<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunzehnter Jahrgang. 1903.</title>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>schulthess_kalender_044</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Schulthess
Europäischer  Geschichtskalender.

Neue  Folge.

Neunzehnter  Jahrgang  1903.

(Der  ganzen  Reihe  XLIV.  Band.)


Herausgegeben

von

Gustav  Roloff,



München  1904.
C.  H.  Beck'sche  Verlagsbuchhandlung
Oskar  Beck.
        <pb n="2" />
        C.  H.  Beck'sche  Buchdruckerei  in  Nördlingen.
        <pb n="3" />
        Inhalts-Verzeichnis.

Chronik  der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1903
Kalendarium  ..

I.
II.

III.

IV.  
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.

XI.

XII.
XIII.
XIV.

XV.

XVI.
XVII.
XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.
XXIII.

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder

Die  österreichisch-  ungarische  Monarchie

Portugal
Spanien

Großbritannien

Frankreich

Italien

Die  Römische  Kurie

Schweiz

Belgien

Niederlande

Dänemark

Schweden  und  Norwegen

Rußland  

Die  Türkei  und  ihre  Vasallenstaaten

1.  Die  Türkei

2.  Bulgarien

3.  Egypten

Rumänien

Serbien

Griechenland
Nord-Amerika

Mittel-  und  Süd-  Amerika
Australien  und  Südsee
Afrika  
Asien

übersicht  der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1903
Alphabetisches  Register  .....  .

Seite

188
236
237
240
275
297

315
316
319
321
324
328
346
346
353
356
357
357
362
363
377
382
384
389
396
427
        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        Chronik
der  wichtigsten  Ereignisse  des  Jahres  1903.

Jannar.

Anfang.  Großbritannien.  Angriffe  auf  Deutschland  wegen  der  Dar—
danellendurchfahrt.
15.  Deutsches  Reich.  Reichstagsdebatte  über  Zollkriege  und  kommerzielle
Verhandlungen  mit  den  Vereinigten  Staaten.
19./21.  Deutsches  Reich.  Graf  Bülow  über  die  Persönlichkeit  des
Kaisers  und  die  auswärtige  Lage.
20.  Oesterreich.  Abbruch  der  deutsch-tschechischen  Ausgleichskonferenzen.
22.  Vereinigte  Staaten  und  Kolumbien.  Kanalvertrag.
23.  Frankreich.  Kammerdebatte  über  Abrüstung  und  das  Verhältnis
zu  Deutschland.
24.  Großbritannien  und  Vereinigte  Staaten.  Vorvertrag  über
Alaska.  
29.  Rußland.  Veröffentlichung  des  neuen  Zolltarifs.
Ende.  Niederlande.  Streik  der  Eisenbahner.

Februar.

6.  Deutsches  Reich.  Reichstagsdebatte  über  die  den  Burenführern  verweigerte
  Audienz.

9.  Großbritannien  und  Persien.  Handelsvertrag.

13.  Venezuelafrage.  Venezuela  erkennt  die  Forderungen  der  europäischen
  Mächte  an.

18.  Deutsches  Reich.  Ministerwechsel  in  Bayern.

18.  Großbritannien.  Unterhausdebatte  über  die  auswärtige  Lage.

19.  Oesterreich.  Annahme  der  Wehrvorlage  im  Abgeordnetenhause.

20.  Kurie.  Beginn  der  Jubiläumsfeier.

21.  Rußland  und  Oesterreich-Ungarn.  Note  an  die  Türkei  über
die  makedonische  Reform.

25.  Rußland.  Erklärung  über  die  makedonische  Angelegenheit.

März.
2.  Deutsches  Reich.  Debatte  über  Staat  und  Kirche  im  Preußischen
Abgeordnetenhause.
2.  Großbritannien.  Oberhausdebatte  über  Venezuela  und  Deutschland.
        <pb n="6" />
        VI  Allgemeine  Chronik.

10.  Frankreich.  Kammerdebatte  über  die  auswärtige  Lage.

11.  Rußland.  Reformmanifest.

14.  Großbritannien.  Heimkehr  Chamberlains.

15.  Schweiz.  Volksabstimmung  über  den  Zolltarif.

17.  Vereinigte  Staaten.  Ratifikation  des  Kanalvertrags.

19.  Deutsches  Reich.  Rede  Bülows  über  die  auswärtige  Lage,  insbesondere
  über  Deutsche  und  Magyaren.

21.  Ungarn.  Verschiebung  der  Assentierung  infolge  der  Obstruktion.

24.  Südafrika.  Koloniale  Zollbestimmungen  zugunsten  Englands.

März.  Türkei.  Kämpfe  mit  bulgarischen  Banden  in  Makedonien.

April.

2.—7.  Portugal.  Besuch  des  Königs  von  England.

2.—5.  Dänemark.  Besuch  des  Deutschen  Kaisers.

3.  Deutsches  Reich.  Debatte  über  moderne  Theologie  und  Lehrfreiheit
  im  Preußischen  Herrenhause.

6.—7.  Frankreich.  Kammerdebatte  über  die  Dreyfusfrage.

6.—10.  Niederlande.  Allgemeiner  Ausstand.

7.  Italien.  Beginn  eines  Generalstreiks  in  Rom.

19./20.  Rußland.  Judenverfolgung  in  Kischinew.

23.  Großbritannien.  Unterhausdebatte  über  die  Bagdadbahn.

26.  Spanien.  Wahlen  zur  Abgeordnetenkammer.

27./29.  Italien.  Besuch  des  Königs  von  England.

29.  Türkei.  Dynamitanschläge  in  Saloniki.

Mai.

1.  Ungarn.  Beginn  des  ex  lex-Zustandes.
2.5.  Italien.  Besuch  des  Deutschen  Kaisers.
Anfang.  Rußland.  Veröffentlichung  eines  Rundschreibens  über  die
mandschurische  Frage.
10.  Spanien.  Wahlen  zum  Senat.
15.  Großbritannien.  Chamberlain  über  die  Aenderung  der  Handelspolitik.

16.    Schweden.  Der  Reichstag  genehmigt  den  definitiven  Verzicht  auf
Wismar.
21.  Ungarn.  Zweite  Verschiebung  der  Assentierung.
28.  Großbritannien.  Unterhausdebatte  über  die  künftige  Handelspolitik.


Juni.

2.  Deutsches  Reich.  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  über  den
Zollstreit  mit  Kanada.

Juni.  Goßbritannien  und  Belgien.  Preßfehde  über  den  Kongostaat.



9.  Großbritannien.  Unterhausdebatte  über  die  künftige  Handelspolitik.


11.  Serbien.  Ermordung  des  Königspaares.

12./15.  Italien.  Ministerkrisis.

15.  Serbien.  Wahl  eines  neuen  Königs.

Mitte.  Somaliland.  Siege  des  Mullah.

16./26.  Deutsches  Reich.  Reichstagswahlen.

16.  Ungarn.  Demission  Szells.
        <pb n="7" />
        Allgemeine  Chronik.  VII

17.  Dänemark.  Folkethingswahlen.

26.  Ungarn.  Bildung  des  Ministeriums  Khuen.

30.  Rußland.  Erklärung  über  Verhandlungen  mit  den  Vereinigten
Staaten  in  der  Judenfrage.

Juli.
6.9.  Großbritannien.  Besuch  des  Präsidenten  Loubet.

7.  Oesterreich.  Ablehnung  der  Demission  Körbers.

8.  Deutsches  Reich.  Protest  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung“
gegen  Balfours  Aeußerungen  über  englische  und  kontinentale  Flottenrüstungen.


Mitte.  Frankreich  und  Spanien.  Diskussionen  über  ein  Bündnis.
Mitte.  Rußland.  Preßfehde  gegen  Japan.

16./23.  Deutsches  Reich.  Internationale  Währungskonferenz.

20.  Kurie.  Tod  Leos  XIII.

24.  Rußland.  Einziehung  des  armenischen  Kirchenvermögens.

24.  Australien.  Beschluß  einer  Armeeorganisation.

August.

4.  Kurie.  Wahl  Pius'  X.
August.  Italien.  Agitation  der  Sozialisten  gegen  den  Zarenbesuch.
August.  Türkei.  Heftige  Kämpfe  in  Makedonien.
10.  Ungarn.  Demission  Khuens.
12.  Rußland.  Errichtung  einer  Statthalterschaft  für  Ostasien.
19.  Kolumbien.  Ablehnung  des  Kanalvertrags.
20.—25.  Ungarn.  Verhandlung  des  Königs  mit  den  Parteiführern.
22.  Großbritannien.  Marquis  v.  Salisbury  †.
25.  Australien.  Genehmigung  des  Marinevertrags  mit  England.
29.  Rußland.  Wechsel  im  Finanzministerium.
31.  3.  Sept.  Oesterreich-Ungarn.  Besuch  des  Königs  von  England.

September.

September.  Türkei  und  Bulgarien.  Noten  an  die  Mächte  über  die
Vorgänge  in  Makedonien.

11.  Norwegen.  Abschluß  der  Storthingswahlen.

15./17.  Großbritannien.  Ministerwechsel.

16.  Oesterreich-Ungarn.  Kundgebung  des  Kaisers  über  die  Unteilbarkeit
  der  Armee.

18./19.  Oesterreich-Ungarn.  Besuch  des  Deutschen  Kaisers.

30.  Ungarn.  Zweite  Demission  Khuens.

30.  3.  Okt.  Oesterreich-Ungarn.  Besuch  des  Zaren.

Oktober.

3.  Kurie.  Erste  Enchklika  des  Papstes.

5./22.  Oesterreich-Ungarn  und  Rußland.  Reformnoten  an  die
Pforte.

11.  Großbritannien.  Abschluß  der  Neubildung  des  Kabinetts.

14.  Großbritannien  und  Frankreich.  Schiedsgerichtsvertrag.

14./18.  Frankreich.  Besuch  des  Königs  von  Italien.

15./4.  Nov.  Deutsches  Reich.  Tagung  der  Preußischen  Generalsynode.
        <pb n="8" />
        VIII  Allgemeine  Chronik.

17.  Großbritannien  und  Vereinigte  Staaten.  Alaskavertrag.
25.  Schweiz.  Volksabstimmungen.  

29.  Rußland.  Besetzung  Mukdens.

30.  Ungarn.  Bildung  des  Kabinetts  Tisza.

November.

Anfang.  Kolumbien.  Panama  macht  sich  unabhängig.

3.  Italien.  Bildung  des  Ministeriums  Giolitti.

4./5.  Deutsches  Reich.  Zusammenkunft  des  Kaisers  mit  dem  Zaren.
November.  Türkei.  Verhandlung  mit  den  Mächten  über  Makedonien.
November.  Deutsch-Südwestafrika.  Aufstand  der  Bondelzwarts.
7.  Deutsches  Reich.  Stimmlippenoperation  des  Kaisers.

10.  Vereinigte  Staaten.  Botschaft  über  den  Panamakanal.
17./21.  Großbritannien.  Besuch  des  Königs  von  Italien.

18.  Vereinigte  Staaten  und  Panama.  Kanalvertrag.

19.  Neu-Seeland.  Begünstigung  der  englischen  Einfuhr.

23.  Frankreich.  Kammerdebatte  über  auswärtige  Politik.

30.  Kanada.  Beschluß  gegen  die  deutsche  Einfuhr.

Dezember.

3.  Deutsches  Reich.  Eröffnung  des  Reichstags.

6.  Spanien.  Ministerwechsel.

7.  Vereinigte  Staaten.  Zusammentritt  des  Kongresses
8.  Pforte.  Ernennung  europäischer  Zivilagenten  für  Makedonien.
9.  Japan.  Kritik  der  auswärtigen  Politik  im  Parlament.

10.  Deutsches  Reich.  Bebel  und  Bülow  über  auswärtige  Politik  und

Zukunftsstaat.

16.  Oesterreich-  Ungarn.  Delegationsdebatte  über  auswärtige  Politik.
17.  Australien.  Wahlen  zum  Bundesparlament.
25.  Frankreich  und  Italien.  Schiedsgerichtsvertrag.

26.  Frankreich.  Senatsdebatte  über  auswärtige  Politik.

28.  Japan.  Notverordnung  über  kriegerische  Rüstungen.

31.  Oesterreich-Ungarn  und  Italien.  Provisorischer  Handelsvertrag.
        <pb n="9" />
        I.
Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

Anfang  Januar.  (Preußen.)  Im  Ministerium  des  Innern
konferieren  die  Oberpräsidenten  über  die  Ausführung  des  Dotationsgesetzes
  und  die  Vorbildung  der  Verwaltungsbeamten.

Anfang  Januar.  (Preußen.)  Es  gehen  Nachrichten  durch
die  Presse,  daß  ein  besonderes  Ostmarkenministerium  geplant  worden
sei.  Man  habe  daran  gedacht,  eine  fürstliche  Persönlichkeit  an  die
Spitze  von  Posen  und  Westpreußen  zu  stellen  und  ihr  zugleich  Sitz
und  Stimme  im  Staatsministerium  zu  geben.

5.  Januar.  (Mecklenburg.)  Es  wird  folgende  „Verordnung
  betr.  die  öffentliche  Religionsübung  der  Angehörigen  der
reformierten  Kirche  und  der  römisch-katholischen  Kirche“  erlassen:

§  1.  Den  Angehörigen  der  reformierten  Kirche  und  der  römischkatholischen
  Kirche  wird  in  Unseren  Landen  die  öffentliche  Religionsübung
zugestanden.  §  2.  Den  mit  landesherrlicher  Genehmigung  errichteten  reformierten
  und  römisch-katholischen  Kirchen,  Kapellen  und  anderen,  dem  öffentlichen
  Gottesdienste  gewidmeten  Gebäuden  nebst  den  zugehörigen  Grundstücken
  (Pfarreien,  Begräbnisplätzen  u.  s.  w.),  sowie  den  reformierten  und
den  römisch-katholischen  Religionsübungen,  welche  in  den  dem  Gottesdienst
gewidmeten  Gebäuden,  auf  den  Begräbnisplätzen  der  reformierten  Kirche
und  der  römisch-katholischen  Kirche  oder  mit  landesherrlicher  Genehmigung
an  anderen  Orten  veranstaltet  werden,  soll  der  gleiche  Rechtsschutz  wie  den
entsprechenden  Einrichtungen  der  lutherischen  Landeskirche  gewährt  werden.
§  3.  Unberührt  bleiben  die  Uns  nach  Landesrecht  gegenüber  der  reformierten
  Kirche  und  der  römisch-katholischen  Kirche  und  deren  Angehörigen
zustehenden  Hoheitsrechte.  Es  bleibt  daher  insbesondere  Unsere  Genehmigung
  erforderlich  für  die  Bildung  und  Aenderung  der  Parochien;  die  Anstellung
  der  Geistlichen  und  die  Vornahme  geistlicher  Handlungen  durch
nicht  in  Unseren  Landen  angestellte  Geistliche,  die  Errichtung  von  Kirchen,
Kapellen  und  anderen,  dem  öffentlichen  Gottesdienste  gewidmeten  Gebäuden,
sowie  die  Errichtung  von  Pfarreien  (Pfründen),  die  Veranstaltung  öffentlicher
  Gottesdienste  außerhalb  der  dem  Gottesdienste  gewidmeten  Gebäude,
sowie  die  Abhaltung  von  Missionen,  Prozessionen  und  Wallfahrten;  die
Gründung,  Zulassung  oder  Niederlassung  von  Orden,  Kongregationen  und
anderen  Religionsgesellschaften.

Europäischer  Geschichtskalender.  IL.  1
        <pb n="10" />
        2  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  8.—13.)

8.  Januar.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt
über  die  Lage  der  Reichsfinanzen  und  die  Mittel  zu  ihrer  Verbesserung:


Wenn  der  Mehrertrag  aus  dem  neuen  Zolltarif  infolge  des  Vorgehens
  des  Reichstages  nicht  zur  dauernden  Herstellung  des  Gleichgewichtes
zwischen  Einnahmen  und  Ausgaben  ausreicht,  so  wird  sich  der  Reichstag
nicht  der  Verpflichtung  entziehen  können,  zur  Ausfüllung  der  durch  seine
eigenen  Beschlüsse  in  den  Einnahmen  des  Reiches  entstandenen  Lücke  seinerseits
  mitzuwirken.  Daß  dabei  direkte  Steuern,  insbesondere  Einkommensteuern
  oder  Vermögenssteuern,  nicht  in  Betracht  kommen  können,  unterliegt
  schon  jetzt  keinem  Zweifel.  Wenn  in  einzelnen  liberalen  Blättern
wieder  von  einer  solchen  Ergänzung  der  Reichseinnahmen  die  Rede  ist,  so
hat  man  es  mit  Gedankenspielereien  ohne  jeden  praktischen  Wert  zu  tun.
Das  Reich  wird  seinen  Ausgabebedarf,  abgesehen  von  Stempelsteuern,
immer  nur  im  Wege  der  indirekten  Steuern  decken  können.

Anfang  Januar.  Der  Botschafter  in  Washington,  v.  Holleben,
  nimmt  Urlaub;  mit  seiner  Vertretung  wird  der  Generalkonsul
  in  Kalkutta,  Frhr.  Speck  v.  Sternburg,  beauftragt.

10.  Januar.  (Reichslande.)  Angebliche  Einwanderung
französischer  Kongregationen.

Gegenüber  einer  wiederholt  aufgetauchten  und  insbesondere  von  einem
römischen  Blatt  verbreiteten  Nachricht,  daß  Elsaß-Lothringen  von  französischen
  Ordensangehörigen  überschwemmt  werde,  erklärt  die  amtliche  „Straßburger
  Korrespondenz“,  daß  kein  Angehöriger  einer  französischen  Kongregation
  die  Erlaubnis  zur  Ausübung  einer  Ordenstätigkeit  in  Elsaß-Lothringen
erhalten  hat  und  auch  keinem  Angehörigen  einer  französischen  Kongregation
der  dauernde  Aufenthalt  im  Lande  und  keiner  der  in  Frankreich  aufgelösten
Ordensgesellschaften  die  Niederlassung  in  Elsaß-Lothringen  gestattet  wurde.

12.  Januar.  (Bayern.)  Die  Führer  des  Reformkatholizismus,
  Professor  Schell  und  Dr.  Schnitzer,  treten  aus  dem  Komitee
des  „20.  Jahrhunderts“  aus.  (Vgl.  1902  S.  72.)  Die  Austritte
werden  von  der  liberalen  Presse  auf  die  Agitation  des  Nuntius
gegen  den  Reformkatholizismus  zurückgeführt.

13.  Januar.  (Preußen.)  Ministerpräsident  Graf  Bülow
eröffnet  den  Landtag  mit  folgender  Thronrede:

Erlauchte,  edle  und  geehrte  Herren  von  beiden  Häusern  des  Landtages!
  Se.  Majestät  der  Kaiser  und  König  haben  mich  mit  der  Eröffnung
des  Landtages  der  Monarchie  zu  beauftragen  geruht.  Die  bevorstehende
Tagung  ist  die  letzte  einer  arbeitsreichen  Legislaturperiode.  Die  Ihnen  zu
unterbreitenden  Vorlagen  beschränken  sich  deshalb  auf  notwendige  und  unaufschiebbare
  Maßnahmen.  Schon  bei  Ihrer  letzten  Berufung  ist  auf  die
wenig  befriedigende  Gestaltung  der  Finanzlage  des  Staates  hingewiesen
worden.  Die  Rechnung  des  Jahres  1901  hat  mit  einem  Fehlbetrage  von
rund  37½  Millionen  Mark  abgeschlossen.  Auch  für  das  laufende  Etatsjahr
  wird  nach  den  bisherigen  Ergebnissen  ein  wesentlich  günstigerer  Abschluß
  nicht  erwartet  werden  können.  Zwar  ist  in  den  letzten  Monaten
im  Verkehre  auf  den  Staatseisenbahnen  eine  geringe  Steigerung  eingetreten,
doch  wird  der  Reinertrag  hinter  dem  Voranschlag  erheblich  zurückbleiben.
        <pb n="11" />
        Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Januar.)  3

Der  Entwurf  des  Staatshaushaltsetats  für  1903  wird  Ihnen  alsbald  vorgelegt
  werden.  Trotz  der  vorsichtigen  und  sparsamen  Bemessung  der  Ausgaben
  in  allen  Zweigen  der  Staatsverwaltung  hat  es  sich  nicht  vermeiden
lassen,  zur  Herstellung  des  Gleichgewichts  den  Staatskredit  in  beträchtlicher
Höhe  in  Anspruch  zu  nehmen.  Diese  unerwünschte  Erscheinung  hat  ihren
Grund  darin,  daß  infolge  der  Schwierigkeiten,  mit  denen  seit  Jahren  die
Landwirtschaft  und  in  letzter  Zeit  auch  Handel  und  Industrie  zu  kämpfen
haben,  bei  einem  Teile  der  Betriebsverwaltungen  auch  für  das  Jahr  1903
mit  einem  weiteren  Rückgang  der  Ueberschüsse  gerechnet  werden  muß.  Die
zeitweilige  Finanzlage  hat  jedoch  nicht  dahin  führen  können,  Ausgaben
zurückzustellen,  die  im  politischen  und  wirtschaftlichen  Interesse  dringend
geboten  sind.  Hierunter  fallen  die  erheblichen  Mittel,  die  die  Staatsregierung
  in  Fortführung  ihrer  auf  den  Schutz  des  Deutschtums  in  den  Ostmarken
  und  auf  deren  wirtschaftliche  Stärkung  gerichteten  Politik  von  Ihnen
erbittet.  Auch  soll  den  in  diesen  Landesteilen  wirkenden  mittleren  und
unteren  Beamten,  sowie  den  Lehrern  an  den  öffentlichen  Volksschulen  die
in  Aussicht  gestellte  Zulage  gewährt  werden.  Vom  wirtschaftlichen  wie
vom  Standpunkt  einer  fürsorgenden  Finanzpolitik  erschien  es  ferner  nicht
ratsam,  den  großen  Betriebsverwaltungen  die  Mittel  zu  versagen,  die  zu
einer  ordnungsgemäßen  Ergänzung  ihrer  Einrichtungen  erforderlich  sind.
Namentlich  erachtet  es  die  Staatsregierung  für  ihre  Pflicht,  auch  in  den
Zeiten  ungünstiger  Abschlüsse  mit  der  betriebssicheren  Ausgestaltung  der
Eisenbahnanlagen  und  der  regelmäßigen  Ergänzung  des  Fuhrparkes  nicht
zurück  zu  bleiben.  Die  Bewilligung  der  hierzu  erforderlichen  Mittel  wird
die  Staatsregierung  zugleich  in  den  Stand  setzen,  die  Arbeitsgelegenheit
im  Lande  zu  vermehren.  Zum  Ausbau  des  Staatseisenbahnsystems  durch
Erwerb  mehrerer  Privateisenbahnen,  zur  Erweiterung  des  Staatsbahnnetzes
und  zur  Förderung  der  Kleinbahnunternehmungen  sind  größere  Mittel
vorgesehen.  Der  Verbesserung  der  Wohnungsverhältnisse  der  in  den  staatlichen
  Betrieben  beschäftigten  Arbeiter  und  der  gering  besoldeten  Beamten
ist  mit  Ihrer  Zustimmung  wiederholt  besondere  Fürsorge  gewidmet  worden.
Da  das  Bedürfnis  unverändert  fortbesteht,  wird  von  Ihnen  in  einem  neuen
Gesetzentwurf  ein  weiterer  Kredit  zu  dem  gleichen  Zwecke  erbeten  werden.
Im  Interesse  der  Förderung  der  allgemeinen  Volksgesundheit  wird  Ihnen
alsbald  ein  Gesetzentwurf  zugehen,  um  das  Reichsgesetz  betreffend  die  Bekämpfung
  gemeingefährlicher  Krankheiten  innerhalb  des  preußischen  Staates
zur  Ausführung  zu  bringen.  Der  im  vorigen  Jahre  nicht  zur  Verabschiedung
  gelangte  Gesetzentwurf  über  die  Befähigung  für  den  höheren  Verwaltungsdienst
  wird  Ihnen  in  etwas  veränderter  Gestalt  wieder  vorgelegt
werden.  Ihre  Zustimmung  wird  ferner  zu  einem  Gesetz  über  die  Bildung
kirchlicher  Hilfsfonds  für  katholische  Pfarrgemeinden  erbeten  werden.  Meine
Herren!  Auch  in  der  bevorstehenden  Tagung  sind  Sie  zu  wichtigen  Arbeiten
berufen.  Mögen  dieselben  dem  Vaterlande  zum  Segen  gereichen.  Auf
Befehl  Sr.  Majestät  des  Kaisers  und  Königs  erklärte  ich  den  Landtag  der
Monarchie  für  eröffnet.

Januar.  (Preußen.)  Zulagen  für  Beamte  in  der  Ostmark.

Eine  dem  Etat  für  das  Finanzministerium  angefügte  Denkschrift
„Zuwendungen  an  die  in  der  Provinz  Posen  und  den  gemischtsprachigen
Kreisen  der  Provinz  Westpreußen  angestellten  Beamten“  sieht  Zulagen  für
mittlere,  Kanzlei-  und  Unterbeamte  im  Durchschnitt  von  10  Prozent  des
etatmäßigen  Gehaltes  vor.  —  Die  Zulage  wird  nur  bei  treuer  Pflichterfüllung
  und  völlig  befriedigendem  dienstlichen  und  außerdienstlichen  Verhalten
  gewährt  und  bei  Fortfall  dieser  Voraussetzungen  entzogen.

1*
        <pb n="12" />
        4  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  13.  14.)

13.  Januar.  Die  „Konservative  Korrespondenz“  veröffentlicht
  folgende  Parteierklärung  über  die  Stellung  der  Fraktion  zum
Zolltarif:

„Die  schließliche  Stellungnahme  der  konservativen  Fraktion  zum
Zolltarifgesetz  ist  keine  einheitliche  gewesen.  Die  konservative  Parteileitung
ist  aber  überzeugt,  daß  die  Vertreter  beider  hierbei  zutage  tretenden  Richtungen
  lediglich  das  Interesse  der  Landwirtschaft  im  Auge  gehabt  haben
und  wünscht  deshalb,  daß  sowohl  die  Mitglieder  unserer  Partei  im  Lande
in  dem  Vertrauen  zu  ihren  seitherigen  Vertretern  nicht  wanken  werden,
wie  daß  die  im  Bunde  der  Landwirte  organisierte  Landwirtschaft  sich  ebenfalls
  darin  nicht  beirren  lasse  und  darauf  hinzielende  Angriffe  vermeiden
möge.  Die  Parteileitung  erwartet  demgemäß  auch,  daß,  falls  die  bevorstehenden
  Handelsverträge  in  der  Tat  nicht  ein  notwendiges  Maß  des
Schutzes  der  Landwirtschaft  darbieten  sollten,  ebenso,  wie  früher,  die  Ablehnung
  derselben  durch  die  konservative  Reichstagsfraktion  erfolge.  Die
Parteileitung  ist  der  Ueberzeugung,  daß  nur  durch  einmütiges  Zusammengehen
  des  Bundes  der  Landwirte  mit  der  konservativen  Partei  die  gemeinsamen
  Ziele  zum  Wohle  der  Landwirtschaft  und  des  gesamten  Vaterlandes
zu  erreichen  sind,  und  gibt  der  Erwartung  Ausdruck,  daß  dieses  Zusammengehen
  fernerhin  gesichert  und  von  keiner  Seite  gefährdet  wird."

Die  Erklärung  ist  durch  die  Angriffe  des  Bundes  der  Landwirte
veranlaßt  worden  (vgl.  1902  S.  183).

13.  Januar.  Der  Reichstag  genehmigt  mit  großer  Mehrheit
  folgende  Resolution  über  die  Tabakbesteuerung:

Der  Reichstag  wolle  beschließen,  den  Bundesrat  zu  ersuchen,  mit
möglichster  Beschleunigung  unter  Hinzuziehung  von  Vertretern  des  inländischen
  Tabakbaues  in  eine  Prüfung  darüber  einzutreten,  in  welchen  Beziehungen
  die  zur  Ausführung  des  Gesetzes  vom  16.  Juli  1879  betreffend
die  Besteuerung  des  Tabaks  erlassenen  Vorschriften  im  Irnteresse  der  kleineren
  Tabakbauern  vereinfacht  werden  können  und  dem  Reichstage  von
dem  Ergebnis  dieser  Untersuchung  Mitteilung  zu  machen.  —  Die  Regierung
  spricht  sich  entgegenkommend  aus.

13.  Januar.  (Reichstagswahl.)  Bei  der  Ersatzwahl  in
Danzig-Stadt  erhält  Mommsen  (fr.  Vg.)  6174,  v.  Heydebreck  (kons.)
4273,  Bartel  (Soz.)  5569,  Wollszlegier  (Pole)  345  Stimmen.
Bei  der  Stichwahl  (22.  Januar)  erhält  Mommsen  10  472,  Bartel
6373  Stimmen.

14.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Präsidentenwahl.
  Etatsrede  Rheinbabens.

Das  Haus  wählt  mit  Akklamation  die  früheren  Präsidenten  v.  Kröcher
  (kons.),  Frhr.  v.  Heeremann  (Z.),  Dr.  Krause  (nl.)  wieder.

Hierauf  legt  Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben  den  Etat  für
1903  vor.  Darin  sind  die  ordentlichen  Einnahmen  auf  2 602 205  930 M,
die  Ausgaben  im  Ordinarium  auf  2 516  369  633  M,  im  Extraordinarium
auf  158 536  297  M,  zusammen  2 674  905  930  M  veranschlagt,  mithin  die
Ausgaben  um  72 700 000  M  höher  als  die  Einnahmen.  Der  Fehlbetrag
wird  durch  Aufnahme  einer  Anleihe  zu  decken  sein.

Der  Minister  führt  aus:  Wenn  ich  zunächst  einen  Rückblick  auf  die
Ergebnisse  des  Jahres  1901  werfe,  so  darf  ich  daran  erinnern,  daß  ich  in
        <pb n="13" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14.)  5

meiner  vorjährigen  Etatsrede  das  voraussichtliche  Defizit  des  Jahres  1901
auf  rund  40  Millionen  geschätzt  habe.  Diese  Angabe  hat  sich  im  allgemeinen
als  zutreffend  erwiesen,  da  das  Jahr  1901  tatsächlich  mit  einem  Fehlbetrage
  von  rund  37½  Millionen  abschließt.  Die  Hauptursache  dieses  ungünstigen
  Ergebnisses  liegt  in  dem  Rückgang  der  Eisenbahn-Einnahmen,
der  die  Summe  von  rund  58  Millionen  Mark  erreicht  hat.  Die  Ueberschußverwaltungen
  insgesamt  haben  mit  einem  Minderüberschuß  von  33⅛
Millionen  Mark  abgeschlossen.  Die  Steigerung  der  Zivilpersonen  hat  einen
erheblichen  Mehrbedarf  verursacht.  Die  Notstandsbeihilfen  für  die  östlichen
Provinzen  haben  9  Millionen  Mark  betragen  und  ist  es  dadurch  möglich
geworden,  die  schlimmsten  wirtschaftlichen  Kalamitäten  von  der  Landwirtschaft
  jener  Gegenden  abzuwenden.  Die  betreffenden  Beträge  werden  sich
übrigens  allmählich  verzinsen  und  schließlich  zur  Staatskasse  zurückfließen,
wodurch  sich  das  Defizit  etwas  vermindern  wird.  Das  laufende  Jahr
kann  ich  nur  mit  einer  gewissen  Reserve  schätzen,  vier  Monate  stehen  noch
aus,  und  namentlich  in  diesem  Jahre  ist  kein  Mensch  in  der  Lage,  zu  sehen,
wie  sich  die  Eisenbahn-Einnahmen  stellen  werden.  Ich  glaube  voraussehen
zu  dürfen,  daß  auch  dieses  Jahr  mit  einem  Defizit  in  der  Höhe  des  Vorjahres
  abschließen  wird.  Ich  schätze  es  auf  etwa  35  Millionen.  Die
Mindereinnahmen  der  Eisenbahnen  werden  bereits  jetzt  gegen  den  Etatsanschlag
  auf  24  Millionen  geschätzt.  Die  Betriebsverwaltung  die  in  täglichem
  Kontakt  ist  mit  der  täglichen  Entwicklung  der  Dinge,  ist  natürlich
in  ihrer  Schätzung  für  uns  maßgebend.  Leider  haben  sich  unsere  Voraussagen
  bewahrheitet,  der  Fehlbetrag  ist  viel  erheblicher  bei  den  Eisenbahnen
als  im  Etatsansatz.  Wir  werden  wahrscheinlich  noch  einen  weiteren  Ausfall
  von  43½  Millionen  Mark  haben,  so  daß  wir  einen  Fehlbetrag  von
insgesamt  68  Millionen  Mark  gegenüber  1901  erleben  werden.  Einige
Positionen  in  den  Verwaltungen  stellen  sich  freilich  günstiger.  Bei  der
Forstverwaltung  und  den  direkten  Steuern  rechnen  wir  auf  Mehrerträge.
Bezüglich  des  Verhältnisses  zum  Reich  hat  Preußen  eine  effektive  Mehrleistung
  von  15  Millionen  Mark  zu  machen  gehabt  an  Matrikularbeiträgen.
Der  Abgeordnete  Richter  hat  sich  als  der  richtige  Rechner  erwiesen,  wie
die  Verhältnisse  ergeben  haben.  Im  Extraordinarium  der  Eisenbahnverwaltung
  ist  eine  Ueberschreitung  der  Etatsansätze  zu  konstatieren.  Wir
haben  angesichts  der  schlechten  wirtschaftlichen  Lage  die  Bautätigkeit  tunlichst
  erweitert,  wir  haben  in  einigen  Fällen  deshalb  die  Bauraten,  die
uns  das  Haus  bewilligt  hat,  überschritten.  Das  Gesamtergebnis  des
laufenden  Jahres  1902  schätze  ich  also,  wie  schon  gesagt,  ebenfalls  auf  ein
Defizit  von  35  Millionen.  Der  Ihnen  vorgelegte  neue  Etat  für  1903  gibt
mir  Gelegenheit,  zu  erklären,  daß  ich  bezüglich  der  Anschauung  über  die
wirtschaftliche  Lage  genau  auf  demselben  Standpunkt  stehe,  dem  ich  im
vorigen  Jahre  Ausdruck  gegeben  habe.  Wir  haben  keine  Veranlassung,
trübe  in  die  Zukunft  zu  blicken,  aber  die  Krise  ist  noch  nicht  überwunden,
und  wir  haben  allen  Anlaß,  vorsichtig  zu  sein.  In  dieser  Ansicht  bestärkt
mich  vor  allem  die  Lage  der  Landwirtschaft.  Die  Getreidepreise  sind  ständig
im  Fallen  begriffen,  abgesehen  von  vereinzelten  besonderen  Erscheinungen.
Die  Hoffnung,  daß  es  möglich  sein  würde,  in  erheblichem  Maß  frei  gewordene
  Kräfte  der  Industrie  der  Landwirtschaft  zuzuführen,  hat  meiner
Kenntnis  nach  getrogen.  Das  Abströmen  der  Arbeiter  vom  Lande  nach
den  Industriebezirken  hat  freilich  infolge  der  ungünstigen  industriellen
Konjunktur  in  geringerem  Maße  stattgefunden,  aber  gelöst  ist  die  wichtige
Arbeiterfrage  für  die  Landwirtschaft  noch  keineswegs.  Zu  großer  Vorsicht
mahnt  die  Lage  unserer  Eisenindustrie,  die  ich  nach  wie  vor  als  durchaus
unsicher  bezeichnen  muß.  Charakteristisch  ist  die  Abnahme  der  Kaufkraft
        <pb n="14" />
        6  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  14.)

des  inländischen  Marktes  und  die  Abhängigkeit  vom  ausländischen  Markt.
Es  ist  überaus  bedauerlich,  in  welchem  Maße  die  Kaufkraft  des  inländischen
Marktes  in  den  letzten  Jahren  abgenommen  hat.  Der  Eisenverbrauch  auf
den  Kopf  der  Bevölkerung  ist  seit  1901  bedeutend  gefallen  und  wird  sich
voraussichtlich  1902  auf  nur  73  Kilogramm  pro  Kopf  belaufen,  während
er  1897  noch  183  Kilogramm  betrug.  Der  Eisenverbrauch  ist  also  bedeutend
  zurückgegangen,  während  andrerseits  die  Fabriken  in  ihrer  erweiterten
  Produktionsmöglichkeit  dastehen.  Daraus  ergibt  sich  das  schlimme
Mißverhältnis  zwischen  Angebot  und  Nachfrage,  das  wir  in  dieser  Zeit  zu
konstatieren  haben.  Andrerseits  hat  sich  die  Ausfuhr  von  Eisenwaren  erheblich
  gesteigert.  Im  letzten  Jahre  sind  allein  82  Millionen  Tonnen
exportiert  worden,  während  es  früher  nur  29  bis  30  Millionen  Tonnen
waren.  Besonders  haben  wir  nach  Amerika  exportiert.  In  dieser  Abhängigkeit
  von  Amerika  insbesondere  liegt  ein  dunkler  Punkt,  zumal  man
nicht  weiß,  wie  sich  die  Zollverhältnisse  mit  Amerika  gestalten  werden.  Die
Möglichkeit  liegt  vor,  daß  in  Amerika  ein  Rückgang  der  Konjunktur  eintritt.
  Es  blieb  ein  erhebliches  Defizit  auch  nach  dem  jetzigen  Anschlag
übrig.  Nach  den  Anträgen  der  einzelnen  Ressorts  hätte  das  Defizit
231  Millionen  Mark  betragen.  Es  bedurfte  einer  ganz  energischen  Einwirkung
  der  Finanzverwaltung,  um  den  Fehlbetrag  im  neuen  Etat  auf
72  Millionen  Mark  herabzumindern.  Jedes  Ressort  kämpft  um  seine  Forderungen,
  wie  eine  Löwin  um  ihre  Jungen.  Ich  habe  das  Bedürfnis,
hier  den  Herren  der  Finanzverwaltung  ein  Wort  des  Dankes  zu  sagen  für
ihre  hingebende  Arbeit.  Diese  Herren  sind  es  sonst  nicht  gewohnt,  Dank
und  Anerkennung  zu  finden.  Ich  erinnere  Sie  daran,  wie  außerordentlich
wir  in  den  letzten  Jahren  die  Dispositionsfonds  der  Betriebsverwaltungen
gespeist  haben.  Besonders  gut  sind  die  Eisenbahnen  weggekommen.  Auch
im  Etat  für  1903  finden  Sie  wieder  erhebliche  Beträge  zur  Schuldentilgung
  vorgesehen.  Ich  halte  den  gesetzlich  eingeführten  Zwang  zur
Schuldentilgung  für  eine  erhebliche  Verbesserung  der  gesamten  Finanzlage.
Auch  für  1903  ist  das  Extraordinarium  wieder  reichlich  dotiert  worden.
Das  Extraordinarium  überragt  das  Defizit  noch  um  72  Millionen  Mark.
Es  handelt  sich  ja  zunächst  um  werbende  Anlagen,  und  deshalb  können
wir  mit  Ruhe  auch  eine  neue  Anleihe  aufnehmen.  Redner  geht  auf  Einzelheiten
  des  neuen  Etats  ein.  Auch  diesmal  hat  sich  ein  Minderertrag  bei
der  Domänenverpachtung  ergeben  von  insgesamt  108 000  Mark.  Wir  beabsichtigen,
  auch  weiterhin  im  Westen  Domänen  zu  veräußern  und  für  den
Erlös  im  Osten  Domänen  anzulegen.  Dieses  Geld  ist  politisch  und  wirtschaftlich
  rentabel  angelegt.  Wir  haben  geglaubt,  einer  Resolution  des
Hauses  entsprechen  zu  müssen,  indem  wir  den  Zuschuß  für  den  Bau  von
Arbeiterwohnungen  auf  den  Domänen  vergrößerten.  Die  Forstverwaltung
wird  voraussichtlich  keine  Mindererträge  ergeben.  Die  großen  vom  Staat
in  Westfalen  erworbenen  Grubenfelder  werden  sich  erst  im  nächsten  Jahr
für  den  Staat  nutzbar  machen  lassen.  Die  Bergwerksverwaltung  hat  naturgemäß
  auch  unter  der  ungünstigen  Konjunktur  zu  leiden  gehabt,  aber  sie
steht  gegenüber  allen  Wechselfällen  gerüstet  da.  In  Oberschlesien  ist  die
Anlage  neuer  Kohlenschächte  vorgesehen,  um  einem  etwaigen  Mehrbedarf
der  Industrie  alsbald  gerecht  werden  zu  können.  Bei  dem  Schmerzenskind
  unserer  Verwaltungen,  den  Eisenbahnen,  ist  der  Betriebskoeffizient  in
den  Jahren  von  1887—1902  von  54  und  55  gestiegen  auf  62  und  63  Prozent.
Infolge  des  Rückganges  der  Eisenbahneinnahmen  haben  sich  auch  die  Beiträge
  der  Eisenbahnverwaltungen  zu  den  allgemeinen  Staatsausgaben  erheblich
  vermindert:  hingegen  haben  sich  die  eigenen  Betriebsausgaben  der
Eisenbahnen  erheblich  erhöht,  wenn  wir  auch  noch  so  sparsam  und  wirt-
        <pb n="15" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  11.)  7

schaftlich  verfahren  sind.  Die  Gehaltserhöhungen  für  die  Beamten  sind
im  wesentlichen  als  abgeschlossen  zu  betrachten.  Trotz  ungünstiger  Finanzlage
  haben  wir  das  Extraordinarium  der  Eisenbahnverwaltung  in  voller
Höhe  des  Vorjahres  belassen.  Ich  habe  mich  bemüht,  möglichst  wenig  von
diesen  Ausgaben  auf  Anleihen  zu  legen;  diesen  Weg  darf  man  nach  meiner
Meinung  nur  beschreiten,  wenn  es  sich  um  neue  Anlagen  handelt.  Dagegen
  müssen  Ausgaben  für  Verbesserung  und  Ausbau  bereits  bestehender
Anlagen  aus  den  bereiten  Mitteln  des  Staates  genommen  werden.  Mit
vollem  Bewußtsein  haben  wir  das  Extraordinarium  so  stark  belassen,
namentlich  mit  Rücksicht  auf  die  ungünstige  Lage  der  Industrie,  der  durch
Staatsaufträge  lohnende  Beschäftigung  gewährt  wird.  Einerseits  um  Arbeitsgelegenheit
  zu  schaffen  und  andrerseits  aus  eisenbahntechnischen  Gründen
haben  wir  uns  vor  einer  übermäßigen  Einschränkung  des  Extraordinariums
gehütet.  Ich  habe  schon  im  vorigen  Jahre  nach  einer  Rede  des  Freiherrn
v.  Zedlitz  dem  Gedanken  Ausdruck  gegeben,  ob  es  nicht  zweckmäßiger  wäre,
einen  Ausgleichsfonds  bei  der  Eisenbahn  zu  schaffen,  der  dazu  bestimmt  ist,
die  Jahre  des  Ueberflusses  und  des  Mangels  auszugleichen.  Je  länger
ich  mich  damit  beschäftigt  habe,  desto  mehr  bin  ich  von  der  Notwendigkeit
dieser  Einrichtungen  überzeugt  worden.  Wenn  einmal  bessere  Jahre  kommen,
dann  ist  es  wohl  möglich,  aus  den  Ueberschüssen  dieser  Jahre  einen  entsprechenden
  Fonds  herzustellen.  Das  wäre  sowohl  für  die  Eisenbahnverwaltung
  wie  für  die  allgemeine  Finanzverwaltung  von  Vorteil.  Der  Gedanke
  ist  verlockend  genug,  in  günstigen  Jahren  einen  solchen  Fonds  in
Höhe  von  etwa  200  Millionen  anzusammeln  für  ungünstige  Jahre,  um
somit  die  Eisenbahnverwaltung  unabhängig  zu  machen  von  den  wirtschaftlichen
  Konjunkturen.  Die  Eisenbahnverwaltung  würde  daraus  einen  Anlaß
  mehr  entnehmen,  ihre  Finanzeinnahmen  möglichst  vorsichtig  abzuschätzen.
Es  würde  dann  auch  der  Fehler  vermieden  werden,  daß  in  günstigen
Jahren  alles  über  die  Mehrerträge  herstürzt  und  deren  Verwendung  zu
dauernden  Ausgaben  verlangt.  Was  nun  das  Finanzverhältnis  zwischen
Reich  und  Einzelstaaten  betrifft,  so  gehen  die  Steigerungen  der  Matrikularbeiträge
  weit  über  die  der  Ueberweisungen  in  den  letzten  Jahren  hinaus.
Verschiedene  Einzelstaaten  müssen  schon  jetzt  Anleihen  aufnehmen,  um  ihren
Verpflichtungen  gegen  das  Reich  gerecht  zu  werden.  So  kann  es  nicht
weiter  gehen,  und  ich  hoffe,  daß  diesem  Zustande  ein  Ende  bereitet  werden
wird.  Vor  allem  liegt  das  auch  im  Interesse  des  Reiches,  denn  der  Reichsgedanke
  muß  notwendigerweise  darunter  leiden;  hoffentlich  wird  man  sich
nicht  länger  der  Notwendigkeit  einer  Reichsfinanzreform  verschließen.  Erhebliche
  Mittel  sind  wieder  für  die  Förderung  des  Deutschtums  in  den
Ostmarken  ausgeworfen.  Die  Staatsregierung  wird  an  dem  Ziel  ihrer
Politik  unverrückt  festhalten  und  auch  in  ungünstigen  Jahren  nicht  davon
ablassen.  Wir  wollen  den  Frieden,  aber  nur  auf  einer  Basis,  die  mit  den
Interessen  des  Deutschtums  vereinbar  ist.  Wir  werden  nach  wie  vor  an
den  positiven  Maßnahmen  zur  Bekämpfung  des  Polentums  festhalten;  im
übrigen  wird  ja  die  erste  Lesung  des  Etats  mir  Gelegenheit  geben,  mich
über  die  in  den  Ostmarken  beabsichtigten  Maßnahmen  des  näheren  zu  verbreiten.
  Nur  eine  Position  will  ich  hervorheben:  die  Vorarbeiten  zur
Beschaffung  einer  königlichen  Residenz  in  Posen.  Ich  glaube,  daß  diese
Position  allen  denen,  die  von  der  Wiedererrichtung  eines  Königreiches
Polen  träumen,  sichtbar  vor  Augen  führen  wird,  daß  der  preußische  Adler
Länder,  die  durch  ein  Jahrhundert  deutscher  Kultur,  deutscher  Arbeit,
deutscher  Intelligenz  unablösbar  mit  Deutschland  verbunden  sind,  auf  ewig
festhalten  wird.  Redner  verbreitet  sich  nunmehr  über  weitere  Einzelheiten
aus  verschiedenen  Etats.  Im  Etat  für  Handel  und  Gewerbe  sind  ins-
        <pb n="16" />
        8  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.)

besondere  die  Aufwendungen  für  das  gewerbliche  Unterrichtswesen,  für
Meisterkurse  und  zur  Hebung  des  Handwerks  erheblich  vermehrt.  Im
Etat  der  Justizverwaltung  finden  sich  erhöhte  Summen  für  eine  Anzahl
neuer  Stellen.  Der  Etat  des  Ministeriums  des  Innern  fordert  Mehrbeträge
  für  die  Polizeiverwaltung  in  den  Provinzen  und  die  Gendarmen.
Auch  im  Kultusetat  sind  größere  Aufwendungen  gemacht  worden,  namentlich
  für  die  Vermehrung  der  Seminare  und  zur  Erleichterung  der  Volksschullasten.
  Zur  Ausgleichung  der  Gehaltsunterschiede  der  katholischen
Geistlichen  sind  15 000  Mark  eingestellt.  Für  Kunst  und  Wissenschaft  sind
trotz  der  ungünstigen  Finanzlage  Mehrbeträge  eingestellt,  und  auch  das
Extraordinarium  im  Kultusetat  ist  wieder  reichlich  dotiert.  Im  allgemeinen
waren  wir  bestrebt,  die  Ausgaben  einzuschränken,  um  das  Defizit  zu  verringern,
  aber  ich  kann  anderseits  mit  außerordentlicher  Befriedigung  darauf
hinweisen,  daß  wir  trotz  der  wirtschaftlich  ungünstigen  Lage  allen  notwendigen
  Forderungen  gerecht  geworden  sind.  Sache  des  Hauses  wird  es  sein,
zu  prüfen,  ob  es  der  Finanzverwaltung  gelungen  ist,  den  Etat  nach  richtigen
  Grundsätzen  aufzustellen.  Ich  lege  den  Etat  vertrauensvoll  in  Ihre
Hände  und  hoffe  auf  eine  sachliche  und  wohlwollende  Prüfung.

15.  Januar.  (Reichstag.)  Meistbegünstigungsfrage  und
Zollkriege.

Abg.  Bernstein  (Soz.)  polemisiert  gegen  die  Bestrebungen,  die
Meistbegünstigung  zu  beseitigen,  weil  das  zum  Zollkriege  führen  müsse.
Abg.  Graf  Kanitz  (kons.)  bedauert,  daß  die  Handelsverträge  am  31.  Dezember
nicht  gekündigt  worden  seien.  Ein  Zollkrieg  mit  Amerika  sei  nicht  zu
fürchten.  Staatssekretär  Graf  Posadowsky:  Unser  Verhältnis  zu  Amerika
  beruht  auf  einem  Vertrag,  der  mit  der  preußischen  Regierung  im
Jahre  1828  abgeschlossen  worden  ist.  Wir  waren  der  Ansicht,  daß  durch
diesen  Vertrag,  dessen  Rechtsgültigkeit  im  Jahre  1885  durch  das  Deutsche
Reich  anerkannt  wurde,  zwischen  dem  Deutschen  Reiche  und  den  Vereinigten
Staaten  ein  unbedingtes  Meistbegünstigungsverhältnis  bestehe,  des  Inhalts,
daß  alle  Konzessionen,  die  einer  der  beiden  vertragschließenden  Staaten
einem  dritten  einräumt,  ipso  jure  auch  jedem  der  vertragschließenden  Staaten
zu  Gebote  stehen.  Die  Aeußerung  des  früheren  Staatssekretärs  des  Auswärtigen
  Amtes  Frhrn.  v.  Marschall  stammt  aus  einer  Zeit,  wo  die  deutsche
Reichsregierung  noch  dieser  Auffassung  war  und  keine  Ereignisse  eingetreten
waren,  die  klar  stellten,  daß  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  eine  andere  Auffassung  über  die  allgemeine  Meistbegünstigung  hat.
Darauf  kam  der  Dingley-  Tarif,  und  auf  Grund  dieses  Tarifes  schloß  die
Regierung  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  zwei  Abkommen  mit
Frankreich  und  auch  Abkommen  mit  anderen  Staaten  in  Bezug  auf  verschiedene
  Artikel.  Auf  Grund  unserer  Auffassung  von  dem  Inhalt  und
dem  Wert  der  allgemeinen  Meistbegünstigung  verlangten  wir  von  den  Vereinigten
  Staaten,  daß  diese  in  dem  Abkommen  mit  Frankreich  auf  Grund
des  Dingley-Tarifs  gewährten  Konzessionen  auch  der  deutschen  Regierung
eingeräumt  würden.  Bei  dieser  Gelegenheit  kam  die  abweichende  Auffassung
der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  zu  unserer  Kenntnis,  daß  sich  die
Konzessionen,  die  auf  Grund  der  allgemeinen  Meistbegünstigung  von  den
Vereinigten  Staaten  eingeräumt  wurden,  nur  auf  Konzessionen  pro  praeterito
  bezögen,  daß  aber  Konzessionen,  die  neu  eingeräumt  würden,  durch
neue  Gegenkonzessionen  von  dem  meistbegünstigten  Kontrahenten  erworben
werden  müßten.  Auf  Grund  dieser  Sachlage  verhandelten  wir  mit  Amerika
und  glaubten  im  Interesse  Deutschlands  diesen  Konfliktspunkt  bis  auf
weiteres  dadurch  zu  beseitigen,  daß  wir  den  Status  quo  Amerika  gegenüber
        <pb n="17" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  15.  —17.)  9

aufrecht  erhielten  unter  der  Voraussetzung  und  Bedingung,  daß  uns  Amerika
  die  Konzessionen  gewähre,  die  es  Frankreich  in  dem  ersten  Abkommen
auf  Grund  des  Dingley-Tarifs  eingeräumt  hatte.  Das  tat  Amerika,  und
wir  glaubten,  daß  es  nicht  notwendig  sei,  dieses  Abkommen  dem  Hause
vorzulegen,  weil  in  der  Tat  nach  diesem  Abkommen  der  amerikanischen
Regierung  von  unserer  Seite  nichts  eingeräumt  war  und  wir  gleichzeitig
zu  Konzessionen  gelangt  waren,  die  Amerika  anderen  Staaten  eingeräumt
hatte.  Tatsächlich  wurde  ein  Zustand  hergestellt,  den  wir  auf  Grund  unserer
Auffassung  von  der  allgemeinen  Meistbegünstigung  glaubten  eo  ipso  beanspruchen
  zu  können.  Darum  haben  wir  das  Abkommen  nicht  vorgelegt,
denn  es  wurde  an  dem  bestehenden  Verhältnis  nichts  geändert.  Der  Herr
Vorredner  ist  im  Irrtum  mit  seinem  Vorwurfe,  wir  hätten  auch  Vergünstigungen
  von  Amerika  verlangt,  die  es  einer  Anzahl  amerikanischer  Republiken
  und  den  englisch-amerikanischen  Kolonien  in  Bezug  auf  die  Zuckereinfuhr
  eingeräumt  hat.  Das  konnten  wir  nicht  verlangen,  denn  diese
Abkommen  sind  überhaupt  nicht  ratifiziert  worden,  also  auch  nicht  in
Geltung.

15.  Januar.  (Preußen.)  Dem  Landtag  geht  folgender

Gesetzentwurf  über  die  Landestrauer  zu:

Bei  dem  Ableben  des  Königs,  der  Königin  und  einer  verwitweten
Königin  von  Preußen  findet  eine  Landestrauer  nach  folgenden  Bestimmungen
statt:  §  1.  Die  Glocken  der  Kirchen  werden  mittags  von  12  bis  1  Uhr
vierzehn  Tage  lang  geläutet.  —  §  2.  Oeffentliche  Musik,  sowie  öffentliche
Lustbarkeiten  und  Schauspielvorstellungen  sind  vier  Tage  lang  vom  Sterbetage
  (einschließlich)  ab  und  am  Tage  der  Beisetzung  einzustellen.  —  §  3.
Wer  den  Bestimmungen  dieses  Gesetzes  zuwiderhandelt,  wird  mit  Geldstrafe
von  15  bis  150  Mark  bestraft.  —  §  4.  Dieses  Gesetz  tritt  mit  dem  Tage
der  Verkündigung  in  Kraft.  Die  Allerhöchste  Kabinettsordre  vom  28.  November
  1845,  betr.  das  Trauerreglement  vom  7.  Oktober  1797,  und  die
bisher  in  Kraft  gebliebenen  Vorschriften  des  letzteren  werden  aufgehoben.

16.  Januar.  (Württemberg.)  Finanzlage.

Der  Etatsentwurf  für  1903  und  1904  schließt  bei  einer  Einnahme
von  175  Millionen  mit  einem  Defizit  von  8,8  Millionen  Mark,  das  durch
eine  Anleihe  gedeckt  werden  soll.  —  Der  Finanzminister  erklärt  in  der
Kammer,  daß  die  Beziehungen  zum  Reiche  eine  sehr  unerwünschte  Mehrbelastung
  Württembergs  zeigen.  Gelinge  es  nicht,  eine  weitergehende  Belastung
  der  Bundesstaaten  mit  ungedeckten  Matrikularbeiträgen,  als  sie  für
1902  erfolgte,  hintan  zuhalten,  so  würde  dadurch  die  Lage  des  württembergischen
  Staatshaushaltes  aufs  empfindlichste  berührt  und  zur  Ausgleichung
  der  Mehrbelastung  nachträglich  zu  einer  weiteren  Erhöhung  des
Anlehenbedarfes  geschritten  werden  müssen.

17.  Januar.  (Reichstag.)  Interpellation  über  Malz-  und
Futtergerste  (vgl.  1902  S.  169).  Künftige  Handelsverträge.

Abg.  Rösicke-Dessau  (fr.  Vg.)  bringt  folgende  Interpellation  ein:
Welche  Maßnahme  gedenkt  der  Reichskanzler  zu  treffen,  um  den  im  §  1
des  neuen  Zolltarifgesetzes  enthaltenen  Begriff  der  „Malzgerste“  festzustellen?
  —  Eine  zolltechnische  Unterscheidung  zwischen  den  beiden  Arten  sei
unmöglich.  Wenn  man  alle  Gerste,  die  als  Malzgerste  verwandt  werden
kann,  als  solche  verzollen  wolle,  so  werde  überhaupt  keine  Gerste  zu  einem
niedrigeren  Satze  als  4  Mark  eingeführt  werden  können.  Die  zur  Unbrauchbarmachung
  der  Gerste  als  Malzgerste  vorgeschlagenen  Mittel  der  Zer-
        <pb n="18" />
        10  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./20.)

störung  der  Keimfähigkeit  durch  Darren  oder  Schroten  seien  zu  kostspielig.
Reichsschatzsekretär  Frhr  v.  Thielmann  bekämpft  die  Voraussetzung,  daß
auf  Malzgerste  und  Futtergerste  verschiedene  Zollsätze  festgesetzt  würden,
denn  im  Zolltarif  sei  der  Zoll  für  Gerste  mit  7  Mark  festgesetzt  und  bezüglich
  der  Malzgerste  sei  in  §  1  des  Zollgesetzes  nur  gesagt,  der  Zollsatz
für  dieselbe  dürfe  nicht  unter  4  Mark  betragen.  Daß  die  Futtergerste
billiger  tarifiert  werden  solle,  stehe  weder  im  Zollgesetze,  noch  im  Tarif.
Bis  jetzt  habe  man  mit  keiner  fremden  Macht  Handelsvertragsverhandlungen
  begonnen,  auch  seien  noch  von  keiner  Seite  Anforderungen  bestimmter
Art  auf  Tarifherabsetzung  an  die  verbündeten  Regierungen  herangetreten.
Die  Regierung  würde  daher  ruhig  abwarten,  ob  solche  Wünsche  geäußert
werden,  und  wenn  das  geschehe,  werde  sie  es  sich  noch  überlegen,  ob  sie
den  Wünschen  stattgeben  solle.  Wenn,  wie  Abg.  Rösicke  gesagt  habe,  die
Kosten  für  Darren  und  Schroten  der  Gerste  so  hoch  wären,  daß  keine  Vorteile
  bei  der  Einfuhr  herauskämen,  so  würde  der  Bundesrat  erst  recht  keine
Ursache  haben,  zwischen  Malzgerste  und  Futtergerste  zu  unterscheiden,  da
ja  dann  niemand  gewalzte  oder  geschrotete  Gerste  vom  Auslande  aus  einführen
  würde.  Im  übrigen  gebe  es  doch  auch  noch  andere  Mittel  zur
zolltechnischen  Unterscheidung,  als  das  von  dem  Interpellanten  angeführte
Schroten  und  Darren,  z.  B.  die  Verwendungskontrolle.

19./20.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Etat.
Vieh-  und  Fleischzölle.  Polenpolitik:  Posener  Residenzschloß;  Beamtenzulagen.
  Kanalfrage.  Handelsverträge.

Abg.  Fritzen  (Z.)  bedauert,  daß  die  Regierung  trotz  der  schlechten
Finanzlage  die  Minimalzölle  auf  Vieh  und  Fleisch  abgelehnt  habe.  Die
wirtschaftliche  Lage  sei  nach  wie  vor  bedenklich,  und  die  Industrie  werde
damit  rechnen  müssen,  daß  sie  über  kurz  oder  lang  sich  auf  den  inländischen
Markt  beschränkt  sehen  werde,  und  die  Regierung  habe  darum  die  dringende
Pflicht,  durch  Unterstützung  der  Landwirtschaft,  welche  die  beste  Abnehmerin
der  Industrie  sei,  für  genügende  inländische  Kaufkräfte  zu  sorgen.  Das
Zentrum  verwerfe  die  Errichtung  eines  königlichen  Residenzschlosses  in
Posen,  sowie  überhaupt  alle  Etatspositionen,  die  eine  Förderung  der  von
der  Regierung  eingeschlagenen  Polenpolitik  bezwecken.  Auch  das  Zentrum
wünsche  die  Stärkung  des  Deutschtums  im  Osten  und  sei  bereit,  die  Regierung
  in  diesen  Bestrebungen,  solange  sich  dieselben  in  vernünftigen  Bahnen
bewegen,  zu  unterstützen.  Die  Errichtung  eines  königlichen  Schlosses  in
Posen  sei  aber  nicht  das  richtige  Mittel,  um  das  Deutschtum  zu  stärken;
die  Zwecklosigkeit  eines  solchen  Schlosses  sei  durch  die  prächtige  Residenz
in  Straßburg  hinlänglich  bewiesen;  auch  sei  es  nicht  zu  billigen,  daß  die
Beamten  im  Osten  besser  gestellt  werden,  als  diejenigen  in  der  übrigen
Monarchie  und  daß  die  Oberlehrer  gezwungen  werden  sollen,  Pensionäre
anzunehmen,  um  so  eine  Art  Zwangserziehung  für  die  polnische  Jugend
einzuführen.

