und  Wandel
lagen  darnieder,  die  sogenannten  Städte,  also  die  kleinen  Anhäufungen  von
Wohnungen,  die  da  existierten,  waren  zum  größten  Teil  niedergebrannt.  Ich
glaube,  es  hatte  bis  dahin  nur  eine  einzige  Plantage  den  Anfang  gemacht,
zu  existieren;  sie  existiert  auch  nicht  mehr,  und  in  Sansibar  stritt  sich  deutscher
und  englischer  Einfluß  darum,  wer  heute  oder  morgen  das  Ohr  des  Sultans
von  Sansibar  hätte.  Das  war  ein  Zustand,  so  schlimm,  wie  er  nur  sein
konnte,  der  herbeigeführt  war  nicht  durch  ein  Verschulden  der  früheren  Regierung.
  Ich  will  auch  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft  keinen  Vorwurf
machen.  Es  war  ein  Zustand,  der  sich  ohne  Zuthun  unsererseits  aus  den
Verhältnissen  entwickelt  hatte.  Es  mußte  nun  eine  der  ersten  Fragen  der
Regierung  sein:  wie  stellen  wir  uns  den  Dingen  gegenüber?  Schon  unter
meinem  Amtsvorgänger  waren  Verhandlungen  eingeleitet  worden,  die  dahin
gingen,  mit  England  zu  einem  erträglichen  modus  vivendi  zu  kommen.  Die
Verhandlungen  hatten  aber  noch  nicht  begonnen.  Am  2.  Mai  v.  J.  gab
Se.  Majestät  der  Kaiser  für  die  Verhandlungen  der  ostafrikanischen  Angelegenheiten
  im  Immediatvertrage  die  Entscheidung,  daß

1.  die  für  Kolonialzwecke  verfügbar  zu  machenden  Mittel  in  erster
Linie  auf  Ost-Afrika  zu  verwenden  sind;

2.  daß  in  den  jetzt  beginnenden  Verhandlungen  mit  England  auf
Anerkennung  der  deutschen  Ansprüche  auf  die  strittigen  Interessensphären,
zunächst  auf  die  nördliche,  dann  die  südliche,  hingewirkt  werde,  und  daß  im
Notfall  das  Preisgeben  von  Wituland  bis  Kismaju,  vorbehaltlich  der  Befriedigung
  etwaiger  berechtigter  Ansprüche  der  dort  interessierten  Deutschen,
als  Kompensation  zulässig  sei;
        <pb n="27" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)  19

3.  daß  der  Uebergang  der  Hoheitsrechte  in  dem  innerhalb  der  deutschen
  Zone  liegenden  Küstenstriche  auf  das  Deutsche  Reich  angestrebt  werde;

4.  daß  die  Umwandlung  der  Truppe  des  Reichskommissars  Wißmann
in  eine  Kaiserlich  deutsche  Truppe  zu  bewirken  sei;

5.  daß  die  Schaffung  einer  über  dem  Reichskommissar  und  den  sonst
beteiligten  deutschen  Behörden  und  Korporationen  stehenden  Zentralstelle
mit  dem  Sitz  auf  dem  Festlande  ins  Auge  zu  fassen  und

6.  daß  die  Uebernahme  der  Verwaltung  des  Küstenstriches  und  des
Schutzgebietes  in  die  unmittelbare  Reichsverwaltung  zu  betreiben  sei.

Nach  diesen  Allerhöchsten  Direktiven  nun  —  ich  wiederhole,  sie  sind
unter  dem  2.  Mai  v.  J.  gegeben  worden  —  ist  die  deutsche  Regierung  vorgegangen,
  nicht  einen  Schritt  davon  sind  wir  abgegangen,  und  noch  heute
steht  die  Kolonialregierung  auf  dem  Boden  dieser  Direktive.  Es  war  notwendig,
  daß  solche  Direktive  gegeben  wurde  und  daß  man  sich  klar  wurde,
was  denn  eigentlich  geschehen  sollte;  denn  dieser  Zustand,  in  dem  wir  lebten,
war  eben  unerträglich;  wir  mußten  heraus  aus  ihm,  und  das  war  eine  der
wesentlichsten  Schwierigkeiten,  die  uns  beim  Abschluß  des  Vertrages  mit
England  entgegentraten.  England  hatte  Zeit  und  war  nicht  begehrlich.  Gesättigt
  von  reichen  Kolonien,  spielte  etwas  mehr  Witu  oder  Sansibar  für
England  nicht  die  Rolle  wie  für  uns,  wo  ja  durch  die  Teilnahme  der  Nation
an  diesen  Dingen  die  Kolonien  für  uns  einen  idealen  Wert  gewonnen  hatten,
von  dem  in  England  keine  Rede  war.

Eine  weitere  Erschwerung  der  Verhältnisse  bei  den  Verhandlungen
lag  darin,  daß  man  mit  Dingen  zu  thun  hatte,  die  geographisch  und  rechtlich
  zum  großen  Teil  nicht  definierbar  waren.  Es  handelte  sich  um  ganz
unbekannte  und  unbenannte  Größen.  Es  kam  hinzu,  daß  England  dem
Sultan  von  Sansibar  gegenüber  die  stärkere  Stellung  einnahm.  England
ist  dort  seit  Anfang  des  Jahrhunderts  thätig  gewesen,  und  wenn  ich  gern
anerkenne,  daß  die  deutschen  politischen  Agenten,  welche  in  Sansibar  thätig
waren,  es  dort  bis  zu  einem  gewissen  Grade  von  Einfluß  gebracht  hatten,
so  war  der  Engländer  doch  der  Stärkere  dem  Deutschen  gegenüber.  Das
deutsche  Element  auf  der  Insel  und  in  der  Stadt  Sansibar  hatte  zugenommen,
ein  starker  Zulauf  von  zum  Teil  fragwürdigen  deutschen  Elementen  hatte
stattgefunden,  und  dies  Vorhandensein  der  Deutschen  war  den  Verhandlungen
und  unserem  Verhältnis  zum  Sultan  schon  seit  langem  nicht  mehr  förderlich
  gewesen.  Die  Deutschen  waren  mehr  laut  als  einflußreich  dort.  So
traten  wir  unter  nicht  leichten  Verhältnissen  in  Unterhandlungen  mit  England
  ein.  Ich  werde  nachher  darauf  zurückkommen,  was  wir  damals  erreicht
haben.  Ich  bin  noch  heute  der  Ueberzeugung,  die  ich  beim  Abschluß  der
Verhandlungen  hatte,  daß,  wenn  wir  von  dem  Werte  von  Helgoland  absehen
  und  von  der  Frage,  inwieweit  sich  unser  Verhältnis  zu  England  dadurch
gebessert  hat,  der  Vertrag  für  uns  vorteilhaft  war.  (Sehr  richtig!  links.)

Ich  will  mir  nun  erlauben,  die  wesentlichsten  Vorwürfe,  die  dagegen
erhoben  worden  sind,  durchzugehen.  Eine  Menge  Kleinigkeiten  fasse  ich  unter
einen  Vorwurf  zusammen:  Ihr  habt  nicht  genug  gekriegt;  und  in  der  deutschen
  Presse  ging  man  so  weit,  zu  sagen,  der  brave  deutsche  Michel  hätte
sich  von  dem  perfiden  Albion  übers  Ohr  hauen  lassen  und  wäre  nur  mit
einem  kleinen  Stück  der  Beute  nach  Hause  gekommen.  Ein  fremder  Staatsmann
  soll  die  Aeußerung  während  der  Verhandlung  gethan  haben:  „Gott,
wenn  man  nur  Deutschland  ganz  Afrika  geben  könntel!“  In  dem  Ausspruch
liegt  die  Anerkennung,  daß  die  Sache  doch  irgendwo  eine  Grenze  haben
müßte.  Man  hatte  die  Theorie  des  Hinterlandes  erfunden  und  war  in  deren
Anwendung  nicht  sparsam  gewesen.  Nun  mußte  sich  die  Kolonialregierung
aber  doch  die  Frage  vorlegen:  was  können  wir  auf  die  Dauer  halten?!  wie

                                                            2“
        <pb n="28" />
        20  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.  6.)

weit  reichen  unsere  Kräfte ?  wie  weit  reicht  das  Geld,  was  Deutsche  in  Kolonien
  anzulegen  gesonnen  sind,  und  wie  weit  reicht  unser  Menschenmaterial,
was  in  den  Kolonien  verwendbar  ist?  Und  da,  bin  ich  der  Meinung,  war
von  Hause  aus  eine  Schwäche  unserer  Kolonialpolitik  —  und  ich  betone
wiederum  ausdrücklich,  um  jedem  Mißverständnis  vorzubeugen:  ich  übe  hiermit
  keine  Kritik  an  meinem  Amtsvorgänger  —,  das  lag  in  der  öffentlichen
Meinung,  in  den  Verhältnissen,  wie  die  Kolonien  bei  uns  geboren  wurden.
Man  hatte  nämlich  an  zu  vielen  Stellen  gleichzeitig  angefangen  und  hatte
nun  beide  Hände  voll  mit  Dingen,  die  man  zu  verwerten  nicht  im  stande
war,  weil  man  weder  Geld  noch  Menschen  dafür  hatte.  Ist  diese  meine
Ansicht  richtig,  so  folgt  weiter,  daß  über  eine  gewisse  Grenze  hinaus  jede
Vermehrung  des  Umfangs  unserer  Besitzungen  in  den  Kolonien  zu  einer
Schwächung  werden  mußte;  denn  wenn  wir  doch  nicht  die  Kraft  hatten,  das
zu  verwalten  und  zu  halten,  was  wir  gewonnen  hatten,  so  mußte  in  dem
Mehrnehmen  Maß  gehalten  werden,  sonst  wuchs  die  Schwäche.

Von  den  zahlreichen  einzelnen  Punkten,  die  bemängelt  worden  sind,
ist  mancher  schon  der  Vergessenheit  anheimgefallen.  Zwei  sind  von  den  Herrn
Abgg.  Graf  Mirbach  und  v.  Kardorff  ausdrücklich  erwähnt  worden,  und  ich
erlaube  mir  deshalb,  näher  auf  sie  zurückzukommen.  Sie  hatten  immer  bis
dahin  in  der  öffentlichen  Meinung  noch  einen  dritten  Kollegen,  den  ich  aber
jetzt,  nachdem  er  hier  nicht  erwähnt  ist,  für  abgethan  halten  darf:  die  Walfischbai.
  Die  beiden,  welche  jetzt  noch  genannt  wurden,  sind  Witu  und
Sansibar.

Nun,  was  ist  Witu?  Meine  Herren,  in  der  Denkschrift,  die  die
Kolonialregierung  veröffentlicht  hat  am  29.  Juli  im  „Staats-Anzeiger“",  hat
sich  die  Regierung  mit  derjenigen  Vorsicht,  die  durch  unser  Verhältnis  zu
England  und  zu  den  Gesellschaften,  welche  in  ihrer  Thätigkeit  und  in  ihren
Einnahmen  nicht  zu  beeinträchtigen  die  Regierung  nicht  allein  ein  Interesse
hatte,  sondern  die  zu  schützen  sie  verpflichtet  war,  —  also  mit  derjenigen
Vorsicht,  die  diese  Rücksichten  geboten,  hat  sich  die  Regierung  ausgesprochen.
Es  steht  da  auch  ungefähr  zu  lesen,  was  sie  über  Witu  denkt.  Da  ich  nun
doch  annehmen  muß,  daß  das,  was  da  steht,  den  Herren  nicht  genügt  hat,
daß  sie  immer  noch  meinen,  Witu  muß  für  ein  hinreichend  kulturfähiges  und
und  wohl  zu  erwerbendes  Land  angesehen  werden,  so  will  ich  mir  erlauben,
aus  dem  Geschäftsbericht  der  damals  noch  agierenden  Witugesellschaft  folgendes
vorzulesen.  Sie  bemerkt,

daß  sie  auch  dem  Plantagenbau  —

darauf  war  sie  nämlich  aufmerksam  gemacht  worden  —

die  ihm  gebührende  Aufmerksamkeit  gewidmet  habe,  daß  derselbe  aber,
wenn  nicht  durch  Sklavenarbeit  erfolgend,  sich  unrentabel  erweise.  Der
Wert  der  Ernten  reiche  nicht  einmal  hin,  um  die  Aufseher  und  Arbeiter
zu  ernähren  und  zu  lohnen,  geschweige  denn  einen  Gewinn  einzubringen.
Einige  Kokospalmenplantagen  seien  im  Heranwachsen  begriffen,  würden
aber  erst  in  einem  Jahrzehnt  Früchte  tragen  und  alsdann  erst,  wenn
überhaupt,  sich  ergiebig  zeigen.

Nun  kann  man  doch  annehmen,  daß  diese  Gesellschaft,  die  mit  großen
Hoffnungen  gegründet  war,  ein  noch  praktischeres  Interesse  daran  hatte,  die
guten  Seiten  von  Witu  zu  finden,  soweit  welche  findbar  waren,  als  etwa
die  bloßen  Reisenden,  die  gestern  hier  citiert  worden  sind.  Wir  sind  ja  mit
unserem  Material,  mit  allen  Ouellen  über  diese  Länder  übel  dran.  Es  sind
zum  Teil  Berichte  von  Reisenden  und,  wie  schon  bemerkt  ist,  der  eine  hat
das  Fieber  gehabt,  der  andere  hat  es  nicht  gehabt,  sofort  sehen  sie  die  Sache
anders  an.  Dann  kommen  die  Berichte  von  Kaufleuten,  die  fast  immer  ein
Interesse  an  der  Sache  haben,  der  eine  will  Konkurrenz  machen,  der  andere
        <pb n="29" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)  21

will  sie  nicht,  der  dritte  will  nicht  gestehen,  daß  er  dort  schlechte  Geschäfte
gemacht  hat.  Und  schließlich  haben  wir  Briefe  von  Missionaren,  die  sich
oft  mit  ihren  Taufkindern  identifizieren  und  den  engen  Kreis,  in  dem  sie
wirken,  auch  für  maßgebend  für  weitere  Verhältnisse  halten.

Ich  bin  also  der  Meinung,  daß,  wenn  die  Kolonialregierung  auf  dies
Land  Witu  an  sich  keinen  großen  Wert  legte,  bisher  das  Gegenteil,  daß  sie
Unrecht  gehabt  hat,  nicht  erwiesen  ist.

Der  Wert  von  Witu  verringerte  sich  umsomehr,  als  es  im  Laufe  der
Verhandlungen  zweifellos  wurde,  daß  wir  die  beiden  Inseln  Manda  und
Patta,  die  dem  Witulande  vorliegen,  nicht  bekommen  konnten.  Sie  stehen
in  demselben  Verhältnis  wie  die  dritte,  Lamu;  das  war  schon  durch  ein
Schiedsgericht  dem  Sultan  von  Sansibar  zugesprochen;  dasselbe  hätte  uns
hier  passieren  können.  Nun  würde  ich  aus  meinem  alten  Interesse  für  die
Marine  es  gewünscht  haben,  diese  Inseln,  Manda  und  Patta,  bekommen  zu
können,  weil  hinter  ihnen  ein  verhältnismäßig  brauchbarer  Hafen  war.  Die
Verhältnisse  lagen  aber  so,  daß  die  Rechtsverständigen,  die  wir  darüber
hörten,  der  Meinung  waren,  kein  Schiedsgericht  könne  uns  Manda  und  Patta
zusprechen.  Ohne  Manda  und  Patta  aber  war  dies  ganze  Wituland  für
uns  ziemlich  wertlos;  denn  das  beste  an  ihm  war  eben  nach  meiner  Ansicht
der  Hafen;  bekamen  wir  den  Hafen  nicht,  so  war  auch  das  Hinterland  nichts
nütze.  Nun  war  die  Witugesellschaft  im  Begriff,  sich  aufzulösen  und  sich
an  die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft  zu  verkaufen,  und  zwar  mit  der
ausgesprochenen  Absicht,  dadurch  ein  Kompensationsobjekt  zu  schaffen.  Diese
Absicht  hatte  die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft  acceptiert  auf  Instanz
der  Regierung;  der  damalige  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amts  hatte
der  Gesellschaft  eröffnen  lassen,  daß  das  Auswärtige  Amt  gegen  den  Erwerb
des  Witulandes  durch  die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft  nichts  einzuwenden
  hätte,  aber  nur  unter  der  Voraussetzung,  daß  dieser  Erwerb  zu  Kompensationszwecken
  erfolge.  Also  schon  damals,  schon  ehe  wir  in  den  Vertrag
eintraten,  stand  fest:  Witu  soll  zum  Kompensationsobjekt  gemacht  werden.

Nun  hat  Witu,  nachdem  es  an  England  abgetreten  war,  noch  ehe
die  Abtretung  ganz  perfekt  war,  das  Interesse  des  Publikums  von  neuem
dadurch  erregt,  daß  Deutsche,  die  eine  Unternehmung  dahin  gerichtet  hatten,
zu  Schaden  gekommen  sind:  es  war  das  zu  beklagen.  Ich  will  auf  die
Einzelheiten  hier  nicht  eingehen  und  mich  auf  die  Bemerkung  beschränken,
daß,  auch  wenn  Witu  um  die  Zeit  noch  deutsch  gewesen  wäre,  nach  den  mir
bekannten  Personalien  des  Mannes,  an  dessen  Namen  sich  diese  Expedition
anknüpft,  ich  nicht  den  mindesten  Zweifel  daran  habe,  daß  eine  Ausschreitung
  gegen  den  Sultan  von  Witn,  die  zu  diesen  Feindseligkeiten  führte,
gerade  so  gut  unter  deutschem  Protektorat  möglich  war  wie  unter  englischem.
Die  Engländer  schritten  nun  ein  und  haben  ein  Landungskorps  von  900
Mann  etwa  drei  Tagemärsche  in  das  Innere  geschickt,  um  Witu  niederbrennen
  zu  lassen.  Wenn  wir  nun  in  der  Lage  gewesen  wären,  um  der
Ausschreitung  eines  Deutschen  willen  eine  solche  Expedition  in  Szene  zu
setzen,  so  würden  wir  materielle  Mittel  haben  aufbieten  müssen,  die  etwa
denselben  Umfang  angenommen  hätten,  wie  die  Schiffskonzentration  um
Sansibar  im  Jahre  1885.  Die  Engländer  halten  vermöge  der  großen  Zahl
ihrer  Schiffe  auf  einer  einzelnen  ihrer  zahlreichen  Stationen,  die  von  mehreren
  Flüssen  geteilt  sind,  ungefähr  so  viel  Schiffe,  als  wir  überhaupt  im
ganzen  Kreuzer  in  der  Welt  im  Dienst  haben.  Die  Folge  wäre  die  gewesen,
daß,  wenn  wir  ein  Landungskorps  von  900  Mann  hätten  zusammenbringen
müssen,  wir  sieben,  vielleicht  auch  acht  Kreuzer  hätten  zusammenziehen  müssen;
wir  hätten  also  diese  Schiffe  von  anderen  Stationen  wegnehmen  müssen;
es  würde  sehr  lange  Zeit  darüber  vergangen  sein  und  es  hätte  nicht  un-
        <pb n="30" />
        22  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)

erhebliche  Kosten  verursacht.  Denn  ich  darf  daran  erinnern,  daß  a  conto
dieser  Schiffskonzentration  bei  Sansibar  vom  Jahre  1885  der  Etat  der
Marine  um  etwas  über  eine  und  eine  halbe  Million  überschritten  wurde.

Ich  meine  also,  daß  auch  vom  rein  finanziellen  Standpunkte  die
Geschichte  uns  insofern  recht  gegeben  hat,  als  sie  zeigt,  wie  kostspielig  zu
Zeiten  der  Besitz  eines  absolut  wertlosen  Landes  werden  kann.

Ich  komme  zu  dem  Protektorat  von  Sansibar.  Ich  habe  mir  schon
erlaubt  zu  erwähnen,  daß  die  Zustände  in  Sansibar  geradezu  unerträglich
waren.  Wir  sind  bis  dahin,  wenn  auch  die  Interessen  von  Engländern
unseren  Interessen  oft  entgegengesetzt  waren,  immer  noch  weiter  gekommen,
indem  zuletzt  eine  gewisse  Konnivenz  von  England  gegen  unsere  Interessen
eintrat,  eine  Konnivenz,  die  hier  und  da  von  uns  durch  die  allgemeine  Politik
  ausgeglichen  wurde;  unsere  allgemeine  Politik  war  vielleicht  hier  und
da  in  der  Lage,  etwas  für  England  thun  zu  können.  So  hatte  man  sich
arrangiert.

Nun  hat  man  gesagt  —  ich  gebe  das  vollkommen  zu  —,  daß  der
Besitz  von  Sansibar  den  Handel  in  den  bisherigen  Verhältnissen  gelassen
hätte.  Der  Handel  wird  an  der  Küste  bekanntlich  hauptsächlich  durch  Inder,
die  dort  ansässig  sind,  betrieben.

Die  Leute  sind  gewohnt,  nach  Sansibar  zu  handeln;  auch  manche
andere  Verhältnisse  sprechen  mit.  Trotzdem  aber  mußten  wir  uns  von  Sansibar
  trennen.  Denn  daß  uns  bei  diesem  Vertrage  das  Protektorat  abgetreten
  worden  wäre,  wenn  England  nicht  gewollt  hätte,  das  war  ausgeschlossen.
  Es  konnte  damals  nur  der  Zustand  eintreten,  der  einzutreten
pflegt,  wenn  zwei  Mächte  miteinander  verhandeln  und  es  nicht  zum  Kriege
kommen  lassen  wollen,  sich  auch  zur  Zeit  kein  Kompensationsobjekt  in  der
allgemeinen  Politik  findet:  daß  man  dann  den  strittigen  Punkt  auf  sich  beruhen
  und  den  status  quo  fortbestehen  läßt.  Das  war  aber  das,  was  wir
nicht  konnten.  Denn  wir  waren  unbedingt  in  der  Notwendigkeit,  von  dem
zehn  Seemeilen  breiten  Küstenstreifen  die  Flagge  des  Sultans  herunterzubekommen;
  wir  waren  weiter  in  der  Notwendigkeit,  dies  Resultat  zu  erreichen,
  ohne  einen  Groschen  Geld  dafür  in  der  Tasche  zu  haben.

Nun  hat  man  gesagt:  hättet  ihr  gewartet,  so  wäre  euch  ja  dies
ganz  von  selbst  zugefallen.  Ja,  das  ist  ein  Moment,  was  meinerseits  nicht
als  durchschlagend  anerkannt  wird.  Wenn  man  die  Voraussetzung  hat,  daß
die  Verhältnisse  der  allgemeinen  Politik  einmal  so  werden  könnten,  daß
England  geneigt  wäre,  für  irgend  einen  Preis,  den  wir  anderswo  zahlen,
uns  das  Protektorat  von  Sansibar  zu  überlassen,  —  wenn  ein  solcher  Zustand
  einmal  eintreten  könnte  —,  so  weiß  ich  nicht,  warum  derselbe  nicht
jetzt  ebenso  gut  eintreten  kann,  wie  noch  zu  der  Zeit,  als  der  Sultan  souveräner
  Herr  von  Sansibar,  aber  unter  Englands  Einfluß  war.

Ich  will  noch  auf  einen  Vorwurf  eingehen,  der  uns  wiederholt  gemacht
  worden  ist,  nämlich  den,  daß  Fürst  Bismarck  diese  Abtretung  schwerlich
  gemacht  haben  würde.  Man  hat  die  jetzige  Regierung  darin  mit  der
vorigen  verglichen,  und  der  Vergleich  fiel  zu  unserem  Nachteil  aus.  Nun
würde  ich  ganz  und  gar  ein  pflichtvergessener  Mensch  sein,  wenn  ich,  als  ich
in  dieses  Amt  eintrat  und  solche  Verhandlungen  übernahm,  mich  nicht,  selbst
wenn  mein  Vorgänger  nicht  der  bedeutende  Mann  gewesen  wäre,  der  er  war,
davon  überzeugt  hätte:  was  sind  denn  für  Vorgänge  da  und  was  hat  denn
die  Regierung  in  der  Sache  vor,  was  hat  sie  für  einen  Standpunkt  eingenommen?
  Das  war  ja  eine  ganz  selbstverständliche  Pflicht,  und  Sie  können
glauben,  daß  ich  dieser  Pflicht  mit  großem  Eifer  nachgegangen  bin.

Da  habe  ich  nun  in  Bezug  auf  Witu  gefunden,  daß  im  Oktober  des
Jahres  1889,  als  der  Fürst  Bismarck  sich  auf  seinem  Landsitze  befand,  und
        <pb n="31" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)  23

die  Frage  wegen  der  Annektierung  des  Küstenstriches  von  Witu  bis  Kismaju
angeregt  worden  war,  er  nach  Berlin  schreiben  ließ;:  „Mag  die  Nachricht
richtig  sein  oder  nicht;  jedenfalls  bittet  der  Reichskanzler  dringend,  vor  jeglichem
  Vorgehen  sich  sorgfältig  zu  vergewissern,  ob  nicht  Engländer  daselbst
bessere  Rechte  haben  oder  auch  nur  zu  haben  glauben.  Die  Erhaltung  von
Lord  Salisbury  hat  für  Se.  Durchlaucht  mehr  Wert  wie  ganz  Witu."“
(Hört,  hört!  links.)

Und  was  das  Protektorat  von  Sansibar  angeht:  es  war  im  Dezember
1888;  es  hatte  eine  Budgetverhandlung  stattgefunden,  bei  der  die  Frage
angeregt  worden  war,  ob  man  nicht  das,  was  wir  jetzt  haben,  im  Wege
des  gütlichen  Vergleichs  bekommen  könnte,  nämlich  den  Erwerb  des  Küstenstreifens
  auf  dem  Festlande,  dieses  zehn  Seemeilen  breiten  Küstenstreifeus,
durch  eine  Abfindung  des  Sultans,  und  ich  glaube,  der  Herr  Abg.  Oechelhäuser,
  unterstützt  auch  durch  Abgeordnete  anderer  Parteien,  hatte  die  Ansicht
  aufgestellt,  man  könne  für  diesen  Küstenstreifen  wohl  10  bis  20  Millionen
  dem  Sultan  von  Sansibar  bieten.  Es  war  dann  die  weitere  Idee
angeregt  worden,  man  könne  dann  den  Engländern  an  einer  anderen  Stelle
auch  zu  Willen  sein.  Da  hat  mein  Herr  Amtsvorgänger  an  den  Rand  des
Berichts,  der  ihm  über  diese  Kommissionssitzung  gemacht  worden  ist,  geschrieben:
  „Darüber  müßten  wir  zunächst  England  fragen,  wo  ich  Zustimmung
  kaum  erwarte.  England  ist  für  uns  wichtiger  wie  Sansibar  und  Ost-Afrika.
  (Hört,  hört!  links.)

Ich  glaube  also,  der  Vorwurf  eines  leichtsinnigen  Abweichens  von
den  Traditionen  meines  Vorgängers  oder  der,  eine  falsche  Bahn  eingeschlagen
zu  haben,  weil  sie  nicht  die  meines  Vorgängers  war,  kann  mich  in  dieser
Beziehung  nicht  treffen.  (Bravo !  rechts.)

Nachdem  wir  nun  unter  vielen  Mühen  —  und  ich  kann  sagen,  ich
habe  mit  Spannung  den  Moment  erwartet,  in  der  letzten  Stunde  zog  er
sich  noch  hin,  bis  die  Unterschrift  unter  den  Vertrag  gesetzt  war  —,  nachdem
wir  das  mit  vieler  Mühe  erreicht  hatten,  kam  die  vielleicht  noch  größere
Mühe.  England  hatte  sich  in  dem  Vertrage  verpflichtet,  uns  beizustehen,
daß  wir  gegen  eine  billige  Entschädigung  den  Küstenstreifen,  soweit  der
Sultan  noch  Hoheitsrechte  an  ihm  hatte,  von  ihm  bekommen  sollten.
Ja,  eine  billige  Entschädigung;  das  schreibt  sich  leicht,  nachher  aber  wird
das  Wort  sehr  drückend,  wenn  man  positiv,  wie  wir,  keinen  Pfennig  in
der  Tasche  hat.  Womit  sollten  wir  den  Sultan  entschädigen?  Es  blieb
uns  also  nichts  übrig,  als  in  Verhandlungen  mit  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft
  einzutreten.  Während  wir  nun  hier  auf  der  einen  Seite  den  Versuch
  machten,  aus  den  Taschen  der  Östafrikanischen  Gesellschaft,  deren  Verwaltungsrat
  um  die  Zeit  nicht  zusammengebracht  werden  konnte,  weil  die
meisten  Mitglieder  auf  Reisen  waren,  eine  Mark  nach  der  anderen  herauszuholen,
  so  versuchten  wir  auf  der  anderen  Seite,  in  England  um  eine  Mark
nach  der  anderen  den  Preis  herunterzudrücken  (Heiterkeit),  und  so  sind  wir
von  dem  ursprünglich  angesetzten  Preise  —  und  ich  wiederhole  nochmals,
selbst  in  der  Budgetkommission  waren  10  bis  20  Millionen  nicht  für  zu
hoch  gehalten  worden,  der  Herr  Major  Liebert  in  seinem  Reiseberichte  hatte
auch  noch  die  Summe  von  zehn  Millionen  als  eine  ganz  zahlbare  für  den
Gewinn  dieses  Küstenstreisens  gehalten  —  auf  vier  Millionen  heruntergekommen.
  Aber  auch  diese  vier  Millionen  wollten  beschafft  sein,  und  das
war  recht  schwer.  Es  reichte  aber  nicht  hin,  diese  vier  Millionen  zu  beschaffen,
  wir  mußten  weiter  Geld  bekommen,  um  das  Land,  wenn  wir  nun
die  Herren  geworden  waren,  meliorieren  zu  können.  Der  Aufstand  hatte
das  Land  verwüstet,  die  kleinen  Küstenstädte  waren  Haufen  von  Ruinen,  die
Plantage  Lewa  war  niedergebrannt,  zerstört.  Nicht  allein  diese  Schäden
        <pb n="32" />
        24     Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder.  (Februar 3.-6.)

mußten  wir  herstellen,  sondern  wenn  aus  dem  Küstenstreifen  überhaupt  etwas
werden  sollte,  mußten  wir  in  der  Lage  sein,  eine  Telegraphenlinie  anzulegen,
hier  und  da  Wege  zu  bauen,  und  eine  Zahl  Meliorationsarbeiten  mußten
vorgenommen  werden,  die  die  Regierung  selbst  vorzunehmen  keine  Neigung
hatte;  sie  mußte  Leute  finden,  die  fie  vornehmen  wollten.  Wir  mußten  also
zahlbare  Menschen  an  unserer  Seite  haben,  die  weiter  mitwirken  wollten,
um  das,  was  wir  nun  durch  den  deutsch-englischen  Vertrag  in  Ost-Afrika
gewonnen  hatten,  ausnützen  zu  können.  Es  wurde  darauf  der  Ihnen  bekannte
  Vertrag  mit  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft  abgeschlossen.  Die  Gesellschaft
  brachte  die  vier  Millionen  noch  rechtzeitig  auf;  am  29.  Dezember
konnten  wir  sie  zahlen,  und  sie  brachte  außerdem  eine  Summe  von  etwa
sechs  Millionen  auf,  die  sie  sich  vertragsmäßig  verpflichtet  hatte,  in  das  Land
hineinzustecken,  um  es  zu  meliorieren.  Das  Reich  übernahm  die  Verpflichtung,
  aus  den  Zöllen,  die  die  Ostafrikanische  Gesellschaft  vom  Sultan  von
Sansibar  gepachtet  hatte  und  deren  Ertrag  nunmehr  an  das  Reich  überging,
die  Gesellschaft  zu  einem  billigen  Zinsfuß,  der  in  dem  Vertrage  festgesetzt
ist,  zu  entschädigen.  Die  Summe,  die  das  Reich  der  Gesellschaft  dafür  jährlich
  zu  zahlen  hat  —  600,000 M  ,  wenn  ich  mich  nicht  irre  —,  ist  geringer,
als  der  Ertrag  der  Zölle,  selbst  in  dem  Aufstandsjahre,  wo  Handel  und
Wandel  nahezu  ganz  stille  gestanden  haben,  gewesen  ist.  Es  ist  also  nicht
wahrscheinlich,  daß  in  absehbarer  Zeit  die  Höhe  dieser  Zölle  heruntergehen
wird.  Ich  will  eins  zugeben  (weil  ich  nicht  das  Bestreben  habe,  hier  irgend
etwas  zu  verschleiern):  die  Sache  hat  auch  ihre  Schwierigkeiten.  Der  Elfenbeinhandel,
  auf  den  wir  bis  jetzt  in  der  Hauptsache  basiert  sind  und  der
eine  Quelle  dieser  Zölle  ist,  ist  Raubbau.  Es  wird,  wenn  es  so  weiter  geht,
einmal  eine  Zeit  kommen,  wo  keine  Elephanten  mehr  da  sind;  aber  noch
sind  wir  nicht  so  weit.  Und  dann  ist  es  eine  Erfahrung,  die  andere  kolonisierende
  Nationen  gemacht  haben,  nicht  mit  dem  Elfenbein,  aber  mit  Gold
oder  anderen  kostbaren  Stoffen,  daß,  wenn  man  erst  gewisse  Wege  eingeschlagen
  hat,  die  ursprünglichen  Artikel  nicht  mehr  erforderlich  bleiben.  Es
treten  andere  Artikel  an  deren  Stelle,  und  so  sind  wir  zu  der  Annahme  berechtigt,
  daß  die  Deutschafrikanische  Gesellschaft  nach  wie  vor  ihre  Rente
wird  vom  Staat  erhalten  können.

Ich  möchte  mich  noch  gegen  etwas  verwahren,  was  der  Herr  Abg.
Bamberger  gestern  mißverständlich  sagte;  er  meinte,  das  Reich  hätte  die
moralische  Verpflichtung  übernommen,  wenn  nun  doch  über  alles  Erwarten
die  Zölle  einmal  geringer  würden,  dann  mit  seinen  Mitteln  beizuspringen.
Das  war  mir  ein  neuer  Gedanke.  Diese  moralische  Verpflichtung  habe  ich
bisher  nicht  empfunden,  ich  weiß  auch  nicht,  ob  das  Reich  sie  empfinden
würde,  jedenfalls  würde  das  dann  von  Ihrem  Empfinden  abhängen.  Wir
mußten  ja,  wenn  wir  in  Ost-Afrika  weiter  kommen  wollten,  bei  dem  Vertrage
  mit  der  Gesellschaft  nicht  bloß  das  fiskalische  Interesse  im  Auge  haben,
sondern  dieser  Gesellschaft,  die  ein  verhältnismäßig  bedeutendes  Kapital  in
Ost-Afrika  angelegt  hatte,  durch  den  Aufstand  kolossal  gelitten  hat,  und  in
einen  Zustand  versetzt  worden  war,  daß  sie,  wenn  ihr  nicht  vom  Reich,
indem  das  Reich  gewisse  Funktionen  übernahm,  geholfen  wurde,  vielleicht
nicht  wieder  lebensfähig  geworden  wäre;  der  Gesellschaft  mußten  wir  soviel
Schonung  angedeihen  lassen,  daß  sie  lebensfähig  blieb  und  mit  einiger  Aussicht
  auf  Erfolg  in  Ost-Afrika  weiter  wirken  kann.  Ich  glaube,  daß  auch
dieser  Vertrag  mit  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft  sowohl  für  das  Interesse
des  Reichs  wie  für  das  der  Gesellschaft  ein  guter  ist.

Nun  sagt  man,  —  und  ich  glaube  gestern  auch  von  dem  Herrn  Abg.
Bamberger  einen  Anklang  davon  gehört  zu  haben  —,  Ihr  hättet  doch  das
Geschäft  qua  Reich  machen  sollen  und  die  4  Millionen  vom  Reich  auf-
        <pb n="33" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)  25

bringen,  das  wäre  einfacher  und  vielleicht  auch  vornehmer  gewesen.  Zweifellos,
  denn  vornehm  war  dies  nicht  (Heiterkeit),  das  gebe  ich  zu,  wenn  die
Reichsregierung  sich  bemühen  muß,  um  nach  und  nach  eine  Privatgesellschaft
dahin  zu  bringen,  daß  sie  sich  überzeugt,  daß  ihr  Interesse  und  das  Reichsinteresse
  Hand  in  Hand  geht,  wenn  sie  4  Millionen  aufbringt.  Das  ist
nicht  vornehm,  aber  wir  konnten  nicht  an  den  Reichstag  gehen,  einmal  schon
zeitlich  nicht,  wir  mußten  am  29.  Dezember  das  Geld  von  hier  abschicken,
wenn  es  am  1.  Januar  in  London  gezahlt  sein  sollte.  Nun  frage  ich:  welche
Chancen  hatten  wir,  das  Geld  vom  hohen  Hause  bis  zum  29.  Dezember
vorigen  Jahres  zu  bekommen?  Wahrscheinlich  gar  keine.  (Heiterkeit.)

Also  dieser  äußere  Umstand  hinderte  uns  schon.  Zweitens  hatten
wir  gar  keine  Neigung,  indem  wir  qua  Reich  den  Sultan  bezahlten,  dessen
Rechtsnachfolger  zu  werden;  denn  der  Vertrag,  den  der  Sultan  mit  der
Gesellschaft  geschlossen  hatte,  war  ein  für  den  Sultan  viel  ungünstigerer,
als  für  die  Gesellschaft.  Man  hat  dann  weiter  gesagt:  ja,  ihr  konntet  den
Sultan  regreßpflichtig  machen,  wenigstens  wegen  der  Kosten  des  Aufstandes,
oder  ihr  konntet  der  Deutsch-Ostafrikanischen  Gesellschaft  die  Kosten  des
Aufstandes  mit  ein  paar  Millionen  in  Rechnung  stellen  und  ihr  erst  dann
Zinsen  zahlen,  wenn  diese  Millionen  eingebracht  worden  wären.  Ja,  der
Gedanke  war  ja  naheliegend  und,  wenn  ich  ihn  auch  von  Haus  aus  nicht
für  erfolgreich  gehalten  habe,  so  habe  ich  mich  doch  für  verpflichtet  gehalten,
ein  Votum  des  Reichs-Justizamts  darüber  einzuziehen:  wie  weit  geht  wohl
unser  Anspruch  an  die  Regreßpflicht  des  Sultans  und  der  Ostafrikanischen
Gesellschaft.  Das  Reichs-Justizamt  verneinte  den  Anspruch  nach  beiden
Richtungen.  Der  Sultan  hatte  sich  sehr  wesentlicher  Hoheitsrechte  entäußert
und  den  Vertrag  sehr  vorsichtig  abgeschlossen,  daß  von  ihm  nichts  herauszukriegen
  war.  Die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft  aber  regreßpflichtig
machen  zu  können,  verneinte  das  Reichs-Justizamt  auf  Grund  des  Gesetzes
—  wenn  ich  mich  nicht  irre  —  vom  2.  Februar  1889.  Die  Motive  zu
dieser  lex  Wißmann,  in  denen  gesagt  worden  war,  daß  man  den  Wißmann
zum  Reichskommissar  oder  einen  Reichskommissar  einsetzen  und  große  Ausgaben
  machen  wollte  von  so  und  so  viel  Millionen,  nicht  im  Interesse  der
deutschen  Gesellschaft,  auch  nicht  um  Krieg  zu  führen  gegen  irgend  jemand,
sondern  im  Interesse  des  Christentums  und  der  Civilisation,  würden  nicht
hingereicht  haben,  ein  Gericht  zu  bewegen,  daß  es  die  Deutsch-Ostafrikanische
Gesellschaft  zum  Kostenersatz  verurteilte,  wenn  wir  einen  solchen  Prozeß
hätten  anstrengen  wollen.

Nun  will  ich  zu  der  Frage  übergehen:  Was  haben  wir  denn  nun
erreicht!  wie  stehen  wir  nun  jetzt?  —  Wir  haben  also  zunächst  erreicht,  daß
wir  vom  Sultan  unabhängig  geworden  sind,  und  das  ist  etwas,  was  ich
nicht  gering  anschlage.  So  oft  ich  den  Vertrag  der  Deutsch-Ostafrikanischen
Gesellschaft  mit  dem  Sultan  gelesen  habe,  so  hat  mir  das  Blut  etwas  gekocht,
  wenn  ich  von  Sr.  Hoheit  Flagge,  von  Sr.  Hoheit  Rechten  in  einem
Paragraphen  fünf,  sechsmal  lesen  mußte.  Fragen  Sie,  wen  Sie  wollen,  von
den  Herren,  die  aus  Deutsch-Ostafrika  herkommen!  Ihre  Klagen  fangen
damit  an:  so  lange  die  Sultansflagge  in  Ost-Afrika  weht,  ist  nichts  zu
machen,  kein  Araber  begreift,  daß  hier  der  Herr  v.  Wißmann  Herr  sein
soll,  so  lange  die  Flagge  des  Sultans  weht,  das  muß  erst  in  Uebereinstimmung
  gebracht  werden.  Das  ist  ein  wesentlicher  Erfolg,  und  ein  Erfolg,
den  wir  nach  meiner  Meinung,  so  wie  die  Sachen  lagen,  durch  die  Konzession,
  daß  England  das  Protektorat  über  Sansibar  haben  sollte,  nicht  zu
teuer  erkauft  haben.  Der  Herr  Redner  gestern  sagte,  wir  hätten  Sansibar
aufgegeben.  Das  möchte  ich  doch  nicht  in  diesem  Wortlaut  zugeben,  denn
wir  hatten  es  nie,  es  war  ein  strittiger  Punkt;  wir  haben  aber  unsere  An-
        <pb n="34" />
        26  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)

sprüche  von  Sansibar  zurückgezogen,  die  übrigens  auch  nie  begründet  waren,
sondern  nur  in  dem  faktischen  Wettstreit  zwischen  Deutschland  und  England
ihre  Begründung  finden  konnten,  und  haben  geglaubt,  daß  wir  ein  sehr
gutes  Geschäft  machen,  indem  wir  den  10  Seemeilen  breiten  Küstenstreifen
bekommen,  ein  sehr  gutes  um  deswillen,  weil  wir  ohne  diesen  Küstenstreifen
absolut  nicht  vom  Fleck  kämen.  Wenn  wir  den  nicht  bekamen,  war  der
Vertrag  mit  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft  nicht  möglich,  und  ich  mag
kaum  ausmalen,  welche  Zustände  die  Folge  davon  gewesen  sein  würden.
Wir  haben  durch  den  Vertrag  ein  abgegrenztes  Gebiet  in  Ost-Afrika  bekommen
  und  haben  dadurch  die  Möglichkeit,  mit  Organisationen  vorzugehen.
Wie  wir  über  die  Interessensphäre  und  das  Schutzgebiet  und  den  Küstenstreifen
  denken,  ist  Ihnen  gestern  gesagt  worden.  Da  die  Sache  heute  noch
einmal  in  diesem  Punkte  angeregt  worden  ist,  so  will  ich  bemerken:  gewiß,
wir  werden  unsere  unmittelbare  Reichsverwaltung  in  dem  Gebiet  der  Interessensphäre
  immer  weiter  ausdehnen  in  dem  Maße,  als  eben  Deutsche  in  der
Interessensphäre  vorgehen,  und  in  dieser  Beziehung  hat  es  mich  gefreut,  den
Wert  zu  hören,  der  hier  vom  Herrn  Abg.  Oechelhäuser  auf  das  Vorgehen
im  Norden  gelegt  worden  ist;  denn  gerade  diese  vormalige,  streitige  nördliche
Interessensphäre  ist  dasjenige  gewesen,  was  wir  bekommen  haben,  die  südliche
  ist  den  Engländern  geblieben.  In  der  Vortragsentscheidung  Sr.  Majestät,
  die  ich  mir  erlaubt  habe,  Ihnen  vorzulesen,  wird  schon  gesagt,  wir
sollten  auf  die  nördliche  hinwirken  und  dafür  die  südliche  preisgeben.  Wir
hatten  schon  damals  den  Eindruck,  daß  die  nördliche,  in  der  der  ganze  Viktoria-Nyanza
  und  ein  Ufer  des  Tanganjika  liegt,  für  uns  ungleich  wertvoller
sei,  als  die  südliche,  die  nach  dem  portugiesischen  Gebiete  hingeht.  Das,
was  der  Herr  Abg.  Oechelhäuser  sagte,  und  die  Erfahrung,  die  wir  bis
jetzt  gemacht  haben,  bestätigen,  daß  wir  in  dieser  Wahl  recht  gethan  haben.
Es  ist  vielleicht  England  auch  nicht  ganz  leicht  geworden,  uns  diesen  nördlichen
  Teil  zu  lassen;  denn  er  liegt  dem  nördlichen  englischen  Teil  nahe
und  ist  wohl  auch  fruchtbarer  im  Vergleich  zu  dem,  worum  England  am
Zambesi  sich  noch  streitet.  Wenn  wir  nun  zu  organisieren  anfangen  werden,
so  wird  unser  Bestreben  dahin  gehen,  das,  was  wir  nun  schon  fest  haben,
nach  und  nach  weiter  auszubauen  und  von  da  ins  Innere  zu  gehen,  also
von  der  Küste  ins  Inland  zu  organisieren  und  nicht  umgekehrt.  Es  hat
Afrikakenner  gegeben,  die  der  Meinung  waren,  es  wäre  besser,  man  finge
bei  den  Seen  an  und  drehe  die  Sache  um.  Der  Meinung  sind  wir  nicht,
wir  müssen  von  da  aus,  wo  wir  unsere  Bezugsquellen  haben,  also  von  der
Küste  aus  nach  dem  Inlande  vorgehen.  Wir  werden  das  thun  in  dem
Maße,  als  wir  die  Mittel  finden  und  nicht  auf  Schwierigkeiten  stoßen,  deren
Ueberwindung  Zeit  und  Geld  kostet.  Soweit  ich  jetzt  übersehen  kann,  wird
das  im  Norden  nicht  der  Fall  sein.  Wir  werden  verhältnismäßig  schnell
an  die  Seen  kommen,  und  wenn  wir  mit  den  vorhandenen  Mitteln  auch
nur  eine  einzige  Karawanenstraße  mit  kleinen  Stationen  werden  befestigen
können,  so  glaube  ich,  daß  damit  viel  gewonnen  sein  wird.  Wir  wollen  die
Verwaltung  als  unmittelbare  Reichsverwaltung  oder,  wenn  der  Ausdruck
erlaubt  ist,  obwohl  er  für  das  Deutsche  Reich  absolut  unkorrekt  ist,  als
Kronkolonie  übernehmen.  Der  Herr  Abg.  Bamberger  hat  uns  vorgeworfen,
daß  wir  damit  mit  unserer  Vergangenheit  brächen.  Es  kann  sein,  daß  er
damit  recht  hat,  aber  die  Verhältnisse  zwingen  uns  dazu,  und  „der  Not
gehorchend,  nicht  dem  eigenen  Triebe“,  übernehmen  wir  die  unmittelbare
Reichsverwaltung,  weil,  wenn  wir  das  nicht  thäten,  aus  ganz  Ost-Afrika
voraussichtlich  nichts  werden  würde.  Die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft
ist  mit  uns  damit  einverstanden,  da  sie  nicht  in  der  Lage  ist,  Deutsch-Ostafrika
  selbst  zu  verwalten.  Sie  hat  sich  deshalb  an  die  Regierung  gewendet
        <pb n="35" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.  —6.)  27

und  die  Regierung,  die  ja  über  ungleich  größere  Mittel  verfügt,  ist  willens,
die  Sache  zu  übernehmen,  und  hat  die  nötigen  Einleitungen  bereits  gethan.
Das  ist  an  und  für  sich  auch  gar  nicht  etwas  so  Abnormes:  denn  wenn
man  sich  mit  der  Geschichte  der  Kolonien  anderer  Staaten  beschäftigt,  deren
Entstehungsweise  vielfach  eine  ganz  andere  ist,  zwischen  denen  und  den
unseren  eine  Parallele  beinahe  unmöglich  ist,  so  muß  man  doch  das  zugeben,
in  der  Kindheit  pflegen  die  Kolonien  selbständig  zu  sein  und  dann  wieder
im  hohen  Alter,  kurz  ehe  sie  vom  Mutterlande  abfallen;  ihr  mittleres  Leben
wird  aber  fast  immer  durch  eine  Regierung  seitens  des  Mutterlandes  ausgeführt.
  Wenn  wir  nicht  so  schnell  in  die  Kolonialpolitik  hineingekommen
wären,  hätte  man  sich  vielleicht  schon  auf  dem  einfachen  Wege  des  Studiums
sagen  können,  daß  dies  das  Schicksal  der  Sache  sein  würde.  Wir  können
auch  aus  einem  anderen  Grunde  von  einer  stärkeren  Mitwirkung  der  Regierung
  zur  Zeit  gar  nicht  absehen,  weil  das  Land  faktisch  noch  nicht  pacifiziert
  ist.  Der  Norden  ist  zur  Zeit  —  es  kommen  ja  kleinere  Gefechte  vor;
das  will  aber  nicht  viel  sagen  —  beruhigt.  Wie  der  Süden  ist,  das  wissen
wir  nicht;  es  sind  weite  Gebiete,  in  denen  überhaupt  noch  kein  Deutscher
gewesen  ist;  ich  darf  nur  an  eine  Expedition  gegen  den  Häuptling  Machembe
erinnern,  die  wieder  erfolglos  zurückgekommen  ist.  Eine  Gesellschaft,  wie
die  Deutsch-Ostafrikanische,  ist  überhaupt  nicht  in  der  Lage,  Krieg  zu  führen;
das  kann  nur  das  Reich,  und  wir  können  gar  nicht  sagen,  ob  diese  Art  der
Pacifizierung  sich  in  1,  2,  3  oder  4  Jahren  vollziehen  wird.  Also  auf  Jahre
wäre  die  Reichsregierung  ohnehin  engagiert.

Liegen  nun  die  Verhältnisse  so,  so  folgt  weiter,  daß  die  Truppe,  die
jetzt  da  ist,  in  ihrem  Bestande  nicht  verringert  werden  kann,  daß  sie  aber
auch  in  der  bisherigen  Weise  nicht  weiter  bestehen  kann.  Das  kontraktliche
Berhältnis,  durch  das  die  Offiziere  an  den  Major  v.  Wißmann  gebunden
sind,  ist  doch  nur  ein  lockeres  und  kann  auf  die  Dauer  nicht  den  Geist  erzeugen,
  den  eine  Truppe,  die  zu  so  schweren  Aufgaben  wie  die  Truppe  in
Ost-Afrika  berufen  ist,  unbedingt  braucht.  Das  geht  nur,  wenn  sie  eine
andere,  höhere  Spitze  über  sich  hat,  und  es  erschien  —  darüber  ist  auch  in
der  Truppe  selbst  gar  kein  Zweifel  unbedingt  notwendig,  aus  der  Wißmannschen
  Truppe  eine  Reichstruppe  zu  machen.

Sie  wissen  aus  den  Denkschriften,  wie  sie  organisiert  werden  soll;  ich
brauche  darauf  nicht  einzugehen,  ich  kann  nur  sagen  —  und  das  sage  ich
im  Hinblick  auf  eine  Notiz,  die  jetzt  durch  die  Zeitungen  geht  —,  daß  das
Schicksal  der  Offiziere,  die  jetzt  da  sind,  der  Kolonialregierung  am  Herzen
liegt.  Es  wird  allerdings  eine  Verringerung  in  der  Zahl  der  Offiziere
eintreten  müssen.  Es  wird  also  den  einen  oder  anderen  das  Schicksal  treffen,
sei  es  aus  Gesundheitsrücksichten  oder  sei  es,  weil  eben  zu  viele  da  sind,  daß
er  zurückkommen  muß.  Wir  werden  aber  das  Bestreben  haben,  ihm  eine
Uebergangszeit  zu  schaffen,  die  ihm  den  Rücktritt  in  andere  Verhältnisse
erleichtert.  Was  für  Mittel  dazu  erforderlich  sind,  können  wir  nicht  übersehen,
  voraussichtlich  sehr  geringe,  es  wird  sich  um  vier  bis  sechs  Offiziere
handeln.  Ich  kann  aber  annehmen,  daß,  wenn  wir  zu  diesem  Behuf  den
Etat  überschreiten  werden,  das  hohe  Haus  uns  deshalb  nicht  wird  übel
wollen.

Es  wird  bei  der  Organisation  der  Schutztruppe  als  Grundsatz  festgehalten
  werden  müffen,  daß  die  weißen  Offiziere  und  Unteroffiziere,  die
hingehen,  möglichst  das  Gefühl  behalten,  daß  sie  Deutsche  sind.  Die  Franzosen
  haben  mit  ihrer  Truppe  die  schlechte  Erfahrung  gemacht,  daß,  wenn
Leute  draußen  blieben  mit  der  Aussicht,  ihr  Leben  lang  nicht  wieder  zurückzukommen,
  ein  gewisser  Zustand  der  Verwilderung  eintrat.  Das  werden  wir
zu  vermeiden  suchen  müssen.  Wir  werden  danach  trachten,  einen  gewissen
        <pb n="36" />
        28  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)

Turnus  zu  finden,  in  dem  die  Truppe  sich  von  hier  aus  ergänzt.  Wir
werden  neben  der  Landtruppe,  wie  Sie  durch  den  Herrn  Berichterstatter  gehört
  haben,  eine  kleine  Truppe  haben  müssen,  die  durch  Schiffe  den  Verkehr
an  der  Küste  vermittelt.

Wenn  Sie  mich  nun  fragen,  wie  eine  geordnete  Verwaltung  geschaffen
werden  und  wie  das  gedacht  werden  soll,  so  kann  ich  Ihnen  darüber  keine
Antwort  geben.  Das  läßt  sich  von  hier  absolut  nicht  übersehen.  So  viel
kann  ich  aber  übersehen,  daß  die  Verhältnisse  im  Norden  der  Küste  andere
sind  als  im  Süden,  daß  sie  im  Innern  ganz  andere  sind  als  an  der  Küste.
Wenn  wir  nicht  in  den  Fehler  verfallen  wollten,  von  hier  aus  Maßregeln
zu  ergreifen,  die,  wenn  die  Posten  sie  nach  Ost-Afrika  bringen,  unausführbar
sind  oder  an  Ort  und  Stelle  unter  dem  helleren  Licht  der  tropischen  Sonne
so  klare  Fehler  zeigen,  daß  der  Mann,  der  fie  ausführen  soll,  sie  nicht  ausführen
  kann,  so  blieb  uns  nichts  anderes  übrig,  als  einen  einzigen  Mann
mit  möglichst  ausgedehnter  Vollmacht  und  voller  Verantwortlichkeit  an  Ort
und  Stelle  zu  setzen.

Es  ist  der  Wunsch  ausgesprochen  worden  von  jener  Seite  des  Hauses,
wir  möchten  danach  trachten,  mit  der  Zeit  das  Reich  zu  entlasten.  Ja,
ganz  gewiß  thun  wir  das,  das  thun  wir  schon  jetzt;  und  wenn  die  ostafrikanische
  Kolonie  so  gedeiht,  wie  ich  es  hoffe  und  für  wahrscheinlich  halte,
dann  glaube  ich,  daß  das  Reich  in  absehbarer  Zeit  in  die  Lage  kommen
wird,  diejenigen  Kosten,  die  es  heute  noch  selbst  aufwenden  muß,  aus  den
Einnahmen,  sei  es  der  Zölle,  oder  anderer  Einnahmemittel,  die  sich  uns  eröffnen
  werden,  sicher  zu  stellen.  Ich  stimme  mit  dem  Herrn  Abgeordneten
Grafen  v.  Mirbach  darin  ganz  überein  —  ich  glaube,  er  war  es,  der  das
sagte  —,  daß  es  sehr  schwer  sein  wird,  den  Handel  von  Sansibar  nach  der
Küste  zu  ziehen.  Aber  der  Versuch  muß  gemacht  werden.  Warum  sollen
wir  unter  fremder  Flagge  an  einem  dritten  Orte  handeln?  Es  kann  das
—  das  ist  ganz  richtig  —  Jahrzehnte  dauern,  bis  wir  so  weit  sind,  kein
Mensch  kann  das  übersehen;  aber  ich  möchte  überhaupt  vor  dem  Glauben
warnen,  daß  das,  was  wir  nun  in  den  Kolonien  vorhaben,  leicht  gehen
wird.  Das  ist  gerade  ein  Fehler  im  Anfange  unserer  Kolonisation  gewesen,
daß  auch  die  beteiligten  Kreise  sich  die  Sache  viel  leichter  vorstellten  und,
als  es  nun  schwerer  war,  hie  und  da  wohl  zu  ermatten  geneigt  waren.
Keine  Illusionen!  Das,  was  wir  da  treiben,  wird  Mühe  und  Arbeit  noch
auf  lange  Zeit  sein;  aber  ich  bin  der  Meinung,  wir  haben  keinen  Grund,
davor  zurückzuschrecken.

Die  Kolonialregierung  hat  sich  dafür  entschieden,  Dar-es-Salaam  zur
Hauptstadt  unserer  ostafrikanischen  Kolonien  zu  machen.  Daß  sie  an  der
Küste  liegen  muß,  ist  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  klar.  Die  Sachverständigen
  und  Ortskenner  schwankten  zwischen  Bagamoyo,  dem  größeren
Handelsort,  und  Dar-es-Salaam,  dem  besseren  Hafen.  Daß  Dar-es-Salaam
unser  Kriegshafen  —  wenn  ich  diesen  großklingenden  Ausdruck  gebrauchen
darf  —  für  Ost-Afrika  werden  wird,  ist  zweifellos,  und  es  wird  sich  —
denn  dafür  schienen  uns  die  meisten  Motive  zu  sprechen  —  empfehlen,  den
Schwerpunkt  unserer  Regierung  dahin  zu  verlegen.  Inwieweit  Plantagenbau,
  Bergbau  möglich  sein  wird,  das  wird  zum  guten  Teil  auch  von  der
Frage  abhängen,  wie  weit  es  uns  gelingt,  die  Bevölkerung  an  Arbeit  zu
gewöhnen.  Ich  stehe  vollkommen  auf  dem  Standpunkte  derjenigen,  die  sich
dafür  begeistern,  den  Sklavenhandel  abzuschaffen  und  zu  unterdrücken;  man
kann  aber  auf  der  anderen  Seite  nicht  leugnen:  Für  unser  Kolonialunternehmen
  war  es  vielleicht  nicht  günstig,  daß  die  Unterdrückung  des  Sklavenhandels
  mit  dem  Beginne  des  Plantagenbaues  a  tempo  kam,  denn  bisher
ist  der  Plantagenbau,  wenigstens  wo  er  tief  in  der  Kindheit  lag,  immer
        <pb n="37" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)  29

nur  geglückt,  wenn  er  durch  Sklaven  betrieben  wurde.  (Hört,  hört!  links.)
Wir  werden  sehr  sorgfältig  darin  sein  müssen,  daß  wir  die  Interessen  der
an  der  Küste  wohnenden  Inder  schonen.  Wir  brauchen  die  Leute,  sie  sind
geborene  Handelsleute,  sie  haben  Beziehungen  bis  weit  in  das  Innere  von
Afrika,  und  wir  wären  nicht  im  stande,  sie  zu  ersetzen.  Wir  werden  uns
bestreben,  ihre  Kräfte  uns  nutzbar  zu  machen;  fürs  erste  aber  werden  wir
sie  schonen  müssen.

Das  wäre  ungefähr  das,  was  sich  von  der  Sache  sagen  läßt,  und
ich  komme  nun  noch  einmal  darauf  zurück:  die  Hauptsache  ist  die  Personenfrage.
  Es  hat  mich  die  warme  Anerkennung,  die  der  gegenwärtige  Gouverneur
  von  Kamerun  Freiherr  v.  Soden  hier  gefunden  hat,  gefreut.  Wie  in
der  Vortragsentscheidung,  die  ich  mir  zum  drittenmal  erlaubte  anzuführen,
schon  gesagt  worden  ist:  Es  muß  Einer  über  alle  gestellt  werden,  anders
kann  es  nicht  gehen.  Jetzt  mußten  wir  Einen  suchen,  und  ich  glaube,  darin
werden  die  Herren  mit  mir  einverstanden  sein,  es  mußte  Einer  sein,  der
fremd  hin  kam,  der  mit  den  Dingen,  die  da  jetzt  vor  sich  gehen,  nichts  zu
thun  gehabt  hat,  der  auch  Kenntnis  in  der  Verwaltung  tropischer  Länder
mitbrachte.  Und  der  einzige  Mann,  den  wir  im  Augenblick  dafür  Sr.  Majestät
  in  Vorschlag  bringen  konnten,  war  Freiherr  v.  Soden,  der  mit  so
großem  Geschick  aus  der  anfangs  auch  verzweifselt  scheinenden  Kolonie  Kamerun
  etwas  gemacht  hat.  Herr  Frhr.  v.  Soden  ging  nun  hin,  um  sich
die  Sache  anzusehen,  und  behielt  sich  seine  Entscheidung  darüber,  ob  er  das
Kommissorium  übernehmen  könnte,  vor,  bis  er  an  Ort  und  Stelle  gesehen
haben  würde.  Er  ist  wiedergekommen,  keineswegs  als  Optimist.  Er  vergleicht
  manches  mit  Kamerun,  und  findet  manches  in  Kamerun  besser  als
in  Ost-Afrika,  er  findet  auch,  daß  manche  Schilderungen,  die  er  vorher  gelesen
  hat,  übertrieben  sind,  er  kommt  aber  doch  wieder  mit  dem  Glauben,
daß  aus  der  Sache  etwas  zu  machen  ist,  und  er  würde  den  Auftrag  nicht
übernommen  haben,  wenn  er  nicht  dieser  Ueberzeugung  wäre.

Es  ist  nun  erwähnt  worden  das  Schicksal  der  Männer,  die  bisher
da  thätig  gewesen  sind,  des  Majors  v.  Wißmann,  des  Emin  Pascha  und  des
Herrn  Peters.  Die  Kolonialregierung  ist  erbötig  und  wird  sich  sehr  freuen,
wenn  diese  Herren  ihre  Erfahrung,  ihre  Energie  weiter  der  Kolonisation
von  Ost-Afrika  widmen  wollen.  Es  ist  ja  in  diesem  weiten  Terrain,  das
viel  größer  ist  als  Deutschland  —  davon  ist  nur  ein  kleiner  Teil  bisher
erst  bekannt,  ein  kleiner  Teil  erst  unter  deutsche  Herrschaft  gestellt  —  da  ist
sehr  viel  Raum,  nicht  bloß  für  drei,  sondern  auch  für  mehr  Männer,  die
da  arbeiten  wollen,  sodaß  ihre  Plazierung  nicht  die  mindeste  Schwierigkeit
bietet.  Wir  müssen  nur  eine  Bedingung  stellen,  daß  sie  in  letzter  Instanz
von  dem  Gouverneur  v.  Soden  abhängig  sind.  Ich  glaube,  die  letzten  Ereignisse
  werden  uns  gezeigt  haben,  wie  nötig  das  ist.  Wir  können  von  hier
aus  solche  Expeditionen  ganz  unmöglich  dirigieren,  das  kann  nur  an  Ort
und  Stelle  geschehen;  wir  sind  aber  gewillt,  die  Sache  so  einzurichten,  daß
für  die  Distrikte,  in  denen  diese  Herren  wirken,  ihnen  Herr  v.  Soden  von
den  weiten  Vollmachten,  die  er  bekommt,  so  viel  delegieren  kann,  als  er  für
nötig  hält.  Ich  glaube,  daß  damit  die  Herren  einen  Wirkungskreis  bekommen,
  wie  sie  ihn  sich  nicht  besser  wünschen  können.  Sie  treten  aus  der
Abhängigkeit,  in  der  sie  früher  gestanden  haben,  als  sie  die  Expeditionen
ausrüsteten,  lediglich  in  eine  Abhängigkeit  vom  Reich,  die  nur  so  weit  geltend
gemacht  werden  wird,  daß  sie  in  Bezug  auf  ihre  pekuniären  Mittel  und  in
ihren  Ausgaben,  die  ihnen  vorzuzeichnen  sind,  vom  Reich  abhängen.  Im
übrigen  wird  man  ihnen  vollkommen  freie  Hand  lassen.

So  gebe  ich  mich  dem  Glauben  hin,  daß  wir,  wenn  wir  auf  Ost-Afrika
  sehen,  im  Augenblick  schon  ein  Bild  vor  uns  haben,  was  besser  ist
        <pb n="38" />
        30  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3. - 6.)

als  das  war,  welches  wir  vor  einem  Jahre  vor  uns  hatten.  Und  ich  hoffe,
daß,  wenn  wir  nach  einem  Jahre  wieder  vor  Sie  treten,  das  Bild  noch
etwas  besser  geworden  sein  wird;  denn  ich  wiederhole:  nur  nach  großen
Zeiträumen  können  wir  wirklich  in  die  Augen  fallende  Erfolge  erwarten.
Ich  habe  aber  den  festen  Glauben  an  die  deutsche  Nation,  daß  sie  an  zäher
Arbeit  hinter  keiner  anderen  zurücksteht  und  daß  es  ihr  gelingen  wird,  das,
was  sie  einmal  angefangen  hat,  zu  halten  und  zum  Heile  Deutschlands  auszunutzen.
  (Lebhafter  Beifall.)

6.  Februar.  Abg.  v.  Cuny  (nat.blib.):

Wir  schätzen  die  englische  Freundschaft  auch.  Diese  ist  aber  nur  dann
zuverlässig,  wenn  die  Engländer  sich  vollständig  bewußt  sind,  daß  sie  auf
Gegenseitigkeit  beruht  und  die  Freundschaft  Deutschlands  für  England  denselben
  Wert  hat,  wie  die  Englands  für  Deutschland.  Wenn  wir  unsere
Interessen  auch  England  gegenüber  zu  betonen  nicht  nachlassen,  so  wird  das
erst  der  rechte  Kitt  für  unsere  Freundschaft  seeen.  Die  Abtretung  des
Witu-Landes  hätte,  wenn  sie  einmal  nötig  war,  in  anderer  Weise  vollzogen
werden  können.  Ich  bitte  den  Reichskanzler,  wenigstens  die  Interessen  deutscher
  Privater,  die  dort  geschädigt  sind,  bei  den  weiteren  Verhandlungen  mit
England  im  Auge  zubehalten  Die  Ostafrikanische  Gesellschaft  steht  nicht
in  der  Lage  eines  Beschenkten,  der  nichts  als  Gegenleistung  bringt;  sie  hat
eine  sehr  wertvolle,  lukrative  Gegengabe  gebracht!  Nämlich  die  Zölle,  die
erheblich  über  die  600,000.“ M,  die  seitens  des  Reichs  bewilligt  werden,  hinausgehen.
  Die  Verwaltung  des  Reichs,  die  Schutztruppe  u.  s.  w.  sind  ja  nicht
zum  Schutze  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft  und  ihrer  Unternehmungen
allein  da,  sondern  zugleich  zum  Schutze  des  deutschen  Unternehmungsgeistes
überhaupt,  der  sich  dort  in  weitem  Spielraum  entwickeln  wird.  Der  Abg.
Windthorst  hat  nicht  genug  betont,  daß  die  gegenwärtige  Entwicklung  ganz
im  Einklange  steht  mit  seiner  Resolution  auf  Unterdrückung  des  Sklavenhandels.
  Bei  der  Verhandlung  im  Reichstage  wurde  damals  schon  hervorgehoben,
  daß  die  Blokade  nicht  ausreichend  sein  würde,  daß  die  Karawanenstraßen
  beherrscht  werden  müßten,  und  dazu  bedurfte  es  der  Stationen  und
der  Schutztruppe.  Wenn  ich  als  Anhänger  der  Kolonialpolitik  mich  bekenne,
so  thue  ich  das  in  dem  vollen  Bewußtsein,  daß  jede  Kolonisation  mit  manchen
Fehlern,  Mißgriffen  und  vorübergehenden  Unfällen  anfängt.  Die  Kolonialgeschichte
  aller  Nationen  zeigt,  daß  sie  noch  in  ganz  anderer  Weise  haben
Lehrgeld  zahlen  müssen.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Fest  steht  aber  die  Thatsache,
  daß  jede  große  Nation  sich  Kolonien  geschaffen  hat  und  keine  sie  freiwillig
  aufgeben  mag.  (Beifall  rechts.)  Ich  halte  unser  Deutsches  Reich  jedem
anderen  Staate  für  ebenbürtig,  und  wenn  alle  anderen  Nationen  koloniale
Unternehmungen  für  richtig  erkannt  haben,  dann  halte  ich  es  auch  nicht  für
einen  Mißgriff,  daß  wir  Deutsche  denselben  Weg  beschritten  haben.  (Beifall
rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.)

Reichskanzler  v.  Caprivi:

Der  Herr  Abg.  Dr.  von  Cuny  hat  seiner  Entrüstung  über  verschiedene
Dinge,  die  die  gegenwärtige  Regierung  gethan  und  nicht  gethan  hat,  Ausdruck
  gegeben.  (Heiterkeit  links.)  Ich  greife  die  drei  schwersten  Gravamina

heraus.

Zunächst  hat  diese  Regierung  nicht  richtig  erfaßt,  daß,  wenn  auch
England  in  der  Lage  ist,  uns  etwas  zu  gewähren,  wir  doch  in  der  Lage
sind,  auch  selbst  England  Gegenleistungen  zu  machen.  Der  Herr  Abgeordnete
hat  da  einen  Ton  angeschlagen,  der  in  der  Zeit  nach  der  Veröffentlichung
des  deutsch-englischen  Abkommens  vielfach  durch  die  Presse  ging  und  der  in
        <pb n="39" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)  31

einer  absteigenden  Linie  zuletzt  in  der  Behauptung  gipfelte,  die  deutsche
Regierung  habe  Unrecht  gethan,  englische  Karten  dem  deutsch-englischen  Abkommen
  zu  Grunde  zu  legen,  man  müsse  das  künftig  deutsch  machen.  Man
hätte  mit  demselben  Recht  von  uns  verlangen  können,  daß  wir  etwa  statt
des  Längengrades  von  Greenwich  den  von  Köln  oder  Berlin  unseren  Abmachungen
  zu  Grunde  legen  sollten.  Ich  bin  mir  nicht  bewußt,  daß  die
gegenwärtige  Regierung  zu  einem  solchen  Urteil  über  ihr  Verhalten  England
gegenüber  und  ihre  Auffassung  der  gegenwärtigen  Kräfte  und  Machtverhältnisse
  Anlaß  gegeben  hat.

Wenn  er  aus  dieser  seiner  Ansicht  heraus  weiter  den  Schluß  zieht,
diese  Schwäche  oder  Unaufmerksamkeit  der  Regierung  trage  die  Schuld,  daß
unsere  Schiffe  nicht  rechtzeitig  nach  Chile  gekommen  seien,  so  darf  ich  mich
darauf  beziehen,  daß  deutsche  Kriegsschiffe  nicht  zahlreich  genug  im  Auslande
stationiert  sind,  um  immer  rechtzeitig  da  sein  zu  können,  wo  etwa  Unruhen
ausbrechen  und  deutsche  Interessen  gefährdet  sein  können.  Das  ist  im  vorliegenden
  Fall  aber  so.  Wenn  wir  ein  Kriegsschiff  nach  Chile  hätten  kommen
lassen  wollen,  so  hätten  wir  es  von  unserer  Station  in  der  Südsee  wegnehmen
  müssen.  In  der  Südsee  haben  wir  wenige  Schiffe,  da  würden  sie
gefehlt  haben,  in  Samoa  oder  Neu-Guinea.  Vielleicht  sind  sie  da  noch
nötiger,  als  wenn  sie  in  Chile  sind.  Hätten  wir  das  aber  befohlen,  so  ist
die  Befehlserteilung  nach  der  Südsee  eine  etwas  langsame;  der  Telegraph
reicht  nicht  überall  hin,  da  ist  ein  weiter  Weg  zu  machen,  und  ich  habe  die
Vermutung:  das  deutsche  Kriegsschiff,  welches  dann  nach  Chile  gegangen
wäre,  wäre  wahrscheinlich  angekommen,  wenn  in  Chile  längst  wieder  Frieden
war.  Wir  haben  das  Mittel  gewählt,  das,  soviel  ich  weiß,  seit  unvordenklichen
  Zeiten  in  solchen  Fällen  gewählt  wird,  daß  sich  eine  Nation  an  diejenige
  andere  wendet,  die  in  der  Lage  ist,  zunächst  die  erforderliche  Hilfe
schaffen  zu  können.  Es  wenden  sich  andere  Nationen,  Engländer,  Russen,  in
solchen  Fällen  an  uns,  und  wir  haben  uns  in  diesem  Falle  an  England
gewandt;  ich  vermag  nicht  abzusehen,  daß  wir  damit  Unrecht  gethan  hätten.

Das  zweite  Gravamen  ist  Witu.  In  Witu  sind  die  Interessen  von
Deutschland  dadurch  verletzt  worden,  daß  eine  Unruhe  ausbrach,  die  das
Leben  von  Deutschen  gekostet  und  ihr  Eigentum  gefährdet  hat.  Ich  habe,
als  ich  gestern  von  Witu  sprach,  geflissentlich  mich  gehütet,  auf  diese  Dinge
einzugehen,  weil  mir  das  peinlich  war;  wenn  der  Herr  Abg.  von  Cuny  das
aber  wünscht,  so  bin  ich  bereit,  näher  darauf  einzugehen.  Die  Expedition,
die  unter  Herrn  Künzel  nach  Witu  ging,  setzte  sich  zweifellos  außer  Herrn
Künzel  aus  lauter  rechtschaffenen  Männern  zusammen.  (Heiterkeit  links.)
Was  aber  Herrn  Künzel  anbetrifft,  so  war  er  ein  Mann,  der,  in  einer
kleinen  bayerischen  Stadt  geboren,  ursprünglich  zum  Seminaristen  bestimmt,
dann  Forsteleve,  nachdem  er  seiner  Dienstpflicht  genügt  hatte,  nach  Amerika
ging.  Der  Mann  wurde  sodann,  von  dort  hieher  zurückgekehrt,  von  einem
deutschen  Gericht  wegen  Betruges  mit  zwei  Monaten  Gefängnis  bestraft,  ist
in  die  französische  Fremdenlegion  getreten,  mit  der  nach  Tongking  gegangen,
in  Singapore  desertiert.  Dann  zum  erstenmal  nach  Witu  gegangen,  hatte
er  dort  einen  sehr  schlechten  Ruf,  nicht  nur  bei  den  Deutschen,  sondern  auch
bei  dem  Sultan  von  Witu  zurückgelassen,  der  den  Eindruck  von  ihm  erhalten
hatte,  er  sei  ein  Lügner.  Wie  es  nun  gekommen  ist,  daß  ein  Mann  mit
diesen  Antecedenzien  andere  rechtschaffene  Deutsche  unter  seine  Fahne  sammeln
und  mit  denen  seine  Expedition  ausrüsten  konnte,  das  weiß  ich  nicht.  Sie
können  aber  aus  dem  Weißbuch  lesen,  daß  Herr  Meuschel  sich  beim  Auswärtigen
  Amt  vorsichtigerweise  erkundigt  hatte,  und  daß  das  Auswärtige
Amt,  dem  alle  diese  Antecedenzien  bekannt  waren,  Herrn  Meuschel  rechtzeitig
gewarnt  hatte,  nicht  mit  Küngel  zu  gehen;  trotzdem  ging  Herr  Meuschel
        <pb n="40" />
        32  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.—6.)

mit  ihm.  Nun  kommt  Künzel  hin,  geht  ans  Land,  hat  eine  Holzsägemaschine
und  fängt  an,  Holz  zu  sägen,  von  dem  es  im  höchsten  Grad  zweifelhaft  ist,
ob  es  ihm  gehörte.  (Heiterkeit  links.)  Als  er  daran  gehindert  wird  —  der
Sultan  citierte  ihn  in  die  gute  Stadt  Witu;  da  wird  er  interniert  —,  das
gefällt  ihm  nicht;  er  stellt  sich  auf  den  Markt  und  braucht  einen  Ausdruck
gegen  den  Sultan,  die  rechtschaffene  Behörde  von  Witu,  den  hier  zu  wiederholen
  ich  Anstand  nehme.  Darauf  kommt  es  zum  änßersten,  und  nicht  allein
Künzel,  sondern  andere  Deutsche  büßten  ihr  Leben  und  Eigentum  ein.  Sie
werden  mir  zugeben,  daß  solche  Vorgänge  peinlich  sind,  wenn  man  darauf
einer  anderen  Regierung  gegenüber  Schritte  gründen  soll.  Nichtsdestoweniger
hat  die  deutsche  Regierung  gethan,  was  sie  thun  konnte,  und  fährt  noch
fort,  die  Ansprüche  der  Geschädigten  oder  deren  Erben  so  entschieden  als
möglich  zur  Geltung  zu  bringen.  Wenn  der  Herr  Abg.  von  Cuny  wünschen
sollte,  privatim  über  die  Rechtslage  orientiert  zu  werden  und  über  den  gegenwärtigen
  Stand  der  Verhandlungen,  so  würde  der  Herr  Staatssekretär  des
Auswärtigen  Amts  gern  geneigt  sein,  diese  Auskunft  zu  geben;  wenn  das
hier  vor  der  Oeffentlichkeit  geschähe,  so  müßte  ich  besorgen,  daß  die  Interessen
  der  Geschädigten  noch  mehr  geschädigt  würden,  als  sie  es  ohnehin  sind.
(Hört,  hört!  links.)

Das  dritte  Gravamen  des  Herrn  von  Cuny  war  der  Neera-Fall.  Die
gegenwärtige  Regierung,  wenn  ich  den  Herrn  Abgeordneten  recht  verstanden
habe,  hätte  nicht  gethan,  was  sie  thun  konnte,  um  den  Herrn  Peters  und
wer  sonst  an  der  Neera  beteiligt  war,  hinreichend  zu  vertreten.  Ich  will
jetzt  vorlesen,  was  unter  dem  28.  März  1889,  also  ehe  die  gegenwärtige,
von  Herrn  von  Cuny  getadelte  Regierung  ihr  Amt  antrat,  an  den  Grafen
Hatzfeldt  in  London  von  hier  aus  telegraphiert  worden  ist:

Ew.  Exzellenz  sind  ermächtigt,  Lord.  Salisbury  gegenüber  gelegentlich
  zu  wiederholen,  daß  die  Expedition  Peters  das  Reich  nichts  angeht
und  er  und  seine  Begleiter  für  uns  Privatreisende  sind,  bei  deren  Unternehmen
  wir  uns  von  jeder  Förderung  fernhalten.  Der  Reichskanzler
würde  es  natürlich  finden,  daß  England  bewaffneten  Zügen  den  Durchmarsch
  durch  seine  Interessensphäre  in  Ost-Afrika  versagt.  (Hört,  hört!
Links.)

Vielleicht  hat  der  Herr  Abg.  von  Cuny  die  Güte,  anzuerkennen,  daß
nach  diesem  Vorgang  die  jetzige  Regierung  kaum  in  der  Lage  war,  die  Ansprüche
  an  die  Neera  anders  zu  vertreten,  als  sie  es  gethan  hat.  (Sehr  richtig!
Bravo  links.)

Abg.  Dr.  Barth  erklärt:

Seine  Partei  habe  sich  gehütet,  in  der  Kolonialpolitik  einen  einzigen
Schritt  zu  thun,  der  ihr  ausgelegt  werden  könnte,  als  ob  sie  geneigt  wäre,
überhaupt  Kolonialpolitik  zu  treiben.  Seine  Partei  würde  lieber  heute  als
morgen  liquidieren.  Eine  Kolonialpolitik,  wie  sie  getrieben  werde,  sei  unzweckmäßig
  und  unwirtschaftlich.  Seine  Partei  habe  diesen  Standpunkt  nicht
verlassen  und  markiere  dies  dadurch,  daß  sie,  trotzdem  sie  jetzt  in  hohem  Maße
durch  die  Ausführungen  des  Reichskanzlers  befriedigt  sei,  die  3½  Millionen
nicht  bewillige,  weil  sie  die  starke  Einmischung  des  Deutschen  Reiches  in  Ost-Afrika
  nicht  wünsche.  Dahingegen  sei  sie  heute  noch  wie  früher  bereit,  die
etwaigen  Liquidationskosten  im  weitesten  Sinne  des  Wortes  zu  bewilligen.
Wenn  man  ihr  einen  Weg  angeben  wolle,  auf  dem  sie  aus  Ost-Afrika  qua
Reich  herauskomme,  sei  sie  bereit,  die  Mittel  dazu  zu  bewilligen.  Die  Schaffung
  einer  Kronkolonie  bezeichne  ein  neues  Stadium  der  Kolonialpolitik.
Daß  seine  Partei  dies  nicht  mitmachen  wolle,  bringe  sie  durch  die  Ablehnung
der  3½  Millionen  zum  Ausdruck.
        <pb n="41" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  4.)  33

Schließlich  werden  statt  der  von  der  Regierung  geforderten
3½  Millionen  2½  Millionen  für  Ostafrika  bewilligt.

4.  Februgr.  Im  „Vorwärts“  erläßt  die  sozialdemokratische
  Fraktion  des  Reichstags  folgenden  Aufruf:

„Parteigenossen!  In  Ausführung  des  auf  dem  Parteitage  zu  Halle  a.  d.  S.
gefaßten  Beschlusses  und  in  Rücksicht  auf  die  Notwendigkeit,  die  im  Jahre
1889  vom  internationalen  Arbeiterkongresse  zu  Paris  beschlossene  Kundgebung
  zu  Gunsten  des  Achtstundentages  zu  einer  einheitlichen  und  wirksamen
  zu  gestalten,  hat  die  unterzeichnete  Fraktion  nach  eingehender  Erörterung
  mit  allen  gegen  eine  Stimme  beschlossen:  den  deutschen  Arbeitern
zu  empfehlen,  die  Maifeier  am  ersten  Sonntag  im  Mai  zu  begehen  und
weiter  dahin  zu  wirken,  daß  auch  für  die  Zukunft  der  gleiche  Tag  festgehalten
  wird.  Als  Hauptgrund  für  diese  Entscheidung  fiel  ins  Gewicht,
daß  ein  Tag  zu  wählen  sei,  welcher  der  gesamten  Arbeiterklasse  die  Beteiligung
  an  der  Kundgebung  ermöglicht.  Hierzu  erscheint  nur  der  Sonntag
geeignet.  Jeder  andere  Tag  der  Woche  macht  es  einer  sehr  großen  Zahl
von  Arbeitern  unmöglich,  an  der  Feier  teilzunehmen.  Einmal  ist  vielen
Arbeitern  das  Feiern  an  einem  Werktage  besonders  zu  einer  Zeit  unmöglich,
wo  die  bürgerlichen  Feiertage  sich  häufen.  Sodann  hält  auch  die  Erwägung
von  Konflikten  mit  der  Unternehmerschaft  viele  Arbeiter  von  der  Beteiligung
ab.  Hiezu  kommen  noch  als  besondere  Hinderungsgründe  für  das  laufende
Jahr  die  außergewöhnlich  lang  andauernde  Arbeitslosigkeit  während  der  verflossenen
  harten  Wintermonate  und  die  zunehmende  wirtschaftliche  Krisis,
welche  an  sich  schon  Zehntausende  von  Arbeitern  auf  das  Pflaster  wirft  und
die  gesamte  Arbeiterschaft  in  noch  höherem  Grade  als  sonst  der  Willkür  der
Unternehmer  preisgibt.  Parteigenossen!  Dies  sind  die  Erwägungen,  die  uns
bestimmt  haben,  den  Arbeitern  Deutschlands  den  ersten  Sonntag  im  Mai
für  die  Achtstunden-Kundgebung  vorzuschlagen.  Wir  sind  überzeugt,  daß
ihr  diesem  Vorschlage  mit  Einmütigkeit  beitreten  werdet.  Es  handelt  sich
nun  darum,  unverzüglich  alle  Vorbereitungen  für  die  Feier  zu  treffen,  welche
insbesondere  in  Massenumzügen  und  Massenversammlungen  zu  bestehen  haben
wird.  Eure  Aufgabe  ist  es,  durch  zweckentsprechende  Organisationen  dafür
zu  sorgen,  daß  die  Kundgebung  in  imposanter,  würdiger  und  ruhiger  Weise
verläuft.  Parteigenossen!  Angesichts  der  Hartnäckigkeit,  mit  der  die  Regierungen
  und  die  herrschenden  Klassen  sich  weigern,  in  eine  gesetzliche  Beschränkung
  der  Arbeitszeit  für  alle  Arbeiter  im  Interesse  ihres  körperlichen
und  geistigen  Wohlbefindens  zu  willigen;  angesichts  der  Thatsache,  daß  das
kapitalistische  Produktionssystem  uns  eben  wieder  einer  Krisis  von  unabsehbarer
  Dauer  entgegenführt,  in  welcher  das  Ueberangebot  von  Händen  und
die  Lohndrückerei  in  Permanenz  gelangen,  wo  also  eine  Verkürzung  und
gesetzliche  Festlegung  des  Arbeitstages  das  einzige  Mittel  ist,  um  den  schlimmsten
  Wirkungen  dieses  Zustandes  einigermaßen  zu  begegnen:  erscheint  es  als
eine  ganz  besondere  Pflicht,  alles  aufzubieten,  um  die  Maifeier  zu  einer
wahrhaft  großartigen  Kundgebung  zu  gestalten.  Hoch  die  internationale
Sozialdemokratie!“

4.  Februar.  Der  Agitator  Warken  als  Vorsitzender  des  bergmännischen
  Rechtsschutzvereins  richtet  anläßlich  des  Jahrestags  der
Allerhöchsten  Erlasse  vom  4.  Februar  1890  folgendes  Ergebenheitsund
  Danktelegramm  an  den  Kaiser:

„Die  Ew.  Majestät  treu  bis  in  den  Tod  ergebenen  Bergleute  des
Europ  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.                     3
        <pb n="42" />
        34  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  5.)

Saarreviers  gedenken  bei  ihrer  Festfeier  der  von  Ew.  Majestät  heute  vor
einem  Jahre  gesprochenen  Worte:  Die  Saargruben  sollen  Musteranstalten
werden  Für  die  in  diesen  Worten  von  Allerhöchstdemselben  bekundete
gutige  Gesinnung  gegen  uns  wagen  wir  es  vertrauensvoll,  unserm  Kaiser
Wilhelm  II.,  dem  Schützer  und  Beschirmer  seines  Volkes,  unsern  tiefgefühlten
Tank  auszusprechen  und  Ew.  Majestät  ehrerbietigst  ein  tausendstimmiges
Glückauf  zuzurufen.  Für  die  Bergleute  des  Saarreviers:  Der  Vorstand  des
Rechtsschutzvereins,  gez.  Warken,  Vorsitzender.“

Nach  der  Germania  wurden  am  4.  Februar  überall  Festversammlungen
im  Saargebiet  gehalten  und  dabei  von  Bergleuten  Ansprachen  an  die  Anwesenden
  gerichtet.  Die  Häuser  in  den  Bergarbeiterdörfern  waren  meistens
beflaggt.  Die  Nachtschichter  brachten  auf  fast  allen  Gruben  vor  der  Einfahrt
ein  Hoch  auf  den  Kaiser  aus.  In  verschiedenen  Ortschaften  wurden  Fackelzüge
  veranstaltet.

5.  Februar.  Die  „Hamburger  Nachrichten“  bringen  einen
„aus  Mitteldeutschland“  datierten  Aritel,  der  auf  den  Fürsten  Bismarck
  zurückgeführt  wird.  Er  führt  die  Ueberschrift  „Die  Versöhnungspolitik“:


„Die  Sperrgeldervorlage  wird  schwerlich  dazu  beitragen,  das  in  der
Bevölkerung  verbreitete  Gefühl  zu  mindern,  daß  die  verantwortlichen  Minister
  in  dem  Bestreben,  alle  Welt  zu  befriedigen  und  Popularität  zu  finden,
doch  zu  weit  gehen.  Ohne  Zweifel  sind  „Erfolge“  erzielt,  aber  mancher  derselben,
  der  einen  Nickel  wert  war,  wurde  mit  einem  Zwanzigmarkstück  bezahlt.
Auf  diese  Weise  Versöhnung  zu  stiften,  ist  eben  nicht  schwer;  es  fragt  sich
nur,  wie  das  Staatsinteresse  dabei  gewahrt  bleibt.  Wenn  eine  Konzession
auf  die  andere  folgt,  ohne  daß  man  Gegenleistungen  sieht,  die  auch  nur
annähernd  zu  den  gebrachten  Opfern  im  Verhältnis  stehen,  so  darf  man  sich
nicht  wundern,  wenn  schließlich  im  Inlande  wie  auswärts  der  Glaube  Platz
greift,  die  Männer  des  neuen  Régimes  konzedierten  in  dem  Bestreben,  zu
zeigen,  daß  es  auch  ohne  den  Fürsten  Bismarck  gehe,  alle  Forderungen,  denen
früher  ein  heilsames  Quos  ego  entgegengesetzt  worden  wäre.  Welche  materielle,
moralische  und  politische  Nachteile  dies  zur  Folge  haben  kann,  bedarf  keiner
weiteren  Ausführung.  Die  Haltung,  die  Oesterreich-Ungarn  in  den  handelspolitischen
  Dingen  einnimmt,  beweist  vollkommen  den  Umschwung,  der  gegen
die  frühere,  dem  Verhältnisse  beider  Staaten  zu  einander  entsprechende  Lage
stattgefunden  hat.  Oesterreich  erscheint  nicht  mehr  als  der  werbende,  sondern
mehr  als  der  gewährende  Teil,  dem  man  Opfer  bringen  muß,  um  ihn  bei
guter  Laune  zu  erhalten!  Das  Abkommen,  welches  bezüglich  Afrikas  mit
England  getroffen  worden  ist,  macht  eben  Schule  und  ermutigt  das  Ausland
zu  Ansprüchen,  die  zu  stellen  es  früher  nicht  gewagt  hätte,  weil  die  deuische
Politik,  souverän  und  gänzlich  unbeeinflußt  durch  irgendwelche  Nebenrücksichten,
  lediglich  nach  Maßgabe  der  deutschen  Interessen  entschied  und  durch
energisches,  seiner  Macht  entsprechendes  Auftreten  sich  stets  heilsamen  Respekt
zu  sichern  wußte.  Zu  solchen  nachteiligen  Wirkungen  des  fortwährenden
Nachgebens  tritt  als  weitere  Folge,  erstens,  daß  diejenigen,  auf  deren  Kosten
dem  Auslande  Konzessionen  gemacht  werden,  naturgemäß  in  Unzufriedenheit
geraten,  und  zweitens,  daß  im  Innern  alle  möglichen  Ansprüche  und  Forderungen
  im  Vertrauen  auf  die  Nachgiebigkeit  und  das  Friedensbedürfnis  der
Regierung  erhoben  werden,  deren  Befriedigung  unmöglich  ist,  deren  Ablehnung
  aber  durch  das  Versöhnungsrégime  von  seiten  böswilliger  Agitatoren
zu  um  so  größerer  Verbitterung  der  Massen  ausgenutzt  werden  kann.  Mit
Sozialdemokraten  und  Ultramontanen  ist  der  Anfang  gemacht,  das  reichs-
        <pb n="43" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  7.)  35

ländische  Franzosentum,  die  Welfen  und  Polen  werden  nachfolgen.  Dazu
kommt,  daß  sich  bisher  trotz  aller  Reformbereitschaft  der  Regierung  und  eines
großen  Prozentsatzes  der  Volksvertretung  feste,  zuverlässige  Majoritätsverhältnisse,
  welche  gleichmäßige  Entscheidungen  in  der  Zukunft  sicherten,  nicht  herauszubilden
  vermocht  haben.  Nichts  ist  bezeichnender  für  die  parlamentarische
Lage  als  das  trotz  aller  Beschönigungsversuche  höchst  fragwürdige  derzeitige
Verhältnis  zwischen  Regierung  und  Konservativen.  Die  Nationalliberalen
scheinen  sich  bei  aller  Konnivenz  gegen  das  neue  Régime  die  Entscheidung
von  Fall  zu  Fall,  die  von  den  unberechenbarsten  Einwirkungen  abhängt,
vorbehalten  zu  wollen,  während  das  Zentrum  in  der  That  Herr  der  Lage
ist  und  seine  Forderungen  ganz  nach  Belieben  stellt  und  stellen  kann,  wie  die
Sperrgeldervorlage  beweist.  Diese  enthält  das  Eingeständnis  einer  Situation,
welche  weiter  Blickende  schon  längst  als  unabwendbar  angesehen  haben.  Endlich
  gesellt  sich  zu  der  allgemeinen  politischen  Unsicherheit  noch  die  starke
Depression,  die  auf  Handel,  Gewerbe  und  Unternehmungsgeist  lastet.  Worauf
diese  zurückzuführen  ist,  soll  hier  ununtersucht  bleiben;  hier  in  Mitteldeutschland
  und  namentlich  auch  im  Süden  schwebt  die  Antwort  darauf  auf  jedermanns
  Lippen.  Industrie  und  Landwirtschaft,  zwei  Hauptfaktoren  des  Erwerbslebens,
  sind  beunruhigt,  erstere  durch  die  Behandlung  der  Arbeiterfrage,
letztere  durch  die  drohende  Schmälerung  des  ihr  gewährten  Zollschutzes.  Die
Rückwirkung  der  Beklemmung,  die  auf  diesen  beiden  großen  Erwerbsbranchen
lastet,  teilt  sich  naturgemäß  dem  übrigen  wirtschaftlichen  Leben  mit;  das
Gold,  soweit  es  nicht  durch  das  Ausland,  namentlich  durch  Rußland,  an
sich  gezogen  wurde,  ist  knapp,  schwer  beweglich  und  allen  Unternehmungen
gegenüber  sehr  zurückhaltend,  während  andrerseits  die  Nachwirkungen  der
Streiks  und  der  abnorme  Winter  das  Ihre  dazu  beitragen,  das  in  allen
Bevölkerungskreisen  herrschende  Unbehagen  zu  vergrößern.  Das  ist  die  Auffassung
  der  Lage,  wie  sie  hier  gehegt  wird.  Wie  weit  sie  von  der  Berliner
abweicht,  wissen  wir  nicht;  was  wir  aber  wissen,  das  ist,  daß  weiten  Kreisen
des  deutschen  Volkes  das  Gemüt  erleichtert  werden  würde,  wenn  bald  etwas
geschähe,  zius  das  alte  Gefühl  der  Stärke  und  des  Vertrauens  wieder  aufeben
  ließe."

7.  Februar.  Die  „Hamburger  Nachrichten“  bringen  über  die
Kolonialrede  des  Reichskanzlers  einen  Artikel  mit  der  Ueberschrift:
„Fürst  Bismarck  und  der  deutsch-englische  Vertrag“.

In  Anknüpfung  an  die  Aeußerung  „England  ist  für  uns  wichtiger
als  Sansibar  und  ganz  Ost-Afrika“  wird  folgendes  ausgeführt:

„Es  kann  sehr  wohl  kritische  Situationen  geben,  in  welchen  der  Satz,
England  sei  für  uns  wichtiger  als  ganz  Ost-Afrika,  eine  größere  Tragweite
in  Anspruch  nehmen  kann,  als  die  einer  Randbemerkung,  welche  den  Zweck
hat,  übertriebenen  oder  voreiligen  Bestrebungen  Schranken  zu  ziehen.  Es
kann  auch  umgekehrt  Lagen  geben,  in  welchen  England  ein  ähnliches  Bedürfnis
  empfinden  könnte,  die  Freundschaft  Deutschlands  durch  koloniale
Zugeständnisse  zu  befestigen.  Aber  es  ist  notorisch,  daß  solche  kritische  Momente,
  solche  Situationen,  in  welchen  Deutschland  etwa  zwischen  dem  Bruche
mit  England  oder  dem  Verzichte  auf  Kolonien  hätte  wählen  müssen,  1890
nicht  vorlagen.  Unsere  Beziehungen  zu  England  waren  auch  ohne  Verzicht
auf  Sansibar  und  Witu  so,  wie  sie  längere  Zeit  hindurch  hätten  bleiben
können.  Nichts  drängte  derart  zum  Abschlusse  und  wir  wissen  von  unseren
Hamburger  Mitbürgern,  welche  mit  Sansibar  in  regem  Verkehr  stehen,  daß
die  dort  wohnenden  Engländer  von  der  ersten  Nachricht  von  dem  deutschen
Verzicht  überrascht  waren  und  sie  für  erfunden  hielten.

                                                    3*
        <pb n="44" />
        36  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.)

„Wenn  verschiedene  Blätter  und  auch  solche,  die  hier  in  Hamburg
erscheinen,  aus  den  zitierten  Randbemerkungen  des  Fürsten  Bismarck  und
aus  dem  Gewicht,  welches  er  vor  weiterem  Vorschreiten  auf  Sicherung  des
Einvernehmens  mit  England  legte,  den  Schluß  glauben  ziehen  zu  können,
daß  der  frühere  Kanzler  sich  bereits  mit  der  Absicht  getragen  habe,  die
Sphäre  unserer  Wirkung  in  Afrika  so  weit  einzuschränken,  wie  es  heute  der
Fall  ist,  so  ist  dieser  Schluß  doch  ein  sehr  gewagter,  und  auch  nicht  gerechtfertigt
  durch  den  Umstand,  daß  die  Rede  des  heutigen  Kanzlers  diese  Meinung
  zulässig  erscheinen  läßt,  ohne  sie  auszusprechen.  Wir  halten  daher  die
Aeußerung  des  „Hamburgischen  Korrespondenten"“,  „der  Reichskanzler  habe
die  Behauptung,  Fürst  Bismarck  hätte  den  Vertrag  nicht  geschlossen,  in
schlagender  Weise  widerlegt,“  nach  dem  bisher  der  Oeffentlichkeit  vorliegenden
Material  für  unerwiesen.

„Herr  von  Caprivi  erklärt  nicht,  daß  er  bei  seinem  Amtsantritt  die
Verhandlungen  in  einer  Lage  gefunden  habe,  welche  einen  Abschluß  des
deutsch-englischen  Vertrages  vom  1.  Juli  1890  geschäftlich  geboten  oder  doch
den  Verzicht  darauf  schwierig  gemacht  hätte.  Er  macht  hierbei  die  Mitteilung,
  er  habe  sich  bei  seinem  Amtsantritt  davon  überzeugt,  was  für  Vorgänge
  da  seien  und  was  für  einen  Standpunkt  die  Regierung  eingenommen
habe.  Er  sagt  aber  nicht,  daß  er  sich  durch  Rücksprache  mit  seinem  Vorgänger
  darüber  vergewissert  habe,  und  wir  nehmen  nach  dem  Wortlaute
seiner  Rede  an,  daß  er  seine  Kenntnis  über  den  damaligen  Standpunkt  der
Regierung  lediglich  durch  Einsicht  der  Akten  gewonnen  hat.  Er  würde  sonst
gewiß  nicht  nur  fragmentarische  Marginalbemerkungen  seines  Vorgängers
angeführt,  sondern  sich  auch  auf  den  Inhalt  der  mündlicheu  oder  schriftlichen
  Aeußerungen  über  den  status  quo  bei  Uebernahme  des  Amtes  bezogen
haben.  Herr  von  Caprivi  rechtfertigt  den  Vertrag  auch  in  der  Hauptsache
nicht  als  ein  Zwangsergebnis  der  übernommenen  Geschäftslage,  sondern  als
ein  Abkommen,  welches  sich  vermöge  der  Vorteile,  die  es  Deutschland  gewährt,
sachlich  empfohlen  habe.  Der  Inhalt  seiner  Rede  vertritt  den  Abschluß
objektiv,  als  einen  für  das  Reich  nützlichen  und  verdienstlichen.  Die  Auffassung
  wird  allerdings  abgeschwächt  durch  den  Versuch,  einen  Teil  der  Verantwortlichkeit
  für  den  Abschluß  auf  seinen  Vorgänger  im  Amte  zu  übertragen
  und  demselben  einen  Anteil  an  dem  Verdienste  des  Vertragsabschlusses
zuzuweisen,  einen  Anteil,  welchen  Fürst  Bismarck  niemals  für  sich  in  Anspruch
  genommen  hat.  Wir  dürfen  vielmehr  nach  Veröffentlichungen  von
Interviewern  aus  dem  vorigen  Jahre  annehmen,  daß  der  frühere  Kanzler
ausdrücklich  gesagt  hat,  er  würde,  wenn  er  noch  im  Amte  gewesen  wäre,  zu
dem  Abschlusse  über  Sansibar  nicht  geraten  haben.  Er  legt,  wie  auch  aus  dem
Inhalt  seiner  von  seinem  Nachfolger  veröffentlichten  vertraulichen  Marginalien
hervorgeht,  hohen  Wert  auf  die  Uebereinstimmung  mit  England,  generell
sowohl  als  auch  in  Ost-Afrika,  wir  vermuten  aber,  daß  er  an  volle  Gegenseitigkeit
  dieser  Wertschätzung  bei  Lord  Salisbury  stets  geglaubt  hat,  aber
nicht  an  das  Bedürfnis  und  noch  weniger  an  die  Notwendigkeit,  die  Fortdauer
  der  englischen  Freundschaft  durch  das  fragliche  Abkommen  zu  sichern;
er  hatte  an  der  Festigkeit  dieser  Freundschaft,  solange  Salisbury  im  Amte
ist,  aus  allgemeinen  politischen  Gründen  überhaupt  keinen  Zweifel.“

10.  Februar.  Das  Abgeordnetenhaus  nimmt  ein  Wildchadengesetz
  in  dritter  Lesung  mit  allen  gegen  einige  konservative

Stimmen  an,  nachdem  Minister  v.  Heyden  erklärt  hat,  er  könne
zwar,  da  er  mit  manchen  Bestimmungen  nicht  übereinstimme,  das
        <pb n="45" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  12.)  37

Gesetz  im  Herrenhause  freudigen  Herzens  nicht  vertreten,  werde  sich
aber  bemühen,  daß  ein  praktisches  Ergebnis  herauskomme.

12.  Februar.  Das  „Deutsche  Tageblatt“  bringt  folgenden
Artikel  „Ein  ernstes  Wort  zur  Lage“:

„In  der  öffentlichen  Meinung  tritt  neuerdings  eine  starke  Strömung
einer  verdrießlichen  und  das  Gefühl  des  Unbehagens  weiterpflanzenden
Stimmung  zu  Tage,  und  es  läßt  sich  leider  nicht  leugnen,  daß  dieses  Mißvergnügen
  hier  und  da  auch  in  konservativen  Kreisen  in  einer  Form  zum
Ausdruck  kommt,  die  sich  von  der  seit  Jahren  und  mit  besonderem  Nachdruck
unter  der  Amtsführung  des  Fürsten  Bismarck  bekämpften  nörgelnden  Manier
des  Freisinns  wenig  oder  gar  nicht  unterscheidet.  Nun  nimmt  die  konservative
Partei  selbstverständlich  das  Recht  einer  sachlichen  Kritik  gegenüber  den  Regierungsvorlagen
  und  Regierungsmaßnahmen  für  sich  in  Anspruch;  sie  wird  auch,
wo  Bedenken  allgemeinerer  Art  gegenüber  der  von  der  Regierung  auf  politischem
  oder  wirtschaftlichem  Gebiet  innegehaltenen  Nichtung  bei  ihr  auftauchen,
  mit  einem  Wort  der  Warnung  nicht  zurückhalten.  Ihre  Kritik
kann  und  darf  aber  aus  dem  sachlichen  Rahmen  nicht  heraustreten,  kann
nicht  zu  Uebertreibungen  und  gehässigen  Zuthaten  persönlichen  Charakters
greifen  und  darf  nicht  zu  einer  tendenziösen  Predigt  des  Mißmuts  und  der
Voreingenommenheit  ausarten.  Die  konservative  Partei  hat  die  Pflicht,  und
kann  sich  in  keiner  Lage  und  unter  keinen  Umständen  von  ihr  abdrängen
lassen,  ihrer  Gesamtstellung  zur  Regierung  Seiner  Majestät  des  Königs  das
Gepräge  der  Treue  und  der  Loyalität  zu  erhalten,  wie  andererseits  diese
Regierung  Seiner  Mjestät  zwar  keine  Parteiregierung  sein  kann,  aber  sich
naturgemäß  mit  denjenigen  Parteien  zusammenfinden  und  Verständigung  mit
ihnen  suchen  muß,  die  den  monarchischen  Gedanken  vertreten.

„Beurteilt  man  von  dieser  Grundstellung  aus  das  gegenwärtige  Treiben
  in  einem  Teil  der  Presse,  so  ist  der  Eindruck  einer  bedauerlichen  und
ungehörigen,  ja  widerwärtigen  Erscheinung  unabweisbar.  Man  macht  die
Beobachtung,  daß  von  bestimmten  Zentren  aus  in  vollbewußter  Weise  das
Ansehen  der  Regierung  untergraben  und  vor  allem  versucht  wird,  die  Vorstellung
  zu  verbreiten,  daß  sie  mit  unzulänglichen  Kräften  ihrer  Aufgabe
gegenüberstehe,  schwankend  und  haltlos,  ohne  festen  Kurs,  sich  von  der
öffentlichen  Meinung  hin  und  hertreiben  lasse  und  in  ihren  Verhandlungen
mit  dem  Ausland  durch  ein  zuweit  gehendes  Entgegenkommen  das  Ansehen
und  das  Interesse  Deutschlands  schädige.  Man  beobachtet  insbesondere,  und
das  ist  das  Verletzendste  und  Unerträglichste  für  die  konservative  Empfindungsweise,
  daß  vielfach  auch  die  Person  Seiner  Majestät  in  mehr  oder  weniger
versteckter  Weise  in  diese  Kritik  hineingezogen  und  zur  Zielscheibe  ebenso
unehrerbietiger  und  hämischer,  wie  sachlich  unbegründeter  Ausfälle  gemacht
wird.  Wir  erinnern  in  dieser  Beziehung  an  den  gestern  auszugsweise  wiedergegebenen
  Artikel  der  „Münchener  Allgemeinen  Zeitung“,  über  dessen  Ursprung
und  Kausalzusammenhang  mit  dem  Verdruß  über  einen  soeben  vollzogenen
Wechsel  in  der  Besetzung  eines  hohen  Militärpostens  kein  Zweifel  bestehen
kann,  und  der  in  der  Ausstreuung  boshafter  Unterstellungen  und  tendenziöser
Unwahrheiten,  so  der  Mitteilung,  daß  Seine  Majestät  geäußert  haben  solle,
er  wolle  in  Zukunft  sein  eigener  Generalstabschef  sein,  wahrhaft  Empörendes
leistete.  In  dieselbe  Kategorie  gehört  das  Herumtragen  von  Gerüchten,  die
sich  auf  die  Stellung  des  Herrn  Finanzministers  von  Miquel  beziehen,  von
angeblich  bevorstehenden  Teilungen  der  Aemter  des  Herrn  Reichskanzlers
von  Caprivi,  von  Rivalitäten  und  Verstimmungen  zwischen  den  Ministern
u.  s.  w.  fabeln  und,  wie  bereits  festgestellt,  völlig  aus  der  Luft  gegriffen
        <pb n="46" />
        38  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  13.—15.)

sind.  In  allen  diesen  Dingen  tritt  eine  bestimmte  Tendenz,  die  auf  die  Erzeugung
  einer  Stimmung  des  Unbehagens  hinarbeitet,  die  insbesondere  auch
unter  den  Konservativen  immer  aufs  neue  Mißtrauen  wachzurufen  sucht,  die,
mit  einem  Worte,  aufwühlen  will,  unzweideutig  zu  Tage.“

In  der  Polemik  gegen  diesen  Artikel  sagt  die  „Kreuzzeitung“:

„Das  „Deutsche  Tageblatt“  kommt  jetzt  freilich  mit  Andeutungen
heraus,  die  auf  einen  gewissen  Rückhalt  schließen  lassen  sollen,  indem  es  die
Herren  v.  Helldorf  und  Freiherr  v.  Manteuffel  als  seine  Hintermänner
namhaft  macht.  Ob  letzterer  damit  einverstanden  ist,  bezweifeln  wir  noch
sehr;  Herrn  v.  Helldorf  aber  überlassen  wir  dem  „Deutschen  Tageblatt“  gern.
Wir  haben  seine  Politik  niemals  für  eine  weitsichtige,  der  konservativen
Sache  ersprießliche  gehalten,  sind  vielmehr  stets  der  Ansicht  gewesen,  daß
insbesondere  die  Art,  wie  er  die  Presse  seit  Jahren  beeinflußt,  schließlich
zur  Sprengung  der  konservativen  Partei  führen  muß,  und  daraus  haben
wir  kein  Hehl  gemacht.“

Als  Antwort  hierauf  bringt  die  „Konservative  Korrespondenz“"
folgende  parteioffizielle  Erklärung  (vgl.  21.  Febr.):

„Die  Fraktion  der  Deutsch-Konservativen  des  Reichstages  hat  mit
Bedauern  von  dem  persönlichen  Angriffe  Kenntnis  genommen,  welcher  in
Nr.  77  der  „Kreuzzeitung“  gegen  die  Mitglieder  des  Vorstandes  der  Fraktion,
Freiherrn  v.  Manteuffel  und  Herrn  v.  Helldorff,  gerichtet  worden  ist.  Die
Fraktion  spricht  ihr  volles  Vertrauen  zu  den  genannten  Herren  aus."“

13.  Februar.  Auf  einem  parlamentarischen  Diner  beim  Reichskanzler
  macht  der  Kaiser  in  einem  Gespräch  mit  dem  Reichstagsabgeordneten
  Grafen  Konrad  Preysing  Aeußerungen  über  die
Stimmung  Süddeutschlands  dem  Reiche  gegenüber,  er  betont  das

Heranwachsen  eines  neuen  Geschlechts  und  sagt  von  sich  selbst:

„Ich  habe  nicht  die  Empfindung  von  1866,  sondern  die  von  1870.“
Auf  die  Parteiverhältnisse  eingehend,  bemerkt  der  Kaiser,  für  ihn  gebe  es
nur  zwei  Parteien:  die  staatserhaltende  und  die  derselben  entgegengesetzte.
Ferner  äußert  der  Kaiser  seine  Befriedigung  über  die  Wirkung  der  Aufhebung
  des  Sozialistengesetzes  und  fügte  hinzu,  die  Sozialdemokratie  habe
freie  Bewegung  im  Rahmen  der  Gesetzlichkeit;  darüber  hinaus  werde  sie  die
schärfste  Zurückweisung  erfahren.

14.  Februar.  Freiherr  v.  Soden  wird  zum  Gouverneur
des  deutsch-ostafrikanischen  Schutzgebietes  ernannt.  Wißmann,
Peters  und  Emin  werden  ihm  bald  darauf  als  „Reichskommissare
zur  Verfügung  des  Gouverneurs“  beigegeben.

15.  Februar.  In  Bochum  tagt  eine  Delegiertenversammlung
der  deutschen  Bergarbeiter,  vom  Einberufer  Bringewald-Wattenscheid
  geleitet.  Auswärtige  Delegierte  sind  anwesend  aus  Sachsen
(Otto-Teuchern),  Saarbrücken  (Moor),  Wurmrevier  (Otten),  Schlesien
  (Reichelt-Altwasser).

Auf  der  Tagesordnung  steht  zunächst  die  Euhung  der  Forderungen

der  Bergleute.  Bringewald  bemerkt  einleitend,  daß  der  Aufruf  zu  der  Versammlung
  von  den  Zeitungen  aller  Parteischattierungen,  aber  nicht  von  der
        <pb n="47" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febrnar  18.—21.)  39

nationalliberalen  Presse,  ausgenommen  worden  sei.  Die  Forderungen  der
Bergleute  seien  immer  als  unberechtigt  bezeichnet  worden;  erst  in  letzter  Zeit
hätten  zwei  hervorragende  Männer,  die  Herren  Reichstagsabgeordneter  Müllensiefen
  und  Bürgermeister  Vattmann-Gelsenkirchen,  unumwunden  anerkannt,
daß  sie  berechtigt  seien.  —  Darauf  verliest  Bauer-Weitmar  die  Forderungen,
die  einstweilen  folgendermaßen  festgesetzt  wurden:

1.  Achtstündige  Schicht  inkl.  Ein=  und  Ausfahrt.

2.  Verbot  von  Ueberschichten;  wenn  Ueberschichten  nötig,  nur  mit  Erlaubnis
  der  Arbeiterausschüsse,  und  dann  gegen  doppelten  Lohn.

3.  Einrichtung  von  Einigungsämtern  und  Arbeiterausschüssen.

4.  Wegfall  der  Füllkohlen  und  Regelung  des  Wagennullens.

5.  Steigender  Lohn  mit  steigendem  Gewinn.

6.  Wiedereinstellung  der  Bergleute,  die  infolge  der  Organisationsbestrebungen
  entlassen  sind.

7.  Erhaltung  der  Knappschaftskasse  als  Wohlfahrtseinrichtung.

18.  Februar.  Die  Kaiserin  Friedrich  und  die  Prinzessin
Margarete  treten  eine  Reise  nach  Paris  an,  wo  sie  bis  zum  27.
Februar  verweilen  (vgl.  Frankreich).

20.  Februar.  Die  preußische  Regierung  legt  250  Millionen
und  die  deutsche  Reichsregierung  200  Millionen  3prozentige  Anleihe
  im  Kurse  von  84,40  auf.  Die  aufgelegten  200  Millionen
Reichsanleihe  werden  mehr  als  46fach,  die  250  Millionen  preußische
Anleihe  nahezu  30fach  gezeichnet.

21.  Februar.  Der  Kaiser  hält  bei  dem  Festmahl  des  brandenburgischen
  Provinzial-Landtages  folgende  Rede:

„In  Meinen  Dank  für  die  freundlichen  Worte  des  Herrn  Vorsitzenden
möchte  Ich  zunächst  das  tiefe  Bedauern  und  den  innigen  Schmerz  einschließen,
der  Mein  und,  Ich  bin  fest  überzeugt,  Ihrer  Aller  Herren  durchzogen  hat
bei  dem  Verlust  eines  Ihrer  wertesten  Mitglieder;  Ich  meine  des  Herrn
v.  Rochow-Plessow.  Ihm,  einem  alten  märkischen  Edelmann  von  treuem,
festem  Schrot  und  Korn,  einem  Vorbild  aller  ritterlichen  Tugenden,  der
seinem  Fürstenhause  treu  ergeben  war  bis  zum  letzten  Atemzuge  seines  Lebens,
möchte  Ich  als  König  noch  nachträglich  Meinen  Dank  aussprechen  für  das
lange  Leben  treuen  Arbeitens,  welches  er  für  Meine  Vorfahren  und  für  Mich
im  Dienste  der  Provinz  zugebracht  hat.

Brandenburgische  Männer!  Ich  freue  Mich  von  ganzem  Herzen,  daß
es  Mir  vergönnt  ist,  wieder  einen  Abend  unter  Ihnen  zuzubringen,  denn
es  ist  Einem  immer  wohl,  mit  Männern  sich  zusammenzufinden,  von  denen
man  wi.  daß  man  mit  ihnen  übereinstimmt  und  daß  man  sich  miteinander
eins  fühlt.

Wir  stehen  gewissermaßen  noch  unter  dem  Schatten  jenes  Tages,  den
wir  vor  kurzer  Zeit  geseiert  haben,  Ich  meine  des  Jubiläums  jenes  großen
Brandenburgers,  von  dem  Ich  so  oft  und  gern  zu  Ihnen  gesprochen  habe,
des  Großen  Kurfürsten,  jenes  Mannes,  der  mit  seinem  vollsten  Herzen  und
allen  Fibern  an  seinem  Heimatlande  hing  und  mit  unermüdlicher,  rastloser
Thätigkeit  dafür  sorgte,  daß  aus  tiefer  Not  und  tiefem  Elend  die  Mark
Brandenburg  zu  einem  festen,  einigen  Ganzen  emporstieg.  Es  ist  der  Vorfahre
  von  Mir,  für  den  Ich  die  meiste  Schwärmerei  habe,  der  von  jeher
Meiner  Jugend  als  Vorbild  vorangeleuchtet  hat.

Ich  weiß  sehr  wohl,  daß  in  dieser  Zeit  und  im  vergangenen  Jahr
        <pb n="48" />
        40  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  21.)

manches  geschah  und  sich  ereignet  hat,  was  Ihre  Herzen  und  Gemüter  bewegt.
  Ich  freue  Mich,  daß  Meiner  Aufforderung  zum  gemeinsamen  Arbeiten,
  zum  einigen  Thun  im  Lande,  welche  Ich  damals  in  Schleswig-Holstein
  und  später  in  Schlesien  aussprach,  so  gerne  und  willig  in  jeder  Beziehung
  in  der  Bevölkerung  entsprochen  worden  ist,  ebenso  auch  hier  in  der
Mark  Brandenburg.  Ich  meine  aber  zu  gleicher  Zeit  einen  gewissen  Stillstand
  wahrnehmen  zu  können,  ein  gewisses  Zagen  und  ein  gewisses  Zaudern;
Ich  meine  zu  sehen,  daß  es  den  Herren  nicht  leicht  wird,  den  Weg  zu  erkennen,
  den  Ich  beschreite  und  den  Ich  Mir  vorgezeichnet  habe,  um  Sie  und
uns  Alle  zu  Meinem  Ziel  und  zum  Heil  des  Ganzen  zu  führen.

Wenn  wir  Schritte  thun  und  arbeiten  wollen  zum  Heile  des  Ganzen.
so  müssen  wir  dieses  auch  immer  im  Auge  haben.  Zu  diesem  Zwecke  thut
es  wohl  gut,  sich  zuweilen  in  unsere  Geschichte  rückblickend  zu  vertiefen.

habe  im  vorigen  Jahre  an  einer  Stelle  gestanden,  die  uns  allen
teuer,  lieb  und  wert,  Ich  möchte  sagen  geheiligt  erscheint;  es  ist  der  Boden
von  Memel.  Ich  bin  in  dem  Hause  gewesen,  wo  Meine  Urgroßeltern  gelebt
und  ihre  Zeit  in  schwerer  Anfechtung  und  Sorge  zugebracht  haben,  da  unser
Land  zerschmettert  am  Boden  lag,  den  Eroberer  in  sich  walten  und  schalten
sehend,  ohne  Hoffnung  auf  die  Zukunft.  Und  gerade  von  dort  aus,  da
niemand  wußte  und  niemand  sich  denken  konnte,  daß  das  Land  sich  jemals
wieder  erheben  würde,  von  dort  aus  sind  die  ersten  Anfänge  zur  Größe
unserer  Jetztzeit  ausgegangen.  Das  Fürstenhaus,  festhaltend  an  Gott,  am
Glauben,  an  der  Treue  zu  seiner  Pflicht;  das  Volk,  fest  vertrauend  der  Hand
seines  Führers:  sie  fanden  sich  beide  wieder  zusammen,  und  in  diesem
Vertrauen  liegt  die  Größe,  darin  liegt  das  Geheimnis  der  Größe  unseres
Vaterlandes.

Ich  weiß  sehr  wohl,  daß  es  in  der  Jetztzeit  versucht  wird,  die  Gemüter
  zu  ängstigen.  Es  schleicht  der  Geist  des  Ungehorsams  durch  das  Land;
gehüllt  in  schillernd  verführerisches  Gewand,  versucht  er  die  Gemüter  Meines
Volkes  und  die  Mir  ergebenen  Männer  zu  verwirren;  eines  Ozeans  von
Druckerschwärze  und  Papier  bedient  er  sich,  um  die  Wege  zu  verschleiern,
die  klar  zu  Tage  liegen  und  liegen  müssen  für  jedermann,  der  Mich  und
Meine  Prinzipien  kennt.  Ich  lasse  Mich  dadurch  nicht  beirren.  Es  mag
Meinem  Herzen  wohl  wehe  thun,  zu  sehen,  wie  verkannt  die  Ziele  sind,  die
Ich  verfolge;  aber  Ich  hege  das  Vertrauen,  daß  alle  diejenigen,  die  monarchisch
  gesonnen  sind,  die  es  gut  mit  Mir  meinen,  und  daß  vor  allen  Dingen
die  brandenburgischen  Männer  nicht  einen  Augenblick  wankend  geworden
sind  und  nie  gezweifelt  haben  an  dem,  was  Ich  that.

Wir  müssen  vorwärts  streben,  wir  müssen  arbeiten  und  im  Innern
kämpfen.  Aber  wenn  das  Ganze  gedeihen  soll,  so,  seien  Sie  sich  dessen  klar,
müssen  hier  und  da  im  Einzelinteresse  Opfer  gebracht  werden.

Unsere  jetzigen  Parteien  sind  gegründet  auf  Interessen  und  verfolgen
dieselben  oft  zu  sehr,  eine  jede  für  sich.  Es  ist  ein  hohes  Verdienst  Meiner
Vorfahren,  daß  sie  sich  nie  zu  den  Parteien  gestellt,  sondern  daß  sie  stets
darüber  gestanden  haben  und  daß  es  ihnen  gelungen  ist,  die  einzelnen  Parteien
  zum  Wohle  des  Ganzen  zu  vereinigen.  Nun,  Sie  sehen  ja,  wie  der
Erfolg  diese  Bemühungen  gekrönt  hat  zum  Heil  des  Ganzen,  zum  fortschreitenden
  Gedeihen  unserer  Arbeit.

Ich  hoffe  und  spreche  die  feste  Zuversicht  aus,  daß  ein  jeder  von
Ihnen  in  seiner  Arbeit  und  in  seinem  Wirkungskreis  verstehen  wird,  daß
er  für  das  Ganze  wirken  und  arbeiten  soll,  daß  er  Mir  treu  zur  Seite
stehen  und  Mir  helfen  muß.  Ich  glaube  nicht,  daß  die  brandenburgischen
Männer  zandern  werden,  Mir  zu  folgen  auf  den  Bahnen,  die  Ich  beschreite.

Sie  wissen,  daß  Ich  Meine  ganze  Stellung  und  Meine  Aufgabe  als
        <pb n="49" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  23.—25.)  41

eine  Mir  vom  Himmel  gesetzte  auffasse,  daß  Ich  im  Auftrag  eines  Höheren,
dem  Ich  später  einmal  Rechenschaft  abzulegen  habe,  berufen  bin.  Deshalb
kann  Ich  Sie  versichern,  daß  kein  Abend  und  kein  Morgen  vergeht  ohne
ein  (Gebet  für  Mein  Volk  und  speziell  ein  Gedenken  an  Meine  Mark  Brandenburg.


Nun,  Brandenburger!  Ihr  Markgraf  spricht  zu  Ihnen,  folgen  Sie
Ihm  durch  Dick  und  Dünn  auf  allen  den  Wegen,  die  Er  Sie  führen  wird!
Sie  können  versichert  sein,  es  ist  zum  Heil  und  zur  Größe  unseres  Vaterandes.


In  dieser  Gesinnung  rufe  Ich:  Es  lebe  die  Provinz  Brandenburg,
hurra!  hurral  zum  drittenmal  hurra!“

Bei  dieser  Gelegenheit  dankt  der  Kaiser  dem  Freiherrn
v.  Manteuffel  in  sehr  gnädiger  Weise  für  die  Entschiedenheit,
mit  der  er  in  Sachen  des  Artikels  „Ein  ernstes  Wort  zur  Lage“
Schulter  an  Schulter  mit  Herrn  v.  Helldorf  die  Aktion  geführt
habe.

23.  Februar.  (München.)  Reichstagsabgeordneter  v.  Vollmar
  spricht  in  einer  Versammlung  der  sozialdemokratischen
Partei  über  „die  Arbeiterschutzgesetze  vom  Standpunkte  der  Regierung
  und  von  dem  der  Sozialdemokratie“,  worin  er  erwähnt,
daß  der  bekannte  kaiserliche  Erlaß  von  den  Arbeitern  mit  freudiger
Ueberraschung  aufgenommen  worden  sei.  Aber  von  dem  Erlasse
sei  so  viel  wie  nichts  verwirklicht  worden,  und  mächtiger  als  der

hohe  Wille  habe  sich  die  Allianz  der  Bureaukratie  mit  dem  Kapital
erwiesen.

23.  Februar.  Die  Berliner  Staatsanwaltschaft  verklagt  das

„Deutsche  Tageblatt“  wegen  eines  Gedichts,  in  dem  es  heißt:
„Wo  ist  der  Mund,  der  Richter  niederwettert,
Wo  ist  die  Faust,  die  diesen  Wicht  zerschmettert?“

24.  Februar.  (Reichstag.)  In  der  Budget-Kommission
hält  der  Staatssekretär  Admiral  Holtmann  eine  längere  Rede,
die  erhebliche  Vergrößerung  der  Marine  in  Aussicht  stellt.  Die
Kommission  lehnt  einen  Teil  der  Forderungen  mit  großer  Majorität
  ab.

25.  Februar.  (Straßburg.)  Der  Statthalter  hält  eine
Rede  an  den  Landesausschuß,  in  der  er  den  loyalen  Sinn  der  Bevölkerung
  rühmt  und  fortfährt:

„Damit  ist  aber  die  Frage  nicht  erledigt.  Es  handelt  sich  —  abgesehen
  von  dem  größeren  oder  geringeren  Vertrauen  in  die  Absichten  unserer
westlichen  Nachbarn  —  auch  um  die  Stimmungen  und  Beziehungen  zwischen
dem  Reichslande  und  dem  Reiche.  Es  gab  eine  Zeit,  wo  diese  gestört  waren.
Auf  diese  Zeit  sind  die  Maßregeln  zurückzuführen,  die  auf  dem  Lande  gelastet
  haben  und  teilweise  noch  jetzt  lasten.  Fürst  Bismarck,  der  jene  Maßregeln
  veranlaßt  hatte,  wurde  dabei  nicht  bloß  von  polizeilichen  Motiven
        <pb n="50" />
        42  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  27.)

geleitet;  er  glaubte  augenscheinlich  auch  der  damals  in  Deutschland  herrschenden
  Stimmung,  dem  damals  herrschenden  Mißtrauen  Rechnung  tragen
zu  sollen.

Dies  ist  nun  anders  und  besser  geworden,  das  Vertrauen  hat  hier
und  dort  zugenommen,  und  Worte,  wie  die,  welche  unser  verehrter  Freund
gesprochen  hat,  werden  dazu  beitragen  und  haben  dazu  beigetragen,  das
gegenseitige  Vertrauen  zu  befestigen  und  zu  erweitern.  Und  so  können  wir
hoffen,  nach  und  nach  zu  normalen  Zuständen  zurückzukehren.

27.  Februar.  (Reichstag.)  Die  Forderung  der  Verwandlung
  von  171  Hauptmanns=  in  Stabsoffiziersstellen  wird  abgelehnt.


Es  folgen  die  Unteroffiziersprämien.  Hierbei  hält  der
Reichskanzler  folgende  Rede:

Als  die  verbündeten  Regierungen  darauf  verzichteten,  ein  Sozialistengesetz
  wieder  einzubringen,  waren  sie  sich  über  zwei  Dinge  klar:  einmal,  daß
der  Kampf  gegen  die  Sozialdemokratie  die  ernsteste  Frage  unserer  Zeit  ist,
eine  Frage,  die  jahrzehntelang  die  Welt  beschäftigen  kann  und  deren  Erledigung
  des  Schweißes  der  Edelsten  wert  ist.  Sie  waren  sich  ferner  darüber
klar,  daß,  wenn  auch  ein  Sozialistengesetz  als  Ganzes  nicht  wieder  eingebracht
wurde,  alle  diejenigen  Maßregeln  ergriffen  werden  müßten,  die  sich  im  Laufe
der  Zeit  als  geeignet  herausstellten,  der  Sozialdemokratie  entgegenzutreten,  sei
es,  daß  man  ihr  den  Boden  unter  den  Füßen  wegzöge,  sei  es,  daß  man  in
offenen  Kampf  mit  ihr  einträte.  Und  wenn  ich  mir  das  Wort  erbeten  habe,
so  war  es  nicht  in  meiner  Eigenschaft  als  alter  Soldat,  sondern  als  Reichskanzler,
  der  selbst  von  der  Erwägung  ausgeht,  daß  diese  erste,  wichtigste
Frage  unserer  Zeit  auch  in  die  Unteroffizierfrage  tief  eingreift,  und  zwar
auf  zwei  verschiedenen  Gebieten.  Einmal  was  den  Unteroffizier  angeht,  solange
  er  im  aktiven  Dienst  steht,  dann  was  den  Unteroffizier  angeht,  wenn
er  in  Zivilversorgung  ist.  Ich  weiß  sehr  wohl,  daß  niemand  in  der  Lage
ist,  die  Sozialdemokraten  ganz  zu  befriedigen,  wie  denn  überhaupt  kein  Mensch
ganz  zu  befriedigen  ist,  am  wenigsten  aber  diese  Herren.  (Heiterkeit.)

Aber  ich  glaube,  daß  versucht  werden  muß,  was  versucht  werden  kann,
um  weder  in  den  Unteroffizieren  in  der  Front,  noch  in  den  zivilversorgten
Unteroffizieren  Mißvergnügte  zu  erziehen.

Was  nun  die  letzteren  angeht,  so  werde  ich  nicht  eingehen  auf  die
Zahlenvergleiche,  ich  will  aber  die  Frage  berühren:  Was  bietet  denn  die
Zivilversorgung,  wenn  der  Unteroffizier  sie  endlich  nach  langen  Mühen  erreicht,
  in  vielen  Fällen?  Das  stellt  sich  unendlich  verschieden  heraus,  das
hängt  zuerst  davon  ab:  in  welcher  Garnison  steht  der  Unteroffizier,  bei
welchen  Behörden  kann  er  sich  persönlich  vorstellen?  Denn  man  mag  machen,
was  man  will,  man  wird  der  Zivilbehörde  niemals  die  Berechtigung  abschneiden
  können,  daß  sie  die  Qualifikation  des  Anwärters  prüft,  und  wenn
er  auch  unter  so  vielen  Anwärtern  auf  der  Liste  die  Nummer  60  erhält,  so
wird  er  in  drei,  vier  Jahren  nicht  weit  herangerückt  sein,  wenn  es  ihm
nicht  gelingt,  den  Vorgesetzten  in  Zivil  die  Ueberzeugung  beizubringen,  daß
er  für  die  Stelle  auch  ein  brauchbarer  Mensch  ist.  Das  ist  ein  ganz  berechtigtes
  Verlangen  der  Zivilbehörden.  Die  Folge  davon  ist,  daß  ein  großer
Teil  der  Unteroffiziere  jahrelang  herumgeht  und  sucht;  er  wird  hier  abgewiesen
  und  da  abgewiesen,  der  eine  probiert  es  mal,  es  gefällt  ihm  nicht,
er  geht  in  eine  zweite  Stelle,  und  so  ist  schon  diese  Uebergangsstelle,  in  der
der  Mann  suchen  muß,  in  der  er  sich  den  versprochenen  Vorteil  realisieren
will,  vielfach  eine  Quelle  der  Mißvergnügtheit.  Und  so  ist  es  weiter  mit
        <pb n="51" />
        DBas  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  27.)  43

vielen  der  Zivilstellen.  Das  werden  auch  die  Herren  im  Hause  wissen,  die
bei  Behörden  angestellt  sind  oder  mit  ihnen  in  Verbindung  stehen;  am  besten
kommt  immer  doch  der  Schreiber  aus  der  Truppe  an,  er  hat  eine  Vorbildung,
die  er  in  jeder  Behörde  mehr  oder  weniger  verwerten  kann;  der  alte  in  der
Front  gediente  Unteroffizier,  der  seine  zehn  bis  zwölf  Jahre  Rekruten  gedrillt
  hat  und  nicht  auf  dem  Bureau  war  —  dieser  wird  von  jeder  Behörde
mehr  oder  weniger  ungern  aufgenommen.  Ich  bin  in  dieser  Beziehung  insofern
  nicht  ohne  Erfahrung,  als  ich  als  Chef  der  Admiralität  in  der  Lage
war,  einmal  eine  Truppe  unter  mir  zu  haben,  also  Unteroffiziere  zu  befehligen,
  für  deren  Versorgung  ich  als  ihr  Befehlshaber  mich  verantwortlich
fühlte;  auf  der  anderen  Seite  eine  Behörde,  deren  Leistungen  unter  mangelhaft
  vorgebildeten  Unteroffizieren  herabkommen  zu  lassen  ich  aber  nicht  dulden
wollte.  Da  kommen  denn  doch  sehr  krasse  Verhältnisse  vor.  Wenn  also  ein
zwölf  Jahre  gedienter  Mann  in  dem  Range  eines  Feldwebels  der  Armee,
der  hier  und  da  herumgesucht  hat,  endlich  in  der  Admiralität  eine  Anstellung
findet,  so  glaubt  er,  er  ist  gut  weggekommen;  wenn  er  aber  sieht,  daß  er
täglich  fünfundzwanzig    Oefen  zu  heizen  und  fünfundzwanzig  Zimmer  zu
reinigen  hat,  so  wird  er  doch  der  Meinung,  daß  er  sich  zwölf  Jahre  lang
geirrt  hat,  als  er  glaubte,  daß  die  Zivilversorgung  wirklich  eine  Belohnung
war.  Also  ein  großer  Teil  derjenigen  Posten,  die  nominell  dem  Unteroffizier
offen  stehen,  ist  bei  dem  Bildungsgrad,  den  wir  heutzutage  von  den  Unteroffizieren
  fordern  müssen  und  den  wir  steigern  müssen,  diese  Versorgung  ist
in  der  That  keine  Belohnung.  Daß  wir  aber  die  Anforderungen  an  die
Unteroffiziere  steigern  müssen,  liegt  in  dem  ganzen  Bildungsgang,  in  der
zunehmenden  Bildung  der  Nation.  Ein  Vorgesetzter  wird  nur  in  dem  Grade
seine  Stellung  als  Vorgesetzter  leicht  ausfüllen  können,  als  er  sich  seinen
Untergebenen  überlegen  fühlt.  In  der  Zeit,  in  der  ich  in  die  Armee  eintrat,
hatte  der  Unteroffizier  diesen  Grad  von  Ueberlegenheit  in  seiner  Technik,  in
einer  gewissen  formalen  Ausbildung,  die  er  sich  durch  seine  lange  Dienstzeit
gegenüber  dem  Manne  angeeignet  hatte.  Wenn  ein  Unteroffizier  bei  der
Paroleausgabe  die  vier  Mann,  die  um  den  Parolekreis  standen,  richtig  hinbringen
  konnte,  ohne  einen  reglementarischen  Fehler  zu  machen,  wenn  er  die
verschiedenen  Stadien  einer  Wachtparade  tadellos  durchlief,  so  war  er  ein
Mann,  der  in  den  Augen  der  Gemeinen  sich  schon  eines  gewissen  Ansehens
erfreute,  denn  er  konnte  etwas,  was  die  Gemeinen  nicht  konnten.  Heutzutage
liegt  die  Sache  anders.  Der  Unteroffizier  kann  ein  vorzüglicher  Mensch  sein,
er  schießt  aber  vielleicht  viel  schlechter  als  alle  seine  Untergebenen;  mit  dieser
technischen  Kunst  erringt  er  sich  nicht  mehr  das  Ansehen,  das  er  seinen  Untergebenen
  gegenüber  braucht.  So  könnte  ich  eine  ganze  Reihe  von  Beispielen
aus  allen  Waffengattungen  anführen.  Ist  das  aber  zugegeben,  daß  die  technische
  Ueberlegenheit  nicht  mehr  für  einen  Unteroffizier  durch  die  Dienstzeit
zu  erwerben  ist,  so  folgt  sofort  weiter,  daß  er  seine  Ueberlegenheit  in  anderen
Dingen  suchen  muß.  Nun  wird  aber  schon  in  den  gewöhnlichen  Verhältnissen
die  Erhaltung  der  Disziplin  dadurch  erschwert,  daß  wir  in  die  Armee  Leute
bekommen  —  ich  habe  mir  schon  einmal  erlaubt,  das  auszusprechen  —,  die
nach  dieser  Richtung  hin  ungleich  schlechter  vorgebildet  sind  als  früher.  Es
ist  einmal  eine  gewisse  Zuchtlosigkeit  eingerissen.  Das  läßt  sich  nicht  leugnen.
Und  diesen  zuchtlosen,  oft  äußerst  gerissenen  Elementen  gegenüber  die  vorgesetzte
  Stellung  zu  bewahren,  sich  die  Autorität  zu  bewahren,  ist  keine  leichte
Aufgabe;  und  von  den  Unteroffizieren,  mit  denen  ich  noch  zusammen  Unteroffizier
  in  der  Kompagnie  gewesen  bin,  würde  nur  noch  ein  kleiner  Teil
mitspielen  können,  die  Kritik  der  Untergebenen  würde  sie  sofort  lahmlegen,
und  es  würde  ihnen  schwer  sein,  ihre  Stellung  zu  halten.  Sie  werden  nun
sagen:  dazu  ist  ja  die  Disziplin,  das  Militärstrafgesetzbuch,  die  Disziplinar=
        <pb n="52" />
        44  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  27.)

ordnung  da.  Aber  in  der  deutschen  Armee  hat  man  von  jeher  danach  getrachtet
  —  und  ich  glaube,  mit  Glück,  und  ich  glaube,  ein  Teil  unserer
kriegerischen  Erfolge  beruht  auf  diesem  Bestreben  —,  daß  der  Vorgesetzte  den
Untergebenen  vor  Vergehen  bewahren  soll.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Wir  haben  nicht  wie  andere  Armeen  einen  Strafkodex,  worin  es  heißt,
wenn  du  das  und  das  begehst,  bekommst  du  drei  Tage  u.  s.  w.,  sondern  wir
verlangen  von  unseren  Vorgesetzten  und  gerade  von  den  Vorgesetzten,  die,  wie
die  Unteroffiziere  mit  den  Gemeinen  zusammenleben,  am  meisten,  daß  sie  den
Vergehungen  vorbeugen  sollen  im  unausgesetzten  Verkehr  mit  dem  Manne.
Den  Grad  geistiger  Ueberlegenheit  bewahren,  der  dazu  gehört,  das  werden
wir  auf  die  Dauer  nur  können  nicht  allein,  wenn  wir  ein  komplettes  Unteroffizierkorps
  uns  erhalten,  sondern  wenn  wir  das  Unteroffizierkorps  in  Bezug
auf  seine  Bildung  seinen  sittlichen  Wert  höher  zu  stellen  suchen,  als  wir  es
bisher  gethan  haben.

Es  wird  sehr  viel  über  die  Mißhandlungen  in  der  Armee  geklagt,
man  nimmt  jetzt  Statistiken  darüber  auf,  man  bringt  grobe  Fälle  zum  Teil
in  die  Zeitungen,  und  während  ich  die  Ueberzeugung  habe,  daß  es  von  Jahr
zu  Jahr  besser  wird,  wird  von  Jahr  zu  Jahr  mehr  geklagt,  worüber  ich  nichts
sagen  will.  Es  ist  das  ein  vollkommen  berechtigter  Wunsch  und  auch  von
der  höchsten  Stelle  vollkommen  anerkannt,  daß  die  Mißhandlungen  aufhören
sollen.  Mehr  geworden  als  früher  sind  sie  aber  nach  meinem  Dafürhalten
nicht.  Indessen  auch  nach  dieser  Richtung  hin  ist  uns  der  besser  vorgebildete
Unteroffizier  mehr  wert  als  der  rohere;  er  wird  seltener  seinem  Temperament,
selbst  wenn  er  gereizt  wird,  was  oft  vorkommt,  die  Zügel  schießen  lassen,
als  der  ungebildete.  Wenn  schon  unter  den  gegenwärtigen  gewöhnlichen
Verhältnissen  die  Erhaltung  der  Disziplin  erschwert  wird,  so  wird  das  noch
schwerer  werden,  wenn  wir  uns  Zeiten  vergegenwärtigen,  in  denen  der  Kampf
gegen  die  Sozialdemokratie  —  ich  will  das  Wort  Kampf  nicht  mal  in  dem
Ausdruck  von  Schießen  und  Stechen  brauchen  —  lebhafter  wird.  Meine
Erinnerungen  reichen  noch  in  das  Jahr  1848  zurück.  Die  Truppe  trat  damals
  in  sehr  schwere  Verhältnisse,  aber  in  ungleich  besser  dafür  situierte  ein
als  heutzutage,  denn  es  war  nicht  eine  lange  Schulung  der  Ideen,  nicht  die
Erziehung  einer  Generation  mit  verderblichen  Ideen  vorhergegangen,  sondern
diese  Ideen  traten  plötzlich,  wie  wenn  der  Vorhang  weggezogen  war,  vor
das  Volk,  und  es  war  das  allgemeine  Gefühl  vielfach  in  der  Truppe:  was
wird  nun?  Da  waren  die  alten  Unteroffiziere  diesen  noch  in  keiner  Weise
sozialistisch  angehauchten  Mannschaften  gegenüber  in  einer  ungleich  besseren
Lage,  als  wenn  die  Sozialdemokraten  jetzt  den  Versuch  machten,  in  die  Armee
einzutreten,  unsere  Unteroffiziere  heut  sein  werden.  Wir  müssen  von  den
Unteroffizieren  mehr  verlangen  als  damals.

Und  wenn  ich  nun  auch  den  äußersten  Fall  berühren  darf,  daß  es
mal  zum  Kampf  mit  den  Sozialdemokraten  käme,  so  bedürfen  wir  für  einen
solchen  Kampf  einer  viel  besseren  Disziplin,  als  für  den  Kampf  vor  dem
Feinde.  Vor  dem  Feinde  kann  auch  eine  höchst  dürftige  Truppe  durch  den
Patriotismus,  durch  erhebende  Gefühle  in  einen  Grad  von  Opferfähigkeit
gesetzt  werden,  der  sie  zu  großen  Leistungen  befähigt.  Der  Straßenkampf
und  was  damit  zusammenhängt,  deprimiert.  Da  ist  kein  Faktor,  der  geeignet
wäre,  das  Selbstgefühl  der  Truppen  zu  erhöhen,  da  ist  keine  Kampfeslust,
auch  hat  jeder  das  Gefühl,  er  steht  Landsleuten  gegenüber.  Es  wird  jedem
da  sehr  schwer,  zum  äußersten  zu  schreiten.  Für  einen  solchen  Kampf  brauchen
wir  ganz  andere  Unteroffiziere,  als  wir  sie  brauchen  würden  selbst  im  Gefecht.

Nun  haben  die  Herren  vom  Fortschritt  es  gern  gehört,  was  ich  bei
anderer  Gelegenheit  mal  gesagt  habe:  wir  werden  das  Gute  nehmen,  wo
wir  es  finden.  Dieser  Meinung  bin  ich  auch  heute  noch,  das  ist  meine  An-
        <pb n="53" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)  45

sicht  auch  heute  und  wird  es  auch  bleiben.  Aber  ich  möchte  mir  doch  den
Vorschlag  erlauben,  es  nicht  lediglich  bei  guten  Worten  bewenden  zu  lassen,
sondern  auch  mal  zum  guten  Werk  überzugehen  und  nun  mit  der  Regierung
für  eine  Vorlage  zu  stimmen,  bei  der  Sie  zeigen  können,  daß  Sie  zu  dem
staatserhaltenden  Element  sich  zu  rechnen  geneigt  sind.  (Beifall  rechts.)

Der  Herr  Abg.  Hinze  hat  uns  gesprochen  von  weitergehenden  Plänen,
daß  er  für  die  Verbesserung  des  Loses  der  Unteroffiziere  in  eine  Beratung
später  einzutreten  geneigt  wäre.  Er  hat  ein  Wort  nicht  ausgesprochen,  was,
wenn  ich  mich  nicht  irre,  sonst  von  jenen  Bänken  auch  wohl  geäußert  ist:
macht  doch  die  Unteroffiziere  zu  Offizieren,  gebt  ihnen  doch  diese  Perspektive.
Ja,  ich  habe  noch  in  einem  Truppenteil  mit  einem  solchen  Unteroffizier
zusammen  gedient,  der  für  Bravour  vor  dem  Feinde  zum  Offizier  befördert
war.  Es  war  das  ein  Mann,  der  sich  in  dem  Offizierkorps  auch  als  Mensch
der  höchsten  Achtung  erfreute,  mit  dem  wir  alle  gern  zusammen  waren,  der
aber  schließlich  doch  ein  peinliches  Dasein  führte,  denn  er  war  in  Verhältnisse
  gekommen,  für  die  seine  ganze  Vergangenheit  nicht  paßte,  und  trotz  allen
Wohlwollens  des  Offizierkorps  waren  tausend  Schwierigkeiten  da.  über  die
wir  ihm  nicht  hinweghelfen  konnten.  Was  die  verbündeten  Regierungen  hier
wollen  durch  diese  Vorlage,  ist,  das  Niveau  unserer  Unteroffiziere  heben.  Ich
habe  die  Besorgnis,  daß  auf  der  anderen  Seite  Ideen  eingewurzelt  sind,  die,
wenn  sie  zur  That  werden  sollten,  die  Folge  haben  würden,  daß  sie  das
Niveau  unseres  Offizierkorps  herunterdrücken  würden.  (Bravol  rechts.)  Dazu
darf  es  nach  meinem  Dafürhalten  nie  kommen.  Wir  haben  das  erste  Offizierkorps
  der  Welt;  das  kann  ich  als  preußischer  Offizier  mit  Stolz  hier  aussprechen.
  (Bravo!  rechts.)  Das  müssen  wir  behalten;  das  wollen  wir  behalten.
(Bravo!  rechts.)  Aber  wir  können  auch  das  erste  Unteroffizierkorps  der  Welt
haben.  In  der  deutschen  Nation  sind  die  Elemente  für  das  erste  Unteroffizierkorps,
  und  wir  bedürfen  der  Vergleiche  mit  der  französischen  Armee  nicht.
Lassen  Sie  doch  an  deutsche  Einrichtung  uns  deutsche  Anforderungen  anlegen!
  (Bravol)  Lassen  Sie  uns  deutsche  Unteroffiziere  auf  deutschem  Boden
erziehen!  Die  Mittel  dazu  haben  wir!  (Bravol)  Wenn  aber  eine  Armee
das  nicht  mehr  leistet,  wofür  sie  gehalten  wird,  wenn  sie  also  im  Kampfe,
da,  wo  der  Vorgesetzte  die  schwersten  Anforderungen  an  seine  Untergebenen
stellen  muß,  daß  er  bereit  ist,  besinnungslos  zu  sterben,  wenn  der  Vorgesetzte
das  verlangt  —,  wenn  wir  solche  Elemente  in  unserer  Nation  haben,  wenn
wir  den  Zustand  haben  können,  warum  wollen  wir  das  nicht?  Eine  Armee,
die  in  solchem  Augenblick  versagt,  ist  unter  allen  Umständen  die  teuerste  von
allen  gewesen  und  immer  zu  teuer.  (Lebhaftes  Bravol  rechts.)

Am  28.  Februar  sagt  der  Abg.  Richter:

„Der  Kriegsminister  habe  gestern  von  einem  Notstand  der  Armee  gesprochen
  und  diese  Regierungsforderung  als  notwendig  zur  Erhaltung  der
Verfassung  und  Tüchtigkeit  der  Armee  hingestellt.  Er  habe  von  einer  im
Unteroffizierkorps  verbreiteten  Unzufriedenheit  gesprochen;  seltsam,  daß  der
Reichstag  von  allem  dem  im  vorigen  Jahre  bei  der  Beratung  des  Militärgesetzes
  nichts  gehört  habe.  Als  der  Vorsitzende  der  Budgetkommission  im
vorigen  Jahre  den  damaligen  Kriegsminister  gefragt  habe,  ob  nach  den  damaligen
  Bewilligungen  noch  mehr  organische  Vermehrungen  des  Militäretats
  in  Aussicht  ständen,  habe  der  Kriegsminister  v.  Verdy  erwidert,  er
wolle  ganz  offen  sagen,  es  seien  zwei  Punkte  in  Vorbereitung,  der  eine  das
Pensionswesen  und  der  andere  die  Pferdegelder;  also  von  einer  organischen
Maßregel,  betreffend  das  Unteroffizierkorps,  sei  keine  Rede  gewesen.  Man
habe  damals  keinen  Notstand  gekannt.  Die  ganze  Vorlage  scheine  erst  im
April  1890  entstanden  zu  sein.  Man  könne  es  also  seiner  Partei  nicht  ver-
        <pb n="54" />
        46  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)

übeln,  wenn  sie  die  jetzige  melancholische  Anschauung  sehr  skeptisch  angesehen
habe.  Gestern  habe  der  Reichskanzler  gesagt,  Deutschland  könne  das  beste
Material  für  das  Unteroffizierkorps  haben,  wenn  der  Reichstag  das  Geld
bewillige.  Aber  am  6.  Februar  1888  habe  sein  Amtsvorgänger  jene  berühmte
  Rede  gehalten,  in  der  der  Abschnitt  in  der  Armee  einen  besonderen
Eindruck  gemacht  habe:  „Was  uns  kein  Volk  in  der  Welt  nachmachen  kann,
das  ist  das  Material  an  Offizieren  und  Unteroffizieren;  keine  andere  Armee
kann  auf  solche  Unteroffiziere  und  Offiziere  hinweisen,  wie  wir.  Das  Maß
der  Bildung  der  Offiziere  und  Unteroffiziere  ist  bei  uns  ein  viel  höheres  als
in  irgend  einem  anderen  Lande,  und  darin  besteht  unsere  Ueberlegenheit
gegenüber  anderen  Mächten,  selbst  wenn  dieselben  an  Zahl  der  Soldaten
mit  uns  konkurrieren  sollten.“  Der  damalige  Kanzler  habe  also  gemeint,
daß  hier  nicht  erst  das  Unteroffizierkorps  aus  dem  Material  zu  schaffen  sei,
sondern  daß  es  schon  bestehe.  Man  weise  nun  hin,  und  das  mache  nach
manchen  Seiten  hin  einen  gewissen  Eindruck,  auf  das  Unteroffizier-Manquement;
  aber  mit  demselben  Recht  könnte  man  auf  das  noch  viel  größere
Offizier-Manquement  hinweisen,  dann  müßte  man  aus  demselben  Grunde
die  Besoldungen  der  Offiziere  aufbessern.  Der  Abg.  Dr.  Windthorst  habe
eben  noch  gesagt,  daß,  wenn  man  einmal  etwas  streichen  wollte,  die  Regierung
  es  lieber  gesehen  hätte,  wenn  die  Pferdegelder  der  Offiziere  gestrichen
würden  als  die  Unteroffizierprämien.  Schade,  daß  man  dieses  erst  erfahren,
nachdem  die  Pferdegelder  in  der  Kommission  bewilligt  worden  seien.  Aber
seine  (des  Redners)  Partei  müsse  ihr  Urteil  über  die  vorliegende  Forderung
nach  deren  eigenen  Gründen  nnabhängig  von  anderen  Rücksichten  einrichten.
In  Bezug  auf  die  Wertschätzung  der  Unteroffiziere  trenne  sie  nichts  von  der
Regierung,  sie  unterscheide  sich  von  ihr  in  Ansehung  der  Dauer  der  Dienstzeit,
  der  Schätzung  mancher  Spezialwaffen,  der  Vorbildung  der  Offiziere
und  Unteroffiziere;  aber  wenn  zwischen  seiner  Partei  und  der  Regierung
Unterschiede  in  Bezug  auf  die  Wertschätzung  der  Unteroffiziere  beständen,  so
gingen  sie  dahin,  daß  seine  Partei  sie  höher  schätze,  als  die  Regierung.  Die
Forderung  der  zweijährigen  Dienstzeit  hänge  wesentlich  zusammen  mit  der
Tüchtigkeit  der  Unteroffiziere,  und  der  Umstand,  daß  seine  Partei  die  Unteroffiziere
  etwas  mehr  zu  Zugführern  verwenden  wolle,  zeige,  daß  sie  sie  mindestens
  so  hoch  schätze,  wie  die  Regierung.  Welches  Mittel  sei  nun  geeignet,
das  Unteroffizierkorps  in  seiner  Tüchtigkeit  zu  erhalten,  und  sei  ein  Bedürfnis
  zu  der  hier  geforderten  Maßregel  vorhanden!?  Das  Manquement  an
Offizieren  betrage  nicht  bloß  7,9%  ,  wie  das  der  Unteroffiziere,  sondern  9,6%.
Bei  der  Infanterie  betrage  es  10%,  bei  der  Feld-Artillerie  20%.  Das  sei
kein  Wunder,  nachdem  das  Reich  seit  1887  die  Kopfstärke  der  Armee  um
60,000  Mann  und  damit  die  der  Unteroffiziere  um  6000  vermehrt  habe.
Die  Batterien  und  Bataillone  ließen  sich  aus  der  Erde  stampfen,  nicht  aber
könne  man  ebenso  rasch  Unteroffiziere  und  Offiziere  schaffen.  Das  Heer  habe
jetzt  1936  Unteroffiziere  mehr,  als  im  Jahre  1887  etatsmäßig  verlangt
worden  seien,  sodaß  also  von  den  mehrgeschaffenen  Stellen  schon  1936  besetzt
seien.  Der  Kriegsminister  habe,  indem  er  an  die  alten  Unteroffiziere  vor
einem  Menschenalter  erinnert  habe,  angedeutet,  daß  deren  Verhältnisse  im
wesentlichen  dieselben  geblieben  seien;  aber  es  liege  doch  dazwischen  die  Reform
  zur  Hebung  des  Unteroffizierstandes  vom  Jahre  1872,  der  er  (Redner)
selbst  zugestimmt  habe,  und  bei  der  eine  große  Summe  aufgewandt  worden
sei.  Uebrigens  sei  mit  der  Schaffung  der  38  neuen  Bataillone  und  110
Feldbatterien  auch  ein  Avancement  der  Unteroffiziere  eingetreten;  denn  die
Feldwebel-,  Vize-Feldwebel=  und  Sergeantenstellen  seien  sämtlich  besetzt,  nur
bei  den  chlechtbesoldeten  Unteroffizieren  sei  ein  Mangel  vorhanden.  Der
Kriegsminister  gebe  das  Einkommen  der  älteren  Sergeanten  auf  2 M  täglich
        <pb n="55" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)  47

an,  dabei  schätze  er  aber  die  freie  Station,  Wohnung,  Heizung,  Licht,  Kleidung,
  ärztliche  Behandlung  in  Krankheitsfällen  u.  s.  w.  nur  auf  80  Pf.  täglich
  —  das  könnte  in  bürgerlichen  Verhältnissen  niemand  für  das  Geld
leisten!  Uebrigens  beziehe  der  Feldwebel,  außer  daß  er  alles  frei  habe,
täglich  2  M,  der  Vize-Feldwebel  1½  M  Die  Unteroffiziersschulen  hätten
jetzt  ein  solches  Maß  von  Selbstbewußtsein  der  Unteroffiziere  geschaffen,  wie
es  mit  bürgerlichen  Verhältnissen  absolut  unverträglich  sei.  Bei  den  Etatspositionen
  für  die  Unteroffiziervorschulen  werde  gesagt,  man  müsse  zwei  neue
Unteroffiziervorschulen  schaffen,  weil  sonst  dem  großen  Andrang  zu  denselben
nicht  Rechnung  getragen  werden  könne.  Es  werde  statistisch  ausgeführt,  daß
in  drei  Unteroffiziervorschulen  nur  465  Knaben  aufzunehmen  seien,  während
im  Durchschnitt  der  Jahre  1887,  1888  und  1889  sich  jährlich  759  für  diese
Laufbahn  gemeldet  hätten.  (Hört!  hört!  links.)  Man  führe  für  die  Unteroffiziervorschulen
  und  Unterofsizierschulen  an,  daß  man  damit  den  späteren
Unteroffizier  dauernd  mit  dem  Heere  verkette.  Die  Zöglinge  bezw.  deren
Eltern  müßten  einen  Revers  unterschreiben,  aus  welchem  auch  ohne  Prämien
die  kontraktliche  Verpflichtung  erwachse,  für  jedes  Schuljahr  zwei  Jahre  über
die  Dienstzeit  hinaus  als  Unteroffizier  zu  dienen,  also  für  vier  Jahre  in
Vorschule  und  Unteroffizierschule  acht  Jahre.  Der  Kriegsminister  befürchte,
wenn  die  Hoffnungen  der  Unteroffiziere  nicht  erfüllt  würden,  einen  besonders
großen  Abgang  im  nächsten  Herbst.  Jeder  müsse  wissen,  was  er  habe  und
was  er  bekomme.  Wenn  es  richtig  sei  —  er  (Redner)  bestreite  das  gar  nicht
—,  daß  die  Arbeitslöhne  gegenwärtig  in  rückläufiger  Bewegung  seien  und
daß  die  Zukunft  der  Unteroffiziere  unleugbar  durch  die  letzte  Gehaltsverbesserung
  erheblich  gebessert  sei,  so  werde  sich  mancher  bedenken,  deshalb,
weil  seine  Hoffnung  auf  tausend  oder  einige  hundert  Mark  zerstört  sei,  seine
sichere  Stellung  aufzugeben,  um  sein  Unterkommen  als  Privatmann  in  bürgerlicher
  Stellung  zu  suchen.  Es  kämen  nicht  nur  die  Gehaltserhöhungen
in  Betracht,  die  vornehmlich  für  die  Stellen  ausgeworfen  seien,  auf  welche
die  Unteroffiziere  allein  Anspruch  hätten,  sondern  auch  der  Umstand,  daß
man  jetzt  allseitig  damit  umgehe,  die  diätarischen  Stellen  aufzubessern  und
anders  zu  gestalten,  und  gerade  das  diätarische  Verhältnis,  welches  zwischen
die  Beendigung  der  Unteroffizierlaufbahn  und  die  Beamtenstellung  falle,  sei
von  erheblicher  Bedeutung  für  die  Zukunft  der  Unteroffiziere.  Der  Abg.
Dr.  Windthorst  bemühe  sich,  darzulegen,  daß  er  seine  Meinung  seit  der  ersten
Beratung  nicht  geändert  habe.  Warum?  Es  handele  sich  hier  doch  schließlich
  um  keine  Frage  der  politischen  Ueberzeugung,  sondern  um  eine  Zweckmäßigkeitsfrage.
  Da  nehme  er  es  niemandem  übel,  wenn  er  im  Laufe  der
Verhandlungen  zu  anderer  Ansicht  komme.  Nachdem  er  aber  diesen  Beweis
versucht  habe,  konstatiere  er  (Redner),  daß  er  sich  vollständig  gedreht  habe.
Der  Abg.  Dr.  Windthorst  habe  in  der  ersten  Beratung  gesagt:  „Die  Unteroffizierprämien,
  so  wünschenswert  sie  an  sich  sein  würden,  können  noch  hinausgeschoben
  werden,  da  wir  durch  die  Aufbesserung,  welche  wir  für  die  Civil-=verwaltungen
  zu  machen  im  Begriffe  sind,  den  Unteroffizieren  einen  Lohn
geben,  der  sich  als  Gehaltsaufbesserung  dokumentiert."“  Der  sogenannte  Kompromißantrag
  Windthorst  sei  das  schlechteste,  was  überhaupt  vorgeschlagen
werden  könne,  und  die  geringen  Ersparnisse  desselben  wögen  gar  nicht  seinen
großen  Nachteil  in  der  Sache  selbst  auf.  Ein  Haupteinwand  gegen  die  Regierungsvorlage
  sei  ja  der,  daß,  wenn  man  die  Prämie  staffelweise  zahle,
man  den  Abgang  vom  Militär  unter  dem  Eindruck  des  Grundsatzes:  „Bar
Geld  lacht!“  leicht  unter  Umständen  mehr  fördere  und  beschleunige  als  hemme.
Diese  Erwägung  werde  durch  den  Antrag  Winbdthorst  beseitigt.  Aber  dieser
verfalle  in  ein  anderes  Extrem,  denn  er  habe  zur  Folge,  daß  jeder  Unteroffijier
  möglichst  zwölf  Jahre  beim  Militär  bleibe  und  daß  die  Offiziere
        <pb n="56" />
        48  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)

verführt  würden,  einen  nicht  mehr  recht  tauglichen  Mann  aus  gewissen  menschlichen
  Gefühlen  länger  zu  behalten,  damit  ihm  die  Prämie  nicht  entgehe.
Der  Antrag  führe  also  eine  weit  längere  Dienstzeit  herbei,  als  beabsichtigt
sei.  Die  Vorlage  und  noch  mehr  der  Antrag  Windthorst  werde  eine  ganz
außerordentliche  Verlangsamung  des  Avancements  innerhalb  des  Unteroffizierkorps
  zur  Folge  haben.  Je  länger  die  Leute  im  Dienst  blieben,  desto  später
werde  der  Einzelne  Sergeant,  Vize-Feldwebel  und  Feldwebel  werden.  Führe
man  ein  fremdländisches  Muster  in  die  Armee  ein,  so  könne  man  es  nicht
einseitig  thun.  Die  Franzosen  hüteten  sich,  am  Ende  der  Dienstzeit  eine
Prämie  zu  geben,  da  gebe  es  periodische  Prämien  und  fortlaufende  Zuschläge
zum  Gehalt  während  der  Dienstzeit.  Dann  sei  der  Antrag  Windthorst  von
besonders  zweifelhaftem  Erfolg  deshalb,  weil  der  Unteroffizier  vollständig
unsicher  darüber  bleibe,  ob  man  ihn  wirklich  so  lange  im  Dienst  lasse,  bis
er  die  Berechtigung  auf  die  Prämie  erlange.  Nach  der  Regierungsvorlage
erwachse  eine  Berechtigung  auf  eine  Prämie,  wenn  auch  eine  geringere,  schon
in  früheren  Jahren.  Es  hänge  ja  nicht  von  den  Unteroffizieren  ab,  ob  sie
zwölf  Jahre  dienten.  In  der  Kommission  habe  man  erklärt,  man  wolle  die
Leute  nur  immer  auf  ein  Jahr  kapitulieren  lassen,  um  sie  in  der  Hand  zu
haben.  Die  Aussicht  auf  die  Prämie  sei  durchaus  unsicher,  wie  sie  unsicherer
nicht  gedacht  werden  könne.  In  Frankreich  habe  der  Unteroffizier  eine  gesicherte
  rechtliche  Stellung.  Man  gehe  mit  ihm  auf  zwei  und  fünf  Jahre
ein  Engagement  ein,  und  dann  könne  er  nach  Ablauf  der  fünf  Jahre  wieder
auf  zwei  oder  fünf  Jahre  kapitulieren.  Er  könne  dieser  Stellung  nur  verlustig
  gehen,  wenn  ein  aus  Offizieren  und  Unteroffizieren  gebildetes  Gericht
unter  Bestätigung  des  kommandierenden  Generals  ihm  dieselbe  abspreche.
Der  Abg.  Dr.  Windthorst  wolle  eine  große  Mehrheit  auf  seinen  Antrag
vereinigen.  Es  sei  ja  sehr  schön,  wenn  eine  große  Mehrheit  für  den  Regierungsvorschlag
  herauskomme;  aber  dann  sollte  die  Regierung  umsomehr  ihre
Vorlage  so  gestalten,  daß  sie  eine  Mehrheit  finde.  Der  Abg.  Dr.  Windthorst
  habe  sehr  stolz  seine  Rede  damit  geschlossen,  das  Volk  erliege  unter
der  Last.  Diese  feierliche  Verwahrung  mache  einen  eigentümlichen  Eindruck,
wenn  er  selbst  dazu  beitrage,  auf  den  Wagen  weiteres  Gepäck  hinaufzuwerfen.
Der  Abg.  Dr.  Windthorst  habe  gemeint,  man  müsse  wieder  einmal  beweisen,
daß  man  im  Reichstage  fest  zur  Monarchie  stehe,  um  alle  Zweifel  daran
jetzt  zu  beseitigen.  Ja,  wer  das  noch  nicht  im  Auslande  begriffen  habe,
dem  sei  auch  mit  den  Unteroffizierprämien  nicht  zu  helfen.  Wenn  man  die
Sache  so  hochpolitisch  auffasse,  warum  bewillige  der  Abg.  Dr.  Windthorst
nur  drei  Viertel:  Diese  Frage  sei  viel  weniger  eine  militärische,  als  eine
bürgerliche.  Es  handele  sich  um  die  einfache  thatsächliche  Frage:  Was  mache
die  Auszahlung  einer  Summe  von  1000  M  beim  Eintritt  in  das  bürgerliche
  Leben  aus,  und  was  mache  sie  für  einen  Eindruck  auf  den,  der  in  das
militärische  Verhältnis  eintrete,  um  später  wieder  in  das  bürgerliche  überzugehen?
  Deshalb  sei  man  hier  ebenso  kompetent  wie  die  Militärverwaltung.
Die  Kapitalabfindung  statt  fortlaufender  Besoldung  sei  ein  ganz  neues  Prinzip
im  deutschen  Besoldungssystem.  Warum  habe  man  das  nicht  anderswo  schon
eingeführt?  Weil  man  sich  sage,  es  sei  zweifelhaft,  ob  der  Mann  sich  damit
für  den  Rest  seines  Lebens  eine  passende  Versorgung  beschaffe.  Man  höre,
daß  eine  Novelle  zum  Pensionsgesetz  auch  noch  beabsichtigt  werde.  Dann
sollte  man  diese  Frage  doch  im  Zusammenhang  damit  erörtern.  Glaube
man  wirklich,  daß  mit  1000 M  den  Unteroffizieren  eine  sichere  Grundlage
für  ihre  Existenz  gegeben  sei!  Was  solle  der  Mann  beim  Eintritt  in  das
bürgerliche  Leben  damit  anfangen?  Einige  sagten,  er  würde  hier  in  Berlin
Budiker  werden,  andere,  er  würde  sich  ein  kleines  Grundstück  kaufen.  Wenn
solche  Leute  vom  vierzehnten  Lebensjahre  an  in  der  Unteroffiziervorschule
        <pb n="57" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)  49

gewesen,  rein  militärisch  erzogen  seien,  abgetrennt  von  allen  bürgerlichen
Verhältnissen,  gewöhnt  an  strenges  militärisches  Leben,  bei  geringer  Besoldung
  meistens  in  Naturalleistungen,  dann  sei  ihm  zweifelhaft,  ob  sie  es  verständen,
  sich  plötzlich  mit  1000  M  in  bürgerlichen  Berhältnissen  einzurichten,
und  wer  wisse,  ob  nicht  auf  diese  1000  M  schon  Kreditverhältnisse  mit
hohen  Zinsen  eingegangen  seien,  sodaß  es  zweifelhaft  sei,  wieviel  überhaupt
davon  übrig  bleibe.  Die  Maßnahme  habe  auch  noch  eine  zweite  Seite  für
die  Civilverwaltungen;  daß  diese  über  die  Zweckmäßigkeit  derselben  irgendwie
gehört  seien,  habe  man  nirgends  vernommen.  Gelinge  es,  die  Unteroffiziere
durchschnittlich  länger  im  Dienst  zu  halten,  so  träten  sie  im  späteren  Lebensalter
  in  das  Civilverhältnis,  und  das  habe  Nachteile  für  die  Civilverwaltungen.
  In  dem  Maße,  wie  die  Leute  davon  Abstand  nähmen,  ihren  Civilversorgungsschein
  zu  benutzen,  und  sich  einem  bürgerlichen  Gewerbe  hingäben,
werde  die  Auswahl  für  die  Civilverwaltung  unter  den  Bewerbern  immer
ungünstiger.  Sie  müßten,  so  lange  sich  Bewerber  fänden,  nach  den  bestehenden
Bestimmungen  die  Aemter  an  Militäranwärter  geben.  Jeder  Vorteil  der
Militärverwaltung  aus  diesem  System  sei  ein  Nachteil  für  die  Civilverwaltung,
  und  am  schlimmsten  für  die  Civilverwaltung  sei  der  Antrag  Windthorst.
  Nach  neunjähriger  Dienstzeit  ergänze  jetzt  der  Unteroffizier  die  Gendarmerie
  und  Schutzmannschaft;  nach  dem  Antrage  Windthorst  bleibe  der
Mann  lieber  zwölf  Jahre  beim  Militär.  Man  setze  geradezu  eine  Prämie
darauf,  daß  die  Schutzmannschaft  und  Gendarmerie  ihre  Mannschaft  drei
Jahre  später  bekomme  als  jetzt.  Man  habe  doch  aber  gerade  bei  Unruhen
ein  viel  stärkeres  Interesse,  rüstige  Polizeisoldaten  und  Gendarmen  zu  bekommen,
  als  in  Betracht  zu  ziehen,  wie  weit  die  Prämie  auf  die  Haltung
der  Unteroffiziere  dabei  wirke.  Man  habe  die  Kompetenzen  der  Gendarmen
und  Schutzleute  in  Preußen  verbessert,  um  einer  richtigeren  Ergänzung  sicher
zu  sein.  Während  man  da  mehr  Geld  bewilligt  habe,  um  die  Unteroffiziere
reichlich  der  Gendarmerie  zuzuführen,  werde  hier  umgekehrt  mehr  Geld  bewilligt,
  um  sie  der  Gendarmerie  vorzuenthalten,  das  sei  eine  Konkurrenz,
die  sich  einander  paralysiere,  und  das  könne  weiter  so  fortgehen,  indem  man
demnächst  im  preußischen  Haushalt  die  Gendarmerie  noch  weiter  aufbessere.
Diese  Regierungspolitik  ziehe  eben  nicht  den  Zusammenhang  der  Verhältnisse
in  Betracht,  sie  habe  immer  nur  die  einseitig-militärischen  Verhältnisse  im
Auge  bei  Maßnahmen,  die  so  umfassend  in  die  bürgerlichen  Verhältnisse
eingriffen.  In  den  Beamtenkreisen  sei  man  sehr  unzufrieden  mit  dem  veralteten
  Civilversorgungssystem,  welches  man  1867  von  Preußen  übernommen
habe.  Wäre  es  nicht  für  eine  Revision  desselben  einmal  Zeit?  Frankreich
mache  solche  Einrichtungen  nur  im  Wege  des  Gesetzes.  Wie  könne  man
41½  Millionen  dauernd  in  so  loser  budgetmäßiger  Form  bewilligen?"  Es
handele  sich  darum,  den  einzelnen  Rechte  zu  gewähren,  die  erst  nach  zwölf
Jahren  existent  würden.  Das  müsse  ebenso  durch  Gesetz  geregelt  werden  wie
das  gesamte  Militärpensionswesen.  Die  Aeußerung  des  Reichskanzlers  über
die  Sozialdemokratie  bedauere  er  gerade  im  Interesse  der  Bekämpfung  derselben.
  Sein  Vorgänger  sei  in  mancher  Beziehung  der  Nährvater  der  Sozialdemokratie
  gewesen,  um  so  weniger  möchte  er  (Redner),  daß  jetzt  eine
falsche  Methode  der  Behandlung  der  Sozialdemokratie,  wenn  auch  in  anderer
Richtung,  eingeschlagen  werde.  Der  Reichskanzler  habe  auch  die  Reformgesetze
  in  Preußen  mit  dem  Hinweis  auf  den  Kampf  gegen  die  Sozialdemokratie
  eingeleitet.  Wenn  er  in  dieser  Weise  alle  seine  Vorlagen  in  irgend
eine  Verbindung  mit  der  Sozialdemokratie  bringe,  müsse  er  zuletzt  in  weiteren
Kreisen  des  Landes  die  Vorstellung  erwecken,  als  ob  die  Sozialdemokratie
die  einzige  treibende  Kraft  im  deutschen  Staatswesen  sei.  Die  Sozialdemokraten
  hörten  das  sehr  gerne.  Der  Reichskanzler  habe,  ähnlich  wie  im  Ab-Europ.
  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.                                         4
        <pb n="58" />
        50  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)

geordnetenhause,  auf  die  Möglichkeit  von  Straßenkämpfen  Bezug  genommen.
Es  gebe  niemand,  welcher  die  Entschlossenheit  der  Regierung  bezweifele,  wenn
es  sich  darum  handele,  Rechtswidrigkeiten  und  Gewaltthätigkeiten  niederzuhalten.
  Warum  also  immer  davon  sprechen?  Einzelne  sozialdemokratische
Heißsporne  hätten  ja  zur  Zeit  des  Sozialistengesetzes  von  der  Eventualität
von  Gewaltthätigkeiten  gesprochen,  aber  sie  seien  regelmäßig  von  ihren  Genossen
  desavouiert  worden.  Man  wisse,  daß  eine  solche  Aeußerung  lediglich
als  Bramarbasieren  aufgefaßt  werde,  deshalb  sollte  die  Regierung  eine  solche
Eventualität  nicht  bei  jeder  Gelegenheit  in  den  Vordergrund  rücken.  Die
Bekämpfung  der  Sozialdemokratie  liege  nicht  darin,  daß  man  sie  gegebenenfalls
  mechanisch  niederschlage,  sondern  daß  man  organisch  dagegen  vorgehe.
Am  meisten  bedauere  er  den  Zusammenhang,  in  welchen  der  Reichskanzler
diese  Frage  mit  den  Verhältnissen  der  Unteroffiziere  gebracht  habe.  Er  stelle
es  so  dar,  als  ob  die  Aussicht  auf  die  1000  M Prämie  dem  Unteroffizier
an  Selbstgefühl,  Kampfeslust  und  Opferfreudigkeit  ersetzen  könne,  was  ihm
beim  Straßenkampf  im  Verhältnis  der  Schlacht  gegenüber  dem  ausländischen
Feinde  mangeln  könnte.  Als  ob  die  1000  M  den  Mann  bestimmen  könnten,
„besinnungslos  zu  sterben“,  wie  der  Reichskanzler  gesagt  habe.  Wenn  er
sterbe,  nütze  ihm  die  Aussicht  auf  die  Prämie  ebensowenig  wie  seinen  Hinterbliebenen.
  Der  Reichskanzler  habe  sodann  gesagt,  man  habe  es  gern  von
ihm  gehört,  daß  er  das  Gute  nehme,  wo  er  es  finde;  man  solle  seinem  Beispiele
  nur  folgen.  Das  brauche  seine  (des  Redners)  Partei  nicht,  denn  sie
habe  wie  immer  und  anderen  Regierungen  gegenüber,  was  sie  an  den  Regierungsvorlagen
  für  gut  befunden  habe,  angenommen.  Lehne  sie  etwas  ab,
so  habe  sie  eben  nichts  Gutes  daran  gefunden.  Meine  der  Reichskanzler,
man  müsse  mit  der  Regierung  durch  dick  und  dünn  gehen?  Seine  Partei
werde  den  Gesetzen,  die,  wenn  auch  nur  bescheidene,  Fortschritte  seien,  in
dieser  Session  im  Reichstage  und  im  Landtage  zustimmen.  Der  Reichskanzler
scheine  zu  meinen,  daß  es  seiner  Partei  besonders  darauf  ankomme,  nicht
viel  Geld  zu  bewilligen.  Auch  in  dieser  Beziehung  brauche  sie  ihm  nicht
erst  zu  beweisen,  daß  sie  das  Gute  nehme,  wo  sie  es  finde.  Was  wollten
diese  4  Millionen  sagen  gegen  die  großen  Bewilligungen  1888  bei  dem  neuen
Wehrgesetze  und  auch  gegen  die  Bewilligung  anderer  Summen  in  diesem
Etat,  die  seine  Partei  gutheiße!  Wenn  dem  Auslande  aus  der  diesjährigen
Budgetberatung  etwas  imponieren  könne,  so  sei  es  weit  mehr  als  die  Unteroffizierprämien
  der  Umstand,  daß  das  Haus  mit  großer  Mehrheit  die  großen
Anforderungen  von  mehr  als  12  Millionen  anstandslos  bewillige,  welche
die  neue  Munition  für  die  Uebungen  dauernd  erheische.  Was  seine  Partei
bewillige,  von  dem  spreche  sie  nicht  erst,  weil  sie  es  nicht  liebe,  sich  gleich
den  lieben  Kindern  an  den  Laden  zu  legen.  Sie  solle  beweisen,  daß  sie  zu
den  staatserhaltenden  Parteien  gehöre.  Der  Staat  werde  am  längsten  erhalten
  von  den  Steuerzahlern,  und  Schonung  der  Volkskraft  gehöre  auch
zur  Staatserhaltung.  Montecuculi  habe  einen  Ausspruch  über  die  große
Bedeutung  des  Geldes  im  Kriege  gethan.  „Staatserhaltende  Parteien“  —
das  Stichwort  sei  einigermaßen  in  Mißkredit  gekommen.  Staatserhaltend
sei  es  vor  einem  Jahr  gewesen,  wenn  man  für  das  Sozialistengesetz  gestimmt
habe,  heute  sei  der  Zustand  ohne  dasselbe  mehr  zur  Erhaltung  des  Staats
geeignet;  das  verdanke  man  lediglich  der  freisinnigen  Partei,  daß  man  damals
  dem,  was  für  staatserhaltend  ausgegeben  worden  sei,  nicht  zugestimmt
habe.  Unter  „staatserhaltend“  verstehe  er  (Redner),  auch  auf  dem  Gebiet
des  Militär=  und  Marinewesens  durchaus  nicht,  immer  das  zu  bewilligen
und  zu  thun,  was  die  Regierung  verlange.  Die  Regierung  sei  überhaupt
nicht  unfehlbar.  Wenn  dieser  Glaube  noch  bestände,  so  müßte  er  verschwinden,
  wenn  man  sehe,  wie  rasch  gerade  in  der  Militär=  und  Marineverwal-
        <pb n="59" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28)  31

tung  die  Ressortchefs  wechselten  und  dabei  verschiedene  Systeme  in  Anwendung
  kämen,  indem  von  dem  Nachfolger  das  als  unumgänglich  notwendig
bezeichnet  werde,  was  der  Vorgänger  noch  als  eine  „melancholische  Auffassung“
  betrachtet  habe.  Seine  Partei  glaube  den  Staat  am  besten  zu
erhalten,  wenn  sie  sich  selbständig  so  entscheide,  wie  es  nach  Pflicht  und  Gewissen
  ihrer  Ansicht  nach  am  besten  für  den  Staat  sei.  Sie  könne  diese
Summe  nicht  bewilligen,  weil  sie  eine  außerordentlich  große  und  vor  allen
Dingen,  weil  das  gewählte  Mittel  in  seiner  Wirkung  mindestens  so  zweifelhafter
  Natur  sei,  daß  sie  nicht  glaube,  damit  im  Interesse  des  Unteroffizierstandes
  zu  handeln,  dessen  Tüchtigkeit  zu  erhalten  sie  mit  der  Regierung
durchaus  dasselbe  Interesse  jederzeit  bekunde.  (Lebhafter  Beifall  links.)

Reichskanzler  v.  Caprivi:

Dem  Herrn  Abg.  Richter  gegenüber  habe  ich  zunächst  in  Bezug  auf
die  Sozialdemokratie  und  die  sozialdemokratische  Frage  zu  bemerken,  daß  ich
mich  durch  seine  freundlichen  Ratschläge,  diese  Frage  lieber  zu  vermeiden,
nicht  abhalten  lassen  werde,  bei  jeder  Gelegenheit  darauf  zurückzukommen;
denn  ich  habe  nun  einmal  die  Ueberzeugung,  daß  das  die  Frage  ist,  die  für
das  Ende  dieses  Jahrhunderts,  vielleicht  für  Jahrzehnte  des  nächsten  Jahrhunderts
  die  herrschende  sein  wird.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Ich  habe  den
aufrichtigen  Wunsch,  daß  sie  auf  friedlichem  Wege  gelöst  werden  möge;  ob
der  Wunsch  aber  erfüllbar  sein  wird,  das  vermag  ich  nicht  vorherzusehen,
und  ich  würde  glauben,  daß  die  verbündeten  Regierungen,  wenn  sie  nicht
den  Fall  ins  Auge  faßten,  daß  die  friedliche  organische  Lösung  unmöglich
wird,  ihrer  Pflicht  nicht  genügen  würden.  Ich  muß  auch  gestehen,  wenn
man  in  der  Notwendigkeit  ist,  sozialistische  Bücher  und  Schriften  zu  lesen,
namentlich  solche,  die  nicht  in  Deutschland  erschienen  sind,  solche,  in  denen
die  Theorie  sich  vollkommen  entwickelt,  man  immer  vor  der  Frage  stehen
bleibt,  ob  überhaupt  ein  Mensch  glaubt,  daß  diese  Dinge  ohne  Zerstörung
des  Staats  zur  Ausführung  kommen  könnten!  (Sehr  richtig!  rechts.)  Ich
möchte  also  meinen,  daß,  wer  solche  Theorien  vertritt,  immer  einen  Kampf
mit  den  bestehenden  Verhältnissen  voraussetzt,  daß  also  auch  die  Regierung
die  Pflicht  hat,  sich  auf  solchen  Kampf  zuzuschneiden.  (Bravo !  rechts.)

