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        <title>Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Elfter Jahrgang. 1895.</title>
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                                        Schulthess
                   Europäischer  Geschichtskalender.

                                Neue  Folge.

                          Elfter  Jahrgang  18  95.

                     (Der  ganzen  Reihe  XXXVI.  Band.)

                                  Herausgegeben

                                       von

                               Gustav  Roloff.

 

                              München  1806
                C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung
                                   Oskar  Beck.
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                     C.  H.  Beck'sche  Buchdruckerei  in  Nördlingen.
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                                             Inhalts-Verzeichnis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                          Seite
Chronik  der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1895        IV
I.  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder  1
ll.  Die  Österreichisch-Ungarische Monarchie  206
III.  Portugal  .  232
IV.  Spanien  233
V.  Großbritannien  235
VI.  Frankreich  247
VII.  Italien  .  263
VIII.  Die  Römische  Kuri  272
IX.  Schweiz  274
X.  Belgien  276
XI.  Niederlande  279
XII.  Dänemark  .  280
XIII.  Schweden  und  Norwegen  280
XIV.  Rußland  284
XV.  Die  Türkei  und  ü#r  Vasallenstaaten
1.  Die  Türkei  291
2.  Bulgarien  294
3.  Egypten  296
XVI.  Rumänien  297
XVIL  Montenegro    298
XVIII.  Griechenland    299
XIX.  Nord-Amerilka  301
XX.  Mittel=  und  Süd-  Amerika-  305
XXI.  Australien  und  Südsee  308
XXII.  Afrika  309
XXIII.  Asien  .  311
übersicht  der  poltlischen  Entwicklung  des  gJahres  1895  316
Alphabetisches  Register  344        
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                                                 Chronik
                      der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1895.

Januar.

Anfang.  Afrika.  Kämpfe  zwischen  den  Italienern  und  Ras  Mangascha.
  



















11. Belgien  und  der  Kongostaat.  König  Leopold  tritt  den  Kongostaat
  an  Belgien  ab.

12. Deutsches  Reich.  Schluß  der  ersten  Beratung  der  Umsturzvorlage.

14. Deutsches  Reich.  Erklärung  Marschalls  über  den  Schutz  der
Deutschen  im  Auslande.

14. Oesterreich-Ungarn.  Neubildung  des  ungarischen  Ministeriums
durch  Banffy.

14. Frankreich.  Demission  des  Kabinetts  Dupuy.

15. Frankreich.  Demission  Cafimir  Périers.

17. Frankreich.  Wahl  Faures  zum  Präsidenten.

22. Serbien  tritt  den  Beschlüssen  der  Dresdener  Sanitätskommission  bei.

22. Afrika.  Vertrag  über  S.  Leone.

26. 29.  Vereinigte  Staaten.  Beratung  über  den  Zuckerzoll.








26. Rußland.  Minister  des  Auswärtigen  Giers  +.

27. Frankreich.  Bildung  des  Kabinetts  Ribot.

29. Rußland.  Autokratische  Erklärung  des  Zaren.

30. Deutsches  Reich.  Untergang  des  Lloyddampfers  „Elbe“.

31. Kurie.  Der  Papst  gründet  eine  griechisch-katholische    Studienanstalt
in  Konstantinopel.

31. Norwegen.  Das  Ministerium  Stang  reicht  seine  Entlassung  ein.

                                          Februar.

 2.Deutsches  Reich.  Landtagswahlen  in  Württemberg.

2. Frankreich.  Währungsdebatte  in  der  Kammer.

3. Schweiz.  Eine  Volksabstimmung  verwirft  das  Gesandtschaftsgesetz.

5. Großbritannien.  Die  Thronrede  über  die  armenische  Frage.

5. Frankreich  und  Belgien.  Frankreich  wahrt  sich  das  Vorkaufsrecht
am  Kongostaate.

7. Großbritannien.  Die  Regierung  erklärt  sich  im  madagasisischen
Kriege  neutral.

9. Deutsches  Reich.  Beratung  im  Reichstag  über  die  Sicherung  der
Seeschiffahrt.

12. Norwegen.  Briefwechsel  zwischen  dem  König  und  der  Opposition.

15.—  16.  Deusches  Reich  Währungsdebatte  im  Reichstag.



18. Oesterreich-Ungarn.  Erzherzog  Albrecht  +.
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                                             Allgemeine  Chronik.                                 V

Mitte.  Aufstand  in  Cuba.

24.  Spanien  und  Marokko.  Milderung  des  Vertrages  von  Marrakesch.

26.  Großbritannien.  Währungsdebatte  im  Unterhause.

Ende.  Oesterreich-Ungarn.  Die  Bischöfe  erbitten  den  Beistand  der
Kurie  gegen  die  Christlich-Sozialen.

                                             März.

2.  Deutsches  Reich.  Verstärkung  der  Marine  im  Reichstag.

4.  Frankreich  nimmt  die  Einladung  zur  Einweihungsfeier  des  Nordostseekanals
  an.

4.—7.  Frankreich.  Beratung  über  das  Militärbudget.

11.  Rußland.  Fürst  Lobanow  wird  Minister  des  Auswärtigen.

12.  Frankreich.  Beratung  über  die  Vergrößerung  der  Flotte.

13.  Deutsches  Reich.  Debatte  im  Reichstag  über  den  Handelsvertrag
mit  Argentinien.

14.  Italien  und  die  Vereinigten  Staaten.  Die  Union  verspricht
Entschädigung  mißhandelter  Italiener.

15.  Bulgarien  und  Rumänien.  Abschluß  eines  Zollvertrages.

16.  Deutsches  Reich.  Reichstagsdebatte  über  die  griechischen  Wertpapiere.

17.  Spanien.  Rücktritt  Sagastas.

18.  Kurie.  Der  Papst  erklärt  sich  gegen  die  ungarische  Kirchenpolitik.

23.  Deutsches    Reich.  Der  Reichstag  lehnt  eine  Beglückwünschung  Bismarcks
  ab.

26.  Deutsches  Reich.  Der  Kaiser  beglückwünscht  den  Fürsten  Bismarck
in  Friedrichsruh.

28.  Großbritannien.  Erklärung  im  Unterhause  über  das  Verhältnis
zu  Frankreich  und  dem  Kongostaate.

30.  Oesterreich-Ungarn.  Interpellation  im  österreichischen  Abgeordnetenhause
  über  die  Bismarckfeier.

                                               April.
Mittelamerika.  Allianzverhandlungen  zwischen  den  mittelamerikanischen
  Staaten.
5.  Frankreich.  Hanotaux  über  England  und  Frankreich  in  Afrika.
5.  Belgien.  Annahme  des  Gemeindewahlgesetzes.
17.  Asien.  Frieden  zwischen  Japan  und  China.
20.  Kurie.  Encyklika  an  die  Engländer.
21.  Italien.  Agitation  zur  Wiederanknüpfung  der  Handelsbeziehungen
mit  Frankreich.
23.  Asien.  Intervention  von  Deutschland,  Rußland  und  Frankreich.
25.  Deutsches  Reich.  Der  Reichstag  beschließt  Kampfzölle  gegen  Spanien.
25.  Oesterreich-Ungarn.  Graf  Kalnoky  über  die  Stellung  des  päpstlichen
  Nuntius.
April.  Mai.  Vereinigte  Staaten.  Angriffe  auf  Cleveland  wegen  seiner
auswärtigen  Politik.
Mai.
7.  Deutsches  Reich.  Generaloberst  von  Pape  +.
8.  Nicaragua  fügt  sich  den  englischen  Forderungen.
9.  Oesterreich-Ungarn  und  Bulgarien.  Abschluß  eines  Zollabkommens.

11.  Deutsches  Reich.  Ablehnung  der  Umsturzvorlage.
11.  Türkei.  England,  Rußland  und  Frankreich  legen  ein  Reformprojekt
für  Armenien  vor.
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        VI                                Allgemeine  Chronik.

13.  Deutsches  Reich.  Genehmigung  eines  Zollkartells  mit  Oesterreich-Ungarn.


15.  Kurie.  Der  Papst  verbietet  den  Katholiken  die  Teilnahme  an  den
italienischen  Wahlen.

15.  Oesterreich-Ungarn.  Rücktritt  Kalnokys.

17.  Kanada  und  Neufundland.  Vergebliche  Verhandlung  über  eine
Verbindung.

23.  Italien.  Große  Wahlrede  Crispis.

24.  Deutsches  Reich.  Schluß  des  Reichstags.

31.  Frankreich.  Hanotaur  über  das  Verhältnis  zu  Deutschland,  die
ostasiatische  und  armenische  Frage.

                                                 Juni.

Anfang.  Großbritannien.  Ein  Geschwader  nach  Beirut.

7.  Norwegen.  Das  Storthing  fordert  Verhandlungen  mit  Schweden
über  Diplomatie  und  Konsulatswesen.

9.  Kurie und  Rußland.  Errichtung  einer  ständigen  russischen  Vertretung
am  Vatikan.

10.  Frankreich.  Hanotaux  und  Ribot  über  die  Allianz  mit  Rußland.

11.  Oesterreich-Ungarn.  Graf  Goluchowski  über  die  auswärtige  Lage.

13.  Vereinigte  Staaten.  Cleveland  verbietet  die  Unterstützung  der
Cubaner.

14.  Türkei.  Die  Pforte  verspricht  Reformen.

18.  Belgien  und  Dänemark.  Abschluß  eines  Handelsvertrages.

18.  Oesterreich-Ungarn.  Rücktritt  der  österreichischen  Koalitionsregierung.


19./21.  Deutsches  Reich.  Einweihung  des  Nordostseekanals.

23.  Großbritannien.  Rückttritt  des  liberalen  Kabinetts.

26.  Großbritannien.  Salisbury  bildet  ein  Kabinett.

27. 28.  Belgien  gewährt  dem  Kongostaate  eine  neue  Anleihe.

Juni.  Juli.  Türkei  und  Bulgarien.  Aufstand  in  Macedonien.  Notenwechsel
  zwischen  Pforte  und  Bulgarien.

                                                  Juli.  .
1.  Oesterreich-Ungarn.  Schluß  der  Beratungen  über  die  Aufhebung
der  internationalen  Zuckerprämien.
Anfang.  Deutsches  Reich  und  Marokko.  Der  Fes  wird  zur  Entschädigungszahlung
  gezwungen.
5. Norwegen.  Das  Storthing  bewilligt  die  Ausgaben  für  Diplomatie
und  Konsulatswesen.
6.  Rußland  und  China.  Abschluß  eines  Anleihevertrags.
8.  Frankreich  und  Schweiz.  Genehmigung  eines  Zollabkommens.
9.  Rußland  und  Portugal.  Abschluß  eines  Handelsvertrags.
10.  Deutsches  Reich.  Veröffentlichung  des  sozialistischen  Agrarprogramms.

12.  Rußland  und  Abessinien.  Empfang  einer  abessinischen  Abordnung
  in  Petersburg.
13.  Italien.  Erklärung  Blancs  über  Abessinien.
15./17.  Rußland  und  Bulgarien.  Empfang  einer  bulgarischen  Abordnung
  in  Petersburg.
18.  Bulgarien.  Stambulow  +.
19.  Serbien.  Finanzarrangement  genehmigt.
22.  Deutsches  Reich.  Rudolf  v.  Gneist  +.
Juli.  August.  Deutsches  Reich  und  Frankreich.  Preßerörterungen
über  die  Siegesfeiern  in  Deutschland.
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                                        Allgeneine  Chronik.                                       VII

                                        August.

1.  Deutsches  Reich.  Heinrich  v.  Sybel  +.

Anfang.  Deutsches  Reich  und  Großbritannien.  Preßfehde  anläßlich
  der  Reise  des  Kaisers  nach  England.

4.  Türkei.  Ausführliche  Antwort  der  Pforte  auf  die  Reformvorschläge.

9.  Asien.  Grenzregulierung  zwischen  Japan  und  Spanien.

15.  Großbritannien.  Lord  Salisbury  über  die  armenische  Frage.

16.  Belgien.  Annahme  des  Schulgesetzes.

18.  Deutsches  Reich.  Grundsteinlegung  zum  Nationaldenkmal  Kaiser
Wilhelms  I.

26.  Großbritannien.  Pläne  einer  Neuordnung  des  Kriegsministeriums.

26.  Brasilien.  Ende  des  Bürgerkrieges.

                                            September.

10.  Kurie.  Engcyklika  an  die  belgischen  Bischöfe.
11.  Deutsches  Reich  und  Oesterreich-Ungarn.  Der  Deutsche  Kaiser
wird  zum  österreichischen  General  der  Kavallerie  ernannt.
Witte.  Chile  nimmt  eine  Anzahl  deutscher  Offiziere  in  Dienst.
Italien.  Feier  des  Nationalfestes.
29  Asien.  Englisches  Ultimatum  an  China.
30.  Türkei.  Armenierputsch  in  Konstantinopel.

                                          Oktober.

1.  Afrika.  Frankreich  übernimmt  die  Schutzherrschaft  über  Madagaskar.

2  Oesterreich-Ungarn.  Bildung  des  Ministeriums  Badeni.

Anfang.  Portugal.  Reise  des  Königs  ins  Ausland.

3.  Rußland  und  Rumänien.  Vertrag  über  die  Pruthschiffahrt.

Anfang.  Deutsches  Reich  und  Rußland.  Geschenk  des  Kaisers  an
den  Zaren.

4.  Asien.  Chinesische  Kronkonzession  an  Deutschland.

6./12.  Deutsches  Reich.  Sozialistischer  Parteitag.

14.  Norwegen.  Neubildung  des  Ministeriums.

17.  Türkei.  Verständigung  über  ein  Reformprojekt.

19.  Großbritannien.  Ultimatum  an  Venezuela.

19.  Asien.  Schluß  der  Beratungen  über  die  Räumung  Liautungs.

21.  Oesterreich  -Ungarn.  Abschluß  der  kirchenpolitischen  Gesetzgebung
in  Ungarn

24.  Deutsches  Reich.  Trennung  der  Konservativen  von  den  jüngeren
Christlich-Sozialen.

28.  Frankreich.  Sturz  des  Kabinetts  Ribot.

Ende  Oktober.  November.  Großbritannien  und  Rußland.  Preßfehde
über  Ostasien  und  Armenien.

                                     November.

1. Afrika.  Großbritannien  beschließt  die  Eroberung  Aschantis.

1. Frankreich.  Bildung  des  Kabinetts  Bourgeois.

3. Schweiz.  Eine  Volksabstimmung  verwirft  das  Militärgesetz.

6. Großbritannien.  Chamberlain  über  den  Zusammenschluß  der
Kolonien.

9. Großbritannien.  Lord  Salisbury  bespricht  die  Möglichkeit  einer
Vernichtung  der  Türkei.

9. Türkei.  Der  mitteleuropäische  Dreibund  schließt  sich  dem  Vorgehen
der  übrigen  Mächte  gegen  die  Pforte  an.
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        VIII                                   AIlgemeine  Chronik.

11.  Bulgarien.  Der  Fürst  verspricht  den  Thronfolger  zur  orthodoxen
Religion  übertreten  zu  lassen.

11.  Egypten.  Ministerwechsel.  Mustafa  Fehmi  Pascha  wird  Premierminister.


19.  Großbritannien.  Salisbury  verliest  ein  Schreiben  des  Sultans
mit  Reformversprechungen.

20.  Großbritannien  und  Egypten.  Vertrag  zur  Verhütung  des
Sklavenhandels.

25.  Italien  erklärt  sich  zu  einer  Beisteuer  für  die  Simplonbahn  bereit.

26.  Türkei.  Einführung  von  Reformen.

28.  Italien.  Crispi  über  die  äußere  und  innere  Politik.

                                          Dezember.

3.  Deutsches  Reich.  Eröffnung  des  Reichstags.

3.  Vereinigte  Staaten.  Botschaft  Clevelands  über  die  Finanzlage
und  die  Handelsbeziehungen  zu  Deutschland.

9.  Deutsches  Reich.  Rede  Marschalls  über  das  Verhältnis  zu  Nordamerika.


10.  Frankreich.  Internationaler  bimetallistischer  Kongreß  zu  Paris.

10.  Türkei.  Die  Pforte  stimmt  der  Vermehrung  der  Stationsschiffe  zu.

14.  Deutsches  Reich.  Publikation  des  Notenwechsels  mit  dem  Kongostaate
  über  die  Ermordung  Stokes.

17.  Vereinigte  Staaten.  Botschaft  Clevelands  über  den  Streit  zwischen
  England  und  Venezuela  und  die  Monroedoktrin.

18./21.  Vereinigte  Staaten.  Einsetzung  der  Venezuelakommission.

30.  Kurie.  Die  Kardinalkommission  für  die  orientalische  Kirche  erhält
ständig  autonomen  Charakter.

30.  Afrika.  Einbruch  bewaffneter  Banden  im  Dienste  englischer  Gesellschaften
  in  Transvaal.

Ende.  Deutsches  Reich  und  Großbritannien.  Preßfehde  über  den
Friedensbruch  in  Transvaal.
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                                                           I.
                   Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

1.  Januar.  Der  Kaiser  verleiht  dem  Grafen  Waldersee,
kommand.  General  des  9.  Armeekorps,  den  Schwarzen  Adlerorden.

Anf.  Januar.  Der  Kaiser  und  der  König  von  Württemberg.


In  mehreren  Blättern  wird  behauptet,  es  herrsche  eine  Verstimmung
zwischen  dem  Kaiser  und  dem  König  von  Württemberg;  so  habe  der  König
im  September  vorigen  Jahres  in  Ostpreußen  (vgl.  Jahrgang  1894  S.  139)
an  den  letzten  Manövertagen  nicht  mehr  teilgenommen  und  Königsberg
ohne  Abschied  vom  Kaiserpaare  verlassen.  Der  „St.-Anz.  für  Württemberg"
  konstatiert  dem  gegenüber  (7.  Januar),  daß  der  König  am  letzten
Tage  den  Manövern  beigewohnt  und  sich  angesichts  des  ganzen  Stabes
vom  Kaiserpaare  verabschiedet  hat.  Ferner  publiziert  der  „St.-Anz.  für
Württemberg“  einen  herzlichen  Depeschenwechsel  zwischen  dem  Kaiser  und
dem  König  von  Württemberg  anläßlich  des  Jahreswechsels.

    8.  Januar.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  der  Umsturzvorlage
  (vgl.  Jahrg.  1894  S.  183,  198).  Rede  Auers.

Abg.  Auer  (Soz.):  Die  Vorlage  solle  die  bürgerliche  Freiheit  beschränken.
  „Es  wird  uns  schwer  werden,  die  Vorlage  ganz  leidenschaftslos
zu  behandeln;  denn  wenn  wir  auch  nicht  gerade  gerädert  oder  geköpft  werden
  sollen,  falls  sie  angenommen  wird  —  etwas  passiert  uns,  was  uns  nicht
angenehm  sein  kann.  Denn  daß  die  Vorlage  sich  nicht  gegen  die  Sozialdemokraten
  allein  richtet,  das  glauben  wir  nicht.“  Auch  das  Sozialistengesetz"
  hätte  nach  Bennigsens  Ausführungen  im  Jahre  1878  sich  nicht  gegen
bestimmte  Parteien  richten  sollen.  Das  vom  Staatssekretär  Rieberding  vorgelegte
  Begründungsmaterial  aus  den  sozialistischen  Schriften  sei  nicht  beweiskräftig;
  es  seien  früher  von  Nichtsozialdemokraten  viel  schlimmere  Dinge
geschrieben  worden,  so  vom  Minister  Miquel  und  Ludwig  Bamberger.  Die
anarchistischen  Zitate  berührten  die  Sozialdemokratie  nicht.  Umsturzbestrebungen
  gäbe  es  auch  außerhalb  der  Arbeiterpartei,  das  beweise  die  Broschüre
von  Konstantin  Rößler  (vgl.  Jahrgang  1894  S.  163),  der  Vorschlag  Stöckers
in  der  „Kr.  Ztg.“  die  Reichsverfassung  durch  einen  Staatsstreich  zu  ändern.
In  Bezug  auf  den  §  130  sagt  der  Redner:  Gegenüber  der  Behauptung,
daß  ohne  Monarchie  keine  gedeihliche  Entwickelung  möglich  sei,  ist  festzustellen,
  daß  wir  in  Deutschland  Republiken  haben,  in  denen  es  ohne  Monarchie
  geht.  Ferner  gibt  es  doch  auch  Monarchen,  die  auf  Thronen  sitzen

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                         1
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        2  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  8.—9.)

oder  gesessen  haben,  die  ganz  interessante  Erscheinungen  waren.  Hat  sich
eine  besondere  Bewegung  gegen  die  Monarchie  geltend  gemacht?  Hält  man
eine  Umschau  über  die  gekrönten  Häupter  von  Europa,  dann  treten  allerdings
  Erscheinungen  zu  Tage,  welche  es  notwendig  erscheinen  lassen,  die
Monarchen  vor  jeder  Kritik  zu  schützen.  Es  gibt  auf  den  Thronen  Erscheinungen,
  daß  bloß  die  Namensnennung  die  Erinnerung  an  liederliche
Subjekte  erweckt.  Gibt  es  nicht  Angehörige  von  herrschenden  Familien,  die
in  allen  Spiel=  und  Lasterhöhlen  zu  finden  waren?  Die  Ehe,  die  man
schützen  wolle,  würde  durch  die  Fabrikarbeit  der  Frauen  und  durch  die  von
den  oberen  Kreisen  begünstigte  Prostitution  herabgewürdigt,  ebenso  durch
die  Erschwerung  der  Heiraten  der  Postbeamten  und  Offiziere.  Er  schließt:
Die  Erweiterung  der  kautschukartigen  Gesetzesbestimmungen  wird  nur  dazu
führen,  die  Opposition  vogelfrei  zu  machen.  Wir  fürchten  dieses  Gesetz
ebenso  wenig  wie  das  Sozialistengesetz.  Wir  halten  es  für  unverbesserlich.
Wir  werden  es  daher  auch  nicht  in  eine  Kommission  schicken.  Der  frühere
Reichskanzler  sprach  von  dem  Mute  der  Kaltblütigkeit.  Die  Kaltblütigkeit
ist  zum  Teufel  gegangen  und  Sie  marschieren  unter  dem  Hafenpanier.

8.  Januar.  Der  Kaiser  setzt  auf  einem  auf  dem  Schloß
zu  Potsdam  gegebenen  Herrenabend  in  längerem  Vortrage  einer
Anzahl  Abgeordneten  die  Notwendigkeit  auseinander,  die  Marine
zu  verstärken  (vgl.  8.  Februar).

9.  Januar.  (Reichstag.)  Umsturzvorlage.  Stumm  gegen
die  Kathedersozialisten.  Gröber  gegen  die  ungläubigen  Professoren.

Abg.  v.  Stumm  (R.  P.):  Ein  prinzipieller  Unterschied  zwischen
Sozialdemokraten  und  Anarchisten  existiert  nicht.  Den  Sozialdemokraten
gegenüber  kann  man  mit  geistigen  Waffen  nicht  auskommen,  man  muß  den
eisernen  Besen  anwenden,  und  zwar  richtet  man  mit  geistigen  Waffen  deswegen
  nichts  aus,  weil  die  jedesmal,  wenn  sie  widerlegt  sind,  sich  sofort
mausern  und  von  neuem  widerlegt  nochmals  sich  mausern  und  so  natürlich
nicht  zu  fassen  sind.  Wir  brauchen  deshalb  ein  schärferes  Gesetz,  und  hätte
ich  das  Gesetz  zu  machen,  so  würde  ich  vorschlagen  „§  1:  Jedem  Sozialisten
wird  das  aktive  und  passive  Wahlrecht  entzogen.  Die  Agitatoren  werden
ausgewiesen  oder  interniert.“  Die  Sozialdemokratie  kann  heute  bereits  in
ihrer  Organisation  als  ein  Staat  im  Staate  gedacht  werden.  Sie  hat  ein
wohlgeordnetes  Beamtenheer,  fie  treibt  ihre  Steuern  mit  größerer  Pünktlichkeit
  ein,  als  irgend  ein  Finanzminister  der  Einzelstaaten  es  sich  nur  wünschen
  kann;  sie  unterdrückt  mit  allen  Mitteln,  was  sich  ihr  widersetzt.  Ich
halte  es  für  die  Pflicht  der  Selbsterhaltung,  für  eine  Pflicht  gegen  die
Monarchie  und  die  Gesellschaft,  die  Arbeiter  von  dem  roten  Banne  der
Sozialdemokraten  und  der  ungesetzlichen  Tyrannei  zu  befreien,  die  ihnen
von  den  sozialdemokratischen  Agitatoren  auferlegt  wird.  Ich  nehme  es  den
sozialdemokratischen  Führern  nicht  einmal  so  sehr  übel,  daß  sie  so  handeln.
Eine  gewisse  Entschuldigung  dafür  sehe  ich  in  dem  Kokettieren  gewisser  gelehrter
  Kreise  mit  der  Sozialdemokratie,  mit  der  Revolution.  Diese  Herren
herrschen  von  ihrem  Katheder  ebenso  unumschränkt  wie  die  Führer  der
Sozialdemokratie.  Jeder  Dozent  der  Nationalökonomie,  der  sich  ihrer  Richtung
  nicht  anschließt,  wird  als  unwissenschaftlich  verschrieen,  wird  boykottiert
und  kommt  in  keine  gute  Professur  hinein.  Von  diesen  Herren  stammt
auch  die  Phrase  von  dem  berechtigten  Kern  der  Sozialdemokratie;  denn
was  berechtigt  daran  ist,  ist  gar  nicht  spezifisch  sozialdemokratisch,  im
Gegenteil,  alles,  was  die  andern  Parteien  zum  Wohle  und  zum  Schutze
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         Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  9.)    3

der  arbeitenden  Klasse  anstrebten,  scheiterte  teilweise  an  dem  Widerspruche
der  Sozialdemokraten  oder  kam  gegen  deren  Willen  zu  stande.  Ich  erinnere
nur  an  das  Alters=  und  Invaliditätsversicherungsgesetz,  die  Unfallversicherung,
  das  Gesetz  über  die  Sonntagsruhe  u.  a.  Die  besten  Löhne,  die  vorzüglichsten
  Wohlfahrtseinrichtungen  bestehen  dort,  wo  die  Arbeiter  scharfe
Gegner  der  Sozialdemokratie  sind.  Sehen  Sie  sich  nur  einmal  die  Fabrik
des  Herrn  Krupp  und  anderer  Kollegen  auf  unserer  Seite  an  und  vergleichen
  Sie  damit  die  Einrichtungen  bei  der  sozialdemokratischen  Genossenschaftsbäckerei.
  Die  Arbeiter  streikten  bekanntlich  dort  wegen  zu  niedriger
Löhne.  Dabei  gingen  die  Leiter  solcher  Arbeiter-Erwerbsgenossenschaften
noch  häufig  mit  den  Geldern  durch.  Man  sagt,  wir  machten  mit  den
reichen  Juden  Geschäfte  und  schimpften  auf  die  kleinen.  Merkwürdig  ist
doch  aber,  daß  meines  Wissens  bei  keiner  Fraktion  außer  der  sozialdemokratischen
  Juden  Mitglieder  sind.  Man  wirft  uns  vor,  wir  hätten  uns
auch  über  die  Agitation  der  christlich-sozialen  Arbeitervereinigungen  beschwert.
  Nun,  das  Organ  dieser  Bewegung  im  Rheinland  ist  „Die  Hilfe“
des  Pfarrers  Naumann  und  diese  geht  ganz  offen  mit  den  Sozialdemokraten
zusammen.  Einer  ihrer  Hintermänner  ist  der  bekannte  Karl  Weber.  Systematisch
  schürt  die  „Hilfe“  die  Unzufriedenheit  der  Landarbeiter  und  verleidet
  ihnen  sogar  das  Weihnachtsfest  und  die  Weihnachtsbescherungen,  die  die
Wohlthätigkeitsvereine  den  Kindern  der  ärmeren  Leute  veranstalten.  Zum
Glück  wird  ja  diese  Neigung  von  der  sonstigen  evangelischen  Kirche  nicht
geteilt.  Dieses  Liebäugeln  mit  der  Sozialdemokratie  geht  durch  eine  ganze
Reihe  von  Blättern.  Ich  erinnere  nur  weiter  an  „den  neuen  Kurs“,  der
ja  bis  in  hohe  Kreise  hinauf  Beschirmer  haben  soll.  Unverständlich  ist
mir  ferner  gewesen,  wie  ein  solches  aufreizendes  Stück  wie  „Die  Weber“
vom  Oberverwaltungsgericht  freigegeben  werden  konnte.  Wenn  man  dagegen
  bedenkt,  wie  auch  hier  im  Hause  die  Herren  Sozialdemokraten  stets
mit  Glaceehandschuhen  angefaßt  werden,  obwohl  sie  doch  durch  ihre  Majestätsbeleidigungen
  uns  geradezu  verhöhnen,  wie  Herr  Bebel  es  wagen  kann,
der  ganzen  Nation  Bedientensinn  beizulegen  und  unser  glorreiches  Deutsches
Reich  mit  dem  römischen  Reiche  unter  Tiberius  in  Parallele  zu  stellen,
dann  meine  ich,  ist  es  die  höchste  Zeit  ihm  zuzurufen:  quousque  tandem
Catilina!  Ich  begrüße  diese  Vorlage  als  ersten  Schritt  zur  Gesundung,
weil  sie  den  Schein  zerstört,  als  ob  die  Regierung  mit  der  Sozialdemokratie
paktiert,  und  weil  sie  ferner  eine  Handhabe  bietet,  nicht  bloß  den  Verbrecher,
  den  Verführten  zu  treffen,  sondern  auch  den  Verführer.  Ich  halte
denjenigen  für  ebenso  schuldig,  der  das  Dolchzücken  verherrlicht  und  dazu
auffordert,  als  denjenigen,  der  den  Dolch  selbst  in  die  Brust  eines
Gegners  gesenkt  hat.  Man  hat  sich  gegen  die  Vorlage  ausgesprochen,  weil
sie  ein  Ausnahmegesetz  sei.  Warum  soll  denn  ein  Ausnahmegesetz  nicht
auch  heilsam  sein:  Die  Gewerbe-Ordnung  ist  auch  ein  Ausnahmegesetz,
nämlich  gegen  die  Arbeitgeber,  sie  soll  den  Arbeiter  gegen  die  Ausbeutung
schützen.  Ebenso  gut  und  noch  viel  mehr  muß  der  Arbeiter  gegen  die
sozialdemokratische  Ausbeutung  geschützt  werden.

Abg.  Gröber  (3.)  beantragt  die  Vorlage  zur  ernsten  Prüfung  an
eine  Kommission  von  28  Mitgliedern  zu  verweisen.  So  lange  Ausnahmegesetze
  u.  a.  gegen  die  Jesuiten  beständen,  würde  das  Zentrum  dem  Bundesrat
  keine  scharfen  Waffen  gewähren,  die  gegen  alle  Parteien  gerichtet  werden
könnten.  Die  Vorlage  stellte  den  für  die  Rechtspflege  ganz  neuen  Begriff
der  Anpreisung  von  Verbrechen  auf.  Nun  gibt  es  heute  eine  wissenschaftliche
  Richtung,  welche  die  innere  Willensfreiheit  des  Menschen  leugnet  und
den  Schuldbegriff  völlig  streichen  will.  Ja,  es  gibt  Professoren,  die  das
Recht  auf  Revolution  predigen.  Müßten  solche  Lehren  nicht  auch  unter

                                               1*
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        4  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  9.)

dieses  Gesetz  fallen!  Nun  weiß  ich  wohl,  was  mir  der  Staatssekretär  des
Reichsjustizamts  darauf  erwidern  wird.  Er  wird  sagen:  es  müsse  auch  die
rechtswidrige  Absicht  festgestellt  sein.  Allein  damit  wird  der  Willkür  doch
ein  zu  weiter  Spielraum  gelassen.  Das  Anpreisen  aller  Verbrechen  soll
strafbar  sein,  die  überhaupt  jemals  in  der  Welt  begangen  worden  sind,  im
In=  und  Auslande,  vor  und  nach  der  Sündflut.  Uns  könnte  das  ja  in
mancher  Beziehung  recht  sein.  Den  Katholiken  würde  es  dann  erspart
bleiben,  sich  dagegen  zu  wehren,  daß  ein  Mordbrenner,  ein  schwedischer
Franktireur  hier  in  Deutschland  verherrlicht  wird  (Lebhafte  Zustimmung
im  Zentrum,  große  Unruhe  rechts  und  links),  wie  wir  im  letzten  Monat
haben  erleben  müssen.  (Fortdauernde  Unruhe).  Das  würde  unter  den  Begriff
  der  Anpreisung  des  Hochverrats  fallen.  Aber  ebenso  hätte  dies  Gesetz
Anwendung  finden  müssen,  wenn  zu  den  Zeiten,  wo  gegen  katholische  Priester
und  auch  Bischöfe  im  Wege  des  Zwanges  eingeschritten  wurde,  die  Gemeinde
ihrem  Pfarrer,  ihrem  Bischof  beigestanden  hätte  und  wenn  eine  Zeitun

dies  gerühmt  hätte.  Die  ganze  Fassung  des  §  111a  läßt  erkennen,  daß
man  nur  das,  was  die  kleinen  Leute  sagen,  treffen  will.  Die  Redner  in
den  kleinen  Volksversammlungen  sind  nicht  zum  hundertsten  Teil  so  gefährlich
  und  so  schuldig  wie  die  Redner  auf  dem  Katheder.  Das  Beispiel  von
oben  ist  viel  verführerischer.  Was  ein  Professor  mit  einem  ganzen  Wust
von  Zitaten,  einem  Heuwagen  voll  Belegen  vorbringt,  das  imponiert  dem
Deutschen  viel  mehr,  als  was  ein  einfacher  Mann  mit  bloßer  Volksschulbildung
  spricht.  Redner  führt  als  Beispiele  für  die  Gefährlichkeit  der
Professoren  ein  Gutachten  des  Jenenser  Professor  Ernst  Häckel  an,  worin
die  unbeschränkte  akademische  Freiheit  „ohne  Rücksicht  auf  religiöse  Vorurteile“
  gefordert  wird,  ferner  Zitate  aus  Schriften  von  den  Berliner  Professoren
  Döring  und  Förster.  Ersterer  hat  die  Lehre  von  der  Dreieinigkeit
als  nicht  weit  vom  Polytheismus  entfernt  bezeichnet.  Die  Ansichten  über
die  Entstehung  der  Ehe,  die  die  Schriften  der  Darwinianer  mit  den  affenähnlichen
  Vorfahren  durchziehen,  weichen  von  den  unserigen  wesentlich  ab.
(Heiterkeit.)  Die  gelehrten  Werke  bilden  das  Arsenal  für  die  Herren  Sozialdemokraten.
  (Aha !  links.  Beifall.)  Würde  die  Vorlage  Gesetz,  so  müßte
sie  zunächst  auf  die  vom  Staate  bezahlten  Professoren  angewandt  werden.
Die  Rettung  liegt  darin,  daß  die  Religion  dem  Volke  erhalten  bleibt.  Wir
treten  auch  gern  mit  in  die  Schranken  für  Religion,  Sitte  und  Ordnung
gegen  den  Umsturz.  Zuvor  verlangen  wir  aber,  daß  für  diesen  Kampf
unsere  gebundenen  Hände  freigemacht  werden.  Unsere  Pfarrer  kämpfen  für
Erhaltung  der  Religion.  Wie  sollen  sie  es  aber  in  den  polnischen  Landesteilen
  mit  Erfolg  thun,  wenn  sie  nicht  in  der  Muttersprache  zu  den  Leuten
reden  dürfen?  (Beifall  im  Zentrum.)  Die  Sitte  wollte  man  wiederholt
stärker  schützen;  man  machte  Vorlagen,  ließ  sie  aber  fallen.  Dafür  brauchte
man  alljährlich  neue  Militärvorlagen,  diese  sollen  die  Sittlichkeit  schützen!
(Beifall  und  Heiterkeit.)  Sorgen  Sie  für  die  Religion!  Wenn  die  Leute
nicht  mehr  an  die  Unsterblichkeit,  an  Gott  glauben,  wie  wollen  Sie  sie  veranlassen,
  opferwillig  und  gehorsam  zu  sein?  (Beifall.)  Die  Kirche  allein
kann  Rettung  bringen,  sie  allein  kann  die  höhern  Stände  veranlassen,  den
untern  Ständen  mit  gutem  Beispiel  voranzugehen.  Was  für  den  einzelnen
Menschen  gilt,  das  gilt  auch  für  ganze  Völker:  Es  giebt  kein  Heil  außer
in  Jesus  Christus.

Staatssekr.  Rieberding  wendet  sich  gegen  den  Abg.  Gröber,  hofft
aber  mit  ihm  in  der  Kommission  zur  Verständigung  zu  gelangen.  Die
Regierung  wolle  durch  die  Vorlage  nicht  zu  Strafen  Anlaß  geben,
die  dem  Rechtsbewußtsein  widersprechen,  sondern  nur  den  Staat  schützen.
Ein  Eingriff  in  die  Unterrichtsfreiheit  könne  nicht  stattfinden.
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        Das  Deutsche  Reich  nad  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  10.—11.)  5

10.  Januar.  (Reichstag.)  Umsturzvorlage.  Rede  des

Kriegsministers  und  Bennigsens.

Abg.  Graf  Limburg-Stirum  (kons.)  für  die  Vorlage.  Auf  einige
Bemerkungen  des  Abg.  Munckel  (fr.  Vp.),  daß  der  §  112,  der  die  Verleitung
  von  Soldaten  zur  Indisziplin  bestrafen  will,  überflüssig  sei,  erwidert
  der  Kriegsminister  Bronsart  v.  Schellendorft  Bei  den  zunehmenden
  Versuchen,  die  sozialistische  Agitation  in  die  Kaserne  zu  tragen,
seien  schärfere  Strafbestimmungen  unentbehrlich.  Die  Führer  der  sozialdemokratischen
  Partei  gäben  ihren  Genossen  zwar  öffentlich  den  Rat,  sich
im  Dienste  nichts  zu  schulden  kommen  zu  lassen,  aber  die  aufreizenden
sozialdemokratischen  Lehren  seien  nicht  ohne  Wirkung  geblieben.  Jetzt  würden
häufiger  als  früher  Posten  angegriffen  und  merkwürdigerweise  Posten  an
entlegenen  Stellen,  an  einem  Pulvermagazin,  vor  einem  Waffenmagazin
oder  einem  Munitionslager.  Die  Mehrzahl  der  Rekruten,  die  zur  Truppe
einrückt,  kommt  unverdorben,  gottesfürchtig  und  königstreu  zur  Fahne,  die
Leute  find  gegen  Ansteckungsstoffe  jeder  Art  immun  und  bleiben  es  auch.
Wir  haben  aber  auch  mit  Rekruten  zu  rechnen,  die  von  Jugend  auf  verwahrlost
  sind,  die  in  Werkstätten,  in  Fabriken  und  auf  Arbeitsplätzen  eine
Masse  verworrenes  Zeug  gehört  und  in  sich  aufgenommen  haben.  Die
wollen  wir  zu  guten  Soldaten  machen,  und  das  gelingt  uns  auch  zum
Teil.  Wenn  sich  aber  permanent  von  außen  ein  Gegengewicht  gegen  die
erziehliche  Einwirkung  des  militärischen  Dienstes  geltend  macht,  was  soll
denn  werden  aus  den  Leuten!  Es  handelt  sich  nicht  bloß  darum,  die  Disziplin
  aufrecht  zu  erhalten;  es  handelt  sich  bei  uns  auch  darum,  daß  wir
sorgen  für  das  Wohl  und  Wehe  der  uns  anvertrauten  Mannschaft  —  und
nun  frage  ich  Sie,  was  ist  denn  das  Schicksal  eines  bethörten  eidbrüchigen
Soldaten?  Im  Frieden  erleidet  er  schwere  Strafe  und  die  Anstifter  gehen
fast  immer  straflos  aus,  denen  wird  kein  Haar  gekrümmt.  Im  Kriege  oder
im  Kriegszustande,  und  den  können  wir  auf  verschiedene  Arten  haben,  stellen
wir  ihn  auf  den  Sandhaufen  und  lassen  ihn  schimpflich  enden  durch  das
Blei  seiner  Kameraden,  so  erfordert  es  Recht  und  Gesetz.  —  Recht  und
Gesetz  fordern  das,  und  mit  den  Herren  Anstiftern  machen  wir  dann  allerdings
  auch  wenig  Federlesens.  Deshalb  erbitten  wir  von  Ihnen,  meine
Herren,  die  Mittel,  die  es  uns  möglich  machen,  daß  wir  darauf  verzichten
können,  derartige  Exempel  statuieren  zu  müssen.

Abg.  v.  Bennigsen  (ul.)  für  die  Vorlage,  wenn  er  auch  die  weitgehenden
  Ansichten  des  Abg.  v.  Stumm  nicht  teilt;  er  will  das  allgemeine
Wahlrecht  erhalten  und  betont  gegen  den  Abg.  Gröber  den  Satz  der  preuß.
Verfassung:  „Die  Wissenschaft  und  ihre  Lehren  sind  frei“".

10.  Januar.  (Berlin.)  An  Stelle  des  Generaloberst
v.  Pape,  der  in  den  Ruhestand  tritt,  ernennt  der  Kaiser  den
Generaloberst  v.  Los  (vgl.  Jahrg.  1893  S.  201)  zum  Oberbefehlshaber
  in  den  Marken  und  Gouverneur  von  Berlin.

11.  Januar.  (Reichstag.)  Umsturzvorlage.  Reden  Wolslegiers

  und  Köllers.

Abg.  v.  Wolslegier  (Pole):  Das  Gesetz  sei  in  der  vorliegenden
Fassung  unannehmbar.  In  den  polnischen  Provinzen  existierten  auch  Anfänge
  der  Sozialdemokratie,  diese  Verirrungen  hätten  aber  ihren  Mittelpunkt
  in  der  deutschen  Arbeiterbevölkerung.  Die  sozialdemokratischen
Ideen  wurzelten  in  der  Unzufriedenheit,  darum  müsse  der  Staat  in  den
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        6  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  12.)

polnischen  Provinzen  alles  beseitigen,  was  Unzufriedenheit  schafft.  Pr.  Min.
des  Innern  v.  Köller:  Die  Vorlage  sei  kein  Ausnahmegesetz,  sondern  bekämpfe
  die  Sozialdemokraten  auf  dem  Boden  des  gemeinen  Rechtes.  Die
Sozialdemokratie  reize  grundsätzlich  zu  Verbrechen  gegen  das  Eigentum
und  die  staatliche  Ordnung  und  zur  Beschimpfung  der  Religion  an.

12.  Januar.  (Reichstag.)  Umsturzvorlage.  Rede  Hohenlohes.
  Frohme  gegen  Stumm.

Nachdem  Abg.  Spahn  (3.)  wohlwollende  Prüfung  der  Vorlage  in
der  Kommission  zugesichert  hat,  ergreift  das  Wort  Reichskanzler  Fürst  zu
Hohenlohe-Schillingsfürst:  Meine  Herren,  der  bisherige  Gang  der
Verhandlungen  über  den  vorliegenden  Gesetzentwurf  läßt  mich  hoffen,  daß
die  Bedeutung  des  Gesetzentwurfs  vom  Reichstag  gewürdigt  wird,  und  daß
Sie  denselben  einer  Kommission  zur  näheren  Prüfung  überweisen  werden.
Ich  glaube  annehmen  zu  dürfen,  daß  Sie  die  Gefahren,  von  welchen  die
Staatsordnung  und  die  bürgerliche  Gesellschaft  bedroht  sind,  erkennen  und
Abhilfe  schaffen  wollen.  Die  verbündeten  Regierungen  find  der  Ansicht,
daß  es  notwendig  sei,  den  Besorgnissen  weiter  Kreise  der  Bevölkerung,
welche  sich  in  ihren  heiligsten  Gefühlen  verletzt  und  in  ihrem  Besitz  bedroht
sehen,  Rechnung  getragen  werden  muß.  Zwei  Wege  boten  sich  dazu:  der
Weg  des  Ausnahmegesetzes  und  der  Weg  der  Verschärfung  einzelner  Bestimmungen
  des  Strafgesetzbuches.  Es  schien  nicht  ratsam,  den  Weg  des
Ausnahmegesetzes  zu  betreten.  Ob  die  günstigen  Erwartungen,  die  man
seinerzeit  an  das  Gesetz  von  1878  geknüpft  hat,  wirklich  eingetreten  sind
oder  nicht,  das  ist  eine  sehr  bestrittene  Frage,  darauf  gehe  ich  nicht  weiter
ein.  Sachliche  Erwägungen  haben  zu  dem  Entschluß  geführt,  die  Reform
auf  dem  Boden  des  gemeinen  Rechts  auszuführen.  Infolge  dessen  mußte
eine  gewisse  mittlere  Diagonale  innegehalten  und  Vorschriften  erlassen  werden,
die  einen  Schutzwall  für  die  höchsten  Güter  des  Lebens  gegen  alle  Angriffe
zu  bilden  haben,  von  welcher  Seite  sie  auch  kommen  mögen.  Auf  dieser
maßvollen  Grundlage  bewegt  sich  der  Gesetzentwurf  und  stellt,  indem  er  sich
nicht  gegen  eine  bestimmte  Partei,  sondern  gegen  die  gewaltthätigen  Friedensstörungen
  in  jeder  Form  richtet,  das  Mindestmaß  dar,  welches  nach  Ansicht
der  verbündeten  Regierungen  zur  Aufrechterhaltung  der  inneren  Sicherheit
im  Reiche  notwendig  ist.  Ich  möchte  noch  zwei  Punkte  hervorheben.  Es
wäre  vollkommen  irrig,  wenn  man  in  der  Vorlage  eine  Schmälerung  des
Rechtes  der  freien  Meinungsäußerung  sehen  wollte.  Eine  derartige  Absicht
und  eine  solche  Wirkung  liegt  dem  Gesetz  vollständig  fern.  Nicht  irgend
eine  Meinung  oder  deren  Aeußerung  wird  von  dem  Entwurf  unter  Strafe
gestellt;  sie  wird  strafbar  nur  durch  die  Form,  in  welcher  sie  sich  geltend
macht,  indem  diese  in  einer  Aufforderung  zu  einer  strafbaren  Handlung
besteht,  eine  öffentliche  Friedensstörung  oder  einen  öffentlichen  Angriff  enthält.
  Die  Vorlage  trifft  nicht  den  Kampf  der  Meinungen,  sondern  fie
trifft  nur  die  Methode  des  Kampfes.  Es  ist  ein  völkerrechtliches  Gesetz,
daß  im  Kampfe  der  Völker  unter  einander  keine  vergifteten  Waffen  und
keine  explosiven  Geschosse  bei  Handfeuerwaffen  gebraucht  werden  dürfen.
Denselben  Grundsatz  überträgt  die  Vorlage  auf  den  Streit  der  Meinungen
innerhalb  der  Volksgenossen.  Im  freien  Austausch  der  Gedanken  mag  der
Widerstreit  der  Ansichten  ausgefochten  werden;  der  Gegner  soll  überzeugt
und  überwunden,  aber  nicht  verstümmelt  oder  vernichtet  werden.  Die  giftigen
  Waffen  des  Hasses,  der  Verleumdung  und  der  Gewalt  sollen  keine
Anwendung  finden  unter  den  Angehörigen  desselben  Volkes.  Der  Glaube,
der  allen  heilig  ist,  die  grundlegenden  Einrichtungen  des  Vaterlandes  und
der  Familie,  die  allen  gemein  sind,  sie  müssen  gegen  öffentliche,  den  Frieden
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.)  7

gefährdende  Angriffe  sicher  gestellt  werden.  Man  hat  behauptet,  daß  der
Ursprung  des  Uebels  in  gewissen  sozialen  Uebelständen  beruhe,  und  daß
man  diese  wohl  durch  wirtschaftliche  Reformen,  aber  nicht  durch  Strafgesetze
und  polzeiliche  Maßregeln  beseitigen  könne.  Meine  Herren,  demgegenüber
kann  nicht  mit  Nachdruck  genug  hervorgehoben  werden,  daß  die  Fürsorge
des  Reichs  für  die  unteren  Bevölkerungsklassen  und  die  Bekämpfung  der
Umsturzbestrebungen,  insbesondere  der  Sozialdemokratie,  gar  keine  Berührung
  mit  einander  haben.  Seit  Beginn  des  Deutschen  Reichs  und
namentlich  seit  der  unvergeßlichen  Botschaft  des  ersten  Deutschen  Kaisers
vom  17.  November  1881  ist  keine  Session  vorübergegangen,  ohne  daß  die
verbündeten  Regierungen  gemeinsam  mit  dem  Reichstage  nach  den  verschiedensten
  Richtungen  hin  das  Wohl  der  arbeitenden  Klassen  zu  fördern  unternommen
  haben.  Kaiser  Wilhelm  lI.  hat  seine  Regierung  durch  eine  Förderung
  des  Abeiterschutzes  auf  internationalem  Wege  eingeleitet,  und  seither
sind  die  verbündeten  Regierungen  unablässig  bemüht  gewesen,  auf  den
Fundamenten  des  christlichen  Volkslebens  den  niederen  und  weniger  bemittelten
  Volksklassen  ein  gewisses  Maß  von  Wohlbefinden  zu  sichern,  sie  insbesondere
  gegen  Krankheit,  Unfall  und  Invalidität  zu  schützen.  Darin  ist
Deutschland  von  keinem  anderen  Lande  der  Welt  übertroffen  worden.  Dieser
Weg  wird  nicht  verlassen  werden,  und  die  verbündeten  Regierungen  sind
überzeugt,  daß  sie  auf  thatkräftige  Unterstützung  des  Reichstages  werden
rechnen  können.  Anders  aber  ist  es  mit  dem  Kampf  gegen  die  Bestrebungen
des  gewaltsamen  Umsturzes  der  bestehenden  Staatsordnung.  Dieser  Kampf
richtet  sich  nicht  gegen  bestimmte  Volksklassen  oder  gewisse  Schichten  der
Bevölkerung;  es  ist  ein  Kampf  gegen  das  internationale  und  gegen  das
soziale  Verbrechertum,  und  in  diesem  Kampf  —  das  ist  meine  feste  Ueberzeugung
  —  werden  die  verbündeten  Regierungen  die  Zustimmung  der  Nation
usd  die  thatkräftige  Mitwirkung  der  überwiegenden  Mehrheit  dieses  Hauses
nden.

Abg.  Frohme  (Soz.)  wendet  sich  gegen  Herrn  v.  Stumm,  dem  er
für  seine  Offenheit  dankt.  Er  sei  ein  Tyrann  gegen  seine  Arbeiter  und
habe  kein  Verständnis  für  Sozialpolitik,  wie  auch  sein  Verhalten  gegen
Pfarrer  Naumann  beweise,  eine  der  wenigen  bürgerlichen  Persönlichkeiten,
die  noch  ein  Herz  für  den  Arbeiter  hätten.  Die  Nationalliberalen  die  jetzt
so  eifrig  die  Sozialdemokratie  bekämpften,  erinnert  er  daran,  daß  ihr  ehemaliger
  Führer  Miquel  im  Jahre  1864  dem  Redakteur  der  Rheinischen
Zeitung  zurief:  „Sie  sprechen  so  erregt;  das  ist  dann  am  Platze,  wenn  wir
auf  den  Straßen  die  Massen  aufrufen,  um  den  Junkern  die  Köpfe  einzuschlagen"“.
  Der  Redner  wendet  sich  hierauf  gegen  den  pr.  Minister  des  Innern,
dem  er  vorwirft,  daß  das  Lockspitzeltum  in  Deutschland  weit  verbreitet  sei.
Minister  v.  Köller  weist  diese  Angriffe  scharf  zurück.

es  Die  Vorlage  wird  an  eine  Kommission  von  28  Mitgliedern  ver—
wiesen.

13.  Januar.  (Friedrichsruh.)  Besuch  des  Reichskanzlers
Fürsten  Hohenlohe  bei  Fürst  Bismarck.

13.  Januar.  Gerüchte  über  die  Entlassung  Caprivis.

Die  „Münch.  Neuest.  Nachr.“  behaupten,  der  Kaiser  habe  vor
der  Entlassung  Caprivis  eine  zweistündige  Unterredung  mit  dem  bayrischen
Gesandten  Grafen  Lerchenfeld  gehabt,  also  sei  die  Entlassung  nicht  ohne
vorherige  Verständigung  mit  den  Bundesstaaten  erfolgt.  Die  „Köln.  Ztg.“
erklärt  das  für  falsch;  erst  nach  der  Entlassung  habe  der  Kaiser  die  Vertreter
  der  größeren  Bundesstaaten  zur  Audienz  berufen  und  ihnen  in  längerem
Vortrage  den  Rücktritt  des  Reichskanzlers  mitgeteilt.
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        8  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)

14./15.  Januar.  (Reichstag.)  Interpellation  über  den
mangelnden  Schutz  der  Deutschen  im  Auslande.  Interpellation
über  Handwerkerkammern.

Abg.  Hasse  (ul.)  bringt  folgende  Interpellation  ein:  „Was  gedenkt
der  Herr  Reichskanzler  zu  thun  angesichts  der  vielfachen  Klagen  über  den
mangelnden  Schutz  der  Deutschen  im  Auslande,  insbesondere  in  Central-Amerika?"
  Der  Interpellant  führt  aus,  daß  seit  1890  das  Ansehen  der
Deutschen  im  Auslande  gesunken  sei,  da  Graf  Caprivi  es  an  einer  kräftigen
Vertretung  der  Deutschen  habe  fehlen  lassen.

Staatssekr.  Frhr.  Marschall  v.  Biberstein:  Meine  Herren!
Dem  Herrn  Vorrredner  bin  ich  dankbar  dafür,  daß  er  meinem  Wunsche,
die  Frage  des  Schutzes  der  Deutschen  im  Auslande  möglichst  bald  hier  im
Reichstage  zur  Sprache  zu  bringen,  in  so  bereitwilliger  Weise  gefolgt  ist
und  mir  durch  die  eben  begründete  Interpellation  Gelegenheit  gegeben  hat,
eine  Reihe  von  Vorgängen  zu  beleuchten,  die  seit  längerer  Zeit  zur  öffentlichen
  Diskussion  stehen  und  auch  nach  meiner  Wahrnehmung  in  weiten
Kreisen  Bewegung  und  Erregung  verursacht  haben.  Wenn  der  Herr  Vorredner
  dabei  auf  eine  Kritik  der  auswärtigen  Politik  der  letzten  fünf  Jahre
eingegangen  ist,  so  will  ich  ihm  im  Einzelnen  nicht  folgen;  wenn  er  aber
dem  Herrn  Grafen  v.  Caprivi  hier  vor  versammeltem  Reichstage  den  Vorwurf
  gemacht  hat,  seine  auswärtige  Politik  sei  nichts  gewesen,  als  „ein
fortwährendes  Verneigen  vor  dem  Auslande“  (Hörtl  hört!),  so  hat  er  dafür
keinen  Beweis  erbracht,  und  ich  muß  diesen  Vorwurf  mit  Entschiedenheit
zurückweisen.  (Sehr  richtig!  Bravo !)  Niemand  kann  mehr  als  ich  die
unsterblichen  Verdienste  des  Fürsten  v.  Bismarck  anerkennen  (Bravo  rechts);
niemand  kann  mehr  als  ich  anerkennen,  welche  Bedeutung  seine  Persönlichkeit
  hatte  im  Auslande  und  im  Inlande,  aber  ich  meine,  man  kann  das
anerkennen,  ohne  darum  ungerecht  zu  werden  gegen  seinen  Nachfolger  (Sehr
richtig!  Bravo !),  der  in  schwerer  Zeit  die  Geschäfte  des  Reiches  übernommen
und  —  das  müssen  alle  Gegner  desselben  anerkennen  —  sich  seiner  Aufgabe
während  mehr  als  vier  Jahre  mit  voller  Hingebung,  mit  voller  Aufopferung
gewidmet  hat.  (Bravo !)  Die  Kunde  aus  fernen  Landen,  daß  dort  Deutsche
mißhandelt,  getötet,  ihres  Eigentums,  ihrer  Freiheit  beraubt  worden  seien,
ohne  daß  der  deutsche  Vertreter  einen  Finger  für  dieselben  gerührt,  ja,
daß  er  auf  dringenden  Hilferuf  diese  Hilfe  verweigert  habe  mit  nichtigen
Vorwänden,  ist  in  der  That  geeignet,  unser  Nationalgefühl  zu  verletzen,
und  darin  hat  der  Herr  Vorredner  recht:  es  ist  mehr  als  je  Zeit,  daß  wir
dahin  streben,  unser  Nationalgefühl  zu  stärken  (Bravo!   rechts),  und  es  kann
kein  Vorwurf  für  die  auswärtige  Politik  empfindlicher  sein,  als  der,  daß
sie  sich  in  Widerspruch  gesetzt  habe  mit  dem  nationalen  Empfinden.  Nun
hat  der  Herr  Vorredner  eine  ganze  Reihe  von  Fällen  dargelegt,  aus  denen
nach  seiner  Ansicht  die  Schutzlosigkeit  der  Deutschen  hervorgehen  soll.  Seine
Vermutung,  daß  in  den  letzten  fünf  Jahren  neue  Instruktionen  an  unsere
Vertreter  im  Auslande  nicht  ergangen  seien,  trifft  vollkommen  zu.  Es  ist
nichts  modifiziert  worden  an  den  generellen  und  speziellen  Instruktionen,
die  in  den  70er  und  80er  Jahren  an  die  Vertreter  in  Mittel=  und  Südamerika
  erlassen  sind.  Ich  will  diese  Instruktionen  nicht  verlesen.  Ich
kann  es  nicht  für  nützlich  finden,  daß  wir  uns  im  Einzelnen  dem  Auslande
gegenüber  hier  festlegen;  nur  das  kann  ich  sagen:  von  dem  Gedanken,  der
vielfach  in  der  Polemik  außerhalb  des  Hauses  und  auch  in  der  Rede  des
Herrn  Vorredners  zu  finden  war,  daß  wir  jene  mittel=  und  südamerikanische
Staaten  von  oben  herunter  betrachten  sollen,  als  nicht  ebenbürtige  Staaten,
daß  wir  ihnen  schroff  gegenübertreten  sollen,  von  diesem  Geist  findet  sich
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14.,15.)  9

in  jenen  Instruktionen  keine  Spur,  wohl  aber  ist  es  den  Vertretern  gerade
in  jenen  Ländern  zur  Pflicht  gemacht,  daß  sie  auch  da,  wo  festes  Auftreten
notwendig  ist,  stets  danach  trachten,  das  empfindliche  Nationalgefühl  jener
Völker  nicht  zu  verletzen  —  und,  meine  Herren,  wenn  ich  die  heutige  politische
  Konstellation  in  der  neuen  Welt  ins  Auge  fasse,  wenn  ich  sehe,  welche
Strömungen  dort  sich  zur  Geltung  bringen,  dann  muß  ich  sagen,  man
könnte  keinen  unglücklicheren  Moment  wählen,  in  dieser  Beziehung  einen
Systemwechsel  eintreten  zu  lassen  und  jetzt  diese  Länder  nach  dem  Grundsatz:
„ich  bin  groß  und  du  bist  klein“  zu  behandeln,  was  auch  zur  Zeit  des
Fürsten  Bismarck  niemals  geschehen  ist.  Mit  dem  Herrn  Vorredner  erkläre
ich  es  für  eine  der  wichtigsten  Pflichten  unserer  Vertretung  im  Auslande,
stets  bedacht  zu  sein  auf  einen  wirksamen  Schutz  der  Deutschen,  ihres  Eigentums,
  ihrer  Person  und  ihrer  Interessen,  und  ich  bin  der  Ansicht,  daß  inmitten
  der  streitenden  Privatansprüche  er  stets  im  Auge  behalten  muß,  daß
auch  diese  seine  Thätigkeit  in  dem  Endziele  dem  allgemeinen  Wohle,  dem
allgemeinen  Interesse  dient.  Der  oberste  Grundsatz  muß  doch  immer  der
sein,  daß  der  Deutsche  im  Auslande,  wo  er  auch  den  Fuß  hinsetze,  Anspruch
hat,  behandelt  zu  werden  nach  Maßgabe  vertragsmäßiger  Abmachungen,
und,  wo  die  nicht  bestehen,  nach  Maßgabe  der  Sitten  und  Normen  des
Völkerrechtes  und  daß  er  unter  keinen  Umständen  anders  behandelt  werden
darf,  als  irgend  der  Einheimische  oder  ein  Angehöriger  einer  anderen  Nation.
Aber,  meine  Herren,  die  Worte  „Schutz  des  Deutschen  im  Auslande“  bilden
doch  keine  Formel,  die  man  einfach  auf  alle  Verhältnisse  anwenden  kann.
Man  muß  doch  im  einzelnen  Falle  prüfen,  was  ist  das  für  ein  Mann,
der  Schutz  sucht;  was  war  seine  Thätigkeit:  Was  hat  seine  Schutzbedürftigkeit
  veranlaßt?  Denn  nicht  jedes  Interesse,  was  ein  Deutscher  im  Auslande
sich  schafft,  ist  darum  ein  deutsches  Interesse  (Sehr  richtig!),  und  es  ist
merkwürdig,  in  welcher  Weise  dies  in  der  öffentlichen  Polemik  übersehen
wird.  Ja,  es  gibt  auch  Interessen,  die  die  Deutschen  sich  im  Auslande
schaffen,  die  mit  unseren  nicht  identisch,  die  geradezu  den  unseren  feindlich
sind.  Sollen  wir  Die  auch  schützen?  (Sehr  richtig!  links.)  Und  kann  es
unsere  Absicht  sein,  daß  wir  dem  Deutschen  im  Auslande  Das  gewähren,
was  wir  ihm  im  Inlande  versagen,  nämlich  daß  er  die  Verantwortlichkeit
für  seine  eigenen  Handlungen,  wenn  Folgen  eintreten,  die  ihm  nicht  gefallen,
  von  sich  ablehnt  und  auf  die  Gesamtheit  überbürdet?  (Sehr  richtig!
links.)  Ich  bin  an  sich  kein  Gegner  der  Auswanderung,  aber  in  der  Weis
sollten  wir  doch  die  Auswanderung  nicht  befördern,  daß  wir  den  Begrif
„Schutz  der  Deutschen  im  Auslande“,  dahin  interpretieren:  ihr  Deutschen,
die  ihr  hinausgeht,  ihr  könnt  treiben  und  lassen,  was  ihr  wollt;  was  daraus
auch  geschieht,  für  euch  tritt  das  Deutsche  Reich,  der  deutsche  Vertreter,
eventuell  das  deutsche  Kriegsschiff  ein.  Nein,  meine  Herren,  es  ist  notwendig,
  gegenüber  Uebertreibungen,  die  heute  sich  vielfach  breit  machen,  auf
diese  allgemeinen  Grundsätze  wieder  zurückzukommen;  denn,  meine  Herren,
es  sind  doch  gar  verschiedenartige  Elemente,  die  von  Deutschland  aus  hinübergehen
  über  das  Weltmeer  (Sehr  richtig!),  um  sich  eine  neue  Heimat  zu
gründen.  Es  sind  gute,  friedliche  Leute  darunter,  aber  auch  unruhige  Köpfe
und  auch  die  Spezialität  fehlt  nicht  von  Leuten,  die  sich  dort  sehr  rasch
amalgamieren  —  assimilieren,  deren  Ideenkreis  sehr  bald  beherrscht  wird
von  den  dortigen  Verhältnissen,  deren  Nationalgefühl  sich  abstreift,  die  in
sich  den  Beruf  des  Weltverbesserers  fühlen,  sich  in  allerlei  Dinge  mischen,
die  uns  gar  nichts  angehen,  und  die  dann,  nachdem  sie  längst  alle  Fühlung
mit  dem  Heimatsstaat  verloren  haben,  sobald  die  Sache  schief  geht,  sich  an
das  „civis  Romanus“  erinnern  und  darüber  klagen,  daß  noch  nicht  einmal
ein  deutsches  Kriegsschiff  da  sei,  um  sie  herauszuhauen.  (Sehr  gut!)  Die

 

—
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        10  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)

Erfahrung  lehrt,  daß,  während  gerade  diese  Elemente  am  meisten  geeignet
sind,  Ansprüche  an  die  Vertretung  zu  stellen,  zu  reklamieren  und  zu  raisonnieren,
  umgekehrt  die  Elemente  am  bescheidensten  sind,  die  in  erster  Reihe
Anspruch  auf  wirksamen  Schutz  haben.  Das  sind  die  wirklichen  Pioniere
deutschen  Erwerbsfleißes,  deutschen  Handels  und  deutscher  Wissenschaft,  die
hinausgehen,  um  dort  in  ernster  Arbeit,  in  friedlichem  Dasein  in  steter
Fühlung  mit  der  Heimat  zu  arbeiten,  indem  sie  in  ihren  Interessen  zugleich
  den  heimatlichen  Interessen  dienstbar  sind,  und  diese  Elemente,  meine
Herren,  haben  gar  keine  Freude  daran,  wenn  der  deutsche  Vertreter  bei  der
dortigen  Regierung  fortwährend  queruliert  und  reklamiert.  Im  Gegenteil,
sie  betrachten  es  nicht  als  eine  Förderung,  sondern  als  eine  Schädigung
ihrer  Interessen,  wenn  unbedeutende  Vorgänge,  Vorgänge,  die  mit  deutschen
Interessen  gar  nichts  zu  thun  haben,  zu  internationalen  Fragen  aufgebauscht
werden,  und  sie  dann  an  ihrem  eigenen  Leibe  die  Folgen  davon  zu  spüren
haben.  Diese  Auffassung  wird  viefach  geteilt  von  denjenigen  Leuten  im
Inlande,  die  dort  Interessen  haben,  und  ich  meine,  wir  dürfen  doch  über
dem  Schutz  der  Deutschen  im  Auslande  die  Interessen  der  Deutschen  im
Inlande  auch  nicht  vergessen.  (Sehr   wahr!)  Die  Mannigfaltigkeit  der
Fragen,  die  Möglichkeit  der  Kollision  von  Interessen  —  ich  meine,  das
alles  enthält  doch  eine  recht  ernste  Mahnung,  die  Klagen,  die  aus  dem  Auslande
  zu  uns  herüberschallen  über  den  angeblich  mangelnden  Schutz,  mit
einiger  Zurückhaltung  zu  beobachten,  zunächst  der  „audiatur  et  altera  pars“
Raum  zu  geben  und  sich  zu  erinnern,  daß,  wie  im  Inlande  derjenige,  der
einen  Prozeß  verloren  hat,  geneigt  ist,  zu  klagen,  daß  überhaupt  kein  Recht
im  Lande  mehr  sei,  auch  derjenige,  der  mit  seiner  Reklamation  abgewiesen
ist,  geneigt  ist,  einen  Artikel  darüber  zu  schreiben,  daß  die  Deutschen  im
Auslande  vollständig  schutzlos  seien  (sehr  wahr!),  und,  wenn  der  Herr  Vorredner
  auf  die  vielen  Klagen  hinweist,  die  est  vom  Ausland  zu  uns
herüberkommen  und  daraus  argumentiert,  daß  es  früher  dort  anders  gewesen
sei,  so  vergißt  er  anzuführen,  daß  in  neuester  Zeit  im  Inlande  sich  gewisse
Sammelstellen  etabliert  haben,  in  denen  alle  derartigen  Klagen  ohne  irgend
welchen  Widerwillen  angenommen  werden.  (Heiterkeit.)  Der  Herr  Vorredner
  wird  es  mir  nicht  übel  nehmen,  wenn  ich  ihm  anheimstelle,  die  einzelnen
  Klagen  doch  sorgfältig  zu  prüfen;  denn  jeder  Vertreter,  der  einmal
im  Auslande  war,  bestätigt,  daß  an  die  Vertreter  mitunter  die  allerunglaublichsten
  Ansprüche  gestellt  werden.  Also  Unzufriedene  in  der  Beziehung
hat  es  von  jeher  gegeben,  und  nachdem  wir  außer  stande  sind,  im  Inlande
allgemeine  Zufriedenheit  zu  schaffen,  so  glaube  ich,  können  wir  nicht  dem
Ideal  nachstreben,  alle  Deutschen,  die  im  Auslande  sich  aufhalten,  zufrieden
zu  machen.  Der  Herr  Vorredner  hat  einen  Teil  der  in  seinen  Augen  ungünstigen
  Verhältuisse  im  Auslande  auf  die  Worte  zurückgeführt,  die  ich
gelegentlich  des  Columbischen  Handelsvertrages  hier  gesprochen  habe.  Da
habe  ich  gesagt:  wer  in  das  Ausland  geht,  muß  die  Institutionen  in  dem
Lande,  wo  er  sich  niederläßt,  nehmen,  wie  sie  sind,  und  er  muß  das  Risiko
tragen,  das  sich  aus  diesen  Institutionen  ergibt.  Das  soll  nun  wie  ein
Lauffeuer  durch  ganz  Zentral=  und  Südamerika  gegangen  sein  und  den
dortigen  Deutschen  Schaden  gebracht  haben.  Ich  erwidere  dem  Herrn  Vorredner:
  der  Satz  ist  schon  seit  20,  30  Jahren  juris  publici:  kein  Geringerer
als  der  Fürst  Bismarck  hat  sich  in  ganz  ähnlicher  Weise  im  Jahre  1871
ausgesprochen,  und  ich  halte  es  geradezu  für  eine  Pflicht,  gegenüber  den
übertriebenen  Ansprüchen,  die  jetzt  gestellt  werden,  das  nochmals  ganz  genau
festzustellen.  Ich  will  es  negativ  fassen:  es  ist  ein  Irrtum,  zu  glauben,
daß  der  Deutsche,  der  sich  in  das  Ausland  begiebt,  dort  jede  beliebige
Thätigkeit  unter  dem  vollen  Schutz  der  heimischen  Institutionen  und  Macht-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)  11

mittel  entfalten  könne;  es  ist  ein  Irrtum,  zu  glauben,  daß  der  Deutsche,
der  in  ein  Land  geht,  wo  eine  schlechte  Verwaltung  und  eine  schlechte  Justiz
ist,  von  dem  Deutschen  Reich  und  seinen  Vertretern  verlangen  könnte,  daß
man  ihm  dort  für  eine  gute  Verwaltung  und  für  eine  unparteiische  und
unbestechliche  Justiz  sorgt.  Das  sind  unmögliche  Dinge.  Hier  kann  der
Vertreter  helfen,  er  kann  raten,  kann  in  aller  möglicher  Weise  dahin  wirken,
daß  dem  betreffenden  Deutschen  sein  Recht  wird.  Er  muß  reklamieren,  sobald
  Justizverweigerung,  Justizverzögerung,  irgend  ein  rechtswidriger  Eingriff,
  irgend  ein  Gewaltakt  vorliegt.  Es  ist  von  jeher  traditionelle  deutsche
Politik  gewesen,  sich  in  die  inneren  Angelegenheiten  fremder  Staaten  nicht
zu  mischen,  und  im  Gegensatz  zu  dem  Herrn  Vorredner  sage  ich,  wir  wollen
keinen  politischen  Einfluß  in  jenen  Ländern  gewinnen,  wir  wollen  uns  von
den  Parteikämpfen  frei  halten,  wir  wollen,  wenn  dort  die  leider  Gottes
häufigen  Bürgerkriege  ausbrechen,  volle  Neutralität  bewahren.  Aber  ich
meine,  wir  können  von  den  Deutschen  in  jenen  Ländern  auch  verlangen,
daß  dieser  unser  Wille  von  ihnen  respektiert  wird,  und  wir  können  auch
nicht  indirekt  unsere  Neutralität  dadurch  antasten,  daß  wir  die  schützende
Hand  über  diejenigen  halten,  die  sich  in  die  inneren  Parteikämpfe  mischen,
die  Gesetze  verletzen  oder  sich  gar  aktiv  an  Bürgerkriegen  beteiligen,  und
ich  erkläre  hier  ausdrücklich,  daß  der  Deutsche,  der  das  thut,  einen  rechtlichen
  Anspruch  auf  Schutz  und  Hilfe  seitens  der  deutschen  Vertretung  für
die  Folgen  seiner  ungesetzlichen  Handlungen  nicht  hat,  wobei  es  dem  Ermessen
  des  Vertreters  anheimgegeben  ist,  ob  er  aus  Menschlichkeit  etwas
für  den  betreffenden  Deutschen  thun  will.  Meine  Herren,  wir  haben  es
ferner  stets  für  unsere  Pflicht  gehalten,  amtliche  Reklamationen  nur  dann
anzustellen,  wenn  wir  den  festen  Boden  des  Völkerrrechts  oder  des  Vertragsrechts
  unter  uns  hatten,  dann  aber  auch  mit  dem  Nachdruck  und  der
Entschiedenheit  vorzugehen,  welche  dem  Ansehen  und  der  Würde  des  Deutschen
  Reiches  entspricht.  Denn  Reklamationen  anzustellen  und  sich  dann  von
den  fremden  Regierungen  nachweisen  zu  lassen,  daß  die  Reklamation  thatsächlich
  unbegründet  ist,  scharf  auftreten,  mit  dem  Säbel  klirren  und  schließlich
  kurz  treten,  das  ist  niemals  deutsche  Art  gewesen  und  soll  es  auch  in
Zukunft  nicht  sein.  (Bravo !)  Aber  freilich  —  und  hier  glaube  ich,  komme
ich  den  Anschauungen  des  Herrn  Vorredners  näher  —  zwischen  der  amtlichen
  Reklamation  bei  der  dortigen  Regierung,  die  immer  eine  ernste  Sache
ist,  uud  zwischen  dem  absoluten  Nichtsthun  ist  eine  breite  Mittelstraße,  auf
der  der  Vertreter  eine  sehr  fruchtbare  und  ersprießliche  Thätigkeit  zu  Gunsten
der  Deutschen  entwickeln  kann.  Ja,  man  kann  so  weit  gehen  zu  sagen,  der
Vertreter  verdient  das  höchste  Lob,  der  die  größte  Wirkung  zu  Gunsten  der
deutschen  Interessen  erzielt  und  dabei  am  wenigsten  reklamiert.  Diese
Thätigkeit  hängt  wesentlich  von  der  Persönlichkeit  des  Vertreters  ab,  von
der  Stellung,  die  er  sich  in  der  Kolonie  gemacht  hat,  von  dem  Vertrauen,
das  er  bei  der  Kolonie  und  bei  der  Regierung  erworben  und  davon,  in
welchem  Maße  er  es  verstanden  hat,  bei  der  fremden  Regierung  die  Ueberzeugung
  zu  begründen,  daß  hinter  ihm  und  seiner  Thätigkeit  die  Macht
und  der  Wille  des  Deutschen  Reiches  steht.  Diese  Thätigkeit  läßt  sich  allerdings
  von  hier  nicht  reglementieren,  und  auch  im  einzelnen  nicht  kontrollieren.
  Ich  sage  das  nicht,  um  von  hier  aus  die  Verantwortlichkeit  auf
den  Beamten  abzuschütteln;  im  Gegenteil,  es  kann  einer  ein  guter  und  tüchtiger
Beamter  sein  und  doch  nicht  fähig  für  die  Thätigkeit,  die  ich  eben  beschrieben
habe,  und  eben  darum  ist  die  Verantwortlichkeit  der  Zentralstelle  um  so
größer  bei  der  Auswahl  der  Personen,  und  wenn  in  dieser  Beziehung  ein
Mißgriff  geschehen  ist,  so  trifft  die  Verantwortlichkeit  ausschließlich  die
Zentralstelle;  wenn  also  bezüglich  des  Herrn  Peyer  das  geschehen  ist,  so
        <pb n="20" />
        12  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)

nehme  ich  dafür  die  Verantwortung  auf  mich.  Ich  komme  nun,  nachdem
ich  hier  in  allgemeinen  Zügen  die  Grundsätze  dargelegt  habe,  welche  bezüglich
  des  Schutzes  der  Deutschen  im  Auslande  gelten,  auf  einige  der  Spezialfälle,
  die  von  dem  Herrn  Vorredner  erwähnt  wurden.  Es  ist  mir  vollkommen
  unmöglich,  auf  alle  die  einzelnen  Punkte  einzugehen;  es  find  da
verschiedene  Dinge  berührt  worden  aus  Zeitungen,  von  denen  ich  keine
Kenntnis  habe.  Ich  meine,  das  größte  Interesse  besteht  wohl  hier  im
Hause  an  den  Vorgängen  in  Salvador.  Die  kleine  Republik  Salvador  an
der  Westküste  von  Amerika  ist  von  jeher  der  Schauplatz  von  heftigen  Parteikämpfen
  und  wiederholten  Bürgerkriegen  gewesen.  Wenn  ich  bei  meinen
Ausführungen  gegen  Deutsche  im  Auslande  hier  polemifieren  muß,  so  schicke
ich  voraus,  daß  ich  in  keiner  Weise  die  patriotische  Gesinnung  und  Ehrenhaftigkeit
  oder  die  Wahrheitsliebe  dieser  Männer  in  Zweifel  ziehe,  am
allerwenigsten  bei  Herrn  Dr.  Prowe,  der  mir  von  allen  Seiten  als  ein
durchaus  ehrenwerter  und  wahrheitsliebender  Mann  geschildert  wird.  Ich
hätte  nur  lebhaft  gewünscht,  daß  er  seinem  Drange,  die  Welt  zu  verbessern,
etwas  größere  Zügel  angelegt  und  sich  insbesondere  jener  Superlative  der
Verachtung  enthalten  hätte,  mit  denen  er  die  Institution,  die  Machthaber
und  die  Bevölkerung  des  Landes  bezeichnet,  wo  er  seine  neue  Heimat  sich
begründet  hat.  All  den  Berichten,  die  uns  über  die  Vorgänge  aus  Salvador
zugekommen  find,  ist  eines  charakteristisch,  das  ist,  daß  die  Herren  mit
außerordentlicher  Behaglichkeit  das  schildern,  was  Herr  Peyer  nicht  gethan
hat,  dagegen  mit  einer  gewissen  Oberflächlichkeit  darüber  hinweggehen,  wenn
es  sich  darum  handelt,  darzulegen,  was  die  Deutschen  daselbst  gethan  haben.
Da  ist  zunächst  der  Fall  Mathies.  Ich  schicke  voraus,  daß  das  allerwenigste
Material  von  Herrn  Peyer  herrührt,  sondern  von  anderen,  aber  durchaus
zuverlässigen  Informationsquellen.  Es  war  im  Sommer  1890.  Ezeta  war
zum  Präsidenten  von  Salvador  gewählt  worden,  aber  von  Guatemala
nicht  anerkannt,  und  nun  standen  die  beiden  Heere  kriegsbereit  gegenüber.
In  diesem  Augenblick  ging  der  deutsche  Staatsbürger  Mathies  von  Guatemala
  durch  die  Vorposten  freipassierend  herüber  nach  Salvador  und  wurde
nun,  wie  uns  der  Herr  Vorredner  ganz  richtig  mitgeteilt,  in  Salvador  gefangen,
  mißhandelt.  Der  deutsche  Konsul  Augsburg  rettete  ihn  vor  dem
Tode;  er  wurde  dann  ausgewiesen  und  kam  nach  Guatemala  zurück.  Und
was  war  der  Grund  dieses  Vorgehens  seitens  der  salvadoranischen  Regierung?
  Der  Herr  Vorredner  hat  seine  Lektüre  aus  der  Proweschen  Broschüre
in  dem  Augenblick  eingestellt,  wo  Herr  Prowe  allerdings  sehr  obenhin  den
Grund  der  Verhaftung  des  Herrn  Mathies  darlegt.  Herr  Prowe  sagt,  man
habe  damals  ein  Wesen  daraus  gemacht,  daß  Herr  Mathies  in  seiner  Tasche
unter  alten  Zeitungspapieren  auch  einige  Proklamationen  der  Feinde  Ezetas
vergessen  hatte.  (Heiterkeit.)  Auf  Deutsch  gesagt,  der  deutsche  Mathies  hatte
in  seiner  Tasche  Proklamationen  gegen  den  Präsidenten  Ezeta  und  Briefe
kompromittierenden  Inhalts  an  politische  Persönlichkeiten  in  Salvador.  Ich
bin  weit  entfernt,  hier  den  Staatsanwalt  spielen  zu  wollen  und  für  die
Schuld  des  Herrn  Mathies  zu  plaidieren.  Aber  das  muß  ich  doch  sagen:
wenn  ein  deutscher  Staatsangehöriger  in  dem  Augenblick,  wo  ein  Krieg
zwischen  den  beiden  Ländern  auszubrechen  droht,  wo  die  Truppen  sich  feindlich
  gegenüberstehen,  von  einem  Lande  ins  andere  geht  und  dabei  Anspruch
auf  den  deutschen  Schutz  macht,  so  ist  es  doch  seine  Pflicht,  vorher  seine
Taschen  nachzusehen,  ob  in  diesen  Taschen  keine  feindseligen  Proklamationen
und  keine  kompromittierenden  Papiere  sind.  Thut  er  das  nicht  und  wird
dann  abgefaßt,  so  kann,  eventuell  muß  der  Konsul  auch  für  ihn  eintreten,
wenn  er  mißhandelt  und  ungerecht  behandelt  wird;  aber,  meine  Herren,
eine  amtliche  Reklamation  auf  Entschädigung  ist  einfach  unmöglich,  und
        <pb n="21" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)  13

wenn  Peyer  diese  abgewiesen  hat,  so  hat  er  meinem  Dafürhalten  nach  nichts
Unrechtes  gethan.  Nun,  meine  Herren,  kommt  der  Fall  Prowe;  der  ist
auch  typisch  für  die  Art  und  Weise,  wie  an  sich  richtige  Thatsachen  allmählich
  in  eine  Legende  verwandelt  werden.  Der  Herr  Vorredner  hat  uns
eben,  gewiß  optima  fide,  mitgeteilt,  es  ergebe  sich  aus  den  Schriften  des
Herrn  Prowe,  daß  er  ohne  jeden  Grund  „mißhandelt,  ins  Gefängnis  geworfen
und  dann  ausgewiesen  sei“.  Und  nun,  meine  Herren,  die  Thatsachen,  wie
sie  wirklich  liegen!  Ich  habe  hier  das  Orginal  des  Briefes  des  Herrn
Prowe  vor  mir,  woraus  sich  ergibt,  daß,  als  im  Jahre  1890  der  unglückliche
  Ruhnke  nach  Salvador  kam  und  dort  in  die  Dienste  des  Präsidenten
Ezeta  eintreten  wollte,  Prowe  ihn  dazu  bestimmte,  er  solle  die  Bedingung
machen,  daß  die  spanischen  Instrukteure  in  der  salvadorischen  Armee  entlassen,
  beziehungsweise  nicht  mehr  angestellt  würden,  und  ebenso  ergibt  sich
aus  diesem  Briefe,  daß  ein  Jahr  später,  am  15.  November  1891,  der  Prowe
dem  Ruhnke  sein  Entlassungsgesuch  schrieb  mit  der  Begründung,  daß  dieses
Versprechen  bezüglich  der  spanischen  Instrukteure  nicht  gehalten  worden  sei.
Herr  Prowe  teilt  uns  nun  mit,  daß  dieses  Entlassungsgesuch  bei  dem  Präsidenten
Ezeta  die  höchste  Wut  erregt  habe  und  zwar  gegen  ihn,  Prowe.  Der
Präsident  wußte  also,  woher  der  Pfeil  kam.  Nun  frage  ich:  was  geht  es
denn  eigentlich  den  Herrn  Dr.  med.  Prowe  aus  Danzig  die  Frage  an,  ob
die  salvadorische  Armee  von  spanischen  Instrukteuren  instruiert  wird  oder
von  anderen?  Eigentlich  geht  ihn  das  gar  nichts  an.  Aber  die  Folgen
blieben  nicht  aus;  er  ist  abends  im  Wirtshaus,  da  kamen  zwei  Offiziere
spanischer  Herkunft,  einer  davon  ist  General  —  Prowe  behauptet,  er  sei
früher  Bedienter  oder  Stiefelwichser  gewesen;  geht  mich  nichts  an  —  und
ruft  Prove  heraus.  Und  nun  gibt  der  General  Pastor  dem  Prowe  einen
Schlag  ins  Gesicht,  sagt,  ich  fordere  Sie.  Prowe  nimmt  die  Forderung
an  und  die  Offiziere,  die  begleitet  sind  von  Polizisten  und  einer  großen
Menschenmenge,  gehen  weiter,  nachdem  sie  vorher  Drohungen  ausgestoßen
hatten,  diese  aber  nicht  ausgeführt  hatten.  Andern  Morgens  schickt  Prowe
dem  General  Pastor  seine  Zeugen  und  verlangt  sein  Ehrenwort,  daß  er
sich  unter  allen  Umständen  mit  ihm  schlage,  eventuell  seine  Entlassung
nehme.  Inzwischen  hat  der  Präsident  von  der  Sache  gehört  und  schickt
nun  Polizisten,  um  Prowe  in  seiner  Wohnung  zu  bewachen.  Darauf  nun
aber  hat  General  Pastor  wieder  sein  Ehrenwort  gebrochen  und  dem  Präsidenten
  Ezeta  sein  Wort  gegeben,  er  würde  sich  nicht  schlagen.  (Heiterkeit.)
Nach  1½  Stunden  wird  Prowe,  der  übrigens  niemals  ins  Gefängnis  geworfen
  war,  sondern  in  seiner  eigenen  Wohnung  von  Polizisten  bewacht
wurde,  freigelassen  und  begab  sich  nun,  wie  er  selbst  zugibt,  weil  er  die
Rache  des  Präsidenten  Ezeta  fürchtete,  zunächst  nach  einem  benachbarten  Orte
und  nach  wenigen  Tagen  freiwillig  nach  Guatemala.  Und  unn,  meine
Herren,  soll  das  Reich  in  der  Sache  helfen.  Herr  v.  Bergen  schreibt  einen
Brief  an  den  Minister  des  Aeußern,  stellt  die  Sache  dar,  verlangt  Aufklärung,
  und  der  erwidert  darauf:  die  Verhaftung  war  ganz  berechtigt,
denn  in  Salvador  kann  nach  dortigen  Gesetzen  jede  Behörde,  wenn  sie
Grund  hat  zur  Annahme,  daß  ein  Vergehen  begangen  sein  soll  dies  thun.
Und  was  die  Mißhandlung  durch  General  Pastor  betrifft,  so  erklärt  der
Minister,  eine  gerichtliche  Untersuchung  würde  stattgefunden  haben,  wenn
Prowe  nicht  Stadt  und  Land  verlassen  hätte.  Darauf  hat  Herr  Peyer,  der
die  Geschäfte  übernommen  hatte,  die  Beschwerde  des  Prowe  zurückgewiesen
Prowe  hat  sich  an  den  Herrn  Reichskanzler  gewandt  und  diese  Beschwerde
wurde  gleichfalls  als  unbegründet  zurückgewiesen.  Es  war  inzwischen  das
Novum  eingetreten,  daß  General  Pastor  gestorben  war,  also  ein  gerichtliches
  Verfahren  nicht  mehr  eintreten  konnte,  und  was  die  Verhaftung
        <pb n="22" />
        14  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14.  15.)

betraf,  so  war  man  hier  der  Ansicht,  daß,  wer  in  einem  fremden  Lande
durch  Annahme  einer  Duellforderung  gegen  die  Gesetze  des  Landes  verstoße,
daß  er  sich  darüber  nicht  beklagen  kann,  wenn  er  dann  eine  und  eine  halbe
Stunde  in  seinem  Hause  bewacht  wird.  (Heiterkeit.)  Das,  meine  Herren,
ist  nun  der  Fall,  der  seit  Monaten  in  der  öffentlichen  Presse  besprochen
wird  und  mit  ungünstigen  Kommentaren  gegenüber  dem  Auswärtigen  Amt.
Man  sagt:  wenn  das  einem  Engländer  passiert  wäre,  was  hätte  die  englische
  Regierung  gethan?  Darauf  erwidere  ich:  erstens  einmal  hätte  ein
Engländer  sich  um  die  Frage  der  spanischen  Instrukteure  gar  nicht  gekümmert
  (sehr  richtig!);  zweitens  aber,  wenn  die  Sache  so  verlaufen  wäre,
so  hätte  die  englische  Regierung  nach  dem  Grundsatze,  wie  ich  sie  kenne,  in
der  ganzen  Sache  keinen  Finger  gerührt  und  hätte  einfach  gesagt:  ein  Vorgang,
  für  den  jemand  sich  private  Genugthuung  im  Wege  des  Duells  sucht,
kann  nicht  zugleich  auch  Gegenstand  einer  internationalen  Frage  sein.  (Sehr
richtig!t)  Das,  meine  Herren,  ist  der  Fall  Prowe.  Ich  komme  nun  zu  den
Vorgängen  in  San  Salvador  vom  vorigen  Jahre.  Will  man  diese  Vorgänge
  im  vorigen  Jahre  unbefangen  beurteilen  und  zu  einem  unparteiischen
Urteile  gelangen,  so  muß  man,  glaube  ich,  die  Thatsache  in  den  Vordergrund
  stellen,  die  auch  gar  nicht  bestritten  wird,  daß  bei  der  Revolution
damals  in  ganz  hervorragender  Weise  deutsche  Staatsbürger  sich  beteiligt
haben,  daß  auf  der  anderen  Seiten  in  den  Heeren  des  Präsidenten  Ezeta,  des
anerkannten  Präsidenten,  eine  Reihe  von  Deutschen  Kriegsdienste  genommen
haben,  also  Deutsche  Deutschen  gegenüber  standen.  Man  wird  mir  zugeben,
daß,  da  die  Aufgabe  eines  Vertreters,  der  gleichzeitig  die  Instruktion,  er
solle  die  Deutschen  schützen,  er  solle  sich  aber  nicht  in  die  inneren  Angelegenheiten
  des  fremden  Staates  mischen,  die  Situation  wahrhaftig  keine
leichte  war.  (Sehr  richtig !)  Ueber  den  Beginn  der  Revolution  erzählt
uns  nun  Herr  Prowe  in  dem  ihm  eigenen  blühenden  Stil,  daß  in  der  Nacht
vom  28.  zum  29.  April  vorigen  Jahres  der  Matthies  —  das  ist  derselbe,
von  dem  wir  vorhin  gesprochen  haben  —  in  dem  ein  „zweiter  Michel
Kohlhaas  stecke,  seinem  Junker  v.  Tronka  auf  das  Dach  gestiegen  sei  und
mit  43  verwegenen  Genossen  Santa  Anna  die  dortige  Artilleriekaserne  erstürmt
  und  dadurch  das  Signal  zum  Aufstand  gegeben  habe“.  Ja,  meine
Herren,  die  Deutschen  dort,  die  jetzt  so  lebhaft  klagen  darüber,  daß  sie  nicht
genügend  geschützt  würden,  hätten  doch  vorher  bedenken  sollen,  daß  durch
diese  Handlungsweise  die  Deutschen,  die  sich  auf  Seiten  der  Regierungsgewalt
  befanden,  in  die  allerübelste  Lage  und  allergrößte  Gefahr  kamen.
(Sehr  richtig.)  Es  fand  nun  die  Schlacht  statt,  bei  der  die  Affaire  mit
dem  unglücklichen  Ruhnke  statt  hatte.  Ezeta  wurde  geschlagen,  und  nun
kommt  der  Fall  Juhl.  Das  Haus  von  Juhl  wurde  zerstört  und  das  Haus
eines  gewissen  Müller.  An  dem  Hause  wurde  die  deutsche  Fahne  heruntergerissen
  und  in  ganz  infamer  Weise  beschimpft.  Herr  Juhl  hat  darüber
einen  ganz  interessanten  Brief  an  deutsche  Blätter  gerichtet,  worin  er  diese
ganzen  Vorgänge  sehr  drastisch  beschreibt,  und  da  ist  auch  in  Klammer  bemerkt:
  Mein  Kompagnon  war  abwesend.  Ja,  er  war  allerdings  abwesend.
Es  war  der  Herr  Müller;  er  war  General  der  Revolutionsarmee  und  nach
meiner  Information  war  das  Haus,  auf  dem  die  deutsche  Fahne  wehte,
das  Haus  des  Herrn  Müller.  Ja,  meine  Herren,  das  heißt  doch  ganz  einfach:
  mit  der  deutschen  Fahne  Mißbrauch  treiben  (sehr  richtig!)  und,  nachdem
  man  an  der  Revolutionsbewegung  teilgenommen,  nun  die  deutsche
Fahne  aufpflanzen,  um  sein  Eigentum  zu  schützen.  Nun,  meine  Herren,
habe  ich  einer  ganzen  Reihe  von  Kritiken  gelesen:  wie  tief  eigentlich  das
Deutsche  Reich  gesunken  sei,  ergebe  sich  daraus,  daß  bei  der  Revolution  in
Salvador  nur  deutsches  Eigentum  zerstört  worden  sei  und  keines  von  anderen
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        Des  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)  15

Ausländern.  Vollkommen  richtig;  aber  auch  hier  fehlt  wieder  die  Thatsache,
  daß  nur  die  Deutschen  an  der  Revolution  teilgenommen  haben  (Hört,
hört !);  die  anderen  dagegen,  die  Franzosen,  die  Nordamerikaner,  sich  vollkommen
  still  verhalten  haben.  Es  ist  mir  vor  Kurzem  von  ganz  glaubwürdiger
  Seite  versichert  worden,  daß  die  Haltung  der  Deutschen  bei  den
übrigen  fremden  Kolonisten  in  gar  keiner  Weise  Freude  erregt  hat,  weil  fie
sagen:  wenn  wieder  ein  Umsturz  kommt,  so  werden  natürlicherweise  wir
anderen  Kolonisten,  obgleich  wir  uns  ruhig  verhalten  haben,  darunter  auch
leiden.  Meine  Herren,  nun  kommt  dies  Telegramm  an  Herrn  Peyer,  dieser
Hilferuf,  der  aus  San  Salvador  gerichtet  worden  ist,  wo  sich  die  Deutschen
in  der  größten  Gefahr  befanden,  im  letzten  Moment  des  ganzen  Feldzuges.
Her-  Peyer  hat  darauf  geantwortet,  er  könne  selbst  nicht  kommen,  und  er
alte  es  auch  für  überflüssig,  daß  er  einen  Vertreter  schicke.  Ich  nehme
keinen  Anstand,  zu  erklären,  daß  ich  dies  Verhalten  des  Herrn  Gesandten
Peyer  bedauere  und  mißbillige.  Wenn  in  dieser  Weise  der  Hilferuf  von
bedrängten  Deutschen  zu  ihm  gelangt,  so  hat  er  Folge  zu  leisten  und  sich
nicht  damit  zu  entschuldigen,  daß  er  voraussichtlich  keinen  Erfolg  haben
werde.  Er  hätte  es  versuchen  sollen;  mißlang  der  Versuch,  so  hätte  er
jedenfalls  seine  Pflicht  gethan.  Und  hier,  meine  Herren,  komme  ich  auf
einen  Punkt,  der  gerade  in  dem  Verhalten  des  Herrn  Peyer  mir  von  ausschlaggebender
  Bedeutung  erscheint.  Ich  habe  aus  all'  den  mir  gewordenen
Mitteilungen  zu  meinem  Bedauern  die  Ueberzeugung  gewinnen  müssen,  daß
Herr  Peyer  in  der  Führung  seiner  Geschäfte  eine  gewisse  Passivität  an  den
Tag  legt,  die  mit  seiner  Stellung  nicht  verträglich  ist.  Ich  glaube  vor
allem,  daß  es  seine  Pflicht  gewesen  wäre,  bei  den  Deutschen  in  Salvador
seinen  Einfluß  geltend  zu  machen  in  der  Richtung,  daß  fsie  sich  nicht  an
den  inneren  Parteikämpfen  beteiligen  (Sehr  richtigl!),  und  gerade  dies  Verhalten
  der  Deutschen  gegenüber  der  damals  geltenden  Regierung,  ihre  aktive
Beteiligung  am  Bürgerkriege  ist  für  mich  eine  fast  noch  schwerere  Belastung
gewesen  des  Herrn  Peyer  als  seine  Nichtthätigkeit  im  Verlauf  des  Feldzuges;
  denn  hier  muß  ich  anerkennen,  daß  die  Verhältnisse  für  ihn  außerordentlich
  schwierig  lagen.  Ich  habe  außerdem  den  Eindruck  gewonnen,
daß  Herr  Peyer  sich  in  der  Kolonie  dort  nicht  diejenige  Stellung,  nicht  das
Ansehen  erworben  hat,  deren  er  zu  einer  Fortsetzung  seiner  Thätigkeit  bedarf.
  Es  ist  bezeichnend,  daß,  obgleich  dieser  Kampf  gegen  Herrn  Peyer
seit  Monaten  dauert,  bis  jetzt  noch  niemand  aus  der  Kolonie  für  ihn  aufgetreten
  ist.  Es  wird  die  Konsequenz  aus  diesen  Dingen  gezogen,  Herr
Peyer  von  Guatemala  abberufen  und  durch  einen  anderen  Diplomaten  ersetzt
  werden.  (Bravol)  Der  letztere  wird  die  Instruktion  erhalten,  daß
er  entsprechend  den  gegebenen  allgemeinen  Weisungen  nachdrücklich  und
wirksam  zum  Schutze  der  Deutschen  eintrete,  zugleich  aber  auch  die  Weisung,
daß  er  mit  aller  Entschiedenheit  die  Deutschen  in  Salvador  dazu  ermahne,
Ruhe  und  Frieden  zu  halten  und  sich  nicht  in  die  Parteikämpfe  zu  mischen,
weil,  wenn  sie  dadurch  in  Gefahr  kommen,  fie  einen  amtlichen  Anspruch
auf  Hilfe  des  Deutschen  Reiches  nicht  haben.  (Sehr  gut!  und  Bravo !)  Ich
habe  vor  wenigen  Tagen  einen  Brief  bekommen  von  einem  sehr  angesehenen
Mann  in  Costa  Rica,  der  früher  dort  deutscher  Konsul  war;  er  übt  in
diesem  Schreiben  eine  Kritik  an  den  Zuständen  in  Salvador  und  dem  Verhalten
  der  Deutschen  dort.  Er  sagt  am  Schlusse:  In  unserem  Freistaate
Costa  Rica  kann  ich  zu  meiner  Genugthuung  feststellen,  sind  die  Deutschen
gerade  darum  sehr  geachtet,  weil  sie  sich  nie  in  die  Politik  des  Landes
mischen,  und  sehr  beliebt,  weil  sie  fleißig  arbeiten,  stets  mit  allen  Parten
im  Lande  auf  freundschaftlichem  Fuße  stehen;  es  kommen  hier  auch  außerordentlich
  selten  Ansprüche  auf  Schutz  seitens  der  deutschen  Vertretung  vor,
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        16  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)

Ich  hoffe,  daß  die  Deutschen  in  Salvador  sich  an  ihren  Landsleuten  in
Costa  Rica  für  die  Zukunft  ein  Beispiel  nehmen.  (Sehr  gut !)  Und  nun
der  Fall  Ruhnke.  Ich  hätte  dringend  gewünscht,  daß  es  vermieden  worden
wäre,  diese  unglückliche  Angelegenheit  in  die  Oeffentlichkeit  zu  ziehen.  Ich
meine,  man  konnte  den  Kampf  gegen  den  Gesandten  Peyer  führen,  ohne
daß  man  den  Verwandten  dieses  Herrn  den  Schmerz  anthat,  die  Handlungen
dieses  Mannes,  der  im  Beginn  einer  Geistesstörung  Dinge  gethan  hat,  die
er  sicherlich  bei  gesundem  Verstande  nicht  gethan  haben  würde,  vor  das  Licht  der
Oeffentlichkeit  zu  ziehen.  Der  Herr  Vorredner  hat  die  Rechtsfrage  behandelt,
  ob  Ruhnke  noch  deutscher  Staatsangehöriger  gewesen  sei.  Die  Frage
ist  ganz  zweifellos  zu  bejahen.  Aber  es  ist  doch  klar,  daß,  wenn  Jemand
in  fremde  Kriegsdienste  tritt  und  damit  die  fremde  Staatsangehörigkeit  erwirbt,
  er  in  dem  Maße,  wie  er  dadurch  freiwillig  dem  anderen  Staate
Rechte  über  seine  Person  einräumt,  das  Recht  Deutschlands  und  seiner
Vertreter  sich  beschränkt.  Wenn  dann  hier  verlangt  wird,  daß  Herr  Peyer
gegen  die  Gefangennahme  und  Bestrafung  des  Ruhnke  amtlich  eintrete,  ja,
wohin  sollte  denn  das  führen,  wenn  wir  anfangen,  die  zahllosen  Deutschen,
die  in  allen  möglichen  Ländern  der  Welt  Kriegsdienste  genommen  haben,
gegen  die  Sävitien  ihrer  militärischen  Vorgesetzten  zu  schützen?  Das  ist
vollkommen  unmöglich.  Was  geschehen  konnte,  ist  für  den  unglücklichen
Ruhnke  geschehen;  die  deutsche  Kolonie,  an  der  Spitze  der  Konsul  Augspurg,
hat  sich  beim  Präsidenten  für  ihn  verwendet,  er  wurde  auf  diese  Verwendung
hin  begnadigt,  ich  glaube,  aus  dem  Bericht  des  Konsuls  Augspurg,  den
ich  veröffentlicht  habe,  ergiebt  sich,  daß  in  der  That  von  deutscher  Seite
alles  Das  geschehen  ist,  was  überhaupt  geschehen  konnte.  Nur  noch  zwei
Worte  über  Brasilien.  Der  Herr  Vorredner  hat  richtig  dargelegt,  daß  im
Süden  von  Brasilien  mehr  als  200  000  deutschredende  Kolonisten  sich  befinden.
  Das  ist  zuzugeben;  aber  eine  verschwindend  kleine  Anzahl  dieser
Kolonisten  hat  heute  noch  die  deutsche  Staatsangehörigkeit;  man  kann  darüber
streiten,  ob  es  Hunderte  oder  Tausende  sind.  Dazu  kommt,  daß  ein  großer
Teil  dieser  Kolonisten  in  ruhigen  Zeiten  es  versäumte,  sich  in  die  Matrikel
des  Konsulats  einschreiben  zu  lassen,  und  dann,  wenn  der  Moment  kommt,
wo  sie  des  Schutzes  des  Deutschen  Reiches  zu  bedürfen  glauben,  sie  außer  stande
sind,  ihre  deutsche  Staatsangehörigkeit  nachzuweisen.  Wir  haben  über  diese
Verhältnisse  in  Brasilien  wiederholt  die  eingehendsten  Berichte  erholt  und
die  dortigen  Konsuln  sagen  übereinstimmend,  daß,  soweit  es  irgend  möglich
sei,  alles  geschehe,  daß  aber  in  vielen  Fällen  ein  Einschreiten  aus  dem
Grunde  ausgeschlossen  sei,  weil  sie  der  brasilianischen  Regierung  gegenüber
den  Beweis  nicht  liefern  können,  daß  die  Leute  die  deutsche  Staatsangehörigkeit
  nicht  verloren  haben,  somit  die  Voraussetzung  eines  Einspruchs  fehlt.
Denn  sowie  die  deutsche  Staatsangehörigkeit  verloren  ist,  sind  die  Leute
lediglich  brasilianische  Staatsangehörige.  Nun  noch  zwei  Wörter  über  die
Angelegenheit  des  Handelsvertrages  mit  Guatemala.  Es  ist  richtig,  daß
1892  kraft  der  Mac  Kinleybill  ein  Reziprozitätsvertrag  geschlossen  wurde
zwischen  den  Vereinigten  Staaten  und  Guatemala  und  andern  Staaten,  in
denen  die  letzteren  gegen  freie  Einfuhr  von  Zucker  ect.  die  Konzession  machten,
daß  gewisse  amerikanische  Produkte  zu  einem  niedrigeren  Zoll  bei  ihnen
eingeführt  werden  dürften,  als  diejenigen  europäischer  Staaten.  Guatemala
hat,  nachdem  dieser  Vertrag  ins  Leben  getreten  war,  uns  und  allen  europäischen
  Staaten  gegenüber,  mit  denen  es  auf  dem  vertragsmäßigen  Fuße  der
Meistbegünstigung  stand,  nunmehr  die  bekannte  amerikanische  Auffassung  der
Meistbegünstigung  geltend  gemacht.  Wir  haben  sofort  nachdrücklich  protestiert,
  das  Gleiche  haben  andere  gethau,  und  inzwischen  ist  die  ganze  Sache
dadurch  erledigt,  daß,  nachdem  Präsident  Cleveland  ans  Ruder  kam,  die
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14./15.)  17

Aufhebung  der  Mac  Kinley-Bill,  und  mit  dem  Fall  der  Mac  Kinley-Bill
die  Kündigung  des  Vertrages  mit  Guatemala  eintrat.  Meine  Herren,  ich
glaube,  Sie  heute  nicht  weiter  mit  Einzelheiten  ermüden  zu  sollen.  Ich
kann  die  Anfrage  des  Herrn  Interpellanten  nur  dahin  beantworten,  daß,
entsprechend  den  allgemeinen  Instruktionen,  welche  unsere  Vertreter  im
Auslande  haben,  wir  darauf  achten  werden,  daß  dieselben  allezeit  den
Deutschen,  ihrer  Person  und  ihrem  Eigentum  den  Schutz  und  alle  die  Pies
gewähren,  die  vertragsrechtlich  und  völkerrechtlich  begründet  ist,  daß  die
Vertreter  im  Auslande  die  Weisung  haben,  alles  zu  thun,  wodurch  sie  die
Stellung  der  Deutschen  im  Auslande  fördern  können,  daß,  wenn  berechtigte
Klagen  an  uns  gelangen,  sofort  Abhilfe  eintreten  wird,  unberechtigte  Klagen
allerdings  eine  Berücksichtigung  nicht  finden  können.  Nun  zum  Schluß,
meine  Herren,  noch  eine  kurze  Bemerkung,  die  ich  Ihnen  dringend  ans
Herz  lege.  Unsere  Vertreter  in  überseeischen  Plätzen  können  die  ihnen  zugewiesene
  Aufgabe  allein  nicht  vollführen.  So  wichtig  die  Personenfrage
ist,  die  Persönlichkeit  allein  thut  es  nicht  und  die  Instruktion  von  hier
aus,  sie  mag  noch  so  schön  gedrechselt  sein,  auch  nicht.  Soll  der  Vertreter
die  friedliche  und  fruchtbare  Mission,  die  ihm  im  Interesse  des  deutschen
Vaterlandes  obliegt,  ansführen,  so  müssen  wir  ihm,  dem  Lande,  wo  er  ist,
der  Bevölkerung  und  den  Machthabern  desselben  von  Zeit  zu  Zeit  durch
ein  sichtbares  Zeichen  bekunden,  daß  hinter  seiner  Thätigkeit  die  Teilnahme
des  deutschen  Volkes  und  der  Wille  und  die  Macht  des  Deutschen  Reiches
steht  (sehr  richtig!),  und  dieses  Zeichen,  meine  Herren,  ist  die  deutsche  Flagge
auf  dem  deutschen  Kreuzer.  Unsere  Handelsinteressen  an  den  überseeischen
Plätzen  nehmen  jährlich  zu,  und  wir  freuen  uns  der  Zahlen,  die  das  beweisen.
  Wir  streben  dahin,  Kapitalien  unseren  Kolonien  zufließen  zu  lassen,
um  sie  zu  befruchten  und  zu  entwickeln;  wir  sehen  fromme  Männer  hinübergehen
  übers  Meer,  um  in  aufopfernder  Thätigkeit  zu  wirken  für  das
Christentum  und  die  Kultur.  So  erweitert  sich  jährlich  und  täglich  der
Kreis  unserer  überseeischen  Pflichten  und  der  Kreis  unserer  Verantwortung;
aber  unsere  Kreuzerflotte  folgt  dieser  Bewegung  nicht,  die  einzige  Waffe,
die  wir  dort  haben,  droht  stumpf  zu  werden  und  zu  rosten.  Wenn  auf
irgend  einem  Gebiet,  so  gilt  hier  der  Satz,  daß  Stillstand  Rückschritt  ist.
Ich  kann  nach  pflichtmäbiger  Ueberzeugung  nicht  anders  als  offen  aussprechen:
  der  auswärtige  Dienst  kann  seine  Verpflichtungen  in  ausreichendem
  Maße  nicht  mehr  erfüllen  und  die  Verantwortlichkeiten,  die  ihm  obliegen,
  nicht  mehr  übernehmen,  wenn  nicht  in  dieser  Beziehung  Abhilfe
eintritt.  Die  Marinebehörden  thun  alles,  was  in  ihren  Kräften  steht,  um
den  berechtigten  Wünschen  des  Auswärtigen  Amtes  entgegenzukommen;  aber
wiederholt  ist  uns  die  ultima  ratio  entgegengetreten:  es  ist  kein  Schiff  da!
Ich  erinnere  Sie  daran,  meine  Herren,  daß,  als  jüngst  in  der  Delagoa-Bai
  unsere  Interessen  schwer  gefährdet  waren  —  und  wir.  haben  dort
wichtige  Interessen,  die  wir  schützen  wollen  und  schützen  müssen  —  wir  gezwungen
  waren,  das  einzige  Kriegsschiff  der  ostafrikanischen  Station,  den
„Seeadler",  nach  der  Delagoa-Bai  zu  entsenden,  obgleich  gerade  in  dem
Augenblick  Kilwa  von  den  Insurgenten  bedroht  war.  Ich  weise  darauf
hin,  daß  heute  an  der  westamerikanischen  Küste  nicht  ein  einziges  deutsches
Kriegsschiff  ist,  obgleich  in  Peru  noch  heute  der  Aufstand  wütet,  wo
wichtige  deutsche  Interessen  zu  wahren  sind.  Dasselbe  ist  der  Fall  an  der
ostamerikanischen  Küste,  und  in  dem  Lande  San  Salvador,  von  dem  wir  vorhin
gesprochen  haben,  ist  seit  mehr  als  zehn  Jahren,  seit  dem  August  1884,
die  deutsche  Flagge  nicht  mehr  gesehen  worden.  (Hört,  hört!  rechts.)
Meine  Herren,  die  Nachteile  und  Gefahren,  die  aus  einer  Fortdauer  dieses
Zustandes  entstehen,  nicht  nur  für  unsere  materiellen,  sondern  auch  für

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                       2
        <pb n="26" />
        18    Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder   ( Januar 15. ) 

unsere  ideellen  Interessen,  können  durch  alle  diplomatische  Geschicklichkeit
unserer  Vertreter  nicht  paralysiert  werden!  Auf  der  anderen  Seite  darf
ich  hinweisen  auf  die  großen  Vorteile,  welche  das  Eintreten  unserer  Kreuzerflotte
  bei  den  jüngsten  Bürgerkriegen  in  Chile  und  Brasilien  für  uns  gehabt
  hat.  Wir  haben  es  ausschließlich  unserer  Flotte  zu  verdanken,  der
hingebenden  und  aufopfernden  Thätigkeit  derselben  während  jener  Aufstände,
  daß  wir  einerseits  unsere  Neutralität  wahren,  aber  trotzdem  jedem
Eingriff  in  deutsche  Rechte  entschiedenen  Widerstand  entgegensetzen  konnten,
daß  es  uns  möglich  war,  die  feste  und  maßvolle  Politik  während  jener
Bürgerkriege  durchzuführen,  die  uns  das  Vertrauen  jener  Länder  erworben
hat,  ein  Vertrauen,  das  nach  dem  Urteil  aller  Sachkenner  nach  aller  Voraussicht,
  uns  reichen  Segen  bringen  wird.  Wir  bedürfen  einer  Vermehrung
unserer  Kreuzer,  nicht  aus  chauvinistischen  Gründen,  nicht  weil  wir  uns  in
die  inneren  Angelegenheiten  ferner  Länder  mischen  wollen,  nicht  einer  abenteuernden
  Politik  zu  Liebe;  wir  bedürfen  Vermehrung,  weil  es  unsere
Pflicht  ist,  überall  da,  wo  in  fernen  Ländern  die  deutsche  Arbeit  sich  niederläßt,
  von  Zeit  zu  Zeit  die  deutsche  Flagge  zu  zeigen,  als  eine  Warnung
für  die  Fremden,  für  die  Unfrigen  als  ein  Schutz  und  zugleich  für  alle
dort  lebenden  Deutschen  als  ein  Symbol,  das  sie  ermahnt  zur  Einheit  und
zum  treuen  Festhalten  an  ihrer  alten  Heimat.  (Lebhaftes  Bravo!)

Es  folgt  die  Interpellation  der  Abgg.  Frhrn.  v.  Heyl  zu  Herrnsheim
  (nul.)  u.  Gen.:  „Die  Unterzeichneten  richten  an  die  verbündeten  Regierungen
  die  Frage,  welche  Maßnahmen  auf  Grund  der  am  24.  November
1891  von  dem  Staatssekretär  Dr.  v.  Bötticher  abgegebenen  Erklärung  über
die  reichsgesetzliche  Einrichtung  von  Handwerker=  oder  Gewerbekammern  in
Aussicht  genommen  sind.“  Minister  v.  Bötticher  erkennt  die  Bedeutung
einer  Organisation  des  Handwerks  durchaus  an,  kann  aber  dem  Reichstage
noch  keinen  Gesetzentwurf  vorlegen.  Er  weist  darauf  hin,  daß  nur  der
zehnte  Teil  der  Handwerker  den  korporierten  Innungen  angehöre,  daher
könne  man  auf  den  Wunsch,  Einführung  obligatorischer  Innungen  und  des
Befähigungsnachweises  nicht  ohne  weiteres  eingehen.  Am  folgenden  Tage
spricht  sich  Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  gegen  die  Handwerkerkammern  und
alle  staatliche  Organisation  des  Handwerks  aus;  man  müsse  ihm  überlassen,
sich  selbständig  zu  vereinigen.  Preuß.  Handelsminister  v.  Berlepsch  erklärt
  dem  gegenüber  eine  Gesundung  der  Verhältnisse  ohne  eine  alle  Handwerke
  umfassende  Organisation  für  unmöglich.  Abg.  Bock  (Soz.)  hat  nichts
gegen  die  Handwerkerkammern,  fordert  aber  auch  die  Einrichtung  von
Arbeiterkammern,  was  Minister  v.  Bötticher  ablehnt.  (15.  Jan.).

15.  Januar.  Verurteilung  der  unbotmäßigen  Oberfeuerwerkerschüler

  (vgl.  Jahrg.  1894  S.  161).

Der  „Reichs-Anz.“  schreibt:  Das  kriegsgerichtliche  Urteil  über  die
in  Untersuchungshaft  genommenen  preußischen  Ober-Feuerwerkerschüler  ist
gesprochen  und  seitens  des  zuständigen  Gerichtsherrn  bestätigt.  Sämtliche
Inhaftierte  sind  bestraft  worden.  Die  große  Mehrzahl  —  131  erhielt
wegen  Ungehorsams  je  sechs  Wochen  und  einen  Tag  Gefängnis,  welche
Strafe  durch  die  erlittene  Untersuchungshaft  für  verbüßt  erachtet  wurde.
31  andere  wurden  wegen  Ungehorsams,  Achtungsverletzung,  gemeinsamer
Achtungsverletzung  und  Drohung,  je  nach  der  Schwere  der  den  einzelnen
zur  Last  fallenden  Vergehen,  mit  Gefängnis  von  sechs  Wochen  und  zwei
Tagen  bis  zu  neun  Monaten  unter  entsprechender  Anrechnung  der  erlittenen
Untersuchungshaft  bestraft.  Gleichzeitig  wurden  von  dieser  Kategorie  10
degradiert.  Endlich  ist  ein  Unteroffizier  wegen  Aufwiegelung  und  gemeinsamer
  Achtungsverletzung  mit  fünf  Jahren  und  einem  Tag  Gefängnis  (wo-
        <pb n="27" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  Mitte-15.)  19

von  durch  die  erlittene  Untersuchungshaft  75  Tage  als  verbüßt  zu  erachten)
und  Degradation,  und  ein  anderer  Unteroffizier  wegen  Ungehorsams,  Achtungsverletzung,
  gemeinsamer  Achtungsverletzung  und  Aufwiegelung  mit
fünf  Jahren  und  fünf  Monaten  Gefängnis  und  Degradation  bestraft  worden.

Mitte  Januar.  Preßstimmen  über  die  erste  Lesung  der
Umsturzvorlage.

Die  mittelparteiliche  Presse  ist  im  allgemeinen  wenig  befriedigt  von
dem  Verlaufe  der  Reichstagsverhandlungen.

„Berl.  Neueste  Nachr.“:  Die  fünftägige  Debatte  hat,  so  wortreich
  sie  auch  verlief,  nur  in  einzelnen  Phasen  die  Höhe  erklommen,  welche
die  für  die  Wahrung  der  Staatsautorität  so  bedeutsame  Frage  füglich  in
Anspruch  nehmen  darf.  Zu  diesen  Höhepunkten  gehört  die  große  Rede  des
Sozialdemokraten  Auer,  sodann  die  bestimmte  und  konsequente  Absage  an
die  sozialrevolutionäre  Lehre,  die  Frhr.  v.  Stumm  vortrug,  die  soldatisch
tapfere  und  von  allem  Deuteln  und  Kompromittieren  bewußt  sich  entfernende
Erklärung  des  preußischen  Kriegsministers  und  die  in  großen  Zügen  weit
ausgreifende  und  von  dem  nationalen  Pathos,  das  diesem  Redner  eigen
ist,  belebte  Betrachtung  des  Herrn  von  Bennigsen,  die  freilich  mancherlei
Einwände  gegen  sich  wachruft.  Was  zwischen  diesen  Spitzen  liegt,  ist  mehr
erläuterndes  Beiwerk  und  zum  Teil  die  Wiederholung  tausendfach  gehörter
Gemeinplätze  gewesen.

„Hamb.  Nachr.“:  Ein  Ausnahmegesetz  hätte  eingebracht  werden
müssen.  „Wir  bleiben  dabei,  daß  die  Vorlage  für  den  Kampf  gegen  die
Sozialdemokratie  zu  wenig,  für  das  gemeine  Recht  der  Gesamtheit  der
Staatsbürger  gegenüber  aber  zu  viel  fordert  und  in  letzter  Beziehung  Gefahren
  erzeugt,  deren  Würdigung  ein  ablehnendes  Votum  auch  bei  solchen
Abgeordneten  und  Parteien  bewirken  könnte,  die  wahrscheinlich  einem  weit
energischeren  Vorgehen  zugestimmt  hätten,  wenn  es  speziell  und  ausgesprochenermaßen
  gegen  die  Sozialdemokratie  gerichtet  gewesen  wäre,  ohne  die
Freiheit  der  übrigen,  staatserhaltenden  Parteien  zu  gefährden.

Die  „Schles.  Ztg.“"  ist  unzufrieden  mit  der  Verteidigung  der  Vorlage
  durch  die  Regierung  und  schreibt  dann:  „Die  Umsturzvorlage  mag
angenommen  werden  oder  nicht  —  ihr  wird  kurz  oder  lang  eine  andere
folgen  müssen,  wenn  nicht  alles  der  Zerstörung  anheimfallen  soll,  was  eine
mehr  als  tausendjährige  Kultur  geschaffen  hat,  und  wenn  nicht  vernichtet
werden  soll,  was  in  der  großen  Zeit  der  geistigen  Wiedergeburt  unseres
Volkes  gewonnen  worden  ist.  Gebe  Gott,  daß  die  herrschenden  Gewalten
im  Vaterlande  sich  zum  Erlasse  eines  neuen  und  wirksameren  Gesetzes  gegen
den  Umsturz  entschließen,  ehe  die  giftige  Saat  vaterlandsloser  Agitatoren
zu  blutiger  Frucht  gereift  ist."

„Hannov.  Courier“:  „Das  deutsche  Volk  sieht  den  Entscheidungen
der  nächsten  Wochen  mit  sorgenvoller  Spannung  entgegen,  denn  das  Bewußtsein
  beherrscht  alle  Kreise,  daß  es  sich  um  mehr  handelt,  als  um  die
Ablehnung  oder  Annahme  eines  Gesetzentwurfs.“

15.  Januar.  (Berlin.)  Eröffnung  des  Landtags  mit  folgender
  Thronrede:

Erlauchte,  edle  und  geehrte  Herren  von  beiden  Häusern  des  Landtags!
  In  gewohnter  Weise  habe  Ich  Sie  zur  verfassungsmäßigen  Mitarbeit
berufen  und  entbiete  Ihnen  bei  Wiederaufnahme  Ihrer  Thätigkeit  Meinen
königlichen  Gruß.  Der  Haushaltsplan  für  das  Jahr  1895,96,  welcher  infolge
  des  Abschlusses  der  Steuerreform  und  der  Neuordnung  der  Eisenbahnverwaltung
  wie  des  Kassenwesens  im  Bereiche  der  Verwaltung  der  direkten

                                                       2*
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        20  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.)

Steuern  wesentliche  Umgestaltungen  erfahren  hat,  wird  Ihnen  unverweilt
zugehen.  Zu  Meinem  Bedauern  schließt  er  wiederum  mit  einem  erheblichen
Fehlbetrage  ab.  Trotz  der  fortdauernden  vorsichtigen  und  sparsamen  Bemessung
  der  Ausgaben  und  der  günstigern  Entwicklung  der  eigenen  Einnahmen
  Preußens  ist  es,  wesentlich  wegen  der  zu  ungunsten  der  Einzelstaaten
  gänzlich  veränderten  Finanzlage  des  Reichs,  noch  nicht  gelungen,
das  Gleichgewicht  des  preußischen  Staatshaushaltes  wieder  herzustellen.
Diesen  seit  mehreren  Jahren  bestehenden  beklagenswerten  Zustand  endlich
zu  beseitigen,  muß  unser  ernstes  Bestreben  sein.  Die  verbündeten  Regierungen
  haben  in  der  Erwartung,  dadurch  zu  einem  besser  geregelten  finanziellen
  Zustande  zu  gelangen,  auf  die  bisherigen  Mehrüberweisungen  seitens
des  Reichs  an  die  Einzelstaaten  verzichtet.  Sie  werden  ihre  Vorlagen  an
den  Reichstag  auf  eine  mäßige  Vermehrung  der  eigenen  Einnahmen  des
Reichs  und  die  Herstellung  gesetzlicher  Bürgschaften  für  die  finanzielle  Selbstständigkeit
  des  Reichs  und  seiner  Glieder  beschränken.  Wenn  es  gelingt,
auf  dieser  Grundlage  eine  Einigung  herbeizuführen,  so  ist  zu  hoffen,  daß
die  dringlichste  Forderung,  die  Wiederherstellung  des  Gleichgewichts  zwischen
den  Einnahmen  und  Ausgaben  des  Landes  erfüllt  werden  wird.  Das  letzte
Rechnungsjahr  hat  einen  Fehlbetrag  von  mehr  als  31 000 000    M  Für
das  laufende  Etatsjahr  wird  der  Fehlbetrag  jedoch  zum  Teil  infolge  vorübergehender
  Verhältnisse  wahrscheinlich  nicht  unerheblich  hinter  dem  Anschlage
  und  demjenigen  des  Vorjahres  zurückbleiben.  Der  zu  Ihrer  Beschlußfassung
  gelangende  Gesetzentwurf  betreffend  die  Stempelsteuern  soll
die  auf  dem  Gebiete  der  direkten  Steuern  nunmehr  abgeschlossene  grundlegende
  Reform  auf  die  indirekten  Landessteuern  ausdehnen  und  auch  bei
den  letztern  die  Verteilung  der  Staatslasten  nach  der  Leistungsfähigkeit  in
höherm  Grade  als  bisher  durchführen.  Ein  nach  gleichen  Grundsätzen  ausgearbeiteter
  Gesetzentwurf  bezweckt  eine  Neuordnung  des  gerichtlichen  Kostenwesens
  unter  dem  Gesichtspunkte  einer  einheitlichen  Gestaltung  für  alle
Landesteile  und  der  Ermäßigung  der  Kosten  für  Gegenstände  geringern
Wertes,  namentlich  in  Grundbuch=  und  Vormundschaftssachen.  Gleichzeitig
wird  Ihnen  der  Entwurf  einer  Gebührenordnung  für  Notare  zugehen,  in
welchem  auch  die  Notariatsgebühren  für  die  ganze  Monarchie  gleichmäßig
geregelt  sind.  Ihrer  Beschlußfassung  werden  ferner  mehrere  Gesetzentwürfe
unterbreitet  werden,  welche  die  Durchführung  der  im  abgelaufenen  Jahre
von  den  Synoden  der  evangelischen  Kirchengemeinschaften  beschlossenen
Kirchengesetze  zum  Gegenstande  haben.  Dabei  wird  es  sich  besonders  auch
um  die  Sorge  für  die  Hinterbliebenen  der  evangelischen  Geistlichen  der
neuen  Provinzen  handeln.  Wegen  Erweiterung  des  Staatseisen  bahnnetzes
durch  Herstellung  neuer  Eisenbahnlinien  wird  I#nen  auch  in  diesem  Jahr
ein  Gesetzentwurf  zugehen,  in  welchem  zugleich  Mittel  zur  Beteiligung  des
Staates  an  Kleinbahn-Unternehmungen  vorgesehen  werden  sollen.  Mit
der  Neuordnung  der  Behörden  der  staatlichen  Eisenbahnverwaltung  werden
vom  Beginn  des  nächsten  Etatsjahres  ab  umfangreiche  Reformen  des  Kassenund
  Rechnungswesens  in  Kraft  treten,  welche  dazu  beitragen  werden,  die
Wirtschaftlichkeit  der  Verwaltung  zu  erhöhen.  Der  Entwurf  eines  Gesetzes
betreffend  die  Verpfändung  der  Privat-Eisenbahnen  und  der  Kleinbahnen
wird  wiederholt  den  Gegenstand  Ihrer  Beratung  bilden.  Die  schweren
Sturmfluten  der  letzten  Wochen  haben  auch  an  den  preußischen  Inseln  und
Küsten  der  Nordsee  bedauerliche  Verheerungen  angerichtet.  Wegen  Feststellung
  des  Umfangs  dieser  Schäden  und  Einleitung  der  zu  ihrer  Beseitigung
  geeigneten  Maßnahmen  ist  das  Erforderliche  veranlaßt.  Zur  weitern
Förderung  des  gewerblichen  Fortbildungs=  und  Fachschulwesens  ist  eine  Verstärkung
  der  etatemäßigen  Mittel  vorgesehen.  Zu  Meinem  lebhaften  Be-
        <pb n="29" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  16.)  21

dauern  ist  die  Lage  der  Landwirtschaft  fortdauernd  ungünstig.  Den  hieraus
erwachsenen  schweren  Uebelständen  nach  Möglichkeit  zu  begegnen,  ist  Meine
unablässige  landesväterliche  Sorge  und  die  dringendste  Aufgabe  Meiner
Regierung.  Zum  Zweck  der  Erhaltung  der  neu  geschaffenen  Renten=  und
Anfiedlungsgüter  wird  Ihnen  voraussichtlich  noch  in  dieser  Tagung  der
Entwurf  eines  Gesetzes  betreffend  das  Anerbenrecht  bei  Renten=  und  Ansiedlungsgütern
  zugehen.  Geehrte  Herren!  Es  gilt  heute  mehr  als  je,  zu
einträchtiger  Arbeit  die  Wohlfahrt  des  Ganzen  zu  fördern,  und  es  ist  die
ernste  Pflicht  aller  Wohlgesinnten,  gegenüber  den  wachsenden  Angriffen  auf
die  Staatsordnung  sich  einmütig  zur  Abwehr  zusammenzuschließen.  Ich
vertraue  auf  die  bereitwillige  Unterstützung  und  die  patriotische  Hingebung
der  preußischen  Landesvertretung  und  bitte  Gott,  daß  er  die  bevorstehende
Tagung  dem  Lande  zu  reichem  Segen  gedeihen  lasse.

Die  Thronrede  findet  in  der  Presse  geteilte  Aufnahme;  die  „Kreuz-Ztg."“
  und  „Deutsche  Tageszeitung“  begrüßen  die  angekündigten  Mah
regeln  zu  gunsten  der  Landwirtschaft  mit  Genugthuung,  die  „Nat.-Ztg.“
sieht  ihnen  skeptischer  entgegen;  das  „Berl.  Tagebl.“  vermißt  eine  Erklärung
  über  die  Ministerwechsel  und  der  „Vorwärts“"  glaubt,  daß  sich
hinter  der  Mahnung  zum  festen  Zusammenschluße  aller  Wohlgesinnten  sich
„das  spezifisch-preußische  Umsturzgesetz  verbirgt  und  die  Russifizierung  des
borussischen  Vereins=  und  Versammlungsgesetzes!“

16.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Präsidentenwahl,

  Etat.  Rede  Hohenlohes.

Nachdem  das  frühere  Präsidium  (v.  Köller  DK.,  v.  Heeremann  Z.,
Dr.  Graf  nl.)  wiedergewählt  ist,  ergreift  das  Wort  Ministerpräfident
Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe:  Meine  Herren,  seit  der  letzten  Vereinigung
  in  diesen  Räumen  sind  wesentliche  Veränderungen  in  der  Zusammensetzung
  des  Staatsministeriums  erfolgt.  Es  ist  das  Ministerium  des
Innern,  das  Ministerium  der  Justiz,  das  Ministerium  für  Landwirtschaft
neu  besetzt  worden,  und  Se.  Majestät  haben  geruht,  mir  das  Präsidium
des  Staatsministeriums  zu  übertragen.  Ich  komme  deshalb  heute,  um
mich  Ihnen  vorzustellen  und  die  Beziehungen  anzuknüpfen,  die  uns  von
nun  an  verbinden  werden.  Ich  rechne  auf  Ihr  freundliches  Entgegenkommen,
und  ich  habe  um  so  mehr  Grund,  darauf  zu  rechnen  und  darum  zu  bitten,
als  ich  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren  aus  dienstlichen  Gründen  aus
der  preußischen  Heimat  abwesend  war  und  also  zwar  nicht  den  materiellen
Verhältnissen  fremd  geworden  bin,  —  denn  ich  bin  preußischer  Grundbesitzer
  —  aber  doch  den  Verhältnissen  der  Verwaltung  und  der  Gesetzgebung.
  Wenn  ich  trotzdem  das  Amt,  das  mir  Se.  Mojestät  übertragen
hat,  angenommen  habe,  so  leitete  mich  dabei  der  Gedanke,  daß  es  Ehrenpflicht
  sei,  dem  Rufe  Sr.  Majestät  Folge  zu  leisten.  Außerdem  aber  schöpfe
ich  Mut  aus  dem  Bewußtsein,  daß  ich  mich  eins  fühle  mit  Ihnen  in  der
Treue  zum  Könige  und  in  der  Liebe  zum  Vaterlande!  (Lebhaftes  Bravo.)

Hierauf  legt  Finanzminister  Miquel  den  Etat  vor.  Für  das  Jahr
vom  1.  April  1895/96  sind  die  ordentlichen  Einnahmen  des  Staates  auf
1865  173  497  M,  die  Ansgaben  im  Ordinarium  auf  1  837 214  103  M,  im
Extraordinarium  auf  62  259  394  M,  zusammen  auf  1  899  473  497  M,  mithin
  die  Ausgaben  um  34  300  000  M  höher  als  die  ordentlichen  Einnahmen
veranschlagt.  Der  Fehlbetrag  muß  durch  Aufnahme  einer  Anleihe  gedeckt
werden,  deren  Betrag  behufs  Balanzierung  des  Staatshaushalts-Etats  in
den  Etat  der  allgemeinen  Finanzverwaltung  als  außerordentliche  Einnahme
eingestellt  ist.

Gegenüber  den  Veranschlagungen  für  das  laufende  Jahr  vermindern
        <pb n="30" />
        22  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  16.)

sich  für  1895 -  96  die  ordentlichen  Einnahmen  um  14274  916  M  die  Ausgaben
  im  Ordinarium  um  40  887  329  M  dagegen  erhöhten  sich  diejenigen
im  Extraordinarium  um  4402  413  M  Der  Fehlbetrag  für  1895/96  ist
um  22  210  000  M  geringer  als  derjenige  des  laufenden  Etats.

Bei  den  staatlichen  Betriebsverwaltungen  ist  im  Ordinarium  ein
Mehrüberschuß  von  905  926  M  veranschlagt,  indem  Mehrüberschüssen  von
41  049  329  M Minderüberschüsse  von  40  143  403  M  gegenüberstehen.

Die  Mehrüberschüsse  entfallen  fast  ausschließlich,  nämlich  in  Höhe
von  40  939  859  M  auf  die  Eisenbahnverwaltung.  Die  Ersparnis,  welche
an  Ausgaben  für  Personal  ect.  durch  die  Umgestaltung  der  Eisenbahnbehörden
  und  die  Vereinfachung  des  Bureau-,  Kassen=  und  Rechnungswesens
  erzielt  werden  wird,  ist  auf  etwa  6¼  Millionen  Mark  zu  veranschlagen,
  wird  indessen  erst  allmählich  ihrem  ganzen  Umfange  nach  erreicht
werden,  da  ihr  bis  auf  weiteres  noch  die  Ausgaben  an  Dispositionsgehältern
u.  s.  w.  für  die  nicht  weiter  zur  Verwendung  gelangenden  Beamten  ect.
gegenüberstehen;  diese  Ausgaben  sind  im  vorliegenden  Etat  mit  3722000  M
vorgesehen.  Bei  den  Gehältern  sind  für  die  Beamten  aller  Klassen,  abgesehen
  von  den  durch  Personalvermehrung  entstehenden  Ausgaben,  im  vorliegenden
  Etat,  und  zwar  zum  weit  überwiegenden  Teile  infolge  der  Wirkungen
  des  Gehälterregelung  nach  Dienstaltersstufen,  3  902000  M  mehr  in
Ansatz  gebracht.

on  den  Minderüberschüssen  entfallen  zunächst  auf  die  Verwaltung
der  direkten  Steuern  29313600  M

   I.  An  Einnahmen  fallen  im  vorliegenden  Etat  aus:  1)  Die  Erträge
der  durch  das  Gesetz  vom  14.  Juli  1893  wegen  Aufhebung  direkter  Staatssteuern
  gegenüber  der  Staatskasse  außer  Hebung  gesetzten  Grundstener,  Gebäudesteuer
  und  Gewerbesteuer  vom  stehenden  Gewerbebetriebe,  welche  im
laufenden  Etat  veranschlagt  waren,  die  Grundsteuer  zu  39  844  800  M  die
Gebäudesteuer  zu  40  044  300  M  die  Gewerbesteuer  zu  22  344700  M  2)  der
Ertrag  der  nach  demselben  Gesetze  als  Staatssteuer  in  Fortfall  kommenden
Bergwerkssteuer,  welche  in  dem  laufenden  Etat  der  Berg-,  Hütten=  und
Salinenverwaltung  zu  rund  6393.000  X  veranschlagt  war.  3)  Infolge
des  Uebergangs  der  Einzelerhebung  der  direkten  Staatssteuern  auf  die  Gemeinden
  ect.  ist  in  dem  vorliegenden  Etat  der  Verwaltung  der  direkten
Steuern  eine  Mindereinnahme  an  Gebühren  und  an  sonstigen  Einnahmen
veranschlagt  in  Höhe  von  328  390  M  Es  ergibt  sich  mithin  insgesamt
ein  Einnahmeausfall  von  108  955  190  M

II.  Zur  Deckung  desselben  weist  der  vorliegende  Etat  folgende  Mehreinnahmen
  bezw.  Minderausgaben  nach:  1)  Die  Einkommensteuer  ist  mit
ihrem  vollem  veranschlagten  Betrag  von  121  400  000 M  in  Ansatz  gebracht,
was  gegenüber  dem  gemäß  §  49  Abs.  1  des  Ergänzungssteuergesetzes  vom
14.  Juli  1893  erfolgten  Ansatze  im  laufenden  Etat  eine  Mehreinnahme
von  34  872000  M  ergibt.  2)  Die  Ergänzungssteuer  ist  neu  eingestellt  mit
einem  veranschlagten  Ertrag  von  35  000  000  M  3)  Gemäß  §  28  des  Gesetzes
  wegen  Aufhebung  direkter  Staatssteuern  tritt  das  Gesetz  vom  14.  Mai
1885,  betreffend  die  Ueberweisung  der  Erträge  aus  landwirtschaftlichen  Zöllen
an  die  Kommunalverbände  mit  dem  1.  April  1895  außer  Kraft  und  kommt
daher  die  im  laufenden  Etat  bei  der  allgemeinen  Finanzverwaltung  vorgesehene
  bezügliche  Ausgabeposition  von  34  000  000  M  in  Fortfall.  4)  Durch
die  Uebertragung  der  Einzelerhebung  der  direkten  Staatssteuern  und  Renten
auf  die  Gemeinden  ect.  ergeben  sich  bei  der  Verwaltung  der  direkten  Steuern,
bei  der  Domänen-Verwaltung  und  bei  den  Rentenbanken  Ersparnisse  an
Veranlagungs=  und  Erhebungskosten  im  Betrage  von  3928  850  M  während
den  aus  der  anderweiten  Organisation  der  Kassen  bei  der  Verwaltung  der
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  16.)  23

direkten  Steuern  sich  ergebenden  Ersparnissen  an  den  Ausgaben  für  Beamte
von  rund  1191000  M  aus  derselben  Veranlassung  bezw.  sonst  infolge  der
Steuerreform  Mehrausgaben  von  etwa  gleichem  Betrage  gegenüberstehen.
Die  sich  hiernach  für  den  vorliegenden  Etat  ergebende  Deckung  im  Gesamtbetrage
  von  107  800  850  M  bleibt  somit  hinter  dem  oben  berechneten  Einnahmeausfall
  von  108  955  190  M  um  1154  340  M  zurück.

Bei  der  Berg-,  Hütten=  und  Salinenverwaltung  ergibt  sich  ein
Minderüberschuß  von  5  360  563  M

Bei  der  Verwaltung  der  indirekten  Steuern  ist  ein  Minderüberschuß
von  2903550  M  veranschlagt.

Die  Forstverwaltung  ergibt  einen  Minderüberschuß  von  2394000  M
indem  namentlich  die  Einnahme  für  Holz  um  2000  000  M  niedriger,  dagegen
  diejenige  für  Nebennutzungen  um  103.000  -  höher  veranschlagt  ist.

Bei  der  Domänenverwaltung  ergibt  sich  ein  Minderüberschuß  von
von  71  690  M  indem  insbesondere  die  Einnahme  an  Domänen--Amortisationsrenten
  um  130  000  M  die  Einnahme  an  grundherrlichen  Hebungen
um  45  000  M  und  der  Ertrag  von  Domänen-Vorwerken  um  84  107  M
geringer,  dagegen  der  Ertrag  von  anderen  Domänengrundstücken  2c.  um
90  000  M  höher  veranschlagt  ist.

Die  Dotationen  und  die  allgemeine  Finanzverwaltung  ergeben  einen
Minderbedarf  von  30  191792  M  Bei  der  Verwaltung  der  öffentlichen
Schuld  ermäßigt  sich  der  Bedarf  um  2481  340  M  zur  Verzinsung  der
Staatsschulden  find  645  288  M  und  zur  planmäßigen  Tilgung  2685  3774 M
weniger,  dagegen  zur  außerordentlichen  Tilgung  975  124  M  mehr  veranschlagt.
  Bei  der  allgemeinen  Finanzverwaltung  ergibt  sich  ein  Minderbedarf
  von  27711  142  M

Bei  den  dauernden  Ausgaben  der  eigentlichen  Staatsverwaltungen
ist  eine  Erhöhung  um  insgesamt  10  302  215  M  veranschlagt.  Der  Etat
des  Finanzministeriums  zeigt  eine  Erhöhung  der  Ausgabe  um  2    097675 M
darunter  insbesondere  Mehrausgaben  von  1  300  000  M  bezw.  1  000  000  M
zur  weiteren  Verstärkung  des  Zivil-Pensionsfonds  und  des  Fonds  zu  gesetzlichen
  Witwen=  and  Waisengeldern,  von  905  900  M  zur  Verstärkung
des  Fonds  zu  Diäten,  Fuhr=  und  Versetzungskosten  bei  den  Regierungen  ect.
von  100  000  M  zur  Erhöhung  der  Mittel  zur  Remunerierung  der  außeretatsmäßigen
  Mitglieder  der  Regierungen  ect.  und  von  190  678  M  zur  Vermehrrung
  des  Bureau=  und  Unterbeamter  Personals  bei  denselben  Behörden.

Bei  der  allgemeinen  Bauverwaltung  erhöht  sich  die  dauernde  Ausgabe
  um  1528  108  &amp;amp;  Neben  der  Mehrausgabe  von  125240  M  an  Kosten
der  Erhebung  der  Verkehrsabgaben  sind  insbesondere  Mehrausgaben  vorgesehen
  von  185  800  M  bei  dem  Fonds  für  Arbeitshilfen  und  Vorarbeiten
für  größere  Bauausführungen,  von  600  000  M  zur  Verstärkung  des  Fonds
zur  Unterhaltung  der  Binnenhäfen  ect.  und  von  75000  M  an  Kosten  der
gesetzlichen  Unfall-,  Invaliditäts=  und  Altersverficherung  ect.

Bei  der  Verwaltung  für  Handel  und  Gewerbe  ergibt  sich  eine  Mehrausgabe
  von  300  314  M  Zur  Vermehrung  des  Personals  der  Gewerbe-Inspektion
  sind  41  700  M  vorgesehen;  die  Ausgaben  für  sechs  zu  verstaatlichende
  gewerbliche  Fachschulen  belaufen  sich  auf  466  494  M,  von  welchen
indessen  277569  M  den  betreffenden  Anstalten  schon  bisher  als  Staatszuschüsse
  gezahlt  wurden;  der  verbleibenden  Mehrausgabe  steht  eine  Schulgeldeinnahme
  von  190  900  M  gegenüber.

Bei  der  Justizverwaltung  erhöht  sich  der  Ausgabebedarf  um  2157  800  M
Von  den  Mehrausgaben  entfallen  insgesamt  158  140 M  auf  die  Ober-Landesgerichte,
  1275  502  M  auf  die  Land=  und  Amtsgerichte,  124  640  M.
auf  die  besonderen  Gefängnisse  und  533000  M  auf  den  Fonds  zu  baren
        <pb n="32" />
        24  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  17.)

Auslagen  in  Zivil=  und  Strafsachen.  Zur  Schaffung  neuer  Richterstellen
bei  den  Ober-Landesgerichten  und  den  Land=  und  Amtsgerichten  sind
262  140  M  vorgesehen.

Die  Verwaltung  des  Innern  erfordert  eine  Mehrausgabe  von
825  051  M  insbesondere  sind  mehr  angesetzt  für  die  Polizeiverwaltung  in
Berlin  und  in  den  Provinzen  84  569  M  bezw.  229  508 M  für  die  Landgendarmerie
  72661  M  zu  allgemeinen  Ausgaben  im  Interesse  der  Polizei
103  569  M  darunter  zur  Verstärkung  des  Fonds  zu  geheimen  Ausgaben
im  Interesse  der  Polizei  80  000  M  sowie  für  die  Strafanstalten  288575  M

Bei  der  landwirtschaftlichen  Verwaltung  ist  eine  Mehrausgabe  von
331581  M  vorgesehen.  Davon  entfallen  insbesondere  auf  die  General-Kommissionen
  143  890  M  darunter  90  000  M  mehr  zu  Beihilfen  zu  Folge-Einrichtungskosten
  bei  Rentengutsbildungen,  ferner  auf  die  landwirtschaftlichen
  Lehranstalten  47  479  M  auf  die  Tierärztlichen  Hochschulen  und  das
Veterinärwesen  45  870  M  auf  die  Ausgaben  zu  Landesmeliorationen  2c.
41  800  M  Außerdem  find  an  einmaligen  Zuschüssen  zu  verschiedenen  Dispositionsfonds
  der  landwirtschaftlichen  Verwaltung  350  000  M  im  Ertraordinarium
  des  Etats  ausgebracht.

Bei  der  Verwaltung  der  geistlichen,  Unterrichts=  und  Medizinal-Angelegenheiten
  erhöht  sich  die  dauernde  Ausgabe  um  1857344 M  Insbesondere
  sind  mehr  vorgesehen  für  die  Universitäten  82  304  M  für  das
Elementarunterrichtswesen  1  330  488  M  darunter  bei  dem  Fonds  zur  allgemeinen
  Erleichterung  der  Volksschullasten  500  000  M  zu  Dienstalterszulagen
  für  Volksschullehrer  und  -Lehrerinnen  380  000  M  zu  Pensionen
für  Lehrer  und  Lehrerinnen  an  öffentlichen  Volksschulen  200  000 M  Die
Ausgaben  für  Kultus  und  Unterricht  gemeinsam  sind  um   273 047 M erhöht.

          17.  Januar.  (Reichstag.)  Jesuitengesetz.  Gesetzentwurf,
betr.  Anderung  und  Ergänzung  der  Gerichtsverfassung.

Der  vom  Abg.  Graf  Hompesch  (3.)  gestellte  Antrag  auf  Aufhebung
des  Jeuitengesetzes  wird  angenommen  durch  die  Stimmen  des  Zentrums,
der  Sozialdemokraten,  der  Polen,  der  freisinnigen  Volkspartei  und  eines
Teiles  der  süddeutschen  Volkspartei.  (Vgl.  dazu:  Graf  Hoensbroech,
der  Jesuitenantrag  des  Zentrums,  Berlin,  Walther.)

Zu  der  Justizvorlage  ergreift  das  Wort  Staatssekretär  Nieberding:
  Die  Mängel  des  Strafgesetzbuches  und  der  Strafprozeßordnung  sollten
abgestellt  werden.  Für  die  Wiedereinführung  der  Berufung  habe  sich  die
öffentliche  Meinung  erklärt.  An  die  Entschädigung  unschuldig  Verurteilter
sei  die  Regierung  schwer  herangegangen;  auch  bisher  sei  schon  von  den
einzelnen  Regierungen  in  Fällen  wirklich  unschuldig  Verurteilter  Entschädigung
  geleistet  worden,  allein  die  Gründe  für  die  bisher  ablehnende  Haltung
  des  Bundesrats  beruhten  darauf,  daß  es  bei  der  gegenwärtigen  Lage
der  Gesetzgebung  auch  Schuldigen  gelingen  kann,  durch  Benutzung  veränderter
  Umstände  ihre  Freisprechung  im  Wiederaufnahmeverfahren  zu  erreichen
  und  sich  so  einen  Anspruch  auf  Entschädigung  zu  verschaffen.  Doch
habe  der  Bundesrat  den  wiederholten  Anträgen  des  Reichstages  Folge  geleistet.
  Abg.  Dr.  Enneccerus  (nl.)  ist  für  die  Wiedereinführung  der  Berufung.
  Der  vorliegende  Plan  zur  Entschädigung  unschuldig  Verurteilter
genüge  ihm  nicht;  die  Entschädigung  für  unschuldig  erlittene  Untersuchungshaft
  müsse  anerkannt  werden.

17.  Januar.  (Berlin.)  Staatsschuldenverwaltung.

Die  Verwaltungsbehörde  der  preußischen  Staatsschulden  feiert  ihr

75jähriges  Jubiläum.  (Vgl.  v.  Hoffmann  die  preuß.  Hauptverwaltung
der  Staatsschulden  von  1820—95.  Berlin,  1895.)
        <pb n="33" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  18.  —22.)  25

18./19.  Januar.  (Reichstag.)  Justizvorlage.

Abg.  Lenzmann  (freis.  Bp.)  erklärt,  das  Vertrauen  in  die  Strafrechtspflege
  sei  erschüttert,  weil  von  der  Strafkammer  oft  mit  großer  Herzlosigkeit
  gegen  den  Angeklagten  verfahren  werde.  Ebenso  sei  die  Stellung
des  Verteidigers  unwürdig.  Der  Redner  kritisiert  viele  Einzelheiten  der
Vorlage;  er  fordert  u.  a.  ebenfalls  eine  Entschädigung  für  unschuldig  erlittene
  Untersuchungshaft  und  protestiert,  daß  den  Schwurgerichten  bedeutende
  Delikte,  wie  Unzucht,  Konkurs,  Meineid  entzogen  werden  sollen.  Am
folgenden  Tage  wird  die  Vorlage  nach  einigen  kritischen  Bemerkungen  der
Abgg.  Grillenberger  (Soz.)  und  Marquardsen  (nul.)  an  eine  Kommission
  von  28  Mitgliedern  verwiesen.  (Vgl.  Schiffer,  Die  Verfassung  der
Kollegialgerichte,  „Preuß.  Jahrb.“  Bd.  78  und  Aulus  Agerius,.  Der  Einfluß

  der  Staatsanwaltschaft  in  der  preußischen  Justiz.  Daselbst  Bd.  81.
v.  Bar  „Nation“  1895,  17.)

20./21.  Januar.  (Duisburg.)  Parteitag  der  rheinischen
Sozialdemokratie.

In  den  Verhandlungen,  in  denen  vorwiegend  Dr.  Lütgenau,  die
Reichstagsabgg.  Meist  und  Schumacher  das  Wort  führen,  ist  hauptsächlich
  von  der  Agitation  auf  dem  Lande  die  Rede.  Eine  Resolution  erklärt
  es  als  unzulässig,  „dem  ländlichen  Kleinbesitz  Hoffnung  auf  seine
Erhaltung  zu  machen“  und  fordert  unbedingt  „Vergesellschaftlichung  des
Grundes  und  Bodens“.  (Vgl.  den  sozialist.  Parteitag.  Okt.)

21.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Etat.  Richter
über  Ministerwechsel.

Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  Thielen  bitttet  um  schnelle  Erledigung
  des  Eisenbahnetats  im  Interesse  der  Vorbereitungen  für  die  Ausführung
  der  am  1.  April  in  Kraft  tretenden  neuen  Organisation  der  Eisenbahnbehörden
  (vgl.  Jahrg.  1894  S.  101).  Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  greift
die  finanziellen  Auseinandersetzungen  des  Finanzministers,  namentlich  seine
Schätzung  des  Defizits,  die  viel  zu  hoch  sei,  scharf  an;  er  tadelt  das  Kommunalabgabengesetz
  und  das  Tarifsystem  der  Eisenbahnen.  Ferner  rügt  er
die  Art  der  Ministerernennung;  da  das  Kollegium  der  Minister  nie  gefragt
werde,  wenn  ein  neuer  ernannt  werde,  so  könne  das  Staatsministerium
keinen  einheitlichen  Charakter  haben,  daher  herrsche  auch  augenblicklich  ein
Zickzackkurs.  Finanzminister  Dr.  Miquel:  Bei  einer  Schuldenlast  von
6  Milliarden  und  noch  nicht  /2%  Amortisierung  könne  er  die  Finanzlage
nicht  für  so  günstig  wie  Abg.  Richter  ansehen.  Es  müsse  vor  allem  eine
Balancierung  der  Einnahmen  und  Ausgaben  des  Reichs  hergestellt  werden,
aber  in  den  letzten  Jahren  habe  sich  das  Verhältnis  der  Einzelstaaten  zum
Reiche  um  100  Millionen  verschlechtert.  Eine  Tarifreform  im  Sinne  Richters
werde  die  Einnahmen  vermindern  aber  nicht  erhöhen.  Vizepräsident  des
Staatsministeriums  v.  Bötticher  weist  den  Vorwurf,  daß  das  Ministerium
keine  einheitliche  Politik  treibe,  zurück.

22.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Etat.  Fürst
Hohenlohe  über  die  Ministerwechsel.  Konversionsfrage.

Abg.  Bachem  (Z.)  bespricht  die  Veränderungen  im  Ministerium.
Er  erklärt  sich  sodann  gegen  die  Besteuerung  der  Einkommen  unter  900  M
und  empfiehlt  dafür  stärkere  Heranziehung  der  Einkommen  über  10000  M
die  Konversion  der  4 prozentigen  Rente  müsse  als  letzte  Reserve  betrachtet
werden.  Weiter  tadelt  er,  daß  für  evangelische  Zwecke  im  Etat  mehr  als
        <pb n="34" />
        26  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  22.)

für  katholische  ausgeworfen  sei  und  fordert  die  Wiederherstellung  der  katholischen
  Abteilung  im  Kultusministerium.

Ministerpräsident  Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe:  Der  Herr
Vorredner  hat  im  Eingang  seiner  Rede  über  die  Gerüchte  gesprochen,  welche
über  Ministerveränderungen  kursieren,  und  hat  sein  Bedauern  darüber  ausgedrückt,
  daß  diesen  Gerüchten  nicht  entschiedener  entgegengetreten  werde.
Es  ist,  meine  Herren,  sehr  schwer,  den  zahlreich  auftretenden  Gerüchten
immer  entgegenzutreten;  um  aber  dem  Wunsche  des  Herrn  Vorredners  in
einiger  Beziehung  zu  entsprechen,  will  ich  das  Wort  ergreifen,  um  Ihnen
meine  Ansicht  über  die  bestehenden  und  kursierenden  Gerüchte  auszusprechen.
Ehe  ich  das  aber  thue,  muß  ich  mich  zunächst  wenden  gegen  einige  Aeußerungen
  des  Abg.  Richter  in  der  gestrigen  Sitzung,  der  ich  beizuwohnen
zu  meinem  Bedauern  verhindert  war.  Der  Herr  Vizepräsident  des  Staatsministeriums
  hat  bereits  gestern  darauf  geantwortet;  indessen  glaube  ich
aber  doch  verpflichtet  zu  sein,  einige  Worte  beizufügen,  um  so  mehr  als
der  geehrte  Herr  Abgeordnete  mir  eine  mehr  ornamentale  Stellung  angewiesen
  hat  mit  der  gewohnten  Kourtoisie,  die  ihm  eigen  ist.  (Heiterkeit.)
Herr  Abgeordneter  Richter  hat  sich  beschwert  über  den  Mangel  an  Solidarität
  im  Staatsministerium.  Der  Herr  Vizepräsident  des  Staatsministeriums
  hat  schon  gestern  dargethan,  wie  unbegründet  dieser  Vorwurf  ist.
Ich  habe  dazu  nur  zu  bemerken,  daß  allerdings  bei  der  Uebernahme  meines
Amtes  und  bei  der  Bildung  des  Ministeriums  nicht  nach  der  in  parlamentarisch-konstitutionellen
  Staaten  üblichen  Schablone  verfahren  worden
ist.  Indessen  haben  bei  meinem  Eintritt  Besprechungen  zwischen  mir  und
den  Ministern  stattgefunden,  die  zu  demselben  Ziele  führten  und  die  bewiesen,
  daß  wir  in  prinzipiellen  Fragen  in  unseren  Anschauungen  übereinstimmten.
  Seitdem  glaube  ich  nicht,  daß  die  Regierung  Anlaß  zu  der  Annahme
  gegeben  hat,  sie  sei  nicht  einig  und  es  beständen  in  ihrem  Schooße
Meinungsverschiedenheiten.  Allerdings  können  ja  in  einem  Kollegium  nicht
alle  Mitglieder  derselben  Ansicht  sein;  aber  wir  bemühen  uns,  in  den  Beratungen
  des  Staatsministeriums  unsere  Meinungsverschiedenheiten  auszugleichen,
  und  wenn  wir  dann  mit  Beschlüssen  an  die  Oeffentlichkeit  treten,
so  sind  wir  einig  geworden.  Der  Herr  Abgeordnete  Richter  hat  auch  von  Gerüchten
  über  mögliche  Ministerwechsel  und  ähnliches  und  über  die  Unsicherheit
unserer  Zustände  gesprochen.  Ich  muß  die  Schuld  an  diesen  Gerüchten  von
mir  ablehnen.  In  der  That  kurfieren  Gerüchte  von  Ministerveränderungen
zahlreich,  sie  treten  jeden  Tag  auf.  Wie  entstehen  nun  diese  Gerüchte?  Ich
will  Ihnen  sagen,  wie  ich  die  Sache  ansehe.  Es  gibt  in  Preußen  viele
Staatsmänner  oder  solche,  die  sich  dafür  halten.  (Heiterkeit.)  Diese  Staatsmänner,
  die  unbeschäftigten  zumal,  haben  gute  Freunde,  die  nicht  begreifen
können,  daß  der  ihnen  befreundete  Staatsmann  noch  nicht  die  Stelle  einnimmt,
  für  die  sie  ihn  geeignet  halten;  wie  die  Engländer  sagen,  daß  the
right  man  noch  nicht  on  the  right  place  sitze.  Das  kränkt  sie,  und  was
thun  sie  nun,  diese  Freunde?  Sie  geben  zu  einem  befreundeten  Journalisten
und  wer  ist  in  unserer  Zeit  nicht  mit  einem  Journalisten  befreundet?
(Heiterkeit.)  Sie  sagen  ihm  dann  nicht  etwa:  Ich  wünschte,  daß  mein
Freund  X  Minister  oder  Botschafter  würde,  sondern  sie  sagen:  Mein  Freund
X  wird  demnächst  Minister  oder  Botschafter.  Diese  Nachricht  —  so  meinen
sie  —  könnte  doch  einmal  an  maßgebender  Stelle  gelesen  werden  und  eine
gewisse  Wirkung  ausüben.  Der  befreundete  Journalist,  dem  diese  Nachricht
gebracht  worden  ist  und  dessen  Geschäft  es  mit  sich  bringt,  sensationelle
Nachrichten  zu  veröffentlichen,  eilt  dann  nach  Hause  und  läßt  die  Nachricht
schleunigst  drucken;  denn  etwas  Sensationelleres  als  die  Abschlachtung  eines
Ministers  oder  etwa  eines  Botschafters  gibt  es  nicht.  (Heiterkeit.)  Und  so
        <pb n="35" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  22.—23.)  27

entstehen  die  Gerüchte  von  Ministerwechseln.  Nun  glauben  Sie  nicht,  meine
Herren,  daß  ich  von  Vermutungen  spreche;  mir  stehen  auf  diesem  Gebiete
reiche  eigene  Erfahrungen  zu  Gebote.  Ich  spreche  nicht  von  meiner  Thätigkeit
  als  bayerischer  Minister.  Damals  waren  die  Zeiten  zu  ernst  für  Intriguen,
  und  ich  bin  durch  ein  mich  ehrendes  glänzendes  Mißtrauensvotum
beider  Kammern  beseitigt  worden.  (Heiterkeit.)  Anders  war  es  schon  in
Paris.  Der  Pariser  Botschafterposten  ist  ein  sehr  gesuchter;  ich  wurde  viel
beneidet  und  hatte  zahlreiche  Konkurrenten.  Diese  hatten  nun  wieder
Freunde,  und  diese  Freunde  verbreiteten  dann  in  der  Presse,  in  deutschen
und  französischen  Blättern,  daß  der  Fürst  Hohenlohe  alt  und  müde  sei  und
demnächst  seine  Entlassung  geben  werde.  Ich  muß  bemerken,  daß  das  vor
20  Jahren  war.  (Heiterkeit.)  Aehnlich  ist  es  in  Straßburg  gewesen;  in  den
neun  Jahren,  die  ich  in  Straßburg  thätig  war,  sind  keine  sechs  Monate
vergangen,  ohne  daß  in  irgend  einem  Blatte  —  meistens  in  Berliner  Zeitungen
  —  die  Nachricht  auftauchte:  der  Statthalter  sei  alt  und  müde  und
würde  durch  den  General  X  oder  den  Oberpräfidenten  Y  ersetzt  werden.
(Heiterkeit.)  Diese  Erfahrungen  haben  zur  Folge,  daß  mich  alle  Krisengerüchte
  sehr  kühl  lassen,  und  ich  möchte  Ihnen  und  Allen  nur  wünschen,
daß  Sie  meinem  Beispiele  folgten  und  die  Sensationsnachrichten  von  Krisen
an  sich  ablaufen  ließen,  wie  Regentropfen  am  Regenmantel.  (Heiterkeit.)
Nun  hat  diese  Sache  aber  auch  eine  ernste  Seite,  und  zwar  eine  bedauerliche
  Seite.  Der  gewöhnliche  Zeitungsleser  besitzt  nicht  den  Gleichmut  und
die  Gemütsruhe,  die  mir  eigen  sind  in  der  Beurteilung  solcher  Krisengerüchte,
  sondern  er  glaubt  sie,  nimmt  solche  Nachrichten  als  ernst  und
folgert  daraus  Unsicherheit  unserer  Zustände,  und  so  entsteht  Unzufrieden-=heit,
  Unruhe  und  Pessimismus.  Lassen  Sie  mich  schließen  mit  dem  Wunsche,
daß  diese  Gerüchte  endlich  ihr  Ende  finden  und  verstummen  möchten  und
daß  es  uns  vergönnt  sei,  mit  Ruhe  unserer  Arbeit  ohne  Störung  ungestört
nachgehen  zu  können  zum  Wohle  des  Vaterlandes!  (Lebhafter  Beifall.)

Abg.  Rickert  (freis.  Vg.)  fordert  Konvertierung  der  4prozentigen
Konsols  und  tadelt  die  agrarischen  Tendenzen  der  Rechten,  die  von  der
Regierung  nicht  scharf  genug  zurückgewiesen  würden.  Finanzminister
Miquel:  Zu  der  Frage  der  Konversion  habe  die  Regiernung  noch  keine
Stellung  genommen.  ·

22.  Januar.  (Reichstag.)  Gesetzentwurf  zur  Abänderung
des  Zolltarifes.

Es  sollen  erhöht  werden  die  Zölle  für  Aether,  ätherische  Oele,  Firnisse,
  Bernsteinwaren,  Schmuckwaren,  Honig,  Kakaobutter,  Speiseöle.
g.  v.  Stumm  (D.  R.)  plädiert  für  eine  Beratung  der  Vorlage  in
einer  Kommission  und  fordert  eine  Erhöhung  des  Zolles  auf  Quebrachoholz
  und  ausländische  Gerbstoffe.  Abg.  Buddeberg  (freis.  Vg.)  polemisiert
gegen  die  Höhe  der  Zollsätze  und  gegen  den  Zoll  auf  die  Gerbstoffe,  der
die  Lederindustrie  schädige.  Für  diesen  Zoll  treten  noch  ein  die  Abgg.
Gr.  Kanitz  (kons.),  Brökmann  (Z.)  und  Möller  (nl.),  Harm  (Soz.)  und
Kröber  (südd.  Bp.)  sprechen  dagegen.  Am  24.  Januar  wird  der  Gesetzentwurf
  an  eine  Kommission  von  21  Mitgliedern  verwiesen.

23.  Januar.  (Reichstag.)  Sezialpolitische  Anträge.

Der  Antrag  Kropatschek  (kons.)  auf  Einführung  des  Befähigungsnachweises
  wird  durch  die  Stimmen  der  Konservativen,  des  Zentrums,
der  Minderheit  der  Reichspartei  und  Nationalliberalen  angenommen,  ebenso
der  Antrag  Gamp  (NP.)  auf  Organisation  des  Handwerks  in  Handwerkerkammern
  und  Beschränkung  der  Gefängnisarbeit.
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        28  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  23.—25.)

23.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Etat.  Pol--nische
  und  katholische  Beschwerden,  Erörterung  über  Steuern  und
Eisenbahnbau.

Abg.  Motty  (Pole)  trägt  polnische  Beschwerden  vor,  fordert  völlige
Gleichstellung  der  polnischen  und  deutschen  Nationalität  und  greift  den
Verein  zur  Horderung  des  Deutschtums  im  Osten  heftig  an.  Abg.  v.  Eynern
  (nl.):  der  Eisenbahnbau  müsse  kräftiger  betrieben  werden.  Den
Kommunen  müßten  neue  Steuerquellen  erschlossen  werden,  um  sie  vor  dem
Ruin  zu  schützen.  Die  polnischen  und  katholischen  Klagen  seien  ungerechtfertigt.
  In  scharfer  Weise  warnt  er  die  konservative  Partei  vor  extremen
agrarischen  Forderungen  wie  dem  Antrag  Kanitz  und  verweist  auf  die
Wohlthaten,  die  die  Landwirtschaft  den  Nationalliberalen  zu  danken  habe:
die  Aufhebung  der  Grundsteuer,  Einrichtung  von  Rentengütern.  Wenn  der
Reichstag  die  Bedürfnisse  der  Einzelstaaten  dauernd  nicht  befriedige,  müsse
man  die  Bildung  einer  preußischen  Partei  in  Aussicht  nehmen.  Finanzminister
  Miquel  warnt  vor  der  Ausführung  des  letzten  Vorschlags  und
wendet  sich  gegen  die  Forderung  neuer  Kommunalsteuern;  in  keinem  Lande
sei  für  die  Kommunen  so  viel  gethan  wie  in  Preußen.  Auch  der  Eisenbahnbau
  sei  nicht  eingeschränkt  worden.  Kultusminister  Dr.  Bosse  verspricht
  demnächst  ein  Lehrerbesoldungsgesetz  vorzulegen.  Die  Wiederherstellung
  der  katholischen  Abteilung  im  Kultusministerium  würde  den  konfessionellen
  Frieden  stören  (vgl.  1894  S.  92,  110).  Nachdem  sich  noch  die
Abgg.  Bachem  (3.)  und  Friedberg  (ul.)  an  der  Debatte  beteiligt  und
namentlich  konfessionelle  Streitigkeiten  u.  a.  die  vom  Reichstagsabgeordneten
Gröber  so  heftig  verurteilte  Gustav-Adolf-Feier  (vgl.  S.  4  und  1894
S.  186)  berührt  haben,  wird  der  Etat  an  die  Budgetkommission  verwiesen.

24.  Januar.  (Hessen-Darmstadt.)  Einkommensteuergesetz.

Die  zweite  Kammer  genehmigt  das  neue  Einkommensteuergesetz,
durch  welches  die  Deklarationspflicht  eingeführt  wird.

25.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Justizvorlagen.


Die  Gesetzentwürfe  über  ein  preuß.  Gerichtskostengesetz  und  eine  Gebührenordnung
  für  Notare  werden  an  die  Justikommisson  verwiesen.

25./26.  Januar.  (Reichstag.)  Gesetzentwürfe  über  die
Binnenschiffahrt,  Flößerei  und  Berufszählung.

Staatssekretär  Nieberding  erklärt,  der  Gesetzentwurf  über  die
privatrechtlichen  Verhältnisse  der  Binnenschiffahrt  bilde  einen  Teil  der
für  die  nächsten  Jahre  in  Aussicht  genommenen  Regelung  des  bürgerlichen
Rechts  und  sei  wegen  seiner  Wichtigkeit  vorweg  genommen.  Der  Entwurf
wird  an  eine  Kommission  verwiesen,  ebenso  der  Gesetzentwurf,  betr.  die
privatrechtlichen  Verhältnisse  der  Flößerei  und  der  Gesetzentwurf,  betr.  Vornahme
  einer  Berufs=  und  Gewerbezählung  im  Jahre  1895  (26.  Januar).

25.  Januar.  (Schleswig-Holstein.)  Landwirtschaftskammern.
  Der  Provinziallandtag  spricht  sich  für  Errichtung  einer
Landwirtschaftskammer  mit  dem  Sitz  in  Kiel  und  80  Mitglieder
umfassend  aus.
        <pb n="37" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  27.)  29

27.  Januar.  (Kaiserliche  Stiftungen.)  Anläßlich  seines

Geburtstages  erläßt  der  Kaiser  folgende  Kabinetsordres:
An  Mein  Heer!

Zum  fünfundzwanzigsten  Male  kehren  die  Gedenktage  des  großen
Krieges  wieder,  der,  dem  Vaterlande  aufgedrungen  und  nach  einem  Siegeszuge
  ohne  Gleichen  zum  ruhmreichen  Ende  geführt,  Deutschlands  Sehnen
erfüllt  und  —  als  herrlichsten  Lohn  für  seine  Hingabe  —  in  dem  Bunde
seiner  Fürsten  und  Stämme  die  unerschütterliche  Grundlage  für  seine  Größe
aund  Wohlfahrt  geschaffen  hat.  Mit  bewegtem  Herzen  preise  Ich  die  Gnade
des  Allmächtigen,  daß  er  unsere  Waffen  in  solchem  Maße  gesegnet  hat.
Teilnahmsvoll  gedenke  Ich  Derer,  welche  in  dem  opferreichen  Streite  für
Deutschlands  Ehre  und  Selbständigkeit  freudig  ihr  Leben  dahingegeben
haben,  und  sage  erneut  allen  Denen  Dank,  welche  zur  Erreichung  dieses
Zieles  mitgewirkt  haben.  Besonders  richtet  sich  aber  Mein  Dank  an  Mein
Heer,  welches  mit  den  Truppen  Meiner  erhabenen  Bundesgenossen  in  heldenmütiger
  Tapferkeit  gewetteifert  hat:  unauslöschlich  glänzen  seine  Thaten  in
den  Büchern  der  Geschichte,  unverwelklich  ist  der  Ruhmeskranz,  den  es  um
seine  Fahnen  gewunden  hat.  Ihm  gebührt  darum  vor  Allen  die  Pflicht,
das  Gedächtnis  auch  in  den  Geschlechtern  heilig  zu  halten,  welche  die  Früchte
seiner  Siege  genießen.  Ich  bestimme  deshalb,  um  zugleich  den  Truppen
ein  wahrnehmbares  Zeichen  ihrer  stolzen  Erinnerungen  zu  gewähren,  daß,
so  oft  in  der  Zeit  vom  15.  Juli  dieses  Jahres  bis  zum  10.  Mai  des
kommenden  Jahres  die  Fahnen  entfaltet  werden,  sämtliche  Fahnen  und
Standarten,  denen  Mein  Herr  Großvater,  des  großen  Kaisers  und  Königs
Wilhelm  I.  Majestät,  für  die  Teilnahme  an  diesem  Kriege  eine  Auszeichnung
verliehen  hat,  mit  Eichenlanb  geschmückt  werden  und  die  ersten  Geschütze
derjenigen  Batterien,  welche  in  ihm  gefochten  haben,  Eichenkränze  tragen.
Möge  Mein  Heer  stets  eingedenk  bleiben,  daß  nur  Gottesfurcht,  Treue  und
Gehorsam  zu  Thaten  befähigen,  wie  die  waren,  welche  seine  und  des  Vaterlands
  Größe  schufen!

Berlin,  den  27.  Jannar  1895.

                                                                                                            Wilhelm.

Ein  Vierteljahrhundert  ist  nahezu  verflossen,  seidem  das  deutsche
Volk,  dem  Ruf  seiner  Fürsten  folgend,  sich  in  Einmütigkeit  erhob,  um
fremden  Angriff  abzuwehren,  und  in  glorreichen,  wenn  auch  mit  schweren
Opfern  erkämpften  Siegen  die  Einheit  des  Vaterlandes  und  die  Wiederbegründung
  des  Reiches  errang.  Meine  Haupt=  und  Residenzstadt  Berlin
hat  an  der  Entwickelung,  welche  dem  deutschen  Städtewesen  dadurch  beschieden
  ward,  reichen  Anteil  genommen,  und  sind  die  städtischen  Behörden
mit  Hingebung  und  Erfolg  bemüht  gewesen,  die  kommunalen  Einrichtungen
der  Stadt  ihrer  Stellung  im  Reich  entsprechend  würdig  auszugestalten.
Als  Zeichen  Meiner  Anerkennung  für  die  Stadt  und  zur  Erinnerung  an
die  ruhmreiche  Vergangenheit  unseres  Vaterlandes  will  Ich  daher  einen
bleibenden  Ehrenschmuck  für  Meine  Haupt=  und  Residenzstadt  Berlin  stiften,
welcher  die  Entwickelung  der  vaterländischen  Geschichte  von  der  Begründung
der  Mark  Brandenburg  bis  zur  Wiederaufrichtung  des  Reichs  darstellen
soll.  Mein  Plan  geht  dahin,  in  der  Siegesallee  die  Marmor-Standbilder
der  Fürsten  Brandenburgs  und  Preußens,  beginnend  mit  dem  Markgrafen
Albrecht  dem  Bären  und  schließend  mit  dem  Kaiser  und  König  Wilhelm  I.,
und  neben  ihnen  die  Bildwerke  je  eines,  für  seine  Zeit  besonders  charakteristischen
  Mannes,  sei  er  Soldat,  Staatsmann  oder  Bürger,  in  fortlaufender
  Reihe  errichten  zu  lassen.  Die  Kosten  der  Gesamtausführung  will  Ich
auf  Meine  Schatulle  übernehmen.  Indem  Ich  Mir  die  weiteren  Bestim-
        <pb n="38" />
        30  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jannar  27.—Ende.)

mungen  vorbehalte,  freue  Ich  Mich,  dem  Magistrat  und  den  Stadtverordneten
  hiervon  an  Meinem  heutigen  Geburtstag  Kenntnis  zu  geben.
Berlin,  den  27.  Januar  1895.
                                                                                                       Wilhelm  R.

An  den  Magistrat  und  die  Stadtverordneten  zu  Berlin.

Zu  Meiner  Freude  habe  Ich  in  letzter  Zeit  mehrfach  Gelegenheit
gehabt,  wahrzunehmen,  wie  die  Deutschen  Männergesangvereine  bestrebt
sind,  den  vaterländischen  Gesang  zu  pflegen  und  zu  fördern.  Eingedenk
dessen,  daß  Deutsches  Lied  und  Deutscher  Sang  alle  Zeit  auf  die  Veredelung
der  Volksseele  einen  segensreichen  Einfluß  geübt  nud  die  Nation  in  der
Treue  gegen  Gott,  Thron,  Vaterland  und  Familie  gestärkt  haben,  wünsche
Ich  am  heutigen  Tage  Meiner  warmen  Teilnahme  an  diesen  Bestrebungen
besonderen  Ausdruck  zu  geben.  Zu  dem  Ende  will  Ich  hierdurch  einen
Wanderpreis  stiften,  welcher  bei  einem  etwa  jährlich  zu  veranstaltenden
Wettstreite  Deutscher  Männergesangvereine  dem  jedesmaligen  Sieger  für
die  beste  Leistung  auf  diesem  Gebiete  zuerkannt  werden  soll.  Der  Preis  soll.
in  Form  eines  Kleinodes  aus  edlem  Metall  hergestellt  und  bei  feierlichen
Gelegenheiten  um  den  Hals  getragen  werden.  Wegen  der  näheren  Bestimmungen
  über  die  Veranstaltung  des  Wettbewerbes  und  die  Verleihung  des
Ehrenpreises  sehe  Ich  Ihren  Vorschlägen  alsbald  entgegen.

Berlin,  den  27.  Januar  1895.

                                                                                    Wilhelm  R.

An  den  Minister  der  geistlichen  ect.  Angelegenheiten.

Nachdem  der  von  Mir  zur  Hebung  des  Rudersports  an  den  höheren
Lehranstalten  Berlins  gestiftete  Wanderpreis,  bestehend  in  einer  filbernen
altgotischen  Kanne,  nunmehr  fertiggestellt  worden  ist,  lasse  Jch  Ihnen  denselben
  hierneben  zugehen.  Um  den  bei  den  Schülerregatten  interessierten
Kreisen  Gelegenheit  zur  Besichtigung  des  Preises  zu  geben,  wünsche  Ich,
daß  derselbe  einige  Zeit  im  Kunstgewerbe-Museum  ausgestellt  werde.  Zugleich
  veranlasse  Ich  Sie,  Mir  wegen  der  näheren  Bestimmungen  für  das
diesjährige  Wettrudern  demnächst  Vorschläge  zu  machen.

Berlin,  den  27.  Januar  1895.

 

                                                                                           Wilhelm  R.

An  den  Minister  der  geistlichen  ect.  Angelegenheiten.

27.  Januar.  Dienstpflicht  der  Volksschullehrer.

Der  Kaiser  erklärt  in  einem  Erlasse  an  den  Kriegsminister,  daß  die
militärische  Ausbildung  der  Volksschullehrer  durchaus  ungenügend  sei  und
bestimmt,  „daß  die  Einübung  mit  den  Waffen  auf  einen  vollen  Jahreskursus
  ausgedehnt  und  so  gestaltet  werde,  daß  die  Heranbildung  der  Volksschullehrer
  und  Kandidaten  des  Volksschulamtes  soweit  als  thunlich  zu
brauchbaren  Unteroffizieren  erfolgt.“

Ende  Januar.  Konflikt  Stumm-Wagner  anläßlich  der
Umsturzvorlage.

Die  Angriffe  Stumms  auf  die  Berliner  Professoren  der  Nationalökonomie
  im  Reichstage  (S.  2)  hatte  Prof.  Wagner  in  einer  Berliner
Volksversammlubg  als  leichtfertige  Verleumdung  bezeichnet.  Von  Abg.
Stumm  zur  Zurücknahme  dieser  Bezeichnung  oder  zum  Zweikampfe  au.
gefordert,  verlangte  Prof.  Wagner  ohne  das  Duell  unbedingt  abzulehnen,
Untersuchung  des  Streitfalles  durch  ein  Ehrengericht,  was  Abg.  v.  Stumm
zurückwies.  (VBgl.  Wagner,  Mein  Konflikt  mit  dem  Frhrn.  v.  Stumm  in
der  Wochenschrift  „Zukunft“  1895  Febr.  März.  Ferner  „Preuß.  Jahrb.“
Bd.  80  S.  167).
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  29.—30.)  31

Der  Streit  wird  in  der  Presse  und  in  politischen  Versammlungen
lebhaft  diskutiert;  industrielle  Kreise  und  mittelparteiliche  Blätter  nehmen
für  Stumm  Partei;  die  akademischen  Kreise  erklären  sich  zum  größten  Teil
für  Wagner.

29.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Landwirtschaftlicher
  Etat.  Hammerstein  über  die  Notlage  der  Landwirte.

Minister  v.  Hammerstein-Loxten:  Er  sei  ein  Gegner  des  österreichischen
  Handelsvertrages  gewesen,  erkenne  aber  die  übrigen  als  logische
Folge  des  österreichischen  an,  insbesondere  sei  der  russische  notwendig  gewesen,
  da  ein  längerer  Zollkrieg  den  Osten  schwer  geschädigt  haben  würde.
Die  preußische  und  die  Reichsregierung  seien  über  die  Ziele  der  Wirtschaftspolitik
  einig.  An  der  kritischen  Lage  der  Landwirtschaft  seien  nicht  Personen,
  sondern  internationale  Ursachen  schuld,  so  namentlich  die  neu  auftauchenden
  Produktionsländer  wie  Indien  und  Argentinien.  Der  Staat
werde  möglichst  helfend  eingreifen,  aber  dazu  gehöre  Vertrauen  zur  Regierung.
  Für  die  Verbesserung  der  landwirtschaftlichen  Lage  seien  zwei  Gesichtspunkte
  maßgebend:  Erstens:  Welche  Maßnahmen  sind  möglich  und  zu
ergreifen,  um  die  Produktionskosten  herunter  zu  drücken,  und  zweitens:
Welche  Mittel  sind  möglich  und  zu  ergreifen,  um  die  Preise  der  landwirtschaftlichen
  Produkte  zu  steigern?  Bei  der  Grund=  und  Gewerbesteuer  seien
nur  landwirtschaftlichen  Kreisen  Erleichterungen  bewilligt  worden;  ferner
werde  eine  Verbesserung  der  Verkehrsmittel,  namentlich  der  Wasserstraßen,
und  der  Ausbau  der  Kleinbahnen  von  Nutzen  sein.  Im  Osten  müsse  die
Viehzucht  Fortschritte  machen.  Im  Interesse  der  Landesverteidigung  müsse
Deutschland  seinen  Bedarf  an  Getreide  und  Fleisch  selbst  decken  können,
daher  müsse  der  Getreidebau  wieder  lohnend  werden.  Empfehlenswert  seien
Produktions=  und  Absatzgenossenschaften.  Auch  der  Zuckerproduktion  müsse
durch  Ausfuhrprämien  geholfen  werden.  Ueber  den  Antrag  Kanitz  äußert
sich  der  Minister  noch  nicht  definitiv,  der  Staatsrat  werde  sich  damit  beschäftigen.
  Eine  Regelung  der  Währung  liege  auch  im  Interesse  der  Landwirtschaft,
  aber  Deutschland  könne  nicht  allein  vorgehen.  Zum  Schluß
empfiehlt  der  Minister  noch  einmal  Vertrauen  zur  Regierung  zu  haben  und
die  „kleinen  Mittel“  nicht  zu  verachten,  mittelst  deren  der  westfälische
Bauernverein  unter  Leitung  des  Herrn  v.  Schorlemer-Alst  große  Erfolge
erzielt  habe.  Im  folgenden  sprechen  die  Abgg.  Gampp  (srk.)  und  von
Puttkamer-Plauth  (kons.)  dem  Minister  trotz  mancher  Meinungsverschiedenheiten
  ihr  Vertrauen  aus.

29.  Januar.  (Reichstag.)  Zollzuschläge  auf  spanische
Waren.

Die  Allerhöchste  Verordnung,  Zollzuschläge  auf  spanische  Importen
bis  zu  50  %  zu  erheben,  wird  genehmigt.  Zwei  Anträge  v.  Salisch  und
Dr.  Hammacher  auch  zgollfreie  Waren  mit  Zöllen  zu  belegen  resp.  den
Zoll  auf  100  %  zu  erhöhen  werden  an  die  Zolltarifkommission  verwiesen.

30.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Landwirtschaftlicher
  Etat.  Zuckerprämien.

Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  sieht  die  Ursache  der  landwirtschaftlichen
Krisis  in  der  Ueberproduktion  an  Getreide  und  Zucker,  man  müsse  sie  daher
  einschränken.  Von  den  vorgeschlagenen  Mitteln  zur  Besserung  sei  der
Antrag  Kanitz  mit  den  Handelsverträgen  unvereinbar,  von  den  bevorstehenden

  Beratungen  des  Staatsrats  sei  nichts  zu  erwarten.  Finanzminister
Migquel  weist  die  Angriffe  auf  den  Staatsrat,  dessen  Tagesordnung  noch
        <pb n="40" />
        32  Das  Deutsche  Reich  und  seine  eimzelnen  Glieder.  (Januar  30.-  31.)

unbekannt  sei,  zurück  und  spricht  sich  für  die  Notwendigkeit  der  Ausfuhrprämien
  für  Zucker  aus.  Er  bezeichnet  die  Landwirtschaft  als  den  gefährdetsten
  aller  Erwerbszweige,  warnt  aber  die  Agrarier  die  Gegensätze  zu  verschärfen.
  Von  den  folgenden  Rednern  fordert  Abg.  v.  Tiedemann  (fk.)
eine  Reform  der  Arbeiterversicherung  im  Interesse  der  Landwirtschaft  und

Abg.  Herold  spricht  dem  Landwirtschaftsminister  das  volle  Vertrauen  des
Zentrums  aus.

30./31.  Januar.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  des  Antrags
Auer  (Soz.)  auf  Aufhebung  der  dem  Statthalter  von  Elsaß-Lothringen
  übertragenen  außerordentlichen  Gewalten  (Diktaturparagraph).

Der  Reichskanzler  erklärt,  der  Diktaturparagraph  habe  heute  nur
theoretische  Bedeutung;  gegen  die  Bevölkerung  sei  er  nicht  notwendig,  wohl
aber  gegen  auswärtige  Agitatoren.  Abg.  Preiß  (Els.):  Die  Begründung
der  Aufrechterhaltung  dieses  Ausnahmegesetzes  sei  eine  ungenügende.  Das
Charakteristische  desselben  sei  der  Geist  der  Gewalt,  welcher  die  ganze  elsaßlothringische
  Verwaltung  von  oben  bis  unten  durchdringe.  Das  Motiv,
aus  welchem  der  Diktaturparagraph  hervorgegangen  sei,  sei  nicht  mehr  vorhanden,
  es  sei  keine  aufrührerische  Bewegung  vorgekommen,  die  Bevölkerung
  sei  völlig  ruhig.  Das  Argument,  der  Paragraph  sei  notwendig,  um
die  auswärtige  Agitation  vom  Reichslande  fern  zu  halten,  sei  nicht  stichhaltig,
  die  Elsaß-Lothringer  dürften  nicht  dafür  büßen,  daß  Ausländer  jenseits
  der  Grenze  Agitation  planen;  hiefür  reichten  die  gewöhnlichen  Machtmittel
  des  Staates  und  der  Polizei  vollkommen  aus.  Die  Germanisierung
des  Landes  habe  keine  Erfolge  erzielt,  ein  innerer  Anschluß  habe  nicht
stattgefunden,  nur  eine  Kirchhofsruhe  habe  man  hergestellt.

Für  den  Antrag  sprechen  u.  a.  mehrere  Sozialdemokraten,  dagegen
Minister  v.  Köller  und  Abg.  v.  Kardorff  (RP.).

30.  Januar.  (Schiffsunglück.)  Untergang  des  Norddeutschen
  Lloyddampfers  „Elbe“  bei  Lowestoft  infolge  eines  Zusammenstoßes
  mit  dem  englischen  Kohlendampfer  „Crathie“.
333  Personen  ertrinken.

31.  Januar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Landwirtschaftlicher

  Etat.  Hammerstein  über  Bimetallismus  und  Getreidemonopol.


Abg.  Arendt  (fk.):  Die  Ursache  der  landwirtschaftlichen  Krisis  sei
die  Währung.  Wo  Goldwährung  herrsche,  sei  die  Lage  der  Landwirtschaft
kritisch,  in  den  Ländern  der  Silberwährung  nicht.  Deutschland  müsse  die
Initiative  zur  Aenderung  der  Währung  ergreifen,  auch  England  werde  sich
einer  allgemeinen  bimetallistischen  Bewegung  nicht  entziehen  können.  Abg.
v.  Heydebrand  und  der  Lasa  (dkons.)  bezweifelt,  daß  die  vom  Minister
v.  Hammerstein  empfohlenen  „kleinen  Mittel“  ausreichen  würden.  Minister
v.  Hammerstein  sagt  über  den  Antrag  Kanitz  und  die  Währungsfrage:
„Ich  habe  namens  der  Regierung  betont,  daß  es  sich  um  die  Fragen  handelte,
  inwieweit  der  Antrag  Kanitz  erstens  mit  den  Handelsverträgen  sich
vereinbaren  läßt  und  ob  zweitens  die  Erörterung  darüber  in  das  Haus
hineingehört.  Einmal  berührte  die  Frage  den  preußischen  Staat,  und  zum
andern  erschien  es  für  die  preußische  Regierung  wichtig,  die  Meinung  dieses
Hauses  zu  kennen.  Ich  habe  also  erklärt,  daß  wir  uns  materiell  nicht
äußern,  aber  in  die  Prüfung  über  die  Ausführbarkeit  des  Antrags  einzu-
        <pb n="41" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  31.)  33

treten  geneigt  sind.  Diese  Stellungnahme  der  Staatsregierung  ergibt  sich
schon  aus  dem  Umstand,  daß,  wenn  die  Sache  überhaupt  ausgeführt  wird,
sie  eine  viel  größere  Verantwortung  trägt  als  das  Parlament.  Die  rechte
Seite  dagegen  hat  bestimmt  erklärt,  daß  sie  für  den  Antrag  Kanitz  sei,  und
darin  liegt  der  Unterschied  jener  Stellungnahme  und  meiner  Aeußerung.
Wenn  der  Abg.  v.  Puttkamer  meine  Stellungnahme  als  ein  Begräbnis
1.  Klasse  bezeichnet,  das  ich  dem  Antrage  bereitet  hätte,  so  ist  diese  Erklärung
  unzutreffend.  Ich  habe  die  Sache  lediglich  dilatorisch  behandelt.
Sollte  ein  Begräbnis  aus  der  Prüfung  der  Staatsregierung  hervorgehen,
vielleicht  nach  Anhörung  des  Staatsrats,  wenn  die  Sache  überhaupt  dahin
gebracht  wird,  dann  wird  die  Regierung  nicht  verfehlen,  auch  die  Gründe
in  die  weitesten  Kreise  hineinzutragen,  wie  sie  zu  der  entscheidenden  Meinung
  gekommen,  daß  der  Antrag  nicht  durchführbar  ist.  Herr  v.  Puttkamer
  hat  bedauert,  daß  ich  meinen  Einfluß  nicht  geltend  gemacht  habe,
die  Frage  der  Zuckersteuernovelle  im  jetzigen  Reichstage  burchusefen.  Ich
kann  nur  erklären,  daß  ich  dies  thatsächlich  gethan  habe,  daß  aber  selbstverständlich
  andere  Faktoren  hier  noch  mitsprechen.  Der  Frage  des  Abgeordneten
  gegenüber,  warum  die  Regierung  in  der  Silberfrage  nicht  die
Initiative  ergreift,  beschränke  ich  mich,  auf  die  sachlichen  Schwierigkeiten
zu  verweisen.  Vorbereitungen,  die  Angelegenheit  aufzuklären,  sind  in  vollem
Gange.  Es  ist  ja  möglich,  daß  die  Vorbedingungen  zu  der  Stellungnahme
gegeben  sind,  aber  dabei  ist  etwas  Sicheres  nicht  zu  sagen,  und  ich  muß
überhaupt  erklären,  daß  diese  Aeußerung  eine  persönliche  ist  und  daß  ich
nicht  in  der  Lage  bin,  darüber  namens  der  Staatsregierung  eine  Erklärung
abzugeben.“  Der  Minister  wendet  sich  hierauf  gegen  den  Abg.  Richter,
dem  er  vorwirft,  daß  er  die  deutsche  Wirtschaftspolitik  in  theoretische  Fesseln
schlagen  wolle.

           Ende  Januar.  Anfang  Februar.  Preßstimmen  über  die
Außerungen  des  Ministers  v.  Hammerstein.

Die  „Kreuz-Ztg."“  findet  manche  Irrtümer  in  den  Reden  des
Ministers,  aber  „er  hat  doch  Ansichten  ausgesprochen,  denen  man  allen
Beifall  zollen  kann  und  in  deren  Konsequenz  die  Erfüllung  mancher  Wünsche
liegt,  die  zwar  von  den  Konservativen  schon  oft  und  nachdrücklich  ausgesprochen,
  von  der  Regierung  bisher  aber  immer  als  unerfüllbar  bei  Seite
geschoben  sind“.  Seine  Aeußerung  über  den  Antrag  Kanitz  sei  befriedigend.
Ebenso  urteilt  die  „Deutsche  Tageszeitung“.

Das  „Volk“  ist  weniger  zufrieden:  „Als  die  Münzfrage  mit  einigen
kühlen  Worten,  die  für  die  Anhänger  der  Doppelwährung  nicht  gerade
freundlich  klangen,  abgethan  wurde,  da  schwoll  den  Gold  anbetenden  Freihändlern
  das  Herz.  Und  als  der  Landwirtschaftsminister  mit  der  Aufforderung
  schloß,  „alle  sollten  auf  dem  Wege  der  Selbsthilfe  mit  der  Anwendung
  kleiner  Mittel  gemeinsam  mit  der  Regierung  emsig  vorgehen“,
da  erhob  sich  begreiflicherweise  „lebhafter  Beifall  links“.  Der  deutsche
Bauer  aber  denkt:  „Es  war  wieder  einmal  nichts“.  Wenn  ein  Landwirtschaftsminister
  „lebhaften  Beifall  links“  erntet,  dann  erntet  die  deutsche
Landwirtschaft  sicher  nichts“.

Die  liberalen  und  mittelparteilichen  Blätter  sehen  im  allgemeinen
in  den  Worten  des  Ministers  eine  Abweisung  der  extremen  agrarischen
Forderungen.

31.  Januar.  Spaltung  der  Antisemitenpartei.
Die  antisemitische  Reichstagsfraktion  schließt  den  Abg.  Ahlwardt
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                           3
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        34  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  31.—  Febr.  5.)

aus,  da  ein  Zusammenarbeiten  mit  ihm  nicht  möglich  sei.  Abg.  Böckel,
der  den  Beschluß  mißbilligt,  tritt  ebenfalls  aus.

31.  Januar.  (Berlin.)  Parteitag  der  Berliner  konservativen
Partei.

Landtagsabg.  Hofprediger  a.  D.  Stöcker  spricht  gegen  die  Einschränkung
  der  konservativen  Sozialpolitik.  Die  Reichstagsabgg.  v.  Manteuffel
  und  v.  Hammerstein  proklamieren  den  Kampf  gegen  den  Liberalismus,
  der  die  manchesterliche  Gesetzgebung  der  70er  Jahre  geschaffen  habe,
Landtagsabg.  Dr.  Klasing  fordert  Aufhebung  der  Judenemanzipation.

1.  Februar.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  der  Novelle  zur
Gewerbeordnung  in  Verbindung  mit  dem  Antrage  Gröber  auf  Einschränkung

  des  Hausierhandels.

Abg.  v.  Strombeck  (Z.)  für  die  Regierungsvorlage  und  gegen  den
Antrag  Gröber,  der  zu  schroff  gegen  den  Haufierhandel  vorgehe.  Abg.
Hitze  (Z.):  Der  Hausierhandel  sei  ein  anormaler  Zustand  und  müsse  beseitigt
  werden.  Preuß.  Handelsminister  v.  Berlepsch:  Die  Feststellung
des  etwaigen  Bedürfnisses  nach  Hausierhandel  und  die  Ausschließung  bestimmter
  Waren,  wie  der  Antrag  wolle,  sei  unmöglich;  der  Hausierhandel
sei  ebenso  berechtigt,  wie  der  seßhafte  Kaufmannsstand  und  trage  an  den
wirtschaftlichen  Gegensätzen  nicht  mehr  Schuld  als  dieser.  Abg.  Meyer-Halle
  (frs.  Vg.)  und  Schmidt  (Soz.)  gegen  den  Antrag  und  die  Vorlage,
die  beide  an  eine  Kommission  von  21  Mitgliedern  verwiesen  werden.

2.  Februar.  (Württemberg.)  Landtagswahlen.

Bei  den  Hauptwahlen  werden  gewählt:  Deutsche  Partei  7,  Volkspartei
  17,  Zentrum  16,  Landespartei  (der  Deutschen  nahestehend)  1,  3
parteilos.  26  Stichwahlen  müssen  stattfinden.  Bei  rund  400  000  Wahlberechtigten
  haben  295  000  abgestimmt.  Davon  fielen  auf  die  Volkspartei
92000,  das  Zentrum  69  000,  die  Deutsche  Partei  55000,  die  Sozialdemokraten
  32  000,  die  ministerielle  Landespartei  10  000,  die  Konservativen
5000,  die  Linke  3800  Stimmen.  Bei  den  Stichwahlen  (14.  und  15.  Febr.)
werden  gewählt  14  Abgeordnete  der  Volkspartei,  3  der  deutschen  Partei,  3
der  Landespartei  (worunter  Minister  v.  Mittnacht  und  der  frühere  Kammerpräsident
  Hohl),  2  Konservative,  2  vom  Zentrum  und  2  Sozialisten.

4./5.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Gesetzentwurf,
  betr.  Errichtung  einer  neuen  Generalkommission  für  Ostpreußen
in  Königsberg.  Polenfrage.

Die  Abgg.  Paasche  (nl.)  und  v.  Zedtlitz  (fk.)  fordern,  daß  die
Kommissionen  mit  der  Ansiedlungskommission  Hand  in  Hand  gehen.  Die
Polen  v.  Carlinski  und  Motty  beschweren  sich  über  die  Unterdrückung
ihrer  Landsleute,  worauf  Abg.  Graf  Limburg-Stirum  (kons.)  erwidert.
Am  folgenden  Tage  erklärt  Abg.  Motty:  Man  schafft  mit  Vorschlägen,
wie  wir  sie  gestern  hören  mußten,  nur  unnötig  böses  Blut.  Wenn  zwei
Nationen  neben  einander  leben  und  um  das  Uebergewicht  ihrer  Bevölkerung
ringen,  so  regen  sie  sich  doch  darüber  nicht  auf,  sondern  überlassen  den
Ausgang  der  Geschichte  und  der  Vorsehung.  Ueber  unsere  Stellung  zur
Gegenwart  lassen  unsere  Erklärungen  keinen  Zweifel,  stellen  wir  doch  die
Zukunft  Gott  anheim!  Wir  gehören  zum  preußischen  Staatswesen  und
sprechen  heute  von  diesem  Standpunkt  aus.  Es  herrscht  vielfach  in  Deutschland
  die  Gepflogenheit,  über  andere  Nationalitäten  kurzer  Hand  abzuurteilen:
        <pb n="43" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  5.  —6.)  35

der  Franzose  ist  ein  Windbeutel,  der  Engländer  ein  Krämer,  der  Pole
wahrscheinlich  ein  Lügner.  Nun,  wir  urteilen  nicht  so  vorschnell  über
andere  Nationen.  Aber  hier  muß  ich  doch  aus  einem  Buche  ein  Urteil  des
Papstes  Gregor  VII.  über  die  Deutschen  anführen,  wo  es  heißt,  der  Deutsche
zeichne  sich  aus  durch  hervorragende  Eigenschaften,  aber  wo  er  herrsche  und
auftrete,  zeichne  er  sich  durch  eine  Härte  des  Herzens  aus.  Das  Gesetz,
das  Sie  planen,  widerspricht  jedem  Rechtsbewußtsein;  denn  Sie  wollen  ein
Gesetz,  das  als  Ausnahmegesetz  gegen  uns  preußische  Unterthanen  wirkt.
Damit  fördern  Sie  nur  die  Interessen  der  Sozialdemokratie.  Die  Lösung
der  Polenfrage,  wenn  ich  mich  einmal  dieses  Ausdrucks  bedienen  darf,
liegt  für  uns  nur  in  dem  Frieden  und  der  Versöhnung  der  nationalen
Gegensätze.

Der  Entwurf  wird  an  eine  Kommission  von  14  Mitgliedern  verwiesen.
  (5.  Febr.)

5.  Februar.  (Reichstag.)  Antrag  auf  Errichtung  einer
Volksvertretung  in  Mecklenburg.

Abg.  Pachnicke  (fri.  Vg.)  bringt  folgenden  Antrag  ein:  In  jedem
Bundesstaat  muß  eine  aus  Wahlen  der  Bevölkerung  hervorgegangene  Vertretung
  bestehen,  deren  Zustimmung  zu  jedem  Landesgesetz  und  zur  Feststellung
  des  Staatshaushalts  erforderlich  ist.  Mecklenburgischer  Bundesratsbevollmächtigter
  v.  Oertzen:  Die  mecklenburgische  Regierung  lehnt  jede
Einmischung  des  Reichs  in  die  Verfassungsangelegenheiten  der  Bundesstaaten
auf  das  Entschiedenste  ab.  Mecklenburg  ist  seinerzeit  eingetreten  mit  seiner
Verfassung,  wie  sie  jetzt  besteht,  in  den  Norddeutschen  Bund  und  in  das
Deutsche  Reich.  Beidemale  haben  Verhandlungen  darüber  stattgefunden,
ob  die  mecklenburgische  Verfassung  mit  der  Reichs=  resp.  Bundesverfassung
in  Widerspruch  stehe.  Diese  Frage  ist  verneint,  die  mecklenburgische  Versassung
  ist  als  giltiges  Verfassungsrecht  im  Sinne  der  Reichsverfassung  anerkannt
  worden.  Der  mecklenburgische  Abg.  v.  Buchka  (kons.)  erklärt
eine  parlamentarische  Verfassung  als  ungeeignet  für  Mecklenburg.

5.  Februar.  (Straßburg.)  Deutsch=  nationale  Kundgebung
im  Landesausschuß.

Im  Landesausschuß  protestieren  die  Abgg.  Dr.  Petri  und  Spieß
gegen  die  Ausführungen  des  abg.  Preiß  im  Reichstage.  (Vgl.  S.  32.)
Das  jüngere  Geschlecht  stehe  auf  deutscher  Seite.  Deshalb  sei  auch  der
Diktaturparagraph  überflüssig  und  müsse  mit  der  ganzen  politischen  Ausnahmestellung
  der  Reichslande  beseitigt  werden.

6.  Februar.  (Reichstag.)  Interpellation  über  die  Arbeitervertretungen.


Die  Abgg.  Hitze  (Z.)  und  Lieber  (Z.)  bringen  folgende  Interpellation
  ein:  welche  gesetzliche  Bestimmungen  sind  —  in  Ausführung  der
Kaiserlichen  Erlasse  vom  4.  Februar  1890  —  „Über  die  Formen"  in  Aussicht
  genommen,  „in  denen  die  Arbeiter  durch  Vertreter,  welche  ihr  Vertrauen
  besitzen,  an  der  Regelung  gemeinsamer  Angelegenheiten  beteiligt  und
zur  Wahrnehmung  ihrer  Interessen  bei  Verhandlung  mit  den  Arbeitgebern
und  mit  den  Organen  der  Regierung  befähigt  werden“?  Darf  insbesondere
die  Vorlage  eines  Gesetzentwurfs,  betreffend  die  gesetzliche  Anerkennung  der
Berufsvereine  und  die  Errichtung  einer  geordneten  Vertretung  der  Arbeiter
(Arbeiter-Kammern)  „zum  freien  und  friedlichen  Ausdruck  ihrer  Wünsche
und  Beschwerden-  auch  gegenüber  den  Staatsbehörden  baldigst  erwartet
werden

                                                                                                  3*
        <pb n="44" />
        36  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  7.8.)

In  der  Begründung  erklärt  Abg.  Hitze,  den  Arbeitern  müsse  die
Möglichkeit  einer  Organisation  gegeben  werden,  nur  so  könne  man  die
christlichen  Arbeiter  gegen  den  Terrorismus  der  Sozialdemokraten  schützen.
Ebenso  notwendig  sei  die  Versicherung  gegen  die  Arbeitslosigkeit  und  die
Errichtung  eines  Arbeitsnachweises  durch  die  Arbeiter  selbst.

Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst:  Meine
Herren,  die  verbündeten  Regierungen  haben  sich  mit  der  Frage  der  Herstellung
  einer  Vertretung  der  Arbeiter  behufs  Wahrnehmung  ihrer  Interessen
  bisher  schon  bei  Gelegenheit  der  Beratung  einzelner  Gesetzentwürfe,
wie  derjenigen,  welche  sich  auf  die  Einrichtung  von  Gewerbegerichten,  auf
die  Abänderung  der  Gewerbeordnung  und  auf  die  Versicherungsgesetzgebung
beziehen,  zu  beschäftigen  Anlaß  gehabt.  Die  dabei  von  ihnen  eingenommene
Stellung  ist  aus  den  dem  Reichstage  zugegangenen  Entwürfen  ersichtlich.
Generell  ist  die  Frage  bisher  im  Bundesrate  nicht  behandelt.  Es  besteht
indessen  bei  der  königlich  preußischen  Regierung,  über  deren  Auffassung
allein  zur  Zeit  Auskunft  gegeben  werden  kann,  kein  Zweifel,  daß  es  ihre
Aufgabe  ist,  das  Programm,  welches  der  Erlaß  Sr.  Majestät  des  Königs
von  Preußen  vom  4.  Februar  1890  aufstellt,  zur  Durchführung  zu  bringen.
Eine  Beantwortung  der  Frage,  ob  baldigst  die  Vorlage  eines  Gesetzentwurfes
  im  Sinne  des  zweiten  Teiles  der  Interpellation  erwartet  werden
darf,  ist  zur  Zeit  nicht  möglich,  weil  die  in  dieser  Beziehung  unternommenen
Vorarbeiten  zu  einer  Beschlußfassung  des  königlichen  Staatsministeriums
noch  nicht  geführt  haben.

Abg.  Möller  (nl.)  hält  eine  Versicherung  gegen  Arbeitslofigkeit
für  unausführbar.  Die  weite  Ausdehnung  der  Arbeiterorganisation  nach
Hitzes  Vorschlage  würde  zu  einer  Vergewaltigung  der  Arbeitgeber,  die  gesonderte
  Arbeitervertretung  insbesondere  zum  politischen  Terrorismus  führen,
wie  die  trades-unions  in  England  zeigten.  Man  dürfe  der  Industrie  nicht
zu  viel  auferlegen,  denn  je  mehr  sie  zu  tragen  habe,  um  so  weniger  könne
sie  für  die  Arbeiter  thun.  Die  Erfahrung  lehre,  daß  eine  blühende  Industrie
  überall  die  Lebenshaltung  der  Arbeiter  verbessert  habe.  Abg.  Fischer
(Soz.):  Die  Arbeiterschutzgesetzgebung  bleibe  hinter  den  bescheidensten  Anforderungen
  zurück;  durchweg  seien  die  Unternehmerinteressen  maßgebend;
das  bewiesen  u.  a.  Entlassungen  von  Arbeitern  im  Saarer  Bergrevier  und
in  der  Eisenbahnverwaltung,  die  meist  Leute  über  50  Jahre  betroffen
hätten.  Die  kaiserlichen  Erlasse  seien,  wie  Fürst  Bismarck  richtig  gesagt
habe,  nichts  als  Wahlmanöver  gewesen.  Preuß.  Handelsminister  v.  Berlepsch
  bezeichnet  die  Angaben  über  die  Arbeiterentlassungen  als  entstellt
und  fährt  fort:  „Augenblicklich  ist  gegenüber  den  kaiserlichen  Erlassen  von
1890  allerdings  eine  Verzögerung  eingetreten.  Diese  ist  aber  nicht  darauf
zurückzuführen,  daß,  wie  der  Vorredner  sagt,  das  soziale  Königtum  vor
dem  Interesse  der  Arbeitgeber  kapituliert  hat,  daß  die  Regierung,  wie  er
in  geschmackvoller  Weise  hinzufügte,  Commis  des  Unternehmertums  wird,
sondern  darauf,  daß  jede  Maßregel,  welche  die  Regierung  trifft,  so  nützlich
und  wohlmeinend  sie  auch  sein  mag,  von  der  sozialdemokratischen  Agitation
bis  in  den  letzten  Grund  vergiftet  wird.  Daß  die  Regierung  dieser  Vergiftung
  nicht  Vorschub  leisten  kann,  ist  ein  begreiflicher  Standpunkt".  Allein
die  Vorsicht,  nicht  durch  sozialpolitische  Gesetze  die  Agitation  der  Sozialisten
zu  verstärken,  habe  die  Regierung  vor  schnellerem  Vorgehen  abgehalten,
nicht  die  Rücksicht  auf  die  Unternehmer.

7./8.  Februar.  (Reichstag.)  Interpellation  Hitze-Lieber.
Die  Reden  von  Rösicke  und  Stumm.
Abg.  Rösicke  (wild  liberal):  Man  müsse  außer  dem,  was  Hitze
        <pb n="45" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  7.  —8.)  37

fordere,  für  die  Fachbildung  der  Arbeiter  sorgen.  Das  Koalitionsrecht
dürfe  in  keiner  Weise  geschmälert  werden;  um  es  auszuüben,  müsse  man
der  gesetzlichen  Organisation  zustimmen.  Die  Sozialdemokratie  bedürfe  einer
solchen  zu  ihrer  Organisation  nicht,  sie  sei  bereits  organisiert,  besser  als
jede  andere  Partei.  Die  Berufsvereine  würden,  wenn  gesetzlich  organisiert,
sich  ihrer  Verantwortung  bewußt  sein  und  nicht  in  das  reinsozialdemokratische
  Fahrwasser  hineintreiben.  Die  Mitglieder  der  Gewerkschaften  seien
durchaus  nicht  alle  Sozialdemokraten,  sondern  wollten  nur  die  Verbesserung
der  wirtschaftlichen  Lage  der  Arbeiter  auch  in  dem  jetzigen  Staat  herbeiführen.
  Natürlich  sei  die  politische  Partei  unter  Bebel  hiermit  nicht  einverstanden.
  Der  Redner  wendet  sich  gegen  Herrn  v.  Stumm;  dessen  Verfahren,
  Sozialdemokraten  von  seinen  Werken  auszuschließen,  seinen  Leuten
das  Lesen  bestimmter  Zeitungen  zu  verbieten,  ihnen  das  Heiraten  zu  untersagen,
  sei  ganz  unvereinbar  mit  den  Aeußerungen  des  Kaisers.  Abg.
v.  Stumm  (D.  R.P.):  Der  kaiserliche  Erlaß  sei  in  der  Hauptsache  erfüllt.
Er  bezweifle  nicht,  daß  die  Interpellanten  Staat  und  Gesellschaft  schügzen
wollten,  ihr  Weg  sei  aber  falsch;  ein  Sozialistengesetz  werde  besser  wirken.
Ueber  seine  persönliche  Stellung  sagt  der  Redner:  „Man  wirft  mir  Despotimus
  vor.  Ich  verweise  nur  darauf,  daß  ich  schon  1869,  als  man  hier
Sozialdemokraten  noch  gar  nicht  hatte,  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen
anregte,  wie  Krankenkassen  u.  s.  w.  Jetzt  haben  wir  Krankenkassen  und
Alters=  und  Invaliditätsversicherungsgesetze.  Ich  bin  auch  nicht  gegen  eine
Organisation  der  Arbeiter  in  Berufsvereinen,  sondern  wünsche  sie  sogar.
Die  Mehrzahl  der  industriellen  Arbeitgeber  sucht  ein  gutes  Verhältnis  mit
den  Arbeitern  herbeizuführen.  Man  will  diese  Bestrebungen  stören,  indem
man  sie  als  patriarchalisch  verächtlich  machen  will.  Das  patriarchalische
Verhältnis  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  hat  noch  selten  schlechte
Erfolge  gezeitigt.  Von  Arbeitgebern,  die  wie  Herr  Rösicke  ihre  Standespflicht
  verletzen,  rede  ich  überhaupt  nicht.  (Große  Heiterkeit.)  Unsere  Gegner
lassen  sich  unterscheiden  in  die  Kathedersozialisten,  in  die  Anarchisten,  die
ihre  Ziele  mit  Schrecken,  und  die  Sozialdemokraten,  die  sie  mit  Gewalt  erreichen
  möchten.  Wenn  ich  auf  die  Strömungen  acht  gebe,  erfülle  ich  nur
meine  Pflicht  als  Volksvertreter,  und  ich  habe  mich  deshalb  auch  über  die
Kathedersozialisten  beschweren  zu  müssen  geglaubt.  Ich  glaube,  ich  habe
das  noch  viel  zu  zaghaft  gethan.  (Heiterkeit.)  Herr  Naumann  erklärt,  er
sei  ein  Bruder  der  Sozialdemokratie.  Nun,  diese  ist  ein  Bruder  der
Anarchie.  Wenn  zwei  Größen  aber  einer  dritten  gleich  sind,  sind  sie  untereinander
  gleich.  (Große  Heiterkeit.)  Wenn  sie  gestatten,  daß  Gegenüberstellungen
  der  Vorteile  von  Republik  und  Monarchie  unter  die  Arbeiter
getragen  werden,  so  hört  jeder  Begriff  von  Königstreue  auf.  (Heiterkeit.)
Die  Schriften  der  Herren  Naumann  und  Genossen  zeigen  deutlich,  wohin
ihre  Bestrebungen  steuern,  und  das  ist  nicht  die  Stärkung  von  Staat  und
Gesellschaft.“  („Köln.  Ztg.“)

Am  folgenden  Tage  verteidigt  Abg.  Hüpeden  (kons.)  die  christlichen
Arbeitervereine,  insbesondere  den  Pfarrer  Naumann  gegen  die  Angriffe
Stumms,  Abg.  Legien  (Soz.)  erklärt  die  Koalikonsfreiheit  der  Arbeiter
für  wichtiger  als  die  ganze  übrige  sozialpolitische  Gesetzgebung.

7.—8.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Eisenbahnetat.

  Tarifdebatte.  (Vgl.  1894  S.  102.)

Eisenbahnminister  Thielen  bezeichnet  die  finanzielle  Lage  der  Eisenbahnverwaltung
  als  durchaus  gesund.  Die  Betriebseinnahme  ist  veranschlagt
auf  944  600  000  M  gegen  den  Etat  von  1894/95  mehr  32  Millionen,  gegen
die  Wirklichkeit  von  1893/94  mehr  33  Millionen.  Als  Gesamtbetriebsaus-
        <pb n="46" />
        38  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  8.—9.)

gaben  sind  angenommen:  580  Millionen,  gegen  1894/  95  mehr  10  700  000. M
gegen  die  Wirklichkeit  von  1893/94  mehr  10  850  000  M  Als  Betriebsüberschuß
  wird  angenommen  44  Millionen.  Der  Betriebscoefficient  für
1895/96  berechnet  6  nach  dem  alten  Etatsschema  auf  58  Prozent,  nach
dem  neuen  Etatsschema  auf  57,8  Prozent.  Abg.  Gothein  (frs.  Vg.)
fordert  eine  Ermäßigung  der  Tarife;  englische  Kohlen  könnten  z.  B.  billiger
nach  Stettin  geschafft  werden  als  schlesische.  Abg.  Schmieding  (nl.)
schließt  sich  dieser  Forderung  an  und  fordert  stärkere  Ausdehnung  der
Sekundärbahnen.  Im  Eisenbahnressort  herrsche  zu  viel  falsche  Sparsamkeit.
Abg.  Brömel  (fr.  Vg.)  wünscht  Ermäßigung  des  Personentarifs  und  Abschaffung
  der  vierten  Klasse.  Minister  Thielen:  So  lange  keine  Aussicht
vorhanden  sei,  daß  der  Fehlbetrag  im  preußischen  Etat  endgültig  verschwände,
dürfe  man  nicht  an  eine  großartige  Reform  des  Güter=  und  Personentarifs
denken.  Der  Vorschlag,  die  vierte  Klasse  abzuschaffen,  sei  den  Bezirkseisenbahnräten
  vorgelegt,  aber  nicht  durchgedrungen.  Abg.  Irmer  (Dkons.)
hält  die  Herabsetzung  der  Tarife  für  eine  große  soziale  und  politische  Gefahr,
  worauf  Abg.  v.  Eynern  (nl.)  erwidert,  daß  die  Rechte  trotzdem  eine
Tarifreform  zu  gunsten  der  Landwirtschaft  erstrebe.  Am  folgenden  Tage
erklärt  Finanzminister  Miquel,  die  üble  Finanzlage  gestatte  eine  Tarifreform,
  die  15  Millionen  kosten  werde,  nicht.  (Vgl.  Hammacher,  Die  Verwendung
  der  preußischen  Eisenbahnüberschüsse.  Preuß.  Jahrbb.  Bd.  79.
Micke,  Die  Neuordnung  der  preuß.  Staatseisenbahnverwaltung.  Archiv  f.
Eisenbahnwesen.  1895,  2.)

8.  Februar.  Der  Kaiser  hält  in  der  Berliner  militärischen
Gesellschaft  einen  Vortrag  über  das  Zusammenwirken  von  Heer
und  Flotte  mit  Berücksichtigung  des  chinesisch-japanischen  Krieges
und  legt  die  Notwendigkeit  der  Verstärkung  der  Marine  dar  (vgl.
S.  2).

9.  Februar.  (Reichstag.)  Interpellation  über  die  Sicherung
der  Seeschiffahrt.

Die  Abgg.  v.  Stumm  (R..)  und  v.  Manteuffel  (kons.)  bringen
folgende  Interpellation  ein:  „Beabsichtigen  die  verbündeten  Regierungen
Maßregeln  zu  ergreifen,  um  den  durch  den  Untergang  von  Seeschiffen  verursachten
  Verlust  von  Menschenleben  mehr,  als  dies  bisher  gelungen  ist,  zu
verhüten?"  Abg.  v.  Stumm  führt  in  der  Begründung  an  den  Untergang
  der  „Elbe“  anknüpfend  aus,  es  fehle  bei  der  Konstruktion  von  Schiffen
an  der  behördlichen  Kontrolle,  die  in  jeder  anderen  Industrie  eingeführt  sei.
Ferner  würde  das  Wegerecht  zur  See  nicht  genügend  beachtet,  vor  allem
von  den  Engländern.

Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst:  Auf  die
Anfrage  der  Herren  Interpellanten  habe  ich  Folgendes  zu  erwidern.  Der
Bundesrat  wendet  sein  Interesse  fortgesetzt  den  Maßregeln  zu,  welche  einen
vermehrten  Schutz  des  Menschenlebens  gegenüber  den  Gefahren  des  Seeverkehrs
  in  Aussicht  nehmen.  Auch  ist  die  Reichsverwaltung  auf  diesem
Gebiete  nicht  unthätig.  Ihre  Bemühungen  find  vorzugsweise  nach  drei
Richtungen  eingetreten,  und  zwar  bezüglich  einer  Sicherstellung  der  Seetüchtigkeit
  der  Schiffe,  einer  Regelung  des  internationalen  Seestraßenrechts
und  einer  verbesserten  Ausrüstung  der  Seeschiffe  mit  Rettungsgeräten.  Was
die  Sicherstellung  der  Seetüchtigkeit  der  Seeschiffe  anbelangt,  so  hat  bereits
unsere  Unfallversicherungs-Gesetzgebung  zu  einer  verstärkten  Gewähr  gegen
Unfälle  geführt.  Die  Unfallverhütungsvorschriften  der  See-Berufsgenossen-
        <pb n="47" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  11.)  39

schaft  enthalten  in  dieser  Beziehung  Weisungen,  deren  Beachtung  im  eigenen
Interesse  der  Rheder  liegt,  weil  von  der  größeren  oder  geringeren  Seetüchtigkeit
  die  Höhe  der  von  den  Rhedern  zu  zahlenden  Versicherungsprämien
  abhängt.  Es  ist  zu  einer  weiteren  Ausbildung  dieser  Vorschriften
von  Seiten  der  Reichsverwaltung  die  Anregung  gegeben  und  eine  Kontrolle
über  die  Beobachtung  derselben  dadurch  hergestellt,  daß  zufolge  eines  Abkommens
  zwischen  der  Seeberufsgenossenschaft  und  dem  Schiffsklassifikationsinstitut
  „Germanischer  Lloyd“  der  letztere  sich  verpflichtet  hat,  durch  seine
Organe  den  Schiffsbau  zu  übernehmen.  Auf  diesem  Wege  wird  sich  die
Einführung  einer  Reichskontrolle  über  den  Schiffsbau,  gegen  welche  sich  die
Regierungen  der  Bundesstaaten  in  Uebereinstimmung  mit  den  Interessentenkreisen
  ausgesprochen  haben,  und  welche  eine  recht  kostspielige  Organisation
erforderlich  machen  würde,  voraussichtlich  als  unnötig  erweisen.  Sollten
dabei  sich  gleichwohl  Mängel  ergeben,  so  werden  sich  die  Regierungen  der
Einführung  einer  staatlichen  Ueberwachung  des  Schiffsbaues  nicht  entziehen
können.  Was  die  Verbesserung  des  Seestraßenverkehrs  anbelangt,  so  ist  das
Reich  auf  der  im  Jahre  1889  in  Washington  abgehaltenen  Konferenz  bemüht
  gewesen,  eine  zweckmäßigere  Gestaltung  der  Vorschriften  zur  Verhütung
des  Zusammenstoßes  von  Schiffen  auf  See  herbeizuführen.  Die  Ergebnisse
dieser  Konferenz  sind  solche  gewesen,  daß,  wenn  die  Annahme  der  dort  getroffenen
  Vereinbarungen  von  Seiten  der  Seestaaten  erfolgt,  eine  verstärkte
Gewähr  gegen  Schiffsunfälle  gegeben  ist.  Leider  hat  der  für  die  allgemeine
Einführung  der  vereinbarten  Vorschriften  in  Aussicht  genommene  Termin
nicht  eingehalten  werden  können,  weil  die  englische  Regierung  wegen  der
bei  Einzelheiten  hervorgetretenen  Schwierigkeiten  eine  Hinausschiebung  des
Termins  bis  zum  Herbst  dieses  Jahres  wünscht.  Es  besteht  indessen  die
Hoffnung,  daß  die  Schwierigkeiten  werden  überwunden  werden  und  daß
mit  dem  nächsten  Winter  allen  schifffahrttreibenden  Nationen  gemeinsame
wirksamere  Vorschriften  über  das  Seestraßenrecht  in  Kraft  treten,  welche
dann  eine  größere  Sicherheit  gegen  Schiffsunfälle  gewähren,  als  dies  bisher
  der  Fall  war.  Was  endlich  die  Ausrüstung  der  Schiffe  mit  Rettungsgeräten
  und  Booten  anbelangt,  so  hat  die  Seeberufsgenossenschaft  völlig
ausreichende  und  zweckentsprechende  Vorschriften  entlassen.  Die  Anfrage  der
Herren  Interpellanten  steht  im  Zusammenhange  mit  dem  beklagenswerten
lusal-  welcher  das  Schiff  des  Norddeutschen  Lloyd  die  „Elbe“,  jüngst  betroffen
  hat.  Es  ist  mir  Bedürfnis,  auch  von  dieser  Stelle  der  aufrichtigen
Teilnahme  Ausdruck  zu  geben,  welche  die  verbündeten  Regierungen  mit  der
ganzen  Nation  angesichts  des  erschütternden  Ereignisses  empfinden  (Bravo!),
zugleich  aber  Zeugnis  dafür  abzulegen,  daß  Offiziere  und  Mannschaften
des  verunglückten  Schiffes  unter  der  Leitung  eines  braven,  bis  zum  Tode
treuen  und  pflichtbewußten  Kapitäns  (Bravo ! )  ihre  Schuldigkeit  bis  zum
letzten  Augenblick  gethan  haben.  (Bravo !)  Die  Vorwürfe,  welche  diesen
braven  Seeleuten  in  auswärtigen  Blättern  gemacht  sind,  entbehren  nach
den  angestellten  Ermittelungen  jedes  Schattens  von  Begründung  (Bravol)
und  das  Vaterland  darf  stolz  sein  darauf,  daß  die  Bemannung  der  „Elbe“
furchtlos  und  treu  in  den  Tod  gegangen  ist.  (Bravo !)

In  der  Besprechung  stimmen  die  meisten  Redner  dem  Reichskanzler
zu;  Abg.  Singer  (Soz.)  besorgt,  daß  der  Seeverkehr  aus  finanziellen  Interessen
  nicht  genügend  gesichert  werde,  was  Staatssekretär  v.  Bötticher
als  grundlos  bezeichnet.

11.  Februar.  (Reichstag.)  Etatsberatung.  Debatte  über
den  Schutz  der  Deutschen  im  Auslande  (Syrien  und  Palästina.
        <pb n="48" />
        40  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  11.)

Vgl.  S.  8)  und  über  die  Entstehung  der  kaiserlichen  Erlasse  vom
4.  Februar  1890.