Ministerpräsident  Graf  Bülow:  Der  Vorredner  hat  die  Ostmarkenfrage
  berührt;  ich  will  die  betreffenden  Positionen  des  Etats  darum  hier
im  Zusammenhange  beleuchten.  Die  Regierung  hat  die  Ausführung  ihres
im  Vorjahre  angekündigten  Programms  ohne  Zögern  begonnen.  Der
Vorredner  billigt  dieses  Programm  nicht  und  hat  mit  der  ihm  eigenen
Objektivität  die  Gründe  dafür  dargelegt.  Ich  halte  es  aber  um  so  mehr
für  meine  Pflicht,  auf  dem  von  der  Mehrheit  dieses  Hauses  gebilligten
Wege  vorwärts  zu  gehen,  als  ich  die  Ostmarkenfrage  nach  wie  vor  für  die
wichtigste  Frage  unserer  innerpreußischen  Politik  halte  und  ich  von  der
        <pb n="19" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./20.)  11

Ueberzeugung  durchdrungen  bin,  daß  nur  auf  diesem  Wege  die  Integrität
der  Monarchie  aufrecht  erhalten  werden  kann.  Nachdem  der  Ostmarkenfonds
  im  vorigen  Jahre  eine  so  erhebliche  Verstärkung  erfahren  hat,  besteht
jetzt  die  Absicht,  der  Ansiedelungskommission  eine  andere  Organisation  zu
geben,  da  die  bisherige  gegenüber  der  Zunahme  der  Städte  und  der  wirtschaftlichen
  Entwickelung  nicht  mehr  ausreichend  war.  Hinsichtlich  der
Modalität  schweben  noch  die  Erwägungen.  Voraussichtlich  wird  sich  die
Aenderung  in  der  Richtung  vollziehen,  daß  für  jede  der  Provinzen  Posen
und  Westpreußen  eine  besondere  Kommission  gebildet  wird,  und  daß  die
Oberpräsidenten  an  die  Spitze  der  Kommissionen  treten.  Auf  diese  Weise
wird  den  Besonderheiten  jeder  Provinz  besser  Rechnung  getragen  werden
können.  Womöglich  soll  die  geplante  Organisation  schon  am  1.  April  in
Kraft  treten.  Wie  im  Vorjahre  angekündigt,  sieht  der  Etat  eine  Reihe
von  Forderungen  für  die  Stärkung  des  Deutschtums  vor.  Ich  muß  dem
Finanzminister  besonders  dankbar  dafür  sein,  daß  er  trotz  der  ungünstigen
Finanzlage  seine  sonst  sehr  sparsame  Hand  für  diese  wichtigen  Zwecke  in
freigebigster  Weise  geöffnet  hat.  Die  Zulagen  für  die  Beamten  und  Lehrer
sollen  sich  darstellen  als  Prämien  für  das  Aushalten  in  ihren  gefährdeten
Posten  und  als  Ausgleich  für  die  Schwierigkeiten  des  Aufenthaltes  in  einer
fremdsprachlichen  Bevölkerung.  Die  Beamten  anderer  Provinzen  können
die  gleiche  Zulage  deshalb  nicht  fordern.  Ich  füge  hinzu,  die  Regierung
wird  aber  von  jedem  Verwaltungsbeamten  verlangen,  daß  er  durch  sein
Verhalten  nicht  das  Vertrauen  erschüttert,  das  die  Regierung  in  ihn  setzt
hinsichtlich  der  Förderung  der  von  der  Regierung  in  den  Ostmarken  vertretenen
  Politik.  Ein  Beamter,  der  sich  dieses  nicht  stets  vor  Augen  hält,
ist  nicht  der  rechte  Mann  auf  jenem  Posten,  und  die  Regierung  hat  die
Pflicht,  ihn  nicht  auf  seiner  Stelle  zu  lassen.  Wir  wünschen  einen  Stamm
von  tüchtigen  mittleren  und  unteren  Beamten  heranzuziehen,  deren  treues
Mitwirken  im  nationalen  Interesse  wir  ganz  besonders  hoch  veranschlagen;
wir  hoffen  auch,  daß  die  Lehrer  anderer  Provinzen  ihre  Söhne,  die  sich
dem  Lehrerberuf  widmen  wollen,  in  die  neuen  Seminare  nach  Posen  und
Westpreußen  schicken,  damit  sie  dort  Lehrer  werden,  und  daß  auf  diese
Weise  Abhilfe  für  den  bedauerlichen  Lehrermangel  geschaffen  wird.  An
höhere  Beamte  soll  eine  Zulage  nicht  gewährt  werden.  Es  wird  aber  beabsichtigt,
  ihnen  Erziehungsbeihilfen  zu  geben  und  ihnen  auch  durch  Herstellung
  von  Dienstgebäuden  in  kleinen  Städten  zu  nützen.  Im  weiteren
kündet  der  Ministerpräsident  an,  daß  zur  Förderung  des  Deutschtums  auf
dem  platten  Lande  dessen  weitere  Erschließung  durch  Eisenbahnen  geplant
werde.  Die  demnächst  eingehende  Nebenbahnvorlage  sehe  für  die  Provinzen
Posen  und  Westpreußen  gegen  34  Millionen  Mark  vor.  In  diesem  Tempo
werde  man  fortfahren.  Als  Hauptmittel  zur  Förderung  des  Deutschtums
betrachte  die  Regierung  nach  wie  vor  die  sorgsame  Pflege  und  den  steten
Ausbau  der  Schulen.  Gerade  im  Osten  sei  die  Zahl  der  überfüllten  Schulklassen
  noch  sehr  beträchtlich.  Von  den  drei  Millionen  Mark,  die  gefordert
seien  zur  Förderung  des  Volksschulwesens,  seien  eine  Million  für  Westpreußen
  und  Posen  bestimmt.  Trotz  der  wenig  befriedigenden  Gestaltung
der  Staatseinnahmen  habe  man  auch  Sorge  getragen,  daß  für  Kunst  und
Wissenschaft  Aufwendungen  gemacht  werden  können.  Die  Regierung  halte
es  für  notwendig,  daß  man  den  Bildungsbedürfnissen  der  gebildeten  Klassen
entgegenkomme.  Sie  hoffe,  daß  durch  die  in  den  Etat  eingestellten  Forderungen
  für  die  Ostmark  das  Vertrauen  im  Lande  und  die  Festigkeit  der
Ostmarkenpolitik  gestärkt  werde,  und  daß  die  Landsleute  im  Osten  in  ihrem
Mute  belebt  würden,  treu  auszuhalten  und  zusammenhalten  ohne  Unterschied
  der  Partei  und  Konfession.  Man  wisse  sehr  wohl,  daß  die  Aufgabe
        <pb n="20" />
        12  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./20.)

nicht  von  heute  auf  morgen  gelöst  werden  könne;  Jahre,  vielleicht  Jahrzehnte
  würden  dazu  erforderlich  sein.  Die  Regierung  kenne  aber  bei  dieser
Aufgabe  kein  Rückwärts,  sondern  nur  ein  Vorwärts  auf  den  für  richtig
erkannten  Wegen:  ohne  kleinliche  Gehässigkeit,  aber  auch  ohne  Schwäche
und  ohne  Schwanken,  damit  die  Provinzen  Posen  und  Westpreußen  immer
inniger  verwüchsen  mit  der  ganzen  Monarchie,  damit  sie  immer  gut
preußisch  und  gut  deutsch  blieben.

Abg.  Graf  Limburg-Stirum  (kons.)  empfiehlt  äußerste  Sparsamkeit
  und  begrüßt  den  Plan  eines  Ausgleichsfonds.  Die  Polenpolitik  müsse
auf  dem  bisherigen  Wege  fortgesetzt  werden.  Die  Regierung  hätte  die
Handelsverträge  am  31.  Dezember  kündigen  sollen.

Ministerpräsident  Graf  Bülow:  Ich  freue  mich,  daß  der  Vorredner
sich  für  den  von  uns  vorgeschlagenen  Bau  eines  königlichen  Residenzschlosses
  in  Posen  ausgesprochen  hat.  Abg.  Fritzen  hat  vorher  eine  Parallele
gezogen  zwischen  Straßburg  und  Posen.  Ich  gebe  dem  Abg.  Fritzen  vollkommen
  zu,  daß  zwischen  den  Verhältnissen  in  der  Westmark  und  der  Ostmark
  eine  gewisse,  sogar  große  Aehnlichkeit  besteht,  denn  hier  wie  dort
haben  wir  die  Pflicht,  das  Deutschtum  mit  allen  gesetzlichen  Mitteln  zu
fördern.  Ich  muß  ihm  aber  darin  widersprechen,  wenn  er  sagte,  daß  das
Residenzschloß  in  Straßburg  nicht  dazu  beigetragen  hat,  und  kein  Vorteil
gewesen  wäre.  Ich  weiß  aus  eigener  Anschauung  und  von  vielen  Kennern
der  elsaß-lothringischen  Verhältnisse,  daß  gerade  das  Residenzschloß  in
Straßburg  und  die  dadurch  bewirkte  häufigere,  regelmäßigere  Anwesenheit
des  Kaisers  in  den  Reichslanden,  das  persönliche  Band,  das  zwischen  Kaiser
und  Elsaß-Lothringen  hergestellt  ist,  wesentlich  beigetragen  hat  zur  Verschmelzung,
  zur  wirklich  fortschreitenden  Verschmelzung  zwischen  den  Reichslanden
  und  dem  Deutschen  Reiche.  Deshalb  hoffe  ich,  daß  die  Mehrheit
dieses  hohen  Hauses  uns  auch  die  Mittel  nicht  versagen  wird  für  den  Bau
einer  Residenz  in  Posen,  die  nicht  nur  ein  äußeres  Wahrzeichen  des  Deutschtums
  in  jener  Provinz  und  seiner  Zugehörigkeit  zur  preußischen  Monarchie
sein  soll,  sondern  auch  dem  Kaiser  und  König  die  Gelegenheit  geben  soll,
regelmäßig  gerade  in  der  Provinz  Posen  zu  residieren  und  gerade  dieser
Provinz  Zeichen  seiner  persönlichen  Fürsorge  zu  geben.  —  Und  nun  zu
einem  anderen  vom  Abg.  Grafen  Limburg-Stirum  erwähnten  Punkt.  In
diesem  hohen  Hause  sind  die  Gründe  bekannt,  aus  denen  die  königliche
Staatsregierung  es  ablehnen  muß,  auf  Materien  hier  einzugehen,  die  nach
der  Ansicht  der  königlichen  Staatsregierung  nicht  vor  das  Forum  dieses
hohen  Hauses  gehören.  Die  königliche  Staatsregierung  muß  deshalb  ihrerseits
  darauf  verzichten,  die  Grenze  der  Zugehörigkeit  dieses  hohen  Hauses
zu  überschreiten.  Aber  eines  muß  ich  den  Ausführungen  des  Abg.  Grafen
Limburg-Stirum  gegenüber  betonen:  Bei  der  Aufstellung  des  Tarifs  bestand
  die  Absicht,  den  Klagen  der  Landwirtschaft  soweit  wie  möglich  entgegen
  zu  kommen,  und  die  königliche  Staatsregierung  ist  nach  wie  vor
davon  überzeugt,  daß  der  Zolltarif  erhebliche  Vorteile  für  die  Landwirtschaft
  enthält,  und  sie  wird  bei  den  bevorstehenden  Handelsvertragsverhandlungen
  nicht  bloß  mit  Worten,  sondern  auch  mit  der  Tat  bestrebt  sein,
die  Interessen  der  Landwirtschaft  gewissenhaft  wahrzunehmen.  —  Abg.
Nölle  (nl.)  verlangt  Auskunft  über  die  Kanalvorlage.  Abg.  Dr.  Wiemer
(fr.  Vp.)  verlangt  Reform  des  Güter-  und  Personentarifs  und  kritisiert  die
Ostmarkenpolitik;  der  Hakatistenverein  müsse  seine  Tätigkeit  einstellen.  Abg.
Frhr.  v.  Zedlitz  (fr.kons.):  Bei  der  schlechten  Finanzlage  sei  eine  Verständigung
  zwischen  Regierung  und  Abgeordnetenhaus  über  die  Kanalvorlage
unmöglich,  deshalb  dürfe  sie  vorläufig  noch  nicht  eingebracht  werden.

Am  folgenden  Tage  polemisiert  Abg.  v.  Jazdzewski  (Pole)  gegen
        <pb n="21" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)  13

die  Ostmarkenpolitik;  er  tadelt  die  Ausschreitungen  der  radikalen  Polenpresse,
  sie  seien  aber  durch  die  Maßregeln  der  Regierung  und  die  Hetze
der  Hakatisten  hervorgerufen.  —  Nach  wenigen  weiteren  Debatten  wird
der  Etat  an  die  Budgetkommission  verwiesen.  

19./23.  Januar.  (Reichstag.)  Etat.  Finanzlage.  Schädler
und  Bülow  über  persönliche  Kundgebungen  des  Kaisers.  Swinemünder
  Depesche  (1902  S.  136,  148).  Der  Kaiser  über  Bourgeoisie
und  soziale  Pflichten.  Fall  Krupp.  Venezuelafrage.  Reichstagswahlrecht.
  Burenfrage.

Schatzsekretär  v.  Thielmann  legt  den  Etat  vor.  Nach  dem  Voranschlage
  balanciert  der  Etat  mit  2  464  972  734  Mark.  Zur  Deckung  des
Defizits  von  118 764  234  Mark  soll  eine  Zuschußanleihe  von  95  Mill.  Mark
aufgenommen,  der  Rest  durch  Matrikularbeiträge  aufgebracht  werden.
Abg.  Dr.  Schädler  (Z.):  Die  Ursache  des  Defizits  liege  in  den  Etatsüberschreitungen
  und  in  den  Mindereinnahmen  der  Verkehrsanstalten.  —
Hierauf  bespricht  der  Redner  das  Telegramm  des  Kaisers  an  den  Prinzregenten
  Luitpold  vom  10.  August  1902  und  verteidigt  die  Haltung  des
Zentrums  in  der  Beratung  des  bayerischen  Kultusetats.  Die  Streichung
richtete  sich  nicht  gegen  den  Prinzregenten,  sondern  gegen  das  Ministerium
in  Bayern.  Es  habe  sich  auch  nicht  gehandelt  um  eine  persönliche  Forderung
  des  Regenten,  sondern  nur  um  eine  Ausgabe  des  Staates.  Der
Prinzregent  habe  in  der  Ablehnung  der  Positionen  durchaus  keine  persönliche
  Kränkung  erblickt.  Um  so  auffallender  sei  es  darum  gewesen,  daß
der  Kaiser  wegen  der  Geldverweigerung  in  eine  solche  Entrüstung  gekommen
sei.  Das  einzige  Mittel,  auch  dem  Herrscher  nahe  zu  legen,  daß  seine
Minister  das  Vertrauen  eines  Teiles  des  Volkes  nicht  besitzen,  sei  eben  die
Geldverweigerung.  Diese  Swinemünder  Depesche  habe  das  Zentrum  nicht
geschwächt,  sondern  das  Vertrauen  des  bayerischen  Volkes  zu  ihm  nur  gestärkt.
  Dazu  komme  noch,  daß  diese  Depesche  nicht  aus  eigenem  Lande,
sondern  von  einem  außerbayerischen  Monarchen  gekommen  sei.  Als  Bayer
bin  ich  erfreut,  daß  der  Prinzregent  jeden  Ausdruck  von  Empörung  und
Entrüstung  fortließ;  als  Mitglied  des  Parlaments  aber  protestiere  ich  gegen
die  Depesche,  weil  sie  dem  föderalistischen  Charakter  des  Reiches  widersprach.
Nach  den  Ausführungen  des  Fürsten  Bismarck  vom  Jahre  1871,  nach  der
Verfassung  und  nach  Ausführungen  von  Staatsrechtslehrern,  wie  Laband,
liegt  die  Souveränität  im  Reiche  nicht  beim  Kaiser,  sondern  bei  der  Gesamtheit
  der  verbündeten  Regierungen.  Der  Kaiser  ist  der  Präsident  des
Bundes.  Zu  seinen  Rechten  gehört  nicht  die  Kontrolle  über  die  innerpolitische
  Tätigkeit  eines  gesetzgebenden  Körpers  eines  deutschen  Bundesstaates,
  noch  viel  weniger  das  Recht  der  Rüge  an  einen  solchen.  Die
Swinemünder  Depesche  enthält  einen  Angriff  auf  die  Selbständigkeit  und
die  Rechte  der  zweiten  bayerischen  Kammer.  Wir  legen  Verwahrung  ein,
weil  hier  ein  Eingriff  in  die  Rechte  der  Einzelstaaten  vorliegt.  Wir  müssen
das  um  so  mehr  tun,  als  die  Stelle,  von  der  der  Eingriff  ausging,  unverantwortlich
  ist.  Ich  wende  mich  deshalb  an  den  verantwortlichen  Reichskanzler
  mit  der  Frage,  ob  er  die  Information  erteilt  und  die  Veröffentlichung
  des  Depeschenwechsels  veranlaßt  hat.  Die  Gesinnung,  Energie  und
Sorge  des  Kaisers  um  das  Wohl  des  Reiches  wird  auch  im  Süden  anerkannt;
  die  Herzen  sind  ihm  zugetan.  Um  dieses  Gefühl  zu  erhalten  und
zu  stärken,  und  da  berufene  Berater  nicht  immer  zur  Stelle  sind,  die  mit
Ehrerbietung  und  Freimut  den  Kaiser  auf  die  Bedeutung  solcher  Aeußerungen
  hinweisen,  halten  wir  es  für  unsere  Pflicht,  unsere  Stimme  zu
        <pb n="22" />
        14  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)

erheben.  Notwendig  ist  die  strikte  Innehaltung  der  Reichsverfassung  unter
Berücksichtigung  der  einzelnen  Stämme  und  Bundesstaaten,  um  so  mehr,
als  die  Anprüche  gewachsen  sind.  Recht  muß  Recht  bleiben!
Reichskanzler  Graf  Bülow:  Ich  hatte  nicht  die  Absicht,  m.  H.,
schon  jetzt  in  die  Debatte  einzugreifen,  ich  sehe  mich  aber  hier  genötigt
durch  die  Art  und  Weise,  wie  der  Herr  Vorredner  das  Telegramm  zur
Sprache  gebracht  hat,  welches  Se.  Majestät  der  Kaiser  vor  fünf  Monaten
an  Se.  königliche  Hoheit  den  Prinzregenten  von  Bayern  gerichtet  hat.
Der  Herr  Abgeordnete  Schädler  hat  die  Frage  aufgeworfen,  ob  und  inwieweit
  ich  für  dieses  Telegramm  die  Verantwortung  übernähme.  Nach  unserer
Verfassung,  die  uns  alle  bindet,  bin  ich  verantwortlich  für  diejenigen  kaiserlichen
  Entschließungen,  welche  zu  ihrer  Gültigkeit  der  Gegenzeichnung  des
Reichskanzlers  bedürfen.  Artikel  17  der  Reichsverfassung  bestimmt,  daß
Anordnungen  und  Verfügungen  des  Kaisers  der  Gegenzeichnung  des  Reichskanzlers
  bedürfen,  welcher  dadurch  die  Verantwortlichkeit  für  dieselben
übernimmt.  Diese  Gegenzeichnung  und  die  dadurch  begründete  Verantwortlichkeit
  erstreckt  sich  also  nur  auf  Anordnungen  und  Verfügungen  des
Kaisers,  also  nur  auf  solche  Handlungen,  welche  in  unmittelbarer  Ausführung
  der  dem  Kaiser  zustehenden  Regierungsrechte  vor  sich  gehen,  also
nicht  auf  persönliche  Kundgebungen  (Sehr  richtig!),  selbst  wenn  solche  Kundgebungen
  programmatischer  Natur  sind.  (Sehr  richtigl)  Dementsprechend
ist,  wie  sich  alle  erinnern  werden,  der  bekannte  Erlaß  des  Kaisers  Friedrich
vom  März  1888,  in  welchem  der  verewigte  Monarch  die  Grundsätze  darlegt,
  nach  denen  er  seine  Regierung  einzurichten  wünschte,  von  keinem
Minister  gegengezeichnet  worden.  Ebenso  sind  die  Erlasse  unseres  jetzigen
Kaisers  vom  Februar  1890  über  die  Ordnung  der  Arbeitsverhältnisse  gleichfalls
  von  keinem  Minister  kontrasigniert.  Jenseits  dieser  von  der  Verfassung
  gezogenen  Schranken  da  beginnt  das  weite  Gebiet,  wo  nicht  mehr
die  formale  Verantwortlichkeit  des  Reichskanzlers  Platz  greift,  sondern,  ich
möchte  sagen,  die  Imponderabilien  der  Tradition,  des  Taktes,  der  Gewissenhaftigkeit,
  der  moralischen  Verantwortlichkeit.  Welche  Folgerungen
ergeben  sich  nun  aus  dieser  moralischen  Verantwortlichkeit  des  Reichskanzlers
gegenüber  persönlichen  Kundgebungen  des  Kaisers?  Reichsgesetzlich  ist  diese
moralische  Verantwortlichkeit  weder  ausgedrückt,  noch  umschrieben.  Sie
folgt  aber  meines  Erachtens  aus  der  Natur  der  kanzlerischen  Institution.
Ich  nehme  gar  keinen  Anstand,  hier  und  vor  dem  Lande  zu  sagen,  daß
ein  gewissenhafter,  ein  seiner  moralischen  Verantwortlichkeit  bewußter  Reichskanzler
  nicht  würde  im  Amt  bleiben  können,  wenn  er  Dinge  nicht  verhindern
  könnte,  die  nach  seinem  pflichtmäßigen  Ermessen  das  Wohl  des
Reiches  wirklich  und  dauernd  schädigen  würden.  (Hört,  hörtl)  Aber
andererseits  verbleibt  dem  Kaiser  auch  über  die  Schranken  der  Verfassung
hinaus  ein  weites  Maß  eigenen  Aktionsrechtes  und  persönlicher  Initiative.
Wie  jeder  Staatsbürger,  darf  auch  der  Kaiser  von  dem  Rechte  Gebrauch
machen,  seine  Meinung  zu  äußern.  (Sehr  richtigl)  Das  Recht  der  freien
Meinungsäußerung,  das  nach  der  Verfassung,  Artikel  25  (Lachen  links)
jedem  Preußen  zusteht,  werden  Sie  auch  dem  Kaiser  nicht  verweigern  dürfen.
(Nein,  nein!  links.  —  Glocke  des  Präsidenten.)  Wenn  der  Kaiser  seiner
kräftigen  Natur  entsprechend  seine  Meinung  hier  und  da  kräftig  zum  Ausdruck
  bringt,  so  wird  ihm  das  doch  gerade  der  Herr  Abgeordnete  Schädler
nicht  vorwerfen,  der  weder  heute,  noch  in  Tuntenhausen  als  Leisetreter
aufgetreten  ist.  (Heiterkeit.)  Dies  Recht  der  freien  Meinungsäußerung  dem
Kaiser  zu  wahren,  hat  der  Reichskanzler  die  Pflicht.  Solche  persönlichen
Kundgebungen  des  Kaisers  bedürfen  zu  ihrer  Gültigkeit  auch  nicht  der
Gegenzeichnung  des  Reichskanzlers.  Der  Gedanke,  den  Kaiser  in  der
        <pb n="23" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)  15

Aeußerung  seiner  Meinungen  dadurch  zu  beschränken,  daß  dieselben  an  eine
Gegenzeichnung  des  Reichskanzlers  gebunden  werden,  liegt  unserer  Verfassung
  vollständig  fern.  (Sehr  richtigl)  Die  Frage  der  Gültigkeit  kann
dabei  überhaupt  nicht  in  Betracht  kommen.  Ich  werde  es  aber  niemals
ablehnen,  die  Verantwortung  zu  übernehmen  für  die  Rückwirkung,  welche
solche  persönliche  Kundgebungen  haben  können  auf  den  großen  Gang  der
Politik.  Denn  ich  bin  dem  Bundesrat  wie  diesem  hohen  Hause  verantwortlich
  für  eine  Führung  der  Geschäfte,  welche  weder  den  äußeren  noch
den  inneren  Frieden  des  Reiches  gefährdet.  Es  handelt  sich  im  vorliegenden
Falle  um  einen  persönlichen  Meinungsaustausch  zwischen  zwei  Souveränen,
der  nicht  den  Charakter  eines  Staatsaktes  trägt;  es  handelt  sich  um  eine
Aeußerung  vom  Fürsten  zum  Fürsten,  vom  Freunde  zum  Freunde,  um
eine  ausschließlich  persönliche  Angelegenheit  (Na,  nal)  zwischen  den  beteiligten
  Bundesfürsten,  und  darum  bin  ich  nicht  in  der  Lage  gewesen,  die
Informationen  über  die  Vorgänge  selbst  zu  geben,  aus  denen  der  Depeschenwechsel
  hervorgegangen  ist.  Das  können  Sie  auch  daraus  entnehmen,  daß,
wie  das  Telegramm  des  Kaisers  nur  mit  dem  Namen  des  Kaisers  unterzeichnet
  war,  die  Antwort  des  Prinzregenten  nicht  den  Zusatz  „Prinzregent“,
  sondern  nur  die  Unterschrift  „Prinz  von  Bayern“  trug.  An
diesem  persönlichen  Charakter  des  Depeschenwechsels  ist  auch  durch  die  Veröffentlichung,
  auf  welche  der  Abg.  Schädler  so  sehr  hingewiesen  hat,  nichts
geändert  worden.  Wolffs  Telegraphisches  Bureau  untersteht  keiner  Regierungsstelle.
  Die  Anweisung  zur  Veröffentlichung  war  nicht  gegengezeichnet,
und  sie  war  kein  Regierungsakt.  Wolffs  Telegraphisches  Bureau  bringt
alle  Vorgänge,  welche  die  Oeffentlichkeit  interessieren.  Aber  ein  offizielles
Organ  ist  es  nicht;  das  ist  der  „Reichs-Anzeiger".  Dieser  hat  den  Depeschenwechsel
  nicht  veröffentlicht,  weil  es  sich,  wie  gesagt,  um  eine  persönliche
Kundgebung  handelt.  Die  Frage,  wie  die  Veröffentlichung  zu  stande  kam,
ist  hier  nicht  zu  entscheiden.  Worauf  es  allein  ankommt,  ist,  ob  durch
dieses  Telegramm  die  Beziehungen  zwischen  dem  Absender  und  dem  Empfänger
  des  Telegramms,  zwischen  Preußen  und  Bayern  wirklich  so  getrübt
worden  sind,  wie  das  der  Abg.  Schädler  hier  behauptet  hat.  Darauf  erwidere
  ich,  daß  von  einer  solchen  Trübung  in  keiner  Weise  die  Rede  gewesen
  ist.  Se.  königliche  Hoheit  der  Prinzregent  von  Bayern  hat  das
Telegramm  seines  kaiserlichen  Freundes  nicht  mißverstanden.  (Heiterkeit.)
Wie  wenig  er  es  mißverstanden  hat,  können  Sie  schon  daraus  entnehmen,
daß  dieser  hohe  Herr  vier  Wochen  nach  dem  Empfang  des  Telegramms
noch  Se.  königliche  Hoheit  den  Prinzen  Ludwig  von  Bayern,  der  sich  zu
den  Manövern  nach  Posen  begab,  beauftragte,  Sr.  Majestät  dem  Kaiser
noch  mündlich  den  Dank  für  das  Telegramm  zu  wiederholen.  (Hört,  hört!)
Ich  zweifle  nicht  an  dem  bayerischen  Patriotismus  des  Abg.  Schädler;
aber  ich  meine,  daß,  wo  es  sich  um  die  Wahrung  der  Würde  und  der
Selbständigkeit  von  Bayern  handelt,  Se.  königliche  Hoheit  der  Prinzregent
doch  noch  zuständiger  ist  als  der  Abg.  Schädler.  (Lebhaftes  Oho!  im  Zentrum.)
Se.  königliche  Hoheit  der  Prinzregent  von  Bayern  wußte  sehr  wohl,  daß
Se.  Majestät  der  Kaiser  in  seinem  Telegramm  nur  persönliche  Empfindungen
  hat  Ausdruck  geben  wollen.  Dieser  edle  und  ausgezeichnete  Fürst,
der  von  jedem  Bayern  und  jedem  Deutschen  hoch  verehrt  wird,  und  der
seit  17  Jahren  das  ihm  unter  so  schwierigen  Verhältnissen  übertragene
Amt  mit  so  großer  Auszeichnung  führt,  wußte  sehr  wohl,  daß  Se.  Majestät
der  Kaiser  nur  Ausdruck  geben  wolle  dem,  was  er  persönlich  empfand  für
alles,  was  der  Prinzregent  und  das  Haus  Wittelsbach  für  die  Kunst  getan
hat,  der  persönlichen  Anschauung,  daß  in  Sachen  der  Kunst  das  Interesse
der  Kunst  allein  maßgebend  sein  soll.  Der  Abg.  Schädler  hat  eben  mit
        <pb n="24" />
        16  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)

einem  großen  Aufwand  von  Dialektik  nachzuweisen  gesucht,  daß  der  bayerischen
  Kammer  jede  Absicht  ferngelegen  hat,  irgendwie  die  Kunst  schädigen
zu  wollen;  daß  ein  solcher  Gedanke  aber  doch  nahe  lag,  wird  der  Abg.
Schädler  selbst  nicht  bestreiten  wollen.  Endlich  wußte  der  Prinzregent  von
Bayern  sehr  wohl,  daß  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  jede  Absicht  der  Einmischung
  in  die  parlamentarischen  Angelegenheiten  eines  Bundesstaates
fern  gelegen  hat.  Vor  allem  wußte  Se.  königliche  Hoheit  der  Prinzregent,
daß  es  Sr.  Majestät  nicht  eingefallen  ist,  den  Rechten  eines  Bundesfürsten
oder  eines  Bundesstaates  zu  nahe  treten  zu  wollen.  Gegenüber  dem,  was
der  Abg.  Dr.  Schädler  hier  gesagt  hat  von  unitarischen  Tendenzen,  von
denen  ich  nicht  wüßte,  wo  sie  existieren  sollten  —  an  maßgebenden  Stellen
existieren  sie  jedenfalls  nicht  —  betone  ich,  daß  von  keiner  Seite  an  dem
bundesstaatlichen  Charakter  des  Reichs  gezweifelt  oder  gerüttelt  wird.  Mit
allen  seinen  Mitfürsten  ist  Se.  Majestät  der  Kaiser  davon  durchdrungen,
daß  auf  den  vertrauensvollen  Beziehungen  zwischen  den  Bundesfürsten,
auf  der  Achtung  vor  den  Rechten  jedes  Bundesstaates  und  jedes  Bundesfürsten
  die  gedeihliche  Entwicklung  des  Reichs  beruht;  die  sorgsame  Pflege
der  föderativen  Grundlage  des  Reiches  ist  eine  conditio  sine  qua  non  für
die  deutsche  Entwicklung,  das  wird  an  keiner  Stelle  vergessen.  Diesen
bundesstaatlichen  Charakter  des  Reiches,  die  Reichsverfassung  und  den
Reichsgedanken,  dessen  feste  Grundlage  die  Reichsverfassung  ist,  vor  jeder
Trübung  zu  wahren,  das  ist  unser  aller  Pflicht,  das  ist  die  Pflicht  Seiner
Majestät  des  Kaisers,  wie  es  die  Pflicht  der  deutschen  Fürsten  ist,  das  ist
meine  Pflicht,  wie  es  Ihre  Pflicht  ist.  Und  darum  kann  ich  nur  meinem
tiefen  Bedauern  Ausdruck  geben  über  die  Art  und  Weise,  wie  der  Abg.
Schädler  diesen  Gedanken  hier  behandelt  hat.  Ich  kann  nur  der  Hoffnung
Ausdruck  geben,  daß  dieser  Vorgang  von  allen  Seiten  so  richtig  und  so
objektiv  und  so  würdig  aufgefaßt  werden  möge,  wie  er  von  seiten  des
kompetentesten  Beurteilers,  von  Sr.  königlichen  Hoheit  dem  Prinzregenten
von  Bayern,  beurteilt  und  aufgefaßt  worden  ist,  und  ich  kann  nur  der
Hoffnung  Ausdruck  geben,  daß  von  allen  Seiten  unterlassen  werden  möge,
was  im  Auslande  Zweifel  hervorrufen  könnte  an  der  Geschlossenheit  der
Nation,  an  ihrer  Hingabe  an  die  kaiserliche  Idee,  die  dem  deutschen  Volke
mehr  ist,  als  der  bloß  formale  Begriff,  den  der  Abg.  Dr.  Schädler  nach
dem  Prof.  Laband  aus  ihr  hat  konstruieren  wollen.  Denn  diese  Kaiseridee
  repräsentiert  mit  den  teuersten  Erinnerungen  des  deutschen  Volkes
unser  Ansehen  nach  außen,  unsere  Zukunft  in  der  Welt.  Die  feste  Entschlossenheit
  des  deutschen  Volkes  ist  es,  an  dieser  Idee  nicht  rütteln  zu
lassen,  sie  vor  jeder  Antastung  zu  wahren!  Daß  alles  vermieden  wird,
was  im  Auslande  einen  falschen  Eindruck  hervorrufen  könnte.

20.  Januar.  —  Abg.  v.  Vollmar  (Soz.)  kritisiert  die  auswärtige
Politik,  die  sprunghaft  und  improvisiert  sei,  wie  sich  namentlich  in  der
Haltung  der  Regierung  während  der  verschiedenen  Phasen  des  Burenkrieges
zeige.  In  der  Frage  der  Swinemünder  Depesche  sei  das  Zentrum  im  Recht,
denn  der  Kaiser  habe  kein  Recht  sich  in  die  inneren  Landesangelegenheiten
zu  mischen;  die  Swinemünder  Depesche,  die  gegen  den  Willen  des  Empfängers
veröffentlicht  sei,  habe  dem  Partikularismus  Wasser  auf  die  Mühle  geliefert.
  —  Der  Redner  will  hierauf  den  Fall  Krupp  (1902  S.  167)  besprechen,
  wird  aber  trotz  seines  Protestes  vom  Präsidenten  Graf  Ballestrem
daran  gehindert,  weil  das  eine  Privatsache  sei  und  nicht  vor  den  Reichstag
gehöre.  Der  Redner  wendet  sich  gegen  die  Aeußerungen  des  Kaisers  über
die  Sozialdemokratie;  da  der  Kaiser  gesetzlich  gegen  Beleidigungen  geschützt
sei,  dürfe  er  ebenfalls  nicht  beleidigende  Aeußerungen  tun.

Reichskanzler  Graf  Bülow:  Meine  Herren!  Ich  möchte  zunächst
        <pb n="25" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)  17

mit  einigen  Worten  auf  die  Ausführungen  des  Abg.  v.  Vollmar  entgegnen.
Aus  den  Schlußausführungen  des  Abg.  v.  Vollmar  schien  mir  die  Tendenz
zu  sprechen,  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  und  der  Monarchie  eine  antisoziale
Tendenz  zu  imputieren.  Diese  Auffassung  ist  historisch  wie  psychologisch
gleich  unbegründet.  Wie  wir  alle  wissen,  ist  die  soziale  Gesetzgebung  in
Deutschland  durch  Kaiser  Wilhelm  I.  ins  Leben  gerufen  worden.  Die
Monarchie  hat  in  Deutschland  tatsächlich  mehr  für  die  arbeitenden  Klassen
getan,  als  bisher  in  irgend  einem  andern  Lande  für  die  Arbeiter  geschehen
ist.  (Sehr  richtig!l)  Vor  einigen  Wochen  befand  sich  in  Berlin  eine  Deputation
  der  englischen  Friendly  Societies,  um  unsere  Versicherungsgesetzgebung
  zu  studieren.  Bei  dem  Abschied  der  Deputation  hielt  der  Führer
derselben  eine  Abschiedsrede,  in  der  er  unter  Bezugnahme  auf  die  Allerhöchste
  Botschaft  vom  17.  November  1881  wörtlich  sagte:  „Selbst  wenn  die
Namen  eines  Cäsar  oder  Napoleon  längst  verklungen  sein  werden,  so  wird
dieses  deutsche  Kaiserwort  ewig  fortleben,  es  wird  noch  in  den  fernsten
Jahrhunderten  die  Herzen  bewegen  und  andauernd  das  Gedächtnis  an  den
großen  deutschen  Kaiser  erhalten,  der  die  Worte  seiner  an  den  Reichstag
gerichteten  Botschaft  nicht  bloß  ausgesprochen,  sondern  kraftvoll  in  die  Tat
umgesetzt  hat.“  So,  meine  Herren,  urteilt  das  Ausland  darüber,  was  die
Monarchie  in  Deutschland  geleistet  hat  für  die  soziale  Frage.  Es  ist  unbestritten,
  daß  die  soziale  Gesetzgebung,  die  Gesetzgebung  zum  Wohle  der
arbeitenden  Klassen  in  keinem  Lande  so  entwickelt  ist  wie  bei  uns.  (Sehr
richtig!  Rufe  der  Sozialdemokraten:  Na,  na!)  Die  großartige  Schöpfung
unserer  Arbeiterversicherung  steht  bis  jetzt  einzig  in  der  Welt  da.  Wo
finden  Sie  in  Frankreich  oder  in  Belgien  oder  in  Holland,  in  England
oder  in  Amerika  Gesetze,  Maßnahmen  und  Einrichtungen  zum  Schutze  der
Arbeiter  wie  bei  uns?  Wenn  Sie  das  bestreiten  wollen,  meine  Herren,
so  möchte  ich  Ihnen  aus  dem  Berichte  unseres  Botschafters  in  Paris  eine
Stelle  vorlesen  über  eine  Unterredung,  die  er  gehabt  hat  mit  dem  früheren,
sehr  ausgezeichneten  französischen  Handelsminister  Millerand.  Herr  Millerand
  ist,  wie  Herrn  v.  Vollmar  nicht  unbekannt  ist,  ein  intimer  Freund
des  großen  Redners  und  hervorragenden  Politikers  Jaurès,  und  da  Jaurès
nach  dem,  was  ich  glaube  verstanden  zu  haben,  einer  guten  Meinung  bei
Herrn  v.  Vollmar  sich  erfreut  (Abg.  v.  Vollmar:  Sehr  richtig!)  —  es  freut
mich,  daß  Herr  v.  Vollmar  „Sehr  richtig!“  ruft  —,  so  werden  Sie  gewiß
eine  Bedeutung  beilegen  dem,  was  Millerand  unserem  Botschafter  sagte.
Herr  Millerand  bemerkte,  daß,  da  die  Frage  der  Altersversicherung  für
die  Bergarbeiter  gerade  jetzt  wieder  auf  der  Tagesordnung  steht,  seine
Bemühungen  darauf  gerichtet  seien,  einen  ähnlichen  Zustand  zu  schaffen,
wie  ihn  die  Hochherzigkeit  und  die  Weitsicht  des  Kaisers  Wilhelm  in  Deutschland
  gefördert  habe  (Hört,  hörtl)  für  die  humanitäre  Behandlung  der
arbeitsunfähig  gewordenen  Arbeiter;  in  Deutschland  habe  der  Staat  viel
mehr  getan,  als  dies  in  Frankreich  bisher  der  Fall  gewesen.  (Sehr  richtig!)
Man  müsse  dieses  hier  nachholen.  Seine  Sorge  sei,  die  immer  drohender
werdende  Gefahr  der  Streiks  zu  beseitigen,  nicht  aber,  wie  man  ihm  von
feindlicher  Seite  vorwerfe,  die  Streiks  zu  fördern.  Dies  wäre  nur  möglich,
  wenn  den  wirklich  berechtigten  Forderungen  der  Arbeiter  Rechnung
getragen  werde.  Wenn  es  Sie  interessiert,  könnte  ich  noch  aus  dem  Anfang
  dieses  Berichtes  die  nachstehende  Stelle  verlesen.  Unser  Botschafter
Fürst  Radolin  schreibt:  Bei  der  Unterhaltung  mit  Millerand  hatte  ich
wiederum  den  angenehmen  Eindruck  einer  ruhigen,  würdigen  Persönlichkeit,
fern  von  jeder  Pose,  der  es  nur  um  sachliches  Interesse  zu  tun  ist.  Nach
früheren  Schilderungen  der  Presse  hatte  ich  mir  ein  ganz  anderes  Bild  von
ihm  machen  müssen.  Er  verfolgt  energisch  die  Hebung  der  unteren  Massen,

Europäischer  Geschichtskalender.  I.L.  2





=
        <pb n="26" />
        18  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)

wozu  die  Bourgeoisie  nicht  allzu  geneigt  ist.  (Zuruf:  Wie  bei  uns!)  —
Dieser  Zwischenruf  frappiert  mich  wirklich;  es  ist  wörtlich  dasselbe,  was
Se.  Majestät  der  Kaiser  an  den  Rand  des  Berichtes  geschrieben  hat.  (Große
Heiterkeit.)  Ich  werde  mir  erlauben,  Ihnen  nachher  den  Bericht  zu  übergeben;
  Sie  werden  daraus  ersehen,  daß  an  dieser  Stelle  Se.  Majestät  vor
einem  Jahre  wörtlich  an  den  Rand  geschrieben  hat:  „Richtig,  und  das
überall.“  Herr  Millerand  ist  aber  weit  davon  entfernt,  die  Staatsgewalt
zu  erschüttern.  Meine  Herren!  Ich  wünsche  Ihnen  einen  Millerand.  Die
deutsche  Arbeiterversicherung  bildet  bis  jetzt  ein  zusammenhängendes  Ganzes;
anderswo  hat  man  sich  beschränkt,  einzelne  Zweige  unserer  sozialen  Versicherung
  zu  realisieren.  Ebenso  unbestreitbar  ist  es,  daß  die  soziale  Gesetzgebung
  mit  allem,  was  sie  Schönes  und  Gutes  mit  sich  gebracht  hat,
zurückzuführen  ist  auf  die  gemeinsame  Arbeit  der  deutschen  Fürsten  und
des  hohen  Hauses.  Was  Sie  betrifft,  m.  H.,  so  haben  Sie  (zu  den  Soz.)
ja  gegen  die  Arbeitergesetze  gestimmt  (Lachen  bei  den  Soz.),  und  auch  das
gleiche  und  allgemeine  Wahlrecht,  welches  anzutasten  nirgendwo  irgend
welche  Tendenz  besteht,  ist  Ihnen  von  der  Monarchie  gewährt  und  freiwillig
  gewährt  worden.  (Zurufe  links.  Glocke  des  Präsidenten.)  Se.  Majestät
der  Kaiser  ist  davon  durchdrungen,  daß  es  die  Aufgabe  des  Staates  ist,
die  schützende  und  stützende  und  helfende  Hand  über  die  wirtschaftlich
Schwachen  zu  halten;  auf  solche  Fürsorge  hat  nach  seiner  Ansicht  jeder
wirtschaftlich  bedrängte  Stand  Anspruch  (hört!),  nicht  nur  der  Industriearbeiter,
  sondern  auch  der  Landwirt!  (Aha!  bei  den  Soz.)  Jawohl!  Der
Bauer  ist  auch  ein  Mensch,  so  zu  sagen!  (Heiterkeit.)  Der  Kaiser  ist  aber
auch  davon  durchdrungen,  daß  die  Monarchien,  welche  im  Anfang  des  vorigen
Jahrhunderts  den  Uebergang  vom  alten  zum  neuen  Staatswesen  gefunden,
heute  stark  und  einsichtig  genug  sind,  um  diejenigen  Uebelstände  und  Mißstände,
  welche  neben  vielen  Lichtseiten  die  moderne  Entwicklung  der  Dinge
mit  sich  gebracht  hat,  die  sie  in  allen  vorgeschrittenen  Ländern  finden,  zu
mildern  und  so  weit  zu  beseitigen,  wie  es  möglich  ist  auf  dieser  unvollkommenen
  Erde.  (Zustimmung.)  Im  Laufe  des  vorigen  Jahrhunderts
hat  sich  das  deutsche  Bürgertum,  das  intelligente  gebildete  Bürgertum  der
Unternehmer,  zu  Macht  und  Ansehen  im  Staat  emporgerungen.  Es  ist
die  Ansicht  Sr.  Majestät  und  der  verbündeten  Regierungen,  daß  die  Aufgabe
  unseres  Jahrhunderts  ist  der  Ausbau  der  sozialen  Gesetzgebung.
Se.  Majestät  der  Kaiser  ist  davon  durchdrungen,  daß  der  Arbeiter  gleichberechtigt
  sein  soll  mit  den  anderen  Ständen  und  Klassen  und  daß  diese
Gleichberechtigung  ihren  gesetzgeberischen  Ausdruck  finden  muß  (Rufe  links:
Siehe  Zuchthausvorlage!  Glocke  des  Präsidenten),  und  wenn  Arbeiter  sich
veranlaßt  finden  sollten  zu  Kundgebungen  —  ich  spreche  natürlich  nicht
von  einer  speziellen  Kundgebung  —,  so  haben  in  meinen  Augen  nur  solche
Kundgebungen  einen  Wert,  die  aus  dem  freien,  unbeeinflußten  Willen  der
Arbeiter  hervorgehen.  (Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.)  Solche
Kundgebungen  begrüße  ich  als  ein  Zeichen  dafür,  daß  ein  großer  Teil  der
Arbeiter  treu  zu  Kaiser  und  Reich  steht,  aber  von  Manifestationen,  die
durch  äußeren  Druck  oder  fremde  Einwirkungen  hervorgerufen  werden,
halte  ich  gar  nichts.  (Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.  Rufe:
Breslau!  Glocke  des  Präsidenten.)  Der  Herr  Abg.  v.  Vollmar  hat  ferner
von  bonapartistischen  Tendenzen  gesprochen.  Mir  ist  kein  einziger  Fall
bekannt,  wo  Se.  Majestät  der  Kaiser  sich  in  einen  Widerspruch  gesetzt  hat
mit  den  Bestimmungen  der  Reichsverfassung.  Wenn  sich  aber  der  Kaiser
im  Rahmen  der  Reichsverfassung  hält,  so  hat  er  nicht  nur  das  Recht,
sondern  auch  die  Pflicht,  die  ihm  durch  die  Verfassung  übertragenen  Befugnisse
  in  ihrem  vollen  Umfange  auszuüben.  Was  soll  dieses  ganze  Ge-
        <pb n="27" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)  19

rede  von  Absolutismus,  Bonapartismus,  Cäsarismus  u.  s.  w.?  Als  ich
die  dunklen  Andeutungen  des  Herrn  Abg.  v.  Vollmar  in  dieser  Richtung
eben  hörte,  fragte  ich  mich  wirklich,  ob  ich  mich  nicht  statt  im  deutschen
Reichstage  etwa  in  Marokko  oder  in  China  befände?  (Heiterkeit.)  Nennen
Sie  mir  doch  einen  einzigen  Fall,  wo  die  verfassungsmäßigen  Rechte  des
deutschen  Volkes  durch  Se.  Majestät,  die  deutschen  Fürsten  oder  die  Minister
irgendwie  mißachtet  worden  wären.  (Zuruf  links:  Swinemünde.  Glocke
des  Präsidenten.)  —  Vizepräsident  Dr.  Graf  zu  Stolberg:  Ich  bitte,  den
Herrn  Reichskanzler  nicht  zu  unterbrechen.  —  Reichskanzler  Graf  v.  Bülow
(fortfahrend):  Ich  kenne  auch  vielleicht  bei  uns,  auch  in  Ihren  Reihen,
mehr  oder  weniger  absolutistisch  angelegte  Parteiführer.  (Zurufe.)  Aber
absolutistisch  angelegte  Fürsten  und  Minister  sind  mir  in  Deutschland  nicht
bekannt.  (Großes  Gelächter  bei  den  Sozialdemokraten.)  Absolutismus  ist
überhaupt  kein  deutsches  Wort  (Große  Heiterkeit)  und  keine  deutsche  Bezeichnung.
  Absolutismus  ist  ein  asiatisches  Gewächs  und  von  Absolutismus
wird  in  Deutschland  nicht  die  Rede  sein,  solange  unsere  Zustände  sich  weiter
entwickeln  auf  der  Bahn  von  Gesetz  und  Ordnung  und  der  Achtung  der
Rechte  der  Krone,  die  ebenso  heilig  sind,  wie  die  Rechte  der  Bürger,  die
nicht  verletzt  werden  dürfen  und  können.  Wenn  unsere  Zustände  jemals
eine  absolutistische,  eine  cäsarische  Form  annehmen  sollten,  so  würde  das
die  Folge  sein  von  revolutionären  Umwälzungen.  Auf  die  Revolution
folgt  der  Absolutismus,  wie  das  W  auf  das  U.  Das  ist  das  Abc  der
Weltgeschichte.  (Sehr  richtig!)  Der  Abg.  v.  Vollmar  hat  sich  auch  eingehend
  mit  den  Verhältnissen  zwischen  Kaiser  und  Reichskanzler  beschäftigt.
Dieses  Verhältnis  wird  staatsrechtlich  präzisiert  durch  die  bekannten  Artikel
15,  16,  17  der  Reichsverfassung.  Diese  Artikel  bilden  die  Grundlage  und  sie
bilden  die  Form  für  das  Verhältnis  zwischen  diesen  beiden  Faktoren.  Das
Wesen  des  Verhältnisses  liegt  in  beiderseitigem  guten  Willen,  beiderseitigem
Wunsch,  im  Interesse  der  salus  publica  und  für  die  salus  publica  zusammen
zu  wirken.  Ohne  gegenseitige  Konzessionen  und  gelegentliche  Kompromisse
geht  es  nun  einmal  nirgends  in  der  Welt.  Das  will  ich  aber  mit  aller
Bestimmtheit  aussprechen,  daß  das  Recht  der  persönlichen  Initiative  dem
Kaiser  von  keinem  Reichskanzler  verkürzt  werden  wird,  soll,  noch  kann.
Das  würde  weder  den  Tendenzen  des  deutschen  Volkes  entsprechen  noch
seinen  Interessen.  Das  deutsche  Volk  will  gar  keinen  Schattenkaiser;  das
deutsche  Volk  will  einen  Kaiser  von  Fleisch  und  Blut.  Die  Schattenkaiser
haben  genug  Unheil  über  das  alte  Reich  gebracht.  Was  aber  den  Reichskanzler
  angeht,  so  wiederhole  ich,  ein  Reichskanzler,  der  überhaupt  diesen
Namen  verdient,  der  ein  Mann  und  nicht  ein  altes  Weib  ist  (Heiterkeit),
wird  nichts  vertreten,  was  er  nicht  pflichtgemäß  vor  seinem  Gewissen  verantworten
  kann.  Daraus  folgt  nicht,  m.  H.,  daß  der  Reichskanzler  sofort
zurücktreten  soll,  sobald  er  einmal  über  irgend  eine  Angelegenheit  anderer
Meinung  ist  als  sein  Souverän.  Wenn  dem  so  wäre,  dann  würden  meine
Vorgänger  mehr  wie  einmal  ihre  Entlassung  eingereicht  haben.  (Hört,
hört!)  Was?  Gewiß,  m.  H.,  das  ist  ja  allgemein  bekannt!  Die  erste
Eigenschaft,  die  ein  Kanzler  haben  muß,  das  ist  Augenmaß,  unterscheiden
zu  können  zwischen  großen  politischen  Fragen,  mit  denen  er  sich  zu  beschäftigen
  hat  von  Reichs  wegen,  und  zwischen  Angelegenheiten  von  nicht
so  großer  Bedeutung.  (Lachen  links.)  Wenn  wegen  solcher  Dinge  der
Reichskanzler  jedesmal  seine  Entlassung  nehmen  sollte,  dann  wäre  das
gerade  so  falsch,  als  wenn  einer  aus  seiner  Partei  austreten  müßte  jedesmal,
  wenn  er  mit  dem  Leiter  seiner  Partei  anderer  Meinung  ist,  und  das
wird  wohl  auch  gelegentlich  vorkommen.  Aber  ein  nur  ausführendes
Organ,  ein  Instrument  ist  der  Reichskanzler  nicht,  das  würde  weder  den

2*
        <pb n="28" />
        20  dAS  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)

Interessen  des  deutschen  Volkes  entsprechen,  noch  den  Wünschen  Sr.  Majestät
des  Kaisers.  Der  Kaiser  verträgt  sehr  gut  den  Widerspruch,  er  will  gar
keinen  Reichskanzler  haben,  der  nicht  widersprechen  könnte.  Wollte  Gott,
Sie  wären  auf  Ihrer  Seite  ebensowenig  voreingenommen,  wie  Se.  Majestät
der  Kaiser,  dann  würden  wir  viel  besser  miteinander  auskommen.  (Große
Heiterkeit.)  Es  ist  gestern  an  die  von  diesem  hohen  Hause  wiederholt  angenommenen
  Anträge  Schroeder  zur  besseren  Sicherung  des  Wahlgeheimnisses
  erinnert  worden.  Ich  bin  in  der  Lage,  dem  hohen  Hause  mitteilen
zu  können,  daß  beim  Bundesrat  ein  Antrag  des  Reichskanzlers  eingebracht
worden  ist,  der  eine  Abänderung  des  Wahlreglements  für  die  Reichstagswahlen
  in  dem  Sinne  vorschlägt,  daß  in  Zukunft  die  Benutzung  von  Umschlägen
  für  die  Zettel  und  die  Einrichtung  von  Isolierräumen  zur  Ausübung
  des  Wahlrechts  in  der  Art  obligatorisch  gemacht  werden  soll,  daß
die  Stimmabgabe  des  einzelnen  Wählers  von  dritten  nicht  beobachtet  werde.
(Lebhafter  Beifall  links.)  Zur  Einführung  dieser  Bestimmung  bedarf  es
nach  meiner  Ansicht  keiner  Aenderung  des  Wahlgesetzes  für  den  Reichstag,
sondern  es  genügt  dazu  eine  entsprechende  Ergänzung  des  Wahlreglements.
Sobald  der  Bundesrat  sich  mit  dieser  Abänderung  des  Wahlreglements
einverstanden  erklärt  haben  wird,  wird  Ihre  Zustimmung  zu  derselben,
gemäß  §  15  Absatz  2  des  Wahlgesetzes  zum  Reichstag  vom  31.  Mai  1869,
erbeten  werden,  damit  schon  bei  den  bevorstehenden  Neuwahlen  zum  Reichstag
  von  diesen  neuen  Kautelen  zur  größeren  Sicherheit  des  Wahlgeheimnisses
  Gebrauch  gemacht  werden  kann.  (Beifall  links.)  Meine  Herren!  Ich
wende  mich  nun  nur  noch  kurz  zu  demjenigen,  was  die  Herren  Vorredner
über  unsere  auswärtige  Politik  gesagt  haben.  Ueber  unsere  Beziehungen
zu  Frankreich  will  ich  nicht  und  werde  ich  nicht  so  eingehend  reden,  wie
dies  der  Abg.  v.  Vollmar  getan  hat.  Ich  freue  mich  aber  sagen  zu  können,
daß  ich  mit  Sinn  und  Geist  seiner  Ausführungen  einverstanden  bin.  Das
ist  eine  sich  oft  wiederholende  Beobachtung,  daß  man  bei  vielen  Dingen
verschiedener  Ansicht  sein  kann,  aber  sich  doch  in  gewissen  Punkten  begegnet.
Das  gilt  ebenso  auch  für  Völker.  Also  ich  bin  auch  davon  durchdrungen,
daß  ruhige  und  friedliche  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Frankreich
gleichmäßig  den  Interessen,  dem  Wohle  beider  Länder  entsprechen  und  daß
es  eine  gewisse  Anzahl  von  Fragen  gibt,  wo  beide  zu  ihrem  beiderseitigen
Vorteil  Hand  in  Hand  gehen  können.  Ich  werde  meinerseits  auch  fernerhin
  auf  das  sorgsamste  unsere  Beziehungen  zu  unserm  westlichen  Nachbarn
pflegen,  mit  dem  wir  in  der  Vergangenheit  den  Degen  gekreuzt  haben,
dessen  glänzende  Eigenschaften  wir  aber  ebensowenig  verkennen,  wie  seine
Verdienste  um  die  Fortschritte  der  Zivilisation  und  seine  Bedeutung  als
einer  der  stärksten  Träger  menschlicher  Kultur.  Was  die  Venezuela-Angelegenheit
  angeht,  m.  H.,  so  darf  ich  mich  hinsichtlich  der  Ursachen  wie
der  Zwecke  unseres  dortigen  Vorgehens  auf  die  eingehende  Denkschrift  beziehen,
  welche  ich  die  Ehre  hatte,  vor  einiger  Zeit  dem  hohen  Hause  zu
unterbreiten.  Unsere  in  voller  Gemeinsamkeit  mit  England  und  Italien
eingenommene  Haltung  hat  bisher  dahin  geführt,  daß  der  Präsident  von
Venezuela  die  Forderungen  der  drei  Mächte  im  Prinzip  anerkannt  hat.
Ebenso  hat  er  sich  mit  den  Vorbedingungen  für  die  Ueberweisung  der  in
Bezug  auf  die  Streitfrage  von  den  drei  Mächten  aufgestellten  Forderungen
an  das  Haager  Schiedsgericht  einverstanden  erklärt.  Es  soll  demnächst  in
Washington  über  die  weitere  Regelung  der  Angelegenheit  eine  diplomatische
Konferenz  das  nähere  bestimmen.  Die  amerikanische  Regierung  hat  es  in
dankenswerter  Weise  übernommen,  die  durch  den  Abbruch  der  diplomatischen
Beziehungen  der  drei  Mächte  zu  Venezuela  erschwerten  Verhandlungen  mit
dieser  Republik  ihrerseits  zu  vermitteln.  Unser  Bestreben  geht  dahin,  die
        <pb n="29" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)  21

bewaffnete  Aktion  so  bald  als  möglich  zum  Abschluß  zu  bringen.  Die  über
die  Küste  von  Venezuela  von  den  drei  Mächten  verhängte  Blockade  wird
voraussichtlich  aufgehoben  werden,  sobald  die  diplomatischen  Verhandlungen
in  Washington  zu  einem  befriedigenden  Abschluß  geführt  haben.  Wie
gestern  von  dem  Abg.  Schädler  mit  Recht  anerkannt  worden  ist,  befinden
sich  die  Verhandlungen  zwischen  den  fünf  beteiligten  Regierungen  gegenwärtig
  in  vollem  Fluß;  es  würde  nicht  im  Interesse  der  Sache  liegen,
wenn  ich  heute  mehr  sagte.  Sobald  sich  die  Situation  geklärt  haben  wird,
werde  ich  aber  nicht  verfehlen,  diesem  hohen  Hause  Mitteilung  zu  machen.
Nur  zwei  Punkte  möchte  ich  heute  noch  berühren:  Der  Herr  Abg.  v.  Vollmar
  —  ich  habe  diesen  Teil  seiner  Ausführungen  nicht  selber  angehört  —
scheint  gemeint  zu  haben,  es  sei  auffällig,  daß  der  Präsident  der  Vereinigten
Staaten  von  Amerika,  Roosevelt,  die  Vorschläge  Deutschlands,  Englands
und  Italiens  auf  schiedsrichterliche  Behandlung  der  Angelegenheit  abgewiesen
  hätte.  Dieser  Auffassung  bin  ich  jedenfalls  anderswo,  auch  in  der
Presse,  häufig  begegnet,  und  ich  halte  es  für  indiziert,  diesen  Irrtum  hier
nach  Lage  der  Akten  zu  beseitigen.  Am  13.  Dezember  überreichte  der  hiesige
amerikanische  Botschafter  ein  Memorandum,  wonach  die  venezolanische  Regierung
  den  Vorschlag  gemacht  hat,  die  gegen  sie  erhobenen  Reklamationen
auf  dem  Wege  des  schiedsgerichtlichen  Verfahrens  zu  erledigen.  Den  gleichen
Vorschlag  übermittelte  die  amerikanische  Regierung  der  britischen  und  der
italienischen  Regierung.  Der  Vorschlag  wurde  von  den  drei  Mächten  unter
gewissem  Vorbehalt  angenommen.  Dabei  verständigten  sich  diese,  das
Schiedsamt  in  erster  Linie  dem  Präsidenten  Roosevelt  zu  übertragen,
gleichzeitig  aber  auch  das  Haager  Schiedsgericht  als  geeignete  Instanz  zu
bezeichnen,  da  es  von  vornherein  nicht  ausgeschlossen  erschien,  daß  Präsident
Roosevelt  die  Uebernahme  des  Schiedsamts  aus  sehr  gewichtigen  Gründen
ablehnen  könnte.  Dementsprechend  wurde  in  die  der  hiesigen  amerikanischen
Botschaft  am  23.  Dezember  übergebene  Antwort  folgender  Passus  aufgenommen:
  „Auch  würde  die  Regierung  es  mit  Dank  erkennen,  wenn  der
Präsident  der  Vereinigten  Staaten  geneigt  sein  würde,  das  Schiedsamt
unter  den  angegebenen  Voraussetzungen  zu  übernehmen.  Sollte  hierzu  der
Präsident  der  Vereinigten  Staaten  zum  Bedauern  der  Regierungen  nicht
geneigt  sein,  so  sind  diese  auch  bereit,  die  Angelegenheit  dem  Haager  Schiedsgericht
  zu  unterbreiten.“  Erklärungen  gleichen  Inhalts  wurden  von  England
  und  Italien  abgegeben.  In  einem  Schreiben  vom  27.  Dezember  hat
sich  darauf  der  hiesige  amerikanische  Botschafter  über  die  Stellung  des
Präsidenten  Roosevelt  zu  den  Vorschlägen  der  drei  Mächte  folgendermaßen
erklärt:  „Der  Präsident  schätzt  außerordentlich  die  von  den  beteiligten
Mächten  an  ihn  ergangene  ehrenvolle  Aufforderung,  ihre  gegenwärtigen
Streitigkeiten  mit  Venezuela  als  Schiedsrichter  zu  schlichten.  Er  wäre
glücklich  gewesen,  dem  Wunsch  der  Mächte  zu  entsprechen  und  seine  besten
Bemühungen  zur  Erreichung  dieses  Zweckes  anzuwenden,  wenn  sich  nicht
ein  anderer  und  besserer  Weg  zur  Beendigung  der  Streitigkeiten  geboten
hätte.  Der  Präsident  ist  aber  immer  der  Ansicht  gewesen,  daß  der  ganze
Streit  dem  hohen  Schiedshof  im  Haag  zu  unterbreiten  sei,  seit  dieser
Schiedshof  von  den  wichtigsten  Mächten  der  ganzen  Welt  eingesetzt  sei,  um
Fälle  der  vorliegenden  Art,  bei  denen  es  sich  weder  um  Fragen  der  nationalen
  Ehre,  noch  um  Gebietsabtretungen  handelt,  zur  Entscheidung  zu
bringen.“  Aus  diesem  Schriftwechsel  ergibt  sich,  daß  Präsident  Roosevelt
keineswegs  die  Vorschläge  der  drei  Mächte  zurückgewiesen,  sondern  von  den
beiden  in  Aussicht  genommenen  Wegen  den  ihm  geeignet  erscheinenden  bezeichnet
  hat.  M.  H.,  ich  habe  vorhin  gesagt,  daß  in  der  venezolanischen
Angelegenheit  zwischen  Deutschland,  England  und  Italien  volles  Einver-
        <pb n="30" />
        22  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)

nehmen  herrscht.  Ich  möchte  besonders  betonen,  daß  die  deutsche  Regierung
  und  die  englische  Regierung  in  gegenseitiger  Loyalität  vorgegangen
sind.  Um  so  auffälliger  ist  die  Erscheinung,  die  ja  Ihnen,  m.  H.,  nicht
entgangen  sein  wird,  daß  neuerdings  ein  Teil  der  englischen  Presse  die
deutsche  Beteiligung  oder  Nichtbeteiligung  an  dieser  oder  jener  schwebenden
politischen  Frage  nicht  selten  ohne  Objektivität  und  hier  und  da  mit
deutlichem  Uebelwollen  beurteilt.  So  war  es  z.  B.,  als  bekannt  wurde,
daß  England  gegen  die  Erlaubnis  zur  Durchfahrt  russischer  Torpedoboote
durch  die  Dardanellen  bei  der  Hohen  Pforte  protestiert  hatte.  Daß  Deutschland
  nicht  auch  protestierte,  wurde  von  manchen  englischen  Blättern  als
ein  Akt  deutscher  Feindseligkeit  gegen  England  gedeutet,  obwohl  doch  jeder,
der  unser  Interesse  an  guten  freundnachbarlichen  Beziehungen  zu  Rußland
zu  würdigen  weiß,  jeder,  der  die  traditionelle  deutsche  Politik  gegenüber
politischen  Streitfragen  auf  der  Balkanhalbinsel  und  im  Orient  kennt,
jeder,  der  auch  nur  die  geographische  Lage  berücksichtigt,  in  orientalischen
Angelegenheiten  von  uns  nichts  anderes  erwarten  darf,  als  eine  friedliche,
unparteiische  und  strikte  Neutralität,  die  für  keine  der  im  Orient  näher
beteiligten  Mächte  irgendwelche  Feindseligkeit  enthält.  Noch  merkwürdiger
war  es,  daß  sich  die  englische  Regierung  infolge  ihres  Zusammengehens
mit  uns  im  eigenen  Lande  ernsthaften  Angriffen  ausgesetzt  sah.  Denn  bei
der  gemeinsamen  Aktion  gegen  Venezuela  handelte  es  sich  doch  um  eine
nach  Umfang  und  Zweck  von  vornherein  beschränkte  und  genau  definierte
Aktion,  durch  welche  den  gleichartigen  verletzten  Interessen  der  Angehörigen
beider  Länder  gegenüber  einem  nicht  gutwilligen  Schuldner  Genüge  geleistet
  werden  sollte.  Nichtsdestoweniger  hat  das  Vorgehen  Englands  an
der  Seite  Deutschlands  in  manchen  englischen  Blättern,  in  manchen  englischen
  Reden  Anstoß  erregt,  und  ein  wild  gewordener  Poet  von  großem
Talent  (Große  Heiterkeit)  hat  sich  infolgedessen  sogar  zu  Verbalinjurien
gegen  uns  verstiegen.  (Heiterkeit.)  Ich  halte  es  für  nützlich,  m.  H.,  mich
über  diese  Erscheinungen  ganz  offen  auszusprechen.  Diese  Erscheinungen
sind  doch  nur  zu  erklären  aus  einer  gewissen  Erbitterung  des  englischen
Volkes,  die  wiederum  zurückzuführen  ist  auf  die  sehr  heftigen  Angriffe,  die
ein  großer  Teil  der  kontinentalen  Presse  während  des  südafrikanischen
Krieges  gegen  England  gerichtet  hat.  Vielleicht,  m.  H.,  haben  deutsche
Blätter  nicht  einseitiger  teilgenommen,  als  französische,  belgische,  russische
und  italienische.  Ich  weiß  auch  wohl,  m.  H.,  daß  angesehene  Organe  der
deutschen  öffentlichen  Meinung  —  ich  habe  ja  dabei  selbst  mitgeholfen  —
immer  wieder  an  die  alte  Weisheit  erinnert  haben,  daß  Politik,  und
namentlich  auswärtige  Politik,  mit  dem  Kopfe  und  nicht  nach  dem  Gefühl
geführt  werden  kann,  und  wenn  der  Abg.  v.  Vollmar  gesagt  hat,  die  deutsche
Politik  gegenüber  dem  südafrikanischen  Kriege  wäre  nicht  in  Uebereinstimmung
  mit  dem  Volksempfinden  gewesen,  so  nehme  ich  gar  keinen  Anstand,
auch  heute  zu  sagen,  wie  ich  es  mir  zur  Ehre  rechne,  daß  ich  auch  in
diesem  Falle  unsere  Politik  zugeschnitten  habe  lediglich  nach  den  dauernden
deutschen  Interessen.  Durch  solche  Volkserregungen,  m.  H.,  wird  in  allen
Ländern  den  Vertretern  der  auswärtigen  Politik  ihre  Aufgabe  sehr  erschwert.
  Wenn  vor  1900  Jahren  der  gute  Horaz  gesagt  hat,  quidquid
delirant  reges,  plectuntur  Achivi,  so  liegt  die  Sache  heute  eher  umgekehrt
(Heiterkeit);  heutzutage  sind  es  meist  die  Achivi,  die  es  „anrichten“  und  die
reges  sollen  es  hinterher  „ausmachen“.  (Heiterkeit.)  Deshalb  haben  die
Könige  und  Staatsmänner  gerade  dann  die  Pflicht,  Besonnenheit,  kaltes
Blut  und  ruhiges  Urteil  zu  bewahren,  wenn  die  Achiver  sich  ihren  Leidenschaften
  überlassen,  und  deshalb  freue  ich  mich,  sagen  zu  können,  daß  in
den  Beziehungen  zwischen  den  Monarchen  und  zwischen  den  Kabinetten
        <pb n="31" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)  23

von  Berlin  und  London  keine  Aenderung  eingetreten  ist,  daß  dieselben  sich
in  den  alten,  bewährten,  besonnenen  und  freundlichen  Bahnen  bewegen.
Und  ich  hoffe,  m.  H.,  daß  mit  der  Zeit  sich  auch  die  öffentliche  Meinung
hüben  und  drüben  wieder  beherrschen  lassen  wird  von  dem  Gedanken,  wenn
auch  jede  der  beiden  Mächte  in  den  Welthändeln  für  sich  allein  fertig
werden  kann,  so  daß  keine  der  anderen  nachzulaufen  braucht,  so  sind  sie
doch  durch  viele  und  schwerwiegende  Interessen  darauf  hingewiesen,  sich  in
Frieden  und  Freundschaft  zu  vertragen.  Es  gibt  eine  Reihe  von  Punkten,
wo  sich  beide  ohne  jede  Gefahr  für  sich  selbst  und  den  Weltfrieden  auf  einer
Linie  bewegen  können.