Ich  habe  nicht  die  Besorgnis,  daß,  wenn  man  diese  Sachen  offen  bespricht,
  man  dadurch  die  Gefahr,  die  in  ihnen  liegt,  vergrößert.  Der  Herr
Abg.  Richter  meint,  daß,  wenn  vom  Regierungstisch  davon  gesprochen  wird,
so  mache  das  den  Eindruck,  als  sei  die  Sozialdemokratie  die  einzige  treibende
Kraft  im  Staat  oder  Reich.  Das  ist  meine  Meinung  nicht;  aber  ich  halte
sie  zur  Zeit  für  die  größte  Gefahr  im  Reich,  und  weil  ich  sie  dafür  halte,
so  glaube  ich,  eben  die  Kräfte  zu  ihrer  Bekämpfung  bei  jeder  neuen  Gelegenheit
  ausnützen  zu  müssen.  Es  wird,  so  lange  ich  die  Ehre  habe,  an
dieser  Stelle  zu  stehen,  kein  Gesetz  hier  eingebracht  werden,  keine  Maßregel
vorgeschlagen  werden,  die  nicht  von  dem  Standpunkt  geprüft  worden  ist:
wie  wirkt  sie  auf  die  sozialdemokratische  Frage  ein?  Ich  habe  schon  in  dem
anderen  Hause  mich  in  ähnlicher  Weise  geäußert,  und  ich  kann  von  dieser
meiner  Auffassung  nicht  abgehen.  Ich  kann  auch  die  Ansichten  des  Herrn
Abg.  Richter  nicht  teilen,  daß,  wenn  die  Regierung  von  sozialdemokratischen
Dingen  spricht,  sie  in  Gefahr  wäre,  ihr  Ansehen  zu  schädigen.  Ich  möchte
glauben,  daß  man  das  vertrauensvoll  der  Fepiten  Regierung  überlassen  kann,
ihr  Ansehen  selbst  wahrzunehmen.  Jedenfalls  würde  ich  in  dieser  Frage
auf  seine  Unterstützung  bereitwillig  verzichten.  (Bravo!  rechts.)

Der  Herr  Abgeordnete  hat  dann  weiter  davon  gesprochen,  ich  hätte
gestern  gefagt,  wir  wollten  den  Unteroffizieren  1000  M  geben,  damit  sie
dafür  stürben.  Das  ist  mir  nicht  eingefallen;  ich  habe  gesagt,  wir  wollen

                   4*
        <pb n="60" />
        52  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)

die  Lage  der  Unteroffiziere  verbessern,  um  bessere  Elemente  in  den  Unteroffizierstand
  zu  bekommen,  um  die  guten  Elemente  uns  lange  erhalten  zu
können.  Daß  der  Soldat  nicht  für  Marke,  sondern  für  Ehre  stirbt,  hätte
der  Herr  Abg.  Richter  wissen  können.  Die  Regierung  hat  die  Absicht,  die
Unteroffiziere  länger  in  Dienst  zu  behalten  und  dem  Dienste  zu  erhalten,
welche  wissen,  was  Ehre  ist,  und  die  die  Ehre  dem  materiellen  Gewinn  vorziehen,
  wie  das  im  Offizierkorps,  und  ich  kann  sagen,  wie  es  auch  im  Unteroffizierkorps
  bisher  gewesen  ist.  Wir  sind  aber  der  Meinung,  wir  stehen
vor  schwierigen  Verhältnissen  und  brauchen  deshalb  bessere  Unteroffiziere.
(Bravo!  rechts.)

Der  Herr  Abgeordnete  hat  von  dem  Verhalten  der  Fortschrittspartei
gesprochen,  daß  sie  ja  der  Regierung  entgegenkäme  und  auch  ganz  gesonnen
wäre,  mit  uns  zu  machen,  vorausgesetzt,  daß  sie  das,  was  wir  machen,  gut
fände.  Genau  in  demselben  Verhältnis  befinde  ich  mich  zur  Fortschrittspartei.
  Ich  kann  aber  nicht  leugnen,  daß  ich  das,  was  die  Fortschrittspartei
thut,  meist  nicht  gut  finde.  Denn  so  lange  ich  diese  Dinge  beobachte,  nehme
ich  an  ihr  nur  ein  negierendes  Verhalten  wahr.  Mir  liegt  hier  eine  Zusammenstellung
  vor  über  die  Gesetze,  die  seit  dem  Jahre  1866  eingebracht
und  gegeben  worden  sind,  denen  die  Fortschrittspartei  einen  Widerspruch
entgegengesetzt  hat;  das  sind  seit  dem  Jahre  1866  deren  61,  und  seit  dem
Jahre  1870  deren  45  (hört!  hört!  rechts),  und  darunter  Gesetze,  die  zu  fundamentalen
  Gesetzen  für  unser  jetziges  verfassungsmäßiges  Leben  gehören.
So  lange  also  die  Fortschrittspartei  diesen  negierenden  Standpunkt  inne
hält,  glaube  ich,  daß  es  für  keine  Regierung,  es  sei  denn  eine  aus  der  Fortschrittspartei,
  möglich  sein  würde,  mit  ihr  in  eine  engere  Verbindung  einzutreten.
  (Lebhafter  Beifall  rechts.)  Er  hat  mir  weiter  die  Absicht  untergeschoben,
  es  käme  nur  darauf  an,  viel  Geld  zu  bekommen.  Ich  glaube
nicht,  daß  durch  eine  einzige  meiner  gestrigen  Aeußerungen  diese  Ansicht
motiviert  worden  ist  —  jedenfalls  müßte  es  ein  Lapfus  gewesen  sein.  Ich
habe  gar  kein  Interesse,  den  Steuerzahler  zu  belasten,  ebenso  wenig  wie  der
Herr  Abg.  Richter;  ich  habe  aber  das  Interesse,  Unteroffiziere  zu  bekommen,
so  wie  wir  sie  brauchen  können.

Der  Herr  Abgeordnete  vermißt  in  dem,  was  die  Civilversorgung  der
Unteroffiziere  angeht,  manche  Einzelheiten,  dann  aber  vor  allem  —  und  das
würde  mich  in  erster  Linie  treffen  —  den  Zusammenhang  in  der  Regierungspolitik.
  Da  hat  wieder  diese  „unvorsichtige“  Regierung  es  unterlassen,  die
Civilbehörden  in  dieser  wichtigen  Frage  zu  hören.  Die  Civilbehörden  spielen
eine  große  Rolle  dabei.  Ja,  meine  Herren,  dessen  sind  wir  uns  bewußt,
wir  sind  uns  klar  darüber,  welche  Rolle  der  Unteroffizier  im  Civildienst
spielt.  Wir  schätzen  diese  Rolle  sehr  hoch  und  wünschen,  daß  die  Unteroffiziere
  im  Civil  versorgt  werden,  gerade  um  des  Zusammenhanges  unseres
Staats  willen.  Wir  wollen  im  Unteroffizierstand  eine  Menschenklasse  erziehen,
  die  auch  dann,  wenn  sie  den  Rock  ihres  Kriegsherrn  ausgezogen  hat,
noch  fortfährt,  im  Civil  dieselben  Grundsätze  zu  hegen,  eine  Menschenklasse,
die  mit  ihrem  ganzen  Dasein  an  den  Staat  gebunden  ist.  (Bravo!  rechts.)

Nun  gebe  ich  Herrn  Abg.  Richter  zu,  daß,  soviel  ich  weiß,  ehe  diese
Vorlage  gemacht  ist,  eine  Umfrage  bei  den  Civilbehörden  nicht  gehalten  ist.
Der  Herr  Abg.  Richter  sagt,  die  jetzige  Vorlage  tritt  neu  und  überraschend
auf,  man  hat  im  vorigen  Jahre  nicht  davon  gesprochen.  Die  Voraussetzung
trifft  aber  nicht  zu.  Der  Herr  Abgeordnete  hat  mir  ja  gütigst  erlaubt,  auf
meine  Erfahrungen  zu  exemplifizieren.  Was  mich  angeht,  so  habe  ich  in
der  Truppe  schon  lange  die  Ansicht  vertreten  und  vertreten  hören:  es  muß
für  die  Unteroffiziere  etwas  geschehen;  so  kann  es  nicht  bleiben.  Wenn
Herr  Abg.  Richter  meint,  es  wäre  dieser  Gedanke  erst  seit  dem  Frühjahr
        <pb n="61" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)  53

entstanden,  so  muß  ich  allerdings  gestehen,  daß  wir  dann  nicht  in  der  Lage
gewesen  sein  würden,  die  nötig  erscheinende  Abhilfe  jetzt  eintreten  zu  lassen,
denn  das  Verfahren,  das  wir  jetzt  besitzen  —  und  das  weiß  ein  so  sachkundiger
  Herr  wie  der  Herr  Abg.  Richter  zweifellos  —  ist  keineswegs  ein  willkürliches
  und  auf  militärischem  Boden  allein  entstandenes,  sondern  wir  sind
im  Besitze  eines  Reglements  über  die  Versorgung  der  Unteroffiziere  im  Civildienst,
  was  beim  Bundesrat,  wenn  ich  mich  nicht  irre,  nach  jahrelangen
Schreibereien  mühsam  zustande  gekommen  ist;  eines  Reglements,  das  auf  dem
Militärpensionsgesetz  von  1871  basiert,  auf  einer  Gesetzesstelle,  ich  weiß  nicht,
ob  der  Herr  Abg.  Richter  sie  mit  bewilligt  hat,  ich  nehme  ohne  weiteres  an:
nein,  die  aber  vom  Hause  bewilligt  ist.  Es  trifft  also  die  Regierung  der
Vorwurf,  hier  voreilig  gehandelt  zu  haben,  in  keiner  Weise,  denn  wir  wären
nicht  im  stande  gewesen,  das  jetzt  fertig  zu  bringen  und  hätten  überhaupt
nichts  anderes  bekommen,  als  das,  was  wir  1878  oder  1879  zu  stande  gebracht
  haben.

Nun  bemängelt  der  Herr  Abgeordnete  weiter,  daß  die  Unteroffiziere
durch  diese  Prämie  im  Dienst  behalten  werden  würden,  daß  sie  zu  alt  würden.
Er  hat  ganz  recht;  so  einen  alten  Unteroffizier  liebt  man  heutzutage  nicht
mehr,  weder  die  Civilbehörde  nimmt  ihn  gern,  noch  haben  wir  eine  Vorliebe
  für  diese  Sorte  von  alten  Troupiers,  die  wir  vor  40  oder  50  Jahren
hatten,  eben  weil  der  Dienst  der  Unteroffiziere  zu  anstrengend  geworden  ist,
wir  nutzen  sie  zu  früh  auf,  wir  können  sie  wesentlich  länger  als  12  Jahre
nicht  brauchen,  ausgenommen  vielleicht  Feldwebel  und  Vize-Feldwebel.  Ich
wüßte  aber  auch  nicht,  daß  das  vorliegende  Gesetz  dazu  wesentlich  hinwirken
sollte,  die  Unteroffiziere  in  einer  ungemessenen  Zeit  in  der  Front  zu  behalten;
  denn  die  Zahlung  der  Prämie  hört  mit  dem  zwölften  Jahre  auf.
Sie  steigt  also  nicht  über  12  Jahre  hinaus;  also  soweit  diese  Prämie  überhaupt
  wirken  kann,  schließt  sie  ihre  Wirkung  mit  dem  zwölften  Jahre  ab.

Ebenso  vermag  ich  nicht  anzuerkennen,  daß  die  Prämie  dadurch,  daß
sie  die  Unteroffiziere  länger  im  Dienst  hält,  ihr  Avancement  zurückhält.  Ich
stelle  mich  jetzt  auf  den  Standpunkt,  es  bleiben  viele  Unteroffiziere  im  Dienst:
dann  würde  ihr  Bleiben  im  Dienst  die  Folge  davon  sein,  daß  der  Beruf
ein  anziehender  geworden  wäre,  und  dann  würde  der  Beruf  nach  wie  vor
Zulauf  haben,  selbst  wenn  das  Aufsteigen  in  die  wünschenswerten  Stellen
ein  etwas  langsameres  werden  sollte.

Der  Herr  Abg.  Richter  hat  dann  angeführt,  mein  Herr  Amtsvorgänger
  hätte  in  einer  berühmten  Rede  ausgesprochen,  daß  wir  nicht  allein
für  Offiziere,  sondern  auch  für  Unteroffiziere  das  beste  Material  hätten,  und
er  führte  nun  meinen  Herrn  Amtsvorgänger  damit  als  Gegensatz  zu  mir
auf  und  stellte  eine  Art  von  Kampf  zwischen  uns  beiden  auch  hier  dar.  Ich
kann  sagen,  daß  es  mir  zur  Befriedigung  gereicht,  daß  er  sich  diesmal  auf
die  Seite  meines  Herrn  Amtsvorgängers  gestellt  hat.  Die  Presse  jener  Partei
läßt  in  ihren  Spalten  einen  solchen  Kampf  schon  lange  in  bengalischem
Feuer  erscheinen.  (Sehr  gut!  rechts.)  Mir  ist  bei  der  Bundesgenossenschaft,
die  mir  in  dieser  Beziehung  in  einem  Kampf,  der  faktisch  nicht  existiert,  von
jener  Seite  angeboten  worden,  allemal  unheimlich  geworden.  (Bravo!  rechts.)
  Ich freute  mich,  daß  der  Herr  Abgeordnete  endlich  einmal  auf  der  anderen
Seite  stand.

Nun  hat  der  Herr  Abg.  Richter  gesagt:  jetzt  machen  sie  da  auch  noch
Unteroffiziervorschulen,  —  und  hat  nus  zum  Vorwurf  gemacht,  an  diese
Unteroffiziervorschulen  und  an  die  Prämien  anknüpfend,  daß  wir  das  militärische
  Selbstbewußtsein  heben  wollen.  Ich  muß  gestehen:  das  ist  eine
Aeußerung,  die  mich  überrascht  hat.  Aber  der  Herr  Abg.  Richter  hat  da
den  Nagel  allerdings  auf  den  Kopf  getroffen,  denn  das  militärische  Selbst-
        <pb n="62" />
        54  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)

bewußtsein  zu  heben,  sind  wir  allerdings  verpflichtet.  Ich  würde  dem  Herrn
Abg.  Richter  aus  der  preußischen  Geschichte  Beispiele  anführen  können  von
Feldherren  und  großen  Soldaten,  die  davon  überzeugt  waren,  daß  nur  eine
Truppe,  die  das  Selbstbewußtsein  hat,  etwas  zu  leisten  im  stande  ist,  wenn
nicht  das  Mißtrauen  gegen  den  preußischen  Offizier  bei  dem  Herrn  Abg.
Richter  sich  zu  einem  chronischen  Leiden  ausgebildet  zu  haben  schiene  (Heiterkeit
  rechts),  daß  ich  fürchte:  er  wird  diese  Beweisführung  negieren.  Er  mag
mir  einen  großen  Feldherrn  der  Welt  nennen,  Cäsar  oder  Napoleon,  wen
er  will,  —  keinen  hat  es  gegeben,  der  nicht  das  Selbstbewußtsein  in  der
Truppe  auf  das  hbchste  hat  steigern  wollen.  Nicht  die  1000  M  sind  es,
sondern  das  Selbstbewußtsein,  das,  wofür  wir  uns  halten  in  unseren  Herzen,
wie  es  im  Wallenstein  heißt,  —  das  ist  und  bleibt  es,  was  den  Soldaten
macht,  und  dies  in  den  Herzen  steigern  zu  können,  ist  einer  der  Zwecke  dieser
Vorlage;  die  1000  M  sind  dazu  nur  das  Mittel.

Ich  darf  also  annehmen,  daß,  wenn  ich  an  dieser  Stelle  über  die
Sozialdemokratie  gesprochen  habe,  ich  auf  der  einen  Seite  keinen  Zweifel
darüber  gelassen  habe,  daß  wir  dieser  Gefahr  ganz  ernst  ins  Auge  sehen.
Es  ist  ja  durch  die  Vorlagen,  die  die  Regierung  —  und  nicht  diese  erst,
sondern  die  vorige  Regierung  —  seit  einer  Reihe  von  Jahren  gemacht  hat,
zur  Genüge  bewiesen,  daß  wir  uns  auch  der  Pflicht  bewußt  sind,  organisch
einzuwirken,  und,  wo  irgend  ein  berechtigter  Grund  zum  Mißvergnügen  für
die  Sozialdemokraten  da  sein  könnte,  dem  entgegenzutreten.  Wir  wollen  in
dieser  Beziehung  ein  gutes  Gewissen  haben;  wir  wollen  aber  in  der  anderen
Richtung,  wenn,  was  Gott  verhüte,  es  einmal  zu  ernsteren  Dingen  kommen
sollte,  auch  eine  starke  Hand  haben.  (Lebhaftes  Bravok  rechts.)

In  einer  persönlichen  Bemerkung  nach  dem  Schluß  der  Debatte
  äußert  Abg.  Richter:

Die  Rede  des  Reichskanzlers  war  gespickt  mit  persönlichen  Ausfällen
gegen  mich.  Dieselben  waren  weder  veranlaßt  durch  die  Frage  der  Unteroffiziersprämien,
  noch  durch  meine  vorherigen  Ausführungen.  Sie  entsprachen
offenbar  einem  Bedürfnis  der  Regierung,  in  den  pendelartigen  Schwingungen
ihrer  Politik  diesmal  durch  Angriffe  gegen  uns  die  rechte  Seite  zu  befriedigen.
  (Lebhafter  Beifall  links.)  Im  Rahmen  einer  perfönlichen  Bemerkung
kann  ich  hierauf  nicht  erwidern.  Zu  einer  Generalabrechnung  mit  dem  Herrn
Reichskanzler  aus  Anlaß  seiner  heutigen  Rede  aber  wird  sich  die  Gelegenheit
demnächst  anderweitig  darbieten.  Ich  habe  den  Herrn  Reichskanzler  von
Anbeginn  an  und  beständig  als  einen  politischen  Gegner  betrachtet.  Ein
gemeinsames  Tafeltuch  zwischen  ihm  und  mir  hat  niemals  bestanden.  Nur
eine  Besserung  in  der  persönlichen  politischen  Kampfesmethode  hatten  wir
von  ihm  gegenüber  seinem  Vorgänger  erwartet.  In  dieser  Beziehung  alle
Illussonen  zerstört  zu  haben  ist  das  VBerdienst  seiner  heutigen  Rede.  (Lebhaste
  Zustimmung  links.)  Seine  Methode  gegenüber  seinem  Amtsvorgänger
ist  nicht  besser,  dafür  in  Anbetracht  der  verschiedenwertigen  Persönlichkeiten
desto  unwirksamer  geworden.  (Lebhafter  Beifall  links,  große  Unruhe  rechts.)

Die  Regierungsvorlage  wird  abgelehnt  und  ein  Antrag  Windthorst-Orterer
  (Prämien  von  1000  Mark  nach  zwölfjähriger  Dienstzeit)
  mit  großer  Majorität  gegen  die  Stimmen  der  Deutschfreisinnigen,
  der  Volkspartei,  der  Sozialdemokraten  und  einiger  Mitglieder
des  Zentrums  angenommen.

28.  Februar.  (Straßburg.)  Das  Ministerium  für  Elsaß-
        <pb n="63" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  2.—5.)  55

Lothringen  bestimmt:  Vom  3.  März  acht  Uhr  morgens  an  ist  die
Verordnung  vom  22.  Mai  1888  betreffend  den  Paßzwang  in  ihrem
ganzen  Umfange  zu  handhaben,  insonderheit  kommen  alle  Erleichterungen
  bezüglich  des  Eisenbahnverkehrs  mit  durchgehenden  Billets
in  Wegfall.

2.  März.  (Reichstag.)  Die  neue  Forderung  von  Geldvergütung
  zur  Beschaffung  von  Dienstpferden  für  alle  berittenen  Offiziere
  wird  zum  Teil  bewilligt,  zum  Teil,  für  die  höheren  Chargen,
abgelehnt.  Die  Forderung  zur  Erweiterung  einiger  Kadettenanstalten
wird  genehmigt.

4.  März.  Der  Straßburger  Landesausschuß  nimmt  folgende
  Adresse  an  den  Kaiser  an:

„Ew.  Majestät  wollen  dem  versammelten  Landesausschuß  huldreichst
gestatten,  Allerhöchstderselben  folgende  Bitte  ehrfurchtsvollst  zu  unterbreiten;
aus  Anlaß  gewisser  in  jüngster  Zeit  im  Auslande  stattgehabten  Vorgänge
hat  die  Reichsregierung  eine  schärfere  Handhabung  der  im  Mai  1888  getroffenen
  Vorschriften  über  den  Paßzwang  verordnet,  unter  denen  das  Reichsland
  zwei  Jahre  hindurch  so  schwer  gelitten  hat  und  nun  von  neuem  leiden  soll.
Ew.  Majestät  versichern  wir,  die  berufenen  Vertreter  der  elsaß-lothringischen
Bevölkerung,  daß  wir,  treu  auf  dem  Boden  des  Gesetzes  und  der  bestehenden
Verhältnisse  verharrend,  jede  Einmischung  in  unsere  Angelegenheiten  seitens
fremder  nicht  dazu  berechtigter  Elemente  auf  das  Allerentschiedenste  zurückweisen,
  und  daß  keine  aus  dem  Auslande  kommende  Agitation  je  geeignet
sein  wird,  diese  unsere  Gesinnungen  zu  erschüttern.  Im  Vertrauen  auf  das
Wohlwollen,  welches  Ew.  Majestät  uns  stets  haben  allergnädigst  zu  teil
werden  lassen,  bitten  wir  unterthänigst,  die  zwar  nicht  gegen  unsere  Bevölkerung
  gerichtete,  wesentlich  aber  dieselbe  treffende  Paßmaßregel  aufheben
oder  doch,  falls  dies  nach  Ew.  Majestät  Allerhöchstem  Ratschlusse  zur  Zeit
unthunlich  erscheinen  sollte,  eine  mildere  Ausführung  dieser  Maßregel  verordnen
  zu  wollen.  Der  Landesausschuß  für  Elsaß-Lothringen."

Die  Annahme  erfolgt  ohne  Widerspruch;  doch  enthalten  sich
die  Abgeordneten  Pfarrer  Winterer  und  Notar  Ditsch  und  einige
andere  Protestler  der  Abstimmung.

Ueber  die  Abstimmung  bei  der  Adresse  des  elsassischen  Landesausschusses
  wird  berichtet:  Der  Antrag  war  unterzeichnet  vom  Abg.  Petri  und
21  Genossen.  Anwesend  waren  51  von  58  Abgeordneten,  7  fehlten,  davon
sind  2  dauernd  krank,  4  beurlaubt  (unter  ihnen  2  Antragsteller)  und  einer
fehlte  ohne  Urlaub.  Winterer  und  Ditsch  sprachen  für  Stimmenthaltung,
letzterer  im  Namen  „einiger  Freunde"  (etwa  8—  10).  Alle  blieben  während
der  Diskussion  und  Abstimmung  im  Saale.  Die  Adresse  wurde  einstimmig
angenommen,  d.  h.  bei  8—10  Stimmenthaltungen  mit  41—  43  Stimmen,
und  wenn  man  die  beiden  entschuldigt  fehlenden  Unterzeichner  noch  hinzuzählt,
  mit  45  Stimmen.

5.  März.  (Reichstag.)  Vei  der  Beratung  über  den  Bau
einer  Eisenbahn  erwähnt  der  Abg.  Höffel,  daß  die  Bewohner  der
Reichslande  große  Verluste  durch  die  teilweise  Sperre  der  Westgrenze
  erlitten  hätten.
        <pb n="64" />
        56  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  6.)

Die  Elsaß-Lothringer  hätten  in  der  letzten  Zeit  gehofft,  diese  Sperre
bald  beseitigt  und  normale  Verhältnisse  zwischen  den  beiden  benachbarten
großen  Staaten  eintreten  zu  sehen,  aber  leider  seien  in  den  letzten  Tagen
ihre  Hoffnungen  geschwunden;  allen  Erleichterungen  der  letzten  Monate  fei
mit  einem  Schlage  ein  Ende  gemacht  durch  das  unpatriotische  Verhalten
eines  Haufens  von  Leuten,  die  für  sich  das  Monopol  des  Patriotismus  in
Anspruch  nähmen,  die  unter  Vaterlandsliebe  und  Treue  nur  die  mißfällige
Beurteilung  der  anderen  verständen,  die  den  Patriotismus  darin  sähen,  daß
man  mit  den  großen  Schlagwörtern  Vaterland,  Ehre,  Elsaß-Lothringen  um
sich  werfe,  die  als  Generalpächter  der  öffentlichen  Meinung  auftreten  zu
sollen  glaubten,  handwerksmäßig  andere  verurteilten,  die  das  Diplom  des
Patriotismus  heute  gäben  und  morgen  zurücknähmen  und  den  Chauvinismus
als  Patriotismus  ansähen.  Die  Elsaß-Lothringer  hätten  nie  etwas  gemein—
sam  gehabt  mit  diesen  Leuten,  sie  hätten  auch  heute  nichts  gemein  mit  ihnen;
er  protestiere  und  habe  dabei  die  ganze  Bevölkerung  von  Elsaß-Lothringen
hinter  sich,  er  protestiere  gegen  den  Mißbrauch,  den  man  dort  in  den  letzten
Tagen  mit  dem  Namen  Elsaß-Lothringen  getrieben  habe.  Aber  nicht  Frankreich
  sei  in  Elsaß-Lothringen  getroffen,  das  deutsche  Reichsland  und  seine
Bewohner  müßten  büßen  für  die  Unarten  eines  immerhin  nur  geringen
Teils  der  Pariser  Bevölkerung,  dessen  Handeln  selbst  dort  in  weiten  Schichten
Verachtung  und  Verurteilung  finde.  Deshalb  sei  es  höchst  erfreulich,  wenn
dafür  nach  Osten  neue  Verkehrswege  eröffnet  würden.

6.  März.  (Reichstag:  Marinedebatte.)  Die  umstrittenen
  Positionen  werden  an  die  Kommission  zurückverwiesen.

6.  März.  Der  Kaiser  schenkte  dem  polnischen  Abg.  v.  Koscielski,
  welcher  als  Referent  der  Budgetkommission  für  den  Marineetat
  eintrat,  ein  Bildnis,  darstellend  die  Flotte  des  Großen  Kurfürsten.
  Das  Bild  trägt  folgende  Widmung:  „Dem  Herrn  v.  Koscielski
  zur  Erinnerung  an  sein  mannhaftes  Eintreten  für  Meine
Marine  von  seinem  dankbaren  Kaiser  und  König“.

6.  März.  (Abgeordnetenhaus.)  Das  Einkommensteuer-Gesetz
  wird  mit  308  gegen  36  Stimmen  (die  Freisinnigen,  einige
Nationalliberale  und  Ultramontane)  angenommen.

Der  von  dem  Abg.  Huene  u.  Gen.  eingebrachte  Gesetzentwurf,
betreffend  die  Abänderung  des  Wahlverfahrens,  wird  angenommen.

§  1.  Behufs  Bildung  der  Urwählerabteilungen  für  die  Wahlen
zum  Hause  der  Abgeordneten,  der  Wählerabteilungen  für  Gemeindevertreterwahlen
  und  in  sonstigen  Fällen,  wo  auf  die  Wahlberechtigungen  in  öffentlichen
  Verbänden  die  Summe  der  veranlagten  Beträge  der  Klassen=  und
klassifizierten  Einkommensteuer  einwirkt,  ist  für  jede  nicht  veranlagte  Person
ein  Steuerbetrag  von  3 M  an  Stelle  der  bisherigen  Klassensteuer  zum  Ansatz
zu  bringen.

Bis  zu  anderweiter,  infolge  der  Ueberweisung  von  Grund=  und  Gebäudesteuer
  an  kommunale  Verbände  etwa  erforderlich  werdender  Abänderung
der  Vorschriften  über  die  Wahlen  zum  Hause  der  Abgeordneten  wird  in
Gemeinden,  welche  in  mehrere  Urwahlbezirke  geteilt  sind,  —  unter  Abänderung
  der  betreffenden  Bestimmungen  des  §  10  der  Verordnung  vom
30,  Mai  1849  —  für  jeden  Urwahlbezirk  eine  besondere  Abteilungsliste
gebildet.
        <pb n="65" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  11.—  12.)  57

§  2.  Bis  zum  Erlasse  des  Wahlgesetzes  werden  die  Bestimmungen
der  Artikel  71  und  115  der  Verfassungsurkunde,  soweit  sie  den  vorstehenden
Bestimmungen  entgegenstehen,  außer  Kraft  gesetzt.

§  3.  Dieses  Gesetz  tritt  nur  gleichzeitig  mit  dem  Einkommensteuer-Gesetz
  in  Kraft.

11.  März.  Der  Unterstaatssekretär  im  Kultusministerium
Dr.  Barkhausen  wird  zum  Präsidenten  des  Evangelischen
Ober-Kirchenrates  ernannt.

12.  März.  Der  Prinzregent  Luitpold  von  Bayern
feiert  unter  allgemeiner  freudiger  Teilnahme  des  Landes  seinen
70.  Geburtstag.

Der  Kaiser  sendet  ihm  folgendes  Telegramm:

„Unter  den  Beweisen  der  Verehrung  und  Liebe  des  gesamten  Baye--rischen
  Volkes  feierst  Du  heute  den  70.  Geburtstag.  Empfange  zu  diesem
seltenen  Feste  Meine  aus  vollem  Herzen  kommenden  Glückwünsche  und  laß
Mich  dahei  aussprechen,  wie  froh  und  dankbar  Ich  es  anerkenne,  daß  mit
Deiner  treuen  Mitwirkung  die  Bande,  welche  Uns  und  Unsere  Häuser  und
Regierungen  verknüpfen,  zum  Heile  des  gemeinsamen  Vaterlandes  sich  nur
immer  fester  und  inniger  gestaltet  haben.  Möge  die  Liebe  Deines  Volkes
und  die  Anerkennung  der  deutschen  Bundesfürsten  Dir  auch  im  kommenden
Leben  eine  feste  Stütze  in  Deinen  schwierigen  Regentenpflichten  sein!  Die
Kaiserin  schließt  sich  Meinen  Glück=  und  Segenswünschen  von  ganzem  geren  an.

Wilhelm.“

Der  Prinzregent  antwortet:

„Tiefgerührt  durch  Deine  so  herzlichen  und  treuen  Glück=  und  Segenswünsche
  zu  Meinem  Jubelfeste,  drängt  es  Mich,  Dir  Meinen  innigsten  Dank
auszusprechen.  Mit  besonderer  Freude  erfüllt  Mich  Deine  so  warme  Anerkennung
  der  festen  Bande,  welche  Uns,  Unserer  Häuser  und  Regierungen
verbinden.  Der  Kaiserin  küsse  Ich  dankend  die  Hände.  Luitpold."

Die  Adresse  des  Ministeriums  und  die  Dankschreiben  an  den
Erzbischof  und  den  Oberkonfistorial-Präsidenten  s.  i.  „Staatsarchiv“
Bd.  52.

Das  Dankschreiben  des  Prinzregenten  an  das  Ministerium
lautet:

„Als  Mir  die  Vorsehung  die  schwere  Pflicht  auferlegte,  die  Zügel
der  Regierung  zu  ergreifen,  habe  Ich  in  feierlicher  Stunde  als  Meinen
sehnlichsten  Wunsch  bezeichnet,  daß  es  Mir  vergönnt  sein  möge,  für  das
Wohl  des  treuen  und  von  Mir  so  treugeliebten  Landes  wirken  zu  können.

Ich  danke  Gott  heute  vor  allem,  wenn  Ich  in  den  seitdem  verflossenen
Jahren  vielfach  Gelegenheit  fand,  die  allgemeine  Wohlfahrt  sorgend  zu
pflegen  und  manche  Thräne  des  Unglücks  zu  trocknen.

Was  Bayerns  Herrscherhaus  immer  als  den  herrlichsten  Schmuck  der
Krone  schätzte,  die  Gegenliebe  des  Volkes,  ist  im  stets  steigenden  Maße  auch
Mir  zur  reichsten  Quelle  der  Freude  und  des  Glückes  geworden.

Insbesondere  habe  Ich  es  in  diesen  Tagen  wieder  mit  lebhaftester
Befriedigung  und  gerechtem  Stolze  empfunden,  daß  Bayerns  Königshaus
und  Volk  sich  untrennbar  eins  wissen  und  fühlen.

Unvergeßlich  wird  Mir  das  Andenken  an  die  zahllosen  Beweise  der
Anhänglichkeit  und  Ergebenheit  sein,  die  Mir  aus  ganz  Bayern  und  von  den
        <pb n="66" />
        58  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  12.)

außerhalb  Bayerns  lebenden  Staatsangehörigen  anläßlich  Meines  70.  Geburtsfestes
  zu  teil  wurden.  Alle  Stände  und  Klassen  verbanden  sich  zu  einer
Jubelfeier,  die  in  der  Geschichte  des  Landes  unübertroffen  dasteht.

Dauernd  werden  Stiftungen,  welche  größtenteils  zur  Linderung  von
Not  und  zur  Abwendung  wirtschaftlicher  Gefahren  errichtet  sind,  die  Erinnerung
  an  den  heutigen  Tag  aufrecht  erhalten.  Die  warm  empfundenen
und  schön  ausgestatteten  Adressen,  die  Mir  von  nah  und  fern  überreicht
wurden,  die  Gaben  der  Wissenschaft,  der  Kunst  und  des  Kunstgewerbes,
die  Ich  empfing,  sollen  in  Meinem  Hause  allezeit  als  ein  wertvoller  Schatz
aufbewahrt  bleiben.

Aber  nicht  der  äußere  Prunk,  nicht  die  Größe  und  Fülle  der  Veranstaltungen,
  sondern  die  Aufrichtigkeit  und  Innigkeit,  die  aus  jedem  Auge
leuchtete,  die  jedem  in  Wort  und  That  Mir  dargebrachten  Glückwunsche
innewohnte,  gab  der  Feier  ihre  charakteristische  Weihe.

Ich  danke  Meiner  lieben  Stadt  München,  den  Kreis-,  Distrikts-,
Stadt=  und  Landgemeinden,  den  Universitäten,  den  Künstlergenossenschaften,
allen  sonstigen  Korporationen  und  Vereinigungen,  jedem  einzelnen,  der  in
alter  Bayerntreue  Meiner  liebend  gedachte.

Mögen  diese  echt  patriotischen  Gesinnungen  auch  in  den  Herzen  der
heranwachsenden  Ingend  tiefe  Wurzeln  schlagen,  auf  daß  die  Söhne  und
Enkel  bis  zu  den  fernsten  Geschlechtern  der  Bäter  würdig  sind  und  gleich
diesen,  festgeschart  um  den  Thron,  für  die  teuersten  Güter  der  Nation  stets
unentwegt  eintreten!

Solange  nach  Gottes  gnädigem  Ratschlusse  Mein  Leben  währt,  ist
Bayerns  Wohl  das  Ziel  all'  Meines  Handelns.  Hiebei  die  Verfassung,
das  Palladium  des  inneren  Friedens,  unverbrüchlich  zu  wahren,  ist  Mir
heiligste  Pflicht.  Dem  vielgeliebten  Vaterlande  gelten  von  Jugend  auf  und
immerbar  Meine  heißesten  Wünsche.  Gott  segne  und  schirme  Bayern  fort
und  fort!

          München,  den  12.  März  1891.

                                                                                    Luitpold,
                                                                      Prinz-Regent  von  Bayern.

            Der  Thronfolger  Prinz  Ludwig  hält  an  dem  Tage  bei
dem  Festmahl  im  Rathaus  folgende  Rede:

„Das  Fest  der  70jährigen  Wiederkehr  des  Geburtsfestes  meines  hohen
Herrn  Vaters  ist  ein  seltenes  Fest.  Als  Regent  des  eigentlichen  Bayern  ist
das  in  der  700jährigen  Geschichte  des  Hauses  Wittelsbach  der  dritte  Fall.
Das  ganze  Land  hat  nicht  nur  hier,  sondern  in  jeder  Stadt,  ich  möchte
sagen,  in  jedem  Dorf,  an  diesem  Feste  teilgenommen  und  hat  dies  auch
dadurch  bewiesen,  daß  von  überall  her  die  Spitzen  der  Ortschaften,  der  Gemeinden,
  der  verschiedenen  Kreise,  Vereine  2c.  hieher  gekommen  sind,  um  an
einem  Huldigungszug,  wie  er  heute  vor  uns  aller  Augen  und  zu  unser  aller
Freude  stattgefunden  hat,  sich  zu  beteiligen.  Ich  weiß  zwar,  und  mein
Vater  weiß  es  ebensogut  wie  ich,  daß  in  Bayern  es  nicht  notwendig  ist,
daß  große  Festzüge  stattfinden,  um  zu  beweisen,  wie  fest  die  Anhänglichkeit
des  Volkes  zu  seinem  Herrscherhause  und  des  Herrscherhauses  zu  seinem
Volke  ist.  Nichtsdestoweniger  ist  Er  hocherfreut  gewesen  über  alle  die  Gaben
und  Stiftungen  zu  edlen  und  guten  Zwecken,  wie  sie  anläßlich  dieses  Tages
gemacht  worden  sind.  Der  verehrte  Herr  Bürgermeister  von  München  hat
das  Hoch  auf  Se.  k.  Hoh.  den  Prinz-Regenten  ausgebracht  und  erwähnt,
daß  Er  in  hoch  vorgerücktem  Alter,  in  schwierigen  Zeiten  die  Zügel  der
Regierung  ergriffen  hat,  er  hat  erwähnt  alles  das,  was  Er  in  dieser  Zeit
geschaffen  hat.  Ich  möchte  vor  allem  hervorheben,  daß  mein  Vater  bestrebt
        <pb n="67" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  12.)  59

ist,  des  ganzen  Volkes  und  zwar  von  allen  Seiten  des  Volkes  Wohl  zu  fördern!
daß  Er  bestrebt  ist,  den  inneren  Frieden,  der  in  der  letzten  Zeit  gestört
war,  dem  Volk  wiederzugeben.  Er  geht  von  dem  Grundgedanken  aus:
Jedem  das  Seine!  Herr  Bürgermeister  Frhr.  v.  Stromer  von  Nürnberg
hat  auf  das  königliche  Haus  gesprochen.  Es  ist  schwer  zu  sagen,  worin  die
Anhänglichkeit  des  Hauses  und  des  Landes  gegeneinander  besteht,  700  Jahre
glaube  ich,  sind  Beweis  dafür!  Es  sind  wenige  Dynastien,  die  sich  rühmen
können,  so  lange  bestanden  und  so  lange  ununterbrochen  regiert  zu  haben.
Wenn  ich  die  Gründe  hervorhebe,  warum  das  so  ist,  so  sind  es  zwei.  Der
eine  ist,  daß  die  Dynastie  aus  dem  Volke  hervorgegangen  ist  und  wahrhaftig
  in  der  ganzen  Welt  gibt  es  wenige,  die  aus  dem  Volke  hervorgegangen
  sind,  die  meisten  sind  herein  importiert  worden.  Kein  Mensch
weiß  den  Ursprung  der  Dynastie.  Es  gibt  Leute,  die  sie  zurückführen  auf
den  Markgrafen  Luitpold,  andere,  die  sie  zurückführen  auf  die  Agilolfinger.
Das  ist  aber  gewiß,  daß  Kaiser  Friedrich  Rothbart  Otto  von  Wittelsbach
wieder  einsetzte,  weil  er  durch  seltene  Treue  gegen  den  Kaiser  sich  ausgezeichnet
und  weil  er  das  deutsche  Heer  allein  in  der  Veroneser  Klause  vor  dem  Verderben
  gerettet  hat.  Er  machte  dabei  altes  Unrecht  wieder  gut,  das  einer
aus  dem  sächsischen  Hause  verübt  hatte.  Damals  hat  in  Bayern  ein  Haus
regiert,  welches  aus  dem  Volke  hervorgegangen  ist,  Karl  der  Große  hat  es
abgesetzt.  Nachdem  die  Karolinger  ausgestorben  waren,  kamen  die  Luitpoldinger
  und  Agilolfinger.  Es  kamen  Kaiser  aus  dem  sächsischen  Hause
und  nicht  lange  dauerte  es,  so  setzten  diese  die  Dynastie  wieder  ab.  Dann
kam  Friedrich  der  Rothbart  und  mit  ihm  unser  Haus,  was  wenigstens
wahrscheinlich  ist,  und  wenn  Sie  die  weiteren  700  Jahre  verfolgen,  werden
Sie  sehen,  daß  wenig  Häuser  so  treu  zu  Kaiser  und  Reich  gestanden  sind,
als  dieses  Haus.  Drei  Kaiser  sind  daraus  hervorgegangen,  und  wenn  auch
nicht  immer  das  Haus  geherrscht  hat,  hat  es  doch  fest  zum  Kaiserhaus  gehalten.
  Ich  erinnere  an  den  30jährigen  Krieg.  Damals  hat  Bayerns  Kurfürst,
  wenn  es  auch  nicht  immer  im  Interesse  des  gesamten  Landes  war,
zum  Kaiser  gehalten,  ihm  allein  dankte  der  Kaiser  die  Erhaltung  der  Kaiserkrone
  und  seines  Erblandes.  Andere  Zeiten  hat  es  freilich  gegeben,  wo
Bayern  in  Widerspruch  zum  Kaiser  stand,  da  waren  aber,  nicht  immer,  aber
in  den  meisten  Fällen  Gründe  vorhanden;  es  war  Begehr  nach  bayerischem
Gebiet  und  es  war  der  Landesherr  genötigt,  gegen  Kaiser  und  Reich  Front
zu  machen,  die  Folgen  waren  aber  in  der  Regel  für  Bayern  und  für  das
Reich  von  Uebel.  Der  Herr  Bürgermeister  v.  Stromer  hat  zum  Schluß
von  meiner  Person  gesprochen,  er  hat  erwähnt,  daß  ich  ein  guter  Soldat
bin;  ich  glaube,  das  ist  ein  Ruhm,  den  ich  mit  jedem  Bayern,  jedem  Deutschen
  teilen  kann.  Er  hat  mich  auch  noch  als  Landwirt  gefeiert  und  erwähnt,
daß  die  Landwirtschaft  zurück  gewesen  ist  im  Verhältnis  zu  den  anderen
Gewerben,  ich  glaube,  alles  ist  eine  gewisse  Zeit  zurück  gewesen,  nicht  nur
hier,  sondern  überall.  Gott  sei  Dank  sind  wir  in  dieser  Beziehung  alle  miteinander
  auf  dem  Wege  des  Fortschrittes.  Ich  glaube,  Herr  Bürgermeister
v.  Stromer  hat  mich  nicht  ganz  richtig  verstanden,  wenn  er  mich  speziell
als  Landwirt  bezeichnet,  ich  bin  wohl  ein  großer  Freund  derselben,  übe  sie
selbst  aus,  mein  Blick  geht  aber  weiter:  ich  wünsche,  daß  die  Landwirtschaft
und  ebenso  das  Gewerbe,  die  Industrie  und  der  Handel  gedeihen,  ich  wünsche,
daß  das  ganze  Volk  vorwärts  schreitet,  und  wenn  diese  verschiedenen  Sparten
ineinandergreifen,  ohne  sich  gegenseitig  zu  schädigen,  dann  wird  das  Land
gedeihen.  Was  glauben  Sie  wohl!  auf  was  ich  trinke?  Auf  nichts  anderes
als  auf  das  Land,  mit  dem  ich  mit  jeder  Faser  meines  ganzen  Lebens  verwoben
  bin,  auf  unser  vielgeliebtes  Bayern!  Bayern  hoch!"
        <pb n="68" />
        60  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  12.—13.)

12.  März.  (Reichstag:  Marineetat.)  Ein  Kompromiß
—  Bewilligung  von  2  Panzerfahrzeugen,  dagegen  Absetzung  einer
im  vorigen  Etat  bewilligten  Kreuzerkorvette  —  wird  von  einer
großen  Mehrheit  genehmigt.  Dagegen  stimmt  ein  Teil  der  freisinnigen
  Partei,  die  Volkspartei  und  die  Sozialdemokraten.  Abg.
Rickert  befürwortet  das  Kompromiß  und  stimmt  mit  einem  Teil
der  Fraktion  dafür,  während  Abg.  Richter  dagegen  spricht.  Die
Novelle  zum  Patentgesetz  wird  in  der  Fassung  der  Kommissionsbeschlüsse
  durch  Akklamation  genehmigt.  (Gesetz  vom  7.  April  1891.)

12.  März.  Der  Kaiser  erkundigt  sich  persönlich  nach  dem
Befinden  des  lebensgefährlich  erkrankten  Abgeordneten  Windthorst.

13.  März.  Kultusminister  v.  Goßler  wird  seinem  Ansuchen
  gemäß  von  seinem  Amt  unter  Belassung  des  Titels  und
Ranges  eines  Staatsministers  sowie  unter  Verleihung  des  Sterns
der  Großkomthure  des  Königlichen  Hausordens  von  Hohengollern
entbunden,  und  Ober-Präsident  der  Provinz  Posen,  Graf  v.  Zedlitz-Trützschler
  an  seiner  Stelle  ernannt.  Landrat  a.  D.  Freiherr  von

Wilamowitz-Möllendorff  wird  Oberpräsident  von  Posen.

13.  März.  Herr  v.  Goßler  verabschiedet  sich  von  den  Beamten
  des  Kultusministeriums.  Er  sagt  in  seiner  Rede:

Er  scheide  aus  seinem  Amte,  das  er  zehn  Jahre  mit  freudiger  Hingabe
  an  seine  Pflichten  verwaltet  habe,  nicht  lediglich,  weil  er  sich  nach
Ruhe  sehne,  sondern  weil  die  politischen  Verhältnisse  sich  in  der  jüngsten
Zeit  so  gestaltet  hätten,  daß  er  befürchte,  unter  Umständen  eine  Last  und
ein  Hemmnis  bei  den  Maßnahmen  der  Königlichen  Staatsregierung  zu  sein.
Er  glaubte  deshalb,  dem  Vaterlande,  für  dessen  Wohl  er  seine  ganze  Kraft
bisher  eingesetzt  habe,  in  diesem  Augenblicke  einen  Dienst  dadurch  zu  leisten,
daß  er  sein  Amt  niederlege.

13.  März.  (Reichstag.)  Abg.  Jebsen:

Nachdem  der  Staatssekretär  Hollmann  seine  Anfrage,  betreffend  die
Entsendung  eines  Kriegsschiffes  nach  Chile,  nur  damit  beantwortet
habe,  daß  die  festen  Stationen  der  Marine  in  fremden  Meeren  eine  solche
Entsendung  unmöglich  machten,  müsse  er  sich  heute  mit  derselben  Frage  an
den  Reichskanzler  selbst  wenden.  Er  meine,  die  deutschen  Angelegenheiten  in
Samoa  oder  China  und  Japan  dürften  doch  das  Entsenden  eines  Schiffes
nach  Chile  nicht  verhindern,  und  wenn  auch  die  deutschen  Unterthanen  in
Chile  unter  den  Schutz  der  englischen  Flotte  gestellt  seien,  so  möchte  er  doch,
da  die  chilenische  Revolution  länger  anzudauern  scheine  und  da  in  Chile
wichtige  Interessen  von  Angehörigen  des  Deutschen  Reiches  auf  dem  Spiele
ständen,  um  Absendung  eines  besonderen  Kriegsschiffes  nach  den  chilenischen
Gewässern  bitten.

Reichskanzler  v.  Caprivi:

Wenn  die  Reichsregierung  die  Absicht  gehabt  hätte,  nach  Chile  Schiffe
zu  entsenden,  so  boten  sich  ihr  drei  Wege  dar.  Der  erste  und  kürzeste  war
der,  den  einzigen  Kreuzer,  der  sich  zur  Zeit  auf  der  australischen  Station
        <pb n="69" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  13.)  61

befindet,  von  da  abzuberufen  und  nach  Chile  gehen  zu  lassen,  eine  Reise,  die,
ohne  die  Schwierigkeiten  der  Befehlserteilung  zu  rechnen,  die  ich  neulich
schon  erwähnt  habe  und  die  darin  beruhen,  daß  der  Telegraph  nicht  bis  an
den  gewöhnlichen  Stationsort  des  Kreuzers  geht,  etwa  anderthalb  Monate
gedauert  haben  würde.

Der  Herr  Abgeordnete  ist  der  Meinung,  daß,  je  weniger  Schiffe  in
Samoa  sind,  dies  um  so  besser  ist,  wenn  ich  ihn  recht  verstanden  habe.  Es
ist  das  eine  Ansicht,  die  zu  teilen  die  Reichsregierung  völlig  außer  stande  ist.
Der  Kreuzer  „Sperber“,  der  sich  auf  der  australischen  Station  befindet,  hat
nicht  bloß  den  Dienst  in  Samoa,  sondern  auch  in  Neu-Guinea  und  in  all
den  Inseln,  die  jetzt  unter  deutschem  Schutz  stehen,  und  muß  der  Requisition
für  Australien  gewärtig  sein.  Was  Samoa  angeht,  so  wäre  ich  im  stande,
aus  den  letzten  Berichten  aus  Apia  nachzuweisen,  daß  die  Anwesenheit  des
Kreuzers  in  Apia  doch  ihr  Gutes  hatte,  weil  im  Augenblick,  wo  die  letzten
Berichte  von  da  abgingen,  wiederum  Eingeborene  im  Begriffe  waren,  die
Vereinbarungen,  die  die  drei  Staaten  zur  weiteren  Erhaltung  der  Ordnung
in  Apia  getroffen  haben,  hinfällig  zu  machen  dadurch,  daß  sie  eine  Menge
Menschen  versammelten  und  in  die  alte  Spaltung  zurückgerieten.  Wir  haben
deutsche  Interessen  in  Samoa  zu  vertreten,  antworte  ich  dem  Herrn  Abgeordneten,
  und  wir  werden  sie  weiter  vertreten.  Wir  konnten  also  auf  den
Gebrauch  dieses  Kreuzers  nicht  reflektieren.

Die  zweite  Möglichkeit,  die  sich  uns  bot,  war  das  Kreuzergeschwader.
Die  politischen  Gründe,  die  zur  Formation  des  Kreuzergeschwaders  geführt
haben,  lagen  in  erster  Linie  in  den  deutschen  Kolonien.  Seit  wir  in  den
Besitz  von  Kolonien  geraten  sind,  genügt  es  nicht  mehr,  überall  einmal  die
Flagge  zu  zeigen,  einmal  mit  einem  Schiff  zu  erscheinen,  sondern  wir  müssen
in  der  Notwendigkeit  sein,  gelegentlich  eine  größere  Zahl  von  Schiffen  konzentrieren
  zu  können,  so  viel  Schiffe,  daß  auch  einmal  eine  Landung  mit
einer  erklecklichen  Menge  von  bewaffneten  Menschen  möglich  wird.  Der  Schwerpunkt
  der  Thätigkeit  des  Kreuzergeschwaders  liegt  also  in  erster  Linie  bei
unseren  Kolonien,  und  wenn  wir  mit  einem  so  kleinen  Kreuzergeschwader
diesen  Aufgaben  zu  allen  Zeiten  genügen,  so  wollen  wir  froh  sein.  Es  setzt
eine  große  Thätigkeit  des  Kreuzergeschwaders,  Geschick  und  auch  viel  Glück
voraus.  Zur  Zeit  befindet  sich  nun  das  Kreuzergeschwader  nicht  in  unseren
Kolonien,  sondern  in  den  chinesischen  und  japanischen  Gewässern.  In  diese
Gewässer  ist  es  dadurch  berufen  worden,  daß  sowohl  unser  Gesandter  in
Peking  als  der  in  Tokio  dringend  befürwortet  haben,  daß  einmal  außer  den
zwei  Kanonenbooten,  die  in  diesen  Gewässern  stationiert  sind,  ein  größeres
Geschwader  hinkomme,  und  zwar  hatten  sie  ganz  wesentliche  Interessen  dafür.
Es  dürfte  dem  Herrn  Abgeordneten  nicht  unbekannt  sein,  daß  für  die  Entwickelung
  unseres  überseeischen  Handels  und  unserer  überseeischen  Rhederei
Japan  und  China  die  erste  Stelle  einnehmen.  Es  ist  mir  bekannt,  daß  unsere
Ausfuhr  nach  Chile  zur  Zeit  erheblich  größer  ist  als  die  nach  Japan  und
China.  Aber  die  Entwickelung  unserer  Zukunft  liegt  nicht  in  Chile.  Chile
ist  für  uns  satt.  Wir  haben  nach  Chile  einen  Export  und  von  da  einen
Import,  so  groß  wie  wir  ihn  haben  können.  Unsere  Zukunft  liegt  auf  der
anderen  Seite  des  Stillen  Ozeans.  Außer  diesem  allgemeinen  Grund  kamen
für  die  beiden  Herren  noch  andere  Gründe  hinzu.  Wir  haben  ein  Interesse
zur  Hebung  unseres  Schiffbaues,  Bestellungen  auf  Schiffe  für  die  chinesische
oder  japanische  Regierung  in  deutschen  Werften  zu  bekommen,  und  zwar
werden  sich  solche  Bestellungen  wesentlich  auf  Kriegsschiffe  beschränken,  wie
das  auch  schon  früher  geschehen  ist.  Wollen  wir  aber  unseren  Kriegeschiffbau.
in  diesen  Staaten  im  Ansehen  erhalten  und  unserer  Industrie  Bestellungen
zuwenden,  so  ist  das  wohl  nicht  anders  zu  machen,  als  daß  wir  von  Zeit
        <pb n="70" />
        62  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  13.)

zu  Zeit  zeigen,  was  unser  Schiffbau  leisten  kann,  und  dieses  Motiv  wurde
von  den  Gesandten  als  ein  dringendes  betont.  Die  Regierung  hat  das  Interesse,
diesem  Motive  nachzugehen,  um  Handel  und  Industrie  in  jenen  Gegenden
zu  fördern.

Es  kam  noch  ein  zweites  ähnliches  Motiv  hinzu.  Die  japanische  Regierung
  hat  bei  einer  deutschen  Fabrik  sich  eine  Anzahl  von  Torpedobooten
bestellt,  die  dahin  geführt  worden  sind.  Diese  Torpedoboote  kommen  dort  in
einem  Zustande  an,  welcher  der  Montage  bedarf.  Diese  Montage  durch  Ingenieure
  und  Mannschaften  deutscher  Schiffe  übernehmen  zu  lassen,  war
wiederum  ein  dringendes  Interesse  unseres  Handels  insofern,  als,  wenn  etwa
fremdländische  Ingenieure  aus  den  Staaten,  die  mit  uns  in  einer  dauernden
und  harten  Konkurrenz  in  jenen  Gebieten  leben,  die  Montage  übernahmen,
die  Wahrscheinlichkeit  war,  daß,  wenn  die  Torpedoboote  ins  Wasser  kamen,
sie  nicht  liefen.  (Heiterkeit.)  Also  wiederum  ein  Interesse  des  deutschen
Handels  und  der  deutschen  Industrie.  Die  Reichsregierung  war  demnach  der
Meinung,  daß  dieses  Kreuzergeschwader  aus  diesem  Grunde  in  Japan  und
in  China  erforderlich  war.  Seine  Segelordre  ist  so  abgefaßt,  daß  es  bis
zum  7.  April  in  China  bleibt,  dann  nach  Japan  geht  und  dann  wieder
heruntergehen  wird,  um  sich  unseren  Kolonien  zu  nähern.

Erschien  dieser  zweite  Weg,  Schiffe  nach  Chile  zu  bringen,  der  Regierung
  auch  bedenklich,  so  blieb  der  dritte  übrig,  Schiffe  aus  der  Heimat
nach  Chile  zu  schicken.  Diese  Schiffe  würden  erst  haben  in  Dienst  gestellt
werden  müssen;  denn  die  Schiffe,  die  wir  hier  im  Dienst  haben,  waren  dazu
nicht  brauchbar,  es  muß  eine  andere  Kategorie  sein.  Das  würde  vierzehn
Tage,  auch  vielleicht  drei,  vier  Wochen  gedauert  haben.  Dann  mußten  die
Schiffe  die  lange  Reise  antreten,  und  auch  diese  Schiffe  würden  nicht  vor
Ablauf  von  drei  Monaten  haben  an  Ort  und  Stelle  sein  können.  Dazu
kam  das  Bedenken,  daß  damit  eine  Ueberschreitung  des  Etats  verbunden  war.
Nun  lese  ich  jetzt  in  den  Zeitungen,  daß  man  die  Gelder  für  solche  Etatsüberschreitungen
  gern  geben  würde.  Ich  habe  aus  den  Verhandlungen  dieses
Hauses  einen  Eindruck  nach  derselben  Richtung  nicht  stark  genug  entnommen,
um  das  ohne  weiteres  auf  meine  Verantwortung  zu  nehmen.  (Heiterkeit.)
Aber  es  handelt  sich  dabei,  wie  bei  allen  solchen  Sachen,  gar  nicht  um  Geld,
sondern  es  handelt  sich  auch  um  Menschen.  (Sehr  richtig!  links.)  Wenn
Schiffe  dahin  gehen  sollen,  müssen  sie  besetzt  sein;  es  müssen  Offiziere  und
Mannschaften  auf  den  Schiffen  sein.  Wo  her  nehmen?  Der  Mannschaftsstand
  unserer  Marine  ist  ein  so  beschränkter,  daß  es  jedes  Jahr  ein  Kunststück
  ist,  die  Menschen  zusammenzubringen,  welche  die  Schiffe  besetzen  sollen,
die  in  Dienst  gestellt  werden.  (Hört,  hört!)  Wenn  wir  eine  Anzahl  von
Kreuzern  hätten  in  Dienst  stellen  sollen,  um  sie  nach  Chile  zu  schicken,  so
würde  erstens  die  militärische  Ausbildung  unserer  Marine  für  diesen  Sommer
gefährdet  worden  sein,  und  wir  würden  zweitens  die  Mannschaften,  die  wir
an  Bord  nehmen,  entweder  über  den  Ablauf  ihrer  gesetzlichen  Dienstpflichten
haben  im  Dienst  zurückhalten  müssen  oder  Reserven  einziehen.  Beides  schien
der  Reichsregierung  nicht  angängig.  Auf  den  Weg  also,  aus  der  Heimat
Schiffe  dahin  zu  nehmen,  mußte  unter  allen  Umständen  verzichtet  werden.

Wenn  ich  glaube,  hiermit  nachgewiesen  zu  haben,  daß  die  drei  Wege,
die  technisch  der  Regierung  sich  als  gangbar  erweisen  konnten,  ihre  Bedenken
hatten  und  daß  sich  Nachteile  aus  ihnen  boten,  so  kommt  die  weitere  Frage:
Was  nützt  es  denn  nun,  wenn  wir  Schiffe  nach  Chile  schickten?  (Sehr  richtig!
links.)  Aun  gebe  ich  dem  Herrn  Abgeordneten  bereitwilligst  zu,  daß  für  das
Gefühl  der  Deutschen,  die  im  Auslande  leben,  es  von  hohem  Werte  sein
mag,  wenn  die  deutsche  Flagge  gezeigt  wird,  und  von  um  so  höherem  Werte,
in  je  mehr  Bedrängnis  die  Menschen  sich  zu  befinden  glauben.  Aber  ein
        <pb n="71" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  13.)  63

solches  Zeichen  der  Flagge  ist  mehr  von  imaginärem,  als  von  realem  Wert.
Ich  lese  in  einer  Zeitung:
Die  Lage  ist  drüben  eine  so  gespannte,  daß  die  Anwesenheit  eines
deutschen  Kriegsschiffes  auch  jetzt  noch  dringend  erforderlich  ist.

Jetzt  frage  ich,  um  was  wird  die  Lage  weniger  gespannt,  wenn  ein
deutsches  Kriegsschiff  in  Chile  erscheint?  (Sehr  richtig!  links.)  In  Chile  ist
ein  Aufstand  ausgebrochen,  die  Welt  erlebt  das  seltene  Schauspiel,  daß  die
Aufständischen  sich  auf  das  Wasser  begeben  haben;  die  Regierung  mit  den
Ihrigen  befindet  sich  auf  dem  Lande.  Diese  beiden  Teile  bekriegen,  bekämpfen
und  schädigen  sich,  so  gut  sie  können.  Chile  ist  ein  Land,  das  eine  Küstenentwickelung
  von  4000  Kilometer  hat.  Auf  diesen  4000  Kilometern  eines
schmalen  Landstreifens  wohnen  drei  Millionen  Menschen,  zum  großen  Teil
in  Küstenstädte  zusammengeballt.  Fast  alle  diese  Küstenstädte  haben  gute
Häfen  und  einen  relativ  entwickelten  Handel.  Fast  überall  sind  bei  dem
Handel  Deutsche  beteiligt.  Jetzt  frage  ich,  wenn  ein  Kriegsschiff  dahin  geht,
was  nützt  dieses  eine  Kriegsschiff  auf  einer  so  langen  Küstenstrecke!  Wie
viel  Städten  kann  es  nützen:  Kann  es  an  zwanzig  Orten  auf  einmal  sein?
Selbst  das  Kreuzergeschwader,  wenn  es  hingegangen  sein  würde,  und  wenn
es  sich  darauf  eingelassen  hätte,  sich  zu  teilen,  würde  in  der  unangenehmen
Lage  gewesen  sein,  immer  den  bei  weitem  größten  Teil  dieser  Häfen  nicht
besuchen  zu  können;  und  kein  Mensch  kann  die  Garantie  übernehmen  dafür,
daß  dann  nicht  gerade  da,  wo  das  Kreuzergeschwader  nicht  war,  irgend  ein
Unglück  einem  Deutschen  passierte.  Wie  will  man  aber  nun  weiter  in  einem
solchen  Kriegszustande,  in  einem  solchen  Aufruhr,  in  dem  ein  Land  wie  Chile
sich  befindet,  vom  Wasser  aus  einwirken?  Die  einen  fangen  an  oder  drohen
vom  Wasser,  das  Land  zu  beschießen;  die  anderen  schießen  vom  Lande  auf
das,  was  vom  Wasser  kommt.  Nun  frage  ich,  was  soll  wohl  ein  deutsches
Kriegsschiff  dabei  für  eine  Rolle  spielen,  wie  soll  es  denn  den  Deutschen
nützen?  Es  sind  ja  eine  Reihe  —  mir  sind  drei  Fälle  bekannt  —  von  Fällen
vorgekommen,  wo  Schiffe  Schaden  gelitten  haben  oder  Ersatzansprüche  gemacht
haben.  Aber  nach  meiner  Ueberzeugung,  soweit  mir  Kenntnis  von  diesen
Fällen  geworden  ist,  würde  in  nicht  einem  einzigen  die  Anwesenheit  eines
deutschen  Kriegsschiffes  etwas  geändert  haben.  Der  flagranteste  Fall  ist  der
eines  Schiffes  „Potsdam“  —  ich  glaube,  es  ist  ein  Hamburger  Barkschiff
das  hatte  denn  vor  einer  der  chilenischen  Städte  gelegen,  die  die  Aufrührerischen
sich  anschickten  zu  bombardieren.  Sie  fordern  ganz  höflich  die  Handelsschiffe,
die  da  liegen,  auf,  das  Lokal  zu  verlassen,  weil  es  gefährlich  würde  (Heiterkeit);
  die  sind  auch  sehr  geneigt,  dieser  Weisung  nachzukommen;  sie  nehmen
sich  gleich  Schlepper,  sie  gehen  los.  Die  Schlepper  fangen  an,  die  Schiffe
herauszubringen.  Dem,  der  das  deutsche  Schiff  schleppte,  wird  die  Sache
etwas  ängstlich,  und  er  läßt  das  geschleppte  Schiff  vielleicht  etwas  zu  früh
vom  Tau  los;  das  ist  noch  nicht  bewegungsfähig,  läuft  auf  den  Felsen  und
verliert  unglücklicherweise  Schiff  und  Ladung,  eine  Sachlage,  in  der  die
ganze  deutsche  Flotte  vor  demselben  Hafen  hätte  liegen  können,  ohne  etwas
daran  zu  ändern,  denn  wir  haben  nicht  die  mindeste  Berechtigung,  uns  in
den  Kampf  dieser  Leute  einzumischen.  Selbst  wenn  das  Kreuzergeschwader
die  Kraft  dazu  hätte,  so  würde  es  kein  Recht  dazu  haben.  Was  die  Kraft
angeht,  so  hat  die  chilenische  Flotte  einige  gepanzerte  Schiffe,  wenn  ich  recht
unterrichtet  bin,  zwei  Panzer,  ein  Panzerfahrzeug  und  einige  gepanzerte
Kreuzer;  sie  haben  auch  ein  Torpedoboot  oder  ein  paar.  Unser  Kreuzergeschwader
  besteht,  wie  alle  solchen  Geschwader,  aus  ungepanzerten  Schiffen;
also  würde  es  ein  ungleicher  Kampf  gewesen  sein,  wenn  man,  um  das  Schiff
„Potsdam“  zu  retten  und  herauszubringen,  sich  etwa  in  ein  Gefecht  mit  der
chilenischen  Flotte  hätte  einlassen  wollen.  Es  wäre  auch  nach  meiner  Ueber-
        <pb n="72" />
        64  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  13.)

zeugung  geradezu  ein  Unglück  gewesen,  wenn  etwa  seine  Kampfeslust  den
Kommandanten  eines  solchen  Geschwaders  dahin  geführt  hätte,  sich  einzumischen.
  Wir  haben  in  den  70er  Jahren  ein  Beispiel  gehabt,  wo  ein  braver
Admiral  sich  einmal  veranlaßt  sah,  sich  in  die  spanischen  Verhältnisse  einzumischen.
  Er  ist  nachher  desavouiert  worden,  und  es  konnte  nicht  anders
ablaufen.  Dasselbe  Schicksal  würde  im  günstigsten  Falle  das  des  deutschen
Befehlshabers  gewesen  sein,  und  ob  wir  dem  deutschen  Handel  genützt  hätten,
wenn  wir  aufingen,  mit  Chile  Krieg  zu  führen,  ist  mir  sehr  zweifelhaft;
denn  dann  würden  unsere  Beziehungen  zu  Chile  wahrscheinlich  weit  über
die  Dauer  dieses  Ansstandes  hinaus  unterbrochen  sein.  Die  Engländer  haben
zur  Zeit  acht  Schiffe  da.  Haben  diese  acht  Schiffe  verhindern  können,  daß
englisches  Eigentum  zu  Schaden  gekommen  ist?

Nein,  es  ist  da  genau  so  gegangen  wie  mit  dem  deutschen.  Also,  ich
meine,  solange  der  Aufstand  besteht,  würde  ja  die  Anwesenheit  von  Schiffen
zur  Beruhigung  deutscher  Gemüter  haben  beitragen  können;  einen  realen
Nutzen  würde  das  schwerlich  gehabt  haben.

Nun  sagt  man:  Ja,  wenn  das  auch  jetzt  nichts  nützt,  dann  doch  hinterher,
  wenn  es  sich  darum  handelt,  die  Schadensersatzansprüche  festzustellen;
dann  ist  es  wünschenswert,  deutsche  Schiffe  da  zu  haben!  Ich  habe  den  Gedanken
  auch  erwogen:  aber  ich  bin  zu  der  Ansicht  gekommen,  daß  das  nicht
wünschenswert  ist;  es  ist  auch  dann  nicht  wünschenswert,  zu  den  äußersten
Mitteln  zu  schreiten.  Wir  würden  ja,  wenn  wir  unsere  Flotte  mobil  machten,
den  Krieg  gegen  Chile  durchführen  können,  wir  würden  aber  dann  vielleicht
auf  Jahr  und  Tag  unsere  Flotte  für  andere  Aufgaben  entbehren  müssen.
Man  kann  nicht  wissen,  was  in  Jahr  und  Tag  geschieht.  Können  wir  also
auf  friedlichem,  diplomatischem  Wege  uns  mit  Chile  auseinandersetzen,  so  ist
das  nach  meiner  Ansicht  vorzuziehen.

Mir  hat  vorgelegen  eine  Zusammenstellung  derjenigen  Fälle,  wo  in
fremden  Staaten  Aufruhr  ausgebrochen  ist  und  deutsches  Eigentum  geschädigt
hat,  seit  dem  nordamerikanischen  Kriege,  und  ich  habe  aus  dieser  Zusammenstellung
  ersehen,  daß,  abgesehen  von  dem  nordamerikanischen  Kriege,  wo  die
Vereinigten  Staaten  sich  weigerten,  irgend  einen  Ersatz  zu  geben,  es  in  fast
allen  Fällen  möglich  gewesen  ist,  im  gütlichen,  diplomatischen  Wege  einen
Ersatz  herbeizuführen.  Mit  Chile  gerade  haben  wir  früher  schon  einen  ähnlichen
  Fall  gehabt,  und  wenn  die  Entschädigung  auch  nicht  die  Höhe  der
Forderung  erreicht  hat,  so  ist  das  eben  natürlich;  vielleicht  war  die  Forderung
etwas  hoch,  vielleicht  hatte  auch  der  Chilene  geringere  Neigung,  etwas  zu
geben;  jedenfalls  ist  der  friedliche  Weg  der  Auseinandersetzung  immer  vorzuziehen,
  und  ich  gebe  mich  auch  jetzt  der  Hoffnung  hin,  daß,  wie  das
Schicksal  von  Chile  sich  gestalten  mag,  wer  auch  nach  Abschluß  dieses  Aufruhrs
  an  der  Regierung  sein  mag,  es  uns  so  gut  wie  früher  gelingen  wird,
billigen  Ansprüchen  Gehör  und  Befriedigung  zu  verschaffen.

Nun  hat  man  —  nicht  in  diesem  Haufe,  aber,  da  ich  einmal  das
Wort  habe,  so  erlaube  ich  mir,  auch  auf  die  Ergüsse  der  Presse  in  dieser
Sache  zurückzukommen,  die  zum  Teil  etwas  giftig  gewürzt  waren  —  gesagt:
Warum  macht  ihr  nicht  mehr  Stationen,  ihr  habt  ja  früher  mehr  Stationen
gehabt,  ihr  hattet  ja  eine  westamerikanische  Station,  wo  ist  die  geblieben?
Ja,  das  ist  eine  indirekte  Folge  der  Erweiterung  unserer  Kolonien.  Wir
brauchen  jetzt  einen  großen  Teil  derjenigen  Flotte,  die  im  Frieden  verwendbar
  ist,  in  den  Kolonien;  und  nicht  alles,  was  wir  haben,  ist  im  Frieden
in  außerheimischen  Gewässern  verwendbar.  Denn  der  wesentliche  Teil  der
militärischen  Ausbildung  kann  nur  in  den  heimischen  Gewässern  erfolgen,
und  wir  können  nicht  mobil  machen,  wenn  wir  unser  ganzes  Personal  den
heimischen  Gewässern  entziehen.  Zur  Zeit,  als  ich  noch  engere  Beziehungen
        <pb n="73" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  14.)  65

zur  Marine  hatte,  wurde  angenommen  —  und  ich  glaube,  daß  das  auch  noch
heute  ist  —,  daß  nicht  über  ein  Drittel  der  Friedenspräsenzstärke  in  außerheimischen
  Gewässern  sein  darf,  wenn  die  Mobilmachung  nicht  gefährdet  sein
soll.  Es  liegt  also  schon  in  diesen  Verhältnissen  eine  Grenze  für  die  Marine.
Wir  können  auch  nicht  das  Bestreben  haben,  vorhersehen  zu  wollen,  da  kann
mal  ein  Aufstand  ausbrechen,  da  können  mal  deutsche  Interessen  gefährdet
werden,  um  überall  da  Stationen  anzulegen  und  dauernd  Schiffe  da  zu  haben.
Wir  können  die  Stationen  nur  da  anlegen,  wo  der  deutsche  Handel  eine
gewisse  Ausdehnung  erlangt  hat,  wo  deutsche  Interessen  in  stärkerem  Maße
engagiert  sind,  und  das  würde  für  Chile  zutreffen,  denn  die  deutschen  Interessen
  in  Chile  sind  stark.

Es  kommt  aber  ein  zweites  Motiv  hinzu.  Wir  werden  Stationen
anzulegen  nur  Grund  da  haben,  wo  die  staatlichen  Verhältnisse  noch  nicht
so  weit  ausgebildet  sind,  daß  in  ihnen  eine  Garantie  für  den  Schutz  des
Eigentums  gefunden  werden  kann  und  wo  die  Regierungen  sich  noch  in  einem
Zustande  von  so  wenig  entwickelten  europäischen  Anschauungen  befinden,  daß
durch  Verhandlungen  mit  den  Regierungen  hernach  nichts  zu  erreichen  ist.
Dieses  Motiv  trifft  für  Chile  nicht  zu,  und  als  man  in  der  Lage  war,  eine
Reihe  von  Stationen  aufgeben  zu  müssen,  hat  man  sich  dazu  entschlossen,
Chile  auch  aufzugeben.  Tritt  der  Wunsch  in  diesem  Hause  wieder  auf,  eine
westamerikanische  Station  von  neuem  ins  Leben  zu  rufen,  so  wird  die  Reichsregierung
  das  in  Erwägung  ziehen.  Ich  glaube  aber,  vorhersagen  zu  können,
daß  das  ohne  Kosten,  sowohl  was  Material,  als  was  die  Menschen  angeht,
nicht  möglich  ist.

Wenn  es  mir  nun  gelungen  wäre,  dem  Herrn  Abgeordneten  zu  zeigen,
daß  es  doch  nicht  bloß  an  dem  Mangel  von  Interesse  und  etwas  gutem
Gillen  auf  Seiten  der  Regierung  gelegen  hat,  so  würde  es  mir  lieb  sein.
(Bravo!)

Einige  Wochen  später  werden  trotz  dieser  Rede  Schiffe  nach
Chile  gesendet.

14.  März.  Abgeordneter  Windthorst  +.

14.  März.  Der  Kaiser  empfängt  in  feierlicher  Form,  umgeben
  von  Ministern  und  hohen  Hoschargen  die  elsässische  Adreß-Deputation.
  In  den  Rittersal  vor  den  Thron  geleitet,  trat
Präsident  Schlumberger  vor  und  verlas  die  Adresse.  Der  Monarch
nahm  aus  den  Händen  des  Reichskanzlers  das  Papier,  das  die

Antwort  enthielt,  und  las:

Es  gereicht  Mir  zur  Genugthuung,  daß  der  Landes-Ausschuß  sich  in
einer  für  die  Interessen  Elsaß-Lothringens  wichtigen  Frage  unmittelbar  an
Mich  gewendet  hat.  Ich  erblicke  in  dieser  Thatsache  ein  Mir  wertvolles
Zeugnis  für  das  fortschreitende  Verständnis,  welches  Mein  Wohlwollen  und
Meine  Teilnahme  an  der  Entwickelung  Ihres  Heimatslandes  im  Kreise  seiner
Vertreter  findet,  auch  nehme  Ich  gerne  die  Versicherung  entgegen,  daß  die
elsaß-lothringische  Bevölkerung  auf  dem  Boden  der  bestehenden  staatsrechtlichen
  Verhältnisse  verharrend,  jede  Einmischung  fremder  Elemente  zurückweist
und  den  Schutz  ihrer  Interessen  nur  von  dem  Reiche  gewärtigt.  Indem  Ich
Ihnen  für  diesen  Ausdruck  reichstreuer  Gesinnung  Meinen  Dank  entbiete,
bedauere  Ich  für  jetzt  Ihre  Wünsche  nicht  erfüllen  zu  können.  Ich  muß
Mich  darauf  beschränken,  die  Hoffnung  auszusprechen,  daß  in  nicht  allzuferner
Zeit  die  Verhältnisse  es  gestatten  mögen,  im  Verkehre  an  der  Westgrenze

                                                                              

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.                                      5
        <pb n="74" />
        66  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  14.—18.)

wiederum  Erleichterungen  eintreten  zu  lassen.  Diese  Hoffnung  wird  um  so
früher  in  Erfüllung  gehen,  je  mehr  sich  die  elsaß-lothringische  Bevölkerung
von  der  Unlösbarkeit  der  Bande  überzeugt,  welche  sie  mit  Deutschland  verknüpfen,
  und  je  entschiedener  sie  den  Entschluß  bethätigt,  allezeit  treu  und
unerschütterlich  zu  Mir  und  zum  Reiche  zu  halten.

14.  März.  (Abgeordnetenhaus.)  Das  Gewerbesteuergesetz

wird  in  der  Schlußabstimmung  angenommen.

Dagegen  stimmen  nur  die  Abgg.  Richter  und  Parisius,  während  der
Rest  der  freisinnigen  Partei  dafür  stimmt.

Abg.  Brömel  begründet  das:

„In  der  Erwartung,  daß  die  Gewerbesteuer  nicht  als  Staatssteuer
erhalten  werden  soll  und  daß  bei  der  Umwandlung  in  eine  Kommunalsteuer
die  jetzigen  Ungleichheiten  infolge  der  Entwickelung  der  Dinge  sich  ausgleichen
werden.“

17.  März.  Das  „Marineverordnungsblatt“  veröffentlicht  eine
Allerhöchste  Ordre  an  den  Reichskanzler,  betreffend  den  Geschäftskreis
  des  Oberkommandos  der  Marine  bezw.  des  Reichs-Marineamts.


18.  März.  Das  sozialdemokratische  Blatt  „Vorwärts“  veröffentlicht
  eine  Adresse,  die  Herr  Abg.  Liebknecht  zum  Gedenktage
der  Pariser  Kommune  im  Namen  des  Vorstandes  der  sozialdemokratischen
  Partei  an  den  Nationalrat  der  französischen  Arbeiterpartei
  gerichtet  hat.  Darin  finden  sich  folgende  Sätze:

Der  18.  März  —  der  Gedenktag  der  Berliner  Erhebung  von  1848
und  der  Pariser  Kommune  von  1871  —  ist  zu  einem  internationalen  Feiertag
  geworden,  dessen  man  in  unserem  Deutschland  in  jeder  Stadt,  in  jedem
Orte,  wo  es  Sozialdemokraten  gibt,  ernst  gedenkt,  um  das  gegenwärtige
Geschlecht  durch  die  Erinnerung  an  die  Großthaten  der  Vergangenheit  für
die schweren  Aufgaben  der  Gegenwart  und  die  schwereren  der  Zukunft  zu
tähten.

Der  Weltfriede  liegt  jetzt  in  der  Hand  des  französischen  und  des
deutschen  Volkes.  Möge  es  unseren  vereinigten  Anstrengungen  gelingen,  den
Chauvinismus  der  besitzenden  Klassen  zu  überwinden  und  durch  die  Friedensliga
  des  internationalen  Protetariats  der  kapitalistischen  Ausbeutung,  welche
die  Mutter  des  Klassenkampfes  und  des  Kriegs  ist,  auf  ewige  Zeiten  ein
Ende  unn  die  Verbrüderung  der  Menschen  und  der  Völker  zur  Wahrheit
zu  machen.

18.  März.  (Berlin.)  In  der  Hedwigskirche  findet  eine
Trauerfeier  für  den  Abgeordneten  Windthorst  statt,  welcher
außer  den  Vertretern  des  Kaisers,  der  Kaiserin  und  des  Großherzogs
  von  Baden,  der  Reichskanzler  v.  Caprivi,  die  Minister  und
zahlreiche  Mitglieder  sämtlicher  Fraktionen  des  Reichs=  und  Landtages,
  die  der  Zentrumspartei  vollzählig,  beiwohnen.  Die  Präsidien
der  Häuser  sind  in  corpore  anwesend.  Nachdem  Fürstbischof  Dr.
Kopp  die  Gedächtnisrede  gehalten  hat,  wird  die  Leiche  in  impo-
        <pb n="75" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  25.  —  April  6.)  67

santem  Trauerzuge  durch  das  Brandenburger  Thor  nach  dem  Lehrter
Bahnhofe  geleitet,  von  dort  nach  Hannover  überführt.  Auch  hier
wohnt  ein  Vertreter  des  Kaisers  der  Feier  bei.

25.  März.  (Dresden.)  General  der  Kavallerie,  Graf
v.  Fabrice,  Präsident  des  Staats-Ministeriums,  Minister  des
Krieges  und  der  auswärtigen  Angelegenheiten  f.  Generalmajor
Edler  von  der  Planitz  wird  zum  Staats=  und  Kriegsminister,
Staatsminister  v.  Gerber  zum  Präsidenten  des  sächsischen
Ministeriums  ernannt.  Die  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten
  werden  dem  Staatsminister  v.  Metzsch  übertragen.

26.  März.  Abg.  v.  Rauchhaupt  veröffentlicht  in  der  „Kreuzzeitung“
  einen  Artikel,  worin  er  in  scharfer  Weise  das  Verhalten
der  konservativen  Fraktion  in  der  Frage  der  Landgemeinde-Ordnung
  gegen  einen  Angriff  der  „Hamburger  Nachrichten“  verteidigt.
  Diese  hatten  der  Fraktion  vorgeworfen,  daß  sie  der  „Depossedierung“
  der  Bauern  zustimmten,  und  den  mangelnden  Widerstand
  gegen  die  Regierung  von  den  vielen  Beamten  unter  den  Abgeordneten
  hergeleitet.

März.  Durch  die  Zeitungen  geht  eine  allmählich  an  Bestimmtheit
  gewinnende  Erzählung,  daß  vor  Jahren  Fürst  Bismarck
dem  Minister  v.  Bötticher  eine  sehr  erhebliche  Summe  aus  dem
Welfenfonds  zugewiesen  habe,  um  damit  Verbindlichkeiten  seines
Schwiegervaters  zu  decken.

1.  April.  Der  Kaiser  reist  über  Stettin  nach  Lübeck.

1.  April.  (Welfenfonds.)  Der  „Reichsanzeiger“  meldet:
Nachdem  schon  seit  langer  Zeit  Erwägungen  über  eine  anderweitige
Regelung  der  Verwaltung  des  beschlagnahmten  Vermögens  der  vormaligen
  hannoverschen  Königsfamilie  stattgefunden  haben,  hat  das
Staatsministerium  nunmehr  beschlossen,  dem  Landtage  in  der  nächsten
Session  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  welcher  für  die  Dauer  der
Beschlagnahme  nähere  Bestimmungen  über  die  Verwendung  der
Revenuen  des  Vermögens  und  deren  Kontrolle  trifft.

6.  April.  (Kiel.)  Der  Kaiser  beginnt  eigenhändig  den
Durchstich  des  Nord-Ostsee-Kanals  bei  Landwehr.

Bei  Gelegenheit  eines  Vortrages  vor  Marine-Offizieren
ergreift  der  Kaiser  das  Wort  und  setzt  auseinander,  daß  im  zukünftigen
  Kriege  die  deutsche  Marine  offensiv  vorgehen  werde  und
daß  der  Begriff  der  „Strategie“  vom  Landkrieg  auf  den  Seekrieg
zu  übertragen  sei  (ausführl.  Bericht  in  der  „National-Zeitung").

5*
        <pb n="76" />
        68  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  8.—10.)

8.  April.  Das  deutsche  ostasiatische  Kreuzer-Geschwader
wird  nach  Chile  gesandt.

8.  April.  Das  Berliner  „Deutsche  Tageblatt“  ist  von
der  „Kreuzzeitung“  angekauft  worden  und  am  1.  April  eingegangen.

Die  „Konserv.  Korresp.“  schreibt  darüber:

Der  Ankauf  des  Deutschen  Tageblatts  durch  die  Kreuzzeitung  war
nicht  die  Folge  einer  Verständigung  innerhalb  der  Partei,  sondern  lediglich
ein  einseitig  von  der  Redaktion  der  Kreuzzeitung  ausgegangener  Akt,  welcher
die  Parteileitung  nicht  minder  als  alle  sonstigen  politischen  Kreise  überrascht

  hat.
Man  nimmt  an,  die  „Kreuzzeitung“  habe  auf  diese  Weise

der  gemäßigten  Richtung  in  der  Partei  ihre  journalistische  Vertretung
entziehen  wollen.

10.  April.  Zur  auswärtigen  Lage  bringen  die  „Hamburger
  Nachrichten“  einen  Artikel,  in  welchem  es  heißt:

In  der  Presse  wird  die  auswärtige  Lage  diskutiert.  Wie  haltlos
und  willkürlich  die  Kombinationen  sind,  zu  denen  es  dabei  kommt,  geht
schon  daraus  hervor,  daß  sie  an  das  Attentat  von  Sofia  als  an  ein  Ereignis
anknüpfen,  das  zu  pessimistischen  Schlüssen  berechtigte  und  den  Weltfrieden
weniger  gesichert  erscheinen  lasse  als  bisher.  Wir  haben  bereits  mehrfach
ausgesprochen,  daß  es  eine  Ungehörigkeit  ist,  jenen  Vorgang  mit  der  russischen
Politik  in  Zusammenhang  zu  bringen.  Abgesehen  von  den  Gründen,  welche
verbieten,  die  Regierung  einer  europäischen  Großmacht  der  Anstiftung  zu
Verbrechen  ohne  Spur  eines  Beweises  zu  bezichtigen,  spricht  alle  Vermutung
dafür,  daß  es  zur  Zeit  außerhalb  aller  russischen  Pläne  liegt,  Unruhen  auf
dem  Balkan  hervorzurufen.  Außerdem  ist  die  russische  Politik,  wie  kaum
eine  zweite,  Meisterin  in  der  Kunst  des  Wartens,  der  sie  auch  in  neuerer
Zeit  nicht  zu  unterschätzende  Erfolge,  sowie  ihre  günstige  diplomatische  Position
  verdankt.  Rußland  wartet  in  aller  Ruhe  den  Moment  ab,  wo  Bulgarien
  ohne  gewaltthätiges  Einschreiten  ihm  als  reife  Frucht  in  den  Schoß
fällt;  darüber  hinaus  bieten  die  Verhältnisse  auf  dem  Balkan  dem  Zarenreich
  zur  Zeit  absolut  keinen  Anlaß  zu  irgend  welchem  direkten  Eingreifen.
Rußland  beschränkt  sich  nach  wie  vor  darauf,  an  seiner  Südwestgrenze  militärisch
  so  stark  wie  möglich  zu  sein,  um,  wie  Fürst  Bismarck  in  seiner
weltgeschichtlichen  Reichstagsrede  vom  6.  Februar  1888  ausführte,  zum
gegebenen  Zeitpunkt,  wo  eine  orientalische  Verwickelung  entsteht,  seinen  Ansprüchen
  den  größtmöglichsten  militärischen  Nachdruck  verleihen  zu  können.
Im  übrigen  darf  von  Rußland  angenommen  werden,  daß  es  jetzt  überhaupt
keinen  Krieg  sucht,  weil  es  militärisch  noch  nicht  fertig  ist.  Aber  auch  wenn
dies  einst  der  Fall  sein  wird,  glauben  wir  nicht  an  einen  Vorstoß  nach
Westen  Ohne  Zweifel  ist  die  russisch-französische  Allianz  ein  prächtiges
  Atout  in  dem  Kartenspiel  der  Diplomatie;  für  ihre  Verwirklichung
im  Kriegsfalle  aber  fehlt  es  bisher  an  jeder  hinlänglichen  Voraussetzung.
Der  Panflawismus  ist  zwar  eine  Macht,  mit  der  in  Rußland  gerechnet
werden  muß,  und  seine  Absichten  sind  gegen  Deutschland  gerichtet;  aber  auch
er  denkt  schwerlich  an  Ausdehnung  des  russischen  Reiches  nach  Westen  hin;
seine  Bestrebungen  werden  sofort  aufhören,  ihre  Spitze  gegen  Deutschland
zu  richten,  sobald  sich  für  Rußland  die  Gelegenheit  zur  Verrichtung  einer
großen  Aktion  darbietet,  die  mehr  verspricht,  als  die  unreale  Befriedigung
bloßer  Verstimmungen.
        <pb n="77" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  11.)  69

11.  April.  Die  „Hamburger  Nachrichten“  veröffentlichen  folgendes
  Dankschreiben  des  Fürsten  Bismarck:

„Zu  meinem  Geburtstage  habe  ich  aus  allen  Gebieten  des  Reiches
und  von  Deutschen  im  Auslande  Glückwünsche  und  freundliche  Begrüßungen
erhalten.  In  der  Freude,  welche  ich  darüber  empfinde,  ist  es  mir  ein
Herzensbedürfnis,  auf  jede  einzelne  dieser  Kundgebungen  in  gleichem  Umfange
  und  mit  gleicher  Wärme  direkt  zu  antworten.  Es  schmerzt  mich,  daß
ich  in  dieser  Beziehung  ein  Schuldner,  wenn  auch  ein  dankbarer,  meiner
Freunde  bleiben  muß.  Die  Zahl  der  Eingänge  ist,  zu  meiner  Freude,  so
groß,  daß  ich  auf  die  Beantwortung  jedes  einzelnen  auch  dann  würde  verzichten
  müssen,  wenn  meine  Arbeitskräfte  erheblich  größer  wären,  als  sie
sind.  Ich  hoffe  deshalb  von  Herzen,  daß  meine  Freunde,  die  mich  durch
ihre  guten  Wünsche  erfreut  haben,  Nachsicht  mit  mir  haben  werden,  wenn
meine  Kräfte  nicht  ausreichen,  jedem  einzelnen  schriftlich  zu  danken.  Ich
bitte  Sie,  meinen  herzlichen  Dank  durch  diese  Veröffentlichung  freundlich
entgegennehmen  zu  wollen.  v.  Bismarck."“

11.  April.  Der  Unterrichtsminister  Graf  Zedlitz  erläßt
folgende  Verfügung  wegen  des  polnischen  Sprachunterrichts  an  die
Regierungen  in  Posen  und  Bromberg:

Aus  den  Kreisen  der  polnischen  Geistlichkeit  wird  die  Beschwerde
erhoben,  daß  die  Erfolge  des  in  polnischer  Sprache  erteilten  Religionsunterrichts
  in  den  Volksschulen  durch  den  Fortfall  des  polnischen  Sprachunterrichts
  beeinträchtigt  würden,  und  daß  die  Möglichkeit,  dieser  Beeinträchtigung
  durch  Einrichtung  polnischen  Privatunterrichts  vorzubeugen,  durch
ein  Verbot  der  Königlichen  Regierung  an  die  Volksschullehrer,  einen  derartigen
  Privatunterricht  zu  übernehmen,  abgeschnitten  sei.

Bereits  mein  Herr  Amtsvorgänger  hat  wiederholt  darauf  hingewiesen,
daß  der  Fortfall  des  polnischen  Sprachunterrichts  in  dem  Lehrplan  der
Volksschulen  nur  bezweckt,  für  den  Betrieb  des  deutschen  Unterrichts  mehr
Zeit  zu  gewinnen,  daß  aber  den  Beteiligten  überlassen  bleibe,  außerhalb  der
Schule  Veranstaltungen  zu  treffen,  um  ihren  Kindern  besondere  Ausbildung
im  polnischen  Lesen  und  Schreiben  zu  gewähren.  Wenn,  wie  es  den  Anschein
hat,  das  Verbot  der  Königlichen  Regierung  an  die  Volksschullehrer  die
Wirkung  gehabt  hat,  eine  weitere  Verbreitung  von  Veranstaltungen  für
Erteilung  des  polnischen  Lese=  und  Schreibunterrichts  überhaupt  zu  hindern,
so  ist  dasselbe  über  den  vorbezeichneten  Rahmen  hinausgegangen.

Demzufolge  veranlasse  ich  die  Königliche  Regierung,  die  Volksschullehrer
  Ihres  Bezirks  darüber  zu  verständigen,  daß  die  Erteilung  von  Privatunterricht
  an  polnische  Kinder  im  polnischen  Lesen  und  Schreiben  innerhalb
ihrer  Gemeinden  auf  Antrag  bei  der  Königlichen  Regierung  ihnen  werde
gestattet  werden.  Den  Wünschen  der  Beteiligten  wird  es  zumeist  entsprechen,
daß  dieser  Privatunterricht  in  den  Räumen  der  Schulen  erteilt  wird,  und
ist  hiergegen  nichts  zu  erinnern,  sofern  die  Gemeinden  die  Benutzung  der
Schulräume  gestatten.

Was  die  Sprache  des  katholischen  Religionsunterrichts  in  den  Volksschulen
  anlangt,  so  hat  zwar  mein  Herr  Amtsvorgänger  durch  Verfügung
vom  22.  Januar  1888  den  Uebergang  von  der  polnischen  zur  deutschen
Unterrichtssprache  ausgeschlossen,  und  ich  habe  aus  den  mit  Erlaß  vom
13.  Dezember  v.  J.  zurückgesendeten  Sprachübersichten  ersehen,  daß  bestimmungesmäßig
  verfahren  und  fast  durchweg  für  polnische  Kinder  der  Religionsunterricht
  polnisch  erteilt  wird.  Das  Auftreten  wiederholter  Beschwerden
auf  diesem  Gebiet  läßt  es  indessen  wünschenswert  erscheinen,  bei  denjenigen
        <pb n="78" />
        70  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  14.)

Volksschulen,  welche  nicht  in  unzweifelhaft  deutschem  Sprachgebiet  liegen
und  in  welchen  die  Erteilung  des  katholischen  Religionsunterrichts  sich  ganz
oder  teilweise  in  deutscher  Sprache  vollzieht,  eine  erneute  Prüfung  in  der
Richtung  eintreten  zu  lassen,  ob  die  polnischen  bezw.  als  zweisprachig  geführten
  Kinder  mit  vollem  Verständnis  dem  Unterricht  folgen  können.  Ist
dies  nicht  anzunehmen,  so  ist  je  nach  der  Lage  des  einzelnen  Falls  der
polnische  Religionsunterricht  an  die  Stelle  des  deutsch  erteilten  Unterrichts
zu  setzen.

14.  April.  Fürst  Bismarck  hält  an  den  Vorstand  des
konservativen  Vereins  in  Kiel,  der  ihn  in  Friedrichsruh  besucht,
folgende  Ansprache:

„Ich  danke  Ihnen,  meine  Herren,  daß  sie  so  zahlreich  erschienen  sind,
mich  zu  begrüßen,  und  danke  Ihnen  herzlich  für  Ihre  Glückwünsche  zu
meinem  Geburtstage.  Es  freut  mich  besonders,  daß  es  ein  konservativer
Berein  ist,  der  mir  eine  solche  Ehre  erzeigt,  denn  auch  ich  habe  stets  auf
konservativem  Boden  gestanden.

Man  fragt  oft:  Was  heißt  konservativ:?  Wörtlich  übersetzt  heißt's
erhaltend,  aber  dies  Erhaltende  besteht  nicht  etwa  darin,  daß  man  immer
vertritt,  was  die  jedesmalige  Regierung  will.  Denn  diese  ist  etwas  Wandelbares,
  die  Grundlagen  des  Konservativismus  aber  sind  beständig.  Es  ist  also
nicht  nötig  oder  auch  nur  nützlich,  daß  die  konservative  Partei  unter  allen
Umständen  ministeriell  sei,  konservativ  und  ministeriell  fällt  nicht  immer
zusammen:  ich  habe  als  Minister  die  Konservativen  ja  oft  genug  zu  Gegnern
gehabt  und  ihnen  das  nicht  zum  Vorwurfe  angerechnet,  soweit  ihre  Angriffe
sich  nicht  auf  das  persönliche  Gebiet  erstreckten,  wie  zu  den  Zeiten  der
„Reichsglocke".

Es  gibt  ein  altes,  gutes  politisches  Sprichwort:  Quieta  non  movere,
das  heißt,  was  ruhig  liegt,  nicht  stören,  und  das  ist  echt  konservativ:  eine
Gesetzgebung  nicht  mitmachen,  die  beunruhigt,  wo  das  Bedürfnis  einer
Aenderung  nicht  vorliegt.  Auch  in  ministeriellen  Kreisen  gibt  es  Leute,  die
einseitig  das  Bedürfnis  haben,  die  Menschheit  mit  ihren  Elaboraten  glücklich
zu  machen.  Eine  Regierung,  welche  unnötige  Neuerungen  vertritt,  wirkt
antikonservativ,  indem  sie  gesetzliche  Zustände,  die  sich  als  brauchbar  bewährt
haben,  ändert,  ohne  Anregung  durch  die  Beteiligten.

Man  wirft  mir  vor,  ich  sei  als  Ministerpräsident  und  Kanzler  auch
nicht  konservativ  gewesen,  denn  ich  hätte  viel  alte  Formen  zerschlagen  und
und  viel  Neues  aufgerichtet.  Nun,  hierbei  ist  der  Wert  des  Alten,  welches
vernichtet,  und  des  Neuen,  welches  errichtet  werden  sollte,  gegeneinander
abzuwägen.  Mir  stand  bei  Antritt  meines  Ministeriums  und  schon  vorher,
in  Frankfurt,  die  Ueberzeugung  fest,  daß  wir  nur  durch  Wiedererweckung
der  deutschen  Nationalität  und  durch  die  Einheit  der  deutschen  Stämme  die
Fähigkeit,  unter  den  europäischen  Völkern  frei  zu  atmen  und  zu  leben,
würden  erringen  können.  Dies  zu  erreichen,  stellte  ich  vorerst  über  alles
andere,  sobald  ich  die  Möglichkeit  sah,  unsere  Einheit  über  die  preußischen
Grenzen  hinaus  ausdehnen  zu  können.

Wir  hatten  und  haben  ja  auch  als  Preußen  ein  besonderes  Nationalgefühl,
  ursprünglich  eine  Abzweigung  vom  großen  deutschen.  Im  Grunde
hat  es  nicht  mehr  Berechtigung,  als  der  spegifische  Patriotismus  deutscher
Staaten.  Es  verstand  sich  für  mich  von  selbst,  daß  ich  dieses  preußische
Bewußtsein,  in  dem  ich  aufgewachsen  war,  sehr  lebhaft  empfand:  sobald
ich  aber  überzeugt  war.,  daß  das  preußische  Nationalgefühl  der  Amboß  sei
zum  Zusammenschmieden  der  anderen,  habe  ich  aufgehört,  einseitig  preußische
Ziele  zu  verfolgen.
        <pb n="79" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)  71

Damals  waren  also  die  Aufgaben  eines  leitenden  Ministers  andere,
wie  heute,  nachdem  wir  eine  der  ersten  —  so  will  ich  höflicherweise  anstatt
der  ersten  sagen  —  Nationen  in  Europa  zu  sein  von  Gott  berufen  sind.  So
war  es  meine  Aufgabe,  vor  allem  unser  Nationalgefühl  zur  Entwickelung
zu  bringen.  Meine  Beteiligung  an  dem  Beginn  und  Verlaufe  des  Bürgerkrieges
  in  Deutschland,  ich  meine  im  Jahre  1866,  und  die  Zertrümmerung
alter  Formen  waren  im  Grunde  mehr  konservativ,  als  das  Verharren  bei
den  Zuständen  der  Zerrissenheit  gewesen  wäre.  Denn  diese  hätten  schließlich
zur  Auflösung  oder  gar  Fremdherrschaft  geführt;  für  mich  aber  handelte
es  sich  darum,  den  Rest  des  deutschen  Nationalgefühls,  der  unter  der  Asche
fortglimmte,  anzufachen,  also  etwas  ganz  Altes  zu  bewahren.  Dieses  alte
Besitztum  wurde  denn  auch  bewahrt  und  verstärkt,  in  der  Hauptsache  auf
kriegerischem  Wege;  zum  Bedauern  ging  es  auf  friedlichem  nicht,  ist  aber
nun  wohl  desto  Fesies  gegründet.

Den  Vorwurf  der  Abtrünnigkeit,  welchen  mir  viele  der  heutigen
Konservativen  machen,  die  ihrerseits  keine  erkennbaren  Zwecke  verfolgen,
halte  ich  also  für  ungerecht.  Die  Einigung  Deutschlands  war  eine  konservative
  That,  und  ich  stehe  mit  reinem  Gewissen  vor  jedem  Examen,  das
mir  darüber  auferlegt  werden  könnte.  Ich  glaube  auch  nicht,  daß  es  nötig
ist,  einer  Fraktion  anzugehören,  um  konservativ  zu  sein;  so  habe  ich  mir  in
den  letzten  Jahren  meiner  Amtsführung  um  das  Kartell  zwischen  den  Konservativen
  und  Nationalliberalen  Mühe  gegeben  und  hoffe,  dieses  Gebilde
wird  nicht  ganz  auseinandergehen,  man  wird  auf  konservativer  Seite  einen
Unterschied  machen  zwischen  den  Leuten,  mit  denen  zusammen  ein  staatliches
Leben  sich  nicht  führen  läßt,  und  den  anderen,  die  zu  solcher  Gemeinschaft
ehrlich  bereit  sind.  Ich  bedaure  es,  wenn  das  Kartell  zerfällt,  und  ich  denke,
auch  die  Konservativen  in  Kiel  geben  die  Hoffnung  nicht  auf,  mit  ihren
Gesinnungsgenossen  —  nicht  allein  Fraktionsgenossen  —  zusammen  die  leitende
Mehrheit  zu  bilden.

Meine  Wünsche  sind  nicht  gegen  die  jetzige  Regierung  gerichtet,  ich
möchte  nur,  daß  sie  den  erwähnten  lateinischen  Spruch  Quieta  non  movere
beachtete  als  einen  der  obersten  stattlichen  Grundsätze.  Ich  sage  das  nicht
aus  Oppositionslust,  sondern  weil  ich  an  dem  gedeihlichen  Fortgang  der
Zustände  Interesse  nehme,  zu  deren  Bildung  ich  mitgewirkt  habe.  Man  hat
von  mir  verlangt,  ich  solle  mich  um  Politik  nicht  mehr  kümmern.  Niemals
ist  mir  eine  größere  Dummheit  vorgekommen,  als  diese  unerhörte  Forderung.
Sachverständige  haben  bei  öffentlicher  Behandlung  von  Fragen,  die  in  ihr
Fach  schlagen,  das  größte  Recht  und  unter  Umständen  die  Pflicht,  mitzureden,
und  ich  glaube  nach  meiner  langen  Amtsführung  nicht  ganz  ohne  Fachkenntnis
  zu  sein.  Meine  Mitwirkung  kann  sich  jetzt  nur  nach  der  negativen
Seite  hin  äußern,  aber  einer  Maßregel  gegenüber,  die  ich  für  schädlich  halte,
mein  fachmännisches  Urteil  auszusprechen,  werde  ich  mir  von  niemandem
verbieten  lassen.

Dies  ist  auch  konservativ,  glaube  ich,  konservativ;  nicht  ministeriell,
sondern  erhaltend.

So  begrüße  ich  Sie  als  meine  politischen  Freunde  und  hoffe,  daß
Sie  alle,  die  hier  im  Zimmer  sind,  in  diesem  Sinne  sich  konservativ  nennen.
Ich  werde  nicht  lange  mehr  Ihr  Mitarbeiter  sein.  Möchten  diese  politischen
Grundsätze  nicht  mit  mir  aussterben,  sondern  unsere  politische  Arbeit  in  der
Bahn  weitergeführt  werden,  die  unser  hochseliger  Herr  vorgezeichnet  hat.“

15.  April.  (Geestemünde:  Reichstagsersatzwahl.)  17,510
Stimmen  wurden  abgegeben.  (Zahl  der  Wallberechtigten  31,052.)
Von  den  Stimmen  waren  85  ungültig,  es  erhielt  Fürst  v.  Bis-
        <pb n="80" />
        72  Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder  (April  16.—18.)

marck  7365,  Schmalfeld  (soz.  dem.)  3810,  Adloff  (deutschfreis.)  2576
und  v.  Plate  (Welfe)  3308  Stimmen;  6  Stimmen  zersplitterten  sich.

16.  April.  (Reichstag.)  Beratung  über  einen  von  den
Sozialdemokraten  (Auer  u.  Gen.)  beantragten  Maximal-Arbeitstag.
Der  Antrag  lautet:

„In  Gewerbebetrieben,  welche  unter  dies  Gesetz  fallen,  darf  die  Arbeitszeit
  für  alle  über  vierzehn  Jahre  alten  Arbeiter  vom  Tage  des  Inkrafttretens
dieses  Gesetzes  an  täglich  höchstens  zehn  Stunden  betragen.

Vom  1.  Januar  1894  an  wird  die  höchstzulässige  Arbeitszeit  auf
täglich  neun,  vom  1.  Januar  1898  an  auf  acht  Stunden  herabgesetzt.

Bei  Arbeiten  unter  Tag  (in  Bergwerken,  Salinen  ect.)  oder  in  Betrieben,
  in  denen  ununterbrochen  Tag=  und  Nachtarbeit  stattfindet,  darf  die
tägliche  Arbeitsschicht  acht  Stunden  nicht  überschreiten;  bei  Arbeiten  unter
Tag  ist  hierbei  die  Zeitdauer  der  Ein=  und  Aussahrt  in  die  Arbeitszeit
einzurechnen.

Kürzere  Arbeitsschichten  find  der  freien  Verabredung  beider  vertragschließenden
  Teile  überlassen.“

18.  April.  (Berlin.)  Anläßlich  der  Verleihung  von  neuen
Feldzeichen  findet  ein  Diner  statt,  wobei  der  Kaiser  folgende  Ansprache

  hält:

„Pro  gloria  et  patria.“  Das  ist  die  Ueberschrift  für  den  heutigen
Tag.  Es  ist  ein  Tag  des  Rückblicks  und  des  patriotischen  Gedenkens,  des
Mutes  und  der  Zuversicht,  welche  Preußen  und  sein  Heer  niemals  verlassen
haben.  Wenn  Ich  heute  für  unser  ganzes  Land  spreche,  so  thue  Ich  dies
in  der  Erinnerung,  daß  vor  dreihundertvierzig  Jahren  an  einem  18.  April
jener  tapfere  Wittenberger  Mönch  sein  großes  Wort  sprach:  „Hier  stehe  ich,
ich  kann  nicht  anders,  Gott  helfe  mir.“  Der  Erste,  welcher  dem  unerschrockenen
Mönch  Interesse  entgegenbrachte,  war  ein  Kriegsmann,  Georg  Frundsberg,
der  Luther  zurief:  Mönchlein,  Mönchlein,  du  thust  einen  schweren  Gang!
Und  Gott  hat  ihm  diesen  Gang  gesegnet  zum  Heile  unseres  Volkes  und
besonders  unserer  Heimat.  Manch  ähnlichen  Gang  hat  Unser  Volk  und
Unser  Haus  und  mit  ihm  die  preußische  Armee  gethan.  Der  18.  April  ist
stets  ein  Tag  des  Gedenkens  für  uns  gewesen.  Am  18.  April  1417  wurde
Burggraf  Friedrich  der  Erste  mit  der  Mark  Brandenburg  belehnt.  Am
18.  April  1864  führte  Prinz  Friedrich  Karl  die  preußische  und  österreichische
Armee  nach  langer  Friedenszeit  bei  Düppel  gegen  einen  tapfern  Feind  und
gab  den  Truppen  Gelegenheit,  dem  braven  Gegner  seine  Verschanzungen
zu  entreißen.  In  Erinnerung  an  die  Bedeutung  dieses  Gedenktages  habe
Ich  den  Regimentern  neue  Fahnen  und  Standarten  verliehen.

Der  Soldat  und  die  Armee,  nicht  Parlamentsmajoritäten  und  -Beschlüsse
  haben  das  Deutsche  Reich  zusammengeschmiedet.  Mein  Vertrauen
beruht  auf  der  Armee.  Ernste  Zeiten  sind  es,  in  denen  wir  leben  und
schlimme  stehen  uns  vielleicht  in  den  nächsten  Jahren  bevor.  Aber  dem
gegenüber  erinnere  Ich  Mich  an  das  Wort  Meines  hochseligen  Großvaters
vor  den  Offizieren  in  Koblenz:  „Dies  sind  die  Herren,  auf  die  Ich  Mich
verlassen  kann.“  Das  ist  auch  Mein  Glauben  und  Vertrauen.  Was  auch
immer  kommen  möge,  wir  wollen  unsere  Fahnen  und  Traditionen  hochhalten,
  eingedenk  der  Worte  und  Thaten  Albrecht  Achilles,  welcher  gesagt
hat:  „Ich  kenne  keinen  reputierlicheren  Ort,  zu  sterben,  als  in  der  Mitte
meiner  Feinde.“  Dies  ist  auch  Meine  Herzensmeinung,  darauf  beruht  Meine
        <pb n="81" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  24.—26.)  73

unerschütterliche  Zuversicht,  auf  der  Treue,  dem  Mute  und  der  Hingebung
Meiner  Armee,  in  erster  Linie  aller  Kameraden,  welche  an  den  Grenzen
stehen.  In  diesem  Sinne  bringe  Ich  Meiner  Armee  und  den  heute  von
Mir  beliehenen  Regimentern  ein  dreimaliges  Hurra!“

24.  April.  Das  Herrenhaus  nimmt  das  Einkommensteuergesetz
  mit  Modifikationen  an.  Die  wesentlichste  ist  in  der
Skala,  in  welcher  mit  100  gegen  56  Stimmen  der  bisherige  höchste
Satz  von  3%  beibehalten,  die  vom  Abgeordnetenhause  beschlossene
Erhöhung  auf  4%  abgelehnt  wird.

24.  April.  (Abgeordnetenhaus.)  Die  Landgemeindeordnung
  wird  mit  327  gegen  23  Stimmen,  meist  von  der  äußersten
Rechte,  angenommen.

25.  April.  Ab.  10  Uhr.  Generalfeldmarschall  Graf  Moltke  k.

Der  Kaiser  richtet  von  Weimar  folgendes  Telegramm  an  die
Verwandten:

„Bin  wie  betäubt.  Eile  sofort  zurück.  Bitte  Hahnke  vorläufig
wegen  Trauerfeierlichkeiten  konsultieren.  Habe  eine  Armee  verloren  und
kann  es  nicht  fassen.  Wilhelm  J.  R.

26.  April.  Das  „Armee-Verordnungsblatt“  veröffentlicht
folgende  Kabinettsordre:

Nach  Gottes  unerforschlichem  Ratschlusse  ist  am  gestrigen  Abend  der
Generalfeldmarschall  Graf  von  Moltke  aus  diesem  Leben  abberufen  worden.
Tieferschüttert  sehe  Ich  den  greisen  Helden,  Meinen  treuen  Freund  und
Berater,  von  Meiner  Seite  gerissen.  Ich  betrauere  auf  das  Schmerzlichste
den  unersetzlichen  Verlust,  den  mit  Mir  Meine  Armee  wie  das  ganze  deutsche
Vaterland  erlitten  hat.  Hohe  Ehre  sei  seinem  Angedenken,  welches  für  alle
Zeiten  unauslöschlich  in  den  Blättern  der  Weltgeschichte  fortleben  und  den
späteren  Geschlechtern  das  Bild  des  tiefen  Denkers,  des  großen  Feldherrn
lebendig  erhalten  wird.  Bis  zum  letzten  Atemzuge  hat  der  Verewigte  in
bescheidener  Einfachheit,  selbstloser  Pflichterfüllung  und  unwandelbarer  Treue
Meinen  erlauchten  Vorfahren  wie  Mir  gedient  und  durch  seine  hervorragenden
  Gaben  und  seine  glänzenden  Leistungen  in  siegreichen  Kriegen  wie
im  stillen  Wirken  des  Friedens  sich  unaussprechliche  Verdienste  erworben  um
den  Ruhm  der  Armee  und  das  Wohl  des  Vaterlandes,  dessen  Dankbarkeit
nie  verlöschen  wird.

26.  April.  (Bochum.)  In  der  Versammlung  der  Delegierten
  der  deutschen  Bergleute  wird  der  sofortige  Streik  beschlossen.


26.  April.  Der  italienische  Botschafter  übermittelt  dem
Reichskanzler  folgendes  Telegramm:

Rom,  25.  April  1891.
Namens  der  Regierung  des  Königs,  als  getreuen  Spiegelbildes  des
nationalen  Gedankens,  wünsche  ich,  daß  Italien  sich  den  Ehrenbezeugungen
anschließe,  welche  Deutschland  unter  den  Auspizien  Sr.  Majestät  des  Kaisers,
dem  berümtesten  seiner  heutigen  Feldherrn  erweisen  wird.  Für  uns  ist  der
Name  Moltke  mit  dem  Andenken  an  die  großen  Ereignisse  verknüpft,  welche
        <pb n="82" />
        74  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  28.—30.)

die  Einheit  Italiens  geschaffen  haben,  und  auch  wir  sind  in  Trauer  versetzt
worden.  Ich  bitte  Sie,  dem  Reichskanzler  das  tiefe  Mitgefühl,  welches  wir
unsererseits  empfinden,  aussprechen  zu  wollen.  gez.  Rudini.

28.  April.  Trauerfeier  für  den  Feldmarschall  Moltke,
morgens  11  Uhr  im  Generalstabsgebäude  im  Beisein  des  Kaisers,
der  Kaiserin,  der  beiden  ältesten  Prinzen,  des  Königs  von  Sachsen,
des  Großherzogs  von  Baden,  des  Großherzogs  von  Hessen,  des
Prinzen  Leopold  von  Bayern,  des  Prinz-Regenten  von  Braunschweig
mit  seinen  beiden  Söhnen,  des  Erbprinzen  von  Meiningen,  des
Prinzen  Georg  von  Sachsen,  der  Frau  Prinzessin  Friedrich  Karl,
des  Prinzen  Georg,  des  Fürsten  zu  Reuß  j.  L.  u.  a.

Zur  Trauerfeier  befohlen  sind  der  Reichskanzler,  die  kommandierenden
  Generäle,  der  Kommandant  von  Berlin,  Graf  Schlieffen,
  einige  besonders  ausgezeichnete  Generäle,  wie  General  v.  Strubberg,
  die  Botschafter  und  Militärbevollmächtigten,  die  Minister  und
die  Deputationen  der  fremden  Armeen.

Fürst  Bismarck  hat  keine  Einladung  erhalten.  Nach  der
Trauerfeier  wird  der  Sarg  von  dem  Kaiser  und  fast  der  gesamten
Trauerversammlung  geleitet,  nach  dem  Lehrter  Bahnhof  überführt,
den  29.  April  in  Kreisau  in  Schlesien  auf  dem  Familiengute  des
Feldmarschalls  beigesetzt.

29.  April.  (Abgeordnetenhaus.)  Bei  der  Beratung  über
die  Zuschüsse  für  Fortbildungsschulen  hält  der  Reichskanzler  Caprivi
eine  längere  Rede  über  die  Verwendung  des  Welfenfonds  und
sagt  zum  Schlusse:

Die  Regierung  beabsichtige,  einen  Gesetzentwurf  der  Beschlußfassung
des  Abgeordnetenhauses  vorzulegen,  welcher  für  die  Dauer  der  Beschlagnahme
die  erforderlichen  näheren  Bestimmungen  über  die  Verwendung  der  Revenüen
dieses  Vermögens  und  deren  Kontrolle  zu  treffen  bestimmt  sei.  Indem  er
diese  Versicherung  gebe,  glaube  er  gethan  zu  haben,  was  die  Regierung  thun
kann,  um  der  über  diese  Sache  in  der  öffentlichen  Meinung  entstandenen
Agitation  und  Beunruhigung  entgegenzutreten.

In  derselben  Sitzung  wird  bei  der  Beratung  über  die  Einnahmen
  aus  dem  Berg-,  Hütten=  und  Salinenwesen  die  Streikfrage
  erörtert,  wobei  der  Minister  v.  Berlepsch  äußert:

Err  habe  es  für  seine  Pflicht  gehalten,  in  Verbindung  mit  dem
Minister  des  Innern,  den  Bergbeamten  eine  Intervention  zu  untersagen,
solange  die  Arbeiter  kontraktbrüchig  seien.  Ob  dieser  Standpunkt  aufrecht
zu  erhalten  sei,  will  er  nicht  unbedingt  behaupten.  Er  werde  namentlich
dann  verlassen  werden  können,  wenn  nicht  nur  die  Arbeiter,  sondern  auch
die  Arbeitgeber  die  Vermittlung  der  königlichen  Behörden  anrufen.

30.  April.  (Geestemünde.)  Bei  der  Reichstagsstichwahl
im  19.  hannoverschen  Wahlkreis  (Neuhaus-Kehdingen)  werden  im
        <pb n="83" />
        1

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  Mai  1.—2.)  771.

ganzen  16,053  Stimmen  abgegeben,  davon  erhält  Fürst  Bismarck
10,549  Stimmen,  Zigarrenmacher  Schmalfeld  5504  Stimmen.

1.  Mai.  (Berlin.)  Eröffnung  der  internationalen  Kunstausstellung
  durch  den  Kaiser  und  die  Kaiserin  Friedrich.

Anf.  Mai.  Ueber  die  in  Deutschland  erschienene  Broschüre

„Der  Untergang  Oesterreichs“  schreibt  die  „Politische  Korrespondenz“:

Aus  den  Aeußerungen  der  gesamten  deutschen  Presse  über  die  Broschüre
  „Der  Untergang  Oesterreichs“  wird  man  in  Oesterreich-Ungarn  entnommen
  haben,  daß  diese  Schrift  bei  uns  überwiegend  als  ein  lächerliches
Machwerk  angesehen  wird.  Ohne  die  heftigen  Aeußerungen  der  österreichischen
  und  der  ungarischen  Presse  hätte  dasselbe  in  Deutschland  gar  keine
Beachtung  gefunden.

2.  Mai.  Fürst  Bismarck  empfängt  eine  Deputation  aus
seinem  Wahlkreise  und  hält  eine  Ansprache  ungefähr  folgenden
Inhalts:

„Die  Ehre,  welche  Sie  mir  durch  Ihre  Wahl  erwiesen  haben,  schätze
ich  doppelt  hoch,  nicht  allein  als  Ihr  deutscher  Landsmann,  sondern  auch
als  Ihr  plattdeutscher  Nachbar;  ich  bin  im  plattdeutschen  Lande  geboren
und  erzogen,  und  freue  mich,  durch  die  stattgehabte  Wahl  einen  Beweis  des
Vertrauens  meiner  engeren  Landsleute  zu  erfahren.

Ich  bin  im  77.  Jahre  und  nicht  mehr  rüstig  genug,  um  der  Aufgabe
  als  Reichstagsabgeordneter  so  zu  entsprechen,  wie  ich  glaube,  daß  sie
erfüllt  werden  sollte.  Das  ist  der  Grund,  der  mich  abgehalten  hat  und
abhalten  wird,  mich  um  ein  Mandat  zu  bewerben,  so  schwer  es  mir  auch
wird,  auf  jede  Beteiligung  an  Geschäften,  denen  40  Jahre  lang  meine
Thätigkeit  gehörte,  gänzlich  zu  verzichten.  Als  Kandidat  zur  Wahl  konnte  ich
mithin  nicht  auftreten,  da  ich  nicht  in  der  Lage  bin,  mein  Mandat  regelrecht
  auszuüben.

Deshalb  habe  ich  in  meiner  ersten  Antwort  erklärt,  daß  ich  zur  Zeit
außer  stande  sei,  Pflichten  zu  übernehmen,  mit  deren  Ausübung  der  Aufenthalt
  in  Berlin  verbunden  wäre:  einmal  wegen  meiner  Gesundheit.  Das
Gasthofleben  ist  meinem  Befinden  weniger  zuträglich,  als  das  Wohnen  im
eigenen  Hause;  ich  hatte  mir  lange  gewünscht,  einmal  ein  Zimmer  zu  bewohnen,
  das  ich  nur  im  Sarge  zu  verlassen  genötigt  sein  würde.  Eine
kündbare  Ministerwohnung  bietet  diese  Sicherheit  nicht.  Ich  habe  kein
Mandat  gesucht,  bin  aber  stets  der  Meinung  gewesen,  daß  ich  mich  der
Aufgabe,  meinem  Vaterlande  zu  dienen,  nicht  entziehen  dürfe,  wenn  der  Ruf
dazu  ohne  mein  Zuthun  von  kompetenter  Seite  an  mich  herantritt.

Ich  habe  mich  nie  in  die  Politik  eingedrängt.  Meinem  Privatleben
als  Landwirt,  Deichhauptmann  und  im  Provinziallandtage  bin  ich  vom
König  Friedrich  Wilhelm  IV.  entzogen  worden,  indem  der  hohe  Herr  mich
zu  einem  wichtigen  Gesandtschaftsposten  unerwartet  berief.  Demnächst  bin
ich  vom  König  Wilhelm  in  einer  sehr  schwierigen  Lage  der  Krone  und  ihrer
Regierung  an  die  Spitze  des  Ministeriums  berufen  worden,  um  1862  sehr
angenehme  amtliche  Verhältnisse  mit  der  dornenvollen  Stellung  eines  Konflikteministers
  zu  vertauschen.  Ich  bin  solchen  ungesuchten  Berufungen  gegenüber,
wenn  sie  von  berechtigter  Stelle  ausgehen,  zwar  nicht  Fatalist  in  dem  Maße,
wie  ein  Türke  mit  seinem  Kismet,  aber  ich  hätte  eine  Gewissensunruhe,
wenn  ich  mich  lediglich  aus  Ruhebedürfnis  dem  Rufe  entzöge,  den  Sie  an
mich  richten;  ich  halte  mich  nicht  für  berechtigt,  dem  Vaterlande  den  Dienst
        <pb n="84" />
        76  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  2)

der  geringen  Kräfte,  die  mir  bleiben,  vorzuenthalten,  wenn  er  nicht  über
das  Maß  meiner  Leistungsfähigkeit  gefordert  wird.

Wenn  ich  Ihnen  sagte:  Ich  kann  jetzt  nicht  nach  Berlin,  so  will  ich
hinzufügen,  daß  für  meine  Anwesenheit  dort  im  Augenblick  kaum  ein  Bedürfnis
  vorliegt.  —  Der  Reichstag  wird  nur  noch  kurze  Zeit  tagen,  und
es  steht,  soviel  ich  weiß,  keine  Frage  zur  Debatte,  auf  die  Einfluß  zu
nehmen  im  jetzigen  Stadium  derselben  thunlich  wäre  oder  die  unsern  Wahlkreis
  im  besonderen  interessierte.  Sollten  solche  infolge  neuer  Vorlagen  noch
zur  Beratung  kommen,  so  werde  ich  mich  daran  nach  Möglichkeit  meiner
Gesundheit  beteiligen.  Abgesehen  davon  aber,  bitte  ich  Sie,  als  Ihr  Abgeorgneter,
  einstweilen  um  Urlaub.  Nicht  bloß  die  Unbequemlichkeit,  außerhalb
  der  eigenen  Häuslichkeit  zu  wohnen  und  zu  schlafen,  hält  mich  augenblicklich
  von  Berlin  zurück,  sondern  auch  die  Aussicht  auf  peinliche  Begegnungen
  mit  früheren  Freunden,  die  solche  zu  sein  seit  meinem  Abgange
aufgehört  haben.  Ich  hoffe,  von  Ihnen  hat  niemand  die  schlimme  Erfahrung
selbst  gemacht,  mit  seiner  geschiedenen  Frau  unversöhnt  unter  einem  Dach
zu  wohnen.  Aehnlich  ist  das  Widersehen  mit  geschiedenen  Freunden.  Sie
werden  sich  vorstellen  können,  daß  ich  in  Berlin  Begegnungen  haben  werde,
die  meinen  früheren  Freunden  vielleicht  ebenso  und  mehr  als  mir  unerwünscht
sein  würden.  Das  ist  ein  Imponderabile  und  die  konventionellen  Formen
decken  die  inneren  Eindrücke  solchen  Wiedersehens.  Aber  ich  mag  sie  mir
nicht  früher  auferlegen,  als  es  pflichtgemäß  notwendig  wird.  Das  Mandat
dauert  ja  aber  auch  länger  und  bei  der  Schnelligkeit,  mit  der  wir  leben,
können  sich  die  Umstände  und  die  Eindrücke  bis  dahin  ändern.  Natürlich
kann  ich  nach  meiner  Vergangenheit  nicht  einer  Partei  angehören;  wenn  ich
in  gewissem  Sinne  auch  Parteimann  bin,  so  bin  ich  es  für  das  alte  Kartell,
dafür,  daß  die  staatserhaltenden  Parteien  sich  soweit  verständigen,  wie  es
ihnen  möglich  ist  und  die  Dornen  ihrer  Programme  nicht  gegeneinander
kehren.  Dies  war  es  stets,  was  ich  in  meiner  letzten  Zeit  als  Minister
erstrebt  habe.  Ich  bin  mit  den  Nationalliberalen  ja  weit  gegangen  und
von  ihnen  oft  gestützt  worden.  Es  ist  mir  eine  der  widerlichsten  Lügen,
daß  ich  das  Wort  gesprochen  haben  soll,  ich  wollte  die  Nationalliberalen  an
die  Wand  drücken,  bis  sie  quietschten.  Der  letztere  Ausdruck  ist  so  ekelhaft
geschmacklos,  daß  ich  ihn  an  sich  schon  nie  gebraucht  haben  würde.  Weshalb
  ich  mit  den  Nationalliberalen  auseinander  kam,  das  lag  hauptsächlich
daran,  daß  ihre  Führer  mit  einigen  meiner  Kollegen  im  Ministerium  ohne
mich  und  gegen  mich  enge  Fühlung  gewonnen  hatten.  Ich  befand  mich
dabei  in  der  Defensive,  nicht  im  Angriffe.  Sollte  eine  der  staatserhaltenden
Parteien  für  sich  allein  oder  mit  andern  zusammen  die  Majorität  erlangen,
so  würde  dies  ein  großes  Glück  sein.  Mir  gibt  es  jedesmal  einen  Stich
in  das  politische  Herz,  wenn  ich  sehe,  daß  die  Fraktionen,  die  gleich  ehrlich
bemüht  sind  um  die  Erhaltung  des  Reiches,  in  Feindseligkeiten  gegeneinander
  bis  zu  giftigen  Invektiven  gehen.  Da  moöchte  ich  gern  als  friedenstiftender
  Gemeindediener  dazwischen  springen  und  jedem  beweisen,  daß  der
tertius  gaudens  der  schlimmere  Feind  ist.  Das  ist  die  Linie,  in  der  auch
meine  parlamentarische  Thätigkeit,  wenn  es  zu  einer  solchen  kommt,  sich
bewegen  wird.  Der  Gedanke  einer  prinzipiellen  Opposition  gegen  meinen
Amtsnachfolger  und  die  Regierung  liegt  mir  außerordentlich  fern;  ebenso
fern  aber  liegt  es  mir,  still  zu  sein  gegenüber  von  Vorlagen,  die  ich  für
schädlich  halte.  Was  in  aller  Welt  soll  ein  Grund  für  mich  sein,  bei  solcher
Gelegenheit  zu  schweigen?  Etwa  der?  daß  ich  größere  Erfahrung  besitze,
als  die  meisten  anderen?  TDie  Pflicht,  zu  reden,  welche  sich  gerade  aus
meiner  Sachkenntnis  dann  ergibt,  zielt  in  meinem  Gewissen  wie  mit  einer
Pistole  auf  mich.  Die  Herren,  welche  mich  deswegen  angreifen,  haben  davon
        <pb n="85" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  2.)  77

keine  Vorstellung.  Wenn  ich  glaube,  daß  das  Vaterland  mit  seiner  Politik
vor  einem  Sumpfe  steht,  der  besser  vermieden  wird,  und  ich  kenne  den
Sumpf,  und  die  anderen  irren  sich  über  die  Beschaffenheit  des  Terrains,
so  ist  es  Verrat,  wenn  ich  schweige.  Was  sollte  ich  für  andere  Zwecke
haben,  als  dem  Lande  zu  dienen?  Ehrgeizige  etwa?  Das  wäre  doch  thöricht
anzunehmen.  Was  sollte  ich  denn  werden?  Mein  Avancement  ist  ab—
geschlossen.  Ich  hatte  das  Bedürfnis,  den  Sinn,  in  welchem  ich  Ihr  Mandat
annehme,  darzulegen.  In  meiner  ersten  telegraphischen  Antwort  auf  Ihren
Mandatsantrag  lehnte  ich  ab,  weil  ich  zur  Zeit  nicht  nach  Berlin  gehen
könne.  Daraufhin  darf  ich  annehmen,  daß  der  Wahlkreis,  wenn  er  meine
Kandidatur  dennoch  aufrecht  erhalten  und  durchgeführt  hat,  mir  für  die
Dauer  dieser  Reichstagssession  Urlaub  gibt  für  den  Fall,  daß  nicht  noch
etwas  Neues  von  Wichtigkeit  vorgelegt  wird.

Ich  danke  Ihnen  nochmals  für  die  Auszeichnung,  welche  Sie  mir
in  der  Vertretung  Ihres  für  mich  seit  lange  historisch  interessanten  Wahlkreises
  erzeigt  haben.  Wie  die  Dithmarsen,  so  haben  auch  Sie  von  Alters
her  die  Verfassung  freier  Bauernschaften  gehabt,  und  was  beiden  Stämmen
die  besonderen  Sympathien  jedes  Deutschen  gewonnen  hat,  das  ist  ihre
Tapferkeit.  Die  Stedinger  haben  im  Kampfe  kein  Glück  gehabt,  sie  sind
vom  Bischof  von  Bremen  im  damaligen  Kreuzzug  arg  in  die  Pfanne  gehauen
  worden,  aber  nach  was  für  einem  heldenmütigen  Widerstande,  nach
einem  Kampfe  von  Mann  und  Weib.

Hier  bemerkt  Fürst  Bismarck,  daß  die  Unterhaltung  sich  besser  bei
dem  Frühstück  fortsetzen  lasse,  zu  welchem  er  die  Deputation  einlädt.

2.  Mai.  (Abgeordnetenhaus.)  Bei  dem  Etat  der  Ansiedlungskommission
  antwortet  der  Reichskanzler  v.  Caprivi  auf  eine
Provokation  des  Abgeordneten  v.  Jazdzewski  mit  folgender  Rede:

Der  Herr  Abgeordnete  hat  vorhergesehen  und  wiederholt  geäußert,
daß  ein  Teil  seiner  Behauptungen  bestritten  werden  würde.  Ich  bin  im
Namen  der  Staatsregierung  in  der  Lage,  hiervon  Gebrauch  zu  machen  und
zunächst  zu  widerstreiten  der  Behauptung,  daß  die  Staatsregierung  gewillt
sei,  durch  die  Benutzung  des  Ansiedlungsgesetzes  die  Provinz  Posen  zu  evangelisieren.
  (Sehr  richtig!)  Der  Herr  Abgeordnete  ist  den  Beweis  dafür  schuldig
geblieben.  Seine  Behauptungen  entbehren  nach  Ansicht  der  Staatsregierung
der  thatsächlichen  Begründung.

Er  hat  dann  weiter  an  die  Regierung  die  Frage  gerichtet,  ob  sie  gewillt
  sei,  das  jetzige  Gesetz  zu  verändern.  Ich  muß  diese  Frage  verneinen.
Die  Staatsregierung  ist  nicht  gewillt,  das  jetzige  Gesetz  zu  verändern.  (Bravol)

Der  Abgeordnete  motiviert  seinen  Wunsch  damit  zunächst,  daß  das
Gesetz  nicht  gewirkt  habe,  weder  wirtschaftlich  noch  politisch.  Die  Staatsregierung
  kann  diese  seine  Ansicht  nicht  teilen,  aber  selbst  wenn  sie  sie  teilte,
würde  sie  nicht  geneigt  sein,  zur  Aufhebung  des  Gesetzes  Schritte  zu  thun.
Denn  daß  ein  Gesetz  der  Art  in  fünf  Jahren  keine  Erfolge  haben  kann,  die
offen  zu  Tage  liegen,  die  sich  jedermann  fühlbar  machen,  das  ist  an  sich  nichts
Ueberraschendes.  Die  Staatsregierung  hat  die  Folgen  dieses  Gesetzes  wahrgenommen
  und  erwartet,  daß,  wenn  das  Gesetz  länger  in  Gültigkeit  bleibt,
diese  Folgen  sichtbarer  werden  werden.

Der  Herr  Abgeordnete  sagt  dann  weiter:  „Die  Staatsregierung  will
die  Polen  los  werden.“  Auch  diese  seine  Behauptung  muß  ich  bestreiten.
Wir  wollen  die  Polen  nicht  los  werden,  wir  wollen  mit  ihnen  gemeinsam
leben;  aber  wir  wollen  unter  denjenigen  Bedingungen  mit  ihnen  gemeinsam
leben,  die  das  Wohl  und  die  Erhaltung  des  preußischen  Staates  fordert.
        <pb n="86" />
        78  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  2.)

(Sehr  richtig!)  Die  Verhältnisse  in  der  Provinz  Posen  haben  sich  im  Laufe
der  fünf  Jahre  nicht  so  geändert,  daß  die  Regierung  diejenigen  Mittel,  die
sie  damals  für  nötig  gehalten  hat,  um  die  Zugehörigkeit  der  Provinz  Posen
zum  preußischen  Staate  zum  vollen  Ausdruck  zu  bringen,  aus  der  Hand
geben  könnte.  Ich  glaube  nicht,  daß  in  den  letzten  Jahren  das  germanische
Element  gegen  das  polnische  in  der  Provinz  Posen  vorgeschritten  ist.  Im
allgemeinen  ist  in  den  Jahren  von  1867  bis  1886  eine  Zunahme  der  Polen
zu  konstatieren  gewesen;  während  im  Jahre  1867  der  Prozentsatz  der  Gesamtbevölkerung,
  der  rein  polnische  Familiensprache  hatte,  sich  auf  54,86  Prozent
bezifferte,  waren  es  1886  57,69  Prozent  geworden.  (Hört,  hört!)  Ich  bin
nicht  in  der  Lage,  für  das  laufende  Jahr  eine  Zahl  anzuführen  —  wir  sind
noch  nicht  in  deren  Besitz  aber  ich  halte  es  für  wahrscheinlich,  daß  ein
Rückgang  des  polnischen  Elements  nicht  stattgefunden  hat,  und  zwar  aus
verschiedenen  Gründen.  Einmal  befinden  wir  uns  in  einer  Bewegung,  die
eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  der  Völkerwanderung  hat.  Sie  vollzieht  sich
mit  modernen  Mitteln;  es  ist  aber  eine  Bewegung  von  Osten  nach  dem
Westen  da.  Diese  Bewegung  hält  nicht  still  an  unseren  Grenzen,  sondern
sie  setzt  sich  von  da  aus  weiter  fort.  Ich  halte  es  für  wahrscheinlich,  daß,  wie
es  in  anderen  Grenzprovinzen  ist,  so  auch  in  der  Provinz  Posen  im  letzten
Jahre  ein  erhöhter  Zuzug  nicht  deutscher  Elemente,  trotz  des  Ansiedelungsgesetzes,
  stattgefunden  haben  wird.  Ich  halte  weiter  für  wahrscheinlich,  daß
das  polnische  Element  an  Zahl  zugenommen  hat,  weil  es  bis  dahin  ein
statistisch  festgesetzter  Erfahrungssatz  gewesen  ist,  daß  die  polnischen  Ehen  im
Durchschnitt  um  ein  Kind  reicher  sind,  wie  die  germanischen  Ehen.  (Heiterkeit.)
  Also  auch  dieses  Naturgesetz  wirkt  dahin,  das  polnische  Element  nicht
zu  schwächen.

Wenn  dies  eine  Betrachtung  ist,  die  die  numerischen  Verhältnisse  betrifft,
  so  glaube  ich,  daß  auch  dem  inneren  Werte  nach  das  polnische  Element
nicht  zurückgegangen  ist.  Unter  der  preußischen  Regierung  und  mit  der  Beihilfe
  der  preußischen  Regierung,  nicht  zum  wenigsten  durch  die  Säkularisation
der  polnischen  Klöster,  aus  denen  die  Mittel  zur  Dotierung  polnischer  Schulen
und  Gymnasien  hergenommen  wurden,  ist  ein  Mittelstand  in  der  Provinz
Posen  entstanden,  der  eine  kräftige  Stütze  des  polnischen  Elements  bildet,  so
daß  ich  der  Meinung  bin:  nicht  nur  numerisch,  sondern  auch  innerlich  hat
das  polnische  Element  zugenommen.

Nun  sind,  seit  die  jetzige  Regierung  diese  Plätze  einnimmt,  von  seiten
polnischer  Abgeordneten  hier  und  da  Aeußerungen  laut  geworden,  die  darauf
schließen  lassen,  daß  man  polnischerseits  gewillt  sei,  eine  veränderte  Stellung
der  preußischen  Regierung  und  dem  preußischen  Staate  gegenüber  einzunehmen.


Der  Herr  Abgeordnete  hat  die  Frage  an  mich  gerichtet,  ob  die  jetzige
Regierung  den  Standpunkt  des  Fürsten  Bismarck  einnimmt,  und  hat  diesen
Standpunkt  nachher  dahin  präzisiert,  daß  er  ein  haßerfüllter  gegen  die  Polen
gewesen  sei.  (Sehr  richtig!  bei  den  Polen.)  Ich  muß  dem  Herrn  Abgeordneten
überlassen,  mit  seinem  Gewissen  sich  darüber  einig  zu  werden,  ob  dieser  Ausspruch
  auf  den  Fürsten  Bismarck  zutrifft.  (Unruhe  bei  den  Polen.)

Auf  die  gegenwärtige  Regierung  trifft  er  nicht  zu.  Wir  hassen  die
Polen  nicht.  Wir  sehen  sie  als  Mitbürger  an  —  schwierige  Mitbürger  zu
Zeiten,  zeitweise  auch  verirrte  Mitbürger  von  unserem  Standpunkte  aus,
aber  immer  unsere  Mitbürger,  mit  denen  zusammenwirken  zu  können  zum
Besten  des  Staates  uns  zu  allen  Zeiten  eine  Freude  sein  wird.  (Bravo!)

Wir  stehen  in  Bezug  auf  das  Ansiedelungsgesetz  und  in  Bezug  auf
das  ganze  politische  Leben  auf  dem  Standpunkt  des  Gesetzes  und  find  gewillt,
        <pb n="87" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  2.)  70

die  bestehenden  Gesetze  gegen  Polen  und  gegen  Deutsche,  für  Polen  und  für
Deutsche  gleichmäßig  zur  Anwendung  zu  bringen.

Wenn  nun  polnischerseits  der  Wunsch  laut  geworden  ist,  sich  der
Regierung  mehr  zu  nähern,  so  kann  uns  das  ja  nur  recht  sein.  Aber  es  ist
doch  natürlich,  daß  wir,  als  dieser  überraschende  Wunsch  zuerst  bei  einer
Reichstagsdebatte  im  vorigen  Jahr  auch  zum  praktischen  Ausdruck  dadurch
kam,  daß  die  polnische  Fraktion,  die  sich  sonst  der  Vermehrung  deutscher
Wehrkraft  widersetzt  hatte,  für  diese  Vermehrung  eintrat,  daß  wir  uns  da
die  Frage  vorlegten:  Was  mag  denn  der  Grund  zu  dieser  veränderten  Stellung
  sein:?  Wenn  über  hundert  Jahre  Deutsche  und  Polen  gemeinsam  in
nichtfreundschaftlicher  Weite  gelebt  haben,  so  war  es  vom  deutschen  Standpunkt
  erklärlich,  daß  man  diesen  Umschwung,  wenn  auch  erfreulich,  so  doch
überraschend  fand.  Man  konnte  glauben:  Haben  die  Gesetze,  über  die  die
Polen  so  viel  geklagt  haben,  Sprachgesetz,  Gerichtsgesetz,  Schulgesetz,  haben
die  doch  am  Ende  so  stark  gewirkt,  daß  polnischerseits  eine  Nachgiebigkeit  als
Folge  dieser  Wirkung  auftritt  —  oder  halten  die  Polen  die  jetzige  Regierung
für  so  schwach,  daß  sie  glauben.  ihr  etwas  bieten  zu  können,  was  sie  der
vorigen  Regierung  nicht  geboten  haben?  (Zurufe  rechts.)  Die  Staatsregierung
hat  keine  dieser  Auslegungen  acceptiert.  Sie  hat  sich  an  die  Thatsache  gehalten,
  daß  ein  freundlicherer  Ton  von  seiten  der  Polen  angeschlagen  wurde.
Sie  hat  aber  doch  nicht  vergessen  können,  daß  in  der  Epoche,  die  die  Provinz
  Posen  mit  dem  preußischen  Staate  verbindet,  Zeiten  dagewesen  sind,  in
denen  wir  schon  ähnliche  Klänge  gehört  haben.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Ich
darf  erinnern  an  die  ersten  Zeiten  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm  IV.  —
und  ich  will  nicht  erinnern  an  das,  was  darauf  folgte,  um  nicht  Wunden
wieder  aufzureißen,  von  denen  wir  ja  auch  hoffen:  sie  vernarben,  —  um
nicht  einen  scharfen  Ton  in  die  Debatte  zu  bringen,  denn  ich  habe  heute  zum
erstenmal  das  Vergnügen  gehabt,  den  Herrn  Vorredner  sprechen  zu  hören;
ich  habe  aber  in  den  stenographischen  Berichten  über  seine  sonstigen  Reden
mich  zu  orientieren  gesucht  und  kann  mit  Freude  heute  feststellen,  daß  sein
Ton  ein  gemäßigterer  war  als  früher.  Ich  möchte  nicht  dazu  beitragen,  daß
der  frühere  Ton  wieder  angeschlagen  würde.  Die  Botschaft  dieses  sanfteren
Tons  haben  wir  gehört,  der  volle  Glaube  hat  uns  aber  hier  und  da  noch
gefehlt;  aber  (Abg.  Dr.  v.  Jagdzewski:  Kommt  noch!)  —  Gehen  Sie  voraus;
das  ziehen  wir  vor!  (Heiterkeit.)  Dann  kommen  wir  mit  Ihnen.  Wir
stehen  —  ich  wiederhole  es  —  auf  dem  Boden  des  Gesetzes  und  glauben  da
einen  sicheren  Boden  unter  uns  zu  haben.  Jetzt  kommen  polnische  Mitbürger,
die  so  lange  gegrollt  haben,  und  winken  uns:  kommt  her.  Wir  sind  vorsichtig,
  unfern  sichern  Boden  zu  verlassen  und  uns  auf  ein  unbekanntes  Terrain
an  der  Hand  unserer  neuen  Freunde  zu  begeben.  Aber  wir  wollen  das  nicht
abweisen;  im  Gegenteil,  wir  sind  Ihnen  in  einzelnen  kleinen  Dingen  nachgekommen.
  Gehen  Sie  weiter  auf  dem  Wege  der  Versöhnung,  so  werden  Sie
es  der  Regierung  und  den  Deutschen  in  der  Provinz  Posen  möglich  machen,
Ihnen  auch  weiter  zu  folgen.  Ich  habe  mich  gegenüber  einem  der  Herren,
die  mit  mir  darüber  sprachen,  des  Gleichnisses  bedient:  Sie  machen  uns  ein
freundliches  Gesicht;  das  freut  uns,  aber  Sie  können  nicht  verlangen,  daß
wir  Ihnen  nun  um  den  Hals  fallen.  (Heiterkeit.)  Wir  wollen  wieder  freundlich
  sein,  aber  wir  wollen  abwarten,  wie  diese  der  preußischen  Regierung
wohlwollende  Entwickelung  sich  weiter  gestaltet,  und  werden  in  dem  Maße
Ihnen  folgen,  als  Sie  uns  vorangehen.  (Sehr  richtig!)  Das  Ansiedelungsgesetz.
  welches  wir  für  eins  der  wichtigsten  halten,  jetzt  aufzugeben,  dazu  sind
die  Motive  des  Wohlwollens,  das  uns  von  der  anderen  Seite  entgegengebracht
worden  ist,  noch  nicht  gewichtig  genug.  (Bravo!)
        <pb n="88" />
        80  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  4.)

4.  Mai.  Im  Abgeordnetenhause  äußert  Kultusminister  Graf
v.  Zedlitz-Trützschler  zum  Volksschulgesetz:

Ich  erkenne  rückhaltslos  die  Notwendigkeit  einer  gesetzlichen  Regelung
des  Schulwesens  an.  Diese  meine  Auffassung  gründet  sich  nicht  nur  auf  die
selbstverständliche  Pflicht,  die  Bestimmungen  der  Verfassung  endlich  zur  Ausführung
  zu  bringen,  sondern  auch  auf  vieljährige  eigene  und  zwar  eingehende
Beschäftigung  mit  dem  Volksschulwesen  selbst.  Der  gegenwärtige  Zustand
der  Volksschule  erscheint  auf  die  Dauer  schwer  erträglich,  dieser  Zustand  wirkt
auch  lähmend  auf  die  Verwaltung.  Endlich  halte  ich  auch  die  Ordnung  der
inneren  und  äußeren  Verhältnisse  des  Lehrerstandes  für  dringend  geboten.
Wenn  ich  trotz  solcher  Sachlage  Bedenken  trage,  in  die  volle  Beratung  des
Gesetzentwurfs  sofort  einzutreten,  so  geschieht  dies,  weil  ich  den  Wunsch  hege,
über  die  schweren  und  auf  Jahrzehnte  hinaus  entscheidenden  Prinzipienfragen
zu  eigener  Prüfung  und  Entschließung  zu  gelangen.  Mein  Wunsch  scheint
um  so  berechtigter,  als,  wenn  ich  richtig  informiert  bin,  auch  innerhalb  des
hohen  Haufes  die  Parteien  zu  einer  Einigung  noch  nicht  gelangt  sind.  Ebenso
glaube  ich,  daß  nach  der  geschäftlichen  Lage  des  Hauses  an  eine  Verabschiedung
des  Gesetzes  in  der  laufenden  Session  doch  nicht  wohl  gedacht  werden  kann.
Ich  bin  deshalb  ermächtigt,  namens  der  königlichen  Staatsregierung  zu  erklären,
  daß  dieselbe  auf  die  Beratung  der  in  Frage  stehenden  Vorlage  ein
entscheidendes  Gewicht  nicht  legt.  Gleichzeitig  aber  betone  ich,  daß  damit
die  bezügliche  Beratung  nicht  in  unbestimmte  Ferne  hinausgerückt  werden
soll,  und  ich  versichere,  daß,  was  an  mir  liegt,  alles  geschehen  soll,  um  Sie
sobald  wie  möglich  vor  die  wichtige  und  bedeutungsvolle  Aufgabe  zu  stellen.“
(Beifall.)

Namens  des  Zentrums  erklärte  Frhr.  v.  Heereman,  daß  sich  seine
Partei  in  ihren  Beschwerden  möglichste  Zurückhaltung  auferlegen  werde.  Sie
komme  der  Regierung  mit  Vertrauen  entgegen,  erwarte  aber  auch,  daß  auf
Abstellung  von  Schäden  und  Uebelständen  ernstlich  Bedacht  genommen  werde.
Redner  bringt  dann  eine  Reihe  von  Klagen  vor,  die  von  den  Katholiken
erhoben  werden  müßten.

4.  Mai.  (Düsseldorf.)  Bei  seiner  Reise  in  die  Rheinprovinz
  hält  der  Kaiser  auf  einem  Fest  im  Provinzialständehause
folgende  Rede:

Ich  danke  der  Rheinprovinz  für  ihre  Gesinnung,  ein  Ausdruck  derselben
  ist  dieses  Fest.  Nicht  als  Fremder  bin  Ich  hier  unter  Ihnen  und
nicht  an  fremdem  Ort;  diese  Stätte,  diese  Räume  sind  Mir  wohlbekannt.
Ich  habe  sie  besucht,  als  Ich  noch  in  Bonn  studierte,  und  das  letzte  Mal
konnte  Ich  die  Huldigungen  miterleben,  die  Sie  Meinem  dahingeschiedenen
glorreichen  Herrn  Großvater  bereiteten  und  die  ein  unauslöschliches  Denkmal
der  Erinnerung  in  Unser  aller  Herzen  gelassen  haben.  Daß  Ich  selbstverständlich
  für  die  Rheinprovinz  besonders  innige  Gefühle  hege,  brauche  Ich  nicht
zu  erwähnen;  denn  diejenigen,  die  mit  Mir  zusammen  gelebt  und  studiert
haben,  wissen  das.  Eines  aber  möchte  Ich  hervorheben,  daß  es  Mir  eine
besondere  Freude  ist,  am  heutigen  Tage  in  dieser  Stadt  dieses  herrliche  Fest
entgegenzunehmen:  Es  ist  der  Umstand,  daß  in  dieser  Stadt  auf  Befehl  Meines
seligen  Herrn  Großvaters  Ich  zum  erstenmal  im  Leben  öffentlich  aufgetreten
bin,  indem  Ich  bei  der  Enthüllung  des  Cornelius-Denkmals  Meines  Herrn
Vaters  Majestät  zu  vertreten  zum  erstenmal  die  Ehre  hatte.  Seit  der  Zeit
sind  zwölf  Jahre  vergangen  und  in  den  letzten  Jahren  hat  sich  manches  geändert.
  Die  erhabene  Erscheinung  des  hohen  Herrn  ist  verblichen.  Ihr  folgte
manches  werte  Glied  der  Familie,  es  folgte  ihr  vor  allen  Dingen  die  herr-
        <pb n="89" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  4.)  81

liche  Erscheinung  Meines  Herrn  Vaters,  die  Sie  alle  noch  hier  unter  sich
haben  weilen  sehen  und  von  dem  Sie  wissen,  mit  wie  warmem  Herzen  er
an  Bonn  und  an  der  Rheinprovinz  bis  zu  seinem  Lebensende  gehangen  hat,
manche  Städte  und  manche  alte  Kirchen  können  von  seinem  Interesse,  von
seiner  Fürsorge  erzählen.  Wenn  des  Fürsten  Durchlaucht  Wied  so  freundlich
  war,  Meiner  Mühen  zu  gedenken,  die  Ich  übernommen  habe  zum  Wohle
des  Reiches  nach  innen  und  nach  außen,  so  ist  das  nur  Meine  Pflicht,  welche
die  Stellung,  die  Mir  angewiesen  ist,  mit  sich  bringt,  und  wird  es  Mich
freuen,  wenn  des  Himmels  Gnade  Mich  unterstützt,  und  Ich  nach  wie  vor
in  Frieden  und  ungestört  Mein  Land  regieren  kann.  Ich  wollte  nur,  der
europäische  Friede  läge  in  Meiner  Hand,  Ich  würde  jedenfalls  dafür  sorgen,
daß  er  nie  mehr  gestört  werde  (lebhafter  Beifall);  wie  dem  aber  auch  sei,
Ich  werde  jedenfalls  nichts  unversucht  lassen,  und  was  an  Mir  liegt,  dafür
sorgen,  daß  er  nicht  gestört  werde.  (Beifall.)  Auch  im  Inneren  haben  wir
manches  durchleben  müssen,  und  wir  ringen  uns  allmählich  zu  festen  Verhältnissen
  durch.  Sie  brauchen  bloß  auf  die  Gesetzvorlagen  zu  blicken,  welche
gegenwärtig  die  Vertreter  des  preußischen  und  deutschen  Volkes  beschäftigen,
und  welche,  wie  Ich  zuversichtlich  hoffe,  einem  baldigen  Abschluß  nahe  sind,
um  volles  Vertrauen  zu  gewinnen,  daß  die  Wege,  die  Ich  mit  Meiner  Regierung
  eingeschlagen  habe,  die  richtigen  sind.  (Bravol)  Ich  darf  auch
Meinerseits  von  den  Mir  vorgezeichneten  Wegen,  die  Ich  mit  Meinem  Gewissen
  und  vor  Meinem  Gott  allein  zu  verantworten  habe,  nicht  abweichen
und  Ich  werde  nach  wie  vor  nach  bestem  Gewissen  wie  für  Mein  ganzes
Volk,  so  auch  für  die  Rheinprovinz  arbeiten.  (Beifall.)  Ich  weiß  sehr  wohl,
daß  gerade  Sie  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  nach  Berlin  blicken;  die  große
industrielle  Welt,  die  Ihre  Provinz  bis  in  die  entferntesten  Gegenden  berühmt
gemacht  hat  und  mit  ihren  großen  und  bedeutenden  Anlagen  Hunderttausende
Meines  Volkes  beschäftigt,  ist,  möchte  Ich  sagen,  das  Herz  mit  seinen  vielen
Arterien  Unseres  Staates.  Es  hat  zuweilen  schneller  gepocht,  zuweilen  gedroht,
  mit  seinem  Pochen  aufzuhören.  Ich  hoffe,  daß  auch  dieses  sich  allmählich
  verlieren  wird.  Sie  können  überzeugt  sein,  daß  keine  Mühe  zu  groß
und  keine  Arbeit  zu  mühselig  ist,  um  dafür  zu  sorgen,  daß  nach  beiden  Seiten
der  Industrie,  dem  Arbeitgeber  und  dem  Arbeitnehmer,  in  jeder  Beziehung
Gerechtigkeit  geschehen  soll.  (Beifall.)  Um  dieses  zu  ermöglichen,  ist  es  selbstverständlich
  auch  Pflicht  des  Regenten  und  seiner  Regierung,  nach  außen  diejenigen
  Verbindungen  zu  suchen,  die  notwendig  sind,  um  Unserer  Industrie
Ersatz  für  den  Absatz  zu  gewinnen,  welchen  einzelne  Staaten  ihr  abzuschneiden
drohen,  und  Ich  kann  Ihnen  hiermit  mitteilen,  daß  gestern  der  österreichische
Handelsvertrag  paraphiert  worden  ist  (Bravo),  und  daß  Ich  hoffe,  daß  er
Ihnen  zu  dauerndem  Nutzen  gereichen  wird.  Meine  Herren,  lassen  Sie  Mich
nochmals  wiederholen,  wie  tief  dankbar  bin  Ich  Ihnen  und  speziell  der  Stadt
Düsseldorf  für  den  warmen  Empfang,  den  Sie  heute  Mir  bereitet  haben.
Ich  bin  der  festen  Ueberzeugung,  daß,  wie  die  anderen  Provinzen  Meines
Landes,  so  auch  die  Rheinprovinz,  deren  bewährte  Söhne  sich  1870  so  tapfer
und  brav  für  des  Reiches  Herrlichkeit  geschlagen  haben,  Mir  folgen  wird,
und  daß  die  Rheinprovinz  nach  wie  vor  der  Ueberzeugung  ist,  daß  das  Heil
nur  im  Zusammenwirken  aller  Teile  liegt  und  deshalb  dem  Monarchen  in
dem  auf  das  Wohl  des  Ganzen  gerichteten  Streben  zu  folgen  ist.  Ich  trinke
Mein  Glas  deutschen  Weines  auf  die  Rheinprovinz,  möge  sie  blühen  und
gedeihen  jetzt  und  immerfort  bis  in  die  Ewigkeit!  Die  Rheinprovinz  lebe
hoch!  hoch!  hoch!“

Nach  anderer  Version  lautete  der  Schluß:

„Ich  habe  nach  wie  vor  die  Ueberzeugung,  daß  das  Heil  nur  im

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.  6
        <pb n="90" />
        82  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  5.)

Zusammenhalten  liegt.  Einer  nur  ist  Herr  im  Reiche,  und  das  bin  Ich,
keinen  anderen  dulde  Ich.  In  dieser  Gesinnung  erhebe  Ich  Mein  Glas  und
trinke  auf  die  Provinz,  sie  blühe  und  gedeihe  in  alle  Ewigkeit."

5.  Mai.  Das  Abgeordnetenhaus  nimmt  im  Einkommensteuergesetz
  die  kleineren  vom  Herrenhaus  beschlossenen  Modifikationen
  an,  setzt  aber  mit  201  gegen  80  Stimmen  (die  Freisinnigen,
  ein  Teil  der  Nationalliberalen  und  Freikonservativen)  den
Satz  von  4%  in  die  Skala  wieder  ein.

5.  Mai.  (Köln.)  Der  Kaiser  antwortet  auf  die  Rede  des
Oberbürgermeisters  Becker  beim  Gürzenich-Mahle  mit  folgenden
Worten:

„Mein  verehrtester  Ober-Bürgermeister!  Nehmen  Sie  Meinen  herzlichsten
  Dank  entgegen  für  die  Gesinnungen  Ihrer  Bürgerschaft,  deren  Ausdruck
  Ihre  Rede  gewesen  ist,  und  für  den  Empfang,  den  Ich  in  dieser  Stadt
entgegenzunehmen  die  Genugthuung  hatte.  Es  ist  an  Mir,  zu  danken,  denn
die  Gesinnung  der  Treue,  der  Liebe,  die  aus  vielen  Hunderttausenden  Herzen
Mir  heute  entgegengeschlagen  ist,  hat  Mich  tief  gerührt,  ergriffen.  Es  ist
die  Fortführung  der  alten  traditionellen  Anhänglichkeit,  die  Sie  schon  erwähnten,
  deren  Ausdruck  Ich  schon  früher  zu  beobachten  Gelegenheit  hatte,
als  Meines  verstorbenen  Großvaters  und  Meines  Vaters  Majestät  in  diesen
Mauern  von  Ihnen  mit  demselben  Enthusiasmus  und  derselben  Pracht  gefeiert
  wurden,  und  viele  von  Ihnen  werden  mit  Mir  noch  der  erhebenden
Momente  sich  entsinnen,  als  von  dieser  Stelle  Mein  hochseliger  Herr  Vater
begeisternde  Worte  an  die  Versammlung  richtete.  Dergleichen  poetische  Worte
stehen  Mir  nicht  so  zur  Verfügung,  wie  Meinem  Herrn  Vater,  aber  Meinen
innigen  und  herzlichen  Dank  kann  Ich  auch  in  schlichten  deutschen  Worten
Ihnen  ausdrücken,  und  Ich  bitte  Sie,  denselben  der  Bürgerschaft  kenntlich
zu  machen.  Eine  der  Ueberschriften  über  den  Pforten  hat  Mir  besondere
Freude  gewährt,  es  ist  der  einfache  Satz:  „Willkommen  im  alten  Köln!"“
In  den  Worten,  meine  Ich,  ist  die  gesamte  Geschichte  der  Stadt  Köln  in
klarer  Schrift  dargestellt.  Verbunden  durch  viele  verschiedene  Bande  mit  den
verschiedenen  Kaiserhäusern,  die  dereinst  über  Germania  regierten,  hat  sie
stets  ihre  Treue  dem  Kaiser  bewahrt,  ob  im  Glück  oder  Unglück.  Als  gewaltige
  Handelsstadt  hat  sie  es  verstanden,  im  mächtigen  Bunde  mit  der
Hansa  weit  hinaus  ihre  Fühlhörner  zu  strecken,  durch  die  großen  Höfe,  die
sie  in  fremden  Staaten  gründete,  dem  deutschen  industriellen  Gebiete  Absatz
zu  verschaffen  und  deutsches  Handwerk  und  deutsches  Erzeugnis  im  Auslande
zu  verbreiten.  Sie  sind  auch  jetzt  wieder  auf  derselben  Bahn  begriffen  und
hoffentlich  werden  Wir  Englands  Schiffe  wie  in  alter  Zeit  vor  dem  Kölnischen
Thor  liegen  sehen.  (Lebhafter  Beifall.)  Meine  Beziehungen  zu  Köln  sind
auch  schon  langjährige,  und  manchen  frohen  Tag  habe  Ich  in  ihren  Mauern
verleben  dürfen.  Meine  tiefinnige  Befriedigung  spreche  Ich  aus,  daß  Ich  an
dieser  geweihten  Stelle  und  in  dieser  altehrwürdigen  Domstadt  nun  auch  als
Kaiser  eingezogen  bin.  Es  ist  ein  altes  und  von  Mir  stets  erhofftes  Ziel
gewesen,  dereinst  in  dieser  vornehmen  Stadt  auch  einmal  als  Deutscher  Kaiser
zu  weilen.  Ich  erhebe  den  Pokal,  den  kölnischer  Fleiß  und  kölnisches  Geschick
geformt,  und  trinke  daraus  den  ersten  Tropfen  deutschen  Weines  auf  das
Wohl  der  ur=  und  kerndeutschen  Stadt  Köln.  Möge  sie  blühen,  grünen  und
gedeihen!  Was  an  Mir  liegt,  so  werde  Ich  gern  nach  dem  Vorbild  Meiner
Vorfahren  Meine  schützende  Hand  über  die  Stadt  halten,  und  Ich  denke,
        <pb n="91" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  6.  —8.)  83

daß  unter  dem  schwarzweißen  Hohenzollernschild  (lebhafter  Beifall)  die  Stadt
ihren  guten  Fortgang  nehmen  wird.  Die  Stadt  Köln  lebe  hoch!  hoch!  hoch!“

6.  Mai.  (Bonn.)  Der  Kaiser  wohnt  in  der  Kneipjacke
der  Borussen  dem  Antrittskommers  der  Korpsstudenten  bei  und

hält  folgende  Rede:

„Der  Herr  Vorredner  hat  soeben  als  Vertreter  des  Kösener  S.  C.  Worte
des  Dankes  an  Mich  gerichtet  und  die  dabei  ausgesprochenen  Gesinnungen
veranlassen  Mich,  dem  gesamten  S.  C.  Dank  zu  sagen.  Ich  sehe  in  jenen
Worten  die  alten  Gesinnungen  des  Bonner  S.  C.  bestätigt,  wie  sie  noch  jetzt
in  Ihrem  Herzen  bestehen,  und  sehe,  daß  noch  jetzt  ebenso  wie  bisher  über
die  Zwecke  und  Ziele  der  deutschen  Korps  gedacht  wird.  Es  ist  Meine  feste
Ueberzeugung,  daß  jeder  junge  Mann,  der  eintritt  in  ein  Korps,  durch  den
Geist,  welcher  in  demselben  herrscht,  und  mit  diesem  seine  wahre  Richtung
für  das  Leben  erhält,  denn  es  ist  die  beste  Erziehung,  die  ein  junger  Mann
für  sein  späteres  Leben  bekommt,  und  wer  über  die  deutschen  Korps  spottet,
der  kennt  ihre  wahren  Tendenzen  nicht.  Wer  aber  Korpsstudent  wie  Ich
gewesen  ist,  weiß  das  am  besten.  Ich  danke  dem  S.  C.  für  seine  Teilnahme
an  dem  Mir  dargebrachten  Fackelzuge  und  freue  Mich,  daß  durch  denselben
die  guten  Beziehungen  der  gesamten  Studentenschaft  wieder  hergestellt  sind.
Ich  hoffe,  daß  es  so  bleiben  wird,  denn  die  Einmütigkeit  ist  ein  Gewinn
für  die  ganze  Universität  und  wird  auch  ein  Gewinn  für  den  gesamten  S.  C.
der  deutschen  Universitäten  sein.  Ich  hoffe,  daß,  solange  es  deutsche  Korpsstudenten
  gibt,  der  Geist,  wie  er  im  Korps  gepflegt,  und  durch  den  Kraft
und  Mut  gestählt  wird,  erhalten  bleibt  und  daß  Sie  freudig  den  Schläger
führen  werden.“  Der  Kaiser  erwähnte  sodann  die  Studentenmensuren  und
fuhr  etwa  also  fort:  „Wie  im  Mittelalter  durch  die  Turniere  der  Mut  und
die  Kraft  gestählt  wurden,  so  wird  auch  durch  den  Geist  und  das  Leben  im
Korps  der  Grad  von  Festigkeit  erworben,  der  später  im  großen  Leben  nötig
ist  und  der  bestehen  wird,  solange  es  deutsche  Universitäten  gibt.  Sie  haben
auch  Meines  Sohnes  heute  gedacht;  dafür  danke  Ich  Ihnen  von  Herzen.  Ich
hoffe,  daß  derselbe,  wenn  er  so  weit  gediehen  ist,  bei  dem  hiesigen  S.  C.  eintreten
  und  dieselben  freundlichen  Gesinnungen  wiederfinden  wird,  wie  Ich  sie
hier  gefunden  habe.  Und  nun,  Meine  Herren,  noch  ein  Wort,  besonders  an
die  Jüngeren,  die  im  ersten  Semester  zum  erstenmal  sich  anschicken,  den  Geist
der  Korps  zu  pflegen.  Stählen  Sie  Ihren  Mut  und  Ihre  Disziplin  in  dem
Gehorsam,  ohne  den  unser  Staatsleben  nicht  bestehen  kann.  Ich  hoffe,  daß
dereinst  viele  Beamte  und  Offiziere  aus  Ihrem  Kreise  hervorgehen.  Wie
viele  bedeutende  Herren  haben  wir  hier  unter  uns  sitzen,  Gelehrte,  Beamte,
Offiziere  und  Kaufleute!  Ich  hoffe,  daß  der  Geist  der  Einheit  des  Kösener
S.  C.  im  Bonner  S.  C.  weiter  leben  wird,  und  daß  dies  auch  an  allen  anderen
Universitäten  der  Fall  sein  möge.  Und  nun  erhebe  Ich  Mein  Glas  und
trinke  auf  das  Wohl  des  Bonner  S.  C.  und  der  gesamten  Korps.  Sie  leben

hoch!  hoch!  hoch!“

7.  Mai.  (Bonn.)  Der  Großherzog  von  Luxemburg
stattet  dem  Kaiser  einen  Besuch  ab.  Der  Kaiser  begleitet  ihn  am
Abend  in  Studententracht  zum  Bahnhofe.

8.  Mai.  (Reichstag.)  Bei  der  Zuckersteuervorlage  bringt
der  Abg.  Spahn  im  Verein  mit  dem  Abg.  Dr.  Orterer  seinen  in
zweiter  Lesung  gestellten  Antrag  wieder  ein,  eine  Verbrauchsabgabe
von  18  und  fallende  offene  Exportprämien  für  fünf  Jahre,  und

                                                                                                6*
        <pb n="92" />
        84  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  9.—Ende.)

zwar  von  1,25  M  für  den  Doppelzentner  für  die  Jahre  vom
1.  August  1892  bis  1895,  und  von  100  M  für  die  beiden  folgenden
Jahre  vom  1.  August  1895  bis  31.  Juli  1897  zu  bewilligen.  Die
Vorlage  hatte  22  M  gefordert  und  Prämien  von  1 M  nur  für  die
drei  Jahre  von  1892  bis  1895  in  Aussicht  gestellt.  Der  Antrag
wird  mit  146  gegen  143  Stimmen  angenommen.

In  derselben  Sitzung  wird  die  extraordinäre  Forderung  von
1,425,000  M  für  Kamerun  bewilligt.

9.  Mai.  Das  Gesetz,  betreffend  die  Abänderung  der  Gewerbeordnung,

  wird  mit  großer  Mehrheit  angenommen.

Es  stimmen  nur  die  Sozialdemokraten  und  Vereinzelte  aus  den  anderen
  Fraktionen  dagegen.

Der  Reichstag  wird  hierauf  bis  zum  10.  November  vertagt.

12.  Mai.  Das  Herrenhaus  nimmt  das  Einkommensteuergesetz
  in  der  Fassung  des  Abgeordnetenhauses  an,  nachdem
der  Antrag,  den  Maximalsteuersatz  bei  3%  zu  belassen,  mit  123
gegen  41  Stimmen  abgelehnt  ist.  (Ges.  v.  24.  Juni.)

13.  Mai.  Bei  der  Beratung  der  Landgemeinde-Ordnung
  nimmt  das  Herrenhaus  auf  Befürwortung  des  früheren
Ministers  v.  Puttkamer  eine  Aenderung  in  der  Verteilung  des
Stimmrechts  in  den  Gemeinden  vor.

§  48  lautete  nach  den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses:  „Durch
Ortsstatut  können  die  vorstehenden  Sätze  erhöht,  oder,  höchstens  jedoch  nur
um  ein  Drittel,  ermäßigt  werden.  Auch  kann  Grundbesitzern,  welche  die  im
ersten  Absatz  erwähnten  Steuersätze  entrichten,  eine  größere  Zahl  von  Stimmen,
  jedoch  nicht  über  3,  4  und  5  Stimmen,  beigelegt  werden.“  —  Diesem
Absatze  wird  folgende  Fassung  gegeben:  „Auf  Antrag  des  Kreisausschusses
können  durch  Beschluß  des  Provinziallandtages  im  Einverständnis  mit  dem
Oberpräsidenten  die  vorstehenden  Sätze  erhöht,  oder,  höchstens  jedoch  um  die
Hälfte,  ermäßigt  werden."“

19.  Mai.  Reise  des  Kaisers  über  Elbing  nach  Königsberg
  zur  Einweihung  des  Herzog-Albrecht-Denkmals.

20.  Mai.  (Bonn.)  11.  Synode  der  Altkatholiken  des  deutschen
  Reiches  mit  58  Teilnehmern,  darunter  23  Geistlichen.

28.—29.  Mai.  Evangelisch-sozialer  Kongreß  in  Berlin.

Ende  Mai.  Staatsminister  v.  Bötticher  äußert  gelegentlich
  seines  Besuches  der  landwirtschaftlichen  Ausstellung  in  Stralsund:


„Es  ist  des  Kaisers  Wille,  sein  ernster  Wille,  die  öffentliche  Wohlfahrt
  mit  allen  Kräften  zu  fördern,  und  glauben  Sie  mir,  meine  Herren,  die
Sorgen  sind  bei  weitem  nicht  so  begründet,  wie  man  im  Lande  des  öfteren
hört.  Der  politische  Horizont  ist  klar  und  rein,  lassen  Sie  sich  nicht  durch
französische  oder  russische  Uebertreibungen  beunruhigen!  Meines  Erachtens
        <pb n="93" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)  85

ist  nirgends  ein  vernünftiger  Grund  zu  finden,  um  mit  uns  anzufangen,  und
wir  werden  niemals  anfangen!“

1.  Juni.  Im  Abgeordnetenhause  gibt  der  Reichskanzler
vor  Eintritt  in  die  Tagesordnung  eine  Erklärung  über  die  Getreidezölle
  ab.

Erörterungen,  welche  am  27.  v.  M.  in  diesem  Hause  stattgefunden
haben,  haben  die  Frage,  ob  die  gegenwärtigen  Verhältnisse  zu  einer  baldigen
Herabsetzung  oder  Aufhebung  der  Getreidezölle  nötigten,  zu  einer  so  brennenden
  gemacht,  daß  die  Königliche  Staatsregierung  sich  veranlaßt  sieht,
die  Erklärung  abzugeben,

es  liege  nicht  in  ihrer  Absicht,  die  Herabsetzung  oder  Aufhebung  der
Getreidezölle  beim  Bundesrat  in  Anregung  zu  bringen.  (Lebhafter  Beifall
  rechts.  Bewegung.)

Ich  bitte  um  die  Erlaubnis,  diese  Erklärung  mit  einigen  kurzen
Motiven  begleiten  zu  dürfen.

Seit  Bedenken  über  den  Ausfall  der  jetzt  auf  dem  Halm  stehenden
Ernte  laut  wurden,  hat  die  Staatsregierung  es  sich  angelegen  sein  lassen,
zu  erforschen,  wie  die  Frage  der  Broternährung  sich  im  In=  und  Auslande
stellen  würde.  Diese  Recherchen  nahmen  einen  ruhigen  Fortgang  bis  zu  der
eben  erwähnten  Sitzung,  bis  wir  sahen,  eine  wie  hochgradige  Aufregung
ins  Land  getragen  wurde,  eine  Aufregung,  die  uns  die  Notwendigkeit  klar
machte,  bald,  schneller  als  wir  es  ursprünglich  geglaubt  hatten,  zu  einer
Erklärung  gedrängt  zu  werden.  Dazu  kam  die  gleichzeitige  Ermäßigung  und
Aufhebung  der  Zölle  in  einem  Nachbarlande.

Es  liegt  der  Staatsregierung  ein  sehr  reiches  Material  vor,  eine
Menge  von  Zahlen,  eine  Menge  von  Aeußerungen  sachverständiger  Personen
verschiedener  Berufskreise.  Indessen  ich  muß  ohne  weiteres  zugeben:  all
dieses  Material  würde  einen  ziffermäßigen  Beweis  für  die  Richtigkeit  des
Verfahrens  der  Staatsregierung  beizubringen  nicht  ermöglichen.  Diese  Zahlen
sind  zum  Teil  ihrer  Natur  nach  unsicher,  sie  beruhen  auf  Schätzungen;  sie
sind  oft  schon  8  Tage,  nachdem  sie  eingebracht  worden  sind,  durch  veränderte
Verhältnisse  falsch  geworden.  Aber  trotz  alledem  hat  die  Staatsregierung
die  ganz  feste  Ueberzeugung  gewonnen,  daß  von  einem  Notstande  im  Lande
zur  Zeit  nicht  die  Rede  sein  kann  (sehr  richtig!  rechts),  und  daß  die  gegenwärtigen
  Verhältnisse  Gott  sei  Dank!  auch  keine  Aussicht  dafür  geben,  daß
es  zu  einem  Notstande  kommen  wird.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Nicht  einmal  außergewöhnliche  Maßregeln  würden  durch  die  Anschauung,
  die  die  Staatsregierung  von  der  Lage  im  Lande  bekommen  hat,
hinreichend  motiviert  werden.

Wir  haben  in  Betracht  zu  ziehen  gehabt  die  kommende  Ernte  im
Inlande.  Daß  sie  keine  gute  werden  wird,  halten  wir  für  wahrscheinlich,
für  ebenso  wahrscheinlich  aber,  daß  sie  besser  werden  wird,  als  man  noch
vor  14  Tagen  erwartet  hat.  (Sehr  richtig!)

Wir  werden  voraussichtlich,  wenn  nicht  unerwartete  Naturereignisse
eintreten,  eine  Mittelernte  haben;  eine  solche  Mittelerme  aber  gibt  keinen
Anlaß  zu  dem  Glauben,  daß  wir  vor  einem  Notstande  stehen  würden.

Wir  haben  dann  in  Betracht  ziehen  müssen,  welche  Vorräte  haben
wir  im  Inlande?  Das  ist  unendlich  schwer  zu  schätzen.  Diejenigen  Leute,
die  etwa  noch  größere  Vorräte  in  Händen  haben,  sind  naturgemäß  wenig
geneigt  zu  Offenbarungen;  auf  der  anderen  Seite  ist  es  zweifellos,  daß  im
Lande  eine  Unzahl  kleiner  Posten  für  den  eigenen  Bedarf  vorhanden  sind,
die  sich  jeder  Schätzung  und  jeder  Zählung  entziehen.  Die  Summe  dieser
        <pb n="94" />
        86  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)

kleinen  Posten  aber  ist  voraussichttich  größer,  als  im  allgemeinen  angenommen
  wird.

Wenn  wir  also  auch  nicht  verkennen,  daß  die  Verhältnisse  im  Inlande
so  sind,  daß  sie  nicht  ausreichen,  das  Land  zu  ernähren,  so  sind  wir  auf
der  anderen  Seite  nicht  besorgt.  Es  muß  zugegeben  werden:  wir  haben
hohe  Preise  für  das  Brotkorn;  indessen  auch  diese  Preise  sind  nicht  so,  daß
sie  uns  beunruhigten.  Wir  haben  seit  dem  Jahre  1850  in  sieben  Jahren
Jahresdurchschnittspreise  gehabt,  die  ungefähr  auf  der  Höhe  standen,  auf  der
unsere  Roggenpreise  heute  stehen.  (Sehr  richtig!  rechts.  Hört!  Hörtl)

Wir  mußten  uns  nun  weiter  fragen:  wie  steht  das  Ausland?  Wir
sind  auf  den  Import  angewiesen;  seit  einer  Reihe  von  Jahren  hat  Preußen
aufgehört,  ein  Getreide  exportierender  Staat  zu  sein.  Wir  find  auf  den
Import  angewiesen,  und  je  mehr  die  Bevölkerungsziffer  steigt,  umsomehr
werden  wir  darauf  angewiesen  bleiben.  Es  fragt  sich  also:  werden  die
Länder,  die  uns  gewohnheitsmäßig  bisher  mit  Getreide  versehen,  unseren
Bedarf  gedeckt  haben  —,  werden  die  zur  Zeit  im  stande  sein,  den  vergrößerten
Bedarf  ebenfalls  zu  decken?  und  wir  glauben,  diese  Frage  bejahen  zu  müssen.
Es  kommen  da  in  Betracht  außer  Oesterreich-Ungarn:  Rußland,  Nord-Amerika
  und  Indien.  Die  Nachrichten  über  den  Erntestand  in  Oesterreich-Ungarn
  lauten  ungefähr  so  wie  unsere  eigenen,  die  Rußlands  im  Norden
weniger  günstig,  in  der  Mitte  und  im  Süden  dagegen  scheint  sich  die  Sache
erheblich  besser  zu  gestalten,  als  man  noch  vor  kurzem  annahm.  Gegründete
Aussicht  auf  eine  sehr  gute  Ernte  haben  Nord-Amerika  und  Ost-Indien.
Daraus  folgt,  daß  ein  Teil  dieser  Länder  im  stande  sein  wird,  denjenigen
Zuschuß  zu  leisten,  dessen  Deutschland  bedarf,  um  bis  zur  nächsten  Ernte
fortzukommen  und  auch  nach  der  nächsten  Ernte,  da  wo  es  etwa  fehlen  sollte,
auszuhelfen.

Die  Nachrichten,  die  die  Staatsregierung  aus  Handelsplätzen  von
hervorragenden  Kaufleuten,  von  Rhedern,  von  Versicherungsgesellschaften  rc.
eingezogen  hat,  gehen  übereinstimmend  dahin,  daß  zur  Zeit  erhebliche  Transporte
  bereits  nach  Deutschland  unterwegs  sind.  Es  soll  das,  wie  man  mir
sagte,  eine  Erscheinung  sein,  die  alle  Jahre  eintritt,  daß  im  Mai,  Juni  und
Juli,  die  Importe  sich  zu  steigern  pflegen.  Es  wird  in  diesem  Jahre
natürlich  noch  wahrscheinlicher,  teils  durch  unsere  hohen  Preise,  teils
aber  durch  Verhältnisse  in  jenen  Ländern,  auf  deren  Import  wir  angewiesen
sind.  Uns  scheint  es  zweifellos  zu  sein,  daß  der  nordamerikanische  Markt
in  dem  Bewußtsein  vor  einer  überreichlichen  Ernte  zu  stehen  im  Begriff  ist,
abzuschieben,  was  er  aus  vorjährigen  Beständen  noch  übrig  hat.  Wir  werden
nach  Wochen  zählen  können,  bis  das  erste  ostindische  Getreide  auf  dem  europäischen
  Weltmarkt  eintrifft.

Nun  ist  das,  was  aus  Nord-Amerika  und  aus  Ost-Indien  auf  unseren
Markt  kommt,  vorherrschend  Weizen,  während  es  ja  bekannt  ist,  daß  in
Preußen  das  Roggenbrot  noch  die  Nahrung  des  größten  Teils  unserer
ärmeren  Klassen  ist,  daß  also  der  Roggen  noch  eine  hervorragende  Rolle
spielt.  Indessen  auch  in  dieser  Beziehung  glauben  wir  keine  großen  Befürchtungen
  hegen  zu  müssen.  Soweit  wir  die  Sache  übersehen  können,  sind
in  Rußland  noch  Roggenbestände,  die  sich,  wie  es  scheint,  in  den  Händen
einzelner  reicher  Personen  befinden,  die  auf  den  Augenblick  warten,  wo  es
ihnen  nutzbringend  erscheinen  wird,  damit  auf  dem  deutschen  Markt  zu
erscheinen.

Es  ist  ferner  eine  nicht  erst  jetzt  beobachtete  Erscheinung,  daß  in
Deutschland  der  Weizenkonsum  im  Verhältnis  zum  Roggenkonsum  zunimmt,
mag  das  Motiv  davon  sein,  daß  die  Bevölkerung  mehr  Geschmack  am  Weizen
findet,  mag  es  der  steigende  Wohlstand  sein,  mag  es  auch  die  Abnahme  des
        <pb n="95" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)  87

Roggenbaues  sein.  Die  Thatsache  liegt  vor  und  spricht  dafür,  daß,  wenn
uns  Roggen  fehlen  würde,  ein  Uebergang  zu  geringeren  Weizensorten  für
diejenigen  Klassen,  die  bisher  Roggen  gegessen  haben,  in  nicht  unerheblichem
Maße  möglich  ist.  Es  kommt  dann  hinzu,  daß  die  Marktverhältnisse  in  den
sogenannten  Nebenartikeln  günstig  stehen,  so  daß  das  Land,  wenn  es  davon
absieht,  Roggen  zu  anderen  Zwecken,  z.  B.  zu  Futterzwecken,  zu  verkaufen,
und  dazu  diese  Nebenartikel  verwendet,  wohl  in  der  Lage  sein  wird,  seinen
Nahrungsbedarf  an  Roggen  zu  decken.

Wenn  nun  die  Verhältmnisse  so  liegen,  so  entsteht  für  die  Staatsregierung
  die  Frage:  soll  man  nicht  doch  angesichts  des  Drängens  von  verschiedenen
  Seiten,  angesichts  der  Aufregung,  die  im  Lande  auf  die  eine  oder
andere  Weise  über  diese  Frage  entstanden  ist,  sich  entschließen,  jetzt  auf  eine
Herabsetzung  oder  Aufhebung  der  Zölle  hinzuwirken!  Man  muß  sich  da
die  Frage  vorlegen:  was  würde  eine  solche  Aufhebung  zur  Zeit  nützen!
Die  Frage,  wieweit  Zölle  auf  die  Preisbildung  einwirken,  ist  —  und  darüber,
  glaube  ich,  wird,  seitdem  zum  erstenmal  in  diesem  Hause  über  Kornzölle
  verhandelt  worden  ist,  eine  Klärung  der  Ansichten  eingetreten  sein  —
eine  sehr  komplizierte  und  nicht  mit  so  einfachen  Worten,  wie  „das  Ausland
bezahlt den  Zoll“  oder  „der  Konsument  bezahlt  den  Zoll“  abzuthun.  (Sehr
richtig!)

Zahlreiche  sehr  schwer  zu  übersehende  Verhältnisse  machen  es  selbst
unseren  größten  Nationalökonomen  schwierig,  nicht  allein  generell  über  diese
Frage  zu  entscheiden,  sondern  auch  im  einzelnen  Fall  einwandsfreie  Resultate
zu  gewinnen.

Sehr  schwer  wird  es  im  gegenwärtigen  Fall  sein,  festzustellen,  wie
weit  eine  Aufhebung  oder  Herabminderung  der  Kornzölle  auf  Zeit  geeignet
wäre,  die  Kornpreise  bei  uns  zum  Sinken  zu  bringen.  (Sehr  richtig!)  Wir
haben  in  den  letzten  Tagen,  wo  infolge  der  Sitzung  vom  27.  Mai  sich  in
weiteren  Kreisen  der  Glaube  verbreitete,  es  würden  die  Zölle  heruntergesetzt
werden,  die  Erfahrung  gemacht,  daß  in  Nachbarländern,  in  Rußland,  den
Niederlanden  ect.  die  Preise  anzogen.  (Sehr  richtigl)  Das  Ausland  schickte
sich  eben  an,  von  der  ungewöhnlichen  Lage,  in  der  wir  uns  befinden,  Nutzen
zu  ziehen.