Abg.  Siegle  (nl.)  fragt,  was  von  Reichswegen  auf  die  Beschwerden
der  deutschen  Ansiedler  in  Syrien  und  Palästina  bisher  geschehen  sei.  Seit
1868  seien  solche  Kolonisten  dort  vorhanden,  die  Reichsregierung  habe
ihnen  später  das  freie  Niederlassungsrecht  von  der  Türkei  erwirkt;  die
Grundlage  dieser  Ansiedlung  sei  ihr  Besitzrecht  an  dem  erworbenen  Grund
und  Boden.  Dieses  hätten  die  türkischen  Unterbehörden  neuerdings  zu
ignorieren  angefangen,  sie  wollte  die  „Vakufs“,  Freibriefe  für  die  Ländereien
  noch  nicht  anerkennen  und  es  hätten  bereits  gewaltsame  Vertreibungen
stattgefunden.  Seit  einer  Reihe  von  Jahren  werde  einfach  das  Land  als
Regierungsland  requiriert.  Redner  zitiert  den  ausführlichen  Bericht  eines
Reisenden  über  diese  Verhältnisse  und  das  Eingreifen  der  syrischen  Behörden.
  Der  türkische  Ministerrat  habe  zwar  sich  mit  der  Sache  schon
beschäftigt  und  auch  eine  Kommission  zur  Prüfung  der  Besitztitel  eingesetzt.
Die  Kolonisten  wünschen  aber  dringend,  daß  von  Seiten  der  deutschen
Reichsregierung  den  Arbeiten  dieser  Kommission  die  größte  Aufmerksamkeit
gewidmet  werde.

Staatssekretär  Frhr.  v.  Marschall:  Meine  Herren,  der  Herr  Vorredner
  hat  mit  vollem  Rechte  darauf  hingewiesen,  daß  die  Lage  der  deutschen
Kolonisten  in  Palästina  in  der  letzten  Zeit  die  öffentliche  Aufmerksamkeit
in  Deutschland  auf  sich  gezogen  hat,  und  ich  kann  nur  bestätigen,  daß  es
auch  mir  erwünscht  ist,  daß  diese  Frage  hier  im  Reichstage  zur  Sprache
komme.  In  der  That  verdienen  unsere  Kolonisten  in  Jaffa  nicht  nur  die
Fürsorge  der  Regierung,  sondern  auch  das  Interesse  des  Reichstages.  Es
sind  brave,  arbeitsame,  christliche  Männer,  welche  ihre  deutsche  Nationalität
bewahrt  haben,  welche  ihre  Wehrpflicht  erfüllen,  zu  welchem  Zwecke  alljährlich
  ein  deutsches  Kriegsschiff  die  syrische  Küste  anläuft,  um  dort  die
notwendigen  Untersuchungen  vorzunehmen.  Ich  erkenne  auch  an,  daß  die
Lage  der  deutschen  Kolonisten  in  mancher  Beziehung  eine  schwierige  ist;
nur  muß  ich  von  meiner  Seite  darauf  aufmerksam  machen,  daß  uns  eben
eine  Grenze  für  unsere  Einwirkung  gezogen  ist  durch  die  internationalen
Verträge,  die  wir  mit  der  Türkei  abgeschlossen  haben,  und  die  bezüglich
der  Streitigkeiten  um  Grundeigentum  an  sich  eine  diplomatische  Verwendung
ausschließen.  Die  Angelegenheit,  die  der  Herr  Vorredner  berührt,  führt
uns  in  eine  sehr  schwierige  und  verwickelte  Materie,  nämlich  in  das  türkische
  Grundeigentumsrecht,  welches  sich  zusammensetzt  aus  einer  Vermengung
von  Satzungen  religiöser  Art,  außerdem  aus  Gewohnheitsrecht  und  großherrlichen
  Erlassen.  Hier  kommt  es  wesentlich  auf  den  einen  Punkt  an,
den  der  Herr  Vorredner  auch  berührt  hat,  daß  das  türckische  Recht,  abgesehen
  von  dem  Maschaeigentum,  dem  Lakuff,  zwei  Arten  von  Ländereien
anerkennt,  nämlich  das  Staatsland  Mirie  und  das  reine  Privatland  Mülk
und  es  ist  eine  Eigentümlichkeit  des  türkischen  Rechts,  daß  auch  das  Staatsland
  in  der  Form  des  Privatlandes  besessen,  vererbt  und  andern  übertragen
  werden  kann.  Der  wesentliche  Unterschied  zwischen  beiden  Arten
des  Besitzes  besteht  darin,  daß  der  Besitzer  von  Staatsland  den  Zehnten
bezahlen  muß  und  gewissen  Dispositionsbeschränkungen  unterworfen  ist,
während  der  Besitzer  von  einem  Privatland  lediglich  die  Grundsteuer  zu
bezahlen  hat.  Wenn  also  von  einer  Verwandelung  von  Privatland  in
Staatsland  gesprochen  ist,  so  hat  man  darin  nicht  eine  Expropriation  in
unserem  Sinne  zu  verstehen,  sondern  eine  höhere  Belastung  des  Grundbesitzes,
  die  natürlich  auf  den  Kaufwert  Einfluß  hat.  Nun  ist  in  der
Türkei  eine  reale  Scheidung  zwischen  dem,  was  Privatland  und  Staats-
        <pb n="49" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  11.))  41

land,  nie  vorgenommen  worden.  Es  ist  für  Palästina  ein  Versuch  gemacht
worden,  im  Jahre  1861,  indem  da  ein  großherrlicher  Erlaß  bestimmte,  daß
alle  Ländereien  als  Staatsland  angesehen  werden  sollen,  die  zur  Zeit  der
Eroberung  Palästinas  sich  in  den  Händen  von  Nichtmuhamedanern  befanden.
  Da  die  Eroberung  Palästinas  meines  Wissens  im  Jahre  1517
stattgefunden  hat,  war  dieser  großherrliche  Erlaß  allerdings  einigermaßen
schwierig  durchzuführen.  Er  ist  auch  damals  nicht  durchgeführt  worden;
es  hat  niemals  eine  reale  Teilung  des  Grundbesitzes  stattgefunden.  Aber
es  blieb  dieser  großherrliche  Erlaß  über  den  ganzen  Grundbesitz  von  Palästina
  gleichsam  wie  ein  Schwert  des  Damokles  schweben.  Gerade  diese
Unsicherheit  der  Verhältnisse  hat  schon  das  Auswärtige  Amt  des  Norddeutschen
  Bundes  im  Jahre  1869  veranlaßt,  an  die  Konsuln  in  Palästina
eine  gedruckte  Bekanntmachung  zur  Verteilung  an  alle  Deutschen  zu  geben,
in  der  dieses  Verhältnis  auseinandergesetzt  und  die  dringende  Mahnung
ausgesprochen  wird,  daß  die  Deutschen  bei  Anschaffung  von  Grundeigentum
sich  der  äußersten  Vorsicht  befleißigen  möchten.  Diese  Unsicherheit  in  den
Grundeigentumsverhältnissen  war  noch  dadurch  erhöht,  daß  bis  zum  Jahre
1874  die  türkische  Grundbuchsordnung  überhaupt  nur  für  das  Staatsland
galt.  Nur  für  dieses  wurden  Besitztitel  von  staatlichen  Grundbuchsbeamten
erteilt,  während  die  Titel  des  Privatlandes  von  dem  geistlichen  Gericht  des
Kadi  erteilt  wurden.  Das  wurde  1874  durch  ein  Gesetz  geändert.  Es
sollten  nun  für  die  Ländereien  beider  Arten  staatliche  Titel  gewährt  werden.
Die  erste  Beschwerde  der  deutschen  Kolonisten  in  Jaffa  finden  wir  bereits
im  Jahre  1875.  Damals  schon  hatten  die  Kolonisten  die  Besorgnis,  es
möge  hinter  diesem  Gesetz  die  Absicht  der  türkischen  Regierung  stehen,
Privatland  in  Staatsland  zu  verwandeln.  Damals  gab  aber  die  türkische
Regierung  beruhigende  Versicherungen,  und  die  deutsche  Botschaft  in  Konstantinopel
  forderte  die  Kolonisten  auf,  sie  möchten  sich  diesem  Gesetz  unterwerfen
  und  die  Einwilligung  geben,  daß  die  Titel  umgetauscht  würden.
So  lag  die  Sache  bis  zum  Jahre  1891.  Aus  Anlaß  eines  Spezialfalles,
wo  die  Obergrundbuchdirektion  fand,  daß  Privatland  fälschlich  als  Staatsland
  behandelt  wurde,  kam  die  türkische  Regierung  auf  den  alten  Erlaß
von  1861  zurück  und  verfügte,  daß  bei  jedem  Uebergang  von  Privatland
in  andere  Hände  nunmehr  der  Erlaß  anzuwenden  und  dieses  Privatland
nach  Maßgabe  desselben  in  Staatsland  umzuwandeln  sei.  Das  war  eine
ganz  allgemeine  Verfügung,  die  nicht  nur  die  deutschen  Kolonisten  betraf,
sondern  die  Türken  ebenso  wie  die  Oesterreicher,  die  Franzosen,  die  Italiener,
  die  dort  Grundeigentum  besaßen.  Es  wandten  sich  nun  alle  Kolonisten,
  die  einheimischen  und  fremden,  die  ersteren  an  die  türkische  Regierung,
die  letzteren  an  ihre  Vertretungen  in  Konstantinopel.  Die  übrigen  Vertretungen
  haben  jede  Intervention  abgelehnt,  weil  sie  mit  Rücksicht  auf
die  internationalen  Vereinbarungen  eine  Intervention  für  nicht  zulässig
hielten;  die  deutsche  Botschaft  allein  hat  die  Sache  in  die  Hand  genommen,
hat  das  Interesse  der  deutschen  Kolonisten  und  damit  zugleich  das  Interesse
aller  Grundeigentümer  in  Syrien  verfolgt,  und  es  ist  ein  eigentümliches
Schicksal,  daß  dann  auch  die  deutsche  Botschaft  allein  der  Zielpunkt  von
Klagen  und  heftigen  Angriffen  geworden  ist,  als  ob  fie  überhaupt  nichts
gethan  habe.  Und  doch  war  die  Sache  rechtlich  ziemlich  zweifelhaft,  und
in  der  ganzen  Polemik  in  der  Presse  ist  der  eine  Punkt  gar  nicht  gewürdigt
  worden,  daß  in  den  internationalen  Verabredungen,  welche  die  Mächte
mit  der  Türkei  abgeschlossen  haben,  nachdem  das  türkische  Gesetz  den  Ausländern
  das  Erwerben  von  Grundeigentum  gestatteten,  die  Mächte  ausdrücklich
  auf  Privilegien  für  ihre  Angehörigen  verzichten  und  erklären,  daß
jetzt  weiter  nichts  verlangt  werde,  als  Gleichstellung  mit  den  Eingeborenen,
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        42  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  11.)

daß  die  fremden  Kolonisten  sich  bezüglich  des  Grundeigentums  der  türkischen
Verwaltung  und  Justiz  unterwerfen  sollten  und  auf  jede  diplomatische  oder
konsularische  Intervention  verzichtet  werde.  Die  deutsche  Botschaft  in  Konstantinopel
  hat  trotz  der  Schwierigkeiten,  die  sich  aus  diesen  internationalen
Verabredungen  ergaben,  mit  allem  Nachdruck  die  Sache  verfolgt  und  bei
der  türkischen  Regierung  geltend  gemacht,  daß  es  wider  alles  Recht  und
Billigkeit  verstoße,  wenn  die  Rechtsgiltigkeit  einmal  gegebener  staatlicher
Titel  nachträglich  in  Frage  gestellt  werde.  Es  gelang  auch  den  Bemühungen
der  deutschen  Botschaft,  die  türkische  Regierung,  obgleich  der  Staatsrat  und
die  gesetzlichen  Berater  der  Pforte  anderer  Ansict  waren,  dazu  zu  bewegen,
dem  Begehren  der  deutschen  Botschaft  stattzugeben  und  im  Jahre  1893  den
Beschluß  zu  erlassen,  dahin  gehend,  daß  als  Privatland  das  Land  anerkannt
  werde,  wenn  die  Umschreibung  auf  Grund  eines  im  guten  Glauben
erworbenen  Privattitels,  eines  Mülktitels,  erfolgt  sei.  Dieser  Beschluß  der
Pforte  ist  irgendwo  bei  den  Provinzialbehörden  in  Syrien  hängen  geblieben,
es  hat  sich  eine  ziemlich  weitläufige  Korrespondenz  zwischen  Konstantinopel
und  Jerusalem  daraus  entwickelt.  Wegen  Nichtausführung  dieses  Beschlusses
kamen  im  Sommer  vorigen  Jahres  Beschwerden  deutscher  Kolonisten  an
die  deutsche  Botschaft.  Wieder  hatte  der  deutsche  Botschafter  die  Sache
nachdrücklich  bei  der  Pforte  verfolgt  und  endlich  am  Ende  vorigen  Jahres
die  Verfügung  erlangt,  deren  wesentlichen  Inhalt  der  Herr  Vorredner  angegeben
  hat.  Es  sollen  danach  alle  die  Privatlandtitel,  die  vor  der  Einführung
  des  Grundbuchgesetzes  von  1874  erteilt  worden  sind,  ohne  weiteres
als  Privatlandtitel  gelten,  und  es  solle  für  diejenigen  Titel,  die  später  für
Mülkland  gegeben  seien,  während  eigentlich  das  Land  Miri  war,  ein  Verzeichnis
  aufgenommen  werden,  und  auf  Grund  dieses  Zeugnisses  sollten  dann
in  Konstantinopel  gesetzmäßige  Privattitel  dafür  erteilt  werden.  Diese  Verordnung
  entspricht  im  wesentlichen  den  Beschwerden  der  deutschen  Kolonisten,
und  wenn  der  Herr  Vorredner  den  Wunsch  ausgesprochen  hat,  es  möge  zu
Arbeiten  der  Kommission,  die  seit  einigen  Tagen  in  Jaffa  tagt,  auc  ein
deutscher  Vertreter  entsendet  werden,  so  habe  ich  diesem  Wunsch  bereits
stattgegeben.  Es  ist  der  zweite  Dragoman  der  Botschaft  nach  Jaffa  entsendet,
  allerdings  nicht,  um  die  Arbeiten  der  Kommission  zu  überwachen
—  dazu  haben  wir  kein  Recht  —  wohl  aber  dazu,  um  das  vermittelnde
Organ  zwischen  den  deutschen  Kolonisten  und  der  Komission  zu  bilden,
etwaige  Beschwerden  der  Kolonisten  zu  erledigen,  etwaige  Einwände  der
Kommission  zu  beseitigen  und  Alles  das  zu  thun,  was  er  zur  Erledigung
der  berechtigten  Beschwerden  der  Kolonisten  thun  kann.  So,  meine  Herren,
wird  wohl  der  Herr  Vorredner  in  seinem  mir  bekannten  Gerechtigkeitssinn
zugeben,  daß  Alles  zu  gunsten  der  deutschen  Kolonisten  geschehen  ist,  was
überhaupt  geschehen  konnte.  Es  ist  wirklich  ein  eigentümliches  Ding,  daß
in  der  Presse  die  schärfsten  Angriffe  gegen  das  Auswärtige  Amt  und  gegen
die  deutsche  Botschaft  in  Konstantinopel  laut  wurden,  während  es  lediglich
der  deutschen  Botschaft  zu  verdanken  ist,  daß  ein  Resultat  erreicht  wurde,
welches  nicht  nur  den  Münschen  der  deutschen  Kolonisten  gerecht  wurde,
sondern  auch  denen  der  französischen,  englischen,  österreichischen  und  zugleich
der  einheimischen  Titelbesitzer.  Nun,  meine  Herren,  hat  der  Herr  Vorredner
  eine  ziemlich  scharfe  Kritik  an  der  türkischen  Verwaltung  und  an
der  türkischen  Justiz  geübt.  Ich  bin  nicht  in  der  Lage,  hier  die  türkischen
Behörden  zu  verteidigen  oder  zu  kritisieren.  Das  ist  meine  Aufgabe  nicht.
Ich  komme  nur  auf  den  Satz  zurück,  den  ich  neulich  hier  einmal  ausgesprochen
  habe,  nämlich  darauf,  daß,  wer  sich  im  Auslande  ansiedelt,  eben
in  der  Hauptsache  die  Institutionen  nehmen  muß,  die  er  dort  vorfinde
(Zustimmung.)  Und  wer  sich  in  der  Türkei  ansiedelt,  wird  gewiß  alle
        <pb n="51" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  12.—13.)  43

Hilfe  für  seine  Beschwerden  innerhalb  der  Grenze  der  Möglichkeit  von
seiten  der  deutschen  Vertreter  finden;  aber  ihm  dort  eine  Verwaltung  und
eine  Justiz  zu  garantieren,  die  unseren  Anforderungen  entspricht,  das  ist
durchaus  unmöglich.  (Zustimmung.  —)  Nachdem  der  Herr  Vorredner  nun
die  Schattenseiten  hervorgehoben,  möchte  ich  auf  der  anderen  Seite  anerkennen,
  daß  die  Regierung  Sr.  Majestät  des  Sultans,  obgleich  die  Rechtsfrage
  bezüglich  der  Zulässigkeit  der  diplomatischen  Intervention  einigermaßen
zweifelhaft  war,  trotzddem  von  Anfang  an  die  Frage  in  dem  Geiste  des
billigen  Entgegenkommens  gegen  die  deutschen  Wünsche  und  im  Geiste  der
freundschaftlichen  Beziehungen  behandelt  hat,  die  zwischen  der  Türkei  und
Deutschland  bestehen;  und  wenn  Schwierigkeiten  und  Verzögerungen  eingetreten
  sind,  das  eben  in  Umständen  liegt,  die  eben  außerhalb  des  Willens
der  türkischen  Regierung  liegen.  Die  Kommission  ist  im  Gange;  ein  deutscher
  Vertreter  ist  entsendet,  und  ich  kann  hier  die  Versicherung  abgeben,
daß  nach  wie  vor  das  Auswärtige  Amt  und  die  ihm  untergebenen  Beamten
den  Kolonisten  in  Jaffa  und  Palästina  mit  Rat  und  That  und  auf  das
kräftigste  zur  Seite  stehen  werden.  (Beifall.)

Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  fragt  an,  wer  die  Verantwortung  für
die  kaiserlichen  Erlasse  vom  4.  Februar  1890  trage,  da  sie  nicht  gegengezeichnet
  seien.  Der  Reichskanzler  entgegnet,  der  damalige  Reichskanzler
Fürst  Bismarck  sei  dafür  verantwortlich.  Minister  v.  Bötticher:  Fürst
Bismarck  habe  keineswegs,  wie  Richter  behauptet,  die  Gegenzeichnung  der
Erlasse  abgelehnt,  sie  vielmehr  selbst  entworfen.  Die  Erlasse  enthielten  nur
Wünsche  des  Kaisers,  aber  kein  unbedingtes,  die  Regierung  bindendes,  politisches
  Programm,  deshalb  seien  sie  nicht  gegengezeichnet.

12.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Eisenbahnetat.
Verwendung  des  aus  den  Überschüssen  der  Einkommensteuer  angesammelten
  Fonds.

Die  Budgetkommission  beantragt:  „Das  Haus  der  Abgeordneten
wolle  beschließen:  sich  mit  der  Absicht  der  königlichen  Staatsregierung,  den
gemäß  §  49  Abs.  1  des  Ergänzungssteuergesetzes  vom  14.  Juli  1893  aus
Ueberschüssen  der  Einkommensteuer  angesammelten  Fonds  zu  einem  noch
festzustellenden,  nicht  über  100  Millionen  Mark  hinausgehenden  Betrage  mit
Rücksicht  auf  die  Bedürfnisse  der  Staatseisenbahnverwaltung  zur  Verstärkung
des  Betriebsfonds  der  Generalstaatskasse,  im  Uebrigen  zur  außerordentlichen
Tilgung  von  Staatsschulden  bezw.  zur  Verrechnung  auf  bewilligte  Anleihen
zu  verwenden,  einverstanden  zu  erklären.“

Referent  der  Budgetkommission  Dr.  Sattler  erstattet  Bericht  über
die  Verwendung  des  aus  den  Ueberschüssen  der  Einkommensteuer  angesammelten
  Fonds.  Derselbe  beträgt  über  100  Millionen  Mark  und  soll  bis
zu  dieser  Höhe  zur  Verstärkung  des  Betriebsfonds  der  General-Staatskasse,
insbesondere  des  Betriebsfonds  der  Eisenbahnverwaltung  verwendet  werden.
Der  über  100  Millionen  hinausgehende  Betrag  soll  zur  außerordentlichen
Schuldentilgung  resp.  zur  Verrechnung  auf  bereits  bewilligte  Anleihen
dienen.  Die  Abgg.  Bachem  (3.)  und  Dr.  v.  Eynern  (ul.)  gegen  den
Antrag,  weil  damit  dem  Finanzminister  ein  Dispositionsfonds  von  100
Millionen  gegeben  werde,  über  den  das  Haus  keine  Kontrolle  behielte.
Nach  einer  Begründung  des  Antrags  durch  die  Minister  Thielen  und
Miquel  wird  er  gegen  die  Stimmen  der  Freifinnigen,  der  Mehrheit  des
Zentrums  und  einiger  Nationalliberalen  angenommen.

13.  Februar.  (Reichstag.)  Anträge  auf  Anderung  des
Reichstagswahlrechts.
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        44  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febrnar  18.—16.)

Abg.  Ancker  (frs.  Vp.)  beantragt  Zahlung  von  Diäten  an  die
Reichstagsmitglieder,  Abg.  Auer  (Soz.)  Einführung  des  Frauenstimmrechts.
Außerdem  steht  der  Antrag  Pachnicke  (S.  35)  zur  Beratung.

Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  fordert  die  Beseitigung  der  mecklenburgischen
  Verfassung,  die  eine  einseitige  Klassenvertretung  sei  und  stets  nur
durch  Hilfe  von  außen  hätte  gehalten  werden  können.  Abg.  Bebel  (Soz.)
plädiert  für  das  Stimmrecht  der  Frauen  und  führt  aus,  daß  die  Reichsverfassung
  einer  Erweiterung  des  Wahlrechts  nicht  entgegenstände.  Abg.
Dr.  Lieber  (Z.)  bekämpft  alle  Anträge;  man  müsse  mit  solchen  Eingriffen
in  die  Angelegenheiten  der  Bundesstaaten  sehr  vorsichtig  sein,  um  nicht
fortwährend  solche  Anträge  zu  provozieren.  Abg.  Dr.  v.  Marquardsen
(nl.)  erklärt  sich  für  den  Antrag  Pachnicke  aber  gegen  die  übrigen.  Der
Antrag  Ancker  wird  gegen  die  Stimmen  der  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten
  abgelehnt,  über  die  übrigen  wird  später  abgestimmt.  (Siehe
20.  Februar.)

13.  Februar.  (Hannover.)  Der  Provinziallandtag  lehnt
mit  großer  Majorität  die  Einführung  von  Landwirtschaftskammern
in  Hannover  ab.

15.—16.  Februar.  (Abgeordnetenhaus.)  Etat  des  Ministeriums
  des  Innern.  Polenfrage.

Abg.  v.  Jazdzewski  (Pole)  beschwert  sich,  daß  Fürst  Bismarck
den  polnischen  Adel  als  Umsturzpartei  bezeichnet  habe  und  wendet  sich  gegen
den  Verein  zur  Förderung  des  Deutschtums,  der  den  Frieden  im  Osten
störe.  Minister  v.  Köller  erklärt  die  Angriffe  auf  diesen  Verein  für
Uebertreibungen.  Die  polnische  Vereinsthätigkeit  im  Osten  sei  ausgebreiteter
als  die  deutsche.  „Vor  Kurzem  aber  sind  die  Polen  etwas  weiter  gegangen
  in  ihren  Gründungen  von  Vereinen.  Sie  haben  den  „Verband
aller  Polen  Deutschlands“  auch  nach  Westfalen  hineingelegt,  während  der
Verein  zur  Förderung  des  Deutschtums  nur  in  den  Ostmarken  wirkt.
Herren  aus  Posen  sind  dahin  gereist,  um  dem  Verein  zum  Leben  und
weiteren  Gedeihen  zu  verhelfen  und  diesen  Versuchen  ist  seitens  der  Staatsregierung
  nicht  entgegengetreten.  Sie  können  also  auch  nicht  verlangen,
daß  der  Verein  zur  Förderung  des  Deutschtums  mit  anderem  Maße  gemessen
  werde  als  Sie,  nämlich  nach  dem  Maße,  daß  vor  dem  Gesetze  alle
Preußen  gleich  sind.  Die  Auffassung  der  Gründer  des  Vereins,  daß  es  sich
auf  ihrer  Seite  mehr  um  die  Abwehr  der  Polen  handelt,  scheint  mir  doch
wohl  eher  begründet  zu  sein,  als  die  des  Abg.  Motty,  daß  der  Verein  die
Vernichtung  der  Polen  auf  seine  Fahne  geschrieben  habe."“

Es  folgt  eine  heftige  Debatte  an  der  u.  a.  die  Abgg.  v.  Tiedemann
  (frkons.),  Sattler  (nl.)  und  Abg.  Motty  (Pole)  teilnehmen.  Am
folgenden  Tage  erklärt  Abg.  Mizerski  (Pole):  Man  wirft  uns  vor,  wir
wollten  ein  Großpolen.  Nun,  wenn  wirklich  unsere  Großväter  das  angestrebt
  haben,  ist  es  ihnen  gewiß  zu  verzeihen.  Aber  von  uns,  die  wir
Deutschland  im  Jahr  1870  in  seiner  Stärke  gesehen  haben,  kann  man  doch
nicht  annehmen,  daß  wir  wahnsinnig  genug  seien,  zu  glauben,  von  diesem
starken  Reich  könne  eine  Provinz  losgerissen  werden.  Das  ist  menschenunmöglich.
  Wir  legen  unsere  Zukunft  in  Gottes  Hand;  der  Menschenhand
ist  es  nicht  möglich,  den  Staatenverband  jetzt  zu  lösen.

15./16.  Februar.  (Reichstag.)  Währungsdebatte.  Erklärung
Hohenlohes.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  15./16.)  45

Abg.  Graf  Mirbach  und  Genossen  beantragen,  „an  die  verbündeten
Regierungen  das  Ersuchen  zu  richten,  dieselben  wollen  baldthunlichst  Einladungen
  zu  einer  Münzkonferenz  ergehen  lassen  behufs  internationaler
Regelung  der  Währungsfrage".  Zur  Begründung  nimmt  das  Wort  Abg.
Graf  Mirbach:  Dem  Antrage  lägen  wirtschaftliche  und  soziale  Gedanken
zu  Grunde.  Die  Währungsfrage  sei  von  höchster  Bedeutung  für  alle  Kreise;
für  die  Landwirtschaft,  für  den  Handel,  für  das  Handwerk,  für  die  Beamten
  bestehe  dieselbe  Bedeutung  der  Erhöhung  der  Kaufkraft  des  Geldes,
nur  ein  kleiner,  aber  sehr  potenter  Kreis  habe  an  dem  gegenwärtigen  Zustand
  ein  Interesse.  Von  dem  Augenblick  an,  wo  Deutschland  zur  Goldwährung
  überging,  hätte  eine  Periode  sinkender  Preise  und  der  Entwertung
des  Geldes  begonnen,  wie  u.  a.  auch  der  bedeutendste  Vertheidiger  der  Goldwährung,
  Dr.  Bamberger,  anerkannt  habe.  Die  Folgen  der  Goldwährung
zeigten  sich  auch  in  England  in  der  Notlage  der  Landwirtschaft.  Die  Herstellung
  einer  angemessenen  Relation  zwischen  Gold  und  Silber  sei  durchführbar.
  Abg.  Dr.  Barth  (frs.  Vg.):  Sämtliche  Münzkonferenzen  hätten
mit  einem  Mißerfolg  geendet.  Die  Einführung  der  Doppelwährung  würde
namentlich  für  die  Arbeiter  ein  großes  Unglück  sein,  durch  eine  Entwertung
des  Goldes  um  25  Prozent  würde  den  Arbeitern  ebenso  viel  an  ihrem
Lohne  entzogen.  Vorteil  würden  nur  diejenigen  haben,  die  heute  Schulden
hätten,  namentlich  die  Grundbesitzer.  Dieselben  Anschauungen  vertritt  Abg.
Dr.  Schönlank  (Soz.),  während  Graf  Bismarck  (b.  k.  Fr.)  den  Antrag
unterstützt,  namentlich  mit  dem  Hinweise  auf  die  Zunahme  der  bimetallistischen
  Strömung  in  England.  Abg.  Dr.  Lieber  (Z.):  Die  Währungsfrage
sei  eins  der  schwierigsten  Probleme,  es  müsse  aber  ein  ehrlicher  Versuch  zur
internationalen  Lösung  unternommen  werden.  Daher  stimme  das  Zentrum
für  den  Antrag.

Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst:  Die  von
dem  Herrn  Abg.  Dr.  Lieber  ausgesprochene  Befürchtung,  daß  die  Erklärung
des  Reichskanzlers  auf  den  vorliegenden  Antrag  in  seiner  Mappe  verschlossen
bleiben  werde  in  Folge  der  Rede  des  Herrn  Abg.  Dr.  Schönlank,  ist  nicht
begründet.  Ich  werde  Ihnen  meine  Erklärung  nicht  vorenthalten;  sie  ist
sorgfältig  ausgearbeitet,  und  ich  hoffe,  daß  Sie  sie  als  eine  wohlwollende
anerkennen  werden.  Es  kann  ja  nicht  meine  Absicht  sein,  auf  die  Einzelheiten
  einer  währungspolitischen  Debatte  einzugehen,  da  hierdurch  weder
die  abweichenden  Anschauungen,  welche  auf  diesem  Gebiete  hervorgetreten
sind,  beglichen,  noch  wesentlich  neue  Momente  zur  Beurteilung  des  Sachverhältnisses
  beigebracht  werden  können.  Indessen  glaube  ich  Ihnen  doch
folgende  Erklärung  abgeben  zu  sollen.  Ohne  unserer  Reichswährung  zu
präjudizieren,  muß  man  zugestehen,  daß  der  zunehmende  Wertunterschied
zwischen  den  beiden  Münzmetallen  auch  auf  unser  Erwerbsleben  eine  nachteilige
  Rückwirkung  ausübt.  (Hört,  hört!  rechts.)  Im  weiteren  Verfolg
der  Bestrebungen,  welche  zur  Einberufung  der  Silberenquetekommission  geführt
  haben,  bin  ich  deshalb  geneigt,  mit  den  verbündeten  Regierungen  in
Erwägung  zu  ziehen,  ob  nicht  mit  anderen,  an  der  Bewertung  des  Silbers
wesentlich  beteiligten  Staaten  in  einen  freundschaftlichen  Meinungsaustausch
über  gemeinschaftliche  Maßregeln  zur  Abhilfe  einzutreten  sein  möchte.
(Bravo !  rechts  und  in  der  Mitte.)

Am  16.  Februar  spricht  Abg.  Siegle  (nl.)  gegen  den  Antrag.
Durch  Festsetzung  einer  anderen  Relation  werde  man  den  Geldmarkt  nicht
verbessern.  Der  Bimetallismus  werde  keine  dauernde  Steigerung  der  landwirtschaftlichen
  Produkte  zur  Folge  haben.  Abg.  Richter  (frs.  Vp.):  Die
Ueberproduktion  sei  die  Ursache  der  schlechten  Preise;  eine  feste  Relation
zwischen  Gold  und  Silber  könne  man  nicht  schaffen,  sie  hänge  von  Angebot
        <pb n="54" />
        46  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  15.—16.)

und  Nachfrage  ab.  Die  Doppelwährung  werde  die  Gläubiger  benachteiligen.
Abg.  Friedberg  (nl.):  Wenn  man  sage,  die  Einführung  der  Doppelwährung
  würde  die  Gläubiger  gegenüber  den  Schuldnern  benachteiligen,  so
müßte  die  logische  Folgerung  sein,  daß  die  Einführung  der  Goldwährung
den  Darleihern  große  Vorteile  gebracht  habe.  Es  sei  zweifellos,  daß  die
Währungsfrage  einen  starken  Einfluß  auf  das  wirtschaftliche  Leben  ausübe.
Man  würde  den  Ländern  mit  Papierwährung  den  Uebergang  zur  Metallwährung
  erleichtern,  wenn  man  nicht  die  Goldwährung,  sondern  die  Doppeloder
  Silberwährung  zu  Grunde  legte.  Staatssekretär  Graf  v.  Posadowsky:
  Die  Behauptung,  der  sinkende  Wert  des  Silbers  habe  für  unser
wirtschaftliches  Leben  schwere  Gefahren,  sei  nicht  unberechtigt,  sowohl  was
die  Fabrikation  als  was  den  Export  anbetreffe.  Ferner  sei  es  unzweifelhaft,
  daß  unser  einheimischer  Bergbau  außerordentlich  unter  dem  geringen
Wert  des  Silbers  leide.  Eine  Gefahr  sei  auch,  daß  unsere  Silbermünzen
nominell  einen  weit  höheren  Wert  haben,  als  ihnen  beiwohnt.  Der  Antrag
wird  mit  großer  Mehrheit  angenommen.  Dafür  find  die  sämtlichen  Parteien
  der  Rechten.  Zentrum,  Polen,  Welfen,  Elsässer;  dagegen  die  entschiedene
Linke,  die  Freisinnige  Vereinigung  und  etwa  acht  Nationalliberale.  (Val.
Lexis  und  Scharling,  Die  Deutsche  Silberkommission,  Preuß.  Jahrbb.  Bd.  79.
Quartus,  ebenda  Bd.  80.  Pierson,  Goldmangel,  Ztschr.  f.  Volkswirtschaft,
Sozpol.  u.  Verw.  4.  Bd.  Bgl.  Frankreich.)

15.  Februar.  (Berlin.)  Die  Brauereien  der  größten  Städte
Norddeutschlands  begründen  einen  Zentralverband  gegen  Verrufserklärungen.


16.  Februar.  (Münster.)  Der  Provinziallandtag  lehnt
die  Einrichtung  der  Landwirtschaftskammern  in  Westfalen  mit  großer
Mehrheit  ab.

16.  Februar.  (Reichstag.)  Verstärkung  der  Disziplinargewalt
  des  Präsidenten.

Abg.  Traeger  berichtet  über  die  Verhandlungen  der  Geschäftsordnungskommission
  wegen  Verstärkung  der  Disziplinargewalt  des  Präfidenten.
  Ein  Beschluß  ist  nicht  zu  stande  gekommen,  da  sämtliche  Anträge
des  Präsidenten  v.  Levetzow  bezüglich  des  Ausschlusses  von  Mitgliedern,
bezüglich  der  Herabsetzung  der  Beschlußfähigkeitsziffer  und  bezüglich  der
öffentlichen  Bekanntmachung  der  unentschuldigt  Fehlenden  mit  7  gegen  7
Stimmen  abgelehnt  worden  sind.  Es  liegt  vor  ein  Antrag  Roeren-Graf
  Holstein-Gamp-Pieschel,  welcher  die  Ausschließung  von  der
Sitzung  im  Falle  gröblicher  Verletzung  der  Ordnung  unter  der  Voraussetzung
  zulassen  will,  daß  eine  materielle  Abstimmung,  bei  welcher  der  Ausgeschlossene
  Ausschlag  gebend  sein  könnte,  in  der  nächsten  Sitzung  wiederholt
werden  muß.  Das  ausgeschlossene  Mitglied  soll  berechtigt  sein,  spätestens
am  folgenden  Tage  Einspruch  zu  erheben,  worauf  der  Reichstag  nicht  vor
dem  darauf  folgenden  Tage  ohne  Diskussion  über  die  Berechtigung  der
Ausweisung  entscheidet.  Abg.  Singer  (Soz.):  Der  Antrag  sei  aus  dem
Strafantrage  gegen  Liebknecht  hervorgegangen  (vgl.  1894  S.  186)  und  auf
die  Knebelung  der  Sozialdemokraten  berechnet.  Wenn  man  die  Geschäftsordnung
  ändern  wolle,  müsse  man  die  Abgeordneten  vor  allem  gegen  Beleidigungen
  durch  Bundesratsmitglieder  schützen.  Abg.  v.  Levetzow  (kons.)
weist  Singers  Behauptung  über  die  Genesis  des  Antrages  zurück  und  bittet
um  Annahme  des  Antrages;  ohne  diese  Verstärkung  seiner  Gewalt  werde
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  18.)  47

er  das  Präsidium  nicht  weiter  führen.  Der  Antrag  Roeeren  gelangt
mit  großer  Mehrheit  zur  Annahme.  Dagegen  stimmen  die  Polen,  ein
kleiner  Teil  des  Zentrums,  die  beiden  Volksparteien  und  die  Sozialemokraten.


18.  Februar.  Der  Kaiser  widmet  dem  Erzherzog  Albrecht
(siehe  Osterreich)  einen  ehrenvollen  Nachruf  und  bestimmt,  daß  die
Offiziere  des  Grenadierregiments  Nr.  3  acht  Tage,  die  übrigen
drei  Tage  Trauer  anlegen  sollen.

18.  Februar.  (Bund  der  Landwirte.)  Audienz  des  Vorstandes
  beim  Kaiser.

Der  Vorsitzende,  Abg.  v.  Plötz,  verließ  eine  Adresse,  worin  der  Bund
als  Vertreter  von  200  000  deutschen  Landwirten  die  Hilfe  des  Kaisers  für
die  zunehmende  Notlage  der  deutschen  Landwirtschaft  erbittet.  Der  deutsche
Bauernstand  ringe  um  seine  Existenz,  mit  ihm  stehe  und  falle  die  Zukunft
des  deutschen  Vaterlandes.  Deshalb  erbitte  der  Bund  für  die  deutsche  Landwirtschaft
  die  allerhöchste  mächtige  Hilfe.

Der  Kaiser  erwidert:  „Dem  Beispiel  der  ostpreußischen  Landwirte,
welche  im  Oktober  v.  J.  zu  Mir  kamen,  folgend,  find  auch  Sie  nun  erschienen,
  um  Mir  Ihre  Wünsche  vorzutragen.  Ihr  Empfang  ist  Ihnen
Beweis,  wie  ernst  es  Mir  um  das  Wohl  und  Wehe  Meiner  Bauern  zu
thun,  und  daß  Mein  Wort,  daß  Meine  Thür  jedem  Unterthanen  offen
stehe,  keine  leere  Formel  ist.  In  dem  Eifer,  sich  selbst  zu  helfen  und  den
auf  der  Landwirtschaft  lastenden  Druck  allen  Kreisen  des  Volkes  klar  zu
machen,  haben  sich  Mitglieder  Ihres  Bundes  in  dem  verflossenen  Jahre  zu
einer  Agitation  in  Wort  und  Schrift  verführen  lassen,  die,  über  den  Rahmen
des  Zulässigen  hinausgehend,  Mein  landesväterliches  Herz  tief  kränken
mußte.  An  dem  heutigen  Tage  jedoch  haben  Sie  gleichwie  Meine  Ostpreußen
  dieses  Vorgehen  wieder  gut  gemacht.  Aus  der  bevorstehenden  Berufung
  des  Staatsrats,  dem  alle  einschlagenden  Fragen  zur  Beratung
werden  vorgelegt  werden,  mögen  Sie  ersehen,  wie  Ich  hoffe,  unter  Mitwirkung
  von  Landwirten  aller  Stände  Ersprießliches  für  die  Hebung  der
Landwirtschaft  zu  erwirken.  Mein  landesväterlicher  Rat  geht  deshalb  dahin,
  daß  die  Herren  jeder  sensationellen  Agitation  sich  enthalten  und  mit
Vertrauen  der  Arbeit  des  Staatsrats  folgen  mögen.  Wir  wollen  Gott
bitten,  daß  diese  Bemühungen  zum  Heil  der  Landwirtschaft  ausschlagen  und
daß  Ihnen  ein  gutes  Jahr  bescheert  sein  möge.“

18.  Februar.  Generalversammlung  des  Bundes  der  Landwirte
  in  Berlin  (vgl.  1894  S.  63).
Abg.  v.  Plötz  greift  die  Regierung  des  Grafen  Caprivi  aufs  heftigste
an.  Der  Bund  der  Landwirte  sei  stets  loyal  gewesen,  sei  aber  dennoch
von  der  Regierung  verfolgt  worden.  Jetzt  seien  die  Regierungsvertreter
andere  geworden  und  der  Bund  nicht  mehr  verfehmt;  er  sei  aber  der  alte
geblieben  und  halte  alle  seine  Forderungen  aufrecht.  Die  Handelsverträge
hätten  für  die  Industrie  keinen  Vorteil  gebracht  und  seien  für  die  Landwirtschaft
  zum  Kirchhof  geworden.  Er  fordert  die  Herabsetzung  des  Zinsfußes
  auf  3  Prozent,  dann  würden  auch  die  Hypothekenzinsen  fallen.  Abg.
Graf  Mirbach:  Die  Landwirte  hätten  volles  Vertrauen  zum  Reichskanzler
und  Landwirtschaftsminister,  aber  dessen  Mahnung,  in  der  Währungsfrage
nicht  zu  agitieren,  könnten  sie  nicht  befolgen.  Nach  einem  Berichte  der
Abgg.  Uraf  Kanitz,  v.  Wangenheim  und  Gutsbesitzer  Bock  über  den
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        48  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  18.—20.)

Antrag  Kanitz  wird  folgende  Resolution  einstimmig  angenommen:  „Die
heutige  Generalversammlung  des  Bundes  der  Landwirte  erklärt  die  gesetzliche
  Verwirklichung  des  Antrages  Kanitz  als  das  wirksamste  Mittel,  um
die  für  die  deutsche  Landwirtschaft  geradezu  vernichtende  Wirkung  der  ichigen
Getreidepreise,  welche  nicht  entfernt  die  Produktionskosten  decken,  schnell  und
erfolgreich  zu  bekämpfen.  Gleichzeitig  erblickt  die  Versammlung  eine  unabweisbare
  Forderung  für  die  Gesundung  unseres  gesamten  Erwerbslebens
in  der  internationalen  Regelung  der  Währungsverhältnisse  und  des  Börsenwesens
  auf  der  Basis  des  effektiven  Geschäfts  mit  wirklicher  Ware."

Eine  Resolution  Ackermann,  die  nur  solche  Gesetze  zur  Verbesserung
  der  landwirtschaftlichen  Notlage  verlangt,  die  mit  den  Handelsverträgen
  vereinbar  sind,  kommt  nicht  zur  Abstimmung,  da  sich  die  Versammlung
  von  vornherein  dagegen  erklärt.

18./19.  Februar.  (Reichstag.)  Etat.  Anträge  auf  Abänderung

des  Versicherungswesens.

Abg.  Hitze  (Z.)  beantragt,  die  Mittel  der  Versicherungsanstalten  in
weiterem  Umfange  als  bisher  für  das  landwirtschaftliche  Kreditbedürfnis
und  für  die  Erbauung  von  Arbeiterwohnungen  zugänglich  zu  machen.
Ferner  beantragt  er,  die  Regierungen  zu  ersuchen,  schleunigst  eine  Novelle
zur  Alters=  und  Invaliditätsversicherung  vorzulegen.  Abg.  Auer  (Soz.)
und  Genossen  beantragen,  um  die  Vorlegung  eines  Gesetzentwurfes  zu  ersuchen,
  wodurch  jeder  Versicherte  mit  Vollendung  des  70.  Lebensjahres  einen
Rechtsanspruch  auf  Altersrente  erhält.

Abg.  Kruse  (nl.)  beantragt,  die  in  der  Seefischerei  beschäftigten
Leute  in  die  Unfallversicherung  aufzunehmen  und  die  klimatischen  Krankheiten
  der  Seeleute  den  Betriebsunfällen  im  Sinne  der  Betriebsunfallversicherung
  gleichzuachten.

Nach  langer  Debatte  wird  der  erste  Antrag  Hitze  und  der  Antrag
Auer  abgelehnt,  der  Antrag  Kruse  und  der  zweite  Antrag  Hitze  angenommen

9.  Febr.).

19./20.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Erste
Beratung  des  Entwurfs  eines  Stempelsteuergesetzes.

Der  Gesetzentwurf  will  ein  einheitliches  Stempelrecht  für  Preußen
schaffen.  Er  erhöht  u.  a.  den  Stempel  auf  Abtretung  von  Rechten,  Adoptionen,
  Eheverträge,  Erbrezesse,  Konzessionen,  Gesellschaftsverträge,  Standeserhöhungen
  und  Gnadenerweise.

Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  sieht  in  einigen  Punkten  der  Vorlage,  so
namentlich  in  der  Besteuerung  der  Standeserhöhungen,  die  ihm  aber  nicht
weit  genug  gehen,  eine  Verbesserung,  in  den  anderen  aber  eine  Verschlechterung
  und  will  sie  deshalb  nicht  annehmen.

Am  zweiten  Beratungstage  wendet  sich  Abg.  Mies  (Z.)  gegen  den
geplanten  Mietstempel,  der  vorwiegend  den  kleinen  seßhaften  Mittelstand
treffe,  ebenso  der  Versicherungs-Kauf-Vertrags=  und  Lieferungsstempel.  Abg.
Gamp  (fk.)  betont  gegen  den  Abg.  Richter,  daß  Standeserhöhungen  und
Ordensauszeichnungen  als  Allerhöchste  Gnadenbeweise  frei  bleiben  müßten.
Auf  verschiedene  Vorwürfe,  das  Gesetz  mit  großer  Heimlichkeit  vorbereitet
zu  haben,  entgegnet  Finanzminister  Miquel:  Man  habe  die  Handelskammern
  nicht  befragt,  um  nicht  eine  laute  Agitation  wie  bei  der  Bierund
  Tabaksteuer  hervorzurufen,  Sachverständige  seien  aber  befragt  worden.
Wenn  die  Steuer  auf  Titel  u.  s.  w.  zu  hart  erscheine,  so  könne  die  Krone
den  Stempel  erlassen.  Die  Mietsteuer  sei  unerheblich,  da  sie  kaum  1  Mill.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  20.)  49

bringen  werde,  während  die  Berliner  14  Mill.  betrug.  Abg.  v.  Eynern
(nl.)  hält  die  Vorlage  für  eine  schwere  Schädigung  des  Geschäftslebens).
Der  Gesetzentwurf  geht  an  eine  Kommission  von  21  Mitgliedern.

20.  Februar.  (Reichstag.)  Jesuitengesetz.  Verfassungsrechtliche
  Anträge.  Lage  der  weiblichen  Fabrikarbeiter.

Der  Antrag  Hompesch  (Z.)  auf  Beseitigung  des  Jesuitengesetzes
wird  ohne  Debate  mit  großer  Mehrheit  angenommen.

Es  folgt  die  zweite  Beratung  des  Antrages  Pachnicke,  Ancker
und  Auer  (vergl.  35,  43).  Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  greift  die  mecklenburgische
  Verfassung  heftig  an,  insbesondere  die  strelitzische,  deren  Finanzverwaltung
  äußerst  verbesserungsbedürftig  sei.  Abg.  v.  Buchka  (kons.)  und
der  mecklenburgische  Bevollmächtigte  v.  Oertzen  verteidigen  den  Rest  des
patriarchalischen  Regiments  in  Mecklenburg,  während  Abg.  Pachnicke  auf
die  allgemeine  Unzufriedenheit  in  Mecklenburg  mit  den  bestehenden  Verhältnissen
  hinweist.

Der  Antrag  Auer  wird  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten
abgelehnt,  der  Antrag  Ancker  gegen  die  der  Sozialdemokraten  und  Freisinnigen,
  der  Antrag  Pachnicke  gegen  die  genannten  und  einen  Teil  der
Nationalliberalen  und  Antisemiten.

Es  folgt  die  erste  Beratung  des  Antrags  Hitze  (Z.),  Erhebungen
anzustellen  über  die  Wirkungen  der  Fabrikarbeit  auf  die  Arbeiterinnen
und  ihre  Familien,  und  möglichste  Beschränkung  der  Arbeitszeit  für  weibliche
  Arbeiter  anzustreben.  Staatssekretär  v.  Bötticher:  der  Antragsteller
verfolge  dieselben  Ziele  wie  die  Regierungen.  Sie  hätten  bereits  die  Gewerbeaufsichtsbeamten
  aufgefordert,  nach  einem  bestimmten  Schema  sich  über
die  Lage  der  Arbeiter  genau  zu  orientieren  und  der  Reichsregierung  Mitteilung
  zu  machen.  Zunächst  sollten  die  einzelnen  Gewerbe,  in  denen  die
grellsten  Mißstände  hervorgetreten  seien,  untersucht  werden,  da  eine  allgemeine
  Enquete  zu  weitläufig  sein  würde.  Abg.  Schall  (kons.)  äußert  seine
Sympathie  zu  dem  Antrage  und  betont,  daß  die  Frau  vor  allem  ins
Haus  gehöre,  nicht  in  die  Fabrik.  Nach  der  Erklärung  des  Ministers  sei
hürk  d  Antrag  nicht  zeitgemäß,  und  die  Konservativen  lehnten  ihn  desalb

  ab.

20.  Februar.  (Berlin.)  Der  brandenburgische  Provinziallandtag
  beschließt  die  Einrichtung  einer  Landwirtschaftskammer.

20.  Februar.  (Württemberg.)  Der  König  eröffnet  in
Stuttgart  den  Landtag.  Thronrede.  Etat.

In  der  Thronrede  heißt  es  nach  der  „Köln.  Ztg.“:  Unter  den  Vorlagen
  tritt  die  Feststellung  des  Staatshaushalts  für  die  beiden  nächsten
Jahre  in  den  Vordergrund.  Trotz  der  Einhaltung  der  umsichtigen  Sparsamkeit
  zeigt  der  Abschluß  der  Voranschläge  für  die  neu  zu  beginnende
Finanzperiode  vorläufig  einen  größeren  Fehlbetrag,  der  hauptsächlich  veranlaßt
  ist  durch  die  steigenden  Ausgaben  für  die  Verzinsung  und  Tilgung
der  Staatsschuld  und  für  die  erhöhten  Leistungen  für  das  Reich.  Die  Vorschläge
  wegen  Ausgleichung  des  Fehlbetrages  bleiben  vorbehalten.  Zunächst
ist  der  Erfolg  der  fortgesetzten  Bemühungen  der  verbündeten  Regierungen
abzuwarten  für  eine  mäßige  Vermehrung  der  eigenen  Einnahmen  des
Reiches  die  Zustimmung  des  Reichstages  zu  erlangen.  Angekündigt  werden:
Eingreifende  Reformarbeiten  auf  dem  Gebiete  des  Finanzwesens,  insbesondere
ein  Gesetzentwurf,  betreffend  die  Einführung  einer  allgemeinen  progressiven
Einkommensteuer  mit  Freilassung  der  kleinern  Einkommen  und  Erlaubnis

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                         4
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        50  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  21.)

des  Abzuges  der  Schuldzinsen,  ferner  weitere  Entwürfe  betreffend  die  Umgestaltung
  der  Grund-,  Gebäude=  und  Gewerbesteuern,  sowie  der  Kapitalsteuer,
  sodaß  diese  Steuern  fortan  ausschließlich  fundierte  Einkommen  treffen.
Der  1894  unternommene  Versuch  einer  Abänderung  der  Verfassung  ist  erfolglos
  geblieben,  ein  weiteres  Vorgehen  der  Regierung  ist  bedingt  durch
die  Abänderung  der  Anschauungen  darüber,  was  als  erreichbares  Ziel  ins
Auge  gefaßt  werden  kann.  Ein  Gesetzentwurf  wegen  Wiedereinführung  des
Wahlkouverts  bei  den  Landtagswahlen  ist  vorbereitet.  Auf  dem  Gebiete
der  Gemeindeverwaltung  ist  eine  Vorlage  beabsichtigt,  durch  welche  für  die
größeren  Städte  eine  periodische  Wahl  der  Ortsvorsteher  unter  Uebertragung
des  Wahlrechts  auf  bürgerliche  Kollegien  eingeführt  werden  soll.  In
kleineren  Gemeinden  erscheint  die  Aufhebung  der  Lebenslänglichkeit  des
Ortsvorsteheramts  erst  möglich,  wenn  anläßlich  der  Einführung  des  Bürgerlichen
  Gesetzbuchs  die  Entlastung  der  Ortsvorsteher  von  den  bisherigen  Geschäften
  bewirkt  wird.  Durch  die  ins  Budget  eingestellte  Summe  zur  Förderung
  der  Hagelversicherung  soll  den  Landwirten  Erleichterung  bei  Versicherung
  ihrer  Feldfrüchte  verschafft  und  auf  die  Verallgemeinerung  der
Hagelversicherung  hingewirkt  werden.  Weitere  Forderungen  sind  auf  die
Weiterentwicklung  des  Feldbereinigungswesens  und  die  Hebung  der  Viehzucht,
  insbesondere  der  Pferdezucht  gerichtet.  Durch  die  ferner  vorgesehene
Gewährung  erheblicher  staatlicher  Zuschüsse  zu  den  Kosten  der  militärischen
Einquartierungen  wird  der  Landwirtschaft  treibenden  Bevölkerung  eine  fühlbare
  Erleichterung  erwachsen.  Der  Entwurf  eines  Gesetes  über  die  Benutzung
  der  öffentlichen  Gewässer  wird  unterbreitet  werden.  Alle  Maßnahmen
  der  Gesetzgebung  und  Verwaltung  versprechen  nachhaltigen  Erfolg
nur,  wenn  sie  unterstützt  werden  von  der  eigenen  Arbeit  und  dem  ernsten
Fleiße  der  beteiligten  Kreise.

Nach  dem  vom  „Staats-Anz.“  publizierten  Etat  beträgt  der  Ausgabenvoranschlag
  pro  1895/96  72  857  385  M  pro  1896/97  73577201  M
Die  Einnahmen  find  veranschlagt  pro  1895/96  auf  70057  385  M  pro
1896/97  70  554  450  M  ,  so  daß  sich  ein  Fehlbetrag  pro  1895/96  von
2800  000  und  pro  1896/97  von  3023751  M  ergibt,  welcher  unter  dem
ausdrücklichen  Vorbehalt  einer  späteren  Deckung  aus  Steuermitteln  vorläufig
  durch  Anleihe  gedeckt  werden  soll.

21.  Februar.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  der  Tabaksteuervorlage

  (vgl.  1894  S.  4).

Staatssekretär  des  Reichsschatzamtes  Graf  Posadowsky:  Von  der
letzten  Vorlage  unterscheide  sich  die  jetzige  in  mehrfacher  Beziehung.  So
dadurch,  daß  die  Steuer  diesmal  nicht  auf  Zigarrenimporte  ausgedehnt  ist,
letztere  vielmehr  einem  höheren  Zolle  unterworfen  werden.  Vor  allem  aber
dadurch,  daß  diesmal  ein  um  13  Millionen  Mark  niedrigerer  Betrag  in
Rechnung  gestellt  wird.  Ein  Bedürfnis  für  Erhöhung  der  Reichseinnahmen
bestehe  jedenfalls,  so  in  Höhe  von  20  Millionen  allein  schon  wegen  der
Mindereinstellungen  von  Ueberschüssen  aus  früheren  Jahren  und  wegen
voraussichtlicher  Wiedersteigerung  der  Getreidepreise  und  demgemäß  der
Naturalienkosten.  Auch  blieben  von  der  letzten  Militärvorlage  noch  8½
Millionen  zu  decken  und  außerdem  wüchsen  ja  die  Reichsausgaben  jährlich
um  4  Prozent.  Für  1896/97  sei  sonach  der  Mehrbedarf  auf  etwa  32  Millionen
  zu  schätzen.  Ein  künstliches  Defizit,  wie  man  es  behauptet  habe,  sei
nicht  geschaffen  worden,  umsoweniger,  als  wegen  Verlassens  des  alten  Veranschlagungsverfahrens
  bei  den  Einnahmen  künftig  auf  Ueberschüsse  nicht
mehr  in  dem  Maße  wie  früher  zu  rechnen  ist.  Für  den  Reichstag  liegt
jedenfalls  die  moralische  Verpflichtung  vor,  für  die  Deckung  zu  sorgen,  nach-
        <pb n="59" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  21.)  51

dem  er  die  Militärvorlage  genehmigt  und  auch  dem  durch  die  Handelsverträge
  bedingten  Ausfall  an  Einnahmen  zugestimmt  hat.  Redner  bekämpft
  sodann  die  anderweit  vorgeschlagenen  Reichs-Erbschaft  und  Reichs-Einkommensteuer,
  ebenso  wie  auch  die  Luxussteuern.  Nach  alledem  müsse
man  immer  wieder  auf  die  beiden  Steuerobjekte  zurückkommen:  Tabak  und
Bier.  Den  Genuß  von  Tabak  könne  man  sich  versagen,  sogar  zum  Vorteil
der  Gesundheit.  Und  auch  Bier  sei  ein  Luxusartikel,  wenigstens  soweit
der  Genuß  über  den  verständigen  Durst  hinausgeht.  Beim  Bier  kämen
aber  staatsrechtliche  Bedenken  in  Betracht,  denn  erhöhe  man  in  Norddeutschland
  die  Biersteuer,  so  würde  Süddeutschland  erhöhte  Aequivalente  dafür
zahlen  müssen,  und  das  hätte  dieselbe  Wirkung,  als  wenn  Süddeutschland
erhöhte  Matrikularbeiträge  zahlen  muß.  So  bleibe  also  nur  der  Tabak.
Wenn  man  von  den  intransigenten  Gegnern  der  Tabaksteuer  absehe,  so
gebe  es  doch  auch  gutwillige.  Diese  zögen  Zollerhöhungen  auf  Tabak  vor,
parallel  mit  einer  geringeren  Steuererhöhung.  Der  Gedanke  sei  schön,  aber
nicht  durchführbar,  denn  er  würde  den  Tabaksbau  zum  Erliegen  bringen.
Man  könne  den  Tabakszoll  nicht  nach  dem  Werte  bemessen.  Redner  bezeichnet
  ferner  als  undurchführbar,  gleichwie  in  England  den  heimischen
Tabaksbau  einfach  zu  verbieten  und  hohe  Tabakszölle  einzuführen.  Daher
ebe  es  also  nur:  entweder  Monopol  oder  Fabrikatsteuer.  Will  man  das

Monopol  nicht,  dann  bliebe,  um  höhere  Erträge  aus  dem  Tabak  zu  erzielen,
nur  die  Fabrikatsteuer.  Es  führe  kein  anderer  Weg  nach  Küßnacht.  Was
den  Konsum  anlange,  so  scheine  festzustehen,  daß  die  Zollerhöhung  von
1879  auf  denselben  nicht  eingewirkt  habe.  Ganz  haltlos  sei  daher  die
Versicherung  des  Fabrikantenvereins,  daß  der  Deutsche  nicht  mehr  pro  Kopf
für  seinen  Tabakgenuß  auszugeben  vermöge,  als  bisher.  Man  erinnere
sich  da  an  das  Bier.  Da  sei  doch  der  Verbrauch  pro  Kopf  seit  1879/80
um  7½  M—  pro  Jahr  gestiegen.  Das  Gerede  von  voraussichtlichen  Arbeiterentlassungen
  sei  also  nichts  als  die  unverantwortlichste,  frivolste  Hetze  gegen
die  Vorlage  der  verbündeten  Regierungen.  Wolle  man  keine  Fabrikatsteuer,
so  bleibe  nur  das  Monopol  übrig,  und  hierfür  sei  im  Reichstag  keine
Mehrheit  zu  finden.  Man  müsse  also  notgedrungen  mit  der  Tabaksfabrikatsteuer
  rechnen.  Es  handle  sich  bei  letzterer  darum,  ob  man  eine  Einheitssteuer
  oder  eine  prozentuale  Wertsteuer  einführen  wolle.  Die  Einheitssteuer
habe  dieselben  Fehler,  wie  die  jetzige  Gewichtssteuer;  die  Wertsteuer  sei  die
naturgemäße,  namentlich  für  die  billige  Zigarre,  die  ja  ⅜  des  Konsums
ausmache.  Man  sage,  der  Tabak  könne  keine  Steuererhöhungen  vertragen,
es  fehle  aber  an  jeder  Berechnung  darüber,  wie  viel  das  deutsche  Volk  für
seinen  Tabak  ausgeben  könne.  Der  ganze  Kampf  gegen  die  Vorlage  sei
nur  der  Kampf  der  Fünfpfennig-Zigarre  gegen  die  verbündeten  Regierungen.
Der  Weg,  der  hier  betreten  werden  solle,  sei  ein  sehr  einfacher  und  leicht
gangbarer.  Wer  auf  dem  Standpunkt  stehe,  daß  das  Deutsche  Reich  überhaupt
  keiner  neuen  Einnahme  mehr  bedürfe,  für  den  sei  auch  diese  Frage
erledigt;  wer  aber  dafür  halte,  daß  für  bewilligte  Ausgaben  die  Einnahmen
bewilligt  werden  müssen,  müsse  diese  Vorlage  prüfen.  Durch  Verweigerung
aller  Mittel  werde  dem  Vaterlande  der  größte  Schaden  zugefügt.

Abg.  Müller-Fulda  (Z.):  Das  Zentrum  billige  die  Erhöhung
des  Zolles,  aber  anfechtbar  sei  die  Art  der  Besteuerung  und  ferner  sei  zu
besorgen,  daß  viele  Tabak=  und  Zigarrenarbeiter  brotlos  werden  würden.
Abg.  Clemm  (nl.):  die  Agitation  der  Fabrikanten  gegen  das  Gesetz  sei
unberechtigt,  insbesondere  die  Behauptung,  daß  zahlreiche  Arbeiter  entlassen
werden  müßten,  denn  die  Industrie  solle  die  34  Millionen,  welche  der  Gesetzentwurf
  fordert,  nicht  ersparen,  sondern  der  Konsument  solle  sie  bezahlen.
Abg.  Frese  (frs.  Vg.):  Die  Folge  erhöhten  Zolles  werde  eine  Ueberpro-                                                                          4*
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        52  das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  21.—22.)

duktion  sein  und  die  Lage  der  Tabaksbauer  werde  verschlechtert  werden.
Die  Frage  der  Arbeiterentlassung  habe  der  Vorredner  zu  leicht  behandelt.
Abg.  Förster-Reuß  (Soz.):  Die  Steuer  wolle  die  Fünfpfennig-Zigarre
treffen,  den  Hauptverbrauchsartikel  des  Volks.  Die  Konsumtion  werde  sich
bei  wachsender  Steuer  verringern  und  die  Abnahme  der  Fabrikanten  schließlich
  zum  Monopol  führen.  Abg.  Zimmermann  (Antis.)  ist  gegen  den
Gesetzentwurf,  weil  er  wie  alle  indirekten  Steuern  die  schwächeren  Schultern
treffen  werde.  Größere  Einnahmen  würde  die  Regierung  vom  Antrag
Kanitz  und  einer  Reichseinkommensteuer  haben.

21.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Etat.  Köller
über  Theater,  Entscheidungen  des  Oberverwaltungsgerichts  und  die

offiziöse  Presse.

Auf  eine  Bemerkung  des  Abg.  v.  Heeremann  (Z.)  über  unsittliche
Bühnenstücke  erklärt  Minister  des  Innern  v.  Köller:  Die  Theater  seien
in  den  letzten  Jahren  aus  Bildungsstätten  zu  Erwerbsquellen  geworden
und  fügten  der  öffentlichen  Moral  großen  Schaden  zu.  Unsittliche  Aufführungen
  zu  verhindern  sei  der  Polizei  aber  nicht  immer  möglich,  da  das
Oberverwaltungsgericht  ihre  Entscheidungen  gelegentlich  wieder  aufhöbe.
„So  haben  die  Polizeibehörden  in  richtiger  Erkenntnis,  daß  das  Stück
„Die  Weber“  nicht  auf  die  Bühne  gehört,  dasselbe  verboten.  Dann  wurde  Beschwerde
  gegen  das  Verbot  erhoben,  die  Sache  ist  an  das  Oberverwaltungsgericht
  gegangen  und  dasselbe  hat  in  zwei  Fällen  die  polizeiliche  Verfügung
aufgehoben.  Das  Oberverwaltungsgericht  kann  ja  niemals  generell  entscheiden,
  sondern  die  Entscheidung  betrifft  immer  nur  einen  einzelnen  Fall.
Ich  hoffe,  daß  die  Polizeibehörden  im  Lande  immer  wieder  von  neuem  mit
diesem  Verbote  kommen,  und  es  wird  dann  nicht  ausbleiben,  daß  auch  das
Oberverwaltungsgericht  seinerseits  anders  urteilt.  Hier  möchte  ich  aber
öffentlich  derjenigen  Polizeibehörde  im  Lande,  die  vor  zehn  Tagen  „die
Weber“  von  neuem  untersagt  hat,  meinen  Dank  aussprechen“.

Abg.  Rickert  (frs.  Vg.)  greift  den  Minister  scharf  an,  weil  er  mit
diesem  Vorgehen  das  Ansehen  der  Gerichte  untergrabe.  Dem  Minister
stimmen  zu  die  Abgg.  Graf  Limburg  (kons.)  und  v.  Heeremann  (Z.),
während  Abg.  Hobrecht  (nl.)  Bedenken  gegen  die  Kritik  des  Ministers  an
den  gerichtlichen  Beschlüssen  erhebt.  Minister  v.  Köller  entgegnet,  er  habe
keine  Kritik  üben,  sondern  seinen  Polizeibehörden  nur  eine  Direktive  geben

wollen.

Auf  eine  Anfrage  des  Abg.  Dr.  Arendt  (fk.),  ob  die  Regierung
allein  die  „Berliner  Korrespondenz“  als  offiziöses  Organ  benütze
oder  auch  mit  der  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  und  den  „Berl.  Polit.  Nachr.“
Beziehungen  unterhalte,  antwortet  Minister  v.  Köller,  durch  die  „Berl.
Korresp.“  wolle  die  Regierung  der  Presse  sichere  Nachrichten  zugehen  lassen,
aber  das  schließe  nicht  aus,  daß  sie  gelegentlich  einmal  auch  einem  anderen
Blatte  Nachrichten  zugehen  lasse.

22.  Februar.  (Reichstag.)  Tabaksteuer.

Abg.  Bassermann  (nl.):  Die  Vorlage  werde  die  leistungsunfähigsten
Klassen  treffen  und  durch  Verteuerung  des  Fabrikats  einen  Verbrauchsrückgang
  hervorbringen.  Eine  Mehreinnahme  aus  dem  Tabak  könne  nur  durch
Erhöhung  des  Zolles  auf  ausländischen  Tabak  erzielt  werden.  Staatsminister
von  Sachsen-Meiningen  v.  Heim  plaidiert  für  die  Vorlage  im  Interesse
der  Kleinstaaten,  damit  diese  von  der  Erhöhung  der  Matrikularbeiträge
befreit  würden;  eine  Erhöhung  der  Einkommensteuer  sei  ihnen  unmöglich.
Abg.  Pöhlmann  (Hosp.  der  Kons.)  spricht  für  die  Vorlage,  wenn  er
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  22.)  53

auch  Bedenken  gegen  die  Kontrollmaßregeln  hat  und  ein  Rückgehen  des
Konsums  und  damit  eine  Schädigung  der  kleinen  Fabrikanten  befürchtet.
Auch  Fabrikanten  hätten  geäußert,  daß  der  Tabak  die  30  Millionen  tragen
könne.  Abg.  v.  Hammerstein  (Dkons.)  will  anstatt  der  Tabaksteuer  lieber
eine  Biersteuer  einführen.  Abg.  v.  Elm  (Soz):  Die  Vorlage  strebe  zum
Monopol  und  schädige  die  ohnehin  gedrückte  Lage  der  Tabakarbeiter  noch
mehr,  von  denen  mindestens  35000  entlassen  werden  müßten.

Der  Gesetzentwurf  wird  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten,
freisinnigen  Volkspartei  und  Antisemiten  an  eine  Kommission  von  28  Mitgliedern
  verwiesen.

Statistisches  über  Tabaksbau  und  Tabakshandel.

Während  der  zehn  Jahre  1884  bis  1893  sind  durchschnittlich  jedes
Jahr  18593  Hektar  in  Deutschland  mit  Tabak  bebaut  worden,  und  von
diesem  Durchschnitt  kommen  34  Prozent  auf  die  Pfalz,  22  Prozent  auf  das
badische  Oberland,  16  Prozent  auf  die  Uckermark  und  Odermündung,  10
Prozent  auf  Elsaß-Lothringen  und  3  Prozent  auf  die  Gegend  von  Fürth
und  Nürnberg.  Geerntet  wurden  im  Jahre  1893  32082  To.  (zu  1000
Kilogr.)  oder  2,11  To.  auf  1  Hektar  gegen  1,99  To.  im  Durchschnitt  der
Jahre  1884/95;  trotz  der  großen  Trockenheit  während  des  Frühjahrs  und
der  ersten  Sommerhälfte  hat  sich  der  Menge  nach  1893  im  Allgemeinen
eine  gute  Mittelernte  ergeben,  während  die  Beschaffenheit  des  geernteten
Tabaks  fast  überall  vollständig  befriedigte.  Dieser  ist  daher  bei  reger  Nachfrage
  von  den  Pflanzern  in  der  Regel  leicht  und  zu  annehmbaren  Preisen
abgesetzt  worden.  Der  mittlere  Preis  für  100  Kilogr.  der  1893  geernteten
trockenen  Tabaksblätter  ist  einschließlich  der  Steuer  zu  82,3  M  festgestellt
gegen  77  M  für  den  10jährigen  Durchschnitt.  Nach  Abzug  der  Steuer  ergibt
  sich  danach  für  die  Tabaksernte  des  Jahres  1893  ein  Geldertrag
von  nahezu  15  Millionen  oder  von  985  M  auf  1  Hektar  der  mit
Tabak  bepflanzten  Fläche  gegen  823  4M  im  10jährigen  Durchschnitt.  Die
Einfuhr  von  unbearbeiteten  Tabaksblättern  ist  in  den  letzten  10  Jahren
fast  ununterbrochen  gestiegen  und  betrug  1893/94  47688  Tonnen.  An
Zigarren  und  Zigaretten  sind  in  diesem  Jahre  aus  dem  Auslande  eingeführt
  worden  482  To.,  dagegen  nach  dem  Auslande  ausgeführt  362  To.
Für  die  Gesamteinfuhr  von  Tabak  und  Tabaksfabrikaten  im  Jahre  1893/94
ist  ein  Wert  von  89,8  Mill.  Mark,  für  die  Ausfuhr  von  4,3  Mill.  Mark
berechnet  worden;  von  den  neun  Vorjahren  weist  keines  einen  so  niedrigen
Wert  der  Ausfuhr,  und  nur  eines  (1890/91)  einen  höheren  Wert  der  Einfuhr
  auf.  Als  Ertrag  der  Abgaben  von  Tabak  ergeben  sich  für  das  deutsche
Zollgebiet  im  ganzen  56  Mill.  Mark  oder  1,09  J  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung.


22.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Kultusetat.
Paritätsdebatte  (vgl.  28,  55  u.  1894).  Statistik  über  den  Besuch

der  höheren  Schulen.

Abg.  Dauzenberg  (3.)  klagt  über  mangelhafte  Parität.  In  überwiegend
  katholischen  Gegenden  müßten  überwiegend  katholische  Beamte  angestellt
  werden.  Der  Friede  zwischen  den  Konfessionen  sei  noch  nicht  erreicht;
  was  die  Katholiken  erlangt  hätten,  sei  nach  den  Worten  des  Papstes
nur  ein  aditus  ad  pacem,  nicht  der  Friede  selbst.  Kultusminister  Dr.
Bosse:  Der  konfessionelle  Friede  werde  durch  Anführung  so  vieler  kleiner
Beschwerden  nicht  gefördert.  Die  Zahl  der  katholischen  Räte  zu  vermehren
sei  kein  Anlaß;  in  den  höchsten  Beamtenstellen  säßen  seit  dem  letzten  Jahre
mehrere  Katholiken  und  auch  in  den  Provinzialbehörden  werde  das  Ver-
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        54  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  22.—.23.)

hältnis  der  Konfessionen  berücksichtigt.  „Wir  haben  aber  nicht  immer  die
nötigen  Männer  katholischen  Glaubens.  Ich  habe  hier  vor  mir  eine
Statistik,  von  der  ich  eigentlich  glaubte,  daß  ich  sie  erst  bei  den  höheren
Schulen  zur  Sprache  bringen  wollte,  aber  sie  paßt  auch  jetzt  ganz  gut
hierhin.  Sie  beweist,  daß  die  deutschen  höheren  Lehranstalten  vom  katholischen
  Teil  der  Bevölkerung  relativ  weniger  besucht  werden  als  vom  evangelischen,
  und  diese  Erfahrung  zeigt  sich  nicht  nur  in  dem  überwiegend  protestantischen
  Preußen,  sondern  auch  in  dem  überwiegend  katholischen  Bayern  und
Elsaß-Lothringen.  In  Preußen  kam  im  Jahre  1890  ein  evangelischer
Schüler  auf  198  evangelische  Einwohner,  ein  katholischer  Schüler  auf  366
katholische  Einwohner.  In  Bayern  sind  die  betreffenden  Zahlen  150  und
236,  in  Elsaß-Lothringen  103  und  355.  Die  Ursachen  sind  ebenso  schwer
zu  ergründen  als  kompliziert.  Die  Statistik  für  die  Juden  stellt  sich  dagegen
  für  Preußen  1:  30,  für  Bayern  1:27,  für  Elsaß-Lothringen  1:  49.
Dasselbe  ergibt  sich  aus  den  Universitätsstatistiken,  und  alle  diese  Differenzen
zeigten  den  Rückstand  der  katholischen  Konfession  bis  zum  Universitätsstudium
  hinauf;  sie  zeigen,  daß  das  Streben  nach  wissenschaftlicher  Ausbildung
  aus  irgend  welchen  Gründen  bei  den  Katholiken  weniger  entwickelt
ist  als  bei  den  Protestanten.  Auf  dem  Kölner  Katholikentag  haben  auch
in  der  That  zwei  Redner  eine  Mahnung  in  diesem  Sinne  ergehen  lassen.“
(Vgl.  Jhrg.  1894  S.  137.)

22.  Februar.  Urteile  des  Deutschen  Handelstages
über  Reichstagsbeschlüsse.

Der  Deutsche  Handelstag  spricht  sich  im  Hinblick  auf  den  Antrag
Mirbach  (vgl.  S.  44)  gegen  jede  Aenderung  in  der  Währung  aus;  den
Gesetzentwurf  zur  Bekämpfung  des  unlauteren  Wettbewerbes  erklärt  er  für
eine  brauchbare  Grundlage,  hält  aber  eine  eingehende  Ueberarbeitung  für
notwendig.  Ferner  verwirft  er  die  Kündigung  des  Handelsvertrages  mit
Argentinien  und  die  Erhöhung  des  Zolles  auf  Quebrachoholz  und  andere
überseeische  Gerbstoffe  (vgl.  S.  27).

22.  Februar.  (Württemberg.)  Der  Landtag  wählt  Payer
(Volksp.)  zum  Präsidenten,  Dr.  Kinne  (Z.)  zum  Vizepräsidenten.

23.  Februar.  (Berlin.)  Auf  einem  Diner  des  Brandenburgischen
  Provinziallandtags  erwidert  der  Kaiser  auf  eine  Ansprache
  des  Oberpräsidenten  Dr.  v.  Achenbach:

„Die  eben  vernommenen  Worte  Ihres  verehrten  Herrn  Ober-Präfidenten
  haben  aufs  neue  die  Gesinnungen  der  Treue  und  Anhänglichkeit
Meiner  Märker  zum  Ausdruck  gebracht.  Von  ganzem  Herzen  danke  Ich
Ihnen  dafür.  Solche  Gesinnungen  sind  in  so  schweren  Zeiten  doppelt
wert  und  find  für  Mich  in  Meinem  dornenvollen  Amt  eine  Erquickung  und
Unterstützung.  Denn  sie  bedeuten  das  Vertrauen,  welches  Sie  in  Ihren
Markgrafen  setzen,  und  das  Vertrauen  bedeutet  hinwiederum  die  Lust  zur
Mitarbeit  und  zur  Unterstützung;  und  das  ist  es,  was  Mir  Meine  Aufgabe
am  meisten  zu  erleichtern  im  stande  ist,  wenn  Mein  ganzes  Volk  sich  entschließt,
  auch  mit  der  That  seinem  Landesvater  fördernd  zur  Seite  zu  stehen.
Die  Fragen,  welche  im  Augenblick  die  Gemüter  bewegen,  betreffen  vorwiegend
  den  Bauernstand.  Wie  dieselben  angefaßt  werden  sollen,  ist  Ihnen
zur  Genüge  aus  Meinen  letzten  Auslassungen  bekannt.  Ich  hoffe  von
ganzem  Herzen,  daß  es  Mir  gelingen  wird,  dauernd  Nützliches  für  Sie  zu
schaffen,  und  mit  ganzer  Kraft  will  Ich  dafür  eintreten.  Ich  möchte  aber
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  23.—26.)  55

dringend  davor  warnen,  überspannte  Hoffnungen  zu  hegen  oder  gar  die
Verwirklichung  von  Utopien  zu  verlangen.  Kein  Stand  kann  beanspruchen,
auf  Kosten  der  anderen  besonders  bevorzugt  zu  werden;  des  Landesherrn
Aufgabe  ist  es,  die  Interessen  aller  Stände  gegen  einander  abzuwägen  und
mit  einander  zu  vermitteln,  damit  das  allgemeine  Interesse  des  großen
Vaterlandes  dabei  gewahrt  bleibe.  Auf  dem  heutigen  Tage  ruht  noch  ein
Schimmer  des  Tages  von  Friesack.  Möge  uns  der  Blick  auf  jenen  ernsten,
schlichten,  erzgerüsteten  Mann  daran  erinnern,  daß  nur  im  Zusammenwirken
von  Fürst  und  Volk  der  Erfolg  verbürgt  ist.  Im  Begriff,  in  die  Feier
der  25jährigen  Wiederkehr  der  Neuerrichtung  des  geeinten  Vaterlandes
einzutreten,  mögen  wir  dessen  eingedenk  sein,  wie  nur  die  gemeinsame  Arbeit
aller  deutschen  Stämme  und  ihrer  Fürsten  das  Reich  gebaut.  Unvergänglich
  ist  dabei  der  Ruhm  der  Brandenburger,  vor  allem  an  jenem  glorreichen
  16.  August.  In  Erinnerung  hieran  und  mit  dem  alten  Rufe,  mit
dem  die  reisigen  Scharen  Berlins  einst  den  Hohenzollern  zu  manchem

Strauß  gefolgt  sind:

„Berlin  alleweil  vorne  voran“
erhebe  ich  mein  Glas  und  leere  es  auf  das  Wohl  der  Mark  und  Meiner
Brandenburger“.

23.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Kultusetat.

Paritätsdebatte.  Ordensniederlassungen.

Abg.  Dasbach  (3.)  verlangt  größeres  Entgegenkommen  gegen  die
katholischen  Ordensschwestern  und  Berücksichtigung  der  polnischen  Sprache
im  Religionsunterricht.  Abg.  Schröder  (Pole):  Nicht  der  Kreisschulinspektor,
  sondern  die  Familie  müsse  entscheiden,  welche  Kinder  am  polnischen
  Unterricht  teilnehmen  sollten.  In  den  westpreußischen  Schulen  herrsche
Imparität.  Kultusminister  Dr.  Bosse:  Die  Klagen  über  Imparität  in
Westpreußen  seien  unbegründet,  1892—95  seien  dort  mit  Staatshilfe  48
evangelische  und  54  katholische  Schulen  gegründet.  Den  Ordensniederlassungen
  komme  die  Regierung  entgegen,  so  waren  1882  in  Preußen  890
Ordensniederlassungen  mit  7248  Mitgliedern  vorhanden,  Ende  1893  dagegen
  1215  Niederlassungen  mit  14  044  Mitgliedern.  Abg.  Hauptmann
(Z.)  erklärt  die  geringe  Anzahl  von  Katholiken  in  den  oberen  Stellen
daraus,  daß  alle  maßgebenden  Stellen  mit  Mitgliedern  der  geheimen  nationalen
  und  internationalen  Gesellschaften  besetzt  seien,  die  ihren  Einfluß  mißbrauchten.


23.  Februar.  (Ostpreußen.)  Reichstagsersatzwahl.

Im  Wahlkreise  Lyck-Johannisburg-Oletzko  werden  abgegeben  17  695
Stimmen.  Hiervon  erhält  Oberpräsident  Graf  von  Stolberg  in  Königsberg
  (kons.)  12  259  Stimmen,  Bauernhofbesitzer  Dau  in  Hohenstein  (freif.)
3889,  Gutsbesitzer  Ebhard  in  Kommorowen  (Soz.)  1436,  Gutsbesitzer  von
Borcke  in  Tolsdorf  (Bund  der  Landwirte)  107,  zersplittert  4  Stimmen.

alnnt  Graf  v.  Stolberg  hatte  sich  vor  der  Wahl  für  den  Antrag  Kanitz
erklärt.

25./26.  Februar.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  des  Gesetzentwurfs,
  betr.  anderweite  Ordnung  des  Finanzwesens.

Staatssekretär  Graf  Posadowsky:  Der  Grund,  warum  dieser
Gesetzentwurf  zum  zweiten  Mal  vorgelegt  werde,  liege  in  den  großen
Schwankungen  zwischen  den  Ueberweisungen  und  den  Matrikularbeiträgen
der  Einzelstaaten.  Die  Vorlage  mache  noch  geringere  finanzielle  Ansprüche
als  die  vorige,  man  habe  sie  deshalb  in  der  Presse  die  kleine  Finanzreform
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        56  Das Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  25.)

genannt.  Die  kleineren  Staaten  fühlten  die  Schwankungen  zwischen  Ueberweisungen
  und  Matrikularumlagen  noch  schwerer  als  Preußen;  sie  müßten
oft  alle  Kulturaufgaben  zurückstellen,  um  dem  Reich  zu  genügen.  Die
Ueberweisungen  seien  früher  ganz  stattlich  gewesen,  mit  der  Zeit  sei  man
aber  zu  Zuzahlungen  gekommen.  Der  Gesetzentwurf  wolle  die  Einzelstaaten
davor  sichern,  daß  sie  mehr  Matrikularumlagen  zahlten,  als  sie  an  Ueberweisungen
  erhielten.  Man  hätte  die  Vorlage  einen  Automaten  genannt;
der  automatische  Weg  sei  aber  der  einzige,  um  das  gesteckte  Ziel  sicher  zu
erreichen.  Die  Franckensteinische  Klausel  müsse  aufrecht  erhalten  bleiben.
Ihr  Zweck  sei,  die  Bundesstaaten  für  die  ihnen  entgangenen  indirekten
Steuern  schadlos  zu  halten.  Bei  dem  jetzigen  Gesetze  würde  man  auch  dasselbe
  erreichen,  wie  durch  Aufhebung  der  clausula  Franckenstein.  Man
frage  nun  vielfach:  „Würde  es  nicht  völlig  genügen,  die  wirtschaftlichen
Ueberschüsse  des  Reiches  in  den  Ausgleichungsfonds  zu  legen?"  Das  müsse
er  aber  verneinen.  Die  Ueberschüsse  seien  doch  außerordentlich  unsicher,  da
sie  zum  größten  Teil  aus  den  Getreidezöllen  kämen,  und  diese  sehr  schwankend.
Der  Staatssekretär  schildert  die  Schwierigkeiten  der  Reichs-Finanzverwaltung,
namentlich  bei  der  Aufstellung  des  Etats.  Vor  allem  sei  es  Aufgabe  des
Schatzsekretärs,  das  Reich  vor  weitergehender  Verschuldung  zu  schützen;  der
Reichstag  habe  das  Bestreben,  neue  Steuern  zu  vermeiden  und  lieber  das
Extraordinarium  zu  belasten.  Wolle  man  die  Reichs-Finanzverwaltung
stärken,  so  könne  man  es  nur  auf  organisatorischem  Wege,  und  das  werde
durch  die  Vorlage  erreicht.  Die  Deckung  solle  auch  durch  die  Erträgnisse
der  Tabakssteuer  erfolgen.  Daß  die  Einnahmen  des  Reichs  erhöht  werden
müssen,  sehe  man  allgemein  ein,  obwohl  einige  Parteien  sagten,  sie  hätten
nicht  für  die  Militärvorlage  gestimmt  und  brauchten  daher  auch  nicht  für
neue  Mittel  zu  sorgen.  Die  große  Vermehrung  der  Schuldenlast  sei  nur
die  Folge  einer  nicht  genügenden  Anspannung  der  Steuerkraft.  Die  Börsensteuer
  habe  man  ja,  aber  weiter  nichts.  Die  Erhöhung  des  Postzeitungstarifs,
  die  Wehrsteuer,  seien  nicht  acceptabel,  es  bliebe  nur  die  Tabaksfabrikatsteuer.
  Gegen  das  Monopol  verwahre  er  sich  entschieden.  Ohne
neue  Einnahme  könne  der  Reichsetat  schon  jetzt  nicht  balanciert  werden.

Abg.  Richter  (frs.  Bp.)  ist  gegen  das  Gesetz,  das  am  besten  gar
nicht  weiter  beraten  werde;  eventuell  solle  es  der  Tabaksteuerkommission  zugewiesen
  werden.  Für  die  Vorlage  treten  ein  der  bayer.  Bundesratsbevollmächtigte
  v.  Stengel,  der  meiningsche  v.  Heim  und  der  weimarische
Heerwart,  die  in  Anbetracht  der  übeln  Finanzlage  der  Einzelstaaten
dringend  die  Annahme  empfehlen.  Abg.  Dr.  Lieber  (3.);  die  jetzige  Vorlage
  kehre  wieder  ohne  die  Dotation  von  40  Mill.  Mark  und  verlange  nur,
daß  die  Matrikularbeiträge  niemals  höher  werden  als  die  Ueberweisungen,
dadurch  werde  sie  annehmbar.  Aber  nur  auf  5  Jahr  diesen  Modus  einzuführen,
  könne  das  Zentrum  nicht  billigen.  Die  geschichtliche  Erinnerung
an  die  wertvolle  Franckensteinsche  Klausel  dürfe  nicht  verblassen.  Am
folgenden  Tage  wird  die  Vorlage,  nachdem  sich  noch  Abg  Eneccerus  (nl.)
dafür  ausgesprochen  hat,  an  die  Tabaksteuerkommission  verwiesen.  (Vgl.
v.  Mayr,  Die  Reichsfinanzreform.  Vierteljahrsschr.  f.  Staats=  u.  Volkswirtsch.
  Bd.  4.)

25.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Kultusetat.
Stellung  der  Hülfslehrer.

Abg.  Seyffardt  (ul.):  im  vorigen  Jahre  habe  ein  Kommissar  des
Finanzministers  behauptet,  daß  an  den  höheren  Schulen  der  Norm  nach
höchstens  zwei  Hilfslehrer  beschäftigt  seien.  Dem  sei  aber  nicht  so;  es  gebe
augenblicklich  47  höhere  Schulen,  davon  sechs  königliche,  an  denen  diese
        <pb n="65" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  25.—27.)  57

Norm  überschritten  sei.  Geh.  Finanzrat  Germar  bestreitet,  daß  die  Norm
von  zwei  Hilfslehrern  an  den  höheren  Schulen  überschritten  worden  sei,
wenn  auch  an  einzelnen  Schulen  mehr  Hilfskräfte  vorhanden  sein  mögen.
Im  Großen  und  Ganzen  könne  man  sagen,  daß  die  Verhältnisse  gegen
früher  sich  erheblich  gebessert  haben,  denn  es  gebe  nur  wenige  Hilfslehrer,
welche  keine  Remuneration  erhalten.  Die  Staatsregierung  sei  durchaus  in
Uebereinstimmung  mit  den  Wünschen  des  Hauses  in  dieser  Sache  verfahren.
Geh.  Rat  Wehrenpfennig  führt  statistisches  Material  über  die  Lage  der
Lehrer  an:  Es  sind  augenblicklich  1565  Hilfslehrer  im  ganzen  vorhanden;  277
an  staatlichen  und  428  an  nichtstaatlichen  Lehranstalten  sind  mit  einer
Remuneriation  von  15—1800  M  beschäftigt,  205  mit  weniger;  193  sind
gegen  Remuneration  an  Mittelschulen  und  ähnlichen  nichtöffentlichen  Schulen
eschäftigt;  147  sind  nicht  beschäftigt,  weil  sie  ihren  Wohnort  nicht  verlassen
  wollten  und  in  der  finanziellen  Lage  waren,  noch  warten  zu  können.
Es  bleiben  nur  4  500  Hilfslehrer  übrig,  welche  anderweitig  untergebracht
sind,  zum  Teil  als  Hauslehrer  im  Auslande  u.  s.  w.  50—860  sind  in  den
einzelnen  Provinzen  ohne  Beschäftigung.  Die  große  Mehrzahl  der  Hilfslehrer
  ist  also  untergebracht  und  in  4  Jahren  ungefähr  wird  von  einem
Notstande  nicht  mehr  die  Rede  sein,  von  der  Rheinprovinz  z.  B.  kann  man
das  jetzt  schon  sagen.
In  der  weiteren  Debatte  verlangen  die  Abgg.  Wetekamp  (fsri.
Vg.)  und  Dittrich  (3.)  Gleichstellung  der  Lehrer  mit  den  Richtern,  Abg.
Gr.  Moltke  (fr.kon#.)  wünscht  eine  schnellere  Anstellung,  Abg.  Sattler
(nl.)  möchte  die  Hilfslehrer  am  liebsten  beseitigen,  was  Geh.  Rat  Germar
für  unmöglich  erklärt.
(Vgl.  zu  dieser  Frage  „Preuß.  Jahrbücher"  Bd.  80.  S.  168,
378,  553).

25.  Februar.  (Königsberg.)  Der  ostpreußische  Provinziallandtag
  beschließt  mit  44  gegen  23  Stimmen  die  Errichtung  einer
Landwirtschaftskammer.

26.—27.  Februar.  Der  Kaiser  reist  nach  Wien  zum  Begräbnis
  des  Erzherzogs  Albrecht.

27.  Februar.  (Reichstag.)  Anträge  Auer,  Colbus,  Hitze.
Judenfrage.

Die  Anträge  Auer,  Colbus  und  Genossen  über  die  Aufhebun
des  Diktaturparagraphen  (vgl.  S.  32)  werden  bei  außerordentlich  schwa
besetztem  Hause  angenommen.  Hierauf  wird  der  Antrag  Hihe  (vgl.  S.  48)
nach  einigen  Bemerkungen  der  Abgg.  Molkenbuhr  (Soz.)  und  Schall
(kons.)  angenommen.

Es  folgt  die  Beratung  des  Antrages  der  Abgg.  v.  Hammerstein
und  v.  Manteuffel  auf  Vorlegung  eines  Gesetzentwurfs,  nach  welchem
Israeliten,  die  nicht  Reichsangehörige  sind,  die  Einwanderung  über  die
Grenzen  des  Reiches  untersagt  wird,  in  Verbindung  mit  der  ersten  Beratung
des  von  den  Abgg.  Liebermann  von  Sonnenberg,  Zimmermann  und
Genossen  eingebrachten  Gesetzentwurfs,  der  außerdem  der  Regierung  die  Befugnis
  erteilt,  ausländische  Juden,  die  nicht  ein  selbständiges  Gewerbe  betreiben,
  auszuweisen.  Abg.  Jacobskötter  (kons.):  Deutschland  bedürfe
keiner  Einwanderung.  Wir  wollen  die  Einwanderung  fremder  Juden  hindern,
  weil  wir  mit  den  im  Lande  bereits  befindlichen  die  Erfahrung  gemacht
haben,  daß  sie  auf  das  gesamte  öffentliche  Leben  nicht  günstig  eingewirkt,
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        58  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  27.)

besonders  das  Erwerbsleben  auf  das  allerungünstigste  beeinflußt  haben.
Abg.  Bindewald  (Antis.):  Die  Juden  beuteten  begünstigt  durch  das
römische  Recht  die  Bauern  überall  aus.  Abg.  Vogtherr  (Soz.):  Man
dürfe  nicht  alle  Juden  wegen  Vergehen  Einzelner  verurteilen.  Es  handle
sich  hier  nicht  um  Rassefragen,  sondern  um  Wirtschaftsprobleme,  jüdisches
und  christliches  Großkapital  seien  identisch  und  verwerflich.  Abg.  Paasche
(nl.)  ist  gegen  jedes  Ausnahmegesetz,  also  auch  gegen  diese  Anträge.

27.  Februar.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Interpellation

  über  die  Beschaffung  künstlichen  Düngers.

Abg.  Paasche  (ul.),  v.  Huene  (3.)  und  Genossen  bringen  folgende
Interpellation  ein:  „Gedenkt  die  Staatsregierung  baldigst  Schritte  zu  thun,
um  bei  der  jetzigen  Notlage  der  Landwirtschaft  die  Verwendung  künstlicher
Düngemittel  zu  erleichtern  a)  durch  weitere  Ermäßigung  der  Eisenbahnfrachtsätze
  für  alle  Arten  künstlicher  Dünger  auch  für  kürzere  Entfernungen,
b)  durch  möglichste  Herabsetzung  der  Grundpreise  für  die  von  den  fiskalischen
  Werken  gelieferten  Kali-Rohsalze?"“  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten
Thielen:  Bezüglich  der  Ermäßigung  der  Frachten  für  die  Düngemittel
kann  ich  erklären,  daß  die  Staatsregierung  in  Rücksicht  auf  die  zur  Zeit
bedrängte  Lage  der  Landwirtschaft  bereit  ist,  eine  von  ihr  vor  der  Einbringung
  der  Interpellation  erwogene  Maßregel  sofort  zur  Ausführung  zu
bringen  (Beifall  rechts),  und  vom  1.  März  d.  J.  bis  zum  1.  Mai  1897  die
Fracht  für  sämtliche  in  den  Staatsbahntarifen  enthaltene  Düngemittel.
auf  alle  Entfernungen  um  20  Prozent  zu  ermäßigen  (Lebhafter  Beifall
rechts);  wobei  sie  sich  vorbehalten  muß,  bezüglich  derjenigen  Dungstoffe,
welche  auch  zu  anderen  Zwecken  verwendet  werden,  den  Nachweis  der  Verwendung
  für  Landwirtschaftszwecke  zu  verlangen.  Handelsminister  v.  Berlepsch:
  Die  Vorlage  über  die  Erwerbung  aller  Kalibergwerke  und  alleinige
Erbohrung  des  Kalisalzes  durch  den  Staat  (Jahrg.  1894  S.  110,  327)  sei
wesentlich  aus  dem  Grunde  eingebracht  worden,  um  der  Landwirtschaft  ausreichende
  Kalimengen  zu  sichern.  Ob  der  Kalipreis  ermäßigt  werden  könne,
hänge  von  dem  Selbstkostenpreis  ab.  Wenn  die  Staatsregierung  allein  in
der  Lage  wäre,  die  Preise  herabzusetzen,  würde  sie  es  gerne  thun,  allein
die  Preise  hingen  von  den  Beschlüssen  des  Kali-Sydikats  ab,  dessen  Vertrag
  erst  im  Jahre  1898  ablaufe.  Er  würde  illoyal  handeln,  wenn  er  die
Privatwerke  zu  einer  Herabsetzung  zwingen  wollte.  Es  bleibe  noch  die
Auflösung  des  Vertrages  möglich,  die  aber  aus  praktischen  Gründen  unthunlich
  sei.  An  gutem  Willen  fehle  es  der  Regierung  nicht,  und  sie  wolle
auch  den  Versuch  machen,  in  irgend  einer  Weise  den  Wünschen  der  Landwirtschaft
  entgegenzukommen.  Eine  Besprechung  finde  nicht  statt.

Februar.  Enthüllungen  über  Bismarcks  politische  Stellung

vor  1862.

In  einem  ungefähr  1861  geschriebenen  Schriftstück  des  vorigen
Königs  von  Belgien,  das  in  dem  4.  Bande  der  Denkwürdigkeiten  Th.  von
Bernhardis  (Berlin,  Herz)  abgedruckt  ist,  wird  behauptet,  daß  Herr  von
Bismarck  seiner  Zeit  vorgeschlagen  hätte,  durch  Abtretung  deutschen  Landes
an  Frankreich  eine  Vergrößerung  Preußens  in  Deutschland  herbeizuführen.
Die  „Hamb.  Nachr.“  dementieren  diese  Behauptung  und  weisen  darauf
hin,  daß  der  König  v.  Belgien,  der  in  einem  preußisch-österreichischen  Bündnisse
  seine  beste  Stütze  gegen  Frankreich  sah,  Bismarcks  Opposition  gegen
Oesterreich  während  seiner  Frankfurter  Zeit  mit  Unruhe  sah  und  Friedrich
Wilhelm  IV.  zur  Desavouierung  der  Bismarckischen  Politik  zu  bewegen
        <pb n="67" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  Ende  —  Marz  2.)  59

suchte.  Aus  dieser  politischen  Differenz  erkläre  sich  der  unbegründete  Argwohn
  des  belgischen  Königs  gegen  Bismarck.

Ende  Februar.  (Reichstag.)  Kommisfion  für  die  Umsturzvorlage.
  Anträge  auf  Schutz  der  Religion,  der  Ehe,  des  Eides.

Abg.  Rintelen  (3.)  beantragt:  „Mit  Geldstrafe  bis  zu  600  M  oder
mit  Gefängnis  bis  zu  2  Jahren  wird  bestraft,  wer  öffentlich  oder  vor
Mehreren,  oder  durch  Druck,  Schrift  oder  Bild  das  Dasein  Gottes  oder  die
Unsterblichkeit  der  menschlichen  Seele  oder  den  religiösen  und  sittlichen
Charakter  der  Ehe  oder  der  Familie  angreift  oder  leugnet.“"  Der  Antrag
wird  jedoch  vor  der  Debatte  durch  den  folgenden  ersetzt:  „Mit  Geldstrafe  bis
zu  600  M  oder  mit  Gefängnis  bis  zu  2  Jahren  wird  bestraft,  wer  öffentlich
  oder  vor  Mehreren,  oder  durch  Druck,  Schrift  oder  Bild  den  Glauben
an  Gott  oder  an  die  Unsterblichkeit  der  menschlichen  Seele  oder  den  reliiösen

  und  sittlichen  Charakter  der  Ehe  oder  der  Familie  angreift.“  Der

ntragsteller  führt  zur  Begründung  aus,  die  Grundlage  unseres  gesamten
Kulturlebens  sei  der  Glautt=  an  Gott  und  an  die  Unsterblichkeit  der  Seele,
in  diesen  Punkten  bestehe  keine  Verschiedenheit  unter  den  einzelnen  Religionen.
  Ferner  sei  der  Gedanke  der  Vorlage,  daß  die  Angriffe  auf  Reliion,
  Monarchie,  Ehe  und  Familie  nur  dann  strafbar  sein  sollten,  wenn
a4e  in  einer  den  öffentlichen  Frieden  gefährdenden  Weise  und  durch  beschimpfende
  Aeußerungen  erfolgten,  nicht  für  richtig  zu  halten,  man  müsse,
wenn  man  das  religiöse  Bewußtsein  überhaupt  durch  Strafgesetze  schützen
wolle,  auch  diejenigen  Geistesprodukte  treffen,  welche  in  Gestalt  von  Gedichten,
RNomanen,  Novellen,  philosophischen  Reden,  Universitätsvorträgen  u.  s.  w.
in  feiner,  dezenter  Form  unsere  Volksseele  vergiften,  in  den  Herzen  der
Jugend  Zweifel  und  Unglauben  erwecken  und  dadurch  die  Grundlagen
unseres  ganzen  Kulturlebens  untergraben.  Wenn  man  das  Uebel  nicht  an
der  Wurzel  anfassen  und  nicht  auch  die  in  ihren  Konsequenzen  besonders
gefährlichen  Excesse  einer  gewissen  wissenschaftlichen  Richtung  treffen  wolle,  so“
würde  das  ganze  Gesetz  wenig  Wert  haben.

Abg.  Graf  Roon  (DK.)  beantragt:  „Wer  öffentlich  in  beschimpfenden
  Aeußerungen  den  Glauben  an  Gott  oder  das  Christentum  angreift  oder
Gott  lästert,  oder  wer  öffentlich  eine  der  christlichen  Kirchen  oder  eine  andere
mit  Korporationsrechten  innerhalb  des  Bundesgebiets  bestehende  Religionsgesellschaft
  oder  ihre  Einrichtungen  oder  Gebräuche  oder  die  Heiligkeit  des

ides  beschimpft,  ingleichen  wer  in  einer  Kirche  oder  in  einem  anderen  zu
religiösen  Versammlungen  bestimmten  Orte  beschimpfenden  Unfug  verübt,
wird  mit  Gefängnis  bis  zu  drei  Jahren  bestraft.“  Staatssekretär  Nieberding
  lehnt  beide  Anträge  ab,  da  sie  die  Verständigung  zu  erschweren
geeignet  seien.  Der  Antrag  Rintelen  insbesondere  sei  wegen  seiner  Beschränkung
  der  freien  Kritik  unannehmbar.  Die  Vertreter  der  Nationalliberalen,
  Antisemiten,  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten  erklären  sich
ebenfalls  gegen  die  Anträge,  die  wie  mehrere  andere  Abänderungsanträge
in  der  —  Lesung  abgelehnt  werden.  (Beschluß  der  zweiten  Lesung  siehe

April.

1.  März.  (Landwirtschaftliches.)  Die  preußischen  Eisenbahnen
  führen  einen  Notstandstarif  für  künstlichen  Dünger  ein
(vgl.  S.  58).

1.|/2.  März.  (Reichstag.)  Marineetat.  Verstärkung  der
Flotte  (vgl.  S.  2,  38).  Verhältnis  der  Kriegs=  und  Handelsflotte.

Es  werden  gefordert:  zum  Bau  des  Panzerschiffes  T,  4.  Rate,
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        60  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  1.72.)

1  470  000  M;  zum  Bau  des  Panzerschiffes  „Odin"  (V),  4.  Rate,  1  470  000 M;
zum  Bau  des  Panzerschiffes  „Ersatz  Preußen",  2.  Rate,  2  500  000  M  und
zur  Herstellung  von  Torpedobooten,  2.  Rate,  1776000  M;  ferner  werden
verlangt  folgende  erste  Raten:  Zum  Bau  von  4  Kreuzern:  „Ersatz  Leipzig“
1  000  000  M.  für  K,  L  und  „Ersatz  Freya“  2000  000  M  Reichskanzler
Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst:  Meine  Herren,  die  Beratungen
Ihrer  Kommission  und  der  Gang  der  gestrigen  Verhandlungen  geben  mir
die  Hoffnung,  daß  die  Beratungen  auch  im  Plenum  zu  einem  befriedigenden
Ergebnis  gelangen  werden.  In  der  That  wird  es  allgemein  anerkannt,
daß  die  Ausdehnung  unseres  überseeischen  Handels  eines  verstärkten  Schutzes
bedarf.  Bei  diesem  Handel  sind  auch  die  Nebengewerbe  der  Landwirtschaft
in  erheblichem  Maße  beteiligt.  Dieser  Schutz  kann  nur  durch  eine  Kriegsflotte
  geleistet  werden.  Dazu  gehört  allerdings,  daß  das  deutsche  Volk
bereit  ist,  die  nötigen  Opfer  zu  bringen.  Ich  kann  mir  nicht  denken,  daß
das  Interesse  für  die  Flotte  vollständig  verschwunden  sein  sollte.  War
doch  schon  im  Jahre  1848  der  Ruf  nach  einer  deutschen  Flotte  das  Losungswort
  der  Patrioten.  Damals  sammelten  wir  mit  Begeisterung  für  die
deutsche  Flotte,  und  wenn  es  auch  gewissermaßen  ein  kindliches  Beginnen
war,  so  zeugte  es  doch  von  dem  Verständnis  des  deutschen  Volkes  für  die
nationalen  Aufgaben.  Auch  war  der  Schmerz  und  die  Beschämung  groß,
als  dann  die  deutsche  Flotte  verkauft  wurde.  Wenn  ich  diese  fernliegenden
Erinnerungen  jetzt  wachrufe,  so  darf  ich  annehmen,  daß  auch  jetzt  das  Interesse
  für  eine  deutsche  Flotte  nicht  ganz  verschwunden  sein  wird.  Wollen
wir  aber  eine  Flotte,  so  muß  dieselbe  so  beschaffen  sein,  daß  sie  ihrer  Aufgabe
  entsprechen  kann.  Bei  den  rapiden  Fortschritten,  welche  die  nautische
Technik  genommen  hat,  sind  wir  der  steten  Gefahr  ausgesetzt,  mit  den  übrigen
Seemächten  nicht  gleichen  Schritt  halten  zu  können;  ich  meine  das  nicht
in  Bezug  auf  die  Zahl  der  Schiffe,  sondern  in  Bezug  auf  den  Bau  und
die  Ausrüstung  derselben.  Wir  müssen  Schiffe  haben,  die  Respekt  —  nicht,
die  Mitleid  einflößen.  Manches  Schiff  war  noch  vor  wenig  Jahren  eine
imponierende  Erscheinung,  während  dasselbe  jetzt  auch  auf  den  Laien  den
Eindruck  hervorbringt,  daß  der  erste  scharfe  Kanonenschuß  es  kampfunfähig
machen  werde.  Was  vor  wenigen  Jahren  brauchbar  war,  ist  jetzt  veraltet
und  untauglich.  Es  handelt  sich  ja  nicht  um  die  Schaffung  einer  großen
Flotte,  sondern  es  handelt  sich  um  die  Erhaltung  dessen,  was  wir  haben,
und  um  den  Ersatz  des  Unentbehrlichen.  Die  Besorgnisse,  die  hier  und
da  ausgesprochen  werden  vor  weiteren  künftigen  maßlosen  Anforderungen,
sind  nicht  begründet.  Alles,  was  das  Meer  und  die  Schiffe  anbetrifft,  regt
ja  das  Gemüt  des  Deutschen  lebhaft  an.  Das  mag  wohl  der  Anlaß  zu
den  etwas  übertriebenen  Gerüchten  gewesen  sein.  Was  mich  betrifft,  so
gestehe  ich,  daß,  wenn  ich  mich  ins  Studium  der  Marineangelegenheiten
vertiefe,  dann  leicht  Träume  vor  mir  vorüberziehen  von  großen  Flotten,  die
unter  deutscher  Flagge  den  Ozean  durchschneiden.  Diese  Träume  zerfließen
aber  sofort,  sobald  ich  mich  des  Reichstags  und  der  Steuerzahler  erinnere.
(Große  Heiterkeit.)  Dann  türmen  sich  Unmöglichkeiten  auf,  vor  denen
mancher  lieb  gewordene  Wunsch  zurücktreten  muß.  Meine  Herren,  lassen
Sie  sich  also  nicht  durch  die  Besorgnisse,  die  ich  eben  erwähnt  habe,  in  der
ruhigen  Erwägung  dessen,  was  nötig  ist,  beirren.  Ich  empfehle  die  außerordentlichen
  Ausgaben  des  Etats  der  Marineverwaltung  Ihrer  wohlwollenden
Beurteilung  und  hoffe  mit  Zuversicht,  daß  Sie  denselben  Ihre  Zustimmung
geben  werden.  (Bravol)  —  Es  erfolgt  die  Bewilligung  der  ferneren  Raten  für
die  Panzerfahrzeuge  T,  V,  „Ersatz  Preußen“  und  für  die  Herstellung  von
Torpedobooten.

Staatssekretär  des  Reichs-Marineamts  Hollmann  hält  die  For-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  1./2.)  61

derungen  sachlich  für  unerläßlich:  „Im  Jahre  1875  standen  auf  Stapel,
abgesehen  von  6  Panzerschiffen  und  Fahrzeugen,  6  Kreuzerfregatten,  obgleich
die  Marine  damals  schon  5  Kreuzerfregatten  und  7  Kreuzerkorvetten  hatte,
welche  ohne  Ausnahme  den  damaligen  Anforderungen  entsprachen.  Im
Laufe  des  Jahrzehnts,  von  1875—1885,  wurden  noch  einmal  im  Jahre  1879
4  Kreuzerkorvetten  der  „Carola“-Klasse  auf  Stapel  gesetzt;  und  wir  erreichten
  mit  Beginn  des  zweiten  Dezenniums,  von  dem  ich  hier  spreche,  im
Jahre  1885  den  höchsten  Stand  unserer  Kreuzerflotte  mit  folgenden  Schiffen:
21  Kreuzerfregatten  und  -Korvetten  —  ich  sehe  immer  ab  von  den  Kreuzern
4.  Klasse  und  den  Kanonenböten  —  mit  einem  Tonnengehalt  von  58500,
mit  271  Geschützen  und  mit  einer  Bemannung  von  6900  Mann.  (Hört!
hört!)  Damit  freilich  hatte  die  deutsche  Flotte  ihren  Aufstieg  beendet;  es
es  kam  jetzt  zum  Niedergang.  In  den  nächsten  Jahren  von  1885—1895
haben  wir  noch  vier  Kreuzer  auf  Stapel  gehabt.  Inzwischen  waren  aber
von  diesen  Schiffen  teils,  weil  sie  obsolet  wurden,  teils  weil  sie  zu  anderen
Zwecken  verwendet  werden  mußten,  an  Zahl  15,  und  ein  Schiff  durch  Verlust
  in  Abgang  gekommen.  Also  zusammen  16  Schiffe  sind  in  dieser  Zeit
abgegangen  und  nur  vier  dazu  gekommen.  Ees  stellt  sich  nunmehr  folgendermaßen
  das  Rechenexempel:  wir  haben  jetzt  neun  Schiffe  mit  33  200  Tonnen,
140  Geschützen  und  3000  Mann  Besatzung.  Das  bedeutet  einen  Rückschritt
von  rund  18000  Tonnen.  130  Geschützen  und  3900  Mann  Besatzung.  Um
diese  Zahlen  ist  heute  unsere  Kreuzerflotte  schwächer,  wie  sie  vor  zehn  Jahren
war.  Wenn  aber  damit  die  Entwertung  unserer  Kreuzerflotte  schon  beendet
  wäre,  so  könnte  man  immer  noch  sagen:  wir  wollen  uns  noch  einmal
so  durchhelfen.  Das  ist  aber  durchaus  nicht  der  Fall;  in  demselben  Maße
wie  die  Zahl,  ist  auch  die  Qualität  der  Schiffe  zurückgegangen.  Was  damals
  noch  vollwertig  war,  ist  heute  obsolet  und  für  unsere  Kriegszwecke
unbrauchbar  geworden.  Ich  kann  Sie  versichern,  daß  wir  —  ich  sage  das
ohne  Uebertreibung  —  im  Jahre  1885  hinsichtlich  der  Ausstattung  mit
Kreuzerschiffen  allen  außereuropäischen  Mächten  über  waren,  selbst  die  Vereinigten
  Staaten  von  Nordamerika  eingeschlossen.  Und  wie  sieht  es  heute
aus?  Heute  freuen  wir  uns,  wenn  wir  an  der  Seite  von  Argentinien
marschieren  können;  das  ist  aber  auch  der  letzte  von  allen  außereuropäischen
Staaten;  die  sämtlichen  übrigen  sind  uns  über  den  Kopf  gewachsen."  Im
Gegensatze  zur  Kriegsmarine  sei  die  Handelsflotte  bedeutend  gestiegen:  „Es
find  gebaut  worden  in  Deutschland  81  Handelsschiffe  mit  125  892  Tonnen.
Dazu  kommen  noch  41713  Tonnen  in  England  für  deutsche  Rechnung  gebaute
  Schiffe,  macht  im  ganzen  rund  167000  Tonnen,  welche  im  Jahre
1894  für  die  deutsche  Handelsflottte  gebaut  worden.  Nun  wollen  wir  einmal
  sehen,  was  für  die  Marine  in  der  Zeit  gebaut  worden  ist.  Da  müssen
wir  uns  bescheiden  mit  2  Schiffen  und  5135  Tonnen,  also  stehen  5000
gegen  167  000  Tonnen.  Lassen  Sie  uns  einmal  sehen,  wie  andere  Nationen
das  treiben.  Ich  will  also  einmal  den  östlichen  Nachbar,  Rußland,  nehmen.
In  Rußland  sind  gebaut  für  die  Handelsmarine  12  Schiffe  mit  137000
Tonnen  und  für  die  Kriegsmarine  4  Schiffe  mit  34  000  Tonnen,  und  in
Frankreich  sind  gebaut  34  Schiffe  mit  48  000  Tonnen  für  die  Handelsmarine
  und  6  Schiffe  mit  28  690  Tonnen  für  die  Kriegsmarine.  Hier
scheint  mir  ein  ungefähr  richtiges  Verhältnis  vorzuliegen  zwischen  Handelsund
  Kriegsmarine.  In  Deutschland  scheint  mir  das  durchaus  nicht  der
Fall  zu  sein“.

Staatssekretär  v.  Marschall:  Wenn  wir  den  Prozeß  der  Verschlechterung
  unseres  Flottenmaterials  nicht  aufhielten,  würde  Deutschland
bald  wirtschaftlich  und  politisch  Schaden  leiden,  namentlich  werde  der  überseeische
  Handel  nicht  mehr  ausreichend  geschützt  werden  können.  Die  deutsche
        <pb n="70" />
        62  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  2.4.)

Flagge  müsse  von  Zeit  zu  Zeit  in  fremden  Ländern  gezeigt  werden,  teils
mit  Rücksicht  auf  den  Handel,  teils  auf  den  Schutz  der  Deutschen  im  Auslande.
  Wenn  im  Auslande  ein  Krieg,  eine  Revolution  ausbrächen,  genügten
  aber  ungeschützte  Kreuzer  nicht,  da  seien  die  gepanzerten  Kreuzer
berufen,  die  deutschen  Interessen  wirksam  zu  schützen.  Was  insbesondere
den  japanisch-chinesischen  Krieg  betreffe,  so  habe  Deutschland  hier  volle
Neutralität  beobachtet,  besitze  dort  aber  so  wertvolle  Interessen,  auch  hinsichtlich
  der  katholischen  Missionen,  daß  es  alle  Vorgänge  dort  genau  beobachten
  müsse.  Deshalb  habe  man  ein  Geschwader  in  den  dortigen  Meeren
vereinigt.  Abg.  Graf  Mirbach  (kons.)  ist  für  die  Vorlage,  erklärt  aber,
ein  kleiner  Teil  der  Konservativen  werde  aus  wirtschaftlichen  Bedenken
gegen  die  Forderung  stimmen.  Abg.  Richter  (frs.  Bp.)  gegen  die  Vorlage.
In  namentlicher  Abstimmung  wird  darauf  die  Forderung  für  „Ersatz
Leipzig"  mit  145  gegen  77  Stimmen  angenommen.  Mit  Nein  stimmen
geschlossen  die  Sozialdemokraten,  die  freisinnige  und  die  süddeutsche  Volkspartei,
  die  Polen,  die  Antisemiten  und  die  freifinnige  Vereinigung  mit
Ausnahme  der  Abgg.  Rickert  und  Schröder;  das  Zentrum,  so  weit  es  anwesend
  ist,  die  Reichspartei,  die  Nationalliberalen  und  die  Welfen  stimmen
mit  Ja,  von  den  Konservativen  enthalten  sich  die  Abgg.  v.  Dallwitz,
v.  Herder,  Himberg,  v.  Langen,  v.  Maltzan-Moltzow,  Mentz,  v.  Plötz,  Sachse
und  v.  Werdeck  für  diese  Lesung  der  Abstimmung.  Die  übrigen  Titel  werden
mit  großer  Mehrheit  angenommen.  Am  folgenden  Tage  werden  ungefähr
3 1/2 Millionen  Mark  für  Torpedoboote,  Kohlenlager  und  Trockendocks  abgelehnt.


2./4.  März.  (Reichstag.)  Militäretat.  Sozialistischer
Antrag.

Die  sozialdemokratische  Partei  beantragt,  auf  die  Umwandlung  der
jetzigen  Heeresorganisation  in  ein  Milizsystem  hinzuwirken.  Der  Antrag,
den  die  Abgg.  Bebel  und  Liebknecht  mit  Berufung  auf  das  Schweizer
Heer  begründen,  wird  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokratie  abgelehnt.
Vgl.  Vions.  Etwas  vom  Musterheer  der  Sozialdemokraten.  Preuß.  Jahrb.

2.  März.  (Abgeordnetenhaus.)  Kultusetat.  Kathedersozialisten
  und  Sozialdemokratie  (vgl.  S.  2).

Abg.  v.  Eynern  (nl.):  An  allen  technischen  Hochschulen  müßten
nationalökonomische  Professuren  bestehen.  Er  polemisiert  scharf  gegen  die
Kathedersozialisten,  die  mit  der  Sozialdemokratie  kokettierten  und  den
Studenten  sozialistische  Gesinnungen  einflößten.  Es  seien  in  litter  Zeit
zu  viel  junge  Kathedersozialisten  von  rein  theoretischer  Bildung  ohne  praktische
  Erfahrung  angestellt  worden.  Kultusminister  Dr.  Bosse:  Die  Regierung
  begünstige  keine  einseitige  Richtung  in  der  nationalökonomischen
Wissenschaft,  die  Vorwürfe  Eynerns  seien  ungerechtfertigt.  Abg.  Stöcker
(kons.)  protestiert  gegen  die  Beschränkung  der  freien  nationalökonomischen
Forschung,  die  Herr  v.  Eynern  beabsichtige.  und  weist  alle  Angriffe,  insbesondere
  die  des  Herrn  v.  Stumm,  auf  die  Berliner  Professoren  zurück.
Die  Wissenschaft  müsse  die  berechtigten  Bestrebungen  der  Sozialdemokraten
untersuchen  und  dürfe  nicht  vor  den  Interessen  des  Geldschranks  Halt
machen.  Abg.  v.  Kardorff  (frkons.)  wendet  sich  gegen  Abg.  Stöcker  und
bedauert,  daß  nicht  nur  die  Professoren,  sondern  auch  die  Regierung  mit
der  Sozialdemokratie  kokettiere,  wie  die  Einführung  der  Arbeiterausschüsse,
ihre  Haltung  gegen  die  Gewerkvereine  u.  s.  w.  beweise.  Abg.  Buck  (nl.)
verwahrt  den  Abg.  v.  Eynern  gegen  den  Vorwurf,  die  freie  Wissenschaft
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  2.  —5.)  63

beschränken  zu  wollen,  die  Sozialpolitik  vieler  Geistlicher  sei  recht  bedenklich.
  Abg.  v.  Eynern  erklärt,  er  vertrete  nicht  den  Geldsack,  sondern  die
Interessen  des  arbeitenden  Volkes,  der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer.

2.  März.  (Posen.)  Der  Provinziallandtag  spricht  sich  mit
großer  Majorität  für  Errichtung  einer  Landwirtschaftskammer  aus.
4./8.  März.  (Berlin.)  Tagung  des  deutschen  Landwirtschaftsrates.



Die  Versammlung  beschäftigt  sich  vorwiegend  mit  der  Hebung  der
Getreide=  und  Zuckerpreise  und  spricht  sich  u.  a.  aus  für  eine  auf  den  Grundlagen
  des  Antrages  Kanitz  beruhende  und  mit  den  Handelsverträgen  zu
vereinbarende  Maßnahme  zur  direkten  Hebung  der  Getreidepreise  und  für
die  Doppelwährung  durch  Annahme  eines  Antrages,  der  die  Reichsregierung
auffordert,  ihren  Einfluß  für  die  Doppelwährung  bei  der  bevorstehenden
internationalen  Währungskonferenz  geltend  zu  machen.

4./5.  März.  (Reichstag.)  Militäretat.  Begnadigungsrecht.

Abg.  Bebel  (Soz.)  bringt  mehre  Einzelfälle  von  Soldatenmißhandlungen,
  Ausschreitungen  von  Offizieren  gegen  Zivilisten  und  Duelle  zur
Sprache  und  bemängelt,  daß  die  gerichtliche  Strafe  für  Offiziere  häufig
im  Gnadenwege  erlassen  oder  vermindert  würden.  Kriegsminister  Bronsart
  v.  Schellendorff  geht  auf  die  Einzelfälle  ein,  bezeichnet  die  Schilderung
  Bebels  als  vielfach  tendenziös  entstellt  und  sagt  über  das  Begnadigungsrecht:
  Ich  habe  schon  im  vorigen  Jahre  darauf  hingewiesen,  daß
Sie  gar  nicht  wissen  können,  ob  Sie  es  nicht  noch  einmal  dankbar  erkennen
werden,  daß  das  Recht  der  Krone,  Gnade  zu  üben,  dann  noch  besteht.  Sie
haben  mir  darauf  gesagt:  wir  wollen  keine  Gnade,  wir  wollen  Recht.
Meine  Herren,  das  ist  sehr  leicht  gesagt,  wenn  man  in  salvo  sitzt.  Wer
aber  standrechtlich  zum  Tode  verurteilt  ist  und  das  sagt,  mit  dem  läßt  sich
reden.  So  macht  es  keinen  Eindruck.

5.  März.  (Wilhelmshaven.)  Der  Kaiser  vereidigt  die
Marinerekruten  und  hält  dabei  folgende  Rede:

„Ihr  seid  hierher  gekommen,  um  den  Eid  der  Treue  zu  leisten.  Es
war  eine  alte  Sitte  unserer  Vorfahren  und  galt  als  heilige  Pflicht,  den
Eid  treu  zu  erfüllen.  So  wie  Ich  als  Kaiser  und  Herrscher  Mein  ganzes
Thun  und  Trachten  für  das  Vaterland  hingebe,  so  habt  Ihr  die  Verpflichtung,
  Euer  ganzes  Leben  für  Mich  hinzugeben;  denn  Ihr  habt  den  Schwur
als  Christen  geleistet  und  christlich  ist  zu  Euch  durch  die  beiden  Diener
Gottes  gesprochen  worden.  Ihr  erblickt  in  der  Kriegeflagge  den  Adler,
das  vornehmste  Thier  der  Welt.  Mutig  und  verjüngt  erhebt  er  sich  hoch
in  die  Luft  bis  unter  die  Strahlen  der  Gottessonne,  kennt  keine  Furcht
und  Gefahr.  So  muß  auch  Euch  Euer  Sinnen  und  Trachten  sein.  Ihr
kommt  jetzt  in  eine  Zeit,  wo  im  Ernst  des  Dienstes  die  Anforderungen,
welche  an  Euch  gestellt  werden,  Euch  schwer  fallen,  wo  manche  Stunde
kommen  wird,  in  der  Ihr  den  Aufgaben  nicht  gewachsen  zu  sein  glaubt.
Dann  denkt  wieder  daran,  daß  Ihr  Christen  seid.  Denkt  an  Eure  Eltern,
als  die  Mutter  Euch  das  Vaterunser  gelehrt  hat.  Im  Auslande  seid  Ihr
berufen,  das  Vaterland  zu  vertreten  durch  Würdigkeit  und  gutes  Betragen.
Unsere  Marine  ist  äußerlich  zwar  klein,  aber  was  uns  stärker  macht  wie
andere  Marinen,  das  ist  die  Disziplin,  der  unbedingte  Gehorsam  gegen  die
Vorgesetzten.  So  wird  unsere  Marine  gedeihen  und  groß  werden  in  der
Friedensarbeit  zum  Nutzen  und  Wohle  des  Vaterlandes  und  im  Kriege,  so
        <pb n="72" />
        64  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  5.—9.)

wir  zu  Gott  hoffen  wollen,  um  den  Feind  zu  vernichten.  Seid  wie  die
alten  Brandenburger!"

5.  März.  (Stettin.)  Der  Provinziallandtag  spricht  sich
für  die  Errichtung  einer  Landwirtschaftskammer  in  Pommern  aus.

6.  März.  (Reichstag.)  Judenfrage.  Vgl.  S.  57.

Fortsetzung  der  Debatte  über  die  Anträge  v.  Hammerstein  und
v.  Liebermann  in  Verbindung  mit  dem  Antrag  Hasse  (nul.)  durch  ein
Gesetz  den  Verlust  der  deutschen  Reichsangehörigkeit  durch  Aufenthalt  im
Auslande,  sowie  die  Naturalisierung  Fremder  zu  erschweren.  Es  folgt  eine
lange,  zum  Teil  stürmische  Debatte,  an  der  sich  namentlich  die  Abgeordneten
Rickert  (frs.  Vg.),  Hermes  (frs.  Vp.),  v.  Langen  (dk.)  und  Ahlwardt
(Antif.)  beteiligen.  Staatssekr.  v.  Bötticher  bespricht  die  Frage,  ob  die  Anträge
  mit  deninternationalen  Verträgen  vereinbart  seien  und  erklärt:  Geht  also
die  Absicht  der  Antragsteller  dahin,  daß  sie  über  den  Erwerb  der  Reichs=  und
Staatsangehörigkeit  hinaus  dem  Ausländer  von  vornherein  jeden  Gewerbebetrieb
  untersagen  wollen,  so  würden  die  abgeschlossenen  Verträge  dem  entgegenstehen;
  geht  die  Absicht  aber  dahin,  wie  ich  es  aus  der  Fassung  der
Anträge  entnommen  habe,  die  ausländischen  Juden  von  dem  Erwerb  der
deutschen  Bundes=  und  Staatsangehörigkeit  ausschließen  zu  wollen,  so  würden
meiner  Meinung  nach  die  abgeschlossenen  Verträge  dem  nicht  entgegenstehen.
Die  Anträge  werden  mit  167  gegen  51  Stimmen  abgelehnt.

7.  März.  (Ostpreußen.)  Wechsel  im  Oberpräsidium.

Der  Oberpräsident  Graf  zu  Stolberg-Wernigerode  wird  in
den  Ruhestand  versetzt  und  sein  Nachfolger  wird  Graf  Wilhelm  Bismarck,
  bisher  Regierungspräsident  in  Hannover.  Die  plötzliche  Entlassung
Stolbergs  wird  auf  sein  Eintreten  für  den  Antrag  Kanitz  zurückgeführt.
(Vgl.  S.  55.

8.  März.  (Westpreußen.)  Der  Provinziallandtag  beschließt
die  Errichtung  einer  Landwirtschaftskammer.

9.  März.  (Württemberg.)  Adreßentwurf  der  Kammer  an
den  König.

Die  Kammer  nimmt  mit  60  gegen  13  Stimmen  unter  Zustimmung
der  Regierung  einen  Adreßentwurf  an,  der  die  Revision  der  Verfassung  für
nötig  erklärt  und  folgende  Wünsche  enthält:  Ausschluß  der  Privilegierten
aus  der  zweiten  Kammer,  ergänzende  Listenwahl,  bessere  Vertretung  der
größten  Städte  im  Landtage,  Wahlkouverts,  unbeschränkte  Legitimationsprüfung,
  unbeschränktes  Initiativrecht,  freie  Festsetzung  der  Geschäftsordnung,
  Regelung  der  Rechnungskontrole,  Aufhebung  der  lebenslänglichen
Berufung  der  Ortsvorsteher,  Erhaltung  der  freiwilligen  Gerichtsbarkeit,
Volksschulgesetz,  Steuerreformen  in  Staat  und  Gemeinde,  Sparsamkeit,  einheitliche
  Gesetzesbestimmung  über  die  Beiträge  des  Staates  für  Schulen  und
Vizinalstraßen,  kommunale  Wandergewerbesteuern,  Uebersicht  bezüglich  des
Eisenbahnbaues,  billigere  Personen=  und  Gütertarife,  billigere  Posttarife  im
Bezirksverkehr,  Revision  der  Bauordnung  und  der  Feuerlöschordnung,  nachdrückliche
  Abhilfe  gegen  die  landwirtschaftliche  Notlage,  direkter  Bezug  der
Proviantämter  bei  den  einheimischen  Landwirten,  Regelung  des  Wildschadens,
  Bestellung  von  landwirtschaftlichen  Sachverständigen,  Förderung
von  Kreditinstituten  mit  unkündbaren  Annuitäten,  Förderung  der  Genossenschaften
  durch  Kapitalien,  Altersversicherung,  Organisation  des  Klein-
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        Das  eutDsche  Reich  und  seine  zeinelnen  Glieder.  (März  11.—12.)  65

gewerbes,  Einschränkung  der  Konkurrenz  der  Gefängnisarbeit,  Muster  der
Arbeiterfürsorge  in  Staatsbetrieben,  Umgestaltung  der  Gewerbeinspektion,
neue  Gesindeordnung.  (Ueberreichung  der  Adresse  am  11.  März.)

11.  März.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Der  Gesetzentwurf
  über  die  Steuerbeamten  (Rentmeistergesetz  wird  angenommen
(Genehmigung  im  Herrenhause  16.  März).

11./12.  März.  (Reichstag.)  Militäretat.  Postetat.  Debatte
über  Sonntagsruhe  und  Besoldungswesen.

Das  Haus  genehmigt  die  Resolution  Schädler  (3.),  den  Soldaten
warme  Abendkost  zu  liefern,  so  weit  die  Finanzlage  es  gestattet.  In  der
Beratung  des  Postetats  beantragt  die  Budgetkommission:  Den  Reichskanzler
zu  ersuchen,  dahin  zu  wirken,  daß  zur  Förderung  der  Sonn=  und  Feiertagsruhe
  im  Deutschen  Reich  gleichzeitig  mit  der  Abschaffung  der  Güterzüge
auf  den  Eisenbahnen  auch  die  vom  Reichstage  beschlossene  Beschränkung
des  Packetbetriebs  beim  Reichspostamt  zur  Ausführung  gelangt.  Staatssekretär
  v.  Stephan  legt  die  Schwierigkeiten,  dar,  die  der  Einschränkung
des  Packetverkehrs  an  Sonntagen  entgegenstehen,  namentlich  hinsichtlich  der
dem  Verderben  ausgesetzten  Lebensmittel.  Wo  es  mit  den  Bedürfnissen  des
Verkehrs  irgend  vereinbar  sei,  thue  die  Postverwaltung  schon  selbst  alles
Mögliche,  um  den  Sonntagsdienst  einzuschränken;  er  hoffe,  daß  man  in
jedem  Jahr  einen  Schritt  weiter  kommen  werde.  Abg.  Schönlank  (Soz.):
Das  System,  auf  Kosten  der  Beamten  Ersparnisse  zu  erzielen,  bestehe  noch;
die  Zahl  der  etatsmäßigen  Stellen  sei  nicht  entsprechend  vermehrt  worden,
die  Unterbeamten  bezögen  zu  geringen  Wohnungsgeldzuschuß,  die  Arbeitszeit
sei  übermäßig  groß.  Direktor  Fischer:  Die  Postbeamten  würden  durchaus
  gerecht  behandelt.  Die  Zahl  der  etatsmäßigen  Stellen  seien  bereits
um  15  000  vermehrt  worden.  Als  noch  kein  Unterbeamter  Pensionsberechtigung
  hatte,  habe  die  Post  durch  Lebensversicherungen  für  ihre  Beamten
  gesorgt.  Die  Post-Spar=  und  Vorschußvereine  verfügten  bereits  über
ein  Kapital  von  27  Millionen  Mark.

Am  12.  März  kommt  Abg.  Bebel  (Soz.)  nochmals  auf  die  Frage
des  Packetverkehrs  am  Sonntag  zurück.  Der  Herr  Staatssekretär  habe  auf
die  Bedürfnisse  des  Verkehrs  hingewiesen,  auf  die  leichte  Verderblichkeit
vieler  Waren,  aber  es  sei  auch  nicht  verlangt  worden,  den  Verkehr  mit
Packeten  an  Sonntagen  ganz  aufzuheben,  sondern  nur  einzuschränken.  Jetzt
gebe  man  in  den  Geschäften  gerade  am  Sonnabend  viele  Packete  auf,  weil
man  wisse,  daß  sie  am  Sonntag  befördert  würden.  England  und  Amerika
hätten  gar  keinen  Sonntagspostverkehr.  Renner  tadelt  dann,  daß  die  Verwaltung
  den  Postbeamten  das  Heiraten  erschwere.  Zum  Schlusse  wünscht
er  eine  Herabsetzung  des  Briefportos.  Staatssekretär  Dr.  v.  Stephan:
Die  Beschränkung  des  Packetverkehrs  sei  bereits  genau  erörtert  worden.
Wer  am  Sonnabend  ein  Packet  abschicke  und  darauf  rechne,  daß  es  am
Sonntag  bestellt  werde,  könnte  sich  doch  sehr  irren,  denn  es  finde  an  Sonntagen
  doch  nur  eine  teilweise  Bestellung  statt.  Die  Erschwerung  der  Eheschließung
  solle  nur  verhindern,  daß  junge  noch  unangestellte  Beamte  sich
verheirateten,  weil  diese  dann  leicht  in  Not  gerieten  und  Postgelder  anzugreifen
  versucht  würden.  Eine  Herabsetzung  des  Portos  würde  einen
großen  Ausfall  zur  Folge  haben.  Die  Privatposten  könnten  billiger  bestellen
  als  die  Reichspost,  weil  ihre  Leistungen  viel  geringer  seien.

12.  März.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Ansiedlungsfrage
  (vgl.  1894  S.  333).
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                         5
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        66  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  12.)

Beim  Etat  der  Ansiedlungskommission  für  Westpreußen  und  Posen
beantragen  Motty  (Pole)  und  Genossen:  „Die  Staatsregierung  zu  ersuchen,
  die  baldthunliche  Aufhebung  des  Gesetzes  vom  26.  April  1886  betr.
die  Beförderung  deutscher  Ansiedlungen  in  den  Provinzen  Westpreußen  und
Posen  durch  eine  entsprechende  Vorlage  in  die  Wege  zu  leiten.“  In  der
Debatte  wünscht  Abg.  v.  Tiedemann-Bomst  (frkons.),  daß  nicht  nur
polnische  Rittergüter,  sondern  auch  Bauerngüter  angekauft  und  in  Domänen
verwandelt  würden.  Abg.  Rickert  (frs.  Vg.)  würde  das  Gesetz  am  liebsten
seines  politischen  Charakters  entkleiden  und  auf  den  ganzen  Staat  ausdehnen,
  was  Geh.  Rat  v.  Rheinbaben  für  unthunlich  erklärt.  Der  Antrag
wird  gegen  die  Stimmen  des  Zentrums,  der  Polen  und  Freifinnigen  abgelehnt.

Statistisches  über  die  Thätigkeit  der  Anfsiedlungskommission
und  die  Fideikommisse.

Der  Gesamterwerb  der  Ansiedlungskommission  umfaßt  bisher:  an
Gutsareal:  80  286  Hektar,  zu  einem  Kaufpreise  von  486451936  M,  an
bäuerlichem  Areal  1351  Hektar,  zum  Preise  von  910510  M  Der
durchschnittliche  Erwerbspreis  pro  1894  stellt  sich  auf  rund  573  M  für
1  Hektar,  gegen  626  M  im  Jahre  1893.  Einschließlich  des  einzigen  noch
verpachteten  Gutes  Deutschwalde  befanden  sich  während  des  Wirtschaftsjahres
  1.  Juli  1893/94  in  zwischenzeitlicher  Verwaltung  91  Gutsverwaltungen
  mit  einem  Areal  von  71739  Hektar  gegen  85  Verwaltungen  des
Vorjahres  mit  65  000  Hektar.  Mitenthalten  an  in  diesen  Flächen  viele
Ländereien,  die  bereits  von  Ansiedlern  genutzt  werden.  Der  Umsatz,  den
die  fiskalische  Verwaltung  in  den  hauptsächlichsten  landwirtschaftlichen  Produkten
  im  Berichtsjahr  erzielt  hat,  ist  von  dem  des  Vorjahres  nicht  erheblich
  abgewichen.  Es  wurden  verkauft  im  Jahre  1892/93  104 000  Zentner
Getreide,  16  000  Zentner  Kartoffeln,  und  wurden  hiefür  702  000  M  vereinnahmt.
  Für  Vieh  betrug  der  Gesamterlös  513.000  M  Der  Verkauf
der  Spiritusproduktion  ergab  443000  M  Im  Jahre  1893/94  wurden
verkauft  101000  Zentner  Getreide  und  36  000  Zentner  Kartoffeln  für
643  000  M  Die  Bareinnahme  aus  dem  Viehverkauf  betrug  581  700  =
Aus  dem  Verkauf  der  Spiritusproduktion  wurden  eingenommen  466  800  M
—  Der  planmäßigen  Aufteilung  wurden  bisher  unterworfen:  im  Jahre
1886/87  6252  Hektar,  1888  5162  Hektar,  1889  7017  Hektar,  1890  2369
Hektar,  1891  8527  Hektar,  1892  11  257  Hektar,  1893  9898  Hektar,  1894
2551  Hektar,  zusammen  53  033  Hektar.  Rechnet  man  die  Grundstücke  hinzu,
die  ohne  besonderen  Besiedelungsplan,  wie  die  erworbenen  Bauerngüter,
an  Ansiedler  begeben  sind,  nämlich  1045  Hektar,  ferner  5  neue  Besiedelungspläne,
  die  sich  zur  Zeit  in  der  Bearbeitung  befinden  und  im  Frühjahr  1895
zur  Auslegung  kommen,  mit  4359  Hektar,  so  wird  das  zur  Parzellierung
ausgelegte  Areal  am  1.  April  1895  umfassen  58  437  Hektar,  was  71,6
Prozent  der  Gesamterwerbungen  der  Ansiedlungskommission  ausmacht.  Demnach
  verbleiben  in  der  Vorbereitungsperiode  28,4  Prozent  des  Grunderwerbs
der  Ansiedelungskommission  mit  23200  Hektar.  —  Aus  dem  Bericht  ist
ferner  zu  erwähnen,  daß  das  Kapitalvermögen,  welches  die  Ansiedler  angeben,
  von  Jahr  zu  Jahr  steigt.  Bis  1893  betrug  das  durchschnittliche
Ansiedlervermögen  5000  M;  1894  stieg  es  auf  6800  M  Nach  Erfüllung
der  Bedingungen  haben  den  Zuschlag  erhalten  222  Ansiedler  gegen  241
im  Vorjahre.  Die  geringere  Frequenz  erklärt  sich  aus  der  ungünstigen
Lage  der  Landwirtschaft.  Begeben  sind  a)  zu  Rente:  bis  zum  Schlusse  1893
20  987,9369  Hektar  zum  Wert  von  13271  126,42  M  im  Jahre  1894:
3793,5717  Hektar  zum  Wert  von  2555  315,23  M,  zusammen  24  781,5086
Hektar  zum  Wert  von  15  827  441,65  M  b)  zu  Pacht  bis  Ende  1893:
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  12.)  67

3  056,2511  Hektar  zum  Wert  von  1  698  928,16  M,  im  Jahre  1894  330,6572
im  Wert  von  212  107  M,  zusammen  3  386,9088  Hektar  zum  Wert  von
1911.035,16 M  Im  Ganzen  also  28  168,4169  Hektar  zum  Wert  von
17738  476,81  an  1606  Ansiedler.  Darnach  braucht  der  Ansiedler  durchschnittlich
  17,54  Hektar  Land  zu  11045  M  Wert.  Erwägt  man,  daß
die  Dotationen  für  öffentliche  Zwecke  mindestens  5  Prozent  des  Ansiedlerstellenareals
  ausmachen,  so  ist  das  vergebene  Areal  zur  Zeit  zu  schätzen
auf  rund  29,577  Hektar,  was  36,2  Prozent  des  derzeitigen  Grundbesitzes
der  Ansiedlungskommission  ausmacht.  Nach  Abstammung  und  Konfession
waren:  aus  den  Ansiedelungsprovinzen  601  Ansiedler  (—  37,42  Prozent),
aus  dem  übrigen  Deutschland  949  (—  59,10  Prozent),  von  außerhalb
Deutschland  56  (—  3,48  Prozent)  und  1467  Evangelische  gegenüber  139
Katholiken.  Bevorzugt  werden  seitens  der  Ansiedler  große  Ansiedelungen
mit  zahlreichen  Stellen  und  mit  Kirchen  und  Schulen  am  Orte,  oder
wenigstens  in  gut  erreichbarer  Nähe  und  mit  guter  Verkehrslage.  (Aus  der
dem  Landtage  vorgelegten  Denkschrift.)

Ueber  die  Ausdehnung  der  Fideikommisse  teilt  die  „Berliner
Korr.“  folgendes  mit:  Den  gesamten  nutzbaren  Liegenschaften  Preußens
von  33  153  361  Hektar  mit  445    193973  M  Grundsteuer-Reinertrag
stehen  Familienfideikommisse  in  einer  Gesamtgröße  von  1  835  621  Hektar
mit  22  661  965  Mark  Grundsteuer-Reinertrag  gegenüber,  die  nach  Flächeninhalt
  5,54  Prozent,  nach  Grundsteuer-Reinertrag  5,09  Prozent  der  gesamten
  nutzbaren  Liegenschaften  ausmachen.  Bei  den  einzelnen  Provinzen
schwankt  das  Verhältnis  der  Fideikommisse  zu  den  nutzbaren  Liegenschaften
insgesamt  zwischen  2,08  bis  11,99  Prozent  des  Flächeninhaltes  und  1,52
bis  9,62  Prozent  des  Grundsteuer-Reinertrages.  Hiernach  dürfte  im  Allgemeinen
  die  bisherige  Ausdehnung  des  fideikommissarischen  Grundbesitzes
um  so  weniger  Anlaß  zu  Bedenken  geben,  als  in  der  angeführten  Gesamtfläche
  sehr  bedeutende  Waldflächen  enthalten  sind  und  die  fideikommissarische
Festlegung  des  Waldes  gewiß  am  allerwenigsten  zu  beanstanden  ist.

12.  März.  Der  Kaiser  eröffnet  die  Sitzungen  des  Staatsrats
  mit  folgender  Ansprache:

„Meine  Herren!  Die  andauernde  ungünstige  Lage  der  Landwirtschaft
  macht  es,  wie  Ich  dies  wiederholt  ausgesprochen  habe,  Meiner  Regierung
  zur  unabweisbaren  Pflicht,  Mittel  und  Wege  zu  suchen,  welche  den
Ertrag  der  Bodenbewirtschaftung  zu  heben  und  damit  die  Gefahren  abzuwenden
  geeignet  sind,  denen  die  Landbau  treibende  Bevölkerung  zur  Zeit
ausgesetzt  ist.  Je  lebhafter  die  Frage  der  Abwehr  des  Notstands  in  immer
weiteren  Kreisen  erörtert  wird,  je  zahlreicher  und  einschneidender  die  Vorschläge
  sind,  welche  dieser  Abwehr  dienen  sollen,  um  so  gründlicher  und
sorgfältiger  wird  ihre  Prüfung  vorgenommen  werden  müssen.  In  dieser
Erwägung  habe  Ich  beschlossen,  die  gutachtliche  Aeußerung  des  Staatsrats
zu  erfordern,  dessen  Engere  Versammlung  durch  eine  Anzahl  von  Männern
verstärkt  worden  ist,  von  deren  praktischer  oder  wissenschaftlicher  Thätigkeit
ein  sachgemäßes  Urteil  über  die  zur  Erörterung  stehenden  Fragen  erwartet
werden  darf.  Ich  drücke  Ihnen  Meinen  Dank  für  die  Bereitwilligkeit  aus,
mit  welcher  Sie  Meiner  Berufung  gefolgt  sind.  Von  den  Beratungen
dieser  Versammlung  verspreche  Ich  Mir  den  Erfolg,  daß  die  weit  auseinandergehenden
  Auffassungen  über  das  auf  dem  vorliegenden  Gebiete  Möglice
  und  Erreichbare  berichtigt  und  der  Verständigung  näher  geführt,  und
daß  daneben  für  Meine  und  Meiner  Regierung  Entschließungen  wertvolle
Grundlagen  gewonnen  werden.  Es  wird  Mir  zur  Genugthuung  gereichen,
wenn  die  aus  Ihrer  Mitte  hervorgehenden  Vorschläge  eine  Gestalt  an-                                                5*
        <pb n="76" />
        68  Das  Deutsche  Reich  und  seine  neinzelen  Glieder.  (März  13.—14.)

nehmen,  welche  ihre  Durchführbarkeit  erkennen  läßt,  und  wenn  Ihre  Beratungen
  sich  auf  Ziele  richten,  welche  ohne  Verletzung  anderer  berechtigter
Interessen  und  unter  Achtung  bestehender  Vertragsverhältnisse  den  auf  der
Landwirtschaft  lastenden  Druck  thunlichst  zu  beseitigen  geeignet  sind."“

Der  Staatsrat  soll  folgende  Fragen  behandeln:  1.  Maßnahmen  zur
Hebung  der  Preise  landwirtschaftlicher  Produkte  (darunter  der  Antrag  Kanitz).
2.  Maßnahmen  auf  dem  Gebiete  der  Währungspolitik.  3.  Maßnahmen  zur
Verbilligung  der  landwirtschaftlichen  Produktion  und  zur  Erleichterung  des
Absatzes.  4.  Maßnahmen  zur  Seßhaftmachung  der  ländlichen  Arbeiterbevölkerung,
  insbesondere  im  Osten.  5.  Maßnahmen  auf  dem  Gebiete  der
Kreditorganisation.

13.  März.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Beschluß  über
die  Beseitigung  der  Doppelbesteuerung.

Folgender  Antrag  der  Abgg.  Böttinger  (nl.)  und  Vopelius
(nl.)  wird  mit  großer  Majorität  angenommen:  „Das  Haus  der  Abgeordneten
  wolle  beschließen,  die  Staatsregierung  zu  ersuchen,  in  Ergänzung  des
Kommunalsteuergesetzes  vom  14.  Juli  1893  noch  vor  dem  1.  April  d.  J.
gesetzliche  Vorschriften  herbeizuführen,  wonach  bei  der  Heranziehung  der
Steuerpflichtigen  zur  Kommunalsteuer  in  ihren  Wohnsitzgemeinden  dasjenige
Einkommen,  das  den  Steuerpflichtigen  aus  Grundvermögen,  Handels=  oder
gewerblichen  Anlagen  und  Handels=  oder  Gewerbebetrieb  sowie  aus  der
Beteiligung  an  dem  Unternehmen  einer  Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung
in  außerpreußischen  deutschen  Staaten  liegenden  Gemeinden  zufließt,  von
der  Besteuerung  freizulassen  ist.“

13./14.  März.  (Reichstag.)  Handelsvertrag  mit  Argentinien.


Abg.  Frhr.  Heyl  zu  Herrnsheim  (nul.)  beantragt:  „Die  verbündeten
  Regierungen  zu  ersuchen,  den  Freundschafts-,  Handels=  und  Schifffahrtsvertrag
  mit  der  Argentinischen  Republik  vom  19.  September  1857
auf  Grund  des  Artikels  14  dieses  Vertrages  zu  kündigen.“  Er  führt  aus,
seit  dem  Abschlusse  dieses  Vertrages  wären  von  uns  in  Europa  Handelsverträge
  abgeschlossen  worden;  wir  hätten  die  Getreidezölle  erheblich  ermäßigt,
  ohne  von  dem  meist  begünstigten  Argentinien  eine  Gegenleistung  zu
beanspruchen.  Gerade  von  diesem  Lande  würden  wir  aber  mit  Getreide,
vor  allem  mit  Weizen  überschwemmt,  und  außerdem  habe  es  die  meisten
seiner  Zölle  außerordentlich  erhöht.  Bei  seiner  minderwertigen  Valuta
könne  Argentinien  stets  den  Weltmarktpreis  unterbieten;  wie  die  Getreidepreise
  drücke  es  auch  schon  die  Fleischpreise  herab.  Endlich  schädige  es  die
deutsche  Industrie  durch  seine  Zollerhöhungen.  Abg.  Frese  (frs.  Vg.):
Die  deutsche  Industrie  werde  in  Argentinien  wie  alle  anderen  behandelt.
Ein  Wollzoll  gegen  Argentinien  würde  unsere  Textilindustrie  schädigen.
Wir  exportieren  nach  Argentinien  für  80  Millionen  Mark,  abgesehen  von
solchen  deutschen  Waren,  die  indirekt  dorthin  gehen.  Argentinien  würde
sicher  sofort,  wenn  diesem  Antrage  Folge  gegeben  werden  sollte,  Ursprungszeugnisse
  verlangen.  Unser  Export  nach  Argentinien  sei  von  1885—1893
um  24  Prozent  gestiegen,  der  englische  nur  um  6  Prozent.  Unser  Handel
und  Rhederei  würden  den  größten  Schaden  von  diesem  Antrage  haben.  Am
folgenden  Tage  erklärt  Staatssekretär  v.  Marschall:  Der  Bundesrat  habe
zu  dem  Antrage  noch  keine  Stellung  genommen.  Der  Vertrag  mit  Argentinien
  sei  seinerzeit  nicht,  wie  behauptet  worden  sei,  mit  Preußen,  sondern
mit  dem  Norddeutschen  Bunde  abgeschlossen  worden;  das  Deutsche  Reich  sei
dessen  Rechtsnachfolger  und  also  an  den  Vertrag  gebunden.  Daß  die  Kün-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  13.—17.)  69

digung  des  Vertrags  eine  Hebung  der  Getreidepreise  zur  Folge  haben
würden,  hätten  die  Antragsteller  nicht  bewiesen.  Der  Antrag  wird  mit
146  gegen  78  Stimmen  an  eine  Kommission  von  21  Mitgliedern  verwiesen.


13.  März.  (Schlesien.)  Der  Provinziallandtag  genehmigt
die  Errichtung  einer  Landwirtschaftskammer.

13.  März.  (Reichslande.)  Der  Landesausschuß  genehmigt
den  Etatsentwurf,  der  mit  rund  55  100  000  M  balanciert.

14.  März.  Die  Berliner  Stadtverordneten  und  Bismarck.



Die  Stadtverordneten-Versammlung  lehnt  mit  56  Stimmen  gegen
34  den  Antrag  des  Magistrats,  mit  ihm  in  gemischter  Deputation  über  eine
Glückwunschadresse  an  den  Fürsten  Bismarck  in  Beratung  zu  treten,  in  geheimer
  Sitzung  ab.

16.  März.  (Reichstag.)  Etat  des  auswärtigen  Amts.  Erklärung
  Marschalls  über  die  griechischen  Wertpapiere.

Abg.  Schmidt-Marburg  (3.)  fragt,  ob  die  Regierung  Schritte
thun  wolle,  um  den  Inhabern  griechischer  Papiere  zu  ihrem  Rechte  zu  verhelfen.
  Staatssekretär  v.  Marschall:  Im  Dezember  1893  habe  die  griechische
  Regierung  einen  Gesetzentwurf  eingebracht,  wonach  die  auswärtigen
Gläubiger  nur  noch  30  Prozent  der  ihnen  geschuldeten  Zinsquoten  erhalten
und  die  bei  Emission  der  Darlehen  verpfändeten  Einkünfte  in  die  Staatskasse
  fließen  sollten.  Deutschland  und  Frankreich  hätten  gegen  diesen  Rechtsbruch
  protestiert.  Bisher  sei  eine  Verständigung  gescheitert,  obgleich  die
auswärtigen  Gläubiger  bis  an  die  Grenze  der  Möglichkeit  den  Wünschen
der  griechischen  Regierung  entgegenkamen,  sie  waren  bereit,  sich  einen  sehr
erheblichen  Abzug  an  den  Zinsen  gefallen  zu  lassen;  sie  bestanden  nur
darauf,  daß  der  Ueberschuß  der  verpfändeten  Anlehen  proportional  so  verteilt
  werde,  daß  die  Hälfte  davon  in  die  Staatskasse  fließe,  die
andere  Hälfte  dagegen  zur  allmählichen  ihres  Zinsgenufses
und  zur  Amortisation  verwendet  werde.  Verhandlungen  sei
im  Dezember  vorigen  Jahres  von  seiten  des  des  franzöfischen
und  des  deutschen  Vertreters  in  Athen  eine  an  das  griechische
Ministerium  mit  dem  Verlangen  gerichtet  worden,  es  möge  die  griechische
Regierung  sofort  die  Verhandlungen  mit  den  auswärtigen  Gläubigern  auf
Grund  der  letzten,  von  den  Gläubigern  gemachten  Vorschläge  wieder  aufnehmen.
  Diese  Note  hat  das  damalige  griechische  Ministerium  ohne  stichhaltige
  Gründe  abgelehnt,  das  neue  habe  noch  keine  definitive  Erklärung
abgegeben.  Deutschland  werde  die  gerechten  Ansprüche  der  Gläubiger  auch
gegen  die  neue  griechische  Regierung  vertreten  und  namentlich  die  Forderung,
es  solle  ein  Teil  der  verpfändeten  Ueberschüsse  zu  Gunsten  der  Aufbesserung
des  Zinsgenusses  und  der  Amortisation  entsendet  werden,  mit  Energie
unterstützen.

17.  März.  (Münster  i.  W.)  Frhr.  v.  Schorlemer-Alst  +.

Beileidstelegramm  des  Kaisers.

Geboren  am  20.  Oktober  1825  gehörte  er  von  1845—1852  dem
Heere  an,  widmete  sich  dann  der  Landwirtschaft  und  begründete  den  Westfälischen
  Bauernverein.  1870  in  das  Abgeordnetenhaus  und  den  Reichstag
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        70  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  18.  —20.)

gewählt,  gehörte  er  zu  den  hervorragendsten  Führern  der  Zentrumpspartei,
in  der  er  das  konservative  Element  vertrat.

Der  Kaiser  sendet  folgendes  Telegramm  an  die  Familie  des  Verstorbenen:
  Mit  tiefem  Schmerze  hat  mich  die  Nachricht  von  dem  Dahinscheiden
  Ihres  Herrn  Vaters  erfüllt,  eines  Mannes,  der  ebenso  durch  Hingabe
  an  sein  Vaterland,  wie  an  seine  Kirche  sich  auszeichnete,  und  der  mir
oft  ein  Freund  und  Berater  gewesen  ist.  Die  Trauer,  welche  an  dem
Heimgang  des  Verewigten  nicht  nur  seine  Heimatprovinz,  sondern  die
weitesten  Kreise  des  Vaterlandes  empfinden  werden,  möge  dazu  beitragen,
Ihren  Schmerz  zu  lindern.  Von  mir  aber  bitte  ich  Sie  und  die  Ihrigen,
den  Ausdruck  meines  innigen  Beileids  entgegennehmen  zu  wollen.

gez.  Wilhelm  I.  R

18.—20.  März.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Gesetzentwurf,

  betr.  die  Erweiterung  des  Staatseisenbahnnetzes.

Nach  dem  Entwurfe  sollen  45  263  000  M  zum  Bau  von  Eisenbahnen
und  zur  Beschaffung  von  Betriebsmitteln,  1  170  000  M  zur  Deckung  von
Mehrkosten  für  den  Bau  einer  Eisenbahn  von  Triptis  nach  Blankenstein
und  für  die  Anlage  von  Straßen  u.  s.  w.  bei  den  Bahnhofsanlagen  in
Düsseldorf  und  5000  000  M  zur  Förderung  des  Baues  von  Kleinbahnen,
zusammen  also  51  433000  M,  verwandt  werden.  Die  Hauptsumme,  nämlich
  36  713  000  M,  ist  für  den  Neubau  von  Eisenbahnen  ausgeworfen.
Minister  Thielen  erklärt,  diese  hohe  Summe  sei  trotz  der  ungünstigen
Finanzlage  mit  Rücksicht  auf  die  schlechten  Verhältnisse  der  Industrie  und
Landwirtschaft  eingestellt.  Nachdem  zahlreiche  Abgeordnete  Vorschläge  über
den  Bau  neuer  Kleinbahnen  gebracht  haben,  wird  die  Vorlage  an  die
Budgetkommission  verwiesen.  (20.  März.)

Statistisches  über  den  Bau  von  Kleinbahnen.

Nach  einer  dem  Abgeordnetenhause  zugegangenen  Zusammenstellung
sind  vom  1.  Oktober  1892  bis  30.  September  1894  von  den  Regierungspräfidenten
  und  den  nach  §  3  des  Gesetzes  über  Kleinbahnen  und  Privat--anschlußbahnen
  sonst  zuständigen  Behörden  49  Kleinbahnen  genehmigt
worden.  Hiervon  entfallen  auf  die  Regierungsbezirke:  Königsberg  1,  Potsdam
  5,  Stettin  11,  Köslin  1,  Stralsund  2,  Bromberg  9,  Breslau  1,
Liegnitz  1,  Oppeln  1,  Magdeburg  1,  Merseburg  1,  Schleswig  2,  Hannover  1,
Lüneburg  1,  Minden  1,  Arensberg  2,  Koblenz  1,  Düsseldorf  1,  Köln  5.
Noch  anhängig  waren  106  Genehmigungsanträge.  Hiervon  entfallen  auf
die  Regierungsbezirke:  Königsberg  1,  Danzig  1,  Marienwerder  3,  Potsdam
  7,  Berlin  1,  Frankfurt  a.  O.  4,  Stettin  7,  Köslin  3,  Stralsund  1,
Posen  6,  Bromberg  3,  Breslau  4,  Liegnitz  2,  Oppeln  4,  Magdeburg  6,
Merseburg  5,  Schleswig  6,  Hannover  3,  Hildelsheim  2,  Stade  1,  Münster  1,
Minden  2,  Arnsberg  9,  Kassel  3,  Wiesbaden  3,  Koblenz  1,  Düsseldorf  5,
Köln  7,  Trier  1.

18.20.  März.  (Reichstag.)  Kolonialetat.  Handel  Ostafrikas,
  Finanzwirtschaft  Wißmanns  (val.  1894  S.  56).  Englische
Konkurrenz.

Abg.  Richter  (frs.  Vp.):  Die  Kolonialpolitik  werde  immer  unerfreulicher
  und  kostspieliger,  woran  der  militärische  Geist  in  den  Kolonien
die  Schuld  trage.  Die  vielen  militärischen  Expeditionen  wirkten  wirtschaftlich
  schädlich.  Der  Hauptexport  der  Kolonien  gehe  nicht  nach  Deutschland,
sondern  nach  Indien.  Direktor  der  Kolonialabteilung  Dr.  Kayser:  Der
Handel  Ostafrikas  habe  in  den  10  Jahren  der  deutschen  Verwaltung  einen
        <pb n="79" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  18./20.)  71

großen  Aufschwung  genommen,  der  Warenverkehr  der  Kolonien  beliefe  sich
auf  15  Millionen  Mark.  Neugebildete  Gesellschaften  für  Plantagenbau,
Kaffeepflanzungen  hätten  sich  gebildet.  Ohne  die  Schutztruppe  seien  geordnete
  Zustände  unmöglich,  und  die  Schutztruppe  bedürfe  der  Disziplin
und  der  straffen  Organisation.  Daher  seien  Richters  Vorwürfe  ungerechtfertigt,
  dem  Forschungseifer  der  Offiziere  und  Beamten  danke  die  Kolonialpolitik
  und  die  Wissenschaft  außerordentlich  viel.  Abg.  v.  Vollmar  (Soz.):
Es  sei  Verschwendung,  Geld  für  Kolonien  auszugeben.  Die  Verwaltung
müsse  regelmäßiger  sein,  insbesondere  dürfe  der  Gouverneur  nicht  zu  oft
wechseln.  Redner  bringt  mehrere  Fälle  von  Mißhandlung  Eingeborener
durch  Offiziere  und  Beamte  zur  Sprache,  ebenso  am  folgenden  Tage  Abg.
Bebel  (Soz.),  die  Direktor  Kayser  als  zum  Teil  auf  Uebertreibung  beruhend
  zurückweist.  Jede  Ausschreitung,  die  zur  Kenntnis  komme,  würde
bestraft.  Auf  eine  Bemerkung  des  Abg.  Hasse  (nl.)  über  die  Finanzwirtschaft
  in  Ostafrika  erwidert  Dr.  Kayser:  Ueber  die  Wißmann'sche  Finanzwirtschaft
  ist  eine  Legende  gebildet,  an  der  auch  das  Kolonialamt  gewissermaßen
  Schuld  ist.  Als  der  Buschiriaufstand  niedergeschlagen  werden  sollte,
wurde  Wißmann  ersucht,  einen  Anschlag  zu  machen.  Er  hat  dies  nach
bestem  Wissen  und  nach  seiner  Erfahrung  gethan,  es  hat  sich  aber  in  kurzer
Zeit  herausgestellt,  daß  dieser  Anschlag  in  keiner  Weise  ausreichte.  Es
wurden  zwei  Nachtragsetats  vorgelegt  und  es  sind  zwei  Etatsüberschreitungen
vorgekommen.  Das  war  für  das  Auswärtige  Amt  etwas  ungewöhnliches,
und  man  konnte  in  allen  Stuben  und  Gängen  hören,  daß  das  doch  eine
ganz  unerhörte  Wirtschaft  sei,  erst  einen  Etatsanschlag  von  2  Millionen
zu  machen  und  dann  schließlich  4  bis  5  Millionen  auszugeben.  So  hat
auch  der  frühere  Reichskanzler  die  Wißmannsche  Finanzoperation  aufgefaßt
und  unter  diesem  Eindruck  hat  er  im  vorigen  Jahre  die  Bemerkung  gemacht,
  die  der  Abg.  Hasse  angeführt  hat.  Ich  bin  überzeugt,  wenn
der  frühere  Reichskanzler  die  späteren  Erfahrungen  und  Feststellungen  vor
sich  gehabt  hätte,  hätte  er  seine  Aeußerungen  zurückgenommen.  Wenn  ein
Expeditionsführer  seine  Expedition  beginnt,  so  kennt  er  die  Zwischenfälle
nicht,  die  ihm  zustoßen  können;  namentlich  entstehen  fast  immer  große
Kosten  für  die  Träger  von  Lebensmittteln  u.  s.  w.  Dadurch  entstanden  die
Ueberschreitungen  des  Etats.  Die  Rechnungslegung  hat  die  vollständige
Rechtfertigung  Wißmanns  ergeben.  Für  eine  Summe,  die  9½  Millionen
überschreitet,  sind  alle  Beläge  beigebracht  worden  und  etwa  10  000  M  lassen
sich  durch  die  großen  Kursschwankungen  in  dieser  Zeit  erklären.  Das  kann
nicht  bestritten  werden,  daß  Major  Wißmann  in  dieser  Zeit  eine  so  sorgfältige
  Kassenverwaltung  mit  unzureichenden  Kräften  führte,  es  ist  das
etwas  Erstaunenswertes.  Ich  muß  das  den  Aeußerungen  des  früheren
Herrn  Reichskanzlers  gegenüber  hervorheben.  (Zustimmung  rechts.)

Am  20.  wendet  sich  Abg.  Graf  Arnim  (R.P.)  gegen  die  Fortschritte
  der  englischen  Gesellschaften  in  Südwestafrika,  die  englische  Anfiedler
dorthin  locken  und  den  unserigen  starke  Konkurrenz  machen.  Außerdem
vermehrten  sich  hierdurch  leider  die  Zollschmuggeleien.  Auf  diese  ausländischen
  Gesellschaften  möge  die  Regierung  ein  wachsames  Auge  haben  und
verhindern,  daß  durch  sie  eine  Disparität  zwischen  Engländern  und  Deutschen
  entstehe.  Direktor  Dr.  Kayser  gibt  eine  Schilderung  der  Anfänge
der  südwestafrikanischen  Kolonie,  bei  der  von  Anfang  an  großer  Kapitalmangel
  herrschte.  Unter  diesen  Umständen  habe  man  die  Beteiligung  der
South  Africa-Company  an  der  Erschließung  und  wirtschaftlichen  Ausnutzung
  des  Landes  mit  Freuden  begrüßen  müssen.  Bisher  habe  sich  die
Gesellschaft  durchaus  loyal  benommen  und  keine  wichtigeren  Schritte  gethun,
  ohne  die  deutsche  Reichsregierung  um  ihre  Zustimmung  zu  bitten.
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        72  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  20.)

Eine  andere  Gesellschaft,  die  Khavaskoma-Gesellschaft,  habe  sich  im  Osten
der  Kolonie  ausgebreitet  und  sei  der  deutschen  Verwaltung  seither  recht
nützlich  gewesen.

20.  März.  Der  Reichstag  genehmigt  den  Gesetzentwurf,
betr.  die  Vornahme  einer  Berufs=  und  Gewerbezählung  am
14.  Juni  1895.

20.  März.  (Reichstag.)  Rentenkonversion  (vgl.  S.  27).

Der  Reichsschatzsekretär  Graf  Posadowsky  lehnt  in  der  Budgetkommission
  des  Reichstags  die  verlangte  Umwandlung  der  4prozentigen
Papiere  in  3prozentige  für  die  nächste  Zeit  ab.  (Vgl.  K.  Thieß,  Jahrbücher
für  Nationalökonomie  und  Statistik.  Bd.  8.)

20.  März.  Woldemar,  Fürst  v.  Lippe-Detmold,  f.  Successionsfrage.



Der  Fürst  stirbt  kinderlos;  an  Stelle  seines  regierungsunfähigen
Bruders  ernennt  ein  vom  20.  Oktober  1890  datierter  Erlaß  den  Prinzen
Adolf  v.  Lippe-Schaumburg  zum  Regenten.  Anspruch  auf  die  Nachfolge
und  Regentschaft  erhebt  ferner  der  Graf  zur  Lippe-Biesterfeldt  (12.  April).
Der  Landtag  beschließt  mit  Zustimmung  des  Regenten,  die  testamentarische
Bestimmung  vorläufig  anzuerkennen  und  dem  Bundesrate  die  Regelung  der
Nachfolge  zu  überlassen  (24.  April).

20.  März.  Der  Botschafter  in  Petersburg,  General  v.  Werder,
  tritt  zurück  und  wird  durch  den  Botschafter  in  Konstantinopel,
Fürst  Radolin,  ersetzt.

20.  März.  Der  Kaiser  schließt  die  Sitzungen  des  Staatsrats
  mit  folgender  Ansprache:

Meine  Herren!  Nach  achttägiger  angestrengter  Beratung  sind  Sie
nunmehr  an  den  Schluß  Ihrer  Verhandlungen  gelangt.  Wenn  auch  das
Ergebnis  derselben  hochgespannte  Erwartungen  vielleicht  nicht  überall  befriedigen
  mag,  so  ist  es  doch  für  die  Aufgabe  Meiner  Regierung,  alle  wirksamen
  Mittel  anzuwenden,  um  der  Notlage  der  Landwirtschaft  Hilfe  zu
bringen,  von  hoher  Bedeutung,  daß  auf  diesem  Gebiete  durch  Ihre  Verhandlungen
  die  Grenzen  des  Erreichbaren  klarer  erkennbar  geworden  sind.
Die  erschöpfende  Erörterung  der  allseitig  anerkannten  Notlage  der  Landwirtschaft,
  ihrer  Ursachen,  ihres  Umfangs  und  ihrer  Folgen,  sowie  die  sorgfältige
  Prüfung  aller  Mittel,  welche  bisher  in  der  Oeffentlichkeit  oder  im
Laufe  Ihrer  Beratungen  für  die  Abhilfe  in  Frage  gekommen  find,  bilden
eine  wertvolle  Unterlage  für  die  weiteren  Entschließungen  Meiner  Regierung.
Die  Sachkunde  und  die  praktischen  Erfahrungen,  welche  in  Ihrer  Mitte
vertreten  und  bei  Ihren  Beratungen  zum  Ausdruck  gekommen  find,  geben
Mir  die  besondere  Gewähr,  daß  die  Vorschläge,  welche  das  Ergebnis  Ihrer
Verhandlungen  sind,  sich  auch  bei  den  weitern  Erwägungen  seitens  Meiner
Regierung  zweckentsprechend  und  durchführbar  erweisen  werden.  Solche
Mittel  aber,  deren  Erwägung  auch  von  Ihnen  als  ungeeignet  für  die  Erreichung
  des  Zweckes,  als  praktisch  nicht  ausführbar  oder  als  gefährlich  für
die  Erhaltung  der  staatlichen  und  wirtschaftlichen  Ordnung  erkannt  und
widerraten  sind,  wird  Meine  Regierung  um  so  unbedenklicher  aus  dem
Kreise  ihrer  Erwägungen  ausscheiden  können.  Es  ist  Meine  Absicht,  die
weiteren  Entschließungen  unverweilt  herbeizuführen.  Zum  Schluß  ersuche
        <pb n="81" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  22.)  73

Ich  Sie,  meine  Herren,  an  Ihrem  Teile  dafür  zu  sorgen  und  in  den  Ihnen
zugänglichen  Kreisen  des  Landes  die  Auffassung  zu  verbreiten,  daß,  wenn
künftig  ähnliche  Fragen,  wie  gegenwärtig  die  Notlage  der  Landwirtschaft
und  die  Mittel  zu  ihrer  Abhilfe,  auch  auf  andern  Gebieten  die  Gemüter
erregen,  zunächst  Meine  Regierung  angegangen  werde,  um  das  zur  schleunigen
  Abhilfe  geeignete  zu  veranlassen.  Es  ist  Meine  Absicht,  in  solchen
Fällen  underzüblich  selbst  in  die  Erwägung  der  erforderlichen  Maßnahmen
einzutreten  und  nötigenfalls  den  Staatsrat  zur  Beratung  derselben  zu  berufen.
  Ich  schließe  nunmehr  die  Verhandlungen  und  sage  Ihnen  allen
Meinen  königlichen  Dank.

März.  Staatsrat  und  Antrag  Kanitz.

Es  wird  bekannt,  daß  der  Staatsrat  den  Antrag  Kanitz  mit  großer
Mehrheit  abgelehnt  hat.  Die  „Kreuz-Ztg."  schreibt  dazu:  Die  konserdative
  Fraktion  des  Reichstages  hat  nunmehr  die  Pflicht,  um  so  entschiedener
  auf  die  Verhandlung  des  „Antrags  Kanitz“  im  Plenum  zu  dringen,
damit  die  in  dem  Berichte  über  die  letzte  Staatsratssitzung  summarisch  angegebenen,
  so  oft  in  der  Presse  schon  widerlegten  Gründe  gegen  den  Antrag
vor  dem  Lande  auf  ihren  wahren  Wert  zurückgeführt  werden.

Die  „Deutsche  Tageszeitung"  (Bund  der   Landwirte ):
„Also  hat  der  Staatsrat  den  Antrag  Kanitz  verworfen  und  die  kleinen
Mittel  zur  Hebung  der  Landwirtschaft  vorgeschlagen!  Der  Eindruck,  den
dieser  Beschluß  im  Lande  machen  wird,  muß  der  Größe  der  landwirtschaftlichen
  Notlage  entsprechen,  und  wir  würden  es  verstehen,  wenn  jetzt
wirklich  dumpfe  Verzweiflung  sich  unsrer  Bauern  bemächtigte,  die  ihre  letzte
Hoffnung  auf  die  Hebung  der  Getreidepreise  gesetzt  haben.  Nicht  allein
die  Landwirtschaft,  auch  das  Handwerk,  ja  der  ganze  Mittelstand  hat  auf
die  günstigen  Wirkungen  der  Hebung  der  Getreidepreise  für  die  gesamte
Volkswirtschaft  gewartet  und  ist  nun  schwer  enttäuscht.

22.  März.  (Postverwaltung.)  Der  Reichstag  fordert
in  einer  Resolution  den  Reichskanzler  auf,  den  durch  Einführung
des  Dienstalterssystems  geschädigten  Postbeamten  eine  Entschädigung
zu  gewähren.

22.  März.  Der  „Reichs-Anzeiger“  veröffentlicht  folgenden
kaiserlichen  Erlaß  über  die  Versorgung  der  Kriegsteilnehmer
  von  1870/71.

Binnen  kurzem  wird  ein  Vierteljahrhundert  vollendet  sein  seit  den
weltgeschichtlichen  Ereignissen,  welche  unter  der  ruhmreichen  Regierung
Meines  in  Gott  ruhenden  Herrn  Großvaters  Dank  dem  einmütigen  Zusammenwirken
  der  deutschen  Fürsten  und  Völker  zur  Wiederaufrichtung  des  Reiches
führten.  In  der  Erinnerung  an  jene  große  Zeit  empfinde  Ich  am  heutigen,
dem  Gedächtnis  des  Kaisers  Wilhelm  l.  geweihten  Tage  besonders  lebhaft
das  Bedürfnis,  in  Seinem  Sinne  fürsorgend  für  die  Männer  einzutreten,
welche,  dem  Rufe  ihrer  Kriegsherren  folgend,  opferfreudig  Leben  und  Gesundheit
  für  das  Vaterland  eingesetzt  haben.  Ich  würde  es  daher  mit  hoher
Genugthuung  begrüßen,  wenn  denjenigen  Offizieren,  Militärärzten,  Beamten
und  Mannschaften  des  deutschen  Heeres  und  Meiner  Marine,  welche  infolge
einer  im  Kriege  von  1870/71  erlittenen  Verwundung  oder  sonstigen  Dienstbeschädigung
  verhindert  waren,  an  den  weiteren  Unternehmungen  des  Feldzuges
  teilzunehmen  und  dadurch  der  Anrechnung  eines  zweiten  Kriegsjahres
bei  der  Pensionierung  verlustig  gehen  oder  gegangen  sind,  auf  Ansuchen
        <pb n="82" />
        74  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.)

der  betreffende  Pensionsausfall  fortan  erstattet  werden  könnte.  Ebenso
würde  es  Meinen  Absichten  entsprechen,  wenn  die  Bereitstellung  von  Mitteln
  erfolgte,  um  solchen  Personen  des  Unteroffizier=  und  Mannschaftsstandes
des  Heeres  und  der  Marine,  die  am  Feldzuge  von  1870/71  oder  an  den
von  deutschen  Staaten  vor  1870  geführten  Kriegen  ehrenvollen  Anteil
genommen  haben,  würdig  und  infolge  von  Erwerbsunfähigkeit  bedürftig
sind  und  weder  eine  Invalidenpension  noch  eine  laufende  Unterstützung  an
Stelle  der  letzterer  beziehen,  in  Zukunft  Beihilfen  gewähren  zu  können.
Ich  verkenne  nicht,  daß  die  Umstände  nur  die  Berücksichtigung  einer  kleinen
Anzahl  dieser  Kriegsteilnehmer  gestatten.  Es  ist  aber  Mein  lebhafter  Wunsch,
daß  wenigstens  denjenigen  Männern  der  Dank  des  Vaterlandes  bethätigt
werde,  die  als  vorzugsweise  bedürftig  anzusehen  sind.  Ich  beauftrage  Sie,
Mir  nähere  Vorschläge  darüber  zu  machen,  in  welcher  Weise  diese  Meine
Absichten  unter  verfassungsmäßiger  Mitwirkung  des  Bundesrats  und  des
Reichstags  zu  Ausführung  zu  bringen  sein  werden.
Berlin,  den  22.  März  1895.

 

Wilhelm  I.  R.
An  den  Reichskanzler.  Fürst  zu  Hohenlohe.

23.  März.  (Reichstag.)  Ablehnung  des  Antrags  den

Fürsten  Bismarck  zu  beglückwünschen.

Präsident  v.  Levetzow:  Am  bevorstehenden  1.  April  vollendet  der
frühere  Reichskanzler  Fürst  Bismarck  sein  achtzigstes  Lebensjahr.  Es  erscheint
  mir  geboten,  daß  der  Reichstag  Ausdruck  gibt  seiner  Teilnahme  an
diesem  Tage,  der  den  letzten  unter  den  hervorragenden  Begründern  des
deutschen  Reiches  ein  wenigen  Sterblichen  beschiedenes  Alter  erreichen  läßt.
Deshalb  erbitte  ich  die  Ermächtigung,  dem  Fürsten  Bismarck  die  Geburtstagsglückwünsche
  des  Reichstages  ausdrücken  zu  dürfen.  (Lebhafter  Beifall).

Abg.  Graf  Hompesch  (3.):  Meine  Herren!  In  der  Voraussicht,  daß
der  Herr  Präsident  den  eben  gehörten  Vorschlag  dem  Reichstage  unterbreiten
würde,  habe  ich  im  Namen  meiner  politischen  Freunde  folgende  Erklärung
abzugeben:  Die  beantragte  Beglückwünschung  des  Fürsten  Bismarck  seitens
des  Reichstages  gilt  der  politischen  Persönlichkeit,  ist  ein  politischer  Akt,
um  so  mehr,  als  schon  seit  Wochen  einem  desfallfigen  Schritt  des  Reichstages
  die  Eigenschaft  ganz  besonderer  Ehrung  des  Staatsmannes  als  solchen
beigemessen  wird.  Das  Zentrum  kann  sich  an  einer  unterschiedslosen  Billigung
  der  Grundsätze,  nach  denen  Fürst  Bismarck  die  deutsche  und  preußische
  Polikik  geleitet  hat  und  heute  noch  zu  beeinflussen  bestrebt  scheint,
und  an  einer  unterschiedslosen  Billigung  zahlreicher  der  wichtigen  Angelegenheiten
  und  Handlungen,  in  denen  diese  Grundsätze  Ausdruck  fanden,  nicht
beteiligen.  Das  Zentrum  könnte  ebensowenig  dem  Verdacht  einer  solchen
Billigung  entgehen,  wenn  es  den  Vorschlag  eines  Reichstagsglückwunsches
ohne  allen  Widerspruch  ließe:  denn  Fürst  Bismarck  ist  ein  untrennbares
Ganzes.  (Gelächter  rechts;  Rufe  rechts:  Sehr  richtig!  Beifall  rechts;  stürmisches
  Gelächter.)  Die  Rücksichten  und  Möglichkeiten,  welche  vor  zehn
Jahren  walteten,  fallen  augenblicklich,  da  Fürst  Bismarck  nicht  mehr  im
Amte  ist,  gänzlich  fort.  (Abg.  Werner:  So!  Lachen  rechts.)  Ebensowenig
können  Ehrenbezeugungen,  welche  aktiven  Reichstagsmitgliedern  erwiesen
wurden,  hier  in  Betracht  kommen.  (Sehr  war  im  Zentrum.)  So  sind  wir
zu  unserem  Bedauern  außer  Stande,  einem  Glückwunsch  von  seiten  des
Reichstages  zuzustimmen;  wir  verzichten  jedoch  auf  die  Anführung  derjenigen
Gründe,  die  es  uns  im  Einzelnen  unmöglich  machen,  in  die  vielseitigen
Kundgebungen  einzustimmen,  um  nicht  durch  Streiten  über  Persönlichkeiten
        <pb n="83" />
            Das  Deutsche  Reich  und seine  einzelnen Glieder ( März. 23. )             75

die  große  Schwierigkeit  der  allgemeinen  Lage  zu  erhöhen.  Dies  ist  unsere
Erklärung;  ich  habe  nichts  weiter  hinzuzufügen.  (Lebhafter  Beifall  im
Zentrum  und  links.)

Abg.  v.  Bennigsen  (nl.)  und  v.  Manteuffel  (kons.)  sprechen  für
den  Antrag  des  Präsidenten;  der  Reichstag  verdanke  Bismarck  sein  Dasein,
daher  würde  die  Verweigerung  der  Gratulation  unverständlich  sein.

Abg.  Richter:  Namens  der  Freisinnigen  Volkspartei  und  zugleich
der  Deutschen  Volkspartei  habe  ich  folgendes  zu  erklären:  Die  angeregte
Beglückwünschung  als  einfache  Bekundung  menschlicher  Teilnahme  für  den
hochbetagten  Staatsmann  aufzufassen,  verhindert  uns  schon  die  Art,  wie
eine  Anzahl  der  Anhänger  des  Fürsten  Bismarck  beflissen  sind,  die  Geburtstagsfeier
  zu  einem  politischen  Huldigungsakt  für  denselben  auszugestalten
(Zustimmung  links)  und  zu  einem  politischen  Zweck  für  sich  selbst  auszunutzen.
  (Lebhafter  Widerspruch  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.)  Auch
wir  verkennen  nicht  die  großen  Verdienste  des  Fürsten  Bismarck  (Lachen)
um  das  deutsche  Einigungswerk  (Lachen  und  Unterbrechungen)  —  Ihre
Unterbrechungen  bekunden  ja  diese  politische  Ausbeutung  —  und  um  die
auswärtige  Politik  unseres  Vaterlandes.  Aber  die  Persönlichkeit  des  Fürsten
Bismarck  kann  und  muß  beanspruchen,  als  ein  Ganzes  und  Ungeteiltes  beurteilt
  zu  werden.  (Fortgesetzte  Unruhe.)  Fürst  Bismarck  ist  zugleich  der
Träger  eines  Systems  der  inneren  Politik,  das  wir  als  dem  System  des
Liberalismus  und  des  parlamentarischen  Wesens  entgegengesetzt  ansehen
müssen,  und  deshalb  im  Interesse  von  Volk  und  Vaterland  zu  bekämpfen
stets  für  unsere  patriotische  Pflicht  erachtet  haben.  (Gelächter  rechts  und
bei  den  Nationalliberalen.)  Insbesondere  hat  der  Fürst  Bismarck  in  dem
letzten  Abschnitt  seiner  amtlichen  Wirksamkeit  jene  die  Volkseinheit  zersetzenden
  Interessenkämpfe  geschützt  und  geschürt,  welche  auf  weite  Volkskreise
  politisch  demoralisierend  einwirkten  (lebhafter  Wiederspruch),  welche
die  Gegenwart  schwer  belasten  und  die  Zukunft  für  unsere  nationale  Entwicklung
  mit  Besorgnis  erfüllen.  (Erneuter  lebhafter  Widerspruch.)  Auch
nachdem  der  amtlichen  Thätigkeit  des  Fürsten  Bismarck  ein  Ziel  gesetzt
worden  ist,  sucht  derselbe  mit  der  ganzen  Autorität  seiner  Person  auf  die
öffentliche  Meinung  einzuwirken  in  einer  Richtung,  welche  die  Einlenkung
der  inneren  Politik  in  gesundere  Bahnen  verhindert  oder  erschwert.  Wir
bedauern  daher,  dem  Ersuchen  des  Herrn  Präsidenten  keine  Folge  geben
zu  können.  (Lebhafter  Beifall  links;  Widerspruch  rechts;  Rufe  Pfui !)

Abg.  Singer:  (Soz.)  [Ah]  bei  den  Konservativen  und  Nationalliberalen):
  Im  Auftrage  meiner  Freunde  habe  ich  die  Erklärung  abzugeben,
daß  wir  dem  Vorschlage  des  Präsidenten  nicht  zustimmen.  Wir  haben
keine  Veranlassung,  uns  an  einer  Kundgebung  zu  beteiligen.  Die  durch
den  Fürsten  Bismarck  zum  ausschließlichen  Vorteil  der  besitzenden  Klasse
verfolgte  Zoll=  und  Steuerpolitik  hat  schwere  Schädigungen  über  das  deutsche
Volk  gebracht  und  in  ihren  unheilvollen  Wirkungen  der  Arbeiterklasse  die
notwendigsten  Lebensmittel  verteuert.  (Zustimmung  links.)  Fürst  Bismarck
hat  stets  nur  die  Politik  der  Sonderinteressen  und  der  nationalen  und  internationalen
  Gegensätzlichkeit  betrieben;  er  hat  seine  Gegner,  insbesondere  die
sozialdemokratische  Partei,  bis  zur  Aechtung  mit  Ausnahmegesetzen  verfolgt
und  vergewaltigt.  (Große  Unruhe  rechts.)  Er  besitzt  daher  keinen  Anspruch
auf  den  Dank  und  die  Anerkennung  (Unterbrechungen  rechts)  des  gerade
von  ihm  so  oft  mit  Hohn  behandelten  Reichstages.  (Unruhe  rechts.)  Als
Vertreter  der  stärksten  politischen  Partei  Deutschlands  (Lachen  rechts)  lehnen
wir  den  Vorschlag  des  Herrn  Präsidenten  ab.  Ich  habe  die  Bitte  an  den
Präsidenten  hinzuzufügen,  über  seinen  Vorschlag  den  Beschluß  des  Hauses
herbeizuführen.  (Beifall  bei  den  Sozialdemokraten.)
        <pb n="84" />
        76  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.)

Abg.  Rickert  (frs.  Vg.)  erklärt,  daß  seine  Partei  für  den  Antrag
des  Präsidenten  stimmen  werde.

Abg.  Fürst  Radziwill  (Pole):  Ich  habe  im  Namen  meiner  Fraktion
  folgende  Erklärung  abzugeben:  Der  gestellte  Antrag  ist  eine  hochpolitische
  Kundgebung,  bestimmt,  der  Begeisterung  für  das  politische  Wirken
des  Fürsten  v.  Bismarck  im  Staate  und  im  Reiche  einen  prägnanten  Ausdruck
  zu  geben.  An  einer  derartigen  Kundgebung  teilzunehmen,  verbietet
uns,  als  einer  politischen  Partei,  die  Rücksicht  darauf,  daß  sich  sowohl  das
amtliche  als  das  außeramtliche  Wirken  des  ersten  Reichskanzlers  zu  den
Rechten,  welche  wir  auf  nationalem  und  kirchlichem  Gebiete  zu  wahren
haben,  in  schroffen  Gegensatz  gestellt  und  diese  natürlichen  und  verbrieften
Rechte  verletzt  hat.  Wir  sind  daher  nicht  in  der  Lage,  uns  den  Herren
Antragstellern  anzuschließen  und  werden  gegen  den  gestellten  Antrag  stimmen.
(Beifall  links  und  im  Zentrum.)

Abg.  v.  Kardorff  (RP.):  Wenn  dieses  Votum  von  der  Majorität
des  deutschen  Reichstags  so  abgegeben  wird,  wie  es  die  Herren  Abgg.
Singer,  Richter  und  Graf  Hompesch  hier  beantragt  haben,  so  sage  ich  mir,
daß  gegenüber  unserem  gesamten  deutschen  Vaterlande,  und  nicht  bloß

egenüber  unserem  gesamten  deutschen  Vaterlande,  sondern  gegenüber  ganz
Europa  (Sehr  wahr!  rechts.)  und  nicht  bloß  gegenüber  Europa,  sondern
gegenüber  der  ganzen  Welt  (Sehr  richtig!  rechts;  ach!  links),  und  nicht  bloß
gegenüber  der  ganzen  Welt  der  Gegenwart,  sondern  für  alle  Jahrhunderte
der  Zukunft  (Lebhafte  Zustimmung  rechts;  Unruhe  links.)  der  Reichstag
sich  unsterblich  lächerlich  macht.  (Stürmisches  Bravo  rechts.  Große  Unruhe
links.  Andauernde  Bewegung.  Glocke  des  Präsidenten.)

Abg.  v.  Hodenberg  (Welfe):  Im  Auftrage  meiner  politischen
Freunde  aus  Hannover  bitte  ich  den  Herrn  Präfidenten,  bei  der  Beglückwünschung
  des  Fürsten  Bismarck  uns  ausdrücklich  von  den  Gratulanten
auszunehmen.  Es  würde  einem  Hannoveraner  schlecht  anstehen,  an  der
Ehrung  eines  Mannes  teilzunehmen,  welcher  unter  Mißachtung  und  schwerer
Verletzung  des  Rechtes  deutscher  Fürsten  und  Volksstämme  Hannover  zu
einer  preußischen  Provinz  machte.  (Unruhe  und  Lachen.  Rufe  rechts:  Gott
sei  Dank,  daß  er  es  gethan  hat !)

Abg.  Graf  zu  Inn=  und  Knyhausen  (k.)  protestiert  als  Hannoveraner
  gegen  die  Worte  des  Vorredners.

Der  Antrag  wird  in  namentlicher  Abstimmung  mit  163  gegen  146
Stimmen  abgelehnt.  Für  den  Antrag  stimmen  geschlossen  die  Deutschkonservativen,
  die  Reichspartei,  die  Nationalliberalen,  die  deutsche  Reformpartei
  und  die  freisinnige  Vereinigung  mit  Ausnahme  von  Barth,  ferner
der  bayerische  Bauern-Vereinler  Hilpert;  gegen  den  Antrag  stimmen  die
Sozialdemokraten,  die  süddeutsche  und  die  freisinnige  Volkspartei,  das
Zentrum,  die  Polen,  die  Welfen  und  die  Elsässer.  Präsident  v.  Levetzow
legt  infolge  dieser  Abstimmung  das  Präsidium  nieder.  (Stürmischer,  lange
andauernder  Beifall  und  Händeklatschen  rechts,  bei  den  Nationalliberalen
und  auf  sämtlichen  Zuschauertribünen;  Lärm  auf  der  Linken,  Zwischenrufe
  u.  a.:  Ruhe  in  der  Minderheitl)

23.  März.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Beschluß,  den
Fürsten  Bismarck  zu  beglückwünschen.

Antrag  Achenbach  und  Genossen:  Das  Haus  der  Abgeordneten
wolle  beschließen:  Der  Herr  Präsident  wird  beauftragt,  dem  Fürsten  v.  Bismarck
  anläßlich  seines  bevorstehenden  Geburtsfestes  die  Glückwünsche  des

Hauses  der  Abgeordneten  darzubringen.
Abg.  v.  Heeremann  (3.):  Meine  Herren.  Im  Namen  meiner
        <pb n="85" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.)  77

politischen  Freunde  gebe  ich  folgende  Erklärung  ab:  An  der  politischen
Kundgebung  zur  allgemeinen  Ehrung  und  Anerkennung  des  früheren  Ministerpräsidenten
  und  Reichskanzlers  zum  Geburtstage  teilzunehmen,  sind  wir  zu
unserm  Bedauern  außer  stande.  Derselbe  ist  bei  der  mit  den  Rechten  aller
Staatsbürger  vielfach  nicht  zu  vereinbarenden,  in  die  kirchlichen  Verhältnisse
störend  eingreifenden  Richtung  seiner  Thätigkeit  insbesondere  der  katholischen
  Kirche  Preußens  und  Deutschlands  in  so  schroffer  Weise  und  mit
einer  so  schädlichen  Wirkung  entgegengetreten,  daß  die  dadurch  herbeigeführten
  großen  Nachteile  sich  noch  neuerdings  in  hohem  Maße  fühlbar
machen  und  die  auch  durch  die  anerkennenswerte  Einleitung  friedlicherer
Verhältnisse  nicht  beseitigt  worden  find.  Da  wir  eine  nähere  Erörterung
über  diese  Frage  zur  Zeit  nicht  für  wünschenswert  erachten,  werden  wir
uns  an  der  weiteren  Besprechung,  falls  sie  beliebt  werden  sollte,  nicht  beteiligen.
  (Vereinzelter  Beifall  im  Zentrum  und  links.)

Abg.  Graf  Limburg-Stirum  (kons.)  tritt  in  längerer  Rede  für
den  Antrag  ein.

Abg.  Virchow  (frs.  Vp.):  Die  Mitglieder  der  freifinnigen  Volkspartei
  haben  geglaubt,  daß  bei  dieser  Gelegenheit  zu  einer  Diskussion  eigentlich
  kein  Platz  sei.  (Rufe:  Lauter!)  Wir  haben  geglaubt,  daß  Sie  bei
dieser  Gelegenheit  eine  Diskussion  über  den  Fürsten  Bismarck  nicht  hervorrufen
  werden.  (Zwischenrufe  rechts.)  Ja,  ich  bin  daher  nicht  beauftragt,
in  diese  Diskussion  einzutreten,  habe  auch  persönlich  keine  besondere  Veranlassung
  dazu.  Ich  bin  der  Meinung,  es  ist  viel  einfacher  und  natürlicher,
  daß  wir  bei  anderer  Gelegenheit  diese  allgemeinen  Fragen  austragen,
da  das  eine  praktische  Bedeutung  heute  nicht  hat.  Daher  beschränke  ich
mich  darauf,  die  Erklärung  zu  verlesen,  welche  die  Mitglieder  der  freisinnigen
  Volkspartei  vor  Ihnen  und  vor  dem  Lande  abgeben:  „Es  bedarf
keiner  Erinnerung  daran,  daß  die  Abgeordneten  der  freisinnigen  Volkspartei
wie  früher  die  der  deutschen  Fortschrittspartei  die  großen  Verdienste  des
Fürsten  Bismarck  um  die  Aufrichtung  des  Deutschen  Reiches  offen  anerkannt
haben.  Die  Verhandlungen  dieses  Hauses  geben  Zeugnis  davon.  Wir
wiederholen  für  uns  dieses  Anerkenntnis.  (Gelächter  rechts.)  Wenn  wir
trotzdem  (Gelächter  rechts)  an  der  Feier,  welche  man  jetzt  plant,  nicht  teilnehmen
  können,  so  darf  niemand  erstaunt  sein  (Höhnisches  Lachen  rechts;
Rufe:  Nein,  nein!),  niemand  erstaunt  sein  (Wiederholte  Rufe:  Nein,  nein!),
daß  eine  Partei,  welche  Jahrzehnte  hindurch  im  prinzipiellen  Gegensatz  zu  der
inneren  Politik  des  Fürsten  Bismarck  gestanden  hat,  diesen  Gegensatz  nicht
in  einem  Augenblick  verschleiern  darf,  wo  die  Verwirrung  des  öffentlichen
Geistes  (Höhnisches  Gelächter  rechts)  durch  diese  Politik  hervorgerufen  und
allgemein  geworden  ist.  Die  Enthebung  des  Fürsten  Bismarck  von  den
höchsten  Reichs=  und  Staatsämtern  war  die  Vorbedingung  für  die  Genesung
des  Volksgeistes.  (Gelächter  rechts.)  Wenn  die  Freisinnige  Volkspartei  sich
an  dieser  Demonstration  beteiligen  würde,  würde  nur  von  neuem  Verwirrung
  eintreten.  Die  Mitglieder  der  freisinnigen  Volkspartei  werden
daher  gegen  den  Antrag  Achenbach  stimmen.  (Höhnisches  Gelächter  rechts.)

Abg.  Rickert  (frs.  Vg.):  Ich  beschränke  mich  auf  die  Erklärung,
daß  meine  näheren  Freunde  und  ich  für  den  Antrag  Achenbach  stimmen
werden  (Lebhafter  Beifall  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.)

Abg.  Motty  (Pole):  Ich  habe  im  Namen  meiner  Landsleute  folgende
Erklärung  abzugeben:  Der  gestellte  Antrag  ist  eine  hochpolitische  Kundgebung,
  bestimmt,  der  Begeisterung  für  das  politische  Wirken  des  Fürsten
d.  Bismarck  im  Staate  und  im  Reiche  einen  prägnanten  Ausdruck  zu  geben.
An  einer  derartigen  Kundgebung  teilzunehmen,  verbietet  uns,  als  einer
politischen  Partei,  die  Rücksicht  darauf,  daß  sich  sowohl  das  amtliche  als
        <pb n="86" />
        78  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.)

das  außeramtliche  Wirken  des  ersten  Reichskanzlers  zu  den  Rechten,  welche
wir  auf  nationalem  und  kirchlichem  Gebiete  zu  wahren  haben,  in  schroffen
Gegensatz  gestellt  und  diese  natürlichen  und  verbrieften  Rechte  verletzt  hat.
Wir  sind  daher  nicht  in  der  Lage,  uns  den  Herren  Antragstellern  anzuschließen
  und  werden  gegen  den  gestellten  Antrag  stimmen.  (Zuruf  rechts:
habeant  sibi !)

Der  Antrag  wird  mit  großer  Mehrheit  angenommen.

23.  März.  Depeschenwechsel  zwischen  dem  Kaiser  und  Bismarck
  über  den  Reichstagsbeschluß.

„An  den  Fürsten  v.  Bismarck,  Herzog  von  Lauenburg,  Friedrichsruh.
Euer  Durchlaucht  spreche  Ich  den  Ausdruck  tiefster  Entrüstung  über
den  eben  gefaßten  Beschluß  des  Reichstags  aus.  Derselbe  steht  im  vollsten
Gegensatz  zu  den  Gefühlen  aller  deutschen  Fürsten  und  ihrer  Völker.
Wilhelm  I.  k.“

Ab  Friedrichsruh  23./3.  95.  7  Uhr  15  Min.  Nachm.
Seiner  Majestät  dem  Kaiser  und  Könige,  Berlin.
„Eure  Majestät  bitte  ich,  den  ehrfurchtsvollen  Ausdruck  meiner  Dankbarkeit
  für  die  Allerhöchste  Kundgebung  entgegenzunehmen,  durch  welche
Eure  Majestät  jede  mir  noch  unbekannte  Unerfreulichkeit  meiner  alten
politischen  Gegner  zum  Anlaß  einer  erfreulichen  Genugthuung  für  mich
umwandeln.  v.  Bismarck."“

März.  Preßstimmen  über  den  Reichstagsbeschluß  vom  23.

Die  konservativen  und  mittelparteilichen  Blätter  tadeln  durchweg  den
Beschluß  aufs  schärfste  und  erklären  ihn  aus  politischer  Verbohrtheit  oder
aus  Mangel  an  nationalem  Empfinden;  einige  fordern  die  Auflösung  des
Reichstages,  so  die  „Berl.  Neuest.  Nachr.“,  „Schwäb.  Merkur“,
„Deutsche  Tageszeitung",  andere  wie  die  „Nat.  Ztg.“  und  der
„Hannov.  Courier“"  lehnen  diesen  Vorschlag  ab,  weil  die  Minderheitsparteien
  keine  gemeinsame  politische  Wahlparole  besäßen.

Die  freisinnige  und  ultramontane  Presse  vertheidigt  den  Beschluß
mit  der  Behauptung,  daß  die  Minderheit  eine  politische  Demonstration
habe  herbeiführen  wollen.

So  schreibt  die  klerikale  „Köln.  Volksztg.“:  „Tausendfacher  Dank
gebührt  unserem  Zentrum,  daß  es  ohne  Scheu  und  Menschenfurcht  die  Beteiligung
  an  der  Aprilfeier  abgewiesen  hat;  tausendfacher  Dank  auch  den
katholischen  Preßorganen,  daß  sie  mit  bewundernswerter  Einhelligkeit  den
Standpunkt  vertreten  haben,  welchen  Selbstachtung  und  Konsequenz  zur
Pflicht  machen;  tausendfacher  Dank  endlich  dem  katholischen  Volke,  weil  es
sein  Knie  vor  dem  Tagesgötzen  nicht  beugen  will  ."

„Bocholter  Volksblatt"“  (klerikal):  „Die  schönste  und  zutreffendste
Ehrung  hat  dem  Fürsten  Bismarck  zu  seinem  80.  Geburtstage  die  Berliner
Schlächter-Innung  erwiesen,  indem  sie  ihn  zu  ihrem  Ehrenmitgliede  ernannte.
  Auf  eine  vorher  an  ihn  gerichtete  Anfrage  erklärte  er  sich  damit
einverstanden,  zweifellos  in  dem  richtigen  Gefühle,  daß  er  dort  an  seinem
Platze  sei.  In  der  That:  zu  den  Schlächtern  gehört  der  Mann,  dessen
Blut=  und  Eisenpolitik  so  viele  Tausende  —  nicht  Thiere,  sondern  Menschen
—  in  zwei  Kriegen  auf  die  Schlachtbank  geliefert  hat!“

Die  „Freis.  Ztg.“  sieht  in  den  Entrüstungskundgebungen  gegen
den  Reichstagsbeschluß  Beleidigungen  des  Reichstags  und  macht  darauf
aufmerksam,  daß  solche  Beleidigungen  nach  dem  Strafgesetzbuch  mit  Geldbuße
  bis  zu  600  M.  bezw.  1500  M  oder  mit  Gefängnis  bis  zu  einem
Jahre  bezw.  zwei  Jahren  bestraft  werden.
        <pb n="87" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  25.)  79

„Vorwärts“:  Ein  Akt  der  Justiz  hat  sich  erfüllt.  Die  Nemesis
hatte  ihres  Amtes  gewaltet.  Das  deutsche  Volk  hatte  durch  den  Mund
seiner  Vertreter  den  Mann  gerichtet,  der  mehr  Unrecht  gethan  und  mehr
Elend  über  die  Welt  gebracht  hat,  als  irgend  ein  anderer  seit  dem  Tode
des  ersten  Napoleon,  und  der  nicht  wie  dieser  seinem  belasteten  Schuldkonto
große  Kulturthaten  gegenüber  zu  stellen  hat.  Der  deutsche  Reichstag  hat
heute  zum  erstenmal  Rückgrat  gezeigt,  hat  den  mächtigen  Einflüssen  der
vereinigten  reaktionären  Parteien  erolgreich  getrotzt,  und,  indem  er  dem
Urheber  der  Blut=  und  Eisenpolitik  das  Urteil  sprach,  die  Ehre  des  deutschen
  Volkes  gewahrt,  und  sich  selbst  für  dieses  eine  Mal  des  Namens  einer
Volksvertretung  würdig  bewiesen.

Nicht  alle  freisinnigen  und  klerikalen  Blätter  billigen  den  Reichstagsbeschluß.
  Die  „Voss.  Ztg.“  schreibt:  „Wir  wollen  wegen  der  Abimmung

  vom  23.  März  gegen  niemanden  Vorwurf  erheben,  aber  die  freimnnige
  Partei  wird  wenig  Veranlassung  haben,  sich  dieses  Tages  zu  freuen.“

„Saale-Ztg.“  (gem.  1—  ):  „Daß  die  Freisinnige  Volkspartei  es
jetzt  nicht  über  sich  vermochte,  sich  von  den  Bitternissen  der  früheren  politischen
  Kämpfe  loszureißen  und  sich  über  dieselben  zu  erheben,  das  wird
schließlich  der  bereits  so  schwer  darniederliegende  Liberalismus  zu  büßen
baben.“  Aehnlich  die  demokratische  „Frankf.  Ztg.

Von  katholischen  Stimmen  tadelt  der  "Westfale"  die  Abstimmung
des  Zentrums  und  fährt  fort:  „Wir  für  unsern  Teil  halten  es  mit  der
Ansicht  eines  preußischen  Bischofs,  der  noch  zur  Zeit  seine  Diözese  mit
Kraft  und  Weisheit  regiert.  Der  Hochwürdigste  Herr  erzählte  dem  Schreiber
dieser  Zeilen  bei  einer  Audienz,  daß  er  eine  Unterhaltung  mit  dem  eisernen
Kanzler  in  den  80er  Jahren  zu  den  interessantesten  Stunden  seines  ereignisreichen
  Lebens  zähle  und  knüpfte  daran  die  Bitte,  man  möge  die  Person
des  alten  Herrn,  an  welchen  doch  niemand  heranreiche,  in  der  Presse  nach
Möglichkeit  schonen.“  „Schonen  Sie  mir  den  alten  Bismarck“,  so  lautete
sein  Abschiedswort.  Aehnlich  hat  sich  bekanntlich  Papst  Leo  ausgesprochen,
indem  er  nach  Bismarcks  Rücktritt  gelegentlich  sagte:  „Mi  manca  Bismarck“.

Ferner  erlassen  Leipziger  Katholiken  einen  Aufruf  an  ihre
deutschen  Glaubensgenossen,  öffentlich  gegen  den  Reichstagsbeschluß  zu  protestieren,
  da  der  „Glaube  mit  der  Politik  und  der  Verehrung  deutscher  Helden
nichts  zu  thun“  habe.  Proteste  von  Katholiken  werden  dann  u.  a.  in  den

„Berl.  N.  Nachr.“  und  im  „Schwäb.  Merkur“  veröffentlicht.

25.  März.  (Friedrichsruh.)  424  Mitglieder  des  Reichstags
  und  preußischen  Landtags  überbringen  dem  Fürsten  Bismarck

  ihre  Glückwünsche.

Nach  Begrüßungen  durch  die  Präidenten  beider  Häuser  des  Landtags
  hält  Abg.  v.  Levetzow  eine  Ansprache,  in  der  er  bedauert,  ohne

offiziellen  Auftrag  des  Reichstags  sprechen  zu  müssen.

Fürst  Bismarck  antwortet:  Erlauben  die  Herren,  daß  ich  in  einigen
Worten  meinen  Dank  für  die  mir  erwiesene  Ehre  ausspreche.  Es  ist  ür
mich  eine  hohe  Auszeichnung,  weit  über  meine  persönlichen  Leistungen  und
Verdienste,  daß  ich  eine  so  vornehme  Gesellschaft,  wie  sie  der  Sachsenwald
noch  nicht  beisammen  gesehen,  hier  zu  meiner  Begrüßung  vereinigt  finde.
Ich  würde  einigermaßen  beschämt  sein  durch  das  Uebermaß  der  Anerkennung,
wenn  ich  mir  nicht  sagte,  daß  diese  Anerkennung  nicht  meiner  Person  gilt
( ja! )  sondern  der  Sache,  der  Arbeit,  an  der  ich  mitgeholfen,  den  politischen

gebnissen,  die  wir  infolge  dieser  Arbeit  erreicht  und  gewonnen  haben.
Es  ist  ein  Zeugnis,  was  Sie  ablegen,  für  die  Zufriedenheit  unserer  großen
        <pb n="88" />
        80  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  25.)

parlamentarischen  Körperschaften  mit  dem,  was  in  den  schweren  Kämpfen
der  letzten  Jahrzehnte  erreicht  und  gewonnen  worden  ist;  unvollkommen
immerhin,  aber  noch  das  Beste,  was  wir  haben  konnten.  (Beifall.)  Ich
teile  und  das  tröstet  mich  über  das  Gewicht  der  Anerkennung,  die  mir  zu
teil  wird  —  ich  teile  sie  mit  meinen  verstorbenen  Mitarbeitern  und  auch
noch  mit  vielen  andern  —  ich  komme  gleich  darauf.  Vor  allen  Dingen
mit  meinem  Hochseligen  Herrn  (lange  Pause;  der  Fürst  kämpft  mit  innerer
Rührung),  mit  meinem  alten  Herrn,  dem  Kaiser  Wilhelm.  (Lebhafter,  anhaltender
  Beifall.)  Was  hätte  ich  ohne  ihn,  ohne  sein  Kriegsheer  leisten
können?  Ich  wäre  in  demselben  Sumpfe  stecken  geblieben  wie  alle  früheren
nationalen  Bestrebungen,  die  an  dem  Mißgriff  litten,  daß  sie  die  starke
reale  Potenz,  die  das  deutsche  Fürstentum,  die  deutschen  Dynastien,  an  ihrer
Spitze  die  preußische,  boten,  ignorierten  und  glaubten,  sie  könnten  über  fie
zur  Tagesordnung  übergehen,  in  der  besten  Absicht,  in  den  Jahren  nach
1848.  Das  war  ein  Irrtum.  Unsere  Dynastien  sind  Gott  sei  Dank  noch
stark  in  ihren  Wurzeln.  Jede  in  ihrem  Lande  (Beifall)  und  vor  allen
Dingen  die  große  Militärmacht,  über  die  der  König  von  Preußen  unbedingt
verfügt,  in  den  Dienst  des  nationalen  Gedankens  zu  stellen,  das  war  mein
Bestreben,  sobald  ich  als  Gesandter  in  Frankfurt  erkannt  hatte,  wie  die
politische  Situation  bei  uns  in  Deutschland  war.  Wir  danken  dem  alten
Kaiser  und  seinen  Bundesgenossen  doch  mehr  als  irgend  ein  Minister  und
Kanzler  je  hätte  leisten  können.  Wenn  deren  Unterschrift  unter  den  Bundesverträgen
  nicht  vorhanden  wäre,  so  existierten  sie  nicht.  Wenn  des  Königs
Mobilmachungsbefehl  im  Jahre  1866  und  im  Jahre  1870  nicht  erfolgt
wäre,  was  wäre  dann  geworden?  Und  Dynastien  sind  ja  von  uns  im  Laufe
der  Geschichte  ohne  Absicht  in  vorübergehenden  Phasen  sehr  viel  schwerer
verletzt  worden,  als  irgend  eine  parlamentarische  Fraktion  es  hätte  werden
können  in  unsern  friedlichen  Zeiten.  (Heiterkeit  und  Beifall.)  Wir  haben
mit  Bayern  und  Sachsen  schwer  gefochten  und  sobald  die  gemeinschaftliche
Not  für  das  Reich  und  das  Volk  kam,  haben  wir  ihren  Beistand  mit
größter  Energie  gehabt.  Fraktionsstreitigkeiten  dagegen  gehen  tiefer.  Da
sagt  jemand:  „Der  deutsche  Kanzler  erklärte  vor  30  Jahren,  ich  imponierte
ihm  nicht".  (Heiterkeit.)  Nun,  und  das  genügt  ihm,  um  vom  Reiche  abzufallen;
  „er  hat  vor  20  Jahren  erklärt,  wir  wären  Reichsfeinde  “,  also
Verbalinjurien.  (Heiterkeit.)  Wir  haben  mit  unseren  Bundesgenossen  die
schwersten  „Realinjurien",  nämlich  mit  ...  Kanonenschüssen  gewechselt  (sehr
wahr),  nichts  destoweniger  haben  sie,  sobald  der  nationale  Gedanke  in  den
Vordergrund  trat,  uns  die  Bruderhand  gereicht  und  sind  mit  uns  gegangen
(lebhafter  anhaltender  Beifall),  deshalb  kann  ich  sagen,  daß  die  Bundesgenossen
  und  ihre  Regierungen  und  Dynastien  doch  bessere  Leute  sind  als
die  Fraktionen.  (Heiterkeit.)  Bei  den  Fraktionen  steht  jede  politische  Verstimmung,
  jede  Rivalität,  jeder  lautere  oder  unlautere  Wettbewerb  (Heiterkeit)
  mit  anderen  Fraktionen  über  dem  nationalen  Interesse;  bei  unseren
Fürstengeschlechtern  steht  das  nationale  Interesse  im  Vordergrunde.  (Beifall.)
Man  hat  sich  geschlagen,  daß  die  Hunde  das  Blut  leckten,  und  man  reicht
sich  die  Hand  und  geht  zusammen  gegen  den  Landesfeind.  Das  ist  die
Haltung  unserer  Dynastien  im  Vergleich  mit  unseren  Fraktionen.  Möchten
sie  davon  lernen!  Aber  so  lange  wir  auf  die  nationale  Gesinnung  unserer
urdeutschen  Fürstengeschlechter  rechnen  können,  ist  mir  nicht  bange,  daß  wir
Herr  jeder  Verwirrung  werden,  die  durch  den  Fraktionskampf  in  unserem
Innern  angerichtet  werden  könnte.  Ich  möchte,  daß  der  nationale  Gedanke,
ebenso  wie  er  in  den  Dynastien  fest  begründet  ist,  auch  in  den  Landtagen
der  einzelnen  Bundesstaaten  stärker  als  bisher  zum  Ausdruck  käme.  (Beifall.)
Wir  können  in  Deutschland  in  der  That  nicht  wie  zwei  geschiedene  Reiche
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        Das  Deutsche  Reich  uud  seine  einzelnen  Glieder.  (März  25.)  81

existieren,  wie  Schweden  und  Norwegen,  die  unter  einer  Dynastie  zusammenleben.
  Wir  Preußen,  Bayern,  Sachsen,  wir  sind  Deutschland,  wir  bilden
es  und  müssen  uns  in  unseren  Landtagen  dafür  interessieren,  welche  Politik
in  unserem  Gesamtreich  getrieben  wird.  (Beifall.)  Wir  dürfen  das  nicht
ignorieren,  wir  müssen  unseren  auswärtigen  Minister  kontrollieren  über  die
Haltung,  die  er  im  Bundesrat  beobachtet  (Beifall),  über  die  Reichspolitik,
die  er  treibt;  und  der  nationale  Gedanke  wird  sich  ganz  anders  beleben,
wenn  es  gelingt,  den  Lokalpatriotismus  für  eine  Beteiligung  an  der  nationalen
  Entwickelung  so  zu  interessieren,  daß  wir  auch  im  preußischen  Landtag
  über  die  deutsche  Politik  debattieren,  über  die  Frage  debattieren,  „wie
soll  der  auswärtige  Minister  im  Bundesrat  instruiert  werden?"  Das  alles
schiebt  sich  bei  der  Budgetfrage  und  den  Gehaltsdiskussionen  leicht  darunter.
(Heiterkeit.)  Ich  freue  mich,  wenn  die  Reichspolikik  in  den  Landtagen  —  und
das  sage  ich  nicht  bloß  für  Preußen,  ich  sage  dasselbe  auch  für  Sachsen
und  Bayern  —  kritisiert  wird.  Das  ist  ein  Beweis  dafür,  daß  man  sich
für  sie  interessiert,  mit  ihr  lebt,  von  ihr  etwas  erwartet  oder  befürchtet,
daß  man  bereit  steht,  mit  ihr  zu  gehen.  Dieses  Interesse  ist  bisher  nicht
in  solchem  Maße  erlebt  worden,  wie  ich  es  gewünscht  hätte  unter  dem
Drucke  einer  eigentümlichen  Fiktion  von  zwei  verschiedenen  Regierungen,  die
neben  einander  herlaufen:  Die  deutsche  und  die  preußische,  die  deutsche  und
die  bayrische,  die  deutsche  und  die  sächsische.  Sie  sind  gar  nicht  von  einander
  zu  trennen  und  getrennt  zu  betrachten.  Der  sächsische  Vertreter  muß
doch  immer  unter  dem  Gesichtspunkt  der  sächsischen  Interessen  dem  Reichstag
  und  dem  Bundesrat  gegenüber  instruiert  sein,  und  so  geht  es  mit  dem
preußischen,  dem  bayerischen  und  umgekehrt.  Kein  sächsischer  oder  bayerischer
oder  preußischer  Minister  kann  sich  seinem  Landtag  gegenüber  lossagen  von
seiner  Beziehung  zum  Deutschen  Reiche.  Das  Einheitliche,  was  im  ursprünglichen
  Verfassungsentwurf  beabsichtigt  war,  ist  ganz  geschwunden  durch  die
theoretisch  bureaukratische  Fiktion,  als  ob  zwei  Regierungen  neben  einander
liefen.  Eine  Reichsregierung  ohne  Stütze  und  ohne  Beziehung  zu  den
Partikular-Regierungen  steht  vollständig  in  der  Luft,  hat  gar  keine  Möglichkeit
  sich  zu  wehren,  wenigstens  verfassungsmäßig  nicht.  Faktisch  kann  es
ja  eine  Zeit  lang  geschehen,  aber  in  der  Verfassung  existiert  ein  Grund  und
Boden  dafür  nicht  und  deshalb,  meine  Herren  —  (eine  längere  Pause)  ich
hätte  Ihnen  viel  zu  sagen,  noch  sehr  viel  (Heiterkeit),  wenn  ich  gesund
enug  wäre.  Ich  bin  ein  matter  alter  Mann  (lebhafter  Widerspruch)  und
in  Ihnen  dankbar,  wenn  Sie  mir  so  lange  Aufmerksamkeit  geschenkt  haben
und  noch  dankbarer  für  die  hohe  Ehre,  die  Sie  mir  hier  erzeigen.  Ich
bedaure,  daß  ich  nicht  im  Stande  bin,  mit  Ihnen  in  parlamentarischer  Beziehung
  zu  arbeiten.  (Zuruf:  Wir  noch  mehr!)  Aber  ich  bin  dazu  nicht
gesund  genug,  um  die  Anfechtungen  einer  Berliner  Existenz  (lebhafte  Heiterkeit)
  dauernd  ertragen  zu  können  (Heiterkeit)  nach  vielen  Seiten  hin.  Ich
bin  alt  und  bequem  geworden  und  wünsche  mein  Leben  in  den  Räumen  zu
beschließen,  die  ich  jetzt  bewohne.  Aber  meine  Gedanken  sind  mit  Ihnen,
noch  lebhafter  vielleicht,  als  für  einen  Mann  in  meinem  Alter  schicklich  ist.
(Lebhafter  Widerspruch.)  Aber  ich  kann  auf  altgewohnte  Gedanken  eben
nicht  plötzlich  verzichten,  weil  ich  alt  geworden  und  krank  bin.  Sie  verlassen
  mich  nicht  und  ich  kann  den  Empfindungen,  die  mich  beseelen,  nicht
besser  Ausdruck  geben,  als  indem  ich  Sie  bitte,  am  Reichsgedanken  festzuhalten
  auch  im  preußischen  Landtage  und  dort  nicht  zu  vergessen,  daß  Sie
Reichsbürger  sind,  daß  Ihr  König  auch  Kaiser  ist  und  Ehrenpflichten  den
Bundesgenossen  gegenüber  hat  und  daß  Sie  ihm  helfen,  nicht  bloß  kurbrandenburgische
  oder  auch  selbst  Königlich  preußische  Politik,  sondern
Kaiserlich  deutsche  Politik  zu  betreiben  (lebhafter  Beifall),  und  in  dem
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.  6
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        82  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  26.)

Sinne  bitte  ich  Sie,  mit  mir  ein  Hoch  auf  Seine  Majestät  den  Kaiser  auszubringen.
  Seine  Majestät  der  Kaiser  und  König  lebe  hoch,  hoch  und  abermals
  hoch!  (Stürmische  Zustimmung.)

26.  März.  Gratulationsfahrt  des  Kaisers  und  des  Kronprinzen
  nach  Friedrichsruh.  Reden  des  Kaisers  und  Bismarcks.

Der  Kaiser  traf  um  12  Uhr  mittags  am  Eisenbahn-Uebergange  bei
der  Aumühle,  westlich  Friedrichsruh,  ein,  stieg  daselbst  zu  Pferde  und  begab
  sich  nach  dem  ungefähr  500  Meter  südlich  Friedrichsruh  gelegenen
Kreuzungspunkt  der  Chaussee  Aumühle-Schwarzenbeck  und  Friedrichsruh-Forsthaus
  Perleberg,  woselbst  unter  dem  Befehl  des  Kommandeurs  des
Kürassier-Regiments  v.  Seydlitz  (Magdeburg.)  Nr.  7,  eine  Schwadron  dieses
Regiments,  dessen  Chef  Fürst  Bismarck  ist,  mit  dem  Trompeterkorps  und
der  Standarte,  eine  Kompagnie  des  2.  Hanseatischen  Infanterie-Regiments
Nr.  76  mit  der  Regimentsmusik,  den  Spielleuten  und  der  Fahne  des  betreffenden
  Bataillons,  eine  Eskadron  des  Hannoverschen  Husaren-Regiments
Nr.  15  mit  dem  Trompeterkorps  und  der  Standarte  und  eine  Batterie  zu
6  Geschützen  des  Holsteinischen  Feld-Artillerie-Regiments  Nr.  24  in  etatsmäßiger
  Friedensstärke  bereit  standen.  Der  Kaiser  führte  die  Truppen  nach
einem,  ungefähr  200  Meter  vom  Schlosse  entfernten,  an  den  Park  anstoßenden
  freien  Platz  und  befahl  daselbst  die  Parade-Aufstellung  in  einem
nach  Norden  hin  geöffneten  Viereck,  dessen  östliche  Seite  durch  die  Kürassiere,
die  südliche  durch  die  Infanterie,  die  westliche  durch  die  Husaren  und  Artillerie
  gebildet  wurde.  Nach  Einnahme  derselben  traf  der  Fürst,  welcher
mittlerweile  durch  einen  Flügeladjutanten  benachrichtigt  worden  war,  in
der  Uniform  seines  Kürassier-Regiments  im  offenen  Wagen  auf  dem  Paradeplatze
  ein,  von  den  Truppen  unter  präsentiertem  Gewehr  und  mit  klingendem
  Spiel  empfangen.

Hierauf  hält  der  Kaiser  folgende  Ansprache:  „Euer  Durchlaucht!
Unser  ganzes  Vaterland  rüstet  sich  zu  der  Feier  Ihres  Geburtstages.  Der
heutige  Tag  gehört  der  Armee.  Dieselbe  ist  zuerst  berufen,  ihren  Kameraden,
  den  alten  Offizier  zu  feiern,  dessen  Wirksamkeit  es  vorbehalten  war,
ihr  die  Möglichkeit  zu  gewähren,  die  gewaltigen  Thaten  auszuführen,  die
in  der  Krönung  des  wiedererstandenen  Vaterlandes  ihren  Lohn  fanden.
Die  Kriegerschar,  die  hier  versammelt  steht,  ist  ein  Symbol  des  ganzen
Heeres,  vor  allem  jenes  Regiments,  welches  die  Ehre  hat,  Euer  Durchlaucht
als  seinen  Chef  zu  nennen,  jenes  Feldzeichen  ein  Denkmal  des  brandenburgischen,
  des  preußischen  Ruhmes,  aus  der  Zeit  des  Großen  Kurfürsten
herüberstammend,  geweiht  durch  das  Blut  von  Mars-la-Tour.  Euer  Durchlaucht
  wollen  im  Geiste  hinter  dieser  Schar  den  gesamten  kampfgerüsteten
Heerbann  aller  germanischen  Stämme  sehen,  die  den  heutigen  Tag  mitfeiern.
  Im  Anblick  dieser  Schar  komme  Ich  nun,  Meine  Gabe  Euer
Durchlaucht  zu  überreichen.  Ich  konnte  kein  besseres  Geschenk  finden,  als
ein  Schwert,  diese  vornehmste  Waffe  des  Germanen,  ein  Symbol  jenes  Instruments,
  welches  Euer  Durchlaucht  mit  meinem  hochseligen  Herrn  Großvater
  haben  schmieden,  schärfen  und  auch  führen  helfen,  das  Symbol  jener
großer  gewaltigen  Bauzeit,  deren  Kitt  Blut  und  Eisen  war,  dasjenige
Mittel,  welches  nie  versagt  und  in  der  Hand  von  Königen  und  Fürsten,
wenn  es  notthut,  auch  nach  innen  dem  Baterland  den  Zusammenhalt  bewahren
  wird,  der  es  einst  nach  außen  hin  zur  Einigkeit  geführt  hat.  Wollen
Euer  Durchlaucht  in  dem  hier  eingravierten  Zeichen  des  Wappens  von
Elsaß-Lothringen  und  des  eigenen  erkennen  und  fühlen  die  ganze  Geschichte,
die  vor  25  Jahren  ihren  Abschluß  fand.  Wir  aber,  Kameraden,  rufen:
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  26.)  83

„Seine  Durchlaucht  der  Fürst  v.  Bismarck,  Herzog  von  Lauenburg,  hurra!
hurra!  hurra!

Fürst  Bismarck  antwortet:  „Eure  Majestät  wollen  gestatten,
Ihnen  meinen  unterthänigsten  Dank  zu  Füßen  zu  legen.  Meine  militärische
Stellung  Eurer  Majestät  gegenüber  gestattet  es  mir  nicht,  Eurer  Majestät
meine  Gefühle  weiter  auszusprechen.  Ich  danke  Eurer  Majestät."