Abg.  Dasbach  (Z.)  ist  befriedigt  von  den  Erklärungen  des  Kanzlers
über  das  Wahlgeheimnis,  vermißt  aber  eine  Mitteilung  über  die  Diäten.

21.  Januar.  Abg.  Richter  (fr.  Vp.)  wendet  sich  gegen  die  geplante
Verstärkung  der  Kavallerie,  die  bei  den  jetzigen  Schußwaffen  nicht  mehr
die  frühere  Bedeutung  habe.  Die  Veröffentlichung  des  Swinemünder
Telegramms  sei  unbegreiflich  und  bedeute  für  das  Zentrum  ein  „Schweineglück“.
  Es  herrsche  eine  Kabinettspolitik,  die  die  Minister  zu  willenlosen
Handlangern  mache.  Die  Kolonialpolitik  sei  unrentabel;  in  Afrika  fehle
jede  Bedingung  für  einen  lohnenden  Eisenbahnbetrieb,  man  solle  die  kostspieligen
  Bauten  daher  aufgeben.  —  Abg.  v.  Kardorff  (RP.)  plädiert  für
höhere  indirekte  Steuern  nach  dem  Beispiel  Englands  und  Frankreichs.
Die  soziale  Gesetzgebung  lege  den  Arbeitgebern,  insbesondere  der  Landwirtschaft
  schwere  Lasten  auf,  sie  seien  aber  willig  getragen  worden.  Die  geistigen
Waffen  reichten  gegen  die  Sozialdemokratie  nicht  aus,  man  bedürfe  eines  Gesetzes
  gegen  den  Umsturz.  —  Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg  (Antif.)
tadelt,  daß  die  Burengenerale  nicht  vom  Kaiser  empfangen  worden  seien.

Reichskanzler  Graf  Bülow:  Der  Abg.  v.  Kardorff  scheint  mir  nicht
einverstanden  zu  sein  mit  dem  kaiserlichen  Marginal  in  dem  Bericht  des
Fürsten  Radolin  über  eine  Unterredung  desselben  mit  dem  vormaligen
französischen  Handelsminister  Millerand,  welche  ich  gestern  in  dem  hohen
Hause  verlesen  habe.  Das  betreffende  Marginal  lautet  übrigens  nicht,  wie
der  Abg.  v.  Kardorff  soeben  sagte,  „richtig,  wie  bei  uns“,  sondern  die  Stelle
im  Bericht  lautete:  „Er  verfolgt  energisch  die  Hebung  der  unteren  Klassen,
wozu  die  Bourgeoisie  nicht  allzu  geneigt  ist",  und  dazu  hat  Se.  Majestät
der  Kaiser  an  den  Rand  geschrieben:  „Richtig,  und  das  überall!“  M.  H.,
ich  bin  weit  entfernt,  zu  bestreiten,  daß  gerade  in  Deutschland,  wie  der
Abg.  v.  Kardorff  hervorgehoben  hat,  das  Bürgertum,  das  Unternehmertum
viel  geleistet  hat  für  die  Hebung  der  unteren  Klassen  (Sehr  richtig!  rechts),
und  daß  es  tatkräftig  mitgewirkt  hat  am  Aufbau  und  Ausbau  der  sozialen
Gesetzgebung,  aber  es  liegt  in  der  menschlichen  Natur  und  es  liegt  im
menschlichen  Egoismus,  daß  jede  Gesellschaftsschicht  Opfer  zu  Gunsten  einer
anderen  Gesellschaftsschichte  nur  ungern  bringt,  und  deshalb  ist  es  die
Pflicht  des  Staates,  und  es  ist  die  Pflicht  der  Monarchie,  hier  auszugleichen
und  zuzugreifen,  indem  sie  davor  warnt,  Dinge  zu  verlangen,  welche  die
Konkurrenzfähigkeit  der  Nation  auf  dem  Weltmarkt  beeinträchtigen,  welche
unsere  wirtschaftliche  Entwicklung  erschüttern  könnten,  aber  auch  die  Arbeitgeber
  und  Unternehmer  auffordert  und  ermahnt,  kräftig  mitzuwirken,  damit
  die  Klassendifferenzen  immer  mehr  zusammenschrumpfen,  damit  die
ärmeren  Klassen  wohlhabender  werden,  damit  immer  mehr  Individualitäten
aufsteigen  aus  den  unteren  in  die  reicheren  und  wohlhabenderen  Schichten
der  Bevölkerung,  mit  anderen  Worten  für  den  sozialen  Aufschwung.  Das
ist  mein  soziales  politisches  Bekenntnis,  das  ist  die  Ansicht  der  verbündeten
Regierungen,  und  dieser  Ansicht  hat  Se.  Majestät  der  Kaiser  Ausdruck  gegeben
  in  dem  Marginal,  das  vorgelesen  zu  haben  ich  nicht  bedauere.  —
        <pb n="32" />
        24  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)

Auf  die  Bemerkungen  des  Abg.  Richter  über  die  Stellung  der  Minister
sagt  der  Kanzler:  In  jedem  konstitutionellen  Staatswesen  sind  die  Minister,
ist  namentlich  der  leitende  Staatsmann  genötigt,  mit  der  Individualität
des  Monarchen  zu  rechnen.  Wie  unter  uns  allen,  so  gibt  es  auch  unter
den  Fürsten  schwächere  und  stärkere  Individualitäten.  Je  stärker  und  je
ausgeprägter  die  Individualität  des  Monarchen  ist,  um  so  mehr  wird  er
geneigt  sein,  Einfluß  zu  gewinnen  auf  den  Gang  der  Staatsgeschäfte,  teilzunehmen
  an  dem  Gang  der  Staatsgeschäfte.  Daß  dadurch  einem  verantwortlichen
  Minister  seine  Aufgabe  nicht  immer  erleichtert  wird,  darin  hat
der  Abg.  Richter  vollkommen  recht,  und  deshalb  habe  ich  zu  den  diesbezüglichen
  Ausführungen,  die  er  uns  machte,  genickt.  Aber,  m.  H.,  auf
der  anderen  Seite  wollen  wir  doch  nicht  vergessen,  daß  eine  starke,  ausgeprägte
  und  begabte  Individualität  eines  Fürsten  für  ein  Volk  von  nicht
zu  unterschätzendem,  großem  Vorteil  ist.  (Sehr  wahr!)  Wenn  Sie  sich
davon  überzeugen  wollen,  so  gehen  Sie  ins  Ausland.  Ich  habe  lange
Jahre  meines  Lebens  im  Ausland  zugebracht  und  ich  habe  in  ausgesprochen
parlamentarischen  und  parlamentarisch  regierten  Ländern  nicht  sehr  viele
getroffen,  die  mit  einer  ganz  passiven  Haltung  des  Monarchen  einverstanden
waren,  sehr  viele,  die  sich  nach  einem  starken  akzentuierten  Monarchen
sehnten;  und  auch  diejenigen,  die  mit  dem  Gange  unserer  Politik  nicht
einverstanden  sind,  sollten  auch  nicht  ungerecht  sein  für  das  tatkräftige
Streben  und  für  das  redliche  Wollen  unseres  Kaisers;  die  sollten  doch  nicht
ungerecht  sein  für  den  großen  Zug  in  seinem  Wesen,  die  sollten  nicht  ungerecht
  sein  dafür,  daß  er  einen  freien  und  vorurteilslosen  Sinn  hat.  Ich
sage  das  ohne  jeden  Byzantinismus;  aber  an  ihm  ist  nichts  kleinlich,  und
was  Sie  ihm  auch  vorwerfen  mögen,  ein  Philister  ist  er  nicht!  (Heiterkeit.)
Und  das  ist  sehr  viel  wert  im  zwanzigsten  Jahrhundert.  Mit  Entschiedenheit
  aber  muß  ich  dagegen  Verwahrung  einlegen,  daß  Angriffe  und  so
provozierte  Angriffe  in  der  geschickten  und  gewählten  Form,  die  der  Herr
Abg.  Richter  gegen  seine  Stellung  macht,  gerichtet  werden  gegen  den
Monarchen  und  nicht  gegen  die  Minister.  Das  innerste  Wesen  des  konstitutionellen
  Staates  besteht  darin,  daß  der  Monarch  staatsrechtlich  nicht
verantwortlich  ist.  Wenn  Sie  also  Angriffe  erheben  wollen  gegen  irgend
welche  Handlungen  des  Monarchen,  so  sind  diese  zu  richten  an  die  Person
des  verantwortlichen  Reichskanzlers,  sie  sind  zu  richten  gegen  die  Minister.
(Unruhe  links.)  Ich  wüßte  mich  nicht  zu  erinnern,  daß  ich  mich  dieser

Verantwortung  je  entzogen  hätte.  (Zurufe  links.)  Und  wenn  ich  diese
Verantwortlichkeit  zu  tragen  nicht  mehr  im  stande  wäre,  nicht  durch  nachträglich
  abgegebene  Erklärungen,  nicht  pro  forma,  sondern  in  Wirklichkeit
und  mit  dem  einzigen  Bestreben,  dem  Lande  so  zu  dienen,  wie  es  unter
den  gegenwärtigen  Verhältnissen  meine  Schuldigkeit  ist,  so  würde  ich  dem
Zwiespalt  der  Meinungen  zwischen  dem  Monarchen  und  mir  dadurch  ein
Ende  machen,  daß  ich  Se.  Majestät  bäte,  mich  in  Gnaden  meines  Amtes
zu  entheben.  Solange  ich  aber  an  dieser  Stelle  stehe,  bitte  ich,  für  etwaige
Angriffe  sich  nicht  die  allerhöchste  Person  zu  wählen,  sondern  meine  Person
und  die  Angriffe  gegen  mich  zu  richten.  (Zurufe  links.)  Ich  bin  überzeugt,
  daß,  wenn  Sie  sich  diese  staatsrechtliche  Auffassung  aneignen,  der
Gang  der  Geschäfte  dann  nur  gewinnen  würde.  —  Ueber  die  Burenfrage
sagt  er:  Der  Empfang  der  Burengenerale  war  Sr.  Majestät  dem  Kaiser
durch  mich  vorgeschlagen  worden,  unter  zwei  ausdrücklichen  Bedingungen,
nämlich  einmal,  daß  die  Burengenerale  sich  auf  deutschem  Boden  antienglischer
  Agitationen  zu  enthalten  hätten,  und  dann,  daß  sie  als  englische
Staatsangehörige  die  Audienz  nachzusuchen  hätten  durch  die  Vermittlung
des  englischen  Botschafters.  Der  General  de  Wet  hat  diese  Bedingungen
        <pb n="33" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19./23.)  25

für  sich  und  seine  beiden  Kameraden  angenommen.  (Hört,  hört!)  Ich  kann,
m.  H.,  unseren  Mittelsmann,  unseren  Gewährsmann,  nicht  nennen.  Aber
ich  kann  Sie  versichern,  daß  er  eine  durchaus  glaubwürdige,  loyale,  achtungswerte
  Persönlichkeit  ist.  Von  demselben  Gewährsmann  wurde  uns  einige
Wochen  später  mitgeteilt,  daß  bei  den  Burengeneralen  eine  plötzliche  Sinnesänderung
  stattgefunden  hätte,  daß  sie  es  nicht  mehr  für  möglich  hielten,
die  Audienz  bei  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  ihrerseits  nachzusuchen,  sondern
daß  sie  es  richtig  fänden,  wenn  Se.  Majestät  der  Kaiser  sie  kommen  ließe.
Unter  diesen  Umständen  konnte  nach  dem,  was  ich  eben  dargelegt  habe,
von  einer  Audienz  derselben  bei  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  nicht  mehr  die
Rede  sein  und  es  konnte  auch  ein  Empfang  derselben  an  amtlichen  Stellen,
nachdem  sie  einer  Audienz  bei  Sr.  Majestät  ausgewichen  waren,  nicht  mehr
in  Frage  kommen.  Nun,  m.  H.,  möchte  ich  noch  ganz  kurz  eingehen  auf
eine  Bemerkung  des  Herrn  Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg  oder  vielmehr
auf  eine  Aeußerung  meines  werten  Freundes  Herrn  v.  Kröcher,  die  er  sich
zu  eigen  gemacht  hat,  über  die  zu  große  Liebenswürdigkeit  und  zu  große
Freundlichkeit  —  das  soll  wohl  heißen:  zu  große  Schwäche  —  unserer
auswärtigen  Politik.  Merkwürdig,  m.  H.,  ist  nur,  daß,  während  uns  hier
von  gewisser  Seite  vorgeworfen  wurde,  wir  wären  zu  liebenswürdig,  ich
jeden  Augenblick  in  ausländischen  Blättern  lese  und  sogar  hier  und  da  in
Berichten  zu  hören  bekomme,  wir  wären  im  höchsten  Grade  unliebenswürdig.
  Das  eine  ist  so  unrichtig  wie  das  andere.  Insbesondere  ist  es
eine  vollständig  falsche  Auffassung,  daß  wir  uns  irgend  jemandem  an  den
Kopf  würfen;  so  hysterisch  sind  wir  gar  nicht  angelegt!  (Heiterkeit.)  Wir
haben  es  auch  gar  nicht  nötig,  irgendwo  aufdringlich  um  Liebe  zu  werben,
wir  brauchen  niemandem  nachzulaufen,  wir  brauchen  die  anderen  nicht
mehr,  wie  die  anderen  uns  brauchen.  (Sehr  richtig!)  Und  wir  denken
gar  nicht  daran,  für  irgend  jemandes  schöne  Augen  irgend  welche  reale
deutsche  Interessen  zu  opfern,  Aber,  m.  H.,  jeder  Kaufmann  wird  Ihnen
sagen  können,  daß  Geschäfte  nicht  notwendig  mit  schlechter  Manier  geführt
zu  werden  brauchen.  (Sehr  richtig!)  Grobheit  ist  noch  nicht  Würde  und
Kratzbürstigkeit  ist  nicht  Festigkeit!  Ein  ewiges  Drohen  und  Schelten  und
Schimpfen  über  das  Ausland,  wie  ich  es  glücklicherweise  nur  selten  in
deutschen  Blättern  sehe,  ist  noch  kein  Beweis  von  richtigem  Nationalbewußtsein.
  Chauvinismus  und  Vaterlandsliebe  sind  nicht  identische  Begriffe.
  (Sehr  wahr!)  Wenn  die  Kunst  eines  auswärtigen  Ministers  lediglich
  darin  bestände,  von  Zeit  zu  Zeit  mit  der  Faust  auf  den  Tisch  zu
schlagen,  dann  könnte  mancher  Minister  des  Aeußeren  sein.  (Heiterkeit.)
Unsere  Aufgabe  in  der  Welt  besteht  aber  nicht  darin,  daß  wir  wie  rauflustige
  Indianer  bei  jeder  Gelegenheit  den  Tomahawk  schwingen  und  heute
diesen,  morgen  jenen  fremden  Skalp  verlangen.  Die  Zeiten,  wo  der
Deutsche  im  Auslande  gegenüber  dem  Auslande  zu  bescheiden  auftrat,  sind
Gott  sei  Dank  vorüber,  und  Sie  können  versichert  sein,  daß  ich  diese  Zeiten
nicht  wieder  herbeiführen  werde.  Wir  wollen  es  aber  auch  nicht  machen
wie  der  Bauer  in  der  Fabel,  der,  nachdem  er  vom  Gaul  heruntergefallen
war,  kaum  wieder  oben  auf  der  anderen  Seite  wieder  herunterkollert.
Wir  wollen  nicht  in  die  Fehler  verfallen,  die  wir  anderen  oft  genug  als
Hochmut  und  Uebermut  vorgeworfen  haben.  Wir  werden,  wie  ich,  glaube
ich,  einmal  mit  Bezug  auf  unsere  Politik  in  Ostasien  gesagt  habe,  nirgendwo
  das  Aschenbrödel  spielen;  aber  den  Renommisten  und  Großsprecher
wollen  wir  auch  nicht  spielen  (Sehr  gutl),  sondern  den  ruhigen  und  festen
Mann,  der,  wie  das  immer  gute  deutsche  Art  gewesen  ist,  ohne  Schwäche,
aber  auch  ohne  Provokation  und  ohne  unnötiges  Maulheldentum  sich  und
die  Seinigen  schützt.  (Beifall.)
        <pb n="34" />
        26  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar.)

Am  22.  Januar  polemisiert  Abg.  Bebel  (Soz.)  gegen  die  Marinepolitik
  und  die  kaiserlichen  Reden  gegen  die  Sozialdemokratie,  worauf  der
Reichskanzler  antwortet.  Am  23.  Januar  kritisiert  Abg.  Oertel  (Bd.  d.
Ldw.)  die  angekündigten  Maßregeln  über  die  Sicherung  des  Wahlgeheimnisses,
  die  er  als  „Klosettgesetz“  charakterisiert.  Abg.  Stöcker  (kons.)  bedauert,
  daß  Theologieprofessoren,  die  jede  Offenbarung  leugnen,  an  höchster
Stelle  protegiert  werden.  —  Hierauf  wird  der  Etat  der  Budgetkommission
überwiesen.

Januar.  Die  Presse  über  den  Konflikt  zwischen  dem  Reichstagspräsidenten
  und  Abg.  v.  Vollmar.

Die  Presse  aller  Parteien  bedauert,  daß  Graf  Ballestrem  dem  Abg.
v.  Vollmar  verboten  habe,  den  Fall  Krupp  zu  besprechen.  Häufig  wird
ausgeführt,  daß  er  in  der  besten  Absicht  gehandelt  habe,  um  Ausschreitungen
  gegen  den  Kaiser  zu  verhüten,  aber  es  wird  betont,  daß  er  der
Sozialdemokratie  hierdurch  einen  vortrefflichen  Agitationsstoff  geliefert  habe.
Die  „Kreuzzeitung"  schreibt:  „Wir  müssen  doch  der  Auffassung  Ausdruck
geben,  daß  Graf  Ballestrem  durch  das  gegen  den  Abg.  v.  Vollmar  gerichtete
Verbot  sich  in  Widerspruch  gesetzt  hat  mit  den  Grundsätzen,  die  er  früher
aufgestellt  hatte.  Auch  der  Versuch,  diesen  Widerspruch  durch  Hervorkehrung
  neuer  Unterschiede  bei  kaiserlichen  Kundgebungen  zu  lösen,  scheint
uns  nicht  geglückt.

Der  „Vorwärts"  veröffentlicht  folgende  Erklärung  der  sozialdemokratischen
  Fraktion:  „In  der  heutigen  Sitzung  des  deutschen  Reichstages
ist  durch  den  ersten  Präsidenten  Herrn  Grafen  v.  Ballestrem  ein  die  durch
die  Verfassung  garantierte  Redefreiheit  der  Abgeordneten  vernichtender
Gewaltakt  verübt  worden,  gegen  den  wir  im  Namen  und  Auftrag  der
sozialdemokratischen  Fraktion  hiermit  öffentlich  Protest  erheben,  nachdem
der  Redner,  Parteigenosse  v.  Vollmar,  vergeblich  versucht  hat,  in  der  Sitzung
sein  Recht  zu  wahren.  v.  Vollmar  beabsichtigte,  im  Laufe  seiner  Etatsrede
die  verletzenden  Aeußerungen  zur  Sprache  zu  bringen,  die  der  Kaiser  in
seinen  bekannten  Reden  in  Essen  und  Breslau  im  Dezember  vorigen  Jahres
gegen  die  deutsche  Sozialdemokratie  geschleudert  hat.  Das  zu  tun  hatte
Vollmar  nach  den  bisherigen  durch  den  Präsidenten  Herrn  Grafen  v.  Ballestrem
  selbst  im  Reichstage  eingeführten  Regeln  volles  Recht.  Der  Präsident,
  Herr  Graf  v.  Ballestrem,  hat  in  den  Sitzungen  des  Reichstages  vom
21.  Januar  1899,  ferner  vom  31.  Juli  1899  und  endlich  vom  12.  Dezember
1899  ausdrücklich  erklärt,  daß  er  eine  Besprechung  kaiserlicher  Reden  in
angemessener  Weise,  sobald  sie  authentisch,  z.  B.  durch  den  Reichs--Anzeiger,
bekannt  geworden  seien,  zulassen  werde.  Obwohl  nun  die  Reden  in  Essen
und  in  Breslau  im  Reichs--Anzeiger  veröffentlicht  worden  sind,  und  obwohl
  Vollmar  auf  Einwendungen  des  Präsidenten  ausdrücklich  erklärt  hatte,
er  werde  den  Fall  Krupp,  mit  dem  jene  Reden  in  Verbindung  stehen,  mit
keinem  Worte  erwähnen,  sondern  sich  ausschließlich  auf  die  Kritik  der  gegen
die  sozialdemokratische  Partei  gerichteten  Beschuldigungen  des  Kaisers  beschränken,
  so  ließ  der  Präsident  diese  Kritik  nicht  zu.  Dieser  Willkürakt
des  Präsidenten  Grafen  v.  Ballestrem  ist  um  so  unerhörter,  als  er  es  in
der  Ordnung  fand,  daß  sowohl  in  der  gestrigen  als  in  der  heutigen  Sitzung
des  Reichstages  das  Swinemünder  Telegramm  des  Kaisers  an  den  Prinzregenten
  von  Bayern,  das  im  Reichs-Anzeiger  nicht  veröffentlicht  worden
ist,  in  der  gründlichsten  Weise  erörtert  wurde,  insbesondere  auch  durch  den
Zentrumsabgeordneten  Dr.  Schädler.  Da  die  Geschäftsordnung  des  Reichstages
  keinen  Weg  bietet,  diesen  nur  bei  Kenntnis  der  Geheimgeschichte  des
Falles  Krupp  verständlichen  Gewaltakt  des  Präsidenten,  Herrn  Grafen
        <pb n="35" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  21.—23.)  27

v.  Ballestrem,  im  Reichstage  selbst  zur  Erörterung  zu  bringen,  so  wenden
wir  uns  an  die  Oeffentlichkeit.  Wir  überlassen  dem  deutschen  Volke,  über
dieses  durch  den  Präsidenten  des  Reichstages  auf  die  Redefreiheit  verübte
Attentat  das  Urteil  zu  fällen.“

21.  Januar.  Die  „Kölnische  Zeitung“  schreibt  gegen  englische
  Beurteilung  der  deutschen  Politik  in  Amerika:

„Nach  den  „Daily  News"  soll  der  amerikanische  Botschafter  in  Berlin,
auf  Aufforderung  seiner  Regierung,  die  deutsche  Regierung  zur  Rede  gestellt
  haben  darüber,  ob  Deutschland  die  französischen  Rechte  auf  den
Panamakanal  erwerben  wolle.  Deutschland  hätte  verneint.  Nach  der  „Times“
wühle  Deutschland  in  Kolumbien  gegen  die  Unterzeichnung  des  Panamakanalvertrags
  mit  Amerika  seitens  Kolumbiens  und  strebe  eine  Marinestation
  an.  Solche  Torheiten  sind  höchstens  beleidigend  für  die  amerikanische
  Diplomatie,  der  man  eine  so  unglaubliche  Unwissenheit  und  solche
Unkenntnis  der  politischen  Lage  zutraut.  Auf  derselben  Höhe  steht  die
amerikanische  Meldung,  Präsident  Castro  habe  schon  vor  einer  Woche  gewußt,
  daß  die  deutsche  Regierung  ihre  Marine  angewiesen  habe,  vor  Eintreffen
  Bowens  in  Washington  venezolanisches  Gebiet  anzugreifen.  Die
deutsche  Regierung  denkt  nicht  daran,  die  Operationen  in  Venezuela  von
Berlin  aus  zu  leiten.  Wenn  man  uns  schon  alle  möglichen  schwarzen  Pläne
zutraut,  sollte  man  doch  bedenken,  daß  die  deutsche  Regierung  nicht  so
hirnverbrannt  ist,  absichtlich  den  Gang  der  friedlichen  Verhandlungen
zu  stören.“

21.  Januar.  (Reichstagswahl.)  Bei  der  Ersatzwahl  in
Meppen  wird  Engelen  (Z.)  mit  14 724  Stimmen  gewählt.  v.  Gerlach
  (nat.soz.)  erhält  1 958,  Tholen  (nl.)  2 121,  Schumann  (Soz.)
112  Stimmen.

22.  Januar.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  verweist
  die  Vorlage  über  die  Ausbildung  der  höheren  Verwaltungsbeamten
  an  eine  Kommission.  —  Der  Entwurf  wird  im  allgemeinen
günstig  beurteilt.

23.  Januar.  (Reichstag.)  Graf  Ballestrem  legt  das  Präsidium
  nieder.  Er  richtet  folgendes  Schreiben  an  den  Reichstag:

Das  führende  Preßorgan  der  konservativen  Partei,  die  „Kreuzzeitung“,
  enthält  in  ihrer  Abendausgabe  vom  21.  d.  einen  Artikel,  der
meine  Geschäftsführung  als  Präsident  des  Reichstages,  wenn  auch  mit
verbindlichen  Worten,  so  doch  sachlich  scharf  kritisiert  und  mißbilligt.  Da
es  ausgeschlossen  erscheint,  daß  der  Artikel  ohne  Vorwissen  der  konservativen
Partei  veröffentlicht  sein  sollte,  muß  ich  annehmen,  daß  er  die  Anschauungen
  der  Partei  richtig  wiedergibt.  Da  nun  die  konservative  Partei  eine
der  großen  Parteien  ist,  welche  meine  Berufung  auf  den  Präsidentenstuhl
herbeigeführt  und  meine  Geschäftsführung  vertrauensvoll  unterstützt  haben,
geht  für  mich  aus  dieser  Erklärung  hervor,  daß  ich  dieses  Vertrauen  nicht
mehr  in  dem  Grade  besitze,  den  ich  für  notwendig  halte,  um  die  Geschäfte
des  Reichstages  mit  Erfolg  zu  führen.  Ich  lege  daher  hiermit  das  Amt
des  Präsidenten  nieder  und  zurück  in  die  Hände,  welche  es  mir  vor  länger
als  vier  Jahren  übertragen  haben,  indem  ich  für  alles  mir  während  dieser
Zeit  bewiesene  Vertrauen  ganz  ergebenst  danke.  Ballestrem.
        <pb n="36" />
        28  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  27.  —29.)

27.  Januar.  Der  Kaiser  verleiht  dem  Kanonenboot  „Iltis“
zur  Erinnerung  an  den  Kampf  um  die  Takuforts  den  Orden
pour  le  mérite.

27.  Januar.  (Preußen.)  Graf  Ballestrem,  der  Präsident
des  Reichstags,  wird  zum  Mitgliede  des  Herrenhauses  ernannt.
27./28.  Januar.  (München.)  Delegiertentag  der  bayerischen

Zentrumspartei.  Reden  Schädlers  und  Heims.

In  zwei  großen  Versammlungen  wird  der  Zentrumsfraktion  der
Dank  für  ihre  Politik  im  Reichstag  und  Landtag  votiert.  Abg.  Dr.  Schädler
polemisiert  scharf  gegen  das  Ministerium  Crailsheim,  das  sich  durch  seine
Schlappheit  in  der  Würzburger  Frage  blamiert  habe.  Ferner  polemisiert
er  gegen  die  Swinemünder  Depesche,  die  den  Föderalismus  gefährde,  und
gegen  die  Bülowsche  Kaiseridee  (S.  14).  Zum  Dank  des  Prinzregenten
ür  die  Rede  Bülows  sagt  Schädler:  „Wir  anerkennen  die  edle  Ritterlichkeit
  des  Regenten,  der  den  Mitverbündeten  Verlegenheiten  erspart,  aber
wir  haben  diese  Ritterlichkeit  nicht  zu  üben,  wir  stehen  da  als  Vertreter
der  bayerischen  Rechte  gegen  Angriffe,  woher  sie  auch  kommen  mögen.“  —
Abg.  Heim  bespricht  die  Haltung  des  Zentrums  in  der  Zollfrage  und  die
Aussichten  für  die  Wahlen:  „Wir  haben  auf  Grund  des  Delegiertentages
den  Eindruck,  daß  wir  den  Reichstagswahlen  ruhig  entgegensehen  können.
Seitdem  sich  Kaiser  und  Regent  die  Hand  reichen,  um  für  uns  zu  agitieren,
  seitdem  gekrönte  Agitatoren  in  unsere  Reihen  treten  und  uns  die
Wahlparole  liefern,  kann  es  uns  nicht  fehlen.  Während  ringsum  alles
aus  den  Fugen  geht,  ist  es  ein  wahres  Vergnügen,  zu  sehen,  wie  einig
und  geschlossen  wir  in  den  Kampf  ziehen.“  („Allg.  Ztg.")

Dieser  Passus  wird  von  Zentrumsorganen  nicht  gebracht.

29.  Januar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Landwirtschaftlicher

  Etat.  Absage  Podbielskis  an  den  Bund  der  Landwirte.

Abg.  Herold  (Z.)  polemisiert  gegen  den  Bund  der  Landwirte,  der
den  Bauernvereinen  feindlich  gegenüberstehe.  Abg.  v.  Wangenheim  (kons.)
erwidert,  der  Bund  der  Landwirte  habe  die  Aufgabe,  die  katholischen  Bauern
aufzuklären,  daß  das  Zentrum  durch  seine  Zustimmung  zum  Zolltarif  die
Landwirtschaft  im  Stich  gelassen  habe.  Abg.  Dr.  Hahn  (kons.):  Der  Zolltarif
  habe  der  Industrie  alles,  der  Landwirtschaft  nichts  bewilligt,  die
Regierung  verdiene  daher  kein  Vertrauen;  in  der  Bevölkerung  herrsche
vielmehr  Erbitterung.  Von  der  Regierung  kann  man  nur  sagen,  sie  betreibe
  Manchesterpolitik.  Wo  ist  der  Reichskanzler,  der  bereit  wäre,  eine
kluge,  zielbewußte,  energische,  rücksichtslose  Politik  gegenüber  der  Sozialdemokratie
  zu  vertreten?  Die  Regierung  ist  liebenswürdig  nach  allen
Seiten,  was  mich  in  meinem  Nationalgefühl  tief  verletzt,  auch  gegenüber
der  Sozialdemokratie.  Ich  bestreite  nicht,  daß  die  Herren,  die  für  den
Antrag  v.  Kardorff  gestimmt  haben,  von  der  edelsten  patriotischen  Absicht
sich  haben  leiten  lassen;  sie  haben  aber  nicht  die  richtige  Einsicht  gegenüber
der  jetzigen  Regierung  besessen.  Unsere  Pflicht  ist  es  daher,  das  Volk  aufzuklären
  und  dafür  zu  sorgen,  daß  ein  Reichstag  gewählt  wird,  der,  wenn
die  Handelsverträge  kommen,  die  echte  Bismarcksche  Handelspolitik  fortsetzt,
das  Volk  aus  der  Zwangslage  befreit,  in  die  es  durch  die  Handelsverträge
von  der  Regierung  gebracht  ist.  Das  ist  wahre  nationale  Politik.  (Beifall.)

Landwirtschaftsminister  v.  Podbielski:  Sie  werden  wohl  alle  mit
mir  empfinden,  daß  ich  solche  Worte  nie  und  nimmermehr  unwidersprochen
        <pb n="37" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  29.)  29

ins  Land  hinausgehen  lassen  kann.  (Beifall.)  Es  hat  mich  in  meinem
konservativen  Herzen  wirklich  tief  geschmerzt,  daß  so  etwas  von  unserer
ländlichen  Bevölkerung  ausgesprochen  werden  kann.  (Lebhafter  Beifall.)
Ich  muß  ganz  offen  sagen:  ich  habe  das  wärmste  Herz  für  die  Landwirtschaft,
  ich  habe  mit  meinem  ganzen  Sein  unausgesetzt  für  die  Landwirtschaft
  gekämpft,  aber  mit  dieser  Rede  ist  das  Tuch  absolut  mit  mir  zerschnitten.
  (Bravo!)  M.  H.,  mit  dem  Bund  der  Landwirte,  der  sich  so
vergessen  kann,  daß  er  solche  Worte  seinen  Vertretern  in  den  Mund  legt,
ist  keines  Rechtens  von  meiner  Seite  mehr.  Diese  Rede  des  Abg.  Dr.  Hahn
konnte  wohl  an  einer  anderen  Stelle  gehalten  werden,  aber  hier  war  keine
Veranlassung  dazu.  (Sehr  wahrl)  Daß  die  Parteien  sich  auseinandersetzen
  über  politische  Auffassungen,  das  kommt  in  unserem  politischen  Leben
vor;  bisher  ist  es  auch  dabei  geblieben;  erst  am  Schluß  der  heutigen
Sitzung  —  ich  verstehe  den  Grund  nicht,  warum  diese  Provokation  erfolgte
  —  erscheint  der  dritte  Vorsitzende  des  Bundes  und  hält  eine  Rede,
die  nun  und  nimmermehr  in  unsern  ländlichen  Kreisen,  sicher  aber  auch
nicht  in  konservativen  Kreisen  Widerhall  finden  kann.  (Beifall.)  Ich  verstehe
  es,  wenn  solch  ein  Redner  vor  einer  Versammlung,  die  gern  seinen
beredten  Worten  lauscht,  Ausführungen  macht,  die  leicht  über  die  Situation
hinwegtäuschen;  hier  aber,  vor  diesem  Hause  wundert  es  mich  sehr,  daß
der  Herr  Vorredner  in  solcher  Weise  den  Zolltarif  und  die  Handelsverträge
vorführt.  Meine  Herren!  Der  Zolltarif  ist  doch  nur  die  Grundlage  für
die  weiteren  Vertragsverhandlungen.  Der  Vorredner  spricht  aber  einmal
vom  Zolltarif  und  dann  von  den  Vertragsverhandlungen  und  wirft  so
beides  durcheinander.  Daß  man  mit  dem  Zolltarif  nicht  zufrieden  sein
kann,  verstehe  ich.  Aber  daß  jetzt  bereits  der  Stab  über  die  Handelsverträge
  gebrochen  wird,  von  denen  wir  zunächst  gar  nicht  wissen,  wie  sie
sich  gestalten  werden,  von  denen,  wie  ich  als  Mitglied  der  Regierung  versichern
  kann,  selbst  der  Reichskanzler  nicht  sagen  kann,  wie  sie  ausfallen
werden,  ist  mir  unverständlich.  Es  ist  einfach  unbegreiflich,  wie  man  in
diesem  Moment  Verträge  verurteilen  kann,  deren  Schicksal  noch  der  Zukunft
überlassen  bleiben  muß.  Das  ist  lediglich  der  Agitation  wegen  geschehen.
Der  Vorredner  hat  die  Frage  der  Meistbegünstigung  und  alles  andere
gleichzeitig  mit  hineingebracht.  Ich  kann  diese  Rede  nur  aufrichtig  bedauern;
  ich  hatte  noch  geglaubt,  daß  innerhalb  des  Bundes  der  Landwirte
diejenigen  Elemente  die  Oberhand  behalten  würden,  die  in  ihrer  gemeinsamen
  Vertretung  der  Interessen  das  allgemeine  Heil  unserer  Landwirtschaft
  sehen.  Durch  die  provokatorische  Rede  ist  ein  für  allemal  diese
Ueberzeugung  für  meine  Person  geendet.  Ich  möchte  nur  noch  einmal
wiederholen,  was  der  Reichskanzler  hier  unter  dem  Beifall  der  Mehrheit
dieses  hohen  Hauses  ausgesprochen  hat;  die  Worte  gingen  dahin:  „Die
königliche  Staatsregierung  ist  bei  der  Aufstellung  des  Tarifs  bestrebt  gewesen,
  den  Interessen  der  Landwirtschaft  soweit  als  irgend  möglich  entgegenzukommen,
  und  sie  ist  ohne  Ausnahme  davon  überzeugt,  daß  der
Tarif  erhebliche  Vorteile  bietet,  und  wird  bei  den  bevorstehenden  Handelsvertragsverhandlungen
  nicht  bloß  mit  Worten,  sondern  auch  mit  der  Tat
bestrebt  sein,  die  Interessen  der  Landwirtschaft  gewissenhaft  wahrzunehmen.“
—  Das  ist  auch  der  Standpunkt,  auf  dem  ich  stehe,  und  den  ich  jederzeit
bereit  bin,  mit  meiner  ganzen  Person  zu  vertreten.  (Lebhafter,  lang  anhaltender
  Beifall.)

29.  Januar.  Der  Reichstag  wählt  mit  195  von  285  abgegebenen
  Stimmen  den  Grafen  Ballestrem  wieder  zum  Präsidenten.
Graf  Ballestrem  nimmt  die  Wahl  an.
        <pb n="38" />
        30  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  29.  —Febr.  1.)

29.  Januar.  (Reichstagswahl.)  Bei  der  Ersatzwahl  in
Schleswig-Eckernförde  erhält  Spethmann  (fr.  Vp.)  5 124,  Hoffmann
(Soz.)  4 480,  Graf  Reventlow  (Bd.  d.  Ldw.)  3 231,  Hansen  (nl.)
2 952  Stimmen.  In  der  Stichwahl  (9.  Februar)  erhält  Spethmann
  7 383,  Hoffmann  5 277  Stimmen.

31.  Januar.  Der  Reichstag  genehmigt  das  Abkommen
mit  der  Schweiz  über  den  gegenseitigen  Patent-,  Muster-  und
Markenschutz.

31.  Januar.  Der  Reichstag  genehmigt  in  zweiter  Beratung
den  Gesetzentwurf  über  die  gewerbliche  Kinderarbeit  und  fordert  in
einer  Resolution  die  Veranstaltung  einer  Enquete  über  landwirtschaftliche
  Kinderarbeit.

31.  Januar.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  bespricht
  die  Schulverhältnisse  in  Trakehnen  (vgl.  1902  S.  158).  Die
Freisinnigen  und  Nationalliberalen  richten  scharfe  Angriffe  gegen
die  Gestütsverwaltung,  die  Rechte  und  der  Landwirtschaftsminister
verteidigen  sie.

Januar.  (Preußen.)  Ostmarkenfragen.

In  der  Oeffentlichkeit  werden  die  gesellschaftlichen  Zustände  unter
den  Deutschen  der  Provinz  Posen  lebhaft  diskutiert.  Den  Anlaß  gibt  der
Selbstmord  des  Landrats  v.  Willich  in  Birnbaum.  Er  war  mit  dem
Führer  des  Bundes  der  Landwirte,  Major  Endell,  in  Konflikt  geraten
und  nach  Behauptung  der  meisten  deutschen  Blätter  vom  Oberpräsidenten
v.  Bitter  nicht  unterstützt  worden.  Es  wird  lebhaft  über  diese  Zwistigkeiten,
  die  vielfach  den  Agrariern  und  der  Schwäche  des  Oberpräsidenten
schuld  gegeben  werden,  geklagt.

1.  Februar.  (Berlin.)  Staatsminister  a.  D.  Rudolf  v.  Delbrück,
  bis  1876  Präsident  des  Reichskanzleramts,  fast  86  Jahre
alt,  †.  (Vgl.  Deutsche  Rundschau,  Juli  1903.)

Februar.  Die  „Grenzboten“  veröffentlichen  folgenden  Brief
des  Kaisers,  in  dem  er  sein  Glaubensbekenntnis  formuliert:

Mein  lieber  Hollmann:  Mein  Telegramm  an  Sie  wird  Ihnen  die
Zweifel  behoben  haben,  welche  Sie  bezüglich  des  Schlußpassus  des  Vortrages
  noch  gehegt  haben.  Er  ist  vollkommen  klar  von  den  Zuhörern  verstanden
  worden  und  mußte  daher  so  bleiben.  Es  ist  Mir  aber  sehr  lieb,
daß  durch  Ihre  Anfrage  die  Materie  des  zweiten  Vortrages  nochmal  angeschnitten
  ward,  und  Ich  ergreife  gern  diese  Gelegenheit,  nach  Durchlesen
des  Abzuges  nochmals  Meine  Stellung  ganz  klar  zu  präzisieren.  Während
einer  Abendgesellschaft  bei  uns  hatte  Professor  Delitzsch  Gelegenheit,  mit
Ihrer  Majestät  der  Kaiserin  und  General-Superintendent  Dryander  eingehend
  mehrere  Stunden  zu  konferieren  und  zu  debattieren,  wobei  Ich
Mich  zuhörend  und  passiv  verhielt.  Er  verließ  dabei  leider  den  Standpunkt
  des  strengen  Historikers  und  Assyriologen  und  geriet  in  theologischreligiöse
  Schlüsse  und  Hypothesen  hinein,  welche  doch  recht  nebelhaft  oder
gewagt  waren.  Als  er  aber  auf  das  Neue  Testament  kam,  wurde  es  bald
        <pb n="39" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar.)  31

klar,  daß  er  bezüglich  der  Person  unseres  Heilandes  so  ganz  abweichende
Anschauungen  entwickelte,  daß  Ich  ihm  darin  nicht  nur  nicht  folgen  konnte,
sondern  einen  Meinem  Standpunkte  diametral  entgegengesetzten  konstatieren
mußte.  Er  erkennt  die  Gottheit  Christi  nicht  an,  und  daher  soll  als  Rückschluß
  auf  das  Alte  Testament  dieses  keine  Offenbarung  auf  denselben  als
Messias  enthalten.  Hier  hört  der  Assyriologe  und  forschende  Geschichtsschreiber
  auf,  und  der  Theologe  mit  all  seinen  Licht-  und  Schattenseiten
setzt  ein.  Auf  diesem  Gebiet  kann  Ich  nur  dringend  ihm  raten,  nur  sehr
vorsichtig  Schritt  vor  Schritt  zu  gehen  und  jedenfalls  seine  Thesen  nur  in
theologischen  Schriften  und  im  Kreise  seiner  Kollegen  zu  ventilieren,  uns
Laien  aber,  und  vor  allem  die  Orientgesellschaft,  damit  zu  verschonen;  vor
deren  Forum  gehört  das  alles  nicht.  Wir  graben  aus  und  lesen,  was  wir
finden,  und  geben  das  heraus  zum  Wohle  der  Wissenschaft  und  Geschichte,
aber  nicht  um  Religionshypothesen  eines  unter  vielen  Gelehrten  begründen
oder  verfechten  zu  helfen.  Es  ist  eben  bei  Delitzsch  der  Theologe  mit  dem
Historiker  auf  und  davon  gegangen,  und  dient  der  letztere  nur  noch  als
Folie  für  den  ersteren.  Ich  finde  es  schade,  daß  Delitzsch  nicht  bei  seinem
ursprünglichen  Programm  geblieben  ist,  welches  er  im  vorigen  Jahre  entwickelte:
  nämlich  auf  Grund  der  Funde  unserer  Gesellschaft  nach  wissenschaftlich
  erprobter  Uebersetzung  der  Inschriften  zu  vergleichen,  inwiefern
dieselben  eine  Illustration  zu  der  Chronik  des  Volkes  Israel  enthalten,
d.  h.  Aufklärung  über  geschichtliche  Ereignisse,  Sitten  und  Gebräuche,  Ueberlieferungen,
  Politik,  Gesetzgebung  u.  s.  w.  Mit  anderen  Worten,  inwiefern
die  unleugbar  mächtige  und  hochentwickelte  babylonische  Kultur  in  Wechselbeziehung
  zu  den  Israeliten  stand,  auf  sie  einwirken  konnte,  ja  sogar  ihnen
einen  Stempel  aufdrücken  mochte.  Und  dadurch  eine  gewisse  Ehrenrettung
—  vom  rein  menschlichen  Standpunkte  aus  —  für  die  im  Alten  Testament
gewiß  recht  kraß,  scheußlich  und  einseitig  dargestellten  Babylonier  zu  erwirken.
  Das  war  seine  ursprüngliche  Absicht  —  wie  Ich  sie  wenigstens
auffaßte  —  und  ein  sehr  reichhaltiges  und  uns  allen  interessantes  Gebiet,
dessen  Durchforschung,  Erhellung  und  Erklärung  uns  Laien  im  höchsten
Maße  interessieren  muß  und  ihm  zu  höchsten  Dank  verpflichtet.  Aber
dabei  mußte  er  nun  auch  bleiben.  Er  hat  aber  leider  im  Feuereifer  das
Ziel  überschossen.  Wie  nicht  anders  zu  erwarten,  haben  die  Grabungen
Mitteilungen  zu  Tage  gefördert,  welche  auch  auf  das  religiöse  Gebiet  im
Alten  Testament  Beziehung  haben.  Das  Faktum  hätte  er  rubrizieren
müssen  und  Koinzidenzen  —  wo  solche  vorkamen  —  hervorheben  und  erläutern
  können,  aber  alle  rein  religiösen  Schlüsse  dem  Zuhörer  selbst  zu
ziehen  überlassen  müssen.  So  wäre  seinem  Vortrag  Interesse  und  Wohlwollen
  des  Laienpublikums  voll  erhalten  worden.  Das  hat  er  leider  nicht
getan.  Er  hat  in  sehr  polemischer  Weise  sich  an  die  Offenbarungsfrage
herangemacht  und  dieselbe  mehr  oder  minder  verneint  bzw.  auf  historisch
rein  menschliche  Dinge  zurückführen  zu  können  vermeint.  Das  war  ein
schwerer  Fehler.  Denn  er  tastete  damit  manchem  seiner  Hörer  an  sein
Innerstes  und  Heiligstes.  Und  ob  berechtigt  oder  unberechtigt  —  das  ist
hier  für  den  Augenblick  ganz  einerlei,  da  es  sich  nicht  um  eine  pure  wissenschaftliche
  Versammlung  von  Theologen,  sondern  um  Laien  aller  Stände
und  Geschlechter  handelte  —  hat  er  manchem  Lieblingsvorstellungen  oder
gar  Gebilde  umgestoßen  oder  angerempelt,  mit  welchen  diese  Leute  heilige
und  teure  Begriffe  verbinden,  und  ihnen  unzweifelhaft  das  Fundament
ihres  Glaubens  erschüttert,  wenn  nicht  entzogen.  Eine  Tat,  an  die  nur
ein  gewaltiges  Genie  sich  heranwagen  dürfte,  zu  der  aber  das  bloße  Studium
  der  Assyriologie  noch  nicht  berechtigt.  Goethe  behandelt  diese  Angelegenheit
  auch  einmal,  indem  er  ausdrücklich  darauf  aufmerksam  macht,
        <pb n="40" />
        32  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar.)

man  müsse  sich  vorsehen,  bei  einem  großen  allgemeinen  Publikum  auch  nur
„Terminologiepagoden“  entzwei  zu  machen.  Es  ist  dem  vortrefflichen  Professor
  in  seinem  Eifer  der  Grundsatz  etwas  entgangen,  daß  es  gar  sehr
wichtig  ist,  genau  zu  unterscheiden  zwischen  dem,  was  angemessen  ist,  dem
Ort,  Publikum  u.  s.  w.,  und  was  nicht.  Als  Theologe  von  Fach  kann  er  für
seinen  Kollegenkreis  Thesen,  Hypothesen  und  Theorien  sowie  Ueberzeugungen
aussprechen  in  Fachschriften,  welche  nicht  angängig  auszusprechen  sein
würden  in  einem  populären  Vortrag  oder  Buch.

Ich  möchte  nun  noch  einmal  auf  Meinen  persönlichen  Standpunkt
bezüglich  der  Offenbarungslehre  oder  -  Anschauung  zurückkommen,  wie  Ich
ihn  Ihnen,  mein  lieber  Hollmann,  und  andern  Herren  auch  des  öftern
schon  auseinandergesetzt  habe.  Ich  unterscheide  zwei  verschiedene  Arten
der  Offenbarung:  eine  fortlaufende,  gewissermaßen  historische  und  eine  rein
religiöse,  auf  die  spätere  Erscheinung  des  Messias  vorbereitende  Offenbarung.
Zur  ersten  ist  zu  sagen:  Es  ist  für  Mich  keinem,  auch  nicht  dem  leisesten
Zweifel  unterworfen,  daß  Gott  sich  immerdar  in  Seinem  von  Ihm  geschaffenen
  Menschengeschlecht  andauernd  offenbart.  Er  hat  dem  Menschen
„Seinen  Odem  eingeblasen“,  d.  h.  ein  Stück  von  sich  selbst,  eine  Seele  gegeben.

  Mit  Vaterliebe  und  Interesse  verfolgt  er  die  Entwickelung  des

Menschengeschlechts;  um  es  weiter  zu  führen  und  zu  fördern,  „offenbart"
Er  sich  bald  in  diesem  oder  jenem  großen  Weisen,  oder  Priester  oder  König,
sei  es  bei  den  Heiden,  Juden  oder  Christen.  Hammurabi  war  einer,
Moses,  Abraham,  Homer,  Karl  der  Große,  Luther,  Shakespeare,  Goethe,
Kant,  Kaiser  Wilhelm  der  Große.  —  Die  hat  Er  ausgesucht  und  Seiner
Gnade  gewürdigt,  für  ihre  Völker  auf  dem  geistigen  wie  physischen  Gebiet
nach  Seinem  Willen  Herrliches,  Unvergängliches  zu  leisten.  Wie  oft  hat
Mein  Großvater  dieses  nicht  ausdrücklich  betont,  er  sei  ein  Instrument  nur
in  des  Herrn  Hand.  Die  Werke  der  großen  Geister  sind  von  Gott  den
Völkern  geschenkt,  damit  sie  an  ihnen  sich  fortbilden,  weiterfühlen  können
durch  das  Verworrene  des  noch  Unerforschten  hienieden.  Gewiß  hat  Gott
der  Stellung  und  Kulturstufe  der  Völker  entsprechend  den  verschiedenen
sich  verschieden  „geoffenbart“  und  tut  das  auch  noch  heute.  Denn  so  wie
wir  am  meisten  durch  die  Größe  und  Gewalt  der  herrlichen  Natur  der
Schöpfung  überwältigt  werden,  wenn  wir  sie  betrachten,  und  über  die  in
ihr  offenbarte  Größe  Gottes  bei  ihrer  Betrachtung  staunen,  ebenso  sicherlich
können  wir  bei  jedem  wahrhaft  Großen  und  Herrlichen,  was  ein  Mensch
oder  ein  Volk  tut,  die  Herrlichkeit  der  Offenbarung  Gottes  darinnen  mit
Dank  bewundernd  erkennen.  Er  wirkt  unmittelbar  auf  und  unter  uns  ein!
Die  zweite  Art  der  Offenbarung,  die  mehr  religiöse,  ist  die,  welche  zur
Erscheinung  des  Herrn  führt.  Von  Abraham  an  wird  sie  eingeleitet,  langsam,
  aber  vorausschauend,  allweise  und  allwissend,  denn  die  Menschheit
war  sonst  verloren.  Und  nun  beginnt  das  staunenswerteste  Wirken,  Gottes
Offenbarung.  Der  Stamm  Abrahams  und  das  sich  daraus  entwickelnde
Volk  betrachten  als  Heiligstes  mit  eiserner  Konsequenz  den  Glauben  an
einen  Gott.  Sie  müssen  ihn  hegen  und  pflegen.  —  In  der  ägyptischen
Gefangenschaft  zersplittert,  werden  die  zerteilten  Stücke  von  Moses  zum
zweitenmal  zusammengeschweißt,  immer  noch  bestrebt,  ihren  „Monotheismus“
  festzuhalten.  Es  ist  das  direkte  Eingreifen  Gottes,  das  dieses  Volk
wiedererstehen  läßt.  Und  so  geht  es  weiter  durch  die  Jahrhunderte,  bis
der  Messias,  der  durch  die  Propheten  und  Psalmisten  verkündet  und  angezeigt
  wird,  endlich  erscheint.  Die  größte  Offenbarung  Gottes  in  der
Welt!  Denn  Er  erschien  im  Sohne  selbst;  Christus  ist  Gott;  Gott  in
menschlicher  Gestalt.  Er  erlöste  uns,  Er  feuert  uns  an,  es  lockt  uns,  Ihm
zu  folgen,  wir  fühlen  Sein  Feuer  in  uns  brennen,  Sein  Mitleid  uns  stärken,
        <pb n="41" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar.)  33

Seine  Unzufriedenheit  uns  vernichten,  aber  auch  Seine  Fürsprache  uns  retten.
Siegesgewiß,  allein  auf  sein  Wort  bauend,  gehen  wir  durch  Arbeit,  Hohn,
Jammer,  Elend  und  Tod,  denn  wir  haben  in  Ihm  Gottes  offenbartes  Wort
und  Er  lügt  niemals.

Das  ist  Meine  Ansicht  über  diese  Frage.  Das  Wort  ist  insbesondere
für  uns  Evangelische  alles  durch  Luther  geworden,  und  als  guter  Theologe
mußte  doch  Delitzsch  nicht  vergessen,  daß  unser  großer  Luther  uns  singen
und  glauben  gelehrt:  „Das  Wort  sie  sollen  lassen  stahn!“  Es  versteht  sich
für  Mich  von  selbst,  daß  das  Alte  Testament  eine  große  Anzahl  von  Abschnitten
  enthält,  welche  rein  menschlich  historischer  Natur  sind  und  nicht
„Gottes  geoffenbartes  Wort“.  Es  sind  rein  historische  Schilderungen  von
Vorgängen  aller  Art,  welche  sich  in  dem  Leben  des  Volkes  Israel  auf
politischem,  religiösem,  sittlichem  und  geistigem  Gebiete  des  Volkes  vollziehen.
  Wie  z.  B.  der  Akt  der  Gesetzgebung  am  Sinai  nur  symbolisch  als
von  Gott  inspiriert  angesehen  werden  kann,  als  Moses  zu  einer  Auffrischung
  vielleicht  altbekannter  Gesetzesparagraphen  (möglicherweise  dem
Kodex  Hammurabis  entstammend)  greifen  mußte,  um  das  in  seiner  Zusammensetzung
  lockere  und  wenig  widerstandsfähige  Gefüge  seines  Volkes
zusammenzufassen  und  zu  binden.  Hier  kann  der  Historiker  aus  Sinn  oder
Wortlaut  vielleicht  einen  Zusammenhang  mit  den  Gesetzen  Hammurabis,
des  Freundes  Abrahams,  konstruieren,  der  logisch  vielleicht  richtig  wäre;
das  würde  aber  niemals  der  Tatsache  Eintrag  tun,  daß  Gott  Moses  dazu
angeregt  und  insofern  sich  dem  Volke  Israel  geoffenbart  hat.  —  Daher  ist
es  Meine  Auffassung,  daß  unser  guter  Professor  hinfürder  lieber  die  Religion
  als  solche  bei  seinen  Vorträgen  in  unserer  Gesellschaft  anzuführen
und  zu  behandeln  vermeiden,  dagegen  was  die  Religion,  Sitten  u.  s.  w.
der  Babylonier  u.  s.  w.  in  Beziehung  zum  Alten  Testament  bringt,  ruhig
schildern  möge.  Für  Mich  ergibt  sich  daraus  die  nachfolgende  Schlußfolgerung:


a)  Ich  glaube  an  Einen,  Einigen  Gott.

b)  Wir  Menschen  brauchen,  um  ihn  zu  lehren,  eine  Form,  zumal
für  unsere  Kinder.

c)  Diese  Form  ist  bisher  das  Alte  Testament  in  seiner  jetzigen
Ueberlieferung  gewesen.  Diese  Form  wird  unter  der  Forschung  und  den
Inschriften  und  Grabungen  sich  entschieden  wesentlich  ändern;  das  schadet
nichts,  auch  daß  dadurch  viel  vom  Nimbus  des  auserwählten  Volks  verloren
  geht,  schadet  nichts.  Der  Kern  und  Inhalt  bleibt  immer  derselbe,
Gott  und  Sein  Wirken!

Nie  war  Religion  ein  Ergebnis  der  Wissenschaft,  sondern  ein  Ausfluß
  des  Herzens  und  Seins  des  Menschen  aus  seinem  Verkehr  mit  Gott.

Mit  herzlichstem  Dank  und  vielen  Grüßen

stets  Ihr  treuer  Freund
gez.:  Wilhelm  I.  R.

P.  S.  Sie  können  von  diesen  Zeilen  den  ausgiebigsten  Gebrauch

machen,  wer  will,  kann  sie  lesen.

Die  konservative  Presse  sieht  in  dem  Briefe  eine  Verurteilung  der
liberalen  Theologie  deren  Führer  Professor  Harnack  in  den  letzten  Jahren
viel  am  Hofe  verkehrt  hatte.  —  Den  Anlaß  zu  diesem  Briefe  haben  mehrere
Vorträge  des  Berliner  Professors  Delitzsch  über  „Babel  und  Bibel“  gegeben,
  die  viel  Beachtung  gefunden  hatten.  Sie  kritisierten  die  historischen
Grundlagen  des  Alten  Testaments.  —  Vgl.  Harnack,  Preußische  Jahrbücher
Bd.  111,  3  und  112,  2  S.  193;  Chronik  der  christlichen  Welt  1903,  Nr.  10;
Christliche  Welt  1903  Nr.  6  ff.  Gunkel;  Fr.  Delitzsch,  Babel  und  Bibel.

Europäischer  Geschichtskalender.  I.L.  3
        <pb n="42" />
        34  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  Anfang.)

Anfang  Februar.  (Bayern.)  Süddeutsche  Preßfehde  über
die  Swinemünder  Depesche  und  die  Haltung  des  Zentrums.

Im  Anschluß  an  den  Delegiertentag  des  Zentrums  findet  eine  lebhafte
  Preßfehde  zwischen  liberalen  und  klerikalen  Organen  statt.  In  den
liberalen  Blättern  wird  namentlich  Abg.  Heim  angegriffen,  weil  er  mit
seinen  Aeußerungen  den  Kaiser  und  den  Regenten  beleidigt  habe.  Die
katholische  Presse  führt  unter  scharfen  Angriffen  auf  die  bayerische  Regierung
  aus,  diese  Aeußerungen  seien  durch  die  Mitteilung,  der  Prinzregent
habe  dem  Reichskanzler  über  seine  Rede  zur  Swinemünder  Depesche  besondere
  Freude  und  Anerkennung  ausdrücken  lassen,  hervorgerufen.  Die
Regierung  habe  diese  Mitteilung  gerade  am  Delegiertentag  gemacht,  um
den  Regenten  gegen  das  Zentrum  auszuspielen,  und  das  habe  Heim  in
solche  Erbitterung  versetzt.  Hiergegen  wendet  sich  die  „Süddeutsche  Reichskorrespondenz“:
  „Man  erhebt  gegen  den  Ministerpräsidenten  den  törichten
Vorwurf,  diese  Veröffentlichung  sei  von  ihm  absichtlich  für  den  Delegiertentag
  zurückgestellt  worden  und  scheut  sich  nicht,  zu  behaupten,  Graf  Crailsheim
  habe  damit  die  geheiligte  Person  des  Regenten  selbst  in  den  Kampf
der  Parteien  gezogen  und  so  die  Verantwortung  für  —  Dr.  Heim  zu  tragen.
...  Auf  die  letzte  geradezu  groteske  Beschuldigung  einzugehen,  wird  uns
wohl  niemand  zumuten.  Wie  aber  verhält  es  sich  mit  der  Veröffentlichung?
Sie  rührt  weder  von  dem  Ministerpräsidenten,  noch  von  einem  sonstigen
Mitgliede  der  Regierung  her.  Die  bayerische  Regierung  hätte  allerdings
an  und  für  sich  nicht  den  geringsten  Grund  gehabt,  aus  einer  Vertrauenskundgebung
  des  Regenten  an  den  Reichskanzler  ein  Geheimnis  zu  machen.
Ist  es  schon  so  weit,  daß  das  Zentrum  den  Anspruch  erhebt,  die  Krone
müßte  bei  solchen  Anlässen  erst  sein  Placet  einholen  und  Bayerns  Regent
müßte  seine  Anschauung  über  politische  Vorgänge  und  Ereignisse  nach  der
Ansicht  einer  Partei  im  Lande  formen  oder  ummodeln?...  Ein  Danktelegramm,
  wie  die  Zentrumsblätter  sagen,  ist  nicht  abgegangen,  davon
haben  auch  die  „Münchener  Neuesten  Nachrichten“  nichts  berichtet.  Der
Ministerpräsident  entledigte  sich  vielmehr  des  Allerhöchsten  Auftrages  beim
nächsten  Gesandtenempfang.  So  konnte  der  Dank  des  Reichskanzlers  erst
ein  oder  zwei  Tage  vor  dem  Zentrumstag  eintreffen  und  die  Zeit  der,
wir  wiederholen  es,  nicht  vom  Ministerpräsidenten  herrührenden  Veröffentlichung
  also  gar  nicht  in  Rücksicht  darauf  bestimmt  worden  sein;  sonst  hätte
man  doch  wohl  den  Tag  des  Beginnes  gewählt.“

Im  weiteren  Verlauf  der  Debatte  behaupten  katholische  Blätter,
z.  B.  „Kölnische  Volkszeitung“,  die  Tage  des  Ministeriums  Crailsheim
seien  gezählt,  worauf  die  „Münchener  Neuesten  Nachrichten“  erwidern:
„Wir  wissen  bestimmt,  daß  Leute,  die  so  etwas  schreiben,  an  paranoia  politica
leiden.“  (Mitte  Februar.)