Es  läßt  sich  nicht  in  Abrede  stellen,  daß  der  Weltmarkt,  der  ja
unsere  Kornpreise  mit  bedingt,  im  ganzen  eine  steigende  Tendenz  hat,  und
nach  dem,  was  ich  von  Sachverständigen  ersten  Ranges  gehört  habe,  neige
ich  mich  auch  dem  Glauben  zu,  daß  diese  steigende  Tendenz  noch  anhalten  wird.

Es  werden  verschiedene  Gründe  dafür  angegeben.  Der  eine  sagt:
unser  Kornhandel  ist  schon  seit  Jahren  nicht  weitsichtig  genug  gewesen,  er
hat  mit  falschen  Voraussetzungen  gerechnet,  er  fängt  jetzt  erst  an  zu  erkennen,
wie  die  Sache  liegt,  und  er  wird  genötigt  sein,  mit  den  Preisen  in  die
Höhe  zu  gehen.  Andere  behaupten:  bei  der  steigenden  Bevölkerung  in  der
ganzen  zivilisierten  Welt  wird  der  Getreidebedarf  immer  stärker,  und  der
Getreidebau  hat  damit  nicht  Schritt  gehalten;  dieser  zweite  Teil  kommt  zu
demselben  Resultat,  wenn  auch  aus  anderen  Voraussetzungen:  der  Welthandel
  wird  eine  steigende  Tendenz  behalten.

Setzen  wir  nun  die  Zölle  herunter,  so  ist  nach  meiner  Ueberzeugung
mit  Sicherheit  anzunehmen,  daß  die  Preisermäßigung  auf  dem  deutschen
und  preußischen  Markte  nicht  der  Heruntersetzung  unserer  Zölle  gleichkommt.
(Sehr  richtigl)  Seit  einer  Reihe  von  Wochen  ist  der  Preis  des  Getreides
in  Deutschland  gleich  dem  Weltmarktpreise  —  ich  nehme  hier  den  Londoner
Preis  als  Weltmarktpreis  an  —  plus  den  Zöllen.  Und  nun  variiert  es:
einmal  kommt  es  etwas  höher  und  einmal  etwas  drunter,  im  allgemeinen
aber  zahlen  wir  zur  Zeit  Weltmarktpreis  plus  Zoll.
        <pb n="96" />
        88  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)

Wenn  wir  aber  den  Zoll  aufheben,  so  ist  mit  —  wie  ich  glaube  —
Sicherheit  vorauszusehen,  daß  ein  Teil  des  Zolles  an  das  Ausland  fällt;
mann  kann  den  Teil  größer  oder  geringer  taxieren,  ein  Teil  aber  fällt  dem
Auslande  zu  und  nur  ein  anderer  Teil  würde  den  inländischen  Konsumenten
zu  gute  kommen.  Das  Ausland  also  gehört  jedenfalls  zu  den  Gewinnern.

Wie  weit  der  inländische  Konsument  zu  den  Gewinnern  gehören
würde,  das  ist  zweifelhaft  (Sehr  richtig),  um  so  zweifelhafter,  je  geringer
die  Herabsetzung  ist  und  auf  je  kürzere  Zeit  sie  beliebt  würde.

Die  Staatsregierung  hat  in  reiflicher  Erwägung  aller  dieser  Verhältnisse
  sich  davon  überzeugt,  daß  mit  einer  mäßigen  Herabsetzung  der
Zölle  —  also  etwa  das,  was  man  ein  Offenlassen  bis  zum  Perfektwerden
des  deutsch-österreichischen  Handelsvertrages  nennen  würde,  nicht  geholfen
ist,  sondern  daß,  wenn  eine  Ermäßigung  der  Brotpreise  eintreten  soll,  wenn
also  unseren  armen  Mitbürgern  geholfen  werden  soll,  dann  der  Zoll  auf
Zeit  ganz  erlassen  werden  müßte.  Das  aber  ist  eine  Maßregel,  zu  der  die
Staatsregierung  sich  nicht  würde  entschließen  können.

Wenn  wir  also  auf  der  einen  Seite  den  Nutzen,  der  aus  einer  Herabsetzung
  oder  aus  einer  zeitweisen  Aufhebung  des  Getreidezolles  entstehen
würde,  für  einen  fraglichen  halten,  so  halten  wir  für  ungleich  weniger  fraglich
  den  Schaden,  der  aus  einer  solchen  Maßregel  entstehen  würde.  Darüber
kommen  die  Sachverständigen  des  Handels,  der  Industrie  und  der  Landwirtschaft,
  wie  mir  scheint,  überein,  daß  für  eine  gesunde  Entwickelung  dieser
Erwerbszweige  Stetigkeit  das  erste  Erfordernis  ist.  (Sehr  richtig!)  Stetigkeit
  braucht  der  Handel,  um  Verbindungen  einzugehen,  die  ja,  wie  es  beim
Handel  meist  der  Fall  ist  und  beim  Getreidehandel  erst  recht,  oft  erst  in
langer  Zeit  wirksam  werden.  Einer  ruhigen  Entwickelung  bedarf  der  Handel.
Wenn  man  aber  die  Zölle  auf  Monate  hin=  und  herwirft,  so  ist  eine  solche
ruhige  Entwickelung  gefährdet.  Das  solide  Geschäft  leidet  darunter  und
zieht  sich  vom  Handel  zurück,  während  die  Spekulation  —  und  ich  will
dabei  sagen,  um  nicht  mißverstanden  zu  werden,  ich  halte  die  Spekulation
nicht  für  etwas  Schädliches  an  sich,  sondern  für  etwas  an  sich  Nötiges,  sie
muß  die  Bedürfnisse  des  Volkes  vorhersehen,  um  ihnen  nachkommen  zu
können  —  ich  will  damit  nicht  sagen,  daß  nicht  wie  alle  menschlichen  Dinge
auch  sie  ihre  Uebertreibungen  und  Mißleitungen  erfahren  könnte,  aber  die
Spekulation  ist  im  ganzen  erforderlich.  Nach  dieser  Parenthese  will  ich  fortfahren
  —  die  Spekulation,  ich  möchte  sagen,  die  wilde  Spekulation,  die
prosperiert  bei  dem  Hin=  und  Herschwanken  der  Verhältnisse,  unter  denen
der  Handel  sich  zu  bewegen  hat,  und,  ich  wiederhole,  der  gesunde  und  solide
Handel  bedarf  der  Stetigkeit.  (Sehr  richtig!)

Aehnlich  liegen  die  Verhältnisse  nach  meinem  Dafürhalten  in  Bezug
auf  die  Landwirtschaft.  Ich  kann  da  zunächst  anführen,  daß,  wenn  die
Staatsregierung  sich  entschlösse,  bei  den  Reichsbehörden  eine  Aufhebung
unserer  Getreidezölle  oder  wenigstens  der  Zölle  für  Brotgetreide  auf  Monate
zu  beantragen,  und  wenn  dieser  Antrag  Folge  hätte,  daß  wir  dann  doch
nach  Ablauf  der  Frist,  für  die  die  Aufhebung  gegeben  wurde,  sehr  leicht  in
der  Verlegenheit  sein  könnten,  das  schwer  wieder  einzuführen,  was  wir  erst
aufgehoben  haben  (sehr  richtig!l),  daß  dann  eine  Agitation,  eine  Bewegung
in  der  Bevölkerung  entstehen  könnte  durch  Ereignisse,  die  sich  im  Augenblick
ja  gar  nicht  übersehen  lassen,  in  noch  höherem  Grade  wie  jetzt;  sie  könnte
vielleicht  innerlich  nnberechtigt  sein;  sie  könnte  aber  ein  Motiv  haben,  welche
es  einem  Teile  der  mitwirkenden  Faktoren  erschweren  müßte,  überhaupt  auf
Getreidezölle  zurückzukommen.

Nun  haben  aber  die  preußische  Regierung  und,  soweit  ich  unterrichtet
bin,  die  verbündeten  Regierungen  keineswegs  im  Sinn  und  auch  nicht  im
        <pb n="97" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)  89

Sinn  gehabt,  zu  einem  Freihandelssystem  in  Bezug  auf  das  Getreide  über—
zugehen.  (Hört,  hört!  Sehr  gut!  rechts  und  im  Zentrum.)

Wir  haben  in  Verhandlungen,  die  ja  offenkundig  sind,  mit  anderen
Staaten  uns  entschlossen,  zu  einer  gewissen  Herabsetzung  unserer  Getreidezölle
die  Zustimmung  zu  geben,  aber  unter  der  Voraussetzung,  daß  wir  da  auf
anderem  Gebiete  Gewinne  machen,  die  uns  eben  Aequivalente  dafür  geben
Ich  bin  nicht  in  der  Lage,  mich  im  Augenblick  in  dieser  Beziehung  zu
äußern,  und  muß  zugleich  im  voraus  sagen,  daß,  wenn  irgendwo  die  Debatte
auf  den  deutsch-österreichischen  Handelsvertrag  geleitet  würde,  ich  wiederum
in  der  Notwendigkeit  sein  würde,  auf  eine  Unterhaltung  darüber  nicht  einzugehen
  und  nur  zu  konstatieren,  daß  ich  die  Behandlung  dieses  Themas  in
weiterem  Maße  zur  Zeit  auf  das  äußerste  beklagen  müßte.  (Hört,  hört!l)

Führten  wir  nun  geringere  Zölle  ein  aof  kürzere  Zeit,  oder  schritten.
wir  auf  kürzere  Zeit  gar  zu  der  vollständigen  Aufhebung  der  Getreidezölle,
so  müßten  wir  doch  auch  mit  der  Möglichkeit  rechnen,  daß  am  Ende  dieses
Termins  der  deutsche  Markt  mit  ausländischem  Getreide  dermaßen  überschwemmt
  sein  könnte  (sehr  richtig!),  daß  dann  unsere  nächste  Ernte  in  Verlegenheit
  wäre.  (Lebhafte  Zustimmung.)

Die  französische  Regierung  hat  in  dieser  Beziehung  nach  meiner  Ansicht
  korrekt  gehandelt  —  es  kann  hier  nicht  meines  Amtes  sein,  in  eine
Untersuchung  darüber  einzutreten,  welche  Motive  die  französische  Regierung
geleitet  haben  können  —  aber  ich  erkenne  an,  daß  sie  richtig  gehandelt  hat:
sie  läßt  diese  Zölle  erst  vom  nächsten  August  an  fallen,  also  zu  einem  Termin,
wo  mit  der  dann  beginnenden  stärkeren  Einfuhr  die  eigene  Ernte  schon  konkurrieren
  kann.

Ließen  wir  unsere  Zölle  heute  fallen,  so  würden  wir  in  der  Lage
sein,  möglicherweise  —  das  sind  alles  Dinge,  ich  wiederhole  es,  die  nicht
mit  apodiktischer  Gewißheit  zu  beweisen  sind  —  möglicherweise  eine  so  starke
Einfuhr  zu  bekommen,  daß  dann  unsere  Landwirtschaft  unter  der  Unabsetzbarkeit
  der  eigenen  Ernte  litte.  (Sehr  richtig!)

Neben  diesen  auf  den  Handel  und  die  Landwirtschaft  basierten  Motiven
  hat  die  Staatsregierung  auch  Motive  politischer  Art.  Man  kann  uns
einwenden:  macht  doch  dieser  unerquicklichen  Agitation  ein  Ende.  Es  ist  ja
nichts  einfacher  für  die  Regierung,  als  daß  sie  sagt:  die  öffentliche  Meinung
ist  dafür,  —  wir  würden  vielleicht  in  allen  Parteien  dieses  Hauses  Stimmen
für  einen  Schritt  beim  Bundesrat,  der  auf  Aufhebung  der  Zölle  zielte,  gewinnen
  können.  Ja,  wenn  wir  von  dem  Gesichtspunkt  ausgingen,  so  wäre
unsere  Verantwortung  allerdings  leicht  gedeckt.  Ich  bin  aber  der  Meinung,
daß  eine  Regierung  dazu  da  ist,  Verantwortung  zu  tragen  und  auf  sich  zu
nehmen,  wenn  sie  davon  überzeugt  ist,  daß  das,  was  sie  will,  zum  Besten
des  Staates  dient.  (Sehr  richtig!)

Eine  Regierung  muß  auch  gegen  den  Strom  schwimmen  können;
(sehr  gut!)  und  selbst,  wenn  der  Strom  der  Agitation  in  Bezug  auf  diese
Maßregel  noch  wachsen  sollte,  so  traue  ich  uns  zu,  daß  der  Strom  uns  nicht
auf  die  andere  Seite  bringen  wird  (sehr  gut!  Bravo!),  so  wenig  wie  manche
andere  Agitation  uns  schon  aus  der  Richtung  gebracht  hat,  die  wir  für  die
richtige  gehalten  haben.  (Lebhaftes  Bravo!)

Wir  haben  —  und  darin  möchten  wir  niemandem  nachstehen  —  ein
warmes  Herz  für  die  armen  Klassen.  Aber  auch  in  dieser  Beziehung  glauben
wir  recht  zu  handeln,  wenn  wir  auf  eine  Herabsetzung  oder  Aufhebung  der
Getreidezölle  auf  einige  Monate  nicht  eingehen.  Wie  weit  würde  sich  denn
der  Brotpreis  ändern,  wenn  die  ganze  Welt,  der  Zwischenhändler  und  der
Bäcker,  an  sich  auch  Leute,  die  ihr  gutes  Recht  haben,  einen  Gewinn  machen
zu  wollen  —  von  Hause  aus  wüßten:  die  Sache  dauert  nicht  lange?  Was
        <pb n="98" />
        90  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)

würde  dann  eine  Herabsetzung  der  Zölle,  etwa  auf  die  Hälfte  nützen!  Wenn
wir  den  Roggenzoll  auf  25  M  für  die  Tonne  auf  vier  Monate  herabsetzten,
so  würde  der  Effekt  vielleicht  der  sein,  daß  das  Kilogramm  etwa  2  bis  3  Pf.
billiger  würde.  Ich  habe  nicht  den  Glauben,  daß  diese  Preisermäßigung
in  dem  Preise  oder  in  dem  Gewicht  des  Brotes  zum  Ausdruck  kommt.
(Sehr  richtigl)

Ich  glaube  nicht,  daß  eine  so  unbedeutende  und  auf  so  kurze  Zeit
ergriffene  Maßregel  im  stande  sein  würde,  den  weniger  bemittelten  Klassen
wirksam  zu  helfen.  Ich  glaube  dagegen,  wenn  wir  auf  längere  Zeit  die
Getreidezölle  ermäßigen  können,  wie  wir  das  —  wie  ich  mir  schon  erlaubt
habe  zu  sagen,  und  wie  es  ja  offenkundig  ist  —  im  Laufe  von  Vertragsverhandlungen
  mit  andern  Staaten  ins  Auge  gefaßt  haben,  daß  dann  auf  eine
längere  Zeit,  eine  Reihe  von  Jahren,  der  ärmeren  Bevölkerung  mehr  genutzt
werden  kann,  daß  Lohn  und  Brotpreise  der  Arbeiter  sich  besser  stellen  werden
als  jetzt,  falls  wir  etwa  auf  vier  Monate  eine  Herabsetzung  herbeiführen
wollten;  wir  werden  dann,  wie  ich  hoffe,  die  Verhältnisse  dieser  Klassen
dauernd  bessern,  während  wir  jetzt  im  günstigsten  Falle  eine  unbedeutende,
kaum  bemerkbare  Verbesserung  auf  kurze  Zeit  haben  würden.  (Sehr  gut!
rechts.)

Eine  Herabsetzung  oder  Aufhebung  der  Getreidezölle  wäre  nun  aber
auch  in  handelspolitischer  Beziehung  für  die  Reichsregierung  zur  Zeit  in  so
hohem  Grade  unerwünscht,  wie  nur  irgend  möglich.  Für  die  größere  Handelspolitik
  ist  eine  gewisse  Stetigkeit  der  Anschauungen,  eben  der  leitenden
Anschauungen,  ebensogut  Erfordernis,  wie  für  Handel  und  Industrie  und
den  Wandel  im  Lande.  Wir  können  nicht  in  große  handelspolitische  Aktionen
eintreten  und  sie  mit  Aussicht  auf  Erfolg  durchführen,  wenn  wir  anscheinend
in  unseren  eigenen  Anschauungen  wechseln,  noch  ehe  wir  nur  das  erste  Resultat
  solcher  Aktionen  eingeheimst  haben.  Wir  würden  dem  Auslande
gegenüber  als  eine  Regierung  und  weiter  auch  als  eine  Nation  erscheinen,
mit  der  auf  einen  langen  Zeitraum,  auf  eine  Reihe  von  Jahren  sich  in
solche  Transaktion  einzulassen,  bedenklich  ist.  Wir  würden  vor  der  Gefahr
stehen,  daß  das,  was  wir  gewonnen  haben,  scheitert,  noch  ehe  wir  es  an
einer  einzigen  Stelle  haben  vollenden  können,  wenn  wir  jetzt  schwankend
werden,  und  einer,  vom  Standpunkt  des  Auslandes  aus,  doch  immerhin
leichten  Strömung  in  entgegengesetzter  Richtung  nachgeben  wollten.  Die
Staatsregierung  ist  sich  ihrer  Verantwortung  in  dieser  Beziehung  vollkommen
bewußt,  sie  ist  sich  aber  auch  der  Verantwortung  bewußt,  die  sie  tragen
würde,  wenn  sie  dazu  mitwirkte,  die  handelspolitische  Aktion,  von  der  sie
sich  sehr  viel  für  Staat  und  Reich  verspricht,  zu  stören;  und  ich  kann  für
meine  Person  sagen,  daß  ich  eine  solche  Verantwortung  auf  mich  zu  nehmen
nicht  geneigt  sein  würde.  Wir  sind  darauf  gefaßt,  daß  man  in  der  nächsten
Zeit  von  vielen  Seiten  unser  Verhalten  nicht  verstehen  und  mißbilligen
wird.  Indessen  wir  müssen  uns  das  gefallen  lassen,  und  wir  werden  es
uns  gern  gefallen  lassen,  wenn,  wie  wir  hoffen,  das,  was  wir  thun,  dem
Lande  zum  Segen  gereichen  wird.  (Lebhafter  Beifall  rechts.)

In  derselben  Sitzung  wird  die  Landgemeinde-Ordnung
in  der  Fassung,  wie  sie  vom  Herrenhaus  zurückgekommen  (vgl.
13.  Mai)  mit  einigen  Modifikationen  angenommen.

Zum  Schluß  erklärt  Abg.  v.  Rauchhaupt:

Seine  politischen  Freunde  würden  gegen  die  Landgemeindeordnung
im  ganzen  stimmen,  wenn  es  ihnen  auch  nicht  leicht  werde.  Sie  seien  dazu
einmal  genötigt,  weil  in  den  §§  48  und  109  ihnen  diejenigen  Grundsätze,
        <pb n="99" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)  91

die  sie  für  eine  förderlich  wirkende  Landgemeindeordnung  für  unerläßlich
hielten,  nicht  bewilligt  seien.  Ein  zweiter  Grund  sei  für  sie  die  Erklärung
des  Ministers  im  Herrenhause.  Er  habe  dort  gesagt,  daß  allerdings  die
Absicht  der  Konservativen  im  Abgeordnetenhaus  gewesen  sei,  grundsätzliche
und  prinzipielle  Aenderungen  an  der  Regierungsvorlage  vorzunehmen,  daß
aber  diese  Anträge  sämtlich  abgelehnt  worden  seien,  und  seine  Ausführung
mit  der  Wiederholung  geschlossen,  daß  die  Vorlage  prinzipielle  Aenderungen
an  den  Grundsätzen  nicht  erfahren  habe.  In  den  Zwischensätzen  habe  der
Minister  ausgeführt,  daß  die  drei  Ziele:  Erleichterung  der  Zusammenlegung
der  Gutsbezirke  mit  Gemeinden,  Zulassung  der  Nicht-Eingesessenen  zum
Stimmrecht  und  Zwangs-Zweckverbände,  erreicht  seien.  Damit  in  dem  Lande
nicht  die  Auffassung  entstehe,  daß  seine  Partei  diesen  drei  Zielen  widerstrebt
habe,  konstatiere  er  zunächst,  daß  sie  diese  drei  Ziele  voll  teile  und  durchaus
billige.  Die  Wege  aber,  um  zu  diesen  Zielen  zu  gelangen,  seien  für  sie
grundsätzlich  von  denen  des  Staatsministeriums  verschieden.  Sie  müsse  Wert
darauf  legen,  durch  die  Erklärung  des  Ministers  nicht  in  den  Verdacht  zu
kommen,  daß  die  Thätigkeit  der  Konservativen  bei  den  Verhandlungen  an
den  Prinzipien  der  Vorlage  nichts  geändert  habe  und  pro  nihilo  gewesen
sei.  Bei  zahlreichen  Punkten  habe  seine  Partei  vielmehr  ihrer  Auffassung
Platz  zu  schaffen  versucht  und  gewußt.  Zunächst  bei  der  Verbindung  von
Gutsbezirken  und  Gemeinden  habe  sie  den  maßgebenden  Einfluß  der  Selbstverwaltungsorgane
  wiederherzustellen  versucht  und  teilweise  auch  erreicht.
Zweitens  habe  sie  bei  der  Gemeindebesteuerung  zwar  zugestimmt,  den  Staatssteuerfuß
  einzuführen,  dies  aber  grundsätzlich  dahin  geändert,  daß  die  Gewerbesteuer
  der  Grundsteuer  nicht  gleichgestellt  werde.  Dann  habe  sie  die
niedrige  Heranziehung  der  Waldungen  beseitigt.  Ferner  habe  sie  dadurch,
daß  sie  die  Heranziehung  der  Leute  über  660  bis  900  M  zu  den  Gemeindelasten
  als  Bedingung  des  Stimmrechts  herbeigeführt  habe,  bezüglich  der
Autonomie  der  Gemeinden  eine  grundsätzliche  Aenderung  erreicht.  Dann
habe  sie  den  Häuslern  ihr  Stimmrecht  wiedergegeben,  das  die  Staatsregierung
  ihnen  habe  nehmen  wollen,  ferner  habe  sie  das  Uebergewicht  der  Angesessenen
  anders  reguliert,  als  die  Regierung  gewollt  habe.  Es  sei  sodann
die  Verleihung  des  Einzelstimmrechts  durch  Ortsstatut  reguliert  worden,
Schulze  und  Schöffen,  die  von  dem  Stimmrecht  ausgeschlossen  gewesen  seien,
habe  sie  wieder  hineinkorrigiert,  ein  kollegialer  Gemeindevorstand,  den  die
Staatsregierung  gar  nicht  gekannt  habe,  sei  eingeführt,  es  sei  bestimmt
worden,  daß  die  Amtsvorsteher  gehört  würden  vor  der  Bestätigung  der  Ortsvorsteher
  und  Schöffen.  Die  Beschlußfähigkeit  in  der  Urversammlung  sei
von  der  Hälfte  auf  ein  Drittel  herabgesetzt,  die  Beschränkung  der  Oeffentlichkeit
  wenigstens  für  die  Urversammlung  durchgeführt.  Also  die  Behauptung
  des  Ministers,  daß  die  Konservativen  pro  nihilo  gearbeitet  hätten,
treffe  nicht  zu.  Sie  könnten  aber  nicht  weitergehen,  als  sie  gegangen  seien,
sie  müßten  darauf  sehen,  daß  der  Minister  ihre  Zustimmung  zu  dem  Gesetze
nicht  wiederum  im  Herrenhaus  verwerte,  und  würden  sich  deshalb  ablehnend
gegen  das  ganze  Gesetz  verhalten.

Minister  des  Innern  Herrfurth:

Ich  will  offen  gestehen,  ich  verstehe  die  Deduktionen  des  Herrn  Abg.
v.  Rauchhaupt  nicht,  wenn  er  zur  Rechtfertigung  des  Entschlusses,  daß  er
und  seine  politischen  Freunde  gegen  die  ganze  Landgemeindeordnung  stimmen
wollen,  eine  Reihe  von  Aenderungen  anführt,  die  er  als  erhebliche  und  zwar
prinzipielle  Verbesserungen  der  Regierungsvorlage  bezeichnet  und  von  denen
er  den  Ruhm  der  Verbesserung  sich  und  seiner  Fraktion  zuschreibt.  Ich
könnte  es  verstehen,  wenn  er  sagte:  nachdem  wir  alles  dies  erreicht  haben,
        <pb n="100" />
        92  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)

stimmen  wir  für  die  Landgemeindeordnung,  obwohl  darin  verschiedenes  uns
nicht  besonders  gefällt.  (Sehr  wahr!)  So  aber  —  muß  ich  sagen  —  verstehe
  ich  diese  Deduktionen  nicht  ganz,  und  nachdem  ich  meinerseits  alle  diese
Beschlüsse,  die  er  angeführt  hat,  namens  der  Staatsregierung  im  Herrenhause
  vertreten  habe,  ist  dieser  Angriff  doch  in  etwas  auffallender  Weise
—  ich  möchte  sagen  —  improvisiert,  wenn  er  nicht  so  sehr  gut  vorbereitet
wäre.  (Heiterkeit.  Bravo!  links  und  bei  den  Nationalliberalen.)

Meine  Herren!  Ich  will  zunächst  erklären:  als  politische  Freunde
des  Herrn  v.  Kleist-Retzow  habe  ich  weder  die  Herren  von  der  freikonservativen
  Partei,  noch  die  Herren  Nationalliberalen  jemals  im  Gedanken  gehabt;
  ich  habe  nicht  einmal  die  gesamte  Fraktion  der  Konservativen  in  Gedanken
  gehabt,  als  ich  jene  Aeußerung  gethan  habe.

Meine  Herren!  Aber  was  meine  Aeußerung  über  prinzipielle  Aenderungen
  anlangt,  so  erinnere  ich  daran,  daß  ich  allerdings,  und  ich  glaube
in  nicht  mißzuverstehender  Weise,  genötigt  gewesen  bin,  gegen  gewisse  Beschlüsse,
  welche  bereits  in  der  Kommission  gefaßt  worden  waren,  Front  zu
machen,  sowie  gegen  Anträge,  welche  von  jener  Seite  in  der  Kommission
und  im  Plenum  gestellt  worden  sind,  und  die  ich  nomine  der  Staatsregierung
  für  unannehmbar  erklären  mußte.  Ich  wiederhole  nur,  wenn  der  §  2
so  gefaßt  worden  wäre,  wie  er  nach  den  ursprünglichen  Anträgen  und  Beschlüssen
  sich  gestaltet  haben  würde,  daß  ausschließlich  durch  Beschluß  des
Kreisausschusses,  oder  wie  es  hier  in  der  ersten  Lesung  hieß,  sogar  nur  auf
Antrag  des  Kreisausschusses  eine  zwangsweise  Vereinigung  von  Landgemeinden
und  Gutsbezirken  mit  anderen  Gemeinden  und  Gutsbezirken  herbeigeführt
werden  könne,  wenn  die  Regelung  des  Stimmrechts  lediglich  und  ausschließlich
  dem  Ortsstatut  überlassen  worden  wäre,  dann  würde  ich  nicht  in  der
Lage  gewesen  sein,  Allerhöchsten  Orts  die  Sanktionierung  eines  solchen  Gesetzes
  zu  befürworten.

Das  sind  die  Fragen,  die  ich  bei  jener  Aeußerung  als  prinzipielle
ins  Auge  gefaßt  hatte.  Denn,  meine  Herren,  für  die  übrigen  von  Herrn
v.  Rauchhaupt  erwähnten  Aenderungen  habe  ich  hier  in  der  größten  Mehrzahl
  als  Minister  die  Zustimmung  erklärt  und  habe  schließlich  als  Abgeordneter
  für  dieselben  gestimmt,  und  ich  vermag  nicht  anzuerkennen,  wenn
ich  sachlich  für  alle  diese  Beschlüsse  im  Herrenhause  eingetreten  bin  und
Beschlüsse,  welche  ich  früher  hier  in  diesem  Hause  für  unannehmbar  erklärt
habe,  auch  in  dem  anderen  Hause  als  solche  gekennzeichnet  und  deren  Ablehnung
  für  erfreulich  erachtet  habe,  daß  das  ein  genügender  Grund,  ja  nicht
einmal  ein  genügender  Vorwand  sein  könne,  gegen  die  Landgemeindeordnung
als  solche  zu  stimmen.  (Sehr  richtig!)

Meine  Herren,  es  ist  früher,  als  die  Herren,  welche  heute  nach  jenem
Vorwande  suchen,  für  die  Gemeindeordnung  zu  stimmen  sich  bereit  erklärten,
von  ihnen  doch  immer  uns  ein  „tolerari  posse“  ausgesprochen;  sie  haben
gewissermaßen  auf  die  Göthesche  Frage:  Dir  fehlt  etwas?  gesteh'  es  frei!
mit  Achselzucken  geantwortet:  „Zufrieden  bin  ich,  aber  es  ist  mir  nicht  wohl
dabei"  Bei  dem  Beschlusse  gänzlicher  Ablehnung  scheint  ihnen  wohler
zu  sein.

Meine  Herren,  ich  für  meine  Person  habe  auch,  wenn  ich  die  Beschlüsse,
  wie  sie  in  der  dritten  Lesung  gefaßt  worden  sind,  überschaue,  zuzugestehen,
  daß  sie  mir  keineswegs  sämtlich  unbedingt  gefallen;  allein,  wenn
ich  daran  denke,  welche  Behandlung  die  Vorlage  in  der  ersten  Lesung  und
anfangs  in  der  Kommission  gefunden  hat,  so  kann  ich  das  Gefühl  der  Befriedigung
  nicht  unterdrücken  und  bin  in  der  Lage,  sagen  zu  können:  ich  bin
zufrieden  und  mir  ist  auch  wohl  dabei!  (Bravo!
        <pb n="101" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.)  93

Die  namentliche  Abstimmung  ergibt  die  Annahme  des  Gesetzes
  mit  206  gegen  99  Stimmen.  Gegen  das  Gesetz  stimmen  ge—
schlossen  die  Konservativen,  ferner  die  Abgg.  von  Schalscha  und
Spangenberg;  für  das  Gesetz  stimmen  die  Freisinnigen,  die  Nationalliberalen
  und  die  Polen  geschlossen,  ferner  das  Zentrum  und
die  Freikonservativen  mit  den  bezeichneten  Ausnahmen,  endlich  die
Abgg.  von  Köller  und  Cremer-Teltow.  (Ges.  v.  3.  Juli.)

1.  Juni.  Reise  des  Kaisers  und  der  Kaiserin  nach  Kiel.

1.  Juni.  Auf  dem  Parteitag  der  nationalliberalen  Partei
wird  folgende  von  Stockmeyer-Nürnberg  vorgeschlagene  Resolution
angenommen:

„Der  Delegiertentag  erklärt  angesichts  der  vielfach  auseinandergehenden
Meinungen:

1.  Daß  es  Aufgabe  der  Partei  ist,  in  Fragen  der  Reichs=  und  Landespolitik
  unter  Wahrung  der  altbewährten  Treue  gegen  Kaiser  und  Reich  ihre
durchaus  selbständige,  von  der  Rücksicht  auf  das  Wohl  des  Ganzen  geleitete,
nach  jeder  Seite  unabhängige  Haltung  zu  bewahren,  insbesondere  die  alten
liberalen  Grundsätze  zu  pflegen,

2.  daß  er  auf  sozial-politischem  Gebiete  einen  Ruhepunkt  für  gekommen
erachtet,  der  es  gestattet,  der  praktischen  Durchführung  der  im  letzten  Jahrzehnt
  geschaffenen  Gesetzgebung  die  volle  Sorge  zuzuwenden,  unter  gleichzeitiger
sorgsamer  Beobachtung  der  laufenden  und  der  etwa  noch  auftauchenden  sozialen
Bedürfnisse,

3.  daß  die  Partei  nach  wie  vor  an  dem  Grundsatze  festhält,  daß  wirtschaftliche
  Fragen  nicht  zur  Grundlage  politischer  Parteien  dienen  sollen  und
deshalb  in  den  Fragen  der  Handels=  und  Zollpolitik  und  des  deutsch-österreichischen
  Handelsvertrages  jedem  einzelnen  nach  feinem  pflichtmäßigen  Ermessen
  die  Entscheidung  überlassen  bleiben  muß.“

Es  wird  alsdann  an  den  Fürsten  Bismarck  folgendes  Telegramm
  abgesandt:

„Die  heute  hier  aus  ganz  Deutschland  versammelten  Delegierten  der
nationalliberalen  Partei  versichern  Euer  Durchlaucht,  den  Mitbegründer  des
Reichs,  ihrer  unwandelbaren  Dankbarkeit  und  Verehrung."“

Der  Fürst  antwortet:

„Euer  Hochwohlgeboren  danke  ich  verbindlichst  für  die  freundliche  Begrüßung
  im  Namen  der  Partei,  welcher  das  Vaterland  für  die  Förderung
unserer  nationalen  Politik  zu  besonderer  Dankbarkeit  verpflichtet  ist.  6

v.  Bismarck."

1.  Juni.  In  Frankfurt  a.  M.  findet  ein  deutschfreisinniger
  Parteitag  für  Südwestdeutschland  statt,  auf  welchem  unter
andern  die  Abgeordneten  Bamberger,  Richter,  Hintze,  Schmidt-Elberfeld
  und  süddeutsche  Abgeordnete  anwesend  sind.  Als  Hauptredner
treten  Bamberger  und  Richter  auf.

1.  Juni.  (Bochumer  Steuerprozeß.)  Der  ultramontane
Redakteur  Fusangel  wird  angeklagt  wegen  Beleidigung  der  Bochumer
        <pb n="102" />
        94  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  1.—2.)

Steuereinschätzungskommission.  Es  wird  aber  von  einer  großen
Anzahl  der  verschiedensten  Einwohner  nachgewiesen,  daß  sie  nur
zur  Hälfte  oder  einem  Drittel  und  noch  weniger  ihres  baren  Einkommens
  eingeschätzt  gewesen  sind.  Unter  andern  Geheimrat  Baare
bei  einem  Einkommen  von  110,000  M  zu  32,000  M

1.  Juni.  (München.)  Der  Reichstagsabgeordnete  v.  Vollmar
  spricht  sich  in  einer  sozialdemokratischen  Versammlung  über
die  Stellung  der  Sozialdemokratie  zur  auswärtigen  Politik  des
Reichs  aus.

Vollmar  lobte  den  Dreibund,  weil  er  zur  Erhaltung  des  Friedens
beitrage.  Der  Gedanke  der  internationalen  Brüderlichkeit  hebe  nicht  die
nationalen  Aufgaben  auf.  Die  berühmten  „Vereinigten  Staaten  von  Europa"
seien  zwar  ein  ganz  nettes  Zukunftsbild,  das  aber  kein  einziger  von  den  Anwesenden
  erleben  werde.  Gegenüber  einzelnen  Preßstimmen  sei  eine  Kritik  der
öffentlichen  Angelegenheiten  Frankreichs  seitens  der  Partei  notwendig  geworden.
Wem  sei  nicht  das  ekelhafte  Treiben  des  offiziellen  Frankreich  gegenüber  Rußland
  aufgefallen?  Ein  derartiges  Gebahren,  das  viel  zu  den  Rüstungen  in
Deutschland  beitrage,  sei  unklug,  denn  wenn  Rußland  unterliege,  müsse  Frankreich
  die  Prügel  einstecken  und  die  Kosten  dafür  zahlen.  Auch  täusche  man
sich  in  Frankreich  bezüglich  der  deutschen  sozialistischen  Partei.  Sobald  das
Baterland  angegriffen  werde,  gebe  es  nur  mehr  eine  Partei  und  die  Sozialdemokraten
  würden  nicht  die  letzten  sein,  namentlich  wenn  es  einem  Feind
gelte,  der  gegen  alle  Kultur  ist,  nämlich  Rußland.

Uebrigens  betonte  Herr  v.  Vollmar  auch,  gegenwärtig  sei  die  Möglichkeit
  vorhanden,  daß  die  Sozialdemokratie  auf  Grund  der  legalen  Verhältnisse
  Einfluß  gewinne.  Die  Partei  müsse  allerdings  vollkommen  gerüstet
bleiben,  um  den  Interessen  der  Arbeiter  zu  entsprechen.  Aber  sie  müsse  ehrlich
  das  halten,  was  sie  vor  Aufhebung  des  Sozialistengesetzes  versprochen
habe,  nämlich,  wenn  dies  geschehe,  auf  Grundlage  des  gemeinen  Rechtes  mit
den  gegnerischen  Parteien  und  der  Regierung  zu  unterhandeln.

2.  Juni.  (Abgeordnetenhaus.)  Zweite  Lesung  über  das
Sperrgeldergesetz.

Abg.  v.  Eynern  gibt  namens  der  nationalliberalen  Partei  die  Erklärung
  ab,  daß  dieselbe  der  Vorlage  nicht  zustimmen  könne.  Das  Zentrum
betrachte  die  Vorlage  lediglich  als  Abschlagszahlung,  der  evangelischen  Kirche
gegenüber  aber  erschiene  dieselbe  als  eine  Belohnung  für  den  Widerstand
gegen  die  Kirchengesetze,  als  ein  Sieg,  dem  auf  der  evangelischen  Seite  die

Niederlage  gegenüberstehe.  Deshalb  könnten  seine  Freunde  der  Vorlage  nicht
zustimmen.

Aehnlich  Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz  für  den  größeren  Teil  der  freikonservativen
  Partei.
Darauf  wird  das  Gesetz  mit  großer  Majorität  angenommen.
(Dritte  Lesung  4.  Juni.)
Die  gegen  die  Vorlage  (vgl.  24.  Januar)  abgeänderten  88
lauten  (Ges.  v.  24.  Juni):
Artikel  2.

Aus  den  im  Artikel  1  aufgeführten  Summen  sind  mit  Ausschluß  von
Zinsen  in  den  einzelnen  Diözesen  bezw.  Diözesananteilen  Beträge  zu  be-
        <pb n="103" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  8.)  95

willigen  an  solche  Institute  und  Personen  bezw.  deren  Erben,  welche  dadurch
Einbuße  an  ihren  Einkünften  erlitten  haben,  daß  auf  Grund  des  Gesetzes
vom  22.  April  1875  für  sie  bestimmte  Bezüge  zu  dem  im  Artikel  1  bezeichneten
  Sammelkonto  eingezogen  worden  sind.

Hierbei  treten  an  Stelle  der  in  Absatz  1  aufgeführten  Institute  und
Personen  bezw.  deren  Erben  diejenigen  Institute,  Korporationen  und  Fonds
auf  den  Antrag  ihrer  gesetzlichen  Vertreter,  welche  diesen  Instituten  und  Personen
  nachweislich  einen  Ersatz  für  die  erlittenen  Einbußen  gewährt  haben.

                                          Artikel  3.

Ueber  die  Bewilligungen  beschließt  innerhalb  einer  jeden  Diözese  bezw.
eines  jeden  Diözesananteils  eine  aus  fünf  Mitgliedern  bestehende  Kommission.
Die  Mitglieder  werden  von  dem  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten  im
Einvernehmen  mit  dem  betreffenden  Diözesanobern  ernannt.

Die  Kommission  ist  bei  der  Anwesenheit  dreier  Mitglieder  beschlußfähig.
  Der  Vorsitzende  wird  von  dem  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten
bestimmt  und  öffentlich  bekannt  gemacht.

                                       Artikel  4.

Die  Anträge  auf  Bewilligungen  sind  von  den  im  Artikel  2  bezeichneten
  Instituten  und  Personen  bezw.  deren  Erben  binnen  einer  drei  Monate
vom  Tage  der  Bekanntmachung  der  Ernennung  des  Vorsitzenden  laufenden
Präklufivfrist  bei  dem  Vorsitzenden  der  Kommission  unter  Angabe  der  beanspruchten
  Beträge  anzumelden.

Ob  und  zu  welchem  Betrage  die  Anträge  innerhalb  der  Grenzen  der
in  den  einzelnen  Diöbzesen  bezw.  Diözesananteilen  verfügbaren  Mittel  zu  berücksichtigen
  sind,  beschließt  die  Kommission  endgültig  nach  freiem  Ermessen
unter  Ausschluß  des  Rechtswegs.  Die  Zahlung  der  bewilligten  Beträge  erfolgt
  an  die  Empfangsberechtigten  aus  der  Staatskasse  auf  Grund  des  von
der  Kommission  ergangenen  Beschlusses.  Der  Beschluß  ist  dem  Antragsteller
zuzufertigen,  auch  dem  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten,  sowie  den
betreffenden  Diözesanobern  mitzuteilen.  Der  Finanzminister  kann  vor  der
Auszahlung  der  bewilligten  Beträge  den  Nachweis  verlangen,  daß  dieselben
für  die  betreffende  Diözese  bezw.  den  betreffenden  Diözesananteil  die  in  dem
Artikel  1  bezeichnete  Summe  nicht  übersteigen.

                                          Artikel  5.

Die  nach  Erledigung  der  Anträge  und  nach  Abzug  der  Kosten  des
Verfahrens  in  der  einzelnen  Diözese  übrig  bleibende  Summe  wird  an  das
betreffende  Bistum  ausgezahlt  und  zu  einem  Diözesanfonds  angelegt,  aus
dessen  Ertrage  nach  Vereinbarung  zwischen  dem  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten
  und  den  Diözesanobern  emeritierte  Geistliche  unterstützt,  auch
die  Gehälter  der  Domherren,  Domvikare  und  Beamten  der  bischöflichen  Verwaltung
  aufgebessert  oder  Unterstützungen  an  arme  Kirchengemeinden  behufs
Wiederherstellung  kirchlicher  Gebäude  (Kirchen,  Kapellen,  Häuser  für  Geistliche
  und  Kirchendiener)  gewährt  werden  können.

Die  Vereinbarung  hat  den  für  den  einzelnen  Zweck  verwendbaren
Gesamtbetrag  festzustellen.  Innerhalb  des  letzteren  bleibt  die  Einzelverwendung
dem  Diözesanobern  überlassen.  Die  Vereinbarung  bleibt  so  lange  in  Geltung,
bis  eine  Abänderung  vereinbart  ist.

                                          Artikel  7.
Dem  Landtage  der  Monarchie  ist  nach  Ausschüttung  der  im  Art.  1
bezeichneten  Summen  über  die  Verwendung  Mitteilung  zu  machen.

8.  Juni.  (Abgeordnetenhaus.)  Annahme  des  Rentengüter-Gesetzes
  in  dritter  Lesung.
        <pb n="104" />
        96  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  11.)

11.  Juni.  (Abgeordnetenhaus.)  Beratung  des  Antrages
Rickert  u.  Gen.  wegen  Vorlegung  des  Materials  über  die  verfügbaren
  Getreidebestände  und  die  Ernteaussichten.

Ministerpräsident  v.  Caprivi:

Ich  habe  im  Namen  der  Staatsregierung  den  Wunsch  auszusprechen:
das  hohe  Haus  wolle  den  hier  vorliegenden  Antrag  ablehnen.  Der  Antrag
geht  dahin:  die  Königliche  Staatsregierung  möge  das  Material  über  die
zur  Zeit  verfügbaren  Getreidebestände  und  die  diesjährigen  Ernteaussichten
dem  Abgeordnetenhause  mitteilen.

Nach  dem  Verlauf  der  vorigen  Sitzung  war  es  wahrscheinlich,  daß
dieser  oder  ein  ähnlicher  Antrag  kommen  würde,  und  es  ist  mir  weiter  zweifellos,
  daß  die  Ziele  der  Herren  Antragsteller  über  den  Wortlaut  des  Antrages
hinausgehen:  sie  wollen  nicht  bloß  das  Material  kennen  lernen,  sondern  sie
wollen  an  den  Antrag  eine  weitergehende  Diskussion  knüpfen.

Was  nun  diese  weitergehende  Diskussion  angeht,  so  ist  die  Staatsregierung
  nicht  in  der  Lage,  darauf  einzugehen,  es  sei  denn,  es  handelt  sich
um  die  Berichtigung  thatsächlicher  Anführungen.  Was  die  Staatsregierung
zur  Sache  zu  sagen  hat,  habe  ich  mir  am  1.  d.  M.  auszuführen  die  Ehre
gegeben.  Seitdem  hat  sich  in  den  Anschauungen  der  Staatsregierung  über
die  Sachlage  nichts  geändert.  (Bravol!  rechts.)  Sie  nimmt  genau  denselben
Standpunkt  ein,  den  sie  am  1.  d.  M.  einnahm,  und  diejenigen  Nachrichten
und  Mitteilungen,  die  ihr  inzwischen  zugegangen  sind,  haben  die  Staatsregierung
  nur  in  dem  Festhalten  an  demjenigen  Standpunkt  bestärkt,  den
darzulegen  ich  damals  die  Ehre  gehabt  habe.  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)

Die  Fassung  des  vorliegenden  Antrages,  wenn  er  eben  nicht  weitergehende
  Ziele  hätte,  könnte  ja  überraschen.  Ich  habe  mir  am  1.  d.  M.  am
Eingang  meiner  Rede  wörtlich  zu  äußern  erlaubt:

All  dieses  Material  würde  einen  ziffermäßigen  Beweis  für  die  Richtigkeit
  des  Verfahrens  der  Staatsregierung  beizubringen  nicht  ermöglichen.
Diese  Zahlen  sind  zum  Teil  ihrer  Natur  nach  unsicher;  sie  beruhen  auf
Schätzungen.

Wenn  die  Staatsregierung  schon  am  1.  ausgesprochen  hat,  daß  sie
nicht  in  der  Lage  ist,  einen  ziffermäßigen  Beweis  beizubringen,  so  weiß  ich
nicht,  was  mit  einem  Zahlenmaterial,  wie  es  der  vorliegende  Antrag  fordert,
erreicht  werden  soll.  Es  liegt  ja  in  der  Natur  der  Sache,  daß,  wie  ich  auch
das  vorige  Mal  auszusprechen  mir  die  Ehre  gegeben  habe,  all  dies  Material
mehr  oder  weniger  unsicher  ist,  auf  Schätzungen  beruht,  und  daß  jeder,  der
ein  Urteil  sich  bilden  will,  darauf  angewiesen  ist,  aus  einer  Menge  von
Schätzungen  einen  Durchschnitt  zu  ziehen.

Die  Staatsregierung  hat,  abgesehen  von  der  unausgesetzten  Beobachtung
dieser  Verhältnisse,  die  in  den  verschiedenen  Ressorts  dauernd  ausgeführt
wird,  schon  Ende  April  die  vorliegende  Frage,  ob  ein  Notstand  im  Lande
da  sei  und  ob  es  notwendig  sei,  zu  Ausnahmemaßregeln  zu  greifen,  zum
Gegenstand  eingehender  Erörterungen  gemacht.  Die  Staatsregierung  kam
damals  zu  dem  Beschluß,  daß  sie  die  Sache  noch  nicht  genug  übersehen
könnte,  daß  sie  Recherchen  anstellen  wollte;  sie  beschloß  aber  weiter,  diese
Recherchen  auf  den  Kreis  königlicher  Behörden  zu  beschränken,  weil  sie  die
Besorgnis  hatte,  daß  wenn  sie  Privatpersonen,  Korporationen  des  Handels,
landwirtschaftliche  Vereine  2c.  gehört  hätte,  sie  schon  damals  eine  Agitation
in  das  Land  getragen  haben  würde,  die  zu  nichts  anderem  hätte  führen
können,  als  zu  einer  Haussebewegung  (sehr  richtig!  rechts),  die  also  dasjenige
        <pb n="105" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  11.)  97

erreicht  haben  würde,  was  die  Regierung,  der  alles  daran  lag,  die  Brotpreise
  für  den  armen  Mann  billig  zu  erhalten,  nicht  wollte.

In  jener  ersten  Staatsministerialsitzung  beschloß  das  Ministerium,
Berichte  einzufordern,  und  zwar  von  all  denjenigen  Behörden,  die  etwa  in
der  Lage  waren,  über  die  Bestände  aus  dem  vorigen  Jahre,  über  die  Bestände,
  die  jetzt  in  unseren  Häfen  lagerten,  Material  beizubringen.  Es
wurden  außer  den  Königlich  preußischen  Zollbehörden  die  Proviantbehörden
der  Armee  herangezogen,  und  es  wurden  die  Reichsbankstellen  im  ganzen
Reich  aufgefordert,  sich  auf  eine  möglichst  unauffällige  Weise  bei  Kaufleuten
zu  unterrichten.  Es  kam  nun  auf  diese  Weise  ein  Material  zusammen,  was
der  Regierung  die  Ueberzeugung  gab,  daß  ein  Notstand  nicht  da  war  und
daß  es  nicht  erforderlich  sei,  zu  irgendwelchen  außerordentlichen  Maßregeln
zu  greifen.  Inzwischen  aber  wuchs  eine  gewisse  Erregung  im  Lande,  und
es  kam  zu  Aeußerungen,  die  der  Staatsregierung  klar  machten,  daß  sie  nicht
länger  ruhig  der  Sache  zusehen  könne,  daß  sie  ihre  Stellung  öffentlich  bekunden
  müsse,  wenn  nicht  der  Handel  erhebliche  Schädigungen  erleiden  und
dadurch  wiederum  das  erzielt  werden  sollte,  was  wir  nicht  wollten:  daß  das
Brot  verteuert  wird.  Das  gab  uns  den  Anlaß,  nun  aus  der  Reserve,  die
wir  uns  insoweit  aufgelegt  hatten,  als  wir  nur  Königliche  Behörden  fragten,
herauszutreten.  Wir  wandten  uns  nun  an  eine  große  Menge  von  Personen
im  Inlande  und  regten  die  Konsulate  und  Gesandschaften  im  Auslande  zu
erneuter  und  beschleunigter  Berichterstattung  an.  Wir  konnten  die  Vollendung
  dieser  Berichterstattung  nicht  abwarten:  inzwischen  war  die  Beunruhigung
  im  Lande  so  gestiegen,  daß,  noch  ehe  das  gesamte  Material  vorlag,
  die  Staatsregierung  diejenigen  Erklärungen  abgeben  mußte,  die  ich  am
1.  d.  M.  hier  abgegeben  habe.

Das  Material,  das  die  Regierung  erlangt  hat,  beruht  im  wesentlichen
  auf  einer  Schätzung,  soweit  es  nicht  offizielles  Material  ist,  das  von
den  Behörden  über  die  Ernteverhältnisse  im  vorigen  Jahre,  über  die  Bestände
  danach,  über  die  Aussichten  für  die  diesjährige  Ernte  über  das,  was
in  den  Freihafengebieten  etwa  lagert,  geliefert  ist.  Soweit  es  nicht  solches
Material  ist,  beruht  es  auf  Schätzung;  auch  das  offizielle  Material  beruht
zum  großen  Teil  auf  Schätzung.  Was  sind  denn  die  Berichte  über  den
Saatenstand  anders  als  eine  Reihe  von  Schätzungen,  was  ist  selbst  unser
Koursbericht  an  der  Börse  anders  als  der  Ausdruck  von  Schätzungen  einzelner,
  eine  Summe  von  Anschauungen  von  Kaufleuten  über  den  gegenwärtigen
  Zustand  des  Handels.  Auf  Schätzungen  also  blieben  wir  immer
angewiesen;  diese  Schätzungen  konnten  mehr  oder  weniger  wertvolle  sein,  je
nach  den  Personen,  von  denen  sie  kamen.  Wir  würden,  glaube  ich,  in  der
Lage  sein,  Ihnen  zu  beweisen,  daß  wir  über  sehr  wertvolle  Schätzungen  verfügen;
  wir  sind  aber  nicht  in  der  Lage,  dies  zu  thun,  weil  es  absolut  ausgeschlossen
  ist,  die  Personen,  von  denen  die  Schätzungen  ausgegangen  sind,
öffentlich  zu  nennen.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Jedermann,  jeder  Kaufmann,
der  sein  Urteil  in  patriotischer  Weise  der  Regierung  zur  Verfügung  stellt,
würde  Anstand  nehmen,  das  noch  einmal  zu  thun,  wenn  er  hier  genannt
und  hinterher  Angriffen  aller  Art  ausgesetzt  würde.  (Sehr  richtig!  rechts.)
Noch  vorsichtiger  müssen  wir  in  Bezug  auf  die  Nachrichten  sein,  die  wir
aus  dem  Auslande  von  den  Konsulaten  bekommen  haben.  Der  Konsul  im
Auslande  ist  noch  weniger  in  der  Lage,  durch  eigenen  Augenschein  sich  davon
zu  überzeugen,  wie  die  Saaten  stehen,  welche  Vorräte  im  Hafen  liegen,
welche  auf  Eisenbahnen  aufgespeichert  sind,  als  wie  die  Behörden  im  Inlande.
  Der  Konsul  kann  nichts  anderes  thun,  als  sich  an  Vertrauensleute
im  Auslande  wenden.  Nun  wäre  doch  der  Fall  denkbar,  daß  eine  ausländische
  Regierung  ein  Interesse  daran  hätte,  den  wahren  Zustand  nicht

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.                           7
        <pb n="106" />
        98  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  11.—17.)

veröffentlicht  zu  sehen.  Hätte  nun  der  Konsul  jemand  benutzt,  der  wirklich
ihm  die  besten  Nachrichten  gegeben  hat,  Nachrichten  aber,  die  der  andern
fremden  Regierung  nicht  wünschenswert  wären,  so  würde  uns  in  diesem  Fall
nicht  allein  für  die  Zukunft  die  Quelle  versiegen,  sondern  es  könnte  für  diejenigen,
  denen  wir  die  Nachrichten  verdanken,  zum  Teil  recht  unangenehme
Folgen  haben.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Also  wir  sind  außer  stande,  dieses  Material  vorzulegen;  damit  erledigt
  sich  von  unserm  Standpunkt  der  Hauptteil  dieses  Antrags.  Wir  sind
nicht  im  stande,  Zahlen  vorzulegen,  die  irgend  einen  von  Ihnen  überzeugen
würden.  Es  ist  ja  überhaupt  sehr  schwer,  Menschen  zu  überzeugen  (Heiterkeit
  und  sehr  richtig!),  und  im  vorliegenden  Falle  würden  wir  nicht  einmal
in  der  Lage  sein,  diejenigen,  die  einmal  die  uns  entgegengesetzte  Ansicht  angenommen
  und  vertreten  haben,  zu  überreden;  wir  müssen  darauf  verzichten.

Wir  haben  den  dringenden  Wunsch,  daß  die  heutige  Debatte  nicht
zu  einer  Erregung  führe,  die  das  einmal  bestehende  Uebel  noch  schlimmer
macht.  Was  an  der  Regierung  liegt,  ist  geschehen,  um  da,  wo  wir  die  Gelegenheit
  dazu  hatten,  in  diesem  Sinne  zu  beruhigen;  denn  wir  sind  der
Ueberzeugung,  daß  jede  weitere  Erregung  das  Uebel,  unter  dem  wir  leiden,
nur  schlimmer  macht.  Die  Staatsregierung  ist  sich  der  Verantwortung,  die
sie  trägt,  bewußt;  sie  wünscht  aber  auch,  daß  diejenigen,  die  nun  öffentlich
über  diese  Dinge  sprechen,  deren  Urteil  in  alle  Welt  geht,  in  gleicher  Weise
sich  dessen  bewußt  sein  mögen,  wie  groß  der  Schaden  sein  kann,  der  durch
zu  weit  gehende  Meinungsäußerungen  geschehen  kann.  (Lebhaftes  Bravo
rechts.)

«  12.  Juni.  (Abgeordnetenhaus.)  Antrag  Rickert  u.  Gen.
wird  mit  223  gegen  20  Stimmen  abgelehnt.

13.  Juni.  (Herrenhaus.)  Die  Landgemeindeordnung
wird  in  namentlicher  Abstimmung  in  der  vom  Abgeordnetenhause
beschlossenen  Fassung  mit  99  gegen  38  Stimmen  endgiltig  angenommen.


15.  Juni.  (Herrenhaus.)  Die  Sperrgeldervorlage  wird
angenommen,  nachdem  Bischof  Kopp  gestellte  Verbesserungsanträge
wieder  zurückgezogen.

Gelegentlich  der  Debatte  erklärt  der  Kultusminister  Graf
Zedlitz:

„Es  ist  unberechtigt  zu  sagen,  die  jetzige  Regierung  sei  bereit,  die
Rechte  des  Staats  irgend  einer  Partei,  irgend  einem  Prinzip  oder  irgend
einem  Menschen  auszuantworten,  und  so  lange  ich  die  Ehre  haben  werde,

das  Kultusressort  zu  vertreten,  kann  der  Herr  Vorredner  ganz  sicher  sein,
daß  das  nicht  erfolgen  wird.“

16.  Juni.  Der  Kaiser  läßt  dem  Minister  des  Innern  Herrfurth,
  sowie  dem  Finanzminister  Miquel  sein  Bild  überreichen  mit
einer  gnädigen,  die  erfolgreichen  Bemühungen  um  das  Zustandekommen
  der  großen  Gesetze  anerkennenden  Kabinetsordre.

17.  Juni.  (Abgeordnetenhaus.)  Das  Mildschadengesetz
wird  mit  175  gegen  97  Stimmen  angenommen.  Dafür  stimmen
die  Konservativen  mit  Ausnahme  von  Knoch,  Lamprecht,  v.  Meyer-
        <pb n="107" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  19.—20.)  99

Arnswalde,  Schnatsmeyer,  Südmeyer,  die  Freikonservativen  mit
Ausnahme  von  Christophersen.  Von  den  Nationalliberalen  stimmen
dafür  Hobrecht,  v.  Gneist,  v.  Benda,  Olzem,  Pfaff,  Simon  (Waldenburg),
  Tschocke.  Vom  Zentrum  stimmen  für  das  Gesetz  35.  Gegen
das  Gesetz  stimmen  die  Freifinnigen,  die  Polen,  24  vom  Zentrum,
36  Nationalliberale.

19.  Juni.  Ende  des  Bochumer  Steuerprozesses.  Das
Urteil  gegen  Fusangel  lautet  auf  5  Monate,  gegen  Lunemann  auf
2  Monate  Gefängnis.

In  der  Begründung  wird  ausgeführt,  die  wegen  Beleidigung  in  31,
darunter  in  30  gemeinschaftlichen  Fällen  Angeklagten  seien  in  13  Fällen
der  begangenen  Beleidigung  schuldig  erkannt.  Der  Vorwurf,  daß  die  Einschätzungskommission
  bewußt  oder  unbewußt  parteiisch  gehandelt  oder  bewußt
zu  niedrig  eingeschätzt  habe,  sei  als  begründet  nicht  erwiesen.  Das  Urteil
anerkennt  die  Schwierigkeiten  der  Ermittelung  des  Einkommens,  bemerkt
aber,  daß  bei  einer  gründlichen  Einschätzung  große  Unterschätzungen  vermieden
werden  könnten.  Die  Einschätzungszeit  (drei  Tage)  sei  mit  Rücksicht  auf  die
Zahl  der  einzuschätzenden  Personen  zu  kurz.  Die  Mitglieder  der  Kommission
hätten  sich  mit  den  Vorschlägen  des  Vorsitzenden  nicht  ohne  weiteres  begnügen
  dürfen.  Die  Frage,  ob  das  Verhalten  der  Kommission  ein  fahrlässiges
  gewesen  sei,  wolle  der  Gerichtshof  nicht  entscheiden.  Für  die  Begründung
  des  Vorwurfs  einer  pflichtwidrigen  Unterschätzung  des  „Bochumer
Vereins  für  Bergbau  und  Gußstahlfabrikation“  sei  keinerlei  Beweis  erbracht.
Immerhin  sei  es  bedenklich,  die  Dividenden  und  die  für  den  Reservefonds
ausgeworfenen  Summen  als  alleinige  Unterlage  für  die  Einschätzung  zu  betrachten.
  Die  Angeklagten  seien  zwar  bis  an  die  äußerste  Grenze  gegangen,
es  sei  aber  nicht  erwiesen,  daß  dieselben  gegen  ihr  besseres  Wissen  gehandelt
hätten,  vielmehr  sei  bei  ihnen  bona  tides  anzunehmen.  Den  Angeklagten
sei  der  Schutz  des  §  193  zuerkannt.  Strafverschärfend  wirkten  die  22  Vorstrafen
  des  Angeklagten  Fusangel.  Das  Urteil  bezeichnet  denselben  als  einen
Mann,  der  mit  der  Ehre  anderer  leichtfertig  umgehe  und  zu  Ehrenkränkungen
geneigt  sei.  Als  strafmildernd  falle  der  Eindruck  ins  Gewicht,  daß  es  sich
um  unverkennbare  öffentliche  Mißstände  gehandelt  habe.  Die  Kosten  des
Prozesses  mit  Ausnahme  der  durch  die  Nebenkläger  verursachten  Gebühren
habe  der  Angeklagte  Fusangel  zu  tragen.

19.  Juni.  (Herrenhaus.)  Annahme  des  Wildschadengesetzes.


20.  Juni.  Schluß  der  Landtagssession  durch  den  Kaiser,
welcher  folgende  Thronrede  verliest:

Erlauchte,  edle  und  geehrte  Herren  von  beiden  Häusern  des  Landtages!

Am  Schlusse  einer  außergewöhnlich  langen  und  arbeitsreichen  Sitzungsperiode
  des  Landtages  Meiner  Monarchie  ist  es  Mir  Bedürfnis,  Ihnen
Meinen  Königlichen  Dank  und  Meine  hohe  Befriedigung  über  die  gewonnenen
Ergebnisse  unmittelbar  auszusprechen.

Nicht  vergebens  habe  Ich  beim  Beginn  Ihrer  Beratungen  der  Erwartung
  Ausdruck  gegeben,  daß  es  Ihnen  gelingen  werde,  in  vertrauensvollem
  Zusammenwirken  mit  Meiner  Regierung  die  hochwichtigen  Arbeiten,
zu  welchen  Ich  Sie  berufen  habe,  zu  einem  gedeihlichen  Abschluß  zu  bringen.

                                7*
        <pb n="108" />
        100  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  20.—24.)

Wenn  auch  das  Ziel,  an  welchem  Ich  festhalte,  nicht  in  vollem  Umfange
  erreicht  werden  konnte,  so  darf  es  doch  Mich  und  Mein  Volk  mit  gerechter
  Genugthuung  erfüllen,  daß  neben  einer  großen  Zahl  für  die  fortschreitende
  Entwickelung  des  Staatswesens  wichtiger  Vorlagen,  insbesondere
für  die  Verbesserung  unseres  Steuersystems  notwendige  und  wertvolle  Grundlagen
  vereinbart  und  die  Vorbedingungen  für  die  Hebung  des  kommunalen
Lebens  in  den  ländlichen  Gemeinden  der  östlichen  Provinzen  gesetzlich  festgestellt
  worden  sind.

Die  rückhaltlose  Zustimmung,  welche  die  von  Mir  gebilligten  Pläne
Meiner  Regierung  für  die  Herbeiführung  einer  gerechten,  der  Leistungsfähigkeit
  entsprechenden  Verteilung  der  öffentlichen  Lasten  bei  Ihnen,  geehrte
Herren,  gefunden  haben,  bestärkt  Mich  in  dem  festen  Vertrauen,  daß  auch
der  noch  rückständige  Teil  der  auf  diesem  Gebiete  zu  lösenden  Aufgaben
einer  gleich  befriedigenden  Erledigung  zugeführt  werden  wird.  Damit  wird
ein  wesentlicher  Schritt  zur  Befestigung  der  Finanzverwaltung  des  Staates
und  der  Gemeindeverbände  sowie  zur  Förderung  der  Zufriedenheit  Meines
Volkes  gethan  sein.

Die  Durchführung  der  mit  Ihnen  vereinbarten  Landgemeinde-Ordnung
  wird,  so  hoffe  Ich,  unter  Schonung  der  bewährten  und  den  Bewohnern
  des  platten  Landes  lieb  gewordenen  Einrichtungen  eine  lebendige  Entwickelung
  des  kommunalen  Lebens  sichern  und  das  Band,  welches  Mein  Volk
mit  Meinem  Hause  und  mit  Meiner  Monarchie  verbindet,  noch  fester  knüpfen.

Mit  Freude  begrüße  Ich,  daß  durch  die  Ueberweisung  der  einbehaltenen
  Leistungen  an  die  katholische  Kirche  die  Ausgleichung  der  Gegensätze
auf  kirchenpolitischem  Gebiete  wesentlich  gefördert  worden  ist.

Der  für  das  Wohl  Meines  Volkes  unerläßliche  Frieden  unter  den
Konfessionen  wird  um  so  sicherer  erhalten  bleiben,  je  mehr  die  Ueberzeugung
durchdringt,  daß  die  zu  Gunsten  der  Kirchen  erhobenen  Ansprüche  auf  ein
mit  der  Stellung  und  den  Aufgaben  des  Staates  verträgliches  Maß  beschränkt
  bleiben  müssen.

Hat  demnach,  wie  Ich  dankbar  anerkenne,  die  beendete  Sitzungsperiode
  reiche  Früchte  gezeitigt,  so  darf  Jch  und  mit  Mir  Mein  Volk  vertrauen,
  daß  diese  Früchte  nutzbar  werden  unter  den  Segnungen  des  Friedens,
dessen  Gefährdung  zu  befürchten  Ich  keinen  Anlaß  habe,  und  den  zu  erhalten
Mein  unablässiges  Bemühen  ist.

Es  wird  Mich  mit  Genugthuung  erfüllen,  wenn  die  Erkenntnis  des
Wertes  Ihrer  im  Verein  mit  Meiner  Regierung  geleisteten  treuen  Arbeit
immer  weitere  Kreise  durchdringt,  und  damit  das  Vertrauen  zu  Meinen
landesväterlichen  Absichten  und  zu  der  sorgsamen  Wahrnehmung  der  Interessen
  des  Volkes  durch  seine  Vertreter  unvermindert  erhalten  bleibt.

Indem  Ich  Sie,  geehrte  Herren,  entlasse,  bitte  Jch  Gott,  daß  Er
auch  ferner  Meiner  und  Ihrer  Arbeit  zum  Wohle  des  Vaterlandes  reichen
Erfolg  sichern  wolle.

22.  Juni.  Dem  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  v.  Maybach
  wird  in  einer  sehr  gnädig  gehaltenen  Kabinetsordre  der  Abschied
  bewilligt;  an  seine  Stelle  tritt  der  bisherige  Eisenbahn-Direktions-Präsident
  Thielen.

23.  Juni.  (Königsberg.)  Der  kommandierende  General
des  I.  Armeekorps  Bronsart  v.  Schellendorff,  der  frühere  Kriegsminister
  +.

24.  Juni.  (Göttingen.)  Wilhelm  Eduard  Weber  +.
        <pb n="109" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  24.  -Juli  10.)  101
24.  Juni.  Reise  des  Kaisers  und  der  Kaiserin  über  Kiel,
Hamburg,  Helgoland,  Wilhelmshaven  nach  Amsterdam.
29.  Juni.  Auf  der  Fahrt  von  Hamburg  nach  Helgoland
macht  der  Kaiser  persönlich  Herrn  Nissen  die  Mitteilung,  daß  die
Verlängerung  des  Dreibundes  auf  weitere  sechs  Jahre  durch  den

Abschluß  des  Vertrages  mit  Italien  vollzogen  sei.

1.  Juli.

(Amsterdam.)  Besuch  des  Kaisers  und  der  Kaiserin

  bei  der  Königin  und  Königin-Regentin  von  Holland.

2.  Juli.

Der  frühere  Staatsminister  v.  Puttkamer  wird

zum  Oberpräsidenten  der  Provinz  Pommern  ernannt,  an  Stelle
des  in  den  Ruhestand  tretenden  Grafen  Behr-Negendank.

4.  Juli.

(Sigmaringen.)  Der  Kaiser  verleiht  dem  Fürsten

von  Hohenzollern  das  Prädikat  „Königliche  Hoheit“.

4.  Juli.
7.  Juli.
10.  Juli.

Ankunft  des  Kaiserpaares  in  England.
Oskar  v.  Redwitz  +.
Bei  einem  Frühstück  in  der  Guildhall  sagt  der

Lordmayor  in  einem  Toaste  auf  den  Kaiser  und  die  Kaiserin:
Die  Stadt  habe  schon  oft  Gelegenheit  gehabt,  auswärtige  Herrscher

in  ihren  Mauern  zu  bewillkommnen.
da  der  Kaiserliche  Gast  ein  Enkel  von

von  einzig  dastehendem  Interesse,

Der  gegenwärtige  Anlaß  sei  jedoch

Englands  geliebter  Königin,  ein  Sohn  der  ältesten  Tochter  Ihrer  Majestät
sei.  Sich  zu  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  wendend,  fährt  der  Lordmayor  fort:
„Ew.  Majestät  erwies  sich  als  würdiger  Nachfolger  Ew.  Majestät
ehrwürdigen  Großvaters,  des  großen  Gründers  der  deutschen  Einheit.
Wir  haben  Ew.  Majestät  merkwürdige  körperliche  und  geistige  Thätigkeit
und  unermüdlichen  Eifer  in  allem,  was  die  Wohlfahrt  des  Volkes  fördern
  konnte,  mit  Bewunderung  beobachtet.“
Der  Lordmayor  weist  sodann  auf  das  große  Interesse  hin,  welches
die  jüngste  Rede  Sr.  Majestät  des  Kaisers  über  die  Erziehung  bei  dem  englischen
  Volke  hervorgerufen  habe,  und  schließt  mit  dem  Danke  für  die  Ehre

des  Kaiserlichen  Besuches.

Die  Antwort  des  Kaisers  (in  englischer  Sprache)  lautet  folgendermaßen:



My  Lord,  Receive  my  most
heartfelt  thanks  for  the  warm  welcome
  from  the  citizens  of  this  ancient
  and  noble  metropolis.  I  beg
that  your  Lordship  will  kindly
transmit  the  expression  of  my  feelings
  to  those  in  whose  name  Fou
have  spoken.  I  have  always  felt
at  home  in  this  lovely  country
being  the  grandson  of  a  Queen
whose  name  will  ever  be  remembered
  as  a  noble  character  and  a
Lady  great  in  the  wisdom  of  her

„Mylord,  empfangen  Sie  Meinen
  herzlichsten  Dank  für  das  warme
Willkommen,  welches  Mir  seitens  der
Bürger  dieser  alten  und  edlen  Metropole
  geworden.  Ich  bitte  Eure
Herrlichkeit  denjenigen,  in  deren  Namen
  Sie  gesprochen,  den  Ausdruck
Meiner  Gesinnungen  gütigst  übermitteln
  zu  wollen.  In  diesem  reizenden
  Lande  habe  Ich  Mich  stets  zu
Hause  gefühlt  als  Enkel  einer  Königin,
  deren  Name  stets  in  Erinnerung
bleiben  wird  als  ein  edler  Charakter
        <pb n="110" />
        102  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

counsels  and  whose  reign  has  conferred
  lasting  blessings  on  England.
Moreover,  the  same  blood  runs  in
English  and  German  veins.  Following
  the  examples  of  my  grandfather
  and  my  ever  lamented  father
  1  shall  always  as  far  as  it  is
in  my  power  maintain  the  historical
  friendship  between  these  our
two  nations  which  as  Four  Lordship
  mentioned  have  so  often  been
seen  side  by  side  in  defence  of
liberty  and  justice.  I  feel  encouraged
  in  my  task  when  I  see  that
wise  and  capable  men  such  as  are
gathered  here  do  justice  to  the
earnestness  and  honesty  of  my
intentions.  My  aim  is  above  all
the  maintenance  of  peace.  For
peace  alone  can  give  the  confldence
  which  is  necessary  to  the
healthy  development  of  science,
art  and  trade.  Only  as  long  as
peace  reigus  are  we  at  liberty  to
bestow  our  earnest  thoughts  upon
the  great  problems  the  solution  of
which  in  fairness  and  equity  I  consider
  the  most  prominent  duty  of
our  times.  Tour  may  therefore  rest
assured  that  I  shall  continue  to
do  my  best  to  maintain  and  constantly
  to  increase  the  good  relations
  between  Germany  and  the
other  nations  and  that  1  shall  always
  be  found  ready  to  unite  with
Jou  and  them  in  a  common  labour
for  peaceful  progress,  friendly  intercourse
  and  the  advancement  of
civilization.

(Juli  12.—13.)

und  als  eine  Dame,  die  groß  ist  in
der  Weisheit  ihrer  Ratschläge  und
deren  Regierung  England  dauernde
Segnungen  verliehen  hat.  Ueberdies
läuft  dasselbe  Blut  in  den  englischen
und  deutschen  Adern.  Dem  Beispiele
Meines  Großvaters  und  unvergeßlichen
  Vaters  folgend,  werde  Ich  stets,
so  weit  es  in  Meiner  Macht  steht,
die  historische  Freundschaft  zwischen
diesen  unseren  beiden  Nationen  bewahren,
  welche,  wie  Eure  Herrlichkeit
erwähnte,  man  so  oft  neben  einander
gesehen  zum  Schutze  der  Freiheit  und
Gerechtigkeit.  Ich  fühle  Mich  in
Meiner  Aufgabe  ermutigt,  wenn  Ich
sehe,  daß  weise,  fähige  Männer  wie
Sie,  hier  versammelt  sind,  dem  Ernste
und  der  Ehrlichkeit  Meiner  Absichten
Gerechtigkeit  widerfahren  lassen.  Mein
Ziel  ist  vor  allem  die  Aufrechthaltung
des  Friedens;  denn  der  Frieden  allein
kann  das  Vertrauen  einflößen,  welches
zur  gesunden  Entwickelung  der  Wissenschaft,
  Kunst  und  des  Handels  erforderlich
  ist.  Nur  so  lange  der  Friede
herrscht,  steht  es  uns  frei,  ernste  Gedanken
  den  großen  Problemen  zu
widmen,  deren  Lösung  mit  Billigkeit
und  Gerechtigkeit  Ich  als  die  hervorragendste
  Aufgabe  unserer  Zeiten  betrachte.
  Sie  dürfen  sich  daher  versichert
  halten,  daß  Ich  fortfahren
werde,  Mein  Bestes  zu  thun,  um  die
guten  Beziehungen  zwischen  Deutschland
  und  anderen  Nationen  zu  erhalten
  und  beständig  zu  stärken,  und
daß  man  Mich  stets  bereit  finden
wird,  Mich  mit  Ihnen  und  denselben
zu  vereinen  in  einer  gemeinsamen
Arbeit  für  den  friedlichen  Fortschritt,
den  freundschaftlichen  Verkehr  und
die  Förderung  der  Zivilisation.

12.  Juli.  Der  Kaiser  und  die  Kaiserin  begeben  sich  nach
Hatfield  zum  Besuch  des  Marquis  von  Salisbuyy.

Nach  Zeitungsberichten  ist  in  Hatfield,  wohin  den  Kaiser  der
Staatssekretär  des  Auswärtigen  v.  Marschall  begleitet,  ein  Protokoll
  ausgefertigt  worden,  das  die  Identität  der  Interessen  des
Dreibundes  mit  denjenigen  Englands  feststellt.

13.  Juli.  Der  Kaiser  reist  über  Edinburg  und  Laith  nach

Norwegen.
        <pb n="111" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  17.  —  August  10.)  103

Der  Herzog  von  Connaught  teilt  in  einem  Meeting,  welchem
er  in  Portsmouth  beiwohnt,  mit,  daß  er  vom  Kaiser  Wilhelm
ein  Telegramm  erhalten  habe,  in  welchem  derselbe  sagt:

„Ich  kann  dieses  gastfreundliche  Land  nicht  verlassen,  ohne  Ihnen
und  Allen  für  den  Mir  und  der  Kaiserin  bereiteten  wahrhaft  warmen  und
herzlichen  Empfang  lebhaft  zu  danken.“  Der  Herzog  sagt  ferner,  der  Kaiser
habe  ihm  auf  der  Eisenbahnstation  noch  gesagt,  er  sei  sich  wohl  bewußt,  daß
der  ihm  gewordene  warme  Empfang  nicht  so  sehr  ihm  selbst,  als  dem  Enkel
der  Souveränin  dieses  Landes  gegolten.  Er  hoffe  jedoch,  daß  die  auf  dem
glücklichen  Umstand,  daß  der  deutsche  Kaiser  auch  der  Enkel  der  Königin  ist,
basierte  Harmonie  zwischen  England  und  Deutschland  der  Welt  und  den
beiden  Ländern  zum  Glück  gereichen  werde.

17.  Juli.  (Kassel.)  Reichstagsersatzwahl:  Von  19,230  abgegebenen
  Stimmen  erhält  Pfannkuch  (Soz.)  7872,  Endemann
(Nationallib.)  4528,  Förster  (Antisem.)  4134,  v.  Alvensleben  (Konf.)
1359,  Martin  (Partikul.)  1324  Stimmen.

25.  Juli.  Bei  der  Reichstags-Stichwahl  im  Wahlkreis
Kassel-Melsungen  erhält  Endemann  (nat.lib.)  11,183,  Pfannkuch
(Soz.)  9702  Stimmen.

30.  Juli.  Reichstagsersatzwahl  in  Tilsit:  für  den  deutschfreisinnigen
  v.  Reibnitz  werden  8458,  für  den  freikonservativen  Weiß
7745,  für  den  nationalliberalen  Hobrecht  279,  für  den  litauischen
Kandidaten  Dr.  Brozeit  84  und  für  den  Sozialdemokraten  Lorenz
930  Stimmen  abgegeben.

30.  Juli.  Der  Kaiser  ernennt  den  Staatsminister  v.  Goßler
zum  Oberpräsidenten  der  Provinz  Westpreußen.

7.  August.  (Berlin.)  Unter  namhafter  Beteiligung  der
„Deutsch-Ostafrikanischen  Gesellschaft“  findet  die  Konstituierung  der
Eisenbahngesellschaft  für  Deutsch-Ostafrika  (Usambara-Linie)  statt.
Das  vollgezeichnete  Grundkapital  beträgt  einstweilen  2  Millionen
Mark.

7.  August.  (Tilfit.)  Reichstagsersatzstichwahl:  abgegeben
werden  insgesamt  19,465  Stimmen.  Davon  erhalten  Hans  v.  Reibnitz
  (Heinrichau  in  Westpreußen),  Majoratsbesitzer  (freis.)  10,894
und  Weiß,  Gutsbesitzer  zu  Perwallkischken  (freikonservativ)  8571
Stimmen.

8.  August.  Der  Kaiser  trifft  in  Kiel  ein,  wo  er  bis  21.
August  verweilt,  um  dem  Flottenmanöver  beizuwohnen.

10.  August.  (Kissingen.)  Eine  Studentendeputation  überreicht
  dem  Fürsten  Bismarck  einen  Ehrenhumpen.  Der  Fürst
dankt  in  folgender  Rede:
        <pb n="112" />
        104  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  10.)

„Ich  danke  Ihnen,  meine  Herren,  für  den  schönen  Humpen,  der  nicht
nur  nach  Arbeit  und  Wert  in  der  Sammlung  von  Erinnerungsgegenständen,
die  ich  besitze,  einen  hervorragenden  Platz  einnehmen  wird,  sondern  mehr
noch  seinem  Ursprunge  nach,  durch  die  Geber  und  die  Andenken,  die  sich  an
die  Ueberweisung  knüpfen.  Es  hat  diese  Ueberweisung  für  mich  eine  historische
  Bedeutung.  Wir  gehören  zwei  verschiedenen  geschichtlichen  Generationen
an:  ich  derjenigen  Kaiser  Wilhelms  I.,  der  kämpfenden,  erwerbenden,  erbauenden,
  die  im  Abscheiden  begriffen  ist;  Ihnen,  meine  Herren,  gehört  die
Zukunft,  an  deren  politischer  Gestaltung  Sie  in  Amt  und  Würden,  auf  der
Kanzel,  im  Parlament  oder  wenigstens  als  Wähler  mitzuwirken  berufen
sind.  Als  ich  im  Jahre  1832  die  Universität  Göttingen  bezog,  war  das
deutsche  Vaterland  lahm  gelegt  durch  die  Teilung  in  mehr  als  30  Staaten.
Die  einzelnen  Staaten  standen  sich  mißtrauischer  gegenüber,  mit  geringerem
Maße  von  Wohlwollen,  wie  dem  Auslande.  Das  einzig  gemeinsame  und
einende  Element  in  Deutschland  waren  Wissenschaft  und  Kunst.  Es  gab
schon  damals  keine  preußische  oder  bayerische  Wissenschaft,  sondern  eine
deutsche.  Die  deutschen  Universitäten  bewahrten  zu  jener  Zeit  das  Gefühl
der  Zusammengehörigkeit,  sie  waren  Träger  des  nationalen  Gedankens.  Die
Flamme,  die  sie  unterhielten,  war  leuchtend  und  hell,  aber  sie  reichte  nicht
aus,  die  Bruchstücke  des  Vaterlandes  durch  Schmelzen  zum  einheitlichen
Gusse  zu  bringen.  Dazu  bedurfte  es  der  Mitwirkung  der  Dynastien,  der
Regierungen  und,  gerade  herausgesagt,  ihrer  Streitkräfte.  Alle  früheren
Versuche  zur  Ausführung  des  Einheitsgedankens  mußten  an  der  irrtümlichen
Geringschätzung  der  dynastischen  Kräfte,  der  Macht  von  Blut  und  Eisen
scheitern.  Ohne  diese  Macht  und  ohne  das  Eingreifen  der  Dynastien  wird
in  Deutschland  nichts  dauerhaftes  gewonnen,  weder  1848  noch  heute.  Die
deutsche  Treue,  das  deutsche  Recht,  so  wie  es  sich  auf  deutsche  Gottesfurcht
gründet,  stehen  auf  diesem  Boden.  Die  Aufgabe,  die  Sie,  meine  Herren,
in  der  Zukunft  zu  lösen  haben,  ist,  nachdem  die  unverueidlichen  Bruderkämpfe
  im  Innern  überstanden  sind,  im  wesentlichen  eine  solche  der  Erhaltung.
  Wenn  erhalten  werden  soll,  so  verstehe  ich  darunter,  daß  man  verbessert,
  ausbaut.  Was  aber  soll  erhalten  werden?  Als  nächsten  Gegenstand
Ihrer  künftigen  Fürsorge  im  Erhalten  möchte  ich  Ihnen  die  Reichsverfassung
  ans  Herz  legen.  Sie  ist  unvollkommen,  aber  sie  war  das  äußerste,
was  wir  erreichen  konnten.  Pflegen  Sie  die  Verfassung,  wachen  Sie  eifersüchtig
  darüber,  daß  die  Rechte  nicht  angetastet  werden,  die  sie  schützt.  Ich
bin  kein  Freund  der  Zentralisation,  wie  sie  in  Frankreich  in  Bezug  auf
Paris  besteht,  ich  sehe  den  Segen  der  Dezentralisation  in  dem  Hervorbringen
zahlreicher  Kulturzentren,  und  ich  halte  die  Egalisierung  für  so  wenig  nützlich,
  wie  mich  etwa  das  Verschwinden  der  verschiedenen  Landestrachten  erfreut.
Noch  einmal:  wachen  Sie  über  die  Reichsverfassung,  selbst  wenn  sie  Ihnen
hie  und  da  später  nicht  gefallen  sollte.  Raten  Sie  zu  keiner  Aenderung,
mit  der  nicht  alle  Beteiligten  einverstanden  sind.  Das  ist  die  erste  Bedingung
  der  politischen  Wohlfahrt  des  Reiches,  gegenüber  dem  Auslande  bin
ich  nicht  besorgt.  Alle  Angriffe  von  außen  werden  wie  Hammerschläge  auf
uns  wirken,  unsere  Einigkeit  nur  noch  inniger  und  stärker  machen.  Im
Innern  aber  halte  ich  für  den  locus  minoris  resistentiae  die  deutsche  Neigung
  zur  itio  in  partes,  zum  Fraktions=  und  Parteiwesen.  Diese  Neigung
liegt  uns  im  Blute.  Wie  zwei  Regimenter  von  verschiedener  Uniform  in
einer  Garnison  leicht  in  Gegensatz  zu  einander  geraten  und  wie  früher  die
deutschen  Einzelstaaten  mit  scheelen  Blicken  einander  eifersüchtig  überwachten,
so  ist  es  jetzt  der  Kampf  der  parlamentarischen  Fraktionen  und  der  verschiedenen
  politischen  Parteien,  der  die  einheitliche  Entwicklung  der  Zukunft  zu
gefährden  droht.  Die  Kluft  zwischen  den  Fraktionen  zu  überbrücken  ist
        <pb n="113" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  10.—14.)  105

schwierig.  Ich  betrachte  das  ganze  parlamentarische  Fraktionswesen  als  eine
Krankheit,  deren  Bestand  auf  dem  strebsamen  Ehrgeize  der  Führer  beruht,
mit  dem  fsie  als  politische  Condottierie  ihre  Aussichten  bald  nach  oben,  bald
nach  unten  zu  verbessern  suchen.  Bekämpfen  Sie  diese  unglückliche  Neigung
zur  itio  in  partes.  Wenn  wir  zusammenhalten,  werden  wir  den  Teufel
aus  der  Hölle  schlagen.  Sie  müssen  sich  daran  gewöhnen,  in  jedem  Deutschen
zuerst  den  Landsmann,  nicht  den  politischen  Gegner  zu  sehen.  Diese  Bitte
richte  ich  an  Sie,  als  an  die  Träger  des  nationalen  Gedankens  auf  den
deutschen  Hochschulen,  die  den  prometheischen  Funken  des  Nationalgefühls
auf  die  künftigen  Geschlechter  übertragen.  Ich  bitte  Sie,  einen  Tropfen  mit
mir  aus  dem  neuen  Humpen  zu  trinken,  der  hier  vor  mir  steht.  Ich  trinke
auf  das  Wohl  der  deutschen  Hochschulen,  auf  das  Wohl  der  deutschen  studierenden
  Jugend,  deren  Vertreter  hier  erschienen  sind,  und  auf  ihre  Lehrer
mit  den  Worten  des  Liedes:

Vivat  membrum  gquodlibet,

Vivant  membra  quaelibet,

Semper  sint  in  flore."

10.  August.  (Düsseldorf.)  XIV.  Kongreß  kaufmännischer
  Kongregationen  und  katholischer  kaufmännischer
Vereine  Deutschlands.  Bei  dem  Festdiner  hält  Frhr.  von
Schorlemer-Alst  eine  Rede,  in  welcher  er  die  Artikel  des  „Osservatore
  Romano“  bespricht.  (Vgl.  Kurie.)

Er  erklärt:  „Der  „Osservatore  Romano“"  ist  weder  offiziell  noch  offiziös.
  Mit  voller  Entschiedenheit  lehne  ich  hiermit  im  Namen  der  deutschen
Katholiken  jedes  Wort  dieser  albernen  Artikel  ab,  und  sie  wissen  auch,  daß
Se.  Heiligkeit  der  Papst  hoch  erhaben  über  solchen  Velleitäten  steht."

14.  August.  Auf  den  neuen  Artikel  des  „Osservatore

Romano“  erklärt  die  „Germania“:

„Die  deutschen  Katholiken  weisen  ganz  entschieden  jede  Gemeinschaft
und  Uebereinstimmung  mit  den  gegen  den  Dreibund  gerichteten  Auslassungen
des  „Osservatore“  zurück,  und  ebenso  einstimmig  legen  sie  Verwahrung  dagegen
  ein,  wenn  der  Versuch  gemacht  wird,  jene  Auslassungen  als  den  Ansichten
  des  heiligen  Vaters  entsprechend  oder  gar  als  von  ihm  beeinflußt,
hinzustellen  und  so  eine  Art  Gegensatz  zwischen  dem  Papst  und  den  deutschen
  Katholiken  zu  konstruieren.“

Ferner:

„Ebenso  entschieden  als  wir  gestern  den  Ideengang  des  „Osservatore"
über  den  Dreibund  zurückgewiesen  haben,  müssen  wir  jetzt  dem  aus  obigen
Darlegungen  hervorleuchtenden  Bestreben  des  römischen  Blattes,  dem  inzwischen
  das  total  Verfehlte  seines  Vorgehens  etwas  zum  Bewußtsein  gekommen
zu  sein  scheint,  entgegentreten:  mit  seinen  Auslassungen  den  h.  Vater  mehr
oder  weniger  zu  verquicken  und  den  Anschein  zu  erwecken,  als  habe  es  die
Ansicht  des  Papstes  in  der  beregten  Frage  wiedergegeben.“

Endlich:

„Vermag  der  „Osservatore“  zu  einer  solch  objektiven  Haltung  nicht
sich  emporzuarbeiten,  dann  ist  es  Zeit,  daß  ihm  von  geeigneter  Stelle  das
nötige  Verständnis  und  auch  die  nötige  Vorsicht  in  der  Behandlung  von
Fragen  so  hoher  internationaler  Bedeutung,  wie  der  Dreibund,  beigebracht
wird.“
        <pb n="114" />
        106  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  14.)

14.  August.  Der  „Reichsanzeiger“  publiziert  folgende  Erklärung
  über  die  Getreidezölle.

Das  Königliche  Staatsministerium  ist  am  15.  d.  M.  in  die  Beratung
darüber  eingetreten,  ob  bei  der  andauernden  Steigerung  der  Getreidepreise
eine  Veranlassung  gegeben  sei,  in  der  Frage  der  Aufhebung  beziehungsweise
Ermäßigung  der  Getreidezölle  von  dem  bisher  eingenommenen  und  von  dem
Ministerpräsidenten  in  der  Sitzung  des  Hauses  der  Abgeordneten  vom  1.  Juni
d.  J.  dargelegten  Standpunkte  abzugeben.

Das  Ergebnis  der  Beratung  geht  dahin,  daß  eine  solche  Veranlassung
nicht  vorliege,  daß  jener  Standpunkt  vielmehr  auch  gegenwärtig  festzuhalten
sei.  Für  diese  Auffassung  sind  folgende  Erwägungen  entscheidend  gewesen:

Die  an  das  ungünstige  Wetter  der  letzten  Wochen  geknüpften  Befürchtungen
  einer  ungenügenden  Versorgung  des  Landes  mit  Nahrungsstoffen
entbehren  der  hinreichenden  Begründung.  Wie  die  im  verflossenen  Frühjahr
laut  gewordenen  Besorgnisse,  daß  die  vorhandenen  Vorräte  an  Brotstoffen
nicht  groß  genug  seien,  um  die  Ernährung  der  Bevölkerung  bis  zur  nächsten
Ernte  sicher  zu  stellen,  sich  nicht  bestätigt  haben,  so  ist  auch  die  damals  weit
verbreitete  Annahme,  daß  der  Einfluß  des  außerordentlich  strengen  Winters
auf  den  Ertrag  des  Feldbaues  ein  sehr  verderblicher  sein  werde,  durch  die
weitere  Entwickelung  der  Früchte  widerlegt  worden.  Diese  Entwickelung  ist,
abgesehen  von  eingelnen,  verhältnismäßig  wenig  umfangreichen  Distrikten,
eine  über  Erwarten  günstige  gewesen.  Ebensowenig,  wie  damals,  liegt
aber  im  gegenwärtigen  Augenblicke,  in  welchem  noch  nicht  einmal  die  Roggenernte
  überall  beendet  ist,  ein  Grund  vor,  die  Hoffnung  aufzugeben,  daß  der
Gesamternteertrag  hinter  dem  Durchschnittsergebnis  früherer  Jahre  nicht  zurückbleiben
  werde.  Den  lauten  Klagen  über  die  Behinderung  der  Erntearbeiten
  durch  die  Ungunst  der  Witterung  stehen  zahlreiche  Meldungen  über
einen  reichlichen  Erdrusch  des  eingebrachten  Korns  gegenüber.

Ein  völlig  zutreffendes  Bild  über  den  Ertrag  der  Ernte  wird  sich
erst  nach  ihrer  Beendigung  gewinnen  lassen,  und  für  die  Frage,  ob  ein
Mangel  an  Nahrungsstoffen  zu  besorgen  sei,  wird  insbesondere  das  thatsächliche
  Ergebnis  der  Kartoffelernte  ins  Gewicht  fallen.  Wenn  auch  die  bisherige
  Entwickelung  der  Kartoffelfrucht  in  manchen  Gegenden  durchaus  nicht
befriedigt,  so  entbehrt  doch  zur  Zeit  die  Annahme  eines  völlig  ungenügenden
Ertrages  der  Begründung.

Auch  das  von  der  Keiserlich  russischen  Regierung  erlassene  Verbot
der  Ausfuhr  von  Roggen  vermag  die  Forderung  einer  Herabsetzung  oder
Aufhebung  der  Getreidezölle  nicht  zu  unterstützen.  Als  Ersatz  für  den  Ausschluß
  russischen  Roggens  von  den  deutschen  Märkten  wird  einerseits  die
Verwendung  des  Weizens  zur  Volksernährung  in  erweitertem  Umfange,  sodann
  aber  die  Zufuhr  von  Roggen  aus  anderen  zur  Abgabe  dieser  Getreideart
  fähigen  Ländern  in  Aussicht  genommen  werden  können.

Die  vielfach  geforderte  Aufhebung  oder  Herabsetzung  der  Getreidezölle
würde  aber  weiter,  wenn  überhaupt,  bei  der  gegenwärtigen  Höhe  der  Getreidepreise
  eine  merkliche  Einwirkung  auf  den  Preis  des  Brotes  gar  nicht
zu  äußern  vermögen.

Schon  die  im  Frühjahr  dieses  Jahres  gemachte  Erfahrung,  daß  die
Erwartung  einer  solchen  Maßregel  eine  Haussebewegung  im  Auslande  hervorgerufen
  hat,  läßt  kaum  einen  Zweifel  darüber,  daß  jede  Herabminderung
der  deutschen  Zölle  zunächst  zu  einer  Erhöhung  der  Preise  auf  den  ausländischen
  Märkten  führen  wird,  so  daß.  zumal  bei  der  gleichzeitigen  Beteiligung
  des  Zwischenhandels  an  den  Vorteilen  der  Maßregel,  für  den  inländischen
  Konsum  nur  ein  äußerst  geringer,  vielleicht  gar  kein  Nutzen  er-
        <pb n="115" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Aug.  15.—Mitte.)  107

wachsen  würde.  Sodann  aber  ermäßigt  sich  dieser  Nutzen  naturgemäß  umsomehr,
  je  höher  die  Getreidepreise  sind,  je  niedriger  sich  also  das  Verhältnis
des  Zolles  zu  ihnen  stellt.

Endlich  aber  kommt  in  Betracht,  daß  für  Deutschland,  auch  wenn  die
durchaus  notwendige  Erhaltung  und  Hebung  der  Leistungsfähigkeit  der  vaterländischen
  Landwirtschaft  der  Regierung  eine  sorgfältige  Pflege  ihrer  Interessen
  nicht  in  so  hohem  Grade,  wie  gegenwärtig,  zur  Pflicht  machte,  doch
angesichts  der  schwebenden  Handelsvertrags-Verhandlungen  jede  Veränderung
des  Getreidezolltarifs  für  die  mit  gleichem  Eifer  verfolgten  Interessen  der
einheimischen  Industrie  bedrohlich  sein  würde.

Die  Regierung  hält  es  nicht  für  angängig,  durch  eine  autonome
Herabsetzung  der  Getreidezölle  die  Erfolge  möglicherweise  in  Frage  zu  stellen,
welche  von  jenen  Verhandlungen  für  eine  fruchtbare  Entwickelung  der  vaterländischen
  Arbeit  erwartet  werden  dürfen.

15.  August.  Die  Staatsregierung  beschließt,  infolge  der  durch
die  nasse  Witterung  und  das  russische  Ausfuhrverbot  ungünstiger
gewordenen  Ernteaussichten,  mit  einer  Ermäßigung  des  Tarifs  für
den  Transport  von  Getreide  und  Mühlenfabrikate  auf  den  Staatsbahnen
  in  Form  von  Staffeltarifen  versuchsweise  vorzugehen.

Mitte  August.  Die  „Volkstribüne“  beleuchtet  die  Stellung
der  deutschen  Sozialdemokratie  zum  Kriege.

„Wie  sich  die  Sozialdemokratie  zum  nächsten  Krieg  stellt“",  schreibt
das  sozialdemokratische  Blatt,  „ist  eine  Frage,  die  nicht  leicht  zu  beantworten
ist.  Wir  sind  natürlich  prinzipielle  Gegner  des  Krieges,  in  dem  wir  nicht
nur  ein  überhaupt  kulturfeindliches  und  fortschritthemmendes  Moment  sehen,
sondern  auch  speziell  ein  Mittel,  das  Proletariat  niederzuhalten.  Allein  in
dem  besonderen  Fall  des  nächsten  Krieges  kommen  doch  noch  andere  Punkte
dazu.  Der  Feind,  welcher  einer  Entwickelung  der  Dinge  in  unserem  Sinne
am  gefährlichsten  wird,  ist  Rußland,  und  bevor  Rußland  nicht  vernichtet
ist,  kann  an  einen  Sieg  unserer  Ideen  nicht  gedacht  werden.  Deshalb  halten
wir  es  noch  für  die  Aufgabe  der  jetzt  herrschenden  Gewalten,  vorerst  Rußland
  niederzuschlagen  —  ob  das  nun  in  einem  „frivolen“  Angriffskrieg  oder
in  einem  „sittlichen“  Verteidigungskrieg  geschieht,  soll  uns  egal  sein,  wenn
es  nur  ein  erfolgreicher  Krieg  ist.“

Mitte  August.  Der  freisinnige  Berliner  Arbeiterverein
nimmt  in  einer  Versammlung  nach  einem  Vortrage  über  „Kapital
und  Arbeit“"  folgende  Resolution  an:

„Die  ungleiche  Verteilung  von  Arbeit  und  Genuß  ist  in  keiner  Weise
eine  gerechte  und  den  Anschauungen  einer  moralisch-sittlichen  Gesellschaftsordnung
  entsprechende.  Sie  ist  ein  Erbteil  aus  jener  Zeit  des  Altertums,
wo  ein  Teil  der  Menschheit  sich  zum  Herrscher  über  den  andern  aufwarf
und  das  Sklaventum  schuf;  die  gegenwärtige  Gesellschaft,  gleichviel  welcher
Regierungsform  dieselbe  huldigt,  ist  verpflichtet,  diesem  Uebelstand  abzuhelfen
und  Einrichtungen  zu  schaffen,  nach  welchem  es  jedem  ordentlichen  Menschen,
ungeachtet  der  Arbeit,  welche  er  verrichtet,  möglich  wird,  sich  die  notwendigen
Lebensgenüsse  zu  verschaffen.  Die  Abschaffung  aller  indirekten  Steuern  und
Zölle  auf  Lebensmittel,  die  Einführung  einer  nach  oben  sich  steigernden  Einkommensteuer,
  sowie  die  Beseitigung  der  stehenden  Heere  sind  als  Anfang
zur  Verwirklichung  dieses  Zustandes  anzustreben.  Endlich  hält  der  Verein
        <pb n="116" />
        108  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Aug.  17.—  Sept.  Anf.)

die  Ueberführung  des  Grund  und  Bodens  aus  dem  Privat=  in  den  Staatsoder
  Kommunalbesitz  zur  Lösung  der  sozialen  Frage  für  notwendig.“

17.  August.  Eine  große  Expedition  unter  Führung  des  Leutnant
  v.  Zelewski  wird  in  Uheha  südlich  vom  Ruhaha-Flusse  von
Wahehe  überfallen  und  zersprengt;  der  größte  Teil  fällt.

20.  August.  (München.)  Eröffnung  der  Verhandlungen  über
den  Handelsvertrag  zwischen  Deutschland,  Oesterreich  und  Italien.

20.  August.  (Trier.)  Eröffnung  der  Ausstellung  des  heiligen
  Rockes.

24.  August.  Reise  des  Kaiserpaares  nach  Merseburg.  Bei
der  Festtafel  in  Merseburg  bringt  der  Vorsitzende  des  Provinzial-Landtages
  Fürst  Stolberg-Wernigerode  den  Trinkspruch  auf  das
Kaiserpaar  aus,  worauf  der  Kaiser  etwa  folgendes  antwortet:

Er  danke  für  diesen  Ausdruck  treuer  Gefühle,  die  felsenfeste  Gesinnung
der  Bewohner  der  Provinz  sei  Ihm  hinreichend  bekannt.  Er  habe  oft  Gelegenheit
  gehabt,  die  Provinz  zu  besuchen  und  mit  ihr  in  Verkehr  zu  treten.
Es  sei  Ihm  Bedürfnis,  Allen  für  die  freundliche  Aufnahme  zu  danken  und
für  die  Gelegenheit,  die  Ihm  geboten  worden  sei,  in  der  Mitte  der  Vertreter
  der  Provinz  zu  erscheinen.  Die  Fürsorge  und  Mithilfe  der  Provinz
hätten  sich  stets  bewährt.  Die  Provinz  nehme  einen  hohen  Platz  im  Vaterlande
  ein,  sowohl  durch  ihre  Industrie,  wie  durch  ihre  Landwirtschaft.  Er
hoffe,  daß  bei  dem  festen  Vertrauen,  welches  zwischen  der  Krone  und  der
Provinz  herrsche,  der  blühende  Bauernstand  erhalten  bleibe  und  daß  derselbe
alle  Schwierigkeiten  überwinden  werde.  Als  Christen  müßten  Alle  tragen,
was  der  Himmel  schickte.  Wir  Alle  hoffen,  daß  der  Friede  erhalten  bleibe.
Käme  es  jedoch  einmal  anders,  so  sei  es  nicht  unsere  Schuld.  In  dieser
Hoffnung  trinke  Er  auf  das  Wohl  der  Provinz,  die  wachsen,  blühen  und
gedeihen  möge.

26.  August.  Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  den  Entwurf
eines  Gesetzes  gegen  die  Trunksucht.

30.  August.  Ernennung  des  Grafen  Udo  Stolberg  zum  Ober-Präsidenten
  von  Ostpreußen.

Anfang  September.  Auf  dem  Danziger  Katholikentage
gibt  Graf  Ballestrem  eine  offizielle  Erklärung  ab  über  die  Stellungnahme
  des  deutschen  Zentrums  zu  den  dreibundfeindlichen  Auslassungen

  des  „Osservatore  Romano“:

„Wir  werden  uns  immer  und  unter  allen  Verhältnissen  als  gehorsame
  Söhne  unserer  heiligen  katholischen  Kirche  und  ihres  erhabenen  Oberhauptes
  bewähren  müssen  und  uns  in  diesem  Gehorsam  und  in  dieser  Ehrfurcht
  durch  nichts  irre  machen  lassen  —  nun  schon  lange  nicht  durch  alberne
Zeitungsartikel,  welche  ein  römisches  Blatt  bringt.  (Bravo.)  Durch  solche
Artikel  lassen  wir  uns  schon  lange  nicht  in  dem  gebührenden  Gehorsam
gegen  den  Hl.  Vater  irre  machen!  (Bravo.)  Wenn  ein  Blatt  die  Kühnheit
hat,  den  Hl.  Vater  als  in  Konspirationen  mit  einigen  fremden  Mächten,
die  Deutschland  entgegen  sind,  als  Feind  Deutschlands  darzustellen,  so  würden
wir  über  die  Sache  lachen,  wenn  wir  nicht  über  die  große  Unverschämtheit
        <pb n="117" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  2.—  11.)  100

empört  wären.  (Lebhafter  Beifall.)  Meine  Herren,  um  so  mehr  empört,  als
dieses  Blatt  den  Vorzug  genießt  —  an  einer  besonderen  Stelle  aber  nur  —
gewisse  Mitteilungen  aus  dem  Vatikan  zu  erhalten;  deshalb  ist  die  Empbrung
bei  uns  noch  größer,  weil  die  Unverschämtheit  des  Blattes  größer  war.  Ich
will  hier  konstatieren,  daß  dies  das  Gefühl  der  Katholiken  Deutschlands  in
ihrer  Gesamtheit  ist.“  (Stürmischer  Beifall.)

2.  September.  Der  Kaiser  begibt  sich  mit  dem  Reichskanzler
v.  Caprivi  nach  Wien,  um  den  österreichischen  Manövern  beizuwohnen.


3.  Sept.  Das  Verbot  der  Einfuhr  von  Schweinen,  Schweinefleisch
  und  Würsten  amerikanischen  Ursprungs  wird  aufgehoben.

7.  September.  Der  Kaiser  begibt  sich  nach  München  zu
den  Manövern  der  beiden  bayerischen  Armeekorps.

Unterredung  des  Reichskanzlers  v.  Caprivi  mit  dem  päßpstlichen
Nuntius  in  München.

11.  September.  Der  Kaiser  reist  zu  den  Manövern  nach
Kassel  und  hält  folgende  Rede:

Im  Namen  der  Kaiserin  und  in  Meinem  Namen  danke  Ich  für  die
freundlichen  Worte  und  für  den  liebenswürdigen  Empfang,  der  Uns  zu  teil
geworden  ist.

Aus  Münchens  Gefilden  hergekommen,  wo  Ich  den  bayerischen  Heerbann
  besichtigte  und  vom  bayerischen  Volk  mit  inniger  Liebe  und  Treue
aufgenommen  worden  bin,  bin  Ich  jetzt  hier  zur  Stelle,  um  die  stahlbewehrten
Söhne  des  Hessenlandes  einer  Besichtigung  zu  unterziehen.

Es  wird  wohl  niemandem  von  Ihnen  wunderbar  erscheinen,  wenn
Mich  beim  Betreten  des  Kasseler  Bodens  eigentümliche  Gefühle  bewegen.
Wenn  Ich  an  Meine  Jugendzeit  zurückdenke,  von  der  Ich  2½  glückliche
Jahre  hier  verleben  durfte,  so  erhebt  sich  in  inniger  Verbindung  mit  diesen
Jugenderinnerungen  vor  Mir  zunächst  das  Bild  Meines  verewigten  Herrn
Vaters,  in  dessen  Stabe  es  Mir  vergönnt  war,  den  Einzug  der  Hessischen
Regimenter  in  Kassel  im  Jahre  1871  zu  erleben.  Das  war  das  erstemal,
wo  Ich  in  Kassel  gewesen  bin.  Der  Einzug  hat  auf  Mich  einen  tiefen  Eindruck
  gemacht  mit  dem  Jubel  der  Bevölkerung  über  die  heimkehrenden
Streiter,  mit  dem  Jubel  über  den  wieder  auferstandenen  Deutschen  Kaiser
und  das  Deutsche  Reich.

Seit  Meiner  Schulzeit  sind  fünfzehn  Jahre  verflossen  und  auf  jene  Zeit
ist  nunmehr  eine  Zeit  schwerer  Verantwortung  gefolgt,  die  Gott  der  Herr  auf
Meine  Schultern  gelegt  hat.  Die  stille  Arbeit,  die  Ich  hier  habe  vollführen
können,  hat  Früchte  gezeitigt,  von  denen  Ich  hoffe,  daß  sie  zum  Wohl  Meines
Volkes  gereichen  werden.

Auf  den  Bahnen,  die  Meine  Vorgänger  beschritten,  bin  auch  Ich
entschlossen  zu  wandeln.

Ebenso  wie  für  Mein  altes  Preußen  schlägt  mein  Herz  warm  auch
für  das  Hessenvolk,  und  Ich  versichere  die  Provinz  Meiner  Kaiserlichen  Huld
und  Gnade.  Ich  spreche  dabei  zugleich  die  Hoffnung  aus,  daß  die  Provinz
auch  Mir  in  Meinem  schweren  Kampf  und  bei  Meinen  schweren  Arbeiten
helfend  und  thätig  zur  Seite  stehen  möge,  ebenso  in  der  Arbeit  im  Innern,
wie  die  kampfbereiten  Söhne  zum  Schutze  des  Friedens  nach  außen.

Und  so  erhebe  Ich  denn  Mein  Glas  und  trinke  es  auf  das  Wohl
der  Provinz  und  ihrer  Vertreter:  sie  leben  hoch!  hoch!  hoch!
        <pb n="118" />
        110  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  14.—22.)

Bei  dem  Paradediner  brachte  Se.  Majestät  folgenden  Trinkspruch
  aus:

Meinen  Trinkspruch  auf  das  Wohl  des  Armeekorps  beginne  Ich  mit
dem  Ausdruck  Meines  herzlichen  Dankes  an  alle  Meine  erlauchten  Vettern
dafür,  daß  sie  hergekommen  sind,  um  an  der  Spitze  ihrer  Regimenter  die
Parade  mitzumachen  und  dadurch  derselben  die  erhöhte  Weihe  zu  geben.

Den  guten  Traditionen,  die  das  Korps  auf  den  Schlachtfeldern  in
jedem  Treffen  stets  aufzuweisen  gehabt  hat,  folgend,  wird  es,  wie  Ich  vertraue,
  nach  wie  vor  in  allen  Vorfällen  stets  zu  Meiner  Zufriedenheit  sich
bewähren  im  Kriege  und  im  Frieden.

Ich  erhebe  das  Glas  und  trinke  auf  das  Wohl  des  XI.  Armeekorps
und  seines  Kommandierenden:  sie  leben  hoch!  und  nochmals  hoch!  und  zum
drittenmale  hoch!

14.  September.  Bei  dem  Aufenthalt  in  Erfurt  während
des  Manövers  sagt  der  Kaiser  in  einem  Trinkspruch:

Ich  freue  Mich,  Meine  vollste  Zufriedenheit  mit  dem  IV.  Korps
heute  nach  gelungener  Parade  aussprechen  zu  können.  Die  streitbaren  Söhne
Thüringens,  der  Altmark  und  Sachsens  in  diesem  Orte  zu  besichtigen,  ist
Mir  eine  um  so  größere  Freude,  als  dieser  Boden  durch  die  Ueberlieferungen
der  Geschichte  für  unser  Vaterland  besonders  wichtig  ist.  In  diesem  Orte
hat  der  korsische  Eroberer  deutsche  Fürsten  auf  das  schwerste  gekränkt  und
unser  niedergeworfenes  Vaterland  tief  gedemütigt.  Damals  keimte  in  der
Seele  Meines  Herrn  Urgroßvaters  der  Gedanke  an  den  Widerstand  aufs
äußerste,  der  dann  zur  fühnenden  Erhebung  des  Jahres  1813  heranreifte.

Vor  acht  Jahren  war  es  Meines  Herrn  Großvaters  Mazjestät,  dessen
kriegegewohnter  Blick  auf  dem  Armeekorps  ruhen  durfte,  welches  unter  dem
Feldmarschall  Grafen  Blumenthal  vor  Seiner  Majestät  sein  Manöver  ausführte:
  lauter  große,  wichtige  und  erhebende  Momentel!

Das  Korps,  welches  damals  in  bewährten  Händen  lag,  hat  auch  in
der  jetzigen  Zeit  seinen  Höhepunkt  vollkommen  innegehalten,  und  Ich  hoffe,
daß  das  Korps  in  jeder  Beziehung,  in  Krieg  und  Frieden  zu  Meiner  Zufriedeuheit
  in  den  Händen  von  Eurer  Exzellenz  sich  bewähren  wird  als  gute,
scharfe  und  schneidige  Waffe.

ch  erhebe  Mein  Glas  und  trinke  auf  das  Wohl  des  IV.  Armeekorps
  und  seines  Führers.

Nach  den  sonst  verlauteten  Nachrichten  hätte  ein  Satz  gelautet:


Hier  in  Erfurt  ist  ein  ernster  Punkt  in  der  preußischen  Geschichte.
An  diesem  Orte  hat  uns  der  korsische  Parvenü  aufs  tiefste  erniedrigt,  auf
das  scheußlichste  geschändet,  aber  von  hier  aus  ging  1813  auch  der  Nachestrahl
  aus,  der  ihn  zu  Boden  geschmettert.

21.  September.  Der  Paßzwang  in  Elsaß-Lothringen  wird
aufgehoben.

21.  September.  Der  Kaiser  reist  von  Wilhelmshöhe  nach
Stettin,  wohnt  dort  der  Grundsteinlegung  der  Bredower  Kirche  und
der  Taufe  des  Panzerschiffes  „Brandenburg“  bei.

22.  September.  Der  Kaiser  begibt  sich  nach  ÖOstpreußen
zur  Jagd,  wo  er  bis  Anfang  Oktober  verweilt.
        <pb n="119" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  27.)  111

25.  September.  Das  russische  Kaiserpaar  passiert  Berlin
nach  einem  mehrwöchentlichen  Aufenthalt  in  Kopenhagen,  auf  der
Reise  nach  Moskau  zur  Beisetzung  der  Großfürstin  Alexandra.  Auf
ausdrücklichen  Wunsch  der  hohen  Reisenden  findet  keinerlei  Empfang
  statt.

27.  September.  Der  Reichskanzler  General  v.  Caprivi  besucht
  in  Osnabrück  gelegentlich  der  25jährigen  Jubelfeier  des  Infanterie-Regiments
  Herzog  Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig
(Ostfriesisches)  Nr.  78,  dessen  Chef  er  ist,  auf  Einladung  der  Stadt
Osnabrück  den  Friedenssaal  des  Rathauses,  in  welchem  1648  über
den  Westfälischen  Frieden  verhandelt  wurde.  Auf  die  Begrüßung
des  Bürgermeisters  erwidert  der  Reichskanzler  mit  einer  Ansprache,
in  welcher  er  nach  einem  Berichte  der  „Kölnischen  Zeitung“  zunächst
die  Freude  äußert,  daß  seine  militärische  Stellung  ihm  Gelegenheit
gebe,  im  Friedenssaale  zu  sein.  Der  Rückblick  in  die  Vergangenheit
  zeige,  was  die  Gegenwart  errungen;  die  Befürchtungen,  ob  der
gegenwärtige  Zustand  erhalten  werde,  seien  nicht  begründet.  Keiner
der  Regierenden  habe  den  Wunsch,  den  Frieden  zu  stören  und  einen
europäischen  Krieg  hervorzurufen.  Auch  die  Annäherungen  der
Staaten  in  der  neuesten  Zeit  gäben  keinen  Grund  zu  Befürchtungen;
sie  seien  nur  der  Ausdruck  schon  vorhandener  Verhältnisse;  vielleicht
seien  sie  nichts  anderes  als  die  Feststellung  eines  europäischen  Gleichgewichts,
  wie  es  früher  bestanden  habe.  Keine  der  europäischen
Regierungen  wolle,  soweit  er  es  zu  übersehen  vermöge,  den  Krieg,
der  in  seinen  Leiden  und  Folgen  alle  früheren  Kriege  voraussichtlich
  übertreffen  würde.  Auch  die  Verhältnisse  im  Innern,  um
welche  Se.  Maj.  der  Kaiser  stets  bemüht  sei,  würden  zu  einem  befriedigenden
  Abschluß  führen,  wennschon  vielleicht  erst  nach  Jahrzehnten.
  In  der  wichtigsten  Frage  sei  die  Regierung  sowohl  eine
Regierung  der  Arbeiter  als  eine  der  Arbeitgeber.  Wenn  es  den
Arbeitgebern  schlecht  gehe,  hätten  die  Arbeiter  zunächst  darunter  zu
leiden.  Es  werde  auch  unter  der  Osnabrücker  Stadtvertretung
Männer  geben,  denen  die  Ueberleitung  in  die  jetzigen  Verhältnisse
schwer  geworden  sei;  allein  diese  Herren  dürften  nicht  mit  ihren
Herzen,  sondern  müßten  mit  dem  Verstande  rechnen  und  dann  die
Notwendigkeit  der  jetzigen  Verhältnisse  erkennen.  Schließlich  wies
der  Reichskanzler  auf  diejenigen  Männer  hin,  die  sich  um  die  Ueberleitung
  in  der  Gegenwart  verdient  gemacht  hätien,  und  hob  insbesondere
  die  Verdienste  des  anwesenden  Oberpräsidenten  v.  Bennigsen
        <pb n="120" />
        112  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  Ende.)

hervor.  Der  Reichskanzler  schloß  alsdann  mit  dem  Ausdrucke  des
Dankes  für  die  Einladung.

Eine  zweite  Rede  hält  der  Kanzler  auf  dem  Kommers  ehemaliger
  Angehöriger  des  78.  Infanterie-Regiments  in  Osnabrück.
Nach  dem  „Hannov.  Kourier“  sagt  er  am  Schlusse  seines  Trinkspruchs
  auf  den  Kaiser:

„Ich  kann  wohl  als  vollgiltiger  Zeuge  dafür  gelten,  wenn  ich  ausspreche,
  daß  das  ganze  Dichten  und  Trachten  des  Kaisers  und  Königs  auf
das  Wohl  des  Landes  gerichtet  ist.  Wenn  aber  der  deutsche  Kaiser  und
preußische  König  sich  mit  dem  Wohle  des  Landes  befaßt,  so  nimmt  immer
eine  der  ersten  Stellen  in  seinen  Gedanken  die  Armee  ein,  denn  es  gibt  keine
andere  Institution  im  Staate,  die  besser  dazu  geschaffen  und  berufen  ist,
den  Staat  als  solchen  zu  erhalten,  als  die  Armee.  So  lassen  Sie  uns  denn
dem  Regiment  für  die  nächsten  25  Jahre  Gutes  wünschen  und  lassen  Sie
uns  unsere  Wünsche  zusammenfassen  in  der  Hoffnung  und  im  Vertrauen  auf
unseren  erhabenen  Kaiser.  Lassen  Sie  uns  wünschen,  daß  er  lange  regieren
möge  und  uns  als  oberster  Kriegsherr  erhalten  bleibe,  und  daß,  was  uns
auch  beschieden  sein  möge,  Krieg  oder  Frieden  —  und  wir  wollen  hoffen,
daß  es  Friede  sei,  ich  sehe  auch  nicht  den  mindesten  Grund,  daran  zu  zweifeln
  —,  daß  das  Regiment  unter  Führung  seines  Kaisers  immer  seine
Schuldigkeit  thun  möge.  Diesem  Kaiser  gehört  unser  letzter  Blutstropfen,
unser  letzter  Gedanke."

Das  Wolff'sche  Telegraphenbureau  übermittelt  den  Trinkspruch

  in  folgender  Fassung:

„Das  Dichten  und  Trachten  Sr.  Maojestät  des  Kaisers  ist  auf  das
Wohl  des  Landes  und  auf  die  Erhaltung  des  Friedens  gerichtet.  Gegenwärtig
  ist  nicht  der  geringste  Grund  vorhanden,  an  dem  Frieden  zu  zweifeln.
Keine  Wolke  trübt  den  politischen  Horizont.“

Ende  September.  Das  ultramontane  „Fränkische  Volksblatt“
  bringt  folgenden  Artikel:

Durch  den  Dreibund  ist  nichts  für  die  Wiederherstellung  des  Kirchenstaates
  zu  erhoffen,  weil  aus  Rücksicht  auf  das  mitverbündete  Neu-Italien
dies  einfach  nicht  geschehen  kann,  denn  im  selben  Momente  zöge  sich  Italien
zurück.  Wenn  nun  der  Hl.  Vater  seine  gerechte  und  gute  Sache  verfolgt
und  wenn  er  jetzt  der  Sache  des  katholischen  Glaubens  einen  neuen,  ungeahnten
  Aufschwung  geben  will,  so  muß  er  sich  logischerweise  auf  einen  mächtigen
  Staat  stützen.  Oesterreich  ist  zum  Schildknappen  Preußens  herabgesunken,
  statt  an  1866  zu  denken  und  seine  Verluste  als  einstige  deutsche
Bundes-Vormacht.  Es  kann  also  nur  Frankreich  in  Betracht  kommen.  Was
soll  das  nun  heißen,  der  „deutsch-patriotische  Standpunkt“  müsse  das  Zentrum
  beherrschen  und  sich  ablehnend  gegen  die  Weltpolitik  des  Hl.  Vaters
verhalten?  Unsinn,  Preußen  hat  sich  niemals  gescheut,  Ausländerhilfe  zu
benutzen,  wenn  sie  seine  Zwecke  förderte.  Mit  Schweden,  Italienern,  wortbrüchigen
  Ungarn  verbunden,  warf  es  seine  Feinde  nieder.  War  das  wohl
deutsch-patriotische  Gesinnung?  In  unserer  Zeit  bedeutet  „nationale“  Rücksicht
  nichts  weiter,  als  „Preußentreue".  Deutschland  bleibt  immer,  nur  die
Form  muß  wechseln;  die  preußische  Hegemonie  ist  reif  für  Bernichtung,  sie
muß  einer  friedlichen,  ehrlichen  und  befriedigenderen  Gestaltung  des  deutschen
Vaterlandes  Platz  machen.  Es  kann  alles  unblutig  gehen.  Oesterreich  muß
        <pb n="121" />
        Das deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  Ende.)  113

im  letzten  Moment  aus  dem  Dreibund  sich  zurückziehen,  sich  mit  Rußland
zur  freien  Hand  im  Orient  verständigen,  Frankreich  wird  durch  ein  Elsaß-Lothringer
  Plebiszit  über  Anschluß  an  Frankreich  oder  Selbständigkeit  von
deutscher  Seite  beruhigt  und  die  neue  Tripelallianz  ist  fertig.  Diese  erzwingt
durch  ihre  Macht  —  unblutig  eine  neue  Ordnung  in  Deutschland,  wonach
Preußen  seine  Beute  von  1866  herausgeben  muß  und  auf  seinen  Stand  vor
1866  zurückgeworfen  wird.  Bayern  wird  die  katholische  Vormacht  eines
„süddeutschen  Bundes“  unter  dem  Schutze  Oesterreichs  und  in  Italien  greift
eine  gleiche  Ordnung  mit  Wiederherstellung  des  Kirchenstaates  und  früherer
Staaten  Platz.  Damit  ist  eine  allgemeine  Abrüstung  eine  Thatsache  von
selbst  geworden.  —  Niemand  hätte  geahnt,  daß  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts
  nochmals  eine  so  mächtig  auftretende  katholische  Weltpolitik  sich
ergeben  könnte;  voll  Staunen,  Ehrfurcht,  Bewunderung  müßten  alle  Gläubigen
  zum  Stellvertreter  Christi,  zur  höchsten  Autorität  aufblicken.  Hoffnung
  bedeutet  Mut!  Nur  schwache  Geister,  ängstliche  Seelen  und  preußische
Schleppträger  haben  die  Frechheit,  den  Hl.  Vater  ob  seiner  Ziele  zu  höhnen.
Das  katholische  Volk  bewundert  den  Papst!"

Das  bedeutendste  klerikale  Blatt  Bayerns,  das  „Münchener
Fremdenblatt“  ist  nicht  einverstanden,  weist  namentlich  die  Ideen
über  die  „Weltpolitik  des  Papstes“  und  die  Aufforderung  zur  Zertrümmerung
  des  deutschen  Reichs  zurück,  kennzeichnet  seinen  eigenen
Standpunkt  aber  wie  folgt:

Als  einziger  Milderungsgrund  mag  die  Abneigung  gegen  Preußen
gelten,  welche  ersichtlich  den  Verfassern  des  Artikels  die  Feder  führte.  Diese
Abneigung  ist  in  unserem  bayerischen  Vaterland  sehr  stark  verbreitet  und
nahm  mit  den  Jahren  nicht  ab,  sondern  eher  zu.  Es  ist  unbestreitbare  geschichtliche
  Thatsache,  daß  die  preußische  Großmachtspolitik  den  alten  deutschen
  Bund  zerstörte,  Oesterreich  aus  Deutschland  hinausmanövrierte  und  die
starke  Defensivkraft  Deutschlands,  welche  fünfzig  Jahre  lang  den  Frieden
erhalten  hatte,  vernichtete.  Preußen  warf  einige  deutsche  Throne  um,  setzte
sich  als  Großpreußen  an  die  Spitze  eben  derselben  Staaten,  mit  denen  es
Krieg  geführt  hatte;  und  da  es  sich  zu  schwach  fühlte,  allein  den  unterwühlten
  Frieden  zu  schützen,  wurde  Oesterreich  wieder  herangezogen.  So  ist
für  die  schwankende  Lage  in  Europa,  für  die  entsetzlichen,  den  Wohlstand
und  die  zivilisatorische  Aktionsfähigkeit  der  Völker  untergrabenden  Rüstungen
Preußen  und  allein  Preußen  zuerst  verantwortlich,  das,  auf  seine  eigene
Größe  bedacht,  die  alte  Ordnung  Europas  umstürzte,  ohne  etwas  anerkannt
Sicheres  an  deren  Stelle  zu  setzen.  Dazu  kommt  noch  das  Benehmen  Preußens
gegen  die  süddeutschen  Staaten  im  neuen  Reiche.  Die  zentralisierende  aufsaugende
  Politik  Preußens  ist  lediglich  durch  die  Existenz  des  Zentrums
hintangehalten  worden.  Aber  das  Zentrum  kann  es  nicht  verhindern,  daß
die  liberalen  und  konservativen  Preßorgane  in  Preußen,  sobald  die  Reservatrechte
  Bayerns  oder  bayerische  Einrichtungen  zur  Diskussion  stehen,  mit  seltener
  Einmütigkeit  und  mit  großsprecherischen  Thun  gegen  Bayern  losdreschen.
Der  Widerwille,  welcher  gegen  Preußen  durch  dessen  politische  Vergangenheit
im  Volke  erzeugt  wurde,  wird  durch  solche  Preßdiskussionen  nur  erhalten
und  verstärkt.  Es  liegt  eben  im  altpreußischen  Wesen  —  die  Rheinländer,
Westfalen  und  Annektierten  rechnen  wir  dabei  natürlich  zu  Südwest-Deutschland,
  —  daß  es  sich  nirgends  Liebe  zu  schaffen  vermag.  Mit  solchen  Rekriminationen
  darf  man  sich  aber  nicht  über  die  Verträge  und  die  thatsächliche
  Lage  hinwegsetzen.  Wir  in  Süddeutschland  haben  vor  1866  die  Reorganisation
  des  alten  deutschen  Bundes  mit  Oesterreich  und  Preußen  an

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXI.  8
        <pb n="122" />
        114  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  Ende—Okt.  Anf.)

der  Spitze  vertreten,  aber  das  ist  vorbei.  Nachdem  der  „alte  Bund“  zerstört
war,  mußten  die  deutschen  Kräfte  wieder  in  anderer  Weise  gesammelt  werden.
Das  geschah  durch  das  neue  deutsche  Reich,  an  welchem  wir  festhalten,  weil
es  eine  politische  Notwendigkeit  ist,  weil  es  sich  gründet  auf  Verträge,  die
wir  Bayern  eingegangen  und  in  Treue  halten  müssen,  und  weil  es  endlich
die  Existenz  Oesterreichs  verbürgt.

Ende  Sept.  Auf  einen  dem  des  „Fränkischen  Volksblatts“
analogen,  dem  „Osservatore  Romano“  günstigen  Artikel  der  ultramontanen

  Bonner  „Reichszeitung“  erwidert  die  „Germania“:

„Es  fehlt  da  an  deutscher  Gesinnung,  wo  man  angebliche  Hinneigung
des  Papstes  zu  Frankreich  mit  solchem  Eifer  konstatiert  und  mit  solcher  Gelassenheit
  erträgt.  Es  fehlt  an  deutscher  Gesinnung,  wo  man,  wie  es  gleich
im  ersten  Artikel  der  „Reichszeitung“  geschah,  von  uns  aber  bisher  schonend
übergangen  wurde,  in  tendenziöser  Einseitigkeit  Gründe  zusammenstellt,  die
Italien,  den  Bundesgenossen  Deutschlands,  zum  Bündnisse  mit  Frankreich
führen  müßten,  während  man  die  hochwichtigen  Gründe,  welche  Italien
wegen  der  Mittelmeer=  und  Orientfrage  zum  Gegner  Frankreichs  und  Rußlands
  machen,  übergellt.  Es  fehlt  an  deutscher  Gesinnung,  wo  man  den
Dreibund  in  dieser  Weise,  wie  in  der  letzten  Nummer  der  „Reichszeitung"“,
mit  der  römischen  Frage  verstrickt,  während  dieselbe  ohne  und  mit  Dreibund
doch  genau  auf  demselben  Flecke  stände,  und  während,  als  Italien  in  den
Zweibund  eintrat,  keine  Macht  der  Welt  in  irgendeiner  Weise  die  italienische
Herrschaft  in  Rom  bedrohte,  dagegen  unmittelbar  vorher  Frankreich  Tunis
weggenommen  hatte  und  Rußland  fort  und  fort  den  Orient  bedrohte  und
somit  doch  klar  genug  war,  weshalb  Italien  den  Zweibund  durch  seinen
Zutritt  zum  Dreibund  machte."

3.  Oktober.  (Trier.)  Schluß  der  Ausstellung  des  heiligen
Rockes.  Die  Gesamtzahl  der  Pilger  beträgt  etwa  1,900,000  gegen
1,100,000  im  Jahre  1844.

Anfang  Oktober.  (Straßburg.)  Der  elsässische  Reichstagsabgeordnete
  Dr.  Petri  wird  von  einem  französischen  Journalisten
gefragt,  wie  es  sich  mit  der  Stimmung  in  Elsaß-Lothringen
verhalte.  In  seiner  Antwort  äußert  er  unter  anderm:

„Die  unlösbare  Verbindung  Elsaß-Lothringens  mit  dem  Deutschen
Reiche  ist  eine  geschichtliche  Thatsache,  von  der  man  nur  wünschen  muß,
daß  von  keiner  Seite  mehr  daran  gerüttelt  werde.  Nur  unter  dieser  Bedingung
  ist  Europa  der  Fortdauer  des  Friedens  sicher  und  der  Waffenrüstung
ledig,  welche  es  zu  erdrücken  droht.  Man  täuscht  sich  häufig  in  Frankreich
über  die  Stimmung,  welche  hier  in  Elsaß-Lothringen  herrscht.  Gewiß  gibt
es  unter  uns  noch  Leute,  welche  ihren  Blick  mehr  auf  die  Vergangenheit  als
auf  die  Gegenwart  richten  und  sich  nicht  dazu  entscheiden  können,  die  politische
  Lage  anzuerkennen,  welche  wir  haben.  Es  ist  dies  eine  Gesinnung,
welcher  man  die  Achtung  nicht  versagen  darf,  und  welche,  unter  manchen
Verhältnissen,  sehr  begreiflich  ist.  Aber  selbst  unter  denjenigen  Leuten,  welche
so  denken,  gibt  es  nur  sehr  wenige,  welche  einen  politischen  Wechsel  mit  allen
seinen  Wirkungen  ersehnen  würden.  Denn  jeder,  der  sich  nicht  geflissentlich
selbst  täuscht,  ist  überzeugt  davon,  daß  eine  Veränderung  der  politischen
Karte  Elsaß-Lothringens  nur  im  Gefolge  eines  blutigen  Krieges  bewirkt
werden  könnte,  dessen  Schauplatz  wiederum  Elsaß-Lothringen  sein  würde.
        <pb n="123" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  Anf.—6.)  115

Wir  kennen  aber  nur  zu  gut  die  Schrecknisse  des  Krieges,  dieser  entsetzlichsten
aller  Geißeln.  Wer  den  Frankfurter  Friedensvertrag  zu  zerreißen  sucht,  der
treibt,  ob  mit  bewußter  Absicht  oder  nicht,  dem  Kriege  zu.  Nun  wohl:  die
weit  überwiegende  Mehrzahl  auch  derjenigen  Leute  in  Elsaß-Lothringen,
welche  sich  mit  dem  neuen  Stande  der  Dinge  noch  nicht  abgefunden  haben,
sagt  —  die  einen  laut,  die  anderen  leise  —  mit  Bestimmtheit:  „Vor  allem
nur  keinen  Krieg!  Bleiben  wir  lieber,  was  wir  sind!“  Und  die  es  nicht
sagen,  die  —  denken  es.“

Anfang  Oktober.  (Landtagswahlen  in  Baden.)  Die
Nationalliberalen  behaupten  einschließlich  der  18  Mandate,  welche
nicht  zur  Neuwahl  standen,  32  Mandate  unter  63.  Sie  haben  14
Sitze  verloren.  Das  Zentrum  gewinnt  8  und  hat  jetzt  21,  die  Demokraten
  3  und  haben  jetzt  6,  die  Konservativen  1  und  haben  2,

die  Sozialdemokraten  gewinnen  zum  erstenmal  2  Sitze.

4.  Oktober.  (Pforzheim.)  Auf  dem  Parteitage  der
Volkspartei  stellt  Sonnemann  einen  Antrag  auf  Abänderung
des  Parteiprogramms,  betr.  Einführung  eines  Maximalarbeitstags
von  10  Stunden.  Später  zieht  er  diesen  Antrag  wieder  zurück.

6.  Oktober.  Tod  König  Karls  von  Württemberg.  Ihm
folgt  sein  Neffe  Wilhelm  II.

Telegramm  des  Kaisers  an  den  König  Wilhelm:

„Tief  erschüttert  durch  die  Todesnachricht  beeile  Ich  Mich,  Dir,
Deiner  Gemahlin  und  Deinem  gesamten  Volke  Meine  aufrichtigste  Teilnahme
auszudrücken.  Einer  der  Mitstifter  des  Deutschen  Reiches  und  Mitgenosse
Meines  teuren  Großvaters  ist  dahin.  Ich  komme  persönlich,  Meinen  Anteil
an  der  Trauer  Württembergs  zu  bethätigen.  Mögest  Du  in  Deinem  neuen
Amt  mit  Gottes  Beistand  für  Dein  Volk  und  Unser  deutsches  Vaterland
ein  Segen  sein.  Meiner  wärmsten  Freundschaft  und  innigsten  Zuneigung
bist  Du  alle  Zeit  sicher.  Wilhelm.“

Die  Antwort  des  Königs  lautet:

„Die  Worte,  welche  Du  an  Mich  gerichtet  hast,  haben  Meinem  schwer
gebeugten  Herzen  unendlich  wohlgethan.  Ich  bin  Mir  der  großen  Verantwortung,
  welche  Gott  Mir  auferlegt  hat,  bewußt  und  hoffe,  Mein  Amt  mit
seiner  Hilfe  zum  Wohl  des  gemeinsamen  deutschen  Vaterlandes  wie  Meines
Landes  auszufüllen.  Ich  fühle  Mich  gestärkt  durch  die  wohlwollenden  Gesinnungen,
  welche  Du  Mir  wie  immer  so  auch  jetzt  kund  gibst.  Aus
tiefster  Ueberzeugung  stehe  Ich,  wie  seit  Jahren  als  Glied  der  preußischen
Armee  zu  dieser,  jetzt  als  deutscher  Regent  fest  und  treu  zu  Kaiser  und  Reich.

Wilhelm.“

6.  Oktober.  (Stuttgart.)  König  Wilhelm  II.  erläßt  ein
Manifest:

„Wilhelm  von  Gottes  Gnaden  König  von  Württemberg!
Liebe  Getreue!

Die  göttliche  Vorsehung  hat  den  allerdurchlauchtigsten  König  Karl
von  Württemberg,  Unseres  vielgeliebten  Herrn  Oheims  Majestät,  aus  diesem
Leben  abgerufen.  Nachdem  hiedurch  kraft  des  in  Unserem  Königlichen  Hause
bestehenden  Erbfolgerechts  Uns  die  Nachfolge  in  der  Regierung  angefallen

                                                    8*
        <pb n="124" />
        116  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  6.)

ist,  und  Wir  dieselbe  wirklich  angetreten,  auch  die  unverbrüchliche  Festhaltung
der  Landesverfassung  in  einer  dem  ständischen  Ausschusse  übergebenen  feierlichen
  Urkunde  bei  Unserem  Königlichen  Worte  zugesichert  haben,  —  so  geben
Wir  euch  Solches  hiemit  gnädigst  zu  erkennen.  Dabei  versehen  Wir  Uns
zu  allen  Unseren  Königlichen  Beamten,  geistlichen  uud  weltlichen  Dienern
und  Unterthanen,  indem  Wir  sie  auf  den  geleisteten  verfassungsmäßigen
Dienst=  und  Huldigungseid  hinweisen  und  erstere  auffordern,  ihre  Verrichtungen
  wie  bisher  nach  ihren  amtlichen  Pflichten  fortzusetzen,  daß  sie  Uns
als  ihrem  angestammten  Landesherrn  die  schuldige  Dienstpflicht,  Treue  und
Gehorsam  so  willig  als  pflichtmäßig  leisten  werden,  womit  Wir  euch  Unserer
Königlichen  Huld  und  Gnade  versichern.
                Gegeben  Stuttgart,  den  6.  Oktober  1891.
                                           Wilhelm.
                      Mittnacht.  Faber.  Steinheil.  Sarwey.  Schmid."“

Eine  Ansprache  des  Königs  an  die  württembergische  Bevölkerung

  besagt:
               „ Württemberger!

Gottes  unerforschlicher  Ratschluß  hat  über  uns  eine  schwere  schmerzliche
  Trauer  verhängt.  Der  gütige  Fürst,  dessen  edles  Herz  stets  für  alles
Schöne  und  Hohe  schlug,  ist  nach  langen,  mit  unerschütterlicher  Geduld  getragenen
  Leiden  aus  dieser  Zeitlichkeit  abgerufen  worden.  Gelöst  ist  das
schöne  Band,  welches  während  einer  siebenundzwanzigjährigen,  an  weltgeschichtlichen
  Ereignissen  reichen  Regierung  treue  Anhänglichkeit  um  den  König
und  sein  Volk  geschlungen  hatte.  Aber  unauslöschlich  lebt  in  dankbarer
Erinnerung  fort,  was  der  Hohe  Verewigte  in  guten  wie  in  schweren  Tagen
seinem  Lande  gewesen,  dankerfüllt  blickt  das  württembergische  Volk  auf  die
Segnungen  zurück,  welche  ihm  aus  der  nie  ermüdeten  Sorge  des  Entschlafenen
um  des  Vaterlandes  Wohl  erflossen  sind.

Auf  den  Thron  Meiner  Vorfahren  berufen,  habe  Ich  die  Regierung
im  Aufblick  auf  Gottes  Hilfe  übernommen,  der  Mir  Kraft  geben  möge,  nach
Innen  wie  dem  Reiche  gegenüber  die  königlichen  Pflichten  zu  erfüllen,  die
sein  Wille  Mir  auferlegt.  Im  Aufsehen  auf  Ihn  verspreche  Ich,  die  Verfassung
  des  Landes  getreu  zu  wahren,  Frömmigkeit  und  Gottesfurcht  zu
pflegen,  den  Armen  und  Schwachen  ein  warmer  Freund  und  Helfer,  dem
Rechte  allezeit  ein  eifriger  Hüter  zu  sein,  und  Meine  Stellung  als  Regent
eines  deutschen  Staates  in  unerschütterlicher  Treue  zu  den  Verträgen,  die
unser  großes  deutsches  Vaterland  begründeten,  wahrzunehmen.

Getragen  von  diesen  Gesinnungen  und  aufrichtig  entschlossen,  in  der
Förderung  der  Wohlfahrt  und  des  Glückes  Meines  Landes  das  höchste  Ziel
Meines  Lebens  zu  erblicken,  zähle  Ich  auf  das  Vertrauen  des  württembergischen
  Volkes,  welches  in  allen  Zeiten  treu  zu  dem  angestammten  Fürstenhause
  gestanden  hat,  und  welches  auch  Mir,  deß  bin  Ich  sicher,  mit  Liebe
und  Vertrauen  entgegenkommen  wird.  Das  Bewußtsein  gegenseitiger  vertrauensvoller
  Liebe,  welche  in  solcher  Weise  Fürst  und  Volk  verbindet,  gibt
Mir  die  Zuversicht,  daß  es  Mir  unter  des  Allmächtigen  Beistand  gelingen
wird,  des  Mir  übertragenen  schweren  Amtes  zu  walten  zum  Heil  und  Segen
des  engeren  wie  des  großen  deutschen  Vaterlandes.

               Stuttgart,  den  6.  Oktober  1891.

                                              Wilhelm.“

Das  den  Mitgliedern  der  Ständeversammlung  beim  Zusammentritt
  vorzulegende  Protokoll  über  den  Vollzug  der  Urkunde,  in
        <pb n="125" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  6.,  117

welcher  der  König  die  unverbrüchliche  Festhaltung  der  bestehenden
Verfassung  zusichert,  lautet:

„Geschehen  Stuttgart,  den  6.  Oktober  1891  im  K.  Residenzschloß.
Nachdem  es  dem  Allmächtigen  Gott  gefallen  hat,  am  heutigen  Tage  Seine
Königliche  Majestät,  den  König  Karl  von  Württemberg  aus  dem  irdischen
Leben  abzuberufen,  so  haben  Seine  Majestät  der  jetzt  regierende  König  Wilhelm
  II.  von  Württemberg  die  Mitglieder  Allerhöchst  Ihres  Staatsministeriums,
  sowie  die  Mitglieder  des  engeren  ständischen  Ausschusses  auf  heute
nachmittag  um  5  Uhr  in  das  K.  Residenzschloß  berufen  lassen  und,  nachdem
infolge  dieses  Allerhöchsten  Besehls  die  Unterzeichneten  sich  daselbst  eingefunden
  hatten,  an  diese  eine  Ansprache  gehalten,  worin  Allerhöchst  Sie  Ihren
tiefen  Schmerz  über  das  Ableben  Allerhöchst  Ihres  Herrn  Oheims  ausdrückten,
  hierauf  aber  zu  erkennen  gaben,  wie  es  Allerhöchst  Ihre  Absicht
sei,  der  nach  §  10  der  Württembergischen  Verfassung  Allerhöchst  Ihnen  obliegenden
  Verpflichtung  nachzukommen,  wonach  der  Thronfolger  in  Württemberg
  in  einer  den  Ständen  des  Königreichs  auszustellenden  feierlichen  Urkunde
  die  unverbrüchliche  Festhaltung  der  Landesverfassung  bei  Seinem  Königlichen
  Worte  zuzusichern  habe.  Seine  Königliche  Majestät  haben  daher
eine  solche  Urkunde  entwerfen  lassen,  welche  Allerhöchst  Sie  nunmehr  unterzeichnen
  und  dem  ständischen  Ausschuß  übergeben  wollen,  damit  dieser  solche
für  die  Stände  des  Königreichs  in  Empfang  nehme  und  diesen  überreiche.
Es  wurde  sofort  diese  Urkunde  vorgelegt  und  verlesen.  Dieselbe  lautet  wörtlich
  wie  folgt:

„Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  König  von  Wuürttemberg,
urkunden  und  bekennen  hiemit:  Nachdem  es  dem  göttlichen  Ratschlusse
gefallen  hat,  Unsern  Vielgeliebten  Herrn  Oheim,  des  Königs  Karl  Majestät,
  aus  diesem  Leben  abzuberufen  und  hiedurch  Wir  zu  der  Thronfolge
  in  Württemberg  berufen  sind,  so  sichern  Wir  den  Ständen  dieses
Königreichs  bei  Unserem  Königlichen  Worte  zu,  daß  Wir  die  bestehende
Verfassung  des  Königreichs  Württemberg  stets  fest  und  unverbrüchlich
halten  und  erfüllen,  auch  gegen  alle  Eingriffe  und  Verletzungen  schüben
und  bei  Kräften  erhalten  werden.  Ueber  diese  feierliche  Zusage  haben
Wir  gegenwärtige  Urkunde  ausfertigen  lassen,  um  solche  mit  Unserer
Unterschrift  und  Unserem  Insiegel  versehen  dem  ständischen  Ausschuß
behufs  ihrer  Zustellung  an  die  Ständeversammlung  zu  übergeben.  —
Stuttgart,  den  6.  Oktober  1891.“

Hierauf  haben  Seine  Königliche  Majestät  diese  Urkunde  in  Gegen—
wart  aller  Unterzeichneten  eigenhändig  unterschrieben,  auch  Allerhöchst  Ihr
Siegel  solcher  beigedruckt,  worauf  die  anwesenden  Mitglieder  des  Staatsministeriums
  dieselbe  kontrasignierten  und  sofort  Seine  Königliche  Majestät
die  Urkunde  dem  Präsidenten  des  ständischen  Ausschusses  behändigten,  welcher
dieselbe  unter  ehrfurchtsvollstem  Danke  namens  des  Ausschusses  behufs  der
Uebergabe  an  die  Ständeversammlung  entgegennahm.  Ueber  diese  Verhandlung
  ist  gegenwärtiges  Protokoll  aufgenommen  worden.  Die  Mitglieder  des
Staatsministeriums:  (gez.)  Mittnacht.  Faber.  Steinheil.  Sarwey.  Schmid.
Die  Mitglieder  des  engeren  ständischen  Ausschusses:  (gez.)  Fürst  v.  Waldburg-Zeil
  Hohl.  Riecke.  Frhr.  v.  Gemmingen.  Hofacker.  Wolff.

6.  Oktober.  (Berlin.)  Reichstagsabgeordneter  Bebel  spricht
über  die  europäische  Lage  und  den  Sozialismus  in  einer
von  etwa  3000  Personen  besuchten  Versammlung  des  sozialdemokratischen
  Wahlvereins  des  4.  Reichstagswahlkreises.
        <pb n="126" />
        118  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  8.)

Redner  sucht  in  anderthalbstündigem  Vortrage  den  Nachweis  zu  liefern,
  daß  die  Sozialdemokratie  sowohl  die  äußere  wie  die  innere  Politik
beherrsche.  In  der  äußeren  Politik  wäre  es  längst  zur  Katastrophe  gekommen,
  wenn  nicht  die  Furcht  vor  der  Arbeiterbewegung,  die  vielleicht  die
Zirkel  hoher  und  höchster  Herren  stören  könnte,  sie  bisher  hintangehalten
hätte.  Alles  in  allem  würden  bei  dem  kommenden  Kriege  etwa  300  Mill.
Einwohner  auf  ca.  9  Mill.  Quadratkilometer  beteiligt  sein.  Die  Schlachten
werde  man  gar  nicht  mehr  übersehen,  die  Toten  nicht  beerdigen,  die  Verwundeten
  nicht  unterbringen  können.  Die  Wirkungen  des  Krieges  auf  den
moralischen  Zustand  und  die  ökonomische  Lage  der  Völker  seien  gar  nicht
abzusehen:  der  soziale  Zusammenbruch  und  die  ökonomische  Revolution  würden
ohne  Beispiel  sein.  Das  eben  sei  es,  was  den  herrschenden  Klassen  Kopfzerbrechen
  mache.  Die  Dinge  seien  auf  die  Spitze  getrieben,  und  die  Hungersnot
  im  Lande  habe  Rußland  verhindert,  jetzt  loszuschlagen.  Der  Sozialismus
  werde  durch  den  Krieg  zu  einer  Macht  anwachsen,  an  die  niemand
denke,  indem  die  Thatsachen  des  Krieges  allen  Völkern  zeigen  würden,  wohin
die  heutige  Gesellschaftsordnung  führe.  nämlich  zur  gegenseitigen  Zerfleischung.
Die  Sozialdemokratie  habe  stets  die  Aussöhnung  mit  Frankreich  gewollt;
wenn  man  aber  lieber  42  Millionen  auf  der  Strecke  liegen  sehen  wolle,  ehe
man  einen  Stein  von  einer  Festung  hergebe,  dann  müßten  allerdings  die
Dinge  auf  die  Spitze  kommen.  Im  nächsten  Kriege  handle  es  sich  für  die
deutsche  Sozialdemokratie  um  die  Existenz  als  Nation  und  als  Partei;  daher
sei  es  ihre  Pflicht,  mit  dem  politischen  Gegner  zusammenzugehen  und  alles
daran  zu  setzen,  daß  um  jeden  Preis  der  Barbar  zu  Boden  geschmettert
werde,  koste  es,  was  es  wolle.  (Stürmisches  Bravo!  und  Händeklatschen.)
Jeder  habe  dahin  zu  wirken,  daß  der  Sieg  sich  an  die  deutschen  Fahnen
hefte,  daß  Rußland  in  seiner  heutigen  Gestalt  zerstückelt  und  seine  Macht
mehr  nach  Osten  geschoben  würde.  Polen  sei  als  ein  politisch  und  wirtschaftlich
  mit  Deutschland  verbundener  Staat  wiederherzustellen,  der  sozialistische
  Gedanke  in  die  Völker,  auch  das  russische,  hineinzutragen,  Rußland
von  außen  und  innen  zu  revolutionieren,  damit  endlich  die  beständige  Kriegsgefahr
  ein  Ende  nehme.  Wenn  erst  die  Vereinigung  der  Völker  auf  demokratischer
  Grundlage  hergestellt  sei,  dann  werde  Friede  sein  auf  Erden  und
den  Menschen  ein  Wohlgefallen.  (Stürmischer,  anhaltender  Beifall.)  Eine
Diskussion  wurde  mit  allen  gegen  ca.  zehn  Stimmen  abgelehnt.

8.  Oktober.  (Stuttgart.)  Sämtlichen  Truppen  des  württembergischen
  Armeekorps  wird  bei  der  Paroleausgabe  folgender
Tagesbefehl  mitgeteilt:

„Offiziere,  Unteroffiziere,  Soldaten  Meines  Armeekorps!  Ihr  habt
Mir  heute  den  Eid  der  Treue  geleistet!  Es  ist  Mir  Bedürfnis,  bei  diesem
Anlaß  Euch  zu  sagen,  wie  Ich  Mich  versichert  halte,  daß  Ihr  unter  Meiner
Regierung  die  ersten  Soldatentugenden,  welche  sind  Treue,  Mut,  Ausdauer
in  Gefahr  und  Beschwerde,  Manneszucht  und  Gehorsam,  bewahren  und  —
wenn  des  Vaterlandes  Schutz  es  erfordern  sollte  —  bethätigen  und  damit
in  die  Fußtapfen  Eurer  Vorgänger  treten  werdet,  die  auf  dem  Schlachtfelde
mit  ihrem  Blut  dem  Armeekorps  eine  ehrenvolle  Stelle  in  der  glorreichen
Geschichte  des  Jahrhunderts  erkämpft  und  für  alle  Zeiten  gesichert  haben.
Euer  in  Gott  ruhender  König,  Mein  Herr  Obheim,  ist  in  Kriegszeiten,  wie
in  langen  Jahren  des  Friedens  Euch  ein  gnädiger,  für  jeden  von  Euch
warmfühlender,  treubesorgter  Kriegsherr  gewesen.  Ihm  bewahret  ein  ehrfurchtsvolles,
  dankbares  Andenken.  Ich  habe  in  zwei  Feldzügen  an  Eurer
Seite  gekämpft  und  die  Gefahr  mit  Euch  geteilt;  dies  begründet  ein  unauf-
        <pb n="127" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  9.  —  13.)  119

lösliches  festes  Band  zwischen  Mir  und  Euch,  zwischen  König  und  Heer.
Seid  denn  versichert  Meiner  treu  väterlichen  Gesinnungen  und  macht  Eurerseits
  wie  in  Hingebung  an  Euern  König,  so  an  Euern  obersten  Kriegsherrn,
als  Glieder  des  großen  gemeinsamen  deutschen  Heeres  dem  Namen  des  XIII.
Armeekorps  Ehrel!
          Stuttgart,  den  8.  Oktober  1891.
                                                Wilhelm.“

9.  Oktober.  (Stuttgart.)  Beisetzung  des  verstorbenen
Königs  von  Württemberg.  Der  Kaiser  und  der  Großherzog  von
Baden  wohnen  derselben  bei.

10.  Oktober.  (Straßburg.)  Anläßlich  der  Aufhebung  des
Paßzwanges  in  Elsaß-Lothringen  wird  dem  nach  Straßburg  zurückkehrenden
  Statthalter  Fürsten  Hohenlohe  am  Sonnabend  eine
Ovation  dargebracht.

Der  Statthalter  wird  auf  dem  Bahnhofe  von  den  Mitgliedern  des
Ministeriums,  höheren  Beamten  und  den  acht  in  Straßburg  wohnenden
Mitgliedern  des  Landesausschusses  erwartet  und  begrüßt.  Im  Namen  der
letzteren  hält  Dr.  Petri  eine  Ansprache,  in  welcher  er  sagt:  „Wir  wissen
das  Vertrauen  zu  würdigen,  welches  die  Regierung  durch  Erfüllung  unserer
Wünsche  gezeigt  hat.  Euer  Durchlaucht  dürfen  sich  versichert  halten,  daß
die  Elsaß-Lothringer  es  als  gern  geübte  Ehrenpflicht  ansehen,  dieses  Vertrauen
  stets  zu  rechtfertigen.  Wir  werden  stets  bereit  sein,  auf  der  unerschütterlichen
  Grundlage  der  Zusammengehörigkeit  von  Elsaß-Lothringen  mit
dem  Reiche  Euer  Durchlaucht,  den  Förderer  unserer  Interessen,  den  edelmütigen
  Freund  der  Bevölkerung,  nach  besten  Kräften  in  dem  hohen  Bestreben
  zu  unterstützen,  die  politischen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse
zu  gedeihlicher  Entwicklung  zu  bringen  zum  Wohle  des  Reiches  und  des

andes.“

Der  Statthalter  dankt  für  die  freundliche  Begrüßung.  Die  Entschließung
  sei  auf  den  Kaiser  zurückzuführen.  Er  werde  den  Dank,  welchem
Dr.  Petri  Ausdruck  gegeben,  zur  Kenntnis  des  Kaisers  bringen.  Der  Statthalter
  dankt  sodann  für  die  ihm  persönlich  ausgesprochenen  Sympathien  und
spricht  die  Hoffnung  aus,  er  werde  ferner  die  Gelegenheit  finden,  sich  als
aufrichtigen  und  treuen  Freund  der  Reichslande  zu  bewähren.  Als  der
Statthalter  den  Perron  verließ,  brach  die  zahlreich  versammelte  Menge  in
Hochrufe  auf  den  Statthalter  aus.

13.  Oktober.  (Stuttgart.)  Pensionierung  des  Finanz-=ministers
  Dr.  v.  Renner,  sowie  die  Ernennung  des  Wirklichen
Staatsrates  v.  Riecke  zum  Finanzminister.

13.  Oktober.  (Dresden.)  Bei  der  Wahl  zum  sächsischen
Landtage  werden  gewählt:  12  Konservative,  6  Nationalliberale,  4
Fortschrittliche.  7  Sozialdemokraten.  In  einem  Wahlkreise  ist  Stichwahl
  erforderlich,  welche  konservativ  ausfällt.

Stellt  man  die  Ergebnisse  für  die  dreißig  Wahlkreise,  um  die  es  sich
jetzt  handelt,  mit  denen  der  letzten  Wahlen  in  diesen  dreißig  Kreisen  zusammen,
  so  ergeben  sich  folgende  Annäherungswerte:
        <pb n="128" />
        120  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  13.—21.)

Wahl  vom  frühere  Wahl

31.  Okt.  1891
Zahl  der  abgegebenen  Stimmen  97,250  66,130
Darunter  sozialdemokratische  35,650  18,280
konservative  35,250  26,350
freisinnige  fortschrittliche)  13,600  12,650
nationalliberale  .  12,750  8,850
gewählt  früher

Konservative  13  14

Sozialdemokraten  7  4

Nationalliberale  6  5

Freisinnige  4  7

Die  Konservativen  verloren  zwei  Kreise  und  gewannen  einen.  Die
Sozialdemokraten  verloren  keinen  Kreis  und  gewannen  drei.  Die  Nationalliberalen
  gewannen  zwei  Kreise  und  verloren  einen.  Die  Freisinnigen  endlich
  gewannen  keinen  Kreis  und  verloren  drei.

Die  Kammer  besteht  danach  aus  45  konservativen,  11  nationalliberalen,
  13  fortschrittlichen  und  11  sozialdemokratischen  Mitgliedern.


13.  Oktober.  Der  70jährige  Geburtstag  Rudolf  Virchows
wird  in  Berlin  feierlich  begangen.

14.  Oktober.  (Karlsruhe.)  Staatsminister  a.  D.,  Präsident
  der  badischen  Oberrechnungskammer  Dr.  Julius  Jolly  f.

14.  Oktober.  (München.)  Im  Finanzausschuß  der  Kammer
der  Abgeordneten  wird  eine  Vorlage  im  Betrage  von  40  Millionen
  zur  Herstellung  von  Doppelgleisen  und  Beschaffung  von
Fahrmaterial  genehmigt.

14.—21.  Oktober.  Sozialdemokratischer  Parteitag  in
Erfurt.  Die  Berliner  Opposition  (Wildberger,  Baginsky),  welche
die  Parteileitung  beschuldigt,  kleinbürgerliche  Tendenzen  zu  verfolgen,
  diktatorisch  bei  der  Maifeier  und  den  Stichwahlen  verfahren
zu  sein  und  die  Partei  der  Versumpfung  entgegenzuführen,  wird
wegen  Verleumdung  aus  der  Partei  ausgeschlossen.

Gegen  Vollmar  sprechen  Bebel,  Singer  und  Liebknecht.  Bebel
infinuiert  Vollmar,  daß  er  als  wohlhabender  Mann  die  Not  des
Arbeiters  nicht  empfinde  und  ihn  deshalb  zur  Geduld  ermahne.
Er  beantragt  zum  Schluß  folgende  Resolution:

„In  Erwägung,  daß  die  Eroberung  der  politischen  Macht  nicht  das
Werk  eines  Augenblickes  sein  kann,  sondern  nur  durch  zähe  und  ausdauernde
Arbeit  errungen  werden  kann,  erklärt  der  Parteitag:  Es  liegt  kein  Grund
vor,  die  bisherige  Taktik  der  Partei  zu  ändern.  Der  Parteitag  betrachtet
ßes  vielmehr  noch  immer  als  Pflicht  der  Parteigenossen,  mit  allen  ihnen  zu
Gebote  stehenden  Kräften  und  Mitteln  die  Agitation  für  die  Reichstags=Landtags=
  und  Gemeinderatswahlen  zu  betreiben,  wo  immer  nur  eine  Aussicht
  auf  Erfolg,  ohne  Verletzung  des  Prinzips,  sich  bietet.  Der  Parteitag
verlangt  von  den  Vertretern  der  Partei,  daß  sie  fest  und  entschieden  im
        <pb n="129" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  14.—21.)  121

Sinne  des  Parteiprogramms  wirken  und,  ohne  auf  die  Erlangung  von  Kon—
zessionen  seitens  der  herrschenden  Klassen  zu  verzichten,  immer  das  ganze  und
letzte  Ziel  der  Partei  im  Auge  haben.  Der  Parteitag  verlangt  ferner  von
jedem  einzelnen  Genossen,  daß  er  den  Beschlüssen  der  Gesamtpartei  und  den
Anordnungen  der  Parteiorgane,  so  lange  diese  innerhalb  der  ihnen  zugewiesenen
  Befugnisse  handeln,  volle  Beachtung  schenkt  und  in  der  Erkenntnis,
daß  eine  Kampfpartei  wie  die  sozialdemokratische  nur  in  strengster  Disziplin
und  Unterwerfung  unter  den  Willen  der  Gesamtpartei  ihr  Ziel  erreichen
kann,  diese  Disziplin  und  diese  Unterwerfung  übt.  Der  Parteitag  erklärt
ausdrücklich,  daß  die  Kritik  an  den  Handlungen  oder  Unterlassungen  der
Parteiorgane  und  der  parlamentarischen  Vertreter  der  Partei  ein  einem  jeden
Parteigenossen  zustehendes  selbstverständliches  Recht  ist,  er  verlangt  aber,
daß  diese  Kritik  in  Formen  geübt  werde,  die  eine  sachliche  Auseinandersetzung
  dem  angegriffenen  Teil  ermöglichen.  Endlich  ist  der  Parteitag  der
Anschauung,  daß  der  in  den  Statuten  der  internationalen  Arbeiterassoziation
von  1864  ausgesprochene  Grundsatz:  „Daß  Wahrheit,  Recht  und  Sitte  als
die  Grundlage  für  das  Betragen  aller  ihrer  Mitglieder  untereinander  und
gegen  alle  ihre  Mitmenschen  ohne  Rücksicht  auf  Farbe,  Bekenntnis  oder  Nationalität
  sei",  auch  heute  noch  die  Richtschnur  für  die  Handlungen  der
Parteigenossen  sein  muß.“

Vollmar  erklärt,  er  glaube  nicht  an  das  tausendjährige  Reich,
wohl  aber  an  den  zehnstündigen  Normalarbeitstag.

Ich  habe  mich  gefreut,  daß  Bebel  ausdrücklich  betont  hat,  es  muß
unser  Bestreben  sein,  die  Massen  zu  gewinnen;  diese  gewinnen  wir  aber
nicht,  wenn  wir  ihnen  bloß  unsere  Endziele  verfprechen,  wir  müssen  ihnen
zeigen,  daß  wir  bestrebt  sind,  ihnen  ihre  augenblickliche  Lage  zu  verbessern.
Bebel  sagt:  wir  stellen  Anträge  im  Reichstage,  hauptsächlich  im  propagandistischen
  Interesse,  unbekümmert  darum,  ob  sie  angenommen  werden.  Dem
kann  ich  durchaus  nicht  beistimmen.  Ich  bin  der  Meinung,  es  kann  durchaus
  nicht  gleichgiltig  sein,  ob  unsere  Anträge  angenommen  oder  abgelehnt
werden.  Wenn  wir  die  Einführung  des  Normalarbeitstages  im  Reichstage
beantragen,  dann  muß  es  uns  doch  darum  zu  thun  sein,  unseren  Antrag
durchzubringen.  Ich  habe  nun  in  meiner  Münchener  Rede  gesagt:  Wir
müssen  langsam  vorwärts  gehen,  ohne  das  Ziel  aus  dem  Auge  zu  verlieren,
bemüht  sein,  den  dornenvollen  Weg,  den  wir  bis  zu  diesem  Ziele  zurückzulegen
  haben,  möglichst  gut  einzurichten.  Bebel  sagte:  wenn  er  die  Wahl
zwischen  dem  Stürmen  und  dem  langsamen  Vorwärtsgehen  habe,  dann  wähle
er  das  erstere.  Nun,  ich  muß  dem  Genossen  Bebel  sagen:  bei  den  heutigen
militärischen  Verhältnissen  könnten  wir  uns  bei  dem  Stürmen  leicht  die
Köpfe  einrennen.  Ich  bin  der  Meinung,  eine  Partei,  die  bei  den  letzten
Wahlen  1  ½  Millionen  Stimmen  hatte,  die  sich  bei  den  nächsten  Wahlen
verdoppeln  fürften  hat  die  Verpflichtung,  auf  ruhigem,  gesetzlichem  und
parlamentarischem  Wege  vorzugehen.  Ich  bin  der  Meinung:  je  mehr  wir
auf  dem  Boden  der  heutigen  Gesellschaftsordnung  erreichen,  desto  schneller
gelangen  wir  zu  unseren  Endzielen.  Ich  habe  vor  Uebereilung  gewarnt  und
ein  langsames  Vorgehen  empfohlen,  weil  ich  nicht  will,  daß  wir  bei  einem
zu  schnellen  Vorgehen  einen  Rückschlag  erleiden,  der  unsere  Bewegung  auf
lange  Zeit  hinaus  zurückwerfen  würde.  Der  nächste  Krieg,  der  nicht  mehr
fern  ist,  sagt  Bebel,  wird  zu  einem  allgemeinen  Bankerott  der  bürgerlichen
Gesellschaft  führen,  dann  kommt  der  große  Kladderadatsch,  und  wir  werden
im  stande  sein,  die  bürgerliche  Gesellschaft  abzulösen  und  unsere  Endziele  zu
verwirklichen.  Ich  komme  dabei  auf  die  auswärtige  Politik.  Man  hat  mich
ja  einen  patriotischen  Mann  genannt.  Allein  auch  Bebel  wird  jetzt  in  aus-
        <pb n="130" />
        122  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  14.—21.)

ländischen  Zeitungen  als  Patriot  bezeichnet,  der,  wenn  es  zum  Kriege  kommen
sollte,  als  erster  Fahnenträger  der  Regierung  gegen  den  auswärtigen  Feind
kämpfen  würde.  (Werner:  Sehr  richtig!)  Ich  will  gleich  von  vornherein
erklären,  daß  ich  den  Standpunkt  Bebels  in  der  auswärtigen  Politik  teile.
(Ahal  der  Opposition.)  Auch  ich  bedauere,  daß  durch  den  Dreibund  die
Kriegsgefahr  im  Wachsen  begriffen  ist.  Allein,  ich  bin  der  Meinung,  daß
wir  alles  aufzubieten  haben,  was  geeignet  ist,  einen  Krieg  zu  verhindern.
Ich  will  die  Schrecknisse  nicht  ausmalen,  die  ein  Sieg  Rußlands  über
Deutschland  bringen  könnte,  und  ich  bin  überzeugt,  wenn  das  deutsche  Vaterland
  von  einem  auswärtigen  Feind  angegriffen  würde,  dann  wären  die
deutschen  Sozialdemokraten  nicht  die  letzten,  die  alles  aufbieten  würden,  um
den  Feind  zu  schlagen.  Wir  können  nur  mit  natürlichen  Verhältnissen
rechnen.  Ich  muß  bemerken:  eine  solche  Prophezeiung,  wie  sie  von  Bebel
aufgestellt  worden,  ist  geradezu  gefährlich.  Die  Massen  werden  selbstverständlich
  sagen:  wenn  der  Tag  so  nahe  ist,  wo  wir  unsere  Endziele  erreichen
werden,  wozu  wollen  wir  noch  uns  mit  der  kleinlichen  Agitation  wie  die
Erreichung  des  Achtstundentages  befassen.  Eigentümlich  ist  es,  daß  man  nur
mit  Siegen  rechnet  und  gar  nicht  eine  Niederlage  ins  Auge  faßt.  Und  was
ein  Sieg  Rußlands  über  Deutschland  für  die  Arbeiter  bedeuten  würde,  diese
Schrecknisse  will  ich  gar  nicht  ausmalen.  Die  Berliner  Volkstribüne,  die
mich  des  Chauvinismus  bezichtigt,  schreibt:  Es  kann  uns  gar  nichts  angenehmer
  sein  als  ein  Krieg,  wir  können  dabei  nur  gewinnen,  und  deshalb
wünschen  wir,  daß  der  Krieg  so  schnell  als  möglich  kommt.  Ja,  wenn  man
auf  diesem  Standpunkt  steht,  dann  ist  es  auch  notwendig,  der  Regierung  die
Mittel  zur  Kriegführung  zu  bewilligen,  denn  mit  Pappenstielen  können  doch
die  Russen  nicht  geschlagen  werden.  (Heiterkeit.)  Ich  bin  der  Meinung,  daß
ein  Krieg  für  die  Arbeiterbewegung  von  den  unheilvollsten  Folgen  wäre,
und  kann  mich  der  Ansicht  keineswegs  anschließen,  daß  der  nächste  Krieg  der
letzte  sein  würde.  Deshalb  haben  wir  alles  aufzubieten,  was  geeignet  ist,
den  Krieg  zu  vermeiden  oder  soweit  als  möglich  hinauszuschieben.  Man
scheint  ganz  vergessen  zu  haben,  daß  der  Brüsseler  Kongreß  dieselbe  Ansicht
ausgesprochen  hat.  Eine  voreilige  Verwirklichung  unserer  Ziele  ohne  festen
Untergrund  wäre  aufs  höchste  zu  beklagen.  Es  wäre  dies  nichts  weiter  als
eine  Wiedergeburt  der  Pariser  Kommune  mit  allen  ihren  Verkehrtheiten  und
Rückschlägen.

Oertel  beantragt,  der  Parteitag  möge  erklären,  daß  er  den
Standpunkt  Vollmars  nicht  teile.  Vollmar  erklärte  es  für  selbstverständlich,
  daß  er  der  Bebelschen  Resolution  zustimme;  der  Antrag
  Oertel  habe  eine  persönliche  Spitze  gegen  ihn:  sollte  er  angenommen
  werden,  dann  habe  er  den  Boden  in  der  Partei  verloren
und  zum  letztenmale  auf  einem  sozialdemokratischen  Parteitage  gesprochen.
  —  Nach  einer  Rede  Bebels  wird  dann  ein  Antrag  eingebracht,
  dahin  gehend:  „nachdem  sich  „Genosse“  Vollmar  ohne  jede
Einschränkung  für  die  vom  Genossen  Bebel  und  anderen  Rednern
entwickelten  Ansichten  bezüglich  der  Beibehaltung  der  bisherigen
Parteitaktik  ausgesprochen  habe,  erkläre  der  Parteitag  den  Antrag
HOertel  für  erledigt  und  gehe  über  denselben  zur  Tagesordnung
über.“  Dieser  Antrag  und  die  von  Bebel  beantragte  Resolution

werden  einstimmig  angenommen.
        <pb n="131" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  14.—21.)  123

Am  letzten  Tage  wird  nach  kurzer  Begründung  durch  Liebknecht
  das  neue  Programm  angenommen.  Es  lautet:

Die  ökonomische  Entwicklung  der  bürgerlichen  Gesellschaft  führt  mit
Naturnotwendigkeit  zum  Untergang  des  Kleinbetriebes,  dessen  Grundlage  das
Privateigentum  des  Arbeiters  an  seinen  Produktionsmitteln  bildet.  Sie
trennt  den  Arbeiter  von  seinen  Produktionsmitteln  und  verwandelt  ihn  in
einen  besitzlosen  Proletarier,  indes  die  Produktionsmittel  das  Monopol  einer
verhältnismäßig  kleinen  Zahl  von  Kapitalisten  und  Großgrundbesitzern  werden.

Hand  in  Hand  mit  dieser  Monopolisierung  der  Produktionsmittel
geht  die  Verdrängung  der  zersplitterten  Kleinbetriebe  durch  kolossale  Großbetriebe,
  geht  die  Entwicklung  des  Werkzeugs  zur  Maschine,  geht  ein  riesenhaftes
  Wachstum  der  Produktivität  der  menschlichen  Arbeit.  Aber  alle  Vorteile
  dieser  Umwandlung  werden  von  den  Kapitalisten  und  Großgrundbesitzern
monopolisiert.  Für  das  Proletariat  und  die  versinkenden  Mittelschichten  —
Kleinbürger,  Bauern  —  bedeutet  sie  wachsende  Zunahme  der  Unsicherheit
ihrer  Existenz,  des  Elends,  des  Drucks,  der  Knechtung,  der  Erniedrigung,
der  Ausbeutung.

Immer  größer  wird  die  Zahl  der  Proletarier,  immer  massenhafter
die  Armee  der  überschüssigen  Arbeiter,  immer  schroffer  der  Gegensatz  zwischen
Ausbeutern  und  Ausgebeuteten,  immer  erbitterter  der  Klassenkampf  zwischen
Bourgeoisie  und  Proletariat,  der  die  moderne  Gesellschaft  in  zwei  feindliche
Heerlager  trennt  und  das  gemeinsame  Merkmal  aller  Industrieländer  ist.

Der  Abgrund  zwischen  Besitzenden  und  Besitzlosen  wird  noch  erweitert
durch  die  im  Wesen  der  kapitalistischen  Produktionsweise  begründeten  Krisen,
die  immer  umfangreicher  und  verheerender  werden,  die  allgemeine  Unsicherheit
  zum  Normalzustand  der  Gesellschaft  erheben  und  den  Beweis  liefern,
daß  die  Produktivkräfte  der  heutigen  Gesellschaft  über  den  Kopf  gewachsen
sind,  daß  das  Privateigentum  an  Produktionsmitteln  unvereinbar  geworden
ist  mit  deren  zweckentsprechender  Anwendung  und  voller  Entwicklung.

Das  Privateigentum  an  Produktionsmitteln,  welches  ehedem  das
Mittel  war,  dem  Produzenten  das  Eigentum  an  seinem  Produkt  zu  sichern,
ist  heute  zum  Mittel  geworden,  Bauern,  Handwerker  und  Kleinhändler  zu
expropriieren  und  die  Nichtarbeiter  —  Kapitalisten  und  Großgrundbesitzer
in  den  Besitz  des  Produkts  der  Arbeiter  zu  setzen.  Nur  die  Verwandlung
des  kapitalistischen  Privateigentums  an  Produktionsmitteln  —  Grund  und
Boden,  Gruben  und  Bergwerke,  Rohstoffe,  Werkzeuge,  Maschinen,  Verkehrsmittel
  —  in  gesellschaftliches  Eigentum  und  die  Umwandlung  der  Warenproduktion
  in  sozialistische,  für  und  durch  die  Gesellschaft  betriebene  Produktion
  kann  es  bewirken,  daß  der  Großbetrieb  und  die  stets  wachsende  Ertragsfähigkeit
  der  gesellschaftlichen  Arbeit  für  die  bisher  ausgebeuteten  Klassen
aus  einer  Quelle  des  Elends  und  der  Unterdrückung  zu  einer  Quelle  der
höchsten  Wohlfahrt  und  allseiliger  harmonischer  Vervollkommnung  werde.

Diese  gesellschaftliche  Umwandlung  bedeutet  die  Befreiung  nicht  bloß
des  Proletariats,  sondern  des  gesamten  Menschengeschlechts,  das  unter  den
heutigen  Zuständen  leidet.  Aber  sie  kann  nur  das  Werk  der  Arbeiterklasse
sein,  weil  alle  anderen  Klassen,  trotz  der  Interessenstreitigkeiten  unter  sich,
auf  dem  Boden  des  Privateigentums  an  Produktionsmitteln  stehen  und  die
Erhaltung  der  Grundlagen  der  heutigen  Gesellschaft  zum  gemeinsamen  Ziel

haben.

 

Der  Kampf  der  Arbeiterklasse  gegen  die  kapitalistische  Ausbeutung
ist  notwendigerweise  ein  politischer  Kampf.  Die  Arbeiterklasse  kann  ihre
ökonomischen  Kämpfe  nicht  führen  und  ihre  ökonomische  Organisation  nicht
entwickeln  ohne  politische  Rechte.  Sie  kann  den  Uebergang  der  Produktions=
        <pb n="132" />
        124  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  14.—21.)

mittel  in  den  Besitz  der  Gesamtheit  nicht  bewirken,  ohne  in  den  Besitz  der
politischen  Macht  gekommen  zu  sein.

Diesen  Kampf  der  Arbeiterklasse  zu  einem  bewußten  und  einheitlichen
zu  gestalten  und  ihm  sein  naturnotwendiges  Ziel  zu  weisen  —  das  ist  die
Aufgabe  der  sozialdemokratischen  Partei.

Die  Interessen  der  Arbeiterklasse  sind  in  allen  Ländern  mit  kapitalistischer
  Produktionsweise  die  gleichen.  Mit  der  Ausdehnung  des  Weltverkehrs
  und  der  Produktion  für  den  Weltmarkt  wird  die  Lage  der  Arbeiter
eines  jeden  Landes  immer  abhängiger  von  der  Lage  der  Arbeiter  in  den
anderen  Ländern.  Die  Befreiung  der  Arbeiterklasse  ist  also  ein  Werk,  an
dem  die  Arbeiter  aller  Kulturländer  gleichmäßig  beteiligt  sind.  In  dieser
Erkenntnis  fühlt  und  erklärt  die  sozialdemokratische  Partei  Deutschlands  sich
eins  mit  den  klassenbewußten  Arbeitern  aller  übrigen  Länder.

Die  sozialdemokratische  Partei  Deutschlands  kämpft  also  nicht  für
neue  Klassenprivilegien  und  Vorrechte,  sondern  für  die  Abschaffung  der
Klassenherrschaft  und  der  Klassen  selbst  und  für  gleiche  Rechte  und  gleiche
Pflichten  Aller  ohne  Unterschied  des  Geschlechts  und  der  Abstammung.  Von
diesen  Anschauungen  ausgehend  bekämpft  sie  in  der  heutigen  Gesellschaft  nicht
bloß  die  Ausbeutung  und  Unterdrückung  der  Lohnarbeiter,  sondern  jede  Art
der  Ausbeutung  und  Unterdrückung,  richte  sie  sich  gegen  eine  Klasse,  eine
Partei,  ein  Geschlecht  oder  eine  Race.

Ausgehend  von  diesen  Grundsätzen  fordert  die  sozialdemakratische
Partei  Deutschlands  zunächst:

1)  Allgemeines  gleiches  direktes  Wahl=  und  Stimmrecht  mit  geheimer
Stimmabgabe  aller  über  20  Jahre  alten  Reichsangehörigen  ohne  Unterschied
des  Geschlechts  für  alle  Wahlen  und  Abstimmungen.  Proportional-Wahlsystem;
  und  bis  zu  dessen  Einführung  gesetzliche  Neueinteilung  der  Wahlkreise
  nach  jeder  Volkszählung.  Zweijährige  Gesetzgebungsperioden.  Vornahme
  der  Wahlen  und  Abstimmungen  an  einem  gesetzlichen  Ruhetage.  Entschädigung
  für  die  gewählten  Vertreter.  Aufhebung  jeder  Beschränkung
politischer  Rechte  außer  im  Falle  der  Entmündigung.

2)  Direkte  Gesetzgebung  durch  das  Volk  vermittelst  des  Vorschlagsund
  Verwerfungsrechts.  Selbstbestimmung  und  Selbstverwaltung  des  Volks
in  Reich,  Staat,  Provinz  und  Gemeinde.  Wahl  der  Behörden  durch  das
Volk,  Verantwortlichkeit  und  Haftbarkeit  derselben.  Jährliche  Steuerbewilligung.


3)  Erziehung  zur  allgemeinen  Wehrhaftigkeit.  Volkswehr  an  Stelle
der  stehenden  Heere.  Entscheidung  über  Krieg  und  Frieden  durch  die  Volksvertretung.
  Schlichtung  aller  internationalen  Streitigkeiten  auf  schiedsgerichtlichem
  Wege.

4)  Abschaffung  aller  Gesetze,  welche  die  freie  Meinungsäußerung  und
das  Recht  der  Vereinigung  und  Versammlung  einschränken  oder  unterdrücken.

5)  Abschaffung  aller  Gesetze,  welche  die  Frau  in  öffentlicher  und  privatrechtlicher
  Beziehung  gegenüber  dem  Manne  benachteiligen.

6)  Erklärung  der  Religion  zur  Privatsache.  Abschaffung  aller  Aufwendungen
  aus  öffentlichen  Mitteln  zu  kirchlichen  und  religiösen  Zwecken.
Die  kirchlichen  und  religiösen  Gemeinschaften  sind  als  private  Vereinigungen
zu  betrachten,  welche  ihre  Angelegenheiten  vollkommen  selbständig  ordnen.

7)  Weltlichkeit  der  Schule.  Obligatorischer  Besuch  der  öffentlichen
Volksschulen.  Unentgeltlichkeit  des  Unterrichts,  der  Lehrmittel  und  der  Verpflegung
  in  den  öffentlichen  Volksschulen,  sowie  in  den  höheren  Bildungsanstalten
  für  diejenigen  Schüler  und  Schülerinnen,  die  kraft  ihrer  Fähigkeiten
  zur  weiteren  Ausbildung  geeignet  erachtet  werden.

8)  Unentgeltlichkeit  der  Rechtspflege  und  des  Rechtsbeistands.  Recht-
        <pb n="133" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  18.)  125

sprechung  durch  vom  Volk  gewählte  Richter.  Berufung  in  Strafsachen.
Entschädigung  unschuldig  Angeklagter,  Verhafteter  und  Verurteilter.  Abschaffung
  der  Todesstrafe.

9)  Unentgeltlichkeit  der  ärztlichen  Hilfeleistung  einschließlich  der  Geburtshilfe
  und  der  Heilmittel.  Unentgeltlichkeit  der  Totenbestattung.

10)  Stufenweise  steigende  Einkommen=  und  Vermögenssteuer  zur  Bestreitung
  aller  öffentlichen  Ausgaben,  soweit  diese  durch  Steuern  zu  decken
sind.  Selbsteinschätzungspflicht.  Erbschaftssteuer,  stufenweise  steigend  nach
Umfang  des  Erbguts  und  nach  dem  Grade  der  Verwandtschaft.  Abschaffung
aller  indirekten  Steuern,  Zölle  und  sonstigen  wirtschaftspolitischen  Maßnahmen,
  welche  die  Interessen  der  Allgemeinheit  den  Interessen  einer  bevorzugten
  Minderheit  opfern.

Zum  Schutze  der  Arbeiterklasse  fordert  die  sozlaldemokratische  Partei
Deutschlands  zunächst:

1)  Eine  wirksame  nationale  und  internationale  Arbeiterschutzgesetzgebung
  auf  folgender  Grundlage:

a)  Festsetzung  eines  höchstens  acht  Stunden  betragenden  Normalarbeitstags.

b)  Verbot  der  Erwerbsarbeit  für  Kinder  unter  vierzehn  Jahren.

c)  Verbot  der  Nachtarbeit,  außer  für  solche  Industriezweige,  die  ihrer
Natur  nach,  aus  technischen  Gründen  oder  aus  Gründen  der  öffentlichen
  Wohlfahrt  Nachtarbeit  erheischen.

d)  Eine  unterbrochene  Ruhepause  von  mindestens  36  Stunden  in  jeder
Woche  für  jeden  Arbeiter.

e)  Verbot  des  Trucksystems.

2)  Ueberwachung  aller  gewerblichen  Betriebe,  Erforschung  und  Regelung
  der  Arbeitsverhältnisse  in  Stadt  und  Land  durch  ein  Reichsarbeitsamt
  Bezirksarbeitsämter  und  Arbeitskammern.  Durchgreifende  gewerbliche

Hygiene.

3)  Rechtliche  Gleichstellung  der  landwirtschaftlichen  Arbeiter  und  der
Dienstboten  mit  den  gewerblichen  Arbeitern;  Beseitigung  der  Gesindeord—
nungen.