Bei  der  Tafel  hält  der  Kaiser  folgende  Ansprache  an  den
Fürsten  Bismarck:

„Der  achtzigste  Geburtstag  Euer  Durchlaucht  fällt  in  das  25.  Jahr
des  Bestehens  unseres  Reiches.  Die  Glückwünsche  Meines  Heeres,  geweiht
durch  die  Erinnerung  an  die  gewaltigen  Kämpfe,  konnte  Ich  Ihnen  soeben
im  Angesicht  der  Truppen  aussprechen.  Nicht  an  den  großen  Staatsmann,
sondern  an  den  Offizier  richten  sich  heute  Meine  heißen  Wünsche.  Und  da  sind
es  drei  Sprüche,  die  für  den  heutigen  Tag  von  besonderer  Bedeutung  Mir
erscheinen.  Zum  Ersten  Euer  Durchlaucht  Konfirmationsspruch:  „Was  Ihr
thut,  thut  Ihr  dem  Herrn  und  nicht  den  Menschen“  weist  hin  auf  das
unerschütterliche  Gottvertrauen,  mit  dem  Euer  Durchlaucht  Ihre  gewaltige
Arbeit  ausgeführt,  und  welches  auch  unser  Heer  niemals  verleugnet  hat.
Der  zweite  Spruch:  „Dennoch"  war  der  Ausspruch  jenes  tapferen  Grafen
Mansfeld,  als  er  sich  kühn,  das  Schwert  in  stahlbewehrter  Faust,  dem  übermächtigen
  Feind  gegenüberstellte.  Euer  Durchlaucht  haben  denselben  des  Oefteren
wahr  gemacht,  zumal  in  jener  Zeit  schwerwiegender  Entschlüsse  für  Meinen

ochseligen  Herrn  Großvater,  als  Sie  ihn  mit  stolzem  Hinweis  auf  Sein

ffizierkorps  an  Sein  Portepée  erinnerten.  Den  dritten  Spruch  „Spectemur
agendo“  schrieb  Mein  englisches  Dragoner-Regiment  in  stolzem  Selbstbewußtsein
  auf  seine  Standarte,  nachdem  es,  des  Feindes  Viereck  niederreitend,
  seine  Feldzeichen  erobert  hatte.  Dieses  kann  als  Antwort  gelten
auf  alles,  was  Euer  Durchlaucht  Feinde  und  Neider  sagen  oder  thun  können.
Wir  aber  die  wir  mit  Freuden  Euer  Durchlaucht  als  Kameraden  und
Standesgenossen  bewundernd  feiern,  in  bewegtem  Danke  gegen  Gott,  der
Sie  unter  unserem  glorreichen  alten  Kaiser  so  Herrliches  vollbringen  ließ,
stimmen  ein  in  den  Ruf,  den  alle  Deutschen  von  der  schneebedeckten  Alpe
bis  zu  den  Schären  des  Belt,  wo  die  Brandung  donnernd  tost,  aus  glühendem
  Herzen  ausrufen:  „Seine  Durchlaucht  der  Fürst  von  Bismarck,  Herzog
von  Lauenburg,  lebe  hoch!  Hurra,  Hurra,  Hurra!"

Der  Fürst  erwidert:  „Erlauben  Euer  Majestät,  daß  ich  meinen

Dank  in  wenigen  Worten  zu  Füßen  lege.  Euer  Majestät  haben  appelliert
an  die  Eigenschaft  des  preußischen  Offiziers,  und  ich  kann  in  Anknüpfung
daran  nur  bestätigen,  was  ich  schon  vor  zehn  Jahren  bei  der  Begrüßung
der  Generale  in  Berlin  aussprach;  das  beste  in  mir  und  in  meiner  Lebensbethätigung
  ist  immer  der  preußische  Offizier  gewesen.  Wäre  ich  der  nicht
gewesen,  ich  weiß  nicht,  ob  ich  ganz  in  dieselben  richtigen  Bahnen  verfallen
wäre.  Aber  der  Landwehroffizier  des  9.  Regiments  ist  für  mich  der  Wegweiser
  gewesen,  der  mich  anno  48  von  Hause  aus  in  die  richten  Bahnen
eworfen  hat  d.  h.  in  die  Bahnen  der  Anhänglichkeit  an  unser  regierendes
im  Hinblick  auf  andere  Länder,  die  diesen  Vorteil  eines  regierenden
auses  überhaupt  nicht  besaßen;  kurz  und  gut,  ich  bin  über  48  hinweggekommen
  mit  einer  intensiveren  Anhänglichkeit  an  das  Königliche  Haus,
als  ich  vielleicht  in  meiner  agrarischen  Unwissenheit  vor  48  auch  nur  gedacht
  hätte:  begeistert  und  hingebend.  Ich  bin  in  der  Richtung  geblieben,
so  lange  meine  Thätigkeit  beansprucht  wurde,  und  darin  wurde  ich  überzeugt,
  daß  außerhalb  der  dynastischen  Anhänglichkeit  in  Deutschland  über-                                                          6*
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        84  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  27.)

haupt  kein  Heil  ist.  Wir  brauchen  bloß  auf  Frankreich  zu  sehen;  seitdem
die  Dynastie  weg  ist,  wo  soll  der  Sammelpunkt  herkommen,  für  den  zum
Ralliement  geblasen  wird:  Das  ist  immer  streitig.  Halten  wir  fest,  was
wir  haben.  Wir  haben  in  Deutschland  nicht  ein  einheitliches  Kaisertum,
aber  unsere  Fürsten  und  regierende  Herren,  die  uns  angestammt  sind  und
an  denen  schon  die  römischen  Schriftsteller  die  Anhänglichkeit  der  Germanen
in  einer  Weise  gerühmt  haben,  die  wir  heute  kaum  mehr  verstehen.  Ich
brauche  darauf  für  die  belesenen  Herren  nicht  näher  einzugehen;  aber  in
diesem  Sinne  darf  ich  Sie  bitten,  im  Sinne  der  germanischen  Anhänglichkeit
  an  den  Stammesfürsten  mit  mir  auf  das  Wohl  unseres  gnädigen  Herrn
anzustoßen.  Seine  Majestät  der  Kaiser  und  König  lebe  hoch!

27.  März.  (Friedrichsruh.)  Der  Großherzog  von  Baden
und  Prinz  Heinrich  beglückwünschen  den  Fürsten  Bismarck.

Reichskanzler  Fürst  Hohenlohe  überbringt  folgenden  Glückwunsch
  des  Bundesrats  und  des  preußischen  Staatsministeriums:



Eurer  Durchlaucht  Eintritt  in  das  neunte  Jahrzehnt  eines  mit  unvergleichlicher
  Hingebung  dem  Dienste  des  Vaterlandes  gewidmeten  Lebens
gibt  dem  Bundesrat  einen  willkommenen  Anlaß  zum  erneuten  Ausdruck  seiner
aufrichtigen  Verehrung  und  seiner  warm  empfundenen  Wünsche.  Nicht  vergessen
  hat  es  der  Bundesrat,  daß  er  während  zweier  Dezennien  unter  dem
Vorsitz  Eurer  Durchlaucht  an  dem  Ausbau  des  neu  erstandenen  Reiches  hat
mitwirken  können,  nicht  vergessen,  daß  die  von  ihm  im  Auftrage  seiner
hohen  Machtgeber  verfolgte  Politik  durch  Eurer  Durchlaucht  weise  Leitung
Ziel  und  Richtung  empfangen  hat.  Und  wenn  Dank  dieser  Politik  der
Bund  der  Fürsten  und  Freien  Städte  des  Reiches  gefestigt  dasteht  gegenüber
den  zersetzenden  Elementen,  welche  nicht  müde  werden  in  dem  Versuche,  die
schöpferische  That  einer  großen  Zeit  zu  zerstören,  so  weiß  sich  der  Bundesrat
  eins  mit  allen  vaterländisch  gesinnten  Gliedern  der  Nation  in  der
Ueberzeugung,  daß  Eurer  Durchlaucht  weitschauender  Blick  es  gewesen  ist,
der  den  sicheren  Grund  zu  solchem  Erfolge  gelegt  hat.  Auf  dem  von  Eurer
Durchlaucht  vorgezeichneten  Wege  wird  der  Bundesrat  fortfahren,  des  Reiches
Ausbau  zu  fördern,  und  damit  einen  Teil  des  Dankes  abzutragen,  welcher
der  wahrhaft  staatsmännischen  Arbeit  des  Ersten  Kanzlers  gebührt.  Möge
der  Segen,  welcher  sichtlich  auf  dieser  Arbeit  ruht,  zum  Heile  des  Vaterlandes
  fortwirken,  möge  Gottes  Gnade  geben,  daß  Eure  Durchlaucht  noch
lange  Jahre  dem  Kaiser  und  dem  Reiche  erhalten  bleiben,  und  möge  es
Ihnen  beschieden  sein,  neben  der  Befriedigung  über  Ihre  Schöpfung  reiche
Freude  an  deren  Entwickelung  zu  erleben!

Berlin,  den  1.  April  1895.

Der  Bundesrat.
(Unterschriften.)
Seiner  Durchlaucht  dem  Fürsten  v.  Bismarck,  Herzog  von  Lauenburg.

Das  Glückwunschschreiben  des  Staats-Ministeriums  lautet:  Euerer
Durchlaucht  ist  es  durch  Gottes  Gnade  beschieden,  am  1.  April  d.  J.  das
achtzigste  Lebensjahr  zu  vollenden.  Mit  den  Ihrigen  wird  das  Vaterland
diesen  seltenen  Festtag  in  dankbarer  Gesinnung  begehen,  eingedenk  der  unvergänglichen
  Verdienste,  welche  Euere  Durchlaucht  in  langjähriger  unermüdlicher
  und  reich  gesegneter  Thätigkeit  um  Preußens  und  des  Deutschen
Reiches  Ruhm  und  Größe  sich  erworben  haben.  Mit  den  Segenswünschen,
        <pb n="93" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  27.)  85

welche  Euerer  Durchlaucht  zu  diesem  festlichen  Tage  von  Seiner  Majestät
dem  Kaiser  und  Könige,  unserem  erhabenen  Herrn,  zugehen,  verbindet  auch
das  Staats-Ministerium  die  seinigen  im  dankbaren  Rückblick  auf  die  langen
Jahre,  während  deren  Euere  Durchlaucht  seine  Beratungen  zum  Heile  des
Vaterlandes  mit  Weisheit  und  Festigkeit  geleitet  haben.  Möge  der  Allmächtige
  Euere  Durchlaucht  noch  lange  Jahre  in  voller  Kraft  des  Körpers
und  Frische  des  Geistes  dem  Vaterlande  erhalten  und  Ihnen  einen  ungetrübten
  Lebensabend,  verschönt  durch  die  Liebe  und  Verehrung  Ihrer  Mitbürger,
  bereiten!

Berlin,  den  1.  April  1895.

Das  Staats-Ministerium.
(Unterschriften.)
An  Seine  Durchlaucht  den  Fürsten  von  Bismarck,
Herzog  von  Lauenburg.

Fürst  Bismarck  antwortet  dem  Bundesrate:

Friedrichsruh,  29.  März  1895.
Unter  allen  Begrüßungen  und  Auszeichnungen,  die  mir  zu  meinem
bevorstehenden  Geburtstage  zu  teil  geworden  find.  lege  ich  hervorragenden
Wert  auf  die  Kundgebung  der  Herren  Vertreter  der  durchlauchtigsten  Reichsgeuossen
  im  Bundesrat.  In  dankbarem  Rückblick  auf  die  Zeit  gemeinsamer
rbeit  mit  den  meisten  Herren  Unterzeichnern  der  Urkunde  bitte  ich  den
hohen  Bundesrat,  meinen  gehorsamsten  Dank  für  die  mir  erwiesene  Ehre
entgegenzunehmen,  und  zweifle  nicht,  daß  das  deutsche  Volk  in  diesem  höchsten
Senat  des  Reichs  stets  wie  bisher  den  für  alle  Deutschen  maßgebenden  Ausdruck
  der  nationalen  Zusammengehörigkeit  und  Vaterlandsliebe  finden  wird.

von  Bismarck.

Dem  Präsidenten  des  Staatsministeriums  Fürst  Hohenlohe  erwidert

Fürst  Bismarck:
Friedrichsruh,  29.  März  1895.
Eurer  Durchlaucht  habe  ich  bereits,  als  ich  den  Vorzug  hatte,  Sie
hier  zu  sehen,  meinen  verbindlichsten  Dank  für  den  Glückwunsch  des  Staats-Ministeriums
  ausgesprochen,  den  Hochdieselben  mir  die  Ehre  erzeigten,  persönlich
  zu  überbringen.  Ich  freue  mich,  in  Eurer  Durchlaucht  einen  mir
von  Alters  her  durch  nationale  Mitarbeit  befreundeten  Staatsmann  an  der
Spitze  der  preußischen  Regierung  zu  sehen,  und  verbinde  mit  meinem  Danke
die  aufrichtigsten  Wünsche  für  das  Gelingen  der  Aufgaben,  die  die  Zeit
für  unsere  Regierung  bringt.  Die  Aufgaben  sind  schwierig,  aber  das  find
alle  gewesen,  die  der  preußischen  Regierung  seit  einem  halben  Jahrhundert
obgelegen  haben,  und  doch  find  sie  mit  Gottes  Hilfe  unter  der  Leitung
unserer  Könige  in  einer  Weise  gelöst  worden,  daß  sie  heute  dem  Rückblick
geringer  erscheinen,  als  zu  der  Zeit,  wo  fie  bevorstanden.
Fürst  von  Bismarck.

27.  März.  (Reichstag.)  Präsidentenwahl.

An  Stelle  des  zurückgetretenen  Abg.  v.  Levetzow  wird  mit  183  von
291  abgegebenen  Wahlzetteln  der  bisherige  1.  Vizepräsident  Abg.  v.  Buol  (Z.)
zum  Präsidenten  gewählt;  zum  1.  Vizepräsidenten  wird  mit  181  von  286
Stimmen  gewählt  Abg.  Schmidt-Bingen  (frs.  Vp.);  2.  Vizepräsident  an
Stelle  des  Abg.  Bürklin  (ul.),  der  ebenfalls  zurückgetreten  ist,  wird
Abg.  Spahn  (3.)  mit  176  von  281  Stimmen.

27.  März.  Das  Preuß.  Abgeordnetenhaus  genehmigt
in  dritter  Beratung  die  Sekundärbahnvorlage  (vgl.  S.  70).
        <pb n="94" />
        86  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  28.)

28.  März.  Der  Reichstag  genehmigt  folgenden  Gesetzentwurf,
  betr.  die  einheitliche  Zeitbestimmung:

Das  Gesetz  betreffend  die  Einführung  einer  einheitlichen  Zeitbestimmung
  vom  12.  März  1893  erhält  folgenden  Zusatz:  Wenn  der  Unterschied
zwischen  der  gesetzlichen  Zeit  und  der  Ortszeit  mehr  als  eine  Viertelstunde
beträgt,  kann  die  höhere  Verwaltungsbehörde  bezüglich  der  Zeitbestimmungen
im  Titel  7  der  Gewerbeordnung  und  der  hierauf  beruhenden  Ausführungsund
  Ausnahmebestimmungen  für  einzelne  Betriebe  oder  Betriebsteile  Abweichungen
  von  der  Vorschrift  im  Absatz  1  zulassen.  Die  Abweichungen
dürfen  nicht  mehr  als  eine  halbe  Stunde  betragen.  Die  gesetzlichen  Bestimmungen

  über  die  zulässige  Dauer  der  Beschäftigung  von  Arbeitern  bleiben
unberührt.

28.  März.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Kirchenverfassung.
  Erörterung  über  künstliche  Düngemittel  und  Getreidepreise.


Der  Gesetzentwurf  betreffend  die  Verwaltung  der  Pfarr-Witwen=  und
Waisenfonds  und  die  Fürsorge  für  die  Witwen  und  Waisen  der  Geistlichen
der  evangelisch-lutherischen  Kirche  der  Provinzen  Hannover  und  Schleswig-Holstein,
  der  evangelischen  Kirchengemeinschaften  der  Konsistorialbezirke
Kassel  und  Wiesbaden  und  der  evangelisch-reformierten  Kirche  der  Provinz
Hannover  wird  in  dritter  Lesung  angenommen.

Es  folgt  die  Anfrage  der  Abgg.  v.  Plötz  und  v.  Mendel-Steinfels
  (dk.):  „Beabsichtigt  die  preußische  Staatsregierung  noch  in  dieser  Session
  gesetzliche  Maßregeln  zu  ergreifen,  um  die  Verfälschung  der  Futterund
  Düngemittel  zu  verhindern?"  Abg.  v.  Mendel-Steinfels:  Der
deutsche  Landwirtschaftsrat  habe  1895  einstimmig  den  Beschluß  gefaßt,  die
Regierung  um  gesetzliches  Vorgehen  gegen  die  Verfälschung  der  Futterund
  Düngemittel  zu  ersuchen.  Es  gäbe  kein  Futter=  und  Düngemittel,
welches  nicht  verfälscht  würde.  Unter  dem  Namen  „Thomasschlacke"  würden
Fabrikate  in  den  Handel  gebracht,  in  denen  nicht  ein  Atom  von  Thomasschlacke
  enthalten  wäre,  Kalisalz  werde  als  Chilisalpeter  verkauft  ect.  Landwirtschaftsminister
  Frhr.  v.  Hammerstein:  Die  Beschwerden  des  Vorredners
  wären  an  sich  begründet.  Wegen  der  Abhilfe  schwebten  Erwägungen;
jedenfalls  werde  die  Regierung  sich  bemühen,  diese  Sache  in  einer  den  Interessen
  der  Landwirtschaft  entsprechenden  Weise  zu  erledigen.  Auf  eine
Bemerkung  des  Abg.  v.  Heydebrand  (dk.),  die  Regierung  müsse  ihr  Augenmerk
  auf  die  Hebung  der  Getreidepreise  richten,  entgegnet  der  Minister:
Ich  nehme  keinen  Anstand,  hier  mitzuteilen,  daß  das  Staatsministerium
auf  Grund  der  Beschlüsse  und  Beratungen  des  Staatsrates  zu  der  Ansicht
gelangt  ist,  daß  die  sämtlichen  Wünsche  auf  Monopolisierung  des  Getreidehandels,
  die  hier  im  Hause  zur  Sprache  gekommen  sind,  nun  in  bestimmter
konkreter  Form  vorliegen  und  wahrscheinlich  schon  morgen  den  Reichstag
beschäftigen  werden,  für  die  Staatsregierung  unannehmbar  sind  (hört,  hört!
und  Beifall  links;  große  Unruhe  rechts),  und  zwar  weil  die  Regierung  sich
überzeugt  hat,  daß  der  Antrag  Kanitz  mit  den  Handelsverträgen  nicht  vereinbar
  ist.  (Sehr  richtig!  links.)  Die  Regierung  ist  gewillt,  die  Handelsverträge,
  die  mit  Zustimmung  der  Reichsregierung  beschlossen  sind,  pure 
aufrecht  zu  erhalten.  (Beifall  links.)  Sie  erachtet  das  als  ihre  Pflicht.
Ferner  ist  sie  der  Ansicht  auf  Grund  sehr  eingehender  sorgfältiger  Prüfung,
daß  einerseits  der  Antrag  nicht  ausführbar  ist  und  daß  anderseits  das  Ziel,
das  der  Antrag  Kanitz  verfolgt,  durch  ihn  nicht  erreicht  wird.  (Hört,  hört!
links.)  Die  Regierung  könne  unmöglich  die  Getreidepreise  bestimmen,  die
        <pb n="95" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  28.—Ende.)  87

sich  auf  dem  Weltmarkte  bildeten.  Abg.  v.  Kröcher  (dk.):  Die  Auffassung
des  Ministers  von  den  Pflichten  der  Regierung  und  seinen  eigenen  als
Landwirtschaftsminister  ist  eine  durchaus  verkehrte.  (Sehr  richtig!  rechts.)
Er  sagt,  es  wird  zu  viel  von  mir  verlangt,  das  weise  ich  zurück.  (Zuruf
rechts:  Mit  Entrüstung!)  Daß  der  Notstand  thatsächlich  so  schlimm  ist.  wie
wir  ihn  darstellen,  haben  wir  hier  ausgiebig  belegt  und  bewiesen.  Wenn
aber  die  Regierung  zu  dieser  Erkenntnis  kommen  muß,  daß  der  Bauernstand
  bankerott  wird,  verschwindet,  dann  muß  fie  gleichfalls  einsehen,  daß
ohne  die  Landwirtschaft  weder  der  preußische  Staat  noch  das  deutsche  Reich
weiter  bestehen  können.  (Beifall  rechts.)  Daraus  ergibt  sich  aber  unmittelbar
die  Verpflichtung  des  Staatsministeriums,  auf  Abhife  zu  trachten.  (Beifall
rechts.)  Das  Mittel  aber  ist  die  Erhöhung  der  Getreidepreise.  Den  Antrag
Kanitz  darf  die  Regierung  erst  dann  außer  Erwägung  lassen,  wenn  sie
etwas  besseres  an  seine  Stelle  setzen  kann.  Abg.  Gerlich  (fk.)  tadelt  die
Angriffe  der  Konservativen  auf  den  Minister,  ebenso  die  Abgg.  Dr.  Sattler
(nl.)  und  v.  Huene  (Z.).

28.  März.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  erwidert
auf  ein  Telegramm  der  Hamburger  Bürgerschaft:

„Dem  Präsidenten  der  Bürgerschaft,  Hamburg.  Durch  die  freundnachbarliche
  Gesinnung  der  Bürgerschaft  fühle  ich  mich  hochgeehrt  und  bitte  meine
Herren  Mitbürger  meinen  wärmsten  Dank  entgegenzunehmen.  v.  Bismarck.

Ende  März.  Kritik  des  kaiserlichen  Telegramms  an  Bismarck
  vom  23.  Albsicht  der  Sozialdemokraten,  die  Depesche  im

Reichstag  zu  diskutieren.

In  den  politischen  Kreisen,  die  der  Minorität  vom  23.  März  angehören
  findet  das  Telegramm  lebhafte  Zustimmung,  sowohl  in  der  Presse  wie  in
Versammlungen;  klerikale  und  freisinnige  Blätter  erklären  es  für  eine  private
Aeußerung  des  Monarchen,  die  den  Reichstag  nicht  beeinflussen  dürfe.

Die  sozialdemokratische  Fraktion  beabsichtigte,  im  Reichstag  eine
Besprechung  des  Telegramms  herbeizuführen,  worüber  der  „Vorwärts“
berichtet:  „Die  sozialdemokratische  Fraktion  hatte  die  Absicht,  in  Bezug  auf
das  Entrüstungstelegramm  des  Kaisers  an  den  Fürsten  Bismarck,  einen
Antrag  einzubringen,  welcher  den  Reichstag  veranlassen  sollte,  in  Wahrung
seiner  Unabhängigkeit  Stellung  zu  jener  Kundgebung  zu  nehmen.  Der
Antrag  stieß  jedoch  im  Bureau  des  Reichstages  auf  konstitutionelle  Bedenken,
  und  die  Drucklegung  und  Verhandlung  des  Antrages  wurde  durch
den  Präsidenten  verhindert.  Wir  lassen  den  Antrag  mit  Fortlassung  des
eine  Kritik  jener  Kundgebung  enthaltenden  Satzes  nachstehend  folgen,  und
fügen  den  Bescheid  des  Präsidenten  hinzu.

Antrag.
Der  Reichstag  wolle  beschließen:
Mit  Bezug  auf  das  Telegramm  des  Kaisers  an  den  Fürsten
Bismarck  vom  23.  d.  M.,  in  welchem  über  einen  Beschluß  des  Reichstages
  die  „tiefste  Entrüstung“  ausgesprochen  und  behauptet  wird,  daß
der  Reichstag  „in  vollstem  Gegensatz  zu  den  Gefühlen  aller  deutschen
Fürsten  und  ihrer  Völker  steht“,
zu  erklären:

Die  angeführte  Meinungsäußerung  des  Kaisers  ist  nach  den  begleitenden
  Umständen  ein  politischer  Akt.  Eine  öffentliche  Zensur  legaler  Beschlüsse
  des  Reichstages  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —

Die  verfassungsmäßige  Unverantwortlichkeit  des  Reichsoberhauptes,
        <pb n="96" />
        88  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  29.  —  30.)

sowie  die  seitherige  Gepflogenheit  des  Reichstages,  die  Person  des  Kaisers
nicht  der  Kritik  zu  unterziehen,  haben  zur  Voraussetzung,  daß  das  Reichsoberhaupt
  seinen  Einfluß  auf  die  Reichsangelegenheiten  ausschließlich  durch
den  verantwortlichen  Reichskanzler  ausübt.  Die  Vertretung  der  Gefühle
und  Bestrebungen  des  deutschen  Volkes  ist  Aufgabe  des  Reichstages,  der
niemandem  verantwortlich  ist  als  dem  Volke.

Hierauf  ist  folgende  Präfidialverfügung  ergangen:

„Der  angeschlossene  Antrag  steht  in  keiner  Beziehung  zu  irgend
einem  Titel  der  Ausgabe  und  Einnahme  des  Reichstages  auf  das  Etatsjahr
  1895/96  und  müßte  schon  aus  diesem  Grunde  zurückgewiesen  werden.
Die  in  demselben  angezogene  telegraphische  Mitteilung  Sr.  Majestät  des
deutschen  Kaisers  an  den  Fürsten  von  Bismarck  ist  von  dem  Herrn  Reichskanzler
  nicht  kontrafigniert  und  unterliegt  deshalb  als  eine  in  die  Außenwelt
  getretene  Kundgebung  Sr.  Majestät  des  Kaisers  keineswegs  der  Beschlußfassung
  des  Reichstages.  Es  wird  deshalb  abgelehnt,  den  Antrag
dem  Reichstage  zu  unterbreiten.

Der  Präsident  des  Reichstages.  gez.  R.  Frhr.  v.  Buol.“

29.  März.  (Reichstag.)  Etat.

Der  Reichshaushaltsetat  wird  in  dritter  Beratung  gegen  die  Stimmen
der  Sozialdemokraten  angenommen.  Der  Etat  balanciert  mit  1233.547979  M
Im  einzelnen:  Zölle  und  Verbrauchssteuern  627  003420,  Reichsstempelabgaben
  5  462  900,  Post=  und  Telegraphenverwaltung  29778  903,  Reichsdruckerei
  1474  155,  Eisenbahnverwaltung  23  1730000,  Bankwesen  7  182  100,
verschiedene  Verwaltungseinnahmen  10  247147,  aus  dem  Reichs-Invalidensonds
  26  393714,  Zinsen  aus  belegten  Reichsgeldern  10  000,  aus  der  Veräußerung
  von  ehemaligen  Festungsterrains  800  039,  Ueberschüsse  aus  früheren
Jahren  14  476  980,  Matrikularbeiträge  392  000  955  Durch  eine  Anleihe
sind  aufzubringen  42519  392  M

30.  März.  (Preußen.)  Etat  für  1895/96.

Der  Staatshaushaltsetat  wird  festgesetzt  in  Einnahme  und  Ausgabe  auf
1  899  473  497  M;  davon  entfallen  1837214  103  M  auf  die  dauernden  und
62259  394  auf  die  einmaligen  Ausgaben.  34  300  000  sind  durch  eine
Anleihe  zu  decken.

29./80.  März.  (Reichstag.)  Antrag  Kanitz  auf  Monopolifierung
  der  Getreideeinfuhr  und  Festsetzung  von  Minimalpreisen.

Abg.  Graf  Kanitz  (dk.)  und  Genossen  beantragen:  Der  Reichstag
wolle  beschließen:  den  Herrn  Reichskanzler  zu  ersuchen,  dem  Reichstage
batdigtt  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  wonach:  1.  der  Einkauf  und  Verkauf
  des  zum  Verbrauch  im  Zollgebiet  bestimmten  ausländischen  Getreides,
mit  Einschluß  der  Mühlenfabrikate,  ausschließlich  für  Rechnung  des  Reichs
erfolgt,  2.  die  Verkaufspreise  des  Getreides  nach  den  inländischen  Durchschnittspreisen
  der  Periode  1850  bis  1890,  die  Verkaufspreise  der  Mühlenfabrikate
  nach  dem  wirklichen  Ausbeunteverhältnis,  den  Getreidepreisen  entsprechend
  bemessen  werden,  solange  hierdurch  die  Einkaufspreise  gedeckt  sind,
während  bei  höheren  Einkaufspreisen  auch  die  Verkaufspreise  entsprechend
zu  erhöhen  sind,  3.  über  die  Verwendung  der  aus  dem  Verkauf  des  Getreides
und  der  Mühlenfabrikate  zu  erzielenden  Ueberschüsse  derart  Bestimmung
getroffen  wird,  daß:  a)  alljährlich  eine  den  jetzigen  Getreidezoll-Einnahmen
mindestens  gleichkommende  Summe  an  die  Reichskasse  abgeführt  wird,  b)  zur
Ansammlung  von  Vorräten  für  außerordentliche  Bedürfnisse  (Kriegsfälle  ect.)
die  nötigen  Mittel  bereitgestellt  werden,  c)  ein  Reservefonds  gebildet  wird,
        <pb n="97" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelen  Glieder.  (März  29./30.)  89

um  in  Zeiten  hoher  In=  und  Auslandspreise  die  Zahlung  der  an  die  Reichskasse
  jährlich  abzuführenden  Summe  (a)  sicher  zu  stellen.

Abg.  Graf  Kanitz  (k.):  Die  Ursache  des  Notstandes  sei  der  außerordentlich
  niedrige  Preisstand  der  landwirtschaftlichen  Produkte,  hervorgerufen
  durch  den  Massenimport  ausländischer  Erzeugnisse.  Wenn  in  diese
Preisbildung  nicht  eingegriffen  werde,  gehe  die  Landwirtschaft  zu  Grunde;
leider  seien  die  Getreidezölle  für  eine  Reihe  von  Jahren  festgelegt.  Eine
solche  Festlegung  sei  nur  bei  Industrieerzeugnissen  möglich,  nicht  aber  bei
landwirtschaftlichen  Produkten,  deren  Gedeihen  von  allen  möglichen  Einflüssen
  abhänge.  Es  sei  auch  unmöglich,  daß  der  Staat  immer  den  Getreidezoll
  steigen  und  fallen  lasse  je  nach  dem  Weltmarktspreise.  Aus  der
Erkenntnis,  daß  die  Getreidezölle  ihren  wirtschaftlichen  Zweck  nicht  erfüllen,
sei  der  vorliegende  Antrag  hervorgegangen,  der  allerdings  etwas  neues
bringe,  aber,  nachdem  die  leidenschaftliche  Diskussion  vorüber,  jetzt  in  Ruhe
und  Sachlichkeit  verhandelt  werden  könne.  Die  Getreidepreise  ständen  heute
unter  den  Produktionskosten,  und  diese  müßten  dem  Landwirte  ersetzt  werden.
Der  Antrag  solle  dem  Landwirt  die  Produktionskosten  sichern  und  deshalb
habe  er  den  Vorzug  vor  allen  anderen  Mitteln.  Die  Verteuerung  durch
diesen  Antrag  sei  lange  nicht  so  schlimm,  wie  durch  die  Zölle,  wenn  einmal
eine  Mißernte  einträte.  Man  dürfe  auch  nicht  die  Verbilligung  vergessen,
die  für  die  Zeit  einer  Teuerung  in  Aussicht  genommen  werden  müsse.  Wir
sollten  nicht  so  sehr  auf  den  Getreideimport  rechnen,  der  uns  im  Kriegsfall
abgeschnitten  werden  könnte.  Die  Brotverteuerung  und  ihr  Einfluß  auf  die
Arbeiterlöhne  werde  übertrieben.  Jetzt  sei  das  Brot  so  billig,  wie  noch
nie,  und  doch  klagten  Industrie  und  Arbeiter.  Die  handelspolitischen  Bedenken
  werden  nicht  unüberwindlich  sein.  Er  habe  s.  Z.  gegen  die  Handelsverträge
  gestimmt,  aber  er  sei  durchaus  kein  Feind  handelspolitischer  Annäherung.
  Aber  die  damalige  Art  und  Weise  hätte  er  bekämpfen  müssen,
namentlich,  daß  die  Vorteile  der  Industrie  auf  Kosten  der  Landwirtschaft
erlangt  werden  sollten.  Auch  in  Rußland  und  Oesterreich  sei  man  keineswegs
  erbaut  von  den  Handelsverträgen  und  wahrscheinlich  zu  einer  Revision
geneigt.  Der  schwerste  Vorwurf  sei  aber  die  angebliche  sozialistische  Tendenz
des  Antrages.  Die  Festsetzung  bestimmter  Preise  sei  durchaus  kein  sozialistisches
  Prinzip.  Auch  die  Monopolisierung  des  ausländischen  Getreides
habe  kein  sozialistisches  Gepräge;  es  handle  sich  nicht  um  auf  deutschem
Grund  und  Boden  gewachsenes  Getreide,  sondern  um  den  Import.  Andere
Staaten  hätten  Monopole  in  größerem  Umfange,  in  Preußen  habe  man
das  Eisenbahnmonopol,  auch  gewaltigen  Besitz  an  Domänen  und  Forsten,
alles  Dinge,  die  die  Sozialdemokratie  bekämpfe.  Die  Antragsteller  wollten
den  deutschen  Mittelstand  schützen  und  stärken.  Tausende  von  Landwirten
sähen  mit  Bangen  der  nächsten  Zeit  entgegen;  es  sei  eine  Hoffnungslosigkeit
und  Verzweiflung  eingetreten,  die  der  Sozialdemokratie  zu  Gute  kommen
müßten.  Der  Antrag  habe  geradezu  eine  antisozialistische  Tendenz.  Es
werde  sich  auch  die  Erkenntnis  Bahn  brechen,  daß  der  Antrag  kein  agrarischer
  sei,  sondern  weittragende  wirtschaftliche  Bedeutung  besitze.  Er  hoffe,
daß  man  die  entgegenstehenden  Schwierigkeiten,  die  er  vorausgesehen,  überwinden
  werde.

Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst:  Die  Bedeutung
  des  Antrags,  den  Sie  heute  beraten,  liegt  darin,  daß  er  von  gewissenhaften
  patriotischen  Männern  eingebracht  ist,  die  von  dessen  günstigen
Wirkungen  für  die  Landwirtschaft  überzeugt  sind,  und  dann,  daß  er  in
weiten  Kreisen  den  Gegenstand  der  Besprechung  gebildet  und  große  Hoffnungen
  erregt  hat.  Deshalb  ist  denn  auch  der  Vorwurf,  der  mir  gemacht
worden  ist,  nicht  früher  Stellung  zu  dem  Antrag  Kanitz  genommen  zu
        <pb n="98" />
        90  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  29./30.)

haben,  nicht  begründet.  Ein  solcher  Antrag  kann  nicht  mit  einer  einfachen
Abweisung  erledigt  werden.  Die  Regierung  mußte  ihn  gründlich  prüfen,
und  es  mußte  der  öffentlichen  Meinung  Zeit  gelassen  werden,  im  Meinungsaustausche
  der  Presse  die  Vorteile  und  Nachteile  des  Antrags  abzuwägen.
Dies  hat  nun  stattgefunden.  Die  Gründe  für  und  wider  sind  eingehend
besprochen  worden,  und  es  ist  nun  an  der  Zeit,  daß  auch  von  Seiten  der
Regierung  die  Gründe  dargelegt  werden,  die  ihr  dessen  Annahme  unmöglich
erscheinen  lassen.  Der  Antrag  sagt:  Der  Ein=  und  Verkauf  des  zum  Verbrauch
  im  Zollgebiet  bestimmten  ausländischen  Getreides  und  der  Mühlenfabrikate
  erfolgt  ausschließlich  für  Rechnung  des  Reichs.  Da  hiernach  nur
der  Teil  des  ausländischen  Getreides  angekauft  werden  soll,  der  für  den
Verbrauch  im  Zollgebiet  nötig  ist,  so  wird  dadurch  das,  was  nicht  für  den
inländischen  Gebrauch  bestimmt  wäre,  ausgeschlossen,  und  es  wird  damit
ein  Einfuhrverbot  für  alles  nicht  zu  diesem  Zweck  bestimmte  Getreide  ausgesprochen.
  Daß  dies  mit  den  Handelsverträgen  nicht  vereinbar  sei,  wird
von  den  Antragstellern  anerkannt,  jedoch  geltend  gemacht,  daß  man  durch
Verhandlungen  mit  den  vertragschließenden  Staaten  die  Zustimmung  zu
dieser  Einschränkung  erlangen  könne.  Ob  solche  Verhandlungen  zum  Ziele
führen  würden,  erscheint  zweifelhaft.  Jedenfalls  ist  es  nicht  ratsam  und
kaum  der  Würde  des  Reiches  entsprechend,  jetzt,  nachdem  eben  die  Verträge
abgeschlossen  sind,  bei  den  Vertragsmächten  um  eine  Modifikation  derselben
zu  bitten.  Die  bloße  Befürchtung,  daß  Modfikationen  eintreten  könnten,
würde  unser  Erwerbsleben  eines  der  wichtigsten  Vorteile  der  Handelsverträge
berauben,  nämlich  der  Stetigkeit.  Ich  glaube  aber,  diese  Frage  nicht  weiter
erörtern  zu  sollen,  weil  sie  bedeutungslos  ist,  wenn  der  Antrag  des  Grafen
Kanitz  sich  als  unausführbar  erweist.  Und  das  ist  meines  Erachtens  der
Fall.  Wenn  der  Getreitehandel  mit  dem  Auslande  in  die  Hände  des  Reiches
übergeht,  so  hört  damit  dieser  Teil  des  Getreidehandels  als  Privatgeschäft
auf.  Ich  berufe  mich  dabei  auf  das  Urteil  kaufmännischer  Kreise.  Sie
sagen:  Wenn  jetzt  ein  Kaufmann  Getreide  im  Ausland  nach  Deutschland
verkauft,  das  nach  Deutschland  eingeführt  werden  soll,  so  steht  ihm  der
ganze  deutsche  Markt  für  den  Verkauf  frei  zur  Verfügung  und  gegen  Erlegung
  des  Zolles  kann  er  sich  unter  allen  Käufern  in  Deutschland  denjenigen
  aussuchen,  der  ihm  den  besten  Preis  bietet.  Er  seichert  sich  den
Preis,  kann  also  sogleich  berechnen,  ob  er  einen  angemessenen  Nutzen  erlangt.
  Wenn  aber  der  Antrag  Kanitz  angenommen  würde,  dann  gestaltet
sich  die  Sache  so,  daß  der  Händler  im  Auslande  kauft,  ohne  zu  wissen,
welchen  Preis  er  wieder  erlangen  wird,  wenn  er  mit  seinem  Getreide  an
der  Grenze  des  Reiches  erscheint.  Denn  der  Preis,  welchen  das  Reich  zahlt,
soll  ja  nach  den  Absichten  der  Antragsteller  täglich  festgestellt  werden;  und
da  zwischen  dem  Einkauf  im  Auslande  und  der  Ankunft  der  Ladung  in
Deutschland  Wochen  und  Monate  vergehen  können,  so  schwebt  der  Kaufmann
  ganz  im  Unklaren,  was  man  ihm  zahlen  wird.  Er  kann  sich  auch
nicht  durch  einen  Terminverkauf  sichern,  denn  von  einem  Termingeschäft
kann  unter  diesen  Umständen  überhaupt  nicht  die  Rede  sein.  Auch  weiß
er  nicht,  ob  ihm  das  Getreide,  das  er  an  die  Grenze  bringt,  überhaupt  abgenommen
  wird,  denn  das  Reich  ist  natürlich  nicht  verpflichtet,  ihm  das
Getreide,  das  er  bringt,  abzukaufen.  Wird  dem  Kaufmann  also  das  Getreide
  nicht  abgekauft,  so  muß  er  mit  seiner  Ladung  wieder  abziehen.  Auf
diese  Bedingungen  kann  sich  aber  kein  Kaufmann  einlassen  und  der  ausländische
  Getreidehandel  —  das  ist  die  Ansicht  der  Kaufleute  —  hört  mit
dem  Inslebentreten  des  Antrages  Kanitz  auf.  Wie  gestaltet  sich  aber  nun
die  Sache?  Jedenfalls  wird  das  Reich  die  Verpflichtung  auf  sich  nehmen,
für  die  bisher  dem  Handel  obliegende  Versorgung  des  Landes,  zu  welcher
        <pb n="99" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  29./30.)  91

die  inländische  Produktion  nicht  ausreicht,  durch  seine  eigenen  Kräfte  zu
sorgen.  Es  muß  ein  Reichsdienst  geschaffen  werden,  dem  diese  Aufgabe
übertragen  wird,  vielleicht  ein  Reichs-Getreideversorgungs-Amt  mit  vielen
Unterbeamten,  und  mit  der  Verpflichtung,  alle  die  Beobachtungen  anzustellen,
  die  bisher  Sache  von  Tausenden  von  Händlern  und  deren  Agenten
waren,  und  sich  von  eigenen  Agenten  im  In=  und  Ausland  über  den  Stand
der  Ernte  und  des  Handels  berichten  zu  lassen.  Kommt  es  dann  zum  Einkauf
  des  Getreides,  so  handelt  es  sich  um  die  Qualität  desselben,  um  den
Geschmack  der  Konsumenten,  um  die  Bedürfnisse  der  Industrie  und  anderes.
Alles  Dinge,  die  sich  jedes  Jahr  ändern,  die  eine  große  Sachkenntnis  und
Erfahrung  im  Handel  mit  Getreide  erfordern,  Eigenschaften,  die  dem  vom
Staate  bestellten  Beamten  fehlen.  Der  Handel,  insbesondere  der  Getreidehandel,
  ist  ein  organisches  Ganze.  Er  kann  verglichen  werden  mit  dem
Organismus  des  menschlichen  Körpers.  Wie  das  Blut,  das  vom  Herzen
ausströmt,  bis  in  die  äußersten  Teile  des  Körpers  Lebenskraft  trägt,  so  ist
es  mit  dem  Getreidehandel,  der  bis  in  die  entferntesten  menschlichen  Wohnungen
  Nahrung  bringt.  Wie  es  nun  hbchst  gefährlich  ist,  die  Blutzirkulation
  durch  willkürliche  Eingriffe  zu  stören,  so  ist  es  auch  sehr  bedenklich,
durch  unvorsichtiges  Eingreifen  den  Handel  in  seiner  fruchtbringenden
Thätigkeit  zu  hemmen.  Wonmit  ich  nicht  sagen  will,  daß  Uebergriffe  des
Handels  nicht  durch  den  Staat  beseitigt  werden  sollten.  Bedenken  wir  nun,
in  welche  Lage  das  Reich  käme,  wenn  die  Zufuhr  von  den  Ländern,  mit
welchen  wir  Verbindungen  angeknüpft  haben,  und  von  wo  wir  unsere  Getreidesendungen
  erhalten,  abgeschnitten  wäre,  so  z.  B.  bei  einem  Kriege  oder
bei  Mißernten  in  jenen  Ländern,  aus  denen  wir  unsere  Zufuhren  erhalten,
so  würden  daraus  Gefahren  entstehen,  die  nicht  zu  berechnen  sind.  Eine
solche  Verantwortung  kann  das  Reich  nicht  übernehmen.  Der  Antrag  hat
aber  noch  eine  andere  gefährliche  Seite:  Wenn  einmal  der  Weg  des  Monopols
  als  das  wünschenswerte  Ziel  ins  Auge  gefaßt  wird,  so  wird  man
nicht  beim  Monopol  des  ausländischen  Getreidehandels  stehen  bleiben,  sondern
  auch  zur  Verstaatlichung  des  in=  und  ausländischen  Getreidehandels,
die  ja  mit  den  Handelsverträgen  vereinbar  ist,  übergehen  wollen.  Ihr
wird  der  Ruf  nach  Verstaatlichung  des  Grundeigentums  auf  dem  Fuße
folser  Ob  das  gerade  den  Absichten  und  Wünschen  der  Antragsteller  entspricht,
  möchte  ich  bezweiseln  Zum  Schluß  möchte  ich  noch  darauf  hinweisen,
  daß  die  Vorteile,  die  man  sich  von  den  Folgen  des  Antrages  verspricht,
  wenn  fie  wirklich  einträten,  doch  nur  einem  Teil  der  Lundwirte  zu
Gute  kommen  würden.  Denn  man  darf  nicht  vergessen,  daß  die  Mehrheit
der  landwirtschaftlichen  Betriebe  nicht  ohne  Ankauf  von  Getreide  auskommen
kann.  Alle  diese  Landwirte  haben  keinen  Vorteil  von  der  Erhöhung  der
Getreidepreise.  Nach  der  Berufsstatistik  von  1882,  die  im  Großen  und
Ganzen  auch  heute  noch  maßgebend  sein  mag,  existieren  in  Deutschland
5276  344  landwirtschaftliche  Betriebe.  Sie  sind  eingeteilt  in  14  Gruppen.
Die  erste  Gruppe  umfaßt  die  kleinsten  Betriebe  bis  zu  zwei  Ar,  die  letzte
Gruppe  die  Betriebe  von  1000  Hektar  und  darüber.  Wenn  man  diese
Betriebe  darauf  ansieht,  ob  sie  in  der  Lage  sind,  Getreide  zu  verkaufen,  so
wird  man  zugeben  müssen,  daß  die  sechs  Gruppen

1.  0  bis  2  Ar,

2.  2  bis  5  Ar,

3.  5  bis  20  Ar,

4.  20  Ar  bis  1  Hektar,

5.  1  bis  2  Hektar,

6.  2  bis  5  Hektar,
kein  Getreide  zu  verkaufen  haben,  sondern  Getreide  kaufen  müssen.  Besten-
        <pb n="100" />
        92  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  29./30.)

falls  werden  die  landwirtschaftlichen  Betriebe  von  5  Hektar  bei  gutem
Boden  den  Bedarf  ihres  Besitzers  und  seiner  Familie  an  Getreide  zu  decken
im  stande  sein.  Nun  umfassen  die  ersten  4  Betriebsgruppen  2323  316  Betriebe,
  die  5.  und  6.  Gruppe  1719  922  Betriebe  oder  76  Prozent  aller
landwirtschaftlichen  Betriebe.  Rechnet  man  auf  den  Betrieb  3⅝  Personen,
so  handelt  es  sich  hier  um  eine  Bevölkerung  von  ca.  15  Millionen,  die  von
der  Erhöhung  der  Getreidepreise  kaum  Vorteil,  ja  mit  relativ  wenigen
Ausnahmen,  einen  direkten  Nachteil  durch  die  Guertenerung  ihrer  Lebenshaltung
  haben  werden.  Rechnet  man  die  5200  000  Betriebe  zu  3⅛  Personen,
  so  ergibt  das  eine  landwirtschaftliche  Bevölkerung  von  ca  19  Millionen.
  Von  diesen  haben  nur  etwa  4  Millionen  von  der  Erhöhung  der
Getreidepreise  Vorteil.  Nun  ist  diese  Zahl  groß  genug,  um  dem  Staat  die
Pflicht  aufzuerlegen,  auch  für  sie  Maßregeln  zu  ergreifen,  durch  die  ihre
Notlage  gehoben  werde.  Ich  wollte  mit  meiner  Ausführung  nur  sagen,
daß  man  nicht  von  der  Not  der  ganzen  Landwirtschaft  sprechen  darf.  Im
Uebrigen  legt  gerade  die  Abweisung  des  Antrages  Kanitz,  der  so  viele
Hoffnungen  erregt,  der  Regierung  die  Pflicht  auf,  alle  die  im  Bereiche
ihrer  Befugnisse  und  in  der  Möglichkeit  liegenden  Maßregeln  zu  ergreifen,
um  die  Not  der  Landwirte  zu  mildern.  1.  Zu  diesen  Maßregeln  rechne
ich  die  Börsenreform.  Durch  Einschränkung  des  Börsenspiels  beim  Getreidehandel
  würden  ungesunde  Auswüchse,  die  auf  die  Preisbildung  des  Getreides
  Einfluß  haben,  beseitigt  werden.  Das  Gesetz  wird  in  diesen  Tagen
dem  Bundesrat  vorgelegt  werden.  2.  Die  Branntweinsteuer  liegt  bereits
dem  Reichstage  vor.  3.  Es  sind  Schritte  eingeleitet,  um  festzustellen,  inwieweit
  die  Transitläger,  welche  nicht  zum  Transithandel,  sondern  zum
Handel  im  Inland  benutzt  werden,  beschränkt  oder  beseitigt  werden  müssen.
4.  In  Bezug  auf  die  Währungsfrage  beziehe  ich  mich  lediglich  auf  meine
frühere  Erklärung.  5.  Die  Regierung  ist  ernstlich  beschäftigt  mit  einer
Reform  der  Zuckerbesteuerung  zu  dem  Zweck,  um  diesem  wichtigen  Zweig
der  Landwirtschaft  eine  lohnende  Existenz  zu  sichern.  Durch  die  preußische
Landesverwaltung  wird  ernstlich  in  Erwägung  gezogen,  inwieweit  die  Tarife
auf  den  Eisenbahnen  und  Wasserstraßen  herabgesetzt  oder  modifiziert  werden
können.  Eine  Herabsetzung  des  Tarifs  um  20  Prozent  für  den  Transport
künstlicher  Düngungsmittel  ist  bereits  ins  Leben  getreten.  Endlich  wird
darauf  Bedacht  genommen  werden,  eine  finanzielle  Unterstützung  der  Rentengüter
  und  Ausdehnung  des  Gesetzes  auf  die  Arbeiterstellen  herbeizuführen.
Es  ist  zu  erwarten,  daß  die  verbündeten  Regierungen  auch  ihrerseits  alles
toun  werden,  um  in  gleicher  Weise  die  Lage  der  Landwirtschaft  zu  veressern.


Am  30.  führt  Abg.  Barth  (frs.  Vg.)  aus:  Der  Antrag  Kanitz
laufe  auf  eine  Kopfsteuer  hinaus,  die  je  nach  dem  höhern  oder  niedrigern
Getreidepreise  wächst  oder  fällt  und  deren  Ertrag  gleichsam  als  Liebesgabe
auf  die  landwirtschaftlichen  Betriebe  je  nach  ihrem  Umfange  verteilt  wird.
Wie  die  Landwirtschaft  würden  auch  die  andern  Stände  die  Fixierung  von
Mindestpreisen  fordern.  Abg.  Graf  Limburg-Stirum  (kons.):  Ohne  den
Antrag  Kanitz  seien  die  deutschen  Landwirte  rettungslos  verloren,  deshalb
seien  auch  die  meisten  für  ihn  eingetreten.  Die  Einführung  des  Importmonopols
  sei  ebensowenig  sozialistischer  Natur,  wie  die  Erhebung  von  Getreidezöllen.
  Der  Antrag  sei  nicht  unvereinbar  mit  den  Handelsverträgen,
wie  eine  Verhandlung  mit  den  Vertragsmächten  erweisen  werde.  Staatssekretär
  v.  Marschall:  Eine  Unterhandlung  mit  den  Vertragsmächten
über  die  Revision  der  Handelsverträge  müsse  das  Zutrauen  in  die  deutsche
Politik  erschüttern.  Die  Regierung  könne  die  Verantwortlichkeit  für  die
Versorgung  des  Reiches  mit  Getreide  nicht  übernehmen.  Herr  Abg.  Graf
        <pb n="101" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)  93

Kanitz  stellt  es  als  unanfechtbares  Axiom  dar,  daß,  wenn  er  auf  ausländisches
  Getreide  Zuschläge  erhebt  nach  Maßgabe  des  Weltmarktpreises
und  seiner  Normalsätze,  dann  ohne  Weiteres  das  inländische  Getreide  auf
die  Höhe  der  letzteren  hinaufsteige.  Das  ist  mir  außerordentlich  zweifelhaft!
Der  geringste  Irrtum  des  Reichsgetreideamts,  die  Einführung  von  500,
von  5000  Tonnen  zuviel  wird  sofort  einen  Teil  des  inländischen  Getreides
vollkommen  unverkäuflich  machen.  Und  wie  sollen  nun  die  Beamten  des
Reichsgetreideamts  alle  die  Funktionen  ausüben,  die  jetzt  Tausende,  man
kann  sagen,  Hunderttausende  von  verschiedenen  Personen  machen?  Ich  halte
das  für  vollkommen  unmöglich.  Ebensowenig  könne  das  Reich  garantieren,
daß  das  vorhandene  Getreide  auch  verkauft  werde,  und  wenn  die  Käufer
fehlten,  nützten  auch  die  Mindestpreise  nichts.  Abg.  v.  Vollmar  (Soz.):
Die  Bauern  würden  den  größten  Schaden  vom  Antrage  Kanitz  haben,  weil
er  den  großkapitalistischen  landwirtschaftlichen  Betrieb  stärken  würde.  Abg.
v.  Kardorff  (RP.):  Wenn  nicht  die  Währungefrage  international  geregelt
würde,  sei  der  Antrag  Kanitz  das  einzige  Rettungsmittel  der  Landwirtschaft.
Eine  praktische  Ausführung  des  Antrages  Kanitz  würde  wohl  möglich  sein
auf  dem  Wege  der  Ausgabe  von  Einfuhrzertifikaten.  Getreide  würde  nur
dann  vom  Auslande  zu  kaufen  sein,  wenn  ein  Bedürfnis  vorhanden  ist.
Handel  und  Mühlengewerbe  blieben  von  dem  Antrage  ganz  unberührt.  Die
Verweisung  des  Antrags  Kanitz  an  eine  Kommission  von  28  Mitgliedern
wird  mit  großer  Mehrheit  gegen  die  Stimmen  der  freifinnigen  Parteien,
der  Sozialdemokraten  und  eines  kleinen  Teils  der  Nationalliberalen  angenommen.
  (Stürmischer  Beifall  rechts.  Gelächter  links.)  (Vgl.  zu  dem  Antrage
  Conrad,  Jahrb.  für  Nationalökonomie  und  Statistik  Bd.  9  und
Schmoller,  Jahrb.  für  Gesetzgebung  und  Volkswirtschaft  Bd.  19.)

1.  April.  Glückwunschtelegramme  an  den  Fürsten  Bismarck.
Das  Kaiserpaar,  Kaiser  von  Osterreich,  Großherzog  von  Baden.

Der  Kaiser  telegraphiert:  Euer  Durchlaucht  möchte  Ich,  wie  am  26.
an  der  Spitze  der  Vertretung  Meiner  Armee,  heute  nochmals  tief  bewegt
den  Dank  Meines  Hauses  sowie  den  Dank  der  deutschen  Nation  für  Alles
das  aussprechen,  was  Sie  in  segensvoller  Arbeit  für  das  Vaterland  gethan
haben.  Gott  segne  und  beglücke  den  Lebensabend  des  Mannes,  welcher
immer  der  Stolz  des  deutschen  Volkes  bleiben  wird.

                         Ihr  dankbarer  Wilhelm  I.  R.

              Fürst  Bismarck  antwortet:
                            Seiner  Majestät  dem  Kaiser  und  König,  Berlin.

Eurer  Majestät  lege  ich  meinen  allerunterthänigsten  Dank  für  Allerhöchstdero
  huldvolle  Glückwünsche  zu  meinem  Geburtstage  in  tiefster  Ehrfurcht
  zu  Füßen.  Bismarck.

Das  Glückwunschtelegramm  der  Kaiserin  lautet:  Spreche  Ihnen
meine  herzlichsten  Glückwünsche  zum  heutigen  Tage  aus.

Auguste  Viktoria,  Kaiserin  und  Königin.

Kaiser  Franz  Josef  telegraphiert:  „Mit  herzlichster  Teilnahme  beglückwünsche
  ich  Eure  Durchlaucht  zu  Ihrem  80.  Geburtstage  und  zu  der
hohen  Genugthuung,  zu  welcher  Ihnen  dessen  ehrenreiche  Feier  gereichen
muß.  Möge  die  Erfüllung  meiner  heutigen  Wünsche  für  Ihr  ungetrübtes
Wohl  sich  auf  Jahre  hinaus  übertragen.

                                                                               Franz  Josef.
        <pb n="102" />
        94  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)

Antwort  des  Fürsten:
„An  Se.  K.  u.  K.  Apostolische  Majestät.
Eure  Majestät  bitte  ich  für  Höchstdero  gnädige  Glückwünsche  zu
meinem  Geburtstage  meinen  unterthänigsten  Dank  entgegennehmen  zu  wollen.
Bismarck."

Der  Großherzog  von  Baden:  „Die  Großherzogin  und  Ich  bringen
Ihnen  treue  Segenswünsche  beim  Eintritt  in  ein  neues  Lebensjahr,  einem
wichtigen  Lebensabschnitt,  von  dem  wir  hoffen,  daß  noch  lange  Jahre  in
Gesundheit  und  Kraft  nachfolgen  mögen.  Nochmals  rufe  ich  Ihnen  zu
—  so  Gott  will  —  auf  Wiedersehn.

Friedrich,  Großherzog  von  Baden."“

Außerdem  senden  Glückwünsche  u.  a.  König  Oskar  von  Schweden,
der  König  von  Sachsen,  der  Prinzregent  von  Bayern,  der  König  von  Italien,
der  Sultan  von  Sansibar,  die  inaktiven  Generale  der  deutschen  Armee.

Im  Ganzen  laufen  vom  31.  März  bis  2.  April  8390  Telegramme
ein,  deren  Wortzahl  sich  auf  277697  beläuft.  Die  Zahl  der  Briefe  wird
auf  50  000,  diejenige  der  Postkarten  auf  110  000  bis  120  000  geschätzt.

1.  April.  (Berlin.)  Feier  von  Bismarcks  Geburtstag
am  Hofe.

An  der  kaiserlichen  Festtafel  zur  Feier  des  Geburtstages  Bismarcks,
wobei  der  Kaiser  ein  Hoch  auf  den  Fürsten  ausbringt,  nehmen  auch  der
Präsident  des  Reichstags  v.  Buol  und  der  zweite  Vizepräsident  Spahn
teil,  die  gegen  eine  Beglückwünschung  des  Fürsten  durch  den  Reichstag  gestimmt
  hatten.  Der  erste  Vizepräsident  Schmidt-Bingen  hatte  die  Einladung
  abgelehnt.  Zur  Tafel  waren  geladen:  Die  Höchsten  Herrschaften
aus  Berlin  und  Potsdam,  der  ganze  Königliche  Hof,  der  Reichskanzler,  die
Ritter  des  Schwarzen  Adlerordens,  die  aktiven  und  inaktiven  Staatsminister,
die  Generale  der  Infanterie  und  der  Kavallerie,  die  stimmführenden  Mitlieder
  des  Bundesrates,  die  Präsidenten  des  Reichstages  und  der  beiden
Häufer  des  Landtags.

1.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  eine
Deputation  des  Kürassier-Regiments  v.  Seydlitz,  die  der  deutschen
Universitätsprofessoren,  die  der  Studenten,  und  eine  Abordnung  der
Hamburger  Rheder.  Abends  findet  ein  großer  Fackelzug,  veranstaltet
  vom  Hamburger  Reichswahlverein  statt.

Auf  eine  Ansprache  des  Rektors  der  Berliner  Universität  Professor
Pfleiderer  entgegnet  Fürst  Bismarck:

„Ich  bin  tief  bewegt  von  der  hohen  Ehre,  die  Sie  mir  erzeigen,  daß
die  Spitzen  der  deutschen  Wissenschaft  in  Gestalt  der  Leiter  der  Universitäten
mich  in  corpore  mit  ihrem  Besuche  beehren,  um  mich  zu  begrüßen  an  dem
Tage,  den  die  Natur  zur  Abrechnung  über  meine  Vergangenheit  mir  geschenkt
  hat.  Ich  fühle,  daß  ich  dabei  der  Empfänger  einer  Anerkennung
bin,  die  natürlich  nicht  meiner  Person  gelten  kann,  sondern  dem  Werke,  an
dem  ich  gearbeitet  habe,  und  das  ich  zu  schaffen  versucht  habe  mit  allen
meinen  Mitarbeitern,  und  dem  glücklich  gewordenen  Resultat.  Es  ist  ja
für  mich  erhebend  und  zugleich  beschämend  bis  zu  einem  gewissen  Grade,
daß  diese  starke  Bewegung,  die  ganz  Deutschland  in  der  heutigen  Zeit  ergreift,
  sich  an  meinen  Namen  knüpft,  aber  ich  betrachte  dabei  meinen  Namen
nicht  als  die  Hauptsache,  sondern  als  ein  Feldgeschrei,  unter  dem  die  national-
        <pb n="103" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)  95

gefinnten  Reichsfreunde  sich  geeinigt  haben,  um  sich  zu  sammeln,  und  die
Verdienste,  die  ich  für  unsere  nationalen  Bestrebungen  habe,  teile  ich  mit
vielen,  vor  allen  Dingen,  wie  ich  dies  vor  wenigen  Tagen  schon  gesagt
habe,  mit  den  deutschen  Fürsten,  mit  ihren  Regierungen,  mit  der  ganzen
Volkskraft  so,  wie  sie  die  drei  Kriege  durchgefochten  hat,  die  zur  Herstellung
unserer  Einheit,  wie  ich  glaube,  nicht  zu  vermeiden  waren.  Der  dänische
Krieg  wurde  uns  gebracht  als  Einleitung,  der  österreichische  war  nötig  zu
einer  Scheidung,  zur  Herbeiführung  eines  Gottesurteils  über  einen  tausendjährigen
  Streit  zwischen  den  verschiedenen  unter  einander  kämpfenden  Deutschen,
  und  der  französische  war  vorauszusehen,  sobald  wir  den  österreichischen
geführt  hatten  ohne  Einmischung  Frankreichs.  Ich  habe  nie  daran  gezweifelt
  von  Nikolsburg  ab.  Die  meisten  Leute  waren  damals  —  1871  —
der  Meinung,  daß  keine  fünf  Jahre  bis  zur  Erneuerung  des  Krieges  verrinnen,
  es  ist  —  wenn  ich  auf  irgend  etwas  stolz  bin.  so  ist  es  dies  —
gelungen,  den  Frieden  seit  den  25  Jahren  zu  erhalten  und  es  ist  keine
ussicht,  daß  er  in  kurzer  Zeit  gestört  werden  werde,  während  man  es  10
Jahre  lang  teils  gefürchtet,  teils  gehofft  hat.  Es  rührt  namentlich  auch
daher,  daß  mir,  ich  kann  sagen  der  ungeteilte,  oder  noch  nie  ein  so  hohes
Maß  von  Beifall  meiner  Landsleute  zu  teil  geworden,  daß  weder  mein
alter  Herr,  noch  seine  Ratgeber  sich  haben  verführen  lassen  durch  die  Erfolge,
die  Gott  uns  verliehen  hat.  Man  ist  natürlich  dankbar  für  den  Frieden;
aber  einen  Krieg  zu  führen  —  allezeit  sind  wir  Deutsche  ad  utrumque
paratus:  den  Frieden  zu  erhalten,  wenn  es  sein  kann,  zu  fechten,  wenn  es
sein  muß.  Aber  ein  Glück  ist  für  jeden  Fall  die  Zustimmung,  deren  ich
mich  sicher  glaube  bei  der  Majorität  der  selbständigen  Deutschen  —  ich
unterscheide  genau  zwischen  Selbständigen  und  Unselbständigen  —  erfreue.
Es  ist  ja  keine  Einstimmigkeit,  aber  feste  und  klare  Aussprache  für  die
nationalgesinnten  bewirkt  noch  eine  Scheidung.  Denn  es  ist  an  und  für
sich  immer  nützlich,  daß  man  seine  Freunde  und  Feinde  erkennt  und  daß
wie  auf  dem  Maskenballe  die  Demaskierung  eintritt.  Ich  würde  keine
Freunde  haben,  wenn  ich  nicht  auch  Feinde  hätte;  man  kann  nicht  beides
zugleich,  kalt  und  warm  sein,  und  aus  Kampf  besteht  das  Leben  in  der
ganzen  Natur.  In  der  Schöpfung,  bei  den  Pflanzen  —  als  Forstmann
erlebe  ich  das  in  meinen  Kulturen  —  bei  den  Insekten,  an  den  Vögeln,
von  den  Raubvögeln  bis  zu  den  Menschen  aufwärts.  Kampf  ist  überall,
ohne  Kampf  kein  Leben,  und  wollen  wir  weiterleben,  so  müssen  wir  auch
auf  weitere  Kämpfe  gefaßt  sein.  Daß  unsere  Gegner,  auch  ich  möchte  sagen
die  Gegner  des  Reiches  —  die  Herren  find  ja  sehr  gereizt  gewesen,  wenn
ich  sie  Reichsfeinde  genannt  habe  —  sie  find  ja  theoretisch  nicht  Reichsfeinde,
  jeder  von  ihnen  kann  sich  irgend  ein  Reich  denken,  mit  dem  er  sich
befreunden  würde  und  in  dem  er  gern  leben  und  gern  herrschen  würde,
vor  allen  Dingen  aber  gerade  das  Reich  wie  es  existiert,  wollen  sie  nicht
und  sie  müssen  doch  selbst  sagen,  daß  man  einstweilen  noch  kein  zweites
Exemplar  auftreiben  kann.  Ich  halte  also  den  Protest  gegen  den  Namen
Reichsfeinde  für  nicht  berechtigt,  das  kann  ich  sagen,  nachdem  ich  25  Jahre
gegen  diese  Fraktionen  im  Reichsinteresse  habe  fechten  müssen.  Aber  ich
gebe  gern  zu,  daß  es  nicht  theoretisch,  sondern  nur  in  Anwendung  ad  hoc
zu  nehmen  ist;  sie  lieben  dieses  Reich  nicht;  die  katholische  Kirche  kennt  ein
Reich,  in  dem  sie  eine  hervorragende  Stellung  einnehmen  würde,  was  sie
wohl  acceptieren  würde.  Ich  habe  mit  dem  Bischof  Ketteler  1870  in  dem
Sinne  zu  verhandeln  gehabt.  Die  Sozialdemokratie  würde  einem  Reiche
nicht  abgeneigt  sein,  in  dem  die  geschicktesten  Redner  und  Agitatoren  eine
herrschende  Stellung  nicht  bloß  im  Staate,  sondern  auch  in  der  Familie
und  im  Hause  einnähmen;  die  Polen  würden  sich  mit  einem  Reiche  be-
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        96  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)

freunden  können,  das  auf  bas  Weichselgebiet  verzichtet  und  Posen  und  Danzig
herausgibt;  also  Reichsfeinde  theoretisch  und  absolut  find  die  Herren  nicht,
aber  dies  Reich,  wie  wir  es  haben,  paßt  ihnen  nicht.  Ich  befinde  mich  nun
am  Abschlusse  und  schon  nach  dem  Abschlusse  des  langen  Kampfes  mit  ihnen
und  da  ist  mir  bei  dem  Abschluß,  den  mir  das  Wohlwollen  meiner  Freunde
verschönert,  der  Gedanke  tröstlich,  daß  die  Gegner  offenbar  kein  Siegesgefühl
haben,  sonst  würden  sie  nicht  mit  dieser  giftigen  verleumderischen  Verbissenheit
heute  noch  gegen  mich  kämpfen,  wenn  sie  mich  für  einen  Besiegten  hielten  in
unserem  früheren  dreißigjährigen  Kampfe,  dann  würden  sie  nachsichtiger
sein.  So  ungroßmütig  ist  niemand,  daß  er  einen  geschlagenen  Feind  noch
in  dem  Maße  verfolgt  und  verleumdet,  wie  es  mir  heutzutage  in  sozialdemokratischen
  und  Zentrumsblättern  toto  die  geschieht.  Dieser  fortdauernde
Zorn  ist  mir  also  eine  befriedigende  Quittung,  daß  die  Herren  Siegesbewußtsein
  nicht  haben,  und  ich  glaube  auch  nicht  an  ihren  Sieg.  Ich
bedauere,  daß  der  Reichstag  darauf  verzichtet  hat,  einen  zweiten  Präftdenten
aus  den  Sozialdemokraten  zu  nehmen.  Er  würde  dadurch  die  Herren  der
Notwendigkeit  näher  gerückt  haben,  sich  zu  demaskieren  und  über  das  Ziel,
dem  sie  zustreben,  gelegentlich  etwas  mehr  Auskunft  zu  geben  und  in  dem
Sinne  zu  handeln.  Daß  die  Sozialdemokraten  keine  Neigung  haben,  auf
dergleichen  einzugehen,  das  zeigt  doch,  daß  sie  selbst  an  die  Möglichkeit
ihres  definitiven  Erfolges  noch  nicht  glauben,  sonst  würden  sie  bereitwillig
dieses  Hilfsmittel  übernehmen.  Aber  sie  fürchten,  daß  ein  Moment  kommt,
wo  sie  sagen  müssen:  weh  mir,  ich  bin  erkannt!  Und  wer  sie  erkannt  hat,
der  hat  keine  Möglichkeit  mehr,  mit  ihnen  zu  gehen.  Ich  möchte  nur
empfehlen,  diesen  ganzen  Kampf  nicht  zu  tragisch  zu  nehmen.  Es  geht  auf
und  ab  damit,  es  wird  auch  unter  Umständen  mit  schwerem  Blutvergießen
gefochten.  Wir  haben  viel  schwerere  Kämpfe  mit  unseren  heutigen  Bundesgenossen
  gehabt,  als  wir  im  Inlande  je  gehabt  haben,  im  Inlande  beschränkt
es  sich  doch  auf  ein  homerisches  gegenseitiges  Schimpfen  und  gegenseitiges
Insultieren.  Es  wird  nicht  einmal  der  Versuch  gemacht,  den  Gegner  zu  gewinnen,
  sondern  man  sucht  nur,  ihn  zu  kränken.  Das  ist  doch  der  Hauptinhalt
  unseres  parlamentarischen  und  publizistischen  Streites,  heutzutage
sagen  zu  können:  „dem  habe  ich  es  gut  gesagt,  —  was  für  eine  Wirkung
es  macht,  ist  gleichgiltig“.  Ich  nehme  deshalb  diese  Sache  nicht  so  ernsthaft.
  Wir  haben  ja  hier  in  Deutschland  doch  seit  der  Reformation  und
auch  schon  ein  paar  hundert  Jahre  vorher  die  Kämpfe  gehabt,  deren  Wiederhall
  sich  in  den  Stimmungen  zeigt,  die  uns  heute  bewegen.  Wir  haben
in  der  Reformation  konfessionelle  Kämpfe  gehabt,  den  30jährigen  Krieg,
nachher  den  7jährigen  Krieg  als  Analogon,  was  doch  auch  beinahe  ein
konfessioneller  Kampf  war,  und  wir  haben  uns  doch  wieder  zusammengesunden
  und  wir  werden  uns  auch  in  Zukunft  wieder  zusammenfinden.
Gott  wird  uns  auch  in  Zukunft  wieder  zusammenführen.  Ich  möchte  nur
nicht,  daß  jemand,  der  kriegerischen  Kampfzorn  in  sich  fühlt  auf  unserer
Seite,  sich  durch  ein  falsches  Friedensbedürfnis  und  die  Sorge,  er  könnte
Schaden  anrichten,  wenn  er  den  Degen  zieht,  abhalten  läßt,  ihn  zu  ziehen
und  zu  fechten.  Wir  haben  einander  immer  bekämpft  und  geschlagen  in
Deutschland,  sei  es  rhetorisch,  sei  es  kriegerisch,  und  es  würde  gewissermaßermaßen
  ein  toter  Punkt  eintreten,  wenn  wir  plötzlich  Alle  einig  würden,
wenn  wir  keine  Fraktion  hätten,  wenn  wir  alles,  wie  der  Kantor  es  vorsingt,
  nachsängen  und  das  würde  uns  Deutschen  sehr  schwer  ankommen.
Unser  Herrgott  ist  doch  ein  einsichtigerer  Regent  wie  irdische  Führer  sein
können,  und  es  gibt  unter  uns  viele  Leute,  die  mit  dem  Regiment  der  Vorsehung
  innerlich,  wenn  sie  frei  reden,  auch  nicht  vollständig  zufrieden  sind.
Ich  bemühe  mich,  es  zu  sein  und  das  Gebet  im  Vater  Unser:  „Dein  Wille
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)  97

geschehe“  ist  mir  immer  maßgebend,  aber  verstehen  thue  ich  diesen  Willen
auch  nicht  immer.  Wir  wollen  den  Willen  der  Regierung  auch  immer
verstehen,  aber  wenn  die  Regierung  selbst  keinen  hat  suchen  wir  einen  oder
schieben  einen  unter.  Die  Männer  sind  auch  in  der  Regel  nicht  so  weise,
wie  die  Leute  meinen.  —  Und  so  möchte  ich  meinen  Dank  für  Ihre  Begrüßung
  wiederholen  und  Sie  bitten,  mit  mir  der  weiteren  Entwickelung
mit  voller  Gemütsruhe  entgegenzusehen.  Man  wird  mit  80  Jahren  kühler,
wie  man  mit  40  Jahren  gewesen  ist,  aber  im  Ganzen  bleibe  ich  doch  in  der
Ueberzeugung,  unser  Gott  läßt  keinen  Deutschen  zu  Grunde  gehen,  am  allerwenigsten
  Deutschland,  und  in  dieser  Beziehung  danke  ich  Ihnen.  Ich
hoffe,  die  Herren  unter  Ihnen,  die  der  Gottesgelahrtheit  angehören,  werden
mit  dafür  sorgen,  daß  der  Himmel  uns  günstig  bleiben  möge.“

Auf  die  Begrüßung  der  Studentenschaft  antwortet  der  Fürst:

Meine  Herren!  Ich  habe  soeben  aus  dem  Munde  Ihrer  Lehrer,  der
Dirigenten  unserer  Hochschulen,  eine  Anerkennung  über  meine  Vergangenheit
  erhalten,  die  für  mich  von  höchstem  Wert  ist.  Aus  Ihrer  Begrüßung
entnehme  ich  die  Zusage  für  die  Zukunft,  die  für  jemand  in  meinem  Alter
einen  vielleicht  noch  höhern  Wert  hat,  wie  das  Bedürfnis  der  Anerkennung.
Sie  werden  die  Gesinnungen,  die  sie  heute  durch  Ihre  Anwesenheit  hier
an  den  Tag  legen,  viele  von  Ihnen  bis  zur  Mitte  des  nächsten  Jahrhunderts
  zu  bethätigen  in  der  Lage  sein,  während  ich  seit  lange  zur  Unthätigkeit
  verurteilt  bin,  der  Vorzeit  angehöre,  und  das  ist  mir  ein  Trost,
denn  der  Deutsche  ist  nicht  so  organisiert,  daß  er  das,  wofür  er  sich  in  der
Jugend  begeistert  hatte,  in  späteren  Jahren  vollständig  salte  läßt.  Sie
werden  in  40  und  60  Jahren  vielleicht  nicht  ganz  die  Ansichten  haben,  die
Sie  heute  haben,  aber  das  Samenkorn,  das  die  Regierungszeit  des  Kaisers
Wilhelm  I.  in  Ihre  jungen  Herzen  gelegt  hat,  wird  doch  immer  auch  dann
seine  Früchte  tragen  und  Ihre  Auffassungsweise,  wie  sich  je  auch  unsere
staatlichen  Einrichtungen  gestalten  mögen,  wird  immer  eine  deutschnationale
bleiben,  auch  wenn  Sie  alt  werden,  weil  sie  es  heute  ist.  Man  löscht  die
Pflege  des  Nationalgefühls  im  eigenen  Innern  nicht  mutwillig  aus,  man
verliert  sie  auch  nicht,  auch  wenn  man  auswandert.  Ich  habe  ja  die  Beispiele,
  daß  Hunderttausende  von  Deutschen  heute  aus  Amerika,  aus  dem
Kaplande,  aus  Australien  mit  derselben  Begeisterung  an  dem  alten  Vaterland
  hängen,  die  sie  zum  größten  Teil  in  den  Kampf  dafür  geführt  hat.
Wir  haben  unsere  nationale  Unabhängigkeit  schwer  erkämpfen  müssen.  Die
Vorbereitung,  der  Prolog  dazu  war  der  holsteinische  Krieg.  Wir  mußten
den  Krieg  mit  Oesterreich  führen,  um  uns  auseinanderzusetzen.  Kein  Gericht
  konnte  uns  das  Separationserkenntnis  geben;  wir  mußten  sechten.
Nachdem  wir  bei  Sadowa  gefochten  hatten,  stand  uns  der  französische  Krieg
bevor.  Es  konnte  ja  für  niemand  zweifelhaft  sein,  der  mit  der  Lage
Europas  vertraut  war.  Es  empfahl  sich  nur,  ihn  nicht  zu  früh  zu  führen,
bevor  wir  die  Früchte  unserer  norddeutschen  Einigung  einigermaßen  unter
Dach  gebracht  hatten.  Nachdem  wir  ihn  geführt  hatten,  war  bei  uns
überall  das  Gerede,  in  5  Jahren  werden  wir  den  nächsten  Krieg  zu  führen
haben.  Es  war  das  ja  zu  befürchten;  aber  ich  habe  seitdem  es  als  meine
Aufgabe  betrachtet,  ihn  zu  verhindern.  Wir  Deutsche  hatten  keinen  Grund
mehr,  Krieg  zu  führen:  was  wir  brauchten,  hatten  wir,  darüber  hinaus
zu  fechten  aus  Eroberungsbedürfnis  für  Annexion  von  Ländern,  deren  wir
zu  unserer  Genugthuung  nicht  bedurften,  ist  mir  als  eine  Ruchlosigkeit  erschienen,
  ich  möchte  sagen  als  eine  bonapartistische  Ruchlosigkeit,  als  eine
ausländische,  die  nicht  in  unserem  germanischen  Gerechtigkeitsgefühl  liegt.
Ich  bin  also,  nachdem  wir  in  unserm  Hause  uns  so  ausgebaut  und  aus-Europ.

  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                  7
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        98  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)

gedehnt  hatten,  wie  wir  es  zu  bedürfen  glaubten;  immer  ein  Mann  des
Friedens  gewesen  und  habe  selbst  kleine  Opfer  nicht  gescheut.  Der  Mächtige
  kann  unter  Umständen  nachgiebig  sein.  Weder  die  Karolinen  noch
Samoa  waren  den  Krieg  wert,  den  wir  dafür  hätten  führen  müssen.  Kriegrischen
  Ruhm  bedurften  wir  nicht,  Ansehen  auch  nicht,  das  ist  eben  der

orzug  des  germanischen  Charakters  unter  allen  übrigen,  daß  er  seine  Befriedigung
  in  der  Anerkennung  des  eigenen  Wertes  findet  und  kein  Bedürfnis
  nach  Prestige,  Herrschaft  und  Vorrecht  hat,  daß  er  sich  selbst  genug,
darauf  habe  ich  gehalten  und  es  ist  in  der  Politik  viel  leichter  sich  zu  sagen
was  man  vermeiden,  als  sich  zu  sagen  was  man  thun  muß.  Gewisse  Grundsätze
  der  Ehrlichkeit  und  der  Tapferkeit  untersagen  uns  dies,  wie  beim
Manöver  gewisse  Felder  zur  Betretung  verboten  sind.  Aber  etwas  ganz
anderes  ist  die  Entschließung  darüber,  was  geschehen  soll,  und  darüber  kann
niemand  eine  sichere  Voraussicht  haben,  denn  die  Politik  ist  eine  Aufgabe,
mit  der  eigentlich  nur  die  Schiffahrt  in  unbekannten  Meeren  eine  Aehnlichkeit
  hat.  Man  weiß  nicht,  wie  das  Wetter,  wie  die  Strömungen  sein
werden,  welche  Stürme  man  erlebt.  In  der  Politik  kommt  noch  dazu,
daß  man  wesentlich  von  den  Entschließungen  anderer  mit  abhängig  ist,
auf  die  man  gerechnet  hat  und  die  nachher  nicht  eintreffen,  daß  man  nie
vollkommen  selbständig  handeln  kann  und  wenn  die  Freunde,  auf  deren
Unterstützung  man  angewiesen  ist,  ihre  Ansicht  ändern,  wofür  man  nicht
gut  sein  kann,  so  ist  der  ganze  Plan  mißlungen.  Also  Unternehmungen
in  der  Politik  sind  außerordentlich  schwer  und  wenn  sie  gelingen,  so  soll.
man  Gott  danken,  daß  er  seinen  Segen  dazu  gegeben  hat  und  nicht  herummäkeln
  an  Kleinigkeiten,  die  diesem  und  jenem  fehlen,  sondern  die  Situation
acceptieren,  so  wie  Gott  sie  macht.  Denn  der  Mensch  kann  den  Strom
der  Zeit  nicht  schaffen  und  nicht  lenken,  er  kann  nur  darauf  hin  fahren
und  steuern,  mit  mehr  oder  weniger  Erfahrung  und  Geschick.  Er  kann
Schiffbruch  leiden  und  stranden  und  auch  zu  guten  Häfen  kommen.  Wenn
wir  nun  zu  guten  Häfen  gekommen  sind,  so  wollen  wir  zufrieden  sein  und
pflegen  und  erhalten,  was  wir  gewonnen  haben  in  Kaiser  und  Reich,  so
wie  es  ist,  nicht  so,  wie  es  einzelne  wünschen  könnten,  mit  etwas  mehr
Zuthaten  von  dem,  was  jedem  gerade  am  nächsten  am  Herzen  liegt,  sowohl
in  konfessioneller  wie  in  sozialer  Beziehung,  sondern  wir  wollen  sorgfältig
festhalten,  was  wir  haben.  Deutschland  ist  ein  mächtiges  Reich  gewesen
unter  den  Karolingern,  den  Sachsen  und  Hohenstaufen,  und  wie  es  einmal
  diese  Stellung  verlor,  so  sind  fünf,  sechs  Jahrhunderte  vergangen,  ehe
es  so  zu  sagen  wieder  auf  die  Beine  kam.  Die  politischen  Entwickelungen
gehen  so  langsam  wie  die  geologischen,  die  Schichten  legen  sich  übereinander
und  erzeugen  neue  Bänke  und  neue  Gebirge,  aber  ich  möchte  vor  allen
Dingen  die  jungen  Herren  bitten,  geben  Sie  sich  dem  deutschen  Bedürfnis
der  Kritik  nicht  all  zu  sehr  hin,  acceptieren  Sie,  was  uns  Gott  gegeben
hat  und  was  wir  mühsam  unter  dem  bedrohenden  —  Angriff  kann  ich
nicht  sagen  —  aber  Gewehranschlag  des  übrigen  Europas  ins  Trockene  gebracht
  haben.  Es  war  nicht  so  sehr  leicht.  Wären  wir  vor  den  europäischen
Seniorenkonvent  vor  Abschluß  unserer  französischen  Angelegenheiten  zitiert
worden,  wir  wären  lange  nicht  so  gut  weggekommen,  wie  es  geschehen  ist,
und  meine  Aufgabe  ist  es  gewesen,  dies  nach  Möglichkeit  zu  verhindern.
Daß  dabei  nicht  alles  erreicht  werden  konnte,  was  jeder  wünschte,  ist  natürlich
  und  ich  spreche  davon  nur,  um  die  Nachsicht  derer  in  Anspruch  zu
nehmen,  die  ganz  berechtigt  sind,  mehr  zu  erwarten,  vielleicht  auch  mehr  zu  erstreben,
  aber  nur  nicht  zu  früh  und  nur  nicht  zu  rasch.  Halten  wir  vor  allen
Dingen  zunächst  fest,  was  wir  haben;  wer  die  meisten  Opfer  für  die  Herstellung
  des  deutschen  Reiches  gebracht  hat,  sind  offenbar  die  deutschen  Fürsten,  der
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)  99

preußische  nicht  ausgenommen,  und  mein  alter  Herr  hat  lange  gezögert,  ehe
er  seine  Unabhängigkeit  bereitwillig  aufgab  an  das  Reich.  Also  seien  wir
Denen  dankbar,  die  für  das  Reich  Opfer  gebracht  haben,  die  den  Dynastien
schwer  fallen  mußten  nach  der  ganzen  deutschen  tausendjährigen  Geschichte.
Seien  wir  denn  auch  der  Wissenschaft  und  ihren  Pflegern  dankbar,  daß
sie  auf  ihrem  Herd  das  Feuer  der  Einheit  erhalten  haben,  bis  die  Zeit
kam,  da  ihm  wieder  Brandstoff  zugeführt  wurde  und  es  höher  aufflammte
und  uns  eine  befriedigende  Leuchte  und  Wärme  gewährte.  Also  ich  möchte
vor  allen  Dingen  —  Sie  werden  mir  sagen,  ich  bin  ein  alter  Konservativer  —
mich  dahin  zusammenfassen:  Halten  wir,  was  wir  haben.  Vor  allen  Dingen,
ehe  wir  neues  versuchen,  fürchten  wir  uns  auch  nicht  vor  denjenigen,  die
uns  das  nicht  gönnen,  was  wir  haben.  Es  sind  Kämpfe  in  Deutschland
ja  immer  gewesen  und  die  heutigen  Fraktionsspaltungen  sind  ja  doch  nur
die  Nachwehen  der  alten  deutschen  Kämpfe  in  den  Städten  zwischen  den
Geschlechtern  und  Zünften,  in  den  Bauernkriegen  zwischen  den  Befigenden
und  den  Nichtbesitzenden,  in  den  Religionskriegen,  im  dreißigjährigen  Kriege.
Alle  diese  tiefgehenden,  ich  möchte  sagen  geologischen  Spaltungen  im  deutschen
  Boden  lassen  sich  nicht  mit  einem  Schlage  vertilgen  und  wir  müssen
mit  unserem  Gegner  doch  auch  Nachsicht  haben  und  auch  nicht  darauf  verzichten,
  unsererseits  zu  fechten.  Das  Leben  ist  Kampf  in  der  ganzen  Schöpfung
und  ohne  innere  Kämpfe  kommen  wir  zuletzt  beim  Chinesentum  an  und
versteinern.  Ohne  Kampf  kein  Leben,  nur  muß  man  in  allen  Kämpfen,
sobald  die  nationale  Frage  auftaucht,  doch  immer  einen  Sammelpunkt
haben,  und  das  ist  für  uns  das  Reich.  Nicht  wie  es  vielleicht  gewünscht
werden  könnte,  sondern  wie  es  besteht,  das  Reich  und  sein  Kaiser,  der  sein
Vertreter  ist,  und  deshalb  bitte  ich  sie,  mit  mir  einzustimmen  in  das  Wohl
auf  Kaiser  und  Reich,  und  mögen  Sie  anno  1950,  so  viel  von  Ihnen  dann
noch  leben,  mit  voller  Zufriedenheit  den  Toast  dann  abermals  ausbringen:
Kaiser  und  Reich  hoch,  hoch,  hoch!

Beim  Fackelzug  sagt  der  Fürst  u.  a.:

„Wenn  alle  Hamburger  und  Bremer,  die  in  Südamerika  leben,
heimkehren  wollten,  so  würde  ich  das  für  viel  verhängnisvoller  halten,  als
wenn  alle  amtlichen  Vertreter  des  Deutschen  Reiches  in  jenem  Weltteil  verschwänden.
  Ich  halte  den  Hamburger  Kaufmann  für  einen  ungleich  geschickteren
  Vermittler,  ich  habe  für  unsere  Kolonialpolitik  gehofft,  daß  sich
draußen  dort  eine  kaufmännische  Regierung  ausbilden  würde  —  nun,  ich
will  nicht  auf  den  Irrweg  der  Kritik,  dessen  was  geschieht  oder  geschehen
sollte,  kommen  —  aber  ich  hoffe  sicher,  daß  wir  auch  in  Afrika  noch  einmal
  zu  dem  System  kommen  werden,  das  England  in  Ostindien  so  groß
gemacht  hat,  daß  der  Kaufmann  dort  regiert,  der  besser  weiß,  was  dazu
gehört,  als  das  am  Aktenschrank  und  Aktentisch  möglich  ist.  Und  in  diesem
Sinne  und  in  der  Hoffnung,  die  ich  hier  ausgesprochen,  bitte  ich  Sie  auf
Ihre  von  mir  hochgeschätzte  und  geliebte  Vaterstadt  ein  Hoch  auszubringen.
Ich  habe  leider  seit  Jahr  und  Tag  von  Ihnen  fernbleiben  müssen  wegen
der  körperlichen  Hinfälligkeit,  die  mich  in  Kissingen  befiel  als  ein  schwerer
Schlag  und  dazu  kommt  die  Vereinsamung  meines  Hauses,  die  mich  fernhielt.
  Ich  bitte  Sie  also:  die  freie  und  Hansestadt  Hamburg  sie  lebe  hoch!"

1.  April.  Preßstimmen  zu  Bismarcks  Geburtstag.

Die  konservativen  und  mittelparteilichen  Blätter  bringen  durchweg
Festartikel,  in  denen  sie  Bismarck  als  den  größten  Staatsmann  des  Jahrderts

  feiern,  die  Urteile  der  freisinnigen  und  klerikalen  Presse  lauten
den,  die  der  sozialistischen  absprechend,  manche  Zeitungen  wie  die
Zeitung"  nehmen  gar  keine  Notiz  von  dem  Feste.

 

                                                                                     7*
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        100  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  2.)

Der  „Reichs-Anzeiger"  schreibt  im  amtlichen  Teile:  „Fürst
Bismarck  vollendet  heute  das  achtzigste  Lebensjahr.  Die  zahllosen  Beweise
aufrichtiger  Liebe  und  Verehrung,  welche  ihm  aus  diesem  Anlaß  von  nah
und  fern,  von  hoch  und  niedrig  in  den  letzten  Tagen  und  Wochen  zu  teil
geworden  sind,  legen  Zeugnis  davon  ab,  daß  die  Dankbarkeit  für  seine
unsterblichen  Verdienste  um  Deutschlands  Macht  und  Größe  unauslöschlich  in
den  Herzen  des  deutschen  Volkes  eingegraben  ist.  Möchte  den  heißen  Wünschen
für  sein  ferneres  Wohlergehen,  die  heute  überall,  wo  Deutsche  zusammenwohnen,
  zu  Gott  emporsteigen,  Erfüllung  beschieden  sein  und  Deutschlands
großer  Sohn  noch  lange  Jahre  hindurch  die  Freude  haben,  das  von  ihm
im  Dienste  seines  glorreichen  Heldenkaisers  geschaffene  Werk  der  deutschen
Einheit  immer  mehr  wachsen  und  sich  befestigen  zu  sehen!“

Die  (klerik.)  „Köln.  Volksztg.“  vergleicht  die  Bismarckfeier  mit
der  sozialdemokratischen  Demonstration  an  den  Gräbern  der  am  18.  März
1848  in  Berlin  Gefallenen:  „Wer  die  Massenbesuche  im  Friedrichshain  (am
18.  März)  gesehen  hat,  dürfte  ihnen  —  wenn  er  überhaupt  politisches  Verständnis
  hat  —  ungleich  mehr  Bedeutung  zuschreiben,  als  den  Bismarckkommersen
  der  Bourgeoisie  und  ihres  Anhangs.“

„Westfälischer  Merkur  (ultramontan):  „Dem  Mitbegründer  und
ersten  Kanzler  des  neuen  Deutschen  Reiches  Fürsten  Otto  von  Bismarck,
Herzog  von  Lauenburg,  wollen  auch  wir  zur  heutigen  Vollendung  seines
80.  Lebensjahres  ein  ehrlich  gemeintes  „Ad  multos  annos!“  zurufen.  Möge
ihm  —  zu  seiner  eigenen  Freude  wie  zur  Freude  der  Seinen  —  in  dem
stillen  Burg=  und  Waldfrieden  von  Friedrichsruh,  Varzin  und  Schönhausen
zu  ungestörter  Vorbereitung  für  die  Ewigkeit  noch  ein  langer  Lebensabend
voll  Ruhe,  Frieden  und  Zufriedenheit  beschieden  sein,  ein  gerüttelt  und  geschüttelt
  volles  Maß  von  otium  cum  dignitate.

Der  „Vorwärts“  schreibt  über  die  Feier  des  1.  April:  „Der
1.  April  1895  war  ein  Ehrentag  des  deutschen  Volkes.  Alles,  was  Macht,
Reichtum  und  sonst  materiellen  Einfluß  hat,  mühte  sich  ab,  den  80.  Geburtstag
  des  schlimmsten  Despoten  der  Neuzeit  zu  einem  Volksfest  zu  machen.
Allein  das  Volk  hat  allen  Demagogenkünsten  —  allen  Ueberredungen  und
Verlockungen  widerstanden.  Es  überließ  es  seinen  Feinden,  vor  ihrem
Häuptling  auf  dem  Bauche  zu  rutschen,  und  nahm  die  Schmach  nicht  auf
sich,  seine  eigene  Schande  zu  feiern.  Die  uns  vorliegenden  Nachrichten  aus
allen  Teilen  von  Deutschland  stimmen  darin  überein,  daß  das  Volk  überall,
wo  es  eins  gibt,  sich  dem  Rummel  ferngehalten  hat.“

Von  den  freisinnigen  Zeitungen  veröffentlichen  Huldigungsartikel  u.  a.
die  „Voss.  Ztg.“,  „Weser  Ztg.“,  „Saale  Ztg.“,  „Danzg.  Ztg.“,
„Frankf.  Ztg.“,  „Börsen-Courier".

2.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  eine
Deputation  der  Münchener  unter  Führung  des  Bürgermeisters,  die
ihm  den  Ehrenbürgerbrief  überreicht.  Auf  eine  Ansprache  erwidert

  er:

„Meine  Herren,  ich  bin  Ihnen  vom  Herzen  dankbar,  daß  eine  so
angesehene  Stimme  wie  die  der  Hauptstadt  des  mächtigen  Bayernlandes  sich
den  Adressen,  den  Anerkennungen  zugesellt,  die  ich  am  gestrigen  und  am  heutigen
  Tage  erfahren  habe  und  ich  freue  mich  noch  des  Empfanges  in  München
vor  drei  Jahren,  der  schon  ein  Vorspiel  der  heutigen  Auszeichnung  war.
Ich  freue  mich,  mit  der  Stadt  wieder  in  nähere  Berührung  zu  kommen
und  auf  diese  Weise  sagen  zu  können,  daß  ich  wirklich  Münchener  Bürger
bin  und  als  solcher  mein  Spatenbräu  mit  mehr  bayerischem  Bewußtsein
        <pb n="109" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  3.—6.)  101

und  Genuß  trinke.“  Der  Fürst  spricht  sodann  über  das  Verhältnis  der
deutschen  Stämme  zu  einander  und  schließt:  „Die  Deutschen  sind  doch  wie
das  Ehepaar  in  dem  Moliereschen  Stücke,  ich  glaube  es  heißt  Le  médscin
malgré  —  wir  find  immer  miteinander  im  Kampf  wie  das  Ehepaar,  die
miteinander  unverträglich  sind,  aber  sobald  sich  ein  Dritter  einmischt,  wird
die  Sache  so,  daß  er  froh  ist,  wenn  er  mit  heiler  Haut  davon  kommt.  Und
so  ist  es  bei  uns  Deutschen  auch  gewesen:  die  französische  Provokation  war
eine  von  Gott  gesandte  Wohlthat,  die  uns  einig  machte.  Der  Sieg,  der
uns  verliehen  worden  ist  und  daß  er  gemeinschaftlich  erfochten  worden  ist
und  daß  Jeder  sagen  kann,  Ich  war  auch  dabei  und  mit  dem  Blute  meiner
Ssen  das  Reich  auch  gekittet  worden,  ist  eine  Gabe  Gottes.  Gott
erhalte  es  so!“

3.  April.  (Kiel.)  Der  Kaiser  wohnt  dem  Stapellauf  eines
Panzerschiffes  bei,  dem  er  den  Namen  „Agir“  gibt.

4.  April.  (Berlin.)  Eine  außerordentliche  Versammlung
des  Handelstages  erklärt  sich  gegen  jede  Anderung  der  Goldwährung
  und  gegen  den  Antrag  Kanitz.

5.  April.  (Preußen.)  Der  Justizminister  erläßt  eine  allgemeine
  Verfügung  zur  Verminderung  des  Schreibwerks  bei  den
Justizbehörden.

5.  April.  Der  „Reichs-Anzeiger“  bringt  folgenden  kaiserlichen
  Dankerlaß  anläßlich  der  Bismarckfeier:

Seiner  Majestät  dem  Kaiser  und  König  find  aus  Anlaß  der  Feier
des  80.  Geburtstages  des  Fürsten  Bismarck,  Herzogs  von  Lauenburg,  zahlreiche
  Huldigungstelegramme  von  Festversammlungen  und  Vereinen,  von
städtischen  Behörden  und  einzelnen  Personen  zugegangen.  Seine  Maojestät
haben  diese  Kundgebungen,  deren  Beantwortung  im  einzelnen  unmöglich  ist,

mit  Genugthuung  entgegengenommen  und  Allerhöchstihre  Freude  über  diesen
Ausdruck  patriotischer  Gesinnung  zu  erkennen  gegeben.

5.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  sendet  dem
Oberbürgermeister  Zelle  für  die  Gratulation  des  Berliner  Magistrats

  folgendes  Dankschreiben:
„Friedrichsruh,  den  5.  April  1895.

Eurer  Hochwohlgeboren  sage  ich  für  die  warme  und  ehrenvolle  Begrüßung,
  die  ich  in  so  glänzender  Ausstattung  durch  Ihre  freundliche  Vermittelung
  zu  meinem  Geburtstage  erhalten  habe,  meinen  verbindlichsten
Dank,  und  bitte  den  Ausdruck  desselben  den  Herren  vom  Magistrat  übermitteln
  zu  wollen.  Der  Glückwunsch  des  Magistrats  der  Residenzstadt  hat
mich  um  so  wohlthuender  berührt,  als  mich  an  Berlin  und  seine  Bevölkerung
  alle  Erinnerungen  meiner  Jugend  und  meiner  amtlichen  Thätigkeit
knüpfen,  und  Berlin  für  mich  mehr  als  meine  Geburtsstätte  eine  Heimat
geworden  ist,  in  der  ich  die  meisten  und  wichtigsten  Jahre  meines  vergangenen
  Lebens  zugebracht  habe.  Ich  freue  mich,  unter  den  wohlwollenden
  Begrüßungen,  die  mir  von  allen  Wohnplätzen  deutscher  Landsleute  zugehen,

  insbesondere  die  unserer  Haupt=  und  Refidenzstadt  zu  erhalten.
v.  Bismarck.

6.  April.  Geipzig.)  Prozeß  Leist  (vgl.  1894  S.  164).
        <pb n="110" />
        102  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  8.)

Das  Reichsgericht  verurteilt  den  früheren  Kanzler  von  Kamerun
Leist  zur  Dienstentlassung  unter  Belassung  der  halben  Pension  auf  drei
Jahre  und  in  die  Kosten.

8.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  ungefähr
  800  Lehrer  höherer  Lehranstalten  und  erwidert  auf  eine
Ansprache:

„Meine  Herren!  Ich  danke  Ihnen  zunächst  herzlich  für  die  Adresse,
die  ich  soeben  gehört  habe,  und  wende  mich  dann  an  unsere  Kommilitonen
—  aber  ich  bitte,  ich  bin  selbst  alt  und  kahl  genug,  um  zu  wissen,  was
das  heute  heißt,  im  bloßen  Kopfe!  —  Meine  Herren,  die  Ehre,  die  Sie
mir  erwiesen,  bildet  einen  Bruchteil  der  mannigfaltigen  Auszeichnungen,
die  mir  heutzutage  aus  allen  deutschen  Ländern  und  darüber  hinaus  zu
Teil  werden  und  zwar  mir  als  dem  Erben  meiner  Mitarbeiter  von  der
Zeit  Kaiser  Wilhelms  I.  Ich  stehe  mit  denen  gewissermaßen  in  dem  Verhältnis
  eines  Tontine-Vertrages:  der  Ruhm  der  Absterbenden  erbt  auf  die
Ueberlebenden  zusammen  (Rufe  nein!  Eigener  Ruhm!)  und  so  fällt  auch
mir,  der  ich  entweder  jünger  zur  Arbeit  gekommen  bin  oder  langlebiger
geschaffen  bin,  ein  Anteil  an  der  Gesamtheit  des  Ruhmes  meiner  Mitarbeiter
  mit  in  das  Kredit  hinein.  Wenn  ich  das  nicht  so  auslegen  könnte,
so  würde  es  überwältigend  und  demütigend  auf  mich  wirken  wie  eine
Ueberschätzung.  Ich  habe  als  einzelner  meine  Schuldigkeit  in  meinem  Dienste
gethan  als  meines  Königs  Mitarbeiter,  und  Gottes  Segen  hat  es  gedeihen
lassen.  Aber  ich  muß  auch  Ihres  Anteils  an  diesem  Segen  noch  gedenken.
Sie  sprachen  in  der  eben  verlesenen  Ansprache  von  der  Dankbarkeit,  die  der
Lehrerstand  mir  gegenüber  empfinde.  Meine  Herren,  das  Gefühl  ist  ein
gegenseitiges.  Das  ist  für  mich  zum  Durchbruch  gekommen  in  der  Zeit
meiner  politischen  Arbeit.  Hätte  ich  nicht  die  Vorarbeit  des  höheren  Lehrerstandes
  in  unserer  Nation  vorgefunden,  so  glaube  ich  nicht,  daß  mein  Werk,
oder  das  Werk,  an  dem  ich  mitgearbeitet  habe,  in  dem  Maße  gelungen
sein  würde.  Ihnen  hat  die  Pflege  der  Imponderabilien  obgelegen,  ohne
deren  Vorhandensein  in  der  gebildeten  Minorität  unseres  Volkes  die  Erfolge,
  die  wir  gehabt  haben,  nicht  möglich  gewesen  sein  würden.  Die  Liebe
zum  Vaterlande,  das  Verständnis  für  politische  Situationen,  für  diese  und
andere  Eigenschaften  werden  die  Keime  gelegt  in  dem  Stadium  des  Menschenlebens,
  welches  Ihrer  Pflege  vorzugsweise  anheimfällt.  Unsere  Erziehung
gehört  bis  zum  14.  Jahre  der  Volksschule  oder  bis  zum  19.  der  höheren
Schule,  nachher  der  Universität,  dem  Leben  und  den  Frauen.  Das  durchschnittliche
  Alter,  bis  zu  dem  die  Jugend  Ihrer  Pflege  und  Erziehung
unterliegt,  schließt  mit  dem  19.,  20.  Jahre  des  Abiturienten  in  der  Regel
ab,  manchmal  später,  manchmal  früher.  Aber  der  Charakter  des  jungen
Mannes  legt  sich  gerade  in  dieser  Zeit  fest.  Es  ist  nicht  sehr  oft  der  Fall,
daß  er  auf  der  Universität  oder  später  eine  Modifikation  erleidet,  wenigstens
nicht  in  der  Liebe  zum  Vaterlande,  die  ihm  auf  der  höheren  Schule  eingeprägt
  worden  ist.  Die  Erfolge  der  nationalen  Entwickelung  eines  jeden
Landes  beruhen  hauptsächlich  auf  der  Minorität  der  Gebildeten,  die  das
Land  enthält.  (Bravol)  Ich  habe  bei  irgend  einer  neulichen  Gelegenheit
einmal  gesagt:  Eine  Verstimmung  der  abhängigen  Massen  kann  eine  akute
Krankheit  hervorrufen,  für  die  wir  Heilungsmittel  haben;  eine  Verstimmung
der  gebildeten  Minorität  ruft  eine  chronische  Krankheit  hervor,  deren  Diagnose
schwer  ist  und  deren  Heilung  langwierig.  (Bravo !)  Und  deshalb  lege  ich
das  Hauptgewicht  auf  die  Erziehung  und  die  Gesinnung  der  gebildeten
Klassen  in  jedem  Lande.  Wir  können  bei  uns  —  von  den  dynastischen
        <pb n="111" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  8.)  103

Persönlichkeiten  sehe  ich  ganz  ab,  aber  die  Leitung  der  Geschicke  eines
Landes  ruht  überall  thatsächlich  und  unmittelbar  in  den  Händen  der  gebildeten
  Klassen  —  wir  können  bei  uns  in  Deutschland,  zunächst  in  den
regierenden  Kreisen,  unter  den  Beamten,  keine  Leute  verwenden,  die  nicht
durch  Ihre  Hände,  möchte  ich  sagen,  gegangen  sind,  wir  können  kein  Parlament
  haben,  dessen  führende  Leute  nicht  der  gebildeten  Minderheit  der  Bevölkerung
  angehören.  Dieselben  können  über  die  Führung  von  Massen
ohne  eigenes  Urteil  unter  Umständen  zum  Teil  bestimmen,  aber  die  Erziehung
  des  Urwählers  liegt  nicht  in  ihrer  Hand.  Auch  im  Parlamente
gehören  die  Leiter  den  gebildeten  Klassen  an;  im  Heere  wäre  unser  ganzer
Offizierstand  ohne  unsere  wissenschaftliche  —  mir  fällt  kein  besserer  Ausdruck
  augenblicklich  ein  —  ohne  unsere  Bildung  überhaupt  gar  nicht  möglich.
  Unser  Offizierkorps,  einschließlich  des  Unteroffizierkorps,  was  sich  nach
ihm  bildet,  ist  eine  unnachahmliche  Schöpfung  für  alle  übrigen  Nationen.
Sie  machen  es  uns  darin  nicht  gleich  (lebhafter  Beifall),  und  das  ist  das
Produkt  unserer  gesamten  höheren  Schulbildung,  nicht  der  Volksschulbildung,
sondern  der  Bildung  und  Erziehung  der  höher  stehenden  Klassen,  die  sich
dort  vertreten  finden.  Auch  unsere  industriellen  Leiter  kennen  diese  Vollkommenheit
  unserer  Industrie,  die  zuletzt  dahin  führt,  daß  es  in  der  ganzen
englischen  Handelswelt  heutzutage  als  eine  Empfehlung  gilt,  wenn  auf
einer  Ware  steht:  made  in  Germany  (lebhaftes  Bravo !),  auch  das  ist  eine
Wirkung  desjenigen  Bildungsstadiums,  wie  die  höheren  Schulen  es  liefern.
Unsere  Kaufleute  über  See,  die  unsere  besten  Pioniere  sind  (Bravo !),  würden
ebenfalls  ohne  die  deutsche  Schulbildung  das  nicht  leisten;  ich  spreche  nicht
von  unseren  kolonialen  Beziehungen,  sondern  von  den  mir  als  Hamburger
Nachbar  nächststehenden  Beziehungen  zu  Amerika.  Die  wirksame  Erhaltung
der  Wechselwirkung  zwischen  Gesamtamerika,  Nord  und  Süd,  und  Europa
beruht  hauptsächlich  auf  unserem  gebildeten  Kaufmannsstande,  und  der
würde  nicht  gebildet  sein  ohne  unsere  höheren  Schulen.  Ich  könnte  in
dieser  Darlegung  der  politischen  Wirkung  der  Imponderabilien,  die  auf
unseren  höheren  Schulen  in  das  Gemüt  des  deutschen  Jünglings  gepflanzt
werden,  vielleicht  noch  weiter  gehen,  aber  ich  will  es  lieber  an  einem  Beispiele
  aus  dem  Auslande  erörtern.  Als  ich  in  Versailles  in  Ouartier  lag,
habe  ich  gelegentlich  die  Schulhefte  der  Söhne  meiner  Hauswirte  durchgesehen
  (Heiterkeit)  und  da  bin  ich  ganz  erstaunt  gewesen  über  die  ungeheuerliche
  geschichtliche  Lüge,  die  in  allen  französischen  höheren  Schulen
kultiviert  wird,  von  Ludwig  XIV.  ab  bis  auf  die  heutige  Zeit.  Was  hat
das  für  Folgen:?  Daß  der  junge  Franzose  von  Haus  aus  ein  falsches
Bild  über  die  Bedeutung  seiner  eigenen  Nation,  über  deren  Berechtigung
zur  Macht  bekommt  und  daß  er  mit  einem  Hochmut  in  die  Welt  tritt,  von
dem  das  deutsche  Sprichwort  sagt,  daß  er  vor  dem  Fall  kommt.  (Lebhaftes
Bravol)  Dem  gegenüber  befleißigt  sich  unsere  höhere  Schulleitung,  soviel
ich  weiß,  der  Wahrheit  und  pflegt  unter  anderen  Eigenschaften,  mit  denen
Gott  die  deutsche  Nation  ausgestattet  hat,  auch  die  der  Bescheidenheit  (lebhaftes
  Bravo),  was  ich  für  in  hohem  Maße  wichtig  und  nützlich  halte.
Die  Selbstüberschätzung  tötet  den  Erfolg  im  Keim  (Bravo)  und  von  der
halten  wir  uns  fern;  die  Wahrheit  wird  bei  uns  gelehrt,  vielleicht  unter
verschiedener  Beleuchtung,  aber  doch  jeder  von  seinem  Standpunkte  bestrebt
sich,  seinen  Schülern  die  Wahrheit  beizubringen,  und  ich  habe  es  auch  im
politischen  Leben  stets  für  nützlich  gehalten,  wahr  zu  bleiben  (lebhaftes
Bravo !),  um  den  Mut  zu  behalten.  Ich  habe  dadurch  manche  Feinde  erworben
  und  manches  Wort  gesprochen,  was  zu  den  übelwollendsten  Deutungen
  Anlaß  geben  kann;  aber  im  ganzen:  das  Gesamtresultat  ist  für  mich
doch  ein  nach  menschlicher  Unvollkommenheit  in  hohem  Maße  befriedigendes.
        <pb n="112" />
        104  Das  DNeutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  9.—10.)

(Lebhaftes  Bravo.)  Ich  habe  ja  auch  recht  viele  Gegner,  aber  das  Wohlwollen
der  Majorität  der  unabhängigen  und  gebildeten  Leute  darf  ich,  glaube  ich,
für  mich  in  Anspruch  nehmen.  (Bravo.)  Es  wird  das  vielleicht  nicht  immer
die  Majorität  der  Urwählerziffer  decken  (Heiterkeit),  aber  es  ist  doch  für
mich  das  entscheidende  Prinzip  auf  die  Dauer  und  für  die  Dauer  der  Einrichtungen,
  die  wir  uns  gegeben  haben.  Und  deshalb,  wenn  ich  am  Ende
meiner  Laufbahn  stehe,  so  ist  es  mir  ein  beruhigendes  Gefühl,  daß  die
Sonne,  die  mir  untergeht,  mir  ein  schönes  Abendrot  zeigt.  Als  Landwirt
bin  ich  gewohnt,  das  Abendrot  als  einen  Propheten  von  gutem  Wetter  für
den  morgenden  Tag  anzusehen,  und  so  wünsche  ich  Ihnen  allen,  meine
Herren  für  die  Tage,  die  kommen,  gutes  Wetter.  Sie  find  zum  großen
Teile  in  Ihrer  sozialen  und  materiellen  Stellung  mit  Recht  unzufrieden.
(Zustimmung.)  Es  existiert  ein  Mißverhältnis  zwischen  der  Bedeutung,  die,
wie  ich  vorher  zu  schildern  mir  erlaubt  habe,  der  höhere  Lehrerstand  für
unsere  nationale  Zukunft  hat  und  zwischen  deren  bisheriger  Würdigung.
(Sehr  richtig.)  Die  Gewalt,  die  in  dem  Einflusse  der  Schule,  der  höheren
Schule,  auf  die  gebildeten  Klassen  besteht,  die  Wichtigkeit  der  gebildeten
Klassen  für  das  Gedeihen  einer  Nation  wird  heutzutage  erheblich  unterschätzt,
und  ich  hoffe,  daß  darin  sich  allmählich  auch  eine  Aenderung  zum  Besseren
anbahnen  wird.  Ich  meinerseits  halte  sie  für  notwendig,  wenn  wir  die
Erfolge,  die  wir  mit  Hilfe  der  Fürsten,  der  Armee  errungen  haben,  auf  die
Dauer  befestigen  und  dauerhaft  machen  wollen.  Es  ist  schon  eine  erhebliche
Wirkung  des  Einflusses  der  Gebildeten,  daß  die  Frauen  gewonnen  worden
sind  im  Großen  und  Ganzen  für  unsere  nationale  Entwickelung.  Das  war
früher  nicht.  Wenn  ich  50  Jahre  zurückdenke,  da  kümmerten  fie  sich  wenig
darum  (Heiterkeit),  aber  heutzutage  halten  sie  ihre  Kinder  an,  daß  sie  vor
allen  Dingen  daran  denken,  daß  sie  Deutsche  sind.  (Lebhaftes  Bravo.)  Und
dieser  Same,  der  in  das  Gebiet  des  Ewig-Weiblichen  gefallen  ist,  liegt
tiefer  und  dauert  länger  als  unsere  Männerstreitigkeiten,  und  der  wird  uns
auch  einmal  herausreißen,  wenn  es  schlimm  wird.  Meine  Herren,  im  Sinne
meiner  Betrachtungen,  die  ich  mir  erlaubte,  Ihnen  vorzutragen,  bitte  ich
Sie  ohne  Rücksicht  auf  den  darin  liegenden  Egoismus  mit  mir  einzustimmen
in  ein  Hoch  auf  den  deutschen  Lehrerstand.  Er  lebe  hoch,  hoch  und  abermals
  hoch!  Ich  könnte  Ihnen  noch  viel  sagen,  aber  ich  kann  so  lange
nicht  stehen.  Mein  Herz  ist  noch  voll  für  Sie,  aber  ich  muß  mich  bescheiden.


9.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
Lehrer  und  Schüler  des  Gymnasiums  von  Jever.  Er  spricht  seine
Freude  aus,  einmal  Jeversche  Gesichter  zu  sehen,  nachdem  er  bisher
nur  auf  der  Bafis  des  Kiebitzes  Beziehungen  zu  Jever  gehabt  habe.

10.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
eine  Deputation  der  Deutschen  in  Odessa.

In  seiner  Ansprache  weist  er  ihnen  die  Aufgabe  zu,  die  guten  Beziehungen
  zwischen  Rußland  und  Deutschland  zu  kultivieren,  „da  wir  gar
keinen  Grund  haben,  mit  den  Russen  zu  zanken.  Wir  wollen  nichts  von
ihnen,  wir  haben  Polen  genug  und  die  Russen  auch,  sie  können  weder
Königsberg  noch  Posen  brauchen;  also  wir  sind  in  der  für  Großmächte
wünschenswerten  Lage,  daß  wir  einander  nichts  zu  beneiden  haben,  und  daß
keiner  von  uns  beiden  etwas  besitzt,  was  dem  Nachbar  begehrenswert  erscheint,
  ein  seltener  Fall  in  der  Politik.  Auch  außerdem  ist  kein  Grund
zur  nationalen  Antipathie.  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —
        <pb n="113" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  10.  -  15.)  105

Rußland  ist  jedenfalls  ein  besserer  Nachbar,  als  mancher  anderer;  jedenfalls
ist  mit  Rußland  als  Nachbar  leichter  zu  leben,  als  es  mit  Polen  sein
würde.  Deshalb  bleiben  Sie  gut  Deutsch,  aber  schädigen  Sie  die  russische
Freundschaft  nicht.“

10.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  die
Direktoren  des  Norddeutschen  Lloyd,  die  ihm  ein  Modell  des
Schnelldampfers  Prinz  Luitpold  überreichen.  Auf  eine  Ansprache
antwortet  er:

„Schon  vor  600  Jahren  hat  die  Bremer  Flagge  in  den  Kreuzzügen
als  eine  Hauptstütze  des  Deutschen  Kaisers  und  des  Deutschen  Reiches  eine
Rolle  gespielt.  Ihnen,  die  Sie  die  Geschichte  Ihrer  Vaterstadt  kennen,  wird
der  Name  des  Bremer  Rheders  Walbot,  der  später  der  Gründer  eines
rheinischen  Grafengeschlechts  geworden  ist,  nicht  unbekannt  sein.  Damals
trugen  die  Bremer  Handelsschiffe  ihre  Flagge  in  das  Mittelmeer  und  zu
der  syrischen  Küste  und  waren  die  eigentlichen  Stifter  des  Deutschen  Ordens,
der  nachher  eine  große  und  mächtige  Gemeinschaft  geworden  ist.  Dieser
nationale  Geist  in  unseren  Küstenländern,  die  Sie  „de  Waterkant"  nennen,  ist
nachher  ungeteilt  erhalten  geblieben  und  durch  nichts  vom  gemeinsamen
Interesse  abgeleitet.  Er  ist  immer  ein  nationaler  geblieben;  diese  reichsstädtische
  und  republikanische  Verfassung  hat  sich  vom  Partikularismus
freier  gehalten,  als  es  im  Inlande,  von  Preußen  bis  Baden  gerechnet,  der
Fall  gewesen  ist.  Die  Uneinigkeit  der  Deutschen  beruht  nicht,  wie  man  gewöhnlich
  meint,  auf  der  Stammessverschiedenheit,  man  kann  nicht  sagen,
daß  die  Bayern  und  Sachsen  sich  nicht  vertragen,  wenn  sie  bei  einander
sind,  sondern  es  sind  die  dynastischen  Verschiedenheiten,  welche  Grenzen  geschaffen
  haben,  die  das  Gebiet  gleicher  Stammesgenossen  quer  durchschneiden,
zwischen  den  plattdeutschen  Altmärkern  und  den  plattdeutschen  Lüneburgern,
zwischen  den  Wettiner  Landschaften  und  dem  alten  Thüringen,  wie  in  den
hohenzollernschen  Gebieten,  und  wie  dort  in  Schwaben  die  Beispiele  am
schärfsten  sind,  wie  der  Schwabe  gegen  den  Schwaben  sich  abschanzte  als
Reichsritter  in  den  Reichsdörfern  und  Reichsstädten,  so  war  es  auch  in
Westfalen.  Man  muß  also  nicht  die  Stammesverschiedenheit  anklagen.  Es
ist  die  Verschiedenheit  der  Herrscher  gewesen,  die  Fürsten  vertrugen  sich  nicht
unter  einander,  und  so  wurden  die  Unterthanen  nach  der  Farbe  der  Uniform,
die  sie  trugen,  veranlaßt,  auf  einander  zu  schießen.  Daß  dies  beseitigt
worden  ist,  danken  wir  den  regierenden  Autoritäten,  die  auf  das  traurige
Privilegium  verzichtet  haben,  ihre  deutschen  Unterthanen  gegen  einander
fechten  zu  lassen,  und  da  find  die  hanseatischen  Regierungen  besonders  ais
lich  und  wirksam  gewesen.  Sie  haben  Sonderinteressen  gehabt,  aber  sie
haben  schließlich  doch  das  Gefühl,  einem  großen  deutschen  Volke  anzugehören,
behalten,  weil  sie  die  deutsche  Flagge  zur  See  beinahe  allein  vertreten

haben.“

15.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
etwa  70  Herren  und  Damen  aus  Steiermarck  und  eine  Abordnung
  österreichischer  Studenten,  die  ihm  unter  mehreren  Ansprachen
  einen  Pokal  mit  steirischem  Wein  überreichen.  Er  erwidert:


„Meine  Herren!  Ich  danke  Ihnen  für  Ihren  Besuch,  für  Ihr
ierherkommen  zu  diesem  Zweck  und  in  dieser  Zeit  und  sehe  in  diesem
trauß,  gemischt  von  den  Blumen  der  Ebene,  dem  Heidekraut  und  der
        <pb n="114" />
        106  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)

Alpen,  ein  Symbol  unserer  Zusammengehörigkeit.  Man  kann  wohl  sagen,
die  Farben  kleiden  sich  gegenseitig  und  sie  passen  zusammen.  (Rufe:  Heil !)
Unter  allen  Auszeichnungen,  die  mir  an  meinem  80.  Wiegenfest  erwiesen
wurden,  schätze  ich  diese  ganz  besonders  wegen  ihrer  geschichtlichen  Bedeutung;
ich  schätze  sie  um  so  höher,  als  dieser  Besuch  sich  anschließt  an  eine  huldreiche
  Begrüßung,  mit  der  Se.  Majestät  Ihr  Landesherr  mich  beehrt  hat.
Darin  und  in  Ihrem  Besuch  vergegenwärtigt  sich  mir  die  Erinnerung  an
die  Zeit  —  ich  glaube,  es  war  vor  16  Jahren,  als  ich  von  Gastein  über
Linz  nach  Wien  fuhr,  nur  durch  deutsches  Land  und  deutsche  Bevölkerung
—  als  ich  in  Wien  ankam  —  aber  meine  Herren  wollen  Sie  nicht  aufsetzen,
  es  ist  ein  rauher  Wind  hier  im  Norden  —  wo  ich  mit  einer  Herzlichkeit
  empfangen  wurde,  die  mich  befestigte  in  dem  Gedanken,  daß  wir
irgend  einen  Ersatz  für  die  alten  Beziehungen  der  Bundesgenossenschaft,  die
uns  verbunden  hatte,  herstellen  mußten  trotz  aller  Hindernisse,  die  sich  dagegen
  auftürmten.  Unsere  Zusammengehörigkeit  ist  ja,  wie  der  erste  Herr
Redner  bemerkte,  älter  wie  ein  Jahrtausend  und  reicht  bis  in  die  Sagenzeit
  zurück,  aber  auch  die  weitergehenden  Konsequenzen  des  Bündnisses,  das
wir  vor  16  Jahren  in  Wien  abgeschlossen;  der  Dreibund  reicht  in  seinen
Ursprüngen  doch  fast  auf  dieselbe  Zeit  zurück.  Die  alte  deutsche  Kaiserherrschaft
  des  heiligen  römischen  Reiches  erstreckte  sich  ja  von  der  Nordsee
bis  nach  Apulien  und  theoretisch  gehörte  ganz  Italien  dazu  —  thatsächlich
nicht  immer  —  die  Kämpfe  in  dieser  großen  Gemeinschaft  blieben  uns
nicht  erspart.  Es  ist  eine  eigentümliche  Fügung  des  Schicksals  und  der
göttlichen  Vorsehung,  daß  dieses  große  gewaltige  Gebiet  von  ganz  Zentraleuropa,
  das  ich  eben  bezeichnete,  sich,  nachdem  es  durch  Schicksalsfügungen
und  viele  Kämpfe  getrennt  und  zerrissen  war,  doch  schließlich  heut  zu  Tage
wieder  zusammen  gefunden  hat.  Unser  Dreibund  deckt  ungefähr  die  alte
anspruchsvolle  Kaiserherrschaft  der  Nachfolger  Karls  des  Großen  nach  Aussonderung
  von  Gallien,  unserem  heutigen  Frankreich;  daß  in  dieser  Verbindung
  ein  Beweis  von  imponderabeln  Verbänden  und  Beziehungen  dieser
ganzen  großen  Ländermasse  gegeben  ist,  ist  meine  Ueberzeugung.  —  Ich
muß  es  den  Geschichtslehrern  überlassen,  sie  zu  vertreten,  wenn  sie  sie  mit
mir  theilen.  Ich  glaube  wir  werden  dauernd  zusammengehören  und  zusammenbleiben
  können  mit  mehr  Dauer,  als  wir  früher  in  Frieden  mit
einander  gelebt  haben.  Wenn  wir  zurückblicken  auf  die  innere  Geschichte
dieser  großen  Ländermasse,  welche  das  alte  angeblich  heilige  römische  Reich
(Heiterkeit)  in  sich  vereinigte,  so  finden  wir  doch  kein  Jahrhundert  ohne
die  schwersten  Kämpfe  der  Reichsangehörigen  untereinander.  Aber  wir
müssen  uns  dadurch  nicht  entmutigen  lassen,  denn  dieselbe  Erscheinung  fehlt
in  keinem  der  anderen  europäischen  Länder,  auch  in  denjenigen  nicht,  die
durch  eine  von  Haus  aus  einheitliche  Nationalität  auf  inneren  Frieden  viel
mehr  angewiesen  waren  wie  dieses  Mosaik  von  Zusammensetzung,  was  das
alte  deutsche  Reich  war.  —  Sehen  Sie  nach  England,  wie  es  im  Mittelalter
  von  Bürgerkriegen  erfüllt  war.  Sie  haben  im  vorigen  Jahrhundert
  mit  der  Schlacht  von  Culloden  ein  Ende  gefunden  und  der  innere
Frieden  ist  doch  im  heutigen  England  auch  noch  nicht  vorhanden.  Sehen
Sie  nach  Frankreich  —  eine  scharf  und  leidenschaftlich  entwickelte,  einheitliche
  Nationalität;  —  wir  haben  die  letzten  Bürgerkriege  noch  selbst  vor
25  Jahren  vor  Paris  mit  ansehen  können;  Gott  gebe,  daß  es  die  letzten
seien.  Sehen  wir  nach  Spanien  —  eine  stolze  einheitliche  Nationalität  —
die  innern  Kriege  hören  nicht  auf.  Italien  an  sich  ist  davon  nicht  frei
gewesen.  Ich  will  die  Beispiele  nicht  weiter  ausdehnen,  ich  will  nur  daraus
deduzieren,  daß  wir  Deutsche  doch  darum  nicht  an  unserer  einheitlichen
Zukunft  verzweifeln  müssen,  weil  wir  uns  mitunter  im  Laufe  der  letzten
        <pb n="115" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)  107

Jahrtausende  viel  mit  einander  gerauft  haben.  (Große  Heiterheit.)  Ich
hoffe,  es  wird  in  Zukunft  nicht  wieder  vorkommen.  (Rufe:  Nein!)  Ich
hoffe,  wir  haben  eine  Form  gefunden,  in  der  wir  nebeneinander  leben  können
und  die  in  bewußter  Weise  —  wenigstens  von  den  leitenden  Prinzipien
kann  ich  das  sagen  —  nicht  zerbrochen  und  nicht  beschränkt  wird;  dazu
gehört  vor  allem  also  unsere  Einigkeit  mit  dem  österreichisch-ungarischen  Reich,
(Bravo !)  auf  die  wir  geschichtlich  angewiesen  sind  seit  langen  Zeiten.  Und
wir  können  in  Zorn  geraten,  vom  Leder  ziehen,  aber  wir  kommen  immer
wieder  zusammen,  weil  wir  auf  einander  angewiesen  find  und  namentlich
so,  wie  das  heutige  europäische  Staatsgebilde  ist,  können  wir  gar  nicht,
ohne  einander  Treue  und  Freundschaft  zu  halten,  in  eine  ruhige  Zukunft
Europas  blicken.  Der  einzelne  Staat  in  Europa  wird  immer  der  Möglichkeit
  einer  Koalition  ausgesetzt  sein.  Ein  Bündniß  von  dem  Gewicht,  wie
es  der  heutige  Dreibund,  repräsentirt,  kann  immer  von  sich  sagen  mit  dem
alten  schottischen  Spruch:  „Nemo  mo  impune  lacessit"  und  wird  im
Stande  sein,  sich  zu  wehren.  Wenn  man  also  das  Bedürfniß  hat,  um
Anlehnung  sich  umzusehen,  so  liegt  für  uns  doch  die  Anlehnung  an  Oesterreich-Ungarn
  näher,  wie  irgend  eine  andere.  Auch  auf  die  an  Italien  sind
wir  durch  die  Geschichte  angewiesen.  Wir  haben  in  beiden  Ländern  durch
das  Ungeschick  der  gemeinsamen  Kaiserlichen  Regierung  gelitten,  indem  wir
zerfallen  sind  in  nicht  existenzfähige  Größen  untereinander.  Wir  mußten
uns  wieder  zusammenfinden,  wir  haben  eingesehen,  daß  das  zu  unserem
Heile  notwendig  ist.  Die  Basis  dieses  Dreibundes,  der  den  Frieden  Europas
erhält,  ist  ja  unsere  Beziehung  und  unsere  Intimität  zum  österreichischungarischen
  Kaiserstaat  und  da  habe  ich  schon  früher  an  unsere  Stammesgenossen
  in  Oesterreich  das  Verlangen  gerichtet,  diese  Einheit,  diese  Freundschaft
  zwischen  beiden  großen  Nachbarreichen  und  beiden  historisch  mit  einander
  eingelebten  Nachbarreichen  zu  pflegen  nach  ihren  Kräften.  Je  stärker
der  Einfluß  der  Deutschen  in  Oesterreich  sein  wird,  desto  sicherer  werden  die
Beziehungen  des  Deutschen  Reiches  zu  Oesterreich  sein  (Rufe:  Bravo!  Heil !)
und  deshalb  Sie,  die  Deutschen  Oesterreichs,  können  es  nicht  über  Ihr  Gewissen
und  Ihr  Gefühl  bringen,  zu  treiben  zum  Kampfe  gegen  das  deutsche  Westreich
  und  ich  hoffe,  Sie  werden  es  auch  zum  Teil  über  ihr  Gefühl  bringen,  den
Frieden  zwischen  dem  alten  Ostreich  und  dem  deuschen  Westreich  dadurch  zu
pflegen,  daß  Sie  sich  in  möglichst  engen  und  einflußreichen  Beziehungen  zu  Ihrer
ursprünglich  deutschen  Dynastie  halten.  Die  Dynastie  ist  schließlich  doch  für  die
auswärtigen  Beziehungen  eines  jeden  Reiches,  so  lange  sie  überhaupt  besteht,
—  und  daß  sie  lange  und  dauernd  besteht,  wird  Ihrer  aller  Wunsch  sein  —
aber  so  lange  sie  besteht,  ist  sie  doch  der  einflußreichste  Faktor  in  der  Wahl
der  auswärtigen  Beziehungen.  Also,  meine  Herren,  Sie  können  ihr  Wohlwollen
  für  ihre  Stammesgenossen  im  Deutschen  Westreich  nicht  wirksamer
bethätigen,  als  indem  Sie  ihre  Beziehungen  zur  eigenen  Dynastie  pflegen
und  mehr  von  der  Seite  des  Gemüts  wie  von  der  des  Verstandes  und  der
juristischen  Argumente  pflegen  und  beurteilen.  Ich  habe  in  Sr.  Majestät
Ihrem  Kaiser,  mit  dem  ich  seit  1852  in  direkten  geschäftlichen  Beziehungen
gestanden  habe,  wo  ich  zuerst  preußischer  Gesandter  in  Wien  eine  Zeitlang
war,  immer  doch  ein  deutsches  Herz  und  die  Spuren  der  deutschen  Abstammung
  gefunden.  Man  kann  ja  in  Oesterreich  sich  nicht  einer  Nationalität,
namentlich  wenn  man  Ungarn  mit  einrechnet,  ausschließlich  widmen.  Die
Vorsehung  muß  den  Kampf  der  Nationalitäten  gewollt  haben,  sonst  wäre
es  ja  für  ihre  Ureinrichtung  leicht  gewesen,  in  der  ganzen  Welt  oder  wenigstens
  in  Europa  eine  einzige  Nationalität  zu  schaffen.  Wenn  nun  deren
viele  nebeneinander  wohnen,  einander  bekämpfend  und  widersprechend,  einander
  von  Hause  aus  nicht  liebend,  wenn  erst  die  Liebe  und  das  Wohl-
        <pb n="116" />
        108  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  15.)

wollen,  die  Duldung  will  ich  lieber  sagen,  mit  der  Ueberlegung  kommen
muß,  wenn  die  Nationalitäten  so  durcheinader  geschoben  werden  durch  den
Lauf  der  Geschichte,  wie  es  in  Deutsch-Oesterreich,  in  Ungarn,  bei  uns  in
unseren  Ostprovinzen  Posen  und  Westpreußen  der  Fall,  so  muß  man,  wenn
man  überhaupt  über  die  Intentionen  der  göttlichen  Vorsehung  nachdenken
will,  doch  darin  dasselbe  Prinzip  erkennen,  was  sich  in  der  ganzen  Natur
bethätigt:  Ohne  Kampf  kein  Leben.  Man  soll  mit  einander  kämpfen,  aber
wenn  man  unter  demselben  Landesherrn  lebt,  soll  man  mit  Wohlwollen
kämpfen  und  sachlich  und  nicht  den  Kampf  in  Formen  führen,  die  keinen
anderen  Zweck  und  keine  andere  Wirkung  haben,  als  den  Gegner  zu  kränken,
zu  ärgern,  zu  reizen.  Ihn  zu  versöhnen  wird  nicht  immer  möglich  sein,
aber  ich  glaube,  wir  könnten  im  Deutschen  Reich  sowohl  wie  auch  in
Oesterreich-Ungarn  die  Kämpfe  mit  etwas  mehr  persönlichem,  ich  will  nur
sagen,  christlichem  Wohlwollen  führen.  Aber  außer  dem  Christentum
existiert  doch  noch  das  Band  der  Angehörigkeit  zu  demselben  Staatsgebilde,
was  zur  Nachsicht  in  der  Beurteilung,  auch  in  der  Beurteilung  der  feindseligen
  Akte  des  fremdnationalen  Mitbürgers  bewegt.  Ich  will  damit  —
ich  weiß  nicht,  ob  mit  geschickten  Worten  oder  nicht  —  für  Ihre  undeutschen
Nachbarn  eine  gewisse  Versöhnlichkeit,  eine  Nachsicht  empfehlen.  Ich  darf
als  Deutscher  ja  nicht  behaupten,  daß  die  Nachsicht  in  dieser  Konstellation
ein  Zeichen  der  Ueberlegenheit  ist,  aber  ich  möchte,  Sie  hätten  das  Gefühl,
daß  sie  als  die  berechtigtere  Nationalität  doch  auch  den  minder  berechtigien
Rivalen  etwas  mehr  mit  der  Nachsicht  des  höheren  Selbstbewußtseins  beurteilen.
  Ich  glaube,  wir  Germanen  sind  von  Gott  von  Hause  aus  stärker
—  ich  will  sagen  männlicher  ausgestattet  (Heiterkeit)  und  Gott  hat  den
Dualismus  in  allen  Erscheinungen  der  Schöpfung  zwischen  männlich  und
weiblich  dargestellt  und  so  auch  in  den  europäischen  Konstellationen.  Wenn
der  Germane  allein  bleibt,  ohne  germanische  und  keltische  Beimischung,
dann  wird  er  ein  Mönchskloster  (große  Heiterkeit)  und  sie  zanken  sich  untereinander.
  Wenn  er  in  die  Vermischung  kommt,  dann  wird  er  schließlich
doch,  wenn  er  Geduld  und  die  Ausdauer  hat,  das  leitende  Element,  wie
der  Mann  in  der  Ehe  sein  soll.  (Heiterkeit.)  Ich  will  keinen  Slaven
damit  kränken,  aber  sie  haben  viele  der  weiblichen  Vorzüge,  fie  haben  die
Grazie,  die  Klugheit,  die  Schlauheit,  die  Geschicklichkeit  (Zustimmung,  Heiterkeit)
  und  die  deutschen  Glieder  erscheinen  neben  den  slavischen  oft  plump
und  ungeschickt,  aber  das  schwere  Gewicht  liegt  auf  unserer  Seite,  und  deshalb
  möchte  ich  Ihnen  sagen:  verfahren  Sie  mit  Ihren  slavischen  Rivalen
auch  im  heftigsten  Zorn  und  in  der  schwierigsten  Lage  immer  mit  dem
Gefühl,  mit  dem  innerlichen  tief  innerlichen  nicht  ausgesprochenen  Gefühl,
daß  Sie  doch  eigentlich  der  überlegene  sind  und  auf  die  Dauer  bleiben
werden.  Es  kann  nicht  anders  sein  (Zustimmung),  namentlich  in  Oesterreich.
Das  ganze  heutige  Oesterreich  beruht  auf  einer  deutschen  Beamtenschaft,
auf  einer  deutschen  Heeresbildung  und  es  wird  auch  kaum  anders  sein
können  —  nur  möchte  ich  dringend  empfehlen:  pflegen  Sie  Ihre  Beziehungen
  zur  Dynastie  in  höherem  Maße,  als  es  mitunter  in  der  Vergangenheit
  geschehen  ist.  Ich  habe  das  in  unseren  reichsdeutschen  Verhältnissen
  kennen  gelernt  seit  30  Jahren,  von  welchem  gewaltigen  Gewicht  in
der  Bestimmung  des  Landes  doch  heutzutage  die  angestammte  Dynastie  ist
und  Sie  haben  eine  angestammte  Dynastie,  die  seit  —  die  kürzeste  Frist
gerechnet  —  üher  vier  Jahrhunderten  über  Sie  regiert  und  manchen
Kummer  und  mauchen  Zwist  mit  Ihnen  gehabt  hat  —  aber  man  lebt  sich
doch  ein,  auch  in  der  Familie,  in  der  micht  immer  Frieden  ist,  und  in
diesem  Sinne  bitte  ich  Sie  mit  mir  einzustimmen  in  ein  Hoch  auf  ihren
erhabenen  Landesherrn,  meinen  gnädigen  Herrn,  den  Kaiser  Franz  Josef.
        <pb n="117" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  17.)  109

(Lebhafte  Hoch  und  Heilrufe  unterbrachen  den  Fürsten  hier  auf  längere
Zeit,  der  dann  fort  fuhr):  und  auf  ihn  und  auf  den  deutschen  Sinn,  der
sich  in  ihrer  Begrüßung  hier  ausspricht,  auf  die  Hoffnung,  die  ich  daran
knüpfe,  daß  das  Band,  welches  zwischen  dem  deutschen  Westreich  und  dem
Oesterreich  durch  Sie  gerade  geknüpft  wird,  ein  unzerreißbares  sein  wird,
in  diesem  Sinne  trinke  ich  auf  das  Wohl  Sr.  Majestät  des  Kaisers  von
Oesterreich  und  Königs  von  Ungarn!  (Wiederum  brach  die  Versammlung
  in  jubelnde  Hochrufe  aus.)  Der  Fürst  ergriff  den  Pokal  mit  den
Worten:  und  in  steirischem  Wein,  aber  aus  kriege  ich  ihn  nicht.  Nach
einem  kräftigen  Zuge  sagte  der  Fürst:  Es  thut  mir  leid,  denn  er
ist  gut.  —  Nach  der  Rückehr  des  Fürsten  von  seinem  Rundgang
auf  den  Balkon  sprach  er:  Meine  Herren,  ich  trinke  Ihnen  nochmals
zu,  vorhin  auf  Ihren  Landesherrn,  jetzt  auf  ihr  Land,  auf  das  grüne
Steiermark  und  auf  das  Oesterreicher-Land  überhaupt  —  beide  leben  hoch,
och,  hoch!“

17.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
eine  Deputation  der  deutschen  Innungen,  der  Stadt  Darmstadt
und  der  deutschen  Künstlerschaft.

In  der  Ansprache  der  Handwerker  spricht  er  über  die  Zusammengehörigkeit
  der  produktiven  Stände,  der  Landwirtschaft  und  der  Gewerbe,
und  fährt  dann  fort:

Ich  bin  unserer  Gewerbsgesetzgebung  näher  getreten  mit  Absichten,
bei  deren  Verwirklichung  ich  ermüdet  bin  an  dem  Widerstande  des  Reichstages.
  (Sehr  richtig!t)  Es  war,  was  wir  da  versuchten,  stets  ein  Bild  der
Echternacher  Prozession:  zwei  Schritte  vorwärts,  einen  Schritt  zurück.  (Sehr
richtig!  Bravol)  Ich  bin  ermüdet  in  dem  parlamentarischen  Sande,  in
den  Bestrebungen,  die  ich  hatte,  auch  selbst  in  der  Richtung  der  Gesetzgebung,
  die  ich  nur  mit  einem  Worte,  mit  Klebegesetz  bezeichnen  will.
(Heiterkeit.)  —  Sie  wissen  alle,  welches  Gebiet  darunter  verstanden  ist.
(Rufe:  Ja !)  Da  sind  meine  ersten  Bestrebungen  abgelehnt  worden;  ich
hatte  nicht  den  Gedanken,  daß  der  17jährige  Arbeiter  bezahlen  sollte,  einzahlen
  sollte  für  Ergebnisse,  die  er  mit  70  Jahren  etwa  erwarten  konnte.
(Bravo,  sehr  richtig!)  Dieser  psychologische  Irrtum  ist  mir  nicht  passiert,
sondern  ich  hatte  das  Bestreben,  daß  dem  müden  Arbeiter  etwas  Besseres
und  Sichereres  als  die  Armenpflege,  die  lokale  Armenpflege  gewährt  werden
solle  (Lebhaftes  Bravo !),  daß  er  wie  jeder  Soldat  auch  im  Zivilleben  seine
sichere  Staatspension  haben  sollte  (Wiederholtes  Bravo !),  mäßig  gering
meinethalben,  aber  doch  so,  daß  ihn  die  Schwiegermutter  des  Sohnes  nicht
aus  dem  Hause  drängt  (Heiterkeit),  daß  er  seinen  Zuschuß  hat  (sehr  gut!).
Dieses  Bestreben  wurde  mir  abgelehnt  in  der  ersten  Verhandlung  des  Reichstages
  über  dieses  Versorgungsgesetz,  und  ich  muß  sagen,  baß  ich  damit
eigentlich  die  Lust  an  der  Sache  verlor  und  ihr  ferner  getreten  bin,  denn
ich  glaubte  nicht  an  die  Möglichkeit,  den  18jährigen  Arbeiter  zu  überzeugen,
daß  er  für  sein  70.  Jahr  einzuzahlen  nötig  hätte,  er  wußte  nicht,  ob  er
so  lange  lebte  und  hat  auch  in  seinem  jugendlichen  Alter  eine  bessere  Verwendung
  für  die  Einzahlung.  (Große  Heiterkeit.)  Ich  halte  es  für  eine
ungeschickte  Sache  in  der  Ausführung,  für  die  Ausführung  bin  ich  aber
nicht  verantwortlich;  ich  habe  die  Anregung  der  Idee  übernommen,  aber  es
war  für  mich  unmöglich,  das  in  allen  25  deutschen  Staaten  in  der  Ausführung
  zu  überwachen,  und  da  ist  es  denn  schließlich  doch  den  Tendenzen
der  Reichstagsmajorität  anheimgefallen  und  geschehen,  daß  die  Sache  heutzutage
  nicht  so  günstig  und  nützlich  wirkt  wie  der  alte  Kaiser  Wilhelm  bei
        <pb n="118" />
        110  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  19.)

der  ersten  Anregung  der  Sache  gehofft  hat.  Die  Gesetzgebung  kann  ja
darin  Modifikationen  und  Erleichterungen  schaffen,  sie  kann  namentlich  die
Kleberei  abschaffen,  die  die  unglücklichste  Erfindung  ist,  worauf  man  je
kommen  konnte.  Wo  soll  man  alle  die  Klebemarken  deponieren  (Zustimmung),
  und  wie  soll  der  Arbeiter,  der  in  Sturm  und  Regen  wochenlang
unter  freiem  Himmel  liegt,  seine  Klebemarken  aufheben?  Das  ist  ja  gar
nicht  möglich.  Das  sind  eben  Einrichtungen,  die  vom  grünen  Tische  ausgingen,
  für  die  ich  jede  Verantwortlichkeit  ablehne.  (Bravo !)  Eine  Besserung
darin  herbeizuführen,  das  ist  meines  Erachtens  Aufgabe  der  Assoziationen,
wie  ich  die  Keime  davon,  glaube  ich,  mir  gegenüber  sehe,  die  sich  als  Genossenschaften
  organisieren,  die  ihrerseits  die  Gesetzgebung  richtig  stellen,  auf
Grund  dieser  Richtigstellung  Forderungen  stellen  (Bravo !),  und  auch  ihre
Abgeordneten  in  dem  Sinne  durchbringen.  Das  Zusammenhalten,  die  Genossenschaften,
  die  Assoziationen,  das  ist  es,  worauf  ich  in  höherem  Maße
gerechnet  habe,  die  freiwilligen  Assoziationen.  Wir  können  Zwangsinnungen
heutzutage  nicht  mehr  in  die  Wirklichkeit  bringen,  aber  die  Innungen  so
auszustatten,  daß  sie  anziehend  werden,  daß  jeder  Gewerbsgenosse  einsieht:
ich  stehe  mich  besser,  wenn  ich  der  Innung  angehöre,  und  daß  sie  eine
freiwillige  Werbekraft  ausüben,  das  würde  ich  politisch  für  außerordentlich
nützlich  halten.

Den  Darmstädtern  erwidert  er  u.  a.

„Ich  freue  mich,  daß  Sie  Ihrerseits  ein  Anerkenntnis  dafür  haben,
daß  durch  die  großen  Ereignisse  unter  Kaiser  Wilhelm  I.  ein  Vorland  für
Sie  gewonnen  ist,  namentlich  für  Rheinhessen,  daß  Sie  nicht  mehr  direkt
so  exponiert  liegen.  Das  war  meiner  Ueberzeugung  nach  das  Hauptbedürfnis.
Die  Elsäßer  irren  sich  immer  in  der  Ansicht,  daß  wir  aus  unerwiderter
Liebe  zu  ihnen  sie  hätten  haben  wollen.  Wir  brauchten  das  Glacis  vor
uns  und  die  weitere  Entfernung  der  französischen  Einbruchsstationen.

Auf  die  Huldigung  der  Künstler  entgegnet  er:

Die  Münchener  Kunst  ist  für  mich  eine  wirksame  Mitarbeiterin  in
der  deutschen  Einigung  gewesen.  Die  Kunst  und  die  Wissenschaft,  die  Universitäten
  und  die  Kunstwerkstätten,  die  sind  immer  deutsch  geblieben,  von
Wien  bis  Amsterdam  —  ich  will  Amsterdam  nicht  nennen,  die  Holländer
könnten  es  übel  nehmen  —  (Heiterkeit),  sagen  wir  von  Wien  bis  Kleve.
Das  wird  uns  auch  immer  zusammenhalten.  Wir  können  nach  unseren
Bildungsverhältnissen  gar  nicht  auseinanderfallen;  nach  unserer  ganzen
Geschichte,  nach  unserer  Dichtkunst,  nach  unserer  Kunst  überhaupt  wird  sich
immer  der  Deutsche  wieder  zum  Deutschen  finden.  So  wird  es  —  unter
einem  Herrscher  will  ich  nicht  sagen  —  aber  unter  einer  Regierung  bleiben,
wird  gerade  die  Kunst  und  die  Wissenschaft  auch  das  Terrain  sein,  in  dem
die  Wurzeln  am  festesten  schlagen,  daß  sie  nicht  wieder  losreißen.  Deshalb
danke  ich  Ihnen  vom  politischen  Standpunkte  aus,  daß  Sie  nicht  bloß  eine
bayerische,  sondern  eine  deutsche  Kunst  pflegen.  Ich  habe  vorgestern  österreichische
  Vertreter  hier  gehabt,  was  bindet  uns  an  die?  Es  ist  Kunst
und  Wissenschaft.  Politisch  stehen  wir  nicht  in  einer  Einheit  zusammen,
aber  es  wird  doch  immer  schwer,  die  österreichischen  Leser  von  Wallenstein
beispielsweise  zu  überzeugen,  daß  der  Dichter  dieser  rein  österreichischen
Tragödie  nicht  ihnen  sowohl  gehörte  wie  den  Reichsdeutschen.  Und  so  kann
ich  nur  wiederholen:  die  geistigen  Elemente,  die  halten  uns  zusammen,
auch  wenn  uns  die  körperlichen  Jahrhunderte  hindurch  getrennt  haben.

19.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  eine
Deputation  der  bürgerlichen  Kollegien  von  Stuttgart  und  einen
Vertreter  des  sächsischen  Gymnasiallehrervereins.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  21.)  111

Die  Ansprache  des  Oberbürgermeisters  von  Stuttgart  beantwortet  er:

„Ich  danke  Ihnen,  meine  Herren,  daß  Sie  aus  so  weiter  Ferne
hergekommen  sind,  um  mir  die  Wünsche  meiner  Mitbürger  zu  überbringen.
Ich  habe  im  Anschluß  an  die  Worte  des  Herrn  Oberbürgermeisters  und
in  Bestätigung  derselben  zu  erwidern,  daß  ich  stets  ein  Gegner  unitarischer
Tendenzen  gewesen  bin,  wie  sie  im  Schoße  des  Reichstages  in  der  Form
von  Anträgen  auf  Schaffung  von  Reichsministerien  zu  Tage  getreten  sind,
Anträge,  durch  welche  die  Institution  des  Bundesrates  einfach  negiert
worden  wäre.  Ich  habe  die  berechtigten  Eigentümlichkeiten  der  Stämme
des  deutschen  Vaterlandes  stets  voll  anerkannt  und  mein  Bestreben  war
darauf  gerichtet,  die  in  der  Reichsverfassung  garantierte  bundesstaatliche
Entwicklung  zu  stärken;  noch  heute  bin  ich  der  Ansicht,  daß  dies  notwendig
sei,  und  möchte,  daß  die  Landtage  an  der  Thätigkeit  ihrer  Bundesrats-Bevollmächtigten
  Kritik  üben  und  sie  für  ihre  Abstimmung  verantwortlich
machen,  ohne  daß  damit  gesagt  werden  soll,  daß  die  Landtage  befugt  wären,
in  die  Reichspolitik  beschließend  einzugreifen,  ebensowenig  wie  die  Städte
in  die  Thätigkeit  der  Landtage.  Im  Kriege  von  1870/71  war  es  mir  eine
besondere  Freude,  zu  sehen,  wie  die  württembergischen  Truppen  mit  kalter
Ruhe  im  Feuer  Stand  gehalten  haben,  mit  einer  Kaltblütigkeit,  die  man
sonst  nicht  geneigt  wäre,  zu  den  charakteristischen  Eigenschaften  der  die
Reichssturmfahne  tragenden  Schwaben  zu  zählen.  Es  hat  mir  besonders
wohlgethan,  von  Ihnen  zu  hören,  daß  Seine  Majestät  König  Wilhelm  von
Württemberg  mich  durch  Seine  Teilnahme  an  Ihrer  städtischen  Feier  geehrt
  hat,  und  Ihnen,  meine  Herren,  danke  ich  für  die  an  mich  gerichteten
liebenswürdigen  Worte.“

21.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
eine  Deputation  alter  Burschenschafter  und  eine  Abordnung  aus

Anhalt.

Den  Burschenschaftern  hält  er  folgende  Ansprache:  „Meine  Herren!
Ich  bin  sehr  dankbar,  daß  Sie  von  Ihren  verschiedenen  Wohnorten,  an  die
Sie  aus  der  Univerfität  nachher  das  Leben  geführt  hat,  sich  zusammengefunden
  haben,  um  mich  zu  begrüßen  und  mir  damit  das  Zeugnis  auszustellen,
  daß  wir  an  demselben  Ziele  gearbeitet  haben,  Sie  dafür  verfolgt,
ich  dafür  belohnt.  Es  liegt  der  ganze  Unterschied  nur  in  den  Mitteln,
nicht  in  den  Zielen;  Republikaner  find  die  ersten  Burschenschafter  kaum  gewesen,
  vielleicht  Imperialisten,  sie  waren  kaiserlich-national  und  einzelne
Auswüchse  hat  das  ja  immer.  Die  gebildete  Bevölkerung  Deutschlands  bewahrte
  den  burschenschaftlichen  Bestrebungen  selbst  nach  der  Ermordung  von
Kotzebue  und  nach  den  amtlichen  Verfolgungen  immer  noch  ihre  Sympathie,
nicht  so  lebhaft,  nicht  so  unabhängig,  nicht  mit  denselben  Mitteln  wie
später  und  wie  heute.

Von  den  Mitteln,  die  der  Burschenschaft  zur  Verfügung  standen,
um  ihre  Ziele  zu  verwirklichen,  wurde  irrtümlich  angenommen,  die  sofortige
Inswerksetzung  könnte  den  Klotz,  unter  dem  wir  lebten  —  das  Gebirge,
will  ich  lieber  sagen,  unter  dem  wir  lebten  —  irgendwie  rühren  und  erschüttern.
  Das  ist  im  Grunde  doch  auch  40  Jahre  später  —  soviel  war
es  ja  ungefähr,  nein,  nicht  ganz  —  im  Frankfurter  Parlament  auch  wieder
zu  Tage  gekommen.  Die  Redner  von  Frankfurt  vergriffen  sich  in  den
Mitteln,  mit  denen  die  Sache  gemacht  werden  konnte,  d.  h.  mit  denen  das
nationale  Ziel,  welches  der  Mehrheit  der  Gebildeten  als  erreichenswert  vorschwebte,
  wenn  nicht  sofort,  so  doch  in  kurzer  Zeit  erreicht  werden  konnte.
Sie  wandten  sich  an  die  Denker;  sie  glaubten  mit  Reden  und  öffentlicher
        <pb n="120" />
        112  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  19.)

Meinung  ließe  sich  alles  machen  und  bestätigten  das  alte  Sprichwort:

„Leicht  bei  einander  wohnen  die  Gedanken,  doch  hart  im  Raume  stoßen

sich  die  Dinge!“  Was  sich  hart  stieß,  war  die  Militärmacht,  die  fürstliche
Macht.

Ich  bin  bei  der  ersten  Berührung  mit  der  Burschenschaft,  wie  ich
zur  Universität  kam,  von  dem  Vorurteil  der  Korpsburschen  im  Allgemeinen
geleitet  gewesen.  Außerdem  war  es  Zufall,  daß  ich  gerade  mit  Burschenschaftern
  in  Berührung  kam,  die  den  gesellschaftlichen  Schliff  nicht  hatten,
den  ich  von  Berlin  her  gewohnt  war,  und  daher  kam  meine  Abneigung,
obschon  ich  schon  damals  national-deutschen  Glauben  hatte  und  an  deutsche
Einheit  glaubte,  und  die  Wette  einging,  daß  fie  in  20  Jahren  geschaffen
sein  würde  —  es  war  Anno  1832  —  was  nicht  ganz  zutraf;  aber  es
widerstrebte  mir  doch  das  persönliche  Material,  möchte  ich  sagen,  der  damaligen
  Burschenschaft.  Sehr  viel  trug  dabei  auch  die  altertümliche  Tradition
  der  Mensur  bei,  sie  schlugen  sich  damals  nicht,  die  Burschenschafter,
jetzt  thun  sie  es.  Es  ist  das  auch  nicht  nötig;  ich  denke  heutzutage  ruhiger
über  diese  Dinge,  aber  die  Aeußerlichkeiten  sind  es,  glaube  ich,  vorzugsweise
  gewesen,  die  mich,  wie  ich  mit  17  Jahren  nach  Gottingen  kam,  davor
behütet  haben,  mit  ihnen  in  nähere  Beziehung  zu  kommen.  Der  Eingang
zu  der  politischen  Situation  oder  vielmehr  die  Führer,  die  ich  dazu  finden
konnte,  mißfielen  mir  persönlich.  Ich  war  von  den  Berliner  Gymnafien
mit  nationaler  Gesinnung,  ja  ich  muß  sogar  sagen,  mit  ziemlich  republikanischer
  abgegangen  —.  Friedrich-Gymnasium  und  Graues  Kloster  —  ohne
daß  irgend  eine  Absichtlichkeit  im  Unterichtsplan  dahin  zugespitzt  war,  aber
in  uns  jungen  Leuten  wirkte  der  ganze  Strom,  den  wir  aufnahmen,  dahin,
daß  wir  für  Harmodius  und  Aristogiton  eine  gewisse  Sympathie  übrig
behielten  und  es  schwer  verständlich  fanden,  warum  so  viele  Leute  einem
gehorchten,  wenn  er  ihren  Wünschen  und  ihrer  Geschmacksrichtung  als
Herrscher  nicht  entsprach.

Ich  bin  erst  als  Beamter,  als  Diplomat  zum  Nachdenken  über  die
Mittel  gekommen,  zum  Nachdenken  wohl  früher,  aber  zum  erfolgreichen
Nachdenken,  womit  man  dem  deutschen  Ziele  näher  treten  könnte,  und  da
ist  mir  in  der  Frankfurter  Zeit  einleuchtend  gewesen:  wenn  die  preußische
Armee  nicht  für  die  Sache  in  Thätigkeit  gesetzt  werden  kann,  so  schlägt  sie
nicht  durch.  Das  war  das  stärkste  Element,  was  wir  hatten,  und  die  Armee
geht  natürlich  mit  ihrem  Könige.  Ich  mußte  also  den  König  von  Preußen
für  die  Sache  gewinnen,  so  lange  ich  den  nicht  hatte  als  Mitstreiter,  ich
will  den  Standpunkt  der  Burschenschaft  einnehmen,  so  standen  die  Mittel
nicht  im  Verhältnis  zum  Zweck.  Das  aber  ist  allmählich  und  mit  Vorsficht
gelungen.  Ohne  den  alten  Herrn  und  seine  eigentümliche  Natur,  seine
Festigkeit  und  Zuverlässigkeit,  seine  Offenheit  und  Ehrlichkeit  hätte  Minister
sein  konnen,  wer  wollte,  er  hätte  nie  die  Ziele  erreicht,  an  denen  wir  uns
heute  befinden.  Ich  will  nicht  sagen,  daß  sie  ideal  sind,  aber  wir  find  doch
in  den  Zustand  gekommen,  sie  unseren  Idealen  näher  zu  bringen,  ein  nationales
  Leben  zu  führen,  was  des  Lebens  wert  ist.  Und  so  weit  find  wir
doch  heut  zutage,  das  zeigt  mir  an  meinem  Lebensabend  diese  weitverbreitete
Sympathie,  die  sich  mir  zu  erkennen  gibt  und  die  doch  natürlich  der  Sache
gilt,  der  ich  gedient  habe  und  dem  alten  Kaiser,  dem  ich  gedient  habe  oder
doch  dem  Ergebnis  unserer  gemeinschaftlichen  Politik  und  mir  macht  es
eine  hohe  Freude,  die  Herren  im  reiferen  Alter  hier  zu  sehen  und  mit
ihnen  zurückzublicken  auf  die  Irrwege,  die  wir,  der  Einzelne  und  die  Gesamtheit,
  gegangen  find  und  auf  das  Zusammenfinden  doch  schließlich  in
einem  Wirtshause,  wo  es  einstweilen  wohnlich  ist.  Wir  müssen  es  erhalten
und  die  Wohnlichkeit  pflegen.“
        <pb n="121" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  22.—23.)  113

Den  Anhaltern  erwidert  er  u.  a.:  Wenn  es  in  ganz  Deutschland  irgend
ein  Land  oder  Ländchen  gibt,  was  in  sich  die  Elemente  trug,  sich  in  Partikularismus
  einzuwachsen,  einzuleben  und  einzuspinnen,  so  war  es  das
Anhalter  Land,  ein  wohlhabendes  Land  durch  und  durch,  zufrieden  mit
seinen  Verhältnissen  und  in  den  Beziehungen  zu  Preußen,  von  dem  es
ringsum  eingeschlossen  war,  seit  langer  Zeit  durch  die  Zollgrenzen  nicht
weiter  geängstigt,  wohlhäbig  mit  der  angestammten  uralten  Dynastie,  mit
der  Sie  im  Ganzen  doch  im  guten  Einvernehmen  waren  —  kurz  für  das
eigentliche  Treibhausbeet  des  Partikularismus  war  in  Anhalt  alles  vorhanden.
  Was  haben  Sie  gewonnen  durch  Herstellung  des  Reiches?  Eine
Gefährdung  einer  Menge  häuslicher  Annehmlichkeiten,  und  doch  sind  Sie
zufrieden;  es  muß  also  noch  etwas  Ideales  geben,  was  über  diese  Sache
hinausgeht,  und  das  ist  das  deutsch-nationale  Gefühl,  was  auch  in  dem
bestsituierten,  wohllebigsten,  partikularistischen  Staate  doch  Gott  sei  Dank
stets  unter  der  Asche  geglüht  hat  und,  wie  der  Wind  Feuer  in  den  Heerd
bläst,  aufgeflammt  ist.  —  —  —  —  —  —  —  Wenn  uns  manche  Gesetze
nicht  gefallen,  müssen  wir  Hand  anlegen,  um  sie  zu  verbessern;  es  schimpfen
alle  über  das  Klebegesetz,  aber  ich  sehe  keinen  Antrag,  es  zu  bessern;  ich
habe  es  nicht  so  gemacht  wie  es  ist,  ich  habe  erstrebt,  daß  die  Arbeiter
überhaupt  nicht  beitragen  sollen  —  die  Leute  proklamierten,  daß  ich  das
Tabaksmonopol  als  patrimonium  pauperis,  als  Unterlage  für  die  Altersversicherung,
  benutzen  wollte,  von  Arbeiterbeiträgen  war  dabei  nicht  die
Rede.  Das  fand  keinen  Anklang;  nachher  wurde  die  Sache  neu  eingebracht,
sie  fiel  in  die  Räder  der  Geheimratsmaschine  und  kam  anders  wieder  zum
Vorschein  und  schließlich  —  ich  glaube  7—8  Jahre,  nachdem  ich  die  Sache
angeregt  hatte  —  kam  der  parlamentarische  und  geheimrätliche  Wechselbalg
wieder  aus  der  Maschine  heraus.  Da  wurde  ich  gefragt:  willst  Du  das
oder  willst  Du  nichts?  Und  da  habe  ich  gesagt:  ich  will  lieber  dieses  wie
gar  nichts,  wenn  man  überhaupt  die  Sache  fallen  läßt,  dann  geht  es  wie
mit  dem  Sozialistengesetz,  wenn  man  das  ablehnt,  wie  es  die  konservative
Partei  gethan  hat,  weil  es  nicht  vollkommen  genug  ist,  dann  hat  man
gar  keins.

22.|23.  April.  (Halle  a.  S.)  Deutscher  Handwerkertag.

Die  von  620  Delegierten,  welche  900  Korporationen  vertreten,  besuchte
  Versammlung  fordert  in  mehreren  Resolutionen  die  Einführung  von
Zwangsinnungen  und  Befähigungsnachweis,  Beschränkung  der  Militärwerkstätten=
  und  Gefängnisarbeit,  die  Bekämpfung  der  Konsum=  insbesondere
Offizier=  und  Beamten-Vereine.  Die  Einführung  des  Maximalarbeitstages
wird  abgelehnt,  ebenso  die  vorgeschlagene  Bildung  einer  Mittelstandspartei
als  politische  Vertretung  des  Handwerks.

23.  April.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Gesetzentwurf,
betr.  die  Errichtung  einer  Generalkommission  für  Ostpreußen.
Thätigkeit  der  Generalkommissionen.

Im  Laufe  der  Debatte  macht  Geh.  Rat  Sachs  folgende  Mitteilungen
über  die  Thätigkeit  der  Generalkommissionen:  Bisher  nd  3593  Rentengüter
  gebildet,  davon  find  1731  über  30  Morgen  groß,  also  48  Prozent.
Von  dem  Rest  müssen  zunächst  die  sogenannten  Adjacenten-Güter,  die  Zukäufe,
  abgezogen  werden.  Das  find  726,  bleiben  somit  1136  Güter,  die
unter  30  Morgen  groß  sind.  Diese  verteilen  sich  folgendermaßen:  unter
2½  ha  sind  173,  von  2⅛  bis  5  ha  sind  488  und  von  5  bis  7½  ha  sind
475  Güter.  Der  Thätigkeit  der  Generalkommission  in  Bromberg  im  besondern
  sind  im  ganzen  2548  Rentengüter  zu  verdanken,  50  Prozent  davon

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                  8
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        114  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  23.  —25.)

sind  über  390  Morgen.  Vom  Rest  gehen  wieder  340  Adjacentenkäufe  ab.
Es  bleiben  somit  914  Güter  unter  30  Morgen,  also  etwa  35  Prozent.  Das
Bild  der  Thätigkeit  im  Jahre  1894  gegenüber  den  Vorjahren  ist  wesentlich
anders  geworden.  Während  in  den  früheren  Jahren  mit  Rücksicht  auf  die
Nachfrage  nach  kleinen  Gütern  solche  in  größerer  Zahl  gegründet  wurden,
hat  die  Generalkommission  in  den  letzten  Jahren  ein  besonderes  Gewicht
auf  die  mittlern  Bauerngüter  von  10  bis  25  ha  gelegt.  Während  die
Generalkommission  bis  Anfang  1894  erst  273  gegründet  hatte,  hat  sie  dieselben
  seitdem  um  418  vermehrt,  so  daß  jetzt  691  solcher  Güter  im  Bezirk
der  Generalkommission  Bromberg  begründet  find.  Daß  die  Generalkom-=mission
  eine  größere  Anzahl  kleinerer  Güter  gegründet  hat,  erklärt  sich  dadurch,
  daß  diese  Generalkommission  in  der  Nähe  großer  Industriebezirke,
wie  Bromberg  und  Schneidemühl  damit  begonnen  hat,  Arbeiterstellen  zu
gründen,  wo  die  Rentengutsbesitzer  dauernd  lohnende  Beschäftigung  finden
und  nebenbei  auch  ihr  Rentengut  bewirtschaften  können.  Dazu  kommt  noch
eine  Anzahl  von  Handwerkerstellen  in  den  neugebildeten  Gemeinden,  die
ebenfalls  unentbehrlich  waren.  Es  ist  ferner  der  Vorwurf  erhoben  worden,
  daß  die  Generalkommission  die  größern  Bauerngüter  in  kleine  Rentengüter
  zerschlagen  habe,  namentlich  in  Hannover.  In  dieser  Provinz  sind
nach  dem  Berichte  der  Generalkommission  von  Hannover  im  ganzen  sechs
Rentengüter  errichtet,  die  sich  auf  vier  Regierungsbezirke  verteilen.  Der
Vorwurf  ist  also  nicht  gerechtfertigt.  Ein  weiterer  Angriff  ist  gegen  die
zu  hohe  Taxe  erhoben  worden.  Herr  Dr.  Paasche  führte  in  der  ersten
Lesung  aus,  daß  das  Hektar  in  Ostpreußen  durchschnittlich  auf  805  M,  in
Westpreußen  auf  904,  in  Posen  auf  732  M  geschätzt  sei.  Das  ist  ein  Irrtum.
  Der  Taxpreis  betrug  im  Jahre  1894  für  das  Hektar  im  Durchschnitt
in  Ostpreußen  743  M  in  Westpreußen  789,  in  Posen  705  M  darin  steckte
aber  der  Wert  aller  übernommenen  Gebäude  und  sämtlicher  Leistungen  des
Gutes.  Unter  Berücksichtigung  dieser  Faktoren  kann  man  nicht  behaupten,
daß  die  Taxen  im  allgemeinen  zu  hoch  ausgefallen  seien,  wenn  auch  in
einzelnen  Fällen  Ueberschätzungen  stattgefunden  haben  mögen.

Der  Gesetzentwurf  wird  einstimmig  in  2.  Lesung  angenommen.
(Annahme  in  3.  Beratung  am  26.  April.)

23./25.  April.  (Reichstag.)  Abänderungen  des  Zolltarifs
(vgl.  S.  27,  31).  Kampfzölle  gegen  Spanien.

Auf  der  Tagesordnung  steht  die  zweite  Lesung  des  Gesetzentwurfs
betreffend  die  Abänderung  des  Zolltarifs  in  Verbindung  mit  der  dritten
Beratung  der  Allerhöchsten  Verordnung  betreffend  die  Erhebung  eines  Zollzuschlags
  für  aus  Spanien  und  den  spanischen  Kolonien  kommende  Waren
vom  25.  Mai  1894  nebst  dem  Antrage  des  Freiherrn  v.  Stumm  (Rp.)
und  des  Abg.  Möller  (nul.)  betreffend  Erweiterung  der  Retorfionsvollmachten
  für  den  Bundesrat.

Der  Antrag  Stumm-Möller  wird  gegen  die  Stimmen  der  Sozial-=demokraten
  und  Freisinnigen  angenommen  (23.  April).  Mit  derselben
Majorität  werden  die  Abänderungen  des  Zolltarifs  genehmigt  (26.  April,
Genehmigung  in  3.  Lesung  2.  Mai),  darunter  die  Resolution  der  Kommission
  zu  Gunsten  der  Einführung  eines  Zolles  auf  Quebrachoholz  mit
den  von  den  Abgg.  Dr.  Bachem  und  v.  Salisch  beantragten  Zusätzen,
nach  welchen  die  für  die  chemische  Industrie  und  die  Färberei  erforderlichen
Gerbstoffe  zollfrei  bleiben  sollen,  desgleichen  in  3.  Beratung  die  Kampfzölle
Legen  Spanien.

24.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
        <pb n="123" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  24.—25.)  115

eine  Deputation  der  Städte  Köln,  Lauenburg  a.  d.  Elbe  und  Wölln,
sowie  eine  Abordnung  des  plattdeutschen  Vereins  in  Braunschweig.


24.  April.  (Württemberg.)  Finanzlage.

Der  den  württembergischen  Ständen  am  1.  Februar  vorgelegte
Staatshaushalt  1895/97  schloß  mit  einem  Defizit  von  5  822  000  M  Durch
die  inzwischen  beschlossenen  Aenderungen  im  Reichshaushalt  werden  nun
jährlich  rund  990  000  M  durch  weitere  Herabsetzung  der  Naturalienpreise
jährlich  90  000  M  durch  höhere  Veranschlagung  der  Gewerbesteuer  jährlich
128  700  M  gewonnen,  macht  zusammen  für  beide  Jahre  eine  Verbesserung
des  Etats  um  rund  2376  000 M   Durch  Verlangsamung  in  der  Tilgung
zweier  älterer  Staatsanlehen,  bewirkt  durch  Heimzahlung  dieser  und  Aufnahme
  einer  neuen  Schuld  vom  gleichen  Betrage  sollen  weitere  1720  200 M
eingebracht  werden.  Was  den  verbleibenden  Rest  des  Defizits,  rund  1670000 M
anbelangt,  so  hält  der  Minister  an  der  Erwartung  fest,  es  werden  sich  im
Laufe  der  Finanzperiode  1895/97  neue  Einnahmequellen  für  das  Reich
erhffnen  lassen  und  es  werde  damit  auch  Württemberg  eine  Entlastung  zu
eil  werden.

25.  April.  (Reichstag.)  Die  Umsturzvorlage  wird  von
der  Kommission  in  folgender  Fassung  veröffentlicht:
Artikel  I.
In  dem  Strafgesetzbuch  werden  die  §§  111,  112,  126,  130,  131,
166,  184  durch  nachstehende  unter  den  gleichen  Zahlen  aufgeführte  Bestimmungen

  ersetzt,  die  folgenden  neuen  §§  49b,  129  a,  184  a  eingestellt  und
wird  der  §  130  a  aufgehoben.

                                           §  49b  (Neu).

Haben  Mehrere  die  Ausführung  eines  Verbrechens  verabredet,  ohne
daß  der  verbrecherische  Entschluß  durch  Handlungen,  welche  einen  Anfang
der  Ausführung  des  Verbrechens  enthalten,  bethätigt  worden  ist,  so  werden
sie,  wenn  das  Verbrechen  mit  dem  Tode  oder  mit  lebenslänglicher  Zuchthausstrafe
  bedroht  ist,  mit  Gefängnis  nicht  unter  drei  Monaten,  wenn  das
Verbrechen  mit  einer  geringeren  Strafe  bedroht  ist,  mit  Gefängnis  bis  zu
zwei  Jahren  oder  mit  Festungshaft  von  gleicher  Dauer  bestraft.  Neben
der  Gefängnisstrafe  kann  auf  Verlust  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  und  auf
Zulässigkeit  von  Polizeiaufsicht  erkannt  werden.  Der  Thäter  bleibt  straflos,
wenn  er  zu  einer  Zeit,  zu  welcher  seine  Teilnahme  noch  nicht  entdeckt  war,
die  Ausführung  des  Verbrechens  verhindert.

                                           §  111.

Wer  auf  die  im  §  110  bezeichnete  Weise  zur  Begehung  einer  strafbaren
  Handlung  auffordert,  ist  gleich  dem  Anstifter  zu  bestrafen,  wenn  die
Aufforderung  die  strafbare  Handlung  oder  einen  strafbaren  Versuch  derselben
  zur  Folge  gehabt  hat.  -Ist  die  Aufforderung  ohne  Erfolg  geblieben,
so  tritt  Geldstrafe  bis  zu  sechshundert  Mark  oder  Gefängnisstrafe  bis  zu
Einem  Jahre  und,  sofern  es  sich  um  die  Aufforderung  zu  einem  Verbrechen
handelt,  Gefängnisstrafe  bis  zu  drei  Jahren  oder  Geldstrafe  bis  zu  zweitausend
  Mark  ein.  Gleiche  Strafe  trifft  denjenigen,  welcher  auf  die  im
§  110  bezeichnete  Weise  zu  einem  Verbrechen,  zum  Ehebruch  oder  zu  einem
der  in  den  §§  115,  124,  125,  166,  167,  240,  242,  305,  317,  321  vorgesehenen
  Vergehen  dadurch  anreizt,  daß  er  eine  solche  Handlung  anpreist
oder  rechtfertigt.  Die  Strafe  darf  der  Art  oder  dem  Maße  nach  keine
schwerere  sein  als  die  auf  die  Handlung  selbst  angedrohte.

                                                                        8*
        <pb n="124" />
        116  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  25.)

                                                 §  111a.

             Gestrichen  (cfr.  §  111  Absatz  2  Satz  2).

                                               §       112.

Wer  einen  Angehörigen  des  deutschen  Heeres  oder  der  Kaiserlichen
Marine  auffordert  oder  anreizt,  dem  Befehle  des  Oberen  nicht  Gehorsam
zu  leisten,  wer  insbesondere  eine  Person,  welche  zum  Beurlaubtenstande
gehört,  auffordert  oder  anreizt,  der  Einberufung  zum  Dienste  nicht  zu  folgen,
wird  mit  Gefängnis  bis  zu  zwei  Jahren  bestraft.  Diese  Strafvorschrift
findet  auch  auf  denjenigen  Anwendung,  der  einen  Angehörigen  des  Landsturms
  auffordert  oder  anreizt,  dem  Aufrufe  nicht  Folge  zu  leisten.  Wer
in  der  Absicht,  die  militärische  Zucht  und  Ordnung  zu  untergraben,  durch
Wort,  Schrift,  Druck  oder  Bild  gegenüber  einem  Angehörigen  des  aktiven
Heeres  oder  der  aktiven  Marine  das  Heer  oder  die  Marine  oder  Einrichtungen
  derselben  verächtlich  macht  oder  zur  Verletzung  der  auf  die  Verwendung
  der  bewaffneten  Macht  im  Frieden  oder  Krieg  sich  beziehenden
militärischen  Dienstpflichten  auffordert  oder  anreizt,  wird  mit  Gefängnis
bis  zu  drei  Jahren  bestraft.

                                            §  126.

Wer  durch  Androhung  eines  Verbrechens  den  öffentlichen  Frieden
stört,  wird  mit  Gefängnis  bis  zu  einem  Jahre  und,  wenn  die  Androhung
mit  Hochverrat,  Mord,  Raub,  Brandstiftung  oder  einem  der  in  den  §§  312,
313,  315,  322,  323,  324  des  Strafgesetzbuches  oder  in  dem  §  5  des  Reichsgesetzes
  vom  9.  Juni  1884  vorgesehenen  Verbrechen  erfolgt  ist,  mit  Gefängnis
  bis  zu  3  Jahren  bestraft.

                                             §  129a

Haben  mehrere  sich  zur  fortgesetzten  Begehung  mehrerer,  wenn  auch
im  Einzelnen  noch  nicht  bestimmter  Verbrechen  verbunden,  so  werden  sie,
auch  ohne  daß  der  verbrecherische  Entschluß  durch  Handlungen,  welche  einen
Anfang  der  Ausführung  enthalten,  bethätigt  worden  ist,  mit  Gefängnis
bis  zu  drei  Jahren  bestraft.

Der  Thäter  bleibt  straflos,  wenn  er  von  der  Verbindung  zu  einer
Zeit  freiwillig  zurücktritt,  zu  welcher  seine  Teilnahme  an  derselben  noch
nicht  entdeckt  war.

                                                 §  130.

Wer  in  einer  den  öffentlichen  Frieden  gefährdenden  Weise  verschiedene
  Klassen  der  Bevölkerung  zu  Gewaltthätigkeiten  gegen  einander  öffentlich
  anreizt,  wird  mit  Geldstrafe  bis  zu  sechshundert  Mark  oder  mit  Gefängnis
  bis  zu  zwei  Jahren  bestraft.  Dieselbe  Strafe  trifft  denjenigen,
welcher  in  einer  den  öffentlichen  Frieden  gefährdenden  Weise  Ehe,  Familie
oder  Eigentum  als  Grundlage  der  Gesellschaftsordnung  durch  beschimpfende
Aeußerungen  öffentlich  angreift.

                                                §  131.

Wer  erdichtete  oder  entstellte  Thatsachen,  wissend,  daß  sie  erdichtet
oder  entstellt  sind,  öffentlich  behauptet  oder  verbreitet,  um  dadurch  Staatseinrichtungen
  oder  Anordnungen  der  Obrigkeit  verächtlich  zu  machen,  wird
mit  Geldstrafe  bis  zu  sechshundert  Mark  oder  mit  Gefängnis  bis  zu  zwei
Jahren  bestraft.  Dieselbe  Strafe  trifft  denjenigen,  welcher  in  einer  den
öffentlichen  Frieden  gefährdenden  Weise  die  Monarchie  durch  beschimpfende
Aeußerungen  öffentlich  angreift.

                                                    §  166.

Wer  öffentlich  in  beschimpfenden  Aeußerungen  den  Glauben  an  Gott

oder  das  Christentum  angreift  oder  Gott  lästert,  oder  wer  öffentlich  eine
        <pb n="125" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  25.)  117

der  christlichen  Kirchen  oder  eine  andere  mit  Korporationsrechten  innerhalb
des  Bundesgebietes  bestehende  Religionsgesellschaft,  ihre  Lehren,  Einrichtungen
oder  Gebräuche  beschimpft,  ingleichen  wer  in  einer  Kirche  oder  in  einem
anderen  zu  religiösen  Versammlungen  bestimmten  Orte  beschimpfenden  Unfug
  verübt,  wird  mit  Gefängnis  bis  zu  drei  Jahren  bestraft.

                                             §  184  .

Mit  Gefängnis  bis  zu  sechs  Monaten  und  mit  Geldstrafe  bis  zu
sechshundert  Mark  oder  mit  einer  dieser  Strafen  wird  bestraft:  1.  wer
unzüchtige  Schriften,  Abbildungen  oder  Darstellungen  feilhält,  verkauft,  verteilt,
an  Orten,  welche  dem  Publikum  zugänglich  sind,  ausstellt  oder  anschlägt,
oder  sonst  verbreitet,  wer  sie  zur  Verbreitung  herstellt  oder  zum  Zweck  der
Verbreitung  vorrätig  hält,  ankündigt  oder  anpreist;  2.  wer  Gegenstände,
die  zu  unzüchtigem  Gebrauche  bestimmt  sind,  an  Orten,  welche  dem  Publikum
zugänglich  sind,  ausstellt,  oder  solche  Gegenstände  dem  Publikum  ankündigt
oder  anpreist;  3.  wer  durch  Ankündigung  in  Druckschriften  unzüchtige  Verbindungen
  einzuleiten  sucht.  Ist  die  Handlung  gewerbsmäßig  begangen,
so  tritt  Gefängnisstraße  nicht  unter  Einem  Monat  ein,  neben  welcher  auf
Geldstrafe  bis  zu  eintausendfünfhundert  Mark,  auf  Verlust  der  bürgerlichen
Ehrenrechte,  sowie  auf  Zulässigkeit  von  Polizei-Aufsicht  erkannt  werden

kann
                                                    §  184a.

Mit  Gefängnis  bis  zu  drei  Monaten  und  mit  Geldstrafe  bis  zu
dreihundert  Mark  oder  mit  einer  dieser  Strafen  wird  bestraft,  wer  an  öffentlichen
  Straßen  oder  Plätzen  Schriften,  Abbildungen  oder  Darstellungen  ausstellt,
  oder  anschlägt,  welche,  auch  auch  ohne  unzüchtig  zu  sein,  durch  grobe  Unanständigkeit
  geeignet  sind,  das  Scham=  und  Sittlichkeitsgefühl  erheblich  zu
verletzen.  Ist  die  Handlung  gewerbsmäßig  begangen,  so  treten  die  Strafen  des
§  184  Absatz  2  ein.  Den  im  vorstehenden  Absatz  1  bestimmten  Strafen  unterliegt,
  wer  aus  Gerichtsverhandlungen  für  die  gegen  Gefährdung  der  Sittlichkeit
  die  Oeffentlichkeit  ausgeschlossen  war,  oder  aus  den  diesen  Verhandlungen
  zu  Grunde  liegenden  amtlichen  Schriftstücken  öffentlich  Mitteilungen
  macht,  welche  geeignet  sind,  Aergernis  zu  erregen.

Artikel  II.

In  dem  Militärstrafgesetzbuch  erhält  der  §  42  Absatz  2  folgende
Fassung:  Wird  gegen  eine  Person  des  Beurlaubtenstandes  während
der  Beurlaubung  wegen  einer  in  dem  Strafgesetzbuch  für  das  deutsche
Reich  Teil  II  Abschnitt  1  (Hochverrat  und  Landesverrat),  Abschnitt  2
(Beleidigung  des  Landesherrn),  Abschnitt  3  (Beleidigung  von  Bundfürsten),
Abschnit  6  (Widerstand  gegen  die  Staatsgewalt)  oder  Abschnitt  7  (Verbrechen
  und  Vergehen  wider  die  öffentliche  Ordnung)  vorgesehenen  strafbaren
  Handlung  auf  Gefängnis  von  mehr  als  sechs  Wochen  erkannt  oder
erfolgt  die  Verurteilung  einer  Person  des  Beurlaubtenstandes  während  der
Beurlaubung  wegen  einer  strafbaren  Handlung  der  im  §  37  Absatz  2  Nr.  2
bezeichneten  Art  oder  auf  Grund  der  Nr.  3,  4,  5,  7  oder  8  des  §  361
des  Strafgesetzbuchs  und  ist  in  letzteren  Fällen  auf  Ueberweisung  an  die
Landespolizeibehörde  erkannt,  oder  diese  Person  in  den  letzten  drei  Jahren
wegen  einer  solchen  Uebertretung  mehrmals  rechtskräftig  verurteilt  worden,
so  kann  ein  besonderes  Verfahren  des  Militärgerichts  zur  Entscheidung
darüber  angeordnet  werden,  ob  auf  Dienstentlassung  oder  auf  Degradation

zu  erkennen  ist.
                                                    Artikel  III.

In  dem  Gesetz  über  die  Presse  vom  7.  Mai  1874  (Reichs-Gesetzbl.
S.  65)  wird  die  Nr.  3  des  §  23  durch  die  nachfolgende  Bestimmung  ersetzt:
        <pb n="126" />
        118  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April/  Mai.)

                                                     § 23.

3.  wenn  der  Inhalt  einer  Druckschrift  den  Thatbestand  einer  der  in
den  §§  85,  95,  111,  112,  130,  131  Absatz  2,  184,  oder  184  a  des  deutschen
Strafgesepeuche  mit  Strafe  bedrohten  Handlungen  begründet,  in  den  Fällen
der  §§  111,  112  und  130  Absatz  1  jedoch  nur  dann,  wenn  dringende  Gefahr
  besteht,  daß  bei  Verzögerung  der  Beschlagnahme  die  Auporderung
oder  Anreizung  ein  Verbrechen  oder  Vergehen  unmittelbar  zur  Folge
haben  werde.

                                                    Artikel  IV.

Dieses  Gesetz  tritt  mit  dem  Tage  der  Verkündung  in  Kraft.

April/Mai.  Die  Offentlichkeit  über  die  Umsturzvorlage  nach
der  Kommissionsfassung.

Die  der  Umsturzvorlage  von  Anfang  an  feindliche  Presse  —  die
freisinnige,  antisemitische,  sozialistische  und  viele  Wochen=  und  Monatsschriften
  ohne  ausgesprochene  Parteirichtung  wie  „Preußische  Jahrbücher“,
„Grenzboten“,  „Christliche  Welt“  —  lehnen  die  Vorlage  nach  wie  vor  ab,
auch  unter  den  mittelparteilichen  und  konservativen  Blättern  macht  sich  eine
Opposition  gegen  mehrere  Bestimmungen  geltend.  Die  „Nat.  Ztg.“  tadelt
namentlich  die  Streichung  des  „Kanzelparagraphen"  (130  a)  durch  die  konservativ-klerikale
  Majorität  der  Kommission  und  fordert  eine  präzisere  Fassung
der  §§  111  a  und  130,2.  Andere  Blätter  bezeichnen  die  Vorlage  wegen  des
§  166  für  unannehmbar;  die  „Köln.  Ztg."“  nennt  sie  ein  Ausnahmegesetz
gegen  die  führenden  Klassen,  das  allein  dem  Zentrum  zu  statten  käme:
„Dem  Zentrum  kam  es  vor  allen  Dingen  darauf  an,  die  Gelegenheit  zu
benutzen,  um  ein  Ausnahmegesetz  zum  Schutz  des  Ultramontanismus  zuwege
zu  bringen.  Seinen  Höhepunkt  erreichte  dieser  methodische  Wahnsinn  in
dem  Vorschlag,  bestimmte  philosophische  Vorstellungen  durch  empfindliche
Strafandrohungen  gegen  kritische  Besprechung  sicher  zu  stellen."

Das  „Lpzg.  Tagebl.“  erklärt,  durch  die  vorliegende  Fassung  würden
alle  katholischen  Lehren,  die  den  Protestantismus  für  eine  Irrlehre  erklärten,
unter  einen  besonderen  Schutz  gestellt.

Die  Stellung  der  Zentrumsparteicharakterisiert  dagegen  der  „Westfäl.
Merkur“:  „Zweifellos  ist  die  Kommissionsfassung  nach  Form  und  Inhalt
bedeutend  besser,  als  die  Regierungsvorlage,  und  gibt  namentlich  mehr
Sicherheit  für  die  freie  Diskussion  ehrlicher  Forscher;  damit  wollen  wir
aber  nicht  behaupten,  daß  die  Kommissionsfassung  vollkommen  sei  und  nicht
noch  weitere  Prüfung  und  Vervollkommnung  gebrauchen  könne.  Wir  werden
sehen,  was  bei  der  Einzelberatung  im  Plenum  herauskommt,  und  behalten
uns  inzwischen  freie  Hand.  Den  Mittelparteilern  muß  es  recht  klar  und
eindringlich  gemacht  werden,  daß  das  Zentrum  sich  in  keiner  Weise  in  der
Zwangslage  befindet,  ein  verstümmeltes  oder  verschlechtertes  Gesetz  annehmen
zu  müssen,  um  überhaupt  etwas  zu  stande  zu  bringen.  Möge  man  überhaupt
  den  Aberglauben  endlich  fahren  lassen,  daß  die  Kartellpolitiker  im
stande  wären,  eine  Flöte  zu  blasen,  nach  der  wir  tanzen  müßten."“

Zahlreiche  Petitionen  und  Aufrufe  zur  Agitation  gegen  die  Vorlage,
insbesondere  wegen  ihrer  ultramontanen  Färbung,  werden  erlassen.  So
protestieren  dagegen  der  Münchener  Schriftsteller=  und  Journalistenverein,
eine  Anzahl  der  bekanntesten  Gelehrten  und  Schriftsteller,  viele  evangelische
Geistliche  (im  „Volk"),  der  evangelische  Bund  und  zahlreiche  Stadtvertretungen;
  wie  Berlin,  Breslau,  Königsberg,  Stettin  u.  a.,  die  auf  einem
Kongreß  in  Berlin  eine  gemeinsame  Kundgebung  erlassen  (5.  Mai).  Mehreren
Stadtverwaltungen  verbietet  die  Regierung  an  den  Reichstag  zu  petitionieren.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  25.  —27.)  119

Enn  die  Vorlage  erklärt  sich  auch  der  württembergische  Landtag.
( 4.  Mai.)

25./27.  April.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Dritte  Beratung
  des  Gesetzentwurfs  eines  preußischen  Gerichtskostengesetzes
in  Verbindung  mit  der  Gebührenordnung  für  Notare.

Abg.  Knebel  (nl.):  Die  Vorlage  bringe  eine  erhebliche  Erhöhung
der  Kosten  mit  sich,  insbesondere  für  mittlere  und  kleinere  Objekte.  Justizminister
  Schönstedt  wendet  sich  gegen  die  Bedenken  des  Abg.  Knebel  und
hierauf  wird  das  Gerichtskostengesetz  mit  großer  Mehrheit  angenommen,
der  Gesetzentwurf  über  die  Gebührenordnung  einstimmig  (27.  April,  Annahme
  im  Herrenhause  17.  Mai).

26./27.  April.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  der  Novelle
zum  Branntweinsteuergesetz  von  1887.  Statistisches  über  die  landwirtschaftliche

  Bedeutung  der  Brennerei.

Staatssekretär  Graf  v.  Posadowsky:  Die  Regierung  habe  nicht  zum
Fabrikatsteuersystem  übergehen  können,  weil  dann  die  Branntweinbrennerei
einfach  aufhören  würde,  ein  landwirtschaftlicher  Nebenbetrieb  zu  sein.  Der
Zweck  der  jetzt  gemachten  Vorschläge  sei  ein  agrarischer,  um  dem  Branntweingewerbe
  zu  Hilfe  zu  kommen.  Die  Vorlage  enthalte  zwei  wesentliche
steuerfiskalische  Bestimmungen,  eine  Brennsteuer  und  eine  Ausfuhrentschädigung.
  Ueber  die  Bedeutung  des  landwirtschaftlichen  Brennereigewerbes
für  den  Kartoffelbau  sagt  der  Redner:  Während  bei  uns  der  Kartoffelbau
relativ  zurückgegangen  ist,  ist  er  in  den  Ländern,  die  dem  landwirtschaftlichen
  Branntweingewerbe  eine  kräftigere  Förderung  haben  zu  Teil  werden
lassen  wie  wir  in  Deutschland,  sehr  wesentlich  gestiegen.  Es  hat  in  Frankreich
  in  den  Jahren  1881  bis  1893  die  mit  Kartoffeln  bebaute  Fläche  —
also  während  bei  uns  eine  Abnahme  von  4,5  Prozent  vorhanden  war  —
um  10,4  Prozent  zugenommen,  in  Oesterreich  1882  bis  1892  um  4,3  Prozent,
in  Ungarn  1883  bis  1892  um  4,5  Prozent  und  in  Rußland  1880  bis  1893
um  mehr  als  15  Prozent.  In  dieser  Zunahme  der  mit  Kartoffeln  bestellten
Fläche  kommt  aber  ganz  klar  das  Maß  der  Förderung  zum  Ausdruck,  was
man  dem  Branntweingewerbe  in  den  einzelnen  Staaten  hat  zu  Teil  werden
lassen.  Ich  gestatte  mir,  hervorzuheben,  daß  von  1878  bis  1883  bei  uns
die  Zunahme  5,4  Prozent  betragen  hat.  Würde  in  den  10  Jahren  1883
bis  1893  eine  Zunahme  in  gleicher  Progression  erfolgt  sein,  so  hätte  dieselbe
  10,8  Prozent  betragen  müssen  und  wir  würden  im  Jahre  1894  184000
Hektar  mehr  mit  Kartoffeln  in  Deutschland  bestellt  haben,  oder  mit  anderen
Worten:  es  würden  etwa  1  ½  Millionen  Tonnen  Kartoffeln  mehr  in  Deutschland
  geerntet  sein.  Diesem  Zurückbleiben  der  Kartoffelproduktion  steht
gegenüber  ein  Minderverbrauch  in  den  Brennereien,  welcher  sich  beim  Vergleich
  der  5jährigen  Periode  1881  bis  86  und  der  5jährigen  Periode  1887

bis  92  auf  rund  956  000  Tonnen  beläuft.  Ich  glaube,  der  Rückschluß  ist
kein  gewagter,  daß  mit  der  Beschränkung  des  Kartoffelverbrauchs  in  den
Brennereien,  mit  dem  Rückgang  des  in  den  Brennereien  hergestellten  Quantums
  Spiritus,  auch  ein  Rückgang  der  mit  Kartoffeln  angebauten  Fläche
überhaupt  Hand  in  Hand  gegangen  ist.  Ohne  Rückgang  des  Konsums  von
Kartoffeln  in  unseren  Brennereien  würden  wir  etwa  113  000  bis  114  000
Hektare  mehr  für  Brennereizwecke  mit  Kartoffeln  bestellt  haben..  Ein
mit  Kartoffeln  angebautes  Hektar  erfordert  nach  dieser  Quelle  etwa  72
Arbeitstage,  mit  Sommergetreide  angebaut  etwa  16  Arbeitstage.  Es  würde
deshalb  für  die  Kultur  der  113000  Hektar  weniger  angebauten  Kartoffeln
        <pb n="128" />
        120  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  27.)

etwa  eine  Summe  von  6  300 000  Arbeitstagen  notwendig  sein,  oder,  mit
anderen  Worten,  das  Arbeitsjahr  zu  300  Tagen  gerechnet,  sind  in  Folge
der  Beschränkung  des  Kartoffelbaues  durch  das  Gesetz  von  1887  etwa  21000
Arbeitskräfte  auf  dem  Lande  verfügbar  geworden.

Abg.  Spahn  (3.):  Das  Zentrum  stehe  der  Vorlage  mit  Wohlwollen
  gegenüber,  werde  aber  in  der  Kommission  die  Bestimmungen  über
die  Kontingentierung  und  die  Brennsteuer  näher  prüfen.

Abg.  Wurm  (Soz.)  will  keine  Bevorzugung  der  landwirtschaftlichen
Brennereien  und  keine  Exportprämien;  die  Mehrbelastung  des  Branntweins
trage  das  Volk  und  nicht  die  Brenner;  seine  Partei  lehne  die  Vorlage  ab.
Abg.  Gamp  (Rp.):  Das  Branntweinsteuergesetz  von  1887  habe  einen
Konsumrückgang  von  27  Prozent  herbeigeführt;  es  sei  anzuerkennen,  daß
man  der  notleidenden  landwirtschaftlichen  Brennerei  jetzt  entgegenkommen
wolle,  obwohl  er  gegen  die  Brennsteuer  große  Bedenken  habe.

Am  folgenden  Tage  spricht  Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  gegen  die  Vorlage:
  Der  Ertrag  der  Branntweinsteuer  werde  durch  dieses  Gesetz  in  Frage
gestellt;  das  Reich  verzichte  auf  Einnahmen  zu  Gunsten  der  Brenner.  Man
könne  jetzt  den  Reichsetat  ohne  neue  Steuern  balancieren;  bei  Annahme
dieses  Gesetzes  werde  sich  dies  ändern.  Das  Gesetz  soll  eingestandenermaßen
die  Produktion  einschränken,  und  das  widerspreche  doch  eigentlich  den  Interessen
  der  Landwirtschaft.  Richtiger  wäre  es,  die  Nachfrage  zu  steigern,
und  das  könne  durch  größere  Verwendung  des  denaturierten  Spiritus  geschehen.
  Kein  Vertreter  des  Westens  dürfe  seine  Zustimmung  zu  einem
Gesetz  geben,  welches  nur  für  die  ostelbische  Kartoffelbrennerei  zugeschnitten
sei.  Die  sogen.  Gutsbrennereien  lägen  nur  im  Interesse  des  Großgrundbesitzes.
Die  Bemerkungen  des  Herrn  Staatssekretärs,  daß  der  Kartoffelbau  nur  in
geringem  Maße  zugenommen  habe,  seien  für  die  Branntweinsteuervorlage
nicht  beweiskräftig.  In  anderen  Staaten,  z.  B.  Rußland,  hätte  zwar  der
Kartoffelbau  um  50  Prozent  zugenommen,  man  dürfe  aber  nicht  vergessen,
daß  er  dort  nicht  annähernd  solchen  Umfang  habe  wie  bei  uns.  Außerdem
konzentriere  sich  doch  nicht  die  ganze  landwirtschaftliche  Produktion  im
Kartoffelbau,  sondern  eher  im  Getreidebau.  Wenn  die  Höhe  der  Exportprämie
  in  das  Belieben  der  Regierung  gestellt  werde,  so  heiße  das,  die
Preisbildung  von  der  Regierung  abhängig  machen,  die  Regierung  an  die
Siitze  der  Spekulation  stellen.  Abg.  Paasche  (nl.)  äußert  Bedenken  gegen
die  Behandlung  der  Melassebrennerei,  billigt  aber  im  allgemeinen  die  Vorlage.
  Er  empfiehlt  stärkere  Verwendung  des  denaturierten  Spiritus  zu
technischen  Zwecken  und  Aufhebung  des  Identitätsnachweises  für  das  von
den  Preßhefefabriken  verwendete  Getreide.  Der  Gesetzentwurf  wird  an  eine
Kommission  von  21  Mitgliedern  verwiesen.

27.  April.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
eine  Abordnung  Oldenburger  und  eine  Deputation  alter  Korpsstudenten.


Er  erwidert  auf  die  Ansprache  der  Korpsstudenten:  —  —  —  Ich
sehe  gern  rückwärts  wo  ich  glücklich  d.  h.  gesund  war,  ich  meine  darunter
nicht  die  Zeit,  wo  ich  eine  hohe  Stellung  im  Dienste  einnahm,  das  macht
nicht  glücklich,  im  Gegenteil:  es  ist  eine  Zeit  der  Hetze,  der  Unruhe,  der
Besorgnis,  wie  eine  Sache  ausfallen  wird  und  sie  bietet  wenig  Entschädigung
  dafür  und  viel  Aerger.  Ich  bin  nie  herrschsüchtig  gewesen  und  ehrgeizig,
  es  ist  immer  Verleumdung  gewesen,  wenn  man  dies  erzählte,  ich
war  immer  nur  diensteifrig.  Es  ist  mir  immer  viel  wertvoller  gewesen,
niemanden  zu  gehorchen,  als  anderen  zu  befehlen,  also  wenn  Sie  wollen,
        <pb n="129" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  27.)  121

eine  republikanische  Auffassung.  Ich  habe  aber  doch  meinem  alten  Könige
mit  Liebe  gehorcht.  —  —  —  —  —  —  —  Ich  danke  Ihnen,  daß  Sie
mit  mir  diesen  Rückblick  in  die  heitere  Zeit  der  Jugend  anstellen  und  daß
Sie  mir  durch  das  Denkzeichen,  was  Sie  setzen  wollen,  einen  Ausdruck
Ihres  Einverständnisses  und  Wohlwollens  gewähren.  Sie  kommen  im
Namen  der  Korps,  und  wenn  ich  an  mein  Korpsverhältnis  zurückdenke,  so
muß  ich  doch  sagen,  daß  die  schwarzen  Punkte,  die  ich  beim  Zurückblicken
in  die  Jugend  finde,  in  meinem  Korpsverhältnis  liegen,  ich  hätte  mehr  gearbeitet,
  wenn  ich  nicht  im  Korps  gewesen  wäre  und  hätte  weniger  Schulden
gemacht.  Heutzutage  kommt  der  Korpsstudent  mit  dem  mehrfachen  nicht
aus,  das  ist  eine  betrübte  Sache,  daß  sie  zu  sehr  in  Luxus  ausarten.  Wie
ich  in  Göttingen  war,  da  hatten  die  Meisten  wenig  über  300  Thaler  Wechsel
—  400  war  schon  über  den  Mittelstand  und  600,  800  war  das  Allerhöchste,
höhere  gab  es,  glaub’  ich  kaum.  Wer  dachte  zu  unserer  Zeit  an  stylvolle
Korpshäuser,  die  man  jetzt  hat.  Mich  haben  die  werigen  Schulden,  mit
denen  ich  Göttingen  verließ,  jahrelang  in  üble  Laune  gebracht,  und  wenn
ich  mit  derselben  Vergnügungsfähigkeit  heute  studierte,  so  glaube  ich,  würde
ich  im  Leben  nicht  los  werden,  was  mich  damals  drückte.

            27.  April.  (Bayern.)  Urteil  im  Fuchsmühler  Prozesse
(vgl.  1894  S.  173,  199).

Vom  Landgericht  Weiden  werden  143  Angeklagte  wegen  Landfriedenbruchs
  und  Forstfrevels,  bezw.  Anstiftung  hiezu  zu  14  Tagen  bis  4  Monate
15  Tage  Gefängnis  verurteilt.  3  Personen  werden  nur  wegen  Forstfrevels
  zu  je  683  Mark  60  Pfg.  verurteilt.  5  Personen,  die  nur  wegen
Auflaufs  angeklagt  waren,  werden  freigesprochen.  Die  höchste  Strafe  erhält
7  Bürgermeister  Josef  Stock,  zwei  andere  Rädelsführer  je  4  Monate

ängnis.

27.  April.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Ankauf  inländischer
  Erzeugnisse  durch  Staatsbetriebe.

Abg.  Gamp  (frk.)  und  Gen.  beantragen:  Die  Regierung  zu  ersuchen,
  Anordnung  zu  treffen,  daß  die  Staatsbetriebe  beim  Ankauf  insbesondere
  von  land=  und  forstwirtschaftlichen  Erzeugnissen  die  inländischen
Erzeugnisse  bevorzugen,  bezw.  soweit  es  angängig  ist,  die  Lieferung  inländischer
  Erzeugnisse  vorschreiben.  Der  Antrag  solle  ein  Mittel  zur  Bekämpfung
  der  landwirtschaftlichen  Notlage  sein;  die  Staatsbetriebe  dürften
nicht  nur  darauf  ausgehen,  möglichst  billig  zu  kaufen,  sondern  auch  die
heimische  Produktion  zu  fördern.  Namentlich  die  Militärverwaltung  sollte
deutsches  Getreide  und  deutsche  Butter  kaufen,  die  Eisenbahnverwaltung  nur
einheimisches  Holz  zu  den  Schwellen  verwenden.  Minister  der  öffentlichen
Arbeiten  Thielen:  Der  Antrag  sei  ihm  sympathisch,  aber  die  deutsche  Forstwirtschaft
  habe  anderwärts  höhere  Preis  erzielen  können,  so  daß  sie  ihr
Holz  der  Eisenbahnverwaltung  noch  gar  nicht  angeboten  hätte.  Landwirtschaftsminister
  v.  Hammerstein:  Der  Kriegsminister  habe  erklärt,  daß  die
Landwirte  bei  seinen  notwendigen  Anforderungen  oft  versagt  haben,  in
Bezug  auf  die  Qualität,  z.  B.  die  Trockenheit  des  Getreides,  Beschaffenheit
der  Konserven  ect.  Was  der  einzelne  Landwirt  nicht  kann,  kann  aber  die
Genossenschaft,  die  Landwirte  müssen  sich  genossenschaftlich  organisieren,  um
qualifizierte  Waare  liefern  zu  können.  Auch  die  Landwirtschaftskammern
müssen  sich  mit  diesen  Fragen  beschäftigen.  Ferner  verspricht  der  Minister,
es  sollten  Versuche  mit  großen  Kornhäusern  gemacht  werden,  zunächst  in
Mannheim,  Köln,  Stettin,  vielleicht  in  Berlin.  Hierauf  wird  der  Antrag
angenommen.
        <pb n="130" />
        122  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  29.—Ende.)

29.  April.  Der  Reichstag  genehmigt  in  zweiter  Lesung  den
Gesetzentwurf  über  die  Regelung  der  privatrechtlichen  Verhältnisse
der  Binnenschiffahrt  und  das  Flößereigesetz  gegen  die  Stimmen  der
Sozialdemokraten  (Annahme  in  dritter  Lesung  4.  Mai).

Ende  April.  Die  Presse  über  die  deutsche  Intervention  in
Ostasien  (val.  Asien).

Die  ultramontanen  und  freisinnigen  Blätter  greifen  die  Regierung
wegen  der  Einmischung  heftig  an.  So  sagt  die  „Voss.  Ztg  daß  es
eine  Schaukelpolitik  bedeute,  wenn  das  Berliner  Kabinet  während  des  Krieges
vollkommen  neutral  geblieben  sei,  sich  allen  Sondirungen  verschiedener
Mächte  gegenüber  ablehnend  verhalten  habe  und  nun  trotzdem  an  einer
diplomatischen  Aktion  gegen  Japan  teilnehme.

Hierauf  erwidert  die  „Nordd.  Allg.  Ztg."“:  „Wenn  Deutschland
während  des  Krieges  neutral  geblieben  und  den  Gedanken  einer  Intervention
als  vorzeitig  und  völlig  aussichtslos  insolange  zurückgewiesen  hat,  als  eine
definitive  militärische  Entscheidung  nicht  eingetreten  war,  so  folgt  doch  aus
dieser  Zurückhaltung  keineswegs,  daß  Deutschland  zu  irgend  einer  Zeit  gesonnen
  gewesen  wäre,  deutsche  Interessen  der  Willkür  des  Siegers  preiszugeben.
  Vielmehr  ist  nach  unserer  Kenntnis  deutscherseits  schon  vor
Monaten  in  Tokio  kein  Zweifel  darüber  gelassen  worden,  daß  die  Ueberschreitung
  gewisser  Grenzen  bei  der  Festsetzung  der  Friedensbedingungen
Deutschlands  Interessen  berühren  und  eine  Intervention  der  Mächte  herbeiführen
  werde.  Nachdem  diese  Grenze  nicht  eingehalten  worden  ist,  handelt
die  deutsche  Politik  lediglich  konsequent,  wenn  sie  sich  an  Schritten  beteiligt,
  welche  auf  Beseitigung  der  für  europäische  Interessen  nachteiligen
Bestimmungen  gerichtet  sind."

Die  „Köln.  Ztg."  sagt  über  die  Vorgeschichte  der  Intervention:
„Die  deutsche  Regierung  hat  deshalb  bereits  anfangs  März  ihren  Gesandten  in
Tokio  telegraphisch  angewiesen,  der  japanischen  Regierung  zur  Mäßigung
in  den  Friedensbedingungen  zu  raten,  mit  dem  Hinzufügen,  daß  nach
deutscher  Auffassung  die  Forderung  einer  Gebietsabtretung  auf  dem  Festlande
  besonders  geeignet  sein  würde,  eine  Einmischung  europäischer  Mächte
hervorzurufen.  Als  einige  Wochen  darauf  aus  den  ersten  Nachrichten  über
die  Friedensbedingungen  hervorzugehen  schien,  daß  die  japanische  Regierung
diesem  freundschaftlichen  Rate  weniger  als  dem  Drängen  der  dortigen
Actionspartei  Rechnung  getragen  hätte,  wurden  bereits  am  23.  März
die  ersten  Schritte  zu  einer  Verständigung  der  europäischen  Mächte  in  dieser
Hinsicht  eingeleitet.  Nachdem  zwischen  Deutschland  und  Rußland  eine
völlige  Uebereinstimmung  der  Anschauungen  erzielt  war  und  auch  ein  Zusammengehen
  mit  Frankreich  gesichert  ist,  wird  nunmehr  von  diesen  drei
Mächten  gemeinsam  in  Japan  ein  diplomatischer  Schritt  zur  Wahrung
ihrer  Interessen  in  Ostasien  unternommen  werden.  Dabei  sind  zunächst  die
Gebietsveränderungen  ins  Auge  gefaßt.  Teils  sind  die  wirtschaftlichen  Abmachungen
  noch  nicht  genügend  bekannt;  teils  glaubt  man  annehmen  zu
müssen,  daß  die  Festsetzung  Japans  in  wichtigen  Teilen  des  chinesischen
Festlandes,  also  vor  allem  die  Besitzergreifung  eines  Teils  der  Halbinsel.
Liautung  und  die  Festsetzung  auf  Wei-Hai-Wei  als  Bürgschaft  für  die
Kriegskostenzahlung,  ein  politisches  Uebergewicht  Japans  über  China  bedeuten
  und  damit  auf  die  Entwicklung  der  wirtschaftlichen  Lage  Chinas
und  ihrer  Beherrschung  durch  Japan  einen  maßgebenden  Einfluß  ausüben
würde.  Man  zieht  hieraus  den  Schluß,  daß  Japan  sich  an  allen  wichtigen
        <pb n="131" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  eizelnen  Glieder.  (April  30.—Mai  2.)  123

Orten  gewissermaßen  als  Schildwache  vor  den  Haupteinfuhrstraßen  Chinas
festzusetzen  bestrebt  sei  und,  wie  es  in  Pord  Arthur  und  Wei-Hai-Wei  den
Zugang  zum  gelben  Meer,  in  den  Fischer-Inseln  und  Formosa  die  Haupthandelsstraße
  nach  China  beherrsche,  sich  mit  einem  festen  Gürtel  um  ganz
China  herumgelgt  habe,  um  es  gegebenenfalls  ganz  von  außen,  von  Europa
absperren  zu  können.  Die  europäischen  Mächte  wollen  daher  zu  rechter  Zeit
eine  Schädigung  ihrer  Interessen  abwehren.“

April.  Mai.  Auseinandersetzung  zwischen  Konservativen  und
Christlich-Sozialen.

Die  „Kreuz-Ztg.“  polemißiert  gegen  die  christlich-soziale  Richtung
des  Pfarrers  Naumann  (vergl.  S.  83),  dessen  zur  Sozialdemokratie
neigender  Radikalismus  eine  Unterstützung  durch  die  konservative  Partei
unmöglich  mache.  Naumann  antwortet  in  der  „Hilfe",  auch  im  Gegensatz
  zur  konservativen  Partei  an  seinem,  den  Sozialisten  entgegenkommenden
Standpunkte  festhalten  zu  wollen.  Von  der  konservativen  Partei  trenne  ihn
namentlich  sein  Eintreten  „für  freie  Arbeiterorganisation,  für  freies  Wort
für  ein  neues  Hypothekenrecht  und  bessere  Lage  der  Landarbeiter,  für  volle
Sonntagsruhe  und  für  kräftige  progressive  Einkommensteuer",  gemeinsam
bleibe  das  christl.  Bekenntnis  und  die  Staatstreue.  Er  rechnet  auf  die
Zustimmung  des  Hofpredigers  a.  D.  Stöcker.  Dieser  erklärt  im  „Volk“
auf  dem  Boden  der  konservativen  Partei  zu  stehen:  „Was  Naumann  und
uns  ältere  Christlich-Soziale  trennt,  ist,  —  wenn  ich  recht  sehe  —  vor
allem  das  Eine,  daß  er,  wenn  auch  auf  christlicher  Grundlage,  eine  Organisation
  des  Proletariats  im  gasena  zu  den  besitzenden  Klassen  anstrebt,
während  wir  die  Sammlung  der  christlich-sozial  gesinnten  Geister  aus  allen
Kreisen  und  Klassen  bewirken  möchten,  um  durch  den  Zusammenschluß  dieser
Elemente  die  sozialen  Schwierigkeiten  heben  zu  helfen.“"

30.  April.  (Wiesbaden.)  Gustav  Freytag  + f (vgl.  Erich
Schmidt,  Dtsch.  Rundschau  Jahrg.  1895).

30.  April.  Der  Reichstag  genehmigt  in  zweiter  Beratung
den  Gesetzentwurf,  betr.  die  Aufhebung  des  Gesetzes  über  die  Ernennung
  und  die  Besoldung  der  Bürgermeister  in  Elsaß-Lothringen
vom  4.  Juli  1887  (dritte  Beratung  am  3.  Mai).

1.  Mai.  (Reichstag.)  Antrag  Grillenberger  auf  reichsrechtliche
  Regelung  des  Vereins=  und  Koalitionsrechts.

Abg.  Grillenberger  (Soz.):  Das  Vereins=  und  Koalitionswesen  sei
in  den  Einzelstaaten  ganz  verschieden,  am  härtesten  seien  die  Bestimmungen
in  Bayern  und  Sachsen.  Insbesondere  müsse  den  Frauen  die  Teilnahme
an  Versammlungen  unbedingt  gewährt  werden.  Abg.  Bachem  (3.)  giebt
manche  Mißstände  zu,  findet  aber  den  Antrag  zu  weit  gehend.  Gegen  den
Antrag  spricht  ferner  Dr.  v.  Marquardsen  (nl.),  dafür  v.  Hodenberg
(Welfe).  Der  Antrag  wird  am  6.  Mai  mit  großer  Majorität  abgelehnt.

2.  Mai.  Fürst  Bismarcks  Dank  für  die  Glückwünsche.

Die  „Hamburger  Nachrichten"  veröffentlichen  folgendes  Schreiben
aus  Friedrichsruh:  „Aus  allen  Teilen  Deutschlands  und  von  Deutschen
und  Fremden  im  Auslande,  namentlich  von  Bürgern  der  Vereinigten
Staaten  Amerikas,  sind  mir  zu  meinem  Geburtstag  so  viele  Glückwünsche
zugegangen,  daß  ich  zu  meinem  lebhaften  Bedauern  nicht  imstande  bin,
        <pb n="132" />
        124  Das  Deutsche  Reich  und  seine  eizelnen  Glieder.  (Mai  2.—7.)

jedem  einzelnen  dafür  zu  danken.  Ich  bitte  deshalb  meine  Freunde.  für
ihre  wohlwollende  Begrüßung  und  Wünsche  meinen  herzlichen  Dank  in
dieser  Veröffentlichung  entgegenzunehmen  und  verbinde  damit  den  Ausdruck
der  Hoffnung,  daß  sie  das  Ausbleiben  einer  schriftlichen  Antwort  entschuldigen
  werden  v.  Bismarck.“

2.  Mai.  (Reichstag.)  Gesetzentwurf,  betr.  die  Abänderung
des  Zollvereinigungsvertrages  von  1867  über  die  Weinsteuer.

Den  Entwurf,  der  den  Kommunen  die  Besteuerung  des  Weines  ermöglichen
  soll,  begründet  Staatssekretär  Graf  v.  Posadowsky:  Der  Wein
dürfe  jetzt  nur  in  den  eigentlichen  Weingegenden  besteuert  werden,  seine
Besteuerung  in  anderen  Landesteilen  sollte  aber  ermöglicht  werden,  um  den
Kommunen  in  ihren  finanziellen  Schwierigkeiten  Hilfe  zu  bringen.  Die
Bedenken,  die  gegen  das  Reichs-Weinsteuergesetz  geltend  gemacht  wurden
und  zur  Ablehnung  desselben  führten,  könnten  hier  nicht  geltend  gemacht
werden.  Die  Kommunen  werden  sich  sicher  in  der  kommunalen  Besteuerung
den  lokalen  Bedürfnifsen  anpassen;  der  vorgeschlagene  Satz  in  maximo  10
vom  Hundert  des  Werts  oder  5-M  pro  Hektoliter  sei  kein  hoher.  Es  soll
den  Kommunen  nur  ein  Recht  gegeben  werden,  auf  das  viele  von  ihnen
Wert  legen.  Abg.  Schädler  (Z.)  hegt  Mißtrauen  gegen  die  gerechte  Besteuerung
  durch  die  Kommunen.  Abg.  Schmidt=  Bingen  (frs.  Vp.)  fürchtet,
  daß  der  Winzer  die  Steuer  werde  tragen  müssen,  ebenso  Abg.  Bürklin
  (nl.),  Abg.  Limburg-Stirum  (kons.)  für  die  Vorlage.  Sie  wird
an  eine  Kommission  von  21  Mitgliedern  verwiesen.

3.  Mai.  Der  Reichstag  bewilligt  1700  000  M  zur  Feier
der  Einweihung  des  Nordostsee-Kanals.

4.  Mai.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Sozialpolitische

Vorlagen  über  Wohnungen  und  Verpflegungsstationen.

Der  Gesetzentwurf,  betr.  die  Bewilligung  von  Staatsmitteln  zur
Verbesserung  der  staatlichen  Wohnungen  von  staatlich  beschäftigten
Arbeitern  und  gering  besoldeten  Staatsbeamten  wird  an  eine  Kommission
verwiesen,  nachdem  er  im  Plenum  günstige  Aufnahme  gefunden  hatte.  Ebenso
wird  an  eine  Kommission  verwiesen  der  Gesetzentwurf  über  die  Verpflegungsstationen,
  der  gefährdete  Existenzen  vor  dem  Untergange  bewahren
und  der  Vagabondage  entgegentreten  soll.  Die  Vorlage  wird  im  Plenum
sehr  verschieden  beurteilt.

7.  Mai.  (Berlin.)  Generaloberst  v.  Pape,  82  Jahre
alt,  f.  Er  befehligte  1870  die  erste  Garde-Infanterie-Division  und
zeichnete  sich  u.  a.  bei  St.  Privat  aus  (vgl.  S.  5).

5.  Mai.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  eine
Abordnung  Ostfriesen  und  erwidert  auf  ihre  Ansprache  folgendes
über  die  Beziehungen  zwischen  Preußen  und  Ostfriesland:

Unsere  früheren  Beziehungen  waren  ja  nur  ein  Ausdruck  der  Zusammengehörigkeit,
  die  von  Natur  zwischen  allen  Deutschen  oder  doch  mindestens
  zwischen  der  niederdeutschen  Bevölkerung  der  Seeküsten,  was  man
hier  „de  Waterkant“  nennt  (Bravo !),  von  der  Ems  bis  zur  Weichsel  jederzeit
  bestanden  hat.  Wir  sprechen  alle  dasselbe  Plattdeutsch  mit  wenig
dialektischem  Unterschiede  in  Ostfriesland  und  Hinterpommern.  Wir  find
aber  lange  getrennt  gewesen  durch  politische  Grenzen  und  getrennt  durch
        <pb n="133" />
        das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  8.)  125

die  cimbrische  Halbinsel.  welche  die  Ostsee  von  der  Nordsee  scheidet  in
unserem  Seeverkehr.  Es  ist  erfreulich,  die  Zeit  zu  erleben,  daß  die  Verbindung
  beider  Meere  hergestellt  und  die  feierliche  Eröffnung  des  Kanals
zwischen  Nord=  und  Ostsee  in  naher  Aussicht  steht.  Es  war  hierauf,  als
ich  zuerst  in  die  politische  Thätigkeit  trat,  kaum  Aussicht,  und  zu  der  Zeit,
als  es  sich  um  das  Schicksal  von  Schleswig-Holstein  handelte,  in  Verhandlungen
  mit  dem  damaligen  Prätendenten  habe  ich  zuerst  die  Forderung
dieses  Kanals  als  Vorbedingung  unserer  Zustimmung  zur  Einsetzung  einer
besonderen  holsteinischen  Dynastie  aufgestellt.  (Bravo.)  Es  gelang  mir  nicht,
dafür  Zustimmung  zu  finden  und  hauptsächlich  daran  scheiterten  die  damaligen
  Verhandlungen.  Ich  bin  dem  Gedanken  von  Neuem  nahe  getreten,
sobald  wir  in  Besitz  von  Holstein  kamen;  auch  dann  waren  Bedenken  militärischer
  Natur  dagegen.  Unsere  Landesverteidigung  in  ihrer  wissenschaftlichen
  Spitze  hatte  die  Auffassung,  daß  wir  so  starke  Armeen,  wie  zum
Schutze  dieses  Kanals  notwendig  sein  würden,  in  unseren  Landkriegen  nicht
entbehren  könnten.  Ich  habe  dem  gegenüber  stets  vertreten:  wenn  wir
große  Landkriege  haben,  so  müssen  wir  diese  Truppenmassen  doch  entbehren,
weil  wir  Hamburg  schützen  müssen,  Holstein  schützen  müssen,  Kiel  schützen
müssen;  schützen  wir  diese  Lokalitäten,  so  schützen  wir  auch  den  Kanal.
Aber  es  hat  mir  viel  Mühe  gekostet,  mit  meiner  Auffassung  durchzudringen,
auch  nachdem  der  Millionensegen  der  französischen  Kontributionen  eingegangen
  war,  um  die  Sache  in  Fluß  zu  bringen.