Anfang  Februar.  (Hessen.)  Die  Regierung  legt  einen  Entwurf
  zu  einem  neuen  Wahlgesetze  vor.

Danach  soll  die  Zweite  Kammer  künftighin  aus  55  Abgeordneten
bestehen,  von  denen  15  auf  die  größeren  Städte  entfallen,  die  bisher  10  Abgeordnete
  wählten.  Die  übrigen  40  Abgeordneten  werden  von  den  nicht
mit  einem  besonderen  Wahlrecht  begabten  Städten  und  den  Landgemeinden
in  den  zu  diesem  Zweck  gebildeten  Wahlkreisen  gewählt.  Die  Zweite  Kammer
geht  aus  direkten  (bisher  indirekten)  Wahlen  mit  geheimer  Abstimmung
hervor.  Stimmberechtigt  bei  den  Wahlen  der  Abgeordneten  sind  alle  Hessen
männlichen  Geschlechts,  die  1.  zur  Zeit  der  Wahl  das  25.  Lebensjahr  zurückgelegt
  haben,  2.  zur  Zeit  der  Wahl  wenigstens  drei  Jahre  in  dem  Groß-
        <pb n="43" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.)  35

herzogtum  wohnen  und  wenigstens  seit  drei  Jahren  die  hessische  Staatsangehörigkeit
  besitzen,  und  3.  seit  Anfang  des  Rechnungsjahres,  in  welchem
die  Wahl  vorgenommen  wird,  zu  einer  direkten  Staats-  oder  Gemeindesteuer
  herangezogen  sind.

Anfang  Februar.  (Elsaß-Lothringen.)  Es  bildet  sich  eine
katholische  Landespartei  mit  folgendem  Programm:

Auf  politischem  Gebiete:  Gleichstellung  Elsaß-Lothringens  mit  den
anderen  Bundesstaaten;  allgemeines,  gleiches,  geheimes,  direktes  Wahlrecht
für  den  Landesausschuß;  freiheitliche  Reform  des  Vereins-  und  Versammlungsrechts.
  Auf  wirtschaftlichem  und  sozialem  Gebiete:  Zweckmäßige  Einschränkung
  der  Ausgaben  in  der  Zivil-  und  Militärverwaltung  und  gerechte
  Verteilung  der  Steuern;  Schutz  der  nationalen  Arbeit  und  Produktion;
  Ausbau  der  sozialen  Gesetzgebung  für  die  verschiedenen  Erwerbsstände.
Auf  religiösem  Gebiete:  Aufhebung  aller  Ausnahmegesetze  gegenüber  den
religiösen  Genossenschaften;  Konfessionalität  der  Schule;  volle  Anerkennung
der  Rechte  der  Kirche,  der  Gemeinde  und  der  Familie  auf  dieselbe;  Freiheit
  des  Unterrichts.

3.  Februar.  (Reichstag.)  Etat.  Bülow  über  die  Diätenund
  Jesuitenfrage.  Neueinteilung  der  Wahlkreise.

Abg.  Spahn  (Z.)  fordert,  daß  der  Bundesrat  den  Reichstagsbeschlüssen
  über  Zahlung  von  Diäten  und  die  Aufhebung  des  Jesuitengesetzes
  zustimme.  Die  Jesuiten  hätten  sich  in  China  Verdienste  um  die
Deutschen  erworben,  einem  französischen  Jesuiten  habe  der  Kaiser  sogar
die  Chinamedaille  verliehen.  Abg.  Barth  (fr.  Vg.)  beantragt  eine  Resolution,
  in  welcher  die  Regierung  ersucht  wird  um  Vorlage  eines  Gesetzentwurfes
  betr.  Neueinteilung  der  Reichstagswahlkreise  unter  Berücksichtigung
der  seit  Gründung  des  Reiches  erfolgten  Verschiebung  der  Bevölkerung.

Reichskanzler  Graf  Bülow:  Abg.  Spahn  hat  für  den  Beschluß  des
Reichstags  namentlich  praktische  Gesichtspunkte  angeführt,  wie  die  Auswahl
geeigneter  Kandidaten  für  die  Reichstagswahlen,  die  Aussicht  auf  einen
stärkeren  Besuch  der  Reichstagssitzungen  und  damit  die  Förderung  der  parlamentarischen
  Geschäfte.  Wie  ich  gegenüber  einzelnen  Mitgliedern  dieses
Hauses  schon  keinen  Zweifel  darüber  gelassen  habe,  will  ich  auch  hier  gern
bekennen,  daß  ich  mich  auch  heute  diesen  Zweckmäßigkeitsgründen  nicht
verschließe,  denselben  vielmehr  einen  erheblichen  Wert  beimesse,  obwohl  nach
den  in  anderen  Parlamenten  gemachten  Erfahrungen  der  erhoffte  Erfolg
der  Maßnahmen  nicht  ganz  sicher  erscheint.  Aber  auch,  wenn  ich  von  der
unbedingten  Nützlichkeit  der  Gewährung  von  Diäten  völlig  überzeugt  wäre,
so  stehe  ich  der  Frage  doch  gegenüber  als  oberster  Reichsbeamter,  der  über
die  Interessen  und  Anschauungen  der  verbündeten  Regierungen  nicht  hinweggehen
  kann,  sondern  ihnen  entsprechend  seine  Haltung  einzurichten  hat.
Der  Beschluß  des  Reichstags  vom  9.  oder  10.  November  1901  verlangt  die
Aenderung  eines  Artikels  der  Reichsverfassung,  dem  von  den  Schöpfern  der
Reichsverfassung  ein  besonderes  Gewicht  beigelegt  wurde.  Wir  alle  wissen,
daß  die  Diätenlosigkeit  als  notwendiges  Korrelat  der  Vorschriften  über  das
allgemeine,  gleiche,  direkte  und  geheime  Wahlrecht  gedacht  war,  und  wenn
auch  die  Ansicht  von  der  Zweckmäßigkeit  der  Diäten  im  Laufe  der  letzten
Jahre  sicherlich  an  Boden  gewonnen  hat,  so  vertreten  doch  auch  heute  noch
zahlreiche  Politiker  von  zweifellos  nationaler  Gesinnung  den  Standpunkt,
keine  Einführung  von  Diäten  ohne  einen  Ausgleich  beim  Wahlrecht,  so
z.  B.  Einführung  einer  Altersgrenze  für  das  aktive  Wahlrecht  oder  Einführung
  einer  Wahlpflicht,  alles  Vorschläge,  die  meines  Erachtens  auf  eine

3*
        <pb n="44" />
        36  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.)

Mehrheit  in  diesem  Hause  kaum  zu  rechnen  haben  werden.  (Zustimmung
links.)  Und  dann  bedenken  Sie  auch,  daß  die  deutschen  Bundesregierungen
und  die  verbündeten  Regierungen  bei  dem  Abschlusse  des  Bundes  zu  gunsten
der  Reichseinheit  auf  wertvolle  Rechte  verzichtet  haben.  Unter  diesen  Umständen
  ist  es  begreiflich,  wenn  die  Neigung  für  eine  Maßnahme,  die  zweifellos
  eine  tiefgehende  Aenderung  der  Reichsverfassung  bedeutet,  nicht  groß
ist.  Ebenso  zweifellos  ist  es,  daß  jede  Aenderung  der  Reichsverfassung  der
gründlichsten  und  reiflichsten  Prüfung  bedarf.  Aus  diesen  Gründen  bin
ich  heute  noch  nicht  in  der  Lage,  die  Zustimmung  des  Bundesrats  zum
Beschlusse  dieses  Hauses  wegen  Gewährung  von  Anwesenheitsgeldern  zu
erklären.  Was  nun  die  Anträge  des  Grafen  Hompesch  und  Genossen  und
des  Grafen  Limburg-Stirum  und  Genossen  angeht,  so  habe  ich  das  Nachstehende
  zu  sagen:  Die  Zulassung  von  Niederlassungen  des  Ordens  der
Gesellschaft  Jesu  dürfte  aus  denselben  Gründen,  die  den  Erlaß  des  Jesuitengesetzes
  herbeigeführt  haben,  die  Zustimmung  der  verbündeten  Regierungen
nicht  finden,  dagegen  bin  ich  der  Ansicht,  daß  die  konfessionellen  Verhältnisse
  innerhalb  des  Deutschen  Reiches  es  nicht  länger  notwendig  erscheinen
lassen,  eine  Anzahl  deutscher  Staatsangehöriger  deshalb,  weil  sie  dem  Orden
Jesu  angehören,  unter  die  Bestimmungen  eines  Ausnahmegesetzes  zu  stellen,
oder  dem  Reiche  gegenüber  den  ausländischen  Angehörigen  dieses  Ordens
eine  besondere  Ausweisungsbefugnis  zu  geben.  Ich  glaube  vielmehr,  daß
die  allgemeinen  Reichs-  und  Staatsgesetze  genügen  werden,  um  den  kirchlichen
  Frieden  zwischen  den  beiden  christlichen  Bekenntnissen  zu  sichern.  In
diesem  Sinne  werde  ich,  insoweit  die  Stimmen  Preußens  im  Bundesrate
von  Einfluß  sind,  zu  den  vorliegenden  Initiativanträgen  des  Reichstages
Stellung  nehmen.

Abg.  Spahn  (Z.)  bedauert,  daß  der  Bundesrat  nicht  das  ganze
Jesuitengesetz  beseitige,  dankt  aber  dem  Reichskanzler  im  Namen  des  katholischen
  Volkes,  daß  wenigstens  der  §  2  fallen  solle.  Abg.  Bassermann
(nl.):  Solche  Kompensationen,  wie  sie  der  Bundesrat  für  Diäten  fordere,
würde  der  Reichstag  nie  bewilligen.  Die  Neueinteilung  der  Wahlkreise  sei
wie  schon  einmal  im  Jahre  1890  abzulehnen.  Abg.  Fürst  Bismarck  (wild):
Diäten  würden  das  Niveau  des  Reichstags  herabsetzen.  Abg.  v.  Vollmar
(Soz.):  Die  Sozialdemokraten  seien  für  die  Aufhebung  des  Jesuitengesetzes,
weil  es  ein  Ausnahmegesetz  sei.  Abg.  Spahn  könne  mit  der  Erklärung  des
Kanzlers  zufrieden  sein.  „Praktisch  hat  er,  was  er  will,  und  faktisch  besteht
  zu  seiner  und  des  Zentrums  großer  Freude  das  Jesuitengesetz  fort.“
(Große  Heiterkeit.)

3.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Polenpolitik,
  Fall  Löhning.  (Vgl.  1902  S.  132.)

Finanzminister  v.  Rheinbaben  bespricht  ausführlich  die  Verabschiedung
  des  Provinzialsteuerdirektors  Löhning;  sie  sei  erfolgt,  weil  Löhning
die  offizielle  Ostmarkenpolitik  nicht  mehr  unterstützen  wollte,  und  die  Gefahren,
  die  das  Deutschtum  in  den  Ostmarken  bedrohen,  machten  den  Beamten
  einen  besonderen  Grad  des  Eifers  zur  Pflicht.  Die  Beamten  dürften
sich  nicht  etwa  passiv  verhalten  oder  gar  hindernd  der  Regierungspolitik
in  den  Weg  treten.  Mit  dem  Kastengeist,  mit  der  Verheiratung  Löhnings
habe  die  Angelegenheit  nichts  zu  tun.  Abg.  Kindler  (fr.  Vp.)  und  Abg.
Sattler  (nl.)  bedauern,  daß  im  Osten  unter  den  Beamten  ein  Kastengeist
herrsche,  von  dem  auch  der  Oberpräsident  nicht  frei  sei.  Die  Redner  der
konservativen  Parteien  billigen  die  Haltung  der  Regierung.

Geh.  Rat  Löhning  widerspricht  in  der  „Vossischen  Zeitung“  in  einer
ausführlichen  Erklärung  der  Darstellung  des  Ministers.
        <pb n="45" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  3.  5.)  37

3.  Februar.  (Berlin.)  Der  deutsche  Landwirtschaftsrat  erklärt
  mit  großer  Mehrheit  seine  Zustimmung  zum  Zolltarif.

5.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Etat
des  Ministeriums  des  Innern.  Polizeiliche  Übergriffe.  Polenfrage,
Fall  Willich.  (Vgl.  S.  30.)

Minister  des  Innern  Frhr.  v.  Hammerstein  bespricht  mehrere
Verhaftungen,  die  in  der  Oeffentlichkeit  scharf  kritisiert  worden  waren  und
führt  aus,  daß  solche  Uebergriffe  zu  tadeln  seien  und  er  alle  Auswüchse
und  Mängel  in  der  Polizeiverwaltung  abzustellen  bemüht  sei.  Das  Publikum
  müsse  aber  auch  die  Polizeiorgane  durch  Entgegenkommen  und
Achtung  unterstützen.  Er  sei  bestrebt,  die  Vorbildung  der  Polizeibeamten
zu  verbessern;  es  solle  vermieden  werden,  daß  die  aus  der  Armee  übernommenen
  jungen  Polizeibeamten  gleich  in  den  Dienst  gestellt  werden,  da
dies  zu  zahlreichen  Mißständen  geführt  habe.  Es  sei  eine  Art  von  Polizeischulen
  errichtet  worden,  zunächst  in  Hannover  und  Berlin.  Erfreulicherweise
  seien  auch  die  kommunalen  Verwaltungen  bestrebt,  ähnliche  Schulen
zu  schaffen.

Abg.  Ernst  (fr.  Vg.)  bespricht  den  Selbstmord  des  Landrats
v.  Willich,  der  dem  Bunde  der  Landwirte  zum  Opfer  gefallen  sei.  Willich
sei  aus  dem  Bunde  ausgeschieden,  weil  ihm  dessen  Politik  dem  Deutschtum
schädlich  erschienen  sei;  seit  dieser  Zeit  habe  der  Bund  ein  Kesseltreiben
gegen  ihn  veranstaltet,  und  die  Regierung  habe  ihn  preisgegeben:  sie  habe
ihm  die  Alternative  gestellt,  entweder  sich  mit  seinen  Gegnern  zu  versöhnen
oder  um  seine  Versetzung  einzukommen.  Diese  Verleugnung  habe  ihn  in
den  Tod  getrieben.  Minister  des  Innern  v.  Hammerstein:  Willich  sei
stets  von  der  Regierung  unterstützt  worden,  so  habe  Oberpräsident  v.  Bitter
die  Würde  des  Kammerherrn  für  ihn  beantragt.  Die  Ursache  des  Selbstmordes
  sei  sein  krankhafter  Zustand  gewesen.  Abg.  Krause  (nl.)  bekämpft
in  scharfen  Ausführungen  die  Darstellung  des  Ministers;  der  Oberpräsident
habe  den  Landrat  dem  Bunde  geopfert,  der  unter  Führung  des  Majors
v.  Endell  einen  gesellschaftlichen,  wirtschaftlichen  und  politischen  Terrorismus
  in  Posen  eingerichtet  habe.  Abg.  v.  Heydebrand  (kons.)  und  Abg.
v.  Zedlitz  (fr.k.)  verteidigen  den  Oberpräsidenten,  Abg.  Frhr.  v.  Wangenheim
  (Bd.  d.  Ldw.):  Nicht  gegen  Willich  sondern  gegen  Endell  wäre  eine
wohlorganisierte  Hetze  jahrelang  geführt  worden.  Endell  würde  durch
Veröffentlichung  seines  Aktenmaterials  viele  deutsche  Existenzen  in  Posen
bloßstellen  können.

Februar.  Stimmen  zur  Polenpolitik.

Anläßlich  der  Verhandlungen  des  Abgeordnetenhauses  wird  die
Polenpolitik  viel  besprochen.  So  schreibt  die  „Kreuzzeitung“  im  Hinblick
auf  Mitteilungen,  daß  Oberpräsident  v.  Bitter  sein  Abschiedsgesuch  eingereicht
  habe:  Es  sei  klar,  „daß  es  bei  Festhaltung  der  bisherigen  Ostmarkenpolitik
  für  einen  gewissenhaften  Beamten  überhaupt  sehr  schwer  sei,
sich  für  längere  Zeit  in  der  verantwortlichen  Stellung  zu  halten,  die
Dr.  v.  Bitter  bisher  bekleidet  habe.  Auch  wir  haben  uns  leider  mehr
und  mehr  die  Auffassung  angeeignet,  daß  man  den  Ostmarken  gegenüber
von  einer  „Politik“  kaum  noch  reden  kann,  daß  vor  allen  Dingen  dem  Vorgehen
  der  Staatsregierung  das  wesentliche  Merkmal  für  diesen  Begriff
fehlt,  nämlich  das  feste  Ziel  in  allen  Einzelpunkten  dieses  Vorgehens  und
die  Sicherheit  seiner  Erreichbarkeit  bei  Anwendung  der  unseren  heutigen
Anschauungen  entsprechenden  Mittel.“  Die  „Tägliche  Rundschau“  bemerkt
        <pb n="46" />
        38  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  6.)

dazu  (17.  Februar):  „Das  ist  ja  fast  der  Stil  der  „Kölnischen  Volkszeitung“;
nun  fehlt  nur  noch,  daß  das  führende  Blatt  der  deutschen  Konservativen
ein  Sammelbecken  für  die  unschuldigen  Kindlein  von  Wreschen  aufstellt.“
Am  24.  Februar  schreibt  ein  Posener  Geistlicher  in  der  „Täglichen
Rundschau“:  „Es  mag  heutzutage  nicht  opportun  sein,  aber  im  Interesse
der  Sache  ist  es  nötig,  es  offen  auszusprechen,  daß  die  großen  Hoffnungen,
die  man  jetzt  auf  eine  germanisatorische  Tätigkeit  der  Schule  setzt,  eitle
Illusionen  sind.  Es  ist  sogar  ein  eigentümliches  Verhängnis,  daß  die
Volksschule,  gerade  je  treuer  sie  arbeitet,  desto  mehr  das  Polentum  fördert.
Denn  sie  macht  die  polnische  Jugend  zweisprachig  und  verschafft  ihr  dadurch
  einen  großen  Vorsprung  vor  der  deutschen,  die  aus  allen  Gebieten
der  Industrie,  des  Handwerks,  der  Technik  und  sogar  aus  den  Bureaus
der  Beamten  immer  mehr  verdrängt  wird.  Ja,  wenn  den  polnischen  Kindern
  zugleich  mit  der  deutschen  Sprache  auch  deutsche  Gesinnung  eingeflößt
würde,  dann  möchte  man  sich's  gefallen  lassen.  Aber  wo  soll  denn  die
herkommen?  Die  haben  ja  die  polnischen  Lehrer  selbst  nicht,  und  sie
bilden  weitaus  das  Gros  der  hiesigen  Lehrerschaft.  Leute,  wie  jener
Koralewski  in  Wreschen,  der,  obwohl  Pole  von  Geburt,  sich  aufrichtig  als
Deutschen  bekennt,  sind  weiße  Raben.  Zwei  Drittel  der  hiesigen  Lehrer
sind  stramme  Polen  und  machen  auch  gar  kein  Hehl  daraus.  Wer  von
ihnen  eine  germanisatorische  Tätigkeit  erwarten  wollte,  der  müßte  ein  unheilbarer
  Optimist  sein.“  —  In  weitaus  dem  größten  Teile  der  bürgerlichen
Blätter  wird  die  Regierung  aufgefordert,  auf  dem  eingeschlagenen  Wege
zu  verharren;  die  einzelnen  Vorgänge  werden  sehr  verschieden  beurteilt.

6.  Februar.  (Reichstag.)  Etat  des  Reichskanzlers.  Zuckerkonvention.
  Burenfrage.

Abg.  Rösicke-Kaiserslautern  (Bd.  d.  Ldw.)  kritisiert  die  Brüsseler
Zuckerkonvention,  bei  der  England  das  beste  Geschäft  gemacht  habe,  da  es
nach  dem  Wortlaut  des  Artikel  11  nicht  gezwungen  werden  könne,  den
Prämienzucker  seiner  Kolonien  mit  Strafzöllen  zu  belegen.  Wenn  demgegenüber
  gesagt  werde,  das  sei  praktisch  belanglos,  so  müsse  doch  gefragt
werden,  weshalb  England  einen  so  großen  Wert  darauf  lege,  daß  es  bezüglich
  seines  Kolonialzuckers  völlig  freie  Hand  behalten  wolle.  Ursprünglich
  seien  die  Ansichten  über  die  Tragweite  des  Artikel  11  geteilt  gewesen;
jetzt  habe  England  amtlich  und  authentisch  sich  zu  der  eben  dargelegten
Auffassung  bekannt.  Deutschland  habe  also  den  Fehler  begangen,  die  Konvention
  bedingungslos  zu  ratifizieren,  bevor  über  die  Tragweite  ihrer  Bestimmungen
  volle  Klarheit  geschaffen  war.

Staatssekretär  Frhr.  v.  Richthofen:  Der  Herr  Vorredner  hat  wieder
die  bekannten  Angriffe  gegen  die  Haltung  Deutschlands  zur  Brüsseler  Konvention
  vorgebracht.  Ich  möchte  meinerseits  heute  einmal  den  Spieß  umdrehen.
  Die  parlamentarische  Verhandlung  auswärtiger  Angelegenheiten
hat  ihre  zwei  Seiten,  sie  kann  nützlich  und  sie  kann  schädlich  sein.  Sie
kann,  bevor  es  zum  Abschluß  von  Verträgen  zwischen  zwei  Staaten  gekommen
  ist,  die  eigene  Regierung  auf  etwaige  Fehler  aufmerksam  machen,
die  zu  vermeiden  sind.  Sie  kann  aber  auch  —  ich  will  nicht  sagen,  dem
Gegner,  aber  doch  dem  anderen  Kontrahenten  die  Möglichkeit  geben,  etwaige
Lücken  in  dem  Vertrag  zu  sehen,  die  er  zu  seinen  Gunsten  ausfüllen  und
ausnützen  kann.  Das  gilt  auch  von  der  parlamentarischen  Verhandlung
der  Brüsseler  Zuckerkonvention.  Bei  den  Vorbesprechungen  in  Brüssel  haben
die  englischen  Delegierten  sich  auf  den  Standpunkt  gestellt,  daß  England
nicht  gezwungen  werden  könne,  Zuschlagszölle  auf  den  Prämienzucker  seiner
Selbstverwaltungskolonien  zu  legen.  Sie  haben  aber  darauf  verzichtet,
        <pb n="47" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  7./14.)  39

diese  ihre  Anschauung  im  Text  der  Konvention  zum  Ausdruck  zu  bringen.
Die  anderen  Delegierten  standen  nun  vor  der  Wahl,  entweder  die  britischen
Delegierten  an  die  Wand  zu  drücken  und  zu  sagen,  ihr  müßt  unsere  gegenteilige
  Auffassung  ausdrücklich  anerkennen,  oder  aber  die  Konvention  zu
bewilligen  und  eine  definitive  Stellungnahme  zu  der  noch  offenen  Frage
sich  vorzubehalten,  bis  sie  praktisch  werden  würde.  In  den  meisten  der  in
Frage  kommenden  Parlamente  ist  nun  diese  Frage  überhaupt  nicht  erörtert
  worden,  in  anderen  ist  sie  nur  gestreift  worden,  in  anderen  wieder,
und  speziell  im  deutschen,  ist  sie  mit  uns  eigener  Gründlichkeit  behandelt
worden  (Heiterkeit),  und  gerade  die  Verhandlungen  des  deutschen  Parlaments
  haben  dazu  geführt,  daß  die  Aufmerksamkeit  der  ganzen  Welt  auf
diese  Fragen  gelenkt  worden  ist.  Die  Folge  ist  unzweifelhaft  die  gewesen,
daß,  wenn  ich  so  sagen  darf,  man  dem  Löwen  auf  den  Schwanz  getreten
hat.  Es  kam  zu  lebhaften  Erörterungen  über  die  Frage,  und  die  britische
  Regierung  wurde  durch  ihr  Parlament  gezwungen,  zu  der  Frage  in
viel  schärferer  Form  Stellung  zu  nehmen,  als  sonst  wohl  geschehen  wäre.
Jedenfalls  hatte  bis  dahin  niemand  ein  besonderes  Interesse  an  dieser
Frage  an  den  Tag  gelegt.  Für  uns  bleibt  nichts  weiter  übrig,  als  zunächst
  abzuwarten.  Jedenfalls  haben  wir  uns  für  den  Fall,  daß  größere
Quantitäten  Zucker  aus  den  Selbstverwaltungskolonien  nach  England  eingeführt
  werden  sollten,  volle  Aktionsfreiheit  vorbehalten.

Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg  (Antif.)  polemisiert  gegen  die
Aeußerung  des  Kanzlers  über  den  Aufenthalt  der  Buren  in  Berlin.  Reichskanzler
  Graf  Bülow:  Ich  kann  den  Gewährsmann,  von  welchem  ich  neulich
  sprach,  mit  Namen  nicht  nennen,  ohne  mich  einer  Indiskretion  schuldig
zu  machen,  das  aber  kann  ich  neuerdings  versichern,  daß  es  sich  um  eine
Persönlichkeit  handelt,  an  deren  voller  Glaubwürdigkeit  nicht  der  mindeste
Zweifel  besteht.  Das  wird  mir  Herr  Liebermann  v.  Sonnenberg  hoffentlich
  um  so  mehr  glauben,  wenn  ich  hinzufüge,  daß  die  betreffende  Persönlichkeit
  nicht,  wie  er  meint,  ein  Diplomat  ist.  (Heiterkeit.)  Dieser  Mittelsmann
  also  schrieb  mir  damals:  „Die  Burengenerale  kamen  gestern  abend
zu  mir,  um  mir  zu  sagen,  daß  die  Einhändigung  einer  Anfrage  über  eine
Audienz  beim  britischen  Botschafter  nie  in  ihrem  Willen  gelegen  habe;
eine  Anfrage  beim  britischen  Botschafter  einzureichen,  erscheine  ihnen  vollkommen
  ausgeschlossen,  sie  würden  also  warten,  bis  sie  berufen  würden.“
Welche  Einflüsse  wirksam  gewesen  sind,  um  bei  den  Burengeneralen  diese
plötzliche  und  vollständige  Sinnesänderung  herbeizuführen,  bin  ich  nicht  in
der  Lage  zu  sagen.  Tatsache  ist  jedenfalls,  daß  die  anfänglich  bei  den
Burengeneralen  vorhanden  gewesene  Neigung  und  Bereitwilligkeit,  eine  Einladung
  zu  einer  Audienz  bei  Seiner  Majestät  nachzusuchen,  hinterher  modifiziert
  worden  ist.  Wenn  die  Generale  hinterher  für  ihre  Sinnesänderung
darauf  hingewiesen  haben,  auch  der  König  von  England  hätte  sie  zu  einer
Audienz  befohlen,  so  ist  dies  Argument  kein  durchschlagendes,  denn  die
Herren  Burengenerale  waren  damals  schon  englische  Untertanen,  die  der
englische  König  zu  sich  bescheiden  konnte.  Für  jeden  anderen  Souverän
aber  waren  sie  britische  Staatsangehörige  und  mußten  sich  somit  der  Vermittelung
  der  englischen  Botschaft  bedienen.  Jedenfalls  war,  nachdem  durch
die  Sinnesänderung  der  Buren  eine  ganz  neue  Sachlage  geschaffen  worden
war,  eine  Audienz  der  Generale  beim  Kaiser  vollkommen  ausgeschlossen.

7./14.  Februar.  (Reichstag.)  Beratung  sozialpolitischer
Fragen.

Beim  Etat  des  Reichsamts  des  Innern  findet  eine  ausführliche
Debatte  über  Sozialpolitik  statt,  namentlich  über  Arbeiterschutz,  Herab-
        <pb n="48" />
        40  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  7.)

setzung  der  Arbeitszeit  und  Koalitionsrecht.  Den  Standpunkt  der  Regierung
  vertritt  vornehmlich  Staatssekretär  Graf  Posadowsky,  der  sich  für
Fortführung  der  Sozialreform  erklärt.  Die  Sozialdemokraten  fordern  einen
allgemeinen  Maximalarbeitstag,  der  überall  abgelehnt  wird.  Die  Rechte
verlangt  Aufhebung  der  Bäckereiverordnung  und  den  Befähigungsnachweis,
was  Posadowsky  ablehnt.  Zwischen  den  Sozialdemokraten  und  dem  Zentrum
  kommt  es  zu  scharfen  Differenzen.

7.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Etat  des
Innern.  Theaterzensur.  Neueinteilung  der  Wahlkreise.

Abg.  Barth  (fr.  Vg.)  kritisiert  die  Theaterzensur,  die  vollständig
vergesse,  daß  bei  bedeutenden  Werken  der  Stoff  zur  Nebensache  werde.  Das
Verbot  der  Aufführung  treffe  fast  immer  nur  Werke  hervorragender  Dichter,
elende  Machwerke  verbiete  man  nicht.  Warum  seien  „Das  Tal  des  Lebens“
von  Dreyer  und  „Maria  von  Magdala“  von  Heyse  verboten  worden?
Minister  des  Innern  Frhr.  v.  Hammerstein:  Vom  1.  Mai  1901  bis  zum
26.  Januar  d.  J.  sind  in  Berlin  723  Theaterstücke  eingegangen.  Davon
wurden  630  genehmigt,  51  zurückgezogen  und  10  nicht  genehmigt.  Unter
diesen  10  befinden  sich  5  deutsche  und  5  französische;  29  Stücke  sind  noch
unerledigt.  Unter  den  nicht  genehmigten  befinden  sich  auch  die  beiden,  die
der  Abg.  Barth  speziell  angeführt  hat.  In  dem  Dreyerschen  Stücke  wird
dargestellt,  wie  vor  längeren  Jahren  in  einem  Zweige  des  brandenburgischen
Herrscherhauses  versucht  worden  ist,  in  ungesetzlicher  und  unsittlicher  Weise
einen  Nachfolger  zu  erzielen.  Ich  kann  nicht  zugeben,  daß  die  Behandlung
  eines  solchen  Gegenstandes  für  eine  Theateraufführung  geeignet  ist,
denn  die  große  Masse  der  Besucher  gehört  nicht  zur  Elite  der  gebildeten
Menschen,  die  nur  die  künstlerischen  Schönheiten  des  Werkes  und  nicht  den
Stoff  ins  Auge  fassen.  In  dem  Stücke  „Maria  von  Magdala“  ist  die
Lösung  gewiß  in  hohem  Maße  sittlich.  Aber  ist  es  möglich,  auf  einem
Durchschnittstheater  ein  Stück  aufzuführen,  worin  die  Grundlage  des
Christentums,  der  freiwillige  Opfertod  Christi  in  Verbindung  gebracht,  ja
beinahe  abhängig  gemacht  wird  von  dem  Willen,  von  den  Einflüssen  einer
Buhlerin,  ob  sie  einen  römischen  Hauptmann  zu  sich  nehmen  will  oder
nicht.  Das  widerspricht  so  sehr  jedem  christlichen  Empfinden,  daß  eine
öffentliche  Darstellung  auf  dem  Theater  absolut  unzulässig  ist.  (Lebhafter
Beifall.)  Ich  halte  deshalb  dieses  Zensorurteil  für  vollständig  gerechtfertigt.
Dieser  Fall  beweist  wieder,  daß  die  Präventivzensur  für  die  Theater  erwünscht
  und  nützlich  ist.  Hätten  wir  sie  nicht,  so  würde  leicht  unglaubliches
  Unheil  angerichtet  werden  können.  Es  muß  für  uns  alle  eine  Beruhigung
  sein,  daß  wir  die  Garantie  haben,  daß  in  ernsten  Theatern  nur
Stücke  aufgeführt  werden,  wo  wir  unsere  Frauen  und  Töchter  hinführen
können,  ohne  sie  selbst  vorher  gesehen  zu  haben.

Hierauf  wird  nach  kurzer  Debatte  folgender  Antrag  Barth  (fr.  Vg.)
abgelehnt:  die  Regierung  zu  ersuchen,  1.  die  gesetzgeberische  Initiative  zur
Einführung  der  geheimen  Stimmenabgabe  bei  den  Wahlen  zu  ergreifen
und  2.  eine  Abänderung  des  Gesetzes  von  1860,  betreffend  Feststellung  der
Wahlbezirke  für  das  Abgeordnetenhaus,  entsprechend  den  in  den  letzten
40  Jahren  eingetretenen  Verschiebungen  der  Bevölkerung,  in  die  Wege  zu
leiten.  —  Für  den  ersten  Teil  stimmen  Freisinnige  und  Zentrum,  für  den
zweiten  Freisinnige  und  Nationalliberale.

7.  Februar.  (Sachsen.)  Der  Eisenbahnrat  stimmt  dem

Tarifreformplan  der  Regierung  mit  einigen  Aenderungen  zu.  (Vgl.
1902  S.  183.)
        <pb n="49" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  9.  10.)  41

Unverändert  ist  der  Regierungsvorschlag  geblieben,  Rückfahrkarten
im  Binnenverkehr  sowie  im  direkten  Verkehr  mit  Bahnen,  die  für  Hinund
  Rückfahrt  keine  Preisermäßigung  gewähren,  nicht  mehr  auszugeben
und  sie  mit  entsprechender  Preiserhöhung  nur  für  die  sächsischen  Strecken
im  direkten  und  durchgehenden  Verkehr  bestehen  zu  lassen.  Billigung  fand
gleichfalls  der  Regierungsvorschlag,  die  Einheitspreise  für  das  Personenkilometer
  in  1.  Klasse  auf  7,  in  2.  Klasse  auf  4,5,  in  3.  Klasse  auf  3  und
in  4.  Klasse  auf  2  Pfennige,  sowie  den  Zuschlag  auf  Schnellzugskarten  auf
1  Pfennig  für  die  1.  bis  3.  Klasse  festzusetzen.  Ein  im  Eisenbahnrat  gestellter
  Antrag  auf  Führung  der  4.  Klasse  an  Sonntagen  wurde  angenommen.
Freigepäck  soll  in  Uebereinstimmung  mit  der  Regierungsvorlage  fortgewährt
werden;  ein  Antrag  auf  Aufhebung  des  Freigepäcks  und  Ermäßigung  der
Gepäckfracht  wurde  abgelehnt.  In  Wegfall  kommen  die  Preisermäßigungen
für  Gesellschaftsfahrten,  zusammengestellte  Fahrscheinhefte,  die  Arbeitermonatskarten,
  Arbeiterrückfahrkarten,  die  festen  Rundreise-  und  die  Sonntagsfahrkarten.
  —  Die  sächsischen  Handelskammern  hatten  den  Entwurf
lebhaft  bekämpft.

9.  Februar.  (Berlin.)  Generalversammlung  des  Bundes
der  Landwirte.

Nach  dem  Geschäftsbericht  hat  der  Bund  im  abgelaufenen  Jahre
nicht  zugenommen.  Die  Bundesleitung  erklärt  dies  damit,  daß  im  Hinblick
  auf  die  Reichstagswahlen  und  die  dann  nötige  verstärkte  Agitation
die  Abhaltung  von  Versammlungen  und  die  Werbung  von  Mitgliedern  im
zweiten  Halbjahre  1902  auf  das  äußerste  beschränkt  worden  ist.  Von  den
25 000  Großgrundbesitzern  des  Deutschen  Reiches  gehören  dem  Bunde  nur
1 455,  das  sind  6  v.  H.,  an,  mit  einer  Beitragssumme  von  etwa  54 000 M,
das  sind  10  v.  H.  der  Gesamtbeiträge.  Von  den  Bundesmitgliedern  wohnen
jetzt  östlich  der  Elbe  111 500,  westlich  der  Elbe  138  500.

In  der  Debatte  wird  die  Annahme  des  Antrags  Kardorff  (1902
S.  170)  zum  Zolltarif  scharf  getadelt,  mehrere  Redner  proklamieren  für
die  Reichstagswahlen  erbitterten  Kampf  gegen  die  Freikonservativen  und
Nationalliberalen.  Dem  Vorstand  des  Bundes,  der  das  Zollkompromiß
bekämpft  hat,  wird  einstimmig  Dank  und  Vertrauen  ausgesprochen.  Die
Regierung  wird  scharf  angegriffen,  weil  ihre  Handelsvertragspolitik  zum
Ruin  der  Landwirtschaft  und  des  Mittelstandes  führe  und  nur  Großkapitalisten
  und  Proletarier  züchte.  

10.  Februar.  (Reichstag.)  .  Debatte  über  die  Veteranenunterstützung.


Abg.  Nißler  (kons.)  bringt  folgende  Interpellation  ein:  Ist  der
Reichskanzler  in  der  Lage,  über  die  Erhebungen  Mitteilungen  zu  machen,
die  angestellt  worden  sind  auf  Grund  der  vom  Reichstage  unterm  6.  März
1901  beschlossenen,  wie  folgt  lautenden  Resolution:  a)  den  Reichskanzler
zu  ersuchen,  dafür  Sorge  tragen  zu  wollen,  daß  die  Auszahlung  der  den
Kriegsveteranen  nach  Maßgabe  des  Gesetzes  vom  22.  Mai  1895  gebührenden
Beihilfe  womöglich  vom  Tage  der  Anerkennung  ihrer  Berechtigung  erfolge;
b)  den  Antrag  Nißler,  die  Beihilfen  sämtlichen  Veteranen  zu  gewähren,
deren  Erwerbsfähigkeit  dauernd  auf  weniger  als  ein  Drittel  herabgesetzt  ist,
dem  Reichskanzler  zur  Anstellung  weiterer  Erhebungen  zu  überweisen.

Der  Interpellant  tadelt,  daß  noch  nichts  für  die  Kriegsteilnehmer,
deren  Bedürftigkeit  immer  größer  werde,  geschehen  sei,  obwohl  sich  der
Reichstag  so  oft  für  sie  verwendet  habe.  Ferner  fragt  er,  in  welcher  Höhe
der  Invalidenfonds  noch  bestände,  und  welche  Ausgaben  er  zu  leisten  habe.
        <pb n="50" />
        42  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  11.)

Staatssekretär  Frhr.  v.  Thielmann:  Der  Invalidenfonds  ist  jetzt
schon  seit  Jahren  nicht  mehr  in  der  Lage,  die  ihm  obliegenden  Ausgaben
aus  den  regelmäßigen  Einnahmen  zu  decken.  Die  Folge  wird  sein,  daß
der  Invalidenfonds  in  einigen  Jahren  aufgezehrt  sein  wird.  Vor  1908
wird  das  nicht  der  Fall  sein,  aber  später  als  1910  schwerlich.  Die  sämtlichen
  Ausgaben  werden,  soweit  sie  auf  Gesetz  beruhen,  auf  den  ordentlichen
Etat  übernommen  werden  müssen.  Was  nun  die  Interpellation  unter  a
betrifft,  so  habe  ich  sofort  an  die  Bundesregierungen  ein  Rundschreiben
erlassen,  darnach  zu  verfahren.  Im  Etat  von  1903  sind  9  Millionen  für
die  Veteranen  ausgeworfen,  woraus  75 000  Veteranen  ihre  120  Mark  erhalten
  können.  Diese  Summe  ist  in  der  Budgetkommission  gutgeheißen
worden.  Es  ist  darin  ein  überschießender  Betrag  von  über  ¼  Million
enthalten,  aus  dem  auch  solche  Anwärter  werden  berücksichtigt  werden
können,  deren  Berechtigung  zur  Anwartschaft  sich  im  Laufe  des  Jahres
1903  herausstellen  wird.  Sonach  ist  unter  voller  Zustimmung  der  Budgetkommission
  der  Zustand  geschaffen  worden,  daß  jedem  Anwärter,  dessen
Berechtigung  von  den  Behörden  anerkannt  ist,  eine  monatliche  Rente  von
10  Mark  zu  teil  wird.  Was  nun  den  älteren  Antrag  Nißler  betrifft,  der
darauf  hinausging,  daß  denjenigen  Veteranen,  deren  Erwerbsfähigkeit  infolge
  von  Krankheiten  u.  s.  w.  dauernd  auf  weniger  als  ein  Drittel  des
ortsüblichen  Tagelohnes  herabgesetzt  worden  ist,  Unterstützungen  gewährt
werden  sollten,  so  ist  auch  damals  sofort  an  sämtliche  Bundesregierungen
im  Sinne  der  Resolution  geschrieben  worden,  daß  weitere  Erhebungen  stattfinden
  sollten.  Beiläufig  bemerkt,  gehören  die  Leute,  die  vom  Felde  selber
eine  Verwundung  oder  Krankheit  oder  Siechtum  davongetragen  haben,  nicht
zu  denen,  die  die  heutige  Interpellation  im  Auge  hat,  sondern  zu  den
Kriegsinvaliden.  Als  solche  sind  sie  pensioniert  worden,  und  soweit  sie
nicht  als  Invaliden  anerkannt  und  pensioniert  sind,  erhalten  sie  aus  dem
Allerhöchsten  Pensionsfonds  eine  Unterstützung.  Der  Dispositionsfonds  des
Kaisers  von  3  Millionen  wird  zum  größten  Teil  für  solche  Unterstützungen
verwandt.  Die  Vertreter  des  Herrn  Kriegsministers  werden  mir  bezeugen,
daß  noch  jetzt  allmonatlich  nicht  unbeträchtliche  Summen  an  solche  Kriegsteilnehmer
  gezahlt  werden.  In  dem  bereits  erwähnten  Rundschreiben  wird
gefragt,  ob  sich  die  Zahl  derjenigen  Kriegsteilnehmer  feststellen  läßt,  deren
Erwerbsfähigkeit  bei  gänzlicher  Vermögenslosigkeit  auf  ein  Drittel  des  ortsüblichen
  Taglohnes  herabgemindert  worden  sei.  Preußen  antwortete,  daß
ihm  das  erforderliche  Material  nicht  zur  Verfügung  stehe.  Diese  Antwort
kann  Sie  nicht  überraschen.  Nach  der  Schätzung  des  Kriegsministers  sind
etwa  6 000 000  Kriegsteilnehmer  an  dem  Kriege  gegen  Frankreich  und  aus
früheren  Kriegen  vorhanden.  Sie  werden  mir  zugeben,  daß  es  beinahe
ein  Ding  der  Unmöglichkeit  ist,  von  allen  die  Vermögens-  und  Erwerbsverhältnisse,
  die  Arbeitsfähigkeit  und  Arbeitsgelegenheit  so  genau  festzustellen,
  um  mit  einiger  Sicherheit  zu  schätzen,  wie  viele  unter  den  Antrag
Nißler  fallen.  Die  Antwort  der  übrigen  Bundesstaaten  lautete  im  großen
und  ganzen  beinahe  wörtlich  ebenso.

In  der  Besprechung  erklären  Redner  aller  Parteien,  daß  endlich
etwas  für  die  Veteranen  geschehen  müsse.

11.  Februar.  (Württemberg.)  Die  Zweite  Kammer  genehmigt
  mit  55  gegen  25  Stimmen  die  Novelle  zum  Volksschulgesetz.

Hiernach  wird  die  geistliche  Ortsschulaufsicht  beibehalten,  über  die
Bezirksaufsicht,  die  bisher  von  Geistlichen  im  Nebenamt  versehen  worden
war,  wird  bestimmt:  Die  Bezirksschulaufsicht  wird  in  der  Regel  als  Hauptamt
  ausgeübt.  Als  Bezirksschulaufseher  im  Hauptamt  werden  Schulmänner
        <pb n="51" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  11.  12.)  43

oder  Geistliche,  welche  der  Konfession  der  ihnen  untergebenen  Schullehrer
angehören,  angestellt.  Zum  Bezirksschulaufseher  kann  von  der  Oberschulbehörde
  auch  ein  Geistlicher  derjenigen  christlichen  Konfession,  welcher  die
ihm  untergebenen  Schullehrer  angehören,  in  widerruflicher  Eigenschaft  bestellt
  werden.  —  Als  Oberschulbehörde  soll  für  die  evangelischen  Volksschulen
  statt  des  Konsistoriums  ein  evangelischer  Oberschulrat  gebildet  werden.
Für  die  katholischen  Volksschulen  verbleibt  der  katholische  Kirchenrat  die
Oberaufsichtsbehörde  mit  der  Bezeichnung  „Katholischer  Oberschulrat“.  Die
Leitung  des  Religionsunterrichtes  in  den  Volksschulen  einschließlich  der
Bestimmung  der  Katechismen  und  Religionshandbücher  und  insbesondere
die  Visitation  des  Unterrichts  unbeschadet  des  dem  Staate  zustehenden
Oberaufsichtsrechtes  wird  den  Oberkirchenbehörden  übertragen.

Das  Zentrum  lehnt  die  Vorlage  wegen  der  Bestimmungen  über  die
Bezirksaufsicht  ab,  die  Sozialdemokraten  wegen  der  Bestimmungen  über
den  Religionsunterricht.

11.  Februar.  (Sachsen.)  Trennung  der  Ehe  des  Kronprinzenpaares.
  (Vgl.  1902  S.  183.)

Es  wird  folgendes  Urteil  veröffentlicht:  Die  Ehe  der  Parteien  wird
wegen  Ehebruchs  der  Beklagten,  begangen  mit  dem  Sprachlehrer  Giron,
dem  Bande  nach  getrennt.  Der  Beklagten  werden  als  der  allein  Schuldigen
  die  Kosten  des  Verfahrens  auferlegt.

12.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Debatte
über  die  Gerichtsferien.  (Vgl.  1902  S.  106.)

Abg.  Hirsch-Essen  (nl.)  interpelliert  die  Regierung  über  die  Abschaffung
  der  Gerichtsferien,  die  besonders  im  Interesse  der  Industrie  zu
erstreben  sei.  Justizminister  Schönstedt:  Er  stehe  einer  Beseitigung  der
Gerichtsferien  ablehnend  gegenüber.  Auf  seine  Anfrage  hin  hätten  sich
sämtliche  Oberlandesgerichte  und  Anwaltskammern  gegen  die  Aufhebung
der  Gerichtsferien  ausgesprochen,  weil  die  Vorteile  durch  die  Nachteile  weit
überwogen  würden.  Die  Gerichtsferien  beständen  in  allen  Kulturländern,
auch  in  Oesterreich,  wo  sie  sogar  erst  auf  Betreiben  der  Volksvertretung
eingeführt  worden  seien.  Allerdings  seien  sie  ursprünglich  im  Interesse
der  Landwirtschaft  eingeführt  worden,  die  gerade  während  der  Erntezeit
das  Bedürfnis  der  Ruhe  habe,  aber  auch  für  alle  anderen  Kreise  der  Bevölkerung
  bestehe  das  lebhafteste  Bedürfnis  nach  einer  Zeit  der  Ruhe  im
Hochsommer.  Mit  dem  zunehmenden  Wohlstande,  der  fortschreitenden  Entwickelung
  des  Verkehrs  werde  sich  dieses  Bedürfnis  immer  noch  verstärken
und  in  weitere  Kreise  verbreiten.  Die  meisten  Richter  seien  wirtschaftlich
nicht  in  der  Lage,  etwa  im  Winter  nach  dem  Süden  zu  gehen.  Es  würden
doch  fast  alle  für  dieselben  Monate,  nämlich  die  der  Reisezeit  im  Hochsommer,
  ihren  Urlaub  nachsuchen.  Die  Besorgung  von  Vertretern  der
Richter  würde  ja  Sorge  der  Gerichte  sein,  aber  die  Vertretung  selbst  brächte
die  schwerwiegendsten  Uebelstände  mit  sich,  Verschleppungen  der  Prozesse,
weil  der  betreffende  Richter  sich  erst  einarbeiten  müsse,  wechselnde  Auffassung
  der  Rechtslage  u.  s.  w.  Jeder  häufige  Wechsel  des  Richters  schädige
das  Ansehen  der  Rechtsprechung.  Als  Mißstand  erkenne  er  an,  daß  oftmals
  eilige  und  klare  Sachen  auch  unter  die  schwierigen  Sachen  aufgenommen
  würden.  Er  habe  darüber  Erhebungen  eingeleitet  und  werde
seinerzeit  an  die  entsprechenden  Anregungen  herantreten.  Eine  wesentliche
Erleichterung  und  Verbesserung  würde  sich  in  vielen  Fällen  dadurch  erreichen
  lassen,  daß  wenigstens  ein  erster  Termin  abgehalten  würde,  um  zu
einem  vorläufig  vollstreckbaren  Urteile  zu  kommen.  Er  wolle  ferner  bei
        <pb n="52" />
        44  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  13.—16.)

den  Gerichten  anregen,  mehr  Prozesse  als  bisher  für  Feriensachen  zu  erklären,
  jedoch  sei  er  hier  auf  den  guten  Willen  der  Gerichte  angewiesen.
Was  er  aber  aus  eigener  Macht  tun  könne,  sei  die  Vermehrung  der  Zahl
der  Ferienkammern,  und  das  wolle  er  tun.  Er  erkenne  an,  daß  der  Kreis
der  Feriensachen  der  Erweiterung  bedürftig  sei,  und  er  werde  versuchen,
diesem  Bedürfnisse  abzuhelfen.

13.  Februar.  (Karlsruhe.)  Staatsminister  a.  D.  Dr.  Nokk,
bis  1901  Präsident  des  badischen  Staatsministeriums,  70  Jahre
alt,  †.

Mitte  Februar.  Angriffe  auf  den  Botschafter  in  Washington.

Durch  die  Presse  gehen  Behauptungen,  daß  der  Botschafter  Speck
v.  Sternburg  in  Unterredungen  mit  amerikanischen  Journalisten  geäußert
habe,  die  Anschauung  des  Fürsten  Bismarck,  wonach  deutsche  Gesandte
nicht  mit  Frauen  jenes  Landes  verheiratet  sein  sollten,  in  welchem  sie  das
Deutsche  Reich  vertreten  sollen,  sei  veraltet.  Ferner  habe  er  gesagt,  daß
er  als  Botschafter  nicht  nur  seinem  eigenen  Lande,  sondern  auch  dem
Lande,  bei  dem  er  akkreditiert  sei,  zu  dienen  habe,  daß  Amerikas  Interessen
auch  die  seinigen  seien.  —  In  vielen  Blättern  wird  er  deshalb  scharf  getadelt
  und  verspottet.

15.  Februar.  (Preußen.)  Bischof  Korum  von  Trier  läßt
in  den  Kirchen  Triers  folgenden  Erlaß  über  die  konfessionslosen
Schulen  verlesen:

Die  heiligste  Pflicht  der  Eltern  ist  die  gute  Erziehung  ihrer  Kinder.
Die  Religion  muß  aber  die  Grundlage  der  Erziehung  bilden.  Nach  wiederholten
  Entscheidungen  der  Kirche  ist  es  katholischen  Eltern  nicht  erlaubt,
ihre  Kinder  in  nichtkatholische  oder  konfessionslose  Schulen  zu  schicken,  besonders
  wenn  an  demselben  Orte  katholische  Schulen  vorhanden  sind.
Dieser  Grundsatz  gilt  auch  für  Trier  und  für  die  hiesige  konfessionslose
höhere  Töchterschule  und  kann  nicht  abgeändert  werden.  Daher  erklären
die  Pfarrer  der  Stadt  Trier  im  Anschluß  an  den  Erlaß  des  hochwürdigsten
Herrn  Bischofs:  Wenn  katholische  Eltern  ihre  Kinder  ohne  die  wichtigsten
von  der  Kirche  anerkannten  Gründe,  welche  für  schulpflichtige  Kinder  höchst
selten  gelten  können,  und  ohne  die  notwendigen  Vorsichtsmaßregeln  dieser
Schule  überweisen,  so  versündigen  sie  sich  schwer  und  können  im  Sakramente
der  Buße  nicht  losgesprochen  werden.  Demnach  bitten  und  beschwören  die
Pfarrer  der  Stadt  Trier  die  katholischen  Eltern,  dieser  ihrer  heiligen  Pflicht
und  ihrer  Verantwortung  vor  Gott  doch  eingedenk  zu  sein.

Der  Erlaß  wird  in  protestantischen  Kreisen  scharf  angegriffen.

16.  Februar.  (Reichstag.)  Der  Reichskanzler  legt  folgende
Denkschrift  über  die  Venezuelafrage  vor:

Nachdem  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  von  Venezuela  die
in  den  Ultimaten  des  deutschen  und  des  britischen  Vertreters  in  Caracas
aufgestellten  Forderungen  abgelehnt  hatte,  ist  zur  Durchsetzung  dieser  Forderungen
  von  den  Seestreitkräften  Deutschlands  und  Großbritanniens  die
Blockade  über  venezolanische  Häfen  verhängt  worden.  An  dieser  Blockade
hat  sich  auch  Italien  beteiligt,  das  ähnliche  Ansprüche  gegen  Venezuela
erhoben  hatte.  Auf  Wunsch  der  venezolanischen  Regierung  haben  darauf
zur  Beilegung  dieser  Streitigkeiten  in  Washington  Verhandlungen  zwischen
Vertretern  der  drei  beteiligten  Mächte  und  Venezuela  stattgefunden,  die
        <pb n="53" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  18.  —21.)  45

gestern  durch  Zeichnung  eines  deutschen,  eines  englischen  und  eines  italienischen
  Protokolls  zum  Abschluß  gelangt  sind.  Nach  dem  in  Abdruck  angeschlossenen
  deutschen  Protokolle  hat  die  venezolanische  Regierung  sämtliche
von  Deutschland  erhobenen  Forderungen  als  berechtigt  anerkannt.  Die
nach  dem  Ultimatum  in  erster  Linie  stehenden  Reklamationen  aus  den
venezolanischen  Bürgerkriegen  von  1898  bis  1900,  die  den  Anlaß  zu  der
Aktion  gegen  Venezuela  gegeben  haben,  werden  von  der  venezolanischen
Regierung  sofort  teils  bar,  teils  in  Wechseln  mit  kurzen  Fristen  bezahlt;
für  die  Einlösung  dieser  Wechsel  ist  besondere  Sicherheit  geleistet.  Die
übrigen  Reklamationen,  die  im  einzelnen  noch  nicht  geprüft  waren,  sollen
einer  gemischten  Kommission  zur  Feststellung  überwiesen  werden;  ein  Mitglied
  der  Kommission  wird  von  der  kaiserlichen  Regierung  ernannt.  Für
die  Bezahlung  dieser  Reklamationen  sind  gleichfalls  entsprechende  Sicherheiten
  bestellt,  die  Frage,  inwieweit  diese  Sicherheiten  ausschließlich  Deutschland,
  Großbritannien  und  Italien  oder  auch  anderen  Mächten  für  ihre
Ansprüche  gegen  Venezuela  zugute  kommen,  soll  in  Ermangelung  anderweitiger
  Vereinbarung  durch  den  ständigen  Schiedshof  im  Haag  entschieden
werden.  Endlich  hat  sich  Venezuela  verpflichtet,  die  zum  größten  Teile
in  deutschem  Handel  befindliche  5  v.  H.  venezolanische  Anleihe  von  1896
zugleich  mit  seiner  gesamten  auswärtigen  Schuld  in  befriedigender  Weise
neu  zu  regeln  und  dadurch  insbesondere  auch  den  Ansprüchen  der  deutschen
Großen  Venezuela-Eisenbahn-Gesellschaft  gerecht  zu  werden.  Die  in  dem
deutschen  Ultimatum  aufgestellten  Forderungen  sind  hiernach  erfüllt.  In
ähnlicher  Weise  sind  auch  Forderungen  Großbritanniens  und  Italiens  erledigt
  worden.  Die  drei  Mächte  werden  daher  unverzüglich  die  von  ihnen
verhängte  Blockade  aufheben  und  die  diplomatischen  Beziehungen  mit  der
venezolanischen  Regierung  wiederherstellen.

18.  Februar.  (Bayern.)  Ministerwechsel.

Staatsminister  Graf  Crailsheim  tritt  zurück;  an  seiner  Stelle
wird  Kultusminister  v.  Podewils  zum  Ministerpräsidenten  und  Minister
des  Königlichen  Hauses  ernannt.  Kultusminister  wird  Ministerialrat  Ritter
v.  Wehner,  der  katholisch  ist  und  für  klerikal  gesinnt  gilt.

Der  Ministerwechsel  wird  durchweg  als  Erfolg  des  Zentrums  aufgefaßt.
  Die  „Kölnische  Volkszeitung“  schreibt:  „Dem  Zentrum  liegt  es
fern,  nun  ein  großes  Jubelgeschrei  anzustimmen.  Es  begnügt  sich  mit  der
Tatsache  der  Beseitigung  eines  Ministers,  dessen  ausschlaggebender  Einfluß
sich  immer  unheilvoller  geltend  machte,  dem  die  Hauptschuld  an  der  immer
auffälligeren  Abschließung  der  Krone  gegen  eine  unmittelbare  Berührung
mit  der  Mehrheitspartei  im  Landtage  beizumessen  ist  und  der  auch  vor
allem  die  föderalistischen  Interessen  Bayerns  nicht  mit  dem  Nachdruck  zu
wahren  wußte,  wie  es  der  Volkswille  und  keineswegs  bloß  eine  einseitige
Liebhaberei  der  Zentrumspartei  verlangt.  Frhr.  v.  Feilitzsch  und  Frhr.
v.  Riedel  klammern  sich  nach  wie  vor  an  ihre  Stühle.  Das  Zentrum  kann
warten.  Beide  haben  das  Schicksal  ihres  Kollegen  reichlich  verdient,  und
die  Abrechnung  wird  ihnen  nicht  erspart  bleiben.“

20.  Februar.  Dem  Reichstage  geht  eine  Novelle  zum
Krankenversicherungsgesetz  zu.  —  Die  erste  Lesung  wird  am  27.  Februar
  beendet.

21.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Erste
Beratung  des  Gesetzentwurfs  betr.  die  Bildung  eines  Ausgleichsfonds
  für  die  Eisenbahnverwaltung.
        <pb n="54" />
        46  as  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  21.)

Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben:  Die  Einnahmen  des  Eisenbahnetats
  betrugen  mehr  als  die  Hälfte  der  Gesamteinnahmen,  1902
1406  Millionen  Mark.  Dementsprechend  konnten  die  Staatseisenbahnen
einen  erheblichen  Beitrag  zur  Deckung  der  allgemeinen  Staatsausgaben
leisten.  Dieser  Beitrag  betrug  1900  171  Millionen  Mark,  1901  185  Millionen
  Mark  und  1902  157  Millionen  Mark,  1903  nur  110  Millionen  Mark.
Die  Staatsfinanzen  können  nach  der  Entwickelung,  die  sie  genommen  haben,
auf  diesen  Beitrag  nicht  verzichten.  Wenn  diese  Mittel  nicht  zur  Verfügung
  gestanden  hätten,  so  hätten  wir  in  den  letzten  Jahren  die  Kulturaufgaben
  lange  nicht  in  dem  Maße  fördern  können,  wie  wir  es  erfreulicherweise
  getan  haben.  Sonst  wären  wir  vor  die  Notwendigkeit  einer
Verdoppelung  der  Einkommensteuer  gestellt.  Es  ist  nun  aber  auf  der
anderen  Seite  durchaus  berechtigt,  Fürsorge  zu  treffen,  um  der  Eisenbahnverwaltung
  zu  geben,  was  sie  nötig  hat,  um  ihre  große  wirtschaftliche
Aufgabe  zu  erfüllen.  Hierzu  gehört  eine  gewisse  Stabilität,  denn  nur  bei
der  Gleichmäßigkeit  ihrer  Entwickelung  kann  sie  ihre  Aufgabe  lösen.  Um
nicht  die  Eisenbahnverwaltung  fortgesetzten  Schwankungen  auszusetzen,  ist
man  in  den  letzten  Jahren  dazu  übergegangen,  das  Extraordinarium  der
Eisenbahnverwaltung  höher  zu  dotieren,  als  es  früher  der  Fall  war.  Dies
hing  von  dem  zufälligen  Umstand  ab,  ob  gerade  das  letzte  Jahr  einen
Rechnungsüberschuß  ergeben  hat.  War  ein  Rechnungsüberschuß  da,  dann
stand  auch  der  Dispositionsfonds  der  Eisenbahnverwaltung  zur  Verfügung,
und  so  hat  die  Eisenbahnverwaltung  weder  für  1902  noch  für  1903  einen
Dispositionsfonds  zur  Verfügung.  Nachdem  dies  hohe  Haus  aber  wiederholt
  die  Zweckmäßigkeit  des  Fonds  anerkannt  hat,  glaube  ich,  daß  es  uns
auch  zustimmen  wird,  wenn  wir  jetzt  einen  Weg  gehen,  den  jede  Betriebsgesellschaft
  geht,  indem  sie  in  guten  Jahren  einen  Reservefonds  zurücklegt.
Aus  diesem  Fonds  sollen  nicht  nur  die  angeforderten  30  Millionen  Mark,
sondern  auch  das  Extraordinarium  der  Eisenbahnen  auf  einer  angemessenen
Höhe  gehalten  werden.  Dieser  Dispositionsfonds  wird  also  einerseits  der
Eisenbahnverwaltung  die  Stabilität  der  Entwickelung  gewährleisten,  sie  ist
aber  auf  der  anderen  Seite  auch  von  hohem  Werte  für  die  Finanzverwaltung.
  Die  steten  Schwankungen  in  der  Höhe  der  Zuschüsse  der  Eisenbahnverwaltung
  ergeben  ein  falsches  Bild  für  die  gesamte  Finanzlage  des
Staates.  Für  das  nächste  Jahr  müssen  wir  mit  einem  Defizit  von
72  Millionen  Mark  rechnen.  Dies  wird  vermieden  werden,  wenn  wir  in
den  fetten  Jahren  etwas  zurücklegen  für  die  mageren  Jahre.  Diesem
Gesichtspunkt  entspricht  der  §  3a  der  Vorlage.  Der  Hauptvorteil  ist  aber
ein  indirekter:  Wird  ein  solcher  Ausgleichfonds  geschaffen,  so  hat  die  Eisenbahnverwaltung
  das  größte  Interesse  ihrerseits,  die  Einnahmen  bescheiden
zu  schätzen  und  die  ganze  Wirtschaftsführung  vom  finanziellen  Gesichtspunkte
  einzurichten,  um  möglichst  Mehrerträgnisse  zu  erzielen.

Abg.  Dr.  Am  Zehnhoff  (Z.):  Ein  Teil  des  Zentrums  lehne  die
Vorlage  ab.  Es  sei  zu  fürchten,  daß  durch  die  Vorlage  das  Budgetrecht
allzusehr  eingeschränkt  wird,  und  zweitens  sei  es  richtiger  und  einfacher,
daß  auf  dem  bisher  eingeschlagenen  Weg  fortgeschritten  wird,  alte  Schulden
zu  decken,  schon  um  eine  Sparsamkeitspolitik  zu  veranlassen.  Die  Berechtigung
  der  vom  Finanzminister  vorgeschlagenen  Verbesserung  sei  durchaus
anzuerkennen,  aber  man  sollte  das  Gesetz  von  den  Fesseln,  die  ihm  anhaften,
  befreien,  man  sollte  sich  nicht  gesetzlich  beschränken  nur  auf  Verbesserungen;
  diese  30  Millionen  Mark  sollten  auch  angegriffen  werden
können,  wenn  nur  eine  Vergrößerung  des  Betriebs  in  Frage  kommt.  Abg.
Richter  (fr.  Vp.)  ist  gegen  die  Vorlage.  Warum  solle  der  Ausgleichsfonds
  nur  auf  die  Defizits  angewendet  werden,  die  durch  die  Eisenbahn-
        <pb n="55" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  22.  23./24.)  47

verwaltung  entstehen,  und  nicht  auch  zur  Deckung  des  Defizits  im  Rechnungsjahre
  überhaupt?  Der  Entwurf  beschränkt  die  Rechte  des  Hauses,
beeinträchtigt  die  Uebersicht  und  fördert  eine  Finanzgebarung,  die  ich  nicht
vereinbar  halte  mit  dem  Staatsinteresse.  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten
Budde:  Der  Fonds  solle  keineswegs  eine  Abtrennung  der  Eisenbahnverwaltung
  von  der  Finanzverwaltung  vorbereiten.  —  Die  Vorlage  wird
an  die  Budgetkommission  verwiesen,  nachdem  sie  noch  mehrere  Redner  der
Rechten  und  Nationalliberalen  günstig  beurteilt  haben.