4)  Sicherstellung  des  Koalitionsrechts.

5)  Uebernahme  der  gesamten  Arbeiterversicherung  durch  das  Reich
mit  maßgebender  Mitwirkung  der  Arbeiter  an  der  Verwaltung.

18.  Oktober.  Der  Kaiser  richtet  folgendes  Telegramm  an
den  Präsidenten  der  physikalisch-technischen  Reichsanstalt,  Professor
Dr.  v.  Helmholtz:

Es  gereicht  Mir  zu  großer  Freude,  Ihnen  einen  besonderen  Beweis
Meiner  aufrichtigen  Verehrung  und  Bewunderung  zu  teil  werden  zu  lassen,
indem  Ich  Sie  zum  Wirklichen  Geheimen  Rat  mit  dem  Prädikat  Exzellenz
ernenne.  Sie  haben,  Ihr  ganzes  Leben  zum  Wohle  der  Menschheit  ein—
setzend,  eine  reiche  Anzahl  von  herrlichen  Entdeckungen  für  deren  Nutzen
vollbracht.  Ihr  stets  den  reinsten  und  höchsten  Idealen  nachstrebender  Geist
ließ  in  seinem  hohen  Fluge  alles  Getriebe  von  Politik  und  der  damit  verbundenen
  Parteiungen  weit  hinter  sich  zurück.  Ich  und  Mein  Volk  sind
stolz  darauf,  einen  solch  bedeutenden  Mann  unser  nennen  zu  können.  Ich
habe  den  Geburtstag  Meines  heißgeliebten  und  unvergeßlichen  Vaters  zu
dieser  Anerkennung  gewählt,  wohl  wissend,  wie  hoch  Er  Sie  schätzte  und
ein  wie  treu  ergebener  Freund  und  Unterthan  Sie  Ihm  waren.  Möge  Gott
uns  Ihr  teures  Leben  noch  lange  zum  Wohle  Deutschlands  und  der  gesamten
  Welt  erhalten.

                        Ihr  wohlassektionierter  König
                                                                                           Wilhelm  R.
        <pb n="134" />
        126  Das  deutsche  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  22.—27.)

22.  Oktober.  (Stuttgart.)  Eröffnung  der  Ständever—
sammlung  durch  den  König  mit  folgender  Thronrede:

„Nach  27jähriger  segensreicher  Regierung  ist  Mein  vielgeliebter  Herr
Oheim,  des  Königs  Karl  Majestät,  von  Mir  und  dem  dankbaren  Volke  tief
betrauert,  aus  dem  Leben  geschieden.  Zur  Nachfolge  in  der  Regierung  be—
rufen,  trete  Ich  in  die  Mitte  Meiner  getreuen  Stände  und  entbiete  Ihnen
Meinen  Königlichen  Gruß.  Ich  habe  bereits  ausgesprochen,  wie  Ich  darauf
zähle,  daß  Mein  geliebtes  Volk  Mir  in  Liebe  und  Vertrauen  entgegenkommt.
Auch  bei  den  Ständen  des  Landes  hoffe  Ich  zuversichtlich  auf  eine  verständnisvolle
  Unterstützung  für  ein  ersprießliches  Wirken  zum  Wohle  des  Ganzen.
Wenn  Ich  die  Lage  des  gesamten  Vaterlandes  zu  der  Zeit,  in  welcher  der
verewigte  König  die  Zügel  der  Regierung  ergriff,  mit  den  jetzigen  Verhältnissen
  vergleiche,  so  bin  Ich  glücklich,  indem  Ich  heute  an  dieser  Stelle  vor
allem  der  festgefügten  machtvollen  Einigung  gedenke,  welche  dem  deutschen
Volke  als  Frucht  eines  langen  schweren  Ringens  in  dem  erstandenen  Deutschen
  Reiche  für  alle  Zeiten  gewonnen  ist.  Die  in  der  Zugehörigkeit  zu
demselben  begründeten  Pflichten  in  unwandelbarer  Treue  zu  erfüllen,  soll
Mir  ein  hohes  Anliegen  sein.  Innerhalb  des  engeren  Vaterlandes  wird  die
Pflege  eines  stetigen  und  besonnenen  Fortschritts  auf  allen  Gebieten  des
staatlichen  Lebens  Gegenstand  Meiner  unausgesetzten  Bemühungen  bilden.
Noch  hat  die  Frage  einer  zeitgemäßen  Revision  der  Landesverfassung,  insbesondere
  in  Absicht  auf  die  Zusammensetzung  der  Ständeversammlung,  eine
Lösung  nicht  gefunden.  Meine  Regierung  wird  den  Versuch  einer  Verständigung
  erneuern,  und  Ich  hege  die  Hoffnung,  daß  es  bei  Beratung  der  zu
erwartenden  Vorlage  gelinge,  in  patriotischem  Zusammenwirken  das  schwierige
  Werk  einem  glücklichen  Abschluß  entgegenführen.  Die  Pflege  der  Religion
  und  die  Fürsorge  für  das  geistige  und  sittliche  Wohl  des  Volkes
werde  Ich  als  heilige  Obliegenheit  betrachten.  Die  Sicherung  und  Hebung
der  volkswirtschaftlichen  Interessen  auch  durch  Weiterentwickelung  der  Verkehrsmittel
  und  durch  die  gleichmäßige  Förderung  von  Gewerbe  und  Landwirtschaft
  wird  die  besondere  Sorge  Meiner  Regierung  sein;  namentlich  ist
auch  die  Fortbildung  der  Kulturgesetzgebung  in  ihren  verschiedenen  Zweigen
eine  bereits  in  Angriff  genommene  Aufgabe.

Im  Finanzwesen  bin  Ich  gewillt,  auf  den  altbewährten  Grundlagen
mit  Vorsicht  weiterzubauen.  Um  die  gerechte  Verteilung  der  öffentlichen  Lasten
sicherzustellen  und  dem  Staate  wie  den  Gemeinden  die  Mittel  zur  Bestreitung
ihrer  Bedürfnisse  nachhaltig  zu  gewähren,  wird  der  sachgemäßen  Weiterführung
  der  Steuergesetzgebung  Meine  volle  Aufmerksamkeit  zugewendet  sein.
Möge  über  Ihren  Beratungen  allezeit  der  Geist  der  Mäßigung  und  Versöhnlichkeit
  walten;  mögen  Ihre  Verhandlungen  getragen  sein  von  der  Ueberzeugung,
  daß  das  Glück  Meines  Volkes  die  einzige  Richtschnur  Meines
Handelns  ist,  dann  wird  unseren  gemeinsamen  Bestrebungen  mit  Gottes
Hilfe  der  Erfolg  nicht  fehlen!  Stark  durch  ein  unzertrennliches  Band  gegenseitigen
  Vertrauens,  welches  Fürst  und  Volk  umschlingt,  darf  Ich  die  Erfüllung
  des  heißesten  Wunsches  erhoffen,  der  Mich  beseelt,  daß  Meine  Regierung
  dem  geliebten  Württemberg  möge  sein:  eine  Zeit  der  Wohlfahrt
und  des  Friedens.  Das  walte  Gott!“

27.  Oktober.  Ankunft  des  Königs  von  Rumänien  in
Potsdam  zum  Besuch  bei  dem  Kaiser.

27.  Oktober.  Reichstagswahl  in  Stolp-Lauenburg.  Der
liberale  Kandidat  Hofbesitzer  Dau  erhält  11,861,  der  Konservative
  v.  d.  Osten  7868,  Sozialist  Herbert  302  Stimmen.
        <pb n="135" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  27.),  127

27.  Oktober.  Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  folgenden
Erlaß:

Die  beklagenswerten  Erscheinungen,  welche  das  Strafverfahren  gegen
die  Eheleute  Heinze  langeklagt  den  Nachwächter  Braun  ermordet  zu  haben;
die  Frau  eine  Prostituierte,  der  Mann  ihr  Zuhälter  hat  zu  tage  treten
lassen,  beunruhigen  Mein  landesväterliches  Herz  fortgesetzt.  Obwohl  Ich
dem  Justizminister  Meine  Auffassung  bereits  im  allgemeinen  kundgegeben
habe,  und  obwohl  Mir  bekannt  ist,  daß  seitens  der  nächstbeteiligten  Minister
des  Innern  und  der  Justiz  vorbereitende  Schritte  zur  Beseitigung  der  aufgedeckten
  Schäden  eingeleitet  sind,  so  drängt  es  Mich  doch,  auch  die  Aufmerksamkeit
  Meines  Staatsministeriums  auf  diese  für  das  Wohl  des  ganzen
Landes  so  bedeutungsvolle  Angelegenheit  hinzulenken  und  dasselbe  zu  veranlassen,
  Mir  auf  Grund  der  von  den  Ressortministern  gepflogenen  Verhandlungen
  thunlichst  bald  bestimmte  Vorschläge  zu  machen.  Wenn  Ich  dabei
auf  diejenigen  Gesichtspunkte  hinweise,  welche  Mir  für  die  Beurteilung  der
hervorgetretenen  Mißstände  und  der  zu  ihrer  Abwehr  zu  ergreifenden  Maßnahmen
  besonders  wichtig  erscheinen,  so  halte  Jch  Mich  dagu  umsomehr
verbunden,  als  das  Recht  in  Meinem  Namen  gesprochen  wird  und  Ich  von
dem  Bewußtsein  der  Pflichten,  welche  Mir  als  oberstem  Hüter  des  Rechts
und  der  Ordnung  obliegen,  voll  durchdrungen  bin.  Der  Heinze'sche  Prozeß
hat  in  erschreckender  Weise  dargelegt,  daß  das  Zuhältertum  neben  einer  ausgedehnten
  Prostitution  in  den  großen  Städten,  insbesondere  in  Berlin,  sich
zu  einer  gemeinen  Gefahr  für  Staat  und  Gesellschaft  entwickelt  hat.  Behufs
  energischer  Bekämpfung  dieses  Unwesens  wird  in  erster  Linie  in  Frage
kommen,  inwieweit  schon  auf  Grund  der  bestehenden  Gesetze  mit  Nachdruck
gegen  die  Zuhälter  eingeschritten  werden  kann.  Diese  Aufgabe  fällt  der
Polizei  und  der  Strafgesetzpflege  zu.  Es  wird  der  Polizei  ein  kräftiges  und
unter  Umständen  rücksichtsloses  Vorgehen  gegen  die  Ausschreitungen  jener
verworfenen  Menschenklasse  zur  Pflicht  zu  machen,  zugleich  aber  werden  die
Exekutivbeamten  darüber  zu  vergewissern  sein,  daß  sie  bei  thatkräftigem
Vorgehen  nicht  nur  Meine  Anerkennung,  sondern  auch  Meinen  Schutz  finden
werden.  Was  die  Anwendung  der  bestehenden  Strafgesetze  anlangt,  so  wird
darauf  hinzuwirken  sein,  daß  die  Gerichte  bei  ihrem  Urteil  sich  nicht  von
einer  falschen  Humanität  leiten  lassen  und  demgemäß  auch  bei  ersten  Fällen
auf  ein  möglichst  hohes  Strafmaß  erkennen.  Im  Anschluß  hieran  wird  zu
erörtern  sein,  ob  und  in  welcher  Weise  es  etwa  einer  Aenderung  oder  Ergänzung
  des  bestehenden  Strafrechts  bedarf.

Auch  das  Strafverfahren  wird  einer  näheren  Prüfung  zu  unterziehen
und  werden  dabei  Maßregeln  zu  erwägen  sein,  welche  es  verhindern,  daß
Verteidiger,  uneingedenk  ihrer  Pflicht,  zur  Ermittelung  der  Wahrheit  beizutragen,
  es  zu  ihrer  Aufgabe  machen,  dem  Unrecht  selbst  durch  frivole
Mittel  zum  Siege  zu  verhelfen.  Nicht  minder  ist  Vorsorge  zu  treffen,  daß
die  Würde  des  Gerichtshofes  sowohl  der  Verteidigung  wie  den  Angeklagten
und  dem  Publikum  gegenüber  unter  allen  Umständen  gewahrt  bleibe.  Endlich
  erscheint  es  geboten,  daß  in  Fällen,  in  welchen  die  schwersten  sittlichen
Schäden  den  Gegenstand  der  Verhandlung  bilden,  die  Oeffentlichkeit  des  Verfahrens
  ausgeschlossen  werde.

Gegenüber  den  betrübenden  Erscheinungen  des  Heinze'schen  Prozesses
ist  es  Mir  eine  erfreuliche  Wahrnehmung,  daß  die  großen  Gefahren  und
Mißstände,  welche  der  Prozeß  bloßgelegt  hat,  von  allen  Schichten  der  Bevölkerung
  in  ihrer  vollen  Tragweite  erkannt  sind  und  daß  die  öffentliche
Meinung  einmütig  die  Notwendigkeit  wirksamer  Abwehr  hervorhebt.  Dies
läßt  Mich  hoffen,  daß  den  von  Meiner  Regierung  zu  treffenden  Maßnahmen
        <pb n="136" />
        128  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  30.—31.)

diejenige  Unterstützung  innerhalb  der  gesitteten  Kreise  Meines  Volkes  nicht
fehlen  wird,  ohne  welche  eine  durchgreifende  Abhilfe  nicht  erwartet  werden  darf.
Neues  Palais  Potsdam,  den  22.  Oktober  1891.
                                                                                                 Wilhelm  R.

               An  das  Staatsministerium.

30.  Oktober.  (Bayern.)  Das  Kultusministerium  versagt
den  Altkatholiken  definitiv  die  Anerkennung  als  öffentliche  Korporation
  und  verbietet  ihnen  den  Gebrauch  der  äußeren  Insignien
des  katholischen  Kultus  (die  Aktenstücke  im  „Staatsarchiv“  Bd.  52).

30.  Oktober.  (Stuttgart.)  Die  Abgeordnetenkammer  nimmt
ein  Gesetz  betreffend  die  Erhöhung  der  Zivilliste  um  200,000  Mark
mit  83  gegen  3  Stimmen  an.

31.  Oktober.  (Stuttgart.)  Die  von  der  Kammer  einstimmig,
nach  Ablehnung  eines  Amendements,  betr.  Abschaffung  der  Vorrechte
  der  Geburt  und  des  Amtes  für  die  zweite  Kammer,  beschlossene
Antwortsadresse  lautet:

                                           Eure  Königliche  Majestät
haben  nach  Antritt  Allerhöchst  Ihrer  Regierung  die  Stände  des  Landes  um
sich  versammelt.

In  tiefem  Schmerze  trauert  mit  Euer  Königlichen  Majestät  die  Kammer
der  Abgeordneten  um  den  Heimgang  Sr.  Majestät  des  Königs  Karl.  Die
reichen  Segnungen  Seiner  langen  und  glücklichen  Regierung  sichern  dem
hohen  Verewigten  im  Herzen  des  dankbaren  Volkes  ein  unvergängliches
Andenken.

Das  württembergische  Volk,  mit  seinem  Fürstenhause  in  Freud  und
Leid  stets  innig  verbunden,  wird  auch  Eurer  Königlichen  Majestät  Liebe  mit
Liebe  vergelten,  Vertrauen  mit  Vertrauen  erwidern.  Als  die  Vertreter  dieses
Volkes  bringen  wir  Eurer  Königlichen  Majestät  die  feierliche  Versicherung
unwandelbarer  Treue  und  unablässiger  Bereitwilligkeit  zur  pflichtmäßigen
Unterstützung  aller  auf  das  Wohl  des  Vaterlandes  gerichteten  Bemühungen
entgegen.

Mit  Freuden  haben  wir  die  hochherzigen  Worte  vernommen,  mit
welchen  Euer  Majestät  der  festgefügten  und  machtvollen  Einigung  gedenken,
welche  dem  deutschen  Volke  als  die  Frucht  langen  und  schweren  Ringens  in
dem  wiedererstandenen  Deutschen  Reiche  für  alle  Zeiten  gewonnen  ist.  Den
Verpflichtungen  gegen  das  Reich  gewissenhaft  nachzukommen,  werden  auch  wir
uns  stets  angelegen  sein  lassen.

Eure  Königliche  Majestät  haben  uns  die  ernste  Absicht  kundgegeben,
der  Pflege  eines  stetigen,  besonnenen  Fortschritts  auf  allen  Gebieten  des
staatlichen  Lebens,  der  Pflege  der  Religion  und  der  Fürsorge  für  das  geistige
und  sittliche  Wohl  des  Volkes,  der  Sicherung  und  Hebung  der  volkswirtschaftlichen
  Interessen,  der  gleichmäßigen  Förderung  der  Gewerbe  und  der
Landwirtschaft  Allerhöchst  Ihre  unausgesetzte  Sorgfalt  und  Aufmerksamkeit
zu  widmen.  Mit  dankbarer  Freude  haben  wir  hievon  Kenntnis  genommen.
Wir  sind  gern  bereit,  Eurer  Königlichen  Majestät  auf  diesen  Wegen  zu
folgen  und  bei  den  zur  Erreichung  dieser  Ziele  erforderlichen  Vorlagen  nach
unsern  Kräften  und  unserm  besten  Wissen  mitzuwirken.

Eine  zeitgemäße  Revision  der  Landesverfassung,  insbesondere  hinsichtlich
  der  Zusammensetzung  der  Ständeversammlung,  haben  wir  uns  wieder-
        <pb n="137" />
        Das  deutsche  Reih  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  31.  —Nov.  1.)  129

holt  in  Anregung  zu  bringen  erlaubt.  Mit  Befriedigung  haben  wir  daher
vernommen,  daß  die  Regierung  Eurer  Königlichen  Majestät  zu  diesem  Zwecke
einen  Gesetzesentwurf  vorzulegen  entschlossen  ist;  wir  teilen  die  Hoffnung
Eurer  Königlichen  Majestät,  daß  das  patriotische  Zusammenwirken  aller  Beteiligten
  zu  einer  befriedigenden  Lösung  der  schwierigen  und  wichtigen  Frage
führen  wird.

Die  veränderte  Gestaltung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  legt  eine
der  Leistungsfähigkeit  der  Steuerpflichtigen  besser  angepaßte  Verteilung  der
direkten  Steuern,  die  Steigerung  der  Aufgaben  der  Gemeinden  eine  Erweiterung
  ihrer  Besteuerungsrechte  nahe;  einem  gesetzgeberischen  Vorgehen,  welches
sich  unter  thunlichster  Schonung  der  bestehenden  Verhältnisse  in  dieser  Richtung
  bewegt,  werden  wir  unfre  Unterstützung  nicht  versagen.

Möge  Eure  Königliche  Majestät  unfre  Worte  gnädig  entgegennehmen
und  versichert  sein,  daß  wir  bei  unseren  Verhandlungen  eingedenk  des  Eides,
den  wir  geschworen  haben,  das  unzertrennliche  Wohl  des  Königs  und  des
Vaterlandes  ohne  alle  Nebenrücksicht  nach  bester  Ueberzeugung  treu  und  gewissenhaft
  beraten  werden.

Der  allmächtige  Gott  verleihe  Eurer  Königlichen  Majestät  eine  lange
glückliche  Regierung.  Möge  es  Eurer  Königlichen  Majestät  beschieden  sein,
unserem  Vaterlande  eine  lange  Zeit  des  ungetrübten  Glückes,  der  Wohlfahrt
und  des  Friedens  zu  bringen!

            In  tiefster  Ehrfurcht  verharrt
                                                          Eurer  Königlichen  Majestät
                                         treugehorsamste  Kammer  der  Abgeordneten.

                             Stuttgart,  den  31.  Oktober  1891.

31.  Oktober.  (Danzig.)  Ankunft  des  russischen  Kaiserpaares
  von  Kopenhagen.  Zum  Empfange  sind  der  russische  Botschafter
  Graf  Schuwaloff  aus  Berlin  mit  dem  Personal  der  Botschaft,
  ferner  der  hiesige  russische,  dänische  und  englische  Konsul  und
die  Spitzen  der  hiesigen  Behörden  am  Landungsplatze  anwesend.
Das  Kaiserpaar  setzt  die  Reise  zu  Lande  ohne  Aufenthalt  fort.  Umfassende
  Sicherheitsmaßregeln  unter  Aufgebot  zahlreichen  Militärs
sind  von  preußischer  Seite  getroffen.

Ende  Oktober.  Entlassungsgesuch  des  Majors  v.  Wißmann.

Anfang  November.  Mehrere  Berliner  Bankfirmen,  Hirschfeld
  und  Wolff,  Friedländer  und  Sommerfeld,  Maaß  u.  a.  machen
Bankerott,  wobei  sich  große  Depot-Unterschlagungen  herausstellen.

Anfang  November.  In  Berlin  finden  eine  Reihe  von  sozialdemokratischen
  Volksversammlungen  statt,  in  denen  die
„Opposition“  unterliegt  und  die  Beschlüsse  des  Parteitags  gebilligt
werden.

1.  November.  Nachdem  König  Karl  von  Rumänien
Berlin  verlassen,  veröffentlicht  die  „Post“"  folgenden  Artikel:

„Se.  Majestät  der  König  von  Rumänien  ist  gestern  in  seine  Staaten
zurückgereist  nach  einem  Aufenthalte  von  drei  Tagen  in  Berlin  sowohl  als
in  Potsdam.  Daß  ein  längerer  Aufenthalt  am  Berliner  Hofe  beabsichtigt
war,  ist  nicht  anzunehmen,  da  Staatsgeschäfte,  unter  diesen  Ministerverände-Europ.

  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.                               9
        <pb n="138" />
        130  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  2.—5.)

rungen,  dem  Monarchen  nicht  gestatteten,  länger  im  Auslande  zu  verweilen.
Der  Umstand,  daß  sich  der  Präsident  des  rumänischen  Staatsministeriums,
Floresco,  nicht  im  Gefolge  seines  Monarchen  befand,  läßt  wohl  annehmen,
daß  der  politische  Erfolg  des  Besuches  in  Berlin,  wenn  ein  solcher  überhaupt
  ins  Auge  gefaßt  worden  war,  nicht  über  den  Besuch  König  Karols
bei  dem  Reichskanzler  General  v.  Caprivi  hinauskam.  Diese  Annahme  gewinnt
  an  Wahrscheinlichkeit,  wenn  man  in  Erwägung  zieht,  daß  ein  Beitritt
Rumäniens  zum  Dreibunde  nur  unter  der  Bedingung  einer  Garantie  des
Besitzstandes  des  Königreiches  Rumänien  vonseiten  Deutschlands.  und  Oesterreich-Ungarns
  von  Bedeutung  sein  könnte,  daß  aber,  abgesehen  davon,  daß
der  Dreibund  bereits  festgelegt  und  gefügt  ist,  solche  Garantieen  nur  dann
Sinn  und  Wert  haben,  wenn  der  Staat,  für  den  die  genannten  Mächte
Garanten  werden  sollen,  ein  Aequivalent  an  Macht  und  Bedeutung  zu  bieten
hätte,  was  bei  Rumänien  in  Bezug  auf  Deutschland  und  Oesterreich  nicht
zutreffen  möchte."“

2.  November.  (Posen.)  Ein  Extrablatt  des  Dziennik  Poznanski
  meldet  die  Ernennung  des  Prälaten  Dr.  Florian  v.  Stablewski
  zu  Wreschen  zum  Erzbischof  von  Posen  und  Gnesen.

Auf  einem  Katholikentag  in  Thorn  hatte  Stablewski  eine
Rede  gehalten,  an  die  jetzt  offiziös  erinnert  wurde:

„Den  Thron  hat  ein  Monarch  bestiegen,  der  es  bewiesen  hat,  daß  er
auf  der  Höhe  seiner  Aufgabe  und  seiner  Zeit  steht.  Er  hat  den  Kampf
gegen  die  zersetzenden  Faktoren  der  Neuzeit  aufgenommen,  während  andrerseits
  politisch  im  Osten  auch  eine  große  Gefahr  zu  beschwören  ist:  Rußland
mit  seiner  fremdartigen  Kultur,  mit  seinem  offiziellen  religiösen  Fanatismus,
  mit  seinem  Rassenhaß  und  seinem  Bestreben,  eine  universal-slawische
Monarchie  zu  gründen  oder  wenigstens  eine  drückende  Hegemonie  aufzurichten.
Auf  welche  Seite  wir  uns  nun  stellen  sollen,  darauf  antwortet  unfre  Geschichte,
  unsre  Erziehung,  unsre  Kultur.  Wir  sind  die  Söhne  eines  Volkes,
das  seine  Zugehörigkeit  zum  Westen  nie  verleugnet  hat,  wir  sind  Söhne  der
katholischen  Kirche,  deren  erbittertster  Feind  Rußland  ist.  Wir  haben  den
Kulturkampf  und  die  antipolnischen  Gesetze  überstanden,  wir  haben  allen
Lockungen  der  Anarchie  widerstanden,  die  an  uns  auch  herangetreten  sind.
und  es  ist  nach  den  heutigen  Verhandlungen  an  der  Zeit,  auszusprechen,  daß
wir  unter  allen  Umständen  für  die  staatliche  und  die  getellschaftliche  Ordnung
  einzustehen  fest  entschlossen  sind,  wobei  wir  aber  unzweideutig  erklären,
daß  wir  um  keinen  Preis  der  Welt  unfre  nationale  Eigenart  aufgeben
werden,  und  stets  das  erkämpfen  werden,  daß  es  uns  erlaubt  wird,  als  Polen
innerhalb  der  preußischen  Monarchie  zu  leben.  Der  hohe  Sinn  unfres
Monarchen  macht  es  uns  zur  Pflicht,  daß  wir  alle  seine  so  groß  und  weit
angelegten  Pläne  nach  unsern  Kräften  unterstützen  und  fördern.“

5.  November.  (Stuttgart.)  Ministerpräsident  v.  Mittnacht
  schließt  den  Landtag  mit  folgender  Rede:

„Hohe  Versammlung!"  Seine  Königliche  Majestät  haben  mir  den
ehrenvollen  Auftrag  zu  erteilen  geruht,  in  Allerhöchstihrem  Namen  den  gegenwärtigen
  Landtag  zu  schließen.  Mit  Befriedigung  dürfen  Sie  auf  das  Ergebnie
  Ihrer  Arbeiten  in  der  abgelaufenen  Periode  zurückblicken.  Bei  der
Feststellung  der  Voranschläge  für  den  Staatshaushalt  der  Jahre  1889  bis
1893,  welche  vor  allem  Ihre  Thätigkeit  in  Anspruch  nahm,  war  es  —  dank
der  günstigen  Finanzlage  —  ermoglicht,  neben  voller  Berücksichtigung  der
Bedürfnisse  des  laufenden  Dienstes  die  direkten  Steuern  zu  ermäßigen  und
        <pb n="139" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  6.)  131

den  Zivilstaatsdienern,  den  Geistlichen  und  Lehrern,  insbesondere  den  Volksschullehrern
  die  dringend  gebotene  Besserung  ihrer  ökonomischen  Lage  zu  gewähren.
  Durch  die  Bewilligung  namhafter  Beiträge  zu  den  Kosten  der
Unterhaltung  der  Körperschaftsstraßen  und  der  Landarmenverbände,  durch
die  Bereitstellung  vermehrter  Mittel  für  Beiträge  an  Gemeinden  zu  den  Gehalten
  ihrer  Schulstellen,  sowie  zu  Kirchen-,  Schul=  und  Pfarrhausbauten
haben  Sie  zu  der  wünschenswerten  finanziellen  Entlastung  der  Gemeinden
und  Amtskörperschaften  eine  ersprießliche  Mitwirkung  geliehen.  Reiche  Verwendungen
  sind  von  Ihnen  bewilligt  für  Zwecke  der  Justiz,  der  Kirchen
und  Schulen,  zur  Förderung  gemeinnütziger  Anstalten,  zur  Hebung  der  Landwirtschaft,
  zur  Pflege  von  Handel  und  Gewerbe,  von  Kunst  und  Wissenschaft.
Dem  Gebiete  der  Verkehrsaustalten  ist  Ihre  umfassende  Fürsorge  gewidmet
gewesen.  Die  weitere  Entwicklung  des  Eisenbahnnetzes  mittelst  Herstellung
von  Bahnen  vorwiegend  lokaler  Bedeutung  hat  einen  erfreulichen  Fortgang
genommen.  Zugleich  haben  Sie  für  Erweiterungen  und  Verbesserungen
an  den  im  Betriebe  befindlichen  Bahnen,  sowie  für  die  Vermehrung  und
Verbesserung  des  Fahrbetriebsmaterials  erhebliche  Beträge  zur  Verfügung
gestellt  und  durch  die  Genehmigung  vorbereitender  Schritte  zum  Bau  von
Familienwohnungen  für  Unterbedienstete  der  Verkehrsanstalten  in  Stuttgart
einer  Ausdehnung  der  bestehenden  Wohlfahrtseinrichtungen  erwünschten  Vorschub
  geleistet.  Unter  den  Gesetzgebungsarbeiten  dieser  Periode  nimmt  das
Gesetz  über  die  Verwaltung  der  Gemeinden,  Stiftungen  und  Amtskörperschaften
  die  erste  Stelle  ein.  Durch  dasselbe  hat  die  seit  einer  Reihe  von
Jahren  schwebende  Frage  einer  Reform  auf  dem  Gebiete  der  Gemeinde=  und
Amtskörperschaftsverwaltung  vornehmlich  in  Absicht  auf  die  Weiterentwicklung
  des  Grundsatzes  der  Selbstverwaltung  ihre  Lösung  gefunden  unter
gleichzeitiger  Berücksichtigung  der  besonderen  Bedürfnisse  der  größeren  Städte.
Im  Zusammenhang  hiemit  ist  durch  das  Gesetz  über  die  Ortsschulbehörden
die  zufolge  des  Wegfalls  der  Kirchenkonvente  notwendig  gewordene  Neubildung
  der  Organe  der  örtlichen  Schulaufsicht  herbeigeführt.  Die  Einrichtung
größerer  Landarmenverbände  und  die  hiedurch  ermöglichte  bessere  Ausgleichung
der  Landarmenlasten  erscheint  geeignet,  den  in  Beziehung  auf  das  öffentliche
Armenwesen  hervorgetretenen  Mißständen  innerhalb  des  Rahmens  der  Landesgesetzgebung
  wirksam  zu  begegnen.  Der  Steuergesetzgebung  ist  in  mehrfachen
Beziehungen  eine  Ergänzung  und  Verbesserung  zuteil  geworden.  Die  Strafbestimmungen
  des  Einkommensteuergesetzes  sind  in  einer  dem  hervorgetretenen
Bedürfnis  entsprechenden  Weise  der  Reichsstrafprozeßordnung  angepaßt.  Weiter
sind  zu  erwähnen  das  Gesetz  über  die  Kommunalbesteuerung  des  Hausiergewerbebetriebes
  und  das  Gesetz  über  die  Erhebung  eines  Zuschlags  zur
Hundeabgabe  durch  die  Gemeinden.  Das  Ausführungsgesetz  zu  dem  Reichsgesetze
  über  die  Invaliditäts=  und  Altersversicherung  hat  durch  Schaffung
einer  besonderen  Ortsbehörde  für  die  Arbeiterversicherung  die  Durchführung
dieser  Gesetzgebung  wesentlich  erleichtert.  Auch  in  dem  Gesetz  über  die  Fürsorge
  für  Beamte  infolge  von  Betriebsunfällen  und  dem  Gesetz  über  die  Umlegung
  der  Beiträge  zu  den  landwirtschaftlichen  Berufsgenossenschaften  ist
ein  weiterer  Fortschritt  auf  dem  sozialpolitischen  Gebiete  begründet.  So  ist
unter  Ihrer  unermüdeten  Mitwirkung  eine  Reihe  wichtiger  und  bedeutungsvoller
  gesetzgeberischer  Aufgaben  gelöst.  Für  alles,  was  von  Ihnen  geleistet
worden,  habe  ich  Ihnen  den  warmen  Dank  Seiner  Majestät  des  Königs
auszudrücken.  Im  allerhöchsten  Auftrage  erkläre  ich  hiemit  den  Landtag  für

geschlossen."
6.  November.  (Straßburg.)  Bei  den  Wahlen  von  Mitgliedern
  des  Landesausschusses  werden  24  Abgeordnete  gewählt,
                                                              9  *
        <pb n="140" />
        132  Das  deutsche  Reich  und  eine  einzelnen  Glieder.  (November  7.)

von  denen  sich  keiner  seinen  Wählern  mit  einem  protestlerischen  oder
regierungsfeindlichen  Programm  zu  empfehlen  gesucht  hat.

7.  November.  Bei  einem  Kommers  zu  Ehren  v.  Helmholtz
und  Virchow  hält  der  Rektor  der  Universität  Professor  Förster

folgende  Ansprache:

„Kommilitonen!  Sie  haben  heut  zwei  Helden  der  geistigen  Arbeit
und  des  geistigen  Kampfes  gefeiert,  geschmückt  mit  dem  Lorbeer  größter  Erfolge
  in  der  Wissenschaft,  zwei  Männer,  welche  durch  Erhellung  der  Geister
und  durch  siegreiche  Bewältigung  oder  Klärung  weltbewegender  Probleme
die  geistige  Stärke  unseres  Volkes,  den  Ruhm  und  das  Ansehen  unseres
Vaterlandes  bei  den  anderen  Nationen  der  Erde  zu  erhalten  und  zu  erhöhen
mächtig  geholfen  haben,  in  anderer  Weise,  aber  vielleicht  noch  tiefer  und
nachhaltiger,  als  dies  durch  die  herrlichsten  politischen  und  militärischen  Erfolge
  geschehen  kann.

Die  Studentenschaft  Berlins  hat  gezeigt,  daß  sie  diese  Bedeutung  der
beiden,  nunmehr  siebenzigjährigen  Vorkämpfer  auf  dem  Gebiete  völkerverbindender
  und  friedenbringender  Geistesarbeit  zu  würdigen  weiß.

Es  könnte  unnötig  erscheinen,  der  Bewahrung  und  der  Stärkung  der
Einigkeit  und  der  Einmütigkeit  innerhalb  einer  solchen  Studentenschaft  besondere
  Wünsche  und  Mahnungen  zu  widmen.

Und  doch  wird  dies  gerade  durch  das  heutige  Fest  nahe  gelegt.

Auf  den  ersten  Blick  wird  es  als  unwiderleglich  und  von  dem  Begriffe
  des  Studententums  untrennbar  gelten,  daß  der  Kern  und  die  Blüte
einer  Studentenschaft  aus  denjenigen  besteht,  welche  wirklich  studieren,  d.  h.
sich  intensiv  und  ausdauernd  der  geistigen  Arbeit  ebenso  zum  Zwecke  der
sachgemäßen  Ausbildung  als  zu  den  idealen  Zielen  edelster  Geistesbildung
widmen,  und  es  scheint  ebenso  selbstverständlich,  daß  dieser  Kern  der  Studentenschaft
  dieselbe  auch  bei  feierlichen  Anlässen  in  entscheidender  Weise  vertritt,
  wie  es  offenbar  von  der  heutigen  Versammlung  geschehen  ist.

Aber  es  gibt  auch  eine  andere  Seite  des  Studententums,  welche,  aus
der  historischen  Entwickelung  des  Studentenlebens  hervorgegangen  und  an
bedeutsamen  überlieferten  Formen  festhaltend,  wie  sie  der  früheren  exzeptionell
vornehmen  Stellung  der  Musensöhne  entsprechen,  in  ihren  besten  Vertretern
ebenfalls  gewisse  Ideale  des  Jugendlebens  zu  verwirklichen  strebt.  Man
könnte  sie  in  hohem  Sinn  die  ritterliche  Seite  des  Studententums  nennen.

Es  entspricht  ihrer  historischen  Stellung,  daß  sie  mit  einer  gewissen
Ausschließlichkeit  alles  dasjenige  besonders  pflegt,  was  die  nationale  Begeisterung
  entflammt.

Dieser  Seite  des  Studententums  hat  vor  nicht  langer  Zeit  eine  ehrenvolle
  Hervorhebung  aus  dem  Munde  Seiner  Majestät  des  Kaisers  gegolten.

Eine  solche  Anerkennung  wurde  den  anderen  Aufgaben  und  Richtungen
  des  Studententums,  denen  die  überwältigende  Mehrheit  der  studierenden
  Jugend  sich  widmet,  in  völlig  erklärlicher  Weise  nicht  zu  teil,  denn
ihre  Existenzberechtigung  und  ihre  entscheidende  Bedeutung  für  die  Wohlfahrt
des  Ganzen  bedurfte  derselben  in  den  Augen  unseres  allergnädigsten  Herrn
nicht.  Sie  thun  einfach  ihre  Schuldigkeit  und  dies  gilt  bei  Kaiser  Wilhelm
  II.  erst  recht  als  selbstverständlich.

Es  geziemt  aber  der  Studentenschaft  bei  ihren  Gegensätzen  und  Kämpfen
sich  auch  die  Ideale  jener  Richtung,  wie  sie  in  den  Kaiserlichen  Worten  ausgeprägt
  wurden,  vor  Augen  zu  halten  und  daraus  humanes  Verständnis
auch  der  Gegnerschaften  und  erneute  Mahnung  zu  maßvoller  Feinheit  des
        <pb n="141" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  8.—10.)  133

Verkehrs  und  zu  verträglichem,  hochgesinntem  Zusammenwirken  der  verschiedensten
  Richtungen  dauernd  zu  entnehmen.

Je  reifer  und  reiner  sie  das  Ideal  der  Geistesbildung  zu  verwirklichen
  strebt,  desto  sicherer  wird  sie  dies  erreichen  nach  dem  goldenen  Spruche:
Didicisse  fideliter  artes  emollit  mores  nec  sinit  esse  feros.“

8.  November.  Ein  nativdnalliberaler  Parteitag  für
Westpreußen  findet  in  Graudenz  statt  unter  Teilnahme  der  Abgeordneten
  Hobrecht  und  Dr.  Krause.

Abg.  Hobrecht  führt  aus,  in  unferm  politischen  Leben  sei  die  Zersplitterung
  der  Fraktionen  so  groß,  daß  die  Bertreter  des  Volks  nicht  den
legitimen  Einfluß  ausübten,  der  ihnen  zustehe.  Redner  wendet  sich  dann
der  Bekämpfung  der  Polen  zu.  Durch  kleine  Gefälligkeiten,  wie  man  dieselben
  jetzt  den  Polen  erweise,  würden  dieselben  nicht  in  preußische  Staatsbürger
  umgewandelt  werden.  Die  nationalliberale  Partei  werde  einstimmig
für  die  Handelsverträge  eintreten,  denn  ihr  Wert  liege  darin,  daß  sie  auf
längere  Zeit  feste  Verhältnisse  schaffen  und  Schutz  gewähren  gegen  die  Begehrlichkeit
  der  einzelnen.  Man  werde  ihm  wohl  nicht  widersprechen,  wenn
er  behaupte,  daß  der  ideale  Schwung,  der  in  unserem  politischen  Leben  früher
geherrscht,  heute  nicht  mehr  vorhanden  sei.  Es  sei  eine  Zeit  des  Mißmutes
und  des  mangelnden  Vertrauens.  Es  sei  dringend  wünschenswert,  daß  unser
Volk  sich  zu  kräftiger,  politischer  Thätigkeit  aufraffe,  das  gelte  auch  ganz
besonders  für  Westpreußen.  Die  nationalliberale  Partei  wolle  sich  deshalb
eine  feste  Organisation  in  Westpreußen  schaffen  und  darauf  hinwirken,  daß
ein  frischer  liberaler  Zug  in  unser  Staatsleben  hineinkomme.  Abgeordneter
Dr.  Krause  meint,  das  Verhalten  der  Regierung  gegen  die  Polen  könne  die
nationalliberale  Partei  nicht  billigen,  dieser  Weg  führe  zum  Unheil  für  uns
Deutsche.  Mit  den  Polen  Hand  in  Hand  gehe  das  Zentrum.  Wenn  die
Regierung  das  Volksschulgesetz  nach  den  Wünschen  dieser  Partei  gestalte,
würde  die  nationalliberale  Partei  nicht  in  der  Lage  sein,  demselben  zustimmen
  zu  können.  Herr  Krause  spricht  mehrfach  von  der  „freisinnigen
Schwesterpartei“.  Die  nationalliberale  Partei  bekämpfe  unbedingt  die  Polen,
das  Zentrum  und  die  Sozialdemokratie.  Mit  den  übrigen  Parteien  wolle
sie,  wenn  möglich,  in  Frieden  leben.

10.  November.  (Berlin.)  Eröffnung  der  dritten  ordentlichen
  Generalsynode  durch  den  Präsidenten  des  evangelischen
Oberkirchenrats  Dr.  Barkhausen  mit  folgender  Rede:

„Hochwürdige,  hochgeehrte  Herren!

Kraft  des  von  Seiner  Majestät  dem  Kaiser  und  König  mir  übertragenen
  Amtes  habe  ich  die  Ehre,  Sie  beim  Eintritt  in  Ihre  Arbeit  hier
zu  begrüßen.

Seitdem  zuletzt  die  Generalsynode  hier  versammelt  war,  hat  Gott  in
seinem  unerforschlichen  Ratschlusse  unser  Vaterland  und  unsere  Kirche  ernste
Wege  geführt.

Mit  tiefer  Wemut  wendet  sich  unser  Blick  auf  den  Tag  zurück,  an
welchem  es  dem  Allmächtigen  gefallen  hat,  den  Begründer  unserer  Kirchenverfassung,
  den  starken  Schirmherrn  unserer  Kirche,  den  glaubenstreuen,
heilsgewissen  Bekenner  unseres  Herrn  und  Heilandes,  unseren  vielgeliebten
Kaiser  und  König  Wilhelm  I.  zu  Seinen  Vätern  zu  versammeln.  Sein
Leben  ein  Segen  —  ein  Segen  sein  Gedächtnis.

Nur  eine  kurze  Spanne  Zeit  war  es  dem  Teilhaber  Seines  Ruhmes,
dem  Erben  Seiner  Tugenden,  unserem  teueren  Kaiser  Friedrich,  als  Held
        <pb n="142" />
        134  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  10.)

bewährt  in  mancher  heißen  Schlacht,  als  Held  gekrönt  in  entsagendem  Dulden
und  in  Ergebung  unter  die  schwere  Hand  des  Allerhöchsten,  vergönnt,  die
Schirmherrschaft  unserer  Kirche  zu  führen,  für  deren  leben  kräftige,  einheitliche
  Entwickelung  Sein  edles  Herz  erglühte.

Je  schwerer  wir  durch  diese  Schläge  getroffen,  um  so  dankbarer  blickt
unser  Herz  auf  zu  dem  Herrn  der  Kirche,  daß  Er  in  unseres  regierenden
Kaisers  und  Königs  Majestät  ihr  einen  Beschützer  wiedergegeben,  der  mit
starker  Hand  das  von  Seinen  Ahnen  überkommene  Regiment  der  evangelischen
  Kirche  ergriffen  und  ihr  ein  treuer  Schirmherr  sein  wird  angesichts
der  Kämpfe  um  die  heiligsten  religiösen  und  sittlichen  Güter  unseres  evangelischen
  Volks.

Seine  Majestät  haben  mir  den  ehrenvollen  Auftrag  zu  erteilen  geruht,
die  hochwürdige  Generalsynode  Allerhöchstihrer  Huld  und  Gnade  zu  versichern
  und  dabei  auszusprechen,  wie  Allerhöchstdieselben  das  Gedeihen  unserer
evangelischen  Kirche  auf  betendem  Herzen  tragen  und  als  Inhaber  des  Kirchenregiments
  der  lebensvollen  Entfaltung  der  in  der  Kirche  thätig  werdenden
Kräfte  für  Förderung  des  Reiches  Gottes  Allerhöchstihr  lebendiges  Interesse
und  ernste  Fürsorge  zuwenden.

Einer  gedeihlichen  Entwickelung  des  evangelisch  kirchlichen  Lebens
glauben  Seine  Majestät  gewiß  sein  zu  können,  wenn,  wie  Allerhöchstdieselben
vertrauen,  die  synodalen  Organe  auf  allen  Stufen,  vor  allem  aber  diese
hochwürdige  Synode,  sich  um  die  Allerhöchste  Person,  als  den  Inhaber  des
landesherrlichen  Kirchenregiments,  schaaren  und  unter  Zurückstellung  abweichender
  kirchlicher  und  kirchenpolitischer  Parteigegensätze  ihr  Gewicht  geltend
  machen,  um  im  Verein  mit  den  kirchenregimentlichen  Behörden  den
Mächten  des  Unglaubens  und  Umsturzes  zu  wehren,  auf  dem  Grunde  des
Wortes  Gottes  evangelisches  Leben  und  evangelisches  Bewußtsein  in  den  Gemeinden
  zu  fördern  und  durch  Erweckung  und  Mehrung  des  Sinnes  christlicher
  Bruderliebe  und  herzlichen  Erbarmens  in  allen  Schichten  der  Bevölkerung
  die  Gefahren  zu  beschwören,  welche  mit  der  kirchlichen,  staatlichen
und  gesellschaftlichen  Ordnung  das  Heil  und  den  Frieden  der  Seelen  bedrohen.


Die  kirchenregimentliche  Behörde,  an  deren  Spitze  Seine  Majestät  der
Kaiser  und  König  mich  zu  berufen  die  Gnade  gehabt  haben,  erkennt  es  als
ihre  bedeutsame  Aufgabe,  in  Bethätigung  des  Allerhöchsten  Willens,  für  den
friedlichen  Zusammenschluß  der  verschiedenen  kirchlichen  und  kirchenpolitischen
Richtungen  zu  wirken,  um  alle  Kräfte  für  die  wichtigen  Aufgaben,  welche
der  evangelischen  Kirche  im  Volksleben  gestellt  sind,  zu  freudiger  Mitarbeit
heranzuziehen.

Sie  ist  sich  bewußt,  daß,  je  treuer  die  Kirche  ihren  Gliedern  mit  den
ihr  anvertrauten  Heils=  und  Gnadenschätzen  zu  dienen  beflissen  ist,  je  enger
die  Gemeinden  und  ihre  geordneten  Organe  mit  ihren  Geistlichen  sich  zusammenschließen,
  je  lebendiger  und  regsamer  die  Liebesthätigkeit  an  den  Hilfe
bedürfenden  Brüdern  zur  Linderung  ihrer  geistlichen  und  leiblichen  Nöte  sich
entfaltet,  um  so  gewisser  auch  die  Kirche  die  Stellung  sich  erringen  wird,
welche  ihr  als  gottgeordneter,  den  Grund=  und  Eckpfeiler  aller  Civilisation
bildender  Einrichtung  im  öffentlichen  Leben  zukommt,  um  so  berechtigter
auch  die  Hoffnung,  daß  nicht  allein  die  einzelnen  Provinzialkirchen  unseres
engeren  Kirchenkörpers,  sondern  auch  die  außerhalb  desselben  stehenden  evangelischen
  Kirchengemeinschaften  des  preußischen  Staats  und  über  denselben
hinaus  sich  brüderlich  die  Hand  reichen,  um  gemeinsam  dem  Ziele  nachzusreben,
  welches  den  Kirchen  auf  Erden  gesteckt  ist:  die  Schaffung  der  Seelen-Seligkeit.
        <pb n="143" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  10.)  135

Sei  es  mir  noch  gestattet,  einen  Blick  auf  die  Vorlagen  zu  werfen,
für  welche  der  Evangelische  Ober-Kirchenrat  Ihre  Mitwirkung  in  Anspruch
nimmt.

Ich  erwähne  zunächst  die  Gesetzesvorlage,  welche  das  Gebiet  der  kirchlichen
  Aufsicht  über  die  Vermögensverwaltung  der  Kirchengemeinden  in  der
Richtung  der  Herbeiführung  einer  selbständigeren  Stellung  der  Kirchengemeindeorgane
  zu  regeln  bestimmt  ist  und  mit  welcher  der  Evangelische
Ober-Kirchenrat  vielfach  ausgesprochenen  Wünschen  nach  Erleichterung  des
Geschäftsganges  in  der  Verwaltung  der  Gemeindeangelegenheiten  entgegenzukommen
  beabsichtigt.

Ich  nenne  die  Gesetzesvorlagen  wegen  weiterer  Ausgestaltung  der
Pensionsordnung  der  Geistlichen  und  des  Gesetzes  über  die  Versorgung  der
Witwen  und  Waisen  der  Geistlichen,  welche  dem  auf  diesem  Gebiet  hervorgetretenen,
  zum  Teil  sehr  dringenden  Bedürfnis  Abhilfe  zu  schaffen  bestimmt
sind.  Damit  in  engem  Zusammenhang  steht  die  Gesetzesvorlage  wegen  Regelung
  der  Sterbe=  und  Gnadenzeit  der  Hinterbliebenen  der  Geistlichen,
durch  welche  die  Herbeiführung  einer  Einheitlichkeit  auf  diesem  Gebiet  versucht
  wird.

Eine  fernere  der  Anregung  der  zweiten  ordentlichen  Generalsynode
entsprechende  Gesetzesvorlage  bezweckt  die  Beseitigung  der  Uebelstände,  welche
bei  Ausübung  der  Pfarrwahl  in  patronatlosen  Gemeinden  sich  herausgestellt
  haben.

Die  Gesetzesvorlage  über  die  Verlegung  des  landeskirchlichen  Bußund
  Bettages  endlich  bezweckt  die  Beseitigung  von  Schwierigkeiten,  welche
der  für  die  kirchlichen  und  vaterländischen  Interessen  gleich  wichtigen  einheitlichen
  Herstellung  eines  gemeinsamen  Bußtages  in  Norddeutschland  noch
entgegenstehen.

Der  Evangelische  Ober-Kirchenrat  gibt  sich  daneben  der  Hoffnung
hin,  daß,  nachdem  von  der  Königlichen  Staatsregierung,  vorbehaltlich  der
Zustimmung  des  Landtages,  eine  Jahresrente  von  1¼  Million  Mark  zur
Erleichterung  der  kirchlicherseits  gewünschten  Ablösung  der  Stolgebühren  für
den  Bereich  der  evangelischen  Landeskirche  der  älteren  Provinzen  in  Aussicht
gestellt  ist,  noch  im  Laufe  der  diesjährigen  Sitzung  der  Generalsynode  die
Einbringung  einer  Gesetzesvorlage  sich  wird  ermöglichen  lassen,  um  die  kirchengesetzliche
  Regelung  dieser  Angelegenheit  zum  Abschlusse  zu  bringen.

Neben  diesen  Gesetzesvorlagen  werden  aber  noch  sonstige,  in  Form
von  Denkschriften  an  Sie  gelangende  Vorlagen  des  Evangelischen  Ober-Kirchenrats
  Ihre  Aufmerksamkeit  in  Anspruch  nehmen.  Ein  Teil  derselben
bezweckt,  Ihnen  Kenntnis  zu  geben  von  der  Thätigkeit,  zu  welcher  in  mehreren
  von  der  zweiten  Generalsynode  behandelten  Fragen  der  Evangelische
Ober-Kirchenrat  sich  veranlaßt  gesehen  hat.

Andere  dagegen  bewegen  sich  auf  dem  Gebiete,  auf  welchem  gesetzgeberische
  Thätigkeit,  sei  es  der  Natur  der  Sache  nach  überhaupt,  sei  es
wenigstens  für  jetzt  ausgeschlossen,  gleichwohl  aber  die  beratende  oder  erweckende
  Aussprache  der  Vertretung  der  Landeskirche  für  das  evangelische
Volk  und  nicht  zum  wenigsten  für  die  kirchliche  Verwaltung  von  hoher  Bedeutsamkeit
  ist.

Lassen  Sie  uns  denn  mit  dem  Gebet,  daß  Gott  der  Herr  das  Werk
unserer  Hände  fördern  wolle,  an  die  Arbeit  herantreten  in  stetem  Aufblick
zu  Ihm,  Der  es  uns  verheißen  hat,  daß  Er  bei  uns  sein  will  alle  Tage
bis  an  der  Welt  Ende:

Jesus  Christus,  gestern  und  heute,  und  Derselbe  in  alle  Ewigkeit!“
        <pb n="144" />
        136  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  11.—Mitte.)

11.  November.  In  der  2.  Sitzung  der  Generalsynode  beantragen
  v.  Kleist-Retzow  und  Gen.  folgende  Adresse  an  den  Kaiser
zu  richten:

-Allerdurchlauchtigster,  Großmächtigster  Kaiser  und  König,  Allergnädigster
  Kaiser.  Konig  und  Herr!

Eurer  Kaiserlichen  und  Koniglichen  Majestät  naht  die  Vertretung  der
evangelischen  Landeskirche  bei  dem  Zusammentritt  ihrer  dritten  ordentlichen
Generalihnode  zum  erstenmale  nach  Allerhochstderen  Thronbesteigung.  Es
geschieht  in  tieiner  Ehrfurcht,  in  der  freudigen  Zuversicht  zu  Gott,  daß  Er
Eure  Majestät  mit  seinem  heiligen  Geiste  erfülle,  um  die  evangelische  Landeskirche
  ihrem  von  Gott  gewiesenen  Ziele  in  Weisheit  und  Thatkraft  entgegenführen
  zu  helfen.

Tie  Kirche  der  Reformation  ist  gegenwärtig  von  so  großer  Gefahr
umgeben,  mit  so  bedeutenden  Aufgaben  für  unfer  Volksleben  betraut,  daß
nur  die  volle  Hingebung  aller  Kräfte  an  den  Dienst  des  Reiches  Gottes  derselben
  mächtig  zu  werden  vermag.  In  dieser  ernsten  Lage  haben  Eure  Majestät
  als  Träger  des  Kirchenregiments  die  Generalnode  berufen  und  der
evangelischen  Landeskirche  den  kraftigsten  Schutz  huldvollst  zugesagt.  Dafür
sagen  Eurer  Majestät  wir  den  allerunterthänigsten  Dank.

Das  evangelische  Leben  des  Volkes  allenthalben  neu  zu  erwecken,  die
Gemeinden  zu  Brennpunkten  dieses  Lebens  zu  machen,  den  Wegen  Gottes  in
der  Erziehung  zur  Gotteskindschaft  Raum  zu  schaffen,  die  Kräfte  des  Glaubens
  und  die  Gedanken  des  Evangeliums  in  den  sozialen  Kämpfen  der  Zeit
zur  Geltung  zu  bringen  und  so  die  Feinde  des  Reiches  Gottes  zu  überwinden,
  das  ist  das  Ziel,  welches  die  Kirche  sich  vorhält.  Sie  bedarf  zu
seiner  Erreichung  wie  der  hingebendsten  Arbeit  im  Glanben,  so  der  Befreiung
von  den  ihre  Entwickelung  und  Thätigkeit  beengenden  Schranken.  Eurer
Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  Regiment  der  Kirche  in  unentwegter
Treue  und  Ergebenheit  dazu  zu  stärken,  wird  auch  der  gegenwärtigen  Synode
ernstes  Bestreben  sein.

Gott  erhalte,  Gott  segne  Eure  Kaiserliche  und  Königliche  Majestät
und  Eurer  Majestät  ganzes  Haus;  das  ist  das  Gebet  der  dritten  ordentlichen
Generalsynode  der  evangelischen  Landeskirche  der  neun  älteren  Provinzen!“

Die  Synode  beschließt  mit  Einstimmigkeit  die  Annahme  dieses
Adreßentwurfs.

Mitte  November.  Es  wird  bekannt,  daß  der  Kaiser  bei
seinem  Besuch  in  München  in  das  Fremdenbuch  der  Stadt  das
Wort  eingetragen  habe:  Suprema  lesx  regis  voluntas  esto.

13.  November.  (Dresden.)  Eröffnung  des  Landtages  durch
den  König  mit  folgender  Thronrede:

„Meine  Herren  Stände!  Ich  habe  Sie  zur  Wiederaufnahme  Ihrer
verfassungsmäßigen  Thätigkeit  berufen  und  heiße  Sie  herzlich  dahier  willkommen.
  Der  Zeitpunkt,  in  welchem  Sie  von  neuem  in  ihre  Thätigkeit
eintreten,  fällt  zusammen  mit  einem  für  Mein  Haus  und  für  das  Land  höchst
erfreulichen  und  Glück  verheißenden  Ereignis,  mit  der  in  den  nächsten  Tagen
bevorstehenden  Vermählung  des  Prinzen  Friedrich  August,  Meines  Neffen.
Ich  zweifle  nicht,  daß  Sie,  Meine  Herren  Stände,  mit  dem  ganzen  Lande
hieran  den  herzlichsten  und  aufrichtigsten  Anteil  nehmen.  Wenn  auch  die

gegenwärtige  Lage  des  wirtschaftlichen  Lebens  keine  besonders  glänzenden
Erscheinungen  darbietet,  so  kann  doch  auch  gottlob  von  einem  wirtschaftlich
        <pb n="145" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  13.)  137

ungünstigen  Zustande  des  Landes  im  allgemeinen  nicht  die  Rede  sein.  Auch
die  erheblichen  Beschädigungen,  welche  ein  Teil  des  Landes  zu  Meiner  großen
Betrübnis  im  vergangenen  Jahre  durch  Ueberschwemmung  erlitten  hat,  haben
zu  Meiner  lebhaften  Befriedigung  unter  wirksamer  Teilnahme  opferbereiter
Wohlthätigkeit  im  wesentlichen  ausgeglichen  werden  können.  Das  stetige
Wachstum  der  Industrie  in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  hat  allerdings  im
laufenden  Jahre  einen  Stillstand  erfahren.  Erfreulicherweise  haben  sich  aber
die  an  diesen  Geschäftsrückgang  geknüpften  Befürchtungen  nicht  erfüllt;  in
größerem  Umfange  haben  ebensowenig  Ablohnungen  als  Verminderungen  der
Lohnsätze  stattgefunden,  wiewohl  mannigfache  Beschränkungen  der  Arbeitszeit
sowohl  die  Lohnhöhe  der  Arbeitnehmer,  als  die  Erträgnisse  der  Arbeitgeber
ungünstig  beeinflußten.  Der  bevorstehende  Abschluß  einiger  wichtigen  Handelsverträge
  gibt  der  Hoffnung  Naum,  daß  ein  erweiterter  Absatz  neue  Arbeitsgelegenheit
  schaffen,  und  die  längere  Vertragsdauer  dem  Fabrikationsund
  Handelsgeschäft  eine  größere  Stetigkeit  verleihen  werde.  Auch  wird
durch  das  Vertrauen  auf  die  Erhaltung  des  Friedens  die  Zuversicht  in  die
Erwartung  weiterer  fruchtbarer  Erfolge  befestigt.

Es  wird  Ihnen  einer  bei  dem  letzten  Landtage  gegebenen  Anregung
zufolge,  ein  auf  die  Abänderung  der  Gesindeordnung  bezüglicher  Gesetzentwurf
unterbreitet  werden,  in  welchem  neben  einer  durchgehenden  redaktionellen
Aenderung  in  der  Hauptsache  darauf  Bedacht  genommen  worden  ist,  die  mit
der  neuen  Gesetzgebung  nicht  allenthalben  mehr  in  Einklang  stehenden  Bestimmungen
  entsprechend  abzuändern.  Weiter  werden  Ihnen  mit  Rücksicht
auf  die  hervorgetretene  Notwendigkeit  zur  Aenderung  des  Vertretungsverhältnisses
  der  Stadt  Leipzig  in  der  2.  Kammer  der  Ständeversammlung  bezügliche
  Gesetzentwürfe  zugehen.  Hiernächst  werden  ein  Gesetzentwurf,  betreffend
  einige  Abänderungen  des  Gesetzes  über  die  Landes-Immobiliar-Brandversicherungsanstalt
  und  ein  Gesetzentwurf  über  Regelung  der  Zusammensetzung
  der  Bergschiedsgerichte  im  Einklange  mit  dem  Reichsgesetze,  die  Gewerbegerichte
  betreffend,  zu  Gegenständen  Ihrer  Beratungen  gemacht  werden.
Die  Finanzverhältnisse  des  Landes  sind  fortdauernd  in  günstiger  Entwickelung
  begriffen  und  gestatten  auch  ferner  die  Verwendung  reichlicher  Mittel
zur  Befriedigung  vorhandener  Bedürfnisse.  Ohne  Beschränkung  der  notwendigen
  und  nützlichen  Ausgaben  für  die  verschiedenen  Gebiete  der  Staatsverwaltung,
  sowie  der  Aufwendungen  zur  Förderung  der  Wohlfahrt  und
des  Gedeihens  des  Landes  ist  die  Möglichkeit  geboten,  die  in  der  laufenden
Finanzperiode  zum  erstenmale  den  Schulgemeinden  gewährten  Beihilfen  zur
Bestreitung  der  Lehrergehälter  dauernd  auf  die  Staatskasse  zu  übernehmen.
Ein  Gesetzentwurf  hierüber  wird  Ihnen  durch  Meine  Regierung  vorgelegt
werden.  Auch  hat  sich  die  Möglichkeit  ergeben,  nicht  nur  den  Schulgemeinden
wieder  einen  Teil  der  Einnahme  der  Grundsteuer  zu  überweisen,  sondern
auch  die  bereits  vor  zwei  Jahren  als  notwendig  erkannte  Aufbesserung  der
Beamtengehälter  zur  Ausführung  zu  bringen.  Hat  dabei  das  Bedürfnis
einer  durchgreifenden  Aufbesserung  sich  allgemein  fühlbar  gemacht,  so  erfordert
doch  hinsichtlich  des  Maßes  der  Erhöhung  die  Lage  der  niederen  Beamten
im  ganzen  eine  weitergehende  Berücksichtigung  als  diejenige  der  höheren.  Im
Laufe  der  Jahre  sind  unter  dem  Zusammenwirken  verschiedener  Umstände  in
den  Besoldungsverhältnissen  der  Beamten  manche  Ungleichheiten  entstanden,
Zu  deren  Beseitigung  bietet  die  Erhöhung  der  Gehälter  zugleich  erwünschte
Gelegenheit.  Meine  Regierung  hat  daher  die  Besoldungsverhältnisse  der
Beamten  einer  neuen  und  umfassenden  Regelung  unterzogen  und  wird  solche
in  dem  Staatshaushaltsetat  Ihrer  Beschlußfassung  unterbreiten.  Bei  dem
hohen  Interesse,  welches  sich  für  das  gesamte  Staatsleben  an  die  unveränderte
  Erhaltung  eines  tüchtigen  und  berufstreuen  Beamtenstandes  knüpft,
        <pb n="146" />
        138  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  13.)

darf  ich  erwarten,  daß  Sie  den  Vorschlägen  Meiner  Regierung  mit  Wohlwollen
  entgegenkommen  und  Ihre  Mitwirkung  dazu  nicht  versagen  werden,
den  Beamten  eine  auskömmliche  Existenz  zu  verschaffen.  In  Uebereinstimmung
  mit  den  Gründen,  welche  zu  einer  allgemeinen  Aufbesserung  der  Beamtengehälter
  führen,  wird  Ihnen  auch  ein  Gesetzentwurf  über  eine  Erhöhung
der  Minimalgehälter  der  Volksschullehrer  vorgelegt  werden.  Die  letzte
Ständeversammlung  hat  sich  ferner  für  eine  Regulierung  der  Pensionsverhältnisse
  der  Geistlichen  und  Lehrer  ausgesprochen.  In  diesem  Sinne  werden
Ihnen  einige  Gesetze  und  mehrere  Aenderungen  der  statutarischen  Bestimmungen
  der  Landesuniversität  zu  verfassungsmäßiger  Beschließung  zugehen.

Ungeachtet  der  hiernach  eintretenden  Anforderungen  an  die  Staatskasse
ist  es  möglich  gewesen,  auf  einen  Teil  der  Einnahmen  aus  der  Schlachtsteuer
zu  verzichten  und,  einem  auf  dem  letzten  Landtage  kundgegebenen  Wunsche
entsprechend,  eine  mäßige  Herabsetzung  der  Schlachtsteuer  für  Schweine  in
Aussicht  zu  nehmen,  zu  welchem  Zwecke  ihnen  ebenfalls  ein  Gesetzentwurf
unterbreitet  werden  wird.  Die  bei  der  Verwaltung  der  Altersrentenbank
im  Laufe  der  Zeit  gewonnenen  Erfahrungen  haben  ergeben,  daß  die  jetzt  für
die  Altersrenten  geltende  Sterblichkeitstabelle  nicht  den  thatsächlichen  Verhältnissen
  entspricht.  Es  hat  sich  deshalb  die  Notwendigkeit  herausgestellt,
dieselbe  zu  berichtigen,  und  es  wird  Ihnen  ein  hierauf  bezüglicher  Gesetzentwurf
  vorgelegt  werden.  Mit  der  seit  dem  vorigen  Landtage  erfreulicherweise
  eingetretenen  weiteren  Steigerung  des  Verkehrs  hat  die  von  Meiner
Regierung  fortdauernd  im  Auge  behaltene  Vervollkommnung  der  bestehenden
Eisenbahnanlagen  und  die  Vermehrung  der  Betriebsmittel  nicht  gleichen
Schritt  zu  halten  vermocht.  Wegen  Befriedigung  der  in  dieser  Hinsicht
entstandenen  Bedürfnisse  werden  Ihnen  die  Vorschläge  Meiner  Regierung
zugehen.  Dieselben  erstrecken  sich  zugleich  auf  den  Bau  einiger  Sekundär-Eisenbahnen
  sowie  eines  den  Interessen  der  Elbschiffahrt  wie  der  Eisenbahnen
entsprechenden  Verkehrs=  und  Winterhafens  in  Dresden  und  auf  die  Herstellung
  von  Wohnungen  für  niedere  Beamte  und  Arbeiter  der  Eisenbahnverwaltung.
  Wegen  Bereitstellung  der  zur  Ausführung  erforderlichen  Mittel
werden  Ihnen  von  Meiner  Regierung  geeignete  Vorschläge  eröffnet  werden.
Es  wird  Ihnen  weiter  der  Entwurf  einer  Notariatsordnung  und  einer  Kostenordnung
  für  Notare  und  eines  Gesetzes  über  die  Dienstverhältnisse  und  Kosten
der  Ortsgerichtspersonen  zugehen.

So  mögen  denn  auch  die  Verhandlungen  dieses  Landtags  zum  Heil
und  Segen  des  Landes  gereichen."“

13.  November.  Der  Generalsynode  geht  folgende  Mitteilung
des  Evangelischen  Ober-Kirchenrats  über  die  Mitwirkung  bei  Besetzung
  der  theologischen  Professuren  zu:

Die  zweite  ordentliche  Generalsynode  hat  in  ihrer  Sitzung  vom  16.  Oktober
  1885  durch  Annahme  des  Antrages  des  Synodalen  Altgelt  und  Genossen
  die  Bitte  an  uns  gerichtet,  in  Gemeinschaft  mit  dem  General-Synodalvorstande
  die  praktischen  Wege  zu  ermitteln  und  zur  Durchführung  zu
bringen,  durch  welche  ein  wirklicher  und  wirksamer  Einfluß  der  Kirche  bei
Besetzung  der  theologischen  Professuren  erreicht  wird  und  eventuell  bis  zur
anderweitigen,  den  Ansprüchen  der  Kirche  genügenden  Regelung  dieser  Angelegenheit
  das  Ersuchen  der  ersten  ordentlichen  Generalsynode  wiederholt,
bei  den  von  uns  zu  erstattenden  Gutachten  in  Beziehung  auf  Bekenntnis
und  Lehre  der  anzustellenden  Professoren  der  Theologie  den  General-Synodalvorstand
  in  Gemäßheit  des  §  36  al.  5  der  General-Synodalordnung  in  der
Regel,  jedenfalls  aber  da,  wo  ein  Bedenken  in  Bezug  auf  Bekenntnis  und
Lehre  vorliegt,  zuzuziehen.
        <pb n="147" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  13.)  139

Diesen  Beschluß  der  Generalsynode,  welcher  bereits  früher  ausgesprochene
  Wünsche  wiederholt,  haben  wir  nicht  unterlassen,  in  erneute  Erwägung
  zu  ziehen.

Das  hohe  Interesse,  welches  die  evangelische  Landeskirche  an  einer
der  kirchlichen  Aufgabe  der  theologischen  Fakultäten  entsprechenden  Besetzung
der  theologischen  Professuren  und  an  sicheren  Bürgschaften  für  dieselbe  hat,
wird  von  uns  in  demselben  Maße  gewürdigt,  wie  von  der  Generalsynode.
Auch  sind  wir  mit  derselben  darin  einverstanden,  daß  es  auf  praktische,  d.  h.
zweckmäßige  und  erreichbare  Wege  ankommt,  um  dem  Anspruch  der  Kirche
auf  wirksame  Geltendmachung  ihrer  berechtigten  Interessen  ausreichende
Sicherheit  zu  verschaffen.

Auch  bei  erneuter  Erwägung  müssen  wir  aber  bei  unserer  bereits  in
dem  Schreiben  vom  22.  Juni  1881  an  den  Vorstand  der  Generalsynode
näher  begründeten  Ueberzeugung  verharren,  daß  wir  die  Heranziehung  des
Vorstandes  der  Generalsynode  zu  den  gemäß  der  Allerhöchsten  Ordre  vom
5.  Februar  1855  uns  bei  Anstellung  der  ordentlichen  und  außerordentlichen
Professoren  der  Theologie  zustehenden  Gutachten  in  Beziehung  auf  Bekenntnis
  und  Lehre  derselben  für  einen  praktischen  Weg  nicht  halten,  da  solche
Zuziehung  das  Gewicht  unseres  Gutachtens  nicht  verstärken,  hingegen  zu
mißlichen  Hemmungen  des  Geschäftsganges  führen  würde.  Was  die  evangelische
  Landeskirche  wirklich  zur  Wahrung  ihrer  Interessen  bei  Auswahl
der  Lehrer  der  künftigen  Geistlichen  bedarf,  muß,  weil  es  hier  auf  Erledigung
  zart  zu  behandelnder  Personalfragen  ankommt,  innerhalb  des  in  vertraulichem
  Gedankenaustausch  sich  vollziehenden  geschäftlichen  Verkehrs  zwischen
  den  beteiligten  Behörden  erreicht  werden.  Die  Unterrichtsverwaltung
muß  in  Rücksicht  auf  die  Bestimmung  der  theologischen  Fakultäten  darauf
Wert  legen,  bei  der  Auswahl  der  für  theologische  Lehrstühle  geeigneten  Persönlichkeiten
  zu  ihrer  eigenen  Information  sich  rechtzeitig  und  vertrauensvoll
mit  den  kirchlichen  Instanzen  in  Verbindung  zu  setzen.  Daß  in  dieser  Hinsicht
  der  bisherige  Geschäftsgang  nicht  allen  berechtigten  Wünschen  entsprach,
haben  wir  uns  nicht  verhehlt.  Bereits  im  Jahre  1881  haben  wir  unfere
bezüglichen  Wünsche  dem  Herrn  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten  zu
erkennen  gegeben,  und  der  Beschluß  der  zweiten  ordentlichen  Generalsynode
hat  uns  veranlaßt,  in  ausführlicher  Begründung  darauf  zurückzukommen.
Durch  eine  Regelung  formeller  Art  kann  nichts  wirksames  erreicht  werden.
Der  Herr  Minister  hat  uns  aber  neuerdings  versichert,  er  werde  es  im  Interesse
  der  Sache  mit  besonderem  Dank  begrüßen,  wenn  wir  von  dem  uns
in  der  Allerhöchsten  Ordre  verliehenen  Aeußerungsrecht  einen  den  Allerhöchsten
  Intentionen  entsprechenden  umfassenden  Gebrauch  machen  und  auf
diese  Weise  der  Lösung  der  so  überaus  wichtigen  theologischen  Besetzungsfrage
  unsere  Teilnahme  in  verstärktem  Maße  zuwenden  werden.

Nach  unserer  auf  Erfahrung  beruhenden  Ueberzeugung,  daß  die  wirksame
  Geltendmachung  der  kirchlichen  Interessen  hier  nur  im  vertraulichen
Verkehr  der  Zentralehörde  mit  dem  Herrn  Minister  von  Erfolg  sein  kann,
haben  wir  davon  absehen  müssen,  mit  dem  Vorstand  der  Generalsynode  über
die  Ermittelung  praktischer  Wege  zur  Sicherung  eines  wirksamen  Einflusses
der  Kirche  auf  die  Besetzung  der  theologischen  Professuren  in  Verbindung
zu  treten.

Wir  glauben  vielmehr  das  Vertrauen  der  Generalsynode  in  Anspruch
nehmen  zu  dürfen,  daß  wir  bei  Erstattung  der  uns  obliegenden  Gutachten
der  uns  damit  übertragenen  Verantwortlichkeit,  für  die  kirchliche  Qualifikation
  der  für  theologische  Professuren  in  Aussicht  genommenen  Persönlichkeiten
  gewissenhaft  und  nachdrücklich  einzutreten,  auch  ferner  eingedenk  bleiben
werden.
        <pb n="148" />
        140  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  14.—  20.)

Auch  dessen  darf  die  Generalsynode  versichert  sein,  daß  etwaige  Bedenken
  gegen  eine  für  eine  theologische  Professur  in  Aussicht  genommene
Persönlichkeit  in  Beziehung  auf  Bekenntnis  und  Lehre  vor  der  Entscheidung
zur  Kenntnis  Seiner  Majestät  des  Königs  werden  gebracht  werden.

14.  November.  Fürst  Bismarck  passiert  auf  einer  Reise
von  Varzin  nach  Friedrichsruh  Berlin.  Es  werden  ihm  auf  den
Bahnhöfen  begeisterte  Ovationen  dargebracht.

16.  November.  Hauptmann  Freiherr  v.  Gravenreuth  +.
bei  Einnahme  der  Stadt  Buea.

16.  November.  Das  Präsidium  der  Generalsynode  wird
beim  Kaiser  empfangen,  wobei  sich  derselbe  folgendermaßen  äußert:

Er  freue  sich  herzlich,  daß  die  Synode  einen  so  günstigen  Anfang
genommen  habe  und  spreche  dafür  seinen  Dank  aus.  Der  einmütige  Geist,
von  welchem  die  Verhandlungen  der  Synode  bisher  getragen  sind,  habe  nicht
bloß  in  evangelischen  Kreisen,  sondern  auch  bei  unsern  Gegnern  und  auswärts
  —  wie  er  das  auedrücklich  verfolgt  hätte  —  einen  tiefen  Eindruck
gemacht.  Bei  den  früheren  Synoden  sei  das  nicht  in  dem  Maße  der  Fall
gewesen.  Ohne  die  krästige  Mithilfe  der  Generalsynode  könnten  die  Mächte
der  Finsternis  in  der  Gegenwart  nicht  überwunden  werden;  es  sei  kein
Schimmer  von  Hoffnung  vorhanden,  daß  dies  erreicht  werde,  wenn  sie  nicht
einmütig  miteintrete.  Die  Verhandlungen  würden  in  ausgezeichnetem  Geiste
geführt,  dafür  danke  er  nochmals  und  wünsche  zu  dem  weiteren  Fortgang
der  Verhandlungen  Gottes  reichen  Segen.

17.—19.  November.  Aufenthalt  des  Kaisers  in  Hannover
bei  Gelegenheit  eines  Regiments-Jubiläums.

17.  November.  Die  Sitzungen  des  Reichstages  werden
wieder  aufgenommen.

18.  November.  (Rastenburg:  Reichstagsersatzwahl.)
Graf  Stolberg  (kons.)  8948,  Papendieck  (Freis.)  7295,  Lorenz  (Soz.)
438  Stimmen.

20.  November.  Zwei  Anträge  auf  Börsen-Reform  werden
im  Reichstag  eingebracht.

Der  Antrag  der  Nationalliberalen  (Dr.  v.  Cuny)  lautet:

Die  verbündeten  Regierungen  zu  ersuchen:

1)  dem  Reichstage  noch  im  Laufe  der  gegenwärtigen  Session  Gesetzesvorlagen
  zu  machen,  durch  welche  der  Veruntreuung  anvertrauter  Depots
und  dem  Börsenspiele  sowohl  an  der  Produkten-,  als  auch  an  der  Effektenbörse
  entgegengetreten  und  insbesondere  festgestellt  wird:

a.  derjenige,  welchem  in  seinem  Geschäftsbetriebe  Inhaberpapiere  anvertraut
  sind,  darf  sie  nur  dann  veräußern,  wenn  der  Deponent  ihm  die
Veräußerung  speziell  und  ausdrücklich  gestattet  hat.  Die  Unterschlagung  von
Depots  wird  mit  Zuchthaus  bestraft;

b.  reine  Differenzgeschäfte  sind  nichtig  und  begründen  kein  Klagerecht;

2)  die  Frage  der  Verschärfung  der  gesetzlichen  Bestimmungen  über
den  Konkurs  einer  eingehenden  Prüfung  zu  unterziehen.  

Konservative,  Freikonservative  und  Zentrumspartei  beantragen,
  die  Regierung  zu  ersuchen:
        <pb n="149" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  23.—24.)  141

1)  dem  Reichstage  noch  im  Laufe  der  gegenwärtigen  Session  eine  Gesetzesvorlage
  zu  machen,  in  welcher  dem  Mißbrauch  des  Zeitgeschäftes  als
Spielgeschäft  sowohl  an  der  Börse  wie  anderwärts,  namentlich  in  den  für
die  Volksernährung  wichtigen  Artikeln  durch  eingreifende  Bestimmungen  auf
dem  Gebiete  des  Strafrechts  und  des  bürgerlichen  Rechts  entgegengetreten  wird;

2)  dahin  zu  wirken,  daß  die  Börsen  und  der  Geschäftsverkehr  an  denselben
  einer  wirksamen  staatlichen  Aufsicht  unterstellt  und  dadurch  ihren
wahren  Aufgaben  für  Handel  und  Verkehr  erhalten  werden.

23.  November.  Reichstagsersatzwahl  im  11.  württembergischen
  Wahlbezirk  (Hall-Oehringen-Weinsberg).  Von  den
23,191  Wahlberechtigten  sind  9481  giltige  Stimmen  abgegeben.
Gewählt  mit  7771  Stimmen  der  Landwirt  Friedrich  Hartmann
(Demokrat).  Die  „Deutsche  Partei“,  die  den  Wahlkreis  bisher  innegehabt,
  hat  sich  mangels  eines  Kandidaten  der  Abstimmung  enthalten.


23.  November.  Der  russische  Minister  des  Auswärtigen,  Herr
v.  Giers,  weilt,  von  Paris  kommend,  zwei  Tage  in  Berlin  und
wird  vom  Kaiser  und  vom  Reichskanzler  empfangen.

23.  November.  Nach  einer  späteren  Mitteilung  der  Neisser
Zeitung  hält  der  Kaiser  bei  der  Vereidigung  der  Rekruten
in  Potsdam  folgende  Ansprache:

„Rekruten!  Ihr  habt  jetzt  vor  den  geweihten  Dienern  Gottes  und
angesichts  dieses  Altars  Mir  Treue  geschworen.  Ihr  seid  noch  zu  jung,  um
die  wahre  Bedeutung  des  eben  Gesprochenen  zu  verstehen,  aber  befleißiget
Euch  zunächst,  daß  Ihr  die  gegebenen  Vorschriften  und  Lehren  immer  befolgt.
Ihr  habt  Mir  Treue  geschworen,  das  —  Kinder  Meiner  Garde  —  heißt,
Ihr  seid  jetzt  Meine  Soldaten,  Ihr  habt  Euch  Mir  mit  Leib  und  Seele
ergeben;  es  gibt  für  Euch  nur  einen  Feind,  und  der  ist  Mein  Feind.  Bei
den  jetzigen  sozialistischen  Umtrieben  kann  es  vorkommen,  daß  Ich  Euch  befehle,
  Eure  eigenen  Verwandten,  Brüder,  ja  Eltern  niederzuschießen  —  was
ja  Gott  verhüten  möge  --  aber  auch  dann  müßt  Ihr  Meine  Befehle  ohne
Murren  befolgen“.

Das  „Volk“  berichtet  nach  der  Aussage  eines  Ohrenzeugen  den  Wortlaut
  wie  folgt:  „Ihr  habt  Mir  den  Treueid  geleistet,  das  heißt,  Euch  gilt
von  nun  an  nur  ein  Befehl  und  das  ist  Mein  Allerhöchster  Befehl,  Ihr
habt  nur  einen  Feind,  der  ist  Mein  Feind!  Und  müßte  Ich  Euch  vielleicht
einst  —  Gott  wolle  es  verhüten  —  dazu  berufen,  auf  Eure  eigenen  Verwandten,
  ja  Geschwister  und  Eltern  zu  schießen,  so  denkt  an  Euren  Eid!"“
Diese  Worte,  schreibt  das  „Volk“,  sprach  der  Kaiser  mit  erhöhter  Stimme  und
das  „suprema  lex  regis  voluntas“  flammte  in  seinen  Augen.  Zum  Schluß
habe  der  Kaiser  noch  gesagt:  „Vor  allem  eins:  vergeßt  nicht  Euer  Vaterunser,
das  Ihr  als  Kinder  gelernt  habt;  es  hilft  aus  vieler  Not,  ich  weiß  es!“

Nach  einer  dritten  Version  ist  nur  von  „Verwandten  und  Brüdern“
gesprochen.

24.  November.  Bei  der  Vereidigung  der  Rekruten  in
Berlin  hält  der  Kaiser  nach  den  Zeitungen  folgende  Ansprache:

„Ihr,  die  ihr  Mir  soeben  den  Eid  der  Treue  geschworen  habt,  werdet
in  der  ersten  Zeit  oft  schweren  Dienst  haben,  aber  ihr  werdet  auch  Momente
        <pb n="150" />
        142  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  25.)

der  Genugthuung  haben,  wenn  ihr  die  Kunst,  die  ihr  erlernt  habt,  vor
Meinen  Augen  vorführt;  euer  Lohn  wird  dann  sein,  daß  Ich  euch  Meinen
Beifall  bezeige.  Ihr  werdet  hoffentlich  nur  im  Frieden  Gelegenheit  haben,
eure  Tapferkeit  und  euren  Mut  zu  bezeugen;  vielleicht  aber  stehen  auch  ernste
innere  Kämpfe  bevor.“  Der  Kaiser  kommt  sodann  auf  die  Gefahren  der
Hauptstadt  zu  sprechen;  es  erfordere  Mannesmut,  sagt  er,  diese  zu  überstehen.
  Der  vornehmste  Umgang  für  den  Soldaten  sei  der  Soldat,  nicht
das  Civil.

25.  November.  Besuch  des  Kaisers  in  Torgau  zum  Jubiläum
  des  Pionierbataillons  v.  Rauch,  wobei  er  folgende  Rede  hält:

„Ich  bin  hierher  zu  dem  festlichen  Tage  des  Pionierbataillons  von
Rauch  gekommen,  welches  auf  eine  große,  ruhmreiche  Vergangenheit  zurückzuschauen
  vermag,  Ich  bin  gekommen,  um  die  Pionierwaffe  zu  ehren.  Denn
wenn  auch  ein  Pionierbataillon  nicht  mit  wehenden  Fahnen  und  unter  dem
Schlage  der  Trommeln  in  das  Herz  des  Feindes  eindringt,  sondern  mehr
durch  unsichtbare  Arbeit  in  die  Brustwehr  des  Feindes  für  das  Eindringen
der  Infanteriemasse  Bresche  legt,  so  steht  es  Meinem  Herzen  doch  ebenso
nahe,  wie  die  anderen  Waffen.  Ich  stehe  dem  Bataillon  näher,  als  Sie  es
sich  wohl  gedacht  haben  mögen,  und  weile  gern  in  dem  Kreise  der  Offiziere
des  Bataillons,  welches  die  alte  Preußentreue  unverbrüchlich  hochgehalten
hat  und  unverbrüchlich  hochhält,  vor  allem  aber  um  deswillen,  was  wohl
vielen  von  Ihnen  unbekannt  sein  wird,  weil  Ich  alles,  was  Ich  an  Kenntnissen
  auf  diesem  Gebiet  besitze,  die  Kenntnisse  der  Festungsbaukunst  und  des
Mineurdienstes,  Meinem  ehemaligen  Lehrer,  dem  Oberstlieutenant  Diener,
verdanke,  der  ein  Glied  des  hiesigen  Bataillons  gewesen  ist.  Der  Oberstlieutenant
  Diener  war  frei  von  jeder  vorgefaßten  Meinung,  er  blickte  mit
offenem  Auge  in  die  Zukunft  und  trug  kein  Bedenken,  gegen  das  Althergebrachte
  aber  Veraltete  das  Neue  und  Richtige  einzutauschen.  Oberstlieutenant
  Dieners  Kraft,  wenn  er  auch  nicht  mehr  aktiv  ist,  möge  noch  lange
zum  Wohle  der  Armee  uns  erhalten  bleiben.  Schon  der  Name  Ihrer  Waffe
gibt  dafür  Gewähr,  daß  diese  Waffe  eine  Waffe  des  Fortschritts  sein  muß,
denn  man  spricht  von  Pionieren  der  Kultur,  von  Pionieren  der  Wissenschaft
und  von  Pionieren  der  Arbeit,  immer  aber  in  dem  Sinne,  daß  das  Wort
Pionier  den  Vortschritt  bezeichnet.  Der  Geist  des  Bataillons  ist  gut,  echt
altpreußisch.  Es  ist  Mein  Wunsch  und  Ich  hoffe,  daß  das  künftig  so  bleiben
möge.  Es  bürgt  Mir  die  Person  des  Chefs  des  Ingenieur=  und  Pionier-=korps
  und  die  des  jetzigen  Kommandeurs  dieses  Bataillons  dafür,  daß  Meine
Absichten  in  dieser  Beziehung  nicht  nur  verstanden,  sondern  auch  ausgeführt
werden.  Die  neuen  Waffen  verlangen  eine  neue  Festungsbautechnik.  Es  ist
deshalb  Aufgabe,  den  Blick  unbefangen,  frei  und  fest  auf  das  Ziel  zu  richten.
Ich  zweifle  nicht,  daß,  wenn  jemals  wieder  an  das  Bataillon  Anforderungen
herantreten  wie  bei  Schweidnitz,  Düppel  und  Alsen,  daß  dann  das  Bataillon
wieder  neue  Lorbeeren  in  den  Ruhmeskranz  der  preußischen  Armee  flechten
wird.  Ist  doch  auch  die  Heldenthat  Klinke's  und  seiner  Kameraden,  welche
noch  zum  Teil  dem  Bataillon  oder  doch  der  Waffe  angehören,  für  die  späteren
Geschlechter  des  Bataillons  vorbildlich  und  sinnbildlich  geworden.  Ich  erwarte
  zuversichtlich,  daß  Meine  Pioniere,  wie  bisher  immer,  so  auch  in  Zukunft
  der  Armee  vorangehen  und  das  Loch  sprengen  werden,  durch  welches
die  stürmende  Hand  hindurchstößt.

Wohlan!  So  lassen  Sie  uns  auf  das  Wohl  des  Pionierbataillons
von  Rauch  und  darauf  trinken,  daß  auch  noch  andere  Bataillone  dieser  Waffe
ein  gleiches  Fest  begehen  mögen.

Das  Pionierbataillon  von  Rauch  es  lebe  hoch!
        <pb n="151" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  143

27.  November.  Generalsynode.  Besetzung  der  theo—

logischen  Professuren.

Ueber  diese  Frage  ist  eine  Kommission  eingesetzt,  welche  beantragt:

1)  Den  Evangelischen  Ober-Kirchenrat  zu  ersuchen,  sich  mit  der  königlichen
  Staatsregierung  über  die  zu  Recht  bestehende  Mitwirkung  bei  der  Besetzung
  der  evangelisch-theologischen  Professuren  dahin  zu  verständigen,  daß
neben  der  überaus  dankenswerten  Erklärung  des  Herrn  Ministers,  den  Evangelischen
  Ober-Kirchenrat  über  die  Vorschläge  der  Fakultäten  hören  zu  wollen,
die  Zustimmung  der  königlichen  Staatsregierung  auch  dazu  gewonnen  werde,
daß  der  Evangelische  Ober-Kirchenrat  über  die  vorliegende  Besetzung  im
allgemeinen  sich  auszusprechen  befugt  sein  solle;  2)  den  Evangelischen  Ober-Kirchenrat
  zu  ersuchen,  bei  den  laut  Kabinetsordre  vom  5.  Februar  1855
von  ihm  zu  erstattenden  Gutachten  in  Beziehung  auf  Bekenntnis  und  Lehre
der  anzustellenden  Professoren  der  Theologie  den  Generalsynodal-Vorstand  in
Gemäßheit  des  §  36  al.  5  der  Generalsynodal-Ordnung,  soweit  es  die  Geschäftslage
  nicht  verbietet,  in  der  Regel  da,  wo  ein  Bedenken  in  Bezug  auf
Bekenntnis  und  Lehre  vorliegt,  zuzuziehen.

Dagegen  beantragen  die  Syn.  D.  Cremer  (Professor  in  Greifswald,
konfessionell),  Beyschlag  (Professor  in  Halle,  Mittelpartei)  und  Genossen  zu
beschließen:  „in  Rücksicht  auf  die  Erklärung  des  Herrn  Ministers  der  geistlichen
  2c.  Angelegenheiten,  daß  es  seine  volle  Absicht  sei,  die  Vorschläge  der
Fakultäten  dem  Evangelischen  Ober-Kirchenrate  mitzuteilen,  ehe  er  darüber
in  Verhandlungen,  namentlich  auch  mit  den  Beteiligten  eintrete,  sowie  in
Erwägung,  daß  hierdurch  zugleich  dem  Evangelischen  Ober-Kirchenrate  ermöglicht
  ist,  mit  dem  Herrn  Minister  über  die  besonderen  Bedürfnisse  der  Vakanz
zu  verhandeln,  die  vorliegenden  Anträge  für  erledigt  zu  erklären.“

Präsident  Barkhausen  empfiehlt  den  zweiten  Antrag;  trotzdem
wird  der  erste  mit  90  gegen  76  Stimmen  angenommen.

27.  November.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  des  ECtats.
Staatssekretär  v.  Maltzahn:

Das  Ergebnis  des  Jahres  1890/91  ist  gewesen,  daß  der  eigene  Haushalt
  des  Reiches  mit  einem  Ueberschuß  von  15,148,201  M,  also  etwa  5  Millionen
  höher  abgeschlossen  hat,  als  wir  vor  Jahresfrist  annehmen  konnten.

Die  Ueberweisungstitel  haben  das  Ergebnis  gehabt,  daß  nicht  66  bis
68  Millionen,  sondern  etwas  über  80  Millionen  über  die  Annahmen  des
Etats  hinaus  den  Einzelstaaten  überwiesen  worden  sind.  Gegenüber  dem
ursprünglichen  Etat  ist  dadurch  die  Lage  der  Einzelstaaten  freilich  nicht  voll
um  diese  80  Millionen  verbessert  worden,  denn  Sie  werden  sich  entsinnen,
daß  durch  die  verschiedenen  Nachtragsetats  die  Matrikularbeiträge  im  Jahre
1890/91  noch  um  etwa  47  Millionen  stiegen;  dennoch  stehen  auch  unter
Abrechnung  dieser  erhöhten  Matrikularbeiträge  am  Schlusse  der  Wirtschaft
des  Jahres  1890/91  die  Bundesstaaten  um  etwa  33  Millionen  besser,  als
es  der  Etat  ursprünglich  voraussetzte.

Die  Wirtschaft  des  Jahres  1891/92  dürfte  ein  gleich  günstiges  Resultat
  nicht  ergeben.  Wir  würden,  wenn  Sie  den  Nachtragsetat,  der  Ihnen
vorgelegt  ist,  wider  Verhoffen  ablehnen  sollten,  nicht  auf  einen  Ueberschuß,
sondern  auf  einen  Fehlbetrag  zu  rechnen  haben,  den  ich  auf  ungefähr  8  Millionen
  beziffern  möchte.  Auf  der  anderen  Seite  wird  allerdings  eine  ziemlich
  erheblich  höhere  Summe  an  Ueberweisungen  zu  erwarten  sein,  als  sie
der  Etat  annimmt.  Dieser  voraussichtliche  Fehlbetrag  von  8  Millionen  bei
der  eigenen  Wirtschaft  des  Reichs  ergibt  sich  daraus,  daß  wir  eine  Steige-
        <pb n="152" />
        144  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)

rung  der  Ausgaben,  nach  Abzug  der  Minderausgaben,  dem  Etat  gegenüber
von  etwa  15½  Millionen  zu  erwarten  haben.  Wir  haben  bei  den  eigenen
Einnahmen  des  Reichs  auf  etwa  8½  Millionen  Mehreinnahmen  und  bei
einer  Position  auf  etwa  1  Million  Mindereinnahmen  zu  rechnen,  sodaß,
wenn  Sie  die  verbleibenden  Mehreinnahmen  der  eigenen  Wirtschaft  des
Reichs  mit  etwa  7½  Millionen  von  jenen  15½  Millionen  Mehrausgaben
abziehen,  der  von  mir  genannte  Betrag  von  etwa  8  Millionen  als  Fehlbetrag
  erscheinen  würde.

Der  Hauptposten  der  Ausgabesteigerungen  liegt  bei  der  Verwaltung
des  Reichsheeres.  Die  Verwaltung  des  Reichsheeres  ist  mit  etwa  13  Millionen
  an  jener  Gesamtsumme  von  15  ½  Millionen  beteiligt  einschließlich
der  Verwaltung  des  allgemeinen  Pensionsfonds  und  einschließlich  der  bayerischen
  Quoten.  Ich  hebe  unter  den  entstandenen  Mehrbedürfnissen  einzelne
hervor.  Weitaus  den  Hauptanteil  an  der  Ausgabesteigerung  haben  die  Titel
für  Brot=  und  Fourageverpflegung  und  für  Viktualienverpflegung  wegen  der
ungewöhnlichen  Höhe  der  Preise  der  Naturalien  im  laufenden  Jahre.  Es
wird  dies  veranschlagt  für  das  preußische  Kontingent  auf  etwas  über  6½
Millionen.  Es  sind  ferner  wegen  der  gestiegenen  Preise  für  Erleuchtungsund
  Heizungsmaterial  und  für  höhere  Flurschäden  Mehrausgaben  zu  erwarten
  im  Betrage  von  etwa  ½  Millionen.  Es  sind  dann  für  Lazaretwirtschafts=
  und  Krankenpflegekosten,  auch  wegen  der  Steigerung  der  Preise
aller  Verbrauchsgegenstände,  etwa  ²/³  Millionen  Mehrausgaben  zu  erwarten,
für  Remontepferde  über  ½  Million,  weil  die  Pferdepreise  um  91  M  für
das  Pferd  gestiegen  sind.

Die  Marineverwaltung  ist  an  der  zu  erwartenden  Ausgabesteigerung
mit  rund  einer  halben  Million  beteiligt.  Die  übrigen  1½  Millionen,  welche
an  den  15  ½  Millionen  noch  fehlen,  fallen  auf  die  Ausgaben  für  die
Reichsschuld.

Was  nun  die  Ueberweisungen  betrifft,  so  ergibt  sich  eine  voraussichtliche
  Mehreinnahme  für  Zölle  und  Tabak  von  48⅛  Millionen,  dagegen  eine
voraussichtliche  Mindereinnahme  aus  der  Branntweinverbrauchsabgabe  um
7¼  Millionen,  und  ebenso  eine  Verminderung  der  Einnahmen,  und  demgemäß
  der  Ueberweisung,  aus  dem  Stempel  für  Wertpapiere  um  etwa
1,700,000.

Bei  der  Aufstellung  des  Etats  mußten  wir  uns  vergegenwärtigen,
daß  im  ganzen  die  finanzielle  Lage  eine  knappe  ist.  Sie  werden  sehen,  daß
allerdings  bei  den  einmaligen  Ausgaben,  namentlich  bei  denjenigen,  welche
durch  außerordentliche  Mittel  ihre  Deckung  finden  sollen,  eine  sehr  erhebliche
Summe  von  Ihnen  gefordert  wird.  Dagegen  ist  die  Steigerung  bei  denjenigen
  Ausgaben,  welche  aus  den  ordentlichen  Mitteln  des  Reichs  ihre
Deckung  empfangen,  eine  verhältnismäßig  nicht  hohe,  und  sie  beschränkt  sich
wesentlich  nur  auf  dasjenige,  was  im  Landesverteidigungsinteresse  als  unabweisbar
  notwendig  angesehen  worden  ist,  und  auf  den  durch  die  Natur  der
Dinge  gegebenen  Ausbau  der  Betriebsverwaltungen.  Zu  ihrem  großen  Bedauern
  sind  die  verbündeten  Regierungen  namentlich  nicht  in  der  Lage  gewesen,
  die  Besoldungsaufbesserung  der  Beamten  in  dem  laufenden  Jahre
wesentlich  weiter  auszudehnen.

Die  fortdauernden  Ausgaben  sind  um  30,699,016  M  gestiegen.  Unter
diesen  30½  Millionen  sind  eine  Reihe  von  Ausgabesteigerungen  enthalten,
welche  entweder  auf  höheren  Ergebnissen  der  Durchschnittssätze  beruhen  oder
Folgen  bereits  bestehender  Gesetze  oder  getroffener  Einrichtungen  sind.  Derselbe
  Grund,  welcher  bei  dem  Militäretat  des  laufenden  Jahres  wesentlich
höhere  Ausgaben  für  Naturalienverpflegung  erforderlich  macht,  als  der  Etat
voraussah,  wirkt  natürlich  auch  für  die  entsprechenden  Veranschlagungen  des
        <pb n="153" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  145

nächsten  Jahres.  Für  die  betreffenden  Titel  sind,  unter  Einschluß  der  bayerischen
  Quote,  etwa  7 1/ 2  Millionen  mehr  angesetzt.

Es  ist  dann  im  Etat  des  Reichsamts  des  Innern  eine  Steigerung
von  annähernd  3  Millionen  eingetreten  wegen  der  höheren  Ausgaben  für
die  Alters=  und  Invalidenversicherung.  Der  allgemeine  Pensionsfonds,  einschließlich
  Bayern,  ist  um  etwa  1¾  Millionen  höher  angesetzt,  und  die  Verzinsung
  der  Reichsschuld  —  ich  komme  später  noch  auf  diese  zurück  —  erfordert
  nach  dem  Anschlag  eine  Mehrausgabe  von  etwa  6,800,000  M

Wenn  Sie  diese  und  ähnliche  Posten  abziehen,  so  werden  Sie  finden,
daß  die  wirklichen  Neuforderungen  nicht  viel  über  11  Millionen  bei  den
fortdauernden  Ausgaben  hinausgehen.  Unter  diesen  wirklichen  Mehrausgaben
will  ich  nur  einige  wenige  hervorheben.  Sie  finden  im  Etat  des  Auswärtigen
  Amtes  eine  neue  Forderung  von  einer  halben  Million  für  einen  Titel,
der  früher  nur  mit  48,000  M,  wenn  ich  mich  recht  entsinne,  dotiert  war,
„für  geheime  Ausgaben“.  Sie  werden  es  verständlich  finden,  daß  ich  über
den  Zweck  dieser  Forderung  hier  im  Plenum  genauere  Angaben  zu  machen
außer  stande  bin;  ich  möchte  aber,  ohne  Ihrer  Beratung  vorzugreifen,  auch
die  Bitte  aussprechen,  die  Diskussion  dieser  Frage  nach  Möglichkeit  in  die
Kommissionsberatung  zu  verlegen.

Bei  den  Landesverteidigungsausgaben  finden  Sie  erhebliche  Mehrforderungen,
  bei  dem  Reichsheer  z.  B.  für  Uebungen,  für  Vorspann=  und
Transportkosten,  für  Munitionsbeschaffung,  bei  der  Marine  für  Personalvermehrung,
  welche  in  einer  besonderen  Denkschrift  eingehend  motiviert  ist,
für  Indienststellungszwecke  etwa  1  ½  Million,  für  vorübergehende  Verstärkung
der  Ausgaben  zum  Werftbetrieb  in  diesem  Jahre  ½  Million.  Diese  Mehrausgaben
  zusammen  belaufen  sich,  wie  gesagt,  auf  etwas  über  11  Millionen.

Sehr  hoch  sind,  das  gebe  ich  Ihnen  von  vornherein  zu,  die  Neuforderungen
  an  einmaligen  Ausgaben.  Auf  diese  im  gegenwärtigen  Moment
einzugehen,  verzichte  ich.

Was  nun  die  Einnahmen  betrifft,  so  haben  wir  die  eigenen  dem
Reiche  verbleibenden  Einnahmen,  wie  die  Denkschrift,  die  dem  Hauptetat
beigefügt  ist,  ergibt,  um  annähernd  24  Millionen  höher  ansetzen  können.
Unter  dieser  Summe  stecken  allerdings  etwas  über  12¾  Millionen  Mark,
um  welche  der  Ueberschuß  des  Vorjahres,  den  wir  dies  Jahr  einstellen
konnten,  den  betreffenden  Ansatz  des  vorigen  Etats  übersteigt,  und  es  stecken
ferner  darin  etwas  über  3  Millionen  höhere  Einnahmen  aus  den  verschiedenen
  Verwaltungszweigen,  welche  teilweise  in  nicht  regelmäßig  wiederkehrenden
  Einnahmen  der  Militärverwaltung  ihren  Grund  haben.  Zu  jenen
etwa  24  Millionen  höheren  eigenen  Einnahmen  des  Reiches  tritt  nun  das
Mehr  bei  den  Ueberweisungstiteln  mit  19,743,000  M,  also  mit  annähernd
20  Millionen.

Wenn  dieser  Etat  bei  der  Wirtschaft  des  Jahres  wirklich  so  zur
Ausführung  kommt,  wie  er  Ihnen  heute  vorliegt,  so  würden  die  Bundesstaaten
  etwa  5  Millionen  mehr  an  Matrikularbeiträgen  zu  zahlen  haben;
sie  würden  aber  annähernd  20  Millionen  mehr  an  Ueberweisungen  erhalten.

Abg.  Rickert  erwähnt  in  seiner  Erwiderung  einen  Artikel  des  Abg.
Arendt  im  „Deutschen  Wochenblatt",  der  behauptet  hatte,  Herr  v.  Caprivi
sei  amtsmüde.

               Reichskanzler  v.  Caprivi:

   Ein  Eingehen  auf  die  wirtschaftlich-politischen  Erörterungen  des  Herrn
Vorredners  kann  ich  mir,  wie  er  selbst  andeutete,  wohl  zweckmäßig  für  eine
spätere  Zeit  vorbehalten;  dagegen  will  ich  das  Wort  ergreifen  mit  Bezug

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXIl.                     10
        <pb n="154" />
        146  Das  deutsche  Reith  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)

darauf,  daß  er  im  Anfang  seiner  Rede  von  der  zunehmenden  Beunruhigung
im  Lande  sprach.  Denn  nicht  von  ihm  allein,  aus  zahlreichen  Aeußerungen
der  Presse  ist  mir  bekannt  geworden,  daß  eine  solche  Beunruhigung  im  Lande
existiert  oder  existieren  soll.  Ehe  ich  darauf  eingehe,  hat  mich  die  Provokation
  des  Vorredners  auf  meine  Person  und  meine  amtliche  Stellung  genötigt,
  von  meiner  Person  zu  sprechen.  Der  Artikel,  den  der  Herr  Vorredner
  erwähnte,  ist  mir  auch  zugegangen;  er  hat  in  mehreren  Zeitungen
gestanden.  Es  ist  nicht  der  erste  Versuch,  mich  als  amtsmüde  hinzustellen;
er  wird  hier  in  einer  verhältnismäßig  überzuckerten  Pille  gegeben.  Der
Herr  Schriftsteller  hat  die  Gefälligkeit,  mir  zu  sagen,  ich  würde  ja  ein  anderes
Amt  in  der  Armee  bekommen,  wenn  ich  von  hier  fortginge.  Er  scheint  zu
glauben,  daß  eine  Art  Militärversorgungssystem  für  amtsmüde  Beamte  errichtet
  werden  soll,  wie  es  umgekehrt  ein  Civilversorgungssystem  für  amtsmüde
  Soldaten  gibt.  Er  scheint  auch  zu  glauben,  daß  höhere  Kommandostellen
  der  Armee  etwas  wie  Schlasstellen  haben;  denn  sonst  würde  ein  amtsmüder
  Reichskanzler  schwer  in  der  Lage  sein,  eine  solche  Stellung  einzunehmen.
  Ich  kann  den  Herren,  die  geneigt  sein  sollten,  zu  meinen,  daß  ich
amtsmüde  wäre,  die  Versicherung  geben,  daß  ich  bei  sorgfältigster  Beobachtung
  keine  Spur  bei  mir  davon  wahrgenommen  habe.  Ich  habe  viel  zu
thun,  und  wir  haben  diesen  Sommer  wieder  sehr  ernste  Arbeiten  bewältigen
müssen;  ich  glaube,  es  ist  uns  gelungen  unter  Einsetzung  aller  unserer  Kräfte.
Es  ist  für  mich  seit  1  ½  Jahren  das  großte  Stück  der  deutschen  Politik  die
Vollendung  der  Handelsverträge.  Mit  vielen  Schwierigkeiten,  mit  unerwarteten
  Schwierigkeiten,  mit  Schwierigkeiten  in  Deutschland  und  außerhalb
Deutschlands  haben  wir  zu  kämpfen  gehabt;  ich  hoffe  aber,  daß  ich  in  der
zweiten  Dezemberwoche  in  der  Lage  sein  werde,  im  Haus  die  Handelsverträge
einzubringen.  (Bravol!)  Selten  in  meinem  Leben  bin  ich  schaffender  Freude
so  nahe  gewesen  als  in  diesem  Augenblick,  wo  die  Verträge  ihrer  Vollendung
entgegensehen,  und  selten  habe  ich  so  wenig  daran  gedacht,  meine  Stellung
aufzugeben.  Ich  stehe  hier,  wie  den  Herren  bekannt  ist,  auf  die  Weisung
meines  allergnädigsten  Herrn  und  werde  hier  so  lange  stehen  bleiben,  wie
es  Seiner  Majestät  gefallen  wird.  (Bravo!)

Wenn  ich  die  Beunruhigung,  die  durch  das  Land  geht  oder  gehen
soll,  zum  Gegenstand  meiner  nächsten  Erörterung  machen  will,  so  will  ich
vorweg  bemerken,  daß  Zeitungsschreiber  mich  nicht  beunruhigen;  ich  wünschte
nur,  sie  beunruhigten  sich  auch  um  mich  nicht.  (Heiterkeit.)  Es  läßt  sich
nicht  wegleugnen:  es  geht  durch  das  Land  ein  Pessimismus,  der  mir  im
höchsten  Grade  bedenklich  ist.  So  lange  deutsche  Philosophen  allein  sich  mit
dem  Pessimismus  beschäftigten,  mochte  das  ja  für  manchen  eine  anziehende
Beschäftigung  sein;  wenn  diese  geistige  Richtung  aber  übergeht  in  weitere
Kreise,  die  auf  Handeln  und  Arbeiten  angewiesen  sind,  dann  wird  der  Pessimismus
  gefährlich;  denn  ich  wüßte  nicht,  warum,  wenn  alles  eitel  ist,  und
bei  nichts  etwas  herauskommt,  man  sich  dann  noch  quälen  soll.  Es  ist  aber,
wie  wenn  ein  Beunruhigungsbazillus  in  der  Luft  läge,  der  epidemisch  geworden
  ist,  und  selbst  manche  angesehene  Zeitungen,  die  sich  sonst  für  die
Bannerträger  nationalen  Gefühls  halten,  scheinen  mir  Reinkulturen  für  dies
Wesen  zu  sein.  (Bravo!  und  Heiterkeit.)  „Die  Regierung  taugt  nichts,  sie
fängt  die  Sache  schlecht  an,  die  Folge  ist,  es  geht  nicht  und  immer  weiter
geht  es  mit  Deutschland  bergab“,  —  das  lese  ich  alle  Tage;  ich  lese  es  vielfach
  in  ziemlich  schroffen  und  in  schrofferen  Ausdrücken  als  in  dieser  Schrift,
die  zu  meinem  Bedauern  von  einem  Herrn  geschrieben  sein  soll,  der  in  Beziehungen
  zur  freikonservativen  Partei  steht.

Er  sagt:

Die  Zerfahrenheit  und  Unentschiedenheit,  das  Schwanken  und  Un-
        <pb n="155" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  147

stäte  der  Politik  des  Ministeriums  Caprivi  trägt  die  Mitschuld  an  der

allgemeinen  Unzufriedenheit.
Nun  würde  ich  dem  Herrn  sehr  dankbar  gewesen  sein,  wenn  er  die  Güte
gehabt  hätte,  mir  im  einzelnen  nachzuweisen,  wo  denn  die  schwankende,  unstäte
  Richtung  wäre.  Ich  bin  der  Meinung,  durch  ihre  bisherigen  Handlungen
  hat  die  gegenwärtige  Regierung  zu  solchem  Vorwurf  keinen  Anlaß
gegeben;  und  wenn  ich  nun  diesen  Artikel  weiter  durchsehe,  um  zu  sehen:
wo  kann  denn  etwas  liegen,  so  bleibe  ich  gerade  so  klug,  wie  ich  vorher
war,  —  und  das  ist  mein  Schicksal  mit  einer  Unzahl  von  Zeitungsartikeln
und  Broschüren  seither  gewesen:  alles  klagt,  aber  einen  brauchbaren  Ratschlag,
  die  Anweisung  für  einen  gangbaren  Weg  habe  ich  noch  von  niemandem
  bekommen.

Der  Herr  hier  sagt:  diese  Regierung  hat  die  Kartellparteien  zertrümmert.
  Das  ist  ein  Vorwurf,  der  mich  überrascht.  Die  letzten  Wahlen
sind  vorgenommen  worden,  ehe  diese  jetzige  Regierung  an  Ort  und  Stelle
war.  (Sehr  richtig!)  Die  Regierung  würde  ja  mit  den  Kartellparteien
weiter  gelebt  haben,  weil  sie  überhaupt  das  Bestreben  hat  —  wie  ich  das
schon  früher  einmal  ausgesprochen  habe  —,  mit  allen  denen,  die  ein  Interesse
an  der  Erhaltung  des  Staates  und  des  Reiches  haben,  zusammenzugehen.
Wenn  nun  eine  kompakte  Masse  der  Kartellparteien  dagewesen  wäre,  würden
wir  ihr  gern  die  Hand  gegeben  und  würden  den  Versuch  gemacht  haben,
wen  anders  wir  noch  zu  dieser  Masse  heranziehen  können.  Diese  Kartellparteien
  waren  aber  nicht  mehr  da;  und  wenn  sie  noch  weiter  zerfallen
werden,  so  liegt  das  eben  in  den  inneren  Motiven,  nicht  aber  an  dem  bösen
Willen  oder  dem  Ungeschick  der  Regierung.

Nun  führt  der  Herr  noch  ein  paar  andere  Dinge  auf,  auf  die  ich
nachher  im  einzelnen  kommen  werde.  Er  sagt  dann  —  und  das  habe  ich
auch  schon  in  den  Zeitungen  der  verschiedensten  Parteien  gelesen  —  diese
Regierung  geht  mit  keiner  Partei,  sie  wird  sich  zwischen  zwei  Stühle  setzen.
Derselbe  Herr,  der  uns  vorhin  getadelt  hat,  weil  wir  die  Kartellparteien
zertrümmert  haben,  macht  uns  jetzt  den  Vorwurf,  daß  wir  mit  keiner  Partei
gehen:  wir  sollen  uns  zwischen  zwei  Stühle  setzen.  Ich  habe  überhaupt
noch  nicht  den  Wunsch  gehabt,  mich  auf  den  Stuhl  irgend  einer  Partei  zu
setzen,  sondern  habe  den  Wunsch  gehabt,  diejenige  Politik  zu  machen,  die  die
verbündeten  Regierungen  nach  reiflicher  Erwägung  für  recht  halten;  ob  die
der  einen  Partei  paßt  oder  nicht,  ist  erst  eine  taktische  Erwägung  für  mich,
—  das  wesentliche  ist:  ist  die  Maßregel  an  sich  gut?

Ich  habe  also  das  Bedürfnis,  auf  dem  Stuhl  einer  Partei  zu  sitzen,
nicht  empfunden,  bleibe  auch  lieber  stehen  zwischen  den  Parteien.

Nun  ist  in  diesem  Bennruhigungsstreben  der  Bevölkerung  die  auswärtige
  Politik  ein  ungemein  ergiebiges  Gebiet.  Es  liegt  in  der  Natur  der
Sache,  daß  die  Menschen  von  der  weniger  erfahren;  aber  das  berechtigt  sie,
in  diesem  Halbdunkel,  in  dem  sie  sitzen,  sich  um  so  mehr  zu  graulen  oder
graulig  zu  stellen.  Da  heißt  es:  ja,  wir  wissen  zwar  nicht,  was  die  Regierung
  macht,  aber  es  wird  schon  nicht  gut  sein,  da  kann  das  schlimmste
hinter  dem  stecken,  was  jetzt  passiert.  Bei  uns  wird  auf  keinem  Gebiete  so
viel  Uebertreibung  in  die  Welt  gesetzt,  als  wenn  man  sich  mit  der  auswärtigen
  Politik  der  Regierung  zu  befassen  sucht.

Die  Politik  dieser  Regierung  ist,  auch  was  die  auswärtige  angeht,
eine  sehr  einfache  gewesen.  Ich  bin  der  Meinung,  daß  auch  in  der  auswärtigen
  Politik  zu  den  wirksamsten  Mitteln  Wahrheit  und  Offenheit  gehört.
Es  ist  nicht  nötig,  daß  man  seine  letzten  Gedanken  alle  Tage  auf  dem  Präsentierteller
  herumträgt;  aber  es  ist  auch  nicht  nötig,  daß  man  alle  Tage
das  Bestreben  hat,  andere  zu  täuschen:  man  kommt  in  der  Mehrzahl  der

10*
        <pb n="156" />
        148  Dat  deuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)

Fälle  auf  dem  geraden  Wege  besser  weiter  als  anders.  Eine  günstige  politische
  Konstellation  in  Europa  hat  es  nun,  zusammen  mit  diesem  Bestreben,
wahr  und  offen  zu  sein,  veranlaßt,  daß  wir  überhaupt  wenig  zu  verhandeln
gehabt  haben  in  den  1  ½  Jahren,  seit  ich  hier  bin;  die  Dinge  sind  einfach
verlaufen.  Der  moderne  Zeitungsleser  hat  ein  gewisses  Bedürfnis  nach  sensationellem;
  er  verlangt,  daß  etwas  los  sein  soll  (Heiterkeit),  und  wenn
nichts  los  ist,  dann  ist  er  unzufrieden,  —  dann  ist  natürlich  die  Regierung
daran  schuld,  daß  da  nichts  geschehen  ist.  (Heiterkeit.)

Wenige  Fragen  nur  haben  die  im  allgemeinen  mit  der  auswärtigen
Politik  der  verbündeten  Regierungen  nicht  einverstandenen  Zeitungsschreiber
spezialisiert.  Davon  ist  eine  die:  ja,  die  russische  Reise  Seiner  Mcajestät  des
deutschen  Kaisers  im  vorigen  Jahre,  der  Aufenthalt  in  Narva  hat  sehr  böse
gewirkt.  Nun  habe  ich  die  Ehre  gehabt,  an  dieser  Reise  teilzunehmen,  und
ich  bin  mit  der  Ueberzeugung  wiederzukommen,  daß  diese  Reise  eine  vorzügliche
  Wirkung  gehabt  hat.  Es  waren  politische  Dinge  nicht  abzumachen,
sondern  es  kam  darauf  an,  daß  die  beiden  Souveräne  in  einen  freundschaftlichen,
  durch  ihre  Verwandtschaft  gegebenen  Verkehr  mit  einander  traten.
Der  Verkehr  gestaltete  sich  so  günstig,  wie  irgend  möglich.  Ich  würde  das
hier  nicht  sagen,  wenn  ich  hier  nur  auf  meine,  auf  deutsche  Beobachtung
angewiesen  wäre,  wenn  ich  nicht  bestimmt  wüßte,  daß  auch  auf  der  anderen
Seite  der  Eindruck  und  der  Erfolg  dieser  Reise  ebenso  gewesen  ist.

Dann  kommt  Kronstadt:  man  hat  sich  beunruhigt  gezeigt,  als  die
Flotte  eines  unserer  Nachbarn  in  den  Hafen  des  anderen  einfuhr,  und  weil
man  sie  mit  großer  Festlichkeit  und  Freundlichkeit  empfangen  hat.  Wieder
läßt  man  durchblicken:  das  wäre  doch  am  Ende  sonst  nicht  vorgekommen,
das  könnte  nur  unter  dieser  Regierung  passieren.  (Heiterkeit.)

Nun  weiß  ich  in  der  That  nicht,  was  wir  anfangen  sollten,  zu  hindern,
  wenn  zwei  andere  Leute  sich  die  Hand  geben  wollen.  Wir  haben  kein
Mittel  dagegen,  —  wir  haben  diese  Zusammenkunft  nicht  veranlaßt.  Man
hat  wohl  durchfühlen  lassen:  ja,  das  habt  ihr  nun  von  dem  Dreibund,
davon  kommt  nun  die  Kronstädter  Zusammenkunft!  Ja,  wir  haben  einen
Dreibund,  der  schon  jahrelang  vor  dieser  Kronstädter  Zusammenkunft  existierte,
und  den  haben  wir  erneuert.  Man  hat  vielleicht  bei  dieser  Erneuerung  in
der  Presse  etwas  zu  viel  Pauken  und  Trompeten  gerührt  und  dadurch  anderen
  Leuten  das  Gefühl  gegeben,  sie  wollen  auch  mal  Pauken  und  Trompeten
rühren.  An  sich  aber  hat  sich  durch  Erneuerung  dieses  Dreibundes  in  Bezug
auf  unsere  östlichen  und  westlichen  Nachbarn  nichts  geändert.  Durch  die
Kronstädter  Zusammenkunft  ist  nur  für  die  Augen  des  großen  Publikums
ein  Zustand  erkennbar  geworden  und  in  den  Sinn  gefallen,  der  schon  seit
langer  Zeit  herrschte.

Ich  habe  in  den  siebziger  Jahren  an  den  Beratungen  des  preußischen
Kriegsministeriums  teilgenommen;  und  schon  damals  trat  der  Ausdruck  auf
von  dem  Kriege  mit  zwei  Fronten.  Soldaten,  überdies,  wenn  sie  im  Kriegsministerium
  beschäftigt  sind,  haben  ja  die  Amtspflicht,  alle  Kriegslagen  vorauszusehen,
  und  so  wurde  auch  diese  in  den  Bereich  unserer  Kalküle  gezogen,
und  eine  große  Anzahl  von  augenfälligen  Maßregeln  —  ich  will  nur  die
Dislokation  in  Ostpreußen  nennen  —  sind  von  der  Voraussetzung  ausgegangen,
  daß  es  auch  mal  vielleicht  zu  einem  Krieg  mit  Rußland,  zu  einem
Krieg  mit  zwei  Fronten  kommen  könnte.  Daß  uns  dieser  Krieg  durch  die
Kronstädter  Entrevue  auch  nur  um  einen  Zoll  näher  gerückt  sei,  glaube  ich
nicht.  Ich  kann  nicht  prophezeien;  es  ist  ja  möglich,  daß  Krieg  kommt,  daß
der  Krieg  mit  zwei  Fronten  kommt.  Daß  aber  dies  Ereignis  —  und  da
komme  ich  wieder  auf  die  Beunruhigung  zurück,  um  die  es  sich  dreht  —
einen  Anlaß  geben  sollte,  sich  mit  einigem  Fug  und  Recht  mehr  zu  beun-
        <pb n="157" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  149

ruhigen  als  bis  dahin,  das  bestreite  ich  mit  Entschiedenheit.  Ich  bin  felsenfest
  davon  überzeugt,  daß  die  persönlichen  Intentionen  Seiner  Majestät  des
Kaisers  von  Rußland  die  friedlichsten  von  der  Welt  sind;  ich  bin  ebenso
überzeugt,  daß  keine  Regierung  heutzutage  wünschen  kann,  einen  Krieg  zu
provozieren.  Keine  Macht  hat  ein  so  prononziertes  Uebergewicht  in  der
Weltlage,  daß  sie  mit  leichtem  Herzen  sagen  sollte:  wir  wollen  jetzt  den
Krieg  anfangen.  —  Ich  will  nicht  auf  die  Folgen,  auf  die  Art  und  Weise,
wie  ein  solcher  Krieg  geführt  werden  würde,  eingehen;  das  ist  in  einer  so
meisterhaften  Weise  vor  einer  Reihe  von  Jahren  hier  geschehen,  als  Ihnen
der  Aderlaß  bis  aufs  Weiße  vorgeführt  wurde,  daß  ich  dem  nichts  hinzuzufügen
  habe.  Das  Bewußtsein  aber,  daß  der  kommende  Krieg  einen  sehr
ernsten  Charakter  annehmen  wird,  hat  sich  in  der  ganzen  Welt  verbreitet,
und  ich  glaube  nicht,  daß  es  irgend  eine  Regierung  gibt,  die  geneigt  wäre,
einen  Krieg  leicht  herbeizuführen.  Je  stärker  nun  eine  Regierung,  um  so
mehr  wird  sie  geneigt,  kriegerische  Gelüste,  wenn  sie  auftreten  sollten,  Zwischenfälle,
  die  bei  ungeschickter  Behandlung  einen  Krieg  herbeiführen  könnten,
zu  vermeiden.  Und  ich  kann  mich  deshalb  des  Umstandes  freuen,  daß  bei
unserem  westlichen  Nachbar  jetzt  eine  Regierung  die  Zügel  führt,  von  der
ich  glaube,  daß  sie  stark  genug  ist,  um  ihren  Willen  durchzusetzen.  Ich
glaube  sogar,  daß  die  Flottenrevue  in  Kronstadt  vielleicht  nicht  stattgefunden
hätte,  wenn  nicht  bei  unserem  östlichen  Nachbar  die  Ueberzeugung  dagewesen
wäre,  daß  diese  jetzige  französische  Regierung  wöhl  eine  ist,  auf  die  man  sich
verlassen  kann.  Es  ist  uns  das  gesteigerte  Selbstgefühl  unseres  westlichen
Nachbars  durch  die  Zusammenkunft  klarer  geworden  als  vorher;  wir  haben
mehr  davon  wahrgenommen:  aber  auch  das  braucht  uns  nicht  zu  beunruhigen.
Jemand,  der  ohne  Selbstgefühl  die  Empfindung  hat,  eine  Stelle  in  der  Welt
behaupten  zu  müssen,  wird  eher  —  wenn  ich  den  Ausdruck  brauchen  darf
zu  einer  gewissen  Nervosität  neigen  als  jemand,  der  sich  bis  einem  gewissen
Grade  seiner  Kraft  wieder  bewußt  geworden  ist;  und  ich  glaube  nicht,  daß
in  dem  gesteigerten  Selbstgefühl,  was  auch  nicht  durch  Kronstadt  erst  gesteigert,
  was  im  Laufe  der  Jahre  wieder  gewonnen  ist,  —  daß  in  diesem
gesteigerten  Selbstgefühl,  so  wie  es  sich  in  Kronstadt  ausgedrückt  hat,  eine
Gefahr  für  uns  läge.

Ich  wiederhole  also,  die  jetzige  Regierung  ist  nicht  in  der  Lage  gewesen,
  Kronstadt  zu  verhindern;  sie  hat  auch  gar  nicht  den  Willen  dazu  gehabt.
  Sie  sieht  aber  auch  darin  nicht  den  mindesten  Grund,  sich  mehr  zu
beunruhigen,  als  man  es  etwa  vor  Kronstadt  gethan  hatte.  Ich  will,  um
ein  Mißverständnis  in  dieser  Richtung  schon  hier  auszuschließen,  nicht  gesagt
haben,  daß  wir  nun  Wehr  und  Waffen  ablegen  könnten,  —  davon  ist  keine
Rede;  der  jetzige  Zustand  der  Rüstungen  in  Europa  wird  voraussichtlich  noch
lange  dauern,  und  daran  werden  alle  Zusammenkünfte  in  Rom  nichts  ändern.
(Heiterkeit.)  Das  bleibt  ebenso;  aber  es  folgt  daraus  nicht,  daß  dieser  Zustand
  ein  bedrohlicher  ist.  Je  mehr  die  Bölker  zur  allgemeinen  Wehrpflicht
übergegangen  sind,  um  so  mehr  ist  auch  das  Bewußtsein  von  dem  Ernst
eines  Krieges  in  die  Nationen  übergegangen;  und  wir  können  jetzt  mehr  als
früher  nicht  bloß  darauf  rechnen,  daß  die  Regierungen  den  Krieg  nicht
wollen;  wir  können  darauf  rechnen,  daß  auch  die  Nationen  selbst  vorsichtiger
mit  diesem  gefährlichen  Feuer  spielen  werden  als  vielleicht  früher.

Ein  drittes  Moment,  was  dann  in  öffentlichen  Blättern  aus  der  auswärtigen
  Politik  angeführt  wird,  um  der  jetzigen  Regierung  klar  zu  machen,
daß  sie  schwächlich  oder  thöricht  gehandelt  habe,  ist  der  deutsch-englische  Vertrag.
  Derselbe  Aufsatz,  der  die  Güte  hat,  sich  hier  mit  meiner  Person  zu
beschäftigen,  nimmt  unter  seine  Gravamina  auch  diesen  auf.  Als  wir  im
vorigen  Jahre  an  dieser  Stelle  über  den  deutsch-englischen  Vertrag  verhan-
        <pb n="158" />
        150  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)

delten  da  fand  er  Gegner.  Es  sprach  Herr  v.  Kardorff,  —  wenn  ich  nicht
irre,  auch  Herr  Graf  Mirbach  dagegen.  Der  einzige,  der  den  Vertrag  ganz
mißbilligte,  und  eine  etwas  starke  Tonart  anschlug,  war  der  Herr  Abgeordnete
  Graf  Arnim.  Er  sagte,  daß  er  mit  Genugthuung  den  Entrüstungssturm
  vernommen  habe;  ich  glaube,  der  Entrüstungssturm  hat  im  Laufe
dieses  einen  Jahres  einer  ruhigeren  Betrachtung  Platz  gemacht;  wenn  überhaupt
  noch  Wind  in  dieser  Richtung  weht,  dann  ist  er,  glaube  ich,  zu  einer
schwachen  Brise  abgeflaut.  Meine  Herren,  es  ist  mir  zweifelhaft,  ob  nicht
vielleicht  in  diesem  Blatte  sogar  Ventilationsinstrumente  zu  Hilfe  genommen
werden,  um  überhaupt  nur  noch  einigen  Wind  in  die  heruntergefallenen
Segel  zu  bringen.  Dieses  eine  Jahr  hat  hingereicht,  um  zu  zeigen,  wie
richtig  wir  gehandelt  haben.  Was  warf  man  uns  damals  vor?  Wir  hatten
um  irgend  einer  geheimen  Abmachung  willen  —  sagten  noch  günstigere  Beurteiler
  unter  unseren  Gegnern  —  eine  Menge  Opfer  gebracht;  was  die  geheime
  Abmachung  war,  wußten  sie  nicht,  aber  aus  Wohlwollen  für  uns
nahmen  sie  an,  es  müßte  ja  so  ein  Ding  da  sein,  wenn  man  so  erhebliche
Opfer  gebracht  hat.  Von  einer  geheimen  Abmachung  ist  niemals  die  Rede
gewesen.  Ich  glaube  schwerlich,  daß  nach  den  Ergebnissen  des  letzten  Jahres
noch  jemand  da  ist,  der  uns  den  Vorwurf  machen  würde,  wir  hätten  nicht
genug  in  Afrika  genommen;  denn  ich  glaube,  diese  Ergebnisse  haben  den
schlagenden  Beweis  dafür  geführt,  wie  lange  wir  an  dem,  was  wir  genommen
haben,  zu  arbeiten  haben.  (Sehr  richtig!  links.)  Nicht  ohne  Opfer  an
Menschen  und  Geld  wird  diese  Arbeit  sich  vollziehen  können,  und  ich  habe
schon  damals  gesagt,  das  schlimmste,  was  uns  passieren  könnte,  wäre,  wenn
einer  uns  ganz  Afrika  schenkte.  (Heiterkeit.)  Wir  haben  an  dem,  was  wir
bekommen  haben,  reichlich  genug  und  können  allen  unseren  kolonialen  Eifer
zur  Geltung  bringen.

Dann  sagte  man,  da  habt  ihr  Helgoland  genommen  und  habt  Zanzibar
  hingegeben;  die  Engländer  haben  den  Löwenanteil,  sie  haben  die  Insel
Zanzibar.  Ich  verkenne  den  Wert  der  Insel  Zanzibar  unter  keinen  Umständen;
  abgesehen  aber  davon,  daß  sie  für  uns  überhaupt  nicht  zur  Diskussion
  stand,  nicht  zu  haben  war,  würde  die  Nutzbarmachung  dieser  Insel
in  merkantiler  und  nautischer  Beziehung,  die  Abfindung  des  Sultans  für
diesen  Teil  seiner  Macht  uns  Summen  gekostet  haben,  die  vom  Reichstage
nun  und  nimmer  zu  bekommen  gewesen  wären,  und  die  von  ihm  zu  verlangen
  ich  mit  meinem  Gewissen  nicht  würde  in  Einklang  bringen  können.
(Sehr  gut!)  Schon  um  die  verhältnismäßig  unbedeutenden  Ausgaben  zu
bestreiten,  die  wir  haben  machen  müssen,  die  Abfindung  des  Sultans  für
das  Festland  von  Ostafrika,  haben  wir  den  Vertrag  mit  der  Ostafrikanischen
Gesellschaft  schließen  müssen,  der  auch  hier  besprochen  und  kritisiert  worden
ist;  wir  haben  jetzt,  um  nur  den  Aufgaben  gerecht  zu  werden,  die  in  der
Brüsseler  Konferenz  wir  zu  erfüllen  übernommen  haben,  aus  Mangel  an
Mitteln  zu  einem  an  sich  zweifelhaften  Hilfsmittel  greifen  müssen:  wir  haben
eine  Lotterie  statuiert,  um  nur  die  Mittel  zu  bekommen,  um  etwas  vorwärts
zu  kommen.  Nun  frage  ich:  wenn  wir  den  Haufen  von  Millionen  —  und
ganz  klein  würde  er  nicht  gewesen  sein  hätten  aufbringen  sollen,  um
Zanzibar  zu  bekommen,  —  ich  weiß  nicht,  wie  das  hätte  gehen  sollen.

Was  nun  das  Festland  aber  angeht,  das  wir  bekommen  haben,  so
ist  kaum  ein  Mensch,  der  Afrika  kennt,  darüber  im  Zweifel,  daß  der  deutsche
Besitz  in  Ostafrika  das  X-fache  von  dem  wert  ist,  was  der  englische  Besitz
wert  ist.  (Hört!  hört!)  Es  ist  nur  wieder  dieser  Pessimismus  und  diese
Beunruhigungsrichtung;  man  nimmt  ohne  weiteres  an,  das  kluge  —  wenn
man  nicht  etwas  derber  sagen  will,  perfide  —  Albion  hätte  diese  Dinge
besser  verstanden  als  wir,  das  hätte  sein  Schäfchen  ins  Trockene  gebracht,
        <pb n="159" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  151

Deutschland  nicht,  Deutschland  hätte  die  Kastanien  aus  dem  Feuer  geholt,
und  so  säßen  wir  da  auf  einem  schlechten  Teil.  Das  stimmt  nicht.  Wenn
man  nur  einigermaßen  einen  Einblick  in  die  Schwierigkeiten  hat,  die  in  dem
von  England  in  Besitz  genommenen  Küstenstrich  sich  darbieten,  so  wird  man
zugeben  müssen,  daß  die  erheblich  größer  sind  als  diejenigen  für  Deutschland,
und  ich  glaube,  wir  können  mit  dem,  was  wir  da  bekommen  haben,  durchaus
  zufrieden  sein.  Es  ist  ja  natürlich:  wenn  eine  solche  Beunruhigungskrankheit
  einmal  die  Welt  ergriffen  hat,  so  wirft  sie  sich  wie  andere  Krankheiten
  auf  den  locus  minoris  resistentiae.  Unser  Kolonialleben  ist  noch
schwach,  wir  haben  noch  alles  mögliche  zu  thun,  wir  müssen  vorsichtiger
handeln  als  anderswo.  Es  ist  auch  eine  gewisse  Besorgnis  da  vielleicht  gerechtfertigter,
  wenn  man  eben  nur  überhaupt  Besorgnis  haben  will.  Sonst
bin  ich  nicht  im  stande,  zur  Zeit  in  Bezug  auf  den  deutsch-englischen  Vertrag
  und  seine  Folgen  etwas  zu  sehen,  was  mir  die  Meinung  geben  könnte,
wir  hätten  schlecht  gehandelt.  Die  Insel  Helgoland,  die  wir  dabei  bekommen
haben,  wurde  ja  allgemein  für  ziemlich  wertvoll  gehalten;  wenigstens  spricht
man  ihr  ein  pretium  atkectionis  zu,  —  man  gibt  auch  zu,  wenigstens  ein
Teil  der  Menschen,  daß  sie  für  die  Verteidigung  unserer  Nordseeküsten  einen
gewissen  Wert  haben  könnte.  Ich  schlage  den  Erwerb  dieser  Insel  in  dem
Vertrage  —  und  das  kann  ich  jetzt  sagen  —  ungleich  höher  an,  den  negativen
  Wert.  Stellen  Sie  sich  vor,  was  geworden  wäre,  wenn  die  Insel,
von  der  man  sagt,  sie  war  für  die  Engländer  ziemlich  wertlos,  —  und  das
mag  ja  richtig  sein,  —  aus  englischen  Händen  in  andere  übergegangen  wäre.
England  hat  Bedürfnisse  in  manchen  Weltteilen,  hat  Besitzungen  rund  um
den  Erdball,  und  es  möchte  am  Ende  nicht  ganz  schwer  geworden  sein  für
England,  ein  Tauschobjekt  zu  finden,  das  ihm  willkommen  gewesen  wäre,
und  für  das  es  wohl  geneigt  gewesen  wäre,  die  Insel  fortzugeben.  Ich
möchte  einmal  den  Entrüstungssturm  —  und  in  diesem  Falle  würde  ich  ihn
für  berechtigt  gehalten  haben  —  gesehen  haben,  wenn  im  Laufe  von  Jahr
und  Tag  oder  kurz  vor  Ausbruch  eines  künftigen  Krieges  die  englische  Flagge
von  Helgoland  heruntergegangen,  und  eine  uns  weniger  nahestehende  vor
unseren  Häfen  erschienen  wäre.  Also  ich  bin  der  Meinung  ich  habe  über
diesen  Vertrag  etwas  länger  sprechen  können,  er  gehört  ja  nur  zum  Teil  der
Geschichte  an  —  ich  bin  der  Meinung,  daß  dieser  Vertrag  keinen  Anlaß
gibt,  die  Regierung  abfällig  zu  kritisieren.

Man  beunruhigt  sich  ferner  über  die  Polenfrage  und  über  Elsaß-Lothringen.
  Ja,  was  ist  denn  da  geschehen,  was  zur  Beunruhigung  Anlaß
geben  kann?  Wir  haben  in  Elsaß-Lothringen  den  Paßzwang  aufgehoben.
Es  ist  eine  Maßregel,  die  fast  von  aller  Welt  gebilligt  worden  ist;  aber  der
Beunruhigungsbedürftige  fügt  hinzu:  wird  nun  die  Regierung  auch  wohl
stark  genug  sein,  diejenigen  Maßregeln  zu  ergreifen,  die  als  Surrogat  für
den  aufgehobenen  Paßzwang  notwendig  geworden  sind:  Man  wartet  gar
nicht  ab,  daß  solche  Zeichen  der  Schwäche  eintreten  werden,  sondern  setzt
ohne  weiteres  voraus,  das  werde  wohl  kommen,  und  man  kritisiert.  Die
Regierung  von  Elsaß-Lothringen  hat  geglaubt  —  und  hat  das  mit  Zustimmung
  des  Reichskanzlers,  in  letzter  Instanz  Seiner  Majestät  des  Kaisers,
gethan  —  den  Paßzwang  aupfheben  zu  können,  weil  sie  die  Ueberzeugung
gewann,  daß  die  Wirkungen,  die  er  haben  sollte,  nur  dann  eintreten  würden,
wenn  er  mit  rücksichtsloser  Konsequenz  durchgeführt  worden  wäre.  Diese
rücksichtslose  Konsequenz  war  aber  nicht  durchzuführen;  sie  liegt  nicht  im
wesentlichen  unserer  Nation.  Ich  will  auf  die  einzelnen  Fälle  nicht  eingehen,
  wie  solche,  wo  Kinder  nicht  an  das  Krankenbett  ihrer  sterbenden
Mutter  kommen  konnten.  Es  ist  eben  eine  solche  Schroffheit  wohl  auf  kurze
Zeit  durchführbar;  aber  im  Laufe  der  Jahre  wurde  sie  unerträglich  und
        <pb n="160" />
        152  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)

fuhrte  zur  Verstimmung  der  Elsaß-Lothringer  selbst.  Nun  hat  das  deutsche
Wesen  in  Elsaß-Lothringen  und  die  Assimilierung  Elsaß-Lothringens  ans
Reich  ganz  zweifellos  in  den  letzten  Jahren  Fortschritte  gemacht  und  wird
writere  Fortschritte  machen.  Man  darf  sich  nur  nicht  beunruhigen,  wenn
nicht  zwischen  heute  und  morgen  alle  Elsaß-Lothringer  Deutsche  werden  in
ihrer  Gesinnung.  Ich  darf  auf  das  bekannte  Beispiel  von  der  Rheinprovinz
verweisen.  Wie  lange  hat  das  gedauert,  bis  die  Rheinprovinz  innerlich
preußisch  wurde!  Wir  wollen  hier  ebenso  lange  warten.  Nach  meinem  Dafurhalten
  wiro  es  hier  nicht  schlechter  gehen.  Es  läßt  sich  ein  Erfolg,  wie
immer  in  Deutschland,  wo  es  sich  um  das  Assimilieren  handelt,  nicht  davon
erwarten,  daß  wir  die  zu  Assimilierenden  durch  Liebenswürdigkeit  berücken
werden,  das  liegt  nicht  im  deutschen  Charakter;  aber  wir  werden  durch  die
guten  Eigenschaften  des  DTeutschen,  wir  werden  durch  die  Aenderung  in  den
Verwaltungsgesetzen,  die  in  Elsaß-Lothringen  geplant  ist,  und  die  dahin  geht,
unseren  dortigen  Mitbürgern  die  Wohlthaten  der  Selbstverwaltung  in  erhohtem
  Umfange  zu  gewähren,  weiter  kommen.  Wir  kommen  aber  vor  allen
Tingen  weiter  durch  die  Armee;  die  hat  noch  immer  das  beste  Bindeglied
unter  den  Altpreußen  und  Neupreußen  gebildet,  sie  wird  auch  zwischen  Altund
  Neudeutschen  das  beste  Bindeglied  sein.  Das  ist  aber  nicht  damit  gethan,
  daß  man  Schilderhäuser  schwarz-weiß-rot  anstreicht,  sondern  da  müssen
Generationen  durch  die  Armee  gegangen  sein  und  den  deutschen  Geist  mit
zurückgebracht  und  auf  ihre  Landsleute  übertragen  haben.  —  Ich  bin  also
der  Meinung,  daß  in  dem  gegenwärtigen  Zustand  von  Elsaß-Lothringen  für
uns  nicht  der  mindeste  Grund  zu  einer  Beunruhigung  liegt.  Die  dortige
Regierung  ist  sich  ihrer  Pflichten  vollkommen  bewußt  und  bereit,  gegen
etwaige  Ausschreitungen  diejenigen  Mittel  zu  handhaben,  die  ihr  zu  Gebote
stehen.

Ich  komme  zur  Polenfrage,  und  ich  muß  um  Entschuldigung  bitten,
wenn  ich  hier  auf  ein  Gebiet  übergehe,  was  zum  Teil  der  preußischen  Regierung
  unterliegt  und  nicht  Reichssache  ist,  das  ich  aber,  da  ich  einmal  bei
diesem  Beunruhigungsbazillus  bin,  auch  hier  mit  besprechen  will.  Man  hat
auch  hier  der  Regierung  ein  vorzeitiges  Aufgeben  eines  bewährten  oder  noch
zu  bewährenden  Systems  vorgeworfen.  Zuerst  hat  man  mißfällig  wahrgenommen,
  daß  wir  die  Grenzen  so  weit  mehr  als  früher  geöffnet  haben,  daß
wir  männlichen  Arbeitern  den  Uebertritt  aus  russischem  Gebiet  auf  preußisches
  gestattet  haben.  Nun,  uns  wäre  es  auch  angenehmer  gewesen,  wenn
all  die  Aecker,  die  an  den  Grenzen  liegen,  von  deutschen  Arbeitern  bestellt
worden  wären.  Der  Uebelstand  liegt  nur  darin,  daß,  wie  es  sich  bis  zur
Evidenz  gezeigt  hat,  deutsche  Arbeiter  nicht  zu  haben  waren.  Es  ist  ja  eine
bekannte  Thatsache  —  und  die  Klagen,  die  der  Herr  Abgeordnete  Rickert  in
Bezug  auf  die  Provinz  Ostpreußen  vorgebracht  hat,  wurzeln  zum  Teil  in
dieser  Thatsache  —,  daß  die  Arbeiter  aus  dem  Osten  einen  starken  Drang
nach  dem  Westen  haben.  Ich  will  es  nicht  auf  ein  allgemeines  Naturgesetz
zurückführen,  aber  es  kommt  eins  zum  anderen.  Die  Sachsengängerei,  die
ja  auch  manche  gute  Seite  hat,  die  Einführung  von  Maschinen,  die  intensivere
  Bodenkultur,  die  auf  kurze  Zeit  einen  stärkeren  und  dann  wieder  einen
geringeren  Bestand  an  Arbeitern  fordert,  der  Drang  der  Menschen  in  die
Städte  hat  dahin  geführt,  daß  in  den  Grenzkreisen  die  Arbeiterzahl,  wenigstens
  im  Norden,  absolut  unzureichend  ist.  Nun  hat  die  preußische  Staatsregierung
  nicht  verkannt,  daß,  wenn  sie  russische  Arbeiter  herüberläßt,  damit
eine  gewisse  Gefahr  für  die  Germanisierung  verbunden  ist;  sie  macht  den
Versuch,  sie  im  Herbst  immer  wieder  zurückzuführen.  Wie  weit  es  gelingen
wird,  mag  dahingestellt  sein.  Aber  selbst  diese  Gefahr  anerkannt,  hatte  nach
meinem  Dafürhalten  die  Regierung  keine  Wahl.  Wir  haben  doch  kein  In-
        <pb n="161" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  153

teresse  daran,  daß  die  Grenzkreise  veröden  oder  verwalden;  sollen  sie  bestellt
werden,  so  müssen  Menschen  dafür  da  sein.  Diese  Menschen  konnten  wir,
wenn  die  Landwirtschaft  nicht  im  stande  ist,  höhere  Preise  zu  zahlen,  —
und  das  ist  sie  nicht,  —  nicht  anders  bekommen,  als  indem  wir  die  Grenze
nicht  ganz  schlossen.

Es  hat  dann  die  preußische  Regierung  in  Bezug  auf  den  Privatunterricht
  in  der  polnischen  Sprache  in  den  Volksschulen  insoweit  auch  den
früher  existierenden  Zustand  wiederhergestellt,  als  sie  genehmigt  hat,  daß  da,
wo  der  Religionsunterricht  in  der  polnischen  Sprache  erteilt  wird,  Privatunterricht
  im  Polnischen  unter  Benutzung  der  Schulräume,  sofern  die  Gemeinde
  damit  einverstanden  ist,  durch  den  Lehrer  den  Kindern  gegeben  werden
darf.  Mir  scheint  diese  Forderung  doch  nicht  allzu  unbillig,  wie  sie  von
Seiten  dieser  polnisch  sprechenden  Mitbürger  aufgestellt  worden  ist.  Denn
wenn  in  dem  Religionsunterricht  polnisch  gesprochen  worden  ist,  so  liegt  es
nahe,  daß  das  Bestreben  da  sein  muß,  auch  die  Bücher,  die  sich  darauf  beziehen,
  schließlich  in  der  Sprache  lesen  zu  können,  in  der  der  Religionsunterricht
  erteilt  wird.  Nachdem  diese  Verordnung,  die  ich  für  eine  überaus
maßvolle  und  gute  halte  (sehr  wahr!  im  Zentrum),  gegeben  worden,  kam
ein  deutscher  Vater  darum  ein,  auch  für  seine  Kinder  die  Teilnahme  an
diesem  Unterricht  zu  gestatten.  Auch  das  ist  geschehen  und,  wie  mir  scheint,
wiederum  mir  Recht.  Kein  Mensch  findet  etwas  dabei,  wenn  ein  eingewanderter
  Deutscher  in  Metz  seine  Kinder  am  französischen  Unterricht  teilnehmen
läßt.  Ich  sehe  nicht  ein,  warum  der  Fall  hier  so  wesentlich  anders  liegen
soll,  wenn  ein  Deutscher,  der  seinen  Erwerb  in  der  Provinz  Posen  findet,
glaubt,  daß  seine  Kinder  besser  durch  das  Leben  kommen  werden,  wenn  sie
auch  Polnisch  verstehen.  (Sehr  richtigt  im  Zentrum.)  Wir  haben  auch  hier
nicht  verkannt,  daß  es  viel  wünschenswerter  wäre,  wenn  diese  Schwäche
unseres  Staates,  die  darin  liegt,  daß  wir  an  verschiedenen  Grenzen  anderssprechende
  Menschen  haben,  nicht  da  wäre,  oder  wenn  sie  zu  beseitigen  wäre.
Da  wir  das  aber  nicht  können,  haben  wir  geglaubt,  diesem  nach  unserem
Befinden  berechtigten  Wunsch  unsere  volle  Mitwirkung  geben  zu  sollen.

Endlich  beunruhigt  man  sich  über  ein  Faktum,  das  auch  wieder  noch
nicht  eingetreten,  aber  wahrscheinlich  ist:  daß  ein  Mann  polnischer  Abkunft
auf  den  erzbischöflichen  Stuhl  von  Posen  und  Gnesen  berufen  werden  soll.
Historisch  ist  den  Herren  bekannt:  wir  haben  früher  polnische  Erzbischöfe
gehabt.  Es  ist  weiter  bekannt,  daß  der  vorige  Erzbischof  ein  Mann  von
deutscher  Abkunft  war,  dem  alles  Gute  nachzusagen  ist,  auch  nachgesagt  wird,
der  aber  vielleicht  nicht  stark  genug  war,  um  das,  was  gerade  die  Deutschen
in  der  Provinz  Posen  von  ihm  erwartet  hatten,  zur  Durchführung  zu  bringen.
Er  war  vielleicht  nicht  stark  genug,  um  selbständig  auftreten  zu  können.  Er
wurde  geleitet  und  wurde  nun  in  einem  Sinne  geleitet,  der  den  Deutschen
schädlicher  war,  als  wenn  ein  Mann  polnischer  Abkunft  mit  dem  Gefühl,
daß  er  auch  Deutschen  gerecht  zu  werden  hat,  und  mit  der  Charakterstärke,
seinen  Willen  durchzusetzen,  auf  diesen  Stuhl  gesetzt  worden  wäre.  (Sehr
wahr!)  Das  preußische  Staatsministerium  ist  nach  dem  Tode  des  Erzbischofs
Dinder  darüber  nicht  zweifelhaft  gewesen,  daß,  wenn  wir  einen  polnischen
Kandidaten  fänden,  der  im  übrigen  unseren  Anforderungen  genügte,  wir
nicht  abgeneigt  sein  würden,  ihn  in  Vorschlag  zu  bringen.  Es  fand  sich
anfangs  keiner,  es  fand  sich  aber  auch  kein  Deutscher,  und  nach  den  Ereignissen
  in  Thorn  war  es  nun  für  uns  nicht  zweifelhaft,  daß  der  Mann,  der
da  eine  Rede  gehalten  hatte,  die  so  weit  preußisch  und  preußisch-patriotisch
war,  als  wir  es  überhaupt  von  den  Einwohnern  polnischer  Zunge  in  der
Provinz  Posen  erwarten  können,  den  Anforderungen  so  weit  genügte,  als
es  möglich  war.
        <pb n="162" />
        154  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)

Ich  glaube  also,  auch  diese  Frage  wird  eine  Erledigung  finden,  über
die  sich  niemand  zu  beunruhigen  braucht.  Wir  haben  —  die  preußische  Regierung
  und  auch  die  verbündeten  Regierungen  —  das  lebhafte  Bestreben,
die  Kräfte,  die  an  der  Erhaltung  und,  wenn  es  nicht  notwendig  sein  sollte,
an  der  Verteidigung  des  Staates  mitwirken,  zusammenzuhalten,  nicht  auseinandergehen
  zu  lassen  (sehr  wahr!  rechts),  und  in  dieser  Tendenz  des  Sammelns
  unserer  Kräfte  liegt  die  Aufgebung  des  Paßzwanges  und  das,  was
in  der  Provinz  Posen  geschehen  ist.  Wenn  ich  nun  meine,  daß  in  der  auswärtigen
  Politik  und  in  diesen  beiden  Fragen  die  einen  auswärtigen  Anklang
  haben,  kein  Grund  vorliegt,  beunruhigt  zu  sein  über  das,  was  in  der
Welt  vorgeht,  wenn  ich  noch  hinzufüge,  daß  diejenigen  Fragen,  die  im  Laufe
der  anderthalb  Jahre  zwischen  den  europäischen  Mächten  entstanden  sind
allemal  durch  das  Entgegenkommen  aller  NRegierungen  eine  friedliche  und
wünschenswerte  Lösung  gefunden  haben,  so  glaube  ich  wirklich  alles  gesagt
zu  haben,  ohne  in  Details  einzugehen,  was  hinreicht,  dem,  der  nicht  beunruhigt
  sein  will,  die  Ruhe  zu  lassen.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Die  Unruhe  geht  aber  noch  auf  andere  Gebiete  über.

Es  ist  zu  meinem  Bedauern  auch  eine  Art  Militärpessimismus  eingerissen.
  In  neuerer  Zeit  hat  jede  Zeitung,  jedes  größere  Blatt  seinen
militärischen  Mitarbeiter,  gewesene  Offiziere,  —  alles  meine  alten  Kameraden,
denen  ich  das  beste  gönne;  ich  freue  mich,  wenn  sie  eine  Beschäftigung  finden,
die  dem  Grade  von  Kraft,  dessen  sie  sich  noch  erfreuen,  entspricht.  Aber
diese  Militärschriftstellerei  hat  doch  auch  eine  sehr  bedenkliche  Seite.  Die
Organisation  der  Armee  zu  übersehen,  ist  so  unendlich  schwer,  daß  ich  glaube,
der  Herr  Kriegsminister  wird  mich  nicht  desavonieren,  wenn  ich  sage,  in  der
Armee  sind  nicht  fünfzig  Offiziere,  welche  die  Organisation  so  vollständig
übersehen,  daß,  wenn  eine  Maßregel  an  einer  Stelle  getroffen  wird,  sie  im
stande  sind,  zu  sagen,  sie  wirkt  da  und  da  so  und  so.  Ist  das  schon  für
die  Männer  schwer,  die  noch  mitten  im  Leben  stehen,  denen  vielfach  amtliches
  Material  zugänglich  ist,  so  ist  es  nahezu  unmöglich  für  Offiziere
außer  Dienst.  Von  ihrem  patriotischen  Gefühl  geleitet,  sehen  sich  diese
Herren  die  Nachrichten  an,  die  sie  über  etwaige  Veränderungen,  über  geplante,
  zum  Teil  noch  ganz  unreife  Projekte  bekommen,  und  schreiben  nun
einen  mehr  oder  weniger  fulminanten  Artikel,  der  nicht  selten  mit  dem  Ende
schließt:  Si  vis  pacem,  para  bellum,  oder:  Videant  consules.  (Große
Heiterkeit.)  Dieses  wäre  an  sich  ganz  harmlos,  wenn  sie  nicht  auf  den  Leserkreis
  der  Zeitungen  einwirkten,  und  zwar,  wie  das  in  der  Natur  der  Sache
liegt,  immer  beunruhigend;  denn  die  Herren,  die  nicht  wissen,  um  was  es
sich  handelt,  kritisieren,  sie  finden  also  das  Bestehende  schlecht,  dann  machen
sie  Vorschläge,  dann  nimmt  die  Regierung  diese  Vorschläge  nicht  an,  und
dann  ist  wieder  ein  Malheur  geschehen,  über  das  in  einem  neuen  Artikel
zu  klagen  hinreichend  Anlaß  ist.  Ich  halte  diese  Art  von  Militärlitteratur
deshalb  für  sehr  bedenklich;  sie  hat  dazu  beigetragen,  auch  in  Bezug  auf
unsere  Armee,  ob  diese  Armee  ihren  Aufgaben  auch  zukünftig  gewachsen
wäre,  ob  sie  stark  genug  wäre,  gut  genug  ausgerüstet,  ob  sie  nicht  zu  alte
Generale  habe,  Benuruhigung  in  die  Welt  zu  tragen;  und  nicht  bloß,  daß
andere  Menschen  sich  über  die  Armee  beunruhigten,  ist  die  schlimme  Folge
dieser  Art  von  Schriftstellern,  sondern,  wenn  das  so  weiter  geht,  könnten
daraus  die  schlimmsten  Folgen  dadurch  entstehen,  daß  in  der  Armee  selbst
der  Glaube  erwacht,  es  wäre  nicht  alles  so,  wie  es  sein  sollte.  Wir  haben
mit  der  Armee  eine  Geschichte  überkommen,  wie  sie  kaum  eine  zweite  hat,
und  wir  haben  noch  heute  das  Vertrauen,  daß  unsere  Militärverwaltung
alles  thut  und  daran  setzt,  um  diese  Armee  nicht  nur  zu  erhalten,  sondern
auch  zu  verbessern.  Ich  darf  daran  erinnern,  daß  auch  unter  der  gegen-
        <pb n="163" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  155

wärtigen  Regierung  wie  viel  unter  der  vorigen  Regierung  gethan  ist,
ist  bekannt  —  man  nicht  geschlafen  hat.  Sie  haben  uns  im  vorigen  Jahre
18,000  Mann  Präsenzstärke  mehr  gegeben,  als  wir  bisher  hatten.  Wir  sind
in  diesem  Jahre  an  Sie  herangetreten  mit  einem  bedeutenden  Wunsch  zur
Verbesserung  des  Kriegsmaterials,  und  ich  kann  vielleicht  sagen,  daß  ich  nicht
für  wahrscheinlich  halte,  daß  wir  damit  die  Ausbildung  und  den  Ausbau
unserer  Organisation  für  abgeschlossen  halten.  (Bewegung.)

Man  hat  in  der  Welt  sich  jetzt  vielfach  gewöhnt,  Armeen  nach  ihrer
Zahl  zu  schätzen.  Das  ist  auch  wieder  für  Zeitungsschreiber  und  Leser  ein
bequemes  Mittel;  es  rechnet  da  einer  vor:  die  Franzosen  haben  5,400,000
und  ihr  habt  4,500,000,  folglich  seid  ihr  schwächer  als  die  Franzosen,  folglich
  beunruhigt  euch!  (Heiterkeit.)  So  liegt  die  Sache  nun  doch  nicht.  Für
die  Leistungen  einer  Armee  wird  im  Anfange  eines  Krieges  immer  die  Qualität
  der  Truppe  das  Entscheidende  sein,  und  erst  wenn  der  Krieg  zur  Verteidigung
  des  eigenen  Bodens  in  die  Länge  gezogen  wird,  wenn  er  zu  einem
Krieg  aufs  Messer  wird,  dann  wird  auch  die  Ouantität  der  Truppe  nach
und  nach  zur  Geltung  kommen.  Ich  glaube  nicht,  daß  unter  den  lebenden
Heerführern  einer  da  ist,  der  im  stande  wäre,  diese  Massen,  mit  denen  zu
rechnen  man  sich  jetzt  gewöhnt  hat,  zu  ernähren,  zu  bewegen  uud  zu  gemeinsamem
  Schlagen  zu  bringen.  Das  ist  bei  solchen  Zahlen  ausgeschlossen.
Es  hat  also  diese  Zahl  an  sich,  selbst  wenn  sie  aus  lauter  guten  Soldaten
zusammengesetzt  wäre,  ihr  Bedenkliches.  Dieses  Bedenkliche  steigt  nun  aber
noch,  wenn  man  die  Oualität  dieser  so  und  so  viel  Millionen  —  denn  unter
Millionen  rechnet  kein  Staat  mehr,  der  etwas  auf  sich  hält  —  wenn  man
die  Qualität  dieser  Soldaten  ansieht.

Meine  Herren,  es  ist  ja  nichts  leichter,  wenn  Frankreich  ein  Gesetz
gibt,  worin  es  mehrere  Altersklassen  wehrpflichtig  macht  und  seiner  Armee
in  der  einen  oder  anderen  Form  einverleibt,  das  auch  zu  machen,  und  durch
einen  einzigen  Akt  der  Gesetzgebung  kann  man  die  Sollziffer  der  Armee  sehr
leicht  in  die  Höhe  bringen.  Nur  vergißt  man  dabei,  daß  diese  Menschen,
durch  die  die  Armee  in  die  Höhe  gebracht  werden  soll,  zum  größten  Teil
Leute  sind,  die  in  anstrengenden  Berufsarten  ihre  Kräfte  bereits  verloren
haben,  und  die  durch  eine  sitzende  Lebensweise  unfähig  gemacht  sind,  sich  zu
bewegen  die  zum  großen  Teil  nicht  nur  Väter,  sondern  auch  Großväter  sind.
(Heiterkeit.)

Es  ist  also  dieses  Rechnen  mit  den  Zahlen  nicht  ganz  unbedenklich,
und  man  empfindet  das  nicht  bloß  bei  uns,  sondern  auch  in  Frankreich.
Man  hat  den  Ausdruck  dafür  gefunden:  la  rage  des  nombres,  die  Zahlenwut.
  Ich  meine  also,  wenn  ein  deutscher  Zeitungsleser  nun  in  seinem  Leibblatte
  liest,  daß  an  anderen  Stellen  mehr  Soldaten  aufgebracht  werden,  so
hat  er  keinen  Grund,  sich  zu  beunruhigen.  Solange  die  deutsche  Armee  so
gut  bleibt,  wie  sie  jetzt  ist,  und  abgesehen  von  dem  Glauben  an  die  Führung
  und  Leitung  der  Armee  durch  meinen  Allerhöchsten  Kriegsherrn,  durch
die  verbündeten  Monarchen,  durch  das  preußische  und  die  anderen  deutschen
Kriegsministerien,  habe  ich  den  ganz  bestimmten  Glauben,  daß  es  keine  Nation
  Europas  gibt,  die  für  die  künftige  Art  der  Kriegsführung  so  viele  vorzügliche
  Eigenschaften  mitbringt  wie  die  deutsche.  (Bravo!)  Mir  will  scheinen,
daß  die  künftige  Kriegführung  immer  mehr  den  Gang  nehmen  wird,  daß  es
auf  Handlungen  einzelner  ankommt,  Handlungen  einzelner  aber,  die  sich
freiwillig  in  Masse  zusammenfassen  müssen.  Wir  werden  große  Gefechte  und
Schlachten  erleben,  wo  in  erster  Linie  nur  wenige  Offiziere  noch  da  sind;
die  wenigen  werden  nicht  im  stande  sein,  ihren  Willen  überall  zur  Geltung
zu  bringen,  —  dann  wird  sich  gerade  in  den  entscheidendsten  Momenten  der
Mann  selbst  überlassen  sein,  und  es  wird  sich  dann  fragen:  hat  er  die  Eigen-
        <pb n="164" />
        156  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)

schaften,  um  nun  freiwillig  sich  einem  gemeinsamen  Impulse  anzuschließen
und  im  Waffengebrauch  das  Richtige  zu  thun?  Ich  konnte  dieses  Beispiel
auch  auf  andere  Waffen  ausdehnen,  ich  will  mich  aber  damit  begnügen,  dies
als  meine  innerste  Ueberzeugung  auszusprechen:  es  gibt  keine  andere  Nation,
die  so  viel  Chancen  für  den  nächsten  Krieg  in  dieser  Beziehung  hat,  wie  die
deutsche.  (Bravo!)

Man  kann,  wenn  man  Streitkräfte  vergleicht,  nicht  umhin,  die  Be—
völkerungszahlen  der  Nationen  in  Rechnung  zu  stellen.  Denn  wenn  ich  ein—
mal  mit  Ziffern  rechnen  muß  —  und  für  den  letzten  Teil  des  Krieges  ist
es  unvermeidlich,  da  muß  ich  die  Menschen  alle  gebrauchen;  aber  ich  kann
sie  nicht  alle  auf  einmal  gebrauchen  —  wenn  ich  also  mit  solchen  Ziffern
rechnen  muß,  so  muß  ich  zunächst  fragen:  wie  steht  es  denn  mit  der  Bevölkerungsziffer
  der  Staaten:?  Und  da  hat  man  die  Frage  aufgeworfen:  wie
steht  es  denn  nun  mit  dem  Dreibunde?  wird  der  Dreibund  für  den  Fall  —
der,  er  mag  noch  so  unwahrscheinlich  sein,  doch  immerhin  ins  Kalkül  gezogen
  werden  muß  —,  daß  unser  östlicher  Nachbar  unserem  westlichen  Nachbar
  nicht  mehr  in  so  friedlicher  Weise  wie  in  Kronstadt  die  Hand  reicht,
stark  genug  sein?  Ich  glaube,  wir  können  in  dieser  Hinsicht  ruhig  sein.
Was  die  beiden  anderen  Staaten  von  ihrer  Bevölkerung  auf  europäischem
Boden  haben,  wird  ungefähr  dasselbe  sein,  was  die  drei  Staaten  zusammen
zählen.  Es  ist  also  in  dieser  Beziehung  eine  gewisse  Basis  für  eine  Art
von  Gleichgewicht  hergestellt.  Aber  auch  in  dieser  Beziehung  habe  ich  keine
Sorge;  denn  wir  Deutsche  haben  einen  Faktor,  der  uns  hoffen  läßt,  daß,
wenn  es  not  wird,  wir  unsere  Armee  verstärken  können:  die  steigende  Bevölkerungsziffer
  alle  Jahre  werden  in  Deutschland  mehr  Männer  geboren
als  im  Jahr  vorher,  alle  Jahre  kommen  in  Deutschland  mehr  Leute  zur
Aushebung  —  gewährt  die  Möglichkeit,  die  Armee  zu  steigern,  und  ich  halte
es  nicht  für  ausgeschlossen,  daß  im  nächsten  Winter  die  Regierungen  mit
diesem  hohen  Hause  in  Verhandlungen  darüber  eintreten  werden,  wie  diese
steigende  Bevölkerungsziffer  ausgenutzt  werden  kann,  um  auch  unsere  Wehrkraft
  entsprechend  zu  steigern.

Es  war  das  nun  die  Zahlenseite,  in  Bezug  auf  die  oft  eine  Beunruhigung
  Platz  greift.  Es  gibt  aber  noch  ein  zweites  Moment,  aus  dem
der  Laie  leicht  Beunruhigung  saugt:  das  sind  die  Dislokationen.  Man  hat,
während  Frankreich  seine  Armee  dislozierte,  das  bei  uns  ziemlich  ruhig  hingenommen;
  man  beschäftigte  sich  noch  nicht  mit  dieser  Frage.  Seit  aber
auch  unser  östlicher  Nachbar  angefangen  hat,  seine  Truppen  mehr  nach  Westen
zu  schieben,  beunruhigt  man  sich  über  jedes  Regiment,  jede  Division,  die
man  vorschiebt.  Meist  geht  eine  solche  Division  wochenlang  in  den  Zeitungen
umher.  Zuerst  wird  sie  erwähnt  dort,  wo  sie  wegkommen  soll,  dann,  wo
sie  hinkommen  soll,  dann  kommen  die  einzelnen  Regimenter  wieder  hervor
und  schließlich  hat  ein  Teil  der  Deutschen  die  Ueberzeugung  gewonnen,  daß
die  russische  Armee  uns  so  nahe  gekommen  wäre,  daß  darin  ein  Grund  zu
ernsten  Beunruhigungen  läge.  Es  ist  nicht  zu  verkennen,  daß  die  Heeresverwaltung
  allen  Anlaß  hat,  das  zu  thun,  was  sie  thun  kann,  um,  wenn
es  zum  Kriege  mit  Rußland  kommt,  schnell  zur  Hand  zu  sein.  Aber  ich
möchte  den  Herren,  die  in  dieser  Beziehung  zur  Beunruhigung  neigen,  den
Vorschlag  machen,  sich  einmal  eines  Zirkels  und  einer  Karte  zu  bedienen,
einer  solchen  Karte,  wo  die  Garnisonen  eingetragen  sind.  Sie  können  aus
jedem  genealogischen  Kalender  die  Standquartiere  der  Generalkommandos  in
Deutschland  und  in  Rußland  entnehmen.  Wenn  Sie  dann  nun  die  russischen
  Truppen  nehmen,  die  zu  der  Armee  gehören,  die  an  unserer  Grenze
steht,  so  werden  Sie  wahrscheinlich  von  der  Garnison  bis  zur  Grenze  einen
Raum  bis  zu  300  Kilometern  bekommen.  Nehmen  Sie  diesen  Raum  in  den
        <pb n="165" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  27.)  157

Zirkel  und  setzen.  Sie  ihn  auf  die  preußische  Grenze  und  messen  Sie  ab,  wie
viel  Armeekorps  liegen  in  Preußen  und  in  Oesterreich  auf  demselben  Raum,
in  dem  diese,  unsere  Laien  oft  erschreckende  Masse  Russen  liegt,  so  werden
Sie  die  Erfahrung  machen,  daß  diesseits  der  Grenze  mehr  liegen  als  jenseits.
(Hört!  hörtl!)

Wie  leichtsinnig  die  Welt  mit  diesen  Dingen  umgeht,  dafür  ist  mir
vor  einigen  Tagen  ein  Beispiel  in  die  Augen  gefallen.  Es  ist  durch  die
Zeitungen  die  Nachricht  gegangen,  ein  russisches  Armeekorps,  dessen  Garnison
weit  hinter  Kiew,  in  Charkow,  liegt,  sei  zu  der  Armee  in  Kiew  geschlagen
worden;  diese  Armee  in  Kiew  sei  bestimmt,  gegen  Oesterreich  vorzugehen.
Das  Faktum  mag  richtig  sein.  Der  Ort  Charkow  liegt  aber,  in  der  Luftlinie
  gemessen,  zu  dem  nächsten  Ort  der  österreichischen  Grenze  in  der  Richtung
  auf  Lemberg,  genau  so  weit  ab,  wie  Koblenz  in  der  Luftlinie  gemessen
über  Posen  von  dem  nächsten  Ort  der  polnischen  Grenze.  (Heiterkeit.)  Ich
habe  noch  nicht  gehört,  daß  ein  Mensch  das  Dasein  des  Königlich  preußischen
VIII.  Armeekorps  in  Koblenz  als  eine  Kriegsdrohung  für  Rußland  ansähe.

Dies  alles  führe  ich  an,  um  den  nicht  berechtigten  Beunruhigungen
entgegenzutreten.  Ich  will  damit  nicht  sagen,  daß  unsere  Armeeverwaltung
nicht  das  äußerste  einsetzen  muß;  ich  will  nicht  verneinen,  daß,  wenn  es  hart
auf  hart  kommt,  wir  großen  Gefahren  ausgesetzt  sind.  Aber  beunruhigen
können  wir  uns  immer  noch  später,  —  so  weit  ist  die  Sache  noch  nicht.
(Bravol)  Wenn  ich  eine  Truppe  zu  führen  hätte  und  wüßte,  sie  soll  sich
morgen  schlagen,  dann  würde  ich  das  Bestreben  haben,  sie  heute  nacht  noch
ruhig  schlafen  zu  lassen.  Und  ich  meine,  wenn  ein  Zeitungsschreiber  wirklich
  glaubt,  wir  wären  so  nahe  vor  dem  Krieg,  der  thut  klüger,  er  läßt
Handel  und  Wandel  ihren  Gang  gehen,  als  er  beunruhigt  seine  Leser  vor
der  Zeit  und  schwächt  dadurch  den  nationalen  Wohlstand,  auf  den  wir  doch
angewiesen  sind,  wenn  es  mal  zum  äußersten  kommt.  (Sehr  richtigl)

Ich  bin  also  der  Meinung,  daß  nach  allen  diesen  Richtungen  ein
Grund  zur  Beunruhigung  nicht  vorliegt,  und  ich  würde  mich  glücklich
schätzen,  wenn  ich  durch  diese  Aussprache  dazu  beigetragen  hätte,  die  Beunruhigung
  wenigstens  zu  reduzieren.  Der  Pessimismus  ist  schwächlich.  Ich
glaube,  die  Regierungen,  die  man  oft  als  schwächlich  geschildert  hat,  sind
es  nicht  in  dem  Maße,  als  diese  Gefühle,  von  denen  ich  hier  gesprochen
habe.  Will  man  uns  aber  der  Schwäche  zeihen,  so  soll  man  doch  herauskommen;
  ich  will  Rede  und  Antwort  stehen.  Man  soll  sagen:  was  haben
wir  eigentlich  gemacht,  was  hätten  wir  besser  machen  müssen,  wo  liegen  die
Fehler.  Was  nutzt  das  mir,  mit  dem  Fragezeichen  von  dunklen  Gefahren,
von  Maßregeln  zu  sprechen,  die  die  Regierung  wahrzunehmen  nicht  im  stande
ist.  Klären  Sie  uns  auf,  —  wir  sind  dabei;  aber  lassen  Sie  diese  Art  —
möchte  ich  sagen  —  von  unterirdischer  politischer  Taktik  gegen  eine  Regierung,
  die,  soweit  mein  Auge  reicht,  im  stande  ist,  das  zu  vertreten,  was  sie
gethan  hat.  Es  existiert  doch  auch  zwischen  der  Regierung  und  der  Nation
ein  gewisses  Wechselverhältnis,  und  ich  glaube,  es  hat  keine  Nation  um
ihrer  selbst  willen  ein  Interesse,  ihre  Regierung  ohne  Not  als  schwächlich
hinzustellen;  und  wenn  ich  auch  für  mich  nicht  plaidieren  wollte,  so  bin  ich
der  Meinung,  die  Nation,  wenn  sie  sich  selbst  achtet,  sollte  etwas  vorsichtiger
mit  solchen  Angriffen  gegen  die  Regierung  sein.  (Bravo!)  Wir  haben  das
aufrichtige  Bestreben,  nach  außen  mit  allen  anderen  Nationen  in  Frieden  zu
leben.  Es  ist  uns  das  bisher  geglückt;  ich  wüßte  nicht,  warum  es  uns  nicht
weiter  glücken  sollte.  Die  deutsche  Politik  ist  nach  meinem  Dafürhalten  dadurch
  in  einer  sehr  glücklichen  Lage,  daß  sie  sich  auf  eine  gute  Armee  und
auf  eine  Nation,  die  mit  ihren  sämtlichen  Männern  schließlich,  wenn  es  sein
muß,  hinter  der  Armee  steht,  stützen  kann;  (Bravo!)  und  ich  wüßte  nicht,
        <pb n="166" />
        158  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  30.)

warum  diese  Politik  nicht  im  stande  sein  sollie.  die  Würde  und  das  Ansehen
  Deutschlands  unter  allen  Umständen  aufrecht  zu  erhalten.  (Lebhaftes
Bravo!)

Abgeordneter  v.  Keudell  erklärt,

daß  die  Mitglieder  der  freikonservariven  Fraktion  durch  den  in  Frage
stehenden  Artikel  vollständig  und  in  peinlicher  Weise  uberrascht  worden  sind,
und  daß  sie  sich  außer  stande  befinden,  auf  die  Schriftleitung  des  „Deutschen
Wochenblattes“  irgend  einen  Einfluß  aus  zuden.

30.  November.  Der  Abgeordnete  Richter  sagt  im  Fortgang
  der  Etatsdebatte  am  Schlusse  einer  längeren  Rede:

Nach  alledem  kann  ich  die  Rede  des  Reichskanzlers  unterschreiben  mit
dem  Vorbehalt  und  der  Ausschaltung  des  Punktes  über  die  Militärfrage.
Indessen  wäre  es  falsch,  wenn  man  nun  aus  diesem  Grunde  uns  gewissermaßen
  für  Caprivi-Leute  ansieht,  oder  annehmen  wollte,  daß  der  Reichskanzler
  den  freisinnigen  Anschauungen  sich  genähert  hat.  Der  Reichskanzler
hat  nach  verschiedenen  Fronten  zu  schlagen.  Seine  Rede  befand  sich  auf
einer  anderen  Front  als  auf  der  wir  stehen.  In  einem  kürzlich  erschienenen
Buch  eines  Verehrers  des  Fürsten  Bismarck  „Furst  Bismarck  im  Ruhestande“
sind  alle  Aeußerungen  des  Fürsten  Bismarck  gesammelt,  die  er  gegen  seinen
Nachfolger  gethan  hat.  Herrn  Caprivis  Rede  hat  diesen  Strauß  Blume
für  Blume-  zerpflückt.  Und  wenn  wir  an  seiner  Rede  nichts  auszusetzen
haben,  so  kommt  es  daher,  weil  wir  mit  der  Opposition  des  Fürsten  Bismarck
  nichts  gemeinsam  haben,  und  weil  sich  unsere  Front  auf  der  anderen
Seite  dem  Reichskanzler  gegenüber  befindet.  Der  Reichskanzler  hat  seinerseits
  schon  als  Kriegsmann  gar  keine  Veranlassung,  sich  gleichzeitig  auf  zwei
Fronten  zu  engagieren;  aber  ich  zweifle  darum  nicht,  daß  auch  unserer  Front
im  Laufe  der  Session  die  Gefechte  nicht  erspart  werden.  Die  Gegensätze,  die
ihn  von  uns  trennen,  sind  folgende:  Wir  sind,  soweit  ich  unterrichtet  bin,
nicht  Gegner  der  Richtung,  welche  er  in  der  Polenpolitik  eingeschlagen  hat.
Ich  meinerseits  mache  dabei  dem  Reichskanzler  den  Vorwurf,  daß  die  Konsequenz
  der  neuesten  Maßnahmen  auch  dahin  führen  muß,  daß  das  Hundertmillionengesetz
  abgeschafft  wird.  Unsere  Bedenken  in  Bezug  auf  die  preußische
Politik  beziehen  sich  in  erster  Reihe  auf  den  Volks-  schulgesetzentwurf.  Wir
müssen  fürchten,  daß  der  noch  unannehmbarer  ausfällt  als  der  vorjährige
nach  der  verbindlichen  Haltung  des  neuen  Kultusministers  gegenüber  der
orthodoxen  Generalsynode.  Die  Gegensätze  bestehen  auf  dem  Gebiete  des
Einkommensteuergesetzes  und  des  Rentengütergesetzes.  In  der  Reichspolitik
bedauern  wir  es,  daß  er  die  sozialpolitische  Erbschaft  seines  Vorgängers
übernahm,  daß  er  das  Invaliditätsversicherungsgesetz  zur  Ausführung  bringt.
Wir  bedauern  die  Erweiterung  des  Krankenkassenzwanges,  weil  wir  in  allen
diesen  Maßnahmen  eine  Verdrängung  des  freien  Versicherungswesens  erblicken
und  befürchten  müssen,  daß  die  Wirkung  des  Gesetzes  immer  mehr  Ansprüche
der  arbeitenden  Bevölkerung  an  den  Staat  erweckt.  Wir  sind  zweitens  Gegner
auf  dem  Gebiete  der  Kolonialpolitik.  Nachdem  der  Reichskanzler  zuerst  sie
extensiv  eingeschränkt,  hat  er  sie  in  der  letzten  Zeit  intensiv  stärker  entwickelt
trotz  der  bösen  Erfahrungen,  die  wir  in  dieser  letzten  Zeit  fortgesetzt  gemacht
haben.  Wir  bedauern  auf  dem  Gebiet  des  Marinewesens,  daß  der  Reichskanzler
  dem  Staatssekretär  Hollmann,  der  sich  selbst  als  einen  rabiaten
Fachmann  bezeichnet  hat,  derart  die  Zügel  schießen  läßt,  daß  er  Erweiterungsplänen
  zustimmt,  die  wir  für  unvereinbar  halten  mit  unseren  finanziellen
  Verhältnissen  und  auch  mit  dem  Rahmen,  der  für  die  Marine  berechtigt
  ist.
        <pb n="167" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  2.)  159

Wir  sind  vor  allem  Gegner  des  Reichskanzlers  darin,  daß  er  trotz
der  hohen  Kornpreise,  der  Verteuerung  der  notwendigen  Lebensmittel,  die
Zölle  aufrecht  erhält.  Wir  freuen  uns,  daß  er  eine  Ermäßigung  mittelst
der  Handelsverträge  anbahnt,  aber  wir  halten  diese  Ermäßigung  für  in  keiner
Weise  ausreichend,  um  die  Teuerungsschäden  zu  beseitigen.  Dadurch  wächst
die  Unzufriedenheit  weiter  in  dem  Maße,  als  man  neue  Militärlasten  aufbürdet,
  während  auf  der  anderen  Seite  die  Erleichterungen  durch  Preisgebung
der  Verteuerungspolitik  abgelehnt  werden.  Die  Frage  der  Aufhebung  der
Kornzölle  ist  nicht.  bloß  eine  Lebensfrage  der  Nation,  sondern  auch  insbesondere
  eine  Wehrfrage.  Die  Zunahme  der  Bevölkerung  wird  wesentlich
bedingt  von  der  Wohlfeilheit  der  Lebensmittel,  und  jede  Verteuerung  hat
eine  nachteilige  Rückwirkung  darauf.  Der  Getreidebau  in  Deutschland  kann
nicht  mehr  erweitert  werden.  Wenn  Deutschland  gleichwohl  eine  fortschreitende
  Bevölkerung  haben  muß,  und  der  Reichskanzler  darauf  seine  Pläne
bezüglich  der  Wehrkraft  stützt,  so  ist  das  nur  möglich  in  dem  Maße,  wie
sich  die  Industrie  in  unserem  Lande  entwickelt  und  der  industriellen  Entwickelung
  wird  ein  Hemmnis  geschaffen  dadurch,  daß  nirgends  in  der  Welt
das  Brot  so  teuer  ist,  als  bei  uns.  Darum  muß  der  Kornzoll  so  bald  als
möglich  abgeschafft  werden,  und  ehe  das  nicht  geschieht,  ist  kein  Friede  zwischen
uns  und  dem  Reichskanzler.  (Lebhafter  Beifall  links.)

2.  Dezember.  In  den  „Preußischen  Jahrbüchern“  wird
unter  entschiedener  Verteidigung  der  Regierung  und  ihrer  objektiven
Maßregeln  die  Mißstimmung  in  der  Bevölkerung  folgendermaßen
besprochen.