8.  Mai.  (Friedrichsruh.)  116  Bürgermeister  und  Stadtverordnete
  übergeben  dem  Fürsten  Bismarck  den  gemeinsamen
Ehrenbürgerbrief  von  72  Städten  des  Königreichs  Sachsen.  Auf
eine  Ansprache  entgegnet  der  Fürst:

„Meine  Herren!  Zuerst  richte  ich  die  Bitte  an  Sie,  sich  zu  bedecken,
weil  ich  selbst  das  Bedürfnis  habe  und  ich  doch  nicht  allein  es  befriedigen
kann.  Meine  Herren,  in  der  Auszeichnung,  wie  sie  mir  heute  durch  Ihre
Vermittelung  widerfährt  —  es  ist  meines  Wissens  noch  niemals  einem
deutschen  Minister,  vielleicht  auch  keinem  ausländischen  widerfahren,  daß
72  städtische  Gemeinden  ihn,  der  nicht  mehr  im  Dienste  ist  und  keinen  Einfluß
  auf  die  Geschäfte  mehr  hat,  gleichzeitig  zu  ihrem  Mitbürger  erwählen
und  ihm  dadurch  ihr  Wohlwollen  und  ihr  Einverständnis  mit  seiner  früheren
Amtsführung  zum  Ausdruck  bringen.  Es  ist  dies  für  mich  um  so  gewichtiger,
  als  es  im  ganzen  nach  unserer  deutschen  Tradition  für  einen  Minister
nicht  ganz  leicht  ist,  sich  das  Wohlwollen  seiner  Landsleute  zu  erwerben.
Im  allgemeinen  ist  doch  ihm  gegenüber  die  Kritik  noch  wachsamer  wie  die
Liebe  und  wenn  letztere  schließlich  überwiegt,  so  muß  er  gründlich  geprüft
und  gesiebt  sein,  ehe  man  ihm,  obschon  er  Minister  ist,  das  Wohlwollen,
das  man  den  Mitbürgern  im  allgemeinen  schenkt,  wieder  zuwendet.  Es
erfüllt  mich  mit  besonderer  Freude,  daß  ich  dies  noch  erlebe,  nachdem  ich  nicht
mehr  im  Dienst  bin,  nicht  nur  wegen  der  persönlichen  Genugthuung,  die
darin  liegt,  auch  wegen  der  politischen  Aussicht  in  die  Zukunft,  wegen  der
Frage,  ob  das  Saatkorn,  das  ich  auszustreuen  berufen  gewesen  bin,  prosperiert,
  in  fruchtbaren  Boden  gefallen  ist  und  Aussicht  auf  eine  zukünftige
dauernde  und  wiederholte  Ernte  bietet.  Es  war  außerdem  zwischen  uns
noch  eine  andere  Scheidewand  wie  die,  welche  in  Deutschland  zwischen  dem
Minister  und  dem  regierten  Bürger  herkömmlich  zu  bestehen  pflegt,  es  war
die  des  Partikularismus,  wenn  ich  mich  kurz  mit  einem  Fremdworte  ausdrücken
  soll.  Wir  hatten  zwar  wohl  immer  das  Gefühl,  Deutsche  zu  sein,
aber  jeder  von  uns  war  es  auf  seine  besondere  Weise  und  ohne  Verständnis
        <pb n="134" />
        126  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  5.)

für  die  Art,  für  die  Motive,  aus  denen  der  Andere,  der  Nachbar,  der
Landsmann  deutsch  war.  Ich  darf  nur  an  Zeiten  erinnern,  die  die  meisten
von  Ihnen  erlebt  haben  werden,  wo  die  politische  Ubereinstimmung  zwischen
Preußen  und  Sachsen,  die  Bereitwilligkeit  Sachsens,  die  Hand  zu  bieten,
zur  Bildung  des  heutigen  Deutschen  Reiches,  minder  groß  war,  als  sie
heute  ist.  Wir  sind  ja  bis  zum  Kriege  zwischen  Preußen  und  Sachsen  gekommen
  und  die  sächsische  Truppe  von  1866  hat  noch  heute  in  der  österreichischen
  Armee  das  Zeugnis,  daß  sie  das  festeste  Korps  von  allen  bei
Königgrätz  geblieben  ist  —  ein  glänzendes  Zeugnis  für  die  militärischen
Leistungen  Sachsens.  Außerdem  war  in  Sachsen  das  Bedürfnis,  die  nationale
Bezeichnung  dem  Auslande  gegenüber  zu  wechseln,  nicht  so  hervorragend,
wie  in  vielen  kleinen  Staaten.  Was  Sachsen  war,  was  es  zu  bedeuten
hat,  wenn  man  sagt:  ich  bin  Sachse  —  das  hatte  seinen  historischen  Hintergrund
  schon  seit  Jahrhunderten  und  es  gab  eine  Zeit,  wo  Sachsen  als
solches  in  seiner  Verbindung  mit  Polen  eine  große  europäische  Rolle  gespielt.
  Also  die  Empfindung  eines  im  Auslande  unbekannten  deutschen
Staatsgebildes,  die  unter  Umständen  den  Befragten  zögern  machte  zu  bekennen,
  wo  er  her  sei,  fand  bei  den  Sachsen  nicht  statt.  Die  hatten  immer
darauf  eine  befriedigende  Antwort,  denn  was  Sachsen  war,  war  in  der
ganzen  Welt  bekannt  —  und  deshalb  war  das  Bedürfnis,  aus  der  Kleinstaaterei
  in  einen  großen  Nationalstaat  wieder  überzugehen,  in  einem  größeren
  und  längst  im  Besitze  eines  europäischen  Rufes  befindlichen  Staate
wie  Sachsen  und  Bayern  nicht  so  groß  als  manchen  anderen.  Es  war  im
Gegenteil  Sachsen  zu  einer  Rivalität  mit  den  anderen  vollberechtigt.  Seit
wir  ein  Deutsches  Reich  aufgerichtet  haben,  sind  die  Scheidewände,  die  uns
dynastisch  und  territorial  trennen,  ich  will  nicht  sagen  gefallen,  aber  sie
hindern  uns  nicht  mehr,  mehr  wie  telephonisch  mit  anderen  über  die  Wände
hinaus  zu  verkehren  und  uns  einig  zu  fühlen.  Das  Gefühl,  daß  wir  dem
Nichtdeutschen  gegenüber  demselben  Staatsgebilde  angehören,  ist  heutzutage
in  Sachsen  so  lebendig  wie  in  Preußen  und  war  es  früher  nicht.  Das  ist
ein  Fortschritt,  dessen  Bedeutung  und  dessen  erhebende  Bedeutung  für  unsere
nationalen  Empfindungen  wir  alle  erkennen  und  das  ist  das  Gefühl,  was
Sie  hierher  führt,  das  Gefühl,  uns  alle  wieder  darauf  besonnen  zu  haben,
daß  wir  der  großen  deutschen  Nation,  die  in  Europa  zu  einer  hervorragenden
  Rolle  jederzeit  mitberufen  gewesen  ist  —  die  aus  der  Rolle  gefallen
  war  durch  innere  Zerrissenheit  —,  daß  wir  der  ihre  Stellung  gemeinsam
  wieder  gewonnen  haben,  indem  wir  jetzt  —  ich  will  nicht  ruhmredig
  sprechen  —  doch  als  eine  der  leitenden  Mächte  an  der  Spitze  Europas
mit  stehen  (Bravo)  als  Deutsche  und  Bürger  des  Deutschen  Reichs.  Wir
waren  das  ja  immer,  aber  das  alte  Deutsche  Reich,  das  man  ja  schon  in
der  bezeichnenden  Form  nicht  deutsch,  sondern  heilig  und  römisch  nannte,
das  hatte  ja  auch  die  staatliche  Zusammengehörigkeit  vor  dem  juristischen
Urteil,  aber  sie  war  praktisch  nicht  vorhanden.  Jetzt  ist  sie  durch  dynastische
Streitigkeiten,  durch  die  Rivalität  der  Stämme  nicht  mehr  gestört,  die
Stämme  haben  überhaupt  nicht  so  mit  einander  rivalisiert,  wie  man  das
im  Sprachgebrauch  gewöhnlich  sagt.  Die  Stämme  der  Schwaben  und
Niedersachsen,  der  Obersachsen  gehören  verschiedenen  Dynastien  an  und  haben
Jahrhunderte  lang  ohne  Rücksicht  auf  die  Stammesgemeinschaft  gegen  einander
  gefochten,  der  Thüringer,  der  Obersachse  gegen  seinen  Landsmann
oben  im  Gebirge,  der  Niedersachse  an  der  altmärkischen  und  hannöverschen
Grenze  noch  bei  Langensalza.  In  den  Stämmen  liegt  es  nicht,  es  lag  in
den  Dynastien  und  seit  die  Dynastien  einig  find  und,  wie  ich  glaube,  einig
bleiben  werden  (Bravo),  halte  ich  unsere  nationale  Einigkeit  auch  für  gesichert.
  Der  angestammte  Fürst  hat  immer  auf  das  Herz  seiner  Unter-
        <pb n="135" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai.)  127

thanen  einen  mächtigen  Einfluß  —  und  möge  ihn  behalten  —;  ist  der  gewonnen
  für  die  nationale  Gemeinschaft,  so  ist  diese  Gemeinschaft  gesichert;
ist  der  mißtrauisch,  feindlich  oder  gekränkt  worden,  so  periklitiert  sie.  Bisher
  haben  wir  überall,  in  den  Dynastien  und  dem  gebildeten  Teil  der  Bevölkerung,
  den  freien  Willen,  als  gesamte  deutsche  Nation  zusammen  zu
stehen  und  zusammen  zu  halten;  den  muß  man  auch  erhalten  und  man
muß  in  den  Imponderabilien,  die  den  Einzelnen  verstimmen  können,  vorsichtig
  wirtschaften.  Man  kann  nicht  als  Gesetzgeber  und  Regierender  mit
dem  Kopf  durch  die  Wand  gehen,  man  muß  erst  zufühlen;  denn  etwas
dunkel  ist  die  Zukunft  immer  und  das  Tastgefühl  ist  immer  nötig,  das
Auge  trägt  nicht  weit  (Bravo);  aber  ich  hoffe,  es  wird  hier  das  geschehen,
was  nötig  ist.  Was  uns  heutzutage  trennt  —  das  sind  nicht  Stammesverschiedenheiten,
  nicht  dynastische  Verschiedenheiten,  es  sind  nur  die  politischen
  Parteien  und  die  sind  dazu  gar  nicht  berechtigt.  (Sehr  richtig.)
Jeder  Führer  in  seiner  Partei  —-  sie  machen  mir  den  Eindruck  wie  in  der
ersten  christlichen  Zeit  die  Säulenheiligen:  jeder  stand  als  Stylit  auf  seiner
Säule  und  sagte:  hier  müßt  ihr  herkommen,  ich  gehe  nicht  runter  —  die
Säule  wird  gebildet  aus  folgsamen  Gesinnungsgenossen,  ich  möchte  sagen
hypnotisierten  Gesinnungsgenossen  des  Parteileiters,  der  sie  beherrscht,  und
aus  einem  Mörtel  von  Prinzipien,  die  in  ihrer  Allgemeinheit  auf  das
praktische  Leben  durchaus  unanwendbar  find;  und  diese  Art  der  Einteilung
in  stylitische  Herrschergebiete  —  ich  drücke  mich  deutlicher  aus,  wenn  ich
age  in  Herrschergebiete  der  Parteiführer  —  dies  ist  die  Gefahr,  die  uns
jetzt  bedroht.  Jeder  will  seine  Ansicht,  vielleicht  auch  eine  solche,  die  er
gar  nicht  mehr  hat,  aber  die  er  ursprünglich  als  Programm  in  die  Welt
gesetzt  hat,  ohne  einen  Punkt  auf  dem  i  aufzugeben,  aufrecht  erhalten  und
er  kämpft  darum  mit  den  anderen,  und  das  sind  die  Streitigkeiten,  die  wir
leider  in  unseren  parlamentarischen  Versammlungen  heute  in  hervorragender
Weise  erleben.  Wie  unsere  Zukunft  praktisch  und  allerseits  befriedigend
gestaltet  werden  soll,  allerseits  befriedigend,  das  ist  eine  Frage,  die  nicht
im  Vordergrunde  steht,  dazu  müßte  man  zuerst  die  Verständigung  zwischen
den  Parteien,  den  Fraktionen  suchen  —  gesucht  wird  sie  wohl  von  einzelnen
  Fraktionen;  jeder  sucht  sich  die  eine  oder  die  andere  zu  annektieren
—  es  gelingt  ihr  auch,  bei  den  Wahlen  namentlich  —,  aber  beherrschend
für  die  Aufgabe,  die  wir  zu  lösen  berufen  sind,  ist  der  Gedanke  der  Versöhnlichkeit
  zwischen  den  Parteien  nicht  und  ich  bin  stark  in  Versuchung,
mit  Ihnen  ein  Pereat  auf  die  politischen  Parteien  auszubringen.  (Heiterkeit.)
  Ich  unterlasse  es  aber  (Heiterkeit),  ich  will  Sie  als  Sachsen  lieber
bitten,  mit  mir  einzustimmen  in  ein  Hoch  auf  Ihren  Monarchen,  der  einer
der  wenigen  Ueberlebenden  ist  von  denen,  die  mit  dem  Degen  in  der  Faust
unsere  Einheit  haben  erkämpfen  helfen,  und  der  unter  allen  Umständen  —
ein  seltenes  Muster  —  das  Wohl  seiner  Unterthanen  im  Auge  behalten
hat,  aber  auch  ein  reichstreuer,  nationalgesinnter  Monarch  geblieben  ist.
Se.  Majestät  König  Albert,  er  lebe  hoch,  nochmals  hoch  und  wiederum  hoch!

            Mai.  Enthüllung  über  die  Stellung  des  Herzogs  Friedrichs
von  Augustenburg  zur  Annexion  Schleswig-Holsteins.  Brief  an

König  Wilhelm  vom  20.  Juni  1864.

 Infolge  der  Bemerkungen  Fürst  Bismarcks  in  seiner  Rede  an  die
Ostfriesen  über  den  Nordostseekanal  und  die  Verbindung  Schleswig-Holsteins
mit  Preußen  beschäftigt  sich  die  Presse  lebhaft  mit  der  damaligen  politischen
Stellung  des  Erbprinzen  von  Augustenburg.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“
publiziert  dazu  aus  dem  Archive  von  Princkenau  folgenden  Brief  des  Herzogs
an  den  König  Wilhelm:
        <pb n="136" />
        128  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai.)

„Allergnädigster  König!

Die  gnädige  und  wohlwollende  Weise,  in  welcher  Euer  Majestät
geruht  haben,  mich  bei  meiner  letzten  Anwesenheit  in  Berlin  zu  empfangen,
hat  mich  mit  Freude  und  Dankbarkeit  erfüllt.  Um  so  schmerzlicher  haben  mich
die  verschiedenen  Angriffe  berührt,  die  gleich  darauf  von  einem  Teile  der
Presse  gegen  mich  erfolgt  sind,  denn  ich  mußte  daraus  entnehmen,  daß
manche  anderweitige  Aeußerungen  von  mir  mißverstanden  worden  seien.
Es  würde  mich  aber  auf  das  Tiefste  schmerzen,  wenn  infolge  eines  solchen
Mißverständnisses  bei  Euer  Majestät,  in  welchem  ich  den  mächtigsten  Fürsten
des  nördlichen  Europas,  wie  den  Schützer  und  Hort  meiner  Familie  verehre,
  auch  nur  der  leiseste  Zweifel  an  meinen  Gesinnungen  entstanden  sein
könnte.  Unter  diesen  Umständen  fühle  ich  mich  gedrungen,  um  die  Erlaubnis
zu  bitten,  mich  ganz  offen  und  rückhaltslos  gegen  Euer  Majestät  aussprechen
  zu  dürfen.  Bei  meiner  Anwesenheit  in  Berlin  habe  ich  mir  gestattet,
  Euer  Majestät  auszudrücken,  daß  ich  mich  durch  mein  unterm  29.  April
Allerhöchst  Ihnen  gegebenes  Versprechen  unter  allen  Umständen  für  gebunden
  erachte  und  stets  erachten  werde,  wie  sich  das  von  selbst  versteht,  da  ich
dasselbe  unter  keiner  Bedingung  gestellt  habe.  Dasselbe  habe  ich  Seiner
Königlichen  Hoheit  dem  Kronprinzen  und  Herrn  v.  Bismarck  gegenüber
mehrfach  hervorgehoben.  Ich  habe  mich  demgemäß  auch  bereit  erklärt,  eine
zweiseitige  Aufzeichnung  der  verschiedenen  Punkte  in  Gemeinschaft  mit  Seiner
Königlichen  Hoheit  dem  Kronprinzen  zu  vollziehen.  Ich  habe  indeß  Herrn
v.  Bismarck  auf  die  großen  Gefahren  aufmerksam  gemacht,  welche  das  Bekanntwerden
  solcher  Unterhandlungen  in  einem  Stadium  in  sich  schließen
würde,  welches  der  Rivalität  der  übrigen  Mächte  noch  so  großen  Spielraum
  gewährt.  Um  nicht  die  Aufmerksamkeit  auf  diese  Unterhandlungen
zu  leiten,  habe  ich  namentlich  den  Wunsch  ausgesprochen,  meinen  Aufenthalt
  in  Berlin  möglichst  abkürzen  zu  dürfen.  Euer  Majestät  haben  geruht,
  Allerhöchst  sich  hiermit  im  allgemeinen  einverstanden  zu  erklären.
Geleitet  von  der  Rücksicht,  daß  die  Eifersucht  der  übrigen  Mächte  auf
Preußen  der  Sache  der  Herzogtümer  und  dadurch  auch  Preußens  den  empfindlichsten
  Schaden  thun  kann,  wünschte  ich  möglichst  reserviert  zu  bleiben.
Ich  glaube  es  gegen  Euer  Majestät  weder  früher  noch  jetzt  gewesen  zu  sein.
Sollte  ich  es  vielleicht  zu  sehr  gegen  Herrn  v.  Bismarck  gewesen  sein,  so
ist  das  durch  die  Ansicht  desselben  hervorgerufen  worden,  daß  Geheimhaltung
nicht  wesentlich  notwendig  sei.  Was  ich  Euer  Majestät  am  29.  April  versprach,
  verstehe  ich  im  weitesten  Sinne,  weil  jenes  Versprechen  nicht  nur
aus  einem  Gefühle  der  Dankbarkeit  für  das,  was  Preußen  gethan  hat,
hervorging,  sondern  das  der  Erkenntnis  der  Bedürfnisse  der  Herzogtümer;
ich  verstehe  es  in  einem  weiteren  Sinne,  als  es  wohl  überall  in  Berlin
geschieht,  und  meine,  daß  die  Marinekonvention  Preußen  nicht  nur  eine
Verstärkung  an  Seemannschaften,  sondern  auch  eine  wirkliche  Verstärkung
seiner  ganzen  Seewehr  geben  muß.

Wenn  ich  Herrn  v.  Bismarck  recht  verstanden  habe,  würden  Euer
Majestät  in  Betreff  des  großen  von  Eckernförde  nach  Brunsbüttel  bestimmten
Kanals  1.  ein  Aufsichtsrecht  und  2.  Befestigungen  an  den  Endpunkten
wünschen.  —  Daß,  wenn  der  Kanal  auch  nur  an  einem  Endpunkte  Marine-=station
  sein  soll,  militärische  Rücksichten  ein  Aufsichtsrecht  für  Preußen  erfordern,
  betrachte  ich  als  natürlich.  Ebenso  bin  ich  mit  Gebietsabtretungen
zur  Befestigung  der  Endpunkte  einverstanden.  In  dieser  Beziehung  gestatte
ich  mir  zwei  Bemerkungen:  1.  Ich  möchte  glauben,  daß  es  im  Interesse
Preußens  und  der  Herzogtümer  läge,  diese  Befestigungen  mit  dem  Küstenverteidigungssystem
  des  Bundes  in  Verbindung  zu  bringen.  Dadurch  würde
es  möglich,  eine  unberechtigte  Rivalität  fern  zu  halten,  würde  aber  keines-
        <pb n="137" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai.)  129

wegs  ausgeschlossen  sein,  daß  die  Abtretungen,  bis  das  Bundesverteidigungssystem
  fertig  ist,  sofort  an  Preußen  übergehen.  2.  Fallen  diese  Abtretungen
unter  den  militärischen  Gesichtspunkt,  und  ich  möchte  glauben,  daß,  insofern
Städte  darunter  begriffen  sind,  es  in  betreff  der  zivilen  Verhältnisse  wie
bei  den  Bundesfestungen  gehalten  werden  könnte.  Ich  mache  hierüber  Euer
Majestät  Allerhöchste  Person  zum  Schiedsrichter  und  erkläre  mich  ausdrücklich
  auch  zu  jenen  Abtretungen  bereit,  wenn  Euer  Majestät  jenen  Ansichten
Ihren  Beifall  nicht  schenken  sollten.  Was  die  Demarkationslinie  betrifft,
so  kennen  Euer  Majestät  durch  Seine  Königliche  Hoheit  den  Kronprinzen
schon  meine  Ansicht.  In  meiner  nach  allen  Seiten  hin  gefährdeten  Stellung
habe  ich  in  dieser  Hinsicht  auf  die  Stimmung  der  Bevölkerung  sehr  Rücksicht
  zu  nehmen.  Ich  kann  mich,  so  lange  alles  schwebt,  öffentlich  nicht
für  eine  bestimmte  Linie  aussprechen,  nur  für  das  Prinzip  der  Befragung
der  Bevölkerung.  Euer  Majestät  gegenüber  habe  ich  natürlich  auch  in  dieser

Hinsicht  kein  Bedenken.
                                            Allergnädigster  König!

Ich  wage  zu  hoffen,  daß  Euer  Majestät  aus  Vorstehendem  die  Ueberzeugung
  gewonnen  haben,  daß  nicht  partikularistische  und  selbstsüchtige
Tendenzen,  nicht  Sympathien  für  andere  Mächte  mich  leiten.  Meine  Versprechungen
  vom  29.  April  habe  ich  Euer  Majestät  mit  freudigem  Herzen
erteilt,  weil  ich  die  volle  Ueberzeugung  habe,  daß  jedes  Band,  welches  die
Herzogtümer,  wie  auch  die  übrigen  deutschen  Staaten  an  Preußen  knüpft,
zum  Heile  dieser  Staaten  wie  ganz  Deutschlands  gereichen  wird.  Die  Erweiterung
  des  Einflusses  Preußen  wird  nur  dazu  beitragen,  die  Macht
Deutschlands  zu  vermehren  und  die  Einzelstaaten  sicher  zu  stellen.  Dieser
Ueberzeugung,  welche  ich  von  jeher  besessen  habe,  werde  ich  auch  in  Zukunft
  stets  treu  bleiben.  Nur  könnte  ich  Preußen  und  den  Herzogtümern
nicht  stärker  schaden,  als  wenn  ich  diese  Gesinnung  jetzt  proklamierte  und
es  verlautete,  daß  ich  mich  in  Betreff  der  Machterweiterung  Preußens
gegenüber  gebunden  habe.  Das  ist  der  Grund,  weshalb  ich  jedem  andern
als  Euer  Majestät  gegenüber  eine  gewisse  Reserve  über  diese  meine  Gefinnung
  beobachten  muß.  Zu  Euer  Majestät  aber  habe  ich  das  unbegrenzte
Vertrauen,  daß  ich  mich  Allerhöchstihnen  gegenüber  ganz  offen  aussprechen
darf,  sowie  daß  Euer  Majestät  in  Allerhöchstihrem  gerechten  Sinne  und
Ihrer  patriotischen  Einsicht  nichts  von  mir  fordern  werden,  welches  mir  zu
leisten  unmöglich  sein  wird.  Nur  noch  einen  Punkt  darf  ich  zur  Sprache
bringen.  Es  betrifft  die  Zustimmung  der  Stände,  die  zu  Gebietsabtretungen
und  ähnlichem  wohl  überall  in  Europa  notwendig  ist.  Ich  bin  sicher,  daß
ich  die  Einwilligung  der  Stände  zu  demjenigen,  was  ich  am  29.  April
versprach  —  soweit  sie  überhaupt  erforderlich  ist  —  erhalten  werde;  ich
glaube,  daß  dasselbe  in  Betreff  des  in  diesem  Schreiben  Angebotenen  der
Fall  sein  wird.  Jedenfalls  werde  ich  als  ehrlicher  Mann  hierin  handeln,
wie  ich  mein  ganzes  Leben  gehandelt  habe.  Ich  kann  Euer  Majestät  keinen
besseren  Beweis  meines  vollen  Ernstes  geben,  als  durch  die  Erklärung,  daß,
wenn  meine  Stände  mit  irgend  einem  der  von  mir  versprochenen  Punkte
nicht  einverstanden  erklären  sollten,  ich  meinerseits  die  Regierung  niederlegen
  werde.  Ich  erlaube  mir  hierbei  darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß
ich  in  meinem  Schreiben  vom  29.  April  schon  bemerkt  habe,  daß  ich,  was
den  Anschluß  an  den  Zollverein  betrifft,  in  einem  Falle  die  Zustimmung
der  Stände  nicht  zu  verbürgen  vermag  und  daher  diesen  Fall  ausnehme.
Genehmigen  Euer  Majestät  mir  nur  noch  einen  Wunsch  Allerhöchst  Ihnen
unterthänigst  zu  Füßen  zu  legen.  Dem  Anscheine  nach  steht  der  Wiederausbruch
  des  Krieges  in  nächster  Zeit  bevor.  Ich,  wie  alle  Schleswig-Holsteiner,
  empfinden  im  Selbstbewußtsein  dessen  was  wir  früher  geleistet

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                      9
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        130  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  8.)

haben,  aufs  Schmerzlichste,  daß  wir  nicht  selbst  für  unsere  Befreiung  haben
kämpfen  dürfen.  Ich  nahe  Euer  Majestät  nun  mit  der  unterthänigsten
Bitte,  daß,  wenn  nicht  seitens  anderer  Mächte  unübersteigliche  Hindernisse
dem  entgegentreten,  Euer  Majestät  geruhen  wollen,  es  uns  möglich  zu
machen,  uns  am  Kampfe  zu  beteiligen,  indem  zunächst  wenigstens  für  Holstein
meine  Anerkennung  erfolgt.  Euer  Mojestät  wollen  dann  die  Gnade  haben,
wie  Allerhöchst  Sie  mir  in  Aussicht  gestellt  haben,  Offiziere  zur  Organisation
  der  Armee  kommandieren  zu  lassen  sowie  in  Betreff  des  Kriegsmaterials
das  Erforderliche  zu  befehlen,  und  es  wird  unser  eifrigstes  Bestreben  sein,
dem  glänzenden  Vorbilde,  welches  Euer  Majestät  erhabenes  Kriegsheer  uns
gewährt,  nach  Kräften  ähnlich  zu  werden.  Unendlich  glücklich  wird  es  mich
machen,  wenn  es  mir  möglich  sein  wird,  bei  Einem  zweiten  Besuche  Euer
Majestät  in  den  Herzogtümern  nach  einem  neuen  Siege  wie  dem  bei  Düppel
Euer  Mcjestät  ein  schleswig-holsteinsches  Korps  vorzuführen,  und  dasselbe  sich
dann  des  Beifalls  Euer  Majestät  zu  erfreuen  hat.  Möge  dieser  Tag  nahe
sein  und  möge  es  mir  bald  vergönnt  sein,  an  der  Spitze  eines  schleswigholsteinschen
  Korps  Euer  Majestät  den  Dank  der  Herzogtümer  für  Allerhöchstihr
  erhabenes  Befreiungswerk  darzubringen.

Geruhen  Euer  Majestät  die  Versicherung  der  unbegrenzten  Verehrung
und  Ergebenheit  entgegen  zu  nehmen,  womit  ich  verharre

(gez.)  Friedrich.

 

          Kiel,  den  20.  Juni  1864.
Seiner  Majestät  dem  König  von  Preußen,  Karlsbad.

8.  Mai.  (Berlin.)  Die  landeskirchliche  Konferenz  fordert,
daß  der  Staat  der  Kirche  Einfluß  bei  Besetzung  der  theologischen
Professuren  gewähre.

8.  Mai.  (Reichstag.)  Zweite  Beratung  der  Umsturzvorlage
  (vgl.  S.  1  bis  7).  Rede  Hohenlohes.

Zu  dem  Gesetzentwurf  in  der  Kommissionsfassung  (S.  115)  liegen
folgende  Anträge  vor:  1.  Vom  Abg.  Barth  (Frs.  Vg.):  Der  Reichstag
wolle  beschließen:  im  §  111  (der  Kommissionsfassung)  a)  die  §§  201,  205
(welche  das  Duell  betreffen)  vor  §  240  einzufügen;  b)  statt  der  Worte:
Gleiche  Strafe  trifft  Denjenigen  ..  .  (bis)  angreift  oder  rechtfertigt,  zu
setzen:  Gleiche  Strafe  trifft  Denjenigen,  welcher  auf  die  im  §  111  bezeichnete

eise  ein  Verbrechen  oder  eines  der  in  den  §§  ..  vorgesehenen  Vergehen
in  der  Absicht  anpreist  oder  als  erlaubt  darstellt,  dadurch  zur  Begehung
der  bezeichneten  strafbaren  Handlungen  anzureizen.  2.  Von  den  Abgg.
v.  Levetzow  (dk.)  und  Genossen:  Den  Absatz  2  des  §  111  des  Strafgesetzbuchs
  durch  nachfolgende  Bestimmungen  zu  ersetzen:  Ist  die  Aufforderung
ohne  Erfolg  geblieben,  so  tritt  Geldstrafe  bis  sechshundert  Mark  oder  Gefängnisstrafe
  bis  zu  einem  Jahr  und,  sofern  es  sich  um  die  Aufforderung
zu  einem  Verbrechen  handelt,  Gefängnisstrafe  bis  zu  drei  Jahren  oder
Geldstrafe  bis  zu  zweitausend  Mark  ein.  Die  im  vorigen  Absatz  angedrohten
Strafen  treffen  auch  Denjenigen,  welcher  auf  die  im  §  110  bezeichnete  Art
ein  Verbrechen,  den  Ehebruch  oder  eines  der  in  den  §§  113,  114,  115,  124,
125,  240,  242,  305,  317,  321  vorgesehenen  Vergehen  in  einer  Weise  anpreist
oder  rechtfertigt,  die  geeignet  ist,  Andere  zur  Begehung  solcher  seraern
Handlungen  anzureizen.  Die  auf  Grund  der  beiden  vorhergehenden  Absätze
zu  verhängenden  Strafen  dürfen  jedoch  der  Art  oder  dem  Maße  nach  keine
schwereren  sein  als  für  die  Handlung  selbst  angedrohten.
        <pb n="139" />
        Das  Neenische  Reich  und  seine  einjelnen  Glieder.  (Mai  8.)  131

Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst:  Meine
Herren,  gestatten  Sie  mir,  gleich  zu  Beginn  der  Diskussion  über  §  111
einige  allgemeine  Bemerkungen  zu  machen.  Ich  thue  dies,  um  meine  Ansicht
vom  allgemeinen  Gesichtspunkt  aus  gleich  zusammenzufassen,  um  bei  den
einzelnen  Paragraphen  Wiederholungen  zu  vermeiden.  Meine  Herren,
schon  bei  der  ersten  Lesung  habe  ich  Gelegenheit  gehabt,  darauf  hinzuweisen,
  daß  das  Gesetz,  betreffend  die  Aenderungen  und  Zusätze  zum  Strafgesetzbuch
  nicht  hervorgegangen  ist  aus  allgemeinen  theoretischen  Erwägungen,
sondern  veranlaßt  wurde  durch  die  mehr  und  mehr  sich  geltend  machende
Ueberzeugung,  daß  die  Grundlagen  des  religiösen  und  sittlichen  Lebens,
daß  die  Achtung  vor  den  überkommenen  Einrichtungen  unserer  Staatsordnung,
daß  der  Gehorsam  gegen  das  Gesetz  und  das  Ansehen  der  Obrigkeit  erschüttert
  sind.  Eine  Umkehr  schien  nöthig  und  Maßregeln  wurden  gefordert
und  erwartet,  die  zur  Wiederherstellung  und  Festigung  jener  Grundlagen
führen  konnten.  Je  größer  die  Besorgnis  vor  revolutionären  und
anarchistischen  Ausschreitungen  war,  um  so  stärker  trat  an  die  Regierung
die  Forderung  heran,  die  bürgerliche  Gesellschaft  zu  schpen.  Als  nun  die
verbündeten  Regierungen  dieser  Forderung  durch  eine  Reform  des  gemeinen
Rechts  zu  entsprechen  unternahmen,  konnten  sie  sich  der  Hoffnung  hingeben,
daß  sie  der  Zustimmung  wenigstens  des  Theils  der  Bevölkerung  sicher  sein
würden,  der  am  lautesten  nach  Schutz  und  strengeren  Strafbestimmungen
gerufen  hatte.  (Sehr  gut!  Große  Heiterkeit.)  Und  als  bei  der  ersten
Beratung  angesehene  Mitglieder  dieses  hohen  Hauses  sich  im  gleichen  Sinne
aussprachen,  gaben  wir  uns  der  Hoffnung  hin,  daß  aus  den  Beratungen
der  Kommission  ein  Gesetz  hervorgehen  werde,  das  dem  Zweck  der  Vorlage
entspräche.  Diese  Hoffnung  ist  nur  zum  Theil  in  Erfüllung  gegangen.  (Hört,
hört!)  Im  Laufe  der  Kommissionsverhandlungen  vermehrten  sich  zusehends
die  Feinde  der  Vorlage.  Anträge  wurden  in  der  Kommission  gestellt,  die
die  Außenstehenden  erschreckten.  (Sehr  richtig!)  Und  wenn  diese  Anträge
auch  nur  zum  Teil  zur  Annahme  gelangten,  so  vermehrten  sie  doch  den
ungünstigen  Eindruck.  Von  vielen  Seiten  erhoben  sich  Warnungsrufe,
vielleicht  auch  von  solchen,  die  das  Gesetz  gar  nicht  einmal  gelesen  hatten,
(Sehr  richtig!)  und  es  wurde  der  Reichsregierung  und  dem  Reichstage  der
Vorwurf  gemacht,  daß  fie  die  Geistesfreiheit  des  deutschen  Volkes  beschränken
wollten,  während  doch  nur  beschimpfende  und  den  öffentlichen  Frieden  gefährdende
  Aeußerungen,  keineswegs  aber  wissenschaftliche  Kritik  unter  Strafe
gestellt  werden  sollen.  Ueberhaupt  verstehe  ich  die  Herten  nicht,  die  Entrüstungsversammlungen
  abhalten.  (Sehr  richtig!  Heiterkeit.)  Ich  habe
eine  zu  hohe  Meinung  von  dem  Volke  der  Denker,  als  daß  ich  es  wagen
möchte  anzunehmen,  es  könne  die  Geistesarbeit  eines  deutschen  Philosophen,
es  könne  der  große,  weltbewegende  Kampf  der  Geister  und  der  Fortschritt
der  Menschheit  gehemmt  werden  durch  gesetzliche  Bestimmungen,  die  öffentliche
  beschimpfende  Aeußerungen  unter  Strafe  stellen.  (Bewegung.)  Vielleicht
hat  zu  den  Besorgnissen  und  Mißverständnissen  auch  beigetragen,  daß  die
Kommission  Materien  in  das  Gesetz  hineingetragen  hat,  die  demselben
früher  in  dem  gleichem  Maße  ferngeblieben  waren.  Während  die  Vorlage
vor  allem  die  Stärkung  der  Staatsgewalt  und  den  Schutz  der  öffentlichen
Ordnung  im  Auge  hatte  und  deshalb  vor  Allem  die  Abschnitte  VI  und
VII  Teil  II  des  Strafgesetzbuchs  in  den  Kreis  ihrer  Vorschläge  zog,  erstrecken
  sich  die  Aenderungen  der  Kommission  vorzugsweise  auf  das  Gebiet
der  strafbaren  Handlungen  gegen  Religion  und  Sitte  (Abschnitt  XI  und
XIII  des  Strafgesetzbuchs),  ja  sie  wollen  dieses  Gebiet  noch  erweitern.  Dagegen
  find  gerade  diejenigen  Bestimmungen,  die  auf  die  Festigung  der  Staatsordnung,
  der  Staatsgewalt  bezug  haben,  ziemlich  stiefmütterlich  behand-                                                                     9*
        <pb n="140" />
        132  Das  Deutsche  Reich  uad  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  8.)

delt.  So  hat  die  Kommission  in  §  111  die  Verherrlichung  des  Widerstandes
  gegen  die  Staatsgewalt,  die  recht  eigentlich  in  den  Rahmen  dieses
Gesetzes  gehört,  beseitigt  dadurch,  daß  sie  die  Bezugnahme  auf  den  §  113
des  Strafgesetzbuchs  gestrichen  hat.  Ich  gebe  mich  der  Hoffnung  hin,  daß
der  Reichstag  diesen  Paragraphen  wieder  einsetzen  wird,  um  so  mehr,  als
es  sich  ja  nicht  um  passiven  Widerstand  handelt,  sondern  nur  um  den
Widerstand  mit  Gewalt,  Bedrohung  und  thätlichem  Angriff.  Eine  Ausscheidung
  dieses  Paragraphen  würde  eine  Schwächung  der  Vorlage  mit  sich
bringen,  die  sehr  zu  bedauern  wäre.  Was  nun  den  zweiten  Teil  des
§  111  anbetrifft,  so  kann  ich  in  dem  Vorschlag  der  Kommission  keine  Verbesserung
  erkennen.  Die  Vorlage  will  Den  treffen,  der  vor  der  Oeffentlichkeit
  Verbrechen  und  Vergehen  anpreist,  dieselben  als  erlaubt  darstellt,
sofern  die  hieraus  sich  ergebende  Verwirrung  des  Rechts=  und  Sittlichkeitsgefühls
  die  Gefahr  in  sich  trägt,  die  Neigung  zur  Begehung  ähnlicher
strafbarer  Handlungen  hervorzurufen  oder  zu  steigern.  Die  Kommission
will  aber  nur  dann  strafen,  wenn  der  Thäter  Andere  zur  Begehung  strafbarer
  Handlungen  angereizt  hat.  Darin  sehe  ich  eine  Abschwächung  des
Gesetzes,  zu  der  ich  kein  genügendes  Motiv  erkennen  kann.  Ebenso  halte
ich  es  juristisch  nicht  zu  rechtfertigen,  wenn  die  Anpreisung  von  Handlungen
mit  Strafe  bedroht  wird,  die,  wenn  auch  sittlich  zu  verurteilen,  dennoch
nach  dem  geltenden  Recht  nicht  strafbar  sind.  Um  Uebrigen  kann  ich  mich,
was  den  §  111  betrifft,  dem  Antrag  der  Herren  Abgeordneten  von  Levetzow
und  Genossen  anschließen.  Ich  kann  Ihnen  nur  empfehlen,  sich  über  eine
Form  des  Gesetzes  zu  verständigen,  die  der  Regierung  die  Mittel  an  die
Hand  giebt,  revolutionären  Bestrebungen  mehr  als  bisher  mit  der  nötigen
Kraft  entgegenzutreten.

Abg.  Barth  (frs.  Vg.)  gegen  die  Vorlage:  Der  §  111  stelle  Alles
in  das  Ermessen  des  Richters,  der  keine  objektiven,  sondern  nur  subjektive
Merkmale  habe;  wie  könne  er  eine  Entscheidung  treffen,  was  eine  Glorifikation
  sei  und  was  nicht?  Dazu  müsse  er  erst  feststellen,  wie  sie  gewirkt
habe,  für  welches  Publikum  sie  berechnet  war  u.  s.  w.  Wer  die  Entwickelung
  der  Sozialdemokratie  in  Deutschland  verfoltt  habe,  könne  nicht  überseheen,
  daß  die  revolutionären  und  anarchistischen  Agitatoren  mehr  und  mehr
von  den  Führern  zurückgedrängt  werden.  Eine  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  sei  nur  auf  dem  Wege  der  freien  Kritik  und  Diskussion  möglich,
die  durch  dieses  Gesetz  so  außerordentlich  erschwert  werde.  Die  heutige
Sozialdemokratie  habe  kein  Interesse  daran,  sich  einer  Gewaltpolitik  zuzuwenden.
  Es  sei  notwendig,  daß  sich  der  ruhige  Staatsbürger  bessere  Nerven
anschaffe  gegenüber  gelegentlichen  Aeußerungen  der  sozialdemokratischen
Agitation.  Abg.  v.  Manteuffel  (kons.)  erklärt,  daß  die  konservative
Partei  bei  Ablehnung  ihres  Antrages  gegen  das  ganze  Gesetz  stimmen  werde.
Die  Vorlage  sei  durch  die  Kommission  erheblich  verschlechtert,  allein  das
Betonen  der  christlichen  Anschauung  sei  dankenswert.  Abg.  Auer  (Soz.):
Die  Vorlage  werde  von  den  Kreisen,  die  am  lautesten  nach  Schutz  geschrieen
hätten,  den  Mittelparteien,  verleugnet,  das  Zentrum  habe  dagegen  der  ihr
ursprünglich  unsympathischen  Vorlage  seinen  Stempel  aufgedrückt.  Die
sozialdemokratische  Partei  sei  nicht  gewaltthätig,  und  dieser  immer  wiederholte
  Vorwurf  mache  den  Eindruck,  daß  man  insbesondere  in  militärischen
Kreisen  die  Revolution  hervorrufen  wolle,  um  sie  mit  militärischer  Macht
niederzuschlagen.  Kriegsminister  Bronsart  von  Schellendorff:  Die
Armee  sehe  keine  Ehre  darin,  unbotmäßige  Pöbelhaufen  zu  bezwingen.  Wir
betrachten  es  als  angenehme  Pflicht,  das  der  Polizei  und  Feuerwehr  zu
überlassen.  (Stürmische,  lang  andauernde  Heiterkeit  auf  allen  Seiten  des

Hauses.)
        <pb n="141" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  9.)  133

Abg.  v.  Kardorff  (Rp.):  Ich  habe  namens  meiner  politischen
Partei  folgende  Erklärung  zu  verlesen:  Die  deutsche  Reichspartei  hat  als
den  eigentlichen  Zweck  der  dem  Reichstage  zugegangenen  Vorlage  den  Schutz
der  bürgerlichen  Gesellschaft  gegen  die  auf  den  Umsturz  der  bestehenden
Staats=  und  Gesellschaftsordnung  gerichteten  Bestrebungen  der  sozialdemokratischen
  Partei  angesehen.  Wir  waren  von  vornherein  nicht  darüber
zweifelhaft,  daß  die  von  dem  früheren  Reichskanzler  vorbereitete  Vorlage
den  Anforderungen  nicht  entsprach,  welche  wir  im  allgemeinen  öffentlichen
Interesse  an  ein  solches  Gesetz  stellen  zu  müssen  glaubten;  namentlich  vermißten
  wir  Bestimmungen,  durch  welche  allen  dem  Umsturz  abgeneigten
und  ein  friedliches  Zusammenwirken  mit  ihren  Arbeitgebern  wünschenden
Arbeitern  gegen  die  Willkür  und  den  Despotismus  der  sozialdemokratischen
Führer  ein  Schutz  gewährt  und  die  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  gegen
frivole  Ausstände  geschützt  und  Exzesse  der  sozialdemokratischen  und  anarchistischen
  Partei  verhindert  würden.  Die  Aenderungen  der  Kommission  hätten
den  Zweck  der  Vorlage  verdunkelt,  daher  werde  die  Reichspartei  mit  Ausnahme
  des  Militärparagraphen  gegen  die  Vorlage  stimmen.  Abg.  v.  Eneccerus
  (nl.):  Die  Vorlage  sei  für  seine  Partei  unannehmbar,  ebenso  der
Antrag  Barth;  ein  Teil  seiner  Partei  werde  für  den  konservativen  Antrag
stimmen,  die  Minderheit  gegen  die  ganze  Vorlage.  Abg.  v.  Wolszlegier:
(Pole)  gegen  die  Vorlage.  Die  erfolglose  Aufforderung  zu  einem  Verbrechen
  könne  bestraft  werden,  aber  nicht  die  Anpreisung  eines  Verbrechens.
Abg.  Reindl  (Z.):  Neben  der  staatlichen  Ordnung  müßte  auch  Religion
und  Sitte  geschützt  werden.  Zu  §  111  sehen  wir  weder  in  dem  Antrage
Barth,  noch  in  dem  Antrage  der  Konservativen  Verbesserungen  gegenüber
der  Regierungsvorlage;  wir  werden  daher  in  der  zweiten  Lesung  für  die
Kommissionsbeschlüsse  stimmen.  Bezüglich  der  ganzen  Vorlage  bemerken
wir,  daß  auch  uns  die  Beschlüsse  der  Kommission  nicht  überall  gefallen
und  genügen.  (Große  Heiterkeit.)  Meine  Freunde  werden  auf  die  einzelnen
  Bestimmungen  eingehen,  sich  aber  die  Schlußabstimmung  ausdrücklich
vorbehalten.  (Große  Heiterkeit.)  Abg.  Munckel  (frs.  Vp.):  Die  freifinnige
Volkspartei  werde  gegen  die  Vorlage  und  alle  Abänderungsanträge  stimmen.
Abg.  Zimmermann  (Reformp.):  Die  Antisemiten  würden  gegen  die  Vorlage
  stimmen,  durch  die  man  der  Sozialdemokratie  keinen  Abbruch  thun
werde.

9.  Mai.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Beratung  über  die

Umsturzvorlage.  Reden  Schönstedts  und  Köllers.

Neu  eingegangen  ist  ein  Antrag  Gröber  (3.):  In  §  111  hinter
den  Worten  „sofern  es  sich  um  die  Aufforderung  zu  einem  Verbrechen“
einzuschalten:  „zum  thätlichen  Angriff  gegen  einen  Beamten  während  der
rechtmäßigen  Ausübung  seines  Amtes."“

Justizminister  Schönstedt  erklärt,  die  Regierung  lege  auf  die  Aufnahme
  der  §§  113,  114  in  das  Gesetz  das  größte  Gewicht,  und  es  werde
eventuell  das  Schicksal  der  Vorlage  hiervon  abhängen.  Diese  Paragraphen
repräsentierten  am  besten  die  Absicht  der  verbündeten  Regierungen,  die
Staatsgewalt  zu  stärken.  Er  hege  die  Hoffnung,  daß  der  Antrag  v.  Levetzow
zur  Annahme  gelange,  daß  namentlich  auch  das  Zentrum  dafür  stimmen
werde.  Minister  des  Innern  v  Köller:  Wenn  der  Herr  Abg.  Lenzmann
sagte,  die  Regierung  trüge  die  Verantwortung  für  diese  Vorlage,  und  gewissermaßen
  den  Regierungen  damit  hat  einen  Vorwurf  machen  wollen,  so
will  ich  ihm  darauf  erwidern,  daß  die  verbündeten  Regierungen  jederzeit  die
Verantwortung  für  ihre  Handlungen  tragen  werden,  und  ob  Sie  die  Gründe
richtig  finden,  welche  die  verbündeten  Regierungen  leiten,  oder  nicht,  das
        <pb n="142" />
        134  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  10.)

wird  den  verbündeten  Regierungen  im  großen  und  ganzen  ziemlich  gleichgiltig
  sein.  (Lebhafter  Widerspruch  und  große  Unruhe  links.)  Wir  bedürfen
  Ihrer  nur  soweit,  als  Sie  den  Gesetzen  zuzustimmen  haben,  die  vorgelegt
  werden,  oder  die  Gelder  zu  bewilligen  haben.  Sie  mögen  Ihre
Zustimmung  zu  Gesetzen  verweigern,  —  dann  werden  es  keine  Gesetze;  ob
die  verbündeten  Regierungen  aber  überhaupt  Gesetzentwürfe  vorlegen  oder
nicht,  haben  diese  zu  ermessen.  Die  Sozialdemokratie  sei  keineswegs  so
harmlos,  wie  sie  die  Freissinnigen  darstellen.  Der  Minister  führt  eine  Anzahl
  Aeußerungen  sozialdemokratischer  Redner  in  Volksversammlungen  an,
die  Aufreizungen  zur  Revolution  oder  Verherrlichung  der  Revolutionäre
enthalten,  z.  B.  soll  eine  Majestätsbeleidigung  und  Diebstahl  nicht  für  eine
ehrlose  Handlung  gelten.  Die  sozialistische  Presse  schüre  grundsätzlich  die
Unzufriedenheit,  so  erkläre  der  „Vorwärts"  die  Zufriedenheit  und  Bedürfnislosigkeit
  für  das  erbärmlichste  aller  Laster,  ähnlich  die  „Rache"“,
der  „Sozialist.  Akademiker",  die  „Volkswacht“.  Die  christlichen
Lehren  endlich  würden  durch  die  sozialdemokratische  „Bibel  in  der  Westentasche“
  aufs  gemeinste  parodiert.  Solchen  Ausschreitungen  gegenüber  sei
die  Vorlage  notwendig  gewesen.  Abg.  Bebel  (Soz.):  Solche  Gesetzesbestimmungen
  würden  der  Sozialdemokratie  keinen  Eintrag  thun.  Die
Vorlage  sei  gänzlich  unmotiviert,  so  betrugen  die  Verurteilungen  wegen
der  hier  in  Frage  stehenden  Vergehen  jährlich  rund  70  von  425  000  Verurteilungen.
  Die  Sozialdemokratie  habe  nie  Bestrebungen  zur  Revolution
bekundet;  alle  Revolutionen  seit  der  englischen  Revolution  seien  bürgerlichen
  Ursprungs.  Die  Zitate  Herrn  v.  Köllers  seien  teils  harmlos,  teils
seien  sie  anarchistisch  und  nicht  sozialistisch.  Wenn  eine  Partei  sich  die
Partei  der  Menschenliebe  nennen  kann,  so  ist  es  die  Sozialdemokratie,
welche  die  menschheitlichen  Ideale:  Freiheit,  Gleichheit,  Brüderlichkeit,  die
sich  mit  dem  Ideal  des  Christentums  decken.  verwirklichen  will.  Sie  (rechts)
haben  ja  längst  aufgehört,  Ideale  zu  besitzen;  sie  haben  kein  anderes  Ideal
mehr  als  den  nackten  Materialismus,  den  Geldbeutel  zu  füllen  auf  Kosten
der  Aermsten.  Abg.  Schall  (kons.)  wendet  sich  gegen  die  Angriffe  der
Sozialdemokratie  auf  das  Christentum.  Er  wolle  einen  Schutz  der  Religion,
aber  keine  Einengung  der  freien  Forschung.  Das  Duell  sei  bedauerlich,
aber  noch  nicht  zu  beseitigen,  es  müße  aber  eingeschränkt  werden.

10.  Mai.  (Reichstag.)  Umsturzvorlage.  Gröbers  Rede.
Beginn  der  Abstimmung.

Abg.  Gröber  (Z.):  Es  sei  bereits  der  Verdacht  rege  geworden,  daß
die  Regierungsvorlage  nicht  so  ernst  gemeint  sei  und  nur  den  Titel  abgeben
  solle  für  ein  kommendes  neues  Sozialistengesetz.  Ein  solches  sei  aber
zur  Zeit  unmöglich,  da  der  Reichstag  sich  dagegen  erkärt  und  selbst  auf
den  Weg  des  gemeinen  Rechts  verwiesen  habe.  Es  werde  weiter  geargwöhnt,
  daß  eine  Ablehnung  dieses  Gesetzes  nicht  unwillkommen  wäre,  um
an  hoher  Stelle  zu  beweisen,  daß  der  Weg  des  gemeinen  Rechts  ungangbar
wäre.  Diese  Behauptung,  soweit  sie  etwa  sich  auf  den  Herrn  Reichskanzler
beziehe,  müsse  er  energisch  zurückweisen;  dieser  werde  gewiß  keine  Scheinmanöver
  aufführen.  Ebenso  wenig  halte  er  es  für  wahrscheinlich,  daß  ein
anderer  Staatsmann  etwa  weitergehende  Pläne  hege  und  sich  darin  mit
dem  Chef  der  Reichspolitik  in  Widerspruch  befinde.  Die  gestrigen  Reden
der  Regierungsvertreter  halte  er  allerdings  nicht  für  geeignet,  solche  Zweifel
zu  zerstreuen.  Gefährlicher  als  die  anarchistischen  Schriftsteller  seien  die
Lehren  der  liberalen  Professoren.  Ferner  polemisiert  der  Redner  gegen
Herrn  v.  Köller,  der  aus  dem  Reichstag  einen  Gesetzgebungsautomat  nachen
wolle.  Justizminister  Schönstedt  erwidert,  der  Vorredner  habe  ange-
        <pb n="143" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  11.)  135

deutet,  daß  eine  Kontremine  gegen  den  Herrn  Reichskanzler  bestehe.  Das
sei  unbegründet,  und  so  lange  kein  desaveu  seitens  des  Reichskanzlers  erfolge,
  müsse  er  dem  Abg.  Gröber  die  Berechtigung  zu  solchen  Behauptungen
bestreiten.  Die  bisherigen  Verhandlungen  über  das  Gesetz  hätten  den  Verlauf
  genommen,  daß  der  Regierung  Waffen  in  die  Hand  gedrückt  werden
sollen,  die  sie  nicht  verlangt  hat  und  von  denen  sie  keinen  Gebrauch  machen
könne.  Abg.  Dr.  Sigl  (wild)  gegen  die  Vorlage,  Abg.  Dr.  Eneccerus
(nl.)  ist  für  die  §§  113  und  114  gegen  166  und  167.  Gegen  den  Antrag
Barth  (vgl.  S.  130)  spricht  Abg.  Spahn  (Z.),  der  das  Verbot  des
Duells  lieber  in  §  210  anstatt  111  einfügen  will.  Abg.  Bebel  (Soz.)
für  den  Antrag,  da  das  Duellwesen  einen  ungeheuern  Umfang  angenommen
habe,  besonders  in  der  Armee  und  unter  den  Studenten.

In  der  nun  folgenden  Abstimmung  wird  zunächst  der  Antrag  Barth,
für  die  Verhängung  der  Strafe  das  Vorhandensein  der  Absicht  vorauszusetzen,
  gegen  die  Stimmen  der  gesamten  Linken  (Sozialdemokraten,  Volkspartei,
  beide  freisinnige  Parteien),  der  Polen,  Antisemiten  und  eines  erheblichen
  Teiles  der  Nationalliberalen  abgelehnt;  desgleichen  die  Fassung  des
Antrages  Levetzow  gegen  die  Stimmen  der  Konservativen,  eines  Teils  der
Freikonservativen  und  des  größern  Teils  der  Nationalliberalen;  etwa  mit
dem  gleichen  Stimmenverhältnis  wird  auf  die  Einfügung  der  §§  113  und
114  in  den  §  111  der  Vorlage  abgelehnt.  Für  den  Antrag  Gröber  stimmen
nur  das  Zentrum,  die  Polen  und  zwei  Konservative.  Die  Aufnahme  des
in  der  Kommissionsvorlage  enthaltenen  §  166,  Beschimpfung  religiöser  Einrichtungen
  und  Gebräuche,  wird  gegen  die  Stimmen  des  Zentrums  und
einiger  Konservativen  abgelehnt,  desgleichen  die  Aufrechterhaltung  des  §  167
und  die  Beibehaltung  der  auf  den  Ehebruch  bezüglichen  Stelle.  Die  Aufnahme
  des  Duells  wurde  gegen  die  Stimmen  der  gesamten  Linken,  des
deutschkonservativen  Abg.  Hüpeden  und  des  Antisemiten  Bindewald  abgelehnt.
  Der  so  veränderte  §  111  der  Kommissionsvorlage  fällt  unter  großer
Heiterkeit  des  Hauses,  indem  sich  nur  der  überwiegende  Teil  des  Zentrums
dafür  erhebt.  Sodann  erfolgt  die  Abstimmung  über  die  Regierungsvorlage,
§  111  und  §  111  a.  Für  §  111  erheben  sich  die  Konservativen,  Freikonserdativen
  und  zwei  nationalliberale  Abgeordnete.  Bei  der  Abstimmung  über
§  111a  stehen  unter  zunehmender  Heiterkeit  des  Hauses  nur  noch  einige
wenige  Mitglieder  auf.  Somit  find  sämtliche  Vorschläge  abgelehnt.

11.  Mai.  (Reichstag.)  Ablehnung  der  Umsturzvorlage.
Debatte  über  den  Militärparagraph.

In  der  Beratung  über  §  112  erklärt  Abg.  Haußmann  (südd.  Vp.):
Gegen  den  §  112  sei  nur  deshalb  die  Agitation  keine  so  starke  gewesen,
weil  die  Angehörigen  des  Heeres  infolge  seiner  Organisation  nicht  gegen
diese  Bestimmungen  hätten  auftreten  können.  Kriegsminister  Bronsart
v.  Schellendorff:  Die  Armee  sei  die  beste  Schutzwehr  gegen  die  Sozialdemokratie,
  daher  auch  deren  wiederholte  aber  vergebliche  Versuche,  dies
Hindernis  ihrer  Pläne  zu  beseitigen.  Er  halte  den  §  112  der  Regierungsvorlage
  für  entschieden  besser  als  den  der  Kommissionsfassung.  Abg.  Bebel
(Soz.):  Bestrebungen,  die  Armee  zu  revolutionieren,  hätte  die  Sozialdemokratie
  nie  geübt.  Er  wolle  gar  nicht  bestreiten,  daß  bei  der  allgemeinen
Verbreitung  der  sozialdemokratischen  Ideen  im  Volke  auch  diese  Ideen  in
die  Armee  eindringen,  sei  es  durch  Angehörige  der  Reserve  oder  der  Landwehr.
  Eine  Gefahr  für  den  gegenwärtigen  Staat  bestehe  dadurch  nicht,
da  die  Sozialdemokratie  keinen  gewaltsamen  Rechtsbruch  wolle.  Abg.  Osann
(nl.):  Die  sozialistischen  Führer  beherrschten  die  Masse  nicht  mehr  so  unbedingt,
  um  sie  vor  Gewaltthaten  zurückzuhalten.  Abgg.  v.  Kardorff
        <pb n="144" />
        136  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai.)

(R.P.)  und  v.  Levetzow  (kons.)  erklären,  ihre  politischen  Freunde  würden
infolge  der  Erklärung  des  Kriegsministers  für  §  112  der  Regierungsvorlage
und  gegen  den  der  Kommissionsfassung  stimmen.

Darauf  wird  §  112  der  Kommissionsbeschlüsse  gegen  die  Stimmen
des  Zentrums  und  der  Polen,  und  §  112  der  Regierungsvorlage  gegen  die
Stimmen  der  Deutschkonservativen,  der  Reichspartei  und  der  Nationalliberalen
  abgelehnt.  Auf  Antrag  Richter  (frs.  Vp.)  wird  über  die  folgenden
  §§  ohne  Diskussion  abgestimmt.  Infolgedessen  wird  der  Rest  der
Vorlage  in  allen  seinen  einzelnen  Teilen,  nachdem  der  Antrag  v.  Levetzow
und  die  sonstigen  Anträge  zurückgezogen  sind,  ohne  Debatte  in  kurz  aufeinander
  folgenden  Abstimmungen  abgelehnt.

Mai.  Die  Presse  über  die  Ablehnung  der  Umsturzvorlage.

Die  der  Vorlage  feindliche  Presse  ist  von  dem  Ausgang  hochbefriedigt,
die  mittelparteiliche  ist  zwar  erfreut  über  die  Ablehnung  der  klerikalisierten
Vorlage,  bedauert  aber,  daß  der  Staatsgewalt  die  geforderte  Verstärkung
versagt  worden  sei.

„Nat.-Ztg.“:  Die  Sozialdemokratie  wird  selbstverständlich  laut
über  den  Ausgang  jubeln  und  —  leise  ihre  „bürgerlichen"  Helfer  verlachen,
  die  mitzubeln  werden.  Wir  können  in  der  Genugthuung  über  die
Abweisung  des  klerikalen  Eroberungszuges  die  Niederlage  nicht  gering  anschlagen,
  welche  die  Sache  der  staatlichen  Ordnung  erlitten  hat.  Die  Sozialdemokratie
  wird  allerdings  dafür  sorgen,  daß  der  Anlaß,  den  Kampf  von
Neuem  aufzunehmen,  nicht  lange  ausbleiben  wird.  Möge  die  Staatsgewalt
dann  besser  gerüstet  sein,  ihn  mit  Erfolg  zu  führen.“

Das  „Leipz.  Tagebl."  tadelt,  „daß  die  Mittelparteien  dem  Zentrum
die  Führung  überließen,  anstatt  dem  gesunden  Grundgedanken  der  Vorlage
zum  Siege  zu  verhelfen  und  der  Regierung  als  feste  Stütze  zu  dienen.“

Die  „Hamb.  Nachr.“  bezeichnen  ein  Ausnahmegesetz  als  alleiniges
Mittel  die  Sozialdemokraten  zu  bekämpfen.

Der  „Hannov.  Courier"  und  die  „Leipz.  Ztg.“  wünschen  eine
Korrektur  des  allgemeinen  Wahlrechts.

Münchener  „Allg.  Ztg.“:  Wenn  die  Beschleunigung  einer  negativen
  Entscheidung  formell  gewissermaßen  eine  Befreiung  bedeutet,  so  wirft
das  Mißlingen  der  gegen  die  Umsturzpropaganda  der  Sozialdemokratie  gerichteten
  Aktion  doch  ein  höchst  bedenkliches  Licht  auf  unsere  parlamentarische
Mehrheit  und  erfüllt  mit  ernsten  Besorgnissen  für  die  Zukunft.

„Nordd.  Allg.  Ztg.“:  Die  Regierung  habe  ihre  Schuldigkeit
ghen  die  Schuld,  daß  nichts  gegen  den  Umsturz  erreicht  sei,  trage  das

Zentrum.

Die  konservativen  Blätter  wenden  sich  gegen  die  Mittelparteien  und
empfehlen  andere  als  die  von  der  Regierung  verlangten  Mittel.

„Kreuz-Ztg.“:  „Ein  Jeder  ..  ..  kann  nur  ein  Lächeln  dafür
haben,  wenn  das  amtliche  Parteiorgan  der  Geschlagenen  par  excellence,
die  „Nat.-Lib.  Korresp.“,  ihre  erfreuten  Betrachtungen  über  die  Tagesfrage
  mit  der  Bemerkung  schließt,  daß  das  Bedürfnis  nach  verstärkten
Mitteln  der  Abwehr  für  die  Staatsgewalt  gegenüber  den  Umsturzbestrebungen
natürlich  erhalten  bleibe.  Gewiß  bleibt  es  „erhalten“;  an  die  National-=liberalen
  aber  wird  sich  die  Staatsgewalt  in  Zukunft  wohl  nicht  wieder
wenden,  wenn  sie  Unterstützung  nötig  hat.“

Ferner:  „Nicht  gegen  die  irre  geleiteten  Massen  hätte  ein  neues  Vorgehen
  auf  dem  bisher  mit  so  wenig  Glück  beschrittenen  Boden  sich  zu  richten,
sondern  die  in  gewissem  Sinne  geschichtlich  bekannten  Führer  der  seit  einem
        <pb n="145" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  11.)  137

Menschenalter  unter  uns  arbeitenden  „Revolution  von  unten“  müßten  für
ihre  Thaten  zu  strafrechtlicher  Verantwortung  gezogen  werden,  sobald  sie
sich  innerhalb  eines  näher  zu  bestimmenden  Zeitraums  auf  der  Fortsetzung
ihrer  grundstürzenden  Thätigkeit  betreffen  ließen.“

„Reichsbote“:  „Die  Agitation  gegen  die  Vorlage  hat  aufs  Neue
gezeigt,  daß  unsere  gebildeten  Kreise  von  einem  Geiste  erfüllt  sind,  der,  soweit
er  religiöse,  sittliche  und  geistige  Dinge  betrifft,  nicht  wesentlich  von  dem
der  Sozialdemokratie  verschieden  ist,  so  zwar,  daß  eigentlich  nur  noch  die
Frage  des  Besitzes  einen  wirklichen  Unterschied  macht,  der  aber  durch  die
Aufsaugung  des  kleineren  Besitzes  durch  den  Kapitalismus  immer  mehr
verschwindet.  Ob  es  noch  möglich  ist,  daß  dies  ohne  das  Eingreifen  göttlcher
  Gerichte  durch  große  Katastrophen  anders  werde,  erscheint  uns  sehr

fraglich.

Ueber  die  Anschauung  im  Zentrum  schreibt  die  „Köln.  Volksztg.“
(kler.):  „Das  Zentrum  hat  stets  auf  dem  Standpunkt  gestanden,  daß  es  „so
ziemlich  einerlei“  sei,  ob  die  Würfel  so  oder  so  fielen,  wenn  nur  nichts  zu
stande  komme,  was  es  nicht  billigen  könne,  und  das  hatte  es  schließlich  in
der  Hand.  Es  wird  trotzdem  natürlich  Leute  geben,  die  von  einer  Niederlage
  des  Zentrums  reden.  Thatsächlich  ist  es  aber  die  Regierung,  die  eine
Niederlage  erleidet,  nebst  den  Nationalliberalen  und  Freikonservativen,  die
so  laut  nach  einem  Umsturzgesetz  gerufen  haben.  Daß  es  die  alten  Kartellparteien
  im  Bunde  mit  diesem  oder  jenem  Regierungsvertreter  darauf  abgesehen
  hatten,  dem  Zentrum  ein  Bein  zu  stellen,  soll  ja  nicht  geleugnet
werden.  Es  beruht  aber  nur  auf  Selbsttäuschung,  wenn  sie  glauben,  dies
erreicht  zu  haben.  Nach  wie  vor  ist  das  Zentrum  Herr  der  Lage,  und  es
sieht  noch  nicht  danach  aus,  daß  dies  bald  anders  werde.“

11.  Mai.  (Friedrichsruh.)  Eine  Abordnung  Westfalen
beglückwünscht  den  Fürsten  Bismarck,  der  hierauf  folgende  Ansprache

  hält:

Meine  Herren!  Ich  bin  in  dieser  Zeit  aus,  ich  kann  beinahe  sagen
allen  deutschen  Gauen  hoch  geehrt  worden  durch  Begrüßungen  und  Anerkennungen,
  und  wenn  Sie  mir  dieselben  aus  Ihrer  engeren  Heimat  bringen,
so  können  Sie  sagen,  daß  in  Westfalen  sich  gewissermaßen  ein  Mikrokosmus
der  deutschen  Welt  wiederholt,  in  kleinerem  Maßstabe  und  in  zum  Teil
tieferer  Färbung  wie  in  anderen  Teilen  der  deutschen  Heimat.  Die  deutsche
Zerrifsenheit  ist  ja  gerade  in  ihrer  engeren  Heimat  in  früherer  Zeit,  schon
im  Mittelalter,  und  später  zum  allerschärfsten  Ausdruck  gekommen,  kaum
in  Schwaben  und  Franken  noch  schärfer.  Wenn  man  eine  politische  Karte
mit  dem  Ländergebiet  vom  vorigen  Jahrhundert  sieht,  so  reicht  die  bunte
Färbung  vom  Bodensee  bis  nach  Westfalen  hinauf.  Aber  in  Westfalen
tritt  zu  den  Scheidelinien  der  Landkarte  auch  noch  die  der  Tradition,  der
Parteien.  Alle  Parteien,  die  wir  heute  in  Deutschland  haben,  sind  in  Westfalen
  mit  am  schärfsten  vertreten.  Nennen  wir  die  beiden  Extreme,  die
sozialdemokratische  und  die  Zentrumspartei,  die  haben  nirgendwo  von
beiden  Seiten  schärfere  Vertreter  als  in  Westfalen  und  das  liegt  wohl  in
dem  Charakter  der  Bevölkerung,  die  in  derjenigen  überwuchernden  Entwickelung
  der  germanischen  Männlichkeit,  auf  der  überhaupt  unsere  Zerrissenheit
  von  früher  her  beruht,  vielleicht  von  der  Schöpfung  noch  stärker  dotiert
worden  ist  wie  andere  deutsche  Stämme.  Schon  von  unserer  frühesten  Geschichte
  her  spielt  das  Westfalenland  eine  hervorragende  Rolle.  Ich  bin
überzeugt,  daß  Hermann  der  Cherusker  in  westfälischem  Dialekt  gesprochen
hat.  Ich  wüßte  nicht,  woraus  man  schließen  könnte,  daß  er  damals  anders
        <pb n="146" />
        138  Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder  ( Mai.11.)

gelautet  hätte  wie  heute  in  Paderborn  und  dem  Teutoburger  Walde.
Später  haben  schwere  und  blutige  Kämpfe  zwischen  den  Sachsen  und
Franken,  von  denen  die  Ersteren  doch  im  heutigen  Westfalen  ihren  Hauptsitz
  hatten.  Weiter  finden  wir,  daß  die  treibende  Krast  des  Stammes  über
die  Grenzen  hinaus  dringt;  fast  alle  unsere  germanisierten  wendischen  Länder,
meine  Heimat,  Brandenburg  in  erster  Linie,  Mecklenburg,  weiter  hinaus
Pommern,  sind  durch  westfälische  Pioniere  germanisiert  worden  —  soweit
heute  die  plattdeutsche  Sprache  reicht,  sie  ist  von  Westfalen  ausgegangen
und  bis  nach  den  baltischen  Provinzen  nach  Rußland  hin;  in  Livland,  in
Esthland  war  die  herrschende  Klasse  der  Bürger  und  des  Adels  doch  hauptsächlich
  westfälischen  und  plattdeutschen  Ursprungs  und  ich  selbst  habe  in
Esthland  gefunden,  daß  der  Deutsche  dort  nicht  Deutscher,  sondern  Sachse,
„Sachsenherr"  genannt  wurde,  was  also  doch  in  der  uralten  Beziehung
des  Sachsentums  auf  Westfalen  hindeutet.  Sie  haben  auch  nachher  starke
Kämpfe  und  Bewegungen  hervorgerufen  —  gewisse  Erscheinungen  des  Mittelalters,
  ich  will  nur  die  Behmgerichte  nennen,  sind  doch  auf  der  roten  Erde
energischer  zur  Entwickelung  gekommen  wie  irgendwo  anders,  und  nach  der
Zersplitterung  des  alten  Sachsenlandes,  die  das  Ergebnis  der  welfischen

Kämpfe  gegen  die  ghibellinische  Kaiserherrschaft  bildete,  sind  die  Streitigkeiten
  auch  dort  durch  keine  einheitliche  Gewalt  gezügelt  worden.  Aber
eins  ist  Ihrer  Landschaft  immer  eigentümlich  geblieben:  wie  sie  auch  in
bischöfliche  Territorien  und  kleine  Fürstlichkeiten  geteilt  sein  mochte,  sie  hat
sich  immer  einig  gefühlt  als  Westfalen  und  selbst  bei  der  konfessionellen
Scheidung.  Ich  habe  immer  gefunden,  daß  der  Westfale  sich  immer  als
solcher  bekennt,  während  ich  dasselbe  von  anderen  deutschen  Stämmen  nicht
sagen  kann  —  der  Schwabe,  er  nennt  sich  Württemberger,  Badenser,  aber
der  Westfale,  so  unangenehm  ihm  sein  nächster  Nachbar  in  Westfalen  sein
mag,  er  bleibt  immer  Westfale  (Heiterkeit),  er  hat  den  Streit  mit  dem
Nachbar  auf  die  Dauer  lieb  gewonnen  und  kann  sich  nicht  von  ihm  trennen
(Heiterkeit)  und  so  wird  es  ja  auch  weitergehen.  Ich  habe  in  meinem
politischen  Leben  ja  mit  hervorragenden  unter  Ihren  Landsleuten  vielfach
Berührung  gehabt  und  habe  imwer  recht  streitbare  Männer  unter  ihnen
gefunden.  Der  Erste  der  Zeit  nach,  der  später  mein  Freund  wurde,  war
Georg  Vincke  und  der  war  ein  richtiger  Sohn  der  roten  Erde,  kampfesfreudig
  aber  nicht  schaffensfreudig,  eine  negierende  Natur.  Der  vereinigte
Landtag  von  1847  hatte  als  hervorragende  Persönlichkeiten  zwei  Westfalen,
Vincke  und  Bodelschwingh,  die  beide  Verwandte,  beide  Landsleute  und  beide
Gegner  waren,  die  sich  dort  bekämpften.  Ich  bin  mit  keinem  politisch  vollständig
  einverstanden  gewesen,  aber  ich  erkenne  beide  als  vollkräftige  Männer
an  und  als  ehrliche  Gegner  und  Freunde.  Ich  habe  ähnliche  Erscheinungen
doch  noch  manche  gehabt,  ich  will  in  jüngster  Zeit  nur  Herrn  von  Schorlemer
herausgreifen,  er  hat  wenig  Wohlwollen  für  mich  gehabt  und  mich  oft  hart
und  bitter  angegriffen,  aber  es  war  doch  ein  Mann,  ein  ganzer  Mann  in
seiner  Erscheinung,  wenn  auch  ein  Gegner.  Ich  erinnere  mich  aus  alter
Zeit  des  alten  Harkort:  ein  tapferer  Soldat,  der  sich  bei  Ligny  mit  schweren
Wunden  das  eiserne  Kreuz  verdient  hat  und  der  schließlich  auf  dem  Schlachtfelde
  der  Industrie  doch  auch  Soldat  gewesen  ist,  der  mehr  Geschick  und
Tapferkeit  als  Glück  gehabt  hat:  er  war  eine  achtbare  Erscheinung  im
Rückblick  auf  die  Vergangenheit.  Ich  könnte  ja  deren  von  ihrer  näheren
Landsleute  noch  manche  anführen,  Gegner  und  Freunde.  Aber  ich  habe
immer  gefunden,  daß  Westfalen  ein  Land  ist,  auf  das  Anwendung  findet,
was  ich  auf  einer  Reise  in  Schweden  in  einem  Liede  gefunden  habe,  was
die  Schweden  von  ihrem  Lande  sagen:  „Im  Lande  sitzt  Eisen  und  auf  dem
Lande  wohnen  Männer“  und  das  ist  für  Westfalen  zutreffend:  ganze  Männer.
        <pb n="147" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  11.—13.)  139

Man  mag  mit  ihnen  Freund  oder  Feind  sein,  man  freut  sich  immer,  wenn
sie  mit  Einem  zusammen  in  gleicher  Front  auf  dem  Schlachtfelde  stehen,
da  haben  sie  immer  die  alte  Tradition  aus  der  Cherusker-Zeit  gerechtfertigt.
Die  westfälischen  Regimenter,  ich  brauche  fie  nicht  einzeln  zu  nennen,  die
1870  gefochten  haben,  sind  zum  Teil  —  mehr  als  dezimiert  kann  man  nicht
sagen,  es  waren  nur  Zehner,  die  übrig  blieben  zum  Teil  am  16.  Aber
schon  in  Schleswig-Holstein,  bei  Düppel,  da  war  es  das  erstemal,  daß  wir
mit  den  neuen  westfälischen  Regimentern  zusammengefochten  und  Blut  vergossen
  haben  und  da  haben  sie  sich  sofort  in  den  alten  Ruf  der  preußischen
Armee  pari  eingekauft;  vor  Düppel  und  demnächst  in  dem  60er  und  70er
Kriege.  Die  kriegerische  Tüchtigkeit  ist  ja  von  den  Westfalen  immer  viel
unbezweifelter  geblieben,  wie  die  friedliche  Liebenswürdigkeit;  Krieg  muß
es  sein,  wenn  ihr  Stern  strahlen  soll.  Wie  Friedrich  der  Große  in  tiesster
Not  war,  da  kamen  die  westfälischen  Rekruten  zu  ihm  und  stellten  sich  freiwillig
  und  wie  Friedrich  Wilhelm  III.  von  seinen  Markanern  Abschied
nehmen  mußte,  da  wehrten  sie  sich  dagegen  soweit  sie  konnten  und  waren
froh,  nachher  wiederzukommen.  Ich  aber  bin  überzeugt,  daß,  nachdem  wir
einmal  mit  den  Westfalen  in  dieselbe  staatliche  Einrichtung  getreten  find,
nachdem  wir  dieselbe  Dynastie  haben,  daß  wir  mit  allen  Westfalen,  mag
es  Boerde  oder  Felsen,  mag  es  Haide  oder  Weizboden  sein,  doch  immer
untrennbar  zusammenstehen  werden,  daß  auch  diejenigen,  die  früher  nicht  zu
Preußen  gehörten,  uns  und  unseren  König  und  deutschen  Kaiser  nun  nicht
mehr  im  Stich  lassen  werden,  es  mag  kommen,  wie  es  will  (Bravo)  und
in  dem  Bekenntnis  bitte  ich  Sie,  mit  mir  ein  Hoch  auszubringen  auf
unseren  Landesherrn,  den  König  von  Preußen.  Se.  Majestät  König  Wilhelm
von  Preußen  und  von  Westfalen  er  lebe  hoch!

11.  Mai.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Jagdscheingesetz.

Der  Gesetzentwurf  über  die  Preiserhöhung  der  Jagdscheine  erhöht
den  Preis  für  die  ganze  Monarchie  auf  20  44  Die  Gebühren  sollen  den
Kreis=  und  Kommunalkassen  zufließen;  die  Ausstellung  von  Tagesjagdscheinen
  soll  neu  eingeführt  werden.  Die  Vorlage  wird  an  eine  Kommission
verwiesen.

13.  Mai.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
ca.  100  schlesische  Frauen  und  Jungfrauen.

Auf  zwei  Ansprachen  erwidert  er,  er  sei  erfreut,  gerade  aus  Schlesien,
dem  größten  deutschen  Herzogtum,  begrüßt  zu  werden  und  fährt  dann  fort:

Außerdem  ist  Ihre  Begrüßung  für  mich  besonders  erfreulich,  weil
sie  vorzugsweise  von  den  Damen  getragen  ist;  wenn  man  die  für  sich  hat,
so  ist  mir  für  die  Männer  schließlich  auch  nicht  bange  (Heiterkeit),  man
wird  sie  gewinnen  und  ich  bedaure  stets,  daß  unserer  besseren  Hälfte  des
menschlichen  Geschlechts  bei  uns  nicht  mehr  Einfluß  auf  die  politischen  Verhältnisse
  gestattet  ist,  wie  das  augenblicklich  der  Fall  ist.  Ich  will  den
Damen  nicht  zumuten,  daß  sie  im  Parlament  Reden  halten,  aber  wenn
unsere  Wahlen  etwas  mehr  unter  weiblichem  Einfluß  ständen  als  bisher
(Bravo,  Heiterkeit),  dann  glaube  ich,  würden  sie  nationaler  und  besser  ausfallen.
  Wenn  wir  im  Parlamente  sehen,  bei  den  Fraktionen  und  Parteien,
die  die  erste  Rolle  dort  spielen  —,  ich  will  drei  davon  nennen,  da  spielen
bei  zweien  die  Frauen  doch  eine  sehr  einflußreiche  Rolle;  das  ist  im  Zentrum
und  bei  den  Polen.  Der  Einfluß  der  polnischen  Damen  auf  die  polnische
Bewegung  und  Politik  wird  Ihnen  als  Nachbaren  bekannt  sein  und  mit
dem  Zentrum  sind  Sie  ja  auch  hinreichend  durchsetzt  in  Schlesien,  um  zu
wissen,  welchen  Einfluß  darin  das  weibliche  Element  ausübt.  Die  dritte
        <pb n="148" />
        140  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  13.—14.)

oppositionelle  Partei,  die  Sozialdemokraten,  bei  denen  haben  leider  die
Frauen  viel  zu  wenig  mitzureden;  wenn  sie  das  hätten  und  sich  ein  Bild
davon  machten,  welche  Zukunft  ihnen  in  dem  sozialdemokratischen  Staat
als  Gattinnen,  als  Müttern  zugemutet  wird,  so  ist  es  gar  nicht  möglich,
daß  irgend  eine  ihrem  Manne  gestatten  würde,  dieser  Fraktion  anzugehören
(Bravo,  Heiterkeit);  wenn  es  dennoch  geschieht,  so  sind  das  Erscheinungen,
die  sich  dem  gemeindeutschen  Begriff  der  Weiblichkeit  und  dessen,  was  wir
unter  Weiblichkeit  verehren,  schon  entfremdet  haben.  Sie  haben  irgend
einen  Verdruß  und  einen  Riß  im  Leben  erlebt,  der  sie  zum  Bruch  mit  den
Verhältnissen  geführt  hat,  oder  sie  sind  der  Begehrlichkeit  verfallen,  die
hofft,  bei  der  allgemeinen  Plünderung  einen  hinreichenden  Beuteanteil  zu
bekommen,  kurz  und  gut,  ehrliche  deutsche  Frauen  und  Gattinnen  und
Mütter  sind  das  nicht,  die  öffentlich  als  Sozialdemokraten  auftreten,  und
deshalb  glaube  ich  gerade,  daß  der  Sozialdemokratie  gegenüber  die  weibliche
Sympathie  für  unsere  politischen  Einrichtungen  eine  stärkere  Schutzwehr  ist,
als  unsere  Umsturzvorlage  geworden  sein  würde,  wenn  sie  angenommen
worden  wäre.  (Heiterkeit.)  Ich  bin  nicht  unglücklich  darüber,  daß  sie  gefallen
  ist,  sie  hätte,  wenn  sie  angenommen  worden  wäre,  bei  denen,  von
denen  wir  Abhilfe  der  Uebel  im  Lande  erwarten,  die  Ueberzeugung  erweckt,
daß  sie  nun  etwas  erreicht  hätten  und  auf  ihren  Lorbeeren  ausruhen
könnten.  Die  Ueberzeugung  wäre  meiner  Ansicht  nach  irrtümlich  gewesen,
und  ich  bin  deshalb  froh,  daß  dieses  Ruhekissen  diesen  Herren  entzogen  worden
ist,  das  sie  sich  zu  schaffen  gedachten.

13.  Mai.  (Reichstag.)  Österreichisches  Zollkartell.  Ablehnung
  der  Tabaksteuervorlage.

Der  Gesetzentwurf  betr.  die  Ausführung  des  mit  Oesterreich-Ungarn
abgeschlossenen  Zollkartells  wird  genehmigt.  —  Es  folgt  die  zweite  Beratung
  der  Tabaksteuervorlage.  Die  Kommission  beantragt  Ablehnung.
Abg.  Bachem  (Z.):  Das  Zentrum  lehne  die  Vorlage  als  eine  Bedrückung
der  minder  begüterten  Klassen  ab.  Das  Budget  müsse  durch  Sparsamkeit
ins  Gleichgewicht  gebracht  werden.  Staatssekretär  Graf  Posadowsky:
Die  Ablehnung  der  Vorlage  werde  hoffentlich  nicht  bedeuten,  daß  der  Tabak
überhaupt  nicht  höher  besteuert  werden  sollte.  Abg.  Bassermann  (nl.),
Richter  (frs.  Bp.)  und  Gräfe  (Antif.)  gegen  die  Vorlage,  Abg.  v.  Kardorff
  (RP.)  hält  eine  spätere  höhere  Tabaksteuer  für  unvermeidlich.  Die  Vorlage
  wird  mit  großer  Mehrheit  gegen  die  Stimmen  der  Konservativen  abgelehnt.

14.  Mai.  (Reichstag.)  Abänderung  des  Reichsinvalidenfonds.
  Sorge  für  Hinterbliebene  von  Unteroffizieren  und  Mannschaften.



Das  Haus  genehmigt  in  zweiter  Beratung  den  Gesetzentwurf  betr.
die  Abänderung  des  Gesetzes  über  den  Reichsinvalidenfonds.  Der  Gesetzentwurf
  bestimmt,  daß  denjenigen  Teilnehmern  am  Kriege  von  1870  und  71,
welchen  ein  zweites  Kriegsjahr  nicht  nach  den  formalen  Rechtsbestimmungen
in  Rechnung  gestellt  werden  konnte,  dafür  im  Gnadenwege  eine  Ergänzung
geboten  werden  kann.  Eine  zweite  Aufgabe  ist  die  teilweise  Uebernahme
von  jetzt  dem  kaiserlichen  Dispositionsfonds  obliegenden  Ausgaben  auf  den
Invalidenfonds,  endlich  sollen  Beihilfe  von  120  —  an  solche  Personen  des
Unteroffizier-=  und  Mannschaftsstandes  von  Heer  und  Marine  gewährt
werden,  die  an  dem  Feldzuge  von  1870—71  oder  an  den  von  deutschen
Staaten  vor  1870  geführten  Kriegen  ehrenvollen  Anteil  genommen  haben
und  sich  wegen  dauernder  gänzlicher  Erwerbsunfähigkeit  in  unterstützungs-
        <pb n="149" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  14.—17.)  141

bedürftiger  Lage  befinden.  Die  für  diese  Zwecke  in  jedem  Jahre  benötigten
Mittel  werden  im  Etat  festgestellt  und  aus  dem  Reichsinvalidenfonds  entnommen.


Ferner  genehmigt  das  Haus  den  Gesetzentwurf,  betr.  die  Fürsorge
für  Witwen  und  Waisen  der  Unteroffiziere  und  Mannschaften,  worin  Pensionen
  für  die  Hinterbliebenen  der  infolge  dienstlicher  Beschädigungen  Verstorbener
  ausgesetzt  werden.  (Genehmigung  beider  Vorlagen  in  3.  Beratung
am  16.  Mai).

14.  Mai.  (Nürnberg.)  Die  Wanderversammlung  bayerischer
  Landwirte  spricht  sich  für  Förderung  landwirtschaftlicher
Genossenschaften  und  Errichtung  kleiner  Lagerhäuser  mit  Staatshilfe
  aus.

16.  Mai.  (Herrenhaus.)  Währungsdebatte  (vgl.  S.  32,
44,  143).

Graf  v.  Mirbach  beantragt:  „Die  Regierung  aufzufordern,  den
Reichskanzler  zu  ersuchen,  ungesäumt  und  nachdrücklich  alle  diejenigen
Schritte  zu  thun,  welche  geeignet  sind,  zu  einer  internationalen  Regelung
der  Währungsfrage  mit  dem  Endziel  eines  internationalen  Bimetallimus
zu  führen".  Reichsbankpräs.  Koch  wendet  sich  gegen  den  Antrag  und
spricht  den  Bimetalismus  jede  Aussicht  ab.  Graf  Mirbach  weist  darauf
hin,  daß  die  gesamte  ländliche  Bevölkerung  seinem  Antrage  zustimme  und
daß  allgemein  anerkannt  sei,  daß  die  Hebung  des  Silberpreises  unserer
Industrie  von  großem  Nutzen  sein  werde.  Ministerpräs.  Fürst  Hohenlohe:
  Der  Antrag  gehe  über  das  im  Reichstag  geforderte  hinaus,  aber
eine  andere  Erklärung  als  dort  könne  er  nicht  abgeben.  Der  Antrag  wird
mit  großer  Mehrheit  angenommen.

17.  Mai.  (Reichstag.)  Zuckersteuer-Notgesetz.

Das  Gesetz  erhöht  die  Ausfuhrprämie  um  25  Pf..  für  100  kg.  bis
31.  Juli  1897.  —  Schatzsekr.  Graf  v.  Posadowsky:  Eine  Herabsetzung
der  Prämien  könne  die  Zuckerindustrie  in  diesem  Augenblick  ohne  schwerste
Schädigungen  nicht  ertragen.  Rein  sachlich  betrachtet,  seien  zwar  die
Prämien  etwas  Verkehrtes,  denn  wir  lieferten  dem  Ausland  oft  den  Zucker
billiger  als  dem  Inlande,  aber  sie  wären  im  internationalen  Konkurrenzkampfe
  nicht  zu  entbehren,  um  nicht  aus  dem  Weltmarkt  herausgedrückt  zu
werden.  Die  Industrie  könnte  zur  Noth  die  üble  Lage  des  Zuckermarktes
überstehen,  sie  könne  sich  salviren;  der  Landwirtschaft,  dem  Rübenbau,  sei
es  aber  unmöglich,  zu  bestehen.  Der  größte  Teil  der  Zuckerfabriken  zahle
in  diesem  Jahre  keine  Dividenden.  Die  Zuckerprämien  seien  nur  durch  internationale
  Vereinbarung  abzuschaffen.  Abg.  Meyer-Halle  (frs.  Vg.):  Die
Prämien  müßten  schleunigst  beseitigt  werden.  Das  beste  Mittel  zur  Hebung
der  Zuckerkrisis  sei  eine  Steigerung  der  Konsumtion.  Landwirtschaftsminister
  Frhr.  v.  Hammerstein  erklärt,  es  schwebten  Verhandlungen  mit
Oesterreich  und  Frankreich  auf  Ermäßigung  der  Exportprämien,  aber  der
Reichstag  müsse  die  Position  der  Reichsregierung  hierbei  kräftigen  und  daher
  dem  vorgeschlagenen  und  notwendigen  vorläufigen  Schritte  zustimmen.
Der  Zuckerrübenbau  stehe  dicht  vor  einer  akuten  Krisis  und  deren  Gefahren
dürfe  man  nicht  unterschätzen.  Ein  großer  Teil  des  landwirtschaftlichen
Kapitals  habe  sich  in  dieser  Industrie  einmal  festgelegt  und  man  müsse
verhindern,  daß  dieses  Kapital  verloren  gehe.  Wenn  der  Rübenbau  weiter
zurückgehe,  würden  namentlich  die  preußischen  Domainen  leiden,  die  auf  ihn
angewiesen  und  schon  jetzt  in  ihren  Erträgen  erheblich  zurückgegangen
        <pb n="150" />
        142  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  17.—19.)

sind.  Abg.  Spahn  (3.)  für  die  Vorlage.  Abg.  Paasche  (nl.):  Dieses
Notgesetz  sei  das  kleinste  von  den  kleinen  Mitteln;  sein  Hauptwert  liege  in
der  Begründung,  welche  die  schwere  Notlage  der  Zuckerindustrie  anerkenne.
Abg.  Schippel  (Soz.)  gegen  die  Vorlage.  Der  Gesetzentwurf  wird  am
20.  Mai  mit  191  gegen  45  Stimmen  angenommen.

17.  Mai.  Das  Herrenhaus  genehmigt  einen  Antrag
v.  Bethmann-Hollweg  auf  Aufhebung  der  Rückerstattung  der
Grundsteuerentschädigung  (vgl.  28.  Juni).

18.  Mai.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Antrag  v.  Heeremann
  auf  Wiederherstellung  der  Artikel  15,  16,  18  der  preußischen
Verfassung.

Abg.  v.  Heeremann  (3.):  Durch  die  1875  erfolgte  Aufhebung
dieser  Artikel,  die  die  kirchliche  Selbständigkeit  garantierten,  sei  die  religiöse
Freiheit  suspendiert  worden.  Wenn  man  diese  Bestimmungen  wieder  in
Kraft  setze,  werde  das  Zentrum  auch  mehr  Vertrauen  haben  als  bisher  und  in
manchen  anderen  Dingen  mehr  entgegenkommen.  Abg.  Hoecht  (ul):
Die  Wiederherstellung  dieser  Verfassungsartikel  werde  nicht  dazu  dienen,
den  kirchlichen  Frieden  zu  erhalten.  Die  Artikel  seien  aufgehoben,  weil
man  die  Ansicht  hatte,  daß  nur  durch  eingehende  Spezialgesetze  das  Verhältnis
  zwischen  Kirche  und  Staat  geregelt  werden  könne.  Diese  Artikel
bestanden,  als  der  Kulturkampf  begann.  Sie  hatten  die  Wirkung,  daß  zu
dem  besonderen,  damals  geführten  Kampf  immer  noch  der  um  die  Auslegung
  von  Verfassungsbestimmungen  hinzutrat.  Dieser  Grund  bestehe  fort
und  sei  für  seine  Partei  genügend,  den  Antrag  abzulehnen.  Abg.  Graf
zu  Limburg-Stirum  (k.)  betont,  die  konservative  Partei  stehe  nach  wie
vor  auf  dem  Standpunkt  der  Selbständigkeit  beider  christlichen  Kirchen;
dieser  Antrag  führe  aber  nicht  zu  dem  bezeichneten  Ziele  und  würde  eine
Unsicherheit  des  Rechts  erzeugen.  Daher  werde  seine  Partei  gegen  ihn
stimmen.  Abg.  Dr.  Langerhans:  Die  Freisinnige  Volkspartei  wolle
jeder  Bevorzugung  von  Religionsgesellschaften  entgegentreten;  auch  die  in
den  Artikeln  nicht  genannten  Religionsgesellschaften  hätten  die  gleichen  Ansprüche
  auf  Selbständigkeit.  Seine  Partei  werde  daher  gegen  den  Antrag
stimmen.  Der  Antrag  wird  gegen  die  Stimmen  des  Zentrums  und  der
Polen  abgelehnt.  (Vgl.  darüber  Norden,  Geschichte  und  Auslegung  des
Artikels  15  der  preußischen  Verfassungsurkunde  „Preuß.  Jahrb.“  Rd.  80).

19.  Mai.  (Friedrichsruh.)  750  Damen  und  Heeren  aus
dem  Rheinlande  überbringen  dem  Fürsten  Bismarck  den  Ehrenbürgerbrief
  von  60  rheinischen  Städten.

Der  Fürst  antwortet  u.  a.  auf  ihre  Begrüßung:  Ich  war  ursprünglich
nach  meinen  Geburts=  und  Amtsverhältnissen  kaum  berufen,  mir,  grade
mir  die  Liebe  des  städtischen  Bürgerwesens,  der  Industrie  zu  erwerben;  ich
war  vielmehr  im  Verdacht,  ein  Agrarier,  ein  Reaktionär  zu  sein.  Nun,
wenn  ich  wirklich  unter  meinen  Landsleuten  für  einen  sogenannten  wilden
Agrarier  gelte,  so  glaube  ich  nicht,  daß  Schlesien,  Sachsen,  Westfalen,  die
Rheinlande  und  namentlich  die  städtische  Bevölkerung  mich  dafür  halten.
Es  ist  ja  noch  niemals  dagewesen,  daß  einem  ehemaligen  Minister  in  Anerkennung
  dessen,  was  er  im  Dienste  geleistet  hat,  Hunderte  von  deutschen
städtischen  Bürgerrechten  verliehen  werden,  große  und  kleine,  und  das  hat
für  mich  etwas  Ueberwältigendes,  wie  eine  unverdiente  Ehre  (Rufe:  Nein,
        <pb n="151" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  20.—21.)  143

Nein!);  ich  kann  sie  mir  persönlich  nicht  zurechnen.  (Rufe:  Doch!)  Das,
was  ich  mit  andern  zusammen,  mit  dem  alten  Kaiser,  mit  der  Armee  und
mit  der  deutschen  nationalen  Gesinnung  zusammen  erkämpft  habe,  das  wird
schließlich  in  mir,  weil  ich  länger  lebe  als  die  meisten  meiner  Mitarbeiter,
anerkannt  und  geehrt,  und  ich  streiche  es,  aber  in  Bescheidenheit,  ein  und
lege  es  zu  den  Akten  meiner  früher  ausgeschiedenen  Mitarbeiter.  Ich  habe
schon  vor  10  Jahren,  als  ich  70  Jahre  alt  wurde  und  mein  fünfzigjähriges
Dienstjubiläum  feierte,  Ehrungen  erfahren  von  hoher  Stelle  und  von  meinen
Mitbürgern  in  Berlin,  für  die  ich  nicht  im  ganzen  Umfange  das  Gefühl
des  rechtmäßigen  Beittes  hatte,  aber  das  alles  ist  ja  weit  überholt,  nachdem
  ich  aus  dem  Dienst  ausgeschieden  bin.  Nachdem  ich  der  für  die  meisten
unserer  Landsleute  nicht  grade  gewinnenden  Eigenschaft  eines  preußischen
Ministers  entkleidet  bin  (Heiterleit),  da  habe  ich,  möchte  ich  sagen,  noch
mehr  Glück  in  der  Popularität  gehabt.  Wenn  ein  noch  regierender  Minister
wirklich  erheblich  populär  wird,  so  ist  es  ja  immer  sehr  zweifelhaft,  ob  er  es
nicht  auf  Kosten  seiner  amtlichen  Pflichten  wird.  Ich  glaube,  ich  kann  mich
von  diesem  Verdacht  freisprechen.  Ich  habe,  solange  ich  im  Dienste  war,
immers  den  Ernst  eines  Wachthundes  an  der  Kette  gehabt  und  habe  gebissen,
was  ich  beißen  mußte.  (Heiterkeit  und  stürmischer  Beifall.)  Nun,  wo  ich
mich  frei  bewege,  kann  ich  mich  nach  meinem  rein  menschlichen  Gefühlen  und
Empfindungen  aussprechen  und  brauche  nicht  alles  zu  billigen,  nicht  einmal,
was  ich  früher  vertreten  habe.  Denn  so  ganz  frei  in  seinen  Bewegungen
ist  auch  ein  sogenannter  allmächtiger  Minister  niemals.  Es  sind  die  verschiedenartigsten
  Einflüsse,  ganz  abgesehen  von  den  Kollegen,  die  einen  berechtigten
  Einfluß  haben,  aber  es  sind  auch  andere,  beiderlei  Geschlechts
(Heiterkeit),  die  ihm  sonst  die  freie  Bewegung  hindern.  So  gestehe  ich
offen,  ich  habe  keine  Verpflichtung,  mich  zu  jeder  Handlung  zu  bekennen,
die  ich  vor  20  Jahren  und  länger  als  Minister  geleistet  habe.  Ich  habe
damals  immer  zwischen  verschiedenen  Uebeln,  die  ich  wählen  mußte,  das
kleinere  gewählt  und  das  Ideale  habe  ich  nie  verfolgen  können;  ich  fürchte,
ich  wäre  auf  staatsanwaltliche  Abwege  geraten  (Heiterkeit).

20.  Mai.  Der  Reichstag  genehmigt  den  Gesetzentwurf
über  die  Bestrafung  der  Sklavenräuber  und  des  Sklavenhandels.

20./21.  Mai.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Währungsdebatte
  (vgl.  S.  32,  44,  141).

Abg.  Arendt  (frk.)  beantragt  dasselbe  wie  Graf  Mirbach  im  Herrenhause
  (S.  141).  Rintelen  (3.)  beantragt,  die  Worte:  „mit  dem  Endziel
eines  internationalen  Bimetallismus“  zu  streichen.  Abg.  Arendt:  Ohne
das  Endziel  des  internationalen  Bimetallismus  sei  die  Ausführung  seines
Antrages  gar  nicht  denkbar.  Die  Streichung  dieses  Passus  scheine  ihm
eines  der  bekannten  heimlichen  Mittel  der  Goldwährungspartei  zu  sein,  die
zu  ohnmächtig  geworden  sei,  um  offen  zu  kämpfen.  Eine  bloße  Hebung
des  Silberpreises  könne  nichts  nützen,  er  verlange  die  Festlegung  des  Silberpreises,
  um  den  beständigen  Schwankungen  ein  Ende  zu  machen,  denen  der
internationale  Verkehr  nach  den  Ländern  mit  Silberwährung  unterworfen
sei.  Doppelwährung  und  Antrag  Kanitz  seien  die  einzigen  Maßregeln  zur
Rettung  der  Landwirtschaft.  Abg.  v.  Eynern  (nl.):  Die  Freigebung  der
Silberprägung  würde  unser  Geldsystem  unheilbar  verwirren.  Abg.  v.  Zedtlitz
  (frk)  ist  für  eine  allgemeine  internationale  münzpolitische  Einigung  und
erwartet  von  der  Hebung  des  Silberpreises  eine  allgemeine  Preissteigerung.
Am  folgenden  Tage  erklärt  Finanzminister  Dr.  Miquel,  der  Standpunkt
der  Regierung  sei  durch  den  Reichskanzler  mehrfach  dargelegt.  Es  sei
        <pb n="152" />
        144  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  22.—23.)

zweifelhaft,  ob  der  Bimetallismus  das  einzige  Mittel  zur  Hebung  des
Silberpreises  sei.  Der  Antrag  Rintelen  wird  hierauf  abgelehnt,  und  der
Antrag  Arendt  mit  einem  Amendement  v.  Zedtlitz,  das  die  Verständigung
mit  England  fordert,  gegen  die  Freisinnigen  und  einen  Teil  der  Nationalliberalen
  angenommen.

22.  Mai.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Wohnungsverbesserung;
  Kommunalabgabengesetz.

Das  Haus  genehmigt  in  2.  Beratung  den  Gesetzentwurf  über  Bewilligung
  von  Staatsmitteln  zur  Verbesserung  der  Wohnungsverhältnisse
von  Arbeitern,  die  in  staatlichen  Betrieben  beschäftigt  sfind  und  von  gering
besoldeten  Staatsbeamten  (Annahme  im  Herrenhause  8.  Juli),  sowie  den
Gesetzentwurf  über  die  Abänderung  des  Kommunalabgabengesetzes  (Beseitigung
  der  Doppelbesteuerung).

23.  Mai.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
1500  Herren  und  Damen  aus  Leipzig  und  erwidert  auf  eine  Ansprache
  des  Hofrats  Wislicenus:

Meine  Herren  und  Damen!  Ich  habe  in  den  jüngsten  Tagen  aus
dem  Königreich  Sachsen,  von  ich  glaube  mehr  als  70  sächsischen  Städten,
eine  Begrüßung  empfangen  in  demselben  Sinne,  in  dem  Sie  aus  der  großen
und  berühmten  Stadt  desselben  Landes  heute  die  Gefühle  des  sächsischen
Stammes  mir  gegenüber  bethätigen.  Diese  Vervollständigung  ist  mir  besonders
  erfreulich,  weil  ich  mich  zur  Stadt  Leipzig  aus  mehreren  Gründen
persönlich  und  politisch  in  besonderer  Verbindung  fühle.  Die  Vorfahren
meines  mütterlichen  Großvaters  sind  drei  oder  vier  Generationen  hindurch
in  hervorragender  wissenschaftlicher,  juristischer  Stellung  in  Leipzig  gestanden
  und  es  leben  in  Ihrer  Stadt  noch  Manche,  die  von  demselben
Blut  der  uralten  Väter,  deren  Bilder  ich  hier  im  Haus  noch  hängen  habe,
mit  mir  abstammen.  Nun  diese  Blutsverwandtschaft  läßt  mir  Leipzig  besonders
  nahe  stehen,  außerdem  aber  bin  ich  ihm  persönlich  noch  gewogen
durch  die  liebenswürdige  Aufnahme,  die  ich  jedesmal  in  Ihrer  Heimat  erfahren
  habe,  wenn  ich  bei  meinen  früheren  regelmäßigen  Reisen  nach  Kissingen
  dort  durchgekommen  bin,  auf  zwei  verschiedenen  Bahnhöfen  und  auf
jedem  mit  derselben  Lebhaftigkeit.  Ich  habe  in  Leipzig  schon  früh  politische
Sympathien  gehabt  und  dieselben  sind  dadurch  nicht  abgeschwächt  worden,
daß  ich  Staatsminister  war;  sie  sind  aber  mit  erhöhter  Lebhaftigkeit  zum
Ausbruch  gekommen,  nachdem  ich  diese  im  allgemeinen  nicht  populäre  Eigenschaft
  abgelegt  habe  (Heiterkeit)  und  das  natürliche  Gefühl  von  Mensch  zu
Mensch  kommt  demnächst  zur  Hebung,  wenn  die  ministerielle  Eigenschaft  in
Wegfall  gerät.  Außerdem  aber  ist  Leipzig  für  mich  stets  eine  Stadt  von
besonderem  Interesse  gewesen.  Es  muß  in  dem  Grund  und  Boden  etwas
Anziehendes  und  eine  Triebkraft  liegen,  die  nicht  überall  im  deutschen  Lande
vorhanden  ist.  (Bravo.)  Wie  kommt  es,  daß  Leipzig  eine  Stadt  von  dieser
Bedeutung  geworden  ist,  ohne  daß  es  an  einem  schiffbaren  Flusse  liegt,
ohne  daß  es  die  Residenz  eines  großen  Fürstenhauses  und  unter  dessen  Segnungen
  aufgeblüht  ist,  rein  aus  sich  selbst  heraus,  aus  der  Ebene,  neben
Flüssen,  die  wie  ich  glaube,  nicht  schiffbar  sind,  ohne  Residenz  zu  sein  und
nach  den  schweren  Schicksalen,  die  es  fast  in  jedem  Jahrhundert  erlebt  hat?
Leipzig  ist  im  30jährigen  Kriege  von  Schweden  und  Kaiserlichen,  im  siebenjährigen
  Kriege  von  Preußen  und  Oesterreichern,  im  Freiheitskriege  von
Franzosen  und  Verbündeten  außerordentlich  schwer  heimgesucht  worden,
notwendig  also  in  seinem  Erwerbsleben  gedrückt  worden.  Wie  kommt  es,
        <pb n="153" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  23.)  145

daß  diese  Stadt,  zu  dieser  Dresden,  die  Residenz  und  die  Stadt  an  der
schiffbaren  Elbe  fast  überholenden  Blüte  wieder  so  rasch  aufgewachsen  ist?
Das  ist  eine  Frage,  die  mich  immer  interessiert  hat.  Wir  haben  ähnliche,
aber  doch  lange  nicht  daran  reichende  Beispiele.  Ich  erinnere  an  Braunschweig.
  Braunschweig  aber  war  eine  Residenz,  es  liegt  auch  mitten  im
Lande.  München  hat  kein  schiffbares  Wasser,  aber  es  war  die  Residenz
eines  großen  Fürstenhauses,  von  dem  es  wesentlich  gepflegt  ist.  Leipzig
hat  die  Pflege,  die  es  haben  konnte,  an  Dresden  abgegeben  und  hat  sich
rein  aus  eigener  Kraft  aus  dem  Boden  der  Pleiße  und  Elster  stets  wieder
aufgebaut;  es  hat  allerdings  außer  für  Handel  und  Gewerbe  auch  für  kriegerische
  Ereignisse  eine  anziehende  Eigenschaft  gehabt,  es  haben  große  und
schwere  Schlachten  dort  stattgesunden  für  Sachsen  und  für  unser  deutsches
Vaterland,  politisch  entscheidende  Schlachten,  im  dreißigjährigen  Kriege  und
weiterhin.  Dann  knüpft  sich  an  Leipzigs  Namen  die  welthistorische  Erscheinung
  der  Völkerschlacht  von  1813  und  an  die  sollten  wir,  glaube  ich,
aus  mehr  wie  einem  Grunde  häufiger  zurückdenken,  als  heutzutage  geschieht.
Wenn  man  vor  der  Schlacht  von  Leipzig  die  politische  Karte  von  Europa
übersieht,  so  findet  man,  daß  die  französische  Säbelherrschaft  in  ihrer
tyrannischen  Gewaltthätigkeit  bis  an  die  Elbe  reichte  —  Magdeburg  war
ein  französisches  Vasallenland,  hier  wo  wir  stehen,  das  Lauenburger  Land,
gehörte  zum  empire  krançais  und  gehörte  zum  Departement  der  Unterelbe,
mitsamt  der  guten  Stadt  Hamburg,  la  bonne  ville  d'ldambourg.  So  fest
war  die  französische  Herrschaft  in  Mitteleuropa  verklammert,  die  Elbe  machte
Grenze.  Die  französischen  Heere  hatten  schwere  Verluste  im  russischen  Feldzuge
  erlitten,  aber  die  Stellung  Frankreichs  war  doch  immer  noch  so,  daß
der  Kaiser  Napoleon  den  Ausgangspunkt  seiner  Verteidigung  an  der  Elbe
nehmen  konnte,  alles  Land  bis  dahin  gehörte  ihm  noch.  Wenn  man  sich
dieses  Kartenbild  vergegenwärtigt,  so  wird  man  sich  erst  über  die  gewaltige
Tragweite  der  Schlacht  von  Leipzig  in  ihren  Folgen  klar,  daß  dieses  Reich,
das  von  Spanien  bis  nach  Dänemark  reichte,  von  Paris  aus  regiert  wurde
und  die  Elbe  zur  Grenze  hatte,  —  nicht  einmal  überall,  Lübeck  bis  an
die  Ostsee  gehört  ja  auch  hinein  —  daß  das  zertrümmert  wurde.  Man
vergißt  das  heute,  wie  überhaupt  die  Landsleute  unter  uns,  welche  die  Geschichte
  mit  rückwärtigem  Blick  prüfen  und  daraus  ihre  Schlüsse  für  die
Gegenwart  ziehen,  doch  noch  trotz  unserer  vorgeschrittenen  Bildung  nicht
zur  Majorität  gehören.  (Heiterkeit.)  Man  kam  aus  der  Schlacht  von  Leipzig
und  ihren  schwankenden  Erfolgen  —  es  war  bei  den  tapferen  Leuten,  die
sich  schlugen,  der  Sieg  nicht  so  unbedingt  sicher,  aber  er  wurde  erkämpft
dadurch,  daß,  soviel  ich  mich  augenblicklich  erinnere,  zum  erstenmale  die
deutschen  Landsleute  aus  Preußen  und  aus  Oesterreich  zusammen  Schulter
on  Schulter  standen  und  gemeinschaftlich  gegen  denselben  Feind  fochten.
Ich  hoffe,  daß  wir  überhaupt  in  meinen  Lebzeiten  nicht  mehr  zu  fechten
brauchen,  aber  wenn  es  dennoch  der  Fall  sein  sollte,  daß  es  doch  wieder
Schulter  an  Schulter  mit  Oesterreich  sein  möchte.  (Bravo.)  Ich  gehe  noch
weiter:  Auf  dem  Drei-Monarchen-Hügel  bei  Leipzig  bildete  sich  oder  befestigte
  sich  und  besiegelte  sich  die  Freundschaft  der  drei  verbündeten  Herrscher,
  welche  nachher  die  heilige  Alliance  schlossen,  ich  will  es  mit  dem
Namen  nennen,  obschon  sich  eine  Menge  unerfreulicher  Erinnerungen  damit
verbinden,  aber  in  dem  sich  doch  das  Zusammenhalten  der  unabhängigen
und  rechtliebenden  Politik  gegenüber  einer  gewaltigen  Eroberungspolitik
dokumentierte,  wie  sie  Frankreich  seit  Ludwig  XIV.,  ja  seit  Heinrich  IV.,
mit  dem  größten  Erfolg  und  der  größten  Ausdehnung  in  der  Gestalt
Napoleons  uns  gegenüber  getrieben  hat.  Dem  gegenüber  sind  alle  minder
ehrgeizigen,  alle  minder  herrschsüchtigen  Nationen  doch  einigermaßen  darauf
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                               10
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        146  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  24.)

angewiesen,  zusammenzuhalten,  wenn  die  Verhältnisse  sich  so  bilden,  wie
sie  am  Tage  vor  der  Schlacht  von  Leipzig  bestanden,  daß  eine  übermächtige
Säbelherrschaft,  von  Paris  aus  geleitet,  vom  Ebro  bis  zum  Sund  reichend,
dem  übrigen  Europa  mit  herrschsüchtiger  Gewaltthätigkeit  gegenüberstand.
Wer  alt  genug  ist,  um  von  seinen  Bätern  noch  die  Erlebnisse  der  französischen
  Herrschaft  im  Lande  gehört  zu  haben,  der  wird  mit  mir  die  Größe
der  Wohlthat  empfinden,  die  uns  damals  die  Schlacht  bei  Leipzig  erwiesen
hat  und  wird  den  Wunsch  empfinden,  daß  das  Zusammenhalten  von  rechtlicher
  und  ehrlicher  Nationalpolitik,  die  nichts  weiter  verlangt,  als  ein  unabhängiges
  Leben  der  eigenen  Nation,  auch  für  die  Zukunft  gesichert  bleibt
gegenüber  allen  Angriffen,  wie  wir  sie  300  Jahre  lang  vom  Westen  her
erfahren  haben.  (Bravo.)  Daß,  um  dieses  Ziel  mit  Sicherheit  zu  erreichen,
auch  unsere  guten  Beziehungen  zu  unserem  östlichen  Nachbar  in  Rußland
wünschenswert  sind;  ich  will  nicht  sagen,  in  dem  Maße,  wie  sie  bei  Leipzig,
—  ich  hoffe,  das  wird  nicht  wieder  notwendig  werden  —  sich  auf  dem
Schlachtfelde  bei  Leipzig  verwirklichten  oder  wie  sie  sich  später  unter  Friedrich
Wilhelm  III.  bethätigt  haben,  aber  die  Pflege  der  guten  Beziehungen  zu
unserem  östlichen  Nachbar,  mit  dem  wir,  wenn  wir  Oesterreich  mit  einrechnen,
  eine  mehrere  hundert  Meilen  lange  Grenze  haben  und  mit  dem
wir  eigentlich  gar  keine  zwingenden  Interessen  zu  teilen  haben  —  ich  wüßte
nicht,  um  was  wir  die  Russen  beneiden  sollten  oder  sie  uns.  (Bravo.)  Wir
können  ihnen  im  fernen  Asien  gönnen,  was  sie  begehren,  und  erfreut  sein,
wenn  sie  ihre  Befriedigung  daran  finden.  Aber  wir  haben  ihnen  nichts
zu  beneiden,  und  ich  glaube,  sie  haben  auch  nichts  auf  unsere  Kosten  zu
begehren.  Und  deshalb  knüpfe  ich  an  Ihren  heutigen  Besuch  und  an  die
Erinnerung  an  die  Leipziger  Schlacht  auch  die  Erneuerung  des  Andenkens
an  die  guten  Beziehungen,  in  denen  wir  früher  mit  Rußland  gelebt  haben,
und  wünsche,  daß  unbeschadet  der  Beziehungen,  in  denen  wir  zu  Oesterreich
stehen,  und  mit  Oesterreich  in  Stammesverwandtschaft  verwachsen  sind,  daß
wir  unabhängig  davon  doch  auch  beiderseits  den  Frieden  nach  Osten  und
den  Frieden  der  monarchischen  Staaten  unter  sich  wahren.  Sie  haben  ja
alle,  soviel  ihrer  da  sind  an  Monarchen,  durch  Kämpfe  unter  einander  vielmehr
  zu  verlieren  und  der  Revolution  gegenüber  vielmehr  einzubüßen,  als
sie  je  durch  Kämpfe  einer  von  dem  andern,  gewinnen  könnten.  Alles,  was
einer  dem  andern,  ein  großer  Staat  dem  andern  abnehmen  kann,  ist  nicht
der  Rede  wert  im  Vergleich  mit  dem  Bedürfnis  der  Ruhe  im  Lande,  des
Friedens  und  der  gesetzlichen  Herrschaft,  nicht  bloß  im  Deutschen  Reiche,
sondern  auch  in  den  befreundeten  und  mit  ihm  dieselbe  Politik  verfolgenden
Ländern  unseres  jetzt  bestehenden  Dreibundes.  Ich  habe  der  Versuchung
nicht  widerstehen  können,  als  alter  Politiker  meinem  langjährigen  Wunsche,
auch  mit  dem  Osten  in  guter  Fühlung  zu  bleiben,  bei  dieser  Gelegenheit
Ausdruck  zu  geben,  weil  die  Leipziger  Schlacht  mich  an  den  drei  Monarchen-=Hügel
  gerade  erinnert,  und,  meine  Herren,  einer  der  geschicktesten  Pfleger
dieser  ruhigen  erhaltenden  Politik,  nicht  bloß  konservativ  erhaltenden,  sondern
  den  Frieden  erhaltenden  Politik  ist  Ihr  König  Albert  (Bravo !)  und
ich  kann  den  Leipzigern  gegenüber  meinen  Dank  für  ihre  Begrüßung  nicht
anders  bethätigen,  als  indem  ich  mit  Ihnen  zusammen  ein  Hoch  auf
Lees  boben  Herrn  ausbringe:  Mein  gnädiger  Gönner,  König  Albert,  er
lebe  hoch !

24.  Mai.  (Reichstag.)  Dritte  Beratung  und  Annahme
der  Branntweinsteuernovelle.  Gesetzentwurf  über  die  Schutztruppe.

Schluß  des  Reichstags.
Abg.  Graf  Kanitz:  Die  Wirkung  des  Branntwein=  und  des  Zucker-
        <pb n="155" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  24.)  147

steuergesetzes  würde  für  die  Landwirtschaft  keine  so  außerordentliche  sein,
wie  von  vielen  Seiten  behauptet  wäre,  es  würde  nur  eine  minimale  Erhöhung
  der  Preise  für  Spiritus  und  Zucker  eintreten.  Der  Nutzen  der
Gesetze  werde  sein,  daß  erstens  kein  weiterer  Preisrückgang  und  keine  Verminderung
  der  Exportprämie  eintrete.  Beide  Gesetze,  gegen  deren  Einzelheiten
  er  vielfache  Bedenken  hege,  seien  geeignet,  unseren  Nationalwohlstand
zu  heben,  und  ein  weiterer  Schritt,  um  den  Ruin  der  Landwirtschaft  aufzuhalten.
  Er  hätte  gehofft,  daß  die  Hilfe  der  Regierung  sich  nicht  nur
auf  Zucker  und  Branntwein,  sondern  auch  auf  Hebung  der  Getreidepreise
erstrecken  würde.  Diese  Hoffnung  sei  leider  unerfüllt  geblieben,  man  habe
seinen  Antrag  abgelehnt,  ohne  etwas  Besseres  an  seine  Stelle  zu  setzen.  Er
fürchte,  daß  die  Verstimmung,  die  im  Lande  herrsche,  durch  die  abwartende
Haltung  der  Regierung  wesentlich  verstärkt  werden  möchte.  Warum  habe
man  kein  Börsengesetz,  kein  Margarinegesetz  vorgelegt?  (Ruf:  Zur   Sache !)
Der  Reichstag  gehe  nach  Hause,  ohne  in  der  Reform  der  Börse  auch  nur
einen  Schritt  gethan  zu  haben.  Hätte  Herr  v.  Bötticher  nur  ein  leeres
Blatt  Papier  vorgelegt  mit  der  Aufschrift  „Börsengesetz“,  den  Text  hätten
wir  schon  selbst  gemacht.  (Heiterkeit.)  Er  hoffe,  daß  die  Regierung  die  Erhöhung
  der  Getreidepreise  sich  werde  angelegen  sein  lassen  und  entweder
selbst  bis  zum  Herbst  einen  Entwurf  einbringe  oder  seinen  Antrag  annehme.
Die  Regierung  solle  in  der  Verschleppungspolitik  nicht  länger  verharren.
Abg.  Meyer-Halle  (frs.  Vg.)  und  Abg.  Paasche  (nl.)  werfen  dem  Grafen
Kanitz  vor,  agitatorisch  gesprochen  zu  haben;  die  Konservativen  hätten  durch
ihr  häufiges  Fehlen  im  Reichstag  eine  intensivere  Arbeit  verhindert.  Abg.
Paasche  tadelt  heftig  die  Angriffe  auf  die  Regierung.  Abg.  Richter  (frs.
Vp.):  Diese  Diskussion  am  Schlusse  der  Session  beweise  wieder,  wie  unersättlich
  die  Agrarier  wären;  der  Appetit  wachse  ihnen  mit  dem  Essen.  Den
Antrag  Kanitz  hätte  man  rundweg  ablehnen  sollen,  anstatt  ihn  in  der  Kommission
  hinzuziehen.  Die  Regierung  hätte  auch  nicht  dilatorisch  handeln
dürfen,  sondern  dem  Antrag  Kanitz  wie  dem  Währungsantrage  ein  einfaches
  „Nein"  entgegensetzen  müssen.  Niemals  sei  eine  Regierung  von  beiden
Seiten  des  Hauses  so  verlassen  gewesen,  wie  die  gegenwärtige;  die  Rechte
greife  ja  die  jetzige  Regierung  ebenso  an,  wie  diejenige  des  Grafen  Caprivi.
Staatssekretär  v.  Bötticher:  Das  Börsengesetz  werde  voraussichtlich  in
nächster  Session  vorgelegt  werden.  Die  Regierung  habe  keine  Neigung,
eine  Session,  die  an  chronischer  Beschlußunfähigkeit  leide,  zu  verlängern.

Hierauf  wird  das  Gesetz  in  namentlicher  Abstimmung  mit  165  gegen
85  Stimmen  angenommen.  Dafür  stimmen  die  Rechte,  die  Nationalliberalen
mit  wenigen  Ausnahmen,  die  Polen,  einige  Antisemiten  und  das  Zentrum
bis  auf  ungefähr  15  Mitglieder.

In  dritter  Beratung  wird  sodann  angenommen  das  Zuckersteuergesetz,
  und  der  Gesetzentwurf  über  die  kaiserliche  Schutztruppe  in
Südwestafrika  und  Kamerun.

Der  Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe  verliest  eine  kaiserliche
Botschaft,  die  den  Reichstag  schließt.  Präsident  v.  Buol  hebt  die  Sitzung
mit  einem  Hoch  auf  den  Kaiser  auf.

Übersicht  über  die  Thätigkeit  des  Reichstags.

Nach  der  vom  Präsidenten  am  Schlusse  der  Sitzung  gegebenen
Geschäftsübersicht  war  der  Reichstag  vom  5.  Dezember  1894  bis  24.  Mai
1895  171  Tage  versammelt.  Es  haben  während  dieser  Zeit:  99  Plenarsitzungen,
  424  Sitzungen  der  Abteilungen,  277  Sitzungen  der  verschiedenen
Kommissionen  stattgefunden.  Seitens  der  verbündeten  Regierungen  wurden
folgende  Vorlagen  dem  Reichstag  unterbreitet:  27  Gesetzentwürfe,  einschließ-                                                              10*
        <pb n="156" />
        148  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  24.)

lich  des  Reichshaushaltsetats  für  das  Etatsjahr  1895/96,  zweier  Nachträge
dazu,  sowie  des  Haushaltsetats  für  die  Schutzgebiete  auf  das  Etatsjahr
1895/96  und  eines  Nachtrags  dazu,  1  kaiserliche  Verordnung,  8  allgemeine
Rechnungen  über  den  Reichshaushalt  für  die  Etatsjahre  1884/85  bis  1891/92,
2  Uebersichten  der  Reichsausgaben  und  Einnahmen  für  die  Etatsjahre  1992/93
und  1893/94,  2  Uebersichten  der  Einnahmen  und  Ausgaben  der  Schutzgebiete
von  Kamerun  und  Togo,  sowie  des  südwestafrikanischen  Schutzgebietes  für
die  Etatsjahre  1892/93  und  1893/94.  Die  Rechnungen  der  Kasse  der  Oberrechnungskammer
  für  die  Etatsjahre  1891/92  und  1892/93  2  Berichte  der
Reichsschuldenkommission,  15  Denkschriften,  Berichte  und  Uebersichten  ect.
welche  durch  Kenntnisnahme  erledigt  sind.  Es  haben  die  verfassungsmäßige
Zustimmung  seitens  des  Reichstags  erhalten:  21  Gesetzentwürfe,  einschließlich
  des  Reichshaushaltsetats,  des  Haushaltsetats  für  die  Schutzgebiete  und  der
Nachtragsetats,  1  kaiserliche  Verordnung.  Abgelehnt  sind  2  Gesetzentwürfe.
Die  Rechnungen  der  Kasse  der  Ober-Rechnungskammer  und  ein  Bericht  der
Reichsschuldenkommission  sind  durch  Erteilung  der  Decharge  erledigt  worden.
Die  Uebersichten  der  Reichsausgaben  und  Einnahmen  für  die  Etatsjahre
1892/93  und  1893/94  sind  durch  vorläufige  Genehmigung  der  nachgewiesenen
Etatsüberschreitungen  erledigt.  Die  Uebersichten  der  Einnahmen  und  Ausgaben
  der  Schutzgebiete  sind  unerledigt  geblieben.  Unerledigt  blieben  ferner:
4  Gesetzentwürfe,  8  allgemeine  Rechnungen  und  1  Bericht  der  Reichs-Schuldenkommission.
  Ein  Antrag  auf  Erteilung  der  Ermächtigung  zur  strafrechtlichen
  Verfolgung  gegen  ein  Reichstagsmitglied  während  der  Dauer  der
Session  wurde  abgelehnt.  Von  den  Mitgliedern  des  Reichstags  wurden
eingebracht:  30  Gesetzentwürfe,  35  Anträge,  7  Interpellationen.  Von  den
vorgeschlagenen  Initiativgesetzentwürfen  haben  4  die  Genehmigung  des
Reichstags  erhalten,  1  Antrag  ist  zurückgezogen,  3  Anträge  sind  abgelehnt,
über  einen  Antrag  ist  Uebergang  zur  Tagesordnung  beschlossen,  21  Anträge
bleiben  unerledigt.  Von  den  Anträgen,  welche  Gesetzentwürfe  nicht  enthalten,
  sind:  13  erledigt,  3  abgelehnt,  19  bleiben  unerledigt.  Von  den
eingebrachten  Interpellationen  find  5  beantwortet  und  im  Plenum  zur  Verhandlung
  gekommen,  1  ist  zurückgezogen  und  bei  1  ist  die  Beantwortung
abgelehnt.  Die  Kommissionen  haben  109  schriftliche  und  34  mündliche  Berichte
  erstattet.  Petitionen  sind  59  894  eingegangen,  darunter,  26  060  betreffend
  die  Abänderung  des  Strafgesetzbuches,  des  Militärstrafgesetzbuchs
und  des  Gesetzes  über  die  Presse;  10  509  betreffend  die  Abänderung  des
Militärpensionsgesetzes,  Ehrensold  ect.;  6057  betreffend  das  Impfgesetz;  3886
betreffend  die  Tabaksteuer;  5988  betreffend  den  Verkehr  ect.  mit  Magarine;
859  betreffend  die  Abänderung  der  Gewerbeordnung  (Hausierhandel  ect.);
760  betreffend  die  Genossenschaften,  Konsumvereine  ect.;  613  betreffend
kommunale  Besteuerung  des  Weins;  406  betreffend  den  Zoll  auf  Ouebrachoholz
  ect.;  340  betreffend  die  Zuckersteuer;  305  betreffend  den  Einund
  Verkauf  ausländischen  Getreides  durch  das  Reich;  68  betreffend  den
Handelsvertrag  mit  Argentinien;  92  betreffend  die  Binnenschiffahrt  und
Flößerei;  319  betreffend  die  Währung;  316  betreffend  die  Branntweinsteuer.
  Die  Petitionen  haben  folgende  geschäftliche  Behandlung  erfahren:
10  598  Petitionen  find  dem  Herrn  Reichskanzler  überwiesen;  32  Petitionen
sind  durch  Uebergang  zur  Tagesordnung  erledigt;  30  527  Petitionen  sind
durch  Beschlüsse  des  Reichstags  für  erledigt  erklärt;  1242  Petitionen  sind
zur  Erörterung  im  Plenum  für  nicht  geeignet  erachtet;  1283  Petitionen,
über  welche  Kommissionsberichte  vorliegen,  sind  nicht  mehr  zur  Verhandlung
im  Plenum  gelangt;  3  Petitionen  wurden  zurückgezogen;  16  209  Petitionen
sind  auch  in  der  Kommission  nicht  mehr  zur  Beratung  noch  Beschlußfassung
gelangt,  darunter  6057  Petitionen,  betreffend  das  Impfgesetz,  5988  Peti-
        <pb n="157" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder  ( Mai. 26. ) 

tionen,  betreffend  Margarine,  613  Petitionen,  betreffend  kommunale  Besteuerung
  des  Weins;  760  Petitionen  betreffend  Genossenschaften,  Konsumvereine  ect.

26.  Mai.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  an

3000  Schleswig-Holsteiner  und  erwidert  auf  ihre  Ansprachen:

Meine  Herren  und  meine  Damen!  Sie  wissen,  daß  mir  in  den
letzten  Wochen  seit  ich  80  Jahre  geworden  bin,  zahlreiche  Begrüßungen  aus
allen  deutschen  Gauen  zu  teil  geworden  sind,  von  Ostfriesland  bis  in  die
deutschen  Alpen  hinein,  und  auch  von  den  verschiedenartigsten  Richtungen
unserer  inneren  Politik.  Ich  bin  weit  entfernt,  die  Ehren,  die  damit  verbunden
  sind,  für  meine  Person  in  Anspruch  zu  nehmen  (doch!  dochl),  sie

elten  den  Mitkämpfern,  die  ich  ein  Menschenalter  hindurch  gehabt  habe,
sie  gelten  auch  mir  und  ich  bin  dankbar  dafür,  wenn  sie  ausgesprochen
werden.  Aber  ich  würde  doch  in  meinem  Alter  und  bei  meiner  Körperschwäche
  mich  der  Aufgabe  entziehen,  gewissermaßen  die  Empfangsstelle  für
die  Bekenntnisse  nationaler  Gesinnung  zu  sein,  wenn  ich  nicht  der  Ueberzeugung
  wäre,  daß  durch  die  Bethätigung  der  nationalen  Gesinnung  vermöge
  praktischer  Handlungen  und  äußerlich  wahrnehmbarer  Erscheinungen
sie  in  sich  gestärkt  wird  (Zustimmung!)  und  daß  man  in  der  Erinnerung
an  irgend  eine  Bestätigung  dieser  Gesinnung  sein  Gedächtnis  auffrischt  und
und  daß  es  zur  Belebung  und  Kräftigung  des  nationalen  Gefühls  beiträgt,
wenn  der  zu  Grunde  liegende  Gedanke  öffentlich  und  in  freiem  Wort  Ausdruck
  findet  —  mag  ich  nun  der  Adressat  davon  sein  —  oder  die  Gesamtheit
  meiner  früheren  Mitarbeiter.  Infolge  dessen  halte  ich  mich  nicht  berechtigt,
  in  einer  falschen  Bescheidenheit  die  Huldigungen,  die  mir  widerfahren,
  dadurch  abzuwehren,  daß  ich  fie  als  persönliche  auffasse.  Ich  betrachte
  sie  als  Bekenntnisse  der  nationalen  Gesinnung  (Zustimmung)  und
deshalb  freue  ich  mich,  wenn  sie  durch  äußerliche  Bekundungen  bekräftigt
werden.  Unter  diesen  ist  nun  für  mich  vor  allem  die  Ihrige  von  hohem
Wert.  Ich  bin  ja  nicht  in  diesen  Herzogtümern  geboren  und  erzogen;  ich
bin  von  Haus  aus  Altpreuße,  aber  ich  bin  durch  Einwanderung  Schleswig-Holsteiner
  geworden  auf  diesem  Boden,  der  zur  Provinz  gehört  (Bravo!)
und  aus  Ihrer  Begrüßung  entnehme  ich  das  Zeugnis,  daß  Sie  mich  adoptiert
  haben.  (Lebhafter  Beifall !)  Ich  gehöre  eben  zur  Provinz  und  bin
stolz  darauf,  denn  Ihr  Land  ist  doch  nach  meinen  politischen  Erinnerungen
der  Ausgangspunkt  unserer  deutschen  Entwickelung  überhaupt  gewesen.
(Bravo !)  Wenn  ich  zurückdenke  an  die  Zeit,  wo  ich  zuerst  mit  der  großen
Politik  in  Berührung  kam,  so  waren  es  zwei  Fragen,  die  das  deutsche  Gemüt
  bewegten:  Schleswig-Holstein  und  die  deutsche  Flotte.  Beide  stehen
ja  notwendig  in  einem  engen  Zusammenhang,  auf  den  ich  mir  erlauben
werde,  zurückzukommen.  Aber  ich  erinnere  nur  daran,  daß,  weil  nicht  alle
noch  die  Zeiten  von  48  vor=  und  nachher  selbst  mit  erlebt  haben,  ich  erinnere
  nur  daran,  daß,  wie  das  Militär  nach  der  Berliner  Revolution  unbeliebt
  war,  man  den  ersten  Versuch  der  Versöhnung  dadurch  machte,  daß
man  die  Truppen  nach  Schleswig-Holstein  schickte,  also  sie  in  den  Dienst
der  Frage  stellte,  die  alle  Gemüter  schon  damals  beschäftigte.  Ich  erinnere
daran,  daß,  wer  irgend  etwas  wollte  von  der  öffentlichen  Meinung,  in  der
Wahl  oder  sonstwie,  der  zog  die  Flagge  der  deutschen  Flotte  auf.  Es
waren  das  die  beiden  Fragen,  die  in  den  Jahren  vor  und  nach  1848  unsere
öffentliche  Meinung  absolut  beherrschten,  Fragen,  auf  welche  sich  das  deutsche
nationale  Gefühl,  das  ja  in  schwachen  Keimen  damals  war,  nach  meiner
Auffassung  zuspitzte,  sobald  es  sich  äußern  sollte.  Beide  Fragen  waren  in
ihrer  praktischen  Lösung  außerordentlich  schwierig.  Vor  Schleswig-Holstein
lag  nicht  nur  das  Schloß  des  dänischen  Besitzes  und  der  gewöhnlichen
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        150  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  26.)

Tradition,  sondern  auch  noch  die  Wachsamkeit  der  gesamten  europäischen
Großmächte,  von  denen  keine  dem  deutschen  Volke  und  in  specie  damals
dem  preußischen  Staate  die  Entwickelung  gönnte,  die  man  voraussah,  wenn
der  deutsche  nationale  und  maritime  Ehrgeiz  durch  den  Erwerb  von  Schleswig-Holstein
  ermutigt  wurde,  will  ich  mal  sagen.  Wir  waren  damals,  Preußen,
nicht  so  starck,  wie  jetzt  das  Deutsche  Reich  ist.  Es  war  die  schwächste  der
Großmächte,  es  war  in  seiner  Armee-Organisation  nicht  fertig,  es  befand
sich  in  inneren  Kämpfen  von  größter  Schwierigkeit,  die  so  leidenschaftlich
geführt  würden,  daß  auch  die  äußere  Geltung  dabei  nicht  respektiert  wurde.
Wir  konnten  deshalb  mit  gewaltthätiger  Entschlossenheit  so  sehr  viel  damals
nicht  durchsetzen  in  Bezug  auf  Schleswig-Holstein  und  die  Frage  der  deutschen
  Marine,  die  damit  untrennbar  verkuppelt  ist,  die  konnte  nicht  gelöst
werden,  so  lange  sieben,  oder  ich  glaube  acht  souveräne  Staaten  sich  in  die
deutsche  Seehoheit  und  maritime  Kriegsberechtigung  teilten:  es  waren  das
Hannover,  Oldenburg,  drei  Hansestädte,  Schleswig-Holstein,  Mecklenburg,
Preußen  in  der  Ostsee.  Zwischen  denen  eine  Einigung  derartig  zu  stande
zu  bringen,  wie  sie  notwendig  ist,  um  eine  nationale  Flotte  weit  über  das
Weltmeer  in  einen  einheitlichen  Zusammenhang  zu  führen,  das  war  eine
Aufgabe,  die  zu  überwinden  ich  mir,  waghalfig  wie  ich  damals  war,  getraute.
  (Heiterkeit.)  Wir  haben  in  der  andern  Frage,  da  uns  die  Großmächte
  Schleswig-Holstein  nicht  gönnten,  teils  aus  Abneigung  gegen  die
nationale  deutsche  Entwickelung,  die  sich  auf  diesen  Punkt  festgebissen  hatte,
teils  auch  aus  Sorge  über  den  mächtigen  Zuwachs  —  über  die  haben  wir
uns  mit  Mühe  hinweghelfen  müssen.  Es  war  ja  von  preußischer  Seite  der
Londoner  Vertrag  abgeschlossen.  Wenn  der  in  Geltung  blieb  und  der  blieb
wahrscheinlich  in  Geltung,  wenn  die  Dänen  nicht  so  aggressiv  verfuhren,
wie  es  schon  mit  der  Kasinopolitik  im  ersten  Anfange  —  die  älteren  Herren
werden  sich  erinnern,  was  ich  damit  sagen  will  —  und  wie  es  später  mit
der  Inkorporation  der  Herzogtümer  an  irgend  einem  30.  März,  ich  glaube
1862,  geschah,  wenn  diese  dänischen  Herausarderungen  nicht  stattfanden,
wenn  die  Verbitterung  und  die  schlechte  Behandlung  der  Deutschen  unter
dänischer  Herrschaft  nicht  stattfanden,  so  ist  gar  kein  zwingender  Grund
anzunehmen,  daß  nicht  auch  in  den  Herzogtümern  die  Erinnerung  an  die
Jahrhunderte  langen  wichtigen  Beziehungen  zum  dänischen  Königshause  die
Oberhand  gewonnen  hätte,  und  daß  wir  schließlich  vielleicht  mit  einer
Personal-Union  abgeschlossen  hätten,  deren  Leitung  aber  immer  in  Kopenhagen
  geblieben  wäre.  Es  war  für  meine  damalige  politische  Auffassung
ja  doch  die  Frage:  welche  von  den  verschiedenen  Abstufungen  schleswigholsteinischer
  Unabhängigkeit  sind  erreichbar  und  welche  nicht,  und  begehe
ich  nicht  einen  Fehler,  wenn  ich  das  Erreichbare,  wie  die  Personal-Union,
a  limine  abweise  und  dafür,  unter  dem  Zwange  der  Großmächte  und  ohne
Unterstützung,  durch  die  geringe  Macht  Preußens,  auf  die  ja  Schleswig-Holstein
  zu  meinem  Bedauern  sich  zweimal  ohne  Erfolg  verlassen  hat,  mehr
anstrebe!?  —  Ich  war  zweifelhaft,  aber  ich  möchte  nun  dahin  konkludieren,
daß  Sie  den  Dänen  wegen  ihrer  anspruchsvollen  Herrschsucht  Dank  schuldig
seien  (Heiterkeit!).  Die  Dänen  haben  das  deutsche  Widerstandsgefühl  in
die  Höhe  gezwungen  durch  ihre  Hartnäckigkeit  und  durch  die  Kraft  ihrer
Bureaukratie,  da,  wo  sie  wieder  Herrscher  geworden  waren;  nicht  bloß  in
den  Herzogtümern  selbst,  sondern  auch  in  dem  übrigen  Deutschland.  Die
Dänen  waren  es,  die  uns  die  Möglichkeit  gegeben  haben,  schließlich  in  der
schleswig-holsteinischen  Frage  noch  einen  Zipfel  zu  finden,  an  dem  es  möglich
  wurde,  die  deutsche  Frage  zu  lösen.  (Bravo !  Heiterkeit.)  Ich  habe
im  ersten  Augenblick  kein  festes  Vertrauen  auf  die  Möglichkeit  einer  deutschen
  Flotte  unter  den  fieben  Ufer-Souveränen  gehabt  und  ich  bin  mit
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  26.)  151

thätig  gewesen  bei  Verkauf  der  angeblichen  deutschen  Flotte  (Heiterkeit).  —
Ich  brauche  bloß  den  Preis  zu  nennen,  der  mir  ungefähr  in  der  Erinnerung
  ist,  es  wurden  sechs  schwere  Fahrzeuge  für  230  000  Thaler  verkauft
(Heiterkeit!),  es  war  der  Rest  der  deutschen  Flotte,  Fischer  war  der  Auktio-=nator,
  das  ist  mir  noch  in  der  Erinnerung.  Es  gelang  mir,  als  Bundesmitglied,
  für  Preußen  zwei  von  den  Schiffen,  die  ich  nicht  ausgewählt  hatte,
sondern  Sachkundige,  für  uns  in  Sicherheit  zu  bringen.  Das  war  aber
das  einzige  noch  einigermaßen  preiswürdig  Verwendbare.  Aber  ich  sagte
mir,  ohne  Schleswig-Holstein  keine  deutsche  Flotte,  und  in  der  deutschen
Nation  war  das  Gefühl  lebendig:  wir  wollen  doch  nicht  in  der  Lage  bleiben,
daß  uns  ein  Staat  wie  Dänemark  die  See  verbieten  kann,  und  daß  wir
unter  der  dänischen  Blockade  ersticken  müssen  in  der  Ausfuhrlofigkeit,  einem
Staate  von  zwei  Millionen  Einwohnern  gegenüber.  Auch  außerdem  war
es  eine  Frage  der  nationalen  Würde,  daß  eine  Nation  wie  Deutschland
nicht  in  Zeiten  der  Krisis  einer  Flotte  zweiter  Klasse  zur  See  gewachsen
sein  sollte,  mit  Ausnahme  von  England  und  Frankreich,  mit  denen  zu
rivalisieren  würde  ich  für  eine  Uebertreibung  halten.  Aber  wir  müssen  zur
See  so  stark  sein,  daß  wir  uns  die  See  nicht  von  Mächten  zweiter  Klasse.
namentlich  solchen,  die  wir  zu  Lande  nicht  langen  können  (Heiterkeit),  verbieten
  lassen  können,  und  das  find  wir,  defenfiv,  wenn  wir  eine  Anzahl
von  Schlachtschiffen  haben,  und  namentlich  müssen  wir  doch  unsere  Kauffahrer
  in  fernen  Seen  schützen  können.  Dazu  gehören  Kreuzer  und  mehr,
als  wir  gegenwärtig  besitzen.  In  meinen  inneren  Sympathien  habe  ich
mehr  Neigung  für  Kreuzer  als  für  Parade=  und  Panzerschiffe,  aber  ich  bin
nicht  berufen  mitzureden  in  diesen  Dingen,  ich  warte  in  Ruhe  ab,  was
befohlen  wird.  Ich  habe  mir  aber  von  Haus  aus  gesagt:  ohne  die  Herzogtümer
  wird  die  Reichsregierung  nie  eine  deutsche  Reichsflotte  haben  können.
Wenn  die  Herzogtümer  in  einer  militärisch  unabhängigen  Situation  blieben,
wie  damals  von  vielen  Seiten  erstrebt  wurde,  so  in  der  Zeit  namentlich,
wo  auch  in  Hannover  noch  die  Unabhängigkeitsbestrebungen  in  Bezug  auf
die  Flotte  herrschten  —  Hannover  erstrebte  eine  deutsche  Admiralsstellung
—  das  wäre  Teilwerk  geworden.  Da  habe  ich  mir  gesagt:  wenn  wir  die
Herzogtümer  nicht  besitzen  und  erwerben,  dauernd,  so  werden  wir  nie  eine
große  Seemacht  werden  können.  Die  Herzogtümer  und  die  Flotte  find  unzertrennbar
  von  einander,  sie  gehören  zusammen,  auch  in  der  geographischen
Lage  mit  der  der  Bevölkerung  sympathischen  plattdeutschen  Sprache  niederfächsiichn
  Ursprungs,  die  gehören  zu  uns.  (Bravo !)  Ich  habe  von  der
ersten  Eröffnung  der  Frage  durch  den  Tod  des  Königs  von  Dänemark  im
November  1863  gleich  die  Ueberzeugung  gehabt  und  vertreten,  amtlich  vertreten:
  dat  möt  wi  hebben.  (Bravo !)  Zu  Anfang  habe  ich  wenig  Liebe
gefunden,  weder  bei  meinen  heutigen  engeren  Landsleuten,  noch  bei  meinen

Mitarbeitern,  noch  auch  höheren  Orts;  aber  in  mir  saß  die  Ueberzeugung
so  fest  und  meine  Liebe  zu  diesem  Lande  und  mein  Glaube  an  die  Kräftigung,
  die  Preußen  dadurch  erfahren  würde,  war  so  groß,  daß  ich  sagte:
und  wenn  wir  die  drei  schlesischen  Kriege  mitsamt  einem  siebenjährigen
darum  führen  sollen,  so  führen  wir  sie,  aber  haben  müssen  wir  Sie.
(Bravo !)  Meine  Herren!  ich  habe  ja  damals  nicht  geurteilt  wie  ein  geborener
  Schleswig-Holsteiner,  ich  habe  geurteilt  wie  ein  geborener  Preuße
mit  einer  stark  deutschen  Empfindung  und  habe  mir  gesagt:  Soll  Deutschland
überhaupt  sich  konsolidieren  und  zur  See  mächtig  werden,  so  ist  die  Vermehrung
der  Mittelstaaten  im  Bunde  nicht  der  Weg,  auf  dem  wir  dazu  gelangen.  Da
habe  ich  schwere  Kämpfe  damals  gehabt,  und  was  mir  zu  Hilfe  gekommen  ist,
das  ist  der  deutsche  Sinn  der  Bevölkerung  dieser  Lande  an  sich;  die  sind
doch  allmählich  zur  Besinnung  ihrer  Situation  und  der  Situation  des  deut-
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        152  Das  Deutsche  Reich  und  seine  eizjelnen  Glieder.  (Mai  30.—  Juni  8.)

schen  Volkes  gekommen.  Das  Bedürfnis,  der  großen  Gemeinschaft  enger
anzugehören,  hat  sich  mehr  und  mehr  befestigt,  schon  vor  dem  Kriege  von
1870,  wo  wir  sechs  Jahre  nach  der  Annexion  mit  den  schleswig-holsteinischen
Truppen  im  Kriege  schwere  Gefahren  bestanden  haben,  von  denen  kein
einziger  Soldat  weder  an  seiner  deutschen  Gesinnung  und  seiner  Fahnentreue
schwach  geworden  ist,  noch  auch  an  seiner  Körperkraft,  daß  sie  versagt  hat  unter
sehr  schwierigen  Verhältnissen.  Ihre  Regimenter  haben  ja  damals  an  den
schwierigsten  Teilen  der  Winterfeldzüge  von  1870/71  mit  teilgenommen  und
haben  sich  geschlagen  wie  die  Helden,  wie  man  von  dem  nordalbingischen  Blut
nicht  anders  erwarten  konnte.  (Bravo !)  Infolge  dieser  Rückerinnerung  nehme
ich  an,  daß,  wenn  man  über  das,  was  vor  30  oder  40  Jahren  hätte  geschehen
  sollen,  damals  zweifelhaft  war,  doch  heute  über  alle  Zweifel  der  Art
Absolution  erteilt  worden  ist  (Zustimmung)  bei  Ihnen,  in  Ihrer  Heimat,
und  daß  allen,  die  damals  Gegner  waren,  eine  Indemnität  in  den  Herzen
bewilligt  worden  ist  (Zustimmung)  und  wenn  unsere  schleswig-holsteinische
Bevölkerung  einmal  ihre  Wahl  mit  Sachkunde  getroffen  hat,  dann  hält  sie
auch  fest  und  deshalb  ist  es  mir  nicht  zweifelhaft,  daß  das  „up  ewig  ungedeelt“
  sich  nicht  bloß  auf  Schleswig-Holstein,  sondern  auch  in  Zukunft  auf
Schleswig-Holstein  und  das  gesamte  Deutschland  immer  mit  Erfolg  in
Anwendung  bringen  läßt  (Bravo !),  und  wer  es  auseinanderbringen  will,
der  muß  ganz  andere  siegreiche  Kriege  führen,  als  wir  gethan  haben,  um
es  zusammenzubringen.  (Bravo !)  Nun,  meine  Herren!  Die  Versöhnung
zwischen  den  früheren  widersprechenden  Meinungen  hat  ja  einen  äußerlichen
Ausdruck  gefunden  in  der  Thatsache,  daß  wir  eine  Landsmännin  von  Ihnen,
eine  schleswig-holsteinische  Prinzessin,  zur  Kaiserin  haben  und  ich  glaube
Ihnen  deshalb  einen  landsmannschaftlichen  Gruß  zu  bringen,  wenn  ich  Sie
bitte,  mit  mir  ein  Hoch  auf  die  Kaiserin,  die  Prinzessin  von  Schleswig-Holstein
  auszubringen.  Sie  lebe  hoch!  hoch!  hoch!

30.  Mai  bis  8.  Juni.  (Aachen.)  Prozeß  Mellage.

Ein  schottischer  Kaplan  Namens  Forbes  hatte  das  Alexianerkloster
Mariaberg  in  Aachen,  dessen  Brüder  die  Krankenpflege  betreiben,  als  freiwilliger
  Pensionär  zur  Wiederherstellung  seiner  Gesundheit  aufgesucht,  war
aber  von  den  Brüdern,  ohne  daß  eine  ärztliche  Unterlage  dafür  vorhanden
war,  als  Irrsinniger  behandelt  und  gewaltsam  im  Kloster  zurückgehalten
worden.  Es  gelang  Mellage,  mit  Hilfe  der  Polizei  und  auf  Grund  eines
ärztlichen  Zeugnisses  Forbes  aus  dem  Kloster  zu  bringen.  Die  Staatsanwaltschaft
  leitete  nun  gegen  die  Vorsteher  des  Klosters  ein  Strafverfahren
wegen  widerrechtlicher  Freiheitsberaubung  ein.  Allein  nach  einiger  Zeit
wurde  dies  Verfahren  wieder  eingestellt.  Inzwischen  erschienen,  zum  Teil
aus  der  Feder  Mellages,  heftige  Angriffe  auf  die  Brüder  des  Alexianerklosters
  und  weiter  im  September  1894  eine  Broschüre  Mellages  unter  dem
Titel:  „39  Monate  bei  gesundem  Geiste  als  irrsinnig  eingekerkert!  Erlebnisse
  des  katholischen  Geistlichen  Mr.  Forbes  aus  Schottland  im  Alexianerkloster
  Mariaberg  in  Aachen  während  der  Zeit  vom  18.  Februar  1891  bis
30.  Mai  1894.  In  dieser  Schrift  wurde  u.  a.  behauptet,  daß  das  Kloster
ein  Kerker  für  renitente  Geistliche  sei,  daß  Forbes  im  Kloster  wegen  Renitenz
  geprügelt  und  sonst  mißhandelt  worden  sei,  weiter,  daß  in  der  Anstalt
die  Kranken  bei  der  geringsten  Renitenz  mit  einem  Schlüsselbund  geschlagen,
über  den  Fußboden  geschleift,  gestoßen,  mit  den  Füssen  getreten,  am  Halse
gewürgt,  in  die  sogenannte  „schmutzige  Station“  oder  auch  in  einen  Douche-Raum
  geführt  wurden,  wo  sie  kopfüber  in  das  Wasser  gesteckt  wurden,  so
daß  die  Gefahr  des  Ertrinkens  nahe  lag  u.  s.  w.  Aus  Anlaß  dieser
Broschüre  stellte  die  Staatsanwaltschaft  über  die  in  derselben  enthaltenen
Behauptungen  Ermittelungen  an,  die  jedoch  keine  Unterlage  zu  einem  Straf-
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  31.—Juni  9.)  153

verfahren  ergaben;  sie  stellte  darum  Mellage  und  Genossen  unter  Anklage.
Nach  dem  erdrückenden  Entlastungsmaterial,  durch  welches  die  Angaben  der
Broschüre  über  die  Behandlung  des  Forbes  und  der  übrigen  Kranken  im
wesentlichen  bestätigt  wurden,  erkannte  der  Gerichtshof  auf  Freisprechung
aller  Angeklagten.

Der  Prozeß  erregt  das  größte  Aufsehen,  die  Presse  aller  Parteien
verlangt  strengste  Untersuchung  der  Vorgänge  in  Mariaberg.  Die  antiklerikale
  Presse  greift  dabei  die  Orden  heftig  an,  während  die  Zentrumsblätter
  diese  verteidigen  und  in  der  mangelhaften  staatlichen  Aufsicht  die
Hauptursache  der  Mißstände  sehen.  Die  Anstalt  Mariaberg  wird  auf
Anordnung  der  Minister  des  Innern  und  des  Kultus  geschlossen  (12.  Juni).

31.  Mai.  (Lübeck.)  Feierliche  Grundsteinlegung  des  Elb-Travekanals
  (vgl.  1894  S.  45).

2.  Juni.  (Berlin.)  Dr.  v.  Friedberg,  1879—89  Preußischer
Justizminister,  1.

4.  Juni.  (Pasewalk.)  Das  Kaiserpaar  enthüllt  ein  Kaiser-Friedrich-Denkmal.


5.6.  Juni.  (Württemberg.)  Infolge  eines  Wolkenbruchs
werden  im  Oberamt  Balingen  mehrere  Ortschaften  überschwemmt
und  an  50  Menschen  getötet.  Die  Kammer  bewilligt  400  000  M
Unterstützungsgelder  (2.  Juli).

4.  bis  6.  Juni.  (Erfurt.)  Tagung  des  evangelisch-sozialen
Kongresses.

Zum  erstenmale  erstattet  eine  Frau,  Frau  Dr.  Gnauck  ein  Referat:
über  die  soziale  Lage  der  Frauen.  Sie  hebt  vor  allem  die  Ueberfülle  der
Arbeit  bei  einem  Teile  der  Frauen  in  den  unteren  Ständen  hervor  und
den  Mangel  an  Beschäftigung  bei  den  unverheirateten  in  den  oberen  Ständen.
  Auf  dem  Kongreß  macht  sich  immer  mehr  eine  Differenz  zwischen  den
„älteren“  Christlich-Sozialen  unter  Führung  von  Stöcker  und  Professor
A.  Wagner  und  den  „Jüngeren“  unter  Führung  von  Naumann,  Professor
Weber  u.  a.  geltend.  Diese  ist  mehr  Arbeiterpartei,  jene  mehr  Kleinbürgerund

  Mittelstandspartei.  (Vgl.  „Preuß.  Jahrb.“  Bd.  81  S.  189  und  82.
S.  376.  Deutsch.  Wochenbl.“  Nr.  25.)

9.  Juni.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  den
Zentralausschuß  des  Bundes  der  Landwirte,  etwa  120  Herren
und  Damen.  Auf  die  Ansprache  des  Vorsitzenden  Reichstagsabg.
v.  Plötz,  der  dem  Fürsten  10000   M    mit  der  Bitte,  sie  einem  nationalen

  Zwecke  zu  überweisen,  überreicht,  entgegnet  der  Fürst:

Meine  Herren  und  Damen!  Sie  bringen  mir  in  Ihrer  Adresse  und
in  dem  schön  gearbeiteten  begleitenden  Schilde  einen  Beweis  der  Anerkennung
  der  Vergangenheit,  in  der  es  mir  vergönnt  war,  an  den  Geschicken
unseres  Vaterlandes  thätig  mitzuwirken,  und  als  solcher,  als  ein  Anerkenntnis
  für  die  Vergangenheit,  ist  es  ja  für  einen  alten  Politiker,  der  am
Abend  seines  Lebens  steht,  doch  höchst  wertvoll,  dieses  Zeugnis  seinen
Kindern  zu  hinterlassen.  Ich  würde  gern  mit  Ihnen  auch  weiter  gemein-
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        154  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  9.)

sam  arbeiten,  um  die  Zukunft  den  Wünschen  und  Bedürfnissen  unseres
Volkes  entsprechend  zu  gestalten,  aber  dazu  versagen  mir  die  Kräfte,  und
selbst  den  geringen  Einfluß,  den  ich  auf  Grund  meiner  politischen  und
wirtschaftlichen  Erfahrungen  auf  die  Gestaltung  unserer  Zukunft  noch  üben
könnte,  bitte  ich  außer  Rechnung  zu  lassen.  Ich  kenne  die  Absichten  unserer
Gesetzgeber  nicht  und  habe  keinen  Einfluß  auf  dieselben.  —  Es  ist  ja  auch
schwer,  einen  Einfluß  auf  die  Zukunft  wieder  zu  gewinnen,  nachdem  vor
einigen  Jahren  darauf  für  längere  Zeit  verzichtet  worden  ist.  Wir  sind
festgelegt  durch  die  Handelsverträge,  an  denen  können  wir  ehrlicher  Weise
nichts  ändern,  solange  sie  gelten,  und  wir  müssen,  um  doch  nicht  müßig
zu  bleiben,  ins  Auge  fassen,  was  wir  ohne  deren  Aenderung  für  die  Landwirtschaft
  thun  können.  Da  sind  ja  noch  manche  sogenannte  kleine  Hilfen,
die  in  der  Hand  der  Regierung  und  Gesetzgebung  stehen,  aber  bei  denen
auch  die  Landwirte  selbst  durch  ihre  Abgeordneten  zur  Gesetzgebung  mitwirken
  können  und  mitzuwirken  haben.  Das  ist  in  den  letzten  5  Jahren
meiner  Ueberzeugung  nach  doch  nicht  mit  dem  Nachdruck  geschehen,  mit  dem
es  hätte  geschehen  können.  (Sehr  richtig.)  Als  ich  ausschied  aus  dem  Dienst,
da  kam  ja  doch  ein  —  ich  möchte  sagen  nach  neuerem  parlamentarischen
Ausdruck  —  ein  unlauterer  Wettbewerb  der  Fraktionen  zum  Vorschein
(Heiterkeit),  wer  die  Erbschaft  antreten  könnte,  wer  sich  hinreichend  lieb
Kind  machen  könnte,  um  das  Heft  in  die  Hand  zu  bekommen,  der  herrschenden
  Fraktionen  um  den  Ministerposten,  den  der  eine  oder  andere  begehren
  mochte!  Solange  ich  im  Dienste  war,  hatte  sich  der  Ehrgeiz  in  der
Richtung  schweigend  und  zurückhaltend  verhalten.  Sobald  die  unerwartete
Freiheit  der  Carriere  entstand,  glaubte  jeder,  daß  ihm  zunächst  der  blaue
Brief  bevorstände  (Heiterkeit),  und  dieser  Stimmung  verdanken  wir  die
Annahme  der  Handelsverträge  (Zustimmung)  und  die  Demütigung,  der  die
Parlamente  sich  unterzogen  haben,  daß  sie  in  wenig  Wochen  Fragen  von
dieser  Tragweite  durchpeitschten,  kann  ich  wohl  sagen,  ohne  sie  näher  prüfen
zu  können.  (Bravo,  sehr  richtig!)  Der  erste  Schade  war  zu  einer  Zeit,  wo
wir  das  Geld  nötiger  wie  je  zu  einer  Verstärkung  unserer  Wehrkraft  gebrauchten,
  daß  wir  durchschnittlich  auf  jährlich  40  Millionen  Zolleinkünfte
verzichten,  die  ohne  irgend  eine  Belästigung,  ja  mit  Nutzen  für  das  Inland,
in  unsere  Staatskasse  flossen.  Ich  will  in  der  Kritik  nicht  weiter  gehen,
denn  ich  habe  in  Rückblick  auf  meine  Bergangenheit  und  meine  ganze  Stellung
  zu  unseren  monarchischen  Einrichtungen  doch  nicht  den  Beruf  der
Kritik;  hätte  ich  den,  so  wäre  ich  vor  ein  paar  Jahren,  als  ich  Reichstagsabgeordneter
  war,  hingegangen  nach  Berlin  und  hätte  von  der  Leber  weg
geredet.  Wenn  ich  das  aber  ganz  freien  Herzens  gethan  hätte,  so  fürchte
ich,  daß  vielleicht  doch  noch  der  Eindruck  gekommen  wäre,  daß  Richter  und
Bebel  doch  die  besseren  Menschen  im  Vergleich  mit  mir  wären  (stürmische
Heiterkeit);  denn  ich  habe  da,  wo  ich  die  Verpflichtung  fühlte,  zu  fechten,
nie  eine  Mördergrube  aus  meinem  Herzen  gemacht.  (Bravo.)  Aber  ich  thue
es  jetzt,  ich  habe  keine  Verpflichtung  zu  fechten,  ich  bin  nur  noch  ein  zuschauender
  Privatmann,  der  mit  herzlichem  Danke  die  Anerkennungen  entgegennimmt,
  die  ihm  seine  Vergangenheit  mit  Gottes  Hilfe  geschaffen  hat.
Unsere  Sache  —  wenn  ich  sage  unsere,  so  meine  ich  die  der  Landwirte,
denn  ich  bin  Landwirt  von  Hause  aus,  ich  bin  es  gewesen,  ehe  ich  Beamter
  und  Minister  wuirde,  und  als  Minister  habe  ich  natürlich
keiner  Fraktion  angehören  können,  sondern  nur  dem  Vaterlande  und  dem
König.  Jetzt  kann  ich  wieder  frei  für  meine  alte  landwirtschaftliche  konservative
  Fraktion  leben,  und  da  möchte  ich  meine  Fraktionsgenossen  bitten,
bei  den  Wahlen  —  was  ja  die  einzige  Waffe  ist,  die  uns  zu  Gebote  steht.
die  einzige  Mitwirkung  in  Bezug  auf  unsere  Gesetzgebung,  aber  eine,  ich
        <pb n="163" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  9.)  155

bedaure,  vernachlässigte  Mitwirkung  in  den  letzten  Jahren  —  daß  wir  bei
den  Wahlen  mehr  als  bisher  auf  Vertretung  unserer  Interessen  sehen.
(Bravo.)  Wie  die  Wahlen  bei  uns  zuerst  aufkamen,  da  waren  ja  die  politischen
  Meinungsverschiedenheiten.  Wer  alt  genug  ist,  sich  zu  erinnern,  wie
die  Programme  anno  48,  49  wie  die  Spargel  überall  aus  der  Erde  schoßen,
und  man  tüftelte  daran,  wer  etwas  politisch  noch  anders  ausdrücken  konnte
wie  ein  anderer,  —  der  wird  gleich  mir  das  Gefühl  haben,  daß  diese  politischen
  Haarspaltereien  sehr  in  den  Hintergrund  getreten  sind  im  Vergleich
mit  den  materiellen  Interessen,  die  es  gilt  im  Lande  zu  vertreten.  Um  sie
zu  vertreten  oder  vertreten  zu  sehen  durch  unsere  Abgeordneten,  da  müssen
wir  doch  Mitinteressenten  wählen,  und  nicht  solche  Abgeordnete,  deren  Interessen
  nachher  vorzugsweise  in  Berlin  bei  den  Leuten  ohne  Halm  und
ohne  Ar  liegen  (große  Heiterkeit),  sondern  die  festhalten  zu  ihren  Wählern.
Früher  konnte  man  ja  ohne  weiteres  einen  Landrat  wählen,  der  war  ein
mit  dem  Kreise  ohne  Scheidungsmöglichkeit  vertrauter  Genosse,  der  mit  70
Jahren  als  Landrat  da,  wo  er  gewählt  war,  starb  und  der  den  Kreis  überhaupt
  vertrat.  Heutzutage  hat  der  Ausdruck  Landrat  für  den  Wähler
noch  natürlich,  und  Gott  sei  Dank,  etwas  Bestechendes,  aber  es  sind  doch
in  der  Mehrzahl  junge  Beamte,  die  sobald  wie  möglich  aus  den  unteren
Stufen  des  Landrats  in  höhere  gelangen  wollen  und  die  ihre  Wahl  unter
Umständen  als  eine  Stufe  dazu  betrachten.  Ich  würde  ferner  bei  Abgabe
meines  Votums  als  Wähler  mir  auch  den  Kandidaten  darauf  ansehen:
Hat  der  Mann  etwa  den  Wunsch,  Minister  zu  werden  in  Berlin?  (Heiterkeit.)
  Dann  würde  ich  ihm  ganz  bestimmt  die  Stimme  nicht  geben,  denn
dann  liegt  sein  ganzes  Interesse  in  der  Ebnung  und  Verfolgung  seiner
Karriere  und  er  wird  seine  Wähler  vergessen  und  Berlin  im  Gedächtnis
halten.  Ferner  auch  würde  ich  mir  die  Frau  ansehen,  die  mitgeht.  Hat
die  ein  Bedürfnis  in  Berlin  zu  wohnen  und  dort  eine  gesellschaftliche  Rolle
zu  spielen  und  eine  Stellung  zu  gewinnen,  so  würde  ich  den  Mann  auch
nicht  wählen.  (Heiterkeit.)  Nachher  wenn  er  wirklich  Minister  wird,  so
wächst  er  fest  vermöge  der  konservativen  Richtung  der  Frau  in  der  Wohnung,
  als  Minister,  die  dem  Manne  immer  wie  ein  zu  weiter,  ererbter
oder  vom  älteren  Bruder  überkommener  Rock  sitzt.  (Große  Heiterkeit.)  Der
Frau  fehlt  aber  immer  noch  ein  Zimmer  in  dieser  großen  Wohnung,  sie
hofft  es  noch  zu  erlangen  und  sie  kann  sich  deshalb  nicht  trennen.  Dann
entstehen  die  Kleber  als  Minister,  von  denen  nicht  zu  erwarten  ist,  daß  sie
irgend  welche  landwirtschaftlichen  Interessen  mit  Energie  bei  ihren  Kollegen
vertreten.  (Bravo.)  Und  deshalb,  wenn  wir  'mal  wieder  wählen,  wählen
wir  vor  allen  Dingen  keine  Streber,  sondern  Leute  von  unserem  Fleisch
und  Blut,  die  denselben  Regen  fühlen,  unter  dem  wir  naß  werden  und  sich
über  denselben  Sonnenschein  freuen,  unter  dem  unser  Korn  gedeiht.  Halten
wir  fest  an  der  Interessenvertretung.  Die  Landwirtschaft  ist  das  erstgeborene
Gewerbe,  und  dasjenige,  was  doch  noch  heute  die  relative  Majorität  unter
allen  Gewerbebetrieben  im  Deutschen  Reiche  hat.  Sie  ist  aber  bei  weitem
nicht  das  erstberücksichtigte.  Das  erstberufene  mag  fie  sein,  aber  es  gehen
ihr  alle  anderen  vor,  weil  die  Landwirte  eben  nicht  in  der  Stadt  wohnen
und  nicht  den  Einfluß  auf  die  Vorbereitung  unserer  Gesetze  haben.  Alle
die  Herren,  die  ihr  Gehalt  beziehen,  es  mag  gutes  oder  schlechtes  Wetter
sein,  und  weiter  nichts  beanspruchen,  die  sind  es,  die  unsere  Gesetze  vorbereiten
  und  soweit  bringen,  daß  der  Landwirt  aus  der  Provinz,  der  da
hinkommt,  nach  seiner  ganzen  Vorbildung  nicht  in  der  Lage  ist,  etwas  daran
zu  ändern.  Er  ist  immer  in  der  Lage,  nein  zu  sagen,  ist  aber  der  Fraktionschef
  ein  Mann,  der  Minister  werden  will,  dann  darf  er  nicht  nein
sagen,  und  uns  Landwirte  drückt  der  Schuh,  den  sie  in  Berlin  arbeiten,
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        156   Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder  ( Juni. )

nachher.  Und  deshalb  möchte  ich  empfehlen,  daß  wir  uns  des  berechtigten
Mittels,  was  wir  bei  den  Wahlen  haben,  und  uns  der  parlamentarischen
Mitwirkung  an  der  Gesetzgebung  doch  mehr  und  etwas  mutiger  bewußt
werden,  als  bisher  in  der  Praxis  erkennbar  ist  und  daß  wir  der  Gesetzmacherei
  ohne  Halm  und  Ar  den  Kriegsruf  entgegensetzen:  Für  Halm  und
Ar  (stürmischer  Beifall),  für  jeden  ehrlichen  produktiven  Erwerb,  für  Handwerk
  und  Industrie,  für  alle,  die  wir  produzieren  —  wir  müssen  zusammenhalten
  gegen  die  Drohnen,  die  uns  regieren,  aber  nichts  produzieren  als
Gesetze  und  das  reicht  nicht!  Nun  meine  Herren,  ich  habe  leider  gehört,
daß  Sie  Ihre  Anwesenheit  hier  auf  sehr  kurze  Zeit  beschränkt  haben  und
ich  unterdrücke  deshalb,  was  ich  sonst  noch  hätte  sagen  können  und  schließe
meine  Aeußerungen  mit  der  Bitte,  mit  mir  zusammen  den  ersten  Grundbesitzer,
  den  Kaiser,  leben  zu  lassen,  der  doch  auch  nicht  bloß  als  Landesfürst
  aus  Fleisch  und  Blut  von  unserem  Fleisch  und  Blut  fühlen  muß,
wie  diese  große  Menge  seiner  treuesten  und  vielleicht  am  meisten  belasteten
Unterthanen,  wie  die  leiden,  sondern  dem  ich  auch  wünschte,  daß  die  alte
vornehme  Art,  nach  der  ein  regierender  Herr  bei  uns  wenigstens  keine  Geldabfindung
  vom  Staat  empfing,  sondern  seine  ihm  angestammten  Güter  behielt
  und  aus  ihnen  heraus  wirtschaftete  und  auf  diese  Weise  mit  der  Landwirtschaft
  und  mit  dem  Lande  jede  Bewegung  fühlte,  an  seinen  eigenen
Erlebnissen,  nun,  das  ist  ein  frommer  Wunsch,  der  sich  nicht  verwirklichen
wird.  Ich  gebe  ihm  hier  nur  Ausdruck,  um  meinen  Gedanken  zu  beleuchten.
Ich  würde  sonst  noch  weiter  gehen  und  sagen:  Gebt  jedem  Staatsminister
eine  Domäne,  von  deren  Ertrag  er  zu  leben  hat  (Heiterkeit,  Bravol)  oder
beteiligt  ihn  an  einer  Industrie,  deren  Erträge  sein  Einkommen  bilden.
Aber  daß  dieses  Einkommen,  es  mag  gut  oder  schlecht  gehen,  unter  allen
Umständen  gesichert  bleibt,  das  paßt  nicht  zu  der  menschlichen  Schwäche.
Wenn  er  mit  herauf=  und  heruntergeht  mit  dem  Wohlbefinden  des  Staates
und  der  Regierten,  dann  ist  er  doch  aufmerksamer  und  wehrt  sich  mit.  Also
das  nur  zur  Beleuchtung.  Die  mehr  theoretische  Unzufriedenheit  mit  den
bestehenden  heutigen  Verhältnissen  hindert  übrigens  nicht,  der  Verehrung
für  den  Kaiser  Ausdruck  zu  geben,  und  ich  bitte  Sie,  meine  Herren,  Sr.
Majestät  den  Kaiser,  unsern  größten  Grundbesitzer,  den  berechtigten  und
verpflichteten  Schutzherrn  der  Landwirtschaft  und  aller  produktiven  Gewerbe,
hochleben  zu  lassen.  Seine  Majestät  der  Kaiser,  er  lebe  hoch,  hoch,  hoch.

  Juni.  Die  Presse  über  die  Rede  des  Fürsten  Bismarck.  Erklärung
  im  Reichs-Anzeiger  über  Herrn  v.  Bötticher.

In  der  agrarischen  Presse  findet  der  Fürst  großen  Beifall,  die  freisinnige
  greift  ihn  heftig  an,  auch  andere  tadeln  seine  Angriffe  auf  die
Regierung,  so  die  „Post“,  „Reichsbote“.  Die  „Köln.  Ztg.“  schreibt:
„Mit  tiefem  Bedauern  haben  wir  diese  Rede  des  Fürsten  Bismarck  verzeichnet;
  aus  strengem  Gerechtigkeitsgefühl,  aus  der  Empfindung  der  Pflichten,
welche  eine  ruhmreiche  Vergangenheit  ihrem  Träger  auferlegt,  ist  sie  nicht
hervorgegangen.“  Zwischen  der  „Köln.  Ztg.“  und  agrarischen  Organen
sowie  den  „Hamburg.  Nachr.“,  den  „Berl.  N.  Nachr.“"  entwickelt  sich
im  Anschluß  hieran  eine  längere  Fehde,  namentlich  über  die  Stellung  des
Staatssekretärs  v.  Bötticher  zum  Fürsten  Bismarck.  Mit  Bezug  hierauf
schreibt  der  „Reichs-Anzeiger“"  (14.  Juni):

In  der  Ansprache,  die  Fürst  v.  Bismarck  in  Friedrichsruh  am  9.  ds.
an  den  Zentralausschuß  des  Bundes  der  Landwirte  gehalten  hat,  war  unter
anderm  von  Ministern  die  Rede,  die  am  Amte  „klebten“  und  sich  von  der
Ministerwohnung  nicht  trennen  könnten.  Dieser  Absatz  ist  mehrfach  in  der
Presse  auf  den  Staatsminister  v.  Bötticher  bezogen  worden.  Wie  irrtümlich
        <pb n="165" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  11.—12.)  157

diese  Bezugnahme  ist,  ergibt  sich  aus  der  Thatsache,  daß  Herr  v.  Bötticher
bereits  im  Februar  1890  nach  zehnjähriger  Thätigkeit  an  der  Spitze  des
Reichsamts  des  Innern  dem  Fürsten  v.  Bismarck  den  Wunsch  ausgesprochen
hat,  aus  seinen  Aemtern  entlassen  zu  werden,  und  daß  Fürst  v.  Bismarck
selber  ihn  damals  im  Dienste  zurückgehalten  hat.  Auch  später  hat  Herr
v.  Bötticher  wiederholt  seine  Entlassung  erbeten,  welche  ihm  jedoch  nicht
gewährt  worden  ist,  wie  unter  anderm  aus  nachfolgendem  allerhöchsten  Handschreiben
  hervorgeht:

Mein  lieber  Staatsminister  v.  Bötticher!  Schon  mündlich  habe
Ich  Ihnen  zu  erkennen  gegeben,  daß  Ich  Mich  außerstande  sehe,  Ihrem
Gesuch  um  Entlassung  aus  Ihren  gegenwärtigen  Aemtern  zu  entsprechen.
Sie  wissen,  wie  hoch  Ich  Ihre  Verdienste  schätze,  welche  Sie  sich  in  einer
längern  Reihe  von  Jahren  um  das  Reich  wie  um  Preußen  erworben  haben,
und  ich  kann  zumal  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  nicht  auf  die
Hülfe  einer  so  bewährten  Kraft,  wie  Ich  sie  in  Ihnen  besitze,  verzichten.
Ich  halte  Mich  auch  versichert,  daß  Ich  nicht  vergeblich  Ihren  Patriotismus
anrufe,  wenn  Ich  an  Sie  die  Aufforderung  richte,  auch  fernerhin  Ihre
Dienste  in  Ihrer  jetzigen  Stellung  Mir  und  dem  weitern  wie  dem  engern
Vaterlande  zu  widmen.  Ich  verbleibe  Ihr  wohlgeneigter

Wilhelm  R.

Berlin,  im  Schloß,  den  29.  März  1892.
An  den  Vizepräsidenten  des  Staatsministeriums  Staatssekretär  des  Innern
Dr.  v.  Bötticher.
11.  Juni.  (Bayern.)  Militärische  Gedenkfeier  des  Krieges
von  1870.
Der  Prinzregent  bestimmt,  „daß  so  oft  in  der  Zeit  vom  16.  Juli
d.  J.  bis  10.  Mai  kommenden  Jahres  die  Fahnen  entfaltet  werden,  sämtliche
  Fahnen  und  Standarten,  welchen  für  die  Teilnahme  an  dem  Kriege
1870/71  eine  Auszeichnung  verliehen  wurde,  mit  Eichenlaub  und  die  ersten
Geschütze  derjenigen  Batterieen,  welche  in  ihm  gefochten  haben  mit  Eichenkränzen
  geschmückt  werden."“
11.  Juni.  (Friedrichsruh.)  Besuch  des  Großherzogs  und
der  Großherzogin  von  Mecklenburg-Schwerin  beim  Fürsten  Bismarck.
11./12.  Juni.  (Darmstadt.)  Beide  Kammern  nehmen  das

Einkommensteuergesetz  an.

12.  Juni.  (Württemberg.)  Der  Finanzminister  v.  Riecke
erklärt  im  Abgeordnetenhause,  Württemberg  werde  im  Bundesrate
gegen  die  Berufung  einer  internationalen  Währungskonferenz
stimmen.

12.  Juni.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt  den
Ehrenbürgerbrief  von  9  badischen  Städten  und  von  Ulm.

Auf  die  Ansprachen  der  Deputierten  entgegnete  der  Fürst  u.  a.:
Das  Großherzogtum  Baden  hat  ja  durch  seinen  Landesherrn  und  durch  die
Gesinnung  seiner  Bewohner  einen  wesentlichen  Anteil  an  der  nationalen
Bewegung  genommen,  manchmal  unbequem,  manchmal  förderlich,  und  wir
haben  in  Berlin  warten  müssen,  bis  die  Verhältnisse  in  Europa  so  weit
reif  waren  und  namentlich  in  Deutschland  so  weit  reif  waren,  daß  wir  die  Maingrenze
  fallen  lassen  kounten.  Baden  allein  konnte  das  nicht,  wir  mußten  den
        <pb n="166" />
        158  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  17.—21.)

größeren  süddeutschen  Block,  den  Bayern  und  Württemberg  bilden,  doch  notwendig
  gleich  mit  herein  haben  und  so  lange  abwarten,  bis  dies  der  Fall  war.

17.  Juni.  (München.)  Der  Kaiser  eröffnet  die  umgebaute
Schacksche  Bildergalerie  (vgl.  1894  S.  109).
18.  Juni.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Gesetzentwurf

zur  Errichtung  einer  Kreditanstalt  zur  Förderung  des  genossenschaftlichen

  Personalkredits.

Finanzminister  Dr.  Miquel:  Diese  Bank  soll  die  bestehenden  Genossenschaften
  ergänzen,  nicht  aber  beseitigen.  Wenn  der  Staat  hier  hilft
und  eine  Zentralanstalt  schafft,  welche  die  Ueberschüsse,  wo  solche  vorhanden
sind,  dorthin  führt,  wo  Bedarf  ist,  wird  das  Genossenschaftswesen  noch
nützlicher  wirken,  als  es  bisher  schon  der  Fall  ist.  Es  soll  der  Personalkredit
  gefördert  werden,  denn  die  wachsende  Verschuldung,  namentlich  also
auf  landwirtschaftlichem  Gebiete  rührt  wesentlich  her  von  der  mangelhaften
Organisation  des  Personalkredits.  Auch  der  gewerbliche  Mittelstand  wird
Vorteil  davon  haben.  Abg.  Pleß  (Z.),  Knebel  (nl.),  Gamp  (fk.),  Graf
Kanif  (kons.),  begrüßen  das  Gesetz  sympathisch,  das  hierauf  an  die  Budgetkommission
  verwiesen  wird.

19.  bis  21.  Juni.  (Hamburg  —Kiel.)  Einweihung  des
Nordostsee-Kanals.  Reden  des  Kaisers.

Im  Laufe  des  19.  waren  sämtliche  Bundesfürsten,  Prinzen  der  englischen,
  italienischen,  russischen,  österreichischen  und  belgischen  Königsfamilien
eingetroffen,  ebenso  die  Bundesbevollmächtigten,  die  höchsten  Staatsbeamten,
darunter  der  Reichskanzler  und  die  Minister,  die  fremden  Botschafter  und
Gesandten  und  350  Mitglieder  des  Parlaments.  Kurz  nach  vier  Uhr  langte
der  Kaiser  mit  den  vier  ältesten  Prinzen  an  (die  Kaiserin  konnte  wegen
Unpäßlichkeit  an  der  Hamburger  Feier  nicht  teilnehmen)  und  wurde  vom
Prinzen  Heinrich,  den  Vertretern  Hamburgs  und  anderen  hohen  Persönlichkeiten
  empfangen.  Am  Abend  gab  die  Stadt  Hamburg  im  neuen  Rathause
dem  Kaiser  und  seinen  Gästen  ein  Diner.  Auf  eine  Ansprache  des  Bürgermeisters
  Lehmann  erwidert  der  Kaiser:

Mein  verehrter  Bürgermeister!  Tief  ergriffen  bin  ich  von  den  soeben
vernommenen  Worten,  tief  ergriffen  vor  allem  von  dem  Empfang,  den  mir
Hamburg  soeben  bereitet  hat,  wie  ich  desgleichen  selten  einmal  erlebt.  Der

eist,  der  mir  entgegenschlug,  war  kein  gemachter,  kein  gewöhnlicher.  Gleich
einer  Windsbraut  schallte  mir  der  Jubel  der  Stadt  entgegen.  Ich  weiß
wohl,  daß  ich  mir  nicht  anmaßen  darf,  daß  dieser  Jubel  meiner  Person
gegolten.  Vielmehr  erkenne  ich  in  demselben  den  Ausfluß  des  Pulsschlages
unseres  gesamten  deutschen  Volkes,  welches  stolz  darauf  ist,  das  neu  geeinte
Deutsche  Reich  in  seinen  Fürsten  und  hohen  Gästen  vertreten  zu  sehen.
Empfangen  Sie  dafür  meinen  herzlichen  Dank  und  seien  Sie  der  Dolmetsch
meines  Dankes  auch  den  Hamburgern  gegenüber.  Solche  Momente,  wie
wir  sie  heute  erleben,  rufen  in  uns  die  Erinnerung  zurück,  und  vor  allem
die  Erinnerung  in  dankbarer  Form.  Wir  müssen  in  Dank  und  Wehmut
gedenken  des  großen  Kaisers,  der  dahingegangen,  und  seines  herrlichen
Sohnes,  unter  denen  das  Werk,  auf  das  Sie  soeben  angespielt  haben,  erstanden
  ist.  Uns  allen  ist  noch  gegenwärtig  der  Jubel  bei  dem  letzten  Besuche
  meines  hochseligen  Herrn  Großvaters.  Wir  vereinigen  zwei  Meere;
auf  das  Meer  lenken  sich  unsere  Gedanken,  das  Meer,  das  Sinnbild  der
Ewigkeit.  Meere  trennen  nicht,  Meere  verbinden;  die  verbindenden  Meere
werden  durch  dieses  neue  Glied  zum  Segen  und  Frieden  des  Volkes;
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  19.—21.)  159

die  erzgepanzerte  Macht,  die  versammelt  auf  dem  Kieler  Hafen  ist,  soll  zu
gleicher  Zeit  ein  Sinnbild  des  Friedens  sein,  des  Zusammenwirkens  aller  europäischen
  Kulturvölker  zur  Hochhaltung  und  Aufrechterhaltung  der  europäischen
Kulturmission.  Haben  wir  einen  Blick  geworfen  auf  das  Meer,  so  werfen
wir  einen  Blick  auf  das  Meer  der  Völker.  Aller  Völker  Herzen  richten
sich  hieher  mit  fragendem  Blick.  Sie  erheischen  und  wünschen  den  Frieden.
Im  Frieden  nur  kann  der  Welthandel  sich  entwickeln,  im  Frieden  nur  kann
er  gedeihen,  und  Frieden  werden  und  wollen  wir  aufrechterhalten.  Möge
in  diesem  Frieden  auch  Hamburgs  Handel  blühen  und  gedeihen!  Es  soll
ihm  stets  der  Schutz  des  kaiserlichen  Aars  folgen,  wohin  er  auch  seine
Bahnen  über  die  Welt  ziehen  möge.  Wir  aber  alle  erheben  jetzt  unsere
Gläser  und  trinken  auf  das  Wohl  unserer  werten  Hansastadt  Hamburg.
Sie  lebe  hoch!  und  nochmals  hoch!  und  zum  dritten  Male  hoch!

Am  20.  fuhr  der  Kaiser  3½  Uhr  morgens  auf  der  „Hohenzollern“
in  den  Kanal  ein  und  traf  um  12  ¾  Nachmittags  im  Kieler  Hafen  bei
Holtenau  ein.  Im  Ganzen  passieren  22  deutsche  und  ausländische  Schiffe
den  Kanal,  die  Durchfahrt  ist  12  Uhr  Nachts  beendet.

Am  Abend  des  20.  fand  in  der  Marineakademie  in  Kiel  ein  großer
Ball  statt,  an  dem  der  Kaiser  und  seine  Gemahlin,  die  Fürstlichkeiten,  die
übrigen  hohen  Gäste  und  die  Offizierskorps  aller  Schiffe,  auch  der  französischen,
  und  der  Garnison  teilnahmen.

Am  21.  fand  die  Schlußsteinlegung  statt,  die  der  Kaiser  mit  folgenden
  Worten  vollzog:  „Zum  Andenken  an  Kaiser  Wilhelm  den  Creßen,
zum  Ruhm  des  Reiches  taufe  Ich  dich  Kaiser-Wilhelm-Kanal.  Der  Kaiser
begleitete  darauf  die  drei  Hammerschläge  mit  den  Worten:  „Im  Namen
des  dreieinigen  Gottes,  zur  Ehre  Kaiser  Wilhelms,  zum  Heile  Deutschlands,
zum  Wohle  der  Völker!“

Ferner  verliest  der  Kaiser  folgende  Urkunde:  Wir  Wilhelm,
von  Gottes  Gnaden  deutscher  Kaiser,  König  von  Preußen  u.  s.  w.,  thun
kund  und  fügen  hiermit  zu  wissen:  das  Werk,  zu  welchem  unser  in  Gott
ruhender  Herr  Großvater,  des  Kaiser  Wilhelm  I.  Majestät  am  3.  Juni
des  Jahres  1887  im  Namen  des  Reiches  den  Grundstein  gelegt  hat,  die
unmittelbare  Verbindung  der  deutschen  Meere,  steht  vollendet  vor  unsern
Augen.  Ein  beredtes  Zeugnis  deutscher  Thatkraft  und  vaterländischen
Fleißes,  ist  es  erstanden,  begleitet  von  der  hoffnungsfreudigen  Teilnahme
aller  Glieder  des  Reiches,  unter  dem  sichtbaren  Schutze  des  Himmels,  dessen
Fügung  während  des  Baues  vom  Vaterlande  jede  Störung  des  Friedens
ferngehalten  hat,  und  wenn  wir  heute  mit  hoher  Befriedigung  die  Erwartung
der  Erfüllung  näher  geführt  sehen,  welche  das  Reich  auf  die  Herstellung
einer  für  die  Zwecke  der  Kriegs=  und  Handelsflotte  ausreichenden  Wasserstraße
  zwischen  Nord=  und  Ostsee  gesetzt  hat,  so  gereicht  es  Uns  zur  besondern
  Freude,  daß  Wir,  umgeben  von  dem  erlauchten  Kreise  Unserer
hohen  Verbündeten  in  Gegenwart  der  Vertreter  des  Volkes  und  unter
dankenswerter  Beteiligung  der  Abgesandten  befreundeter  Mächte,  deren  Geschwader
  wir  in  unserm  ersten,  ihnen  gastlich  geöffneten  Kriegshafen  willkommen
  heißen,  diese  Straße  dem  Verkehr  übergeben  können.  Wie  wir  es
als  die  vornehmste,  von  den  Völkern  überkommene  Pflicht  unseres  kaiserlichen
  Amtes  betrachten,  durch  Erhaltung  des  Friedens  die  Errungenschaften
der  deutschen  Stämme  auf  dem  Gebiet  der  nationalen  Wohlfahrt,  Freiheit  und
Gesittung  in  ihrer  weitern  Entwicklung  sicher  zu  stellen,  so  halten  wir  fest
an  den  Bestreben,  der  vaterländischen  Arbeit  im  heißen  Wettbewerbe  freie
Bahn  zu  schaffen  und  sie  zu  schützen  vor  den  Gefahren  ihres  Berufes.  Aber
nicht  nur  dem  Vaterland  und  seinem  Handel,  seiner  Schiffahrt  und  seiner
Wehrkraft  soll  der  Kanal  förderlich  sein.  Indem  wir  ihn  in  den  Dienst
        <pb n="168" />
        160  Das  Deutsche  Reich  uad  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  19.—21.)

des  Weltverkehrs  stellen,  eröffnen  wir  neidlos  allen  seefahrttreibenden
Völkern  die  Teilnahme  an  den  Vorteilen,  welche  seine  Benutzung  gewährt.
Möge  er,  ein  Friedenswerk  alle  Zeit  nur  dem  Wettkampf  der  Nationen
auäsm  die  Güter  des  Friedens  dienstbar  sein.  Indem  Wir  befehlen,  daß  der
Kanal  für  die  Schiffahrt  aller  Nationen  geöffnet  werde,  wollen  Wir  zugleich,
  daß  an  der  Stelle,  an  welchem  er  in  Unsern  Kriegshafen  mündet,
ein  Denkmal  errichtet  werde,  welches  der  Nachwelt  Kunde  giebt  von  der
durch  Uns  in  Gegenwart  Unserer  hohen  Verbündeten  vollzogenen  denkwürdigen
  Eröffnung  der  neuen  Verkehrsstraße.  Mit  diesem  Denkmal
wünschen  wir  zugleich  einen  Teil  des  Dankes  abzutragen,  den  das  deutsche
Volk  dem  großen  Kaiser  schuldet,  welcher  vor  nunmehr  25  Jahren  die
deutschen  Männer  zu  einem  einigen  Bunde  geeint  und  in  weiser  Voraussicht
  das  jetzt  vollendete  Werk  begonnen  hat.  Der  reiche  Segen,  der  das
Walten  des  unvergeßlichen  Kaisers  begleitet  hat,  möge  auf  diesem  Werke
ruhen.  Diese  Urkunde  haben  Wir  in  zwei  Ausfertigungen  mit  Unserer
Allerhöchst  eigenhändigen  Namensunterschrift  vollzogen  und  mit  Unserm
großen  kaiserlichen  Insiegel  herstellen  lassen.  Wir  befehlen,  die  eine  Ausfertigung
  mit  den  dazu  bestimmten  Schriften  in  den  Grundstein  des  Denkmals
  niederzulegen,  die  andere  in  Unserm  Archiv  aufzubewahren.

Gegeben  Holtenau,  21.  Juni  1895.
(Gez.)  Wilhelm.  (Gegengez.)  Fürst  zu  Hohenlohe.

Abends  hält  der  Kaiser  bei  dem  großen  Festmahle  folgende  Ansprache:
  Mit  Freude  und  Stolz  blicke  ich  auf  die  glänzende  Festversammlung,
und  zugleich  im  Namen  meiner  hohen  Verbündeten  heiße  ich  Sie  alle,  die
Gäste  des  Reichs,  herzlich  willkommen.  Innigen  Dank  sprechen  wir  aus
für  die  Teilnahme,  die  uns  bei  der  Vollendung  eines  Werkes  geworden,
welches,  in  Frieden  geplant  und  in  Frieden  gebaut,  heute  dem  allgemeinen
Verkehr  übergeben  ist.  Nicht  erst  in  unsern  Tagen  ist  der  Gedanke,  die
Nord=  und  Ostsee  durch  einen  großen  Kanal  zu  verbinden,  entstanden;  weit  zurück
bis  in  das  Mittelalter  finden  wir  Vorschläge  und  Pläne  zur  Verwirklichung
dieses  Unternehmens,  und  im  verflossenen  Jahrhundert  ward  der  Eiderkanal
gebaut,  der,  ein  rühmliches  Zeugnis  für  die  Leistungsfähigkeit  der  damaligen
Zeit  ablegend,  doch  nur  für  den  kleinen  Schiffsverkehr  bestimmt,  den  gesteigerten
  Anforderungen  der  Jetztzeit  nicht  zu  genügen  vermochte.  Dem
neu  begründeten  Deutschen  Reiche  blieb  es  vorbehalten,  die  große  Aufgabe
einer  befriedigenden  Lösung  entgegen  zu  führen.  Mein  verewigter  Herr
Großvater,  Kaiser  Wilhelm  des  Großen  Majestät,  war  es,  der  in  richtiger
Erkenntnis  der  Bedeutung  des  Kanals  für  die  Hebung  des  nationalen
Wohlstandes  und  für  die  Stärkung  unserer  Wehrkraft  nicht  müde  wurde,
dem  Plane  des  Baues  einer  leistungsfähigen  Wasserstraße  zwischen  Nordund
  Ostsee  seine  fördernde  Teilnahme  zuzuwenden  und  die  mannigfachen
Schwierigkeiten  zu  beheben,  welche  sich  seiner  Ausführung  entgegenstellten.
Freudig  und  vertrauensvoll  folgten  die  verbündeten  Regierungen  des  Reiches
nicht  minder  wie  der  Reichstag  der  kaiserlichen  Initiative,  und  rüstig  ging
es  vor  nunmehr  acht  Jahren  an  das  Werk,  das  mit  seiner  fortschreitenden
Ausführung  in  immer  höherm  Grade  das  öffentliche  Interesse  erweckte.
Was  die  Technik  von  dem  hervorragenden  Standpunkte  ihrer  Entwicklung
heraus  hat  schaffen  können,  was  an  Eifer  und  Arbeitsfreudigkeit  möglich
war,  was  endlich  an  Fürsorge  für  die  zahlreichen  an  dem  Bau  beteiligten
Arbeiter  nach  den  Grundsätzen  der  humanen  Sozialpolitik  des  Reiches  gefordert
  werden  konnte,  es  ist  an  diesem  Werke  geleistet  worden.  Und  deshalb
  darf  mit  mir  und  meinen  hohen  Verbündeten  das  Vaterland  des  gelungenen
  Werkes  sich  freuen.  Aber  nicht  nur  für  die  heimischen  Interessen
        <pb n="169" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  20.—25.)  161

haben  wir  gearbeitet.  Der  großen  Kulturaufgabe  des  deutschen  Volkes  entsprechend
  öffnen  wir  dem  friedlichen  Verkehre  der  Nationen  untereinander
die  Schleußen  des  Kanals,  und  zu  freudiger  Genugthuung  wird  es  uns
gereichen,  wenn  seine  fortschreitende  Benutzung  Zeugnis  dafür  ablegt,  daß
die  Abfsichten,  von  welchen  wir  geleitet  worden  sind,  nicht  allein  verstanden,
sondern  auch  furchtbar  werden  zur  Hebung  der  Wohlfahrt  der  Völker.  Die  Teilnahme
  an  unserer  Feier  seitens  der  Mächte,  deren  Vertreter  wir  unter  uns
sehen  und  deren  herrliche  Schiffe  wir  heute  bewundert  haben,  begrüße  ich
umso  lebhafter,  je  mehr  ich  darin  die  volle  Würdigung  unserer  auf  Aufrechterhaltung
  des  Friedens  gerichteten  Bestrebungen  zu  erblicken  das  Recht  habe.
Deutschland  wird  auch  das  heute  inaugurirte  Werk  in  den  Dienst  des
Friedens  stellen  und  sich  glücklich  schätzen,  wenn  der  „Kaiser-Wilhelm-Kanal“
in  diesem  Sinne  allezeit  unsere  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  den  übrigen
Mächten  fördert  und  befestigt.  Ich  leere  das  Glas  auf  das  Wohl  der
uns  befreundeten  Souveräne  und  Mächte.  Hurral  Hurral!

20.  Juni.  (Holtenau.)  Auszeichnung  des  Ministers
v.  Bötticher.

Der  Kaiser  richtet  an  den  Staatssekretär  v.  Bötticher  folgendes
Handschreiben:  Nachdem  am  heutigen  Tage  die  feierliche  Eröffnung  des
Nordostseekanals  stattgefunden  hat,  ist  es  Mir  Bedürfnis,  Ihnen  für  die
hingebende  Treue,  mit  welcher  Sie  dieses  epochemachende  Werk  deutscher
Arbeitsamkeit  in  allen  Phasen  seiner  Entwickelung  geleitet  und  gefördert
haben,  Meinen  kaiserlichen  Dank  und  Meine  volle  Anerkennung  auszusprechen.
Als  Zeichen  Meines  besonderen  Wohlwollens  lasse  Ich  Ihnen  hierneben
Meine  Büste  in  Marmor  zugehen.  Beim  Anblick  derselben  wollen  Sie
sich  allezeit  gegenwärtig  halten,  daß  Ich  Mich  Ihnen  zu  warmem  Danke
verpflichtet  fühle  für  die  hervorragenden  Dienste,  welche  Sie  Mir  wie
Meinem  in  Gott  ruhenden  Herrn  Großvater  und  Meinem  Herrn  Vater  in
patriotischer  Hingebung  geleistet  haben  und  welche  noch  lange  Mir  und
dem  Vaterlande  zu  erhalten  Mein  Wunsch  ist.

Holtenau,  den  20.  Juni,  an  Bord  Meiner  hacht  „Hohengollern“".

Wilhelm.
Juni.  Die  Presse  über  die  Kanalfeier.  Die  gesamte  Presse
bringt  Festartikel  über  die  Einweihung  des  Nordostseekanals,  in
denen  besonders  auf  die  kulturelle  Bedeutung  des  Kanals  hingewiesen
  wird.  Einige  Blätter  tadeln,  daß  der  Name  des  Fürsten
Bismarck  während  der  Feier  nicht  genannt  wurde.

25.  Juni.  (Kiel.)  Die  Bekanntmachung  über  die  Eröffnung
des  Kaiser  Wilhelms-Kanals  lautet:

„Die  Schiffahrt  durch  den  Kaiser  Wilhelm-(Nord-Ostsee-)  Kanal
wird  mit  dem  1.  Juli  d.  Js.  eröffnet,  mit  Rücksicht  auf  einige  noch  notwendige
  Aufräumungsarbeiten  im  Kanalprofil  vorläufig  nur  für  Schiffe
bis  zu  4  ½  m  Tiefgang.

Kiel,  den  25.  Juni  1895.

 

Kaiserliche  Kanal-Kommission.“
25.  Juni.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Interpellation
über  die  Irrenpflege  im  Anschluß  an  den  Prozeß  Mellage  (val.
S.  152).
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                  11
        <pb n="170" />
        162  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  26.—28.)

Konservative  und  nationalliberale  Abgeordnete  bringen  folgende  Interpellation
  ein:  „Welche  Maßregeln  hat  die  königliche  Staatsregierung  ergriffen,
  oder  beabsichtigt  sie  zu  ergreifen,  um  die  in  dem  Prozeß  Mellage
zu  Tage  getretenen,  der  Menschlichkeit,  den  Erfordernissen  der  ärztlichen
Wissenschaft  und  den  Gesetzen  widersprechenden  Zustände  in  privaten  oder
unter  Leitung  von  Korporationen  stehenden  Irrenheilanstalten  zu  beseitigen
und  für  eine  durchgreifende  staatliche  Beaufsichtigung  solcher  Anstalten  Sorge
zu  tragen?"  Nach  einer  Begründung  durch  den  Abg.  Sattler  (nul.)  erklärt
  Kultusminister  Dr.  Bosse:  Es  sei  in  Mariaberg  viel  gefehlt  worden,
und  auch  die  Staatsregierung  lege  sich  die  Frage  vor,  wie  solche  Vorkommnisse
  trotz  der  Staatsaufsicht  möglich  gewesen  sind.  Der  Gedanke  wäre  ihm
unerträglich,  etwa  indirekt  an  den  Dingen,  an  der  dort  verübten  rohen,
empörenden  Behandlung  schuld  zu  sein.  Die  Anstalt  in  Mariaberg  sei  jährlich
zweimal  vom  Kreisphysikus  revidiert  worden  und  die  Berichte  lauteten  im
allgemeinen  günstig.  Daraufhin  hätte  man  Vertrauen  zu  der  Anstalt  gehabt;
  wenn  dieses  getäuscht  worden  ist,  solle  jede  erwiesene  Schuld  nicht
ungesühnt  bleiben.  Die  Regierung  beabsichtige,  angesichts  der  Vorgänge
eingreifende  Maßnahmen  zu  treffen.  Er  beabsichtige,  eine  besondere  unmittelbare
  Kommission  zu  bilden,  die  alle  Privat-Irrenanstalten  unvermuteten
  Revisionen  unterziehen  solle.  Es  sei  bereits  an  sämtliche  Medizinal-Aufsichtsbehörden
  der  Befehl  ergangen,  sofort  alle  in  ihrem  Bezirk  vorhandenen
  Privat-Irrenanstalten  einer  sorgfältigen  Revifion  zu  unterziehen.
Außerdem  würden  Bestimmungen  ausgearbeitet  über  die  Aufnahme  und
Festhaltung  von  Irrsinnigen,  die  eine  wesentliche  Verschärfung  gegen  die
jetzt  geltenden  bedeuteten.  Es  solle  in  Zukunft  nicht  das  Zeugnis  eines
Arztes  zur  Aufnahme  genügen,  sondern  stets  ein  zweiter  und  zwar  ein  beamteter
  Arzt  hinzugezogen  werden  müssen.  Für  die  Besuchskommissionen
habe  ihm  der  Finanzminister  8000  M  zugesagt.  Abg.  Spahn  Z(.)  erkennt
  an,  daß  in  Mariaberg  mancherlei  Uebelstände  herrschten  und  ist  mit
einer  schärferen  Beaufsichtigung  der  Privatirrenanstalten  einverstanden,  verteidigt
  aber  die  klösterlichen  Anstalten  gegen  die  Angriffe,  die  sie  in  der
letzten  Zeit  erfahren  haben.  Die  im  Prozeß  Mellage  gegen  Mariaberg  ausgesprochenen
  Beschuldigungen  beruhten  auf  unzuverlässigen  Zeugenaussagen.
Die  Schuld  an  den  vorgekommenen  Mißhandlungen  trage  der  Staat,  da
die  geistliche  Aufsicht  hätte  lange  Jahre  nicht  ausgeübt  werden  können,  weil
der  erzbischöfliche  Stuhl  in  Köln,  dem  die  Ausfsicht  zustand,  während  des
Kulturkampfs  nicht  besetzt  war.  Abg.  v.  Eynern  (nl.)  findet  die  Antwort
des  Ministers  und  die  Bewilligung  von  8000  M  ungenügend  und  wünscht
eine  Trennung  des  Medizinalwesens  vom  Kultusministerium,  was  Minister
Dr.  Bosse  ablehnt.

26.  Juni.  Das  Preuß.  Abgeordnetenhaus  genehmigt  in
dritter  Beratung  das  Stempelsteuergesetz  (vgl.  S.  48  Annahme  im
Herrenhause  8.  Juli).

28.  Juni.  (Preuß.  Abgeordneten  haus.)  Aufhebung  der

Rückzahlung  der  Grundsteuerentschädigung.

Der  vom  Herrenhause  an  das  Abgeordnetenhaus  gelangte  Gesetz“
entwurf,  betr.  die  Aufhebung  der  §§  18  bis  27  des  Gesetzes  wegen  Aufhebung
  direkter  Staatssteuern  vom  14.  Juli  1893,  welche  die  Rückzahlung
der  Grundsteuerentschädigungskapitalien  vorschreiben,  wird  mit  126  gegen
109  Stimmen  angenommen.

Die  Abgg.  Richter  (frs.  Vgl.),  v.  Huene  (Z.),  Sattler  (nl.)
machen  gegen  das  Gesetz  geltend,  daß  es  ein  Geschenk  der  Staatskasse  an
        <pb n="171" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  28.—Juli  5.)  163

die  Grundbesitzer  namentlich  an  die  Fideikommißgüter,  Abg.  v.  Dobeneck  (k.)
erklärt,  die  Entschädigung  sei  seinerzeit  nicht  für  Auferlegung  der  Grundsteuer,
  sondern  für  Aufhebung  des  Privilegs  der  Grundsteuerfreiheit  gewährt.
  Wenn  also  jetzt  die  als  Entgelt  für  den  Verlust  jenes  Privilegs
geleistete  Entschädigung  zurückgezahlt  werden  solle,  so  müßte  folgerichtig
das  Privileg  wieder  hergestellt  werden.  Da  dies  nicht  angängig  sei,  so
müsse  es  bei  der  erfolgten  Entschädigung  verbleiben.

Genehmigung  in  dritter  Beratung,  4.  Juli.

28.  Juni.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
eine  Anzahl  Schüler  des  Gymnasiums  Seehausen.

30.  Juni.  (Mannheim.)  Rede  des  Großherzogs  von
Baden.

Der  Großherzog  hält  in  einer  Versammlung  von  mehreren  Tausenden
alten  Kriegern  aus  Baden  und  der  Pfalz  eine  längere  Ansprache,  in  der
es  zum  Schlusse  heißt:  „Vermeiden  Sie  jedwedes  Parteiwesen,  das  nicht
auf  nationaler  Grundlage  steht,  die  heißt:  „Erhaltung  des  Reiches,  Unterstützung
  des  Kaisers,  Einheitlichkeit  des  Heeres  und  damit  Erhaltung  der
Kraft  der  Nation.“

1.  Juli.  Das  Preuß.  Abgeordnetenhaus  lehnt  den  Gesetzentwurf
  über  die  Verpflegungsstationen  ab  (vgl.  S.  124).

Mitte  Juni.  Das  englische  Urteil  über  den  Zusammenstoß
der  „Crathie“  und  Elbe  (vgl.  England).

Das  englische  Urteil,  das  allein  den  Steuermann  für  die  Katastrophe
verantwortlich  macht  und  auch  das  Verhalten  des  Kapitäns  nach  dem  Zusammenstoße
  als  korrekt  bezeichnet,  wird  in  der  deutschen  Presse  heftig  angegriffen.
  So  schreiben  die  „Hamb.  Nachr.“:  „Das  Urteil  des  englischen
Gerichts  wird  in  Deutschland  der  ohnehin  in  letzter  Zeit  stark  in  der  Zunahme
  begriffenen  anti-englischen  Strömung  neue  Nahrung  zuführen."“

3.  Juli.  Das  Preuß.  Abgeordnetenhaus  genehmigt  mit
großer  Majorität  den  Gesetzentwurf,  betr.  die  Zentralgenossenschaftskasse
  (vgl.  S.  158).

4.  Juli.  (Kiel.)  Abreise  des  Kaisers  nach  Schweden.

5.  Juli.  Das  Herrenhaus  lehnt  den  Gesetzentwurf,  betr.
die  Errichtung  einer  Generalkommission  mit  51  gegen  29  Stimmen
ab  (vgl.  S.  113).

5.  Juli.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Jagdscheingesetz.
Interpellation  Rintelen.

Das  Haus  genehmigt  in  dritter  Beratung  das  Jagdscheingesetz,  wonach
  der  Preis  des  Jagdscheines  von  3  auf  15  M  erhöht  wird  (Annahme
im  Herrenhause  9.  Juli).  —  Hierauf  interpelliert  Abg.  Rintelen  (Z.)  den
Kultusminister,  ob  die  Regierung  beabsichtige,  unter  Aufhebung  eines
Falk'schen  Erlasses  vom  18.  Februar  1876,  bezüglich  der  Erteilung  des
katholischen  Religionsunterrichts  in  den  Volksschulen  eine  anderweite  Regelung
unter  Berücksichtigung  des  Dogmas  der  römisch-katholischen  Kirche  herbeizuführen.
  Kultusminister  Dr.  Bosse  verneint  die  Frage,  da  Staat  und

                                          11*
        <pb n="172" />
        164  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  Anf.  —10.)

Kirche  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  am  besten  für  die  religiöse
Erziehung  der  Jugend  gemeinsam  arbeiten  könnten.  Ein  dogmatischer  Zwang
werde  nicht  ausgeübt.

Anfang  Juli.  Deutschland,  Marokko  und  Frankreich  (vgl.

Niederlande).

Ein  deutsches  Geschwader  bestehend  aus  den  Schiffen  „Stosch“,  „Hagen“
und  „Kaiserin  Augusta“  überreicht  der  marokkanischen  Regierung  ein  Ultimatum,
  für  die  Ermordung  eines  deutschen  Unterthanen  Rockstroh  Entschädigung
  zu  leisten.  Das  „Journal  des  Débats“  und  andere  Pariser
Blätter  sehen  dies  deutsche  Vorgehen  mit  Unruhe,  da  hierdurch  Algier  bedroht
  werde.  Die  deutschen  Zeitungen  der  verschiedensten  Parteirichtung
weisen  diese  Ausführungen  schroff  zurück.

Anf.  August  gewährt  der  Sultan  Genugthuung  und  zwar  bezahlt  er
zunächst  eine  Summe  von  200  000  Fr.,  die  zur  Schadloshaltung  der  Mutter
des  Ermordeten  und  der  Leipziger  Firma,  für  die  er  thätig  gewesen  ist,
sowie  zur  teilweisen  Bestreitung  der  dem  Reich  in  der  Sache  erwachsenen
Unkosten  Verwendung  finden  soll.  Außerdem  spricht  er  die  Absetzung  der
Beamten  aus,  deren  Verhalten  in  der  Rockstrohschen  Angelegenheit  der  deutschen
  Regierung  Anlaß  zu  berechtigten  Klagen  gegeben  hatte;  und  endlich
wird  die  Bestrafung  der  an  der  Mordthat  direkt  beteiligten  Personen

zugesagt.
Juli—September.  (Berlin.)  Der  Fall  Hammerstein.

Der  Chefredakteur  der  „Kreuz-Zeitung“  Reichs=  und  Landtagsabgeordneter
  Frhr.  v.  Hammerstein  wird  von  seiner  Stellung  als  Redakteur
durch  das  Komitee  der  „Kreuz-Zeitung“  suspendiert  (4.  Juli).  Frhr.  v.
Hammerstein  war  seit  einigen  Monaten  in  mehreren  Blättern  beschuldigt
worden,  Gelder  der  „Kreuz-Zeitung“  in  eigenem  Nutzen  verwandt  zu  haben,
worauf  er  mit  einer  Verleumdungsklage  antwortete,  aber  vor  Beginn  des
Prozesses  ins  Ausland  ging.  Im  September  übergibt  das  Komite  die
Angelegenheit  Hammerstein  dem  Staatsanwalt,  der  einen  Steckbrief  gegen
Hammerstein  erläßt.  Seine  Mandate  als  Abgeordneter  hatte  Hammerstein
schon  vorher  niedergelegt.  Die  Angelegenheit  wird  in  der  Presse  weitläufig
erörtert.

6.  Juli.  (Berlin.)  Das  Herrenhaus  genehmigt  den  Gesetzentwurf,
  betr.  Vermeidung  der  Doppelbesteuerung  mit  einigen  Abänderungen,
  denen  das  Abgeordnetenhaus  am  8.  zustimmt.

10.  Juli.  (Berlin.)  Schluß  des  Landtags.

Das  Abgeordnetenhaus  hat  seit  dem  15.  Januar  getagt.  In  dieser
Zeit  von  115  Tagen,  ausschließlich  der  Sonn=  und  Festtage,  sowie  der  Zeit
der  Vertagung  wegen  des  Osterfestes  und  des  Pfingstfestes  und  aus  Anlaß
der  Teilnahme  von  Mitgliedern  des  Hauses  an  den  Feierlichkeiten  zur  Eröffnung
  des  Kaiser  Wilhelms-Kanals,  haben  stattgefunden:  88  Plenarsitzungen,
  111  Sitzungen  der  Abteilungen,  208  Sitzungen  der  Kommissionen,
246  Sitzungen  der  Fraktionen.  Dem  Hause  sind  zugegangen:  der  Staatshaushaltsetat
  für  1895/96  und  demnächst  ein  Nachtrag  zu  demselben  mit
den  betreffenden  Gesetzentwürfen,  die  allgemeine  Rechnung  über  den  Staatshaushalt
  des  Jahres  1891/92,  die  Uebersicht  über  die  Staatseinnahmen  und
-Ausgaben  für  1893.94,  die  Jahresrechnung  der  Kasse  der  Ober-Rechnungskammer
  für  1893/94,  ein  Bericht  der  Staatsschuldenkommission,  16  Rechenschaftsberichte,
  Denkschriften,  Uebersichten  und  ähnliche  Vorlagen,  welche
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  12.)  165

Gegenstände  sämtlich  sowohl  hier,  wie  im  Herrenhause,  soweit  sie  auch  der
Beschlußfassung  des  letzteren  unterlagen,  erledigt  worden  sind.  An  Gesetzentwürfen
  sind,  abgese  en  von  den  erwähnten  Etatsgesetzen,  dem  Hause  zugegangen
  unmittelbar  von  der  Staatsregierung  25,  vom  Herrenhause  12.
Von  diesen  37  Gesetentwürfen  find  34  vom  Herrenhause  und  vom  Hause
der  Abgeordneten  übereinstimmend  angenommen;  zwei  Gesetzentwürfe  sind
abgelehnt,  und  zwar  im  Herrenhause  der  Gesetzentwurf,  betr.  die  Errichtung
einer  Generalkommission  für  die  Provinz  Ostpreußen,  und  im  Abgeordnetenhause
  unter  Annahme  einer  Resolution  der  Gesetzentwurf  über  die  Verpflegungsstationen;
  über  einen  Gesetzentwurf  (betr.  die  Entschädigung  für
Verluste  durch  Schweinekrankheiten)  ist  hier  die  Beratung  unter  Inanspruchnahme
  der  Beibringung  weiteren  Materials  vertagt  worden.  Die  Zahl  der
Regierungsvorlagen  beträgt  demnach  im  Ganzen  59.  Es  sind  davon  neben
verschiedenen  Teilen  des  Staatshaushaltsetats  40  Vorlagen  an  Kommissionen
zur  Vorberatung  überwiesen  worden,  welche  darüber  15  schriftliche  und  eine
Anzahl  mündlicher  Berichte  erstattet  haben.  Selbständige  Anträge  sind  von
Mitgliedern  des  Hauses  22  eingebracht.  Auf  9  Anträge  sind  Resolutionen
beschlossen  worden.  2  Anträge  wurden  abgelehnt  und  zu  weiteren  2  Anträgen
  ist  motivierte  Tagesordnung  angenommen.  7  Anträge  find  nicht  zur
Beratung  gelangt  und  1  Antrag  ist  nach  der  ersten  Beratung  unerledigt
geblieben.  Endlich  ist  ein  Antrag  zu  Gunsten  eines  aus  der  Initiative  des
Herrenhauses  hervorgegangenen  und  auch  hier  angenommenen  Gesetzentwurfs
zurückgezogen  worden.  Die  Kommissionen  haben  über  die  Anträge  fünf
schriftliche  und  einen  mündlichen  Bericht  erstattet.  Ein  weiterer  im  Herrenhause
  auf  einen  Antrag  aus  der  Mitte  desselben  beschlossener  Gesetzentwurf
wurde  im  Abgeordnetenhause  unter  Annahme  einer  Resolution  abgelehnt.
Interpellationen  sind  aus  der  Mitte  des  Hauses  5  gestellt.  Dieselben  sind
sämtlich  von  der  königlichen  Staatsregierung  beantwortet  und  bis  auf  eine
einer  Besprechung  unterzogen  worden.  Petitionen  sind  1142  eingegangen.
Von  den  verschiedenen  Kommissionen  sind  darüber  53  schriftliche  Berichte
erstattet,  und  196  mündliche  Berichte  vorbereitet,  von  denen  24  schriftliche
und  135  mündliche  im  Plenum  erledigt  sind.  Von  den  Petitionen  sind:
286  zur  Erörterung  im  Plenum  nicht  für  geeignet  erachtet,  141  durch  Uebergang
  zur  Tagesordnung  erledigt,  145  der  königlichen  Staatsregierung  überwiesen,
  274  durch  Annahme  von  Gesetzentwürfen  oder  Resolutionen  für  erledigt
  erklärt.  Ueber  234  Petitionen  haben  die  Kommissionen  sich  noch
schlüssig  gemacht  und  für  die  Plenarberatuug  Anträge  gestellt,  wogegen  62
ganz  unerledigt  geblieben  sind,  meist  wegen  verspäteten  Eingangs.  In  den
Abteilungen  sind  die  Verhandlungen  über  17  nach  Schluß  der  l.  Session
erfolgte  Wahlen  geprüft.  Es  wurden  die  Wahlen  von  16  Abgeordneten
für  giltig  erklärt  und  1  Wahl  der  Wahlprüfungskommission  überwiesen.
Die  letztere  Kommission  hat,  einschließlich  der  aus  der  vorigen  Session  übernommenen
  Gegenstände,  über  11  Wahlverhandlungen  10  schriftliche  und  1
mündlichen  Bericht  erstattet,  welche  im  Plenum  sämtlich  erledigt  worden
sind.  Ueber  eine  Wahlverhandlung,  betreffend  den  Wahlbezirk  4  Potsdam,
hat  noch  nicht  berichtet  werden  können.  Von  der  Geschäftsordnungs-Kommission
  sind  sechs  mündliche  Berichte  über  Fragen  von  Mandatserledigungen
verschiedener  Mitglieder  des  Hauses  erstattet  worden,  über  welche  Berichte
auch  im  Plenum  des  Hauses  Beschluß  gefaßt  ist.  Erledigt  sind  zur  Zeit
neun  Mandate,  und  zwar  je  eins  für  die  Wahlbezirke:  9  Potsdam,  2  Magdeburg,
  3  Köln,  12  Schleswig-Holstein,  3  Potsdam,  6  Oppeln,  7  Liegnitz,
9  Frankfurt  und  8  Liegnitz.

12.  Juli.  (Württemberg.)  Vertagung  des  Landtags.
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        166  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  16.)

Die  „Allg.  Ztg.“  schreibt  über  seine  letzten  Verhandlungen:  „In
den  letzten  Tagen  gab  es  noch  sehr  heiße  Arbeit  für  beide  Kammern;  die
Kammer  der  Abgeordneten  insbesondere  hatte  eine  mehrtägige  Debatte  über
das  Gesetz,  durch  welches  im  Falle  der  Thronbesteigung  eines  katholischen
Königs  das  evangelische  Kirchenregiment  geregelt  wird.  Nicht  allein,  daß
die  Materie  an  sich  eine  sehr  schwierige  und  nicht  leicht  zu  verstehende  ist,
ist  sie  auch  bei  der  heutigen  konfessionellen  Empfindlichkeit  sehr  delikater
Natur;  dazu  kommt,  daß  durch  außere  Umstände  die  Geschäftsbehandlung
der  Vorlage  in  der  Kommission  keine  angemessene  war.  Alle  diese  Umstände
wirkten  dahin  zusammen,  daß  man  sich  schließlich  darüber  einigte,  zwar  den
Gegenstand  zu  debattieren,  damit  innerhalb  und  außerhalb  des  Hauses  gewisse
  Mißverständnisse  behoben  und  einer  ruhigen  Besprechung  der  Sache
der  Weg  geebnet  werde,  die  Beschlußfassung  aber  bis  zum  Wiederzusammentritt
  des  Hauses  auszusetzen.  In  seiner  Schlußansprache  hob  der  Präsident
Payer  hervor,  daß  man  von  diesem  Landtag,  in  welchen  40  Mitglieder  neu
eintraten,  anfangs  nur  Hader  und  Verwirrung  befürchtet  habe.  Jetzt  dürfe
man  mit  Genugthuung  konstatieren,  daß  sowohl  zwischen  den  verschiedenen
Seiten  des  Hauses  als  auch  mit  der  Regierung  sich  bald  ein  fruchtbares
Zusammenwirken  herausgebildet  habe.  An  Fleiß  und  Arbeitsleistung  stehe
dieser  Landtag  hinter  keinem  seiner  Vorgänger  zurück."“

16.  Juli.  (Köln.)  Dr.  August  Reichensperger,  lange
Zeit  hervorragendes  Mitglied  des  Zentrums  im  Reichstag  und  Abgeordnetenhause,
  87  Jahre  alt,  +

16.  Juli.  Das  sozialistische  Agrarprogramm.

Der  „Vorwärts“  publiziert  folgendes  Agrarprogramm,  das  dem
sozialistischen  Parteitage  als  Grundlage  für  die  Agitation  auf  dem  Lande
vorgelegt  werden  soll:  Die  sozialdemokratische  Partei  Deutschlands  fordert
zur  Demokratisierung  aller  öffentlichen  Einrichtungen  in  Reich,  Staat  und
Gemeinde,  für  die  Hebung  der  sozialen  Lage  der  arbeitenden  Klassen  und
für  die  Verbesserung  der  Zustände  in  Gewerbe,  Landwirtschaft,  Handel  und
Verkehr,  im  Rahmen  der  bestehenden  Staats=  und  Gesellschaftsordnung  zunächst:
  1)  Allgemeines  gleiches  direktes  Wahl=  und  Stimmrecht  mit  geheimer
Stimmabgabe  aller  über  20  Jahre  alten  Reichsangehörigen  ohne  Unterschied
des  Geschlechts  für  alle  Wahlen  und  Abstimmungen.  Proportional-Wahlsystem
  und  bis  zu  dessen  Einführung  gesetzliche  Neueinteilung  der  Wahlkreise
nach  jeder  Volkszählung.  Zweijährige  Gesetzgebungsperioden,  Vornahme  der
Wahlen  und  Abstimmungen  an  einem  gesetzlichen  Ruhetage.  Entschädigung
für  die  gewählten  Vertreter.  Aufhebung  jeder  Beschränkung  politischer
Rechte  außer  im  Falle  der  Entmündigung.  2)  Direkte  Gesetzgebung  durch
das  Volk  vermittelst  des  Vorschlags=  und  Verwerfungsrechts.  Selbstbestimmung
  und  Selbstverwaltung  des  Volks  in  Reich,  Staat,  Provinz  und  Gemeinde.
  Wahl  der  Behörden  durch  das  Volk,  Verantwortlichkeit  und  Haftbarkeit
  derselben.  Jährliche  Steuerbewilligung.  3)  Erziehung  zur  allgemeinen
Wehrhaftigkeit.  Volkswehr  an  Stelle  der  stehenden  Heere.  Entscheidung
über  Krieg  und  Frieden  durch  die  Volksvertretung.  Schlichtung  aller  internationalen
  Streitigkeiten  auf  schiedsgerichtlichem  Wege.  4)  Abschaffung  aller
Gesetze,  welche  die  freie  Meinungsäußerung  und  das  Recht  der  Vereinigung
und  Versammlung  einschränken  oder  unterdrücken.  5)  Abschaffung  aller  Gesetze,
  welche  die  Frau  in  öffentlich=  und  privatrechtlicher  Beziehung  gegenüber
  dem  Manne  benachteiligen.  6)  Erkärung  der  Religion  zur  Privatsache.
Abschaffung  aller  Aufwendungen  aus  öffentlichen  Mitteln  zu  kirchlichen  und
religiösen  Zwecken.  Die  kirchlichen  und  religiösen  Gemeinschaften  sind  als
        <pb n="175" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  16.)  167

private  Vereinigungen  zu  betrachten,  welche  ihre  Angelegenheiten  vollkommen
selbständig  ordnen.  7)  Weltlichkeit  der  Schule.  Obligatorischer  Besuch  der
öffentlichen  Volks=  und  Fortbildungsschulen.  Errichtung  ausreichender  gewerblicher
  und  landwirtschaftlicher  Fachschulen,  Musterwirtschaften  und  Versuchsstationen;
  Abhaltung  regelmäßiger  landwirtschaftlicher  Unterrichtskurse.
Unentgeltlichkeit  des  Unterrichts,  der  Lehrmittel  und  der  Verpflegung  in
allen  öffentlichen  Unterrichtsanstalten,  auch  in  den  höheren  Bildungsanstalten
für  diejenigen  Schüler  und  Schülerinnen,  die  kraft  ihrer  Fähigkeiten  zur
weiteren  Ausbildung  geeignet  erachtet  werden.  8)  Unentgeltlichkeit  der  Rechtspflege
  und  des  Rechtsbeistandes.  Rechtssprechung  durch  vom  Volke  gewählte
Richter.  Berufung  in  Straffachen.  Entschädigung  unschuldig  Angeklagter,
Verhafteter  und  Verurteilter.  Abschaffung  der  Todesstrafe.  9)  Unentgeltlichkeit
  der  ärztlichen  Hilfeleistung  einschließlich  der  Geburtshilfe  und  der
Heilmittel.  Unentgeltlichkeit  der  Totenbestattung.  10)  Stufenweis  steigende
Einkommen=  und  Vermögenssteuer  zur  Bestreitung  aller  öffentlichen  Ausgaben,
  soweit  diese  durch  Steuern  zu  decken  sind  und  dementsprechende  Beseitigung
  aller  Ertrags-(Real-)  Steuern  (Gewerbe-,  Haus-,  Grundsteuern  u.  s.  w.).
Selbsteinschätzungspflicht.  Erbschaftssteuer,  stufenweise  steigend  nach  Umfang
des  Erbguts  und  nach  dem  Grade  der  Verwandtschaft.  Abschaffung  aller
indirekten  Steuern,  Zölle  und  sonstigen  wirtschafts-politischen  Maßnahmen,
welche  die  Interessen  der  Allgemeinheit  den  Interessen  einer  bevorzugten
Minderheit  opfern.  11)  Abschaffung  aller  mit  dem  Grundbesitz  verbundenen
behördlichen  Funktionen  und  Privilegien  (selbständige  Gutsbezirke,  Vorrechte
in  Vertretungskörperschaften,  Patronatsrechte,  Fideikommisse,  Steuervorrechte
  u.  s.  w.).  Entschädigungslose  Aufhebung  jeglicher  Art  noch  bestehender
Erbunterthänigkeit  und  der  aus  derselben  herstammenden  Lasten  und  Pflichten.
12)  Erhaltung  und  Vermehrung  des  öffentlichen  Grundeigentums  (Staatsund
  Gemeindeeigentums  jeder  Art,  Allmend  u.  s.  w.),  insbesondere  Ueberführung
  des  Besitzes  der  toten  Hand  (Korporations-,  Stiftungs=  und  Kirchengüter),
  der  Realgemeinden,  der  Wälder,  der  Wasserkräfte  u.  s.  w.  in  öffentliches
  Eigentum  unter  Kontrolle  der  Volksvertretung.  Einführung  eines
Vorkaufsrechts  der  Gemeinden  bezüglich  der  zur  Zwangsversteigerung  kommenden
  Güter.  13)  Bewirtschaftung  der  Staats=  und  Gemeindeländereien
auf  eigene  Rechnung,  oder  Verpachtung  an  Genossenschaften  von  Landarbeitern
  und  von  Kleinbauern  oder,  soweit  sich  beides  nicht  als  rationell  erweist,
Verpachtung  an  Selbstbewirtschafter  unter  Aufsicht  des  Staates  oder  der
Gemeinde.  14)  Staatskredit  an  Genossenschaften,  die  alle  Beteiligten  umfassen,
  oder  an  einzelne  Gemeinden  für  Feldbereinigung.  Bodenmeliorationen
aller  Art,  Entwässerung  und  Bewässerung.  Uebernahme  der  Kosten  für
Bau  und  Instandhaltung  der  öffentlichen  Verkehrsmittel  (Bahnen,  Straßen,
Wege,  Wasserläufe),  sowie  für  Deiche  und  Dämme  auf  den  Staat  oder  das
Reich.  15)  Verstaatlichung  der  Hypotheken=  und  Grundschulden  unter  Herabsetzung
  des  Zinsfußes  auf  die  Höhe  der  Selbstkosten.  16)  Verstaatlichung
der  Mobilien=  und  Immobilien-Versicherung  (Feuer-,  Hagel-,  Wasserschäden-,
Bieh-Versicherung  u.  s.  w.)  und  möglichste  Ausdehnung  der  Versicherung  auf
alle  versicherungsfähigen  Betriebszweige.  Staatliche  Hilfeleistung  bei  Notständen
  infolge  verheerender  Naturereignisse.  17)  Unbeschränkte  Aufrechterhaltung
  und  Erweiterung  der  bestehenden  Waldnutzungs=  und  Weiderechte
unter  Gleichberechtigung  aller  Gemeindeangehörigen.  Freies  Jagdrecht  auf
eigenem  und  gepachtetem  Boden.  Verhütung,  gegebenenfalles  volle  Entschädigung
  für  Wild=  und  Jagdschaden.  Zum  Schutze  der  Arbeiterklasse  fordert
die  Sozialdemokratische  Partei  Deutschlands  zunächst:  1)  Eine  wirksame
nationale  und  internationale  Arbeiterschutzgesetzgebung  auf  folgender  Grundlage:
  a)  Festsetzung  eines  höchstens  acht  Stunden  betragenden  Normal-
        <pb n="176" />
        168  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli.)

arbeitstages.  b)  Verbot  der  Erwerbsarbeit  für  Kinder  unter  14  Jahren.
c)  Verbot  der  Nachtarbeit,  außer  für  solche  Industriezweige,  die  ihrer  Natur
nach,  aus  technischen  Gründen  oder  aus  Gründen  der  öffentlichen  Wohlfahrt
Nachtarbeit  erheischen.  d)  Eine  ununterbrochene  Ruhepause  von  mindestens
36  Stunden  in  jeder  Woche  für  jeden  Arbeiter  e)  Verbot  des  Trucksystems.
  Sachgemäße  Ausdehnung  der  Arbeiterschutzgesetzgebung  auf  die
Landwirtschaft.  2)  Ueberwachung  aller  gewerblichen  Betriebe,  Erforschung
und  Regelung  der  Arbeitsverhältnisse  in  Stadt  und  Land  durch  ein  Reichsarbeitsamt,
  Bezirksarbeitsämter  und  Arbeitskammern,  sowie  durch  ein  landwirtschaftliches
  Reichsamt,  Bezirks-Landwirtschaftsämter  und  Landwirtschaftskammern.
  Durchgreifende  Fürsorge  für  die  Gesundheitsverhältnisse  der  Arbeiter
in  Stadt  und  Land.  3)  Rechtliche  Gleichstellung  der  landwirtschaftlichen  Arbeiter
  und  der  Dienstboten  mit  den  gewerblichen  Arbeitern;  Beseitigung  der
Gefindeordnungen.  4)  Schlichtung  von  Streitigkeiten  aus  dem  Arbeitsverhältnis
  durch  obligatorische  Gewerbegerichte  sowohl  für  gewerbliche  als  für  landwirtschaftliche
  Arbeiter,  Dienstboten  und  Heimarbeiter,  sowie  für  Handlungsgehilfen.
  5)  Sicherstellung  des  Koalitionsrechtes.  6)  Uebernahme  und  Vereinheitlichung
  der  gesamten  Arbeiterversicherung  durch  das  Reich  mit  maßgebender
  Mitwirkung  der  Arbeiter  an  der  Verwaltung.  Reichsgesetzliche
Ausdehnung  der  Versicherung  auf  alle  im  Lohn=  oder  Dienstverhältnis
stehenden  Personen.
Berlin,  Juli  1895.  Der  Parteivorstand.