22.  Februar.  (Württemberg.)  Herzog  Nikolaus  von  Württemberg,
  der  letzte  protestantische  Agnat,  70  Jahre  alt,  †.

23./24.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Eisenbahnetat.
  Tarifreform.  Grundsätze  Buddes.  Beamtendisziplin  und
Koalitionsfreiheit.

Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  Budde  stellt  als  seinen  Grundsatz
  für  die  Aufstellung  des  Etats  hin:  kein  Optimismus  bei  der  Einnahmeschätzung,
  vorsichtige  Veranschlagung  der  Ausgaben.  Ich  bin  nicht  prophetisch
  genug  veranlagt,  um  jetzt  schon  sagen  zu  können,  wie  groß  der
Rückgang  für  1902  sein  wird;  in  den  zehn  Monaten,  deren  Ergebnis  uns
bekannt  ist,  ist  es  erheblich  besser  geworden.  Die  Einnahmen  dieser  zehn
Monate  sind  27,7  Millionen  Mark  höher,  als  die  Isteinnahmen  für  1901.
Ich  bin  so  glücklich,  Ihnen  auch  ankündigen  zu  können,  daß  die  Ausgaben
niedriger  geworden  sind,  so  daß  die  Zahlen,  die  der  Finanzminister  Mitte
Januar  angab,  sich  um  einige  Millionen  bessern.  Allerdings  fällt  in  diese
Zeit  die  schwere  wirtschaftliche  Krisis,  andererseits  hatten  wir  aber  auch
Mehreinnahmen  durch  die  Düsseldorfer  Ausstellung  und  die  Streiks  in
Frankreich.  Wir  hoffen  aber  für  1903  auf  eine  ähnliche  Steigerung.
Eine  Tarifreform,  die  vielfach  gewünscht  werde,  sei  bei  der  finanziellen
und  wirtschaftlichen  Lage  augenblicklich  nicht  möglich,  werde  aber  für  die
Zukunft  erstrebt.  Sparsamkeit  sei  an  manchen  Stellen  zu  üben,  so  könne
das  Schreibwerk  vermindert  werden.  Die  Betriebssicherheit  muß  erhöht
  werden,  vollkommene  Sicherheit  gibt  es  ja  nicht,  aber  was  erreicht
werden  kann,  wird  erreicht  werden.  Je  schneller  und  schwerer  unsere  Züge
werden,  desto  weniger  reicht  unser  leichter  Oberbau  aus.  19  330  Kilometer
  müssen  mit  schwerem  Material  versehen  werden.  Das  geht  nicht
von  heute  auf  morgen,  aber  ein  Programm  muß  da  sein.  Die  9900  Kilometer
  Schnellzugsstrecken  werden  in  fünf  Jahren  umgewechselt.  Bis  jetzt
sind  bereits  so  viele  Erneuerungen  gemacht  worden,  daß  noch  etwa  5000
Kilometer  übrig  bleiben.  Eine  Untersuchung  hat  ergeben,  daß  die  Klagen
nicht  unberechtigt  sind,  daß  die  Gangart  unserer  Wagen  nicht  so  gut  ist
wie  die  ausländischer.  Ich  hoffe,  daß  dem  durch  den  schweren  Oberbau
abgeholfen  wird..  Ein  Beamtenheer  von  365 000  Köpfen  bedarf  einer
guten  Organisation.  Alle  Umsturzbestrebungen  müssen  vermieden  werden.
(Beifall.)  Meine  Vergangenheit  bürgt  dafür,  daß  ich  alles  ausmerzen
werde,  was  dem  nicht  folgen  wolle.  (Lebhafter  Beifall.)  Wer  sich  agitatorisch
  an  der  sozialdemokratischen  Propaganda  beteiligt  (Ahal!  links),
wird  als  Arbeiter  sofort  entlassen  (Beifall  rechts),  wenn  er  den  Treueid
geschworen  hat,  wird  er  im  Disziplinarwege  beseitigt.  Das  ist  das  Testament,
  das  ich  von  meinem  Amtsvorgänger  übernommen  habe  und  das  ich
halten  werde.  (Beifall.)  Diese  Frage  ist  um  so  ernster,  als  wir  in  einem
Nachbarlande  die  überaus  traurigen  Folgen  gesehen  haben,  wenn  nicht  die
nötige  Energie  obwaltet.  (Beifall.)  Es  besteht  zwar  ein  hamburgischer
Verein  unter  sozialdemokratischer  Leitung,  der  sich  bemüht,  in  unsere
        <pb n="56" />
        48  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  23./24.)

Arbeiterschichten  hereinzukommen  und  sich  rühmt,  eine  große  Anzahl  Mitglieder
  zu  zählen.  Aber  gerade  dieses  Rühmen  macht  mißtrauisch;  ich
glaube  nicht,  daß  die  Zahlen  richtig  sind.  Es  gibt  auch  andere  Vereine,
die  wiederholt  betont  haben,  daß  sie  königstreu  sind,  die  mit  Petitionen
und  Bittschriften  kommen  und  Unterstützung  bei  der  Erziehung  der  Kinder,
Fürsorge  für  Wohnungen  u.  s.  w.  wünschen.  Allen  diesen  Wünschen  stehen
wir  mit  offenem  Herzen  gegenüber  und  werden  das  unsere  tun.  Ich  bin
bereit,  Tag  und  Nacht  für  meine  Beamten  zu  arbeiten,  aber  die  Beamten
müssen  Disziplin  im  Leibe  haben.  (Beifall.)  Wir  müssen,  wenn  wir  das
fordern,  aber  auch  für  unsere  Beamten  sorgen.  Das  haben  wir,  soweit
es  möglich  war,  getan.  Es  sind  3000  neue  Beamtenstellen  geschaffen,
tausend  Stellen  niederer  Ordnung  in  solche  höherer  Ordnung  umgewandelt,
den  Wünschen  der  Diätare  ist  weiter  entgegengekommen,  die  Dienstdauer
und  die  Ruhepausen  sind  anderweitig  geregelt.  Ich  werde  aber  dem
„Sozialpolitischen  Verein“  nicht  gestatten,  Sendboten  in  die  Betriebe  zu
entsenden,  ich  habe  für  diese  Zwecke  deshalb  eine  eigene  Kommission  gebildet.
  Ich  bin  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  und  will  deshalb,
daß  eine  Prüfung  aller  Schäden  in  größter  Oeffentlichkeit  erfolgt.

Abg.  Macco  (nl.)  billigt  im  allgemeinen  die  Ausführungen  des
Ministers,  empfiehlt  aber,  jede  Beschwerde  der  Beamten  genau  zu  prüfen
und  Mißständen  abzuhelfen;  nur  so  sei  treue  Pflichterfüllung  von  ihnen
zu  verlangen.  Die  Tarifsätze  für  Rohstoffe  müßten  im  Interesse  der  Industrie
  möglichst  niedrig  angesetzt  werden.  Die  technischen  Beamten  müßten
eine  bessere  Stellung  in  der  Verwaltung  erhalten  als  bisher.  Abg.  Frhr.
v.  Erffa  (kons.)  ist  erfreut,  daß  der  Minister  Experimente  mit  der  Tarifreform
  nicht  machen  will  und  rät  von  jeder  Herabsetzung  der  Personentarife
  ab.  Abg.  Oeser  (fr.  Vp.)  protestiert  gegen  die  Aeußerung  des
Ministers  über  die  Beamten,  die  eine  Verkürzung  des  Beamtenwahlrechts
und  der  Koalitionsfreiheit  in  Aussicht  stellten.  Gleiches  Recht  müsse  für
alle  gelten.  Minister  Budde:  Ich  habe  niemand  an  seine  politische  Ueberzeugung
  gehen  wollen;  das  habe  ich  nicht  getan.  (Sehr  richtig!  rechts.)
Ich  habe  nur  gesagt,  daß  jemand,  der  Eisenbahner  ist  und  unter  den
Eisenbahnern  die  Theorien  einer  Umsturzpartei  predigen  und  betätigen  und
dafür  Propaganda  machen  will,  nicht  unter  die  Eisenbahner  gehört,  und
das  wiederhole  ich.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Jeder  kann  in  seinem  Herzen
denken  und  tun,  was  er  will.  Ich  frage  als  Minister  der  öffentlichen
Arbeiten  nicht  nach  Stand  und  Gesinnung,  nicht,  ob  jemand  Heide  oder
Christ  ist;  davon  bin  ich  vollständig  frei.  Aber  im  Dienst  der  Eisenbahn
kann  ich  nur  Leute  brauchen,  die  den  Treueid  leisten  und  nicht  brechen.
Ich  kann  nur  Arbeiter  brauchen,  die  so  zusammen  arbeiten,  wie  Eisenbahner
  zusammen  arbeiten  müssen.  Die  politische  Gesinnung  spielt  dabei
keine  Rolle.  Auch  ich  unterschreibe  das  Wort:  Gleiches  Recht  für  alle!
Denn  daraus  ergibt  sich,  daß  ich  diejenigen,  die  die  Ordnung  stören,  hinaussetzen
  muß.  Das  ist  ein  Hausrecht;  das  ist  gleiches  Recht  für  alle.  Wenn
ich  die  große  Mehrheit  des  Hauses  hinter  mir  habe,  die  sagt,  daß  man
denjenigen  hinaussetzen  müsse,  der  in  schleichender,  heimlicher  Weise  allmählich
  die  Disziplin  untergräbt,  dann  sage  ich:  diejenigen,  die  verlangen,
daß  ich  ein  solches  Treiben  dulde,  sollen  nicht  gleiches  Recht  haben.  Ich
beschränke  auch  nicht  die  Koalitionsfreiheit.  Ich  weiß  gar  nicht,  wieviel
Vereine  es  gibt  —  es  gibt  auch  ungefähr  32  Fachzeitungen.  Niemandem
ist  der  Mund  verschlossen.  Aber  wer  Umsturz  treibt,  handelt  gegen  das
öffentliche  Recht.  Und  hier  handelt  es  sich  um  eine  öffentliche  Rechtsfrage,
die  durchgeführt  werden  muß.  Hier  heißt  es:  wer  soll  Herr  im  Haus  sein?
Die  Umsturzpartei,  die  Sozialdemokraten,  die  das  Ganze  unterwühlen
        <pb n="57" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  23./24.)  49

wollen  und  den  eigenen  Dienst  unmöglich  machen,  wie  wir  es  ja  in  einem
Nachbarlande  sehen,  oder  ich,  der  Staatsminister?  Solange  ich  hier  bin,
will  ich  Herr  bleiben.  Ich  sage  jedem  Eisenbahner,  er  solle  hingehen,  wo
er  mit  diesen  Umsturzideen  arbeiten  kann,  ich  nehme  ihm  das  nicht  übel
und  bin  ihm  nicht  böse.  Ich  wiederhole:  ich  habe  niemandes  politische
Gesinnung  angegriffen,  sondern  nur  mein  Hausrecht  mir  vorbehalten  zum
Wohle  des  Vaterlandes  und  des  öffentlichen  Bedürfnisses.  (Beifall  rechts.)

Abg.  Gamp  (fr.kons.)  wünscht  Vereinfachung  der  Gütertarife,  eine
Vereinheitlichung  der  Personentarife  sei  nicht  angebracht.  Zuschläge  für
Schnellzüge  müßten  erhalten  bleiben.

Am  folgenden  Tage  greift  Abg.  Krieger  (fr.  Vg.)  den  Minister
wegen  seiner  Bedrohung  des  Koalitionsrechtes  an.  Kein  preußischer  Minister
  kann  sich  über  das  Gesetz  hinwegsetzen.  Das  ist  kein  besonderes
Verdienst,  sondern  Ihre  verfluchte  Pflicht  und  Schuldigkeit,  wenn  Sie  keinen
Unterschied  zwischen  der  politischen  Parteistellung  machen!  Es  handelt  sich
um  die  Frage,  ob  den  Eisenbahnarbeitern  verboten  ist,  sich  Vereinen  anzuschließen,
  die  sich  die  Erzielung  besserer  Lohnbedingungen  zur  Aufgabe
machen,  die  in  irgend  einer  Verbindung  mit  den  Gewerkschaften  stehen.
Bis  jetzt  muß  ich  annehmen,  daß  solche  Verbote  bestehen,  und  dieses  Verbot
  ist  gegen  das  Koalitionsrecht  der  Arbeiter.  Der  Grund  für  solche
Ausnahmebestimmungen  ist  die  allgemeine  Sozialistenfurcht,  die  heute
herrscht.  Das  Verständnis  für  die  Sozialdemokratie  ist  eben  an  jenen
Stellen  noch  nicht  aufgegangen,  wenn  sie  glauben,  man  könne  damit  die
Sozialdemokratie  bekämpfen.  Zuckerbrot  und  Peitsche  ist  auch  das  Rezept,
das  aus  den  Worten  des  Ministers  herausklang.  Mit  solchen  Mitteln
stärkt  man  die  Sozialdemokratie  und  züchtet  Sozialdemokraten.  Man  hat
das  Koalitionsrecht  den  Arbeitern  genommen  und  ihnen  dafür  Eisenbahnervereine
  gegeben,  die  unter  der  Führung  von  höheren  Beamten  stehen.
Ist  es  da  verwunderlich,  daß  die  Arbeiter  Mißtrauen  gegen  alle  diese
Eisenbahnarbeitervereine  haben?  Ich  sehe  dem  Vorwurf,  ich  besorge  die
Geschäfte  der  Sozialdemokratie,  mit  Ruhe  und  Gelassenheit  entgegen.  Ich
bin  der  Ansicht,  die  beste  Kampfeswaffe  gegen  die  Sozialdemokratie  ist  der
Kampf  für  das  Recht  der  Arbeiter.  (Beifall  links.)

Minister  Budde:  Ich  protestiere  auf  das  lebhafteste  dagegen,  daß
ich  die  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter  irgendwie  angetastet  habe  oder  antasten
  werde.  (Lebhafte  Zustimmung.)  Ich  protestiere  auf  das  lebhafteste,
daß  ich  irgend  ein  Gesetz  verletzen  werde.  Das  steht  hier  gar  nicht  in
Frage,  sondern  in  Frage  steht:  Wer  soll  die  Macht  haben,  den  Eisenbahnbetrieb
  zu  führen  oder  stillstehen  zu  lassen?  Ich  protestiere  ferner  dagegen,
daß  ich  irgend  jemand  bei  der  Abgabe  seiner  Stimme  Vorschriften  mache;
die  Eisenbahnangestellten  können  wählen,  wen  sie  wollen,  auch  Sozialdemokraten;
  dagegen  habe  ich  gar  nichts.  Ich  glaube  aber,  der  Vorredner
würde  mir  solche  Vorwürfe  nicht  gemacht  haben,  wenn  er  die  Situation
genau  kennte.  Die  Sozialdemokratie  ist  die  Partei  des  Umsturzes  und  ich
werde  Ihnen  zeigen,  daß  die  Sozialdemokratie  sich  tatsächlich  damit  beschäftigt,
  unsern  Betriebsdienst  zu  untergraben.  In  jedem  Arbeitsvertrage
findet  sich  folgende  Vorschrift:  „Auch  außerhalb  des  Dienstes  hat  der
Arbeiter  sich  achtbar  und  ehrenhaft  zu  führen  und  sich  von  der  Teilnahme
an  ordnungsfeindlichen  Bestrebungen  und  Vereinen  fern  zu  halten.  Jeder
Arbeiter  soll  den  Nutzen  der  Staatseisenbahnverwaltung  nach  Kräften  zu
fördern  bestrebt  sein,  insbesondere  auch  um  die  Abwehr  von  Gefahren  und
Nachteilen  beim  Betriebe  bemüht  sein.“  Also  die  Arbeiter  verpflichten  sich
hierdurch,  sich  an  ordnungsfeindlichen  Bestrebungen  nicht  zu  beteiligen.
Nun  ist  in  Hamburg  ein  Verband  gegründet  worden,  der  unter  sozial-Europäischer

  Geschichtskalender.  IL..  4
        <pb n="58" />
        50  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  23./24.)

demokratischer  Leitung  steht,  und  die  ganze  Verfügung,  die  ich  gestern
mitgeteilt  habe,  bezieht  sich  bis  jetzt  lediglich  auf  diesen  Verband.  Die
Teilnahme  daran  ist  verboten,  und  wer  sich  doch  daran  beteiligt  und  Unordnung
  und  Unzufriedenheit  unter  die  Arbeiter  bringt,  wird  entlassen.
In  dem  Organ  dieses  Verbandes,  dem  „Weckruf“,  heißt  es:  „Die  Lage  der
Eisenbahnarbeiter  wird  um  kein  Jota  besser  werden  dadurch,  daß  ein
General  Minister  wurde,  solange  der  Arbeiter  nicht  die  ökonomische  Macht
in  Händen  hat,  dieselbe  Macht,  die,  in  anderen  Händen  konzentriert,  ihn
selbst  in  Fesseln  legt.“  Da  ist  doch  klar  ausgesprochen,  daß  es  sich  um
eine  Machtfrage  handelt.  (Sehr  richtig!)  Weiter  heißt  es:  „Wir  wollen
nur  Männer  haben,  die  gewillt  sind,  in  den  Kampf  einzutreten,  wir  können
keine  Memmen  und  keine  alten  Weiber  brauchen;  jeder  Kampf  fordert
Opfer.“  Verlangen  Sie,  daß  ich  keine  Energie  zeige,  wenn  die  Leute  sagen,
sie  wollen  gegen  mich  kämpfen?  Weiter  wird  in  dem  „Weckruf“  gesagt,
daß  die  Sozialdemokratie  die  einzige  Partei  ist,  die  für  die  Arbeiter  eintritt,
  und  daß  alle  anderen  Parteien,  also  auch  Sie,  meine  Herren  von
der  Linken,  nur  ein  heuchlerisches  Spiel  mit  den  Arbeitern  treiben.  (Hört,
hörtI!)  Sie  ersehen  aus  diesem  Zitat,  daß  der  Verband  der  Eisenbahner
mir  und  der  ganzen  Organisation  den  Krieg  erklärt.  Nun  frage  ich:  Was
steht  höher?  Das  öffentliche  Recht  oder  das  Privatrecht,  das  vermeintliche
oder  wirkliche  Recht  des  einzelnen?  Ich  gebe  gern  zu,  daß  der  einzelne
danach  streben  muß,  mehr  Lohn  zu  bekommen.  Ich  bin  der  erste,  der  mit
dafür  eintritt,  und  wenn  mir  ein  Abgeordneter  sagt:  das  ist  deine  verfluchte
  Pflicht  und  Schuldigkeit,  so  reiche  ich  ihm  die  Hand  und  sage:  damit
  stimme  ich  überein.  Aber  die  verfluchte  Pflicht  und  Schuldigkeit  der
Arbeiter  ist  es,  sich  in  die  große  Organisation  einzufügen.  Ich  kann  nichts
besseres  tun,  als  wenn  ich  meinen  Betrieb  vor  derartigen  Strömungen
schütze.  (Lebhafter  Beifall.)  Wie  die  mir  unterstellten  Beamten  denken,
dafür  nur  ein  Beispiel.  Der  „Weckruf“  behauptete,  daß  zahlreiche  Lokomotivführer
  dem  Verband  angehören.  Demgegenüber  schreibt  das  Organ
der  Lokomotivführer,  die  „Deutsche  Eisenbahnzeitung“:  „Die  Behauptung,
es  gehören  dem  sozialdemokratischen  Verband  Lokomotivführer  an,  ist  eine
unverschämte  und  dreiste  Verleumdung.  Gerade  das  Lokomotivpersonal
hat  dem  Verband  so  oft  ins  Gesicht  gespuckt,  daß  es  eigentlich  wundernehmen
  muß,  wie  er  so  abgebrüht  sein  kann,  immer  wieder  an  die  Lokomotivführer
  heranzugehen.“  Natürlich  wird  heute  abend  wieder  geschrieben
werden,  daß  das  in  meinem  Ministerium  abgefaßt  ist.  Das  ist  aber  nicht
so.  Gegen  Unwahrheiten  kann  ich  natürlich  nicht  ankämpfen.  (Zustimmung.)
Ich  habe  hier  eine  ganze  Mappe  voll  Ergebenheitsadressen  von  Eisenbahnarbeitern.
  (Zuruf  links:  Darauf  ist  nichts  zu  geben!)  Ja,  wenn  das
alles  nichts  ist,  was  soll  denn  was  sein?  (Sehr  richtig!)  Beweisen  Sie
mir  doch,  daß  das  alles  falsch  ist.  Ich  werde  Ihnen  die  Namen  geben,
dann  können  Sie  fragen,  ob  die  Betreffenden  einem  Zwange  unterlegen
haben.  Wenn  etwas  in  der  Verwaltung  geschieht,  was  gegen  die  Arbeiter
ist,  so  bin  ich  der  erste,  der  auf  der  Bresche  steht  und  für  die  Arbeiter
kämpft.  Ich  halte  es  für  unsere  höchste  Aufgabe,  auf  diese  Weise  die
soziale  Frage  zu  lösen.  Es  wird  mir  in  der  Presse  vorgeworfen,  ich  hätte
die  Arbeiter  mit  Soldaten  verglichen.  Ja,  insofern  habe  ich  sie  mit  Soldaten
  verglichen,  als  sie  dieselbe  Fürsorge  haben,  deren  sich  die  Soldaten
seitens  ihrer  Vorgesetzten  erfreuen,  aber  nicht  in  bezug  auf  das  Wahlrecht.
Soldaten  dürfen  ja  gar  nicht  wählen.  Die  Eisenbahnarbeiter  können  wählen,
wen  sie  wollen;  aber  sie  dürfen  nicht  dem  Hamburger  Verbande  beitreten,
der  den  Kampf  gegen  die  Eisenbahnverwaltung  führt.  Wohin  es  führt,
wenn  wir  uns  die  Augen  verbinden  und  alles  gehen  lassen,  bloß  weil
        <pb n="59" />
        Das  Dentsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  24.—28.)  51

man  sagt,  das  ist  wieder  eine  Beschränkung  der  Koalitionsfreiheit;  das
sehen  Sie  ja  in  anderen  Ländern.  (Sehr  richtig!)  Nein,  das  ist  keine
Beschränkung  der  Koalitionsfreiheit.  Die  politische  Gesinnung  des  einzelnen
  ist  mir  ganz  gleich,  aber  ich  werde  Energie  entwickeln  zur  Erhaltung
der  Ordnung  und  der  Disziplin  innerhalb  der  Staatseisenbahnverwaltung.
(Lebhafter  Beifall.)

Abg.  Sattler  (nl.)  und  Abg.  Kirsch  (Z.)  stimmen  dem  Minister
  zu.

24.  Februar.  (Reichstag.)  Die  Budgetkommission  lehnt
die  Errichtung  einer  besonderen  militär-technischen  Hochschule  ab
und  empfiehlt  der  Reichsregierung,  mit  dem  preußischen  Kultusminsterium
  wegen  Erweiterung  der  technischen  Hochschule  in  Charlottenburg
  in  Verbindung  zu  treten.

25.  Februar.  (Berlin.)  Es  wird  ein  Bund  der  Kaufleute
nach  dem  Muster  des  Bundes  der  Landwirte  gegründet.  Über
200  000  Mitglieder  treten  ihm  sogleich  bei.

26.  Februar.  (Berlin.)  Im  Reichsamt  des  Innern  beginnen
  Besprechungen  von  Beamten  und  Vertretern  der  wichtigsten
industriellen  Organisationen  über  Kartelle.  —  Sie  werden  am
26.  März  und  13.  Mai  fortgesetzt.  Die  Verhandlungen  werden
zum  Teil  im  „Reichs-Anzeiger“  veröffentlicht.

27.  Februar.  (Reichstag.)  In  der  Budgetkommission  erwidert
  Kriegsminister  v.  Goßler  auf  eine  Anfrage,  ob  man  nach
dem  Muster  des  Auslandes  Rohrrücklaufgeschütze  beschaffen  wolle,
die  Frage  werde  erwogen,  sei  aber  noch  nicht  dringend.

27.  Februar.  (Preußen.)  Der  Oberpräsident  von  Posen,
v.  Bitter,  tritt  zurück.  Der  Abschied  wird  von  der  Presse  mit  dem
Fall  Löhning  (S.  36;  1902  S.  132)  und  dem  Fall  Willich  (S.  37)
in  Verbindung  gebracht.  Sein  Nachfolger  wird  der  Königsberger
Regierungspräsident  v.  Waldow.

27.  Februar.  (Hessen.)  Anträge  auf  Errichtung  parteipolitischer
  Professuren  der  Nationalökonomie.

Die  Zweite  Kammer  verweist  einen  von  der  Mehrheit  der  Kammer
unterzeichneten  Antrag  Köhler  (Antif.),  die  Regierung  zu  ersuchen,  neben
dem  bestehenden  Lehrstuhl  für  Nationalökonomie  in  Gießen  auch  einen
solchen  für  Agrarwissenschaften  zu  errichten,  sowie  einen  Antrag  der  Sozialdemokraten,
  das  Ersuchen  auf  Berufung  eines  Professors  sozialistischer
Richtung  auszudehnen,  an  einen  Ausschuß.  —  Staatsminister  Rothe  lehnt
die  Anträge  ab,  da  sie  die  Lehrfreiheit  beschränkten;  für  die  Regierung  sei
allein  wissenschaftliche  Tüchtigkeit  maßgebend.

27.  Februar.  Der  Reichstag  verweist  nach  kurzer  Beratung
die  Novelle  zum  Krankenversicherungsgesetz  an  eine  Kommission.

28.  Februar.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Inter-4*
        <pb n="60" />
        52  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)

pellationen  über  Flußregulierungen  und  Kanalbauten.  Erklärungen

Buddes.

Abg.  v.  Arnim  (kons.)  bringt  folgende  Interpellation  ein:  „Beabsichtigt
  die  königliche  Staatsregierung  im  Haushaltsetat  für  1904  Mittel
in  angemessener  Höhe  zur  nachhaltigen  Beseitigung  dringender  Notstände
in  den  Stromgebieten,  namentlich  der  unteren  Oder,  Spree,  Havel  und
Elbe,  zu  fordern?“

Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  Budde:  Die  kgl.  Staatsregierung
erkennt  das  Vorhandensein  eines  Notstandes  in  den  Gebieten  der  unteren
Oder,  der  Spree  und  der  Havel  nach  wie  vor  völlig  an.  Zur  Beseitigung
dieser  Mißstände  in  den  erwähnten  Stromgebieten,  insbesondere  zur  Verhinderung
  der  Hochwassergefahr,  zur  Förderung  anderer  Landeskulturinteressen,
  darunter  zur  Verbesserung  von  Schiffbarkeit  der  Flüsse  und  zur
Erhaltung  des  Stromlaufes  sind  von  der  Staatsregierung  bereits,  leider
aber  vergeblich,  die  erforderlichen  Mittel  in  dem  Jahre  1901  gefordert
worden.  Der  Wunsch  der  Interpellanten,  die  bestehenden  Notstände  tunlichst
  bald  beseitigt  zu  sehen,  wird  von  der  königlichen  Staatsregierung
durchaus  geteilt,  und  wir  hoffen  mit  den  Interpellanten,  daß  es  möglich
sein  wird,  für  das  Jahr  1904  entsprechende  Mittel  zur  Verfügung  stellen
zu  können.  Für  die  Unterelbe  war  in  der  wasserwirtschaftlichen  Vorlage
von  1901  eine  Forderung  nicht  enthalten.  Das  zur  Beseitigung  der  dort
bestehenden  Notstände  dringend  wünschenswerte  Projekt  ist  von  der  Regierung
  aufgestellt,  wird  aber,  da  es  gründlicher  Prüfung  bedarf  und  über
die  Zustimmung  der  Interessenten  verhandelt  werden  muß,  gesondert  zu
behandeln  sein.  (Beifall  rechts.)

In  der  Debatte  erwarten  die  Redner  der  Linken,  daß  die  Regierung
  eine  neue  Kanalvorlage  einbringe,  während  die  Konservativen  verlangen,
  daß  die  Flußregulierungen  ohne  Rücksicht  auf  neue  Kanäle  erfolgen
  sollen.

Abg.  Beumer  (nl.)  bringt  folgende  Interpellation  ein:  „Sind  die
Vorarbeiten  für  den  Bau  eines  Schiffahrtkanals  vom  Rhein  zum  Dortmund
  -  Ems-Kanal  durch  das  Emschertal  (als  Teilstrecke  des  Rhein—
Weser—Elbe-Kanals)  soweit  abgeschlossen,  daß  die  zu  wählende  Linienführung
  endgültig  feststeht?  —  Ist  die  königliche  Staatsregierung  für  diesen
Fall  bereit,  um  eine  abermalige,  die  wirtschaftlichen  Interessen  des  dortigen
  Industriegebiets  schädigende  Verschiebung  dieser  Linie  zu  vermeiden,
alsbald  und  wenn  möglich  noch  in  dieser  Tagung  mit  einer  Kreditforderung
  an  den  Landtag  heranzutreten,  um  den  Grunderwerb  für  die  projektierte
  Linie  zu  sichern?“

Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  Budde:  Es  ist  bekannt,  daß  die
königliche  Staatsregierung  die  Ausführung  eines  Kanals  von  Dortmund
nach  dem  Rhein  durch  das  Emscher  Tal  als  Teilglied  eines  Rhein  —
Weser—Elbe-Kanals  für  notwendig  erachtet.  Ich  erkläre  namens  der
königlichen  Staatsregierung,  daß  sie  nach  wie  vor  an  dieser  Auffassung
endgültig  festhält.  (Beifall.)  Was  die  besondere  Frage  der  Interpellanten
anbetrifft,  ob  die  Vorarbeiten  für  diesen  Kanal  soweit  abgeschlossen  sind,
daß  die  Wahl  der  Linien  endgültig  feststeht,  so  muß  ich  mitteilen,  daß
diese  Feststellung  bis  heute  noch  nicht  hat  erfolgen  können,  denn  in  dem
in  Frage  stehenden  Gelände  schreitet  die  Bebauung  mit  großer  Schnelligkeit
  fort.  Es  sind  in  der  ursprünglich  geplanten  Trace  neuerdings  angelegt
  worden  ein  Hochofenwerk,  mehrere  Arbeiterkolonien  für  die  Zechen
und  viele  einzelne  Häuser.  Daher  habe  ich  eine  erneute  Prüfung  der
Linienführung  angeordnet,  die  zurzeit  noch  nicht  abgeschlossen  werden  konnte.
        <pb n="61" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  Ende.  März  2.)  53

Hiermit  erledigt  sich  der  zweite  Absatz  der  Frage  von  selbst,  indem  die
Regierung,  da  eine  Linienführung  nicht  feststeht,  auch  mit  dem  Grunderwerb
  bei  dem  Dortmund—Rhein-Ems-Kanal  nicht  vorgehen  konnte.

Ende  Februar.  (Sachsen.)  Die  Konservativen,  Nationalliberalen
  und  der  Bund  der  Landwirte  beschließen,  bei  den  Reichstagswahlen
  gemeinsam  vorzugehen.

Ende  Februar.  (Preußen.)  In  den  höheren  Verwaltungsämtern
  finden  mehrfache  Verschiebungen  statt,  die  von  der  Presse
im  allgemeinen  als  Schwächung  des  konservativen  Elements  charakterisiert
  werden.

1.  März.  (Sachsen.)  Die  Konservativen,  Nationalliberalen,
die  Reformpartei  und  der  Bund  der  Landwirte  einigen  sich  zu  gemeinsamem
  Vorgehen  bei  den  Reichstagswahlen.

März.  In  allen  Teilen  Deutschlands  finden  zahlreiche  Versammlungen
  statt,  die  lebhaft  gegen  die  Aufhebung  des  §  2  des
Jesuitengesetzes  protestieren.  (Vgl.  Preußische  Jahrbücher,  Bd.  112
S.  184.)  Der  preußische  Oberkirchenrat  spricht  sich  ebenfalls  dagegen
  aus.  Die  Zentrumspresse  fordert  fortgesetzt  die  Aufhebung.

1.  März.  (Berlin.)  Diskussion  über  die  Versicherung  der

Privatangestellten.

Eine  Konferenz  von  18  Verbänden  der  Privatangestellten  stellt  folgende
  Thesen  auf,  über  die  sie  sich  in  einer  späteren  Zusammenkunft  endgültig
  schlüssig  machen  wird.  1.  Es  ist  die  Schaffung  einer  besonderen
Kasseneinrichtung  für  die  Privatangestellten  gemäß  §  10  des  Invalidenversicherungsgesetzes
  erforderlich.  Dieselbe  hat  für  die  von  ihr  gewährten
Alters-  und  Invalidenrenten,  soweit  sie  sich  im  Rahmen  der  gesetzlichen
Bestimmungen  halten,  den  Reichszuschuß  in  Anspruch  zu  nehmen  (§  8
Abs.  2  JVG.),  richtet  indessen  daneben  eigene  Gehaltsklassen  mit  erhöhten
Leistungen  und  Renten  ein.  2.  Diese  Gehaltsklassen  sollen  sich  auf  alle
Privatangestellten  ohne  Unterschied  der  Gehaltshöhe  erstrecken  und  Alters-,
Invaliden-,  Witwen-  und  Waisenrenten  gewähren.  3.  Die  Einzahlungen
sollen  im  Verhältnis  zu  den  Gehaltsbezügen  stehen  Die  Prämien  sind
von  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  zu  gleichen  Teilen  zu  entrichten.
4.  Das  Recht  der  Selbstversicherung  in  den  höchsten  Gehaltsklassen  sowie
das  der  Weiterversicherung  für  selbständig  werdende  Angestellte  muß  dem
Versicherten  gewahrt  bleiben.  5.  Das  Heilverfahren  der  Landesversicherungsanstalten
  hat  die  Pensionsanstalt  für  Privatangestellte  ebenfalls  auszuüben.
6.  Angestellte,  die  bei  einer  vom  Reichsaufsichtsamt  für  die  privaten  Versicherungen
  zugelassenen  Kasse  versichert  sind,  sind  von  der  Zugehörigkeit
zur  staatlichen  Pensionsanstalt  für  Privatangestellte  befreit,  sofern  jene  Kasse
die  Mindestleistungen  der  staatlichen  Anstalt  erfüllt.

2.  März.  (Preußen.)  Der  Kronprinz  und  Prinz  Eitel
Friedrich  treten  eine  Orientreise  an.  Sie  besuchen  Egypten,  Palästina,
  Kleinasien,  Konstantinopel.
        <pb n="62" />
        54  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  2.)

Anfang  März.  Zentrum  und  Polen  in  Westfalen.

Der  Bochumer  „Wiarus  Polski“  stellt  für  ein  Wahlbündns  zwischen
Zentrum  und  Polen  Forderungen  auf,  die  die  „Kölnische  Volkszeitung“
folgendermaßen  zusammenfaßt:  1.  Das  Zentrum  garantiert  den  Polen
ständige  Seelsorge  in  polnischer  Sprache;  2.  das  Zentrum  sorgt  dafür,
daß  im  Posenschen  die  deutschen  Katholiken  für  die  polnischen  Kandidaten
eintreten;  3.  in  Oberschlesien  verzichtet  das  Zentrum  auf  eigene  Kandidaturen
  und  unterstützt  die  Kandidaten  des  polnischen  Wahlkomitees;  4.  das
Zentrum  verpflichtet  sich,  die  Polen  im  Kampfe  gegen  die  ihnen  feindliche
Politik  energisch  und  nicht  nur  mit  Redensarten  zu  unterstützen.  —  Die
„Kölnische  Volkszeitung“  erklärt  dieses  Programm  für  undiskutabel.

2.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Interpellation
  über  den  Erlaß  des  Bischofs  von  Trier  (S.  44).  Erklärung
  Bülows.  

Die  nationalliberale  Partei  bringt  folgende  Interpellation  ein:  „Hat
die  königliche  Staatsregierung  Kenntnis  davon  genommen,  daß  die  katholische
  Geistlichkeit  in  Trier  im  Anschluß  an  einen  Erlaß  des  dortigen
Bischofs  von  der  Kanzel  eine  Erklärung  verlesen  hat,  welche  katholische
Eltern,  deren  Kinder  die  staatliche  höhere  Töchterschule  in  Trier  besuchen,
mit  kirchlichen  Zuchtmitteln  bedroht?  In  welcher  Weise  beabsichtigt  sie
die  staatliche  Autorität  auf  dem  Gebiete  des  Schulwesens  diesen  geistlichen
Uebergriffen  gegenüber  zu  wahren?“  

Abg.  Hackenberg  (nl.)  begründet  die  Interpellation  und  bezeichnet
den  Erlaß  als  eine  starke  Herausforderung  des  Staates;  er  beruhe  auf  der
Anschauung  der  katholischen  Kirche  von  der  Schule,  die  auf  Zerstörung  der
paritätischen  Schulen  ausgehe.

Ministerpräsident  Graf  Bülow:  Ich  muß  zunächst  meinem  tiefen
Bedauern  Ausdruck  geben  über  die  Art  und  Weise,  wie  der  Bischof  von
Trier  durch  sein  Vorgehen  den  konfessionellen  Frieden  gefährdet  hat,  den
aufrecht  zu  erhalten  bis  jetzt  erfolgreiches  Bestreben  der  Staatsregierung
gewesen  war.  Mein  Bedauern  ist  um  so  lebhafter,  als  bis  zu  diesem
plötzlichen  Vorstoß  des  Bischofs  von  Trier  derselbe  weder  mir  noch  dem
Kultusminister  gegenüber  wegen  der  Trierer  Schuldverhältnisse  irgendwelche
Schritte  getan  hat.  Auch  daran  möchte  ich  erinnern,  daß  meines  Wissens
weder  im  Plenum  noch  in  der  Kommission  über  das  Lehrerinnenseminar
und  die  staatliche  Mädchenschule  in  Trier  Ausstellungen  erhoben  wurden.
Die  diesbezüglichen  Etatstitel  sind  immer  anstandslos  bewilligt  worden.
Das  Vorgehen  des  Bischofs  ist  um  so  auffälliger,  als  auch  ihm  bekannt
sein  mußte,  daß  ich  es  als  meine  Pflicht  betrachte,  Gerechtigkeit  zu  üben
gegenüber  den  Angehörigen  beider  Konfessionen  ohne  Kleinlichkeit  oder
Engherzigkeit  in  der  einen  oder  anderen  Richtung.  Der  Bischof  von  Trier
konnte  nach  meiner  ganzen  politischen  Vergangenheit  nicht  in  Zweifel  sein,
wie  aufrichtig  ich  bemüht  bin,  berechtigte  Klagen  unserer  katholischen  Mitbürger
  wirksam  abzustellen.  Der  konfessionelle  Zwiespalt,  welcher  durch
das  deutsche  Volk  geht,  nötigt  uns,  uns  ineinander  zu  schicken  und  uns
miteinander  einzurichten.  Das  ist  nur  möglich  auf  dem  Boden  eines  praktischen
  modus  vivendi,  auf  dem  Boden  der  Tatsachen,  denn  Prinzipien
sind  unversöhnlich;  prinzipielle  Grundsätze  mögen  und  sollen  ausgefochten
werden  auf  geistigem  Gebiete  mit  geistigen  Waffen,  aber  in  der  Praxis
müssen  wir  miteinander  auszukommen  suchen.  Wenn  auf  einer  Seite  der
Bischof  von  Trier,  und  auf  der  anderen  Seite  der  Begründer  der  Interpellation
  die  Führung  übernommen  hat,  so  müssen  wir  uns  wieder  im
        <pb n="63" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  Anfang.)  55

Kulturkampf  befinden.  Wir  können  uns  nicht  so  verhalten,  als  wenn  es
nur  Protestanten  oder  nur  Katholiken  in  Deutschland  gebe,  sondern  es
muß  Gerechtigkeit  geübt  werden  von  seiten  der  Staatsregierung  durch
objektive  Geschäftsführung,  von  seiten  der  Konfessionen  durch  Achtung  der
Rechte  und  Würde  des  Staates.  Das  hat  leider  der  Bischof  von  Trier
außer  acht  gelassen,  als  er  die  schwerwiegende  Prinzipienfrage  aufwarf,
ohne  vorher  zu  versuchen,  mit  den  staatlichen  Behörden  sich  ins  Einvernehmen
  zu  setzen,  und  als  er  hierfür  die  ungewöhnliche  und  schroffe  Form
wählte,  welche  das  Zustandekommen  einer  Verständigung  ungemein  erschweren
  mußte.  Aus  den  Zeiten  des  Kulturkampfes  sind  noch  unausgeglichene
  Inkongruenzen  übrig  geblieben  und  es  ist  bekannt  gewesen,  daß
in  der  Diözese  Trier  solche  Inkongruenzen  in  besonderem  Maße  vorhanden
seien.  Soweit  Mängel  an  der  Trier  Schule  vorhanden  sind,  ist  es  Pflicht
des  Staates,  sie  zu  beseitigen,  vor  allem  aber  müssen  wir  erwarten,  daß
der  Bischof  sein  Publikandum  rückgängig  macht.  Der  Bischof  hat  durch
seine  Abreise  im  Augenblicke  der  Veröffentlichung  des  Publikandums  uns
leider  die  Möglichkeit  genommen,  die  Angelegenheit  mit  ihm  direkt  zu
erörtern,  dafür  habe  ich  unsern  päpstlichen  Gesandten  im  Vatikan  angewiesen,
  die  Aufmerksamkeit  der  Kurie  auf  die  Bedeutung  des  Falles  zu
lenken.  Ich  will  hoffen,  daß  die  Kurie  mit  uns  dafür  sorgen  wird,  daß
der  bedauerliche  Zwischenfall  ohne  weitere  schädliche  Folgen  für  die  Beziehungen
  zwischen  Staat,  Kirche  und  Allgemeinheit  bleiben  wird.
Kultusminister  Dr.  Studt  widerlegt  die  vom  Bischof  erhobenen
Anklagen  gegen  die  Trierer  Schulen.  Der  Unterricht  würde  nicht  ausschließlich
  von  evangelischen  Lehrern  erteilt  und  eine  Zurücksetzung  von
Schülerinnen  aus  katholischen  Schulen  bei  der  Aufnahmeprüfung  zum
Seminar  habe  nicht  stattgefunden.  Von  der  katholischen  Presse  sei  Anstoß
genommen  worden,  daß  Seminarschülerinnen  ein  Aufsatz  über  das  Zusammentrefen
  zwischen  Odysseus  und  Nausikaa  aufgegeben  worden  sei:  er
könne  den  Mangel  an  Unbefangenheit  in  einer  solchen  Auffassung  nur
beklagen.  Abg.  Dittrich  (Z.):  Es  sei  kein  Kampf  um  die  Staatsschule
geplant.  Es  besteht  ein  Kampf  um  die  Schule;  er  richtet  sich  aber  nicht
gegen  die  Herrschaft  des  Staates,  sondern  gegen  den  Geist  in  der  Schule.
Der  Bischof  habe  den  Staat  nicht  provoziert  sondern  nur  die  paritätische
Schule  angegriffen,    die  dem  katholischen  Ideal  nicht  entspräche.  Abg.  Graf
Limburg-Stirum  (kons.):  Wir  stehen  grundsätzlich  auf  dem  Boden  der
konfessionellen  Schule,  wir  sind  aber  der  Meinung,  daß  dabei  auch  die
Allgemeinheit  nicht  außer  acht  gelassen  werden  darf  und  daß  die  Volksschulen
  einerseits  und  Mittel-  und  höhere  Schulen  anderseits  nicht  ganz
mit  demselben  Maße  gemessen  werden  können,  weil  der  Besuch  der  Volksschule
  obligatorisch  ist  und  der  religiöse  und  konfessionelle  Gedanke  naturgemäß
  mehr  betont  werden  muß.  Von  diesem  Standpunkt  aus  bedauern
wir  das  Verhalten  der  katholischen  Geistlichen  in  Trier,  und  wir  erwarten,
daß  die  Staatsbehörden  die  staatlichen  Interessen  in  vollem  Umfange  wahrnehmen
  werden.  Die  Abgg.  Frhr.  v.  Zedlitz  (fr.kons.),  Müller-Sagan
(fr.  Vp.)  und  Barth  (fr.  Vg.)  tadeln  den  Bischof  scharf  als  Friedensstörer.
Abg.  Roeren  (Z.)  verteidigt  den  Bischof;  den  Staat  treffe  die  Schuld  an
dem  Zwischenfalle,  denn  er  habe  die  Mißstände  25  Jahre  lang  bestehen  lassen.

Anfang  März.  Verbreitung  der  Wurmkrankheit  unter  den

Bergleuten.

Der  allgemeine  Knappschaftsverein  in  Essen  versendet  an  sämtliche
Grubenverwaltungen  des  Ruhrbezirks  Material  über  die  Ausdehnung  der
Wurmkrankheit  mit  der  gleichzeitigen  Aufforderung,  nur  solche  Leute  noch
        <pb n="64" />
        56  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  5.—9./13.)

als  Arbeiter  aufzunehmen,  die  absolut  sicher  nachweisen  können,  daß  sie
bisher  nicht  wurmkrank  gewesen  sind.  Das  gesamte  Zentrum  des  Ruhrbeckens
  von  Gelsenkirchen  bis  Dortmund  sowie  vom  Emscherfluß  bis  an
die  von  Dortmund  nach  Essen  führende  Eisenbahnlinie  ist  von  der  Seuche
erfaßt,  die  ständig  weitere  Fortschritte  macht.  Diese  werden  durch  die
Berieselung  der  Gruben  sehr  gefördert;  indessen  lehnt  die  Bergpolizeibehörde
  die  geforderte  vorläufige  Einstellung  der  Berieselung  unter  dem
Hinweis  darauf  ab,  daß  diese  Einrichtung  die  wesentlichste  technische  Errungenschaft
  der  Neuzeit  sei,  um  Einzel-  sowie  Massenunfälle  zu  verhüten.

5.  März.  Im  Reichstage  werden  beim  Justizetat  mehrere
Fälle  von  willkürlichen  Verhaftungen  durch  die  Polizei  besprochen
und  scharf  getadelt.  Abg.  Heine  (Soz.)  fordert  Einführung  der
Entschädigungspflicht  des  Staates  in  solchen  Fällen.

6.  März.  (Reichstag.)  Etat.  Debatte  über  die  Straßburger
  katholisch-theologische  Fakultät  (1902  S.  266).

Abg.  Sattler  (nl.)  bedauert,  daß  man  die  Fakultät  mittelst  eines
Vertrags  mit  der  Kurie  anstatt  durch  staatliche  Machtvollkommenheit  eingerichtet
  habe.  Der  Inhalt  bedeute  ein  weiteres  Zurückweichen  der  Staatsgewalt
  vor  der  römischen  Hierarchie,  weil  dem  Bischof  die  Macht  gegeben
werde,  mißliebige  Professoren  zu  entsetzen.  Das  fortgesetzte  Zurückweichen
des  Staates  habe  eine  stille  innere  Wut  innerhalb  der  evangelischen  Bevölkerung
  erzeugt.  Geh.  Rat  Halley:  Die  Behauptung  von  der  Niederlage
  des  Staates  sei  eine  hohle  Phrase.  Die  Errichtung  der  katholischtheologischen
  Fakultät  ist  die  wichtigste  und  durchschlagendste  Neuerung,
die  die  Universität  seit  ihrer  Begründung  erlebt  hat.  Sie  sollte  dem
paritätischen  Charakter  der  Universität  vollständig  gerecht  werden.  Sie
sollte  die  Universität  tatsächlich  zu  einer  universitas  literarum  machen,
was  sie  bis  dahin  noch  nicht  war,  solange  ihr  die  katholisch-theologische
Fakultät  fehlte.  Sie  sollte  endlich,  was  die  Studierenden  der  katholischen
Theologie  anlangt,  diese  in  innigere  Beziehungen  mit  dem  deutschen  wissenschaftlichen
  Leben  bringen,  als  die  jetzigen  bischöflichen  Seminare  mit  ihrer
Abgeschlossenheit  es  vermochten.  Uebrigens  hat  kein  geringerer  als  Fürst
Bismarck  bei  Begründung  der  Universität  Straßburg  1871  den  Gedanken
ausgesprochen,  daß  Straßburg  auch  auf  diesem  Gebiete  einen  durchaus
paritätischen  Charakter  erhalten  sollte.  Um  das  zu  erreichen,  konnten  wir
unmöglich  autonom  an  die  Errichtung  einer  katholisch-theologischen  Fakultät
herangehen.  Wir  waren  gezwungen,  uns  mit  der  römischen  Kurie  ins
Einvernehmen  zu  setzen,  und  es  ist  dabei  ein  Abkommen  zu  stande  gekommen,
  das  der  Reichskanzler  mit  Recht  als  ein  für  beide  Teile  gutes
Abkommen  bezeichnet  hat.

7./20.  März.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  berät
den  Kultusetat.  In  der  Debatte  werden  namentlich  Ordensfragen
und  die  Konfessionalität  der  Schüler  erörtert.

9./13.  März.  (Reichstag.)  Zweite  Beratung  des  Militäretats.


Am  9.  März  kritisiert  Abg.  Bebel  (Soz.)  die  Verwendung  von
Kavalleriemassen  im  letzten  Kaisermanöver  als  unkriegsgemäß.  Kriegsminister
  v.  Goßler:  Durch  diese  Kavalleriemanöver  solle  die  Möglichkeit,
große  Massen  auf  Einen  Punkt  zu  versammeln,  erprobt  werden.  —  Am
        <pb n="65" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  9.—12.)  57

folgenden  Tage  bezeichnet  Abg.  Zubeil  (Soz.)  die  Lohnverhältnisse  und
die  soziale  Fürsorge  in  den  Spandauer  Werkstätten  als  ungenügend.
General  v.  Einem:  Es  würden  Stücklöhne  von  3,80—7  Mark  gezahlt;
die  Arbeiter  seien  zufrieden  wie  10 000  neue  Anmeldungen  bewiesen.  —
Abg.  Müller-Meiningen  (fr.  Vp.)  kritisiert  lebhaft  die  Kleidung,  die  zu
wenig  kriegsmäßig  sei,  insbesondere  die  zahlreichen  Abzeichen  und  Auszeichnungen.


9.  März.  (Trier.)  Folgender  Erlaß  wird  von  den  Kanzeln
verlesen  (vgl.  S.  54):

Gemäß  den  Erklärungen  der  Minister  im  Abgeordnetenhause  und
weiteren  Mitteilungen  hat  die  kgl.  Staatsregierung  die  Absicht,  den  Wünschen
  der  Katholiken  in  der  hiesigen  Schulfrage  gerecht  zu  werden.  Deshalb
  hat  der  Bischof  in  Uebereinstimmung  mit  dem  Heiligen  Vater  angeordnet,
  daß  unsere  Kanzelpublikation  wegen  veränderter  Umstände  als
nicht  geschehen  zu  betrachten  sei.

11.  März.  (Berlin.)  Vereidigung  des  Erzbischofs  von
Köln.  Rede  des  Kaisers.

Der  Erzbischof  Fischer  von  Köln  legt  den  Eid  in  die  Hände  des
Kaisers  ab  und  hält  nach  der  Eidesleistung  eine  Ansprache,  in  der  es
heißt:  .  Ich  verehre  Ew.  Majestät  in  tiefster  Seele  als  den  erhabenen
Herrscher,  dem  das  Wohl  aller  seiner  Untertanen,  auch  —  ich  freue  mich,
es  hier  aussprechen  zu  können  —  seiner  katholischen  Untertanen  am  Herzen
liegt.  Ich  verehre  in  Ew.  Majestät  den  mächtigen,  tatkräftigen  Fürsten,
der  in  einer  Zeit,  wo  vielfach  Unglaube  und  Gottlosigkeit  sich  brüstet  und
an  den  Fundamenten  des  christlichen  Volkslebens  rüttelt,  vor  aller  Welt
keinen  Hehl  macht  aus  seiner  christlichen  Ueberzeugung,  vielmehr  bei  den
verschiedensten  Gelegenheiten  seinen  demütigen  Glauben  an  die  Majestät
Jesu  Christi,  als  des  menschgewordenen  Gottessohnes  und  Erlösers  der
Menschheit,  kundgegeben  hat.

Der  Kaiser  antwortet:  Ich  habe  Mich  bewogen  gefunden,  Sie,
hochwürdiger  Herr,  bei  Antritt  Ihres  Amtes  persönlich  zu  empfangen  und
das  eidliche  Gelöbnis  der  Treue,  welches  Sie  soeben  abgelegt  haben,  selbst
entgegenzunehmen.  Als  nach  dem  allzu  frühen,  auch  von  Mir  tief  beklagten
  Hinscheiden  des  Erzbischofs  Dr.  Simar  die  Wahl  des  Metropolitankapitels
  Sie  auf  den  erzbischöflichen  Stuhl  zu  Köln  berief,  habe  Ich  zu
Ihrer  Erwählung  gern  Meine  Genehmhaltung  aussprechen  lassen.  Seit
mehr  als  14  Jahren  dem  Metropolitankapitel  angehörig,  sind  Sie,  namentlich
  durch  Ihre  Wirksamkeit  als  Weihbischof,  den  Aufgaben  des  Sie  jetzt
erwartenden  weiten  und  schwierigen  Arbeitsfeldes  näher  getreten.  Ihre
reiche  Erfahrung  wird  Ihnen  die  Führung  des  neuen  Amtes  erleichtern.
Und  Ihre  Pflichttreue,  sowie  die  Beweise  patriotischer  Gesinnung  aus  Ihrer
früheren  Tätigkeit  sind  Mir  Gewähr,  daß  sie  auf  dem  erzbischöflichen  Stuhle
zu  Köln  als  guter  Hirte  der  Ihnen  anvertrauten  Seelen,  dem  Mir  soeben
abgelegten  Gelübde  getreu,  in  den  Gemütern  der  Geistlichen  und  Gemeinden
den  Geist  der  Ehrfurcht  und  Treue  gegen  Mich  und  Mein  Haus,  die  Liebe
zum  Vaterlande  und  den  Gehorsam  gegen  die  von  Gott  geordnete  Obrigkeit,
  sowie  die  Eintracht  unter  den  Bewohnern  des  Landes  pflegen  und
nähren  werden.  In  dieser  Erwartung  erteile  Ich  Ihnen  Meine  landesherrliche
  Anerkennung  und  wünsche  Ihnen,  hochwürdiger  Herr,  zu  der
Verwaltung  Ihres  erzbischöflichen  Amtes  Gottes  reichsten  Segen.

12.  März.  (Reichstag.)  Die  Budgetkommission  kritisiert
        <pb n="66" />
        58  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  13.—  Mitte.)

scharf  die  Etatsüberschreitungen  beim  Erwerb  des  Truppenübungsplatzes
  für  das  6.  Armeekorps  bei  Neuhammer.  —  Am  18.  März
werden  die  Forderungen  bewilligt.

13.  März.  (Württemberg.)  Die  Zweite  Kammer  verweist
den  Gesetzentwurf,  die  4 prozentigen  Staatsanleihen  (84  Millionen
Mark)  in  3½ prozentige  umzuwandeln  und  eine  Zwangstilgung
einzurichten,  an  eine  Kommission.  Alle  Redner  stimmen  im
Prinzip  zu.

14.  März.  (Reichslande.)  Beim  Landesausschusse  wird

folgender  Antrag  über  die  Revision  der  Verfassung  eingebracht:

Der  Landesausschuß  wolle  beschließen,  die  Regierung  zu  ersuchen,
durch  den  Herrn  Reichskanzler  folgenden  Wunsch  dem  Bundesrat  und  dem
Reichstag  zu  unterbreiten:  Der  elsaß-lothringische  Landesausschuß  spricht
den  Wunsch  aus:  1.  daß  die  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  und  das
Reichsgesetz  betr.  Verfassung  und  Verwaltung  Elsaß-Lothringens  dahin
abgeändert  werde,  daß  der  Reichstag  als  gesetzgeberischer  Faktor  für  Elsaß-Lothringen
  ausgeschaltet  werde;  2.  dementsprechend  dem  Landesausschuß
die  Befugnisse,  die  Stellung  und  den  Namen  eines  Landtags  für  Elsaß-Lothringen
  erteilt  werde;  3.  daß  bei  Beratung  von  elsaß-lothringischen
Angelegenheiten  im  Bundesrat  die  drei  von  dem  Landesherrn  zu  ernennenden
  Vertreter  Elsaß-Lothringens  zur  Abstimmung  berechtigt  seien.

15.  März.  (Bayern.)  Der  Delegiertentag  der  bayerischen
Nationalliberalen  in  Nürnberg  faßt  folgende  Resolution:

Angesichts  der  unmittelbaren  Bedrohung  der  Aufgaben  des  bayerischen
  Verfassungslebens  auf  religiösem  und  kulturellem  Gebiete  durch  eine
skrupellose  Agitation,  die  die  Religion  zur  Magd  engherzigster  Parteipolitik
  herabwürdigt,  und  auf  das  schwerste  das  Land  beunruhigt,  das  auf
das  treue  Zusammenwirken  aller  Kreise  der  Bevölkerung  ohne  Unterschied
der  Konfession  hingewiesen  ist,  —  angesichts  der  Tatsache,  daß  diese  Agitation,
  die  auf  die  Zersetzung  des  Zusammenlebens  zwischen  Angehörigen
verschiedener  Konfessionen  hinarbeitet,  sich  anschickt,  nun  auch  noch  das
gewerbliche  Leben  unter  Anwendung  konfessionellen  Boykotts  zu  vergiften,
ohne  daß  erkennbar  die  dazu  berufenen  Stellen  ein  Wort  des  Einspruches
gefunden  haben,  ist  eine  geschlossene  Abwehr  für  alle  verfassungstreuen  Teile
der  Bevölkerung  Bayerns  unabweisbar  geboten.  Daher  rufen  die  heute
in  Nürnberg  versammelten  Delegierten  der  nationalliberalen  Landespartei
im  diesseitigen  Bayern  ihre  Angehörigen  in  Stadt  und  Land  auf,  sich  zu
rühren  und  zu  wehren.  Daher  fordern  die  Delegierten  die  Gesamtpartei
auf,  neben  dem  steten  Verteidigungskampf  gegen  die  antimonarchischen  und
antinationalen  Bestrebungen  der  Sozialdemokratie  für  die  zurzeit  noch
vordringlicher  gewordene  Abwehr  und  Zurückdämmung  des  übermächtig
gewordenen  Ultramontanismus  mit  aller  Kraft  und  Entschiedenheit  einzutreten;
  insbesondere  bei  den  nächsten  Reichstagswahlen  diesem  Grundsatz
gemäß  zu  handeln  und  speziell  bei  den  Stichwahlen,  wo  nur  immer  einem
Sozialdemokraten  oder  Ultramontanen  ein  nichtultramontaner,  monarchisch
gesinnter  Kandidat  gegenübersteht,  auf  diesen  bis  auf  den  letzten  Mann
ihre  Stimme  zu  vereinigen.

Mitte  März.  Der  Bund  der  Landwirte  stellt  folgende
        <pb n="67" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  Mitte.  17.)  59

handelspolitische  Grundsätze  auf,  von  deren  Anerkennung  die  Unterstützung
  der  Reichstagskandidaten  durch  den  Bund  abhängig  gemacht
  werden  soll:

Der  Bund  der  Landwirte  erwartet  (daher)  von  den  mit  seiner  Unterstützung
  gewählten  Abgeordneten  in  bezug  auf  die  Handelspolitik:  A.  daß
sie  ihren  ganzen  Einfluß  auf  die  Regierung  dahin  geltend  machen  werden,
daß  die  sofortige  Kündigung  der  noch  laufenden  Handelstarifverträge,  ohne
Rücksicht  auf  den  Stand  neuer  Verhandlungen  erfolgt;  B.  daß  sie  neuen
Handelstarifverträgen,  die  eine  Ermäßigung  der  landwirtschaftlichen  Zollsätze
  des  neuen  Generaltarifs  enthalten,  nur  zustimmen  werden,  wenn
a)  vorher  die  Kündigung  der  Meistbegünstigungsverträge  mit  den  Vereinigten
  Staaten  von  Amerika  und  mit  Argentinien  erfolgt  ist;  b)  die
Industriezollsätze  des  neuen  Generaltarifs  bei  der  chemischen  Industrie  und
bei  der  Eisen-  und  Maschinenindustrie  eine  Herabsetzung  erfahren,  durch
welche  die  Parität  zwischen  dem  der  Landwirtschaft  und  Industrie  gewährten
  Schutz  hergestellt  wird;  c)  die  neuen  Handelsverträge  eine  Klausel
enthalten,  die  dem  Deutschen  Reiche  das  Recht  wahrt,  in  bezug  auf  die
Regulierung  des  Getreideimports  besondere  gesetzliche  Maßregeln  zu  treffen;
d)  die  Vieh-  und  Fleischzölle  nicht  unter  diejenigen  Sätze  herabgemindert
werden,  welche  seinerzeit  von  der  Tarifkommission  des  Reichstags  als
Mindestzollsätze  beschlossen  und  neuerdings  in  der  dem  Reichstage  vorgelegten
  Resolution  Herold  verlangt  worden  sind;  e)  der  innerhalb  des

Rahmens  des  neuen  Generaltarifs  überhaupt  noch  mögliche  Schutz  für
tierische  Produkte,  Oelfrüchte,  Gärtnereiprodukte,  Wein,  Obstbau  und  Schälwald
  gewahrt  wird;  f)  die  Verkehrs-  und  Tarifautonomie  des  Deutschen
Reichs  auf  sämtlichen  Verkehrsstraßen  gewahrt  wird.

Mitte  März.  (Sachsen.)  Sozialdemokratie  und  Armut.

Auf  einer  sozialdemokratischen  Landeskonferenz  in  Mittweida  wird
über  die  Erhöhung  der  Beiträge  zum  Wahlfonds  beraten.  Dabei  betont
Delegierter  Hähle-Chemnitz:  Es  sei  zu  bedenken,  daß  von  unseren  Parteigenossen
  den  Leuten  die  Armut  zu  sehr  eingeredet  worden  ist!  Das  bestätigt
  Sindermann-Dresden  als  richtig:  man  hat  den  Leuten  immer  vorgeredet,
  ihr  seid  zu  arm,  bis  sie  es  geglaubt  haben!

(„Tägliche  Rundschau".)