„Das  Wort  des  Kaisers  voluntas  regis  suprema  lex  esto  hat  eine
Aufregung  hervorgerufen  und  eine  Stimmung,  wir  könnten  nicht  sagen,  erzeugt,
  sondern  zutage  gebracht,  die  die  schwersten  Besorgnisse  erweckt.  Wir
haben  früher  einmal  ausgeführt,  daß  es  im  Wesen  einer  starken  Monarchie,
wie  wir  sie  in  Deutschland  haben  und  haben  wollen,  liegt,  daß  auch  die
Subjektivität  des  Monarchen  mit  all  ihren  Zufälligkeiten  stark  zur  Geltung
kommt.  Wer  die  Anregung,  die  von  einer  solchen  Persönlichkeit  auf  dem
Thron  auf  das  ganze  Staatsleben  ausgeübt  wird,  dankbar  empfindet,  muß
es  auch  in  Kauf  nehmen,  wo  sie  eine  Tendenz  einschlägt,  die  ihm  nicht  zusagt.
  Jeder  subjektive  Wille  aber  erweckt  Widerspruch,  und  wer  die  Augen
offen  hat,  kann  nicht  verkennen,  daß  dieser  Widerspruch  im  deutschen  Volke
stärker  und  stärker  wird.  Die  Behandlung  der  Schulfrage,  die  Unterschrift
sic  volo,  sic  jubeo",  die  Rede  in  Düsseldorf,  die  Ansprache  an  die  Korpsstudenten
  in  Bonn,  das  Telegramm  an  Herrn  v.  Helmholtz  haben  viel  Murren
und  Kopfschütteln  hervorgerufen.  Das  voluntas  regis  suprema  lex  aber
hat  gewirkt  wie  eine  Kriegserklärung.  Es  ist  ja  ganz  klar,  daß  eine  Kundgebung
  damit  nicht  beabsichtigt  war.  Absolutismus  oder  auch  nur  Verstärkung
  der  monarchischen  Gewalt  sind  in  Deutschland  so  schlechterdings
unmöglich,  daß  niemand  hier  auch  nur  an  eine  Gefahr  glaubt,  geschweige,
daß  sie  wirklich  bestände  oder  an  Allerhöchster  Stelle  auch  nur  der  leiseste
Schimmer  einer  solchen  Absicht  vorläge.  Man  braucht  sich  dafür  auf  jene
schönen,  feierlichen  Worte  der  ersten  Thronrede  des  Kaisers  gar  nicht  zu  berufen.
  Dennoch  hat  jenes  Wort  einen  wahren  Sturm  erregt.  Die  Presse
ruft  die  Verfassung  an,  fragt:  wo  sind  die  konstitutionellen  Minister,  und
wettert  gegen  den  Byzantinismus.  Die  Beamten  raunen  sich  mit  finstern
Mienen  scharfe  Bemerkungen  zu.  Die  Professoren  flechten  in  ihre  Vorlesungen
historische  und  staatsrechtliche  Betrachtungen  ein,  daß  von  je  der  Germane
ein  Königtum,  aber  kein  unumschränktes  gehabt  habe.  Die  Geistlichen  haben
        <pb n="168" />
        160  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  3.)

die  Gelegenheit  wahrgenommen,  am  letzten  Sonntag  zu  predigen  über  den
Spruch,  daß  das  höchste  Gesetz  der  Wille  Gottes  sei.  Selbst  die  Offiziösen
haben  in  ihren  verlegenen  Ausreden  gezeigt,  daß  sie  im  Grunde  dasselbe
denken.  Warum  der  Sturm,  da  es  sich  doch  thatsächlich  nur  um  ein  Wort,
um  durchaus  nichts  Konkretes,  keine  Absicht,  keinen  Plan,  kein  Symptom
handelt,  das  irgend  etwas  neues  ahnen  ließe?  Wir  wollen  uns  nicht  scheuen,
es  auszusprechen:  die  Aufregung  ist  deshalb  so  groß,  weil  die  öffentliche
Meinung  jenen  Spruch  als  eine  Art  Beleidigung  empfunden  hat  und  weil
damit  eine  bereits  vorhandene  Stimmung  zum  Ausdruck  gebracht  worden  ist.
Man  hat  das  zufällige  Wort  nur  als  den  Exponenten  des  subjektiven  monarchischen
  Willens  aufgefaßt,  dem  man  sich  rüstet,  Widerstand  zu  leisten.  Hier
liegt  für  die  Zukunft  eine  Gefahr,  die  gar  nicht  ernst  genug  genommen  werden
kann.  Zunächst  muß  diese  Stimmung  den  spezifisch  monarchisch  gesinnten  Parteien
  zum  Verderben  gereichen.  Ihnen  traut  man  nicht  zu,  daß  sie  willkürlichen
  Unternehmungen  und  Forderungen  genügenden  Widerstand  entgegensetzen,
und  wendet  sich  lieber  den  Parteien  zu,  deren  Kraft  in  der  Opposition  liegt.
Jener  ganze  gebildete  Mittelstand,  der  sich  in  den  70er  und  80er  Jahren
um  Kaiser  Wilhelm  den  Alten  und  den  Fürsten  Bismarck  geschart,  die  konservativen
  Parteien  verstärkt,  in  zahlreichen  Wahlkreisen  den  Ausschlag  gegeben
  hat,  wird  sich  aus  dem  politischen  Leben  zurückziehen  oder  zur  Opposition
  übergehen.  Die  radikalen  Elemente  auf  der  Linken  können  die  Oberhand
  gewinnen,  und  dann  steht  der  Verfassungskonflikt  vor  der  Thür.  Nicht
die  sachlichen  Streitpunkte,  man  kann  es  nicht  oft  genug  wiederholen,  sondern
allein  die  Wiederbelebung  des  konstitutionellen  Machtstreits  birgt  die  Gefahr
für  die  Zukunft.  Das  Aufkommen  einer  dem  Monarchen  persönlich  widerstrebenden
  Stimmung  muß  unser  politisches  Leben  im  innersten  vergiften.
Es  ist  ein  höchst  merkwürdiger  Seelenzustand,  in  dem  sich  unser  Volk  befindet.
  Die  thatsächliche  Ueberlieferung  wie  die  konstitutionelle  Doktrin
stimmen  darin  überein,  daß  die  Opposition  sich  nicht  gegen  den  Monarchen,
sondern  gegen  die  Minister  richten  soll.  Es  ist  in  diesem  Augenblick  geradezu
umgekehrt.  Die  Minister  sind  anerkannt  vorzügliche  Männer,  die  kaum  hier
und  da  eine  Anfechtung  erleiden.  Dennoch  ist  das  Volk  in  einer  nicht  bloß
mißmutigen,  sondern  geradezu  aufgeregt  oppositionellen  Haltung,  die  Konservativen,
  weil  der  Kaiser  zu  liberal  ist,  die  Liberalen,  weil  sie  ein  konstitutionelles
  und  kein  persönliches  Regiment  wollen.  Was  der  Kaiser  will
und  was  den  eigentlichen  Inhalt  der  gegenwärtigen  Regierung  bildet,  darf
man  vielleicht  als  aufgeklärten  Konservatismus  bezeichnen.  Was  das  Bolk
argwöhnt  und  wogegen  es  im  Begriff  ist,  Front  zu  machen,  dürfte  man  mit
jenem  Ausdruck  des  vorigen  Jahrhunderts  den  aufgeklärten  Despotismus
nennen.  Welcher  von  beiden  Begriffen  die  Oberhand  behält,  davon  wird
das  Schicksal  Deutschlands  in  der  nächsten  Epoche  wesentlich  abhängen.

In  der  gesamten  deutschen  Presse  ohne  Unterschied  der  Parteien
  findet  diese  Schilderung  Zustimmung.
3.  Dezember.  Generalsynode.  Als  Abschluß  der  Session

erfolgt  die  Wahl  des  Generalvorstandes  und  des  Synodalrates.

Es  mußte  von  einer  Wahl  durch  Akklamation  abgesehen  und  zur
Zettelwahl  geschritten  werden.  Bei  der  Wahl  des  Vorsitzenden  fallen  97
Stimmen  auf  den  Wirkl.  Geheimrat  v.  Kleist-Retzow,  71  Stimmen  auf  den
Fürsten  Stolberg.  Zum  stellvertretenden  Vorsitzenden  wurde  durch  Akklamation
  Generalsuperintendent  D.  Schultze  gewählt.  Als  Beisitzer  wurden
von  166  gültigen  Stimmen  gewählt:  die  Synodalen  Frowein  mit  165
Stimmen.  Holtzheuer  mit  154  Stimmen,  Köstlin  mit  163  Stimmen,  Graf
        <pb n="169" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  161

Zieten-Schwerin  mit  94  Stimmen  (gegen  welchen  auf  den  Synodalen  Stöcker

72  entfielen)  und  Synodale  Keßler  mit  163  Stimmen.  Das  Unterliegen

des  Synodalen  Stöcker  ruft  in  einem  Teile  der  Synode  große  Bewegung

hervor.  Als  stellvertretende  Beisitzer  werden  durch  Akklamation  gewählt  die

Synodalen-  von  Wedell,  Graf  Rothkirch-Trach,  Altmann,  Hahn  (Berlin),
Künstler.

10.  Dezember.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  der  Verträge
mit  Oesterreich-Ungarn,  Italien  und  Belgien.

Reichskanzler  v.  Caprivi:

Die  Zoll=  und  Handelsverträge,  welche  den  Gegenstand  der  heutigen
Tagesordnung  bilden,  werden,  wie  ich  mit  Bestimmtheit  annehmen  kann,
zur  Stunde  um  einen  vierten,  um  den  mit  der  Schweiz,  vermehrt  worden
sein.  (Bravo!)

Ich  darf  voraussetzen,  daß  die  diese  Verträge  begleitende  Denkschrift
dem  hohen  Hause  bekannt  ist.  Sie  legt  dar,  wie  die  Zölle  von  1879  entstanden
  waren,  wie  sie  1885  und  1887  erhöht  worden  sind,  und  wie  sie  auf
das  Deutsche  Reich  und  auf  das  Ausland  wirkten;  wie  die  Wirkung  zuerst
in  Deuischland  eine  nach  allen  Richtungen  befriedigende  war,  wie  aber  allmählich
  in  dem  Maße,  als  andere  Staaten  dasselbe  System  annahmen,  die
Vorteile  desselben  sich  für  das  Deutsche  Reich  in  Nachteile  verkehrten.

Die  autonome  Feststellung  von  Zöllen,  die  Feststellung  unseres  Zollsystems
  nach  unserem  eigenen  Bedürfnis,  ohne  Fremde  zu  hören  und  zu  berücksichtigen,
  hat  den  großen  Vorteil  gehabt,  daß  die  heimische  Industrie
erstarkte  und  sich  in  einer  Weise  entwickelte,  begünstigt  von  dem  Aufschwung
der  Technik,  von  dem  Vorhandensein  verfügbarer  Kapitalien,  wie  sie  es  bis
dahin  nicht  gekannt  hatte.  Je  mehr  die  Industrie  aber  auf  den  inneren
Markt  beschränkt  wurde,  desto  mehr  traten  mit  der  Zeit  auch  Schattenseiten
dieses  Systems  hervor,  nämlich,  daß  der  Markt  überfüllt  wurde,  daß  eine
Ueberproduktion  eintrat,  daß  also  diese  hochgesteigerte  Industrie  anfing,  wenn
auch  diese  Anfänge  bisher  nur  schwache  gewesen  sind,  in  Verlegenheit  um
den  Absatz  zu  geraten.

Neben  den  autonomen  Zöllen  war  charakteristisch  für  das  bisherige
Verfahren  das  Bestreben,  das  Meistbegünstigungsrecht  von  anderen  Staaten
zu  erwerben.  Art.  11  des  Frankfurter  Friedens  gewährt  Frankreich  und
Deutschland  wechselseitig  in  einem  gewissen  Umfange  die  Meistbegünstigung.
Beide  Länder  schienen  anfangs  davon  Vorteil  zu  ziehen,  bis  man  dann  auf
der  anderen  Seite  zu  der  Ansicht  kam,  daß  die  ausgedehnte  Meistbegünstigung,
  die  dann  infolge  von  Verträgen,  welche  mit  dritten  Staaten  abgeschlossen
  wurden,  auch  denen  zu  teil  wurde,  ihre  Nachteile  hätte.  Und  so
fing  auch  diese  gute  Seite  des  Systems  an,  sich  in  eine  ungünstige  Seite  zu
verkehren;  aus  der  Meistbegünstigung  wurde  allmählich  eine  Gesamtbeschäigung.



Fum  nicht  einzelne  Vorteile  gewähren  zu  müssen,  entschloß  sich  in
erster  Linie  unser  westlicher  Nachbar  —  darin  aber  werden  ihm  voraussichtlich
  andere  Staaten  folgen  —  dazu,  auch  Deutschland  nichts  mehr  zu  gewähren,
  und  wir  sehen  im  Augenblick  in  Frankreich  einen  Maximal=  und
Minimaltarif  entstehen,  von  denen  selbst  der  Minimaltarif  einem  Prohibitivzoll
  ziemlich  gleichkommt.

In  unseren  Absatzmärkten  beschränkt  zu  werden,  ist  für  Deutschland
im  höchsten  Grade  empfindlich.  Wir  haben  einen  weitausgedehnten  Handel;
wir  führen  jährlich  für  etwas  über  4000  Millionen  Mark  fremde  Waren
ein  und  führen  nur  für  etwas  über  3000  Millionen  Mark  eigene  Waren

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.                  11
        <pb n="170" />
        162  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

aus.  Es  bleibt  also  zwischen  Ausfuhr  und  Einfuhr  eine  Differenz,  die  800
Millionen  übersteigt.  Was  wir  vom  Auslande  einführen,  brauchen  wir;  es
sind  zum  großen  Teil  unentbehrliche  Nahrungsmittel,  für  unsere  Industrie
unentbehrliche  Rohprodukte  und  Halbfabrikate.  Wir  müssen  in  der  Lage
sein,  diese  Dinge  zu  bezahlen;  und  um  sie  bezahlen  zu  können,  haben  wir
in  der  Hauptsache  nur  ein  Mittel:  indem  wir  unsere  Fabrikate  dahin  geben,
woher  wir  diese  Rohprodukte,  diese  Nahrungsmittel  empfangen  haben.  Wenn
wir  nun  aber  um  800  Millionen  Mark  jährlich  weniger  ausführen,  als  wir
einführen,  so  kommen  wir  mit  dem,  was  man  gemeinhin  die  Handelsbilanz
nennt,  in  Verlegenheit:  wir  sind  auf  die  Dauer  nicht  im  stande,  das  zu  bezahlen,
  was  wir  brauchen,  um  zu  leben  und  um  unsere  Industrie  in  schwunghaftem
  Betriebe  zu  erhalten.  Das  ist  ein  Uebelstand,  der  sich  voraussichtlich
von  Jahr  zu  Jahr  mehr  geltend  machen  wird,  weil  unsere  Bevölkerung
steigt;  wir  haben  mehr  Menschen  im  Inlande  zu  ernähren,  und  wir  müssen
für  mehr  Hände  Arbeit  schaffen.  Es  ist  also  die  Abnahme  oder  die  nicht
mehr  hinreichende  Zunahme,  die  nicht  mehr  im  Verhältnis  zur  Bevölkerungsziffer
  stehende  Zunahme  des  Exports,  eine  Kalamität,  der  vorzubeugen  wir
bestrebt  sein  müssen.  Schon  in  der  Allerhöchsten  Botschaft  vom  4.  Februar
1890  war  gesagt  worden:

Der  Rückgang  heimischer  Betriebe  durch  Verlust  ihres  Absatzes  im
Auslande  würde  nicht  nur  die  Unternehmer,  sondern  auch  die  Arbeiter
brotlos  machen.

Das  trifft  sicherlich  noch  heute  zu  und  nötigte  die  verbündeten  Regierungen,
sich  umzusehen,  wie  diesem  Uebelstande  abgeholfen  werden  könnte.

Das  erschien  sehr  bald  zweifellos,  daß  auf  dem  bisherigen  Wege
fortzugehen,  der  Ruin  nicht  nur  unserer  Industrie,  unseres  Arbeiterstandes,
sondern  auch  vielleicht  des  Staates  sein  würde.  Wir  können  die  Frage  nicht
so  stellen:  wollen  wir  Freihandel  treiben  oder  wollen  wir  Schutzzoll  haben?
Ich  glaube,  daß  das  doktrinäre  Begriffe  find,  die  durch  die  thatsächliche
Entwickelung  überholt  worden  sind.  Es  handelt  sich  heutigen  Tages  darum,
die  Mittel  zu  finden,  die  für  dies  Land  zur  gegenwärtigen  Zeit  die  geeignetsten
  sind,  um  seine  Landwirtschaft  lohnend  zu  erhalten,  seine  Industrie
im  Betriebe  zu  wissen  und  seinen  Arbeitern  Arbeit  zu  geben.  Auf  dem
bisherigen  Wege  würden  wir  nicht  weiter  gekommen  sein.  Bei  der  Tendenz,
sich  abzuschließen,  die,  wie  ja  bekannt  ist,  Rußland,  Amerika  und  Frankreich
haben,  wird,  wenn  wir  ferner  in  der  Abschließung  verharren,  oder,  was
wahrscheinlich  eine  Folge  dieses  Verharrens  würde  sein  müssen,  noch  weiter
in  der  Abschließung  gingen,  die  Folge  sein  ein  Krieg  Aller  gegen  Alle,  —
alle  europäischen  Staaten  würden  sich  gegen  einander  abzuschließen  suchen.
Das  läßt  sich  machen;  aber  wenn  wir  auch  im  stande  sind,  uns  abzuschließen
gegen  andere,  so  sind  wir  nicht  im  stande,  uns  auf  die  Dauer  selbst  zu  genügen.
  Wir  sind  auf  den  Austausch  von  Produkten  und  Waren  mit  anderen
Staaten  durch  die  Naturgesetze,  durch  unsere  Ausdehnung,  unser  Klima,
unseren  Boden  unweigerlich  angewiesen.  Wenn  wir  den  Versuch  machen
wollten,  bei  dem  bisherigen  Verfahren  zu  bleiben,  so  würde  bei  dem  immer
erbitterter  werdenden  Kampfe  ums  Dasein  zweifellos  Deutschland  in  einiger
Zeit  in  die  Lage  geraten,  einen  Betrieb  nach  dem  anderen  einstellen  zu  müssen.
Die  verbündeten  Regierungen  konnten  daher  nicht  in  Zweifel  sein,  daß,  so
wie  die  Dinge  sich  entwickelt  hatten,  eine  weitere  Fortsetzung  des  Weges,  den
wir  eingeschlagen,  unthunlich  war.

Handelt  es  sich  nun  aber  nicht  um  Freihandel  und  Schutzzoll,  so
blieb  nur  ein  Mittel  übrig:  den  Versuch  zu  machen,  Tarifverträge  mit  anderen
  Staaten  abzuschließen,  auf  diesem  Wege  unser  Absatzgebiet  zu  erweitern,
neue  Märkte  zu  gewinnen  und  das,  was  unsere  Industrie  im  Inlande  nicht
        <pb n="171" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  163

mehr  finden  konnte,  was  sie  im  Auslande,  welches  sich,  wie  die  vorgenannten
Staaten,  auf  die  Dauer  gegen  uns  abschließen  zu  wollen  scheint,  verlor,  —
das  zu  ersetzen  durch  eine  Vereinigung  mit  anderen  naheliegenden  Nationen.
Ich  kann  nicht  zugeben,  daß  wir  damit  einen  neuen  Weg  eingeschlagen  hätten,
daß  das  etwas  bis  dahin  nicht  Vorhergesehenes  wäre.  Als  im  Jahre  1878
die  204  sich  um  Varnbüler  schaarten  und  die  erste  Anregung  zur  Verstärkung
  nationaler  Arbeit,  wie  man  sich  damals  ausdrückte,  gaben,  haben  sie
in  einer  Denkschrift  ausgesprochen:  „die  schwierigen  Fragen  der  deutschen
Handelspolitik  dürfen  nicht  lediglich  nach  den  Schlagworten  von  Freihandel
und  Schutzzoll  gelöst  werden;  es  komme  vielmehr  darauf  an,  die  wirklichen
unvermeidlichen  Gegensätze  der  Interessen  mit  Sachkenntnis,  Umsicht  und
Vaterlandsliebe  auszugleichen“.  Die  jetzige  Regierung  adoptiert  diesen  Satz
vollkommen.  Das  ist  es,  worauf  es  ankommt:  auszugleichen  zwischen  den
Interessen  mit  Vaterlandsliebe.  Ebenso  ist  in  den  Motiven,  die  dem  ersten
Gesetz  von  1879,  durch  das  die  Zölle  erhöht  wurden,  beigegeben  wurden,
ausgesprochen  worden,  daß  überall  sorgsam  in  Erwägung  gezogen  werden
müsse,  daß  die  Exportfähigkeit  der  deutschen  Industrie  erhalten  bleibe.

Diese  ersten  und  nach  meiner  Ueberzengung  klaren  und  noch  heute
richtigen  Gesichtspunkte,  die  der  bis  zur  Stunde  geltenden  Zollpolitik  zugrunde
  lagen,  sind  mit  der  Zeit  leider  und  vielfach  durch  Schlagworte  verwischt
  und  in  den  Hintergrund  verdrängt  worden.  Wir  wollen  sie  wieder
voranstellen  und  wollen  darauf  auch  die  künftige  Politik  aufbauen.  Das
ist  nicht  anders  möglich,  als  indem  Konzessionen  gemacht  werden,  Konzessionen
zunächst  im  Innern.  Wie  aber  diese  Männer  zu  Varnbüler  sagen:  die
Vaterlandsliebe  muß  zuletzt  das  Entscheidende  sein,  —  so  sind  auch  wir  der
Meinung,  Handelsverträge  mit  anderen  Staaten  sind  nicht  abzuschließen  so,
daß  in  beiden  Staaten  alle  Teile  befriedigt  sind  und  sich  darüber  freuen.
Das  ist  nicht  möglich.  Es  müssen  die  Staaten  einander  Konzessionen  machen,
und  ebenso  müssen  die  Interessengruppen  im  Innern  eines  Staates  gegen
einander  Konzessionen  machen  um  des  Staates,  um  des  Ganzen  willen.

Wir  müssen  wünschen,  daß  bei  jeder  Betrachtung  dieser  Verträge  der
Standpunkt  festgehalten  wird,  daß  es  auf  das  Ganze  ankommt.  Gegenüber
dem  gesteigerten  Wert  und  dem  gesteigerten  Impuls  der  wirtschaftlichen  Betriebe
  ist  eine  Regierung  mehr  vielleicht  noch  als  früher  genötigt,  in  erster
Linie  immer  das  Ganze  im  Auge  zu  behalten.  Die  verbündeten  Regierungen
werden  keinen  Augenblick  vergessen,  was  sie  den  einzelnen  Erwerbszweigen
schuldig  sind,  was  der  Staat  ihnen  verdankt,  wie  eng  sein  Wohl  mit  ihrem
Gedeihen  verknüpft  ist.  Aber  es  ist  ein  alter  Satz,  daß  jede  Vereinigung,
selbst  die  Familie,  den  Egoismus  des  Einzelnen  verstärkt  und  zum  verstärkten
Ausdruck  kommen  läßt.  Was  ein  einzelner  sich  nicht  gestatten  würde,  glanbt
er  für  die  Genossenschaft,  in  der  er  steht,  verlangen  zu  können.  So  geht
es  auch  mit  den  wirtschaftlichen  Interessentengruppen:  sie  steigern  den  Egoismus
  und  bringen  ihn  zu  einem  unverhohlenen  Ausdruck.  Das  ist  gut,
dagegen  ist  nichts  zu  sagen;  sie  sind  berechtigt,  es  zu  thun.  Aber  je  schärfer
sie  das  selbst  thun,  je  schärfer  sie  ihre  eigenen  Interessen  zur  Geltung  bringen,
um  so  mehr  muß  die  Regierung  darüber  wachen,  daß  der  Standpunkt  des
Ganzen  nicht  geschädigt  wird.

Wir  können  von  den  vorliegenden  Verträgen,  wenn  sie  Ihre  Zustimmung
  und  die  Zustimmung  der  Parlamente  derjenigen  Staaten,  mit
denen  wir  die  Verträge  abgeschlossen  haben,  finden  werden,  nicht  erwarten,
daß  die  Wirkung  eine  plötzliche  sei;  das  kann  nur  langsam  geschehen:  langsam
  nur  werden  die  Konsumenten  hier  und  da  billiger  kaufen,  langsam  nur
wird  die  Industrie  neue  Wege  finden,  bier  und  da  andere  Maschinen  erwerben,
  sich  auf  einen  veränderten  Betrieb  einrichten.  Es  ist  aber  sehr  schwer,

                       11“
        <pb n="172" />
        164  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

wenn  ein  Wagen  zwölf  Jahre  in  einem  Geleise  gegangen  ist,  in  ein  anderes
Geleise  zu  kommen,  selbst  wenn  das  andere  dicht  neben  dem  ersten  liegt.  Es
ist  deshalb  für  die  Wirksamkeit  der  Verträge  ein  längerer  Zeitraum  ins
Auge  gefaßt  worden.

Noch  ein  anderes  Motiv  sprach  dafür:  der  Wunsch,  den  Betrieben
der  Landwirtschaft  und  der  Industrie  diejenige  Stetigkeit  zu  geben,  deren  sie
unbedingt  bedürfen.  Darüber  stimmt  alles,  was  über  Industrie  geschrieben
ist,  von  den  wiffenschaftlichen  Werken  bis  zu  den  Berichten  der  Handelskammern
  überein:  die  erste  Forderung  für  jede  Industrie  ist,  daß  sie  mit
längeren  Zeiten  rechnen  kann,  daß  sie  weiß,  worauf  sie  sich  einzurichten  hat;
werden  ihr  solche  längere  Zeiten  gegeben,  so  findet  sie  Mittel  und  Wege,
den  Anforderungen  gerecht  zu  werden.

Wenn  auch  nicht  in  so  hohem  Grade,  gilt  das  auch  von  der  Landwirtschaft.
  Einmal  ist  die  Landwirtschaft  heutzutage  selten  ein  ganz  isoliertes
Gewerbe;  sie  ist  vielfach  mit  der  Industrie  verbunden,  sie  hat  auch  die
Schwierigkeit  zu  überwinden,  daß  sie  in  der  Regel  ihr  Kapital  jährlich  nur
einmal  umsetzt,  während  die  Industrie  an  einen  häufigeren  Umsatz  gewöhnt
ist.  Aber  auch  die  Landwirtschaft  muß  wissen,  wie  sie  auf  ihren  Betrieb
sich  einrichten  kann;  sie  muß  ungefähr  auf  eine  Reihe  von  Jahren  hinaus
wissen  können,  wie  sich  die  Preise,  soweit  sie  überhaupt  vorher  zu  übersehen
sind,  gestalten  werden.

Dies  sind  die  Motive,  die  die  verbündeten  Regierungen  veranlaßt
haben,  von  dem  bisherigen  Wege  abzugehen,  zu  dem  Abschluß  von  Tarifverträgen
  überzugehen  und  für  diese  Tarife  eine  zwölfjährige  Dauer  festzusetzen.


Es  bleiben  nun  noch  einige  Wirkungen  der  Verträge  zu  erwähnen
und  einige  Bedenken  zu  berichtigen,  die  in  der  Presse  bereits  hervorgehoben
sind.  Es  ist  sehr  natürlich,  daß  man  sich  fragt:  wie  wird  denn  die  Wirkung
  dieser  Verträge  auf  unsere  Finanzzölle  sein?  jeder  Mensch  weiß,  daß,
wenn  man  die  Zölle  herabsetzt,  eine  Verminderung  der  Einnahmen  des
Reiches,  wenigstens  zunächst,  entstehen  muß.  Es  sind  Beilagen  der  Denkschrift
  angefügt,  die  es  erleichtern,  sich  eine  Uebersicht  darüber  zu  verschaffen,
wie  die  vorgeschlagene  Herabsetzung  auf  die  Finanzzölle  wirken  würde.  Man
wird  im  allgemeinen  annehmen  können,  daß,  wenn  man  nur  die  Wirkung,
welche  die  Verträge,  wie  sie  jetzt  vorliegen,  auf  unsere  Finanzzölle  haben
würden,  ins  Auge  faßt,  dann  ein  Ausfall  von  etwa  9  Millionen  Mark
jährlich  in  den  Einnahmen  des  Reiches  entstehen  würde.  Geht  man  weiter,
und  begreift  man  diejenigen  Staaten  mit  ein,  die  dadurch,  daß  sie  das  Recht
der  Meistbegünstigung  haben,  von  diesen  Maßregeln  ohne  weiteres  Vorteil
seben  würden,  so  würde  der  Betrag  sich  auf  17  bis  18  Millionen  Mark
tellen.

Man  hat  weiter  an  uns  die  Frage  gerichtet:  wie  wird  es  denn  mit
der  differentiellen  Behandlung  anderer  Staaten?  Es  liegt  auf  der  Hand,
daß  diejenigen  Staaten,  die  das  Recht  der  Meistbegünstigung  noch  über  den
1.  Februar  nächsten  Jahres  hinaus  genießen,  ohne  weiteres  in  die  Meistbegünstigung
  auch  den  neuen  Vereinbarungen  gegenüber  eintreten  werden.
Es  kommt  dann  eine  Reihe  von  Staaten,  mit  denen  wir  neue  Verträge  abschließen
  müssen;  da  wird  das  Bestreben  der  verbündeten  Regierungen  dahin
gehen,  nichts  zu  geben,  ohne  gleichwertige  Konzessionen  zu  bekommen.

Es  bleiben  dann  übrig  Amerika  und  Rußland.  Ueber  Rußland  zu
sprechen  scheint  mir  zur  Zeit  entbehrlich.  Der  beklagenswerte  Notstand,  der
die  russische  Regierung  genötigt  hat,  eine  Sperre  für  Getreide  eintreten  zu
lassen,  wird  voraussichtlich  nicht  so  bald  gehoben  werden;  und  so  lange  der
Notstand  nicht  gehoben  ist,  hat  es  keinen  Wert,  sich  die  Frage  vorzulegen,
        <pb n="173" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  165

was  dann  Rußland  gegenüber  geschehen  soll.  Wir  selbst  sind  nicht  einmal
im  stande,  jetzt  abzusehen,  wie  um  die  Zeit  unsere  eigene  Lage,  unsere  künf—
tigen  Ernten,  unsere  Vorräte  sich  gestalten  werden.

Was  aber  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  angeht,  so  werden
Sie  aus  der  Denkschrift  oder  aus  dem  Abdruck  von  Aktenstücken,  der  dem
hohen  Hause  vorgelegt  worden  ist,  ersehen  können,  daß  bei  den  Verhandlungen
  über  die  Einfuhr  des  Schweinefleisches  auch  diese  Frage  zur  Sprache
gekommen  ist,  daß  die  verbündeten  Regierungen,  die  im  Jahre  1885  den
Standpunkt  eingenommen  haben,  daß  Nordamerika  zu  den  meistbegünstigten
Staaten  für  uns  gehört,  keinen  Anlaß  hatten,  die  Frage  jetzt  anzuregen,  ob
die  amerikanische  Auffassung  der  Meistbegünstigung,  die  in  mancher  Beziehung
von  der  deutschen  abweicht,  hier  zur  Geltung  kommen  soll.  Wir  sind  ohne
weiteres  auf  dem  Standpunkt  von  1885  stehen  geblieben,  haben  Amerika
das  Recht  der  Meistbegünstigung  in  dieser  Beziehung  zugesprochen,  und  wie
Sie  aus  dem  Abdruck  ersehen  werden,  haben  wir  dafür  die  Zusicherung  gewonnen,
  daß  unser  Zucker,  dessen  Export  nach  Amerika  etwa  60  Millionen
Mark  jährlich  beträgt,  von  den  prohibitiven  Gesetzen,  die  in  Amerika  gegeben
worden  sind  und  eine  diskretionäre  Gewalt  in  die  Hand  des  Präsidenten
legen,  nicht  betroffen  werden  werde.

Man  hat  dann  geglaubt  bemängeln  zu  müssen,  daß  die  verbündeten
Regierungen  bei  dem  Abschluß  dieser  Verträge  vorgegangen  seien,  ohne  hinreichend
  Sachverständige  zu  hören.  Das  ist  nicht  der  Fall.  Im  Reich  und
in  Preußen  sind  drei  Behörden  verpflichtet,  sich  unausgesetzt  mit  den  Fragen
der  Handelspolitik  zu  beschäftigen:  das  Reichsamt  des  Innern,  die  handelspolitische
  Abteilung  des  Auswärtigen  Amtes  und  das  preußische  Handelsministerium;
  in  gleicher  Weise  geschieht  das  in  den  verbündeten  deutschen
Staaten  für  ihren  Handel.  Seit  langen  Jahren  war  das  Material,  das
aus  den  Berichten  der  Handelskammern,  aus  der  Litteratur,  der  Presse,
Petitionen  hervorgeht,  so  gesichtet  worden,  daß  es,  als  wir  die  ersten  Schritte
zu  diesen  Verträgen  thaten,  bereit  da  lag;  man  brauchte  nur  aufzuschlagen,
so  war  abzusehen:  wie  haben  sich  die  Interessenten,  wie  hat  sich  die  öffentliche
  Meinung  über  diese  Dinge  ausgesprochen.  Damit  aber  nicht  genug:
wo  im  Laufe  der  Verhandlungen  Fragen  auftraten,  die  schwierig,  zweifelhaft
  sein  konnten,  sind  Sachverständige  gehört  worden.

Es  ist  nun  weiter  gesagt:  warum  hat  man  denn  die  Verhandlungen
geheim  betrieben?  es  wäre  doch  besser  gewesen,  öffentlich  zu  verhandeln  und
der  öffentlichen  Meinung,  den  besser  unterrichteten  Interessenten  Gelegenheit
zu  geben,  auch  während  der  Verhandlungen  ihr  Scherflein  dazu  zu  geben.
—  Ich  muß  gestehen,  daß  ich  der  Meinung  bin,  daß,  wenn  die  verbündeten
Regierungen  so  verfahren  wären,  günstigstenfalls  am  Ablauf  der  12  Jahre,
für  die  jetzt  der  Vertrag  gelten  soll,  ein  Vertrag  zu  stande  gekommen  wäre.
(Heiterkeit.  Sehr  richtig!)  Es  ist  absolut  unmöglich,  dergleichen  bei  offenen
Thüren  zu  verhandeln.

Ich  habe  dann  in  der  Presse  gelesen,  man  hätte  doch  warten  sollen,
bis  die  Valuta  bei  uns  anders  geregelt  wäre,  oder  bis  sie  in  Oesterreich
anders  geregelt  wäre.  Ich  weiß  nicht,  welche  Chancen  bei  uns  die  Regelung
der  Valuta  hat.  Aber  ich  glaube,  daß  im  ganzen,  selbst  wenn  der  Bimetallismus
  in  der  öffentlichen  Meinung  Fortschritte  machte,  die  Zahl  der
Menschen  sehr  gering  sein  wird,  die  die  Behauptung  aufstellen  möchten,  daß
wir  im  gegenwärtigen  Augenblick  ohne  die  Teilnahme  von  England  im
stande  wären,  unsere  Währung  zu  ändern.  Wann  Oesterreich  seine  Währung
einmal  ändern  wird,  weiß  ich  gar  nicht;  das  aber  weiß  ich,  daß  weder
Oesterreich  noch  wir,  selbst  wenn  wir  wollten,  bis  zum  1.  Februar  1892
im  stande  gewesen  wären,  eine  Veränderung  der  Währung  vorzunehmen.
        <pb n="174" />
        166  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

„Nun,  dann  hättet  ihr  ja  mit  dem  bisherigen  Vertrage  noch  eine
Zeit  lang  weiter  leben  können,  bis  die  Valuta  geändert  wäre“,  —  sagen
die  bimetallistischen  Fanatiker.  Auch  das  war  nicht  möglich.  Wenn  wir
noch  länger  hätten  mit  dem  Vertrage  warten  wollen,  so  würde,  ich  möchte
sagen,  von  Monat  zu  Monat  die  Zahl  der  Staaten  zugenommen  haben,  die
in  die  andere  Richtung  verfallen  wären,  die  sich  mit  chinesischen  Mauern
umgeben  hätten:  der  Kampf  würde  immer  erbitterter  geworden  sein;  und
wenn  wir  dann  endlich  fertig  geworden  wären,  so  würden  wir  niemand
mehr  gefunden  haben,  der  geneigt  gewesen  wäre,  mit  uns  einen  Tarifvertrag
abzuschließen.

Ich  habe  dann  in  der  Presse,  vorherrschend  in  der  agrarischen,  die
Frage  gefunden:  ja,  die  Regierung  bindet  sich  nach  oben,  indem  sie  den  Zoll
für  Weizen  und  Roggen  auf  1,50  festsetzt  (Zuruf  recht`s)  —  um  1,50  verringert,
  auf  3,50  festsetzt  —  sie  soll  sich  auch  nach  unten  binden!  wir  wollen
wissen,  daß  in  diesen  12  Jahren  der  Zoll  nicht  weiter  ermäßigt  werden
wird!  —  Meine  Herren,  keine  Regierung  ist  im  stande,  vorauszusagen,  was
sie  in  12  Jahren  thun  wird.  (Sehr  richtig"  im  Zentrum  und  links.)  Ich
lehne  das  ab.  (Bewegung  rechts.)

Ich  bin  aber  der  Meinung,  daß  auch  die  Agrarier  keinen  Grund
haben  zu  glauben,  daß  es  in  der  Absicht  der  verbündeten  Regierungen  läge,
sie  zu  schädigen.  (Bewegung  rechts.)  Als  im  Frühjahr  dieses  Jahres  im
preußischen  Abgeordnetenhaus  Verhandlungen  über  den  sogenannten  Notstand
vorgenommen  wurden,  war  eine  so  starke  Strömung  für  eine  zeitweise  Herabsetzung
  der  agrarischen  Zölle  da,  daß,  wenn  die  preußische  Regierung  nur
einen  Finger  hingegeben  hätte,  ich  glaube,  es  zu  einem  ziemlich  einstimmigen
Beschluß  des  Abgeordnetenhauses  dahin  gekommen  sein  würde,  daß  die  Zölle
auf  Zeit  herunterzusetzen  wären.  (Sehr  richtig!  links.)  Dem  hat  die  preußische
  Regierung  widerstanden  und  hat  dem  ganz  allein  widerstanden.  Wir
haben  monatelang  Hohn  und  Spott  ertragen;  wir  sind  in  der  Presse  im
Kathederton  belehrt  und  im  Straßenton  verspottet  worden,  und  es  ist  uns
gleichgiltig  geblieben.  (Sehr  richtig!)  Wir  haben  festgehalten.  Ich  will
den  Agrarier  sehen,  der  behaupten  kann,  daß  er  mehr  für  die  Erhaltung
der  Zölle  gethan  hat  als  diese  Regierung!  Hätten  wir  damals  nachgegeben,
und  wäre  dann  zum  zweitenmale  eine  mäßige  Ernte  eingetreten,  so  wären
die  agrarischen  Zölle  auf  Nieundnimmerwiedersehen  verloren  gegangen.  (Sehr
richtig!  links.)  Ich  lehne  also  jede  Provokation  von  dieser  Seite  entschieden
ab.  (Lebhaftes  Bravo  im  Zentrum  und  links.  Bewegung  rechts.)

Ich  verkenne  nicht,  daß  die  deutsche  Landwirtschaft  sich  in  einer  schwierigen
  Lage  befindet.  Es  ist  begreiflich,  wie  sie  da  hinein  gekommen  ist,  und
es  liegt  mir  fern,  einzelnen  oder  Generationen  von  Landwirten  die  Schuld
beizumessen.  Durch  Verbesserung  der  Kommunikationsmittel,  durch  die  Benutzung
  des  Dampfes  traten  Staaten,  Reiche,  die  bisher  auf  dem  deutschen
Markt  mit  Getreide  nicht  hatten  erscheinen  können,  anbietend  auf.  Die
deutsche  Landwirtschaft  verlor  dadurch  einen  Schutz  gegen  fremde  Konkurrenz,
den  sie  bisher  in  ihrer  geographischen  Lage  gefunden  hatte.  So  lange  es
weder  Eisenbahnen  noch  Dampfschiffe  gab,  kam  ein  mäßiges  Quantum  fremden
Getreides  vielleicht  die  Flüsse  herunter  oder  auf  Segelschiffen  in  die  Häfen;
das  alles  war,  um  so  mehr,  als  die  Getreideproduktion  damals  zur  Bevölkerungszahl
  in  einem  viel  günstigeren  Verhältnis  stand,  nicht  im  stande,  den
inländischen  Getreidebau  zu  gefährden.  Erst  als  das  entstand,  was  man
jetzt  den  Weltmarkt  nennt,  wurde  die  deutsche  Landwirtschaft  gefährdet.  Sie
hat  mit  hohen  Gestehungskosten  zu  rechnen:  der  deutsche  bestellbare  Boden
trägt  nicht  mehr,  ohne  gedüngt,  zum  Teil  auf  kostspielige  Weise  gedüngt  zu
sein.  Die  deutschen  Löhne  stiegen  allmählich;  die  Ausgaben,  die  in  der  letzten
        <pb n="175" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  167

Zeit  auch  von  der  Landwirtschaft  für  die  sozialen  Fragen  verlangt  worden
sind,  erschwerten  ihr  das  Dasein;  so  wurde  ihre  Lage  nach  und  nach  immer
schwieriger;  es  wurde  ihr  schwer,  die  Gestehungskosten  herauszuwirtschaften.

Es  war  natürlich,  daß  unter  diesen  Verhältnissen  die  deutsche  Landwirtschaft
  sich  nach  einem  Schutze  umsah,  und  daß  fie  diesen  Schutz  in  den  Zöllen
fand.  Auch  heute  ist  die  Lage  noch  so,  daß  sie  diesen  Schutz  nicht  entbehren
kann  (sehr  richtig!  rechts);  sie  würde  noch  heute  gegenüber  den  Reichen,  die
entweder  auf  jungfräulichem  Boden  billig  bestellen  oder  die  Arbeitskräfte
sehr  gering  zu  lohnen  brauchen,  nicht  konkurrenzfähig  bleiben,  wenn  sie  nicht
geschützt  würde.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Es  liegt  nicht  in  der  Absicht  der  verbündeten  Regierungen,  wie  die
Vorlage  ja  zeigt,  diesen  Schutz  aufzuheben;  auf  der  anderen  Seite  ist  es
zweifellos,  daß  die  Schutzzölle  im  allgemeinen  das  für  die  Landwirtschaft
nicht  gewirkt  haben,  was  man  voraussetzte;  sie  haben  vielleicht  vor  einem
allzu  plötlzichen  Schwanken  nach  unten,  vor  einem  jähen  Niedergang  bewahrt,
—  aber  befriedigt  haben  sie  wohl  erst  im  letzten  Jahre,  wo  sehr  hohe  Zölle
mit  Kalamitäten  in  anderen  Ländern  und  einer  mäßigen  Ernte  im  eigenen
Lande  zusammenfallen.

Auch  räumlich  ist  die  Wirkung  der  Schutzzölle  eine  verschiedene  gewesen.
  Ich  glaube  nicht  zu  irren,  wenn  ich  ausspreche,  daß  sie  am  wenigsten
unseren  östlichen  Provinzen  genützt  haben.  (Sehr  richtig!  links.)  Auf  den
inneren  Markt  durch  die  Schutzzölle  angewiesen,  im  äußeren  Export  beschränkt,
mußten  unsere  östlichen  Provinzen  ihre  landwirtschaftlichen  Produkte  dahin
bringen,  wo  innerhalb  Deutschlands  ein  starker  Bedarf  war,  wo  der  Bedarf
die  Produktion  überstieg,  also  nach  dem  Westen.  Schlugen  sie  dazu  den
Weg  der  Eisenbahn  ein,  so  hatten  sie  eine  hohe  Fracht  zu  bezahlen;  das
Getreide  wurde  teuer,  es  wurde  kaum  noch  verkaufsfähig  im  Westen.  Schlugen
sie  den  Seeweg  ein  und  landeten  dann  in  Amsterdam  oder  Rotterdam,  so
begegneten  sie  da  der  amerikanischen  und  ostindischen  Konkurrenz.  Es  ist
also  keineswegs  das  eingetroffen,  was  man  im  Jahre  1879  und  selbst  in
den  folgenden  Jahren  von  den  Schutzzöllen  erwartet  hat.  (Hört!  hört!  links.)

Aber  immerhin  bleibt  bestehen:  wären  die  Schutzzölle  nicht  dagewesen,
so  wären  wir  voraussichtlich  inzwischen  einer  landwirtschaftlichen  Krisis  entgegengegangen
  (sehr  richtig!  rechts;  hört!  hört!  links),  und  eine  solche  landwirtschaftliche
  Krisis  ist  in  ihren  Folgen  doch  nicht  gering  anzuschlagen.  Es
handelt  sich  nicht  darum,  daß  A.  sein  Gut  verliert,  und  B.  es  kauft,  oder
daß  mehrere  Käufer  sich  in  das  bisherige  Gut  teilen.  Ehe  es  so  weit  kommt,
ringt  A.  um  sein  Dasein  und  sangt  den  Boden  immer  mehr  aus:  er  ist
nicht  mehr  im  stande,  zu  düngen;  die  Gläubiger  drängen  ihn  nicht,  weil
keiner  von  ihnen  geneigt  ist,  das  heruntergegangene  Gut  zu  übernehmen.
(Sehr  richtig!  rechts.)  So  geht  die  Sache  durch  Jahre  bergab;  dann  kommt
der  neue  Käufer,  der  macht  erst  seine  Erfahrungen,  und  wie  wir  neulich
hier  gehört  haben,  kann  man  es  auf  etwa  7  Jahre  veranschlagen,  bis  jemand
sein  Gut  so  weit  kennt,  daß  er  es  mit  Sicherheit  bewirtschaften  kann.  Wir
würden  also  eine  Periode  des  wirtschaftlichen  Niedergangs  in  der  Landwirtschaft
  durchgemacht  haben,  die  jahrelang  gedauert  hätte.  Und  nicht  allein
die  Landwirtschaft  würde  gelitten  haben.  Man  darf  die  Parallele  mit  den
englischen  Kornzöllen  und  deren  Aufhebung  nicht  ziehen.  Unsere  Verhältnisse
  sind  durchaus  andere  als  die  englischen:  da  handelte  es  sich  um  relativ
wenige  große  Magnaten,  die  schließlich  einiges  aushalten  können.  Was  wir
bei  uns  Großgrundbesitzer  nennen,  sind  zum  Teil  nur  kleine  Grundbesitzer,
die  kümmerlich  sich  durchschlagen  (sehr  richtig!  rechts;  Widerspruch  links)
und,  um  eine  gewisse  Apparence  aufrecht  zu  erhalten,  sich  mühsam  durchs
Leben  drücken.  (Sehr  richtig!  rechts)
        <pb n="176" />
        168  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

Diese  kleinen  Grundbesitzer  haben  entweder  teuer  gekauft  —  es  ist  ja
bekannt,  wie  nach  dem  Krimkriege  die  Güter  in  die  Höhe  gingen,  es  folgten
dann  eine  Zeit  lang  günstige  Jahre,  es  stiegen  die  Güter  im  Preise  —  man
hat  hoch  gekauft  und  gepachtet,  man  hat  Schulden  aufgenommen  auf  das
Gut,  und  durch  diese  Schulden  würde  eine  landwirtschaftliche  Krisis  weit
über  den  Rahmen  der  nominellen  Gutsbesitzer  hinaus  wirken;  alle  diese
Gläubiger  würden  in  Mitleidenschaft  gezogen  werden,  und  ich  glaube,  daß
ich  mich  keiner  Uebertreibung  schuldig  mache,  wenn  ich  sage:  eine  landwirtschaftliche
  Krifsis  wäre  eine  Kalamität  ersten  Ranges  für  den  Staat  im
ganzen  gewesen.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Ich  schlage  —  und  ich  glaube,  das  kann  kein  Staatsmann,  auch  in
keinem  Staate  —  den  Wert  der  Landwirtschaft  nicht  gering  an.  Ich  habe
mich  schon  öfter  darüber  ausgesprochen,  daß  es  notwendig  ist,  die  staatserhaltenden
  Kräfte  zu  stärken  und  zu  vermehren,  und  ohne  irgend  einem
Stande  zu  nahe  treten  zu  wollen,  bin  ich  der  Meinung,  es  liegt  in  den
Bedingungen  des  Daseins  der  Landwirtschaft  ein  starkes  Moment,  das  unter
allen  Umständen  den  Landwirt  —  mag  er  einer  politischen  Partei  angehören,
welcher  er  will  —  zu  einem  staatserhaltenden  Menschen  macht.  Vollends,
wenn  der  Grund  und  Boden  durch  Generationen  in  denselben  Händen  bleibt,
erwächst  eine  Liebe  zur  Heimat,  wie  sie  kein  anderer  Stand  hat,  und  die
die  erste  und  sicherste  Quelle  des  Patriotismus  ist,  wie  ihn  der  Staat  in
ernsten  Zeiten  braucht.  (Bravo!)

Ich  halte  weiter  dafür,  daß  eine  der  wesentlichsten  Grundlagen  unseres
Daseins  das  Familienleben  ist.  Die  Arbeiter,  die  in  industriellen  Betrieben
beschäftigt  sind,  mögen  noch  so  weitgehende  Wohlfahrtsanstalten  genießen:
—  im  allgemeinen  glaube  ich  mich  nicht  zu  irren,  wenn  ich  annehme,  daß
das  Leben  des  Arbeiters  auf  dem  Lande  eher  die  Möglichkeit  eines  gesunden
Familienlebens  gibt,  als  das  eines  Arbeiters  in  der  Stadt.  (Sehr  richtig!
rechts.)  Ich  will  damit  nicht  sagen,  daß  die  Verhältnisse  auf  dem  Lande
überall  so  wären;  ich  weiß  sehr  gut,  wie  viel  daran  noch  fehlt;  ich  behaupte
nur,  die  Möglichkeit  ist  auf  dem  Lande  eher  gegeben  als  in  der  Stadt;  und
weil  ich  das  Familienleben  für  eine  Quelle  der  Kraft  und  des  Gedeihens
des  Staates  in  körperlicher  und  sittlicher  Beziehung  ansehe,  so  würde  ich
allein  schon  hierin  Grund  genug  finden,  es  zu  beklagen,  wenn  die  Landwirtschaft
  einer  Krisis  entgegenginge  und  geschädigt  würde.

Das  höchste  und  letzte  Motiv  aber  für  die  Erhaltung  der  Landwirtschaft
  ist  ein  durchaus  und  exklusiv  staatliches.  Ich  bin  der  Ueberzeugung,
daß  wir  eines  Körnerbaues,  der  zur  Not  hinreicht,  selbst  die  steigende  Bevölkerung,
  wenn  auch  unter  Beschränkungen,  im  Kriegsfall  zu  ernähren,  gar
nicht  entbehren  können.  (Sehr  richtig!)  Das  Dasein  des  Staates  wird  aufs
Spiel  gestellt,  wenn  er  nicht  im  stande  ist,  von  seinen  eigenen  Bezugsquellen
zu  leben.  (Sehr  richtigl)

Sie  können  mir  erwidern:  es  können  Mißjahre  eintreten,  es  können
Unglücksjahre  eintreten.  Ja  wohl;  das  sind  dann  aber  keine  normalen  Verhältnisse,
  und  in  etwas  sehen  wir  solchen  Unglücksfällen  auch  dadurch  vor,
daß  wir  in  diesen  Verträgen  das  Bestreben  haben,  uns  mit  einem  hervorragend
  getreidebauenden  Staat  so  eng  zu  verbinden,  daß  wir  hoffen  dürfen,
selbst  im  Kriegsfalle  würden  dessen  Mittel  uns  zur  Verfügung  stehen.  Ich
habe  sagen  hören:  das  ist  eine  übertriebene  Ansicht;  selbst  wenn  wir  einen
Krieg  hätten  zugleich  gegen  Frankreich  und  Rußland,  —  es  bleibt  uns  ja
doch  der  Weg  über  die  See  offen:  da  sind  neutrale  Staaten,  die  werden  das
Korn  bei  uns  einführen.  Ich  möchte  das  Wohl  des  Staats  auf  so  unsichere
Faktoren  nicht  stellen.  Der  Seehandel  im  Falle  eines  Krieges  ist  geregelt
oder  soll  wenigstens  geregelt  sein  durch  die  Pariser  Konvention  von  1856.
        <pb n="177" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  169

Was  aber  dermaleinst,  wenn  ein  Weltbrand  kommt,  die  zur  See  mächtigen
Staaten  für  Kontrebande  für  eine  effektive  Blockade  erklären  werden,  das
wollen  wir  einmal  abwarten,  und  ich  halte  es  für  richtiger,  daß  Deutschland
sich  auf  seine  Landwirtschaft  stützt,  sie  erhält,  selbst  wenn  es  nur  mit  Opfern
geschehen  kann,  als  daß  es  sich  auf  einen  so  unsicheren  Kalkul  über  die
Unterstützung  durch  dritte  im  Kriegsfalle  verläßt.  Ich  bin  vielleicht  durch
meine  Vergangenheit  als  Soldat  und  durch  die  Zeit,  die  ich  in  der  Admiralität
  zugebracht  habe,  darauf  angewiesen  worden,  solchen  Fragen  näher
zu  treten,  und  ich  habe  diese  Ueberzeugung  nicht  von  heute.  Mir  ist  es
eine  ganz  unerschütterliche  Ueberzeugung,  daß  in  einem  künftigen  Kriege  die
Ernährung  der  Armee  und  des  Landes  eine  geradezu  entscheidende  Rolle
spielen  kann.  Diese  entscheidende  Rolle  geschädigt  zu  sehen,  würde  ich  fürchten
müssen,  wenn  die  Landwirtschaft  in  gedeihlichem  Betriebe  gestört  würde.

Daß  nun  aber  eine  solche  Störung  in  Aussicht  stünde,  wenn  man
den  Roggen=  und  den  Weizenzoll  um  1,50  M  heruntersetzt,  bestreite  ich  mit
derselben  Entschiedenheit.  Die  Landwirtschaft  wird  im  stande  sein,  diese
Zollherabsetzung  zu  tragen  und  weiter  zu  prosperieren.  Ich  variiere  insofern
von  den  Herren  Agrariern,  glaube  ich,  als  ich  der  Meinung  bin,  es  handelt
sich  nicht  darum,  daß  in  dieser  Beziehung  die  Landwirtschaft  Opfer  bringt,
sondern  darum,  daß  für  die  Landwirtschaft  Opfer  gebracht  werden.  Der
Staat  muß  nach  meinem  Dafürhalten  Opfer  bringen,  und  es  ist  ja  ein
schweres  Opfer  für  den  Staat,  welches  in  den  Getreidezöllen  liegt;  denn  es
kommt  in  Betracht  nicht  bloß  die  Verzollung  des  Getreides,  welches  eingeführt
  wird,  sondern  auch  die  Steigerung  des  Getreidepreises  im  Inlande.
(Hört!  hört!  links.)  Ich  verkenne  also  die  Größe  dieses  Opfers  nicht;  aber
das  Opfer  muß  gebracht  werden,  und  ich  habe  zu  meiner  Freude  in  einer
Broschüre,  die  mir  sonst  nicht  sympatisch  ist,  die  überschrieben  ist:  „Ablehnen
und  Annehmen“  ich  glaube,  sie  entstammt  einem  agrarischen  Konsortium
—  (Heiterkeit)  zum  erstenmal  in  der  Ueberschrift  eines  Kapitels  gesehen:
„Opfer,  die  für  die  Landwirtschaft  zu  bringen  sind“.  Da  möchte  ich  die
Herren  Agrarier  beim  Wort  nehmen.  Die  Regierung  ist  bereit  und  will
diese  Opfer  weiter  dem  Lande  auferlegen,  weil  sie  sie  für  unumgänglich  hält;
aber  sie  verkennt  immerhin  nicht,  daß  es  Opfer  sind,  die  das  Land  bringt.

Nun  bleiben  die  3,50  M  noch  über  dem  Maß  der  Zölle  von  1885,
und  die  Herren,  die  die  damaligen  Verhandlungen  mitgemacht  haben,  oder
die  sich  mit  den  stenographischen  Berichten  und  der  einschlägigen  Litteratur
beschäftigt  haben,  werden  mich  vielleicht  nicht  Lügen  strafen,  wenn  ich  behaupte,
  die  Erhöhung  der  Zölle  auf  5  M  war  eine  Kraftprobe;  und  ich
glaube,  diese  Kraftprobe  ist  nicht  zu  Gunsten  des  Staates  ausgefallen.  Man
hat  den  Bogen  überspannt.  (Hört!  hört!  links.)  Jede  Ueberspannung  eines
Bogens  in  Bezug  auf  solche  Zölle,  die  ein  unentbehrliches  Nahrungsmittel
der  großen  Menge  sind,  birgt  aber  für  den  Staat  die  große  Gefahr  in  sich,
daß  daraus  ein  Agitationsmittel  geschmiedet  wird,  was  sich  gegen  den  Staat
und  die  staatserhaltenden  Parteien  richtet.  Die  verbündeten  Regierungen
haben  also  die  ernste  Pflicht,  zu  erwägen:  wie  weit  können  wir  mit  den
Zöllen  auf  Lebensmittel  heruntergehen,  ohne  die  Landwirtschaft  zu  schädigen?
wie  hoch  können  wir  sie  halten,  ohne  eine  Agitation  hervorgurufen?

Zu  denjenigen  Sachen,  die  schon  vor  der  Veröffentlichung  der  Verträge
  in  der  Presse  zu  Kontroversen  Veranlassung  gegeben  haben,  gehört  der
Wein.  Der  Wein  steht  selbstredend  ganz  anders  da  als  das  Getreide.  All
die  Erwägungen,  die  ich  mir  vorher  erlaubt  habe,  hinsichtlich  des  Getreidebaus
  anzustellen,  treffen  für  den  Weinbau  nicht  zu,  ausgenommen,  daß  auch
der  Weinbau  den  Mann  an  die  heimische  Scholle  bindet.  Der  Wein  ist
kein  unentbehrliches  Nahrungsmittel.  Vielleicht  kann  man  von  Elsaß-Lothrin--
        <pb n="178" />
        170  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

gen  noch  sagen,  daß  er  da  bis  vor  kurzem  ein  Nahrungsmittel  war;  schlechte
Weinernten  und  hohe  Preise  haben  aber  diesen  Zustand  geändert:  die  Produktion
  ist  ungenügend  geworden.  Das,  was  Ihnen  in  den  Zöllen  hier
vorgeschlagen  wird,  trifft  nicht  die  guten  deutschen  Weine;  die  haben  ihren
individuellen  Geschmack,  haben  ihre  individuellen  Preise,  zum  Teil  Liebhaberpreise.
  Es  trifft  die  kleinen  Weine,  und  in  Bezug  auf  die  kleinen  Weine,
über  die,  wenn  die  Diskussion  weiter  geht,  vonseiten  eines  sachverständigen
Mitgliedes  der  verbündeten  Regierungen  nähere  Auskunft  gegeben  werden
wird,  geht  die  Absicht  der  verbündeten  Regierungen  dahin,  einmal  den  Kunstwein
  und  den  Schnaps  durch  sie  zu  verdrängen,  diesen  beiden  Dingen  Konkurrenz
  zu  machen  und  eine  ebensolche  Konkurrenz  dem  sogenannten  französischen
  Bordeauxwein  zu  machen,  faktisch  verschnittenen  Weinen,  die  in  einer
Angahl,  die  viel  größer  ist,  als  die  meisten  Menschen  ahnen,  in  Deutschland
für  französischen  Wein  verkauft  werden.  (Sehr  richtig!)  Wir  wollen  dem
italienischen  Wein  auf  unserem  Boden  ein  Schlachtfeld  gegen  die  französischen
Weine  eröffnen.  (Heiterkeit.  Sehr  gutl)

Daß  die  Sache  nicht  so  schlimm  ist,  wie  sie  von  den  Gegnern  der
Herabsetzung  des  Weinzolles  gemacht  wird,  möchte  schon  daraus  hervorgehen,
daß  man  diesen  Zoll  früher  nur  als  Finanzzoll  angesehen  hat,  daß  er  jahrelang
  nur  16  betragen  hat,  und  daß  bei  den  Verhandlungen  von  1879
Elsasser  reinster  Rasse,  die  Abgeordneten  Winterer  und  Kablé,  den  Antrag
gestellt  haben,  die  Weinzölle  auf  124  herabzusetzen.  Wir  sehen  also  einer
Debatte  hierüber  mit  großer  Ruhe  entgegen,  und  ich  glaube  auch,  hier  dargethan
  zu  haben,  wie  das  Vereinbarte  im  Interesse  der  Konsumenten,  im
Interesse  der  Weinhändler,  im  Interesse  eines  großen  Teiles  der  Produzenten
und  im  Interesse  unseres  Bündnisses  mit  Italien  liegt.

Die  Behandlung  der  Industrie  bei  den  vorliegenden  Zöllen  war  eine
ungleich  schwierigere  als  die  der  Landwirtschaft.  Die  deutsche  Industrie  hat
alle  Arten  von  Betrieben,  von  der  Großindustrie  bis  zur  Hausindustrie;  sie
umfaßt  fast  alle  Branchen,  und  sie  hat  wenigstens  Ansätze  zum  Export  in
fast  alle  Weltteile.  Das  gibt  so  verschiedene  Verhältnisse,  daß  deren  Berücksichtigung
  bei  solchen  Verträgen  nicht  immer  leicht  ist  und  einen  hohen
Grad  von  Geschick  und  Sachverständnis  seitens  der  Kommissarien  erfordert.

Weiter  ist  ein  erschwerender  Umstand  für  die  deutsche  Industrie  bei
allen  Zollfragen,  daß  sie  sehr  wenig  hochfeine  Artikel  hervorbringt,  Artikel,
die  ohne  weiteres  schließlich  jeden  Zoll  tragen.  Will  man  das  Charakteri-=stische
  der  deutschen  Industrie  im  ganzen  zusammenfassen,  so  ist  es  eine
maschinelle  Massenproduktion.  Wenn  Sie  die  Tabellen,  die  darüber  existieren,
  —  und  ich  glaube,  es  ist  dies  auch  in  den  Beilagen  zur  Denkschrift
angeführt,  —  nachsehen,  so  werden  Sie  finden,  daß,  wenn  man  die  Staaten,
mit  denen  wir  in  Handelsverbindung  stehen,  rangiert  nach  den  Mengen
unserer  Ausfuhr  und  Einfuhr  und  nach  deren  Wert,  total  verschiedene  Resultate
  herauskommen.  Wir  führen  eben  relativ  sehr  große  Mengen  mit
verhältnismäßig  geringem  Wert  aus.

Der  Wert  der  Industrie  für  den  Staat  wächst  von  Jahr  zu  Jahr.
Es  ist  mir  interessant  gewesen,  eine  Aeußerung  Friedrichs  des  Großen  an
seinen  Regiedirektor  zu  lesen,  der  ihm  vorschlug,  er  sollte  den  Handel  sich
freier  bewegen  lassen.  Der  König  führt  darauf  aus,  das  ginge  nicht,  er
brauche  für  seine  Landwirtschaft  Vieh  aus  Polen  und  dergleichen  Dinge;
das  alles  müsse  er  in  der  Hand  behalten.  Er  fährt  dann  fort:

Sie  haben  große  Absichten,  aber  Sie  eilen  der  Zeit  voraus;  ist
diese  gekommen,  so  werde  ich  schon  thun,  was  Sie  mir  raten.  Was  Sie
mir  sagen  von  Handel  und  Industrie,  ist  ganz  gut.  Die  Industrie  ist
in  der  That  die  Nähramme  des  Landes,  und  der  Handel  die  lebendige
        <pb n="179" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  171

Seele  des  Staats;  allein  das  gilt  nur  von  Ländern,  wo  die  Industrie
die  Grundveste  des  Handels,  und  der  Handel  der  Geschäftsmann  der
Industrie  ist.
Seitdem  ist  ein  Jahrhundert  und  mehr  verflossen:  —  im  Grunde  ist  das
noch  heute  wahr.  Man  muß  vollkommen  anerkennen,  daß  die  Industrie  die
Nähramme  des  Staates  ist;  aber  noch  heute  kann  sie  sich  nicht  ganz  frei
bewegen:  sie  bedarf  noch  heute  eines  gewissen  Schutzes.

Man  hat  gesagt,  Deutschland  wäre  Industriestaat  geworden,  und  ich
bin  auch  nicht  abgeneigt,  diesen  Ausdruck  anzunehmen,  insofern,  als  die
Industrie  fortwährend  im  Steigen  ist  und  fortwährend  an  Bedeutung  für
den  Staat  gewinnt.  Es  ist  ein  charakteristischer  Unterschied  zwischen  der
Industrie  und  der  Landwirtschaft,  daß  die  Landwirtschaft  eines  Staates  nur
bis  zu  einem  gewissen  Grade  steigerungsfähig  ist,  weil  sie  vom  Grund  und
Boden  abhängig  bleibt.  Man  kann  intensiver  wirtschaften,  und  ich  zweifle
nicht,  daß  aus  unserem  Grund  und  Boden  noch  mehr  herauszuwirtschaften
ist,  als  bis  jetzt  geschieht;  aber  es  bleibt  immer  derselbe  Grund  und  Boden,
auf  dem  gewirtschaftet  werden  muß.  Die  Industrie  dagegen  ist  abhängig
von  den  Absatzmärkten.  Erweitert  man  ihr  dieselben,  wie  wir  das  durch
diese  Verträge  wollen,  so  kann  sich  auch  die  Industrie  erweitern,  und  es  ist
fürs  erste  kein  Ende  in  dieser  Begiehung  abzusehen,  sofern  nur  die  Möglichkeit
  eines  lohnenden  Verkaufs  ihrer  Fabrikate  für  die  Industrie  da  ist.
Handel  und  Industrie  sind  und  bleiben  die  wesentlichsten  Quellen  des  Wohlstandes
  und  damit  politischer  Macht,  kultureller  Bedentung;  denn  ohne  einen
gewissen  Grad  von  Wohlstand  werden  Kunst  und  Wissenschaft  —  ich  weiche
darin  von  dem  Herrn  Abgeordneten  Bebel  wesentlich  ab,  wie  in  manchen
anderen  Dingen  —  (Heiterkeit)  nicht  gedeihen  können.

Aber  noch  weiter!  Ich  glaube  nicht,  daß  man  leugnen  kann,  daß
zwischen  Wohlstand  und  Sittlichkeit  gewisse  Beziehungen  bestehen,  und  daß
die  Sittlichkeit  in  den  unteren  Klassen  bis  zu  einem  gewissen  Grad  einen
steigenden  Wohlstand  zur  Voraussetzung  hat,  etwas,  was  mit  dem  zusammenhängt,
  was  ich  vorhin  über  die  Familie  zu  äußern  mir  erlaubt  habe.

Mit  der  Industrie  hängt  ja  der  Arbeiterstand  auf  das  engste  zusammen,
  und  wir  würden  unsere  Pflicht  vernachlässigt  haben,  wenn  wir
beim  Abschluß  dieser  Verträge  nicht  die  Möglichkeit,  unseren  Arbeiterstand
zu  erhalten,  leistungsfähig  zu  erhalten,  ins  Auge  gefaßt  hätten.  Es  kamen
dabei  zwei  Momente  zur  Sprache;  einmal,  billigere  Lebensmittel  zu  schaffen.
Soweit  das,  ohne  die  staatlichen  Interessen,  die  höheren  staatlichen  Interessen,
  zu  gefährden,  geschehen  konnte,  haben  die  verbündeten  Regierungen
eine  Reihe  von  kleineren  Maßregeln  eintreten  lassen.  Sie  haben  diejenige
Herabsetzung  der  Zölle  für  Lebensmittel  vorgenommen,  die  sie  für  zulässig
hielten.  Ich  erachte  aber  für  viel  wesentlicher  für  die  Erhaltung  und  für
das  Gedeihen  des  Arbeiterstandes,  daß  ihm  Arbeit  geschaffen  werde.  (Sehr
richtig!"  rechts.)  Wenn  dies  nicht  die  wesentlichere  Frage  wäre,  so  würde
der  Andrang  unserer  ländlichen  Arbeiter  in  die  Städte  und  nach  dem  Westen
gar  nicht  zu  erklären  sein.  Unser  Westen  hat  unausgesetzt  Preise  für  unentbehrliche
  Lebensmittel,  die  so  viel  höher  sind  als  im  Osten  (sehr  richtig!
rechts),  daß,  wenn  man  diese  Preise  miteinander  vergleicht  und  sie  absolut
nimmt,  man  meinen  sollte,  es  müßte  im  Westen  eine  fortwährende  Teurung
da  sein.  Daß  trotzdem  die  Menschen  so  gern  nach  dem  Westen  gehen,  hat
seinen  Grund  darin,  daß  sie  die  lohnendere  Arbeit  den  billigeren  Lebensmittelpreisen
  voranstellen.  Lohnende  Arbeit  wird  aber,  wenn  diese  Verträge
genehmigt  werden,  zur  Perfektion  kommen,  gefunden  werden.  Wir  werden
sie  finden  durch  den  Export;  wir  müssen  exportieren:  entweder  wir  exportieren
Waren,  oder  wir  exportieren  Menschen.  Mit  dieser  steigenden  Bevölkerung
        <pb n="180" />
        172  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

ohne  eine  gleichmäßig  zunehmende  Industrie  sind  wir  nicht  in  der  Lage,
weiter  zu  leben.

Ich  möchte  aber  hier  noch  ein  Wort  für  den  Arbeiterstand  sagen.
Wir  gewöhnen  uns  an  —  und  jene  Herren  sind  daran  schuld;  wenn  man
Dinge  hört,  wie  man  sie  in  Erfurt  gehört  hat,  so  ist  man  unwillkürlich
dazu  geneigt  —,  mit  einer  gewissen  Mißgunst  die  Menschen  anzusehen,  die
sich  in  Erfurt  versammelt  haben,  wenigstens  das  Volk  um  die  Rednertribüne
in  Erfurt;  —  trotzdem  können  wir  nicht  verkennen,  welchen  Wert  ein  kräftiger
  Arbeiterstand  in  jeder  Beziehung  für  Deutschland  hat.  Wir  müssen
uns  nicht  angewöhnen,  diesen  Arbeiterstand  immer  mit  einem  pessimistischen
Blick  anzusehen;  wir  dürfen  die  Hoffnung  nicht  aufgeben,  auch  diese  Leute
wieder  zu  gewinnen,  und  ich  stehe  vollkommen  auf  dem  Boden  des  Herrn
Abgeordneten  Stöcker,  der  einmal  gesagt  hat,  wir  müssen  den  Arbeitern  nicht
bloß  entgegentreten,  sondern  auch  entgegenkommen.  (Sehr  richtig!  rechts.)
Dieses  zu  thun,  ist  einer  der  Zwecke  dieser  Verträge.  Wir  wollen  ihnen
entgegenkommen,  indem  wir  ihnen  die  Möglichkeit  zu  einem  redlichen  Erwerb
geben.  (Bewegung)  Wir  stehen  noch  ganz  auf  dem  Boden  der  Botschaft
von  1881,  die  die  Ueberzeugung  ausspricht,  daß  die  Heilung  der  sozialen
Schäden  nicht  ausschließlich  auf  dem  Wege  der  Repression  sozialistischer
Ausschreitungen,  sondern  gleichmäßig  auf  dem  der  positiven  Förderung  des
Wohles  der  Arbeiter  zu  suchen  sei.  Wir  glauben  in  diesen  Verträgen  das
Wohl  der  Arbeitgeber  und  das  Wohl  der  Arbeiter  im  Auge  gehabt  zu  haben
und  die  Grenzen  unserer  Konzessionen  so  zu  ziehen,  daß  die  Verträge,  soweit
es  möglich  ist,  beides  fördern  würden.

Man  hat  von  der  politischen  Seite  dieser  Verträge  viel  gesprochen
und  wohl  hier  und  da  erwartet,  die  Regierung  habe  Geheimnisse  nach  dieser
Seite  zu  enthüllen.  Das  ist  durchaus  nicht  der  Fall.  Was  zuerst.  Belgien
und  die  Schweiz  angeht,  so  sind  das  neutrale  Staaten,  deren  Neutralität
durch  europäische  Verträge  gewährleistet  ist,  und  von  denen  wir  nichts  anderes
wünschen,  ja  dringend  hoffen,  als  in  freundnachbarlichen  Beziehungen  mit
ihnen  zu  leben.  Anders  steht  die  Sache  in  Bezug  auf  den  Dreibund.  Der
Dreibund  ist  geschlossen  zu  gegenseitiger  Abwehr,  er  hat  nicht  die  mindesten
agressiven  Ziele;  aber  ich  bin  der  Meinung,  daß,  wenn  man  mit  anderen
Staaten  ein  Bündnis  abschließt,  dessen  Zweck  es  ist,  auf  lange  Zeit,  so  Gott
will,  diesen  Frieden  zu  erhalten,  es  dann  nicht  möglich  ist,  mit  denselben
dauernd  in  einem  wirtschaftlichen  Krieg  zu  leben.  (Sehr  wahr!  Bravo!)
Wenn  ich  jemand  wirtschaftlich  mit  einem  Krieg  überziehe,  so  will  ich  ihn
schwächen;  wir  aber  haben  gerade  das  Interesse,  unsere  Verbündeten  zu
stärken.  (Sehr  wahr!)  Denn  wenn  einmal  der  Friedenszustand  trotz  unserer
Bemühungen  nicht  mehr  zu  erhalten  wäre,  brauchen  wir  an  unserer  Seite
kräftige  Berbündete;  wir  müssen  sie  und  uns  in  den  Stand  setzen,  die  Rüstung,
  die  die  Weltverhältnisse  zu  tragen  uns  nun  einmal  zwingen,  auch
tragen  zu  können,  und  ich  halte  es  für  absolut  unzulässig,  daß  man  die
Staaten,  mit  denen  wir  in  einem  so  innigen  Verhältnis  stehen,  auf  die
Dauer  zu  schädigen  bestrebt  sein  könne.  Die  Regierungen  dieser  Staaten
sind  gemeinsam  bemüht  gewesen,  bei  Abschluß  der  Verträge  die  Wege  zu
finden,  in  denen  ein  gegenseitiger  Warenaustausch  möglich  ist,  der  keinen
wesentlich  schwächt,  aber  jedenfalls  da,  wo  er  einem  auch  nur  unangenehm
ist,  andere  stärkt.

Wir  haben  den  Wunsch,  daß  diese  Verträge  sich  immer  tiefer  in  die
Bevölkerung  einleben.  Zu  Friedrichs  des  Großen  Zeiten  führte  man  Kriege,
die  man  mit  dem  technischen  Namen  „Kabinetskriege“  belegt  hat.  Der  Fürst
beschloß,  einen  anderen  Fürsten  mit  Krieg  zu  überziehen;  erwarb  oder  schaffte
sich  sonstwie  Soldaten,  suchte  Geld  zu  bekommen,  und  dann  führte  er  seinen
        <pb n="181" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  173

Krieg,  an  dem  die  Bevölkerung  selbst  innerlich  immer  nur  einen  beschränkten
Anteil  nahm.  Selbst  zu  Friedrichs  des  Großen  Zeiten  war  es  viel  mehr
das  Bild  dieses  großen  Mannes,  was  die  eigene  Bevölkerung  fortriß,  was
weit  nach  Süddeutschland  wirkte,  als  das  Gefühl,  daß  es  sich  hier  um
Preußen  handelte.  Kaltblütig  sah  man  eine  Provinz  abtreten,  wenn  es
notwendig  war;  man  lebte  eben  schließlich  unter  einem  anderen  Fürsten
ebenso  weiter  wie  bisher.

Das  hat  sich  vollkommen  geändert.  Seit  dem  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts
  werden  Volkskriege  geführt,  und  es  ist  nicht  mindeste  Frage,  daß
der  nächste  Krieg  der  Mitwirkung  des  Bolkes  nicht  nur  mit  den  Händen,
sondern  auch  mit  dem  Herzen  bedarf.  Der  Krieg  muß  aus  dem  Gefühl  des
Volkes  hervorgehen.

Dasselbe  überträgt  sich  auch  auf  die  Verträge.  Man  konnte  früher
Kabinetsverträge  abschließen  von  Fürst  zu  Fürst;  sie  engagierten  sich  zu  gewissen
  Leistungen;  sie  hatten  die  Mittel  in  der  Hand,  diesen  Leistungen  mit
den  Armeen,  über  die  sie  geboten,  gerecht  zu  werden.  Heutzutage  muß  ein
Bündnis,  wenn  es  die  Garantie  geben  soll,  daß  es  dermaleinst  im  gegebenen
Augenblick  auch  haltbar  ist,  in  die  Seele  der  Bölker  eingelebt  sein.  Dieses
Einleben  zu  erleichtern,  wird,  wie  ich  hoffe,  eine  Folge,  eine  Wirkung  dieser
Handelsverträge  sein.

Man  hat  eingewandt:  ja,  werden  denn  solche  Verträge  nicht  eine
Verbitterung  hervorbringen?  Ich  glaube  nicht,  daß  das  der  Fall  sein  wird.
Ich  möchte  zunächst  an  ein  negatives  Beispiel  anknüpfen.  Denken  Sie  sich,
wir  hätten  mit  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  im  vorigen  Jahre
ein  politisches  Bündnis  gehabt,  was  uns  zu  einer  kriegerischen  Leistung  für
Amerika  um  die  Zeit  genötigt  haben  würde,  wo  die  Aufregung  über  die
Prohibitivgesetze,  die  Amerika  gab,  bei  uns  am  höchsten  war.  Glaubt  irgend
jemand,  daß  damals  in  unserer  Bevölkerung  der  Grad  von  Hingabe  gewesen
sein  würde,  der  nötig  gewesen  wäre,  um  unsere  Armeen  gern  unter  die
Waffen  zu  bringen?  Ich  bezweifle  das.  Ich  glaube,  daß  eine  Stimmung,
wie  sie  damals  da  war,  für  die  Regierungen  der  Anlaß  gewesen  sein  würde,
nach  Mitteln  zu  suchen,  um  einem  solchen  Kriege  aus  dem  Wege  zu  gehen.
Daß  hier  und  da  durch  die  Verträge  Verbitterung  entsteht,  glaube  ich;  ich
glaube  aber  nicht,  daß  diese  Verbitterung  sich  gegen  die  Staaten  richten
wird,  mit  denen  wir  das  Bündnis  abgeschlossen  haben;  sie  wird  gewohnheitsmäßig
  und  bequemer  den  ihr  auch  lieberen  Weg  gegen  die  eigene  Regierung
  wählen.  (Heiterkeit.)  Davon  zeugt  ein  Artikel,  der  vor  wenigen
Tagen  in  einer  unserer  gelesensten  konservativen  Zeitungen  —  ich  kann  nicht
sagen,  ob  sie  das  Parteiblatt  der  Konservativen  ist  oder  nicht  —  gestanden
hat.  Die  Zeitung  nimmt  ihn  vorn  auf  der  ersten  Seite  auf:  er  ist  ihr  gesandt
  worden,  und  er  handelt  davon,  daß  eine  Anzahl  zumeist  antisemitischer
Männer  beschlossen  hätte,  sich  nach  Oesterreich  zu  wenden,  um  von  da  Stimmen
gegen  die  Handelsverträge  zu  bekommen.  Der  Artikel  schließt  damit,  daß
er  sagt:  die  Annäherung  der  in  beiden  Reichen  lebenden  Völker  wird  sicherlich
  nicht  eintreten.  Der  Artikelschreiber  führt  dann  weiter  aus,  daß  man
sich  an  gewisse  Völkerschaften  in  Oesterreich  wenden  müsse,  die  zweifellos
auch  gegen  die  Verträge  sein  würden.  Es  ist  für  mich  ein  überaus  beklagenswertes
  Schauspiel,  daß  ein  deutscher  Mann  vorschlägt,  bei  Czechen,  Slovaken,
Rumänen,  Slovenen  und  Kroaten,  nicht  bei  Magyaren  und  Deutschen  in
Oesterreich,  zu  hausieren,  um  Stimmen  gegen  die  eigene  Regierung  zu  sammeln.
  (Hört,  hört!)  Noch  beklagenswerter  ist  mir  aber,  daß  ein  Blatt,  das
den  Anspruch  macht,  preußischer  zu  sein  als  andere,  das  Ausland  ins  Gefecht
  zu  führen  sucht  gegen  eine  deutsche  Regierung.  (Bravo!  links  und  im
Zentrum.)
        <pb n="182" />
        174  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

Wir  haben  die  Hoffnung,  daß  mit  der  Zeit  noch  andere  Staaten  sich
diesen  Verträgen  anschließen  werden.  Es  werden  zunächst  in  kürzerer  Zeit
die  Verhandlungen,  deren  Führung  der  österreichisch-ungarischen  Regierung
zufällt,  mit  Serbien  begonnen  werden.  Welchen  Verlauf  die  Dinge  weiter
haben  werden,  vermag  ich  nicht  vorher  zu  sagen;  ich  kann  aber  soviel  sagen,
daß  wir  gern  auch  noch  mit  anderen  Staaten  in  dieselben  Beziehungen  treten
werden,  in  die  wir  jetzt  mit  den  Staaten  getreten  sind,  mit  denen  die  Verträge
  hier  vorliegen.

Es  ist  in  der  letzten  Zeit  eine  weltgeschichtliche  Erscheinung  zum  Bewußtsein
  der  Völker  gekommen,  die  ich  hoch  anschlage:  das  ist  die  Bildung
großer  Reiche,  das  Selbstbewußtsein  dieser  Reiche,  das  Bestreben,  sich  gegen
andere  abzuschließen.  Unser  östlicher  Nachbar  verfügt  über  ein  Gebiet,  was
von  der  Zone  nördlich  vom  Himalaya  bis  an  das  Eismeer  reicht;  er  ist  im
stande,  fast  alle  Produkte,  die  ein  Reich  zu  seiner  Existenz  braucht,  selbständig
  hervorzubringen,  er  hat  eine  große  Expansionskraft  für  seine  Arbeit:
große  Aufgaben  liegen  nach  dieser  Richtung  vor  dem  russischen  Reiche.  Jenseits
  des  atlantischen  Ozeans  nimmt  die  Bevölkerungszahl  der  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  von  Jahr  zu  Jahr  zu;  ihr  Kraftbewußtsein,  die
Energie,  mit  der  sie  ihre  eigenen  Interessen  verfolgt,  nimmt  zu.  Als  im
vorigen  Jahre  diese  Erscheinung  zum  erstenmale  auftrat,  war  man  bei  uns
darüber  erstaunt,  und  ich  habe  wohl  Aeußerungen  gehört,  das  wäre  völkerrechtlich
  nicht  zulässig.  Ja,  meine  Herren,  jeder  Staat  hat  —  und  darin
unterscheidet  er  sich  vom  Individuum  —  als  erste  Pflicht  die  der  Selbsterhaltung,
  und  in  dem  Triebe  nach  Selbsterhaltung  werden  die  Staaten  in
absehbarer  Zeit  viel  weiter  gehen  als  bisher.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,
daß  es  zwischen  den  Staaten  zu  einer  Art  von  Kriegführung  kommt,  in  der
nicht  geschossen  wird,  in  der  sie  den  Gesetzesparagraphen  und  die  Tarifposition
  in  der  Hand  haben.  Wie  das  Schicksal  von  Australien  sich  gestalten
  wird,  das  mag  dahin  gestellt  bleiben:  auch  da  wächst  die  Bevölkerung
fortwährend.  Und  wenn  kundige  Beobachter  der  Erscheinungen,  die  jetzt  in
China  zu  Tage  treten,  Recht  haben,  ist  China  an  dem  Anfang  einer  großen
Umwälzung,  vor  deren  weiterer  Entwickelung  nicht  abzusehen  sein  wird,  ob
es  sich  dann  nicht  gegen  andere  abschließen  wird,  und  wie  weit  auch  China
in  den  Wettbewerb  auf  dem  Weltmarkt  wird  eintreten  können.  Auf  alle
Fälle  ist  soviel  klar:  wir  haben  es  mit  großen  Staaten  zu  thun,  die  über
kur)  oder  lang  zur  Rücksichtslosigkeit  gegen  andere  neigen  werden.  Der
Schauplatz  der  Weltgeschichte  hat  sich  erweitert:  damit  sind  die  Proportionen
andere  geworden,  und  ein  Staat,  der  als  europäische  Großmacht  eine  Rolle
in  der  Geschichte  gespielt  hat,  kann,  was  seine  materielle  Kraft  angeht,  in
absehbarer  Zeit  zu  den  Kleinstaaten  gehören.  Wollen  nun  die  europäischen
Staaten  ihre  Weltstellung  aufrecht  erhalten,  so  werden  sie  nach  meinem
Dafürhalten  nicht  umhin  können,  soweit  sie  wenigstens  ihren  sonstigen  Anlagen
  nach  dazu  geeignet  sind,  eng  aneinander  sich  anzuschließen.  Es  ist
nicht  unmöglich,  daß  die  Zeit  kommen  wird,  wo  sie  einsehen  werden,  daß  sie
Klügeres  zu  thun  haben  werden,  als  sich  gegenseitig  das  Blut  auszusangen,
(sehr  gut!)  weil  sie  im  wirtschaftlichen  Kampfe  um  das  Dasein  genötigt  sein
werden,  alle  ihre  Kräfte  einzusetzen.

Wie  dem  aber  auch  sein  möge,  —  man  möge  das  für  Zukunftsgedanken
  halten,  die  noch  eines  reellen  Bodens  entbehren,  so  glaube  ich,
wird  man  soviel  wenigstens  zugeben,  daß  eine  solche  Entwickelung  wahrscheinlich
  genug  ist,  um  bei  allen  Schritten  auf  dem  wirtschaftlichen  Boden
Berücksichtigung  zu  verdienen.  Und  wenn  man  das  einmal  zugibt,  so  wird
man  auch  von  diesem  Gesichtspunkt  aus  nicht  in  Abrede  stellen  wollen,  daß
        <pb n="183" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  175

die  Verträge  mit  den  Staaten,  wie  wir  sie  abgeschlossen  haben,  eine  gewisse
Garantie  für  die  Zukunft  geben.

Würden  die  Verträge,  wie  sie  Ihnen  vorgelegt  sind,  abgelehnt,  so
weiß  ich  in  der  That  nicht,  —  und  ich  möchte  das  hier  nicht  ausmalen  —
wo  in  etwa  einem  Jahrzehnt  die  Grenze  der  Notstände  liegen  würde,  die
über  Deutschland  hereinbrechen  würden.  Ich  bitte  Sie  noch  einmal,  sehen
Sie  diese  Verträge  als  ein  Ganzes  mit  Vaterlandsliebe  an;  lassen  Sie  sich
nicht  durch  einzelne  Details  beirren,  sondern  legen  Sie  sich  die  Frage  vor:
geht  Deutschland  mit  oder  ohne  diese  Verträge  einer  gedeihlicheren  und  aussichtsvolleren
  Zukunft  entgegen!  —  und  ich  gebe  mich  der  Hoffnung  hin,
Sie  werden  mit  den  verbündeten  Regierungen  der  Ansicht  sein,  daß  die  vorliegenden
  Verträge  geeignet  sind,  das  innere  Gedeihen  Deutschlands  und  seine
Weltstellung  zu  erhalten  und  zu  fördern.  (Lebhafter  Beifall)

Nachdem  Abg.  Reichensperger  für  die  Verträge  gesprochen,
spricht  Graf  Kanitz  (kons.)  dagegen  und  sagt  am  Schluß:

Sie  sprechen  immer  von  der  Verteurung  des  Getreides.  Sie  halten
jeden  Zoll  auf  Lebensmittel  für  ein  Uebel  (sehr  wahr!  links),  und  auch  ich,
der  ich  in  den  agrarischen  Kämpfen  der  letzten  Jahre  wahrhaftig  nicht  hinten
gestanden  haben,  auch  ich  sage:  die  landwirtschaftlichen  Schutzzölle  sind  auch
nur  durch  die  absolute  Notwendigkeit  diktiert  worden.  Der  Getreidezoll  ist
ein  Notbehelf;  er  würde  der  verwerflichste  aller  Zölle  sein,  wenn  nicht  die
Notlage  der  Landwirtschaft  es  gebieterisch  forderte,  gerade  diesen  Zoll  aufrecht
  zu  erhalten.  Wenn  dem  aber  so  ist,  dann  darf  der  Getreidezoll  nicht
zu  einer  feilen  Ware  degradiert  werden,  wie  es  nach  diesem  Vertrage  geschehen
  soll.  Entweder  bedarf  die  Landwirtschaft  dieses  Schutzes,  —  daun
ist  der  Zoll  an  allen  Grenzstrecken  gleichmäßig  aufrecht  zu  erhalten,  —  oder
aber  die  Landwirtschaft  bedarf  dieses  Schutzes  nicht,  —  dann  sort  mit  diesen
Zöllen,  dann  haben  wir  kein  RNecht,  diese  Zölle  ferner  zu  erheben.  (Sehr
richtig!  links)

Meine  Herren,  ich  muß  bekennen,  daß  die  ländliche  Bevölkerung
Deutschlands  der  ferneren  Entwickelung  auf  diesem  Gebiet  mit  Sorge  entgegensieht;
  es  ist  ein  drückendes  Gefühl  für  uns,  daß  die  Landwirtschaft
nicht  mehr  eine  gleichberechtigte  Stellung  neben  der  Industrie  einnimmt.
Der  Herr  Reichskanzler  erwähnte  vorhin  eine  Aeußerung  Friedrichs  des
Großen;  er  sagte:  die  Industrie  ist  die  Nährmutter  des  Landes.  Ich  möchte
da  die  Aeußerung  eines  anderen  bedeutenden  Mannes  aus  dem  vorigen  Jahrhundert
  erwähnen,  nämlich  von  Adam  Smith,  welcher  sagt:  seit  dem  Niedergange
  des  römischen  Reiches  ist  es  die  Praxis  aller  europäischen  Regierungen
gewesen,  die  Industrie  der  Städte  zu  bevorzugen  auf  Kosten  der  Industrie
des  platten  Landes,  also  auf  Kosten  der  Landwirtschaft,  —  und  Adam
Smith,  der  Vater  des  Freihandels,  von  dem  Sie  alle  gelernt  haben  oder
jedenfalls  hätten  lernen  können,  hat  gerade  dieses  Mißverhältnis  zwischen
Industrie  und  Landwirtschaft,  wie  es  fast  in  allen  europäischen  Staaten  sich
geltend  macht,  in  höchstem  Grade  getadelt.  Aber,  meine  Herren,  dieses  Mißverhältnis,
  in  welchem  wir  uns  jetzt  befinden,  daß  also  die  Landwirtschaft
in  zweiter  Linie  neben  der  Industrie  steht,  wird  zu  meinem  großen  Bedauern
nicht  verfehlen  und  kann  nicht  verfehlen,  eine  gewisse  Mißstimmung  hervorzurufen.
  Ueberall  im  ganzen  Reiche,  im  Osten,  Süden,  wo  sie  wollen,  kommt
diese  Mißstimmung  zum  Ausdruck,  und  das  bedaure  ich  im  höchsten  Grade.

Bisher  ist  die  Landwirtschaft  gewohnt  gewesen,  in  der  Regierung
ihre  beste  Freundin  zu  erblicken;  bei  jeder  Gelegenheit,  namentlich  auch  bei
den  politischen  Wahlen  kam  dieses  Vertrauen  zum  Ausdruck.  (Hört,  hört!
links.  Heiterkeit.)  Ich  fürchte,  daß  dies  in  künftiger  Zeit  vielleicht  etwas
        <pb n="184" />
        176  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  11.)

anders  werden  möchte,  daß  dieses  Vertrauen  gerade  durch  diese  Vorlage
wenigstens  keine  Kräftigung  erfahren  wird.  (Zuruf  links.)

Und,  meine  Herren,  ich  als  konservativer  Mann,  als  treuer  Unterthan
meines  Kaisers  und  Königs  (Zuruf  links)  bedaure,  daß  es  dahin  gekommen
ist.  Nicht  dem  Herrn  Reichskanzler  mache  ich  irgend  einen  Vorwurf;  ich
weiß,  daß  er  von  den  allerbesten  Absichten  beseelt  ist,  daß  er  gleiches  Maß
und  gleiches  Recht  will  walten  lassen  auch  für  die  Landwirtschaft,  daß  er
die  hohe  Bedeutung  der  Landwirtschaft  in  unserem  Kulturleben,  in  wirtschaftlicher,
  politischer,  sozialer  Beziehung  in  vollem  Maße  zu  würdigen
weiß;  aber  ich  bedaure,  daß  dem  Herrn  Reichskanzler  bei  diesen  Vertragsverhandlungen
  nicht  andere  Ratgeber  zur  Seite  gestanden  haben.  (Widerspruch
  links.)  Meine  Herren,  lesen  Sie  die  Denkschrift  durch;  es  ist  der
liberal-freihändlerische  Geheimratsstil,  welcher  uns  da  entgegentritt.  (Widerspruch
  links.)  Die  Fetzen  des  grünen  Tuchs,  auf  welchem  diese  Denkschrift
geschrieben  ist,  lugen  aus  jedem  Satz  hervor.  Dem  Freihandel  zu  Liebe
sind  die  weitgehendsten  Konzessionen  gemacht,  und  somit  haben  wir  einen
Vertrag  erhalten,  welcher  in  meinen  Augen  eine  societas  leonina  ist  und  zwar
eine  societas  leonina  in  des  Wortes  vollster  Bedeutung.

Mit  einer  Niederlage  der  Agrarier  wird  dieser  Zollkampf  endigen
(sehr  richtig!  links),  so  wird  schon  im  demokratischen  Lager  triumphiert.
Ich  sehe  dieser  Niederlage  ruhig  entgegen.  Tausendmal  lieber  will  ich  eine
unverschuldete,  ehrliche  Niederlage  erleiden,  als  mich  auf  Transaktionen  einlassen,
  die  ich  mit  meinem  Gewissen  nicht  verantworten  kann.  Die  ländliche
Bevölkerung  soll  es  wissen,  daß  sie  noch  nicht  ganz  verlassen  ist,  daß  wenigstens
  ihre  gewählten  Vertreter  für  sie  eintreten  werden,  wenn  andere  Stützen
fehlen.  Ich  stimme  gegen  den  Vertrag.  (Lebhaftes  Bravo  rechts.  Widerspruch
  links.)

Reichskanzler  v.  Caprivi:

Ich  verzichte  bei  der  späten  Stunde,  auf  die  Einzelheiten  der  Rede
des  Herrn  Grafen  von  Kanitz  einzugehen.  Die  Insinuation,  daß  innerhalb
der  Reichsämter  gearbeitet  werde,  und  Arbeiten  nach  außen  gehen,  die  nicht
meiner  Ansicht  entsprechen,  für  die  ich  die  Verantwortung  nicht  übernehme,
weise  ich  auf  das  schrofffte  und  bestimmteste  zurück.  (Bravo!  links.)  Ich
füge  hinzu,  daß  das  dieselben  Beamten  sind,  die  unter  dem  Fürsten  Bismarck
gearbeitet  haben,  und  daß  man  ihnen  den  Vorwurf  der  Freihändlerei  nicht
machen  kann.  (Bravol  links.)

11.  Dezember.  Fortsetzung.  Staatssekretär  Frhr.  v.  Marschall,
  Brömel  (deutschfreis.),  Dr.  Böttcher  (natlib.)  für  die  Verträge.
  v.  Kardorff  (Reichsp.)  gegen  die  Verträge;  erklärt  aber

„wenn  das  Silber  durch  internationale  Vereinbarungen  remonetisiert
wird,  ich  mich  einverstanden  erkläre  mit  einer  weitgehenden  Herabsetzung  der
landwirtschaftlichen  Zölle."“

Reichskanzler  v.  Caprivi  erwidert:

Ich  will  dem  Herrn  Abgeordneten  das  Bekenntnis  machen,  daß  ich
einen  Teil  meiner  Muße  dieses  Sommers  dazu  benutzt  habe,  um  mich  einigermaßen
  in  dieser  Frage  zu  orientieren,  und  da  habe  ich  die  Ueberzeugung
gewonnen,  daß  sie  eine  der  schwierigsten  von  der  Welt  ist,  daß  sie  sich  nicht
über  das  Knie  brechen  läßt,  und  daß  der  Herr  Abgeordnete  von  Kardorff
mit  einigen  wenigen  politischen  Freunden  doch  ziemlich  isoliert  dasteht.  (Sehr
richtig!  links.)  Ich  verkenne  nicht,  daß  eine  stärkere  Strömung  für  die  Verwendung
  des  Silbers  in  dem  Münzverkehr  vorhanden  ist,  als  sie  noch  vor
        <pb n="185" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  11.)  177

10,  15  Jahren  da  war.  Daß  diese  Strömung  aber  so  weit  gehen  sollte,
jetzt  die  Frage  mit  Aussicht  auf  Erfolg  in  die  Hand  nehmen  zu  können,
das  bestreite  ich,  und  ich  will  mich  bemühen,  das  Vertrauen  des  Herrn  Abgeordneten
  in  dieser  Beziehung  zu  rechtfertigen,  wenn  er  die  Güte  haben  will,
mir  noch  einige  Zeit  für  die  Inangriffnahme  dieser  Frage  zu  lassen.  Ich
glaube,  im  Augenblick  ist  sie  sowohl,  was  das  Verhältnis  zu  England,  als
zu  anderen  Staaten,  auch  zu  Amerika,  angeht,  nicht  gerade  reif,  um  weiter
geführt  zu  werden.

Seiner  Gewohnheit  gemäß  brachte  der  Herr  Abgeordnete  diese  Frage
in  Verbindung  mit  der  Getreidefrage,  und  er  sagte:  ich  könnte  mich  schon
mit  der  Herabsetzung  —  ich  glaube,  er  sagte  sogar  der  Aufgabe  —  der
Getreidezölle  vertraut  machen,  wenn  man  mir  die  Doppelwährung  gäbe;  denn
die  Getreidezölle,  wie  sie  jetzt  sind,  bleiben  immer  ein  Agitationsmittel.  Der
Herr  Abgeordnete  wolle  mir  gestatten,  ihm  dagegen  zu  bemerken,  daß  auch
die  Doppelwährungsfrage  ein  Agitationsmittel  ist,  was  in  die  Massen  und
in  die  landwirtschaftlichen  Kreise  geworfen  wird,  ohne  auf  ein  weitgehendes
Verständnis  rechnen  zu  können.  (Heiterkeit.  Sehr  gut!  links.)  Man  sagt
der  Landwirtschaft  und  sagt  den  Bauern:  wenn  wir  nur  die  Doppelwährung
hätten,  dann  würdet  ihr  gute  Geschäfte  machen.  Was  aber  Doppelwährung
ist,  ahnt  der  Bauer  nicht,  und  ich  glaube,  daß  selbst  von  den  politischen
Freunden  des  Herrn  Abgeordneten  von  Kardorff  der  eine  oder  andere  im
Innersten  seines  Herzens  in  Bezug  auf  die  Wirkung  der  Doppelwährung
auf  das  Wohl  seiner  Landwirtschaft  Zweifel  hat.  (Heiterkeit.)

Der  Herr  Abgeordnete  hat  sich  dann  noch  darauf  bezogen,  daß  der
Herr  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amts  ja  Bimetallist  sei  und  an  einer
früheren  Aktion  der  Bimetallisten  teilgenommen  habe.  Ich  bin  —  will  ich
weiter  noch  sagen  —  nicht  durch  den  Freiherrn  von  Marschall,  wie  ich  ausdrücklich
  betone,  sondern  auf  dem  Wege  meiner  Studien  auf  eine  Konferenz
in  Köln  im  Jahre  —  wenn  ich  nicht  irre  —  1882  gestoßen  —  Herr  von
Kardorff  wird  mich  rektifizieren,  wenn  das  nicht  richtig  ist  —,  an  der  glaube
ich,  Herr  von  Kardorff,  Herr  Arendt  und  mein  verehrter  Herr  Kollege  teilnahmen.
  In  dieser  Konferenz  —ich  muß  mich  wieder  auf  mein  Gedächtnis
verlassen,  weil  ich  auf  diese  Debatte  heute  nicht  vorbereitet  war  —  ist  anerkannt
  worden,  daß  in  Bezug  auf  unsere  Währung  nichts  geändert  werden
könne,  wenn  England  nicht  dabei  wäre.  Also  wollen  wir  uns  —  wenn  ich
mir  den  Vorschlag  erlauben  darf  —  dahin  einigen,  auf  diesem  Standpunkt
stehen  zu  bleiben  und  abzuwarten,  was  England  thut!

Abg.  Kropatschek  (kons.,  Redakteur  der  „Kreuz-Zeitung“)
spricht  gegen  die  Verträge  und  verteidigt  die  „Kreuz-Zeitung“  gegen
den  Angriff  des  Reichskanzlers.

Reichskanzler  v.  Caprivi  hält  seine  Darlegung  aufrecht
und  sagt:

»  „es  ist  noch  nicht  lange  her,  daß  sie  mir  vorgeworfen  hat,  ich  verkröche
  mich  hinter  dem  König,  —  etwas,  was  ein  preußischer  Offizier  noch
nie  gethan  hat.“

Abg.  Simonis  (Elf.)  greift  die  Verträge  wegen  der  Herabsetzung
  des  Weinzolles  an.

11.  Dezember.  Fortsetzung  der  Debatte.  Ein  Antrag  der
Kon  ervativen,  die  Verträge  einer  Kommission  zu  überweisen,  wird
abgelehnt.

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.  12
        <pb n="186" />
        178  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  12.)

12.  Dezember.  Nach  den  „Hamburger  Nachrichten“  hält  Fürst
Bismarck  folgende  Rede  beim  Empfang  der  Siegener  Deputation,
die  ihm  in  Friedrichsruh  den  Ehrenbürgerbrief  der  Stadt  überreicht:

„Mitbürger  Ihrer  Stadt  zu  sein,  ist  mir  eine  hohe  Ehre  und  Freude,
zumal  mein  Interesse  für  das  Siegener  Land  schon  alt  ist.  Zum  erstenmal
kam  ich  mit  ihm  in  Beziehung,  als  ich  vor  50  Jahren  ein  Gut  übernommen
hatte,  welches  durch  unzweckmäßige  Rieselwirtschaft  geschädigt  war.  Damals
hörte  ich  zuerst  von  Siegener  Riefelwiesen  und  sah  landwirtschaftliche  Techniker
  aus  Ihrer  Gegend  bei  mir,  um  meine  Wiesen  nach  der  bewährten
Siegener  Methode  zu  verbessern.  Das  war  der  erste  landwirtschaftliche  Anknüpfungspunkt.
  Der  zweite  war  forstlicher  Natur.  Als  ich  in  den  Besitz
größeren  Waldes  kam,  erlangte  das  Siegener  Land  mit  seinen  Haubergen
ein  besonderes  Interesse  für  mich.  In  Pommern  und  selbst  hier  in  Lauenburg
  können  wir  aber  einen  so  guten  Schälwald  nicht  erzielen;  unserm
Eichenwald  fehlt  dazu  die  Sonne  und  der  Bergboden  Ihrer  Gegend,  zu
meinem  Bedauern  habe  ich  letztere  nie  selbst  gesehen.  Drittens  verbindet
mich  mit  Ihnen  meine  Stellung  in  der  industriellen  Gesetzgebung,  und  am
Himmel  der  Industrie  bildet  das  Siegener  Land  ja  ein  helles  Sternbild;
in  Eisen  und  in  Leder  pflegt  es  zwei  für  die  Wehrkraft  besonders  hervorragende
  Industrien.  —  Dieses  dreifache  Interesse,  das  in  mir  bei  Nennung
Ihrer  Stadt  erweckt  wird,  erregt  auch  heute  meine  Freude  über  die  ehrenvolle
  Anerkennung,  welche  meine  Wirksamkeit  bei  Ihnen  gefunden  hat.  Und
ich  wünschte,  daß  ich  auch  in  der  Lage  wäre,  mich  Ihnen  noch  jetzt  besonders
  in  dem  dritten  Punkte  nützlich  zu  machen.  Aber  ich  bin  aus  den  amtlichen
  Beziehungen  zu  Ihrer  Industrie  heraus  und  kann  auch  jetzt  in  Berlin
die  Sache  nicht  angreifen;  wenn  ich  hinkäme  und  im  Reichstag  den  Mund
aufthäte,  so  müßte  ich  der  herrschenden  Politik  schärfer  entgegentreten,  als
ich  es  bisher  meiner  Stellung  und  meiner  Vergangenheit  angemessen  finde;
ich  müßte  entweder  schweigen  oder  so  reden,  wie  ich  denke.  Wenn  ich  letzteres
thue,  so  hat  das  eine  Tragweite  nach  unten,  nach  oben,  nach  außen  und
nach  innen,  an  die  ich  mich  heute  noch  nicht  gewöhnen  kann.  Es  kann  ja
sein,  daß  die  Notwendigkeit  für  mich  eintritt,  dieses  subjektive  Gefühl  zu
überwinden.  Für  heute  möchte  ich  nur  sagen:  Nondum  meridies.  Wenn
ich  jetzt  nach  Berlin  käme  und  spräche  für  den  Schutz  der  Landwirtschaft,
so  würde  man  nur  sagen:  „Vous  etes  orlèvre,  monsieur“,  und  meine  Bedenken
  für  interessiert  halten:  damit  wäre  die  Sache  erledigt.  Ich  würde
deshalb,  wenn  ich  dort  wäre,  mehr  für  Politik  eintreten,  und  für  das  Interesse
  der  Industrie  mehr  wie  für  das  eigene.  Die  Landwirtschaft  ist  ohnehin
  schon  daran  gewöhnt,  das  Stiefkind  der  Bureaukratie  zu  sein,  die  ihr
Lasten  auferlegt  ohne  Wohlwollen  und  Sachkunde.  Aber  es  ist  doch  auch
eine  große  Menge  von  Industriezweigen,  die  benachteiligt  werden  durch  die
neuen  Vorschläge.  Einige  haben  Vorteile  erlangt;  wie  groß  diese  im  ganzen
sind  und  wie  groß  auf  der  andern  Seite  der  Nachteil  ist,  den  die  unter
bessere  Bedingungen  versetzte  österreichische  Konkurrenz  uns  bringt,  und  ob
die  Kaufkraft  Oesterreichs  für  unsere  Produkte  einer  Steigerung  fähig  ist,
und  wie  weit  unser  Import  in  Oesterreich  Transit  nach  Balkan  und  Orient
ist,  entzieht  sich  bisher  meinem  Urteile.  In  der  Liste  der  Industriewaren
sind  es  etwa  30  oder  mehr,  deren  Zollschutz  gemindert  werden  soll.  Aber
solange  die  betroffenen  Industriellen  nicht  selbst  klagen  und  sich  an  ihre
Reichstagsabgeordneten  wenden,  damit  diese  für  sie  eintreten,  kann  ich  mich
ihnen  nicht  aufdrängen.  Dazu  bin  ich  nicht  sachkundig  genug.  Wer  ist  Industrieller
  unter  Ihnen?  (Antwort:  Fast  alle.)  Da  werdeu  Sie  sich  die
Liste  vergegenwärtigen  und  sich  nicht  verhehlen,  daß  wir  nicht  nur  der  öster-
        <pb n="187" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  12.)  179

reichischen  und  italienischen,  sondern  auch  der  französischen  und  englischen,
ja  sogar  der  amerikanischen  Industrie,  trotz  Mac  Kinley-Bill,  wesentliche
Erleichterungen  zugestehen  sollen,  denn  die  mit  diesen  Staaten  geschlossenen
Verträge  kann  man  nicht  brechen.  Die  Amerikaner  haben  in  dem  Vertrage
mit  Preußen  seinerzeit  das  Meistbegünstigungsrecht  erhalten,  werden  also
nach  Annahme  der  Verträge  zu  den  neuen  Zollsätzen  importieren;  ihnen  das
unter  Vorwänden  zu  verwehren,  würde  dort  als  Vertragsbruch  gedeutet
werden;  welchen  Industriezweigen  dies  Ganze  gefährlich  ist  und  welche  es
weniger  schädigt,  das  kann  ich  nicht  beurteilen,  und  wie  der  Reichstag  das
so  schnell  beurteilen  will,  ist  mir  unerklärlich.  Das  Beunruhigendste  am
Ganzen  ist  mir  die  Abdikation  des  Reichstages,  wenn  er  in  wenigen  Tagen
das  begutachten  und  zur  dauernden  Einrichtung  machen  will,  was  die  Herren
vom  grünen  Tisch  in  Zeit  eines  Jahres  im  Geheimen  ausgearbeitet  haben.
Wer  hat  denn  alle  diese  Aenderungen  und  Bestimmungen  entworfen?  Geheimräte,
  ausschließlich  Konsumenten,  auf  die  das  Bibelwort  paßt,  sie  säen
nicht,  sie  ernten  nicht  und  sammeln  nicht  in  die  Scheuern,  Herren,  die  der
Schuh  nicht  drückt,  den  sie  für  den  Fuß  der  Industrie  zurechtschneiden.  Die
Bureaukratie  ist  es,  an  der  wir  überall  kranken.  Ich  würde  nie  den  Mut
gehabt  haben,  auf  zwölf  Jahre  den  Sprung  ins  Dunkle  zu  thun.  Die
Härten  der  neuen  Verträge  werden  sich  beim  Gebrauche  bald  herausstellen
und  sie  werden  unabänderlich  sein;  sich  derselben  jetzt,  vor  der  endgültigen
Festlegung,  bewußt  zu  werden,  dafür  bleibt  der  Industrie  nicht  Zeit,  es  war
ja  bisher  alles  ein  Geheimnis.  Wenn  gesagt  worden  ist,  unter  der  vorigen
Regierung  sei  dieselbe  Taktik  des  Verschweigens  beobachtet  worden,  so  ist  das
eine  Fiktion.  Wir  haben  1878  damit  begonnen,  die  Tariffrage  in  die  Oeffentlichkeit
  zu  werfen,  wir  haben  das  gemacht,  was  die  Engländer  „fair  play“
und  die  Franzosen  „cartes  sur  table“  nennen.  —  Diesmal  war  heimliche
Vorbereitung  beliebt,  und  der  Reichstag  soll  sich  in  wenigen  Tagen  mit  dem
Ganzen  abfinden;  darin  liegt  politisch  ein  sehr  bedauerliches  Ergebnis.  Wenn
der  Reichstag  das  auf  sich  nimmt,  so  schädigt  er  sein  Ansehen  im  Volke;
will  er  es  wahren,  so  muß  er  in  so  einschneidenden  Fragen  wenigstens  die
Anstandsfrist  beobachten,  in  der  eine  sachliche  Prüfung  möglich  ist.  —  Die
Schmerzen,  wenn  die  neuen  Stiefel  erst  angezogen  sind,  werden  folgen.
„Was  haben  unsere  Abgeordneten  dabei  gethan?"  wird  dann  gefragt  werden,
und  die  Antwort  wird  lauten:  „Sie  haben  zugestimmt,  weil  die  Regierung
es  wünschte"“.  Daß  der  Reichstag  nicht  die  Möglichkeit  habe,  an  den  Verträgen
  zu  ändern,  ist  eine  weitere  Fiktion.  Er  kann  bei  jedem  einzelnen
Paragraphen  sagen:  „Den  wollen  wir  nicht,  und  werden  ihn  ablehnen,  wenn
er  nicht  geändert  wird.“  Der  Reichstag  ist  in  der  Gesetzgebung  auch  über
Zölle  vollkommen  gleichberechtigt  mit  dem  Bundesrate.  Der  Reichstag  ist
das  unentbehrliche  Bindemittel  unfrer  nationalen  Einheit.  Verliert  er  an
Autorität,  so  werden  die  Bande,  die  uns  zusammenhalten,  geschwächt.  Unser
Zusammenhalten  im  Reiche  beruht  auf  den  Verträgen,  welche  die  deutschen
Regierungen  miteinander  geschlossen  haben,  aber  auch  auf  der  gemeinsamen
Vertretung  im  Reichstage,  die  widerstandsfähig  und  in  Ansehen  zu  erhalten,
ist  unfre  nationale  Aufgabe.  Hierzu  würde  ich  auch  in  den  jetzt  vorliegenden
Verhandlungen  gern  mitwirken.  Aber  nachdem  alle  Fraktionen  aus  Gründen
des  Fraktionsinteresses  sich  vorher  verpflichtet  haben,  muß  ich  mein  Auftreten
für  nutzlos  halten.  Ich  weiß,  was  so  ein  Fraktionsbeschluß  besagt,  an  ihm
ist  nicht  zu  rütteln,  wie  auch  nachher  die  Haltung  der  Fraktion  wechseln
mag.  Angenommen  wird  das  Ganze  so  wie  so,  mein  Hinkommen  und  meine
Aussprache  würden  jetzt  sich  darauf  beschränken  müssen,  die  Urheber  der
Vorlage  und  die,  welche  Sie  annehmen,  ohne  Erfolg  zu  kritisieren  und  anzugreifen.
  Das  ist  eine  Aufgabe,  die  mir  widerstrebt.  Ich  hoffe,  daß  der

          12*
        <pb n="188" />
        180  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  14.—15.)

Reichstag  selbst  in  Erkenntnis  seiner  Stellung  im  Lande  sich  wenigstens  vor
einer  Uebereilung  hüten  werde,  unter  der  sein  Ansehen  leiden  könnte.  Ich
bin  zu  einer  so  tiefgreifenden  Kritik,  wie  ich  sie  üben  müßte,  wenn  ich  heute
im  Reichstage  reden  wollte,  weniger  berufen,  wie  andere;  ich  bin  50  Jahre
im  Dienste  des  Staates  gewesen  und  Jahrzehnte  lang  an  erster  Stelle.  Gegen
dessen  Leiter  öffentlich  so  aufzutreten,  wie  ich  müßte,  wenn  ich  im  Reichstage
überhaupt  redete,  widerstrebt  meinem  Gefühle  und  ist  mir  peinlich,  und  es
müßten  noch  stärkere  Gründe  wie  heute  vorliegen,  daß  ich  diesen  Widerwillen
überwinde,  die  Nötigung  dazu  läuft  mir  vielleicht  nicht  weg,  aber  ich  will
es  noch  abwarten.  Dies  alles  führe  ich  ihnen  als  Entschuldigung  an,  daß
ich  hier  auf  der  Bärenhaut  liege,  anstatt  mein  Mandat  zu  erfüllen.  Mein
Arzt  ist,  wie  Sie  sehen,  wieder  hergekommen,  um  mich  bei  den  Rockschößen
festzuhalten.  Er  hörte  von  meiner  Frau,  daß  ich  nach  Berlin  wollte,  und
beeilt  sich,  den  Flüchtling  wieder  einzufangen.  Ich  schiebe  meine  Teilnahme
an  den  Verhandlungen  noch  auf,  so  schwer  auch  die  Sorge  auf  mir  lastet,
daß  wir  für  zwölf  Jahre  an  Zustände  gebunden  werden  sollen,  deren  Wirkung
  heute  niemand  übersieht,  auch  ihre  Urheber  nicht.“

14.  Dezember.  Der  Kaiser  begibt  sich  nach  Bredow  bei
Stettin,  um  den  Taufakt  des  Panzerschiffs  „Weißenburg“  zu  vollziehen.
  In  der  Rede  erinnert  er  an  das  Treffen  von  Weißenburg,
wo  ein  „ritterlicher  Feind“  besiegt  worden  sei.

14.  Dezember.  Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  eine  königliche,
  vom  Gesamtministerium  gegengezeichnete  Bekanntmachung  über
das  Berechtigungswesen  an  den  höheren  Lehranstalten.  Danach

werden

I.  die  Reifezeugnisse  der  Ober-Realschulen  als  Erweise  zureichender
Schulvorbildung  anerkannt:  1)  für  das  Studium  der  Mathematik  und  der
Naturwissenschaften  auf  der  Universität  und  für  die  Zulassung  zur  Prüfung
für  das  Lehramt  an  höheren  Schulen,  2)  für  die  Zulassung  zu  den  Staatsprüfungen
  im  Hochbau-,  Bauingenieur=  und  Maschinenbaufach,  3)  für  das
Studium  auf  den  Forst-  Akademien  und  für  die  Zulassung  zu  den  Prüfungen
für  den  Königlichen  Forstverwaltungsdienst,  4)  für  das  Studium  des  Bergfachs
  und  für  die  Zulassung  zu  den  Prüfungen,  durch  welche  die  Befähigung
  zu  den  technischen  Aemtern  bei  den  Bergbehörden  des  Staats  darzulegen
  ist.

II.  Die  Reifezeugnisse  der  höheren  Bürgerschulen,  bezw.  der  gymnasialen
  und  realistischen  Lehranstalten  mit  sechsjährigem  Lehrgang,  sowie  die
Zeugnisse  über  die  nach  Abschluß  der  Untersekunda  einer  neunstufigen  höheren
Lehranstalt  bestandene  Prüfung  werden  als  Erweise  zureichender  Schulbildung
anerkannt:  für  alle  Zweige  des  Subalterndienstes,  für  welche  bisher  der
Nachweis  eines  siebenjährigen  Schulkursus  erforderlich  war.

14.—17.  Dezember.  Zweite  Beratung  der  Handelsverträge.
  In  namentlicher  Abstimmung  wird  mit  200  gegen  66
Stimmen  die  Herabsetzung  des  Zolles  auf  Wein  und  Trauben  angenommen.


15.  Dezember.  (Bayreuth:  Reichstagsersatzwahl.)  Abgegeben
  13,784  Stimmen,  davon  erhalten  Dr.  Casselmann,  Rechtsanwalt
  in  Bayreuth  (nat.lib.)  7391  Stimmen,  IDr.  Aug.  Papellier,
        <pb n="189" />
        Das  deutsche  Reich  uud  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  18.)  181

königl.  Regierungsrat  in  Bayreuth  (deutschfreis.)  4338  Stimmen,
Georg  Frank,  Bildhauer  in  Nürnberg  (Soz.)  2043  Stimmen.  Ersterer
  ist  gewählt.

18.  Dezember.  Dritte  Lesung  der  Handelsverträge.  In
einer  Replik  gegen  den  Abgeordneten  v.  Kardorff  sagt  der  Reichskanzler:


In  dem  Teil  seiner  Rede,  in  welchem  er  die  auswärtige  Politik  berührte
  und  abfertigte,  hat  er  geäußert,  er  erkenne  in  der  Mac-Kinley-Bill
keine  politische  Aktion.  Wenn  er  in  der  Mac-Kinley-Bill  keine  politische
Aktion  erkennt,  so  erkennt  er  auch  in  dem  Panamerikanismus  keine  politische
Aktion;  und  wenn  das  der  Fall  ist,  werde  ich  so  lange,  bis  dem  Herrn
Abgeordneten  diese  Erkenntnis  gekommen  sein  wird,  darauf  verzichten,  mich
über  äußere  Politik  von  dieser  Stelle  mit  ihm  zu  unterhalten.

Der  größte  Teil  des  Vertrags  mit  Oesterreich-Ungarn  wird
en  bloc  angenommen,  wogegen  niemand  Einspruch  erhebt.  Die-Schlußabstimmung
  ist  namentlich:  48  Nein,  243  Ja.  Die  Verneinenden
  sind  36  Konservative,  2  Freikonservative,  5  Nationalliberale,
5  Antisemiten.  Für  den  Vertrag  stimmen  18  Konservative.

Fürst  Bismarck  ist  nicht  zu  den  Verhandlungen  erschienen.

Die  anderen  Verträge  werden  ohne  Debatte  angenommen.

18.  Dezember.  Der  Kaiser  wohnt  der  Einweihung  des
neuen  Ständehauses  des  Kreises  Teltow  bei.  Auf  eine  Ansprache
  des  Landrats  Stubenrauch  antwortet  der  Kaiser  folgendermaßen:


Wir  feiern  heute  eines  von  den  wenigen  Festen,  um  die  uns  sämtliche
  andere  Nationen  der  Welt  beneiden.  Es  sind  dieses  Feste,  in  denen
der  einfache  Mann  des  Volkes  mit  seinem  Herrscher  zusammenkommt  und
sich  nicht  als  Unterthan  zum  Herrscher,  sondern  als  Familienmitglied  zum
Familienvater  fühlt;  und  das  ist  ein  Band,  welches  nur  in  Deutschland
und  nur  speziell  bei  uns  in  Preußen  und  Brandenburg  möglich  ist;  es  ist
ein  altgeschichtliches  Band  und  ist  um  so  schöner,  je  enger  und  fester  es  sich
schließen  kann.

Daß  es  Mir  vergönnt  ist,  mit  Ihnen  zusammen  dieses  herrliche  Haus
einzuweihen,  von  dem  es  Mich  freut,  daß  es  diesem  hohen  Kreise  zum  Aufenthalt
  dient,  gereicht  Mir  zur  hohen  Befriedigung.

Sie  erwähnten  der  beiden  Hauptelemente,  der  Luft  und  des  Lichts,
der  Gaben  unseres  Allgütigen  Gottes,  dieser  Grundelemente,  die  für  den
Landwirt,  wie  er  hier  hauptsächlich  vertreten  ist,  notwendig  sind.  Ich  möchte
glauben,  daß  der  Geber  von  Luft  und  Licht  diejenigen,  die  berufen  sind,
unter  ihnen  zu  verweilen,  in  ihnen  zu  arbeiten  und  sich  ihr  Lebtag  darin
zu  bewegen,  die  gerne  Luft  und  Licht  als  ihr  Eigen  betrachten  wollen,  auch
mit  einem  weiteren  Blick  und  einem  weiteren  Horizont  geschaffen  hat.  Ich
habe  das  Gefühl  und  Ich  hege  keinen  Zweifel,  daß  nicht  nur  die  Landwirte
speziell  dieser  Provinz,  sondern  Meines  gesamten  Reichs  die  Empfindung
haben  werden,  daß  nach  wie  vor  wir  zusammengehören,  wir  miteinander
arbeiten  und  miteinander  fühlen,  und  daß  stets  das  alte  Hohenzollernsche
Wort  „Suum  cuique“  auch  im  höchsten  Maße  auf  die  Landwirtschaft  in
        <pb n="190" />
        182  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  18.  —  31.)

Anwendung  zu  bringen  ist;  Ich  hege  die  Ueberzeugung,  daß  dieses  Wort
bei  Ihnen  fest  im  Herzen  sitzt  trotz  aller  Versuche,  wie  sie  von  verschiedenen
Seiten  her  zur  Erzielung  des  Gegenteils  bei  Ihnen  gemacht  werden.

Ich  erhebe  Mein  Glas  und  trinke  es  auf  das  Wohl  des  Kreises
Teltow  mit  dem  Wunsche,  daß  die  alte  märkische  Treue  und  die  guten  märkischen
  Eigenschaften  nach  wie  vor  sich  in  Ihnen  entwickeln  und  in  Ihren
Nachkommen  fortleben  werden  und  nach  wie  vor  werden  beibehalten  werden.

Der  Kreis  Teltow,  er  lebe  hoch!  hoch!  hoch!

Bald  darauf  nimmt  Seine  Majestät  noch  einmal  das  Wort
zu  folgender  Rede:

Meine  Herren,  Ich  habe  Ihnen  eine  Mitteilung  zu  machen,  die  vom
Reichskanzler  kommt.

Seiner  Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  melde  ich  unterthänigst,
  daß  der  Reichstag  soeben  die  Handelsverträge  mit  Oesterreich-Ungarn,
  Italien  und  Belgien  in  dritter  Lesung  bei  namentlicher  Abstimmung
  mit  243  gegen  48  Stimmen  angenommen  hat.

Meine  Herren!  Wir  verdanken  dieses  Ergebnis  der  Arbeit  des  Reichskanzlers
  v.  Caprivi.  Dieser  schlichte  preußische  General  hat  es  verstanden,
in  zwei  Jahren  sich  in  Themata  einzuarbeiten,  die  zu  beherrschen  selbst  für
den  Eingeweihten  außerordentlich  schwer  ist.

Mit  weitem  politischen  Blick  hat  er  es  verstanden,  im  richtigen  Augenblick
  unser  Vaterland  vor  schweren  Gefahren  zu  behüten.  Es  ist  selbstverständlich,
  daß  einzelne  Interessen  Opfer  bringen  müssen,  damit  das  Wohl
des  Ganzen  vorwärts  gebracht  werde;  Ich  glaube  aber,  daß  die  That,  die
durch  Einleitung  und  Abschluß  der  Handelsverträge  für  alle  Mit=  und  Nachwelt
  als  eines  der  bedeutendsten  geschichtlichen  Ereignisse  dastehen  wird,  geradezu
  eine  rettende  zu  nennen  ist.

Der  Reichstag  in  seiner  größten  Mehrheit  hat  gezeigt,  daß  er  den
weiten  politischen  Blick  dieses  Mannes  erkennt  und  sich  ihm  anschließt,  und
es  wird  dieser  Reichstag  sich  einen  Mark=  und  Denkstein  in  der  Geschichte
des  Deutschen  Reichs  damit  gesetzt  haben.

Trotz  Verdächtigungen  und  Schwierigkeiten,  die  dem  Reichskanzler
und  Meinen  Räten  von  den  verschiedensten  Seiten  gemacht  worden  sind,  ist
es  Uns  gelungen,  das  Vaterland  in  diese  neuen  Bahnen  einzulenken.

Ich  bin  überzeugt,  nicht  nur  unser  Vaterland,  sondern  Millionen
von  Unterthanen  der  anderen  Länder,  die  mit  uns  bei  dem  großen  Zollverband
  stehen,  werden  dereinst  diesen  Tag  segnen.

Ich  fordere  Sie  auf,  mit  Mir  das  Glas  zu  leeren  auf  das  Wohl
des  Herrn  Reichskanzlers:  Seine  Excellenz  der  General  der  Infanterie  von
Caprivi,  General  Graf  von  Caprivi,  er  lebe  hoch!  und  nochmals  hoch!  und
zum  drittenmal  hoch!

18.  Dezember.  Der  Kaiser  verleiht  dem  Reichskanzler  von
Caprivi  den  Grafentitel.

23.  Dezember.  (Dresden.)  Der  Kultusminister  und  Vorsitzende
  des  Staatsministeriums  Dr.  v.  Gerber  ##.6

23.  Dezember.  (Berlin.)  Ludwig  v.  Rönne  f.

24.  Dezember.  (Frankfurt  a.  M.)  Der  ultramontane  Publizist
  Professor  Janssen  f.
        <pb n="191" />
        II.
Die  Oesterreichisch-Ungarische  Monarchie.

1.  Januar.  (Pest.)  Graf  Ludwig  Tisza  begrüßt  den  Ministerpräsidenten
  Grafen  Szapary  im  Namen  der  liberalen
Partei.  Szapary  dankt  der  Partei  für  das  ihm  bewiesene  Vertrauen
  und  erklärt,  die  Regierung  halte  es  für  höchst  wünschenswert,
  daß  der  den  Interessen  beider  Teile  Rechnung  tragende  Handelsvertrag
  mit  Deutschland  zu  stande  komme,  welcher  die
Freundschaft  und  das  politische  Bündnis,  in  welchem  Ungarn  mit
Deutschland  lebe  und  in  Zukunft  leben  wolle,  nur  inniger  gestalten
werde.  (Lebhafte  Zustimmung.)  Der  gute  Wille  seitens  aller  Faktoren
  sei  ein  so  aufrichtiger,  daß  volle  Hoffnung  für  einen  befriedigenden
  Abschluß  des  Vertrages  vorhanden  sei.  Der  Vertrag
werde  als  Maßstab  für  die  mit  anderen  Ländern,  besonders  den
östlichen,  zu  schließenden  Verträgen  dienen.  —  Obgleich  namentlich
Serbien  und  Rumänien  in  der  Rohproduktion  gewissermaßen  Ungarns
  Konkurrenten  seien,  so  herrsche  doch  eine  derartige  Gegenseitigkeit
  der  Interessen  mit  denselben,  daß  es  nicht  auf  Ungarn
ankommen  werde,  auch  freundschaftliche  Handelsbeziehungen  mit
ihnen  zu  unterhalten.  —  Bezüglich  der  Kirchenpolitik  konstatiert
Szapary,  Ungarn  sei  der  religiösen  Intoleranz  abgeneigt  und  er
hoffe,  daß  trotz  der  Maulwurfsarbeit  subalterner  Organe  der  geschichtliche
  Patriotismus  des  hohen  Klerus,  wie  früher  in  viel  wichtigeren
  Fragen  einen  Ausweg  finden  werde,  und  daß  der  Friede
der  Konfessionen  auch  fortab  ungestört  bleibe.  —  Die  Regierung
halte  trotz  entgegengesetzter  Gerüchte  an  der  Verwaltungsreform
fest;  die  vorzubringenden  Vorlagen  wurden  auch  der  öffentlichen
Meinung  vollkommen  zugängig  sein.  Die  Regierung  sei  auf  einen
        <pb n="192" />
        184  Bie  Gesterreichisc-Augaristze  Monarchie.  (Januar  5.—21.)

harten  Kampf  vorbereitet,  hoffe  aber  mit  Unterstützung  der  Majorität
  der  Nation  aus  demselben  siegreich  hervorzugehen.

5.  Januar.  (Prag.)  In  der  Sitzung  des  Landtags  kommt
eine  Zuschrift  des  Statthalters  zur  Verlesung,  welche  den
vorjährigen  Beschluß  des  Landtags  in  der  Sprachenfrage  beantwortet.
  Auf  die  veröffentlichten  Sprachenverordnungen  hinweisend,
erklärt  die  Zuschrift,  die  Regierung  sei  noch  nicht  in  der  Lage,  dem
Landtag  darauf  bezügliche  Vorlagen  zu  unterbreiten,  werde  jedoch
nicht  unterlassen,  sofern  die  Durchführung  der  Beschlüsse  der  Wiener
Ausgleichskonferenz  zur  Aenderung  der  Gerichtsorganisation  in
Böhmen  führe,  das  Gutachten  des  Landtags  betreffs  der  Grundsätze
der  Gerichtsorganisation  einzuholen.  Betreffs  der  Revision  der
Sprachenverordnung  vom  Jahre  1880  könne  die  Regierung  eine
solche  Revision  im  Sinne  der  Wiener  Konferenzbeschlüsse,  an  denen
die  Regierung  in  allen  Punkten  festhalte,  erst  nach  der  Durchführung
  der  Aenderungen  in  den  Gerichtssprengeln  in  Erwägung
ziehen.  Bei  dieser  Revision  und  den  Aenderungen  der  Gerichtsorganisation
  werde  die  Regierung  die  Wünsche  des  Landtags  auf
das  eingehendste  würdigen,  unter  Wahrung  der  Einheit  des  Landes,
der  Gleichberechtigung  beider  Volksstämme,  der  berechtigten  Interessen
  der  Rechtsuchenden  und  der  Anforderungen  des  Dienstes.

10.  Januar.  (Pest.)  Die  Betriebsergebnisse  der  ungarischen
  Staatsbahnen  für  1890  find  sehr  günstige.  Die  effektiven
Reineinnahmen  der  Staatskasse  betragen  3,597,863  fl.  mehr,  als
veranschlagt  war,  und  3,016,580  fl.  mehr  als  im  Jahre  1889.

20.  Januar.  (Wien.)  Erzherzog  Franz  Ferdinand  tritt
eine  Reise  nach  St.  Petersburg  an.

20.  Januar.  (Prag:  Landtag.)  Die  Vorlage  über  den
Landeskulturrat  wird  in  der  dritten  Lesung  mit  153  gegen  53
Stimmen  angenommen.

21.  Januar.  (Prag.)  39  Altczechen  geben  im  böhmischen
Landtage  eine  Erklärung  ab.

Sie  knüpft  an  den  Beschluß  der  altczechischen  Abgeordneten  vom  26.
Januar  1890,  worin  diese,  geleitet  von  friedlichen  Intentionen,  den  ihnen
vorgelegten  Wiener  Ausgleichspunktationen  beigetreten  sind.  Sodann  verweist
  die  Erklärung  darauf,  daß  zur  Verwirklichung  des  wahren  Friedens
im  Lande  der  czechischen  Nationalität  jedenfalls  das  gleiche  Recht  werden
müsse,  wie  den  Deutschen.  Es  seien  jedoch  Thatsachen  vorgekommen,  welche
darauf  schließen  lassen,  daß  seitens  der  Regierung  wie  auch  der  Deutschen
den  Czechen  in  einer  nicht  friedlichen  Weise  begegnet  wird.  Daß  die  Deutschen
  die  Intentionen  der  Czechen  nicht  teilen,  beweise  der  Umstand,  daß  sie
ihre  Mitwirkung  an  der  Landesausstellung  versagt  haben,  obgleich  dieses
        <pb n="193" />
        Bie  Gesterreichisch-Augarische  Monarchie.  (Januar  22.—23.)  185

Unternehmen  dem  ganzen  Lande  ohne  Unterschied  der  Nationalität  gewidmet
erscheint  und  sich  des  Protektorats  des  Kaisers  erfreut.  Das  feindselige
Auftreten  der  Deutschen  während  der  letzten  Volkszählung  in  den  gemischt
sprachlichen  Bezirken  lasse  einen  weiteren  Schluß  auf  die  wenig  friedliche
Gefinnung  der  Deutschen  zu.  Der  Schluß  der  Erklärung  lautet:  „Alle  unterzeichneten
  Abgeordneten  erkennen  an,  daß  die  Reform  der  Wahlordnung,
welche  in  den  Wiener  Vereinbarungen  garantiert  ist  und  von  welcher  die
Regierung  mit  der  größten  Bestimmtheit  erklärt  hatte,  daß  sie  den  betreffenden
  Gesetzentwurf  ehestens  vorlegen  werde,  in  dringendem  und  innerem  Zusammenhang
  stehe  mit  dem  Gesetze  über  die  Errichtung  der  nationalen  Kurien
und  mit  dem  Gesetze,  betreffend  die  Teilung  des  Wahlkörpers  der  Besitzenden
des  nicht  fideikommissarischen  Großgrundbesitzes  in  mehrere  Wahlgruppen,
und  daß  die  Reform  der  Wahlordnung  früher  bekannt  sein  müsse.  damit  es
klar  werde,  daß  die  in  der  bisherigen  Wahlordnung  enthaltenen  Ungerechtigkeiten
  gegenüber  dem  böhmischen  Volke  gutgemacht  wurden.  Deshalb  erklären
  wir,  daß  unser  Bestreben  dahin  gehen  wird,  daß  dieser  unserer  Ueberzeugung
  von  dem  dringenden  Zusammenhang  der  oben  erwähnten  drei  Gesetze,
  welche  alle  zur  Verwirklichung  der  sogenannten  qualifizierten  Majorität
bedürfen,  zum  Durchbruche  geholfen  werde,  und  daß  wir  seinerzeit  bei  der
Landtagsverhandlung  Anträge  stellen  und  unterstützen  werden,  dahin  gehend,
daß  alle  drei  obengenannten  Gesetze  gleichzeitig  und  zugleich  ins  Leben
treten."“

Der  Abg.  v.  Plener  wies  die  Verdächtigungen  gegen  die  Deutschen
zurück  und  charakterisierte  die  Erklärung  der  Altczechen  als  einen  Worrbruch.
Welchen  Wert  könne  die  Regierung  auf  so  unzuverlässige  Verbündete  legen?
Die  Zerstörung  des  Ausgleichs  sei  nicht  das  Werk  der  Jungczechen,  sondern
die  Folge  des  Abfalls  der  Alteczechen.  Die  Deutschböhmen  würden  niemals
die  böhmische,  sondern  die  österreichische  Staatsbürgerschaft  in  die  erste  Linie
stellen,  die  deutsche  Sprache  müsse  die  erste  Sprache  des  Staats  sein.  Auf
der  Grundlage  des  böhmischen  Staatsrechts  sei  der  Friede  unmöglich.  Trotz
des  von  den  Deutschen  bewiesenen  Entgegenkommens  sehe  man  jetzt  nicht  die
Zeichen  des  Friedens,  sondern  diejenigen  des  Kampfes,  heraufbeschworen
durch  die  Czechen.

22.  Januar.  (Innsbruck:  Landtag.)  Dordi  beantragt
die  dringliche  Behandlung  der  Komiteeanträge  betreffs  der  Autonomie
  Süd-Tirols  noch  vor  den  Gegenständen  der  Tagesordnung.
  Das  Haus  spricht  sich  mit  großer  Majorität  für  die  Dringlichkeit
  aus,  worauf  der  Statthalter  im  Namen  des  Kaisers  den
Landtag  für  geschlossen  erklärt  und  den  Landeshauptmann  um  sofortige
  Invollzugsetzung  ersucht.  Die  Sitzung  wird  sodann  mit
einem  dreimaligen  Hoch  auf  den  Kaiser  geschlossen.

23.  Januar.  Kardinal  Simor  #.6

23.  Januar.  (Wien.)  Das  Haus  der  Abgeordneten  des
Reichsrats  wird  aufgelöst.  In  ihrem  nichtamtlichen  Teil  bemerkt
die  „Wiener  Zeitung“  dazu:

„Die  Kürze  der  bis  zum  gesetzlichen  Ende  der  Legislaturperiode  noch
erübrigenden  Frist,  vielfach  innerhalb  der  Parteien  sich  vollziehende  Veränderungen,

  die  hiedurch  bedingten  schwierigen  und  zweifelhaften  Majoritätsverhältnisse,
  sowie  die  Rücksichten  auf  die  Aufgaben  der  Zukunft  ließen  er-
        <pb n="194" />
        186  BSie  Gekerreichisch  Angerische  Monarhie.  (Februar  4.—8.)

kennen,  daß  der  Augenblick  gekommen  sei  für  die  Erneuerung  des  Abgeordnetenhauses
  und  die  Klärung  der  politischen  Lage  Oesterreich  bedarf
auch  in  Zukunft  eines  Parlamentes,  welches  österreichisch  denkt,  fühlt  und
handelt,  welches  die  Kraft  und  Würde  der  Monarchie  höher  stellt  als  Parteiinteressen.
  Die  Parlamentsmajorität  soll  den  staatlichen  Bedürfnissen  Genüge
  leisten  und  in  der  Lage  sein,  eine  kräftige,  legislative  Thätigkeit  zu
entfalten;  sie  soll  eine  feste  Schutzwehr  gegen  unpatriotische  und  extreme  Bestrebungen
  bilden;  sie  soll  die  Verfassung  des  Reiches,  sowie  die  verfassungsmäßig
  gewährleisteten  Rechte  der  Königreiche  und  Länder  wahren,  die  Individualität
  der  Völker  und  die  wichtigste  Grundlage  menschlicher  Gefittung,
religiöse  Ueberzeugung  achten  und  berücksichtigen.  Eine  Moajorität  soll  es
sein,  welche  die  Zeichen  der  Zeit  versteht,  denn  so  wie  unser  gesamtes  privates
  und  öffentliches  Leben  sich  gewissen  sozialen  Erscheinungen  gegenüber
nicht  gleichgültig  verhalten  darf,  so  muß  auch  die  gesetzgebende  Gewalt
innerhalb  ihres  Wirkungskreises  ihr  Verständnis  für  soziale  Fragen  bethätigen..
  Oesterreichs  Mannigfaltigkeit  in  Natur,  Verhältnissen  und
Volksinteressen  läßt  die  Eventualität  der  Bildung  und  des  Bestandes  großer,
völlig  homogener  Majoritäten  kaum  voraussetzen,  und  es  wird  immer  Aufgabe
  der  Negierung  Sr.  Majestät  sein,  die  Politik  des  Staates  unter  allen
Umständen  mit  Festigkeit  richtigen  Zielen  zuzuführen.  Wer  jedoch  unser
Vaterland,  seine  Geschichte  und  seine  innere  Entwicklung  kennt,  muß  zuversichtlich
  erwarten,  daß  infolge  der  bevorstehenden  Wahlen  stets  eine  aus  Politikern
  verschiedener  Parteirichtungen  bestehende  Majorität  vorhanden  sein
werde,  bereit,  den  Aufgaben  unfrer  Gesetzgebung  gerecht  zu  werden  und  in
diesem  Sinne  eine  Regierung  zu  unterstützen,  welcher  die  Mitwirkung  eines
jeden  gemäßigten,  patriotisch  Gesinnten  willkommen  sein  wird."

4.  Februar.  (Wien.)  Der  Finanzminister  Dunajewski
wird  auf  sein  eigenes  Ansuchen  aus  Gesundheitsrücksichten  unter
Anerkennung  der  mit  patriotischer  Aufopferung  namentlich  auf  dem
finanziellen  Gebiete  geleisteten  ausgezeichneten  Dienste  von  seinem
Posten  enthoben.  An  seiner  Stelle  wird  der  bisherige  Sektionschef
im  Justizministerium  Dr.  Emil  Steinbach  zum  Finanzminister
ernannt.

8.  Februar.  (Wien.)  Unter  dem  Vorsitze  des  Abg.  von
Plener  findet  eine  Parteikonferenz  der  Vereinigten  deutschen
Linken  statt,  an  welcher  fast  alle  Mitglieder  derselben  teilnehmen.
Sämtliche  Redner  betonen,  namens  der  verschiedenen  Parteigruppen
die  Notwendigkeit  der  Erhaltung  eines  einheitlichen  Parteiverbandes.
Die  Versammlung  genehmigt  einhellig  den  vom  Vorsitzenden  vorgelegten
  Wahlaufruf,  in  welchem  es  u.  a.  heißt:

„Das  nationale  Interesse  des  deutschen  Stammes,  sein  Anspruch  auf
die  ihm  gebührende  Stellung  im  öffentlichen  Leben  Oesterreichs  kann  nachdrücklich
  nur  dann  geltend  gemacht  werden,  wenn  deutsche  Abgeordnete  aus
allen  Ländern,  aus  allen  Schichten  der  Gesellschaft  in  einer  großen  achtunggebietenden
  Partei  vereinigt  sind..  Die  Deutschen  stehen  den  übrigen
Nationalitäten  nicht  feindselig  gegenüber,  sie  wollen  die  nationale  Entwicklung
  der  nichtdeutschen  Volksstämme  nicht  verkümmern,  sie  können  aber  gewisse
  Ansprüche,  welche  wesentlich  staatsrechtlichen  Charakter  haben  und  das
        <pb n="195" />
        Bie  Gesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (Febr.  12.—März  l.)  187

ganze  einheitliche  Gefüge  der  Staatsverwaltung  in  Frage  stellen,  nicht  zugeben,
  gerade  so,  wie  sie  auf  den  Schutz  ihrer  eigenen  Nationalität  im  Umfange
  des  ganzen  Reiches  mit  allem  Nachdrucke  bedacht  sein  müssen.  Sie
würden  aber  wünschen,  daß  diese  Streitfragen  nicht  immer  wieder  aufgeworfen
  werden  und  daß  zunächst  Raum  geschaffen  werde  für  gedeihliche
Reformen,  für  welche  ihnen  die  Mitwirkung  anderer  Gruppen  nur  willkommen
sein  würde.“  Nach  einer  Aufzählung  der  wichtigen  Aufgaben,  welche  des
neuen  Reichsrates  insbesondere  auf  wirtschaftlichem  und  sozialpolitischem
Gebiete  harren,  fährt  der  Aufruf  fort:  Wir  halten  fest  an  dem  Bündnis
mit  dem  Deutschen  Reiche  und  an  dessen  Tendenzen  europäischer  Gruppierung,
  mit  welchen  sich  die  innere  Politik  nicht  im  Widerspruch  befinden
kann.  Den  schwebenden  Verhandlungen  über  einen  Handelsvertrag  mit  dem
befreundeten  Nachbarreiche  wünschen  wir  einen  guten  Erfolg  und  würden  es
gerne  sehen,  wenn  auch  für  die  Handelsbeziehungen  zu  anderen  benachbarten
Ländern  eine  vertragsmäßige  Basis  gewonnen  würde..  Mit  Genugthuung
begrüßen  wir  das  erste  Anzeichen  einer  Wendung.  Wir  haben  unsere  Opposition
  nicht  aus  persönlichen  Motiven  und  den  Kampf  nicht  um  des  Kampfes
willen  geführt.  Zu  einer  dauernden  Besserung  der  Lage  wird  es  notwendig
sein,  die  unerläßliche  geänderte  Richtung  durch  Thatsachen  klarzustellen  und
zu  verbürgen.  Unter  diesen  Voraussetzungen  würden  wir  auch  unsere  Unterstützung
  einer  Regierung  nicht  versagen,  welche  den  österreichischen  Staatsgedanken
  voranstellen,  die  Verwaltung  von  nationalen  Parteieinflüssen  frei
halten,  der  berechtigten  Stellung  der  Deutschen  Rechnung  tragen  und  mit
entschiedenem  mannhaften  Auftreten  thatsächlich  eine  Führerin  des  öffentlichen
  Geistes  sein  würde.  Wir  würden  es  lebhaft  wünschen,  wenn  an  Stelle
verzehrender  Kämpfe  oder  dumpfer  Gleichgültigkeit  patriotische  Begeisterung
und  Freude  am  öffentlichen  Wirken  träte."“

12.  Februar.  (Pest.)  Die  Staatseinnahmen  im  Jahre  1890
betrugen  375  Millionen,  die  Ausgaben  342  Millionen,  es  ergab
sich  demnach  gegenüber  dem  präliminierten  Defizit  von  400,000
Gulden  ein  Ueberschuß  von  33  Millionen  Gulden.

23.  Februar.  Im  ungarischen  Abgeordnetenhause  spielt
sich  eine  Sturmszene  ab  bei  der  Debatte  über  die  Vorlage,  betreffend
die  gemeinsame  österreichisch-ungarische  Konsular-Gerichtsbarkeit,  der
sich  die  ungarischen  Chauvinisten,  auch  Graf  Apponyi  von  der  gemäßigten
  Opposition  widersetzen.

28.  Februar.  Beginn  der  österreichischen  Reichsratswahlen.

4.  März.  (Pest:  Abgeordnetenhaus.)  Der  Ministerpräsident
  Szapary  beantwortet  eine  Interpellation  betreffs  des  Aufenthaltes
  von  Nihilisten  in  Bulgarien  und  erklärt  offen  und  aufrichtig
  sprechen  zu  wollen.  Der  Thatbestand  sei  folgender:  Der
Minister  des  Auswärtigen  habe  erfahren,  daß  in  Bulgarien  sich
Nihilisten  aufhalten,  welche  gegen  Rußland  konspiriert  hätten.  Dieselben
  hätten  sich  bisher  meist  in  Frankreich  und  der  Schweiz  aufgehalten,
  sich  von  dort  infolge  strenger  Maßregeln  der  Regierungen
entfernt  und  nach  Bulgarien  begeben,  teils  in  Hoffnung  auf  eine
        <pb n="196" />
        188  Bie  Gesterreichistz-Auserische  Monarchie.  März  6.—Ende.)

geringere  Kontrolle,  teils  wegen  der  Nähe  Rußlands.  Der  Minister
  des  Auswärtigen  habe  den  österreichischen  Vertreter  in  Bulgarien
  angewiesen,  die  bulgarische  Regierung  auf  den  Aufenthalt
einer  großen  Anzahl  solcher  Individuen  aufmerksam  zu  machen,
von  denen  mehrere  Staatsanstellungen  besäßen,  was  die  Annahme
hervorrufen  könnte,  die  bulgarische  Regierung  unterstütze  diese  Umtriebe.
  Aehnliches  hätten  die  Geschäftsträger  Deutschlands  und
Italiens  erklärt.  Die  bulgarische  Regierung  habe  gedankt  und  entschieden
  dagegen  protestiert,  daß  sie  solche  Individuen  oder  deren
Umtriebe  unterstützen  wolle;  sie  wisse,  daß  solche  Individuen  pseudonym
  und  auf  Grund  gefälschter  Urkunden  Staatsanstellungen  erlangt
  hätten;  sie  verfolge  deren  Thätigkeit  aufmerksam;  denn  für
Bulgarien  könnte  ein  anderes  Verhalten  nachteilig  sein.  Dies  sei
der  Sachverhalt.  Da  ein  weiterer  Schritt  nicht  notwendig  geworden,
sei  auch  nichts  anderes  geschehen.  Der  Ministerpräsident  erklärt
dieses  Verfahren  nach  seiner  Ansicht  für  richtig,  worauf  die  Antwort
  von  dem  Hause  zur  Kenntnis  genommen  wird.

6.  März.  (Wien.)  Nach  dem  Ergebnis  der  ersten  Reichsratswahlen
  beschließen  die  Alttschechen,  für  die  Nachwahlen
ihre  Kandidaten  zurückzuziehen,  da  sich  gezeigt  habe,  daß  das  tschechische
  Volk  die  Politik  der  Jungtschechen  verlange.

7.  März.  (Budapest.)  In  der  Sitzung  der  Legislativen
wird  der  Gesetzentwurf  über  die  Verwaltungsreform,  die  Administration
  und  Selbstverwaltung  der  Komitate  vom  Ministerpräsidenten
  Grafen  Julius  Szapary  unterbreitet.  Stürmische  Eljenrufe
begrüßen  den  Ministerpräsidenten  bei  der  Vorlegung.

Ende  März.  Das  Ergebnis  der  Reichsratswahlen  wird
folgendermaßen  berechnet.  Deutsche  und  deutschfreundliche  Gruppen:
vereinigte  deutsche  Linke  110,  deutschnationale  Vereinigung  18,  Coronini
  und  deutsche  Mittelpartei  18,  deutsche  Konservative  (Lienbacher)
  2,  zusammen  148.  Hohenwartklub  26,  verschiedene  Klerikale
  24,  Mähren  bezügl.  Alttschechen  12,  Jungtschechen  36,  zusammen
  98.  Polen  56,  Rutenen  8,  Feudale  18,  Trentinoklub  7,
Bukowiner  5,  Antisemiten  13,  zusammen  107.

Eine  spätere  Aufstellung  gibt  folgende  Gruppierung:  die  vereinigte
  deutsche  Linke  108,  die  Deutsche  Nationalpartei  20,  der  Coroniniklub
  13,  der  Hohenwartklub  70,  der  Polenklub  55,  der  Ruthenenklub
  7,  der  Jungtschechische  Klub  35,  der  mährische  Tschechenklub
  10,  die  Freie  Vereinigung  für  wirtschaftliche  Reform  auf
        <pb n="197" />
        Die  Oesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (April  3.—g.)  189

christlicher  Grundlage  18  Mitglieder,  Wilde  16,  erledigte  Man—
date  4.

3.  April.  (Pairschub.)  18  neue  Herrenhausmitglieder  werden
  ernannt;  davon  werden  5—7  der  deutschliberalen  Richtung,  die
Mehrzahl  der  konservativen  zugerechnet.

7.  April.  Abg.  v.  Plener  erstattet  in  einer  Versammlung
der  Vereinigten  Linken  Bericht  über  seine  Verhandlungen  mit  der
Regierung.  Nach  diesem  Berichte  hätte  die  Linke  die  Bildung  einer
anfänglich  nicht  großen  Mehrheit,  bestehend  aus  der  Linken,  dem
liberalen  Zentrum  und  den  Polen,  in  Aussicht  genommen,  welcher
sich  bei  geschickter  Führung  leicht  einzelne  andere  Gruppen  des
Hauses  allmählich  hätten  anschließen  können.  Die  Regierung  hätte
aber  diesen  Vorschlag  abgelehnt,  zugleich  seien  die  Reste  der  alten
Mehrheit  in  eine  neue  Parteiorganisation  unter  der  Führung  des
Grafen  Hohenwart  zusammengefaßt  worden.  Ebenso  habe  der  Vertreter
  des  Polenklubs  erlärt,  auf  die  Vorschläge  der  Linken  nicht
eingehen  zu  können,  weil  der  Klub  nicht  in  der  Lage  sei,  seine  bisherigen
  Beziehungen  zu  dem  Grafen  Hohenwart  zu  lösen.  Andererseits
  habe  die  Linke  eine  politische  Verbindung  mit  dem  neuen
Hohenwartklub  für  unannehmbar  erklärt,  sich  jedoch  nach  Präzisierung
  ihres  Parteistandpunktes  bereit  gefunden,  mit  dem  Polenklub
wegen  der  parlamentarischen  Geschäftsbehandlung  in  Fühlung  zu
treten.  Plener  erklärte  schließlich,  die  Linke  werde  ihre  besten  Kräfte
für  wirtschaftliche,  finanzielle  und  soziale  Reformen  einsetzen,  und
bereit  sein,  mit  anderen  Gruppen  zusammenzuwirken,  ohne  jedoch
unnatürliche  politische  Allianzen  einzugehen.

8.  April.  Die  tschechischen  Abgeordneten  Mährens
konstituieren  sich  als  eigner  Klub  und  wählen  den  Abgeordneten
Meznik  zum  Obmann.  Der  Klub  faßt  einstimmig  den  Beschluß,
sich  als  Teil  der  Rechten  zu  betrachten  und  mit  dem  Hohenwartklub
  freundliche  Beziehungen  zu  unterhalten.

Der  Polenklub  beschließt,  auf  einem  alten  autonomistischen
Programm  fußend,  er  habe  keine  Ursache,  die  bisherige  Selbständigkeit
  aufzugeben;  er  spreche  dagegen  die  Geneigtheit  aus,  mit  den
Parteien  von  Fall  zu  Fall  in  Verbindung  zu  treten.

Die  deutsche  Nationalpartei  (bisher  deutschnationale  Vereinigung)
  beschließt,  in  nationalen  und  anderen  wichtigen  politischen
Fragen  ein  einheitliches  Vorgehen  mit  der  Vereinigten  Linken  anzubahnen.
        <pb n="198" />
        190  Vie  Oefterreithisch-Angarishe  Menarthie.  (April  11.

11.  April.  (Wien.)  Der  Kaiser  eröffnet  den  Reichsrat  mit
folgender  Thronrede:

„Zum  Beginne  des  neuen  Abschnittes  Ihrer  verfassungsmäßigen
Thätigkeit  habe  Ich  Sie  um  Meinen  Thron  versammelt.  Ich  entbiete  Ihnen
Meinen  kaiserlichen  Gruß  und  heiße  Sie  herzlich  willkommen.  Ich  hege
die  Hoffnung,  daß  die  bevorstehende  Session  sich  als  eine  Periode  erfolgreicher
  Arbeit  erweisen  werde,  und  erwarte  von  Ihrer  patriotischen  Hingebung,
  daß  Sie  die  Verwirklichung  dieser  Hoffnung  in  jeder  Weise  fördern
werden,  sowie  Ich  auch  Meine  Regierung  in  diesem  Sinne  beauftragt  habe.
Zur  Erreichung  dieses  Zieles  beizutragen  sind  Alle  berufen  und  willkommen,
deren  Ueberzeugung  es  ist,  daß  über  den  einzelnen  Parteien  die  Gesamtheit
von  Staat  und  Volk  stehe  und  daß  die  Sorge  für  diese  höchsten  Interessen
durch  Parteibestrebungen  niemals  beirrt  werden  dürfe.

Im  gegenwärtigen  Zeitpunkte  sind  infolge  der  raschen  Entwicklung
der  Verhältnisse  des  wirtschaftlichen  Lebens  die  Aufgaben,  welche  die  Sorge
für  die  Gesamtheit  uns  auferlegt,  besonders  zahlreich  und  dringend  geworden.
Daher  muß  sich  auch  die  Gesetzgebung  zunächst  mit  diesen  Aufgaben  beschäftigen,
  und  es  darf  erwartet  werden,  daß  vor  dieser  dringenden  Pflicht
jene  Wünsche,  welche  von  einzelnen  Parteien  gehegt  werden,  vorerst  zurücktreten.
  Nur  durch  eine  solche  patriotische  Selbstverleugnung  kann  es  gelingen,
  den  schwierigen  Anforderungen  der  Zeit  gerecht  zu  werden.  Sie
werden  sich  mit  Vorlagen  Meiner  Regierung  zu  beschäftigen  haben,  welche
die  Förderung  des  Einvernehmens  zwischen  den  Unternehmern  und  ihren
Arbeitern  und  die  möglichste  Ausgleichung  sozialer  Gegensätze  auf  diesem
Gebiete  bezwecken.  Die  Pflege  der  berechtigten  Interessen  des  Kleingewerbes
wird  auch  fernerhin  den  Gegenstand  der  wohlwollenden  Fürsorge  der  berufenen
  Faktoren  zu  bilden  haben,  und  Ich  hoffe,  daß  es  bei  der  erforderlichen
  selbstthätigen  Mitwirkung  des  Gewerbestandes  gelingen  werde,  die
wirtschaftliche  Lage  dieses  für  die  Gefellschaft  bedeutsamen  Berufszweiges
einer  gedeihlichen  Entwicklung  zuzuführen.  Eine  besondere  Vorlage  wird  der
Regelung  des  Baugewerbes  gewidmet  sein.  Die  wohlthätigen  Wirkungen,
welche  das  erst  seit  kurzem  in  Geltung  stehende  Gesetz  betreffend  die  Unfallversicherung
  der  Arbeiter  geäußert  hat,  machen  es  wünschenswert,  dieses
Gesetz  auch  auf  weitere  Kreise  auszudehnen.  Eine  Vorlage  wird  vorbereitet,
um  die  genossenschaftliche  Organisation  der  landwirtschaftlichen  Berufe  zu
fördern  und  dadurch  einen  weiteren  Schritt  zur  Festigung  der  Verhältnisse
dieses  so  wichtigen  und  zahlreichen  Teiles  der  Bevölkerung  zu  thun.  Der
Meliorationsfonds  vermag  nicht  mehr  den  zahlreichen  Anforderungen  zu  genügen,
  welche  aus  allen  Meinen  Königreichen  und  Ländern  auf  dem  Gebiete
der  Flußregulierungen  und  Wildbachverbauungen  an  denselben  gestellt  werden,
es  wird  daher  die  Vermehrung  der  Jahresdotation  dieses  Fonds,  dessen  Höhe
mit  der  notwendigen  Rücksichtnahme  auf  den  Stand  der  Staatsfinanzen  zu
bemessen  sein  wird,  eintreten  müssen.  In  Berücksichtigung  der  von  mehreren
Landtagen  geäußerten  Wünsche  und  in  Würdigung  der  gewichtigen  hiefür
sprechenden  Gründe  befaßt  sich  Meine  Regierung  mit  der  Vorbereitung  eines
die  obligatorische  Feuerversicherung  von  Immobilien  bezweckenden  Gesetzentwurfes.
  Weitere  in  Vorbereitung  sich  befindende  Gesetzentwürfe  verfolgen
die  Zwecke,  den  berechtigten  Klagen  über  die  zunehmende  Verfälschung  der
Lebensmittel  abzuhelfen  und  der  Trunksucht  entgegenzuwirken.

Nach  langjährigen  Bemühungen  ist  es  gelungen,  das  Gleichgewicht
im  Staatshaushalte  zu  erreichen;  diese  wertvolle  Errungenschaft  zu  erhalten
und  zu  sichern,  ist  ebenso  sehr  Ihre  als  auch  die  Aufgabe  Meiner  Regierung.
  Nunmehr  ist  auch  der  Zeitpunkt  gekommen,  in  welchem  die  Reform
        <pb n="199" />
        Bie  Gesterreichisch-Augsarische  Monarchie.  (April  11.)  191

der  direkten  Besteuerung  wieder  in  Angriff  genommen  und  auf  diesem  Wege
dem  allgemeinen  Wunsche  nach  einer  möglichst  gerechten  Verteilung  der  Lasten
entsprochen  werden  kann.

Besondere  Sorgfalt  werden  Sie,  geehrte  Herren,  der  Pflege  des  Verkehrswesens
  zuzuwenden  haben.  Sowohl  das  Lloydunternehmen  als  auch  die
Donaudampfschiffahrtsgesellschaft  werden  Ihre  Aufmerksamkeit  und  Fürsorge
in  Anspruch  nehmen.  Die  bezüglich  mehrerer  Privatbahnen  nähergerückten
Termine  der  Einlösbarkeit  durch  den  Staat  werden  Meine  Regierung  veranlassen,
  den  successiven  Fortgang  der  Eisenbahnverstaatlichung  in  eingehende
Erwägung  zu  ziehen  und  Ihnen  nach  reiflicher  Prüfung  jedes  einzelnen
Falles  in  verkehrspolitischer  und  finanzieller  Hinsicht  die  geeigneten  Anträge
zu  stellen;  auch  über  die  fernere  Beteiligung  des  Staates  an  der  Ergänzung
des  Bahnnetzes  und  behufs  Förderung  des  Baues  von  Lokalbahnen  werden
Ihnen  entsprechende  Vorlagen  zugehen,  endlich  wird  das  zu  Bern  unterzeichnete
  Uebereinkommen  über  internationalen  Eisenbahnfrachtverkehr,  welches
auch  auf  die  Gestaltung  des  internen  Betriebsreglements  von  weittragendem
Einflusse  sein  wird,  Ihnen  zur  verfassungsmäßigen  Behandlung  vorgelegt
werden.  Der  hohen  Bedeutung  bewußt,  welche  die  Eisenbahntarife  für  die
gesamte  landwirtschaftliche  und  gewerbliche  Produktion  gleichwie  für  den
Handel  besitzen,  steht  Meine  Regierung  im  Begriff,  der  Reform  des  Personentarifs
  eine  solche  des  Gütertarifes  auf  den  Staatsbahnen  nachfolgen  zu  lassen,
welche  den  Bedürfnissen  der  Bevölkerung  in  weitgehendem  Maße  entgegenkommen
  und  auch  auf  die  Privatbahnen  nicht  ohne  Einfluß  bleiben  wird.

Meine  Regierung  ist  angelegentlich  bemüht,  die  handelspolitischen
Beziehungen  zu  den  auswärtigen  Staaten,  sofern  es  als  notwendig  oder
wünschenswert  erscheint,  einer  neuerlichen  Regelung  zuzuführen.  Es  wird
dabei  angestrebt,  daß  diese  Vereinbarungen  möglichst  gleichzeitig  und  für
längere  Zeit  erfolgen.  Auf  diese  Weise  sollen  stabile  Verhältnisse  geschaffen
werden,  unter  deren  Herrschaft  Industrie  und  Landwirtschaft  gedeihliche
Existenzbedingungen  finden.  Unausgesetzte  Fürsorge  wird  Meine  Regierung
dem  öffentlichen  Unterrichte  auf  allen  seinen  Gebieten  zuwenden;  insbesondere
sind  es  die  rechts=  und  staatswissenschaftlichen  Studien,  deren  Reform  sich
als  notwendig  erwiesen  hat;  ebenso  bedürfen  die  Bestimmungen  über  die
medizinischen  Studien  der  Abänderung.  Die  Universität  Lemberg  soll  durch
Aktivierung  einer  medizinischen  Fakultät  eine  entsprechende  Ausgestaltung
erfahren;  Meine  Regierung  wird  es  sich  angelegen  sein  lassen,  die  zu  diesem
Zweck  notwendigen  Verhandlungen  möglichst  bald  zum  Abschlusse  zu  bringen.
In  der  Justizgesetzgebung  sind  nicht  bloß  die  Kodifikationen  auf  dem  Gebiete
des  materiellen  Strafrechtes  und  des  Verfahrens  vor  den  Civilgerichten  neuerlich
  in  Angriff  zu  nehmen,  auch  im  Strafprozeßrechte  läßt  die  Erfahrung
manche  Aenderung  als  wünschenswert  erscheinen,  und  neben  diesen  großen
Gesetzgebungsarbeiten  kommt  noch  in  Betracht,  daß  vornehmlich  die  Justizgesetzgebung
  sich  gegenüber  den  Erfordernissen  des  wirtschaftlichen  Lebens
nicht  abschließen  kann,  daß  sie  einerseits  Hindernisse  einer  wohlthätigen  Entwicklung
  zu  beseitigen,  andrerseits  aber  auch  schädlichen  Ausschreitungen  des
Eigennutzes  mit  Ernst  und  Strenge  entgegenzutreten  hat.  Die  Vereinigung
Meiner  Haupt=  und  Residenzstadt  Wien  mit  den  Vororten  hat  Mich  mit
lebhafter  Befriedigung  erfüllt,  und  Ich  erhoffe  von  derselben  wesentliche
Vorteile  für  alle  Teile  des  vergrößerten  Wien;  die  Arbeiten  zur  Durchführung
  dieser  Vereinigung  sind  in  vollem  Zuge.  Auch  Ihre  Mitwirkung
wird  betreffs  mehrerer  hieher  gehöriger  Gesetzentwürfe  in  Anspruch  genommen
werden.  Der  Frage  der  Wiener  Stadtbahn  wird  die  eingehendste  Aufmerksamkeit
  zugewendet  und  ihre  Verwirklichung  bildet  den  Gegenstand  besonderer
Fürsorge  Meiner  Regierung.
        <pb n="200" />
        192  dDie  Oeferreitish-Angarishe  Monarthie.  (April  15.  —  Mai  8.)

Geehrte  Herren  von  beiden  Häusern  des  Reichsrates!  Wunsch  und
Bedürfnis  nach  fruchtbarer  Arbeit  erfüullen  nicht  uns  allein,  in  allen  europäischen
  Staaten  gibt  sich  das  Verlangen  nach  friedlichem  Nebeneinanderleben
kund,  von  allen  Regierungen  kommen  uns  Versicherungen  zu,  welche  die  Erhaltung
  des  Friedens  als  wesentlichste  Aufgabe  ihrer  Bemühungen  bezeichnen.
Dies,  wie  die  freundschaftlichen  Beziehungen,  in  welchen  wir  zu  allen  Mächten
stehen,  berechtigt  Mich,  die  Hoffnung  auszusprechen,  daß  die  Reihe  der  Friedensjahre,
  deren  sich  die  Monarchie  bieher  zu  erfreuen  hatte,  fortdauern  und
es  Ihnen  vergönnt  sein  werde,  sich  den  Ihrer  harrenden  Arbeiten  ungestört
widmen  zu  können.

Meine  Regierung  bereitet  die  entsprechenden  Gesetzentwürfe  vor  und
wird  nach  Maßgabe  ihrer  Fertigstellung  Ihnen  dieselben  zur  weiteren  Behandlung
  übergeben;  von  Ihnen  erwarte  Ich  eine  sorgfältige  und  sachliche
Prüfung  der  Vorschläge  Meiner  Regierung  und  bin  davon  überzeugt,  daß
bei  ruhiger,  von  Voreingenommenheit  freier,  auch  den  Standpunkt  eines
Parteigegners  achtender  Beratung  es  moglich  sein  werde,  die  bestehenden
Gegensätze  zu  mildern  und  einen  gemeinsamen  Boden  für  eine  heilbringende
Thätigkeit  zu  finden.  Die  Befolgung  solcher  Grundsätze  hat  in  einer  Angelegenheit
  des  landtäglichen  Wirkungszkreises  in  jüngster  Zeit  die  Erreichung
befriedigender  Resultate  angebahnt,  deren  Ausgestaltung  und  Verwirklichung
auch  in  Zukunft  den  Gegenstand  des  unentwegten  Strebens  Meiner  Regierung
  bilden  wird.  Durch  ausdauernde  und  pflichttreue  Arbeit,  wie  Ich  sie
von  Ihnen  erwarte,  gewinnen  die  bestehenden  verfassungsmäßigen  Einrichtungen
  erst  ihren  vollen  Wert.  In  dieser  Weise  kann  Einheit  und  Macht
des  Staates  gewahrt  und  den  mannichfaltigen  Verhältnissen  Meiner  Königreiche
  und  Länder,  sowie  den  verschiedenen  Interessen  ihrer  Bewohner  Rechnung
  getragen  werden;  auf  diesem  Wege  wird  das  sittliche,  geistige  und
wirtschaftliche  Wohl  Meiner  treuen  Völker,  welche  Meinem  Herzen  Alle
gleich  nahe  stehen,  unter  Wahrung  ihrer  verfassungsmäßig  gewährleisteten
Gleichberechtigung  am  wirksamsten  gefördert.  Möge  Gott  der  Allmächtige
zu  dem  verantwortlichen  Werke  seinen  Segen  verleihen!"“

15.  April.  Nachdem  im  dritten  Wahlkörper  zum  Gemeinderat
  33  Antisemiten  und  13  Liberale,  im  zweiten  39  Liberale  und
7  Antisemiten,  im  ersten  44  Liberale  und  2  Antisemiten  gewählt
wurden,  besteht  der  Gemeinderat  im  ganzen  aus  96  Liberalen  und
42  Antisemiten.

16.  April.  (Wien.)  Im  Reichsrat  findet  die  Wahl  des
Präsidiums  statt,  Smolka  wird  mit  301  von  306  Stimmen  zum
Präsidenten  wiedergewählt.

3.  Mai.  (Wien.)  Letzte  Sitzung  der  Delegierten  zu  den
deutsch-österreichischen  Handelsvertragsverhandlungen.

8.  Mai.  (Wien.)  Die  Regierung  vereinbart  mit  den  Führern
  der  großen  Parteien,  von  einer  Adresse  als  Antwort  auf  die
Thronrede  abzusehen,  da  sich  für  keine  der  vorgelegten  Adressen
eine  ausreichende  Majorität  findet,  und  statt  dessen  eine  einfache
Loyalitäts-Kundgebung  zu  substituieren.  Präsident  Dr.  Smolka
stellt  demgemäß  im  Abgeordnetenhause  einen  dringlichen  Antrag,
der  ohne  Debatte  einstimmig  angenommen  wird.
        <pb n="201" />
        DHie  Gesterreichisch-Augerische  Moenarchie.  (Mai  8.—25.)  193

Im  Herrenhaus  haben  sich  die  Parteien  zu  einer  die  Thronrede
  acceptierenden  Adresse  schon  vorher  vereinigt.

Die  Jungtschechen  hatten  einen  Adreß-Entwurf  folgenden
Inhalts:

Die  bisherige  Behandlung  der  nationalen  Fragen  könne  nicht  zum.
Ziele  führen.  Die  Verständigung  mit  den  Deutschen  sei  nur  auf  dem  Boden
völliger  Gleichberechtigung  möglich.  Unter  Betonung  der  tiefen  staatsrechtlichen
  Ueberzeugung  der  tschechischen  Nation  wird  die  Lösung  der  nationalen
Frage  auf  Grundlage  selbständiger  freier  Entwickelung  der  einzelnen  Reichsteile
  gefordert.  Was  für  Wien  geschehe,  müsse  auch  für  Prag  und  andere
Hauptstädte  der  Kronländer  geschehen.  Ferner  wird  verlangt:  Allgemeines
Stimmrecht,  Aenderung  der  Wahlordnung  zu  Gunsten  der  Tschechen,  namentlich
  in  Mähren,  Schlesien;  Gleichberechtigung  der  Konfessionen  und  Nationalitäten,
  der  wirtschaftlichen  Klassen,  besonders  der  arbeitenden  Klassen,
Dezentralisierung  der  Eisenbahnen,  Herabminderung  der  Militärlasten,  Kräftigung
  des  Einflusses  der  Bedeutung  der  Landtage.

8.  Mai.  (Wien.)  Graf  Taaffe  und  sämtliche  Minister
drücken  dem  Präsidenten  Smolka  den  Dank  der  Gesamtregierung
für  die  Kundgebung  aus.

15.  Mai.  (Prag.)  Eröffnung  der  Landesausstellung
durch  Erzherzog  Karl  Ludwig,  als  Vertreter  des  Kaisers,  Protektor
der  Ausstellung.

Auf  die  in  böhmischer  Sprache  begonnene,  in  deutscher  Sprache  fortgesetzte
  Ansprache  des  Oberst-Landmarschalls  Fürsten  Lobkowitz  bezeichnete
der  Erzherzog  in  seiner  Erwiderung  den  Gedanken  der  Ausstellung  als  einen
glücklichen,  weil  die  letztere  die  geistigen  und  wirtschaftlichen  Fortschritte  des
abgelaufenen  Jahrhunderts  darlege.  Aus  diesem  Grunde  habe  auch  der
Kaiser  diesem  Gedanken  das  regste  Interesse  zugewendet  und  das  Protektorat
über  die  Ausstellung  übernommen,  welche  er  persönlich  in  Augenschein  nehmen
werde.  Wie  die  Ausstellung  dem  Lande  zur  Ehre  gereiche,  so  möge  sie  auch
zur  Hebung  der  allgemeinen  Wohlfahrt  beitragen.  Der  Erzherzog  erklärte
hierauf  in  beiden  Landessprachen  die  Ausstellung  für  eröffnet.

22.  Mai.  (Prag.)  Eine  Deputation  französischer  Studenten
wird  von  der  tschechischen  Bevölkerung,  welche  sich  massenhaft  am
Bahnhof  angesammelt  hatte,  mit  den  stürmischen  Rufen  „Vive  la
France“  empfangen  und  durch  eine  tschechische  und  französische  Ansprache
  begrüßt.  Die  Redner  betonen,  daß  die  Tschechen  und  Franzosen
  einen  gemeinsamen  Feind,  den  Germanismus,  zu  bekämpfen
hätten  und  deshalb  fest  zu  einander  halten  müßten.  Die  Polizei
zerstreut  schließlich  die  Demonstranten.

25.  Mai.  (Wien.)  In  der  Plenarsitzung  des  Welt-Post-Kongresses
  erklären  die  Vertreter  von  Neu-Südwales,  Viktoria,
OQueensland,  West-Australien,  Süd-Australien,  Tasmanien  und
Neuseeland,  daß  ihre  Staaten  zum  1.  Oktober  d.  J.  dem  Weltpostverein
  beitreten.

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXxII.  13
        <pb n="202" />
        194  JZie  Gesterreichistz-Augarische  Monarchie.  (Mai  27.——-Juni  11.)

27.  Mai.  Graf  Taaffe  erklärt  im  Budgetausschusse  einer
abfälligen  Kritik  des  böhmischen  Ausgleiches  durch  den  Jungtschechen
  Herold  gegenüber,  „daß  die  Regierung  an  den  Wiener
Punktationen  festhalte  und  trachten  werde,  dieselben  vollständig  zur
Durchführung  zu  bringen.  Sie  müsse  auch  an  der  deutschen  Amtssprache
  festhalten,  indem  nur  dadurch  überhaupt  eine  entsprechende
einheitliche  Administration  möglich  sei.“

7.  Juni.  (Wien.)  Unterzeichnung  des  Vertrages,  gemäß
dessen  sämtliche  ungarische  Linien  der  österreichisch-ungarischen
Staatseisenbahn-Gesellschaft  in  der  Länge  von  1556  Kilometern
  an  den  ungarischen  Staat  abgetreten  werden.  Für  diese
Linien  samt  den  Fahrbetriebsmitteln  zahlt  der  Staat  der  Gesellschaft
  eine  jährliche  Nettorente  von  9,600,000  Gulden  in  Noten.

8.  Juni.  (Wien.)  In  der  Sitzung  des  Budgetausschusses
wird  der  Dispositionsfonds  mit  allen  gegen  3  Stimmen  (zwei
Jungtschechen,  ein  Deutschnationaler)  bewilligt.

8.  Juni.  (Wien.)  Verordnung  des  Gesamtministeriums,
wodurch  die  für  den  Gerichtssprengel  Wien,  Korneuburg  und  Wiener-Neustadt
  im  Jahre  1884  getroffenen  Ausnahmsverfügungen
teilweise  aufgehoben  werden.

9.  Juni.  Dem  Abgeordnetenhause  wird  der  Entwurf  eines
Anarchisten-Gesetzes  vorgelegt.

10.  Juni.  (Wien:  Abgeordnetenhaus.)  Im  Spezialausschuß
  für  Ausnahmeverordnungen  erklärt  Graf  Taaffe,
die  Regierung  habe  nunmehr  die  Aufhebung  der  Ausnahmeverordnungen
  für  möglich  befunden,  halte  jedoch  einen  stufenweisen  Uebergang
  für  empfehlenswert.  Deshalb  habe  sie  die  vorläufige  Aufrechterhaltung
  der  Ausweisungen  beschlossen,  um  die  beunruhigenden
Elemente  noch  einige  Zeit  fernzuhalten.  Der  Ausschuß  nahm  einen
Antrag  des  Referenten  Freiherrn  v.  Sommaruga  an,  wonach  das
Haus  infolge  der  bereits  stattgehabten  teilweisen  Aufhebung  der
Ausnahmeverordnung  die  Erwartung  ausspricht,  daß  auch  der  noch
aufrecht  erhaltene  Teil  derselben  sobald  als  thunlich  aufgehoben
werde.

11.  Juni.  (Wien.)  In  der  Sitzung  des  Budgetausschusses
legte  der  Generalberichterstatter  Dr.  Bilinski  die  Hauptziffern  des
Budgets  vor,  wie  sich  dieselben  nach  den  Beschlüssen  des  Ausschusses
ergeben.

In  dem  von  der  Regierung  vorgelegten  Staatsvoranschlage  waren  die
gesamten  Einnahmen  mit  566,759,572  fl.,  die  Ausgaben  mit  564,473,948  fl.
        <pb n="203" />
        Bie  Gesterreichisch-Augarische  Monarchie.  (Juni  16.—22.)  195

präliminiert,  so  daß  sich  ein  Ueberschuß  von  2,285,624  fl.  ergab.  Nachdem
der  Budgetausschuß  bei  einigen  Einnahmsposten  nicht  unerhebliche  Mehreinstellungen
  vorgenommen  hat,  so  stellen  sich  nunmehr  die  Hauptziffern  des
Budgets  pro  1891  wie  folgt  dar:  Gesamteinnahmen  568,375,521  fl.,  Gesamtausgaben
  564,576,997  fl.,  sonach  resultiert  ein  Ueberschuß  von  3,798,524  fl.
Hierauf  genehmigte  der  Ausschuß  nach  kurzer  Debatte  das  Finanzgesetz,  in
welchem  das  Goldagio  mit  18  Prozent  festgesetzt  wurde,  und  den  Bericht
des  Generalberichterstatters,  welcher  das  vorliegende  Budget  als  das  günstigste
seit  1871  und  wohl  seit  Beginn  der  konstitutionellen  Aera  bezeichnet;  denn
wenn  man  zu  dem  vorerwähnten  Ueberschusse  auch  noch  die  4  Millionen
Gulden  rechne,  welche  aus  den  laufenden  Einnahmen  des  Jahres  1891  zur
teilweisen  Bestreitung  der  mit  10,9  Millionen  Gulden  bemessenen  Ausgaben
für  Schuldentilgung  verwendet  werden  sollen,  so  ergebe  sich  ein  Gesamtüberschuß
  von  7,798  Millionen  Gulden.

16.  Juni.  (Wien.)  Dem  Abgeordnetenhause  wird  ein  Gesetzentwurf
  zur  Förderung  des  Einvernehmens  zwischen  Arbeitgebern
  und  Arbeitern  vorgelegt.

17.  Juni.  (Wien.)  Bei  der  Budgetdebatte  im  Abgeordnetenhause
  hält  Graf  Taaffe  eine  programmatische  Rede,  in  der  es

heißt:

„Seit  den  Neuwahlen  stehen  wir  alle  vor  einer  neuen  parlamentarischen
  Situation,  die  eine  neue  Parteigliederung  zur  Folge  hatte.  Wir  befinden
  uns  in  einer  parlamentarischen  Phase,  deren  Entwicklung  von  der
Mäßigung,  politischen  Umsicht  und  Klugheit  der  in  Frage  kommenden  Parteien
  abhängt.  Die  allerhöchste  Thronrede  hat  auch  dieser  neuen  Situation
Ausdruck  gegeben.  Dem  Geiste  der  allerhöchsten  Thronrede  gemäß  sollen  sich
die  Verhandlungen  im  hohen  Hause  ruhig  und  allmählich  im  Interesse  eines
gedeihlichen  Fortschrittes  des  legislativen  Geschäftsganges  entwickeln  und
dadurch  die  Bürgschaft  und  Gewähr  einer  längeren  Dauer  heilsamen  Kontaktes
  auf  dem  Boden  sachlicher  Thätigkeit  geschaffen  werden.  Ich  spreche
daher  meine  aufrichtige  Befriedigung  aus,  daß  die  gemäßigten  Parteien  dem
an  alle  einsichtsvollen  und  patriotischen  Elemente  gerichteten  Appell  der  allerhöchsten
  Thronrede  Folge  zu  leisten  bereit  sind,  daß  sie  vorerst  wichtige
Punkte  ihrer  Parteiprogramme  im  Interesse  der  Allgemeinheit  mit  anerkennenswerter
  Selbstbeschränkung  zurückstellen,  sich  mit  der  Regierung  zu  gemeinsamer,
  von  allen  politischen  Gegensätzen  möglichst  absehender  Arbeit  vereinen
  und  dadurch  den  allerhöchsten  Wünschen  entsprechen  wollen.  Mit  besonderer
  Befriedigung  muß  ich  aber  hervorheben,  daß  eine  große  Partei,
welche  zahlreiche  deutsche  Wählerschaften  vertritt  und  bisher  abseits  stand,
dem  Appell  der  allerhöchsten  Thronrede  folgend,  sich  wieder  aktiv  an  den
parlamentarischen  Arbeiten  beteiligt.  Ich  knüpfe  daran  die  Versicherung,
daß  der  Regierung  die  weitere  Mitwirkung  dieser  Partei  bei  Durchführung
des  in  der  “  1  Thronrede  angekündigten  Arbeitsprogrammes  in
hohem  Grade  erwünscht  erscheint.  Ich  bin  überzeugt,  daß  die  thätige  Mitarbeiterschaft
  einer  Partei,  welche  in  ihrer  Mitte  so  ausgezeichnete  Fachmänner
  und  Kapazitäten  zählt,  die  Erledigung  der  wichtigsten  Geschäfte  des
Hauses  sicherlich  fördern  wird.“

22.  Juni.  (Wien:  Abgeordnetenhaus.)  Bei  der  Beratung
  des  Budgets  erklärt  der  Jungtscheche  Herold,  die  Tschechen

wünschten  die  Vereinigung  aller  slavischen  Stämme  des  Reiches.
13“
        <pb n="204" />
        196  Bie  Gesterreichisg-Augarische  Monertzie.  Juni  23.—24.)

Er  bezeichnet  den  Panslavismus  als  eine  Unmöglichkeit  und  ein  von
den  Deutschen  geschaffenes  Phantom  zur  Bekämpfung  der  Slaven.

23.  Juni.  Der  Kaiser  wird  in  Fiume  von  dem  englischen
Geschwader  begrüßt.

24.  Juni.  Die  Verstaatlichung  der  ungarischen  Staatsbahn
  wird  vom  ungarischen  Abgeordnetenhause  mit  großer  Majorität
  angenommen.