Das  Programm  findet  in  der  sozialdemokratischen  Partei  selbst  sehr
geteilte  Aufnahme.  Skeptisch  äußern  sich  „Volksbl.“  für  Halle,  Volksblatt
  für  Hamburg;  die  „Sächs.  Arbeiterzeitung“  und  die  „Elberfelder
  fr.  Presse"“  behaupten,  der  Entwurf  sei  nicht  sozialdemokratisch,
ablehnende  Stimmen  werden  ferner  im  „Hamb.  Echo“,  in  der  „Volksstimme"
  und  im  „Vorwärts“  veröffentlicht.  Im  „Sozialist"“  wendet
sich  Abg.  Schippel  gegen  das  Programm.  Die  Sozialdemokratie  dürfe
sich  nichts  vom  Bauernschutz  als  Agitationsmittel  versprechen,  da  sie  hierin
mit  den  bürgerlichen  Parteien,  insbesondere  den  konservativ-antisemitischen
Agrariern,  die  viel  größere  Versprechungen  machen  könnten,  nicht  konkurrieren
  könne.  (Vgl.  sozial.  Parteitag.  6.  Okt.)

Die  antisozialistische  Presse  bezeichnet  das  Programm  vielfach  als
Bauernfang;  es  seien  darin  eine  Anzahl  praktischer  von  den  bürgerlichen
Parteien  erhobenen  Forderungen  zusammengestellt,  die  die  Sozialdemokratie
bisher  bekämpft  habe.  Hierdurch  solle  die  Landbevölkerung  über  den  wahren
Charakter  der  Sozialdemokratie  getäuscht  werden.  So  der  „Reichsbote“,
„Köln.  Volksztg.“,  „Hamb.  Nachr.“  Freisinnige  Blätter,  wie  „Berl.
Ztg.“,  „Frankf.  Ztg."“,  „Voss.  Ztg.“,  glauben  aus  dem  Programm  auf
eine  allmähliche  Umwandlung  der  Sozialdemokratie  aus  einer  Revolutionspartei
  in  eine  Reformpartei  schließen  zu  können,  wogegen  „Kreuz-Ztg.“,
„Leipz.  Tagebl.“,  „Berl.  N.  Nachr.“  protestieren.

Juli.  Erinnerungen  an  1870.

Anläßlich  der  25.  Wiederkehr  der  Kriegserklärung  bringt  die  Presse
zahlreiche  Festartikel,  in  denen  hauptsächlich  die  Entstehung  des  Krieges  von
1870  behandelt  wird.  Die  sozialistischen  und  zum  Teil  die  klerikalen
Blätter  behaupten,  Bismarck  habe  1870  durch  die  Fälschung  der  Emser
Depesche  (vgl.  1892  S.  162)  die  Franzosen  gereizt  und  so  den  Krieg  provoziert;
  die  anderen  Blätter  sehen  die  Ursache  des  Krieges  in  der  französischen
Nationaleitelkeit,  die  aus  der  Zurückweisung  unberechtigter  Forderungen
einen  Kriegsfall  machte.  Von  wissenschaftlichen  Untersuchungen  sind  vor
allem  zu  erwähnen,  Heinrich  v.  Sybel,  Neue  Mitteilungen  zur  Begrün-
        <pb n="177" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  20.—Aug.  Anf.)  169

dung  des  Deutschen  Reichs  (München,  Oldenburg,  1895)  und  Hans  Delbrück,
  Das  Geheimnis  der  Napoleonischen  Politik  im  Jahre  1870.  (Preuß.
Jahrbücher  Bd.  82  S.  1).  Nach  Sybel  bestand  1870  weder  bei  Bismarck
noch  bei  Napoleon  Neigung  zum  Kriege;  der  Urheber  des  Krieges  ist  der
französische  Minister  des  Auswärtigen,  Gramont,  der  bei  Gelegenheit  der
spanischen  Thronkandidatur  des  Prinzen  Leopold  mit  Hilfe  einer  Anzahl
Fanatiker  das  französische  Nationalgefühl  erhitzte  und  dem  Kaiser  die  Kriegserklärung
  abzwang.  Nach  Delbrück  dagegen  hat  Napoleon  den  Krieg  von
langer  Hand  vorbereitet;  er  suchte  ein  Bündnis  mit  Oesterreich  und  Italien
abzuschließen,  um  im  Jahre  1871  einen  gemeinsamen  Angriff  auf  Preußen
zu  richten.  Als  dieses  Bündnis  seinem  Abschlusse  nahe  war,  brachte  der
Streit  über  die  spanische  Thronfrage  den  Krieg  zum  Ausbruch,  und  zwar
zu  einer  Zeit,  als  die  beiden  Bundesgenossen  Frankreichs  noch  nicht  aktionsfähig
  waren.  Nach  Delbrück  ist  also  die  spanische  Thronkandidatur  nur
von  sekundärer  Bedeutung,  sie  ist  nicht  die  Ursache  des  Krieges,  wie  Sybel
meint,  sondern  sie  hat  ihn  vornehmlich  infolge  der  diplomatischen  Ungeschicklichkkeit
  Gramonts  zum  Heile  Deutschlands  nur  beschleunigt;  ein  Jahr
später  hätte  Deutschland  nicht  nur  mit  Frankreich,  sondern  mit  drei  Gegnern
  kämpfen  müssen.  Eine  Fälschung  der  Emser  Depesche  verweisen  beide
in  das  Gebiet  der  Legende.  (Vgl.  hierzu  Staatsarchiv,  Bd.  58.)

Es  finden  das  ganze  Jahr  hindurch  zahlreiche  Siegesfeiern  statt;
die  Reihe  eröffnet  die  Berliner  Universität  am  Datum  der  Kriegserklärung
(19.  Juli),  wo  Heinrich  v.  Treitschke  die  Festrede  hält.  (Erschienen  in
Leipzig  bei  S.  Hirzel).

20.  Juli.  Audienz  des  Reichskanzlers  Fürst  Hohenlohe
beim  Kaiser  von  Osterreich  in  Ischl.

22.  Juli.  (Berlin.)  Rudolf  von  Gneist  +

29.  Juli.  Der  Kaiser  kehrt  von  seiner  Nordlandsreise  nach
Potsdam  zurück  (vgl.  Schweden).

29./31.  Juli.  (Berlin.)  Versammlung  von  Vertretern  der
beim  Zentralausschusse  der  vereinigten  Innungsverbände  beteiligten
Innungsverbände  und  Innungsausschüsse,  sowie  der  Hanseatischen
Gewerbekammern.

Den  Gegenstand  der  Beratungen  bildeten:  1.  die  im  Ministerium  für
Handel  und  Gewerbe  ausgearbeiteten  Grundzüge  für  eine  Zwangsorganisation
  des  Handwerks  und  eine  Regelung  des  Lehrlingswesens;  2.  der  Entwurf
  eines  Gesetzes,  betreffend  die  Errichtung  von  Handwerkskammern.

1.  August.  (Marburg.)  Heinrich  v.  Sybel  +  (vgl.  Paul
Bailleu,  Deutsche  Rundschau.  Jahrg.  1896,  1).

3.  August.  (Preußen.)  Landwirtschaftskammern.

Für  Ostpreußen,  Westpreußen,  Pommern,  Brandenburg,  Posen,
Schlefien,  Sachsen,  Schleswig,  die  Regierungsbezirke  Kassel,  Wiesbaden  werden
  Landwirtschaftskammern  errichtet.

3.  August.  Abreise  des  Kaisers  nach  England.

Anfang  August.  Deutschland  und  England.  Preßfehden  über
den  Artikel  des  „Standard“  und  eine  Kaiserrede.
        <pb n="178" />
        170  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  10.)

Der  ministerielle  „Standard“  bringt  bei  Ankunft  des  Kaisers  in
England  als  Begrüßungsartikel  eine  längere  Ausführung  über  die  Beziehungen
  zwischen  England  und  Deutschland.  Die  deutschen  und  englischen
Interessen  seien  identisch,  aber  eine  Neigung  zu  diplomatischen  Experimenten
in  der  deutschen  Politik  habe  die  Beziehungen  zwischen  beiden  Staaten  oft
getrübt.  Insbesondere  wird  das  Verhalten  Deutschlands  in  der  ostafiatischen
Frage  verurteilt,  das  Deutschland  keinen  Nutzen  gebracht  habe.  Nach  dem
„Standard“  „ist  das  Entgegenkommen  Englands,  welches  Deutschland  so
lange  genossen  hat,  für  dasselbe  wertvoller  als  irgend  ein  momentanes
Resultat,  welches  aus  dem  Kokettiereu  mit  Rußland  oder  Frankreich  entstehen
  könnte.  Zweifellos  würde  Deutschland  weise  handeln,  wie  wir,  vollständig
  freundliche  Beziehungen  zu  beiden  Mächten  zu  unterhalten.  Wenn
aber  der  Kaiser  denkt,  es  könne  mehr  dabei  herausspringen,  so  irrt  er  sich.
Frankreich  hat  Sedan  und  Rußland  den  Berliner  Kongreß  nicht  vergeben.
England  hat  dagegen  nichts  zu  vergeben,  nichts  zu  verzeihen,  nichts  umzustürzen."
  Der  Artikel  spricht  die  Hoffnung  aus,  daß  der  Kaiser  bei  der
Königin  eine  Lektion  politischer  Weisheit  nehmen  werde  und  schließt  mit
der  Mahnung,  daß  Kaiser  Wilhelm  seine  Anwesenheit  benutzen  werde,  um
Fühlung  mit  der  nationalen  Meinung  in  England  hinsichtlich  der  macedonisch-bulgarischen
  Frage  zu  nehmen.

Dieser  Artikel  wird  in  der  deutschen  Presse  viel  erörtert  und  meist
mit  großer  Schärfe  zurückgewiesen.  So  erklären  die  „Hamb.  Nachr.“  ein
Bündnis  zwischen  Deutschland  und  England  für  unmöglich  und  tadeln  den
Ton,  den  der  „Standard“  gegen  den  Kaiser  anschlägt:  „Wir  glauben
nicht,  daß  die  deutsche  Nation  diese  Sprache  des  englischen  ministeriellen
Blattes  mit  der  Würde  des  deutschen  Kaisers  und  dessen  Machtstellung
vereinbar  erachten  wird  und  wir  fänden  es  begreiflich,  wenn  auch  in  Berliner
  Regierungs-Blättern  der  Ueberhebung  des  englischen  ministeriellen
Organes  mit  Entschiedenheit  entgegengetreten  würde."“  Die  „Nordd.  Allg.
Ztg."  schreibt  nach  der  Rückkehr  des  Kaisers  aus  England,  solange  Kaiser
Wilhelm  der  Gast  Ihrer  britischen  Majestät  am  englischen  Gestade  bei  Cowes
war,  habe  man  geschwiegen,  aber  nun  müsse  doch  gesagt  werden:  „der
Standard  habe  sich  in  der  Wahl  des  Mittels  für  eine  vertrauensvollere
Stimmung  in  Deutschland  und  damit  zur  Befestigung  guter  deutsch-englischer
  Beziehungen  ebenso  vergriffen,  wie  in  seinen  anmaßenden  Betrachtungen
gegenüber  dem  höchsten  Vertreter  der  deutschen  Nation  bei  seinem  gastlichen
Erscheinen  am  englischen  Hofe.“

Am  6.  August  hält  der  Kaiser  in  Cowes  eine  kurze  Ansprache  an
die  Vesagtung  des  Panzerschiffes  „Wörth“,  in  der  er  an  die  Einigung  von
Süd=  und  Norddeutschen  in  der  Schlacht  bei  Wört  erinnert.  Die  „Daily
News“  erklären  hierauf,  der  Kaiser  hätte  jede  Bezugnahme  auf  den  deutschfranzösischen
  Krieg  in  englischen  Gewässern  besser  unterlassen.  Auch  diese
Aeußerung  wird  von  der  deutschen  Presse  scharf  zurückgewiesen.

10.  August.  (Bremerhaven.)  Urteil  über  den  Untergang
der  „Elbe“  (vgl.  S.  38).

Nach  dem  Spruch  des  Seeamts  trifft  die  Schuld  an  dem  Zusammenstoß
der  „Crathie“  und  „Elbe“  den  Steuermann  Craigh  von  der  „Crathie“,
welcher  in  der  Zeit  vor  demselben  in  frivoler  Weise  seinen  Posten  auf  der
Brücke  verließ  und  sich  mit  dem  Ausguckmann  in  der  Combüse  aufhielt.
Gegen  die  Schiffsleitung  der  „Crathie"“  ist  aus  den  unterlassenen  Rettungsversuchen
  bei  der  so  schnell  versinkenden  „Elbe“  ein  Tadel  nicht  zu  erheben,
da  sie  selbst  eine  so  schwere  Beschädigung  erhalten  hatte,  daß  die  Befürchtung
  ihres  eigenen  Unterganges  gerechtfertigt  war.
        <pb n="179" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  17.—  18.)  171

17.  August.  Rückkehr  des  Kaisers  aus  England.

18.  August.  (Berlin.)  Zur  Erinnerung  an  die  Siege  vor
25  Jahren  veröffentlicht  der  „Reichs-Anzeiger“  folgende  Kabinetsordres
  des  Kaisers  und  Königs:

Ich  will  aus  Anlaß  der  fünfundzwanzigsten  Wiederkehr  der  Siegestage
  des  Feldzuges  von  1870/71  das  in  diesem  Kriege  erworbene  Verdienst
erneut  dadurch  anerkennen,  daß  Ich  denjenigen  Befitzern  der  Kriegsdenkmünze,
  welche  an  einer  der  in  dem  anliegenden  Verzeichnis  aufgeführten
Schlachten  ect.  teilgenommen  haben,  die  Berechtigung  verleihe,  auf  dem  Bande
dieser  Denkmünze  nach  beifolgendem  Muster  für  jede  der  von  ihnen  mitgemachten
  Schlachten  ect.  eine  Spange  mit  dem  entsprechenden  Schlacht=  ect.

Namen  zu  tragen.  Sie  haben  wegen  der  weiteren  Bekanntmachung  dieser
Ordre  das  Erforderliche  zu  veranlassen.
                 Berlin,  den  18.  August  1895.
                                   Wilhelm  I.  R.

                                                                                            Fürst  zu  Hohenlohe.
          An  den  Reichskanzler.

1.  Schlacht  bei  Spicheren,  2.  bei  Wörth,  3.  bei  Colombey-Nouilly,
4.  bei  Vionville-Mars  la  Tour,  5.  bei  Gravelotte-St.  Privat,  6.  bei  Beaumont,
  7.  bei  Noisseville,  8.  bei  Sedan,  9.  bei  Amiens,  10.  bei  Beaune  la
Rolande,  11.  bei  Villiers,  12.  bei  Loigny-Poupry,  13.  bei  Orleans,  14.  bei
Beaugency-Cravant,  15.  an  der  Hallue,  16.  bei  Bapaume,  17.  bei  Le  Mans,
18.  an  der  Lisaine,  19.  bei  St.  Quentin,  20.  am  Mont-Valérien,  21.  Belagerung
  von  Straßburg,  22.  Belagerung  von  Paris,  23.  Belagerung  von

Belfort.

Ich  will  aus  Anlaß  der  25.  Wiederkehr  der  Siegestage  des  Krieges
von  1870/71  den  Besitzern  des  Eisernen  Kreuzes  einen  erneuten  Beweis
Meiner  Königlichen  Gnade  dadurch  zu  teil  werden  lassen,  daß  Ich  ihnen
die  Berechtigung  verleihe,  nach  der  beiliegenden  Probe  auf  dem  Ordenbande
drei  Eichenblätter  von  weißem  Metall  mit  der  Zahl  25  darauf  zu  tragen.
Ich  beauftrage  das  Staatsministerium,  wegen  der  Bekanntmachung  dieses
Meines  Erlasses  das  Erforderliche  zu  veranlassen.

Berlin,  den  18.  August  1895.  Wilhelm  R.

An  das  Staatsministerium.

„Ich  verleihe  denjenigen  Fahnen  und  Standarten  Meiner  Armee,
welche  während  des  Feldzuges  von  1870/71  in  Schlachten  oder  Gefechten  2c.
beziehungsweise  bei  Belagerungen  geführt  worden  sind,  das  Band  der  für
diesen  Krieg  gestifteten  Denkmünze  und  bestimme,  daß  auf  diesem  Bande
die  Namen  der  in  Betracht  kommenden  kriegerischen  Vorfälle  nach  Meinen
Ihnen  dieserhalb  besonders  erteilten  Befehlen  eingezeichnet  werden.  Sie
haben  diese  Meine  Ordre  der  Armee  bekannt  zu  machen.

Berlin,  den  18.  August  1895.  Wilhelm.

Bronsart  v.  Schellendorff.
An  den  Kriegsminister.“

18.  August.  (Berlin.)  Grundsteinlegung  zum  Nationaldenkmal

  Kaiser  Wilhelms.

Die  Grundsteinlegung  findet  statt  unter  Teilnahme  des  Kaisers,
einer  Anzahl  Fürsten,  Mitglieder  des  Reichs=  und  Landtags,  Offizieren  und
Beamten.  Die  in  den  Grundstein  eingelegte,  vom  Reichskanzler  gegengezeichnete
  Urkunde  lautet:  „Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  Deutscher  Kaiser,
        <pb n="180" />
        172  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  18./20.)

König  von  Preußen,  thun  kund  und  fügen  hiermit  zu  wissen,  daß  Wir
beschlossen  haben,  im  Namen  der  Fürsten  und  Freien  Städte  des  Reiches
den  Grundstein  zu  einem  Denkmal  zu  legen,  welches  nach  einmütiger  Willenskundgebung
  der  gesetzgebenden  Körperschaften  dem  Andenken  Unseres  in
Gott  ruhenden  Herrn  Großvaters,  Kaiser  Wilhelms  des  Großen  Majestät,
gewidmet  werden  soll.  Wir  vollziehen  diesen  feierlichen  Akt  an  dem  Tage,
an  welchem  vor  fünfundzwanzig  Jahren  der  unvergeßliche  Kaiser  Deutschlands
  Söhne  im  Kampfe  um  des  Vaterlandes  Ehre  und  Freiheit  zu  entscheidendem
  Siege  geführt  hat.  Kaiser  Wilhelms  Jugend  reicht  zurück  in
die  Zeit  schwerer  Heimsuchung.  Aber  wie  es  Ihm,  dem  Jünglinge,  vergönnt
  war,  die  begeisterte  Erhebung  des  Volkes  zu  schauen  und  Selbst  mitzukämpfen
  für  die  Befreiung  von  fremdem  Joche.  so  hat  Er,  auf  den  ruhmreichen
  Thron  Seiner  Väter  berufen,  den  deutschen  Stämmen  die  heiß  ersehnte
  Einheit  wiedergegeben  und  dem  neu  erstandenen  Reiche  die  gebührende
Machtstellung  in  der  Staatenwelt  sichern  dürfen.  Nicht  ohne  hartes  Ringen,
nicht  ohne  blutige  Kämpfe  ist  dieses  Ziel  erreicht  worden.  In  unerschütterlichem,
  demütigem  Vertrauen  auf  Gott,  in  fester  Zuversicht  auf  die  sittliche
Kraft  der  Nation,  welche  sich  gegenüber  drohender  Gefahr  zu  ungeahnter
Höhe  entwickelte,  hat  Kaiser  Wilhelm  die  Bahn  zur  Sicherung  unserer  Unabhängigkeit
  betreten.  Die  opferbereite  Einmütigkeit  der  deutschen  Fürsten,
der  weise  Rat  und  die  thatkräftige  Unterstützung  Seines  Kanzlers,  des
Fürsten  Bismarck,  die  vollendete  Kriegskunst  Seines  genialen  Feldherrn,
des  Feldmarschalls  Grafen  Moltke,  das  unvergleichliche  Geschick  der  kühnen.,
zur  Führung  der  Heere  berufenen  Helden,  voran  des  Kronprinzen  Friedrich
Wilhelm,  und  die  todesmutige  Treue  des  von  dem  Feldmarschall  Grafen
Roon  in  den  Waffen  geschulten  Volkes,  sie  verbürgten  den  Erfolg.  Aus
der  blutigen  Saat  ging  die  von  Gott  gesegnete  Ernte  deutscher  Einigkeit  hervor,
  und  unter  dem  Schutze  des  mit  harten  Opfern  erkämpften  Friedens
darf  Deutschland  unbesorgt  der  Pflege  seiner  idealen  Güter  und  seiner  wirtschaftlichen
  Interessen  sich  hingeben.  In  dieser  Pflege  ging  Kaiser  Wilhelm
bahnbrechend  voran.  Kunst  und  Wissenschaft  Ackerbau  und  Gewerbe.
Handel  und  Schiffahrt  erfreuten  sich  gleichmäßig  Seiner  Fürsorge.  Mit
dem  inneren  Ausbau  des  Reiches  hielt  gleichen  Schritt  das  auf  die  Heilung
der  gesellschaftlichen  Schäden  gerichtete  Streben  des  Kaisers.  Seiner  erleuchteten
  Anregung  ist  es  zu  danken,  daß  Deutschland  zuerst  den  Weg  werkthätiger
  Förderung  des  Wohles  der  arbeitenden  Klassen  betreten  hat.  Rastlos
  bis  zum  letzten  Atemzuge  auf  des  Reiches  Wohlfahrt  bedacht,  geliebt  und
geehrt  von  Seinen  Verbündeten  und  von  einem  dankbaren  Volke,  das  Seiner
Führung  rückhaltlos  vertraute,  sichtbar  gesegnet  in  Seinem  selbstlosen  Wollen
und  Vollbringen,  so  lebt  der  große  Kaiser  in  der  Erinnerung  der  Zeitgenossen,
  das  leuchtende  Bild  eines  Vaters  des  Vaterlandes,  und  so  wird
Er,  des  sind  wir  gewiß.  in  dem  Gedächtnis  der  kommenden  Geschlechter
fortleben.  Um  Zeugnis  abzulegen  von  der  unauslöschlichen  Dankbarkeit,
welche  Deutschlands  Fürsten  und  Völker  Ihm  zollen,  soll  sich  Sein  Standbild
  in  Stein  und  Erz  hier  erheben.  Es  werde  ein  Wahrzeichen  der  Liebe
zum  Vaterlande,  die  in  großer  Zeit  Gut  und  Blut  einsetzte  für  des  Reiches
Herrlichkeit,  ein  Wahrzeichen  der  Treue,  die  in  Kaiser  Wilhelms  Tagen
das  Band,  welches  die  deutschen  Stämme  umschlingt,  zu  einem  unauflöslichen
  gefestigt  hat.  Möge  das  Denkmal  stets  auf  ein  glückliches  und  zufriedenes
  Volk  herniederschauen.  Das  walte  Gott!“

18. 20.  August.  Briefwechsel  zwischen  dem  Kaiser  und  König
von  Sachsen  in  Erinnerung  an  die  Schlacht  von  St.  Privat.
Der  Kaiser  läßt  dem  König  von  Sachsen  durch  den  Generaloberst
        <pb n="181" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  18.)  173

v.  Los  folgendes  Handschreiben  überreichen:  „Durchlauchtigster,  Großmächtigster
  Fürst,  freundlich  lieber  Vetter  und  Bruder!  Unter  Ew.  Majestät
ruhmreicher  Führung  erwarb  heute  vor  25  Jahren  das  Königlich  sächsische
Armeekorps  in  heißer  Schlacht  bei  St.  Privat  neue  unvergängliche  Lorbeeren
  für  seine  Fahnen.  Schulter  an  Schulter  mit  Meinen  Garden  stürmte
das  Korps  unter  schweren  Opfern  die  durch  Natur  und  Kunst  fast  uneinnehmbar
  gemachte  Stellung  des  Feindes  und  entschied  damit  das  Schicksal
des  Tages.  Weitere  herrliche  Siege  der  unter  Ew.  Majestät  Befehl  gestellten
  Maasarmee  folgten  dieser  glänzenden  Ruhmesthat  und  knüpften  ein
inniges  Band  engster  Waffenbrüderschaft  zwischen  den  sächsischen  und  preußischen
  Truppen,  welche  Ew.  Majestät,  dem  Heldenführer,  begeistert  zujubelten.
Ich  kann  den  heutigen  bedeutungsvollen  Erinnerungstag  nicht  vorübergehen
lassen,  ohne  Ew.  Majestät  und  des  tapferen  sächsischen  Armeekorps  in
wärmster  Dankbarkeit  zu  gedenken.  Ich  darf  Ew.  Majestät  erneut  aussprechen,
  daß  Ich  und  Meine  Armee  stets  voll  Verehrung  zu  Ew.  Majestät
aufblicken  und  allezeit  dessen  eingedenk  bleiben  werden,  was  Ew.  Majestät
in  Krieg  und  Frieden,  mit  Geist  und  Schwert  für  die  Einigunng  und  Erhaltung
  des  Reiches  gewirkt  und  errungen  haben.  Mögen  Ew.  Majestät
uns  noch  lange  Jahre  in  voller  Kraft  und  Frische  zum  Segen  und  Heile
des  Vaterlandes  erhalten  bleiben.  Genehmigen  Ew.  Majestät  die  Versicherung
  der  vollkommensten  Hochachtung  und  wahren  Freundschaft,  womit  Ich
verbleibe  Ew.  Majestät  freundwilliger  Vetter  und  Bruder  Milhelm.“
Berlin,  den  18.  August  1895.

Die  Antwort  des  Königs  Albert  auf  dieses  Handschreiben  des  Kaisers
lautet:  „Durchlauchtigster,  Großmächtigster  Fürst,  freundlich  lieber  Vetter
und  Bruder!  Ew.  Majestät  sage  Ich  für  das  am  Gedenktage  der  Schlacht
von  St.  Privat  durch  den  General  Frhrn.  v.  Los  Mir  überbrachte  Schreiben
Meinen  herzlichst  und  tiefgefühltesten  Dank,  zugleich  auch  im  Namen
Meiner  Truppen,  welche  Ew.  Majestät  durch  Verleihung  von  Fahnenbändern
an  das  zweite  Grenadier-Regiment  Nr.  101  „Kaiser  Wilhelm,  König  von
Preußen"  noch  besonders  zu  ehren,  die  Gnade  gehabt  haben.  Wenn  es  Mir
vergönnt  war,  in  der  nunmehr  fünfundzwanzig  Jahre  hinter  uns  liegenden
Zeit  einen  kleinen  Teil  haben  beitragen  zu  dürfen  zu  den  herrlichen  Erfolgen,
die  wir  unter  Führung  des  unvergeßlichen  Kaisers  Wilhelm  erkämpften,
so  verdanke  Ich  das  nächst  dem  allmächtigen  Gott,  den  herrlichen  Truppen,
welche  Meinem  Kommando  unterstellt  waren.  Ew.  Majestät  Garde  und
das  IV.  Armeekorps  unter  Meinem  Befehle  gehabt  zu  haben,  sie  zum  Siege
haben  führen  zu  können,  wird  stets  Meine  stolzeste  Erinnerung  bleiben.
Sollten  Ew.  Majestät  gezwungen  sein,  uns  dereinst  wieder  unter  die  Waffen
zu  rufen,  dann  werden  die  Söhne  Meines  Landes  ihre  Schuldigkeit  thun
wie  bei  St.  Privat,  und  auch  Ich  stehe,  so  Gott  Mir  Kraft  beläßt,  des
Rufes  Ew.  Majestät  gewärtig.  Genehmigen  Ew.  Mojestät  die  Versicherung
der  vollkommensten  Hochachtung  und  wahren  Freundschaft,  womit  Ich  verbleibe
  Ew.  Majestät  freundwilliger  Vetter  und  Bruder  Albert.“

Dresden,  den  20.  August.

18.  August.  (Potsdam.)  Der  Kaiser  hält  auf  einem  Festessen
  der  Potsdamer  Offiziere  folgende  Rede:

„Bewegten  Herzens  danke  Ich  Ihnen  für  die  schönen  Worte,  welche
den  Ausdruck  der  Gefühle  aller  hier  versammelten  Kameraden  zusammengefaßt
  haben.  Der  Boden,  auf  dem  wir  uns  befinden,  ist  durch  die  historischen
  Erinnerungen  geheiligt.  Von  hier  aus  entließ  Mein  hochseliger
Herr  Großvater  die  Bataillone  der  1.  Garde-Regiments  bei  ihrem  Ausmarsch
ins  Feld,  nachdem  Er  ihnen  anfeuernde  Worte  zugerufen  hatte.  Hier  ver-
        <pb n="182" />
        174  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  19.—20.)

sammelte  er  das  1.  Garderegiment,  um  bei  der  10jährigen  Feier  als  deutscher
  Kaiser  Seinen  Dank  und  Seine  Anerkennung  dem  Regimente  für  seine
Leistungen  im  Kriege  kund  zu  geben.  Ich  will  darum  Mich  nur  kurz
fassen,  denn  heute  reden  Thaten  zu  uns.  Die  großen  Erfolge,  welche  unter
Kaiser  Wilhelms  Führung  die  Armee  und  insbesondere  die  preußischen
Garden  erfochten,  wurzeln  doch  zuletzt  in  dem,  was  uns  der  hochselige  Herr
eingepflanzt  hat.  Was  machte  die  große  Kraft  unserer  Armee  aus?  Es
war  die  unbedingte  Hingabe  an  einen  Willen,  den  ihres  obersten  Kriegsherrn.
  Unerschütterlich  sollen  daher  für  uns  die  drei  Tugenden  dastehen,
welche  der  Verewigte  selbst  als  die  drei  Hauptsäulen  seiner  Armee  bezeichnete:
  „die  Tapferkeit,  das  Ehrgefühl  und  der  unbedingte  Gehorsam.“  Lassen
Sie  uns  diese  drei  Eigenschaften  mit  unermüdlicher  Arbeit  aufrecht  erhalten
und  kräftigen,  dann  wirrd  unsere  Armee  das  bleiben,  wozu  sie  Kaiser
Wilhelm  der  Große  geschaffen  hat.  Sie  wird  dann  die  Grundlage  für  den
Frieden  Europas  sein  und  den  Spruch  des  Generalfeldmarschalls  Moltke
rechtfertigen:  „Wir  find  nicht  nur  stark  genug,  den  Frieden  Europas  zu
erhalten,  sondern  auch  denselben  zu  erzwingen.“  Mit  herzlichem  Glückwunsch
an  die  Brigade  zu  dem  heutigen  herrlichen  Ehrentage,  den  sie  in  Anwesenheit
  so  vieler  braver  Mitkämpfer  des  heutigen  Tages  von  St.  Privat  feiern
kann,  erhebe  ich  Mein  Glas  und  trinke  auf  das  Wohl  Meines  ersten  Garderegiments,
  der  gesamten  Garden  und  Meiner  Armee.“

19.  August.  (Berlin.)  Der  Kaiser  nimmt  eine  Parade
über  15,000  Mitglieder  der  Kriegervereine  von  Berlin  und  Umgebung
  ab  und  hält  dabei  folgende  Ansprache:

Dem  Beispiele  meines  glorreichen  Großvaters  folgend  haben  wir  die
Erinnerung  an  den  großen  Tag  von  St.  Privat  mit  dem  Dank  gegen  Gott
angefangen,  daß  er  mit  unseren  Waffen  gewesen  und  der  gerechten  Sache
zum  Siege  verholfen.  Ohne  jedes  Gefühl  der  Selbstüberhebung,  in  voller
Anerkennung  und  Ausdauer,  mit  der  unser  Gegner  sich  schlug,  find  wir
stolz  darauf,  daß  durch  den  Sieg  unser  Vaterland  wieder  geeinigt  worden
und  es  freut  mich,  so  viele  altbewährte  Kämpfer  meines  Großvaters  hier
in  Euch  zu  begrüßen.  Möge  der  heutige  Tag  für  Euch  ein  neuer  Ausgangspunkt
  sein,  um  wiederum  in  freundlicher  Weise,  Eurem  alten  Fahneneid
  getreu,  den  Ihr  Eurem  König  geschworen,  für  unser  Vaterland  zu
arbeiten  in  der  Pflege  des  Respekts  vor  dem  Gesetz,  in  der  Pflege  der  Religion
  und  in  der  Pflege  der  Liebe  zum  Königlichen  Hause,  jedweden  Tendenzen,
  die  zum  Umsturz  führen,  entgegenzuarbeiten,  in  echt  soldatischer
Manier  Euch  um  Euren  König  zu  scharen.  In  besonderer  Anerkennung
für  die  Leistungen  der  Armee  vor  25  Jahren  habe  ich  unter  dem  gestrigen
Tag  eine  Verordnung  erlassen,  in  der  befohlen  wird,  daß  sämtliche  Ritter
des  Eisernen  Kreuzes  silbernes  Eichenlaub  mit  der  Zahl  25  über  dem  Kreuz
zu  tragen  haben  und  daß  sämtliche  Besitzer  der  Kriegsdenkmünze  für  Schlachten
und  Gefechte  silberne  Riegel  auf  dem  Ordensband  erhalten,  auf  denen  die
Schlachten  und  Gefechte,  die  der  einzelne  mitgemacht,  verzeichnet  sind,  damit
der,  der  Euch  begegnet,  erkennen  kann,  an  welchem  Ort  Ihr  Euch  hervorgethan.
  Aus  diesem  Beweise  mögt  Ihr  entnehmen,  wie  dankbar  Mein  Herz
für  Euch  schlägt.  Ich  glaube  hierbei  voll  im  Sinne  Meines  Großvaters
zu  hadeln.  Und  nun  geht  hin  und  thut  Eure  Arbeit,  wie  ich  Euch  befohlen."


20.  August.  Der  Reichskanzler  Fürst  Hohenlohe  reist  auf
seine  Besitzungen  nach  Rußland.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  25.—30.)  175

August.  Beleidigung  des  deutschen  Offizierskorps  durch  einen

französischen  General.

Ein  franz.  inaktiver  General  Munier  veröffentlicht  im  „Figaro“
einen  Brief,  in  dem  er  u.  a.  behauptet,  ein  höherer  deutscher  Offizier  habe
1870  seinem  französischen  Quartiergeber  aus  verschlossenen  Schränken  Juwelen
und  Wäsche  gestohlen  Diese  Behauptung  erregt  in  der  deutschen  Presse
große  Empörung;  das  „Militär-Wochenbl."  stellt  fest,  daß  Munier
bereite  wegen  Verleumdung  verurteilt  ist  und  daher  keine  weitere  Beachtung
verdient.

25.  bis  28.  August.  (München.)  Katholikentag  (vgl.  1894

S.  137).

Reichstagsabg.  Porsch  fordert  freiere  Wirksamkeit  der  Orden.  In
einem  Referat  über  die  Weltanschauung  des  Sozialismus  führt  Abg.  Bachem
aus:  Da  der  Protestantismus  uneins  und  zerrissen  ist,  so  ist  der  weltumspannende
  Katholizismus  der  größte  Feind  der  Sozialisten.  Unbewußte
Selbstironie  liegt  darin,  daß  das  Leugnen  jedweder  Autorität  ebenso  gut
den  eigenen  sozialistischen  Staat  treffen  müßte.  Freiheit,  Gleichheit  und
Brüderlichkeit,  sogar  die  Gemeinschaft  wirtschaftlicher  Güter  sind  alte  Uranfänge
  des  Christentums  und  auch  die  in  Klöstern  bethätigten  christlichen
Ideale.  Die  sozialistischen  Lehren  find  teils  Früchte  des  Liberalismus,  teils
Utopien,  neu  ist  bloß  die  Verfolgung  der  Theorien  bis  in  ihre  äußersten
Konsequenzen.  Die  Sozialisten  sind  ehrlicher,  offener,  rücksichtsloser  als  die
Liberalen,  ehrlich  bis  zum  Fanatismus.  Das  Christentum  müsse  den  Arbeiterstand
  neu  organisieren.  Prof.  Frhr.  v.  Hertling  fordert  Wiederherstellung
  des  Kirchenstaates,  spricht  sich  aber  für  den  Dreibund  aus.

28.  August.  (Schiffsunglück.)  Untergang  des  Torpedobootes
  S  41  in  der  Nordsee  mit  der  13  Mann  starken  Besatzung.

28.  August.  (Adolfseck  bei  Fulda).  Erbgroßherzogin  v.  Oldenburg,

  geb.  Prinzessin  Elisabeth  von  Preußen,  .

30.  August.  (Friedrichsruh.)  Fürst  Bismarck  empfängt
40  Familien  amerikanischer  Veteranen  und  hält  folgende  Ansprache:

„Meine  Herren,  ich  fühle  mich  einmal  hochgeehrt  durch  die  Auszeichnung,
  die  mir  passiert,  und  durch  Ihren  Besuch,  die  Sie  über  See  so
weit  hierher  finden  in  den  Wald,  und  dann  macht  es  mir  eine  sehr  große
Freude,  daß  Sie  die  alten  Erinnerungen  festhalten  und  mich  damit  einbeziehen;
  es  thut  mir  sehr  leid,  daß  ich  nicht  alle  Ihre  Reisegenofsen  hier
empfangen  kann,  aber  ich  bin  nicht  so  gesund  und  so  kräftig  wie  ich  war,
und  wenn  ich  spreche,  habe  ich  doch  immer  Schmerzen.  Es  ist  ja  bei  80
Jahren  überhaupt  Gott  zu  danken,  daß  man  noch  Schmerzen  auszustehen  hat
und  lebt.  Aber  man  wird  doch  wrack  —  angestrichen  und  getakelt,  aber  die
Planken  taugen  nichts  mehr.  Und  so  gehts  auch  mir,  ich  kann  wohl  noch
zusehen,  aber  nicht  mehr  mitmachen,  sonst  wäre  ich  ja  zu  der  Ausstellung
nach  Chicago  gekommen:  ich  würde  überhaupt  gern  die  Vereinigten  Staaten
von  Amerika  gesehen  haben,  das  ist  von  allen  fremden  Ländern  für  uns  noch
das  sympathischste.  Nach  allen  Erfahrungen,  die  ich  mit  früheren  Dienern,
Hausgenossen  und  Arbeitern  gehabt  habe,  die  dorthin  gegangen  sind  und
mit  denen  ich  zum  Teil  korrespondiert  habe,  geht  es  Ihnen  wohl  da  und
sie  fühlen  sich  behaglich.  Das  kann  ich  von  den  Auswanderern  nach  den
anderen  Ländern  doch  nicht  so  sagen.“  Bei  der  Frühstückstafel  bringt  der-
        <pb n="184" />
        176  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  September.)

Fürst  folgenden  Trinkspruch  aus:  „Wir  können  die  gemeinsamen  Gefühle,
die  uns  beseelen,  nicht  besser  zum  Ausdruck  bringen,  als  indem  wir  dem
Andenken  unseres  alten  König  Wilhelm  ein  stilles  Glas  weihen.  Wir  haben
alle  unter  ihm  gedient.“  Ferner  sagt  der  Fürst:  „Ich  danke  Ihnen  nochmals
  dafür,  daß  Sie  mir  die  Ehre  erzeigt  haben,  mich  hier  zu  besuchen,  und
ich  freue  mich  von  Herzen,  daß  Sie  so  viel  Anhänglichkeit  an  Ihre  alten
Kameraden  bewahrt  haben,  daß  Sie  die  weite  Reise  zu  uns  nicht  scheuten
und  daß  Sie  unter  den  alten  Kameraden  auch  mich  nicht  vergessen  haben,
so  daß  für  uns  Gelegenheit  ist,  uns  noch  einmal  wieder  ins  Angesicht  zu
sehen.  Es  ist  mir  eine  große  Freude,  Sie  zu  begrüßen  und  in  Ihnen  das
nationale  Gefühl  wiederzufinden,  das  Sie  mit  der  Gesamtheit  unseres  Heeres
haben  entzünden  und  beleben  helfen,  daß  Sie  sich  das  so  bewahrt  haben,
daß  es  Ihnen  ein  Bedürfnis  ist,  Ihre  alten  Landsleute  wiederzusehen.  Ich
danke  Ihnen  für  Ihren  Besuch  auch  aus  politischen  Gründen,  weil  er  dazu  beiträgt,
  das  deutsche  Nationalleben,  die  deutsche  Einigkeit,  die  deutsche  Zusammengehörigkeit
  zu  kräftigen.  Vor  dem  Kriege  war  das  nicht  so,  aber
jetzt  schließen  wir  Deutsche  uns  doch  allenthalben  zusammen.  Die  Franzosen
haben  mit  ihren  Hammerschlägen  das  Ihrige  dazu  geleistet.  Ich  will  nicht
sagen,  daß  wir  ihnen  dafür  danken  sollen,  denn  gern  haben  sie  es  nicht  gethan.
Ohne  den  Krieg  glaube  ich  nicht,  daß  es  sobald  zur  Einigung  gekommen
wäre.  Mit  Parlamentsreden  und  durch  die  Presse  wäre  es  so  fix  nicht  gegangen
  wie  mit  dem  Kriege.“  Nachdem  der  Fürst  die  Reihen  entlang  gegangen
  war  und  sich  mit  den  einzelnen  Veteranen  unterhalten  hatte,  sprach
er  nochmals  seinen  Dank  für  den  Besuch  aus  und  fügte  hinzu:  „Jch  komme
Ihnen  ein  Wohl  auf  Ihr  neues  Vaterland,  die  Vereinigten  Staaten,  und
bitte  es  zu  kreuzen  mit  einem  Wohle  auf  Ihr  altes  Vaterland.  Die  beiden
haben  ja  nichts  zu  zanken  miteinander.  Ich  bitte  also,  stimmen  Sie  mit
mir  ein  in  ein  Hoch  auf  das  Wohl  der  Stadt  Chicago,  der  die  meisten
von  Ihnen  angehören,  und  auf  das  Wohl  der  Deutschen  in  den  Vereinigten
Staaten  überhaupt.  Mögen  Sie  prosperieren!  Ich  freue  mich,  zu  sehen,
daß  die  Anhänglichkeit  an  das  alte  Vaterland  durch  das  atlantische  Wasser
bei  Ihnen  nicht  abgewaschen  ist,  sondern  sich  als  echt  erweist.

Aug.  September.  Die  sozialistische  Presse  über  die  Siegesfeiern.

Die  sozialdemokratische  Partei  nimmt  keinen  Teil  an  den  Siegesfesten;
  ihre  Prefse  fordert  unter  heftigen  Angriffen  auf  Kaiser  Wilhelm  I.
und  Bismarck  die  Parteigenossen  auf,  allen  festlichen  Veranstaltungen  fern
zu  bleiben.  So  schreibt  der  „Vorwärts“"  (4.  Aug.):  „Patriotische  Kapitalisten
  beabsichtigen,  in  inniger,  aufrichtiger  Liebe  zu  diesem  Staate,  den
heiligen  Sedan  diesmal  ganz  besonders  umfassend  zu  begehen.  Sie  wollen,
wie  aus  ihren  Organen  herauszulesen,  möglichst  unter  „Kontraktbruch“",  wie
sie  es  bei  der  Maifeier  nennen,  und  unter  Einbehaltung  des  Arbeitslohnes
für  diesen  Tag,  ihre  Arbeiter  in  mordspatriotische  Feier  hineinpeitschen,
damit  dem  erhabenen  Gedenktage  des  großen  Schlachtens  auf  keinen  Fall
der  volkstümliche  Charakter  fehle.  Wo  ist  der  Mann  unter  dem  deutschen
Industrie-Proletariat,  der  solcher  frechen  Bethätigung  des  Mordspatriotismus
nicht  hohnlachend  und  mit  Ekel  erfüllt  gegenüberstände?  Wo  ist  der  Hanswurst
  unter  den  Ausgebeuteten,  der  sich,  ohne  Ingrimm  im  Herzen,  durch
Beteiligung  an  solcher  Feier  entehrte!  Welcher  klassenbewußte  Arbeiter  in
deutschen  Landen  reichte  im  Anblick  des  mordspatriotischen  Geheuls  nicht
mit  doppelter  Innigkeit  seinen  französischen  Brüdern  und  Leidensgefährten
die  Hand,  eingedenk  der  erzenen  Losungsworte,  vor  denen  die  Bourgeeisie
der  ganzen  Welt  erblaßt,  als  vor  einem  Menetekel:  Proletarier  aller  Länder,
vereinigt  euch!“
        <pb n="185" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  1.—2.)  177

Am  2.  September  schreibt  der  „Vorwärts“:  „Mit  der  Gefangennahme
  Napoleons  änderte  sich  das  Bild.  Napoleon,  den  die  offiziellen  und
offiziösen  Blätter  vorher  nicht  scharf  genug  brandmarken  konnten,  erscheint
nunmehr  als  der  „gute  Bruder“  König  Wilhelms  und  der  Krieg  wird  als
ein  Kampf  gegen  das  „französische  Volk“  hingestellt,  gegen  welches  sich  alle
Schmähungen  richten.  Die  Eroberung  von  Elsaß-Lothringen  wird  als  Endziel
  hingestellt  und  der  Siegesrausch  wird  dazu  benutzt,  zunächst  jede  widerstrebende
  Meinung  in  Deutschland  niederzuhalten.“  An  die  französischen
Sozialdemokraten  wird  folgendes  Telegramm  gesendet:  „Am  25.  Jahrestag
der  Schlacht  von  Sedan  senden,  als  Protest  gegen  Krieg  und  Chauvinismus,
den  französischen  Genossen  Gruß  und  Handschlag.  Hoch  die  Völkersoliarität!


Die  sozialdemokratischen  Vertrauensmänner  Berlins.“

Von  den  antisozialistischen  Blättern  fordern  deshalb  viele  z.  B.
Dresdener  Nachr.“,  „Berl.  N.  Nachr.“,  „Allg.  Ztg.“"  ein  energisches
Vorgehen  der  Gesetzgebung  gegen  die  Sozialdemokraten,  andere  wie  die
„Köln.  Volksztg.“,  „Voss.  Ztg.“  raten  von  einer  Wiedereinbringung
einer  Umsturzvorlage  oder  eines  Ausnahmegesetzes  ab  (vgl.  S.  178).

1.  September.  Depeschenwechsel  des  Kaisers  mit  dem  Prinzregenten
  Luitpold.

Der  Kaiser  telegraphiert:  „Ich  kann  mir  nicht  versagen,  Eurer
Königlichen  Hoheit  auszusprechen,  daß  Ich  an  dem  heutigen  25.  Jahrestage
der  Schlacht  von  Sedan  des  heldenmütigen  und  entscheidungsvollen  Eingreifens
  der  bayerischen  Armeekorps  und  der  unter  schweren  Opfern  errungenen
  Siegeslorbeeren  in  besonders  herzlicher  Dankbarkeit  mich  erinnere.

Berlin,  1.  September  1895.  Wilhelm.“

Hierauf  erging  aus  Hohenschwangau  am  gleichen  Tage  folgende
Antwort  des  Prinz-Regenten:  „Tief  gerührt  durch  die  Anerkennung,  welche
Ew.  Majestät  die  Gnade  hatten,  dem  tapferen  Verhalten  der  bayerischen
Armeekorps  bei  der  Entscheidungsschlacht  bei  Sedan  angedeihen  zu  lassen,
bitte  ich  Ew.  Majestät  überzeugt  zu  sein,  daß  meine  Bayern  auch  in  Zukunft
ihrer  angestammten  Tapferkeit  Treue  bewahren  werden.  Luitpold."



2.  September.  Depeschenwechsel  des  Kaisers  mit  Fürst  Bismarck.


Der  Koeiser  telegraphiert:
„Fürst  Bismarck,  Durchlaucht.  Friedrichsruh.

Heute,  wo  ganz  Deutschland  die  25jährige  Wiederkehr  des  weltgeschichtlichen
  Kapitulationstages  von  Sedan  feiert,  ist  es  Mir  Herzensbedürfnis,
  Euer  Durchlaucht  erneut  auszusprechen,  daß  Ich  stets  mit  tiefempfundener
  Dankbarkeit  der  unvergänglichen  Verdienste  gedenken  werde,
welche  Eure  Durchlaucht  sich  auch  in  jener  großen  Zeit  um  Meinen  Hochseligen
  Herrn  Großvater,  um  das  Vaterland  und  die  deutsche  Sache  erworben
haben.  Wilhelm.“

Fürst  Bismarck  antwortet:  „Seiner  Majestät  dem  Kaiser  und  Könige.
Eurer  Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  lege  ich  meinen  ehrfurchtsvollen
Dank  zu  Füßen  für  die  gnädige  telegraphische  Begrüßung  am  heutigen  Tage
und  für  Eurer  Majestät  huldreiche  Anerkennung  meiner  Mitarbeit  an  dem
nationalen  Werke  des  Hochseligen  Kaisers  und  Königs.“

2.  September.  (Berlin.)  Der  Kaiser  bringt  bei  dem
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                         12
        <pb n="186" />
        178  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  2.)

Paradediner  im  Schlosse,  an  dem  die  Könige  von  Sachsen  und

Württemberg  teilnehmen,  folgenden  Trinkspruch  aus:

„Wenn  Ich  am  heutigen  Tage  einen  Trinkspruch  auf  Meine  Garden
ausbringe,  so  geschieht  es  froh  bewegten  Herzens;  denn  ungewöhnlich  feierlich
  und  schön  ist  der  heutige  Tag.  Den  Rahmen  für  die  heutige  Parade
gab  ein  in  Begeisterung  aufflammendes  ganzes  Volk;  und  das  Motiv  für  die
Begeisterung  war  die  Erinnerung  an  die  Gestalt,  an  die  Persönlichkeit  des
großen  verewigten  Kaisers.  Wer  heute  und  gestern  auf  die  mit  Eichenlaub
geschmückten  Fahnen  blickte,  der  kann  es  nicht  gethan  haben  ohne  wehmütige
Rührung  im  Herzen;  denn  der  Geist  und  die  Sprache,  die  aus  dem  Rauschen
dieser  zum  Teil  zerfetzten  Feldzeichen  zu  uns  redeten,  erzählten  von  den
Dingen,  die  vor  25  Jahren  geschahen,  von  der  großen  Stunde,  von  dem
großen  Tage,  da  das  Deutsche  Reich  wiederauferstand.  Groß  war  die  Schlacht
und  heiß  war  der  Drang  und  gewaltig  die  Kräfte,  die  aufeinanderstießen.
  Tapfer  kämpfte  der  Feind  für  seine  Lorbeeren;  für  seine  Vergangenheit,
  für  seinen  Kaiser,  kämpfte  mit  dem  Mut  der  Verzweiflung
die  tapfere  französische  Armee.  Für  ihre  Güter,  ihren  Herd  und  für  ihre
zukünftige  Einigung  kämpften  die  Deutschen;  darum  berührt  es  uns
auch  so  warm,  daß  ein  Jeder,  der  des  Kaisers  Rock  getragen  hat  oder
ihn  noch  trägt,  in  diesen  Tagen  von  der  Bevölkerung  besonders  geehrt  wird
—  ein  einziger  aufflammender  Dank  gegen  Kaiser  Wilhelm  I.!  Und  für
uns,  besonders  für  die  Jüngeren,  die  Aufgabe,  das,  was  der  Kaiser  gegründet,
  zu  erhalten!  Doch  in  die  hohe,  große  Festesfreude  schlägt  ein  Ton
hinein,  der  wahrlich  nicht  dazu  gehört,  eine  Rotte  von  Menschen,  nicht  wert,
den  Namen  Deutscher  zu  tragen,  wagt  es,  das  deutsche  Volk  zu  schmähen,
wagt  es,  die  uns  geheiligte  Person  des  allverehrten  verewigten  Kaisers  in
den  Staub  zu  ziehen.  Möge  das  gesamte  Volk  in  sich  die  Kraft  finden,
diese  unerhörten  Angriffe  zurückzuweisen!  Geschieht  es  nicht,  nun  dann  rufe
Ich  Sie,  um  der  hochverräterischen  Schar  zu  wehren,  um  einen  Kampf  zu
führen,  der  uns  befreit  von  solchen  Elementen.  Doch  kann  Ich  Mein  Glas
auf  das  Wohl  Meiner  Garde  nicht  leeren,  ohne  dessen  zu  gedenken,  unter
dem  Sie  heute  vor  25  Jahren  gefochten  haben.  Der  einstige  Führer  der
Maasarmee  steht  vor  Ihnen!  Seit  25  Jahren  haben  Se.  Majestät  der
König  von  Sachsen  alles  Leid  und  alle  Freude,  die  Unser  Haus  und  Land
betroffen,  treulich  mit  Uns  geteilt.  Desgleichen  auch  Würtembergs  König,
dessen  höchste  Freude  es  ist,  in  den  Reihen  des  Garde-Husaren-Regiments
gestanden  und  Kaiser  Wilhelm  gedient  zu  haben,  und  der  herbeigeeilt  ist,
um  mit  Uns  in  Kameradschaft  den  Tag  zu  feiern.  Wir  können,  wie  gesagt,
  nur  geloben,  das  zu  erhalten,  was  die  Herren  für  uns  erstritten  haben.
Und  so  schließe  Jch  denn  in  das  Wohl  des  Gardekorps  ein  das  Wohl  der
beiden  hohen  Herren,  vor  allem  des  Führers  der  Maasarmee:  Se.  Majestät
der  König  von  Sachsen,  Er  lebe  hoch!  —  und  nochmals  hoch!  und  zum
dritten  Male  hoch!“

Nach  diesem  Trinkspruche  erwidert  der  König  von  Sachsen  folgendes:
„Indem  Ich  Eurer  Majestät  in  Meinem  Namen  und  in  dem  Namen  des
Königs  von  Württemberg  für  die  gnädigen  Worte  danke,  erlaube  Ich  Mir,
heute  noch  einmal  die  Führung  des  Gardekorps  zu  übernehmen  und  in  dessen
Namen  das  Glas  zu  leeren  auf  den  erhabenen  Chef:  Seine  Majestät  der
Kaiser,  Er  lebe  hoch!  —  hochl  hoch!“

September.  Die  Presse  über  die  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie.


Infolge  der  Rede  des  Kaisers  vom  2.  Septbr.  setzt  die  Presse  die  bereits
        <pb n="187" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September.)  179

begonnene  Erörterung  (vgl.  S.  177)  über  den  Kampf  gegen  die  Sozialdemokratie
  um  so  lebhafter  fort.  Die  Meinungen  sind  (vgl.  1894  S.  333)
sehr  geteilt.  Die  „Berl.  Polit.  Nachr.“  fordern  schleuniges  gesetzgeberisches
  Einschreiten  gegen  die  Sozialdemokratie;  dahinter  müßten  alle  anderen
Aufgaben  zurücktreten.  Ebenso  die  „Berl.  N.  Nachr.“,  die  der  Regierung
die  Aufgabe  zuweisen,  die  organisierte  Revolutionstruppen  event.  durch  ein
Ausnahmegesetz  niederzuwerfen.  Die  „Kreuz-Ztg.“  fordert  insbesondere
ein  Einschreiten  gegen  die  gehässige  Broschüren=  und  Zeitungskritik.  Eine
legislatorische  Aktion  unter  Führung  der  Regierung  verlangen  ferner:  die
„Hamb-  Nachr.“,  „Leipz.  Tagebl.“,  „Reichsbote“,  „Dresdener
Nachr.“,  „Post",  „Nat.  Lib.  Korr.“,  „Nat.  Ztg."“  Von  ultramontanen
Stimmen  äußert  die  „Germania“:  Im  Volke  fehlt  für  ein  Sozialistengesetz
  das  Verständnis.  Die  Bekämpfung  des  Sozialismus  liegt  auf  anderem
Gebiete.  „Köln.  Volksztg.“:  „Jedenfalls  hat  sich  der  Standpunkt  des
Zentrums  zur  Sache  nicht  geändert.  Käme  also  eine  neue  Umsturz-Vorlage,
so  würde  es  alles  daran  setzen,  sie  wieder  in  seinem  Sinne  zu  verbessern.
Ob  dann  aber  nicht  wieder  die  Mittelparteiler  auf  das  Gesetz  verzichten
würden:  ...  Das  Beste  wäre  wohl,  die  Regierung  ließe  sich  von  dem
jetzigen  Geschrei  der  Mittelparteiler  nicht  zum  zweiten  Male  verlocken.“

Die  „Köln.  Ztg.“  erwartet  wenig  gutes  von  einer  neuen  Umsturzvorlage
  und  glaubt  nicht,  daß  der  Kaiser  eine  solche  habe  ankündigen
wollen.  Gegen  alle  Umsturzvorlagen  und  Ausnahmegesetze  erklären  sich  die
freisinnigen  Blätter.

Sozialdemokratische  Stimmen  nach  der  Rede  des  Kaisers.

Reichstagsabg.  Auer  hält  in  einer  Berliner  Versammlung  (4.  Sept.)
eine  längere  Rede,  um  zu  erklären,  warum  die  Partei  die  Sedanfeier  nicht
mitmache.  Er  versichert,  zur  Zeit  Lassalles  sei  die  Sozialdemokratie  stark
monarchisch  gewesen.  So  hätten  anfangs  der  sechziger  Jahre  unter  der
Wirkung  von  Lassalles  Art  der  Agitation  die  Arbeiter  von  Iserlohn  sogar
den  Geburtstag  des  Königs  gefeiert  und  sich  an  diesen  mit  dem  Ausdruck
der  Hoffnung,  daß  er  die  Besserung  ihres  Loses  als  eine  seiner  Aufgaben
erachten  werde,  gewendet,  während  die  „Bourgeoifie",  u.  a.  durch  den  Bürgermeister
  von  Iserlohn,  ihnen  dabei  Hindernisse  in  den  Weg  gelegt  habe.
Bebel  und  Liebknecht  hätten  noch  im  Norddeutschen  Reichstage  der  Anerkennung,
  daß  der  Krieg  1870  von  Frankreich  provozirt  war,  dadurch  Ausdruck
  gegeben,  daß  sie  zwar  nicht  für,  aber  doch  auch  nicht  gegen  die  Kriegsanleihe
  stimmten.  Wer  also  behaupte:  die  Sozialdemokratie  sei  stets  antinational
  und  antimonarchisch  gewesen,  fälsche  die  Geschichte.  Die  Sozialdemokratie
  habe  sich  erst  nach  der  Schlacht  von  Sedan  und  nach  der  Gefangennahme
  Napoleons  gegen  die  Weiterführung  des  Krieges  und  auch

egen  die  Annexion  erklärt.  Dasselbe  hätten  aber  auch  die  radikalbürgerschen
  Parteien  gethan.  Die  Sedanfeier  könne  die  Partei  nicht  mitmachen,
weil  sie  keineswegs  eine  nationale,  sondern  eine  Parteifeier  sei.  Fürst  Bismarck
  habe  alle  diejenigen,  welche  nicht  wollten,  was  er  wollte,  für  Reichsfeinde
  erklärt.  In  Wahrheit  gebe  es  solche  Reichsfeinde  in  Deutschland
nur  sehr  vereinzelt;  jedenfalls  zähle  die  Sozialdemokratie  nicht  dazu.  „Die
Sozialdemokraten  erkennen  an,  daß  die  nationale  Einigung  Deutschlands
eine  wirtschaftliche  Notwendigkeit  war,  die  sich  auch  ohne  Bismarck  vollzogen
hätte.  Kein  Sozialdemokrat  wird  die  Zustände  vor  1870  zurückwünschen.
Daß  die  Emser  Depesche  gefälscht  worden  ist,  hat  Fürst  Bismarck  selbst
zugegeben.  Allein  da  der  Krieg  unvermeidlich  war,  so  kann  ich  ein  Verbrechen
  in  dieser  Fälschung  nicht  finden.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  Fürst
Bismarck  den  ihm  am  günstigsten  scheinenden  Moment  zum  Losschlagen

                                                                    12*
        <pb n="188" />
        180  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  5.)

wählte."  Ueber  die  Annexion  Elsaß-Lothringens  sagt  er:  „  .  Wir
waren  Gegner  der  Annexion.  Nachdem  sie  vollzogen,  ist  gewissermaßen  ein
neues  Recht  geschaffen  —  wie,  das  ist  eine  andere  Frage  —,  und  es  würde
Ströme  von  Blut  kosten,  wollten  wir  in  die  Rückgabe  von  Elsaß-Lothringen
an  Frankreich  willigen.  Unbeschadet  unserer  Grundsätze  kann  von  einer
Rückgabe  keine  Rede  sein,  weil  der  daraus  entstehende  Krieg  so  schrecklich
würde,  daß  niemand  dafür  die  Verantwortung  übernehmen  kann.  Ich  für
meinen  Teil  —  und  ich  kann  hier  nur  meine  persönliche  Auffassung  aussprechen
  —  würde  es  auf  einen  Krieg  wegen  dieser  Angelegenheit  nicht  ankommen
  lassen.  Wenn  die  Franzosen  hierüber  anders  denken,  so  ist  das
ihre  Sache.  Die  Vernünftigeren  unter  ihnen  werden  hierin  mit  uns  einer
Meinung  sein.“  Er  schließt:  „Wir  sind  in  den  letzten  Tagen  von  oben
und  unten  angegriffen  worden,  und  es  hat  den  Anschein,  daß  wir  schon  in
den  nächsten  Tagen  eine  Hetze  erleben  werden,  wie  sie  uns  wohl  nicht  neu,
wie  wir  sie  aber  in  solchem  Umfange  noch  nicht  gekannt  haben.  Es  ist
kein  Zweifel,  die  Vorgänge  von  1878  werden  sich  wiederholen.  Ob  mit
denselben  Folgen,  läßt  sich  noch  nicht  sagen.  Das  aber  wissen  wir:  Die
deutsche  Sozialdemokratie  wird  trotz  aller  Verfolgungen  nicht  um  Haaresbreite
  von  ihrem  Standpunkt  abweichen.  Die  deutsche  Sozialdemokratie,
die  12  Jahre  Ausnahmegesetze  überdauert  hat,  sieht  trotz  aller  Maßnahmen
der  Zukunft  mit  Vertrauen  entgegen."

Gegen  diese  Rede,  die  vielfach  als  Entschuldigung  aufgefaßt  wird,
wendet  sich  der  „Sozialist“  mit  folgendem  Passus:  „Gegenüber  der  Feigheit
  und  Nachgiebigkeit,  die  bis  tief  in  die  Reihen  der  Sozialdemokratie
hinein  eingerissen  ist,  bedarf  es  der  inneren  Sammlung  und  Festigung,  der
Kaltblütigkeit,  die  entschlossen  ist  und  bereit,  allem  entgegenblickt,  was  immer
gegen  uns  unternommen  werden  mag.....Ueberlassen  wir  es  dem  Herrn
Ignaz  Auer,  dem  Meister  der  zweideutigen  Rede  und  der  Verschleierung,
die  Kanonenstiefel  in  die  Ecke  zu  stellen  und  leisetreterische  Filzschuhe  anzuziehen;
  wir  haben  keinen  Grund,  unsere  Ziele  zu  verhüllen  und  die  Kritik
oder  den  Angriff  zu  fürchten..  .“  Abg.  Singer  führt  in  einer  Berliner
  Volksversammlung  aus:  Wir  fühlen  uns  einig  mit  den  Arbeitern
Frankreichs  und  wollen  so  wie  sie  den  Völkerfrieden  und  nicht  die  Leidenschaften
  aufstachern.  Die  Sozialdemokraten,  die  1870  und  71  geblutet,
haben  gar  keinen  Grund,  die  25.  Wiederkehr  als  Reminiszenz  einer  Kulturerrungenschaft
  oder  Fortschritt  der  Zivilisation  zu  feiern.  Diese  Meinung
ändern  wir  auch  nach  Schimpfworten  nicht.  In  der  gegnerischen  Presse
werden  wir  als  vaterlandslose  Partei  charakterisiert.  „Eine  Rotte,  die  nicht
wert  ist,  den  Namen  Deutscher  zu  tragen!“  Wir  sind  aber  so  wenig  vaterlandslos,
  daß  wir  treu  im  Vaterlande  blieben,  als  uns  der  gute  Rat  gegeben
  wurde:  „den  Staub  von  den  Füßen  zu  schütteln.“

September.  Polizeiliche  Maßregeln  gegen  die  Sozialdemokratie.



Zahlreiche  sozialistische  Blätter  werden  wegen  Majestätsbeleidigungen
oder  anderer  Vergehen  beschlagnahmt  und  ihre  Redakteure  verhaftet.  Ferner
werden  mehrere  Volksversammlungen  verboten  oder  aufgelöst  (vgl.  S.  192).

5.  September.  (Berlin.)  Der  „Vorwärts“  veröffentlicht
folgenden  Brief  des  Hofpredigers  a.  D.  Stöcker  vom  14.  August
1888  an  Freiherrn  v.  Hammerstein:

Kropatscheck  sagte  mir,  daß  Sie  einige  Artikel,  welche  das  schnöde
Spiel  von  Bismarck  und  Genossen  mit  dem  Kaiser  aufdecken,  für  zeitgemäß
        <pb n="189" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  6.)  181

hielten.  Darf  ich  Ihnen  dagegen  meine  Anschauungen  über  das,  was  ich
für  richtig  halte,  darlegen?  Ich  glaube,  daß  im  Augenblicke  Fürst  Bismarck
den  Kaiser  vollkommen  eingenommen  hat,  ganz  besonders  in  Bezug  auf  das
Kartell,  das  nun  einmal  Bismarck  für  die  Grundlage  seiner  Politik  und
für  ein  ungemein  großes  Ereignis  ansieht.  Will  man  dagegen  die  Bismarck'schen
  Intriguen  seit  der  Waldersee-Versammlung  ausspielen,  und  zwar
mit  mehr  oder  weniger  Gegenüberstellung  von  Bismarck  und  dem  Kaiser,
so  verliert  man  das  Spiel  und  reizt  den  letztern.  Ich  hörte  noch  gestern,
daß  er  ganz  für  die  Kartellpolitik  gewonnen  ist.  Was  man  nun  meines
Erachtens  thun  kann  und  muß,  ist  folgendes:  Prinzipiell  wichtige  Fragen,
wie  Judenfrage  Martineum  Harnack,  Reichstagswahl  im  6.  Wahlkreise,  die
gewiß  mit  einem  Fiasko  der  antisozialdemokratischen  Elemente  schließt,  muß
man,  ohne  Bismarck  zu  nennen,  in  der  allerschärfsten  Weise  benutzen,  um
dem  Kaiser  den  Eindruck  zu  machen,  daß  er  in  dieser  Angelegenheit  nicht
gut  beraten  ist,  und  ihm  den  Schluß  auf  Bismarck  überlassen.  Man  muß
also  rings  um  das  politische  Zentrum  resp.  das  Kartell  Scheiterhaufen  ankünden
  und  sie  hell  auflodern  lassen,  den  herrschenden  Opportunismus  in
ie  Flammen  werfen  und  dadurch  die  Lage  beleuchten.  Merkt  der  Kaiser,
daß  man  zwischen  ihm  und  Bismarck  Zwietracht  säen  will,  so  stößt  man
ihn  zurück.  Nährt  man  in  Dingen,  wo  er  instinktiv  auf  unserer  Seite
steht,  seine  Unzufriedenheit,  so  stärkt  man  ihn  prinzipiell,  ohne  persönlich
zu  reizen.  Er  hat  kürzlich  gesagt:  Sechs  Monate  will  ich  den  alten  Bismarck
  verschnaufen  lassen,  dann  regiere  ich  selbst.  Bismarck  hat  gemeint,
daß  er  den  Kaiser  nicht  in  der  Hand  behält;  wir  müssen  also,  ohne  uns
etwas  zu  vergeben,  doch  behutsam  sein..  Herzlichste  Grüße  Ihr  getreuer
  Stöcker.

An  diesen  Brief  knüpft  sich  in  Verbindung  mit  dem  Fall  Hammerstein
  (S.  164)  eine  heftige  Preßfehde  zwischen  konservativen  und  nationalliberalen
  Blättern.  Stöcker  verteidigt  sich  in  der  „Dtsch.  Evangel.
Kirchenztg.".  Die  mittelparteilichen  Blätter  fordern,  daß  die  konservative
Partei  Stöcker  desavouiere,  was  die  „Kons.  Korr.“  ablehnt.

6.  September.  Der  Kaiser  reist  nach  Stettin  zu  den  Manövern,
an  denen  der  Kaiser  von  Osterreich  teilnimmt.

6.  September.  (Stettin.)  Auf  einem  Festmahle  erwidert
der  Kaiser  auf  eine  Ansprache  des  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses

  v.  Köller:

„Mein  lieber  von  Köller!  Sie  haben  soeben  in  beredten  Worten
den  Gefühlen  der  Provinz  Pommern  Ausdruck  gegeben,  und  Ich  beeile  Mich,
freudig  bewegten  Herzens  im  Namen  der  Kaiserin  und  in  Meinem  Namen
zu  danken.  Es  ist  das  erste  Mal,  daß  Ich  die  pommerschen  Korps  zusammenrufe,
  um  sie  auf  ihre  Kriegstüchtigkeit  zu  prüfen,  und  da  werden  Sie  es  wohl
natürlich  finden,  daß  Ich  zurückgreife  auf  die  pommersche  Geschichte,  und
daß  Ich  Mich  der  Jahre  und  Tage  erinnere,  wo  ein  Anderer  hier  stand
und  wo  der  Jubel  des  Volkes  dem  greisen  Kaiser  galt,  der  nun  leider  nicht
mehr  unter  uns  weilt.  Wohl  entsinne  Ich  Mich,  und  wohl  auch  Sie  Alle,
meine  Herren,  Alle  entsinnen  wir  uns  der  Stunde,  wo  seine  Fürstengestalt
noch  unter  uns  waltete,  wo  Ihr  Vater  (zu  Herrn  v.  Köller  gewendet)  mit
Auszeichnung  und  Gnade  von  Meinem  Großvater  behandelt  wurde.  Neben
dem  greisen  Kaiser  hält  die  Figur  Meines  seligen  Vaters  in  der  herrlichen
Pracht  seines  Kürassierregiments,  der  einst  gewesene  Statthalter  von  Pommern.
Sie  sehen  hieraus,  wie  eng  die  Bande  sind  zwischen  Ihnen  und  Meinem
        <pb n="190" />
        182  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  7.—8.)

Hause  und  Meiner  Person  und  in  wie  naher  Beziehung  die  Provinz  Pommern
  zu  uns  steht.  Heiß  umstritten  ist  sie  worden  durch  Meine  Vorfahren,
bis  es  endlich  gelang,  dieses  herrliche  Land,  dieses  treue  Volk  mit  der  Mark
zu  vereinigen,  bis  der  rote  Greif  mit  dem  roten  Aar  auf  demselben  Wappenschilde
  stand.  Nun,  meine  Herren,  wir  haben  soeben  das  Gelübde  gehört,
welches  Herr  v.  Köller  in  Ihrem  Namen  sprach.  Ich  nehme  Sie  beim
Wort,  Ich  danke  Ihnen  dafür.  Schließen  Sie  sich  zusammen,  um  das  Andenken
  an  die  Person  Sr.  Majestät  des  Königs  Wilhelm  I.  zu  schützen  und
zu  wahren,  wie  Ich  schon  Mein  Volk  dazu  aufgerufen  habe.  Mein  Wunsch
aber  soll  sein,  in  der  erhebenden  Erinnerung  an  jene  große  Zeit,  die  wir
soeben  gefeiert,  in  der  erhebenden  Erinnerung  an  die  Stunde,  wo  die  erlauchte
  Gestalt  des  Dahingeschiedenen  unter  Ihnen  weilte,  hier  vor  Allem
uns  zu  vergewissern  und  uns  gegenseitig  zu  geloben,  mit  zu  bauen  und  mit
zu  arbeiten  an  dem,  was  er  geschaffen.  Daß  dabei  die  Provinz  Pommern
blühen,  wachsen  und  gedeihen  möge,  daß  Stettin  zu  einer  mächtigen  Handelsstadt
  emporblühen  möge,  das  ist  Mein  innigster  Wunsch.  Wir  erheben  die
Gläser  und  trinken  auf  das  Wohl  der  Provinz  Pommern!

7.  September.  (Stettin.)  Der  Kaiser  bringt  bei  dem  Parademahle
  folgenden  Trinkspruch  aus:

„Der  Denkstein,  an  dem  das  zweite  Armeekorps  heute  vorbeizog,  gibt
Kenntnis  von  der  Zeit,  da  es  ihm  vergönnt  war,  von  Meinem  Großvater
inspiziert  zu  werden.  Das  erste  Mal,  als  Ich  das  zweite  Korps  zusammen
sah,  war  im  Jahre  1869,  die  letzte  Parade,  die  dasselbe  unter  seinem  damaligen
  kommandierenden  General,  Meinem  hochseligen  Herrn  Vater,  vor
Seiner  Majestät  bestand,  um  zu  zeigen,  daß  es  auch  in  Friedensarbeit  kriegsbereit
  sei,  ein  Beweis,  den  es  ein  Jahr  später  auf  dem  Schlachtfelde  führen
sollte.  Der  heutige  Tag  hat  Mich  mit  hoher  Freude  erfüllt  und  spreche  Ich
dem  Korps  Meine  vollste  Anerkennung  aus  für  die  vorzügliche  Parade,  die
es  heute  vor  Mir  geleistet  hat.  Möge  der  heutige  Tag,  der  eine  Weihe
besonderer  Art  durch  die  hohe  Ehre  erhalten  hat,  welche  dem  Korps  und
vor  Allem  dem  Kürassier-Regiment  Königin  dadurch  zu  teil  geworden  ist,
daß  Ihre  Majestät  geruht  haben,  das  Regiment  selbst  vorbeizuführen,  dem
Korps  ein  Ansporn  sein,  nunmehr  auch  im  Manöver  zu  zeigen,  daß  es  vorbereitet
  ist,  jede  Abwehr,  welche  fie  auch  sei,  auszuführen  und  für  das
Vaterland  einzustehen,  wenn  es  gerufen  werden  sollte.  Ich  fordere  Sie  auf,
Ihre  Gläser  zu  erheben  und  aus  vollem  Herzen  zu  rufen:  das  zweite  Korps
hurra  und  nochmals  hurra  und  zum  dritten  Male  hurra!"“

8.  September.  (Stettin.)  Der  „Reichs-Anzeiger“  veröffentlicht
  folgenden  kaiserlichen  Erlaß:

Die  Feier  der  fünfundzwanzigjährigen  Wiederkehr  der  ruhmreichen
Siegestage  des  Jahres  1870  hat  viele  Tausende  von  Festteilnehmern  veranlaßt,
  auch  Meiner  freundlich  zu  gedenken  und  Mir  aus  allen  Gauen  des
Deutschen  Landes  und  selbst  von  fernen  Weltteilen  her  treue  Grüße  zu
senden.  Alle  diese  Kundgebungen  patriotischen  Empfindens  vermag  Ich  zu
Meinem  Bedauern  nicht  im  Einzelnen  zu  beantworten.  Ich  wünsche  aber
allen  Beteiligten,  besonders  auch  den  Veteranen  der  großen  Zeit,  die  freudig
Gut  und  Blut  mit  in  die  Wagschale  geworfen  haben,  Meinen  Kaiserlichen
Dank  auszusprechen  und  ihnen  zu  erkennen  zu  geben,  wie  herzlich  Ich  durch
jene  Aufmerksamkeiten  erfreut  worden  bin.  Mit  Genugthuung  hat  es  Mich
erfüllt,  mit  welcher  Begeisterung  das  deutsche  Volk  in  fast  allen  seinen
Gliedern  die  Tage  der  Wiedergeburt  des  Deutschen  Reichs  gefeiert  hat  und
wie  es  dabei  von  neuem  allgemein  ins  Bewußtsein  getreten  ist,  welche  wunder-
        <pb n="191" />
        Das  Deutsche  Reich  nud  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  11.—Mitte.)  183

baren  Errungenschaften  wir  nächst  Gottes  sichtlichem  Beistande  der  weisen
Führung  des  greisen  Heldenkaisers  Wilhelms  des  Großen,  Seinen  Erlauchten
Bundesgenossen,  Seinen  ausgezeichneten  Ratgebern,  erprobten  Feldherren  und
braven  Truppen  zu  verdanken  haben.  Zahllose  Kaiser=  und  Kriegerdenkmäler
  zeugen  von  der  Pietät  und  Dankbarkeit  unserer  Zeit  und  mahnen
uns  und  ferne  Geschlechter  an  die  blutige  Saat,  aus  der  erst  unser  neu  geeintes
  Vaterland  hervorgegangen.  Ein  Volk,  welches  so  seine  Toten  ehrt
und  so  seiner  Vergangenheit  gedenkt,  wird  —  das  hoffe  Ich  mit  Zuversicht
—  allezeit  treu  zu  Kaiser  und  Reich  stehen  und  sich  auch  jener  vaterlandslosen
  Feinde  der  göttlichen  Weltordnung  zu  erwehren  wissen,  die  selbst  in
diesen  Tagen  nationaler  Begeisterung  dreist  ihr  Haupt  erheben  und  sich
nicht  gescheut  haben,  das  Andenken  des  großen  Kaisers  zu  schmähen  und
dadurch  das  deutsche  Volk  in  seinen  edelsten  Erinnerungen  und  Empfindungen
zu  verletzen.

  Ich  ersuche  Sie,  diesen  Erlaß  alsbald  zur  öffentlichen  Kenntnis  zu
bringen.

         Stettin,  den  8.  September  1895.                         Wilhelm  I.  R.
      An  den  Reichskanzler.

11.  September.  Der  Kaiser  von  Osterreich  ernennt  den  Deutschen
  Kaiser  zum  österreichischen  General  der  Kavallerie  (siehe
Österreich).

         14.  September.  (Stettin.)  Der  Kaiser  ernennt  den  Grafen
Waldersee,  kommandierenden  General  des  9.  Armeekorps  zum  General-Oberst
  der  Kavallerie  mit  dem  Range  eines  Generalfeldmarschalls.

              September.  Die  Polen  und  die  Siegesfeiern.

  Wie  die  Sozialisten  nehmen  auch  die  Polen  keinen  Teil  an  den
Siegesfesten,  ihre  Presse  gedenkt  des  hundertsten  Jahrestages  der  letzten
Teilung  Polens,  was  in  der  deutschen  Presse  getadelt  wird.  In  der  sich
daranknüpfenden  Preßfehde  sagt  u.  a.  der  „Goniec  Wielkopolski“:  „Wir
(die  Polen)  sind  die  eingeborenen  Kinder  dieses  Landes.  Wenn  es  nicht
genügend  Brot  für  beide  Nationalitäten  gibt,  so  mögen  sie  (die  Deutschen)
in  ihre  Heimatgegenden  zurückgehen,  uns  aber  in  Ruhe  lassen.  Es  hat  sie
überhaupt  niemand  bei  uns  zu  Gast  geladen,  sie  brauchen  sich  bei  uns  nicht
zu  ruinieren,  da  sie  so  viel  Platz  im  „großen  Vaterlande"  haben.“

Mitte  September.  (Bayern.)  Die  katholischen  Bauernvereine
  Bayerns  vereinigen  sich  zu  einem  Landesverband  und  bekennen

  sich  zu  folgenden  Grundsätzen:

„Abänderung  des  Strafgesetzes,  Gründung  einer  landwirtschaftlichen
Kreditbank.  Herabsetzung  des  Hypothekenzinsfußes,  Gewähr  von  Hypothekenkredit
  aus  den  Versicherungsanstalten  (Alters=  und  Invaliditätsversicherung)
zu  3½ %,  Herabsetzung  des  Zinsfußes  für  Stiftungskapitalien,  Erleichterung
der  Bodenzinslast,  Herabsetzung  der  Staatsschuld,  Errichtung  einer  staatlich
geleiteten  Mobiliar-Feuerversicherung,  reaktionäre  Abänderung  des  Heimatgesetes,
  Maßregeln  gegen  ausländische  Vieheinfuhr,  Aufhebung  des  Lokalahn-Frachtzuschlages

  bei  einer  Bahnrente  von  mindestens  2  %,  Abwälzung
eines  Teils  der  Kosten,  welche  die  Interessenten  bei  Erbauung  von  Lokalbahnen
  tragen  müssen,  auf  den  Staat,  erhöhter  staatlicher  Zuschuß  zu  den
Distriktraten,  Einführung  einer  allgemeinen  progressiven  Einkommensteuer,
        <pb n="192" />
        184  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  19.—Okt.  4.)

Abzug  einer  Hypothekenschuld  bei  Gutsübernahmen,  beziehungsweise  Berücksichtigung
  derselben  bei  Berechnung  der  Staats=  und  Notariatsgebühren.“

19.  September.  Der  Kaiser  zur  Jagd  nach  Rominten.

20.  September.  (Berlin.)  Der  Reichskanzler  reist  auf  seine
Besitzungen  nach  Alt-Aufsee  (Osterreich).

September.  Die  Presse  über  die  Feier  des  20.  September
in  Rom  (vgl.  Italien).

In  der  deutschen  Presse  erscheinen  zahlreiche  Festartikel  über  die
italienische  Feier  der  Einnahme  Roms,  nur  die  klerikale  Presse  greift  die

italienische  Regierung  auf  das  heftigste  an  und  erblickt  in  dem  Jubelfeste
eine  Beleidigung  aller  Katholiken.

28.  September.  (Bayern.)  Zusammentritt  des  Landtages.
Budget.

Finanzminister  v.  Riedel  legt  das  Budget  vor.  Das  Jahr  1892
habe  geschlossen  mit  einem  Ueberschuß  von  15  176  080  M  das  Jahr  1893
mit  einem  Ueberschuß  von  4931  037  M  Da  die  zweijährige  Periode  1894/95  
eine  Heranziehung  der  Ueberschüsse  nicht  erforderte,  werden  dieselben  zur
außerordentlichen  Schuldentilgung  verwendet.  Das  Budget  1896/97  balanziert
mit  342  930  240  M  ohne  daß  eine  Steuererhöhung  oder  eine  außerordentliche
  Anleihe  nötig  wäre.  Für  die  Matrikularbeiträge  sind  500000 M    vorgesehen.
  Die  gesamte  Lage  der  Finanzen  sei  befriedigend.

1.  Oktober.  (Preußen.)  Die  Zentral-Genossenschaftskafse
tritt  in  Thätigkeit  (vgl.  S.  158).  Präfident  ist  Frhr.  v.  Huene.

Anfang  Oktober.  Der  Kaiser  und  der  Zar.

Der  Kaiser  sendet  den  Flügeladjutanten  Oberst  v.  Moltke  nach  Petersburg
  mit  einem  Handschreiben  und  einem  vom  Kaiser  entworfenen  für  den
Zaren  bestimmten  allegorischen  Bilde:  Die  europäischen  Kulturmächte,  bedrängt
  von  der  gelben  Rasse,  einigen  sich  zu  gemeinsamer  Abwehr.  Zar
Nikolaus  dankt  in  einem  Handschreiben.

2.  bis  5.  Oktober.  (Bayern.)  Besprechung  der  Fuchsmühler
Vorgänge  im  Landtag  (S.  121,  188  und  Jahrg.  1894).

Abg.  Schädler  (Z.)  interpelliert  wegen  der  Vorgänge  in  Fuchsmühl.
Ministerpräsident  v.  Crailsheim  und  Finanzminister  v.  Riedel  führen
aus,  es  seien  in  dieser  Angelegenheit  von  unteren  Behörden  mancherlei
Fehler  gemacht  worden,  andererseits  hätten  sich  auch  die  Fuchsmühler  unzweifelhafter
  Gesetzesverletzungen  schuldig  gemacht.  Die  ganze  Affäre  sei
ein  durch  viele  ungünstige  Zufälle  herbeigeführtes  Unglück.  Die  Redner
aller  Parteien  verurteilen  die  Haltung  des  Herrn  v.  Zoller,  der  durch  den
Buchstaben  des  Gesetzes  gedeckt  die  Bauern  zur  Verzweiflung  getrieben  habe.

3.  Oktober.  (Aachen.)  Das  Schwurgericht  spricht  die  infolge
  des  Prozesses  Mellage  (S.  152)  des  Meineids  angeklagten
Alexianer-Brüder  Heinrich  und  Irenäus  frei.

4.  Oktober.  Deutschland  und  China.  Kronkonzession.

Der  deutsche  Generalkonsul  schließt  mit  den  chinesischen  Behörden
ein  Abkommen  wegen  Errichtung  einer  Niederlassung  in  Hankau  als
Kronkonzession.
        <pb n="193" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  5.—12.)  185

5.  Oktober.  Der  Kaiser  reist  nach  Hubertusstock  bei  Eberswalde.


6.  bis  12.  Oktober.  (Breslau.)  Sozialistischer  Parteitag.
Frage  der  Beschränkung  der  Diäten,  der  Akkordarbeit;  Agrarprogramm.


Abg.  Liebknecht  eröffnet  den  Parteitag  mit  einer  längeren  Rede,
in  der  er  die  Sozialdemokratie  gegen  die  in  diesem  Jahre  erfahrenen  Angriffe
  verteidigt.  „Unter  dem  Schutze  der  höchsten  Staatsmacht  beleidigt
man  die  Sozialdemokratie.  Mit  Hilfe  der  Staatsmacht  ist  der  Partei  der
Fehdehandschuh  hingeworfen  worden,  der  Fehdehandschuh  zum  Kampf  auf
Leben  und  Tod.  Wohlan!  Was  die  Beleidigungen  unserer  Partei  betrifft,
so  stehen  wir  so  hoch,  daß  die  Kotwürfe,  kommen  sie,  woher  sie  wollen,  nicht
an  uns  heranreichen."“

Es  werden  zunächst  persönliche  Streitigkeiten  in  den  Wahlkreisen  erledigt,
  sodann  kommen  zwei  Anträge  auf  Abschaffung  der  Diäten  für  Parteibeamte
  mit  mehr  als  3000  M  Einkommen  und  auf  Abschaffung  der  Akkordarbeit
  in  den  Druckereien  der  Partei  zur  Beratung.  Es  kommt  darüber  zu
heftigen  Debatten;  für  den  einen  wird  geltend  gemacht,  daß  die  Leistungen
vieler  armer  Parteigenossen  nicht  bezahlt  würden,  für  den  anderen,  daß  der
„Vorwärts“  die  Akkordarbeit  stets  als  Mordarbeit  bezeichnet  habe.  Gegen
die  Anträge  spricht  namentlich  scharf  Abg.  Fischer;  er  führt  aus,  jede
Arbeit  müsse  nach  ihrem  Lohn  bezahlt  werden,  daher  seien  die  Diäten  berechtigt;
  ein  Versuch,  die  Akkordarbeit  abzuschaffen,  habe  sich  nicht  bewährt.
Die  Anträge  werden  abgelehnt  (7.  Oktober).

Der  wichtigste  Punkt  ist  die  Beratung  des  Agrarprogramms,
der  zu  stürmischen  Debatten  führt.  Dr.  Ouarck  spricht  für  den  Entwurf,
der  mit  den  bestehenden  kapitalistischen  Verhältnissen  rechnen  müsse.  Es  sei
notwendig,  pofitive  Agrarpolitik  zu  treiben  und  den  leidenden  Bauern  zu
Hilfe  zu  kommen;  mit  radikalen  Worten  allein  sei  es  nicht  gethan.  Abg.
Schippel  gegen  den  Entwurf,  der  eine  Charlatanerie  und  aus  den  Programmen
  anderer  Parteien  zusammengestellt  sei.  Abg.  Bebel  greift  Schippel
bestig  an  und  wirft  der  Versammlung  vor,  kritiklos  Gegnern  und  Freunden
des  Entwurfs  in  gleicher  Weise  zuzustimmen.  Frau  Zetkin  gegen  den
Entwurf,  mit  Versprechungen  werde  man  die  Bauern  nicht  gewinnen,  weil
die  bürgerlichen  demagog.  Parteien  mehr  versprechen  könnten.  Abg.  Liebknecht
  für  den  Entwurf  und  tadelt  namentlich  den  gehässigen  Ton  der
Debatten.  Es  sei  Aberwitz,  das  Elend  sich  steigern  zu  lassen,  in  der  Hoffnung,
  daß  daraus  die  Revolution  hervorgehen  werde.  Mit  158  gegen  63
Stimmen  wird  das  Agrarprogramm  durch  folgende  Resolution  abeelehnt
(11.  Oktober):  „Der  von  der  Agrarkommission  vorgelegte  Entwurf  des  Agrarprogramms
  ist  zu  verwerfen;  denn  das  Programm  stellt  der  Bauernschaft
die  Hebung  ihrer  Lage,  also  eine  Stärkung  des  Privateigentums  in  Aussicht;
  es  erklärt  das  Interesse  der  Landeskultur  in  der  heutigen  Gesellschaftsordnung
  für  das  Interesse  des  Proletariats,  und  doch  ist  unter  der  Herrschaft
  des  Privateigentums  das  Interesse  der  Landeskultur  ebenso  wie  der
Industrie  an  den  Produktionsmitteln  ein  Interesse  der  Besitzer  dieser  Produktionsmittel,
  der  Ausbeuter  des  Proletariats.  Ferner  weist  der  Entwurf
dem  Ausbeuterstaate  neue  Machtmittel  zu  und  erschwert  dadurch  den  Klassenkampf
  des  Proletariats;  endlich  stellt  der  Entwurf  dem  kapitalistischen
Staate  Aufgaben,  die  nur  ein  Staatswesen,  in  welchem  das  Proletariat
die  politische  Macht  erobert  hat,  ersprießlich  durchführen  kann.  Der  Parteitag
  erkennt  an,  daß  die  Landwirtschaft  eigentümliche,  von  denen  der  In-
        <pb n="194" />
        186  Das  uDetsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  9.)

dustrie  abweichende  Gesetze  hat,  welche  zu  studieren  und  zu.  beachten  sind,
wenn  die  Sozialdemokratie  auf  dem  flachen  Lande  eine  gedeihliche  Wirksamkeit
  entfalten  soll.  Der  Parteitag  beauftragt  daher  den  Parteivorstand,
derselbe  möge  unter  Berücksichtigung  der  von  der  Kommission  gegebenen
Anregungen  eine  Anzahl  geeigneter  Personen  mit  der  Aufgabe  betrauen,
das  über  die  deutschen  Agrarverhältnisse  vorhandene  Material  einem  gründlichen
  Studium  zu  unterziehen  und  die  Ergebnisse  des  Studiums  in  einer
Reihe  von  Abhandlungen  als  „Sammlung  agrarpolitischer  Schriften  der
sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands“  zu  veröffentlichen.  Der  Parteivorstand
  wird  ermächtigt,  die  nötigen  Geldaufwendungen  zu  machen,  um
den  mit  den  erwähnten  Arbeiten  betrauten  Genossen  die  Erfüllung  ihrer
Arbeit  zu  ermöglichen."

Hierauf  werden  noch  mehrere  Differenzen  in  Wahlkreisen  erledigt
  und  einige  Anträge  zur  Parteiorganisation  beraten,  wobei
es  zu  heftigem  Streite  zwischen  den  Berliner  Vertretern  und  den
übrigen  Delegierten  kommt.

Oktober.  Beurteilung  des  sozialistischen  Parteitages.

Die  bürgerliche  Presse  weist  darauf  hin,  daß  die  Sozialdemokratie
durch  Ablehnung  des  Bauernschutzes  lediglich  eine  Partei  der  Besitzlosen
geworden  sei  und  hebt  hervor,  daß  sie  ihre  antikapitalistischen  Grundsätze
wie  Abschaffung  der  Akkordarbeit  und  Beseitigung  der  großen  Einkommen
nicht  einmal  innerhalb  ihrer  Partei  durchführen  könne.  Die  Ablehnung
des  Agrarprogramms  findet  auch  in  der  sozialistischen  Partei  weiteren
Widerspruch.  Die  bayerischen  sozialdemokratischen  Landtagsabgeordneten,
die  am  Parteitag  nicht  teilgenommen  hatten,  erklären,  sich  an  den  Breslauer
Beschluß  nicht  kehren  zu  wollen  und  in  ähnlichem  Sinne  spricht  sich  eine
Volksversammlung  in  Nürnberg  aus.  Es  kommt  darüber  zu  heftigen  Diskussionen
  in  der  Presse  und  in  Versammlungen  (vgl.  1894  S.  176).  Auch
sonst  finden  die  Beschlüsse  des  Parteitags  nicht  überall  Gehorsam,  fo  erklären
  sich  die  Anhänger  des  ausgeschlossenen  Dr.  Rüdt  in  Baden  mit  ihm
solidarisch  und  treten  aus  der  Partei  aus.

9.  Oktober.  (Berlin.)  Mannigfachen  Angriffen  in  der
Presse  auf  den  Minister  v.  Bötticher  tritt  der  „Reichs-Anzeiger“
mit  folgender  Kundgebung  entgegen  (vgl.  S.  156);

„Unter  Bezugnahme  auf  einen  Ende  Juni  d.  Js.  in  der  Zeitschrift
„Die  Zukunft“  enthaltenen  Angriff  auf  den  Vizepräsidenten  des  Staatsministeriums,
  Staatsminister  v.  Bötticher,  hat  neuerdings  die  „Deutsche
Tageszeitung“  wiederholt  Klage  darüber  geführt,  daß  leitende  Kreise  der
Korruption  verdächtigt  würden,  und  daß  der  Boden  für  Gerüchte  schlimmer
Art  dadurch  vorbereitet  sei,  daß  sich  höchste  Staatsbeamte  öffentliche  Vorwürfe
  gegen  ihre  Lauterkeit  und  Rechtlichkeit  ruhig  hätten  gefallen  lassen.
Auf  Veranlassung  des  Staatsministers  v.  Bötticher  sind  die  thatsächlichen
Vorgänge,  welche  zu  den  gegen  ihn  gerichteten  Angriffen  Anlaß  gegeben
haben  können,  schon  früher  amtlich  festgestellt  worden.  Diese  Thatsachen
sind  seinerzeit  ihrem  vollen  Umfange  nach  durch  den  Staatsminister  v.  Bötticher
  selbst  zur  Allerhöchsten  Kenntnis  Seiner  Majestät  des  Kaisers  und
Königs  gebracht.  Auch  sind  die  Schritte,  welche  gegen  diese  verleumderischen
  Gerüchte  etwa  zu  thun  seien,  wiederholt  im  Schoße  des  Staatsministeriums
  erwogen  worden.  Das  Ergebnis  dieser  Erwägungen  war,  daß  es
im  vorliegenden  Falle  der  Würde  eines  Staatsministers  nicht  entspreche,
        <pb n="195" />
        Das Deutsche Reich uns sein  einzelnen Glieder ( Oktober 12--13.)    187

gegen  solche  versteckten  Verdächtigungen  im  Wege  der  gerichtlichen  Klage
vorzugehen.  Mit  ganz  vereinzelten  Ausnahmen  hat  auch  die  gesamte  Presse
aller  Parteien  jene  Angriffe  teils  mit  Stillschweigen  übergangen,  teils  mit
Verachtung  zurückgewiesen.  Nachdem  gleichwohl  jetzt  der  Versuch  gemacht
ist,  auf  dieselben  zurückzukommen,  erscheint  es  an  der  Zeit,  diesem  Treiben
dadurch  ein  Ende  zu  machen,  daß  die  amtlich  festgestellte  Grundlosigkeit  der
erhobenen  Vorwürfe  öffentlich  vom  Staatsministerium  bezeugt  wird.

In  der  „Zukunft“  vom  29.  Juni  d.  Js.  war  gesagt  worden:  „Wenn
es  wahr  ist,  wie  sehr  glaubwürdige  Zeugen  versichern,  daß  der  Staatssekretär
  in  einer  Zeit,  wo  über  den  Bankverkehr  bedeutsame  Entscheidungen
zu  treffen  waren,  von  Großbankiers  Summen  entliehen  hat,  die  er  nach
menschlicher  Voraussicht  niemals  zurückzahlen  konnte,  dann  müßte  sein  Verbleiben
  im  Amt  von  allen  bedauert  werden,  die  zwischen  Politik  und  Sittlichkeit
  nicht  eine  trennende  Schranke  errichten  möchten.“

Im  Jahre  1886  kam  es  zur  amtlichen  Kenntnis  des  damaligen
Präsidenten  der  Reichsbank,  daß  ein  dem  Staatssekretär  des  Innern  durch
Familienbande  nahestehender  Bankdirektor  an  den  Rand  des  finanziellen
Zusammenbruchs  gelangt  war.  Auf  die  Mitteilung  davon  lehnte  der
Staatssekretär  unverzüglich  jede  Intervention  zu  Gunsten  des  Bankdirektors
ab.  Indessen  gelang  es  anderen  Verwandten  des  letzteren  mit  Hilfe  einiger
Freunde,  seine  Schuldenlast  zu  decken.  Zu  diesem  Zwecke  hat  auch  der
Staatsminister  v.  Bötticher  sein  gesamtes  eigenes  Vermögen  hergegeben.  Von
dem  Sachverhalt  hat  damals  der  Staatssekretär  des  Innern  dem  ihm  vorgesetzten
  Reichskanzler  Mitteilung  gemacht,  welcher  demnächst  die  Erstattung
der  von  jenen  Freunden  hergegebenen  Summen  herbeigeführt  hat.

Es  ist  amtlich  festgestellt,  1.  daß  die  geschilderten  Verhandlungen
zu  einer  Zeit  stattfanden,  in  welcher  von  beabsichtigten  Reformen  des  Bankwesens
  überhaupt  noch  nicht  die  Rede  war;  2.  daß  der  Staatsminister
v.  Bötticher  niemals  von  Bankiers  Geld  entliehen  hat;  3.  daß  der  Staatsminister
  v.  Bötticher  keinerlei  Zuwendungen,  auch  nicht  den  Ersatz  des  von
ihm  hergegebenen  eigenen  Vermögens  empfangen  hat.

Das  königliche  Staatsministerium.
Fürst  zu  Hohenlohe.  Frhr.  v.  Berlepsch.  Miquel.  Thielen.  Bosse.
v.  Köller.  Frhr.  v.  Marschall.  Frhr.  v.  Hammerstein.  Schönstedt."

Oktober.  Schriftenwechsel  zwischen  den  deutschen  Bischöfen
und  dem  Papst  (s.  Röm.  Kurie).

13.  Oktober.  (Hubertusstock.)  Anläßlich  der  Ermordung
eines  Fabrikanten  Schwartz  in  Mühlhausen  i.  E.  durch  einen  entlassenen
  Arbeiter  sendet  der  Kaiser  folgendes  Telegramm  an  den
Statthalter  von  Elsaß--Lothringen:

„Ich  erfahre  soeben  aus  den  Zeitungen  die  Kunde  des  abscheulichen
Mordes  des  Fabrikherrn  Schwartz  in  Mühlhausen.  Ich  bitte  daher  Euer
Durchlaucht,  in  Meinem  und  der  Kaiserin  Namen  Unser  innigstes  Beileid
der  unglücklichen  Witwe  auszudrücken.  Wieder  ein  Opfer  mehr  der  von
den  Sozialisten  angefachten  Revolutionsbewegung.  Wenn  Unser  Volk  sich
doch  ermannte!                                                   Wilhelm  I.  R.“

13.  Oktober.  (Baden.)  Ergänzungswahlen  zum  Landtag.
Von  32  zu  besetzenden  Mandaten  der  zweiten  Kammer  gewinnen  die
Nationalliberalen  15,  das  Zentrum  9,  die  Freisinnigen  4,  die  Sozialdemokraten
  2,  Konservative  und  Antisemiten  je  1.  Die  badische  Kammer  der
        <pb n="196" />
        188  Ds  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  14.—18.)

Abgeordneten  besteht  aus  31  Nationalliberalen  (bisher  30),  21  Zentrumsleuten
  (23),  5  Freisinnigen  (5),  2  Konservativen  (2),  3  Sozialisten  (3),
1  Antisemiten  (bisher  keiner).

14.  Oktober.  (Hubertusstock.)  Audienz  des  russischen  Ministers
  des  Auswärtigen,  Fürsten  Lobanow,  beim  Kaiser.

15.  Oktober.  Das  Kaiserpaar  reist  zum  Besuch  der  Reichslande
  nach  Urville.

16.  Oktober.  (Dresden.)  Graf  Vitzthum  v.  Eckstädt,  bis
1866  sächs.  Diplomat,  dann  in  österreichischen  Diensten,  k.

17.  Oktober.  (Sachsen.)  Ergänzungswahlen  zum  Landtag.

27  Mandate  sind  neu  zu  besetzen.  Es  werden  gewählt  16  Konservative,
  4  Nationalliberale,  2  Fortschrittler,  5  Sozialisten.  (Bisher  14  Konservative,
  3  Nationalliberale,  5  Fortschrittler,  5  Sozialisten.)  Die  Kandidaten
  der  deutsch-sozialen  Reformpartei  unterliegen  überall.

17.  Oktober.  (Bayern.)  Abgeordnetenkammer.  Antrag  auf
ein  Mißtrauensvotum  gegen  die  Regierung.

Die  Kammer  erklärt  nach  langer  geschäftlicher  Debatte  gegen  die
Stimmen  der  Sozialdemokraten,  Bauernbündler  und  Demokraten  die  Beratung
  des  Antrages  Grillenberger,  bezüglich  Erteilung  eines  Mißtrauensvotums
  an  die  Regierung  hinsichtlich  der  Fuchsmühler  Vorgänge,
für  unzulässig  (vgl.  S.  184).

Oktober.  Zentrum  und  Bund  der  Landwirte.

Der  Vorstand  des  Bundes  der  Landwirte  hält  am  Niederrhein
mehrere  Versammlungen  ab.  Klerikale  Blätter  lehnen  eine  Unterstützung
des  Bundes  ab  und  führen  aus,  daß  die  wirtschaftlichen  Differenzen  zwischen
Ost  und  West  eine  Ausbreitung  des  Bundes  im  Westen  nicht  zulassen.

18.  Oktober.  (Metz.)  Reichstagsabg.  Dr.  Haas  legt  sein
Mandat  nieder  (vgl.  1894  S.  130,  163).

18.  Oktober.  (Wörth.)  Der  Kaiser  enthüllt  ein  Denkmal
Kaiser  Friedrichs  und  hält  nach  der  Einweihungsrede  des  Generals
v.  Mischke  folgende  Ansprache:

„Meine  hochverehrten  Kriegskameraden  Meines  Herrn  Vaters  und
sonst  versammelte  Herren!  Im  Auftrage  Ihrer  Majestät  der  Kaiserin
Friedrich  habe  Ich  Ihnen  Ihrer  Majestät  und  zugleich  Meines  Hauses
Dank  dafür  auszusprechen,  daß  Sie  es  sich  nicht  haben  nehmen  lassen  wollen,
Uns  dieses  herrliche  Denkmal  errichten  zu  helfen  und  am  heutigen  Tage  zu
erscheinen.  Tief  bewegten  Herzens  verweilt  hier  heute  Meine  hohe  Frau
Mutter,  daran  gedenkend,  daß  es  ihr  am  Arme  ihres  Herrn  Gemahls  vergönnt
  gewesen,  an  dieser  Stelle  aus  seinem  eigenen  Munde  die  Kunde  über
den  ersten  von  ihm  erfochtenen  großen  Sieg  zu  vernehmen.  Ich  spreche
Ihrer  Majestät  daher  ganz  besonderen  Dank  dafür  aus,  daß  sie  die  Gnade
gehabt  hat,  sich  hier  einzufinden,  wo  nunmehr  dieses  herrliche  Bild  Meines
Herrn  Vaters  aufgerichtet  worden  ist.  Was  wir  über  ihn  vernommen  haben,
konnte  nicht  schöner  und  nicht  bewegter  geschildert  werden.  Was  wir  aber
fühlen,  angesichts  dieses  Standbildes  und  in  Anbetracht  der  25  jährigen
Wiederkehr  der  großen  Zeit  der  Wiedergeburt  unseres  Vaterlandes,  wo
        <pb n="197" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  19.—24.)  189

hier  zumal  zuerst  süddeutsches  und  norddeutsches  Blut  zu  dem  Kitte  sich
vereinigten,  das  unser  Deutsches  Reich  wieder  hat  bauen  helfen,  —  das  bewegt
  tief  unser  aller  Herz.  Und  wir  Jüngeren  vor  allem,  wir  geloben  im
Anblick  des  hohen  Siegers,  unseres  verewigten  Kaisers,  das  zu  halten,  was
er  uns  erfochten  hat  und  die  Krone  zu  wahren,  die  er  schmiedete  und  dieses
Reichsland  gegen  wen  es  auch  sei,  zu  schirmen  und  deutsch  zu  erhalten,  so
wahr  uns  Gott  helfe  und  unser  deutsches  Schwert!  Nun  aber  wollen  wir
alle  einstimmen  in  den  Ruf:  Meine  hohe  Frau  Mutter,  durch  deren  Erscheinen
  der  heutige  Tag  gekrönt  ist:  Ihre  Majestät  die  Kaiserin  Friedrich
Hurral  Hurral  Hurral!“

19.  bis  21.  Oktober.  (Kaiserslautern.)  Tagung  des  bayerischen

  Handwerkertags.

Die  Versammlung  behandelt  vornehmlich  die  Lage  des  Bauhandwerks
und  fordert  Wiederherstellung  des  Befähigungsnachweises  für  das  Baugewerbe.


20./21.  Oktober.  (Erfurt.)  Parteitag  der  deutsch-sozialen
Reformpartei.

Die  Versammlung  konstatiert,  daß  die  Trennung  der  Partei  von
Ahlwardt  und  Böckel  (vgl.  S.  33)  zur  inneren  Kräftigung  beigetragen  habe
und  spricht  sich  sodann  in  mehreren  Resolutionen  für  Erhaltung  des  allgemeinen
  Wahlrechts,  für  Aufhebung  der  Gleichberechtigung  der  Juden  und
energische  Sozialpolitik  zu  Gunsten  der  produktiven  Stände  aus.

20.  Oktober.  Rückkehr  des  Kaiserpaares  nach  Potsdam.

23.  Oktober.  (Preußen.)  Königlicher  Erlaß  an  den  Justizminister
  über  Aussetzung  der  Strafvollstreckung.

Auf  Ihren  Bericht  vom  15.  Oktober  d.  Js.  ermächtige  Ich  Sie,
solchen  zu  Freiheitsstrafen  verurteilten  Personen,  hinsichtlich  deren  bei  längerer
guter  Führung  eine  Begnadigung  in  Aussicht  genommen  werden  kann,  nach
Ihrem  Ermessen  Aussetzung  der  Strafvollstreckung  zu  bewilligen,  indem  Ich
in  den  dazu  geeigneten  Fällen  demnächst  Ihrem  Bericht  wegen  Erlasses
oder  Milderung  der  Strafe  entgegensehen  will.  Von  dieser  Ermächtigung
soll  jedoch  vornehmlich  nur  zu  Gunsten  solcher  erstmalig  verurteilter  Personen
  Gebrauch  gemacht  werden,  welche  zur  Zeit  der  That  das  achtzehnte
Lebensjahr  nicht  vollendet  hatten  und  gegen  welche  nicht  auf  eine  längere
als  sechsmonatige  Strafe  erkannt  ist.

            Neues  Palais,  den  23.  Oktober  1895.

                                                                                             Wilhelm.
                                                                                     ggez.  Schönstedt.
             An  den  Justizminister.

24.  Oktober.  Trennung  der  Konservativen  von  den  jüngeren
Christlich-Sozialen  (vgl.  S.  123).

Die  „Konserv.  Korr."  bringt  einen  scharfen  Artikel  gegen  die
christlich-soziale  Richtung  der  Pastoren  Naumann,  Göhre,  Kötzschke  u.  a.
und  wirft  ihnen  Schürung  des  Klassenhasses  und  Untergrabung  der  staatlichen
  Autorität  vor.  Der  Artikel  schließt:  „Wir  erklären  demgemäß,  daß
alle  Politiker  sowohl  wie  Zeitungen,  welche  diesen  Kampf  nicht  aufnehmen
oder  gar  —  offen  oder  verschleiert  —  ihm  entgegenwirken,  zur  konservativen
Partei  nicht  gerechnet  werden  können."“
        <pb n="198" />
        190  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  26.—28.)

Diese  Erklärung  findet  in  der  mittelparteilichen  Presse  viel  Beifall,
stößt  aber  innerhalb  der  konservativen  Partei  selbst  auf  Widerspruch.  Das
„Volk“  weist  die  Angriffe  auf  die  Pastoren  zurück  und  bezweifelt,  daß  die
Parteileitung  mit  der  Erklärung  einverstanden  ist.  Der  „Reichsbote“
betont  die  Pflicht  der  Pastoren  an  der  Besserung  der  sittlichen  und  sozialen
Verhältnisse  mitzuarbeiten.  Pastor  Naumann  antwortet  auf  die  Erklärung
in  der  „Hilfe“  und  die  Mitglieder  des  Pfarrvereins  Stettin  erlassen
eine  Erklärung,  in  der  sie  dem  Artikel  der  „Kons.  Korr.“  scharf  entgegentreten.
  Auch  der  Vorstand  des  evangelisch-sozialen  Kongresses,  zu  dem
mehrere  Konservative  wie  Prof.  Wagner  und  Hofprediger  a.  D.  Stöcker
gehören,  lehnt  eine  Trennung  von  der  jüngeren  christlich-sozialen  Richtung
ab  (vgl.  Preuß.  Jahrb.  Bd.  82  S.  566).  Hofprediger  Stöcker  wendet  sich
in  der  „Dtsch.  evangel.  Kirchenztg.“  gegen  die  „Kons.  Korr.“

26.  Oktober.  (Leipzig.)  Der  Kaiser  und  der  König  von

Sachsen  legen  den  Schlußstein  zum  neuen  Reichsgerichtsgebäude.

Die  in  den  Schlußstein  eingefügte  Urkunde  lautet:

Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  deutscher  Kaiser,  König  von
Preußen  ect.  thun  kund  und  fügen  hiermit  zu  wissen:  „Das  Haus,  zu  welchem
Wir  am  31.  Oktober  des  Jahres  1888  in  Gegenwart  Unseres  erhabenen
Verbündeten,  des  Königs  von  Sachsen,  den  Grundstein  gelegt  haben,  ist
mit  Gottes  Hilfe  vollendet.  Dem  obersten  Gerichtshofe  des  Reiches  ist
damit  für  seine  Thätigkeit  eine  bleibende  und  würdige  Stätte  bereitet.  An
dieser  Stätte  wird,  wie  Wir  erwarten,  das  Reichsgericht,  als  gewissenhafter
Hüter  der  deutschen  Rechtseinheit,  auch  ferner  für  die  Wohlfahrt  und  für
den  Ruhm  des  Reiches  zu  wirken  bemüht  sein.  Die  von  Uns  bei  der  Feier
der  Grundsteinlegung  kundgegebene  Hoffnung,  daß  dem  Verlangen  des
Deutschen  Volkes  nach  größerer  Einheit  seines  Rechts  durch  ein  gemeinsames
bürgerliches  Gesetzbuch  in  nicht  zu  ferner  Zeit  entsprochen  werde,  geht  ihrer
Erfüllung  entgegen.  Es  gereicht  Uns  zur  Genugthuung,  daß  zugleich  mit
dem  Einzuge  in  dieses  Haus  dem  obersten  Gerichte  die  bestimmte  Aussicht
erwächst  auf  eine  weitere  Entfaltung  seines  Wirkens  im  Sinne  der  großen,
ihm  bei  seiner  Begründung  durch  die  verbündeten  Regierungen  und  den
Reichstag  gestellten  Aufgabe.  Durchdrungen  von  der  Bedeutung,  welche
der  energischen  und  gerechten  Handhabung  der  Gesetze  für  die  Erhaltung
des  inneren  Friedens  und  für  die  Hebung  des  Wohlstandes  der  Nation  zukommt,
  haben  Wir  beschlossen,  im  Namen  der  verbündeten  Fürsten  und
freien  Städte  in  dem  neu  errichteten  Bau  gemeinsam  mit  Sr.  Majestät  dem
Könige  von  Sachsen,  als  dem  Gebietsherrn,  und  unter  Mitwirkung  von
Vertretern  des  Reichstags  den  Schlußstein  zu  legen.  Gottes  Segen  ruhe
auf  diesem  Hause!  Möge  die  Rechtsprechung,  die  sich  hier  vollziehen  wird,
dazu  helfen,  daß  Recht  und  Gerechtigkeit  überall  zur  Geltung  gelange,  und
daß  die  Treue  in  allen  deutschen  Landen  wachse!  Gegenwärtige  Urkunde
haben  Wir  in  zwei  Ausfertigungen  mit  Unserer  Allerhöchsteigenhändigen
Namensunterschrift  vollzogen  und  mit  Unserem  größeren  Kaiserlichen  Insiegel
  versehen  lassen.  Wir  befehlen,  die  eine  Ausfertigung  in  den  Schlußstein
  des  Gebäudes  niederzulegen,  die  andere  in  Unserem  Archive  aufzubewahren.


                 Gegeben  Leipzig,  den  26.  Oktober  1895.

                  (L.  S.)                                                   Wilhelm  I.  R.
                                                                           Fürst  zu  Hohenlohe.“
28.  Oktober.  (Berlin.)  Auf  einem  Festessen  in  Erinnerung

an  die  Kapitulation  von  Metz  hält  der  Kaiser  folgende  Rede:
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  28.)  191

„Mit  ganz  besonders  erhobenen  Herzen  finden  wir  uns  heute  hier
zusammen,  um  das  Andenken  des  seligen  Prinzen  Feldmarschall  zu  feiern.
Leider  vermissen  wir  heute  eines  unserer  wertesten  Mitglieder,  das  Jahre
lang  für  diese  Feste  so  regsam  gesorgt  hat.  Ich  lese  in  Ihrer  aller  Blicke
und  aus  aller  Uugen  schlägt  mir  entgegen  das,  was  Ihre  Gefühle  am
heutigen  Tage  beseelt.  Und  wer  sollte  es  uns  verdenken,  wenn  am  heutigen
Abend  an  uns  die  Versuchung  herantritt,  über  den  Rahmen  des  Festes
hinaus  und  über  die  Richtung,  der  die  Gründung  dieser  Vereinigung  zu
Grunde  gelegen  hat,  hinaus  zugehen.  Ich  werde  aber  doch  dieser  Versuchung
widerstehen;  wir  wissen  ja  alle  ganz  genau,  wessen  wir  am  heutigen  Tage
zu  gedenken  haben  und  ich  zumal,  der  ich  soeben  von  dem  Boden  herkomme,
wo  die  Thaten  des  großen  Feldmarschalls  sich  vollzogen.  Wir  blicken  zurück
auf  die  Zeit  vor  25  Jahren  und  wir  danken  der  Vorsehung  dafür,  daß  es
uns  vergönnt  war,  diesen  großen  Mann  auch  noch  später  unter  uns  zu
sehen.  Wie  selten  ist  es  doch  Einem  gegeben,  im  Leben  zurückzublicken  auf
Großes,  was  man  geleistet,  und  so  auch  fernerhin  mit  bauen  zu  helfen  und
zu  sehen,  was  aus  dem  emporwächst,  was  man  gesäet.  Und  so  richtet  sich
auch  heute  wieder  der  Blick  auf  Dreilinden  und  wir  empfinden,  wie  aus
jener  stillen  Stätte,  wo  Freundschaft  und  Kameradschaft  gepflegt  wurde,  der
nimmer  ruhende,  alles  umfassende  Geist  dieses  Herrn  in  reger  Verbindung
mit  dem  von  ihm  so  viel  geliebten  Heere  stand,  und  wie  selbst  aus  jenen
stillen  Räumen,  über  welche  er  mit  Stolz  geschrieben,  „Klein,  aber  mein“,
anregende  Gedanken  hervorgingen,  die  weiter  entwickelt,  geweckt  und  gepflegt
wurden  und  Frucht  bringen  sollten  und  in  Thaten  umgesetzt  worden  sind,
und  wie  das,  was  unsere  Reiterei  jetzt  zu  leisten  im  stande  ist,  auch  seinem
stillen  Einfluß  zu  danken.  Und  mithin  fordere  ich  Sie  nunmehr  auf,  auch
an  dem  heutigen  Tage  in  stillem  Dank  das  Andenken  des  hohen  Herrn  zu
feiern,  indem  wir  uns  daran  erinnern,  wie  huld=  und  gnadenreich  er  war
und  wie  viel  wir  ihm  sowohl  auf  dem  persönlichen  wie  auch  auf  anderen
Gebieten,  zumal  den  militärischen,  an  Anregungen  zu  danken  haben.“

28.  Oktober.  Reichstagsersatzwahl.  Zentrum  und  Polen.

Im  7.  Oppelner  Wahlkreise  (Pleß-Rybnik)  wird  gewählt  Radwanski
(Pole)  gegen  Frhrn.  v.  Huene  (Z.).  Da  der  Wahlkreis  bisher  dem  Zentrum
  angehörte,  so  kommt  es  zu  heftigen  Erörterungen  zwischen  klerikalen
und  polnischen  Blättern.
28.  Oktober.  (Bayern.)  Landtag.  Verhältnis  zu  Preußen,
zur  Umsturzvorlage;  Antrag  auf  Abänderung  des  Wahlrechts.
Abg.  Grillenberger  (Soz.)  greift  die  Regierung  wegen  ihrer
Stellung  zur  Umsturzvorlage  lebhaft  an  und  kritisiert  unter  heftigen  Ausfällen
  die  Haltung  der  Bundesstaaten  im  Bundesrate  gegenüber  der  Präsidialmacht.
  Minister  Freiherr  v.  Crailsheim  erwidert,  der  Haß  der
Sozialdemokraten  gegen  die  monarchischen  Grundlagen  des  Reiches  sei  begreiflich.
  Er  könne  aber  nur  mit  höchstem  Danke  konstatieren,  daß  es  zum
eil  nur  durch  das  Eingreifen  der  höchsten  Spitze  des  Reiches  gelungen
sei,  Fragen  von  einschneidendem  Interesse  für  Bayern  in  einem  den  bayerischen
  Wünschen  günstigen  Sinne  zu  lösen.  Die  Stellung  der  Regierung
zu  der  Frage  einer  Verschärfung  der  Strafgesetzgebung  sei  unter  anderem
dadurch  bedingt  gewesen,  daß  auch  in  Bayern  die  anarchistische  Bewegung
hervorgetreten  wäre.  Die  anarchistische  Bewegung  sei  in  Bayern  allerdings
nicht  selbständig;  aber  das  anarchistische  Element  sei  in  sozialdemokratischen
Versammlungen  in  sehr  bemerkbarer  Weise  zu  Tage  getreten.  Im  übrigen
habe  das  bayerische  Strafgesetzbuch  von  1861  viel  schärfere  Bestimmungen
        <pb n="200" />
        192  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  1.—Dez.  2.)

als  die  sogenannte  Umsturzvorlage  enthalten.  Die  Frage,  ob  die  Umsturzvorlage
  eine  vollständige  Abhilfe  gewesen  wäre,  glaube  er  allerdings  verneinen
  zu  müssen,  da  erst  die  bürgerlichen  Parteien  aus  ihrer  Indolenz
aufwachen  müßten  und  ihre  Kräfte  nicht  in  gegenseitigem  Kampfe  aufreiben
dürften,  sondern  sich  zusammenschließen  müßten  zum  gemeinsamen  Kampfe
gegen  den  gemeinsamen  Feind.

Ein  Antrag  Ratzinger  (Bayer.  Bauernbund),  das  allgemeine  direkte
  Wahlrecht  für  die  Landtagswahlen  einzuführen,  wird  auf  Antrag  des
Zentrums  durch  Uebergang  zur  Tagesordnung  (mit  69  gegen  53  Stimmen)
erledigt.

1.  bis  4.  November.  Besuch  des  Königs  von  Portugal  am
Kaiserlichen  Hofe.  Der  Kaiser  ernennt  den  König  zum  Chef  des

Infanterie-Regiments  Nr.  20.  «

5.  November.  (Dortmund.)  Reichstagsersatzwahl.

Der  Kandidat  der  Nationalliberalen  Möller  erhält  in  der  Stichwahl
  21  305,  Dr.  Lütgenau  (Soz.)  24  033  Stimmen.  In  der  Hauptwahl
  (25.  Okt.)  fielen  auf  Lütgenau  17182,  auf  Möller  17  117,  auf  Lenfing
  (Z.)  14  636.  Der  Sieg  Lütgenaus  wird  auf  die  Hilfe  des  Zentrums,
das  Wahlenthaltung  proklamiert  hatte,  zurückgeführt.

8.  November.  (Bayern.)  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt
die  Errichtung  einer  staatlichen  Mobiliarversicherungsanstalt  und
lehnt  den  Antrag  der  Sozialdemokraten  auf  Ausschluß  der  Privatversicherung

  ab.
12.  November.  (Baden.)  Zusammentritt  des  Landtags.

14.  November.  (Sachsen.)  Eröffnung  des  Landtags  durch
den  König.

21.  November.  (Breslau.)  Parteitag  der  Konservativen
Schlesiens.

Die  Versammlung  fordert  Aenderung  der  Wirtschaftspolitik  zu
Gunsten  der  Landwirtschaft  und  des  Handwerks,  Fortführung  der  Sozialpolitik
  unter  Abweisung  der  jüngeren  christlich-sozialen  Richtung  und  Bekämpfung
  der  Sozialdemokratie  durch  Gesetzgebung  und  Verwaltung.

22.  November.  (Mecklenburg-Schwerin.)  Der  Landtag

lehnt  eine  Gehaltsaufbesserung  der  Volksschullehrer  durch  Landesmittel
  prinzipiell  ab.

29.  November.  (Berlin.)  Maßregeln  gegen  die  Sozialdemokratie
  (vgl.  S.  180).

Das  kal.  Polizeipräsidium  löst  11  Berliner  sozialdemokratische  Vereine
  auf,  darunter  den  Parteivorstand  auf  Grund  des  §  8  der  Verordnung
über  die  Verhütung  der  Freiheit  und  Ordnung  gefährdenden  Mißbräuche
des  Versammlungs=  und  Vereinsrechts  vom  11.  März  1850,  welcher  die
besonderen  Beschränkungen  aufzählt,  welchen  Vereine  unterworfen  sind,  die
bezwecken,  politische  Angelegenheiten  in  Versammlungen  zu  erörtern.

2.  Dezember.  (Berlin.)  Feier  des  100jährigen  Stiftungs-
        <pb n="201" />
        Das  Deusche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  2.)  193

festes  der  militärärztlichen  Bildungsanstalten.  Neuorganisation.
Kaiserliche  Ordres.

Der  der  Feier  beiwohnende  Kriegsminister  verliest  folgende  Allerhöchste
  Ordre:  „Aus  Anlaß  der  100jährigen  Stiftungsfeier  des  mediezinischchirurgischen
  Friedrich  Wilhelms-Instituts  bestimme  Ich,  daß  die  jetzt  bestehenden
  militär-ärztlichen  Bildungsanstalten  und  zwar  das  medizinischchirurgische
  Friedrich  Wilhelms-Institut  und  die  chirurgisch-medizinische
Akademie  für  das  Militär  zu  einer  Anstalt  vereinigt  werden,  welcher  Ich
den  Namen  „Kaiser  Wilhelm-Akademie  für  das  militär-ärztliche  Bildungswesen“
  gebe.  Indem  Ich  mir  die  Genehmigung  der  weiteren  Organisation
dieser  Akademie  vorbehalte,  erkenne  Ich  gern  an,  in  wie  hohem  Maße  die
Anstalt  in  ihrem  100jährigen  Bestehen  um  die  militär-ärztliche  Ausbildung
und somit  um  die  Interessen  der  Armee  und  der  Marine  sich  verdient  gemacht
  hat.“

Ferner  richtet  der  Kaiser  folgende  Ordre  an  Generalarzt  v.  Coler:
„Frankfurt  a.  D.,  2.  Dezember.  An  dem  heutigen  Tage,  an  welchem  das
medizinisch-chirurgische  Friedrich  Wilhelms-Institut  die  hundertjährige  Wiederkehr
  seines  Stiftungstages  begeht,  gedenke  Ich  besonders  dankbar  der
opferwilligen  und  segensreichen  Thätigkeit  aller  Mitglieder  des  Sanitätskorps,
  namentlich  aber  derjenigen,  die  in  großer  Zeit  vor  dem  Feinde  in
den  Feldlazarethen  und  in  der  Heimat  das  unabwendbare  schwere  Leid  des
Krieges  zu  lindern  und  zu  heilen  wußten;  das  Militärsanitätswesen  ist
seiner  ernsten,  dem  Kampfe  Mann  gegen  Mann  gleich  zu  achtenden  Aufgabe
  damals  in  allen  seinen  Gliedern  und  Teilen  voll  gerecht  geworden.
Ich  füge  gern  hinzu,  daß  es  seitdem  mit  der  fortschreitenden  Wissenschaft
stets  gleichen  Schritt  gehalten,  ja  der  ärztlichen  Kunst  zum  Segen  der
Menschheit  neue  Wege  gewiesen  hat.  Dies  ist  nicht  zum  mindesten  Ihr
Verdienst,  und  Ich  bin  der  Ueberzeugung,  daß  unter  Ihrer  bewährten
Leitung  das  Sanitätskorps  sich  auch  ferner  den  höchsten  Anforderungen  gewachsen
  zeigen  wird.  Sie  wollen  dies  der  Festversammlung  mit  Meinem
gnädigsten  Gruß  und  dem  Ausdruck  Meines  Bedauerns,  nicht  selbst  anwesend
  zu  sein,  zur  Kenntnis  bringen.  Wilhelm.“

2.  Dezember.  (Breslau.)  Der  Kaiser  hält  auf  einem
Diner  des  Schlesischen  Kürassier-Regiments  folgende  Rede:

„Die  Einladung  Meines  Leib-Kürassier-Regiments  zur  Anteilnahme
an  seinem  Regimentsfeste  habe  Ich  mit  Dank  und  freudigen  Herzens  angenommen.
  Sind  doch  die  Stunden,  die  Ich  im  Kreise  Meiner  Kameraden
zubringen  darf,  die  Erholungsstunden,  die  wenigen,  die  mir  gegönnt  find
in  einem  mühevollen  und  arbeitsamen  Leben.  Mit  besonderer  Freude  habe
Ich  die  vielfachen  Regimentsfeste,  die  in  diesem  Jahre  die  Erinnerung  an
die  große  Zeit  vor  25  Jahren  wieder  wachriefen,  feiern  sehen  und  zum
Teil  selbst  mitfeiern  können,  vor  allem  deswegen  freudig,  weil  der  Zusammenhang
  der  Kameradschaft,  auf  der  doch  schließlich  unsere  ganze  Armee  beruht,
  nicht  nur  in  dem  Kreise  der  Offiziere,  sondern  auch  im  Kreise  der
Mannschaften  in  rührender  Weise  zu  Tage  getreten  ist.  Die  vielen  Tausende
treuer  Soldaten,  die  sich,  zum  Teil  mittellos,  zum  Teil  in  hohem  Alter,
auf  den  Weg  machten,  sei  es,  die  Felder  zu  besuchen,  auf  denen  sie  stritten
und  bluteten,  sei  es,  um  den  Anschluß  an  das  alte  geliebte  Regiment  wieder
aufzusuchen  und  mit  ihm  zu  feiern,  haben  den  Festen  erst  den  rechten  Stempel
aufgedrückt.  Wir  wollen  auch  am  heutigen  Tage  dankbar  Derer  gedenken,
die  an  der  Sie  der  Schwadronen  und  im  Regiment  führend  und  fechtend
dabei  gewesen  sind;  wir  wollen  uns  aber  auch  vergegenwärtigen,  daß  auch

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.                                     13
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        194  DJas  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  3.)

dieser  Tag  nur  ein  Glied  in  der  langen  Kette  der  Ehrentage  unserer  Armee
gewesen  ist,  die  den  Zweck  hatten,  unser  großes  deutsches  Vaterland  wieder
zu  einigen.  Mithin  glaube  Ich,  daß  wir  den  heutigen  Tag  nicht  besser
feiern  können,  als  indem  wir  von  Neuem  unter  einander  geloben  und  versprechen,
  das,  was  der  große  Kaiser  und  seine  Führer  damals  zu  stande
gebracht  haben,  nun  auch  zu  erhalten  und  zu  verteidigen.  Und  je  mehr
man  sich  hinter  Schlagworte  und  Parteirücksichten  zurückzieht,  desto  fester
und  sicherer  rechne  Ich  auf  Meine  Armee  und  desto  bestimmter  hoffe  Ich,
daß  Meine  Armee,  sei  es  nach  außen  oder  nach  innen,  Meiner  Wünsche
und  Meiner  Winke  gewärtig  sein  wird.  Daß  dem  so  sei,  dafür  vertraue
Ich  dem  Geiste,  der  auch  in  diesem  Regiment  lebt,  und  Ich  greife  dabei
auf  ein  Wort  zurück,  das  Mein  hochseliger  Herr  Großvater  einst  sprach,
als  er  in  Koblenz  nach  der  schweren  Zeit  ans  Land  stieg  und  bei  dem
großen  feierlichen  Empfange  die  Offizierskorps  stehen  sah,  indem  er  auf  sie
hinweisend  sagte:  „Das  sind  die  Herren,  auf  die  ich  mich  verlasse.“  In
dieser  Empfindung  erhebe  Ich  Mein  Glas  und  trinke  auf  das  Wohl  des
Leib-Kürassierregiments,  von  dem  Ich  hoffe,  daß  es  stets  seinem  Namen,
den  es  trägt,  dem  des  Großen  Kurfürsten,  Ehre  machen  wird.  Das  Leib-Kürassierregiment
  hurra,  hurra,  hurra!“

3.  Dezember.  (Berlin.)  Der  Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst
  eröffnet  den  Reichstag  mit  folgender  Thronrede:
Geehrte  Herren!

Se.  Majestät  der  Kaiser  haben  mir  den  Auftrag  zu  erteilen  geruht,

Sie  in  Seinem  und  der  verbündeten  Regierungen  Namen  willkommen  zu
heißen.  Ihre  Arbeiten  fallen  in  die  Tage  der  Erinnerung  an  die  greße
Zeit,  in  welcher  vor  einem  Vierteljahrhundert  die  Frucht  der  ruhmreichen
Kämpfe  erwuchs,  deren  Andenken  wir  unlängst  gefeiert  haben.  Die  Begründung
  des  Reichs,  die  Einheit  und  Machtfülle  des  Vaterlandes  war  der
Siegespreis,  der  unter  des  großen  Kaisers  Führung  durch  das  treue  Zusammenstehen
  der  deutschen  Fürsten  und  VBölker,  den  Heldenmut  unserer
Heere,  die  Weisheit  unserer  Staatsmänner  errungen  wurde.  Im  dankbaren
Rückblick  auf  jene  Tage  sich  des  Besitzes  der  schwer  erworbenen  nationalen
Güter  neu  bewußt  zu  werden,  getragen  von  diesem  Bewußtsein,  den  Sinn
auf  das  Ganze,  das  Einende  in  allem  Streit  der  Meinungen  und  Interessen
erichtet  zu  halten  —  solches  ziemt  dem  deutschen  Volk  und  dem  deutschen
Reichstag,  der  selbst  eine  Errungenschaft  jener  Kämpfe  ist.  Ihm  liegt  es
ob,  gemeinsam  mit  den  verbündeten  Regierungen  auf  dem  vor  25  Jahren
gelegten  Grunde  weiterzubauen  in  der  von  der  Verfassung  vorgezeichneten
Richtung:  zum  Schutz  und  zur  Entwicklung  des  nationalen  Rechts  und
zur  Pflege  der  Wohlfahrt  des  deutschen  Volkes.  In  dieser  Richtung,  geehrte
  Herren,  liegen  auch  die  Beratungsgegenstände,  die  Ihre  Thätigkeit  in
Anspruch  nehmen  werden.  Als  bei  dem  Schlusse  der  Session,  in  welcher
die  großen  Prozeßgesetze  zur  Verabschiedung  gelangten,  der  Hochselige  Kaiser
Wilhelm  am  22.  Dezember  1876  den  Reichstag  um  sich  versammelte,  gab
Er  der  Hoffnung  Ausdruck,  daß  der  damals  erreichten  Einheit  auf  dem
Gebiete  der  Rechtspflege  die  Rechtseinheit  auf  dem  Gebiete  des  gesamten
bürgerlichen  Rechts  folgen  werde.  Diese  Hoffnung  soll  jetzt  ihre  Erfüllung
finden.  Im  Laufe  der  Session  wird  Ihnen  der  Entwurf  eines  bürgerlichen
Gesetzbuchs  vorgelegt  werden.  Durchdrungen  von  der  Bedeutung,  welche
der  endlichen  Beseitigung  der  großen  Verschiedenheiten  auf  dem  Gebiete  des
bürgerlichen  Rechts  für  das  Ansehen  des  Reichs  und  für  die  wirtschaftliche
Entwicklung  des  Volkes  beiwohnt,  haben  die  verbündeten  Regierungen  bei
Prüfung  des  nach  mühevoller  Arbeit  vollendeten  Entwurfs  bereitwillig  Opfer
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  3.)  195

ihrer  Wünsche  und  ihrer  Ansichten  gebracht.  Sie  geben  sich  der  Hoffnung
hin,  daß  der  Reichstag  in  gleichem  Geiste  an  die  Beratung  herantreten,  und
daß  es  so  gelingen  werde,  zum  Segen  des  Vaterlandes  das  große  Werk
zum  Abschluß  zu  bringen.  Der  Versuch,  in  das  gerichtliche  Strafverfahren
neue  Bestimmungen  einzuführen,  welche  die  Schnelligkeit  und  die  Gerechtigkeit
  der  Strafverfolgung  erhöhen,  hat  in  der  vorigen  Session  nicht  zum
Ziele  geführt.  Es  wird  Ihnen  von  Neuem  ein  Gesetzentwurf  zugehen,
durch  welchen  die  erforderlichen  Aenderungen  und  Ergänzungen  des  Gerichtsverfassungsgesetzes
  und  der  Strafprozeßordnung  in  Vorschlag  gebracht  werden.
Neben  diesen  Aufgaben  im  Bereich  nationaler  Rechtsentwicklung  wird  Ihre
Mitwirkung  für  eine  Reihe  von  Vorlagen  in  Anspruch  genommen  werden,
die  der  Wohlfahrt  der  Erwerbsstände  zu  gute  kommen  sollen.  Das  Handwerk,
  dessen  Gedeihen  zu  fördern  die  verbündeten  Regierungen  als  eine  ihrer
vornehmsten  Aufgaben  ansehen,  entbehrt  zum  weitaus  größten  Teile  einer
geordneten  Vertretung,  während  den  Regierungen  für  die  der  Lösung  harrenden
  schwierigen  Organisationsfragen  der  mitwirkende  Beirat  zahlreicher
Kreise  des  Handwerksstandes  fehlt.  Zur  Beseitigung  dieses  Mangels  und
zugleich  als  erster  Schritt  zur  Lösung  der  Organisationsfrage  ist  eine  Gesehesvorlage
  über  die  Errichtung  von  Handwerkskammern  bestimmt.  Mit
em  Börsenhandel,  dessen  entwickelte  Formen  bei  der  heutigen  Ausdehnung
des  Umsatzes  von  Waren  und  Werten  nicht  entbehrt  werden  können,  sind
Gefahren  verbunden,  die  sich  zum  Schaden  des  Volkswohlstandes  oft  genug
fühlbar  gemacht  haben.  Auch  Volkskreise,  die  sich  an  Börsengeschäften
nicht  zu  beteiligen  pflegen,  namentlich  die  Produzenten  landwirtschaftlicher
Erzeugnisse,  können  durch  den  preisbildenden  Einfluß  der  Börse  in  ihren
wirtschaftlichen  Interessen  betroffen  werden.  Solchen  Mißständen  nach
Möglichkeit  zu  begegnen,  bezweckt  der  an  die  Vorschläge  der  Börsenenquetekommission
  anknüpfende  Entwurf  eines  Börsengesetzes,  der  Ihnen  nebst  einer
ergänzenden  Vorlage  über  das  kaufmännische  Depotwesen  unverweilt  zugehen
wird.  Gegen  eine  Gruppe  von  Auswüchsen  im  Handel  und  Wandel  richtet  sich
ein  —  einem  Beschluß  des  Reichstags  entgegenkommender  —  Gesetzesvorschlag
zur  Bekämpfung  des  unlauteren  Wettbewerbes.  In  ähnlicher  Richtung  bewegt
  sich  eine  Vorlage,  welche  die  gesetzlichen  Vorschriften  über  den  Verkehr
mit  Ersatzmitteln  für  Butter  im  Interesse  der  Molkereiproduktion  zu  erweitern
  unternimmt.  Da  sich  die  an  das  geltende  Zuckersteuergesetz  geknüpfte
Erwartung  einer  internationalen  Aufhebung  der  Ausfuhrzuschüsse  bisher
leider  nicht  erfüllt  hat,  und  im  Hinblick  auf  die  ungünstige  Rückwirkung,
welche  die  allgemeine  Lage  des  Zuckermarktes  auf  die  landwirtschaftlichen
Erwerbsverhältnisse  ausübt,  hat  sich  der  lebhafte  Wunsch  nach  einer  umfangreichen
  Reform  der  einschläglichen  Gesetzgebung  geltend  gemacht.  Die
schwierige  Aufgabe  ist  zur  Zeit  Gegenstand  der  Erwägung  seitens  der  verbündeten
  Regierungen.  Schon  in  der  letzten  Tagung  ist  Ihnen  ein  Gesetzentwurf
  vorgelegt  worden,  der  die  Gewerbeordnung  unter  anderem  in  den
auf  das  Wandergewerbe  bezüglichen  Vorschriften  abzuändern  bezweckte.  Dieser
Entwurf  ist  einer  wiederholten  Prüfung  unterzogen  worden  und  wird  Ihrer.
Beschlußfassung  von  Neuem  unterbreitet  werden.  In  den  am  1.  April  d.  Is.
in  Kraft  getretenen  Vorschriften  über  die  Sonntagsruhe  der  gewerblichen
Arbeiter  erblicken  die  verbündeten  Regierungen  einen  bedeutsamen  Schritt
auf  dem  Gebiete  der  Fürsorge  für  das  Wohl  der  arbeitenden  Klassen.  Mit
Genugthuung  darf  hervorgehoben  werden,  daß  diese  Vorschriften  im  alge,
meinen  ohne  Benachteiligung  berechtigter  Interessen  durchgeführt  sind.  Bei
sorgfällig.  vorbereitetem,  schrittweisem  Vorgehen  wird  auch  die  noch  ausstehende
  Ausführung  der  auf  den  Schutz  der  Arbeiter  gegen  gesundheitsschädliche
  Ueberanstrengung  abzielenden  Bestimmungen  der  Gewerbeordnung  sich,
                                                                                            13*
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        196  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  4.—8.)

soweit  dafür  ein  Bedürfnis  anzuerkennen  ist,  ermöglichen  lassen.  Die  Entwürfe
  der  Haushaltspläne  des  Reichs  und  der  Schutzgebiete  für  das  nächste
Etatsjahr  werden  Ihnen  ungesäumt  zugehen.  Trotz  sparsamer  Bemessung
der  Ausgaben  waren  die  allen  Bundesstaaten  gemeinsamen  Matrikularbeiträge
  nicht  unerheblich  höher  einzustellen,  als  die  nach  vorsichtiger  Schätzung
zu  erwartenden  Ueberweisungen.  Immerhin  hält  sich  aber  die  noch  verbleibende
  Belastung  innerhalb  der  Mehreinnahmen,  welche  in  dem  jüngst
abgelaufenen  Rechnungsjahre  über  die  etatsmäßige  Annahme  hinaus  den
Einzelstaaten  aus  Zöllen  und  Verbrauchsabgaben  zugeflossen  sind.  Auch  die
laufende  Etatsperiode  verheißt  nach  den  bisherigen  Ergebnissen  einen  günstigen
Abschluß.  Treten  demgemäß  die  Unzuträglichkeiten,  welche  für  die  Finanzwirtschaft
  der  einzelnen  Bundesstaaten  aus  ihrer  Beziehung  zum  Reichshaushalt
  entspringen,  gegenwärtig  weniger  in  die  Erscheinung,  so  bleibt  es
doch  eine  ernste  Aufgabe  der  Gesetzgebung,  dem  Reiche  und  seinen  Gliedern
auf  dem  Gebiete  ihres  Finanzwesens  ein  höheres  Maß  gegenseitiger  Unabhängigkeit
  zu  sichern.  Die  guten  und  freundlichen  Beziehungen  des  Reichs
zu  allen  auswärtigen  Mächten  dauern  unverändert  fort.  Im  Verein  mit
den  Regierungen  Rußlands  und  Frankreichs  ist  Deutschland  bemüht  gewesen,
  den  aus  dem  Kriege  der  beiden  großen  ostasiatischen  Reiche  drohenden
  weiteren  Verwicklungen  vorzubeugen.  Unsere  Bestrebungen  sind,  Dank
der  verständnisvollen  Mäßigung  der  japanischen  Regierung,  von  Erfolg  gewesen
  und  werden  mit  dazu  beitragen,  Deutschlands  Gewerbefleiß  und  Handel
ein  Feld  friedlichen  Schaffens  zu  erhalten  und  zu  erweitern.  Den  beklagenswerten
  Vorgängen  im  türkischen  Reiche  und  der  dadurch  geschaffenen
Situation  ist  unsere  ernste  Aufmerksamkeit  zugewandt.  Getreu  seinen  Bündnissen
  und  den  bewährten  Grundsätzen  deutscher  Politik  ist  das  Reich  allzeit
  bereit,  mit  den  durch  ihre  Interessen  in  erster  Reihe  berufenen  Mächten
zusammen  zu  wirken,  um  der  Sache  des  Friedens  zu  dienen.  Die  Einmütigkeit
  des  Entschlusses  aller  Mächte,  die  bestehenden  Verträge  zu  achten
und  die  Regierung  Seiner  Majestät  des  Sultans  bei  Herstellung  geordneter
  Zustände  zu  unterstügen,  begründet  die  Hoffnung,  daß  den  vereinten
  Anstrengungen  der  Erfolg  nicht  fehlen  werde.  Auf  Allerhöchsten
Befehl  erkläre  ich  im  Namen  der  verbündeten  Regierungen  den  Reichstag
für  eröffnet.

4.  Dezember.  Der  Reichstag  wählt  das  vorige  Präsidium
wieder  (vgl.  S.  85).

Dezember.  Der  Kaiser  kehrt  am  4.  von  Schlesien  nach
Berlin  zurück  und  reist  am  5.  nach  Hannover,  von  wo  er  am  7.
nach  Potsdam  zurückkehrt.

5.  Dezember.  (Berlin.)  Infolge  der  Auflösung  des  sozialdemokratischen
  Parteivorstandes  (S.  192)  übernimmt  die  sozialistische
Reichstagsfraktion  die  vorläufige  Leitung  der  Partei.

8.  Dezember.  Der  preußische  Minister  des  Innern  v.  Köller
nimmt  seine  Entlassung  und  an  seine  Stelle  tritt  der  bisherige  Regierungspräsident
  in  Düsseldorf  Frhr.  v.  d.  Recke  v.  d.  Horst.

Dezember.  Veranlassung  zum  Ministerwechsel.  Differenzen
im  Staatsministerium;  Köllers  Konflikt  mit  Prof.  Delbrück;  Meldung
  der  „Deutschen  Tageszeitung“.
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        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember.)  197

In  der  Presse  wird  der  Rücktritt  Köllers  aus  den  verschiedensten
Ursachen  abgeleitet.  Schon  seit  längerer  Zeit  waren  Gerüchte  über  Krisen
im  Staatsministerium  verbreitet,  die  mit  Differenzen  zwischen  Herrn  v.  Köller
und  den  Ministern  von  Bötticher,  v.  Marschall  und  v.  Bronsart  motiviert
wurden.  Die  Meinungsverschiedenheiten  sollten  sich  teils  auf  das  Vorgehen
gegen  die  Sozialdemokratie,  teils  auf  die  Reform  der  Militärgerichtsbarkeit
beziehen.  Namentlich  der  Kriegsminister  sollte  mit  Herrn  v.  Köller  in  Konflikt
  geraten  sein  und  sich  über  ihn  beim  Kaiser  beschwert  haben.  Dieser
Behauptung  widerspricht  indessen  der  „Reichs-Anzeiger“",  der  ferner  feststellt,
  „daß  die  an  sich  belanglose  Thatsache  einer  Meinungsverschiedenheit
zwischen  beiden  Herren  die  Ursache  des  Rücktritts  des  Herrn  v.  Köller
nicht  ist.“

Ferner  wird  behauptet,  daß  eine  Anklage  Köllers  gegen  Prof.  Hans
Delbrück,  den  Redakteur  der  „Preußischen  Jahrbücher“  seine  Demission
  mitveranlaßt  habe.  Delbrück  hatte  in  einer  Politischen  Korrespondenz
der  Preuß.  Jahrb.  (Bd.  82  S.  183)  das  Verhalten  der  Polizei  gegen  die
Sozialdemokratie  lebhaft  getadelt  und  deshalb  hatte  der  Minister  des  Innern,
als  Chef  der  Polizei,  gegen  ihn  eine  Anklage  wegen  Beleidigung  der  Polizei
erhoben.  (Anf.  November.)  Diese  Anklage,  die  in  der  deutschen  und  einem
großen  Teil  der  ausländischen  Presse  entschiedne  Mißbilligung  erfuhr,  nahm
der  Minister  zurück  (30.  November),  nachdem  er  mit  Prof.  Delbrück  eine
Aussprache  gehabt  hatte,  ohne  daß  jedoch  dieser  eingelenkt  oder  sich  zu
irgend  einer  Erklärung  herbeigelassen  hatte.  (Vergl.  Preuß.  Jahrb.  Bd.  82
S.  558  und  Bd.  83  S.  208.)  Die  Zurücknahme  der  Klage  soll  nun  auf
Allerhöchsten  Befehl  erfolgt  sein  und  Herrn  v.  Köller  zum  Rücktritt  bewogen
  haben.

Wieder  eine  andere  Begründung  gibt  die  „Deutsche  Tageszeitung“,
die  Herr  v.  Köller  selbst  als  am  besten  orientiert  bezeichnet  (in  einer  Zuschrift
  an  die  „Saale  Ztg.“):  „Anfangs  November  erschienen  in  der  Presse,  vor
allem  in  den  „Münchener  Neuesten  Nachrichten“  Mitteilungen  über  die  bevorstehende
  Reform  des  Militärstrafprozeßverfahrens,  —  Mitteilungen.  die  aus
kundigen  Kreisen  stammen  mußten,  da  sie  von  den  im  Staatsministerium  thatsächlich
  vorhandenen  Meinungsverschiedenheiten  unterrichtet  waren.  Sofort
wurde  die  Vermutung  ausgesprochen,  daß  Herr  v.  Köller  diese  Mitteilungen  in
der  Presse  veranlaßt  habe,  oder  daß  er  mindestens  dahinter  stecke.  Diese  Vermutung
  war  durchaus  falsch;  Schleichwege  zu  wählen,  entspricht  Herrn
v.  Köllers  Art  nicht.  Inzwischen  ist  ja  auch  festgestellt  worden  und,  wie
wir  vermuten,  dem  Reichskanzler  bekannt,  daß  die  Mitteilungen  in  den
„Münch.  Neuesten  Nachr.“  von  ganz  anderer  Seite,  aus  ganz  anderer  Umgebung
  stammten.  Ohne  daß  Herr  v.  Köller  irgend  etwas  ahnte  oder  verständigt
  worden  war,  erschien  dann  der  Ministerpräsident  bei  ihm,  um  ihm
im  Auftrage  der  übrigen  Staatsminister  mitzuteilen,  man  sei  zwar  überzeugt,
  daß  Herr  v.  Köller  jenen  Veröffentlichungen  fernstehe,  aber  man  nehme
es  ihm  übel,  daß  er  bei  der  Hofjagd  in  Letzlingen  am  15.  November  (10
Tage  nach  dem  Erscheinenen  jener  Veröffentlichungen!)  mit  Herren  der  Umgebung
  des  Kaisers  über  die  Angelegenheit  gesprochen  habe.  Der  Umstand,
daß  er  sich  dabei  in  Abwehr  ungerechtfertigter  Angriffe  befunden  habe,  könne
ihn  nicht  entschuldigen,  das  Staatsministerium  habe  kein  Vertrauen  mehr
zu  ihm  und  so  sei  die  Vorbedingung  für  ein  gedeihliches  Zusammenwirken
genommen.  Andere  Gründe,  Meinungsverschiedenheiten  anderer  Art  oder
Mißhelligkeiten,  wie  sich  der  Reichskanzler  auszudrücken  beliebte,  sind  uns
nicht  bekannt  geworden  So  glauben  wir  beispielsweise  zu  wissen,  daß  die
lediglich  sachlichen  Meinungsverschiedenheiten  zwischen  Herrn  v.  Köller  und
dem  Herrn  Kriegsminister  längst  gehoben  waren,  und  daß  zwischen  Herrn
        <pb n="206" />
        198  Das  Deutsche  Reich  un  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  9.)

v.  Köller  und  Herrn  v.  Bronsart  heute  wie  immer  ein  Verhältnis  gegenseitiger
  Hochschätzung  besteht.  Nach  dieser  Eröffnung  des  Reichskanzlers  hat
nun  Herr  v.  Köller  selbstverständlich  sein  Abschiedsgesuch  eingereicht  und  ist
sest  bei  der  Absicht  zu  gehen  geblieben,  weil  er  begreiflicherweise  einem
Ministerium  nicht  angehören  wollte,  das  so  gegen  ihn  vorgegangen  war.
Ob  an  der  Besprechung  des  Ministeriums  sämtliche  Staatsminister  oder  nur
ein  Teil  derselben  sich  beteiligte,  ist  uns  nicht  bekannt.  Das  aber  ist  bekannt,
  daß  Herr  v.  Bötticher  und  Herr  v.  Marschall  darüber  mit  dem  Kanzler
  verhandelt  haben.  Wenn  wir  annehmen  dürfen,  daß  diese  Mitteilungen
den  Thatsachen  entsprechen,  so  ist  der  Rücktritt  aus  einem  solchen  Grunde
um  so  bedauerlicher,  und  er  bestätigt  unsere  gestrige  Ansicht,  daß  dieser
Rücktritt  des  Herrn  v.  Köller  keine  Niederlage  nach  keiner  Richtung  hin
bedeute.  Noch  einmal  möge  hervorgehoben  werden,  daß  alle  anderen  Gerüchte
  über  die  Ursachen  von  kundiger  Seite  als  durchaus  unrichtig,  aus
den  Fingern  gesogen  oder  tendenziös  erfunden  bezeichnet  werden.“

Die  Erklärung  Hohenlohes  über  den  Ministerwechsel  siehe
S.  200.

9.  Dezember.  (Reichstag.)  Etatsberatung.  Rede  Posadowskys;
  Marschall  über  das  Verhältnis  zu  Nordamerika.

Staatssekretär  Graf  v.  Posadowsky  legt  den  Etat  vor.  Dieser
schließt  mit  einem  Betrage  von  1259221  983  M  gegen  1239  250  441  M
des  Vorjahres  ab.  Die  fortdauernden  Ausgaben  betragen  1  136  389  424  M,
die  einmaligen  ordentlichen  Ausgaben  93  489  438  M  die  einmaligen  außerordentlichen
  Ausgaben  29  350  921  M  Der  Schatzsekretär  wendet  sich  gegen
die  Behauptung,  daß  die  Veranschlagung  der  Einnahmen  in  früheren  Etatsjahren
  zu  niedrig  erfolgt  wäre,  um  eine  Stütze  für  die  Begründung  neuer
Steuern  zu  gewinnen.  Die  Finanzverwaltung  dürfe  die  Einnahmen  nicht
höher  schätzen,  ohne  gegen  die  Grundsätze  rationeller  Etatsaufstellung  zu  verstoßen.
  Aus  unerwarteten  Ueberschüssen  und  Mehrüberweisungen  an  die
Bundesstaaten  dürfe  man  jenen  Schluß  auch  nicht  ziehen;  in  früheren  Rechnungsjahren
  hätten  wir  viel  größere  Schwankungen  in  den  Ueberweisungen
gehabt,  als  im  Jahre  1894/95.  In  diesem  betrug  der  Ueberschuß  allerdings
  27½  Millionen,  wovon  aber  gerechterweise  der  Ertrag  der  Börsensteuer
  mit  14⅜  Millionen  abzuziehen  sei.  Dann  bleibe  nur  eine  Mehrüberweisung
  von  12²/³  Millionen,  welche  einerseits  unerwartet  sei,  andererseits
eine  minimale  Summe  bedeute  gegenüber  den  Mehrüberweisungen  anderer
Jahre.  Die  Regierungen  hielten  an  dem  Gedanken  der  Finanzreform  fest
und  seien  bemüht,  weder  den  Einzelstaaten,  noch  den  Steuerzahlern  wesentlich
  höhere  Opfer  aufzuerlegen.

Abg.  Fritzen  (Z.)  bittet  das  Auswärtige  Amt  um  Aufklärung
wegen  der  Drohungen  des  Präsidenten  Cleveland  gegen  Deutschland  in  seiner
Botschaft  an  den  Kongreß  der  Vereinigten  Staaten.  Staatssekretär  des
Auswärtigen  Amts  Freiherr  Marschall  v.  Bieberstein:  Meine  Herren,
der  geehrte  Herr  Vorredner  hat  den  Wunsch  ausgesprochen,  unter  Hinweis
auf  die  jüngste  Botschaft  des  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten,  Aufklärung
  über  die  dort  berührten  Verhältnisse  zu  erhalten.  Ich  erachte  diesen
Wunsch  für  durchaus  gerechtfertigt  und  komme  ihm  sofort  um  so  lieber  nach,
als  ja  weite  Interessenkreise  in  Deutschland  durch  die  angeregte  Frage  berührt
  werden.  Wenn  ich  über  die  handelspolitischen  Beziehungen  zwischen
den  Vereinigten  Staaten  und  Deutschland  in  diesem  Augenblicke  spreche,  so
muß  ich  die  Thatsache  voranstellen,  daß  bezüglich  einer  für  Deutschland  außerordentlich
  wichtigen  Angelegenheit,  nämlich  bezüglich  der  Behandlung  des
        <pb n="207" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  9.)  199

deutschen  Zuckers  die  Sachlage  heute  noch  fortdauert  wie  vor  einem  Jahre.
(Hört,  hört!)  Sie  wissen,  daß  im  vorigen  Jahre  der  amerikanische  Kongreß
eine  Gesetzesabstimmung  angenommen  hat  des  Inhalts,  daß  der  Zucker  aus
Prämien  zahlenden  Ländern  einen  Zollzuschlag  von  1/10  Cent  pro  amerikanisches
  Pfund  zu  zahlen  habe.  Von  dieser  Bestimmung  ist  neben  anderen
europäischen  Ländern  auch  Deutschland  betroffen  worden.  Wir  haben  sofort
entschiedenen  Einspruch  gegen  diese  Bestimmung  erhoben,  von  der  Ansicht  ausgehend
  daß  sie  im  Widerspruch  stehe  mit  unserem  vertragsmäßigem  Meistegünstigungsrecht.
  Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  hat  —  das
erkenne  ich  gern  an  —  mit  voller  Loyalität  alles  gethan,  was  in  ihren
Kräften  stand,  um  unserer  Beschwerde  Geltung  zu  verschaffen.  In  seiner
vorjährigen  Botschaft  hat  der  Präsident  der  Vereinigten  Staaten  ausdrücklich
  den  Kongreß  gebeten,  diesen  Zuschlag  wieder  aufzuheben;  der  Versuch
ist  gescheitert  an  dem  Widerstande  des  Senats,  und  so  besteht  bis  zur  heutigen
  Stunde  die  mit  unserm  Vertrage  in  Widerspruch  stehende  differentielle
Behandlung  des  deutschen  Zuckers  in  Amerika  fort.  Unter  diesen  Umständen
  mußte  es  allerdings  überraschen,  daß  der  Herr  Präsident  der  Vereinigten
  Staaten  in  seiner  jüngsten  Botschaft  gegen  Deutschland  den  Vorwurf
  erhebt,  daß  hier  amerikanische  Nahrungsmittel  einer  differentiellen  Behandlung
  unterzogen  würden  und  eine  vexatorische  Behandlung  amerikanischer
  Versicherungsgesellschaften  stattfinde.  Ich  nehme  keinen  Anstand,  diese
Behauptung  als  der  Begründung  entbehrend  zu  bezeichnen.  (Bravo !)  Wir
haben  vor  einiger  Zeit  die  Einfuhr  amerikanischen  Rindviehes  und  Rindfleisches
  in  Deutschland  verboten,  nachdem  in  einem  Transport  sich  die  Symptome
  einer  der  gefährlichsten  Viehkrankheiten  gezeigt  haben,  nämlich  des
Texasfiebers,  und  nachdem  die  Sachverständigen  zu  dem  Schlusse  gelangten,
daß  diese  gefährliche  Krankheit  nicht  nur  durch  das  lebende  Vieh,  sondern
auch  durch  das  geschlachtete  Fleisch  übertragen  werden  könne.  Wir  haben
gleiche  Maßregeln  gegenüber  allen  Staaten  eintreten  lassen,  von  denen  die
Einschleppung  von  Seuchen  zu  befürchten  war.  Es  trifft  also  nicht  zu,  daß
diese  Maßregel  einen  differentiellen  Charakter  gegenüber  den  Vereinigten
Staaten  habe.  Wir  haben  diese  Maßregel  ergriffen  in  Ausübung  dieser
Pflicht,  soweit  möglich  für  die  Erhaltung  des  deutschen  Viehbestandes  zu
sorgen  (Bravo !),  und  wir  sind  nicht  im  stande,  diese  Pflicht  irgend  welchen
handelspolitischen  Interessen  anderer  Länder  unterzuordnen.  (Lebhafter  Beifall.)
  Was  dann  die  Frage  der  Versicherungsgesellschaften  betrifft,  so  ist
die  Sachlage  folgende:  in  Preußen  sind  von  dem  Ministerium  des  Innern
eine  Reihe  von  Vorschriften  erlassen,  welche  für  die  Versicherungsgesellschaften
Normen  aufsstellen  bezüglich  ihrer  Rechnungslegung,  bezüglich  der  Veröffentlichungen
  der  Bilanz  u.  s.  w.  Diese  Normen  sind  genau  dieselben  für  die
inländischen  Gesellschaften,  wie  für  die  ausländischen;  jede  Gesellschaft  muß
sich  denselben  fügen.  Nun  haben  amerikanische  Versicherungsgesellschaften,
nachdem  längere  Zeit  mit  ihnen  verhandelt  wurde,  die  Erklärung  abgegeben,
daß  sie  nach  ihrer  ganzen  Geschäftsgebahrung  nicht  in  der  Lage  wären,  sich
allen  diesen  Bestimmungen  zu  fügen,  und  darauf  find  einzelne  derselben
geschlossen,  bezw.  ist  ihnen  die  Konzession  zum  Abschluß  weiterer  Versicherungsverträge
  entzogen  worden.  Wenn  diese  amerikanischen  Versicherungsgesellschaften
  einen  so  großen  Wert  darauf  legen,  wiederum  in  Preußen  zugelassen
  zu  werden,  so  bleibt  es  ihnen  anheimgestellt,  die  Erklärung  abzugeben,
  daß  sie  sich  diesen  Bestimmungen  fügen  wollen,  die  —  ich  wiederhole
es  —  für  die  inländischen  Gesellschaften  genau  so  gelten,  wie  für  die  ausländischen.
  (Bravo !)  Also  auch  hier  kann  von  einer  differentiellen  Behandlung
  der  amerikanischen  Gesellschaften  nicht  die  Rede  sein.  Ob  diese  Bestimmungen
  zweckentsprechend  sind,  darüber  hat  lediglich  die  königlich  preu-
        <pb n="208" />
        200  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10./12.)

ßische  Regierung  zu  befinden;  ich  bin  der  Ansicht,  daß  einem  fremden  Staate
darüber  das  Recht  einer  Kritik  nicht  zusteht.  (Lebhafter  Beifall.)  Das  ist
die  Sachlage.  Wir  haben  alle  Zeit  unsere  vertragsmäßigen  Verpflichtungen
gegenüber  den  Vereinigten  Staaten  getreu  und  loyal  erfüllt.  Wir  haben
—  das  ist  Ihnen  bekannt  —  uns  dadurch  recht  lebhafte  Angriffe  von  landwirtschaftlicher
  Seite  zugezogen.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Wir  haben  diesen
Angriffen  stand  gehalten  und  werden  es  auch  in  Zukunft  thun.  Wir  werden
aber  andererseits  auch  uns  durch  Drohung  mit  Repressalien  nicht  einschüchtern
  und  zum  Zurückweichen  bewegen  lassen.  (Bravo !)  Die  deutsche  Regierung,
  das  kann  ich  hier  erklären  —  ist  alle  Zeit  bereit,  die  Fragen,  die
aus  den  handelspolitischen  Beziehungen  mit  den  Vereinigten  Staaten  entstehen,
  auf  dem  Boden  unseres  Vertrages  in  dem  Geiste  zu  behandeln,  wie
es  den  weitverzweigten  Verkehrsbeziehungen  zweier  großen  befreundeten  Nationen
  entspricht.  Wir  erwarten  dabei  allerdings  von  anderer  Seite  eine
volle  Gegenseitigkeit.  (Bravo ! )  Und  darum,  meine  Herren,  möchte  ich  Sie
bitten,  zu  dem  Auswärtigen  Amt  das  Vertrauen  zu  haben,  daß  es  bei
weiterer  Behandlung  dieser  Angelegenheit  mit  der  Festigkeit,  welche  unserem
Rechte  und  unserer  Pflicht  entspricht,  die  Ruhe  und  die  Mäßigung  verbinden
wird,  auf  welche  unsere  beteiligten  Interessen  einen  wohlbegründeten  Anspruch
  haben.  (Lebhafter  Beifall.)

Abg.  v.  Kardorff  (DRP.)  ist  von  dieser  Erklärung  befriedigt,
tadelt  aber  im  übrigen  die  Politik  der  Regierung.  Die  Handelsbilanzen
seien  seit  1889  ungünstiger  geworden,  die  Landwirtschaft  verarme,  und  die
Sozialdemokratie  sei  gefährlicher  als  je.  Die  Lage  ist  eine  sehr  ernste,  ich
warne  davor,  mit  dem  Feuer  zu  spielen;  Pastoren,  Aerzte,  Juristen  und
Professoren  sind  für  die  sozialistischen  Ideen  heute  ebenso  begeistert  wie  die
Gebildeten  vor  der  Revolution  für  die  Ideen  Rousseaus.  Ich  habe  das
Gefühl,  daß  man  in  diesen  Kreisen  die  Gefahr  der  Sozialdemokratie  gar
nicht  erlent.  Allen  diesen  Gefahren  stehe  eine  in  sich  zerrissene  Regierung
gegenüber.

10./12.  Dezember.  (Reichstag.)  Etat.  Hohenlohe  über
Köllers  Entlassung.  Debatte  über  die  Prozesse  gegen  die  Sozialdemokratie.


Abg.  Richter  (frs.  Vp.)  greift  die  Schätzungen  des  Grafen  Posadowsky
  heftig  an.  Die  geplante  Finanzreform  würde  eine  Steuererhöhung
sein.  Die  Forderungen  der  Militärverwaltung  seien  zu  hoch,  insbesondere
müsse  die  Pensionierungen  vermindert  werden.  Redner  tadelt,  daß  noch
keine  Reform  der  Militärgerichtsbarkeit  vorbereitet  werde  und  weist  die
Angriffe  der  Presse  auf  die  angeblich  ungenügenden  Leistungen  der  vierten
Bataillone  zurück.  Die  Bestrebungen  Deutschland  eine  große  Schlachtflotte
zu  verschaffen  gingen  über  die  Mittel  des  Reiches.  Das  Blühen  des  Handels
sei  unabhängig  von  der  Größe  der  Flotte.  Die  Kolonialpolitik  werde  viel
zu  militärisch  betrieben.  Durch  das  geplante  Zuckersteuergesetz  werde  der
reiche  Westen  begünstigt,  der  Osten  geschädigt.

Reichskanzler  Fürst  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst:  Meine
Herren,  ich  bin  genötigt,  auf  eine  Aeußerung  des  Herrn  v.  Kardorff,  die
er  am  Schlusse  seiner  gestrigen  Rede  gethan  hat,  mit  einigen  Worten  zu
erwidern.  Herr  v.  Kardorff  hat  der  Regierung  den  Vorwurf  des  Mangels
an  Einheitlichkeit  des  Thuns  und  Wollens  gemacht.  Er  bezog  sich  dabei
auf  zwischen  Zeitungen  bestehende  Fehden  und  Kämpfe  und  meinte,  daß
hieran  Mitglieder  der  Regierung  beteiligt  seien.  Ich  wundere  mich,  daß
ein  so  erfahrener  Politiker  wie  Herr  v.  Kardorff  solchem  Gerede  in  den
        <pb n="209" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10./12.)  201

öffentlichen  Blättern  Glauben  geschenkt  hat,  und  darf  nicht  zögern,  seiner
Annahme  von  mangelnder  Einheit  in  der  Regierung  entgegenzutreten.  Wenn
Zeitungen,  die  für  offiziös  gelten,  sich  bekriegen,  so  kann  hieraus  doch  nicht
gleich  gefolgert  werden,  daß  die  Minister  sich  bekämpfen.  Bei  der  Beurteilung
  über  die  Einheitlichkeit  der  Regierung  kommt  es  hauptsächlich  auf
das  Ziel  und  die  Richtung  ihrer  Politik  an.  Ziel  und  Richtung  der  Politik
sind  in  meinem  Programm,  das  ich  im  vorigen  Jahre  beim  Eintritt  in  die
Session  gegeben  habe,  festgelegt.  Daran  hat  sich  nichts  geändert,  und  die
Minister  sind  nach  wie  vor  damit  einverstanden.  In  keinem  Punkte  ist
eine  Abweichung  des  Programmes  erfolgt,  und  der  Mangel  an  Einheitlichkeit
  ist  also  in  das  Gebiet  der  Legende  zu  verweisen.  (Bravol)  Meinungsverschiedenheiten
  finden  überall  da  statt,  wo  Menschen  sich  zu  gemeinsamer
Arbeit  vereinigen.  Wir,  die  Minister,  suchen  die  Meinungsverschiedenheiten
in  friedlicher  Weise  zu  lösen  und  auszugleichen.  Der  Rücktritt  des  Herrn
Ministers  v.  Köller  ist  nicht  ausschließlich  auf  Meinungsverschiedenheiten
zurückzuführen;  er  ist  veranlaßt  worden  durch  Mißhelligkeiten,  die  sich  an
Meinungeverschiedenheiten  geknüpft  haben.  (Hört!  hört!  links.)  Ich  war
zu  meinem  Bedauern  nicht  in  der  Lage,  diese  Mißhelligkeiten  auszugleichen.
Weder  Zeitungsartikel,  noch  auch  die  Frage  der  Zweckmäßigkeit  der  Maßregel
  gegen  die  sozialdemokratischen  Vereine  in  Berlin  sind  dabei  in  Frage
gekommen.  Wenn  der  Regierung  Mangel  an  kräftiger  Initiative  vorgeworfen
  wird,  so  möchte  ich  doch  dabei  bemerken,  daß  eine  kräftige  Initiative
nur  mit  einem  Reichstage  zu  machen  ist,  der  eine  geschlossene  Majorität
aufweist.  Das  ist  bei  uns  nicht  der  Fall.  Dazu  kommt,  daß  zahlreiche
Interessen  sich  im  Reichstage  geltend  machen,  die  den  Gang  der  Regierung
erschweren.  Wir  werden  aber  dessenungeachtet  fortfahren,  so,  wie  es  Herr
v.  Kardorff  wünscht,  Ruhe,  Ordnung  und  Wohlhabenheit  zu  fördern  und
den  drohenden  Gefahren  entgegenzutreten;  wir  werden  fortfahren,  die  gegen
die  Staats=  und  Gesellschaftsordnung,  gegen  Monarchie  und  Religion  gerichteten
  Bestrebungen  zu  bekämpfen.  Der  Versuch,  diese  Bestrebungen  auf
dem  Wege  der  Reform  des  allgemeinen  Rechts  zu  bekämpfen,  ist  mißlungen;
ich  komme  heute  darauf  nicht  zurück,  auch  ist  es  nicht  unsere  Absicht,  dem
Reichstag  ein  neues  Gesetz  in  diesem  Sinne  vorzulegen.  Allein  der  ruhige
Bürger  bedarf  des  Schutzes,  und  es  ist  notwendig,  daß  die  Gesetze  zur  Anwendung
  kommen,  welche  bestehen  und  die  Mittel  gewähren,  um  Staat  und
Gesellschaft  zu  Lchüen,  (Zuruf  links.  Glocke  des  Präsidenten.)  Selbstverständlich
  können  hierdurch  die  weiteren  Erwägungen,  ob  die  vorhandenen
gesetzlichen  Mittel  zur  Erhaltung  des  gewollten  Zweckes  ausreichen,  nicht
ausgeschlossen  werden.  (Hört,  hört!  links.)  Wenn  sich  die  sozialdemokratische
  Partei  in  ihrer  Presse  über  die  jetzige  Anwendung  der  Gesetze  beklagt,
so  möchte  ich  sie  doch  darauf  aufmerksam  machen,  daß  die  Partei  selbst
daran  schuld  ist.  Die  Partei  und  die  sozialdemokratische  Presse  waren  es,
die  in  diesem  Sommer,  als  die  deutsche  Nation  sich  der  Erinnerung  an  die
großen  Errungenschaften  und  die  Siege  des  Jahres  1870/71  freute  und  mit
Dank  und  Stolz  des  ehrwürdigen  Kaisers  dachte,  dessen  Mut  und  Weisheit
wir  die  Gründung  des  Deutschen  Reichs  verdanken,  (lebhaftes  Bravol)  —
diese  Partei  war  es,  die  jene  nationale  Bewegung  mit  Hohn  und  Spott
überschüttete,  (hört,  hört!)  getreu  dem  Grundsatz  ihres  Führers,  daß  Vaterland
  in  unserem  Sinne  ein  kulturwidriger,  reaktionärer  Begriff  sei.  (Bewegung.)
  Ich  beschränke  mich  auf  dieses  Zitat,  es  genügt,  um  zu  zeigen,
welcher  Geist  jenen  Angriffen  zu  Grunde  liegt.  Das  alles  hat  tief  verletzt,
und  sehr  oft  ist  an  mich  die  Frage  gerichtet  worden:  wie  lange  soll  das
noch  geduldet  werden?  Die  Herren  Sozialdemokraten  dürfen  nicht  vergessen,
daß  Grundsätze,  wie  sie  in  dem  System  des  Kollektivismus,  Kommunismus
        <pb n="210" />
        202  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  11.)

und  anderen  ähnlichen  Systemen  zu  tage  treten,  bei  dem  ruhigen  Bürger
nicht  den  Eindruck  der  wissenschaftlichen  Erörterung  machen.  Der  friedliche
Bürger  sieht  darin  kulturfeindliche,  vaterlandswidrige,  vaterlandslose  Bestrebungen;
  es  sind  nicht  Wenige,  die  in  dem  Zukunftsstaat  der  Sozialdemokraten
  nicht  einen  Rechtsstaat,  sondern  einen  Raubstaat  erblicken.  Daß
hiebei  das  Gefühl  der  Sicherheit  vermindert  wird,  ist  natürlich,  und  daß
man  infolge  dessen  sich  bei  der  Staatsgewalt  nach  Schutz  umsieht,  ebenfalls.
Wenn  wir  seit  diesem  Sommer  die  Zügel  etwas  straffer  angezogen  haben,
so  find  wir  den  Gefühlen  aller  Wohlgesinnten  im  Deutschen  Reiche  gerecht
geworden.  (Bravo   rechts.)

Am  folgenden  Tage  kritisiert  Abg.  Bebel  (Soz.)  scharf  das  Vorgehen
  gegen  die  Sozialdemokratie,  insbesondere  die  Rede  des  Kaisers  vom
2.  September,  weshalb  ihm  vom  Präsidenten  wiederholt  untersagt  wird,
die  Person  Sr.  Majestät  in  die  Debatte  zu  ziehen.  Die  Sozialdemokraten
hätten  früher  für  die  Einheit  Deutschlands  gewirkt  als  die  Fürsten  und
Junker;  sie  dächten  nicht  an  einen  gewaltsamen  Umsturz,  der  natürliche
Entwickelungsgang  sei  ihnen  günstiger;  die  wahren  Umstürzler  seien  Herr
v.  Stumm,  Graf  Kanitz  und  die  nationalliberalen  Großkapitalisten.  Die
Ursache  der  Sozialdemokratie  sei  der  Kapitalismus.  Die  Rechtsprechung
werde  parteiisch  gegen  die  Sozialdemokraten  angewendet,  die  neuen  Steuergesetze
  verteuerten  die  notwendigsten  Lebensmittel.  Für  kulturwidrige  Zwecke,
wie  Militär  und  Marine.  werde  Geld  ausgegeben,  für  Kulturaufgaben  seie
nichts  vorhanden.  Der  Reichstag  müsse  die  massenhaften  Pensionierungen
verhindern.  Kriegsminister  Bronsart  v.  Schellendorff  weist  die  Angriffe
  auf  die  Armee  zurück.  In  der  nächsten  Zeit  werde  dem  Bundesrate
ein  Gesetz  über  die  Militärstrafprozeßordnung  zugehen.  Die  vierten  Bataillone
  hätten  ihre  Aufgabe  nicht  erfüllt,  sie  müßten  in  den  Rahmen  der
Heeresorganisation  besser  eingefügt  werden,  aber  ohne  Erhöhung  der  Präsensziffer.
  Ueber  die  zweijährige  Dienstzeit  sei  ein  definitves  Urteil  noch  nicht
möglich.  Abg.  Barth  (frs.  Vg.)  tadelt  das  Entgegenkommen  der  Regierung
  gegen  die  Agrarier  und  ihr  Kokettieren  mit  der  Währungskonferenz.
Am  12.  greift  Abg.  Zimmermann  (Antis.)  die  Regierung  an,  weil  sie
nichts  für  den  Mittelstand  thue.  Die  Politik  gegen  die  Sozialdemokratie
sei  nervös  und  allein  der  Umsturzpartei  nützlich;  die  Angriffe  auf  die  Professoren
  und  Pastoren,  die  sich  mit  der  sozialen  Frage  beschäftigten,  seien
ungerechtfertigt.  Abg.  Hausmann  (südd.  Vp.)  tadelt  die  Kolonialpolitik
und  die  Mehrforderung  für  die  Marine.  Die  Auswärtige  Politik  sei  gegen
Japan  nicht  glücklich  gewesen,  hoffentlich  verfahre  fie  in  der  türkischen  Frage
geschickter.  Abg.  Bebel  (Soz.):  Die  Zunahme  der  Majestätsbeleidigungsprozesse
  sei  durch  die  Provokationen,  denen  die  Sozialdemokratie  ausgesetzt
gewesen  sei,  veranlaßt.  Diese  Prozesse  würden  in  Anklage  und  Urteil  tendenziös
  geführt.  Justizminister  Schönstedt  weist  die  Vorwürfe  wegen
tendenziöser  Prozeßführung  zurück  und  führt  aus.  von  einer  Provozierung
der  Sozialdemokratie  könne  keine  Rede  sein,  da  sich  die  kaiserlichen  Worte
gegen  vorhergegangene  Ausschreitungen  der  Sozialdemokratie  richteten.  Abg.
v.  Stumm  (RP.):  Die  Sozialdemokraten  seien  nicht  berechtigt,  im  Reichstage
  zu  sitzen,  da  sie  Diäten  bezögen,  was  die  Verfassung  verböte.  Da  bei
der  Zusammensetzung  des  Reichstags  eine  legislatorische  Initiative  nicht
möglich  sei,  müsse  die  Sozialdemokratie  auf  dem  Wege  der  Verwaltung  und
Justiz  bekämpft  werden.  Herrn  v.  Köller  seien  alle  Gutgesinnten  für  sein
scharfes  Vorgehen  dankbar.  —  Zahlreiche  Etatspositionen  werden  der  Budgetkommission
  überwiesen  (12.  Dez.).

11.  Dezember.  (Bayern.)  Reichsräte.  Militäretat.
        <pb n="211" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einnelnen  Glieder.  (Dezember  13.—17.)  203

Die  Kammer  der  Reichsräte  genehmigt  den  von  den  Abgeordneten
am  6.  angenommenen  Militäretat  und  lehnt  einen  Antrag,  der  von  der
Abgeordnetenkammer  beschlossenen  Resolution,  die  thunlichste  Verminderung
der  Pensionierung  von  Offizieren  verlangt,  beizutreten,  mit  38  gegen  17

Stimmen  ab.

13./14.  Dezember.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  des  Gesetzentwurfs
  über  den  unlauteren  Wettbewerb.

Staatssekr.  v.  Bötticher:  Die  Veröffentlichung  des  ersten  Entwurfs
habe  viele  Vorteile  gehabt,  sowohl  durch  Klärung  der  Materie  durch  sachverständige
  Gutachten  aller  Art,  als  dadurch,  daß  er  neue  Freunde  einer
gesetzlichen  Regelung  schuf.  Gegenwärtig  sei  man  wohl  auf  allen  Seiten
einig,  daß  etwas  gegen  den  unlauteren  Wettbewerb  geschehen  müsse,  namentlich
  gegen  überhandnehmende,  unberechtigte  Reklame.  Es  müsse  dem
Richter  eine  feste  Norm  gegeben  werden,  nach  der  er  die  Auswüchse  der  geschäftlichen
  Konkurrenz  beurteilen  solle.  Am  meisten  umstritten  wären  die
über  den  Verrat  von  Geschäfts=  und  Fabrikgeheimnissen.  Es  sei  gesagt
worden,  dem  Angestellten  werde  unmöglich  gemacht,  seine  erworbenen  Kenntnisse
  genügend  auszunutzen.  Nichts  sei  unbegründeter,  als  dieser  Vorwurf,
denn  die  Tendenz  des  Gesetzes  sei  gerade,  die  Schwachen  gegen  die  Starken
zu  schützen.  Eine  solche  Anwendung  zu  Ungunsten  der  Lehrlinge  und  Gehilfen
  sei  völlig  ausgeschlossen,  es  sollte  nur  die  Ehrbarkeit  im  Geschäftsleben
  erhalten  werden,  der  reelle  Geschäftsmann  gegen  offenbare  Schädigung
seiner  Konkurrenten  geschützt  werden.  Die  Existenz  des  Ges  werde  schon
genügen,  um  die  Fülle  des  Verrats  von  Geschäftsgeheimnissen  zu  vermindern.
  Er  hoffe,  daß  das  Gesetz  einen  nicht  unwesentlichen  Beitrag  zur
Förderung  unserer  Erwerbsverhältnisse  bilden  wird.  Abg.  Bassermann
(nl.):  Das  Gesetz  verdiene  in  vielen  Punkten  Zustimmung,  in  anderen
genaue  Nachprüfung,  so  die  über  den  Verrat  von  Geschäftsgeheimnissen.

Abg.  Roeren  (3.)  und  Abg.  v.  Czarlinski  (Pole)  für  das  Gesetz.  Abg.
Singer  (Soz.)  gegen  den  Entwurf,  der  viele  unerfüllbare  Hoffnungen
wecke.  Abg.  Vielhaben  (Antis.)  für  die  Vorlage  im  Interesse  des  Mittelstandes.
  Die  Vorlage  geht  an  eine  Kommission  (14.  Dezember).  (Vgl.
Damme-  der  Schutz  der  Geschäfts=  und  Betriebsgeheimnisse,  „Preuß.  Jahrb.“
Bd. 80).

14.  Dezember.  Kardinal  Melchers,  1866—75  Erzbischof
von  Köln,  ein  Hauptführer  der  Ultramontanen  im  Kulturkampfe,
in  Rom  +.

14.  Dezember.  Der  „Reichs-Anzeiger“  publiziert  den
Schriftwechsel  zwischen  Deutschland  und  dem  Kongostaate,  betreffend
die  Hinrichtung  des  Elfenbeinhändlers  Stokes  (vgl.  Afrika).

15./16.  Dezember.  Der  Kaiser  vereidigt  die  Marinerekruten
in  Kiel  (15.  Dezember)  und  besucht  auf  der  Rückreise  den  Fürsten
Bismarck  in  Friedrichsruh.

16./17.  Dezember.  (Reichstag.)  Erste  Beratung  des  Gesetzentwurfs
  über  die  Errichtung  von  Handwerkerkammern.

Z  Staatssekr.  v.  Bötticher:  Dieser  Entwurf  solle  eine  praktische  und
wirksame  Handhabe  bei  der  Lösung  der  Handwerkerfrage  bilden.  Die
        <pb n="212" />
        204  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember.)

Lösung  selbst  solle  er  nicht  sein.  Es  sei  von  Konflikten  in  der  Presse  die
Rede  gewesen  zwischen  ihm  und  dem  Handelsminister  Frhrn.  v.  Berlepsch,
diese  Behauptungen  seien  hinfällig,  gerade  in  der  Handwerkerfrage  ziehe  er
mit  dem  Handelsminister  an  einem  Strange.  Die  Einrichtung  von  Handwerkskammern
  sei  der  einmütige  Vorschlag  der  verbündeten  Regierungen.
Diese  Handwerkskammern  sollen  den  preußischen  Landwirtschaftskammern
entsprechen,  welche  ohne  einen  sogenannten  Unterbau  geschaffen  wurden.
Auch  folge  man  damit  dem  Vorgang  auswärtiger  Staaten.  Er  hätte  geglaubt,
  daß  nach  der  Aufnahme,  welche  die  Errichtung  der  Handwerkskammer
in  der  vorigen  Session  des  Reichstags  gefunden,  er  auf  die  Zustimmung
derselben  Herren  rechnen  dürfte,  welche  damals  ihren  Beifall  ausdrückten.
Gegen  den  Entwurf  wäre  einzuwenden,  man  könnte  an  Stelle  der  Handwerkskammern
  freie  Konferenzen  von  Handwerkern  einberufen.  Mache  man
aber  nicht  der  Regierung  so  oft  den  Vorwurf,  sie  berufe  die  Konferenzen
nach  Belieben  ein?  Wenn  auf  die  bestehenden  Organisationen  und  Korporationen
  hingewiesen  worden,  so  müsse  er  doch  als  unbestrittene  Thatsache
hinstellen,  daß  nur  die  Minderzahl  der  Handwerker  ihnen  angehöre.  Die
Handwerkskamwern  sollten  eben  alle  Handwerker  zusammenfassen.  Die  Art
der  Zusammensetzung  der  Kammern  könne  vielleicht  Bedenken  erregen,  welche
aber  in  der  Kommission  widerlegt  oder  ausgeglichen  werden  könnten,  auch
dürfe  man  nicht  vergessen,  daß  das  im  Entwurf  Vorgeschlagene  nur  einen
provisorischen  Charakter  trage.  Der  Herr  Handelsminister  sei  an  der  Arbeit
  für  einen  definitiven  Entwurf  der  Organisation  des  Handwerks.
Frühestens  könne  derselbe  aber  dem  nächsten  Reichstage  zugehen,  inzwischen
könnten  die  Handwerkskammern  wertvolle  Gutachten  zu  dieser  Frage  liefern.
Der  Entwurf,  gegen  den  sich  die  Redner  fast  aller  Parteien  mit  Ausnahme
der  Sozitaldemokraten  und  Freisinnigen  aussprechen,  wird  an  eine  Kommission
verwiesen.

Dezember.  (Preußen.)  Geistlichkeit  und  Sozialpolitik.

Der  Oberkirchenrat  erläßt  eine  Verordnung  über  die  sozialpolitische
Thätigkeit  der  Geistlichen,  worin  er  sich  namentlich  gegen  die  eifrige  Beteiligung
  jüngerer  Geistlicher  an  politischen  Versammlungen  und  öffentlichen
Angelegenheiten  wendet.  Hinter  diesen  weltlichen  Aufgaben  werde  nicht
selten  die  pfarramtliche  Thätigkeit  hintenangesetzt,  die  Vertrauensstellung
der  Geistlichen  in  den  Gemeinden  gefährdet  und  die  Würde  des  geistlichen
Amtes  kompromittiert.  Dem  gegenüber  werden  die  Geistlichen  nachdrücklich
  auf  die  Pflege  der  Seelsorge  innerhalb  ihrer  Gemeinde  hingewiesen
(„Kirchl.  Ges.=  u.  Verordn.  Bl.“  10).  Der  Erlaß  findet  in  mittelparteilichen
und  konservativen  Blättern  als  eine  Absage  an  die  jüngeren  Christlich-Sozialen
  (vgl.  S.  189)  vielen  Beifall,  in  den  diesen  nahestehenden  wie  dem
„Volk“,  der  „Hilfe“  ebenso  viel  Widerspruch.

Dezember.  Konservative  und  Christlich-Soziale.

In  einer  Versammlung  zu  Liegnitz  (16.  Dezember)  wird  die  Begründung
  einer  „Christlich-sozialen  Vereinigung  für  Schlesien“  beschlossen.
In  dieser  der  jüngeren  Richtung  nahestehenden  Versammlung  hält  Hofprediger
  a.  D.  Stöcker  eine  Rede,  in  der  er  als  Ziel  der  christlich-sozialen
Bewegung  bezeichnet,  „dem  vierten  Stande  zur  Gleichberechtigung  zu  verhelfen
  auf  dem  Wege  des  Christentums,  entgegen  den  Bestrebungen  der
Sozialdemokratie“.  Die  „Konserv.  Korresp.“  greift  diese  Versammlung
aufs  heftigste  an  und  warnt  alle  Konservativen  dringend  vor  einer  Beteiligung
  an  diesem  Vereine.  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  bezeichnet  die  Erklärung
  Stöckers  als  revolutionär  und  kommunistisch.
        <pb n="213" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  Ende—30.)  205

Ende  Dezember.  Deutschland,  England  und  Transvaal.

In  dem  Konflikt  zwischen  England  und  Transvaal  (siehe  Afrika)
steht  die  öffentliche  Meinung  durchaus  auf  Seite  der  Buren;  die  Regierung
soll  nach  der  „Köln.  Ztg.“  Aufklärung  über  das  Vorgehen  gegen  Transvaal
  gefordert  haben.

30.  Dezember.  Der  flüchtige  Frhr.  v.  Hammerstein  (ogl.
S.  164)  wird  in  Brindisi  verhaftet.
        <pb n="214" />
        I.
Die  Oesterreichisch-Ungarische  Monarchie.

3.  Januar.  Eröffnung  der  Landtage  von  Kärnthen,  Salzburg,
  Bukowina,  Tirol.

5.  Januar.  Der  Kaiser  reist  nach  Pest.

6.  Januar.  (Ungarn.)  In  Pest  und  größeren  Provinzialstädten
  finden  zahlreiche  Volksversammlungen  zu  Gunsten  des  allgemeinen
  Wahlrechts,  sowie  der  Vereins--  und  Versammlungsfreiheit
  statt.

9.|11.  Jan.  (Pest.)  Ministerkrifis  (vgl.  1894  S.  244).

Der  mit  der  Kabinetsbildung  betraute  Banus  von  Kroatien  Graf
Khuen-Hedervary  findet  in  der  liberalen  Partei  keine  Unterstützung,
so  daß  der  König  dem  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses  Baron  Bauffy
die  Kabinetsbildung  überträgt  (11.  Januar).

10.  Januar.  Eröffnung  der  Landtage  von  Istrien,  Triest
und  Dalmatien.

11.  Januar.  (Istrien.)  Nationalitätenstreit.

Die  slovenischen  Abgeordneten  erklären,  dem  Landtage  fernbleiben
u  wollen,  weil  die  italienische  Majorität  auf  ihre  Interessen  keine  Rücksict
  nehme  und  sie  den  Angriffen  der  Galerie  schutzlos  ausgesetzt  sei.

Januar.  Wahlrechtsfrage  in  den  Landtagen.

Auf  den  Landtagen  wird  mehrfach  die  Wahlreform  behandelt.  Die
radikalen  Parteien,  insbesondere  die  Jungtschechen,  fordern  das  allgemeine
direkte  Wahlrecht;  auch  in  den  deutschen  Provinzen  find  die  Städte  für
direkte  Wahl,  die  Polen  sind  entschieden  dagegen.

Januar.  Vorbereitung  zur  Bismarckfeier.

In  Steiermarck  und  Wien  wird  lebhaft  für  die  Begrüßung  des
Fürsten  Bismarck  am  1.  April  agitiert.  Klerikale  Zeitungen  protestieren
gegen  diese  „antiösterreichische“  Feier.

14.  Januar.  (Pest.)  Neubildung  des  Ministeriums.  Aufnahme
  bei  den  Parteien.

Das  neue  Kabinet  wird  folgendermaßen  zusammengesetzt:  v.  Bauffy
Vorsitz,  Ladislaus  Lukacs  Finanzen,  Desiderius  Perzel  Inneres,  Alexander
        <pb n="215" />
        Die  Oefterreitisqh·  Angarishe  Menartie.  (Januar  13.  /21.)  207

Erdelyi  Justiz,  Graf  Festetitsch  Ackerbau,  Wlassios  Unterricht  und  Kultus,
Ernst  Daniel  Handel,  Fejervary  Landesverteidigung  und  vorläufig  Minister
am  Hoflager,  Josipowitsch  Minister  für  Kroatien.  Später  wird  Josika
Minister  a  latere.

Das  Ministerium  wird  sehr  lau  ausgenommen,  und  es  wird  ihm
nur  kurze  Amtsdauer  prophezeit,  da  Banffy  als  der  unbedeutendste  liberale
Politiker  gilt.  „Magyar  Hirlap“  meint,  Banffy  werde  ein  ergebener
Diener  der  Krone  werden.  Franz  Kossuth  bezeichnet  zwar  im  „Egyetertes“
den  Ausgang  der  Krise  als  einen  Sieg  über  die  Krone,  ist  aber  mit  dem
Kabinet  Banffy  höchst  unzufrieden.  Die  Siebenbürger  Sachsen  begegnen
dem  Ministerpräsidenten  mit  unverhohlenem  Mißtrauen,  da  er  in  seiner
Verwaltung  des  Komitats  Bistritz  eine  gesetzlose  Willkürherrschaft  im  Dienste
des  Magyarentums  geführt  habe.

13./21.  Januar.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Programm  des

neuen  Ministeriums.

Ministerpräsident  v.  Banffy  erklärt,  die  Regierung  werde  sich  vor
allem  bemühen,  das  Vertrauen  und  die  Einigkeit  zwischen  beiden  Häusern
des  Reichstages  zu  pflegen  und  zu  festigen,  und  alles  zur  Beruhigung  der
Gemüter  thun.  Die  Regierung  werde  stets  objektiv  verfahren.  Das  Kabinett
werde  die  Geschäfte  auf  liberaler  Grundlage  in  ungarisch  nationaler  Richtung
  führen  und  alle  gegen  den  Staat  als  solchen  und  gegen  die  Einheit
desselben  gerichteten  Angriffe  auf  das  Entschiedenste  bekämpfen.  Das  Kabinett
werde  die  derfosffungsmälran  Rechte  der  fremdsprachigen  Staatsbürger  wahren
und  sichern  und  ein  gutes  Verhältnis  zu  Kroatien  und  Slavonien  pflegen.
Die  Regierung  stehe  entschieden  auf  dem  Standpunkte  des  Ausgleichs  von
1867  und  erblicke  in  demselben  den  Grundstein  für  die  Sicherheit  und  Großmachtstellung
  der  Monarchie,  welche  auch  die  Ungarn  nach  Kräften  anstreben
müßten.  Die  Regierung  werde  die  Prinzipien  des  vorigen  Kabinetts  verfolgen
  und  die  kirchenpolitischen  Gesetze  innerhalb  des  festgesetzten  gesetzlichen
Zeitraumes  durchführen,  womöglich  mit  Schonung  der  Gefühle  der  einzelnen
Konfessionen.  Die  noch  übrigen  Kirchengesetze  werde  die  Regierung  unter
Aufrechterhaltung  der  für  dieselben  maßgebend  gewesenen  Prinzipien  durchführen.
  Endlich  werde  die  Regierung  trachten,  die  Frage  der  katholischen
Autonomie  zu  lösen,  die  Verstaatlichung  der  Verwaltung  in  Angriff  nehmen,
das  Eisenbahnnetz,  besonders  gegen  den  Orient  hin,  vergrößern  und  den
Ueberschuß  im  Staatshaushalte  des  nächsten  Jahres  dem  Ackerbau  zuwenden.
(Lebhafte  Eljenrufe  rechts.)  .

Auf  eine  Anfrage  des  sächsischen  Abg.  Meltzl  über  die  Stellung  des
Ministeriums  zur  sächsischen  Volkspartei  erwidert  Baron  Banffy  (21.  Jan.):
„Um  Mißberstände  zu  vermeiden,  halte  ich  es  für  notwendig,  das  Haus  über
die  Frage,  welche  der  Abg.  Oskar  Meltzl  zur  Sprache  brachte,  in  aller
Kürze  aufzuklären.  Der  Abg.  Meltzl  ist  soweit  im  Rechte,  daß,  als  meine
Kandidatur  zur  Ministerpräf-dentschaft  zur  Frage  kam,  einzelne  der  zur
sächsischen  Nation  gehörenden  Abgeordneten  sich  an  mich  wandten  mit  der
Frage,  ob  ich  das  Programm  der  sächsischen  Volkspartei  kenne.  Ich  erwiderte
  ihnen,  daß  ich  dasselbe  sehr  wohl  kenne  und  daß  ich,  obwohl  ich  es
nicht  für  richtig  und  zweckmäßig  halte  und  es  vielleicht  auch  mit  unsern
Gesetzen  nicht  ganz  vereinbar  ist,  daß  Nationalitäten  als  solche  Parteien
und  gesonderte  Gruppierungen  bilden,  gleichwohl  anerkenne,  daß  das  Pro-Kamm
  der  sächsischen  Volkspartei  nichts  enthält,  was  mit  Rücksicht  auf  die

ationalitäten  oder  auf  den  Nationalcharakter  des  Staates  nicht  gestattet
werden  könnte.  Dies  habe  ich  bereits  damals  erklärt  und  halte  es  auch
heute  aufrecht.  Ich  habe  mein  Programm  in  bezug  auf  die  Nationalitäten-
        <pb n="216" />
        208  Hie  Gesterreichis-Augeristhe  Monarchie.  (Januar  21.—Februar  5.)

frage  dargelegt;  dasselbe  steht  nicht  im  Widerspruch  mit  dem,  worüber  der
Abgeordnete  Meltzl  und  noch  drei  andere  Abgeordnete  Fragen  an  mich  richteten.
  Der  Inhalt  des  Programms  der  sächsischen  Volkspartei  ist  der  Richtung,
  welche  wir  einhalten  wollen  und  einhalten  werden,  nicht  zuwider;  es
widerspricht  auch  den  gesetzlich  gewährleisteten  Rechten  der  Nationalitäten
nicht.  Ich  erkläre  jedoch,  daß  ich  die  Form,  in  welcher  jenes  Programm
zu  stande  kam,  nicht  für  richtig  und  auch  nicht  für  statthaft  halte,  daß
dasselbe  als  Nationalitätsprogramm  in  Erscheinung  trete.  Ich  hatte  auf
das  Zustandekommen  jenes  Programms  keinerlei  Einfluß  und  konnte  daher
meine  Anschauung  in  der  Richtung,  daß  solche  nach  Nationalitäten  gesonderte
  Gruppierungen  nicht  statthaft  sind,  nicht  zur  Geltung  bringen.  Ich
erkenne  aber  trotzdem  an,  daß  der  Inhalt  jenes  Programms  ausschließlich
solcher  Art  ist,  welche  sich  auf  Autonomie  in  Schule  und  Kirche  und  Dinge
ähnlicher  Natur  erstreckt,  gegen  welche  kein  Anstand  erhoben  werden  kann,
da  sie  sich  im  Rahmen  des  Nationalitätengesetzes  bewegen  und  dem  einheitlichen
  Staatscharakter  nicht  widersprechen.“

21.  Januar.  (Pest.)  Das  Abgeordnetenhaus  wählt  den
früheren  Justizminister  Szilagyi  (vgl.  Jahrg.  1894)  zum  Präsidenten.


28.  Januar.  (Istrien.)  Auflösung  des  Landtags.

Eine  kaiserliche  Ordre  löst  den  Landtag  auf  und  ordnet  Neuwahlen
an.  Offiziös  wird  die  Vergewaltigung  der  slovenischen  Minorität  durch  die
Italiener  als  Grund  angegeben.

29./31.  Januar.  (Böhmen.)  Landtag.  Ablehnung  jungtschechischer

  Anträge.

Im  Landtage  wird  der  Antrag  des  Jungtschechen  VBachaty  auf  Errichtung
  eines  obersten  Gerichtshofes  für  die  Länder  der  böhmischen  Krone
mit  den  Stimmen  der  Großgrundbesitzer  und  der  Deutschen  gegen  die  der
Jungtschechen  und  Altschechen,  ebenso  der  weitere  Antrag  auf  Einführung
des  russischen  Sprachunterrichts  mit  allen  Stimmen  gegen  die  der  Jungtschechen
  abgelehnt.  Ebenso  wird  gegen  die  Stimmen  der  Jungtschechen  abelehnt

  der  Antrag  Kramarz,  das  Ministerverantwortlichkeitsgesetz  auf  den

Etathalter  auszudehnen  und  diesen  dem  Landtag  verantwortlich  zu  machen.
(31.  Jan.)  Als  der  Statthalter  Graf  Thun  den  Antrag  als  gegen  die
Staatsgrundgesetze  gerichtet  erklärt,  unterbrechen  ihn  die  Jungtschechen  mit
der  lärmenden  Aufforderung  böhmisch  und  nicht  deutsch  zu  sprechen,  was
zu  stürmischen  Szenen  führt.  (Zu  einer  stürmischen  Szene  kommt  es  aus
demselben  Anlasse  am  13.  Febr.)

5.  Februar.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Verhältnisse  der
Einjährig-Freiwilligen.

In  der  Beratung  des  Militäretats  führt  der  Landesverteidigungsminister
  Fejervary  aus,  die  Bestimmung  wegen  des  zweiten  freiwilligen
Jahres  habe  sich  so  erfolgreich  erwiesen,  daß  im  Gegensatz  zu  früher  Ungarn
jetzt  bessere  Ergebnisse  bei  den  Offiziersprüfungen  aufweise.  Für  den  Fall
der  Mobilmachung  sei  der  Bedarf  an  Offizieren  noch  nicht  vollständig  gedeckt.
  Es  bedürfe  eines  Plus  für  den  Ausfall  im  Kriege  und  für  die  Einreihung
  in  den  Landsturm.  Die  Bestimmung  sei  daher  nicht  zu  entbehren,
doch  könnten  und  würden  jene  Freiwilligen,  die  trotz  ehrlichen  Strebens
und  tadelloser  Führung  den  Offiziersrang  nicht  erreichten,  im  Verwaltungswege
  beurlaubt  werden.
        <pb n="217" />
        Die  Oesterreithisq  ·  Angarise  Menarhie.  (Februar  6.  -  12.)  209

6.  Februar.  (Tirol.)  Der  Landtag  nimmt  die  Wehrvorlage
  an.

6.  Februar.  (Siebenbürgen.)  Stellung  der  Sachsen  zum
Kabinet  Banfsy.

Die  dreizehn  siebenbürgisch-sächsischen  Reichstagsabgeordneten  veröffentlichen
  in  den  siebenbürgisch-sächsischen  Zeitungen  eine  vom  30.  Januar
datierte  Erklärung,  worin  sie  ihr  weiteres  Verbleiben  in  der  liberalen  Partei
auch  unter  der  Ministerpräsidentschaft  des  Barons  Banffy  eingehend  begründen.
  Die  Abgeordneten  berufen  sich  auf  die  beruhigenden  Erklärungen
des  Baron  Bauffy  bezüglich  der  Respektierung  des  1868er  Nationalitäten-Shess
  und  der  Billigung  des  Programmes  der  sächsischen  Volkspartei.  Eine
Wählerversammlung  in  Kronstadt  billigt  die  Erklärung  mit  454  gegen
448  Stimmen  (18.  Febr.),  in  Hermannstadt  und  Bistritz  macht  sich  lebhafter
  Widerspruch  geltend.

8.  Februar.  (Steiermark.)  Austritt  der  Slovenen  aus
dem  Landtage.  Cillifrage.

Die  Deutschen  bringen  im  Landtage  eine  entschiedene  Erklärung  gegen
die  Errichtung  des  slovenischen  Gymnasiums  in  Cilli  (vgl.  Jahrg.  1894
S.  235)  ein.  Die  Slovenen  (8  unter  63  Mitgliedern)  bezeichnen  das  als
Vergewaltigung  und  verlassen  den  Landtag.  Unter  Vermittlung  des  Handelsministers
  Grafen  Wurmbrand  einigen  sich  die  Deutschen  zu  einem
gemäßigteren  Antrage,  worin  die  Regierung  ersucht  wird,  allgemein  vor
Verfügungen  für  die  untersteierischen  Staatsmittelschulen  die  Landesschulbehörde
  wegen  des  kulturellen  und  pädagogischen  Bedürfnisses  zu  befragen,
und  den  nationalen  Frieden  des  Landes  nicht  zu  erschüttern.  Ferner  beantragen
  die  Klerikalen,  die  slovenische  Sprache  in  Cilli  als  Lehrgegenstand
einzuführen.  Beide  Anträge  werden  einstimmig  angenommen,  nachdem  die
Deutschnationalen  erklärt  haben,  daß  sie  darin  einen  Protest  gegen  die  Errichtung
  eines  slov.  Gymnafiums  erblicken.  (15.  Febr.)

10.  Februar.  Der  Kaiser  reist  nach  der  Riveria  (vergl.
Frankreich).
12.  Februar.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Währungsfrage.

In  seiner  Programmrede  erklärte  der  Finanzminister  Lukacs  über
die  Regelung  der  Währung:  „Bekanntlich  wurden  die  betreffenden  grundlegenden
  Gesetze  vor  2½  Jahren  geschaffen,  das  letzte  Gesetz  ist  im  vorigen
Jahre  zu  stande  gekommen.  Es  trifft  Verfügungen  über  die  Einziehung
von  200  Millionen  Gulden  Staatsnoten.  Auf  Grund  dieses  Gesetzes  sind
zwischen  den  beiden  Staaten  Vereinbarungen  zu  stande  gekommen  und  ist
die  Einziehung  der  Staatsnoten  in  Angriff  genommen  worden.  In  Anbetracht
  dessen,  daß  das  Gesetz  über  die  Einziehung  mit  einer  gewissen  Verzögerung
  geschaffen  wurde,  über  sechs  Monate  später,  als  beabsichtigt  war,
ist  es  natürlich,  daß  auch  der  Standpunkt  der  Einlösungsfristen  hinausgeschoben
  werden  mußte,  so  daß  im  Gesetze  als  Endpunkt  für  die  Einlösung
der  Schluß  des  Jahres  1897  festgesetzt  ist.  Thatsächlich  nimmt  jedoch  die
Einlösung  der  Staatsnoten  einen  so  günstigen  Verlauf,  daß  die  Einer-Noten
fast  schon  gänzlich  eingezogen  sind;  eine  gewisse  Menge  ist  auch  von  den
Fünfer=  und  den  Fünfziger-Noten  eingezogen  und  wird  im  Sinne  einer
Vereinbarung,  die  zwischen  beiden  Regierungen  zu  stande  gekommen  ist,  der
Abschluß  dieser  Maßnahmen  nicht  Ende  des  Jahres  1897,  sondern  schon
Mitte  1896  geschehen,  also  1½  Jahr  früher,  als  ursprünglich  beabsichtigt

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  IXXVI.  14
        <pb n="218" />
        210  Hie  Gesterreichisch-Augerische  Menarhie.  (Febr.  13.—März  6.)

war.  Was  die  Goldbeschaffung  betrifft,  so  glaube  ich,  daß  diese  bekannt
ist.  Aus  dem  Berichte  der  Kommission  zur  Aufsicht  über  die  Währungsregelung
  geht  hervor,  daß  ihr  außer  dem  zur  Einziehung  aller  Staatsnoten
erforderlichen  Goldbetrag  noch  größere  Goldmengen  zur  Verfügung  stehen,
und  ich  kann  auch  von  seiten  Oesterreichs  feststellen,  daß,  obgleich  noch  nicht
die  ganze  Menge  beschafft  ist,  ich  grade  aus  den  heutigen  Berichten  entnommen
  habe,  daß  der  Vertrag  einer  weiteren  Goldbeschaffung  mit  einem
Konsortium  abgeschlossen  wurde."“

13.  Februar.  (Vorarlberg.)  Der  Landtag  nimmt  die
Wehrvorlage  an.

18.  Februar.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Finanzgesetz.

Der  Finanzminister  legt  das  Finanzgesetz  vor.  Es  betragen:  Die
ordentlichen  Ausgaben  422072  698  fl.,  transitorische  Ausgaben  20  762  566  fl.,
Investitionen  20  095  195  fl.,  außerordentl.  gemeinsame  Ausgaben  6  597  602  fl.,
zusammen  468  528  061  fl.  Die  Gesamt-Einnahmen  betragen  468  550  257  fl.,
mithin  ergibt  sich  ein  Ueberschuß  von  22  196  fl.

18.  Februar.  (Arco.)  Erzherzog  Albrecht,  der  Sieger  von
Custozza,  Inspekteur  des  österreichischen  Heeres,  1.

19.  Februar.  (Wien.)  12  von  Sozialdemokraten  einberufene
Volksversammlungen  fordern  das  allgemeine  Wahlrecht.

Ende  Februar.  (Ungarn.)  Abwandlungen  in  den  Oppositions-Parteien.


Die  von  Ugron  geführte,  in  ihrer  Mehrheit  der  liberalen  Kirchenpolitik
  feindliche,  Unabhängigkeitspartei  spaltet  sich;  Abg.  Justh
tritt  mit  einer  Anzahl  Abgeordneten,  die  die  Kirchenpolitik  der  Regierung
unterstützen  wollen,  aus  und  vereinigt  sich  mit  der  Eötvös-Gruppe,  die
bereits  früher  aus  der  Unabhängigkeitspartei  ausgeschieden  war.  Diese  neuebildete
  ungefähr  50  Mann  starke  Partei,  der  u.  a.  Franz  Kossuth  und
Karolyi#  angehören,  nimmt  den  Namen  Kossuthpartei  an.

Februar.  März.  Die  Bischöfe,  die  Kurie  und  die  Christlich-Sozialen.


Im  Namen  des  österreichisch-ungarischen  Episkopats  fordern  Kardinal
  Schönborn,  Bischof  Bauer  und  Bischof  Steiner  die  Hilfe  des
Papstes  gegen  den  unbotmäßigen  niederen  Klerus,  der  sich  den  radikalen
Parteien,  insbesondere  den  christlich-sozialen  Antisemiten  mehr  und  mehr
genähert  hat.  Der  Papst  richtet  einen  Brief  an  den  Prinzen  Liechtenstein,
in  dem  er  einige  Ausschreitungen  der  Christlich-Sozialen  rügt,  ihr  Programm
  jedoch  ausdrücklich  lobt.

6.  März.  (Wien.)  Erklärung  Pleners  über  die  Zuckerkrifis.
Enquete.  Ausfuhrprämien.

Im  Landwirtschaftsausschuß  erklärt  der  Finanzmin.  Dr.  Plener,
die  vorgeschlagene  Enquste  über  die  Zuckerkrisis  werde  von  der  Regierung
veranstaltet  werden.  Die  sofortige  Rückzahlung  der  über  die  gesetzliche
Kontingentssumme  hinaus  geleisteten  Zuckervergütung  zu  erlassen,  würde
ein  sehr  großes  und  ungerechtfertigtes  Geschenk  des  Staates  an  die  Zuckerindustrie
  bedeuten.  Der  Gedanke,  die  Regierung  solle  zur  Schaffung  eines
Fonds  zur  Bestreitung  einer  derartigen  Erhöhung  der  Bonifikationen  die
        <pb n="219" />
        Bie  Gesterreichisch-Angerische  Mmartie.  (März  7.—8.)  211

innere  Zuckerverbrauchssteuer  erhöhen,  dürfte  kaum  die  Zustimmung  des  Abgeordnetenhaufes
  finden,  weil  doch  die  Verbraucher  eine  solche  aus  der  Erhöhung
der  Prämie  sich  ergebende  erhöhte  Konsumsteuer  tragen  müßten.  Weder  die
Regierung  noch  das  Parlament  würde  die  Verantwortung  für  eine  so
bedeutende  Preiserhöhung  des  Zuckers  für  den  Verbrauch  übernehmen.
Der  Minister  besprach  darauf  den  Antrag  des  deutschen  Reichstagsabgeordneten
  Paasche  betreffend  die  Ausfuhrprämien  (vgl.  1894  S.  194)  und
erklärte,  im  Interesse  des  Wohlbefindens  der  Bevölkerung,  im  finanziellen
Interesse  und  auch  im  Interesse  der  Zuckerindustrie  sei  es  wünschenswert,
daß  es  gelänge,  im  gegenseitigen  Einvernehmen  der  beteiligten  Staaten  einen
Zustand  herbeizuführen,  bei  dem  der  Wettlauf  bei  den  Zuckerausfuhrprämien
  aufhöre.  Damit  seien  auch  die  angesehensten  Vertreter  der  Zuckerindustrie
  einverstanden.  Nur  durch  eine  Einschränkung  der  Rüben=  und
Zuckererzeugung  sei  es  möglich,  größeres  Unglück  der  Zuckerindustrie  zu
verhindern,  während  sonst  ein  Zusammenbruch  der  Zuckerindustrien
nicht  nur  in  Oesterreich,  sondern  auch  in  anderen  Staaten  nicht  ausgeschlossen
wäre.

7.  März.  Triest.)  Die  Unruhen  in  Pirano  vor  Gericht
(vgl.  1894  S.  238).

13  Angeklagte  werden  zu  Gefängnisstrafen  von  einem  Monat  bis
zu  2  ½  Jahren  verurteilt.  Der  Staatsanwalt  hob  in  seiner  Rede  hervor,
daß  die  meisten  der  Angeklagten  bereits  vorbestraft  seien,  sie  seien  lediglich
gedungen  gewesen,  die  eigentlichen  Veranlasser  aber  unbekannt  geblieben.
Er  beantragte,  die  Angeklagten  nicht  wegen  politischen,  sondern  wegen  gemeinen
  Verbrechens  zu  verurteilen.

8.  März.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Bauffy  über  die
Stellung  Ungarns  in  der  Monarchie.  Votierung  des  Budgets.

Auf  die  Angriffe  einiger  Oppositioneller,  die  eine  größere  Berücksichtigung
  der  ungar.  Nationalität  in  der  Auswärtigen  Politik  und  der  Armeeverwaltung
  fordern,  erwidert  der  Vizepräsident  v.  Banffy  (häufig  durch
stürmische  Zwischenrufe  der  Opposition  unterbrochen):  Ausgleichgesetzen
gegenüber  handle  es  sich  nicht  darum,  ob  ihre  Abänderung  möglich,  sondern
ob  sie  erforderlich  sei,  und  die  letzten  27  Jahre  hätten  gelehrt,  daß  diese
letzte  Frage  verneint  werden  könne.  Die  liberale  Partei  lasse  aber  auch
die  Forderungen  der  Nationalpartei  nicht  in  den  Ausgleich  hineininterpretieren,
  die  nationalen  Bestrebungen  hinsichtlich  der  Armee  seien  durch  die
Errichtung  der  Honved-Truppen  seinerzeit  befriedigt  worden.  Was  darüber
hinausgehe,  wie  die  Forderung  des  ungarischen  Militärunterrichts,  verstoße
  gegen  die  Einheitlichkeit  des  Heeres,  die  Ungarn  in  allererster  Linie
aufrechtzuerhalten  Interesse  habe.  Der  Ministerpräsident  widerlegte  sodann
die  von  dem  Grafen  Apponyi  vorgebrachten  Beschwerden  betreffend  die  angebliche
  Ignorierung  Ungarns  in  den  Abzeichen  der  auswärtigen  Vertretungen
Oesterreich-Ungarns.  Er  teilte  mit,  daß  demnächst  auf  Entschließung  des
Königs  der  innere  Hofhalt  eine  der  staatlichen  Sonderstellung  Ungarns
entsprechende  Regelung  erfahren  werde,  wobei  freilich  nicht  an  eine  Zweiteilung
  des  Hofes  zu  denken  sei.  (Große  Unruhe  links).  Die  Regierung
halte  es  für  ihre  Pflicht,  das  Vertrauen  zwischen  der  Krone  und  dem  Volke
zu  pflegen  und  das  Verhältnis  mit  Oesterreich  loyal  aufrechtzuerhalten.
Im  Bewußtsein  ihrer  Aufgaben  und  von  dem  Vertrauen  der  liberalen
Wähler  getragen,  werde  sie  auch  weiterhin  ihre  Pflicht  thun,  ebenso  wie
die  liberale  Partei,  an  der  es  nicht  gelegen  habe,  wenn  keine  Vereinbarung
mit  den  auf  gleicher  Grundlage  stehenden  Elementen  zustande  gekommen  sei.

14*
        <pb n="220" />
        212  Die  Oefterreithisch  ·  Augarische  Menarie.  (Marz  8.  —  26.)

Unter  großer  Unruhe  wird  das  Budgetgesetz  (s.  S.  210)  mit  222  gegen
162  Stimmen  angenommen.  (Annahme  im  Oberhause  20.  März).

8.  März.  (Wien.)  Der  Agrartag  spricht  sich  für  Bildung
landwirtschaftlicher  Berufsgenossenschaften  mit  Beitrittszwang  aus.

15.  März.  (Wien.)  Ernennung  von  Truppeninspektoren.

Der  Kaiser  ernennt  den  Feldzeugmeister  v.  Schönfeld  und  den  General
der  Kavallerie  Prinzen  zu  Windischgrätz  zu  General-Truppen-Inspektoren.
Sie  sollen  dem  Kaiser  unmittelbar  unterstellt  sein.

15.  März.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Steuerreform.  Erwerbsteuer.


Das  Abgeordnetenhaus  nimmt  die  Grundparagraphen  der  Erwerbsteuer
  gegen  die  Stimmen  der  Jungtschechen  und  Antisemiten  an.  Die  Erwerbsteuer
  ist  für  die  ersten  zwei  Jahre  auf  die  Gesamtsumme  von  17732000  fl.
festgestellt  und  diese  Summe  steigt  jährlich  um  ein  „natürliches  Zuwachsprozent“,
  das  auf  1,2  Prozent  festgesetzt  wurde.  Die  Gesamtsumme  wird
durch  besondere  Kommissionen  unter  Mitwirkung  der  Steuerträger  auf  vier
Erwerbsteuerklassen  und  auf  die  einzelnen  Betriebe  verteilt.

19.  März.  (Pest.)  Eine  Bischofsversammlung  beschließt  einstimmig,
  an  der  ablehnenden  Stellung  gegen  die  Kirchenvorlagen
festzuhalten.

23.  März.  (Pest.)  Das  Magnatenhaus  lehnt  den  Gesetzentwurf
  über  die  Rezeption  der  Juden  mit  117  gegen  111  Stimmen
ab,  das  Gesetz  über  freie  Religionsübung  wird  mit  126  gegen  112
Stimmen  angenommen.

26.  März.  (Pest.)  Beratung  über  die  agrarsozialistische  Bewegung
  (vgl.  1894  S.  209).

In  der  Konferenz,  an  der  hervorragende  Verwaltungsbeamte  und
Fachmänner  teilnehmen,  fragt  der  Vorsitzende  Ministerpräsident  v.  Banffy  zunächst
  nach  den  Ursachen  der  Bewegung.  Die  große  Mehrheit  der  Anwesenden
  antwortet,  daß  der  Agrarsozialismus  infolge  der  außerordentlichen
Agitation  um  sich  greife;  nur  zu  sehr  geringem  Teile  seien  die  schlechte
Ernte  und  die  niedrigen  Getreidepreise  daran  schuld.  Als  Beweis  führten
mehrere  Redner  an,  daß  Gutsbesitzer  aus  entlegenen  Gegenden  Erntearbeiter
kommen  lassen  müssen,  da  die  einheimischen  aufgewiegelten  Arbeiter  überhaupt
  nicht  arbeiten  wollen.  Die  Bewegung  müsse  genau  verfolgt  werden,
wenn  nicht  gefährliche  kommunistische  Ausschreitungen  stattfinden  sollten.
Hierauf  teilte  Banffy  über  die  Maßregeln  der  Regierung  folgendes  mit:
Zur  Linderung  des  Notstandes  sind  Mittel  flüssig  gemacht  worden,  damit
zinsenfreie  Dahrlehn  gewährt  werden  können.  Die  Regierung  hat  sich
ferner  mit  dem  Kriegsministerium  ins  Einvernehmen  gesetzt,  damit  ein  Teil
des  Bedarfs  an  Hausleinwand  für  Armeezwecke  unmittelbar  von  den  Erzeugern
  ohne  Vermittlung  der  Zwischenhändler  gedeckt  werde.  Auch  sonst
werde  die  Regierung  auf  die  Pflege  und  Unterstützung  der  Hausindustrie
bedacht  sein,  jedoch  wünscht  die  Regierung  auch  ein  umfassendes  Vorgehen
zur  dauernden  Eindämmung  der  sozialistischen  Bewegung  einzuleiten.  Zu
diesem  Behufe  wende  sie  sich  an  die  gesellschaftliche  Unterstützung  der  grundbesipenden
  Klasse,  deren  hervorragendste  Vertreter  eben  zur  Teilnahme  an
        <pb n="221" />
        Die  Oesterreithis·  Ingarishe  Mmarchie.  (März  28.—  April  10.)  213

dieser  Beratung  und  zur  Meinungsäußerung  eingeladen  worden  sind.  Unzweifelhaft
  seien  gewisse  Uebelstände  vorhanden  und  namentlich  der  Forderung
  von  gewissen  außerordentlichen  Lasten,  die  den  kleinen  Pächtern  und
Arbeitern  auferlegt  werden,  haben  zu  der  Erbitterung  beigetragen.

28.  März.  1.  April.  (Wien.)  Gemeinderatswahlen.

Bei  der  teilweisen  Erneuerung  des  Gemeinderats  verlieren  die  Liberalen
  zahlreiche  Sitze  an  die  Antisemiten,  die  von  138  Sitzen  nunmehr  64
zählen,  die  Liberalen  erhalten  62,  die  Wilden  12.

Ende  März.  Die  österreichisch-ungarische  Presse  über  den
deutschen  Reichstagsbeschluß  vom  23.  März  und  das  kaiserliche  Telegramm.



Der  Reichstagsbeschluß  findet  Beifall  bei  den  klerikalen  Blättern,
so  dem  Wiener  „Vaterland“,  das  aber  in  der  Desavouirung  des  Reichstags
durch  den  Kaiser  einen  Wendepunkt.  zu  neuen  Verhältnissen  erblickt.  Das
demokratische  „Neue  Wiener  Tageblatt"  schreibt:  Zweifellos  hat  der
Reichstag  dem  Willen  und  den  Gefühlen  der  Nation  in  ihrer  Gesamterscheinung
  nicht  Rechnung  getragen.  Kaiser  Wilhelms  Telegramm  wird  den
mächtigsten  Widerhall  wecken.  —  „Neue  Freie  Presse“:  Die  Welt  wird
staunen  über  dieses  Beispiel  eines  Undankes,  der  ebenso  die  nationalen  Empfindungen,
  wie  die  historische  Erinnerung  verleugnet.  Das  „Fremdenblatt“
sagt,  bei  den  Sozialdemokraten,  Elsässern  und  Polen  sei  Mangel  an  Einsicht
oder  Nationalfinn  zu  verstehen,  nicht  aber  bei  dem  Freisinn  und  Zentrum.

Ende  März.  Bismarckfeier.  Haltung  der  Regierung.  Interpellation.