17.  März.  Der  Kaiser  besucht  den  König  von  Sachsen  in
Dresden.

17.  März.  (Sachsen.)  König  Georg  erläßt  folgende  Kundgebung
  über  die  Ehescheidung  des  Kronprinzen:

An  Mein  Volk!  Im  Begriff,  zur  Erholung  nach  langer,  ernster
Krankheit  in  den  Süden  zu  reisen,  drängt  es  Mich,  noch  einmal  allen,  die
gelegentlich  des  schweren  Unglücks,  das  über  Mich  und  Meine  Familie
hereingebrochen  ist,  Mir  herzliche  Beweise  der  Teilnahme  gegeben  hat,  von

ganzem  Herzen  zu  danken.  Mit  diesem  Ausdruck  des  Dankes  verbinde
ch  den  Ausdruck  der  zuversichtlichen  Hoffnung,  daß  die  Unruhe  und  Aufregung,
  welche  infolge  der  betrübenden  Vorgänge  des  vergangenen  Winters
sich  weiterer  Kreise  bemächtigt  hat,  endlich  der  Ruhe  und  dem  früheren
Vertrauen  Platz  machen  wird.  Glaubet  nicht  denen,  die  euch  vorstellen,
daß  hinter  all  dem  Unglück,  das  uns  betroffen  hat,  nur  geheimnisvoller
Lug  und  Trug  verborgen  sei,  sondern  glaubet  dem  Worte  eueres  Königs,
den  ihr  nie  als  unwahr  erkannt  habt,  daß  dem  unendlich  Schmerzlichen,
        <pb n="68" />
        60  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  17.)

das  über  uns  hereingebrochen  ist,  lediglich  die  ungebändigte  Leidenschaft
einer  schon  lange  im  stillen  tief  gefallenen  Frau  zu  Grunde  liegt.  In  der
Ueberzeugung,  daß  Mein  Volk  Mir  vertraut  und  sich  in  Meiner  tiefen
Bekümmernis  immer  mehr  um  Mich  schart,  trete  Ich,  von  zuversichtlicher
Hoffnung  erfüllt,  Meine  Reise  an.  Georg.

In  der  Presse  war  hier  und  da  behauptet  worden,  daß  der  Ehebruch
  der  Kronprinzessin  durch  jesuitische  Einflüsse  hervorgerufen  worden
sei.  Giron  habe  im  Auftrage  der  Jesuiten  die  Kronprinzessin,  die  ihnen
unbequem  gewesen  sei,  verführt.  Gegen  diese  Anschauung,  die  in  den
meisten  protestantischen  Blättern  abgelehnt  worden  ist,  richtet  sich  der  Erlaß,
  der  im  übrigen  meist  ungünstig  kritisiert  wird.

17.  März.  (Reichstag.)  Kommissionsberatung  über  die
ostasiatische  Politik.  Abstrich.

Staatssekretär  Frhr.  v.  Richthofen  bespricht  die  Räumung  von
Schanghai.  Für  die  deutsche  Politik  während  der  chinesischen  Wirren  seien
zwei  Gesichtspunkte  maßgebend  gewesen;  im  Einvernehmen  mit  den  anderen

Mächten  zu  bleiben,  also  keinerlei  Sonderstellung  einzunehmen  und  den
Schutz  der  Reichsangehörigen  und  unserer  wirtschaftlichen  Interessen  nicht
in  geringerem  Maße  wahrzunehmen,  als  die  anderen  Mächte  den  Schutz
ihrer  Interessen.  Infolgedessen  mußten,  nachdem  England,  Frankreich  und
Japan  Besatzungen  nach  Schanghai  gelegt  hatten,  auch  wir  uns  veranlaßt
sehen,  das  Gleiche  zu  tun.  Während  des  Sommers  1902  machte  sich  bei
einzelnen  Mächten  mit  Rücksicht  auf  die  inzwischen  eingetretene  ruhigere
Lage  und  zu  ihrer  finanziellen  Erleichterung  mehr  und  mehr  der  Wunsch
geltend,  Schanghai  wieder  zu  räumen.  Nach  den  Grundsätzen,  daß  wir
eine  Sonderstellung  einnehmen  wollten,  hatten  wir  jener  Anregung  grundsätzlich
  zugestimmt.  Vor  endgültiger  Entschließung  wurde  ein  Gutachten
des  Gesandten  in  Peking  eingeholt,  das  dahin  ging,  die  Zustände  hätten
sich  so  konsolidiert,  daß  ohne  Gefahr  für  unsere  Interessen  die  Aufrechterhaltung
  der  Ordnung  wieder  wie  früher  den  chinesischen  Vizekönigen
überlassen  werden  könne.  Demnächst  suchte  die  deutsche  Politik  gewisse
Kautelen  für  die  Zukunft  dadurch  zu  schaffen,  daß  die  Räumung  gleichmäßig
  und  gleichzeitig  erfolgen  und  daß  im  Falle  einer  Wiederbesetzung
Schanghais  durch  eine  andere  Macht  auch  Deutschland  das  gleiche  Recht
haben  sollte.  Nachdem  hierüber  ein  Einverständnis  erzielt,  auch  eine  ausreichende
  Wahrung  unserer  Interessen  durch  die  Bereitschaft  der  Marine
zu  dauernder  Besetzung  der  chinesischen  Station  sichergestellt  war,  konnten
wir  auch  unser  tatsächliches  Einverständnis  mit  der  Räumung  Schanghais
erklären.  Die  augenblickliche  Lage  ist  die,  daß  auf  chinesischem  Gebiete,
abgesehen  von  Kiautschou,  Weihaiwei  und  der  Mandschurei,  nur  in  Petschili
noch  fremde  Truppen  unterhalten  werden,  die  hauptsächlich  als  Stütze  für
die  Gesandtschaftswachen  in  Peking  dienen.  Die  Zahl  der  fremden  Truppen
beträgt  im  ganzen  7400  Mann,  davon  entfallen  auf  England  1900,  Frankreich
  1800,  Deutschland  1600,  Japan  1050,  Italien  900,  Rußland  850.
Von  den  deutschen  Truppen  stehen  300  in  Peking,  400  in  Tientsin,  der
Rest  an  unseren  anderen  Punkten  Tschilis.  An  Reserven  verfügt  England
über  Truppen  in  Weihaiwei  und  in  Hongkong  und  im  Notfall  über  die
indischen  Truppen;  Frankreich  hat  eine  starke  militärische  Stellung  in
Indochina,  Rußland  in  der  Mandschurei,  Japan  genießt  alle  Vorteile
seiner  nahen  geographischen  Lage.  Demgegenüber  haben  wir  nur  über
1700  Mann  regelmäßige  Besatzung  von  Kiautschou  zu  verfügen;  um  dieses
ungünstige  Verhältnis  einigermaßen  auszugleichen,  sind  von  den  aus  Peschili
zurückgezogenen  Truppen  600  Mann  zur  Verstärkung  in  Kiautschou  zurück-
        <pb n="69" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  18.  19.)  61

behalten  worden.  Hiernach  dürfte  die  regierungsseitige  Zusage  vom  vorigen
Jahre,  einerseits  unsere  politische  und  wirtschaftliche  Stellung  zu  behaupten
und  andererseits  die  Finanzkraft  des  Reiches  möglichst  zu  schonen,  erfüllt
worden  sein.

Auf  Antrag  des  Abg.  Richter  (fr.  Vp.)  werden  von  der  Summe
für  Unterhaltung  des  Kontingents  in  Tschili  (15,3  Millionen  Mark)  drei
Millionen  gestrichen.  Dagegen  stimmen  nur  die  Konservativen.

18.  März.  Der  Reichstag  genehmigt  in  dritter  Beratung
den  Eisenbahnvertrag  mit  Luxemburg.

18.  März.  (Reichstag.)  Die  Budgetkommission  über  die
Errichtung  einer  militärtechnischen  Hochschule.

Die  Kommission  verwirft  eine  Forderung  von  103 000  Mark  für
eine  militärtechnische  Akademie  zur  Weiterbildung  von  Offizieren,  die  auf
technischen  Hochschulen  vorgebildet  worden  sind.  Dagegen  genehmigt  sie
mit  13  gegen  12  Stimmen  einen  Antrag  Müller-Fulda-Groeber,  nach  dem
die  geforderten  103 000  Mark  bewilligt  werden  für  eine  „Akademie  für
militärtechnische  Gegenstände“  zum  Zwecke  der  Ausbildung  der  Offiziere
in  den  militärtechnischen  Fächern,  während  die  Ausbildung  in  den  allgemeinen

  technischen  Fächern  der  technischen  Hochschule  in  Charlottenburg
verbleibt.  Der  Kriegsminister  stimmt  diesem  Antrage  zu.

19.  März.  (Reichstag.)  Etat  des  Auswärtigen  Amts.
Venezuela;  Dreibund;  Orient.  Magyaren  und  Deutsche,  Mitteilung

über  Bismarcks  Politik.

Abg.  Frhr.  v.  Hertling  (Z.)  fragt  den  Reichskanzler,  ob  die  Aktion
gegen  Venezuela  befriedigend  verlaufen  sei.  In  der  öffentlichen  Meinung
halte  man  sie  zum  Teil  für  überflüssig  und  sei  mißtrauisch  gegen  England.
Er  hielte  das  Zusammengehen  mit  England  für  nützlich.  Erfülle  ferner
der  Dreibund  seine  Aufgabe  als  Hort  des  europäischen  Friedens  und  sei
Italien  ein  zuverlässiger  Bundesgenosse,  oder  sei  von  ihm,  wie  Delcassé
am  3.  Juni  angedeutet  habe,  kein  Beistand  gegen  Frankreich  zu  erwarten?
Wie  stelle  sich  ferner  die  Regierung  zu  den  Vorgängen  in  Makedonien  und
könne  Deutschland  als  nicht  direkt  beteiligte  Macht  nicht  seinen  Einfluß  in
Konstantinopel  geltend  machen,  um  die  Wiederholung  der  dort  begangenen
Scheußlichkeiten  zu  verhüten?

Reichskanzler  Graf  Bülow:  Ich  bin  dem  Herrn  Vorredner  dankbar,
  daß  er  mir  durch  seine  Anfrage  Gelegenheit  bietet,  mich  in  eingehender
Weise  über  den  tatsächlichen  Stand  unserer  auswärtigen  Angelegenheiten
auszusprechen.  In  der  Venezuela-Angelegenheit  handelt  es  sich  für  uns
von  Anfang  an  weder  um  irgend  welche  territoriale  Machterweiterungsgelüste,
  noch  um  irgend  welche  Gloriole,  sondern  lediglich  um  die  Abwickelung
  eines  wegen  der  vollständigen  Unzuverlässigkeit  des  Schuldners
ungewöhnlich  schwierigen  Geschäftes  mit  außergewöhnlichen  Mitteln.  Das
schließt  natürlich  nicht  aus,  daß  wir  in  der  Venezuela-Affäre  auch  die
Pflicht  hatten,  unser  Ansehen  und  die  Ehre  unserer  Flagge  zu  wahren.
Das  war  aber,  wie  die  Verhältnisse  lagen,  nur  möglich  durch  das  von
uns  in  Gemeinschaft  mit  England  und  Italien  eingeschlagene  Zwangsverfahren;
  denn  eine  Methode,  den  Pelz  zu  waschen,  ohne  ihn  naß  zu
machen,  ist  bisher  noch  nicht  entdeckt  worden.  Es  handelt  sich  bei  derartigen
  Unternehmungen  nicht  allein  um  den  gerade  schwebenden  Fall,
sondern  auch  um  eine  in  die  Zukunft  reichende  Warnung.  Dieser  Grundsatz
  ist  nicht  ad  hoc  für  den  Fall  aufgestellt  worden,  sondern  er  wird
        <pb n="70" />
        62  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)

Geltung  behalten  müssen,  solange  es  Regierungen  gibt,  welche  die  kommerzielle
  bona  fides  hinter  andere  minder  egoistische  Interessen  zurücktreten
  lassen.  Wenn  wir  eine  solche  Angelegenheit  lediglich  vom  Geldstandpunkte
  aus  behandeln  wollten,  so  hieße  das  so  viel,  als  ob  wir  uns
jede,  auch  die  frivolste  Rechtsverletzung  gefallen  ließen,  und  dann  brauchten
wir  in  der  Tat  weder  Schiffe  noch  Kanonen.  Ich  möchte  aber  keine
Zweifel  darüber  lassen,  daß  es  sich  bei  diesem  Vorgehen  nur  um  einen
seltenen  Ausnahmefall  handelte.  Ich  denke  nicht  daran,  die  Anschauung
zu  vertreten,  daß  Deutschland  für  jedes  irgendwie  geartete  Geschäft,  das
irgendwo  in  der  Welt  ein  Deutscher  unternimmt,  gewissermaßen  den  Exekutor
  zu  spielen  hätte.  Es  müssen  dazu  immer  noch  besondere  Umstände
hinzukommen,  und  ein  Beweis  dafür,  daß  wir  im  vorliegenden  Falle  einschreiten
  mußten,  liegt  wohl  auch  darin,  daß  mit  uns  die  englische  Regierung
  sich  genötigt  gesehen  hat,  Zwangsmaßnahmen  gegen  Venezuela  anzuwenden,
  während  es  doch  sonst  bekanntlich  ein  Grundsatz  der  englischen
Handelspolitik  ist,  daß  der  Engländer  sein  Kapital  im  Ausland  auf  eigene
Gefahr  anlegt.  Daß  England  in  diesem  Falle  von  dieser  seiner  Tradition
abging,  beweist,  daß  hier  in  der  Tat  eine  Zwangslage  vorlag.  Was  nun
die  Art  unseres  Vorgehens  anlangt,  so  hat  schon  der  Herr  Vorredner
hervorgehoben,  daß  wir  gerade  in  diesem  Falle  mit  besonderer  Nüchternheit
und  Besonnenheit  handeln  mußten,  wir  mußten  vor  allem  dafür  sorgen,
daß  aus  dieser  verhältnismäßig  untergeordneten  Streitfrage  nicht  eine  Störung
  unserer  guten  Beziehungen  zu  den  anderen  Mächten  hervorging.  An
Versuchen,  solche  Störungen  herbeizuführen,  hat  es  tatsächlich  nicht  gefehlt;
ich  denke  dabei  natürlich  nicht  an  irgend  eine  fremde  Regierung,  aber
einem  Teile  der  ausländischen  Presse  schien  diese  Gelegenheit  günstig,  um
Mißtrauen  zu  säen  zwischen  den  Kabinetten  in  Berlin  einerseits  und  Washington
  und  London  anderseits.  Aus  den  Berichten  unserer  Vertreter  in
Südamerika  war  zu  entnehmen,  daß  dort,  während  der  Konflikt  noch
schwebte,  die  unbegründetsten  und  unsinnigsten  Gerüchte  verbreitet  wurden;
so  wurde  verbreitet,  daß  wir  uns  mit  Landerwerbsabsichten  trügen,  daß
wir  der  Selbständigkeit  dieser  oder  jener  amerikanischen  Republik  nahetreten
  wollten.  In  der  Verbreitung  solcher  Lügenmären  zeichnete  sich  ganz
besonders  der  „New-York  Herald“  aus;  er  hatte  sich  einen  eigenen  Beamten
  im  deutschen  Auswärtigen  Amte  erfunden  (Heiterkeit),  und  er  hat
auf  das  bestimmteste  versichert,  wir  wollten  zunächst  Venezuela,  dann
Columbia  und  endlich  Brasilien  annektieren.  (Große  Heiterkeit.)  Diese
Versuche,  uns  etwas  anzuhängen,  sind  gescheitert,  einmal  an  der  Loyalität
des  Kabinetts  von  Washington  und  London,  dann  aber  an  der  Durchsichtigkeit
  und  Ehrlichkeit  unserer  Politik,  die  viel  zu  offen  zutage  lag,  als
daß  es  hätte  gelingen  sollen,  uns  mit  Erfolg  phantastische  Eroberungsgelüste
  oder  heimtückischer  Geheimpläne  anzudichten.  Die  Kabinette  von

London  und  Washington  haben,  unbeirrt  durch  diesen  Preßunfug,  den  geraden
  Weg  weiter  verfolgt,  und  ich  kann  mit  Befriedigung  konstatieren,
daß  unsere  Beziehungen  zu  England  wie  zu  Amerika  aus  der  Venezuelaaffäre
  ungeschädigt  hervorgegangen  sind.  (Bravo!)  Was  nun  die  Beilegung
  des  Zwistes  mit  Venezuela  angeht,  so  sind  nach  dem  Protokolle  zur
Beilegung  der  Zwistigkeiten  die  in  dem  deutschen  Ultimatum  aufgestellten
Forderungen  als  angenommen  anzusehen.  Redner  geht  auf  die  Modalitäten
  des  Vertrages  ein  und  teilt  mit,  daß  der  erste  von  Venezuela  ausgestellte
  Wechsel  im  Betrage  von  250 000  Mark  pünktlich  eingelöst  worden
sei  und  daß  der  letzte  Wechsel  am  15.  Juli  fällig  sei.  Auf  einen  Ersatz
der  Blockadekosten  habe  Deutschland  ebenso  wie  England  und  Italien  verzichtet.
  Wir  haben  also,  so  schließt  Redner  diesen  Teil  seiner  Ausfüh-
        <pb n="71" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)  63

rungen,  dasjenige  erreicht,  was  wir  von  Anfang  an  angestrebt  hatten  und
was  nach  Lage  der  Sache  zu  erreichen  war.  Ich  glaube  sagen  zu  können,
daß  wir  diese  Aktion  mit  dem  nötigen  Nachdruck,  aber  auch  mit  der  nötigen
Abgrenzung  eingeleitet  und  ohne  Schwäche  durchgeführt  haben.

ch  komme  dann  zur  Frage  des  Dreibundes.  Daß  der  Dreibund
rechtzeitig  und  in  unveränderter  Form  erneuert  werden  konnte,  ist  ein
Beweis  dafür,  daß  er  nicht  auf  einer  zufälligen,  vorübergehenden  oder
künstlich  herbeigeführten  politischen  Konstellation  beruht,  sondern  auf  dauernden
  und  gleichmäßig    vorhandenen  Bedürfnissen  und  Interessen  der  drei
beteiligten  Länder.  Wenn  ich  das  Wesen  des  Dreibundes  in  zwei  Worten
definieren  soll,  so  will  ich  sagen,  daß  derselbe  der  inneren  und  äußeren
Entwickelung  der  durch  ihn  verbundenen  Reiche  keine  anderen  Schranken
auferlegt  als  diejenigen,  welche  durch  die  Rücksicht  auf  die  Aufrechterhaltung
  des  status  quo  und  somit  des  Friedens  geboten  sind.  Durch  diesen
seinen  Charakter  unterscheidet  sich  der  Dreibund  von  einer  langen  Reihe
ähnlicher  Koalitionen,  welche  frühere  Zeiten  gesehen  haben,  namentlich  den
Alliancen  des  18.  und  19.  Jahrhunderts.  Der  Dreibund,  das  glaube  ich
ohne  Uebertreibung  sagen  zu  dürfen,  ist  von  allen  diesen  Alliancen  diejenige,
  die  gleichzeitig  als  die  friedlichste,  als  die  stärkste,  als  die  dauerhafteste
  und  als  die  elastischste  bezeichnet  werden  kann.  Die  Erneuerung
des  Dreibundes  ist  nicht  anstandslos  und  nicht  ohne  Schwierigkeiten  vor
sich  gegangen.  Ich  geniere  mich  gar  nicht  zu  sagen,  daß  es  in  Oesterreich
wie  in  Italien  auch  Gegner  des  Dreibundes  gibt,  und  zwar  sind  das  diejenigen
  Elemente,  die  in  der  Regel  auch  Gegner  der  in  den  betreffenden
Ländern  bestehenden  verfassungsmäßigen  Institutionen  sind.  Gegenüber
den  Quertreibereien,  die  aus  diesen  Kreisen  heraus  in  der  Presse  erhoben
worden  sind,  habe  ich  bei  der  Erneuerung  des  Dreibundes  an  dem  Gesichtspunkte
  festgehalten,  daß  der  Dreibund  seinen  bisherigen  defensiven  Charakter
  ohne  jede  Einschränkung  und  ohne  jede  Abschwächung  bewahren
müsse.  Das  ist  geschehen.  Wir  halten  an  unseren  Verpflichtungen  gegenüber
  unseren  beiden  Verbündeten  mit  deutscher  Treue  fest,  wir  haben  aber
auch  jede  mögliche  Bürgschaft,  daß  unsere  Verbündeten  ebenso  fest  und  treu
zu  uns  stehen.  Wir  haben  ferner  daran  festgehalten,  daß  die  Unterhandlungen
  wegen  der  Dreibundserneuerung  nicht  verwischt  und  verquickt  werden
dürfen  mit  Beweggründen,  die  damit  nichts  zu  tun  haben,  also  namentlich
nicht  mit  zoll-  und  handelspolitischen  Fragen.  (Beifall  rechts.)  Der  Dreibund
  erleichtert  die  Aufrechterhaltung  guter  wirtschaftlicher  Beziehungen
zwischen  den  verbündeten  Reichen;  aber  davon  konnte  selbstverständlich  keine
Rede  sein,  daß  wir  die  Erneuerung  des  Dreibundes  mit  irgend  welchen
zollpolitischen  Zugeständnissen  erkauft  hätten.  (Beifall  rechts.)  Nun  ist
in  einer  Reihe  von  Zeitungen,  die  ich  eigentlich  für  klüger  gehalten  hätte
(Heiterkeit),  gesagt  worden,  durch  meine  Bemerkung,  der  Dreibund  sei  für
uns  keine  absolute  Notwendigkeit  mehr,  sei  die  Erneuerung  des  Dreibundes
erschwert  worden.  Das  Gegenteil  ist  der  Fall.  Ich  bin  damit  lediglich
denen  entgegengetreten,  die  sich  und  anderen  einreden  wollten,  für  Deutschland,
  das  ich  immer  noch  für  das  bündnisfähigste  Land  der  Welt  halte,
sei  die  Erneuerung  des  Dreibundes  eine  größere  Notwendigkeit  als  für  die
anderen  beteiligten  Mächte.  Demgegenüber  habe  ich  festgestellt,  daß  Deutschland
  an  der  Erneuerung  des  Dreibundes  kein  geringeres,  aber  auch  nicht
um  ein  Atom  größeres  Interesse  hatte.  Das  schließt  natürlich  nicht  aus,
daß  wir  dieses  Bündnis  zwischen  drei  durch  ihre  geographische  Lage,  durch
historische  Traditionen  und  durch  zahlreiche  materielle  und  geistige  Interessen
  aufeinander  angewiesenen  Ländern  seinem  vollen  Werte  nach  schätzen.
Nun  hat  auch  die  ausländische  Presse  davon  gesprochen,  daß  der  Dreibund
        <pb n="72" />
        64  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)

an  Bedeutung  verloren  habe.  Das  ist  ein  harmloses  Vergnügen  und  ein
gewisser  Trost  für  diejenigen,  die  schon  auf  die  Nichterneuerung  des  Dreibundes
  spekuliert  hatten.  Wenn  diese  betrübten  Lohgerber,  denen  die  Felle
weggeschwommen  sind,  hinterher  behaupten,  die  Felle  hätten  keinen  Wert,
so  wollen  wir  ihnen  dieses  Vergnügen  nicht  mißgönnen.  (Heiterkeit.)  In
französischen  nationalistischen  Blättern,  die  sich  bekanntlich  besonders  phantasievoller
  Mitarbeiter  erfreuen,  wurden  ja  schon  Betrachtungen  darüber
angestellt,  wie  die  Landkarte  von  Europa  sich  gestalten  würde,  wenn  der
Dreibund  nicht  zu  stande  käme.  (Heiterkeit.)  In  Wirklichkeit  ist  der  Dreibund
  unverändert  geblieben,  er  hat  sich  weder  in  seinem  Charakter,  noch
in  seiner  Bedeutung  irgendwie  geändert,  und  damit,  glaube  ich,  können
wir  alle  durchaus  zufrieden  sein.  Gewiß  ist  Deutschland  stark  genug,  um
sich  im  Notfalle  auch  allein  behaupten  zu  können;  das  schließt  aber  nicht
aus,  daß  wir  die  Wohltaten  des  Dreibundes  sehr  wohl  zu  schätzen  wissen.
Nun  hat  der  Herr  Vorredner  auch  eine  Aeußerung  des  französischen  Ministers
  Delcassé  erwähnt,  welcher  gesagt  hat,  daß  Italien  durch  den  Dreibund
  nicht  gezwungen  werden  könne,  sich  an  einem  Angriffe  gegen  Frankreich
  zu  beteiligen.  Ich  glaube,  daß  mein  verehrter  Kollege  damit  nur
hat  sagen  wollen,  daß  der  Dreibund  eben  einen  defensiven  Charakter  trägt,
daß  er  ein  Friedensbündnis  ist,  von  dem  niemand  sich  eines  unberechtigten
Angriffes  zu  gewärtigen  hat.  Das  ist  in  Deutschland  seit  langem  Gemeinschaft
  der  öffentlichen  Meinung.  Wir  können  uns  aber  darüber  nur  freuen,
wenn  auch  bei  unseren  Nachbarn,  wenn  speziell  in  Frankreich  die  Ansicht
durchdringt  von  dem  friedlichen  Charakter  des  Dreibundes,  daß  der  Dreibund
  niemand  bedroht,  der  den  europäischen  status  quo  und  den  Frieden
respektiert,  daß  er  nur  ein  Bollwerk  ist  gegen  solche  Tendenzen,  die  beides
gefährden.  (Beifall.)

Endlich  ist  der  Herr  Vorredner  auch  auf  den  Orient  gekommen,  und
zwar  nicht  auf  den  entfernten  äußersten,  sondern  auf  den  uns  näherliegenden
  Orient.  Ich  habe  schon  vor  vier  Jahren  ausgesprochen,  daß  wir
in  Konstantinopel  keinen  besonderen,  und  insbesondere  keinen  ausschließlichen
  Einfluß  anstreben.  Es  ist  und  bleibt  für  uns  ein  fundamentaler
Grundsatz  der  deutschen  Politik,  daß  wir  keine  aktive  Orientpolitik  treiben
und  daß  wir  im  Orient  für  niemand  die  Kastanien  aus  dem  Feuer  holen.
Aber  gerade  weil  wir  in  Konstantinopel  keine  besondere  Vormachtsstellung
anstreben,  gerade  deshalb  beruht  unser  Verhältnis  zur  Türkei  auf  solider
Basis,  auf  dem  Vertrauen,  welches  die  Pforte  zu  der  Loyalität  unserer
Politik  hat.  Was  nun  Makedonien  anlangt,  so  steht  Deutschland  jeder
Maßnahme  sympathisch  gegenüber,  welche  auf  eine  tatsächliche  Besserung
der  Verhältnisse  hinzielt,  ohne  auf  der  anderen  Seite  den  europäischen
Besitz  der  Türkei  irgendwie  zu  erschüttern.  Der  russisch-österreichische
Reformplan  scheint  mir  in  glücklicher  Weise  diese  beiden  Ziele  zu  kombinieren.
  In  Makedonien  würde  meines  Erachtens  ein  Fortwursteln  ohne
organische  Reformen  ebenso  gefährlich  sein,  wie  gewaltsame  Abänderungsversuche.
  Diese  beiden  Klippen  hat  das  Reformprojekt  vermieden.  Ich
halte  die  Zustände  in  Makedonien  für  verbesserungsbedürftig,  aber  auch
für  verbesserungsfähig.  Deutschland  begegnet  sich  in  dem  Wunsche,  auf
dem  Boden  der  bestehenden  politischen  Machtverhältnisse  für  Ruhe  und
Ordnung  im  Orient  zu  sorgen,  durchaus  mit  den  zunächst  beteiligten  Mächten,
Rußland  und  Oesterreich.  Ich  resumiere  mich  dahin,  daß  wir  gegenüber
der  Lage  im  Orient  festhalten  an  den  beiden  erwähnten  Gesichtspunkten  der
deutschen  Politik,  einmal,  daß  wir  an  der  orientalischen  Frage  kein  direktes
Interesse  haben,  daß  wir  aber  unsere  Mitwirkung  niemals  fehlen  lassen,  wo
es  sich  um  die  Erhaltung  des  allgemeinen  Friedens  handelt.  (Beifall.)
        <pb n="73" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)  65

Abg.  Dr.  Hasse  (nl.)  bedauert,  daß  man  in  der  Venezuelafrage  die
nordamerikanische  Vermittlung  angenommen  habe;  der  nordamerikanische
Gesandte  Bowen  habe  durch  sein  schroffes  Auftreten  das  Ansehen  Europas
geschädigt.  Man  hätte  noch  eine  moralische  Sühne  von  Venezuela  verlangen
  sollen.  Peinlich  habe  in  Deutschland  das  Auftreten  des  Gesandten
Speck  v.  Sternburg  berührt.  Kränkend  für  das  deutsche  Gefühl  sei  es,  daß
sich  in  Ungarn  ein  magyarisches  Willkürregiment  gegen  die  Deutschen
geltend  mache  und  daß  im  ungarischen  Reichstag  die  Deutschen  ungestraft
schnöde  beschimpft  würden.  Der  magyarische  Größenwahn  gefährde  den
Frieden  in  den  Donauländern.  Abg.  Dr.  Oertel  (kons.):  Der  deutsche
Handel  werde  Nachteile  haben  von  der  venezolanischen  Verwickelung.

Reichskanzler  Graf  v.  Bülow:  Meine  Herren,  wenn  ich  bei  der
Verteilung  der  Zensuren  durch  den  Abg.  Oertel  noch  leidlich  weggekommen
bin,  so  hat  der  Abg.  Hasse  gegen  mich  und  die  von  mir  geleitete  auswärtige
  Politik  eine  Reihe  scharfer  Angriffe  erhoben.  Der  Abg.  Hasse  ist  zunächst
  der  Ansicht,  daß  wir  von  Venezuela  mehr  hätten  erreichen  können,
daß  wir  in  dieser  Beziehung  mehr  hätten  herausschlagen  sollen.  Dem
Abg.  Hasse  genügen  nicht  die  materiellen  Zugeständnisse,  welche  uns  Venezuela
  zu  leisten  sich  bereit  erklärt  hat.  Er  verlangt  von  Venezuela  auch
noch  eine  besondere  Sühne.  Ich  möchte  wissen,  welche  Sühne  eigentlich
dem  Abg.  Hasse  noch  vorschwebt?  Wünscht  er,  daß  ich  dem  General  de  Castro
das  Verlangen  unterbreite,  etwa  einen  Sühneprinzen  zu  schicken?  (Heiterkeit.)
  Ich  gestehe,  daß  ich  an  dem  chinesischen  Sühneprinzen  genug  gehabt
habe.  (Große  Heiterkeit.)  Im  übrigen  bin  ich  der  Ansicht,  daß  Venezuela
uns  gegenüber  seine  materiellen  Verpflichtungen  erfüllt.  Wenn  der  Abg.
Hasse  so  viel  an  dem  auszusetzen  hatte,  was  wir  von  Venezuela  erlangt
haben,  so  vergißt  er  wieder  einmal,  daß  man  in  der  Politik  mit  den  gegebenen
  Verhältnissen  rechnen  muß;  er  vergißt,  daß  die  Verhältnisse  in

wirklichkeit  anders  liegen,  wie  sie  vor  der  Kritik  und  namentlich  vor  der
retrospektiven  Kritik  erscheinen.  Der  Abgeordnete  Oertel  hat  eben  an  die
Verhandlungen  im  englischen  Parlament  erinnert.  Dort  hat  ein  hervorragender
  englischer  Staatsmann,  Lord  Rosebery,  geäußert:  Bei  dem  Ausgange
  der  Venezuela-Angelegenheit  hätte  England  5500  Lstrl.  bekommen,
Deutschland  aber  68.000  Lstrl.,  also  ungefähr  zwölfmal  soviel.  Diese
Summe  repräsentierte  das  Verhältnis  des  Vorteils,  welches  England  bei
einem  Zusammengehen  mit  Deutschland,  und  zwar  in  der  letzten  Zeit  immer,
nur  gezogen  habe;  Lord  Rosebery  fügte  hinzu,  so  läge  es  bei  allen  Abmachungen,
  welche  England  mit  Deutschland  gehabt  hätte.  Ich  glaube,
daß  diese  Abwägung  von  Lord  Rosebery  arithmetisch  und  politisch  unzutreffend
  ist.  Ich  glaube,  daß  sowohl  bei  der  Venezuelaaktion,  als  bei  allen
den  Aktionen,  wo  wir  in  letzter  Zeit  mit  England  zusammengegangen  sind,
Licht  und  Schatten  gleichmäßig  verteilt  gewesen  sind.  Sie  können  aber
daraus  ersehen,  wie  das  Wort,  daß  niemand  als  Prophet  im  eigenen
Vaterlande  etwas  gilt,  ganz  besonders  für  die  Minister  stimmt.  Hüben
und  drüben  schießt  die  Kritik  über  das  Ziel  hinaus  und  vorbei.  Wir  haben
nach  meiner  Ueberzeugung  von  Venezuela  im  großen  und  ganzen  dasjenige,
  was  nach  Lage  der  Dinge  zu  schaffen  war,  erreicht,  was  wir  von
Anfang  an  angestrebt  und  verlangt  haben.  Mehr  zu  verlangen  und  durchsetzen
  zu  wollen,  wäre  nach  meiner  Kenntnis  der  Verhältnisse  in  Venezuela,
wie  nach  meiner  Beurteilung  der  internationalen  Verhältnisse,  ein  Fehler
gewesen.  Der  Abgeordnete  Frhr.  v.  Hertling  hat  vorhin  in  seinen  Ausführungen
  mit  Recht  darauf  hingewiesen,  daß  selbst  in  Deutschland  unser
Vorgehen  gegen  Venezuela  verschieden  beurteilt  worden  sei,  und  ebenso
von  den  Deutschen  in  Venezuela;  daß  ein  Teil  der  Deutschen  in  Venezuela

Europäischer  Geschichtskalender.  IL.  5
        <pb n="74" />
        66  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)

gewünscht  hätte,  daß  wir  früher  eingeschritten,  daß  wir  mehr  gefordert
hätten,  daß  dagegen  ein  anderer  Teil  der  Ansicht  gewesen  sei,  daß  wir  die
Blockade  nicht  hätten  verhängen  sollen.  Die  eine  Auffassung  ist  ebenso
unrichtig  wie  die  andere.  Es  ist  unrichtig,  wenn  ein  Teil  der  Deutschen
in  Venezuela  jammert  über  den  kalten  Wasserstrahl,  den  wir  Venezuela
haben  applizieren  müssen,  und  zwar  deshalb,  weil  fremde  Kaufleute  einige
Spritzer  dabei  abbekommen  haben.  Es  war  ebenso  vorteilhafter  und  richtiger,
  daß,  bevor  wir  die  militärische  Aktion  einleiteten,  alle  friedlichen
Mittel  erschöpften,  und  daß  wir,  nachdem  wir  sie  eingeleitet  haben,  sie  in
vernünftigen  und  besonnenen  Grenzen  gehalten  haben.  Nun  sind  von  den
Abgeordneten  Hasse  und  Dr.  Oertel  scharfe  Angriffe  gegen  unsern  Vertreter
in  Washington  gerichtet  worden,  und  zwar  wegen  Aeußerungen,  die  er  zu
fremden  Journalisten  gemacht  haben  soll.  Ich  habe  bereits,  wie  auch  von
den  beiden  Herren  anerkannt  worden  ist,  in  der  „Norddeutschen  Allgemeinen
Zeitung“  erklärt,  daß  der  Freiherr  Speck  v.  Sternburg  die  ihm  in  den
Mund  gelegten  Aeußerungen  nicht  getan  hat,  daß  er  insbesondere  nicht
gesagt  hat,  Anschauungen  des  Fürsten  Bismarck  seien  antiquiert,  und  ebensowenig:
  er  betrachte  es  als  seine  Aufgabe,  dem  Interesse  anderer  Länder
ebenso  zu  dienen,  wie  den  Interessen  des  eigenen  Landes.  Amtlich  meldet
er  mir,  er  habe  in  Wirklichkeit  lediglich  und  ausschließlich  mit  Entschiedenheit
  betont,  daß  Deutschland  bei  seinem  Vorgehen  in  der  venezolanischen
Angelegenheit  nicht  die  Absicht  habe,  Landbesitz  zu  erwerben.  Die  Venezuelaangelegenheit,
  habe  er  weiter  gesagt,  sei  für  Deutschland  eine  Geschäftssache
  —  ungefähr  dasselbe  also,  was  ich  heute  gesagt  habe  —,  die  Einziehung
  einer  Schuld.  Deutschland  gehe  in  allen  Fragen  und  so  auch  in
der  Venezuelaangelegenheit  offen  und  ehrlich  vorwärts.  Sie  ersehen  daraus,
und  Sie  können  daraus  entnehmen,  daß  der  Freiherr  v.  Sternburg  von
den  Journalisten,  die  ihn  interviewten,  tatsächlich  mißverstanden  worden
ist,  und  ich  möchte  bitten,  gegen  einen  Vertreter  Deutschlands  auf  einem
so  wichtigen  Posten  wie  dem  in  Washington  nicht  Angriffe  zu  richten,  die
sich  bei  näherer  Beleuchtung  als  nicht  zutreffend  erweisen.  Es  ist  auch
vom  Abg.  Hasse  davon  gesprochen  worden,  daß  Freiherr  v.  Sternburg  mit
einer  Amerikanerin  verheiratet  sei.  Meine  Herren!  Die  Gesuche  unserer
Diplomaten  zur  Vermählung  mit  Ausländerinnen  sind  zu  verschiedenen
Zeiten  verschieden  behandelt  worden.  Das  ist  ziemlich  natürlich.  Ich  glaube
nicht,  daß  sich  derartige  Fälle  über  einen  Leisten  schlagen  lassen.  Ich
glaube  nicht,  daß  sich  in  dieser  Beziehung  eine  für  alle  Zeiten  und  für
alle  Fälle  gültige,  prinzipielle  Regelung  aufstellen  läßt.  Richtig  ist,  daß
es  Zeiten  gegeben  hat,  wo  der  Grundsatz,  daß  der  deutsche  Diplomat,  wenn
überhaupt  (Heiterkeit),  so  nur  mit  einer  Inländerin  verheiratet  sein  dürfe,
schärfer  akzentuiert  wurde;  am  schärfsten  ist  er  während  der  Reichskanzlerschaft
  des  Grafen  v.  Caprivi  betont  worden.  Der  Fürst  Bismarck  hat  den
Grundsatz  zwar  auch  betont,  daß  der  Diplomat  sich  im  allgemeinen  mit
einer  Ausländerin  nicht  verheiraten  solle.  Er  hat  aber  zahlreiche  Ausnahmen
  zugelassen.  Eine  so  absolute,  radikale  und  doktrinäre  Ablehnung,
wie  sie  der  Abg.  Hasse  fordert,  wäre  auch  dem  Fürsten  Bismarck  nicht
kongenial  gewesen.  Insbesondere  hat  der  Fürst  Bismarck  in  zwei  Fällen
—  daß  ich  nicht  auf  alle  Fälle  eingehe,  werden  Sie  verstehen  —  Ausnahmen
  gemacht,  es  waren  zwei  Diplomaten,  zwei  ausgezeichnete  Deutsche.
Der  eine  war  der  langjährige  Botschafter  in  Petersburg,  General  v.  Schweinitz,
  und  der  andere  war  der  Botschafter  in  Madrid,  Freiherr  v.  Stumm.
Sie  suchten  ausdrücklich  einen  Konsens  nach,  um  sich  mit  Amerikanerinnen
zu  verheiraten.  Der  Fürst  Bismarck  erteilte  nicht  bloß  den  Konsens,  sondern
  speziell  bei  der  Erteilung  des  Konsenses  an  den  General  v.  Schweinitz
        <pb n="75" />
        Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 19.)  67

fügte  er  Bemerkungen  der  Art  hinzu:  die  Versagung  eines  Konsenses  an
den  Grafen  v.  Schweinitz  zur  Verheiratung  mit  einer  Amerikanerin  würde
eine  äußerst  ungünstige  Rückwirkung  ausüben  auf  unsere  mit  Sorgfalt
gepflegten  Beziehungen  zu  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.  Es
seien  dort  drüben  genügend  Strömungen  vorhanden,  die  uns  feindlich
gegenüberstünden  und  die  eine  solche  Versagung  entsprechend  auszunutzen
versuchen  würden.  Ich  glaube  daher,  denselben  Grundsatz  können  wir  auf
unseren  gegenwärtigen  Vertreter  in  Washington  anwenden.  Dann  hat  mir
der  Abgeordnete  Dr.  Oertel  meine  Husarenstiefel  vorgehalten.  Darauf  möchte
ich  erwidern,  daß  Fürst  Bismarck  zwar  die  bekannten  Kürassierstiefel  anzog,
  wo  es  ihm  nötig  und  nützlich  erschien,  daß  er  aber  auch  sehr  vorsichtig
  sein  konnte  und  sich  sehr  wohl  auf  das  Einlenken  verstand.  Das
hat  er  in  der  Samoastreitigkeit  und  in  der  Karolinenfrage  gezeigt.  Speziell
die  Beziehungen  zu  Amerika  sind  vom  Fürsten  Bismarck  auf  das  sorgfältigste
  gepflegt  worden.  Daß  aber  heute,  wo  die  überseeischen  Interessen
ein  viel  größeres  Gewicht  haben,  als  in  den  70er  und  80er  Jahren,  die
Beziehungen  mindestens  ebenso  wichtig  sind,  wie  zur  Zeit  des  Fürsten
Bismarck,  wird  von  keiner  Seite  bestritten  werden.  Ich  kann  nicht  schließen,
ohne  daß  ich  meinem  Bedauern  Ausdruck  gebe  über  die  Art  und  Weise,
wie  sich  der  Abg.  Hasse  ausgesprochen  hat  über  einen  Staat,  über  ein  Volk,
das  uns  seit  vielen  Jahren  ein  zuverlässiger  Verbündeter  ist.  Ich  habe
schon  früher  dargelegt,  daß  wir  uns  in  die  inneren  Verhältnisse  anderer
Staaten  einzumischen  und  dieselben  mit  einer  Herbheit  zu  kritisieren,  wie
dies  eben  der  Abg.  Hasse  getan  hat,  weder  ein  Recht  noch  ein  Interesse
haben.  (Beifall.)  Wir  haben  nicht  das  Recht  dazu,  weil  wir  es  uns  auch
nicht  gefallen  ließen,  sondern  uns  auf  das  Ernsthafteste  verbitten  würden,
wenn  andere  in  unsere  inneren  Verhältnisse  und  Streitigkeiten  sich  einmischen
  würden.  (Beifall.)  Wir  haben  aber  auch  kein  Interesse  daran,
weil  wir  durch  eine  solche  Kritik  Gefahr  laufen,  die  Unterstützung  von
Persönlichkeiten  und  Kreisen  in  jenen  Ländern  zu  verlieren,  auf  die  bisher
die  deutsche  Politik  rechnen  kann,  ohne  daß  die  Lage  unserer  Stammesgenossen
  dadurch  irgendwie  verbessert  würde.  Für  unsere  Reichsangehörigen
müssen  und  werden  wir  eintreten,  wann  und  wo  ihnen  Unrecht  geschieht;
das  haben  wir  in  Venezuela  gezeigt.  Aber  für  unsere  Volksgenossen,  die
von  uns  völkerrechtlich  getrennt  sind,  können  wir  nicht  diplomatisch  intervenieren.
  Das  ist  ein  alter  Grundsatz  der  deutschen  Politik,  den  Fürst
Bismarck  aufgestellt  hat  und  von  dem  keiner  seiner  Nachfolger  abweichen
wird.  Meine  Herren!  Gerade  weil  wir  wünschen  müssen,  daß  das  ungarische,
  magyarische  Volk  innerhalb  des  Rahmens  der  österreichisch-ungarischen
Monarchie  eine  möglichst  gewichtige  Stellung  in  der  Welt  einnimmt,  deshalb
  wünschen  wir,  daß  es  sich  nicht  absperrt  gegen  die  deutsche  Kultur,
daß  es  sich  freundlich  stellt  gegen  die  deutschen  Elemente,  die  diesem  Reiche
immer  treue  und  zuverlässige  Bürger  gewesen  sind.  Aber  diesen  Empfindungen
  dürfen  wir,  wie  der  Abg.  Hasse  es  eben  getan  hat,  keinen  Ausdruck
geben,  der  im  Auslande  Mißtrauen,  im  Inlande  berechtigte  Unzufriedenheit
  erwecken  kann.  Der  Abg.  Hasse  hat  gemeint,  die  Verhältnisse  lägen
heute  anders  als  zur  Zeit  des  Fürsten  Bismarck.  Im  Gegenteil.  In
diesen  großen  Fragen  ist,  seitdem  Fürst  Bismarck  am  Ruder  war,  nicht
der  mindeste  Umschwung  eingetreten;  und  wie  Fürst  Bismarck  unsere  Beziehungen
  zu  Ungarn  behandelt  hat,  das  ist  noch  heute  absolut  zutreffend.
Ich  habe  zwei  Erlasse  des  Fürsten  Bismarck  vor  mir,  die  ich  über  diese
Punkte  mit  Erlaubnis  des  Herrn  Präsidenten  verlesen  möchte,  weil  sie  auch
Hltorisch  von  Interesse  sind.  Der  eine  ist  ein  Erlaß  aus  dem  Jahre  1883.

Da  hatte  der  damalige  kaiserliche  Generalkonsul  in  Ofen-Pest,  Herr  v.  Thielau,

5*
        <pb n="76" />
        68  aDs  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)

betreffs  der  deutschen  Schulfrage  berichtet,  daß  bald  nach  dem  Wiederzusammentritt
  des  ungarischen  Reichstags  der  in  der  vorhergegangenen
Session  bekanntlich  unerledigt  gebliebene  Mittelschulgesetzentwurf  einem
Ausschuß  überwiesen  worden  wäre.  Ein  aus  diesem  gebildetes  Subkomitee
hätte  im  Einvernehmen  mit  einem  Regierungskommissar  sich  der  Aufgabe
unterzogen,  den  Entwurf  neu  festzustellen.  Das  Ergebnis  hätte  die  Zustimmung
  der  Majorität  des  genannten  Ausschusses  gefunden  und  würde
schon  in  der  allernächsten  Zeit  Gegenstand  der  Beratung  im  Plenum  des
Hauses  sein.  Aus  der  Mitte  der  an  der  Frage  in  hohem  Grade  interessierten
  siebenbürgischen  Sachsen  wären  protestierende  Stimmen  laut  geworden,
  die  auch  in  Deutschland  gehört  seien  und  bei  dem  Berliner  Schulverein
  in  Form  einer  Erklärung  ihr  akutes  Echo  gefunden  hätten.  Als
er,  Herr  v.  Thielau,  etwa  Mitte  Februar  dem  Kultusminister  v.  Trefort
bei  einem  Diner  begegnete,  hätte  Se.  Exzellenz  ihn  beiseite  gerufen  und
geäußert,  daß  ungarische  Untertanen  einen  Ton  anschlügen,  als  ob  sie  die
Hilfe  des  Deutschen  Reiches  zum  Schutze  ihrer  Nationalität  herbeirufen
müßten.  Die  ungarische  Regierung  würde  ein  Mißverstehen  ihrer  Absichten
  sehr  beklagen.  Hierauf  hätte  er,  der  Generalkonsul,  dem  Herrn
Minister  erwidert,  daß  er  zu  diplomatischen  Verhandlungen  nicht  berufen,
jedoch  bereit  sein  würde,  persönlich  und  vertraulich,  wenn  es  gewünscht
würde,  ihm  seine  Mitwirkung  zu  leihen.  Aus  der  früheren  Haltung  der
kaiserlichen  Regierung  dürfte  Se.  Exzellenz  wohl  entnehmen,  daß  dieselbe
sich  einer  Stellungnahme  zu  einer  inneren  Frage  in  einem  fremden  und
noch  dazu  befreundeten  Reiche  enthalten  würde.  Bei  einer  späteren,  auf
seine  Anregung  stattgefundenen  abermaligen  Unterredung  wäre  Herr  v.  Trefort
  auch  sachlich  näher  auf  den  Gegenstand  eingegangen.  Der  Minister
hätte  versichert,  daß  er  nicht  nur  politisch,  sondern  gerade  zur  Beförderung
des  Kulturelements  den  dauernden  Anschluß  an  die  deutsche  Bildung  für
Ungarn  für  unentbehrlich  hielte.  Als  politisch  einzig  regierungsfähiger
Faktor  in  Ungarn  sei  das  Magyarentum  aus  dem  Kampfe  hervorgegangen.
Wolle  diese  numerisch  nicht  überwältigende  Nationalität  die  Stellung,  zu
der  sie  einmal  berufen,  behaupten,  so  müßte  an  der  Durchführung  ihrer
Staatsidee  auch  festgehalten  werden.  Man  stehe  nicht  nur  Deutschland,
sondern  auch  Slawen  und  Walachen  gegenüber.  Der  Mittelschulgesetzentwurf
  bezwecke  das  Aufsichtsrecht  des  Staates  über  die  Gymnasien,  die
gegenwärtig  zum  großen  Teil  lediglich  von  den  Religionsgesellschaften  abhängen.
  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  sei  die  Teilnahme  von  Regierungskommissaren
  bei  den  Maturitätsprüfungen  und  die  Erteilung  der  Befähigung
  zum  Lehramte  durch  den  Staat  in  Aussicht  genommen.  Außerdem
müsse  der  Staat  verlangen,  daß,  wer  zum  Lehramt  zugelassen  werden  soll,
der  Staatssprache  sich  mächtig  erzeige.  Herr  v.  Trefort  wäre  über  die
Erklärung,  welche  inzwischen  von  Herrn  v.  Bunsen  und  Genossen  abgegeben
wäre,  namentlich  deshalb  betroffen,  weil  sich  auch  hervorragende  Gelehrte,
wie  Gneist  u.  s.  w.,  auf  deren  Urteil  er  viel  halte,  daran  beteiligt  hätten
—  Randbemerkung  des  Fürsten  Bismarck:  „Professoren  —  das  mildert
eher  den  Eindruck!“  (Große  Heiterkeit.)  —  Im  Laufe  des  Gespräches
hätte  Herr  v.  Thielau  wiederholt,  was  er  politisch  von  der  Sache  dächte,
dann  aber  auch  nicht  verhehlt,  daß,  wenn  er  auch  den  Publikationen  des
Berliner  Schulvereins  eine  praktische  Bedeutung  nicht  zuschriebe,  er  es  doch
nicht  überraschend  finden  könnte,  wenn  in  Deutschland,  und  namentlich  in
Kreisen,  wo  man  auf  das  Wirken  deutscher  Geisteskräfte  mit  Recht  stolz
sein  dürfte,  Schritte,  die  in  ihrer  Konsequenz  doch  zum  Untergange  eines
Fleckchens  deutscher  Kultur  führen  mußten,  empfindlich  berührten.  Je
milder  man  in  Ofen-Pest  die  Sache  behandle,  je  weniger  sei  nach  seiner
        <pb n="77" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)  69

Meinung  ein  nachhaltiger  Eindruck  in  Deutschland  zu  besorgen.  Gelegentlich
  hätte  er,  der  kaiserliche  Generalkonsul,  bemerkt,  ob  es  vom  ungarischen
Standpunkt  aus  nicht  Zweifeln  begegnen  würde,  das  deutsche  Element
Siebenbürgens  gegenüber  dem  Vordringen  von  Slawen  und  Rumänen  noch
mehr  zu  schwächen,  anstatt  es  als  Aliierte  zu  stärken.  Dies  Argument  sei
jedoch  auf  den  Einwand  gestoßen,  daß  alle  Nationalitäten  mit  dem  gleichen
Maß  gemessen  werden  müßten.  —  Randbemerkung  des  Fürsten  Bismarck:
„Das  ist  nicht  mehr  Politik,  sondern  Kreisrichterei.“  —  Ueber  die  Wirkung
im  Laufe  der  Jahre  könnte  ein  Zweifel  kaum  bestehen  und  es  läge  eine
für  jeden  Deutschen  tiefergreifende  Tragik  in  der  Entwickelung  des  Schicksals
  des  Siebenbürger  Sachsenstammes,  der  seine  Eigenart  so  lange  Zeit
hindurch  zu  wahren  gewußt  hatte.  Daß  hohe  Regierung  und  Parlament
mit  strenger  Konsequenz  an  der  Durchführung  der  magyarischen  Staatsidee
auf  dem  Gebiete  des  Schulwesens  festhalten  werden  würden,  darüber  dürfe
man  sich  einer  Täuschung  nicht  hingeben.  Die  verschiedensten,  und  darunter
  sehr  nüchtern  urteilende  Politiker,  seien  in  diesem  Punkt  einig  und
könnte  die  beinahe  drohende  Sprache  des  Berliner  Vereins  —  Randbemerkung
  des  Fürsten  Bismarck:  „Der  und  drohen!“  —  nur  die  Wirkung  einer
beschleunigten,  vielleicht  sogar  verschärften  Durchführung  haben.  Gezeichnet
v.  Thielau.  —  Darauf  richtete  der  Reichskanzler  Fürst  Bismarck  unter  dem
2.  März  an  den  kaiserlichen  Generalkonsul  in  Pest  v.  Thielau  folgenden
Erlaß:  „Euer  Hochwohlgeboren  gefälligen  Bericht  vom  22.  vorigen  Monats
habe  ich  erhalten  und  bin  mit  der  Art  einverstanden,  wie  Sie  gegen  den
Minister  v.  Trefort  Ihre  persönliche  Ansicht  über  die  ungarische  Schulfrage
ausgesprochen  haben.  Ich  ersuche  Sie,  wenn  sich  wieder  eine  Gelegenheit
zur  Besprechung  dieses  Gegenstandes  mit  Herrn  v.  Trefort  bietet,  sich  nicht
ausdrücklich  auf  einen  erhaltenen  Auftrag  zu  berufen,  aber  doch  erkennen
zu  lassen,  daß  Sie  über  unsere  Auffassungen  informiert  sind,  und  muß  zu
Einzelheiten  das  Nachstehende  aussprechen:  Die  ungarische  Regierung  darf
den  Kundgebungen  des  Schulvereins  keine  politische  Bedeutung  beilegen
und  das  Gewicht  derselben  nicht  überschätzen.  Ich  kenne  die  betreffenden
Veröffentlichungen  heute  nicht  im  Text  und  auch  meine  Kollegen  haben
von  der  Schrift  des  Prof.  Heintze,  die  vor  einem  Jahre  im  ungarischen
Reichstage  böses  Blut  gemacht  hat,  amtlich  keine  Kenntnis  genommen.  Die
mancherlei  den  Behörden  zugegangenen  Zuschriften  sind  ohne  Bescheid  gelassen
  worden.  —  (Randbemerkung  des  Fürsten  Bismarck:  Schon  im  Erlaß
vom  3.  Februar  1882  an  Prinz  Reuß:  „Wie  dann  auch  alle  seit  Jahren
in  Druckschriften  und  Eingaben  von  Privatpersonen  uns  zugegangenen
Klagen  unbeantwortet  geblieben  sind.“)  —  In  einem  Verein  kann  ein  Professor
  mehr  reden  als  zehn  Minister  verantworten  können  (Heiterkeit),  und
auch  die  ungarische  Regierung  hat  mit  Abgeordneten  zu  tun,  die  sich  nicht
durch  das  Staatsinteresse  disziplinieren  lassen.  Der  Name  v.  Bunsen  würde
dem  Herrn  Minister  keinen  Eindruck  gemacht  haben,  wenn  er  aus  dem
Parlamentsalmanach  ersehen  hätte,  daß  der  genannte  Abgeordnete  als
Schriftführer  des  Hilfsvereins  für  Ostpreußen  Mitglied  des  Ausschusses
der  Viktoriastiftung,  stellvertretender  Vorsitzender  der  Kaiser  Wilhelm-Stiftung,
  Vorstandsmitglied  des  Berliner  Hilfsvereins  für  die  Armen,  Ausschußmitglied
  der  Afrikanischen  Gesellschaft,  Verwaltungsrat  des  Berliner
Asylvereins,  erster  Vizepräsident  des  Deutschen  Fischereivereins,  Vorsitzender
des  Zentralvereins  für  Flußschiffahrt,  sowie  der  Rabattsparanstalt  bezeichnet
wird,  wobei  noch  die  Ehrenmitgliedschaft  des  Cobdenklub  und  das  Reichstagsmandat
  vergessen  sind.  (Stürmische  Heiterkeit.)  Auch  eine  begabtere
Persönlichkeit  würde  außer  stande  sein,  nach  allen  diesen  Richtungen  hin
Vertretbares  zu  leisten.  Gneist,  der  zwar  im  übrigen  auf  einer  ganz
        <pb n="78" />
        70  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)

anderen  Linie  der  Begabung  steht,  als  Bunsen,  gehört  doch  noch  zu  den
Rednern  und  sein  Gewicht  im  Reichstage  besteht  nicht  in  seinem  politischen
Urteil,  sondern  in  seinen  positiven  Kenntnissen  und  seinen  oratorischen
Leistungen.  Wir  sehen  gewiß  mit  Bedauern  die  Lage,  in  welche  das
deutsche  Element  in  Ungarn  gebracht  wird,  aber  wir  können  uns  desselben
dort  ebensowenig  annehmen,  wie  in  den  russischen  Ostseeprovinzen,  in  den
letzteren  nicht,  weil  wir  durch  unsere  Befürwortung  die  Sache  nur  verschlimmern
  würden;  in  Ungarn  nicht,  weil  wir  auf  die  Stärkung  und  die
Einheitlichkeit  des  ungarischen  Reiches  einen  so  hohen  politischen  Wert
legen,  daß  unsere  Gemütsbedürfnisse  dagegen  zurücktreten  müssen.  Die
politische  Beurteilung  der  Dinge  hat  uns  zu  der  Ueberzeugung  geführt,
daß  im  Gebiete  der  Stephanskrone  die  magyarischen  und  die  deutschen
Interessen  unzertrennbar  sind.  Dasselbe  kann  man  von  den  slawischen
und  ungarischen  nicht  sagen.  Ich  muß  es  deshalb  mehr  für  eine  voreilige
wie  für  eine  staatsmännische  Auffassung  halten,  wenn  man  in  Ungarn
meint,  zu  gleichmäßiger  Behandlung  aller  nichtmagyarischen  Nationalitäten
verpflichtet  zu  sein  und  die  Deutschen  mit  den  Slawen  und  Walachen  in
dieselbe  Kategorie  stellt.  Magyaren  und  Deutsche  sind  in  Ungarn  aufeinander
  angewiesen,  keine  von  beiden  Nationalitäten  aber  auf  die  Slawen.
An  letzteren  wird  Ungarn  bei  seiner  halbinselartig  von  den  Slawenmassen
umringten  Lage  keinen  sicheren  Anhalt  gegen  panslawistische  Ueberflutung
finden.  Vielleicht  werden  Euer,  indem  Sie  vergessen,  daß  Herr  v.  Trefort
den  Grundsatz  der  gleichmäßigen  Behandlung  proklamiert  hat,  und  indem
Sie  diesen  Grundsatz  auf  Rechnung  anderer  setzen,  an  denen  es  ja  nicht
fehlen  wird,  Gelegenheit  finden,  den  Herrn  Minister  davon  zu  unterhalten,
daß  wir  auch  unsere  Not  mit  den  Doktrinären  haben,  welche  den  vielgestaltigen
  lebendigen  Organismus  des  Staates  in  mechanische  Regeln
zwängen  wollen,  und  daß  wir  solche  Verkennung  des  politischen  Bedürfnisses
  und  solche  Verleugnung  politischen  Sinnes  als  Kreisrichterei  zu  bezeichnen
  pflegen.  Zum  Schluß  wollen  Euer  dem  Herrn  Kultusminister
die  Versicherung  wiederholen,  daß  wir  uns  nach  wie  vor  jeder  Kritik  der
Maßnahmen  der  ungarischen  Regierung,  auch  wenn  dieselben  der  öffentlichen
  Meinung  bei  uns  nicht  gefielen,  enthalten  würden,  wie  wir  uns
auch  durch  mißfällige  Urteile,  welche  dort  über  uns  laut  würden,  in  der
objektiven  Beurteilung  der  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Ungarn
nicht  beirren  lassen.“  Dem  damaligen  Botschafter  war  aus  sicherer  Quelle
ganz  vertraulich  mitgeteilt  worden,  daß  Graf  Andrassy  sich  geäußert  habe,
man  könne  nicht  wissen,  ob  nicht  einmal  die  Zeit  kommen  werde,  wo  das
Deutsche  Reich  vielleicht  von  der  nationalliberalen  Partei  gedrängt  oder
aus  einem  anderen  Grunde,  nicht  bloß  in  der  Unifizierung  der  deutschen
Staaten  weiter  vorzugehen  gezwungen  sein  werde,  sondern  auch  seine
Machtsphäre  über  die  deutschen  Grenzen  hinaus  auch  auf  die  österreichischen
Deutschen  auszudehnen.  Darauf  hat  der  Reichskanzler  an  den  Botschafter
v.  Schweinitz  in  Wien  folgenden  Erlaß  gerichtet:  „Aus  dem  abschriftlich
angeschlossenen  Bericht  des  kaiserlichen  Botschafters  in  St.  Petersburg  wollen
Eure  Exzellenz  näher  entnehmen,  in  welcher  Weise  Graf  Andrassy  sich  dort
ausgesprochen  haben  soll.  Eure  Exzellenz  werden  gleich  mir  nicht  ohne
Ueberraschung  von  diesen  Aeußerungen  Kenntnis  nehmen,  deren  eigentliche
Veranlassung  ich  mir  nicht  mit  Sicherheit  klar  machen  kann.  Im  allgemeinen
  habe  ich  bis  jetzt  angenommen,  und  halte  auch  noch  die  Ueberzeugung
  fest,  daß  die  von  den  Deutschland  feindlichen  Parteien  in  Oesterreich
  gewohnheitsmäßig  kolportierten  Besorgnisse  vor  unseren  Absichten  bei
dem  Grafen  Andrassy  entweder  nie  vorhanden  gewesen  oder  längst  und
vollständig  beseitigt  seien.  Daß  das  Deutsche  Reich  und  die  Bevölkerungen
        <pb n="79" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19./20.)  71

der  Länder,  welche  ihm  durch  Nationalität  und  geschichtliche  Erinnerungen
verbunden  sind,  auch  nach  Auflösung  des  früheren  Deutschen  Bundes  fortfahren,
  sich  in  wohlwollender  Weise  für  einander  zu  interessieren,  ist
natürlich.  Wir  glauben  aber  unsererseits  diese  Beziehungen  seit  1866  nicht
anders  als  zur  Befestigung  unserer  Freundschaft  mit  Oesterreich-Ungarn
und  zur  Förderung  des  inneren  Friedens  und  der  guten  nachbarlichen
Beziehungen  des  befreundeten  Nachbarreiches  benutzt  zu  haben.  Auch  wird
man  sich  in  Wien  und  Pest  schwerlich  der  Ansicht  verschließen,  daß  die
Macht  und  die  Einheit  des  Deutschen  Reiches  durch  diese  Verschmelzung
mit  den  tatsächlich  seit  400  Jahren  von  uns  getrennten  österreichischen
Erblanden  eher  verlieren  als  gewinnen  würden.  Ungerecht  wäre  es  ferner,
wenn  solche  Aeußerungen  gegen  uns  nur  aus  einem  gewissen  Mißbehagen
über  die  in  Oesterreich-Ungarn  vorhandenen,  mit  dessen  Verfassung  und
Nationalitsfragen  eng  zusammenhängenden  Schwierigkeiten  oder  aus  der
Neigung  hervorgegangen  wären,  für  die  eigenen  Sorgen  andere  verantwortlich
  zu  machen.  Es  ist  natürlich,  daß  Graf  Andrassy  zunächst  als
Ungar  empfindet  und  urteilt.  So  mag  es  denn  vielleicht  vergessen  sein,
wie  wir  fast  geflissentlich  jede  Gelegenheit  ergriffen  haben,  unsere  Sympathie
  für  den  berechtigten  Einfluß  der  ungarischen  Hälfte  der  Monarchie
an  den  Tag  zu  legen.  Sind  aber  dennoch  und  selbst  bei  dem  Staatsmann,
  welchem  Kaiser  Franz  Joseph  die  oberste  Leitung  übertragen  hat,
Zweifel  über  unsere  Politik  entstanden,  so  kann  ich  dieselben  bei  einem
Ungar  höchstens  auf  die  Frage  der  siebenbürgischen  Sachsen  zurückführen.
Der  Verlust  der  hergebrachten  Selbständigkeit  der  Sachsen  in  Siebenbürgen
hat  in  weiteren  Kreisen  Aufsehen  erregt.  Wir  haben  indessen  niemals
auch  nur  durch  die  leiseste  Regung  dem  Verdacht  Nahrung  gegeben,  als
wollten  wir  irgendwo  über  fremde  Untertanen  deutscher  Abstammung
irgend  eine  Art  von  Intervention  oder  Schutzrecht  beanspruchen.  Wir
sind  von  solchen  Gedanken  bezüglich  der  Siebenbürger  Sachsen  ebensoweit
entfernt  als  von  der  Versuchung,  aus  unseren  Stammesgenossen  in  den
russisch-baltischen  Provinzen,  in  Nordamerika  oder  in  der  Schweiz  auf
Grund  der  Nationalität  und  Sprache  politisch  annehmen  zu  wollen.  Haben
die  Deutschen  in  Ungarn  oder  Siebenbürgen  Grund,  sich  zu  beklagen,  so
können  wir  das  bedauern,  werden  uns  aber  dadurch  in  unseren  politischen
Beziehungen  zu  der  Regierung  des  Landes  so  wenig  wie  in  der  vollständigen
  Enthaltung  jeder  Einmischung  in  dessen  innere  Angelegenheiten  irre
machen  lassen.  Sollten  deutsche  Zeitungen  sich  in  anderem  Sinne  aussprechen
  oder  die  nationalen  Sympathien  gegen  die  Regierung  des  Königreichs
  Ungarn  aufzuregen  sich  bemühen,  so  bedaure  ich  das,  wie  so  manchen
anderen  Dienst,  den  solche  Blätter  für  Geld  oder  aus  Parteihaß  unseren
Feinden  leisten.“  —  Soweit  Fürst  Bismarck.  Möge  den  Worten  des
Fürsten  Bismarck  gelingen,  was  mir  bisher  noch  nicht  gelungen  ist,  dem
Abg.  Hasse  den  Unterschied  klar  zu  machen  zwischen  Phantasie  und  Wirklichkeit,
  zwischen  Gefühlspolitik  und  jener  Realpolitik,  die  allein  dem  Lande
frommt,  und  an  der  ich  festhalte.  (Beifall.)