24.  Juni.  (Wien:  Abgeordnetenhaus.)  In  der  Einzelberatung
  über  das  Budget  befürwortet  der  Jungtscheche  Vasaty
die  Anlehnung  an  Rußland  und  spricht  sich  gegen  die  Erneuerung
des  Dreibunds  aus.  Am  Balkan  habe  Oesterreich  keine  politischen
Interessen.  (Allgemeiner  Widerspruch.)  Lueger  zieht  sich  durch
leidenschaftliche  Angriffe  auf  Ungarn  und  die  dualistische  Grundlage
der  Monarchie  einen  Ordnungsruf  zu.  Lueger  beantragt  schließlich
eine  Resolution,  die  Regierung  aufzufordern,  die  österreichischen
Interessen  gegen  das  Vordrängen  Ungarns  zu  schützen.  Der  Ministerpräsident
  Graf  Taaffe  erklärt,  die  diplomatischen  Ansichten
  Vasatys  seien  wohl  nur  persönliche  Anschauungen;  er  würde
nicht  geantwortet  haben,  wenn  nicht  Lueger  die  staatsrechtliche  Grundlage
  der  Monarchie  und  die  befreundete  ungarische  Regierung  angegriffen
  hätte.  Die  österreichische  wie  die  ungarische  Regierung
dienen  einem  Kaiser  und  König.  (Beifall.)  Die  Austragung  gelegentlicher
  Interessendifferenzen  erfolgte  stets  in  beiderseits  befriedigender
  Weise.  Aus  der  Rede  Luegers  sei  er  (Taaffe)  einzig  mit
dem  Satze  einverstanden,  daß  Oesterreich  gerüstet  sein  müsse,  um
als  Bundesgenosse  geschätzt,  als  Gegner  gefürchtet  zu  werden.  (Lebhafter
  Beifall.)  Sueß  verteidigt  das  Bündnis  mit  Deutschland
und  Italien  und  dankt  dem  italienischen  Ministerpräsidenten  di
Rudini  für  dessen  schöne  Worte  über  Andreas  Hofer.  Oesterreich
biete  Italien  gern  und  loyal  die  Hand.  (Lebhafter  Beifall  und
Händeklatschen.)  Der  Jungtscheche  Tilscher  erklärte,  Vasaty  habe
ausschließlich  in  seinem  eigenen  Namen  gesprochen;  die  Anschauungen
der  Partei  habe  der  Abg.  Herold  dargelegt.  Demel  protestiert
gegen  die  Zuweisung  der  dem  Dualismus  feindlichen  Resolution
Luegers  an  den  Budgetausschuß  und  verlangt  Uebergang  zur  Tagesordnung.
  Lueger  erhebt  hiergegen  leidenschaftlichen  Widerspruch,
spricht  von  parlamentarischem  Standrecht  und  droht  mit  dem  Standrecht
  der  Wähler.  Bei  der  Abstimmung  wird  die  Resolution
Lueger  mit  allen  gegen  6  Stimmen  abgelehnt.
        <pb n="205" />
        Die  Oesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (Juni  26.  —  August  6.)  197

26.  Juni.  Der  Jungtschechenklub  spricht  Vasaty  ein—
stimmig  seine  Mißbilligung  aus  wegen  seiner  neulichen  Ausfälle
gegen  den  Dreibund.

4.  Juli.  Schlußsitzung  des  Weltpostkongresses  in  Wien.

4.  Juli.  (Pest.)  Tod  des  Kardinal-Erzbischofs  von  Kalorsa,
Dr.  Ludwig  Haynald.

15.  Juli.  Fürst  Ferdinand  von  Bulgarien  reist  nach
Gastein,  wo  sich  Kaiser  Franz  Joseph  befindet.

18.  Juli.  (Pest.)  Die  Regierung  bringt  im  Abgeordnetenhause
  einen  Gesetzentwurf  ein,  wonach  in  bestimmten  Fällen  die
Gerichtsbarkeit  über  die  Gültigkeit  von  Wahlen  der  Reichstagsabgeordneten
  für  acht  Jahre  von  dem  Inkrafttreten  des  Gesetzes
an  der  königlichen  Kurie,  nach  Ablauf  dieser  Zeit  ausschließlich
dem  Abgeordnetenhause  zustehen  soll.  Der  Gesetzentwurf  enthält
Modifikationen  und  Ergänzungen  des  gegenwärtigen  Wahlgesetzes.

30.  Juli.  (Pest.)  Nachdem  infolge  der  Obstruktionstaktik
der  Opposition  die  Debatte  über  den  §  1  der  Verwaltungsreform
  zwei  Monate  gewährt  und  der  Ministerpräsident  Graf
Szapary  vergeblich  gedroht  hat,  den  Reichstag  ein  Jahr  lang  ununterbrochen
  tagen  zu  lassen,  bietet  die  Regierung  der  Opposition
einen  Kompromiß  an  des  Inhalts,  die  letztere  möge  die  Durchberatung
  des  ersten  Abschnitts  der  Reformvorlagen  ermöglichen,
worauf  das  Parlament  vertagt  werden  solle.

31.  Juli.  (Prag.)  Die  Strafe  gegen  den  tschechischen  Mediziner
  Czizek,  der  wegen  Mißhandlung  eines  Deutschen  in  der  Ausstellung
  zu  10  Tagen  Arrest  verurteilt  war,  wird  von  der  höheren
Instanz  auf  eine  Geldstrafe  von  50  Gulden  herabgesetzt.

1.  August.  (Pest.)  Die  Opposition  lehnt  den  angebotenen
Kompromiß  der  Regierung  ab.  Man  erwartet  vielfach  die  Auflösung
  des  Hauses.

2.  August.  (Prag.)  Ueberfall  von  drei  Mitgliedern  des
deutschen  Theaters  durch  Tschechen,  die  sie  mit  Messern  angreifen.
Ein  Deutscher  wird  schwer  verwundet.

6.  August.  (Pest:  Abgeordnetenhaus.)  Der  §  1  der
Verwaltungsvorlage  wird  mit  164  gegen  49  Stimmen  angenommen.
Bei  dem  §  2  der  Verwaltungsvorlage  verweist  Ministerpräsident
Szapary  auf  den  bisherigen  Gang  der  Beratungen,  welcher  das
Ansehen  des  Parlaments  gefährde.  Die  Unabhängigkeitspartei  habe
erklärt,  die  Vorlage  sowohl  in  der  Herbstsession  wie  auch  bei  jeder
        <pb n="206" />
        198  Rie  Gesterreichisc-Angarische  Monarchie.  (August  9.—Sept.  26.)

späteren  Gelegenheit  mit  allen  ihr  zu  Gebote  stehenden  Mitteln
bekämpfen  zu  wollen.  Hieraus  gehe  hervor,  daß  thatsächlich  Obstruktion
  stattgefunden  habe.  Ob  dieses  Verfahren  der  äußersten
Linken  der  Würde  des  Parlaments  entspreche,  möge  man  aus  den
Auslassungen  der  auswärtigen  Presse  ersehen,  die  sich  bereits  mit
Geringschätzung  über  das  Verhalten  des  ungarischen  Parlaments
äußere.  Er  sei  überzeugt,  daß  die  Nation  das  Verhalten  der  äußersten
  Linken  brandmarken  werde.  Die  Majorität  sei  verpflichtet,  das
Ansehen  des  Parlaments  zu  wahren.  Darum  beantrage  er,  daß
die  Beratung  der  Vorlage  bis  zu  einem  Zeitpunkte  aufgeschoben
werde,  wo  dieselbe  mit  größerer  Ruhe  und  Objektivität  statthaben
könne.

Er  beantragt  daher,  nachdem  der  §  1  angenommen,  welcher  das  Ernennungssystem
  anstatt  des  bisherigen  Wahlsystems  hinsichtlich  der  Komitatsbeamten
  festsetzt,  es  solle  anstatt  des  jetzigen  §  2  des  Entwurfs  der  folgende
  §  2  in  denselben  ausgenommen  werden:  „Der  Minister  des  Innern
wird  angewiesen,  entsprechend  dem  in  §  1  ausgesprochenen  Prinzip,  Gesetzentwürfe
  über  die  Organe  der  Komitatsverwaltung  und  deren  Wirkungzkreis,
über  die  Autonomie  der  Komitate,  über  die  Organisation  und  den  Wirkungskreis
  der  Verwaltungsausschüsse,  sowie  über  die  Verwaltungsgerichtsbarkeit
gleichzeitig  zu  unterbreiten."

Nach  Annahme  dieses  Vorschlages  (8.  August)  wird  das  Haus
vertagt.
9.  August.  Besuch  König  Alexanders  von  Serbien  bei  Kaiser

Franz  Joseph  (s.  Serbien).

4.  September.  (Göpfritz.)  Kaiser  Wilhelm  und  der
König  von  Sachsen  wohnen  als  Gäste  des  österreichischen  Kaisers
den  Manövern  bei.  Am  Schlusse  derselben  äußert  Kaiser  Wilhelm:

„Ich  freue  Mich,  neuerdings  Gelegenheit  gefunden  zu  haben,  die  vorzügliche
  Tüchtigkeit  der  österreichischen  Armee  zu  sehen,  mit  deren  Waffen
und  mit  deren  Kriegskameradschaft,  wann  und  gegen  wen  immer,  der  Zukunft
  getrost  entgegengesehen  werden  kann."“

26.  September.  (Prag.)  Kaiser  Franz  Joseph  trifft  in
Prag  ein,  wird  mit  Begeisterung  aufgenommen.

Der  Bürgermeister  Scholz  richtet  an  den  Kaiser  eine  erst  in  tschechischer,
  dann  in  deutscher  Sprache  gehaltene  schwungvolle  Ansprache.

Der  Kaiser  antwortete

(Deutsch):  „Mit  Freuden  nehme  Ich  bei  Betreten  der  Hauptstadt
Meines  geliebten  Königreichs  Böhmen  die  Versicherung  der  Ergebenheit  und
unwandelbaren  Treue  entgegen,  die  Sie  namens  der  Bevölkerung  zum  Ausdruck
  gebracht  haben.  Ich  entbiete  Ihnen  hiefür  Meinen  kaiserlichen  Dank.
Das  Wohl  dieses  schönen  und  reich  gesegneten  Landes  bildet  einen  Gegenstand
  Meiner  väterlichen  Fürsorge.“  (Tschechisch):  „Mit  Interesse  verfolge
Ich  die  Bestrebungen,  die  darau  gerichtet  sind,  die  königliche  Hauptstadt  zu
weiterer  Blüte  zu  bringen  und  hoffe,  daß  die  Ausstellung,  die  jetzt  der  Stadt
        <pb n="207" />
        Bie  Gesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (September  26.)  199

ein  reges  Leben  verleiht,  aneifernd  wirken  und  der  Stadt  wie  dem  Lande
von  bleibendem  Nutzen  sein  wird.  Möge  das  hunderttürmige  Prag  allen
seinen  Bewohnern  stets  eine  glückliche,  blühende  Heimat  sein!"“

Ferner  sagt  der  Kaiser  dem  Ausstellungspräsidenten  Grafen
Kinsky:

(Deutsch):  „Mit  aufrichtiger  Genugthuung  nehme  Ich  die  Kundgebung
loyaler  Gesinnung,  angestammter  und  unwandelbarer  Treue,  sowie  der  Freude
über  Meinen  Besuch  entgegen.  Ich  entbiete  Ihnen  hiefür  Meinen  herzlichen
Dank.  Gern  bin  Ich  nach  Prag  gekommen,  um  Mich  durch  eigene  Anschauung
  von  den  erfreulichen  Fortschritten  tüchtiger  Arbeit  auf  allen  Gebieten
  menschlichen  Fleißes  in  Meinem  geliebten  Königreiche  Böhmen  zu
überzeugen.“  (Tschechisch):  „Der  Erfolg  dieser  unter  Meinem  besonderen
Schutze  stehenden  Ausstellung  möge  den  gesunden  Sinn  der  ganzen  Bevölkerung
  aneifern,  alle  Kräfte  einzusetzen  für  das  weitere,  immer  mächtigere  Aufblühen
  dieses  herrlichen  Landes,  welches,  von  der  Vorsehung  reich  gesegnet,
nur  durch  einträchtiges  Zusammenwirken  beider  Volksstämme  zum  vollsten
Aufschwung  gelangen  wird.“

Beim  Empfang  der  Vertreter  der  autonomen  Körperschaften
des  Landes,  Bezirksobmänner  und  Bürgermeister,  antwortet  der
Kaiser  auf  die  Ansprache  des  Oberstlandmarschalls,  Fürsten  Lobkowitz:


(Deutsch.)  „Ich  nehme  Ihre  huldigende  Begrüßung  und  Versicherung
altbewährter  Anhänglichkeit  an  Mich  und  Mein  Haus  mit  besonderem  Wohlgefallen
  und  Danke  entgegen.  Mit  Freuden  nehme  Ich  ebenso  die  Erklärung
zur  Kenntnis,  daß  Sie  auch  weiter  in  treuer  Pflichterfüllung  das  Ihrige
leisten  wollen  im  Interesse  der  autonomen  Organe,  welche  geschaffen  wurden,
um  im  Wege  der  Selbstverwaltung  für  das  Wohl  und  die  Bedürfnisse  des
Landes  zu  wirken.  Hocherfreut  über  den  so  überaus  herzlichen  Empfang  in
der  Hauptstadt  Meines  geliebten  Königreichs  Böhmen,  welche  wieder  zu  besuchen
  Mir  lebhafte  Genugthuung  bereitet,  spreche  Ich  Ihnen  nochmals
Meinen  wärmsten  Dank  für  die  vielfachen  Beweise  Ihrer  treuen  Ergebenheit
und  Liebe  aus  und  knüpfe  daran  die  Versicherung,  daß  die  Entwicklung  und
Förderung  des  geistigen  und  materiellen  Wohles  dieses  Landes  den  Gegenstand
  Meiner  fortdauernden  Fürsorge  bildet."“

(Böhmisch.)  „Mögen,  dies  hoffe  und  erwarte  Ich,  die  unausgesetzten
Bemühungen,  den  für  das  Wohl  Meines  geliebten  Königreichs  Böhmen,
sowie  für  das  Wohl  des  Reiches  gleich  notwendigen  inneren  Frieden  in
diesem  schönen  Lande  zu  erreichen,  die  hingebungsvolle  und  selbstlose  Mitwirkung
  aller  patriotischen  Männer  finden.  In  diesen  Bestrebungen  kann
Mein  geliebtes  Königreich  Böhmen  Meiner  väterlichen  Huld  und  Gewogenheit
  stets  gewärtig  sein.“

Dem  Bürgermeister  Dr.  Scholz  gegenüber  bringt  der  Kaiser
die  panflawistischen  Kundgebungen  in  den  Bahnhöfen  beim  Empfange
  fremder  Ausstellungsgäste  zur  Sprache  und  bemerkt  dabei
mit  großem  Nachdruck,  diese  Demonstrationen  hätten  ihn  sehr  geschmerzt,
  dieselben  seien  unpatriotisch  gewesen  und  er  wünsche,  daß
sich  solches  nicht  mehr  wiederhole.

An  demselben  Tage  wird  auf  der  Sophien-Insel  bei  Prag  eine  Versammlung
  der  tschechischen  Bauernschaft  aus  Böhmen,  Mähren  und  Schlesien
        <pb n="208" />
        200  Die  Oefterreithisch-Angariste  Menarchhie.  (Oktober  1.—2.)

einberufen,  die  von  ca.  600  Personen  besucht  wird  und  wo  die  radikalsten
nationalen  Prätensionen  laut  werden.  Gegen  die  gemäßigteren  „Realisten“
wie  Mazaryk  wird  scharf  losgezogen  und  eine  Resolution  angenommen,  deren
Kardinalpunkt  lautet:  „Die  gegenwärtige  wirtschaftliche  Lage  in  Böhmen,
Mähren  und  Schlesien  ist  von  großem  Schaden  für  die  Bauernschaft  dieser
Länder;  unsere  Hauptbestrebungen  müssen  dahin  gerichtet  sein,  ein  besseres
Verhältnis  der  Länder  der  böhmischen  Krone  zu  den  übrigen  Kronländern
des  Reiches  herzustellen  durch  Errichtung  des  tschechischen  Staates  auf  Grund
des  historischen  Staatsrechtes.“  Der  gewesene  Obmann  des  Bauernvereins
in  Mähren,  Vichodyl,  sagt  u.  a.:  „Die  Tschechen  in  Böhmen  und  Mähren
bilden  ein  Volk.  Sie  wollen  daher  Einen  König  haben.  Wir  unternehmen
nichts  Neues“,  bemerkt  Redner  weiter,  „wir  stellen  bloß  die  alten  Bande
wieder  her,  deren  Gewebe  die  Zeit  stellenweise  beschädigt  hat.  Weil  aber
die  Zeit  vorgeschritten  ist  und  eine  Deputation  an  den  König  nicht  mehr
abgesendet  werden  kann,  so  mögen  sich  die  jungtschechischen  Abgeordneten  dafür
einsetzen  und  die  Gesinnungen  der  tschechischen  Bauern  aus  Böhmen,
Mähren  und  Schlesien  zum  Ausdruck  bringen.“  Hier  macht  der  landesfürstliche
  Kommissar  darauf  aufmerksam,  daß  er  über  diese  Frage  nicht  verhandeln
  lassen  könne.

1.  Oktober.  (Prag.)  In  der  Sitzung  des  Stadtrates  erklärt
der  Bürgermeister  auf  eine  Interpellation,  der  Kaiser  Franz
Joseph  habe  die  in  den  Zeitungen  veröffentlichten  Worte  in  betreff
  der  Vorgänge  bei  dem  Empfange  der  fremden  Ausstellungsgäste
  thatsächlich  gesagt.  Da  der  Kaiser  jedoch  am  Mittwoch  einer
Deputation  des  Prager  Stadtrates  erklärt  habe,  daß  ihn  die  Bethätigung
  der  dynastischen  Gefühle  der  Einwohnerschaft  sehr  gefreut
habe,  so  könne  sich  der  Ausspruch  des  Kaisers  nur  auf  jene  Elemente
  bezogen  haben,  welche  jene  Vorfälle  veranlaßten.  Durch  die
Worte  des  Kaisers  an  den  Stadtrat  sei  der  erste  Ausspruch  somit
begrenzt.

1.  Oktober.  Der  Kaiser  stattet  der  Stadt  Reichenberg,  der
größten  deutschen  Stadt  in  Böhmen,  einen  Besuch  ab  und  wird
mit  Enthusiasmus  ausgenommen.  In  der  Nacht  vorher  ist  kurz
vor  Reichenberg  bei  Rosenthal  die  Strecke,  welche  der  kaiserliche
Bahnzug  zu  passieren  hatte,  unterbrochen  worden  durch  die  Sprengung
  eines  Ueberganges.  Absicht  und  Ursprung  dieses  Attentates
bleiben  zweifelhaft.

2.  Oktober.  (Prag.)  Der  Keaiser  richtet  an  den  Statthalter
Grafen  Thun  nachstehendes  Handschreiben:

„Ich  bin  an  die  Ausführung  Meines  seit  langem  gehegten  Vorhabens,
  Mein  geliebtes  Königreich  Böhmen  nach  einer  Reihe  von  Jahren
wieder  zu  besuchen,  in  der  Ueberzeugung  geschritten,  hier  allerorts  einer  von
angestammter  Treue  und  hingebungsvoller  Anhänglichkeit  an  Mich  und  Mein
Haus  beseelten  Bevölkerung  zu  begegnen.  Meine  Erwartung  fand  in  dem
Mir  in  patriotischem  Wetteifer  bereiteten  festlichen  Empfange  und  in  den
Mein  väterliches  Herz  wahrhaft  beglückenden  loyalen  Kundgebungen,  deren
        <pb n="209" />
        Pie  Gesterreichisc-Angarische  Monerchie.  (Oktober  3.  10.)  201

Zeuge  Ich  während  der  ganzen  Zeit  Meines  Aufenthaltes  in  Böhmen  alltäglich
  war,  die  vollste  Bestätigung.  Aus  tiefstem  Herzen  spreche  Ich  für
alle  diese  Beweise  der  Liebe  und  Treue  Meinen  Dank  mit  dem  Wunsche  aus,
es  möge  die  Zukunft  beide  Stämme  des  Landes  stets,  wie  bei  dem  jetzigen
Anlasse,  in  Eintracht  geeinigt  finden  zum  Wohle  des  Vaterlandes."“

3.  Oktober.  (Wien.)  Rückkehr  des  Kaisers,  begeisterter  Empfang

  seitens  der  Bevölkerung  Wiens.

3.  Oktober.  Der  Kaiser  ernennt  eine  Anzahl  tschechischer
Priester  zu  Professoren  der  Theologie  und  begründet  hiermit  eine
tschechische  theologische  Fakultät  in  Prag.

4.  Oktober.  (Pest.)  In  einer  Konferenz  der  liberalen  Partei
entwickelt  Graf  Szapary  das  Programm  der  Regierung.  In  demselben
  wird  die  Notwendigkeit  der  Erhaltung  des  Gleichgewichts  im
Staatshaushalte  betont,  die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  und
die  Erleichterung  des  Verkehrs  und  der  Transporte.  Die  Regierung
  halte  an  der  Verwaltungsvorlage  fest  und  werde  dieselbe  sobald
  als  möglich  wieder  auf  die  Tagesordnung  setzen.  Graf  Szapary
  bekämpft  die  Politik  der  Unabhängigkeitspartei,  welche  durch
staatsrechtliche  Debatten  die  auf  die  ordentliche  Entwicklung  des
Landes  gerichtete  Thätigkeit  verhindern  wolle,  und  erklärt,  die  beste
und  einzig  richtige  nationale  Politik  liege  in  der  Förderung  der
Erstarkung  des  Landes,  wozu  er  die  weitere  Unterstützung  der  Partei
erbitte.

7.  Oktober.  (Pest.)  Das  im  ungarischen  Reichstage  vorgelegte
  Staatsbudget  pro  1892  beziffert  die  Einnahmen  und  Ausgaben
  in  ungefähr  gleicher  Höhe  und  schließt  mit  einem  Ueberschusse
von  12,955  Gulden.  Die  Thatsache,  daß  das  Gleichgewicht  erhalten
wird,  ist  um  so  bemerkenswerter,  als  sich  die  Ausgaben  im  Jahre
1892  im  Ordinarium  allein  um  25  Millionen  erhöhen.  Das  Mehrerfordernis
  für  die  gemeinsame  Armee  beträgt  für  Ungarn  anderthalb
  Millionen,  das  Mehrerfordernis  für  die  Landwehr  ungefähr
eine  Million,  für  die  Aufbesserung  der  Gehälter  der  Staatsbeamten
sind  1¼  Millionen  eingestellt;  das  Präliminare  pro  1890  schloß
mit  einem  Defizit  von  über  6  Millionen.  Das  Schlußresultat  gestaltete
  sich  jedoch  über  34  Millionen  günstiger  als  der  Voranschlag
und  schließt  mit  einem  effektiven  Kassenüberschuß  von  28  Millionen.

10.  Oktober.  (Wien.)  In  dem  dem  Abgeordnetenhause  vorgelegten
  Budget  beträgt  das  Gesamterfordernis  584,620,378  fl.,  die
Gesamtbedeckung  585,238,262  fl.  Der  Ueberschuß  somit  617,884  fl.
Die  Einnahmen  weisen  gegen  das  Vorjahr  ein  Plus  von  16,862,741  fl.,
        <pb n="210" />
        202  HNie  Gesterreichis-Angsarische  Msnarchie.  (Oktober  10.  u.  11.)

die  Ausgaben  eine  Zunahme  um  19,767,351  fl.  auf.  Die  gemeinsamen
  Ausgaben  sind  um  3,035,.734  fl.  gestiegen,  ebenso  sind  höhere
Beträge  eingestellt  für  die  Subvention  des  Lloyd  und  der  Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft.


Der  Finanzminister  Steinbach  beleuchtet  das  von  ihm  eingebrachte
  Budget  und  betont  dabei  die  Vorsicht  und  das  Streben
nach  Wahrheit,  mit  welchem  bei  der  Aufstellung  desselben  vorgegangen

  worden  sei.

Die  eingestellten  Ziffern  beruhten  auf  den  bisherigen  Ergebnissen  des
laufenden  Etatsjahres.  Bezüglich  der  Valuta-Regulierung  schließt  sich  der
Minister  den  Aeußerungen  des  ungarischen  Finanzministers  Wekerle  an.  Alle
maßgebenden  Faktoren  wünschten  die  Valuta-Regulierung.  Für  die  Beschaffung
  des  hierzu  notwendigen  Goldes  sei  das  Abwarten  günstiger  Marktverhältnisse
  und  die  Tenutung  des  richtigen  Momentes  notwendig.  Ueber
den  Zeitpunkt  der  Valuta-Regulierung  könne  er  nichts  mitteilen,  ohne  eine
Erschwerung  der  notwendigen  Maßnahmen  zu  schaffen  und  Nebenwirkungen
hervorzurufen.  Bei  der  geringen  Elastizität  des  Steuersystems  sei  die  größte
Selbstbeherrschung  erforderlich,  um  ein  eines  Defizits  entbehrendes  Budget
zu  erhalten.  Das  Gegenteil  würde  das  Ansehen  Oesterreichs  schmälern,  den
mühsam  gekräftigten  Kredit  empfindlich  schwächen  und  die  Pläne  der  Valuta-Regulierung
  sofort  in  die  Registratur  verweisen.  Von  Anleihen,  abgesehen
  von  solchen  zu  Investitionszwecken,  sei  er  (der  Minister)  kein  Freund;
eine  Steigerung  der  indirekten  Abgaben  erachte  er  für  unthunlich,  auf  diesem
Gebiete  müsse  Ruhe  eintreten.  Auch  die  Reform  der  Zollpolitik  sei  nicht
ohne  Opfer  möglich.

10.  und  11.  Oktober.  (Leutschau  in  Ungarn.)  Erinnerungsfeier
  an  die  vor  50  Jahren  erfolgte  Ernennung  des  Prinzen,  nachmaligen
  Kaisers  Wilhelm  I.  zum  Inhaber  des  k.  k.  Infanterie-Regiments
  Nr.  34.  An  dieser  Feier  nimmt  als  Vertreter  Kaiser
Wilhelms  II.  dessen  Flügeladjutant,  der  deutsche  Militärattacheé
Oberstlieutenant  v.  Deines,  teil,  derselbe  bringt  bei  der  Festtafel
einen  politisch  bedeutsamen  Toast  aus;  der  Wortlaut  desselben

lautet:

„Meine  Herren!  Geehrter  Herr  Oberst!  Se.  Majestät  unser  allerhöchster
  Herr  hat  mir  befohlen,  diesem  tapferen  Regiment  zum  heutigen  Tage
seine  herzlichen  Grüße  zu  überbringen  und  zugleich  den  Dank  für  dieses
erhabene,  schöne  Fest  auszudrücken.  Se.  Mojestät  hat  dies  zuvor  mündlich
gesagt  und  ließ  es  auch  schriftlich  ausrichten.  Se.  Majestät  wird  sich  jedoch
ganz  besonders  freuen,  wenn  er  hören  wird,  wie  erhebend  das  Regiment
diesen  Tag  gefeiert  hat.  Zugleich  bitte  ich  den  Herrn  Obersten,  mir  gestatten
zu  wollen,  in  meinem  Namen  und  im  Namen  der  Offiziere  des  Kaiser  Franz-Garde-Grenadierregiments
  den  kameradschaftlichen  Dank  auszudrücken  für  die
Beweise  treuer  Waffenbrüderschaft,  deren  wir  Ihrerseits  teilhaftig  werden.
Dem  Beispiele  unserer  allerhöchsten  Kriegsherren  folgend,  die  in  inniger
treuer  Waffenbrüderschaft  verbunden  sind,  sind  unsre  Armeen,  sind  wir  unauflöslich
  vereint,  wie  nie  zuvor.  Nichts  auf  Erden  wird  es  geben,  was
uns  trennen  könnte.  In  gegenseitiger  Hochachtung,  gestützt  auf  unfre  uralte
Zusammengehörigkeit,  welche  ja  viele  Jahrhunderte  beweisen,  werden  wir
        <pb n="211" />
        Die  Gefsterreichisch-Angarische  Menarhie.  (Oktober  11.  -  15.)  203

auch  ferner  fest  zusammenhalten.  Meine  Herren,  wir  gehören  zusammen.
Das  ist  jedem  Soldaten  ins  Herz  geschrieben.  Dieses  Gefühl  der  Zusammen—
gehörigkeit  und  die  daraus  entspringende  Einigkeit  werden  auch  im  Felde
unser  Wahlspruch  bleiben.  Als  bewährte  treue  Waffenbrüder  werden  wir
Schulter  an  Schulter  kämpfen.  Wenn  unsre  allerhöchsten  Kriegsherren  uns
dereinst  rufen,  werden  wir  mit  Begeisterung  gegen  jedweden  Feind  ziehen.
Und  nun  bitte  ich,  meine  Herren,  mit  mir  dem  tiefgefühlten  Danke  Ausdruck
  zu  geben,  indem  wir  dem  Offizierkorps  des  ausgezeichneten  Regiments
Nr.  34  und  seinem  biederen  Kommandanten  ein  Hoch  ausbringen!“

Das  Wiener  „Fremdenblatt“  veröffentlicht  später  folgenden
authentischen  Wortlaut:

„Se.  Majestät  der  Kaiser,  mein  Allergnädigster  Herr,  hat  mir  be—
fohlen,  Seinem  braven  Regimente  und  ganz  besonders  dem  vortrefflichen
Offizierkorps  Seine  herzlichen  Grüße  und  Glückwünsche  zu  überbringen  und
den  Allerhöchsten  Dank  für  die  pietätvolle  Feier  dieses  Tages.  Se.  Majestät
haben  mir  dies  mündlich  in  Schwarzenau  gesagt  und  gestern  noch  schriftlich
ausdrücken  lassen.  Ich  glaube  hinzufügen  zu  dürfen,  daß  der  Allerhöchste
Inhaber  sich  freuen  wird,  wenn  er  erfährt,  wie  sein  Regiment  diesen  Tag
gefeiert  hat.  Dann,  hochverehrtester  Herr  Oberst,  bitte  ich,  Ihnen  in  meiner
Kameraden  und  in  meinem  Namen  den  Allerhöchsten  Dank  aussprechen  zu
dürfen  für  die  großartige  gastfreie,  liebenswürdige  Aufnahme,  die  Sie  und
Ihr  Offizierkorps  uns,  den  Vertretern  der  preußischen  Armee,  bereitet  haben,
im  Rahmen  dieses  schönen  Festes,  des  erhebenden  Ausdruckes  echter  Waffenbrüderschaft.
  Voll  und  ganz  stimmen  wir  dem.  was  Sie  soeben  ausgesprochen,
bei.  Dem  Beispiele  ihrer  Allerhöchsten  Kriegsherren,  die  innige  Freundschaft
  verbindet,  sind  unsere  Armeen  mit  Begeisterung  gefolgt.  Stark,  fest
und  treu  stehen  wir  zu  einander,  so  innig  und  unauflöslich  verbunden  wie
nie  zuvor  durch  gegenseitige  Hochachtung  und  das  uralte  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit.
  Denn,  meine  Herren,  wir  gehören  ja  doch  zusammen;
wir  Soldaten  brauchen  darüber  nicht  viel  zu  reden,  es  ist  uns  allen  ins
Herz  geschrieben.  Still,  aber  freudigst,  sind  wir  eines  Sinnes,  gute  Kameraden
  im  Frieden,  treue  Waffenbrüder  und  Schulter  an  Schulter,  wenn
unsere  Kriegsherren  dereinst  rufen,  zum  Kampf  und  Sieg!  Daß  dem  so  ist
und  immer  so  sein  wird,  dafür  ist  ein  neuer  Beweis  die  Art,  wie  Sie  die
Feier  dieses  uns  noch  besonders  teueren  Gedenktages  begangen  haben.  Dieses
Fest  haben  Sie  aus  dem  Herzen  heraus  gemacht  und  wir  werden  den  Tag
im  Herzen  bewahren.  Und  nun,  meine  Herren,  lassen  Sie  unserem  Dank
an  die  lieben  Gastgeber  Ausdruck  geben,  indem  wir  rufen:  „Das  Offizierkorps
  dieses  altbewährten  Regiments  und  an  seiner  Spitze  der  Oberst  Freiherr
  v.  Königsbrunn  leben  hoch!"

11.  Oktober.  In  Pest  findet  eine  Versammlung  von  mehreren
Tausenden  Bürgern  zu  dem  Zwecke  der  Gründung  eines  „Magyaren-Vereins“
  statt,  dessen  Aufgabe  es  sein  solle,  Pest  „auf  dem  Wege
der  That  vollständig  zu  magyarisieren“.  Der  sofort  konstituierte
Verein  zählt  bereits  an  4000  Mitglieder.

Mitte  Oktober.  Der  Name  der  Partei  des  Grafen  Apponyi,
die  sich  bisher  „Gemäßigte  Opposition“  nannte,  wird  in  „Nationalpartei“"
  verwandelt.

15.  Oktober.  (Wien:  Abgeordnetenhaus.)  Bei  Beginn
        <pb n="212" />
        204  Bie  Gesterreichisch-Augarische  Monarhie.  (Oktober  26.)

der  Sitzung  stellt  der  Präsident  fest,  daß  ein  Abgeordneter  während
der  letzten  Sitzung  versucht  habe,  auf  den  Stimmzetteln,  welche  für
eine  vorzunehmende  Ersatzwahl  in  einen  Ausschuß  verteilt  waren,
den  Namen  eines  Kandidaten  zu  streichen  und  durch  einen  anderen
zu  ersetzen.  Unter  anderem  seien  vier  Stimmzettel  Abwesender  geändert
  worden.  (Entrüstungsrufe.)  Der  betreffende  Abgeordnete
sei  vor  das  Präsidium  gerufen  und  ihm  die  völlige  Unzulässigkeit
eines  solchen  Vorganges  auf  das  entschiedenste  vorgehalten  worden.
Ein  weiteres  Einschreiten  des  Präsidiums  sei  unthunlich,  da  die
Geschäftsordnung  für  einen  derartigen  Vorgang,  der  unmöglich
habe  vorausgesehen  werden  können  (lebhafte  Zustimmung)  und  seit
dem  Bestande  des  Parlamentarismus  in  Oesterreich  nicht  vorgekommen
  sei,  keine  Bestimmung  enthalte.  Er  müsse  über  den  Vorgang,
  der  sich  eigentlich  von  selbst  richte  (Zustimmung),  seine  ganz
entschiedene  Mißbilligung  aussprechen  und  daran  sein  lebhaftes
Bedauern  knüpfen,  daß  die  Geschäftsordnung  leider  keine  Handhabe
biete,  jene  Zensur  zu  verfügen,  die  eine  solche  Unzukömmlichkeit
erheischen  würde.  (Lebhafter  Beifall,  Händeklatschen.)

Der  Abgeordnete  Schneider  erklärt,  er  habe  nur  solche  Stimmzettel
  geändert,  deren  Inhaber  dies  gestatteten.  Den  vier  vom
Präsidenten  erwähnten  abwesenden  Abgeordneten  habe  er  die  von
ihm  vorgenommene  Aenderung  rechtzeitig  mitteilen  wollen  und  die
Diener  angewiesen,  diese  Stimmzettel  nicht  einzusammeln.  Im
ganzen  habe  er  acht  bis  zehn  Stimmzettel  geändert.  Stimmzettel
seien  keine  amtlichen  Urkunden.  Er  bedauere,  durch  die  Berufung
zum  Präsidenten  gehindert  worden  zu  sein,  weiter  zu  agitieren,
damit  sein  Kandidat  die  ihm  noch  fehlenden  sechs  Stimmen  erhalte.
(Der  Präsident  ruft  den  Abgeordneten  Schneider  zur  Ordnung.)
Er  (Schneider)  halte  das  Parlament  für  keine  Volksvertretung,
sondern  für  eine  Kliquenvertretung.  (Lang  anhaltende  Unruhe,
Entrüstungsrufe.)  Der  Abgeordnete  Graf  Hohenwart  bezeichnete  die
Behauptung,  daß  die  betreffenden  Abgeordneten  mit  der  Aenderung
ihrer  Stimmzettel  einverstanden  gewesen  seien,  als  unwahr.  (Lebhafter
  Beifall,  Händeklatschen.)  Die  Abgeordneten  Schlesinger  und
Gusmann  verteidigen  den  Abgeordneten  Schneider  unter  heftigen
Angriffen  gegen  die  Presse,  das  Klubunwesen  und  den  herrschenden
Wahlmodus.

26.  Oktober.  (Wien.)  Konstituierung  des  tschechischen  Zentralvereins
  Wiens.  Ein  Obmann  erklärt,  man  dürfe  nicht  eher
        <pb n="213" />
        Die  Oefterreichisch-Angarische  Manarthie.  (November  1.  -11.)  205

ruhen,  bis  die  200,000  Wiener  Tschechen  der  Nation  zurückgegeben
seien.  Die  Wiener  Tschechen  sollten  der  Regierung  Opposition  bis
aufs  Messer  machen.

1.  November.  (Pest.)  Der  Benediktiner-Ergabt  Vaspary
wird  an  Stelle  des  am  23.  Januar  verstorbenen  Kardinal  Simor
zum  Fürstprimas  von  Ungarn  ernannt.

Anfang  November.  Der  Besuch  des  Königs  von  Rumänien
in  Wien  wird  aufgegeben  wegen  dringender  innerer  Angelegenheiten
Rumäniens.

Anfang  November.  (Prag.)  Die  Tschechen  setzen  den  Beschluß
  durch,  die  Straßen  Prags  bloß  mit  tschechischen  Tafeln  zu
versehen.

11.  November.  (Wien.)  Der  Kaiser  Franz  Joseph  empfängt
die  Mitglieder  der  ungarischen  Delegation.  Die  Rede,  mit  welcher
der  Kaiser  die  Ansprache  des  Delegations-Präsidenten  beantwortet,
lautet  in  den  Hauptsätzen,  wie  folgt:

„Mit  Befriedigung  kann  Ich  es  aussprechen,  daß  wir  mit  allen
Mächten  in  durchaus  freundlichen  Beziehungen  stehen.  In  vollem  Einklange
mit  unseren  Verbündeten  erblicke  Ich  in  der  Erhaltung  des  europäischen
Friedens  die  sicherste  Gewähr  für  das  Glück  und  das  Gedeihen  der  Völker.
Meine  Regierung  verliert  dieses  Ziel  nicht  aus  dem  Auge,  und  es  kommen
uns  auch  von  allen  Kabinetten  Versicherungen  gleich  friedlicher  Bestrebungen
zu.  Zwar  hat  dies  bisher  noch  nicht  dazu  geführt,  die  Gefahren  der  politischen
  Lage  Europas  zu  beseitigen  oder  die  allgemeinen  militärischen  Rüstungen
  zum  Stillstande  zu  bringen,  da  aber  das  Friedensbedürfnis  sich  so
allgemein  und  einmütig  bekundet,  so  erscheint  die  Hoffnung  auf  eine  endliche
Erreichung  jenes  Zieles  nicht  ausgeschlossen.  Möge  es  Mir  beschieden  sein,
Meinen  Bölkern  die  frohe  Botschaft  verkünden  zu  können,  daß  die  gegenwärtigen
  Sorgen  und  Lasten  des  bedrohten  Friedens  ihr  Ende  erreicht  haben.

Die  Ihnen  zur  verfassungsmäßigen  Behandlung  zugehenden  Vorlagen
geben  Zeugnis  davon,  daß  Meine  Regierungen  mit  größter  Gewissenhaftigkeit
  die  finanzielle  Lage  der  Monarchie  in  Betracht  gezogen  und  im  Voranschlage
  für  das  stehende  Heer  und  die  Marine  sich  für  das  nächste  Jahr
auf  die  unaufschiebbaren  und  dringendsten  Bedürfnisse  beschränkt  haben,  wobei
sehr  wichtige  Anforderungen  der  Heeresleitung  vertagt  werden  mußten.  In
Bosnien  und  der  Herzegowina  zeigt  sich  in  allen  Zweigen  des  wirtschaftlichen
  Lebens  eine  stetig  fortschreitende  Entwickelung.  Die  eigenen  Einnahmen
dieser  Länder  werden  somit  auch  im  nächsten  Jahre  zur  Deckung  der  Verwaltungskosten
  vollkommen  ausreichen.  Ich  bin  überzeugt,  daß  Sie  Ihrer
Aufgabe  Ihre  volle  Einsicht  und  Hingebung  entgegenbringen  und  wünsche
Ihrer  Thätigkeit  einen  gedeihlichen  Erfolg  und  heiße  Sie  von  Herzen  willkommen!"“


11.  November.  (Wien.)  Vom  Cerkle,  den  der  Kaiser  Franz
Joseph  nach  dem  offiziellen  Empfang  der  Delegationen  abhält,  werden
  folgende  Aeußerungen  bekannt:  Dem  Delegierten  Demmel,  der
bemerkt,  daß  nach  der  vernommenen  kaiserlichen  Ansprache  eine
        <pb n="214" />
        206  Bie  Gesterreichisc-Ausarische  Monarchie.  (November  12.)

hoffnungsvolle  Friedensaussicht  walten  werde,  erwidert  der  Kaiser,
die  Friedensversicherungen  seien  mit  größter  Vorsicht  aufzunehmen.
Sie  beruhten  zunächst  nur  auf  Erwartungen,  deren  Realisierung
in  hohem  Grade  wünschenswert  wären.  Dem  Delegierten  Ruß
gegenüber  äußert  sich  der  Kaiser  über  die  römische  Friedenskonferenz
  und  bemerkt,  er  glaube  nicht,  daß  auf  dem  eingeschlagenen
Wege  das  Ziel  der  Konferenz  erreicht  werden  könne.

Später  werden  noch  verschiedene  Einzelheiten  bekannt.  Mit
verschiedenen  Delegierten  bespricht  der  Monarch  Fragen  der  inneren
Politik.  Als  der  alttschechische  Delegierte  Pollak  sich  erlaubt,  sich
dem  Kaiser  als  einen  der  letzten  wenigen  alttschechischen  Abgeordneten
  vorzustellen,  die  dem  Prinzip  der  Versöhnung  treu  geblieben
seien  und  für  dasselbe  auch  ehrlich  arbeiten  wollen,  bemerkt  der
Kaiser:  „Das  freut  mich  wirklich  herzlich,  sehr  herzlich.  Es  ist  das
ja  ein  Prinzip,  welches  zum  Durchbruche  gelangen  muß,  aber  nie
kann  dies  bei  einem  Prinzip  der  Fall  sein,  für  welches  täglich  ganz
leere  Phrasen  zum  Fenster  hinaus  gesprochen  werden.“  Hierauf
bemerkt  Pollak:  „Ich  fürchte  nur,  Majestät,  daß  das  Prinzip  nicht
so  bald  durchgeführt  wird.“  Hierauf  sagt  der  Kaiser  in  bestimmtem
Tone:  „Aber  geschehen  muß  es,  und  so  Gott  will,  wird  es  auch.“
Den  Abgeordneten  Dr.  Dostal  fragt  der  Kaiser:  „Sind  Sie  auch
in  irgend  welchem  Ausschusse?“  Worauf  Dr.  Dostal  erwidert:
„Als  alttschechischer  Abgeordneter  gehöre  ich  keiner  Fraktion  an
und  bin  auch  infolge  dessen  in  keinem  Ausschusse.“  Hierauf  spricht
der  Monarch  in  sehr  strengen  Worten  sein  Bedauern  über  die  Wirrnisse
  in  Böhmen  aus  und  gibt  zugleich  der  Hoffnung  Ausdruck,
daß  die  Bevölkerung  Böhmens  bald  wieder  zur  Beruhigung  kommen
  werde.

12.  November.  (Wien.)  In  einem  Ministerrat  unter  Vorsitz
des  Kaisers  wird  entschieden  über  die  Forderungen  der  Polen  wegen
Dezentralisierung  der  Staatsbahnen.  Nach  Schluß  der  Sitzung,
welcher  auch  der  Chef  des  Generalstabes,  F.M.  Baron  Beck.,  beiwohnt,
  wird  der  Obmann  des  Polenklubs,  Abg.  R.  v.  Jaworski,
zum  Kaiser  berufen.

Die  Regierung  hat  zwar  einen  großen  Teil  der  galizischen  Wünsche
acceptiert,  und  sämtliche  Minister  waren  in  dieser  Hinsicht  einmütig,  aber
auf  Grund  der  Einwendungen  der  höchsten  militärischen  Autoritäten  wird
keinerlei  wesentliche  Aenderung  in  der  bisherigen  Organisation  der  galizischen
Staatsbahnen  eintreten  und  demgemäß  auch  keine  Zentraldirektion  in  Lemberg

  mit  den  für  sie  in  Anspruch  genommenen  Befugnissen  errichtet.  Sämtliche
  Betriebsdirektionen  des  Staatsbahnnetzes  werden  das  Recht  haben,  die
        <pb n="215" />
        Sie  Gesterreichisch-Angerische  Mosarhie.  (November  13.)  207

Beamten  bis  zur  Gehaltsstufe  von  1200  fl.  zu  ernennen,  jedoch  mit  genauer
Einhaltung  der  von  der  Generaldirektion  festzustellenden  präzisen  Bedingungen
für  die  Ernennung.  Die  Betriebsdirektionen  werden  über  jede  einzelne  Ernennung
  der  Generaldirektion  einen  Vorschlag  unterbreiten,  und  erst,  wenn
von  der  Generaldirektion  keine  Einwendung  erhoben  wird,  soll  die  Ernennung
  durch  die  Betriebsdirektion  erfolgen.  Die  Generaldirektion  soll  dadurch
in  die  Lage  gesetzt  werden,  ausgleichend  auf  die  Avancementsverhältnisse  bei
sämtlichen  Betriebsdirektionen  zu  wirken,  damit  nicht  eine  zu  große  Verschiedenheit
  in  dem  Tempo  der  Vorrückung  sich  herausbilde.  Der  Generaldirektion
  wird  auch  das  Recht  vorbehalten,  die  Versetzung  von  Beamten  aus
einem  Direktionssprengel  in  einen  andern  vorzunehmen.  Die  Forderung  des
galizischen  Landesausschusses,  daß  die  Beamten  von  den  Landes-Chefs  ernannt
werden  sollen,  ist  daher  nicht  bewilligt.  Die  Betriebsdirektionen  werden  nur
verpflichtet  sein,  bei  Anstellungen  und  Ernennungen  von  den  Landes-Chefs
einen  Leumundsbericht  über  die  Bewerber  einzuholen,  wie  dies,  allerdings
nur  fallweise,  auch  jetzt  schon  bei  den  Staatsbeamten  anderer  Dienstzweige

zu  geschehen  pflegt.

Ueber  die  Audienz  Jaworskis  beim  Kaiser  bringt  das  „Wiener
Tageblatt“  einen  Bericht,  daß  der  Kaiser  die  äußere  Lage  als  überaus
  ernst  bezeichnet  habe.  Darauf  Panik  an  der  Börse.  Die  angeblichen
  Aeußerungen  des  Kaisers  werden  amtlich  dementiert.

13.  November.  (Wien.)  Das  Abgeordnetenhaus  setzt
heute  die  Beratung  des  Unterrichtsbudgets  fort.  Im  Laufe  der
Debatte  erklärt  der  Unterrichtsminister  Gautsch,  die  Kenntnis
der  deutschen  Sprache  gehöre  in  Oesterreich  zu  den  unabweisbaren
Notwendigkeiten.  (Stürmischer  Beifall  und  Händeklatschen  links,
Widerspruch  und  „Oho“-Rufe  rechts.  Als  sich  von  der  Rechten  vereinzeltes
  Zischen  vernehmen  läßt,  applaudiert  die  Linke  nochmals
lebhaft.)  Der  Minister  fügt  hinzu,  die  Kenntnis  der  deutschen
Sprache  sei  das  einzige  Mittel,  um  das  national  entwickelte  Schulwesen
  Oesterreichs  vor  geistiger  Vereinsamung  zu  schützen.  Auch
aus  wirtschaftlichen  Gründen  sei  die  Kenntnis  der  deutschen  Sprache
für  die  Bevölkerung  unerläßlich.

Der  Slovene  Sullje  protestiert  unter  dem  lauten  Beifall
der  Jungtschechen  und  Slovenen  gegen  die  Rede  des  Unterrichtsministers.
  Die  Slovenen  wüßten  nun,  daß  sie  von  der  gegenwärtigen
  Regierung  nichts  zu  hoffen  haben,  sie  nähmen  den  aufgedrungenen
  Kampf  auf  und  seien  sicher,  daß  Gott  das  slovenische
Volk  nicht  untergehen  lassen  werde.  (Lebhafte  Unruhe  links.)  —
Bei  der  fortgesetzten  Beratung  des  Unterrichtsbudgets  beglückwünscht
der  Abgeordnete  Ghon  unter  dem  Beifall  der  Linken  namens  der
Deutschliberalen  den  Unterrichtsminister  Dr.  v.  Gautsch  zu  seinen
Erklärungen.  Die  Rechte  protestiert  dagegen.  Ebenhosh  erklärt
        <pb n="216" />
        208  Bie  Gesterreichisch-Auzarische  Monarchie.  (November  14.)

namens  der  Katholisch-Konservativen  sein  Einverständnis  mit  den
Ausführungen  Shulklje's.

14.  November.  Der  Ausschuß  der  ungarischen  Delegation
für  auswärtige  Angelegenheiten  tritt  zusammen  unter  dem
Vorsitz  Ludwig  Tiszas.  Graf  Kalnoky  gibt  folgendes  Exposé:

Der  Minister  konstatierte  vor  allem  gegenüber  jener  verschiedenen  Auffassung,
  welche  die  Ansprache  des  Kaisers  an  die  Delegationen  mehrfach  gefunden
  hat,  daß  die  gegenwärtige  Lage  der  Monarchie,  so  weit  es  sich  um
die  Friedensaussichten  handle,  als  eine  günstige  bezeichnet  werden  könne.  Es
sei  ihm  keine  einzige  politische  Frage  bekannt,  welche  zu  einer  direkten  Befürchtung
  Anlaß  geben  könnte,  daß  die  lange  Friedensepoche,  welche  uns
bisher  beschieden  war,  jetzt  eine  Unterbrechung  erfahren  könne.  Unsere  Beziehungen
  zu  allen  Mächten  seien  durchaus  freundlicher  Natur.  Die  Versicherungen,
  welche  uns  diesfalls  zukommen,  konstatieren  nicht  nur  im  allgemeinen
  die  friedlichen  Bestrebungen,  sondern  es  liegen  authentische  und  maßgebende
  Zusicherungen  vor,  daß  auf  keiner  Seite  die  Absicht  irgend  einer
Aggression  gegen  einen  Nachbar  bestehe.  Es  sei  also  derzeit  eine  Befürchtung
weder  für  den  europäischen  Frieden  im  allgemeinen,  noch  für  unsere  Monarchie
im  besonderen  vorhanden.  Mit  dieser  Sachlage  stehe  es  allerdings  im  Widerspruche,
  daß  die  Besorgtheit  um  die  Erhaltung  des  Friedens  nicht  aufhören
will  und  daß  die  diesfällige  kaum  gefaßte  Zuversicht  immer  wieder  erschüttert
erscheint.  Die  Hauptursache  dieses  Zustandes  sei  darin  zu  suchen,  daß  die
militärischen  Vorbereitungen  und  Rüstungen  bei  allen  Staaten  ungeschwächt
fortdauern  und  nachgerade  einen  Grad  erreichen,  welcher  die  Gefahr  einschließt,
  daß  durch  die  gesteigerte  Leichtigkeit  des  Krieges  auch  die  Eventualität
  eines  solches  nähergerückt  werden  könnte.  Daß  in  unfrer  Monarchie
der  Wunsch  nach  Erhaltung  des  Friedens  ein  allgemeiner  ist,  kann  von  keiner
Seite  in  Abrede  gestellt  werden.  Allein  der  gleiche  Wunsch  ist  überall  vorhanden,
  und  dies  berechtigt  denn  doch  zur  Hoffung.  daß  wir  mit  der  Zeit
aus  dem  gegenwärtigen  widerspruchsvollen  Zustande  herauskommen  werden.
Wir  können  auf  die  Erfahrung  hinweisen,  daß  unsre  zum  Zwecke  der  Erhaltung
  des  Friedens  geschlossenen  rein  defensiven  Bündnisse  nun  schon  seit
Jahren  bestehen  und  sich  als  ihren  Zwecken  und  Zielen  entsprechend  erwiesen
haben,  und  man  darf  hieraus  wohl  folgern,  daß  der  Zusammenschluß  der
Reutralstaaten  beitragen  wird,  den  Frieden  auch  für  die  Zukunft  zu  eralten.



Was  die  Fragen  des  Referenten  bezüglich  der  Erneuerung  des  Dreibundes
  betrifft,  so  sei  das  Bündnis  mit  Italien  in  der  That  auf  eine  Reihe
von  Jahren  verlängert  worden.  Warum  man  den  Ablauf  des  Vertrages
nicht  abgewartet  habe,  das  bedürfe  wohl  kaum  einer  besonderen  Motivierung.
Selbst  bei  Handelsverträgen  pflegt  man  sich  möglichst  früh  vor  Ablauf  der
Fortdauer  derselben  zu  versichern,  und  es  ist  dies  um  so  eher  notwendig,
wenn  es  sich  um  so  wichtige  Verträge  handelt,  wie  sie  hier  in  Rede  stehen.
Es  hat  sich  erwiesen,  daß  sämmtliche  Mitglieder  des  Dreibundes  einmütig
in  der  Erkenntnis  waren,  daß  die  zwischen  ihnen  bestehenden  Bündnisse  sich
bewährt  haben,  daß  deren  Fortdauer  für  alle  Teile  und  im  Interesse  des
europäischen  Friedens  wünschenswert  erscheine  und  daß  die  Erneuerung  auch
vor  dem  Ablaufe  stattfinden  solle.  Es  habe  also  der  speziellen  Initiative
von  einer  oder  der  anderen  Seite  überhaupt  nicht  bedurft.  Des  weiteren
glaubt  der  Minister  sagen  zu  können,  daß  zur  Zeit,  als  die  drei  Mächte  in
das  in  Rede  stehende  Bundesverhältnis  traten,  alle  Umstände  so  reiflich  erwogen
  wurden,  daß  keine  wesentliche  Aenderung  bei  der  Erneuerung  not-
        <pb n="217" />
        Die  Gesteerreichisch-Anguische  Moenarchie.  (November  14.)  200

wendig  erschien,  man  vielmehr  auch  darin  übereinstimmte,  daß  von  keiner
Seite  neue  Verpflichtungen  übernommen  werden  sollten.  Das  Verhältnis
der  österreichisch-ungarischen  Monarchie  zu  Deutschland  könne  der  Minister
als  unverändert  bezeichnen,  insofern  der  Ausdruck  „unverändert“  auf  ein
Verhältnis  paßt,  welches  sich  mit  der  Dauer  fortwährend  vertieft  und  die
zwischen  den  Beteiligten  bestehenden  Bande  immer  mehr  festigt.  Daß  bei
den  obgedachten  Verhandlungen  zwischen  den  leitenden  Ministern  der  drei
Mächte  sich  das  vollste  gegenseitige  Einverständnis  und  Vertrauen  gezeigt  hat,
kann  gewiß  ebenfalls  als  eine  Garantie  für  die  Fortdauer  der  zwischen  den
drei  Kabinetten  bestehenden  herzlichen  Beziehungen  gelten.

Es  kann  nicht  in  Abrede  gestellt  werden,  daß  im  Laufe  der  letzteren
Zeit  einzelne  Ereignisse  aufgetaucht  sind,  welche  die  öffentliche  Meinung  bis
zu  einem  gewissen  Maße  irritiert  haben.  Dem  gegenüber  erinnert  der
Minister  daran,  daß  unsere  Zeit  überhaupt  für  solche  Erregungen  leicht  zugänglich
  sei,  daß  das  große  Publikum  sensationssüchtig  und  die  Presse  sehr
geneigt  sei,  diesem  Bedürfnisse  unserer  Zeit-Epoche  entgegenzukommen.  Es
sei  natürlich,  daß  dann  willkürliche  und  unwillkürliche  Erfindungen  und
Uebertreibungen  mit  unterlaufen.  So  sei  dies  auch  mit  jenen  Ereignissen
der  Fall  gewesen,  denen  der  Referent  in  dem  letzten  Teile  seiner  Rede  gedacht.
  Die  Reise  des  deutschen  Kaisers  nach  England  sei  jedenfalls  von  hoher
Bedeutung  gewesen;  aber  diese  Reise  sei  nicht  als  der  Ausgangspunkt  neuer,
sondern  vielmehr  als  das  Resultat  bereits  bestandener  Verhältnisse  zu  betrachten.
  Diese  Reise  wäre  nicht  in  dieser  Weise  unternommen  worden,  die
Aufnahme  Kaiser  Wilhelms  in  England  wäre  nicht  so  glänzend  und  warm
gewesen,  wenn  nicht  schon  vorher  lebhafte  Sympathien  für  den  Deutschen
Kaiser  und  Deutschland  in  England  bestanden,  wenn  nicht  im  englischen
Volke  für  die  Friedensziele  des  Dreibundes  das  richtige  Verständnis  bereits
vorhanden  gewesen  wäre.  Der  Flottenbesuch  in  Kronstadt  ließe  sich  beiläufig
von  demselben  Standpunkte  beurteilen.  Alles,  was  sich  dort  ereignet,  hätte
nicht  geschehen  können,  wenn  nicht  schon  früher  zwischen  den  beteiligten
Staaten  das  Bewußtsein  einer  zwischen  ihren  Interessen  bestehenden  engeren
Verbindung  auf  beiden  Seiten  vorhanden  gewesen  wäre.  Der  Minister  ist
auch  nicht  geneigt,  die  Auffassung  zu  teilen,  daß  sich  auf  das  Kronstädter
Ereignis  eine  tiefe  Veränderung  in  der  europäischen  Lage  zurückführen  ließe.

Was  die  Frage  des  Referenten  bezüglich  unfrer  Politik  im  Orient
betrifft,  so  seien  die  Ziele  und  Absichten  derselben  wiederholt  und  öfters
dargelegt  und,  wie  der  Minister  wohl  behaupten  darf,  diese  Ziele  auch  jederzeit
  konseguent  im  Auge  behalten  worden.  Dieselben  lassen  sich  kurz  dahin
resumieren:  Auf  dem  Balkangebiete  allen  staatlichen  Individualitäten  die
freie  Entwicklung  innerhalb  der  vom  Berliner  Vertrage  gezogenen  Grenzen
zu  sichern  und  ihr  staatliches  und  materielles  Gedeihen,  soweit  dies  in  unfrer
Macht  steht,  zu  fördern,  damit  sie  sich  immer  mehr  auf  das  Niveau  der
übrigen  Kulturstaaten  erheben  und  daher  auch  der  westeuropäischen  Völkerfamilie
  immer  nähergerückt  werden.  Was  speziell  Rumänien  betrifft,  so  hat
dies  die  größten  Fortschritte  in  dieser  Richtung  aufzuweisen,  wozu  auch  der
Umstand  beitragen  mag,  daß  die  dortige  Bevölkerung  vermöge  ihrer  romanischen
  Abstammung  von  jeher  mehr  nach  West-Europa  hinneigt.  Es  macht
sich  dort  nach  und  nach  eine  günstigere  Wandlung  auch  nach  unfrer  Seite
hin  bemerkbar.  In  letzter  Zeit  wechselten  Minister  und  Parteien  an  der
Regierung  ab,  unfre  Beziehungen  wurden  jedoch  dabei  nicht  tangiert  und
blieben,  wie  ich  mit  Genugthuung  konstatiere,  unverändert  freundliche.  Dies
gilt  auch  gegenüber  dem  jetzigen,  wesentlich  konservativen  Kabinette,  welches
bei  uns  im  Publikum  mit  einer  gewissen  Skepsis  aufgenommen  wurde.  Wir
stehen  jedoch  auch  mit  dieser  Regierung  auf  befriedigendem  Fuße  und  hoffen,

Europ.  Geschichtslalender.  Bd.  XXXI.  14
        <pb n="218" />
        210  Die  Oesterreithisch-Angarische  Menarchie.  (November  14.)

es  werde  sich  dies  nicht  ändern,  wer  immer  in  Rumänien  ans  Ruder  gelangen
  möge.  Eine  wertvolle  Garantie  finden  wir  aber  in  König  Karl,
dessen  weiser  Leitung  seit  einem  Vierteljahrhundert  das  größte  Verdienst  um
die  staatliche,  militärische  und  materielle  Entwicklung  des  jungen  Staatswesens
  gebührt.  Wir  hegen  nicht  den  geringsten  Zweifel,  daß  die  auswärtige
  Politik  Rumäniens  auch  künftighin  die  bisherige  Richtung  einhalten
wird.  Es  ist  dies  um  so  leichter  für  Rumänien,  als  es  mit  uns  die  gleichen
Interessen  und  Ziele,  als  es  eine  konservative,  auf  Erhaltung  des  Friedens
sowie  des  rechtlichen  Zustandes  auf  der  Balkanhalbinsel  basierte  Politik
verfolgt.

Was  Serbien  betrifft,  so  lasse  sich  nicht  leugnen,  daß  seit  der  Abdankung
  des  Königs  Milan  in  Serbien  sich  eine  für  uns  nicht  freundliche
Stimmung  bemerkbar  machte,  obwohl,  wie  schon  der  Referent  hervorhob,
unfrerseits  alles  Entgegenkommen  bewiesen  wird,  um  gute  Beziehungen  zwischen
  unfrer  Monarchie  und  dem  kleinen  Nachbarstaate  zu  erhalten.  Wir
wissen  es  und  würdigen  es,  daß  in  diesem  jungen  Staatswesen  die  Parteiverhältnisse
  noch  sehr  verworren  sind  und  daß  der  dortigen  Regierung  oft
nicht  geringe  Schwierigkeiten  entgegentreten.  Dessenungeachtet  könne  der
Minister  in  unseren  Beziehungen  zu  Serbien  eine  Besserung  konstatieren.  Er
habe  aber  mehrfach  den  Eindruck  gewonnen,  daß  es  bei  manchen  Vorkommnissen
  weniger  an  gutem  Willen  seitens  der  serbischen  Regierung  fehle,  daß
jedoch  die  dortige  Bevölkerung  sich  immer  mehr  in  eine  Richtung  hineinführen
  lasse,  welche  gegen  ihr  eigenes  Interesse  gerichtet  sei  und  sie  bei  weiterem
  Verharren  auf  dieser  Bahn  endlich  auch  mit  den  Verträgen  in  Konflikt
  bringen  müsse.  Der  Minister  fühlt  sich  nicht  berufen,  dem  serbischen
Volke  Ratschläge  zu  erteilen;  er  glaube  jedoch  die  Meinung  aussprechen  zu
dürfen,  daß  es  gut  wäre,  wenn  man  sich  dort  mehr  der  Pflege  der  inneren
administrativen  und  materiellen  Aufgaben  zuwende,  dafür  aber  weniger  große
Politik  machen  wollte.

In  dieser  Beziehung  bilde  Bulgarien  einen  unverkennbaren  Gegensatz
zu  Serbien.  In  Buclgarien  befasse  man  sich  ernst  und  eifrig  mit  den  inneren
  Angelegenheiten,  arbeite  mit  Fleiß  und  Ausdauer  an  der  Hebung  des
materiellen  Wohlstandes,  des  Handels  und  Verkehrs,  an  der  Vermehrung
der  Schulen  u.  s.  w.  Was  die  vom  Referenten  berührte  Anerkennungsfrage
betrifft,  so  bedauert  der  Minister,  sagen  zu  müssen,  daß  diese  heute  noch  gerade
  so  stehe,  wie  als  er  zum  letztenmale  vor  der  Delegation  zu  sprechen
Gelegenheit  hatte.  Die  zunhum  erpen  dieser  Anerkennung  hat  bei  den  ihr
widerstrebenden  Kabinetten  seither  keine  Fortschritte  gemacht,  und  unfre
Monarchie  könnte  sich  nicht  veranlaßt  fühlen,  eine  sehr  heikle  Frage  anzuregen,
  bezüglich  deren  ein  Mißerfolg  vorausgusehen  ist  und  die  sich  in  ihrer
weiteren  Entwicklung  leicht  zu  einer  gefährlichen  gestalten  könnte.  Für  die
Bulgaren  mag  diese  Situation  immerhin  peinlich  sein,  da  sie  durch  den
Ausschluß  einer  legitimen  Regelung  ihrer  staatsrechtlichen  Verhältnisse  das
Gefühl  haben,  gleichsam  in  eine  minderwertige  Klasse  zurückgedrängt  zu  sein.
Wenn  dieser  Zustand  allzu  lange  dauert,  könnte  er  allerdings  auch  bedenklich
  werden.  Im  allgemeinen  sei  die  Stellung  Bulgariens  eine  so  gute,  daß
das  Land  selbst  durch  die  mangelnde  Anerkennung  keine  wesentlichen  Nachteile
  erfährt,  und  wer  den  Bulgaren  wohl  will,  könne  ihnen  nur  den  Rat
erteilen,  auch  fernerhin  in  möglichst  korrekten  Beziehungen  mit  der  Pforte
zu  verbleiben,  sich  jeder  abenteuerlichen  Aktion  zu  enthalten  und  unter  steter
Sorgfalt  für  die  Entwicklung  ihrer  Ressourcen  in  Geduld  die  weiteren  Dinge
abzuwarten.  Man  ist  in  Bulgarien  bisher  klug  genug  gewesen,  sich  innerhalb
  dieses  Rahmens  zu  bewegen,  und  man  wird  sich  hoffentlich  auch  in
der  Zukunft  nicht  aus  demselben  herausdrängen  lassen.
        <pb n="219" />
        Die  Oefterrrichisch-Angarische  Menarchie.  (November  14.)  211

Der  Minister  müsse  zugeben,  daß  die  Sicherheitszustände  sowohl  in
der  Nähe  des  Sandschaks  Novi-Bazar  wie  in  dem  Vilajet  Kossowo  und
vielleicht  noch  in  anderen  Gebieten  schlecht  oder  mindestens  nicht  gut  seien.
Die  Ruhestörungen  sind  alle  lokaler  Natur  und  entspringen  meist  aus  dem
widerhaarigen  Verhalten  dieser  undisziplinierten  Völker  gegenüber  den  Behörden,
  die  wohl  auch  nicht  immer  vorwurfsfrei  sein  mögen.  Was  die  Besorgnisse
  betrifft,  daß  im  Orient  große  Verwicklungen  gewöhnlich  mit  ähnlichen
  Ruhestörungen  begonnen  haben,  so  meint  der  Minister,  daß  die  Zeit
vorüber  sei,  wo  lokale  Unruhen  dieser  Art  zu  größeren  Verwicklungen  führen
önnten.

Was  die  Dardanellen-Frage  betrifft,  so  stehe  die  Sache  bekanntlich
so,  daß  im  Sinne  der  europäischen  Verträge  die  Dardanellen  für  die  Durchsehrt
  von  Kriegsschiffen  geschlossen  sind  und  das  Recht,  eine  Durchfahrt
olcher  Schiffe  zu  gestatten,  dem  Sultan  allein  zustehe.  Bei  Beurteilung
dieser  Frage  ist  es  wichtig,  den  Unterschied  zwischen  Kriegsschiffen  und  Transportschiffen
  nicht  aus  den  Augen  zu  verlieren.  Die  bedeutendsten  südlichen
Häfen  Rußlands  liegen  im  Schwarzen  Meere,  und  es  muß  daher  notwendigerweise
  den  Weg  durch  die  Meerengen  benützen,  um  die  Verbindung  und
den  Verkehr  zur  See  mit  seinen  Provinzen  in  Ostasien  aufrecht  erhalten  zu
können.  Dieser  Verkehr  wird  neuestens  am  häufigsten  mit  der  sogenannten
Kreuzerflotte  vermittelt,  welche  aus  Schiffen  besteht,  die  im  Falle  eines
Krieges  allerdings  bestimmt  sind,  als  Kriegsschiffe  armiert  zu  werden,  im
Frieden  aber  der  Regierung  als  Transportschiffe  dienen  und  unter  der  Handelsflagge
  fahren.  Diese  Schiffe  sind  während  der  letzteren  Jahre  zu  wiederholtenmalen
  auch  für  den  Transport  von  Nekruten  nach  deren  Bestimmungsort,
  sowie  umgekehrt  zur  Rückführung  ausgedienter  Soldaten  in  deren
Heimat  verwendet  worden.  Wegen  mehrfacher  Anstände  mit  den  türkischen
Behörden  wurde  schließlich  ein  Abkommen  zwischen  der  Pforte  und  Rußland
betreffs  dieser  Schiffe  getroffen.  Die  Pforte  hat,  nachdem  sie  sich  mit  Rußland
  geeinigt,  im  Wege  eines  Zirkularschreibens  den  anderen  Mächten  gegenüber
  den  Charakter  dieses  zur  Regelung  der  Durchfahrt  für  Transportschiffe
getroffenen  Abkommene  festgestellt  und  zugleich  konstatiert,  daß  durch  dasselbe
an  dem  bisher  bezüglich  der  Durchfahrt  durch  die  Dardanellen  bestehenden
Prinzipe  keinerlei  Aenderung  sich  ergibt.  Diese  türkische  Zirkular-Depesche
hat  uns  und  andere  Mächte  veranlaßt,  von  der  Erklärung  der  Pforte  Akt
zu  nehmen,  bei  welcher  Gelegenheit  neuerdings  die  durch  die  Verträge  festgestellte
  Kloture  der  Dardanellen  für  Kriegsschiffe  ausdrücklich  konstatiert
werden  konnte.

Indem  der  Minister  zum  Schluß  seiner  Erläuterungen  im  allgemeinen
nochmals  zusammenfaßt,  glaubt  er  mit  gutem  Gewissen  sagen  zu  können,
daß  die  politische  Lage  unfrer  Monarchie  eine  durchaus  befriedigende  sei,
daß  sie  die  ihr  gebührende  Stellung  in  Europa  einnehme,  daß  sie  freundschaftliche
  und  geregelte  Beziehungen  mit  allen  Mächten  unterhalte  und  treue
und  mächtige  Alliierte  und  Freunde  besitze,  mit  welchen  sie  in  voller  Uebereinstimmung
  die  Wahrung  der  berechtigten  gegenseitigen  Interessen,  die  Erhaltung
  des  Friedens  und  die  gemeinsame  Abwehr  gegen  jeden  denselben
etwa  bedrohenden  Angriff  zum  Ziele  gesetzt  hat.  Unfrre  Politik  werde,  wie
es  die  europäische  Lage  mit  sich  bringt,  stets  eine  kluge  und  vorsichtige  sein
müssen;  wir  wollen  keine  gefährliche  Frage  unnötigerweise  aufwerfen  und
nicht  ohne  Not  Gefahren  herbeiführen,  welche  ohne  Schädigung  unfrer  Interessen
  oder  unfres  Ansehens  vermieden  werden  können.  Wir  werden  aber
darauf  Bedacht  nehmen  müssen,  unfre  Wehrkraft  auf  jene  Höhe  zu  bringen
und  zu  erhalten,  welche  uns  durch  die  Sorge  für  die  Sicherheit  unfrer
Monarchie  und  die  Wahrung  unfrer  Machtstellung  unausweichlich  erscheint.

14*
        <pb n="220" />
        212  Bie  Gesterreichisch-Augarische  Monerchie.  (November  14.)

Auf  weitere  Fragen  macht  Graf  Kalnoky  darauf  aufmerksam,  daß
bei  der  Dardanellen-Frage  die  Interessen  unfrer  Monarchie  nicht  unmittelbar
  berührt  werden,  daß  vielmehr  andere  Mittelmeermächte  dieser  Frage
viel  näher  stehen  und  keine  derselben  zu  der  Regelung  der  Durchfahrt  für
die  russischen  Kreuzerschiffe  eine  andere  Stellung  eingenommen  habe  als  wir.

Der  Minister  gibt  dem  Delegierten  Csernatony  darin  recht,  daß  bei
unfrer  Allianz  mit  Italien  auch  die  orientalischen  Angelegenheiten  wesentlich
in  Betracht  kommen.  Die  Interessen  Italiens  lägen  allerdings  mehr  nach
dem  Mittelländischen  Meere  hin,  als  weiter  hinein  nach  den  Balkanländern.
Unter  den  heutigen  Verhältnissen  aber  lassen  sich  die  einen  von  den  anderen
kaum  trennen,  und  daher  dürfe  man  wohl  sagen,  daß  bezüglich  des  Orients
unsre  Interessen  und  die  Ziele  unfrer  Politik  mit  jenen  Italiens  identisch
seien.  Auch  Italien  verfolgt  im  Orient  eine  konservative,  auf  Erhaltung
des  status  quo  gerichtete  Politik,  genau  so  wie  wir,  und  Italien  strebt
ebensowenig  wie  wir  Länder-Erwerb  oder  einen  unberechtigten  Einfluß  in  den
Balkanländern  an.  Der  Minister  habe  die  Reise  des  Herrn  v.  Giers  und
dessen  Zusammenkunft  mit  dem  italienischen  Ministerpräsidenten  ohne  irgend
welches  Mißtrauen  betrachtet.  Er  habe  diese  Begegnung  eher  wünschenswert
gefunden,  weil  er  Herrn  v.  Giers  aus  persönlichem  Verkehre  als  einen  sehr
achtungswerten  gemäßigten  Staatsmann  kennt  und  man  es  nur  als  nützNlich
ansehen  konnte,  wenn  derselbe  sich  aus  unmittelbarer  Berührung  mit  dem
leitenden  italienischen  Minister  die  Ueberzeugung  verschaffe,  daß  Italien  genau
  wie  die  anderen  Mitglieder  des  Dreibundes  nicht  daran  denke,  andere
als  durchaus  friedliche  Ziele  anzustreben.  Ueber  das,  was  zwischen  den
beiden  Staatsmännern  gesprochen  worden  sein  könne,  glaubt  Graf  Kalnoky
bei  den  vertrauensvollen  Beziehungen,  welche  zwischen  den  Ministern  der
dem  Dreibunde  angehörenden  Staaten  bestehen,  sagen  zu  können,  daß  er
keinen  Grund  habe,  von  dem  Verlaufe  und  Resultate  dieser  Zusammenkunft
nicht  ganz  befriedigt  zu  sein.

Der  Minister  kommt  schließlich  berichtigend  auf  einen  Passus  in  der
Rede  des  Grafen  Apponyi  zurück.  Derselbe  habe  die  einleitenden  Worte  in
der  ersten  Rede  des  Ministers  so  gedeutet,  als  ob  letzterer  sich  den  pessimistischen
  Interpretationen,  welche  die  Ansprache  Sr.  Mjestät  an  die  Delegationen
  in  manchen  Kreisen  gefunden,  angeschlossen  hätte.  Redner  finde  zwar
von  dem,  was  er  gesagt,  nichts  zurückzunehmen,  müsse  aber  richtigstellend  auf
zwei  Momente  aufmerksam  machen;  erstens,  daß  kein  Grund  vorliege,  zu
sagen,  daß  er  die  europäische  Situation  in  wesentlich  anderem  Sinne  beurteile,
  als  dies  letzthin  vonseiten  des  italienischen  wie  des  englischen  Premierministers
  geschehen  ist,  denn  auch  er  habe  erklärt,  gegenwärtig  keinen  Grund
zur  Bedrohung  des  Friedens  zu  erblicken,  und  daß  dies  seine  Ansicht  sei,
dafür  könne  er  den  thatsächlichen  Beweis  liefern,  indem  er  auf  das  eben
vorgelegte  Budget  des  Kriegsministers  verweise.  Wie  viele  Millionen  würde
wohl  die  gemeinsame  Regierung  habe  einstellen  müssen,  wenn  sie  wirklich  an
eine  imminente  Gefahr  glauben  würde  und  Besorgnisse  ernster  Art  für  die
nächste  Zukunft  hegte?  Bezüglich  der  Dardanellenfrage  müsse  er  noch  nachträglich
  erwähnen,  daß  die  Durchfahrt  der  zur  Kreuzerflotte  gehörenden
Schiffe  keineswegs  etwas  ganz  neues  sei.  Die  Schiffe  machen  die  Fahrt  bereits
  seit  Jahren.  Es  haben  sich  jedoch  zu  wiederholtenmalen,  wenn  Soldaten
  transportiert  wurden,  von  türkischer  Seite  Schwierigkeiten  ergeben,
und  dieses  sollte  nun  ein=  für  allemal  geregelt  werden.  Graf  Szecsen  habe
ganz  richtig  bemerkt,  daß  das  Recht,  die  Durchfahrt  durch  die  Dardanellen
zu  gestatten,  dem  Sultan  allein  zustehe,  und  daß  er  diese  Erlaubnis  selbst
Kriegsschiffen  gewähren  könne.  Wenn  eine  der  Mächte  gegen  die  in  Rede
stehende  Vereinbarung  Einwendungen  erhoben  habe,  so  sei  aber  auch  bei
        <pb n="221" />
        Bie  Gesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (November  24.—27.)  213

dieser  Gelegenheit  der  Satz  aufgestellt  worden,  daß  jedes  Zugeständnis,  welches
bezüglich  der  Fahrt  durch  die  Dardanellen  seitens  des  Sultans  an  eine  einzelne
  Macht  gewährt  wird,  auch  für  die  anderen  Geltung  habe.  Darüber,
daß  russische  Truppen  vom  Westen  nach  dem  Osten  zurückbefördert  worden
wären,  ist  ihm  nichts  bekannt.  Ein  offiziöses  russisches  Blatt,  „Der  Invalide",
  hat  vielmehr  bereits  vor  einigen  Jahren  ganz  offen  das  Gegenteil
verkündet,  und  zwar  mit  der  Motivierung,  daß  gegenüber  der  Organisation
aller  anderen  europäischen  Armeen  und  namentlich  angesichts  der  Schnelligkeit,
  mit  welcher  dieselben  mobilisiert  werden  können,  Rußland  sich  in  einem
sehr  beträchtlichen  Nachteile  befinde,  wenn  seine  Truppen  erst  im  letzten
Momente  die  riesigen  Distanzen  bis  zum  Schauplatze  des  Krieges  zurückzulegen
  hätten.  Es  sei  auch  in  der  That  in  der  Verschiebung  russischer
Truppen  bis  zur  Stunde  kein  Stillstand  eingetreten.

24.  November.  (Wien.)  Ein  Antrag  des  Abg.  v.  Plener
die  unteren  Stufen  der  Erwerbssteuer  herabzusetzen,  wird  trotz  des
Widerspruchs  des  Finanzministers  mit  166  gegen  126  Stimmen
angenommen.  Die  äußerste  Linke  und  die  Jungtschechen  stimmen
mit  den  Deutschliberalen.

25.  November.  (Wien.)  Die  gestrige  Abstimmung  wird
praktisch  wieder  dadurch  aufgehoben,  daß  die  äußerste  Linke  mit  den
Antisemiten  den  Zusatzantrag  Pattai  einbringt,  wonach  der  Steuerausfall
  (1,2  Mill.  Gulden)  durch  einen  Zuschlag  zu  den  oberen
Stufen  wieder  eingebracht  werden  soll.  Mit  diesem  Zusatz  wird
die  ganze  Materie  an  eine  Kommission  verwiesen.

Pattai  beantragt:  die  Steuerklassen  von  105  bis  210  Gulden  um
50%,  jene  von  210  bis  525  Gulden  um  75%  und  jene  über  525  Gulden
um  100%  zu  erhöhen.

27.  November.  (Wien.)  Oesterreichische  Reichsratsdelegation.
Der  Abgeordnete  Zallinger  (kl.)  bespricht  die  Papstfrage,  indem  er
auf  die  in  der  letzten  Zeit  in  Rom  vorgefallenen  Vorgänge  hinweist.
  Die  Idee  der  Selbständigkeit  der  Kirche  sei  nicht  durch  Kanonen
  aufzuhalten;  dieselbe  bilde  keine  italienische,  sondern  eine
internationale  katholische  Frage.  Der  Anspruch  des  Papstes  auf
volle  Souveränität  auf  dem  eigenen  Territorium  sei  durchaus
legitim  und  eine  Stütze  aller  Legitimität.  Mehrere  Abgeordnete  widersprechen.
  Der  Referent  Fürst  Windischgrätz  giebt  seiner  persönlichen
Sympathie  für  die  Ideen  Zallingers  Ausdruck  und  spricht  die  Hoffnung
  aus,  daß  die  friedliche  Lösung  der  Frage  der  weltlichen  Macht
des  Papsttums  in  katholischem  Sinne  durch  Italien  selbst  erfolgen
werde.  Darauf  ergreift  der  Minister  des  Auswärtigen  Graf  Kalnoky
  das  Wort:

ç  Das  Problem,  das  Herr  v.  Zallinger  angeregt,  habe  auch  schon  vor
diesem  große  Geister  und  politische  Köpfe  beschäftigt,  doch  sei  eine  praktische
        <pb n="222" />
        214  Bie  Gesterreichisch-Augarische  Monarchie.  (November  30.)

Lösung  nicht  gefunden  worden;  er  glaube  nicht,  daß  die  Delegierten  von
ihm  eine  Erörterung  dieser  schwierigen  Frage  erwarten.

„Zwei  Punkte  möchte  ich  aber  doch  hervorheben.  Der  Herr  Berichterstatter
  hat  schon  in  dieser  Richtung  einige  dieser  Ansichten  gestreift,  ich
möchte  aber  jene  zwei  Punkte  als  diejenigen  hervorheben,  die  die  Regierung
vor  Augen  hat.  Das  eine  ist,  daß  sich  die  Regierung  vollkommen  bewußt
ist  der  enormen  Ueberzahl  der  katholischen  Bevölkerung  in  unserm  Vaterlande
  und  sich  daher  vor  Augen  hält,  daß  die  Gefühle  und  berechtigten
Empfindungen  und  Wünsche  nach  Möglichkeit  berücksichtigt  werden  sollen.
Die  Regierung  hat  auch  nur  den  Wunsch,  es  möge  die  Stellung  des  heiligen
Vaters  eine  solche  sein,  welche  die  völlige  Unabhängigkeit,  wie  sie  dem  Haupte
der  katholischen  Kirche  gebührt  und  für  ihn  notwendig  ist,  in  sich  schließt,
sie  möge  eine  solche  sein,  die  das  Papsttum  und  den  Pahyst  selbst  befriedigt,
denn  erst  wenn  die  Zufriedenheit  auf  dieser  Seite  auch  dauernd  ist,  wird
der  Friede,  wie  wir  ihn  wünschen,  zwischen  dem  Papsttum  und  dem  italienischen
  Königreiche  hergestellt  sein.  Das  sind  unsre  wärmsten  Wünsche,  und
wenn  wir  etwas  dazu  beitragen  können,  so  werden  wir  nie  verfehlen,  in
dieser  Richtung  zu  wirken  nach  unserm  besten  Können.  Der  zweite  Punkt,
den  ich  hervorheben  wollte,  ist  —  und  ich  glaube,  ich  werde  nirgends  auf
Widerspruch  stoßen  —  daß  es  der  allgemeine  Wunsch  der  Bevölkerung  ist,
mit  der  italienischen  Nation  in  Frieden  und  Freundschaft  zu  leben.  Wir
wollen  mit  diesem  Nachbar  in  gut  nachbarlichen,  in  guten  Beziehungen  in
jeder  Richtung  leben,  und  wir  gehen  noch  weiter,  denn  wir  sind  mit  ihm
in  ein  politisches  Bündnis  getreten,  welches  mit  eine  der  Grundlagen  unfrer
Politik  ist.  Nun,  meine  Herren,  ich  glaube,  der  Herr  Delegierte  Zallinger
muß  sich  das  doch  auch  gesagt  haben.  Wie  können  wir  also  mit  kühner
Hand,  wie  er  es  gethan  hat,  in  dieses  Problem  hineingreifen,  ohne  die  Gefühle
  der  italienischen  Nation  zu  verletzen,  die  wir  zu  verletzen  gar  keinen
Anlaß  und  auch  keinen  Wunsch  haben.  Eine  Konklusion  geht  aus  der  Hervorhebung
  dieser  zwei  Punkte  nicht  hervor,  weil,  wie  ich  eben  im  Anfange
gesagt  habe,  dieses  Problem  praktisch  zu  lösen  vorläufig  noch  niemand  die
Mittel  und  Wege  gefunden  hat.“

30.  November.  (Pest.)  Da  sich  gegen  die  Aeußerungen  des
Grafen  Kalnoky  am  27.  in  Italien  eine  schwer  verständliche  Entrüstung
  bemerkbar  macht  und  sogar  die  Auslegung  auftaucht,  die
Worte  des  Grafen  Kalnoky  hätten  die  Bedeutung,  daß  Oesterreich,
  falls  Italien  sich  vom  Dreibunde  losmachen  wollte,  die  römische
  Frage  wieder  auf  den  Plan  bringen  würde,  so  bringt  der
„Pester  Lloyd“  folgenden  Kommentar  zu  der  Rede:

Die  Papstfrage  ist  nicht  identisch  mit  der  römischen  Frage,  betreffend
  den  Besitz  Roms  und  die  weltliche  Herrschaft  des  Papstes;  letztere
Frage  hat  seit  21  Jahren  zu  existieren  aufgehört.  Niemand,  am  wenigsten
Oesterreich-Ungarn,  hat  das  Recht  oder  die  Absicht,  den  Besitz  Roms  den
Italienern  zu  stören.  Da  der  Papst  irgendwo  wohnen  muß,  besteht  die
Papstfrage  in  dem  Problem,  die  Freiheit  und  Unabhängigkeit  des  Papstes
mit  der  Souveränetät  jenes  Staates,  wo  er  wohnt,  sei  dies  in  Rom  oder
in  einem  anderen  Staat,  in  Einklang  zu  bringen.  Diese  Frage  ist  noch
nicht  endgültig  gelöst,  allein  auch  in  diesem  Sinne  ist  die  Papstfrage  keine
internationale;  solange  der  Papst  in  Rom  residiert,  ist  diese  Frage  ausschließlich
  durch  Italien  zu  regeln.  Wenn  das  Beisammensein  des  Papstes
mit  dem  König  von  Italien  in  Rom  unmöglich  würde,  müßten  nicht  die
        <pb n="223" />
        Die  Gesterreichisch-Augarische  Monarchie.  (Dezember  14.)  215

Italiener,  sondern  der  Papst  Rom  verlassen.  Jede  andere  Deutung  der  Rede
des  Grafen  Kalnoky  entspräche  wohl  den  Wünschen  der  Klerikalen,  keinesfalls
  aber  den  Gesinnungen  der  österreichisch-ungarischen  Regierung.

14.  Dezember.  In  der  Sitzung  des  Abgeordnetenhauses  citiert
im  Laufe  der  Budgetdebatte  der  Abgeordnete  Lueger  eine  angebliche
Aeußerung  des  deutschen  Reichskanzlers  v.  Caprivi  und  verwahrt
sich  dagegen,  daß  die  „Judenliberalen“  mit  den  Deutschen  in  Oesterreich
  identifiziert  würden,  sowie  dagegen,  daß  die  Tschechen,  Slovenen
und  Slovaken  als  gentes  minores  behandelt  würden  und  daß  nur

an  Deutsche  und  Magyaren  gedacht  werde.

Der  Redner  wendet  sich  im  Laufe  seiner  Rede  gegen  die  Handelsverträge
  und  äußert,  sie  lauteten  nur  zu  Gunsten  der  Juden.  Der  natürliche
  Zug  des  politischen  Einflusses  Oesterreichs  sei  nicht  nach  Deutschland,
Italien,  der  Schweiz  oder  Rußland  gerichtet,  sondern  nach  der  Balkan-Halbinsel.


Mit  Bezug  auf  diese  Aeußerungen  nimmt  der  Ministerpräsident
  Graf  Taaffe  das  Wort  zu  folgender  Erklärung:

Obwohl  er  nicht  im  Hause  anwesend  gewesen  sei,  sondern  sich  im
Ministerzimmer  bei  einer  Konferenz  befunden  habe,  so  sei  er  doch  auf  die
soeben  gehaltene  Rede  des  Abg.  Lueger  aufmerksam  gemacht  worden.  Es  sei
ihm  daher  zwar  unmöglich,  auf  die  Details  dieser  Rede  einzugehen,  er  sei
aber  in  der  sehr  unangenehmen,  er  möchte  fast  sagen,  traurigen  Lage,  nicht
nur  im  Namen  der  Regierung,  sondern  namens  Oesterreichs  sein  tiefstes  Bedauern
  darüber  auszusprechen,  daß  in  solcher  Weise  in  einem  Momente  gesprochen
  werde,  wo  die  Möglichkeit  geschaffen  worden,  das  politische  Bündnis,
  das  zwischen  den  drei  Großmächten  bestehe,  nicht  nur  in  politischer,
sondern  auch  in  wirtschaftlicher  Beziehung  zu  festigen  —  (lebhafter  Beifall)
—,  daß  in  einem  solchen  Momente  nicht  nur  einzelne  Großmächte  angegriffen
und  ihre  hervorragenden,  offiziellen  Persönlichkeiten,  wie  der  deutsche  Reichskanzler,
  in  solcher  Weise  geschildert  würden,  in  einem  Momente,  wo  jeder
gute  Oesterreicher  fühlen  müsse,  wie  sehr  er  seinem  Land  und  Reiche  diene,
wenn  er  dasjenige,  was  politisch  abgemacht  sei  und  was,  wie  er  glaube,  den
Frieden  Europas  sichern  dürfte,  auch  in  wirtschaftlicher  Beziehung  festige.
(Beifall.)  In  solchen  Momenten  so  vorzugehen,  sei  —  er  wolle  nicht  das
ärgste  Wort  gebrauchen:  es  sei  nicht  patriotisch  —  gewiß  aber  nicht  politisch.
(Lebhafter  anhaltender  Beifall.)  Er  wolle,  wie  bereits  erwähnt,  sich  gar
nicht  in  Details  einlassen  und  könne  es  auch  nicht  über  das,  was  der  Abg.
Lueger  gesprochen,  weil  er  nicht  gegenwärtig  gewesen  sei.  Eins  jedoch  sei
ihm  aufgefallen,  und  das  habe  er  gerade  gehört,  als  er  in  das  Haus  eingetreten
  sei  und  wo  der  Vorredner  gesagt  habe:  „Was  hat  Oesterreich  sich
politisch  oder  wirtschaftlich  mit  Italien,  mit  Deutschland  oder  Rußland  zu
beschäftigen?“  Meine  Herren!  Ist  Oesterreich  eine  Großmacht  oder  nicht?
(Lebhafter  Beifall.)  Wenn  sich  Oesterreich  weder  politisch  noch  wirtschaftlich
mit  den  anderen  Großmächten  auseinandersetzen  darf,  so  ist  es  keine  Großmacht
  mehr!  (Lebhafter  Beifall);  das  möchte  ich  jedoch  von  der  Ministerbank
  aus  konstatieren,  daß  Oesterreich,  Gott  sei  Dank,  noch  eine  Großmacht
ist  und  es  auch  mit  der  Unterstützung  der  patriotischen  Mitglieder  dieses
Hauses  fernerhin  bleiben  wird.“  (Lebhafter,  allseitiger  langandauernder
Beifall.)

Der  Generalberichterstatter  Dr.  v.  Bilinski,  der  Führer  der
        <pb n="224" />
        216  Pie  Gesterreichisz-Augeariscze  Menarthie.  (Dezember  16.)

Polen,  erklärt  zum  Schluß,  von  seinen  Parteigenossen  beauftragt
zu  sein,  ganz  entschieden  gegen  die  Aeußerungen  Luegers  zu  protestieren.
  Die  Polen  gingen  von  dem  Standpunkte  aus,  daß  die
Handelsverträge  eines  der  größten  Werke  der  zeitgenössischen  Staatskunst
  und  der  gegenwärtigen  Wirtschaftspolitik  seien.  Der  wirtschaftliche
  Friedensbund,  der  jetzt  geschlossen  sei,  bringe  die  zivilisierte
  Welt  dem  Ideale  des  ewigen  Friedens  viel  näher,  als  alle
Beschlüsse  der  Friedenskongresse.  Die  Polen  seien  mit  aller  Entschiedenheit
  für  den  Dreibund,  wie  er  bestehe,  weil  sie  darin  eine
Gewähr  des  Friedens  und  die  größte  Gewähr  der  Stärke  und  Kraft
Oesterreichs  erblickten.  (Lebhafter  Beifall.)

16.  Dezember.  (Wien:  Abgeordnetenhaus.)  Rede  des
jungtschechischen  Abgeordneten  Gregr:

„Hätten  unsere  Vorfahren  ahnen  können,  daß  Böhmen  zu  nichts  anderm
  als  zur  Zitrone  des  österreichischen  Staates  wird,  dann  wäre  die  Königswahl
  1526  anders  gefallen.  Die  Regierung  geht  gegenüber  den  Tschechen
vor,  als  wollte  sie  Böhmen  sobald  als  möglich  für  die  preußische  Annexion
zurichten.  Durch  seine  Haltung  gegen  die  Tschechen  hat  der  österreichische
Staat  schon  längst  die  Existenzberechtigung  verloren.  Die  Tschechen  fühlen
sich  in  Oesterreich  wie  in  einer  babylonischen  Gefangenschaft.  Im  Tschechenvolke
  herrscht  die  Sehnsucht,  aus  dieser  Gefangenschaft  loszukommen.  In
den  Banden  der  deutsch-österreichischen  Zentralisation  müsse  jedes  slavische
Volk  verdorren,  wie  in  den  Armen  eines  Vamphyhrs.  Der  österreichische
Staatsgedanke  sei  heute  nichts  anderes,  als  die  Slaven  zu  Grunde  zu  richten.
„Oesterreich  schließt  die  unnatürlichsten  Bündnisse  mit  dem  Erbfeind,  klammert
  sich  krampfhaft  an  Deutschland,  setzt  die  Existenz  des  Staates  aufs
Spiel;  nur  aus  Haß  gegen  die  Slaven  und  aus  germanischem  Fanatismus,
welcher  selbst  die  höchsten  Kreise  dieses  Reiches  schon  vergiftet  hat.  Oesterreich
  ist  kein  Rechtsstaat,  ist  den  Slaven  gegenüber  ein  Gewaltstaat.  Man
wird  das  Tschechenvolk  nicht  ermüden.  Will  man  gegen  dasselbe  Kanonen
ins  Feld  führen,  wir  fürchten  sie  nicht.  Man  erweckt  Haß  gegen  diesen
Staat  und  macht  dem  Tschechenvolke  die  Kette  immer  unerträglicher.“

Nach  diesen  Worten  erhebt  sich  der  Vorsitzende,  Herr  v.  Chlumecky
  und  erteilt  in  großer  Erregung  Gregr  den  Ordnungsruf.

Der  Abg.  Lienbacher  tritt  als  Oesterreicher  und  Deutscher  den
Ausführungen  Gregrs  entgegen  und  begrüßt  die  neuen  Handelsverträge
  freudig,  weil  dieselben  auf  einem  großen  Gebiete  eine  Vereinbarung
  schüfen,  wo  die  polititischen  Freunde  sich  wie  Feinde  behandelt
  hätten.

Prinz  Karl  von  Schwarzenberg  drückt  namens  seiner  Gesinnungsgenossen,
  sowie  der  übrigen  Tschechen,  welche  dem  Jungtschechenklub
  nicht  angehören,  tiefe  Entrüstung  aus  über  die  Beleidigung
  des  patriotischen  Gedankens  vonseiten  Gregrs:

Der  Sieg  des  Hauses  Habsburg  auf  dem  Weißen  Berge  sei  ein
Glück  für  Böhmen  und  die  tschechische  Nation  gewesen;  er  könne  versichern,
        <pb n="225" />
        Bie  Gesterreiczisch-Augarische  Monarchie.  (Dezember  17.—Ende.)  217

das  böhmische  Volk  hege  keinen  Haß  gegen  den  Gesamtstaat.  Wohin  solle
sich  das  böhmische  Bolk  wenden?  Solle  es  etwa  bei  dem  deutschen  Nachbar
oder  im  Nordosten  Anschluß  suchen?  Der  Enthusiasmus  des  böhmischen  Volkes
während  des  Besuches  der  Prager  Ausstellung  durch  den  Kaiser  sei  die  beste
Widerlegung  der  Rede  Gregrs.  (Lebhafter  Beifall  und  Händeklatschen.)

17.  Dezember.  (Abgeordnetenhaus.)  Finanzminister
Dr.  Steinbach  bezeichnet  die  Ziffern  in  der  gestrigen  Rede  des
Abg.  Gregr  über  die  angebliche  Steuerausbentung  Böhmens,
Mährens  und  Schlesiens  durch  den  Staat  als  von  seltener  Unrichtigkeit.
  Ein  Blick  in  das  gesegnete  Böhmen  genüge,  um  sich  von
der  Unwahrheit  der  Redensarten  „ausgepreßter  Zitrone",  „Vampyr=Armen“,
  „babylonischer  Gefangenschaft“  zu  überzeugen.  Das  agrikole
  Musterland  Böhmen  mit  seiner  reichen  Industrie  sei  wohl  kein
Objekt  des  Mitleids.  (Große  Heiterkeit  und  Beifall.)  Der  Minister
schließt  sich  im  Namen  der  Regierung  auf  das  entschiedenste  dem
gestern  durch  den  Prinzen  Schwarzenberg  kundgegebenen  Ausdrucke
der  Entrüstung  über  die  Beleidigung  der  patriotischen,  dynastischen
und  österreichischen  Gefühle  an.  Die  Regierung  nehme  das  böhmische
Volk  gegen  die  Beleidigung  durch  Gregr  in  Schutz.  (Großer  Beifall.)
Palacky  erklärt,  Oesterreich  müßte  für  die  österreichischen  Slaven
erfunden  werden,  wenn  es  nicht  bestände.  (Beifall.)  Gregr  habe
dem  böhmischen  Volke  keinen  Dienst  geleistet,  letzteres  schulde  ihm
(Gregr)  keinen  Dank.  (Lauter  Beifall,  große  anhaltende  Bewegung.)

20.  Dezember.  Duell  zwischen  dem  Minister  Fejervary  und
dem  Abgeordneten  Ugron.

23.  Dez.  Ernennung  des  Landgerichtsrats  Grafen  Kuenburg,
Mitgliedes  der  deutschen  Linken,  zum  Minister  ohne  Portefeuille.

23.  Dezember.  (Pest.)  Das  Abgeordnetenhaus  nimmt  in
dritter  Lesung  sämtliche  Handelsverträge  an.  Der  Ministerpräsident
  Szapary  teilt  mit,  sobald  das  Oberhaus  die  Handelsverträge
  angenommen  habe,  werde  die  Regierung  die  Auflösung
des  Reichstags  vorschlagen,  weil  die  Wahlbewegung  schon  im
ganzen  Lande  im  Zuge  und  daher  eine  ruhige  Arbeit  der  Abgeordneten
  unmöglich  sei.  Der  Ministerpräsident  beantragt,  keine
meritorischen  Sitzungen  mehr  zu  halten,  sondern  nur  noch  am
4.  Januar  behufs  Entgegennahme  des  Votums  des  Oberhauses
betreffs  der  Handelsverträge  zusammenzutreten.

Ende  Dezember.  Der  Professor  der  Nationalökonomie,  Abg.
v.  Bilinski,  Führer  des  Polenklubs,  wird  Generaldirektor  des
österreichischen  Staatsbahnwesens  an  Stelle  des  Frhrn.  v.  Cezedik.
        <pb n="226" />
        III.
Portugal.

30.  Januar.  In  Oporto  bricht  eine  militärische  Bewegung
  zu  Gunsten  der  Republik  aus,  die  aber  ohne  Schwierigkeit
durch  treugebliebene  Truppen  unterdrückt  wird.  Der  Führer  Kapitän
  Laites  wird  gefangen  genommen.

1.  Februar.  (Lissabon.)  Das  amtliche  Blatt  veröffentlicht
einen  Erlaß,  welcher  die  Habeas-Korpus-Akte  suspendiert  und
die  Behörden  ermächtigt,  solche  Zeitungen,  welche  die  Sicherheit  des
Staates  gefährden,  im  ganzen  Lande  zu  unterdrücken.

24.  März.  (Lissabon.)  Das  amtliche  Blatt  veröffentlicht
das  Gesetz  über  die  Konsolidation  der  schwebenden  Schuld
und  das  Gesetz  über  das  Tabaksmonopol.

17.  April.  (Lissabon.)  Das  gesamte  Ministerium  reicht
seine  Entlassung  ein.  Der  König  beauftragt  den  Premierminister
mit  der  Neubildung  des  Kabinetts;  dieser  lehnt  anfänglich  ab,  zuletzt
  entschließt  sich  das  ganze  Ministerium  zum  Bleiben.

22.  April.  Die  portugiesische  Regierung  sistiert  bei  Beira
auf  dem  Pungire-Flusse  zwei  britische  Dampfer  der  südafrikanischen
Kompagnie.

Mitte  Mai.  Blutiger  Zusammenstoß  zwischen  Portugiesen
und  Engländern  in  Südafrika,  die  auf  dem  Wege  nach  dem  Fort
Salisbury  in  Massikesse  eintrafen.

28.  Mai.  (Lissabon.)  Dasenglisch-portugiesische  Abkommen
  wird  unterzeichnet.

6.  Juni.  Die  Deputiertenkammer  genehmigt  mit  105
gegen  6  Stimmen  das  Uebereinkommen  mit  England.

10.  Juni.  Die  Pairskammer  genehmigt  mit  83  gegen  6
Stimmen  endgültig  das  englisch-portugiesische  Uebereinkommen.
        <pb n="227" />
        Veriusal.  (Juli  1.  Dezember  Ende.)  219

1.  Juli.  (Lissabon.)  Der  Ausschuß  der  Kammer  für  die
auswärtigen  Angelegenheiten  verschiebt  die  Vorlegung  des  Berichtes
bezüglich  der  Generalakte  der  Brüsseler  Konferenz.

13.  Oktober.  (Lissabon.)  Ein  königliches  Dekret  betreffs
der  Kolonie  Mozambique  bestimmt,  daß  dieselbe  fortan  unter  dem
Namen  „Freier  Staat  von  Ostafrika“  in  die  zwei  Provinzen  Mozambique
  und  Lorenzo  Marquez  geteilt  werde.  Die  wirtschaftliche
Ausbeutung  der  portugiesischen  Besitzungen  in  Ostafrika  soll  nach
dem  Vorgange  Frankreichs,  Deutschlands  und  Englands  Privatgesellschaften
  übertragen  werden;  denn  die  Kolonie  koste  Portugal
gegenwärtig  8  Millionen  Franks,  was  für  die  Finanzen  des  Mutterlandes
  eine  zu  schwere  Last  sei.  Die  Hoheitsrechte  würden  diesen
Gesellschaften  übertragen,  jedoch  unter  strenger  Kontrolle  der  Regierung.
  Der  Sitz  der  Kolonialverwaltung  werde  Lorenzo  Marquez
sein.  Die  Bahnverbindung  zwischen  Quilimane  und  dem  Schirefluß
  werde  ersterem  Orte  einen  bedeutenden  Aufschwung  seines
Handels  bringen.  Die  jährliche  Ersparnis  für  Portugal  werde
3,875,000  Franks  betragen.  Ferner  würden  die  Zolltarife  für  Sankt
Thomas,  die  Kap  Verdischen  Inseln,  Guinea  und  Angola  demnächst
revidiert  und  hierdurch  eine  Erhöhung  der  Einnahmen  um  2  Millionen
  erzielt  werden.  Von  Guinea  und  der  Insel  Timos  abgesehen,
  sei  die  Finanzlage  der  Kolonien  eine  befriedigende.  In  Mozambique
  und  Lorenzo  Marquez  sollen  königliche  Kommissionen  eingesetzt
  werden.  Die  Kompagnien  von  Mozambique,  Inhambane
und  Delagoa  sollen  unter  einem  Intendanten  stehen,  der  von  dem
Minister  ernannt  wird.

12.  Dezember.  In  Lissabon  findet  das  feierliche  Leichenbegängnis
  des  am  4.  Dezember  in  Paris  gestorbenen  Dom  Pedro,
Exkaiser  von  Brasilien,  statt.  Prinz  Albrecht  von  Preußen
ist  dazu  erschienen.

Ende  Dezember.  Der  Zinslkoupon  für  die  Staatsanleihen  und
die  vom  Staat  garantierten  Eisenbahn-Prioritäten,  der  am  1.  Januar
  fällig  ist,  wird  nicht  gedeckt.
        <pb n="228" />
        IV.

Spanien.

Ende  Januar.  Allgemeine  Wahlen.  Es  werden  gewählt:
95  Liberale,  7  Karlisten,  8  liberale  Dissidenten,  12  unabhängige
Konservative,  25  Republikaner,  2  Autonomisten,  5  Unabhängige
und  289  Konservative,  also  gegen  154  Mitglieder,  welche  der  Opposition
  angehören.

Die  hervorragendsten  Mitglieder  aller  Parteien,  sowie  die  Minister
sind  wiedergewählt.  Castelar  ist  in  Huesla  mit  einer  Mehrheit  von  600
Stimmen,  Zorilla  in  Barcelona,  Pimargal  in  Valencia  und  Barcelona

gewählt.  Salmeron  und  Martes  sind  unterlegen.  In  mehreren  Städten
haben  die  Republikaner  ansehnliche  Majoritäten  erzielt.

2.  März.  Eröffnung  der  Kammern.  In  der  Thronrede  wird
u.  a.  gesagt:  Die  Handelsverträge  habe  die  Regierung  kündigen
müssen,  um  auf  neuen  Grundlagen  Zollabkommen  mit  den  anderen
großen  Ländern  zu  treffen.  Die  Botschaft  kündigt  sodann  eine
Reform  des  Strafgesetzbuches,  die  Einführung  eines  obligatorischen
Militärunterrichts,  sowie  die  Verbesserung  der  Verteidigungsarbeiten
an.  Hinsichtlich  der  finanziellen  Angelegenheiten  Spaniens  wird
hervorgehoben,  daß  es  notwendig  sei,  das  Defizit  zu  beseitigen  und
die  Ausgaben  herabzumindern.  Die  Höhe  der  schwebenden  Schuld
erheische  Konsolidierung  in  kürzerer  oder  längerer  Zeit.  Die  Regierung
  sei  mit  der  Arbeiterfrage  beschäftigt  und  werde  sich  auch
fernerhin  die  Prüfung  der  sozialen  Dinge  angelegen  sein  lassen.

12.  Mai.  (Madrid.)  Bei  den  Munizipalwahlen  sind  insgesamt
  2573  Monarchisten,  854  Republikaner,  169  Independenten
und  31  Karlisten  gewählt.  In  Madrid  und  etwa  40  bedeutenderen
Städten  haben  die  Republikaner  die  Mehrheit  erhalten.

1.  Oktober.  (Madrid.)  Nach  hier  eingegangenen  Meldungen
haben  marokkanische  Mauren  einen  Angriff  auf  die  Festung  Melilla
gemacht,  sind  jedoch  durch  Geschützfeuer  zurückgetrieben  worden.
        <pb n="229" />
        Spanien.  (November  21.  —  Dezember  17.)  221

21.  November.  (Madrid.)  Im  Ministerrate  spricht  der
Minister  des  Innern  Silvela  den  Wunsch  aus,  sein  Portefeuille
niederzulegen,  weil  ein  anderer  Minister  besser  als  er  im  stande  sei,
der  Regierung  neue  Anhänger  zu  gewinnen.  Der  Ministerpräsident
Canovas  sucht  ihn  vergebens  davon  abzubringen.  Der  Justizminister
Villaverde  erklärt  hierauf,  da  es  sich  um  eine  vorzugsweise  politische
Krise  handle,  müsse  das  gesamte  Kabinett  seine  Entlassung  geben,
damit  die  Königin-Regentin  die  volle  Freiheit  des  Handelns  habe.
Der  Ministerpräsident  Canovas  begibt  sich  sofort  in  das  Palais
und  überreicht  die  Demission  des  gesamten  Kabinetts.

24.  November.  Die  Liste  des  neuen  Kabinetts  ist  die  folgende:
Canovas  del  Castillo,  Ministerpräsident;  Herzog  von  Tetuan,  Minister
  des  Auswärtigen;  Cos-Gayon,  Justizminister;  Ascarraga,
Kriegsminister;  Montojo,  Marineminister;  Elduayen,  Minister  des
Innern;  Concha  Castaneda,  Finanzminister;  Linares  Rivas,  Minister
  für  öffentliche  Arbeiten;  Romero  Robledo,  Minister  der  Kolonien.


Die  amtlichen  Journale  veröffentlichen  eine  Mitteilung,  wonach  das
neue  Kabinet  die  Politik  des  letzten  Kabinets  fortsetzen  werde.  Die  Regierung
erachte  die  finanzielle  Lage  durch  Zufälligkeiten  verursacht,  sie  glaube,  es  sei
die  erste  Notwendigkeit,  daß  das  Budget  der  Wirklichkeit  entspreche  und
nicht  fiktiv  sei.  Das  Kabinet  werde  es  sich  besonders  angelegen  sein  lassen,
Vertrauen  zu  verdienen  und  den  Kredit  wieder  herzustellen.

17.  Dezember.  Die  Königin-Regentin  verleiht  dem  Prinzen
Albrecht  von  Preußen,  der  auf  der  Rückreise  von  Lissabon  sich
einige  Zeit  in  Spanien  aufhält  und  den  Hof  besucht,  den  Orden
vom  Goldnen  Vließ.
        <pb n="230" />
        V.

Großbritannien.

Anfang  Januar.  Großer  Eisenbahn-Streik  in  Schott—
land,  mit  Attentaten  auf  die  Züge,  die  abgelassen  werden.

2.  Januar.  Lord  Salisbury  hält  in  Cambridge  eine  Rede,
in  welcher  er  erklärt,  die  wahre  Lehre,  welche  man  aus  den  letzten
Ereignissen  in  Irland  entnehmen  könne,  liege  in  der  Enthüllung
der  außerordentlichen  Macht  der  Organisation,  an  deren  Spitze  die
Erzbischöfe  Croke  und  Walsh  stünden.  Wenn  die  Homerule-Vorlage
angenommen  würde,  so  würden  die  Bischöfe  und  Priester  die  wahren
Herrscher  Irlands  sein  und  die  Protestanten  in  Ulster  unterdrücken;
ihr  soziales,  politisches  und  materielles  Wohlergehen  würde  von
der  Priesterwirtschaft  abhängig  sein.

28.  Januar.  Der  Kanzler  der  Schatzkammer  Goschen  hält
in  Leeds  eine  Rede,  in  welcher  er  nach  einem  längeren  Hinweise
auf  die  jüngste  Finanzkrisis  ankündigt,  er  sei  unter  Beistand
der  Bank  von  England  beschäftigt,  einen  Plan  ausfindig  zu  machen,
wodurch  die  ständigen  Hilfsquellen  des  Landes  verstärkt  und  finanzielle
  Katastrophen  abgewendet  werden  könnten.  Die  gegenwärtige
Goldreserve  in  England,  im  allgemeinen  unzureichend,  sollte  mindestens
  25  Millionen  betragen  und  vielleicht  auf  26  oder  27  Millionen
  erhöht  werden,  zur  Herstellung  einer  zweiten  Goldreserve
würde  er  unter  gewissen  Umständen  eine  Ausgabe  von  20  Millionen
Einpfund-Noten  befürworten;  durch  diese  zweite  Reserve  würde  eine
Suspension  der  Bankakte  in  Krisen  vermieden  werden;  auch  wäre
die  Ausgabe  von  Zehnschilling-Noten  gegen  Silberdeckung  in  Aussicht
  genommen.

11.  Februar.  (London.)  Das  Unterhaus  nimmt  in  dritter
Lesung  die  Zehnten-Bill  mit  250  gegen  lül  Stimmen  an.
        <pb n="231" />
        Großbritannien.  (Februar  20.  —  April  23.)  223

20.  Februar.  Aus  Suakin  trifft  die  Nachricht  ein,  daß  Tokar
nach  geringem  Widerstande  besetzt  ist.  Vor  der  Besetzung  fand  ein
heftiges  Gefecht  mit  Osman  Digma  statt.

20.  Februar.  Im  Unterhause  bringt  Pritchard  Morgan
einen  Antrag  ein,  wonach  das  Bestehen  der  englischen  Kirche  in
Wales  als  Staatskirche  für  eine  Anomalie  und  Ungerechtigkeit  er—
klärt  wird,  die  aufhören  sollte.  Gladstone  bekämpft  den  Antrag
und  unterstützt  die  Regierung.  Das  Haus  verwirft  den  Antrag
mit  235  gegen  203  Stimmen.

24.  Februar.  (London.)  Der  Ministerrat  beschließt  die  Einsetzung
  einer  Königlichen  Kommission  zur  Untersuchung  des  Verhältnisses
  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern.

Mitte  März.  Bei  den  Wahlen  in  Canada  tragen  die
Konservativen  den  Sieg  davon  mit  einer  Mehrheit  von  25  Stimmen
(früher  51  Stimmen)  bei  einer  Gesamtheit  von  215  Stimmen.

22.  März.  (OÖstindien.)  Eine  britische  Expedition,  welche
von  Assam  nach  Manipur  unter  J.  W.  Ouinton  zur  Herstellung
der  Ordnung  abgesandt  ist,  wird  von  den  Manipuriten  geschlagen
und  aufgerieben.

24.  März.  Der  italienische  Ministerpräsident  Rudini  und
der  englische  Botschafter  in  Rom  Lord  Dufferin  unterzeichnen  ein
Protokoll,  durch  welches  die  Demarkationslinie  der  englischen
und  der  italienischen  Einflußsphäre  in  Ostafrika  festgesetzt  wird.

Die  vereinbarte  Linie  geht  das  Thal  des  Juba  von  der  Mündung
aufwärts  bis  zum  6.  Grad  n.  Br.,  folgt  alsdann  dem  6.  Parallelkreise
bis  zum  35.  Längengrade  und  diesen  entlang  bis  zum  blauen  Nil.  Aethiopien
mit  Kaffa  und  den  anderen  Gebiets-Dependenzen  bleibt  also  mit  der  südlichen
  Grenze  innerhalb  der  italienischen  Einflußsphäre.  Was  die  Station
Kismaju  betrifft,  so  sollen  die  italienischen  Unterthanen  und  Schutzbefohlenen
völlig  gleiche  rechtliche  Behandlung  wie  die  englischen  genießen.

8.  April.  (Simla.)  Der  Rebellenführer  von  Manipur  erklärt
  in  einem  Schreiben  an  den  Bizekönig  von  Indien,  das  Volk
habe  Quinton  und  Gefährten  ermordet,  weil  sie  seine  Soldaten
getötet,  den  Palast  angegriffen  und  den  Tempel  entheiligt  hätten.

23.  April.  (Unterhaus.)  Der  Kanzler  der  Schatzkammer
Goschen  bringt  das  Budget  ein.  Der  Ueberschuß  im  abgelaufenen
Jahre  beträgt  1¾/4  Millionen  Lstr.  Der  Voranschlag  für  das  laufende
  Finanzjahr  beziffert  die  Einnahmen  auf  90  ½  Millionen  Lstr.,
die  Ausgaben  auf  88½  Millionen  sstr.

Von  dem  verbleibenden  Ueberschuß  will  die  Regierung  1  Million
zur  Durchführung  des  freien  Unterrichts  (wofür  im  ersten  Rechnungsjahre
        <pb n="232" />
        224  Grbritannien.  (Mai  9.—  Juni  15.)

nur  1  Million,  künftig  aber  2  Millionen  jährlich  erforderlich  sein  werden),
½  Million  für  Kasernenbauten  und  400,000  Lstr.  für  Zurückziehung  des
leichten  Geldes  aus  dem  Umlauf  verwenden.  Eine  Steuerverminderung  wird
nicht  vorgeschlagen.

9.  Mai.  (London.)  Aus  Capetown  wird  gemeldet,  der
Gouverneur  des  Kaplandes  habe  die  Oberhoheit  der  Königin  über
das  Bastardland  und  die  Annektierung  dieses  Gebietes  an  das  Beschuanaland
  proklamiert.

9.  Mai.  (London.)  Die  deutsche  Ausstellung  wird
durch  den  Lordmayor  eröffnet.

28.  Mai.  Das  englisch-portugiesische  Abkommen  wird
unterzeichnet.  (Siehe  Portugal.)

9.  Juni.  (London.)  Ende  des  Baccarat-Prozesses,  in
welchem  der  Gardeoberst  Sir  William  Gordon  Cumming  des  falschen
  Spielens  schuldig  befunden  wird.  Das  Spiel  hat  stattgefunden
  unter  der  Teilnahme  des  Prinzen  von  Wales,  der  als
Zeuge  in  dem  Prezesse  erscheint.

15.  Juni.  Im  englischen  Unterhause  gibt  der  Staatssekretär
  des  Kriegsamtes,  Stanhope,  auf  eine  Interpellation  folgende
  Erklärung  ab:  Allerdings  bestimmt  das  Heeresreglement:  daß
jeder  Offizier,  dessen  Betragen  als  Offizier  und  Gentleman  öffentlich
angegriffen  wird,  diesen  Fall  in  billiger  Zeit  seinem  Vorgesetzten
zu  unterbreiten  hat.  Gordon  Cumming  hat  dieses  Reglement
verletzt;  das  Vergehen  der  drei  übrigen  beteiligten  Offiziere  besteht
nur  darin,  ihm  ein  anderes  Verfahren  empfohlen  zu  haben.  Von
diesen  Offizieren  ist  General  Owen  Williams  aus  der  Armee  geschieden,
  die  beiden  anderen  bleiben  unzweifelhaft  dem  Reglement
unterworfen.  Dieses  Reglement  ist  nie  speziell  zur  Kenntnis  des
Prinzen  von  Wales  gebracht  worden;  jetzt,  wo  die  Aufmerksamkeit
  auf  dasselbe  gelenkt  ist,  ermächtigt  mich  der  Prinz,  in  seinem
Namen  zu  erklären,  er  erkenne  seinen  Irrtum,  Cumming  nicht  sofort
  aufgefordert  zu  haben,  den  Fall  seinem  Vorgesetzten  zu  unterbreiten.


„Diese  Ansicht  —  so  fährt  Stanhope  fort  —  teile  auch  ich,  aber  ich
glaube,  wenn  einer  von  uns  unglücklicher  Weise  blezich  örte,  daß  ein
Freund  ehrenwidrigen  Verhaltens  beschuldigt  wird,  hätten  wir  sicherlich
gezögert,  ehe  wir  ihm  ein  Verfahren  angeraten  hätten,  welches  das  sofortige
unabänderliche  Verderben  seiner  ganzen  zukünftigen  Laufbahn  mit  sich  bringen
muß.  Berkeley  Levett,  der  sich  in  derselben  Lage  befindet,  hat  einem  vorgesetzten
  Offizier  gegenüber  brieflich  sein  großes  Bedauern  ausgedrückt.  Eine
weitere  Aktion  ist  in  dieser  Angelegenheit  nicht  in  Aussicht  genommen.“

Oberst  Cumming,  der  sich  inzwischen  mit  einer  reichen  Erbin  ver-
        <pb n="233" />
        Eroßbritannien.  (Juni  15.—Juli  30.)  225

heiratet  hat,  wird  mit  seiner  jungen  Frau  von  dem  Bürgermeister  und  dem
gesamten  Gemeinderate  von  Fowes  in  großer  Gala  und  mit  besonderer
Feierlichkeit  empfangen.  Von  sämtlichen  Kirchen  ertönt  Glockengeläute,
Triumphbogen  waren  erbaut,  die  Häuser  beflaggt,  und  die  festlich  gekleidete
Bevölkerung  empfängt  das  Paar  mit  großem  Enthusiasmus.

15.  Juni.  Das  Unterhaus  nimmt  die  dritte  Lesung  der
irischen  Bodenankaufsbill  mit  225  gegen  96  Stimmen  an.

Mitte  Juni.  Nachdem  die  Manipuriten  besiegt  sind,  wird
der  Regent,  der  Bruder  des  Senaputti  zum  Tode  verurteilt.

18.  Juni.  (Unterhaus.)  Bei  der  Beratung  der  Fabriken--und
  Werkstättenbill  beantragt  Sydney  Buxton  ein  Amendement,
daß  vom  1.  Januar  1893  ab  Kinder  nur  mit  dem  11.  Jahre  in
Fabriken  beschäftigt  werden  sollen.  Gorst  gibt  zu,  daß  die  britischen
Delegierten  auf  der  Berliner  Arbeiter-Konferenz  sich  einmütig  für
die  Alterserhöhung  auf  12  Jahre  bei  der  Beschäftigung  von  Kindern
aussprachen  und  daß  Lord  Salisbury  dieser  Ansicht  beigepflichtet
habe.  Matthews  verteidigt  es,  daß  die  Regierung  ein  Alter  von
10  Jahren  in  der  Vorlage  beibehalten  habe.  Von  allen  Ländern
hätten  nur  Deutschland  und  Portugal  bisher  Gesetze  erlassen,  um
die  Vorschläge  der  Berliner  Konferenz  durchzuführen  und  selbst
diese  Länder  hätten  nicht  alle  Vorschläge  der  Konferenz  verwirklicht.
Hierauf  wird  das  Amendement  Buxtons  mit  202  gegen  186  Stimmen
angenommen.

20.  Juni.  Das  Unterhaus  nimmt  in  dritter  Lesung  die
Fabriken=  und  Werkstättenbill  an.

4.—13.  Juli.  Besuch  des  deutschen  Kaiserpaares  in
England.

30.  Juli.  (London.)  Bei  dem  Lordmayor-Festessen  erwiderte
Lord  Salisbury  auf  den  Toast  des  Lordmayors,  die  irische  Frage
näher  erörternd,  daß  der  Bürgerkrieg  vermieden  und  die  Auflehnung
gegen  das  Gesetz  unmöglich  gemacht  sei.  Betreffs  der  auswärtigen
Politik  erklärt  derselbe,  daß  zu  keiner  Zeit  weniger  Ursache  zur
Beunruhigung  bestanden  habe,  da  die  politische  Lage  Europas  seines
Wissens  niemals  eine  so  befriedigende  gewesen  sei.  Wer  sich  nach
Beunruhigung  sehne,  müsse  nach  den  Vereinigten  Staaten  gehen,
wo  die  Robbenfang-Frage  vielleicht  noch  zu  Zerwürfnissen  führen
könne.  Von  Südamerika,  wo  ein  endloser  Streit,  beständige  Unruhen,
  eine  sorglose  und  umwälzende  Finanzwirtschaft  herrsche,  sei
die  englische  Regierung  angegangen  worden,  in  dem  chilenischen
Streit,  wie  auch  zur  Ordnung  der  argentinischen  Finanzen  zu  ver-Europ.

  Geschichtskalender.  Bd.  XXIII.  15
        <pb n="234" />
        226  Großbritannien.  (August  5.)

mitteln.  Doch  habe  sie  es  abgelehnt,  sich  mit  diesen  Fragen  zu
befassen.  Die  orientatische  Frage  sei  zwar  noch  nicht  gelöst,  doch
entwickelten  sich  jetzt  zwei  Länder,  nämlich  Egypten  und  Bulgarien,
deren  rascher  Fortschritt  zu  der  Hoffnung  berechtige,  diese  Schwierigkeit
  einst  zu  lösen.  Dann  erwähnt  der  Premier  der  kürzlichen
Besuche  des  deutschen  Kaisers  wie  des  Prinzen  von  Neapel,  welch
letzterer  eine  andere  freundliche  Macht  repräsentiere.  In  wenigen
Wochen  hoffe  er,  die  französische  Flotte  bewillkommnen  zu  können,
alles  Vorgänge,  welche  den  zwischen  den  europäischen  Nationen  bestehenden
  Frieden  wie  die  Gefühle  der  Freundschaft  unter  ihnen
bekunden.  Man  habe  von  Verträgen  gesprochen,  welche  den  Frieden
der  Welt  bedrohen  müßten.  Er  wisse  von  solchen  Verträgen  nichts
und  sei  überzeugt,  daß  die  Tragweite  einfacher  geschriebener  Verträge
  sehr  übertrieben  werde.  Für  England  seien  Verbündete  diejenigen,
  welche  die  Aufrechterhaltung  der  gegenwärtigen  Verteilung
der  Länder  und  des  Friedens  wollten.

5.  August.  Die  Parlamentssession  wird  mit  einer  Botschaft
der  Königin  geschlossen.  Sie  lautet:

„Meine  Lords  und  Herren!  Ich  freue  mich,  Sie  von  den  Arbeiten
einer  in  die  Länge  gezogenen  Session  entbinden  zu  können.

Meine  Beziehungen  zu  allen  anderen  Mächten  sind  fortwährend  die
des  Friedens  und  der  Freundschaft.

Mit  dem  König  von  Portugal  wurde  ein  Uebereinkommen  abgeschlossen
und  genehmigt,  welches  die  Grenzen  zwischen  den  Gebieten  und  Einflußsphären
  beider  Kronen  in  Ostafrika  festsetzt.  Ich  habe  auch  mit  dem  König
von  Italien  ein  Abkommen  getroffen,  das  die  Linie  bestimmt,  welche  die
Schutzherrschaft  von  Italien  im  Nordosten  Afrikas  von  dem  britischen  Einflußgebiete
  und  von  dem  egyptischen  Gebiete  trennt.

Ich  habe  dem  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten  Vorschläge  gemacht,
  um  den  Streit  über  den  Robbenschlag  in  dem  Beringsmeer  einem
Schiedsgericht  zu  unterbreiten.  Die  Unterhandlungen  sind  weit  fortgeschritten,
aber  noch  nicht  erledigt.  Mittlerweile  ward  zwischen  den  beiden  Regierungen
eine  Einstellung  des  Seehundsfanges  in  jenen  Gewässern  verabredet,  um  der
zu  befürchtenden  übermäßigen  Ausrottung  der  Thierart  vorzubeugen.

Die  französischen  Kammern  haben  noch  nicht  das  Abkommen  zwischen
uns  und  der  französischen  Republik  auf  Unterbringung  verschiedener,  Newfundland
  betreffender  Streitigkeiten  vor  einem  Schiedsgericht  genehmigt.

Die  Genehmigung  der  Schlußakte  der  Brüsseler  Konferenz  zur  Unterdrückung

  des  Sklavenhandels  wurde  ebenfalls  aufgeschoben;  ebenso  die  Gutheißung
  des  Nordsee-Abkommens  zur  Verhinderung  des  Alkoholhandels
ur  See.
Meine  Herren  vom  Hause  der  Gemeinen!  Ich  danke  Ihnen  für  die
von  Ihnen  genehmigten  Abmachungen  betreffs  des  Staatshaushalts.  Ich
freue  mich,  daß  Sie  in  der  Lage  waren,  eine  bedeutende  Summe  der  Milderung
  der  Last  zu  widmen,  welche  der  obligatorische  Unterricht  den  ärmeren
Volksklassen  aufbürdet.

Meine  Lords  und  Herren!  Die  verschiedenen  Maßregeln,  welche  Sie
        <pb n="235" />
        Großbritannien.  (August  5.  —  August  20.)  227

in  den  letzten  Jahren  beschlossen,  um  die  Beobachtung  der  Gesetze  in  Irland
zu  sichern  und  die  allgemeine  Lage  der  Insel  zu  bessern,  haben  eine  erkleck—
liche  Verminderung  der  Agrarvergehen  und  einen  bedeutenden  Wohlstandsaufschwung
  im  Gefolge  gehabt.  Die  Schritte,  welche  Sie  thaten,  um  dem
durch  die  Kartoffelmißernte  drohenden  Elend  in  den  inneren  Gegenden  Westirlands
  vorzubeugen,  haben  das  große  Unheil  einer  Hungersnot  abgewandt.
Auch  haben  Sie  eine  wohlthätige  Maßregel  anläßlich  der  übervölkerten  Bezirke
  Irlands  durchgesetzt;  durch  Pflege  des  Ackerbaues  und  Ermunterung
des  Fischereibetriebes  wird  sie  hoffentlich  zur  Verhinderung  ähnlicher  Gefahren
  in  der  Zukunft  beitragen.

Die  Vorkehrungen,  durch  welche  Pächter  in  den  Stand  gesetzt  werden,
ihre  Pachtgüter  zu  kaufen,  sowie  die  Maßregel  zur  Erleichterung  der  Landübertragung
  in  Irland  werden  durch  Vermehrung  der  kleinen  Grundbesitzer
die  beste  Bürgschaft  für  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  liefern.

Das  Gesetz,  welches  den  Landbesitzern  eine  unmittelbare  Haftbarkeit“
für  die  Zehentzahlung  auferlegte,  wird  häufigen  Veranlassungen  zu  Streitigkeiten
  zwischen  Pächtern  und  Zehenteignern  vorbeugen  und  zugleich  den
Zehentzahlern  in  dringlichen  Fällen  Erleichterung  gewähren.

Im  Anuschluß  an  dringende  Handels=  und  Ackerbaubedürfnisse  haben
Sie  einen  wichtigen  Teil  des  Werks  zur  Vereinfachung  und  besseren  Veranlagung
  des  Eisenbahntarifs  vollendet;  das  Ergebnis  wird  unzweifelhaft
die  schweren  damit  verknüpften  Arbeiten  rechtfertigen.

Die  Maßregeln  zur  Ausbildung  des  Fabrik=  und  Werkstättengesetzes,
der  Sparbanken  und  der  öffentlichen  Gesundheitspflege  werden,  dessen  bin
ich  gewiß,  zum  Wohl  und  Gedeihen  meines  Volkes  beitragen.

Ich  hoffe,  daß  Sie  in  einer  künftigen  Session  im  stande  sein  werden,
verschiedene  Fragen  zu  untersuchen,  auf  die  ich  Ihr  Interesse  gelenkt,  die  in
Angriff  zu  nehmen  aber  Ihnen  der  Zeitmangel  nicht  gestattete.

Ich  bete,  damit  bei  der  Erledigung  Ihrer  verschiedenartigen  Obliegenheiten
  in  meinem  Königreich  Sie  sich  der  Leitung  und  des  Beistandes  des
allmächtigen  Gottes  erfreuen.“

5.  August.  Der  türkische  Botschafter  in  London  Rustem
Pascha  übermittelt  auf  Grund  der  ihm  erteilten  Instruktionen
Lord  Salisbury  den  Wunsch  des  Sultans,  die  Unterhandlungen  in
betreff  der  Räumung  Egyptens  seitens  der  englischen  Truppen
wieder  aufzunehmen.

8.  August.  Lord  Salisbury  antwortet  hierauf:

Er  könne,  da  fast  alle  Mitglieder  des  Kabinets  verreist  seien  oder
vor  ihrer  Abreise  ständen,  dem  Wunsche  der  Pforte  gegenwärtig  nicht  Folge
geben,  so  sehr  er  dem  Sultan  gefällig  zu  sein  wünsche.  Es  seien  außerdem
in  den  seit  den  letzten  Verhandlungen  verstrichenen  vier  Jahren  Veränderungen
eingetreten,  welche  eine  Erneuerung  seiner  Vollmachten  zur  Wiederaufnahme
der  Verhandlungen  notwendig  machten.  Er  werde  daher  erst  Ende  Oktober
Rustem  Pascha  seine  Entschließungen  mitteilen  können.

19.  August.  (Portsmouth.)  Die  von  Kronstadt  zurückkehrende
  französische  Flotte  macht  England  einen  Besuch.

20.  August.  Bei  der  Festtafel,  die  die  Königin  in  Osborne
den  französischen  Marineoffizieren  gibt,  spielt  die  Musik  die  Marseillaise,
  wobei  die  Königin  sich  erhebt  und  dieselbe  stehend  anhört.

157
        <pb n="236" />
        228  Großbritannien.  (September  9.  —Oktober  1.)

Lord  Salisbury  beteiligt  sich  nicht  an  dem  Empfang  und  den  den
Franzosen  gegebenen  Festen.

9.  September.  Der  in  New-Castle  tagende  Kongreß  der
Gewerkvereine  berät  das  Programm.

Matkin  beantragt  den  folgenden  Beschluß:  „Daß  nach  der  Ansicht
des  Kongresses  die  Zeit  gekommen  sei,  wo  die  britische  Regierung  im  Verein
mit  allen  auswärtigen  Regierungen  die  internationale  Einführung  des  achtstündigen
  Arbeitstag  herbeizuführen  sich  bemühen  und  die  Einberufung  einer
internationalen  Konferenz  zu  dem  Zwecke  erfolgen  sollte.“  In  der  Begründung
  dieses  Antrages  sagt  Matkin,  sein  Beschluß  solle  durchaus  nicht  einen
anderen,  die  gesetzliche  Einführung  des  achtstündigen  Arbeitstages  in  Großbritannien
  zum  Gegenstand  habenden  überflüssig  machen.  Der  Haupteinwand
sei,  daß  die  kontinentalen  Brüder  viel  länger  arbeiten.  Daß  acht  Stunden
genügen,  dies  zu  bestreiten,  habe  noch  niemand  unternommen.  Alle  Anwesenden
  werden  darin  übereinstimmen,  daß  die  Produktionskräfte  Englands
und  der  Welt  allen  an  sie  zu  stellenden  Anforderungen  genügen.  Sei  dies
der  Fall,  so  sei  es  idiotisch,  14,  15,  16  Stunden  den  Tag  zu  arbeiten,  wenn
mittelst  einer  internationalen  Konferenz  ein  der  ganzen  Menschheit  Segen
bringendes  Ergebnis  erzielt  werden  könnte.  Owen  unterstützt  den  Antrag.
Die  Stundenzeit  könne  nur  international  festgestellt  werden.  Die  Fabrikanten
  pflegen  zu  sagen,  daß  der  Handel  Englands  leide,  wenn  die  Arbeitszeit
  des  englischen  Arbeiters  herabgesetzt  werde,  England  könne  dann  nicht
mehr  mit  dem  Auslande  konkurrieren.  Der  Deutsche  Kaiser  habe  ein  gutes
Beispiel  gegeben.  England  solle  ihm  nur  folgen.  Owen  ist  in  der  Blechindustrie
  beschäftigt,  eine  der  denkbar  ungesündesten.  In  den  englischen
Blechfabriken  haben  die  Arbeiter  10—12  Stunden  zu  arbeiten.  Der  Bergmann
  Young  von  Northumberland  beantragt  darauf  ein  Amendement:  daß
es  nach  Ansicht  des  Kongresses  unmöglich  sei,  allgemeine  Gleichförmigkeit
der  Stundenzeit  einzuführen,  ohne  diejenigen  Arbeiter  zu  schädigen,  in  deren
Distrikten  die  natürlichen  Verhältnisse  dem  Broderwerbe  am  ungünstigsten
seien.  Der  Kongreß  könne  daher  die  Einführung  einer  allgemein  achtstündigen
  Arbeitszeit  nicht  empfehlen.  Der  Kesselmacher  Knigh  von  Newcastle
  unterstützt  das  Amendement.  Es  sei  ja  sehr  schön  vom  Deutschen
Kaiser,  gewisse  Dinge  zu  thun,  um  den  gewerkvereinlichen  Geist  zu  beruhigen.
Wie  sei  es  aber  thatsächlich:  Kein  deutscher  Arbeiter  wage  es,  auf  internationalen
  Kongressen  zu  erscheinen,  aus  Furcht,  auf  12  Monate  eingesperrt
zu  werden.  Das  Parlament  um  Ordnung  der  Arbeitsstunden  zu  ersuchen,
hieße  in  der  Geschichte  um  100  Jahre  zurückgehen.  Damals  allerdings  regulierte
  die  Regierung  nicht  nur  die  Arbeitszeit,  sondern  sogar  die  Löhne.
Solle  das  Parlament  um  die  Genehmigung  einer  Achtstundenbill  angegangen
werden,  so  dürfe  über  Zeit  nicht  gearbeitet  werden.  Hierauf  kam  es  zur
Abstimmung  über  das  Amendement.  Dasselbe  wurde  mit  302  gegen  136
Stimmen  verworfen.  Keir  Hardie  schlug  sodann  vor,  die  Hauptresolution
mit  den  Worten  einzuleiten:  „Der  Kongreß  bestätigt  die  Entscheidung  des
Kongresses  vom  letzten  Jahre  über  den  gesetzlichen  Achtstundentag.“  Die
Engländer  können  nicht  warten,  bis  die  autokratischen  kontinentalen  Staaten
ihren  Arbeitern  einen  achtstündigen  Arbeitstag  bewilligt  hätten.  Großbritannien
  sei  in  ökonomischen  Dingen  stets  weiter  gewesen  als  der  Kontinent.
Hardis  Amendement  wird  mit  232  gegen  163  Stimmen  angenommen.

1.  Oktober.  (London.)  Das  Parlamentsmitglied  James
William  Lowther  ist  an  Stelle  Fergussons  zum  Unterstaatssekretär
  im  Auswärtigen  Amte  ernannt  worden.
        <pb n="237" />
        Großbritannien.  (Oktober  2.)  229

2.  Oktober.  (New-Castle.)  Parteitag  der  liberalen
Vereine.

Ein  Antrag,  den  Achtstundentag  ins  Programm  aufzunehmen,
wird  abgelehnt.

Gladstone  hält  eine  große  Rede:

„Wenn  wir“,  sagt  er,  „auf  das  Jahr  1886  zurückblicken,  blicken  wir
auf  die  Epoche  unfrer  großen  erdrückenden  Niederlage  zurück.  Jedes  der
fünf  Jahre,  welche  inzwischen  verflossen  sind,  hat  jedoch  unsern  Horizont
geklärt  und  uns  mehr  Licht  gebracht.  Wir  begannen  mit  der  Aussicht,  uns
möglicherweise  von  den  Folgen  der  Niederlage  zu  erholen,  einer  Aussicht,
welche  sehr  bald  zur  Wahrscheinlichkeit  wurde  und  uns  heute  in  nicht  zu
ferner  Zeit  den  gewissen  Sieg  erhoffen  läßt.  Der  entscheidenden  Schlacht
so  nahe,  werden  unfre  Pflichten  entsprechend  größer  und  schwerwiegender.
Wir  haben  uns  mehr  um  die  Einzelheiten  der  Regierungsgeschäfte  zu  kümmern,
  und  es  wäre  meine  Aufgabe,  Ihnen  heute  abend  einen  Ueberblick  über
die  allgemeine  Lage  zu  geben.  Die  erste  Schwierigkeit,  die  sich  uns  in  den
Weg  stellt,  ist  die  Fülle  der  unerledigten  Geschäfte,  welche  von  Jahr  zu
Jahr  anschwillt  und  in  dem  Maß,  in  welchem  die  Tory-Regierung  anhält,
größer  wird.“  Nachdem  der  Redner  dann  mit  wenigen  Worten  die  Frage
der  kürzeren  Parlamente  und  der  gerechten  Verteilung  der  Steuern  berührt,
kommt  er  auf  die  Finanzen  und  die  äußere  Politik  des  Reiches  zu  sprechen.
Er  stellt  Hrn.  Goschen  das  Zeugnis  aus,  daß  er  dem  Lande  durch  die  Konversion
  der  Nationalschuld  alljährlich  große  Summen  erspare,  welche  jedoch
durch  die  enorme  Zunahme  nicht  allein  der  inneren  Verwaltungskosten,  sondern
  wesentlich  auch  der  Ausgaben  für  Armee  und  Flotte  wiederum  verschlungen
  werden.  „Was  die  äußere  Politik  der  jetzigen  Administration
anbetrifft,  so  ist  diese  das  Gegenteil  der  von  Lord  Beaconsfield  verfolgten
Richtung,  und  wir  haben  uns  bemüht,  die  Aufgabe  Lord  Salisburys  nicht
schwer,  sondern  leicht  zu  machen.  Nur  eines  habe  ich  bei  diesem  Gegenstand
zu  bemerken,  dieses:  Ich  würde  mich  freuen,  wenn  Lord  Salisbury,  noch
ehe  die  gegenwärtige  Administration  ihren  Geist  aufgibt,  uns  von  der  lästigen
und  unbequemen  Besetzung  Egyptens  befreien  könnte,  die  uns,  so  lange  sie
dauert,  nichts  als  Verlegenheiten  einträgt,  und  uns,  wie  ich  fürchte,  von  der
jetzigen  Regierung  als  Erbschaft  vermacht  werden  wird.“  Nachdem  der  Redner
sodann  für  Temperenzreform,  Entstaatlichung  der  Kirche,  Beschränkung  der
Macht  des  Oberhauses,  Reform  der  Wahlgesetze,  Zahlung  von  Gehältern  an
die  Abgeordneten,  Errichtung  von  ländlichen  Distrikts=  und  Gemeinderäten
und  für  die  thunliche  Reduktion  der  Dauer  der  Arbeitsstunden  der  arbeitenden
  Bevölkerung  eingetreten,  wendet  er  sich  der  irischen  Politik  der  Regierung
  zu.  „Die  Frage,  die  wichtige  Frage  liegt  vor  uns,  in  welcher
Reihenfolge  wir  mit  den  vielen  wichtigen,  ihrer  Lösung  durch  uns  harrenden
Gegenständen  verfahren  sollen,  und  es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  Irland
  den  ersten  Anspruch  auf  unfre  Zeit  hat.  Unfre  Gegner  führen  als
Hauptargument  zu  ihren  gunsten  an,  daß  die  Regierung  eine  Lokalverwaltungsbill
  für  Irland  einzuführen  gedenkt,  und  mit  ihrer  irischen  Politik  sich
wohlverdient  um  die  Schwesterinsel  gemacht  hat.  Es  ist  nicht  übertrieben,
wenn  ich  diese  Lokalverwaltungsbill  für  eine  Art  Reue  auf  dem  Sterbebette
halte,  wenn  ich  mich  so  ausdrücken  darf.  Vor  der  Wahl  hatte  man  uns
versprochen,  Zwangsakte  von  Irland  fernzuhalten,  kein  britisches  Geld  für
den  Ankauf  irischer  Ländereien  zu  verwenden  und  Selbstverwaltung  einzuführen.
  Sie  haben  die  ersten  fünf  Jahre  damit  verbracht,  zwei  Zusagen
zu  brechen  und  gehen  erst  jetzt,  im  sechsten  Jahre,  in  articulo  mortis,  daran,
        <pb n="238" />
        230  Großbritannien.  (Oktober  6.—November  Ende.)

die  dritte  einzulösen.  Und  so  nachsichtig  ist  die  liberale  Partei,  daß  sie
diesen  späten  Entschluß  auch  jetzt  noch  mit  offenen  Armen  aufnimmt.  Wir
freuen  uns  desselben,  da  jede  Selbstverwaltung,  wie  immer  sie  auch  beschaffen
sein  möge,  die  nationalen  Ansprüche  des  irischen  Volkes  fördern  muß.“  Indem
  der  Redner  auf  die  Wirkung  der  Zwangsakte  eingeht,  bedauert  er,  erklären
  zu  müssen,  daß  die  letzten  fünf  Jahre  das  irische  Volk  den  Vertretern
  des  Gesetzes,  soweit  es  durch  Richter,  Magistratspersonen  und  Konstabler
repräsentiert  wird,  entfremdet  haben.  „Eine  andere  Erscheinung  ist  jedoch
an  den  Tag  getreten,  welche  dieser  Thatsache  das  Gegengewicht  hält,  die
Freundschaft,  welche  das  britische  Volk  für  Irland  fühlt.  Die  irische  Bevölkerung
  hat  das  Verhalten  der  liberalen  Partei  gesehen  und  mit  Recht
als  den  wahren  Ausdruck  der  Meinung  dieses  Landes  ausgedeutet.  An  uns
liegt  es,  den  Nachweis  zu  liefern,  daß  sie  sich  in  ihrer  Annahme  nicht  getäuscht
  hat.“

Zum  Schluß  der  Verhandlungen  beantragt  Sir  Wilfrid
Lawson,  sich  für  eine  völlige  Reform  der  Landgesetze  zu  erklären,
die  Erstgeburt=  und  Fideikommißgesetze  aufzuheben,  Verkaufs=  und
Uebertragungsfreiheit  zuzugestehen  und  Grund  und  Boden  in  gerechter
  Weise  zu  besteuern.  Sir  Wilfrid  befürwortet  ferner  ein
direktes  Verbot  des  Spirituosenhandels,  die  Entstaatlichung  der
Kirche  in  Schottland,  gleiche  Bemessung  der  Erbschaftssteuern  auf
persönliche  Habe  und  Grundbesitz,  Erweiterung  der  Fabrik=  und
Werkstättenakte  und  Beschränkung,  beziehungsweise  Abschaffung  des
Oberhauses.  Sein  Antrag  gelangt  ohne  Widerspruch  zur  Annahme.

6.  Oktober.  (London.)  Der  erste  Lord  des  Schatzes  und
Führer  des  Unterhauses  W.  H.  Smith  f.6

(Brighton.)  Der  Führer  der  irischen  Partei,  Charles
Parnell  #.6

20.  Oktober.  Balfour  wird  Erster  Lord  des  Schatzes.

20.  Oktober.  (Sansibar.)  Der  englische  General  Matthews
übernimmt  die  Funktion  des  Premierministers  des  Sultans.

Die  Zivilliste  des  Sultans  wird  auf  drei  Lak  Rupien  (à  192,000  "4)
jährlich  festgesetzt;  der  Rest  der  Einkünfte  wird  auf  die  Polizeikosten,  Hafenverbesserungen
  und  öffentliche  Arbeiten  verwendet.  Alle  Ausgaben  müssen
erst  vom  Sultan  und  dem  englischen  Generalkonsul  sanktioniert  werden.

7.  November.  (Cork.)  Bei  der  Ersatzwahl  eines  Unterhausmitgliedes
  an  Stelle  Parnells  wird  der  Antiparnellit  Flavin
mit  3669  Stimmen  gewählt.  Der  Parnellit  John  Redmond  erhält
2157  Stimmen,  der  Unionist  Kapitän  Sarsfield  1161  Stimmen.

Ende  November.  Auf  dem  konservativen  Parteitag  hält
Herr  Chamberlain  eine  Rede,  in  der  er  folgendes  sagt:

„Ich  nehme  als  ausgemacht  an,  daß  in  diesem  Augenblick  die  stärkste
Kraft,  der  stärkste  Einfluß  auf  menschliches  Handeln  im  Parteiverband  und
in  der  Parteigesinnung  liegt.  (Hört,  hört!)  Aber,  meine  Herren,  dieses
mächtige  Band  ist  durchbrochen  worden,  als  die  liberalen  Unionisten  im
        <pb n="239" />
        Großbritannien.  (Dezember  6.—18.)  231

Jahre  1886  sich  weigerten,  Herrn  Gladstone  zu  folgen  auf  dem  Wege,  der
nach  ihrer  Ueberzeugung  zu  einer  Gefährdung  der  Sicherheit  des  Reiches
führen  mußte.  Ich  stimme  mit  Lord  Salisbury  überein,  daß  man  sich  nicht
leichten  Herzens  und  um  geringer  Ursache  willen  von  alten  Freunden  und
politischen  Beziehungen  trennen  kann.  Nicht  um  niedriger,  persönlicher  oder
privater  Fragen  willen  kündigt  man  aber  Führern  die  Gefolgschaft.  Man
thut  dies  nur  dann,  wenn,  wie  im  vorliegenden  Fall,  die  Existenz  oder
wenigstens  die  Sicherheit  des  Staates  in  Frage  steht.  Selbst  nachdem  der
Bruch  erfolgt  war,  gab  es  viele  von  uns  —  und  ich  selbst  befand  mich
darunter  —,  welche  hofften,  daß  derselbe  nur  vorübergehend  sein  würde,
welche  glaubten,  daß  die  Gladstonianer  bald  umkehren  würden  auf  dem
Pfade,  den  sie,  wie  wir  wohl  wußten,  nur  mit  großem  Widerstreben  eingeschlagen
  haben.  Wir  haben  damals  eine  baldige  Wiedervereinigung  in  Aussicht
  genommen.  Wenn  ich  jetzt  daran  erinnere,  so  thue  ich  es,  um  zu  sagen,
daß  seitdem  die  Kluft  sich  erweitert  und  vertieft  hat.  Gegenwärtig  erwarte
ich  keine  Wiedervereinigung  mehr,  noch  wünsche  ich  sie.  (Lauter  wiederholter
Zuruf,  Bravo  und  Tücherschwenken.)  Die  Gladstonianer  haben  die  Politik
der  Parnelliten  angenommen.  Ja,  und  noch  etwas  mehr.  Sie  haben  ihre
Grundsätze,  ihre  Methoden  und  sogar  ihre  Manieren  angenommen.  Inzwischen
  sind  die  beiden  Zweige  der  Unionistenpartei  in  immer  engere  und
herzlichere  Beziehung  getreten.  Vorurteil  ist  zerstreut  und  Vertrauen  erzeugt
worden.  Die  letzten  fünf  Jahre  hindurch  haben  wir  unter  derselben  Fahne
gefochten.  Gemeinsam  haben  wir  Siege  gewonnen,  gemeinsam  Verluste  erlitten.
  Und  jetzt,  sage  ich,  sind  wir  entschlossen,  welches  immer  die  Wechselfälle
  des  langen  Kampfes  sein  mögen,  in  welchem  wir  stehen,  zusammen  zu
marschieren  Schulter  an  Schulter  (lauter  Zuruf),  bis  unser  Ziel  erreicht
ist  und  bis  wir  endgiltig  die  elende  Verschwörung  (the  vile  conspiracy)
niedergeworfen  haben,  welche  die  Integrität  unseres  Staates  bedroht  hat.“

In  einer  Sitzung  der  Londoner  Handelskammer  erbrtert  der
Schatzkanzler  Goschen  den  Plan,  betreffend  die  Vermehrung  des
Goldvorrats  der  Bank  von  England  durch  die  Emission  von  Einpfundnoten,
  und  erklärt  dabei  folgendes:

Nachdem  die  Gesamtnotenausgabe  eine  Höhe  von  38  Millionen  unter
denselben  Bedingungen  wie  bisher  erreicht  haben  würde,  würden  ½  des
Notenbetrages  gegen  Gold  und  ½  gegen  Wertpapiere  emittiert  werden.  Sollte
dies  den  Goldvorrat  bedeutend  vermehren,  so  würde  er  in  den  Bestimmungen
des  Bankgesetzes  insofern  Erleichterungen  eintreten  lassen,  daß  die  Bank  in
den  Stand  gesetzt  sei,  im  Falle  einer  inneren  Krisis  Noten  gegen  Wertpapiere
unter  der  Bedingung  auszugeben,  daß  die  Bank  für  eine  solche  Emission
erhöhte  Zinsen  an  die  Regierung  zahle.  Der  Plan,  Einpfundnoten  auszugeben,
  solle  keinen  obligatorischen  Charakter  haben,  seine  Ausführung  hänge
von  der  Aufnahme  von  seiten  des  Publikums  ab.  Von  der  Ausführung
des  Planes,  Zehnschillingsnoten  gegen  Silberdeckung  auszugeben  (vgl.  28.  Jan.),
sei  Abstand  genommen  Sollte  jedoch  das  Ausland  seine  Münzstätten  zur
freien  Silberprägung  öffnen,  so  würde  die  Bank  von  England  aufgefordert
werden,  von  der  Bestimmung  des  Bankgesetzes  Gebrauch  zu  machen,  welche
der  Bank  gestattet,  ½  ihres  Metallvorrats  in  Silber  anzulegen.

6.  Dezember.  (London.)  Verlobung  des  Thronfolgers,  des
Prinzen  Albert  Viktor,  Herzogs  von  Clarence  mit  seiner  Kousine,
der  Prinzessin  Viktoria  Marie  von  Teck.

18.  Dezember.  (Canada.)  Heftiger  Konflikt  zwischen  dem
        <pb n="240" />
        232  Großbritannien.  (Dezember  21.—Ende.)

Gouverneur  und  dem  Premierminister  Mercier,  dem  der  Gouverneur
  Unredlichkeiten  Schuld  gibt  und  ihn  absetzt.

21.  Dezember.  Herzog  v.  Devonfshire  f.6

Sein  Sohn  Lord  Spencer  of  Hartington  scheidet  infolgedessen
  aus  dem  Unterhause  und  wird  Mitglied  des  Hauses  der
Lords.

24.  Dezember.  (Waterford.)  Bei  der  Ersatzwahl  zum
Unterhause  an  Stelle  des  verstorbenen  parnellitischen  Mitglieds
Power  siegt  der  parnellitische  Kandidat  Redmond  über  den  Antiparnelliten
  Davitt.

28.  Dezember.  Der  großbritannische  Botschafter  in  Konstantinopel
  Sir  William  White  fin  Berlin.

Ende  Dezember.  Sir  Robert  Morier  wird  zum  Botschafter
Großbritanniens  in  Rom  ernannt.
        <pb n="241" />
        VI.
Frankreich.

4.  Januar.  Bei  den  Wahlen  zum  Senat  werden  in  32
Departements  im  ganzen  75  Republikaner  und  6  Konservative  gewählt.
  Die  Republikaner  gewinnen  10  Sitze.  Außer  Freyeinet
sind  im  Seinedepartement  Tolain,  Ranc  und  Lefevre  gewählt  worden.
  In  Rouen  siegt  Richard  Waddington  mit  785  Stimmen  über
Pouyer  Ouertier,  welcher  702  Stimmen  erhält.

16.  Januar.  Präsident  Floquet  hält  bei  Eröffnung
der  Kammer  eine  Ansprache.  Die  Republik  beatksichtige  nicht,
ihren  Sieg  zu  mißbrauchen,  sie  müsse  denselben  aber  zum  Vorteile
derer  ausnützen,  welche  am  meisten  der  Gerechtigkeit  und  der  gesellschaftlichen
  Solidarität  bedürften.  Auch  dürften  die  Republikaner
sich  nicht  überrumpeln  lassen  von  denjenigen,  welche  aus  der  Republik
  die  republikanischen  Gesetze,  Anschauungen  und  Hoffnungen
beseitigen  wollten.

27.  Januar.  (Paris.)  Die  Weiter-Aufführung  des  Trauerspiels
  „Le  Thermidor“  von  Victorien  Sardon  wird  nach  wiederholten
  tumultuarischen  Szenen  als  antirepublikanisch  verboten.

31.  Januar.  (Paris.)  Der  Maler  Meissonier  k.

Der  deutsche  Kaiser  läßt  durch  ein  Schreiben  des  Generals
Grafen  Wedel  der  Akademie  sein  Beileid  ausdrücken.  Das  Schreiben
lautet:

Berlin,  4.  Februar  1891.  Se.  Majestät  der  Kaiser  und  König,  mein
erhabener  Herr,  hat  mir  befohlen,  Ew.  Excellenz  mitzuteilen,  daß  ihn  die
Nachricht  von  dem  Tode  Ihres  berühmten  Landsmannes  Meissonnier  schmerzlich
  berührt  hat.  Se.  Majestät  bewunderte  das  große  Talent  des  Malers
und  freute  sich,  in  allen  Werken  den  gewissenhaften,  großangelegten  Künstler
zu  erkennen,  der  aus  einem  bewundernswerten  Selbstgefühl  von  keinem  seiner
Gemälde  abließ,  ohne  alles  zu  seiner  höchsten  Vollendung  gethan  zu  haben,
was  in  seinen  Kräften  stand.  Se.  Majestät  hielt  immer  Meissonnier  für
        <pb n="242" />
        234  Frankreich.  (Februar  3.—18.)

einen  der  Ruhmessterne  Frankreichs  und  der  ganzen  Welt  und  nimmt  lebhaften
  Anteil  an  dem  Schmerz,  welchen  der  Tod  des  Meisters  in  seiner
Heimat  hervorruft.  Se.  Majestät  beauftragt  mich,  Ew.  Excellenz  zu  bitten,
dies  dem  Institut  zu  übermitteln,  welches  es  sich  immer  zur  Ehre  rechnen
darf,  Meissonnier  unter  seine  Mitglieder  gezählt  zu  haben.

Die  Akademie  beauftragt  ihren  ständigen  Sekretär,  ihrem
Dank  für  die  Beileidskundgebung  Ausdruck  zu  geben.

3.  Februar.  Anläßlich  der  Wiedereröffnung  der  französischen
Kammer  erläßt  der  Kardinal  Lavigerie  an  den  Klerus  von
Algier  einen  Hirtenbrief,  in  welchem  er  Gebete  für  das  französische
Parlament  anordnet  und  die  Bildung  einer  großen  katholischen
Union  anempfiehlt,  welche  die  republikanische  Regierung  anerkennen
und  die  katholische  Aktion  von  jener  der  alten  Parteien  trennen  solle.

4.  Februar.  Jules  Ferry,  zum  Präsidenten  der  Zollkommission
  des  Senats  gewählt,  hält  eine  Ansprache.

Er  empfiehlt,  nach  einer  billigen  Verständigung  zu  streben.  Eine  ökonomische
  Isolierung  Frankreichs  wäre  eine  verhängnisvolle  Utopie.  Der
Senat  werde  es  verstehen,  Klugheit  mit  Entschiedenheit  zu  verbinden  und
zu  handeln,  ohne  zu  erschüttern;  die  Methode  des  Umsturzes  sei  keine
Methode.

10.  Februar.  (Paris.)  Eine  Note  der  belgischen  Regierung
kündigt  den  belgisch-französischen  Handelsvertrag.

Mitte  Februar.  Bischof  Freppel  reist  nach  Rom  und  hat
zwei  Audienzen  beim  Papst,  um  der  Politik  des  Kardinals  Lavigerie
  entgegenzuwirken.  Der  Papst  aber  beharrt  dabei,  daß  die
Kirche  sich  auch  mit  der  republikanischen  Staatsform  vertrage.

18.  Februgr.  Nachts.  Die  Kaiserin  Friedrich  mit  Prinzessin
  Margarete  trifft  in  Paris  ein  und  steigt  bei  dem  Botschafter
Grafen  Münster  ab.  Das  Publikum  verhält  sich  schweigend  und
ehrerbietig.  Viele  hervorragende  Persönlichkeiten,  Ribot,  General
Brugere,  Gallifet,  Ferry  und  andere  schreiben  sich  am  andern  Tage
auf  der  deutschen  Botschaft  ein.

Die  Presse  äußert  sich  meist  sehr  liebenswürdig:

„Paris“  macht  auf  das  ruhige  und  höfliche  Auftreten  der  Bevölkerung
aufmerksam  und  meint,  vor  einigen  Jahren  wäre  dies  nicht  möglich  gewesen.
Das  Blatt  sieht  diesen  Umstand  als  ein  Zeichen  der  Besserung  der  Verhältnisse
  der  Nachbarstaaten  an.  Nach  einem  Vergleich  der  Kaiserinnen  Friedrich
und  Eugenie  "welche  auch  grade  in  Paris  weiltl]  schließt  der  „Paris“:  Das
Volk  in  seinem  gesunden  Menschenverstande  ließ  für  die  deutsche  Kaiserin,
wenn  auch  keine  wahre  Zuneigung,  so  doch  wohlwollende  Neugier  durchblicken,
da  diese  den  Krieg  nur  geduldet  hatte,  und  sparte  seine  eisige  Kälte  für  die
andere,  die  Adoptiv-Französin,  auf,  welche  ihn  aus  Ehrgeiz  entfesselt  hatte.

Der  Gaulois  feiert  die  hohe  Frauentugend  der  Kaiserin  Friedrich

und  ihre  Gerechtigkeit  in  der  Beurteilung  Frankreichs.  An  die  künstlerischen
Neigungen  Kaiser  Friedrichs  anknüpfend,  schreibt  die  sonst  so  deutschfeind-
        <pb n="243" />
        Frankreich.  (Februar  21.—24.)  235

liche  Zeitung:  Kaiser  Friedrich  habe  es  zu  verschiedenen  Malen  ausgesprochen,
der  Kultus  der  schönen  Künste-  müsse  eine  Annäherung  zwischen  den  Bölkern
herbeiführen.  Der  Gaulois  fährt  dann  fort:  „Vielleicht  sehen  wir  jetzt  den
Anfang  dieser  Politik,  und  vielleicht  ist  die  Ankunft  der  Kaiserin-Mutter
das  erste  Pfand  für  eine  solche  Annäherung."“

Ein  ähnlicher  Gedanke  kehrt  im  Eclair  wieder,  welcher  schreibt:  „Unter
der  Flagge  des  Schönen  vollzieht  sich  eine  glückliche  Beruhigung  der  Gemüter,
  deren  Gesamtfolgen  man  noch  nicht  übersehen  kann."“

Eine  Ausnahme  von  der  im  ganzen  sympathischen  Sprache  der  meisten
Pariser  Blätter  macht  die  Cocarde,  welche  behauptet,  Oesterreich  wolle  sich
Rußland  nähern  und  der  Dreibund  werde  daher  nicht  erneuert.  Deutschland
  bleibe  unter  diesen  Umständen  nur  übrig,  den  Krieg  zu  erklären  oder
sich  Frankreich  zu  nähern,  um  nicht  in  drei  Monaten  vereinsamt  in  Curopa
dazustehen.  Man  habe  sich  für  letzteres  entschlossen.  Die  Einladungen  der
französischen  Nationalökonomen,  Aerzte,  Künstler  bewiesen  dies.  Die  Gefahr
für  Deutschland  sei  so  groß,  daß  der  Kaiser  seine  Mutter  hiehergeschickt
habe,  um  die  öffentliche  Meinung  für  ihn  günstig  zu  stimmen.  Die  Cocarde
warnt  die  Franzosen,  in  diese  „Falle“  zu  gehen.  „Wir  sollen  uns  seit
zwanzig  Jahren  ruiniert  haben,  nur  um  das  von  Wilhelm  I.,  Moltke  und
Bismarck  begründete  Gebäude  zu  befestigen!?  Da  würde  unser  alter  gallischer
Boden  vor  Scham  und  Ekel  erzittern.“

21.  Februar.  Deroulede  schmückt  das  dem  1871  vor  Paris
gefallenen  Maler  Henry  Regnault  im  Vorhofe  der  Kunstschule  errichtete
  Monument  mit  einem  Immortellenkranz,  der  die  Inschrift
trägt:  „Au  Grand  Peintre  Henri  Regnault,  Mort  pour  la  Patrie.
L.  D.  P.  Février  Quand  meme.“

In  einer  Versammlung  der  früheren  Patriotenliga  unter
Vorsitz  des  Abg.  Laur  protestiert  Deroulede  gegen  die  Beteiligung
  französischer  Künstler  an  der  Kunstausstellung  in  Berlin.

Die  Abgeordneten  Roche,  Boudeau  und  Lesenne  halten  heftige
Reden  gegen  Deutschland.  Zum  Schluß  macht  die  Versammlung
eine  Demonstration  vor  der  Straßburg-Statue.

24.  Februar.  Der  „Herold“  bringt  folgendes  Telegramm
aus  Paris.  Fast  sämtliche  Pariser  Zeitungen  erörtern  die
Frage,  ob  für  Frankreich  der  Augenblick  gekommen  sei,  sich  Deutschland
  zu  nähern.  Die  Mehrzahl  bejaht  die  Frage  mit  dem  Hinzufügen,
  die  Annäherung  könne  niemals  bis  zu  einem  Bündnis  heranwachsen.
  Jedenfalls  müsse  Frankreich  Rußlands  Freund  bleiben.
Sehr  wenige  Blätter  sprechen  sich  für  die  Fortdauer  der  bisherigen
gespannten  Beziehungen  zwischen  beiden  Ländern  aus.

In  der  Kammer  will  Deroulede  eine  Interpellation  einbringen,
  weil  der  Kranz  an  dem  Regnault-Monument  von  dem
Direktor  der  Kunstschule  entfernt  worden  ist.  Erst  als  ihm  versprochen
  wird,  ihn  sofort  wieder  hinzulegen,  steht  er  davon  ab.  Die
Abgeordneten  sammeln  unter  sich  für  einen  neuen  Kranz.
        <pb n="244" />
        236  Frankreich.  (Februar  26.—März  1.)

Die  Boulangisten  halten  eine  Versammlung  ab,  in  welcher
der  Abgeordnete  Menorval  die  Maler,  welche  sich  an  der  Berliner
Ausstellung  beteiligen  wollen,  scharf  angreift  und  Deroulede  die
Anwesenheit  der  Kaiserin  Friedrich  in  Paris  kritifiert,  „welche  nur
gekommen  sei,  um  die  Trümmer  des  von  ihrem  Gemahl  bombardierten
  Paris  zu  schauen".  Die  Versammlung  nimmt  schließlich
eine  Tagesordnung  an,  in  welcher  sie  gegen  die  Anwesenheit  der
Kaiserin  und  einen  eventuellen  Besuch  des  Deutschen  Kaisers  protestiert.


26.  Februar.  Der  Schlachtenmaler  Detaille  veröffentlicht
ein  Schreiben,  daß  er  sich  nicht  an  der  Berliner  Ausstellung
beteiligen  werde;  er  spreche  allerdings  nur  im  eigenen  Namen,  er
sei  aber  überzeugt,  daß  seine  Kollegen  sich  ihm  anschließen  würden.
Der  Maler  Benjamin  Constant  gibt  die  gleiche  Erklärung.

Die  „Kölnische  Zeitung“  sagt:

„Die  Franzosen  haben  nicht  das  Recht,  das  erhabene  Oberhaupt  des
Deutschen  Reiches  und  seine  erlauchte  Mutter  durch  bubenhafte  Verunglimpfungen
  zu  beleidigen.  Jeder  Deutsche,  in  dem  auch  nur  ein  Fünkchen
Empfindung  für  die  Würde  der  Nation  glimmt,  fühlt  in  seinem  Kaiser  sich
selbst  aufs  Tödlichste  beleidigt.  Das  deutsche  Volk  darf  erwarten,  daß  Regierung
  und  Volk  von  Frankreich  ihm  ausreichende  Genugthuung  gibt  und
einen  Schandfleck  auf  Frankreichs  Ehre  auslöscht.“

27.  Februar.  Die  Boulangisten  veröffentlichen  folgendes
Manifest:

Patrioten!  Wir  wollten,  daß  die  Kaiserin  Friedrich,  nach  Berlin
zurückkehrend,  dem  Kaiser  über  unsere  Herzensstimmung  erzählen  könne.  Der
preußische  Versöhnungsplan  ist  völlig  gescheitert.  Frankreichs  Würde  ist  gerettet,
  dabei  bleibe  es.  Heute  reist  die  Kaiserin  ab.  Mag  sie  unsere  Gastfreundschaft
  und  Geduld  mißbraucht  haben,  mag  sie  uns  durch  ihre  Ausflüge
  nach  Versailles  und  Saint  Cloud  beleidigt  haben  —  vergessen  wir
nicht,  daß  sie  eine  Frau  ist,  lassen  wir  sie  geräuschlos  abreisen.  Enthalten
wir  uns  jeder  Kundgebung.  Hoch  Elsaß-Lothringen!  Hoch  Frankreich!
Hoch  die  Republik!

Eine  illustrierte  satirische  Schrift,  welche  einen  die  Kaiserin
Friedrich  beleidigenden  Inhalt  hat,  wird  von  der  Polizei  in  den
Zeitungskiosks  konfisziert.

Abfahrt  der  Kaiserin  unter  großen  Vorsichtsmaßregeln  (von
anderm  Bahnhof  und  zu  früherer  Stunde  als  beabsichtigt),  aber
ohne  Zwischenfall,  nach  England.

Ende  Februar.  Das  französische  Budget  veranschlagt  die
Einnahmen  auf  3,218,404,133  Fr.,  die  Ausgaben  auf  3,217,815,525
Franks.

1.  März.  (Paris.)  Die  imperialistischen  Komitees,
        <pb n="245" />
        FKrankreich.  (März  11.—Mai  8.)  237

welche  Anhänger  des  Prinzen  Viktor  sind,  halten  eine  Versammlung
ab  und  sprechen  den  Anschluß  an  die  Republik  aus.

11.  März.  In  London  wird  ein  Abkommen,  betreffend
Neu-Fundland,  unterzeichnet,  wodurch  der  status  quo  aufrechterhalten
  bleibt,  bis  die  Angelegenheit  durch  einen  Schiedsrichterspruch
  geregelt  ist.  Zu  Schiedsrichtern  werden  ausgewählt:
Martens,  Professor  des  Völkerrechts  in  St.  Petersburg,  Rivier,
Schweizer  Konsul  in  Brüssel,  und  Gran,  Präsident  des  Instituts
für  internationales  Recht  und  ehemals  Richter  am  Norweger  Obersten
Gerichtshof  mit  4  Sachverständigen.

17.  März.  Prinz  Napoleon  f.  (Vgl.  Italien.)

25.  März.  (Paris.)  Baron  Mohrenheim  überreicht  dem
Präsidenten  Carnot  den  russischen  Andreas-Orden.

26.  März.  Die  bedingte  Verurteilung  wird  in  Frankreich
  durch  Gesetz  in  weitem  Umfange  eingeführt.

31.  März—4.  April.  (Paris.)  Internationaler  Bergarbeiter-Kongreß,
  auf  dem  etwa  600,000  Bergarbeiter  durch

99  Delegierte,  davon  18  Deutsche,  repräsentiert  sind.

Der  Kongreß,  zuweilen  durch  tumultuarische  Scenen  unterbrochen,
beschließt  (gegen  5  englische  Stimmen),  zur  Erreichung  des  Achtstundentags
könnte  ein  allgemeiner  Ausstand  der  Bergarbeiter  in  Deutschland,  Belgien,
Frankreich,  England  und  Oesterreich-Ungarn  nötig  werden.  Der  Kongreß
ladet  die  Regierungen  und  gesetzgebenden  Körperschaften  der  verschiedenen
Staaten  ein,  sich  ins  Einvernehmen  zu  setzen  über  ein  internationales  Abkommen
  betreffend  das  Studium  der  besonderen  Gesetzgebung  für  die  arbeitenden
  Klassen.  Ferner  beschließt  der  Kongreß,  die  Belgier  bei  ihrem  bevorstehenden
  Streik  zu  unterstützen  und  ein  Komitee  mit  der  Ausarbeitung  eines
Statuts  für  die  internationale  Vereinigung  aller  Bergleute  zu  beauftragen.

2.  April.  (Rouen.)  Der  ehemalige  Finanzminister  Pouyer-OQuertier
  f.

9.  April.  Die  Expedition  Crampel  im  Hinterlande  von
Kamerun  wird  von  den  Eingebornen  überfallen  und  vernichtet.

16.  April.  Der  Erzbischof  von  Cambrai  ordnet  an,  daß  der
Religionsunterricht  in  Französisch-Flandern  fortan  in  französischer
  Sprache  erteilt  werde.  Bislang  bediente  man  sich  der
flämischen  Sprache.

1.  Mai.  Anläßlich  der  Maifeier  kommt  es  in  Paris  zu
Ausschreitungen,  ebenso  in  Lyon  und  Fourmies,  wo  die  Truppen
einschreiten  und  eine  Anzahl  Leute  getötet  werden.  In  der  Kammer
erklärt  deshalb  der  Deputierte  Roche  die  Minister  und  die  Majorität
  für  eine  Mörderbande.

8.  Mai.  Die  Kammer  verwirft  mit  318  gegen  199  Stimmen
        <pb n="246" />
        238  Krankreich.  (Mai  23.—August  6.)

(195  Republikanern  und  99  Mitgliedern  der  Rechten,  gegen  138
Republikanern,  34  Boulangisten,  19  Mitglieder  der  Rechten)  einen
Antrag,  die  verurteilten  Aufrührer  von  Fourmies  zu  amnestieren.

23.  Mai.  Der  Zar  verleiht  den  Ministern  Freycinet  und
Ribot  das  Großkreuz  des  Alexander-Newsky-Ordens.

24.  Mai.  Die  Deputiertenkammer  nimmt  den  Antrag  Viger
betreffend  die  Herabsetzung  des  Eingangszolles  für  Getreide
auf  3  Franks  und  für  Mehl  auf  6  Franks  an.  Das  Gesetz  soll
vom  1.  August  1891  bis  zum  1.  Juni  1892  gelten.  349  Abgeordnete
  stimmen  für,  136  gegen  den  Antrag.

13.  Juni.  (Paris.)  Die  Deputiertenkammer  nimmt  einen
Gesetzentwurf  an,  nach  welchem  behufs  Anregung  zur  Seidenkultur
eine  Prämie  von  50  Centimes  für  jedes  Kilogramm  von  erzeugten
Kokons  gewährt  werden  soll.

18.  Juni.  Das  Gesetz  betr.  Herabsetzung  der  Getreidezölle
ist  mehrmals  zwischen  Kammer  und  Senat  hin=  und  hergegangen,
da  letzterer  auf  sofortiges  Inkrafttreten  bestand.  Jetzt  wird  ein
Kompromiß  auf  den  10.  Juli  geschlossen.

25.  Juni.  Die  Kammer  verschiebt  ihre  Zustimmung  zur  General-Akte
  der  Brüsseler  Konferenz  vom  2.  Juli  1890,  sowie  zu
der  am  9.  Februar  1891  in  Paris  unterzeichneten  Erklärung.

Dieses  Votum  bedeutet,  daß  das  Inkrafttreten  der  gegen  den  Sklavenhandel
  gefaßten  Maßregeln  aufgeschoben  ist  und  daß  die  Einfuhrzölle  in  den
Congostaat  bis  auf  weiteres  nicht  eingehoben  werden  dürfen.

27.  Juni.  Der  Bischof  von  Grenoble,  Msgr.  Fava,  richtet
an  den  Klerus  seiner  Diözese  einen  Hirtenbrief,  worin  er  die
republikanische  Regierungsform  Frankreichs  anerkennt.

16.  Juli.  (Deputiertenkammer.)  Der  Abgeordnete  Laur
wünscht  die  Regierung  über  die  Handhabung  des  Paßwesens  in
Elsaß-Lothringen  zu  interpellieren.  Trotz  des  Widerspruchs  des
Ministers  des  Aeußern,  Ribot,  wird  mit  286  gegen  203  Stimmen
beschlossen,  in  die  Beratung  der  Interpellation  einzutreten.

17.  Juli.  Die  Deputiertenkammer  lehnt  die  Beratung
der  Interpellation  Laur  dem  Verlangen  der  Regierung  gemäß
mit  319  gegen  103  Stimmen  ab.

18.  Juli.  Die  Deputiertenkammer  genehmigt  die  letzten
Artikel  der  Zollvorlage.  Der  Gesetzentwurf  im  ganzen  wird  mit
387  gegen  110  Stimmen  angenommen.

23.  Juli—S8.  August.  Besuch  der  französischen  Flotte  in
Kronstadt.  (Vgl.  Rußland.)
        <pb n="247" />
        Frankreich.  (August  Mitte-  September  27.)  239

Mitte  August.  Großfürst  Alexis  von  Rußland  kommt
zum  Badeaufenthalt  nach  Vichy  und  ist  Gegenstand  fortwährender
Demonstrationen.  Der  russische  Konsul  begrüßt  ihn  mit  der  Ansprache,
  Frankreich  sei  Rußland  und  Rußland  Frankreich.

15.  August.  Der  König  von  Griechenland  in  Paris.

9.  September.  Jules  Grevy,  der  Vorgänger  Carnots  in  der

französischen  Präsidentschaft  #.

10.  September.  Der  Kriegsminister  Freycinet  gibt  bei
den  großen  Manövern  in  Vendoeuvres  den  höheren  Offizieren  und
den  fremden  Militär-Attachés  ein  Frühstück,  wobei  er  folgende
Rede  hält:

Der  Zweck  der  gegenwärtigen  Manöver  sei,  einen  Nachweis  über  das
Funktionieren  der  obersten  Kommandostellen  zu  liefern.  Durch  das  Ergebnis
sei  der  Beweis  erbracht,  daß  diese  Kommandostellen  auf  sicheren  Grundlagen
ruhten,  und  er  begrüße  dies  mit  Genugthuung.  Im  nächsten  Jahre  sollten
zum  erstenmal  Manöver  der  Territorial-Truppen  stattfinden.  Freycinet
fordert  sodann  die  Generale  auf,  an  der  Vervollkommnung  der  Armee  weiter
zu  arbeiten,  welcher  Frankreich  seinen  Einfluß  in  der  Welt  verdanke.  Niemand
  zweifele  heule  daran,  daß  Frankreich  stark  sei,  es  müsse  jetzt  auch  bewiesen
  werden,  daß  Frankreich  klug  sei  und  auch  in  seiner  neuen  Lage  die
Ruhe,  die  Würde  und  das  Maßhalten  zu  bewahren  wissen  würde,  welche
in  schweren  Tagen  seine  Wiedererhebung  vorbereitet  hätten.  Freycinet  begrüßt
  alsdann  die  fremden  Militär-Attachés,  deren  Anwesenheit  ein  aufmunternder
  Sporn  für  Frankreich  sei,  gleichzeitig  aber  auch  ein  Zeugnis
ablege  für  die  friedlichen  Dispositionen,  welche  bei  den  Anordnungen  für
die  großen  Manöver  maßgebend  gewesen  seien.  Der  Minister  schließt  mit
dem  Ausdruck  der  Hoffnung,  daß  die  fremden  Militär-Attachés  von  der
ihnen  entgegengebrachten  herzlichen  Gastfreundschaft  befriedigt  seien,  und  daß
sie  die  gewonnenen  guten  Eindrücke  zur  Kenntnis  ihrer  Regierungen  bringen
würden.  Er  trinke  auf  das  Wohl  des  Präsidenten  Carnot  und  des  Oberkommandierenden
  General  Saussier,  sowie  seiner  Mitarbeiter  und  der  Armee.

16.  September.  (Paris.)  In  der  Großen  Oper  findet  die
Aufführung  des  Lohengrin  statt.  Die  Chauvinisten  versuchen  vergeblich
  die  Aufführung  zu  stören;  die  Straßendemonstrationen  bleiben,
  da  die  Polizei  große  Vorkehrungen  getroffen  hat  und  1000
Personen  verhaftet,  unbedeutend.

27.  September.  Bei  der  Enthüllung  eines  Denkmals  für  den
General  Faidherbe  in  Bapaume  hält  der  Minister  des  Auswärtigen,
Ribot,  eine  Rede,  in  welcher  er  die  Besuche  der  französischen  Flotte

erwähnt.

Europa  habe  Frankreich  endlich  Gerechtigkeit  wiederfahren  lassen.  Ein
Souverän,  vorausschauend  und  fest  in  seinen  friedlichen  Absichten,  wie  dies
auch  Frankreich  selber  sei,  habe  öffentlich  die  tiefen  Sympathien  bekundet,
die  sein  Land  mit  Frankreich  verbänden.  (Lebhafter  Beifall  und  Rufe:
„Es  lebe  der  Zar!“  „Es  lebe  Frankreich!“)  Die  russische  Nation  habe  sich
ihrem  Kaiser  angeschlossen,  um  Frankreich  herzliche  Freundschaft  zu  bezeugen.
        <pb n="248" />
        240  Kr##kreich.  (September  30.—Oktober  4.)

Jedermann  wisse,  wie  die  Gefühle  erwidert  worden  seien.  Die  Vorgänge
von  Kronstadt  hätten  in  den  kleinsten  Ortschaften  Frankreichs  Wiederhall
gefunden.  Unvergessen  dürfe  aber  auch  nicht  bleiben,  weder  das,  was  vorausgegangen,
  noch  das,  was  darauf  gefolgt  sei.  Ueberall  hätten  die  französischen
  Matrosen  den  Namen  Frankreichs  höher  geachtet,  ja  geliebt  gefunden
und  in  Dänemark,  Schweden  und  Norwegen  die  rührendsten  Kundgebungen
erlebt.  In  Portsmouth,  wo  die  Königin  selbst  die  französische  Flotte  habe
Revue  passieren  lassen,  sei  der  Flotte  die  großartigste  und  liebenswürdigste
Aufnahme  zu  teil  geworden.  Alle  Welt  habe  einen  Eindruck  bekommen,  der
nicht  erlöschen  werde.  (Lebhafter  Beifall.)  Es  ergebe  sich  hieraus,  daß  sich
Frankreich  in  einer  neuen  Lage  befinde,  was  aber  nicht  etwa  bedeute,  daß
es  sich  einer  neuen  Politik  anzupassen  habe.  Die  bisher  befolgte  Politik  sei
eine  so  günstige  gewesen,  daß  man  sie  nicht  aufgeben  dürfe  an  dem  Tage,
wo  ihr  Wert  vor  aller  Augen  zu  Tage  trete,  und  wo  Frankreich  beginne,
die  Früchte  derselben  einzuernten.  In  dem  Augenblicke,  wo  wir  mit  der
größten  Würde  in  Frieden  leben  können,  werden  wir  uns  nicht  dem  aussetzen,
  den  Frieden  zu  gefährden.  Frankreich,  im  Bewußtsein  seiner  Stärke
voll  Vertrauen  auf  die  Zukunft,  werde  fortfahren,  die  Klugheit  und  das
kalte  Blut  zu  zeigen,  die  ihm  die  Achtung  der  Völker  verschafften  und  dazu
beitrügen,  ihm  den  Rang  wieder  zu  geben,  den  es  in  der  Welt  einnehmen
  müsse.

30.  September.  (Brüssel.)  General  Boulanger  tötet  sich
durch  einen  Revolverschuß  am  Grabe  der  Madame  Bonnemain.

4.  Oktober.  (Nizza.)  Bei  der  Enthüllung  des  Garibaldidenkmals
  spricht  der  französische  Regierungsvertreter  bemerkenswerte

Worte  des  Friedens.