Die  deutsche  Bevölkerung  namentlich  in  Steiermark,  trifft  Vorbereitungen
  zur  Feier  des  80.  Geburtstages  des  Fürsten  Bismarck.  Mehrfach
schreiten  die  Behörden  dagegen  ein;  so  werden  die  Festvorstellungen  im
Grazer  Theater  verboten,  und  der  Grazer  Gemeinderat  nimmt  auf  häöhere
Anweisung  einen  schon  gefaßten  Beschluß,  am  Festkommers  am  1.  April
teilzunehmen  zurück.  Ferner  treten  einer  Anregung  des  Kultusministers
folgend  mehrere  Innsbrucker  Universitätsprofessoren  aus  dem  Komité,  das
eine  Kundgebung  für  Bismarck  vorbereiten  soll,  aus.

Auf  eine  Interpellation  im  Abgeordnetenhause  wegen  dieser  Angelegenheit
  (30.  März)  entgegnet  der  Minister  des  Innern  v.  Bacquehem,
daß  die  politischen  Behörden  eine  besondere  Weisung  nicht  erhalten  haben.
Die  bisherigen  Kundgebungen  bei  derlei  Anlässen  gingen  mitunter  über  die
ursprünglichen  Intentionen  der  Veranstalter  hinaus.  In  Oesterreich  müssen
derartige  Kundgebungen  eine  Schranke  darin  finden,  daß  der  österreichische
Staatsgedanke  auch  nicht  vorübergehend  in  den  Schatten  gestellt  werde.

6.  April.  (Wien.)  Schluß  der  Beratungen  der  Zuckerenquetekommission.


Die  meisten  Sachverständigen  bezeichnen  die  Uebererzeugung  als  Ursache
  der  Krifis  und  sprechen  sich  für  eine  genossenschaftliche  Organisation  des
Bauernstandes  sowie  gegen  die  Kartelle  aus.  Einzelne  empfehlen  Ausnahmetarife
  auf  den  Staatsbahnen  für  Zucker  und  Kohle  sowie  die  Einsetzung
  von  Schiedsgerichten  zur  Austragung  der  Rübenlieferungsprozesse
und  das  Verbot  des  Termingeschäftes  in  Getreide,  die  Einführung  des
Zuckermonopols  wird  abgelehnt.

10.  April.  (Ungarn.)  Franz  Kossuth  (vgl.  1894  S.  237)
        <pb n="222" />
        214  HNi  Gesterreicisch-Angnrische  Menu#ir.  (April  15.—Mai  1.)

wird  mit  1103  Stimmen  gegen  963,  die  der  Staatssekr.  des  Handels,
Vörös,  erhält,  zum  Abgeordneten  gewählt.

April.  Sozialpolitik  und  Kirche.

Zahlreiche  Bischöfe  in  Galizien,  Istrien,  Oesterreich,  Ungarn  erlassen
Hirtenbriefe  an  ihre  Diözesen,  in  denen  fie  den  Klerus  warnen,  sich  zu
intensiv  mit  der  Tagespolitik  zu  beschäftigen.  Der  Grund  ist  die  Verbrüderung

  des  niederen  Klerus  mit  den  soztalistischen  Tendenzen  zuneigenden
  Christlich-Sozialen  und  Antisemiten.  (Vgl.  S.  210).

15.  April.  (Wien.)  Bergarbeiterkongreß.

Der  Kongreß  fordert  die  Unterstellung  der  Bergarbeiter  unter  das
Kranken=  und  Unfallversicherungsgesetz,  die  Einführung  der  Achtstundenschicht,
Abschaffung  der  Akkordarbeit  in  Gruben  mit  lebensgefährlicher  Arbeit  und
Einführung  des  allgemeinen,  direkten  Wahlrechts.  Ferner  wird  gegen  die
Stimmen  der  tschechischen  Delegierten  die  Einrichtung  von  Reichsbruderladen
gefordert,  weshalb  die  Tschechen  die  Versammlung  verlassen.

April.  Die  Presse  über  Bismarcks  Rede  an  die  Steirer
(S.  105).

Fürst  Bismarcks  Ansprache  findet  bei  den  deutsch-österreichischen
Blättern  vollen  Beifall;  das  „Fremdenblatt“  sagt,  er  habe  wie  ein  altösterreichischer
  Patriot  gesprochen.  Die  magyarischen  Zeitungen  nehmen  fie
wegen  des  Lobes  der  Deutschen  kühler  auf.

22.  April.  (Pest.)  Der  Unterrichtsausschuß  des  Abgeordnetenhauses
  nimmt  den  vom  Magnatenhause  abgelehnten  Gesetzentwurf
  über  die  freie  Religionsübung  wieder  an.

25.  April.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Rezeption  der  Israeliten.
  Freie  Religionsübung.

Der  Kultusminister  Wlassios  beantragt  die  Annahme  des  Geseentwurfs
  betr.  die  Rezeption  der  Israeliten  in  der  ursprünglichen  von  dem  A
Pordnetenhaus  angenommenen  Form  und  die  Rückleitung  desselben  an  das

agnatenhaus.  Graf  Szapary  beantragt  behufs  Einvernehmens  zwischen
den  beiden  Häusern  der  Gesetzgebung  die  Zurückweisung  des  in  Beratung
stehenden  Gesetzentwurfes,  um  eine  Vereinigung  desselben  mit  dem  Gesetz
über  die  freie  Religionsausübung  durchzuführen.  Der  Kultusminister
erklärt,  er  sehe  die  Notwendigkeit  einer  Vereinigung  der  beiden  Vorlagen
nicht  ein,  da  er  glaube,  daß  das  Magnatenhaus,  wenn  es  die  Grundsätze
gutheiße,  in  welcher  Form  auch  immer,  die  Vorlage  prüfen  werde.  Der
Antrag  Szaparys  wird  abgelehnt  und  der  Antrag  des  Kultusministers
nahezu  einstimmig  angenommen.

1.  Mai.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Interpellation  über
den  Nuntius  Agliardi.

Abg.  Terenyi  fragt  die  Regierung,  welche  Stellung  sie  zur  der  vor
kurzem  beendeten  Reise  des  Nuntius  Agliardi  in  Ungarn  genommen  habe,
da  diese  Reise  allgemein  als  eine  Einmischung  einer  auswärtigen  Macht
in  die  inneren  Angelegenheiten  Ungarns  angesehen  werde.  Ministerpräsident
v.  Banffy:  Der  Nuntius  habe  durch  seine  in  Ungarn  gemachten  Aeußerungen
  den  Eindruck  hervorgerufen,  als  habe  er  seine  Befugnisse  als  auswärtiger
  Vertreter  überschritten.  Der  Nuntius  sei  nichts  weiter  als  der
Vertreter  einer  fremden  Macht.  Der  Einfluß  der  Kurie  auf  das  geistliche
        <pb n="223" />
        Die  Oesterreitisq·  Angarise  Monarcie.  (Mai  3.—6.)  215

Gebiet  dürfe  nach  dem  Staatsrechte  nicht  durch  den  Nuntius,  sondern  nur
durch  den  Fürstprimas  ausgeübt  werden.  Diese  Ansicht  der  ungarischen
Regierung  habe  sich  auch  die  gemeinsame  Regierung  zu  eigen  gemacht.
Letztere  sei  bei  dem  heiligen  Stuhle  vorstellig  geworden  und  habe  wegen
des  Auftretens  des  Nuntius  Agliardi  in  Ungarn  Aufklärung  verlangt.

3.  Mai.  (Wien.)  Die  „Politische  Korrespondenz“  veröffentlicht
  folgendes  offiziöse  Kommuniquf  über  die  Erklärung
Banffys:

„Die  Form  und  der  Inhalt  der  vom  ungarischen  Ministerpräsidenten
Baron  Banffy  dem  Abgeordneten  Terenyi  auf  seine  Interpellation  über  die
jüngste  Reise  des  apostolischen  Nuntius  Agliardi  nach  Ungarn  erteilten
Antwort  haben,  wie  überall,  auch  im  Kreise  des  königlichen  Ministeriums
des  Aeußern  überrascht.  Es  hat  nicht  wenig  Befremden  erregt,  daß  in
mehreren  wesentlichen  Punkten  die  Erklärungen  des  Baron  Banffy  unrichtig
sind  und  sich  daher  mit  den  Ansichten  des  Ministers  des  Aeußern  nicht
decken.  Dies  gilt  sowohl  von  der  Motivierung  wie  von  den  Konklusionen
der  ministeriellen  Erklärungen  und  es  ist  auch  hier  nicht  bekannt,  wieso
Baron  Bauffy  berechtigt  war,  ausdrücklich  zu  erklären,  daß  der  Minister
des  Aeußern  den  dargelegten  Standpunkt  der  königlich  ungarischen  Regierung
  zu  dem  seinigen  gemacht  hat.  Hierüber  waren  die  Akten  nicht  geschlossen,
  ebensowenig  wie  über  die  eventuelle  Frage,  inwieweit  und  in
welcher  Form  in  Rom  vertrauliche  Bemerkungen  über  das  Auftreten  Agliardis
  gemacht  werden  sollen.  Dies  müßte  von  den  dem  Minister  des
Aeußern  noch  nicht  vorliegenden  Daten  abhängen,  welche  eine  Einmischung
des  apostolischen  Nuntius  in  innere  Angelegenheiten  nachzuweisen  vermögen.
Wenn  also  Baron  Banffy  im  ungarischen  Parlamente  die  Erklärung  abgab,
daß  die  Démarche  erfolgt  sei,  so  kann  dies  seiner  Unvertrautheit  mit  diplomatischen
  Geschäften  zugeschrieben  werden,  welche  wohl  auch  die  Schuld  daran
  trägt,  daß  der  Ministerpräsident  auf  eigene  Verantwortung  und  ohne
Rücksicht  auf  unsere  freundschaftlichen  Beziehungen  zum  Heiligen  Stuhle
eine  wie  ein  Schlachtruf  tönende  Erklärung  im  Parlament  abgab,  was  für
die  Sache  selbst  nur  schädliche  Folgen  haben  kann.  Es  dürfte  also  diese
Interpellationsbeantwortung  des  Baron  Banffy  noch  zu  weiteren  Erklärungen
  und  Konsequenzen  führen."“

5.  Mai.  (Wien.)  Der  Kaiser  empfängt  den  Grafen  Kalnoky,
  den  ungarischen  Hofminister  Josika,  den  Minister  Kallay  und
den  ungarischen  Ministerpräfidenten  v.  Banffy.

Mai.  Die  Presse  über  die  Erklärung  der  „Politischen
Korrespondenz".

Die  liberalen  ungarischen  Blätter  stellen  sich  durchweg  auf  Banffys
Seite  und  greifen  Kalnoky,  den  Verfasser  des  Kommuniqusés  heftig  an;  die
liberale  Partei  beschließt,  Banffy  ihren  Dank  auszusprechen  und  sich  mit
ihm  solidarisch  zu  erklären.  Die  klerikale  Presse  in  Oesterreich  und  Ungarn
tadelt  dagegen  Banffys  Erklärung  vom  1.  Mai  und  stimmt  Kalnoky  zu.

6.  Mai.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Interpellation  Apponyi
über  das  Kommuniqué  der  „Polit.  Korresp.“.  Banffys  Antwort,

Notenwechsel  mit  Kalnoky.
Abg.  Graf  Apponyi  fragt,  welche  Grundlage  das  Kommuniqué
        <pb n="224" />
        216  Die  Oesterreiqhisqh·Augarishe  Menarthie.  (Mai  6.)

habe  und  auf  welcher  Grundlage  Banffy  am  1.  Mai  erklärt  habe,  es  bestehe
  ein  Einverständnis  zwischen  der  ungarischen  Regierung  und  dem  Minister
des  Auswärtigen  hinsichtlich  Agliardis.  Ministerpräfident  v.  Banffy:  Er
habe  den  Minister  des  Auswärtigen  um  seine  Ansicht  über  das  Verhalten
des  Nuntius  ersucht.  Kalnoky  habe  am  25.  April  in  einer  Note  erklärt,
die  Reise  des  Nuntius  sei  inopportun  und  er  sei  bereit,  auf  den  Wunsch
der  ungarischen  Regierung  bei  dem  Heiligen  Stuhle  in  dieser  Beziehung
Klage  zu  führen.  Infolge  dieser  Note,  die  bereits  am  27.  April  beantwortet
  worden  sei,  hätte  die  ungarische  Regierung  am  1.  Mai  der  Ansicht
sein  müssen,  daß  die  am  25.  April  in  Aussicht  gestellte  Intervention  bereits
erfolgt  sei.  Der  Ministerpräsident  erteilt  dem  Hause  die  Versicherung,  daß
er  stets  die  konstitutionellen  Rechte  des  ungarischen  Ministerpräsidenten  verteidigen
  und  das  Prestige  dieser  Stellung  wahren  werde.  Die  Regierung
halte  ihren  am  1.  Mai  eingenommenen  Standpunkt  aufrecht,  daß  Niemandem,
  also  auch  nicht  dem  Heiligen  Stuhle,  eine  Einmischung  in  die  inneren
Angelegenheiten  des  ungarischen  Staates  gestattet  sei.  Die  Antwort  wird
mit  großer  Mehrheit  zur  Kenntnis  genommen.

Die  oben  erwähnte  Note  Kalnokys  vom  25.  April  lautet:  „Den
Brief,  mit  welchem  Ew.  Exzellenz  meine  Ansichten  zu  kennen  wünschen  über
eine  eventuell  zu  erteilende  Antwort  auf  eine  die  Reise  des  apostolischen
Nuntius  Agliardi  in  Ungarn  betreffende  Interpellation,  habe  ich  zu  erhalten
die  Ehre  gehabt,  zugleich  aber  Frhrn.  v.  Josika  auf  die  Schwierigkeit  hingewiesen,
  sch  ein  Urteil  über  das  Ausmaß  der  Einmischung  des  Nuntius
Agliardi  in  die  inneren  Angelegenheiten  Ungarns  zu  bilden,  so  lange  man
bloß  auf  Zeitungsnachrichten  beschränkt  ist.  Ich  erbat  mir  daher  durch
Frhrn.  v.  Josika,  der  eben  nach  Budapest  abgereist  ist,  gefälligen  Aufschluß
über  diese  Punkte  und  auch  die  längeren  Unterredungen,  welche  Ew.  Exzellenz
und  der  königliche  Unterrichtsminister  mit  Agliardi  in  Budapest  gepflogen
haben,  und  in  welchen  ohne  Zweifel  die  Bedenken  der  königlichen  Regierung
  gegen  das  Auftreten  Agliardis  in  Ungarn  präziser  formuliert  worden
find.  Das  soeben  erhaltene  Telegramm  enthält  aber  keine  dieser  von  mir
erbetenen  Informationen,  die  mich  in  die  Lage  versetzt  hätten,  die  Situation
auf  Grund  verläßlicher  Daten  zu  beurteilen;  doch  wiederholen  Ew.  Exzellenz
darin  den  Wunsch,  thunlichst  meine  Ansicht  über  die  eventuelle  Beantwortung
  einer  noch  nicht  vorliegenden  Interpellation  über  die  in  Betracht  kommenden
  Gesichtspunkte  zu  erhalten.  In  einer  so  heiklen  Angelegenheit,  wie  die
vorliegende,  muß  die  Beantwortung  einer  Interpellation  sich  nach  der  Fragestellung
  richten.  Ich  bin  also  nicht  in  der  Lage,  mich  auf  diese  Antwort
näher  einzulassen,  bevor  die  Frage  nicht  formuliert  zu  sein  scheint.  Was
nun  die  beiden  noch  maßgebenden,  bereits  genannten  Gesichtspunkte  betrifft,
die  Ew.  Exzellenz  dahin  formuliert  haben,  daß  die  Rücksichten,  die  hier
gegenüber  dem  Heiligen  Stuhle  zu  beobachten  seien,  ebenso  in  Betracht
kommen  sollen,  wie  die  speziellen  Verhältnisse  und  die  Wahrung  des  Rechtes,
daß  wir  keiner  Macht  die  Einmischung  in  innere  Angelegenheiten  zugestehen,
also  auch  dem  Heiligen  Stuhle  nicht,  so  halte  ich  die  Aufstellung  dieser
beiden  Gesichtspunkte  für  ganz  richtig.  Zum  ersten  dieser  Gesichtspunkte
kann  ich  nur  hervorheben,  daß  nebst  dieser  Rücksicht  für  den  greisen  Papst
es  auch  nicht  im  Interesse  Ungarns  sein  kann,  die  Beziehungen  zum  Heiligen
Stuhle,  mit  dem  es  gelungen  war,  trotz  der  langwierigen  kirchenpolitischen
Aktion  Freundschaft  zu  erhalten,  ernstlich  zu  stören.  Wenn  es  auch  hoffnungslos
  ist,  vom  Heiligen  Stuhle  ein  Aufgeben  seines  dogmatischen  Standpunktes
  über  die  Lösbarkeit  der  Ehe  zu  erhoffen,  so  ist  es  doch  nicht  gleichgültig,
  ob  bei  Durchführung  der  in  Rede  stehenden  Gesetze  der  Vatikan  eine
schroßere  oder  tolerante  Haltung  annehme.  Da  ich  vom  gemeinsamen  Stand-
        <pb n="225" />
        Die  Oesterreithisqh  ·  Angarishe  Monarcie.  (Mai  6.—9.)  217

punkte  auch  über  die  Beziehungen  des  österreichischen  Teiles  der  Monarchie
mum  Heiligen  Stuhle  zu  wachen  habe,  so  halte  ich  es  für  meine  Pflicht,
iese  Seite  der  Frage  ganz  besonders  zu  betonen.  Ob  dem  apostolischen
Nuntius  einfach  die  Stellung  des  Vertreters  einer  fremden  Macht  zustehe
und  alles,  was  darüber  geht,  inkorrekt  sei,  dies  wird  zwar  nach  moderner
Auffassung  theoretisch  behauptet,  —  so  namentlich  in  Frankreich,  wo  die
Gesetzgebung  die  Beziehungen  des  Episkopats  zum  Papste  und  dessen  Vertreter
  geregelt  hat  —  läßt  sich  aber  in  der  Praxis  selbst  in  Frankreich  nicht
wohl  durchführen,  weil  den  apostolischen  Nuntien  als  Vertreter  nicht  einer
weltlichen  Macht,  sondern  der  katholischen  Kirche  im  katholischen  Staate
immer  eine  von  der  der  anderen  Botschafter  wesentlich  verschiedene  Stellung
eingeräumt  wird.  Das  liegt  in  der  anerkannten  Suprematie  des  Papstes
über  die  katholische  Kirche  und  über  alle  Katholiken,  allerdings  nur  in
Glaubensfragen.  Aber  nichts  dürfte  schwieriger  sein,  als  die  Grenze  zu
ziehen,  bis  wohin  der  katholischen  Kirche  das  Recht  der  Verteidigung  zusteht
  und  wo  dieses  aufhört.  Einen  augenscheinlichen  Beweis  für  die  außergewöhnliche
  Stellung,  die  ein  Nuntius  in  einem  katholischen  Staate  genießt,
können  wir  sehen  in  der  solennen  Art,  wie  Monfignore  Agliardi  in  Ungarn
nicht  nur  vom  Episkopate,  sondern  auch  von  anderen  Schichten  der  Bevölkerung
  empfangen  wurde.  Würde  je  einem  fremden  Botschafter  Aehnliches
  begegnen:  Was  endlich  die  Einmischung  in  innere  Angelegenheiten,
die  nicht  Glaubenssachen  betreffen,  anlangt,  stehen  gewiß  so  genaue  Informationen
  zur  Verfügung,  daß  Ew.  Exzellenz  besser  in  der  Lage  sind,  hierüber
ein  Urteil  zu  bilden,  als  ich,  da  ich  auch  betreffs  der  speziellen  Verhältnisse
in  Ungarn  keinen  Anspruch  auf  volle  Sachkenntnis  erheben  könnte.  Doch
scheint  mir  eine  tadelnswerte  Taktlosigkeit  seitens  des  Nuntius  dadurch  begangen
worden  zu  sein,  daß  er  sich  nicht  begnügte,  nur  Besuche  bei  den  Kirchenfürsten  zu
machen,  die  ihn  eingeladen  hatten,  sondern  im  Gegensatze  zu  seinen  Vorgängern,
die  bei  solchen  Anlässen  nie  öffentlich  hervortraten,  Ansprachen  hielt,  die,  wie
schon  der  Standpunkt  des  Heiligen  Stuhles  ist,  nicht  anders  als  oppositionell
gegen  die  Regierungspolitik  ausfallen  konnten.  Vielleicht  trägt  hieran  auch
der  demonstrative  Empfang  Schuld,  welcher  dem  apostolischen  Nuntius  von
Seiten  des  ungarischen  Klerus  und  der  katholischen  Partei  zu  teil  wurde.
Jedenfalls  hätte  er  entweder  die  Reise  als  inopportun  verschieben  oder  sich
versichern  sollen,  daß  seine  Anwesenheit  keine  politischen  Unannehmlichkeiten
nachziehen  und  nicht  zu  Parteizwecken  ausgebeutet  werden  wird.  Auch  bin
ich,  falls  die  königlich  ungarische  Regierung  dies  für  angezeigt  erachtet,
bereit,  durch  die  kaiserlich-königliche  Botschaft  bei  dem  Heiligen  Stuhle
gegen  dieses  in  der  gegenwärtigen  Situation  entschieden  taktlose  Auftreten
und  Eingreifen  des  Nuntius,  welches  die  Agitation  in  Ungarn  noch  mehr
anzufachen  geeignet  ist,  Einspruch  und  Klage  zu  erheben  und  auch  den
Standpunkt  zu  vertreten,  welcher  jedes  Einmischen  des  apostolischen  Nuntius
in  die  kirchenpolitischen  Verhältnisse  und  Kämpfe  ausschließt.  gez.  Kalnoky.
Wien,  den  25.  April  1895.“

6.  Mai.  (Wien.)  Der  Kaiser  lehnt  das  Entlassungsgesuch
Kalnokys  ab.

9.  Mai.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Interpellation  über
die  Note  Kalnokys.

Die  Abgg.  Prinz  Liechtenstein  und  Dipauli  interpellieren  die
Regierung  wegen  der  Note  Kalnokys  und  fragen,  wie  die  Regierungen  Beleidigungen
  des  päpstlichen  Stuhles  zu  verhindern  gedenke.  inisterpräfident
  Fürst  Windischgrätz  erklärt:  „Die  kaiserliche  Regierung  billigt  voll-
        <pb n="226" />
        218  Bie  Gesterreihisch=  Angarisor  Monarpie.  (Mai  9.—16.)

kommen  die  von  dem  Minister  des  Aeußeren  in  seiner  Note  an  den  ungarischen
  Ministerpräsidenten  ausgesprochene  grundsätzliche  Anschauung,  wonach
weder  das  Oberhaupt  der  katholischen  Kirche  in  der  Leitung  der  kirchlichen
Angelegenheiten  in  dem  legitimen  Verkehr  mit  den  Gläubigen  von  Staatswegen
  behindert  werde,  noch  der  Staat  in  Ausübung  seiner  Rechte  irgend
eine  Einschränkung  von  außen  erfahren  solle.  Die  Regierung  glaubt  jedoch
auf  eine  meritorische  Beantwortung  der  in  der  zweiten  Interpellation  gestellten
  Frage  nicht  eingehen  zu  können,  weil  für  sie  innerhalb  ihres  Wirkungskreises
  ein  konkreter  Fall  nicht  vorliegt.  Mit  Rücksicht  auf  den  Umstand,
daß  die  in  der  ersten  Interpellation  gestellten  Fragen  ausschließlich  den
Amtsbereich  des  Ministers  des  Aeußern  berühren,  und  mit  Rücksicht  auf  die
Thatsache,  daß  eine  weitere  Besprechung  der  fraglichen,  noch  in  der  Schwebe
befindlichen  Angelegenheit  sowie  überhaupt  das  Aufwerfen  kirchenpolitischer
Fragen  ohne  einen  das  diesseitige  Staatsgebiet  berührenden  Anlaß  vom
Standpunkte  des  Staatsinteresses  nicht  erwünscht  sein  kann,  erlaube  ich  mir,
von  dem  durch  die  Geschäftsordnung  eingeräumten  Rechte  Gebrauch  zu  machen
und  die  Beantwortung  dieser  Interpellation  abzulehnen.

9.  Mai.  Österreich-Ungarn  und  Bulgarien  schließen  ein
provisorisches  Zollabkommen,  wonach  die  bulgarischen  Wertzölle  bis
Ende  1896  10½  %  betragen  sollen.

12.  Mai.  (Wien.)  Der  Kaiser  empfängt  den  Minister  des
Auswärtigen  Kalnoky,  den  ungarischen  Hofminister  Jofika  und  den
ungarischen  Ministerpräsidenten  v.  Banffy.

14.  Mai.  (Wien.)  Bürgermeisterkrifis.

Bei  der  Wahl  eines  ersten  Vizebürgermeisters  wird  der  bisherige
liberale  Vizebürgermeister  Richter  mit  70  gegen  66  Stimmen,  die  der  Antisemit
  Lueger  erhält,  wiedergewählt,  nimmt  aber  die  Wahl  wegen  der  geringen
  Majorität  nicht  an.  Hierauf  wird  Lueger  gewählt.  Der  liberale
Oberbürgermeister  Dr.  Grübl  legt  sein  Amt  nieder,  da  er  mit  einer  Majorität
  von  4  Stimmen  nicht  regieren  könne.

15.  Mai.  (Prag.)  Eröffnung  der  tschechisch-slavischen  Ausstellung.


15.  Mai.  (Wien.)  Der  Kaiser  genehmigt  das  Entlassungsgesuch
  des  Grafen  Kalnoky  und  ernennt  den  Grafen  Goluchowski

zum  Minister  des  Auswärtigen.

15./16.  Mai.  (Pest.)  Magnatenhaus.  Kirchenpolitische  Vorlagen.


Das  Haus  verwirft  mit  116  gegen  109  Stimmen  alle  auf  die  Konfessionslofsigkeit
  bezüglichen  Bestimmungen  des  Gesetzes  über  die  freie  Religionsübung.
  Das  Gesetz  muß  daher  abermals  verstümmelt  an  das  Abgeordnetenhaus
  zurückgehen.  Am  folgenden  Tage  wird  das  Gesetz  über  die

Rezeption  der  Juden  angenommen,  abgelehnt  wird  nur  die  Bestimmung,  die
den  Uebertritt  zum  Judentum  gestattet.

Mai.  Die  Presse  über  Kalnokys  Rücktritt.

Die  Urteile  der  ungarischen  Presse  lauten  verschieden.  Der  „Pester
Lloyd“"  würdigt  in  sehr  warmen  Worten  die  Verdienste  des  Grafen  Kalnoky
  und  bedauert  lebhaft,  daß  derselbe  bei  einem  untergeordneten  Teile
        <pb n="227" />
        Bie  Gesterreigis-Auzmische  Monu#hie.  (Mai  18.—20.)  219

seiner  Thätigkeit  gestrauchelt  ist.  Der  „Egyetertes“,  der  „Magyar
Hirlap“,  der  „Pesti  Naplo“  und  der  „Budapesti  Hirlap“  äußern
ihre  mehr  oder  minder  lebhafte  Befriedigung  über  den  Rücktritt  des  Grafen
Kalnoky.  Das  „Neue  politische  Volksblatt"“  meint,  die  Parole  sei
gewesen,  besser  den  Grafen  Kalnoky  opfern,  als  den  Ausgleich.  Die  „Neuzeit“
  erkennt  die  glänzenden  Eigenschaften  und  Verdienste  Kalnokys  zwar
an,  bemerkt  aber,  daß  Kalnokys  Einfluß  auf  die  inneren  Angelegenheiten
des  Reiches  das  Gegengewicht  dieser  Vorzüge  gewesen  sei.  Der  „Magyar
Uisay“  und  das  „Budap.  Tgb.“  lassen  den  Erfolgen  und  Verdiensten
Kalnokys  volle  Gerechtigkeit  widerfahren.  Das  „Neue  Pester  Journ."“
schreibt:  Während  des  Konfliktes  mußte  jeder  Ungar  zur  ungarischen  Sache
stehen,  jetzt  kann  man  aber  eingestehen,  daß  der  Rücktritt  Kalnokys  ein
großes,  vielleicht  folgenschweres  Ereignis  ist.

Die  Wiener  Blätter  sehen  Kalnoky  mit  Bedauern  scheiden.  Das
„Fremdenblatt“  sagt,  Ungarn  habe  keinen  Grund,  sich  des  Erfolges  zu
freuen;  Graf  Kalnoky  scheide,  aber  die  Quelle,  aus  welcher  die  schwere  Krisis
entsprungen,  sei  nicht  geschlossen  und  könne  jeder  Zeit  wieder  aufbrechen.
Die  „Neue  Freie  Presse“  hebt  hervor,  mit  welcher  Sicherheit  und  Weisheit
  die  Krone  den  richtigen  Ausweg  gefunden,  sei  ein  frohes  und  glückliches
  Ereignis,  aber  der  Verlust  des  hochverdienten  erfolgreichen  Staatsmannes
  beeinträchtige  die  Befriedigung.  Die  „Presse“:  Das  mit  der  Demission
  des  Grafen  Kalnoky  gebrachte  Opfer  sei  groß;  es  sei  zu  wünschen,
daß  die  Frage,  welche  den  Grund  für  den  Rücktritt  bildete,  nicht  ungelöst
auch  von  dem  Nachfolger  Kalnokys  übernommen  werden  müsse.  Das
„Vaterland“:  Gerade  in  dem  Konuflikte,  der  seinen  Rücktritt  herbeiführte,
that  Kalnoky  seine  volle  Pflicht,  indem  er  ein  einseitiges  Eingreifen  in  die
auswärtigen  Angelegenheiten,  für  welche  er  die  Verantwortung  zu  tragen
hatte,  entschieden  zurückwies.  Das  „Neue  Wiener  Tageblatt“:  Die
europäische  Friedenspolitik  büßte  einen  löblichen  Mitarbeiter  ein;  man  muß
wünschen,  daß  sein  Nachfolger  an  Europas  Höfen  und  bei  den  Kabinetten
ebenso  accrediert  sei,  wie  Kalnoky.

18.  Mai.  (Wien.)  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt  nach
dem  Antrage  des  Ausschusses  die  Steuerskala  der  Personaleinkommensteuer.


20.  Mai.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Debatte  über  die  Entlassung

  Kalnokys.

Abg.  Graf  Apponyi  tadelt,  daß  die  Entlassung  Kalnokys  ohne
Gegenzeichnung  erfolgt  sei  und  daß  die  Ursache  der  Demission  nicht  offiziell
bekannt  gegeben  sei.  Ferner  fragt  er,  ob  es  wahr  sei,  daß  der  Vorgänger
Banffys  das  Recht  Ungarns  auf  diese  Einflußnahme  nicht  geübt,  und  wer
das  gewesen,  Tisza,  Szapary  oder  Wekerle?  Ministerpräsident  Baron
Banffy:  Die  Enthebung  des  Ministers  des  Auswärtigen  sei  bisher  stets
ohne  Gegenzeichnung  ersolgt.  Die  Ursachen  des  Scheidens  des  Grafen
Kalnoky  seien  viel  zu  subjektiver  Natur,  als  daß  eine  öffentliche  Besprechung
derselben  am  Platze  sei.  Die  Einflußnahme  Ungarns  auf  die  auswärtigen
Angelegenheiten  sei  seit  28  Jahren  stets  ohne  Versäumnis  geübt  worden;
ein  neue  Auslegung  des  Ausgleichsgesetzes  sei  nicht  am  Platze.  Eine  abfällige
  Kritik  des  Grafen  Goluchowski  durch  Ugron  weist  der  Minister
scharf  zurück.

20.  Mai.  (Wien.)  Kundgebung  für  Agliardi.
Eine  große  katholische  Volksversammlung  spricht  ihre  Entrüstung
        <pb n="228" />
        220  Die  Gesterreichis-Angarische  Monerhie.  (Mai  24.—Juni  6.)

über  die  Angriffe  auf  den  Nuntius  Agliardi  aus  und  fordert,  daß  das
Recht  der  Kurie  durch  den  Nuntius  in  unmittelbaren  Beziehungen  zum
Episkopat  und  zu  den  Gläubigen  zu  bleiben,  nicht  beschränkt  werde.

24.  Mai.  (Wien.)  Der  neue  russische  Gesandte  Graf  Kapnist
  überreicht  sein  Beglaubigungsschreiben.

29./30.  Mai.  (Wien.)  Bürgermeisterkrisis.  Auflösung  des
Gemeinderats  (vgl.  S.  218).

Bei  der  Wahl  des  ersten  Bürgermeisters  an  Stelle  Dr.  Grübls  erhält
  nach  einigen  ergebnislosen  Wahlgängen  der  Kandidat  der  Antisemiten
Vizebürgermeister  Dr.  Lueger  70  Stimmen,  die  gesetzliche  Minimalziffer  für
die  Gültigkeit  der  Wahl.  Er  lehnt  die  Annahme  infolgedessen  ab  und  erhält
im  nächsten  Wahlgange  nur  65  Stimmen,  worauf  die  Wahlhandlung  vertagt
wird  (29.  Mai).  Am  folgenden  Tage  löst  der  niederösterreichische  Statthalter
  den  Gemeinderat  auf,  womit  zugleich  das  Amt  des  Vizebürgermeisters
erlischt.  Die  Verwaltung  übernimmt  ein  Regierungskommissar  mit  einem
Beirat  von  15  ehemaligen  Gemeinderatsmitgliedern,  unter  denen  sich  Dr.  Lueger
nicht  befindet.

3.  Juni.  (Wien.)  Entwurf  der  Wahlreform.

Das  von  der  Kommission  beschlossene  Wahlgesetz  will  die  Zahl  der
Abgeordneten  von  353  auf  400  erhöhen.  Die  47  neuen  Abgeordneten  sollen
von  solchen,  die  bisher  kein  Wahlrecht  besaßen,  in  2  Kurien  gewählt
werden  und  zwar  34  von  der  Gruppe  der  kleinsten  Steuerträger  (d.  h.  solche,
die  unter  5  Gulden  Steuern  zahlen)  und  13  von  der  in  Kassen  eingetragenen
Aieltershast.  Die  erste  Klasse  zählt  ca.  1200  000,  die  zweite  600000

er.

Von  größeren  Blättern  treten  nur  das  „Fremdenbl.“  und  die
„Presse“  dafür  ein,  alle  anderen  bekämpfen  ihn  heftig.

6.  Juni.  (Wien.)  Zusammentritt  der  Delegationen.  Budget.

Der  gemeinsame  Voranschlag  für  die  Gesamtmonarchie  pro  1896  zeigt
ein  gesamtes  Bruttoerfordernis  von  156  291  463  fl.  Nach  Abzug  der  vorhandenen
  Bedeckung  in  Höhe  von  2692  175  fl.  bleibt  ein  gesamtes  Nettoerfordernis
  von  153.599  288  fl.  Hiervon  gehen  ab  die  mit  49  047140  fl.
präliminierten  Zollgefällsüberschüsse;  es  verbleibt  ein  Erfordernis  von
104552  148  fl.  Hiervon  find  die  zu  Lasten  des  ungarischen  Staatsschatzes
zunächst  abzuziehenden  2  Prozent  mit  2  091  043  fl.  in  Abrechnung  zu  bringen,
so  daß  das  durch  Quotenbeiträge  zu  deckende  Erfordernis  102  461  105  fl.
beträgt.  Davon  entfallen  auf  die  Reichsratsländer  71722774  fl.,  auf  Ungarn
mit  den  dazu  gehörigen  Ländern  30  738332  fl.  Im  Vergleich  mit  dem
Budget  von  1895  ist  der  Quotenbeitrag  der  Reichsratsländer  für  1896  um
1860  401  fl.  größer,  jener  Ungarns  um  797  315  fl.  Der  Heeresvoranschlag
weist  ein  ordentliches  Erfordernis  von  122  215.042  fl.  auf;  nach  Abzug  der
vorhandenen  Bedeckung  in  Höhe  von  2  469  873  fl.  verbleibt  ein  ungedecktes
Erfordernis  von  119  745  169  fl.  Das  außerordentliche  Erfordernis  beträgt
14  389  659  fl.  Ein  Vergleich  der  ordentlichen  Heereserfordernisse  für  1896
mit  der  Bewilligung  für  1895  ergibt  für  1896  eine  Steigerung  des  Bruttoerfordernisses
  um  3713  576  fl.,  eine  Erhöhung  des  Nettoerfordernisses  um
3699  213  fl.  Der  Voranschlag  für  die  Kriegsmarine  beziffert  das  ordentliche
  Erfordernis  auf  10  364  060  fl.,  das  außerordentliche  Erfordernis  auf
3117200  fl.,  insgesamt  sonach  auf  13  481  260  fl.,  d.  h.  auf  5000000  fl.
mehr  als  für  1895.  Der  Voranschlag  für  die  Truppen  und  die  Militäranstalten
  in  Bosnien  und  der  Herzogewina  weist  ein  außerordentliches
        <pb n="229" />
        Die  Gesterreichisch-Angarische  Monarcie.  (Juni  8.—11.)  221

Heereserfordernis  von  3559  000  fl.  auf;  bei  einer  Bedeckung  von  400000  fl.
stellt  sich  das  Nettoerfordernis  auf  3  519.000  fl.,  also  gegen  1895  um
63  000  fl.  geringer.  Hiervon  entfallen,  nach  Abzug  von  2  Proz.  zu  Lasten
des  ungarischen  Schatzes,  auf  die  Reichsratsländer  2  414  034  fl.,  auf  die
ungarischen  Länder  1  034  586  fl.  Aus  dem  außerordentlichen  Heeresbudget
ist  die  6.  Rate  im  Betrage  von  1  800  000  fl.  zur  Fortsetzung  der  Beschaffung
von  Repetier-Gewehren  und  Karabinern  hervorzuheben.  Da  mit  dem  pro
1891  eingestellten  Gesamterfordernis  von  9772000  fl.  nur  die  Neubewaffnung
  der  Infanterie,  der  Jägertruppe  und  der  Kavallerie  beendet  ist,  so
spricht  sich  das  Kriegsministerium  für  die  succesfive  Neubewaffnung  der  übrigen
Truppen  aus,  sowie  für  die  Nachschaffung  des  Kredites  von  20  027000  fl.,
wodurch  sich  der  gesamte  Kredit  auf  29  800  000  fl.  erhöht.  Hiervon  wird
der  bereits  erwähnte  Teilbetrag  von  1  800  000  fl.  pro  1896  verlangt.  Die
übrigen  Hauptposten  des  außerordentlichen  Heeresbudgets  betreffen  teils
weitere  Raten  oder  die  Fortsetzung  der  Kredite  für  bereits  früher  bewilligte
Erfordernisse,  so  für  die  Verstärkung  der  Armierung  einiger  fester  Plätze
und  für  die  Einführung  rauchlosen  Pulvers  je  1000000  fl.  2c.,  teils  einmalige
  Erfordernisse  zur  Durchführung  organisatorischer  Aenderungen  sowie
für  Militär-Erziehungs=  und  Bildungsanstalten.

8.  Juni.  (Wien.)  Der  Kaiser  empfängt  die  Delegationen

und  hält  folgende  Ansprache:

„Die  Versicherung  treuer  Ergebenheit,  die  Sie  mir  wieder  ausgesprochen
  haben,  erfüllt  mich  mit  aufrichtiger  Genugthuung.  Mit  lebhafter
Befriedigung  kann  ich  hervorheben,  daß  seit  der  letzten  Delegationssession
die  auswärtigen  Verhältnisse  der  Monarchie  sehr  erfreuliche  geblieben  sind.
Die  erfolgreiche  Pflege  der  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  allen  europäischen
  Mächten  haben  zur  Beruhigung  und  zur  Konsolidierung  des  allgemeinen
  Friedens  wesentlich  beigetragen.  Festhaltend  an  den  bisherigen  bewährten
  Grundlagen  unserer  Politik,  werden  die  Bestrebungen  meiner  Regierung
  auch  weiterhin  auf  die  Stärkung  dieses  für  unsere  und  für  die
gemeinsamen  Interessen  Europas  befriedigenden  Zustandes  gerichtet  werden.
Die  Mehrforderungen  meiner  Kriegsverwaltung  bewegen  sich  in  den  gleichen
Grenzen  wie  im  Vorjahre.  Sie  entsprechen  der  Notwendigkeit,  die  dank  der
Opferwilligkeit  meines  Volkes  geschaffene  Organisation  und  Ausrüstung  des
Heeres  und  der  Kriegsmarine  weiter  auszugestalten  und  diese  beiden  Teile
der  bewaffneten  Macht  auf  der  Höhe  ihrer  Aufgabe  zu  erhalten.  Die
wirtschaftliche  und  finanzielle  Lage  der  Monarchie  wird  hierbei  möglichst
berücksichtigt  werden.  Die  Verhältnisse  Bosniens  und  der  Herzegowina
weisen  sowohl  in  wirtschaftlicher,  als  in  jeder  anderen  Beziehung  eine  unverändert
  befriedigende  Entwickelung  auf;  diese  Länder  werden  auch  im
Jahre  1896  in  der  Lage  sein,  für  ihre  Bedürfnisse  aus  eigenen  Mitteln
aufzukommen.  Indem  ich  die  Ihnen  zugehenden  Vorlagen  Ihrem  patriotischen
  Eifer  und  Ihrer  bewährten  Einsicht  empfehle,  wünsche  ich  Ihren  Arbeiten
  besten  Erfolg  und  heiße  Sie  herzlich  willkommen."“

11.  Juni.  (Wien.)  Im  auswärtigen  Ausschuß  der  ungarischen
  Delegation  hält  der  Minister  des  Auswärtigen  Graf  Goluchowski

  folgende  Rede  über  die  politische  Lage:

„Es  gereicht  mir  zur  besonderen  Ehre,  zum  Nachfolger  des  hochverdienten
  Staatsmannes  ausersehen  worden  zu  sein,  der  beinahe  14  Jahre
mit  ebensoviel  Glück  als  Geschick  die  auswärtigen  Angelegenheiten  der  Monarchie
  geleitet  hat,  und  unter  dem  die  Politik,  die  wir  als  die  richtigste
        <pb n="230" />
        222  Die  Oefterreitisqh  ·  Angarische  Menarcie.  (Juni  12.)

und  entsprechendste  für  unsere  Interessen  wohl  erkennen  müssen,  so  tief
Wurzel  gefaßt  hat.  Diese  Politik,  deren  treuer  und  überzeugter  Anhänger
ich  stets  gewesen  bin,  läßt  sich  in  den  folgenden  kurzen  Worten  zusammenfassen:
  Unverbrüchliches  Festhalten  an  der  durch  den  Friedensbund  der  drei
europäischen  Zentralmächte  geschaffenen  Grundlage,  welche  die  Pflege  der
besten  und  freundschaftlichsten  Beziehungen  zu  allen  übrigen  Mächten  ohne
Unterschied  nicht  nur  nicht  ausschließt,  sondern  geradezu  bedingt.  Die  freundschaftlichen
  Beziehungen,  wie  wir  sie  heute  durchgehends  unterhalten,  entsprechen
demnach  so  unbedingt  den  Zwecken  und  Zielen  unseres  Bundesverhältnisses
zu  Deutschland  und  Italien,  daß  deren  Erhaltung  und  Förderung  sich  geradezu
  als  ein  Gebot  der  Pflicht  aufzwingt,  und  seien  Sie,  meine  Herren,
überzeugt,  daß  ich  nichts  unterlassen  werde,  dieser  Aufgabe  gerecht  zu  werden.
Aus  den  vorstehenden  Ausführungen  können  Sie  nunmehr  ersehen,  daß
trotzdem  ein  Personenwechsel  im  Ministerium  des  Aeußern  stattgefunden
hat,  von  einer  Aenderung  in  der  Orientierung  unserer  auswärtigen  Politik
oder  gar  von  einem  Systemwechsel  alsolut  nicht  die  Rede  sein  kann.  Die
Resultate,  die  wir  auf  dem  bisher  erfolgten  Weg  erzielt  haben,  sind  so  befriedigender
  Natur,  daß  wir  nichts  Besseres  zu  wünschen  rermögen,  und
zwar  um  so  weniger,  als  der  dadurch  geschaffene  Zustand  am  getreuesten
den  Traditionen  und  Aspirationen  der  Monarchie  entspricht,  welche,  weit
entfernt,  aggressive  Tendenzen  zu  verfolgen,  stets  bestrebt  war,  in  der  friedlichen
  Entwickelung  der  internationalen  Beziehungen,  in  der  Stärkung  ihres
Ansehens  und  ihrer  Machtstellung  nach  außen,  sowie  in  der  Förderung  des
Fortschritts  und  der  Wohlfahrt  der  Völker  Genugthuung  und  Befriedigung
zu  suchen.  Seit  dem  Zusammentritt  der  letzten  Delegationen  hat  die  erfreuliche
  politische  Lage,  die  ich  soeben  zu  konstatieren  die  Ehre  hatte,  keinerlei
  Aenderung  erfahren,  und  ich  sehe  am  Horizont  keine  ernste  Wolke,  die
in  mir  die  Befürchtung  wachrufen  könnte,  daß  die  Lage  in  absehbarer
Zeit  eine  Trübung  erleide.  Angesichts  so  ruhiger  Konstellationen  erblicke
ich  zunächst  ein  besonderes  Feld  der  Thätigkeit  für  mich  in  der  allmählichen
Entwickelung  unserer  Handelspolitik  und  in  der  damit  eng  verknüpften
rationellen  Organisation  gewisser  Zweige  unseres  Vertretungs=  respektive
Konsularwesens.  Zu  diesem  Behufe  nehme  ich  mir  vor,  bei  der  nächstjährigen
  Delegation  mit  Vorschlägen  an  Sie  heranzutreten,  die  allerdings
neue  Opfer  in  Anspruch  nehmen  werden,  deren  Durchführung  aber  im  Hinblicke
  auf  die  durch  die  jüngsten  Ereignisse  im  äußersten  Osten  geänderten
Verhältnisse  notwendig  erscheinen  wird.  Nun  gestatten  Sie,  meine  Herren,
daß  ich  für  diesmal  von  weiteren  Erörterungen  Umgang  nehme.  Ich  bin
noch  zu  kurz  im  Amte,  zu  wenig  mit  den  einzelnen  Detailfragen  meines
Ressorts  vertraut,  um  mich  in  eine  eingehendere  Darstellung  einzulassen.
Es  erübrigt  mir  nur  mehr,  mich  Ihrem  Wohlwollen  zu  empfehlen  und  Sie
zu  bitten,  überzeugt  zu  sein,  daß  ich  nichts  unterlassen  werde,  um  in  Zukunft
  auch  Ihr  Vertrauen  zu  gewinnen,  denn  ich  brauche  nicht  erst  die  Versicherung
  zu  geben,  daß  ebenso  wie  die  Interessen  der  Gesamtmonarchie
mir  auch  die  Interessen  jedes  Teiles  derselben  und  mithin  die  Interessen
Ungarns  sehr  eng  ans  Herz  gewachsen  sind,  und  daß  ich  immer  bemüht
und  bestrebt  sein  werde,  dieselben  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  zu  vertreten.
  (Zustimmung  und  lebhafte  Eljenrufe.)

12.  Juni.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Steuerreform.

Das  Haus  genehmigt  die  Bestimmungen  über  die  Oeffentlichkeit  der
Einkommenregister  und  die  Strafbestimmungen  über  Mißbrauch  der  Oeffentlichkeit.
  Die  Sitzung  dauert  infolge  von  Obstruktion  der  Jungtschechen
und  Antisemiten  von  10  Uhr  morgens  bis  2  Uhr  nachts  und  verläuft  teilweise
  sehr  stürmisch.
        <pb n="231" />
        Die  Gesterreichisch-Nn#rische  Monarsie.  (Juni  12.—20.)  223

12.  Juni.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Ceillifrage  (vol.
S.  209).

In  der  Beratung  des  Budgetausschusses  über  den  Posten  Cilli  erklärt
  der  Unterrichtsminister  v.  Madeyski,  die  Regierung  müsse  an  dem
Grundsatze,  den  kulturellen  Bedürfnissen  aller  Nationalitäten  Rechnung  zu
tragen,  seiporn.  Die  Errichtung  utraquistischer  Anstalten  in  gemischtsprachigen
  Bezirken  sei  ein  Bedürfnis,  die  zuerst  in  Marburg  versuchte  Utraquisierung
  habe  sich  dort  bewährt.  Der  Beschluß  des  steirischen  Landtags
habe  nicht  die  ihm  zugeschriebene  Bedeutung,  weil  er  in  Abwesenheit  der
slovenischen  Abgeordneten  gefaßt  wurde.  Die  Regierung  achte  gern  alle
nationalen  Empfindungen,  die  in  Rede  stehende  Maßnahme  sei  jedoch  bereits
  als  wichtig  erkannt  und  ihre  Durchführung  beschlossen.  Der  Posten
wird,  nachdem  gch  ein  deutsch-klerikales  Mitglied  des  Hohenwartklubs
scharf  gegen  die  Deutschen  ausgesprochen  hat,  gegen  die  Stimmen  der  Deutsch-Liberalen,
  der  Deutsch-Nationalen,  Christlich-Sozialen  und  Italiener  angenommen.


13./17.  Juni.  (Wien.)  Haltung  der  deutschen  Linken  in  der
Cillifrage  (vgl.  oben).  Austritt  aus  der  Koalition.

Die  vereinigte  deutsche  Linke  macht  folgendes  bekannt:  „Die  vereinigte
  deutsche  Linke  hielt  eine  zahlreich  besuchte  Versammlung  ab.  Unter
Zustimmung  aller  anwesenden  Parteimitglieder  sprach  sich  die  Partei  dahin
aus,  daß  das  Festhalten  der  anderen  koalierten  Parteien  an  ihrem  Standpunkt
  betreffend  das  slovenische  Gymnasium  in  Cilli  es  der  vereinigten
deutschen  Linken  zur  Unmöglichkeit  machen  muß,  der  Koalition  weiter  anugehören.
  In  besonders  lebhafter  Weise  wurden  die  feindseligen  Ausführungen
  einzelner  Mitglieder  der  Koalitionsparteien  aufgenommen.  Die
vereinigte  deutsche  Linke  betont  die  scharf  ablehnende  Haltung,  die  der
Unterrichtsminister  in  der  Cillier  Frage  der  vereinigten  deutschen  Linken
gegenüber  in  der  letzten  Sitzung  des  Budgetausschusses  eingenommen.  Der
Vorstand  wurde  beauftragt,  ohne  Verzug  eine  Klubversammlung  einzuberufen,
  in  welcher  im  Sinne  der  Klubstatuten  die  Klubmitglieder  einen  ver-Falchtenen
  politischen  Beschluß  über  die  Cillier  Frage  zu  erfassen  berechtigt
ein  würden.“

Am  17.  publiziert  fie  folgenden  Klubbeschluß:  „Die  vereinigte  Linke
spricht  sich  dahin  aus,  daß  das  Festhalten  der  anderen  koalierten  Parteien
an  ihrem  Standpunkte  betreffend  das  slovenische  Gymnasium  in  Cilli  es
der  vereinigten  Linken  unmöglich  mache,  der  Koalition  weiter  anzugehören.“

18./119.  Juni.  (Wien.)  Rücktritt  der  Koalitionsregierung.

Infolge  des  Beschlusses  der  deutschen  Linken  aus  der  Koalition  auszutreten,
  nimmt  das  Ministerium  Windischgrätz  seine  Entlassung.  An  seine
Stelle  tritt  ein  Geschäftsministerium.  Präsident  und  Minister  des  Innern
wird  der  Statthalter  von  Nieder-Oesterreich  Graf  Kielmannnsegg,  von
den  alten  Ministern  bleiben  nur  Graf  Welsersheimb  (Landesverteidigung)
und  v.  Jaworski  (poln.  Landsmannminister)  im  Amte.  Die  übrigen
Ressorts  werden  vorläufig  den  Sektionschefs  übertragen:  Böhm  v.  Bawerk
(Finanzen),  v.  Blumfeld  (Ackerbau),  v.  Witteck  (Handel)d,
(Unterricht),  v.  Kralenberg  (Justiz).  Von  diesen  wird
v.  Bawerk  zum  Minister  ernannt.

15./20.  Juni.  (Wien.)  Delegationen.

Genehmigung  des  Budgets  der  Kriegs  und  der  Me
garischen  Delegation  (15.  Juni),  in  der  österreichischen  am
        <pb n="232" />
        224  Hie  Gesterreichis-Angerische  K##archie.  (Juni  20.—Juli  1.)

20.  Juni.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Ministerpräfident
Graf  Kielmannsegg  gibt  folgende  Erklärung  ab:

„Das  neuernannte  Ministerium  hat  die  Aufgabe,  die  laufenden  Geschäfte
  bis  zur  Bildung  eines  endgültigen  Kabinets  zu  führen  und  ist  hiernach
  vor  allem  der  geregelte  Gang  des  Staatshaushalts  sicher  zu  stellen.
Das  Ministerium,  dessen  neue  Mitglieder  Beamte  sind,  erkennt  natürlich
in  stärkstem  Maße  die  Notwendigkeit  an,  behufs  ordnungsmäßiger  Gebarung
des  Staatshaushalts  die  Budgetberatung  zum  abschluß  zu  bringen.  Um
hiefür  die  nötige  Zeit  zu  gewähren,  wird  der  Finanzminister  noch  heute  die
Gesetzentwürfe  betreffend  Forterhebung  der  Steuern,  Abgaben  und  Bestreitung
des  Staatsaufwandes  während  des  Monats  Juli  überreichen.  Der  Ministerpräsident
  bittet  daher,  die  Regierung  bei  Erfüllung  ihrer  schwierigen  Aufgaben
  im  allgemeinen  Staatsinteresse  wohlwollend  unterstützen  zu  wollen.“

22.  Juni.  (Wien.)  Plenarsitzung  der  österreichischen  Delegation.


Sämtliche  Redner  mit  Ausnahme  der  Jungtschechen  sprechen  ihr  Vertrauen
  in  die  Leitung  der  Auswärtigen  Politik  aus.  Abg.  Süß  widmet
dem  Grafen  Kalnoky  Worte  der  Anerkennung.  Abg.  Herold  (Jungtsch.):
Seine  Partei  erblicke  im  Dreibund  eine  Gefahr  für  die  Interessen  der  ganzen
Monarchie.  Das  Budget  der  Auswärtigen  wird  gegen  die  Stimmen  der
Jungtschechen  angenommen.  (Annahme  in  der  ungarischen  20.  Junig).

26.  Juni.  (Wien.)  Schluß  der  Delegationen.

28.  Juni.  (Pest.)  Pairsschub.

Der  König  ernennt  fünf  Großgrundbesitzer  zu  erblichen  Mitgliedern
des  Magnatenhauses.  Damit  ist  eine  liberale  Majorität  hergestellt  und  die
Durchführung  der  Kirchengesetze  gesichert.

1.  Juli.  (Pest.)  Genehmigung  der  Kirchengesetze.

Der  König  genehmigt  das  Inkrafttreten  der  Kirchengesetze  zum
1.  Oktober  und  die  darauf  bezüglichen  Ausführungsverordnungen.  Hierin
werden  die  Standesbeamten  angewiesen,  die  Parteien  darauf  aufmerksam
zu  machen,  daß  mit  der  Eheschließung  vor  dem  Standesamt  und  mit  der
Eintragung  der  Geburten  in  die  Staatsmatrikel  die  Pflichten  gegen  die
Kirche  noch  nicht  erfüllt  sind.

1.  Juli.  (Wien.)  Schluß  der  Beratungen  über  die  internationale
  Regelung  der  Zuckerprämien.

Die  „Polit.  Korr.“  berichtet  darüber:  „Die  Beratungen  über  die
internationale  Regelung  der  Zuckerpämien,  die  Ende  voriger  Woche  im  Auswärtigen
  Amte  begonnen  hatten,  haben  gestern  ihren  Abschluß  gefunden.
Vorläufig  handelte  es  sich  nur  um  einen  informativen  Ideenaustausch  über
den  ganzen  Komplex  der  Fragen,  die  mit  den  Zuckerprämien  zusammenhängen.
  Es  wurden  alle  Eventualitäten,  darunter  auch  jene  der  Kontingentierung
  der  Zuckerproduktion,  in  eingehende  Erwägung  gezogen,  wobei
sich  über  einzelne  Punkte  volle  Uebereinstimmung  zwischen  den  österreichischen,
ungarischen  und  deutschen  Teilnehmern  an  der  Konferenz  ergab,  während
bezüglich  anderer  Meinungsverschiedenheiten  auftauchten.  Das  Ergebnis
der  Verhandlungen  wird  nunmehr  den  Regierungen  vorgelegt  und  von  deren
Beschlüssen  wird  es  abhängen,  ob  und  welche  Schritte  in  der  angeregten
Angelegenheit  zunächst  unternommen  werden.
        <pb n="233" />
        Bie  Gesterreigisc=  Anzarische  Menartzie.  (Juli  3.—14.)  225

3.  Juli.  (Wien.)  Der  Führer  der  Deutsch-Liberalen,  Plener,
in  der  Koalitionsregierung  Finanzminister,  legt  sein  Abgeordnetenmandat
  nieder  und  wird  (30.  Juli)  zum  Präsidenten  des  gemeinsamen
  Rechnungshofs  ernannt.

5.  Juli.  (Prag.)  Omladina  und  Jungtschechen.

Die  Vertreter  der  omladinistischen  Fraktion  beschließen  für  den  Fall,
daß  die  jungtschechischen  Abgeordneten  die  Oppofsition  nicht  entschieden  weiterführen
  wollen,  bei  den  nächsten  Landtagswahlen  mit  einem  selbständigen
Kandidaten  hervorzutreten.

10.  Juli.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Annahme  der  Position
  Cilli.

Abg.  Kaltenegger  (deutsch-klerikal)  für  die  Annahme  der  Position,
die  eine  Forderung  der  Gerechtigkeit  sei.  Von  der  Linken  wird  er  stürmisch
unterbrochen  und  Verräter  genannt,  er  antwortet  seine  Meinung  sei  dieselbe
  wie  der  früheren  deutsch-liberalen  Minister  v.  Plener  und  Graf
Wurmbrand.  Dr.  Rittner  (Leiter  des  Unterrichtsministeriums):  Zu  dieser
Frage  vom  politischen  Standpunkte  aus  Stellung  zu  nehmen,  liege  der  gegenwärtigen
  Regierung  nach  der  Natur  ihrer  Aufgabe  durchaus  fern,  fie  müsse
vielmehr  diese  Frage  der  Beurteilung  und  Entscheidung  des  Haufes  anheimstellen.
  Abgeordneter  Graf  Wurmbrand  (früher  Handelsminister)  erklärt
Kalteneggers  Behauptung,  Plener  und  er  hätten  im  Ministerrat  für  den
Posten  Cilli  gestimmt,  für  falsch.  „Wir  waren  uns  bewußt,  daß  gerade
die  Errichtung  der  slovenischen  Mittelschule  in  Cilli  zur  Verhetzung  im  Lande
beitragen  werde.  Wenn  Kaltenegger  behauptete,  er  sei  in  Uebereinstimmung
mit  den  beiden  Ministern  der  Linken  gewesen,  so  muß  ich  gegen  eine  solche
Gesellschaft  im  eigenen  und  im  Namen  Pleners  protestieren."

Die  Forderung  wird  mit  173  gegen  143  Stimmen  angenommen.
Dagegen  stimmt  die  Linke,  die  Deutschnationalen,  alle  Antisemiten  und
Italiener,  ferner  Kronawetter  und  Pernerstorfer,  dafür  die  Rechte,  alle  slavischen
  Abgeordneten  und  Klerikaleren.  Von  den  frühen  Ministern  stimmen
Falkenhayn  und  Madeyski  mit  der  Rechten,  Wurmbrand  mit  der  Linken.

Juli.  Die  Presse  über  den  Beschluß  in  der  Cillifrage.

Das  „Fremdenblatt“  meint,  bei  sachlicher  Behandlung  der  Frage
hätte  sich  eine  Einigung  erzielen  lassen.  Die  ungeschickte  Taktik  der  deutschen
  Linken  habe  eine  ihr  wohlwollende  Regierung  gestürzt,  ohne  die  Bewilligung
  des  Cillier  Gymnasiums  verhindern  zu  können.“

„Neue  Freie  Presse“:  Der  Beschluß  sei  ein  Verrat  am  Vaterlande,
  an  dem  Graf  Hohenwart  die  Schuld  trage.  Das  „Neue  Wiener
Tageblatt“  greift  die  Klerikalen  heftig  an,  die  keine  deutsche  Gefinnung
besäßen.  „Vaterland“  (klerikal):  durch  die  Entscheidung  der  Cillier
Frage  sei  wieder  gezeigt  worden,  daß  selbst  unter  den  zerfahrensten  parlamentarischen
  Verhältnissen  eine  slavenfeindliche  Politik  in  Oesterreich  nicht
möglich  sei.  Welche  Partei  immer  Anspruch  auf  ernste  Beachtung  erheben
wolle,  müsse  mit  dieser  Thatsache  rechnen.

14.  Juli.  (Steiermark.)  Protest  gegen  die  Bewilligung
der  Cilliforderung.

In  einer  zahlreich  besuchten  Wählerversammlung  des  städtischen  und
Landgemeinde-Wahlbezirks  zu  Graz  wird  eine  Resolution  angenommen,  in
welcher  gegen  die  geplante  Errichtung  eines  slovenischen  Gymnasiums  in

Gurop.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.  15
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        226  Nie  Gesterreichisch-Angerische  Menarchie.  (Juli  18.—  eptember  11.)

Cilli  Verwahrung  eingelegt  und  die  bestimmte  Erwartung  ausgesprochen
wird,  daß  die  vereinigte  deutsche  Linke  in  der  dritten  Lesung  gegen  das
Budget  stimmen  werde.

18.  Juli.  (Wien.)  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt  mit
großer  Mehrheit  definitiv  den  gesamten  Civilprozeßentwurf.

19.  Juli.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Annahme  des  Budgets
  und  des  Finanzgesetzes.

Bei  der  Schlußberatung  über  das  Finanzgesetz  erklärt  Lueger  im
Namen  der  Antisemiten,  wegen  Cilli  und  wegen  des  bevorstehenden  Ausgleichs
  mit  Ungarn  gegen  das  Budget  zu  stimmen;  wegen  Cilli  erklärte
auch  Bareuther  namens  der  Deutschnationalen  und  Kraus  namens  der
keinem  Klub  angehörenden  steirischen  Abgeordneten,  gegen  das  Budget  zu
stimmen.  Graf  Rhuenburg:  Die  vereinigte  deutsche  Linke  wahre  stets
gewissenhaft  die  nationalen  Interessen  und  werde  der  Folgen  unbeschadet
auch  weiterhin  ihre  nationale  Pflicht  erfüllen;  aber  die  Ablehnung  des
Budgetgesetzes  in  dritter  Lesung  sei  der  gegenwärtigen  provisorischen  Regierung
  gegenüber  ewas  Untergeordnetes  und  würde  die  Errichtung  slovenischer
Parallelklassen  in  Cilli  nicht  verhindern,  deshalb  werde  er  und  die  Mehrzahl
  seiner  Parteigenossen  für  das  Budget  stimmen.  Budget  und  Finanzesetz

  werden  mit  großer  Mehrheit  angenommen;  von  der  deutschen  Linken
timmen  17  dagegen,  28  fehlen.

25.  Juli.  (Wien.)  Das  Herrenhaus  genehmigt  das  Budget,
und  hierauf  wird  der  Reichsrat  vertagt.

5.  August.  (Ischl.)  Zusammenkunft  des  Kaiserpaares  mit
dem  König  und  der  Königin  von  Rumänien.  Anwesend  ist  ferner
der  Minister  des  Auswärtigen  Graf  Goluchowski.

10.  August.  (Pest.)  Nationalitätenkongreß.

Vertreter  der  Rumänen,  Slovaken  und  Serben  vereinbaren  einen
Programmentwurf  mit  folgenden  Hauptforderungen:  Wahrung  der  Unversehrtheit
  des  Landes,  dem  jedoch  ein  Volk  nicht  das  Gepräge  geben  dürfe;
einen  Bund  zwischen  Slovaken,  Rumänen  und  Serben  unter  Aufrechterhaltung
  des  bisherigen  Programmes;  nationale  Selbstverwaltung  im  Rahmen
der  Komitatseinteilung;  Reform  des  Nationalitäten=  und  des  Wahlgesetzes;
Abänderung  der  kirchenpolitischen  Gesetze;  Aufklärung  der  europäischen  Presse.
(Vgl.  Mille:  La  question  des  nationalités  en  Hongrie.  Rev.  polit,  et
parlam.  II,  12.)

1.  September.  Der  Kaiser  reist  zu  den  Manövern  nach  Böhmen,
am  8.  nach  Pommern  (vgl.  S.  181),  Rückkehr  nach  Wien  am  14.  September.


11.  September.  Der  Kaiser  ernennt  den  deutschen  Kaiser
zum  General  der  Kavallerie  durch  folgendes  Handschreiben:

„Euer  Kaiserliche  und  Königliche  Majestät  haben  mir  durch  die  Einladung
  zu  den  Manbvern  Ihrer  Armee  eine  große  Freude  bereitet.  Sie
war  mir  vor  allem  willkommen  als  ein  wiederholter  Beweis  der  mir  und
meinem  Heere  so  wertvollen  freundschaftlichen  Gesinnung  Euerer  Kaiserlichen
und  Königlichen  Majestät.  Als  besondere  Auszeichnung  habe  ich  es  empfunden,
  neuerdings  in  der  Mitte  Euerer  Kaiserlichen  und  Königlichen
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        Vie  Gesterreichisch-  Angarische  Monrhie.  (September  16.—Oktober  2.)  227

Majestät  ruhmreicher  Armee  weilen  zu  können.  Mit  aufrichtiger  Genugthuung
  erfüllte  es  mich  hierbei  durch  die  hohe  Würde,  welche  Euere  Kaiserliche
  und  Königliche  Majestät  mir  zu  verleihen  geruht  haben,  Euer  Kaiserlichen
  und  Königlichen  Majestät  Heere  nur  noch  näher  getreten  zu  sein.
Beseelt  von  dem  Wunsche,  die  herzlichsten  Beziehungen  unserer  Armeen  noch
enger  zu  gestalten,  gereicht  es  mir  nun  zur  besonderen  Freude,  Euere  Kaiserliche
  und  Königliche  Majestät  zu  bitten,  als  oberster  Inhaber  zweier  Regimenter
  auch  die  Uniform  eines  Generals  der  Kavallerie  meiner  Armee  tragen
zu  wollen.  Diese  würde  hierin  eine  besonders  hohe  Auszeichnung  und  ein
neues  Band  der  Waffenbrüderschaft  erblicken.“

16.  September.  Der  Kaiser  begnadigt  die  im  Memorandum-Prozeß
  zu  mehrjährigen  Gefängnisstrafen  verurteilten  rumänischen
Agitatoren  (vgl.  1894  S.  210).

17.  bis  26.  September.  (Wien.)  Gemeinderatswahlen  (vyl.
30.  Mai).

Im  dritten  Wahlkörper  gewinnen  die  Anlisemiten  sämtliche  46  Mandate
  (17.  Sept.),  im  zweiten  (23.  Sept.)  werden  13  Liberale  und  33  Antiliberale,
  im  ersten  33  Liberale  und  3  Antiliberale  gewählt  (26.  Sept.),  so
daß  die  Antiliberalen  die  Zweidrittelmehrheit  besitzen.

26.  September.  (Pest.)  Zusammentritt  des  Reichstags.
29.  September.  (Prag.)  Versammlung  jungtschechischer  Vertrauensmänner.


Die  Versammlung  genehmigt  den  von  Dr.  Herold  begründeten  Wahlaufruf,
  der  das  Hauptgewicht  auf  das  allgemeine  Stimmrecht  legt.  Bezüglich
  der  Stellungnahme  gegenüber  dem  künftigen  Ministerium  wird  beschlossen,
dessen  Programm  abzuwarten  und  für  den  Fall,  daß  die  Regierung  den
Jungtschechen  in  ihren  wesentlichen  programmatischen  Punkten  entgegenkäme,
den  jungtschechischen  Reichsrats-Abgeordneten  freie  Hand  zu  etwaigen  Verhandlungen
  mit  der  Regierung  zu  gewähren.

30.  September.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus  Budget  pro  1896.

Die  ordentlichen  Ausgaben  betragen  437  366  347  Gulden  gegen
42.072698  fl.  im  vorigen  Jahre,  die  transitorischen  Ausgaben  9  372  219  fl.
gegen  20  762  566  fl.,  Investitionen  19  620  371  fl.,  die  außerordentlichen
gemeinsamen  Ausgaben  6  628  307  fl.,  zusammen  472987244  fl.  Die  ordentlichen
  Einnahmen  betragen  462  644  100  fl.,  die  transitorischen  Einnahmen
10  420  298,  zusammen  473  064  398  fl.  Es  verbleibt  somit  ein  Ueberschuß
von  77154  fl.  In  der  ordentlichen  Gebahrung  allein  beträgt  der  Ueberschuß
  25  277757  fl.  In  der  Erläuterung  zu  dem  Budget  wird  die  Erhöhung
  der  ordentlichen  Ausgabe  um  16  Millionen  Gulden  durch  den  steigenden
  Bedarf  der  Staatsbetriebe  begründet,  wie  Staatsbahnen,  Maschinensabriken,
  Eisenwerke,  Post,  Telegraph,  Telephon  und  das  Tabakmonopol,
welche  Betriebe  auch  steigende  Erträgnisse  aufweisen.

2.  Oktober.  (Wien.)  Ministerwechsel.

Der  Kaiser  entläßt  das  provisorischen  Ministerium  Kielmannsegg
und  ernennt  den  bisherigen  Statthalter  von  Galizien  Graf  Badeni  zum
Ministerpräsidenten  und  Minister  des  Innern.  Die  übrigen  Minister  sind
Graf  Welsersheimb  (Landesverteidigung),  v.  Gautsch  (Unterricht!,  von
Bilinsky  (Finanzen),  Graf  Ledebur  (Ackerbau),  Graf  Gleis  bach  (Justiz),
Glanz  v.  Eicha  (Handel).

 

15“
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        228  IIXIIIIIIIIIIIE

4.  Oktober.  (Wien.)  Der  Kaiser  bestimmt,  daß  der  Minister
des  Kaiserlichen  Hauses  fortan  den  Titel  „Minister  des  Kaiserlichen
und  Königlichen  Hauses“  zu  führen  habe.

14./15.  Oktober.  (Agram.)  Antiungarische  Demonstrationen

während  der  Anwesenheit  des  Kaisers.

Der  Kaiser  wohnt  der  Einweihung  eines  Theaters  in  Agram  bei
und  wird  begeistert  empfangen.  Während  der  Feier  kommt  es  zu  Krawallen
zwischen  Kroaten  und  Ungarn;  eine  ungarische  Fahne  wird  von  kroatischen
Studenten  verbrannt,  die  Fahnen  der  ungarfreundlichen  Serben  werden
gewaltsam  entfernt  und  beschimpft.

Oktober.  (Ungarn.)  Folgen  der  Agramer  Ausschreitungen.

Presse.  Reichstag.  Strafen.

Die  maghyarischen  Zeitungen  find  empört  über  die  Demonstrationen
gegen  Ungarn  und  greifen  den  Banus  von  Kroatien,  den  Grafen  Khuen
Hedervary  heftig  an,  weil  er  sie  nicht  zu  verhindern  gewußt  habe,  Im
Abgeordnetenhause  wird  die  Regierung  wegen  dieser  Vorgänge  interpelliert,
  Ministerpräsident  v.  Banffy  erklärt,  die  Beleidigung  der  ungarischen
  Fahne  werde  durch  die  Bestrafung  der  Schuldigen  gesühnt  werden,
eine  andere  Genugthuung  sei  überflüssig  (25.  Oktober).

In  Agram  beschließt  der  Gemeinderat,  dem  Ministerpräfidenten  sein
Bedauern  über  die  Skandale  auszusprechen  (21.  Oktober).  Die  an  den
Exzessen  beteiligten  Studenten  werden  disziplinarisch  bestraft,  ein  Teil  wird
religiert.

20.  Oktober.  (Böhmen.)  Graf  Badeni  hebt  den  Ausnahmezustand
  für  Prag  und  Umgebung  auf  (vgl.  1893).
22.  Oktober.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Programmrede

Badenis.  Haltung  der  Parteien.

Ministerpräsident  Graf  Badeni  erklärt,  die  Regierung  wünsche  ein
friedliches  Zusammenleben  der  zu  einem  Ganzen  vereinigten  Nationen  Oesterreichs
  und  werde  allen  Erscheinungen  entgegenwirken,  welche  diesen  Frieden
zu  beeinträchtigen  geeignet  seien,  und  durch  ebenso  entschiedenes  wie  wohlwollendes
  Vorgehen  diesen  Frieden  herbeizuführen  suchen.  Zwei  leitende
Grundsätze  seien  hierbei  für  das  Parlament  ebenso  wie  für  die  Regierung
maßgebend;  aktuell  berechtigte,  dem  jeweiligen  Zustande  der  Entwickelung
entsprechende  Ansprüche,  soweit  sie  sich  in  den  Grenzen  der  staatsrechtlichen,
finanziellen  und  wirtschaftlichen  Zulässigkeit  bewegen,  sollen  stets  gerechte
und  wohlwollende  Würdigung  finden,  wenn  sie  auf  gesetzlichem  Wege  geltend
gemacht  werden;  dies  könne  und  solle  aber  nur  in  der  Art  geschehen,  daß
die  auf  dem  historischem  Momente  beruhende  traditionelle  Stellung  und
langjährige  allen  anderen  Völkern  voranleuchtende  Kultur  des  deutschen
Volkes  gebührende  Beachtung  finden  müsse.  In  der  sogenannten  böhmischen
Frage  bringe  die  Regierung  der  tschechischen  Nation  volles  Vertrauen  entgegen,
  verzichte  auf  jede  Rekrimination  und  habe  auf  den  glänzend  erprobten
Patriotismus  des  böhmischen  Volkes  bauend  den  ersten  Vertrauensbeweis  geliefert,
  durch  die  Aufhebung  des  Ausnahmezustandes.  Gegenüber  den  Parteien
des  Hauses  stehe  die  Regierung  vollkommen  frei  da  und  gedenke  es  auch  weiter
u  bleiben.  Dies  sei  jedoch  nicht  so  zu  verstehen,  als  ob  die  Regierung  bald

er  einen,  bald  der  anderen  Parteirichtung  sich  akkommodieren  wolle,  sondern
diese  Worte  bedeuten,  „daß  wir  zu  führen  und  nicht  uns  führen  zu  lassen  ge-
        <pb n="237" />
        Pie  Gesterreichisch-Angerisee  Monerc#ie(Oktober  21.—29.)  229

denken".  Unter  Voraussetzung  unbedingter  Aufrechterhaltung  dieses  Prinzips
habe  er  und  seine  Kollegen  die  Mission  übernommen.  Die  Regierung  trage
die  Verantwortung  für  die  Aufrechterhaltung  der  Gesetze  und  der  Ordnung,
deshalb  habe  sie  das  Recht  und  die  Pflicht  zu  führen.  Die  Regierung
appelliere  hauptsächlich  an  die  Parteien,  die  auf  ethischer  Grundlage  gebildet
ideale  Ziele,  wenn  auch  mit  praktischer  Unterlage,  anzustreben  befähigt  seien.
Die  Regierung  sei  sich  der  Pflicht  bewußt,  die  Umwälzung  oder  Vernichtung
der  Gesellschafts-Ordnung  zu  verhindern;  sie  werde  die  religiösen  Gefühle
pflegen  und  eine  sittlich-religiöse  Erziehung  der  Jugend  antreben.  Auch
die  wirtschaftliche  Frage  werde  sie  im  Auge  behalten,  insbesondere  die
schwächeren  Länder  berücksichtigen.  Was  das  Arbeitsprogramm  betreffe,  so
sei  eine  Hauptaufgabe  die  Erneuerung  des  Ausgleiches  mit  Ungarn;  ferner
werde  ein  Wahlreformentwurf  vorgelegt  werden,  die  Steuerreform  solle  fortgefhrt
  und  die  soziale  Lage  der  unteren  Volksschichten  thunlichst  veressert
  werden.

Die  Deutsch-Liberalen,  Polen,  der  Hohenwartklub  und  die  Klerikalen
find  im  allgemeinen  von  dem  Programm  befriedigt,  die  Antisemiten,  Deutschnationalen
  und  Slovenen  nehmen  eine  abwartende  Haltung  ein,  die  Jungtschechen
  find  unzufrieden  wegen  der  dem  Deutschtum  gezollten  Anerkennung.

Oktober.  Konflikt  mit  der  Kurie.

Durch  die  Zeitungen  geht  die  Behauptung,  Oesterreich  habe  die  Abberufung
  Agliardis  (vgl.  S.  214)  verlangt,  was  abgelehnt  worden  sei.  Infolge
  dessen  habe  der  österreichische  Botschafter  Graf  Revertera  den  Vatikan
verlassen.

21.  Oktober.  (Böhmen.)  Eine  Versammlung  deutsch-  nationaler
Vertrauensmänner  in  Prag  beschließt  die  Bildung  einer  deutschen

Volkspartei  für  Böhmen.

21.  Oktober.  (Pest.)  Magnatenhaus.  Schluß  der  Beratung
über  die  Kirchengesetze.

Das  Magnatenhaus  verhandelt  zum  vierten  Mal  über  die  Gesetzesvorlage
  für  die  freie  Religionsübung  und  nimmt  mit  118  gegen
112  Stimmen  den  freien  Ein=  und  Austritt  an,  wonach  die  Konfesstonng:
lofigkeit  gestattet  ist.  Im  weitern  Verlauf  nimmt  das  Haus  die  Bestimmungen
  der  Vorlage,  die  den  Uebertritt  zum  Judentum  gestatten,  mit  121
gegen  113  Stimmen  an,  womit  die  liberale  kirchenpolitische  Gesetzgebung
das  letzte  Hindernis  überwunden  hat.

Oktober.  Der  Papst  und  die  österreichischen  Bischöfe  über

den  20.  September.  S.  Römische  Kurie.

24.  Oktober.  (Wien.)  Das  dem  Abgeordnetenhause  vorgelegte
  Budget  für  1896  weist  ein  Gesamterfordernis  von  662691582
Gulden  und  eine  Gesamtbedeckung  von  662902  808  Gulden  auf;
es  verbleibt  daher  ein  Überschuß  von  211  226  Gulden.

29.  Oktober.  (Wien.)  Bürgermeisterkrifis  (uvgl.  S.  227).

Der  Gemeinderat  wählt  Dr.  Lueger  zum  Bürgermeister  mit  93  Stimmen.
  Es  werden  44  leere  Stimmzettel  abgegeben.  Der  Kaiser  verweigert
die  Bestätigung  Luegers  (6.  Nov.).
        <pb n="238" />
        230  Hie  Gekerreichis--Angerische  Monarchie.  (November  4.—Dezember  9.)

4.  November.  (Prag.)  Die  Vertrauensmänner  der  Alttschechen
  beschließen,  keine  eigenen  Kandidaten  mehr  aufzustellen.
4.  November.  (Tirol.)  Wahlen.

Bei  den  Landtagswahlen  in  34  Landgemeinde-Wahlbezirken  werden
31  Konservative  und  3  Liberale  gewählt;  von  denselben  gehören  9  Konservative
  und  die  3  Liberalen  der  nationalen  Abstinenz-Partei  an.

5.  November.  (Böhmen.)  Der  Kaiser  begnadigt  elf  im
Omladinaprozeß  Verurteilte  (vgl.  1894  S.  202).

8.  November.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Verhandlung
über  die  Nichtbestätigung  Luegers.

Auf  eine  Interpellation  der  Antisemiten  und  Deutschnationalen,  weshalb
  die  Bestätigung  Luegers  (vgl.  29.  Oktober)  verweigert  sei,  erwidert
Ministerpräsident  Graf  Badeni:  Die  Bestätigung  sei  versagt,  nicht,  wie
vielfach  behauptet  sei,  weil  die  Regierung  die  Niederlegung  des  Reichsratsmandats
  verlangt  und  Lueger  dies  verweigert  habe,  sondern  weil  die  erforderliche
  Bürgschaft  für  eine  streng  objektive,  sachliche,  von  agitatorischer
Tendenz  freie,  allen  Bevölkerungsklassen  gleichmäßig  gerecht  werdende,  den
Anforderungen  der  Autorität  volle  Rechnung  tragende  Führung  der  Verwaltung
  nicht  außer  Zweifel  stehe.  Abg.  Prinz  Liechtenstein  wirft  der
Regierung  vor,  sie  habe  aus  Rücksicht  auf  Ungarn  den  ausgleichfeindlichen
Lueger  nicht  bestätigt.

13.  November.  (Wien.)  Der  Gemeinderat  wählt  Lueger
zum  zweiten  Male  mit  92  Stimmen  zum  Bürgermeister  und  wird
deshalb  aufgelöst.

Mitte  November.  (Wien.)  Spaltung  des  Hohenwartklubs.

Die  Christlich-Sozialen  des  Hohenwartklubs  wollen  eine  Interpellation
  über  die  abermalige  Auflösung  des  Wiener  Gemeinderats  einbringen,
wozu  der  Klub  seine  Erlaubnis  verweigert.  Infolge  dessen  treten  eine  Anzahl
  Abgeordneter  aus  und  begründen  eine  „deutsch-katholische  Volkspartei“,
die  die  Antisemiten  unterstützen  wird,  aber  ein  freundliches  Verhältnis  zu
den  Konservativen  wahren  will.

28.  November.  (Böhmen.)  Abschluß  der  Landtagswahlen.

Der  Landtag  ist  folgendermaßen  zusammengesetzt:  97  Tschechen,  davon
  90  Jungtschechen;  70  Großgrundbesitzer;  69  Deutsche,  davon  54  Liberale,
12  Nationale,  2  Klerikale,  1  Wilder;  6  Virilstimmen,  davon  4  Bischöfe
und  2  Universitätsrektoren.

29.  November.  (Ellischau.)  Graf  Taaffe,  1879—93  österreichischer
  Ministerpräfident,  62  Jahre  alt,  1.

2.  Dezember.  (Wien.)  Große  Straßendemonstration  antisemitischer
  Frauen  für  Lueger.

9.  Dezember.  (Pest.)  Abgeordnetenhaus.  Agramer  Unruhen
(ugl.  S.  228).

Der  Antrag  der  Nationalpartei,  die  von  der  Regierung  infolge  der
Agramer  Zwischenfälle  getroffenen  Maßnahmen  für  unkorrekt  und  unzulänglich

  zu  erklären,  wird  nach  fünftägiger  erregter  Erörterung  mit  überwiegender
  Mehrheit  abgelehnt.
        <pb n="239" />
        Bie  Gesterreichisch-Augearische  Monuchie.  (Dezember  10.—28.)  231

10.  Dezember.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Erklärungen
Badenis  über  Ungarn  und  die  Wahlreform.

Ministerpräfident  Graf  Badeni  erklärt  in  der  Budgetberatung,  bei
der  Erneuerung  des  Ausgleichs  mit  Ungarn  müßten  die  diesseitigen  wirtschaftlichen
  Interessen  in  den  Vordergrund  gestellt  werden.  Die  Regierung
werde  dieselben  entschieden  wahrnehmen,  könne  jedoch  andererseits  niemals
prinzipiell  einen  ablehnenden  oder  gar  feindseligen  Standpunkt  in  dieser
die  eminente  Staatsnotwendigkeit  bedeutenden  Angelegenheit  aufkommen
lassen.  „Die  äußersten  Flügel  hüben  und  drüben  vereinigen  sich  in  einem
an  dem  gesetzlichen  Staatsgefüge  rüttelnden  Gedanken,  welchem  die  Regierung
energisch  entgegentreten  muß."“  Der  Gesetzentwurf  über  die  Wahlreform  sei
fertiggestellt  und  habe  die  Allerhöchste  Zustimmung  erhalten,  er  werde  im
Februar  eingebracht  werden.

20.  Dezember.  (Wien.)  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt
das  Finanzgesetz  für  1896,  nach  welchem  die  Staatsausgaben  auf
662  817  082  fl.,  die  Einnahmen  auf  663  752  808  fl.,  somit  der
Ueberschuß  auf  935  726  fl.  veranschlagt  ist.

28.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Eröffnung  der  Landtage
von  Nieder-Osterreich,  Böhmen,  Galizien,  Ober-Osterreich,  Steiermark,
  Krain,  Mähren,  Schlefien,  Görz  und  Gradisca.
        <pb n="240" />
        III.
Portugal.

12.  Januar.  (Lissabon.)  Portugal  und  Brafilien.

Das  Kriegsgericht  spricht  einstimmig  die  Kapitäne  der  portugiefischen
Kriegsschiffe  frei,  an  deren  Bord  brafilische  politische  Flüchtlinge  nach  dem
La  Plata  entkommen  waren.

14.  Februar.  Den  Lehrern  an  Staatsanstalten  werden  antimonarchische
  Kundgebungen  untersagt.

12.  März.  Absendung  von  Verstärkungen  nach  Laurenco
Marques.

16.  März.  Wiederherstellung  der  diplomatischen  Beziehungen
mit  Brafilien.

23.  März.  Die  Azoren  erhalten  Selbstverwaltung.

Anfang  April.  Wahlreform.

Die  Abgeordnetenzahl  wird  von  180  auf  120  vermindert.  Die  Anzahl
  der  Advokaten  und  Aerzte  darf  20,  die  der  Beamten  40  nnicht  übersteigen,
  Rechtsanwälte  und  Direktoren  von  Gesellschaften,  die  zur  Staatsverwaltung
  in  Beziehungen  stehen,  ebenso  aktive  Militärs,  ausgenommen

Generäle,  find  nicht  wählbar.  Die  Prüfung  der  Wahlmandate  liegt  einem
besonderen  Gerichtshof  ob.

Die  Progressisten  lehnen  die  Reform  ab  und  proklamieren  Wahlenthaltung.


9.  Juli.  (Lissabon.)  Unterzeichnung  eines  Handelsvertrags
zwischen  Portugal  und  Rußland.

Oktober.  November.  Reise  des  Königs  nach  Frankreich,
Deutschland  und  England.  (Ankunft  in  Paris  am  5.  Oktober,
Rückkehr  am  16.  November.)  Vgl.  Italien.

17.  November.  In  den  Corteswahlen  erringt  die  Regierungspartei
  90  Mandate.

29.  November.  Reform  der  Pairskammer,  deren  Mitgliederzahl
  vermindert  wird.
        <pb n="241" />
        IV.

Spanien.

3.  Januar.  (Madrid.)  Marschall  Pavia  f.

Er  führte  i.  J.  1874  den  Staatsstreich  gegen  den  Präsidenten  der
Republik  Castelar  aus  und  bereitete  die  Monarchit  vor.

28.  Januar.  Spanien  und  Marokko.

Eine  marokkan.  Gesandschaft  fordert  Aufschub  für  die  Ausführung
des  Friedens  von  Marrakesch  (vgl.  1894  S.  249).  Der  Gesandte  wird  in
Madrid  von  General  Fuentes  thätlich  angegriffen  (3.  Febr.).  Hierüber
hersscht  große  Erregung,  die  Regierung  entschutdigt  sich  beim  Sultan  von

arokko.

Januar.  Das  Budget  schließt  in  den  Ausgaben  mit
765  409  882,  in  den  Einnahmen  mit  758  430  122  Pesetas  ab.  Der
Fehlbetrag  ist  also  6978760  Pesetas.

6.—9.  Februar.  (Madrid.)  Zollerhöhungen.

Die  Deputiertenkammer  genehmigt  die  Regierungsvorlage  wonach  auswärtiges
  Getreide  bei  der  Einfuhr  nach  Spanien  mit  einem  Zoll  von  2,50
Pesetas  für  das  Hektoliter  belegt  werden  soll.  Der  Senat  stimmt  am
9.  Februar  zu.

Die  Vertreter  der  Generalräte  von  Castilien  fordern  eine  Erhöhung
um  mindestens  3  Pesetas.

14.  Februar.  Die  Kammer  beschließt  in  Cuba  die  Selbstverwaltung
  einzuführen.

24.  Februar.  (Madrid.)  Vertrag  zwischen  Spanien  und
Marokko.

Der  Vertrag  gewährt  Marokko  Erleichterung  in  der  Entschädigungszahlung
  und  regelt  die  Streitfragen  über  die  neutrale  Zone  bei  Melilla.

Februar.  Auf  Cuba  brechen  Unruhen  aus,  so  daß  der  Belagerungszustand
  verhängt  werden  muß  (25.  Februar).  Vgl.  auch
Süd-Amerika.

März.  (Madrid.)  Militärische  Unruhen.  Ministerwechsel.

Am  14.  und  15.  März  stürmen  einige  Hundert  Offiziere  die  Redaktionen
  oppofitioneller  Zeitungen  wegen  beleidigender  Artikel  gegen  das  Offizierkorps.
  Der  Kriegsminister  tadelt  die  Ausschreitungen,  entschuldigt  sie  aber
im  Parlament  mit  der  verletzenden  Sprache  der  Blätter,  weshalb  es  zu
heftigen  Auseinandersetzungen  zwischen  den  Ministern  und  Vertretern  der
Presse  kommt.  Es  kommt  aus  diesem  Anlaß  zu  weiteren  Differenzen  und
        <pb n="242" />
        234  Spanien.  (Maͤrz  —  Dezember.)

zum  Rücktritt  des  Ministeriums  17.  März,  das  am  24.  März  folgendermaßen
  neu  gebildet  wird:  Vorsitz,  Canovas  del  Castillo;  Aeußeres,  Herzog
von  Tetuan;  Justiz,  Romero  Robledo;  Krieg,  Azcarraga;  Marine,
Berenger;  Finanzen,  Navorro  Reverter;  Inneres,  Cosgayon;  öffentliche
  Arbeiten  und  Unterricht,  Bosch;  Kolonien  Castellanos.

März.  Untergang  des  Kriegsschiffes  „Reina  Regente“  bei
Kap  Trafalgar  mit  ungefähr  250  Mann  Besatzung.

März.  April.  Rüstungen  zum  cubanischen  Feldzug.

Im  Laufe  des  März  werden  16000  Mann  spanische  Truppen  nach

Cuba  gesandt;  an  ihrer  Stelle  werden  20000  einberufen  und  außerdem
werden  15000  für  den  Transport  bereit  gehalten.

3.  April.  (Madrid.)  Marschall  Martinez  Campos  reist
nach  Cuba  ab,  um  dort  den  Oberbefehl  zu  übernehmen.

12.  Juni.  (Madrid.)  Kammer  und  Senat  genehmigen  eine
Vorlage,  wonach  die  Regierung  zu  einer  Kreditaufnahme  durch
Ausgabe  von  Hypothekenbriefen  auf  Cuba  ermächtigt  wird.

13.  Juni.  (Burgos.)  Ruiz  Zorrilla,  der  Führer  der
spanischen  Republikaner,  1.6

9.  August.  Grenzregulierung  zwischen  Spanien  und  Japan.

August.  Unruhen  in  Valencia.

64  spanische  Prälaten  protestieren  in  einem  Schreiben  an  den  Papst
gegen  die  Feier  des  20.  September  in  Italien.

22.  September.  (Madrid.)  Die  Königin  genehmigt  den
Ankauf  von  60  000  Mausergewehren  in  Deutschland.

30.  September.  Untergang  des  Kreuzers  „Christoph  Columbus“.


Oktober.  Ruhestörungen  Arbeitsloser  in  Cadiz.

Anfang  Dezember.  Von  Cuba  treffen  schlimme  Nachrichten
  ein.

Dezember.  Ministerkrifis.  Konflikt  mit  der  Madrider  Gemeindeverwaltung.


Es  werden  in  der  Presse  Vorwürfe  gegen  die  Madrider  Stadtverwaltung
  erhoben  wegen  Veruntreuungen,  an  denen  auch  die  Justiz=  und
Bautenminister  beteiligt  gewesen  sein  sollen.  Da  die  Regierung  diese  nicht
zurücktreten  lassen  will,  kommt  es  zu  einer  großen  Straßendemonstration
gegen  das  Kabinet  (9.  Dezember).  Am  13.  Dezember  legen  beide  Minister
ihr  Amt  nieder;  Justizminister  wird  Tejada  Valdosera,  Bautenminister
Linares  Rivas.  Gegen  eine  Anzahl  Madrider  Gemeindebeamte  wird
Anklage  erhoben  (31.  Dez.).
        <pb n="243" />
        V.

Großbritannien.

18.  Januar.  (Cardiff.)  Rede  Roseberys  über  das  Programm
der  Regierung.

In  einer  Versammlung  verspricht  der  Premierminister  die  Entstaatlichung
  der  Kirche  in  Wales,  die  Einbringung  eines  Ausschankgesetzentwurfs,
  die  Zahlung  von  Parlamentsdiäten  und  die  Abschaffung  des  Mehrstimmrechts.
  Definitive  Beschlüsse  über  das  Oberhaus  werde  die  Regierung
nicht  vorlegen,  weil  das  die  sofortige  Auflösung  herbeiführen  werde.

23.  Januar.  (Derby.)  Rede  Harcourts  über  das  Oberhaus.

Der  Schatzsekretär  Sir  W.  Harcourt  weist  die  Angriffe  der  Opposition
  scharf  zurück  und  erklärt  eine  Auflösung  des  Unterhauses  für  unnötig,
da  die  Majorität  zur  Durchführung  des  liberalen  Programms  genüge.  Er
betont  die  Notwendigkeit  der  Verstärkung  der  Flotte  und  fordert,  daß  das
Unterhaus  „auf  streng  verfassungsmäßigem  Wege“  künftig  gegen  die  Gefahr
durch  das  Veto  des  Oberhauses  in  seinen  Beschlüssen  gelähmt  zu  werden
geschützt  werde.

24.  Januar.  Lord  Randolph  Churchill,  46  Jahre  alt,  f.
Er  war  1886  Sekretär  des  Schatzamts  im  Kabinet  Salisbury.

5.  Februar.  (London.)  Eröffnung  des  Parlaments.

In  der  Thronrede  heißt  es,  England  bemühe  sich  um  eine  Verständigung
  zwischen  China  und  Japan,  dann  fährt  sie  fort:  „Infolge  von  Berichten,
  welche  an  Meine  Regierung  gelangt  find  über  Ausschreitungen  der
Truppen,  regulärer  und  irregulärer,  gegen  Armenier  in  einem  Distrikt
Kleinafiens,  hielt  Ich  es  für  recht,  in  Verbindung  mit  anderen  Mächten
der  Pforte  Vorstellungen  zu  machen.  Der  Sultan  hat  seine  Absicht  erklärt,
jeden  seiner  Beamten  oder  Soldaten  strenge  zu  bestrafen,  welcher  sich  solcher
Handlungen  schuldig  gemacht  habe.  Er  hat  eine  Kommission  ausgesandt,
um  eine  Untersuchung  an  Ort  und  Stelle  zu  führen.  Delegierte  der  Mächte,
welche  Konsuln  in  Erzerum  haben,  werden  diese  Kommission  begleiten.“
Für  die  innere  Politik  werden  u.  a.  Vorlagen  zur  Entstaatlichung  der
Kirche  in  Wales  und  zur  Kontrole  des  Spirituosenhandels  angekündigt.

7.  Februar.  (Unterhaus.)  England  und  die  madagassische

Frage.
Ueber  das  Verhältnis  Englands  zu  dem  Kriege  zwischen  Frankreich
        <pb n="244" />
        236  Er#feritennien.  (Februar  13.—26.)

und  Madagaskar  erklärt  der  Parlamentssekretär  des  Auswärtigen  Grey:
Durch  das  Abkommen  vom  Jahre  1890  habe  England  die  franzöfische
Schutzherrschaft  auf  Madagaskar  unter  der  Bedingung  anerkannt,  daß  diese
Schutzherrschaft  keine  Rechte  oder  Immunitäten  berühre,  welche  britische
Unterthanen  auf  Madagaskar  genießen.  Im  Juli  1894  wurde  angezeigt,
jedwedes  Zugeständnis,  das  nicht  von  dem  Residenten  gebilligt  und  nicht
ei  der  Generalresidenz  eingetragen,  sei  null  und  nichtig.  Darüber  wurde
an  die  französische  Negierung  eine  Anfrage  gerichtet,  aber  angesichts  der
jetzigen  Zustände  wurde  für  den  Augenblick  jede  Erörterung  dieser  Frage
vertagt.  England  werde  neutral  bleiben.

13.  Februar.  Das  Unterhaus  nimmt  einen  Antrag  auf
Einsetzung  eines  Untersuchungsausschusses  über  die  Lage  der  Arbeitslosen
  an.

15.  Februar.  (Unterhaus.)  England,  Frankreich  und  der

Kongostaat.

Der  Parlamentssekretär  des  Auswärtigen  Grey  erklärt,  so  weit  ihm
bekunnt,  sei  eine  Zustimmung  der  Großmächte  zum  Uebergang  des  Kongostaates
  an  Belgien  und  zu  dem  soeben  veröffentlichten  belgisch-franzöfischen
Abkommen  nicht  erfolgt.  Die  britische  Regierung  habe  noch  keine  amtliche
Mitteilung  von  den  Abmachungen  zwischen  Belgien  und  Frankreich  und
zwischen  Belgien  und  dem  Kongostaat  erhalten.  Das  Vorkaufsrecht  Frankreichs
  sei  von  England  nicht  anerkannt  worden.  Hinsichtlich  des  Westbeckens
des  obern  Nils  habe  England  kein  Abkommen  mit  Frankreich  getroffen;
das  einzige  Abkommen  betreffe  die  Grenze  Sierra  Leones.  (Vgl.  Afrika.)

18.  Februar.  (Unterhaus.)  Adreßdebatte.  Auflösungsantrag.


Der  Führer  der  liberalen  Unionisten  Chamberlain  beantragt,  der
Adresse  einen  Zusatz  zu  geben,  der  die  Auflösung  fordert.  In  der  Begründung
  durch  die  Opposition  wird  insbesondere  Lord  Rosebery  heftig  angegriffen,
  ohne  daß  ihn  die  anwesenden  Minister  Harcourt  und  Asqnith  verteidigen.
  Der  Antrag  wird  mit  297  gegen  283  Stimmen  abgelehnt.

22.  Februar.  (Unterhaus.)  Baumwollzoll  in  Indien.

Ein  Antrag,  der  die  Einführung  von  Baumwollzöllen  in  Indien
anregt.  wird  mit  304  gegen  109  Stimmen  abgelehnt.  Ueber  diese  Angeleenbeit
  schreibt  die  „Köln.  Ztg.:  „Die  Frage  der  indischen  Baumwollzölle
  stellt  sich  folgendermaßen  dar.  In  den  letzten  zehn  bis  fünfzehn  Jahren
dat  Indien  dedeutende  Fortschritte  in  der  Jute=  und  Baumwollspinnerei
gemacht.  Die  Baumwollspinnerei  und  -Weberei  allein  wird  mit  31=  Millionen
  Spindeln  und  25  000  Wedstühlen  betrieben.  hauptsächlich  in  Bombay.
Die  Folge  dieses  Aufschwunges  ist  eine  Verdrängung  der  Manchesterware
von  den  ostafiatischen  Märkten,  wo  Indien  allerdings  aus  den  Mitbewerb
Japans  stoten  wird.  Bei  der  bedrängten  Lage  der  indischen  Finanzen
wurde  im  vorigen  Jadre  ein  allgemeiner  Eingangszoll  von  fünf  Prozent
auf  alle  Waren  eingejudrt.  die  Baumwollstoffe  jedoch  ausgenommen.  Gegen
diese  Ausnahme  wurden  in  Indien  Beschwerden  laut.  worauf  die  Regierung
fie  jalen  lies.  zum  Ausgleich  jedoch  in  Indien  selbst  eine  Fabrikations-=steuer
  auf  Baumwolle  legte.  Während  nun  in  Indien  die  Abichafung
der  Steuer  geiordert  wird,  verlangen  die  Fabrikanten  von  Manchester  deren
Beidedalrung.“
        <pb n="245" />
        EGraßbritannien.  (März  1.)  237

26.  Februar.  (Unterhaus.)  Währungsdebatte  (vgl.  Deutschland

  und  Frankreich).

Everett  beantragt,  das  Haus  möge  erklären,  es  verfolge  mit  steigender
  Besorgnis  die  fortwährenden  Schwankungen  im  relativen  Werte  von
Gold  und  Silber  und  stimme  gern  in  die  jüngst  zum  Ausdruck  gebrachten
Ansichten  der  Regierung  Frankreichs  der  deutschen  Reichsregierung  und
Reichsvertretung  hinsichtlich  der  daraus  entstehenden  Uebel  ein;  er  stelle  es
daher  der  Regierung  als  wünschenswert  hin,  mit  andern  Mächten  auf  einer
internationalen  Konferenz  zu  erwägen,  welche  Maßregeln  zur  Beseitigung
oder  Verminderung  des  Uebels  getroffen  werden  könnten.  Schatzsekretär
Sir  W.  Harcourt:  Es  sei  irrig,  anzunehmen,  daß  Deutschland  seine  auf
der  Brüsseler  Konferenz  vertretene  Ansicht  zu  Gunsten  der  Goldwährung  in
letzter  Zeit  verändert  habe.  Die  jüngste  Erklärung  des  Reichskanzlers  Fürsten
zu  Hohenlohe  sei  durchaus  nicht  dahin  zu  deuten;  dieselbe  involviere  unzweifelhaft
  den  Wunsch  der  deutschen  Reichsregierung,  mit  den  anderen
Mächten  die  Mittel  zur  Milderung  der  aus  der  Entwertung  des  Silbers
entstandenen  Uebelstände  zu  erörtern.  Falls  die  deutsche  Regierung  Vorschläge
  zu  diesem  Zwecke  mache,  sei  die  englische  Regierung  bereit,  in  freundlichem
  Geiste  in  die  Erörterung  einzutreten,  obschon  sie  gleichzeitig  an  Englands
  Geldumlaufssystem  festhalte,  da  England  großes  Interesse  an  der
Kontinuität  auf  dem  Gebiete  der  Umlaufsmittel  habe.  Auf  einer  Konferenz
würde  man,  falls  die  Frage  des  Prägungsverhältnisses  aufgeworfen  würde,
bald  finden,  daß  die  davon  berührten  Interessen  sehr  verschiedenartige  seien.
Die  Silber  produzierenden  Länder  haben  ein  klares  Interesse,  die  Silberprägung
  zu  vermehren;  diejenigen,  welche  große  Silbervorräte  besitzen,  deren
sie  sich  nicht  entledigen  können,  werden  froh  sein,  sie  den  größten  Gläubigern
der  Welt  zu  übermitteln.  Würde  man  auf  eine  internationale  Vereinbarung
eingehen,  so  habe  man  keine  Sicherheit,  daß  die  Vereinbarung  aufrecht  erhalten
  werde.  Er  sei  dagegen,  daß  man  die  Währung  Englands  der  Gnade
irgend  einer  auswärtigen  Macht  preisgebe,  oder  sie  unter  die  Kontrolle  eines
Komitees  fremder  Staaten  stelle.  Falls  Frankreich,  Deutschland  und  die
Vereinigten  Staaten  für  gut  finden,  sich  zu  vereinigen,  um  den  Silberwert
aufrecht  zu  erhalten,  so  werde  England  nichts  dagegen  einwenden,  obschon
es  möglich  sei,  daß  es  sich  diesen  Staaten  nicht  anschlösse.  Redner  weist
den  Gedanken  zurück,  daß  hohe  Warenpreise  hohe  Löhne  herbeiführten;  bei
hohen  Preisen  seien  vielmehr  die  Löhne  am  niedrigsten.  Die  in  Beratung
stehende  Resolution  enthalte  zwei  Propositionen,  von  welchen  er  nicht  abweichen
  wolle.  Hätte  die  Resolution  eine  Verpflichtung  Englands  zur
Doppelwährung  umfaßt,  so  würde  er  sich  ihr  auf  das  äußerste  widersetzt
haben.  (Lauter  Beifall.)  Die  Resolution  empfehle  sich  indessen  gleichmäßig
den  Monometallisten  und  den  Bimetallisten,  und  er  hoffe,  nichts  was  er  gesagt
habe,  werde  irgend  ein  Land  zu  dem  Glauben  veranlassen,  daß  irgend  eine
Aenderung  in  den  Grundlagen  der  englischen  Währung  wahrscheinlich  sei.
Der  Antrag  wird  ohne  Abstimmung  angenommen.

1.  März.  (Unterhaus.)  Vorlegung  der  Novelle  zum  Fabrikgesetz.


Der  Zweck  der  Vorlage  ist,  billige  Bedingungen  der  Sicherheit  für
Leben  und  Gesundheit  der  Arbeiter  zu  schaffen.  Die  Bill  behandelt  unter
anderem  Ueberfüllung  der  Fabriken  und  Werkstätten,  verbietet,  daß  Kinder
und  junge  Personen  in  Bewegung  befindliche  Maschinen  reinigen,  sie  enthält
  ferner  Bestimmungen  über  das  sogenannte  „Schwitzsystem“,  verbietet
die  Ueberstunden  für  Personen  unter  18  Jahren  und  schränkt  die  Ueberzeit
        <pb n="246" />
        238  Grsfbriteunnien.  (März  12.—29.)

für  Arbeiterinnen  ein.  In  Fabriken  beschäftigte  Kinder  dürfen  keine  Arbeit
nach  Hause  nehmen.  Junge  männliche  Personen  und  Arbeiterinnen,  die
ihre  volle  Zeit  in  Fabriken  arbeiten,  dürfen  keine  Arbeit  nach  Hause  mitnehmen
  oder  nach  der  Tagesarbeit  im  Laden  beschäftigt  werden.  Die  Bill
dehnt  das  Fabrikgesetz  auf  Wäschereien,  Docks,  Werften,  Quays,  Gebäude,
in  welchen  Maschinen  verwandt  werden,  und  auf  Backhäuser  aus.  Die
meisten  Redner  sprechen  sich  günstig  über  den  Entwurf  aus.

12.  März.  (Unterhaus.)  Vorlegung  des  Marinebudgets.

Die  Marinevoranschläge  von  1895—1896  beziffern  sich  auf  18  701.000  L.,
übersteigen  also  das  laufende  Budget  um  1334,.000  L.  und  das  vorhergehende
  um  4  460  900  L.

15.  März.  (Unterhaus.)  Debatte  über  Schutzzoll  und

Freihandel.

Eine  Resolution  Howard  Vincents  auf  Einführung  von  Schutzzöllen
  bekämpft  der  Präsident  des  Handelsamtes  Bryce  entschieden.  Er
betont,  daß  in  den  50  Jahren  der  Herrschaft  des  Freihandels  die  Löhne  in
England  sich  fast  verdoppelt  hätten,  während  die  Preise  für  alles,  ausgenommen
  die  Hausmiete,  beständig  heruntergegangen  seien.  Die  Zahl  der
Arbeitslosen  sei  gegenwärtig  geringer  als  früher  und  die  Not  auf  dem
schutzzöllnerischen  Kontinent  sei  größer  als  in  England.  —  Die  Resolution
wird  abgelehnt.

22.  März.  (Unterhaus.)  Diätenzahlung  an  die  Mitglieder.


Das  Haus  genehmigt  einen  Antrag  den  Mitgliedern  Diäten  zu  zahlen
mit  176  gegen  159  Stimmen.

28.  März.  1.  April.  (Unterhaus.)  England  und  der
Kongostaat  (vgl.  1894  S.  318,  319).  Besitzverhältnisse  am  obern  Nil.

Der  Parlamentssekretär  des  Auswärtigen  E.  Grey  erklärt,  durch  die
Verpachtung  gewisser  Gebietsteile  von  der  britischen  Regierung  an  den
Kongostaat  habe  letzterer  anerkannt,  daß  die  betreffenden  Gebiete  innerhalb
der  britischen  Einflußsphäre  lägen.  Durch  die  Verträge  mit  Deutschland
und  Italien  von  1890  und  1891  sei  anerkannt  worden,  daß  das  obere  Nilthal
  in  der  britischen  Einflußsphäre  liege.  Diese  Verträge  seien  seit  fünf
Jahren  aller  Welt  bekannt,  und  obgleich  die  englischen  Ansprüche  durch
andere  als  die  an  den  Verträgen  beteiligten  Mächte  nicht  anerkannt  worden
seien,  seien  sie  doch  den  andern  Mächten  wohl  bekannt  gewesen  und  von
denselben  nicht  angefochten  worden.  Uebrigens  habe  Egypten  auf  das  fragliche
  Gebiet  Ansprüche,  die  von  England  vertreten  und  von  Frankreich  nicht
bestritten  würden,  und  es  sei  zweifellos,  daß  die  Ansprüche  Egyptens  und
Englands  zusammen  sich  über  das  ganze  Nilthal  erstreckten.  Ein  Vordringen
Frankreichs  ins  Nilthal  würde  England  nicht  dulden.  Am  1.  April  erklärt
der  Sekretär:  Die  Fragen,  betreffend  die  Zugehörigkeit  des  Nilthals  zwischen
den  Seen  und  der  Südgrenze  Egyptens  sowie  die  Stellung  Englands  zu
denselben  seien  im  vergangenen  Jahre  Gegenstand  von  Verhandlungen  mit
der  französischen  Regierung  gewesen.  Die  Verhandlungen  hatten  zu  keinem
definitiven  Abschluß  geführt,  seien  aber  nicht  abgebrochen  worden.  Die  westliche
  Grenze  der  britischen  Einflußsphäre  sei  in  dem  Uebereinkommen  mit
Deutschland  vom  1.  Juli  1890  festgesetzt  worden.  Die  britische  Regierung
könne  nicht  anerkennen,  daß  die  Regierung  des  Mahdi  oder  seines  Nachfolgers
  die  Rechte  Egyptens  in  diesen  Territorien  aufhebe  oder  beeinträchtige.
        <pb n="247" />
        Grofßbritannien.  (März  Ende.—April  27.)  239

Der  britischen  Regierung  seien  die  Ansprüche  der  Türkei  und  Egyptens  im
Becken  des  Oberen  Nil  sehr  wohl  bekannt.

29.  März.  Das  Unterhaus  genehmigt  mit  128  gegen  102
Stimmen  eine  Resolution  Dalziel,  betr.  die  Errichtung  lokaler
gesetzgebender  Körperschaften  in  Irland,  Schottland,  Wales  und
England.

Ende  März.  Die  britische  ostafrikanische  Gesellschaft  tritt
ihre  Rechte  der  Regierung  ab.

3.  April.  (London.)  Der  Führer  der  Konservativen  im
Unterhause,  Balfour,  spricht  sich  für  die  internationale  Doppelwährung
  aus.

8.  April.  (Unterhaus.)  Sprecherwahl.

Der  Sprecher  des  Unterhauses,  Peel,  tritt  aus  Gesundheitsrücksichten
zurück,  an  seiner  Stelle  wird  gewählt  der  ministerielle  Kandidat  Court
Gully  mit  285  gegen  274  Stimmen.

17.  April.  (London.)  Arbeiterbewegung.

Die  unabhängige  Arbeiterpartei  Englands  beschließt,  jedes  Mitglied
solle  sich  verpflichten,  alle  Verbindung  mit  irgend  einer  anderen  politischen
Partei  zu  lösen,  bei  städtischen  Wahlen  so  zu  stimmen,  wie  es  der  Zweigverein
  der  betreffenden  Stadt  festsetzt,  bei  Parlamentswahlen  so,  wie  es  von
der  eigens  einzuberufenden  Parteikonferenz  beschlossen  wird.  Ferner  faßt
sie  folgende  Resolution:  „Während  die  Konferenz  überzeugt  ist,  daß  es  keine
wirkliche  Beseitigung  der  Arbeitslofigkeit  gibt,  bis  nicht  die  gesamte  Industrie
  auf  kollektivistische  Grundlagen  gestellt  wird,  empfiehlt  sie  dennoch,
damit  das  furchtbare  Elend  der  Arbeitslosen  etwas  gemildert  wird,  daß
das  Parlament  den  Grundsatz  aufstellt,  daß  es  Pflicht  des  Staates,  resp.
der  Gemeinde  ist.  für  alle  seine  Bürger  Arbeit  zu  finden.  In  Zeiten  außerordentlichen
  Notstandes  soll  das  Schatzamt  unter  bestimmten  Bedingungen
denjenigen  Distrikten,  wo  für  alle  keine  Arbeit  vorhanden  ist,  zur  Unterstützung
  der  Arbeitslosen  ausreichenden  Zuschuß  gewähren."“

Mitte  April.  Differenzen  in  den  Oppositionsparteien.

Zwischen  den  Tories  und  ihren  Bundesgenossen,  den  liberalen  Unionisten,
  kommt  es  zu  erheblichen  Differenzen;  Chamberlain,  der  Führer
der  liberalen  Unionisten  wird  von  konservativen  Blättern  heftig  angegriffen.
Um  eine  Spaltung  der  Opposition  zu  vermeiden  desavouiert  Balfour,
der  Führer  der  Konservativen,  öffentlich  jene  Angriffe  und  stellt  Chamberlain
  eine  Ehrenerklärung  aus  (26.  April).

22.  April.  Das  Unterhaus  genehmigt  das  Gesetz  über  die
Fabrikarbeiter  (S.  237).

27.  April.  Besuch  der  Königin  von  Holland  in  London.

Ende  April.  Anfang  Mai.  Die  englische  Presse  über  die
Lage  in  Ostasien  (vgl.  Asien).

Die  englische  Presse,  voran  der  „Standard“"  und  „Times“  verurteilen

  die  Intervention  von  Rußland,  Frankreich  und  Deutschland  in
Ostasien  scharf,  es  stehe  in  Widerspruch  mit  dem  europäischen  Staatsrechte.
        <pb n="248" />
        240  GErsstbritannien.  (April  20.—Mai  16.)

Gegen  die  japanfreundliche  Haltung  Englands  wendet  sich  dagegen  die
„Westminster  Gazette“.

Den  Verzicht  Japans  auf  Liaotang  begrüßt  die  Presse  sympathisch;
nach  der  „Times"  hat  England  ihn  den  Japanern  empfohlen.

20.  April.  England  und  die  Kurie.

Die  „Times“  veröffentlicht  ein  Schreiben  des  Papstes,  in  dem  die
Engländer  zur  Rückkehr  zum  Katholizismus  eingeladen  werden.  Das
Schreiben  wird  in  der  Oeffentlichkeit  wenig  beachtet;  der  Erzbischof  von
Lanterbury  erläßt  eine  Antwort  darauf.  (Vgl.  Fortnightly  Review  1895,
Oktober.)

1.  Mai.  (London.)  Urteil  über  den  Zusammenstoß  der

„Elbe“  und  der  „Crathie“.=Das

  Leichenschaugericht  erklärt,  daß  der  Steuermann  der  „Crathie“
sich  großer  Nachlässigkeit  schuldig  gemacht  habe,  es  sei  aber  kein  Beweis  erbracht,
  daß  die  „Crathie“  allein  Tadel  treffe.  In  der  Frage  der  Hilfeleistung
  nach  dem  Zusammenstoße  wird  die  „Crathie“"  von  jedem  Vorwurf
freigesprochen.

2.  Mai.  (Unterhaus.)  Schatzkanzler  Sir  W.  Harcourt  legt
das  Budget  vor.

In  demselden  wird  der  Ueberschuß  des  vorigen  Jahres  mit  766  000
Pfund,  die  Ausgabe  des  laufenden  Jahres  mit  95  982  000  Pfund,  die  Einnahme
  mit  95  662  000  Pfund  aufgeführt;  das  Defizit  beträgt  etwa  320  000
Pfund.  Die  im  vorigen  Jahre  auf  Spirituosen  gelegte  Zuschlagssteuer  von
6  Pence  per  Gallon  soll  bei  ihrem  Ablaufe  im  Juli  d.  J.  aufgegeben
werden;  dagegen  soll  die  im  vergangenen  Jahre  für  ein  Jahr  eingeführte
Zuschlagssteuer  von  6  Pence  per  Barrel  Bier  auch  in  diesem  Jahre  wieder
erhoben  werden.  Der  dadurch  sich  ergebende  Ueberschuß  wird  auf  181.000
Pfund  geschätzt.

7.  Mai.  (London.)  Große  Kundgebung  gegen  die  „armenischen
  Greuel“  unter  Teilnahme  des  gesamten  Episkopats.

14.  Mai.  Das  Unterhaus  genehmigt  den  §  1  des  Gesetzentwurfs
  über  die  Entstaatlichung  der  Kirche  in  Wales  mit  192
gegen  173  Stimmen.

Mai.  Statistisches  über  die  Landwirtschaft.

Aus  dem  amtlichen  Berichte  des  britischen  Landwirtschaftsamts  für
das  Jahr  1894  erhellt,  daß  im  Vereinigten  Königreich,  einschließlich  der
Insel  Man  und  der  Kanalinsel,  47919  830  Aeres  bestellt  waren.  Davon
waren  9365  877  Acres  mit  Korn  besäet  und  4486  092  Acres  dienten  dem
Gemüsebau.  Auf  2776226  Acres  wurde  Heu  und  auf  3086  528  Acres
wurden  Klee  und  andere  Gräser  gebaut.  In  der  englischen  Landwirtschaft
gab  es  2092290  Pferde,  10  780  796  Stück  Rindvieh,  30  087  818  Schafe  und
3794043  Schweine.  Der  britische  Weizen  ist  auch  im  vorigen  Jahre  im
Preise  gefallen,  und  zwar  um  3  8  6  d  der  Quarter.  Auch  die  anderen
Getreidearten  hielten  sich  nicht  im  Preise.  Gerste  fiel  um  1  8  1  dber
Quarter  und  Hafer  um  1  8  8  d.

16.  Mai.  England  und  Nicaragua.

Nicaragua  bezahlt  die  verlangte  Entschädigung  in  London.  (Val.
Südamerika.)
        <pb n="249" />
        Grasbritennien.  (Mai  17.—Juni  26.)  241

17.  Mai.  Neufundland  und  Kanada.

Der  Plan  der  Vereinigung  Neufundlands  mit  Kanada,  worüber
Verhandlungen  in  Ottawa  geführt  wurden,  scheitert  an  den  finanziellen  Bedingungen
  Kanadas.  Das  finanziell  arg  bedrängte  Neufundland  verlangt,
daß  Kanada  die  gesamte  Schuldenlast  Neufundlands  übernehme,  was  Kanada
verweigert;  einen  Teil,  5  Mill.  Dollars,  sollte  Neufundland  durch  direkte
Steuern  decken.

27.  Mai.  (London.)  Die  Königin  empfängt  den  Sohn  des
Emirs  von  Apghanistan.

1.  Juni.  (London.)  Imnperialistische  Politik.

Unter  dem  Vorsitz  des  Herzogs  v.  Devonshire  wird  ein  Verein
gegründet,  der  sich  die  Stärkung  der  Beziehungen  zwischen  England  und
den  Kolonien,  insbesondere  der  gemeinsamen  Interessen  des  Handels  und
der  Verteidigung  zur  Aufgabe  macht.

Anfang  Juni.  Ein  englisches  Geschwader  erscheint  vor  Beirut
wegen  Bedrohung  der  syrischen  Christen.

21.  Juni.  (Unterhaus.)  Veränderung  im  Oberkommando
der  englischen  Armee.  Niederlage  der  Regierung.

Kriegsminster  Campbell-Bannermannk  teilt  mit,  daß  der  Herzog
v.  Cambridge  am  1.  Oktober  den  Oberbefehl  über  die  Armee  niederlegen
werde  und  daß  bei  dieser  Gelegenheit  die  Befugnisse  des  Höchstkommandierenden
  geändert  werden  sollten.  Er  würde  fortan  den  gewöhnlichen  Normen
unterstellt  sein,  welche  sich  auf  die  Dienstordnung  der  anderen  Staatsbehörden
  beziehen,  und  das  Amt  würde  für  die  übliche  Reihe  von  Jahren
verliehen,  vorbehaltlich  einer  fakultativen  Verlängerung.  Der  Inhaber  desselben
  würde  der  hauptsächlichste  Ratgeber  des  Kriegsministers  sein  neben
dem  General-Adjutanten,  dem  General-Quartiermeister,  dem  leitenden  Chef
der  Artillerie  und  dem  Inspektor  der  Befestigungswerke;  jeder  von  ihnen
würde  dem  Kriegsminister  persönlich  verantwortlich  sein;  zusammen  würden
sie  eine  beratende  Versammlung  zur  Informierung  des  Kriegsministers  bilden.

Hierauf  tadelt  Brodrick  die  Unzulänglichkeit  der  Vorräte  an  Munition
  und  besonders  an  Cordit-Pulver.  Kriegsminister  Campbell  Bannermann
  erklärt,  die  Munitionsvorräte  wären  genügend.  Drei  Armeekorps
in  der  Stärke  von  zusammen  100000  Mann  könnten  ins  Feld  gestellt
werden;  für  den  Fall  eines  feindlichen  Einfalls  wäre  eine  weitere  Streitmacht
  von  derselben  Stärke  vorhanden,  und  außerdem  ständen  171000  Mann
für  Garnisonzwecke  zur  Verfügung.  Für  alle  diese  Truppen  wären  genügende
  Munitionsvorräte  da.  Ein  hierauf  von  Brodrick  eingebrachter  Antrag,
  von  dem  Gehalte  des  Kriegsministers  100  Pfund  zu  streichen,  wird
mit  132  gegen  125  Stimmen  angenommen.

23.  Juni.  (London.)  Infolge  der  Niederlage  Campbell-Bannermanns
  reicht  das  Kabinet  Rosebery  seine  Entlassung  ein;
die  Königin  nimmt  sie  an  und  betraut  Lord  Salisbury  mit  der
Neubildung.

26.  Juni.  (London.)  Neubildung  des  Ministeriums.

Lord  Salisbury  übernimmt  die  Dremierschaft  und  das  Auswärtige
Amt;  der  Herzog  von  Devonshire  wird  Präfident  des  Geheimen  Rates,

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.  16
        <pb n="250" />
        242  Greßibritannien.  (Juli  Anfang.—Angust  13.)

Balfour  übernimmt  das  Schatzamt,  Chamberla  in  die  Kolonieen,  Hicks
Beach  das  Amt  des  Kanzlers  der  Schatzkammer,  Goschen  die  Leitung  der
Admiralität,  Marquis  v.  Lansdowne  das  Staatssekretariat  für  Krieg,
Lord  Georg  Hamilton  das  für  Indien.

Anfang  Juli.  Arbeiterbewegung.  Manifsst.

Für  die  bevorstehenden  Parlamentswahlen  erläßt  Tom  Mann,  der
Generalsekretär  der  „Unabhängigen  Arbeiterpartei“  (val.  S.  239),
ein  Manifest,  das  folgende  Forderungen  enthält:  Arbeit  für  die  Arbeitslosen;
  Ermächtigung  der  Ortsbehörden  zum  zwangsweisen  Landankauf;
stetige  Pachten;  gesetzlicher  achtstündiger  Arbeitstag;  Erhöhung  des  Alters,
wo  Knaben  und  Mädchen  halbe  Zeit  in  Fabriken  arbeiten  dürfen;  völlige
Verstädtlichung  des  Handels  mit  geistigen  Getränken;  Staatspensionen  für
alle  über  50  Jahre;  Gesetz  über  die  Haftpflicht  der  Arbeitgeber;  Abschaffung
des  Oberhauses;  dreijährige  Legislaturperioden;  Diäten  für  die  Abgeordneten.

8.  Juli.  Auflösung  des  Unterhauses.
9.  Juli.  (Portsmouth.)  Glänzender  Empfang  der  aus
Kiel  heimkehrenden  italienischen  Flotte.

12.  Juli  bis  29.  Neuwahlen.

Die  Regierung  erficht  einen  glänzenden  Sieg  und  erringt  eine  Mehrheit
  von  mehr  als  150  Stimmen.  Es  werden  gewählt  338  Konservative,
73  Unionisten,  177  Liberale,  12  Parnelliten,  70  Antiparnelliten,  2  Arbeiterkandidaten.


Juli.  England  und  Brafilien  (vgl.  Süd-Amerika).

5.  August.  (London.)  Der  Sezialist  Friedrich  Engels  #.6
(Vgl.  über  ihn  Nerrlich  „Preuß.  Jahrb.“  Bd.  82  S.  385.)

3.  bis  16.  August.  Der  deutsche  Kaiser  in  England.  Preßfehde
  zwischen  englischen  und  deutschen  Blättern,  vgl.  S.  169.

13.  August.  Eröffnung  des  Parlaments.

In  der  Thronrede  heißt  es  u.  a.:  Die  Mitteilungen,  welche  ich
von  den  fremden  Mächten  erhalte,  versichern  mich  des  fortgesetzten  Wohlwollens
  der  Mächte.  Ich  bin  glücklich,  sagen  zu  können,  daß  keine  internationalen
  Komplikationen  irgendwo  entstanden  sind,  welche  dazu  angethan
sind,  den  europäischen  Frieden  zu  gefährden.  Der  Krieg,  welcher  bei  Eröffnung
  der  letzten  Session  zwischen  China  und  Japan  bestand,  ist  durch
einen  Frieden,  welcher,  wie  ich  hoffe,  dauernd  sein  wird,  zum  Abschluß  gebracht.
  Ich  habe  strikte  Neutralität  während  des  Krieges  beobachtet  und
bezüglich  desselben  keine  Aktion  ergriffen,  außer  solcher,  welche  mir  der
Beendigung  der  Feindseligkeiten  günstig  erschien.  Die  Königin  bedauert
tief  die  höchst  abscheulichen  Gewaltthätigkeiten  gegen  die  englischen  Missionare
  in  der  Provinz  Fukien.  Infolge  der  auf  Anordnung  der  Königin
an  die  chinesische  Regierung  gerichteten  ernsten  Vorstellungen  werden  thatkräftige
  Maßregeln,  welche  sich  hoffentlich  wirksam  erweisen,  zur  Bestrafung
der  Mörder  und  aller  für  die  Verbrechen  irgendwie  verantwortlichen  Personen
  getroffen.  In  den  armenischen  Distrikten  der  asiatischen  Türkei  find
neue  Unruhen  ausgebrochen  und  von  Greuelthaten  begleitet  gewesen,  welche
die  Entrüstung  der  christlichen  Völker  Europas  und  insbesondere  diejenige
meines  Volkes  erregt  haben.  Mein  Botschafter  und  die  Botschafter  des
Kaisers  von  Rußland  und  der  französischen  Republik  haben  gemeinschaftlich
        <pb n="251" />
        Greßbritannien.  (August  15.  —26.)  243

der  Regierung  des  Sultans  Reformen  vorgeschlagen,  welche  nach  ihrer
Meinung  notwendig  die  Wiederholung  beständiger  Unruhe  verhindern.
Diese  Vorschläge  werden  jetzt  von  dem  Sultan  erwogen,  und  ich  erwarte
sehnlich  den  Beschluß  des  Letzteren.  Die  Königin  erklärt  schließlich,  angesichts
  der  vorgerückten  Jahreszeit  würde  es  wahrscheinlich  für  angemessener
befunden  werden,  die  Beratung  irgend  welcher  wichtiger  Gesetzentwürfe,
ausgenommen  derjenigen,  betreffend  die  Verwaltungskosten  des  Jahres,  auf
eine  andere  Session  zu  verschieben.

15.  August.  (Oberhaus.)  Lord  Salisbury  über  die  armenische

  Frage  und  die  Türkei.

Der  Premierminister  führt  aus,  die  Regierung  setze  die  Politik  ihrer
Vorgänger  gegen  die  Türkei  fort.  Eine  Garantie  für  die  Durchführung
der  geforderten  Reformen  sei  aber  noch  nicht  erlangt.  Bisher  haben  wir
von  den  Regierungen  Frankreichs  und  Rußlands  die  loyalste  und  gründlichste
  Unterstützung  erfahren.  (Hört!  hörtl)  Dieselben  haben  auch  den
ernsten  Wunsch  ausgesprochen,  dieses  Zusammenwirken  mit  uns  im  ganzen
Verlaufe  aufrecht  zu  erhalten.  (Beifall.)  Wenn  der  Sultan  mit  Verschleppung,
  Hinausschiebung  und  Entschuldigungen,  welche  uns  weder  haltbar
  noch  weise  erscheinen,  die  Sache  hintan  hält,  so  geschieht  das  unglücklicherweise
  unter  dem  Einfluß  einer  Täuschung,  von  der  sich  türkische  Regierungen
  nur  zu  lange  haben  leiten  lassen.  Seine  einzige  Furcht  scheint
zu  sein,  er  könne  etwas  thun,  was  die  scheinbare  Unabhängigkeit  seines
Landes  gefährden  könnte.  Es  ist  das  eine  edle  Empfindung,  der  wir  alle
Teilnahme  schenken  möchten,  allein  die  Unabhängigkeit  der  Türkei  ist  zwar
in  das  europäische  Staatsrecht  eingeschrieben  und  durch  die  Verträge  von  Paris
und  Berlin  gewährleistet,  ist  aber  doch  eine  ganz  besondere  Unabhängigkeit:  Sie
ist  eine  Unabhängigkeit,  die  auf  Grund  der  Uebereinkunft  anderer  Mächte  besteht,
sie  nicht  anzutasten  und  sie  aufrechtzuerhalten.  Wie  lange  der  heutige  Zustand
  der  Dinge  andauern  wird,  das  erscheint  mir,  ich  gestehe  es,  heute  mehr
zweifelhaft  als  vor  zwanzig  Jahren.  Wenn  von  Geschlecht  zu  Geschlecht
Jammergeschrei  aus  verschiedenen  Teilen  des  türkischen  Reiches  erschallt,  so
kann  nach  meiner  Ueberzeugung  der  Sultan  sich  nicht  über  die  Wahrscheinlichkeit
  täuschen,  daß  Europa  früher  oder  später  die  Hilferufe,  die  von  seiten
der  Pforte  zu  ihm  dringen,  überdrüssig  werde,  und  daß  die  dem  türkischen
Reiche  verliehene  künstliche  Stärke  versagen  werde.  Ich  habe  mich  ganz
ernstlich  bemüht,  der  türkischen  Regierung  die  Bedenklichkeit  ihres  Verhaltens
dringend  ans  Herz  zu  legen,  aber  anderseits  auch  ihr  klar  zu  machen,  daß
keine  Regierung  angelegentlicher  die  Aufrechterhaltung  des  türkischen  Reiches
wünscht  als  gerade  die  englische.

22.  August.  (Unterhaus.)  Erklärung  Balfours  über  die

Doppelwährung  (val.  S.  236).

Der  erste  Lord  des  Schatzes  Balfour  gibt  folgende  Erklärung  ab:
Ich  bin  und  war  stets  für  ein  internationales  Uebereinkommen  betreffend
die  stetigste  Grundlage  der  internationalen  Umlaufsmittel,  habe  aber  kein
Recht,  meine  Kollegen  in  dieser  Beziehung  zu  verpflichten,  ich  habe  keinen
Grund  zu  glauben,  daß  gegenwärtig  eine  internationale  Konferenz  zu  einem
internationalen  Einvernehmen  führen  würde.

26.  August.  (Oberhaus.)  Geplante  Reform  des  Kriegsministeriums
  (vgl.  S.  241).

Der  Staatssekretär  für  den  Krieg,  Marquis  of  Lansdowne,
gibt  einen  Ueberblick  über  die  beabsichtigte  Reform  des  Kriegsministeriums.

16“
        <pb n="252" />
        244  Greßbriiannien.  (September  2.  —Oktober  30.)

Danach  werden  die  verschiedenen  militärischen  Abteilungen  unter  den  Oberbefehlshaber
  und  vier  andere  Offiziere  gestellt,  welche,  ein  jeder  für  seine
Abteilung,  dem  Kriegsminister  unmittelbar  verantwortlich  sind.  Sie  bilden
unter  Vorsitz  des  Oberbefehlshabers  eine  Körperschaft  zur  Begutachtung  gewisser
  Fragen.  Diese  Körperschaft  kann  durch  Hinzuziehung  des  Unterstaatssekretärs
  und  des  Finanzsekretärs  des  Kriegsamtes  sowie  etwaiger
speziell  berufener  Offiziere  zu  einem  Rat  erweitert  werden  unter  dem  Vorsitz
  des  Kriegsministers,  dessen  Entscheidungen  endgültig  find  und  der  allein
dem  Parlament  verantwortlich  ist.  (Vgl.  hierzu  Englische  Ansichten  über
Kriegführung  und  Landesverteidigung:  „Preuß.  Jahrb.“  Bd.  82  S.  343).

2.—5.  September.  (Cardiff.)  Kongreß  der  Gewerkvereine.

344  Vertreter  von  ungefähr  1  Mill.  Arbeitern  beschließen  die  Ausschließung
  der  Nichtarbeiter  und  stoßen  die  Norwicher  kollektivistische  Prinzipienerklärung
  (vgl.  1894  S.  257)  wieder  um.  Die  radikal-sozialistische
Richtung  bleibt  in  den  Beratungen  in  entschiedener  Minderheit.

5.  September.  Vertagung  des  Parlaments.

29.  September.  England  richtet  ein  Ultimatum  an  China
wegen  Ermordung  englischer  Missionare  (vgl.  Afien).

19.  Oktober.  England  richtet  ein  Ultimatum  an  Venezuela
und  fordert  Entschädigung  für  die  Mißhandlung  der  englischen  Beamten
  im  Januar  (vgl.  Süd-Amerika).

Oktober.  England  und  Rußland  in  Ostasien.

Die  „Times“  bringt  solgende  Meldung  aus  Hongkong:  „Durch  den
jüngst  zwischen  Rußland  und  China  geschlossenen  Vertrag  erlangt  Rußland
das  Recht  für  seine  Flotte,  in  Port  Arthur  zu  ankern,  ferner  die  Berechtigung
unter  russischer  Verwaltung  eine  von  Nertschinsk  direkt  nach  Wladiwostock  über
chinesisches  Gebiet  gehende  Eisenbahn  mit  einer  Zweigbahn  von  Tsitsihar
nach  Port  Arthur  zu  bauen  und  zu  betreiben,  nebst  anderen  Handelsvorteilen,
  auf  welche  die  Meistbegünstigungsklausel  nicht  anwendbar  ist.
China  behält  sich  das  Recht  vor,  die  Eisenbahn  nach  zwanzig  Jahren  zu
einem  später  festzusetzenden  Preise  anzukaufen."

Diese  Nachricht  ruft  in  England  die  größte  Erregung  hervor.  Die
„Times"“,  „Pall  Mall  Gazette“,  „Standard“",  „St.  James  Gazette“
  u.  s.  w.  fordern,  daß  die  Regierung  im  Bunde  mit  Japan  sich  der
Ausführung  dieses  Vertrages  sich  mit  Gewalt  widersetze  und  rechnen  dabeie
auf  den  Beistand  Deutschlands.  Allmählich,  da  Rußland  den  Vertrag  ableugnet,
  läßt  die  kriegerische  Stimmung  nach;  vielfach  wird  angenommen,
daß  die  Meldung  der  Times  ein  Fühler  war,  um  Europa  zu  sondieren.

Ende  Oktober.  Anf.  November.  Heftige  Preßfehde  zwischen
Rußland  und  England  über  die  türkische  Frage  (vgl.  Rußland).

30.  Oktober.  (Watford.)  Lord  Salisbury  über  die

innere  Lage.

Der  Lord  führt  aus,  die  hauptsächlichste  innere  Frage,  vor  die  die
Regierung  gestellt  sei,  sei  die  Besserung  der  sozialen  Zustände  und  die  Lage
der  Landwirtschaft  das  erste  Interesse,  dem  die  Aufmerksamkeit  gebühre.
Das  Sinken  der  Preise  sei  die  Folge  des  Freihandels:  es  habe  die  Landwirtschaft
  in  mehreren  Grafschaften  nahezu  vernichtet.
        <pb n="253" />
        Greßbritannien.  (November  1.  -  19.)  245

1.  November.  Lord  Wolseley  wird  Oberbefehlshaber  des
englischen  Heeres.

1.  November.  England  beschließt  den  Krieg  gegen  die  Aschantis
  (vgl.  Überficht).

6.  November.  Besuch  des  Königs  von  Portugal  in  London.

6.  November.  (London.)  Chamberlain  über  die  Kolonialpolitit
  (vgl.  S.  241).

Der  Kolonialminister  Chamberlain  erklärt  auf  einem  Festmahle,
die  britische  Kolonialpolitik  befinde  sich  in  einer  Krifis.  Das  Schicksal
der  Kolonien  werde  vielleicht  das  Schicksal  des  britischen  Weltreiches  entscheiden.
  Die  Kinder  Großbritanniens  seien  nachgerade  aufgewachsen.  Aber
dennoch  wolle  sich  keine  Kolonie  vom  Mutterlande  trennen.  In  den  Kolonien
  wisse  man,  was  es  bedeute,  ein  britischer  Bürger  zu  sein  und  an
allem  Guten  und  Großen,  was  Briten  vereinige,  teilzunehmen.  Der  Traum
der  Reichsföderation,  wie  ihn  Viele  nannten,  würde  wohl  zur  Wahrheit
werden.  Der  Erzreichtum  von  Süd-Afrika  scheine  alle  Erwartungen  zu
übertreffen.  Die  Minen  des  Maschonalandes  und  des  Matabelelandes  würden
am  Ende  reicher  sein  als  die  vielgerühmten  von  Kimberley.  Jetzt  sei  Eines
erforderlich:  die  staatliche  Verbindung  der  südafrikanischen  Kolonien.

9.  November.  (London.)  Lord  Salisbury  über  die  auswärtige
  Politik.

Auf  dem  Lordmayors-Bankett  in  der  Guildhall  führt  Lord  Salisbury
  folgendes  aus:  Eine  Besorgnis  über  die  Lage  in  Ostafien  sei  unnötig,
  ebenso  sei  die  Aufregung  über  die  falsche  Timesnachricht  überflüssig
gewesen.  Nicht  so  friedlich  seien  die  Dinge  in  Armenien;  der  Sultan
gefährde  trotz  allem  Wohlwollen  der  Mächte  seine  Existenz,  wenn  er  sich
nicht  zu  Reformen  verstehe.  Die  Mächte  seien  einig  in  dem  Entschlusse,  die
Klagen  der  Unterdrückten  abzustellen.

19.  November.  (Brighton.)  Rede  Salisburys  über  die

armenische  Frage.  Schreiben  des  Sultans.

Lord  Salisbunry  teilt  mit,  er  habe  ein  Schreiben  des  Sultans
mit  Bezug  auf  die  von  ihm  jüngst  in  der  Guildhall  gehaltene  Rede  empfangen,
in  welcher  er  geringes  Vertrauen  darauf  ausgesprochen  hatte,  daß  die  zugesagten
  Reformen  in  der  Türkei  würden  durchgeführt  werden.  Das
Schreiben  des  Sultans  besagt,  jene  Aeußerung  habe  ihn  sehr  geschmerzt,
da  die  Durchführung  der  Reformen  bei  ihm  beschlossene  Sache  sei  und  er
auch  von  dem  Wunsche  beseelt  sei,  dieselben  sobald  als  möglich  zur  Ausführung
  zu  bringen.

„Ich  habe  Meinen  Ministern,“  fährt  das  Schreiben  fort,  „dies  bereits
  erklärt.  Die  einzige  Veranlassung,  daß  Lord  Salisbury  in  dieser
Weise  in  Meine  guten  Absichten  Zweifel  setzen  konnte,  muß  in  Intriguen
gewisser  Personen  hier  oder  anderswo  liegen.  Es  sind  unwahre  Behauptungen
  aufgestellt  worden,  um  diese  Meinung  hervorzurufen.  Ich  wiederhole,
  Ich  werde  die  Reformen  durchführen  und  werde  selbst  darüber  wachen,
daß  jeder  einzelne  Artikel  zur  Wirksamkeit  gebracht  wird.  Das  ist  Mein
ernster  Entschluß  und  hierfür  verpfände  Ich  mein  Ehrenwort.  Ich  wünsche,
daß  Lord  Salisbury  hievon  Kenntnis  nehme,  und  bitte,  daß  er  im  Vertrauen
  auf  diese  Erklärungen  eine  andere  Rede  halte,  entsprechend  der
        <pb n="254" />
        246  Grosbritannien.  (November  22.—Dezember  Ende.)

freundlichen  Gefinnung,  die  er  für  Mich  und  Mein  Land  hegt.  Dem  Erfolg
  dieses  Schreibens  sehe  Ich  mit  größter  Spannung  entgegen.“

Der  Lord  erklärt,  er  wolle  dies  Schreiben  nicht  kommentieren  und
führt  hierauf  aus,  das  armenische  Problem  hinge  ebenso  vom  Erlaß  guter
Gesetze  wie  von  der  Wahl  der  geeigneten  Gouverneure  ab.

22.  November.  (London.)  Lord  Salisbury  über  die  Not
der  Landwirtschaft  und  den  Schutzzoll.

Eine  Abordnung  des  Nationalverbandes  englischer  Hopfenbauer
bittet  den  Premierminister  angesichts  des  Notstandes  der  landwirtschaftlichen
  Produktion  um  Schutzmaßregeln.  Der  Premier  betont  seine  innige
Teilnahme  für  die  Beschwerden  der  Petenten,  und  erklärt,  es  sei  sein  und
der  Regierung  fester  Entschluß,  auf  eine  wirksame  Hilfe  bedacht  zu  sein.
Mit  den  Schutzzoll  sei  es  aber  so  leicht  nicht  gethan.  Das  Experiment  sei
immer  fragwürdig,  in  Frankreich  habe  man  es  ja  versucht  und  die  Landwirtschaft
  leide  trotzdem  dort  noch  mehr  Not,  als  in  England.

Dezember.  Die  englische  Presse  und  die  Botschaft  Clevelands
(vgl.  Nordamerika).

Die  englische  Presse  ist  äußerst  erregt  über  die  Nachrichten  aus
Amerika;  alle  erklären  ein  Nachgeben  Englands  für  unmöglich.  Die
„Times“  führt  aus:  Die  England  zugemuteten  Konzessionen  seien  solcher
Art,  daß  keine  sich  selbst  achtende  Nation  sich  ihnen  unterwerfen  könnte.
Es  sei  schwer  zu  glauben,  daß  die  amerikanische  Regierung  den  von  Cleveland
  angedrohten  Weg  beschreiten  werde,  wenn  es  aber  doch  geschehen  sollte,
so  liege  England  die  Pflicht  ob,  die  Reichs-Interessen  und  Rechte  zu  schützen.
Die  Monroe-Doktrin  sei  niemals  als  internationales  Gesetz  anerkannt  worden.
Der  Vorschlag  Clevelands  sei  das  Erstaunlichste,  was  seit  Napoleons  Tagen
jemals  in  Friedenszeiten  geleistet  worden  sei.  Vieles  sei  angesichts  der  herannahenden
  Präsidentenwahl  verzeihlich;  viel  Zeit  könne  vergehen,  ehe  die
von  Cleveland  empfohlene  Kommission  eingesetzt  werde  und  der  Bericht
der  Kommission  werde  vielleicht  nicht  vor  dem  Uebergange  der  Exekutive
in  andere  Hände  vorgelegt  werden;  was  aber  auch  immer  geschehen  möge,
England  müsse  fest  und  ruhig  auf  seinen  Rechten  als  unabhängiger  Staat
bestehen  und,  wenn  nötig,  die  geeigneten  Maßregeln  zur  Sicherung  dieser
Rechte  treffen.  —  Auch  die  Presse  Kanadas  billigt  durchaus  die  Haltung
Salisburys.  (Vgl.  Nineteenth  Century  Nov.  1895.)

Ende  Dezember.  Englands  Konflikt  mit  Transvaal  (siehe
übersicht).
        <pb n="255" />
        VI.
Frankreich.

12.  Januar.  Südbahnfrage.  Differenzen  im  Kabinet.  Austritt

  Barthous.

Die  seit  kurzem  erfolgte  Verhaftung  der  Direktoren  der  Südbahn
wegen  Fälschung  von  Geschäftspapieren  erregt  großes  Aufsehen.  Die  Südbahngesellschaft,
  eine  aus  dem  Jahre  1885  stammende  Gründung  der  Société
Marseillaise  de  crédit  industrial  et  Commercial,  hatte  von  dieser  in  ihrem
Gründungsjahr  einen  Vertrag  mit  dem  Staate  übernommen,  der  vom  Parlament
  fast  unbesehen  in  aller  Hast  erledigt  wurde,  und  in  den  letzten  Sessionstagen
  von  1889  einen  zweiten  Vertrag  mit  dem  Staate  erlangt,  der  gleichfalls
  so  gut  wie  ungeprüft  blieb.  Diese  Verträge  gewähren  der  Gesellschaft
eine  Zinsbürgschaft  von  5  und  von  4.65  vom  Hundert,  wodurch  sie  allein
an  der  Ausgabe  ihrer  Schuldverschreibungen  einen  Vorteil  von  9  Millionen
erzielte;  sie  ermächtigten  überdies  die  Gesellschaft,  in  die  Baukostenrechnungen
für  allgemeine  Unkosten  15  Prozent  einzustellen,  was  ein  Geschenk  von  12
Millionen  darstellte.  Der  Bau  wurde  von  der  Gesellschaft  in  der  Art  vergeben,
  daß  die  Unternehmer  20  Prozent  Rabatt  vom  Kostenanschlage  bewilligen
  mußten.  Die  Staatsgarantie  beträgt  4500  Francs  für  den  Kilometer,
  insolange  die  Einnahmen  nicht  6500  Francs  für  den  Kilometer  erreichen.
  Die  Gesellschaft  sorgte  durch  Einschränkung  des  Betriebes  dafür,
daß  die  Einnahmen  nicht  über  2515  Francs  stiegen.  In  der  letzten  Zeit
handelte  es  sich  um  die  Abänderung  dieser  Verträge;  die  Vorlage  kam  am
Weihnachtsabend  in  der  Kammer  zur  Verhandlung  und  führte  zu  einem
scharfen  Wortwechsel  zwischen  dem  Minister  Barthou  und  dem  Sozialisten
Jaures,  in  dessen  Gefolge  es  zu  einem  unblutigen  Pistolenduell  kam.  Der
Staatsrat  beschließt  (12.  Januar)  im  Gegensatze  zu  Barthou,  der  für  den
Staat  bessere  Bedingungen  erlangen  wollte,  im  Sinne  der  Gesellschaft,  daß
die  Staatsgarantie  bis  zum  Ablauf  der  Konzession  zu  dauern  habe.  Daraufhin
  reicht  Barthou  dem  Ministerpräsidenten  Dupuy  seine  Demission  ein,  da
er  den  Beschluß  des  Staatsrats,  den  er  bekämpft  habe,  nicht  ausführen  könne.

13.  Januar.  (Paris.)  Bombenexplosion  in  der  Rue  Monceau
  ohne  Schaden  anzurichten.

14.  Januar.  (Deputierten  kammer.)  Demission  des  Kabinets

  Dupuy.
Abg.  Milleraud  (Soz.)  interpelliert  wegen  der  Demission  Barthous

und  tadelt  die  Regierung,  weil  sie  die  Frage  der  Zinsgarantie  dem  Staatsrate
  unterbreitet  habe  und  beantragt  schließlich,  daß  eine  Untersuchung  er-
        <pb n="256" />
        248  Frantreich.  (Januar  15.)

öffnet  werde,  um  zu  prüfen,  ob  Raynal,  der  Urheber  der  Uebereinkunft  mit
der  Südbahn,  in  Anklagezustand  zu  versetzen  sei.  Abg.  Raynal  (ehemaliger
Minister):  Im  Laufe  der  Unterhandlungen,  zum  Abschlusse  der  betreffenden
Konventionen  sei  niemals  von  einer  immerwährenden  Zinsgarantie  die  Rede
gewesen.  Mit  einer  Untersuchung  sei  er  einverstanden.  Ministerpräfident
Dupuy  hat  hiernach  nichts  gegen  die  Untersuchung.  Er  rechtfertigt  die
Inanspruchnahme  des  Staatsrates,  dessen  Kompetenz  für  die  Frage  der
Zinsgarantie  in  einer  Tagesordnung  der  Kammer  vom  Juni  1894  anerkannt
  worden  sei.  Die  Regierung  könne  daher  heute  die  getroffene  Entscheidung
  nicht  unberücksichtigt  lassen.  Wenn  Barthoun  seine  Entlassung  genommen
  habe,  so  habe  er  das  gethan,  weil  er  die  Entscheidung  als  eine
persönliche  Enttäuschung  aufgefaßt  habe.  Die  Regierung  habe  geglaubt,
sich  der  übernommenen  Verantwortlichkeit  nicht  entziehen  zu  sollen.

Nachdem  die  Einsetzung  einer  Untersuchungskommission  mit  253  gegen
225  Stimmen  angenommen  worden  ist,  werden  mehrere  Tagesordnungen
beantragt,  die  die  Regierung  auffordern,  den  Rechten  des  Staates  Achtung
zu  verschaffen,  aber  auf  Dupuys  Verlangen  werden  sie  abgelehnt.  Ebenso
wird  die  von  Dupuy  gebilligte  Tagesordnung  Trelat,  die  die  Achtung  der
Kammer  vor  der  Teilung  der  Gewalten  ausdrückt  mit  263  gegen  241  Stimmen
  abgelehnt.  Die  Minister  begeben  sich  sofort  nach  dem  Elysee,  um  ihre
Demission  einzureichen.

Die  gemäßigte  Presse  ist  der  Meinung,  Dupuy  habe  zurücktreten
wollen,  da  er  den  Sturz  unschwer  vermeiden  konnte.

15.  Januar.  Casimir  Périer,  der  Präsident  der  Republik,
legt  seine  Würde  nieder.

Das  Schreiben  mit  dem  er  dem  Senat  und  der  Kammer  seinen  Rücktritt
  anzeigt,  hat  folgenden  Wortlaut:  „Ich  habe  mir  niemals  die  Schwierigkeiten
  der  mir  von  der  Nationalversammlung  übertragenen  Aufgabe  verhehlt,
  ich  hatte  sie  vorausgesehen.  Wenn  man  im  Augenblicke  der  Gefahr
einen  Posten  nicht  ausschlägt,  so  bewahrt  man  seine  Würde  nur  bei  der
Ueberzeugung,  seinem  Vaterlande  zu  dienen.  Die  von  Mitteln  der  Aktion
und  Kontrolle  entblößte  Präsidentschaft  der  Republick  kann  allein  aus  dem
Vertrauen  der  Nation  die  moralische  Kraft  schöpfen,  ohne  welche  sie  nichts
ist.  Ich  zweifle  weder  an  dem  gesunden  Sinne,  noch  an  der  Gerechtigkeit
Frankreichs;  man  hat  es  jedoch  erreicht,  die  öffentliche  Meinung  mehr  als
zwanzig  Jahre  hindurch  irrezuführen.  Meine  zwanzigjährigen  Kämpfe  in
dieser  Beziehung,  meine  Anhänglichkeit  an  die  Republik  und  meine  Hingebung
  an  die  Demokratie  haben  nicht  genügt,  alle  Republikaner  von  der
Aufrichtigkeit  und  Wärme  meines  politischen  Glaubens  zu  überzeugen  und
die  Gegner  eines  Besseren  zu  belehren,  welche  glauben  oder  zu  glauben  vorgeben,
  daß  ich  mich  zum  Werkzeug  ihrer  Leidenschaften  und  ihrer  Hoffnungen
machen  werde.  Seit  einem  halben  Jahre  tobte  ein  Kampf  mit  Verleumdung
  und  Beleidigungen  gegen  die  Armee  und  die  Behörden,  gegen  das
Parlament  und  den  unverantwortlichen  Chef  des  Staates,  und  diese  Freiheit,
  den  sozialen  Haß  zu  schüren,  wird  fortgesetzt  Freiheit  des  Denkens
genannt.  Die  Achtung  und  der  Ehrgeiz,  die  ich  für  mein  Land  hege,  gestatten
  mir  nicht  zuzugeben,  daß  jeden  Tag  die  besten  Diener  des  Vaterlandes
  und  diejenigen,  welche  es  in  den  Augen  des  Auslandes  vertreten,
beleidigt  werden.  Ich  kann  nicht  darauf  verzichten,  das  Gewicht  der  auf
mir  lastenden  moralischen  Verantwortlichkeit  mit  der  Machtlosigkeit,  zu  der
ich  verdammt  bin,  zu  vergleichen.  Vielleicht  versteht  man  mich,  wenn  ich
versichere,  daß  die  konstitutionellen  Fiktionen  die  Forderungen  des  politischen
Gewissens  nicht  zum  Schweigen  bringen  können.  Vielleicht  werde  ich,  in-
        <pb n="257" />
        Eraukrei.  (Januar  17.—27.)  249

dem  ich  mein  Amt  niederlege,  denjenigen  ihre  Pflicht  vorgezeichnet  haben,
denen  die  Sorge  obliegt  für  die  Würde,  die  Macht  und  den  guten  Ruf
Frankreichs  in  der  Welt.  Unabänderlich  treu  mir  selber  bleibe  ich  überzeugt,
  daß  Reformen  nur  unter  der  thätigen  Mitwirkung  einer  Regierung
möglich  find,  welche  entschlossen  ist,  die  Achtung  vor  dem  Gesetze  zu  sichern,
sich  bei  ihren  Untergebenen  Gehorsam  zu  verschaffen  und  sie  alle  in  gemeinsamer
  Arbeit  zu  gemeinsamem  Werke  zu  vereinigen.  Ich  habe  trotz  der
gegenwärtigen  traurigen  Stunde  den  Glauben  an  die  Zukunft  des  Fortschrittes
  und  der  sozialen  Gerechtigkeit.  Ich  lege  auf  den  Tisch  des  Senats
und  der  Kammer  meine  Demission  als  Präfident  der  Republik  nieder."“

17.  Januar.  (Versailles.)  Neuwahl  des  Präsidenten  der

Republik,  Felix  Faure.

Im  ersten  Wahlgange  erhält  Brisson  344,  Felix  Faure  216,
Waldeck-Rousseau  195  Stimmen.  Im  zweiten  wird  der  bisherige  Marine-Wrn
  Felix  Faure  mit  435  Stimmen  gegen  363,  die  auf  Brisson  fallen,
gewählt.  ·

Fautegeboren1842inPari3istSeemannvonHaufeau8,inHavre
als  Kaufmann  und  Rheder  ansässig.  Seit  1881  Abgeordneter  für  Havre
war  er  unter  Gambetta  Unterstaatssekretär  im  Handelsministerium,  wurde
unter  Ferry  Marineminister.

Die  gemäßigte  Prefse  begrüßt  den  neuen  Präfidenten  wohlwollend,
die  radikale  und  sozialistische  mit  Mißachtung.

Januar.  Urteile  über  C.  Périers  Rücktritt.

Das  Ereignis  verursacht  große  Aufregung,  die  meisten  gemäßigten
republikanischen  Blätter  tadeln  Cafimir  Périer  scharf,  die  sozialistischen  und
radikalen  triumphieren.

„Gaulois“:  Der  Rücktritt  sei  eine  Desertion.  „Figaro“:  Europa
und  Frankreich  würde  ihn  verurteilen.  „Journal“:  Die  Desertion  Cafimir
Périers  habe  seinen  Grund  in  dem  anarchischen  Zustande  der  Parteien.
„Autorité“":  Der  Rücktritt  verurteile  mehr  das  System  als  den  Mann.
„Lanterne“:  Casimir  Périer  plane  mit  seinem  Rücktritt  ein  Attentat  gegen
das  allgemeine  Stimmrecht,  da  er  seine  Wiederwahl  verlange.  „Soleil“:
Casimir  Périer  habe  verständig  gehandelt,  daß  er  der  Kammer  seine  Refignation
  mit  souveräner  Verachtung  entgegengeschleudert  habe.  „Intransigeant“:
  Die  Demission  sei  das  Eingeständnis  der  Ohnmacht.

18./21.  Janugr.  Léon  Bourgeois  versucht  ein  Kabinet  zu
bilden.

Abg.  Beourgeois  sucht  aus  allen  republikanischen  Gruppen  ein  sog.
Konzentrationskabinet  zu  bilden.  Seine  Bemühungen  scheitern  (21.  Jan.)
an  der  Frage  der  Einkommensteuer,  die  der  zum  Finanzminister  in  Aussicht

genommene  Poincarré  (vgl.  1894  S.  266)  allmählich,  die  radikalen  Kandidaten
  mit  einem  Male  gelöst  sehen  wollen.

22.  Januar.  Abkommen  mit  England  über  die  Besitzungen
im  Norden  und  Osten  von  Sierra  Leone  (val.  Afrika).

27.  Januar.  Neubildung  des  Ministeriums.

Nachdem  Loubet  vergeblich  ein  Kabinet  zu  bilden  versucht  hatte,
bringt  Ribot  folgende  Ministerliste  zu  stande:  Ribot  Präsidium  und
Finanzen,  Trarieux  Justiz,  Hanotaux  Auswärtiges,  Leygues  Inneres,
Poincaré  Unterricht,  Dupuy  du  Temps  Arbeiten,  André  Lebon
        <pb n="258" />
        250  Fr###eich.  (Januar  28.—Februar  2.)

Handel,  Gadeau  Ackerbau,  Chautemps  Kolonien,  General  Jamont
Krieg,  Admiral  Besnard  Marine.  General  Jamont  lehnt  ab,  an  seiner
Stelle  wird  General  Zurlinden  Kriegsminister.

28.  Januar.  (Paris.)  Präsident  Faure  empfängt  den  König
Alexander  von  Serbien.

28.  Januar.  (Deputiertenkammer.)  Amnestievorlage.

Die  Kammer  genehmigt  eine  Amnestie,  die  folgende  Verurteilungen
betrifft:  1.  Verbrechen  oder  Verschwörungen  gegen  die  innere  Sicherheit  des
Staates;  2.  Vergehen  und  Zuwiderhandlungen  in  Preß-,  Vereins=  und
Versammlungsangelegenheiten,  mit  Ausnahme  der  Verleumdung  und  Beleidigung
  von  Privatpersonen;  3.  Wahlvergehen;  4.  Ausstandsvergehen.
(Genehmigung  im  Senat  31.  Januar.)

28.  Januar.  (Paris.)  Marschall  Canrobert  f.

Geboren  1809  war  er  im  Krimkriege  kurze  Zeit  Oberbefehlshaber
der  französischen  Truppen,  kommandierte  1870  das  6.  Korps  in  Bazaines
Armee  und  wurde  mit  diesem  in  Metz  gefangen.

29.  Januar.  Der  deutsche  Kaiser  sendet  Beileidstelegramme
an  den  Sohn  und  Schwiegersohn  Canroberts.
31.  Januar.  (Deputiertenkammer.)  Beschluß  über  Canroberts

  Bestattung.

Die  Kammer  beschließt  mit  288  gegen  159  Stimmen,  Canrobert  auf
Staatskosten  zu  beerdigen.  Die  Sozialisten  und  Radikalen  bekämpften  den
Antrag,  weil  Canrobert  am  Staatsstreiche  Napoleons  teilgenommen  habe.
(Genehmigung  im  Senat  am  1.  Febr.  mit  145  gegen  49  Stimmen.)

2.  Februar.  (Deputiertenkammer.)  Madagassische  Expedition.


Auf  eine  Anfrage  mehrerer  Deputierten  erklärt  Kriegsminister  Zurlinden,
  die  Regierung  habe  mit  einer  englischen  Firma  einen  Vertrag
wegen  des  Transportes  von  Kriegsmaterial  nach  Madagaskar  abgeschlossen.
In  stürmischer  Sitzung  verlangen  viele  Deputierte  die  Zurücknahme  dieses
Vertrages  und  die  Maßregel  der  Regierung  wird  erst  nach  der  Darlegung,
daß  in  Frankreich  die  notwendigen  Transportschiffe  nicht  vorhanden  seien
und  eine  Verzögerung  des  Transportes  das  Schicksal  der  Expedition  aufs
Spiel  setzen  würde,  gebilligt.

2.  Februar.  (Deputiertenkammer.)  Währungsdebatte

(vgl.  England  und  Deutschland).

Auf  eine  Interpellation  antwortet  Ministerpräsident  Ribot,  die
Goldwährung  trage  an  der  landwirtschaftlichen  Krisis  ohne  Frage  schwere
Schuld.  Daher  nehme  die  bimetallistische  Strömung  immer  mehr  zu,  eine
Lösung  der  Frage  sei  freilich  nicht  so  bald  zu  erwarten.  „Ich  glaube  nicht,
daß  Frankreich  für  sich  allein  die  Frage  lösen  kann,  aber  es  kann  auch  nicht
sich  auf  eine  indifferente  und  abwartende  Haltung  beschränken.  Es  muß
klarstellen  (elle  doit  marquer),  daß  es  die  Lösung  beschleunigen  will  (presser
la  solution),  es  muß  eine  Haltung  annehmen,  welche  die  Bewegung  der
öffentlichen  Meinung  in  den  Nachbarländern  ermutigt.  Das  ist  die  Haltung,
die  der  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten  einnehmen  wird  und  das
ist  die,  welche  ich  selbst  ergriffen  habe.  Ich  hoffe,  daß  ich  damit  die  Frage,
die  an  mich  gerichtet  ist,  genügend  beantwortet  habe.“
        <pb n="259" />
        Erankreih.  (Februar  3.-  18.)  251

3.  Februar.  (Paris.)  Henry  Rochefort,  der  Redalteur  des
Intranfigeant,  kehrt  infolge  des  Amnestiegesetzes  zurück  und  wird
begeistert  empfangen.

5.  Februar.  Frankreich  schließt  einen  Vertrag  mit  dem  Kongostaate
  (val.  Afrika).

9.  Februar.  Die  Regierung  beschließt,  eine  allgemeine  Enquete
  über  die  Lage  der  Arbeiter  in  der  Montanindustrie  zu  veranstalten.


12.  Februar.  Präsident  Faure  sendet  dem  in  Cap  Martin
weilenden  Kaiser  Franz  Josef  ein  Begrüßungstelegramm,  worauf
dieser  ebenso  antwortet.

Februar.  Verwaltungsreform.

Einem  Beschlusse  der  Kammer  entsprechend,  setzt  die  Regierung  einen
Ausschuß  von  60  Mitgliedern,  Parlamentariern  und  Verwaltungsmännern,
ein,  um  die  Reform  der  Verwaltung  zu  prüfen  und  Vorschläge  zu  machen.
In  dem  Bericht  an  den  Präfidenten  der  Republik  wird  die  Aufgabe  des
Ausschusses  in  der  Hauptsache,  und  ohne  Begrenzung,  in  folgende  Fragen
zusammengefaßt:  1.  Ist  es  zweckmäßig,  die  Zuständigkeit  der  Lokalverwaltungsorgane,
  Präfekten,  Unterpräfekten,  Bürgermeister,  dahin  zu  ergänzen,
daß  das  Verfahren  in  der  Verwaltung  beschleunigt  und  vereinfacht  werde?
2.  Sollen  die  Lokalversammlungen,  Generalräte  und  Gemeinderäte  in  einem
erweiterten  Maße  zur  aktiven  Verwaltung  herangezogen  werden?  3.  Ist
die  Einschiebung  neuer  Verwaltungsorgane  zu  empfehlen,  die  als  Vermittler
zwischen  denen  des  Departements  und  denen  der  Gemeinde  thätig  wären,
und  könnte  der  Kanton  nicht  zur  Grundlage  einer  Reform  dieser  Art  dienen?
(Vgl.  über  diese  Frage  Revue  pol.  et  parl.  Jahrg.  II.)

Februar.  (Paris.)  Enthüllungen  über  den  Boulangismus.

Der  „Figaro“  teilt  mit,  daß  die  boulangistische  Bewegung  vom
Grafen  v.  Paris  unterhalten  sei,  der  4  Millionen  dafür  ausgegeben  habe.
Der  „Temps“  fügt  hinzu,  die  Herzogin  von  Uzes  habe  dem  Grafen  dazu
3  Millionen  vorgestreckt,  die  er  zurückzahlen  solle,  falls  er  oder  seine  Nachlommen
  den  Thron  bestiegen.  Dieser  vor  einem  englischen  Notar  abge-Hesen
  Vertrag  trage  die  Unterschrift  des  Grafen  v.  Paris  und  des  Herzogs
Chartres.

18.  Februar.  Abreise  des  Kaisers  Franz  Josef  und  Depeschenwechsel
  mit  Faure.

Der  Kaiser  telegraphiert:  „Die  traurigen  Nachrichten,  welche  ich  über
den  Zustand  des  Erzherzogs  Albrecht  erhalten  habe,  zwingen  mich,  meinen
Aufenthalt  im  Süden  abzukürzen.  Im  Augenblick,  da  ich  Kap  Martin
verlasse,  beeile  ich  mich,  Ihnen  zu  sagen,  daß  ich,  wie  früher,  an  meinen
Tufenthalt  in  Frankreich  eine  recht  angenehme  Erinnerung  bewahren  werde.
Ter  herzliche  und  gastfreundliche  Empfang,  den  ich  gefunden  habe,  hat  mich
bief  gerührt;  ich  bin  dankbar  für  die  Bemühungen,  die  gemacht  worden  sind,
um  mir  den  Aufenthalt  angenehm  zu  machen."

Präsident  Felix  Faure  antwortet:  „Gleichzeitig  mit  dem  Telegramme
Ev.  Majestät  erhalte  ich  die  Nachricht  von  dem  Tode  Erzherzogs  Albrecht.
Ich  nehme  lebhaften  Anteil  an  dem  schmerzlichen  Verlust,  den  Ew.  Majestät
        <pb n="260" />
        252  Frmreich.  (Februar  Ende.—März  12.)

in  der  Person  Ihres  erlauchten  Verwandten  erlitten  haben.  Indem  ich  das
schmerzliche  Ereignis,  welches  Ihren  Aufenthalt  in  Frankreich  auf  so  traurige
Weise  unterbricht,  beklage,  bleibt  mir  nur  übrig,  Ihnen  mein  herzliches
und  tiefes  Mitgefühl  auszudrücken.“

Ende  Februar.  Deutschland  und  Frankreich.  —  Einladung
der  französischen  Künstler  zur  Kunstausstellung  in  Berlin  und  Einladung

  zur  Teilnahme  an  der  Einweihung  des  Nordostseekanals.

Der  Ausschuß  der  nationalen  Gesellschaft  der  schönen  Künste  beschließt
einer  Einladung  der  deutschen  Künstler  nachzukommen  und  die  Berliner
Kunstausstellung  am  1.  Mai  zu  beschicken.  Der  „Figaro“  stimmt  dem
Beschlusse  zu,  „Autorité,  „Patrie“,  „Intransigeant"  greifen  die  Gesellschaft
  heftig  deshalb  an.

Auch  die  Aufforderung  des  deutschen  Kaisers  an  die  franzöfische
Regierung  zur  Einweihung  des  Nord-OÖstseekanals  einige  Kriegsschiffe  zu
entsenden,  wird  in  der  Oeffentlichkeit  lebhaft  diskutiert.  Der  „Figaro“,
„Gaulois“",  „Journal  des  Déöbats“  führen  aus,  der  Einladung,  die  an
alle  zivilisierte  Nationen  ergangen  sei,  müsse  Frankreich  unbedingt  Folge
leisten,  wenn  es  nicht  die  Pflichten  der  Höflichkeit  gröblich  verletzen  wolle.
Die  chauvinistischen  Blätter  behaupten,  die  Annahme  würde  eine  Demütigung
und  Anerkennung  des  1870  geschaffenen  Zustandes  sein.

4.  März.  (Paris.)  Der  Minister  des  Auswärtigen  Hanotaux
  teilt  dem  deutschen  Botschafter  Graf  Münster  mit,  daß  Frankreich
  die  Einladung  zur  Teilnahme  an  der  Einweihung  des  Nord-Ostseekanals
  annehme.

4.—7.  März.  (Deputiertenkammer.)  Militärdebatte.  Vergleichung

  der  deutschen  und  französischen  Streitkräfte.

In  der  Beratung  des  Heeresbudgets  wird  das  gesamte  Militärwesen
einer  eingehenden  Besprechung  unterzogen.  Der  Berichterstatter  Roches
(ugl.  1894  S.  270)  tadelt,  daß  die  effektiven  Stärken  der  Kadres  weit  hinter
der  Sollstärke  zurückblieben  und  so  die  Ausbildung  der  Truppen  erschwerten.
Die  deutsche  Armee  sei  der  französischen  in  Quantität,  Oualität  und  Schnelligkeit
  der  Mobilmachung  weit  überlegen.  Den  gegenwärtigen  Zustand  verurteilen
  auch  Raiberti  und  Delafosse,  die  eine  Rückkehr  zum  Berufsheer
  empfehlen.  Berteaux  verlangt  nach  deutschem  Muster  Einführung  der
zweijährigen  Dienstzeit  und  fordert  Beseitigung  der  Verwendung  von  Soldaten
  zu  Nebendiensten.  Cavaignac  erklärt  die  Erreichung  der  deutschen
Heeresstärke  für  unmöglich  und  fordert  eine  ganz  neue  Organisation,  die
die  kriegsmäßige  Ausbildung  der  Soldaten  besser  als  die  jetzige  gestatte.
Fast  sämtliche  Redner  stimmen  darin  überein,  daß  eine  Erhöhung  der  Friedensstärke
  oder  des  Budgets  unmöglich  sei.  (Näheres  über  diese  Debatten
bei  A.  v.  Winning,  das  französische  Heer  von  1895  vor  dem  Parlament.
„Preuß.  Jahrb.“  Bd.  81.)

12.  März.  (Deputiertenkammer.)  Der  Marineminister

über  die  französische  und  deutsche  Flotte.

Auf  eine  Bemerkung,  daß  Frankreich  die  Bemühungen  des  deutschen
Kaisers  die  deutsche  Flotte  zu  vergrößern  (vgl.  S.  59)  beobachten  müsse,
erwidert  Marineministers  Besnard:  Ich  mache  hier  keine  detaillierte  Angabe
  unseres  Programmes;  ich  erwähne  lediglich,  daß  es  auf  den  Besitz  von
        <pb n="261" />
        Eraukreich.  (März  28.  —  Ende.)  253

24  diensttauglichen  Panzerschiffen  basiert  ist,  welche  vier  Eskadres  zu  je  sechs
Schiffen  bilden.  Diese  Zahl  ist  offenbar  ein  Minimum,  wenn  man  daran
denkt,  daß  sich  soeben  eine  neue  sehr  ernste  und  sehr  wichtige  Thatsache  betreffs
  der  Marine,  sowie  der  ihr  obliegenden  Küstenverteidigung  vollzogen
hat:  die  Vereinigung  der  Nordseeflotte  und  der  Ostseeflotte  kann  in  wenigen
Stunden  vor  sich  gehen.  Wenn  man  erwägt,  daß  alle  deutschen  Schiffe  in
einigen  Stunden  in  die  Nordsee  einfahren  können,  so  ergibt  sich,  daß  wir
unserem  Nordgeschwader  eine  Kraft  und  eine  Kohäsion  geben  müssen,  welche
uns  vollkommene  Sicherheit  gewährt.

28.  März.  (Sathonay.)  Präsident  Faure  übergibt  unter
großer  Teilnahme  der  Bevölkerung  den  nach  Madagaskar  bestimmten
  Truppenteilen  die  Fahnen.

März.  Brafilien  erklärt  sich  zur  Zahlung  von  900  000  Francs
an  die  Familien  der  im  brasilianischen  Bürgerkriege  getöteten  Franzosen
  bereit.

März.  Frankreich  und  Paraguay.

Die  französische  Regierung  entzieht  sämtlichen  Konsuln  Paraguays
das  Exequatur,  weil  die  Regierung  von  Paraguay  dem  französischen  Vertreter
  in  Assuncion  die  Pässe  zugestellt  hat  unter  dem  Vorwande,  daß  er
französische  Einwanderer,  trotzdem  sie  von  Paraguay  Vorschüsse  erhalten
hätten,  zur  Rückkehr  in  die  Heimat  veranlaßt  habe,  ohne  diese  Vorschüsse
zurückzuerstatten.

Ende  März.  Preßstimmen  über  den  Beschluß  des  deutschen
Reichstags  vom  23.  März  und  über  die  Reise  des  Kaisers  nach
Friedrichsruh.

„Figaro“:  „Die  Dienste,  die  Herr  von  Bismarck  fürwahr  seinem
Vaterlande  geleistet  hat,  vermochten  also  nicht  den  grimmigen  Haß  zu  entwaffnen,
  den  er  sich  erworben.  Der  deutsche  Reichstag,  der  20  Jahre  vor
der  Stimme  seines  Zucht-Meisters  gezittert  hat,  wollte  sich  rächen  für  erlittene
  Demütigungen..  Das  Votum  ist  um  so  bemerkenswerter,  als  der
Kaiser  durch  seine  glänzende  Depesche  für  den  Fürsten  persönlich  eintritt
und  demselben  an  der  Spitze  seiner  Minister  und  Würdenträger  die  Huldigung
  seiner  königlichen  Anerkennung  darbringt.  —  „Journal  des
Débats“:  „Die  grße  Allgemeinheit  wird  gewiß  finden,  daß  der  Reichstag
seinen  Groll  von  früher  zu  tief  und  zu  lange  bewahrte  und  daß  es  von
seiten  seiner  alten  Widersacher  würdiger  gewesen  wäre,  bei  dieser  Gelegenheit
alles  andere  zu  vergessen  und  der  glorreichen  Zeiten  zu  gedenken."

Ueber  die  Rede  des  Kaisers  schreibt  der  „Soleil“:  „In  seiner
Friedrichsruher  Rede  zeigt  sich  uns  Kaiser  Wilhelm  nicht  als  der  liberale,
friedliebende,  philanthropische,  nur  auf  das  Glück  der  Menschheit  bedachte
Monarch,  als  den  Herr  Jules  Simon  ihn  uns  unlängst  in  seiner  salbungsvollen
  Sprache  schilderte.  Er  tritt  auf  als  der  gespornte,  gepanzerte,  behelmte
  Cäsar,  der  nur  von  Eroberungen  und  Kriegsruhm  träumt.  .“
—  „Autorité“:  „Der  Kaiser  scheint  es  darauf  abgesehen  zu  haben,  uns
zu  unterdrücken.  Nach  einer  Verherrlichung  der  Gewalt,  die  allerdings  bei
dem  Manne,  dessen  Wahlspruch  ist  „Gewalt  geht  vor  Recht,“  gut  angebracht
war,  nach  einem  Dithyrambus  auf  Eisen  und  Blut  als  das  beste  Regierungsmittel,
  überreicht  der  deutsche  Kaiser  dem  Fürsten  Bismarck  ein  Schwert
auf  dem  die  Wappen  von  Elsaß-Lothringen  eingraviert  sind.  Nichts  fehlte
        <pb n="262" />
        254  rankrei.  (April  8.)

also  bei  dieser  Feier,  was  Frankreich  verletzen,  unsere  herbsten  Erinnerungen
auffrischen  mußte  ...  Das  ist  die  Antwort  auf  die  Kieler  Demütigung.“
Die  radikalen  Blätter  wie  „Lanterne“  und  „Intransigeant"“
äußern  sich  noch  weit  schärfer.
5.  April.  (Senat.)  Hanotaux  über  das  Verhältnis  zwischen

Frankreich  und  England  in  Afrika.

Auf  eine  Anfrage  erklärt  der  Minister  des  Auswärtigen  Hanotaux

über  die  englisch-französischen  Beziehungen  in  Afrika:  zwischen  beiden  Reierungen
  würden  seit  längerer  Zeit  mehrere  Fragen  von  allgemeiner

Bedeulung  verhandelt.  Gerade  diese  Gruppe  von  Fragen  habe  in  den
letzten  Tagen  im  englischen  Unterhause  zu  einer  sehr  lebhaften  Erörterung
Anlaß  gegeben.  Er  wolle  erklären,  daß  der  Charakter,  den  diese  Verhandlung
  durch  gewisse  Redner  erhielt,  sowie  die  Erörterung  selbst  ihn  wirklich
überraschte.  Wenn  ein  neues,  entscheidendes  oder  auch  nur  wichtiges  Ereignis
  politischen  oder  diplomatischen  Charakters  eingetreten  wäre,  so  hätte
er  die  plötzliche  Erregung,  die  sich  im  englischen  Unterhause  kundzugeben
schien,  verstanden;  aber  er  könne  versichern,  kein  Ereignis  solchen  Charakters
liege  vor.  Die  seit  mehreren  Jahren  über  die  afrikanischen  Angelegenheiten
  zwischen  England  und  Frankreich  eingeleiteten  Verhandlungen  befänden
  sich  noch  in  der  Schwebe;  die  Diplomatie  setze  ihre  Arbeit  fort.
Er  sei  nur  darüber  erstaunt,  daß  man  bei  den  am  Freitag  im  englischen
Unterhause  abgegebenen  Erklärungen  dieser  wichtigen  Thatsache  nicht  Rechnung
  getragen  zu  haben  scheine.  Er  frage  sich,  weshalb  man  an  Frankreich
  gleichsam  öffentlich  Beschwerde  über  seine  Absichten  gerichtet  habe,  da
man  doch  über  ihren  Charakter  nicht  in  Unkenntnis  sein  könnte.  Der
Minister  unterzog  sodann  die  drei  Fragen  des  Nigers,  des  Mekong  und  des
oberen  Nils  einer  Besprechung  und  erklärte,  hinsichtlich  des  obern  Mekong
befände  sich  die  englisch-französische  Kommission  im  vollständigem  Einversändnis
  in  dieser  Hinsicht  sei  keinerlei  Schwierigkeit  vorauszusehen.  Was
en  Niger  angehe,  so  sei  die  Frage  der  Rechte  der  Niger-Kompagnie,  die

entgegen  der  internationalen  Berliner  Akte  beansprucht,  den  ganzen  Handel
in  ihre  Hände  zu  bringen  und  jeder  Durchgangsausfuhr  in  dem  von  ihr
mehr  oder  weniger  thatsächlich  besetzten  Gebiete  zu  unterbinden,  von  erheblicher
  Tragweite.  Die  Frage  sei  zwischen  Frankreich  und  der  englischen
Regierung  zu  erörtern.  Aber  gestützt  auf  die  Akte  vom  Jahre  1885  bestreite
  die  französische  Regierung,  bis  die  Frage  auf  diplomatischem  Wege
erörtert  sei,  den  Anspruch  der  Niger-Kompagnie.  Sodann  besprach  Hanotaux
  die  Frage  des  obern  Nils.  Nachdem  er  hervorgehoben  hatte,  wie  unbekannt
  das  weite  Gebiet  zwischen  den  Seen  und  Wadi  Halfa  noch  ist,  und
nachdem  er  an  das  englisch-deutsche  Abkommen  von  1890,  das  englisch-franzöftische
  Uebereinkommen  über  Zanzibar  sowie  an  das  Abkommen  zwischen
dem  Kongostaat  und  England  vom  Mai  1849  und  das  kongostaatliche  Abkommen
  mit  Frankreich  vom  August  1894  erinnert  hatte,  sagte  der  Minister:
  „Die  von  Frankreich  eingenommene  Haltung  ist  folgende:  die  Gebiete,
  um  die  es  sich  handelt,  stehen  unter  der  Oberherrschaft  des  Sultans;
wenn  sie  einen  rechtmäßigen  Herrn  haben,  so  ist  es  der  Khediv.  Dies  vorausgesetzt,
  sagen  wir  zur  englischen  Regierung:  Ihr  erklärt,  daß  England
kraft  des  Abkommens  von  1890  einen  Teil  dieses  Gebiets  zu  seiner  Einflußsphäre
  rechnet;  laßt  uns  nun  wenigstens  wissen,  auf  welche  Gebiete  sich
eure  Ansprüche  beziehen;  sagt  uns,  bis  wohin  sich  diese  Einflußsphäre  erstreckt,
  die  nach  eurer  Ansicht  am  linken  Ufer  des  Nils  beginnt  und  sich
nach  Norden  hin,  man  weiß  nicht  wohin,  ausdehnt;  kurz,  ihr  richtet  an
uns  eine  sehr  unbestimmte  Forderung,  die  in  Wendungen  sormuliert  ist,
        <pb n="263" />
        Frankreich.  (April  27.—Mai  14.)  255

die  zu  verschiedenen  Deutungen  Anlaß  geben  können.  Ihr  bringt  in  einen
einzigen  Satz  die  ägyptische  und  die  englische  Einflußsphäre  zusammen;  sagt
uns  doch  wo  Aegypten  aufhört  und  wo  die  Einflußsphäre  beginnt  und
wie  nach  eurer  Ansicht  die  fernere  Gestaltung  dieser  Gebiete  geschaffen  werden
2E  Bis  jetzt  habt  ihr  uns  nicht  auseinandergesetzt,  wozu  wir  unsere  Zutimmung
  geben  sollen.  Unter  solchen  Bedingungen  seid  nicht  erstaunt,  daß
wir  unsere  Einwilligung  verweigern  und  unsere  Freiheit  bewahren.“  Auf
so  klare  und  berechtigte  Fragen,  fuhr  der  Minister  fort,  habe  nun  die  französische
  Regierung  eine  bestimmte  Antwort  nicht  erhalten  können.  Wenn
er  die  englische  Regierung  drängte,  zu  antworten,  so  seien  die  Unterhandlungen
  abgebrochen  worden,  und  zwar  nicht  von  der  französischen  Regierung.
Aber  wenn  man  sich  über  einen  anderen  Punkt,  Sierra  Leone,  habe  verständigen
  können,  so  beweise  dies,  daß  diese  Fragen,  so  verwickelt  sie  auch
wären,  sich  bei  gegenseitigem  guten  Willen  ihre  Lösung  herbeizuführen,  lösen
ließen.  Zwischen  Frankreich  und  England  gebe  es  keine  Frage  des  Angriffs
oder  heftigen  Drängens,  da  es  sich  um  so  verwickelte  Fragen  handle,  in
denen  so  viele  verschiedene  Wege  der  Lösung  ins  Auge  gefaßt  werden  könnten.
Kein  Mensch  könne  daran  denken,  diesen  ersten,  auf  unzuverlässigen  Karten
flüchtig  skizzierten  Abgrenzungen  einen  so  unabänderlichen  Charakter  zu
geben,  wie  ihn  durch  den  Gang  der  Geschichte  die  Grenzen  der  europäischen
Staaten  besitzen.  Ebenso  könne  niemand  das  Vorgehen  mutiger  Männer,
die  zur  Erforschung  der  neuen  Ländergebiete  auszögen,  verhindern  wollen.
Wenn  aber  die  Zeit  gekommen  sein  werde,  die  Gestaltung  jener  fernen
Gegenden  endgültig  zu  bestimmen,  dann  werde  er  unter  denen  sich  befinden,
die  unter  Achtung  der  Rechte  des  Sultans  und  des  Khedivs  und  unter
Sicherstellung  dessen,  was  jedem  einzelnen  von  beiden  nach  seinen  Leistungen
zukomme,  der  Ansicht  seien,  daß  die  beiden  großen  Nationen  die  geeignete
Form  finden  würden,  um  ihren  Interessen  und  ihren  gemeinsamen  Wünschen
für  Civilisation  und  Fortschritt  zu  genügen.

27.  April.  (Epinal.)  Dammbruch.

Der  Damm,  welcher  das  bedeutende  Wasserreservoir  des  Ostkanals
in  Bousey  bei  Epinal  schützte,  bricht  in  einer  Länge  von  100  Metern.
Zahlreiche  Gebäude  werden  fortgerissen,  die  Eisenbahnlinien  überschwemmt,
vier  Ortschaften  zum  Teil  zerstört.

Ende  April.  (Paris.)  Ende  eines  großen  Ausstandes  der
Omnibuskutscher.  Die  Ausständigen  unterliegen.

14.  Mai.  (Deputiertenkammer.)  Bupdget  für  1896.

Die  Gesamteinnahmen  sind  auf  3392  Millionen  Francs,  32  Millionen
  weniger  als  im  Budget  von  1895,  veranschlagt.  Unter  den  neuen
Mehrausgaben  befinden  sich  10  Millionen  für  das  Kriegsbudget  und  2  ⅛/
Millionen  für  das  Nordgeschwader.  Das  55  Millionen  betragende  Defizit  soll
aus  neuen,  bzw.  aus  den  reformierten  Steuern  gedeckt  werden,  und  zwar  sind
veranschlagt:  1.  aus  der  reformierten  Erbschaftssteuer  25  Millionen;  2.  aus
der  Dienstbotensteuer  10  Millionen  (für  jeden  Dienstboten  sollen,  je  nach
ihrer  Anzahl  und  nach  der  Bedeutung  der  Gemeinde,  8  bis  90  Fr.,  für
weibliche  Dienstboten  soll  die  Hälfte  der  Taxe  bezahlt  werden);  3.  aus  der
Erhöhung  auf  1  ¼  bis  2  péCt.  der  Steuer  auf  ausländische,  besonders  auf
an  der  Börse  nicht  notierte  Werte  14  Millionen;  und  4.  aus  der  Erhöhung
der  Steuer  auf  Spielkarten  1200  000  Francs.  Von  den  für  die  Expedition
nach  Madagaskar  bewilligten  60  Millionen  sind  bisher  37  ½  Millionen
verausgabt.
        <pb n="264" />
        256  Frankreich.  (Mai  31.)

31.  Mai.  (Senat.)  Rede  Hanotaux  über  die  Beteiligung
an  der  Nordostseekanalfeier,  das  Verhältnis  zu  Rußland  und  die
armenische  Frage.

Beaumanoir  (Noyalist)  tadelt  die  Regierung,  daß  fie  sich  an  der
Kieler  Feier  beteiligen  will  und  fordert  Aufklärung  über  die  ostafiatische
Politik  der  Regierung  und  die  Stellung  zu  Rußland.  Minister  des  Auswärtigen
  Hanotaux:  In  der  auswärtigen  Politik  Frankreichs  sei  keine
Veränderung  eingetreten.  Man  fragt  uns,  welche  Gründe  uns  geleitet
haben,  bei  der  Regelung  des  chinesisch-japanischen  Konfliktes  jenen  Weg  zu
gehen,  den  wir  eingeschlagen  haben,  und  knüpft  selbst  hieran  ziemlich  lebhafte
  Kritiken.  Der  Senat  wird  mich  sicher  entschuldigen,  wenn  ich  mich
auf  eine  Debatte  über  die  Einzelheiten  nicht  einlasse  und  wenn  ich  nicht
Punkt  für  Punkt  auf  diese  Kritiken  erwidere,  unter  denen  ich  mehr  als
eine  als  unvollständige  oder  irrige  Angabe  bezeichnen  könnte,  aber  ich  nehme
keinen  Anstand  zu  erklären,  daß  die  Regierung,  als  sie  bei  Japan  einen
freundschaftlichen  Schritt  unternahm,  bei  dem  sie  sich  mit  anderen  europäischen
  Mächten  zusammenthun  konnte,  sich  in  erster  Linie  von  den  Interessen
  unseres  Landes  leiten  ließ.  Die  Stellung,  welche  wir  im  äußersten
Osten  sowohl  in  Folge  der  Entwicklung  unserer  Besitzungen  in  Indo-China
als  auch  in  Folge  unseres  Protektorats  über  die  katholischen  Missionen
ausüben,  macht  uns  eine  besondere  Wachtsamkeit  über  Alles,  was  die  Existenz
  des  großen  chinesischen  Reiches  bedroht,  zur  Pflicht.  Wenn  dieses
Reich  zerstückelt  würde  oder  wenn  es  starke  Wirren  zu  bestehen  hätte,  so
würden  wir  sicherlich  zuerst  die  Wirkungen  der  Unordnung  und  Anarchie
spüren,  welche  solche  Ereignisse  in  jenem  Weltteil  hervorrufen  würden.
Es  lag  demnach  in  unserem  Interesse,  als  Nachbarn  Chinas  und  als  Freunde
eines  dauernden  Friedens,  daß  bei  Beendigung  des  Krieges  ein  Zustand
geschaffen  würde,  der  den  Bestand  und  die  Unabhängigkeit  des  himmlischen
Reiches  nicht  bedroht.  Nun  konnte  man  doch  fürchten,  daß  eine  dauernde
Okkupation,  welche  gerade  das  Herz  Chinas  bedroht,  eine  Verschiebung
seiner  Zersetzung  herbeiführen  würde,  deren  Wirkungen  wir  hätten  empfinden
müssen.  Dieser  Gedanke  war  nicht  nur  der  unserige,  sondern  wurde  geteilt
von  anderen  Mächten,  welche  in  gleicher  Weise  eine  wichtige  Stellung  im
äußersten  Osten  zu  wahren  haben.  Rußland  ist,  wie  wir,  Chinas  Nachbar
und  hat,  wie  wir,  die  ernstesten  Interessen  daran,  daß  an  dem  status  quo
des  Kontinentalbesitzes  Chinas  nichts  geändert  wird.  In  diesem  Punkt,  wie  in
den  übrigen  sind  die  Interessen  Rußlands  und  Frankreichs  dieselben,  und  sie
find  ebensowohl  durch  die  Natur  der  Dinge,  wie  durch  die  zwischen  beiden
Ländern  hergestellten  Beziehungen  und  durch  den  übereinstimmenden  Willen
ihrer  Regierungen  fest  verbunden.  Die  Interessen  Deutschlands,  obgleich
ohne  territorialen  Charakter,  schienen  der  deutschen  Regierung  analoger  Art
zu  sein,  und  so  ging  die  deutsche  Regierung  vereint  mit  den  anderen
Mächten  vor.  Aus  nicht  weniger  ernsten  Gründen  schloß  sich  Spanien  an.
Das  gemeinsame  Vorgehen,  zu  welchem  diese  Mächte  sich  entschlossen,  ist  in
der  That  auf  einen  Meinungsaustausch  mit  Japan  beschränkt  gewesen,  und
diese  Nation,  die  mit  Recht  auf  ihre  Siege  stolz  war,  hat  sich  mit  einer
Weisheit,  der  ich  besondere  Achtung  zu  zollen  mich  gedrungen  fühle,  den
freundschaftlichen,  ihr  erteilten  Ratschlägen  gefügt.  Das  Ergebnis  dieses
gemeinsamen  Vorgehens  ist  die  Aufrechterhaltung  der  Existenz  und  Unabhängigkeit
  Chinas  gewesen,  und  die  erste  so  gewonnene  Uebereinstimmung
berechtigt  uns,  einen  günstigen  Ausgang  für  die  weiteren  noch  schwebenden
Verhandlungen  zu  erhoffen.

Ueber  die  armenische  Frage  sagt  der  Minister:  Hier  trat  eine
        <pb n="265" />
        rankreith.  (Juni  10.)  257

neue  Gruppierung  der  Mächte  ein.  Rußland,  Frankreich  und  England
find  bestrebt,  im  Einvernehmen  mit  der  hohen  Pforte  diese  gleichfalls  schwierige
  Frage  zu  lösen.  Wie  ich  gesagt  habe,  ist  hier  die  Gruppierung  der
Mächte  eine  andere,  und  dennoch,  wer  würde  sich  wohl  beklagen,  daß  sie
sich  so  vollzogen  hat,  wer  wundere  sich  darüber,  daß  Frankreich  und  Rußland,
  die  auch  hier  geschlossen  handeln,  ihre  Bemühungen  mit  denen  Englands
  zum  Wohle  des  Friedens  verbinden.  So  können  in  speziellen  Fällen
die  Mächte  gemeinsam  friedliche  Resultate  anstreben,  ohne  die  allgemeinen
Interessen  ihrer  nationalen  Politik  aus  den  Augen  zu  verlieren.  Ich  füge
hinzu,  daß  dies  für  uns  die  Bedingungen  einer  jeden  Politik  find,  die  nicht
will,  daß  Frankreich  auf  seine  ihm  gebührende  Rolle  bei  der  Regelung  der
Weltangelegenheiten  verzichtet.  Delangle-Beaumanoir  hat  im  Laufe  seiner
Rede  einen  anderen  Punkt  berührt,  über  den  die  Regierung  sich  vor  dem
Parlament  und  vor  dem  Lande  zu  erklären  wünscht.  Es  handelt  sich  um
die  Teilnahme  Frankreichs  an  der  Einweihungsfeier  des  Nord-Ostsee-Kanals.
Stehen  wir  hier  vor  einer  Thatsache,  welche  einen  Wendepunkt  in  unserer
Politik  bezeichnet?  Haben  die  Gründe,  welche  unsere  Entscheidung  bestimmten,
  eine  politische  Tragweite,  die  im  Widerspruch  steht  mit  dem,  was
bis  zum  heutigen  Tage  geschehen  ist?  Nein,  meine  Herren,  das  ist  nicht
der  Charakter  der  Einladung,  die  an  uns  ergangen  ist,  das  ist  nicht  der
Charakter  unserer  Zusage.  Wir  legen  Wert  darauf,  hierüber  keinen  Zweifel
bestehen  zu  lassen.  Im  übrigen  haben  wir  auch  von  Anfang  an  unsere
Empfindungen  in  dieser  Hinsicht  zu  deutlich  zu  erkennen  gegeben,  als  daß  ich
schwanken  könnte,  öffentlich  diese  Erklärung  für  einen  Akt  der  internationalen
  Höflichkeit,  der  sich  an  alle  Mächte  richtete  und  der  durch  einen  Akt
der  internationalen  Höflichkeit  erwidert  wurde,  zu  wiederholen.  Auf  diese  bestimmten
  Grenzen  haben  wir  eine  Beteiligung  beschränkt,  die  keinen  anderen
Charakter  hat  oder  haben  kann.  Im  vollen  Frieden  müssen  die  Beziehungen
der  Völker  zu  einander  geleitet  sein  durch  ein  würdiges  und  einfaches  Gefühl
für  das  international  Angemessene.  Augenscheinlich  analoge  Erwägungen
haben  auch  die  früheren  Regierungen  geleitet,  als  sie  beschlossen,  an  dem
Berliner  Kongreß  1878  und  an  den  Kongo-Konferenzen  1885  teilzunehmen,
eine  militärische  Deputation  zu  der  Beisetzung  Kaiser  Wilhelms  I.  im  Jahre
1888  und  eine  politische  und  eine  Arbeiterdeputation  zu  dem  Kongreß  von
1890  zu  entsenden,  und  obgleich  sich  gewisse  Beweggründe  auch  damals
zeigten,  als  jene  Entschlüsse  gefaßt  wurden,  hat  doch  später  niemand  behaupten
  können,  und  wird  auch  morgen  niemand  behaupten  können,  daß
irgend  etwas  in  den  Empfindungen  oder  in  dem  moralischen  Ansehen  einer
Nation  verändert  worden  ist,  die  unbezwinglich  treu  an  ihren  Erinnerungen
hält  und  auf  ihre  Zukunft  vertraut.  Ich  glaube,  meine  Herren,  daß  diese
aufrichtige  Darlegung  als  Antwort  auf  jene  Befürchtungen  genügt,  zu  deren
Echo  sich  Delangle-Beaumanoir  in  diesen  Räumen  gemacht  hat,  und  ich
hoffe,  daß  der  Senat  sich  mit  diesen  kurzen  Erklärungen  begnügen  wird.

10.  Juni.  (Deputiertenkammer.)  Debatte  über  die  Auswärtige
  Politik  und  die  Allianz  mit  Rußland.

Auf  eine  Interpellation  Milleraud  über  Frankreichs  Rolle  in  Ostafien
und  Beteiligung  an  der  Kieler  Feier  erwidert  der  Minister  des  Auswärtigen
Hanotaux:  Frankreichs  Politik  sei  keine  Politik  der  Verzichtleistung.
Frankreichs  nach  Kiel  entsandte  Seemacht  werde  dort  ein  freies  und  starkes
Frankreich  repräsentieren,  das  keine  Vergleiche  fürchte  und  keine  Erinnerungen
  verleuge.  Frankreich  habe  in  der  chinesisch-japanischen  Frage  nicht
Rußland  die  Schwierigkeiten  überlafsen  wollen,  welche  auf  dessen  allgemeiner
Politik  gelastet  haben  würden.  Frankreich  habe  sich  nicht  durch  eine  un-Europ.

  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.  17
        <pb n="266" />
        258  Krankreich.  (Juni.—Juli  16.)

erklärliche  Zurückhaltung  der  Unterstützung  entziehen  wollen,  die  man
von  ihm  forderte.  Ueber  das  Verhältnis  zu  Rußland  sagt  er:  „Zwei
große  Mächte,  die  sich  eine  zu  andern  hingezogen  gefühlt  haben  durch  ihre
Empfindungen  und  wechselseitigen  Interessen,  haben  sich  die  Hand  gereicht.
Sie  haben  ein  Einvernehmen  geschlossen  (elles  ont  nouê  une  entente),  die
sie  auf  natürliche  Weise  annähert  in  der  unablässigen  Arbeit  der  laufenden
Politik,  die  stets  friedlich  ist  und  ihnen  ihre  wechselseitige  Sicherheit  gewährleistet.“
  Ministerpräsident  Ribot  fügt  hinzu:  „Frankreich  hat  seine  Interessen
  mit  denen  einer  anderen  Nation  verbunden  zu  Gunsten  des  europäischen
  Friedens.  Es  hat  sich  in  Europa  etwas  verändert  seit  1891.  Diese
Allianz  macht  heut  unsere  Stärke  aus."“

Juni.  Die  Presse  über  die  Reden  Hanotaux  und  Ribots.

Die  republikanischen  Blätter  betonen,  daß  zum  ersten  Mal  die  Regierung
  von  dem  russisch-französischen  Bündnis  gesprochen  habe,  die  Entsendung
  des  Geschwaders  nach  Kiel  sei  also  nützlich  gewesen,  da  sie  die  so
lange  erwartete  Erklärung  herbeigeführt  habe.  Die  sozialistischen  und
monarchischen  Blätter  greifen  die  Regierung  heftig  an.

Auch  deutsche  Blätter  beschäftigen  sich  viel  mit  den  Erklärungen  über
die  Allianz.  So  schreibt  die  „Frankf.  Ztg."“:  „Ein  Fakum,  das  klein,  aber
charakteristisch  ist.  Der  Minister  des  Auswärtigen,  Herr  Hanotaux,  hatte
sich  äußerst  vorsichtig  über  die  Bündnisfrage  ausgedrückt.  Herr  Ribot
hingegen  hatte  laut  ins  Allianz-Horn  gestoßen,  daß  es  wie  eine  Sieges-Fanfare
  klang.  Er  hatte  gesagt  —  und  wir  alle  auf  den  Tribünen  haben
es  gehört  —:  „Cette  alliance  fait  aujourd’hui  notre  force."  Diese  bedeutsamen
  Worte  fehlen  heute  im  „Journal  Officiel“;  Herr  Ribot  hat  fie
nach  der  Sitzung  im  stenographischen  Bericht  gestrichen.  Es  bleiben  also
nur  die  äußerst  diplomatischen  Wendungen  des  Minister  des  Aeußeren  übrig,
der  von  einer  Entente  zu  defensiven  Zwecken  sprach.  Worin  diese  Entente
besteht,  an  welche  Bedingungen  sie  geknüpft  ist  —  das  alles  bleibt  nach
wie  vor  im  Dunkeln.“

13.  Juni.  (Paris.)  Anderung  in  der  Kolonialverwaltung.

Die  Regierung  beschließt,  die  vier  Kolonieen  am  Senegal,  im  Sudan,
in  Guinea  und  an  der  Elfenbeinküste  unter  den  Befehl  eines  Generalgouverneurs
  zu  stellen,  der  seinen  Wohnsitz  am  Senegal  hat.

17.  Juni.  (Paris.)  Der  russische  Botschafter  Mohrenheim
überreicht  dem  Präsidenten  der  Republik  den  Andreasorden.

6.  Juli.  Die  Kammer  genehmigt  ein  neues  Gesetz  zur  Verhinderung
  der  Spionage  und  des  Landesverrats.

8.  Juli.  Die  Deputiertenkammer  genehmigt  mit  523
gegen  11  Stimmen  ein  Zollabkommen  mit  der  Schweiz,  das  die
Tarife  herabsetzt  und  den  Zollkrieg  beendigt.

8.  Juli.  Die  Deputiertenkammer  fordert  die  Regierung
auf,  so  bald  wie  möglich  über  einen  Vertrag  wegen  eines  ständigen
Schiedsgerichts  zwischen  Frankreich  und  den  Vereinigten  Staaten
in  Verhandlung  zu  treten.

Juli.  Frankreich,  Deutschland  und  Marokko.  Siehe  S.  164.

16.  Juli.  (Paris.)  Ehrenlegion.
        <pb n="267" />
        Frankreich.  (Juli  28.—Oktober  2.)  259

Der  Ordensrat  der  Ehrenlegion  legt  sein  Amt  nieder.  Die  Kammer
hatte  am  16.  ihr  Bedauern  ausgesprochen,  daß  die  Dekorierung  Eiffels
aufrecht  erhalten  sei,  und  die  Regierung  aufgefordert,  ein  Gesetz  zur  Umgestaltung
  dieses  Rats  einzubringen.

28.  Juli.  In  den  Generalratswahlen  erringen  die  Republikaner

  einen  entschiedenen  Sieg  über  die  Royalisten  und  Sozialisten.

Juli.  August.  Frankreich  und  Deutschland.  Erinnerung
an  1870.

Die  franzöfische  Presse  polemisiert  heftig  gegen  die  Siegesfeiern  in
Deutschland,  nur  wenige  Blätter  wie  der  „Matin“  bringen  versäöhnliche
Artikel.  Der  „Matin“  veröffentlicht  eine  Enquete  über  die  Stimmung  in
den  Reichslanden,  worin  ausgeführt  wird,  daß  Elsaß-Lothringen  keine
Aenderung  des  bestehenden  Zustandes  wünsche.  Das  Blatt  wird  deshalb
vom  „Soir“",  „Libre  Parole“,  „France"  scharf  angegriffen.

Juli.  August.  Nachrichten  aus  Madagaskar.

Aus  Madagaskar  kommen  ungünstige  Nachrichten  über  den  Gesundheitszustand
  der  Truppen,  die  viel  an  Dysenterie  leiden.  In  der  Presse
werden  schwere  Vorwürfe  laut  gegen  die  Regierung,  die  den  Feldzug  mangelhaft
  vorbereitet,  insbesondere  das  Transportwesen  vernachlässigt  habe.  Der
„Temps“  tritt  diesen  Angriffen,  die  namentlich  dem  früheren  Kriegsminister
Mercier  gelten,  entgegen.

23.  August.  Der  König  von  Serbien  besucht  Paris.

18.  September.  Ankunft  des  Königs  der  Belgier  in  Paris.

19.  September.  (Mirecourt.)  Präsident  Faure  nimmt  eine
große  Parade  ab,  der  das  Ministerium  sowie  der  russische  Minister
des  Auswärtigen  Fürst  Lobanow  und  der  russische  General  Dragomirow
  beiwohnen.

28.  September.  Prof.  Pasteur  in  Garches  (Arrondiss.  Versailles)
  f.

30.  September.  General  Duchesne  erobert  Tananarivo.

Die  Nachricht  wird  mit  Jubel  ausgenommen.

1.  Oktober.  General  Duchesne  schließt  mit  der  Königin  von
Madagaskar  einen  Vertrag,  der  Frankreich  die  Schutzherrschaft  über
Madagaskar  einräumt.

2.  Oktober.  Staat  und  Kirche.

Das  Diözesan-Blatt  publiziert  ein  Schreiben  des  Erzbischofs  von
Paris  an  den  Präsidenten  der  Republik,  worin  er  den  dringenden  Wunsch
ausspricht,  die  Anfallsteuer  (d.  h.  eine  Zusatzsteuer  für  Erbschaften  der  „koten
Hand“)  möge  entsprechend  den  Forderungen  der  Gesetzlichkeit  und  Gleichheit
abgeändert  werden.  Angesichts  des  Kampfes  gegen  die  Kirche  und  das
Christentum  hielten  die  Bischöfe  es  für  ihre  Pflicht,  auf  die  Gefahren  aufmerksam
  zu  machen,  welche  das  Land  durch  den  Atheismus  der  Landesgesetze
bedrohen,  und  auf  die  umstürzlerischen  Leidenschaften,  welche  in  der  Menge

ähren  und  keinen  moralischen  Damm  mehr  vorfinden.  Das  Schreiben  wird
in  der  Presse  scharf  kritisiert.

 

17*
        <pb n="268" />
        260  Fraukreich.  (Oktober  5.—November  4.)

5.  Oktober.  Der  König  von  Portugal  nach  Paris.

14.  Oktober.  Plan  einer  Kolonialarmee.

Cavaignac  bringt  einen  Gesetzentwurf  über  die  Formierung  einer
Kolonialarmee  ein.  Danach  soll  der  Effektivstand  der  Kolonialarmee  ungefähr
  98000  Mann  betragen,  darunter  270000  Farbige.  44000  Mann
würden  auf  Algier  und  Tunis,  50  000  Mann  auf  die  übrigen  Kolonieen
entfallen,  4000  Mann  sollen  in  Frankreich  verbleiben.  Das  hierdurch  gewonnene
  neue  Armeekorps  würde  einen  Effektivbestand  von  19  460  Mann
haben;  dasselbe  soll  möglichst  nahe  der  Ostgrenze  garnisonieren.

24./26.  Oktober.  (Deputiertenkammer.)  Interpellation

über  den  Ausstand  der  Glasbläser  in  Carmaux.

Der  Sozialist  Jaurès  beantragt,  der  Kammerpräfident  solle  zum
Schiedsrichter  in  der  Ausstandfrage  von  Carmaux  ernannt  und  es  solle  eine
parlamentarische  Untersuchung  über  das  Vorgehen  der  Regierung  in  dieser
Angelegenheit  veranstaltet  werden.  Nach  stürmischer  Debatte  wird  der  Antrag
  mit  280  gegen  183  Stimmen  abgelehnt.

In  Carmaux  war  ein  Ausstand  der  Arbeiter  der  Glashütte  ausgebrochen,
  in  dem  die  sozialistischen  Abgeordneten,  voran  Jaureès  die  Streikenden
  angespornt  hatten.  Die  Gelder,  die  für  die  Weiber  und  Kinder  der
ausständischen  Arbeiter  gesammelt  und  beigesteuert  waren,  hatte  der  Ausschuß
  der  Arbeiter  ihrem  unmittelbaren  Zwecke  entfremdet  und  zur  Abfindung
  und  Heimsendung  der  von  andern  Orten  angeworbenen  neuen  Arbeiter
benutzt.  Da  war  die  Regierung  eingeschritten,  hatte  die  Ausstandskasse  mit
Beschlag  belegt  und  den  Kassierer  verhaftet.  Bei  dieser  Gelegenheit  war
auch  Jaures  nach  Schriftstücken  abgesucht  worden.  (Köln.  Ztg.)

28.  Oktober.  (Deputiertenkammer.)  Sturz  des  Ministeriums.



In  einer  Debatte  über  die  Südbahnangelegenheit  beantragt  Rouanet
(Soz.),  die  Regierung  solle  alle  Schuldigen  verfolgen  und  den  Bericht  des
mit  der  Untersuchung  der  Geschäftsführung  bei  der  Südbahn  betrauten  Sachverständigen
  vorlegen.  Ministerpräsident  Ribot  erklärt  die  Veröffentlichung
des  Berichts  für  schädlich,  trotzdem  wird  der  Antrag  mit  275  gegen  196
Stimmen  angenommen.  Die  Minister  reichen  sogleich  ihre  Demission  ein.
Faure  beauftragt  den  Radikalen  Bourgeois  mit  der  Kabinettsbildung.

1.  November.  Neubildung  des  Ministeriums.

Nach  mehrtägigen  Unterhandlungen,  in  denen  sich  Bourgeois  vergeblich
  bemüht,  Hanotaux  für  das  Ministerium  des  Auswärtigen  zu  gewinnen,
kommt  folgende  Liste  zu  stande:  Bourgeois,  Inneres  und  Ministerpräsident,
  Ricard,  Justiz  und  Kultus,  Cavaignac,  Krieg,  Lockroy,  Marine,
Berthelot,  Auswärtiges,  Doumer,  Finanzen,  Guyot-Deffaigue,  Arbeiten,
  Mesureur,  Handel,  Combes,  Unterricht,  Viger,  Ackerbau,  Guyiesse,

olonien.

4.  November.  Programm  der  neuen  Regierung.

Die  Regierung  gibt  in  der  Kammer  und  im  Senat  die  Erklärung
ab,  sie  werde  den  Antrag  Rouanet  ausführen  und  einen  Gesetzentwurf  vorlegen,
  durch  welchen  den  Mitgliedern  des  Parlaments  untersagt  wird,  Verwaltungsratsstellen
  anzunehmen  bei  Gesellschaften,  welche  zu  dem  Staate  in
einem  Vertragsverhältnisse  stehen,  und  bei  Emissionssyndikaten,  bei  Strafe
des  Mandatsverlustes.  Das  während  des  Friedens  wieder  aufgerichtete
        <pb n="269" />
        Framtreich.  (November.—-November  27.)  261

republikanische  Frankreich  hat  Bündnisse  erworben,  welche  das  allgemeine
Gleichgewicht  Europas  wieder  herstellen.  Wir  werden  dem  einstimmigen
Wunsche  des  französischen  Volkes  entsprechen,  indem  wir  diesen  Bündnissen
treu  bleiben.  Zum  Schluß  folgt  eine  Absage  an  Monarchisten  und
Sozialisten.

November.  (Carmaux.)  Ausstand  der  Glasarbeiter  und
die  Regierung.

Der  Minister  des  Innern  Bourgeois  schlägt  dem  Leiter  der  Glaswerke
  in  Carmaux,  Ressegnier,  ein  Schiedsgericht  vor  zur  Beilegung  des
Ausstandes,  was  dieser  ablehnt.  Bourgeois  beauftragt  daher  den  Direktor
der  allgemeinen  Sicherheit,  sich  nach  Carmaux  zur  Prüfung  der  Lage  zu
begeben.  Der  Ausstand  endigt  mit  einer  Niederlage  der  Ausständigen.

16.  November.  (London.)  Artons  Verhaftung.

Arton,  der  die  Liste  der  an  der  Panamaaffäre  beteiligten  Deputierten
besitzen  soll,  wird  auf  Antrag  der  franzöfischen  Regierung  in  London  verhaftet.
  Das  Ereignis  wird  in  der  Presse  lebhaft  besprochen  und  man  erwartet
  die  weitgehendsten  Enthüllungen.

24.  November.  (Paris.)  Barthélemy-St.-Hilaire  fB
27.  November.  (Marly.)  Alexandre  Dumas  f.
27.  November.  (Deputiertenkammer.)  Beratung  über

Madagaskar.  Erklärung  Berthelots.  Verluste  im  Feldzuge.

Der  Minister  des  Auswärtigen  Berthelot  verliest  folgende  Erklärung:
  „Meine  Herrenk  Die  Expedition  gegen  Madagaskar  ist  glorreich
beendet  und  die  Erhebung  der  Howas  gegen  die  Schutzherrschaft  Frankreichs
ist  mit  der  Einnahme  der  Hauptstadt  und  der  Unterwerfung  der  Königin
Ranavalo  glorreich  beendet.  Dank  dem  Heldenmut,  der  Mannszucht  und
Ausdauer  unserer  Soldaten,  der  Umsicht  und  Energie  unserer  Offiziere  und
der  unerschütterlichen  Festigkeit  des  Oberbefehlshabers  haben  unsere  Truppen
in  der  Bodenbeschaffenheit  und  dem  Klima  begründete  Schwierigkeiten  überwunden,
  die  ausnahmsweise  groß  waren.  Die  Insel  Madagaskar  ist  heute
eine  französische  Besitzung.  Die  Expedition  hat  schmerzliche  und  über  die
Erwartung  große  Opfer  gefordert,  und  das  gibt  uns  das  Recht,  weitgehende
Entschädigung  und  dauernde  Bürgschaften  zu  fordern.  Die  Regierung  wird
dem  Lande  und  der  Kammer  die  Entscheidungen  mitteilen,  die  bei  dieser
Lage  der  Dinge  notwendig  erscheinen.  Eine  auswärtige  Schwierigkeit  kann
daraus  nicht  erwachsen.  Wir  brauchen  nicht  zu  betonen,  daß  wir  die  Verpflichtungen,
  die  gewissen  fremden  Mächten  gegenüber  eingegangen  sind,
achten  werden;  Frankreich  ist  stets  seinem  Worte  treu  geblieben.  Was  die
Verpflichtungen  angeht,  welche  die  Howas  mit  Ausländern  abgeschlossen
haben,  so  können  wir  sie  zwar  nicht  wie  für  eigene  Rechnung  verbürgen,
aber  wir  werden  getreulich  die  Regeln  beobachten,  die  das  Völkerrecht  für
den  Fall,  daß  ein  Gebiet  durch  Waffenthat  in  neue  Hände  übergeht,  aufstellt.
Unter  diesem  doppelten  Vorbehalt  sind  wir  entschlossen,  besonders  auch  vom
wirtschaftlichen  Standpunkte  aus,  alle  Rechte  auszuüben,  die  sich  uns  aus
der  endgültigen  Besitzergreifung  von  Madagaskar  ergeben.  Wir  sind  der
Ansicht,  daß  die  innere  Verwaltung  und  Regierung  der  Insel  unter  unserer
Oberhoheit  in  dem  Maße,  wie  die  Sicherung  unserer  Interessen  es  erlaubt,
aufrecht  erhalten  werden.  So  soll  an  die  Würden  und  Ehren  der  Königin
und  an  die  Bande,  die  sie  mit  den  unterworfenen  Völkerschaften  verbinden,
nicht  gerührt  werden.  Wir  glauben,  daß  es  nicht  notwendig  oder  wünschens-
        <pb n="270" />
        262  Frankreich.  (Dezember  10.—11.)

wert  ist,  an  Stelle  der  einheimischen  eine  französische  Verwaltung  zu  setzen.
wenn  wir  auch  in  jener  die  Besserungen  einführen  werden,  die  erforderlich
sind,  um  den  Wohlthaten  der  Civilisation  in  der  Insel  Eingang  zu  verschaffen.
  Noch  am  Tage  der  Einnahme  von  Tananarivo  ist  die  Unterwerfung
  der  Howas  durch  den  Vertrag  und  durch  das  Zusatzabkommen,  zu
denen  die  Königin  ihre  Zustimmung  gegeben,  festgestellt  worden.  Wir  beabsichtigen
  nicht,  diese  Abkommen  wieder  zu  lösen;  bevor  jedoch  der  endgültige
Wortlaut  der  Genehmigung  der  Kammern  und  des  Präsidenten  der  Republik
unterbreitet  wird,  gedenkt  die  Regierung  die  Grundsätze,  die  sie  soeben  dargelegt
  hat  und  die  in  gewissen  Bestimmungen  der  Abmachungen  vom  1.  Oktober
  enthalten  sind,  noch  etwas  klarer  zu  fassen.  Auch  war  es  nötig,  in
diesen  Texten  einige  Aenderungen  vorzunehmen  um  jedes  Mißverständnis
über  ihre  wahre  Bedeutung  auszuschließen  und  neuen  Zwistigkeiten  vorzubeugen.
  Wir  haben  daher  Maßregeln  getroffen,  damit  der  endgültige  Vertrag
  diesen  unsern  Erklärungen  entsprechend  demnächst  der  Kammer  vorgelegt
werden  kann.“

Abg.  Pierre  Alyp  erhebt  Vorwürfe  gegen  die  Marineverwaltung
in  der  Vorbereitung  und  Durchführung  des  Feldzuges.  Kriegsminister
Cavaignac  lobt  den  Heldenmut  der  Soldaten  und  Offiziere;  die  Frist
zur  Vorbereitung  der  Expedition  sei  ungenügend  gewesen;  der  Feldzug  habe
bewiesen,  daß  die  Kolonialarmee  aus  fertigen  Leuten  zusammengesetzt  sein
müsse.  Die  Verwendung  der  Lefevre-Wagen  sei  ein  Irrtum  gewesen.  „Die
Wahrheit  ist,  daß  wir  einer  Organisation  für  die  Kolonien  ermangeln,  ein
Sühnopfer  braucht  aber  deshalb  nicht  herausgesucht  zu  werden."  Die
Kammer  billigt  mit  großer  Majorität  die  Erklärungen  und  lehnt  mehrere
sozialistische  Anträge,  die  vorige  Regierung  in  Anklagezustand  zu  versetzen,  ab.

Nach  Mitteilungen  der  Presse  beträgt  seit  dem  Beginn  des  Feldzugs
auf  Madagaskar  bis  zum  14.  November  einschließlich  der  Verlust  3000
Mann,  und  zwar  hatte  das  200.  Infanterie-Regiment  600,  das  40.  Jäger-Bataillon
  380,  die  Marine-Infanterie  450  Tote.  Auf  die  nichtfranzösischen
Mannschaften  entfallen  560  Tote.

10.  Dezember.  (Paris.)  Internationaler  bimetallistischer
Kongreß,  an  dem  auch  die  deutschen  Abgg.  Graf  Mirbach  und
v.  Kardorff  teilnehmen.

11.  Dezember.  Ein  Dekret  des  Präfidenten  Faure  unterstellt
Madagaskar  dem  Ressort  der  Kolonien.
        <pb n="271" />
        VII.
Italien.

Januar.  Vorbereitungen  zur  Kammerwahl.

Die  Parteien  bereiten  sich  auf  die  Wahlen  vor;  die  Hauptführer
der  Opposition  Rudini,  Brin,  Cavallotti,  Zanardelli  erlassen  Kundgebungen
gegen  die  Regierung  und  greifen  namentlich  Crispi  schonungslos  an.
Die  offiziösen  Blätter  fordern  die  Klerikalen  zur  Beteiligung  an  den
Wahlen  auf.

12.  Januar.  (Neapel.)  Mehrere  Tausend  Arbeiter  bringen
Crispi  eine  große  Ovation.

13.  Januar.  General  Baratieri  schlägt  Ras  Mangascha  (val.
Afrika).

17.  Januar.  (Mailand.)  Ermordung  des  Oberstaatsanwalts
Celli  durch  einen  Anarchisten.

21.  Januar.  Das  Amtsblatt  veröffentlicht  einen  königlichen
Erlaß,  wodurch  die  Tagung  des  Parlaments  geschlossen  wird  (vgl.
1894  S.  282).

30.  Januar.  (Neapel.)  2  Bataillone  gehen  als  Verstärkung
nach  Massauah.

4.  Februar.  Neubesetzung  diplomatischer  Posten.

Der  Botschafter  in  Paris  Reßmann  wird  abberufen  und  an  seine
Stelle  tritt  Graf  Tornielli,  bisher  Botschafter  in  London,  der  durch
General  Ferrero  ersetzt  wird.  Der  bisherige  Gesandte  in  Bukarest,
Curtopassi  wird  zum  Botschafter  in  Petersburg  und  der  bisherige
Gesandte  in  Belgrad,  Baron  Avanara  de  Gualterie,  zum  Gesandten
in  Bukarest  ernannt.

Anfang  Februar.  Agrarisches  Reformprogramm.

Regierungsfreundliche  Blätter  teilen  einen  Gesetzentwurf  über  agrarische
  Reformen  mit,  der  im  Ackerbauministerium  vorbereitet  werde.  Hiernach
  soll  die  Erbpacht  durch  den  neuen  Gesetzentwurf  nur  auf  diejenigen  Güter
ausgedehnt  werden,  die  sich  nicht  im  Privatbesitz  befinden,  insgesamt  etwa
70  000  Hektar.  Die  im  Privatbesitz  befindlichen  Güter  dagegen  sollen  zunächst
  nur  der  Verpflichtung  der  landwirtschaftlichen  Melioration  unterliegen,
  und  zwar  unter  genauer  Berücksichtigung  der  Anbaufähigkeit  der
einzelnen  Gebiete.  Diese  Verbesserung  des  Anzaut  muß  binnen  20  Jahren
        <pb n="272" />
        264  Italien.  (Februar  14.  —  März.)

durchgeführt  sein;  ein  Gut  welches  nach  10  Jahren  noch  nicht  zum  dritten
Teil  melioriert  ist,  verfällt  der  Enteignung  durch  den  Staat  für  den  ganzen
nicht  meliorierten  Teil.  Zur  Erleichterung  der  landwirtschaftlichen  Verbesserungen
  durch  den  Bau  von  Päusern,  Anlage  von  Straßen,  Wasserversorgung
  soll  eine  Darlehnskasse  beitragen,  die  während  der  ersten  10  Jahre
über  1  ½  Millionen  und  im  zweiten  Jahrzehnt  über  ½  Million  jährlich
wird  verfügen  können.  Das  neue  Gesetz  soll  auch  die  ländlichen  Arbeitsverträge
  in  billiger  Weise  regeln  und  soll  schließlich  nicht  auf  Sizilien  allein,
sondern  auf  alle  Teile  Italiens  anwendbar  sein,  in  denen  sich  Großgrundbesitz
  mit  dürftigem  Anbau  und  unbillige  Pachtverträge  finden.  (Köln.  Ztg.).

14.  Februar.  (Rom.)  Giolitti  wird  vom  Untersuchungsrichter
  vorgeladen,  um  sich  auf  eine  Klage  Crispis  wegen  Fälschung
und  Verleumdung  zu  verantworten.

27./28.  Februar.  (Mailand.)  Die  italienisch-schweizerische
Kommission  beschließt  den  Simplondurchstich.

14.  März.  Amnestieerlaß.

Hierdurch  werden  die  von  den  Militärgerichten  in  Sizilien  und
Massa-Cararra  verhängten  Strafen,  die  nicht  drei  Jahre  Gefängnis  überschreiten,
  erlassen  und  die  sonstigen  von  den  erwähnten  Gerichten  verhängten
Strafen  um  ein  Dritteil  vermindert,  vorausgesetzt,  daß  die  Schuldigen  nicht
Mord  oder  Verletzung  mit  tödlichem  Ausgang  begangen  haben.  Der  Erlaß
  begnadigt  ferner  alle,  die  wegen  Preßvergehens,  Vergehens  gegen  die
Wahlvorschriften,  oder  wegen  Zweikampfes  verurteilt  find;  ebenso  werden
alle  Uebertretungen  der  Gesetze  über  den  Zivilstand,  alle  sonstigen  Uebertretungen,
  die  mit  Geldstrafen  geahndet  sind,  sowie  die  Vergehen  der  Beschimpfung
  und  des  Widerstandes  gegen  die  Staatsbeamten  der  Amnestie
teilhaftig.  Ausgenommen  sind  Vergehen  gegen  Personen,  bezüglich  deren
eine  gerichtliche  Verfolgung  von  Amts  wegen  platzgreift.  Endlich  umfaßt
die  Amnestie  die  Vergehen  gegen  die  Sicherheit  des  Staates  sowie  der  Anstiftung
  und  Aufreizung  zu  solchen,  vorausgesetzt,  daß  dieselben  nicht  einer
höheren  als  dreijährigen  Strafe  unterliegen  und  nicht  mit  Personal=  oder
Eigentumsdelikten  zusammenhangen.