19.  März.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  ermächtigt
  den  Abg.  Dr.  Porsch  (Z.)  während  der  Krankheit  des  Vizepräsidenten
  Frhrn.  v.  Heeremann  die  Funktion  des  ersten  Vizepräsidenten
  zu  übernehmen.

19./20.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Bewilligung
  der  Ostmarkenzulagen  und  des  Posener  Residenzschlosses.
        <pb n="80" />
        72  aDs  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19./20.)

Die  Regierung  verlangt  als  Dispositionsfonds  des  Oberpräsidenten
zur  Förderung  des  Deutschtums  in  den  Ostmarken  1  Million  Mark,  als
Erziehungsbeihilfe  an  höhere  Beamte  150 000  Mark,  und  widerrufliche,
nicht  pensionsfähige  Gehaltszulagen  an  die  mittleren,  Kanzlei-  und  Unterbeamten
  1350 000  Mark,  ferner  für  Erwerb  und  Erschließung  des  Umwallungsgeländes
  der  Stadt  Posen,  2.  Rate:  3  Millionen  Mark  und
für  Herstellung  von  Garnisonseinrichtungen  in  Wreschen  und  Schrimm
2 984  158  Mark,  Vorarbeiten  für  ein  Residenzschloß  in  Posen  50 000  Mark.

Die  freisinnigen  Parteien  beantragen,  die  Zulagen  als  unwiderrufliche
  zu  gewähren.  Abg.  Winckler  (kons.)  billigt  die  Forderung  und  hofft,
daß  das  Posener  Schloß  ein  Wahrzeichen  der  Zusammengehörigkeit  der
polnischen  Landesteile  mit  der  preußischen  Monarchie  und  dem  Deutschen
Reiche  sein  werde.  Abg.  Keruth  (fr.  Vp.):  Die  Polenpolitik  der  Regierung
  schädige  das  Deutschtum,  wie  das  Anwachsen  der  polnischen  Stimmen
z.  B.  in  Danzig  beweise.  Warum  solle  es  jetzt  von  der  Ostmarkenzulage
ausgeschlossen  werden?  Die  ganze  Vorlage  sei  abzulehnen  und  ein  besonderes
  Gesetz  über  die  Regelung  der  Beamtengehälter  in  gemischt-sprachigen
Bezirken  einzubringen.  Finanzmin.  Frhr.  v.  Rheinbaben:  Die  Ausdehnung
  der  Maßregel  auf  alle  gemischt-sprachige  Gegenden  müßte  große
finanzielle  Folgen  haben.  Auch  auf  Oberschlesien  dürfe  man  sie  nicht  ausdehnen,
  weil  man  nicht  die  dortige  Agitation  unterstützen  wolle,  daß  die
dortigen  Polen  dieselbe  Geschichte  hätten  wie  die  Posener.  Ueber  die  Frage
der  Widerruflichkeit  sagt  der  Minister:  Viel  angegriffen  worden  ist  die
Widerruflichkeit  der  Zulagen,  aber  die  Widerruflichkeit  ist  durchaus  nichts
neues.  Da  die  Beamten  im  Osten  einen  besonders  schwierigen  und  verantwortungsvollen
  Dienst  haben  und  die  örtlichen  Verhältnisse  große
Schwierigkeiten  bieten,  so  haben  wir  früher  Stellenzulagen  gewährt.  Im
Jahre  1891  haben  wir  für  diesen  Zweck  1 170 000  Mark,  im  Jahre  1899
2,5  Millionen  zur  Verfügung  gestellt.  Auch  diese  Stellenzulagen  sind  widerruflich
  gegeben  worden,  aber  nirgends  ist  ein  Mißbrauch  zu  politischen
Zwecken  hervorgetreten.  Von  dem  Widerruf  wird  nicht  seitens  der  Lokalbehörden,
  sondern  von  der  Zentralinstanz  Gebrauch  gemacht  werden.  Die
Zulage  wird  ja  auch  nicht  für  ein  Jahr  oder  für  drei  Jahre  gewährt,
sondern  nach  Prüfung  der  Verhältnisse  gegeben.  Ist  die  Zulage  einmal
gegeben,  so  bleibt  sie  dem  Beamten  auch;  es  sei  denn,  daß  die  Voraussetzungen
  für  ihre  Entziehung  gegeben  sind.  Und  das  kann  nur  geschehen
durch  Beschluß  des  zuständigen  Ministers,  der  in  diesem  Hohen  Hause
Rechenschaft  abzulegen  hat.  Ich  glaube,  die  Gefahr  eines  Mißbrauches
ist  auch  ausgeschlossen.  Von  dem  Widerruf  selber  können  wir  schlechterdings
  nicht  absehen,  wenn  wir  nicht  den  Zweck  der  Maßregel  gefährden.
Die  Maßregel  bezweckt,  den  Beamten  unter  zum  Teil  schwierigen  Verhältnissen
  eine  Zulage  zu  geben  für  treues  Aushalten  im  Osten.  Sie
können  die  Zulagen  aber  nur  bekommen,  wenn  sie  dienstlich  und  außerdienstlich
  ihre  Pflicht  erfüllen,  insbesondere  auch  ihre  nationale  Pflicht.
(Beifall  rechts.)  Wir  können  die  Ostmarkenpolitik  nur  durchführen  gestützt
auf  ein  treues  Beamtenpersonal.  Wer  sich  dienstlich  schlecht  führt  oder
national  unsicher  ist,  kann  die  Zulage  nicht  bekommen.  Auf  den  Widerruf
  können  wir  nicht  verzichten.  Der  Ausweg  der  Versetzung  ist  nicht  angängig,
  das  gäbe  ein  beständiges  Zu-  und  Abströmen,  das  wir  vermeiden
wollen.  Unwiderruflichkeit  würde  die  ganze  Maßregel  hinfällig  machen.
Ich  bin  in  der  Lage,  im  Namen  der  Staatsregierung  zu  erklären,  daß
die  Streichung  des  Wortes  „Widerruf“  die  ganze  Position  für  die  Staatsregierung
  unannehmbar  macht.  (Beifall.)

Abg.  Hobrecht  (nl.)  ist  für  die  Vorlage,  obwohl  er  gegen  die
        <pb n="81" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  20.)  73

Widerruflichkeit  schwere  Bedenken  hat.  Die  Beamten  werden  stets  in  Furcht
vor  der  Entziehung  leben  und  bei  jeder  Gelegenheit  zu  zeigen  suchen,  wie
sie  die  Politik  der  Regierung  unterstützen.  (Sehr  richtig!  links.)  Das
führt  zu  Denunziationen  (Sehr  richtig!  links),  die  wir  vermieden  wissen
wollen.  Die  Regierung  gibt  ihre  disziplinäre  Gewalt  nicht  aus  der  Hand,
wenn  sie  auf  den  Widerruf  verzichtet.  Was  ist  es  denn  für  ein  Unglück,
wenn  wirklich  einmal  ein  Unwürdiger  die  Zulage  etwas  länger  erhält,
was  bedeutet  das  gegenüber  den  Schäden,  die  dadurch  entstehen,  daß  die
ganze  Klasse  derer,  die  diese  Zulage  bekommen,  in  steter  Furcht  schwebt.
(Sehr  richtig!  links.)  Was  uns  schützt  im  Osten  und  die  Hoffnung  auf
einen  guten  und  —  das  wünschen  wir  —  schließlich  friedlichen  Ausgang
stärkt,  ist  ein  tüchtiger  und  unbestechlicher,  objektiver,  vaterlandsliebender
Beamtenstand  und  die  Achtung  und  der  Respekt,  in  dem  dieser  Beamtenstand
  auch  bei  der  polnischen  Bevölkerung  steht.  Stärken  sie  diesen  Respekt!
  (Beifall  b.  d.  Natlib.)  Abg.  Dittrich  (Z.):  Das  Zentrum  lehne
trotz  der  wohlbekannten  schwierigen  Stellung  der  Beamten  im  Osten  die
Zulage  ab,  weil  sie  die  Gegensätze  verschärfen  werde.  Abg.  v.  Tiedemann
  (frkons.)  begrüßt  das  Residenzschloß  als  ein  Symbol:  Es  wird  als
ein  helles,  weithin  leuchtendes  Wahrzeichen  betrachtet  werden  können  der
unzertrennlichen  Zusammengehörigkeit  der  Provinz  zu  dem  preußischen
Staat.  Ich  meine  aber,  daß  nun  für  die  Stadt  Posen  genug  getan  ist,
weil  es  niemals  gelingen  wird,  Posen  zu  einer  deutschen  Stadt  zu  machen.
Sie  wird  immer  das  Zentrum  des  Polentums  bleiben.  Aus  diesem  Grunde
würde  es  mich  auch  sehr  freuen,  daß  von  einer  deutschen  Universität  in
Posen  nicht  weiter  die  Rede  ist.  Sie  würde  einen  Herd  bilden  für  die
polnische  Propaganda.

Abg.  v.  Glebocki  (Pole):  Das  Polentum  werde  immer  weiter
wachsen  trotz  des  Residenzschlosses.  Das  polnische  Volk  werde  sich  nicht
durch  die  finanziellen  Mittel,  sondern  nur  durch  Gerechtigkeit  und  Billigkeit
  gewinnen  lassen,  diese  fehlten  aber,  wie  die  zahlreichen  Schikanen  gegen
polnische  Vereine  bewiesen.  Die  Anwesenheit  des  Kaisers  in  Posen  habe
Anlaß  zum  Boykott  gegen  Polen  gegeben  und  hierdurch  die  monarchische
Gesinnung  der  Polen  erschüttert.  Finanzmin.  Frhr.  v.  Rheinbaben:
Die  Erregung  der  Polen  beweise,  daß  die  Maßregel  eine  Stärkung  des
Deutschtums  bedeute.  —  Am  folgenden  Tage  behauptet  Abg.  v.  Glebocki
(P.),  die  Geschichte  der  Polen  unter  preußischer  Herrschaft  sei  eine  Leidensgeschichte
  auf  jedem  Blatt;  die  jetzige  Mißwirtschaft  sei  weit  schlimmer  als
die,  an  der  der  Orden  zu  Grunde  gegangen  sei.  Finanzmin.  v.  Rheinbaben
  weist  unter  scharfem  Protest  gegen  den  aufreizenden  Ton  des  Vorredners
  auf  die  grauenvollen  Zustände  in  der  Republik  Polen  und  die
Segnungen  der  preußischen  Herrschaft  hin.  —  Hierauf  werden  die  Forderungen
  der  Regierung  gegen  die  Stimmen  des  Zentrums,  der  Polen  und
Freisinnigen  angenommen.  Ebenso  werden  die  Forderungen  über  die  Zulagen
  für  die  Lehrer  in  den  Ostmarken  angenommen.

20.  März.  (Reichstag.)  Bei  der  Beratung  des  Etats  des
Auswärtigen  tadelt  Abg.  Bernstein  (Soz.),  daß  die  deutsche  Regierung
  Reichsangehörige  nicht  genügend  gegen  die  Willkür  der  russischen
  Polizei  schütze.  Staatssekretär  v  Richthofen  erwidert,  wer  in
Rußland  die  russischen  Gesetze  verletze,  müsse  die  Folgen  tragen.

März.  (Bayern.)  Preßkämpfe  um  die  Jesuiten  und  das
Andenken  Tillys.
        <pb n="82" />
        74  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  21.)

In  einer  Versammlung  gegen  die  Zulassung  der  Jesuiten  in  München
  hält  Prof.  Graf  Du  Moulin-Eckart  eine  Rede,  in  der  er  sagt:
„Zur  Schande  des  deutschen  Volkes  steht  heute  in  der  Feldherrnhalle  das
Erzbild  Tillys.“  Gegen  diese  Worte  entfaltet  die  klerikale  Partei  eine
heftige  Opposition,  da  sie  eine  Beschimpfung  des  Hauses  Wittelsbach  und
eines  edlen  Kriegshelden  enthielten.  Veteranenvereine  und  höhere  Offiziere
  protestieren  ebenfalls.  Ein  von  der  Zentrumspartei  verbreitetes  Flugblatt
  fordert  die  Absetzung  Du  Moulins.  Die  „Allgemeine  Zeitung“  bemerkt
  dazu:  Wie  verhält  sich  diese  Entrüstung  und  dieser  Kraftaufwand
zu  Ehren  eines  belgischen  Generals,  der  zuletzt  im  dreißigjährigen  Krieg
im  Dienste  des  damaligen  bayerischen  Kurfürsten  starb,  zu  der  Tatsache,
daß  auch  nicht  mit  einem  Wort  die  Steuerzettel-  und  Kanonenrede  des
Herrn  Schädler  mißbilligt  wird;  daß  nicht  mit  einem  Wort  gegen  das
Auftreten  des  Abgeordneten  und  Domherrn  Dr.  Pichler  in  Straubing  Einspruch
  erhoben  wird;  daß  der  Pfarrer  und  Abgeordnete  Hebel  ohne  auch
nur  den  leisesten  Tadel  zu  finden,  in  das  Land  hinausgesprochen  hat,  daß
man  bayerische  Prinzen  als  preußische  Lakaien  ansehe;  daß  unter  Vorsitz
des  Lyzealrektors  Dr.  v.  Daller  in  München  ein  Dr.  Heim  den  Prinz-Regenten
  als  „gekrönten  Agitator“  für  das  Zentrum  in  Anspruch  nehmen
konnte;  daß  in  München  von  Zentrumsorganisationen  seit  zwei  Jahren
und  neuerdings  Flugblätter  verbreitet  werden,  die  die  Religion  zu  einem
Mittel  gewerblichen  Boykotts  machen.

21.  März.  (Reichstag.)  Kolonialetat.  Haussklaverei.  Ansiedlung

  von  Buren.

Abg.  Stolle  (Soz.)  tadelt,  daß  die  Haussklaverei  noch  nicht  aufgehoben
  sei.  Ministerialdir.  Dr.  Stübel:  Die  Haussklaverei  bilde  nur
noch  einen  Uebergangszustand  und  jeder  Haussklave  könne  sich  durch  Zahlung
  einer  Abfindungssumme  freikaufen.  Der  Herr  sei  verpflichtet,  für
den  Sklaven  im  Alter  und  bei  Krankheit  zu  sorgen.  Abg.  Schrempf
(kons.)  wünscht,  daß  die  Kolonialverwaltung  weniger  bureaukratisch  gestaltet,
  daß  vielmehr  Kaufleute  zur  Verwaltung  herangezogen  würden.
Gouverneur  Graf  Götzen:  Die  Kaufleute  seien  in  Ostafrika  häufig  nach
ihren  Wünschen  gefragt  worden,  und  die  Verwaltung  habe  sie  berücksichtigt.

Hierauf  werden  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten,  der  freisinnigen
  Volkspartei  und  einen  Teil  des  Zentrums  750 000  Mark  zur
Fortführung  der  Eisenbahn  Tanga - Korogwe  - Mombo  und  346 000  Mark
für  den  Betrieb  der  Usambarabahn  bewilligt.

Abg.  Arendt  (RP.)  fragt,  ob  in  Südwestafrika  sich  Buren  angesiedelt
  hätten.  Gouverneur  Oberst  Leutwein:  Die  Ansiedelungsfrage  der
Buren  ist  nur  vom  Standpunkte  des  gesunden  nationalen  Egoismus  zu
betrachten.  Der  Bure  ist  nur  als  Viehzüchter  zu  brauchen,  aber  zu  dieser
Beschäftigung  gehört  Kapital.  Diese  Bedingung  müssen  wir  zuerst  an  ihn
stellen.  Arme  Angehörige  anderer  Nationen  können  wir  auch  brauchen,
arme  Buren  nicht.  Der  Bur  zieht  mit  Ochsenwagen,  mit  seiner  Frau  und
vielen  Kindern  im  Lande  umher  und  ruiniert  die  Jagd,  das  Wasser,  die
Weiden  und  Anlagen.  Wir  haben  einige  Buren  angesiedelt.  In  der  ersten
Periode  (1896)  hatten  sie  den  betreffenden  Platz  wieder  verlassen.  1900
hat  die  Verwaltung  mit  dem  Gesandten  der  Transvaal-Republik  im  Haag
verhandelt.  Es  hatten  sich  27  Buren  gemeldet,  von  denen  sich  nur  7  als
brauchbar  erwiesen  haben.  Haben  die  Buren  die  Reichsangehörigkeit  angenommen,
  so  werden  sie  ebenso  behandelt  wie  alle  übrigen  Reichsangehörigen.
  Man  sollte  die  Kolonien  nicht  zu  sehr  mit  Fremden  durchsetzen.
Wir  sind  darin  schon  jetzt  beinahe  auf  einer  abschüssigen  Bahn.
        <pb n="83" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  21.—25.)  75

21.  März.  Der  Reichstag  bewilligt  die  Forderung  für  den
Truppenübungsplatz  bei  Neuhammer  mit  einer  Resolution,  wonach
die  Wertabschätzung  von  Grundstücken,  die  für  das  Reichsheer  erworben
  werden  sollen,  künftig  unter  Mitwirkung  des  Reichsschatzamtes
  stattfinden  soll.  —  Ferner  setzt  der  Reichstag  die  Forderung
von  2  Millionen  für  Reparaturen  an  Kriegsschiffen  auf  eine  herab.

23.  März.  Der  Reichstag  genehmigt  den  Gesetzentwurf
über  die  Kinderarbeit  in  gewerblichen  Betrieben  in  dritter  Lesung.

23.  März.  Dem  Reichstage  wird  die  Bekanntmachung  über
die  Abänderung  des  Wahlreglements  vorgelegt.  (Vgl.  S.  20,  26.)

Darin  wird  bestimmt,  daß  die  Stimmzettel  aus  weißem  Papier
bestehen  und  mit  keinerlei  Kennzeichen  versehen  sein  dürfen.  Sie  sollen
9  bis  12  cm  groß  und  von  mittelstarkem  Schreibpapier  sein  und  müssen
von  dem  Wähler  in  einem  mit  dem  amtlichen  Stempel  versehenen  Umschlage,
  der  sonst  keine  Kennzeichen  haben  darf,  abgegeben  werden.  Die
Umschläge  sollen  12  bis  15  cm  groß  und  undurchsichtig  sein.  Es  ist  entweder
  durch  Bereitstellung  eines  oder  mehrerer  Nebenräume,  die  nur  durch
das  Wahllokal  zu  betreten  und  unmittelbar  mit  ihm  verbunden  sind,  oder
durch  Vorrichtungen  an  einem  oder  mehreren  vom  Vorstandstische  getrennten
  Nebentischen  Vorsorge  zu  treffen,  daß  der  Wähler  den  Stimmzetel
  unbeachtet  in  den  Umschlag  zu  legen  vermag.  Der  Wähler  nimmt

bei  der  Wahl  seinen  Umschlag  entgegen,  tritt  an  den  Nebentisch,  steckt  den

Wahlzettel  unbeobachtet  hinein  und  übergibt  dann  den  Unschlag  unter
Nennung  seines  Namens  an  den  Vorstand,  der  den  Umschlag  uneröffnet
in  die  Urne  legt.  Diejenigen  Stimmzettel,  die  nicht  entsprechend  den  obigen
Vorschrifteu  abgegeben  werden,  sind  ungültig.

23.  März.  (Bremen.)  Die  Kohlenladungsarbeiter  des
Norddeutschen  Lloyd  treten  auf  Veranlassung  des  Lloyd  aus  dem
Hafenarbeiterverbande  aus  und  bilden  einen  besonderen  Verband
mit  eigener  Pensionkase.  

23.  März.  (Berlin.)  Abg.  Frhr.  Heeremann  v.  Zuydwyk,
Vizepräsident  des  Preußischen  Abgeordnetenhauses,  69  Jahre  alt,  †.

24.  März.  Der  Reichstag  genehmigt  den  Etat  gegen  die
Stimmen  der  Sozialdemokraten.

Der  Etat  balanziert  mit  2 417 028 912  Mark.  Von  den  Ausgaben
entfallen  1 997 229 523  Mark  auf  die  fortdauernden,  214 950 565    Mark  auf
die  einmaligen  ordentlichen,  und      199 848 824  Mark  auf  die  einmaligen  außerordentlichen
  Ausgaben.  Der  Reichskanzler  ist  ermächtigt,  zur  Bestreitung
einmaliger  außerordentlicher  Ausgaben  die  Summe  von  159 888 325  Mark
im  Wege  des  Kredits  flüssig  zu  machen.

24.  März.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  genehmigt
  das  Etatsgesetz.  (Annahme  im  Herrenhause  1.  April.)  Der
Etat  balanciert  mit      2 674 281 030  Mark,  davon  find      157 920 797
Mark  einmalige  Ausgaben.

25.  März.  (Berlin.)  Ein  von  über  400  Teilnehmern  be-
        <pb n="84" />
        76  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzeinen  Glieder.  (März  26.  27.)

suchter  Delegiertentag  der  konservativen  Partei  Deutschlands  faßt
folgende  Beschlüsse:

Wirtschaftspolitik.  1.  Es  wird  gefordert,  daß  die  bestehenden  Handelsverträge
  baldigst  gekündigt  werden.  2.  Daß  bei  Neuordnung  unserer
Handelsbeziehungen  die  Meistbegünstigung  nicht  ohne  vollkommen  gleichwertige
  Gegenleistungen  eingeräumt  wird.  3.  Es  soll  nur  solchen  Handelsverträgen
  zugestimmt  werden,  welche  unter  gleichmäßiger  Berücksichtigung
  aller  Fabrikationszweige  die  Lage  der  Landwirtschaft  wesentlich  bessern
und  für  ihr  Gedeihen  ausreichende  Grundlagen  bieten.  4.  Eine  Abschwächung
  der  gegenwärtigen  Börsengesetzgebung  ist  zu  verhindern.

Arbeiterfürsorge  und  Mittelstand.  I.  Die  konservative  Partei  treibt
nicht  Sozialpolitik,  um  die  Gunst  von  Wählermassen  zu  erlangen  und
macht  nicht  unerfüllbare  Versprechungen,  wohl  aber  will  sie  die  unerschütterlichen
  Grundsätze  des  Christentums  und  deren  Betätigung  in  der
Gesetzgebung  zur  Geltung  gebracht  sehen.  II.  Die  Fürsorge  für  die  wirtschaftlich
  Schwachen,  welche  durch  die  Allerhöchste  Botschaft  Kaiser  Wilhelms
  I.  vom  17.  November  1881  eingeleitet  ist,  hat  sich  nicht  nur  auf
die  Arbeiter,  für  die  durch  Arbeiterschutz-  und  Versicherungsgesetze  inzwischen
  bereits  Bedeutendes  erreicht  worden  ist,  zu  erstrecken.  Der  Mittelstand
  in  Stadt  und  Land  (Handwerker,  Kleingewerbe,  kleiner  und  mittlerer
  Grundbesitz  u.  s.  w.),  von  dessen  Gedeihen  die  Erhaltung  des  Vaterlandes
  abhängig  ist,  erscheint  auf  das  höchste  gefährdet  und  ist  zum  Teil
unter  die  wirtschaftliche  Lage  von  Lohnarbeitern  herabgesunken.  Die  für
den  Mittelstand  unabweisbaren  Maßnahmen  sind  nicht  länger  hinauszuschieben.
  III.  Daneben  erstrebt  die  konservative  Partei:  1.  die  weitere
Ausgestaltung  des  Arbeiterschutzes,  namentlich  mit  Bezug  auf  die  Arbeit
der  Frauen  und  Kinder,  soweit  Gesundheit  und  Familienleben  gefährdet
erscheinen.  2.  Die  Verbesserung  der  Arbeiterversicherungsgesetze,  wobei  dem
Plan  einer  Witwen-  und  Waisenversicherung  ernstlich  näher  zu  treten  ist.
IV.  Der  konservativen  Partei  würde  das  freudige  Eintreten  für  die  Arbeiterfürsorge
  wesentlich  erleichtert  werden,  wenn  die  Regierungen  im  Reich
und  in  den  Einzelstaaten  sich  ausnahmslos  entschließen  möchten  1.  für  die
Erhaltung  und  Förderung  des  Mittelstandes,  2.  für  einen  besseren  Schutz
der  nationalen  Produktion,  3.  gegen  die  gemeingefährlichen  Bestrebungen
der,  jede  göttliche  und  menschliche  Autorität  untergrabenden  Volksverführer
zielbewußt  und  energisch  vorzugehen.

Die  Delegierten  beraten  unter  Ausschluß  der  Oeffentlichkeit,  kurze
Referate  werden  in  der  „Kons.  Korresp.“  veröffentlicht.  Viel  besprochen
wird  namentlich  ein  Vortrag  des  Abg.  Graf  Limburg-Stirum  über
die  innerpolitische  Lage,  worin  er  die  Frage,  „wie  dem  Volke  die  Religion
zu  erhalten  sei",  mit  dem  Hinweise  auf  die  Fürsorge  für  die  Kirche  und
Erhaltung  der  konfessionellen  Volksschule  beantwortet.  Für  das  Verhalten
gegen  die  anderen  Parteien  proklamiert  er  Unversöhnlichkeit  gegen  die
Sozialdemokratie  und  ihre  Helfershelfer  und  deshalb  Prüfung  der  freisinnigen
  Kandidaten  über  deren  Stellung  zur  Sozialdemokratie,  Einvernehmen
  mit  den  übrigen  Parteien  insonderheit  auch  mit  dem  Zentrum,
mit  dem  die  Konservativen  in  christlicher  und  wirtschaftlicher  Hinsicht  zahlreiche
  Berührungspunkte  hätten.

26.  März.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  genehmigt
  die  Vorlage  über  die  Gewährung  von  Wohnungsgeldzuschüssen
an  Staatsbeamte  und  die  Vorlage  über  Regelung  der  Landestrauer.

27.  März.  (Gotha.)  Der  Landtag  fordert  die  Regierung
        <pb n="85" />
        Bas  Dentsqhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  28.  30.)  77

auf,  einer  weiteren  Erhöhung  der  Reichsangaben  entgegenzutreten,
auf  jede  Ersparnis  in  den  bisherigen  Ausgaben  Bedacht  zu  nehmen,
endlich  eine  anderweitige  Regelung  der  finanziellen  Beziehungen  des
Reiches  zu  den  Einzelstaaten  fortgesetzt  anzuregen  und  zu  betreiben.

28.  März.  (Berlin.)  Die  Reichstagswahlen  werden  auf
den  16.  Juni  festgesetzt.  —  Der  „Vorwärts“  hatte  angeblich  auf
Grund  amtlicher  Aktenstücke  den  17.  Mai  als  Termin  angegeben
und  daraus  geschlossen,  daß  die  Regierung  die  Wähler  überrumpeln
wolle,  er  wird  aber  von  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung“
scharf  dementiert  und  von  den  übrigen  Blättern  verspottet.

28.  März.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung"“  schreibt
über  den  Antrag  Krafft  im  elsaß-lothringrischen  Landesausschufse
(S.  58):

Der  Irrtum,  von  dem  auch  dieser  Antrag  ausgeht,  besteht  darin,
daß  Elsaß-Lothringen  dem  Deutschen  Reiche  abgetreten,  also  kein  selbständiges
  souveränes  Staatengebilde  ist,  sowenig,  wie  es  dies  unter  französischer
  Herrschaft  war  ...  Die  Ausschaltung  des  Reichstags  wird  vielleicht
  auf  Schwierigkeiten  stoßen,  da  das  Reich  in  Elsaß-Lothringen  für
Eisenbahnen,  Festungen  und  andere  Dinge  große  Summen  verausgabt,
z.  B.  den  jährlichen  Zuschuß  von  400000  Mark  für  die  Straßburger  Universität,
  sich  also  für  den  Notfall  auch  einen  Einfluß  auf  die  Landesgesetzgebung
  sichern  muß.  Bisher  ist  übrigens  der  Reichstag  nur  in  sehr  seltenen
  Fällen  angegriffen  worden.  Die  Befugnisse  eines  deutschen  Landtags
  besitzt  der  Landesausschuß  in  vollem  Umfange,  auch  der  Abänderung
des  Namens  stände  wohl  kaum  etwas  entgegen.  Wohl  aber  könnte  es  sich
darum  handeln,  den  Landesausschuß,  der  heute  aus  den  Gemeinde=  und
Bezirksvertretungen  von  diesen  gewählt  wird,  auf  eine  politische  Grundlage
  zu  stellen  und  ihm  damit  eine  politische  Zusammensetzung  zu  geben.
Ob  die  Verhältnisse  reif  dazu  sind,  das  zu  entscheiden,  ist  in  erster  Linie
Sache  der  Landesverwaltung,  die,  wie  es  scheint,  dem  Antrage  nicht  unfreundlich
  gegenübersteht.  Eine  direkte  Abstimmung  im  Bundesrat  durch
eigene  Vertreter  ist  dagegen  ebenso  unausführbar  als  unnötig.  Die  Landesverwaltung
  hat  erstlich  zwei  Kommissare  im  Bundesrat,  deren  einer  zudem
mit  dem  Staatssekretär  v.  Köller  und  dem  Unterstaatssekretär  v.  Schraut
preußisches  stellvertretendes  Mitglied  des  Bundesrats  ist.  Da  ohnehin  über
elsaß-lothringische  Angelegenheiten  im  Bundesrat  füglich  nicht  gegen  Preußen
entschieden  werden  kann,  so  ist  diese  Frage  durch  die  tatsächlich  bestehende
Praxis  längst  im  Sinne  des  Antrags  erledigt,  wenn  auch  nicht  der  Form,
so  doch  dem  Wesen  nach.

30.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Staatsbeihilfe
  zu  Arbeiterwohnungen.  Ausgleichsfonds  der  Eisenbahnverwaltung.



Der  Gesetzentwurf  über  die  Bewilligung  weiterer  Staatsmittel  zur
Verbesserung  der  Wohnungsverhältnisse  von  Arbeitern  und  gering  besoldeten
  Staatsbeamten  wird  ohne  Debatte  angenommen.  Der  Gesetzentwurf
über  Bildung  eines  Ausgleichsfonds  für  die  Eisenbahnverwaltung  wird
nach  längerer  Diskussion  gegen  die  Stimmen  der  Freisinnigen  Volkspartei
        <pb n="86" />
        78  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  31.—  April  1.)

und  eines  Teils  des  Zentrums  mit  den  von  der  Kommission  beantragten
Veränderungen  des  Regierungsentwurfs  angenommen.  Im  Regierungsentwurf
  hieß  es,  daß  für  die  Zwecke  des  Fonds  erstmalig  ein  Anleihekredit
  von  60  Mill.  Mark  zur  Verfügung  gestellt  werde  mit  der  Maßgabe,
daß  in  demselben  Jahre  nicht  mehr  als  30  Mill.  Mark  verwendet  werden
dürfen.  Die  Kommision  hat  einmalig  30  Mill.  Mark  bereitgestellt.  Ferner
soll  die  Summe  von  30  Mill.  Mark  jedesmal  in  den  Etat  eingesetzt  werden,
also  nicht  außeretatsmäßig  verrechnet  werden.  (Genehmigung  in  dritter
Lesung  31.  März.)

31.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Debatte
über  Feuerbestattung.

Das  Haus  verwirft  nach  erregter  Debatte  folgenden  Antrag  Barth
(fr.  Vg.):  „Die  königliche  Staatsregierung  zu  ersuchen,  die  zur  Einführung
der  fakultativen  Feuerbestattung  in  Preußen  erforderlichen  gesetzgeberischen
Maßregeln  zu  treffen.“  Für  den  Antrag  stimmen  die  beiden  freisinnigen
Parteien,  die  Nationalliberalen  und  ein  Teil  der  Freikonservativen  unter
Führung  des  Abg.  Frhr.  v.  Zedlitz.

Ende  März.  (Rheinprovinz.)  In  dem  bisher  zur  Zentrumspartei
  haltenden  Rheinischen  Bauernverein  macht  sich  eine
stärkere  agrarische  Richtung  mit  einer  Spitze  gegen  das  Zentrum
geltend.  Der  Vorsitzende,  Graf  Spee,  legt  deshalb  den  Vorsitz

nieder.



März.  April.  Streit  zwischen  Dasbach  und  Hoensbroech
über  Jesuitenmoral.

Am  31.  März  erklärt  Abg.  Dasbach  (Z.)  in  öffentlicher  Versammlung
  in  Rixdorf,  er  zahle  demjenigen  2000  Gulden,  der  den  Nachweis  erbringe,
  daß  der  Grundsatz,  der  Zweck  heiligt  das  Mittel,  sich  in  jesuitischen
  Schriften  finde.  Graf  Paul  Hoensbroech  erbietet  sich  in  einem
offenen  Briefe,  den  Nachweis  zu  erbringen  und  schlägt  die  Einsetzung  eines
unparteiischen  Schiedsgerichts  vor  (10.  April).  Das  Schiedsgericht  kommt
trotz  mehrfachen  Briefwechsels  nicht  zustande;  Graf  Hoensbroech  veröffentlicht
  sein  Beweismaterial  in  der  Monatsschrift  „Deutschland“  (Juli)  und
erklärt,  den  „ausgelobten“  Preis  einklagen  zu  wollen.

Anfang  April.  (Preußen.)  Der  Kultusminister  richtet
einen  Erlaß  an  alle  Regierungen,  daß  in  den  Volksschulen  wichtige
  sozialpolitische  Fragen  und  wirtschaftliche  Fragen  wie  Bekämpfung
  der  Trunksucht,  Gesundheitspflege,  Obst-,  Gartenbaukunde,
Versicherungswesen,  Bedeutung  der  Kolonien  u.  dgl.  besprochen
werden  sollen.

1.  April.  (Bochum.)  Differenzen  zwischen  Zentrum  und
Polen  im  westlichen  Industriebezirk.

Der  Ausschuß  des  Zentrumswahlkomitees  veröffentlicht  folgende
  Erklärung.

Der  Ausschuß  des  Wahlkomitees  der  Zentrumspartei  im  rheinischwestfälischen
  Industriegebiet  hat  mit  dem  sog.  Zentralwahlkomitee  der  Polen,
das  seinen  Sitz  in  Bochum  hat,  eine  Einigung  für  die  bevorstehende  Reichs-
        <pb n="87" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  1.)  79

tagswahl  herbeizuführen  gesucht.  Nach  langen  Verhandlungen  war  für
Sonntag  den  29.  März  eine  gemeinschaftliche  Sitzung  mit  dem  Polenkomitee
  in  Bochum  festgesetzt.  Die  eigentlichen  Führer  der  radikalen  Richtung
  unter  den  Polen  erschienen  zu  dieser  Sitzung  nicht,  sie  schickten  vielmehr
  neun  bisher  wenig  hervorgetretene  Delegierte.  Diese  unterbreiteten
den  Vertretern  der  Zentrumskomitees  in  einem  Schriftstück  die  nachstehenden
Forderungen:  1.  Die  Zentrumspartei  verzichtet  auf  eigene  Kandidaturen
in  Ostpreußen  (mit  Ausnahme  von  Braunsberg--Heilsberg),  Westpreußen,
Ostpommern,  Posen  und  Oberschlesien  und  wird  die  deutschen  Katholiken
jener  Bezirke  offiziell  und  öffentlich  durch  die  Presse  zur  Unterstützung  der
polnischen  Kandidaten  auffordern.  II.  Die  Zentrumspartei  wird  bei  den
bischöflichen  Behörden  eine  Verordnung  erwirken,  nach  welcher:  a)  in  allen
Gemeinden,  in  welchen  die  Polen  in  überwiegender  Majorität  sind,  wie
dies  vielfach  in  Sachsen  der  Fall  ist,  der  Hauptgottesdienst  mit  polnischem
Gesang  und  Predigt  für  die  Polen  bestimmt  sein  soll;  b)  in  allen  Gemeinden,
  in  welchen  Polen  und  Deutsche  annähernd  gleich  stark  sind,  soll
bei  dem  Hauptgottesdienste  abwechselnd,  also  jeden  zweiten  Sonntag,  polnisch
  bezw.  deutsch  gepredigt  und  gesungen  werden,  für  den  anderen  Teil
müßte  alsdann  möglichst  zu  einer  anderen  Zeit  gepredigt  werden;  c)  wo
die  Polen  schwächer  als  die  Deutschen  sind,  aber  dennoch  eine  starke  Kolonie
  bilden,  ist  polnische  Andacht  an  jedem  Sonntag  Nachmittag  vor  oder
nach  der  Hauptandacht  abzuhalten;  d)  in  allen  anderen  Gemeinden,  in
welchen  polnische  Vereine  bestehen,  ist  wenigstens  jeden  Monat  polnische
Andacht  abzuhalten;  e)  der  Vorbereitungsunterricht  zu  der  h.  Beichte  und
Kommunion  ist  an  Kinder  polnischer  Eltern  in  polnischer  Sprache  zu  erteilen;
  f)  die  wenigen  Geistlichen  in  den  deutschen  Diözesen,  welche  der
polnischen  Sprache  vollständig  mächtig  sind,  sind  für  die  Seelsorge  für  die
Deutschen  zu  entbinden  und  ausschließlich  für  die  Polen  zu  bestimmen,
somit  auch  in  Gegenden  anzustellen,  wo  die  Polen  zahlreich  sind;  g)  den
polnischen  Geistlichen  aus  dem  Osten,  welche  mit  Zustimmung  ihrer  Bischöfe
nach  dem  Westen  kommen  wollen,  um  sich  der  Polenpastoration  für  längere
oder  kürzere  Zeit  zu  widmen,  ist  dieses  zu  gestatten;  h)  die  Kosten  der
Polenpastoration  haben  die  Kirchenkassen  zu  tragen;  i)  die  polnischen  Andachten
  sind  wenigstens  eine  Woche  vorher  in  polnischer  Sprache  von  der
Kanzel  und  im  Poslaniec  katalocki  (einem  Beiblatt  des  Wiarus)  anzukündigen,
  sofern  die  Aufnahme  unentgeltlich  erfolgt.  III.  Die  Führer  der
Zentrumspartei  übernehmen  die  Verpflichtung,  dafür  zu  sorgen,  daß  die
Geistlichkeit  von  der  Germanisation  der  Polen  durch  deutsche  kirchliche
Vereine  und  durch  Verbreitung  deutscher  Zeitungen  in  polnischen  Familien
abläßt.  IV.  Die  Zentrumsfraktion  des  Abgeordnetenhauses  wird  sofort
Aufhebung  des  Sprachenerlasses  für  die  Bergwerke,  sowie  des  Verbots  der
polnischen  Sprache  in  öffentlichen  Versammlungen,  insbesondere  im  Landkreise
  Bochum,  beantragen.  Bochum,  den  29.  März  1903.

Selbstredend  mußten  diese  Forderungen  in  ihrer  Gesamtheit  für
jeden  als  unannehmbar  erscheinen.  Auch  die  abgesandten  Delegierten  mußten
das  einsehen,  denn  sie  erklärten  namens  ihrer  Auftraggeber,  in  eine  Diskussion
  über  diese  Forderungen  nicht  eintreten  zu  können,  sie  wünschten
vielmehr  nur  eine  schriftliche  Antwort  und  verließen  dann  das  Beratungszimmer.
  Ein  Termin  für  diese  Antwort  war  uns  nicht  angegeben.  Trotzdem
  waren  wir  Mittwoch,  den  1.  April,  wieder  zusammen  getreten,  um
eventuell  eine  Antwort  zu  geben,  indes  fanden  wir  im  Wiarus  Polski
(Nr.  73  vom  31.  März  b.)  folgenden  Artikel  vorliegend:  Am  vergangenen
Sonntag  fand  in  Bochum  im  Saale  des  Herrn  Mense  eine  Versammlung
des  Hauptwahlkomitees  statt.  Die  Beratungen  waren  sehr  lebhaft.  Zum
        <pb n="88" />
        80  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  2.)

Zwecke  von  Verhandlungen  mit  dem  Zentrumskomitee  ausgesandte  Deleierte

  kehrten  zurück,  ohne  Berücksichtigung  der  Wünsche  der  Polen  gefunden
  zu  haben;  deshalb  beschloß  das  Hauptkomitee  wie  folgt:  Weil  die
Repräsentanten  der  Zentrumspartei  auf  die  Bedingungen  des  polnischen
Hauptwahlkomitees  hin  nicht  erklärten,  daß  sie  dieselben  annehmen,  beschließen
  wir  hiermit,  in  allen  Bezirken  für  den  Kandidaten  der  Polen,
den  Schriftsteller  Joseph  Chociszewski,  Gnesen,  zu  stimmen.  Stimmenthaltungen
  in  besonderen  Bezirken  behält  sich  das  polnische  Hauptwahlkomitee
  vor.  Dieses  Verfahren  des  sog.  polnischen  Hauptkomitees  dürfte
alle  ruhig  denkenden  Polen  zur  Einsicht  bringen.  Es  ist  deshalb  diesseits
beschlossen  worden,  folgende  Antwort  zu  geben:  An  das  polnische  Hauptwahlkomitee,
  z.  H.  des  Hrn.  Redakteur  Brejski,  Bochum.  Der  Ausschuß
des  Wahlkomitees  der  Zentrumspartei  für  den  rheinisch-westfälischen  Industriebezirk,
  heute  aufs  neue  zusammengetreten,  um  die  Antwort  auf  die
Forderungen  des  polnischen  Wahlkomitees  zu  beraten,  findet  die  Veröffentlichung
  des  letzteren  im  Wiarus  Polski,  dem  Organ  des  gen.  polnischen
Komitees,  vom  31.  März  h.  Jede  sachliche  Antwort  ist  durch  diese  Veröffentlichung
  gegenstandslos  geworden.  Bochum,  den  1.  April  1903.  Der
Ausschuß  der  Wahlkomitees  der  Zentrumspartei  im  rheinisch-westfälischen
Industriebezirk.

2.  April.  (Oberschlesien.)  Auf  der  Kohlengrube  Königin
Luise  kommen  durch  eine  Explosion  30  Bergleute  um.

2.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Erklärung  Buddes
über  die  günstigen  Finanzen  des  Eisenbahnetats.  Beseitigung  des
Defizits.

Min.  der  öffentl.  Arbeiten  Budde  nimmt  Bezug  auf  die  Etatsrede
  des  Finanzministers  (S.  4)  im  Abgeordnetenhause  und  führt  aus,
daß  die  Verhältnisse  sich  seitdem  gebessert  hätten.  Die  Verkehrssteigerung
seit  November-Dezember  ist  immer  weiter  vorwärts  gegangen.  Wir  haben
im  November  an  Mehreinnahmen  gehabt  5,4  Millionen  Mark,  im  Januar
5,7  Millionen  Mark,  im  Februar  über  6  Millionen  Mark.  Und  die  Mehreinnahme
  hält  wahrscheinlich  auch  für  den  Monat  März  noch  an.  Das
Barometer  für  unseren  Verkehr  sind  die  Industriereviere  an  der  Ruhr  und
in  Oberschlesien.  Wir  haben  an  der  Ruhr  im  März  eine  ganz  erhebliche
Verkehrssteigerung  gehabt.  Gegen  das  Vorjahr  sind  18,7  v.  H.  vermehrte
Wagengestellungen  gewesen.  Und  wenn  man  berücksichtigt,  daß  im  Vorjahr
  in  den  März  das  Osterfest  fiel,  so  bleibt  doch  immer  noch  die  Verkehrssteigerung
  11,8  v.  H.  Die  Hausbrandkohle  spielt  hier  keine  Rolle,
sondern  es  kommt  für  diese  Verkehrssteigerung  lediglich  in  Betracht  Industriekohle
  und  Koks,  und  man  kann  daher  annehmen,  daß  es  der  Industrie
  jetzt  etwas  besser  geht,  als  im  vorigen  Jahre.  In  Oberschlesien
sind  die  Wagengestellungen  um  4,1  v.  H.  gestiegen,  auch  gedeckte  Wagen
sind  in  größerer  Zahl  gestellt  worden,  als  im  Vorjahre.  Wenn  man  die
ganzen  Einnahmen  auf  das  Kilometer  reduziert,  so  haben  wir  in  diesem
Jahre  auch  eine  höhere  kilometrische  Einnahme,  wenn  auch  noch  keine  erhebliche.
  Nach  den  vorläufigen  Ermittlungen  beträgt  die  Mehreinnahme
auf  das  Kilometer  481  Mark,  während  ich  im  Abgeordnetenhause  im  Februar
  die  Steigerung  erst  auf  252  Mark  beziffern  konnte.  Die  Besserung
ist  also  im  letzten  Monat  erfolgt.  Allerdings  ist  diese  Steigerung  noch
lange  nicht  so  groß,  wie  der  Fall,  den  wir  gehabt  haben,  wo  in  einem
Jahre  die  kilometrische  Einnahme  um  2069  Mark  zurückging.  Wir  haben
uns  also  noch  keinem  Optimismus  hinzugeben,  sondern  weiter  sparsam  zu
        <pb n="89" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  3.)  81

wirtschaften.  Wenn  wir  das  aber  tun,  hoffen  wir,  daß  das  Ergebnis  für
1903  besser  sein  wird,  als  der  Etat  es  annimmt.  Zum  Schluß  noch  eine
erfreuliche  Mitteilung.  Ich  kann  erklären,  daß  das  Defizit  pro  1902,  das
vom  Finanzminister  im  Januar  für  den  ganzen  Staatshaushalt  auf  35
Millionen  angegeben  wurde,  dadurch  verschwinden  wird,  daß  es  mir  gelungen
  ist,  in  meiner  Verwaltung  15  Millionen  Mark  zu  sparen  und  außerdem
  so  viel  Mehreinnahmen  zu  haben,  daß  die  vielgeschmähten  Eisenbahnen
mit  einem  Etat  abschließen,  der  die  35  Millionen  für  1902  voll  deckt.  (Beifall.)

3.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Debatte  über  die
moderne  Theologie  und  die  Lehrfreiheit.

Frhr.  v.  Durant:  Ich  habe  schon  im  vorigen  Jahre  über  die  Besetzung
  der  Professuren  der  Theologie  gesprochen.  Es  ist  eine  ganz  falsche
Anschauung,  zu  glauben,  daß  die  sog.  moderne  Theologie  oder,  besser  gesagt,
  die  negative  Theologie  in  gleiche  Linie  gestellt  werden  kann  mit  der
andern  Richtung  der  Theologie.  Nur  das  ist  Theologie,  was  auf  dem
Grunde  des  ökumenischen  Bekenntnisses  steht.  Es  ist  leider  auch  von
positiver  Seite  der  Ausspruch  bekannt,  die  Reformation  sei  eine  Tat  der
Wissenschaft,  nicht  des  Gewissens;  das  verstehe  ich  nicht.  Ich  begreife  es
auch  nicht,  wie  man  sagen  kann,  verschiedene  Richtungen  innerhalb  der
protestantischen  Kirche  seien  notwendig.  Um  das  zu  verstehen,  braucht
man  nur  die  Schriften  von  Harnack  und  Lemme  über  das  Wesen  des
Christentums  zu  vergleichen.  Die  Theologieprofessoren  sollten  nach  meiner
Ansicht  ihre  Forschung  mehr  darauf  richten,  die  Absichten  Gottes  zu  ergründen,
  als  seine  Existenz  anzuzweifeln  und  jedes  Wunder  zu  leugnen.
Die  moderne  Theologie  bedeutet  tatsächlich  einen  Abfall  von  Gott;  das
ist  moderne  Wissenschaft!  Eine  erfolgreiche  Wirksamkeit  kann  nur  durch
den  lebendigen  Bibelglauben  an  die  Macht  des  Gotteswortes  erzielt  werden.
Wissenschaft  ist  neben  dem  Glauben  nur  insoweit  von  Wert,  als  sie  die
Grundwahrheiten  der  Kirche  fundamental  nicht  antastet.  Die  künftigen
Diener  der  Kirche  sollen  nur  von  solchen  Lehrern  ausgebildet  werden,  die
wirklich  den  wahren  und  echten  Glauben  haben.  Auch  Männer  wie  Eduard
von  Hartmann  und  Baumgarten  in  Kiel  haben  es  ausgesprochen,  daß  die
meisten  modernen  Theologen,  wie  auch  sie  selbst,  nicht  mehr  Vertreter  der
christlichen  Religion  sind.  Das  ist  das  Bekenntnis  eines  ehrlichen  Mannes!
Ebensowenig,  wie  man  in  der  medizinischen  Fakultät  neben  medizinischen
Lehrstühlen  solche  für  Homöopathie  errichtet,  darf  man  in  der  theologischen
Fakultät  neben  theologischen  Lehrstühlen  solche  für  moderne  Theologie  errichten.
  In  neuerer  Zeit  sind  mir  wieder  viele  unglaubliche  Aeußerungen
von  modernen  Theologen  bekannt  geworden.  Ich  freue  mich,  daß  die  Beunruhigung,
  die  dadurch  hervorgerufen  wird,  jetzt  auch  die  Provinzialsynoden
  zu  beseitigen  suchen,  indem  sie  sich  mit  dieser  Frage  eingehend
beschäftigen.  Ich  freue  mich  weiter,  daß  Theologen  der  positiven  Richtung
vorzügliche  Schriften  herausgegeben  haben,  die  ich  auch  Ihrem  Studium,
meine  Herren,  dringend  empfehlen  kann.  Ich  nenne  u.  a.  zum  Beispiel
die  Schriften  des  Hofpredigers  Stöcker.  Ich  bin  weit  entfernt,  die  Freiheit
  der  Wissenschaft  und  der  Forschung  an  sich  anzugreifen.  Aber  es  ist
immer  ein  Unterschied  zu  machen  zwischen  freier  Forschung  und  unbeschränkter
  Lehrfreiheit.  Wir  halten  es  für  unzulässig,  daß  die  künftigen
Diener  der  Kirche  von  Lehrern  vorgebildet  werden,  die  sich  mit  den  fundamentalen
  Sätzen  eben  dieser  Kirche  in  Widerspruch  setzen.  Eine  Kirche,
die  derartiges  duldet,  müßte  ihrem  Verfall  entgegengehen.  Der  Träger
der  Krone,  der  bei  uns  gleichzeitig  summus  episcopus  der  größten,  unserer
  preußischen  Landeskirche  ist,  muß  sich  dagegen  verwahren.  Ich  ver-Europäischer

  Geschichtskalender.  LIXV.  6
        <pb n="90" />
        82  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  3.)

stehe  nicht,  warum  man  sich  lediglich  aus  theoretischen  Sorgen  um  die
Unabhängigkeit  der  Kirche  vor  einem  Einschreiten  scheut.  Daß  eine  Beseitigung
  der  Uebelstände  von  heute  auf  morgen  erfolgen  könnte,  halte  ich
allerdings  für  ausgeschlossen.  Zunächst  soll  die  Staatsregierung  bei  Anstellung
  von  Professoren  mehr  als  bisher  von  dem  Gesichtspunkt  sich  leiten
lassen,  ob  der  Anzustellende  geeignet  erscheint,  aufzubauen  oder  niederzureißen.
  Von  einer  gleichberechtigten  Richtung  kann  nicht  mehr  die  Rede
sein,  wenn  man  die  göttliche  Offenbarung  leugnet,  unsern  Herrn  und  Heiland
  Jesus  Christus  aus  dem  Evangelium  hinausweist  und  ihm  den  göttlichen
  Ursprung  abspricht,  alle  Wunder  in  Abrede  stellt  und  das  Erlösungswerk
  als  allgemeinen  Vorgang  im  Innern  des  Menschen  darstellt.  Solche
Ansichten  sind  von  modernen  theologischen  Professoren  aber  mehrfach  geäußert
  worden.  Als  Mittel  dagegen  denke  ich  mir  in  erster  Linie  eine
andere  Organisation  der  theologischen  Fakultäten,  durch  welche  das  Theologische
  mehr  vom  Historischen  getrennt  wird.  Man  kann  besondere  Fakultäten
  für  allgemeine  Religionswissenschaft  gründen.  Ferner  würde  ich  die
Errichtung  von  Predigerseminaren  als  Gegengewicht  gegen  die  verwirrenden
Lehren  für  gut  halten.  Endlich  erscheint  mir  auch  der  Vorschlag  beachtenswert,
  Mittel  bereit  zu  stellen,  um  den  Geistlichen  eine  zeitweilige  Ausübung
  des  akademischen  Berufes  zu  ermöglichen.

Kultusminister  Dr.  Studt  lehnt  jedes  Eingreifen  der  Staatsgewalt
gegen  die  theologische  Wissenschaft  ab,  der  Forschungsfreiheit  dürfe  kein:
„Bis  hierher  und  nicht  weiter!“  zugerufen  werden.  Professor  Schmoller:
Die  Konsequenz  der  Anschauung  Durants  wäre,  die  theologische  Fakultät
aus  der  Universität  hinauszudrängen,  und  das  wäre  für  die  Kirche  ein
größerer  Schaden  als  für  die  Universitäten.  Ohne  historische  Bildung
könne  heute  kein  Theologe  auskommen.  Das  Dogma  habe  sich  im  Laufe
der  Jahrhunderte  immer  gewandelt,  und  so  wenig  man  Melanchthon  und
Zwingli  das  Christentum  abstreiten  dürfe,  weil  sie  weniger  orthodox  als
Luther  gewesen  seien,  so  wenig  dürfe  man  es  Professor  Harnack  abstreiten,
der  für  die  moderne  Zeit  dasselbe  sei,  was  Melanchthon  für  das  16.  Jahrhundert
  war.  Professor  Löhning:  Frhr.  v.  Durant  steht  auf  dem  Boden
des  Dogmas  der  katholischen  Kirche,  ich  auf  dem  der  evangelischen  Reformation.
  Die  Theologie  hat  die  Wahrheitslehre  aus  dem  Evangelium
herauszuforschen.  Ich  sehe  den  Kern  unseres  christlichen  Glaubens  nicht
in  der  starren,  festen  Form.  Die  deutschen  Universitäten  können  nie  und
nimmer  unterscheiden  zwischen  der  Freiheit  der  Wissenschaft  und  der  Lehrfreiheit,
  wie  Frhr.  v.  Durant  will.  Ich  protestiere  dagegen  im  Namen  der
deutschen  Professoren  und  noch  mehr  im  Namen  der  akademischen  Jugend,
daß  eine  solche  Unterscheidung  gemacht  wird.  (Lebhafter  Beifall.)  Der
deutsche  Professor  hat  zu  lehren,  was  er  für  wahr  hält,  sonst  ist  er  nicht
würdig,  deutscher  Professor  zu  sein.  Man  spricht  oft  von  dem  Kampfe  in
der  Brust  des  jungen  Theologen.  Ja,  sind  denn  unsere  Studenten  Kinder?
Wir  sollen  sie  zu  Männern  heranbilden,  zum  Kampfe  für  das  Leben.  Wer
sagt  uns,  was  Wahrheit  ist?  Das  soll  uns  die  Wissenschaft  ergründen.
Nicht  die  Pastoren  können  uns  die  Wahrheit  allein  geben,  auch  nicht  die
Synode  oder  Generalsynode.  Das  steht  in  Widerspruch  mit  der  evangelischen
  Lehre,  das  ist  katholisch.  Luther  nannte  die  Pastoren  Bürgermeister
ihrer  Gemeinden.  Die  Freiheit  des  Christentums  lassen  wir  uns  nicht
durch  die  Pastoren,  nicht  durch  die  Provinzialsynode  und  nicht  durch  die
Generalsynode  nehmen.  —  Generalsuperintendent  D.  Dryander  tritt  dem
Frhrn.  v.  Durant  in  der  Sache  bei,  erklärt  es  aber  für  durchaus  unmöglich,
  durch  Verwaltungsmaximen,  durch  Beschränkung  der  Lehr-  und  Lernfreiheit
  die  von  ihm  geschilderten  Gefahren  zu  vermeiden.
        <pb n="91" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  4.—17.)  83

4.  April.  (Berlin.)  Eine  Konferenz  unter  Vorsitz  des
Handelsministers  Möller  berät  über  Maßregeln  gegen  die  Wurmkrankheit.


7.  April.  Der  Kaiser  sendet  folgendes  Telegramm  an  den

König  von  Dänemark:

Es  ist  Mir  ein  Bedürfnis  des  Herzens,  Dir  nochmals  Meinen
wärmsten  Dank  auszusprechen  für  die  unvergeßlich  schönen  Tage,  die  Ich
bei  Dir  und  im  Kreise  aller  der  lieben  Deinen  verbringen  durfte.  Vom
Tage  des  glänzenden  Empfanges  an,  den  Du  und  die  Bevölkerung  Deiner
schönen  Hauptstadt  Mir  bereitet  hatten,  bis  zum  letzten  Augenblick,  wo  Ich
Dir  Lebewohl  sagen  mußte,  war  der  Aufenthalt  für  Mich  eine  ungetrübte
Freude.  Empfange  Meinen  besonderen  Dank  dafür,  daß  Du  Mich  in  den
Kreis  Deiner  Familie  aufgenommen  hast  und  sei  überzeugt,  daß  Ich  Mich
fortan  als  Sohn  des  Hauses  fühle.  Ich  bitte  zu  Gott,  daß  er  Dein  nahes
Geburtstagsfest  für  Dich,  Dein  Haus  und  Dein  Volk  zu  einem  Tage  der
Freude  gestalten  und  Dich  noch  lange  in  ungetrübter  Gesundheit  erhalten
möge.  Wilhelm.

11.  April.  (Essen.)  Tötung  eines  Soldaten  durch  einen
Vorgesetzten.

Der  Einzährig-Freiwillige  Hartmann,  der  in  der  Trunkenheit  dem
Marinefähnrich  Hüssener  das  Honneur  verweigert,  wird  von  diesem
arretiert,  und  da  er  zu  entfliehen  versucht,  erstochen.  —  Das  Ereignis
wird  lebhaft  besprochen  und  veranlaßt  heftige  Angriffe  gegen  Hüssener  und
gegen  die  Vorschriften  über  das  Verhältnis  zwischen  Vorgesetzten  und  Untergebenen.
  (Vgl.  Reichstag.)  Hüssener  wird  nach  mehreren  Gerichtsverhandlungen
  am  23.  September  zu  zwei  Jähren  Festung  verurteilt.

Mitte  April.  In  der  Osterwoche  finden  viele  Delegiertentage
  der  freien  Gewerkschaften  statt.  Sie  betonen  namentlich  die
Notwendigkeit,  mit  ausländischen  Organisationen  zusammenzuwirken.

15.  April.  (Bremen.)  Internationaler  Kongreß  gegen  den
Alkoholismus.  Als  Vertreter  der  Reichsregierung  nimmt  Staatssekretär
  Graf  Posadowsky  teil.

14./16.  April.  (Berlin.)  Tagung  der  freien  kirchlich-sozialen
Konferenz.  Hauptreferate:  Professor  Seeberg  über  die  Persönlichkeit
  Christi;  Paula  Müller  und  Hofprediger  a.  D.  Stöcker  über  die
Stellung  der  Frau  in  der  kirchlichen  und  bürgerlichen  Gemeinde.

16.  April.  (Leipzig.)  Der  sächsische  Gymnasiallehrerverein
beschließt,  auf  eine  Organisierung  der  Oberlehrer  Deutschlands
hinzuarbeiten.

17.  April.  (Berlin.)  Auf  290  Millionen  Mark  dreiprozentiger
  Reichsanleihe  werden  14  Milliarden  Mark  gezeichnet.

17.  April.  (Preußen.)  Die  deutschen  und  polnischen  Sozialdemokraten
  Oberschlesiens  beschließen,  gemeinsame  Kandidaten  aufzustellen.




6  *
        <pb n="92" />
        84  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  20.—23./25.)

20.  April.  (Berlin.)  Im  Reichseisenbahnamt  beginnen
Beratungen  über  Neuerungen  im  Eisenbahnbau  und  in  der  Betriebsordnung.


April.  Die  gesamte  deutsche  Presse,  auch  die  sozialdemokratische,
  bekämpft  scharf  das  Vorgehen  Kanadas  gegen  die  deutsche
Einfuhr  und  befürwortet  zollpolitische  Gegenmaßregeln.

21.  April.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt
gegenüber  Gerüchten  über  angebliche  Heiratspläne  des  Kronprinzen:

Der  Londoner  „Daily  Telegraph“  hat  die  Nachricht  gebracht,  der
Kronprinz  werde  im  Laufe  des  Sommers  einen  Besuch  in  Karlsruhe
machen,  um  dort  der  Prinzessin  Alexandra  von  Cumberland  zu  begegnen.
Diese  Meldung  ist  gegenstandslos,  sowohl  den  tatsächlichen  Umständen  nach,
wie  auch  namentlich  mit  Beziehung  auf  die  Tendenz,  für  die  angeblich
geplante  Verbindung  zwischen  dem  Kronprinzen  und  der  Prinzessin  von
Cumberland  Stimmung  zu  machen.  Ebenso  falsch  ist  die  aus  Gmunden
datierte  Angabe  des  „Hannoverschen  Anzeigers“,  daß  der  Kaiser  für  den
Herbst  dieses  Jahres  einen  Besuch  am  Hofe  des  Herzogs  von  Cumberland
beabsichtige,  voraussichtlich  als  Jagdgast  des  Herzogs,  und  mehrere  Tage
in  Gmunden  verweilen  werde.

21.  April.  Der  Reichstag  genehmigt  nach  kurzer  Beratung
die  Vorlage  zum  Schutz  des  Wahlgeheimnisses  gegen  die  Stimmen
der  Reichspartei  und  der  meisten  Konservativen.

21.  April.  (Berlin.)  Das  Kaiserliche  statistische  Amt  beginnt
  die  Herausgabe  eines  „Reichs-Arbeitsblattes“,  das  vornehmlich
  über  die  Bewegungen  auf  dem  Arbeitsmarkt  berichten  soll.