Nachdem  der  Maire  von  Nizza,  Malaußena,  sowie  die  Deputierten
Raiberti  und  Borriglione  den  Manen  Garibaldis  für  die  einst  Frankreich
geleistete  Hilfe  gedankt  und  in  seiner  Person  das  Symbol  der  Einigung
zwischen  den  Bölkern  begrüßt  hat,  bespricht  der  Schwiegersohn  Garibaldis,
General  Canzio  in  längerer  Rede  die  politische  Lage  und  wendet  sich  gegen
die  Verdächtigungen,  welche  zwischen  Frankreich  und  Italien  ausgestreut
würden.  Die  Enthüllung  des  Denkmals  biete  eine  günstige  Gelegenheit,
feierlich  die  Eintracht  in  den  Empfindungen  und  Entschließungen  beider
stammverwandter  Nationen  zu  betonen,  die  bestimmt  seien,  ohne  gegenseitige
Eifersucht  ein  gemeinsames  großes  Ziel  zu  verfolgen.  Der  Deputierte  Ranc
weist  die  Anschuldigung  zurück,  als  beabsichtige  die  Republik  eine  Wiederherstellung
  der  weltlichen  Machtstellung  des  Papstes  und  fordert  die  Italiener
auf,  sich  nicht  durch  eitle  Manifestationen  einnehmen  zu  lassen.  Es  sei  die
Pflicht  der  freien  Presse  in  beiden  Ländern,  den  Nebel  gegenseitiger  Verdächtigungen
  zu  zerstreuen  und  klar  zu  stellen,  daß  die  Interessen  des  französischen
  und  italienischen  Volkes  einander  nicht  widerstreitend  seien,  und
daß  ein  Kampf  zwischen  beiden  Nationen  ein  Verbrechen  gegen  die  Zivilisation,
  die  Freiheit  und  Unabhängigkeit  Europas  wäre.  Der  Finanzminister
Rouvier  hebt  hervor,  die  heutige  Feier  bringe  in  dem  gemeinsamen  Gefühl
der  Dankbarkeit  und  Bewunderung  die  Söhne  der  beiden  durch  das  unvergängliche
  Band  gemeinsamer  Abstammung  geeinigten  Nationen  einander
näher.  Ganz  Frankreich  teile  dieses  Gefühl,  es  könne  nicht  vergessen,  was
Garibaldi  für  dasselbe  in  den  Tagen  des  Unglücks  gethan.  Der  Minister
erinnert  dann  an  die  außergewöhnliche  Laufbahn  Garibaldis  und  deren  zwei
Höhepunkte,  die  Einigung  Italiens  und  die  Erhebung  Roms  zur  nationalen
Hauptstadt.  Garibaldi,  so  fügt  er  hinzu,  hätte  selbst  eine  schönere  Apotheose
        <pb n="249" />
        Frankreich.  (Oktober  7.—November  9.)  241

für  sich  nicht  gewünscht,  als  diesen  demokratischen  Staat  mit  einem  starken
Heer  zu  sehen,  welcher  in  Ordnung,  Freiheit  und  Frieden  sich  entwickele
diese  Republik,  deren  Dauer,  Weisheit  und  Kraft  Europa  Gefühle  der  Herzlichkeit
  und  Achtung  einflößten.  Unter  dem  Rufe:  „Es  lebe  die  Repubik,
es  lebe  Frankreich,  es  lebe  Italien!“  schließt  die  Feier.

7.  Oktober.  (Paris.)  Aus  Marokko  treffen  sehr  beunruhigende
  Nachrichten  ein,  welche  die  Niedermetzelung  der  im  französischen
  Solde  stehenden  Marokkaner  durch  ihre  eigenen  Stammesgenossen
  melden.

8.  Oktober.  (Marseille.)  Bei  einem  von  der  Munizipalität
  zu  Ehren  der  Minister  veranstalteten  Bankett  hält  der  Konseilpräsident
  Freycinet  eine  Rede,  in  welcher  er  hervorhebt,  daß  die
Republik  nunmehr  auf  unerschütterlichen  Grundlagen  ruhe  und
dank  der  Armee  sowie  der  Weisheit  der  Diplomatie  zu  einem  Faktor
des  europäischen  Gleichgewichts  geworden  sei.  Es  gelte  jetzt,  die
nach  außen  gewonnene  Situation  zu  konsolidieren  und  im  Innern
an  die  Lösung  der  sozialen  Probleme  heranzutreten.  Die  Verbesserung
  der  Lage  der  unteren  Klassen  müsse  die  Aufgabe  sein,  welche
die  Republik  beherrsche;  die  Regierung  arbeite  unablässig  daran.
Der  Minister  weist  auf  die  spontane  Bewegung  hin,  welche  gegenwärtig
  alle  Franzosen  ergriffen  habe  und  zur  Republik  hinziehe;
die  neu  zu  derselben  Hinzutretenden  seien  willkommen,  würden  es
aber  natürlich  und  begreiflich  finden,  wenn  die  Regierung  fortfahre,
die  Freiheit  und  die  Reformen  zu  verteidigen,  für  welche  sie  gekämpft
  habe.

20.  Oktober.  Der  Erzbischof  von  Aix  Gouthe-Soulard
erklärt  in  einem  Schreiben  an  den  Kultusminister  Fallières,  daß
er  dessen  am  4.  Oktober  an  die  Prälaten  erlassenes  Zirkular  über

die  Pilgerfahrten  nach  Rom  nicht  beachten  werde.

In  dem  Brief  wird  das  Rundschreiben  des  Kultusministers  ein
„trauriger  und  abscheulicher  Widersinn“  genannt;  der  Schlußsatz  lautet:
„Der  Frieden  ist  bisweilen  auf  Ihren  Lippen,  aber  stets  ergibt  sich  Haß
und  Verfolgung  aus  Ihren  Thaten.“

31.  Oktober.  (Paris.)  Justizminister  Fallieres  bringt  in
der  Kammer  einen  Gesetzentwurf  ein,  betreffend  die  Unterdrückung
des  Zuhältertums  und  Kupplerwesens.

8.  November.  (Lille.)  Bei  der  Stichwahl  zur  Deputiertenkammer
  siegt  der  in  Haft  befindliche  Sozialist  Lafargue  mit  6470
Stimmen  über  den  Republikaner  Depasse,  welcher  5175  St.  erhält.

9.  November.  Die  Kammer  nimmt  den  Antrag  an,  den  zum

Abgeordneten  gewählten  Lafargue  freizulassen.
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.  16
        <pb n="250" />
        242  Frankreich.  (November  11.—Dezember  9.)

11.  November.  Der  Kriegsminister  Freycinet  bringt  eine
Novelle  zum  französischen  Spionengesetz  in  der  Kammer  ein.

Der  neue  Entwurf  setzt  auf  das  Vergehen  der  Spionage  als  niedrigste
Strafe  Gefängnis  von  einem  Jahre,  als  höchste  die  Todesstrafe,  ferner  Geldstrafen
  von  1000  bis  zu  10,000  Franken.  Mit  dem  Tode  sollen  Militärpersonen
  oder  Beamte  bestraft  werden,  die  verräterische  Beziehungen  zu  auswärtigen
  Mächten  unterhalten  haben.

Ein  anderer  Entwurf  war  im  Sommer  von  der  Kammer  selbst  ausgearbeitet
  worden,  der  noch  schärfer  war  und  in  sehr  weitem  Umfang  die
Todesstrafe  einführte.  (Abgedr.  in  der  „Post“  v.  24.  Juni.)

19.  November.  (Paris.)  Der  russische  Minister  des  Auswärtigen
  v.  Giers  trifft  ein.

24.  November.  Der  Erzbischof  Gouthe-Soulard  wird  von
dem  Pariser  Appellhofe  wegen  des  Briefs  an  den  Minister  Fallieres
mit  3000  Fr.  Geldstrafe  belegt.  (Vgl.  20.  Ok..)

Seine  Anhänger  bringen  das  Geld  sofort  durch  eine  öffentliche  Sammlung
  zusammen.  Die  royalistische  Rechte  der  Kammer  richtet  an  den  Erzbischof
  ein  Beglückwünschungsschreiben  wegen  der  edlen,  erhabenen  Aeußerungen,
  womit  er  bei  dem  gegen  ihn  geführten  Prozeß  für  die  Rechte  der
Kirche  und  die  Ehre  Frankreichs  eingetreten.

1.  Dezember.  Die  Deputiertenkammer  bewilligt  eine  Staatssubvention
  von  50,000  Fr.  an  Bergarbeiter,  welche  bei  Monthieux
  (Loire)  eine  Kohlenmine  käuflich  erworben  haben.

9.  Dezember.  (Senat.)  Interpellation  über  die  Agitation
der  Geistlichkeit.

Senator  Goblet  verlangt,  die  Regierung  solle  die  Trennung  der  Kirche
vom  Staate  durch  spezielle  Gesetze  vorbereiten.  Diese  Frage  werde  immer
wiederkehren,  denn  trotz  aller  Friedensbeteuerungen  auf  den  Lippen  bestehe
im  Grunde  der  Antagonismus  fort.  Die  Kirche  werde  nie  auf  eine  Einmischung
  in  die  öffentlichen  Angelegenheiten,  besonders  in  jene  der  Schule,
verzichten;  der  Staat  dürfe  aber  hochmütige  Auflehnungen  gegen  die  Autorität
  der  Behörden  und  der  Justiz,  wie  sie  in  Fällen,  die  sich  vor  kurzem
abgespielt  hätten,  wahrzunehmen  waren,  nicht  dulden.  Die  Bischöfe,  fährt
der  Redner  fort,  mischen  sich  sogar  in  auswärtige  Angelegenheiten.  Wir
brauchen  keine  neuen  Gesetze;  um  den  Klerus  zu  strafen,  dazu  würden  die
alten  genügen.  Es  sei  jedoch  unmöglich,  diese  Gesetze  anzuwenden,  das  wäre
bei  den  heutigen  Begriffen  eine  Härte.  Die  einzige  Abhilfe  könne  dadurch
geschaffen  werden,  daß  dem  Klerus  der  offizielle  Charakter  entzogen  würde.
Minister  Fallieères  erklärt,  er  wolle  über  die  letzten  Ereignisse,  Gouthe-Soulard
  und  dessen  Brief  hinweggehen.  Die  Regierung  glaube  an  die  Herstellung
  des  Friedens  und  fühle  sich  stark  genug,  den  hohen  Klerus  in
Schranken  zu  halten.  Die  Zeit  sei  für  Goblets  Anregung  nicht  geeignet
und  das  Land  für  deren  Verwirklichung  noch  nicht  reif.  Die  Trennung  der
Kirche  vom  Staate  würde  eine  unnütze  Aufregung  hervorrufen;  das  Konkordat
  genüge  aber  den  Bedürfnissen  und  biete  gesetzliche  Handhaben  zur
Wahrung  der  Autorität  des  Staates.  Wenn  den  Bischöfen  für  einige  Zeit
die  Subvention  entzogen  wird,  geben  sie  klein  bei.  In  Bezug  auf  die  Temporalien
  seien  die  Bischöfe  Untergebene  des  Kultusministers,  der  sich  Gehorsam
  zu  verschaffen  wisse.  Wiewohl  man  es  nicht  vergessen  habe,  welche
        <pb n="251" />
        Erankreith.  (Dezember  12.)  243

Rolle  der  Klerus  bei  der  Konspiration  vom  16.  Mai  spielte,  bekämpfe  man
ihn  doch  nicht.  Die  Regierung  sei  aber  zu  fester  Handhabung  der  Gesetze
entschlossen  nach  dem  Grundsatze:  Dem  Staate  und  der  Kirche  —  jedem  das
Seine.  Nach  einer  kurzen  Unterbrechung  der  Sitzung  ergreift  Ministerpräsident
  Freycinet  das  Wort.  Es  handle  sich,  führt  er  aus,  um  eine  Frage
der  öffentlichen  Ordnung  und  Disziplin.  Die  Haltung  einiger  Prälaten  sei
geradezu  unerträglich.  Wenn  die  jetzigen  Mittel  nicht  genügen,  werde  die
Regierung  die  Ermächtigung  zur  Anwendung  nachdrücklicherer  Mittel  verlangen.
  Wenn  die  bestehenden  Gesetze  dem  Klerus  nicht  passen,  so  möge
dieser  keine  Bischofssitze  erstreben.  Senator  Buffet:  Das  ist  ein  Skandal.
Präsident  Leroyer:  Erklären  Sie  dieses  Wort.  Buffet:  Es  ist  traurig,  zu
sehen,  daß  ein  Regierungsvertreter  die  Bischöfe  als  Bittsteller  behandle.
Ministerpräsident  Freycinet  (fortfahrend):  Wir  wollen  den  Frieden,  aber
wir  wollen  nicht  die  Gefoppten  sein.  Zwingt  uns  der  Episkopat  zur  Trennung
  der  Kirche  vom  Staate,  so  trägt  er  hiefür  die  Verantwortung.  Wer
der  Republik  die  Achtung  verweigert,  der  möge  wissen,  daß  er  nicht  nur  das
Ministerium,  sondern  das  ganze  Parlament  gegen  sich  hat.  (Stürmischer
Beifall.)  Dem  Wunsche  der  Regierung  entsprechend  nahm  hierauf  der  Senat
mit  211  gegen  57  Stimmen  eine  Tagesordnung  an,  welche  die  Regierung
auffordert,  die  ihr  zur  Verfügung  stehenden  Rechte  auszuüben,  um  dem
Klerus  die  Achtung  der  Republik  und  die  Unterwerfung  unter  ihre  Gesetze
aufzuerlegen.

Die  Rede  Freycinets  und  die  Tagesordnung  sollen  in  allen

Gemeinden  Frankreichs  öffentlich  angeschlagen  werden.

12.  Dezember.  (Deputiertenkammer.)  Auf  eine  ähnliche
Interpellation  wie  im  Senat  erklärt  Ministerpräsident  Freycinet,
  er  werde  niemals  dulden,  daß  der  Klerus  den  Anspruch  erhebe,
  außerhalb  der  Gesetze  zu  stehen.  Man  müsse  aus  den  heutigen
Verhältnissen  herauskommen.  Die  Regierung  weise  jedoch  die  Trennung
  von  Staat  und  Kirche  zurück.  Sie  werde  im  Januar  ein
Gesetz  über  Gesellschaften  einbringen,  ohne  dabei  gerade  auf  den
Klerus  abzuzielen.  Der  Klerus  müsse  eine  Warnung  erhalten;
eine  solche  werde  die  Abstimmung  des  Parlaments  sein.  Alle  diejenigen,
  welche  Anhänger  der  Oberhoheit  des  Staates  seien,  würden
das  Kabinett  nicht  schwächen  wollen.  Bischof  Freppel  tritt  der
Behauptung  entgegen,  daß  der  Klerus  gegenüber  der  Republik  eine
feindselige  Haltung  einnehme,  und  betont,  daß  die  dem  Konkordat
beigefügten  organischen  Artikel  außer  Uebung  gekommen  seien,  und
daß  man  sich  deshalb  dieser  Waffe  gegen  den  Klerus  nicht  bedienen
dürfe.  Die  von  der  Regierung  zurückgewiesene  Tagesordnung  Hubbard,
  welche  die  Trennung  von  Staat  und  Kirche  forderte,  wird
mit  346  gegen  181  Stimmen  abgelehnt.  Dagegen  nimmt  die
Kammer  mit  243  gegen  223  Stimmen  die  von  Rivet  beantragte
Tagesordnung  an,  welche  der  im  Senat  angenommenen  analog  ist,
von  der  Regierung  acceptiert  worden  war.

16“
        <pb n="252" />
        244  Kra#ukreich.  (Dezember  17.—22.)

17.  Dezember.  (Paris.)  Die  Kammer  nimmt  den  Gesetzentwurf
  über  die  Bildung  einer  Kolonialarmee  an,  welche  dem
Kriegsministerium  unterstellt  werden  soll.

Der  Senat  nimmt  die  sämtlichen  Artikel  der  Zollvorlage
an  und  genehmigt  sodann  mit  219  gegen  11  Stimmen  die  Vorlage
im  ganzen.

21.  Dezember.  (Deputiertenkammer.)  Verlängerung

der  Handelsverträge.

Léon  Say  hebt  hervor,  daß  für  Deutschland  eine  neue  Handelsära
anbreche;  es  frage  sich,  was  aus  dem  neuen  deutschen  System  hervorgehen
könne.  Léon  Say  verteidigt  seinen  Gegenentwurf,  der  die  Regierung  ermächtigt,
  die  in  allernächster  Zeit  ablaufenden  Handelsverträge  auf  drei  oder
sechs  Monate  zu  verlängern.  —  Nachdem  Léon  Say  seinen  Antrag  auf  Verlängerung
  der  Handelsverträge  begründet,  vergleicht  Méline  die  neuen  Tarife
mit  den  soeben  von  Deutschland  angenommenen,  die  im  allgemeinen  höher
seien.  Durch  die  neuen  Handelsverträge  der  mitteleuropäischen  Staaten
werde  nicht  eine  allzu  erhebliche  Anzahl  von  Artikeln  gebunden;  Frankreich
müsse  sich  beobachtend  verhalten  und  abwarten,  ob  die  Wirtschaftspolitik
Deutschlands  gute  Resultate  haben  werde;  Frankreich  werde  dann  das  Beispiel
  Deutschlands  nachahmen  können,  müsse  aber  gegenwärtig  sein  neues
Régime  anwenden  und  Herr  seiner  Tarife  bleiben.  Minister  Ribot  konstatiert,
  daß  Deutschland  sein  System  änderte,  es  wolle  Festigkeit  und  Beständigkeit
  finden;  möglicherweise  werde  Frankreich  eines  Tages  die  Notwendigkeit
  einsehen,  auch  eine  solche  Festigkeit  zu  erhalten;  die  Regierung
schließe  sich  den  Wünschen  der  Kammer  an,  müsse  sich  aber  das  Recht  vorbehalten,
  eine  Lösung  vorzuschlagen,  die  sie  für  die  beste  halte.  Er  hoffe,
der  Minimaltarif  werde  von  den  benachbarten  Nationen  angenommen  werden,
welche  keinen  Tarifkrieg  mit  Frankreich  wünschen;  er  hoffe  dies  hinsichtlich
Schwedens,  Hollands,  Belgiens  und  der  Schweiz.  Schwieriger  sei  die  Lage
hinsichtlich  Spaniens,  aber  wenn  Spanien  Frankreich  ein  annehmbares  Zollrégime
  anbiete,  werde  die  Regierung  der  Kammer  eine  neue  Vorlage  machen.
Der  Gegenentwurf  Léon  Says  wurde  mit  440  gegen  94  Stimmen  abgelehnt,
und  der  Gesetzentwurf  betreffend  die  Verlängerung  der  Handelsverträge  angenommen,
  nachdem  Ribot  erklärt  hatte,  der  Gesetzentwurf  bezwecke  den  Minimaltarif
  auf  sechs  Länder  anzuwenden,  welche  gegenwärtig  den  Konventionaltarif
  genießen;  es  stehe  indessen  nichts  im  Wege,  die  gleiche  Konzession
später  andern  Ländern  gegenüber  zu  machen.

21.  Dezember.  (Paris.)  Es  wird  gemeldet,  daß  der  Graf
von  Paris  gänzlich  entmutigt  sei  und  den  Beschluß  gefaßt  habe,
nach  der  nächsten  allgemeinen  Wahl  die  Preßagitation  aufzugeben
und  die  politische  Organisation  in  ganz  Frankreich  aufzulösen.

22.  Dezember.  Bischof  von  Angers,  Freppel,  Mitglied  der
Deputiertenkammer,  1k.

22.  Dezember.  Die  Kammer  nimmt  die  Brüsseler  Konferenz-Akte
  ohne  Diskussion  an  mit  Vorbehalt  der  Seeakte,  die
den  Rayon  von  Madagaskar  umfaßt,  sowie  des  droit  de  visite.
        <pb n="253" />
        VII.
Italien.

28.  Januar.  Der  Finanzminister  Grimaldi  gibt  in  der
Deputiertenkammer  das  Finanz-Exposé.  Infolge  der  Verringerung
  bei  einigen  Einnahmetiteln  nehme  er  ein  Defizit  für  die
Finanzgebahrung  des  Jahres  1891/92  von  ungefähr  27  Millionen
Lire  beim  Titel  „effektive  Ausgaben“  in  Aussicht;  außerdem  ein
Defizit  von  10  95/10  Millionen  beim  Titel  „Kapitalbewegungen".
Das  effektive  Defizit  für  1892/93  veranschlage  er  auf  30  Millionen,
wozu  aus  dem  Titel  „Kapitalbewegungen“  noch  ein  Fehlbetrag  von
133/10  Millionen  komme.  Bei  dieser  Lage  der  Dinge  wolle  die  Regierung
  vor  allem  eine  nicht  zu  überschreitende  Grenze  für  die
außerordentlichen  Ausgaben  festsetzen.  Diese  sollten  künftig  niemals
mehr  als  85  Millionen  betragen.  Der  Minister  kündigt  sodann
die  Einführung  neuer  Ersparnisse  in  dem  Budget  an  und  schlägt
Maßregeln  vor,  welche,  unter  anderem  aus  einer  Erhöhung  der
Alkohol-Fabrikationssteuer,  eine  Einnahme  von  33  9/10  Millionen
sichern  würden.  Auf  diese  Weise  werde  nicht  nur  das  Gleichgewicht
in  dem  Titel  der  Einnahmen  und  der  effektiven  Ausgaben  hergestellt,
  sondern  auch  zu  einem  Teile  das  Defizit  in  dem  Titel  „Kapitalbewegungen“
  gedeckt.  Es  blieben  dann  nur  noch  etwa  4  Millionen
  zu  decken.  Zu  diesem  Zweck  und  um  die  Mittel  zur  Amortisierung
  der  Schuld  zu  gewinnen,  kündigt  der  Minister  mehrere
Reformen  und  neue  Ersparnisse  an.

31.  Januar.  Ministerpräsident  Crispi  und  das  gesamte
Ministerium  reichen  ihre  Entlassung  ein.

Der  Hergang  wird  folgendermaßen  geschildert.  Die  Deputiertenkammer
  beriet  den  Gesetzentwurf  betreffend  die  Anwendung  der  provisorischen
Erhöhung  der  Eingangszölle  und  die  Steuer  auf  die  Fabrikation  von  Alkohol.
Die  Sitzung  war  bewegt.  Der  Sitzungssaal,  sowie  die  Tribünen  waren  über-
        <pb n="254" />
        246  Italien.  (Januar  31.)

füllt.  Alle  Minister  waren  anwesend.  Viele  Deputierte  sprachen  dafür  und
viele  dagegen.  Finanzminister  Grimaldi  trat  für  das  Gesetz  ein.  Der
Ministerpräsident  Crispi  erklärte,  das  fragliche  Gesetz  stehe  in  voller  Harmonie
mit  seinem  Turiner  Programm,  zählte  alsdann  die  bereits  vorgenommenen
Ersparungen  auf  und  versicherte,  die  Regierung  werde  sich  weiter  bemühen,
um  andere  mögliche  Ersparnisse  zu  machen,  er  könnte  Bonghi  erwidern,  indem
  er  ihn  auf  die  Finanzen  unter  dem  Regime  der  Rechten  hinwiese;  dieselben
  seien  nicht  besser  gewesen,  als  die  gegenwärtigen;  aber  er  wolle  aus
Achtung  vor  den  Gräbern  keine  Demonstration  hervorrufen.  Indessen  sei
die  bis  1876  befolgte  Politik  sehr  verschieden  von  der  gegenwärtigen  gewesen;
sie  sei  dem  Auslande  gegenüber  servil  gewesen.  (Lärm  und  Protestrufe.)  Die
Deputierten  Rudini,  Bonghi  und  zahlreiche  andere  Deputierte  der  Rechten,
sowie  der  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten,  Finali,  verließen  ihre  Plätze.
Der  Präsident  ermahnte  die  Kammer  zur  Ruhe.  Ministerpräsident  Crispi
verlangte  eine  unzweideutige  Abstimmung,  wie  man  sie  einem  Ehrenmanne
schulde,  der  gegen  seine  eigene  Neigung  auf  seinem  Platze  verbleibt.  Man
müsse  aus  der  gegenwärtigen  Lage  herauskommen,  das  Votum  der  Kammer
werde  im  Inlande  wie  im  Auslande  ein  Echo  finden  und  darüber  entscheiden,
ob  Italien  eine  starke  Regierung  wolle  oder  eine  Regierung,  welche  aufs
neue  in  Zögern  und  in  Unentschlossenheit  verfalle.  (Lebhafte  Zwischenrufe.)
Luzzatti  erklärte,  nach  den  Ausführungen  Crispis,  welche  diejenigen  beleidigten,
  welche  er  (Luzzatti)  in  seinem  Leben  aufs  höchste  verehrt  habe  und
die  ihrem  Lande  stets  treu  gedient  hätten,  werde  er  gegen  den  Gesetzentwurf
stimmen.  (Beifall  rechts.  —  Zwischenrufe.  —  Lebhafte  Bewegung.)  Ministerpräsident
  Crispi  erklärte,  er  habe  niemand  beleidigen  wollen,  am  wenigsten
Minghetti.  Die  Kammer  stimmte  über  die  von  Willa  eingebrachte,  von  der
Regierung  angenommene  Tagesordnung  ab,  welche  von  den  Erklärungen  der
Regierung  Akt  nimmt.  Die  einfache  Tagesordnung  wurde  dann  mit  186
gegen  123  Stimmen  abgelehnt.  Die  Kammer  beschloß  darauf,  nicht  zur
Beratung  der  einzelnen  Artikel  überzugehen.  Ministerpräsident  Crispi  erklärte,
  er  werde  vom  Könige  weitere  Befehle  erbitten,  und  ersuche  die  Kammer,
ss  4  vertagen,  was  unter  großer  Aufregung  um  8  Uhr  15  Minuten
geschah.
Eine  andere  Erzählung  lautet  folgendermaßen:

Auf  der  Tagesordnung  stand  ein  kleines  Finanzgesetz,  dessen  Einbringung
  die  Beseitigung  eines  Teiles  des  Defizits  zum  Zwecke  hatte,  und
obwohl  dasselbe  auf  eine  gewisse  Opposition  stieß,  so  zweifelte  niemand  daran,
daß  dasselbe  schließlich  mit  großer  Majorität  durchgehen  und  der  Regierung
einen  neuen  Sieg  einbringen  würde.

Die  Diskussion  begann  in  sehr  ruhiger  und  wohlwollender  Weise,
und  von  mehreren  Deputierten,  welche  bisher  als  erbitterte  Opponenten  gegen
das  Gesetz  galten,  waren  sehr  beruhigende  Aeußerungen  und  Erklärungen
abgegeben  worden.  Der  Berichterstatter  über  das  Gesetz,  welcher  zugleich
auch  Präsident  der  General-Budgetkommission  war,  hatte  in  einer  glänzenden
Schlußrede  das  Gesetz  in  sehr  klarer  und  einleuchtender  Weise  verteidigt,  der
Finanzminister  die  letzten  Aufklärungen  gegeben,  eine  das  vollste  Vertrauen
auf  die  Regierung  aussprechende  Tagesordnung  war  bereits  verteilt  worden
und  man  erwartete  bloß  die  Billigung  des  Ministerpräsidenten  Crispi  über
die  Begründung  der  Tagesordnung,  welche  die  Regierung  vorziehe.  Der
Ministerpräsident  sprach  anfangs  sehr  ruhig  und  sachgemäß,  als  er,  durch
eine  bissige  Bemerkung  des  Deputierten  Bonghi  verletzt,  die  Contenance  verlor
  und  sich  zu  einer  Aeußerung  hinreißen  ließ,  welche,  die  Politik  des
letzten  Kabinetts  der  Rechten  etwas  allzuscharf  angreifend,  die  Rechte  so  sehr
        <pb n="255" />
        Stalien.  (Februar  9.—14.)  247

erboste,  daß  dieselbe  sich  wütend  erhob  und  in  der  heftigsten  Weise  gegen
den  Ministerpräsidenten  Crispi  remonstrierte.

Der  Führer  der  Rechten,  Marquis  Rudini,  erhob  sich  wie  ein  verwundeter
  Löwe,  und  nachdem  er  Herrn  Crispi  in  der  heftigsten  Weise  apostrophiert
  hatte,  erklärte  er,  daß  er  trotz  seines  festen  Willens,  für  das  Gesetz
zu  stimmen,  nun  nach  der  seiner  Partei  angethanen  Beleidigung  gegen  dasselbe
  stimmen  werde.  Ein  Kollege  Crispis,  der  Minister  für  öffentliche
Bauten,  Finali,  ein  ehemaliges  Mitglied  des  letzten  Kabinetts  der  Rechten,
erhob  sich  unter  dem  wütenden  Beifall  der  Rechten  von  seinem  Ministerfauteuil
  und  verließ  den  Saal;  der  Berichterstatter,  ebenfalls  ein  ehemaliges
Mitglied  des  letzten  Kabinetts  Minghetti,  welcher  wenige  Minuten  früher
das  Gesetz  in  so  glänzender  Weise  verteidigt  hatte,  erhob  sich,  und  nachdem
er  hierbei,  in  seiner  Aufregung  auf  den  Tisch  schlagend,  ein  Tintenfaß  umgestürzt
  hatte,  erklärte  er,  daß  er  nach  der  seiner  Partei  zugefügten  Beleidigung
  nicht  mehr  mit  der  Regierung  gehen  und  daher,  obwohl  er  das  vorliegende
  Gesetz  billige,  nun  gegen  dasselbe  stimmen  werde;  die  ganze  Rechte
erhob  sich  heulend,  um  gegen  Crispi  zu  protestieren,  und  es  entstand  ein
Aufruhr,  wie  man  ihn  früher  in  der  italienischen  Kammer  nie  erlebt  hatte.
Hätte  der  Kammerpräsident  angesichts  der  ungeheueren  Aufregung  die  Sitzung
aufgehoben,  so  hätte  vielleicht  die  Nacht  Rat  und  Ruhe  gebracht,  und  wäre
ein  Mittel  gefunden  worden,  den  ausgebrochenen  Konflikt  durch  einige  gegenseitige
  ruhige  Erklärungen  beizulegen;  aber  zum  Unglück  gelang  es  dem
Kammerpräsidenten,  die  Ordnung  auf  einen  Augenblick  lang  soweit  herzustellen,
  daß  zur  Abstimmung  geschritten  werden  konnte,  welche  angesichts  der
größten  Aufregung  vorgenommen  wurde.  Das  Resultat  war  vorauszusehen
—  denn  die  Regierung  wurde  mit  bedeutender  Majorität  geschlagen  —,
worauf  der  Ministerpräsident,  die  Demission  des  Kabinetts  notifizierend,  die
Kammer  bat,  ihre  Sitzungen  einstweilen  einzustellen,  da  er  die  Befehle
Sr.  Majestät  einholen  müsse;  und  so  befinden  wir  uns  denn  angesichts  einer
Krise,  die  niemand  vorhersehen  konnte  und  die  noch  vor  einigen  Stunden
niemand  für  möglich  gehalten  hätte.

9.  Februar.  (Rom.)  Der  König  empfängt  Rudini,  welcher
die  neue  Ministerliste  vorlegt;  der  König  bestätigt  die  Liste.
Nach  derselben  ist  das  Kabinett  wie  folgt  zusammengesetzt:  Rudini
Präsidium  und  Auswärtiges  und  interimistisch  Marine,  Nicotera
Inneres,  Luzzatti  Schatz,  Colombo  Finanzen,  Pelloux  Krieg,  Ferrari
  Justiz,  Branca  Arbeiten  und  interimistisch  Post  und  Telegraphen,
  Chimirri  Ackerbau,  Villari  Unterricht.  Zum  Unterstaatssekretär
  des  Auswärtigen  ist  d'Arco,  zum  Unterstaatssekretär  des
Innern  Lucca  ernannt.

10.  Februar.  Rudini  richtet  ein  Rundschreiben  an  die
auswärtigen  Vertreter  Italiens,  in  welchem  er  die  bisherige  Politik
Italiens  fortsetzen  zu  wollen  erklärt.

14.  Februar.  Das  Ministerium  Rudini  stellt  sich  der  Kammer
  vor.  Crispi  hat  seinen  Sitz  als  Abgeordneter  auf  der  äußersten
Linken  eingenommen.  Die  Haltung  der  Deputierten  ist  kühl.  Rudini
  verliest  folgende  Erklärung:
        <pb n="256" />
        248  Italien.  (Februar  14.)

„Ehrenwerte  Kollegen!  Indem  die  Kammer  durch  die  Abstimmung
des  31.  Januar  das  Gesetz  ablehnte,  welches  die  vorläufige  Wirksamkeit
einiger  durch  die  vorige  Verwaltung  geforderter  Steuererhöhung  aussprach,
hat  sie  der  neuen  Verwaltung  ein  Programm  vorgeschrieben,  welches  zu
beobachten  unsere  Pflicht  ist.  Wir  machen  Ihre  Fahne:  die  der  Ersparnisse,
zur  unsrigen;  mit  ihr  und  für  sie  werden  wir  kämpfen,  werden  wir  siegen
oder  fallen.  (Beifall.)  Inzwischen  übernehmen  wir  vor  Ihnen,  vor  dem
Lande  die  wohlüberlegte  Verpflichtung,  das  Gleichgewicht  zwischen  den  effektiven
  Ausgaben  und  Einnahmen  ohne  Mehrbelastung  der  Steuerzahler  herzustellen.
  Mit  vorsichtiger,  aber  entschlossener  Hand  werden  wir  alle  Etats
beschneiden,  die  des  Krieges  und  der  Marine  inbegriffen,  um  überall  und
betreffs  aller  die  größte  Sparsamkeit  anzuwenden,  und  wir  werden  auch  die
Ausgaben  für  Afrika  einschränken.  In  kurzer  Frist  werden  wir  die  passenden
  Veränderungen  am  Etat  1891/92  vorlegen.  Wir  werden  ferner  einige
Gesetze  einbringen,  von  denen  die  einen  unverzügliche,  die  anderen  sehr
baldige  Wirkung  auf  Erleichterung  des  Staatsschatzes  ausüben  werden.
Dringende  Maßnahmen  sind  nötig  zur  Ordnung  des  Notenumlaufes.  Wir
glauben  jedoch,  daß  unter  den  jetzigen  Verhältnissen  die  radikalen  Aenderungen
in  unserem  Banksysteme  Veranlassung  und  Anreiz  zu  neuen  Störungen  sein
könnten,  die  wir  bedachterweise  vermeiden  wollen.  Demgemäß  werden  wir
uns  auf  Vorlegung  derjenigen  Maßnahmen  beschränken,  welche  geeignet  sind,
eine  ganz  sichere  Hebung  der  Kreditverhältnisse  herbeizuführen.  Unter  den
sozialen  Gesetzen,  welche  uns  die  dringendsten  zu  sein  scheinen,  werden  wir
die  bestvorbereiteten  einbringen,  und  zwar  mit  Schleunigkeit,  da  wir  anerkennen,
  daß  es  Akte  der  sozialen  Gerechtigkeit  gibt,  welche  nicht  länger  aufgeschoben
  werden  können  und  dürfen  durch  eine  Regierung,  welcher  die  gesunden
  Interessen  und  rechtmäßigen  Bedürfnisse  der  arbeitenden  Klassen  am
Herzen  liegen.  (Beifall.)  Während  der  jetzigen  Tagung  werden  wir  Ihnen
keine  gesetzgeberischen  Reformen  vorlegen,  welche  beachtenswerte  Interessen
stören,  ohne  unmittelbaren  Nutzen  für  den  Staatshaushalt  zu  haben.  Wir
werden  uns  für  jetzt  der  Vorlegung  politischer  Gesetze  enthalten,  in  der  Erwägung,
  daß  das  Land  vor  allem  nach  wirtschaftlicher  Belebung  verlangt.
(Lebhafte  Zustimmung.)  Auch  für  die  Aupfhebung  der  Listenwahl,  welche
wir  anstreben,  werden  wir  jetzt  keinerlei  Initiative  ergreifen,  sondern  die
Prüfung  der  durch  das  vorige  Kabinett  eingesetzten  Kommission  oder  die
Vorschläge  des  Ausschusses  für  Vorberatung  des  parlamentarischen  Antrages
abwarten.  Aber  folgendes  fühlen  wir  uns  verpflichtet  zu  erklären:  welche
auch  Ihre  Beschlüsse  sein  mögen,  so  zieht  unseres  Erachtens  eine  Aenderung
der  Wahlart  nicht  mit  unerbittlicher  Notwendigkeit  die  sofortige  Neuberufung
der  Wähler  nach  sich.  In  der  auswärtigen  Politik  werden  wir,  auch  hier
in  Eintracht  mit  dem  Lande,  seiner  Stimme  gehorchen,  welche  wir  bei  den
letzten  Wahlen  laut  und  klar  vernommen  haben.  Wir  werden  die  Würde
des  Landes  vor  Verletzung  bewahren  und  seine  wahren  Interessen  mit  Eifer
vertreten.  Unsere  Politik  wird  schlicht,  freimütig,  ohne  Hintergedanken  sein,
wie  es  einem  Lande  geziemt,  welches  wirklich  den  Frieden  will.  Zum  Glück
ist  unser  Programm  uns  mit  den  größeren  europäischen  Staaten  gemeinsam.
Dieser  Gedanke,  dieser  Wunsch,  dieses  Bedürfnis  des  Friedens  hat  jene
Mächte  zur  Vereinigung  gebracht,  welche  sich  absolute  Sicherheit,  Europa
eine  dauernde  Ruhe  verschaffen  wollten.  Unsern  Bündnissen  werden  wir
feste  und  zuverlässige  Treue  bewahren.  (Beifall.)  Durch  unsere  Haltung
werden  wir  allen  zeigen,  daß  wir  keine  Angriffsabsichten  haben.  Und  da
bezüglich  unseres  Verhältnisses  zu  Frankreich  Zweifel,  Argwohn,  Mißtrauen
erregt  worden  ist,  so  werden  wir  unser  Bemühen  darauf  richten,  jede  falsche
Meinung  zu  widerlegen.  Durch  unsere  wohlerwogene  und  leidenschaftslose
        <pb n="257" />
        Italien.  (März  2.—25.)  249

Haltung  werden  wir  —  wir  find  davon  überzeugt  —--  das  Vertrauen  einflößen,
  das  wir  zu  verdienen  uns  bewußt  sind.  (Bravo.)  Allerdings  macht
Italien  eben  wegen  der  Finanznot  und  der  schlimmen  wirtschaftlichen  Verhältnisse
  einen  schwierigen  Moment  durch.  Aber  wir  werden  uns  wieder
aufrichten,  und  zwar  schneller,  als  man  glaubt.  Es  wird  dazu  eine  kräftige
Anstrengung,  ein  entschiedener  Wille  genügen.  Um  unser  Ziel  zu  erreichen,
ist  jedoch  eine  Voraussetzung  unerläßlich:  der  Friede.  Vielleicht  ist  es  Ueberhebung,
  aber  wir  sind  der  Meinung,  durch  unsere  Auffassung  und  unsere
Vorsätze  den  Willen  des  Landes  richtig  auszudrücken.  Ueber  die  Vorlagen,
welche  wir  machen  werden,  begehren  wir  deshalb  schleunige  Beratung,  da
wir  dringendes  Verlangen  nach  Ihrem  Urteil  fühlen.  Wir  werden  dasselbe
beschleunigen;  denn  es  kommt  uns  sehr  darauf  an,  zu  erfahren,  ob  wir  mit
unseren  Vorschlägen  die  Ehre  haben  werden,  Ihr  Vertrauen  zu  verdienen,
und  an  diesem  Platze  können,  wollen  und  dürfen  wir  nicht  bleiben,  wenn
wir  nur  geduldet  oder  als  Schützlinge  hier  wären.“  (Beifall.)

2.  März.  (Deputiertenkammer.)  Schatzminister  Luzzatti
legt  die  Abänderungen  des  Voranschlages  pro  1891/92  vor  und

gibt  eine  Darstellung  der  finanziellen  Lage.

Luzzatti  erklärt,  daß  er  im  wesentlichen  die  Voranschläge  seines  Vorgängers
  Grimaldi  und  die  von  demselben  in  Aussicht  genommenen  Ersparungen
  von  neun  Millionen  annehme,  wodurch  das  Defizit  auf  29½
Millionen  ermäßigt  werde;  er  überreiche  nur  Abänderungen  zum  Voranschlage,
  wodurch  sofort  weitere  36  Millionen  erspart  würden;  von  diesen
kommen  10,800,000  auf  das  Kriegs=  und  6½  Millionen  auf  das  Marinebudget.
  Mit  den  36  Millionen  werde  nicht  nur  das  ganze,  auf  29  Millionen
festgestellte  Defizit  gedeckt,  sondern  es  bleibe  noch  ein  Ueberschuß  von  7  Millionen,
  welche  er  in  Verbindung  mit  weiteren  3  Millionen,  die  aus  der
Reorganisierung  von  Emissionsinstituten  resultieren,  verwenden  wolle,  um
den  möglichen  Ausfall  von  10  Millionen  bei  der  Einnahme  aus  der  Konsumsteuer
  und  den  Geschäftstaxen  zu  decken.  Zur  Herabminderung  der  Schuld
beantrage  er  gewisse  Ersparungen  und  Erhöhungen  der  Einnahmen,  die  von
dem  früheren  Kabinette  vorgeschlagen  worden  seien,  sowie  eine  Reform  des
Lotteriewesens,  wodurch  er  einen  Mehrertrag  von  zwei  Millionen  erhoffe.
Ein  neuer  Gesetzentwurf  werde  die  Abzüge  der  Beamtengehälter  regeln.  Die
Mehreinnahmen  hieraus  werden  sofort  sich  auf  zwei  Millionen,  nach  und
nach  auf  vier  Millionen  belaufen.  Ein  weiterer  Gesetzentwurf  werde  die
Reorganisation  der  Eisenbahn=  und  der  Patrimonialkassen  ohne  Mehrbelastung
der  Steuerzahler  bezwecken.  Da  der  Arbeitsminister  die  Eisenbahnbau-Ausgaben
  pro  1891/2  um  19  Millionen  herabmindere,  so  würden  auch  durch
die  Ausgabe  einer  geringeren  Anzahl  von  Eisenbahn-Obligationen  Budget
und  Staatskredit  eine  erhebliche  Erleichterung  erfahren.  Uebrigens  würden
nur  reiflich  erwogene  Eisenbahnprojekte  zur  Ausführung  kommen.  Auf  diese
Art  sei  es  dem  Kabinett  innerhalb  weniger  Tage  gelungen,  in  den  effektiven
Ausgaben  36  Millionen  ohne  Schwächung  des  öffentlichen  Dienstes  und  der
Kraft  von  Armee  und  Marine,  welche  die  Verteidigung  des  Landes  und
dessen  Stolz  bildeten,  zu  schwächen.  Rechne  man  dazu  die  Erhöhung  der
Einnahmen  um  mehr  als  10  Millionen,  die  Herabminderung  der  Eisenbahnbau-Ausgaben
  um  19  Millionen  und  die  bereits  eingeführten  Ersparungen
von  9  Millionen,  so  ergebe  sich  eine  Besserung  der  Finanzlage  um  zusammen
74  Millionen.

17.  März.  (Rom.)  Tod  des  Prinzen  Jerome  Nar#
25.  März.  Die  Kammer  erteilt  Rudini  ein  Vertr
        <pb n="258" />
        250  Stalien.  (April  20.—Mai  Ende.)

votum  mit  einer  Mehrheit  von  113  Stimmen.  Von  395  Stimmen
fallen  254  zu  Gunsten  des  Ministeriums  aus  gegen  95  der  Opposition
  und  46  Enthaltungen.

20.  April.  Ein  Grünbuch  wird  verteilt,  in  dem  festgestellt
ist,  daß  die  französischen  Umtriebe  in  Abessinien  soweit  gegangen
seien,  daß  französische  Agenten  dem  König  Menelik  40,000  Gewehre
angeboten  haben,  ferner  daß  Italien  das  Recht  zuerkannt  sei,  Kassala
zu  besetzen,  falls  dies  militärisch  notwendig  wäre,  obschon  eine  Besetzung
  des  Ortes  den  Absichten  Italiens  gänzlich  widerspreche.

23.  April.  (Rom.)  Explosion  des  Pulver=  und  Dynamitturms
  des  Forts  Bravetta.  Die  Zahl  der  an  der  Unglücksstelle
Verwundeten  beträgt  48,  der  übrigen  in  der  Stadt  leicht  Verletzten
gegen  200.  Der  Vatikan,  die  Peterskirche,  die  Paulskirche  und  das
Paulskloster  erleiden  arge  Beschädigungen.

24.  April.  (Rom:  Deputiertenkammer.)  Der  Entwurf,
betreffend  die  Abschaffung  des  Listenskrutiniums  wird  mit
182  gegen  75  Stimmen  angenommen.

1.  Mai.  (Rom.)  Ruhestörungen  anläßlich  der  Maifeier,
wobei  2  Personen  getötet,  37  verwundet  werden,  darunter  4  Offiziere
  und  25  Soldaten.

2.—4.  Mai.  (Deputiertenkammer.)  Bei  der  Beratung
über  diese  Vorgänge  kommt  es  zu  heftigen  Debatten,  die  aber  mit
einem  Vertrauensvotum  für  die  Regierung  endigen.

3.  Mai.  (Rom.)  Im  Abgeordnetenhause  kommt  ein  Grünbuch
  zur  Verteilung,  das  die  Aktenstücke  zusammenstellt  zur  Aufklärung
  über  die  mit  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika
bezüglich  der  Vorfälle  in  New-Orleans  gepflogenen  Verhandlungen.


14.  Mai.  (Deputiertenkammer.)  Ministerpräsident  Rudini
  spricht  über  die  Ereignisse  in  New-Orleans.  (Vgl.  Amerika.)

Man  solle  ihnen  nicht  eine  übertriebene  Bedeutung  beilegen  und  die
wesentlich  juridische  Frage  nicht  zu  einer  Frage  der  nationalen  Würde
stempeln.  Der  Rücktritt  des  Gesandten  di  Fava  sei  ein  Protest  gegen  das
Verhalten  der  Unionsregierung  gewesen.  Die  Frage  scheine  jetzt  in  eine
neue  Phase  zu  treten,  da  die  gerichtliche  Verfolgung  gegen  die  Lyncher  eingeleitet
  sei.  Er  könne  bis  jetzt  nicht  sagen,  inwieweit  die  Verfolgung  ernst
zu  nehmen  sei.  Ganz  Europa  stehe  in  dieser  Frage  auf  Seite  Italiens.
Die  Abberufung  des  Konsuls  in  New-Orleans  sei  erfolgt,  weil  die  Regierung
eingehende  Informationen  zu  erhalten  wünsche.

Ende  Mai.  (Rom.)  Großes  Aufsehen  erregt  ein  in  der
Contemporary  Review  erschienener  Aufsatz  über  die  italienische  Po-
        <pb n="259" />
        Italien.  (Juni  21.—Juli  8.)  251

litik,  als  dessen  Urheber  Crispi  bezeichnet  wird.  Crispi  stellt  jedoch
  in  Abrede,  der  Autor  des  Artikels  zu  sein.

21.  Juni.  Ein  Zirkular  des  Ministers  des  Innern  Nicotera
an  die  Präfekten  untersagt  kraft  des  Artikels  113  des  Strafgesetzbuches
  jede  öffentliche  Bereinigung  oder  jedes  Meeting,  die
den  Zweck  verfolgen,  öffentliche  Kundgebungen  oder  Versammlungen
bezüglich  des  Dreibundes  zu  veranstalten.  Damit  wird  einer  Agitation
  entgegengetreten,  welche  von  den  Leitern  der  irredentistischen
Partei  geplant  war,  um  im  ganzen  Bereich  des  Königreichs  die
Bevölkerung  gegen  die  auswärtige  Politik  der  Regierung  aufzureizen.

24.  Juni.  (Deputiertenkammer.)  Bei  der  Beratung  des
Budgets  erklärt  der  Schatzminister  Luzzatti,  das  Defizit  des
Budgets  für  das  Finanzjahr  1891,92  betrage  5,424,096  Lire.
Diesem  Defizit  stellte  die  Regierung  neue  Ersparnisse  im  Betrage
von  2,068,900  Lire,  sowie  neue  Einnahmen  in  Höhe  von  3,200,000
Lire  gegenüber.  (Beifall.)  Was  die  Lage  des  Staatsschatzes  betreffe,
so  werde  dieselbe  im  Einvernehmen  mit  den  Spar=  und  Versorgungskassen
  geregelt  werden.  (Beifall.)  Das  italienische  Budget  habe  sich
fortdauernd  gebessert;  diejenigen  handelten  daher  nichtswürdig  und
perfide,  welche  behaupteten,  die  finanzielle  Lage  Italiens  sei  schlecht,
und  die  somit  den  Kredit  Italiens  verleumdeten.  (Lebhafter  Beifall.)

28.  Juni.  In  der  Kammersitzung  verkündet  der  Ministerpräsident
  Rudini  unter  dem  enthusiastischen  Beifall  einer  überwältigenden
  Majorität,  daß  der  Dreibund  auch  in  Zukunft  bestehen
  bleiben  werde.

6.  Juli.  (Venedig.)  König  Humbert  begibt  sich  nach
Venedig  aus  Anlaß  des  Stapellaups  der  „Sicilia“;  dort  wird  er
empfangen  von  dem  englischen  Admiral  Horkins,  der  mit  der  englischen
  Flotte  im  Mittelmeer  weilt  und  in  ostentativer  Weise  mit
seinen  Offizieren  dem  Stapellauf  beiwohnt.

8.  Juli.  (Venedig.)  Der  König  und  die  Königin  begeben
  sich  an  Bord  des  „Brambow“,  woselbst  der  König  beim

Frühstück  folgenden  Trinkspruch  hält:

„Ich  trinke  auf  die  Gesundheit  der  erhabenen  Königin  und  Kaiserin,
auf  das  Wohlergehen  des  großen  englischen  Volkes,  des  treuen  Freundes
Italiens  in  bösen,  wie  in  guten  Tagen;  ich  trinke  auf  das  Wohl  seiner
ruhmreichen  mächtigen  Flotte,  derer  würdige  Vertreter  ich  mit  Freude  hier
sehe.  In  diesen  Gruß  stimmt,  ich  weiß  es,  das  ganze  italienische  Volk  mit
mir  ein.“

Der  Kommandant  des  englischen  Geschwaders  trinkt
        <pb n="260" />
        252  Italien.  (Oktober  2.  23.)

auf  das  Wohl  des  Königs  und  der  Königin  und  schließt  seine  Rede

mit  den  Worten:

„In  diesem  feierlichen  Augenblicke  gebe  ich  dem  lebhaften  Vertrauen
Ausdruck,  daß  die  intimen  und  herzlichen  Beziehungen  zwischen  Italien  und
England  für  die  Zukunft  in  der  nämlichen  Weise  fortdauern  werden,  wie
sie  in  der  Vergangenheit  waren.  Ich  trinke  auf  die  Gesundheit  Ihrer  Majestäten
  des  Königs  und  der  Königin.“

2.  Oktober.  (Rom.)  Am  Jahrestage  des  Plebiszits  im
Kirchenstaat  entsteht  ein  Tumult,  veranlaßt  durch  französische
Pilger,  die  das  Pantheon  besuchen  und  dort  in  das  Register  die
Worte  eingeschrieben  haben  sollen:  „Hoch  der  Papstkönig!“  Nach
andern  Nachrichten  hätten  sie  noch  hinzugefügt:  „Nieder  mit  Viktor
Emanuel!  Tod  dem  König  Umberto!“  und  auf  das  Grab  Viktor
Emanuels  gespuckt.  Nachgewiesen  wird  nachher  nur  das  Wort
„Vive  le  Pape!“.

Einige  junge  Leute  organisieren  hierauf  eine  Demonstration  im  liberalen
  Sinne,  durchziehen  die  Stadt  und  verlangen  vor  den  Hotels,  in  welchen
Pilger  wohnen,  unter  Pfeifen  die  Aufhissung  der  Nationalfahne.  Die  Hotelbesitzer
  kommen  diesem  Verlangen  sofort  nach,  die  Fahnen  werden  enthusiastisch
begrüßt.  Die  liberale  Demonstration,  welche  unter  fortwährenden  Rufen:

„Es  lebe  Italien!  Es  lebe  der  König!“  ihren  Fortgang  nimmt,  zerstreut
sich  schließlich  in  vollkommener  Ruhe.

Der  Zwischenfall  findet  sowohl  in  den  offiziellen  vatikanischen
  Kreisen,  als  auch  seitens  der  ganzen  Nation,  ebenso  aber
auch  seitens  der  französischen  Regierung  die  schärfste  Mißbilligung,
und  der  Vorsitzende  des  französischen  Pilgerausschusses,  Herr  Harmel,
gibt  mit  Zustimmung  des  Papstes  im  italienischen  Ministerium
des  Innern  eine  nachdrückliche  Verwahrung  gegen  die  im  Pantheon
„von  drei  jungen  Burschen  begangene  bedauerliche  That“  ab,  gleichzeitig
  das  „tadellos  freundliche  und  zuvorkommende“  Verhalten  der
italienischen  Behörden  gegenüber  den  Pilgern  anerkennend.  (Vgl.
Kurie.)

13.  Oktober.  (Monza.)  Der  russische  Minister  des  Auswärtigen
  v.  Giers  und  der  russische  Botschafter  Vlangali  werden
zusammen  mit  dem  Ministerpräsidenten  Rudini  vom  König  empfangen.
  Rudini,  Giers  und  Vlangali  kehren  von  da  zusammen
nach  Mailand  zurück.

23.  Oktober.  Francesco  Crispi  richtet  an  einen  Mitarbeiter
der  „Matinées  Espagnoles“,  Desmarets,  nachstehenden,  von  der
„Riforma“  veröffentlichten  Brief:

„Mein  werter  Desmarets!  Mein  Brief  vom  19.  September  war  nur
für  Sie  allein  bestimmt.  Durch  seinen  Abdruck  haben  Sie  mich  zu  einer
öffentlichen  Besprechung  genötigt,  in  die  einzutreten  ich  gar  keine  Lust  hatte.
        <pb n="261" />
        Italien.  (Oktober  23.)  253

Dadurch  haben  Sie,  lassen  Sie  es  mich  aussprechen,  meinem  Willen  Zwang
angethan.  In  einer  demokratischen  Zeit  haben  Sie  die  Freiheit  übel  angewendet,
  und  das  ist  keineswegs  ermutigend  für  die,  welche  Sie  zur  Republit
bekehren  möchten.  Da  ich  aber  nun  dabei  bin,  so  nehme  ich  als  tapferer
Ritter  die  Herausforderung  an,  und  beginne  mit  der  Erklärung,  daß  Sie
in  Ihrer  vom  „National“  veröffentlichten  Antwort  nicht  unternommen  haben,
alle  Fragen,  die  ich  Ihnen  stellte,  zu  lösen.  Sie  sind  dem  schwierigen  Probleme
  ausgewichen,  welches  Frankreich  von  Deutschland  trennt,  und  obschon
Sie  verlangen,  daß  der  Papst  nur  ein  Apostel  sein  solle,  haben  Sie  bezüglich
  des  Zaren  Stillschweigen  beobachtet.  Als  ich  Sie  fragte,  ob  der  Zar
und  der  Papst,  gegenwärtig  Verbündete  der  französischen  Regierung,  notwendige
  Werkzeuge  zur  Aufrichtung  der  neuen  Vereinigten  Staaten  (Europas)
sein  würden,  habe  ich  zwei  Institutionen  berührt,  zwei  politische  Prinzipien,
welche  die  Negation  der  Demokratie  sind.  Ich  begreife,  daß  ein  Teil  Rußlands
  in  unsere  Konföderation  eintreten  müßte;  aber  ich  wünschte  von  Ihnen
zu  wissen,  was  Sie  mit  dem  Autokraten  anfangen  wollen,  der  zur  Hälfte
asiatischer,  zur  andern  europäischer  Souverän  ist.  Sie  beschuldigen  mich,
den  Zustand  der  französischen  Anschauungen  in  Bezug  auf  die  Religion  nicht
zu  kennen.  Sie  irren,  mein  Freund;  ich  kenne  ihn  so  gut  wie  Sie  und
habe  ein  Interesse  daran,  ihn  zu  kennen.  Sie  beurteilen  Frankreich  nach
den  Reden  und  Büchern  und  Gelehrten.  Sie  urteilen,  indem  Sie  Paris
ins  Auge  fassen  und  nicht  die  anderen  Städte  der  Republik,  noch  auch  das
flache  Land,  wo  das  katholische  —  nicht  das  christliche  —  Gefühl  tief  gewurzelt
  ist;  wir  sehen  das  Tag  für  Tag  an  der  Haltung  der  Pilger,  welche
kommen,  um  Leo  XIII.  zu  verehren,  und  diejenigen  zu  verwünschen,  welche
sie  für  seine  Verfolger  halten.  Auch  wenn  Sie  in  Paris  in  die  Kirchen
gingen,  z.  B.  nach  S.  Sulpice,  und  wenn  Sie  die  Seminaristen  befragten,
würden  Sie  sich  überzeugen  können,  daß  Ihr  Volk  weiter  zurück  ist,  als  das
italienische  Landvolk.  Auch  haben  Sie  selber  in  den  „Matinées  Espagnoles“
geschrieben,  daß  die  Massen  noch  dem  religiösen  Glauben  anhangen.  Ich
lese  in  Ihrem  Briefe,  der  Papst  dürfe  nicht  Fürst  oder  Souverän  sein.  Es
ist  dies  Ihre  Meinung  und  ich  glaube  Ihnen.  Aber  das  amtliche  Frankreich
  behandelt  ihn  als  König.  Am  letzten  Februar  hat  Monsignore  Freppel
Leo  XIII.  als  Abgesandter  des  Grafen  von  Paris  aufgesucht,  und  am
11.  September  der  Kardinal  Langénieux  als  Botschafter  Carnots.  Prätendent
und  Präsident  der  Republik  haben  den  Papst  ihrer  Unterstützung  versichert.
Wohlverstanden:  der  Prätendent  hat  in  seinem  Briefe  bedingungsweise  geredet
  und  sein  Bedauern  über  die  republikanische  Propaganda,  welche  im
Einverständnis  mit  Seiner  Heiligkeit  in  Frankreich  vor  sich  geht,  nicht  verschwiegen.
  Soviel  aus  Ihrem  Briefe  sichtbar  wird,  wollen  Sie  zwar,  daß
Italien  mit  der  Hauptstadt  Rom  einig  und  unteilbar  in  die  Konföderation
eintrete,  und  Sie  sind  Gegner  der  Zerstückelung  der  Halbinsel  in  sieben  oder
acht  kleine  Staaten.  Ich  nehme  Akt  davon;  aber  ich  muß  Sie  daran  erinnern,
  daß  Ihr  Freund,  der  Abg.  Barodet,  in  dem  Briefe  vom  10.  Juni,
auf  den  Sie  geantwortet  haben,  ebenfalls  ein  Italien  in  der  Form  einer
Föderativrepublik  plante.  Der  Plan  einer  italienischen  Föderation  ist  in
Frankreich  schon  alt.  Er  ist  Wirkung  einer  Geisteskrankheit,  die  sich  vererbt,
  von  der  Napoleon  III.  und  seine  Nachfolger  befallen  sind  und  die  die
Hoffnung  des  Vatikans  bildet.  Eine  Bundesrepublik  als  Vasallin  des  Papstes
war  zum  erstenmal  von  Sully  ersonnen  worden,  welcher  hoffte,  durch  seine
Ränke  die  Rückberufung  ans  Ruder  seitens  Richelieus  zu  erlangen.  Ihrem
Freunde  Michelet  ist  der  Gedanke,  namentlich  bei  einem  Protestanten,  sehr
sonderbar  vorgekommen.  Sie  irren,  mein  theuerster  Freund,  wenn  Sie
glauben,  daß  die  Zeitungsartikel  auf  mich  Eindruck  zu  machen  vermögen.
        <pb n="262" />
        254  Italien.  (November  3.)

Man  gibt  sie  mir  oft  zu  lesen,  sie  reizen  mich  nicht,  ich  beurteile  sie.  Indessen
  bin  ich  nicht  Ihrer  Meinung:  daß  in  einem  auf  das  allgemeine
Stimmrecht  gegründeten  Volksstaate  die  Presse  nicht  der  genaue  Spiegel  der
öffentlichen  Meinung  sei.  Und  wenn  es  auch  wahr  wäre,  daß  sie  nicht  ihre
Dolmetscherin  sei,  so  werden  Sie  nicht  bestreiten  können,  daß  die  Presse  gewaltig
  zur  Bildung  der  öffentlichen  Meinung  beiträgt.  Ich  habe  oft  bemerkt,
  daß  in  Frankreich  die  Zeitungen  in  allen  Fragen  der  internationalen
Politik  beständig  einig  sind,  was  in  Italien  nicht  der  Fall  ist.  Es  ist  dies
eine  Thatsache,  welche  ihren  übertriebenen  Patriotismus  beweist  und  ihnen
zur  Ehre  gereichen  würde,  wenn  sie  nicht  die  Ursache  ihrer  Verirrungen
gegenüber  dem  Auslande  wäre.  Sie  haben  mich  z.  B.  gedrängt,  in  den
„Matinées  Espagnoles“"  vom  1.  September  den  Artikel  über  Italien  zu
lesen.  Wohlan  —  ich  habe  feststellen  müssen,  daß  der  Verfasser,  wenn  auch
wohlwollend  und  umsichtig,  mit  Ironie  von  unseren  nationalen  Bestrebungen
redet  und  über  mich  dieselben  Irrtümer  wiederholt,  die  ich  so  oft  siegreich
zurückgewiesen  habe.  Sie  glauben,  daß  ich  wegen  meiner  revolutionären
Vergangenheit  mehr  als  andere  geeignet  sei,  die  Bildung  der  Vereinigten
Staaten  Europas  einzuleiten:?  Wohl!  Wenn  der  Mille  eines  einzelnen
Mannes  genügte,  so  würde  ich  die  mir  noch  verbleibenden  Kräfte  an  die
Verwirklichung  eines  Planes  setzen,  dessen  Triumph  den  Völkern  des  alten
Weltteils  für  immer  den  Frieden  sichern  würde.  Aber  ich  frage  Sie:  Würde
das,  was  wir  gründen  wollen,  eine  Föderation  von  Monarchien  oder  von
Republiken  sein!?  Oder  von  Monarchien  und  Republiken  zusammen?  In
den  ersten  beiden  Fällen  nüßte  mit  einer  Revolution  begonnen  werden,  und
Europa  scheint  mir  nicht  geneigt,  uns  zu  folgen.  Die  Monarchien  würden
ablehnen,  Republiken,  und  die  Republiken,  Monarchien  zu  werden.  Im
dritten  Falle  wäre  die  Sache  einfacher,  und  es  würde  von  Frankreich  allein
abhängen,  ob  unsere  Anstrengungen  Erfolg  haben.  Der  Bund  der  drei
Monarchien  Italien,  Oesterreich-Ungarn,  Deutschland  ist  gebildet  worden,
um  den  Frieden  des  Weltteils  zu  gewährleisten,  und  er  hat  keinen  Wunsch
nach  Eroberung.  Er  ist  nunmehr  der  erste  Kern  der  europäischen  Konföderation.
  Wenn  Frankreich  wollte,  könnte  es  sich  den  drei  Mächten  anschließen,
  welche  es  mit  Begeisterung  in  ihren  Bund  aufnehmen  würden.
Sein  Beispiel  würde  ohne  Zweifel  von  den  anderen  Nationen  befolgt  werden,
und  wir  hätten  ohne  Mühe  mit  einem  Schlage  die  Vereinigten  Staaten
Europas.  Natürlich  würde  die  allgemeine  Entwaffnung,  die  Erleichterung
der  Budgets,  diejenige  der  Steuerzahler  die  Folge  sein.  Dank  dieser  großen
europäischen  Union  würde  jeder  Anlaß  zum  Uebergewicht  eines  Staates  über
den  anderen  aufhören  und  die  Frage  der  Nationalitäten  schnell  und  freundschaftlich
  unter  den  Verbündeten  erledigt  werden.  Es  wäre  eine  Sache  der
inneren  Organisation,  nichts  weiter.  So  nehme  ich,  wie  Sie  sehen,  Ihren
Plan  an,  und  es  wird  gewiß  nicht  meine  Schuld  sein,  wenn  er  nicht  verwirklicht
  wird.  Ihr  ergebener  Freund  F.  Crispi.“

3.  November.  (Rom.)  Dieinterparlamentarische  Friedenskonferenz
  wird  im  großen  Saale  des  Kapitols  unter  Teilnahme
  von  Mitgliedern  fast  sämtlicher  europäischen  Parlamente
eröffnet.  Unter  den  Parlamentsmitgliedern  befinden  sich  18  Franzosen,
  12  Engländer,  15  Deutsche,  8  Oesterreicher  und  4  Ungarn.

Der  Vize-Präsident  des  deutschen  Reichstages  Dr.  Baumbach
  spricht  im  Namen  der  Deutschen,  Douville-Maillefeu  im
Namen  der  Franzosen.
        <pb n="263" />
        Italien.  (November  4.—7.)  255

Die  an  dem  interparlamentarischen  Kongresse  teilnehmenden  Abgeordneten
  aus  dem  Deutschen  Reiche  legen  nach  der  Eröffnungssitzung  einen
Kranz  auf  das  Grab  Viktor  Emanuels  nieder.

Aus  der  Vorgeschichte  des  Kongresses.

Bonghi,  der  Präsident  des  einberufenden  Ausschusses,  veröffentlichte
im  September  in  der  Nuova  Antologia  einen  Aufsatz,  in  dem  es  hieß:

„Frankreich  hat  sich  erholt,  ja  mehr  als  erholt,  geistig  wie  militärisch,
  und  niemand  zweifelt  daran,  daß  seine  Kriegsmacht  der  Deutschlands
heute  weit  überlegen  ist.  Es  hat  ein  inniges  Bündnis  mit  Rußland  und
hält  Augen  und  Geist  fest  auf  die  Provinzen  gerichtet,  welche  der  Eroberer
ihm  entrissen,  und  die  täglich  ihren  Willen,  französisch  zu  sein,  ungestümer
an  den  Tag  legen.  Elsaß-Lothringen  zurückzunehmen,  hat  Frankreich  zudem
mehr  recht,  als  wir  bei  unserem  Streben  nach  der  Lombardei,  Venedig  und
Rom  recht  hatten.  Und  wir  Italiener  und  unsere  Verbündeten,  die  wir
Frankreich  an  der  Ausübung  dieses  Rechtes  zu  hindern  suchen,  handeln  damit
  gegen  unseren  Charakter  und  unsere  Geschichte."

Hierauf  richtete  (28.  September)  der  deutsche  Reichstagsabgeordnete
Barth  an  den  Sekretär  des  Kongresses,  Pandolfi,  ein  Schreiben,  in  dem  er
bemerkt:  wenn  man  riskieren  müsse,  daß  ein  Nichtfranzose  und  Vorsitzender
der  Konferenz  Elsaß-Lothringen  in  die  Diskussion  zöge  und  zwar  im  Sinne
einer  Verwerfung  des  status  quo,  so  würde  die  Möglichkeit,  an  den  weiteren
Verhandlungen  teilzunehmen,  für  die  Deutschen  nicht  mehr  bestehen.  Für
die  deutschen  Reichstagsabgeordneten  sei  die  Nichtberührung  einer  elsaß-lothringischen
  Frage  die  Voraussetzung  der  Beteiligung  an  der  Konferenz.

Bonghi  richtete  darauf  an  das  „Berliner  Tageblatt“  ein  Schreiben,
in  dem  er  seine  Ansichten  über  Elsaß-Lothringen  wiederholt,  aber  versichert,
daß  der  Kongreß  mit  dieser  Angelegenheit  nichts  zu  thun  habe.  Es  liege
auf  der  Hand,  daß  Deutschland  in  einundzwanzig  Jahren  es  nicht  verstanden
hat,  die  Elsaß-Lothringer  sich  zu  Freunden  zu  machen;  ja,  es  ist  nicht  einmal
  wahrscheinlich,  daß  ihm  dies  in  der  Zukunft  gelingen  wird,  da  Frankreich
  sich  inzwischen  völlig  erholt  hat  und  seine  natürliche  Anziehungkraft
von  neuem  ausübe.

Hiergegen  veröffentlichte  ebenfalls  im  „Berliner  Tageblatt“  der  Abg.
Rickert  eine  Erklärung  und  der  Abg.  Höffel  (Elsässer)  lehnt  die  Teilnahme
am  Kongresse  ab.

„Bonghi  habe  von  der  Stimmung  im  Elsaß  keine  Ahnung;  die  Zeit
habe  hier  das  Stadium  der  Versöhnung  herbeigeführt,  eine  neue  Generation
sei  herangewachsen,  die  von  Frankreich  nichts  mehr  wisse,  und  von  den
Alten  habe  sich  die  große  Mehrzahl  mit  den  bestehenden  Verhältnissen  ehrlich
  abgefunden.“

Nunmehr  verständigt  man  sich  dahin,  daß  Bonghi  dem  Kongresse
nicht  präsidieren  werde.

4.—  7.  November.  Sitzungen  der  interparlamentarischen
Konferenz.

Mehrfache  Versuche  des  irredentistischen  italienischen  Abgeordneten  Imbriani,
  die  Versammlung  durch  Anregung  der  Nationalitäten-Frage  zu
stören,  werden  vereitelt.  Die  praktische  Entscheidung,  die  der  Kongreß  zu
treffen  hat,  liegt  zuletzt  darin,  ob  ein  internationales  parlamentarisches
  Komitee  zur  Schlichtung  von  Streitigkeiten,  oder  bloß  ein  permanentes
Bureau  eingesetzt  werden  soll.  Ersterer  Antrag,  in  einer  Formulierung  von
Gaillard  erhält  die  Mehrheit;  die  Deutschen,  fast  alle  Engländer,  Oesterreicher,
  Ungarn,  Holländer,  Belgier  und  einige  Italiener  stimmen  dagegen.

Sitz  der  nächsten  Konferenz  soll  Bern  sein.
        <pb n="264" />
        Stalien.  (November  7.—9.)

#
□
□,

7.  November.  (Rom.)  Unter  dem  Vorsitze  Menotti  Garibaldis
  findet  eine  Versammlung  des  Generalrates  der  Veteranen
  statt,  welcher  beschließt,  zur  Organisation  einer  Agitation
für  die  Abschaffung  der  Garantiegesetze  und  des  ersten  Artikels  der
Verfassung  aufzufordern.

9.  November.  (Mailand.)  Der  Ministerpräsident  Rudini
  hält  eine  Bankettrede.

In  Bezug  auf  die  auswärtige  Politik  sagt  der  Minister,  daß  Dank
dem  starken  Heere,  der  mächtigen  Flotte  und  der  treuen  Unterstützung  der
Bundesgenossen  Italien  gegen  jeden  Anschlag  geschützt  sei.  Durch  die  Erneuerung
  der  Bündnisse  mit  Oesterreich-Ungarn  und  Deutschland  sei  der
Zustand  neu  befestigt  worden,  der  Italien  in  die  Lage  setze,  jene  Politik
ernster  Sammlung  zu  befolgen,  welche  den  Kriegsausgaben  ein  Ziel  zu
setzen,  dieselben  sogar  zu  beschränken  gestatte  und  dadurch  auch  die  wirtschaftliche
  und  finanzielle  Unabhängigkeit  dauernd  festigen  werde.  Auf  seinem
guten  Rechte  fußend,  wolle  Italien,  fern  von  falschem  Ehrgeize,  kein  anderes
Ziel  anstreben  als  die  Erhaltung  des  status  quo  im  Mittelmeere.  Italien
sei  ein  festes  Element  des  Friedens.  Englands  Stimmung  komme  in  dem
herzlichen  Empfange,  der  dem  Prinzen  von  Neapel  in  London  bereitet  worden,
zu  beredtem  Ausdrucke.  Der  Besuch  des  Ministers  von  Giers  in  Monza
habe  die  öffentliche  Meinung  mit  dem  Gefühle  friedlicher  Sicherheit  erfüllt.
Die  Beziehungen  mit  Frankreich  seien  von  gewissen  Schatten  getrübt,  welche
alle  italienischen  Regierungen  zu  bannen  bemüht  gewesen  seien.  Diese
Schatten  würden  jedoch  schwinden.  Die  Hoffnung,  daß  dieses  gelingen
werde,  sei  seit  den  Ehrungen,  welche  in  Nizza  dem  italienischen  Volkshelden
Garibaldi  erwiesen  wurden,  bedeutend  gestiegen.  Das  Echo  jener  Feste  sei
wie  ein  Klang  von  neuer  Freundschaft  und  Herzlichkeit  herübergedrungen
und  thue  dem  Herzen  Italiens  besonders  wohl.  Die  wichtigsten  Reformen,
welche  der  Minister  ankündigt,  sind  die  Unfallversicherung,  die  Altersversorgung,
  die  Vereinigung  mehrerer  Provinzen  derselben  Region  zu  einem  politischen
  Kreise  unter  einem  Statthalter.

Ueber  die  kirchliche  Politik  sagte  er:

„Für  die  große  Mehrzahl  der  Italiener  ist  die  Liebe  zu  unseren
staatlichen  Einrichtungen  ein  gemeinsames  Erbteil.  Die  Regierung  weiß,
daß  sie  diese  Mehrheit  gegen  jede  Beschimpfung  zu  schützen  hat,  und  sie
wird  ihrer  Aufgabe  gerecht  werden.  Wir  haben  in  unserem  Hause  das
Papsttum,  das  manchmal  eine  drohende  Stellung  einnimmt.  Wir  werden
es  indessen  in  den  Grenzen  seiner  geistlichen  Macht  zu  halten  wissen,  und
zwar  nicht  nur  kraft  der  Gesetze,  die  auch  das  Papsttum  nicht  ungestraft
beleidigen  darf,  sondern  unter  der  fast  einmütigen  Zustimmung  derer,  die
noch  glauben  und  beten.  Die  hergebrachte  kirchliche  Politik  unseres  Landes,
Italiens  Ehre  und  Stärke,  wird  von  uns  gewissenhaft  beibehalten  werden.
Bedauernswerte  Zwischenfäll,  die  von  einem  Geistigarmen  hervorgerufen  worden
sind,  werden  uns  von  diesem  Beschlusse  nicht  abbringen.  Reden  wir  wegen
einer  solchen  Kleinigkeit  nicht  von  einer  Aenderung  der  Verfassung!  Rühren
wir  nicht  an  das  durch  die  Verfassung  anerkannte  und  unabänderliche
Garantiegesetz,  das  eine  lange  Erfahrung  als  zeitgemäß  und  nützlich  erwiesen
hat.  Italien  wird  Sorge  tragen,  daß  Gewissensfreiheit  und  religiöse  Duldung,
  die  in  unserem  Lande  so  glorreiche  Bekenner  gehabt  haben,  geachtet
werden.  Die  Pilger  aller  Weltteile  können  unbesorgt  nach  Rom  kommen
        <pb n="265" />
        Italien.  (Dezember  1.—21.)  257

und  dem  Papst  ihre  Huldigung  darbringen;  sie  dürfen  auf  den  Schutz  unserer
Gesetze  rechnen.  Was  den  Oberhirten  selber  betrifft,  so  sind  wir  heute  so
stark  und  der  Zukunft  so  sicher,  daß  wir  ihm  ohne  Bangen  die  größte
Freiheit  gestatten  und  selbst  fürstliche  Ehren  erweisen  dürfen.“

1.  Dezember.  Der  Schatzminister  Luzzatti  entwickelt  in  der
Kammer  sein  Finanzexposé,  welchem  zufolge  das  Defizit  für  das
Finanzjahr  1891,92  auf  eine  Million  zusammenschrumpfen,  das
Budget  pro  1892/93  dagegen  einen  wirklichen  Ueberschuß  von  neun
Millionen  Lire  ergeben  soll.

28.  Nov.  u.  4.  Dezember.  Auf  verschiedene  leidenschaftliche
Beschwerden  über  die  Rede  Kalnokys  und  die  Ereignisse  bei  der
französischen  Pilgerfahrt  erklärt  der  Ministerpräsident  di  Rudini:

er  begreife  nicht,  wie  man  im  italienischen  Parlamente  die  Frage
der  weltlichen  Herrschaft  des  Papstes  aufwerfen  könne,  eine  Frage,  welche
längst  tot,  ja  begraben  sei;  er  zeigt  sodann  aus  der  diplomatischen  Geschichte,
daß  die  Haltung  Oesterreich-Ungarns  in  der  Frage  des  Papsttums  eine
Italien  stets  aufrichtig  freundliche  gewesen  sei;  die  österreichische  Regierung
wäre  es  gewesen,  welche  zuerst  den  internen  Charakter  des  Garantiegesetzes
hervorhob.  Im  übrigen  stehe  es  fest,  daß,  wenn  die  Einheit  Italiens  bedroht
werden  sollte,  Oesterreich-Ungarns  Armee  an  unserer  Seite  stehen  würde.
Die  Minister  seien  keine  Guelfen,  sondern  Ghibellinen.

Crispi  erklärt,  er  betrachte  das  Garantiegesetz  nicht  als  Grundgesetz;
dasselbe  würde  gut  sein,  wenn  es  im  Vatikan  Apostel  gäbe  und  nicht  Prätendenten;
  er  würde  sicherlich  eine  Abänderung  des  Gesetzes  bewerkstelligt
haben,  wenn  man  ihm  dazu  Zeit  gelassen  hätte.  Er  verteidigte  stets  die
Tripelallianz,  die  Rüstungen  hätten  verdoppelt  werden  müssen,  wenn  Italien
auch  an  der  Ostgrenze  einen  Feind  gehabt  hätte.

Rudini  bemerkt,  da  Crispi  die  Neigung  ausgesprochen  habe,  das
Garantiegesetz  abzuändern,  so  sei  er  glücklich,  daß  endlich  der  erste  Punkt
gewonnen  sei,  der  zu  einer  klaren  Scheidung  der  Parteien  in  der  Kammer
zu  führen  geeignet  sei.

Nicotera  erklärt,  es  sei  ihm  rätselhaft,  weshalb  Crispi  das  gegenwärtige
  Kabinett  immer  als  ein  Ministerium  der  Rechten  hinstellen  wolle.
Diese  Ideen  von  einer  Rechten  und  einer  Linken  seien  gegenwärtig  ziemlich
veraltet,  und  Crispi  selbst  verkünde  dies  lauter  als  alle  übrige  Welt,  indem
er  betonte,  daß  die  Regierung  über  den  Parteien  schwebe.  Auch  Crispi
habe  den  Vorsitz  in  einem  Kabinette  geführt,  in  welchem  es  zahlreiche  Elemente
  der  Rechten  gegeben  habe.  Wenn  übrigens  das  gegenwärtige  Kabinett
ein  solches  der  Rechten  sei,  dann  bedeute  dies,  auch  die  gegenwärtige  Maiorität
  der  Kammer  sei  eine  solche  der  Rechten.  Diese  Kammer  aber,  so  ruft
der  Redner  aus,  ist  eine  Schöpfung  Crispi's.

Am  7.  Dezember  wird  die  Debatte  geschlossen  und  der  Regierung
  mit  248  gegen  92  Stimmen  ein  Vertrauensvotum  erteilt.

21.  Dezember.  (Rom.)  Die  Deputiertenkammer  nimmt  mit
228  gegen  68  Stimmen  eine  Steuer  von  94  Lire  auf  Zucker  und

ein  Sperrgesetz  an.

Europ.  Geschichtskalender  Vd.  XXXII.  17
        <pb n="266" />
        258  Bie  Römische  Kurie.  (Februar  24.—  März  21.)

VIII.
Die  Nömische  Kurie.

24.  Februar.  (Paris.)  Das  Journal  „La  France  Nouvelle“
veröffentlicht  einen  Brief  des  Papstes  an  den  Kardinal  Lavigerie,
in  welchem  der  Papst  anerkennt,  daß  der  Eifer  Lavigeries  und  die
dem  Heiligen  Stuhle  erwiesenen  guten  Dienste  desselben  der  Gegenwart
  und  den  Erwartungen  des  Papstes  entsprächen.

21.  März.  Der  Papst  richtet  folgendes  Breve  auf  den  Tod
Windthorsts  bezüglich  an  die  Vorsitzenden  der  Zentrums-Fraktionen
  im  Deutschen  Reichstag  und  preußischen  Landtag:

„Unseren  geliebten  Söhnen,  den  edlen  Herren  Grafen  Ballestrem,
Freiherrn  v.  Heereman  und  Grafen  Preysing.

Geliebte  Söhne!  Gruß  und  apostolischen  Segen!

Obschon  die  innige  Eintracht,  die  Euch  mit  dem  vortrefflichen  Manne
Ludwig  Windthorst  verband,  Uns  niemals  verborgen  war,  so  ist  sie  Uns
noch  klarer  geworden  durch  das  Telegramm,  welches  Ihr  Uns  in  Enerem
Namen  und  dem  Eurer  katholischen  Kollegen  durch  Unsern  geliebten  Sohn,
den  Kardinal-Staatssekretär  zugehen  ließet.  Wir  begreifen  nämlich,  daß  Ihr
von  gerechtem  und  bitterem  Schmerz  erfüllt  seid  über  den  unverhofften  Tod
des  Mannes,  dessen  Frömmigkeit,  Tadellosigkeit,  Klugheit  und  übrigen  Geistesvorzüge
  vor  allem  Euch  vor  Augen  lagen,  die  Ihr,  ihm  als  Führer  bei  den
wichtigsten  öffentlichen  Angelegenheiten  folgend,  nicht  weniger  die  Genossen
seiner  Mühe  und  Ratschläge  als  seines  Ruhmes  geworden  seid.  Denn  vertrauend
  auf  Eure  Mitwirkung  und  Unterstützung  hat  er  in  für  Christentum
und  Staat  höchst  wichtigen  Zeiten  die  Interessen  und  Rechte  der  Kirche
eifrig  verteidigt  und  die  einmal  auf  sich  genommene  Sache  der  Gerechtigkeit
mit  hohem  Mute  zu  schützen  fortgefahren,  bis  er  das  erreicht  sah,  was  er
im  Geiste  beständig  erstrebt  hatte.  Mit  Recht  aber  rühmt  Ihr  Euch,  daß  er
der  Führer  Eurer  Partei  gewesen,  der  niemals  durch  die  Macht  seiner  Feinde
oder  durch  die  Volksbewegungen  sich  wankend  machen  ließ,  der  so  sein  Vaterland
  liebte  und  seinem  Fürsten  die  gebührende  Ehrfurcht  entgegenbrachte,
daß  er  niemals  diese  Pflichten  von  der  Ausübung  der  Religion  trennte,  und
so  durch  das  Gewicht  seiner  Gründe  und  durch  die  Kraft  einer  mächtigen
Beredsamkeit  seine  Gegner  bekämpfte,  daß  man  leicht  erkannte,  daß  der  Eifer
für  die  Wahrheit,  nicht  aber  irgend  ein  Vorteil  oder  Ehrbegierde  ihn  in
den  Streit  führte.  —  Von  diesen  seinen  Verdiensten  sind  Wir,  wie  billig,
überzeugt;  das  haben  Wir  sowohl  bei  anderen  sich  darbietenden  Gelegenheiten,
  als  auch  besonders  neulich  in  diesem  Jahre  bezeugt,  da  Wir,  als  der
Jahrestag  unserer  Krönung  wiederkehrte,  ihm  neue  Ehrenbezeugungen  haben
zukommen  lassen,  indem  Wir  ihn  zum  Ritter  erster  Klasse  des  Ordens  St.
Gregors  des  Großen  ernannten  und  mit  dem  Ehrenzeichen  desselben  schmücken
wollten.  Wenn  er,  durch  den  Tod  hinweggerafft,  diesen  Beweis  Unserer
Liebe  und  Hochachtung  nicht  geneßen  konnte,  so  tröstet  Uns  und  richtet  Uns
die  sichere  Hoffnung  auf,  daß  Gott  ihn  mit  höheren  Ehren  geschmückt  und
er  jene  unvergängliche  Glorie  erlangt  habe,  die  erhabener  und  glückseliger
ist,  als  jede  menschliche  Ehre.  Ihr  aber,  geliebte  Söhne,  eingedenk  der  Tugenden
  und  Beispiele  eines  so  großen  Führers,  folget  fest  den  Spuren  des-
        <pb n="267" />
        Bie  Kömische  Kurie.  (Mai  15.—  Angust  5.)  259

selben.  Haltet  unter  Euch  enggeschlossen  die  Eintracht,  welche  auch  er  immer
in  seiner  Heerschar  eifrigst  und  angelegentlichst  bewahrte.  Haltet  für  sicher,
was  auch  er  fest  seiner  Seele  eingeprägt  hatte,  daß  Ihr  um  so  verständiger
für  die  Wohlfahrt  und  den  Ruhm  des  gemeinsamen  Vaterlandes  sorgen
werdet,  je  angelegentlicher  Ihr  Gott  die  Treue  und  der  Mutter  Kirche  den
Gehorsam  bewahrt.  So  möge  Gott  Euch  und  Euere  Genossen  gnädig  behüten
und  erhalten,  und  eine  Gewähr  dieser  Gnade  sei  Euch  der  apostolische  Segen,
welchen  wir  Euch  allen  einzelnen  von  ganzem  Herzen  erteilen.

Gegeben  zu  Rom  bei  St.  Peter,  am  19.  März  1891,  im  14.  Jahre
Unseres  Pontifikats.  Leo  P.  P.  XIII.“"

15.  Mai.  Enchyklika  des  Papstes  über  die  soziale  Frage.
(Abgedr.  i.  Staatsarchiv  Bd.  Ll.)

31.  Mai.  (Paris.)  Der  neue  apostolische  Nuntius
Ferrata  soll  vom  Vatikan  Instruktionen  erhalten  haben,  nach  welchen
ihm  eine  größere  Annäherung  an  den  legitimistischen  Klerus
verboten  wird.  Er  solle  vielmehr  immer  zeigen,  daß  der  Vatikan
mit  der  republikanischen  Regierung  einverstanden  ist.

19.  Juni.  (Rom.)  Der  vatikanische  „Osservatore  Romano“
  bringt  einen  Artikel  über  „Frankreichs  Vereinsamung“.
Frankreich  sei  vereinsamt,  aber  nicht  zu  seinem  Schaden.  Es  teile
das  gleiche  Schicksal  mit  der  Kirche,  über  deren  Fesseln  Kaiser  und
Könige  eifersüchtig  wachten,  damit  jene  „Gesta  dei  per  Francos“
nicht  erneuert  würden,  welche  der  Welt  so  oft  die  Größe  Frankreichs
  und  der  Kirche  verkündeten.  Frankreich  und  die  Kirche  würden
trotzdem  weiter  nebeneinander  kämpfen  und  siegen.  Die  Kirche
reiche  ihrer  erstgeborenen  Tochter  liebevoll  die  Hand.  Gegen  das
widernatürliche  Bündnis  heterodoxer  Staaten  erhebe  sich  in  wundervoller
  Kraft  der  Bund  der  Kirche  und  der  christlichen  Demokratie.

19.  Juni.  Der  „Osservatore  Romano“  meldet,  daß  der  Papst
wegen  willkürlicher,  das  Vermögen  des  Heiligen  Stuhles
schädigender  Akte  die  Verwaltung  des  ganzen  Vermögens  der  Kurie
einer  besonderen  Kardinals-Kommission  anvertraut  habe,  welche
auch  die  Rechnungen  der  bisherigen  Verwaltung  sorgfältig  prüfen
wird.

2.  August.  Ein  neuer  Artikel  des  „Osservatore  Romano“"
sagt,  die  Natur  der  Dinge  selbst,  die  Verknüpfung  der  Ideen  und
die  Lehren  der  Geschichte  hinderten  die  Trennung  des  Vatikans  von
Frankreich,  eine  Trennung  der  gemeinsamen  Mutter  aller  VBölker
von  der  ältesten  Tochter,  die,  wie  sie  die  Kirche  stets  geliebt  habe,
auch  stets  das  politische  und  soziale  Schicksal  der  Kirche  teilen
werde,  zu  deren  Schutz  und  Schirm  sie  die  Vorsehung  bestellt  habe.

5.  August.  Zwischen  Frankreich  und  dem  Vatikan  soll

17*
        <pb n="268" />
        260  Die  Rämische  Kurie.  (August  13.  —  Dezember  14.)

nach  einer  Privatmeldung  der  „Nat.«Ztg.“  aus  Rom  ein  förmlicher
Vergleich  zustande  gekommen  sein,  des  Inhalts,  daß  Frankreich  dem
Vatikan  aus  seiner  finanziellen  Verlegenheit  hilft  und  dafür  der
Vatikan  sich  verpflichtet,  die  Republik  im  Inland  und  Ausland  zu
unterstützen.  Beide  Teile  seien  auch  einig  geworden  über  eine  repu—
blikanische  Propaganda  in  Italien.

13.  August.  Der  „Osservatore  Romano“  veröffentlicht
eine  Note,  in  welcher  nach  Erörterung  der  Haltung  des  Heiligen
Stuhles  gegenüber  den  deutschen  und  französischen  Katholiken  erklärt
wird,  der  Papst  sei  davon  schmerzlich  berührt,  daß  er  und  die  Kirche
infolge  diplomatischer  Kombinationen  durch  neue,  ernste  Hindernisse
abgehalten  werde,  ihre  friedliche  Mission  in  Rom  und  Italien  zu
erfüllen.  Das  Blatt  beklagt  sodann  das  Bestehen  des  Dreibundes,
der  für  die  Katholiken  Italiens  eine  Kränkung  bedeute  und  den
italienischen  Interessen  abträglich  sei.

Ende  September.  Enchelika  gegen  das  Duell-Unwesen.

5.  Oktober.  Der  Papst  empfängt  die  letzten  Teilnehmer  des
französischen  Pilgerzuges.  Der  Kardinal  Langenieux  verabschiedet
  sich  von  dem  Papste  namens  seiner  Genossen  mit  einer  Ansprache,
  in  welcher  er  dem  Bedauern  Ausdruck  giebt,  daß  aus  nicht
weiter  zu  erörternden  Gründen  die  Pilgerzüge  bis  auf  weiteres
unterbleiben  müßten.  Der  Papst  antwortet,  daß  er  auch  dieses
traurige  Zeichen  mit  Ergebung  hinnehme.  (Vgl.  Italien.)

14.  Dezember.  Der  Papst  hält  eine  Allokution.

Sie  beschäftigt  sich  mit  den  Vorkommnissen  bei  den  letzten  Pilgerfabrten.
  Der  Frieden  der  Kirche,  führt  der  Papst  aus,  würde  auf  zweierlei
Weise  bedroht;  von  der  einen  Seite  gehe  man  ohne  Zurückhaltung  vor,
man  wüte  in  Worten  gegen  die  Thaten  einiger  doch  nur  von  kindlicher
Frömmigkeit  und  nicht  von  politischen  Gesichtspunkten  geleitet  gewesenen
Ausländer,  man  erkläre,  dem  Papsttum  den  Todesstoß  versetzen  zu  wollen,
wenn  möglich,  selbst  mit  Anwendung  von  Gewalt;  von  der  anderen  Seite
suche  man,  bei  äußerlich  geringerer  Feindseligkeit,  dem  Volke  die  Haltung
des  Papstes  als  für  Italien  bedrohlich  darzustellen,  man  widersetzte  sich  der
Abschaffung  von  Gesetzen,  welche  das  Papsttum  scheinbar  begünstigten,  strebe
aber  trotzdem  aufs  hartnäckigste  die  Unterwerfung  der  Kirche  unter  den
Staat  an.  Der  freie  Verkehr  des  Papstes  mit  den  Gläubigen  werde  von
den  beiden  Richtungen  geschmälert,  der  Stand  der  Dinge  gestalte  sich  immer
schwieriger  und  unleidlicher.  Wie  werde  derselbe  erst  sein  bei  einem  etwaigen
Ausbruch  von  Unruhen  oder  Kriegsgetöse.  Er,  der  Papst,  werde  bei  der
Haltung  Pius  IX.  verharren,  und  die  völlige  Unabhängigkeit  Roms,  das
dem  Papsttum  durch  göttliches  Gebot  und  die  Stimme  von  Jahrhunderten
zugewiesen  worden  sei,  fordern.  Er  sei  überzeugt,  daß  die  Rechte  des  Papsttums
  mit  der  Größe  und  Unabhängigkeit  Italiens  wohl  vereinbar  seien.

Die  Allokution  ermahnt  die  Lenker  der  Staaten,  der  fortschreitenden  Gottlosigkeit
  und  Sittenverderbnis  Einhalt  zu  thun  und  fordert  die  Katholiken
        <pb n="269" />
        Die  Römishhe  Kurie.  (Dezember  23.  —Ende.)  261

auf,  die  Gefahren  für  den  Glauben  und  die  Ränke  gegen  das  Papsttum  im
Auge  zu  behalten  und  in  enger  Verbindung  mit  dem  Papsttum  gegen  böse
Vermessenheit  einen  unerschütterlichen  Damm  zu  bilden.

23.  Dezember.  (Rom.)  Bei  dem  Empfange  des  Kardinalkollegiums
  sagt  der  Papst,  er  erachte  mit  der  von  ihm  seinerzeit
erlassenen  Encyklika  über  die  Arbeiterfrage  seine  bezügliche  Aktion
nicht  für  abgeschlossen.  Er  bedauere,  daß  er  unwürdigerweise  gehindert
  worden  sei,  die  Arbeiterpilger  zu  empfangen,  um  denselben
seine  sozialen  Prinzipien  auseinanderzusetzen.  Die  geschworenen
Feinde  des  Papsttums  bekämpften  dessen  soziale  Thätigkeit,  weil
dieselbe  den  Ruhm  und  den  Einfluß  des  Papstes  zu  erhöhen  geeignet
  sei,  und  erklärten  aus  dem  gleichen  Grunde  die  pöähstliche
Initiative  zur  Abschaffung  der  Sklaverei  für  überflüssig.  Nichtsdestoweniger
  werde  das  Papsttum  die  ihm  von  der  Vorsehung  zugewiesene
  Mission  in  der  Welt  fortsetzen,  nämlich  die  Mission  des
Friedens,  des  Heiles  und  der  Erlösung,  selbst  zu  Gunsten  derjenigen,
welche  das  Papsttum  bekämpften.

Ende  Dezember.  Das  „Journal  des  Débats“  bringt  über
die  vom  Papste  gegenüber  einigen  brasilianischen  Prälaten
ergriffenen  strengen  Maßregeln  nachstehende  Mitteilungen  aus  Rom:

Man  weiß,  welche  Pein  dem  Papste  die  Behandlung  des  brasilianischen
  Klerus  seitens  der  Regierung  der  Republik  verursacht  hat.  Nicht  nur
war  die  Trennung  von  Staat  und  Kirche  plötzlich  und  ohne  Entschädigung
für  die  Geistlichen  ausgesprochen,  sondern  auch  das  Vermögen  der  Klosterorden
  war  einfach  eingezogen  worden.  Diese  Beraubung  hatte  im  Vatikan
eine  tiefe  Entrüstung  hervorgerufen,  und  man  rechnete  darauf,  daß  die  nachdrücklichen
  Verwahrungen  der  geschädigten  Orden  mindestens  eine  teilweise
Zurückerstattung  oder  eine  Entschädigung  erwirken  würden.  Auf  jeden  Fall
nahm  Leo  XIII.  an,  daß  die  beraubten  Klostergemeinschaften  nicht  gutwillig
die  vollbrachte  Thatsache  hinnehmen,  sondern  ihre  Rechte  für  die  Zukunft
vorbehalten  würden.  Wie  es  scheint,  ist  aber  das  Gegenteil  eingetreten.  Der
Abt  der  Benediktiner  soll  gegenüber  dem  Marschall  da  Fonseca  eine  übertriebene
  Gefälligkeit  bekundet  haben,  und  der  apostolische  Internuntius  in
Rio  Janeiro,  Spolverini,  soll  die  Interessen  der  Kirche  nicht  mit  der  nötigen
Thatkraft  zu  schützen  verstanden  haben.  Die  dem  Papste  hierüber  zugegangenen
  Berichte  erschienen  ihm  so  bedenklich,  daß  er  gegen  den  Abt  die  excommunicatio
  major  erlassen  und  den  Internuntius  unter  Kundgebung  der
Ungnade  abberufen  hat.
        <pb n="270" />
        IX.
Schweiz.

11.  Januar.  (Tessin.)  Wahlen  zum  Verfassungsrat.  Die
Liberalen  haben  Wahlenthaltung  proklamiert  wegen  parteiischer
Handhabung  des  Wahlgesetzes  durch  den  ultramontanen  Präsidenten
Soldati  und  seine  Partei.

8.  März.  Bei  der  Volksabstimmung  im  Kanton  Tessin  wird
der  neue  Verfassungsentwurf  mit  10,837  gegen  10,557  Stimmen
angenommen.

15.  März.  (Bern.)  Bei  der  Volksabstimmung  wird  das
Bundesgesetz  betreffend  die  Ruhegehalte  der  arbeitsunfähigen
eidgenössischen  Beamten  mit  342,137  gegen  90,641  Stimmen  abgelehnt.


15.  März.  Bei  der  Volksabstimmung  im  Kanton  Luzern
wird  die  Anbahnung  einer  Verfassungsrevision  mit  15,600  gegen
10,161  Stimmen  verworfen.

11.  Mai.  (Basel.)  Der  Initiativantrag  betreffend  die  Richterwahl
  durch  das  Volk  wird  bei  der  Volksabstimmung  mit  3389
gegen  2299  Stimmen  angenommen.

8.  Juni.  (Bern.)  In  der  Sitzung  des  Nationalrates  wird
die  Motion  Brenner  und  Genossen  mit  69  gegen  58  Stimmen  für
erheblich  erklärt.  Dieselbe  lautet:  Der  Nationalrat  solle  prüfen
und  Bericht  erstatten  ob  und  in  welcher  Ausdehnung  eine  Amnestie
zu  erlassen  sei  wegen  der  den  eidgenössischen  Assisen  überwiesenen
Vorfälle  im  Kanton  Tessin  vom  September  1890  und  Februar
und  März  1891.  Ferner  kommt  der  vom  Bundesrate  beantragte
Bundesbeschluß,  betreffend  Genehmigung  des  mit  schweizerischen
und  deutschen  Finanzleuten  abgeschlossenen  Vertrages  über  den  Ankauf
  von  50,000  Aktien  der  schweizerischen  Zentralbahn  unter  dem
        <pb n="271" />
        Schweiz.  (Juni  11.  27.)  263

Vorbehalt  der  Annahme  eines  gleichzeitig  vom  Bundesrate  vorgelegten
  Bundesgesetzes  betreffend  Abänderung  des  Bundesgesetzes  über
das  Rechnungswesen  der  Eisenbahngesellschaften,  mit  der  Annahme
des  fraglichen  Ankaufsvertrages  und  des  gleichzeitig  vorliegenden
Gesetzes  zum  Abschluß.  Ersterer  erhielt  82  gegen  32,  letzteres  90
gegen  13  Stimmen.

11.  Juni.  Der  Ständerat  nimmt  mit  1  Stimme  Majorität
die  Einführung  des  Banknoten-Monopols  an.

14.  Juni.  Großes  Eisenbahnunglück  bei  Mönchstein  bei  Basel
durch  Einbruch  einer  Brücke,  wobei  die  Zahl  der  Toten  73,  die
der  Verwundeten  131  beträgt.

Mitte  Juni.  Im  Kanton  Tessin  wird  durch  Volksabstimmung
  mit  16,900  Stimmen  die  Verfassungsrevision  beschlossen.  Für
die  Revision  durch  den  Verfassungsrat  werden  9250,  für  eine  solche
durch  den  großen  Rat  8300  Stimmen  abgegeben.

19.  Juni.  (Bern.)  Der  Nationalrat  spricht  mit  70  gegen
64  Stimmen  die  Amnestie  der  wegen  der  Tessiner  Unruhen  vom
September  1890  und  Februar  1891  Bestraften  aus.

18.  Juni.  (Bern.)  Der  Nationalrat  stimmt  mit  74  gegen
53  Stimmen  dem  Beschlusse  des  Ständerats  zu,  den  Sitz  des  Landesmuseums
  nach  Zürich  zu  verlegen.  —  Der  Ständerat  beschließt,
den  Bundesrat  zum  Ankauf  des  ganzen  Zentralbahnunternehmens
  zu  ermächtigen  und  denselben  aufzufordern,  einen  Gesetzentwurf,
  betreffend  den  Rückkaufmodus  und  die  Organisation  und
Verwaltung  des  schweizerischen  Eisenbahnnetzes  vorzulegen.  Die
Beschlüsse  des  Nationalrates,  betreffend  Ankauf  von  50,000  Zentralbahnaktien
  und  betreffend  Aufhebung  der  gesetzlichen  Beschränkungen
des  Stimmrechts  für  die  im  Besitze  des  Bundes  befindlichen  Eisenbahnaktien
  werden  abgelehnt.

24.  Juni.  (Bern.)  Der  Ständerat  lehnt  mit  30  gegen  11
Stimmen  die  Amnestierung  der  bei  den  Tessiner  Aufständen  Beteiligten
  ab.

27.  Juni.  (Bern.)  Die  Junisession  der  Bundesversammlung
  wird  geschlossen.  40  Mitglieder  des  Nationalrates  verlangen
in  einer  Eingabe  an  den  Bundesrat  für  den  Fall,  daß  die  Verfassungsrevision
  betreffend  Einführung  einer  Initiative,  in  der  am
5.  Juli  stattfindenden  Volksabstimmung  angenommen  werde,  die
Einberufung  einer  außerordentlichen  Bundesversammlung  für  Ende
Juli,  damit  dem  Ergebnis  der  Abstimmung  nachgekommen  und  die
        <pb n="272" />
        264  Schweiz.  (Juli  5.—August  5.)

Verfassungsrevision  baldigst  in  Kraft  gesetzt  werden  könne.  Der
Zweck  dieses  Antrags  ist,  nachher  sofort  auf  dem  Wege  der  Initiative
  das  Banknotenmonopol  einzuführen.  Dem  Verlangen  der
oben  erwähnten  40  Mitglieder  des  Nationalrats  muß  der  Verfassung
gemäß  entsprochen  werden.

5.  Juli.  (Bern.)  Die  Revision  der  Bundesverfassung  betreffend
  die  Einführung  der  Initiative  wird  in  der  Volksabstimmung
  mit  168,308  gegen  116,824  Stimmen  angenommen.  Das
Dekret  betreffend  die  Beteiligung  des  Kantons  Bern  mit  circa
10  Millionen  an  dem  Bau  neuer  Bahnlinien,  darunter  einer  solchen
durch  den  Simplon,  sowie  einer  Linie  Bern-Neuenburg-Thun-Simmenthal-Vevey
  wird  in  der  Volksabstimmung  mit  26,349  gegen
13,448  Stimmen  angenommen.

15.  Juli.  (Zürich.)  Die  Kriminalkammer  des  Bundesgerichts
  verurteilt  Castioni  wegen  Tötung  des  Staatsrats  Rossi
in  contumaciam  zu  acht  Jahren  Zuchthaus  und  zwölfjährigem
Verlust  der  bürgerlichen  Ehrenrechte,  sowie  zur  Tragung  der  3663  Fr.
betragenden  Kosten  des  Verfahrens.  Die  Strafe  ist  deshalb  nicht
höher  bemessen,  weil  der  Gerichtshof  nicht  ein  gemeines,  sondern
ein  politisches  Verbrechen  als  vorliegend  erachtete.

1.  August.  Die  Schweiz  feiert  die  sechshundertjährige  Bundesfeier
  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft.

5.  August.  Nach  längeren  Verhandlungen  und  Vereinbarungen
zwischen  National=  und  Ständerat  kommt  ein  Beschluß  in  betreff
der  Banknotenfrage  zu  stande.  Der  Artikel  39  der  Bundesverfassung
  wird  danach  in  Zukunft  folgendermaßen  lauten:

„Das  Recht  zur  Ausgabe  von  Banknoten  und  anderen  gleichartigen
Geldzeichen  steht  ausschließlich  dem  Bunde  zu.

Der  Bund  kann  das  ausschließliche  Recht  zur  Ausgabe  von  Banknoten
  durch  eine  unter  gesonderter  VBerwaltung  stehende  Staatsbank  ausüben
oder  es  vorbehaltlich  des  Rückkaufsrechts  einer  zu  errichtenden  zentralen
Aktienbank  übertragen,  die  unter  seiner  Mitwirkung  und  Aussicht  verwaltet
  wird.

Die  mit  dem  Notenmonopol  ausgestattete  Bank  hat  die  Hauptaufgabe,
den  Geldumlauf  des  Landes  zu  regeln  und  den  Zahlungsverkehr  zu  erleichtern.

Der  Reingewinn  der  Bank  über  eine  angemessene  Verzinsung,  beziehungsweise
  eine  angemessene  Dividende  des  Dotations=  oder  Aktienkapitals
und  die  nötigen  Einlagen  in  den  Reservefonds  hinaus  kommt  wenigstens  zu
zwei  Dritteilen  den  Kantonen  zu.

Die  Bank  und  ihre  Zweiganstalten  dürfen  in  den  Kantonen  keiner
Besteuerung  unterzogen  werden.

Eine  Rechtsverbindlichkeit  für  die  Annahme  von  Banknoten  und

anderen  gleichartigen  Geldzeichen  kann  der  Bund,  außer  bei  Notlagen  in
Kriegszeiten,  nicht  aussprechen.
        <pb n="273" />
        Schweif.  (September  21.—Dezember  7.)  265

Die  Bundesgesetzgebung  wird  über  den  Sitz  der  Bank,  deren  Grund—
lagen  und  Organisation,  sowie  über  die  Ausführungen  dieses  Artikels  über—
haupt  das  Nähere  bestimmen.“

21.—26.  September.  (Bern.)  Internationaler  Kongreß

  für  Arbeiterunfälle:

Deutschland  vertreten  durch  den  Präsidenten  des  Reichsversicherungsamtes,
  Dr.  Bödiker.

Einstimmige  Beschlüsse:

I.  Der  Titel  des  Kongresses  soll  in  Zukunft  sein:  Kongreß  und  permanentes
  Komitee,  betreffend  Betriebsunfälle  und  Sozialversicherung.

II.  Verhütung  und  Entschädigung  von  Betriebsunfällen.

Es  ist  eine  gebieterische  Pflicht  unserer  Zeit,  die  Betriebsunfälle  und
Berufskrankheiten  durch  geeignete  Vorbeugungsmaßregeln  so  viel  wie  möglich
zu  verhüten  und  deren  Folgen  gutzumachen.

a)  Was  die  Vorbeugungemaßregeln  betrifft,  so  ist  es  wünschenswert,
die  Privatthätigkeit  mit  derjenigen  der  Genossenschaften  und  des  Staates  zu
verbinden.

b)  Was  die  zu  gewährenden  Entschädigungen  anbelangt,  so  ist  es,
um  dieselben  unter  allen  Umständen  sicher  zu  stellen,  notwendig,  daß  sie
auf  dem  Wege  der  Versicherung  erfolgen,  die  in  jedem  Lande  nach  dessen
Eigentümlichkeit  einzurichten  ist.

)  Dabei  weist  der  Kongreß  auf  die  Zweckmäßigkeit  einer  Verbindung
der  Versicherung  für  die  leichten  Unfälle  (mit  vorübergehender  Erwerbsunfähigkeit)
  mit  der  Krankenversicherung  im  allgemeinen  hin.

d)  Für  die  Länder,  welche  eine  Invaliditäts=  und  Altersversicherung
einführen  wollen,  erscheint  es  vorteilhaft,  dieselbe  mit  der  Versicherung  für
schwere  Unfälle  (mit  dauernder  Erwerbsunfähigkeit)  und  Berufskrankheiten
zu  verbinden.

III.  Soll  eine  internationale  Unfall-Statistik  angestrebt  werden.

12.  Oktober.  In  Mendrisio  im  schweizerischen  Kanton  Tessin
wird  der  der  liberalen  Partei  angehörige  Apotheker  Karl  Buzzi
von  drei  Personen  überfallen  und  ermordet.  Einer  der  Thäter  wird
verhaftet,  die  beiden  anderen  entfliehen  über  die  italienischen  Grenze.

18.  Oktober.  (Bern.)  Der  Zolltarif  wird  bei  der  Volksabstimmung
  mit  211,781  gegen  146,820  Stimmen  angenommen,
das  Banknotenmonopol  mit  228,853  gegen  143,939  Stimmen
und  14  gegen  8  Stimmen  der  Stände.

15.  November.  (Genf.)  Bei  den  Wahlen  zum  Staatsrat
siegt  die  Liste  der  Konservativen;  es  werden  5  Konservative  und
2  Radikale  gewählt.  Vautier  (freisinnig),  seit  25  Jahren  Staatsrat,
  wird  nicht  wiedergewählt.

6.  Dezember.  (Bern.)  Der  Ankauf  der  Zentralbahn
wird  in  der  Volksabstimmung  mit  277,032  gegen  128,795
Stimmen  verworfen.  Nur  die  Kantone  Bern,  Solothurn,  Basel-Stadt
  und  Basel-Land  erklären  sich  für  die  Annahme  der  Vorlage.

7.  Dezember.  Bundespräsident  Welti  reicht  infolge  der  Ab-
        <pb n="274" />
        266  Belgien.  (Januar  15.  -April  17.)

stimmung  vom  6.  seine  Demission  ein.  —  Der  Ständerat  und  der
Nationalrat  beschließen  einstimmig,  aber  vergeblich,  ihn  um  Zurücknahme
  seiner  Demission  zu  ersuchen.

17.  Dezember.  (Bern.)  Die  vereinigte  Bundesversammlung
  spricht  dem  Bundesrate  Welti  den  Dank  des  Vaterlandes
aus  für  die  demselben  geleisteten  vorzüglichen  Dienste.  An  Stelle
Weltis  wird  Zemp-Luzern  (ultramontan)  zum  Bundesratsmitglied
gewählt,  zum  Bundespräsidenten  für  das  Jahr  1892  Hauser-Zürich
  und  zum  Vizepräsidenten  des  Bundesrates  Schenk-Bern.

X.
Belgien.

15.  Januar.  In  Befürchtung  von  Unruhen  werden  Truppen
aus  der  Provinz  nach  Brüssel  gezogen  und  Reservisten  einberufen.

20.  Januar.  (Brüssel.)  Große  Demonstration  für  eine
Verfassungsrevision.

30.  Januar.  Der  Thronfolger  Prinz  Balduin  f.

2.  Februar.  (Brüssel.)  Meuterei  unter  den  einberufenen
Reservisten,  welche  ihre  Entlassung  verlangen  und  endlich  durchsetzen.

17.  April.  (Deputiertenkammer.)  Die  Mojorität  der
Zentralsektion  nimmt  die  Revision  des  Wahlrechts  auf  folgender
  Grundlage  an:  Die  Wahlberechtigung  ist  geknüpft  1)  an  ein
Alter  von  25  Jahren;  2)  einen  Steuerbetrag  von  mindestens  10  Fr.
und  den  Besitz  einer  eigenen  Wohnung;  3)  an  ein  höheres  Bildungszeugnis.


Die  Mehrheit  der  Zentralfektion  ist  geneigt,  bezüglich  des  dritten
Punktes  geringere  Ansprüche  zu  stellen  und  auch  einen  niederen  Bildungsnachweis
  für  ausreichend  zu  erklären;  sie  ist  unter  allen  Umständen  gegen
eine  Kapazitätsprüfung.  Die  Zentralsektion  hat  ferner  das  Bestreben,  eine
große  Anzahl  von  Arbeitern  wahlberechtigt  zu  machen.  Eine  Minderheit
spricht  die  Ansicht  aus,  die  Versammlung  sei  inkompetent,  die  Grundlagen
des  neuen  Wahlgesetzes  zu  legen,  sie  können  sich  lediglich  über  die  Frage
schlüssig  machen,  ob  die  Revision  anzunehmen  sei  oder  nicht.  Die  Minderheit
will  sich  indessen  der  Majorität  unterordnen,  wenn  letztere  als  Wähler  die
jetzigen  Gemeindewähler  anerkenne  (21  Jahre,  10  Franks  direkte  Steuern
und  Kapazitätswähler).  Bezüglich  des  Wohnungsrechts  will  die  Minorität
sich  nicht  entscheiden,  da  dieses  System  sowohl  zu  sehr  beschränktem  Wahlrecht,
  oder  im  Gegenteil  zum  allgemeinen  Stimmrecht  führen  kann,  oder  auch
zur  Unterdruckung  einer  Partei  durch  eine  andere.  —  Zwei  Mitglieder  er-
        <pb n="275" />
        Niederlande.  (Mai  8.)  267

klären  sich  für  Anhänger  des  allgemeinen  Stimmrechts,  wollen  sich  jedoch
gleichfalls  der  Zentralsektion  anschließen.

Durch  dieses  Projekt  würde  über  die  Hälfte  der  männlichen
Bevölkerung,  700,000  Bürger,  statt  der  bisherigen  134,000  das
Wahlrecht  erhalten.

Ende  Juli.  (Brüssel.)  Die  Regierung  fordert  neue  Militärkredite,
  welche  für  die  Maas-Befestigungen  allein  18  Millionen  betragen.


16.  August.  (Brüssel.)  Eröffnung  des  internationalen  sozialistischen
  Arbeiterkongresses.  Delegierte  aller  Länder  sind  zahlreich
eingetroffen,  darunter  aus  Deutschland  Bebel,  Liebknecht  und  Singer.

Auf  dem  Kongreß  kommt  es  zu  scharfen  Auseinandersetzungen  zwischen
Liebknecht,  der  einen  mehr  opportunistischen  Standpunkt  vertritt,  und  dem
Holländer  Domela  Nieuwenhuis,  der  radikal  vorgehen  und  im  Kriegsfall
Verweigerung  des  Dienstes  proklamieren  will.

Die  Anarchisten  werden  an  dem  Kongreß  ausgeschlossen  und
veranstalten  eine  eigene  Kundgebung.

1.  Oktober.  (Schloß  Loo.)  Der  Kronprinz  von  Italien
trifft  zum  Besuch  ein,  setzt  denselben  Tag  die  Reise  nach  Amsterdam
  fort.

17.  Dezember.  (Brüssel.)  In  einem  Brief  an  den  Kriegsminister
  erklärt  General  Brialmont,  der  Kostenanschlag  für  die
Neubefestigung  Antwerpens  betrage  54,342,000  Franks  einschließlich
der  Kosten  von  900  Kanonen  nebst  Munition.  Dies  sei  der  Regierung
  seit  23.  Juli  1889  bekannt  und  von  der  Genieabteilung
1889  approbiert.  Die  Regierung  habe  vor  der  Kammer  aksichtlich
irrige  Kostenangaben  gemacht,  wofür  sie  verantwortlich  sei.  Der
Kriegsminister  bestreitet  in  seinem  Antwortschreiben  energisch  Brial-=monts
  Angaben.

20.  Dezember.  (Brüssel.)  Staatsminister  Jakobs  #f.

XI.

Niederlande.

8.  Mai.  (Haag.)  Die  zweite  Kammer  beendet  die  Generaldebatte
  über  den  Gesetzentwurf,  betreffend  die  Regelung  der  Militärdienstpflicht.
  Eine  von  Rutgers  (liberal)  beantragte  Resolution,
die  sich  im  Prinzip  für  den  persönlichen  Dienst,  wie  solcher  in  dem
        <pb n="276" />
        268  Inxembutg.  (Juli  23.)  BZänemark.  (März  26.)

Gesetzentwurfe  vorgesehen  ist,  ausspricht,  wird  mit  43  gegen  27
Stimmen  angenommen.

12.  Mai.  (Haag.)  Die  Zweite  Kammer  lehnt  den  Antrag
van  Houtens,  die  Beratung  des  Militärgesetzes  auf  unbestimmte
Zeit  zu  vertagen,  mit  51  gegen  44  Stimmen  ab.  Trotzdem  beendet
die  Kammer  die  Beratung  des  Gesetzes  nicht.

1.  Juli.  Besuch  des  deutschen  Kaisers  bei  der  Königin.

5.  Juli.  Das  antiliberale  Ministerium  demissioniert.

24.  Juli.  (Haag.)  Ende  der  Neuwahlen  zur  zweiten  Kammer.
  Sie  besteht  aus  54  Liberalen,  1  Radikalen,  25  Katholiken
und  20  Antirevolutionären.

6.  August.  Ein  neues  Ministerium  wird  unter  dem  Vorsitze
des  Amsterdamer  Bürgermeisters  van  Tienhoven  gebildet,  kommt
jedoch  erst  nach  längerer  Zeit  zu  stande.

Endliche  Zusammensetzung:  Inneres  Tak  van  Poortvliet,
Auswärtiges  Tienhoven,  bisher  Bürgermeister  von  Amsterdam,
Justiz  Smidt,  Finanzen  Bankpräsident  Pierson,  Waterstaat,  Handel
und  Industrie  Ingenieur  Lelv,  Kolonien  W.  van  Dedem,  Krieg
Oberstlieutenant  Seyffardt,  Marine  Marine-Ingenieur  Jansen.

3.  Oktober.  Besuch  des  Kronprinzen  von  Italien  bei  der
Königin.

XII.

Luxemburg.

23.  Juli.  (Luxemburg.)  Feierlicher  Einzug  des  Großherzogs,
  der  Großherzogin  und  des  Erbgroßherzogs.

XIII.

Dänemark.

26.  März.  (Kopenhagen.)  Gegenüber  der  Vereinigung
zwischen  der  Rechten  und  den  „Gemäßigten“  hat  sich  offiziell  eine
neue  Gruppe  gebildet.  bestehend  aus  Anhängern  Hörups  und  Bergs;
dieselbe  ist  35  Mann  stark,  wozu  noch  zwei  „Wilde“  nebst  drei
        <pb n="277" />
        Schweden  und  Norwezen.  (Januar  15.)  269

Sozialdemokraten  hinzukommen.  Die  Gemäßigten  zählen,  den  Präsidenten
  eingerechnet,  37  Mann,  die  Rechte  25.

1.  April.  (Kopenhagen.)  Nachdem  der  Reichstag  ohne
Einigung  beider  Häuser  über  den  Inhalt  des  Finanzgesetzes  geschlossen
  worden,  erläßt  der  König  ein  provisorisches  Finanzgesetz,
welches  die  Regierung  ermächtigt,  die  bestehenden  Steuern  und  Auflagen
  fortzuerheben  und  die  notwendigen  Ausgaben  innerhalb  der
Beträge  der  Finanzgesetzvorlage  zu  bestreiten.

6.  Oktober.  (Kopenhagen.)  Das  im  Folkething  vorgelegte
Finanzgesetz  für  die  Finanzperiode  1892/93  schätzt  die  Einnahmen
der  Periode  auf  53,965,558  Kronen,  die  Ausgaben  auf  58,578,340
Kronen.  Es  wird  also  ein  Defizit  von  4,612,782  Kronen  in  Aussicht
  genommen.

6.  Oktober.  Der  Kaiser  und  die  Kaiserin  von  Rußland
mit  Familie,  sowie  der  König  und  die  Königin  von  Griechenland
mit  ihrer  Familie  begeben  sich  über  Kopenhagen  nach  Fredensborg.

29.  Oktober.  (Kopenhagen.)  Koalition  der  Partei  der  moderaten
  Linken  mit  der  Rechten.  Högsbro  wird  zum  Präsidenten  des
Folkething  gewählt.  Antrag  auf  Justizreform.

28.  November.  C.  Berg,  Führer  der  „Europäischen  Linken“
im  Folkething  f.

XIV.

Schweden  und  Norwegen.

15.  Januar.  (Stockholm.)  Eröffnung  des  Reichstages.  In
der  vom  König  verlesenen  Thronrede  heißt  es:

„Die  Weltereignisse  werden  ohne  Zweifel  ferner  wie  bisher  Anlaß
genug  zu  ernstem  Nachdenken  geben.  Die  Lehre,  welche  aus  denselben  gezogen
werden  kann,  ist  unverändert  dieselbe,  nämlich  „Einigkeit  macht  stark“.  Mögen
meine  geliebten  beiden  Völker,  deren  Schicksale  gemeinsame  sind,  stets  bedenken,
was  diese  Wahrheit  von  ihnen  beiden  fordert,  und  mögen  in  dem  Volke,
zu  dessen  erwählten  Vertrauensmännern  ich  heute  spreche,  niemals  politische
Meinungsverschiedenheiten  den  Blick  für  das  Wohl  der  Gesamtheit  trüben!“
Ueber  den  Reichshaushalt  sagt  die  Thronrede,  derselbe  sei  unter  so  günstigen
Verhältnissen  festgestellt,  daß  keine  neue  Staatsanleihe  beantragt  zu  werden
brauche,  obgleich  der  Ausbau  des  Staatseisenbahnnetzes  kräftig  gefördert  und
anderen  wichtigen  Staatsbedürfnissen  abgeholfen  werden  solle.  An  das
Finanzministerium  könne  ein  Ueberschuß  abgegeben  werden.  Ferner  werden
in  der  Thronrede  mehrere  wichtige  Gesezvorla  en  angekündigt:  eine  Heeresreformvorlage,
  ein  Schiffahrtsgesetz,  welches  bereits  im  vorigen  Jahrzehnt
        <pb n="278" />
        270  Ichweden  und  Norwezen.  (Februar  22.—November  Anfang.)

von  einer  skandinavischen  (dänisch-schwedisch-norwegischen)  Gesetzgebungskommission
  ausgearbeitet  worden  ist  und  nun,  nach  im  vorigen  Jahre  erfolgter
Schlußberatung,  in  allen  drei  skandinavischen  Reichen  neben  dem  schon  bestehenden
  skandinavischen  Wechselrecht,  Münzgesetz  u.  s.  w.  zur  Einführung
gelangen  wird;  ein  Unfallversicherungs=  und  ein  Krankenkassengesetz  für
Arbeiter,  sowie  Gesetzentwürfe  zur  Förderung  der  Landwirtschaft  und  des
Filchereierwerbes  Der  Zollfrage  wird  in  der  Thronrede  keine  Erwähnung
gethan.

22.  Februar.  (Norwegen:  Christiania.)  Das  Storthing
nimmt  mit  59  gegen  55  Stimmen  eine  Tagesordnung  an,  welche
die  Selbständigkeit  Norwegens  in  diplomatischen  Angelegenheiten
fordert.  Das  konservative  Ministerium  Stang  reicht  darauf  seine
Entlassung  ein.

Nachdem  Rektor  Berner  die  Bildung  eines  Ministeriums
abgelehnt  hat,  wird  diese  Steen,  von  der  Linken,  übertragen.

16.  März.  (Stockholm:  Reichstag.)  Die  Anträge  auf
Herabsetzung  bezw.  Aufhebung  der  Lebensmittelzölle  werden  durch
Abstimmung  von  beiden  Kammern  verworfen,  und  zwar  die  Anträge
  auf  Herabsetzung  der  Getreidezölle  mit  einer  Mehrheit  von
26  bis  36  Stimmen,  die  übrigen  Anträge  mit  7  bis  33  Stimmen.

4.  Mai.  Das  von  der  Regierung  vorgeschlagene  Wehrpflichtgesetz
  wird  von  der  ersten  Kammer  mit  114  gegen  21  St.
angenommen,  dagegen  von  der  zweiten  Kammer  mit  140  gegen  80
Stimmen  abgelehnt.

Anfang  Juli.  (Stockholm.)  Ministerpräsident  Akerhjelm
demissioniert,  Gutsbesitzer  Boström  zu  Oestannä  zum  Nachfolger
ernannt.

Anfang  November.  (Norwegen.)  Die  Storthingswahlen
fallen  überwiegend  zu  Gunsten  der  radikalen  d.  h.  der  unionsfeindlichen
  Partei  aus.

Von  den  114  Mitgliedern  sind  63  von  der  Linken  gewählt;  zwei
andere  sind  gleichfalls  ministeriell,  so  daß  die  Summe  derer,  auf  welche  das
Ministerium  rechnen  kann,  65  beträgt.  Nach  den  vorigen  Wahlen  (im
Jahre  1888)  erschien  die  Linke  nur  38  Mann  stark;  sie  hat  also  einen  Zuwachs
  von  27  Plätzen.  Diesen  hat  sie  teils  der  Rechten,  welche  16  Plätze
verloren  hat,  teils  den  Gemäßigten  abgewonnen,  welche  um  11  Mann  verringert
  sind.  Die  Rechte,  die  nach  den  letzten  Wahlen  zahlreicher  als  seit
langer  Zeit,  51  Mann  stark,  erschienen  war,  so  daß  sie  fast  die  Hälfte  des
Storthings  betrug,  ist  jetzt  auf  eine  Zahl  eingeschränkt  worden,  die  ungefähr
der  der  Reichsgerichtszeit  (1883—85)  entspricht,  und  kann  nur  35  Mann
aufweisen.  Die  Gemäßigten  zählen  14  und  sind  dazu  unter  sich  sehr  geteilt.
        <pb n="279" />
        XV.
Nußland.

13.  Januar.  Das  russische  Reichsbudget  für  1891  balanziert
  in  Einnahmen  und  Ausgaben  mit  962,300,000  Rubel.

Die  Einnahmen  sind  im  Ordinarium  veranschlagt  auf  897,100,000
Rubel,  im  Extraordinarium  auf  13,700,000  Rubel;  weiter  figurieren  unter
den  Einnahmen  3  ½  Millionen  Rubel  roulierende  Einnahmen.  Zur  Deckung
der  außerordentlichen  Ausgaben  von  33,900,000  Rubel  für  Eisenbahnbauten,
8,900,000  Rubel  für  Hafenbauten  und  20,000,000  Rubel  für  Umbewaffnung
der  Armee  werden  neben  den  außerordentlichen  Einnahmen  noch  47,700,000
Rubel  aus  dem  freien  Barbestande  der  Neichsrenten  entnommen.  Als  Ausgaben
  sind  aufgeführt  im  Ordinarium  895,300,000  Rubel,  im  Extraordinarium
  63,400,000  Rubel  und  3½  Millionen  Rubel  roulierende  Ausgaben:
Die  ordentlichen  Einnahmen  überschreiten  die  ordentlichen  Ausgaben  um
1,800,000  Rubel  und  sind  um  8  Millionen  höher  als  im  Vorjahre,  die
ordentlichen  Ausgaben  um  7,800,000  Rubel  höher  als  im  Vorjahre.  Unter
den  Mindereinnahmen  befinden  sich  10,800,000  Rubel  an  Zollgefällen  infolge
der  Kurssteigerung  aufgeführt,  unter  den  Ausgaben  beim  Kriegsministerium
ein  Mehrbedarf  von  4,600,000  Rubel,  worunter  2  Millionen  für  Kasernenbauten,
  und  beim  Marineministerium  ein  Mehrbedarf  von  4½  Millionen
veranschlagt.  Das  Exposee  zum  Budget  betont,  daß  die  darin  erläuterten
in  das  Finanzressort  einschlagenden  Maßnahmen  nur  einen  Teil  derjenigen
großen  konsolidierenden  Thätigkeit  darstellen,  welche  alle  Ressorts  energisch
und  einmütig  entwickeln,  um  die  allerhöchsten  Weisungen  auszuführen.  Das
an  den  Kaiser  gerichtete  Exposee  fährt  fort:  „Ganz  Rußland  hegt  die  feste
Zuversicht,  daß  die  offenherzige  und  friedliebende  Politik  Ew.  Maojestät,
welche  unentwegt  die  Ehre  und  Würde  des  Reiches  und  den  Segen  des
Friedens  selbst  in  den  schwersten  Zeiten  erhalten  hat,  welche  die  Finanzen
des  Landes  befestigte  und  seinen  Kredit  bis  zum  gegenwärtigen  Niveau  gehoben
  hat,  auch  künftig  wie  bisher  unter  dem  sichtbaren  Schutze  und  Segen
Gottes  von  vollem  Erfolge  begleitet  sein  werde“.

Anfang  Februar.  Die  Regierung  verfügt,  daß  in  den  Ostseeprovinzen
  nunmehr  auch  die  kommunalen  Körperschaften  sich
des  Russischen  als  Verhandlungssprache  zu  bedienen  haben.  Der
Gebrauch  der  deutschen  Sprache  in  den  Debatten  dieser  Körperschaften
  ist  nur  noch  zeitweilig  gestattet.
        <pb n="280" />
        272  Rußland.  (Februar  Mitte  —  April  13.)

Mitte  Februar.  (Petersburg.)  Der  Erzherzog  Franz
Ferdinand  von  Oesterreich  trifft  am  6.  Februar  zum  Besuch  am
russischen  Hofe  ein,  reist  am  10.  Februar  nach  Moskau,  wo  er  bis
zum  17.  Februar  verbleibt.

9.  März.  Der  Generalgouverneur  in  Moskau  Fürst  Dolgorukow
  scheidet  aus  seinem  Amt  aus.  Großfürst  Sergius  wird
sein  Nachfolger.

18.  März.  (Petersburg.)  Der  Regierungsanzeiger  veröffentlicht
  ein  kaiserliches  Reskript,  durch  welches  der  Generalgouverneur
  von  Finnland  beauftragt  wird,  den  treuen  finnischen  Unterthanen
  des  Kaisers  mitzuteilen,  daß  der  Kaiser  geneigt  sei,  dem
finnischen  Volke  wie  früher  sein  Wohlwollen  und  Vertrauen  zu
schenken,  ihm  seine  Fürsorge  zu  widmen  und  die  von  den  russischen
Monarchen  verliehenen  Rechte  und  Privilegien  stets  zu  wahren.
Es  liege  nicht  in  der  Absicht  des  Kaisers,  die  Grundlagen  der  im
Lande  bestehenden  inneren  Verwaltungsordnung  abzuändern.  Das
Schriftstück,  welches  die  Antwort  des  Kaisers  auf  die  Ergebenheitsadresse
  der  finnischen  Landstände  ist,  spricht  den  Dank  des  Kaisers
für  die  Adresse  aus  und  schließt  mit  den  Worten,  der  Kaiser  sei
berechtigt,  von  der  Ergebenheit  der  Bevölkerung  Finnlands  zu  erwarten,
  daß  sie  einmütig  an  der  Verwirklichung  seiner  Weisungen,
welche  auf  die  Festigung  des  staatlichen  Verbandes  des  Großfürstentums
  mit  dem  Reiche  abzielten,  mitwirken  werde.

3.  April.  Zum  „Gehilfen  des  Ministers  des  Auswärtigen“,
  Herrn  v.  Giers,  wird  der  bisherige  Gesandte  in  Schweden,
Schischkin,  ernannt.  Direktor  des  asiatischen  Departements  wird
Graf  Kapnist.

12.  April.  Abreise  einer  russischen  Expedition  nach  Abessinien,
  unter  Führung  des  Lieutenants  Maschkoff.

13  April.  Tod  der  Großfürstin  Olga  Feodorowna  auf
dem  Bahnhof  in  Charkow.

(Kiew.)  Der  Bischof  von  Kiew  überreicht  der  Oberkirchenbehörde
  (dem  Synod)  eine  Denkschrift,  wonach  die  weltlichen
Behörden  folgende  Maßnahmen  gegen  die  Stundisten  ergreifen
sollen.

1)  Die  Dorfverwaltungen  und  Kleinbürgerämter  sollten  den  Stundisten
Pässe  nicht  anders  als  mit  dem  Vermerk  „Stundist"“  ausgeben,  damit  sie
nicht  auf  Fabriken  als  Arbeiter  angestellt  würden,  wo  sie  Gelegenheit  finden,
ihre  Lehre  zu  propagandieren.  2)  Man  müßte  sich  mit  dem  Ministerium
der  Verkehrsanstalten  in  Verbindung  setzen,  damit  auf  Bahnhöfen  und  in
den  Werkstätten  der  Eisenbahnen  keine  Stundisten  in  Dienst  genommen
        <pb n="281" />
        Kußland.  (April  Mitte—Mai  11.)  273

würden.  3)  Die  Kinder  der  Stundisten  müßten  unter  Vormundschaft  gestellt
werden,  damit  sie  in  der  griechisch-orthodoxen  Kirche  auferzogen  würden.
4)  und  5)  Es  müsse  die  Errichtung  von  Bethäusern  und  die  Abhaltung  von
Versammlungen  der  Stundisten  verboten  werden.  6)  Das  gerichtliche  Verfahren
  gegen  die  Stundisten  müsse  möglichst  vereinfacht  werden.  7)  Die
Urteile  des  Gerichts  müssen  stets  ohne  Verzug  in  Ausführung  gebracht  werden.

Mitte  April.  Maßregeln  gegen  die  Juden,  in  Moskau  und
Petersburg.

25.  April.  (Petersburg.)  Die  Großfürstin  Sergius,
Prinzessin  Elisabeth  von  Hessen-Darmstadt,  tritt  in  feierlicher  Weise
zur  orthodoxen  Kirche  über.

Eine  Sonderausgabe  des  russischen  Regierungsboten  veröffentlicht
  folgende  Kundmachung  des  Kaisers  Alexanders:

„Allen  getreuen  Unterthanen  zur  Keuntnis,  daß  unsere  geliebte
Schwägerin,  Großfürstin  Jelisaweta  Feodorowna,  nachdem  sie  mit  Zustimmung
  ihres  Gemahls  die  Wahrheit  des  orthodoxen  Glaubens  erkannt  und
erfahren,  aus  Antrieb  ihrer  Seele  den  Wunsch  ausgesprochen  hat,  sich  mit
uns  im  Glauben  und  in  der  Ausübung  kirchlicher  Gebete  und  im  Empfange
des  heiligen  Abendmahls  zu  vereinigen.  Heute  nahm  sie  zu  unserer  großen
Freude  unsern  orthodoxen  Glauben  an  und  wurde  mit  dem  heiligen  Oel

gesalbt.  Wir  befehlen  allen  unsern  getreuen  Unterthanen,  Ihre  Keiserliche
Hoheit  als  rechtgläubige  Großfürstin  zu  benennen.“

25.  April.  (Petersburg.)  Der  Groffürst  Nikolaus  Nikolajewitsch
  #f.

27.  April.  Der  Fürst  von  Montenegro  begibt  sich  von
Cannes  nach  Petersburg  zu  den  Beisetzungsfeierlichkeiten.

Anfang  Mai.  Das  Konsortium  Rothschild-Diskontogesellschaft--Bleichröder
  tritt  von  einem  schon  geschlossenen  Vertrage  für
die  Ausgabe  einer  37%  igen  russischen  Anleihe  zurück.

8.  Mai.  Die  Nowoje  Wremja  führt  in  einem  längeren
Artikel  den  Bruch  auf  das  Eintreten  des  Herrn  v.  Rothschild  für
die  russischen  Juden  zurück.  Sie  sagt  darüber:

„Als  alle  Bedingungen  des  gedachten  Konversionsanleihens  schon
verabredet  und  der  Vertrag  von  beiden  Seiten  schon  unterzeichnet  war,  fand
das  Haupt  des  Pariser  Hauses  Rothschild,  Baron  Alphonse  Rothschild,
diesen  Augenblick  besonders  geeignet,  der  russischen  Regierung  Vorstellungen
zum  besten  der  russischen  Juden  zu  machen,  ähnlich  denen,  welche  im  November
des  verflossenen  Jahres  das  Haupt  des  englischen  Hauses  Rothschild  gemacht.

Auf  diese  Vorstellung  antwortete  Herr  Wyschnegradski  dem  Pariser
Rothschild  in  demselben  Sinne,  wie  er  im  November  v.  J.  dem  Londoner
Rothschild  geantwortet,  nämlich  mit  entschiedenem  und  energischem  Hinweis
auf  das  Unangemessene  ähnlicher  Vorstellungen.  Darauf  erklärte  Baron
Alphonse  Rothschild,  daß  er  sich  von  der  Erfüllung  seiner  Verpflichtungen
aus  dem  Vertrage  über  die  Emission  der  3%  Konversionsanleihe  lossage,
und  begann  gleichzeitig  die  Baisse-Campagne  gegen  die  russischen  Werte."“

11.  Mai.  Attentat  auf  den  Großfürsten-Thronfolger,

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.  18
        <pb n="282" />
        274  Rußland.  (Mai  30.—Juli  28.)

der  sich  auf  einer  Reise  im  Innern  Japans  befindet  in  Otsu,  in
der  Nähe  von  Kioto  durch  einen  fanatischen  Japaner,  Namens
Tfinda  Mitzuso.  Der  Großfürst  wird  leicht  verwundet.

30.  Mai.  (Moskau.)  Der  Kaiser  besucht  mit  seiner  Familie
die  französische  Ausstellung.

31.  Mai.  (Moskau.)  Der  Großfürst-Thronfolger  wohnt
in  Wladimirstock  der  Eröffnung  des  ersten  Teiles  der  Usfiri-Strecke
der  sibirischen  Eisenbahn  bei.

2.  Juni.  Annahme  des  Repetier-Gewehres  M/91  mit  einem
Kaliber  von  drei  Linien,  was  mit  7,62  mm  identisch  ist.

24.  Juni.  (Petersburg.)  Der  Großfürst  Michail  Michailowitsch
  wird  unter  Kuratel  gestellt  und  die  Verwaltung  seines
Eigentums  den  Großfürsten  Michail  Nicolajewitsch  und  Georg
Michailowitsch  übertragen.

2.  Juli.  (Petersburg.)  Ein  neuer  Zolltarif  wird  veröffentlicht,
  derselbe  tritt  am  13.  Juli  n.  St.  in  Kraft.

23.  Juli.  (Kronstadt.)  Ein  französisches  Geschwader  unter
Kommando  des  Admiral  Gervais  kommt  in  Kronstadt  an  und  wird
von  der  Bevölkerung  und  den  Mannschaften  der  russischen  Schiffe
enthusiastisch  empfangen.

25.  Juli.  Der  Kaiser  und  die  Kaiserin  besuchen  das  französische
  Admiralschiff  „Marengo“.

26.  Juli.  Groffürst  Alexis  gibt  dem  französischen  Admiral
Gervais,  seinem  Stabe  und  den  Kommandanten  der  franzöfischen
Schiffe  ein  Diner.

27.  Juli.  König  Alexander  von  Serbien  kommt  in  Bender
an,  woselbst  ihm  seitens  der  Munizipalität  ein  offizieller  Empfang
bereitet  und  ebenso  eine  Bewillkommnungs-Adresse  überreicht  wird.

28.  Juli.  Zu  Ehren  des  französischen  Geschwaders  findet  in
Peterhof  unter  Teilnahme  des  Kaisers  und  der  Kaiserin  ein  Diner
statt.  Der  Kaiser  bringt  einen  Toast  auf  die  Gesundheit  des  Präsidenten
  Carnot  und  auf  die  französische  Flotte,  insbesondere  auf
das  unter  dem  Kommando  des  Admirals  Gervais  stehende  Geschwader
  aus.  Von  der  Musik  wird  die  Marseillaise  gespielt,  die
der  Kaiser  stehend  anhört.

Von  Paris  aus  wird  das  Telegramm,  welches  der  Kaiser
von  Rußland  aus  Anlaß  des  Besuches  der  französischen  Flotte  in
Kronstadt  an  den  Präsidenten  Carnot  richtete,  bekannt  gemacht.  Es
hat  folgenden  Wortlaut:
        <pb n="283" />
        Rußland.  (August  2.—5.)  275

Z  „Die  Anwesenheit  des  glänzenden  französischen  Geschwaders,  welches
in  diesem  Augenblicke  vor  Kronstadt  ankert,  ist  ein  neues  Zeichen  für  die
tiefen  Sympathien,  welche  Frankreich  und  Rußland  vereinen.  Ich  schätze
mich  glücklich,  Ihnen  meine  lebhafte  Genugthuung  darüber  auszudrücken
und  Ihnen  für  die  aufrichtige  Freude  zu  danken,  die  Ich  beim  Empfang
der  tapferen  französischen  Seeleute  empfinde."“

Präfident  Carnot  antwortete:

„Ich  bin  tief  gerührt  durch  die  Empfindungen,  welche  Ew.  Majestät
aus  Anlaß  der  Anwesenheit  unseres  Geschwaders  mir  auszudrücken  geruht
haben.  Unsere  tapferen  Seeleute  werden  den  herzlichen  Empfang  nicht  vergessen,
  dessen  Gegenstand  sie  gewesen  sind.  Ich  danke  Ew.  Moajestät  für
diesen  Empfang  und  fühle  mich  glücklich,  in  demselben  ein  beredtes  Zeugnis
für  die  tiefen  Sympathien  erblicken  zu  dürfen,  welche  Rußland  und  Frankreich
  vereinen.“

Bald  entstehen  jedoch  Zweifel,  ob  der  Wortlaut  des  Telegramms
  des  Zaren  gewesen  sei  „Ia  France  et  la  Russie“  oder  „à
la  Russie“,  welches  letztere  eine  Gegenseitigkeit  der  Sympathien  nicht
einschließen  würde.

2.  August.  (Petersburg.)  Ankunft  des  Königs  Alexander
von  Serbien  mit  dem  Regenten  Ristitsch.

4.  August.  Der  Kaiser  verleiht  dem  französischen  Botschafter
in  St.  Petersburg  Laboulaye,  den  Alexander  Newsky-Orden.

5.  August.  (Moskau.)  Admiral  Gervais  und  seine  Offiziere
werden  feierlich  empfangen.  Gervais  hebt  in  seiner  Antwort  auf
die  Willkommensansprache  des  Bürgermeisters  hervor,  er  betrachte
die  Ehrenbezeugungen  nicht  als  an  seine  Person,  sondern  an  Frankreich
  gerichtet.  Diese  Worte  werden  von  den  Anwesenden  mit  dem
Rufe:  „Es  lebe  Frankreich!  Es  lebe  Rußland!“  erwidert.  Die
Stadt  ist  illuminiert.

Bei  dem  Diner  zu  Ehren  der  franzöfischen  Offiziere  schließt
Admiral  Gervais  seinen  Toast:  „Auf  Sie  und  uns  ist  jetzt  die
Aufmerksamkeit  der  ganzen  Welt  gerichtet.  Ich  trinke  auf  das
heilige  Moskau,  das  erhabene  russische  Volk  und  seinen  Zaren.“
General  Tschernajew  erwiderte:  „Die  Geschichte  näherte  uns  einander;
  wir  sind  Freunde.  Ich  trinke  auf  Frankreich,  seine  Armee
und  seine  Flotte.“  Gervais  antwortete  nochmals:  „Durch  das  Unglück
  belehrt,  sammle  Frankreich  seine  Kräfte,  jedoch  stark  durch
Einigkeit  und  die  Freundschaft  eines  großen  Monarchen  blicke  es
zuversichtlich  in  die  Zukunft.“  General  Tschernajew  spricht  noch
Folgendes  aus:  „Ruft  man  bei  Ihnen:  Bürger,  zu  den  Waffenl,
so  geschieht  es  auch  bei  uns.  Wir  werden  unsere  Bataillone  von  der
Weichsel  bis  zur  Kamschatka  formieren.  Ich  trinke  auf  das  ritterliche

  Volk!  Es  lebe  Paris,  die  Hauptstadt  der  zivilisierten  Welt!“
18“
        <pb n="284" />
        276  Nußland.  (August  8.—  September  10.)

8.  August.  Abfahrt  der  französischen  Flotte  von  Kronstadt.


11.  August.  Der  französische  Botschafter  de  Laboulaye  überreicht
  dem  Kaiser  sein  Abberufungsschreiben.

An  seine  Stelle  tritt  Graf  Montebello.

Dem  neuernannten  Botschafter  am  russischen  Hofe,  Graf
Montebello,  erteilt  die  Nowoje  Wremja  ein  Vertrauensvotum:

„Graf  Montebello;  wird  seine  St.  Petersburger  Laufbahn  unter  unvergleichlich
  viel  günstigeren  Verhältnissen  beginnen  als  sein  Vorgänger,  dem
das  Schicksal  zu  Teil  wurde,  seinen  wichtigen  Posten  nach  einer  durch  die
Abberufung  des  Generals  Appert  hervorgerufenen  Trübung  in  den  diplomatischen
  Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Frankreich  anzutreten.  Graf
Montebello  dagegen  trifft  hier  ein  zur  Zeit  der  Kulmination  der  durch  den
Kronstädter  Flottenbesuch  geschaffenen  Lage,  und  wir  zweifeln  nicht,  daß
dieser  ebenso  begabte  als  energische  Diplomat  seine  ihm  durch  die  franzöfische
Regierung  übertragene  Mission  entsprechend  der  durch  die  politischen  Ereignisse
  der  letzten  Zeit  geschaffenen  allgemeinen  Weltlage  erfüllen  wird.“

11.  August.  Die  Gesetzsammlung  bringt  einen  keiserlichen
Ukas,  betreffend  das  Verbot  der  Ausfuhr  von  Roggen,  Roggenmehl
jeder  Art  und  Kleie  ins  Ausland.

Das  Verbot  gilt  für  die  Häfen  des  Baltischen,  Schwarzen  und
Asow'schen  Meeres  und  für  die  Westgrenze  des  Landes  und  tritt  mit  dem
27.  August  neuen  Stils  in  Kraft.  Außer  der  bereits  erfolgten  Herabsetzung
  der  Eisenbahnfracht  für  Getreide,  welches  für  die  notleidenden
Gegenden  bestimmt  ist,  wird  dem  Minister  des  Innern  anheimgestellt,  weitere
Maßregeln  zur  Erleichterung  der  Beschaffung  von  Getreide  aus  den  Gegenden,
wo  Ueberfluß  davon  vorhanden  ist,  im  Verwaltungswege  zu  ergreifen.  Den
Landschaftsorganen  wird  gestattet,  das  für  die  Bestellung  der  Felder  und
für  die  Verpflegung  der  Einwohner  erforderliche  Getreide  auf  kommerzieller
Grundlage  anzukaufen.

12.  August.  (Petersburg.)  Die  Nachricht  von  der  definitiven
  Uebersiedelung  des  russischen  Exministers  Grafen  Ignatieff
nach  Prag  wird  bestätigt.

16.  August.  Der  Großfürst-Thronfolger  trifft  von  seiner
asiatischen  Reise  in  Moskau  ein.

22.  August.  Die  russische  Kaiserfamilie  begibt  sich  mit
der  Königin  von  Griechenland  und  deren  Kindern  nach  Dänemark.

10.  September.  (London.)  Die  „Times“  veröffentlicht  die
Statuten  der  vom  Baron  Hirsch  gegründeten  Kolonisierungsgesellschaft
  der  russischen  Juden.  Das  Kapital  beträgt  2  Millionen
  Pfund  in  20,000  Aktien.  Sieben  der  acht  Unterzeichner  der
Statuten,  darunter  Lord  Rothschild,  nehmen  jeder  eine  Aktie,  Hirsch
nimmt  19,990  Aktien.  Die  Zwecke  der  Gesellschaft,  deren  Hauptsitz
  in  England  ist,  sind,  die  Auswanderung  der  Juden  aus  allen
        <pb n="285" />
        Kußland.  (September  Mitte  —  Dezember  21.)  277

Teilen  Europas  oder  Asiens,  hauptsächlich  aus  solchen  Ländern,  wo
sie  zeitweilig  besonderen  Steuern  oder  politischen  oder  anderen  Unbilden
  unterworfen  sind,  nach  anderen  Weltteilen  zu  unterstützen
und  zu  fördern,  ferner  in  verschiedenen  Teilen  Nord=  und  Südamerikas
  und  anderen  Ländern  Kolonien  für  landwirtschaftliche,
kommerzielle  und  andere  Zwecke  zu  bilden.

Mitte  September.  Besuch  des  Kronprinzen  von  Italien
in  Kopenhagen,  wo  er  auch  mit  dem  Zaren  zusammentrifft.

25.  September.  Russische  3%  ige  Anleihe.  500  Millionen
Franks.

Sie  soll  aufgelegt  werden  von  einem  Konsortium  von  Bankhäusern
in  allen  Ländern,  in  Paris  Credit  Foncier,  in  Berlin  Warschauer  und
Mendelssohn.  Diese  beiden  treten  jedoch  unter  dem  Druck  einer  starken  Erregung
  der  öffentlichen  Meinung  in  Deutschland  wieder  zurück.

Die  Nowoje  Wremja  macht  darauf  aufmerksam,  die  Anleihe  mit
ihrem  Emissionskurse  von  799/10/  stelle  sich  sehr  viel  ungünstiger  für  Rußland,
  als  die  mit  dem  aarnssel  Venkaest  Rothschild  vor  einem  halben  Jahre
vereinbarte,  dann  aber  wieder  rückgängig  gemachte  Anleihe;  diese  letztere
sollte  81/1%  netto  ertragen,  während  die  neue  Anleihe,  für  welche,  wie
gerüchtweise  verlaute,  eine  außerordentlich  hohe  Bankier-Provision,  nämlich
3,3%,  vereinbart  worden,  nach  Abzug  derselben  nur  76,45%  netto  ertragen
würde.  Auch  die  Bedingungen  der  Tilgung  seien  ungünstige.  Legt  man
den  obigen  Emissionskurs  der  Anleihe  mit  76,45%  zu  Grunde,  so  wird  die
Anleihe  netto  95,562,500  Rubel  Gold  ertragen,  für  die  jährlich  an  Zinsen
3,750,000  Nubel  Gold  gezahlt  werden;  die  jährliche  Tilgungsquote  beträgt

369.  250  Rubel  Gold,  so  daß  die  Anleihe  dem  Staate  jährlich  bis  zu  ihrer
Tilgung  4,119,250  Rubel  Gold  kosten  wird,  d.  h.  4,31%  des  Gesamtertrages.

Anfang  Oktober.  Das  Departement  für  die  geistlichen  Angelegenheiten
  der  ausländischen  Konfessionen  (Ministerium  des  Innern)
  ordnet  an,  daß  vom  1.  Januar  1892  an  sämtliche  evangelisch-lutherischen
  Kirchenbücher  in  russischer  Sprache  geführt
  werden  müssen.

Mitte  Oktober.  Die  russische  Anleihe  wird  7½mal  gezeichnet,
  fast  ausschließlich  in  Frankreich.  Nach  einiger  Zeit  ergibt
sich  jedoch,  daß  die  Zeichner  die  Stücke  nicht  abzunehmen  gedenken;
der  Kours  schwankt  um  10%  auf  und  ab.

2.  November.  (Petersburg.)  Ein  Ukas  dehnt  das  Ausfuhrverbot
  auf  alles  andere  Getreide  (ausgenommen  Weizen)  und
auf  Kartoffeln,  sowie  auf  Produkte  aus  Getreide,  dessen  Ausfuhr
verboten  ist,  und  aus  Kartoffeln,  wie  Mehl,  Malz,  Grütze,  Teig,
gebackenes  Brot  aus.

21.  November.  Weizen-Ausfuhrverbot.

21.  Dezember.  (Riga.)  Die  Rigasche  „Polizei-Zeitung“  veröffentlicht
  ein  Rundschreiben  des  Ministers  der  Volksauf=
        <pb n="286" />
        278  Nußland.  (Dezember  21.)

klärung,  durch  das  allen  Kuratoren  der  Lehrbezirke  vorgeschrieben
wird,  dahin  Anordnung  zu  treffen,  daß  die  Lehrer  und  Schüler
sämtlicher  Lehranstalten  orthodoxer  und  anderer  christlichen  Konfessionen
  an  allen  hohen  Feiertagen  obligatorisch  dem  von  der
griechisch-orthodoxen  Geistlichkeit  abzuhaltenden  Gottesdienst
beizuwohnen  haben.  Zuwiderhandelnde  sollen  unverzüglich  aus  den
Lehranstalten  ausgestoßen  werden.
        <pb n="287" />
        XVI.
Die  Türkei  und  ihre  Vasallenstaaten.

1.  Türkei.

April.  (Konstantinopel.)  Das  russische  Transportschiff
  „Nischni-Nowgorod“,  welches  die  Bestimmung  hat,  Truppen
nach  Ostasien  zu  bringen,  wird  an  der  Durchfahrt  des  Bosporus
verhindert.  Bald  darauf  geschieht  das  nämliche  dem  Schiffe  „Kostroma“,
  welches  der  russischen  sogen.  freiwilligen  Kreuzerflotte  angehört
  und,  aus  Odessa  kommend,  von  dem  Kommandanten  des
Hafens  von  Kawak  zurückgewiesen  wird  auf  Grund  der  Vermutung,
daß  sich  Soldaten  und  Kriegsmaterial  auf  dem  Schiffe  befinden.
Der  Kommandant  von  Kawak  droht  zu  feuern,  falls  das  unter
Handelsflagge  fahrende  Schiff  seine  Fahrt  fortsetzen  würde,  und
hält  das  Schiff  bis  zum  darauffolgenden  Tage  zurück.  Herr  von
Nelidow,  der  russische  Botschafter,  erhebt  in  beiden  Fällen  Beschwerde.

23.  Mai.  Konflikt  zwischen  Lateinern  und  Griechen  in  der
Geburtskirche  zu  Bethlehem.

31.  Mai.  Plünderung  eines  Orientzuges  durch  Briganten
unter  dem  Hauptmann  Athanas.  Gefangennahme  mehrerer  Passagiere,
  darunter  4  Deutsche,  die  alle  am  9.  Juni  gegen  Lösegeld
wieder  freigegeben  werden.

Mai/Juni.  Aufrührerische  Bewegungen  in  Yemen.

4.  Aug.  (Konstantinopel.)  Das  russische  Schiff  „Moskwa“,
das  zwar  die  Handelsflagge  führt,  aber  russische  Soldaten  an  Bord
hat,  wird  bei  der  Durchfahrt  durch  die  Dardanellen  von  dem  türkischen
  Festungskommandanten  angehalten.  Auf  eine  Beschwerdenote
  des  Herrn  v.  Melidow  an  die  Pforte  wird  dem  Schiffe  die
Fahrt  freigegeben.
        <pb n="288" />
        280  Türkei.  (August  22.—September  Ende.)

22.  August.  Das  zur  russischen  Freiwilligenflotte  gehörende
Schiff  „Kostroma“  wird  auf  der  Rückfahrt  nach  Rußland  einige
Stunden  in  den  Dardanellen  festgehalten.

3.  September.  (Konstantinopel.)  Der  Großvezier  Kiamil-Pascha
  wird  seines  Amtes  enthoben.  An  seiner  Stelle  wird
der  bisherige  Gouverneur  von  Kreta  Djevad-Pascha  zum  Großvezier
ernannt.

Der  Militär-Kommandant  des  Mildis-Kiosk,  Riza-Pascha,
wird  zum  Kriegsminister  ernannt.

Mitte  September.  Auf  der  türkischen  Insel  Sigri  bei  Mytilene
  landen  englische  Soldaten.  Es  wird  nachher  festgestellt,  daß
es  sich  nur  um  Manöver-Uebungen  gehandelt  habe.

19.  September.  Eine  türkische  Zirkularnote  teilt  den  Großmächten
  das  Abkommen  mit  Rußland  in  der  Dardanellenfrage
mit.  Sie  lautet:

„Es  ist  Ihnen  bekannt,  daß  die  Paketboote  der  Freiwilligen  Flotte
einen  Dienst  zwischen  Odessa  und  den  russischen  Besitzungen  im  äußersten
Osten  besorgen.  Die  Schiffe,  welche  die  Handeleflagge  tragen,  genießen
freie  Durchfahrt  durch  den  Bosporus  und  die  Dardanellen;  da  sie  aber  mitunter
  zum  Transporte  von  Soldaten  und  Sträflingen  verwendet  wurden,
geschah  es,  daß  sie  irrigerweise  am  Eingange  der  Dardanellen  aufgehalten
wurden.  Um  der  Wiederholung  ähnlicher  Mißverständnisse  vorzubeugen,
mußte  die  Pforte  die  Kommandanten  des  Bosporus  und  der  Dardanellen
mit  genauen  Instruktionen  versehen.  Es  sind  dies  die  Instruktionen,  von
welchen  der  russischen  Botschaft  Mitteilung  gemacht  wurde,  und  welche
Aeußerungen  der  ausländischen  Presse  über  eine  angebliche  Verletzung  der
Verträge  hervorgerufen  haben.  Nach  dem  Wortlaute  der  erteilten  Befehle
werden  die  Schiffe  der  Freiwilligen  Flotte,  welche  die  Handelsflagge  tragen,
in  gleicher  Weise  wie  andere  Handelsfahrzeuge  die  Dardanellen  frei  passieren.
Wenn  sie  Deportierte  oder  Soldaten  an  Bord  haben  werden,  wird  ihre
Durchfahrt  nach  einer  von  der  russischen  Botschaft  erstatteten  Anzeige  durch
kaiserliche  Irade  gestattet  werden.  Was  dagegen  die  Paketboote  betrifft,
die  aus  dem  äußersten  Osten  mit  dienstentlassenen  Soldaten  kommen,  wird
die  Behörde  der  Dardanellen  sie  passieren  lassen  und  die  hohe  Pforte  davon
in  Kenntnis  setzen.  Sie  sehen,  daß  hier  nichts  Neues  vorliegt,  und  daß  es
das  alte  System  ist,  welches  man  fortfahren  wird  anzuwenden.  Wir  haben
nichts  anderes  gethan,  als  daß  wir  dasselbe  unsern  Behörden  förmlicher  erklärten
  und  dies,  ich  wiederhole  es,  zu  dem  Zwecke,  um  für  die  Zukunft
jedes  Mißverständnis  zu  verhindern.  Ich  habe  es  für  geboten  erachtet,
Sie  über  den  wahren  Stand  der  Dinge  zu  unterrichten,  damit  Sie  in  Ihrer
Umgebung  keinerlei  Zweifel  in  dieser  Hinsicht  bestehen  lassen.  Genehmigen
Sie  u.  s.  w.  Said.“

Ende  Sept.  Ein  Irade  des  Sultans  gegen  das  Räuberwesen
  hat  nach  einer  der  „N.  Fr.  Pr.“  aus  Salonichi  zugehenden
Mitteilung  nachstehenden  Wortlaut:

§  1.  Die  im  Besitze  der  Privatpersonen  befindlichen  Militärgewehre
sind  mit  Beschlag  zu  belegen.  §  2.  Zu  Polizeiagenten  in  den  Provinzen
        <pb n="289" />
        Hulgarien.  (Januar—März  27.)  281

sind  nur  solche  Leute  zu  wählen,  welche  sich  eines  guten  Rufes  erfreuen.
Diese  Agenten  und  Gendarmen  erhalten  ihre  Aufträge  von  den  Provinz-=behörden.
  §  3.  Auf  Verlangen  der  Zivilbehörden  sind  die  Militärbehörden
verpflichtet,  unmittelbaren  militärischen  Beistand  zu  leisten.  §  4.  Ausländer,
welche  Briganten  gewesen,  und  Vagabunden  werden  ausgewiesen,  inländische
aber  verhalten,  eine  Kaution  zu  leisten.  §  5.  Cs  werden  Geldprämien  für
die  Festnahme  eines  Räubers  ausgesetzt,  gleichviel,  ob  der  letztere  lebendig
oder  tot  eingebracht  wird.  Die  Höhe  der  Prämie  hängt  von  der  Bedeutung
des  Räubers  ab.  §  6.  Die  Dorfbewohner  sind  verpflichtet,  die  Behörde
vom  Erscheinen  von  Briganten  in  ihrem  Dorfe  sofort  in  Kenntnis  zu  setzen
und  auch  die  geplanten  Raubanschläge  mitzuteilen,  im  entgegengesetzten  Falle
werden  diese  Gemeinden  mit  Geldstrafen  belegt,  deren  Höhe  die  Lokalbehörden
zu  bestimmen  haben.  §  7.  Der  keaiserlich  ottomanische  Staatsrat  in  Konstantinopel
  ernennt  einen  permanenten  Ausschuß,  welcher  die  genaue  Ausführung
  der  obenerwähnten  Verfügungen  zu  überwachen  und  im  Falle  eines
Raubanfalles  festzustellen  haben  wird,  inwieweit  sich  die  Provinz-Untergouverneure,
  die  Kaimakams  u.  s.  w.  durch  Saumseligkeit  oder  Mangel  an
gutem  Willen  an  demselben  mitschuldig  gemacht  haben.

Mitte  Oktober.  England,  Oesterreich,  Italien  erklären  der
Türkei,  daß  sie  die  Zirkularnote  vom  16.  September  zur  Kenntnis
  genommen  haben;  zugleich  aber  ihre  Ueberzeugung,  daß  der
Dardanellenvertrag  einseitig  auch  von  der  Pforte  nicht  modifiziert
werden  könne.

31.  Oktober.  (Konstantinopel.)  Ein  Rundschreiben  der
Pforte  an  die  Botschafter  betreffs  der  Judeneinwanderung  hat

folgenden  Wortlaut:

„Um  den  aus  der  Anhäufung  von  israelitischen  Einwanderern  für
die  öffentliche  Gesundheit  sich  ergebenden  Gefahren  vorzubeugen,  mußte  die
Pforte  als  prophylaktische  Maßregel  den  jüdischen  Einwanderern  das  Betreten
  des  türkischen  Gebiets  untersagen.  Der  Minister  des  Aeußern  ersucht
infolge  dessen  den  Botschafter,  die  Schiffsgesellschaften  aufzufordern,  den
Einwanderern  die  Beförderung  nach  dem  türkischen  Reiche  zu  verweigern,
da  die  Seebehörden  beauftragt  sind,  die  Einwanderer  nicht  landen  zu  lassen."“

8.  November.  Zum  ökumenischen  Patriarchen  wird  Neophystos,
  Metropolit  in  Nikopolis,  gewählt.

 

 

2.  Bulgarien.

Januar.  Die  russische  Regierung  verlangt  die  Ausweisung
  angeblicher  russischer  Nihilisten.  Die  bulgarische  Regierung
erklärt  sich  dazu  bereit.

27.  März.  (Sofia.)  Attentat  auf  den  Ministerpräsidenten
Stambulow  und  den  Finanzminister  Beltschew.  Beltschew  bleibt
auf  der  Stelle  tot.  Der  Attentäter  entflieht.  Fürst  Ferdinand  und
Prinzessin  Klementine,  sowie  der  Minister  des  Auswärtigen  erhalten
Briefe  mit  Todesandrohungen.  Alle  Parteigänger  Stambulows
        <pb n="290" />
        282  Bulgarien.  (Dezember  9.—15.)

sollten  umgebracht  werden.  Die  Nachforschungen  der  Behörden  ergeben
  Andreas  Sochorukow,  Kawaß  des  russischen  Generalkonsulats,
als  Verfasser.  Auf  unzweifelhafte  Nachweise  des  Ministeriums  des
Auswärtigen  verfügt  der  deutsche  Generalkonful  Baron  Wangenheim
  die  Verhaftung  Sochorukows,  der  darauf  ausgewiesen  wird.

9.  Dezember.  (Sofia.)  Die  Regierung  weist  den  Korrespondenten
  der  „Agence  Havas“,  Chadourne,  der  durch  fortgesetzte  Verbreitung
  falscher  und  verleumderischer  Nachrichten  über  den  Prinzen
und  über  Bulgarien  nach  dem  Auslande  ihre  Geduld  erschöpft  hat,
aus  dem  Lande  aus.  Der  französische  Minister  Ribot  protestiert
und  verlangt  Rücknahme  des  Befehls  ohne  Erfolg.  Darauf  erklärt
die  französische  Regierung  die  diplomatischen  Beziehungen  für  abgebrochen.


15.  Dezember.  (Sofia:  Sobranje.)  Der  Präsident  Slavkow
  hält  folgende  Ansprache  an  die  Versammlung:

„Meine  Herren!  Es  ist  eine  unfrer  ersten  Pflichten,  Dankbarkeit  zu
bethätigen  gegen  jene,  die  sich  um  des  Volkes  Wohlfahrt  und  um  die  Größe
des  Vaterlandes  verdient  gemacht  haben.  Anspruch  auf  diese  unsere  Dankbarkeit
  hat  allen  voran  der  erste  bulgarische  Bürger  und  General,  der  erste
Fürst  von  Bulgarien,  Graf  Hartenau.  Seine  Verdienste  kennen  Sie.
Ich  will  nur  des  größten  derselben  gedenken,  seiner  Haltung,  als  es  sich
um  die  Union  mit  Ostrumelien  handelte.  Damals  stellte  sich  der  Fürst  an
die  Spitze  der  Bewohner  und  erklärte,  eher  in  den  Tod  zu  gehen  als  von
der  Union  zu  lassen.  In  Anerkennung  dieses  großen  Verdienstes  um  Volk
und  Vaterland  beantrage  ich:  Die  Nationalversammlung  möge  dem  ersten
Bürger  und  General,  unserm  gewesenen  Fürsten,  dem  Grafen  Hartenau,
eine  Jahrespension  von  50,000  Franks  votieren.“

Diese  Worte  werden  von  der  Versammlung  mit  stürmischer
Akklamation  aufgenommen.

„Ich  danke  Ihnen,  meine  Herren",  fährt  Hr.  Slavkow  fort,  „für
diesen  Beweis  Ihrer  Zustimmung  zu  meinem  Antrage.  Ich  könnte,  da
derselbe  der  Abstimmung  kaum  mehr  bedarf  und  über  einen  solchen  Antrag
auch  nicht  abgestimmt  werden  sollte,  davon  Abstand  nehmen,  aber  um  hiebei
auch  die  Form  zu  wahren,  ersuche  ich  die  Herren,  die  für  den  Antrag
stimmen,  sich  zu  erheben.“

Die  ganze  Versammlung  erhebt  sich  hierauf  unter  erneuter,

anhaltender,  stürmischer  Akklamation.
        <pb n="291" />
        Kumänien.  (März—Dezember  21.)  283

XVII.

Numänien.

März.  (Bukarest.)  Das  Ministerium  Manu  nimmt  seine
Entlassung.  Das  neue  Kabinett  hat  folgende  Zusammensetzung:
Floresco  Präsidium  ohne  Portefeuille,  Catargi  Inneres,  Vernesco
Finanzen  und  interimistisch  Justiz,  Esarco  Aeußeres,  Isvorano
Handel,  Theodoresco  Unterricht,  Oberst  Jaques  Lahovary  Krieg,
Olanesco  öffentliche  Arbeiten.

5.  März.  (Bukarest.)  Eine  in  der  Kammer  verlesene  Erklärung
  des  Ministeriums  besagt,  das  Kabinett  werde  die
äußere  Politik  in  der  bisher  beobachteten  Richtung  fortsetzen.  Daran
knüpft  sich  eine  lebhafte  Debatte,  nach  welcher  mit  77  gegen  69
Stimmen  dem  neuen  Kabinette  ein  Tadelsvotum  erteilt  wird.
7  Deputierte  hatten  sich  der  Abstimmung  enthalten.  Die  Kammer
wird  aufgelöst.

5.  Mai.  Nach  dem  Endergebnisse  der  Kummerwahlen  gestaltet
  sich  das  Stimmverhältnis  der  Parteien  folgendermaßen:  die
Liberalkonservativen  (Regierungspartei)  verfügen  über  117  Stimmen,
die  unabhängigen  Konservativen  erlangten  6,  die  Vereinigten  Liberalen
  8,  die  Junimisten  7,  die  Nationalliberalen  32  Stimmen;
auf  die  Sozialisten  entfiel  eine  Stimme.

15.  Mai.  Der  frühere  Ministerpräsident  Bratiano  f.

22.  Mai.  (Bukarest.)  König  Karol  feiert  sein  25jähriges
Regierungsjubiläum.

Der  Zar  und  dessen  Vertretung  am  rumänischen  Hofe  nehmen
von  dem  Regierungsjubiläum  des  Königs  Karol  keine  Notiz.

Oktober.  Reise  des  Königs  nach  Berlin.

27.  November.  Die  Kammern  werden  vom  König  mit  einer
Thronrede  eröffnet.

9.  Dezember.  (Bukarest.)  Neues  Ministerium:  Catargi
Präsidium  und  Inneres,  Mano  Domänen,  Alexander  Lahovary
Aeußeres,  A.  Stirbey  Finanzen,  General  J.  Lahovary  Krieg,  Olanesco
  öffentliche  Arbeiten,  Stowidza  skejano  Justiz  und  Demeter
Jonesco  Kultus.

21.  Dezember.  (Bukarest.)  Die  Deputiertenkammer  wird
wieder  eröffnet.  Der  Deputierte  Pascal  beantragt  namens  der  Opposition
  ein  Mißtrauensvotum  gegen  die  Regierung.  An  der
        <pb n="292" />
        284  Lerbien.  (März  Anfang—Mai  9.)

Debatte  hierüber  beteiligen  sich  die  oppositionellen  Deputierten
Pascal  und  Fleva,  der  Konservative  Peucesco  und  der  Minister
des  Auswärtigen  Lahovary.  Das  Mißtrauensvotum  wird  mit  78
gegen  74  Stimmen  angenommen.  Zwölf  Deputierte  enthalten  sich
der  Abstimmung.  Der  Ministerpräsident  Catargi  begibt  sich  alsbald
  zum  König,  um  demselben  vom  Beschlusse  der  Kammer  Mitteilung
  zu  machen.

23.  Dezember.  Kammer  und  Senat  werden  aufgelöst.

30.  Dezember.  Fusion  der  Alt-Konservativen  und  Junimisten.
  Catargi  nimmt  Cary  (Ackerbau),  Ghermani  und  Marghiloman
  ins  Ministerium  auf.

XVIII.

Serbien.

Anfang  März.  Ueberaus  kompromittierender  Briefwechsel
zwischen  König  Milan  und  Garaschanin.  (Im  Staatsarchiv
Bd.  53.)

11.  April.  (Belgrad.)  In  der  Skupschtina  verliest  der
Präsident  ein  Schreiben  König  Milans,  durch  welches  die  Regentschaft
  benachrichtigt  wird,  König  Milan  wolle  bis  zur  Volljährigkeit
  Königs  Alexander  Serbien  verlassen,  um  das  Land  zu  beruhigen.
Der  Präsident  beantragt,  König  Milan  den  Dank  der  Skupschtina
auszusprechen  und  eine  Resolution  anzunehmen,  welche  die  Regierung
  auffordert,  bei  der  Königin  Natalie  dahin  zu  wirken,  daß
sie  dem  Beispiele  König  Milans  folge.  Die  Skupschtina  nimmt
in  der  Abendsitzung  die  Anträge  des  Präsidenten  an.

Anfang  Mai.  König  Alexander  bittet  die  Königin
Natalie  persönlich,  dem  Beschlusse  der  Skupschtina  zu  entsprechen.

9.  Mai.  Der  Ministerpräsident  Pasitsch  richtet  im  Namen
der  Regierung  ein  Schreiben  an  die  Königin  Natalie,  in  welchem
der  Beschluß  der  Skupschtina,  die  Königin  aufzufordern,  das  Land
zu  verlassen,  mitgeteilt  wird.  Gleichzeitig  wird  die  Königin  ersucht,
ihre  Absicht  zur  Kenntnis  der  Regierung  zu  bringen.

Die  Königin  antwortet  auf  den  Skupschtinabeschluß:

„Ich  betrachte  die  Resolution  der  Nationalversammlung  nicht  als
einen  Befehl  zum  Verlassen  des  Landes,  sondern  lediglich  als  einen  Wunsch.
        <pb n="293" />
        Serbien.  (Mai  16.  —Juli  Ende.)  285

Ich  finde  indes  keine  Gründe,  diesem  Wunsche  zu  entsprechen.  Nur  den
Gesetzen  des  Landes  und  der  Verfassung  bin  ich  Gehorsam  schuldig;  deshalb
bin  ich  fest  entschlossen,  zu  bleiben,  um  so  mehr,  als  ich  bei  meiner  strikten
Enthaltung  von  der  Politik  den  gegenwärtigen  Machthabern  nicht  im  Wege
sein  kann  und  meine  Entfernung  weder  den  Interessen  des  Landes  noch
jenen  des  Thrones  für  nützlich  erachte.  Sollte  aber  trotzdem  mein  Los  sich
so  gestalten,  daß  man  mich  durch  Gewalt  zum  Verlassen  des  Landes  nötigt,
so  werde  ich  meinem  einzigen  Kinde  und  vielleicht  später  einmal  auch  der
Geschichte  wenigstens  den  Beweis  geliefert  haben,  daß  ich  nicht  aus  freien
Stücken  von  seiner  Seite  gewichen  bin.“

16.  Mai.  (Belgrad.)  Die  Königin  Natalie  erkärt  dem
Ministerpräsidenten  Pasitsch  und  dem  Minister  des  Innern,  daß  sie
keinerlei  auf  ihre  Abreise  bezüglichen  Vorschläge  annehmen  werde,
und  sie  verbleibt  auch  auf  die  Versicherungen  des  Ministerpräsidenten
  Pasitsch,  daß  beide  Minister  sich  durch  ihr  Wort  für  die
Möglichkeit  ihrer  baldigen  Rückkehr  verbürgen,  bei  der  Erklärung,
Belgrad  und  Serbien  nicht  verlassen  zu  wollen,  da  ihr  Recht  zum
Aufenthalt  im  Lande  in  der  Verfassung  begründet  sei.

18.  Mai.  Der  Polizeipräfekt  wird  mit  der  Ausweisung  der
Königin  Natalie  beauftragt.  Die  zur  Wohnung  der  Königin  führenden
  Straßen  werden  gesperrt  und  die  Zufahrt  zum  Bahnhofe
mit  Gendarmerie  besetzt.  Die  Königin  reißt  die  Fenster  auf  und
ruft  laut  schreiend  die  Menge  zu  Hilfe.  Die  Bevölkerung  widersetzt
  sich  der  Ausweisung  der  Königin  thätlich,  liefert  ein  förmliches
Straßengefecht  den  zur  Ordnung  aufgebotenen  Truppen,  wobei  es
auf  beiden  Seiten  Verwundete  gibt  und  führt  die  Königin  im
Triumph  in  ihr  Palais  zurück.

19.  Mai.  Ernennung  des  Obersten  Praporcetovitsch  zum
Kriegsminister  an  Stelle  von  Milltitsch.

19.  Mai.  Die  Ausweisung  der  Königin  wird  beim  Morgengrauen
  unter  Aufbietung  der  gesamten  Garnison  durchgeführt,  und
die  Abreise  erfolgt  in  vollständiger  Ruhe  und  Ordnung.  Mittelst
Extrazuges  wird  die  Königin  nach  Semlin  über  die  Grenze  gebracht.

Eine  Anzahl  Personen,  auch  höherer  Kreise,  werden  in  Anklage
  versetzt  wegen  Aufwiegelung  und  Auflauf.

Ende  Juli.  König  Alexander  reist  nach  Rußland  (pyl.
dieses)  und  von  da  nach  Wien  und  Ischl,  wo  er  Kaiser  Franz
Joseph  und  seinen  Vater  König  Milan  besucht.
        <pb n="294" />
        286  Griethenland.  (Mai  3.)

XIX

Griechenland.

3.  Mai.  (Athen.)  Die  griechische  Kronprinzessin  Sophie,
Schwester  des  deutschen  Kaisers,  tritt  zur  orthodoxen  Kirche  über
und  wird  in  der  orthodoxen  Hofkapelle  vom  Metropoliten  in  Gegenwart
  der  königlichen  Familie,  der  heiligen  Synode,  des  Premierund
  des  Kultusministers  konfirmiert.  In  allen  Kirchen  Griechenlands
  wird  ein  Tedeum  abgehalten.
        <pb n="295" />
        XX.

Amerika.

14.  Januar.  (Washington.)  Der  Senat  nimmt  ein  Gesetz
  betr.  die  freie  Silberprägung  mit  39  gegen  27  Stimmen  an.

17.  Januar.  (Washington.)  Der  Geschichtsschreiber  George
Bancroft  (ehedem  Gesandter  in  Berlin)  f.

30.  Januar.  Schatzsekretär  Windon  stirbt  plötzlich  auf
einem  Bankett  des  Handelsamts  von  New-York,  nachdem  er  vorher
  eine  eindrucksvolle  Rede  gegen  die  Freisilberprägungsbill  gehalten
  hat.  An  seine  Stelle  tritt  der  ehemalige  Gouverneur  von
Ohio,  Foster.

Anfang  Februar.  Abschluß  eines  Handelsvertrags  zwischen

  den  Vereinigten  Staaten  und  Brasilien.

Nach  diesem  Vertrage  hat  Brasilien  das  Recht,  zollfrei  seine  Erzeugnisse
  an  Zucker,  Melasse,  Kaffee,  Häuten  in  die  Vereinigten  Staaten  einzuführen,
  während  die  Vereinigten  Staaten  das  Recht  haben,  ihr  Getreide,
Mehl,  Schweinefleisch,  ihre  Fische,  Kohlen,  Werkzeuge,  Maschinen  u.  s.  w.
nach  Brasilien  auszuführen.  Allerdings  hat  sich  die  neue  südamerikanische
Republik,  welche  ihre  Einkünfte  größtenteils  aus  Zöllen  bezieht,  vorbehalten,
andere  Produkte  und  Fabrikate  der  Vereinigten  Staaten  mit  einem  Zolle  zu
belegen,  welcher  jedoch  25  Prozent  niedriger  ist,  als  für  die  Einfuhr  aus
anderen  Ländern.  Diese  Zollreduktion  bezieht  sich  namentlich  auf  Manufakturfabrikate
  von  Baumwolle,  Wolle,  Eisen,  Stahl,  Leder,  Holz,  Möbeln,
Wagen  u.  s.  w.  In  kurzer  Zeit  sollen  ähnliche  Verträge  mit  Mexiko,  zentralund
  südamerikanischen  Staaten  folgen.

14.  Februar.  General  Sherman  f.

Mitte  Februar.  Eine  Schiffahrtsbill  verheißt  allen  in
den  Vereinigten  Staaten  erbauten  amerikanischen  Schiffen,  je  nach
ihrem  Tonnengehalte,  bedeutende  Geldsubsidien  auf  längere  Dauer,
so  daß  amerikanische  Schiffskompanien  sich  bilden,  Dampf=  und
Segelschiffe  bauen  und  den  ozeanischen  Transport  zwischen  den
Vereinigten  Staaten  und  Zentral-=  und  Südamerika  wie  auch  Europa
vermitteln  werden.
        <pb n="296" />
        288  Amerika.  (Februar  23.—  April  19.)

23.  Februar.  (Washington.)  Einwanderungs-Bill.
Das  Gesetz  verbietet  die  Einwanderung  von  Personen,  die  zur  Reise
Unterstützung  erhielten  und  von  denen  anzunehmen  sei,  daß  sie  die
öffentliche  Mildthätigkeit  in  Anspruch  nehmen  würden;  ferner  verbietet
  dasselbe  die  Einwanderung  von  Polygamisten.

3.  März.  Ein  Fleischschaugesetz  wird  vom  Präsidenten
Harrison  vollzogen.

14.  März.  (New-Orleans.)  11  Italiener  werden  gelyncht;
  der  italienische  Gesandte  macht  dem  Präsidenten  Harrison
Vorstellungen  wegen  des  Blutbades.  Dieser  wendet  sich  in  einem
Schreiben  an  Nicholls,  Gouverneur  von  Lousiana,  worin  er  betont:

er  bedauere  lebhaft,  daß  die  Bürger  von  New-Orleans  der  Lauterkeit
  und  Befähigung  der  Gerichte  kein  Vertrauen  geschenkt  und  die  Entscheidung
  über  eine  gesetzlich  geregelte  Frage  dem  durch  Leidenschaft  getrübten
Volksurteil  anheim  gegeben  hätten.  Der  Präfident  hoffe,  daß  der  Gouverneur
  ihn  bei  der  Erfüllung  der  Pflichten  der  Regierung  gegenüber  den  italienischen
  Unterthanen  in  der  durch  die  herrschende  Erregung  hervorgerufenen
Gefahr  unterstützen  und  daß  er  die  erforderlichen  Anstalten  treffen  werde,
damit  weiteres  Blutvergießen  verhindert  und  alle  Schuldigen  dem  Gericht
übergeben  würden.

Ueber  die  Veranlassung  zu  dem  Vorfalle  wird  weiter  bekannt,  daß
die  Bevölkerung  von  New-Orleans  berechtigt  gewesen  wäre,  das  in  ihren
Mauern  getriebene  Unwesen  italienischer  Banditengesellschaften,  die  sich  fortwährend
  mit  Meuchelmorden  befehdeten,  unerträglich  zu  finden  und  eine
kräftige  Abhilfe  zu  verlangen.  Diese  Abhilfe  hätte  der  Polizeimeister  Henessy
schaffen  wollen  und  wäre  dafür  am  15.  Oktober  v.  J.  meuchlerisch  ermordet
worden.  Dafür  wären  11  Italiener  verhaftet  und  am  13.  März  von  den
Verhafteten  7  vor  den  Schwurgerichtshof  gestellt  worden.  Die  Geschworenen
hätten  4  der  Angeklagten  freigesprochen  und  erklärt,  über  3  sich  nicht  haben
einigen  zu  können.  Es  seien  jedoch  nicht  bloß  diese  drei,  sondern  auch  die
vier  Freigesprochenen  in  Haft  geblieben  und  außerdem  vier  Italiener,  denen
der  Prozeß  noch  gar  nicht  gemacht  gewesen  wäre.  Diese  elf  verhafteten  Italiener
  sind  ermordet  worden.