14.  März.  Italien  und  die  Vereinigten  Staaten.

Infolge  der  Niedermetzelung  von  Italienern  in  Walsenburgh  (val.
Nord-Amerika)  richtet  der  italien.  Botschafter  eine  Note  an  die  amerikanische
Regierung  und  erhält  das  Versprechen,  daß  die  Regierung  für  militärischen
Schutz  der  Italiener  sorgen  werde.

März.  Handelsstatistik  für  1894.

Die  Spezialhandelsstatistik  über  Ein=  und  Ausfuhr  von  1894  weist
gegenüber  derjenigen  von  1893  eine  Verminderung  der  Einfuhr  um  96606111
und  eine  Erhöhung  der  Ausfuhr  um  61476204  Lire  auf.  Die  Rechnung
des  Staatsschatzes  am  28.  v.  M.,  welche  heute  Abend  veröffentlicht  werden
wird,  weist  gegenüber  derjenigen  vom  30.  Juni  1894  auf:  1)  eine  Vermehrung
  um  44  Millionen  in  dem  Umlauf  der  Schatzbonds.  In  dem
ersten  Halbjahr  von  1894  war  der  Umlauf  dieser  Bonds  bedeutend  vermindert
  infolge  der  verlangten  Einlösung  wegen  der  Krise  und  der  Verteuerung
  des  Geldes.  Die  spätere  Erhöhung  wird  ausschließlich  der  Nachfrage
  im  Inlande  zugeschrieben;  denn  der  Umlauf  der  Bons  im  Auslande
hat  abgenommen  und  wird  vor  Juli  vollständig  verschwinden;  2)  eine  Ver-
        <pb n="273" />
        Italien.  (April  21.—Mai  23.)  265

minderung  um  106  Millionen  Franken  in  der  Schatzschuld  für  die  statutenmäßigen
  Vorschüsse  der  Emmissionsbanken;  diese  Vorschüsse  sind  nunmehr
vollständig  zurückgezahlt;  3)  eine  Abnahme  in  dem  Gesamtstande  des  Kassakonto
  und  der  Kreditkonti  des  Schatzamts  um  873000  Lire;  4)  eine
Verminderung  des  gesamten  Schuldenstandes  des  Schatzamts  um  98600000
Lire.  Die  totale  Besserung  der  Rechnung  des  Schatzamts  beläuft  sich  auf
97800000  Lire.

21.  April.  (Rom.)  Versammlung  zu  Gunsten  der  Wiederherstellung
  der  Handelsbeziehungen  zu  Frankreich.

Vertreter  von  40  Handelskammern,  14  anderen  Kammern  und  10
Vereinen  sprechen  einstimmig  die  Hoffnung  aus,  daß  dem  gleichzeitigen  Vorgehen
  der  italienischen  und  französischen  Handelskammern  die  allmähliche
Herstellung  der  franzöfisch-italienischen  Handelsbeziehungen  gelingen  möge.

24.  April.  (Rom.)  Giolitti  vor  Gericht  (vgl.  S.  264  u.  1894).

Der  Kassationshof  hebt  den  Beschluß  der  Anklagekammer  auf,  sowohl
  bezüglich  der  Unterschlagung  von  Dokumenten  wie  auch  bezüglich  der
Verleumdungsklagen.  Für  ein  weiteres  Vorgehen  gegen  Giolitti  bedarf  es
daher  nun  der  Intervention  der  Deputiertenkammer.

8.  Mai.  (Rom.)  Auflösung  der  Kammer.

Dem  Auflösungsdekret  ist  ein  Bericht  der  Minister  an  den  König
beigefügt,  worin  ausgeführt  wird,  daß  die  Kammer  nicht  die  Garantien
für  eine  fruchtbare  Behandlung  der  ernsten  politischen  Fragen  biete.  Der
Termin  der  Auflösung  sei  so  lange  verschoben,  um  die  Wahllisten  inzwischen
einer  Durchsicht  zu  unterziehen.

Mai.  Agitationsreden  der  Finanzminister.

Schatzminister  Sonnino  erklärt  in  einer  Rede  zu  San  Casciano
(16.  Mai),  sein  im  Dezember  1894  aufgestelltes  Programm  habe  sich  bewahrheitet,
  namentlich  seien  in  der  Verwaltung  Ersparnisse  erzielt  worden.  Finanzminister
  Boselli  (Savona,  21.  Mai)  widerlegt  die  Behauptung  der  Opposition,
  daß  die  Steuern  mangelhaft  eingingen,  die  Voranschläge  der  Reierung
  nicht  realisiert  würden  und  daß  die  Steuerkraft  des  Landes  erschöpft
sei.  Er  legt  dar,  daß  die  Einnahmen  die  Voranschläge  um  14  Millionen
überschreiten  und  der  Kassenbestand  in  den  ersten  zehn  Monaten  des  Etatsjahres
  1894/95  24  Millionen  mehr  als  in  der  gleichen  Periode  des  Jahres
1893/94  betragen  hat.

23.  Mai.  (Rom.)  Ministerpräfident  Crispi  hält  auf  einem
ihm  zu  Ehren  veranstalteten  Bankett,  an  dem  viele  Senatoren  und
Politiker  teilnehmen,  eine  große  Wahlrede.

Er  führt  aus,  er  habe  1893  auf  den  Ruf  des  Königs  und  Landes
die  Regierung  übernommen,  trotzdem  keine  Majorität  vorhanden  gewesen
sei.  Die  früheren  Regierungen  hätten  Italien  mehr  geschadet  als  eine  verlorene
Schlacht.  Er  habe  die  Kammer  vergeblich  um  einen  Gottesfrieden  gebeten;  unfähig
  zu  sachlicher  Arbeit  habe  t  ihn  durch  Verläumdungen  bekämpft.
Darum  sei  sie  vertagt  worden,  und  das  Land  billige  die  Haltung  der  Regierung.
  Niemals  sei  Italien  im  Auslande  geachteter  gewesen  als  jetzt.
Der  sozialen  Frage  habe  die  Regierung  ernste  Studien  gewidmet,  trotzdem
werde  sie  von  den  verbündeten  Sozialisten  und  Anarchisten  bekämpft.  Ueber
die  Finanzlage  sagt  er:  Wir  haben  eine  Grundlage  für  das  Budget;
wir  haben  die  Ausgaben  um  80  Millionen  verringert  und  die  Einnahmen
        <pb n="274" />
        266  Nalien.  (Mai  26.—Juni  10.)

um  100  Millionen  erhöht,  welche  das  Land  geleistet  hat,  ohne  darunter  zu
leiden.  Zum  Beweise  hiefür  dient,  daß  der  Ueberschuß  der  Einfuhr  um
86  ½  Millionen  abgenommen  hat,  während  die  Ausfuhr  um  61  Millonen
gestiegen  ist;  das  Eine,  wie  das  Andere  begünstigt  die  nationale  Arbeit.
Die  fortdauernde  Auswanderung  verringerte  sich  im  Jahre  1894  um  mehr
als  23000  Personen  im  Vergleich  zum  Jahre  1893.  Die  Situation  des
Schatzes  ist  eine  gesicherte;  unser  Kredit  ist  derart  wiederhergestellt,  daß,
während  im  Jahr  1893  die  italienischen  Werte  von  den  ausländischen
Märkten  zurückgewiesen  wurden  und  dieselben  auf  den  inländischen  Märkten
namhafte  Kursrückgänge  aufzuweisen  hatten,  unsere  Rente  heute,  obgleich
die  Steuer  auf  20  pCt.  gebracht  wurde,  eine  bedeutende  Steigerung  erfuhr.
Während  das  Geld  sich  früher  zaghaft  zurückzog,  strömt  uns  dasselbe  jetzt
von  überall  zu.  Die  kleinen  Sparer  allein  weisen  in  den  Sparkassen  eine
Erhöhung  der  Gesamteinlagen  um  60  Millionen  auf.  Hierauf  weist  er
die  Beschuldigung  nach  einer  Diktatur  zu  streben  zurück  und  schließt:  Das
Dilemma,  vor  welches  die  Wähler  gestellt  find,  ist  ein  einfaches  und  ernstes,
es  ist  das  Dilemma  zwischen  der  nationalen  Monarchie  und  der  sozialen,
moralischen  und  politischen  Anarchie.  Diese  Anarchisten  jeder  Gattung  zu
bekämpfen,  und  dieselben  vom  Parlament  auszuschließen,  ist  die  Aufgabe,
welche  heute  allen  guten  Bürgern  obliegt.  Ich  habe  das  Vertrauen,  daß
meine  Stimme  gehört  werden  wird,  denn  alle  guten  Bürger  haben  ein  gemeinsames
  Interesse  daran.  In  der  Folge  werden  sich  die  Parteien  auf
logischen  und  ehrlichen  Grundlagen  reformieren.  Man  wird  sodann  die
Wahl  haben,  sich  für  Männer  oder  Ideen  zu  entschließen.  Ich  werde  auf
die  Regierung  gern  verzichten  an  dem  Tage,  an  dem  es  mir  vergönnt  sein
wird,  dies  ohne  Feigheit  und  ohne  Beunruhigung  für  die  Sicherheit  der
Situation  und  für  das  Wohl  des  Landes  thun  zu  können.  Scharen  wir
uns  um  den  König  und  lenken  wir  unsere  Blicke  auf  das  Kreuz  von  Savoyen,
  das  uns  von  der  nationalen  Fahne  entgegenstrahlt,  und  stimmen  wir
in  den  Ruf  ein:  „In  hoc  signo  vinces!““

26.  Mai.  Kammerwahlen.

Die  Wahlen  ergeben  einen  großen  Sieg  der  Regierung.  Es  werden
in  der  Hauptwahl  gewählt  326  Ministerielle  und  147  Oppositionelle,  davon
  14  Sozialisten  und  31  Radikale.  In  der  Stichwahl  (3.  Juni)  werden
noch  gewählt  29  Ministerielle,  13  gemäßigte  Oppositionelle,  9  Radikale,
3  Sozialisten.

4.  Juni.  (Magenta.)  In  Gegenwart  des  Kriegsministers
wird  ein  Denkmal  des  französischen  Marschalls  Mac-Mahon
enthüllt.

10.  Juni.  (Rom.)  Eröffnung  des  Parlaments  durch  den
König.

In  der  Thronrede  heißt  es,  das  Volk  fordere  vom  Parlament  schnelle
Ordnung  der  Finanzen.  Nachdem  auf  die  Notwendigkeit  des  sozialen
Friedens  hingewiesen  ist,  heißt  es  über  die  Auswärtige  und  Kolonialpolitik:
Europa  atmet  Frieden  auch  durch  unsern  Willen,  und  kein  Mißtrauen,  kein
Verdacht  ruht  mehr  auf  unsern  Absichten.  Mit  berechtigter  Freude  entsenden
  wir  daher  unsere  Schiffe,  um  an  der  friedlichen  Begegnung  aller
Flotten  teilzunehmen,  die  im  Begriffe  sind,  das  unter  dem  Schutze  meines
Freundes  und  Verbündeten,  des  deutschen  Kaisers,  vollendete  bewunderungswürdige
  Werk  einzuweihen.  Von  dort  werden  sie  sich  nach  England  begeben,
  um  der  britischen  Flotte  und  dem  britischen  Volk  unsern  herzlichsten
        <pb n="275" />
        Italien.  (Juni  11.  -19.)  267

Freundesgruß  darzubringen.  Es  liegt  mir  am  Herzen,  Ihnen  einen  neuen
Beweis  der  praktischen  Wirksamkeit  dieser  Vertrautheit  in  jenen  Erdteilen
anzukündigen,  wo  Italien  und  England  sich  berühren  und  im  Einverständnisse
  handelnd  die  Flagge  der  Zivilisation  hochhalten.  Dort,  wo  die  vorgeschrittensten
  Völker  um  die  Ehre  wetteifern,  das  Gebiet  ihrer  fruchtbringenden
  Thätigkeit  auszudehnen,  hat  unser  Heer,  dem  Feinde  die  Stirne  bieltend,
von  Kassala  bis  Adua  den  Ruhm  der  italienischen  Tapferkeit  erneuert;  dort
hat  die  englische  Regierung  Italien  einen  neuen  Beweis  ihrer  Sympathie
gegeben,  indem  sie  es  hinderte,  daß  aus  den  unter  ihrer  Schutzherrschaft
stehenden  Häfen  des  Golfs  von  Aden  den  im  Aufstande  gegen  uns  begriffenen
  Völkerschaften  Waffen  zugingen.  Immerhin  wird  die  Organisation
der  italienischen  Besitzungen  in  Afrika,  die  wir  im  Zusammenhange  mit  der
Lage  und  den  allgemeinen  Interessen  des  Volkes  betrachten,  so  wie  bisher
auch  weiterhin  den  Gegenstand  der  unermüdlichen  Sorge  meiner  Regierung
bilden.  Weit  entfernt,  eine  Politik  der  Abentener  zu  wollen,  streben  wir
in  Wirklichkeit  darnach,  unsern  Stellungen  dauernde  Sicherheit  zu  verschaffen.
Insbesondere  werden  unsere  Bemühungen  darauf  gerichtet  sein,  allmählich
die  finanzielle  Unabhängigkeit  der  Kolonie  vom  Mutterlande  vorzubereiten

11.  Juni.  (Deputiertenkammer.)  Präsidentenwahl.

Der  Kandidat  der  Regierung  Villa  erhält  268,  der  der  Opposition
Cantani  156  Stimmen.  Auch  die  Regierungskandidaten  für  die  Posten
der  Vizepräsidenten,  Sekretäre  und  Quästoren  werden  mit  großer  Majorität
5  Ein  Bizepräsident  und  zwei  Sekretäre  werden  der  Opposition

erlassen.

13.|/14.  Juni.  (Deputiertenkammer.)  Zwist  innerhalb
der  Majorität.

Kammerpräsident  Villa  beruft  in  den  von  ihm  zu  ernennenden  Wahlprüfungs-Ausschuß
  nur  12  Ministerielle,  dagegen  7  Oppositionelle,  unter
letztern  gerade  die  Häupter  Rudini,  Brin,  Zanardelli  und  Cavallotti.  Dies
erregt  große  Entrüstung  unter  den  Ministeriellen,  doch  wird  die  Krisis,  die
zum  Rücktritt  des  Präsidenten  zu  führen  schien,  beigelegt  (14.  Juni).

19.  Juni.  (Deputiertenkammer.)  Anmnestieforderung.

Die  äußerste  Linke  verlangt,  die  Kammer  soll  vom  König  eine  allemeine
  Amnestie  fordern.  Crispi  weist  das  als  einen  Eingriff  in  die
echte  der  Krone  zurück.  Infolge  heftiger  Zwischenrufe  kommt  es  zu  einem

Handgemenge  zwischen  Ministeriellen  und  Radikalen.

Juni.  Schmähschrift  Cavallotis  gegen  Crispi.  Verhandlungen
  in  der  Kammer  darüber.

Der  radikale  Abg.  Cavallotti  veröffentlicht  eine  8  Seiten  starke
Schrift  voll  der  schärfsten  persönlichen  Angriffe  gegen  Crispi.  Er  wirft
ihm  Fälschung,  Verleumdung,  Bestechlichkeit,  falsches  Zeugnis,  Unsittlichkeit,
  Mißhandlung  des  Parlaments,  Simonie  u.  dgl.  vor;  Crispi  habe  nicht
nur  für  sich  selbst  und  seine  Freunde  seinen  politischen  Einfluß  bei  den
Banken  mißbraucht,  sondern  auch  von  dem  verstorbenen  Baron  Reinach  ein
Trinkgeld  von  50  000  Lire  angenommen,  wogegen  er  dem  berüchtigten
Cornelius  Herz  den  Mauritius-Orden  habe  verschaffen  sollen.

Am  23.  kommt  diese  Angelegenheit  in  der  Kammer  zur  Sprache,  wo
Crispi  eine  Anfrage,  was  er  zu  thun  gedenke  in  dieser  Frage,  abweist.  In
einer  Versammlung  der  Kammermoajorität  erklärt  Crispi  unter  großem
Beifall,  diese  Vorwürfe  berührten  ihn  nicht,  sie  seien  nur  bestimmt,  die
Beratungen  über  die  Finanzvorlagen  zu  verhindern  (23.  Juni).
        <pb n="276" />
        268  Italien.  (Juli  10.—25.)

Am  25.  Juni  beantragt  die  äußerste  Linke  und  die  Rechte,  eine
parlamentarische  Untersuchung  der  Sache  Cadallotti-Crispi  einzuleiten,
Torrigiani  beantragt  die  Verhandlung  dieser  Anträge  auf  6  Monate  zu
vertagen.  Crispi  stimmt  zu,  da  er  sich  in  seinem  Gewissen  rein  fühle.
Hierauf  wird  der  Antrag  Torrigiani  mit  283  gegen  115  Stimmen  angenommen.


10.  Juli.  (Deputiertenkammer.)  Genehmigung  der  Finanzdekrete.


Nach  mehrtägiger  Beratung  der  Finanz=  und  Schatz-Maßregeln,  in
der  namentlich  Crispi  und  Sonnino  die  Maßregeln  der  Regierung  begründen,
genehmigt  die  Kammer  die  von  der  Regierung  erlassenen  Sinan  er#t  (val.
1894)  durch  folgenden  Beschluß:  „Die  Kammer  erkennt  die  außergewöhnliche
Zwangslage  an,  in  der  sich  die  Regierung  bezüglich  der  Fürsorge  für  die
Staatsverwaltung  befand,  erklärt  es  für  notwendig,  den  Erlassen  die  gesetzliche
  Gutheißung  zu  gewähren,  und  geht  zur  Beratung  der  einzelnen
Artikel  über.“

Unter  diesen  Dekreten  befinden  sich  Zollerhöhungen  auf  Zucker,  Glucosé,
  Palmöl,  Parafin  und  Petroleum,  sowie  die  Einführung  eines  Zolles
von  3  Lire  pro  Doppelzentner  auf  die  bisher,  gleich  allen  übrigen  Rohstoffen,
  zollfreie  Rohbaumwolle:  Erhöhungen  der  Steuer  auf  Cichorie  und
Kaffeesurrogate,  raffiniertes  Petroleum,  Spiritus,  sowie  eine  Steuer  auf  die
bisher  steuerfreien  Streichhölzer,  Leuchtgas  und  elektrisches  Licht;  höhere
Belastung  der  Hypotheken,  Versicherungen,  Civilprozesse  und  Erbschaften;
Maßregeln  bezüglich  der  Vereinheitlichung  der  Staatsschulden,  des  Staatspapiergeldumlaufs,
  der  Depositen=  und  Leihkassen,  der  Ueberwachung  der
Emissionsbanken,  der  Konvention  mit  der  Banca  d'Italia,  der  Neuordnung
des  Banco  di  Sicilia  und  des  Banco  di  Napoli,  die  Abänderung  der  Liquidationsmethoden
  der  Staatspensionen.

11.  Juli.  (Deputiertenkammer.)  Erhebung  des  20.  September

  zum  nationalen  Festtag.

Die  Kammer  beschließt  in  geheimer  Abstimmung,  den  Jahrestag  der
Einnahme  Roms  als  bürgerlichen  Feiertag  zu  begehen  mit  204  gegen  62
Stimmen.  Dagegen  sprachen  Colajanni,  weil  der  Augenblick  zu  einem
solchen  Fest  nach  den  zahlreichen  Siegen  des  Klerikalismus  nicht  opportun
sei,  und  Imbriani,  weil  das  Vaterland  noch  nicht  völlig  einheitlich  sei.
Wegen  dieser  Aeußerung  wird  der  Redner  zur  Ordnung  gerufen.  (Annahme
im  Senat  mit  87  gegen  28  Stimmen  17.  Juli.)

13.225.  Juli.  (Deputiertenkammer.)  Blanc  über  Abeffynien
  (vgl.  Rußland).

In  der  Beantwortung  einer  Interpellation  über  die  abessynische  Angelegenheit
  erklärt  der  Minister  des  Auswärtigen  Blanc,  König  Menelik
sei  Kraft  der  europäischen  und  italienischen  Abmachungen  thatsächlich  ein
Schützling  Italiens.  Italien  habe  in  Abessynien  seine  Fahne  aufgeflanzt
und  sie  nicht  zurückgezogen.  Am  25.  teilt  der  Minister  mit,  Rußland  habe
Italien  erklärt,  es  verfolge  nur  religiöse  Interessen  in  Abessynien.  Ferner
teilt  er  mit,  1.  daß  Italien  mit  den  englisch-egyptischen  Behörden  ein  Protokoll
  über  zweckentsprechende  Regelung  der  Nordgrenze  abgeschlossen  habe;
2.  daß  von  England  und  Deutschland  Maßregeln  zur  Verhinderung  der
Durchfuhr  von  Waffen  nach  Aethiopien  getroffen  seien;  3.  daß  eine  Reihe
von  Mächten  von  der  Mitteilung  Italiens  über  die  Wiederaufnahme  des
        <pb n="277" />
        Italien.  (Juli.—September  23.)  269

Sklavenhandels  seitens  Meneliks  Akt  genommen  und  4.  daß  Frankreich
Maßregeln  zugesichert  habe,  daß  keine  Waffen  oder  Munition  aus  Obok
nach  Aethiopien  gelangen.

Juli.  Glänzender  Empfang  des  aus  Erythräa  heimkehrenden
Baratieri.

21.  Juli.  (Genua.)  Infolge  eines  Zusammenstoßes  zweier
Dampfer  sinkt  der  italienische  Dampfer  „Marie"“  mit  144  Personen.


August.  Kündigung  des  tunesisch-italienischen  Handelsvertrages

  durch  Frankreich.

Crispis  „Riforma"  bezeichnet  die  Kündigung  als  einen  unfreundlichen
  Akt  und  der  „Marzio“  in  Neapel  führt  aus,  die  italienische  Regierung,
  sicher  ihres  Rechtes,  bewahre  die  größte  Ruhe.  Für  den  Fall  der
Nicht-Erneuerung  des  Vertrages  von  1868,  würde  Italien  auf  den  Verträgen
  von  1822,  1832,  1833  beharren,  die  der  Großherzog  von  Toskana,
der  König  von  Sardinien,  der  König  von  Neapel  mit  Tunesien  auf  ewig
geschlossen  haben,  und  daher  keine  Kündigung  fürchten.  Dank  diesen  Verträgen
  wird  Italien  nicht  alle  gegenwärtigen  Vorrechte  behalten  können;
jedoch  muß  seine  Stellung  in  Tunis  mindestens  der  Frankreichs  gleich  sein.
Italien,  welches  nie  das  Protektorat  Frankreichs  anerkannte,  wird  der  französischen
  Regierung  keine  Antwort  geben,  sondern  wird  durch  seinen  Konsul
direkt  mit  dem  Bey  verhandeln.

Anfang  September.  Bäuerliche  Unruhen  in  Sizilien.
20.  September.  Große  Feier  des  italienischen  Nationalfestes
(vgl.  S.  268).  Garibaldi-Denkmal,  Amnestie,  Turnkongreß.

Die  Feier  wird  eröffnet  durch  Enthüllung  eines  Garibaldidenkmals
in  Rom,  wobei  der  König  anwesend  ist  und  Crispi  eine  längere  Rede  hält.
Der  Papst,  sagt  er,  welcher  vor  1870  als  weltlicher  Fürst  mit  geringer
weltlicher  Macht  den  Souveränen  der  Staaten  der  ganzen  Erde  nachstehen
mußte,  sei  jetzt  nur  Gott  unterthan,  und  ein  unabhängiger  über  allen  anderen
stehender  Souverän.  Die  katholische  Welt  sollte  Italien  dankbar  sein  für
die  dem  römischen  Pontifikat  geleisteten  Dienste.  Die  Geistlichen  bleiben
unverletzt,  vorausgesetzt,  daß  sie  in  dem  Kreise  des  Rechts  bleiben;  wenn
sie  aber  das  Vaterland  verunglimpfen,  indem  sie  dessen  Institutionen  bekämpfen,
  so  würden  sie  den  Anarchisten  nützen,  die  Gott  und  den  König
verleugnen  und  diese  Thätigkeit  würde  nicht  ungestraft  bleiben  können.

Der  König  erläßt  eine  Amnestie.  Es  werden  alle  diejenigen  unter
den  von  den  Kriegsgerichten  in  Sizilien  und  Massa  Verurteilten  völlig  begnadigt,
  welche  Gefängnisstrafen  nicht  über  zehn  Jahre  zu  verbüßen  hatten,
voransgesetz.  daß  sie  nicht  zugleich  wegen  irgend  welchen  Verbrechens  gegen
das  Leben  verurteilt  waren.  Den  mit  längerer  Gefängnishaft  Bestraften
wird  ein  weiteres  Drittel  der  ursprünglichen  Gesamtstrafe  nachgelassen,  nachdem
  sie  bereits  am  14.  März  ds.  Is.  einen  Strafnachlaß  von  einem  Drittel
erhalten  hatten.

Unter  den  zahlreichen  festlichen  Veranstoltungen  findet  auch  ein  Turnkongreß
  statt,  an  dem  eine  Abordnung  deutscher  Turner  mit  großer  Auszeichnung
  teilnimmt.

23.  September.  (Rom.)  Der  König  nimmt  eine  große  Parade
über  Veteranen  ab.
        <pb n="278" />
        270  Italien.  (Oktober  Anfang.—November  28.)

Anfang  Oktober.  Neuer  Krieg  mit  Abefsynien  (vgl.  Ubersicht).
22.  Oktober.  (Torre  del  Greco.)  Rugghero  Bonghi  f.
(Vgl.  1894  S.  229  und  Mühling,  „Nation“  1896,  6.)

Oktober.  Vereitelter  Besuch  des  Königs  von  Portugal  in  Rom.

Anfangs  Oktober  kündigt  die  „Riforma“"  den  bevorstehenden  Besuch
des  Königs  von  Portugal  in  Rom  an.  Bald  darauf  wird  jedoch  behauptet,
der  Vatikan  suche  den  Besuch  zu  hintertreiben  und  Don  Carlos  wolle  den
König  Humbert  in  Monza  begrüßen,  worauf  jedoch  dieser  nicht  eingehen
wolle.  In  der  That  unterbleibt  der  Besuch.  Die  „Riforma“"  berichtet
darüber:  erstens,  der  portugiesische  Gesandte  beim  Quirinal  habe  sich  am
1.  Oktober  ins  Ministerium  begeben,  um  anzuzeigen,  daß  der  König  von
Portugal  zwischen  dem  15.  und  25.  Oktober  nach  Rom  kommen  würde,  um
in  offizieller  Weise  den  König  von  Italien  im  Quirinal  zu  besuchen;  zweitens,
  daß  das  italienische  Kabinett  niemals  irgend  welchen  Schritt  gethan
habe,  um  den  Wunsch  auszudrücken,  daß  der  König  von  Portugal  hierher
komme,  weder  privatim  noch  officiell  nach  Rom  oder  nach  Monza;  drittens,
daß  man  festhalten  müsse,  die  portugiesischen  Minister  würden  die  feierliche
Ankündigung  sicher  nicht  gemacht  haben,  ohne  vorher  sorgfältig  alle  Schwierigkeiten
  zu  erwägen,  die  man  der  Verwirklichung  der  Reise  des  Königs  entgegensetzen
  könnte.

28.  November.  (Deputiertenkammer.)  Crispi  über  die
innere  und  äußere  Politik.  Blanc  über  Kolonialpolitik  und  Armenien.


Ministerpräsident  Crispi  führt  aus,  die  Verhältnisse  der  öffentlichen
Sicherheit  seien  zwar  nicht  solche,  wie  man  sie  wünschen  würde;  aber  seit
dem  Jahre  1894  mache  sich  eine  fortschreitende  Besserung  wahrnehmbar.
Das  Räuber-Unwesen  sei  in  Sardinien  nahezu  ausgerottet.  Die  Polizei
und  die  Karabinieri  hätten  wahre  Wunder  an  Geduld  und  Mut  verrichtet.
Die  Ausnahmegesetze,  welche  die  Kammer  im  vorigen  Jahre  beschlossen
habe,  seien  durch  die  Thatsachen  gerechtfertigt.  Der  Sozialismus  sei,  wie
man  denselben  gewöhnlich  verstehe,  die  Verneinung  jeder  Freiheit,  sowie  die
Anarchie  der  permanente  Krieg  sei.  Sozialismus  und  Anarchie  unterschieden
sich  in  der  Praxis  nicht.  Ueber  die  äußere  Politik  sagt  er:  „Wir  entsenden
unsere  Flotte  in  den  Orient,  aber  nicht  mit  der  Bestimmung,  jemandem  zu
dienen.  Die  sechs  Mächte  sind  gegenwärtig  einig,  an  dem  Werke  des  Friedens
  und  der  Zivilisation  mitzuwirken,  und  man  kann  volles  Vertrauen
haben,  daß  der  Friede  nicht  gestört  werden  wird.  Sollte  dies  aber  bedauerlicherweise
  geschehen,  werden  wir  nicht  in  den  alten  Fehler  verfallen,
sondern  unser  Recht  zu  wahren  wissen.“

Minister  des  Auswärtigen  Baron  Blanc:  Die  Thätigkeit  Italiens
in  Afrika  sei  jetzt  eine  systematische  und  praktisch  geregelte,  ohne  daß  man
sich  kostspieligen  und  unfruchtbaren  Unternehmungen  aussetze.  Ueber  die
Verhandlungen  mit  der  Pforte  sagt  er:  Die  erste  Phase  der  Unterhandlungen
  in  den  armenischen  Angelegenheiten,  diejenige,  in  welcher  sich  Rußland
  und  Frankreich  England  in  den  offiziellen  Unterhandlungen  mit  der
Türkei  angeschlossen  hatten,  fand  ihren  Abschluß  durch  die  offiziellen  Mitteilungen,
  welche  die  Pforte  successive  den  sechs  Mächten  bezüglich  der
Reform-Vorschläge  gemacht.  In  der  folgenden  und  gegenwärtigen  Phase
bemühten  sich  die  sechs  Großmächte,  die  zur  Wiederherstellung  der  Ruhe
geeigneten  Maßnahmen  mit  der  Pforte  zu  vereinbaren.  Dieses  Einvernehmen
  hat  die  Bestimmung,  den  europäischen  Frieden  zu  sichern.  An  unser
        <pb n="279" />
        Nlien.  (Dezember  2.—16.)  271

Vertrauen,  daß  sich  dieser  glückliche  Erfolg  erhalte,  knüpfen  sich  unsere  Hoffnungen,
  daß  das  Einvernehmen  der  Mächte  sich  nicht  als  unwirksam  für
die  Verbesserung  der  Lage  im  Orient  erweise.  „Wenn  die  Lage  in  Europa
dank  dem  mehr  als  jemals  bekräftigten  Einvernehmen  der  sechs  Mächte  eine
gute  ist,  so  ist  sie  zwischen  der  ottomanischen  Regierung  und  den  Völkern
der  Türkei  eine  gedrückte.  Die  Pforte  würde  einen  Irrtum  begehen,  wenn
sie  glaubt,  die  Lage  könne  durch  diplomatische  Diskussion  über  die  Vorgänge
gelöst  werden."“

2.  Dezember.  (Deputiertenkammer.)  Di  Rudini  gegen
Crispi.

In  einer  ausführlichen  Kritik  der  Regierungspolitik  erklärt  Di  Rudini,
  er  billige  die  auswärtige  Politik  und  die  Haltung  Italiens  in  der
orientalischen  Frage.  Er  könne  aber  der  gegenwärtigen  Regierung  die  Ausnahmegesetze
  nicht  mehr  bewilligen,  mißbillige  es,  daß  Crispi  keinen  Unterschied
  zwischen  Sozialisten  und  Anarchisten  mache,  und  beklage,  daß  das
Versprechen  der  Amnestie  für  sizilianische  Verurteilte  nicht  eingehalten  worden
sei.  Die  Haltung  des  Kabinetts  gegenüber  den  Sozialisten  habe  die  Sympathie
  der  Bevölkerung  für  letztere  nur  erhöht.  Man  müsse  das  Verbrechen
unterdrücken,  aber  nicht  die  Gedankenfreiheit  verfolgen.  Zur  Kirchenpolitik
erklärt  er,  daß  die  Frage  in  Italien  mit  seiner  völlig  katholischen  Bevölkerung
  nie  eine  religiöse  sein  könne,  noch  gewesen  sei.  Der  Laienstaat  müsse
der  Kirche  die  größte  Freiheit  lassen,  das  Ueberhandnehmen  der  klerikalen
Partei  als  politische  Partei  könne  nur  verhindert  werden  dadurch,  daß  die
Regierung  eine  gesunde  Wirtschaftspolitik  treibe  und  sich  hiermit  die  Zustimmung
  des  Volkes  erwerbe.  An  der  Finanzpolitik  der  gegenwärtigen
Regierung  tadelt  er  gerade  den  Mangel  an  Rücksicht  auf  das  wirtschaftliche
Gedeihen,  während  er  im  übrigen  Sonninos  Verdienste  anerkennt.  Die
militärischen  Ersparungsmaßregeln  der  jetzigen  Regierung  tadelt  er  als  zerstörend
  für  die  Heeresorganisation:  man  müsse  den  Mut  haben,  entweder
gleich  den  übrigen  Mächten  die  Friedensstärke  zu  erhöhen  oder  das  Heer
endgültig  einzuschränken,  aber  der  gegenwärtige  große  Unterschied  zwischen
Friedens=  und  Kriegsstärke  sei  von  Uebel.  Bezüglich  der  Kolonialpolitik
befürchtet  er,  daß  man  zu  bedeutend  höhern  Opfern  gedrängt  werde,  als
vorgesehen  sei.  Nachdem  sich  Crispi  verteidigt  hat,  spricht  ihm  die  Kammer
ihr  Vertrauen  aus.

13.  Dezember.  Die  Deputiertenkammer  geht  über  alle
Anträge,  Giolitti  vor  Gericht  zu  stellen,  gegen  dessen  Widerspruch
zur  Tagesordnung  über  (val.  Übersicht).

14./16.  Dezember.  (Deputiertenkammer.)  Interpellationen

über  Afrika.

Infolge  der  Niederlage  Tosellis  (s.  Afrika)  bringt  die  Opposition
mehrere  Interpellationen  ein.  Auf  ihre  Angriffe  erwidert  Crispi,  daß
die  Unternehmung  in  Afrika  nicht  sein  Werk  sei,  erinnert  ferner  an  die
Besetzung  von  Assab  und  Massauah,  um  darzuthun,  daß  man  damals  kein
bestimmtes  Ziel  hatte;  er  hätte  gewünscht,  daß  die  Hoffnungen  Italiens
sich  anderswohin  lenkten,  er  habe  dies  entschieden  im  Jahre  1882  erklärt
gelegentlich  der  Aufforderung  Englands,  mit  ihm  gemeinschaftlich  zu  handeln,
  um  den  Aufstand  Arabi  Paschas  zu  ersticken.  Indessen  seit  1885
mußte  man  anerkennen,  daß,  da  die  Fahne  nun  einmal  in  Assab  und  Massauah
  aufgepflanzt  war,  man  dableiben  und  die  Position  verbessern  mußte.
        <pb n="280" />
        272  Aalien.  (Dez.  19.—23.)  Vie  Mnische  Kurie.  (Jan.  Anf.—April.)

Zür  den  Augenblick  fordere  er  nur  Mittel,  um  für  das  unerläßlich  Notwendige
  sorgen  zu  können  unter  Ablehnung  des  Gedankens  irgendwelcher
Gebietserweiterung,  und  um  das  Erforderliche  für  die  Sicherung  der  Ehre
der  italienischen  Fahne  leisten  zu  können,  kurz,  —  weder  Feigheit  noch  Unklugheit.
  Dem  General  Baratieri  schenke  die  Regierung  volles  Vertrauen.

19.  Dezember.  Die  Deputiertenkammer  genehmigt  nach
langer  Erörterung  mit  großer  Majorität  den  von  der  Regierung
geforderten  Kredit  für  Afrika  von  20  Millionen  Lire  (Annahme
im  Senat  21.  Dezember).

19.  Dezember.  (Deputiertenkammer.)  Militärgesetz.

Die  Kammer  genehmigt  die  Umwandlung  der  vier  königlichen  Verordnungen
  vom  6.  November  1894  zum  Gesetz.  Die  Verordnungen  betreffen
Abänderungen  der  Gesetze  über  die  Organisation  der  Armee,  die  territoriale
Abgrenzung  der  Aushebung,  die  Besoldungen  und  dauernden  Löhnungen.

21.23.  Dezember.  Absendung  von  12  Bataillonen  nach
Erythräa.

VIII.
Die  Nömische  Kurie.

Anfang  Januar.  Konferenzen  des  Papstes  mit  Fürst  Lobanow.


27.  Januar.  Der  Papst  erläßt  eine  Encyklika  an  die  amerikanischen

  Bischöfe.
31.  Januar.  (Rom.)  Der  Papst  und  die  griechische  Kirche.
Auf  Antrag  der  Kardinals-Kommission  für  die  orientalischen  Kirchen
beschließt  der  Papst,  eine  höhere  Studienanstalt  in  Konstantinopel  zur  Ausbildung
  des  griechisch-katholischen  Klerus  zu  gründen  und  eine  Kirche  erbauen
  zglassen  in  der  Gottesdienst  nach  griechischem  Ritus  abgehalten
werden  soll.

März.  Der  Papst  und  die  österreichischen  Christlich-Sozialen
d.  Osterreich).

18.  März.  Der  Papst  über  die  ungarischen  Kirchengesetze.

Der  Papst  erklärt  im  Konsistorium,  die  ungarischen  Kirchengesetze
entsprächen  dem  katholischen  Prinzip  nicht.  Die  Anerkennung  der  italienischen

  Bischöfe  durch  die  weltlichen  Behörden  sei  zwar  eine  Genugthuung
für  den  Hl.  Stuhl,  dessen  unwürdige  Lage  sei  aber  dadurch  nicht  verbessert.

20.  April.  Der  Papst  erläßt  eine  Encyklika  an  die  Engländer
(vgl.  Großbritannien).

Es  heißt  darin:  Die  Päpste  hätten  seit  Gregors  des  Großen  Zeiten
für  England  stets  bosondere  Fürsorge  getragen.  Auch  sei  England  bis  zum

16.  Jahrhundert  den  römischen  Bischöfen  treu  ergeben  gewesen.  Heilige
Männer  wie  Karl  Borromäus  und  Philippus  hätten  seitdem  die  Wieder-
        <pb n="281" />
        Die  Rämishe  Kurie.  (Mai  8.—Dezember  30.)  273

vereinigung  angestrebt,  und  er  selbst  habe  als  Nuntius  in  Belgien  den  Plan
des  Engländers  Ignatius  Spencer,  für  die  Rückkehr  der  Engländer  zur
römischen  Kirche  Gebete  einzurichten,  gebilligt.  Die  Engländer  hätten  sich
große  Verdienste  erworben  um  die  Besserung  der  sozialen  Lage  des  Volkes,
die  er  selbst  in  Encykliken  wiederholt  empfohlen  habe.  Der  Papst  fordert
dader  die  englischen  Katholiken  auf,  mit  ihm  für  die  Wiedervereinigung  zu
arbeiten.

8.  Mai.  Der  „Osservatore  Romano“  schreibt  über  den
Notenwechsel  zwischen  Kalnoky  und  Banffy  (vgl.  Osterreich):

Er  wisse,  daß  die  Reise  Agliardis  nach  Ungarn  nach  vorausgegangener

Kenntnis  Graf  Kalnokys  erfolgte,  und  daß  sowohl  der  Minister  a  latere

als  auch  Baron  v.  Banffy  den  Nuntius  ermahnten,  die  Einladung  des
Kardinalprimas  Vaszary,  ihn  zu  besuchen,  anzunehmen.

15.  Mai.  Der  „Osservatore  Romano"  proklamiert  Wahlenthaltung
  der  Katholiken  von  den  italienischen  politischen  Wahlen.

9.  Juni.  Errichtung  einer  ständigen  russischen  Gesandtschaft
beim  Vatikan.

17.  Juni.  Enchklika  an  die  Kopten  in  Egypten.

10.  Juli.  Encyklika  an  die  belgischen  Bischöfe  über  die  soziale
  Frage.

Der  Papst  ermahnt  darin  alle  Katholiken  zur  Einigkeit;  die  Bischöfe
sollten  zu  einem  Kongreß  zusammentreten  und  nach  den  Grundsätzen  der
Freiheit  und  des  Einvernehmens  der  katholischen  Religion  und  der  bürgerlichen
  Institutionen  über  die  Erreichung  dieses  Zieles  beraten.  Dann  ermahnt
  er  die  Bischöfe,  die  Katholiken  von  der  öffentlichen  Polemik  und
der  Schmälerung  des  Prinzips  der  gesetzlichen  Autorität  abzuhalten,  und
schließt  mit  der  Aufforderung  an  alle  Katholiken,  sich  den  Umsturztheorien
des  Sozialismus  lebhaft  zu  widersetzen,  welcher  alles  gegen  die  Religion
und  den  Staat  versuche  und  das  göttliche  Recht  mit  dem  menschlichen  Recht
zu  verschmelzen  trachte.

Oktober.  Der  Papst  und  die  Feier  des  20.  September.

Der  Papst  verurteilt  in  einem  Briefe  an  Kardinal  Rampolla  die
Feier  des  20.  September  und  betont,  daß  durch  das  der  Kurie  geschehene
Unrecht  das  Band  zwischen  den  Katholiken  und  dem  Hl.  Stuhle  noch  fester
geknüpft  sei.  Unter  den  Protesten,  die  dem  Papste  zugegangen  sind,  befinden
sich  auch  Adressen  deutscher  und  österreichischer  Prälaten,  die  der  Papst
dankend  beantwortet  (12.  Oktober).

30.  Dezember.  Die  Kurie  und  die  orientalischen  Kirchen.

Der  Papst  verleiht  der  Kardinal-Kommission  für  die  orientalischen
Kirchen  ständigen  autonomen  Charakter.  Zu  Mitgliedern  der  Kommission
sind  ernannt:  die  Kardinäle  Ledochowski,  Langénieux,  Rampolla,  Vannutelli,
Galimberti,  Vaughan,  Granniello  und  Mazzella.

 

——  —  —  —  ———  —

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.  18
        <pb n="282" />
        IX.
Schweiz.

3.  Februar.  Volksabstimmung  über  das  Gesandtschaftsgesetz.

Das  über  die  diplomatische  Vertretung,  welches  die  Berufskonsuln
  und  Diplomaten  vermehren  und  die  Errichtung  neuer  diplomatischer
Posten  der  Bundesversammlung  zuweisen  will,  wird  mit  170  000  gegen
120  000  Stimmen  abgelehnt.

23.  Februar.  (Bern.)  Handel  mit  Frankreich.

Der  Bundesrat  bestimmt,  daß  vom  1.  März  ab  aus  den  zgollfreien
Zonen  von  Hochsavoyen  und  Gex  außer  den  bereits  als  zollfrei  erklärten
oder  nach  Uebereinkunft  begünstigten  Artikeln  eine  größere  Anzahl  Erzeugnisse
  der  Zonen  teils  vollständig  frei,  teils  zu  ermäßigten  Ansätzen  zugelassen
  werden  sollen.  Mit  Ausnahme  der  Gegenstände  des  Marktverkehrs
wird  an  die  erleichterte  oder  ganz  freie  Einfuhr  die  Bedingung  der  Vorlage
von  Ursprungszeugnissen  geknüpft.  Die  Zulassung  von  Wein,  Vieh  und
Hartkäse  ist  nur  gegen  Vorweisung  von  Gutscheinen  der  zuständigen  französischen
  Amtsstellen  gestattet.

26.  März.  (Bern.)  Der  Nationalrat  beschließt  mit  68  gegen
56  Stimmen  die  Einführung  des  Zündhölzchen-Monopols.

März.  Der  Nationalrat  berät  den  Gesetzentwurf  über  die
Einführung  einer  Bundesbank.

Das  Grundkapital  der  Bank  soll  25  Mill.  Frcs.  betragen;  sie  soll
das  Banknotenmonopol  erhalten,  den  Geldumlauf  regeln  und  den  Kassenverkehr
  des  Bundes  besorgen.

30.  April.  (Bern.)  Neue  Militär-Artikel.

Der  Bundesrat  genehmigt  eine  Reihe  neuer  Bestimmungen  über  das
Heerwesen.  Ihr  Hauptinhalt  ist:  Weder  der  Bund  noch  die  Kantone  sind
berechtigt,  stehende  Truppen  zu  halten,  vorbehalten  sind  die  für  die  Befestigungswerke
  erforderlichen  Mannschaften.  Das  Heerwesen  ist  Sache  des
Bundes.  Wehrmänner,  welche  im  Militärdienst  das  Leben  verlieren  oder
Schaden  an  der  Gesundheit  erleiden,  haben  für  sich  und  ihre  Familien  Anspruch
  auf  die  Unterstützung  des  Bundes.  Verwaltung,  Unterricht,  Bewaffnung,
  Bekleidung  und  Ausrüstung  des  Heeres  sind  Sache  des  Bundes.
Der  Bund  übernimmt  die  kantonalen  Waffenplätze  gegen  Entschädigung.
Den  Kantonen  verbleibt  die  Auswahl  der  zu  Offizieren  auszubildenden
Unteroffiziere  und  Ernennung  und  Beförderung  der  Offiziere  der  ausschließlich
  aus  Mannschaften  eines  und  desselben  Kantons  gebildeten  Truppeneinheiten
  sowie  die  Wahl  der  untern  Beamten  der  Division  Skreise.
        <pb n="283" />
        Schneit.  (Mai  19.—Dezember  22.)  275

19.  Mai.  (Zürich.)  Ablehnung  der  Erbschaftssteuer.

In  der  kantonalen  Abstimmung  wird  das  Gesetz  über  die  Erbschaftssteuer
  mit  obligatorischer  Inventarisation  in  jedem  Todesfall  und  Besteuerung
  auch  des  elterlichen  Erbteiles  mit  34190  gegen  21  378  Stimmen
verworfen.

Juni.  (Bern.)  Das  Militärgesetz  wird  vom  Nationalrat
(10.  Juni)  und  vom  Ständerat  (21.  Juni)  genehmigt.

14.  Juni.  (Bern.)  Der  Nationalrat  nimmt  das  Eisenbahngesetz
  an  mit  94  gegen  22  Stimmen.

26.  Juni.  (Bern.)  Der  Nationalrat  genehmigt  die  Vorlage
  über  die  Errichtung  einer  rein  staatlichen  Bundesbank  mit
89  gegen  27  Stimmen.

15./16.  August.  (Bern.)  Der  Nationalrat  genehmigt  das
Handelsabkommen  mit  Frankreich  mit  108  gegen  18  Stimmen
(15.  Aug.),  der  Ständerat  mit  26  gegen  10  Stimmen  (16.  August).

29.  September.  Eine  Volksabstimmung  verwirft  den
Gesetzentwurf,  wonach  Herstellung  und  Verkauf  der  Streichhölzer
dem  Bunde  übertragen  werden  sollte.

3.  November.  Ablehnung  des  Militärgesetzes.

In  der  Volksabstimmung  werden  die  neuen  Militärartikel  mit
252  000  gegen  185  000  Stimmen  verworfen,  ebenso  von  den  einzelnen  Kantonen
  mit  17½  gegen  14½  Stimmen.  Angenommen  haben  nur  Zuürich,
Bern,  Basel  Stadt,  Aargau  und  Thurgau.

November.  Das  Budget  für  1896  weist  auf  an  Einnahmen
78885000,  an  Ausgaben  79  5900000  Franken.

25.  November.  In  der  Simplonkonferenz  erklärt  sich  Italien
bereit  1½  Millionen  Lire  99  Jahre  lang  zur  Jura-Simplonbahn
beizusteuern.

13.  Dezember.  (Bern.)  Der  Ständerat  genehmigt  die  Bundesbankvorlage
  mit  24  gegen  17  Stimmen.

Der  ganze  Reingewinn  der  Bank  wird  den  Kantonen  überlassen.
Der  Bankrat  soll  ausschließlich  vom  Bundesrat  gewählt  werden.

19.  Dezember.  (Bern.)  Der  Ständerat  genehmigt  mit  35
gegen  3  Stimmen  das  Eisenbahnrechnungsgesetz.

22.  Dezember.  (Zürich.)  Volksabstimmung  über  Tierschutz.

In  der  Volksabstimmung  wird  der  Antrag  auf  gänzliches  Verbot
der  Vivisektion  mit  39  476  gegen  17297  Stimmen  abgelehnt;  hingegen  der
Gegenvorschlag  des  Kantonrates  für  Tierschutz,  der  den  Forderungen  und
Wünschen  der  Wissenschaft  in  weitschützendem  Maße  Rechnung  trägt,  mit
35  191  gegen  19  554  Stimmen  angenommen.

18“
        <pb n="284" />
        276  Belzien.  (Januar  11.  —Februar  21.)

X.
Belgien.

11.  Januar.  Belgien  und  der  Kongostaat.

In  einem  Vertrage  zwischen  Belgien  und  dem  Kongostaate  tritt
König  Leopold  II.  als  Souverän  des  afrikanischen  Reiches  den  Kongostaat
an  Belgien  als  Kolonie  ab.

29.  Januar.  (Brüssel.)  Der  Kammerpräsident  de  Lantsheere
  tritt  wegen  eines  Konfliktes  mit  der  Rechten  zurück;  sein
Nachfolger  wird  der  frühere  Minister  Beernaert.

5.  Februar.  Frankreich,  Belgien  und  der  Kongostaat.

Frankreich,  das  das  Vorverkaufsrecht  auf  den  Kongostaat  besfitzt.  gestattet
  die  Uebertragung  des  Kongostaates  an  Belgien;  Belgien  verpflichtet
sich,  den  Kongostaat  niemals  für  umsonst  abzutreten  und  sichert  Frankreich
das  Vorkaufsrecht  zu,  falls  es  die  Kolonie  gegen  Entgelt  einmal  abtreten
  sollte.  (Der  Notenwechsel  hierüber  Staats-Archiv  Bd.  57.  Vgl.  ferner
Léclerc  „Nation“  21,  22.)

7.  Februar.  (Lüttich.)  Schluß  eines  großen  Anarchistenprozesses,
  in  dem  mehrere  Anarchisten  zu  lebenslänglichem  Zuchthaus
  verurteilt  werden.

12.  Februar.  Ministerpräsident  de  Burlet  legt  der  Kammer
den  Vertrag  mit  dem  Kongostaate  vom  11.  Januar  zur  Ratifikation
  vor.  Er  wird  an  eine  Kommission  verwiesen.

13.  Februar.  (Deputiertenkammer.)  Konversion.

Die  Kammer  genehmigt  mit  allen  gegen  eine  Stimme  den  Gesetzentwurf
  betreffend  die  Umwandlung  der  3½prozentigen  Staatsanleihe  in
2½  prozentige  und  verwirft  den  Zusatzantrag  der  Sozialisten,  den  Ertrag
der  Umwandlung  zur  Errichtung  einer  staatlichen  Penfionskafse  für  alle
Arbeiter  zu  verwenden.  (Genehmigung  im  Senat  am  15.  Febr.)

Februar.  (Brüssel.)  Entwurf  eines  Gemeindewahlgesetzes.

Der  Entwurf  bezeichnet  als  Wähler  die  Senatswähler,  die  eine
dreijährige  Ansässigkeit  in  der  Gemeinde  nachweisen  können  und  verleiht
eine  Mehrstimme  jedem  35  Jahre  alten  verheirateten  Bürger  oder  Witwer
mit  Kindern,  wenn  er  an  staatlicher  Wohnungssteuer  mindestens  5  Fr.  in
Gemeinden  bis  1000  Einwohner,  10  Frk.  in  Gemeinden  bis  10  000,  15  Frk.
in  solchen  bis  25000,  20  Frk.  in  Gemeinden  über  25.000  Einwohner  entrichtet.
  Eine  zweite  Mehrstimme  erhält  der  Eigentümer  liegenden  Gutes
von  mindestens  150  Frk.  Katastral-Einkommen.  Unter  Vorbehalt  dieser
Bestimmungen  regeln  sich  die  übrigen  Mehrstimmen  nach  dem  Gesetz  für
die  Senatswahlen  bis  zur  Höchstzahl  von  4  Stimmen.  Die  ietigen  Gemeinderäte
  werden  durch  königlichen  Erlaß  bis  spätestens  15.  November
d.  J.  aufgelöst.

21.  Februar.  (Deputiertenkammer.)  Budget.

Der  Finanzminister  legt  das  Budget  vor,  das  358  969  000  Frcs.
Ausgaben  und  357727000  Frecs.  Einnahmen  aufweist.  Der  Minister  ist
        <pb n="285" />
        Gelsien.  (Februar  24.  Mai  24.)  277

aber  der  Meinung,  daß  die  mäßig  veranschlagten  Einnahmen  die  Anschläge
in  Wirklichkeit  um  mehrere  Millionen  überschreiten  werden.

24.  Februar.  (Brüssel.)  Belgischer  Sozialistenkongreß.

Es  werden  beraten  das  Gemeindewahlgesetz  und  die  Kongovorlage.
Unter  scharfen  Ausfällen  gegen  die  Regierung  wird  die  Ablehnung  der
Kongovorlage  beschlossen  und  über  das  Gemeindegesetz  folgende  Resolution
gefaßt:  Der  Kongreß,  einig  für  den  allgemeinen  Ausstand,  beschließt  die
schleunige  Berufung  aller  Parteigruppen  behufs  Beschlußfassung  hierüber.
Im  Falle  der  Ablehnung  des  allgemeinen  Stimmrechts  durch  die  Kammer,
gibt  er  den  Parteivertretern  die  Vollmacht,  den  Zeitpunkt  des  Ausbruches
es  Ausstandes  zu  bestimmen.

März.  Kongofrage.
Sozialisten  und  Radikale  agitieren  gegen  die  Kongovorlage  z.  B.

der  Kongreß  der  Fortschrittspartei  in  Brüssel  (10.  März);  die  Handelskammern
  erklären  sich  für  sofortige  Uebernahme  des  Kongostaates.

März.  Die  Sozialisten  und  das  Gemeindewahlgesetz.

Der  Generalrat  der  Arbeiterpartei  beschließt  den  allgemeinen  Ausstand
  um  die  Verwerfung  des  Gemeindewahlgesetzes  zu  erzwingen.  Ende
März  brechen  mehrere  Ausstände  aus,  so  der  der  Steinkohlenarbeiter  in
Lüttich.  Da  die  Unruhen  sich  verbreiten  und  es  zu  Zusammenstößen  zwischen
Strikenden  und  Gendarmen  kommt,  ruft  die  Regierung  Reserven  ein  zur  Aufrechterhallung
  der  Ordnung.

25.  März.  (Gent.)  Große  Kundgebung  der  Sozialisten  und
Fortschrittler  gegen  das  Gemeindewahlgesetz.

2.  April.  (Brüssel.)  Beendigung  des  Ausstandes  gegen
das  Gemeindewahlgesetz.

Die  sozialistischen  Abgeordneten  verlesen  in  der  Kammer  eine  Erklärung
  des  soz.  Generalrats,  angesichts  der  Gewißheit,  den  Ausstand  nicht
friedlich  beenden  zu  können,  versage  die  Arbeiterpartei  es  sich,  Menschenleben
  zu  opfern,  um  die  Annahme  eines  Gesetzes  zu  verhindern,  das  doch
nur  von  vorübergehender  Dauer  sein  werde,  da  es  von  Anfang  an  durch
das  allgemeine  Stimmrecht  verurteilt  sei,  dessen  Vertrauen  man  getäuscht
und  dessen  Willen  man  verkannt  habe.  Statt  zum  Ausstande  fordert  der
Generalrat  deshalb  alle  Gruppen  der  Partei  zur  unablässigen  Propaganda
für  die  Abschaffung  des  Gemeindewahlgesetzes  auf.

5.  April.  (Brüssel.)  Annahme  des  Gemeindewahlgesetzes.

Die  Deputiertenkammer  genehmigt  die  Gesamtvorlage  des  Gemeinde-Wahlgesetzes
  in  zweiter  Lesung  mit  90  gegen  52  Stimmen  unter
Genehmigung  der  Uebergangsbestimmung,  wonach  die  augenblicklichen  Kapazitätswähler
  unter  30  Jahren  eine  Stimme  fernerhin  behalten.  Annahme
im  Senat  am  10.  April  mit  56  gegen  18  Stimmen.

14.  April.  (Antwerpen.)  Der  Jahreskongreß  der  Arbeiterpartei
  billigt  den  Beschluß  des  Generalrats  über  den  Ausstand  (val.
2.  April).

24.  Mai.  Rücktritt  Merodes.

Der  König  und  das  Ministerium  lehnen  Merodes  Wunsch,  noch  vor
dem  1.  Juni  eine  Entscheidung  in  der  Kammer  über  die  Kongovorlage
        <pb n="286" />
        278  Belzien.  (Juni  25.  Dezember  19.)

herbeizuführen  ab.  Der  Minister  des  Auswärtigen  tritt  daher  zurück,  sein
Portefeuille  übernimmt  De  Burlet,  der  das  Ministerium  des  Innern  an
Liebaert  abtritt.

25.  Juni.  Die  Kammer  genehmigt  die  Zollvorlage  mit  78
gegen  64  Stimmen.

Hierdurch  werden  Zölle  eingeführt  resp.  erhöht  auf  Hafer,  Mehl,
Malz,  Konserven,  Chokolade,  Thonfliesen,  Fayence  und  Porzellan.  (Annahme
  im  Senat  12.  Juli.)

27.  Juni.  (Kammer.)  Kongovorlage.

Die  Kammer  genehmigt  den  Antrag  der  Regierung  betreffend  Uebernahme
  der  Schuld  Browne  de  Tiège  und  den  laufenden  Fehlbetrag  des
Kongostaats  im  Betrage  von  gesamt  6  850  000  Franken  mit  71  gegen  16
Stimmen,  desgleichen  den  Antrag  betreffend  Bewilligung  eines  Kredits  von
5000  000  Franken  für  die  Kongobahn  mit  66  gegen  15  Stimmen.  Die
Sozialisten  nehmen  nicht  teil  an  der  Abstimmung.  (Annahme  im  Senat
28.  Juni.)

Juli.  Die  Regierung  legt  ein  Schulgesetz  vor.

Der  Religions=  und  Moral-Unterricht  —  1  Stunde  täglich  —  soll
von  den  Geistlichen  oder  unter  ihrer  Aufsicht  erteilt  werden.  Die  staatlichen,
provinziellen  und  kommunalen  Hilfsgelder  sollen  unter  die  kommunalen  und
Privatschulen  verteilt  werden.

28.  Juli.  (Brüssel.)  Große  Landeskundgebung  von  mehr

als  50  000  Personen  aller  nichtklerikalen  Parteien  gegen  das
Schulgesetz.

16.  August.  Die  Kammer  nimmt  das  Schulgesetz  an  mit
81  gegen  52  Stimmen  (Annahme  im  Senat  30.  August  mit  56
gegen  31  Stimmen.)

17.  August  bis  30.  September.  Reise  des  Königs  nach  der
Schweiz  und  Frankreich.

10.  September.  (Brüssel.)  Hirtenbrief  über  die  soziale
Frage.

Im  Anschluß  an  die  päpstliche  Encyklika  (vgl.  Röm.  Kurie)  will  der
Episkopat  eine  aus  Priestern  und  Laien  zusammengesetzte  Vereinigung  in
jeder  Diözese  ins  Leben  rufen,  die  unter  Leitung  des  Erzbischofs  v.  Mecheln
eine  einheitliche  soziale  Thätigkeit  beginnen  sollen.

17.  November.  Gemeindewahlen.  Die  Sozialisten  und
Klerikalen  verstärken  sich  auf  Kosten  der  Liberalen.

19.  Dezember.  Die  Kammer  verschiebt  die  allgemeine  Heeresreform
  auf  die  nächste  Tagung.
        <pb n="287" />
        Niederlande.  (März  Anfang.-September  19.)  279

XI.

Niederlande.

Anfang  März.  Die  zweite  Kammer  beschließt  eine  strengere
Erhebung  der  Eingangszölle,  wodurch  eine  Mehreinnahme  von
1  800  000  Gulden  erzielt  werden  soll.

14.  März.  (Haag.)  Die  zweite  Kammer  beschließt  die  Anschaffung
  von  52000  Gewehren,  Kal.  6,  5  mm.

4.  April.  (Haag.)  Handelspolitik.

Die  zweite  Kammer  genehmigt  einstimmig  die  mit  Portugal  ausgetauschte
  Erklärung,  wodurch  die  Handelsbeziehungen  zwischen  beiden  Ländern
  vorläufig  geregelt  werden;  ebenso  wird  mit  69  gegen  5  Stimmen  der
Gesetzentwurf  genehmigt,  wonach  vom  1.  Juni  ab  der  Ausfuhrzoll  für  ostindischen
  Zucker  auf  ein  Jahr  aufgehoben  wird.

21.  April.  (Haag.)  Bildung  einer  neuen  Arbeiterpartei.

Abgeordnete  verschiedener  Arbeitervereine  beschließen  die  Bildung
einer  neuen  Volkspartei,  in  die  die  zahlreichen  kleinen  Vereine  aufgenommen
werden  sollen.  Die  Partei  bezweckt  „Zuerkennung  des  allgemeinen  Wahlrechts,
  sowohl  für  Männer  wie  für  Frauen,  geschlossenes  Auftreten  bei  den
Wahlen  für  die  Zweite  Kammer,  die  Provinzialvertretung  und  die  Gemeinderäte
  und  Beförderung  alles  dessen,  was  die  Lage  des  Arbeiters  dem
Kapitalismus  gegenüber  zu  bessern  im  stande  ist;“  sie  will  ferner,  „ohne
sozialdemokratisch  zu  sein,  aber  auch  ohne  gegen  die  Grundsätze  der  Sozialdemokratie
  aufzutreten,“  für  die  Interessen  der  Arbeiter  wirken.

24.  Juni.  General  Vetter,  der  Sieger  von  Tjakra  Negara
(1894  S.322),  wird  zum  Oberbefehlshaber  des  niederländisch-indischen
Heeres  ernannt.

Juli.  Niederlande  und  Marokko  (vgl.  S.  164).

Marokkaner  berauben  die  holländische  Barke  „Anna“,  wofür  die  holländische
  Regierung  durch  den  deutschen  Gesandten  Graf  Tattenbach  folgende
Genugthuung  verlangt:  1.  Schriftliche  Entschuldigung  für  die  der  niederländischen
  Flagge  zugefügte  Beleidigung;  2.  energische  Fortsetzung  der  Verfolgung
  und  eventuelle  Bestrafung  der  bei  dem  Ueberfall  der  Anna  Beteiligten;
  3.  Bezahlung  einer  von  der  niederländischen  Regierung  festzusetzenden
Entschädigungssumme,  aus  welcher  der  Unterhalt  der  Witwe  des  ermordeten
Kapitäns  und  der  Frau  des  schwerverwundeten  Steuermanns  bestritten  werden
kann.  Der  Sultan  bewilligt  die  Forderungen  am  12.  Juli.

19.  September.  Das  Budget  für  1896  schätzt  die  Staatsausgaben
  auf  138½  Millionen  Gulden  und  berechnet  einen  Fehlbetrag
  der  Einnahmen  von  7½  Millionen.
        <pb n="288" />
        280  Nänuemark.  (Jan.  1.—Juli.)  Schweden  und  Vorwegtzen.  (Jan.  7.—17.)

XII.
Dänemark.

1.  Januar.  (Kopenhagen.)  Schluß  der  Zeichnungen  für
freiwillige  Gaben  zur  Landesverteidigung.  Es  sind  1700  000  Kronen
eingegangen.

9.  April.  Wahlen  zum  Folkething.
Sieg  der  Opposition.  Resultat:  Linke  54  (bisher  43),  Rechte  24
(31),  Bojseniten  (Vergleichsfreundliche)  27  (26),  Sozialdemokraten  8  (2).

18.  Juni.  Handelsvertrag  mit  Belgien  auf  Grund  der  Meistbegünstigung.


Juli.  (Jütland.)  Große  Ausstandsbewegung.

In  Varhus  und  Aalborg  legen  die  Maurer=  und  Zimmerhandwerks-Arbeiter
  die  Arbeit  nieder  weil  sie  sich  die  Form  der  von  den  Meistern  eingeführten
  Entlassungszeugnisse  nicht  gefallen  lassen  wollen,  die  darin  besteht,
  daß  die  Gesellen,  wenn  sie  Arbeit  suchen,  einen  Zettel  vorzeigen  müssen,
worin  angeführt  wird,  bei  wem  und  wie  lange  sie  gearbeitet,  und  wie  fie
sich  aufgeführt  haben.  Die  Meister  antworten  mit  allgemeiner  Arbeitssperre
  und  der  Ausstand  breitet  sich  über  ganz  Jütland  aus.  Unter  Vermittlung
  des  Kopenhagener  Maurergesellenvereins  kommt  es  zur  Verständigung.
  Mitgliedskarten  der  Fachvereine  treten  an  die  Stelle  der  Arbeitszeugnisse
  als  Legitimation  der  Arbeitsuchenden,  und  als  Grundlage  eines
künftigen  friedlichen  Zusammenwirkens  zwischen  den  beiderseitigen  Organisationen
  ist  ein  gemeinsamer  Ausschuß  von  8  Personen  niedergesetzt  worden.
Dieser  hat  zugleich  den  Auftrag,  Vorschläge  zum  Zusammenarbeiten  der
Organisationen  auszuarbeiten  und  Streitigkeiten  zum  Verhüten  weiterer
Strikes  und  Aussperrungen  zu  entscheiden.

––—  ˙0#•  —„  —

XIII.

Schweden  und  Norwegen.

7.  Januar.  (Schweden.)  Zollerhöhung.

Die  Regierung  erhöht  den  Zoll  für  je  100  kg  ungemahlenes  Korn,
Roggen,  Weizen,  Gerste,  Mais,  Erbsen,  Bohnen  u.  s.  w.  von  1.25  auf
3,15  Kronen  und  für  gemahlenes  Korn,  Mehl  und  Grütze  aller  Art  von
2,50  auf  6,50  Kronen.

17.  Januar.  (Stockholm.)  Eröffnung  des  Reichstags  durch
den  König.

In  der  Thronrede,  heißt  es  über  die  Union:  „Der  Staatsverband,
der  vor  80  Jahren  zwischen  den  beiden  Nationen  der  skandinavischen  Halbinsel
  geknüpft  wurde,  hat  mit  Gottes  Gnade  die  lange  Dauer  eines  glücklichen
  Zustandes  derselben  mächtig  gefördert.  Jede  Vereinigung  von  Reichen
legt  sicherlich  gegenseitige  Verpflichtungen  auf;  diese  beschränken  in  gewisser
        <pb n="289" />
        Schweden  und  Norwetzen.  (Januar.—Februar  12.)  281

Beziehung  die  Selbständigkeit  der  einzelnen  Länder,  sie  geben  ihnen  aber
als  Ersatz  gegenseitige  Stütze  und  vermehrte  Stärke.  Möchten  meine  beiden
Völker  immer  das  Glück  und  die  Vorteile  richtig  schätzen,  die  sie  durch  die
Union  erworben  haben,  dann  werden  sie  auch  alle  Kräfte  aufbieten,  um
dieselbe  beizubehalten  und  zu  stärken.  Die  Union  von  1814  ist  wie  alles
Venschlice  der  Verbesserung  bedürftig.  Ihr  Grundgedanke  aber  ist  ein
großer.“

Januar.  (Stockholm.)  Die  erste  Kammer  über  die  Union.

Von  allen  Seiten  wird  eine  Revision  des  Unionsverhältnisses  verlangt,
  teils  fordert  man  Aufhebung  der  Handelsbeziehungen  zu  Norwegen,
teils  Kündigung  der  Union  oder  völlige  Unterwerfung  Norwegens.  Die
Kammer  verlangt,  daß  die  Frage  der  Auflösung  des  bisherigen  gemeinsamen
Konfulatswesens  nicht  zum  Gegenstande  der  Verhandlung  gemacht  werden
könne,  wenn  nicht  auch  gleichzeitig  die  Regelung  der  diplomatischen  Angelegenheiten
  in  Erwägung  gezogen  werde.

31.  Januar.  (Christiania.)  Das  Ministerium  Stang  reicht
seine  Entlassung  ein.

12.  Februar.  Briefwechsel  zwischen  dem  König  und  dem  norwegischen

  Storthingspräsidenten  über  die  Union.

Der  König  sendet  an  den  Präsidenten  des  Storthings  Sivert  Nielsen
ein  Handschreiben,  worin  es  heißt:  „Die  Voraussetzungen  für  die  Bildung
des  neuen  Kabinetts,  welche  ich  Ihnen  mündlich  hervorgehoben,  gebe  ich
hiermit,  um  jedem  Mißverständnis  vorzubeugen,  schriftlich  zum  Ausdruck.
Ich  habe  gesagt:  Ohne  ein  beiderseitiges  Entgegenkommen  ist  die  Sicherung
einer  dauernden  Vereinigung  der  beiden  selbständigen  Reiche  unmöglich.
Die  Verschiedenheit  in  den  Auffassungen  müssen  durch  eine  Uebereinkunft
beseitigt  werden.  Die  Mehrzahl  des  Storthings  darf  mithin  nicht  den
Weg  der  Verhandlungen  abweisen,  wenn  es  Veränderungen  in  den  gemeinsamen
  Verhältnissen,  die  seit  1814  bestanden,  gilt,  wenn  meine  Absicht,
konstitutionelle  Ratgeber  unter  den  Gesinnungsgenossen  der  Mehrheit  zu
wählen,  ausgeführt  werden  soll.  Es  ist  mein  aufrichtiger  Wunsch,  daß
jede  Veranlassung  zu  Streitigkeiten  zwischen  den  beiden  Brudervölkern  beseitigt
  wird.  Falls,  mit  diesem  Endzweck  vor  Augen,  Reformen  der  obengenannten
  Art  vorgeschlagen  werden  sollen,  muß  ich  die  Versicherung  haben,
daß  in  Uebereinstimmung  mit  der  Reichsakte  eingeleitete  Unionsverhandlungen
  jeder  Entscheidung  vorausgehen  müssen,  die  sich  auf  Veränderungen
in  der  Ordnung  des  Konsulatswesen  und  der  äußern  Verwaltung  bezieht.
Ich  bitte  Sie  um  schriftliche  Beantwortung  dieses  Schreibens,  sobald  Sie
Gelegenheit  gehabt  haben,  mit  Ihren  Meinungsgenossen  zu  konferieren."

Die  Vereinigung  der  Linken  des  Storthings  beschließt  dieses  königliche
  Handschreiben  folgendermaßen  zu  beantworten:  „Indem  die  Linke
des  Storthings  auf  die  in  der  Reichsakte  gegebene,  von  Storthing  wiederholt
  betonte  Grundlage  für  das  Verhältnis  zwischen  den  beiden  vereinigten
Ländern,  nämlich:  Souveränität  jedes  Reiches  in  allen  nicht  von  der  Reichsakte
  als  unionell  bezeichneten  Angelegenheiten  hinweist,  spricht  sie  aus,  daß
sie  solche  Verhandlungen  zwischen  den  beiden  Ländern,  die  mit  diesem  Grundsatz
  vereinbar  sind,  nicht  abweisen  wird.  Bezüglich  der  Ausführung  der
im  königlichen  Handschreiben  erwähnten  Absicht  wird  nach  allgemeinen
Sotutione  und  parlamentarischen  Grundsätzen  angenommen,  daß  die
Verhandlungen  mit  dem  Manne,  dem  der  König  die  Bildung  einer  mit  der
Storthing-Mehrheit  zusammenwirkenden  Regierung  anvertaue,  eröffnet  werden
        <pb n="290" />
        282  Schweden  und  Norwegen.  (Februar  19.—Mai.)

müssen.“  (Vgl.  zur  Unionsfrage  Nils  Edén.  Die  schwedisch-norwegische
Union.  Duncker  und  Humblot  in  Leipzig.  Ferner  Dietrich  Schäfer,  Hist.
Ztschft.  Bd.  75).

19.  Februar.  (Christiania.)  Der  König  eröffnet  das  Storthing
und  kündigt  in  der  Thronrede  Vorlagen  über  die  Wehrpflicht  und
neue  Steuern  an.

26.  Februar.  (Christiania.)  Das  Storthing  lehnt  den
Gesetzentwurf,  betreffend  Erhöhung  des  Tabakzolles  von  175  Oere
auf  2  Kronen  für  das  Kilo  einstimmig  ab.

27.  Februar.  (Christiania.)  Ministerkrifis.

Der  König  fordert  das  Ministerium  um  Zurücknahme  des  Entlassungsgesuchs
  auf,  was  das  Ministerium  jedoch  ablehnt.  Hierauf  beruft  der
König  den  Führer  der  gemäßigten  Linken  Swerdrup;  auch  dieser  nimmt
den  Auftrag  zur  Bildung  des  Kabinetts  nicht  an.

8.  März.  (Schweden.)  Agrarische  Bewegung.

In  Stockholm  bildet  sich  ein  Agrar-Verein,  der  genügenden  Zollschutz,
Erleichterung  der  Ausfuhr,  Regelung  des  Kreditwesens  u.  s.  w.  erstrebt.
Der  König  sichert  dem  Vorstande  wohlwollende  Beachtung  zu,  fordert  aber
Mäßigung  in  Ansprüchen  (9.  März).

16.  März.  (Schweden.)  Zollerhöhungen.

Der  Reichstag  beschließt  durch  gemeinsame  Abstimmung  beider
Kammern  mit  194  gegen  171  Stimmen,  den  Zoll  auf  unvermahlenes  Getreide
  von  315  auf  370  Oere  für  100  kg  zu  erhöhen,  und  ferner  mit  205
gegen  160  Stimmen,  den  Zoll  von  650  Oere  für  100  kg  auf  vermahlenes
Getreide  festzuhalten.

20.  März.  (Stockholm.)  Beide  Kammern  des  Reichstags
wählen  zwölf  besondere  Vertreter  des  Reichstags,  welche  mit  dem
König  über  die  norwegische  Frage  beraten  sollen.

3.  April.  (Christiania.)  Der  König  lehnt  das  Abschiedsgesuch
  des  Ministeriums  ab.

April.  (Schweden.)  Verteidigungsanstalten.

Der  Reichstag  bewilligt  einen  außerordentlichen  Kredit  von  895  300
Kronen  pro  1893  für  die  Anschaffung  von  neuen  Gewehren.  Für  die  Beschaffung
  der  Munition  im  Falle  der  Mobilisierung  werden  450000  Kronen
bewilligt.  Ferner  bewilligt  der  Reichstag  1500000  Kronen  für  die  Anschaffung
  von  neuem  Schiffsbaumaterial.

26.  April.  (Norwegen.)  Zollerhöhung.
Der  Storthing  nimmt  mit  82  gegen  28  Stimmen  die  Erhöhung  des

Einfuhrzolles  auf  Malz  von  28  auf  50  ½,  die  Abgabe  auf  Getreide  von
21,1  auf  37,1  Oere  an.

Mai.  (Stockholm.)  Handelsvertrag  mit  Norwegen.

Die  Erste  Kammer  beschließt  Kündigung  des  Handelsvertrages,  die
Zweite  lehnt  diesen  Antrag  ab  und  fordert  Revifion  des  Vertrages.  (1.  Mai).
Am  11.  Mai  kommt  ein  Kompromiß  zustande,  wonach  der  Vertrag  vor
dem  1.  August  gekündigt  werden  soll.  Die  Regierung  soll  in  Unterhandlung
mit  Norwegen  treten  behufs  Abschluß  eines  neuen  Vertrags.
        <pb n="291" />
        Schweden  und  Norwezen.  (Juni  1.—  Oktober.)  283

1.  Juni.  (Stockholm.)  Der  Minister  des  Auswärtigen
Lewenhaupt  tritt  zurück.  Sein  Nachfolger  wird  Graf  Douglas.

7.  Juni.  (Christiania.)  Das  Storthing  fordert  Verhandlungen
  mit  Schweden  über  das  Konsulatswesen  und  die  Leitung
der  Auswärtigen  Politik.

Juni.  (Christiania.)  Vergebliche  Versuche  ein  gemäßigtes
Kabinett  zu  bilden.

5.  Juli.  (Christiania.)  Diplomatie  und  Konsulatswesen.

Das  Storthing  bewilligt  mit  großer  Mehrheit  die  Voranschläge  für
die  gemeinsame  Diplomatie  und  das  Konsulatswesen  und  beschließt,  Schweden
die  Ausgaben  zu  ersetzen,  die  es  für  Norwegen  bei  diesen  Posten  aufgewendet
hat.  (Vgl.  1894  S.  293,  358).

6.  Juli.  (Stockholm.)  Ankunft  des  deutschen  Kaisers.

12.  Juli.  (Stockholm.)  Handelsvertrag.

Die  Regierung  beschließt  im  gemeinsamen  schwedisch-norwegischen
Staatsrate,  daß  der  schwedisch-norwegische  Handelsvertag  am  12.  Juli  1897
außer  Kraft  treten  solle  und  daß  Verhandlungen  zwischen  den  beiden
Reichen  über  neue  Bestimmungen  eingeleitet  werden  sollen.

15.  Juli.  (Christiania.)  Das  Storthing  beschließt,  daß
die  Besetzung  erledigter  Professuren  dem  Storthing  vorgelegt  werden
  soll.

17.  Juli.  (Christiania.)  Die  Apanagen  im  Storthing.

Das  Storthing  beschließt  die  Apanagen  des  Königs  und  des  Kronprinzen
  unverändert  beizubehalten,  mit  58  gegen  56  Stimmen.  Die  Rechte
hatte  beantragt,  die  Apanagen  zu  der  ursprünglichen  Größe  zu  erhöhen,
wie  sie  vor  der  Herabsetzung  im  Jahre  1893  bestand.

24.  Juli.  (Christiania.)  Verteidigungsanstalten.

Das  Storthing  bewilligt  an  außerordentlichen  Verteidigungsanstalten
15294700  Kronen.  Die  Regierung  hatte  verlangt:  für  die  Armee  3388000

und  für  die  Flotte  3704000.  Das  Storthing  bewilligt:  für  die  Armee
3369  300  und  für  die  Flotte  11925  400  Kronen.

September.  (Norwegen.)  Probeweise  Mobilmachung.

14.  Oktober.  (Christiania.)  Neubildung  des  Kabinetts  unter
dem  Präsidium  von  Jagerup,  bisher  Mitglied  des  Staatsrats  in
Stockholm.

Oktober.  Budget.

Die  Staatshaushaltsrechnung  für  das  Rechnungsjahr  1894/95  weist
67342857  Kronen  Einnahmen  und  61395  336  Kronen  Ausgaben  auf,  mithin
  liett  ein  Ueberschuß  von  5947251  Kronen  vor.  Die  bereiten  Staatsmittel
  beliefen  sich  am  31.  März  1895  auf  22083931  Kronen.
        <pb n="292" />
        XIV.
Nußland.

3.  Januar.  (Petersburg.)  Eirn  kaiserliches  Schreiben  dankt
dem  Grafen  Schuwalow  (vgl.  1894  S.  301),  daß  er  durch  seine
Thätigkeit  in  Berlin  die  kaiserliche  Friedenspolitik  unterstützt  habe.

3.  Januar.  Einführung  von  Nüchternheitskuratorien.

Der  Kaiser  bestätigt  das  Gutachten  des  Reichsrats  über  die  Satzungen
der  Nüchternheitskuratorien  in  den  Gouvernements  Samara,  Ufa,  Orenburg
und  Perm,  wo  am  1.  Januar  a.  St.  der  Regierungs-Branntweinverkauf  in
Kraft  tritt.  Die  Kuratorien  bestehen  aus  geistlichen  und  weltlichen  Mitgliedern
  und  aus  den  hervorragendsten  Vertretern  aller  Volksklassen.  Ihr
Zweck  ist,  im  Einklange  mit  den  neuen  Bestimmungen  über  den  Branntweinverkauf
  der  Trunksucht  zu  steuern.

Januar.  Budget  pro  1895.

Die  Gesammteinnahmen  beziffern  sich  auf  1144  957  006  Rubel,
davon  2000000  außerordentliche  Einnahmen,  die  Gesamtausgaben  auf
1214378  030  Rbl.,  darunter  94283  092  Rubel  außerordentliche  Ausgaben.
Das  ergiebt  ein  Defizit  von  ca.  70000.000  Rbl.,  das  jedoch  aus  dem  freien
Barbestande  der  Reichsrentei  gedeckt  werden  kann.

11.  Januar.  (Petersburg.)  Der  Zar  wohnt  dem  Festakte
der  Akademie  der  Wissenschaften  bei.

Mitte  Januar.  Die  russische  Presse  verurteilt  Casimir
Périers  Abdankung  sehr  scharf  und  bezeichnet  ihn  als  politisch
toten  Mann.

14.  Januar.  (Petersburg.)  Der  Kaiser  genehmigt,  daß
die  staatlichen  Einkäufe  von  Roggen  und  Weizen  direkt  bei  den
Produzenten  geschehen  sollen.

19.  Januar.  Fürst  Lobanow,  Botschafter  in  Wien,  wird  zum
Botschafter  in  Berlin  ernannt.

26.  Januar.  (Petersburg.)  Der  Minister  des  Auswärtigen
Giers  f.#Vorläufiger  Nachfolger  wird  sein  Adlatus  Schischkin.

29.  Januar.  (Petersburg.)  Audienzen  und  autokratische
Ansprachen  des  Zaren.
        <pb n="293" />
        Kußland.  (Februar.—März  15.)  285

Das  Kaiserpaar  empfängt  im  Winterpalais  182  Abordnungen  des
Adels,  der  Städte,  der  Semstwos  der  Kosaken,  sowie  Vertreter  des  Kaukasus.
Hiebei  hält  der  Kaiser  folgende  Ansprache  an  die  Versammelten:  „Ich
freue  mich  sehr,  Sie  alle  hier  vereinigt  zu  sehen,  um  die  Glückwünsche
zu  unserer  Vermählung  zu  überbringen.  Ich  bin  vollkommen  von  der
Aufrichtigkeit  Ihrer  Gefühle  überzeugt;  es  sind  Gefühle,  die  seit  langem
in  jedem  echten  Russen  wohnen;  aber  ich  weiß,  daß  in  einigen  Vereinigungen
von  Semstwos  Stimmen  laut  geworden  sind,  welche  auf  den  Wunsch  nach
Verwirklichung  absurder  Träume  hindeuten,  indem  man  glaubt,  daß  die
Semstwos  an  den  Staatsangelegenheiten  teilnehmen  würden.  Möge  jedermann
  wissen,  daß  Ich  alle  meine  Kräfte  der  Wohlfahrt  des  teuren  Rußland
weihe,  daß  ich  aber  auch  ebenso  fest  und  beständig  wie  mein  unvergeßlicher
Vater  die  Autokratie  aufrecht  erhalten  werde.

Februar.  Urteile  über  die  kaiserliche  Ansprache.

Nach  der  „Köln.  Ztg.“  werden  die  Aeußerungen  des  Zgaren  in
Privatkreisen  sehr  kritifiert.  Der  Anlaß  zu  den  Aeußerungen  soll  gewesen
sein,  daß  mehrere  Adressen  an  den  Zaren  vorbereitet  wurden,  in  denen  verlangt
  wurde,  daß  man  mit  Umgehung  der  Gouverneure  gewisse  Vorschläge

u  Verwaltungsreformen  direkt  an  den  Kaiser  richten  könne.  Die  „Now.
remja“  behandelt  die  Aeußerungen  kühl,  der  „Grashdanin"  und

„Swet“  stimmen  jubelnd  zu;  der  dem  Botschafter  Mohrenheim  nahestehende

Brüsseler  „Nord"“  wendet  sich  scharf  gegen  die  von  ausländischen  Blättern

Lerhreuk#en  Gerüchte  über  bevorstehende  Aenderungen  im  politischen  Systeme
ußlands.

Februar.  (Petersburg.)  Mehrere  ministerielle  Erlasse  verbieten
  den  Studenten  die  Zugehörigkeit  zu  geheimen  Gesellschaften
und  Landsmannschaften  sowie  die  Unterschriftensammlung  für  eine
Adresse  an  den  Kaiser.

15.  Februar.  Rußland  und  Japan.

Durch  die  europäische  Presse  geht  die  Nachricht,  daß  sich  Rußland
allzuweit  gehenden  Forderungen  Japans,  besonders  aber  der  Annektion
Koreas  oder  eines  Teils  der  Mandschurei,  kategorisch  widersetzen  werde.  Es
werde  höchstens  der  Besitzergreifung  der  Insel  Formosa  und  einer  hohen
Kriegsentschädigung  zustimmen,  bis  zu  deren  Entrichtung  Japan  einige
chinesssche  Häfen  besetzt  halten  könne.

11.  März.  Fürst  Lobanow,  Botschafter  in  Berlin,  wird
zum  Minister  des  Auswärtigen  ernannt.

15.  März.  (Petersburg.)  Ukas  über  die  Finanzen.

Ein  kaiserlicher  Ukas  erhöht  den  Deckungsfonds  der  Kreditrubel  um
98061276  Rubel  Gold  aus  dem  Reichsschatzamt.  Da  der  Fonds  bisher
276  939000  betrug,  erreicht  derselbe  nunmehr  375  Millionen,  abgerechnet
75  Millionen,  welche  die  Kreditbilletts  temporärer  Emission  Rubel  für  Rubel.
decken.  Außerdem  verfügt  der  Ukas,  alles  im  Deckungsfonds  figurierende
Silber,  in  Summa  1  125  682  Rubel,  durch  Gold  aus  dem  Reichsschatzamt
zu  ersetzen;  demgemäß  beträgt  jetzt  der  Nominalbetrag  des  Goldes  des
Deckungsfonds  mehr  als  ein  Drittel  des  Nominalwertes  der  Kreditbilletts
beständiger  Emission,  welche  1  046  282  000  betragen.  Der  Deckungsfonds  war
noch  nie  so  groß.
        <pb n="294" />
        286  Kußland.  (März  20.  —  April.)

20.  März.  Der  deutsche  Botschafter  General  v.  Werder
wird  abberufen,  was  in  der  russischen  Presse  außerordentlich  bedauert
  wird.

März.  April.  Geheimes  Sendschreiben  an  den  Zaren.

In  Rußland  wird  ein  geheimes  Sendschreiben  an  den  Zaren  verbreitet,
  in  dem  seine  Worte  über  die  Aufrechterhaltung  der  Autokratie  lebhaft
  kritisiert  werden.  Der  Zar  sei  durch  die  Bureaukratie  über  die  öffentlichen
  Zustände  und  die  Wünsche  des  Volkes  getäuscht  worden,  da  die  Beamten
  mit  dem  Aufhören  der  Autokratie  ihre  Autorität  zu  verlieren  fürchteten.
  Die  intelligenten  Kreise  würden  den  Kampf  gegen  diese  Staatsform
nie  aufgeben.

1.  April.  Alkoholmonopol.

Der  Staatsrat  genehmigt  die  Inkraftsetzung  des  Monopols  für  den
Verkauf  von  Alkohol  in  25  Gouvernements  zu  zwei  verschiedenen  Zeitpunkten.
Der  erste  Termin  ist  der  1./13.  Januar  1896.

6.  April.  (Petersburg.)  Wyschnegradski,  bis  1892
Finanzminister,  ##  (vgl.  1892  S.  298).

Anfang  April.  ÖOstseeprovinzen.

Die  livländische  Ritterschaft  richtet  an  den  Kaiser  eine  unterthänigste
Denkschrift  über  die  Schul-,  Kirchen=  und  Sprachverhältnisse  der  Ostseeprovinzen.

  Der  Zar  verspricht  dem  Ueberbringer  General  v.  Richter  wohlwollende
  Prüfung.

Anfang  April.  Der  Zar  schenkt  dem  Fürsten  von  Montenegro
  30  000  Gewehre  und  anderes  Kriegsmaterial.

19.  April.  (Petersburg.)  Petition  um  Abänderung  des
Preßgesetzes.

Auf  eine  von  70  Vertretern  der  Presse  und  Litteratur  unterzeichnete
Eingabe  wegen  Abänderung  der  Preßgesetze  ist  die  kaiserliche  Entscheidung
ergangen,  daß  der  Eingabe  keine  Folge  zu  geben  sei,  nachdem  die  zu  ihrer
Prüfung  aus  den  Ministern  für  Justiz  und  Inneres,  sowie  dem  Oberprokureur
  des  Synods  zusammengesetzte  Kommission  sich  gegen  die  Eingabe  ausgesprochen
  hatte.

April.  Rußland  und  der  japanisch-chinefische  Krieg.  Friedensbedingungen,
  Intervention.

Die  russische  Presse  spricht  einstimmig  ihre  Beunruhigung  wegen  der
Erwerbungen  Japans  in  Länderbesitz  aus.  Die  „Nowoje  Wremja“  sagt,
Rußland  dürfe  keine  Gebietsabtretung  im  Norden  des  Golfes  Petschili  dulden;
  Japan  könne  sich  Wei-Hai-Wei  und  was  es  sonst  im  Süden  wünsche,
nehmen,  aber  nicht  im  Norden  des  Golfes.  Die  „Nowosti“  würden  die
Berufung  einer  Konferenz  der  Großmächte  verlangen,  aber  sie  zweifeln  an
der  Solidarität  derselben  und  glauben,  daß  das  Ultimatum  einer  einzigen
Macht  genügen  würde,  Japan  zu  Zugeständnissen  zu  bewegen.  Der  „Swet“
verlangt  einen  Ausgleich  durch  russische  Besitzergreifung  eines  Teiles  der
Mandschurei  bis  an  die  natürliche  Gebirgsgrenze  und  eines  Stückes  von
Korea  mit  dem  Fort  Lazaren.

Ueber  das  Einverständis  zwischen  Deutschland  Frankreich  und  Rußland
  bezüglich  des  Friedensvertrags  von  Shimonoseki  erklärt  die  „Nowoje
        <pb n="295" />
        Kußlund.  (April  27.—Juli  6.)  287

Wremja“,  Rußland  werde  als  Entgelt  dafür,  daß  Deutschland  und  Frankreich
den  Widerspruch  Rußlands  gegen  die  Abtretung  der  Halbinsel  Lian-Tong,  sowie
  die  Erstrebung  des  russischen  Uebergewichtes  auf  Korea  unterstützten,
alle  Reklamationen  Deutschlands,  welche  den  Schutz  seiner  Handelsinteressen
zum  Zwecke  haben,  unterstützen,  ebenso  wie  eine  auf  die  Festigung  seiner
Lage  in  Indo-China  hinauslaufende  Aktion  Frankreichs.  Die  „Nowosti“
meinen,  eine  diplomatische  Intervention  genüge  nicht,  es  bedürfe  einer  militärischen
  Demonstration,  sei  es  einer  gemeinsamen  oder  von  einer  der  Großmächte
  ausgeführten.  „Grashdanin“  bespricht  die  für  Rußland  vorliegende
  Notwendigkeit,  einen  eisfreien  Hafen  im  Stillen  Ozean  zu  besfitzen,
und  drückt  die  Besorgnis  aus,  Rußland  könne  sich  in  eine  Abenteuerpolitik
einlassen,  ohne  genügend  vorbereitet  zu  sein;  das  Blatt  empfiehlt  die  systematische
  Vermehrung  der  Land=  und  Seestreitkräfte  im  äußersten  Osten.

27.  April.  (Petersburg.)  Das  Finanzministerium  spricht
sich  gegen  eine  Vereinbarung  zwischen  den  russischen  und  den  amerikanischen
  Petroleumproduzenten  aus.

April.  Mai.  Die  Presse  über  Egypten  und  Ostafien.

Petersburger  und  Moskauer  Zeitungen  erörtern  im  Hinblick  auf  die
ostasiatische  Frage  die  Möglichkeit,  daß  England  einmal  den  Suezkanal
schließe  und  hoffen,  daß  Deutschland,  Rußland  und  Frankreich  sich  auch  zur
Lösung  der  egyptischen  Frage  verständigen  werden.

6.  Juni.  (Petersburg.)  Abschluß  eines  Handelsvertrags
mit  Japan.

9.  Juni.  Rußland  und  die  Kurie.

Es  wird  eine  dauernde  Gesandtschaft  bei  dem  päpstlichen  Stuhle  eingerichtet.
  Die  Gesandtschaft  besteht  aus  einem  Ministerresidenten  und  einem
Legationssekretär.

12.  Juni.  (Petersburg.)  Das  Kaiserpaar  empfängt  den
Katholikos  aller  Armenier.

2.  Juli.  (Petersburg.)  Ukas  über  Zuckerproduktion.

Danach  kann  jede  Fabrik,  welche  jährlich  über  60  000  Pud  produziert
25  Prozent  dieses  Mehrquantums  unter  Accisekontrolle  auf  Lager  behalten;
das  allgemeine  Lagerquantum  für  alle  Fabriken  zusammen  darf  aber  5  Millionen
  Pud  nicht  übersteigen.  Das  Quantum,  welches  die  mittlere  Verbrauchsnorm
  für  das  letzte  Triennium  übersteigt,  wird  mit  doppelter  Accise
besteuert.  Bei  der  Alesahr  wird  die  Accise  zurückerstattet;  im  Falle  einer
besonders  starken  Ausfuhr  kann  das  Ministerkomitee  die  Vergütung  herabsetzen.

3.  Juli.  Ankunft  einer  bulgarischen  Abordnung  in  Petersburg
  unter  Führung  des  Metropoliten  Klement  (vgl.  Bulgarien).

6.  Juli.  (Petersburg.)  Anleihevertrag  mit  China.

Rußland  garantiert  eine  chinefische  4prozentige  Goldanleihe  von  400
Millionen  Francs.  Die  Tilgungsfrist  beträgt  36  Jahre,  bis  dahin  darf
weder  eine  Konversion  noch  vollständige  Tilgung  stattfinden.  China  verpflichtet
  sich  bis  zum  15.  Januar  1896  keinerlei  von  der  Regierung  garantierte
  Goldanleihen  zu  emittieren.  Die  Anleihe  wird  durch  Seezölle  und
Hinterlegung  von  Zollwerten  garantiert.  Sechs  französische  und  vier  russische

ankhäuser  sind  mit  der  Emission  beauftragt.
        <pb n="296" />
        288  Ku#land.  (Juli.—Oktober  28.)

Juli.  Rußland  und  Abefsfynien.

Das  Kaiserpaar  empfängt  (12.  Juli)  den  außerordentlichen  Gesandten
des  Negus  von  Abessinien  und  die  Mitglieder  der  abesfinischen  Gesandtschaft.
Die  Gesandtschaft  überbrachte  dem  Kaiser  Briefe  des  Negus  Menelik  und
des  abessinischen  Metropoliten,  ferner  die  Abzeichen  des  Salomons-Ordens
erster  Klasse.  Der  Negus  beschließt  eine  ständige  Gesandtschaft  in  Rußland
zu  unterhalten.  Aus  Anlaß  der  sympathischen  Aufnahme  der  religionsverwandten
  Abessynier  in  Rußland  kommt  es  zu  Erörterungen  zwischen  der
russischen  und  italienischen  Presse  (vgl.  S.  268  und  Afrika).

13.  Juli.  Sozial=  und  Finanzpolitik.

Es  werden  Gesetze  veröffentlicht,  nach  welchen  bei  der  Beitreibung  von
Abgaben  und  Steuern  aus  den  Arbeitslöhnen  der  Fabrikarbeiter  bei  jeder
Lohnzahlung  nicht  mehr  als  ein  Drittel  des  Lohnes  von  den  unverheirateten
Arbeitern  und  nicht  mehr  als  ein  Viertel  des  Lohnes  von  den  verheirateten
Arbeitern  oder  Witwern  mit  Kindern  abgezogen  werden  darf.

15./17.  Juli.  (Petersburg.)  Audienzen  der  bulgarischen
Deputation.

Am  15.  Juli  wird  die  Deputation  vom  Minister  des  Innern  empfangen,
  am  16.  von  Pobedonoszew,  dem  Oberprokurator  des  Hl.  Synod,
der  in  seiner  Ansprache  sagt:  Nur  durch  den  orthodoxen  Glauben  kann  jeder
slavische  Stamm  gefestigt  sein,  in  dem  allein  Schutz  vor  seinen  Feinden
und  vor  seinen  falschen  Freunden  finden,  welche  noch  gefährlicher  als  Feinde
sind.  Und  nun,  wenn  man  Sie  nach  Ihrer  Rückkehr  in  die  Heimat  fragen
sollte,  was  das  glaubensgenössische  Rußland  Bulgarien  wünscht,  so  sagen
Sie:  es  wünscht  dem  bulgarischen  Volke  Festigkeit  im  orthodoxen  Glauben,
Wahrung  der  guten  väterlichen  Sitten  und  eine  solche  Regierung,  deren
Seele  sich  mit  dem  Volke  gemeinsam  in  dem  orthodoxen  Glauben  vereint.
Am  17.  empfängt  der  Kaiser  die  Abordnung.

26.  Juli.  (Petersburg.)  Ein  keiserlicher  Ukas  regelt  die
Verwaltung  Sibiriens  nach  dem  europäischen  Verwaltungssystem
Rußlands.

9.  bis  12.  September.  Besuch  des  deutschen  Reichskanzlers  in
Petersburg.

13.  September.  (Petersburg.)  Ein  Rkas  ordnet  die  Errichtung
  eines  Arbeitskuratoriums  zur  Unterstützung  der  Arbeitslosen
  an.

3.  Oktober.  Fürst  Lobanow  empfängt  das  Großkreuz  der
Ehrenlegion.

28.  Oktober.  Dementi  der  Timesmeldung  aus  Hongkong
(ugl.  S.  244).

Die  russische  Botschaft  in  London  teilt  der  englischen  Presse  mit:
„Die  russische  Botschaft  schenkt  der  außerordentlichen  Ankündigung  von
Hongkong  bezüglich  des  russisch-chinesischen  Vertrages,  wonach  Rußland  inter
aba  das  Recht  haben  soll,  seine  Flotte  in  Port  Arthur  ankern  zu  lassen
und  Eisenbahnen  unter  eigener  Leitung  zu  bauen  und  zu  betreiben,  nicht
den  geringsten  Wert.  Man  darf  wohl  annehmen,  daß  die  Idee  von  irgend
einer  englischen  Seite  inspiriert  wurde.  Jedenfalls  war  aber  die  Depesche
        <pb n="297" />
        Kußland.  (Oktober  28.—November.)  289

der  „Times"  die  erste  Andeutung,  welche  die  Botschaft  in  der  Angelegenheit
  erfuhr.

28.  Oktober.  (Petersburg.)  Durnowo,  der  Minister  des
Innern  wird  durch  Geheimrat  Goremykin  ersetzt.

Ende  Oktober.  Anfang  November.  Rußland  und  England.
Preßfehde  über  die  orientalische  Politik.

Das  Wolffsche  Telegraphenbureau  in  Berlin  gibt  folgende  Depesche
ans:  „Petersburg,  29.  Oktober.  Eine  Auslassung  des  „Regierungsboten“
in  der  allgemeinen  politischen  Uebersicht  des  nichtamtlichen  Teiles  nennt  die
Anschauungen  derjenigen  ausländischen  Preßorgane  vernünftig,  welche  finden,
daß  Europa  die  Lösung  der  armenischen  Frage  eigentlich  nicht  England,
sondern  dem  mit  der  englischen  Regierung  gemeinsamen  Einwirken  Frankreichs
  und  Rußlands  auf  die  Pforte  verdanke.  Das  Blatt  schreibt:  „Für
Frankreich  und  Rußland  gipfelte  die  Frage  vornehmlich  in  der  Sicherung
der  Rechte  und  Interessen  der  christlichen  Unterthanen  des  Sultans  angesichts
  des  systematischen  Ausweichens  der  türkischen  Regierung,  die  ihr  durch
den  Berliner  Vertrag  auferlegten  Verpflichtungen  zu  erfüllen.  In  der  Basis
des  Uebereinkommens  der  drei  Mächte,  durch  welches  die  Pforte  gezwungen
wurde,  die  ihr  gestellten  Forderungen  zu  beachten,  fehlt  dieses  Mal  das
Vertrauen  in  die  Aufrichtigkeit  der  britischen  Intervention;  denn  nach  der
Meinung  politischer  Kreise  gibt  es  keine  mit  dem  Orient  durch  wesentliche
Interessen  verknüpfte  Macht,  welche  sich  nicht  empörte  über  die  Manieren
einer  zweideutigen  Politik  der  britischen  Diplomatie,  welche  beinahe  die
Frage  einer  Teilung  der  Türkei  berührte.  Niemals  äußerte  sich  in  Europa
das  Gefühl  des  Mißtrauens  gegen  die  Richtung  der  englischen  Politik  und
ihrer  Ziele  in  so  handgreiflicher  Gestalt  wie  gegenwärtig.  Und  dies  bildet
bei  weitem  keinen  Fortschritt,  dessen  sich  die  Toryregierung  und  mit  ihr  die
englische  Presse  rühmen  könnte."“

Am  1.  November  veröffentlicht  das  Wolffsche  Bureau  folgende  Depesche:
  „Petersburg,  1.  November.  Die  „Russische  Telegraphen-Agentur“
meldet:  Es  hat  kein  Artikel  im  „Regierungsboten“  über  die  Beziehungen
Rußlands  zu  England  gestanden.  Die  telegraphisch  mitgeteilten  Aeußerungen
in  der  Nummer  des  „Regierungsboten“  vom  29.  Oktober  sind  Auszüge  aus
der  Rubrik  „Nachrichten  aus  dem  Auslande“  dieser  Zeitung;  sie  find  nur
eine  Beurteilung  der  in  der  ausländischen  Presse  erschienenen  Artikel.  Die
gegenwärtige  Lage  der  Dinge  wird  hier  als  eine  solche  betrachtet,  die  vollständig
  friedlich  sei  und  in  keiner  Weise  Beunruhigungen  einflößen  könne.

Notiz.  Wir  bemerken,  daß  wir  das  Telegramm  vom  29.  d.  aus
dem  „Regierungsboten“  so  veröffentlicht  haben,  wie  es  uns  von  der  „Russischen
  Telegraphen-Agentur"  zugegangen  ist.“

Die  englische  Presse  antwortete  zunächst  auf  das  erste  Telegramm
nicht,  nach  der  russischen  Ableugnung  vom  1.  November  führt  sie  heftige
Angriffe  gegen  Rußland.  Der  Salisbury  nahestehende  „Observer"  legt
dem  Dementi  keinerlei  Bedeutung  bei,  da  die  von  den  Zensoren  kontrollierte
russische  Presse  schon  seit  Wochen  so  spreche,  wie  dies  der  „Regierungsbote"
gethan.  England  müsse  auf  einen  Krieg  mit  Rußland  gefaßt  sein.

15.  November.  (Petersburg.)  Die  Kaiserin  wird  von  einer
Prinzessin  entbunden.
November.  (Petersburg.)  Die  „Nowoje  Wremja“  über

Rußland,  England  und  die  Pforte.
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.  19
        <pb n="298" />
        290  Rußland.  (November.)

Die  „Novoje  Wremja“  wendet  sich  scharf  gegen  die  Rede  Salisburys
  in  Brighton  und  die  Verlesung  des  vom  Sultan  an  ihn  gerichteten
Briefes  und  fährt  fort:  „Rußland  und  Frankreich,  welche  in  voller  Ueberstimmung
  mit  Deutschland  stehen,  haben  die  vom  österreichisch-ungarischen
Minister  des  Auswärtigen  projektierte  Flottendemonstration  mit  einem  „Durchreißen“
  der  Dardanellen  kategorisch  abgelehnt;  aber  dessen  ungeachtet,  bleibt
die  prinzipielle  Einmütigkeit  aller  Mächte  unt  Weder  Oesterreich
noch  Italien  haben  die  Möglichkeit,  sich  von  Rußland,  Frankreich  und
Deutschland  abzusondern  infolge  der  Ablehnung  des  vom  Grafen  Goluchowski
gemachten  Vorschlags“  (vgl.  S.  294).
        <pb n="299" />
        XV.

Die  Türkei  und  ihre  Vasallenstaaten.

1.  Türkei.

2.  Februar.  (Konstantinopel.)  Metropolit  Anthimos
wird  zum  ökumenischen  Patriarchen  ernannt.

Februar.  März.  (Armenien.)  In  den  englischen  Zeitungen
werden  die  türkischen  Soldaten  für  die  armenischen  Greuel  verantwortlich
  gemacht.

April.  Blutige  Zusammenstöße  zwischen  Albanesen  und  montenegrinischen
  Soldaten.

April.  Mai.  Die  englischen,  französischen  und  russischen
Konsuln  bereisen  den  Bezirk  Sassun.

11.  Mai.  (Konstantinopel.)  Die  Botschafter  Englands,
Frankreichs,  Rußlands  fordern  Reformen  für  Armenien.

Die  Hauptforderungen  sind:  Die  Beamtenschaft  der  von  Armeniern  bewohnten
  Provinzen  wird  zur  Hälfte  aus  Christen,  zur  Hälfte  aus  Mohamedanern
  bestehen,  und  zwar  vom  Generalgouverneur  (Vali)  angefangen  bis
zum  Bürgermeister  (Mudir).  Wenn  der  Generalgouverneur  einer  Provinz
ein  Armenier,  muß  der  Generaldirektor  Mohamedaner  sein;  wenn  der
Gouverneur  (Mutessarif)  Mohamedaner,  soll  er  einen  Armenier  zum  Generalsekretär
  haben  u.  s.  w.  Eine  eigene  gemischte  Kommission  —  zur  Hälfte
aus  Christen,  zur  Hälfte  aus  Mohamedanern  bestehend  —  in  Konstantinopel.
wird  mit  der  Wahl  der  Beamten  betraut  sein.  Die  von  der  Kommission
gewählten  Beamten  müssen  von  den  Botschaftern  der  Großmächte  bestätigt
werden,  und  diese  haben  ein  Vetorecht,  wie  bei  der  Ernennung  des  Generalgouverneurs
  des  Libanon,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  dieser  Generalgouverneur
  von  der  Pforte  selbst  gewählt  wird.  Die  Gendarmerie  wird
nach  dem  Muster  jener  des  Libanon  zur  Hälfte  aus  Türken,  zur  Hälfte
aus  Christen  bestehen.  Ein  ambulanter  Schwurgerichtshof,  gleichfalls  paritätischer
  Zusammensetzung,  wird  die  Untersuchung  und  die  Aburteilung  aller
Verbrechen  besorgen,  welche  in  Armenien  begangen  werden.  Die  Kurdenregimenter
  in  Kleinafien  sollen  aufgelassen  werden.

Die  Pforte  lehnt  die  Vorschläge  ab  und  erklärt,  es  seien  keine  Veränderungen
  für  irgend  einen  Teil  der  Unterthanen,  des  Sultans  erforderlich.
Die  einzigen  als  notwendig  erachteten  Abänderungen  der  gegenwärtigen
Gesetze  seien  solche,  die  auf  die  ganze  Bevölkerung  anwendbar  sein  würden
(Anf.  Juni).

 

 

19°
        <pb n="300" />
        292  Lürkei.  (Mai  30.—Oktober  Anfang.)

30.  Mai.  (Djeddah.)  Beduinen  töten  den  britischen  Vizekonsul,
  verwunden  den  russischen  und  britischen  Konsul  und  den
französischen  Konsulatssekretär.

6.  Juni.  Ein  englisches  Geschwader  ankert  in  Beirut.

7.  Juni.  (Konstantinopel.)  Said  Pascha,  von  1882—85
Großvezir,  wird  zum  Großvezir  ernannt.  Er  gilt  als  reformfreundlich.


14.  Juni.  (Konstantinopel.)  Die  Pforte  nimmt  die  Reformvorschläge

  an.

Eine  Verbalnote  der  Pforte  an  die  Botschafter  Englands,  Frankreichs
und  Rußlands  erklärt,  sie  müsse  die  Verpflichtung  zur  Ausführung  der  Bestimmungen
  des  Berliner  Vertrages  anerkennen,  aber  wünschen,  daß  gewisse
Punkte  der  vorgeschlagenen  Reformen  noch  einer  Beratung  unterzogen
werden.  Die  Botschafter  nehmen  die  vorgeschlagene  Beratung  an  (19.  Juni).

Juni.  Juli.  Die  Pforte  und  Bulgarien  über  Maccedonien.
S.  Bulgarien.

8.  Juli.  (Konstantinopel.)  Die  Botschafter  Englands,
Frankreichs  und  Rußlands  fordern  Aufklärung  über  die  verheißenen
armenischen  Reformen.

4.  August.  (Konstantinopel.)  Ausführliche  Antwort  der

Pforte  über  ihre  Reformpläne.

Die  Pforte  schlägt  vor,  christliche  Beiräte  zur  Seite  der  Generalgouverneure
  und  der  Provinzgouverneure  zu  ernennen  und  die  Vice-Gouverneure
  und  Ortshäupter  in  unparteiischer  Weise  aus  Mohamedanern  und
Christen  zu  wählen.  Die  Gendarmerie  und  die  Polizei  soll  aus  den  Provinzen,
  in  denen  sie  verwandt  wird,  rekrutiert  werden  und  aus  Mohamedanern
  und  Christen  im  Verhältnis  zur  Zusammensetzung  der  Bevölkerung
bestehen.  Die  Gefängnisse  sollen  verbessert  werden,  auch  sollen  Maßregeln
zur  Verhinderung  von  Ungerechtigkeiten  und  Gewaltthätigkeiten  ergriffen
und  soll  dafür  gesorgt  werden,  daß  die  Kurden  auf  ihren  Wanderungen
keine  Ausschreitungen  begehen.  Die  Pforte  verspricht,  ihr  möglichstes  zu
thun,  um  die  Kurden  zu  festen  Ansiedlungen  in  bestimmten  Gegenden  zu
veranlassen,  und  will  ihnen  Ländereien  und  Weiden  überlassen.  Jede  Art
der  Ueberwachung  einzuführender  Reformen  durch  die  Mächte  wird  als  die
Hoheitsrechte  des  Sultans  verletzend  zurückgewiesen.

30.  September.  (Konstantinopel.)  Armenierputsch.

Straßenkampf  zwischen  Armeniern  und  dem  türkischen  Militär  infolge
  armenischer  Tumulte.  Einige  Hundert  Menschen  sollen  gefallen  sein.
In  der  europäischen  Presse  wird  das  Ereignis  auf  die  Agitation  des  armenischen
  Komités  in  London  zurückgeführt.

6.  Oktober.  (Konstantinopel.)  Die  Großmächte  fordern
gemeinsam  von  der  Pforte  Maßregeln  zur  Aufrechterhaltung  der
Ordnung  und  zum  Schutz  der  Fremden.

Anfang  Oktober.  Kiamil  Pascha  wird  zum  Großvezir  er-
        <pb n="301" />
        Tũrkei.  (Oktober.  —  November.)  293

nannt.  Dei  disheyige,  Said  Pascha,  wird  Minister  des  Auswärtigen.


Oktober.  Neue  Metzeleien  in  Kleinasien,  z.  B.  in  Trapezunt
(8.  Oktober).  Die  Türkei  trifft  umfassende  militärische  Vorbereitungen
  in  Europa  und  Asien.

17.  Oktober.  (Konstantinopel.)  Verständigung  über  ein
Reformprojekt.

Die  Pforte  verspricht:  1)  Die  Kaiserliche  Regierung  wird  einen  in
jeder  Beziehung  würdigen  Beamten  zum  Oberkommissär  (Mufettich)  ernennen
und  behufs  Ueberwachung  der  Durchführung  der  Reformen  an  Ort  und
Stelle  entsenden.  Im  Behinderungesfalle  wird  dieser  Oberkommissär  provisorisch
  durch  einen  von  Sr.  Majestät  hiezu  bestimmten  mohamedanischen
höheren  Funktionär  ersetzt  werden.  Dem  Oberkommissär  wird  ein  nichtmohamedanischer
  Gehilfe  (Mwarin)  beigegeben.  2)  Der  von  Sr.  Majestät
dem  Sultan  unter  dem  23.  Juli  1895  erlassene  Amnestieakt  für  jene
Armenier,  welche  wegen  politischer  Vergehen  verurteilt  wurden,  wird  auch
auf  alle  vor  diesem  Datum  verhafteten  Armenier  ausgedehnt  mit  Ausnahme
der  wegen  gemeiner  Verbrechen  Abgestraften.  3)  Die  aus  der  Türkei  ausgewiesenen
  oder  ausgewanderten  Armenier  können,  wenn  ihre  ottomanische
Unterthanenschaft  und  ihr  gutes  Verhalten  festgestellt  ist,  unbehindert  in
ihr  Vaterland  zurückkehren.  4)  Aehnliche  Reformen,  wie  die  den  Armeniern
gewährten,  sollen  in  allen  Kazas,  welche  eine  beachtenswerte  Zahl  nicht
mohamedanischer  Einwohner  besitzen,  eingeführt  werden.

30.  Oktober.  November.  Neue  Kämpfe  in  Trapezunt  und
Erzerum.

Oktober.  November.  (Konstantinopel.)  Gerüchte  über
Verschwörungen  gegen  den  Sultan.

5.  November.  (Konstantinopel.)  Vorstellungen  der  Großmächte
  über  die  Lage  in  Anatolien.  Geschwader  aller  Großmächte
werden  in  die  türkischen  Gewässer  berufen.

6.  November.  (Konstantinopel.)  Kiamil  Pascha  wird  entsetzt,
  sein  Nachfolger  wird  Halil-Rifaat  Pascha.

15.  November.  (Konstantinopel.)  128  Redif-Bataillone
werden  zur  Unterdrückung  des  Aufstandes  in  Anatolien  einberufen.

26.  November.  Ausführung  der  Reformen.

Die  Pforte  vollzieht  die  Ernennung  der  in  dem  Reformreglement
vorgeschriebenen  sechs  Justizinspektoren,  worunter  zwei  Christen,  für  die
kleinafiatischen  Vilajets,  ferner  der  durch  Beschluß  des  Ministerrats  erfolgten
Ernennung  dreier  Inspektoren  für  die  europäischen  Provinzen,  nämlich  des
Verwaltungsbeamten  Haki-Effendi,  des  Gerichtsbeamten  Halid-Bei  und  des
Finanzbeamten  Enver-Effendi.

November.  Dezember.  (Konstantinopel.)  Vermehrung

der  Stationsschiffe.  Haltung  der  Mächte.
Die  Botschafter  beschließen  vorfichtshalber  noch  ein  zweites  Stations-=
        <pb n="302" />
        294  TNlürüei.  (Dez.  5.—Dez.)  Pulzarien.  (Januar  1.—März  15.)

Schiff  in  einem  noch  zu  bestimmenden  Zeitpunkte  nach  Konstantinopel  kommen
zu  lassen  (23.  Nov.).

Die  Pforte  erkennt  die  Berechtigung  dieser  Forderung  an,  bittet  jedoch
wiederholt  nicht  darauf  zu  bestehen  (3.  Dezember).  Da  alle  Großmächte  fest
bleiben,  gibt  die  Mierde-  nach  (10.  Dezember).

Ueber  die  Haltung  der  Mächte  in  diesen  Fragen  schreibt  der  „Reichsbote“:
  In  der  Aktion  der  Mächte  heben  sich  nunmehr  drei  verschiedene
Phasen  ab  in  Konstantinopel.  Zuerst  war  es  England,  daß  die  Initiative
ergriffen  und  an  der  Teote  marschierte.  In  einem  besonders  gespannten
Augenblick,  da  dumpfe  Gerüchte  von  anglo-italienischen  Sonderabmachungen
in  der  Luft  schwebten  und  als  Europa  allmählich  in  Schwingungen  kam,
nahm  Oesterreich-Ungarn  den  ersten  Platz  ein.  Die  Ungeduld  Englands
wurde  gezügelt,  wobei  Deutschlands  entschiedene  Haltung  den  Ausschlag
gab,  und  Graf  Goluchowski  überließ  dann  die  Endeinmischung  an  Rußland,
das  den  Platz  bebauptete  und  den  Firman  durchsetzte.  Die  Mächte  konnten
zu  gewissen  Bedingungen,  die  sie  gern  beobachten,  nun  ihre  Stationsschiffe
verdoppeln.  Dieser  Maßregel  wird  nur  eine  moralische  Wirkung  zuzusprechen
fein-  Cie  Snergie  des  europäischen  Konzerts  wird  sie  keineswegs  erschöpfen“
(vgl.  S.  290).

5.  Dezember.  (Konstantinopel.)  Der  frühere  Großvezir
Said  Pascha  flüchtet  auf  die  englische  Botschaft  und  verläßt  sie
erst,  nachdem  ihm  der  Sultan  unbedingte  Sicherheit  garantiert  hat.

20.  Dezember.  (Zeitun.)  Die  aufständischen  Armenier  töten
türkische  Gefangene.

Dezember.  (Kreta.)  Kämpfe  zwischen  Türken  und  Griechen.

2.  Bulgarien.

1.  Januar.  (Sofia.)  Handelspolitik.

Die  Sobranje  ermächtigt  die  Regierung,  im  gegebenen  Augenblick
mit  Deutschland,  England,  Frankreich  und  Oesterreich-Ungarn  Handelsübereinkommen
  auf  der  Grundlage  eines  10  ½  prozentigen  Eingangszolles  abzuschließen.


Anfang  Januar.  (Sofia.)  Anklagen  gegen  Stambulow.

In  dem  Prozesse  gegen  Georgiew  sollen  sich  Beweise  für  die  Mitschuld
  Stambulows  an  der  Ermordung  Beltschews  (vgl.  1891  S.  281)  gefunden
  haben.  Ein  Haftbefehl  wird  gegen  ihn  erlassen  aber  nicht  ausgeführt.
  Das  Gerücht  erregt  in  Bulgarien  und  dem  Auslande  großes
Interesse;  mehrere  Vertreter  auswärtiger  Mächte  erheben  freundschaftliche
Vorstellungen  gegen  die  Verhaftung.

5.  Januar.  (Sofia.)  Das  Budget  für  das  Jahr  1895
ist  endgiltig  auf  89  849  000  Lei  festgesetzt  und  weist  einen  Uberschuß
von  227000  Lei  auf.

10.  Januar.  (Sofia.)  Fürst  Ferdinand  empfängt  Zankow,
der  seine  dynastische  Gesinnung  beteuert.

4.  Februar.  In  20  Nachwahlen  zur  Sobranje  werden  18
Kandidaten  der  Regierung  gewählt.

15.  März.  Bulgarien  und  Rumänien  schließen  ein  Zoll-
        <pb n="303" />
        Balgarien.  (April  22.  —Oktober  31.)  295

übereinkommen  auf  der  Grundlage  der  Meistbegünstigung.  Es
soll  bis  31.  Dezember  1897  gelten.

22.  April.  (Sofia.)  Der  Fürst  mahnt  eine  maccedonische
Abordnung  zu  friedlichem  Verhalten.

26.  Mai.  (Sofia.)  Auf  Vorstellung  der  parlamentarischen
Untersuchungskommission  verweigert  der  Minister  des  Innern  Stambulow
  den  Paß  zu  einer  Reise  ins  Ausland.

Mai.  Reise  des  Fürsten  ins  Ausland.

Juni.  Juli.  Der  macedonische  Aufstand.  Die  Pforte,  Bulgarien

  und  die  Großmächte.

Der  macedonische  Aufstand  breitet  sich  an  der  bulgarischen  Grenze
aus,  es  kommt  zu  Zusammenstößen  zwischen  türkischen  und  bulgarischen
Soldaten.  Die  Porte  verlangt  Auflösung  der  macedonischen  Vereine  in
Bulgarien,  da  diese  den  Aufstand  schürten.  Die  bulgarische  Regierung  lehnt
das  ab,  da  sie  jede  Grenzverletzung  verhindere,  und  beansprucht  Entschädigung
für  die  von  den  Türken  verwundeten  bulgarischen  Soldaten.  Die  Vertreter
er  Großmächte  machen  der  bulgarischen  Regierung  Vorstellungen  über  die
revolutionäre  Agitation  der  macedonischen  Emigranten  in  Bulgarien,  worauf
  die  bulgarische  Regierung  bestreitet  (8.  Juli),  daß  bewaffnete  bulgarische
  Banden  die  macedonische  Grenze  überschritten.  Die  Schuld  an  den
Unruhen  trage  nicht  Bulgarien  sondern  die  Pforte;  die  Ursachen  der  Unruhen
  seien  dieselben  wie  in  Armenien.  Die  Konsuln  wiederholen  nachdrücklich
  die  Forderung  der  Bewegung  ein  Ende  zu  machen.

Juli.  Eine  bulgarische  Abordnung  reist  nach  Rußland,  um
einen  goldnen  Kranz  auf  das  Grab  Alexanders  III.  zu  legen.  S.
Rußland.

15.  Juli.  (Sofia.)  Attentat  auf  Stambulow,  der  schwer

verwundet  wird.

Das  Verbrechen  wird  in  der  Presse  ganz  Europas  lebhaft  besprochen.
Da  die  Verfolgung  der  entkommenen  Verbrecher  lässig  betrieben  wird,  wird
der  Regierung  vielfach  Mitschuld  oder  Geschehenlassen  vorgeworfen.  Die
Regierung  giebt  das  Attentat  für  einen  Akt  der  Privatrache  aus.  Der
deutsche  Konsul  spricht  im  Namen  des  diplomatischen  Korps  seinen  schärfsten
Tadel  aus  über  das  Verbrechen  (17.  Juli).

Das  Beileidstelegramm,  das  der  in  Karlsbad  weilende  Fürst  Ferdinand
der  Frau  Stambulow  sendet,  nimmt  diese  nicht  an.

18.  Juli.  (Sofia.)  Stambulow  f.6
12.  August.  Rückkehr  des  Fürsten  nach  Sofia.

31.  Oktober.  (Sofia.)  Eröffnung  der  Sobranje.

Die  Thronrede  sagt  über  das  Verhältnis  zu  Rußland:  „Das  Wohlwollen,
  das  der  Kaiser  Nikolaus  der  Abordnung  angedeihen  ließ,  der  treffliche
  Empfang,  den  die  Abgeordneten  in  den  Kreisen  der  russischen  Regierung
und  bei  allen  Schichten  der  ruffischen  Gesellschaft  gefunden  hat,  enthält  für
uns  die  Bürgschaft,  daß  bei  einem  Aufwand  von  Beharrlichkeit  und  Geduld
die  Beziehungen  zu  der  Schwesternation,  die  uns  befreit  hat,  und  unserm
Vaterlande  sich  derart  gestalten  werden,  wie  fie  sein  sollen."“
        <pb n="304" />
        296  FJZulzerien.  (Nov.  11.—Dez.  4)  Ezupten.  (Febr.—Nov.  20.)

11.  November.  (Sofia.)  Religionswechsel  des  Thronfolgers
versprochen.

Eine  Deputation  von  Abgeordneten  überreicht  dem  Fürsten  die  die
Thronrede  beantwortende  Adresse,  in  der  der  Wunsch  ausgesprochen  wird,

den  Thronfolger  Boris  orthodox  taufen  zu  lassen.  Ferdinand  verspricht
den  Wunsch  zu  erfüllen.

4.  Dezember.  (Sofia.)  Urteil  über  Stambulows  Regierung.

Der  Bericht  des  parlamentarischen  Untersuchungsausschusses  über
Stambulows  Regierung  wirft  ihm  fortgesetzte  Verletzung  der  Verfassung,
Vergewaltigung  der  Bürger,  unredliche  und  unordentliche  Verwaltung  der
Finanzen  u.  dgl.  vor.  Gegen  mehrere  ehemalige  Minister,  Kollegen
Stambulows  wird  Erhebung  der  Anklage  wegen  dieser  Verbrechen  verlangt.

3.  Egypten.

Februar.  England  und  Egypten.

Englische  Blätter,  voran  die  „Times"“,  bringen  heftige  Angriffe
gegen  den  Chedive,  der  der  englischen  Regierung  entgegen  arbeite  (val.
1894  S.  306)  und  Unordnungen  provoziere.  Eine  ofsfiziöse  englische  Mitteilung
  widerlegt  diese  Angriffe  (21.  Februar).  Der  Khedive  genehmigt
die  Errichtung  eines  Gerichtshofes,  der  die  Vergehen  Eingeborner  gegen
englische  Soldaten  und  Seeleute  aburteilen  soll.  Der  Gerichtshof  ist  fast
ausschließlich  von  Engländern  besetzt  (22.  Februar).

24.  Februar.  Erlasse  über  die  Grundsteuer  und  den  Heerdienst.


Der  Khediv  unterzeichnet  einen  Erlaß  über  die  gleichmäßigere  Veranlagung
  der  Grundsteuer:  Der  Mietwert  soll  als  Grundlage  dienen;  es
wird  keine  Erhöhung  des  Steuertrags  beabsichtigt  und  der  Hoöchstbetrag
der  Steuer  soll  wie  gegenwärtig  33  JA¾  für  den  Acker  (40  Ar)  nicht  übersteigen.
  Durch  einen  andern  Erlaß  wird  die  Heeresaushebung  auf  Kairo,
Alexandrien  und  andere  Städte  ausgedehnt.  die  bisher  durch  Gewohnheit
befreit  waren.  Wer  vom  Heeresdienst  befreit  werden  will,  hat  an  das
Kriegsministerium  400  zu  zahlen.

2.  März.  Ismail  Pascha  (1863—79  Khediv)  in  Konstantinopel
  f.

14.  März.  (Kairo.)  Verstärkung  der  Ortspolizei.

Der  Ministerrat  genehmigt  die  vom  englischen  Berater  des  Ministers
des  Innern  entworfene  Reform  der  Ortspolizei.  Die  Scheiks  erhalten
hierdurch  größere  Befugnisse  und  werden  der  Zentralgewalt  verantwortlich.

11.  November.  Der  Premierminister  Nubar  Pascha  tritt  zurück;
  sein  Nachfolger  wird  der  bisherige  Kriegsminister  Mustafa
Fehmi  Pascha.

20.  November.  England  und  Egypten  schließen  einen  Vertrag
  zur  Verhinderung  des  Sklavenhandels.  England  erhält  das
Recht  jedes  egyptische  des  Sklavenhandels  verdächtige  Schiff  von
weniger  als  500  Tonnen  zu  durchsuchen.
        <pb n="305" />
        Ezurken.  (November.)  Runinien.  (Febr.  24.—Dezember  11.)  297

November.  (Kairo.)  Das  egyptische  Budget  weist  auf:  an
Einnahmen  10  260  000  Pf.,  an  Ausgaben  9  630  000  Pf.  überschuß
630  000  Pf.

XVI.

Numänien.

24.  Februar.  Der  Senat  nimmt  mit  65  gegen  22  Stimmen
das  Berggesetz  an.

15.  März.  Handelsvertrag  mit  Bulgarien.

27.  April.  (Senat.)  Die  nationalliberalen  Mitglieder  des
Parlaments  legen  mit  der  Begründung,  daß  das  Berggesetz  verfassungswidrig
  sei,  ihr  Mandat  nieder.

August.  (Constanza.)  Es  wird  ein  bulgarisch--irredentistischer
  Geheimbund  entdeckt.

26.  September.  Der  König  eröffnet  feierlich  die  Donaubrücke
zwischen  Cernavoda  und  Fetesci.

Der  König  sagt  in  der  Einweihungsrede:  Ich  kann  stolz  sein  darauf,
daß  unter  meiner  Regierung  dieses  Werk  durch  unsere  Ingenieure  begonnen
und  vollendet  wurde,  diese  großartige  Brücke,  die  einen  beträchtlichen  Teil
des  europäischen  Handels  auf  unsere  Schienenwege  ziehen  wird,  weil  wir
heute  die  kürzeste  Linie  zwischen  den  nördlichen  Meeren  und  den  Ländern
des  Orients  besitzen  und  jetzt  einen  weitern  Blick  auf  das  Meer  werfen
können,  wo  sich  die  unzähligen  Linien  des  Getriebes  der  ganzen  Welt
kreuzen,  welche  die  Reichtümer  auf  alle  Nationen  verteilen.  Durch  den
Hafen  von  Constanza  öffnet  uns  die  Donaubrücke  diese  weite  Straße,  die
ungeahnterweise  unsere  Handelsbeziehungen  vervielfältigen  und  unsere  maritime
Entwicklung  sichern  wird.

3.  Oktober.  Rumänien  schließt  einen  Vertrag  mit  Rußland
und  Osterreich  über  die  Schiffahrt  auf  dem  Pruth.

15.  Oktober.  Ministerwechsel.

Es  wird  ein  liberales  Kabinet  gebildet.  Demeter  Sturdza
Präsident  und  Aeußeres,  Statesco  Justiz,  Fleva  Inneres,  General  Budisteano
Krieg,  Palladi  Domänen.

6.—12.  Dezember.  Neuwahlen.

Die  Negierung  ersicht  einen  glänzenden  Sieg.  Im  Senat  werden
109  Liberale  und  3  Konservative  gewählt,  in  der  Kammer  169  Anhänger
und  13  Gegner  der  Regierung.

11.  Dezember.  (Bukarest.)  Der  König  eröffnet  die  Sitzungen
der  Deputiertenkammer.

Die  Thronrede  kündigt  Justizreformen  an  und  führt  aus,  daß  die
schlechte  Ernte  und  die  übergroßen  Ausgaben  während  der  letzten  2  Jahre
        <pb n="306" />
        298  Serbien.  (Januar  12.  —  April  24.)

Fehlbeträge  in  den  Voranschlägen  veranlaßt;  diese  Fehlbeträge  würden  durch
Ersparungen  gedeckt  werden.  Die  Personalsteuer  und  die  von  den  Bauern
für  den  Klerus  gezahlte  Steuer  von  4fr  würden  aufgehoben  werden.
Schließlich  kündigt  die  Thronrede  Gesetzentwürfe  über  Fischerei,  über  den
Bau  eines  Hafens  in  Constanza  und  über  die  Weiterentwicklung  des  Eisenbahn=
  und  Verkehrswesens  an  und  spricht  das  Vertrauen  aus,  daß  das
Land  die  notwendigen  Opfer  bringen  werde,  um  seine  Rüstung  zu  vollenden,
das  Gehalt  der  Offiziere  aufzubessern  und  den  Grenzdienst  zu  organifieren.

XVII.

Serbien.

12.  Januar.  (Belgrad.)  Politische  Prozesse.

Im  Prozesse  Tschebinatz  (vgl.  1894  S.  309)  werden  Tschebinatz  und
einige  Angeklagte  zu  mehrjährigem  Gefängnis  verurteilt.  In  einem  gleichzeitigen
  Prozesse  wegen  versuchter  Vergiftung  des  Königs  werden  die  Angeklagten
  freigesprochen.  (Der  König  begnadigt  sie  7.  Juli.)

12.  Januar.  Ukas  über  das  Budget.

Ein  von  sämtlichen  Ministern  gegengezeichneter  Königlicher  Ukas  verfügt,
  daß  bis  zur  Votierung  des  neuen  Budgets  durch  die  Skupschtina  das
Budget  des  vorigen  Jahres  auch  für  das  laufende  Jahr  zu  gelten  hat.

22.  Januar.  Serbien  tritt  den  Beschlüssen  der  Dresdener
Sanitätskommission  bei.

27.  Januar  bis  26.  März.  Der  König  reist  nach  Frankreich
zum  Besuche  seiner  Mutter.

Anfang  April.  Gewaltthaten  der  Regierung.  Ministerkrifis.

Der  Ministerpräsident  Christitsch  läßt  viele  radikale  und  liberale
Gemeinderäte,  Wähler  u.  s.  w.  verhaften  oder  absetzen.  Es  kommt  zu
blutigen  Kämpfen  zwischen  Gendarmerie  und  Bevölkerung.  Im  Ministerium
bricht  darüber  ein  Zwiespalt  aus,  der  Justizminister  Georgewitsch  tritt
zurück,  mehrere  andere  drohen  mit  ihrer  Demission  bei  Fortsetzung  der
Gewaltpolitik.

19.  April.  Wahlen  zur  Skupschtina.

Es  werden  gewählt  150  Ministerielle,  18  Liberale,  1  Radikaler.  Die
Liberalen  und  Radikalen  hatten  Stimmenenthaltung  proklamiert,  die  Regierung
  ernennt  thatsächlich  die  Kandidaten.

24.  April.  (Nisch.)  Eröffnung  der  Skupschtina.

Der  König  betont  in  der  Thronrede  die  Notwendigkeit,  die  politischen
Leibenschaften  zu  besänftigen  und  Ruhe  und  Ordnung  wiederherzustellen,
habe  im  vorigen  Jahre  in  dem  König  den  Entschluß  gereift,  die  Verfassung
zu  ändern,  und  fordert  aufmerksame  Behandlung  der  finanziellen  Verhältnisse.
  Die  Skupschtina  votiert  eine  Vertrauensadresse  (29.  April).

3.  Mai.  Finanzminister  Petrovic  tritt  zurück  und  wird  durch
Popovic  ersetzt.
        <pb n="307" />
        Serbien.  (Mai  7.—27.  November.)  Griechenland.  (Januar  22.)  299

7.  Mai.  (Nisch.)  Beschlüsse  über  die  königliche  Familie.

Die  Skupschtina  nimmt  einstimmig  die  Jahresapanage  von  360000  fr
für  Milan  an  und  ebenso  das  Gesetz,  wonach  die  königlichen  Eltern  und
Verwandten  direkter  Linie  unter  gleichen  Schutz  wie  der  König  gestellt  werden.

10.  Mai.  (Belgrad.)  Rückkehr  der  Königin  Natalie.

13.  Mai.  Verstaatlichung  der  ganzen  Polizei.

20.  Juni.  Finanzabkommen.

In  Karlsbad  schließt  Finanzminister  Popovic  ein  Abkommen  mit  Delegierten
  deutscher  und  französischer  Banken.  Die  5  proz.  Anleihe  soll  in  eine
4  proz.  konvertiert  werden.

4.  Juli.  (Belgrad.)  Der  Finanzrat  lehnt  das  Finanzabkommen
  ab.  Das  Ministerium  demissioniert.

7.  Juli.  Neubildung  des  Kabinetts.

Das  Präsidium  und  das  Aeußere  übernimmt  der  bisherige  Präsident
des  Staatsrats  Stojan  Nowakowitsch,  das  Ministerium  des  Innern  der
bisherige  Staatsrat  Marinkowitsch;  Finanzminister  bleibt  Stephan  Popowitsch,
  Kriegsminister  ist  der  bisherige  General  der  Reserve  und  Staatsrat
  Franassowitsch;  das  Bautenministerium  und  Handelsministerium  übernimmt
  der  pensionierte  Staatsbahndirektor  Michael  Petkowitsch.  Der  bisherige
  Ministerpräsident  Nikola  Christitsch  wird  Präsident  des  Staatsrats.

19.  Juli.  Die  Skupschtina  genehmigt  mit  164  gegen  54
Stimmen  das  Finanzarrangement.

23.  August  bis  2.  Oktober.  König  Alexander  nach  Frankreich.

16.  September.  (Belgrad.)  Der  liberale  Parteitag  proklamiert
  Ristitsch  zum  Führer  der  Partei.

27.  November.  (Belgrad.)  Eröffnung  der  Skupschtina.

Die  Thronrede  betont  vor  allem  die  Notwendigkeit,  die  Finanzen  zu
kräftigen.  Das  Budget  weist  66  605200  Francs  Einnahmen,  66079612  Fr.
Ausgaben  auf.

XVIII.
Griechenland.

22.  Januar.  (Athen.)  Das  Kabinett  Trikupis  reicht  seine
Entlassung  ein.

Aeußere  Veranlassung:  Anläßlich  einer  großen  Volksversammlung
in  Athen  (am  20.)  hatte  die  Regierung  die  athenische  Garnison  ohne  den
Stadtkommandanten,  den  Kronprinzen  zu  befragen,  dem  Polizeipräfekten
zur  Verfügung  gestellt.  Der  Kronprinz  ritt  deshalb  nach  dem  Versammlungsplatze
  und  schickte  die  Truppen  in  ihre  Quartiere.  Da  Trikupis  mit
einer  Beschwerde  über  diesen  Eingriff  in  die  Regierungsmaßrel  nicht  die
Zustimmung  des  Königs  fand,  trat  er  zurück.  Der  wahre  Grund  ist  die
ungünstige  parlamentarische  Lage  des  Ministeriums.
        <pb n="308" />
        300  Griechenland.  (Januar  24.—23.  Juli.)

24.  Januar.  Neubildung  des  Kabinetts.

Präsidium,  Auswärtiges  und  interimistisch  Inneres  Nikolas
Delyannis;  Krieg  Oberst  Papadiamantovulo,  Adjutant  des  Königs;
Marine  Schiffskapitän  Kriesis,  Adjutant  des  Königs;  Finanzen  Ketzeas,
Vizepräsident  des  Rechnungshofes;  Justiz  Aravatinos,  Mitglied  des  Kassationshofes;
  Kultus  Blachos,  ehemaliger  Botschafter.

10.  Februar.  (Athen.)  Die  Regierung  fordert  neue  Vorschläge
  von  den  Befitzern  griechischer  Werte.

März.  Der  griechische  Handel  1893  und  1894.

Nach  offiziellen  Angaben  betrug  der  Import  nach  Griechenland  im
Jahre  1894  109958  826  Frcs.  gegen  91  484  936  Frcs.  im  Jahre  1893,
wies  somit  gegen  das  Vorjahr  eine  Zunahme  von  18  573890  Frcs.  auf.
Die  mit  dem  Import  zusammenhängenden  Zolleinnahmen  bezifferten  sich  im
Jahre  1894  mit  26  730  400  Frcs.  gegen  22  287722  Frcs.  im  Jahre  1893,
stiegen  also  um  4442  678  Frcs.  Der  Export  erreichte  im  Jahre  1894  die
Ziffer  74  290  906  Frcs.  gegen  88  033  862  Frcs.  im  Jahre  1893,  sank  somit
um  13742  956  Frcs.  Die  betreffenden  Ziffern  für  die  Zolleinnahmen  find
1  470  528  Frcs.  für  1894  und  1507975  Frcs.  für  1893.

28.  April.  Wahlen.

Es  werden  gewählt  142  Delyannisten,  23  Unabhängige  19  Rallisten,
15  Trikupisten,  4  Fortschrittler,  4  Deleorchisten.

27.  Mai.  Griechenland  schließt  einen  Handelsvertrag  mit
Belgien.

16.  Juni.  Das  Budget  weist  an  Einnahmen  auf  91.331  118,
an  Ausgaben  89  342724  Drachmen.

10.  Juli.  Die  Kammer  verwirft  die  Vorlage,  nach  der  die
Zahlung  der  Korinthensteuer  zur  Hälfte  in  Geld,  zur  Hälfte  in
natura  erfolgen  soll.

23.  Juli.  (Kammer.)  Korinthenvorlage.

Es  wird  beschlossen,  daß  20  Prozent  der  Korinthenernte  zurückbehalten
  werden  sollen  und  während  eines  Jahres  im  Innern  nicht  verwendet
werden  dürfen.  Das  Gesetz  gestattet,  die  bei  der  Ausfuhr  in  natura  zu
leistende  15prozentige  Steuer  auch  in  bar  zu  erlegen,  und  zwar  zu  dem
bestimmten  Satze  von  90  Dr.  die  Tonne  (—  1000  venetianische  Pfund),  mit
der  Verpflichtung  seitens  der  Regierung,  für  das  Geld  wieder  Korinthen
einzukaufen  wenn  der  Preis  derselben  90  Dr.  für  die  Tonne  nicht  übersteigt.
        <pb n="309" />
        XIX.
Vereinigte  Staaten  von  Nord-Amerika.

Anfang  Januar.  (Zucker  frage.)  Die  Vereinigten  Staaten

und  Oesterreich.

Der  österreichische  Gesandte  benachrichtigt  den  Staatssekretär  Gresham,
er  sei  beauftragt,  sich  den  Schritten  der  Vertreter  jener  Mächte  anzuschließen,
welche  in  derselben  Lage  wie  Oesterreich-Ungarn  sind  und  gegen  die  Bestimmung,
  daß  der  Zucker  von  Staaten,  welche  Ausfuhrprämien  gewähren,
mit  einem  Zollzuschlag  von  ½/10  Cent  das  Pfund  belegt  wird,  als  den
Vereinbarungen  von  1892  widersprechend,  Verwahrung  einzulegen.  Zugleich
wird  die  Erwartung  ausgesprochen,  daß  die  Union-Staaten  Abstand  davon
nehmen  werden,  dem  österreichisch-ungarischen  Zucker  eine  paritätische  Behandlung
  mit  den  Erzeugnissen  der  meistbegünstigten  Länder  zu  versagen,
da  bei  fortdauernder  differenzieller  Behandlung  sich  auch  Oesterreich-Ungarn
betreffs  der  nordamerikanischen  Erzeugnisse  freie  Hand  wahren  müßte.
(„Polit.  Korresp.“)

26.—29.  Januar.  (Repräsentantenhaus.)  Zuckerzoll.
Zuckerstatistik.

Zur  Vorlage  betr.  die  Aufhebung  des  Differentialzolles  von  ½0  Cent
für  das  Pfund  Zucker  aus  Ländern  mit  Ausfuhrprämien  bringt  Hopkins
(Republikaner)  einen  Abänderungsantrag  ein,  der  Zoll  solle  in  Kraft  bleiben
gegen  jedes  Land,  das  Maßregeln  gegen  amerikanisches  Vieh  und  Fleisch
ergreift.  Meyer  (Demokrat)  beantragt,  den  Wertzoll  um  zehn  Prozent  zu
erhöhen.  Wilson  erklärt,  der  Differentialzoll  sei  eine  Verletzung  des  Meistbegünstigungsvertrages,
  und  verliest  das  deutsche  und  das  österreichische  Einspruchsschreiben
  sowie  ein  Schreiben  des  deutschen  Botschafters,  in  dem  bestritten
  wird,  daß  die  von  der  deutschen  Regierung  gegen  die  Vieh-Einfuhr
ergriffenen  Maßnahmen  Gegenschritte  seien.  Wilson  behauptet,  daß  der
Zuckerzoll  die  Ursache  der  Maßnahmen  sei.  Er  sollte  aber  abgeschafft  werden,
  weil  er  mehrern  Ländern  Veranlassung  zu  Gegenmaßregeln  gegeben
habe.  Am  29.  genehmigt  das  Haus  die  Vorlage  mit  239  gegen  30  Stimmen,
der  Senat  lehnt  sie  ab.

Nach  einer  amtlichen  Statistik  führen  folgende  europäische  Länder
Zucker  aus  nach  der  Union;  Deutschland  für  11  Millionen  Mark;  Belgien
für  9,4  Mill.;  Oesterreich  für  4,6  Mill.;  Frankreich  für  1,7  Mill.  und  die
Niederlande  für  1,3  Millionen.

Ende  Januar.  Februar.  (Brooklyn.)  Ausstand.  Unruhen.

Anläßlich  eines  Ausstandes  der  Straßenbahnbeamten  kommt  es  zu
wiederholten  blutigen  Zusammenstößen  zwischen  der  Polizei  und  Miliz  mit
den  Ausständigen,  die  das  Betriebsmaterial  zu  zerstören  suchen.  ·
        <pb n="310" />
        302  FPereinizte  Staaten  von  Nerd.  Imerika.  (Januar  28.  —  Februar  26.)

28.  Januar.  (Washington.)  Botschaft  Clevelands  an  den
Kongreß  über  die  Finanzlage.

Der  Präfident  schildert  die  Gefahren  der  Währungsverhältnisse  und
schlägt  folgende  Mittel  zur  Abhilfe  vor:  Es  sollen  dreiprozentige,  in  fünfzig
Jahren  rückzahlbare,  ausdrücklich  auf  Gold  lautende  Schuldscheine  von
25  L.  und  aufwärts  ausgegeben  werden,  um  eine  hinreichende  Goldrücklage
aufrecht  zu  erhalten  und  die  sogenannten  legal  tender-Noten  sowie  die
nach  dem  Gesetz  von  1890  für  den  Ankauf  von  Silber  ausgegebenen  Noten
einzulösen.  Diese  Schuldscheine  sollen  als  Unterlage  für  die  Notenausgabe
der  National-Banken  bis  zum  Nennwerte  dienen  (dasselbe  würde  von  andern
Bundesschuldscheinen  mit  Ausnahme  der  zweiprozentigen  gelten).  Die  National-Banken
  sollen  künftig  keine  Noten  unter  10  L.  mehr  ausgeben.  Die
Silberbescheinigungen  von  10  L.  und  aufwärts  sollen  eingezogen  und  durch
solche  von  unter  10  L.  ersetzt  werden.  Die  Einfuhrzölle  sollen  künftig  in
Gold  zahlbar  sein.  Würden  diese  Vorschläge  angenommen,  so  ließe  sich  mit
Bestimmtheit  eine  Herstellung  gesunder  Währungsverhältnisse  in  den  Vereinigten
  Staaten  erwarten.  („Köln.  Ztg.“)

8.  Februar.  Der  Senat  bewilligt  500  000  Dollars  als  erste
Rate  zur  Herstellung  eines  Kabels  zwischen  den  Vereinigten  Staaten

und  den  Sandwichs-Inseln.  Das  Repräsentantenhaus  lehnt
die  Vorlage  ab  (21.  Februar).

7./8.  Februar.  (Washington.)  Goldbeschaffung.

Das  Repräsentantenhaus  verwirft  mit  161  gegen  134  Stimmen  den
von  Springer  eingebrachten  Gesetzentwurf,  der  auf  der  Finanzpolitik
Clevelands  basiert  war.  Infolgedessen  vereinbart  der  Präsident  sofort
mit  hervorragenden  Banken  in  New-York  und  London  die  Lieferung  von
3%2p  Millionen  Unzen  Gold,  wogegen  vierprozentige  Wertpapiere  gegeben
werden.

14.  Februar.  Das  Repräsentantenhaus  lehnt  den  Antrag,
die  4prozentigen  in  Gold  zahlbaren  Schuldverschreibungen  durch
ebensolche  3prozentige  zu  ersetzen  ab.

24.  Februar.  (Washington.)  Tarifpolitik.

Der  Senat  lehnt  mit  42  gegen  24  Stimmen  ab,  in  die  Beratung
der  vom  Abgeordnetenhause  bereits  angenommenen  Polling-Bill  einzugehen,
wodurch  den  Eisenbahnen  gestattet  werden  sollte,  unter  sich  Vereinbarungen
zu  treffen,  um  die  Beständigkeit  der  Tarife  zu  sichern  und  einen  verderblichen
Wettbewerb  zu  verhindern.

25.  Februar.  Robbenfang  im  Behringsmeere.

Das  Repräsentantenhaus  verwirft  die  Vorlage,  dem  Schiedsgericht
  zu  Paris  entsprechend  425  000  Dollars  als  Entschädigung  an  englische
  Robbenfänger  im  Beeringsmeere  zu  zahlen.  (Vgl.  darüber  Staats-Archiv
  Bd.  56.)

26.  Februar.  Sozialpolitik.

Das  Repräsentantenhaus  genehmigt  die  Einsetzung  eines  Bundesschiedsgerichts
  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitern.  (Vgl.  dazu:  v.  d.  Leyen,
der  Ausstand  der  Eisenbahnarbeiter  in  Chicago,  „Preuß.  Jahrb.“  Rd.  81.)
        <pb n="311" />
        Vereinigte  Slaalen  von  Nord-Auerika.  (März  Anfang.—Dezember  3.)  303

Anfang  März.  Der  Kongreß  bewilligt  den  Bau  von  2
Panzerschiffen,  6  Kanonenbooten  und  3  Torpedobooten.

4.  März.  Schluß  des  Kongresses.

Anfang  März.  (Walsenburg.)  Mißhandlung  von  Italienern
durch  den  Pöbel.  (Vgl.  S.  264.)

12.  März.  (New-Orleans.)  Blutiger  Kampf  zwischen
weißen  Dockarbeitern  und  Negern,  die  aus  dem  Hafen  vertrieben
werden.

Anfang  April.  (Washington.)  Aufhebung  der  Einkommensteuer.


Das  oberste  Bundesgericht  erklärt  das  1894  erlassene  Einkommensteuergesetz
  für  verfafsungswidrig  und  ungiltig.  Hierin  war  die  Einführung
einer  zweiprozentigen  Einkommensteuer  auf  alle  Einkommen  von  4000  Dollar
und  darüber  ausgesprochen,  gleichviel  ob  es  sich  um  das  Einkommen  amerikanischer
  Bürger  aus  dem  Inlande  und  aus  dem  Auslande,  oder  um  dasjenige
  handelte,  das  Ausländer  in  den  Vereinigten  Staaten  beziehen.  Nach
der  gerichtlichen  Entscheidung  ist  es  der  Bundesregierung  nur  freigestellt,
die  Einkommen  aus  Gehältern,  aus  industriellen  und  kaufmännischen  Unternehmungen,
  aus  Sparanlagen  und  Erbschaften  zu  besteuern,  eine  direkte
Steuer  auf  liegende  Güter  und  den  Zinsertrag  kommunaler  und  staatlicher
Anleihen  sei  verfassungswidrig.  (Bestätigung  des  Erkenntnisses  durch  den
obersten  Gerichtshof  20.  Mai.)

Anfang  April.  (Wahlen.)  Die  in  fast  sämtlichen  westlichen
Staaten  vollzogenen  Gemeindewahlen  fallen  zu  Gunsten  der  Republikaner
  aus.

März.  April.  Spanien  erhebt  Vorstellungen  wegen  Unterstützung
  der  Cubanischen  Rebellion  durch  Amerikaner.

April.  Mai.  Die  Republikaner  greifen  Cleveland  wegen
seiner  Unthätigkeit  in  der  cubanischen  und  nicaraguanischen  Frage
heftig  an.

23.  Mai.  (Memphis  in  Tennessen.)  Zusammenkunft  der
Anhänger  der  Goldwährung.

12.  Juni.  (Memphis.)  Kongreß  der  Anhänger  der  Silberwährung.


13.  Juni.  Cleveland  verbietet  streng  jede  Verletzung  der  Neutralität
  gegenüber  Cuba.

4.  November.  In  Südkarolina  werden  den  Negern  die
öffentlichen  Rechte  entzogen.

5.  November.  Die  Staatswahlen  fallen  zu  Gunsten  der
Republikaner  aus.

3.  Dezember.  (Washington.)  Eröffnung  des  Kongresses.

Die  Botschaft  des  Präsidenten  verweist  auf  die  schwierige  Finanzlage
  und  die  große  Goldentnahme  aus  dem  Schatz  seit  dem  14.  Juli  1890,
        <pb n="312" />
        EII  Ila#aten  von  Nord-Anerika.  (Dezember  16.—  17.)

wodurch  die  Goldreserve  praktisch  bedeutungslos  geworden  sei.  Von  Fragen
der  auswärtigen  Politik  bespricht  Cleveland  das  schroffe  Auftreten  Englands
in  Venezuela,  wogegen  Amerika  Vorstellungen  erhoben  habe,  die  cubanische
und  armenische  Frage.  In  eingehender  Besprechung  der  Handelsbeziehungen
zu  Deutschland  bezeichnet  er  die  deutschen  Schutzmaßnahmen  gegen  die
Einfuhr  von  Vieh  und  Nahrungsmittel  als  umsomehr  Aergernis  erregend,
da  kein  europäischer  Staat  so  vorsichtig  die  Nahrungsmittel-Ausfuhr  überwache
  wie  Amerika.  Die  geschäftliche  Ausschließung  amerikanischer  Versicherungs-Gesellschaften
  in  Preußen  wird  engherzigen,  lästigen  und  unvorhersehbaren
  Einschränkungen  zugeschrieben.  Es  sollten  Gegenmaßregeln  in
Betracht  gezogen  werden.

16.  Dezember.  (Washington.)  Schatzbericht.

Die  Einnahmen  betrugen  im  letzten  Etatsjahre  (1.  Juli  1894  bis
30.  Juni  1895)  390  373  203,  die  Ausgaben  4331784426  Dollar.  Die  Einnahmen
  des  Jahres  1895  überstiegen  die  des  Jahres  1894  um  17570  705
Dollar.  Die  Einnahmen  bis  Ende  des  laufenden  Etatsjahres  werden  auf
431  907  407,  die  Ausgaben  auf  448  907  407  Dollar  geschätzt.  Die  Einnahmen
  des  nächsten,  am  30.  Juni  1897  endigenden  Etatsjahres  werden
auf  464  793  120,  die  Ausgaben  auf  457  884  193  Dollar  geschätzt.

17.  Dezember.  (Washington.)  Botschaft  Clevelands  an  den
Kongreß  über  die  Venezuelafrage.  Englands  Haltung.  Monroedoktrin.


Cleveland  berichtet  über  die  Verhandlungen  mit  England.  Lord
Salisbury  erhebe  dagegen  Einspruch,  daß  die  amerikanische  Regierung  in
der  vorliegenden  Frage  der  Monroe-Lehre  eine  neue  und  befremdende  Auslegung
  gebe,  einer  Lehre,  welche  im  allgemeinen  auf  den  Stand  der  Dinge
im  ganzen  heutigen  Tagesleben,  und  im  besondern  auf  die  gegenwärtige
Streitfrage  unanwendbar  sei.  In  der  in  seiner  Botschaft  hieran  geknüpften
Erörterung  bezeichnet  Präsident  Cleveland  die  Auslegung  der  Monroe-Lehre
durch  Amerika  als  stichhaltig  und  als  wichtig  für  die  Sicherheit  der  Nation,
als  wesentlich  für  die  Erhaltung  ihrer  freien  Einrichtungen  und  dazu  bebestimmt,
  in  jeder  Entwicklungsstufe  des  nationalen  Lebens  Anwendung  zu
finden.  Die  Doktrin  könne  nicht  veralten.  Sodann  stellt  Präsident  Cleveland
  die  Behauptung  auf,  daß  die  Doktrin  vollkommen  auf  den  Fall  anwendbar
  sei,  wo  eine  europäische  Macht  durch  eine  Grenzausdehnung  von
einem  Gebiete  Besitz  zu  ergreifen  suche,  das  einer  Republik  auf  dem  amerikanischen
  Festlande  gehöre.  Nach  dem  Ausdrucke  des  Bedauerns  darüber,
daß  England  die  Schlichtung  der  Angelegenheit  durch  Schiedsspruch  ablehne,
bemerkt  Cleveland,  es  bleibe  nichts  übrig,  als  die  gegebene  Lage  anzunehmen
und  entsprechend  zu  handeln.  Der  Streit  habe  ein  Stadium  erreicht,  das
es  den  Vereinigten  Staaten  zur  Pflicht  mache,  Schritte  zu  ergreifen,  um
festzustellen,  was  die  wirkliche  Grenze  zwischen  Venezuela  und  Britisch-Guiana
  ist.  Der  Präsident  schlägt  daher  vor,  daß  der  Kongreß  eine  entsprechende
  Summe  für  die  Kosten  einer  Kommission  bewillige,  welche  die
erforderliche  Unternehmung  vornehmen  und  mit  möglichst  geringem  Verzug
über  die  Angelegenheit  Bericht  erstatten  solle.  „Wenn  dieser  Bericht  erfolgt
sein  wird,“  fährt  die  Botschaft  fort,  „würde  es  die  Pflicht  der  Vereinigten
Staaten  sein  mit  allen  ihnen  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  sich  einem  vorsätzlichen
  Angriff  auf  ihre  Rechte  und  Interessen,  der  Aneignung  irgend
welcher  Landstrecken  durch  Großbritannien  zu  widersetzen,  welche  wir  nach
vorgenommener  Unterredung  als  von  Rechts  wegen  Venezuela  gehörig  erkennen
  mögen.  Ich  bin  mir  wohl  der  vollen  Verantwortlichkeit  bewußt,  die  ich
        <pb n="313" />
        Vereinigte  St.  v.  Kord-  Anerika.  (Dez.  26.)  Mittel=  u.  Süh-Iuerika.  (Jan.)  305

übernehme,  indem  ich  diese  Vorschläge  mache,  und  stelle  mir  klar  alle  etwaigen
Folgen  vor  Augen,  obwohl  anzuerkennen  ist,  daß  es  ein  schmerzlicher  Gedanke
  ist,  die  zwei  großen  englisch  sprechenden  Völker  sich  als  andere  denn
als  freundschaftliche  Rivalen  auf  dem  Wege  des  Fortschritts  und  des  Friedens
  vorzustellen.  Es  ist  doch  kein  Unglück  demjenigen  gleich,  das  aus  unthätiger
  Unterwerfung  unter  Unbill  und  Ungerechtigkeit  folgt,  nämlich  dem
Verluste  der  nationalen  Ehre.“

Die  Botschaft  wird  im  Kongreß  mit  großem  Beifall  ausgenommen
und  auch  in  der  Presse  aufs  lebhafteste  begrüßt.  Sie  wird  in  allen  Ländern
Europas  eifrig  diskutiert.

Dezember.  (Washington.)  Einsetzung  der  Venezuelakommission.


Das  Repräsentantenhaus  genehmigt  einstimmig  einen  Gesetzentwurf,
welcher  den  Präsidenten  ermächtigt,  eine  Kommission  zur  Grenzregulierung
in  Venezuela  zu  ernennen  (18.  Dez.).  Der  Senat  nimmt  ihn  ebenfalls  an
und  Cleveland  unterzeichnet  das  Gesetz  am  21.  Dezember.

26.  Dezember.  (Repräsentantenhaus.)  Erhöhung  der
Zölle.

Der  Bericht  der  Kommission  für  Mittel  und  Wege  über  Clevelands
Finanzbotschaft  bezeichnet  die  unzulänglichen  Staatseinkünfte  als  die  Hauptursache
  der  gegenwärtigen  Schwierigkeiten.  Während  der  ersten  Hälfte  des
laufenden  Finanzjahres  würde  das  Defizit  ungefähr  20  Millionen  Dollars
betragen.  Infolge  dessen  beantragt  sie  Abänderung  des  Zolltarifes.  Die
Zollerhöhung  wird  darnach  8  Millionen  Dollars  und  die  Wollzölle  25  Millionen
  Dollars  ergeben.  Die  Kommission  empfiehlt  einen  Zoll  von  6,6  Cents
pro  Pfund  ungewaschener  Wolle,  von  32  Prozent  auf  Teppichwolle  und
von  15  Prozent  auf  Bauholz.  Das  Haus  nimmt  die  Tarifbill  mit  205
gegen  81  Stimmen  an.  (Vgl.  über  die  amerikanische  Zollgesetzgebung  Revue
politiqgue  et  parlam.  Bd.  6.)

XX.
Nittel-  und  Süd-Amerika.

Januar.  (Cuba.)  Regelung  der  Verwaltung.

Die  spanische  Regierung  und  ein  Teil  der  Cortes  beschließen,  daß
ein  Rat  gebildet  werden  soll,  der  in  Havannah  seinen  Sitz  haben  und  alle
Angelegenheiten  der  Insel  nach  eigenem  Ermessen  erledigen  wird.  Dieser
Rat  soll  aus  dem  Generalgouverneur  von  Cuba,  dem  Präsidenten  des  höchsten
Gerichtshofes,  dem  höchsten  Würdenträger  der  Kirche,  12  von  der  Regierung
ernannten  und  15  vom  Volk  erwählten  Mitgliedern  bestehen.

Januar.  (Argentinien.)  Regierungswechsel.
Infolge  der  Weigerung  des  Präfidenten,  eine  Amnestie  für  politische
Gefangene  zu  erlassen,  reicht  das  gesamte  Kabinett  seine  Entlafsung,  ein

(16.  Jan.).  Am  22.  demissioniert  der  Präfident  Saenz  Peü#a,  sein  Nachsolger
  wird  der  Vizepräsident  Uriburn.

Januar—  April.  Grenzstreit  zwischen  Guatemala  und  Mexiko.
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  IIXV1.  20
        <pb n="314" />
        306  Mittel-  ud  Süd-Innerika,  (Januar.—  April.)

Im  Januar  scheint  es  zum  Kriege  kommen  zu  sollen,  beide  Staaten
rüsten.  Präsident  Cleveland  schlägt  vergeblich  ein  Schiedsgericht  vor.
Anfangs  April  nimmt  Guatemala  die  mexikanischen  Bedingungen  an:  Es
erklärt  sich  bereit,  den  von  seinen  Beamten  westlich  vom  Launtanflusse  angerichteten
  Schaden  nach  einer  schiedsrichterlichen  Festsetzung  der  Beträge  zu
vergüten.  Mexiko  verzichtet  auf  eine  Vergütung  zur  Deckung  seiner  Kosten
für  Kriegsrüstungen.  Guatemala  räumt  Mexiko  das  Recht  ein,  die  Gebiete
westlich  vom  Chixoy=  und  vom  Usumacintaflusse  sofort  zu  besetzen,  ebenso
das  im  Vertrage  von  1882  Mexiko  zugesprochene,  von  Guatemala  aber
bisher  nur  unter  der  Bedingung  einer  vorherigen  genauen  Abgrenzung  zur
Verfügung  Mexikos  gestellte  Gebiet;  dafür  erkennt  Mexiko  die  von  Guatemala
  vorgenommene  Abgrenzung  an.

Januar.  Aufstand  in  Columbien  und  Honduras.
Januar.  Februar.  Aufstand  auf  Cuba.  (Vgl.  Spanien).

Februar.  Grenzberichtigung  zwischen  Brafilien  und  Argentinien.


Ein  streitiges  Gebiet  an  der  Südwestgrenze  Brafiliens  wird  von
dem  Schiedsrichter  Präsident  Cleveland  Brasilien  zugesprochen.

10.  Februar.  (Chile.)  Währungsregulierung.

Vom  1.  Juni  ab  soll  das  Papiergeld  derartig  umgewandelt  werden,
daß  die  ursprünglich  zum  Satze  von  48  Pence  englisch  ausgegebene  Pesonote
(4  )  auf  18  Pence  umgewandelt  wird,  ein  immer  noch  höherer  Satz  als
der  gegenwärtige  Kurs.  Chile  führt  Goldwährung  ein  und  setzt  ein  Verhältnis
  für  Gold  und  Silber  von  ungefähr  1:30  fest.

Mitte  März,  (Brasilien.)  Meuterei  der  Zöglinge  der
Militärschule  in  Rio  de  Janeiro.

März.  Aufstand  in  Peru.  Straßenkampf  in  Lima.

März—April.  (Brasilien.)  Bürgerkrieg  in  den  südlichen
Provinzen.

Februar—Mai.  Nicaragua  und  England.

England  fordert  in  einem  Ultimatum  Entschädigung  für  Mißhandlung
  britischer  Unterthanen  an  der  Mosquitoküste  und  die  Vertreibung  des
Vizekonsuls  in  Bluefields  (25.  Febr.).  Da  Nicaragua  die  Forderung  nicht
annimmt  und  eine  Vermittlung  der  Vereinigten  Staaten  erfolglos  bleibt,
besetzt  England  Corinto,  den  Hafen  von  Managua  (26.  April  bis  6.  Mai).
Am  8.  Mai  gibt  Nicaragua  nach.  (Vgl.  Polakowsky,  der  Streit  um
Nicaragua.  Zeitschr.  der  Gesellschaft  f.  Erdkunde  1895.)

April.  Allianz-Verhandlungen  der  mittelamerikanischen

Staaten.

Vertreter  der  mittelamerikanischen  Staaten  beraten  in  Guatemala  und
in  Costa  Rica  vergeblich  über  ein  Bündnis  aller  mittelamerikanischen  Republiken.
  Der  Wunsch  nach  einem  solchen  Bündnis  ist  seit  dem  Streite
Guatemalas  mit  Mexiko  und  Nicaraguas  mit  England  aufgetaucht,

April.  Revolution  in  Ecuador.
April.  Ausdehnung  des  Aufstandes  auf  Cuba.
        <pb n="315" />
        Mittel=  und  Sid-Inerika.  (April  4.—Oktober.)  307

4.  April.  England  weist  die  Vermittlung  der  Vereinigten
Staaten  in  dem  Streite  mit  Venezuela  zurück.

14.  April.  (Paraguay.)  Dem  franzöfischen  Konsul  wird
das  Exequatur  entzogen.

10.  Mai.  Chile  tritt  gegen  Handelsvorteile  an  Bolivia  einen
Landstrich  mit  einem  Hafen  ab.

Mai.  Nicaragua  annektiert  die  Mosquitoküste.

26.  Juni.  (Brasilien.)  Admiral  de  Gama,  Führer  der
Ausfständischen,  k.

29.  Juni.  (Brasilien.)  Peixoto,  der  frühere  Präfident,  f.

Juni.  Aufstand  in  Guatemala.

5.  Juli.  (Paraguay.)  Wiederherstellung  der  diplomatischen
Beziehungen  mit  Frankreich.

11.  Juli.  Bolivia  fordert  vergeblich  Genugthuung  für  die
im  letzten  Bürgerkriege  in  Peru  geschädigten  Bolivier.

Juli.  (Brasilien.)  England  besetzt  die  Insel  Trinidad
(20°  füdl.  Br.  im  atlantischen  Ozean).  Brasilien  protestiert  dagegen.

26.  August.  (Brasilien.)  Ende  des  Bürgerkrieges.

Die  dem  Staate  durch  den  Bürgerkrieg  in  Rio  Grande  do  Sul  enistandenen
  Kosten  werden  auf  80  000  Contos  (ungefähr  64  Millionen  Mark)
berechnet,  zum  Opfer  gefallen  find  der  Revolution  etwa  20  000  Menschenleben.
  Am  18.  Oktober  beschließt  der  Kongreß  eine  Amnestie.

September.  (Chile.)  Eine  Anzahl  deutscher  Subalternoffiziere
  treten  für  einige  Jahre  in  chilenische  Dienste.

Oktober.  Grenzfrage  zwischen  Chile  und  Argentinien.

Die  Streitfrage  dreht  sich  wesentlich  darum,  daß  bei  den  Grenzregulierungen
  Chile  die  Wasserscheiden,  Argentinien  nur  die  Kordilleren
als  Grenze  ansehen  will.  Der  Austrag  des  Streites  ist  vorläufig  vertagt.
In  der  Grenzuntersuchung  soll  zwar  fortgefahren  werden;  wenn  sich  Differenzen
  ergeben,  wird  die  Regulierung  ausgesetzt  und  an  einem  anderen
Punkte,  wo  die  Wasserscheide  und  der  Rücken  der  Hauptkette  der  Kordilleren
zusammenfallen,  wieder  aufgenommen.

Oktober.  England  und  Venezuela.

England  und  Venezuela  vereinbaren,  eine  Kommission  zur  Schlichtung
  ihrer  Grenzstreitigkeiten  einzusetzen  (16.  Okt.)  Am  19.  Oktober  überreicht
  England  ein  Ultimatum  wegen  Entschädigung  für  Mißhandlungen
englischer  Unterthanen,  das  zugleich  die  Bedingungen  zur  Regelung  des
Grenzstreites  in  Guyana  enthält.  Es  verlautet,  Venezuela  wolle  die  Entschädigung
  verweigern,  da  die  mißhandelten  Engländer  gewaltsam  in  vene-Belamiiches
  Gebiet  eingedrungen  seien.  (Vgl.  Großbritannien  und  Nordamerika.


207
        <pb n="316" />
        308  Aukralien  und  Jüdfee.  (Januar—Mai.)

XXI.
Anstralien  und  Südsee.

Januar.  Februar.  Die  Frage  der  Verbindung  der  australischen

  Kolonien.

Ueber  diese  Angelegenheit  schreibt  die  „Köln.  Ztg.“:  Die  Verbindungsfrage
  scheint  jetzt  endlich,  nachdem  sie  10  Jahre  auf  der  Tagesordnung
  gestanden,  sich  einer  praktischen  Lösung  zu  nähern;  doch  handeln
die  Kolonieen  nur  der  Not  gehorchend,  nicht  dem  eigenen  Triebe.  Das
Wasser  reicht  den  meisten  bereits  bis  zum  Munde  —  in  Biktoria  beträgt
der  Fehlbetrag  37,  in  Neufsüdwales  27  Millionen  Mark  trotz  aller  Zollund
  Frachterhöhungen,  der  Entlassung  von  Lehrern  und  Schließung  von
Schulen,  der  Herabsetzung  der  Beamtengehälter  u.  s.  w,;  an  Staatsschulden
kommen  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  bereits  in  Neusüdwales  960,  in
Südaustralien  1300,  in  Queensland  fast  1500  „1,  so  daß  ein  Viertel  bis
ein  Drittel  aller  Staatseinkünfte  an  Zinsen  gezahlt  werden  muß.  Die  Bevölkerung
  geht  an  Zahl  zurück  (z.  B.  in  Melbourne),  die  Heiraten  vermindern
  sich  (z.  Viktoria  von  8,48  in  1888  auf  5.98  %  0  in  1893),  die
Einwanderung  ist  kaum  nennenswert.  Durch  Vereinfachung  der  Verwaltung
nun  können  mindestens  30  Millionen  Mark  jährlich  gespart  werden,  und
so  sehr  sich  einzelne  Regierungen  und  die  zahllosen  Aemterjäger  auch  sträuben
—  das  Volk  von  Australien  fordert  jetzt  nachdrücklich  eine  Aenderung  des
gegenwärtigen  Zustandes.  In  Sydney  ist  dieser  Tage  eine  „australische
Bundesliga“  ins  Leben  getreten,  die  bereits  ein  eigenes  Organ  besitzt;  das
Parlament  hat  die  Notwendigkeit  der  Verbündung  mit  50  gegen  10  Stimmen
bejaht  und  für  Januar  ist  eine  Zusammenkunft  der  Premierminister  sämtlicher
  Kolonieen  in  Hobart  (Tasmanien),  wo  soeben  die  „internationale
Ausstellung“  eröffnet  worden  ist,  geplant;  Neuseeland  allein  schließt  sich
aus,  und  Queenslands  Premier,  Nelson,  zögert  noch,  wird  aber  durch  das
Parlament  zur  Zustimmung  gezwungen  werden.  Aufßer  den  staatswirtschaftlichen
  Rücksichten  wirkt  auch  die  Ueberzeugung  bestimmend,  daß  Australien
im  Kriegsfalle  völlig  wehrlos  sei;  General  Tulloch,  der  während  der  letzten
fünf  Jahre  die  viktorianischen  Milizen  befehligte,  führte  letzthin  aus,  daß
von  den  14  Schiffen,  die  das  australische  Geschwader  zählte,  im  Ernstfalle
höchstens  6  wirklich  kriegsfähig  seien;  die  Artilleriekorps  der  einzelnen  Kolonien
sind  ohne  Zusammenhang  und  stehen  keineswegs  auf  der  Höhe  moderner
Technik.  Wie  die  Verhältnisse  gegenwärtig  liegen,  ist  an  der  endlichen
Lösung  der  Verbündungsfrage  jetzt  kaum  mehr  zu  zweifeln,  und  mit  ihr
wird  für  den  fünften  Erdteil  eine  neue  Aera  beginnen.

Der  Kongreß  der  Premierminister  beschließt,  daß  jede  Kolonie  einen
Ausschuß  zur  Vorberatung  der  Bundesverfassung  wählen  soll,  die  dann  der
englischen  Regierung  vorgelegt  werden  soll  (6.  Febr.).

Januar.  (Neusüdwales.)  Niederlage  der  Schutzzöllner  bei

den  Wahlen.
Januar.  (Hawaii.)  Royalistischer  Aufstand.

Der  Aufstand  wird  rasch  niedergeschlagen,  die  Rädelsführer  verhaftet
und  vor  ein  Kriegsgericht  gestellt.  Die  Exkönigin  Liliuoakalani  wird  der
Mitschuld  angeklagt  und  zu  5  Jahren  Gefängnis  verurteilt  (24.  Febr.),  aber
später  begnadigt.

Mai.  Aufstand  in  Samoa.
        <pb n="317" />
        Afriia.  (Januar.  —  April  12.)  309

November.  (Viktoria.)  Bedeutende  Ermäßigung  der  Tarife.

November.  Dezember.  Neusüdwales,  Südaustralien  und
Viktoria  beschließen  dem  zu  begründenden  Bunde  der  Kolonien
Australiens  beizutreten.

XXII.
Afrika.

Januar.  (Laurengo  Marquez.)  Neuer  Aufstand  gegen
Portugal.

13.  Januar.  (Erythräa.)  General  Baratieri  schlägt  Ras
Mangascha  bei  Coatit.

17.  Januar.  (Erythräg.)  Die  britische  Regierung  lehnt
ein  Schutzgesuch  Mangaschas  ab.

Januar.  Februar.  Marokko  und  Spanien.  S.  Spanien.

22.  Januar.  (Sierra  Leone.)  Vertrag  zwischen  England

und  Frankreich.

Frankreich  erhält  das  Ober-Niger-Becken  und  behält  den  Posten
Erimankono  sowie  die  Straße  von  Uelia,  welche  die  französischen  Küstenposten
  mit  dem  Innern  und  mit  Futa-Diallon  verbindet.  (Vgl.  Staats-Arch.
  Bd.  57).

27.  Januar.  (Pretoria.)  Transvaal,  Deutschland  und

England.

Der  Präsident  der  südafrikanischen  Republik  Krüger  betont  in
einer  Rede  zur  Feier  des  Geburtstags  des  Deutschen  Kaisers  die  Notwendigkeit
  engerer  Beziehungen  zwischen  Transvaal  und  Deutschland.  Die  Rede
wird  in  der  Kapkolonie  und  in  England  vielfach  kommentiert  und  erfährt
von  englischer  Seite  heftige  Angriffe.

29.  Januar.  (Britisch-Westafrika.)  Eingeborne  plündern
Akassa  an  der  Nigermündung.  Strafexpedition  am  22.  und  23.  Februar.


5.  Februar.  Vertrag  zwischen  Frankreich  und  Belgien  über
den  Kongostaat.  S.  Belgien.

28.  Februar.  (Madagaskar.)  Die  Franzosen  landen  unter
General  Metzinger  in  Majunga  (vgl.  hiezu  Internationale  Revue
über  die  gesamten  Armeen  und  Flotten  Bd.  14).

25.  März.  (Erythräg.)  Baratieri  besetzt  Adigrat.

12.  April.  (Marokko.)  Ermordung  des  Deutschen  Rockstroh
  in  Saffi  (s.  S.  164).
        <pb n="318" />
        310  Ifrika.  (Mai  1.—-November.)

1.  Mai.  (Deutsch-Ostafrika.)  Wißmann  wird  zum  Gouverneur
  ernannt.

April.  (Südafrika.)  England  annektiert  das  Land  zwischen
Amatongaland  und  Swaziland.  In  Transvaal  wird  das  als  Vertragsverletzung
  angesehen.

Mai.  (Südafrika.)  Transvaal  und  Oranje-Freistaat.

Zwischen  beiden  Republiken  finden  Verhandlungen  über  die  Möglichkeit

  eiuer  Verschmelzung  statt.  Auf  beiden  Seiten  herrscht  die  Ansicht  vor,
daß  eine  engere  Verständigung  notwendig  sei  angesichts  des  Ausgreifens
Englands.

6.  Mai.  (Madagaskar.)  General  Duchesne  übernimmt
den  Oberbefehl.

13.  Mai.  (Erythräa.)  General  Baratieri  proklamiert  die
Souveränetät  Italiens  über  Tigre.

Mai.  (Kamerun.)  Rittmeister  v.  Stetten  schlägt  die  Bakokos.

11.  Juni.  (Südafrika.)  Das  Parlament  der  Kapkolonie
beschließt,  das  Betschuanaland  in  britische  Verwaltung  zu  nehmen.

Juni.  (Transvaal.)  Kaffernaufstand,  der  bald  niedergeschlagen
  wird.

29.  Juni.  (Madagaskar.)  Niederlage  der  Hovas  bei
Andriba.

8.  Juli.  Eröffnung  der  Eisenbahn  von  Laurenco  Marques
nach  Prätoria  unter  Teilnahme  deutscher  Kriegsschiffe.

14.  Juli.  (Südafrika.)  Präsident  Krüger  besucht  die
deutschen  Kriegsschiffe  in  der  Delagoabai  und  wechselt  Begrüßungstelegramme
  mit  dem  Deutschen  Kaiser.

Anfang  September.  (Abessinien.)  Der  Chef  des  abesfinischen
  Klerus  protestiert  in  Tigres  feierlich  gegen  die  religiöse  Propaganda
  der  Russen  und  thut  sie  in  den  Bann  (vgl.  Rußland).

30.  September.  (Madagaskar.)  Einnahme  von  Tananarivo
(vgl.  Frankreich).

9.  Oktober.  (Erythräga.)  Niederlage  Ras  Mangaschas  bei
Autalo  (vgl.  S.  336).

November.  (Marokko.)  Aufstand  in  Saffi.

November.  Dezember.  (Kongostaat.)  Notenwechsel  mit
Deutschland  und  England  wegen  der  Hinrichtung  Stokes.

Kapitän  Lothaire  läßt  den  englischen  Elfenbeinhändler  Stokes  hinrichten,
  weil  er  den  arabischen  Sklavenhändlern  Waffen  geliefert  haben  soll.
Die  englische  Regierung  behauptet,  er  sei  ungesetzlich  hingerichtet  worden
und  erlangt  von  der  Kongoregierung,  daß  Lothaires  Handlungsweise  vor
einem  europäischen  Gerichtshof  untersucht  und  der  Familie  Stokes  150  000
        <pb n="319" />
        AIfrika.  (Nov.  26.  —  Dez.  30.)  Isien.  (Jan.  7.—30.)  311

Frcs.  gezahlt  werden  sollen.  Die  deutsche  Regierung  fordert  Entschädigung
der  Begleiter  Stokes  aus  deutschen  Schutzgebieten  und  erhält  100  000  Frcs.
ausgezahlt  (6.  Dezember).

November.  (Südafrika.)  Streit  zwischen  Transvaal  und

der  Kapkolonie.

Die  Regierung  der  Kapkolonie  erklärt  die  Schließung  der  Furten
des  Vaal  für  vertragswidrig  und  fordert  Oeffnung  vom  15.  November  an
(5.  November).  Durch  Vermittlung  Chamberlains  wird  der  Konflikt  beigelegt
  (9.  November).

26.  November.  (Brit.  Ostafrika.)  Die  Massai  metzeln
eine  große  Karawane  nieder.

November.  Dezember.  (Brit.  Westafrika.)  Expedition
gegen  die  Aschantis.

30.  November.  (Madagaskar.)  Eingeborene  zerstören  eine
Missionsstation  in  Ramainaudro.

20.  Dezember.  Kapland  und  Oranje-Freistaat.

Die  Regierung  des  Kaps  erhält  das  Recht,  Etsenbahnen  im  Freistaat
nach  vorheriger  Genehmigung  des  Kap-Parlaments  und  des  Volksraads
zu  bauen.

30.  Dezember.  (Südafrika.)  Eine  mehrere  100  Mann
starke  Bande  der  Chartered  Company  fällt  unter  Dr.  Jameson  in
Transvaal  ein  (s.  Ubersicht).

XXIII.
Asien.

10.  Januar.  (Engl.  Indien.)  Der  Regent  von  Tschitral
wird  von  seinem  Bruder  ermordert.

Januar.  Englische  Zeitungen  berichten  von  Grausamkeiten,
die  die  Japaner  nach  der  Erstürmung  Port  Arthurs  begangen
haben  sollen.

10.  Januar.  Die  Japaner  nehmen  Kaising.

17.  und  22.  Januar.  Siege  der  Japaner  bei  Haitschang.

20./21.  Januar.  Eine  japanische  Armee  landet  in  der  Bai
von  Yung-Tschang.

30.  Januar.  Die  Japaner  nehmen  die  Landforts  von  Wei
Hai  Wei.
        <pb n="320" />
        312  Isien.  (Februar  1.—März  23.)

1.  bis  3.  Februar.  (Hiroschima.)  Friedensunterhandlungen
zwischen  China  und  Japan.

Die  Chinesen  fordern  sofortige  Einstellung  der  Feindseligkeiten,  was
die  Japaner  ablehnen.  Die  Japaner  heben  die  Konferenzen  auf,  da  die
chinesischen  Gesandten  keine  genügende  Vollmacht  haben  und  veranlassen
ihre  sofortige  Abreise.

2.  Februar.  Seefieg  der  Japaner  bei  Wei  Hai  Wai.

3.  Februar.  (Japan.)  Das  Parlament  stellt  der  Regierung
unbegrenzte  Mittel  zur  Kriegführung  zur  Verfügung.

13.  Februar.  Vollständige  Einnahme  von  Wei  Hai  Wai
durch  die  Japaner.

15.  Februar.  (China.)  Li  Hung  Tschang  wird  in  seine
Ehren  und  Würden  wieder  eingesetzt  und  mit  der  Führung  der
Friedensunterhandlungen  beauftragt.

24./27.  Februar.  (Peking.)  Der  große  Rat  beschließt  unter
Vorsitz  des  Kaisers  energische  Friedensverhandlungen  anzubahnen.
24.  Februar.  Sieg  der  Japaner  bei  Tapingschan.

4.  März.  Sieg  der  Japaner  bei  Niu-tschwang.
März.  Die  europäischen  Mächte  und  der  ostasiatische  Krieg.
Geschwader  in  Ostasien.

Englische  und  amerikanische  Blätter  behaupten,  das  russische  und
britische  Mittelmeergeschwader  ginge  nach  dem  Osten,  um  gemeinsam  gegen
die  Japaner  zu  demonstrieren.

Zu  Anfang  dieses  Jahres  sind  nach  der  „N.  Freien  Presse“  auf
dem  ostasiatischen  Kriegsschauplatze  von  fremden  Nationen  76  Schiffe  von
zusammen  220  000  Tonnen  vereinigt.  Hiervon  entfallen  auf  Großbritannien
28  Schiffe  mit  71  943  Tonnen,  212  Kanonen  und  108  550  Pferdekräften,
auf  Rußland  22  Schiffe  mit  71590  Tonnen,  346  Kanonen  und  87  296
Pferdekräften,  auf  Frankreich  13  Schiffe  mit  29  548  Tonnen,  155  Kanonen
und  42  089  Pferdekräften,  auf  Deutschland  7  Schiffe  mit  13587  Tonnen,
93  Kanonen  und  18180  Pferdekräften  und  auf  die  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  7  Schiffe  mit  14  679  Tonnen,  52  Kanonen  und  17770  Pferdekräften.
  Einige  andere  Staaten  sind  mit  geringen  Streitkräften  vertreten.

März.  Japanische  Verluste.

Die  amtlichen  Berichte  beziffern  die  Verluste  des  japanischen  Heeres
in  der  Zeit  vom  21.  September  vorigen  Jahres  bis  zum  8.  März  dieses
Jahres  auf  541  Offiziere  und  Mannschaften,  die  im  Kampfe  gefallen,  131
ihren  Wunden  erlegene,  981  an  Krankheit  verstorbene,  insgesamt  auf  1653.

10.  März.  Sieg  der  Japaner  bei  Thien-Chuang-Thai.

19.  März.  (Simonoseki.)  Beginn  der  Friedensverhandlungen
  zwischen  China  und  Japan.

23.  März.  (Simonoseki.)  Attentat  auf  Li  Hung  Tschang.

Der  chinesische  Unterhändler  Li  Hung  Tschang  wird  durch  einen
fanatischen  Japaner  verwundet.  Die  Unterhandlungen  werden  dadurch  einige
        <pb n="321" />
        Isien.  (Mãrz  24.  —  April  23.)  313

Tage  unterbrochen.  In  Japan  herrscht  große  Erregung  über  den  Vorfall;
das  Parlament  spricht  in  einem  Beschlusse  sein  Bedauern  aus.

24.  März.  Die  Japaner  erobern  die  Pescadores-Inseln.

28.  März.  Korea  und  Japan.  Darlehen.

Das  von  Japan  Korea  angebotene  Darlehen  von  3  Millionen  YDen
ist  auf  der  von  Japan  vorgeschlagenen  Grundlage,  Rückzahlung  in  5  Jahren,
zu  stande  gekommen.

31.  März.  (Simonoseki.)  Waffenstillstand  zwischen  China
und  Japan.

Die  Unterhändler  schließen  einen  Waffenstillstand  bis  zum  20.  April.
Während  dessen  dürfen  die  im  Felde  stehenden  Truppen  nicht  vermehrt
werden.  Ursprünglich  hatten  die  Japaner  harte  Bedingungen,  wie  Zahlung
von  Kriegskosten,  Kontrolle  über  chinesische  Eisenbahnen  u.  s.  w.  gestellt,
aber  nach  dem  Attentat  auf  Li  Hung  Tschang  aufgegeben.

April.  (Indien.)  Eine  englische  Expedition  vertreibt  den
Usurpator  von  Tschitral  (vgl.  Deutsche  Heereszeitung  1895).

17.  April.  (Simonoseki.)  Unterzeichnung  des  Friedens
zwischen  Japan  und  China.

1.  China  erkennt  die  Unabhängigkeit  Koreas  an.  2.  Von  der  Halbinsel
  Liautung  wird  das  Gebiet  abgetreten,  das  südlich  einer  vom  Yaluflusse
  über  Fenghuangtscheng  nach  Haitscheng  und  von  dort  nach  Ying-Kau
gezogenen  Linie  liegt.  3.  Abgetreten  an  Japan  werden  ferner  die  Fischerinseln
  und  Formosa.  4.  Die  Kriegskostenentschädigung  wird  auf  200  Millionen
Taels  festgesetzt,  die  spätestens  in  sieben  Jahren  gezahlt  werden  muß.  Erfolgt
  die  Zahlung  in  drei  Jahren,  so  unterbleibt  eine  Zinsberechnung:  erfolgt
  sie  später,  so  sind  5  Prozent  Zinsen  zu  vergüten.  5.  Wei-Hai-Wai
bleibt  bis  zur  Bezahlung  der  Kriegsschuld  in  japanischem  Besitz;  die  Kosten
der  Okkupation  trägt  China.  6.  Zugestanden  wird  die  volle  Eröffnung
von  Tschung-King,  Schischi  und  Sutschau  und  das  Recht,  Rohmaterialien
mit  fremden  Maschinen  in  den  geöffneten  Häfen  zu  verarbeiten.  7.  Wird
der  Abschluß  eines  Handels=  und  Freundschaftsvertrages  bedungen  nach
Austausch  der  Ratifikationen  dieses  Friedensvertrages.  Der  Austausch  ist
auf  den  8.  Mai  festgesetzt  (den  Notenwechsel  der  Unterhandlungen  S.  „Staats-Archiv“
  Bd.  57).

April.  (China.)  Deutsche  Häuser  übernehmen  eine  6  prozentige
  chinesische  Anleihe  von  50  Millionen  Mark,  die  bis  1900
unkündbar  und  durch  die  chinesischen  Seezölle  garantiert  sein  soll.

22.  April.  (okohama.)  Der  Kaiser  von  Japan  dankt  in
einer  Proklamation  den  Truppen  für  ihre  bewiesene  Tapferkeit  und
hofft,  daß  die  Freundschaft  mit  China  wiederhergestellt  werde.

23.  April.  (Tokio.)  Intervention  von  Deutschland,  Frankreich
  und  Rußland.

Die  Vertreter  der  drei  Mächte  protestieren  gegen  die  Friedensbedingungen;
  die  Abtretung  der  Halbinsel  Liautung  wäre  eine  fortwährende
Bedrohung  Pekings,  bedrohe  die  Unabhängigkeit  Koreas  und  die  Aufrechterhaltung
  des  Friedens  im  äußersten  Osten.  Der  Einspruch  sei  als  ein
freundlicher  Rat  und  nicht  als  eine  Drohung  eingereicht.
        <pb n="322" />
        314  Isien.  (Mai  5.—0Oktober.)

5.  Mai.  Japans  Antwort  auf  den  Protest.

Die  japanische  Regierung  erklärt  in  Berlin,  Petersburg  und  Paris,
daß  sie,  dem  freundschaftlichen  Rat  der  drei  Mächte  nachfolgend,  sich  entschlossen
  habe,  auf  die  endgültige  Besitznahme  der  Halbinsel  Liautung  mit
Port  Arthur  zu  verzichten.

8.  Mai.  (Tschifu.)  Ratifikation  des  japanisch-chinefischen
Friedensvertrages.

Mai.  (ÖOÖstasien.)  Formosa  erklärt  sich  zur  unabhängigen
Republik  und  leistet  der  Besitznahme  durch  Japan  Widerstand.

Juni.  (China.)  Angriff  auf  Missionsstationen  in  Kiating
und  Dotschau.

6.  Juli.  Chinefisch-russische  Anleihe.  S.  Rußland.

Juli.  Vertrag  zwischen  Frankreich  und  China.

Frankreich  behält  einen  Konsularagenten  in  Tiengheng  und  einen
Konsul  in  Hokkow,  das  ein  offener  Hafen  sein  soll.  Dunchow,  Kwangsi,
die  Provinz  Nengtse  sowie  Schenao,  zwischen  den  Flüssen  Mekong  und
Namtse  gelegen,  sind  dem  französisch-anamitischen  Handel  zu  eröffnen.  In
Schaeno  dürfen  sich  französische  Staatsangehörige  niederlassen  und  Einrichtungen
  für  Warentransporl  auf  den  Flüssen  Losoban  und  Mekong  sowie
  auf  der  Mandarinenstraße  herstellen.  Die  französischen  Ingenieure  haben
das  Vorrecht  zur  Ausbeutung  der  Bergwerke  in  den  drei  chinesischen  Südprovinzen
  Kwantung,  Kwangsi  und  Yünnan.  Frankreich  darf  die  Eisenbahnen
  über  Anam  hinaus  weiterbauen  und  Schenao  telegraphisch  mit
Nuanghahin  am  Namaflusse  verbinden.  (Vgl.  über  die  ostasiatische  Politik
Frankreichs  Annales  de  FP’ecole  libre  des  sciencet  pol.  1895).

August.  (Ehina.)  Ermordung  englischer  und  amerikanischer
  Missionare  durch  den  Vegetarierbund  in  Futschau.

August.  (Korea.)  Das  Reformministerium  wird  gestürzt.

29.  August.  (China.)  Li  Hung  Tschang  wird  zum  Kanzler
ernannt.

30.  August.  China  verspricht  den  durch  die  Aufständischen
in  Futschau  geschädigten  Amerikanern  Genugthuung.

September.  (Japan.)  Das  Parlament  bewilligt  einen
Kredit  von  200  Millionen  Yen  zum  sofortigen  Bau  neuer  Kriegsschiffe.


September.  (China.)  Zerstörung  von  deutschen  Missionen
in  Swatu.  China  verspricht  Genugthuung.

Oktober.  (China.)  Aufstand  der  Dunganer  (muhamedanischer
  Chinesen)  in  Kan-su.

Oktober.  China  sichert  auf  ein  englisches  Ultimatum  Entschädigungszahlung
  an  die  englischen  Missionare  und  Bestrafung
der  Schuldigen  zu.
        <pb n="323" />
        Isien.  (Oktober  19.)  315

Oktober.  (Portugiesisch-Indien.)  Meuterei  in  Goa.

Oktober.  (Korea.)  Unruhen  in  Söul;  Ermordung  der  reformfeindlichen
  Königin.

19.  Oktober.  (Tokio.)  Japan  und  die  drei  Interventionsmächte.


Japan  tritt  vollständig  den  Gesichtspunkten  bei,  welche  die  Intervention
  Deutschlands,  Frankreichs  und  Rußlands  in  dem  chinesischen  Konflikte
  zwischen  China  und  Japan  aufgestellt  hatte.  Japan  ermäßigt  danach
die  Entschädigung,  welche  es  von  China  als  Ausgleich  für  die  Räumung
der  Halbinsel  Liautung  verlangt  hatte,  auf  30  0000000  Taels;  ferner  erklärt
sich  Japan  damit  einverstanden,  aus  dem  Abschlusse  eines  Handelsvertrages
mit  China  keine  Bedingung  für  die  Räumung  der  Halbinsel  Liautung  machen
zu  wollen;  diese  Räumung  hat  zu  Ende  des  Monats  Januar  stattzufinden.
Endlich  verpflichtet  Japan  sich,  auf  jede  Kontrolle  über  den  Kanal  von
Formosa  zu  verzichten  und  Formosa  und  die  Pescadores-Inseln  an  keine
andere  Macht  abzutreten.
        <pb n="324" />
        Allgemeine

ausübersicht


der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1895.

Seit  Jahren  konnte  die  Betrachtung  des  Geschichtskalenders
mit  der  Bemerkung  eingeleitet  werden,  daß  keine  internationalen

wärtige  Verwickelungen  von  tieferer  Bedeutung  zu  verzeichnen  seien.  Das

Politik.

Japanisch-



Krieg.

Jahr  1895  hat  hierin  gründlich  Wandel  geschaffen;  es  hat  eine
Reihe  von  Krisen  erlebt,  die  auf  die  politische  Stellung  der  europäischen
  und  außereuropäischen  Mächte  von  nachhaltigem  Einfluß
sein  werden.  Die  erste  Hälfte  des  Jahres  stand  unter  dem  Zeichen
des  ostafiatischen  Krieges  und  der  sich  daranschließenden  Intervention
der  Europäer.  Wie  im  vorigen  Jahre  so  waren  auch  in  diesem  die
Japaner  fiegreich.  Zwar  kam  ihr  Vormarsch  in  der  Mantschurei
infolge  des  harten  Winters  ins  Stocken,  aber  durch  eine  Landung
auf  der  Halbinsel  Kunlun-schan  schufen  sie  sich  ein  neues  Operationsgebiet
  (Mitte  Januar)  und  nach  wenig  Wochen  war  Weihai-wai,
  der  zweite  große  Kriegshafen  Chinas,  in  ihren  Händen,
die  chinesische  Flotte  vernichtet  oder  erobert.  Einen  Monat  später
war  auch  die  chinesische  Armee  in  der  Mantschurei  kampfunfähig
gemacht,  und  China  mußte  sich  zu  ernstlichen  Friedensanerbietungen
verstehen.  Die  Chinesen  hatten  schon  mehrfach  Verhandlungsversuche
  gemacht,  aber  ohne  die  Unterhändler  mit  genügenden  Vollmachten
  auszurüsten,  so  daß  die  Japaner,  bei  denen  überdies  eine
einflußreiche  Partei  auf  rücksichtslose  Fortsetzung  des  Krieges  drängte,
nicht  an  den  Ernst  der  Anerbietungen  glaubten  und  die  Friedensboten
  heimschickten  (Februar).  Jetzt  aber  ging  der  bedeutendste
Staatsmann  Chinas,  der  Vizekönig  Li  Hung  Tschang,  mit  unbeschränkter
  Vollmacht  nach  Japan,  und  in  der  That  kam  erst
        <pb n="325" />
        Mebersicht  der  yolitischen  Entwickelung  des  Jahres  1895.  317

eine  Waffenruhe  zu  stande  (31.  März),  der  dann  der  Friede  folgte
(S.  313).  Mit  der  Abtretung  der  Halbinsel  Liautung,  die  Japan
sich  ausbedang,  wäre  Korea  eine  Enklave  in  japanischen  Besitzungen
geworden,  von  einer  wirklichen  Unabhängigkeit  der  Halbinsel  hätte
keine  Rede  sein  können,  und  ebenso  wäre  ein  großer  Teil  Chinas
politisch  und  wirtschaftlich  unter  Japans  Einfluß  geraten.  Deshalb
protestierten  Rußland,  Frankreich,  Deutschland  und  Spanien  gegen
diese  Bestimmung  des  Traktats,  und  Japan,  das  von  keiner  Seite
Unterstützung  zu  erwarten  hatte,  wagte  keinen  Widerstand,  sondern  *-erklärte
  sich  sofort  zum  Verzicht  auf  Liautung  gegen  eine  Entschädigung
  von  150  Millionen  Mark  bereit.

Daß  das  benachbarte  Rußland  großes  Interesse  daran  hatte,  Motive.
Japan  nicht  übermächtig  werden  zu  lassen,  liegt  auf  der  Hand,  und
ebenso  ist  es  erklärlich,  daß  Frankreich  mit  seinem  Bundesgenossen
zusammenging  (S.  256).  Überraschend  war  allein  die  Haltung  der
deutschen  Regierung,  die  plötzlich  an  der  Seite  ihrer  europäischen
Gegner  erschien,  um  eine  siegreiche  Macht,  für  die  die  öffentliche
Meinung  in  Deutschland  aufs  entschiedenste  Partei  genommen  hatte,
um  die  Früchte  ihrer  Siege  zu  bringen,  nachdem  vor  einem  halben
Jahre  ein  ähnliches  Bestreben  Englands  (Okt.  1894)  grade  an  dem
Widerspruche  Deutschlands  gescheitert  war.  Begründet  wurde  die
deutsche  Politik  mit  der  Notwendigkeit,  nicht  den  Franzosen  und
Russen  allein  die  Schlichtung  des  ostafiatischen  Konflikts  zu  überlassen.
  Die  Mächte  würden,  da  ein  bewaffneter  Widerstand  Englands
  nicht  anzunehmen  war,  auch  allein  Japan  zum  Nachgeben
gezwungen  und  sich  für  ihre  Mühe  an  chinefischem  Gebiete  schadlos
gehalten  haben.  Dadurch  daß  Deutschland  an  der  diplomatischen
Aktion  teilnahm,  wurde  Japan  ohne  Schwertstreich  zum  Einlenken
bewogen  und  ferner  konnte  Deutschland  die  Ansprüche  seiner  Bundesgenossen
  mäßigen  und  bei  einer  eventuellen  Verteilung  chinefischen
Gebietes  gebührende  Berücksfichtigung  seiner  Interessen  verlangen.
Der  Wunsch  also,  Japan  vor  einem  verderblichen  Kriege  zu
schützen  und  die  einseitige  Steigerung  des  russisch-franzöfischen
Einflußes  in  China  zu  verhindern,  war  bestimmend  für  Deutschlands
  Haltung,  die  im  Inlande  keineswegs  ungeteilten  Beifall
fand  (S.  112).
        <pb n="326" />
        Enalend

und

318  Aebersit  der  pelitischen  Eniwinelrag  des  Jahres  1895.
In  umgekehrter  Lage  als  Deutschland  befand  sich  England.

Ostaften.  Es  wäre  nach  den  ersten  chinefischen  Niederlagen  den  Japanern  gern

in  den  Arm  gefallen,  und  seine  Presse  zeigte  ihnen  während  des
ganzen  Kriegs  wenig  Sympathie:  mit  dem  Friedensschlusse  dagegen
stand  es  plötzlich  an  der  Seite  der  so  heftig  angefeindeten,  und  die
Presse  richtete  die  heftigsten  Angriffe  auf  die  Interventionsmächte.
Der  Grund  scheint  zu  sein,  daß  England  die  Unmöglichkeit,  die
Integrität  Chinas  zu  erhalten,  erkannt  hatte,  und  sich  nun  in.
Japan  einen  Bundesgenossen  gegen  die  China  umdrängenden  Russen
und  Franzosen  zu  sichern  suchte.  Die  britische  Regierung  war  also
hier  wieder  zu  dem  alten  Gegensatze  zu  Rußland  und  Frankreich,
den  Rosebery  zu  mildern  gesucht  hatte,  zurückgekehrt.  Vieles  mag
an  allen  diesen  Ereignissen  noch  dunkel  sein:  deutlich  erkennbar  ist
das  historisch  wichtigste  Faktum:  zum  ersten  Male  find  die  europäischen
  Großmächte  einer  afiatischen  Macht  gegenübergetreten,  die
Interesse  und  Mittel  hat,  in  einem  künftigen  großen  europäischen
Konflikte  Partei  zu  ergreifen.

Armeni-  Das  zweite  große  Ereignis  der  auswärtigen  Politik  war  der
*WW  armenische  Aufstand.  Wir  haben  im  vorigen  Jahrgange  gesehen,

daß  England  die  Untersuchung  der  von  den  Armeniern  gegen  die
Pforte  erhobenen  Beschuldigungen  in  Angriff  genommen  und  daß
sich  ihm  Rußland  und  Frankreich  angeschlossen  hatten.  In  England
herrschte  in  weiten  Kreisen  ein  ehrlicher  Abscheu  gegen  die  Mißhandlung
  der  Armenier;  unter  Gladstones  Führung  wurde  unermüdlich
  für  die  Befreiung  der  Glaubensbrüder  in  Vereinen  wie  in
der  Prefse  Stimmung  gemacht,  und  ein  geheimes  armenisches  Komite
in  London  verbreilete  mit  allen  Mitteln  skrupelloser  Agitation  in
ganz  Europa  Berichte  von  den  Greuelthaten  der  türkischen  Barbaren.
Daß  auch  die  britische  Regierung  im  Gegensatz  zu  ihrer  traditionellen
  türkenfreundlichen  Politik  eine  offensive  Haltung  gegen  die
Pforte  annahm,  erklärt  sich  daraus,  daß  sie  —  wie  in  Ostafien  —
den  unhaltbaren  Zustand  der  Dinge  erkannt  hatte  und  keiner  andern
Macht,  insbesondere  nicht  Rußland,  die  Neuordnung  überlassen
wollte.  Rußland  wiederum  konnte  aus  demselben  Grunde  dem
englischen  Vorgehen  nicht  fern  bleiben  und  schloß  sich  ihm  an,  wie
es  scheint,  mehr  um  den  britischen  Reformeifer  zu  zügeln  als  zu
        <pb n="327" />
        IIIIEXILIIIIILIIIIIE  319

unterstützen.  Frankreich,  das  die  englische  Herrschaft  in  Egypten
mit  Widerwillen  sieht  und  daher  an  der  Lösung  der  türkischen  Frage
lebhaft  interessiert  ist,  war  auch  hier  Rußlands  treuer  Helfer.  Die
Pforte  suchte  dem  drohenden  Sturme  durch  Einsetzung  einer  Kommission
  zur  Untersuchung  und  Abstellung  der  armenischen  Mißstände
zu  entgehen,  aber  da  die  Mächte  der  Redlichkeit  ihrer  Absichten
mißtrauten,  so  legten  fie  ihr  ein  Projekt  vor  (11.  Mai),  das  für
die  armenischen  Vilajets  Bitlis,  Siwas,  Wan,  Erzerum,  Mamured  Meformul
  Aziz,  Diarbekir  eine  Reihe  von  Verwaltungsreformen  forderte.  projert.
Außerdem  sollte  eine  aus  Christen  und  Muhamedanern  gemischte
Kommission  die  Ausführung  der  Reformen  überwachen  und  den
Mächten  sollte  gestattet  sein,  mit  dieser  Kommission  direkt  zu  verkehren.
  Der  Sultan  wollte  anfangs  von  diesen  Vorschlägen  nichts
hören;  Reformen  für  einzelne  Provinzen,  erwiderte  er,  seien  unmöglich
  und  für  das  ganze  Reich  bereits  in  Vorbereitung.  Nach  monatelangen
  Verhandlungen  endlich  gab  er  in  einigen  Punkten  nach  und
versprach  eine  Uberwachungskommission  von  osmanischen  Staatsbürgern
  einzusetzen,  die  mit  den  Botschaftern  der  Mächte  direkt  verkehren
  sollte  (7.  Sept.).  Ehe  diese  Angelegenheit  abgeschlossen  war,
kam  es  in  Konstantinopel  zu  einem  furchtbaren  Gemetzel,  hervorgerufen
  durch  eine  tumultuarische  Massenpetition  der  Armenier
und  ihren  Widerstand  gegen  die  türkische  Polizei,  die  die  Ansammlung
  nicht  dulden  wollte  (30.  Sept.).  Der  Fanatismus  der  Mos-  Armelemen
  erwachte,  die  Armenier  wurden  blutig  verfolgt,  mußten  sich  —l
in  die  Kirchen  flüchten  und  wagten  diese  erst  nach  einigen  Tagen
unter  dem  Schutz  der  fremden  Botschafter  zu  verlassen.  Wie  behauptet
  wird,  soll  dieser  Putsch  vom  armenischen  Geheimkomitee  in
London  angezettelt  sein,  um  durch  Vorführung  von  Schreckensszenen
das  Mitleid  Europas  für  die  Armenier  zu  beleben  und  einen  Druck
auf  die  Mächte  auszuüben.

Die  nächste  Folge  dieses  Vorganges  war  die  dringende  Forderung
  der  Mächte  an  die  Pforte,  Leben  und  Eigentum  der  Christen
in  der  Hauptstadt  zu  schützen,  der  die  Pforte  auch  durch  starke
Polizei=  und  Militäraufgebote  nachkam.  In  den  Provinzen  aber
beantworteten  die  Muhamedaner  die  Kundgebung  der  verhaßten  Autbad
Armenier  mit  neuen  blutigen  Verfolgungen;  im  Novemher  kam  es  menien.
        <pb n="328" />
        Vorstellungen


aller

Großmächte.



320  Nebersicht  der  politisczen  Entwickelung  des  Jabres  1895.

in  Trapezunt,  Erzerum,  Siwas  in  Stadt  und  Land  zu  wiederholten
Metzeleien,  100  000  Armenier  sollen  erschlagen,  viele  im  Gebirge
und  in  den  Wäldern  dem  Tode  durch  Frost  und  Hunger  preisgegeben
  worden  sein.  Die  türkischen  Behörden  waren  entweder
ohnmächtig  oder  nicht  willens,  diesen  Greueln  zu  steuern.  In  Zeitun
hatten  die  Armenier  die  Oberhand:  sie  nahmen  die  türkische  Garnison
  gefangen  und  töteten  sie,  als  eine  türkische  Armee  herannahte.
Mögen  nun  auch  die  Berichte  von  den  Greuelthaten  und  die  Zahlen
der  Umgekommenen  weit  übertrieben  sein,  sie  wurden  doch  der  Ausgangspunkt
  erneuter  Vorstellungen  der  Mächte  an  die  Pforte.  Und
zwar  schloß  sich  jenen  drei  Mächten  jetzt  der  mitteleuropäische  Dreibund
  an:  auf  Grund  des  Berliner  Vertrages  forderte  er  amtliche
Mitteilung  der  geplanten  Reformen  in  Armenien  (9.  Nov.).  Die
Großmächte  einigten  sich  auf  ÖOsterreichs  Vorschlag  nur  gemeinsam
vorzugehen  und  gaben  ihren  Forderungen  durch  Ansammlung  von
Geschwadern  in  den  türkischen  Gewäffern  Nachdruck.  Trotzdem  setzte
die  Pforte  allen  Vorschlägen  zähen  Widerstand  entgegen;  dem  Begehren
  der  Mächte  auf  Grund  des  Pariser  Vertrages  von  1856  die
Durchfahrt  eines  zweiten  Stationsschiffes  nach  Konstantinopel  zu
gestatten,  suchte  sie  wochenlang  auszuweichen;  erst  als  jede  Hoffnung
auf  einen  Zwist  in  den  Reihen  ihrer  Gegner  schwand,  fügte  sie
sich  (S.  293).  Bei  Schluß  des  Jahres  war  die  Ruhe  in  Armenien
durch  die  Versammlung  großer  Streitkräfte  notdürftig  wiederhergestellt,
  das  eigentliche  Problem  jedoch,  die  Herstellung  solcher  Beziehungen
  zwischen  den  verschiedenen  Nationen  und  Bekenntnissen,
die  ein  friedliches  Nebeneinanderleben  in  einem  gemeinsamen  Staatswesen
  verbürgen,  noch  bei  weitem  nicht  gelbst.

Die  schärfste  Sprache  gegen  die  Pforte  hatte  von  allen  Mächten

Rußlandstets  England  geführt,  ja  Lord  Salisbury  hatte  öffentlich  den  Ge--zand

  danken  einer  Vernichtung  der  Türkei  erörtert  und  auf  einen  demüland.

  tigen  Brief  des  Sultans  seine  Worte  sachlich  nicht  gemildert  (S.  243).

Rußland  dagegen  zeigte  sich  weit  maßvoller  und  wies  insbesondere
die  Idee  einer  Teilung  der  Türkei  zurück.  Die  russische  Presse  war
voller  Mißtrauen  gegen  England,  sie  argwöhnte  sogar,  daß  die
britische  Regierung  eine  Aktion  gegen  die  Pforte  nur  deshalb  so
        <pb n="329" />
        Nebersicht  der  politischen  Enimiuelung  des  Jahres  1896.  321

lebhaft  betrieb,  um  die  Aufmerksamkeit  von  den  Dingen  in  Ostasien
  abzulenken  (S.  289).

Die  Möglichkeit  einer  dritten  internationalen  Verwicklung  keane
tauchte  am  Schluß  des  Jahres  auf  infolge  eines  Konfliktes  der  aal
Südafrikanischen  Republik  mit  den  Engländern.  Schon  lange  haben
die  Engländer,  die  in  Transvaal  in  großer  Zahl  als  Arbeiter  und
Unternehmer  thätig  sind,  gestrebt,  den  Buren  politisch  gleichgestellt
zu  werden  und  Anteil  an  der  Regierung  des  Landes  zu  erhalten,
bisher  aber  immer  vergeblich.  Im  letzten  Jahre  nun  war  diese
Agitation  besonders  lebhaft  betrieben  und  für  Anfang  1896  eine
große  Kundgebung  angesetzt  worden,  um  den  um  diese  Zeit  zusammentretenden
  Volksrat  der  Buren  zu  beeinflussen.  Um  diese
Demonstration  zu  unterstützen  und  die  burische  Regierung  einzuschüchtern,
  brach  in  den  letzten  Tagen  des  Jahres  Dr.  Jameson,
ein  Beamter  englischer  Handelsgesellschaften  an  der  Spitze  mehrerer
Hundert  Bewaffneter  aus  der  Kapkolonie  in  die  Südafrikanische
Republik  ein,  wurde  aber  nach  einigen  Tagen  mit  seiner  ganzen
Gefolgschaft  von  dem  burischen  Aufgebot  gefangen  genommen.  Da
der  Präfident  der  Burenrepublik,  Krüger,  die  Konsuln  von  Deutschland
  und  Frankreich  sogleich  von  dem  Friedensbruch  in  Kenntnis
gesetzt  hatte,  und  England  ein  Suzeränetätsrecht  über  Transvaal  beansprucht,
  so  wurde  diese  Anrufung  fremder  Mächte  in  England  als
vertragswidrig  bezeichnet,  und  die  ganze  englische  Presse  überschüttete
den  Präsidenten  Krüger  mit  den  größten  Schmähungen.  In  der  deutschen
  Presse  wurde  dagegen  aus  den  Aktenstücken  (Staats-Archiv
Bd.  40,  44,  57)  die  Unabhängigkeit  Transvaals  nachgewiesen  und
man  nahm  um  so  eifriger  für  die  Buren  Partei,  als  der  Argwohn
weit  verbreitet  war,  daß  England  eine  Annexion  der  Südafrikanischen
  Republik  beabsichtige,  wodurch  die  deutschen  Kolonien  aufs
ädußerste  bedroht  sein  würden.  Dem  Tadel,  den  der  Kolonialminister
Chamberlain  und  die  Kapregierung  über  Jameson  aussprachen,
wurde  kein  Wert  beigelegt.  Die  Einverleibung  des  Amatongalandes
und  Betschuanagebietes,  die  Ausführungen  der  englischen  Presse,
das  intime  Verhältnis  des  Premierministers  der  Kapkolonie,  Cecil
Rhodes,  zu  Dr.  Jameson  bestätigten  jenen  Verdacht  und  veranlaßten

die  Behauptung,  daß  die  Regierung  der  Kapkolonie  dem  Vorhaben
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XIITV1I.  21
        <pb n="330" />
        322  Aebersicht  der  politischen  Eutwichelnng  des  Jahres  1895.

Jamesons  nicht  fern  stehe  und  ihn  nur  verleugne,  weil  sein  Anschlag
  mißlungen  sei.  Da  zugleich  die  deutsche  Regierung  (31.  Dez.)
in  einer  Note  an  das  englische  Kabinett  unter  Hinweis  auf  den
von  einer  englischen  Kolonie  aus  erfolgten  Friedensbruch  Aufrechterhaltung
  des  internationalen  Rechts-Zustandes  in  Südafrika  forderte
und  die  Antwort  erhielt,  daß  die  britische  Regierung  Jamesons
Expedition  mißbillige  und  den  beteiligten  englischen  Offizieren  den
Rückzug  befohlen  habe,  so  erblickten  die  englischen  Blätter  hierin
eine  Einmischung  in  die  Beziehungen  zwischen  England  und  dem
unter  englischer  Oberhoheit  stehenden  Transvaal.  Diese  Differenzen
hatten  eine  überaus  heftige  Fehde  zwischen  englischen  und  deutschen
Organen  zur  Folge,  die  noch  gesteigert  wurde,  als  der  deutsche  Kaiser
den  Präsidenten  Krüger  zu  seinem  Siege  beglückwünschte.  In  der
Hitze  des  Gefechts  drohten  die  englischen  Blätter  mit  einer  Annäherung
  Englands  an  Rußland  und  Frankreich,  das  Vorgehen
gegen  die  Buren  wurde  jedoch  hier  ebenso  verurteilt  wie  in  Deutschland.
  Das  Ende  des  Streites  ist  noch  nicht  absehbar,  insbesondere
ist  noch  dunkel,  wie  in  Transvaal  das  Verhältnis  zwischen  Buren
und  Eingewanderten,  die  Ouelle  aller  Reibungen  geregelt  werden
  wird.

Deutsch-  In  Deutschland  beherrschte  der  Kampf  um  die  Umsturzvorlage
um  nndas  öffentliche  Leben  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres.  Ihre  Vervorlage.
  teidiger,  die  Konservativen  und  Nationalliberalen,  argumentierten,
die  Sozialdemokratie  strebe  nach  der  Revolution,  sie  predige  den
Klassenhaß,  tyrannisiere  Arbeiter  und  Unternehmer,  verspotte  das
Nationalgefühl  und  untergrabe  jede  Autorität;  der  Staat  müsse  sie
daher  auch  als  den  Bahnbrecher  der  Anarchie  rücksichtslos  bekämpfen
und  den  ruhigen  Bürger  vor  ihr  schützen.  Nein,  erwiderten  ihre
Gegner,  außer  den  Freisinnigen  und  Antisemiten  eine  Anzahl  Politiker
  und  Publizisten  ohne  bestimmte  Parteirichtung,  nicht  der  Staat
sondern  die  bürgerliche  Bevölkerung  selbst  soll  in  erster  Linie  den
Kampf  führen;  wenn  ihn  der  Staat  unternimmt,  wird  der  Bürger
die  Hände  in  den  Schoß  legen  in  der  Hoffnung  durch  die  Polizei
von  dem  Feinde  befreit  zu  werden;  die  Sozialdemokratie  aber  wird
gegen  solche  Angriffe  der  Obrigkeit,  die  ihr  billige  Märtyrer  verschaffen,
  sich  nur  fester  zusammenschließen,  während  sie  sich  selbst
        <pb n="331" />
        Aeberscht  der  politischen  Eutwickelung  des  Jahres  1895.  323

überlassen  bald  durch  innere  Zwistigkeiten  in  ihrer  Aktionsfähigkeit
gehemmt  sein  wird.  Der  Staat  hat  nur  die  Aufgabe,  durch  soziale
Reformen  die  allgemeine  Unzufriedenheit  zu  mindern.  Das  Schicksal
des  Gesetzes  sollte  indessen  nicht  von  diesen  beiden  Richtungen,  sondern
  von  einer  dritten,  dem  Zentrum,  bestimmt  werden.  Die  Zentrumsredner
  führten  aus,  daß  nicht  die  verführten  Massen  die  gefährlichsten
  Feinde  der  Gesellschaft  seien,  sondern  diejenigen,  die  den
Sozialdemokraten  die  Waffen  zu  ihrer  verderblichen  Agitation  lieferten:
  die  Professoren,  die  die  Unsterblichkeit  der  Seele,  das  Dasein
Gottes  leugneten  und  damit  alle  hergebrachten  sittlichen  Anschauungen
  erschütterten  (S.  4).  In  der  Kommission  gelang  es  dem
Zentrum  einige  Strafbestimmungen  durchzusetzen,  die  Religion  und
Sitte  schützen  sollten  (S.  115),  aber  wiewohl  die  weitgehendsten
Zentrumsanträge  abgelehnt  waren  (S.  59),  so  war  doch  hierdurch
die  Tendenz  der  Vorlage  durchaus  verändert;  nicht  mehr  gegen  die
Ausschreitungen  der  Sozialdemokratie,  erklärten  die  Mittelparteien,
seien  ihre  Bestimmungen  gerichtet,  sondern  gegen  die  freie  wissenschaftliche
  Forschung.  Unter  diesen  Umständen  war  keine  Mehrheit
für  das  Gesetz  zu  finden  und  es  fiel  nach  mehrtägiger  Verhandlung
(S.  136).

Dieser  resultatlose  Streit  absorbierte  zum  großen  Teil  die  Neichs-Thätigkeit
  des  Reichstags  und  positives  wurde  wenig  geschaffen.  Wie  109.
im  vorigen  Jahre  wurde  viel  über  die  Not  der  Landwirtschaft
debattiert;  einige  „kleine  Mittel“,  die  Branntweinsteuer  und  die
Erhöhung  der  Zuckerprämie  wurden  angenommen,  der  Antrag  Kanitz
jedoch,  der  einer  langen  Beratung  im  Preußischen  Staatsrate  unterzogen
  wurde,  nicht  zum  Gesetz  erhoben.  Vornehmlich  von  dem  Gesichtspunkte
  aus,  eine  Steigerung  der  Getreidepreise  zu  erzielen,
wurde  die  Währungsfrage  ausgiebig  behandelt  und  ein  Antrag  auf
internationale  Regelung  der  Währung  angenommen,  worüber  die
Erörterungen  des  Bundesrats  noch  fortdauern.  Nicht  zur  Erledigung
  kamen  einige  Justizvorlagen  und  die  Reichsfinanzreform  infolge
  der  Ablehnung  der  Tabaksteuer,  in  der  Verstärkung  der  Marine
dagegen  kam  der  Reichstag  den  Wünschen  der  Regierung  entgegen.
Daneben  fanden  zahlreiche  sozialpolitische  Debatten  statt  über  Organisation

  des  Handwerks,  Arbeitervertretungen  und  ähnliche  Probleme,
217
        <pb n="332" />
        324  Nedersicht  der  politischen  Culwichelung  des  Jahres  1895.

die  aber  ohne  positives  Resultat  blieben  und  nur  die  Einleitung

und  Anregung  zu  einer  neuen  sozialen  Gesetzgebung  bilden  sollten.

Preußi  ·  Im  preußischen  Landtage  wurde  die  agrarische  Frage  ebenfalls

erlher  lebhaft  behandelt.  Es  wurde  die  Errichtung  einer  Zentralgenossenschaftskasse

  und  die  Aufhebung  der  Rückzahlung  der  Grundsteuerentschädigung

  beschlossen,  außerdem  wurde  die  Regierung  ersucht

den  Bedarf  an  inländischen  Produkten  für  Staatsbetriebe  durch

Ankauf  bei  den  Produzenten  zu  decken  und  durch  einen  Notstandstarif

  die  Beschaffung  künstlichen  Düngers  zu  erleichtern.  Beiden

Wünschen  kam  die  Regierung  nach.  Angenommen  wurden  ferner

einige  Novellen  zur  Gerichtsverfassung  und  zur  Steuerordnung.

Häufig  wurden  —  teils  im  Kultusetat,  teils  gelegentlich  einer

Vorlage  über  die  Ansiedlungsfrage  —  polnische  und  katholische  Beschwerden

  erörtert,  die  aber  sämtlich  nur  von  geringer,  meist  lokaler

Bedeutung  waren.  Größeres  Interesse  wurde  der  Interpellation
über  den  Prozeß  Mellage  entgegengebracht.