31.  März.  Der  italienische  Gesandte  Baron  de  Fava
überreicht  dem  Staatsdepartement  sein  Abberufungsschreiben.

19.  April.  (Galveston.)  Präsident  Harrison  hält  folgende
handelspolitische  Rede.

„Wir  sind“  so  betont  der  Präsident,  „groß  und  reich  genug,  um
unsern  Sinn  auf  größere  Unternehmungen  zu  richten,  an  welche  unfre  Staatsmänner
  der  Vergangenheit  noch  nicht  gedacht  haben.  Wenn  Sie  damit  zufrieden
  sind,  daß  die  Nationen  Europas  den  ganzen  Handel  der  südlich  von
uns  gelegenen  Republiken  absorbieren,  so  bin  ich  es  doch  nicht.  Dieser  Handel
ist  von  Rechtswegen  unser,  und  zwar  sowohl  wegen  der  Nachbarschaft  und
der  bequemen  Verbindung,  als  auch  wegen  der  Sympathie,  welche  die  Hemisphäre,
  in  der  es  keine  Monarchie  gibt,  miteinander  verbindet.  Die  Bestimmungen
  der  im  letzten  Kongreß  angenommenen  und  auf  Förderung  der
Gegenseitigkeitsbeziehungen  im  Handel  gerichteten  Bill  fanden  nicht  bloß
meine  amtliche  Unterschrift,  sondern  auch  schon  vorher  meine  eifrigste  Unter-
        <pb n="297" />
        Nord-Amerika.  (Mai  2.—Juni  Mitte.)  289

stützung.  Bereits  früher  war  ein  Gegenseitigkeitsvertrag  mit  Brafilien  abgeschlossen
  und  proklamiert  worden.  Ohne  Staatsgeheimnisse  verraten  zu
wollen,  glaube  ich  doch  mitteilen  zu  dürfen,  daß  der  Vertrag  mit  Brasilien
nicht  lange  mehr  der  einzige  bleiben  wird,  daß  andere  folgen  und  die  Produkte
  der  Vereinigten  Staaten  freien  oder  doch  wenigstens  begünstigten  Zutritt
  in  die  Häfen  vieler  süd=  und  zentralamerikanischen  Staaten  finden
werden.  Um  amerikanische  Waren  nach  diesen  Häfen  zu  bringen,  gebrauchen
wir  amerikanische  Dampfer.  Der  letzte  Kongreß  bewilligte  1½  Millionen
Dollars  und  autorisierte  den  Generalpostmeister  zu  dem  Abschluß  von  Verträgen
  mit  Dampfergesellschaften  für  Beförderung  der  Post  auf  eine  Periode
von  nicht  mehr  als  10  Jahren.  Bisher  war  der  ausländische  der  einzige
Postdienst,  welcher  der  Regierung  einen  Ueberschuß  ergeben  hat.  Was  die
Beförderung  der  Post  auf  unfren  eigenen  Schiffen  anbetraf,  so  waren  wir
bisher  zu  sparsam  und  genau,  und  zogen  es  vor,  lieber  Einnahmen  aus
dieser  Ouelle  zu  empfangen,  als  dieselben  auf  Hebung  unfrer  eignen  Schifffahrt
  zu  verwenden.  Jetzt  wollen  wir  jedoch  unfre  bisherige  Politik  ändern
und  mit  amerikanischen  Dampfern  für  Beförderung  der  amerikanischen  Post
liberalere  Kontrakte  abschließen.  Der  Einwand  dürfte  sich  hiergegen  erheben,
daß  wir  von  dieser  Politik  Abstand  nehmen  sollten,  da  die  Regierung  mit
derselben  eine  Subventionspolitik  beginnen  würde.  Hat  indes  nicht  jede
andere  große  Nation  in  der  Welt  das  Gleiche  gethan  und  thut  sie  es  nicht
noch  heute?  Ich  wünsche  sehr,  daß  die  Zeit  kommen  möge,  wo  amerikanische
in  ausländischen  Häfen  im  zeitweiligen  Exil  lebende  Bürger  ab  und  zu
stolze,  moderne  Kriegsschiffe  unter  der  Flagge  der  Sterne  und  Streifen  erblicken
  können,  Schiffe,  welche  die  besten  Geschütze  und  eine  brave  amerikanische
  Bemannung  an  Deck  haben.  Ich  wünsche  ferner,  daß  man  in  allen
jenen  Häfen,  in  welchen  die  amerikanische  Flagge  so  lange  nicht  gesehen
worden,  derselben  wieder  regelmäßig  auf  unsern  Dampfern  und  Segelschiffen
begegnen  möge.  Und  weiter  sollten  wir  unfre  Anstrengungen  auf  die  baldige
Fertigstellung  des  Nicaragua-Kanals  richten,  damit  der  Weg  um  das  Kap
Horn  nicht  der  einzige  zum  Stillen  Ozean  bleibe."“

2.  Mai.  (San  Francisco.)  Präsident  Harrison  weist  in
einer  hier  gehaltenen  Rede  auf  den  hervorragend  friedlichen  Charakter
der  Bevölkerung  der  Vereinigten  Staaten  hin,  betont  gleichzeitig
aber  die  Notwendigkeit  der  Beschaffung  einer  ausreichenden  Anzahl
von  Kriegsschiffen  zur  Aufrechterhaltung  des  Friedens  auf  der  ganzen
westlichen  Erdhälfte.

6.  Juni.  (Ottowa.)  Premierminister  von  Kanada  Sir
John  Macdonald  f.

15.  Juni.  (Waschington.)  Eine  Proklamation  des  Präsidenten
  Harrison  teilt  den  Abschluß  des  Vertrages  zwischen  den
Vereinigten  Staaten  und  Großbritannien  mit,  durch  welchen  die
beiden  Regierungen  sich  verpflichten,  den  Robbenfang  im  Behringsmeer
  bis  zum  Mai  1892  zu  untersagen  und  Maßregeln  zu
ergreifen,  welche  die  Beobachtung  dieses  Verbotes  sichern.  Ein
Schiedsgericht  soll  den  Streit  endgiltig  entscheiden.

Mitte  Juni.  Bildung  einer  dritten  politischen  Partei
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.  19
        <pb n="298" />
        290  Nord-Ameriks.  (November  3.—Dezember  10.)

unter  dem  Namen  „Volkspartei“,  die  gegen  die  bestehenden  Hauptparteien,
  die  demokrakische  und  die  republikanische,  Opposition  macht.

3.  November.  (New-York.)  Bei  den  Staatswahlen  im
Staate  Virginien  werden  alle  demokratischen  Kandidaten  mit  großer
Majorität  gewählt.  In  Columbus  (Ohio)  wird  der  Republikaner
Mac  Kinley,  der  Urheber  des  Zolltarifs,  mit  22,000  Stimmen
Mehrheit  zum  Gouverneur  gewählt  an  Stelle  des  bisherigen  demokratischen
  Gouverneurs.  Die  Republikaner  siegen  auch  im  Staate
Philadelphia.  In  New-York  die  Demokraten.

6.  Dezember.  (Washington.)  Der  Kongreß  der  Vereinigten
Staaten  tritt  wieder  zusammen.  Zum  Sprecher  wird  im  dritten
Wahlgang  Crisp  gewählt.

9.  Dezember.  Die  Botschaft  des  Präsidenten

weist  auf  die  abgeschlossenen  Reziprozitätsverträge  hin  und  hofft,  daß
weitere  ähnliche  Abkommen  vor  Jahresabschluß  getroffen  werden.  Es  sei
erfreulich,  daß  Deutschland,  Dänemark,  Italien,  Oesterreich-Ungarn  und
Frankreich  ihre  Häfen  den  die  Inspektion  passierten  Schweinefleischprodukten
geöffnet  haben.  Die  Botschaft  bespricht  den  chilenischen  Bürgerkrieg,  zu  dessen
Beilegung  die  Union  ihre  guten  Dienste  anbot.  Betreffs  der  Unruhen  in
China  bestehe  die  Unionsregierung  darauf,  daß  die  chinesische  Regierung  die
bisherigen  Schutz=  und  Strafmaßregeln  aufrecht  halte.  Die  Unionsregierung
habe  der  russischen  Regierung  ernste  Besorgnisse  wegen  der  strengen  Verfügungen
  gegen  die  Hebräer  und  die  daraus  entspringende  Auswanderung
nach  Amerika  ausgesprochen,  welche  ernste  Folgen  für  den  Arbeitsmarkt  haben
dürfte.  Bezüglich  des  Mac  Kinleytarifs  sagt  die  Botschaft,  der  Wohlstand
des  Volkes  sei  größer  als  je,  der  neue  Tarif  schuf  mehrere  große  Industrien.
Der  Präsident  empfiehlt,  die  bestehenden  Gesetze  betreffs  des  Silbers  vollständig
  zu  erproben  und  jeden  den  Geschäftsinteressen  schädlichen  Einfluß  zu
hemmen,  welcher  durchgreifende  Aenderungen  zur  Folge  haben  müßte.  Der
Präsident  spricht  sich  gegen  freie  Silberprägung  aus.  Die  Mehrheit  des
Volkes  wünsche,  daß  das  Silber  in  vollem  Maße  zur  Münzung  verwendet
werde,  sobald  andere  Nationen  mitwirken  und  das  Verhältnis  zwischen  Gold
und  Silber  festgesetzt  ist.  Die  Geschäftswelt  bedürfe  beider  Metalle.  Die
Stimmung  in  Europa  sei  nicht  derart,  daß  der  Präsident  sich  veranlaßt  gefühlt
  hätte,  eine  internationale  Konferenz  vorzuschlagen,  jedoch  mache  sich  in
Europa  die  Meinung  zu  Gunsten  eines  größeren  Silbergebrauchs  mehr  und
mehr  geltend.  —  Die  Unionsmarine  müsse  schnell  durch  moderne  Schiffe
bester  Typen  zum  Schutze  der  Bürger  auf  allen  Meeren  und  zur  Auedehnung
  des  Handels  der  Vereinigten  Staaten  vervollständigt  werden.

10.  Dezember.  (Washington.)  In  der  Sitzung  des  Senats
bringt  Senator  Stewart  einen  Gesetzentwurf  ein,  nach  dem  für
chinesische  Arbeiter  die  Einwanderung  in  die  Unionsstaaten  und  der
Aufenthalt  in  diesen  verboten  werden  soll.  Die  Vorlage  betrifft
nicht  nur  solche  Chinesen,  die  vorher  in  den  Unionsstaaten  sich  niemals
  aufgehalten  haben,  sondern  auch  solche,  die  bereits  früher  in
den  Vereinigten  Staaten  verweilt  und  sie  wieder  verlassen  haben,
        <pb n="299" />
        Instralien  und  Südseeinseln.  (April  18.—Dezember  1.)  293

18.  April.  (Melbourne.)  Der  ehemalige  König  von  Samoa
Tamasese  f.6

Mai.  (Samoa.)  Die  Wahl  der  sechs  Mitglieder  des  von
Art.  5  der  Berliner  Akte  vorgesehenen  Munizipalrates  füällt  folgendermaßen
  aus:  drei  deutsche  (Weber,  Heidlin  und  Großmühl)
im  westlichen,  zwei  Engländer  (Dunneth  und  Meredith),  ein  Amerikaner
  (Moore)  im  östlichen  Distrikt.

August.  Unruhen  auf  den  Karolinen,  die  von  den  Spaniern
unterdrückt  werden.

1.  Dezember.  Die  Legislativversammlung  nimmt  die  Bill
betreffs  Einführung  des  achtstündigen  Maximal--Arbeitstages  mit
großer  Majorität  an.
        <pb n="300" />
        292  TAustralien  und  Südseeinseln.  (Januar  20.—März  5.)

XXII.
Asien.

2.  Januar.  Prinz  Chun,  der  Vater  des  Kaisers  von
China  f.

Mai.  (Shangai.)  Christliche  Missionshäuser  in  verschiedenen
  Städten  werden  vom  Pöbel  gestürmt  und  geplündert;  weitere
Bewegungen  mit  vielen  Mordthaten  gegen  die  Christen  schließen
sich  an.  Die  europäischen  Gesandten  ermahnen  die  chinesische  Regierung
  dringend,  die  Christen  zu  schützen.

31.  Mai.  (Tokio.)  Der  Vikomte  Admiral  Enomoto  wird
an  Stelle  des  Vikomte  Aoki  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten.


November.  Ernstlicher  Aufstand  in  der  Mongolei  und
anderen  Distrikten  in  der  Nähe  der  Hauptstadt.  Die  Rebellen,
unter  denen  Infanterie  und  mehrere  Schwadronen  Kavallerie  sich
befinden,  marschieren  gegen  Peking.  Die  christliche  Bevölkerung  in
Kingschu,  die  von  belgischen  Priestern  bekehrt  worden,  wird  mit
diesen  niedergemetzelt.

25.  Dezember.  Auflösung  des  japanischen  Abgeordnetenhauses.

XX  III.

Anstralien  und  Südseeinseln.

20.  Januar.  Kalakaua,  König  der  Sandwichs-Inseln  Fin
San  Francisco;  Nachfolgerin  ist  die  Prinzessin  Liliuokalani,  seine
Schwester.

5.  März.  (Sydney.)  Eröffnung  eines  Vorparlaments,  das
eine  Föderation  der  Kolonien  in  die  Wege  leiten  soll.  Der
Premierminister  von  Neu-Süd-Wales,  Sir  Henry  Parkes  hat  die
anregende  Idee  hiezu  gegeben.

Es  beteiligten  sich  bei  den  Besprechungen  in  Sidney  sämtliche  hier
ernstlich  in  Frage  kommenden  Kolonien:  Neu-Süd-Wales,  Viktoria,  Queensland,
  Süd-Australien,  West-Australien,  Tasmanien  und  Neuseeland.  Die
Anträge,  welche  von  dem  Premierminister  von  Neu-Süd-Wales  der  Versammlung

  vorgelegt  worden,  sind  fast  wörtlich  dem  Vorbilde  der  Verfassung
der  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  entnommen.
        <pb n="301" />
        Australien  und  Sũdseeinseln.  (April  18.  —  Dezember  1.)  293

18.  April.  (Melbourne.)  Der  ehemalige  König  von  Samoa
Tamasese  f.

Mai.  (Samoa.)  Die  Wahl  der  sechs  Mitglieder  des  von
Art.  5  der  Berliner  Akte  vorgesehenen  Munizipalrates  fällt  folgendermaßen
  aus:  drei  deutsche  (Weber,  Heidlin  und  Großmühl)
im  westlichen,  zwei  Engländer  (Dunneth  und  Meredith),  ein  Amerikaner
  (Moore)  im  östlichen  Distrikt.

August.  Unruhen  auf  den  Karolinen,  die  von  den  Spaniern
unterdrückt  werden.

1.  Dezember.  Die  Legislativversammlung  nimmt  die  Bill
betreffs  Einführung  des  achtstündigen  Maximal--Arbeitstages  mit
großer  Majorität  an.
        <pb n="302" />
        Uebersicht
der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1891.

Allge-  Die  große  internationale  Politik  hat  sich  im  Jahre  1891
meine  langsam  in  der  seit  1879  eingeschlagenen  Bahn  ohne  Abweichung
päische  nach  rechts  oder  links  und  ohne  Durchgang  durch  eine  größere  Krisis
Volitik.  fortbewegt.  Auch  die  neuen  Gedanken,  die  aufgetaucht  sind,  bewegen
  sich  in  derselben  Richtung;  starke  retardierende  Momente,  die
aufgetreten  sind,  lassen  vermuten,  daß  Europa  noch  längere  Zeit

in  derselben  Weise  fortleben  wird.
Der  Dreibund  ist  erhalten  und  erneuert  und  diese  Erneuerung
  in  besonders  markanter  Weise  proklamiert  worden.  (Vgl.
S.  101  u.  251).)  An  diese  zur  Verteidigung  zusammengeballte
Masse  haben  sich  die  beiden  Angriffslustigen  in  Europa,  Frankreich
und  Rußland  bisher  nicht  herangewagt.  Ihre  Angriffslust  unterliegt
  keinem  Zweifel,  es  ist  klar,  daß  sie  nur  fort  und  fort  auf  den
günstigeren  Moment  warten;  auf  die  Umstände,  die  in  der  Weltgeschichte
  sich  unausgesetzt  notwendig  wandeln,  die  sich  also  auch  einmal
  für  sie  hervorragend  vorteilhaft  gestalten  müssen.  Dies  oder
jenes  von  größerem  oder  geringerem  Gewicht  kann  man  dabei  ins
Auge  fassen,  Stimmungen  und  Regierungsveränderungen  in  anderen
Staaten,  namentlich  in  den  kleineren  Staaten  der  Balkanhalbinsel
oder  auch  innere  Zustände  in  den  Dreibundstaaten.  Im  abgelaufenen
  Jahr  sind  besonders  zwei  außerhalb  jener  beiden  festen
Gruppen  stehende  Großmächte  in  Betracht  gekommen.  Die  erste  ist
England.  So  gering  die  englische  Landmacht  ist,  so  würde  eine
        <pb n="303" />
        Nebersicht  der  polilischen  Entwickelung  des  Jahres  1891.  295

aktive  Teilnahme  Englands  am  Kriege  auf  der  Seite  der  Dreimächte
  doch  vermöge  der  Bedeutung  der  englischen  Flotte  ein  ganz
gewaltiges  Gewicht  in  die  Wagschale  werfen.  Die  englische  Flotte
würde  Deutschland  vor  der  etwaigen  Absperrung  der  nötigen  Getreidezufuhr
  sichern  und  die  beiden  Verbündeten  Frankreich  und
Rußland  völlig  von  einander  isolieren.  Kaum  in  eine  briefliche
Kommunikation  würden  sie  miteinander  treten  können  und  namentlich
  würde  Rußland  abgeschlossen  sein  von  der  finanziellen  und
wirtschaftlichen  Unterstützung  durch  Frankreich,  ohne  welche  es  den
Krieg  auf  die  Dauer  jedenfalls  nicht  aushalten  könnte.  Und  grade
in  der  Fähigkeit  zur  Ausdauer  liegt  auch  wieder  in  anderer  Beziehung
  Rußlands  eigentliche  militärische  Stärke.  (Vgl.  Pr.  Jahrb.
Bd.  69  S.  114.)  Nicht  weniger  wichtig  würde  die  englische  Flotte  für
die  Stellung  Italiens  im  Kampfe  werden.  Die  langgestreckte  italienische
  Küste  ist  der  überlegenen  französischen  Marine  allenthalben
ausgesetzt,  so  daß  ein  großer  Teil  des  italienischen  Landheeres  zum
Schutze  der  Heimat  zurückbleiben  müßte  und  der  aktiven  Kriegführung
  entzogen  würde.  Andere  Teile  der  italienischen  Armee
könnten  selbst  gegen  ihren  Willen  lange  zurückgehalten  werden,
wenn  es  der  französischen  Flotte  gelingt,  hier  oder  da  die  an  der
Küste  entlang  laufenden  wenigen  italienischen  Eisenbahnlinien  zu
unterbrechen.  Erst  wenn  die  englische  Flotte  ihr  hilft,  die  französische
  in  Schach  zu  halten,  würde  die  italienische  Armee  mit  freier
Brust  und  vollem  Atemzuge  einen  wirklichen  Waffengang  mit  den
Franzosen  wagen  können.  Englands  Stellungnahme  ist  also  überaus
wichtig  und  für  tiefer  blickende  Politiker  kann  es  keinem  Zweifel
unterliegen,  daß  das  wahre  Interesse  Englands  diesen  Staat  auf
die  Seite  des  Dreibunds  führen  muß.  Aber  in  England  selbst  ist
diese  Ansicht  keineswegs  allgemein  angenommen.  Freilich  daß  ein
Sieg  Rußlands  über  Deutschland  und  Oesterreich  auch  für  Englands
  Weltstellung  im  Orient  und  in  Asien  vernichtend  sein  würde,
sieht  man  wohl  ein,  aber  der  englische  Krämer  macht  die  Rechnung,
daß  die  anderen  allein  ihre  Haut  zu  Markte  tragen  und  England
seinen  Vorteil,  ohne  eine  Hand  zu  rühren,  einheimsen  könnte.  Wenn
sich  die  Kontinentalmächte  gegenseitig  zerfleischen  und  schwächen,  so
herrscht  England  um  so  ungestörter  über  die  Meere,  und  Asien
        <pb n="304" />
        296  Mebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.

kann  nicht  besser  geschützt  werden,  als  wenn  Rußland  auf  Europa
  abgelenkt  wird.  So  ganz  besiegen  wird  es  ja  den  Dreibund
  so  leicht  nicht,  auch  ohne  England.  Umgekehrt  könnte  es
durch  den  Zutritt  Englands  etwa  von  der  Aggression  in  Europa
abgeschreckt  werden,  nach  einem  Ausgleich  mit  Oesterreich  suchen
und  sich  mit  aller  Kraft  auf  Asien  werfen.  Zu  diesen  Erwägungen
  kommt  eine  starke  Sympathie  unter  den  englischen  Radikalen
  für  das  republikanische  Frankreich.  England  verhält  sich
also  zwischen  den  beiden  Kontinentalgruppen  neutral.  Der  Leiter
der  auswärtigen  Politik  Lord  Salisbury  neigt  unzweifelhaft  zum
Dreibund,  aber  er  ist  abhängig  vom  Parlament  und  es  ist  höchst
zweifelhaft,  ob  er  bei  den  nächsten  Wahlen  die  Majorität  behalten
  wird.  Man  darf  daher  als  sicher  annehmen,  daß  der  Besuch,
  welchen  der  deutsche  Kaiser  im  Juli  in  England  abstattete
und  bei  dem  er  von  dem  Staatssekretär  des  Auswärtigen  begleitet
war,  zu  einem  positiven  politischen  Vertrage  nicht  geführt  hat;
selbst  die  Nachricht,  daß  die  sachliche  Identität  der  englischen  und
deutschen  Interessen  in  Form  eines  Protokolls  festgestellt  worden
sei,  darf  als  eine  positiv  beglaubigte  kaum  gelten.  Der  Führer
der  englischen  Opposition,  Gladstone,  hat  die  Politik  der  Neutraliät
in  der  denkbar  schärfsten  Form  proklamiert,  indem  er  den  Wunsch
aussprach,  daß  England  Egypten  wieder  räumen  möge.  (Vgl.  England
  S.  229.)  Wenn  England  dazu  bereit  ist,  braucht  es  freilich
keine  Kosten  auf  Kriegsrüstungen  zu  verwenden  und  kann  die  anderen
Großmächte  allein  ausmachen  lassen,  was  aus  der  Welt  werden
und  wem  einmal  die  Vorherrschaft  im  Mittelmeer  und  endlich
Asien  zufallen  soll.

Die  andere  Großmacht,  deren  Stellung  zum  Dreibund  vielfach
  kommentiert  worden  ist,  ist  die  Kurie.  Der  Papst,  einst  das
Haupt  des  occidentalen  Universalstaates,  wie  Ranke  es  ausgedrückt
hat,  dessen  politische  Bedeutung  im  18.  Jahrhundert  auf  ein  Minimum
  reduziert  worden  war,  muß  jetzt  allen  Ernstes  wieder  als
Großmacht  angesehen  werden.  Gerade  die  Ereignisse  des  letzten
Jahres  haben  es  gezeigt.  Als  seinen  Todfeind  sieht  der  heilige
Stuhl  das  Königreich  Italien  an,  das  ihm  die  Genugthuung  und
Annehmlichkeit  einer  weltlichen  Herrschaft  geraubt  hat.  Italien
        <pb n="305" />
        Mebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.  297

aber  gehört  zum  Dreibund  und  im  Dreibund  findet  es  seine  Sicherheit.
  Zum  Dreibund  gehört  freilich  auch  die  bestkatholische  aller
Großmächte,  Oesterreich,  aber  eben  deshalb  ist  von  Oesterreich  nichts
für  die  weltlichen  Bestrebungen  der  Kirchenpolitiker  zu  erwarten.
Was  bleibt  übrig,  wenn  man  nicht  die  Hoffnung  auf  die  Wiederherstellung
  des  Kirchenstaats  aufgeben  will?  Man  muß  sich  den
Gegnern  des  Dreibundes  zuwenden.  Wenn  es  mit  Hilfe  der  katholischen
  Kirche  diesen  gelingt,  den  Bund  zu  besiegen  und  im
Verfolg  dieser  Ereignisse  der  italienische  Nationalstaat  wieder  zerfällt,
  dann  mag  auch  die  Hoffnung  der  Kurie  auf  die  Herrschaft
in  der  ewigen  Stadt  wieder  erwachen.  (Vgl.  Kurie  19.  Juni;
5.  Aug.;  13.  Aug.)  Freilich  die  Gegner  des  Dreibundes  sind  eine
durch  und  durch  kirchen=  ja  religionsfeindliche  Republik  und  ein
schismatischer  Staat,  der  sich  von  je  durch  harte  Behandlung  seiner
katholischen  Unterthanen  ausgezeichnet  hat  —  aber  was  thut's,
wenn  der  heißeste  aller  Wünsche,  die  weltliche  Herrschaft,  auf  diese
Weise  erreicht  werden  kann?

Auf  einem  andern  Herde  der  Politik  bildete  sich  derselbe  Gedanke.
  Seit  vielen  Jahren  sind  in  Frankreich  immer  von  Zeit  zu
Zeit  Versuche  gemacht  worden,  die  konservativ--kirchlichen  Kreise
mit  der  republikanischen  Regierungsform  auszusöhnen,  statt  ihr
ewig  grollend  gegenüber  und  damit  abseits  zu  stehen.  Alle  diese
Bestrebungen  waren  erfolglos  geblieben,  bis  hochkirchliche  Kreise
den  Gedanken  ergriffen.  Seit  dem  November  1890  (vgl.  den  vorigen
Jahrgang)  betrieb  der  Kardinal  Lavigerie  mit  offenem  Visier  diesen
Gedanken  und  allmählich  wurde  klar,  daß  das  nicht  bloß  französische,
  sondern  universale  Politik  sei.  Ob  der  Gedanke  von  Rom
ausgegangen  oder  nach  Rom  importiert,  dem  Papst  Leo  XlII.  innerlich
  sympathisch  oder  bloß  aufoktroyiert  ist,  ist  bisher  dunkel  geblieben;
  so  viel  ist  klar,  daß  in  den  höchsten  kirchlichen  Kreisen
eifrig  an  dem  Ausbau  der  Idee  gearbeitet  wurde.  Wenn  der  Papst
dem  französischen  Klerus  befahl,  sich  von  den  Monarchisten  loszulösen
  und  rückhaltlos  auf  den  Boden  der  Republik  zu  treten,  so
konnte  er  dafür  als  Gegengabe  nicht  nur  freundlichere  Behandlung
der  Kirche  in  Frankreich  selbst,  sondern  auch  Kooperation  in  der
auswärtigen  Politik  erwarten.  Die  Fürsten  haben  die  Kirche  ver-
        <pb n="306" />
        298  Mebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.

lassen,  so  möge  denn  eine  katholische  Demokratie  an  ihre  Stelle
treten.  Bald  gingen  die  Gedanken  weiter:  der  Papst  hat  großen
Einfluß  auf  die  deutschen  und  polnischen  Katholiken:  wie  wenn  er
diesen  Einfluß  verwertete,  beim  Ausbruch  des  Weltkrieges  die  Polen
von  einer  Erhebung  gegen  Rußland  abzuhalten,  dann  deutsche  und
italienische  Katholiken  zu  revolutionären  Bewegungen  zu  verlocken?
Wäre  das  nicht  Leistung  genug,  um  als  Lohn  von  den  Franzosen
die  Wiederherstellung  des  Kirchenstaats  zu  erwarten?  Gegen  den
Dreibund  schien  sich  ein  Gegen  -Dreibund,  zusammengesetzt  aus
Frankreich,  Rußland  und  der  katholischen  Kirche  zu  bilden.  Eine
groteske  Zusammenstellung  der  disparatesten  Elemente  Europas,  republikanischer
  Radikalismus,  asiatischer  Despotismus,  Mönchtum;
Jakobiner,  Kosak  und  Jesuit;  rote  Mütze,  Kutte  und  Knute;  aber
daß  im  Jahre  1891  an  dieser  Koalition  ernsthaft  gearbeitet  ist,
unterliegt  keinem  Zweifel.  Am  meisten  betroffen  waren  über  solche
Politik  natürlich  die  deutschen  Katholiken,  welche  laut  und  leidenschaftlich
  —  nicht  jedoch  ohne  daß  sich  aus  ihrem  Lager  auch  Gegenstimmen
  erhoben  hätten  (vgl.  S.  105;  108;  112  ff.)  —  gegen  die
ganze  Vorstellung  protestierten  und  es  für  eine  Unwahrheit  erklärten,
  daß  der  heilige  Vater  selbst  solchem  abgeschmackten  Phantome
  nachjage.

Ganz  im  Gegensatz  zu  diesen  Machenschaften,  die  doch  auch
vielen  Streitern  in  den  beteiligten  Lagern  selbst  zuwider  waren,
lief  auf  einmal  der  entgegengesetzte  Argwohn  durch  die  Welt,  daß
nämlich  Italien  vom  Dreibunde  losgelöst  werden  solle.  Das
wäre  um  so  wichtiger,  als  mit  Italien  auch  England,  das  hauptsächlich
  an  der  Erhaltung  des  status  quo  im  Mittelmeere  interessiert
  ist,  dem  Dreibunde  weiter  entfernt  werden  würde.  Der  russische
  Minister  des  Auswärtigen,  von  Giers,  der  aus  Gesundbeitsrücksichten
  Westeuropa  aufgesucht  hatte,  begab  sich  nach  Italien,
hatte  eine  Zusammenkunft  mit  dem  Marquis  Rudini  und  wurde
vom  König  Humbert  in  Monza  empfangen.  (Vgl.  S.  252.)  Schwerlich
  ist  es  hier  jedoch  zu  irgend  welchen  politischen  Abmachungen
gekommen.

Einen  positiven  Gewinn  hat  die  russische  Politik  am  Bosporus
  zu  verzeichnen  gehabt.  Rußland  besitzt  auf  dem  Schwarzen
        <pb n="307" />
        Uebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.  299

Meere  eine  sogenannte  Freiwilligen-Flotte.  Es  sind  ein  Dutzend
Kreuzer,  die  im  Jahre  1886,  als  ein  Konflikt  mit  England  drohte,
gebaut  und  dann  an  Privatleute  überwiesen  wurden,  mit  der  Maßgabe,
  daß  sie  im  Kriegsfalle  der  Regierung  zur  Verfügung  zu  stellen
seien.  Im  Frieden  führen  sie  also  die  Handelsflagge.  Unter  dem
Schutze  dieser  Flagge  versuchten  mehrmals  solche  Schiffe,  die  Reservisten
  oder  Sträflinge  von  oder  an  die  ostsibirische  Küste  zu
transportieren  hatten,  die  Durchfahrt  durch  den  Bosporus  und  die
Dardanellen.  Türkische  Befehlshaber  der  Ufer-Forts  hielten  sie  an,
unter  Berufung  darauf,  daß  allen  Kriegsschiffen  diese  Fahrt  verboten
  sei  und  man  die  Soldaten  auf  den  Schiffen  deutlich  erkannt
habe.  Das  formelle  Recht  war  unzweifelhaft  auf  seiten  der  Türken
und  die  Sache  ist  von  großer  Wichtigkeit.  Denn  durch  die  Schaffung
der  beiden  militärkräftigen  Staaten  Rumänien  und  Bulgarien  hat
sich  Rußland  den  direkten  Landweg  nach  Konstantinopel  selber  verbarrikadiert;
  der  Weg  durch  Klein-Asien  ist  sehr  weit.  Das  gegebene
  Stratagem  bei  einem  neuen  Türkenkriege  scheint  daher  ein
plötzlicher  Ueberfall  der  Hauptstadt  von  der  See  her  und  dies
würde  durch  das  Fahrrecht  der  Kreuzer,  die  nach  Belieben  die  Kriegsoder
  Handelsflagge  aufziehen  können,  sehr  erleichtert  werden.  Aber
auf  eigene  Hand  wagte  die  Türkei  doch  nicht,  der  sehr  brutal  angemeldeten
  russischen  Forderung  entgegenzutreten  und  die  Großmächte
  hielten  sich  zurück.  England  wünschte  den  Dreibund  vorzuschicken,
  der  Dreibund  fand,  daß  in  erster  Linie  ein  Interesse  Englands
  in  Frage  sei.  So  blieb  der  Pforte  endlich  nichts  übrig,  als
sich  zu  unterwerfen  und  im  Zusammenhang  damit  entließ  der  Sultan
seinen  bisherigen  dreibundfreundlichen  Großvezier.  Umgekehrt  trat
noch  am  Schluß  des  Jahres  in  Rumänien  an  Stelle  eines  konservativen
  russenfreundlichen  Ministeriums  ein  dem  Dreibund  geneigtes.


Ihre  eigentliche  Firma  erhielt  die  internationale  Politik  des
Jahres  nicht  durch  eine  große  politische  That,  sondern  durch  eine
große  politische  Demonstration.  Eine  französische  Flotte  unter  dem
Kommando  des  Admiral  Gervais  begab  sich  nach  Kronstadt  und
wurde  hier  mit  den  höchsten  politischen  Ehren  empfangen.  Vierzehn
  Tage  lang  dauerten  die  Feste  und  gegenseitigen  Besuche,  mit
        <pb n="308" />
        300  IIIIELIILIIIIIIIILIIIIIIL

denen  der  Hof,  die  Spitzen  der  russischen  Gesellschaft,  der  Armee
und  Marine  den  französischen  Offizieren  huldigten.  Nach  Moskau
wurde  eine  Ausfahrt  unternommen,  als  wenn  der  Brand  von  1812
gesühnt  werden  sollte;  den  Heiligtümern  der  russischen  Kirchen  bezeugten
  die  französischen  Seemänner  ihre  Verehrung  und  als  Krönung
  des  Ganzen  ließ  der  Zar  bei  dem  offiziellen  Festessen  die
sonst  in  Rußland  streng  verpönte  Revolutionshymne,  die  Marseillaise,
  ven  dem  Musikchor  anstimmen  und  hörte  sie  respektvoll
aufstehend  an.  Die  russisch-französische  Verbrüderung  symbolisch
zu  einem  stärkeren  Ausdruck  zu  bringen,  würde  schwerlich  möglich
sein.  Die  Frage  ist,  weshalb  eine  so  gewaltige  Demonstration  in
Szene  gesetzt  wurde.  War  sie  bestimmt,  eine  aktive  Kooperation
einzuleiten?  Ein  Mitarbeiter  der  „Preuß.  Jahrbücher“"  (Bd.  68)
fand  dafür  den  Ausdruck,  der  Kronstädter  Besuch  sei,  was  im  bürgerlichen
  Leben  eine  Verlobung  genannt  würde.  Man  verlobe  sich,
um  eine  Ehe  zu  schließen;  man  verlobe  sich  aber  auch  manchmal,
um  ein  Verhältnis,  welches  noch  nicht  zu  einer  Ehe  führen  könne,
dadurch  fest  zu  machen  und  jedem  Zweifel  zu  entrücken.  Die  Kronstädter
  Demonstration  war  also  weniger  ein  Zeichen,  daß  die  Entwicklung
  sich  einer  Krisis  nähere,  sondern  umgekehrt,  daß  man  an
entscheidenden  Stellen  den  kritischen  Moment  noch  nicht  so  bald
erwarte.  Ja,  auf  der  französischen  Seite  hatte  man  sogar  das
Gefühl,  daß  vielleicht  durch  diesen  Besuch  des  Guten  etwas  zu  viel.
geschehen  sei,  und  zwar  in  Bezug  auf  England.  Zwar  konnte  der
Kronstädter  Besuch  einigermaßen  als  ein  Gegenzug  gegen  den  ebenfalls
  sehr  demonstrativen  Besuch  des  deutschen  Kaisers  in  England
aufgefaßt  werden,  aber  wenn  dieser  Gegenzug  etwa  dazu  geführt
hätte,  nun  England  um  so  mehr  an  den  Dreibund  heranzudrücken,
so  hätte  man  ja  nur  diesem  in  die  Hand  gearbeitet.  Zu  einigem
Erstaunen  der  öffentlichen  Meinung  in  Frankreich  selbst  hörte  man
deshalb,  als  die  Flotte  auf  ihrer  Rückfahrt  war,  daß  sie  unterwegs
in  Portsmouth  anlaufen  und  auch  England  ihre  Visite  abstatten
werde.  Die  oben  charakterisierten  frankophilen  Elemente  in  England
  begrüßten  diese  Nachricht  mit  größerer  Freude  als  die  Franzosen,
  die  wohl  empfanden,  daß  hierin  eine  Abkühlung  der  ihnen
so  wohlthuenden  Glut  ihres  Russenenthusiasmus  liege.  Lord  Salis-
        <pb n="309" />
        Nebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.  301

bury  hielt  es  nicht  für  nötig,  zu  dem  Ereignis  persönlich  zu  erscheinen;
  im  übrigen  aber  wurden  die  Franzosen  von  der  Königin,
wie  von  der  öffentlichen  Meinung  mit  der  größten  Zuvorkommenheit
  aufgenommen.  Gegenüber  dem  offenbar  absichtlich  ausgestreuten
Gerücht,  England  habe  um  diesen  Besuch  gebeten,  sprach  der  Staatssekretär
  es  im  Parlamente  aus,  daß  die  Initiative  von  französischer
Seite  ergriffen  worden  sei.

Daß  es  nicht  in  Rußlands  Absicht  liegen  könne,  schon  in
der  nächsten  Zeit  einen  kriegerischen  Konflikt  zu  provozieren,  hatten
militärische  Beurteiler  schon  länger  daraus  geschlossen,  daß  man
in  Rußland  den  Uebergang  zu  einem  neuen  Gewehrsystem  ins  Auge
faßte.  An  Stelle  des  Berdan-Gewehres  soll  nun  auch  die  russische
Armee  mit  einem  kleinkalibrigen  Mehrlader  bewaffnet  werden,  und
die  Fabrikation  dieses  Gewehres  wurde,  wie  man  allmählich  erfuhr,
  derart  verteilt,  daß  erst  im  Jahr  1894  der  Wechsel  vollständig
  durchgeführt  sein  wird.  Auch  innerhalb  dieser  drei  Jahre
ist  die  russische  Fabrikation  nicht  entfernt  im  stande,  den  gesamten
Bedarf  zu  liefern  und  die  ausländische  Industrie  muß  stark  herangezogen
  werden.  Aber  wenigstens  einen  Teil  der  Bestellung  wollte
die  Regierung  doch  auch  dem  Inlande  zuwenden,  und  man  durfte
sich  diese  Freiheit  erlauben,  da  der  Dreibund  ja  von  ausschließlich
defensiver  Absicht  und  defensivem  Geiste  erfüllt  ist,  und  der  Moment
des  Krieges  daher  allein  in  der  Hand  Rußlands  liegt.  Man  sieht,
welchen  unermeßlichen  Vorteil  der  Dreibund  durch  die  immer  wiederholte
  unbedingte  Zusage  der  ausschließlichen  Abwehr  Rußland  gewährt.


Wenn  die  Kronstädter  Zusammenkunft  wirklich  zu  einem  positiven
  politischen  Vertrage  geführt  haben  sollte,  und  nicht  nur  eine
Demonstration  war,  so  ist  der  Inhalt  vermutlich  kein  anderer,  als
daß  Rußland  sich  verpflichtet  hat,  Frankreich  unter  allen  Umständen,
in  welchem  Stadium  der  Umwaffnung  es  sich  auch  gerade  befinde,
wenn  es  von  irgend  einer  Seite  angegriffen  werden  sollte,  beizustehen.
  Aus  dem  Vorhergehenden  erkennt  man,  wie  billig  und  inhaltslos
  thatsächlich  ein  solches  Versprechen  ist.  Umgekehrt  könnte
Frankreich  Rußland  versprochen  haben,  unter  keinen  Umständen  sich
mit  Deutschland  auszusöhnen,  was  für  Rußland  eine  sehr  viel
        <pb n="310" />
        302  Nebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.

wertvollere  Zusage  sein  würde  und  ihm  eine  zuverlässige  Basis  für
die  Politik  auf  eine  ferne  Zukunft  hinaus  sichert.  (Preuß.  Jahrb.
Bd.  68  S.  145.)  Wenn  nicht  bei  dem  Flottenbesuch  in  Kronstadt,
so  möchte  dergleichen  bei  dem  Besuche  abgemacht  sein,  den  der
Minister  v.  Giers  auf  der  schon  erwähnten  Reise,  die  ihn  zunächst
an  den  italienischen  Hof  führte,  auch  in  Paris  machte.  Einen  noch
kostbareren  Preis  aber  als  jenes  politische  Versprechen  sollten  die
Franzosen  den  Russen  für  die  Gewährung  ihrer  huldvollen  Freundschaft
  bezahlen.  Schon  lange  hatte  der  russische  Finanzminister
wieder  das  Bedürfnis  nach  einer  großen  Anleihe.  Im  Frühjahr
hatte  er  darüber  bereits  seinen  Vertrag  mit  dem  Hause  Rothschild
abgeschlossen,  als  dies  im  letzten  Augenblick  von  dem  Abkommen
zurücktrat.  Entweder  weil  es  durch  die  Verbesserung  der  russischen
Finanzen  den  europäischen  Frieden  und  damit  seine  eigenen  Geschäfte
  zu  sehr  zu  schädigen  fürchtete,  oder,  wie  es  verbreiten  ließ
und  was  ihm  jedenfalls  eine  sehr  wohlanstehende  Maske  war,  weil
es  dem  russischen  Reich  die  Mißhandlung  seiner  jüdischen  Glaubensgenossen
  zu  sehr  verübelte  und  hier  eine  Milderung  nicht  durchzusetzen
  vermochte.  An  Stelle  des  Hauses  Rothschild  mußten  also
andere  französische  Banken  und  namentlich  das  französische  Publikum
  gewonnen  werden.  Und  wirklich  verlief  die  Subskription  glänzend,
  die  Anleihe  wurde  7  ½mal  überzeichnet.  Aber  ehe  das  Publikum
  die  Stücke  abnahm.  erfolgte  ein  furchtbarer  Rückschlag.  Schon
lange  waren  aus  dem  Innern  Rußlands  Nachrichten  nach  Europa
gedrungen,  daß  in  vielen  Gouvernements  eine  völlige  Mißernte  eingetreten
  und  infolge  dessen  ein  allgemeiner  Notstand  zu  besorgen
sei.  Schon  im  August  war  deshalb  ein  Roggenausfuhrverbot  erlassen;
  das  russische  Volk  entbehrte  also  desjenigen  Artikels,  durch
dessen  Hingabe  es  hauptsächlich  seinen  Austausch  mit  dem  industriellen
Europa  regulierte.  Die  Schilderungen  von  dem  Notstand  wurden
allmählich  immer  bestimmter  und  immer  schwärzer.  Dem  Roggenausfuhrverbot
  folgte  das  Verbot  der  andern  Nährfrüchte  und  die
Ueberzeugung  brach  sich  Bahn,  daß  Rußland  einer  Hungersnot  und
einer  furchtbaren  wirtschaftlichen  Krisis  entgegengehe.  Die  oben
noch  zu  einem  guten  Kurse  (79¾  für  3%)  überzeichnete  Anleihe
begann  rapide  zu  sinken.  Durch  künstliches  Eingreifen  wurde  der
        <pb n="311" />
        Kebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.  303

Kurs  wieder  gehoben;  die  französische  Regierung  brachte  Rothschild
dahin,  einzuspringen,  aber  der  russische  Finanzminister  mußte  sich
entschließen,  200  Millionen  von  seiner  eignen  Anleihe  sofort  wieder
zurückzukaufen.  Eine  wirtschaftliche  und  finanzielle  Not,  welche
wohl  für  längere  Zeit  von  allen  Friedensgarantieen,  nach  denen
Europa  sich  so  sehr  sehnt,  die  beste  sein  wird.

Alles,  was  bisher  erzählt  worden  ist,  sind  Erscheinungen,  Politik
welche  in  der  europäischen  Politik  nur  die  Bedeutung  von  Oscilla=  #aner.
tionen  und  Demonstrationen,  nicht  eine  eigentliche  Fortentwickelung  verträge.
noch  weniger  eines  neuen  politischen  Gedankens  haben.  Der  neue
politische  Gedanke  des  Jahres  gehört  der  Sphäre  der  Handelspolitik
  an.  Sein  Vater  ist  der  neue  deutsche  Reichskanzler  von
Caprivi.  Wie  stark  die  handelspolitischen  Verhältnisse  der  Staaten
auf  die  eigentliche  Politik  zurückwirken,  ist  eine  Streitfrage.  Manche
schlagen  den  Wert  höher,  manche  geringer  an.  Herr  v.  Caprivi
hat  sehr  entschieden  betont,  daß  er  auch  sehr  bedeutsame  politische
Erfolge  von  seinem  System  erwarte.  Die  gegen  Ende  der  70ger
Jahre  in  fast  allen  europäischen  Staaten  aufgekommene  Schutzzollbewegung
  stand  im  Jahre  1892  vor  einer  großen  Entscheidung.  In
diesem  Jahre  liefen  die  meisten  der  älteren  Handels=  und  Meistbegünstigungsverträge
  ab.  Wenn  keine  neuen  Verträge  geschlossen
wurden,  so  war  zu  erwarten,  daß  die  Staaten  ihre  Autonomie
rücksichtslos  ausnützen,  daß  jeder  den  Schaden,  den  ihm  der  Nachbar
an  der  einen  Stelle  zufügte,  suchen  würde,  an  einer  andern  Stelle
wett  zu  machen  und  zu  überbieten,  und  daß  so  ein  allgemeiner
Zollkrieg  aller  gegen  alle  und  eine  ungeheuerliche  Emporschraubung
des  Schutzzollsystems  sich  ergeben  würde.  Hieraus  war  denn  auch
eine  politische  Entfremdung,  namentlich  der  Dreibundstaaten  untereinander
  zu  gewärtigen.

Dies  dürfte  der  Grundgedanke  sein,  von  dem  aus  Herr  von
Caprivi  es  unternahm,  ein  neues  System  von  Handelsverträgen  zu
schaffen,  welches  erstens  dem  weiteren  Steigen  der  Schutzzölle  Halt
gebietet,  zweitens  an  einigen  Punkten  Ermäßigungen  eintreten  läßt,
endlich  und  vor  allem  für  eine  längere  Reihe  von  Jahren  dem
wirtschaftlichen  Leben  Stabilität  der  Grundlagen  verspricht.  Das
Absperrungssystem  Rußlands  und  das  Bestreben  der  Vereinigten
        <pb n="312" />
        304  Mebersicht  der  politischen  Eutwickelnus  des  Jahres  1891.

Staaten  von  Nordamerika,  nicht  nur  sich  selbst  gegen  die  europäische
Industrie  abzuschließen,  sondern  auch  den  gesamten  amerikanischen
Kontinent  in  ihre  Wirtschaftssphäre  zu  bannen,  sind  wesentlich
verstärkende  Momente.  Zunächst  auf  die  Mächte  des  Dreibunds

und  die  angrenzenden  kleineren  Staaten,  Schweiz,  Belgien,  Serbien,
Rumänien  ist  der  Plan  berechnet.  Seine  ideale  Erfüllung  aber
würde  er  erst  erlangen,  wenn  auch  Frankreich  sich  entschließt,  in
diesen  mitteleuropäischen  Kreis  einzutreten.  Frankreich  freilich  wandelt

  zur  Zeit  auf  der  entgegengesetzten  Bahn  der  handelspolitischen
Abschließung.  Aber  es  wäre  doch  wohl  möglich,  daß  mit  der  Zeit

sein  eigener  Vorteil  es  zwingt,  sich  jener  Handelsvereinigung  zu
nähern.  Und  das  würde  denn  doch  wohl  wieder  eine  Anregung

zu  erneuter  Erwägung  des  Gedankens  einer  politischen  Annäherung
Deutsch-geben.  Grade  im  Beginn  des  Jahres  1891  schien  einmal  ein  Phäan
  un  nomen  dieser  Art  am  fernsten  Horizonte  aufzutauchen.  In  Berlin
reich.  sollte  eine  große  internationale  Kunstausstellung  stattfinden  unter
ieihder  dem  Protektorate  der  kunstsinnigen  und  kunstverständigen  Kaiserin
Friedrich  Friedrich.  Es  wäre  immerhin  auch  ein  gutes  politisches  Augurium
znn  gewesen,  wenn  auch  die  französischen  Künstler  sich  zur  Beteiligung
an  dieser  Ausstellung  entschlossen,  und  daraus  vielfältige  persönliche
Berührungen  zwischen  hervorragenden  Männern  beider  Nationen

sich  ergeben  hätten.  Die  Kaiserin  Friedrich  reiste  selbst  nach  Paris,

um  auf  dem  Wege  in  ihre  Heimat  diese  Stadt  zu  besuchen  und
persönlich  vielleicht  einige  Einwirkung  auf  die  französische  Künstlerschaft

  zu  üben  (vgl.  Frankreich  Febr.).  Die  hohe  Frau  wurde  anfänglich

  von  der  französischen  Bevölkerung  und  Presse  nicht  bloß  mit  Höflichkeit,
  sondern  mit  einem  gewissen  sympathischen  Entgegenkommen
aufgenommen,  sodaß  Sanguiniker  schon  allerhand  Hoffnungen  zu
bauen  begannen;  bald  aber  erfolgte  ein  furchtbarer  Umschlag.  Unter

der  Führung  der  alten  Patriotenliga  und  der  Boulangisten  erhob  sich

der  französische  Chauvinismus  derartig  gegen  den  Gast  seiner  Hauptstadt,

  daß  man  endlich  froh  war,  zu  hören,  daß  die  Kaiserin  ohne
Zwischenfall  den  französischen  Boden  wieder  verlassen  habe.  Um

sich  für  die  Beleidigung,  die  für  das  deutsche  Volk  und  die  kaiserliche

  Dynastie  in  diesem  Betragen  lag,  eine  Genugthuung  zu  nehmen,

blieb  der  Regierung  nichts  übrig,  als  die  elsaß-lothringische  Paß-
        <pb n="313" />
        Aebersicht  der  politischen  Entwichelnusz  des  Jahres  1891.  305

verordnung,  deren  Bestimmung  ja  war,  das  französische  und  deutsche
Volk  möglichst  voneinander  zu  entfernen,  wieder  in  aller  Schärfe
in  Kraft  zu  setzen.  So  hatte  die  Reise  der  kaiserlichen  Frau  das
gerade  Gegenteil  von  dem  erreicht,  was  sie  beabsichtigte.  Die  Spannung
  wurde  wieder  größer,  die  Stimmung  gereizter,  und  die  Franzosen
  rüsteten  ihre  Expedition  nach  Kronstadt  aus.  Immerhin  darf
man  nicht  vergessen,  daß  doch  einen  Augenblick  einmal  die  Vorstellung
  von  einer  möglichen  Annäherung  geherrscht  hat,  und  indem
Kronstadt  und  die  wahrscheinlich  dabei  getroffenen  Abmachungen
diese  Möglichkeit  wieder  in  weite  Ferne  gerückt  haben,  hat  dies
Ereignis  nicht  eine  bloß  demonstrative,  sondern  auch  eine  inhaltliche
Bedeutung.

Die  innere  Politik  Deutschlands  und  besonders  Preußens  ist  Deutschdurch
  eine  höchst  bedeutende  gesetzgeberische  Thätigkeit  bezeichnet.  Innere
Man  darf  diese  Gesetze  sämtlich  als  Ausläufer  der  Aera  des  Fürsten  Politik.
Bismarck  bezeichnen,  obgleich  der  Fürst  selbst  ihnen  allen  eine  entschiedene
  Opposition  entgegengesetzt  hat.  Sie  gehören  dennoch  seiner
Epoche  an,  da  sie  ganz  und  gar  in  ihrem  Geiste  gehalten,  längst
von  den  Kreisen,  die  dem  Fürsten  am  nächsten  standen,  gefordert
und  nur  durch  zufällige  und  persönliche  Antipathien,  wie  sie  jeder
Individualität  anhaften  und  sich  im  Alter  am  meisten  geltend  zu
machen  Pflegen,  von  dem  Fürsten  persönlich  zurückgehalten  worden
sind.  In  erster  Linie  ist  hier  zu  nennen  eine  tief  eingreifende  Arbeiterschutz-Gesetzgebung
  in  Form  einer  Novelle  zur  Gewerbeordnung.
  Die  Hauptarbeit  war  schon  im  Jahre  1890  gemacht
(vergl.  diesen  Jahrgang);  trotz  heftiger  Opposition  weiter  industrieller
Kreise  stimmten  zuletzt  im  Reichstag  außer  den  Sozialdemokraten
nur  ganz  vereinzelte  Abgeordnete  dagegen.  Deutschland  hat  dadurch
die  anderen  Staaten  auf  diesem  legislatorischen  Gebiet  eingeholt,
in  einigen  Punkten  schärfer,  in  anderen  vorsichtiger  vorgehend.  Ganz
besonders  streng  sind  die  Bestimmungen  über  die  Beschränkung  der
Sonntagsarbeit.

Die  Finanzen  des  Reichs  haben  lange  schwer  gelitten  unter
dem  Verfall  der  Zuckersteuer.  Aus  den  ursprünglichen  Exportbonifikationen
  waren  mit  der  Zeit  nicht  bloß  in  Deutschland,  sondern

  in  allen  Zucker  erzeugenden  Länder  Exportprämien  geworden,
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXxII.  20
        <pb n="314" />
        306  Aebersicht  der  politischen  Entmichelnng  des  Zahres  1891.

und  alle  Versuche,  durch  eine  internationale  Abmachung  gemeinsam
diesem  Uebel  zu  steuern,  waren  gescheitert.  Das  isolierte  Vorgehen
eines  Staates,  solange  andere  die  Prämien  beibehalten,  scheint  für
die  Industrie  und  die  agrarischen  Interessen  gefährlich.  Der  Reichskanzler
  v.  Caprivi  ging  aber  jetzt  der  Sache  sehr  energisch  zu  Leibe;
er  bewilligte  den  Interessenten  eine  längere  Uebergangsperiode  (bis
zum  Jahre  1897)  mit  einer  festen  Exportprämie  an  Stelle  der  aus
der  Materialsteuer  entstandenen  versteckten,  wies  aber  alle  Versuche,
die  definitive  Entscheidung  auf  eine  spätere  Zeit  zu  verschieben,  ab,  und
hat  damit  den  weiteren  Debatten  ein  Ende  gemacht.  Nur  mit  drei
Stimmen  Moajorität  konnte  der  entscheidende  Beschluß  im  Reichstag
durchgebracht  werden.  Die  Zukunft  der  Zuckerindustrie  in  Deutschland
  hängt  nun  nicht  bloß  von  ihrer  eigenen  Tüchtigkeit,  sondern
auch  wesentlich  davon  ab,  ob  die  konkurrierenden  Staaten  sich  durch
ihr  eigenes  Finanzinteresse  bis  zum  Jahre  1897  veranlaßt  sehen
werden,  ebenfalls  ihre  Exportprämien  abzuschaffen.

Preußen.  Noch  viel  tiefer  eingreifend  ist  die  Steuerreform,  welche  sich
in  Preußen  vollzog  auf  dem  Gebiete  der  Einkommensteuer.  Die
alte  Klassensteuer  (bis  zu  Einkommen  von  3000  Mark)  war  gänzlich
  verfallen  und  stückweise  in  irrationeller  Weise  aufgehoben;  die
Einkommensteuer  ebenfalls  vermöge  ungenügenden  Einschätzungsverfahrens
  höchst  mangelhaft.  In  sehr  drastischer  Weise  kam  das
in  einem  Skandalprozesse  zu  Tage.  Ein  ultramontaner  Redakteur,
Fusangel,  beschuldigte  die  nationalliberale  Stadtverwaltung  in
Bochum  absichtlicher  Unterschätzung  ihrer  reichen  Parteigenossen,
namentlich  des  ersten  Großindustriellen  der  Stadt,  des  Eisen-  und
Maschinenfabrikanten  Baare  (vgl.  S.  93  und  99).  Wirklich  kamen
ungeheuerliche  Unterschätzungen  zu  Tage,  nur  daß  der  Parteigeist
ganz  und  gar  nichts  damit  zu  thun  hatte,  sondern,  wie  jeder  Kenner
wußte,  diese  Verhältnisse  in  ganz  Preußen  nicht  anders  sind.  Das
neue  Gesetz  hat  nun  eine  einheitliche  Steuer  geschaffen,  bei  welcher
die  Einschätzung  auf  der  eigenen  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen
abgegebenen  Deklaration  des  Zensiten  erfolgt.  Optimisten  meinen,
daß  auf  diese  Weise  wirklich  annähernd  das  richtige  Einkommen
eruiert  werde.  Pessimisten  sind  der  Ansicht,  daß  Einkommen  ein
viel  zu  unsicherer  und  schwankender  Begriff  sei,  als  daß  dem  Zen-
        <pb n="315" />
        Aebersicht  der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1891.  307

siten  eine  solche  Deklaration  zugemutet  werden  dürfe,  daß  daher
das  moralische  Uebel  der  falschen  Deklarationen  viel  größer  sein
werde,  als  der  Gewinn,  den  der  Fiskus  bei  den  ehrlichen  Leuten
mache.  Für  die  unteren  Steuerstufen  wurde  der  Prozentsatz  der
Steuer  in  dem  Gesetz  wesentlich  ermäßigt,  für  die  oberen  (von
30,000  Mark  an)  erhöht;  das  Maximum  40,  früher  3%,  beginnt  mit
100,000  Mark.  Aktiengesellschaften  werden  noch  besonders  besteuert.
Mit  dieser  Verstärkung  der  Steuerlasten  nach  oben  ist  ein  Ausgleich
  gegen  die  vielfältige  Erhöhung  der  indirekten  Steuern,  die
im  letzten  Jahrzehnt  aufgelegt  sind,  gegeben  (Ges.  v.  24.  Juni).
In  ähnlichem  Sinne  wie  die  Einkommensteuer  wurde  auch  die  Gewerbesteuer
  reformiert.  Das  zu  erwartende  Plus  an  Einnahme
soll  aber  keine  Steuervermehrung  bilden,  sondern  soll  dienen  zur
Erleichterung  einer  Reform  der  Kommunalsteuer.

Das  zweite  große  Gesetz  ist  die  Reform  der  Landgemeindeordnung
  für  die  sieben  östlichen  Provinzen.  Dies  Gesetz  ist  als
der  Abschluß  der  vom  Minister  vom  Stein  im  Jahre  1807  begonnenen
  Reform  anzusehen:  ein  Beweis,  wie  unendlich  schwer
und  langsam  sich  solche  Reformen  vollziehen,  wenn  sie  nicht  auf
revolutionärem  Wege,  sondern  unter  Schonung  der  bestehenden
politischen,  sozialen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  durchgeführt
werden  sollen.  Das  platte  Land  östlich  der  Elbe  bietet  sozial  ein
wesentlich  anderes  Bild  als  das  alte  Deutschland  westlich  jenes
Stromes.  Auf  dem  den  Slawen  allmählich  abgewonnenen  deutschen
Kolonialgebiet  ist  der  Großgrundbesitz  in  den  Händen  der  Nachkommen
  der  Ritter,  welche  das  Land  erobert  haben,  noch  heute  vorherrschend.
  Reste  der  alten  feudalen  Organisation  haben  sich  in
den  Gutsbezirken  naturgemäß  erhalten  und  es  war  auch  jetzt  noch
eine  sehr  schwierige  Aufgabe,  aus  Rittergutsbesitzern  und  besitzlosen
  Tagelöhnern,  Bauern  und  modernen  Industriellen,  die  sich
aufs  Land  hinausgezogen  haben,  einen  lebensfähigen  kommunalen
Organismus  zu  schaffen.  Läßt  man  die  Gemeindebehörden  wählen,
  so  ist  die  Gefahr,  daß  der  größte  Grundbesitzer  und  Hauptsteuerträger
  des  Bezirks  in  unbilliger  Weise  überstimmt  wird;  gibt
man  diesem  ein  seinem  Besitz  entsprechendes  Uebergewicht,  so  ist  er
so  gut  wie  Alleinherrscher.  Nicht  auf  schematischem  Wege  durch

20“
        <pb n="316" />
        308  Aebersicht  der  politischen  Eutwickelung  des  Jahres  1891.

Aufstellung  eines  allenthalben  gleichmäßig  wirkenden  Systems  konnte
dieses  Problem  gelöst  werden.  Man  entschloß  sich  daher  mit  Recht
zu  einem  freilich  sehr  künstlichen  und  komplizierten  Aufbau,  der
aber  dadurch  fähig  geworden  ist,  sich  all'  den  verschiedenen  Ver—
hältnissen  anzupassen.  Statt  der  eigentlichen  Gemeinde  tritt  sehr
häufig  ein  bloßer  Verband  für  bestimmte  Zwecke  (Wegebau,  Schulen,
Armenlast,  Polizei)  ein;  manche  Gutsbezirke  bleiben  als  solche  bestehen,
  manche  werden  mit  benachbarten  Gemeinden  verschmolzen.
Dann  sind  wieder  Kautelen  eingefügt,  daß  diese  Verschmelzungen
nicht  willkürkich,  auch  nicht  nach  dem  bloßen  Gutdünken  der  Regierung,
  sondern  nur  unter  sorgfältiger  Erwägung  der  jedesmaligen
Verhältnisse  erfolgen  können.  (Ges.  v.  3.  Juli.)

Dem  Finanzminister  Miquel  und  dem  Minister  des  Innern
Herrfurth,  die  mit  ebensoviel  Sachkenntnis  und  Klugheit,  wie  parlamentarisch-diplomatischem
  Geschick  diese  beiden  großen  Werke  zur
Vollendung  gebracht  hatten,  gab  der  König  durch  Ueberreichung
seines  Bildnisses  ein  Zeichen  seiner  besonderen  Anerkennung.  (16.
Juni.)

Mit  der  Steuervorlage  und  der  Landgemeindeordnung  hatte
das  preußische  Ministerium  noch  eine  dritte  Vorlage  in  den  Landtag
  eingebracht  (vgl.  1890  S.  163  und  266),  welche  mit  jenen  beiden
nach  der  Erklärung  des  Ministerpräsidenten  eine  organische  Einheit
bildete,  das  Volksschulgesetz.  Mit  diesem  aber  ist  man  nicht
zu  stande  gekommen.  Während  dem  Einkommensteuergesetz  in  der
Hauptsache  nur  die  Deutschfreisinnigen,  der  Landgemeindeordnung
ein  Teil  der  Konservativen  widerstrebte,  widersetzte  sich  dem  Volksschulgesetz
  vor  allem  das  Zentrum,  unterstützt  aus  entgegengesetzten
Motiven  von  Deutschfreisinnigen.  Dieser  Widerstand  wäre  im
Abgeordnetenhaus,  wo  die  Kartellparteien  über  eine  große  Majorität
verfügen,  zu  überwinden  gewesen.  Aber  es  sind  nicht  immer  bloß
die  Fraktionsstärken  in  ihrem  Landtage,  mit  denen  eine  preußische
Regierung  zu  rechnen  hat,  die  deutsche  und  preußische  Politik  hängen
untrennbar  zusammen,  und  im  Reichstag  gebot  nicht  das  Kartell,
sondern  das  Zentrum  mit  den  Deutschfreisinnigen  über  die  Majorität.
Da  Deutschland  ein  konstitutioneller  Staat  ist,  so  kann  die  Regierung
  nicht  umhin,  den  Parteien,  welchen  das  Volk  in  seinen  Wahlen
        <pb n="317" />
        Aebersicht  der  politischen  Eniwichelung  des  Jahres  1891.  309

zum  Parlament  die  Majorität  gibt,  Konzessionen  zu  machen.  Man
versuchte  es  zunächst,  das  Zentrum  mit  einem  anderen  fetten  Bissen
freundlich  zu  stimmen.  Vom  Kulturkampf  her  existierte  in  Preußen
der  Sperrgelderfonds  in  Höhe  von  16  Millionen  Mark  (vgl.  vorigen
Jahrg.  S.  324).  Der  erste  Versuch,  sich  über  die  Verwendung  dieses
Fonds  zu  einigen,  war  mißlungen;  und  die  Regierung  that  jetzt
den  schweren  Schritt,  die  Forderung  des  Zentrums,  welche  sie  im
vorigen  Jahre  für  unerfüllbar  erklärt  hatte,  selber  vorzuschlagen,
nämlich,  teils  Rückgabe  der  Gelder  an  die  ihrer  Zeit  „Gesperrten“,
teils  Aushändigung  des  Kapitals  an  die  Bischöfe.  Der  Kultusminister
  von  Goßler  gewann  es  über  sich,  die  Vorlage  einzubringen
und  zu  vertreten.  Es  ließ  sich  vom  staatsmännischen  Gesichtspunkt
sehr  viel  für  diesen  Schritt  sagen.  Der  materielle  Gewinn  der
katholischen  Kirche  war  nicht  so  groß  wie  er  schien;  da  einmal  ein
Opfer  gebracht  werden  mußte,  war  dies  noch  immer  das  geringste;
auch  die  legislatorische  Situation  hatte  sich  durch  ein  Anerbieten
der  Bischöfe  wesentlich  verändert.  (Vgl.  die  Verteidigung  der  Sperrgeldervorlage
  in  den  Preuß.  Jahrb.  Bd.  67  S.  218).  Aber  die
öffentliche  Meinung  erkannte  das  alles  nicht  an,  sie  sah  nur  das
erneute  Zurückweichen  der  Regierung  vor  dem  Zentrum  und  legte
dem  Minister  von  Goßler  als  Motiv  nicht  staatsmännische  Ueberlegung,
  sondern  bloßes  Kleben  am  Amte  unter.  Da  nun  auch
durch  das  schwere  Mißgeschick  mit  der  Nichtigkeit  der  Koch'schen  von
dem  Minister  so  überschwenglich  verkündeten  Entdeckung  seine  Autorität
  sehr  erschüttert  war,  da  endlich  seine  Differenz  mit  dem
Kaiser  über  die  Reform  des  höheren  Schulwesens  offen  zu  Tage
lag,  so  vermochte  er  sich  nicht  zu  halten.  Der  Abg.  Windthorst
drückte  aufs  stärkste,  besonders  als  verlautete,  daß  der  Minister
den  Ministerialdirektor  Kuegler  zu  seinem  Unterstaatssekretär  zu
machen  gedenke.  Ob  diese  Angelegenheit,  ob  die  allgemeine,  immer
unbehaglicher  werdende  Situation  den  letzten  Anstoß  gegeben  hat,
ist  nicht  mit  Sicherheit  bekannt  geworden.  Jedenfalls  gab  Herr
v.  Goßler  endlich  die  Schlacht  verloren  und  nahm  seinen  Abschied
(13.  März).  Unmittelbar  darauf  starb  der  Führer  des  Zentrums,
der  Abg.  Windthorst,  wie  auf  der  Höhe  seines  Triumphes  und
wurde  mit  fürstlichen  Ehren  vom  Parlament,  von  der  Regierung
        <pb n="318" />
        310  EIELIIEIIIIIIIIIIIEIEIIIIII

und  vom  Kaiser  persönlich  geehrt,  zu  Grabe  geleitet.  In  tiefem
Unmut  zog  mancher  deutsche  Mann  den  Vergleich,  wie  der  Gründer
des  deutschen  Reiches  einsam,  beinahe  verbannt  in  Friedrichsruh
mit  verdüsterter  Stimmung  seinen  Lebensabend  verbringe,  während
der  alte  schlaue  Verteidiger  des  Partikularismus  und  Ultramontanismus
  als  Sieger  von  hinnen  geschieden  war.

Der  neue  Kultusminister  Graf  Zedlitz-Trützschler,  bisher  Oberpräsident
  von  Posen  und  Chef  der  Ansiedlungskommission,  zog  den
Volksschulgesetzentwurf  zurück,  gab  aber  mehrfach  die  Versicherung,
daß  er  den  Rechten  des  Staats  nichts  vergeben  werde.  (Vgl.
15.  Juni.)

Dem  im  Jahre  1890  gegebenen  Gesetz  über  die  Errichtung
von  Rentengütern  folgte  in  diesem  Jahre  ein  anderes,  welches
bestimmt  ist,  jenes  erst  recht  in  Wirksamkeit  zu  setzen.  Die  alten
Rentenbanken,  welche  einst  bei  Ablösung  der  Feudallasten  so  gute
Dienste  gethan  haben,  sollen  wieder  die  Vermittelung  übernehmen
und  den  Gutsbesitzern  die  Möglichkeit  schaffen,  sich  die  Rente,  um
die  sie  ein  Arbeitergütchen  verkaufen,  nach  Bedürfnis  auch  in  Kapital
umsetzen  zu  können.  Auf  diese  Weise  hofft  man,  den  Verhältnissen
der  Neuzeit  entsprechend,  einen  zugleich  freien  und  doch  fest  ansässigen
  Arbeiterstand  auf  dem  Lande  allmählich  schaffen  zu  können.
Ein  Wildschadengesetz  sollte  ebenfalls  einen  alten  Schaden  des
Landlebens  heilen.

Am  Schluß  des  Jahres  wurde  im  Reichstag  die  große  Entscheidungsschlacht
  über  die  Handelsverträge  geschlagen.  Die
Agrarier  übernahmen  die  Opposition,  da  die  Verträge  eine  Herabsetzung
  der  Getreidezölle  speziell  des  Roggens  und  Weizens  von  50
auf  35  Mark  die  Tonne  vorsehen.  In  Wirklichkeit  macht  gerade
die  Landwirtschaft  durch  diese  Verträge  ein  glänzendes  Geschäft.
Denn  bei  der  letzten  Erhöhung  der  Zölle  (vgl.  Jahrg.  1887  S.  196
und  Preuß.  Jahrb.  Band  69  S.  117)  war  von  der  Regierung  ausdrücklich
  versprochen  worden,  daß  bei  wesentlicher  Preiserhöhung
die  Zölle  reduziert  oder  suspendiert  werden  sollten,  und  der  Minister
Lucius  hatte  dabei  ausdrücklich  180  Mark  für  die  Tonne  Roggen
schon  als  einen  zu  hohen  Preis  bezeichnet.  Nunmehr  aber  stand
der  Getreidepreis  bereits  seit  dem  Sommer  erheblich  höher;  der
        <pb n="319" />
        Mebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.  311

Roggen  war  zeitweilig  bis  auf  260  gestiegen  und  kostete  im  Dezember
in  Berlin  230—240  Mark.  Nach  jenem  Versprechen  der  Regierung
hätten  die  Zölle  also  längst  suspendiert  sein  müssen,  dieses  Versprechen
  war  aber  unerfüllbar  geworden,  da  die  Regierung  der  Zölle
als  Kompensation  bei  den  Handelsvertragsverhandlungen  bedurfte.
Gerade  diesen  Verträgen  verdankt  die  deutsche  Landwirtschaft  also
die  Erhaltung  und  Befestigung  der  Zölle  und  die  Opposition  ist
schlechterdings  nur  aus  taktischen  Gründen  erklärbar.  Die  Freihändler
  und  die  Sozialdemokraten  traten  umgekehrt  für  die  Handelsverträge
  ein,  teils,  weil  sie  sich  nicht  stark  genug  fühlten  zu  dem
Versuch,  sich  von  der  Regierung  zu  emanzipieren  und  die  Zölle
gänzlich  zu  beseitigen,  teils,  weil  durch  diese  Verträge  immerhin
dem  weiteren  Ansteigen  der  Schutzzölle  Halt  geboten  ist,  und  damit
die  Möglichkeit  einer  rückläufigen  Bewegung  gegeben.

Durch  die  Reform  der  Zuckersteuer,  die  Aufhebung  des  Die
Schweineeinfuhrverbots,  die  Handelsverträge,  die  Landgemeindeord-arteien
nung  hatte  sich  die  Regierung  vielfach  in  Widerspruch  zu  agrarischen
  Interessen  und  gewissen  reaktionär-konservativen  Anschauungen
gesetzt;  durch  eben  diese  Handlungen  und  daneben  durch  eine  liberale
Verwaltungspraxis,  namentlich  auch  eine  sehr  verständige,  maßvolle
Haltung  in  Vereins-,  Versammlungs=  und  Preßangelegenheiten  der
Sozialdemokraten  bei  den  Parteien  der  Linken  gewonnen.  In  den
alten  Kartellparteien,  besonders  auf  der  äußersten  Rechten,  entstand
darüber  eine  starke  Unzufriedenheit.  Die  konservative  Fraktion
des  Abgeordnetenhauses,  welche  anfänglich  an  der  Landgemeindeordnung
  noch  ganz  gutwillig  und  ernsthaft  mitgearbeitet  hatte,  geriet
noch  im  letzten  Augenblick  in  einen  scharf  zugespitzten  persönlichen
Konflikt  mit  dem  Minister  des  Innern.  Merkwürdigerweise  gab
dazu  Veranlassung  ein  Amendement,  welches  im  Herrenhause  zwei
so  konservative  Männer,  wie  der  ehemalige  Minister  v.  Puttkamer
und  v.  Kleist-Retzow  stellten.  Dies  erschien  den  Konservativen  des
Abgeordnetenhauses  unter  Führung  des  Herrn  v.  Rauchhaupt  so
unannehmbar,  daß  sie  deshalb  gegen  die  ganze  Landgemeindeordnung
  stimmten,  die  die  meisten  von  ihnen  bei  der  vorhergehenden
Abstimmung  angenommen  hatten.  Bei  den  nationalliberalen
Großindustriellen  war  ebenfalls  viel  Unzufriedenheit  wegen  der
        <pb n="320" />
        312  Mebersicht  der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1891.

Lasten,  welche  ihnen  die  neue  Gewerbeordnung  auferlegte.  Alle
Arbeitgeber  insgesamt  waren  mißmutig  über  das  nunmehr  in  Kraft
getretene  Invaliditäts=  und  Altersversicherungsgesetz  (ein  Historiker
dürfte  freilich  eher  seine  Verwunderung  aussprechen,  daß  eine  solche
ungeheure  Organisation  mit  solcher  Leichtigkeit  hat  eingeführt  werden
können).  Von  dem  neuen  Kultusminister,  dem  Grafen  Zedlitz
fürchtete  man  klerikale  Neigungen;  ein  gewisses  Entgegenkommen,
welches  er  den  Polen  bewies,  wurde,  obgleich  der  Minister  diesen
Verdacht  entschieden  zurückwies,  in  streng  national  gesinnten  Kreisen
ausgelegt  als  ein  völliger  Abfall  von  der  bisherigen  Germanisierungspolitik.


Von  den  übrigen  Parteien  begann  das  Zentrum  sich  beinahe
  schon  als  Regierungspartei  zu  fühlen;  ein  Ausdruck,  der  freilich
  doch  nur  sehr  cum  grano  salis  aufzufassen  ist  und  jedenfalls
eine  überaus  bescheidene  Vorstellung  von  den  Ansprüchen  voraussetzt,
  die  eine  Regierungspartei  machen  darf.  Einen  drastischen  Beweis,
  welchen  Aufschwung  der  Katholizismus  in  Deutschland  genommen
  hat,  gab  die  Thatsache,  daß  der  Bischof  von  Trier  es
wieder  wagen  durfte,  den  „heiligen  Rock“  auszustellen,  und  über
eine  Million  Pilger  wirklich  an  dem  „Heiligtum“  vorüberzog.  Freilich
  entstammten  diese  Pilger  fast  ausschließlich  den  niedrigsten  Volksschichten,
  und  der  Bischof  Korum  hatte  so  viel  Weltklugheit,  sich
selber  über  das  Recht  des  „Rocks“  auf  Verehrung  vorsichtig  auszudrücken
  und  keine  Wunder  geschehen  zu  lassen,  wenigstens  keine
zu  veröffentlichen.

Die  deutschfreisinnige  Partei  stimmte  zwar  gegen  die
Reform  der  Einkommensteuer,  nahm  aber  doch  die  Reform  der  Landgemeindeordnung
  und  die  Handelsverträge  an,  und  der  größte  Teil
stimmte  auch  für  die  Reform  der  Gewerbesteuer  und  für  die  recht
erheblichen  Marineforderungen  im  Reichstag.  Der  Abgeordnete
Richter  hielt  es  für  nötig,  bei  der  Etatsdebatte  (30.  November)  ausdrücklich
  alle  die  Punkte  aufzuzählen,  in  denen  sich  sein  Standpunkt
noch  von  demjenigen  der  Regierung  unterscheide.

Nicht  weniger  hat  sich  auch  die  Haltung  der  Sozialdemokraten
  geändert.  Sie  hielten  einen  großen  Parteitag  in  Erfurt
(14.—21.  Oktober)  und  beschlossen  ein  neues  Programm.  Aus
        <pb n="321" />
        Aebersicht  der  politischen  Euiwickelung  des  Zahres  1891.  313

diesem  ist  aber  nicht  viel  zu  entnehmen,  wie  auch  darauf  sehr  wenig
Zeit  verwandt  wurde.  Die  Hauptsache  war  eine  sehr  eingehende
und  heftige  Auseinandersetzung  über  die  Taktik.  Auf  der  einen
Seite  hatte  sich  innerhalb  der  Partei  eine  Richtung  der  „Jungen“
gebildet,  welche  den  revolutionären  Charakter  der  Partei  uneingeschränkt
  erhalten  und  deshalb  die  Teilnahme  an  parlamentarischem
Leben  verwerfen  wollte.  Auf  der  andern  Seite  hatte  der  Abgeordnete
  v.  Vollmar  mit  einigen  Freunden  unumwunden  eingestanden,
daß  das  sozialdemokratische  tausendjährige  Reich  denn  doch  nicht  so
nahe  sei,  wie  man  sich  bisher  eingeredet  habe  und  daß  es  deshalb
richtig  sei,  an  der  Verbesserung  der  Gegenwart  zu  arbeiten.  Die
älteren  Führer,  Bebel,  Liebknecht,  Singer,  kamen  wohl  auf  den
Parteitag  mit  der  Absicht,  diese  beide  oppositionellen  Richtungen
rechts  wie  links  niederzuschlagen;  die  „Jungen“  wurden  auch  unter
der  Beschuldigung,  die  Parteileitung  verleumdet  zu  haben,  ausgeschlossen,
  aber  gegen  Vollmar  mißlang  das  Manöver.  So  hat  die
Partei  thatsächlich,  wenn  sie  es  selber  auch  noch  aufs  heftigste  bestreitet,
  die  Wege  des  Umsturzes  verlassen  und  damit  einen  großen
Teil  ihrer  eigentlichen  Gefährlichkeit  eingebüßt.  Sogar  in  der  Armeefrage
  bekannten  sich  nicht  bloß  Vollmar,  sondern  auch  Bebel  zu
ganz  klaren  praktischen  Anschauungen.  Daß  es  mit  jeder  Freiheit
vorbei  sei,  wenn  Rußland  Deutschland  besiegen  sollte,  muß  in  der
That  auch  einem  phantastischen  Sozialdemokraten  einleuchten,  und
das  haben  jene  beiden  denn  auch  mehrfach  mit  allem  Ernst  ihren
Anhängern  zu  bedenken  gegeben.  Der  Versuch,  die  ganze  Arbeiterschaft
  nicht  nur  Deutschlands,  sondern  West-Europas  zu  einer  großen
Demonstration  zu  vereinigen,  mißlang.  Zwar  wurden  nationale
und  internationale  Kongresse  (Paris  31.  März,  Brüssel  16.  August)
gehalten,  aber  der  Plan,  allgemein  den  1.  Mai  zu  einem  Arbeiterfesttag
  zu  machen  und  an  diesem  Tage  allenthalben  selbst  gegen
den  Willen  der  Arbeitgeber  die  Arbeit  ruhen  zu  lassen,  fiel  gänzlich
zu  Boden.  In  Italien  und  Frankreich  gab  er  zu  Ruhestörungen
Veranlassung;  in  Deutschland,  wo  die  sozialdemokratische  Parteileitung
  klug  genug  war  abzuraten,  blieb  die  Demonstration  auf
ganz  unbedeutende  Kreise  beschränkt.

Der  sanftere  Charakter,  den  die  Sozialdemokratie  annahm,
        <pb n="322" />
        314  IILIEITIIIIIIIIIIIIIIIIIIE

wurde  keineswegs  von  den  staatserhaltenden  Parteien  als  ein  Er—
folg  und  eine  erfreuliche  Thatsache  begrüßt.  Einerseits  fühlte  man,
daß  je  gemäßigter  jene  Partei  auftrete,  sie  desto  schwerer  in  den
Gemütern  der  Arbeiter  zu  bekämpfen  sei,  andererseits  traute  man
dieser  Sanftmut  doch  nicht  und  nahm  es  vor  allem  der  Regierung
übel,  daß  sie  sich  von  den  alten  strengeren  Grundsätzen  und  von
ihren  alten  Freunden  entfernt,  und  den  unzuverlässigen  Elementen
der  Opposition  genähert  habe.  Scharfe  Worte,  die  der  Fürst  Bismarck
  von  Friedrichsruh  her  zuweilen  verlauten  ließ,  gossen  Oel
ins  Feuer.  Da  nun  doch  auch  die  alte  Opposition  bei  weitem  nicht
wirklich  befriedigt  war,  so  war  die  Unzufriedenheit  und  das  Schelten
allenthalben:  ein  merkwürdiger  Kontrast  dagegen,  daß  alle  Gesetzesvorlagen
  der  Regierung  mit  kaum  je  erhörten  Majoritäten  angenommen
  wurden.

Auf  jene  allgemeine  Unzufriedenheit  wäre  demgemäß  so  viel
nicht  zu  geben,  wenn  sich  nicht  noch  ein  anderes  Moment  eingemischt
hätte,  welches  in  einer  oben  (S.  159)  wiedergegebenen  Politischen
Korrespondenz  der  „Preußischen  Jahrbücher“  charakterisiert  ist.

Der  größte  Umschwung,  das  völlige  Uebergehen  von  ehemaliger
  unbedingter  Opposition  zum  unbedingtesten  Anschluß  an
die  Regierung,  hat  sich  bei  den  Polen  vollzogen.  Der  letzte  Grund
liegt  in  den  auswärtigen  Verhältnissen.  So  lange  Preußen  und
Rußland  zusammenhielten,  war  Frankreich  die  Zukunftshoffnung
der  Polen.  Nachdem  sich  nunmehr  Rußland  und  Deutschland  entzweit,
  Frankreich  sich  aber  an  Rußland  angeschlossen  hat,  ist  naturgemäß
  der  Gedanke  entstanden,  daß  Polen  gerade  seine  Stütze  in
Deutschland  finden  müsse.  Natürlich  gehört  dazu  der  Entschluß,
die  jetzige  Grenze  als  eine  definitive  anzuerkennen,  und  auch  im
Falle  einer  Wiederherstellung  Polens  nach  Besiegung  der  Russen
nicht  die  Abtretung  irgend  eines  preußischen  Landstrichs  zu  fordern.
Ein  solches  Opfer  haben  die  Deutschen  gebracht,  indem  sie,  um
überhaupt  einen  deutschen  Nationalstaat  zu  haben,  auf  die  deutschösterreichischen
  Provinzen  verzichtet  haben;  ein  ähnliches  Opfer  haben
die  Italiener  durch  die  Abtretung  von  Nizza  und  Savoyen  gemacht.
Indem  nun  bei  den  Polen  derselbe  Gedanke  Raum  gewinnt,  suchen
sie  möglichst  engen  Anschluß  an  die  deutsche  Regierung.  Diese  hin-
        <pb n="323" />
        Nebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.  315

wiederum  kam  ihnen  entgegen,  indem  sie  ihnen  nach  dem  Tode
des  Erzbischofs  Dinder  wieder  einen  Geistlichen  polnischer  Nationalität,
  Dr.  v.  Stablewski,  als  Erzbischof  von  Posen  und  Gnesen  gewährte.
  Daß  hieraus,  wie  aus  einigen  Maßregeln  bezüglich  der
Schule  ein  Rückweichen  von  der  Germanisierungspolitik  überhaupt
zu  erschließen  sei,  ist  keineswegs  bewiesen.  (Vgl.  Preuß.  Jahrb.
Band  68  S.  905.)

Von  einzelnen  Ereignissen,  die,  wenn  auch  nicht  von  unmittelbaren
  politischen  Folgen  doch  in  einer  Uebersicht  der  Geschichte  dieses
Jahres  nicht  übergangen  werden  dürfen,  seien  erwähnt  der  Tod
des  großen  Feldherrn  der  Epoche,  des  Feldmarschalls  Moltke
im  90.  Lebensjahre,  der  Thronwechsel  in  Württemberg,  wo
König  Wilhelm  II.  seinem  Oheim  König  Karl  folgte,  und  in  Bayern
die  großartige  Feier  des  siebzigsten  Geburtstages  des  Prinzregenten
Luitpold.

Das  Wirtschaftsjahr  1891  war  ungünstig.  Die  schlechte  Ernte,
wenn  auch  in  Deutschland  hier  und  da  gerade  das  Gegenteil  statthatte,
  trieb  doch  die  Preise  der  Lebensmittel  sehr  in  die  Höhe  und
der  Sturz  des  Hauses  Baring  im  November  1890  und  die  daran
knüpfenden  Verlegenheit  der  Bank  und  des  Geldmarktes  in  England
lähmte  in  ihren  Nachwirkungen  Handel  und  Wandel  allenthalben.

Wirtschaft-



In  unserer  Uebersicht  des  vorigen  Jahres  schrieben  wir:  „Der  Lesterdemokratisch-hussitisch-panslawistische

  Charakter  der  Jungtschechen
muß  binnen  nicht  zu  langer  Zeit  eine  entschiedene  Reaktion  seitens
des  Monarchen  hervorrufen,  die  dann  den  Deutschen  zugute  kommen
wird.“  Diese  Annahme  ist  schnell  genug  in  Erfüllung  gegangen.
Am  23.  Januar  wurde  der  Reichsrat  plötzlich  aufgelöst,  und  die
Neuwahlen  ergaben  in  Böhmen  eine  vollständige  Niederlage  der
alttschechischen,  d.  h.  tschechisch-gouvernementalen,  einen  Sieg  der
jungtschechischen  Partei.  Mit  andern  Worten:  die  Wahlen  bewiesen,
  daß  die  Regierung  mit  der  wesentlich  flawisch-klerikalen
Majorität  nicht  länger  möglich  sei.  Der  Finanzminister  Dunajewski,
der  diese  Richtung  am  stärksten  repräsentierte,  wurde  entlassen  und
an  seine  Stelle  trat  ein  neutraler  Beamter,  Dr.  Steinbach.  Der
Wunsch  der  Deutschen  wäre  jetzt  gewesen,  zusammen  mit  den  Polen
eine  Majorität  zu  bilden.  Aber  der  Minister  von  Taaffe  war  viel

reich-Ungarn
        <pb n="324" />
        Ungarn.

316  NMebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.

zu  vorsichtig,  um  sich  so  von  seinen  alten  Freunden  zu  trennen
und  sich  so  gänzlich  in  die  Hand  der  Liberalen  zu  geben.  Indem
er  sich  zu  diesen  freundlich  stellte,  suchte  er  doch  auch  wieder  den
Rest  der  alten  Majorität  unter  Hohenwart  zu  einer  kompakten
Masse  zusammenzufügen,  und  die  Hoffnung  der  Deutschen,  daß  ihr
Führer  Herr  v.  Plener  ins  Ministerium  berufen  würde,  ging  nicht
in  Erfüllung.  Erst  gegen  Ende  des  Jahres  kam  es  wenigstens  so
weit,  daß  ein  Mitglied  der  Fraktion,  ein  Aristokrat,  der  bisher  wenig
hervorgetreten  war,  Graf  Küenburg,  zum  Minister  ohne  Portefeuille
ernannt  wurde.  Die  Jungtschechen,  statt  durch  Mäßigung  die
Regierung  wieder  für  sich  zu  gewinnen,  trieben  ihre  Agitation  nur
immer  wilder  und  fanatischer,  und  der  Kaiser  Franz  Joseph  hatte
Gelegenheit,  sich  davon  persönlich  zu  überzeugen,  als  er  die  Landesausstellung
  in  Prag  besuchte.  So  haben  denn  die  Deutschen  in
Oesterreich  endlich,  freilich  weniger  durch  ihr  eigenes  Verdienst,  als
durch  die  Fehler  ihrer  Gegner,  einigermaßen  die  Stellung  erreicht,
die  ihnen  gebührt.  Kaiser  Franz  Joseph  aber  und  sein  überaus
geschickter  Minister  Graf  Taaffe  haben,  indem  sie  ihnen  diese  Stellung
gewährten,  die  Zügel  der  Regierung  stramm  in  der  Hand  behalten.
Die  wirtschaftliche  Arbeit  wurde  trotz  der  politischen
Schwierigleiten  wesentlich  gefördert.  Durch  zwei  langwierige  Budgetberatungen
  gelang  es  zum  erstenmal,  den  Staatsvoranschlag  rechtzeitig
  für  1892  zu  erledigen,  und  zwar  mit  kleinen  Ueberschüssen.
Die  Schöpfung  von  Groß-Wien,  d.  h.  die  Einverleibung  der  Vororte
  in  die  Hauptstadt,  die  Eisenbahn-Verstaatlichungen  (Albrechtbahn,
  Karl  Ludwigbahn,  Prag-Dux  und  Dux-Bodenbach),  die  Errichtung
  von  Aerztekammern,  die  Einbeziehung  Triests  in  das  Zollgebiet,
  die  Neuorganisation  des  Lloyd  und  die  Handelsverträge  mit
Deutschland  und  Italien  kennzeichnen  ferner  die  Arbeitsleistung.
Ungarn  hat  der  politischen  Welt  ein  merkwürdiges  Schauspiel
  geboten.  Eine  Regierung,  die  über  eine  große  geschlossene
Majorität  gebietet,  bringt  ein  Gesetz  über  Reform  der  Verwaltungsorganisation,
  Modernisierung  der  veralteten  Komitatsverfassung  ein,
welchem  die  Majorität  des  Reichstages  in  allem  wesentlichen  Zustimmung
  entgegenbringt.  Trotzdem  gelingt  es  einer  kleinen  rabiaten
  Minorität,  das  legislatorische  Werk  zu  verhindern.  Das
        <pb n="325" />
        Aebersicht  der  politischen  Gutwickelung  des  Jahres  1891.  317

ganze  Jahr  kommt  die  Debatte  über  Paragraph  1  nicht  hinaus,
und  Ministerium  und  Majorität  finden  nicht  die  Kraft  oder  haben
nicht  die  Mittel,  diesem  Unfug  ein  Ende  zu  machen,  so  daß  endlich
nichts  anderes  übrig  bleibt,  als  sich  mit  einer  prinzipiellen  Zustimmung
  zu  dem  Reformgedanken  zu  begnügen  und  für  das  nächste
Jahr  die  Auflösung  des  Hauses  in  Aussicht  zu  nehmen.

Der  Konflikt  über  Südostafrika,  in  den  Portugal  mit  Eng-Portugal
land  geraten  war  und  den  wir  im  vorigen  Jahrgang  geschildert
haben,  wurde  im  Jahre  1891  glücklich  beigelegt,  indem  England
der  Leidenschaft  der  Portugiesen  noch  einige  Zugeständnisse  machte.
Für  Portugal  war  aber  dieser  Zwischenfall  verhängnisvoll  geworden:
  er  hat  sein  Finanzsystem  nicht  bloß  erschüttert,  sondern
eine  innere  Fäulnis  offenbart,  die  es  zu  Falle  brachte.  Am  Ende
des  Jahres  standen  die  portugiesischen  Anleihen,  die  noch  vor  kurzem
konvertiert  waren  und  dennoch  über  pari  notiert  wurden,  auf  etwa
40,  und  selbst  die  Zinsen  der  vom  Staate  garantierten  Eisenbahnprioritäten
  wurden  nicht  bezahlt.

Das  größte  Ereignis  aus  dem  Leben  Englands  im  Jahresngland.
1891  dürfte  der  Tod  des  Führers  der  Iren,  Charles  Parnell,  sein.
Obgleich  sein  Stern  infolge  der  im  vorigen  Jahrgang  geschilderten
Ereignisse  bereits  im  Erbleichen  schien,  so  war  doch  wohl  anzunehmen,
  daß  eine  so  großartige  Persönlichkeit  mit  der  Zeit  wieder
eine  führende  Stellung  erobert  haben  würde.  Die  Macht,  an  welche
sein  Erbe  übergeht,  und  die  in  der  letzten  Krifis  schon  am  heftigsten
gegen  ihn  gekämpft  hatte,  dürfte  die  katholische  Hierarchie  in  Irland
  sein.  (Vgl.  den  Ausspruch  Salisburys  vom  2.  Januar.)  In
der  Sozialgesetzgebung  hat  England  einen  Fortschritt  durch  den
Erlaß  eines  neuen  Werkstättengesetzes  gemacht.  Sehr  bemerkenswert
  erscheint  dabei  eine  Aeußerung  des  Ministers  (18.  Juni),  wie
weit  die  praktische  Gesetzgebung  der  Einzelstaaten  hinter  dem  so
pomphaft  verkündigten  Beschlusse  der  internationalen  Konferenz
zurückbleibt.  Einen  großen  Ueberschuß  des  Budgets  benutzte  man,
um  nunmehr  auch  in  England  das  Schulgeld  in  den  öffentlichen
Volksschulen  abzuschaffen.

In  der  Uebersicht  des  vorigen  Jahres  hoben  wir  es  als  etwas  Frank-Besonderes
  hervor,  daß  das  den  20.  März  gebildete  Ministerium  eich
        <pb n="326" />
        318  Mebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.

Freycinet-Constans  sich  bis  zum  Schluß  des  Jahres  gehalten  habe.
Diese  Merkwürdigkeit  ist  nun  noch  viel  merkwürdiger  geworden
dadurch,  daß  dasselbe  Ministerium  auch  am  Schlusse  des  Jahres
1891  noch  bestand.  Mehrere  Umstände  haben  zu  dieser  für  Frankreich
  natürlich  äußerst  wohlthätigen  Erscheinung  zusammengewirkt.
Die  beiden  Oppositionen  von  rechts  und  links  sind  einem  Zersetzungsprozeß
  verfallen.  General  Boulanger,  der  im  Jahre  1889
niedergeworfen  war,  war  im  Jahre  1891  so  sehr  mit  seinen  Mitteln
  zu  Ende,  daß  er  sich  selbst  das  Leben  nahm.  Er  erschoß  sich
am  Grabe  seiner  Geliebten.  Die  Monarchisten,  schwer  kompromittiert
  durch  ihre  geheimen  Machinationen  mit  Boulanger,  haben,
wie  wir  schon  im  Ueberblick  über  die  allgemeine  Politik  sahen,  es
erleben  müssen,  daß  ihr  eigentlicher  Gewalthaufe,  die  Klerikalen,
ins  Wanken  geriet  und  zum  Feinde  überzugehen  droht.  Einmal
verlautete  schon,  daß  der  Graf  von  Paris  entschlossen  sei,  der  Prätendentenrolle
  zu  entsagen.  Ein  Moment  der  auswärtigen  Politik
mag  dazu  beigetragen  haben,  den  Franzosen  ihr  beliebtes  parlamentarisches
  Kegelschieben  auf  Minister  zu  verleiden.  Wenn  sie
wirklich  die  Kronstädter  Verlobung  zu  einem  reellen  Verhältnis
ausbilden  wollen,  so  muß  die  französische  Regierung  eine  gewisse
Stabilität  haben.  Sonst  würde  schon  die  Mitteilung  des  diplomatischen
  Geheimnisses  an  fortwährend  neue  Mitwisser  es  der  russischen
  Regierung  kaum  ermöglichen,  sich  zu  binden  und  wirkliches
Vertrauen  zu  fassen.  (Vgl.  Preuß.  Jahrb.  Bd.  68  S.  897.)  Wie
leicht  aber  das  französische  Temperament  auch  in  den  verantwortungsvollsten
  Dingen  sich  zu  einer  Uebereilung  hinreißen  läßt,
die  —  man  erinnere  sich  an  den  Fall  Schnäbele  —  zu  einem
plötzlichen  Kriege  mit  Deutschland  führen  könnte,  zeigt  nicht  nur
das  Betragen  gegen  die  Kaiserin  Friedrich,  sondern  auch  noch  ein
späterer  parlamentarischer  Zwischenfall.  Auf  irgend  welches  unbegründete
  Gerede  über  schikanöse  Anwendung  der  elsässischen  Paßverordnung
  gegen  französische  Handelsreisende  stellte  der  Boulangist
Laur  (10.  Juli)  eine  Interpellation,  welche  die  Kammer  in  der
ersten  Entrüstung  acceptierte.  Am  andern  Tage  hatte  man  sich
aber  soweit  besonnen,  daß  man  den  schon  gefaßten  Beschluß  wieder
umstieß.
        <pb n="327" />
        Kebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.  319

Bemerkenswert  ist  der  Weg,  den  die  französische  Handelspolitik
  einschlug.  Er  ist  der  deutschen  gerade  entgegengesetzt.  Während
  Deutschland  das  neue  System  der  Handelsverträge  schuf,  welche
das  weitere  Steigen  der  Schutzzollflut  eindämmten,  beschloß  Frankreich,
  rücksichtslos  das  System  der  Isolierung  und  Autonomie  beizubehalten
  und  auszubilden.  Momentan  hatte  es  davon  den  Vorteil,
  daß  es  die  Getreidezölle  vor  dem  hohen  Ansteigen  der  Preise
(für  die  Frist  von  einem  Jahr)  herabsetzen  konnte.  (Vgl.  24.  Mai;
18.  Juni.)

Ein  sehr  böses  Prognostikon  für  die  Zukunft  Frankreichs  stellt
schon  seit  lange  die  Bevölkerungsstatistik.  Im  Jahre  1890  fanden
in  Frankreich  269,322  Heiraten,  5457  Ehescheidungen,  838,059  Geburten
  und  876,505  Todesfälle  statt.  Ein  Vergleich  dieser  Zahlen
mit  denen  des  Vorjahres  ergibt,  daß  die  Heiraten  in  dem  Berichtsjahre
  um  3602  und  die  Geburten  um  42,520  abgenommen  haben,
die  Zahl  der  Ehescheidungen  dagegen  um  671,  die  der  Todesfälle
um  81,572  gestiegen  ist.  Die  Todesfälle  überschritten  die  Geburten
um  38,446.

Das  Schauspiel,  welches  Ungarn  im  Jahre  1890  den  er-ztalien.
staunten  europäischen  Politikern  bot,  als  ein  Minister,  der  eine
geschlossene  parlamentarische  Majorität  hinter  sich  hatte,  sich  zur
Demission  gezwungen  sah,  und  das  im  Jahre  1891  mit  der  ungarischen
  Verwaltungsreform  sich  einigermaßen  wiederholte,  dasselbe
Schauspiel  hat  auch  Italien  im  Jahre  1891  dargeboten.  Am  23.
November  1890  hatten  die  Neuwahlen  dem  Minister  Crispi  eine
Majorität  von  nicht  weniger  als  ½  der  Kammer  gegeben  und  diese
Majorität  war  nicht  bloß  sachlich  auf  das  Programm  Crispis,
sondern  recht  eigentlich  auf  seinen  Namen  und  seine  Person  gewählt.
Zehn  Wochen  später,  am  31.  Januar,  war  eben  dieser  Minister
von  eben  dieser  Majorität  bereits  gestürzt.  Dem  Anschein  nach
war  es  nichts,  als  eine  zufällige  leidenschaftliche  Heftigkeit  im  Parlament
  (vgl.  die  Berichte  im  Kalendarium),  welche  ihn  zu  Falle
gebracht  haben;  der  sachliche  Gegensatz,  der  etwa  noch  weiter  zu
Grunde  lag,  war  jedenfalls  nicht  ein  prinzipieller,  sondern  die  etwas
gar  zu  hoch  gespannten  Anforderungen,  die  Crispi  finanziell  für
seine  auswärtige  Politik  stellte.  Das  Ministerium,  welches  ihn
        <pb n="328" />
        320  Kebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.

ablöste,  ist  zusammengesetzt  aus  Männern  von  ganz  gemäßigter
Richtung,  wie  der  Ministerpräsident  Marquis  Rudini  und  daneben
wieder  alten  Radikalen,  wie  Nikotera.  Das  ist  ja  das  Eigentümliche
  des  italienischen  Parteilebens,  daß  hier,  wo  das  große  Element
des  Klerikalismus  sich  von  der  Politik  des  Königreiches  fern  hält,
eigentlich  gar  keine  Parteien  vorhanden  sind,  sondern  bloß  Kliquen,
welche  die  Führer  um  sich  sammeln  und  an  sich  zu  fesseln  suchen,
die  sich  daher  auch  zu  ganz  beliebigen  Koalitionen,  bald  so,  bald
so  kombinieren  lassen.  Es  klingt  für  deutsche  Begriffe  fast  grotesk,
wenn  der  Ministerpräsident  sein  Vergnügen  darüber  kundgibt,  endlich
  einen  objektiven  Gegensatz  zwischen  sich  und  seinem  Gegner  gefunden
  zu  haben.  Nicht  anders  aber  hat  der  Marquis  Rudini  sich
wirklich  ausgedrückt  (4.  Dezember),  als  Crispi  erklärte,  daß  es  zu
seinem  Programm  gehöre,  das  Garantiegesetz,  welches  dem  Papst
innerhalb  des  Vatikans  eine  souveräne  Stellung  zusichert,  abändern
zu  wollen.

Kurie.  Die  Weltpolitik  der  Kurie  hat  im  Jahre  1891  einen  größeren
Schwung  genommen  als  je;  sie  war  daher  bei  der  Uebersicht  der  allgemeinen
  Politik  zu  behandeln.  Durch  Enchkliken  über  die  soziale
Frage  und  die  Duelle  suchte  der  Papst,  wenn  sie  auch  nicht  das
geringste  Neue  enthielten,  doch  seine  Stimme  auch  auf  so  weltlichen
Gebieten  zur  Geltung  zu  bringen.

Schweiz.  Die  Unruhen  im  Kanton  Tessin  zwischen  der  liberalen  und
ultramontanen  Partei  sind  auch  in  diesem  Jahre  noch  nicht  vollständig
  überwunden  worden;  sogar  ein  politischer  Mord  war  wieder
zu  verzeichnen  (12.  Oktober).  Auch  sonst  hat  sich  der  demokratische
Charakter  der  Verfassung  in  diesem  Jahre  nicht  von  der  günstigsten
  Seite  gezeigt.  Zwar  wurden  die  erheblichen  Anforderungen
an  die  Steuerkraft  zum  Zwecke  der  Sicherung  der  nationalen  Verteidigung,
  Anschaffung  von  Waffen,  Befestigungen,  namentlich  am
Gotthardtpasse,  bewilligt,  aber  von  drei  großen  Reformgesetzen,  die
von  den  intelligentesten  Staatsmännern  der  Republik  in  die  Hand
genommen  waren,  hat  nur  eines  wirklich  durchgesetzt  werden  können.
Es  ist  dies  das  Banknotenmonopol  des  Bundes,  welches  nach  mehrfachen
  Hin=  und  Herverhandlungen  endlich  die  Majorität  erlangte,
indem  zwei  Drittel  der  Ueberschüsse  zur  Verteilung  an  die  Kantone
        <pb n="329" />
        Mebersicht  der  politischen  Eutwickelung  des  Jahres  1891.  321

bestimmt  wurden.  Dagegen  wurde  der  Plan,  in  das  zersplitterte
und  irrationelle  Eisenbahnwesen  der  Schweiz  Ordnung  zu  bringen
durch  die  Verstaatlichung,  und  mit  dem  Ankauf  der  Zentralbahn
zu  beginnen,  durch  die  Volksabstimmung  verworfen.  Der  Präsident
  des  Bundesrats,  Welti,  der  sich  dieser  Sache  persönlich  ganz
besonders  gewidmet  hatte,  nahm  sich  die  Abweisung  so  sehr  zu
Herzen,  daß  er  sein  Amt  niederlegte.  Besonders  charakteristisch  für
den  Demokratismus  ist  das  Schicksal  des  Beamten-Pensionsgesetzes.
Die  Schweiz  stellt  ihre  Beamten  nicht  lebenslänglich,  sondern  immer
nur  auf  drei  Jahre  an;z  praktisch  jedoch  werden  die  Inhaber  eines
Amtes  immer  wieder  darin  bestätigt,  so  daß  die  Anstellungen  als
lebenslänglich  gelten  können.  Lebenslänglich  sogar  im  strengsten
Sinne  des  Wortes,  denn  bei  Beamten,  die  nur  ein  Anstellungspatent
  auf  drei  Jahre  haben,  kann  natürlich  von  einem  Pensionsanspruch
  keine  Rede  sein.  Wie  aber,  wenn  der  Beamte  alt  und
unbrauchbar  wird?  Die  barbarische  Härte,  die  es  in  dem  einzelnen
Fall  mit  sich  bringen  würde,  einen  solchen  alten  Mann  hilflos  auf
die  Straße  zu  setzen,  läßt  sich  nicht  anders  umgehen,  als  daß  man
ihn  nominell  im  Amt  läßt  und  ihm  einen  Stellvertreter  gibt,
den  man  neben  ihm  bezahlen  muß.  Diesem  in  jeder  Beziehung
irrationellen  Zustand,  teuer  für  den  Staat,  gefährlich  für  die  Beamten,
  suchte  nun  ein  Pensionsgesetz  ein  Ende  zu  machen.  Freilich
so  weit  getraute  man  sich  nicht  zu  gehen,  wie  in  den  Monarchien,
wo  den  Beamten  ein  gesetzliches  und  unantastbares  Recht  auf  Pension
  zusteht,  nachdem  sie  ihre  Kräfte  im  Dienste  des  Staates  aufgebraucht
  haben  —  aber  man  gab  doch  dem  Bundesrat  die  diskretionäre
  Befugnis,  invaliden  Beamten  auf  Widerruf  Pensionen
zuzusprechen.  Alles  schien  fertig  und  in  Ordnung,  als  eines  guten
Tages  in  einem  thurgauischen  Dorf  von  beliebigen  Leuten  ein  Antrag
  zur  Unterschrift  in  Umlauf  gesetzt  wurde,  der  die  Volksabstimmung
  über  das  Gesetz  forderte.  Binnen  kurzem  war  der
Antrag  mit  80,000  Unterschriften  bedeckt  und  bei  der  verfassungsgemäßen
  Abstimmung  wurde  das  Gesetz  mit  vier  Fünftel  Majorität
verworfen  (15.  März).  Der  Bauer  und  Bürger  war  der  Ansicht,
daß  der  Beamte  sich  etwas  von  seinem  Gehalte  sparen  könne,  wenn

er  für  sein  Alter  etwas  nötig  habe.  So  schnitt  der  bekannte  demo-Europ.
  Geschichtskalender.  Bd.  XXXII.  21
        <pb n="330" />
        322  Aebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.

kratische  Neid  sich  selbst  ins  Fleisch,  weil  nunmehr  die  alten  unbrauchbaren
  Beamten  in  den  meisten  Fällen  bei  ganzem  Gehalt
im  Amte  bleiben.

Rußland  Das  Wesentlichste  für  die  Geschichte  Rußlands  im  Berichtsjahr
  haben  wir  bereits  bei  der  allgemeinen  Politik  gesagt.  Das
Jahr  zerfällt  für  Rußland  in  zwei  scharf  geschiedene  Hälften.
Die  Kronstädter  Verbrüderung  bildet  den  Gipfelpunkt  des  aufsteigenden
  Astes;  im  Lichte  der  Huldigungen,  die  ein  Volk,  das  sich
so  lange  die  große  Nation  genannt  hat,  Rußland  darbrachte,  erschien
  dieses  als  ein  Staatsgebilde  von  unvergleichlicher  Macht  und
Hoheit.  Unmittelbar  darauf  aber  erfolgte  das  Roggen-Ausfuhrverbot
  und  das  Jammerbild  eines  grauenhaften,  bis  dahin  künstlich
  verhehlten  Notstandes  trat  hervor.  Manche  Kenner  wollen
behaupten,  daß  nicht  bloß  in  der  einzigen  Mißernte  dieses  Jahres
der  Notstand  seinen  Grund  habe,  sondern  daß  er  sich  bereits  seit
langer  Zeit  durch  Rückgang  der  Ernteerträge  vorbereitet  habe  und
daß  auch  die  anscheinend  blühende  Industrie  nichts  als  eine  saftlose
  Treibhauspflanze  sei.  Jedenfalls  hat  es  dann  die  russische
Regierung,  besonders  der  Finanzminister  Wyschnegradski  sehr  gut  verstanden,
  Europa  über  diesen  Zustand  zu  täuschen.  Obgleich  schon  das
Jahr  1890  Steuerrückstände  von  nicht  weniger  als  60  Millionen
Rubel  ergeben  hatte,  ist  es  Herrn  v.  Wyschnegradski  doch  gelungen,
mehrere  große  Anleihen  zu  konvertieren.  Trotz  Rothschilds  plötzlicher
  Absage  (vgl.  8.  Mai)  gelang  es  im  November,  eine  neue
Anleihe  wesentlich  in  Frankreich  abzuschließen,  als  die  Notstandsberichte
  auch  diese  noch  im  letzten  Augenblick  in  Trümmer  schlugen.
In  merkwürdigem  Widerspruch  mit  diesen  Schwierigkeiten  steht,
daß  derselbe  Staat  kühnen  Mutes  ein  Riesenwerk  wie  die  sibirische
Eisenbahn  in  Angriff  nimmt.  Persönlich  wohnte  der  Großfürst-Thronfolger
  am  fernsten  ostasiatischen  Meer  der  feierlichen  Eröffnung
  der  Anfangsstrecke  bei.

Die  innere  Umschaffung  des  Reiches,  man  kann  sagen  die
Reduzierung  auf  den  reinen  slawisch-orthodox-despotischen  Patriarchal-
  und  Nationalstaat  schreitet  unaufhörlich  fort.  Aufs  neue
sind  mit  dem  Beginn  des  Jahres  16  weitere  Gouvernements  mit
dem  Institut  der  Landschaftshauptleute  beglückt  worden  (vgl.  Jahr-
        <pb n="331" />
        Aebersicht  der  politischen  Gutwickelung  des  Jahres  1891.  323

gang  1889  und  90),  durch  welches  die  Handhabung  der  Justiz  und
zum  Teil  auch  der  Verwaltung  in  die  Hände  des  Adels  gelegt
wird.  Manche  dieser  neuen  Beamten  haben  ihre  diktatorischen  Befugnisse
  zur  Wiedereinführung  der  Prügelstrafe  benützt.  Wie  dem
Adel  die  Verwaltung,  so  sind  der  Geistlichkeit  durch  einen  Ukas
vom  4.  Mai  die  Volksschulen  ausgeliefert  worden.  Gegen  das
Sektenwesen,  namentlich  die  sogenannten  Stundisten,  werden  die
allerschärfsten  Maßregeln  ergriffen  (vgl.  13.  April).  In  Polen,
in  den  baltischen  Provinzen,  in  Finnland  wird  alles  Nicht-Russische
und  Nicht-Orthodoxe  weiter  und  weiter  zurückgedrängt.  Leuten
polnischer  Herkunft  ist  es  nicht  nur  verboten,  Grundbesitz  zu  erwerben,
  sondern  auch  in  lebenslängliche  Nutznießung  des  Grundbesitzes
  zu  treten.  In  den  baltischen  Provinzen  ist  das  deutsche
Schulwesen  vollständig  beseitigt,  nicht  einmal  der  deutsche  Privatunterricht
  mehr  gestattet.  Die  Universität  Dorpat  ist  zu  drei  Viertel
russifiziert.  Die  Kirchenbücher  müssen  in  russischer  Sprache  geführt
werden,  protestantische  Schüler  und  Lehrer  müssen  an  russischen
Festtagen  die  griechischen  Kirchen  besuchen.  Mit  fürchterlicher  Brutalität
  werden  die  Juden  in  die  Ghettos,  die  gesetzlich  erlaubten
Ortschaften,  aus  denen  sie  allmählich  entschlüpft  waren,  zurückgetrieben.
  Trotz  allem  sind  es  nicht  die  unterdrückten  Deutschen,
Polen,  Finnen,  die  Sektierer,  Katholiken  und  Protestanten,  von
denen  die  russische  Monarchie  am  meisten  bedroht  wird,  sondern
diese  Gefahr  geht  aus  von  dem  national-russischen  Produkt,  dem
Nihilismus.  Nach  wie  vor  muß  sich  der  russische  Kaiser  mit  den
äußersten  Vorsichtsmaßregeln  gegen  die  Mörder,  die  ihn  von  allen
Seiten  umlauern,  umgeben.  Ohne  inneren  Zusammenhang  hiermit
fiel  sein  Sohn,  der  Großfürst-Thronfolger,  in  diesem  Jahre  in  eine
ähnliche  Gefahr,  sogar  in  einem  fernen  Weltteil,  in  Japan,  welches
Land  er  auf  einer  großen  Reise  um  Asien  besuchte.  Ein  Japaner
machte  hier  ein  Attentat  auf  ihn,  über  dessen  Ursprung  sowohl,  wie
Verlauf  eine  authentische  Darstellung  niemals  bekannt  geworden  ist.
Im  Orient  geht  die  stille  Minierarbeit  der  Russen  als  Vor-vOrient.
bereitung  für  die  künftige  Krisis  fort.  Wir  haben  gesehen,  wie  sie
in  der  Dardanellenfrage  einen  wichtigen  Sieg  errungen  haben.  Das

Einverständnis  mit  Frankreich  kommt  auch  hier  wie  allenthalben
21“
        <pb n="332" />
        324  Uebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.

ausschließlich  den  Russen  zu  gute.  Gemeinschaftlich  wirken  beide
der  dauernden  Festsetzung  der  Engländer  in  Aegypten  entgegen,  und
namentlich  ist  es  wichtig  für  Rußland,  daß  in  dem  alten  Kampf
zwischen  orthodoxen  und  katholischen  Christen  im  Morgenlande
Frankreich  von  seinem  traditionellen  Patronat  über  die  letzteren  aus
Russenliebe  keinen  rechten  Gebrauch  mehr  zu  machen  wagt.  Im
Mai  hat  einmal  wieder  in  der  Geburtskirche  in  Bethlehem  eine
große  Prügelei  zwischen  den  Mönchen  beider  Konfessionen  stattgefunden.
  Von  der  Energie,  mit  der  jede  Partei  hier  ihren  überlieferten
  Besitz  festhält,  hängt  ihr  moralisches  Ansehen  im  ganzen
Orient  ab.  Die  Entscheidung  muß  in  Konstantinopel  gegeben  werden,
  und  sie  wird  gegeben  je  nach  dem  stärkeren  Druck,  den  die
Schutzmacht  der  einen  oder  der  anderen  Seite  gerade  ausübt.  Ganz
notwendig  also,  daß  die  orthodoxe  Kirche  und  damit  die  Autorität
Rußlands  fortwährend  gewinnt.

An  anderer  Stelle  haben  die  Unternehmungen  Rußlands
weniger  Erfolg.  Die  wunderbare  Widerstandskraft  Bulgariens
bewährt  sich  noch  immer.  Der  Panslawismus  hat  einmal  wieder
zu  seinem  letzten,  und  man  möchte  sagen  beliebtesten  Mittel,  dem
Morde  gegriffen.  Man  versuchte,  den  leitenden  Staatsmann  Bulgariens,
  auf  dessen  persönlicher  Tüchtigkeit  wohl  hauptsächlich  die
Zukunft  dieses  Landes  beruht,  Stambulow,  aus  dem  Wege  zu  räumen.
  Glücklicherweise  entging  er  selbst  der  Gefahr;  ein  anderer
Minister  aber,  der  ihn  zufällig  begleitete,  der  Finanzminister
Beltscheff,  fiel  unter  den  Kugeln  der  Verschworenen.  Die  Mörder
entkamen,  aber  die  Spuren  des  Verbrechens  konnten  bis  in  das
russische  Konsulat  verfolgt  werden.  Darüber  scheint  man  sich  am
russischen  Hofe  doch  geschämt  zu  haben,  und  der  Leiter  aller  dieser
Bewegungen,  der  russische  Gesandte  in  Bukarest,  Hitrowo,  wurde
nach  Lissabon  versetzt.

In  Rumänien  und  Serbien  oszillierte  das  Parteileben
hin  und  her.  In  Serbien,  wo  es  in  so  widerwärtiger  Weise  mit
dem  ehelichen  Zwist  zwischen  König  Milan  und  seiner  Gemahlin
verflochten  ist,  kam  es  zu  überaus  grotesken  Szenen,  als  die  Regentschaft
  sich  entschloß,  um  die  Intriguen  der  Königin  Natalie  los
zu  werden,  sie  außer  Landes  zu  schaffen.  Nachdem  alle  Mittel,  sie
        <pb n="333" />
        Kebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1891.  325

gütlich  zur  Abreise  zu  bewegen,  erschöpft  waren,  brachte  man  sie
endlich  mit  Gewalt  über  die  Grenze.  König  Milan,  Königin  Natalie
  und  der  ehemalige  Minister  Garaschanin  beschuldigten  sich  in
Schreiben,  die  der  Oeffentlichkeit  übergeben  wurden  (vgl.  Staatsarchiv
  Bd.  53),  der  unglaublichsten  Verbrechen  und  Schandthaten.

In  Amerika  hat  die  Idee  des  Pänamerikanismus,  die  an-Amerika.
fänglich  in  Europa  ziemlich  skeptisch  aufgenommen  wurde,  wesentliche
  Fortschritte  gemacht.  Präsident  Harrison  hat  in  mehreren
Ansprachen  und  Botschaften  den  Plan,  ganz  Amerika  wirtschaftlich
den  Vereinigten  Staaten  anzuschließen  und  von  dem  europäischen
Markt  zu  trennen,  sehr  energisch  vertreten.  Ein  Vertrag  mit  Brasilien
  hat  den  Anfang  der  Ausführung  gemacht.  In  Brasilien
ist  der  General  Fonseca,  der  seinerzeit  den  Kaiser  Dom  Pedro  gestürzt
  hatte,  nun  auch  wieder  beseitigt.  Chile,  das  von  allen
romanisch-amerikanischen  Staaten  bisher  die  größte  Tüchtigkeit  gezeigt
  hatte,  und  allein  von  Bürgerkriegen  verschont  geblieben  war,
hat  nunmehr  auch  durch  eine  solche  Krisis  hindurchgehen  müssen.
Der  Präsident  Balmaceda  geriet  in  Konflikt  mit  den  aristokratischen
  Elementen,  welche  im  Kongreß  wesentlich  herrschen.  Es  kam
zu  einem  Bürgerkrieg,  der  fast  ein  Jahr  lang  währte,  endlich  aber
mit  der  vollständigen  Niederlage  und  dem  Selbstmord  Balmacedas
endigte.  (Vgl.  die  Darstellung  dieser  Ereignisse  von  Professor
v.  Lilienthal  in  den  Preuß.  Jahrbüchern  Bd.  69.)

Die  Vorstellung  von  dem  Segen  parlamentarisch-europäischer  Japan.
Institutionen  hat  auch  in  Japan  im  Jahre  1890  zur  Schaffung
einer  Volksvertretung,  d.  h.  einer  Vertretung  der  höheren  besitzenden
Klassen  geführt.  Trotz  aller  Vorsichtsmaßregeln  aber,  mit  denen
(ogl.  vorigen  Jahrg.)  dies  Institut  umgeben  worden  ist,  ist  der
von  jeder  solchen  Verfassung  untrennbare  Machtstreit  auf  der  Stelle
ausgebrochen,  und  Ende  Juni  1891  war  die  Regierung  gezwungen,
das  Volkshaus  aufzulösen.
        <pb n="334" />
        Alphabetisches  Register.

Die  Ziffern  bezeichnen  die  Seitenzahlen.

Afrika.

Egypten  327.

Kapland  224.
Demarkationslinie  223.
Sansibar  230.
Mozambique  219.

Asien  291—292.
Manipur  223,  225.

Australien  und  Südseeinseln
292—293.

Belgien  266—267.
Handelsvertrag  mit  Frankreich
234.

Dänemark  268—269.

Deutsches  Reich.
BPaden.

Landtagswahlen  115.
Baern.
Abgeordnetenkammer.  Vorlage
zur  Herstellung  von  Doppelgleisen
120

Altkatholiken  128.

70.  Geburtstag  des  Prinzregenten
  57—59.

Handelsverträge.  Eröffnung  der
Verhandlungen  in  München  108.

Elsaß-othringen.

Aeußerungen  über  die  Stimmung
Elsaß-Lothringens  114—  115,  255.

 

Elsässische  Adreß-Deputation  beie
dem  Kaiser  65—66.

Landesausschuß-Wahl  131—
132.  —  Rede  des  Statthalters  an
den  Landesausschuß  41—42.

Paßzwang.  Verschärfung  54—
55;  Adresse  an  den  Kaiser  55;
Aufhebung  110;  Ovation  für  den
Statthalter  119.

Evenzelische  Kirche.
Evangelisch-sozialer  Kongreß  84.
Generalsfynode.  Adresse  an  den

Kaiser  136;  Besetzung  der  theologischen
  Professuren  138  —140;  143;
Empfang  beim  Kaiser  140;  Eröffnung
  133—  135;  Schluß  160  —  161.

Finanzen.

Deutsche  Reichsanleihe  39.
Etatsberatungen.  Reichstag  143
bis  159.

Fardelspelitik.

Aufhebung  des  Schweineeinfuhrverbots
  109.

Bankerotte  großer  Bankfirmen

129.

Altkstholiken  84;  128.
Arbeiterbewegung.

Jahrestag  der  Allerhöchsten  Erlasse
  vom  4.  Februar  1890  33—34.
—  Danktelegramm  des  bergmännischen
  Rechtsschutzvereins  an  den
Kaiser  33—34.  —  Bergarbeiter-Versammlung
  in  Bochum  38—39.

Auswirtige  Velitik.

„Fürst  Bismarck  und  der  deutschenglische

  Vertrag“  35  bis  36.  —
        <pb n="335" />
        Afrika.  Asien.  Anstralien.  Felgien.  Bäuemark.  Veutsches  Reich.  327

Fürst  Bismarck  über  die  Handelsverträge
  178—180.

Aeußerung  v.  Böttichers  in  Stralsund
  84—85.

Verlängerung  des  Dreibunds  101.
—  Die  Ultramontanen  über  den
Dreibund  112—114.

Elsaß-Lothringen  und  Frankreich
55—56.  —  Stimmung  Elsaß-Lothringens
  114—115.

Artikel  der  „Hamburger  Nachrichten“
  „Zur  auswärtigen  Lage“
68.

Handelsverträgezwischen  Deutschland,
  Oesterreich,  Italien.  Eröffnung
  der  Verhandlungen  in
München  108.  —  Erste  Beratung
im  Reichstag  161—177;  zweite
Beratung  180;  dritte  Beratung,
Schluß,  181.  —  Erklärung  von
Industriellen  über  die  Vertrags-Verhandlungen
  mit  Oesterreich-Ungarn
  12—13.

Aufenthalt  des  Kaisers  und  der
Kaiserin  in  England  100  —  103.—
Aufenthalt  des  Kaisers  in  Holland
100.  —  Reise  der  Kaiserin  Friedrich
  nach  Paris  39.  —  Reise  des
russischen  Kaiserpaares  durch  Berlin
  111.  —  Reise  des  russischen
Kaiserpaares  über  Danzig  129.  —
Reise  des  russischen  Ministers  v.
Giers  durch  Berlin  141.

Entsendung  von  Kriegsschiffen
nach  Chile  60,  65,  68.

11  ehwang  54,  55;  Aufhebung

1/g#e  des  Reichskanzlers  über  das
Beunruhigungsstreben  145—158.
—  Rede  des  Reichskanzlers  in
Osnabrück  111—112.

Sozialdemokratie  und  die  auswärtige
  Politik  94.

Ham#delsvolitik.

Fürst  Bismarck  über  die  Handelsverträge
  178—180.

Börsen-Reform.  Reichstag  140

—14s.
Deutscher  Landwirtschafts-Rat.
Sitzung  über  die  agrarischen
Zölle  14.

Ermäßigung  des  Tarifs  für  den
Transport  von  Getreide  107.

 

Getreidezölle.  Ergebnis  der  Beratung
  des  Staatsministeriums  106

Schweine-Einfuhrverbot  4.

Heerwesen  uud  Marine.

Verleihung  von  Feldzeichen  72.

Allerhöchste  Ordre,  betr.  den
Geschäftskreis  des  Oberkommandos
der  Marine  66.

Kaiser  Wilhelm  über  die  deutsche
Marine  67.

Entsendung  von  Kriegsschiffen
nach  Chile  60—65;  68.

Marinedebatte  im  Reichstag  56.
—  Marineetatsberatung,  Reichstag,
  60.

Kabinettsordre  an  die  Armee
betr.  Moltkes  73.

Regiments-Jubiläum  in  Hannover
  140.  —  Jubiläum  des  Pi
nierbataillons  in  Torgau  142.

42Stabsof  fiziersstellen,  Reichstag,

i“  des  Panzerschiffs  „Weißenburg“
  180.

Beratung  über  die  Unteroffiziersprämien,
  Reichstag,  42—54.

Vereidigung  der  Rekruten  in
Potsdam  und  Berlin  141-—142.

Vergrößerung  der  Marine,  Reichstag,
  41.

Kathelische  Kirche.

Ausstellung  des  heiligen  Rockes
08,  114.

Danziger  Katholikentag  108.

Die  katholische  Presse  über  den
Dreibund  112—114.

Kongreß  katholischer  kaufmännischer
  Vereine  Deutschlands  105.

Ernennung  v.  Stablewskis  zum
Erzbischof  130.  —  Rede  Stablewskis
  in  Thorn  130.

Volksverein  für  das  katholische
Deutschland  12.

Kolsnialweses.
Tod  des  Hauptmanns  v.  Gravenreuth

  140.
Kamerun.  Gefecht  im  Hinter-—
  Bewillande

  (Zintgraff)  12.
ligung  einer  Extraforderung  für
Kamerun  im  Reichstage  84.
        <pb n="336" />
        328

Ost-Afrika.  Ernennungen  eines
Gouverneurs  und  von  Reichskommissaren
  in  Ost-Afrika  38.  —
Eisenbahn  für  Deutsch-Ostafrika
103.  —  Proklamation  der  deutschen
Herrschaft  in  Ostafrika  1.  —
Rechtsverhältnisse  in  Ostafrika  1.

Debatten  im  Reichstag  14—33.

Der  Reichskanzler  über  Südwest-Afrika
  14—17.

Entlassungsgesuch  des  Majors
v.  Wißmann  121.

Niederlage  der  Expedition  v.  Zelewski
  108.

Varteiwesen.

Deutschfreisinniger  Parteitag  93.

Freisinnige  Berliner  Arbeiterverein
  „Ueber  Kapital  und  Arbeit-“
107  —108.

Besuch  des  Vorstandes  des  konserv.
  Vereins  in  Friedrichsruh  70.
—  Offizielle  Erklärung  der  konserv.
Partei  38.  —  Artikel  der  „Hamburger
  Nachrichten“  gegen  die  konserv.
  Fraktion  des  Reichstages  67.
—  Antrag  der  Konservativen.
Reichstag.  Handelsverträge  177.

Rauchhaupt.  Verteidigung
der  vonser  Fraktion  67.

Antrag  der  Nationalliberalen
auf  Börsenreform.  Reichstag  140.
—  Parteitag  der  nationalliberalen
Partei  93;  in  Westpreußen  133.

Parteitag  der  Volkspartei  115.

Reichstags-Ersatzwahl  in  Bayreuth
  180—181.  —  Reichstags-Ersatzwahl
  in  Geestemünde  71  bis
72;  Stichwahl  74—75.  —  Reichstags-Ersatzwahl
  in  Hall-Oehringen-Weinsberg
  141.  —  Reichstags-Ersatzwahl
  in  Rastenburg  140.  —
Reichstags-Stichwahl  in  Bochum-Gelsenkirchen
  2.  —  Reichstagswahl
in  Kassel  103.  —  Reichstagswahl
in  Tilsit  103.

Wahlen  in  Sachsen  119—120.

Wahl  zum  Landesausschuß  in
Straßburg  131—132.

Abänderung  des  Wahlverfahrens

—57.
Personalien.

Kaiser  Wilhelm,  Brandenburgischer
  Provinziallandtag  39

is  4

 

Alphabetisches  Rezister.

Empfang  der  elsässischen  Adreßdeputation
  65—68.  —  Empfang
der  Generalsynode  140.

Erlaß  über  die  öffentliche  Sittlichkeit
  127—128.

Ansprache  bei  Verleihung  neuer
Feldzeichen  72.

Geschenk  an  Herrfurth  und
Miquel  98.  —  Geschenk  an  Dr.
v.  Stephan  1.

Kommers  der  Korpsstudenten  83.

Kaiser  Wilhelm  und  v.  Koscielski
  56.

Kunstausstellung  75.

Dankschreiben  an  den  Magistrat
von  Berlin  13.

Kaiser  Wilhelm  über  die  deutsche
Marine  67.

Durchstich  des  Nord-Ostsee-Kanals
  67.

Rede  in  Kassel  109—110.

Rede  in  Düsseldorf  80—82.

Rede  in  Erfurt  110.

Rede  in  Köln  82—83.

Rede  in  Merseburg  108.

Einweihung  des  Ständehausfes
von  Teltow.  Reden.

Jubiläum  in  Torgau.  Rede  142.

Aufenthalt  in  Bonn  83.  —
Aufenthalt  in  England  100—103.
—-  Reisen  nach  Hamburg,  Helgoland,
  Wilhelmshaven,  Amsterdam
101.  —  Aufenthalt  in  Hannover
140.  —  Reise  nach  Kiel  93,  163.
—  Reise  nach  Königsberg  84.  —
Reise  nach  München  109.  —  Reise
nach  Ostpreußen  110.  —  Reise  in
die  Rheinprovinz  80—83.  —  Reise
nach  Stettin  und  Lübeck  67.  —
Reise  nach  Oesterreich  109.  Vgl.
Oesterreich.  —  Reise  nach  Bredow
bei  Stettin  110.  —  Reise  nach
Stuttgart  119.  —  Reise  zur  Taufe
des  Panzerschiffs  „Weißenburg“
180.

Kaiser  Wilhelm  über  die  Stimmung
  Süddeutschlands  38.

Schluß  der  Landtagssession  99
bis  100.

Suprema  lex  regis  voluntas
136,  159—  160.

Telegramm  an  v.  Helmholtz  125.
—  Telegramm  betr.  Moltkes  f  73.
        <pb n="337" />
        Bentsches  Reitz.  329

—  Telegramm  an  den  König  von
Württemberg  115.

Vereidigung  der  Rekruten  in
Potsdam  141;  in  Berlin  141—142.

Kaiser  Wilhelm  an  den  Grafen
v.  Waldersee  14.

Kaiser  Wilhelm  und  Windthorst
  60.

Kaiserin  Friedrich.  Reise
nach  Paris  39.  Vgl.  Frankreich.
—  Kunstausstellung  75.

König  Albert  von  Sachsen.
Thronrede  136—138.

König  Karl  von  Württemberg
  7  115—119.

König  Wilhelm  II.  von
Württemberg.  Thronrede  126.

Prinzregent  Luitpold  von
Bayern.  v70.  Geburtstag  57—59.

Kaiser  Alexander  von  Rußland
  und  Gemahlin.  Reise  durch
Berlin  111;  Reise  über  Danzig  129.

König  Carol  von  Rumänien.
  Besuch  126,  129—130.

Großherzog  von  Luxemburg
  in  Bonn  83.

LI1F  ürst  Hohenlohe.

18  r  von  Hohenzollern-Sigmaringen
  101.

Fürst  Bismarck.  Ansprache
an  den  Vorstand  des  konserv.  Vereins
  in  Kiel  70;  Artikel  in  den
„Hamburger  Nachrichten“  über  die
„Versöhnungspolitik“  34.  —  Fürst
Bismarck  und  v.  Bötticher.  Welfenfonds
  67.  —  Empfang  der  Studenten
  in  Kissingen  103—105.  —
Empfang  einer  Wahldeputation  75
bis  77.  —  Geburtstag  69.  —
Nationalliberaler  Parteitag.  Telegramme
  93.  —  Reise  durch  Berlin
  140.  —  Siegener  Deputation
178—180.  Wahl  71—72,  74
bis  75.

Ovation

 

Abg.  Arendt.  Artikel  im
„Deutschen  Wochenblatt“  145.

Abg.  Auer.  Antrag  für  Aufhebung
  der  agrarischen  Zölle  3.  —
Antrag.  Apothekenwesen  12.  —
Antrag.  Maximal-Arbeitstag  72.

GrafBallestrem.  Dasdeutsche

 

Zentrum  und  der  Osservatore  Romano
  108—  109.

Dr.  Barkhausen.  Ernennung
57;  Generalsynode  133—  135,  143.

Abg.  Barth.  Antrag.  Schweineeinfuhrverbot
  4;  Kolonialdebatte  32.

Barth  und  die  interparlamentarische
  Friedenskonferenz  255.

Dr.  Baumbach  254.

Bebel.  Sozialdemokratischer
Parteitag  120—121.

v.  Berlepsch.  Streikfrage  74.

Dr.  Bosse.  Ernennung  13.

v.  Bötticher.  Aeußerung  in
Stralsund  84—  85.  —  Welfenfonds
  67.

Bringewald.  Bergarbeiterversammlung
  38.

oronsart  v.  Schellendorf
100

v.  Caprivi.  Besuch  in  Osnabrück
  111—112;  Entgegnung  auf
eine  Provokation  v.  Jazdzewskis
77—79;  Erklärung  über  die  Getreidezölle
  85—90;  Gegen  v.  Kardorff.
  Reichstag.  Handelsverträge
181;  Getreidebestände.  Ernteaussichten
  96—98;  Reden  bei  der  Beratung
  der  Handelsverträge.  Reichstag
  161—175,  176;  Reden  bei  der
Debatte  über  die  Unteroffiziersprämie
  42—45,  51—54.  —  Rede
bei  der  Etatsberatung.  Beunruhigungsstreben
  145—158.  —  Reichstag.
  Handelsverträge.  Reden  176
—177;  Sperrgelder-Gesetz  5;
Ueber  Entsendung  eines  Kriegsschiffes
  nach  Chile  60—65.  —
Ueber  die  Kornzölle  3;  Ueber  Ost-Afrika
  17—30,  30—32;  Ueber
Südwest-Afrika  14—17;  Unterredung
  mit  dem  päpstlichen  Nuntius
101.  —  Verleihung  des  Grafentitels
  182;  Verwendung  des  Welfenfond-
  74.

v.  Cuny.  Antrag  auf  Börsen-Reform.
  Reichstag  140—141;  Kolonialdebatte
  30;  Sperrgeldergesetz  7.

Emin  Pascha.  Ernennung  38.

v.  Fabrice  7  67.

Prof.  Förster.  Birchow-Helmholtz-Kommers
  132—133.

Fusangel.  Bochumer  Steuerprozeß
  93—.94,  99.
        <pb n="338" />
        330

v.  Gerber.  Ernennung  67,
+  182.

W  Giers.  Reise  durch  Berlin
141.

Vortragender  Rat  Goering.
Ernennung  13.

Minister  v.  Goßler.  Sperrgelder=
  Gesetz  7;  Rücktritt  60;
Ernennung  103.

v.  Gravenreuth  7.140.

v.  Helmholtz.  Kommers  132
—133;  Telegramm  des  Kaisers
125.

v.  Helldorf.  Angriff  des
„Deutschen  Tageblattes“.  Erklärung
  der  konserv.  Partei  38.

Minister  Herrfurth.  Geschenk
des  Kaisers  98;  Landgemeindeordnung
  91—92.

Hobrecht.  Nationalliberaler
Parteitag  für  Westpreußen  133.

Abg.  Höffel.  Zustände  in  den
Reichslanden  55—56.

Admiral  Hollmann.  Vergrößerung
  der  Marine  41.

Abg.  Huene.  Antrag  im  Abgeordnetenhaus.
  Wahlverfahren  56

—57.

Iansseen  182.

v.  Jagdzewski.  Provokation
an  den  Reichskanzler  77.

Abg.  Jebsen.  Ueber  Entsendung
  eines  Kriegsschiffes  nach
Chile  60.

Dr.  Jolly  7.  120.

Graf  Kanitz.  Handelsverträge
175—176

v.  Kardorff.  Reichstag.  Handelsverträge
  176,  181.

v.  Keudell.  „Deutsches  Wochenblatt“
  148.

v.  Kleist-Retzow.  Adresse  der
Generalsynode  an  den  Kaiser  136.

Abg.  v.  Koscielski.  Geschenk
des  Kaisers  56.

Abg.  Kropatschek.  Reichstag.
Handelsverträge.  Verteidigung  der
Kreuzzeitung  177.

General  v.  Leszchnski.  Zur
Disposition  13.

Graf  Limburg.  Sperrgelder-Gesetz
  12.

v.  Maltzahn.  Etatsberatung.
Reichstag  143—145.

 

Alphabetisches  Rezister.

Frh.  v.  Manteuffel.  Angriff
des  „Deutschen  Tageblattes“  38.
—  Erklärung  der  konservativen
Partei  39.

v.  Maybach.  Rücktritt  100.

v.  Mittnacht.  Schluß  des
Landtages  130—131.

v.  Metzsch.  Ernennung  67.

Minister  Miquel.  Etat  2;  Geschenk
  des  Kaisers  98.

Graf  Moltke  7  73—74.

Abg.  Oechelhäuser.  Getreidezölle
  4.

Oertel.  Sozialdemokratischer
Parteitag  122.
5r.l  Oehlschläger.  Ernennung
13.

Abg.  Orterer.  Antrag.  Zuckersteuervorlage
  83—84.

Dr.  Peters.  Ernennung  38.

Dr.  Petri.  Ansprache  bei  der
Ovation  für  den  Fürsten  Hohenlohe
  114;  Ueber  die  Stimmung
Elaßt  sHolhringen  114—115.

d.  Planitz.  Ernennung  67.

Eraf  Preysing.  Aeußerungen
des  Kaisers  über  die  Stimmung
Süddeutschlands  38.

v.  Puttkamer.  Ernennung  101.

v.  Rauchhaupt.  Landgemeinde-Ordnung
  90—91;  Verteidigung
gegen  die  „Hamburger  Nachrichten“

  67.

Oskar  v.  Redwitz  7  101.

Abg.  Reichen  sperger.  Handelsverträge
  175.

Dr.  v.  Renner.  Dienstentlassung
  119.
Abg.  Richter.  Antrag  im

Reichstag,  betr.  Ermäßigung  der
Kornzölle  3;  Rede  bei  der  Etatsdebatte
  158—159;  Reden  bei  der
Debatte  über  die  Unteroffiziersprämien
  45—51,  54.

Abg.  Rickert.  Antrag.  Getreidebestände.
  Ernteaussichten  96
—  98.  —  Erwähnung  des  Artikels
  Arendt  145.

v.  Riecke.  Ernennung  119.

v.  Rönne  182.

Dr.  v.  Rottenburg.
nung  13.

Rudini.  Telegramm  betreffend

Moltkes  1#  73—74.

Ernen-
        <pb n="339" />
        Beutsches  Neich.  331

Salisbury.  Besuch  Kaiser
Wilhelms  102.

v.  Schorlemer-Alst.  Ueber  den
Osservatore  Romano  105.

Abg.  Simonis.  Reichstag.
Handelsverträge  177.

Dr.  v.  Simson.  Entlassung  13.

Frh.  v.  Soden.  Ernennung  38.

Sonnemann.  Parteitag  der
Volkspartei.  Antrag  115.

Abg.  Spahn.  Antrag.  Zuckersteuervorlage
  83—84.

v.  Stablewski.  Ernennung.
Rede  in  Thorn  130.

v.  Stephan.  60.  Geburtstag  1.

Abg.  Stöcker.  Sperrgelder-Gesetz
  12.

Graf  Stolberg.  Ernennung108.1
10  Rinister  Thielen.  Ernennung

Virchow.  Kommers  132—  133;
Geburtstag  120.

v.  Vollmar.  Sozialdemokratie
und  auswärtige  Politik  94;  Sozialdemokratischer
  Parteitag  121
—122;  Rede  in  München  41.

Graf  v.  Walder  see.  Ernennung.
  Schreiben  des  Kaisers  13
—14

Agitator  Warken.  Dankeelegramm
  an  den  Kaiser  33  —34.

Weber  7  100.

Frh.  v.  Wilamowitz.  Ernennung
  60.

Abg.  Windbthorst.  80.  Geburtstag
  4.  —  Erkrankung  60.  —
65.  —  Trauerfeier  66  —67.

Wißmann.  Ernennung  38;
Entlassungsgesuch  129.

Graf  Zedlitz.  Ernennung  60.
—  Sperrgelder-Gesetz  12;  Herrenhaus.
  Sperrgelder-Vorlage  98;
Verfügung  wegen  des  polnischen
Sprachunterrichts  69;  Volksschulgesetz
  80.

Zintgraff.
merun  12.
Fresse.

General  v.  Leszchnski  und
Bismarck  13;  „Armee-Verordnungsblatt“
  Kabinetsordre
betr.  Moltkes  f  73.

„Berliner  Politische  Nach-Gefecht

  in  Ka- 



richten".  Erklärung  der  Industriellen
  12—13.

Das  „Deutsche  Tageblatt"
wird  verklagt  41.  —  „Ein  ernstes
Wort  zur  Lage"  37—38;  Eingehen

„Deutsches  Wochenblatt“"
Artikel  Arendt  145;  Freikonservative
  Fraktion  und  das  Deutsche
Wochenblatt  158.

Hamburger  Nachrichten.  Artikel
  gegen  die  konserv.  Fraktion
des  Reichstages  67;  Artikel  „Zur
auswärtigen  Lage“  68;  Fürst  Bismarck
  und  der  deutsch-englische
Vertrag  35—36;  Fürst  Bismarck
und  die  Siegener  Deputation  178
bis  180;  Dankschreiben  des  Fürsten
Bismarck  69;  Versöhnungspolitik
  34.

Die  Katholische  Presse  über
den  Dreibund  112—114.

Konservative  Korrespondenz.
  Parteioffizielle  Erklärung
38;  Ueber  das  Eingehen  des
„Deutschen  Tageblattes“  68

Kreuzzeitung.  Ankauf  des
„Deutschen  Tageblattes“  68;  Polemik
  gegen  das  „Deutsche  Tageblatt"
  38;  v.  Rauchhaupt  gegen
die  „Hamburger  Nachrichten“  67;
Verteidigung  Kropatscheks  gegen
den  Reichskanzler  177.

Marineverordnungsblatt.
Ordre  betr.  den  Geschäftskreis  des
Oberkommandos  der  Marine  66.

Osservatore  Romano  und
die  „Germania“  105.

Politische  Korrespondenz.
„Untergang  Oesterreichs“  75.

Post.  Artikel  über  den  Besuch
des  Königs  von  Rumänien  129
bis  130.

Preußische  Jahrbücher.  Suprema
  lex  regis  voluntas  159
bis  160.

Reichsanzeiger.  Bekanntmachung
  über  das  Berechtigungswesen
an  den  höheren  Lehranstalten  180;
Erklärung  des  Staatsministeriums
über  die  Getreidezölle  106—107;
Erlaß  des  Kaisers  127—128;  Gesetz
  gegen  die  Trunksucht  108;
Welfenfonds  67.
        <pb n="340" />
        332

Volkstribüne.  Sozialdemo—
kratie  und  der  Krieg  107.

Vorwärts.  Adresse  an  den
Nationalrat  der  französischen  Arbeiterpartei
  66;  Aufruf  der  sozialdemokratischen
  Partei  des  Reichstags
  33.

Preußen.

Abgeordnetenhaus.  Antrag
Huene  (Wahlverfahren)  56—57.
—  Einkommensteuergesetz  56.  —
Annahme  von  Modifikationen  82.
—  Einnahmen  aus  dem  Berg-,
Hütten=  und  Salinenwesen  74.  ——
Etat  der  Ansiedlungskommission77.
—  Getreidebestände.  Ernteaussichten.
  Antrag  Rickert  und  Gen.  96
bis  98.  —  Getreidezölle  85—90.
—  Gewerbesteuergesetz  66.  —  Landgemeindeordnung
  73,  90—93.  —
Rentengütergesetz.  3.  Lesung  16.  —
Sperrgelder-Gesetz.  1.  Lesung  4;
2.  Lesung  94—95.  —  Streikfrage
74.  —  Verwendung  des  Welfenfonds
  74.  —  Volksschulgesetz  80.
—  Mildschadengesetz  36—37.  —
Annahme  98—99.  Zuschüsse
für  Fortbildungsschulen  74.  —
Schluß  der  Landtagssession  99  —.
96  Bochumer  Steuerprozeß  93—94,

Brandenburgischer
Landtag  39—41.

Einweihung  des  Herzog-Albrecht-Denkmals
  in  Königsberg  84.

Etat  für  1891/92  2.

Erlaß  des  Kaisers  über  die  öffentliche
  Sittlichkeit  127—128.

Gesetz  gegen  die  Trunksucht  108.

Herrenhaus.  Einkommensteuergesetz
  73,  84;  Landgemeindeordnung
  87;  Annahme  98;  Sperrgeldervorlage
  98;  Mildschadengesetz,
  Annahme  99.

Kunstausstellung,  Eröffnung
75.

Nord-  -Ostsee-Kanal  67.
30.  Preußische  Staatsanleihe

Welfenfonds  67,  74.

Reichstag.
Antrag  Auer  u.  Gen.  über  einen
Maximah  Arbeitstag  72.

Provinzial- 



Alphabetisches  Rezister.

Apothekenwesen  12.

Beratung  über  den  Bau  einer
Eisenbahn  in  den  Reichslanden
55—56.

Börsen-Reform  140  —  141.

Ersatzwahl  in  Bayreuth  180—
181.  Ersatzwahl  in  Geestemünde
71—72.  —  Ersatzwahl  in  Hall-Oehringen-Weinsberg
  141.—  Ersatzwahl
  in  Rastenburg  140.

Stichwahl  in  Bochum-Gelsenkirchen
  2.  —  Stichwahl  in  Neuhaus-Kehdingen
  30—31.  —  Wahl
in  Kassel  103.  —  Wahl  in  Stolpanenburg
  126.  —  Wahl  in  Tilsit
10

Etat.  Erste  Beratung  143  —-  159.

Handelsverträge.  Erste  Beratung
161  -  177.  —  Zweite  Beratung
150  —  Dritte  Beratung,  Schluß
181.

Extraordinäre  Forderung  für
Kamerun  84.

Entsendung  eines  Kriegsschiffes
nach  Chile  60—65.

Kolonialdebatten  14—33.

Kornzölle  3.

00  Marinebebatte  56.  Marineetat

Patentgesetz-Novelle  60.

Schluß  der  Sitzungen  84.

Schweine-Einfuhrverbot  4.

Stabsoffiziersstellen  42.—  Unteroffiziersprämien
  42—54.

Wiederaufnahme  der  Sitzungen

0

Geburtstag  Windthorsts  4.
Zuckersteuervorlage.  Antrag
Spahn-Orterer  83—84.

Sachsen.
Aenderungen  im  Ministerium  67.
Landtag.  Eröffnung  136  —  138.
—  Landtagswahlen  119—120.
Tod  des  Kultusministers  182.

Sozialdemokratie.

Anträge  der  Sozialdemokraten.
Kornzölle  3.  Apothekenwesen  12.
—  Abg.  Auer,  Antrag  Maximal-Arbeitstag
  72.

Aufruf  der  sozialdemokratischen
Fraktion  des  Reichstages  33.

Bergarbeiterstreik  73.

Gedenktag  der  Pariser  Kommune.
        <pb n="341" />
        Veutsches  Reiq.

Adresse  an  den  Nationalrat  der
französ.  Arbeiterpartei  66.

Sozialdemokratie  und  auswärtige
Politik  94.  —  Sozialdemokratie
und  der  Krieg  107.

Streikfrage.  Erörterung  im  Abgeordnetenhause
  74.

Sozialdemokratischer  Parteitag
in  Erfurt  120—125.  —  Versammlung
  der  sozialdemokratischen  Partei
in  München,  Rede  v.  Vollmars  41.
—  Volksversammlungen  129.

Anterrichtswesen.

Ausschuß  für  Reform  1.
Königl.  Bekanntmachung  über
das  Berechtigungswesen  an  den
höheren  Lehranstalten  190.
Polnischer  Sprachunterricht  69.
Volksschulgesetz  80.

Zuschüsse  für  Fortbildungsschulen
  74.
Wirttenherg.

Abgeordnetenkammer.  Adresse

der  Kammer  an  den  König  128  —
129.  —  Erhöhung  der  Ziodilliste
128.  —  Landtag  Schluß  130—
131.

Eröffnung  der  Ständeversammlung
  126.

König  Karl  f.  Thronfolge  115
—  119.
L1#eränderung  im  Ministerium
19.

Verwaltungsreformvorlage  12.

Frankreich.
Aunswirtige  und  Kolonislpolitik.

Handelsvertrag  mit  Belgien.
Kündigung  234.  —  Handelsverträge.
  Verlängerung  244.

Brüsseler  Konferenzakte.  Votum
der  Kammern  238.  —  Annahme
244.

Demonstrationen  bei  der  Aufführung
  des  Lohengrin  239.  —
Die  Kaiserin  Friedrich  in  Paris
234—236.  —  Paßwesen  in  Elsaß-Lothringen
  238.

Englisches  Abkommen  über  Neu-Fundland
  237.

Flottenbesuch  in  England  238.

 

FKrankreich.  333
Vgl.  Großbritannien.  —  Frankreich
  und  Italien.  Reden  bei  der
Enthüllung  des  Garibaldi-Denkmals
  240—  241.

Niederlage  der  Expedition  Crampel
  in  Kamerun  237.

Unruhen  in  Marokko  241.

Aufenthalt  d.  Großfürsten  Alexis
in  Frankreich  239.  —  Russischer
Minister  des  Auswärtigen  in  Paris
242.  —  Besuch  der  Flotte  in  Kronstadt
  238,  239—240.  Vgl.  Rußland.
  —  Verleihung  des  russischen
Andreas-Ordens  an  Carnot  237.
—  Ordensverleihung  an  Freycinet
und  Ribot  238.

Finanzen  und  Wirtschaftspolitik.

Budget  236.

Getreidezoll  238.  —  Zollvorlage.
  Annahme  244.

Seidenkultur  238.

Kündigung  des  belgisch-französischen
  Handelevertrags  234.  —
Handelsverträge.  Annahme  244.

Eesetz-Einführung.
Bedingte  Verurteilung  237.
Heerwesen  und  Marine.

Flottenbesuch  in  Kronstadt  238.
Vgl.  Rußland.
Mannöver  in  Vendoeuvres  239.

Kammern.

Senatswahlen  233.  —  Interpellation
  über  die  Agitation  der
Geistlichkeit  242—243.  —  Eröffnung
  233.  —  Staatssubvention
an  Bergarbeiter  242.  —  Votum.
General-Akte  der  Brüsseler  Konferenz
  238.  —  Eingangszoll  für
Getreide  238.  —  Handelsverträge
244.  —  Gesetzentwurf  über  eine
Kolonialarmee  244.  —  Kammer--sitzungen
  über  die  Ausschreitungen
bei  der  Maifeier  237—238.  —
Interpellation  Laurs  über  das  Paßwesen
  238.  —  Seidenkultur  238.
—  Novelle  zum  Spionengesetz  242.
—  Stichwahl  241.  —  Ansprache
Jules  Ferrys  in  der  Zollkommission
  des  Senats  234.  —  Zollvorlage
  244.  —  Gesetzentwurf  zur
Unterdrückung  des  Zuhältertums
und  Kupplerwesens  241.
        <pb n="342" />
        334

Nirc#liches.

Hirtenbrief  des  Kardinal  Lavigerie
  bei  der  Wiedereröffnung  der
Kammer  234.  —  Bischof  Freppel
gegen  Lavigerie;  Audienzen  beim
Papst  234.

Hirtenbrief  des  Bischofs  Fava
238
5v5  Religionsunterricht  i  in  Flandern
Agitation  der  Geistlichkeit  242
bis  243.

Schreiben  d.  Erzbischofs  Gouthe-Soulard
  über  die  römischen  Pilgerfahrten
  241,  242.

Kuust  und  Pelitin

Beteiligung  französischer  Künstler
  an  der  Berliner  Ausstellung
235,  236.  —  Deroulede  und  das
Regnault-Monument  235.

Enthüllung  des  Denkmals  für
General  Faidherbe  239—240.

Enthüllung  des  Garibaldi-Denkmals
  in  Nizza  240—241.

Aufführung  des  Lohengrin  239.

Tod  Meissoniers  233.  —  Schreiben
  Kaiser  Wilhelms  an  die  Akademie
  über  den  Tod  Meissoniers
233—234.

Verbot  des  Trauerspiels  „Le
Thermidor"“  233.

Parteien.

Senatswahlen  233.  Stichwahl
  zur  Deputiertenkammer  241.

Imperialisten.  Versammlung
236—237.

Boulangisten.  Aufenthalt  der
Kaiserin  Friedrich  in  Paris  235
bis  236.  —  Beteiligung  an  der
Berliner  Kunstausstellung  235,  236.

Versonalien.

Prinz  Napoleon  f.  237.

Graf  von  Paris.  Zurückziehen
  244.

Kaiserin  Friedrich.  Aufenthalt
  in  Paris  234—236.

König  Georg  v.  Griechenland
  239.

Großfürst  Alexis  v.  Rußland
  239.

 

Boulanger  f.240.
Carnot.  Ordensverleihung  237.

 

Alyhabetisches  Regiler.

Crampel.
merun  237.
Detaille.  Berliner  Ausstellung

236.
Aufenthalt  der

Niederlage  in  Ka-Deroulede.



Kaiserin  Friedrich  in  Paris  235
is  2

Donville-Maillefen  254.

Bischof  Fava.  Hirtenbrief  238.

Jules  Ferry.  Ansprache  in
der  Zollkommission  des  Senats  234.

Floquet.  Ansprache  bei  der
Eröffnung  der  Kammern  233.

Freppel.  Audienzen  beim  Papst
234,  244.

Freycinet.  Reden  über  die
Agitation  der  Geistlichkeit  243.  —
Ministerbankett.  Rede  über  die
Stellung  der  Republik  241.  —
Russische  Ordensverleihung  238.
—  Rede  in  Vendoeuvres  239.

v.  Giers.  Reise  nach  Paris  242.

Grevy  f  239.

Goblet.  Agitation  der  Geistlichkeit
  242—243.

Gouthe-Soulard.  Schreiben
an  Fallières  241;  Bestrafung  242.

Laboulaye  275,  276.

Lafargue.  Wahl  241.

Kard.  Lavigerie.  Hirtenbrief.
Bildung  einer  kath.  Union  234.

Abg.  Laur.  Interpellation  über
das  Paßwesen  238.

Meissonier  J  233.

Menorval.  Boulangisten-Versammlung
  236.

Montebello  276.

Pouyer-Quertier  7.237.

Ribot.  Rede  bei  der  Denkmals-Enthüllung
  in  Bapaume  239—240.
—  Russische  Ordensverleihung  238.

Roche.  Meifeier  237.

Viger.  Antrag.  Getreidezoll  238.

Sazialilisthe  Hewegung.
Bergarbeiter-Kongreß  237.
Maifeier  237—238.

Griechenland  239;  286.

Großbritannien.
Answärtige  und  Kolonialpolitik.
Rede  Gladstones  229.  —  Lord
Salisbury  über  die  auswärtige
Politik  225—226.
        <pb n="343" />
        K##kreich.  Griechenland.  Großbritannien.

Canada.  Absetzung  Merrciers
231—232.  —  Wahlen  223.

Besuch  des  deutschen  Kaiserpaares
225.  Vgl.  Deutschland.

22eutsche  Ausstellung  in  London

W#  Egyptens  227.

2  Besuch  der  französischen  Flotte
27—22

Kartent.  Oberhoheit  der  Königin
  über  das  Bastardland  224.

Manipur.  Niederlage  der  Expedition
  Quinton  223.  —  Erklärung
  des  Rebellenführers  223.  —
Todesurteil  225.

Englisch-portugiesisches  Abkommen
  224

Meafeit.  Demarkationslinie  223.

Sansibar.  Matthews,  Funktion
  des  Premierministers,  Finanzen
  230.

Besetzung  von  Tokar  223.

Bercarat-roje#224—225.

Finanzen.

Budget  223—224.  —  Finanz-=krisis,
  Rede  Goschens  222.  —  Rede
Gladstones  auf  dem  Parteitag  der
liberalen  Partei  229.

Londoner  Handelskammer,  Sitzung,
  Vermehrung  des  Goldvorrats
der  Bank  von  England  231.

Irland.

Rede  Gladstones  auf  dem  Parteitag
  der  liberalen  Bereine  229—
230.

Homerulevdrlage  222.

Lord  Salisbury  über  die  irische
Frage  225.

Heerwesen.

Heeresreglement.  Baccarat-Prozeß
  224.

Kircliches.

Priesterwirtschaft  in  Irland  222.

Englische  Kirche  in  Wales,  Unterhaus
  223.

Ministerret.

Kommission  zur  Untersuchung
des  Verhältnisses  zwischen  Arbeitgebern
  und  Arbeitnehmern  223.

Jarlameni.
Schluß  der  Session  226—227.

 

335

Parteien.

Ersatzwahl  an  Stelle  Parnells
230.  —  Ersatzwahl  an  Stelle  Powers
  232.

„Konserpativer  Parteitag  230—
231

Liberale  Vereine,  Parteitag  229
—230.

Wahlen  in  Canada  223.

Persenalien.

Königin  Viktoria.  Parlamentsschluß,
  Botschaft  226—227.
22  Besuch  der  französischen  Flotte

27—22

Fran  von  Wales.  Baccarat=Prozeß
  224.

Prinz  Albert  Viktor,  Herzog
  von  Clarence,  Verlobung  231.

 

Balfour.  Ernennung  230.

Buxton.  Amendement,  Fabriken=
  und  Werkstättenbill  225.

Chamberlain.  Rede  auf  dem
konservativen  Parteitag  230—231.

Cumming.  Baccarat-Prozeß
224—225.

Herzog  von  Devonshire  232.

Gladstone.  Antrag,  Morgan.
Unterhaus  223.

Gorst.  Fabriken=  und  Werkstättenbill
  225.

Goschen.  Rede  über  die  Finanz-=krisis
  222.  —  Einbringung  des
Budgets  223—224.  —  Rede  in
der  Londoner  Handelskammer,  Vermehrung
  des  Goldvorrats  der  Bank
von  England  231.

Lord  Spencer  of  Hartington
  232.

Lawson.  Antrag  auf  Reform
der  Landgesetze  230.

Lowther.  Ernennung  228.

Matthews.  Fabriken=  und
Werkstättenbill  225.  —  Premierminister,
  Sansibar  233.

Mercier.  Absetzung  232.

Morier.  Ernennung  232.

Parnell  230.

Quinton.  Niederlage,  Ermordung
  223.

Redmond.  Wahl  232.

Lord  Salisbury.  Besuch
Kaiser  Wilhelms  102.  —  Rede  in
        <pb n="344" />
        336

Cambridge  über  Irland  222.  —
Räumung  Egyptens  227.  —  Rede
bei  dem  Lordmayor-Festessen  225—
W.  H.  Smith  J  230.
William  White  232.
Sozialistische  Hewegzung.
Achtstundentag,  Parteitag  der  liberalen
  Vereine  229.
Verhältnis  zwischen  Arbeitgebern
und  Arbeitnehmern  223.
2GEisenbahnsteil  in  Schottland

Kongreß  der  Gewerkvereine  in
New-Castle  228.
Auterhaus.
Budget  223.  224.
Ersatzwahlen  230,  232.
Fabriken=  u.  Werkstättenbill  225.
Erklärung  Stanhopes  über  das
Heeresreglement,  Baccaratprozeß
224.
Irische  Bodenankaufsbill  225.
Antrag  Morgan.  Englische  Kirche
in  Wales  223.
Zehntenbill,  Annahme  222.

Italien.

Answirtige  und  Kolonialpolitik.

Dreibund.  Verbot  Versammlungen
  abzuhalten  251.  —  Verlängerung
  251.

Crispi  über  auswärtige  Politik
253—254.

Grünbuch  über  New-Orleans
250.  Vgl.  Amerika.  —  Grünbuch
über  Abessfinien  250.

König  Humbert  und  die  englische
  Flotte  251—252.

Interparlamentarische  Friedenskonferenz
  254—256.

Empfang  des  russischen  Ministers
  beim  König  252.

Rudini  über  auswärtige  Politik
256.  —  Rundschreiben  Rudinis  242.

Mepntiertenkammer.

Budget  Defizit.  Rede  Luzzattis
251.  —  Finanz-Exposé  245,  251.
—  Darstellung  der  finanziellen  Lage
durch  Luzzatti  249,

 

Alphabetisches  Register.

Abschaffung  des  Listenskrutiniums
  250.

Beratung  über  die  Vorgänge  bei
der  Maifeier  250.

Erklärung  Rudinis  247—249.
—  Rudini  über  New-Orleans  250.
—  Vertrauensvotum  an  Rudini
249.—250.

Vertrauensvotum  an  die  Regierung
  257.

Sperrgesetz;  Zuckersteuer.  Annahme
  257.

Finanzen  und  Wirtschafts-Politik.

Finanz-Exposé,  Grimaldi  245.
—.  Finanz-Exposé  Luzzattis  257.
—  Defizit.  Rede  Luzzattis  251.
Darstellung  der  finanziellen  Lage
durch  Luzzatti  249.

Garantiegesetz.

Generalrat  der  Veteranen  256.

2  Verhandlungen  in  der  Kammer

Kirchliches.

Unruhen  durch  französische  Pilger
  veranlaßt  252.  Vgl.  Römische
Kurie.

Crispi  über  Kirchenpolitik  253,
257

Rudini  über  kirchliche  Politik
256  —  257.  —  Ueber  die  Rede  Kalnokys
  257.

Ministerium.

Demission.  Neubildung  245—

247.

Versonalien.
König  Humbert.  Reise  nach
Venedig  251—252.
Prinz  Jérome  Napoleon
49.

 

Bonghi  und  die  interparlamentarische
  Friedenskonferenz  255.

Crispi.  Demission  245—247.
—  Abgeordneter  247.  —  Brief  an
Desmarets  252—254.

Luzzatti.  Darstellung  der
finanziellen  Lage.  Kammer  249.  —
Finanz-Exposé  257.

Nicotera.  Verbot  Versammlungen
  bezüglich  des  Dreibundes
abzuhalten  251.  —  Nicotera  gegen
Crispi  257.
        <pb n="345" />
        Grssbritamien.—Geslerreich-Augern.

Rudini  Ministerpräsident.  Ernennung
  247.  —  Rundschreiben
247.  —  Erklärung  247—249.  —
Vertrauensvotum  der  Kammer  249
—250.  —  Empfang  beim  König
252.  —  Ueber  auswärtige  Politik
256.  —  Ueber  kirchliche  Politik  256
—257.  —  Ueber  Moltkes  Tod  73
—7  .0

Presee.
Aufsatz  über  italienische  Politik
in  der  Contemporary  Review  250
—251.
Riforma.  Brief  Crispis  an
Desmarets  252—254.

S##zialistische  Hewegzung.
Maifeier  250.

Luxemburg  268.

Montenegro.

Fürst  von  Montenegro.  Reise
nach  Petersburg  273.

Niederlande  267—268.

Nordamerika  287—291.

Canada  223,  231—232.
Neufundland  237.

Oesterreich-Ungarn.

Aunswirtige  Velitik.

Dardanellenfrage  211—213.

Erörterungen  über  den  Dreibund.
  Abgeordnetenhaus  215—216.
—  Dreibund.  Exposé  Graf  Kalnockys
  208—209.  —  Die  Tschechen
und  der  Dreibund  196—  197.

Handelsverträge  192,  216;  Annahme
  217.

Angebliche  Aeußerung  des  Kaisers
über  die  äußere  Lage  207.

Aufenthalt  von  Nihilisten  in
Bulgarien.  Ungarisches  Abgeordnetenhaus
  187—188.

Reise  des  Erzherzogs  Franz  Ferdinand
  nach  Petersburg  184.

Römische  Frage  und  Papstfrage
214—  215.

Orient-Politik  209—213.

Ungarische  Delegation  für  äußere
Angelegenheiten  208—213.

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXKXII.

 

337

Bähmen.

Ausstellung  in  Prag  193.

Landtag.  Erklärung  der  Alttschechen
  184—185.  —  Landeskulturrat
  184.  —  Zuschrift  des
Statthalters.  Sprachenfrage  184.

Siehe  Sprachenfrage.

Eisenbahnwesen.

Abtretung  der  österreichisch-ungarischen
  Eisenbahnen  an  den  ungarischen
  Staat  194.

enderung  der  Generaldirektion

Betriebsergebnisse  der  ungarischen
Staatsbahnen  184.

Dezentralisierung  der  Staatsbahnen
  206—207.

Verstaatlichung  der  ungarischen
Staatsbahn  196.

Finanzen.

Budget.  Oesterreich.  Abgeordnetenhaus
  195—196,  201—202,
215.  —  Dispositionsfonds.  Bewilligung
  194.  —  Vorlegung  der
Hauptziffern  194—195.

Budget.  Ungarn  201.

Staatseinnahmen  von  1890.

Handelspolitik.
andelsverträge  192,  216;  Annahme
  217.
Feerwesen.

Erinnerungsfeier  in  Leutschau
202—203.

Mannöver  198.

Kerreuhems.
Adrefse  an  den  Kaiser  193.

Ernennung  neuer  Mitglieder.  Pairschub
  189.
Sirc##liczes.

Gründung  einer  tschechischen  theologischen
  Fakultät  in  Prag  201.

Papstfrage  213—215.

Tod  des  Kardinal-Erzbischofs
von  Kalorsa  197.  —  Tod  des
Kardinals  Simon  185.

Ernennung  Vasparys  205.

Ministerinn.

Aufhebung  von  Ausnahmsper
fügungen  194.

Forderungen  der  Polen  20
207.

22
        <pb n="346" />
        338

Geserreichisches  Abgeordnetenhans.
Anarchistengesetz  194.
Gesetz-Entwurf.  Einvernehmen
zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitern
  195.

Ausnahmeverordnungen  194.

Budget  195—196,  201—202,
215.

Erörterungen  über  die  Be-Rehungen
  zu  Deutschland  215  bis

Wwꝛr  der  Erwerbssteuer

„n:  des  Jungtschechen  Gregr
216—217.
Resolution  Lueger  196.
Aenderung  von  Stimmzetteln
203—204.

Unterrichtsbudget  207—208.
Varteiwesen.

Aeußerungen  Luegers  üb.  deutsche
„Judenliberale“  215.

Katholisch-Konservative.
Erklärung  Ebenhofhs  207—208.

Liberale  Partei.  Begrüßung
Szaparys  183.  —  Konferenz  der
liberalen  Partei  in  Pest  201.

Magyarenverein  203.

Deutsche  Nationalpartei.
189.

„Gemäßigte  Opposition"“—  „Nationalpartei“
  203.

olen.  Dezentralifierung  der
Staatsbahnen  206—207.—  Polenpartei
  und  der  Dreibund  215—216.
Polenklub  189.

Tschechen.  Alttschechen.  Reichsratswahlen
  188;  Erklärung  der
Alttschechen  im  böhmischen  Landtage
  184——185.—  Mißhandlungen
von  Deutschen  durch  Tschechen  197.
—  Die  jungtschechische  Partei  und
der  Dreibund  196—197.  —  VBasaty
  über  den  Dreibund  196.  —
Empfang  von  franz.  Studenten  in
Prag  193.  —  Rede  Gregrs,  Abgeordnetenhaus
  216.  —  Erklärung
Herolds  über  die  Vereinigung  aller
slawischen  Stämme  195—  196.  —
Kritik  Herolds  über  den  böhmischen
  Ausgleich  194.  —  Jungtschechen,
  Adreßentwurf  für  den

 

Alphabetisches  Rezister.

Kaiser  193.  —  Empfang  der  ungarischen
  Delegation  beim  Kaiser
206.  —  Kaiser  Franz  Joseph  über
die  panslawistischen  Kundgebungen
in  Prag  199.  —  Klub  der  tschechischen
  Abgeordneten  Mährens  189.
—  Benennung  der  Straßen  Prags
205.  —  Theologische  Fakultät  in
Prag  201.  —  Protest  gegen  den
Unterrichtsminister,  Abgeordnetenhaus
  207—208.  —  Versammlung
auf  der  Sophien--Insel  bei  Prag
199—200.  —  Konstituierung  des
Zentralvereins  Wiens  204—205.

Vereinigte  deutsche  Linke.
Parteikonferenz  186—187.—  Versammlung,
  Bericht  Pleners  über
seine  Verhandlungen  mit  der  Regierung
  189.

Wahlen  zum  Gemeinderat  192.
—  Wahlen  zum  österreichischen
Reichsrat  187,  188—189.

Perssnalien.

Kaiser  Franz  Joseph.  Empfang
  der  ungarischen  Delegation
205—206.  —  Reise  nach  Fiume
196.  —  Aufenthalt  in  Prag  und
Reichenberg  198.—201.  —  Thronrede,
  Reichsrat  190—192.—  Handschreiben
  an  den  Grafen  Thun
200  —201.

Erzherzog  Franz  Ferdinand.
  Reise  nach  Petersburg  184.

Erzherzog  Franz  Ferdinand
  von  Oesterreich.  Besuch
72.

Erzherzog  Karl  Ludwig.
Ausstellung  in  Prag  193.

Kaiser  Wilhelm.  Aeußerung
beim  Manöver  198.

König  Alexander  von  Serbien.
  Besuch  198.

König  Karol  von  Numänien.
  Besuch  205

Prinz  Karl  von  Schwarzenberg.
  Gegen  Gregr  216—217.

Fürst  Ferdinand  von  Bulgarien.
  Besuch  197.

Fürst  Windischgrät.  Papstfrage
  2

Dr.  Bilinski.  Budget,  Vorlegung
  der  Hauptziffern  194—195,
        <pb n="347" />
        Gesterreich-Augarn.  339

—  Ernennung  217.  —  Polenpartei
und  der  Dreibund  215—216.

Czizek.  Mißhandlung  eines
Deutschen  197.

v.  Deines.  Rede  in  Leutschau
202—203.

Demel.  Abgeordnetenhaus,  Resolution
  Luegers  196.

Minister  Dunajewski,  Rücktritt
  186.

Ebenhosh.  Gegen  den  Unterrichtsminister
  207—208.

Fejervary.  Duell  217.

Minister  Gautsch.  Sprachenfrage,
  Abgeordnetenhaus  207—208.

Gregr.  Rede  im  Abgeordnetenhause
  216.

Abg.  Gusmann.  Verteidigung
des  Abg.  Schneider  204.

Dr.  Ludwig  Haynald  J  197.

Herold.  Erklärung  über  die
Vereinigung  aller  flaw.  Stämme
195—196.

Graf  Hohenwart.  Gegen  Abg.
Schneider  204.

v.  Jaworski.  Audienz  beim
Kaiser  206—207.

Graf  Kalnoky.  Papstfrage
213—215,  257.  —  Ungarische  Delegation
  für  auswärtige  Angelegenheiten
  208—213.

26  raf  Kuenburg.  Ernennung

7.

Lueger.  Abgeordnetenhaus,  Resolution
  196.  —  Gegen  angebliche
Aeußerungen  Caprivis  215.

"  Abs.  Lienbacher.  Gegen  Gregr
16.

Abg.  Meznik.  Obmann  des

Klubs  der  tschechischen  Abgeordneten
  Mährens  189.

Abg.  v.  Plener.  Antrag,  Abgeordnetenhaus
  213.  —  Gegen  die
Alttschechen,  böhm.  Landtag  185.
—  Bericht  über  Verhandlungen  mit
der  Regierung,  Versammlung  der
Vereinigten  Linken  189.

41#  Palack.  Abgeordnetenhaus

Abg.  Pattai.  Zusatzantrag,  Abgeordnetenhaus
  213.

Abg.  Schlesinger.  Verteidigung
  des  Abg.  Schneider  204.

 

Abg.  Schneider.  Aenderung
von  Stimmzetteln  203—204.

Kardinal  Simor  J  185.

Smolka.  Antrag  für  eine  Loyalitätskundgebung
  192.  —  Reichsrat,
  Wahl  des  Präsidenten  192.

Minister  Steinbach.  Ernennung
  186.  —  Einbringung  des
Budgets  202.—  Steuerausbeutung
Böhmens  217.

Sueß.  Abgeordnetenhaus,  Dreibund
  196.

Suklje.  Protest  gegen  den  Unterrichtsminister
  207—208.

Graf  Szapary.  Rede  im  Abgeordnetenhause,
  Handelsverträge,
Kirchenpolitik,  Verwaltungsreform
183—184.  —  Abgeordnetenhaus,
Aufenthalt  von  Nihilisten  in  Bulgarien
  187.—188.  —  Gesetzentwurf
über  die  Verwaltungsreform,  Administration
  und  Selbstverwaltung
der  Komitate  188;  Verwaltungsvorlage
  197—198.  —  Konferenz
der  liberalen  Partei,  Regierungsprogramm
  201.  —  Auflösung  des
Reichstages  217.

Graf  Taaffe.  Ausnahmeverordnungen,
  Erklärung  194.  —  Erklärung
  betr.  den  böhmischen  Ausgleich
  194.  —  Rede  bei  der  Budgetdebatte
  195.  —  Gegen  Aeußerungen
  Luegers  über  Caprivi  215.
—  Dank  an  Smolka  für  die  Loyalitätskundgebung
  193.  —  Erklärungen
  gegenüber  Vasaty  und  Lueger
  196.

Tilf  cher.
196

Tisza.
183.

Abgeordnetenhaus
Begrüßung  Szaparys
1  Ugron  und  Fejervary.  Duell

17.

Va  saty.  Erneuerung  des  Dreibundes
  196—197.

Vaspary.  Ernennung  205.
g.  Zallinger.  Papstfrage

3.

Iresse.

Wiener  Fremdenblatt.
Rede  bei  der  Erinnerungsfeier  in
Leutschau  203.

Wiener  Tageblatt.  Aeuße—

22.
        <pb n="348" />
        340

rung  des  Kaisers  gegenüber  Ja—
worski  207.

Wiener  Zeitung.  Auflösung
des  Reichsrats  185  —186.

Reichsrat.  Eröffnung,  Thronrede
  190—192.  —  Adresse  an  den
Kaiser  192—193.  —  Auflösung
185—186.

Erörterung  der  Papstfrage  214.
—  Wahlen  zum  österreichischen
Reichsrat  187,  188—189.—  Wahl
des  Präsidiums  192.

Sprachenfrage.
Zuschrift  des  Statthalters  in
Böhmen,  Landtag  184.
Kenntnis  der  deutschen  Sprache,
Abgeordnetenhaus  207—208.
20  Benennung  der  Straßen  Prags

 

Sozialdemskratie.

Anarhistengeset,  Abgeordnetenhaus
  194

Tirol.

Landtag.  Autonomie  Südtirols

185.
Angarn.

Abgeordnetenhaus.  Auflösung
des  Reichstages  217.  —  Handelsverträge
  217.  —  Kompromiß  der
Regierung  197.  —  Oesterreichischungarische
  Konsular-Gerichtsbarkeit
187.  —  Aufenthalt  von  Nihilisten
in  Bulgarien  187—188.  —  Rede
Szaparys,  Handelsverträge,  Kirchenpolitik.,
  Verwaltungsreform
183—184.  —  Vertagung  198.—
Verwaltungsreform  197—198.—
Verwaltungsreform,  Administration
  und  Selbstverwaltung  der  Komitate
  188.  —  Wahlgesetz  197,
198.

Budget  201.

Ungarische  Delegation  für  äußere
Angelegenheiten  208—213.

Siehe  Eisenbahnwesen.

Weltpost-###gref  193,  197.
Portugal  218—219.
Nömische  Kurie  258—261.
Numänien  283—284;  205.

 

Alphabetisches  Rezister.

Nußland.

Auswärtige  Politik.

Expedition  nach  Abessinien  272.

Besuch  der  Kaiserfamilie  in
Dänemark  276.

Attentat  auf  den  Großfürsten-Thronfolger
  in  Japan  273—274.

Besuch  der  feronzsischen  Flotte
in  Kronstadt  274—276

Kolonisierung  der  rusfischen  Juden
  276—277.

Besuch  des  Erzherzogs  Franz
Ferdinand  von  Oesterreich  272.

Fiu#enzen  und  Wirtschefts-Velitik.

Russische  Anleihe.  Vertrag  mit
Rothschild  273,  277.

Budget  271.

Roggenausfuhrverbot  275.—  Getreideausfuhrverbot
  277.—  Weizenausfuhrverbot
  277.

Kolonisierungsgesellschaft  der  russischen
  Juden  276  277.

Neuer  Zolltarif  274.

Kiu#lan
Antwort  des  Kaisers  auf  die

Ergebenheitsadresse  der  finnischen
Landstände  272.

Heerwesen.

Annahme  des  neuen  Repetier-Gewehres

  274.
Kirchliches.

Maßnahmen  gegen  die  Stundisten
272—273;  gegen  die  Juden  273.

Evangelisch-  lutherische  Kirchenbücher
  in  russischer  Sprache  277.

Griechisch=  orthodoxer  Gottesdienst,
  obligatorisch  277—278.

Uebertritt  der  Großfürstin  Sergius
  zur  orthodoxen  Kirche  273.

Gfeeprovinzen.

Sprache  271.

Griechisch=  orthodoxer  Gottesdienst
  obligatorisch  277—278.

Persemalien.

Kaiser  Alexander.  Reise
nach  Dänemark  276.  —  Zusammentreffen
  mit  dem  Kronprinzen
von  Italien  277.  —  Besuch  in
Moskau  274.  —  Reisen  durch
Deutschland  111,  129.

Großfürst  Thronfolger.
Attentat  in  Japan  273—274.  —
        <pb n="349" />
        Geserreich-Ausarn—Nirtei.  341

Eröffnung  der  fibirischen  Eisenbahn
274.  —  Rückkehr  276.

Großfürst  Alexis  in  Frankreich
  239.

Großfürst  Sergius  272.

Großfürstin  Sergius.  Uebertritt
  zur  orthodoxen  Krche  273.

Großfürst  Micha  il  Michailowitsch
  274.

Großfürst  Nikolaus  Niko-=lajewitsch
  1  273.

Großfürstin  Olga  Feodorowna
  I1.  272.

Fürst  Dolgoruckow  272.

Giers  Minister  141,  242,  252,
302.

Hitrowo,  ruffischer  Gesandter
in  Bukarest,  versetzt  324.

Graf  Ignatieff  276.

Graf  Kapnist.  Ernennung  272.

Laboulaye.  Ordensverleihung
275.  —  Abberufung  276.

Maschkoff.  Expedition  nach
Abessinien  272.

 

Graf  Montebello.
nung  276.

Schischkin.  Ernennung  272.

Schweden  und  Norwegen
269—270.

Schweiz  262—266.

Internationaler  Kongreß  für
Arbeiter-Unfälle  265.

Serbien  284—285.

König  Alexander  von  Serbien.
  Besuch  in  Bender  und
Petersburg  274,  275;  in  Oesterreich
  198.

Spanien  220—221.

Ernen-Türkei

  und  Vasallenstaaten.

1.  Türkei  279—281.
2.  Bulgarien  281—282;  197.

Druckfehler.

S.  39  in  der  3.  Zeile  der  Rede  des  Kaisers  ist  zu  lesen  „Herzen“  statt  „Herren“.
S.  41  2.  Februar  „Admiral  Hollmann“  statt  „Holtmann“.

S.  178  Zeile  19  von  unten  „orfevre“  statt  „orlèvre“.

S.  287  in  der  Ueberschrift:  „Nord-Amerika“  statt  „Amerika“.
        <pb n="350" />
        Im  Jahre  1891  ist  erschienen

Das  Papsttum

von

J.  von  Döllinger.

Neubearbeitung  von  Janus  „Der  Papst  und  das  Concil“
im  Auftrag  des  inzwischen  heimgegangenen  Verfassers
von

J.  Friedtith.
36½  Bog.  80.  Geh.  8  KA  Eleg.  geb.  9  A.  505.

I  „In  its  present  shape,  with  its  ample  apparatus,  this
volume  worthili  preserves  in  a  permanent  form  a  pitiless  eæposition
of  the  methods,  bi  wnich  the  papaci  has,  step  by  step,  advanced  to
the  domination  of  the  Church  and  to  the  establishment  of  the  most
extraordmary  Spiritual  despofism  #at  the  w#orld  Ras  seen.“

The  Nation  1891  Nr.  26.

Akademische  Vorträge

von
J.  von  Böllinger.
Dritter  (Schluß-)Band.

1.  Rede  zum  395.  Stiftungstag  der  Universität  München  —  2.  Die  Bedeutung  der
großen  Zeitereignisse  für  die  deutschen  Hochschulen.  —  Ueber  Religionsstifter.  —
4.  Das  Kaiserthum  Karl's  des  Großen  und  feiner  nachfolen.  —  5.  Die  Schenkungsurkunden
  des  Kaisers  Ludwig  des  Frommen,  der  Ottonen  und  Heinrich's  II.  für  den
Mömischen  Stuhl.  —  6.  Die  Ermordung  des  Herzogs  Ludwig  von  Bavern  im  Jahre
1.  —  7.  Der  Uebergang  des  Papstthums  an  e  Franzosen.  —  8.  Anagni.  —
her  Untergang  des  Tempelordens.  —  10.  Die  Geschichte  ber  religiösen  Freiheit.  —
1.  Ueber  Darstellung  und  Beurtheilung  der  franzöfsischen  Revolution.  —  12.  Der
Antheil  Nordamerikas  an  der  Literatur.

22  Bog.  8°%.  Geh.  6  +4  In  feinstem  Halbfranz  geb.  8  4
dDdhüöllinger's  „Akademische  Vorträge“  liegen  mit  dem  vorliggenden
  3.  (Schluß-)  Band  vollständig  vor.  Band  l  ist  in  2.  Auflage
erschienen.

Geschichte  der  Moralstreitigkeiten

in  der  römisch-katholischen  Kirche  seit  dem  XVI.  Jhrhdt.
Mit  Beitrdgen  zur  Geschichte  u.  Charateristik  des  Jesuitendeuns.

Auf  Grund  angedruckter  Aktenstücke  von
Ignaz  von  Döllinger  und  Fr.  Heinrich  Reusch.
2  Bände.  1888.  43  u.  25  Bogen  Gross-Oktav.  Preis:  22  Mark.

Ansoferne  die  Frage  der  Aufhebung  des  Jesuitengesetzes
  im  Zusammenhang  mit  der  Redemptoristenfrage  gegenwärtig
  wieder  im  Vordergrund  der  öffentlichen  Diskussion  steht,
verfehlen  wir  nicht,  auf  das  obige  Dôollinger-Reusch'sckhe  Nandard--work
  Jur  Beurteilung  des  Jesuiten-  und  ganz  vorzicgs#cef#8u
auch  des  Redempforfistenordens  sSomwie  Sseiner  Morallenre
nachdrücklich  hinzuweisen.

C.  H.  Zech'sche  Perlagsbuchhandlung  (Gokar  Heh)
in  München.
        <pb n="351" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