Konfer-  Von  den  einzelnen  Parteien  hat  die  konservative  die  größten

hnter  Erschütterungen  durchlebt.  Schon  lange  war  ihre  Zusammensetzung

nicht  mehr  einheitlich.  Neben  den  Altkonservativen,  die  mehr

und  mehr  eine  ausschließlich  agrarische  Partei  geworden  find,

Streit  standen  die  Christlich-Sozialen,  die  mit  jenen  in  vielen  Punkten

übereinstimmten,  in  einigen  aber,  namentlich  in  der  Beurteilung

lic-So-der  Umsturzvorlage  eine  andere  Haltung  einnahmen.  Das  Verzialen

  hältnis  zwischen  beiden  Richtungen  wurde  schwieriger  durch  eine

Abwandlung  unter  den  Christlich-Sozialen.  Wenn  diese  lange

Zeit  unter  Führung  des  Hofpredigers  a.  D.  Stöcker  und  des  Professors

  Adolf  Wagner  im  großen  und  ganzen  auf  dem  Boden  der

konservativen  Partei  gestanden  hatten,  so  machte  sich  seit  einigen

Jahren  eine  radikalere  Richtung  geltend,  die,  ohne  sich  einer  der

bestehenden  politischen  Parteien  anzuschließen,  zur  Lösung  der  sozialen

  Frage  bereit  war,  den  Sozialdemokraten  mehr  entgegenzukommen

als  das  ursprüngliche  christlich-soziale  Programm  gestattete.  Ihr

Nau,  Führer,  Pastor  Naumann  in  Frankfurt  a.  M.,  ein  tief  religiöser

mann=  und  monarchisch  gesinnter  Mann  von  großer  agitatorischer  Begabung

entwickelte  als  ihr  Programm  die  Organisation  des  vierten  Standes

auf  christlicher  Grundlage,  unbeschränkte  Sonntagsruhe,  Schaffung
        <pb n="333" />
        Mebersicht  der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1895.  325

eines  neuen  Hypothekenrechts,  Besserung  der  Lage  der  Landarbeiter,
Einführung  einer  kräftigen  progreffiven  Einkommensteuer  u.  dergl.
In  evangelischen  Arbeitervereinen  und  in  seiner  Wochenschrift,  der
„Hilfe"“,  die  bald  zahlreiche  Abonnenten  fand,  war  er  unermüdlich
für  die  Verbreitung  seiner  Ideen  thätig.  Wiewohl  Naumann  seine
nationale  und  monarchische  Gefinnung  wiederholt  betonte  und  auch
für  die  Verstärkung  der  Wehrkraft  durch  Bewilligung  der  Marineforderungen
  lebhaft  eintrat,  so  wurde  seine  Richtung  dennoch  bald
als  Abart  der  Sozialdemokratie  bezeichnet,  wozu  vor  allem  sein
Eintreten  für  Berufsorganisationen  den  Anlaß  gab  (S.  3,  37).
Die  Forderung  des  Koalitionsrechts  für  die  Landarbeiter  insbesondere
  entfremdete  ihn  den  Konservativen,  und  die  „Kreuz-Zeitung“
unternahm  es,  jeden  Zusammenhang  zwischen  der  konservativen
Partei  —  also  auch  den  ihr  angehörenden  Christlich-Sozialen  —
mit  den  jüngeren  Christlich-Sozialen  zu  zerreißen  (S.  123).  Der
Versuch  gelang  nicht  völlig,  Stöcker  und  Wagner  blieben  nach  wie
vor  in  Verbindung  mit  den  Anhängern  Naumanns  in  gemeinsamer
Arbeit  auf  dem  evangelisch-sozialen  Krongreß  (S.  153),  wenn  sie
auch  keineswegs  die  zwischen  ihnen  bestehenden  Differenzen  verhehlten,
  insbesondere  Naumanns  einseitige  Tendenz,  die  Arbeiter
im  Gegensatz  zu  den  besitzenden  Klassen  zu  organisieren,  verurteilten.
Nicht  mehr  fruchtete  eine  partei-offiziöse  Kundgebung  der  „Konf.
Korr."“,  die  die  soziale  Thätigkeit  des  evangelisch  sozialen  Kongresses
und  der  Pastoren  scharf  kritisierte  und  jedem  Konservativen  rücksichtslose
  Bekämpfung  der  Naumannschen  Richtung  anbefahl  (S.  189).
Stöcker  und  seine  Gesinnungsgenossen  bleiben  trotzdem  in  dem
früheren  Verhältnis  zu  Naumann,  und  dieser  fand  neue  Bundesgenossen
  in  einer  Anzahl  pommerscher  Geistlicher,  die  der  konservativen
  Partei  das  Recht  absprachen,  die  Thätigkeit  der  Pastoren
zu  bestimmen  (S.  190).  Auch  durch  einen  Erlaß  des  Oberkirchenrats,
  der  die  Pastoren  dringend  auf  ihre  seelsorgerischen  Pflichten
in  Haus  und  Gemeinde  verwies,  wurde  diese  christlich-soziale  Strömung
  nicht  eingedämmt,  wie  die  ihr  nahestehende  Presse  zeigt
(S.  204).  Welche  Entwicklung  die  jüngere  christlich-soziale  Richtung
dereinst  nehmen  und  ob  sie  überhaupt  größere  als  ephemere  Be
deutung  erlangen  wird,  steht  noch  dahin:  für  die  Beurteilung  d
        <pb n="334" />
        326  Nebersicht  der  pelitiseen  Entwickelung  des  Jahres  1895.

augenblicklichen  Parteikampfes  ist  es  aber  wichtig  zu  betonen,  daß
es  der  konservativen  Partei  nicht  gelungen  ist,  diese  Strömung,
die  ihr  ohne  Zweifel  manchen  Anhänger  entzogen  hat,  zu  überwinden.


Ham-  Ein  anderes  Ereignis,  das  die  konservative  Partei  berührte,
merstein.  war  der  Zusammenbruch  des  Freiherrn  v.  Hammerstein  (S.  169)
Stöcker-und  die  Veröffentlichung  eines  vertraulichen  Briefes  von  Stöcker  an

brief.  Hammerstein,  in  dem  er  Zwietracht  zwischen  dem  Kaiser  und  Bismarck

  zu  säen  empfahl.  Dieser  Brief  veranlaßte  viele  Angriffe
auf  Stöcker  in  der  mittelparteilichen  Presse,  und  auch  in  konservativen
  Kreisen  wurden  Stimmen,  die  eine  Trennung  der  Partei
von  Stöcker  befürworteten,  laut.  Eine  pofitive  Antwort  hierauf
hat  die  Partei  noch  nicht  erteilt.

Sa  Von  den  übrigen  Parteien  nehmen  die  Sozialdemokraten

kratie  das  meiste  Interesse  in  Anspruch.  Ihre  Thätigkeit  war  in  den
ersten  Monaten  durch  die  Bekämpfung  der  Umsturzvorlage  bestimmt,
wobei  sie  nach  außen  vollkommen  geschlossen  auftraten.  Erst  als
sie  im  Sommer  an  den  weiteren  Ausbau  ihres  Programms
herantraten,  zeigten  sich  klaffende  innere  Spaltungen.  Es  war  ein
Agrarprogramm  ausgearbeitet  worden,  um  die  bäuerliche  Bevölkerung
  zu  gewinnen,  aber  um  bei  den  Bauern  Gehör  zu  finden,  war
es  so  wenig  sozialistisch  ausgefallen,  daß  sich  sogleich  ein  großer
Teil  der  Presse  dagegen  erklärte  und  der  Parteitag  es  rundweg
ablehnte  (S.  166,  185).  Die  Kluft  zwischen  den  süd=  und  norddeutschen
  Sozialisten  offen  barte  sich  aufs  neue:  gerade  die  eifrigsten
Verteidiger  des  Programms,  die  bayerischen  Abgeordneten  v.  Vollmar
  und  Grillenberger  fehlten  auf  dem  Parteitage  und  erklärten
sich  an  seinen  Beschluß  nicht  binden  zu  wollen.  Die  Heftigkeit  der
Debatten  auf  dem  Parteitage  und  die  Schmähungen,  mit  denen
sich  die  Führer  überhäuften,  fällt  neben  diesem  Gegensatze  wenig
ins  Gewicht.  Die  Siegesfeiern  des  Jubiläumsjahres  gaben  der
Partei  Gelegenheit,  ihre  republikanische  und  internationale  Gesinnung
in  rücksichtslosester  Form  zu  bekennen,  was  zahlreiche  Konfiskationen
von  Zeitungen  und  Prozesse  zur  Folge  hatte.  Die  übrigen  Parteien
  haben  keine  Veränderung  von  nennenswerter  Bedeutung  erlitten.
        <pb n="335" />
        Mebersicht  der  politischen  Eutwickelung  des  Jahrer  1895.  327

Von  der  auswärtigen  Politik  ist  bereits  oben  die  Rede  ge-  Kolowesen,
  und  von  der  Kolonialpolitik  ist  wenig  mitzuteilen.  Die  pa
Ruhe  ist  nirgends  gestört  worden  und  das  Vertrauen  auf  die  wirtschaftliche
  Entwicklung  der  Kolonien  ist  durch  Goldfunde  in  ÖOstafrika
  belebt  worden.  Die  bedeutendsten  Ereignisse  sind  eine  Togoexpedition,
  welche  durch  den  Abschluß  von  Verträgen  mit  den  Eingeborenen
  die  endgültige  Grenzregulierung  im  Nigergebiete  mit
England  und  Frankreich  vorbereitete,  und  die  Gründung  einer
Gesellschaft  für  Südwestafrika  (Dez.  1895).

Zum  Schluß  wollen  wir  noch  auf  die  Nationalfeste  verweisen,  Nattedie
  Deutschland  in  diesem  Jahre  feiern  durfte:  Bismarcks  80.  me  alfeste.
burtstag,  die  Eröffnung  des  Nordostseekanals  und  die  Erinnerung
an  die  Siege  von  1870.  Die  Feier  von  Bismarcks  Geburtstag
wurde  zwar  durch  die  Weigerung  des  Reichstags,  den  Begründer  des
Deutschen  Reichs  zu  beglückwünschen  getrübt,  doch  verlöschten  die
Wallfahrten  aus  allen  Teilen  Deutschlands  nach  Friedrichsruh
diesen  Eindruck  bald  wieder.  Die  Kanaleröffnung,  an  der  sämtliche
  seefahrende  Nationen  teilnahmen,  gestaltete  sich  zu  einer  großen
Friedenskundgebung,  ein  Gedanke,  der  auch  in  den  Siegesfeiern
wiederholt  zum  Ausdruck  kam.

Im  Habsburgischen  Doppelreiche  fällt  zuerst  der  Wechsel  im  9m
Ministerium  des  Auswärtigen  ins  Auge.  Graf  Kalnoky  fiel,  weil  uarnsen
seine  Person  den  Ungarn  verhaßt  war,  wiewohl  seine  Politik  von  Sturz
allen  Parteien,  ausgenommen  die  Jungtschechen,  gutgeheißen  wurde.  *
Als  im  April  d.  J.  der  päpstliche  Nuntius  Agliardi  eine  Rundreise
  durch  Ungarn  unternahm  und  dabei  den  Klerus  zum  Widerstand
  gegen  die  konfessionellen  Gesetze  ermunterte,  forderte  der  ungarische
  Ministerpräsident  Baron  Banffy  den  Minister  des  Auswärtigen
auf,  bei  der  Kurie  Vorstellungen  gegen  dieses  Treiben  des  Nuntius
zu  erheben.  Kalnoky  erklärte  sich  vertraulich  geneigt  Banffys  Begehren
  zu  willfahren,  und  auf  Grund  dieser  Zusage  erklärte  der
ungarische  Minister  im  Parlament,  der  Minister  des  Auswärtigen
habe  auf  seine  Vorstellung  Schritte  bei  der  Kurie  zur  Abberufung
des  Nuntius  gethan  (S.  214).  Kalnoky  erblickte  hierin  einen  Vertrauensbruch
  oder  die  Absicht,  den  gemeinsamen  Minister  des  Außeren
als  unter  ungarischem  Einflusse  stehend  hinzustellen  und  wies  Banffys
        <pb n="336" />
        Oesterreich.



Regie-328

  Mebersicht  der  politisczen  Eutwi#zelnns  des  Jahres  1895.

Ausführungen  in  einem  scharfen  Artikel  der  „Polit.  Korr.“  zurück
(S.  215).  In  Ungarn  erhob  sich  ein  Sturm  der  Entrüstung,  allgemein
  wurde  der  Abschied  des  seit  vorigem  Jahre  unbeliebten
Ministers  (vergl.  1894  S.  214,  241)  gefordert,  weil  er  in  dem
Ministerpräfidenten  die  ungarische  Nation  beleidigt  habe.  Beide
Minister  boten  ihre  Entlassung  an,  und  nach  fruchtlosen  Versöhnungsversuchen
  blieb  dem  Kaiser  nichts  übrig  als  die  Demission
Kalnokys  anzunehmen,  um  einen  Konflikt  in  den  bald  darauf  zusammentretenden
  Delegationen  zu  vermeiden.  Die  Auswärtige
Politik  blieb  aber  vom  Personenwechsel  unberührt;  der  Nachfolger
Kalnokys,  Graf  Goluchowski,  bekannte  sich  als  Anhänger  des  Dreibundes
  und  wandelte  auch  in  der  Orientpolitik  in  den  Spuren
seines  Vorgängers  (vgl.  oben).

In  Österreich  konnte  die  Koalitionsregierung  —  bestehend  aus
Polen,  Deutsch-Liberalen,  den  deutschen  und  slavischen  Konservativ-Klerikalen
  des  Hohenwartklubs  —  ihr  Versprechen,  mit  dem  sie  ins
Amt  getreten  war,  den  nationalen  Besitzstand  zu  respektieren  nicht
halten:  die  Errichtung  slovenischer  Gymnasialklassen  im  deutschen  Teile
Steiermarks,  die  vom  Grafen  Taasse  versprochen  war  und  von  den
Slovenen  des  Hohenwartklubs  unerbittlich  gefordert  wurde,  sprengte

ereel  sie  auseinander  (S.  223).  Ihr  folgte  zunächst  ein  provisorisches

Parteien.



Ministerium,  dann  ein  Kabinett  unter  dem  Polen  Graf  Badeni,
das  keiner  bestimmten  parlamentarischen  Gruppe  angehören,  sondern
ein  reines  Geschäftsministerium  sein  wollte.  Für  die  Parteien  war
dieser  Wechsel  von  großen  Folgen.  Die  Polen,  denen  nunmehr
der  Ministerpräsident  und  der  Minister  des  Auswärtigen  angehören,
spielten  seitdem  die  erste  Rolle  im  österreichischen  Staate,  und  die
Jungtschechen,  bisher  die  grimmigsten  Feinde  jeder  Regierung,
wiesen  die  Hand,  die  ihnen  Badeni  mit  der  Aufhebung  des  Prager
Ausnahmezustandes  entgegenstreckte,  nicht  zurück,  um  nicht  für  alle
Zeit  die  Regierungsfähigkeit  zu  verlieren.  Schwere  Erschütterungen
bracht  das  Jahr  den  Deutschen.  Ihre  größte  Fraktion,  die  Linke,
spaltete  sich  in  der  Cillifrage,  indem  der  größere  Teil  für  das  Budget
  votierte,  trotzdem  dieses  den  so  heftig  befehdeten  Posten  über
Cilli  enthielt.  Die  Minorität  enthielt  sich  oder  stimmte  mit  den
Deutschnationalen  und  Antisemiten  dagegen.  Infolge  dieser  Haltung
        <pb n="337" />
        Mebersicht  der  volitischen  Entwickelung  des  Jahres  1895.  329

erlitten  die  Liberalen  manche  Verluste;  mehrere  Führer  legten  ihre
Mandate  nieder,  und  bei  den  Nachwahlen  und  Landtagswahlen  verloren
  fie  mehrere  Sitze  an  die  Nationalen.  Ebenso  ging  die  Wiener
Gemeindeverwaltung  in  antisemitische  Hände  über,  ohne  daß  diese
freilich  die  Früchte  ihres  Sieges  geerntet  hätten,  da  die  Krone  die
Bestätigung  des  antisemitischen  Bürgermeisters  Lueger  verweigerte
und  den  Gemeinderat  zweimal  auflöste  (S.  230).  Was  sich  aus
diesem  Chaos  der  deutschen  Parteien  entwickeln  wird,  ist  ganz  unübersehbar;
  eine  Einigung  zwischen  den  verschiedenen  Gruppen  der
Liberalen,  Nationalen  und  Antisemiten  ist  um  so  weniger  wahrscheinlich,
  da  die  Liberalen  eine  zwar  reservierte  aber  keineswegs
feindliche  Stellung  gegen  die  Regierung  beobachten,  die  andern  ihr
aber  unter  Luegers  Führung  in  der  schärfsten  Opposition  gegenüberstehen.


Die  parlamentarischen  Resultate  der  Koalitionsregierung  find
gering.  Die  Zivilprozeßordnung  wurde  zwar  durchgebracht  und
die  Steuerreform  in  den  Hauptzügen  fertiggestellt,  aber  ihre  Ausführung
  war  noch  nicht  gesichert,  als  das  Kabinett  zusammenbrach.
Die  Wahlreform  ist  ebenfalls  nicht  vollendet  worden;  der  Entwurf,
den  das  Ministerium  kurz  vor  seinem  Sturz  veröffentlichte,  fand
nirgends  Beifall.  Vielleicht  hat  auch  diese  Frage  zur  Sprengung
der  Koalition  beigetragen:  es  scheint  nicht  ausgeschlossen,  daß  Graf
Hohenwart,  der  Hauptschöpfer  des  Entwurfs,  in  der  Cillifrage  deshalb
  kein  Nachgeben  gegen  die  Deutschen  kannte,  weil  er  von  ihnen
nicht  auf  Billigung  seines  Wahlgesetzes  zu  rechnen  hatte.

Ungarn,  das  das  Jahr  1894  mit  einer  Ministerkrise  schloß,  Ungarn.
gab  sich  im  Januar  eine  neue  Regierung,  die  sich  prinzipiell  von
der  früheren  nicht  unterschied.  Ihre  Hauptaufgabe  war  die  Erledigung
  der  noch  übrigen  kirchenpolitischen  Vorlagen,  und  in  der
That  gelang  es  ihr  mit  Hilfe  der  Krone  den  Widerstand  des
Magnatenhauses  zu  brechen  und  die  kirchenpolitische  Gesetzgebung
abzuschließen  (S.  229).  Welche  Rolle  der  ungarische  Ministerpräsident
  beim  Abschied  Kalnokys  spielte,  haben  wir  bereits  gesehen;
es  ist  kein  Zweifel,  daß  nach  der  Niederlage  Kalnokys  Baron  Banffy,
der  nur  als  Verlegenheitsminister  von  geringer  persönlicher  Bedeutung
  gegolten  hatte,  in  Ungarn  weit  höheres  Ansehen  genoß,  als
        <pb n="338" />
        Spanien.


330  Mebersict  der  politischen  Entwinelung  des  Jahres  1895.

vorher.  Eine  weitere  Genugthuung  wurde  dem  ungarischen  Nationalstolze
  dadurch  zu  teil,  daß  der  Kaiser  den  bisherigen  Titel  des
Ministers  des  Auswärtigen  „kaiserlicher  und  königlicher  Minister
des  Außeren  und  kaiserlichen  Hauses“  in  die  Bezeichnung  „Minister
des  kaiserlichen  und  königlichen  Hauses“  umwandelte  und  in  dem
Grafen  Apponyi  einen  besondern  Hofmarschall  für  Ungarn  ernannte.
Die  innere  Geschichte  Ungarns  war  nicht  so  bewegt  als  im  vorigen
Jahre.  Zwar  kamen  einige  kroatische  Straßendemonstrationen  gegen
die  Magyaren  vor  (S.  228),  die  aber  ohne  tiefere  Folgen  blieben.
Das  Verhältnis  zu  den  anderen  Nationalitäten  wurde  durch  solche
Konflikte  nicht  getrübt,  so  daß  die  im  Memorandumprozeß  verurteilten
  Rumänen  (vgl.  1894)  begnadigt  werden  konnten.  Im
Jahre  1896  wird  die  bedeutendste  politische  Aufgabe  die  Erneuerung
des  Ausgleichs  mit  Österreich  sein,  eine  Angelegenheit,  die  bereits
in  Parlament  und  Presse  beider  Länder  behandelt  worden  ist  und
manche  Schwierigkeiten  bieten  wird,  da  hier  wie  dort  rührige  Politiker
  die  Quoten  ihrer  Länder  in  den  gemeinsamen  Ausgaben  herabzusetzen
  bemüht  sind.

Ein  sorgenvolles  Jahr  hat  Spanien  durchlebt.  Die  inneren
Unruhen,  die  bereits  im  vorigen  Jahre  zu  verzeichnen  waren,  wiederholten
  sich,  und  es  ist  keine  Aussicht  vorhanden,  daß  dem  Notstande,
der  ihnen  zu  Grunde  liegt,  abgeholfen  werden  kann.  Ein  schlimmes
Zeichen  waren  ferner  die  Ausschreitungen  jüngerer  Offiziere,  die  in  den
höheren  Stellen  Entschuldigung  fanden,  Differenzen  im  Ministerium
hervorriefen  und  Sagasta  zum  Rücktritt  zwangen.  Zu  diesen  inneren
Schwierigkeiten  gesellte  sich  eine  äußere:  der  Aufstand  auf  Cuba.
Der  Grund  war  die  alte  Unzufriedenheit  der  Cubaner  mit  der
schlechten  Wirtschaft  der  Spanier  und  die  Nichterfüllung  des  im
Jahre  1881  gegebenen  Versprechens,  den  Cubanern  dieselben  verfassungsmäßigen
  Rechte  wie  dem  Mutterlande  zu  gewähren.  Eine
Verwaltungsreform,  die  einen  beschränkten  Anteil  an  der  Regierung
der  Insel  gewährte,  kam  zu  spät  und  konnte  den  Ausfstand  nicht
mehr  hindern.  Die  Spanier  mußten  ihren  besten  General  über
den  Ozean  schicken,  aber  obwohl  Martinez  Campos  gegen  Schluß
des  Jahres  über  100  000  Mann  unter  seinen  Befehlen  hatte,  war
der  Aufstand  noch  nicht  gebändigt,  ja  es  war  aus  den  unsicheren
        <pb n="339" />
        Mebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1895.  331

Nachrichten  nicht  einmal  zu  ersehen,  ob  die  Insurgenten  überhaupt
schon  empfindliche  Verluste  erlitten  hatten.

In  England  hat  das  liberale  Ministerium  Rosebery  einem
konservativ-unionistischen  mit  Lord  Salisbury  an  der  Spitze  Platz
machen  müssen.  Die  letzten  Monate  des  Kabinetts  Rosebery  waren
infolge  der  Differenz  der  Unterhausmehrheit  mit  dem  Oberhause
(vgl.  1894)  nicht  fruchtbarer  als  die  früheren  Jahre;  es  wurde
eine  Reform  der  Fabrikgesetzgebung  angenommen,  aber  die  Gesetzentwürfe
  über  die  Entstaatlichung  der  Kirche  in  Wales,  zur  Entschädigung
  der  vertriebenen  irischen  Pächter,  die  Lokalvetobill,  die
den  Gemeinden  das  Recht  den  Ausschank  berauschender  Getränke  zu
verbieten  gewähren  sollte,  waren  vom  Oberhause  abgelehnt  oder
noch  nicht  genehmigt,  als  die  Regierung  zurücktrat.  Zu  dieser
parlamentarischen  Leistungsunfähigkeit  kamen  Schlappen  in  der
auswärtigen  Politik:  in  den  Vorjahren  das  Zurückweichen  vor
Frankreich  in  der  Siamfrage,  der  Kongovertrag  von  1894,  der  vergebliche
  Versuch  in  Ostasien  einzuschreiten,  die  immer  deutlicher
werdende  Isolierung  Englands,  endlich  die  von  der  Regierung  ausgesprochene
  Absicht,  das  eben  unterworfene  Tschitral  wieder  zu
räumen.  Fügt  man  hinzu,  daß  im  Schoße  des  Kabinetts  selbst
keine  volle  Einigkeit  herrschte,  sonder  mancherlei  Gegensätze  zwischen
Lord  Rosebery  und  Sir  W.  Harcourt  bestanden  (S.  236),  so  ist
es  erklärlich,  daß  die  ursprüngliche  Majorität  von  40  Stimmen
allmählich  durch  Nachwahl  und  Desertionen  auf  kaum  ein  Dutzend
Stimmen  herabsank,  und  nirgends  mehr  Hoffnung  auf  eine  lange
Lebensdauer  des  Kabinetts  bestand.  Ein  geringfügiger  Anlaß,  die
Streichung  eines  kleinen  Teiles  vom  Gehalte  des  Kriegsministers,
um  die  Unzufriedenheit  mit  der  angeblich  ungenügenden  Kriegsbereitschaft
  des  britischen  Reiches  auszudrücken,  brachte  das  Ministerium
  zur  Demission.  In  den  Neuwahlen  gaben  die  Liberalen  den
Kampf  gegen  das  Oberhaus  als  Parole  aus;  die  Konservativen
versprachen  im  allgemeinen  einige  Sozialreformen,  insbesondere
Sorge  für  die  Landwirtschaft  durch  Erleichterung  der  Grundsteuer
und  Verbesserung  der  Verkehrsmittel.  Der  Sieg  der  Konservativen
war  glänzend,  mit  einer  Mehrheit  von  152  Stimmen  konnte  Lord
Salisbury  das  neue  Parlament  eröffnen.  Bedeutende  gesetzgeberische

England.
        <pb n="340" />
        332  Vebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1895.

Aktionen  sind  bei  der  kurzen  Dauer  dieser  Session  noch  nicht  zu
verzeichnen;  die  Regierung  nahm  zunächst  einige  administrative
Reformen  in  Angriff,  vor  allem  im  Heerwesen,  wo  das  Kriegsministerium
  eine  neue  Organisation  erhielt  (S.  243).

Für  die  Neuwahlen  ist  außer  der  Niederlage  der  Liberalen
brbei-  das  Fiasko  der  Sozialisten  charakteristisch.  Infolge  des  Überhandwegung.
  nehmens  kommunistischer  Tendenzen  im  Vorjahre  (vgl.  1894  S.  343)

waren  sie  mit  großen  Hoffnungen  in  den  Wahlkampf  eingetreten,
aber  die  Enttäuschung  war  grausam,  von  den  Arbeiterkandidaten,
die  sich  den  radikalen  Parteien  anschlossen,  wurden  nur  zwei  gewählt;
  die  unabhängigen  Sozialisten  gar  konnten  trotz  aller  Mühe
nicht  ganz  45.000  Stimmen  auf  sich  vereinigen  und  ein  Mandat
erhielten  sie  überhaupt  nicht.  Nicht  glücklicher  waren  sie  auf
dem  Kongreß  der  Gewerkvereine  (S.  244);  dessen  Beschlüsse,  wie
Abschaffung  des  Oberhauses,  Einführung  des  Achtstundentages,
Verstaatlichung  des  Grund  und  Bodens,  der  Eisenbahnen,  der  Bergwerke,
  lauten  zwar  noch  radikal  genug,  bedeuten  aber  immerhin  im
Gegensatze  zum  letzten  Kongresse  eine  Abwendung  vom  Kommunismus.
  (Vgl.  Stein,  Nation  1895,  50.)

Über  die  auswärtige  Politik  Englands  in  Ostasien,  Armenien
und  Südafrika  ist  bereits  oben  berichtet  worden,  aber  außer  diesen
hatte  England  noch  eine  ganze  Reihe  von  Verwicklungen  mit  dem
Auslande  zu  überstehen.  Da  ist  zunächst  der  Konflikt  mit  Vene-Streit

  zuela.  „England“,  so  schreibt  die  „Köln.  Ztg.“,  beansprucht  seit
gait  Anfang  dieses  Jahrhunderts  für  seine  guyanische  Kolonie  ein  Gezuela,
  biet  das  zwischen  dieser  und  Venezuela  liegt,  und  stützt  sich  dabei
auf  ziemlich  bestimmte  Rechtsansprüche,  die  es  von  den  frühern
Besitzern,  den  Niederländern,  ererbt  hat,  die  ihren  Machtbereich
abgegrenzt,  während  die  Spanier,  die  Vorgänger  Venezuelas,  dies
unterlassen  hatten.  Von  je  her  war  England  bereit,  seine  Ansprüche
über  eine  von  Sir  Richard  Schomburgk  im  Jahre  1840  abgesteckte
Grenzlinie  einer  schiedsgerichtlichen  Entscheidung  zu  unterwerfen,
nicht  aber  auch  das  östlich  von  dieser  Linie  gelegene  Gebiet.
Venezuela  war  den  häufigen  Vorschlägen  Englands,  eine  Grenzregelung
  herbeizuführen,  ausgewichen.  Da  überfielen  im  Januar
vorigen  Jahres  (1895)  venezuelische  Mannschaften  einige  Posten,  welche
        <pb n="341" />
        Mebersicht  der  politischen  Entwinelung  des  Jahres  1895.  333

die  Engländer  an  der  Schomburgk-Linie  und  über  sie  hinaus  angelegt
  hatten,  und  schleppten  britische  Beamte,  die  auf  diesen
Posten  Dienst  hatten,  nach  Venezuela  hinein,  gaben  fie  aber  bald
darauf  frei.  Nunmehr  drängte  England  nicht  nur  auf  eine  sosortige
  Lösung  der  Grenzfrage,  sondern  auch  auf  Genugthuung  für

die  Vergewaltigung  britischer  Beamten  und  die  Beschimpfung  der
britischen  Flagge.  Keines  von  beiden  wurde  gewährt,  weil  Venezuela
  bereits  die  Vereinigten  Staaten  hinter  sich  fühlte.  Deren
Staatssekretär  Olney  richtete  im  Juli  an  das  britische  Auswärtige
Amt  eine  Note,  worin  er  die  Einsetzung  eines  Schiedsgerichtes  zur
Beurteilung  der  ganzen  Gebietsfrage  mitsamt  der  Frage  der  zu
leistenden  Genugthuung  befürwortete,  und  als  Lord  Salisbury  im
November  eine  Antwort  erteilt  hatte,  die  ein  Schiedsgericht  bloß

für  das  Gebiet  jenseit  der  Schomburgklinie  für  annehmbar  erklärt,

da  erließ  Präsident  Cleveland  Mitte  Dezember  seine  Botschaft,
worin  er  sich  ganz  zu  Unrecht  auf  die  willkürliche,  nirgendwo  außerhalb
  der  Vereinigten  Staaten  anerkannte  Monroelehre  beruft  und
dem  Kongreß  die  Einsetzung  einer  nordamerikanischen  Kommission

zur  Prüfung  der  Angelegenheit  vorschlug.“  Die  nächste  Folge
dieser  amerikanischen  Botschaft  war  eine  Börsenpanik  und  ein  Kurssturz
  der  amerikanischen  Papiere,  der  Streit  selbst  harrt  noch  seiner
Lösung.  Ein  ähnliches  Zerwürfnis  hatte  England  mit  Nikaragua,
doch  kam  man  hier  zum  Ausgleich  (S.  306),  und  auch  der  Notenwechsel
  mit  Brafilien  war  ohne  nachhaltige  Folgen.  In  Asien
wurde  ein  Vortrag  mit  Rußland  über  das  Pamirgebiet  geschlossen.  Pamir-Beide
  Teile  verpflichteten  sich,  eine  östlich  durch  den  Sorkul  mitten  vertrag.
auf  dem  Pamirhochlande  unter  73°  45“  östl.  L.  von  Greenwich  und

37°  25“  nördl.  Br.  zur  chinesischen  Grenze  gezogene  Linie  als
Scheidewand  ihrer  Einflußsphären  anzuerkennen.  Eine  Vermessungskommission
  setzte  vom  Juni  bis  September  die  Grenze  des  nähern

fest.  Wie  dieser  Vortrag  so  sollte  die  Unterwerfung  Tschitrals  der  Tschi-Sicherung
  Indiens  dienen,  und  es  war  eine  der  ersten  Maßregeln  tral.
Salisburys  die  von  seinem  Vorgänger  geplante  Räumung  dieser
Landschaft  zu  verhindern.  In  Afrika  wurden  Grenzstreitigkeiten
mit  Frankreich  erledigt,  sodann  hatte  England  einen  kurzen  Notenwechsel
  mit  dem  Kongostaate  zu  führen  (S.  310)  und  gegen  Schluß
        <pb n="342" />
        334  IIEILIEEIILIIDEIIIII

lchan-  des  Jahres  schickte  es  sich  an,  das  Aschantiland  zu  erobern,  dessen
RKönig  Prempeh  seinen  Versprechungen  zuwider  Menschenopfer  veranstaltet
  und  angeblich  nicht  genügend  Genugthuung  geleistet  hatte.
Charakteristisch  für  die  englische  Kolonialpolitik  unter  der  Leitung
Chamberlains  ist  das  Bestreben,  die  einzelnen  Kolonien  in  möglichst
enge  Verbindung  untereinander  zu  bringen  und  das  Gefühl  ihrer
Zusammengehbrigkeit  mit  dem  Mutterlande  zu  stärken  (S.  241,
45).  Als  die  ersten  Früchte  dieser  Politik  kann  man  die  antiamerikanische
  Haltung  Kanadas  im  venezuelanischen  Konflikt,  und

den  engeren  Zusammenschluß  der  australischen  Kolonien  betrachten.

Egypten.  über  Egypten  wurden  im  Vorjahre  gereizte  Verhandlungen
zwischen  England  und  Frankreich  geführt  (S.  238,  254),  ohne  daß
indessen  der  bestehende  Zustand  geändert  worden  wäre.  Auch  die
Ungnade,  die  der  Khedive  infolge  franzöfischer  Einflüsterungen  gelegentlich
  seinen  englisch  gefinnten  Ministern  empfinden  ließ,  erschütterte
  die  britische  Herrschaft  nicht,  ja  im  Parlament  wurde
öffentlich  gegen  jedes  Vordringen  französischen  Einflusses  ins  Nilthal
  Protest  eingelegt.  Durch  den  Vertrag  über  die  Verhinderung
des  Sklavenhandels  gewann  England  eine  neue  Stütze  seiner  Machtstellung.


Frank-  Die  auswärtige  Politik  Frankreichs  trug  1895  denselben

weich.  Charakter  wie  1894:  Freundschaft  mit  Rußland  —  wurde  doch
zum  ersten  Male  offiziell  von  einer  „Allianz“  gesprochen  (S.  257)  —,
Gegensatz  zu  England.  Die  offiziellen  Beziehungen  zu  Deutschland
waren  enger  als  im  Vorjahre;  wie  stark  aber  die  Feindschaft  eines
großen  Teiles  des  französischen  Volkes  gegen  Deutschland  noch  ist,
zeigten  die  Proteste  gegen  die  Beteiligung  an  den  Kieler  Festen,
die  Haltung  der  Presse  in  dem  deutsch--marokkanischen  Zwischenfall
und  ihre  Verurteilung  der  deutschen  Siegesfeiern.  Hieran  änderten
auch  nichts  einige  wohlwollende  Zeitungsartikel  über  die  Friedensrede
  des  Kaisers  in  Hamburg  und  Jules  Simons  anziehende
Schilderung  des  freundlichen  Empfangs,  der  den  franzöfischen  Mitgliedern
  der  Arbeiterschutzkonferenz  im  Jahre  1890  am  Berliner
Hofe  zuteil  wurde  („Figaro“.)  Ein  großer  Erfolg  nach  außen  ist
die  Eroberung  Madagaskars,  das  der  französischen  Kolonisation
ein  weites  Feld  fruchtbarer  Thätigkeit  eröffnet.
        <pb n="343" />
        Nebersicht  der  politiscen  Entwichelung  des  Jahres  1895.  335

Im  Innern  fehlen  diesmal  die  anarchistischen  Attentate,  von
Regierungswechseln  und  Skandalen  ist  Frankreich  jedoch  nicht  verschont
  geblieben.  Das  Jahr  begann  mit  Enthüllungen  über  die
unredliche  Verwaltung  der  Südbahngesellschaft  (S.  247)  und  es
schloß  mit  der  Verhaftung  Artons,  eines  durch  die  Panamaangelegenheit
  kompromittierten  Agenten,  woraus  sich  ein  Nachspiel  zu  dieser
Affaire  und  weitere  Enthüllungen  über  Bestechung  von  Palamentariern
  entwickeln  können.  Außerdem  wechselte  Frankreich  einmal
den  Präsidenten  der  Republik  und  zweimal  die  Ministerien.  Die
Ursachen  zur  Demission  der  Minister  waren  stets  ohne  prinzipielle
Bedeutung,  aber  trotzdem  hatten  sie  einen  Systemwechsel  zur  Folge:
während  in  den  letzten  Jahren  stets  ein  Kabinet  der  Opportunisten
das  andere  abgelöst  hatte,  wurde  beim  letzten  Ministerwechsel  ein
radikales  Kabinet  gebildet,  das  namentlich  die  Steuerreform  betreiben
  will.  Bemerkenswert  ist,  daß  Frankreich  zum  ersten  Male
in  Cavaignac  einen  Kriegs-Minister  besitzt,  der  erklärt  hat,  daß
Frankreich  an  der  Grenze  seiner  militärischen  Leistungsfähigkeit
steht  (S.  252).  Ferner  ist  hervorzuheben,  daß  die  Arbeiterbewegung
recht  lebhaft  war  und  zu  verschiedenen  großen  Ausständen  führte.
Der  bedeutendste  war  der  Streik  der  Glasarbeiter  in  Carmaux,
dessen  Ende  wohl  einen  Sieg  der  Unternehmer  aber  keinen  Versuch
einer  Begleichung  der  Gegensätze  zwischen  Arbeitern  und  Arbeitgebern
  brachte.

Italien  darf  auf  ein  weit  ruhigeres  Jahr  zurückblicken  als  Italien.
im  Jahre  zuvor.  Von  ernstlichen  Unruhen  war  nirgends  etwas
zu  bemerken,  selbst  die  Wahlen  sind  trotz  der  vorhergegangenen  erregten
  parlamentarischen  Tagung  ruhig  verlaufen.  Wie  das  Land
das  Verdienst  Crispis,  durch  seine  Energie  jeden  neuen  Aufstandsversuch
  unmöglich  gemacht  zu  haben,  anerkannte,  zeigen  die  Wahlen:
wiewohl  Crispi  kein  Programm  aufgestellt,  sondern  nur  Vertrauen
  auf  seine  Person  beansprucht  hatte,  erhielt  er  eine  große
Majorität;  die  Nation  erklärte  ihn  allein  für  fähig,  die  wirtschaftliche
  und  politische  Kalamität  zu  beseitigen.  Positive  reformatorische
  Leistungen  hat  die  Regierung  freilich  noch  nicht  viel
aufzuweisen,  die  gerechtere  Verteilung  der  Steuern,  die  Vereinfachung
  der  Verwaltung  und  die  Agrarreform  für  Sizilien  sind
        <pb n="344" />
        336  Metersict  der  polllischen  Eutwichelung  bes  Jahres  1895.

erst  in  Angriff  genommen.  Die  Herstellung  des  Gleichgewichts
im  Budget  ist  dagegen,  wie  Schatzminister  Sonnino  am  25.  Nov.
verkündete,  nahezu  erreicht,  ein  bedeutender  Erfolg,  der  allerdings
durch  die  Mehrforderungen  für  Erythräg  wieder  in  Frage  gestellt
wird.  Die  parlamentarische  Tagung  war  wenig  fruchtbar;  im
Sommer  wurden  einige  königliche  Drekrete  zum  Gesetz  erhoben,  im
Winter  Ersparnisse  im  Militärwesen  genehmigt  und  die  Gielittiangelegenheit,
  die  den  gesetzgebenden  Körperschaften  so  viel  Zeit  geraubt
  hatte,  aus  der  Welt  geschafft.

Giolitti-  Im  Februar  1895  wurde  Giolitti  angeklagt,  einerseits  Dokufrage.



Kolonial-


  im  Prozesse  der  Banca  Romana  beseitigt  zu  haben  (vgl.
1894)  andererseits  Crispi  beleidigt  zu  haben.  Das  Gericht  erklärte
sich  für  inkompetent,  da  für  solche  von  Giolitti  als  Minister  und
Abgeordneter  begangenen  Verbrechen  die  Kammer  oder  der  als
politischer  Gerichtshof  konstituierte  Senat  kompetent  sei.  Infolge
dessen  wurde  diese  Frage  nach  den  Neuwahlen  wieder  erörtert;  die
von  Giolitti  gegen  Crispi  erhobenen  Vorwürfe  wurden  von  Cavallotti
  noch  vermehrt  (S.  267),  endlich  aber  wurde  die  Entscheidung
vertagt,  nachdem  die  Regierung  versprochen  hatte,  die  Akten  der
Giolittiprozesse  der  Kammer  vorzulegen.  Dies  erfolgte  in  der  That
und  nach  langen  stürmischen  Verhandlungen  beschloß  die  Kammer
—  freilich  mit  geringer  Majorität  —  die  ganze  Angelegenheit  der
Vergessenheit  anheimzugeben.  Hiermit  scheint  die  Klippe,  an  der,
wie  viele  fürchteten,  das  Crispische  Regiment  zu  scheitern  drohte,  endgültig
  beseitigt;  eine  Untersuchung  gegen  Giolitti,  wobei  auch  seine  Anklagen
  gegen  Crispi  geprüft  werden  mußten,  ist  unmöglich  geworden.

Viel  Sorgen  machte  der  italienischen  Regierung  die  Kolonialpolitik.

  politik.  Im  Januar  griff  plötzlich  Ras  Mangascha  von  Tigre,

der  bis  dahin  für  einen  Freund  der  Italiener  gegolten  hatte,
die  Italiener  in  Erythräa  an,  erlitt  aber  mehrere  empfindliche  Niederlagen,
  so  daß  die  Ruhe  bald  wieder  hergestellt  wurde.  Doch  im
Herbst  griff  König  Menelik  von  Abessynien  zu  den  Waffen,  um
das  ihm  im  Vertrage  von  Utschalli  auferlegte  Schutzverhältnis  zu
Italien  abzuschütteln,  und  sein  Vasall  Ras  Mangascha  erschien  im
Oktober  wiederum  im  Felde.  Nach  mehreren  Niederlagen  gelang
es  ihm  am  8.  Dezember  ein  vorgeschobenes  italienisches  Bataillon  unter
        <pb n="345" />
        Kebersict  der  pelitischen  Entwicheluns  des  Jahres  1895.  337

Toselli  mit  großer  Uebermacht  zu  überfallen  und  zu  vernichten.
In  Italien  waren  Regierung,  Parlament  und  öffentliche  Meinung
einig,  diese  Scharte  sogleich  wieder  auszuwetzen,  und  so  wurde  am
Schluß  des  Jahres  mit  großer  Mehrheit  ein  Kriegskredit  genehmigt
  und  Verstärkungen  abgesendet.

Die  auswärtige  Politik  war  bestimmt  durch  die  Zugehörig-  Auskeit

  zum  Dreibunde  und  die  Freundschaft  mit  England.  Das  eine
wurde  dokumentiert  durch  die  Sendung  eines  stattlichen  Geschwaders
nach  Kiel  und  durch  das  gemeinsame  Vorgehen  mit  Oesterreich
und  Deutschland  in  der  armenischen  Frage,  das  andere  durch  den
Besuch  jenes  Geschwaders  in  Portsmouth  und  die  Vereinigung
englischer  und  italienischer  Schiffe  an  der  syrischen  Küste.  Dem
entspricht  auch  der  Gegensatz  zu  Rußland:  Italiens  Hauptfeind  in
Afrika,  Menelik,  wurde  vom  Zaren  ausgezeichnet  durch  den  Empfang
einer  abessynischen  Abordnung,  und  die  Nachricht  von  der  Niederlage
  Tosellis  wurde  in  der  russischen  Presse  mit  unverhohlener
Freude  begrüßt.

Die  Beziehungen  zwischen  Vatikan  und  Quirinal  waren  in  Kurie
den  ersten  Monaten  nicht  unfreundlich,  da  Crispi  eine  Beteiligung  Junrzen.

der  Klerikalen  an  den  Kammerwahlen  wünschte.  Erst  als  die  Kurie
die  Erlaubnis  dazu  verweigerte,  und  die  Kammer  den  20.  September,
  das  Datum  der  Einnahme  Roms  zum  nationalen  Festtag
erhob,  trübte  sich  das  Verhältnis  wieder,  und  als  gar  der  König  von
Portugal  seinen  beabsichtigten  Besuch  in  Rom  auf  den  Wunsch  des
Papstes  unterließ,  wurde  auch  Crispis  Sprache  schärfer.  Feindliche
  Maßregeln,  wie  den  Bischöfen  das  königliche  Exeqatur  zu  entziehen,
  wovon  der  Minister  gelegentlich  sprach,  wurden  aber  nicht
angewendet.  Die  Politik  der  Kurie  selbst  zeigte  denselben  universalen
  Charakter  wie  im  Vorjahre,  wofür  besonders  die  Anknüpfung
diplomatischer  Beziehungen  zu  Rußland,  die  Ernennung  eines
griechisch-ruthenischen  Bischofs  zum  Kardinal  und  die  Wiederherstellung
  des  koptischen  Patriarchats  in  Alexandrien  bezeichnend
sind  (28.  Nov.).  Daneben  hatte  der  Papst  mehrere  aus  der  sozialen
Bewegung  hervorgegangene  Streitigkeiten  zwischen  Episkopat  und
Klerus  zu  schlichten  (S.  210  und  unten).

In  Belgien  stellte  das  Jahr  1895  der  inneren  wie  der  elgien.

Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI.  22
        <pb n="346" />
        338  Mebersicht  der  polilischen  Entwichelung  des  Jahres  1895.

äußeren  Politik  die  wichtigsten  Aufgaben.  Zunächst  wurde  das
Gemeindewahlsystem  nach  analogen  Grundsätzen  wie  im  Vorjahre
das  politische  Wahlsystem  geregelt:  man  führte  das  Mehrstimmrecht
  und  die  verhältnismäßige  Vertretung  ein.  Das  Resultat  in
den  Wahlen  war  ähnlich  wie  1894  in  den  Kammerwahlen:  die
Klerikalen  nahmen  mit  Hülfe  der  verhältnismäßigen  Vertretung
den  Liberalen  viele  Sitze  in  bisher  ausschließlich  liberalen  Gemeinderäten
  ab,  und  auch  die  Sozialisten,  die  man  durch  das  Mehrstimmrecht
  zu  unterdrücken  gehofft  hatte,  errangen  in  den  kleinen
Industriestädten  große  Erfolge.  Mehrere  liberale  Bürgermeister
legten  infolge  dessen  ihre  Stellen  nieder  und  die  administrativen
Schwierigkeiten,  die  sich  aus  dieser  plötzlichen  Umwälzung  ergaben,
find  noch  keineswegs  gehoben.  Eine  weitere  Stärkung  brachte  dem
Klerikalismus  das  neue  Schulgesetz.  Hierdurch  wurde  in  allen
öffentlichen  Schulen  der  Religionsunterricht  unter  geistlicher  Aufsicht
  eingeführt  und  den  klerikalen  Privatschulen  derselbe  Staatszuschuß
  wie  den  staatlichen  zugesichert.  Eine  Maßregel  von  hoher
wirtschaftlicher  Bedeutung  ist  die  Einführung  von  Schutzzöllen  für
Industrie  und  Landwirtschaft,  ein  Bruch  mit  der  bisherigen  Handelspolitik.


Die  einzige  Partei,  die  den  Ultramontanen  die  Herrschaft
im  Lande  streitig  machen  kann,  ist  die  Sozialdemokratie.  Sie  hatte
ihre  Kräfte  in  den  Wahlen  des  Vorjahres  erkannt  und  hoffte  zu
Beginn  d.  J.  durch  rücksichtslose  Opposition  das  wegen  des  Mehrstimmrechts
  ihnen  ungünstige  Kommunalwahlengesetz  zu  Fall  zu
bringen.  Ein  allgemeiner  Ausstand  wurde  angekündigt,  aber  da
die  Regierung  auf  diese  Drohung  mit  der  Einziehung  zweier  Milizklassen
  antwortete,  gab  die  Partei  die  Gewaltpolitik  bald  auf.
Mehrere  andere  Ausstände  wie  der  der  Weber  in  Renaix  und  der
Eisenarbeiter  in  Gent,  hatten  diese  prinzipielle  Bedeutung  nicht.
bewiesen  aber  die  Unermüdlichkeit  der  Partei.  Wie  in  Osterreich
nahm  auch  hier  der  niedere  Klerus  an  der  sozialen  Bewegung  lebhaften
  Anteil  und  stand  mit  seinem  Verlangen  nach  sozialen  Reforrmen
  nicht  selten  in  direkter  Opposition  zu  den  Bischöfen,  so  daß
eine  Enzyklika  des  Papstes  ihm  nachdrücklich  den  Gehorsam  gegen
die  kirchlichen  Oberen  einschärfen  mußte.
        <pb n="347" />
        Aebersicht  der  yolitischen  Entwichelungz  des  Jahres  1895.  839

Eine  Angelegenheit,  die  Regierung  und  öffentliche  Meinung  #ongoaußerordentlich
  beschäftigte,  war  die  Frage  der  Übernahme  des
Kongostaates.  Schon  seit  langem  hatte  der  Kongostaat  die  für
seine  Verwaltung  und  den  Bau  der  Kongoeisenbahn  erforderlichen
Summen  nicht  aufbringen  können.  Noch  im  Jahre  1890  hatte
ihm  Belgien  einen  unverzinslichen  Vorschuß  von  25  Mill.  Frocs.
geleistet  mit  dem  Vorbehalt,  im  Jahre  1900  entweder  sein  Darlehn
zurückzufordern  oder  im  Falle  der  Zahlungsunfähigkeit  den  Kongostaat,
  der  keine  andere  Anleihe  ohne  belgische  Einwilligung  aufnehmen
  durfte,  zu  annektieren.  Der  Souverän  des  Kongostaates,
König  Leopold,  leistete  einen  Zuschuß  von  jährlich  1  Mill.  Frcs.,
und  mit  diesen  Subsidien  gelang  es  das  Budget  bis  1893  im
Gleichgewicht  zu  halten.  Neue  Kriege  mit  den  Arabern  erzeugten
aber  für  1894  ein  Defizit  von  mehr  als  2  Millionen  und  für  1895
von  über  4  Millionen.  Der  König,  der  Belgien  bereits  testamentarisch
  zum  Erben  des  Kongostaates  bestimmt  hatte,  wünschte  nun,
daß  Belgien  ihn  sogleich  annektiere,  um  den  Geldverlegenheiten  ein
Ende  zu  machen.  Zwar  waren  die  Minister  nicht  ohne  Bedenken,
aber  da  ein  englisches  Konsortium  sich  erbot,  die  schwebende  Schuld
zu  tilgen,  falls  ihm  die  Ausbeutung  der  Provinz  Manyema  überlassen
  werde,  und  die  Erteilung  eines  solchen  Monopols  große
Schwierigkeiten  für  die  übernahme  im  Jahre  1900  befürchten  ließ,
so  brachten  sie  eine  Annexionsvorlage  in  der  Kammer  ein.  Hier
aber  erhob  sich  solcher  Widerspruch,  daß  die  Annexionsfrage  nicht
erledigt  werden  konnte,  sondern  auf  1900  verschoben  werden  mußte.
Den  finanziellen  Nöten  des  afrikanischen  Unternehmens  kam  Belgien
einstweilen  durch  ein  neues  Darlehen  zu  Hilfe.  Die  Freunde  der
Annexion  machten  geltend,  daß  der  Handel  zwischen  Belgien  und
dem  Kongostaate  beständig  wachse  und  daß  Belgien  sich  für  seine
Industrie  ein  neues  Absatzgebiet  schaffen  müsse;  die  Gegner  erwiderten,
  das  Unternehmen  sei  unrentabel,  weil  die  Ansiedlung  für
Weiße  in  einem  großen  Teile  des  Staates  unmöglich  sei,  überdies
seien  internationale  Schwierigkeiten  mit  Frankreich  und  England  zu
befürchten.  Die  Abneigung  gegen  die  Annexion  verstärkte  sich,  als
eine  Meuterei  unter  den  Truppen  des  Kongostaates  ausbrach  und
die  Kämpfe  mit  den  Mahdisten  sich  erneuerten.  Es  gelang  zwar

22*
        <pb n="348" />
        Schwe-340

  ———d  ——————

dem  Hauptmann  Lothaire  dieser  Schwierigkeiten  bald  Herr  zu
werden,  aber  sein  Verfahren  gegen  Stokes  und  die  daraus  hervorgehenden
  Verwicklungen  mit  England  und  Deutschland  waren  nicht
geeignet,  der  Annexionsidee  Freunde  zu  erwerben.

Auf  der  skandinavischen  Halbinsel  hat  das  abgelaufene  Jahr

den  undeine  Milderung  des  Unionskonfliktes  gebracht.  In  den  ersten

Norwegen.


Rußland.


Monaten  bemühte  sich  der  König,  entsprechend  der  radikalen  Storthingsmehrheit
  ein  radikales  Ministerium  zu  bilden,  aber  seine
Bedingung,  zunächst  alle  unionellen  Streitfragen  aufzuschieben,  fand
bei  den  Radikalen  keine  Billigung  und  so  blieb  das  konservative
Kabinett  Stang  im  Amte.  Erst  nach  monatelangen  Verhandlungen,
nachdem  der  schwedische  Reichstag  durch  den  Beschluß  den  Handelsund
  Unionsvertrag  zu  revidieren  einen  Druck  auf  die  Norweger
ausgeübt  hatte,  gaben  diese  in  einigen  Punkten  nach.  Sie  stimmten
für  eine  Verhandlung  mit  Schweden  und  genehmigten  die  Ausgaben
für  den  gemeinsamen  diplomatischen  Dienst;  im  November  kam
dann  ein  aus  Moderaten  und  Radikalen  zusammengesetztes  Ministerium
  zu  stande,  und  endlich  wurde  eine  schwedisch-norwegische
Kommission  zur  Revision  der  Unionsverfassung  eingesetzt.

Von  der  großartigen  Stellung  Rußlands  in  der  auswärtigen
Politik  ist  bereits  mehrfach  die  Rede  gewesen.  In  Ostafien  und
Armenien  spielte  es  eine  führende  Rolle,  mit  Abeffynien  knüpfte  es
an,  und  auf  der  Balkanhalbinsel  machte  sein  Einfluß  weitere  Fortschritte,
  wie  die  Freude  der  Bulgaren  über  den  Empfang  ihrer
Deputation  in  Petersburg  beweist.  Die  Absicht,  den  Fürsten  Ferdinand
  anzuerkennen,  hat  jedoch  Rußland  nirgends  kundgegeben,
und  nach  der  Ermordung  Stambulows,  die  in  Rußland  sehr  schlechten
Eindruck  machte,  mußte  sich  der  Fürst  mit  seiner  Regierung  manch
bitteres  Wort  von  der  ruffischen  Presse  sagen  lassen.

Im  Innern  bereitete  der  Zar  denen,  die  auf  einen  Umschwung
des  Regierungssystems  gehofft  hatten,  durch  seine  Erklärung,  den
Spuren  seines  Vaters  folgen  zu  wollen,  eine  herbe  Enttäuschung,
doch  tauchten  solche  Hoffnungen  nach  der  Entlafsung  des  Ministers
des  Innern  Durnowo  (am  28.  Oktober)  abermals  auf.  Im  übrigen
verlief  die  innere  Geschichte  Rußlands  ruhig;  die  Besserung  der
Finanzlage  unter  der  energischen  Leitung  des  Finanzministers  Witte
        <pb n="349" />
        Mebersicht  der  politischen  Entwinelung  des  Jahres  1895.  341

nahm  ihren  Fortgang,  und  von  der  großen  sibirischen  Eisenbahn
konnte  bereits  mehr  als  ein  Drittel  vollendet  werden.

Die  Pforte  wurde  außer  den  armenischen  Unruhen  durch  Be-xürkei.
wegungen  in  Macedonien  heimgesucht  und  gegen  Ende  des  Jahres
kündigten  sich  auch  in  Kreta  Ruhestörungen  an.  In  allen  diesen
Schwierigkeiten  zeigten  sich  die  militärischen,  administrativen  und
finanziellen  Mittel  der  Pforte  so  unzureichend,  daß  in  der  europäischen
  Presse  hin  und  wieder  der  Gedanke  einer  Verteilung  des
türkischen  Gebietes  erörtert  wurde  (vgl.  vir  pacifieus,  Politische
Träumereien  Preuß.  Jahrb.  Bd.  83).  Der  macedonischer  Aufstand
fand  heimliche  Unterstützung  bei  dem  Vasallenlande  der  Pforte,  bei
Bulgarien,  und  wiewohl  für  den  Augenblick  das  Feuer  gelöscht
scheint,  so  kann  es  doch  plötzlich  wieder  in  hellen  Flammen  ausbrechen,
  da  es  an  Zündstoff  bei  den  nationalen  und  religiösen
Gegensätzen  —  in  Macedonien  stehen  sich  außer  Christen  und
Muhamedanern  auch  Griechen,  Bulgaren  und  Serben  feindlich
gegenüber  —  niemals  mangelt.

Bulgarien,  das  lange  Jahre  für  ein  gut  verwaltetes  Land  ganuin
gegolten  hat,  zeigte  im  Jahre  1895  recht  abstoßende  Züge.  Die
Ermordung  Stambulows  fast  unter  den  Augen  der  Polizei,  die
Haltung  der  Regierung,  die  die  Mörder  noch  nicht  entdeckt  oder
festgenommen  hat,  die  nachträgliche  Untersuchung  der  Stambulowschen
  Regierung  entzog  den  Bulgaren  einen  großen  Teil  der  Sympathien,
  die  ihnen  Stambulows  eisernes  Regiment  in  Europa  erworben
  hatte.  Weit  verbreitet  ist  jetzt  die  Anschauung,  daß  die
Ruhe  und  Ordnung  in  Bulgarien  nicht  mehr  aufrecht  erhalten
werden  könne,  daß  die  Autorität  der  Regierung  untergraben  sei;
nicht  der  Fürst  herrsche,  sondern  Metropolit  Clement.  Um  seine
Dynastie  populärer  zu  machen  und  die  Annäherung  an  Rußland
zu  erleichtern,  versprach  der  Fürst,  den  Thronfolger  zur  orthodoxen
Kirche  übertreten  zu  lassen,  doch  sollen  hiergegen  der  Papst  und  die
fürstliche  Familie  Widerspruch  erhoben  haben.

Von  den  übrigen  Balkanstaaten  sind  Serbien  und  Griechen=  Grieland
  nach  wie  vor  in  finanziellen  Nöten;  Griechenland  hat  sich  nochenland.
nicht  bereit  erklärt,  seinen  Gläubigern  mehr  als  ein  Drittel  ihrer
Forderungen  zu  befriedigen,  und  Serbien  hat  eine  Konverfion  vor-Serbien.
        <pb n="350" />
        342  Mebersict  der  pelltischen  Entwisselmns  bes  Jahres  1895.

genommen,  die  einem  Staatsbankrott  verzweifelt  ähnlich  sieht.  Im
Innern  waren  die  serbischen  Zustände  noch  unverändert,  die  größte
Partei,  die  Radikalen,  stand  noch  in  schroffster  Oppofition  zur
Regierung.

Ver-  In  den  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas  hat  der  höchste
Einigte  Gerichtshof  ein  wichtiges  Stück  der  legislatorischen  Resultate  des
Jahres  1894  annulliert:  das  mit  dem  Zollgesetze  (1894  S.  312)
verbundene  Einkommensteuergesetz  wurde  für  verfassungswidrig  erklärt.
  Diese  Einkommensteuer  sollte  erhoben  werden  von  Einkommen
über  4000  Dollars,  traf  also  nur  eine  Minderheit  der  Bevölkerung
und  war  vorzugsweise  auf  den  kapitalkräftigen  Osten  des  Landes
berechnet.  Wegen  dieser  beiden  Eigenschaften  hatte  das  Gesetz  auch
bei  vielen  grundsätzlichen  Freunden  einer  Einkommensteuer  Anstoß
erregt.  Die  Zollfrage,  die  1894  das  Parlament  so  viel  beschäftigte,
ist  noch  nicht  definitiv  geregelt,  insbesondere  ist  die  Besteuerung  des
aus  Ländern  mit  Ausfuhrprämien  stammenden  Zuckers  nicht  geändert,
  unentschieden  ist  noch  die  Finanzfrage  trotz  aller  Bemühungen
des  Präsidenten.  Sehr  lebhaft  war  die  öffentliche  Diskussion  der
Währungsfrage;  das  ganze  Jahr  hindurch  beschäftigten  sich  Republikaner
  und  Demokraten  mit  diesem  Problem  und  nahmen  bald
für  bald  wider  die  internationale  Doppelwährung  Resolutionen  an.
In  der  auswärtigen  Politik  wird  das  Jahr  charakterisiert  durch
die  schroffe  Betonung  der  Monroedoktrin  durch  Volk  und  Präfidenten.
  Die  öffentliche  Meinung  sah  Clevelands  Unthätigkeit  in
der  kubanischen  Angelegenheit  mit  Widerwillen,  und  manche  Unterstützung
  floß  heimlich  den  Insurgenten  aus  Nordamerika  zu,  ebenso
  forderte  sie  dringend  ein  Einschreiten  der  Union  in  dem  Streite
Englands  mit  Nikaragua  und  Venezuela.  Wie  Cleveland  hierin

der  allgemeinen  Empfindung  Rechnung  trug,  ist  bereits  erzählt.
Mittel.  In  Süd=  und  Mittel-Amerika  haben  wir  wie  alljährlich
u  eine  Anzahl  Aufstände  in  den  einzelnen  kleinen  Staaten  zu
verzeichnen,  in  dem  größten,  Brasilien,  wurde  der  Bürgerkrieg
  beendigt.  Ein  alter  Grenzstreit  zwischen  Chile  und  Argentinien
  verursachte  im  Sommer  ernsthafte  Kriegsbefürchtungen,  aber
im  Herbst  wurde  die  definitive  Regelung  der  Angelegenheit  noch
einmal  vertagt  und  die  Ruhe  blieb  erhalten.  Chile,  der  bestver-
        <pb n="351" />
        Aebersiht  der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1895.  343

waltete  Staat  Südamerikas,  schickt  sich  einstweilen  an,  seine
Armee  nach  preußischem  Muster  zu  organisieren  und  hat  zu  dem
Zwecke  eine  Anzahl  jüngerer  preußischer  Offiziere  in  Dienst  genommen.
  Ein  anderer  Grenzstreit  Argentiniens  mit  Brasilien  um
einen  Teil  des  Gebietes  der  Misiones  wurde  durch  Clevelands
Schiedsspruch  zu  Gunsten  Brasiliens  beendigt.

Von  Asfien  ist  bereits  oben  mehrfach  die  Rede  gewesen;  hier
wollen  wir  nur  noch  anführen,  daß  Japan  im  November  die  Räumung
  Liautungs  vollzog,  nachdem  ihm  China  30  Millionen  Taels
Entschädigungen  zugesichert  hatte,  und  daß  es  im  Herbst  den  Aufstand
  auf  Formosa  erstickte.  Während  in  dem  geschlagenen  China
nichts  von  ernstlichen  Reformen  zu  bemerken  ist,  hat  das  siegreiche
Japan  eine  kolossale  Verstärkung  seiner  Armee  in  Aussicht  genommen,
  die  am  1.  April  1896  ins  Leben  treten  soll.

Afien.
        <pb n="352" />
        Alphabetisches  Register.

(Die  Ziffern  bedeuten  die  Seitenzahlen.)

Afrika  309—  311.
ebers.  321,  333,  336.

Val.  Deutsches  Reich,  Kolonial-=politik;
  Großbritannien,  Kolonial-=politik;
  Frankreich,  Kolonialpolitik;
  Italien,  Kolonialpolitik;  Belgien;
  Rußland,  Auswärtiges.

Asien  311—315.
Uebers.  317,  343.

Vgl.  Deutsches  Reich,  Auswärtige
  Politik;  Großbritannien,  Auswärtige
  Politik;  Frankreich,  Auswärtige
  Politik;  Rußland,  Auswärtige
  Politik.

Australien  und  Südfee  308.

Belgien  276—278.
Ueberf.  337.

Dänemark  280.

Deutsches  Reich  1—205.
Uebers.  322.
Inswirtige  Velitik.  Uebers.  317,  321.

Schutz  der  Deutschen  im  Auslande8,
  39.—  Zollzuschläge  auf  spanische
  Waren  31,114.—  Ehrung  Erzherzog
  Albrechts  47.—  Der  Kaiser
nach  Wien  57.  —  Bismarcks  politische
  Stellung  vor  1862  58.—
Kriegsmarine  und  auswärtiger
Handel  59.  —  Handelsvertrag
mit  Argentinien  68.  —  Griechische
Wertpapiere  69.  —  Englischer

 

Handel  in  Afrika  71.—  Botschafterwechsel
  in  Petersburg  72.  —  Telegramm
  Franz  Josefs  an  Bismarck
93.—  Bismarck  und  die  Deutschen
aus  Odessa  104.  —  Bismarck  und
die  Steiermärker  105.  —  Intervention
  in  Ostafien  122.  —  Oesterreichisches
  Zollkartell  140.—  Sklavenhandel
  143.  —  Engl.  Urteil
über  „Elbe“  und  „Crathie“  163.
—  Kaiser  nach  Schweden  163,
169.  —  Deutschland,  Marokko  und
Frankreich  164.  —  Fürst  Hohenlohe
  beim  Kaiser  von  Oesterreich
in  Ischl  169.  —  Kaiser  nach  England
  169.  —  Schriftenwechsel
wwischen  deutschen  Bischöfen  und
em  Papst  187.  —  Artikel  des
„Standard“  169.  —  Hohenlohe
nach  Rußland  174.  —  Bismarck
und  Amerikaner  175.  —  Sozialdemokraten
  und  Franzosen  177.
—  Fürst  Lobanow  beim  Kaiser
188.  —  Kaiser  von  Oesterreich
beim  Kaiser  181.  —  König  von
Portugal  beim  Kaiser  192.  —  Ernennung
  des  Kaisers  zum  österreichischen
  General  der  Kavallerie
183.  —  Deutschland  und  China
184.  —  Beleidigung  der  deutschen
Offiziere  durch  Munier  175.  —
Hinrichtung  Stokes  203.  —
Deutschland,  England  und  Transdaal
  205.  —  Deutschland  und
Nordamerika  198.

Baden.

Versammlung  alter  Krieger  in
Mannheim.  Rede  des  Großherzogs
163.  —  Ergänzungswahlen  zum
        <pb n="353" />
        IlpHabetisches  Register.  Afrikt.  Denisqes  Reit.  345

Landtag  187.  —  Zusammentritt
des  Landtags  132.

Bauern.

Urteil  im  Fuchsmühler  Prozesse
121.  —  Militärische  Gedenkfeier
157.  —  Schacksche  Bildergalerie
in  München  158.  —  Katholikentag
  in  München  175.  —  Wanderversammlung
  bayr.  Landwirte  in
Nürnberg  141.—  Kathol.  Bauernvereine
  183.—  Bayer.  Handwerkertag
  zu  Kaiserslautern  189.  —
Zusammentritt  des  Landtags
Budget  184.  —  Besprechung  der
Fuchsmühler  Vorgänge  184.  —
Antrag  auf  ein  Mißtrauensvotum
egen  die  Regierung  188.  —  Ver-Hälin
  zu  Preußen,  zur  Umsturzvorlage.
  Antrag  auf  Abänderung
des  Wahlrechts  191.  —  Staatliche
  Mobiliarversicherungsanstalt
genehmigt  192.

Bekualsenthülssen,  Ginweihnugen,
Siegesfeiern.

Stapellauf  des  Aegir  101.  —
Kaiser  Friedrichdenkmal  in  Pasewalk
  153.  —  Schacksche  Bildergalerie
  in  München  158.  —  Nordostseekanal
  158.  —  Grundsteinlegung
  des  Kaiser  Wilhelmdenkmals
  171.  —  Enthüllung  des
Kaiser  Friedrichdenkmals  in  Wörth
188.  —  Schlußsteinlegung  beim
Reichsgerichtsgebäude  190.  —  Erinnerung
  an  1870  168.  —  Erlasse
  des  Kaisers  29,  171,  182.
—  Defpeschenwechsel  des  Kaisers
mit  dem  König  von  Sachsen  172,  mit
Bismarck  177.—  Reden  des  Kaisers
173,  174,  178,  190.  —  Haltung
der  Sozialdemokraten  176,  der
Polen  183.

Enthüllunzen  über  Bismarcks  polit.
Stellung  vor  1862  58.  —  Ueber
die  Stellung  des  Herzog  Friedrich
von  Augustenburg  zur  Annexion
von  Schleswig-Holstein.  Brief  an
König  Wilhelm  1864  127—130.
Elsaf-Kothringen.

Deutsch-nationale  Kundgebung
im  Landesausschuß  35.  —  Etat
69.  —  Enthüllung  des  Kaiser
Friedrichdenkmals  zu  Wörth  188.

 

 

Evanselische  Firche.
Abgeordnetenhaus:  Kirchenverfassung
  86.  —  Geistliche  gegen
Umsturzvorlage  118.  —  Landeskirchliche
  Konferenz  fordert  Einfluß
der  Kirche  auf  Besetzung  der  theologischen
  Professuren  130.  —
Evangelisch-sozialer  Kongreß  153.
—  Geistlichkeit  und  Sozialpolitik,
Erlaß  des  Oberkirchenrats  204.

Finanjen.

Preuß.  Etat  21,  88.  —  Preuß.
Fonds  aus  den  Ueberschüssen  der
Einkommensteuer  43.  —  Finanzreform
  55.  —  Preuß.  Staatsschuldenverwaltung
  24.  —  Währungsdebatte
  32,  44,  141,  157.
—  Rentenkonversion  25,  72.  —
Einkommensteuer  in  Hessen  28,
Preuß.  Eisenbahnetat  37.  —  Stempelsteuer
  48,  Tabaksteuer  50,  52,
140,  Reichsfinanzreform  55,  Besoldung
  der  Postbeamten  65,  73.
—  Doppelbesteuerung  68,  144,
164.  —  Rentmeistergesetz  65.  —
Etat  für  Elsaß-Lothringen  69.
—  Griech.  Wertpapiere  69.  —
Finanzwirtschaft  Wißmanns  70.—
Reichsetat  88.  —  Finanzen  Württembergs
  50,  115.—  Gerichtskostengesetz119.—
  Branntweinsteuer  119,
146.  —  Weinsteuer  124.  —  Jagdscseigese
  139,  163.  —  Reichsinvalidenfonds
  140.  —  Zuckersteuer
  141,  145.  —  Grundsteuer
142,  162.  —  Zentralgenossenschaftskasse
  158,  163.  —  Budget
für  Bayern  184.  —  Gehalt  der
Volksschullehrer  in  Mecklenburg
192.  —  Reichsetat  198.

Handels=  und  Wirtschaftspolitik.

Konversionsfrage  25,  72.—  Abänderung
  des  Zolltarifs  27,  31,
114.  —  Binnenschiffahrt  und
Flößerei  28,  121.  —  Gewerbeordnung,
  Hausierhandel  34  —
Eisenbahntarifdebatte  37.  —  Zentralverband
  der  Brauereien  gegen
Verrufserklärung  46.  —  Tabaksteuer
  52,  140.  —  Statistisches
über  Tabaksbau  und  Tabakshandel
  53.  —  Reichsfinanzreform  51.
        <pb n="354" />
        346

Handelsvertrag  mit  Argentinien
68.  —  Griechische  Wertpapiere  69.
—  Erweiterung  des  preußischen
Staatseisenbahnnetzes  70  —  Handel
  in  den  Kolonien  70.  —  Berufs=
  und  Gewerbezählung  72.—
Branntweinsteuer  119,  146.  —
Abänderung  der  Weinsteuer  124.
—  Zentralgenossenschaftskasse  158,
163,  184.  —  Bayrischer  Handwerkertag
  189.  —  Handelsbeziehungen
  zu  Nordamerika  198.—
Gesetzentwurf  über  unlauteren
Wettbewerb  203.  —  Handwerkerkammern
  203.

Deutscher  Handelstag  gegen  jede
Aenderung  der  Währung,  Zollerhöhungen
  und  Antrag  Kanitz  54,
107=  —  Oesterreichisches  Zollkartell

Deutscher  Handwerkertag
in  Halle  113.  —  Elb-Trave-Kanal
153.  —  Einweihung  des  Nord-Ostseekanals
  158.  —  Versammlung
  der  Innungsverbände  und
hanseatischen  Gewerbekammern  zu
Berlin  169.

Landwirtschaftliches.  (Vgl.
Abgeordnetenhaus  Reichstag).  Notlage
  31.  —  Zuckerprämien  31.—
Bimetallismus  32.  —  Getreidemonopol
  32.—  Generalkommission
für  Ostpreußen  34,  113,  163.  —
Generalversammlung  des  Bundes
der  Landwirte  47.  —  Vorstand
des  Bundes  beim  Kaiser  44.  —
Künstlicher  Dünger  58,  59,  86.
—  Getreidepreise  86.  —  Ankauf
inländischer  Produkte  durch  den
Staat  121.  —  Landwirtschaftsrat
  in  Berlin  63.  —  Antrag
Kanitz  im  Staatsrat  67,  73,  im
Reichstage  88  —  Ankauf  inländischer
  Produkte  durch  Staatsbetriebe
  121.—  Wanderversammlung
Bayerischer  Landwirte  141.  —
Zuckersteuer  141,  147.  —  Aufhebung
  der  Rückzahlung  der  Grundsteuerentschädigung
  142,  162.  —

 

Sozialistisches  Agrarprogramm
166.  —  Kathol.  Bauernverein
Bayerns  183.  Bund  der  Landwirte

  und  Zentrum  188.  —  Landwirtschaftskammern:
  angenommen

 

Ilphabetiscen  Rezister.

für  Schleswig-Holstein  28,  Brandenburg
  49,  Ostpreußen  57,  Posen
63,  Pommern  64,  Westpreußen
64,  Schlefien  69,  errichtet  für  diese
Provinzen  und  Prov.  Sachsen,
Reg.-Bezirk  Kassel,  Wiesbaden  169,
abgelehnt  für  Hannover  44,  Westfahlen
  46.

Währungsfrage.  Minister
v.  Hammerstein  über  Doppelwährung
  32.  —  Beratung  im

Reichstage,  Erklärung  Hohenlohes
44.  —  Gutachten  des  deutschen
Handelstags  54.  —  Beratung  im
preuß.  Herrenhause  141,  im  Abgeordnetenhause
  143,  im  Württembergischen
  Landtag  157.

Bessen.

Einkommensteuergesetz  28,  157.

Justij.

Umsturzvorlage  1—7,  59,  115,
130—36.  —  Gerichtsverfassung  24,
25.  —  Gerichtskostengesetz,  Gebührenordnung
  für  Notare  28,
119.  —  Privatrechtliche  Verhältnisse
  der  Binnenschiffahrt  28,  122.
—  Verminderung  des  Schreibwerks
101.—  Prozeß  Leist  102.—  Fuchsmühler
  Prozeß  121,  184.  —  Prozeß
  Mellage  152,  184.  —  Aussetzung
  der  Strafvollstreckung  189.
—  Militärstrafprozeß  197.

Katholische  Kirche.

Prozeß  Mellage.  Aachen  152
bis  184.  —  Katholikentag  in  München
  175.  —  Jesuitengesetz,  Antrag
  im  Reichstag  auf  Aufhebung
24,  49.  —  Beschwerden  im  preuß.
Landtage  28,  53,  55,  142.  —
Paritätsdebatte  53,  55.—  Ordensniederlassungen
  55.  —  Kathol.
Religionsunterricht  in  den  Volksschulen
  163.  —  Kathol.  Bauernverein
  183.  —  Antrag  auf  Wiederherstellung
  der  Artikel  15,  16,  18
der  preuß.  Verfassung  142.  —
Bischöfe  und  Kurie  187.

Kolonialpelitik.  Uebers.  S.  327.

Schutz  der  Deutschen  im  Auslande
  8—18,  39—43.  —  Schutztruppe
  in  Westafrika  und  Kamerun
146.  —  Prozeß  Leist  101.  —  Kolonialetat,
  Handel  Ostafrikas,  Fi-
        <pb n="355" />
        Veutsches  Reit.  347

nanzwirtschaft  Wißmanns,  englische
  Konkurrenz  70.  —  Ges.E.
über  Bestrafung  des  Sklavenraubes
143.  —  Transvaalfrage  205.
#uas.  Wiseenschaft,  Anterriczt.

Angriffe  auf  Kathedersozialisten
2,  30,  62  —  auf  die  Naturwissenschaft
  4.  —  Erlasse  des  Kaisers
über  Ausschmückung  der  Siegesallee
  29.  —  Preisstiftungen  30.
—  Dienstpflicht  der  Volksschullehrer
  30.  —  Hauptmanns  „Weber“
  und  Theater  52.  —  Besuch
der  höheren  Schulen  53.  —  Pol-=nischer
  Unterricht  55.  —  Stellung
der  Hilfslehrer  56.  —  Besetzung
theologischer  Professuren  130.  —
Schack'sche  Bildergalerie  158.  —
Interpellation  über  Frrenpflege
161.  -—  Kathol.  Religionsunterricht
  in  Volksschulen  163.  —  Ursprung
  des  Krieges  von  1870  168.
Tippe-Betmld.

Successionsfrage  72.
Mehlesburg-Schwerin.

Ablehnung  der  Gehaltsaufbesserung
  der  Volksschullehrer  192.
Militär  und  Morine.

Marineetat  59,  62,  63,  65.  —
Verstärkung  der  Flotte  62.  —
Sozialistischer  Antrag  für  ein
Milizsystem  62.  —  Begnadigungsrecht

  63.  —  Militärparagraph  der

Umsturzvorlage  135.  —  Verurteilung
  der  Oberfeuerwerkerschüler  18.
—  Dienstzeit  der  Volksschullehrer
30.—  Rekrutenvereidigung  in  Wilhelmshaven
  63,  in  Kiel  205.  —
Beleidigung  des  deutschen  Offizierkorps
  durch  Munier  175.  —  100.=jähriges
  Stiftungsfest  der  militärärztlichen
  Bildungsanstalten  192.
—  Kab.-Ordres  für  Siegesfeiern

29,  171.  —  Parade  der  Kriegervereine

  174.  —  Der  Kaiser  spricht
für  Verstärkung  der  Marine  2,  38.
—  Erlaß  für  Versorgung  der
Kriegsteilnehmer  1870  73.  —
Sorge  für  Hinterbliebene  der  Unteroffiziere
  und  Mannschaften  140.
—  Kaisermanöver  181,  182.  —
Ernennung  des  Kaisers  zum  österreichischen
  General  der  Kavallerie

 

183.  —  Ernennung  des  Grafen
Waldersee  zum  Generaloberst  der
Kavallerie  183.  —  Ernennung  des
Königs  von  Portugal  zum  Chef
des  Inf.-Reg.  Nr.  20  192.  —
Wechsel  im  Oberkommando  der
Marken  5.  —  Der  Keiser  beglückwünscht
  Bismarck  im  Namen  der
Armee  82.  —  Beratung  des  Militäretats
  in  Bayern  202.

Varteiwesen.

Agrarische  Bewegung  (pgl.
Abgeordnetenhaus,  Reichstag,  Handels=
  und  Wirtschaftspolitik).  Bund
der  Landwirte,  Audienz  beim  Kaiser
47.  —  Generalversammlung  47.
—  Bei  Bismarck  153.  —  Versammlungen
  am  Niederrhein,  Verhältnis
  zum  Zentrum  188.  —
Agrarische  Presse  über  Minister
v.  Hammerstein  33.  —  Reichstagswahl
  in  Lyck  55,  64.  —  Antrag
Kanitz  im  Staatsrat  68,  73,  im
Reichstage  88.  —  Versuche  mit
Kornhäusern  121.  —  Katholische
Bauernvereine  Bayerns  183.  —
Wanderversammlung  bayerischer
Landwirte  141.

Christlich-Soziale.  Uebers.
S.  324.  Umsturzdebatte  2.  —
Konflikt  mit  den  Konservativen
123,  189,  204.  —  Epvangelischsozialer
  Kongreß  153.  —  Erlaß
des  Oberkirchenrats  204.

Deutsch-soziale  Reformpartei.
  Spaltung  33.  —  Anträge
  im  Reichstag  57,  64.  —
Beglückwünschung  Bismarchs  76.
—  Parteitag  189.

Deutsche  Volkspartei.  Wahlen
  in  Württemberg  34.  —  Ueber
Beglückwünschung  Bismarcks  75.

Konservative.  Uebers.  S.  324.
Parteitag  der  Berliner  34.  —
Reichstagswahl  in  Lyck  55,  64.  —
Stellung  zur  Umstur  vorlage  59,
118,  130  —  136.  Beglückwün:
schung  Bismarcks  75,  76,  78,  100.
—  Konflikt  mit  den  Christlich-Sozialen
  123,  189,  192,  204.—
Fall  Hammerstein  164,  205.  —
Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
177,  178.  —  Brief  Stöckers  über
        <pb n="356" />
        348

Bismarck  i.  J.  1888  181.  —  Parteitag
  in  Schlefien  192.
Nationalliberale  und  Freikonservative.
  Zur  Umsturzvorlage
  19,  118,  130—136.  —  Wahlen
  in  Württemberg  34.  —  Beglückwünschung
  Bismarcks  75,  76,
78,  100.  —  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  177,  178.  —  Ersatzwahl
  in  Dortmund  192.

Polen.  Umsturzdebatte  5.  —
Beschwerden  im  Landtag  28,  34,
44,  65.——  Ueber  Beglückwünschung
Bismarcks  76,  77.  —  Haltung  in
den  Siegesfeiern  183.  —  Konflikt
mit  dem  Zentrum  191.

Sozialdemokratie.  Uebers.
S.326.  Umsturzdebatte  1—7,  130
bis  136.  —  Parteitag  der  rheinischen
  25.  —  Antrag  auf  ein
Milizsystem  62.  —  Ueber  Beglückwünschung
  Bismarcks  75,  79,  100.
—  Kritik  des  kaiserlichen  Telegramms
  an  Bismarck  87.  —  Agrarprogramm
  166—168,  185.—  Haltung
  in  den  Siegesfeiern  176,  179.
—  Verurteilung  durch  den  Kaiser
178,  182.  —  Polizeiliche  Maßregeln
  180,  192.  —  Parteileitung
196.  —  Parteitag  185.  —  Ueber
Fuchsmühl  188.  —  Ersatzwahl  in
Dortmund  192.  —  Debatte  über
die  Sozialdemokratie  im  Reichstage
  200—  202.

Zentrum.  Uebers.  S.  323.
Stellung  zur  Umsturzvorlage  3,
59,  118,  130—136.  —  Anträge
und  Beschwerden  im  preuß.  Landtag
  28,  53,  55,  142,  163.  —
Sozialpolitische  Anträge  u.  Interpellationen
  34,  35,  36,  48,  49.
—  Jesuitengesetz  24,  49.  —  Wahlen
  in  Württemberg  34.  —  Ueber
Beglückwünschung  Bismarcks  74,

76,  78,  79,  100.  —  Zum  Prozeß

Mellage  161.—  Katholikentag  175.
—  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  177,  178.  —  Verhältnis
zum  Bund  der  Landwirte  188.  —
Konflikt  mit  den  Polen  191.  —
Ersatzwahl  in  Dortmund  192.

VPersenalien.
Kaiser  Wilhelm.  Schwar- 



opbahriisches  Resistrr.

zer  Adlerorden  an  Graf  Waldersee
  1.  —  Depeschenwechsel  mit
dem  Könige  von  Württemberg  1.
—  Für  Verstärkung  der  Marine
  2,  38.  —  Thronrede  bei  Eröffnung
  des  Landtages  19.  —
Stiftungen  anläßlich  des  Geburtstages
  29.  —  Bestimmung  über
Dienstpflicht  der  Volksschullehrer  30.
—  Ehrenvoller  Nachruf  dem  Erzherzog
  Albrecht  (Oesterreich)  47.  —
Reise  nach  Wien  57.—  Rede  an  den
Vorstand  des  Bundes  der  Landwirte
  47.  —  Rede  auf  dem  Brandenburger
  Provinziallandtag  54.
—  Bereidigung  der  Marinerekruten,
Rede  63.  —  Rede  bei  Eröffnung
und  Schließung  des  Staatsrates
67  u.  72.  —  Beileidstelegramm
an  Frau  v.  Schorlemer-Alst  69.
—  Erlaß  über  die  Versorgung  der
Kriegsteilnehmer  von  1870/71  73.
—  Depeschenwechsel  mit  Fürst  Bismarck
  über  den  Reichstagsbeschluß
78.  —  Gratulationsbesuch  bei  Bismarck,
  Reden  82—84.  —  Gliückwunschtelegramm
  an  Fürst  Bismarck,
  Antwort  93.  —  Stapellauf
  des  Panzerschiffes  Aegir  101.
—  Enthüllung  eines  Kaiser-Friedrich-Denkmals
  in  Pasewalk  153.
—  Eröffnung  der  umgebauten
Schack'schen  Bildergalerie  158.  —
Einweihung  des  Nord-Ostseekanals,
Reden  158.  —  Auszeichnung  des
Ministers  v.  Bötticher  161.  —  Abreise
  nach  Schweden  163,  Rückkehr
169.  —  Abreise  nach  England  169,
Rückkehr  171.  —  Kabinettsordre
zur  Erinnerung  an  die  Siege  1870
171.  —  Grundsteinlegung  zum
Nationaldenkmal  Kaiser  Wilhelms,
Urkunde  171.  —  Briefwechsel  mit
dem  König  von  Sachsen  in  Erinnerung
  an  die  Schlacht  von  St.
Privat  172.  —  Rede  auf  einem
Festessen  der  Potsdamer  Offiziere
173.—  Parade  über  Kriegervereine
Berlins  und  Umgegend,  Rede  174.
—  Depesche  an  den  Prinzregenten
Luitpold  (1.  Sept.)  und  Antwort
177.  —  Depesche  an  Fürst  Bismarck
  (2.  Sept.)  und  Antwort  177.
—  Rede  beim  Paradediner  gegen
        <pb n="357" />
        Leutsches  Keis.  349

die  Sozialdemokratie  178.  —  Abreise
  nach  Stettin  (Manöver)  181.
—  Antwort  auf  die  Ansprache  des
Herrn  v.  Köller  181.  —  Rede  beim

aradediner  182.  —  Erlaß  über
Siegesfeiern  und  Sozialdemokratie
182.  —  Ernennung  des  Kaisers
zum  österreichischen  General  der
Kavallerie  183.  —  Ernennung  des
Grafen  Waldersee  zum  Generaloberst
  der  Kavallerie  183.  —  Zur
Jagd  nach  Rominten  183.  —  Geschenk
  an  den  Zaren  184.  —  Reise
nach  Hubertusstock  185.  —  Telegramm
  anläßlich  der  Ermordung
des  Fabrikanten  Schwartz  187.  —
Audienz  des  Fürsten  Lobanow  188.
—  Reise  in  die  Reichslande  188.
Enthüllung  des  Kaiser-Friedrich-Denkmals
  in  Wörth,  Rede  188.
Rückkehr  nach  Potsdam  189.  —
Erlaß  an  den  Justizminister  über
Aussetzung  der  Strafvollstreckung
189.  —  Schlußsteinlegung  beim
neuen  Reichsgerichtsgebäude  190.
—  Rede  beim  Festessen  betr.  Kapitulation
  von  Metz  190.  —  Ernennung
  des  Königs  von  Portugal
zum  Chef  des  Inf.-Reg.  Nr.  20
192.  —  Rede  auf  einem  Diner
des  schlesischen  Kürassier-Regiments
193.  —  Rückkehr  aus  Schlesien.
Reise  nach  Hannover  und  zurück
196.  —  Vereidigung  der  Marinerekruten
  in  Kiel  203.  —  Besuch
in  Friedrichsruh  203.

Kaiserin  Auguste  Viktoria.
Glückwunschtelegramm  an  Bismarck
  43.  —  Bei  der  Enthüllung
eines  Kaiser-Friedrich-Denkmals
in  Pasewalk  153.  —  Mit  dem
Kaiser  in  die  Reichslande  188.

Kronprinz  Wilhelm.  Gratulationsbesuch
  bei  Bismarck  82.

rinz  Heinrich.  Gratulationsbesuch
  bei  Fürst  Bismarck  84.

König  von  Württemberg.
Depeschenwechsel  mit  dem  Kaiser  1.
—  Der  König  eröffnet  den  Landtag,
  Thronrede,  Etat  49.

König  von  Sachsen.  Briefwechsel
  mit  dem  Kaiser  in  Erinnerung
  an  die  Schlacht  von  St.
Privat  172.—  Rede  beim  Parade- 



diner  im  Schlosse  178.  —  Schlußsteinlegung
  beim  neuen  Reichsgerichtsgebäude
  190.

Fürst  Woldemarvon  Lippe-Detmold
  .  —  Suceesfionsfrage
Großherzog  von  Baden.
Gratulationsbesuch  bei  Fürst  Bismarck
  84.—  Glückwunschtelegramm
an  Fürst  Bismarck  94.  —  Rede
bei  Versammlung  alter  Krieger
in  Mannheim  163.
Erbgroßherzogin  von  Oldenburg,
  geb.  Prinzessin  Elisabeth
  von  Preußen  f  175.
Prinzregent  Luitpold.  Depeschenwechsel
  mit  dem  Kaiser  177.
Fürst  Bismarck.  Enthüllungen
  über  Bismarcks  politische
Stellung  vor  1862  58.  —  Ablehnung
  eines  Glückwunsches  seitens
  der  Berliner  Stadtverordneten
69.  —  Verhandlungen  des  Reichstages
  und  Abgeordnetenhauses  betreffs
  eines  Glückwunsches  an  Fürst
Bismarck  74—78.  —  Depeschenwechsel
  darüber  mit  dem  Kaiser
78.  —  Glückwunsch  von  424  Mitgliedern
  des  Reichstags  und  Landtags,
  Rede  79.  —  Der  Kaiser  und
der  Kronprinz  bei  Bismarck,  Reden
82,  Tafelreden  83.  —  Der  Großherzog
  von  Baden  und  Prinz  Heinrich
  bei  Bismarck  84.  —  Reichskanzler
  Fürst  Hohenlohe  überbringt
einen  Glückwunsch  des  Bundesrats
und  des  preußischen  Staatsministeriums
  84,  Antwort  85.  —  Antwort
  auf  ein  Telegramm  der  Hamburger
  Bürgerschaft  87.  —  Glückwunschtelegramm
  des  Kaisers  Wilhelm,
  der  Kaiserin,  des  Kaisers
Franz  Josef,  des  Großherzogs  von
Baden.  Antworten  93.  —  Feier
des  Geburtstages  am  Hofe  94.—
Deputation  des  Kürassier-Regiments
  v.  Seydlitz,  der  deutschen
Professoren,  der  Studenten  und
der  Hamburger  Rheder  bei  Bismarck.
  Antwortreden  Bismarcks
94.  —  Fackelzug  99.  —  Empfang
einer  Deputation  Münchens  100.
—  Dankschreiben  an  den  Ober
        <pb n="358" />
        350

bürgermeister  Zelle  101.  —.  Empfang
  von  800  Lehrern  102,  von
Lehrern  und  Schülern  des  Gymnasiums
  von  Jever  104,  der  deutschen
  Deputation  in  Odessa  104,
einer  Deputation  des  Norddeutschen
Lloyd  105,  einer  Abordnung  Steiermärker
  und  österreichischer  Studenten
  105,  einer  Deputation  der
deutschen  Innungen,  Darmstadts
und  der  deutschen  Künstlerschaft
109,  einer  Deputation  der  bürgerlichen
  Kollegien  Stuttgarts  und
eines  Vertreters  des  sächfischen
Gymnasiallehrervereins  110,  einer
Deputation  alter  Burschenschafter
und  einer  Abordnung  Anhalts
111—113,  einer  Deputation  von
Köln,  Lauenburg  und  Wölln,  einer
Abordnung  des  plattdeutschen  Vereins
  in  Braunschweig  114,  einer
Abordnung  Oldenburger  und  alter
Korpsstudenten  120.  —  Dank  für
die  Glückwünsche  123.  —  Empfang
einer  Abordnung  Ostfriesen  124,
eines  gemeinsamen  Ehrenbürgerbriefes
  von  72  Städten  des  Königreich
  Sachsen  125,  einer  Abordnung
  Westfalen  137,  von  schlesischen
  Frauen  und  Jungfrauen  139,
von  Rheinländern  142,  von  Leipzigern
  144,  von  Schleswig-Holsteinern
  149,  des  Zentralausschusses
des  Bundes  der  Landwirte  153.
—  Besuch  des  Großherzogs  und
der  Großherzogin  von  Mecklenburg-Schwerin
  157.  —  Ehrenbürgerbrief
  von  9  badischen  Städten
und  Ulm  157.  —  Empfang  von
Schülern  des  Gymnasiums  Seehausen
  163,  von  40  Familien
amerikanischer  Veteranen  175.  —
Depeschenwechsel  mit  dem  Kaiser
(2.  Sept.)  177.  —  Besuch  des
Kaisers  203.

Ackermann.  Resolution  A.
beim  Bunde  der  Landwirte,  wird
abgelehnt  48.

Abg.  Ahlwardt.  Ausschließung
aus  der  antisemitischen  Reichstagsfraktion
  33.  —  Ueber  die  Judenfrage
  64.

Abg.  Ancker.  Antrag  auf  Diäten
  für  Reichstagsmitglieder  44,49.

 

Alxhabetishes  Rezifter.

Abg.  Arendt.  Spricht  für  ben
Bimetallismus  32,  143.  —  Anfrage
  betreffs  offiziöser  Zeitungsorgane
  52.

Abg.  Graf  Arnim  gegen  englische
  Konkurrenz  in  Südafrika  71.

Abg.  Auer.  Gegen  die  Umsturzvorlage
  1,  132.  —  Gegen  den
Diktaturparagraph  32,  57.  —  Antrag:
  Einführung  des  Frauenstimmrechts
  44,  49.  —  Zur  Abänderung
  des  Versicherungswesens
48.  —  Ueber  die  Sedanfeier  (nach
der  Rede  des  Kaisers)  179.

Abg.  Bachem.  Zum  Ministerwechsel
  25.  —  Zum  Etat  2é6,  28.
—  Gegen  Verwendung  der  aus
Einkommensteuer  angesammelten
Fonds  43.  —  Zusätze  zum  Zolltarif
  114.  —  Ueber  Vereins=  und
Koalitionsrecht  123  —  Gegen  die
Tabaksteuervorlage  140.  —  Auf
dem  Katholikentag  in  München

5.

Abg.  Barth  spricht  gegen  Doppelwährung
  45.  —  Gegen  den  Antrag
  Kanitz  92.  —  Aenderungsantrag
  für  die  Umsturzvorlage  130.
—  Rede  132.  —  Gegen  die  Regierung
  202.

Abg.  Bassermann.  Zur  Tabaksteuer
  52,  140.  —  Zum  Gesetz-Entwurf
  über  unlauteren  Wettbewerb
  203.

Abg.  Bebel.  Für  Frauenstimmrecht
  44.  —  Antrag  auf  ein
Milizsystem  62.—  Gegen  Ausübung
  des  Begnadigungsrechts  gegen
  Offiziere  63.  —  Ueber  Sonntagsruhe
  im  Postverkehr  65.  —
Ueber  Mißhandlung  von  Eingeborenen
  in  Kolonien  71.  —  Gegen
  Köllers  Rede  zur  Umsturzvorlage
  134,  135.  —  Debatte  über
den  Mititärparagraph  135.  —
Auf  dem  Parteitag  in  Breslau
185.  —  Gegen  die  Prozesse  gegen
die  Sozialdemokratie  202.

Abg.  v.  Bennigsen.  Rede  für
die  Umsturzvorlage  5.  —  Spricht
für  einen  Glückwunsch  an  Fürst
Bismarck  75.

Minister  v.  Berlepsch.  Rede
für  den  Hausierhandel  34.  —  Beim
        <pb n="359" />
        NDsches  Reis.  351

Antrag  betreffs  Arbeitervertretungen
  36.  —  Betreffs  Beschaffung
künstlichen  Düngers  58.

Abg.  Graf  Herbert  Bismarck
spricht  für  Doppelwährung  45.

Graf  Wilhelm  Bizmarck
wird  Oberpräsident  von  Ostpreußen

Abg.  Bock.  Zur  Interpellation
betreffs  Handwerkerkammern  18.

Gutsbes.  Bock  spricht  im  Bunde
der  Landwirte  47.

Abg.  Böckel.  Austritt  aus  der
antisemitischen  Partei  34.

Min.  v.  Bötticher.  Zur  Interpellation
  betreffs  Hwandwerker=  oder
Gewerbekammern  18.  —  Zum
Ministerwechsel  25.  —  Betreffs
Sicherung  der  Seeschiffahrt  39.  —
Spricht  über  die  kaiserl.  Erlasse
vom  4.  Februar  1890  43.  —  Betreffs
  weiblicher  Fabrikarbeit  49.
—  Zur  Judenfrage  64.  —  Der
Reichsanzeiger  über  Here  v.  Bötticher
  156,  186.  —  Handschreiben
des  Kaisers  nach  Einweihung  des
Nord-Ostseekanals  161.  —  Gesetz-Entwurf
  über  unlauteren  Wettbewerb
  203.  —  Ueber  Handwerkerkammern
  203.

Abg.  Böttinger.  Antrag  auf
Geseitigung  der  Doppelbesteuerung

Min.  Dr.  Bosse.  Bei  Beratung
über  den  Etat  28.  —  Konfesionelle
Statistik  über  den  Besuch  höherer
Schulen  53.  —  Bei  der  Paritätsdebatte
  55.  —  Spricht  gegen  die
Vorwürfe  betreffs  Kathedersozialismus
  62.  —  Erklärung  betreffs  der
Interpellation  über  Revision  der
Irrenanstalten  162.  —  Zur  Interpellation
  Rintelen  163.

Abg.  Brömel  spricht  für  Eisenbahntarifermäßigung

  38.
bg.  v.  Buchka.  Gegen  eine

Volksvertretung  in  Mecklenburg
35,  49.

Abg.  Buck.  Rede  betreffs  der
Kathedersozialisten  63.

Abg.  Buddeberg.  Beim  Gesetz-Entwurf
  zur  Abänderung  des
Zolltarifs  27.

 

Abg.  v.  Buol.  Zum  Reichstagspräsidenten
  gewählt  85.  —
Bei  Fürst  Bismarcks  Geburtstagsfeier
  am  Hofe  94.

Abg.  Bürklin  tritt  von  der
Stelle  des  2.  Bizepräsidenten  des
Reichstags  zurück  85.  —  Betreffs
der  Weinsteuer  124.

Graf  Caprivi.  Gerüchte  über
die  Entlassung  7.

Abg.  v.  Carlinski.  Polnische
Beschwerden  34.

Abg.  Clemm.  Bei  Beratung
der  Tabaksteuervorlage  51.

Abg.  Colbus.  Antrag  57.

v.  Crailsheim,  bayer.  Ministerpräsident.
  Ueber  die  Fuchsmühler
  Vorgänge  184.  —  Antwort
  auf  die  Rede  Grillenbergers
wegen  der  Umsturzvorlage  191.

Abg.  Dasbach.  Polnisch-kathol.
Klagen  55.

Abg.  Dauzenberg.  Katholische
Klagen  53.

Prof.  Delbrück.  Ueber  die
Kriegsursache  1870  168.  —  Konflikt
  mit  Minister  v.  Köller  196.

Abg.  Dittrich  verlangt  Gleichstellung
  der  Lehrer  und  Richter  57.

Abg.  v.  Dobeneck  für  die  Aufhebung
  der  Rückzahlung  der  Grundsteuerentschädigung
  163.

Abg.  v.  Elm  gegen  die  Tabaksteuer
  53.

Abg.  Eneccerus.  Spricht  für
Wiedereinführung  der  Berufung
24.  —  Für  den  Ges.  Entw.  betr.
anderweitige  Ordnung  des  Finanzwesens
  56.  —  Gegen  die  Umsturzvorlage
  133,  135.

Abg.  v.  Eynern.  Ueber  Eisenbahnbau;
  polnisch  katholische  Beschwerden
  und  agrarische  Forderungen,
  Bildung  einer  preußischen
Partei  28.  —  Gegen  speziell  agrarische
  Forderungen  betreffs  Tarifherabsetzung
  38.  —  Zum  Etat  43.
—  Gegen  Stempelsteuer  49.  —
Gegen  Kathedersozialisten  und  Sozialdemokratie
  62.  —  Gegen  den
Antrag  Mirbach  143.  —  Spricht
für  Trennung  des  Medizinalwesens
vom  Kultusministerium  162.

Abg.  Fischer.  Rede  für  Ar-
        <pb n="360" />
        352

beitervertretungen  36.  —  Auf  dem
Parteitag  in  Breslau  185.

Dir.  Fischer.  Ueber  den  Etat
der  Postbeamten  65.

Abg.  Förster-Reuß  gegen  die
Tabaksteuervorlage  52.

Gustav  Freytag  '  123.

Abg.  Frese.  Zur  Tabaksteuervorlage
  51.  —  Gegen  Kündigung
des  Handelsvertrags  mit  Argentinien
  68.

Abg.  Friedberg.  Bei  Beratung
  über  den  Etat.  28.  —  Betreffs
  Doppelwährung  46.

Dr.  v.  Friedberg  (1879—1889
preuß.  Justizminister)  f  153.

Abg.  Frohme.  Rede  bei  der
Umsturzvorlage  gegen  Stumm  7.

Abg.  Gamp.  Antrag  auf  Handwerkerkammern
  und  Beschränkung
der  Gefängnisarbeit  27.  —  Vertrauensvotum
  für  den  Minister
v.  Hammerstein  31.  —  Fuür  Freibleiben
  der  Standeserhöhungen
von  Stempelsteuer  48.  —  Antrag
betreffs  Ausschließung  von  der
t  46.  —  Gegen  das
Branntweinsteuergesetz  120.  —  Antrag
  betreffs  Ankauf  inländischer
Erzeugnisse  durch  Staatsbetriebe
121.  —  Kreditanstalt  für  genossenschaftlichen
  Personalkredit  158.

Abg.  Gerlich  spricht  für  den
Minister  v.  Hammerstein-Loxten  87.

Geh.  Finanzrat  Germar.  Ueber
die  Stellung  der  Hilfslehrer  57.

Fr.  Dr.  Gnauck  auf  dem  evangelisch-sozialen
  Kongreß  in  Erfurt

5

Rudolf  v.  Gneist  f  169.

Abg.  Gothein  spricht  für  Eisenbahntarifermäßigung
  38.

Abg.  Graefe.  Gegen  die  Tabaksteuervorlage
  140.
Acbg.  Dr.  Graf.  Wiederwahl
im  Präfidium  des  Landtags  21.

Abg.  Grillenberger.  Zur
Justizvorlage  25.  —  Antrag,  Vereins=
  und  Koalitionsrecht  123.—
Ueber  die  Umsturzvorlage  191.

Abg.  Gröber.  Rede  zur  Umsturzvorlage:
  gegen  die  ungläubigen
  Professoren  3.  —  Antrag:
auf  Einschränkung  des  Haufier- 



 

Ilphabrtisches  Pexiser.

handels  34.  —  Antrag  zur  Umsturzvorlage
  133.  —  Rede  134.

Abg.  Dr.  Haas.  Niederlegung
des  Mandats  188.

Abg.  Dr.  Hammacher.  Antrag
auf  Zollerhöhung  bei  spanischen
Waren  31.

Minister  v.  Hammerstein-Loxten.
  Ueber  die  Notlage  der
Landwirte  31.  —  Bimetallismus
und  Getreidemonopol  32.  —  Ueber
Maßregeln  gegen  Futter=  u.  Dungverfälschungen
  86.  —  Die  Monopolisierung
  des  Getreidehandels  ist
für  die  Staatsregierung  unannehmbar
  86.  —  Zum  Antrag  Gamp
121.  —  Zum  Zuckersteuernotgesetz
141.

Abg.  v.  Hammerstein.  Auf
dem  konservativen  Parteitag  34.
—  Spricht  für  Biersteuer  statt
Tabaksteuer  53.  —  Antrag  betreffs
der  Judenfrage  57,  64.  —  Wird
von  seiner  Stellung  als  Redakteur
der  Kreuzzeitung  suspendiert.  Anklage.
  Legt  das  Mandat  nieder
164.  —  Verhaftung  205.

Abg.  Hasse.  Interpellation  ween

  mangelnden  Schutzes  der  Deut-Hürn
  im  Auslande  8.  —  Antrag
betreffs  Erschwerung  des  Verlustes
sowie  der  Zugehörigkeit  zum  Deutschen
  Reiche  64.—  etre  Finanzwirtschaft
  in  Ostafrika  71.

Abg.  Hauptmann.  Zur  Paritätsdebatte
  55.

Abg.  Haußmann.  Debatte
über  den  Militärparagraph  135.
—  Gegen  die  Kolonialpolitik  202.

Abg.  v.  Heeremann.  Wiederwahl
  im  Präsidium  des  Landtags
21.—  Betreffs  unsittlicher  Bühnenstücke
  532.  —  Zustimmung  für  Minister
  v.  Köller  52.  —  Spricht  im
Namen  des  Zentrums  gegen  einen
Glückwunsch  an  Fürst  Bismarck
76.  —  Antrag  auf  Wiederherstellung
  der  Artikel  15,  16,  18  der
preußischen  Verfassung.  Abgelehnt
142.

Weimar'scher  Bundesratsbevollmächtigter
  Heerwart.  Beim  Ges.
Entw.  betreffs  anderweitiger  Ordnung
  des  Finanzwesens  56.
        <pb n="361" />
        Heutschee  Reiq.  353

Staatsmin.  v.  Heim  (Sachsen-Meiningen).
  Spricht  für  die  Tabaksteuer
  52.  —  B.  Ges.  Entwurf  betr.
anderweitiger  Ordnung  des  Finanzwesens
  56.

#  ni  Hermes.  Zur  Judenfrage
6

Abg.  Herold.  Vertrauensvotum
  des  Zentrums  für  den  Minister
  v.  Hammerstein-Loxten  32.

Prof.  Freih.  v.  Hertling.  Auf
dem  Katholikentag  in  München  175.

Abg.  v.  Heydebrand.  Beim
landwirtschaftlichen  Etat  32.  —
Anfrage  betreffs  Hebung  der  Getreidepreise
  86.

Abg.  Freih.  v.  Heyl-Herrnsheim.
  Interpellation  wegen  Handwerker=
  oder  Gewerbekammern  18.
—  Antrag  auf  Kündigung  des
Handelsvertrags  mit  Argentinien

Abg.  Hitze.  Rede  gegen  den
Hausierhandel  34.  —  Interpellation
  betreffs  Arbeitervertretungen
35.  —  Antrag  betreffs  Abänderung
  des  Versicherungswesens  48,
57.  —  Betreffs  weiblicher  Fabrikarbeit
  49.

Abg.  Hobrecht.  Gegen  Mitnister
  v.  Köller  (betreffs  Theater)
52.  —  Gegen  den  Antrag  Heeremann
  142.

Abg.  v.  Hodenberg.  Verweigert
  im  Namen  der  Welfen  einen
Glückwunsch  an  Fürst  Bismarck
76.  —  Für  das  Vereins=  und  Koalitionsrecht
  123.

Abg.  Graf  Hompesch.  Beantragt
  Aufhebung  des  Jesuitengesetzes
  24.  —  Annahme  49.  —
Spricht  im  Namen  des  Zentrums
gegen  einen  Glückwunsch  an  Fürst
Bismarck  75.  —  Gegen  die  Aufhebung
  der  Rückzahlung  der  Grundsteuerentschädigung
  162.

Reichskanzler  Fürst  Hohenlohe.
  Zur  Umsturzvorlage  6.  —
Besuch  bei  Bismarck  7.  —  Einführungsrede
  bei  der  Landtagseröffnung
  21.  —  Im  Abgeordnetenhause
  Rede  über  den  Ministerwechsel
  25.  —  Für  den  Diktaturparagraphen
  32.  —  Bei  der  Inter-Europ.

  Geschichtskalender.  Bd.  XXXVI,

 

pellation  betreffs  Arbeitervertretungen
  36.  —  Zur  Interpellation
betreffs  Sicherung  der  Seeschifffahrt
  38.  —  Ueber  die  keiserl.
Erlasse  vom  4.  Februar  18  90  43.
—  Spricht  betreffs  eines  internationalen
  Meinungsaustausches
wegen  Doppelwährung  45.—  Rede
für  den  Marineetat  59.  —  Ueberreicht
  Glückwünsche  des  Bundesrates
  und  preuß.  Staatsministeriums
  an  Bismarck  84.  —  Rede
gegen  den  Antrag  Kanitz,  dessen
Annahme  unmöglich  sei  88.  —
Rede  für  die  Umsturzvorlage  131.
—  Zur  Währungsdebatte  141.—
Audienz  beim  Kaiser  von  Oesterreich
  in  Ischl  169.  —  Reise  auf
seine  Besitzungen  nach  Rußland
174,  nach  Alt  Aussee  (Oesterreich)
184.  —  Verlesen  der  Thronrede
bei  der  Reichstagseröffnung  194.
*  v.  Köllers  Entlassung

Staatssekr.  Hollmann  spricht
für  den  Marineetat  60.

Abg.  Graf  Holstein.  Antrag
betreffs  Ausschließung  von  der
Reichstagssitzung  46.

Abg.  v.  Huene.  Interpellation
betreffs  Beschaffung  künstlichen
Düngers  58.  —  Spricht  für  den
Minister  v.  Hammerstein-Loxten  87.

Abg.  Hüpeden  spricht  für  die
christl.  Arbeitervereine  37.

Abg.  Jacobskötter.  Zur  Judenfrage
  57.

Abg.  v.  Jadzewski.  Polnische
Beschwerden  44.

Abg.  Graf  zu  Inn=  und
Knyhausen  protestiert  als  Hannoveraner
  gegen  die  Ablehnung
eines  Glückwunsches  an  Fürst  Bismarck
  seitens  der  Welfen  76.

Abg.  Irmer.  Gegen  Eisenbahntarifherabsetzung
  38.

Abg.  Miefsang.  itz.  Beim  Bunde
der  Landwirte  47.  —  Antrag  auf
Monopolisierung  der  Getreideeinfuhr
  und  Festsetzung  von  Minimalpreisen
  88,  Rede  dafür  89.—
Rede  für  die  Branntweinsteuer
146.  —  Kreditanstalt  für  genossenschaftlichen
  Personalkredit  158.

23
        <pb n="362" />
        354

Abg.  v.  Kardorff.  Für  den
Diktaturparagraph  32.  —  Gegen
die  nationalökonomischen  Ansichten
Stöckers  62.  —  Kritisiert  die  Ablehnung
  eines  Glückwunsches  an
Bismarck  76.  —  Für  den  Antrag
Kanitz  93.  —  Gegen  die  Umsturzvorlage
  mit  ihren  Aenderungen
133.  —  Debatte  über  den  Militärparagraph
  136.  —  Für  die  Tabaksteuervorlage
  140.  —  Ueber  die
Politik  der  Regierung  200.

Direktor  der  Kolonialabteilung
Dr.  Kayser.  Ueber  den  Handel
Ostafrikas  70.—  Ueber  Wißmann'-sche
  Finanzwirtschaft  71.  —  Ueber
Anfänge  der  südwestafrikanischen
Kolonie  71.

Abg.  Dr.  Kinne.  Zum  Bizepräsidenten
  beim  württembergischen
Landtag  gewählt  54.

Abg.  Dr.  Klasing.  Auf  dem
konservativen  Parteitag  gegen  die
Judenemanzipation  34.

Abg.  Knebel.  Betreffs  Erhöhung
  der  Kosten  durch  das  neuentworfene
  Gerichtskostengesetz  119.
—  Kreditanstalt  für  WWt
lichen  Personalkredit  158.

Reichsbankpräs.  Koch.  Gegen
den  Bimetallismus  141.

Min.  v.  Köller.  Für  die  Umsturzvorlage
  6,  133.  —  Für  den
Diktaturparagraph  32.  —  Gegen
die  polnischen  Beschwerden  44.  —
Ueber  Theater,  Entscheidungen  des
Oberverwaltungsgerichts  und  die
offiziöse  Presse  52.  —  Bezeichnet
die  offiziösen  Zeitungsorgane  52.
—.  Entlassung  des  Min.  v.  Köller
196.  —  Konflikt  mit  Prof.  Delbrück
  196.

Abg.  v.  Kröcher  spricht  für
Hebung  der  Getreidepreise  87.

Abg.  Kropatschek.  Antrag
auf  Einführung  des  Befähigungsnachweises
  27.

Abg.  Kruse.  Zur  Unfallversicherung
  48.

Abg.  v.  Langen.  Zur  Judenfrage
  64.

Abg.  Dr.  Langerhans.  Gegen
den  Antrag  Heeremann  142.

 

Ilpbebelisches  Kegister.

Abg.  Legien  spricht  für  Koalitionsfreiheit
  der  Arbeiter  37.

Kanzler  Leist.  Prozeß  Leist  101.

Abg.  Lenzmann.  Zur  Justizvorlage
  25.

Abg.  v.  Levetzow.  Für  den
Antrag  betreffs  Verstärkung  der
Disziplinargewalt  des  Präfidenten
46.  —  Für  einen  Glückwunsch  an
Fürst  Bismarck  74.  —  v.  Levetzow
legt  das  Reichstagspräsidium  nieder
  76.  —  Ansprache  an  Fürst
Bismarck  79.  —  Antrag  zur  Umsturzvorlage
  130.

Abg.  Lieber.  Interpellation
betreffs  Arbeitervertretungen  35.
—  Gegen  Antrag  betreffs  Aenderung
  des  Reichstagswahlrechts  44.
—  Spricht  für  Doppelwährung
45.  —  Zum  Gesetzentwurf  betr.
anderweitiger  Ordnung  des  Finanz-=wesens
  56.

Abg.  Liebermannv.  Sonnenberg.
  Antrag  wegen  der  Judenfrage
  57,  64.

Abg.  Liebknecht.  Antrag  auf
ein  Milizsystem  62.  —  Auf  dem
Parteitag  in  Breslau  185.

Abg.  Graf  Limburg-Stirum.
Zur  Umsturzvorlage  5.  —  Gegen
polnische  Beschwerden  34.  —  Zustimmung
  für  den  Minister  v.  Köller
(betreffs  Theater)  52.  —  Rede  für
einen  Glückwunsch  an  Fürst  Bismarck
  77.  —  Für  den  Antrag
Kanitz  92.  —  Betreffs  der  Weinsteuer
  124.  —  Gegen  den  Antrag
Heeremann  142.

Generaloberst  v.  Los.  Zum
Oberbefehlshaber  in  den  Marken
und  Gouverneur  v.  Berlin  ernannt
  5.

Dr.  Lütgenau.  Beim  Parteitag
  der  rheinischen  Sozialdemokratie
  25.  —  Zum  Reichstagsabgeordneten
  gewählt  192.

Abg.  v.  Manteuffel.  Auf
dem  konservat.  Parteitag:  Rede;
Kampf  gegen  den  Liberalismus  34.
—  Interpellation  betreffs  Sicherung
  der  Seeschiffahrt  38.  —  Antrag
  wegen  der  Judenfrage  57.  —
Spricht  für  einen  Glückwunsch  an
        <pb n="363" />
        Mtsches  Peitz.  355

Fürst  Bismarck  75.  —  Spricht
für  die  Umsturzvorlage  132.

Abg.  Marquardsen.  Zur
Justizvorlage  25.  —  Zum  Reichstagswahlrecht
  44.  —  Gegen  den
Antrag  für  Vereins=  und  Koalitionsrecht
  123.

Staatssekret.  Freih.  v.  Marschall.
  Rede  betreffs  des  Schutzes
der  Deutschen  im  Auslande  (Syrien,
  Palästina)  40.  —  Rede  für
den  Marineetat  61.  —  Betreffs
des  Handelsvertrages  mit  Argentinien
  68.  —  Erklärung  betreffs
griechischer  Wertpapiere  69.  —
—  Gegen  den  Antrag  Kanitz  92.
—  Ueber  das  Verhältnis  Deutschlands
  zu  Nordamerika  198.

Abg.  Meist.  Beim  Parteitag  der
rheinischen  Sozialdemokratie  25.
Kardinal  Melchers  7  203.

Abg.  v.  Mendel-Steinfels.
Anfrage  betreffs  Maßregeln  gegen
Futter=  und  Dungverfälschung  86.

Abg.  Meyer-Halle.  Rede  gegen
die  Gewerbeordnung  34.  —  Gegen
die  Zuckerprämie  141.  —  Gegen
Kanitzs  agitatorische  Rede  147.
4Abg.  Mies.  Gegen  Mietstempel

Finanzmin.  Miquel.  Etatvorlage
  im  Landtage  21.  —  Für  die
Schätzung  des  Defizits  25.  —  Zur
Konversionsfrage  27.  —  Bei  Beratung
  über  den  Etat  28.  —  Für
Zuckerprämien  31.  —  Gegen  Eisenbahntarifherabsetzung
  38.  —  Für
die  Verwendung  des  aus  Ueberschüssen
  der  Einkommensteuer  gesammelten
  Fonds  43.  —  Bei  Beratung
  der  Stempelsteuer  48.  —
Zum  Antrag  Mirbach  143.  —
Kreditanstalt  für  genossenschaftlichen
  Personalkredit  158.

Abg.  Graf  Mirbach.  Antrag
auf  Münzkonferenz  behufs  internationaler
  Regelung  der  Währungsfrage
  45,  141.—  Beim  Bunde
der  Landwirte  47.  —  Spricht  für
den  Marineetat  62.

Abg.  Mizerski.  Polnische  Beschwerden
  44.

Abg.  Möller.  Gegen  Arbeiter- 



vertretungen  36.  —  Antrag  betreffs
  Abänderungen  des  Zolltarifs.
Annahme  114.

Abg.  Molkenbuhr.  Beim
Antrag  Hitze  57.

Abg.  Graf  Moltke.  Anstellung
der  Lehrer  57.

Abg.  Motty.  Polnische  Beschwerden
  28,  34,  44.  —  Gegen
deutsche  Ansiedelungen  in  Preußen
Posen  66.  —  Spricht  im  Namen
der  Polen  gegen  einen  Glückwunsch
an  Fürst  Bismarck  77.

Abg.  Müller-Fulda.  Bei  Beratung
  der  Tabaksteuervorlage  51.

Abg.  Munckel.  Zur  Umsturzvorlage
  5.  —  Gegen  dieselbe  133.

Pastor  Naumann.  Angriffe
Stumms  3.  —  Konflikt  mit  der
Kreuz-Zeitung  123.  —  Evangel.=sozialer
  Kongreß  153.  —  Konflikt
mit  den  Konservativen  189,  324.

Staatssekr.  Nieberding.  Die
Umsturzvorlage  bildet  keinen  Eingriff
  in  die  Unterrichtsfreiheit  4.
—  Zum  Gesetzentwurf  über  Aenderung,
  Ergänzung  der  Gerichtsverfassung
  24.  —  Zum  Gesetzentwurf
  über  die  Binnenschiffahrt  28.
—  Gegen  die  Anträge  Rintelen
und  Roon  58.

Bundesratsbevollmächtigter  von
Oertzen.  Rede  gegen  eine  Volksvertretung
  in  Mecklen  burg  35,  49.

Abg.  Osann.  Debatte  über  den
Militärparagraphen  135.

Abg.  Paasche.  B.  Gesetzentwurf
betreffs  Generalkommission  für  Ostpreußen
  34.  —  Gegen  die  Judenfrage
  58.  —  Interpellation  betreffs
Beschaffung  künstlichen  Düngers  58.
—  Zum  Branntweinsteuergesetzl20.
—  Zum  Zuckersteuernotgesetz  142.
—  Gegen  Graf  Kanitz's  agitatorische
Rede  147.

Abg.  Pachnicke.  Antrag  auf
Volksvertretung  in  Mecklenburg  35.
44.  49.

Generaloberst  v.  Pape  tritt  in
den  Ruhestand  5,  124.

Abg.  Payer  zum  Präfidenten
beim  württembergischen  Landtag
gewählt  54.

 

23“
        <pb n="364" />
        356

Abg.  Dr.  Petri.  Beim  Elsaß-Lothringschen
  Landesausschuß  35.

Abg.  Pieschel.  Antrag  betreffs
Ausschließung  von  der  Reichstagssitzung
  46.

Abg.  Pleß.  Kreditanstalt  für
genoffenschaftlichen  Personalkredit
58

Abg.  v.  Plötz  überreicht  dem
Kaiser  die  Adresse  des  Bundes  der
Landwirte  43.  —  Rede  beim  Bunde
der  Landwirte  43.  —  Anfrage  betreffs
  Maßregeln  gegen  Futter=  und
Dungverfälschungen  86.

Abg.  Pöhlmann  ppricht  für
Tabaksteuer  52.

Abg.  Porsch  auf  dem  Katho-=likentag
  in  München  175.

Staatssekretär  Graf  v.  Posadowsky
  spricht  für  Doppelwährung
  46.  —  Bei  Beratung  der
Tabaksteuervorlage  50,  140.  —
Beim  Gesetzentwurf  betr.  anderweitiger
  Ordnung  des  Finanzwesens
  55.  —  Ablehnung  einer
Rentenkonversion  72.  —  Rede  für
das  Branntweinsteuergesetz,  Statistisches
  119.  —  Ueber  die  Weinsteuer
  124.  —  Zum  Zuckersteuernotgesetz
  141.—  Etatvorlegung  im
Reichstag  198.

Abg.  Preiß.  Gegen  den  Diktaturparagraphen
  32.

Abg.  v.  Puttkamer-Plauth.
Vetrauensvotum  für  den  Minister
v.  Hammerstein  31.

Dr.  Quarck:  auf  dem  sozialistischen
  Parteitag  in  Breslau  185.

Fürst  Radolin  wird  Botschafter
  in  Petersburg  72.

Abg.  Fürst  Radziwill  spricht
im  Namen  seiner  Fraktion  gegen
einen  Glückwunsch  an  Fürst  Bismarck
  76.

Frhr.  v.  d.  Recke  v.  d.  Horst.
Minister  des  Innern  in  Preußen

6.

Dr.  Reichensperger  166.

Abg.  Reindl.  Für  die  Umsturzvorlage
  133.

Geh.  Rat  v.  Rheinbaben.  Zur
Ansiedelungsfrage  66.

Abg.  Richter:  Gegen  die  Handwerkerkammern
  18.  —  Gegen  die

 

Turhabetisches  Reziser.

ministerielle  Schätzung  des  Defizits
25.  —  Ueber  den  Ministerwechsel
25.  —  Gegen  den  landwirtschaftlichen
  Etat  31.  —  Anfrage  betreffs
des  kaiserlichen  Erlasses  vom  4.  Februar
  1890  43.  —  Antrag  auf
Beseitigung  der  Verfassung  Mecklenburgs
  44,  49.  —  Gegen  Doppelwährung
  45.  —  Zum  Stempelsteuergesetzentwurf
  48.  —  Gegen
den  Gesetzentwurf  betr.  anderweitiger
  Ordnung  des  Finanzwesens
56.  —  Gegen  den  Marineetat  62.
—  Gegen  den  militärischen  Charakter
  der  Kolonialpolitik  70.  —
Spricht  im  Namen  der  Freifinnigen
Volkspartei  gegen  einen  Glückwunsch
  an  Itt  Bismarck  75.  —
Gegen  das  Branntweinsteuergesetz
120,  147.  —  Gegen  die  Tabaksteuervorlage
  140.  —  Gegen  die
Aufhebung  der  Rückzahlung  der
Grundsteuerentschädigung  162.  —
Zur  Etatberatung  200.

Abg.  Rickert.  Zur  Konversionsfrage
  27.  —  Gegen  Minister  v.
Köllers  Urteil  über  Theater,  Ober-Verwaltungs-Gerichtentscheidung

und  offiziöse  Presse  50.  —  Zur
Judenfrage  64.  —  Zur  Ansiedelungsfrage
  66.—  Spricht  im  Namen
der  Freifinnigen  Vereinigung  für
einen  Glückwunsch  an  Fürst  Bismarck
  76,  77.

v.  Riedel,  bayer.  Finanzminister
  legt  das  Budget  vor  184.

Abg.  Rintelen.  Antrag  zum
Schutz  für  Religion,  Ehe  und  Eid
59.  —  Beantragt  eine  Abänderung
des  Antrags  Mirbach-Arendt  143.
—  Interpellation  betreffs  katholischen
  Religions-Unterrichts  in
Volksschulen  163.

Abg.  Roeren.  Antrag  betreffs
Ausschließung  von  der  Reichstagssigung
  46.  —  Zum  Gesetzentwurf
über  unlauteren  Wettbewerb  203.

Abg.  Rösicke  spricht  für  die
Organisation  der  Arbeiter  37.

Abg.  Graf  Roon.  Antrag  auf
Schuß  für  Religion,  Ehe  und  Eid

Geh.  Rat  Sachs.  Mitteilungen
        <pb n="365" />
        Besischrs  Reit.  357

über  die  Thätigkeit  der  General-=kommissionen
  113.

Abg.  Salisch.  Antrag  auf  Zolleböhung
  bei  spanischen  Waren

Abg.  Dr.  Sattler.  Für  die
Verwendung  der  angesammelten
Fonds  (Einkommensteuer-Ueberschüsse)
  43.  —  Spricht  in  der  Debatte
  über  Polenfrage  44.—  Spricht
für  Beseitigung  der  Hilfslehrer  57.
—  Spricht  für  den  Minister  v.
Hammerstein-Loxten  87.  —  Begründet
  die  Interpellation  betreffs
der  Revision  der  Irrenanstalten  162.
Gegen  die  Aufhebung  der  Rückzohlung
  der  Grundsteuerenschädigung
  1

Abg.  Schädler.  Resolution  betreffs
  Soldatenkoft  65.  —  Ueber
die  Weinsteuer  124.

Abg.  Schall.  Betreffs  weiblicher
  Fabrikarbeit  49.  —  Beim
Antrag  Hitze  57.  —  Zur  Umsturzvorlage
  134.

Kriegsminister  Bronsart  von
Schellendorff.  Rede  für  die  Umsturzvorlage
  5,  132,  135.  —  Das
Begnadigungsrecht  gegen  Offiziere
63.  —  Zurückweisung  von  Angriffen
  gegen  die  Armee  202.

Abgeord.  Schippel.  Gegen  das
Zuckersteuernotgesetz  142.  —  Auf
dem  Parteitag  in  Breslau.  Gegen
das  soz.  Agrarprogramm  185.

Abg.  Schmidt  (Bingen).  Zum
1.  Vizepräsidenten  des  Reichstags
gewählt  85.  —  Ablehnung  der  Teilnahme
  an  Fürst  Bismarcks  Geburtstagsfeier
  bei  Hofe  94.  —  Ueber
die  Weinsteuer  124.

Abg.  Schmidt  (Warburg).  Anfrage
  betreffs  griechischer  Wertpapiere
  69.

Abg.  Schmidt  (Berlin)  gegen
die  Gewerbeordnung  34.

Abg.  Schmieding  für  Eisenbahntarifermäßigung
  und  Sekundärbahnen
  38.

Abg.  Dr.  Schönlank.  Spricht
gegen  Doppelwährung  45.  —  Betreffs
  Beamtenbesoldung  65.

Justizminister  v.  Schönstedt.
Verfügung  zur  Verminderung  des

 

Schreibwerks  bei  den  Justizbehörden
  101.  —  Zum  neuentworfenen
Gerichtskostengesetz  119.  —  Zur
Umsturzvorlage  133,  134.—  Gegen
die  Vorwürfe  tendenziöser  Prozeßführung

  202.
Frhr.  v.  Schorlemer  Alst.
Bauernvereine  31.  —  1  6

Abg.  Schröder  zur  Gaaritäts:
debatte  55.

Abg.  Schuhmacher  beim  Parteitag
  der  rhein.  Sozialdemokratie  25.

Abg.  Seyffardt  über  die  Stellung
  der  Hilfslehrer  56.

Abg.  Siegle.  Anfrage  wegen
deutscher  Beschwerden  in  Syrien,
Palästina  40.  —  Gegen  Doppelwährung
  45.

Abg.  Dr.  Sigl  gegen  die  Umsturzvorlage
  135.

Abg.  Singer.  Bei  der  Interpellation
  betreffs  Sicherung  der
Seeschiffahrt  39.  —  Gegen  den
Antrag  betreffs  Ausschließung  von
der  Reichstagssitzung  46.—  Spricht
im  Namen  seiner  Partei  gegen  einen
Glückwunsch  an  Fürst  Bismarck  75.
—  Ueber  die  Rede  des  Kaisers  am
2.  September  180.  —  Zum  Gesetzentwurf
  über  unlauteren  Wettbewerb
  203.

Abg.  Spahn.  Zur  Umsturzvorlage
  6.  —  Zum  2.  Bizepräsidenten
des  Reichstags  gewählt  85.  —  Bei
Fürst  Bismarcks  Geburtstagsfeier
bei  Hofe  94.  —  Zum  Branntweinsteuergesetz
  120.  —  Gegen  den  Antrag
  Barth  (zur  Umsturzvorlage)
135.  —  Für  das  Zuckersteuernotgesetz
  142.  —  Verleidigt  die  klösterlichen
  Anstalten  betreffs  des  Prozeß
Mellage  162.

Abg.  Spieß.  Rede  im  Elfaß-Lothringischen
  Landes-Ausschuß  35.

Bayer.  Bundesratsbevollmächtigter
  v.  Stengel.  Für  den  Gesetzentwurf,
  Ordnung  des  Finanzwesens
  56.

Staatssekr.  v.  Stephan  spricht
über  die  Schwierigkeiten  der  Sonntagsruhe
  65.

Hofprediger  Stöcker.  Auf  dem
konservativen  Parteitag.  Spricht
gegen  die  Einschränkung  der  konser-
        <pb n="366" />
        358

vativen  Sozialpolitik  34.  —  Gegen
Beschränkung  freier  nationalökonomischer
  Forschung  62.  —  Brief
an  Hammerstein  vom  14.  August
1888  180.  —  Rede  in  der  „Christl.
sozial.  Vereinigung  für  Schlesien“
204.  —  Gegen  die  Kons.  Korr.  190.

Graf  v.  Stolberg.  Gewählt
auf  der  Reichstagsersatzwahl  für
Ostpreußen  55.—  Erklärt  sich  vor
der  Wahl  für  den  Antrag  Kanitz
55.  —  Tritt  in  den  Ruhestand  64.

Abg.  v.  Strombeck.  Rede  für  die
Novelle  zur  Gewerbeordnung,  gegen
den  Antrag  Gröber  34.

Abg.  v.  Stumm.  Zur  Umsturzvorlage
  Gegen  die  Kathedersozialisten
  2.  —  B  Gesetzentwurf  zur
Abänderung  des  Zolltarifs  27.  —
Konflikt  Stumm-Wagner  30.  —
Rede  gegen  die  Interpellation  betreffs
  Arbeitervertretung  37.  —
Interpellation  über  Sicherung  der
Seeschiffahrt  38.  —  Antrag  auf
Abänderungen  des  Zolltarifs,  Annahme
  114.

Heinrich  v.  Sybel.  Entstehung
des  Krieges  1870  168.  —  J  169.

Eisenbahnminister  v.  Thielen.
Eisenbahnetat  37,  70.  —  Für  Verwendung
  eines  Fonds  (Einkommensteuer-Ueberschüsse)
  43.  —  Betreffs
Beschaffung  künstlichen  Düngers
58.  —  Zum  Antrag  Gamp  121.

Abg.  v.  Tiedemann.  Bei  Beratung
  über  den  landwirtschaftlichen
  Etat  32.  —  Betreffs  der
Polenfrage  44.  —  Betreffs  Anfiedelungsfrage
  66.

Abg.  Träger  betreffs  Verstärkung
  der  Disziplinargewalt  des
Reichstagspräsidenten  46.

Abg.  Bielhaben  zum  Gesetzentwurf
  über  unlauteren  Wettbewerb
  203.

Abg.  Virchow  spricht  im  Namen
der  freisinnigen  Volkspartei  gegen
einen  Glückwunsch  an  Bismarck  77.
16  Graf  Vitzthum  v.  Eckstädt!

Abg.  Vopelius  Antrag  auf
Seseitigung  der  Doppelbesteuerung

 

Abg.  v.  Vollmar.  Gegen  die

 

Nohsbetisches  Keziser.

Kolonialpolitik  71.  —  Gegen  den
Antrag  Kanitz  93.

Prof.  Wagner  Konflikt  Stumm-Wagner
  30.

Graf  Waldersee  zum  Generaloberst
  der  Kavallerie  ernannt  183.

Abg.  v.  Wangenheim  beim
Bunde  der  Landwirte  30.

G.  Rat  Wehrenpfennig  über
die  Stellung  der  Hilfslehrer  57.

Abgeord.  Wetekamp  verlangt
Gleichstellung  der  Lehrer  und  Richter
  57.

General  v.  Werder,  Botschafter
  in  Petersburg,  tritt  in  den
Ruhestand  72.

Abg.  Wurm  gegen  das  Branntweinsteuergesetz
  120.

Abg.  v.  Wolslegier  zur  Umsturzvorlage
  5,  133.

Abg.  v.  Zedtlitz.  B.Gesetzentwurf
  betreffs  Generalkommission
für  Ostpreußen  34.  —  Für  den
Antrag  Mirbach  143.

Abg.  Zimmermann.  Gegen  die
Tabaksteuervorlage  52.  —  Antrag
wegen  der  Judenfrage  57.  —  Gegen
die  Umsturzvorlage  133.—  Angriff
auf  die  Regierung  202.

Fr.  Zetkin  auf  dem  sozialdemokratischen
  Parteitag  in  Breslau  185.

Die  resse.

Die  Presse  über  das  Verhältnis
des  Kaisers  zum  Könige  von  Württemberg
  1.

Gerüchte  über  die  Entlassung
Caprivis  7.

Ueber  die  Thronrede  bei  der
Landtagseröffnung  21.

Ueber  den  Konflikt  Stumm—
Wagner  31.

Ueber  die  Aeußerungen  des  Ministers
  von  Hammerstein  33.

Preßstimmen  über  den  Reichstagsbeschluß,
  keinen  Glückwunsch  an
Fürst  Bismarck  zu  senden  78—7)9.

Ueber  das  kaiserliche  Entrüstungs-Telegramm
  an  Bismarck  am
23.  März  87.

Ueber  Bismarcks  Geburtstag  99
bis  100.

Ueber  die  deutsche  Intervention
in  Ostasien  122.
        <pb n="367" />
        Denises  Reiqt.  359

Auseinandersetzung  zwischen  Konservativen
  und  Christlich-Sozialen

Ueber  die  Rede  des  Fürsten  Bismarck
  bei  Empfang  des  Zentralausschusses
  des  Bundes  der  Landwirte
  156.

Ueber  die  Nord-Ostsee  Kanal-Feier
  161.

Ueber  das  englische  Urteil  betreffs
  des  Zusammenstoßes  der
„Crathie“  und  „Elbe“  163.

Ueber  das  sozialistische  Agrarprogramm
  168.

Preßfehden  über  den  Artikel  des
Standard“  und  eine  Kaiserrede

Sozialistische  Preßstimmen  über
die  Siegesfeiern  176.

Ueber  die  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  177,  178.

Polnische  Presse  über  die  Siegesfeiern
  183.

Ueber  die  Feier  des  20.  September
  in  Italien  184.

Beurteilung  des  sozialistischen
Parteitags  186.

Ueber  die  Transvaalangelegenheit
  205.

Münchener  Allg.  Zeitung.
Ueber  die  Ablehnung  der  Umsturzvorlage
  136.  —  Ueber  den  Schluß
des  Württemb.  Landtag  166.

Berliner  Korrespondenzals
offiziöses  Organ  bezeichnet  52.

Berliner  Neueste  Nachrichten.
  Ueber  die  erste  Lesung  der
Umsturzvorlage  19.  —  Gegen  die
Sozialdemokratie  (2.  September)
177,  179.  —  Ueber  das  sozialistische
  Agrarprogramm  168.  —
Für  Auflösung  des  Reichstags  78.
—  Katholische  Proteste  gegen  das
Zentrum  79.

Berliner  Polit.  Nachrichten.
  Gegen  die  Sozialdemokratie
(nach  dem  2.  Sept.)  179.  —  Verhältnis
  zur  Regierung  52.

Berliner  Zeitung  über  das
sozialistische  Agrarprogramm  168.

Bocholter  Volksblatt.  Zur
Beglückwünschung  Bismarcks  78.

Christliche  Welt.  Gegen  die
Umsturzvorlage  118.

 

Dresdener  Nachrichten.  Gegen
  die  Sozialdemokratie  (nach  dem
2.  Sept.)  177,  179.

Deutscher  Reichsanzeiger.
Verurteilung  der  unbotmäßigen
Oberfeuerwerkerschüler  18.  —  Zu
Bismarcks  Geburtstag  100.  —
Kaiserlicher  Erlaß  über  die  Kriegsteilnehmer
  von  1870.71  73.
Kaiserlicher  Dankerlaß  anläßlich
der  Bismarckfeier  101.  —  Ueber
die  Stellung  des  Staatssekretärs
v.  Bötticher  zum  Fürsten  Bismarck
156.  —  Kabinetsordres  am  18.
August  171.  —  Keiserlicher  Erlaß
  am  8.  September  182.  —
Gegen  die  Angriffe  der  Presse  auf
Herrn  v.  Bötticher  186.  —  Entlassung
  Köllers  197.  —  Schriftwechsel
  zwischen  Deutschland  und
dem  Kongostaat  wegen  Hinrichtung
  Stokes  203.

Deutsche  Tageszeitung.  Ueber
  den  Staatsrat  und  Antrag
Kanitz  73.  —  Ueber  die  Entlassung
Köllers  197.  —  Ueber  die  Thronrede
  21.  —  Ueber  Min.  v.  Hammerstein
  33.  —  Für  Auflösung
des  Reichstags  78.

Elberfelder  freie  Presse.
Ueber  das  sozialistische  Agrarprogramm
  168.

Frankfurter  Zeitung.  Ueber
das  sozialistische  Agrarprogramm
168.  —  Beglückwünschung  Bismarcks
  100.

Freisinnige  Zeitung.  Zur
Beglückwünschung  Bismarcks  79.

ermania.  Ueber  ein  neues
Sozialistengesetz  179.

Goniec  Wielkopolski.  Gegen
  die  Deutschen  in  Posen  183.

Grenzboten.  Gegen  die  Umsturzvorlage
  118.

amburger  Echo.  Ueber  das
sozialistische  Agrarprogramm  168.

amburger  Nachrichten.
Ueber  die  Umsturzvorlage  19.  —
Ueber  die  Ablehnung  derselben
136.  —  Enthüllungen  über  Bismarcks
  politische  Stellung  vor  1862
58.  —  Fürst  Bismarcks  Dank  für
die  Glückwünsche  123.  —  Gegen
die  Sozialdemokraten  (nach  dem
        <pb n="368" />
        360

2.  September)  179.  —  Ueber  das
sozialistische  Agrarprogramm  168.
—  Ueber  das  englische  Urteil  über
die  Crathie  163.  —  Polemik  gegen
den  Standard  170.

Hannov.  Kurier.  Ueber  die
erste  Lesung  der  Umsturzvorlage
19.  —  Ueber  die  Ablehnung  136.
—  Gegen  Auflösung  des  Reichstags
  78.

Die  Hilfe.  Angriffe  Stumms
3.  —  Konflikt  mit  Kreuz-Zeitung
123,  mit  der  Kons.  Korr.  190.

Köln.  Volkszeitung.  Ueber
die  Ablehnung  der  Umsturzvorlage
  137.  —  Gegen  ein  Ausnahmegesetz
  177,  179.  —  leber
das  sozialistische  Agrarprogramm
168.  —  Ueber  Beglückwünschung
Bismarcks  78,  100.

Köln.  Zeitung.  Ueber  die
Umsturzvorlage  in  Kommissionsfassung
  118.  —  Gegen  eine  neue
Umsturzvorlage  179.  —  Entlassung
Caprivis  7.  —  Ueber  Bismarcks
agrarische  Rede  156.

Konservative  Korrespondenz.
  Ueber  die  konservative
Partei  und  Stöcker  181.  —
Gegen  die  „Christlich  sozial.  Vereinigung
  für  Schlesien“  204.  —
Gegen  die  jungen  Christlich-Sozialen
  189.

Kreuzzeitung.  Ueber  den
Staatsrat  und  Antrag  Kanitz  73.
—  Ueber  die  Ablehnung  der  Umsturzvorlage
  136.  —  Gegen  die
Sozialdemokratie  (nach  dem  2.  September)
  179.  —  Ueber  das  sozialistische
  Agrarprogramm  168.  —
Ueber  die  Thronrede  21.  —  Ueber
Minister  v.  Hammerstein  33.  —
Gegen  Naumann  123.

Leipziger  Tageblatt.  Ueber
die  Umsturzvorlage  in  Kommissionsfassung
  118.  —  Ueber  ihre
Ablehnung  136.  —.  Gegen  die
Sozialdemokratie  (nach  dem  2.  Septeember)
  179.  —  Ueber  das  sozialistische
  Agrarprogramm  168.

Leipziger  Zeitung.  Ueber  die
Ablehnung  der  Umsturzvorlage  136.

Militärwochenblatt.  Brandmarkung
  Muniers  175.

 

Alphabetisches  Rezister.

„Münchener  Neueste  Nachrichten".
  Entlassung  Caprivis  7.

National-liberale  Korrespondenz.
  Gegen  die  Sozialdemokratie
  (nach  dem  2.  September)
179.

National-Zeitung.  Ueber
die  Umsturzvorlage  in  Kommissionsfassung
  118.  —  Ueber  ihre  Ablehnung
  136.  —  Gegen  die  Sozialdemokratie
  (nach  dem  2.  September)
  179.  —  Gegen  Auflösung
des  Reichstags  78.

Norddeutsche  Allgemeine
Zeitung.  Enthüllung  über  die
Stellung  des  Herzogs  Friedrich
von  Augustenburg  zur  Annexion
Schleswig-Holsteins.  Brief  an
König  Wilhelm  vom  20.  Juni
1864  127.

Ueber  die  Ablehnung  der  Umsturzvorlage
  136.  —  Gegen  die
Sozialdemokratie  (nach  dem  2.  September)
  177.—  Gegen  die  „Christl.
soziale  Vereinigung  für  Schlesien“
204.  —  Verhältnis  zur  Regierung
52.  —  Polemik  gegen  den  Standard
  170.

Post.  Gegen  die  Sozialdemokratie
  (nach  dem  2.  September)
179.  —  Ueber  Bismarcks  agrar.
Rede  156.

Preußische  Jahrbücher.  Gegen
  die  Umsturzvorlage  118.  —
Ursprung  des  Krieges  von  1870
168.  —  Konflikt  mit  Minister
v.  Köller  197.

Reichsbote.  Ueber  die  Ablehnung
  der  Umsturzvorlage  137.
—  Gegen  die  Sozialdemokratie
(nach  dem  2.  September)  179.  —
Ueber  das  Sozialistische  Agrarprogramm
  168.  —  Ueber  Bismarcks
  agrarische  Rede  156.

Saale=  Zeitung.  Beglückwünschung
  Bismarcks  79,  100.

Sächsische  Arbeiterzeitung.
Ueber  das  sozialistische  Agrarprogramm
  168.

Schlesische  Zeitung.  Ueber
die  erste  Lesung  der  Umsturzvorlage
  19.

Schwäbischer  Merkur.  Für
        <pb n="369" />
        Deuischrs  Reic.  361

Reichstagsauflösung  78.—  Kathol.
Proteste  gegen  das  Zentrum  79.

Sozialist.  Gegen  das  Agrarprogramm
  168.  —.  Gegen  Auer
180.

„Staats-Anzeiger“  für
Württemberg.  Der  Kaiser  und
der  König  von  Württemberg  1.

Volk.  Ueber  die  Umsturzvorlage
  in  Kommissionsfassung  118.
—  Ueber  Minister  v.  Hammerstein
  33.  —  Erklärung  Stöckers
über  Naumann  123.  —  Konflikt
mit  der  Kons.  Korr.  190.

Volksblatt  für  Halle.  Ueber
  das  sozialistische  Agrarprogramm
  168

Volksblatt  für  Harburg.
Ueber  das  sozialistische  Agrarprogramm
  168.

Volksstimme.  Ueber  das  sozialistische
  Agrarprogramm  168.

Vorwärts.  Ueber  das  kaiserliche
  Entrüstungs-Telegramm  an
Bismarck  am  23.  März  87.  —
Zur  Beglückwünschung  Bismarcks
78.  —  Zu  Bismarcks  Geburtstag
100.  —  Das  sozialistische  Agrarprogramm
  166—168.  —  Ueber
die  Siegesfeiern  176.  —  Veröffentlichung
  des  Briefes  Stöckers
an  Hammerstein  180.

Vossische  Zeitung.  Gegen
ein  Ausnahmegesetz  177.  —  Ueber
das  sozialistische  Agrarprogramm
168.  —  Beglückwünschung  Bismarcks
  79,  100.

Westfälischer  Merkur.  Beglückwünschung
  Bismarcks  100.—
Ueber  die  Umsturzvorlage  118.

Westfale.  Beglückwünschung
Bismarcks  79.

Pressen.

Abgeordnetenhaus.  Eröffnung,
  Thronrede  19.  —  Präsidentenwahl,
  Einführungs-Rede  des
Reichskanzlers  21.—  Debatte  über
Ministerwechsel  25.—  Konverfionsfrage
  27.—  Etat  21—24,  25,  28,  88.
—  Landwirtschaftlicher  Etat  31.—
Ueber  Notlage  der  Landwirte  31.
—  Bimetallismus  32.  —  Getreidemonopol
  32,  34.  —  Zuckerprämien

 

31.  —  Eisenbahnetat  37,  43.  —
Ueber  Eisenbahnbau  28,  70,  85.
—  Tarifdebatte  37.  —  Polenfrage
28,  34,  44,  66.  —  Kathol.  Beschwerden
  28,  53,  55,  142.  —
Justizvorlage  23.  Neue  Generalkommission
  für  Ostpreußen  34,  113.
—  Verwendung  der  aus  den  Ueberschüssen
  der  Einkommensteuer  angesammelten
  Fonds  43.  —  Etat
des  Ministeriums  des  Innern  44,
52.  —  Stempelsteuergesetz  48,  162.
—  Ueber  Theater,  Entscheidungen
des  Ober-Verwaltungsgerichts  und
die  offiziöse  Presse  52.  —  Kultusetat
  53,  55,  56,  62.  —  Paritätsdebatte
  53,  55.  —  Ordensniederlassungen
  55.  —  Statistik  über  den
Besuch  höherer  Schulen  53.  —
Stellung  der  Hilfslehrer  56.  —
Interpellation  über  künstliche
Düngemittel  58,  86.  —  Kathedersozialisten
  und  Sozialdemokratie  62.
—  Annahme  des  Rentmeistergesetzes
65.  —  Ansiedelungsfrage  65.  —
Beseitigung  der  Doppelbesteuerung
68,144.—  Erweiterung  des  Staatseisenbahnnetzes
  70,  85.  —  Statistisches
  über  Kleinbahnen  70.  —
Beschluß  eines  Glückwunsches  an
Fürst  Bismarck  76.  —  Kirchenverfassung
  86,  142.  —  Künstliche
Futtermittel  86.  —  Gerichtskostengesetz,
  Annahme  119.  —  Ankauf
inländischer  Erzeugnisse  durch
Staatsbetriebe  121.  —  Sozialpolitische
  Vorlagen  über  Wohnungen
und  Verpflegungsstationen  124,
144,  163.  —  Jagdscheingesetz  139,
163.—  Währungsdebatte  143.—
Antrag  auf  Wiederherstellung  der
Artikel  15,  16,  18,  der  Verf.  142.—
Zentralgenossenschaftskasse  58,163.
Interpellation  über  die  Irrenpflege
161.  —  Frage  der  Grundsteuerentschädigung
  162.  —  Ueber  katholischen
  Religionsunterricht  in  den
Volksschulen  163.

Herrenhaus.  Währungsdebatte
  141.  —  Antrag  Bethmann-Hollweg
  auf  Aufhebung  der  Rückerstattung
  der  Grundsteuerentschädigung
  142.  —  Ablehnung  des
Gesetzentwurf  betr.  einer  General=
        <pb n="370" />
        362

kommission  für  Ostpreußen  163.—
Genehmigung  des  Gesetzentwurfs
betr.  Beseitigung  der  Doppelbesteuerung

  164.  —  Schluß  des  Landtags,

  Uebersicht  über  seine  Thätigkeit
  164.

Preußen.  Die  Berliner  Stadtverordneten
  und  Bismarck  69.  —
Wechsel  im  Oberpräsidium  von  Ostpreußen
  64.  —  Zentral-Genossenschaftskasse
  tritt  in  Thätigkeit  184.
—  Staatsschuldenverwaltung  24.
Verfügung  des  Justizministers  behufs
  Verminderung  des  Schreibwerks
  101.  —  Landwirtschaftskammern
  28,  44,  46,  49,  57,  63,
64,  69,  169.  —  Staatsrat  67,  72.
—  Landeskirchliche  Konferenz  130.
—  Erlaß  über  Aussetzung  der
Strafvollstreckung  189.  —  Wechsel
im  Ministerium  des  Innern  196.
—  Erlaß  des  Oberkirchenrats  204.

Reichstag.

Umsturzvorlage  1,  2—5,  5—7,
59.  115,  130—136.

Interpellation  wegen  Schutzes
der  Deutschen  im  Auslande  (Zentralamerika
  und  Syrien)  8  —18,
39—43.

Gesetz-Entwurf  über  die  Schutztruppe
  in  West-Afrika  und  Kamerun
  146.

Interpellation  wegen  Handwerker=
  oder  Gewerbekammern  18.

Antrag  auf  Aufhebung  des  Jesitengesetes
  24,  49.  Annahme

Gerichtsverfassung  24.

Justizvorlage  25.

Abänderung  des  Zolltarifs  27,
31,  114.

Sozialpolitische  Anträge,  Befähigungsnachweis,
  Handwerkerkammern,
  Gefängnisarbeit  27.
12innenschiffahrt,  Flößerei  28,

Berufszählung  28,  72.

Zollzuschläge  auf  spanische  Waren
  31,  114.

Antrag  Auer  gegen  den  Diktaturparagraph
  32,  57.
3%4Gewerbeorhnung,  Haufierhandel

 

Ilshatetischen  Resister.

Volksvertretung  für  Mecklenburg
35,  49.

Arbeitervertretungen  35,  36.

Sicherung  der  Seeschiffahrt  38.

Etatsberatung  39,  48.  88.

Interpellation  betr.  der  kaiserl.
Erlasse  vom  4.  Februar  1890  43.

Antrag  auf  Aenderung  des
Reichstagswahlrechts  43,  49.

Währungsdebatte  44.

Verstärkung  der  Disziplinargewalt
  des  Präsidenten  46.

Abänderung  des  Versicherungswesens
  48,  57.  —  Beschränkung
der  Arbeitszeit  für  Arbeiterinnen
49.  —  Beratung  der  Tabaksteuervorlage
  50,  52,  140.

Ersatzwahl  in  Ostpreußen  55.

Gesetz-Entwurf  betreffend  anderweitige
  Ordnung  des  Finanzwesens

Anträge  zur  Judenfrage  57,  64.

Anträge  auf  Schutz  für  Religion,
  Ehe,  Eid  59.

Marineetat.  Verstärkung  der
Flotte.  Verhältnis  der  Kriegsund
  Handelsflotte  59.

Militäretat.  62,  63,  65.  Sozialistische
  Anträge  für  ein  Milizsystem
  62.  Begnadigungsrecht  63.
Warme  Abendkost  65.

Postetat.  Sonntagsruhe  auf
Post  und  Eisenbahn  65.  —  Besoldung
  der  Beamten  65.  —  Entschädigung
  der  durch  das  Dienstalterssystem
  Geschädigten  73.

Handelsvertrag  mit  Argentinien
68.  —  Griechische  Wertpapiere  69.

Kolonialetat.  Handel  Ostafrikas.
Finanzwirtschaft  Wißmanns.  Englische
  Konkurrenz  70.

Berufs=  und  Gewerbezählung  72.

Rentenkonversion  72.

Antrag  eines  Glückwunsches  an
Fürst  Bismarck  abgelehnt  74.

Wechsel  in  Präsidium  76,  85.

Einheitliche  Zeitbestimmung  86.

Kritik  des  kaiserlichen  Telegrammes
  an  Bismarck  87.

Etat  88.

Antrag  Kanitz  Einfuhrmonopol
für  Getreide  88—93.

Branntweinsteuergesetz  119,  146.
        <pb n="371" />
        Penisches  Keich.

Stellung  der  Bürgermeister  in
Elsaß-Lothringen  123.

Antrag  Grillenberger  zur  Regelung
  des  Vereins=  und  Koalitionsrechtes
  123.

Gesetz-Entwurf  über  die  Weinsteuer
  124.

Bewilligung  zur  Feier  der  Einweihung
  des  Nord-Ostseekanals  124.

Oesterreichisches  Zollkartell  140.

Abänderung  des  Reichsinvalidenfonds
  140.

Zuckersteuer-Notgesetz  141,  147.

Gesetzentwurf  über  Bestrafung
des  Sklavenraubes.  143.

Gesetzentwurf  über  die  Schutztruppe
  147.  Pertagung  147.

Uebersicht  über  die  Thätigkeit
des  Reichstags  147.

Wiedereröffnung.  Thronrede!94.

Wahl  des  Präsidiums  196.

Etatberatung  198—203.—  Ueber
das  Verhältnis  zu  Nordamerika  198.

Ueber  die  Entlassung  Köllers
und  die  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  200.

Gesetzentwurf  über  unlauteren
Wettbewerb  203.

Gesetzentwurf  über  Handwerkerkammern
  203.

Sachsen.

Ergänzungswahlen  zum  Landtag
  188.  —  Zusammentritt  des
Landtags  192.

Sozialpolitik  (vgl.  Parteiwesen,  Abgeordnetenhaus,
  Reichstag).

Handwerkerkammern  18,  27,  203.
—  Befähigungsnachweis  27.  —
Gewerbeordnung,  Hausierhandel
34.  —  Arbeitervertretungen  35—
37.  —  Zentralverband  der  Brauereien
  gegen  Boykott  46.  —  Versicherungswesen
  48.  —.  Lage  der
Fabrikarbeiter  49.  —  Einwanderungs=
  und  Judenfrage  57,  64.
—  Sonntagsruhe  im  Postwesen
65.  —  Versorgung  der  Kriegsteilnehmer
  von  1870  73.  —  Disch.
Handwerkertag  113.  —  Vereinsund
  Koalitionsrecht  123.  —  Wohnungsverbesserung,
  Verpflegungsstationen
  124,  144,  163.  —  Versorgung
  Hinterbliebener  von  Unteroffizieren
  140.  —  Bayerischer

 

363

Handwerkertrag  189.  —  Versammlung
  der  Innungsverbände  169.
—  Staatliche  Mobiliarversicherungsanstalt
  192.  —  Unlauterer
Wettbewerb  203.

Statistisches  Material.

Ueber  den  Besuch  der  höheren
Schulen  53.  —  Ueber  Ordensniederlassungen
  55.  —  Ueber  Tabaksbau
  und  Tabakshandel  53.—
Zur  Lage  der  Hilfslehrer  in
Preußen  56.  —  Ueber  das  Verhältnis
  von  Kriegs=  und  Handelsflotte
  61.  —  Ueber  die  Thätigkeit
der  Ansiedlungskommission  und  die
Fideikommisse  66.  —  Ueberdie  preußischen
  Kleinbahnen  77.  —  Ueber
dielandwirtschaftlichen  Betriebe  91.
—  Ueber  die  landwirtschaftliche  Bedeutung
  der  Brennerei  119.—  Thätigkeit
  der  Generalkommissionen  113.

Todesfälle.
Frhr.  v.  Schorlemer-Alst  69.
Gustav  Freytag  123.
Generaloberst  v.  Pape  124.
Dr.  v.  Friedberg  (Preuß.  Justizminister
  1879—89)0  153.
Dr.  Reichensperger  166.
Rudolf  v.  Gneist  169.
Heinrich  v.  Sybel  169.
Erbgroßherzogin  v.  Oldenburg,
geb.  Prinzeß  Elisabeth  v.  Preußen
75

Graf  Vitzthum  v.  Eckstädt  188.

Kardinal  Melchers,  früher  Erzbischof
  von  Köln  203.

Austurzbewegung.

Reichstagsverhandlungen  1—7.
—  Anträge;  Barth,  v.  Levetzow
130—135.  —  Ablehnung  135.—
Militärparagraph  135.

Kommissionsberatung.  Verweisung
  an  Kommission  7.  —  Beratung
  59.  —  Anträge  von  Rintelen
  und  Roon.  Ablehnung  59.
—  Umsturzvorlage  in  Kommissios
  Fassung  115—118.

Presse  über  die  Reichstagsverhandlungen
  19.  —  Ueber  die  Ablehnung
  136.  —  Ueber  den  Kommissionsbericht
  118.  —  Ueber  Einbringung
  neuer  Umsturzvorlagen
177,  179.
        <pb n="372" />
        364

Polizeiliche  Maßregeln  gegen
die  Sozialdemokratie  180,  192.

Nuslichssfile.
Untergang  der  „Elbe“  32,  163,
170.  —  Ueberschwemmung  in

Württemberg  153.  —  Untergang
eines  Torpedobootes  175.

Wirttenberg.

Kaiser  und  König  v.  Württemberg
  1.  —  Landtagswahlen  34.  —
Eröffnung.  Thronrede.  Etat  49.
—  Präsidentenwahl  54.  Adresse
an  den  König  64.  —  Finanzlage
115.  —  Ueberschwemmung  133.
—  Württemberg  gegen  eine  internationale
  Währungskonferenz  157.
—  Vertagung  des  Landtages  165.
—  Wolkenbruch.  Ueberschwemmung
mehrerer  Ortschaften  im  Oberamt
Balingen.  Kammerbewilligt  400000
Mark  Unterstützungsgelder  153.

Frankreich  247—262.
Uebers.  334.

Auswirtige  Pelitik.

Abkommen  mit  England  über
Sierra  Leone  249.  —  Präsident
Faure  empfängt  den  König  von
Serbien  250.  —  Beileidstelegramme
  des  deutschen  Kaisers  an  die
Hinterbliebenen  Canroberts  250.
—  Transportwesen  für  die  madagassische
  Expedition  250.  —  Debatte
  über  die  internationale  Regelung
  der  Währung  250.  —
Vertrag  mit  dem  Kongostaate  251,
276.—  Kaiser  Franz  Josef  in  Frankreich
  und  Depeschenwechsel  mit
Faure  251.  —  Einladung  der
französischen  Künstler  zur  Berliner
Kunstausstellung  252.—  Einladung
der  französischen  Regierung  zur
Feier  der  Eröffnung  des  Nordostseekanals
  252.  —  Presse  darüber
252.  —  Annahme  der  Einladung
zur  Kieler  Feier  252.  —  Die
deutschen  und  französischen  Streitkräfte
  252.—  Die  deutsche  und
französische  Flotte  252.  —  Fahnenübergabe
  an  die  nach  Madagaskar
bestimmten  Truppen  253.  —  Bra- 



lshebrtischrs  Reziserr.

filien  entschädigt  die  Familien  getöteter
  Franzosen  253.  —  Abbruch
der  diplomatischen  Beziehungen
mit  Paraguay  253,  Wiederherstellung
  307.  —  Presse  über  Bismarcks
  Geburtstag,  den  Reichstagsbeschluß
  und  die  Reden  des  Kaisers
253.  —  Hanotaux  über  die  englisch-französischen
  Beziehungen  in
Afrika  254.  —  Budget  der  madagassischen
  Expedition  255.  —
Hanotaux  über  die  Nordostseekanalfeier,
  das  Verhältnis  zu  Nußland,
  die  ostasiatische  und  armenische
  Frage  256,  257.  —  Ribot
über  die  Allianz  mit  Rußland  258.
—  Presse  über  Ribots  und  Hanotaux
  Reden  258.  —  Aenderung
in  der  afrikanischen  Kolonialverwaltung
  258.  —  Faure  erhält
den  russischen  Andreasorden  258.
—  Zollabkommen  mit  der  Schweiz
258.  —  Plan  eines  Schiedsgerichts
zwischen  Frankreich  und  Nordamerika
  258.—  Deutschland,  Frankreich
  und  Marokko  164,  258.  —
Erinnerung  an  1870  259.  —  Ungünstige
  Nachrichten  aus  Madagaskar
  259.  —  Besuch  des  Königs
ron  Serbien  259,  des  Königs  der
Belgier  259.  —  Anwesenheit  des
Fürsten  Lobanow  und  des  Generals
Dragomirow  259.  —  Eroberung
von  Tananarivo  259.  —  Madagaskar
  unter  französische  Schutzherrschaft
  gestellt  2599.  —  Besuch
des  Königs  von  Portugal  260.
—  Dlan  einer  Kolonialarmee  260.
—  Berthelot  über  die  Eroberung
Madagaskars  261.  —  Verluste
im  madagass.  Feldzuge  262.  —
Madagaskar  dem  Ressort  der  Kolonien
  unterstellt  262.  —  Internationaler
  bimetalistischer  Kongreß
262.  Kündigung  des  tunesischitalienischen
  Handelsvertrags  269.

Enthülnnzen  über  den  Boulangismus
251.
Finamen,  Haudel  und  Wirtschaft.

Unterstützung  der  Südbahn  247.
—  Währungsdebatte  250.  —  Entschädigung
  der  Famlien  von  im
brasilianischen  Bürgerkriege  getö-
        <pb n="373" />
        Krantreich.

teten  Franzosen  253.  —  Budget
für  1896  255.  —  Zollabkommen
mit  der  Schweiz  258.  —  Internationaler
  bimetallistischer  Kongreß
  262.  —  Anfallsteuer  259.

Knmmern.

Senat.  Bestattung  Canroberts
auf  Staatskosten  250.  —  Hanotaux
  über  England  und  Frankreich
  in  Afrika  254.  —  Hanotaux
über  die  Beteiligung  an  der  Kieler
Feier,  die  Lage  in  Ostasien  und
Armenien  256.  —  Erklärung  des
Kabinets  Bourgeois  260.

Deputiertenkammer.  Südbahnfrage
  247.  —  Demission
Barthous  247.  —  Demission
Dupuys  247.  —  Amnestievorlage
250.  —  Bestattung  Canroberts
auf  Staatskosten  250.  —  Madagassische
  Expedition  250,  261.  —
Währungsdebatte  250.  —  Verwaltungsreform
  251.  —  Debatte
über  Militär  und  Marine  252,
253.  —  Budget  für  1896  255.
—  Hanotaux  über  die  Auswärtige
Politik  257.  —  Ribot  über  die
Allianz  mit  Rußland  258.  —
Gesetz  zur  Verhinderung  der  Spionage
  258.  —  Zollabkommen  mit
der  Schweiz  258.  —  Die  Kammer
wünscht  ein  ständiges  Schiedsgericht
  zwischen  Nordamerika  und
Frankreich  258.  —  Plan  einer
Kolonialarmee  260.  —  Interpellation
  über  den  Ausstand  der
Glasbläser  in  Carmaux  260.  —
Demission  Ribots  260.  —  Er-*8
  des  Kabinets  Bourgeois

Nationalversammlung.
Präsidentenwahl  249.

Kircliches.

Schreiben  des  Pariser  Erzbischofs

über  die  Anfallsteuer  259.
Kolonialyelitik.

Engl.  franz.  Abkommen  über
Sierra  Leone  249,  254.——  Madagass.
  Expedition  (vgl.  Afrika)  250.—
253,  255,  259,  261,  262.  —  Vertrag
  mit  dem  Kongostaate  251,
Englisch-französische  Beziehungen

 

365

in  Afrika  254,  236,  238.  —  Aenderung
  in  der  Konlonialverwaltung
258.  —  Plan  einer  Kolonialarmee
260.

Militär  und  Morine.

Canrobert  f250.—  Transportwesen
  im  madagass.  Feldzuge  250.—
Debatte  über  die  Neuorganisation
des  Heerwesens  252.  Debatte
über  die  Vergrößerung  der  Flotte
252.  —  Uebergabe  der  Fahnen  an
die  madagassischen  Truppen  253.
—  Militärbudget  255.  —  Gesetz
zur  Verhinderung  der  Spionage
und  des  Landesverrats  254.  —
Feldzug  auf  Madagaskar  259.  —
Plan  einer  Kolonialarmee  260.
—  Verluste  im  madagassischen  Feldzuge
  262.  —  Kritik  des  madagassischen
  Feldzuges  262.

Varteiweses.

Anarchismus.  Bombenattentat
  247.

Arbeiterbewegung.  Ausstand
der  Omnibuskutscher  255.  —  Enquete
  über  die  Lage  der  Arbeiter
in  der  Montanindustrie  251.—
Ausstand  der  Glasarbeiter  in
Carmaux  260,  261.

Demission  Dupuys  247.  —  Demission
  Casimir  Périers  247,  248.
—  Neubildung  des  Kabinets  249.
—  Amnestievorlage  250.  —  Generalratswahlen
  259.  —  Demission
Ribots  260.

Versonslien.
Dep.  Alyp.  Krikik  der  madagass.
  Expedition  262.
Arton.  Verhaftung  261.
Barthelemy-St.  Hilaire

Min.  Barthou.  Austritt  aus
dem  Kabinet,  Duell  mit  Jaures
47.

Dep.  Beaumanoir.  Kritik  der
auswärtigen  Politik  256.

Dep.  Berteaux  fordert  die
zweijährige  Dienstzeit  252.

Min.  Berthelot  über  den
Feldzug  in  Madagaskar  261.

Min.  Besnard  wird  Marine-
        <pb n="374" />
        366

minister  250.  —  Ueber  die  deutsche
und  französische  Marine  252.

Min.  Bourgeois.  Versuch
ein  Kabinet  zu  bilden  249.  —
Wird  Ministerpräsident  260.  —
eber  den  Glasarbeilerausstand

Dep.  Brisson.  Präsidentschaftskandidat
  249.

Marschall  Canrobert  250.
Fo  Bestattung  auf  Staatskosten

50.

Präf.  Casimir  Périer.  Resignation

  248.  —  Presse  über  ihn
49.

Min.  Cavaignac  fordert  neue
Heeresorganisation  252.  —  Plan
einer  Kolonialarmee  260.  —  Ueber
den  madagass.  Feldzug  262.
Herzog  v.  Chartres.  Unterstützung
  Boulangers  251.

Dep.  Delafosse  fordert  Rückkehr
  zum  Berufsheer  252.
zufnh  General  Dragomirow.

Gen.  Duchesne.  Eroberung
von  Tananarivo  259.  —  Vertrag
mit  Madagaskar  259.

Alex.  Dumas  "  261.

Min.  Dupuy.  Demission  247.

ifel:  ,  Frage  seiner  Dekorirung

Präs.  Faure.  Wahl  zum  Präsidenten
  249.  —  Depeschenwechsel
mit  Kaiser  Franz  Josef  251.  —
Uebergibt  die  Fahnen  an  die  madagass.
  Expedition  253.  —  Abnahme
einer  großen  Parade  259.  —
Dekret  über  Madagaskar  262.

Min.  Hanotaux.  Nimmt  die
Einladung  nach  Kiel  an  252.  —
Ueber  England  und  Frankreich  in
Afrika  254.—  Ueber  die  Beteiligung
an  der  Kieler  Feier  256,  257.  —
Ueber  die  ostasiatische  und  armenische
  Frage  256.  —  Ueber  das
Verhältnis  zu  Rußland  257.  —
Demission  260.

Dep.  Jaures.  Duell  mit  Barthou
  247.  —  Ueber  den  Ausstand
der  Glasbläser  in  Carmaux  260.

Russ.  Min.  Lobanow  259.

Abg.  v.  Kardorff.  Teilnahme

 

 

Alxhabelisches  Regiter.

an  der  internationalen  Währungskonferenz
  262.

Gen.  Mercier.  Angriffe  auf
ihn  wegen  Madagaskar  259.

Dep.  Milleraud.  Interpellation
  über  Demission  Borthous
247.  —  Kritik  der  auswärtigen
Politik  257.

Abg.  Graf  Mirbach.  Teilnahme
  an  der  internationalen
Währungskonferenz  262.

Botschafter  Graf  Münster.
Einladung  nach  Kiel  252.

Graf  von  Paris.  Unterstützung
Boulangers  251.

Prof.  Pasteur  f  259.

Dep.  Poincarré.  Verhindert
Bourgeois  Kabinetsbildung;  Unterrichtsminister
  249.

Dep.  Raiberti  fordert  Rückkehr
  zum  Berufsheer  252.

Dep.  Raynal  über  die  Südbahnfrage
  248.

Ressegnier.  Direktor  der  Glasfabrik
  261.

Min.  Ribot.  Kabinetsbildung
249.  —  Ueber  die  Währungsfrage
250.  —  Ueber  die  Allianz  mit
Rußland  258.  —  Demission  260.

Rochefort.  Begnadigung  251.

Dep.  Roches  über  die  deutsche
und  französische  Armee  252.  —

Dep.  Rouanet  über  die  Südbahnfrage
  260.

Dep.  Trelat.  Tagesordnung
vor  Dupuys  Sturz  248.

Herzogin  v.  Uzes.  Unterstützung
Boulangers  251.

Dep.  Waldeck-Rousseau.
Präsidentschaftskandidat  249.

Kriegsmin.  Zurlinden.  Wird
Kriegsminister  250.  —  Ueber  das
Transportwesen  zur  madagass.  Expedition
  250.

Fresse.

Autorité  über  Cafimir  Périers
Rücktritt  249.  —  Gegen  die  Beschickung
  der  Berliner  Kunstausausstellung
  256.  —  Zu  Bismarcks
Geburtstag  und  den  Reden  des
Kaisers  253.

Figaro  über  Casimir  Périers
Rücktritt  249.  —  Enthüllungen
        <pb n="375" />
        Eriechenlend.  —  Grssritamien.  367

über  den  Boulangismus  251.  —
Für  die  Beschickung  der  Berliner
Kunstausstellung  und  Beteiligung
an  der  Kieler  Feier  252.  —  Zu
Bismarcks  Geburtstag  und  den
Reden  des  Kaisers  253.

France  gegen  die  deutschen
Siegesfeiern  259.

Frankfurter  Zeitung.  Zu
den  Reden  Hanotaux  und  Ribots
über  die  russische  Allianz  254.

Gaulois  über  Cafimir  Périrs

Rücktritt  249.  —  Für  die  Beteiligung
  an  der  Kieler  Feier  252.

Intransigeant  über  Cafimir
Périers  Rücktritt  249.——  Gegen
die  Beschickung  der  Berliner  Kunstausstellung
  253.  —  Zu  Bismarcks
Geburtstag  und  den  Reden  des
Kaisers  254.

Journal  über  Casimir  Périers
Rücktritt  249.

Journal  des  Döbats  für
die  Beteiligung  an  der  Nordostseekanalfeier
  252.  —  Ueber  Bismarcks
Geburtstag,  den  Reichstagsbeschluß
und  die  Reden  des  Kaisers  253.

Journalofficiel.  Zur  Rede
Ribos  über  die  russische  Allianz
258.

Lanterneüber  Cafimir  Périers
Rücktritt  249.  —  Zu  Bismarcks
Geburtstag  und  den  Reden  des
Kaisers  254.

Libre  Parole  gegen  die  deutschen
  Siegesfeiern  259.

Matin  über  die  Stimmung  in
Elsaß-Lothringen  259.

Patrie  gegen  die  Beteiligung
an  der  Kieler  Feier  252.

Soir  gegen  die  deutschen  Siegesfeiern
  259.

Soleil  über  Cafimir  Périers
Rücktritt  249.  —  Zu  Bismarcks
Geburtstag  und  den  Reden  des
Kaisers  253.

Temps.  Enthüllungen  über
den  Boulangismus  251.  Verteidigung
  Merciers  259.

Die  Presse  über  Dupuys  Rücktritt
  248.  —  Ueber  Hanotaux  und
Ribots  Reden  zur  auswärtigen
Politik  254.  —  Ueber  Artons
Verhaftung  261.

 

Anslächsfile.

Dammbruch  bei  Epinal  255.

Griechenland  299,  300.
ebers.  341.

Großbritannien  235—246.
Uebers.  331.

Inswirtige  und  olsnialyelitik.

Thronreden  über  asiatische  und
armenische  Frage  235,  242.  —
Madagassische  Frage  235.  —  Verhältnis
  zum  Kongostaat  und  Frankreich
  236,  238.  —  Baumwollzoll
in  Indien  236.  —  Internationale
Währungsregulierung  236,  243.
—  Besitzverhältnisse  am  obern  Nil
238.  —  Ostafrikanische  Gesellschaft
tritt  der  Regierung  ihre  Rechte
ab  239.  —  Besuch  der  Königin
von  Holland  239.  —  Presse  über
den  chinesisch-japanischen  Frieden

9.  —  England  und  die  Kurie
240.  —  Urteil  über  Zusammenstoß
  zwischen  „Elbe“  und  „Crathie“
240.  —  Kundgebung  gegen  die
armenischen  Greuel  240.  —  England
  und  Nikaragua  240.  —  Neufundland
  und  Kanada  241.  —
Empfang  des  afghanischen  Prinzen
241.  —  Imperialistische  Politik
241,  245.  —  Geschwader  nach
Beirut  241.—  Besuch  der  italienischen
  Flotte  242.  —  England  und
Brasilien  242.  —  Besuch  des
deutschen  Kaisers  242.  —  Deutschenglische
  Preßfehde  242.  —  Salisbury
  über  Armenien  und  Türkeie
243.  —  Ultimatum  an  China  244.
—  Ultimatum  an  Venezuela  244.
—  Timesnachricht  über  russischchinesischen
  Vertrag  244.  —  Russisch-englische
  Preßfehde  über  die
Türkei  244.  —  Krieg  gegen  die
Aschantis  245.  —  Besuch  des  Königs
  von  Portugal  245.—  Chamberlain
  über  die  Vereinigung  der
Kolonien  245.  —  Salisbury  über
die  auswärtige  Politik  245.  —
Schreiben  des  Sultans  245.  —
Konflikt  mit  Nordamerika  246.  —.
        <pb n="376" />
        368  Ilphabetisches  Regiser.

Presse  in  England  und  Kanada
darüber  246.  —  Konflikt  mit
Transvaal  246.
Fin##zen  und  Wirtschaftspelitik.
Baumwollzoll  in  Indien  236.
—  Währungsdebatte  237,  239,
243.  —  Fabrikgesetz  237,  239.  —
Marinebudget  238.  —  Debatte
über  Schutzzoll  und  Freihandel
238,  244,  246.  —  Budget  240.
—  Statistisches  über  die  Landwirtschaft
  240.  —  Finanzen  Neufundlands
  241.  —  Salisbury  über
Schutzoll  und  Landwirtschaft  244,
46.

Militär  und  Morine.

Harcourt  über  Verstärkung  der
Flotte  235.  —  Marinebudget  238.
—  Geschwader  nach  Beirut  241.
—.  Neuorganisation  des  Oberkommandos
  241.  —  Debatte  über
Kriegsvorräte  241.  —  Besuch  der
italienischen  Flotte  242.  —  Neuorganisation
  des  Kriegsministeriums
  243.  —  Wechsel  im  Oberkommando
  241,  245.

Varlament.

Eröffnung  und  Thronreden  235,
242.  —  Vertagung  244.

Oberhaus.  Lord  Salisbury
über  die  armenische  Frage  und  die
Türkei  243.  —  Reform  des  Kriegsministeriums
  243.

Unterhaus.  Madagassische
Frage  235.  —  Untersuchungsausschuß
  über  die  Arbeitslosen  236.
—  Verhältnis  zu  Frankreich  und
dem  Kongostaat  236,  238.  —
Adreßdebatte,  Auflösungsantrag
236.  —  Baumwollzoll  in  Indien
236.  —  Währungsdebatte  237,
239,  243.—  Fabrikgesetz  237,  239.
—  Marinebudget  238.  —  Schutzzoll
  und  Freihandel  238.  —  Beschluß,
  Diäten  an  die  Mitglieder
zu  zahlen  238.  —  Besitzverhältnisse
  am  oberen  Nil  238.  —  Errichtung
  gesetzgebender  Körper  in
England,  Wales,  Schottland,  Irland
  239.  —  Sprecherwechsel  239.
—  Budget  240.  —  Entstaatlichung
der  Kirche  in  Wales  240.  —  Ver- 



änderung  im  Oberkommando  der
Armee  241.—  Tadelsvotum  gegen
Campbell-Bannermann  241.  —
Ministerwechsel  241.  —  Auflösung
242.  —  Neuwahlen  242.

Varteiwesen.

Arbeiterbewegung.  Untersuchungsausschuß
  über  die  Arbeitslosen
  236.  —  Beschluß  der  unabhängigen
  Arbeiterpartei  239.  —
Wahlaufruf  der  unabhängigen  Arbeiterpartei
  242.  —  Wahlen  242.
—  Kongreß  der  Gewerkvereine  244.

Liberalen  und  Oberhaus  235.—
Differenzen  in  den  Oppositionsparteien
  239.  —  Wahlen  242.

Versonalien.

Schatzsekretär  Balfour.  Ueber
Doppelwährung  239,  243.  —  Vertrauensvotum
  für  Chamberlain
239.  —  Ernennung  242.

Brodrick.  Tadelsvotum  gegen
Kriegsminister  241.

Bryce.  Gegen  Einführung  von
Schutzzöllen  238.

Kriegsmin.  Campbell-Bannermann.
  Ueber  Organisation
des  Oberkommandos  241.  —  Tadelsvotum,
  Demission  241.

Kolonialmin.  Josef  Chamberlain.
  Auflösungsantrag  236.  —
Konflikt  mit  Konservativen  239.
—  Ernennung  zum  Minister  241.
—  Ueber  die  Vereinigung  der  Kolonien
  245.

Lord  R.  Churchill  J  235.

Dalziel.  Antrag  auf  gesetzgebende
  Körperschaften  in  Eng-Lan,
  Wales,  Schottland,  Irland

Herzog  v.  Devonshire.  Für
Vereinigung  der  Kolonien  241.—
Ernennung  zum  Präs.  des  Geheimen
  Rats  241.

Sozialist  Engels  71  242.

Everett.  Antrag  über  Währungsfrage
  237.

Parlamentssekr.  Sir  E.  Grey.
Ueber  das  Verhältnis  zu  Frankreich
  und  dem  Kongostaate  236.
—  Ueber  England  und  den  Kongostaat
  238.  —  Besitzverhältnisse  am
obern  Nil  238.
        <pb n="377" />
        EGrofbrilennien.  —  Malien.  369

Court  Gully  zum  Sprecher  gewählt
  239.

Sir  W.  Harkourt.  Schatzsekretär.
  Gegen  das  Oberhaus  235.
—  Für  Verstärkung  der  Flotte
235.  —  Ueber  die  Währungsfrage
237.  —  Legt  das  Budget  vor  240.

Kriegsmin.  Marquis  Lansdowne.
  Ernennung  241.  —  Neuorganisation
  des  Kriegsministers

Tom  Mann.  Wahlaufruf  der
unabhängigen  Arbeiterpartei  242.

Peel  legt  das  Sprecheramt  nieder
  239.

Premiermin.  Lord  Rosebery.
Reformprogramm  235.  —  Angriffe
  im  uhnterhaufe  236.  —  Demission
  24

Premiermin.  Lord  Salisbuyy.
Ernennung  241.  —  Ueber  die  armenische
  Frage  und  Türkei  243.
—  Ueber  die  innere  Lage  244.—
Ueber  die  auswärtige  Politik  245.
—  Schreiben  des  Sultans  245.
—  Ueber  die  Not  der  Landwirtschaft
  und  Schutzzoll  246.

Howard  Vincents  Antrag
aust  Einführung  von  Schutzzöllen

***  Wolseley  wird  Oberbefehlshaber
  245.

Frese.
St.  James  Gazette.  Ueber
die  falsche  Timesmeldung  244.
Kölnische  Zeitung.  Ueber
indischen  Baumwollzoll  236.
Pall  Mall  Gazette.  Ueber
die  falsche  Timesmeldung  244.
Standard.  Ueber  den  japanisch-chinesischen
  Frieden  239.  —
leber  die  falsche  Timesmeldung

imes.  Ueber  den  japanischchinesischen
  Frieden  239.  —  Falsche
Meldung  über  russisch-chinefischen
Vertrag  244.  —  Ueber  den  Konflikt
  mit  Venezuela  und  Nordamerika
  246.

Westminster  Gazette.  Ueber

den,  japanisch-chinesischen  Frieden

#iergehden  mit  Deutschland  169,
Europ.  Geschichtskalender.  Bd.  XIXXVI.

 

Uebersicht  321,  mit  Rußland  244,
mit  Nordamerika  246.

Italien.  263—272.
Uebers.  335.

Auswärtige  Volitik.

Sieg  Baratieris  262.  —  Verstärkungen
  nach  Afrika  263,  272.
—  Neubesetzung  diplomatischer  Posten
  263.  —  Beschluß  des  Simplondurchstichs
  264.  —  Verhandlung
  mit  den  Verein.  Staaten  über
die  Entschädigung  mißhandelter
Italiener  264.  —  Ein=  und  Ausfuhrstatistik
  264.  —  Handelsbeziehungen
  zu  Frankreich  265.  —
Crispis  Wahlrede  über  die  auswärtige
  Politik  265.  —  Enthüllung
  eines  Mac  Mahon-Denkmals
  266.  —  Thronrede  über  die
Beteiligung  an  der  Kieler  Festlichkeit,
  den  Flotten  besuch  in  England
  und  die  Kolonialpolitik  267.
—  Blanc  über  die  Beziehungen
zu  Abesfynien,  Rußland,  England
und  Frankreich  268.  —  Kündigung
  des  tunesisch=  italienischen
Handelsvertrages  269.  —  Deutsche

urner  in  Rom  269.  —  Krieg
mit  Abessynien  270.  —  Vereitelter
Besuch  des  Königs  von  Portugal
in  Rom  270.  —  Crispi  über  die
auswärtige  Politik  270.  —  Blanc
über  die  Kolonialpolitik  und  die
armenische  Frage  270.  —  Rudini
für  die  auswärtige  Politik  der
Regierung  271.  —  Crispi  über
die  afrikanische  Politik  der  Regierung
  271.  —  Kriegskredit  für
Afrika  272.

Finanzen  und  He#delspelitik.

Agrarisches  Reformprogramm
263.  —  Beschluß  des  Simplondurchstichs
  264.  —  Handelsstatistik
für  1894  264.  —  Handelsbeziehungen
  zu  Frankreich  265.  —  Sonnino
  und  Boselli  über  die  Finanzen
  265.  —  Crispi  über  das  Budget
  265.  —  Genehmigung  der
Finanzdekrete  268.  —  Kündigung
des  italienisch-tunesischen  Handelsvertrages
  269.

24
        <pb n="378" />
        370

Sammern.

Senat.  Eröffnung  des  Parlaments
  266.  —  Erhebung  des  20.
September  zum  nationalen  Festtag
  268.  —  Genehmigung  des
Kredits  für  Afrika  272.

Deputiertenkammer.  Vorbereitungen
  zur  Wahl  263.  —
Schluß  263.  —  Auflösung  265.
..  Wahlen  266.  —  Eröffnung
266.  —  Präsidentenwahl  267.  —
—  Zwist  in  der  Majorität  267.
—  Amnestieforderung  267.  —  Verhandlung
  über  Cavallottis  Schmähschrift
  gegen  Crispi  267,  268.—
Genehmigung  der  Finanzdekrete
268.  —  Erhebung  des  20.  Sept.
zum  nationalen  Festtag  268.  —
Blanc  über  das  Verhältnis  zu
Abessynien,  Rußland  und  England
268.  —  Crispi  über  die  innere
und  äußere  Politik  270.  —  Blanc
über  die  Kolonialpolitik  und  die
armenische  Frage  270.  —  Kritik
der  Regierungspolitik  durch  Rudini
  271.  —  Vertrauensvotum  für
Crispi  271.  —  Ablehnung  der
Anträge,  Giolitti  vor  Gericht  zu
stellen  271.  —  Interpellation  über
Afrika  271.  —  Crispi  über  die
Kolonialpolitik  271.  —  Kredit  für
Afrika  272.  —  Genehmigung  des
Militärdekretes  272.

Kirc#liczes.

Beteiligung  der  Klerikalen  an
der  Kammerwahl  263,  273.  —
Crispi  über  die  Stellung  des  Papsttums
  269.  —  Rudini  über  die
Kirchenpolitik  271.

Kolsnialpolitik.

Krieg  mit  Abessynien  262,  263,
270,  272  —  Thronrede  über  die
Kolonialpolitik  267.  —  Blanc
über  Abessynien  268,  270.  —  Rudini
  über  die  Kolonialpolitik  271.
—  Crispi  über  die  afrikanische
Politik  271.  —  Kriegskredit  für
die  Kolonialpolitik  272.

Militär  und  Morine.

Verstärkungen  nach  Afrika  263,
272.  —  Enthüllung  des  Mac

 

Ilphebetisches  Reziler.

Mahon-Denkmals  266.  —  Empfang
  Baratieris  269.  —  Veteranenparade
  270.  —  Enthüllung  des
Garibaldi-Denkmals  270.  —  Rudini
  über  die  Heeresorganisation
271.  —  Militärgesetz  272.  —
Untergang  des  Dampfers  Marie

Varteiwesen.

Anarchismus.  Ermordung
Cellis  263.

Arbeiter-Ovation  für  Crispi
263.  Wahlborbereitungen  263.
—  Wahlreden  265.  —  Wahlen
266.  —  Präsidentenwahl  und  Zwist
in  der  Majorität  267.  —  Amnestie
264,  270.  —  Gieolittifrage  264,
265,  267,  271.  —  Bäuerliche  Unruhen
  auf  Sizilien  269.

Versonalien.

König  Humbert.  Eröffnung
des  Parlaments  266.—  Enthüllung
des  Garibaldi-Denkmals  269.  —
Amnestie  264,  270.  —  Parade
über  Veteranen  269.

König  von  Portugal.  Vereitelter
  Besuch  in  Rom  270.

Gen.  Baratieri  schlägt  Ras
Mangascha  263.  —  Reise  nach
Italien  269.

Min.  des  Ausw.  Blanc.  Ueber
das  Verhältnis  zu  Abessynien,  Rußland
  und  England  268.  —  Ueber
die  Kolonialpolitik  und  die  armenische
  Frage  270.

Dep.  Bonghi  t  270.

Finanzmin.  Boselli.  Wahlrede
  265.

Dep.  Brin.  Wahlvorbereitung
263.  —  Berufung  in  die  Wahlprüfungskommission
  267.

Dep.  Colajanni.  Gegen  den
nationalen  Festtag  268.

Dep.  Cavallotti.  Wahlvorbereitung
  263.  —  Berufung  in
die  Wahlprüfungskommission  267.
—  Schmähschrift  gegen  Crispi  267.

Celli,  Oberstaatsanwalt.  Ermordung
  263.

Ministerpräs.  Crispi.  Angriffe
der  Opposition  263.  —  Anklage
gegen  Giolitti  264.—  Große  Wahl-
        <pb n="379" />
        Italien.  Mittel=  u.  Südamerika.  Riederlande.  Nordemeriks.  371

rede  265.  —  Gegen  die  Amnestiesorderung
  267.  —  Ueber  Cavallottis
  Schmähschrift  267.  —  Enthüllung
  des  Garibaldi-Denkmal,s,
Rede  269.  —  Ueber  die  innere
und  äußere  Politik  270.  —  Verteidigung
  gegen  Rudini,  Vertrauensvotum
  271.  —  Ueber  die
Kolonialpolitik  271.

Curtopassi  zum  Botschafter
in  Petersburg  ernannt  263.

Gen.  Ferrero  zum  Botschafter
in  London  ernannt  263.

Dep.  Giolitti.  Anklage  264.
—  Verweisung  der  Anklage  an
die  Kammer  265.  —  Vertagung
der  Untersuchung  268.  —  Niederschlagung
  der  Untersuchung  271.

Gualterie  zum  Gesandten  in
Bukarest  ernannt  263.

Dep.  Imbriani.  Gegen  die
Nationalfeier  am  20.  Sept.  268.

Botschafter  Reßmann.  Abberufung
  263.

Dep.  Di  Rudini.  Wahlvorbereitung
  263.  —  Berufung  in
die  Wahlprüfungskommission  267.
27  Kritik  der  Regierungspolitik

41.

Schatzmin.  Sonnino.  Wahlrede
  265.

Tornielli  zum  Botschafter  in
Paris  ernannt  263.

Dep.  Torrigiani.  Antrag,  die
Frage  Giolitti-Cavallotti-Crispi
zu  vertagen  268.
½  Mafor  Toselli.  Niederlage

Dep.  Villa.  Zum  Kammerpräs.
  gewählt  267.  —  Zwist  mit
der  Mehrheit  267.

Dep.  Zanardelli.  Wahlvorbereitung
  263.  —  Berufung  in
die  Wahlprüfungskommission  267.

Irese.

Die  offiziösen  Blätter  für  Beteiligung
  der  Klerikalen  an  der
Kammerwahl  263.  —  Mitteilung
des  Agrarprogramms  263.

Die  „Riforma“"  und  der  „Marizo“
  über  den  italienisch-tunesischen
  Handelsvertrag  269.

 

Iizilien.
Agrarisches  Reformprogramm
263.  —  Amnestieerlasse  264.  270.
.—  Bäuerliche  Unruhen  270.

Mittel=  und  Südamerika
305—307.

Uebers.  342.

Vgl.  Großbritannien,  Auswärtiges;
  Nordamerika,  Auswärtiges.

Montenegro.
Vgl.  Rußland,  Auswärtiges.

Niederlande  279.

Nordamerika.  301—305.
Ueberf.  342.

Aunswirtiges.

Protest  Oesterreichs  gegen  den
Differentialzuckerzoll  301.  —  Debatte
  über  den  Differentialzoll  301.
—  Ablehnung  eines  Kabels  nach
Powoil  302.  —  Robbenfang  im

ehringsmeer  302.  —  Mißhandlung
  von  Italienern,  Entschädigung

  264,  303.  —  Spanische  Vorstellungen

  wegen  Unterstützung  der

kubanischen  Rebellion  303.  —  Republikaner
  tadeln  Clevelands  Unthätigkeit
  in  der  kubanischen  und
nicaraguanischen  Frage  303.  —
Cleveland  fordert  Aufrechterhaltung
  der  Neutralität  gegen  Kuba
303.  —  Cleveland  über  Englands
Vorgehen  gegen  Venezuela  und
die  Handelsbeziehungen  zu  Deutschland
  304.  —  Cleveland  über  die
Venezuelafrage  und  die  Monroedoktrin
  304.  —  Konflikt  mit  England
  305.  —  Einsetzung  der  Venezuelakommission
  305

Finanzen  und  Wirtscheftsvelitik.

Frage  des  Zuckerzolles  301.  —
Cleveland  über  die  Finanzlage  302.
—  Antrag  auf  olpbeschaffung
302.—  Clevelands  Goldbeschaffung
302.  —  Ablehnung  der  Konverfion
der  Schuldverschreibungen  302.—.

24°
        <pb n="380" />
        372  Alyhabetischen  Kezister.

Tarifpolitik  302.  —  Ablehnung
der  Entschädigungssumme  an  die
englischen  Robbenfänger  302.  —
Aufhebung  der  Einkommensteuer
303.  —  Währungsfrage  303.  —
Botschaft  Clevelands  über  die  Handelsbeziehungen
  zu  Deutschland  und
die  Finanzfrage  303.  —  Schatzbericht
  304.

Mo#nsref.

Senat.  Lehnt  die  Aufhebung
des  Differentialzuckerzolles  ab  301.
—  Botschaft  Clevelands  über  die
Finanzlage  302.  —  Bewilligung
eines  Kabels  nach  den  Sandwichsinseln
  302.  —  Tarifpolitik  302.
—  Bewilligung  von  Kriegsschiffen
308.  —  Schluß  303.  —  Eröffnung
  303.  —  Botschaft  über  die
Finanzlage  und  die  Handelsbeziehungen
  zu  Deutschland  303.  —
Schatzbericht  304.  —  Botschaft
über  die  Venezuelafrage  und  die
Monroedoktrin  304.  —  Einsetzung
der  Venezuelakommission  305.

Repräsentantenhaus.  Beschließt
  die  Aufhebung  des  Differentialzuckerzolles
  301.  —  Botschaft
  Clevelands  über  die  Finanzlage
  302.  —  Ablehnung  eines
Kabels  nach  den  Sandwichsinseln
302.  —  Ablehnung  des  Antrags
Springer  auf  Goldbeschaffung  302.
—  Ablehnung  einer  Konversion
der  Schuldverschreibungen  302.—
Tarifpolitik  302.  —  Ablehnung
der  Entschädigungssumme  an  die
englischen  Robbenfänger  302.  —
Genehmigung  eines  Bundesschiedsgerichts
  zwischen  Arbeitern  und
Arbeitgebern  302.  —  Bewilligung
von  Kriegsschiffen  303.  —  Schluß,
Eröffnung  303.  —  Botschaft  über
die  Finanzlage  und  die  Handelsbeziehungen
  zu  Deutschland  303.
—  Schatzbericht  304.  —  Botschaft
Clevelands  über  die  Venezuelafrage
und  die  Monroedoktrin  304.  —
Einsetzung  der  Venezuelakommis-=sion
  305.

Parteiwesen.
Arbeiterbewegung.  Ausstand
  der  Straßenbahnbeamten  in

 

Brooklyn  301.  —  Einsetzung  eines
Bundesschiedsgerichts  zwischen  Arbeitern
  und  Arbeitgebern  302.—
Mißhandlung  von  Italienern  303.
—  Kampf  zwischen  weißen  und
schwarzen  Dockarbeitern  303.

Siege  der  Republikaner  in  den
Staats=  und  Gemeindewahlen  30  3.
—  Kongresse  der  Anhänger  und
Gegner  der  Goldwährung  303.—
Südkarolina  nimmt  den  Negern
die  politischen  Rechte  303.  —  Angriffe
  der  Republikaner  auf  Cleveland
  303.

VPersonalien.

Präsident  Cleveland.  Botschaft
  über  die  Finanzfrage  302.
—  Goldbeschaffung  302.  —  Verbot,
  die  Kubaner  zu  unterstützen
303.  —  Botschaft  über  die  Finanzlage
  und  die  Handelsbeziehungen
zu  Deutschland  303.  —  Ueber  die
Venezuelafrage  und  die  Monroedoktrin
  304.

Hopkins.  Antrag  zum  Zuckerzoll
  301.

Meyer.  Antrag  zum  Zuckerzoll
  301.

Polling.  Antrag  zur  Tarifpolitik
  302.

Springer.  Finanzpolitischer
Antrag  302.  .

Wilson.  Ueber  den  Differentialzuckerzoll
  301.

Oesterreich-Ungarn  206—231.
Uebers.  S.  327.

Abgeorduetenhems,  österreichisches.

Steuerreform,  Erwerbsteuer  212.
—  Bismarckfeier  213.  —  Interpellation
  über  die  Note  Kalnokys
217.  —  Personaleinkommensteuer
219.  —  Wahlreform  220.  —  Einkommenregister
  222.  —  Annahme
des  Cillipostens  in  der  Budgetkommission
  223.  —  Austritt  der
Linken  aus  der  Koalition  223.  —
Erklärung  des  Grafen  Kielmannsegg
  224.  —  Ausscheiden  Pleners
225.  —  Annahme  der  Cilliposition
225  —  Annahme  des  Zivilprozeßentwurfs
  226.  —  Annahme  des
        <pb n="381" />
        Gesterreich-Angarn.  373

Finanzgesetzes  226.  —  Debatte  über
die  Cillifrage  226.  —  Schluß  226.
—  Wiederzusammentritt  228.  —
Programm  Badenis  228.  —  Budget
  für  1896  229.  —  Ueber  Luegers
  Nichtbestätigung  230.  —  Badeni
  über  Ungarn  und  Wahlreform
231.  —  Finanzgesetz  231.

Auswirtige  Yelitik.

Bismarckfeier  206,  213,  214.
Reise  des  Kaisers  nach  Frankreich
209,  251.  —  Bischöfe,  Kurie  und
Christlich  Soziale  210.  —  Verhältnis
  zum  päpstlichen  Nuntius  und
zur  Kurie  214—218,  220,  229,
230.  —  Zollabkommen  mit  Bulgarien
  218.  —  Personen-Wechsel
im  Ministerium  des  Auswärtigen
218.  —  Ernennung  eines  neuen
russischen  Botschafters  220.—  Auswärtige
  Politik  in  den  Delegationen
  221,  224.  —  Internationale
Beratung  über  die  Zuckerprämien
224.  —  Besuch  des  rumänischen
Königspaares  226.  —  Reise  des
Kaisers  nach  Pommern  226.  —
Ernennung  des  Deutschen  Kaisers
zum  General  der  Kavallerie  226.
Bähmen.

Jungtschechische  Anträge  auf  dem
Landtag  208.  —  Eröffnung  der
tschechisch-slavischen  Ausstellung  in
Prag  218.—  Omladina  und  Jungtschechen
  225.  —  Aufhebung  des
Ausnahmezustandes  228.  —  Bildung
  einer  deutschen  Volkspartei
229.  —  Resignation  der  Alttschechen
  230.  —  Begnadigung  von
Omladinisten  230.  —  Landtagswahlen
  230.

Cisleithenien.

Reichsrat  f.  Abgeordnetenhaus,
Herrenhaus.  Nationalitätenstreit
206,  208,  209,  210,  val.  Istrien,
Steiermark,  Böhmen.  Landtage,
Zusammentritt  206,  231.—  Wahlrechtsfrage
  206.  —  Bismarckfeier
206,  213.  —  Presse  über  Bismarcks
Geburtstag  213.  —  Ueber  Bismarcks
  Rede  an  die  Oesterreicher
214.  —  Cillifrage  209,  223,  225.

Presse  über  Cilli  225.  —  Wahl- 



rechtsfrage  206,  210,  220,  231.—
Bischöfe.  Kurie  und  Christlich-Soziale
  210,  214.  —  Zuckerkrisis,
Erklärung  Pleners  über  Zuckerprämien
  210,  Zuckerenquete  213,
Zuckerprämien  224.  Agrartag
212.  —  Steuerreform  212,  219,
222.  —  Presse  über  Kalnokys  Kommuniqué
  215.  —  Besprechung  der
Note  Kalnokys  217.  —  Presse  über
Kalnokys  Abschied  219.  —  Kundgebung
  für  Agliardi  219.  —  Sturz
der  Koalitionsregierung  223.  —
Ministerium  Kielmannsegg  224.
—  Zivilprozeßentwurf  226.-  Budget
  226.  —  Ministerium  Badeni
227,  228.  —  Budget  für  1896
229,  231.  —  Spaltung  des  Hohenwartklubs
  230.  —  Ausgleich  mit
Ungarn  231.  —  Wiener  Bürgermeisterkrifis
  s.  Wien.
Belegatisnen.

Zusammentritt,  Budget  220.—
Empfang  durch  den  Kaiser  221.
Schluß  224.

Oesterreichische.  Genehmigung
des  Kriegsbudgets  223.  —  Annahme
  des  Budgets  des  Auswärtigen
  224.

Ungarische.  Rede  Goluchowski
über  die  Auswärtige  Politik  221.
—  Genehmigung  des  Kriegsbudgets
  223.  —  Annahme  des  Budgets
  des  Auswärtigen  224.

FKinanzen,  Fandels=  und  Wirtschefisvoliti.


Währungsfrage  209.  —  Ungar.
Finanzgesetz  210,  211.  —  Zuckersteuer
  210,  213,  224.  —  Agrartag
  212.  —  Steuerreform  212,
219,  222.  —  Agrarsozialismus  in
Ungarn  212.  —  Bergarbeiterkongreß
  214.  —  Zollabkommen  mit
Bulgarien  218.  Delegationsbudget
  220,  223,  224.  —  Oesterreichisches
  Finanzgesetz  226.  —
Ungar.  Budget  für  1896  227.—
Oesterreich  Budget  für  1896  229,

31.

Berrenhans.
Votierung  des  Budgets  226.  —
Schluß  226.
        <pb n="382" />
        374  Alphabetisches  Rezister.

Rrien.

Eröffnung  des  Landtags  206.—
Nationalitätenstreit  206.  —  Auflösung
  des  Landtags  208.  —  Unruhen
  in  Pirano  vor  Gericht  211.

Kirchliches.

Kurie,  Bischöfe,  Christlich-Soziale
  210,  214.  —  Ungarische  Bischöfe
  und  Kirchenpolitik  212.  —
Rezeption  der  Juden  und  freie
Religionsübung  212,  214,  218,
224,  229.  —  Reise  des  Nuntius
Agliardi  214.  —  Stellung  des
päpstlichen  Nuntius  216—218.—
Katholische  Demonstration  219.  —
Konflikt  mit  der  Kurie  229.  —
Bischöfe  und  Kurie  229.

Kroatien.
22  Antiungarische  Demonstrationen

Militärisches.

Einjährig-Freiwillige  208.  —
Wehrvorlage  in  Vorarlberg  210,
Tirol  209.  —  Ernennung  von
Truppeninspektoren  212.  —  Tod
Erzherzog  Albrechts  209.  —  Militäretat
  in  den  Delegationen  220.
Ernennung  des  Deutschen  Kaisers
zum  General  der  Kavallerie  226.

Varteiwesen.  (Vgl.  Cisleithanien,  Ungarn.)


Deutsche  Parteien.  Zur  Wahlreform
  206.  —  Bismarckfeier  206,
213,  214.—Cillifrage  209,  223,  225.
—  Liberale,  Antisemiten  und  Nationale
  in  Wien  218,  220,  229,
230,  231.  —  Austritt  der  Linken
aus  der  Koalition  223.  —  Zur
Annahme  des  Budgets  226.  —
Stellung  zu  Badeni  229.—  Deutschnationale
  in  Böhmen  229.  —  Landtagswahlen
  in  Böhmen  230.

Hohenwartklub  und  Klerikale.
  Zur  Bismarckfeier  206.  —
Ueber  Kalnokys  Kommuniqué  215.
Ueber  Kalnokys  Note  217.  —
Demonstration  für  Agliardi  219.
Zur  Cillifrage  223,  225.  —
Stellung  zu  Badeni  229.  —  Wahlen
in  Tirol  230.  —  Spaltung  230.

Liberale  Partei  Ungarns.
Zur  Ministerkrifis  206.  —  Ueber

 

Kalnokys  Kommuniqué  215.  —
Ueber  Kalnokys  Abschied  218.  —
Pairsschub  224.

Nationalpartei.  Antrag  über
die  Agramer  Unruhen  230.

Polen.  Zur  Wahlreform  206.
—  Zur  Cillifrage  225.  —  Stellung
  zur  Regierung  229.

Soziale  Bewegung.  Christlich-Soziale,
  Bischöfe  und  die  Kurie
210.—  Wahlreform  210.—  Agrartag
  in  Wien  212.  —  Agrarsozialismus
  in  Ungarn  210.  —  Sozialpolitik
  und  Kirche  214.  —  Bergarbeiterkongreß
  214.

Tschechen.  Ausstellung  in  Prag
218.  —  Jungtschechen  zur  Wahlreform
  206.  —  Anträge  im  böhmischen
  Landtag  208.  —  Zur  Steuerreform
  222.  —  Gegen  die  auswärtige
  Politik  224.  —  Stellung
zur  Regierung  227,  229.  —  Landtagswahlen
  230.  —  Alttschechen-Resignation
  230.  —  Omladina.
Oppositionspartei  225.  —  Begnadigung
  230.

Unabhängigkeitspartei.
Spaltung  210.

Versenalien.

Kaiser  Franz  Josef.  Reise
nach  Pest  206.  —  Reise  nach  der
Riviera  209,  251.  —  Ernennung
von  Truppeninspektoren  212.  —
Audienzen  im  Konflikt  Kalnoky-Banffy
  215,  217,  218.  —  Ernennung
  Goluchowskis  218.  —  Ansprache
  an  die  Delegationen  221.
—  Genehmigung  der  ungarischen
Kirchengesetze  224.  —  Pairsschub
224.  —  Zusammenkunft  mit  König
und  Königin  v.  Rumänien  226.
—  Reise  nach  Böhmen  und  Pommern
  226.  —  Ernennt  den  Deutschen
  Kaiser  zum  General  der  Kavallerie
  226.  —  Begnadigung  von
Rumänen  227.  —  Titelverleihung
an  den  Minister  des  Auswärtigen
228.  —  Reise  nach  Agram  228.
—  Nichtbestätigung  Luegers  229.
—  Begnadigung  von  Omladinisten
230.

Erzherzog  Albrecht  1  210.

Nuntius  Agliardi.  Reise  in
        <pb n="383" />
        Gesterreich-Augert.  375

Ungarn  214.  —  Interpellation
über  ihn  214.  —  Note  Kalnokys
216.  —  Kundgebung  für  ihn  219.

Abg.  Graf  Apponyi  über  Kalnokys
  Kommuniqus  215.  —  Ueber
Kalnokys  Entlassung  219.

Oesterr.  Ministerpräsident  Graf
Badeni.  Kabinettsbildung  227.
—  Aufhebung  des  Prager  Ausnahmezustandes
  229.—  Programmrede
  229.  —  Ueber  Luegers  Nichtbestätigung
  230.  —  Ueber  den  Ausgliich
  mit  Ungarn  und  Wahlreform

1.

Ungar.  Ministerpräsident  Baron
Bauffy.  Kabinettsbildung  206.
—  Programmrede  207.  —  Stellung
  zu  den  Sachsen  207.  —  Ueber
die  Stellung  Ungarns  in  der  Monarchie
  210.  —  Ueber  die  agrarsozialistische
  Bewegung  212.  —
Ueber  Agliardis  Rundreise  214.
—.  Ueber  Kalnokys  Kommuniqué
und  Note  215.  —  Ueber  Abschied
Kalnokys  219.  —  Ueber  die  Agramer
  Unruhen  228,  230.

Abg.  Bareuther.  Gegen  das
Budget  226.

Bischof  Bauer.
bei  der  Kurie  210.

Oesterr.  Minister  des  Innern  v.
Bacquehem  über  die  Bismarckfeier
  213.

Abg.  Dipauli  über  Kalnokys
Note  217.

26  Abs  Eötvös  Parteigründung

Vorstellungen

üngar.  Landesverteidigungsminister
  Fejervary  über  die  Einjährig-Freiwilligen
  208.

Minister  des  Auswärtigen  Graf
Goluchowski.  Ernennung  218.
—  Rede  in  der  ungarischen  Delegation
  über  die  auswärtige  Politik
221.—  Zusammenkunft  mit  König
und  Königin  von  Rumänien  226.
—  Titeländerung  228.

Bürgermeister  Grübl,  Demission
  218.

Abg.  Herold.  Gegen  die  auswärtige
  Politik  224.  —  Wahlaufruf
  227.

Abs.  Justh  Parteigründung
10.

 

Minister  des  Auswärtigen  Graf
Kalnoky  Kommuniqués  gegen
Banffy  215.—  Audienz  beim  Kaiser
215.  —  Note  an  Banffy  216.  —
Entlassungsgesuch  217.—  Abschied
218.  —  Presse  über  ihn  218.

Abg.  Kaltenegger  zur  Cillifrage
  225.

220  apnist,  russischer  Botschafter

ibo.  Graf  Karolyi  Parteigründung
  210.

Banus  Graf  Khuen-Hedervary.
  Versucht  ein  Kabinett  zu
bilden  206.  —  Agramer  Unruhen

Abg.  Graf  Khuenburg,  Votierung
  des  Budgets  226.

Statthalter  Graf  Kielmannsegg
  Auflösung  des  Wiener  Gemeinderats
  220,  230.  —  Ministerpräsident
  223,  227.

Franz  Kossuth  über  das  Kabinett
  Banffy  207.  —  Gründung
einer  Partei  209.  —  Wahl  213.

Abg.  Kramarz  auf  dem  böhm.
Landtage  208.

22  bge.  Kraus  gegen  das  Budget

Abg.  Prinz  Liechtenstein.  Ueber
Note  Kalnokys  217.  —  Ueber
Luegers  Nichtbestätigung  230.

Ungar.  Finanzminister  Lucacs
über  die  Währungsfrage  209.

Abg.  Lueger  zum  Vizebürgermeister
  gewählt  218.  —  Zum
Bürgermeister  gewählt  220,  229,
230.  —  Nichtbestätigung  229.
Verhandlung  darüber  230.  —
Straßendemonstratiion  230.

Oesterreichischer  Unterrichtsminister
  v.  Madeyski  z.  Cillifrage  223.

Abg.  Meltzl.  Siebenbürger,
Sachsen  und  Regierung  207.

Oesterreichischer  Finanzminister
v.  Plener.  Erklärung  über  die
Zuckerkrisis  209.—  Mandatsnieder--legung
  225.  —  Wird  Präfident  des
Rechnungshofes  225.  —  Haltung
in  der  Cillifrage  225.

Sektionschef  Rittner.  Begründung
  der  Cillipost  225.

Kardinal  Schönborn.  Vorstellungen
  bei  der  Kurie  210,
        <pb n="384" />
        376

Bischof  Steiner.  Vorstellungen
bei  der  Kurie  210.

Abg.  Süß.  Für  die  auswärtige
Politik  224.

Abg.  Szapary  zur  ungarischen
Kirchenpolitik  214.

Abg.  Szilagyi  Präsident  des
ungar.  Abgeordnetenhauses  208.

Graf  Taaffe  7  230.

Abg.  Terenyi  über  die  Rundreise
  Agliardis  214.

Statthalter  Graf  Thun.  Konflikt
  mit  Jungtschechen  208.

Abg.  Ugron.  Kritik  Goluchowskys
  219.

Abg.  Vachaty  auf  dem  böhmischen
  Landtag  208.

Ministerpräsident  Fürst  Windischgrätz
  über  Kalnokys  Note
217.  —  Demission  223.

Ung.  Kultusminister  Wlassios
zur  Kirchenpolitik  214.

Oesterreich.  Handelsminister  Graf
Wurmbrand.  Vermittlung  in
Steiermark  209.  —  Zur  Cillifrage

5.

Frese.

Presse  über  Kalnokys  Kommuniqué
  215.

Budapesti  Hirlap  über
Kalnokys  Abschied  219.

Budapester  Tageblatt  über
Kalnokys  Abschied  219.

Egyetertes.  Ueber  das  Kabinett
  Banffy  207.  —  Ueber  Kalnokys
  Abschied  219.

Fremdenblatt.  Ueber  Bismarcks
  Geburtstag  213.  —  Ueber
Bismarcks  Rede  an  die  Oesterreicher
214.  —  Ueber  Kalnokys  Abschied
219.  —  Zur  Wahlreform  220.  —
Zur  Cillifrage  225.

Magyar  Hirlap.  Ueber  das
Kabinett  Banffy  207.  —  leber
Kalnokys  Abschied  219.

Magyar  Ujssah  über  Kalnokys
Abschied  219.

Pester  Lloyd  über  Kalnokys
Abschied  218.

Pesti  Naplo  über  Kalnokys
Abschied  218.

Politische  Korrespondenz.

 

Alxhabelisqes  Neziser.

Kommuniqusé  Kalnokys  215.  —
Ueber  die  internationale  Regelung
der  Zuckerprämien  224.

Presse  über  Kalnokys  Abschied
219.  —  Zur  Wahlreform  220.

Vaterland  über  Bismarcks  Geburtstag
  213.  —  Ueber  Kalnokys
Abschied  219.  —  Zur  Cillifrage

5.

Neue  Freie  Presse.  Ueber
Bismarcks  Geburtstag  213.  —
Ueber  Kalnokys  Abschied  219.  —
Zur  Cillifrage  225.

Neue  Pester  Journal  über
Kalnokys  Abschied  219.

Neues  Polit.  Volksblattüber
Kalnokys  Abschied  219.

Neue  Wiener  Tageblatt.
Ueber  Bismarcks  Geburtstag  213.
Ueber  Kalnokys  Abschied  219.  —
Zur  Cillifrage  225.

Neuzeit  über  Kalnokys  Abschied
  219.

Siebenbürgen.

Die  Regierung  und  die  Sachsen
207,  209

Steiermark.

Bismarckfeier  206.  —  Austritt
der  Slovenen  aus  dem  Landtag  209.
—  Cillifrage  209.  —  Protest  gegen
die  Bewilligung  der  Cilliforderung

5.

Tirel.

Eröffnung  des  Landtags  206.
Annahme  der  Wehrvorlage  209.
—  Landtagswahlen  230.

Ausarn.

Abgeordnetenhaus.  Programm
  Banffys  207.  —  Verhältnis
  der  Regierung  zur  sächsischen
Volkspartei  207.  —  Wahl  Szilagyis
  zum  Präsidenten  208.  —  Verhältnisseder
  Einjährig-Freiwilligen
208.  —  Währungsregelung  209.
—  Finanzgesetz  210.  —  Stellung
Ungarns  in  der  Monarchie  211.
—  Votierung  des  Budgets  211.—
Wahl  Kossuths  213.  —  Annahme
der  Judenrezeption  214.  —  Interpellation
  über  Agliardi,  Erklärung
Banffys  214.—  Erklärung  Banffys
        <pb n="385" />
        Gesterreic=  Angerr.  ertugal.  Ramisqe  urie.  Ruminien.  Rußland.  377

wider  Kalnoky  215.  —  Note  Kalnokys
  216.  —  Debatte  über  Kalnokys
  Abschied  219.  —  Budget  für
1896  227.  —  Besprechung  der
Agramer  Unruhen  228,  230.

Magnatenhaus.  Votierung
des  Budgets  212.  —  Ablehnung
der  Rezeption  der  Juden  212,  218.
—  Annahme  der  freien  Religionsübung
  212.  —  Ablehnung  der
Konfessionslofigkeit  218.  —  Pairsschub
  224.—  Annahme  der  Kirchengesetze
  229.

Der  Kaiser  nach  Pest  206.  —
Ministerkrisis,  Neubildung  des
Kabinetts  206.  —  Presse  darüber
207.  —  Demonstrationen  für
das  allgemeine  Wahlrecht  206.
—  Bischofsversammlung  gegen
die  Kirchenpolitik  212.  —  Abwandlung
  in  den  Oppofitionsparteien
  210.—  Agrarsozialistische
Bewegung  212.  —  Banffy  nach
Wien  215.  —  Presse  über  Kalnokys
  Kommuniqué  215.  —  Banffy
in  Wien  218.  —  Presse  über  Kalnokys
  Abschied  218.  —  Nationalitätenkongreß
  226.  —  Begnadigung
der  Rumänischen  Agitatoren  227.
—  Antiungarische  Demonstration
in  Agram  228.  Presse  über  Bismarss
  Rede  an  die  Oesterreicher

14.

Verarlber#.
Annahme  der  Wehrvorlage  210.

Pien.

Bismarckfeier  2066.  —  Demonstrationen
  für  das  allgemeine  Wahlrecht
  210.  —  Gemeinderatswahlen
213,  227.  —  Bürgermeisterkrifis
218,  220,  229.  —  Auflösung  des
Gemeinderats  220.  —  Erste  Wahl
Luegers  229.  —  Zweite  Wahl
Luegers  230.  —  Zweite  Auflösung
des  Gemeinderats  230.

Portugal  232.

Nömische  Kurie  272,  273.
Ueberf.  337.

Numänien  297,  298.

 

NRußland  284—290.
Uebers.  317,  320,  340.

Iuswirtiges.

Kaiserlichen  Dankan  Schuwalow
für  Unterstützung  der  Friedenspolitik
  284.  —  Verurteilung  der
Abdankung  Casimir  Périers  284.
Lobanow  wird  Botschafter  in  Berlin
284.—  Minister  des  Auswärtigen
Giersf  284.  —  Die  russische  Presse
gegen  japanische  Eroberungen  285.
—  Lobanow  wird  Minister  des
Auswärtigen  285.—  Abberufung
des  deutschen  Botschafters  286,
72.  —  Schenkung  von  Kriegsmaterial
  an  Montenegro  286.—
Die  russische  Presse  über  die  Intervention
  in  Ostasien  286.  —
Das  Finanzministerium  gegen  eine
Vereinbarung  der  amerikanischen
und  russischen  Petroleumproduzenten
  287.  Die  russische  Presse
über  Egypten  und  Ostafien  287.
—  Handelsvertrag  mit  Japan  287.
—  Dauernde  Gesandschaft  an  der
Kurie  287.  —  Empfang  des  armenischen
  Kotholikos  287.  —
Empfang  der  bulgarischen  Deputation
  287,  288.  —  Anleihevertrag
  mit  China  287.  —  Empfang
einer  abessinischen  Abordnung  288.
—  Besuch  des  deutschen  Reichskanzlers
  288.—  Lobanow  empfängt
das  Großkreuz  der  Ehrenlegion  288.
—  Dementi  der  Timesmeldung  244,
288.  —  Rusfisch-englische  Preßfehde
  über  die  armenische  und  ostasiatische
  Politik  289.  —  Die
„Nowoje  Wremja“  über  das  Verhältnis
  der  Mächte  zur  Pforte  289.

Fin#anzen  uad  Wirischaftspelitik.

Budget  für  1895  284.—  Staatliche
  Einkäufe  von  Roggen  und
Weizen  bei  den  Produzenten  284.
—  Ukas  über  den  Deckungsfonds
285.  —  Ablehnung  einer  Vereinbarung
  zwischen  russischen  und
armenischen  Petroleumproduzenten
287.  —  Handelsvertrag  mit  Japan
287.  —  Ukas  über  Zuckerproduktion
  287.  —  Anleihevertrag
mit  China  287.  Gesetz  über
        <pb n="386" />
        378

die  Beitreibung  der  Steuern  bei
Fabrikarbeitern  288.  —  Alkoholmonopol
  286.

Versonalien.

Kaiser  Nikolaus  II.  Dank
an  Schuwalomwm  für  Unterstützung
  der  Friedenspolitik  284.
—  Wohnt  dem  Festakte  der
Akademie  der  Wissenschaften  bei
284.  —  Genehmigung  der  staatlichen
  Getreideeinkäufe  bei  den

Produzenten  284.  —  Erklärung

über  die  Aufrechterhaltung  der
Autokratie  285.  —  Preßurteile
darüber  285.  —  Verbot  an  Studenten,
  Unterschriften  an  den  Kaiser
zu  sammeln  285.  —  Geheimes
Sendschreiben  an  den  Kaiser  286.
—  Adresse  der  livländischen  Ritterschaft
  an  den  Kaiser  286.  —  Geschenk
  an  Montenegro  286.  —
Empfang  des  armenischen  Katholikos
  287.  —  Empfang  der  abessinischen
  Gesandschaft  288.  —  Embfang
  der  bulgarischen  Deputation
288.

Kaiserin  Alexandra  Theodorowna.
  Empfang  von  russischen
Abordnungen  284.  —  Empfang
des  armenischen  Katholikos  287.
—  Empfang  der  Abeffinier  288.
—  Entbindung  von  einer  Prinzessin
  289.

Durnowo.  Rücktritt  vom
Ministerium  des  Innern  289.

Giers.  Minister  des  Auswärtigen
  f  284.

Goremykin  wird  Minister  des
Innern  289.

Fürst  Lobanow  wird  Beotschafter
  in  Berlin  284,  —  wird
Minister  des  Auswärtigen  285,
—  erhält  das  Großkreuz  der  Ehrenlegion
  288.

Oberprokurator  Pobedonos-=;
  zw.  Ansprache  an  die  Bulgaren

8

Schischkin  provisorisch  Leiter
der  auswärtigen  Politik  284.

General  Schuwalow.  Dank
für  seine  Friedenspolitik  284.

Botschafter  v.  Werder.  Abberufung
  286,  72.

 

Alphabetisches  Reziser.

Wyschnegradski.  Finanzminister
  a.  D.  f#  286.

Frese.

Petition  um  Abänderung  des
Preßgesetzes  286.  Die  Presse  über
Werders  Rücktritt  286.  —  Ueber
Egypten  und  Ostasien  287.

Grashdanin  über  die  autokratische
  Ansprache  des  Zaren  285,
—  Ueber  die  Intervention  in  Ostafien
  286.

Köln.  Zeitung  über  die
autokratische  Ansprache  des  Zaren

86

Nord  über  die  autokratische
Ansprache  des  Zaren  285.

Novoje  Wremja  über  die
autokratische  Ansprache  des  Zaren
285.  —  Ueber  die  Intervention
in  Ostasien  286.  —  Ueber  die
Haltung  der  Mächte  in  der  armenischen
  Frage  289.

Nowosti  über  die  Intervention
in  Ostasien  286.

Regierungsbote  über  die  armenische
  und  ostasiatische  Lage  und
die  Politik  Englands  289.

Oberserver  gegen  den  Regierungsboten
  289.

Swet  über  die  autokratische
Ansprache  des  Zaren  285.
Ueber  die  Intervention  in  Östasien
  286.

Times.  Falsche  Meldung  über
zussisch-chinesischen  Vertrag  244,

8.

Perwaltung.

Wechsel  im  Ministerium  des
Auswärtigen  284,  285.  Der
Zar  über  die  Aufrechterhaltung
der  Autokratie  284.  —  Die  Presse
darüber  285.  —  Verbot  an  die
Studenten  geheimen  Gesellschaften
anzugehören  285.  —  Geheimes
Sendschreiben  an  den  Zaren  über
die  Autokratie  286.  —  Denkschrift
der  Livländer  über  die  Schul-,
Kirchen=  und  Sprachverhältnisse
286.  —  Petition  um  Abänderung
des  Preßgesetzes  286.—  Einführung
von  Nüchternheitskuratorien  284.
Gesetz  über  die  Beitreibung  von
        <pb n="387" />
        Schweden  und  Norweten.—Bie  Türkei  und  ihre  Vasallenstaaten.  370

Steuern  der  Fabrikarbeiter  288.—  Serbien  298,  299.

—  Verwaltung  Sibiriens  288.  —

Einführung  von  Arbeitskuratorien  Ueberf.  341.

288.  —  Wechsel  im  Ministerium

des  Innern  289.  Spanien  233,  234.

Uebers.  330.

Schweden  und  Norwegen
280—283.  Die  Türkei  und  ihre  Vasallen=Ueberf.
  340.  staaten.

1.  “  201.294.  eber,  "417
Sulgarien  294—  296.  Uebers.  341.
Schweiz  274,  275.  3.  Egupten  296,  297.  Ueberf.  334.
        <pb n="388" />
        .  H.  Ge##'sche  Perlatsbuchhandlung  Gskar  Lecz  in  München.

Vollständig  ist  soeben  erschienen:
Fürst  Bismarch

seine  Seit.

Eine  Biographie  für  das  deutsche  Dolk

von

Dr.  Baus  Plum.

Band  1:1815—1853.—  Band  I:1853—1863.  —  Band  II:  1863—1867.
Band  IV:  1867—1871.—  Band  V:  1871—1879.—  Band  VI:1880—1895.

Preis  pro  Band  geheftet  5  -,  elegant  gebunden  6  =

In  dieser  nun  vollendet  vorliegenden  umfassenden  Biographie
  des  großen  deutschen  Staatsmannes  ist  erstmalig  der
Versuch  unternommen,  unter  Berücksichtigung  alles  dessen,
was  die  letzten  Dezennien  an  urkundlichen  Aufschlüssen  über
das  private  und  öffentliche  Leben  des  Fürsten  Bismarck  an  den
Tag  gebracht  haben,  sowie  der  prägnantesten  Stellen  aus  Bismarcks
  Staatsreden,  Briefen,  Privatgesprächen  2c.  ein  erschöpfendes
  Gesamtbild  der  Perfönlichkeit  und  des  Lebensganges
  des  Begründers  der  deutschen  Einheit  zu  entwerfen.
Bei  der  außerordentlichen  Fülle  des  Materials  mußte  der  Umfang
  des  Werkes  selbstverständlich  ein  größerer  werden:  die  6
Bände,  in  denen  nun  diese  Biographie  abgeschlossen  vorliegt,
sind  anerkanntermaßen  aber  eines  der  inhaltreichsten  und  fesselndsten
  Werke  der  zeitgenössischen  Litteratur  überhaupt  geworden.
  In  monumentaler  Größe  wie  noch  niemals,  so  tritt
uns  aus  den  Blättern  dieser  ersten  erschöpfend  angelegten
Biographie  der  Bismarck'sche  Genius  entgegen!  Blum's  Bismarckbiographie
  sollte  gewiß  vor  allem  auch  in  keiner  öffentlichen
  Bibliothek  fehlen.
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      </div>
    </body>
  </text>
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