22.  April.  Der  Reichstag  genehmigt  in  zweiter  Beratung
den  Gesetzentwurf  über  die  Phosphorzündwaren.  —  Danach  soll
weißer  oder  gelber  Phosphor  zur  Herstellung  von  Zündhölzern  und
Zündwaren  nicht  mehr  verwendet  und  solche  Zündwaren  weder  feilgehalten
  noch  eingeführt  werden.

22.  April.  (Sachsen.)  Reform  des  Personentarifs.  Vgl.
S.  40.

Das  „Dresdener  Journal“  schreibt:  „Da  nach  den  neueren  Vorgängen
  die  Wahrscheinlichkeit  vorliegt,  daß  die  beteiligten  deutschen  Regierungen
  demnächst  in  neue  Verhandlungen  über  eine  allgemeine  deutsche
Personentarifreform  eintreten,  beschloß  das  Finanzministerium,  die  Durchführung
  der  sächsischerseits  geplanten  Reformen  bis  auf  weiteres  auszusetzen.
  Dem  Eisenbahnrate  ging  eine  anderweitige  Vorlage  zu,  nach  der
von  der  Herabsetzung  der  Preise  für  einfache  Fahrkarten  abgesehen  wird.
Daher  erachtet  es  die  Regierung  für  angängig,  eine  Steigerung  der  Preise
für  Rückfahrkarten  um  die  Hälfte  des  Preisunterschiedes  zwischen  den  preußischen
  und  sächsischen  Rückfahrkarten,  also  um  6¼  Prozent  der  sächsischen
Preise,  eintreten  zu  lassen.

23./25.  April.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Be-
        <pb n="93" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  23./25.)  85

ratung  und  Annahme  des  Gesetzentwurfs  über  die  Befähigung  zum

höheren  Verwaltungsdienst.  Korpsfrage.

In  zweiter  Lesung  genehmigt  das  Haus  die  Vorlage  nach  den
Kommissionsbeschlüssen  (23.  April).  Die  Kommission  hat  den  Regierungsentwurf
  dahin  verändert,  daß  die  Ernennung  zum  Regierungsreferendar  durch
den  Regierungspräsidenten  nur  mit  Zustimmung  der  Minister  des  Innern
und  der  Finanzen  erfolgen  darf  und  daß  bei  dem  Uebertritt  von  der  Justiz
zur  Verwaltung  eine  einjährige  Karenzzeit  erforderlich  ist;  während  dieser
Zeit  ist  der  Bewerber  als  Justitiar  oder  anderweitig  bei  der  Verwaltungsbehörde
  zu  beschäftigen.  —  Der  Minister  des  Innern  trat  für  die  unveränderte
  Annahme  der  Regierungsvorlage  ein,  wonach  der  Regierungspräsident
  allein  die  Regierungsreferendare  ernennt.

In  der  dritten  Lesung  (25.  April)  beantragt  Abg.  v.  Richthofen
(kons.)  die  Wiederherstellung  der  Regierungsvorlage,  wozu  Abg.  v.  Savigny
  (Z.)  beantragt,  in  diesem  Falle  dem  vom  Regierungspräsidenten
abgelehnten  Referendar  ein  Recht  der  Beschwerde  an  den  Minister  des
Innern  und  der  Finanzen  zu  geben.  —  Abg.  Friedberg  (nl.)  lehnt  die
Wiederherstellung  der  Regierungsvorlage  ab,  weil  sie  die  jetzigen  unbefriedigenden
  Zustände  legalisieren  würde.  Wir  haben  im  Jahre  1899  uns
einmal  unterhalten  über  das  Verhältnis  von  Adligen  und  Bürgerlichen
in  der  Verwaltung,  und  da  hat  sich  ergeben,  daß  doch  gewisse  äußere  Verhältnisse
  mitspielen.  Von  den  Landräten  sind  50  v.  H.  adlig,  von  den
Regierungspräsidenten  71½  v.  H.!  Es  hat  sich  herausgestellt,  daß  von
35  Regierungspräsidenten  21  ehemalige  Korpsstudenten  sind.  Es  scheinen
sich  also  die  höheren  Beamten  aus  einer  gewissen  Bevölkerungsklasse  zu
rekrutieren,  die  wieder  eine  in  sich  abgeschlossene  Kaste  bildet,  die  wesentlich
auf  dem  Wege  durch  das  Korps  herangezogen  wird!  Die  Regierungspräsidenten
  scheinen  die  Referendarstellen  nur  für  bestimmte  Leute  offen
zu  halten.  Für  den  Antrag  v.  Savigny  II  können  wir  uns  nicht  erwärmen.
Ein  Referendar,  der  auf  dem  Beschwerdeweg  in  das  Regierungsreferendariat
  hineingekommen  ist,  hat  von  vornherein  ein  schlechtes  Blatt.  (Sehr
richtig!)  Es  besteht  eben  ein  gewisses  Vorurteil  bei  den  Regierungspräsidenten
  über  die  sozialen  Klassen,  aus  denen  die  Anwärter  hervorgehen.
Von  einem  königl.  preußischen  Staatsminister  kann  man  ein  viel  weiteres
Gesichtsfeld  erwarten  und  bei  ihm  kann  man  mehr  Verständnis  voraussetzen.

Minister  des  Innern  Frhr.  v.  Hammerstein:  Ich  kann  nicht
dulden,  daß  den  Regierungspräsidenten  vorgeworfen  wird,  daß  sie  bei  der
Annahme  von  Regierungsreferendaren  die  Adligen  bevorzugen.  Ich  muß
diesen  Vorwurf  ganz  ausdrücklich  zurückweisen.  Das  ist  nicht  der  Fall.
(Große  Unruhe.)  Der  Vorredner  hat  Statistiken  aus  früheren  Jahren
herangezogen;  er  hat  auch  behauptet,  daß  gegenwärtig  40  v.  H.  der  angenommenen
  Regierungsreferendare  dem  Adel  angehören.  Meine  Herren,
was  beweist  denn  das?  Das  beweist  doch  nur,  daß  der  Adel,  und  zwar
wesentlich  der  unvermögende  Adel,  aus  dem  die  großen  preußischen  Könige
den  Staat  gebildet  haben  (Lärm  links  und  in  der  Mitte.  Rufe:  Oho!),
dem  Dienste  des  Vaterlandes  sich  widmet  und  damit  sich  bescheidet.  (Erneute
  stürmische  Unruhe  links  und  in  der  Mitte;  lebhafte  Zurufe.)  Ich
muß  überhaupt  bestreiten,  daß  ein  Prozentsatz  von  40  etwas  Besonderes
wäre.  Ich  freue  mich  noch  immer  über  jeden  Referendar,  der  einer  adligen
oder  Beamtenfamilie  angehört;  dann  bin  ich  sicher,  daß  die  Regierung  mit
ihren  Beamten  gut  fährt.  (Zurufe  links:  Nanu!  Große  Unruhe.)  Während
  meiner  Amtszeit  sind  mir  schon  viele  Fälle  vorgekommen,  daß  junge
Beamte  aus  besonders  wohlhabenden  Kreisen,  die  in  etwas  entfernte  Ge-
        <pb n="94" />
        86  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  24.)

genden  versetzt  werden  sollten,  Widerspruch  erhoben  haben.  Das  ist  mir
bei  den  aus  alten  preußischen  Beamtenfamilien  hervorgegangenen  Referendaren
  noch  niemals  vorgekommen.  Das  sind  treue  Diener  des  Königs
und  Vaterlandes.  (Große  Unruhe,  stürmische  Zurufe  links  und  in  der
Mitte;  Beifall  rechts,  der  erneuten  Lärm  links  hervorruft.)  Es  ist  auch
von  den  Vorrednern  gesagt  worden,  die  Zunahme  des  Adels  in  den  Landratsämtern
  sei  sehr  auffallend;  es  seien,  wenn  ich  mich  nicht  irre,  50  v.  H.
sämtlicher  Landräte  adlig.  Ich  möchte  doch  darauf  hinweisen,  daß  nach
dem  Gesetz  niemand  zu  einem  Landratsamt  gelangt,  wenn  er  nicht  vom
Kreistag  vorgeschlagen  ist,  und  daß  bei  allen  Vorschlägen,  die  mir  gemacht
werden  —  ganz  gleich,  ob  die  Vorgeschlagenen  adlig  oder  bürgerlich  sind
—  jedesmal  die  Mehrheit  für  die  Bestätigung  des  betreffenden  Landrats
eine  ganz  überwiegende  war,  wenn  nicht  volle  Einstimmigkeit  geherrscht
hat.  Das  bedeutet  denn  doch,  daß  diese  Beamten  die  richtigen  Leute  am
richtigen  Platze  sind;  denn  sonst  würden  diejenigen,  die  der  Schuh  drückt,
wenn  sie  die  Mehrheit  wären,  dem  Betreffenden  nicht  ihre  Stimme  geben.
(In  der  folgenden  Unruhe  gehen  zunächst  einige  Ausführungen  des  Ministers
  über  das  Korpsstudententum  unter  den  höheren  Verwaltungsbeamten
verloren.)  Wenn  darauf  hingewiesen  ist,  daß  tüchtige  Verwaltungsbeamte
zugleich  Korpsstudenten  sind,  so  kann  ich  als  Korpsstudent  vielleicht  den
Schluß  daraus  ziehen,  daß  das  Korps  eine  ausgezeichnete  Erziehung  gibt
(Zischen  und  Lachen  links,  lärmender  Widerspruch  links  und  in  der  Mitte),
aber  ich  will  davon  nicht  einmal  Gebrauch  machen,  sondern  ich  will  sagen:
dadurch,  daß  die  Leute  Korpsstudenten  sind,  sind  sie  ja  nicht  unwürdig,
Regierungspräsidenten  zu  werden  (Lachen  und  Lärm  links  und  in  der
Mitte),  und  wenn  sie  tüchtig  sind,  so  werden  sie  Regierungspräsidenten.
Wenn  Sie  mir  einmal  nachweisen  können,  daß  ich  jemand  bei  Sr.  Majestät
deshalb  zum  Regierungspräsidenten  vorgeschlagen  habe,  weil  er  Korpsstudent
sei  (Oho-Ruf  und  Lärm  links  und  in  der  Mitte),  so  bin  ich  damit  einverstanden,
  daß  Sie  mir  Vorwürfe  machen;  wenn  ich  ihn  aber  vorschlage,
weil  der  Mann  tüchtig  und  nebenbei  Korpsstudent  ist,  so  ist  das  in  meinen
Augen  ein  Vorzug  persönlicher  Art.  (Es  erhebt  sich  ein  Sturm  des  Widerspruchs;
  aus  der  Linken  und  der  Mitte  werden  dem  Minister  lebhafte  Zurufe
  entgegengeschleudert.)  Alle  Stände  haben  freien  Zutritt  zu  den  höheren
Stellungen;  Sie  können  unter  den  Regierungspräsidenten  Leute  finden,
deren  Wiege  in  einem  verhältnismäßig  bescheidenen  Hause  stand;  nur  ihre
persönliche  Tüchtigkeit  hat  sie  zu  dem  gemacht,  was  sie  sind.  M.  H.,  ein
republikanisch  aristokratischer  Zustand  ist  das  nicht.  Was  ich  bemüht  bin,
hochzuhalten,  das  ist  die  Aristokratie  des  Geistes,  und  die  will  ich  auch
unter  den  preußischen  Beamten  haben.  (Stürmischer  Widerspruch  links
und  in  der  Mitte;  als  auf  der  Rechten  einiger  Beifall  ertönt,  entsteht
links  lebhaftes  fortgesetztes  Zischen.  Während  der  Rede  des  Ministers
hatten  sich  die  Abgeordneten  vor  dem  Rednerpulte  und  der  Ministertribüne
in  dichten  Scharen  gesammelt.)  („Tägl.  Rundschaus.)

Nach  weiterer  Diskussion,  in  der  der  Minister  sich  dagegen  verwahrt,
  nichtadlige  Verwaltungsbeamte  als  minderwertig  bezeichnet  zu  haben,
werden  die  Anträge  abgelehnt  und  das  Gesetz  in  der  Fassung  der  zweiten
Lesung  angenommen.

24.  April.  (Reichstag.)  Interpellation  über  den  Fall
Hüssener.  (Vgl.  S.  83.)
Das  Zentrum  verlangt  in  einer  Interpellation  Auskunft,  1.  was

dem  Herrn  Reichskanzler  über  die  Tötung  des  Fußartilleristen  Hartmann
vom  westfälischen  Fuß-Artillerie-Regiment  Nr.  7  in  Köln  durch  den  Ka-
        <pb n="95" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  24.)  87

detten  zur  See  Hüssener  in  Essen  bekannt  ist,  2.  ob  der  Reichskanzler  bereit
ist,  dahin  zu  wirken,  daß  durch  Abänderung  der  bestehenden  Vorschriften
über  das  Waffentragen  beurlaubter  Kadetten  und  Mannschaften  der  Begehung
  solcher  und  ähnlicher  Verbrechen  mehr  als  bisher  vorgebeugt  wird.
Abg.  Stötzel  (Z.)  begründet  die  Interpellation  und  führt  aus,  im
Publikum  greife  die  Meinung  um  sich,  daß  die  jüngeren  militärischen  Vorgesetzten
  nicht  genügend  in  der  Behandlung  der  Untergebenen  ausgebildet
würden.  »
Staatssekretär  des  Reichs-Marineamtes  v.  Tirpitz:  Am  14.  April
wurde  gemeldet:  Der  Kanonier  Hartmann  vom  Fuß-Artillerie-Regiment
Nr.  7  ist  in  der  vergangenen  Nacht  von  dem  Fähnrich  Hüssener  durch
Stiche  in  die  linke  Brustseite  getötet  worden.  Es  ist  die  Leichenschau  und
Obduktion  durch  das  Amtsgericht  veranlaßt  und  die  Marine--Inspektion
der  Ostsee  benachrichtigt.  Diese  Mitteilungen  wurden  dann  auf  eine  Rückfrage
  noch  weiter  ergänzt,  daß  mit  dem  Ermittelungsverfahren  ein  Kriegsgerichtsrat
  beauftragt  worden  sei.  Nachdem  die  Interpellation  bekannt
war,  habe  ich  von  dem  zuständigen  Gericht  in  Kiel  eine  weitere  telegraphische
  Nachricht  erhalten,  nach  der  Hüssener  den  Hartmann  wegen  auffälliger
  Trunkenheit  stellte  und  ihm  befahl,  ihm  zur  Wache  zu  folgen.
Hartmann  folgte  ihm  20  Schritte  in  Begleitung  des  Lüscher,  dann  riß
sich  Hartmann  los,  wobei  Hüssener  einen  Stoß  erhielt.  Hartmann  floh.
Hüssener  verfolgte  ihn  und  rief  ihm  „Halt“  zu,  lief  ihm  nach,  zog  den
Dolch,  stieß  zweimal  nach  ihm  und  stach  ihn  in  den  Rücken.  (Pfui  bei
den  Sozialdemokraten.)  Hartmann  war  Hüssener  sehr  wahrscheinlich  unbekannt.
  Weitere  Ermittelungen  schweben  noch.  Hüssener  war  nüchtern.
Er  bestreitet  die  Absicht,  daß  er  Hartmann  habe  töten  wollen.  In  kurzer
Frist  wird  das  Ergebnis  der  Untersuchung  dieses  unglücklichen  Falles  bekannt
  gegeben  werden.  Was  die  zweite  Frage  betrifft,  so  sind  die  Bestimmungen
  über  den  Waffengebrauch  im  Militärdienst  ganz  präzis  und
ebenso  die  Bestimmungen  und  Vorschriften  über  die  Behandlung  Betrunkener.
Die  Bestimmungen  über  die  Verwendung  von  Waffen  ist  durch  den  neuen
Artikel  13  geregelt.  Danach  dürfen  Vorgesetzte  von  der  Waffe  Gebrauch
machen  gegen  tätliche  Angriffe  eines  Untergebenen  oder  um  ihren  Befehlen
in  äußerster  Not  und  dringender  Gefahr  Gehorsam  zu  verschaffen.  (Bewegung
  und  Zurufe  bei  den  Sozialdemokraten.)  Dieser  Kriegsartikel  ist
gegen  früher  dadurch  verschärft  worden,  daß  zwischen  den  Worten  „äußerster
Not"  und  „dringender  Gefahr“  früher  ein  „oder“  stand.  Es  mußten  beide
Fälle  zutreffen,  um  den  Gebrauch  der  Waffe  zu  rechtfertigen.  Soweit  der
Fall  zu  übersehen  ist,  die  näheren  Ermittelungen  stehen  ja  noch  aus,  ist
gegen  diese  Bestimmung  verstoßen  worden.  Ich  kann  nur  sagen,  daß  die
Bestimmung  auf  das  eindringlichste  in  der  Instruktion  dem  betreffenden
Personal  eingeschärft  und  entsprechend  häufig  wiederholt  wird.  Im  übrigen
ist  den  Interpellanten  ein  kleiner  Irrtum  unterlaufen.  Es  handelt  sich
nicht  um  einen  Kadetten  zur  See,  sondern  um  einen  Fähnrich,  einen  Unteroffizier
  mit  Portepee.  Dieser  Fähnrich  befindet  sich  im  dritten  Dienstund
  21.  Lebensjahre.  Ich  bin  fern  davon,  darin  eine  Entschuldigung
erblicken  zu  wollen,  sondern  im  Gegenteil,  das  verschärft  die  Angelegenheit.
Ich  sage  das,  um  falschen  Anschauungen,  die  darüber  im  Publikum  verbreitet
  sind,  hier  entgegenzutreten  und  sie  aufzuklären.  Der  Vorredner
hat  geglaubt,  sagen  zu  können,  und  das  ist  auch  im  Publikum  verbreitet,
daß  den  betreffenden  Chargen  ein  unrichtiges  Verfahren  gegen  die  Untergebenen
  anerzogen  werde.  Ich  möchte  doch  dagegen  auf  das  allerentschiedenste
  protestieren.  Ich  glaube,  für  niemand  ist  es  unangenehmer,  daß
solche  Fälle  passieren,  als  für  die  Vorgesetzten  selbst.  Aber  ein  solcher
        <pb n="96" />
        88  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  25.)

exzeptioneller  Fall,  der  sich  noch  nicht  vollständig  übersehen  läßt,  weil  die
Untersuchung  noch  nicht  abgeschlossen  ist,  läßt  sich  nicht  generalisieren.  Was
nun  das  Verbot  des  Waffentragens  auf  Urlaub  betrifft:  Wo  soll  da  die
Grenze  sein?  Soll  der  Garnisonsurlaub  auch  eingeschlossen  werden?
Schließlich  würde  es  sich  darum  handeln,  überhaupt  das  Waffentragen  in
der  ganzen  Armee  zu  verbieten  (Lebhafte  Rufe  bei  den  Sozialisten:  Sehr
richtig!  Andauernde  Unruhe)  und  das  glaube  ich,  wird  nicht  in  der  Absicht
  der  Herren  Interpellanten  gelegen  haben.  Die  Marineverwaltung

bedauert  auf  das  tiefste  dieses  unglückliche  Vorkommnis.  Ich  glaube,  daß
in  der  Marine  selbst  die  stärkste  Sicherung  liegt  gegen  eine  Wiederholung
eines  derartigen  Falles,  soweit  überhaupt  ein  solcher  Schutz  absolut  gegeben
werden  kann.

In  der  Besprechung  tadeln  Abg.  Lenzmann  (fr.  Vp.)  und  Abg.
Bebel  (Soz.)  den  Fähnrich  Hüssener  scharf  und  fordern,  daß  den  Offizieren
das  Waffentragen  außer  Dienst  überhaupt  untersagt  würde,  um  solche
Exzesse  zu  vermeiden.  Abg.  Paasche  (nl.)  protestiert  gegen  die  Generalisierung
  solcher  Einzelfälle.

25.  April.  (Berlin.)  Die  preußische  sozialdemokratische
Landeskonferenz  faßt  folgenden  Beschluß  über  die  Beteiligung  an
den  Landtagswahlen:

1.  Für  die  Beteiligung  an  den  preußischen  Landtagswahlen  ist  ausschließlich
  der  in  Mainz  (1900)  gefaßte  Parteibeschluß  maßgebend:  „In
denjenigen  deutschen  Staaten,  in  welchen  das  Dreiklassenwahlsystem  besteht,
sind  die  Parteigenossen  verpflichtet,  mit  eigenen  Wahlmännern  in  die
Wahlagitation  einzutreten.  Für  die  Landtagswahlen  in  Preußen  bildet
der  Parteivorstand  das  Zentralwahlkomitee.  Ohne  dessen  Zustimmung
dürfen  die  Parteigenossen  in  den  einzelnen  Wahlkreisen  keine  Abmachungen
mit  bürgerlichen  Parteien  treffen.“  2.  Da  bei  der  Teilnahme  an  den
preußischen  Landtagswahlen,  wie  an  allen  Parlamentswahlen,  für  die
Sozialdemokratie  in  erster  Linie  die  Entfaltung  der  Agitation  zur  Aufklärung
  der  Massen  steht,  muß  ohne  Rücksicht  auf  etwaige  materielle  Erfolge
  überall  dort  in  die  Wahl  eingetreten  werden,  wo  überhaupt  die  Aufstellung
  sozialdemokratischer  Wahlmannskandidaten  möglich  ist.  Das  gilt
im  besonderen  auch  für  einzelne  vorgeschrittenere  Orte  solcher  Wahlkreise,
in  denen  im  allgemeinen  an  die  Aufstellung  sozialdemokratischer  Wahlmänner
  nicht  gedacht  werden  kann.  3.  Kommt  es  bei  den  Urwahlen  zur
Stichwahl,  in  der  nach  Ausfall  der  Sozialdemokraten  liberale  Kandidaten
solchen  anderer  Parteien  gegenüberstehen,  so  wird  im  allgemeinen  für  die
liberalen  Kandidaten  zu  stimmen  sein.  4.  Die  Entscheidung  über  die
Stellungnahme  der  sozialdemokratischen  Wahlmänner  bei  der  Abgeordnetenwahl
  ist  nach  Feststellung  des  Ergebnisses  der  Urwahlen  durch  das  Zentralwahlkomitee
  im  Einvernehmen  mit  den  in  Frage  kommenden  Wahlkreiskomitees
  zu  treffen.  In  Wahlkreisen,  in  denen  ein  sozialdemokratischer
Abgeordnetenkandidat  aufgestellt  wird,  ist  zu  fordern,  daß  derselbe  an  erster
Stelle  gewählt  wird.  Wird  diese  Forderung  nicht  erfüllt,  so  haben  die
sozialdemokratischen  Wahlmänner  in  allen  Wahlgängen  nur  für  den  sozialdemokratischen
  Kandidaten  zu  stimmen,  und  bei  etwaigen  Stichwahlen  ist
Wahlenthaltung  zu  üben.  5.  Zur  Vorbereitung  der  Wahlen  ist  sofort  mit
der  Feststellung  zu  beginnen,  an  welchen  Orten  und  in  welchen  Urwahlbezirken
  sozialdemokratische  Wahlmannskandidaten  aufgestellt  werden  können.
Ferner  ist  von  den  sozialdemokratischen  Gemeindevertretern  überall  darauf
zu  dringen,  daß  die  Urwahlbezirkseinteilung  möglichst  bald  veröffentlicht
        <pb n="97" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  26.—30.)  89

wird.  6.  Das  Zentralwahlkomitee  hat  für  das  rechtzeitige  Erscheinen  einer
billigen  gedruckten  Zusammenstellung  der  Wahlvorschriften  Sorge  zu  tragen.

26.  April.  (Königsberg  i.  d.  Neumark.)  Botschafter  a.  D.
v.  Keudell,  persönlicher  Freund  Bismarcks,  80  Jahre  alt,  †.

27.  April.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  genehmigt
  die  Entwürfe  über  den  weiteren  Erwerb  von  Eisenbahnen  für
den  Staat  und  über  den  Erwerb  des  ostpreußischen  Südbahnunternehmens
  für  den  Staat.

28.  April.  (Elsaß-Lothringen.)  Antrag  auf  Veränderung
der  Stellung  Elsaß-Lothringens  im  Reiche.

Der  Landesausschuß  genehmigt  mit  großer  Mehrheit  folgenden  Antrag:
  Die  Landesregierung  zu  ersuchen,  der  Reichsregierung  den  Wunsch
zu  unterbreiten:  1.  daß  die  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  bezw.  das
Reichsgesetz  betr.  die  Verfassung  und  Verwaltung  Elsaß-Lothringens  dahin
abgeändert  werde,  daß  der  Reichstag  als  gesetzgeberischer  Faktor  für  Elsaß-Lothringen
  ausgeschaltet  wird;  daß  dementsprechend  2.  dem  Landesausschuß
die  Befugnisse,  die  Stellung  und  der  Name  eines  Landtages  für  Elsaß-Lothringen
  erteilt  werde;  3.  daß  bei  Beratungen  von  elsaß-lothringischen
Angelegenheiten  im  Bundesrate  die  drei  vom  Landesherrn  zu  ernennenden
Vertreter  Elsaß-Lothringens  zur  Abstimmung  berechtigt  sein  sollten.  —
Staatssekretär  v.  Köller  erklärt  nach  der  Abstimmung:  Die  Landesregierung
  hat  sich  an  der  Erörterung  nicht  beteiligt,  weil  feststeht,  daß  ein
etwaiges  Gesetz,  das  dem  Antrage  entspricht,  nicht  angenommen  werden
kann,  und  daß  es  sich  lediglich  darum  handelt,  einen  Wunsch  des  Landesausschusses
  an  zuständiger  Stelle  vorzulegen.  Die  Landesregierung  wird
den  Beschluß  an  zuständiger  Stelle,  der  Reichsregierung,  die,  wie  ich  annehme,
  der  Reichskanzler  ist,  unterbreiten.

29.  April.  (Reichstag.)  Interpellation  über  die  Kündigung

der  Handelsverträge.

Abg.  Graf  Limburg-Stirum  (kons.)  interpelliert,  wann  die  Regierung
  die  bestehenden  Handelsverträge  kündigen  wolle.  Staatssekretär
Graf  Posadowsky:  Ganz  abgesehen  von  den  staatsrechtlichen  Bedenken,
welche  in  diesem  hohen  Hause  wiederholt  eingehende  Erörterung  gefunden
haben,  kann  der  Herr  Reichskanzler  zur  Zeit  aus  dringlichen  sachlichen
Gründen,  welche  besonders  auch  die  Landwirtschaft  nahe  berühren,  keine
Auskunft  darüber  geben,  wann  die  bestehenden  Handelsverträge  durch  neue
ersetzt  oder  gekündigt  werden  können.  Der  Herr  Reichskanzler  muß  daher
die  Beantwortung  der  Interpellation  ablehnen.

In  der  folgenden  Debatte  fordern  die  Redner  des  Zentrums  und
der  Rechten,  daß  die  Regierung  dem  Auslande  gegenüber  in  den  landwirtschaftlichen
  Zöllen  nicht  zu  nachgiebig  sei.

30.  April.  Der  Reichstag  genehmigt  nach  eingehender
mehrtägiger  Debatte  die  Novelle  zum  Krankenversicherungsgesetz.

Das  Gesetz  bringt  eine  Anzahl  Verbesserungen,  die  als  unausschiebbar
  betrachtet  wurden.  Die  Regierung  bezeichnet  es  selbst  nur  als  Provisorium
  und  verspricht  binnen  kurzem  eine  gründliche  Reform  vorzuschlagen.
  —  Der  Reichstag  fordert  in  einer  Resolution  Ausdehnung  der
Krankenversicherung  auf  die  Hausindustrie,  das  Gesinde,  die  land-  und
forstwirtschaftlichen  Arbeiter.
        <pb n="98" />
        90  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  30.)

30.  April.  Schluß  des  Reichstags.  —  Folgende  Gesetze  sind
angenommen  worden:

Gesetz  über  Aenderung  des  Zolltarifs  (Reichs-Gesetzbl.  1903  Nr.  1),
Kontrolle  des  Reichshaushalts,  des  Landeshaushalts  von  Elsaß-Lothringen
und  des  Haushalts  der  Schutzgebiete  (9),  Aenderung  der  Seemannsordnung
  (10),  Reichshaushaltsetat  für  1903  (12),  Etat  für  die  Schutzgebiete
(12),  Verwendung  von  Mehrerträgen  der  Reichseinnahmen  und  Ueberweisungssteuern
  zur  Schuldentilgung  (12),  Kinderarbeit  in  gewerblichen
Betrieben  (14),  Gesetz  über  Phosphorzündwaren  (24),  Aenderung  des
Krankenversicherungsgesetzes  (28),  Ergänzung  des  §  51  des  Reichsbeamtengesetzes
  vom  31.  März  1873  (29).

30.  April.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Gesetzentwurf  über
die  Befähigung  zum  höheren  Verwaltungsdienst.  Korpsstudenten
und  Adelige.  (Vgl.  S.  85.)

Die  Kommission  beantragt,  hinsichtlich  der  Ernennung  der  Regierungsreferendare
  die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses  umzustoßen  und
die  Regierungsvorlage  wiederherzustellen.  —  Professor  Schmoller:  Der
Hauptschaden  an  unserer  gegenwärtigen  akademischen  Erziehung,  ob  Jurist
oder  Verwaltungsbeamter,  der  Hauptschaden,  der  in  dem  gegenwärtigen
Betriebe  des  Universitätsstudiums  und  des  ersten  Examens  liegt,  wird
durch  diesen  Gesetzentwurf  nicht  verringert  werden.  Auch  heute  bleibt  die
Hauptursache  des  Schadens,  daß  weite  Kreise  der  Studierenden  der  Rechte
und  der  Staatswissenschaft  die  Vorlesungen  ein,  auch  zwei  Jahre  nur  besuchen
  und  im  dritten  Jahre  ihren  Unterricht  nicht  durch  die  Wissenschaft,
sondern  handwerksmäßig  durch  den  Einpauker  bekommen.  Ich  füge  gleich
hinzu,  dieser  Uebelstand  wird  dadurch  gesteigert,  daß  auch  für  das  zweite
höhere  Examen  —  der  Juristen  oder  Verwaltungsbeamten  —  der  Einpauker
  wieder  die  Hauptsache  tun  soll  und  tut.  Das  ist  der  Grundübelstand,
  und  wenn  der  nicht  beseitigt  wird,  so  hat  alles  wenig  Zweck.  Wenn
ich  die  großen  Schäden  bedenke,  die  eine  1½—2jährige  reine  Bummelei
auf  der  Universität  hervorruft,  sollte  ich  meinen,  es  wäre  nicht  so  schwer,
doch  ernstlich  in  dieser  Beziehung  zu  bessern.  Es  gibt  keinen  anderen
Stand  der  Welt,  der  verlangt,  daß  der  Betreffende  zwei  Jahre  faulenzen
und  bummeln  kann.  Nicht  der  Offizier,  nicht  der  Fabrikant,  nicht  der
Kaufmann,  nicht  der  Unternehmer!  M.  H.,  ich  gönne  dem  Studenten  ja
seine  Freiheit,  aber  warum  müssen  es  zwei  Jahre  unausgesetzt  sein?  Es
wäre  doch  ganz  genügend,  daß  er  so  und  so  viele  Abende  frei  hat!  Wer
zwei  Jahre  bummelt,  der  leidet  an  Körper,  Geist,  Charakter  und  Moral
notwendig  großen  Schaden.  Gewiß,  einzelne  Ausnahmen  kommen  immer
zwischendurch,  aber  schlimm  ist  es  doch.  Wir  müssen  den  Mut  haben,  hier
ein  Kompromiß  zu  schließen  zwischen  der  akademischen  Freiheit  und  dem
Lernzwange.  Der  Staat,  die  Examensordnungen  der  Universität  und  —
ich  möchte  sagen:  die  studentischen  Korporationen  selbst  müssen  Hand  anlegen.
  Wenn  einmal  die  alten  Herren  der  Korps,  die  Väter  der  Studenten,
ernstlich  mit  den  führenden  Elementen  der  Universitäten  zusammengingen,
so  wäre  die  Einleitung  einer  energischen  Reform  wohl  möglich.  Meine
Herren!  Dadurch  entsteht  die  Tatsache,  daß  wir  viele  tüchtige  Beamte  für
den  gewöhnlichen  Dienst  haben,  aber  daß  im  allgemeinen  die  staatswissenschaftliche
  Ausbildung,  die  Kenntnis  der  Gesetzgebung  anderer  Länder  doch
bei  sehr  vielen  zu  vermissen  ist,  und  in  dieser  Beziehung  will  ich  nur  das
eine  anführen,  daß  ich  in  zahlreichen  Unterhandlungen  mit  den  Ministern
v.  Miquel  und  Bosse  über  diese  großen  Mißstände  immer  einig  war.  Wäre
        <pb n="99" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  30.)  91

diese  Reform  des  akademischen  Studiums  in  die  Wege  geleitet,  dann  wären
alle  anderen  Fragen  gleichgültig.  Die  Frage,  über  die  sich  vielfach  die
Minister  nicht  einig  sind,  ob  sechs  oder  sieben  Semester,  ist  ganz  gleichgültig,
  wenn  sechs  Semester  gearbeitet  werden.  Aber  wenn  man  vier
Bummelsemester  und  zwei  andere  Semester  hat  und  ein  siebentes  verlangt,
so  sagt  man  naturgemäß:  das  ist  ein  weiteres  Bummelsemester.  (Sehr
gut!)  Sobald  wir  die  Garantie  haben,  daß  das  nicht  eintritt,  dann  ist
die  Frage  gelöst.  Auch  die  Frage,  ob  man  beim  ersten  Examen  neben
Zivilrecht  öffentliches  Recht  und  Nationalökonomie  ordentlich  prüfen  soll,
wird  für  alle  leicht  zu  beantworten  sein,  sobald  ein  ordentliches  Studium
vorangegangen  ist.  Sobald  die  Leute  sechs  Semester  wirklich  studiert  haben,
kann  man  die  Juristen  und  Verwaltungsbeamten  in  Zivilrecht  und  öffentlichem
  Recht  prüfen.  Auch  die  Frage,  die  im  Abgeordnetenhause  erörtert
worden  ist,  ob  wir  in  der  Verwaltung  zu  viel  Korpsstudenten  und  Adelige
haben,  hat  doch  nur  eine  wirkliche  Bedeutung,  wenn  wir  sie  in  Verbindung
mit  dem  Studium  betrachten.  Nicht  der  Korpsstudent  an  sich  wird  angegriffen,
  sondern  das,  daß  er  vier  oder  fünf  Semester  gebummelt  hat.
Das  ist  der  springende  Punkt.  Und  wenn  ich  über  diesen  Punkt  noch
etwas  sagen  darf,  so  möchte  ich  sagen,  die  Vorwürfe,  die  mein  Kollege
Dr.  Friedberg  im  Abgeordnetenhause  erhoben  hat,  mögen  vielfach  unbegründet
  und  übertrieben  sein,  aber  sie  bezeichnen  eine  Stimmung,  die  nicht
bloß  bei  den  oberen  und  mittleren  Klassen,  sondern  auch  in  den  weitesten
Volksschichten  vorhanden  ist.  Es  ist  eine  Stimmung,  die  sich  auf  die
Statistik  stützt,  vielleicht  auch  auf  allerlei  kleine  Vorkommnisse,  die  in  die
Oeffentlichkeit  gedrungen  sind.  Meine  Herren,  ich  kenne  einen  ganzen  Sack
voll  solcher  Geschichten.  Ich  will  nur  zwei  anführen.  Ein  früherer  preußischer
  Minister  des  Innern  hat  sehr  häufig,  wenn  ihm  ein  Beamter  zum
ersten  Male  vorgestellt  wurde,  ihn  zuerst  mit  der  Frage  begrüßt:  In
welchem  Korps  waren  Sie?  Er  hat  nicht  gefragt,  wo  haben  Sie  studiert,
sondern  nur,  in  welchem  Korps  waren  Sie!!  Ein  Herr,  den  er  so  fragte,
hat  ihm  ohne  weiteres  stolz  geantwortet:  Ich  war  in  gar  keinem  Korps!
Aber  für  viele  ist  das  doch  etwas  unangenehm!  Für  viele  Eltern  entsteht
die  Frage,  muß  ich  meinen  Jungen  in  ein  Korps  schicken,  damit  er  Karriere
macht?  (Unruhe.)  Das  ist  eine  natürliche  Folge  derartiger  Fragen!  Ein
anderer  preußischer  Minister  des  Innern  war  bei  einer  Weichsel-Ueberschwemmung
  in  das  Ueberschwemmungsgebiet  gegangen.  Es  wurden  ihm
sechs  oder  zehn  Referendare  oder  Assessoren  vorgestellt,  die  sich  mit  Lebensgefahr
  an  den  Rettungsarbeiten  beteiligt  hatten.  Man  erwartete,  daß  sich
der  Minister  über  ihre  kühnen  Leistungen  lobend  äußern  werde.  Er  soll
aber  die  einzelnen  nur  nach  ihrem  Korps  und  ihren  Schmissen  gefragt
haben.  Und  das  wurde  in  den  weitesten  Kreisen  erzählt.  Ich  bin  überzeugt,
  daß  sehr  vielen  jungen  Leuten  die  Korps  eine  gute  Erziehung  geben.
Aber  ich  möchte  doch  im  öffentlichen  Dienst  Leute  sehen,  die  von  Jugend
auf  eine  gute  Erziehung  genossen  haben,  und  das  sind  die,  die  etwas  gelernt
  haben.  Und  wir  Professoren  können  wohl  versichern  —  ich  glaube
kaum,  daß  mir  ein  Dozent  einer  deutschen  Universität  widersprechen  wird  —,
so  wie  die  Dinge  liegen,  sehen  wir  die  Korpsburschen  am  allerwenigsten
in  den  Vorlesungen  und  noch  weniger  in  den  Seminaren.  Das  ist  eben
die  Kehrseite!  Daß  aus  den  Beamten-  und  Offiziersfamilien  die  Söhne
sich  dem  Staatsdienst  widmen,  ist  eine  alte  preußische  Ueberlieferung.
Wenn  auch  aus  unserem  reichen  Adel  eine  erhebliche  Anzahl  Leute  im
Staatsdienst  ist,  so  halte  ich  das  auch  für  einen  großen  Vorzug,  für  keinen
Fehler.  Meine  Herren,  die  höheren  Klassen  vom  Staatsdienst  auszuschließen,
  ist  immer  gänzlich  falsch.  Die  französischen  Zustände  aus  der
        <pb n="100" />
        92  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April.)

Revolution  1789  beruhen  darauf,  daß  der  Adel  unter  dem  höheren  Beamtenstande
  fehlte,  daß  das  Frankreich  des  18.  Jahrhunderts  nicht  vom
Adel  regiert  war.  Was  beweist  das?  —  Das  beweist,  daß  staatstreue
Gesinnung,  Patriotismus  und  eine  große  Staatsauffassung  fehlten.  Der
Dienst  in  der  Selbstverwaltung  ist  die  beste  politische  Schule  für  die  höheren
Beamten,  und  schon  deswegen  dürfen  wir  die  höheren  Klassen  und  auch
den  besitzenden  Adel  nicht  davon  ausschließen.  Ich  füge  hinzu,  auch  die
besitzenden  bürgerlichen  Kreise  dürfen  wir  nicht  ausschließen.  Ich  erwähne
dabei,  daß  ich  von  manchen  Seiten  über  die  höheren  Beamten,  die  aus
der  haute  finance  stammen,  mehr  Klagen  gehört  habe,  als  über  die  aus
dem  Adel.  Das  sind  alles  Dinge,  die  man  erwägen  muß.  Es  ist  immer
wichtig,  daß  der  Schein  vermieden  wird,  als  ob  unser  Beamtentum  eine
einzelne  soziale  Klasse  und  ihre  Interessen  repräsentiere.  Man  hat  gesagt,
es  gebe  in  der  Geschichte  zwei  große  Organisationen,  die  mehr  geleistet
haben,  als  alle  anderen:  die  römische  Kirche  und  der  deutsche  Beamtenstand.
  Sie  verdanken  das  dem  Umstande,  daß  in  guten  Zeiten  diese  großen
Organisationen  immer  darauf  gehalten  haben,  daß  sie  nicht  als  Klassenrudimente,
  als  Klassenvertretungen  erschienen  sind,  sondern  daß  alle  Fähigen
aus  allen  Klassen,  auch  aus  den  mittleren  und  unteren,  in  ihnen  emporund
  bis  in  die  höchsten  Stellen  gekommen  sind.  Der  preußische  Staat
bleibt  diesen  Grundsätzen  treu.  Ich  schließe  mit  der  Bitte  an  die  königliche
  Staatsregierung:  Wenn  dieses  Gesetz  zu  stande  kommt,  so  möge  sie
sich  nicht  veranlaßt  sehen,  diese  viel  wichtigere  Hauptreform  zu  verzögern.

Minister  des  Innern  Frhr.  v.  Hammerstein  lehnt  ein  Kompromiß
zwischen  akademischer  Freiheit  und  Lernzwang  ab,  stimmt  aber  dem  Vorredner
  im  allgemeinen  zu.  Ein  Klassenregiment  solle  nicht  geschaffen  werden
in  der  Beamtenschaft;  Professor  Schmoller  hätte  seine  Anklagen  lieber  nicht
vorbringen  sollen,  da  derartige  Anekdoten  nichts  bewiesen.  —  Nach  weiterer
Debatte  stellt  das  Haus  die  Regierungsvorlage  wieder  her  und  genehmigt
folgende  Resolutionen:  A.  Die  Staatsregierung  zu  ersuchen,  dafür  zu  sorgen,
daß  bei  der  ersten  Prüfung  das  Staats-  und  Verwaltungsrecht  und  die
Nationalökonomie  und  bei  der  Entscheidung  über  die  Annahme  zum  höheren
Verwaltungsdienste  der  Ausfall  der  Prüfung  in  diesen  Disziplinen  gebührend
  berücksichtigt  werden.  B.  Die  Staatsregierung  zu  ersuchen,  es  den
Regierungsassessoren  zu  ermöglichen,  durch  praktische  Beschäftigung  in
Zweigen  der  Selbstverwaltung  (Provinzialverwaltung,  Landwirtschafts-,
Handels-  und  Handwerkskammern  u.  s.  w.),  sowie  in  geeigneten  wirtschaftlichen
  Betrieben  (Landwirtschaft,  Industrie,  Banken  u.  s.  w.)  oder  durch
Studienreisen  ihre  Ausbildung  zu  vervollständigen.

Im  Anschluß  an  die  Beratung  des  Gesetzentwurfs  über  die  Vorbereitung
  zum  höheren  Verwaltungsdienst  wird  die  Frage,  ob  Korpsstudenten
  und  Adelige  bevorzugt  würden,  lebhaft  erörtert.  —  Das  Organ
der  Korps,  die  „Akademischen  Monatshefte",  weisen  darauf  hin,  daß  von
35  Regierungspräsidenten  21  ehemalige  Korpsstudenten  sind.  Viele  Stimmen
  sehen  darin  eine  Bestätigung  der  Ausführungen  von  Abg.  Friedberg
und  Professor  Schmoller.  Die  „Berliner  Korrespondenz"“  widerspricht  dieser
Auffassung.

April.  Unwetter.

Im  Laufe  des  April  werden  viele  Gegenden  Deutschlands  von
Schneestürmen  heimgesucht.  Bis  Ende  des  Monats  wird  bekannt,  daß
infolgedessen  83  Schiffe  untergegangen,  246  beschädigt  worden  sind.  Auf
See  sind  223  Personen  ertrunken.  An  Land  sind  194  Personen  durch
Erfrieren,  Verirren  und  anderen  Unfällen  dem  Unwetter  zum  Opfer  ge-
        <pb n="101" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  1.—6.)  93

fallen.  Allein  in  Schlesien  sind  68  Menschen  im  Aprilschnee  erfroren  oder
sonst  verunglückt,  und  zwar  ganz  überwiegend  am  18.  und  19.,  meist  wohl
in  der  Nacht  zum  Sonntag.

1.  Mai.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  lehnt  die
Beschlüsse  des  Herrenhauses  über  den  Gesetzentwurf  betr.  die  Befähigung
  zum  höheren  Verwaltungsdienst  ab  und  stellt  gegen  die
Stimmen  der  konservativen  Fraktionen  die  Fassung  des  Abgeordnetenhauses
  wieder  her.  —  Infolgedessen  ist  das  Gesetz  gescheitert.

1.  Mai.  (Preußen.)  Schluß  des  Landtags.  —  Folgende
Gesetze  sind  angenommen  worden:

Gesetz  über  Aenderung  von  Amtsgerichtsbezirken  (Gesetz-Sammlung
1903  Nr.  7),  Etat  für  1903  (8),  Erweiterung  des  Stadtkreises  Gelsenkirchen
(10),  Erweiterung  des  Stadtkreises  Münster  (11),  Gesetz  über  Landestrauer
(12),  Gewährung  von  Wohnungsgeldzuschüssen  an  die  Staatsbeamten  (14),
Erwerb  von  Eisenbahnen  für  den  Staat  (15),  Erwerb  der  ostpreußischen
Südbahn  (15),  Bildung  eines  Ausgleichsfonds  für  die  Eisenbahnverwaltung
  (16),  Erweiterung  des  Staatsbahnnetzes  und  Beteiligung  am  Bau
von  Kleinbahnen  (16),  Deckung  von  Ausgaben  des  Rechnungsjahres  1901
(17),  Nachtragsetat  für  1903  (18),  Bewilligungen  zur  Verbesserung  der
Wohnungsverhältnisse  staatlicher  Arbeiter  (18),  Kassierung  einiger  feuerund
  baupolizeilicher  Bestimmungen  in  Hessen-Nassau  (18),  Bildung  von
Gesamtverbänden  der  katholischen  Kirche  (20),  Bildung  kirchlicher  Hilfsfonds
  für  neu  zu  errichtende  katholische  Pfarrgemeinden  (20),  Ausdehnung
des  Gesetzes  über  Ablösung  der  Reallasten  (21),  Benützung  ehemaliger
Wallgrundstücke  in  Frankfurt  a.  M.  (21).

4.  Mai.  (Lindau.)  Die  Prinzessin  Luise  von  Toskana,
ehemalige  Kronprinzessin  von  Sachsen,  wird  von  einer  Tochter
entbunden.

5.  Mai.  (Preußen.)  Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben
unternimmt  eine  Studienreise  nach  Nordamerika.

6.  Mai.  (Elsaß-Lothringen.)  Der  Landesausschuß  genehmigt
  den  Nachtragsetat  für  die  Errichtung  einer  katholischtheologischen
  Fakultät  in  Straßburg  gegen  eine  sozialdemokratische
Stimme.

Mai.  Die  Presse  über  die  Romreise  des  Kaisers.  Deutschland,

  Italien  und  der  Vatikan.

Die  klerikale  „Germania“  schreibt  über  die  Zusammenkunft  des
Kaisers  mit  dem  Papst:  „Die  Unterredung  war  geheim  und  alles  darüber
Gemeldete  ist  Humbug.  Der  Papst  empfing  den  Kaiser  auf  der  Schwelle
seines  geheimen  Audienzzimmers  und  ging  dem  Kaiser  entgegen.  Der
Kaiser  machte  zwei  Verbeugungen,  ergriff  beide  ihm  dargebotene  Hände
des  Papstes  und  beugte  sich  tief  auf  dieselben,  so  daß  seine  Stirn  die
Hände  berührte,  und  der  Kaiser  begab  sich  mit  dem  Papst  in  das  Audienzzimmer.
  Nach  einer  Unterredung  von  25  Minuten  wurden  die  Prinzen
durch  den  Kaiser  vorgestellt;  sie  standen,  während  der  Papst  saß.  Nach
dem  Empfang  erklärte  der  Kaiser  dem  Erzbischof  von  Freiburg:  „In  hohem
        <pb n="102" />
        94  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  13.  14./19.)

Grade  war  Ich  erfreut,  Seine  Heiligkeit  in  so  außerordentlich  blühender
Gesundheit  angetroffen  zu  haben.  Ich  kann  nur  zu  Gott  beten,  daß  er
Seine  Heiligkeit  noch  recht  lange  erhalten  möge  zum  Heile  der  ganzen
Welt.“  Viele  protestantische  Blätter  äußern  sich  kritisch  über  die  Formen
dieser  Zusammenkunft,  „die,  wie  die  Berührung  der  päpstlichen  Hände
durch  die  kaiserliche  Stirn,  bedenklich  an  das  Halten  der  pontifikalen  Steigbügel
  durch  die  römischen  Kaiser  erinnern“.  („Tägl.  Rundschau“.)  Ferner
wird  hervorgehoben,  daß  der  Besuch  im  Vatikan  die  Sympathien  der  nichtklerikalen
  Italiener  für  Deutschland  vermindert  habe.  Namentlich  werden
im  Auslande  solche  Vermutungen  geäußert.  Gegen  solche  Nachrichten
schreibt  die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  (8.  Mai):  „Gewisse  politische
  Kreise  im  Auslande  haben  den  Augenblick,  in  dem  Se.  Majestät  der
Kaiser  den  Boden  Italiens  wieder  verlassen  würde,  kaum  erwarten  können,
um  ihre  Treibereien  zwischen  Deutschland  und  Italien  von  neuem  in  Szene
zu  setzen.  Nach  einem  Pariser  Zeitungstelegramm  verbreitet  die  „Agence
Havas“  aus  Rom  datierte  Depeschen,  die  sich  zu  der  Behauptung  versteigen,
die  Art  des  Kaiserbesuches  beim  Papst  habe  in  offiziellen  italienischen  Kreisen
einen  peinlichen  Eindruck  gemacht,  der  immer  mehr  zunehme.  Infolgedessen
  sei  die  politische  Wirkung  der  Reise  des  Kaisers,  soweit  die  italienische
  Regierung  in  Frage  komme,  gleich  Null.  Ob  die  Verbreitung  solcher
Tendenzdepeschen  auf  eine  Irreführung  der  öffentlichen  Meinung  in  Frankreich
  berechnet  ist,  mag  dahingestellt  bleiben.  Sollte  damit  die  Absicht
verbunden  sein,  in  Italien  gegen  Deutschland  Stimmung  zu  machen,  so
dürfte  der  Versuch  sein  Ziel  völlig  verfehlen.  Tatsächlich  konnten  die
äußeren  Formen  des  Besuches  Sr.  Majestät  beim  Papst  in  Rom  nur  den
gerade  entgegengesetzten  Eindruck  erwecken,  wie  ihn  die  „Agence  Havas“
charakterisiert,  da  durch  die  Einhaltung  feierlicher  Formen  bei  der  Fahrt
nach  dem  Vatikan  vor  den  Augen  der  Welt  bezeugt  wurde,  wie  wenig  der
Papst  in  dem  Genuß  der  ihm  zustehenden  Rechte  eines  Souveräns  beschränkt
  ist.  Die  erwähnten  französischen  Ausstreuungen  erhalten  durch
den  Umstand  ein  eigenartiges  Gepräge,  daß  sie  in  die  Oeffentlichkeit  durch
die  Agence  Havas“  gebracht  werden,  die  bekanntlich  in  der  Pariser  Publizistik
  eine  besondere  Stellung  einnimmt.“

13.  Mai.  (Württemberg.)  Die  Abgeordnetenkammer  genehmigt
  einstimmig  den  Gesetzentwurf  über  die  Tilgung  der  Staatsschuld.



Danach  wird  die  4prozentige  Staatsanleihe  von  1891/92  in  eine
neue  3½prozentige  Schuld  umgewandelt.  An  Stelle  der  bevorstehenden
vertragsmäßigen  Schuldentilgung  wird  die  gesetzliche  Schuldentilgung  eingeführt
  und  ihre  Höhe  auf  3/8  Prozent  der  im  Anfange  eines  jeden  Rechnungsjahres
  bestehenden  verzinslichen  Staatsschuld  festgesetzt.  Außerdem
wird  bestimmt,  daß  von  dem  Ueberschuß  des  Staatshaushalts  2/3  zur
Schuldentilgung  verwendet  werden  sollen.

14./19.  Mai.  Aufenthalt  des  Kaiserpaares  in  den  Reichslanden.



Am  14.  Mai  weiht  der  Kaiser  das  neue  Christusportal  an  der
Metzer  Kathedrale  ein.  Als  Vertreter  des  Papstes  nimmt  Kardinal  Kopp
teil.  Der  Kaiser  richtet  folgende  Ansprache  an  Bischof  Benzler:  Es  gereicht
  Mir  zur  besonderen  Freude,  Ihnen,  hochwürdigster  Bischof,  das  nunmehr
  vollendete  Portal  des  Metzer  Domes  übergeben  zu  können.  Ein
Meisterwerk  der  Architektur  wie  der  Bildhauerkunst,  hat  seine  bildliche
        <pb n="103" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  20.  —29.)  95

Darstellung  die  freudige  bewundernde  Anerkennung  des  Papstes  gefunden.
Die  Anwesenheit  seines  Stellvertreters  ist  eine  besondere  Ehre  für  das
Bistum,  wie  das  lothringische  Land,  wozu  Ich  Ihnen  Meinen  herzlichsten
Glückwunsch  ausspreche!  Mögen  durch  die  Pforte  fromme  Christen,  treue
deutsche  Untertanen  zum  Dienste  des  Herrn  ihren  Eintritt  nehmen.  Das
walte  Gott!

20.  Mai.  (Dresden.)  Der  König  eröffnet  in  Gegenwart
zahlreicher  Vertreter  von  Bundesregierungen  die  deutsche  Städteausstellung.


An  der  Ausstellung,  zu  der  alle  Städte  mit  mehr  als  25  000  Einwohnern
  eingeladen  waren,  haben  sich  etwa  140  Städte  beteiligt.  Zweck
der  Ausstellung  ist,  die  während  der  letzten  Jahrzehnte  auf  dem  Gesamtgebiet
  der  Städteverwaltung  gemachten  Fortschritte  zur  Darstellung  zu
ringen.  Dabei  sollen  auch  Gewerbetreibende  und  Industrielle  Gelegenheit
haben,  ihre  Erzeugnisse  für  den  Bedarf  der  Gemeindeverwaltungen  auszustellen.
  Die  Objekte  sind  zu  acht  Gruppen  geordnet,  und  zwar  sind  es
folgende:  1.  Verkehr,  Beleuchtung,  Straßenbau  und  Entwässerung,  Brücken
und  Häfen,  einschließlich  des  gesamten  Tiefbau-  und  Vermessungswesens,
der  Straßenbahnen  u.  s.  w.,  2.  Stadterweiterungen,  Baupolizei  und  Wohnungswesen,
  3.  öffentliche  Kunst  (Architektur,  Malerei,  Bildnerei  u.  s.  w.),
4.  allgemeine  Gesundheit  und  Wohlfahrt,  Polizeiwesen,  5.  Schulwesen,
Volksbildung,  6.  Armenwesen,  Krankenpflege,  Wohltätigkeitsanstalten  und
Stiftungen,  7.  Kassen-,  Finanz-  und  Steuerverwaltung,  städtischer  Gewerbebetrieb,
  Grundbesitz,  Sparkassen  und  Leihwesen,  8.  Registratur-  und  Bureaueinrichtungen,
  Beamtenschaft,  Statistik  und  Literatur.  („Allg.  Ztg.")

23.  Mai.  (Berlin.)  Schriftsteller  Julius  Lohmeyer,  Herausgeber
  der  „Deutschen  Monatsschrift“,  †.

26.  Mai.  (Berlin.)  Der  bayerische  Ministerpräsident  Frhr.
v.  Podewils  besucht  den  Reichskanzler.  —  In  der  Presse  war  von
Verstimmungen  zwischen  Preußen  und  Bayern  gesprochen  worden,
die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung"“  erklärt  das  für  Räubergeschichten.


26.  Mai.  (Danzig.)  Der  Kaiser  wohnt  dem  Stapellauf
eines  Linienschiffes  bei,  das  den  Namen  „Elsaß“  erhält.

29.  Mai.  (Döberitz.)  Auf  dem  Truppenübungsplatze  Döberitz
  bei  Spandau  enthüllt  der  Kaiser  einen  Obelisken  zum  Andenken
  an  Friedrich  den  Großen  und  hält  dabei  folgende  Rede:

Vor  150  Jahren  hat  auf  diesen  Gefilden  Friedrich  II.  Majestät,
schon  von  seinen  Zeitgenossen  „der  Große“  genannt,  einen  erheblichen  Teil
seiner  Armee  zusammengezogen,  um  sie  für  die  gewaltigen  Kämpfe,  welche
er  mit  seinem  weitschauenden  Blick  im  Geiste  vorhersah,  zu  üben  und  zu
stählen.  So  wichtig  war  für  ihn  die  Vorbereitungszeit,  daß  er  es  nicht
scheute,  die  Kolonnen  seinen  kriegsgeübten  Feldmarschällen  zur  Führung
anzuvertrauen.  Hier  bildete  der  große  Soldatenkönig,  rastlos  arbeitend,
über  den  großen  Gesichtspunkten  auch  das  Detail  nicht  vergessend,  seine
Regimenter  für  die  schweren  Aufgaben  des  bald  darauf  einsetzenden  siebenjährigen
  Krieges  aus  und  schuf  das  innige  Band  zwischen  seinen  Soldaten
        <pb n="104" />
        96  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  29.)

und  sich,  welches  letztere  zu  den  äußersten  Leistungen  begeisterte,  während
er  seinen  Geist  seinen  Generalen  einflößte  und  so  den  Grund  legte  für
die  unvergleichlichen  Erfolge,  welche  in  der  siegreichen  Ueberwindung  einer
gegen  ihn  verschworenen  Welt  in  Waffen  gipfelten.  Unvergessen  seien  diese
Leistungen,  unvergessen  die  Namen  der  Helden  jener  großen  Zeit!  Spottend
  nannten  damals  Friedrichs  Feinde  seine  kleine  Armee  die  „Potsdamer
  Wachtparade"“!  Nun,  er  hat  es  gezeigt,  was  er  an  deren  Spitze
vermocht.  Und  auch  in  späteren  Zeiten  hat  die  „Potsdamer  Wachtparade“
jedem  gebührend  die  Wege  gewiesen,  der  mit  ihr  anzubinden  versuchte.
Zur  Erinnerung  an  diese  Zeit  ist  der  Obelisk  aus  nordischem  Granit
errichtet.  Eine  Erinnerung  an  „Friedericus  Rex,  den  König  und  Held“,
zur  Nacheiferung  für  uns  alle,  in  ungeschwächter  Kraft  rastlos  an  unserer
Schlagfertigkeit  zu  arbeiten.  Wenn  jetzt  die  Hülle  fällt,  wenn  zum  Gruß
die  Fahnen  und  Standarten  sich  neigen,  die  Degen  sich  senken  und  Bajonette
  im  Präsentiergriff  blitzen,  dann  geschieht  das  nicht  nur  vor  diesem
Stein,  sondern  vor  ihm,  dem  großen  König,  seinen  Generalen  und  Feldmarschällen,
  vor  seinem  großen  Nachfolger,  Wilhem  dem  Großen  und  dessen
Paladinen,  die  jetzt  alle  beim  großen  Alliierten  droben  versammelt  auf
uns  herabblicken,  und  vor  Preußens  ruhmvoller  Heeresgeschichte  und  Tradition.
  Achtung,  präsentiert  das  Gewehr!

Bei  der  Frühstückstafel  hält  der  Kaiser  folgende  Rede:

Das  Glas,  welches  Ich  nunmehr  zu  leeren  im  Begriff  stehe,  gilt
dem  Gardekorps  und  Meiner  Armee.  Sie  ist  an  dem  heutigen  Fest-  und
Ehrentage  in  ihren  Führern  hier  vertreten.  Ich  habe  in  letzter  Zeit  zwei
Korps  gesehen.  Vor  kurzem  führte  Ich  einen  Teil  des  Korps,  dem  die
Grenzwacht  in  der  Westmark  anvertraut  ist,  über  die  einst  blutgetränkten
Felder  zum  Angriff.  Rechts  und  links  schritten  wir  zwischen  Gräbern,
geschmückt  mit  weißen  Kreuzen.  Marschrichtungspunkte  waren  die  Denkmäler
  der  preußischen  Garden,  darunter  speziell  vom  Augusta-Regiment.
Ein  Augenblick,  tiefergreifend  für  den,  der  ihn  durchlebt.  Denn  er  erinnerte
  an  die  gewaltigen  Taten  der  deutschen  Heere  unter  Friedrichs
großem  Nachfolger,  Wilhelm  dem  Siegreichen.  Heute  greife  Ich  zurück
auf  die  Anfangsgeschichte  der  damals  noch  kleinen  preußischen  Armee  unter
Friedrich.  Vor  zwei  Tagen  haben  Sie  auf  den  Brettern,  die  die  Welt
bedeuten,  in  erhebendem  Spiel  den  König  und  sein  Wirken  auf  dem  Döberitzer
  Boden,  ihn  inmitten  der  Männer  gesehen,  deren  Namen  uns
Preußen  so  teuer,  und  umgeben  von  seinen  Regimentern,  die  ihm  die
Mühe  mit  dem  Lohne  dankten,  daß  sie  mit  ihrem  Herzblut  die  Geschichte
Preußens  schreiben  halfen.  Fürwahr  Ihnen,  Meine  Herren  Generale,  ist
es  —  wie  jedem  Altpreußen  —  so  wie  Mir  gewiß  ergangen,  daß  es  Ihnen
allemal  heiß  und  kalt  den  Rücken  herunterlief,  wenn  vom  großen  König
gesprochen  ward  oder  er  selbst  gar  in  Person  erschien!  Sie  sahen  zu  zweit
den  ganzen  Jammer  und  das  Elend  deutscher  Kleinstaaterei,  welche,  das
Ausland  nachäffend,  oftmals  lieber  mit  dem  undeutschen  Nachbarn  sich
verband,  als  auf  seiten  dessen  zu  stehen,  der  im  Begriff  stand,  den  Grundstein
  des  neuen  Deutschen  Reichs  zu  legen  und  der  deutschen  Fürsten  Zukunft
  fest  zu  sichern.  In  diesen  Jammerzustand  der  Ohnmacht  und  Zerrissenheit
  fuhr  der  lorbeerumkränzte  preußische  Degen,  geführt  von  der
Hohenzollernhand  des  großen  Friedrichs  und  „stabilierte“  sein  Reich  als
Basis,  auf  der  einst  Kaiser  Wilhelm  der  Große  das  neue  Deutsche  Reich
errichten  konnte.  Das  war  eine  schöne,  herrliche  und  große  Zeit.  —  Gewiß,
meine  Herren,  aber  ebenso  sicher  ist  es,  daß  die  jetzige  Zeit  ebenfalls  eine
schöne  und  große  werden  kann  und  ist,  auch  für  die  Zukunft,  wenn  wir
        <pb n="105" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  Anfang.)  97

nur  fest  entschlossen  sind,  sie  zu  einer  solchen  zu  machen.  Der  Deutsche
ist  oft  so  mutlos  und  melancholisch,  oder,  wenn  es  ihm  zu  gut  geht,  übermütig
  und  überschwenglich.  Da  ist  der  einzige  feste  und  unerschütterliche
Pol  in  der  Erscheinungen  Flucht  stets  die  preußische  Armee  gewesen  und
noch  heute.  Die  staunenswerten  Erfolge,  die  der  König  errang,  und  die
in  einem  köstlichen  Kranz  herrlicher  Siege  ein  unvergänglicher  Besitz  unserer
  Heeresgeschichte  geworden  sind,  entwuchsen  aus  angestrengter  Friedensarbeit
  geworbener  Truppen,  unter  denen  auch  mancher  Ausländer  zu  finden
gewesen  ist.  Heute  steht  die  Armee  als  eine  nationale  Einrichtung  vor
unsern  Blicken,  die  Generale  sind  ihre  Führer,  von  Soldat  und  Bürger
mit  Achtung  und  Vertrauen  angesehen.  Eine  großartige  Schule  zur  Erziehung
  unserer  Jugend  in  nationalem  Sinne!  Sie,  meine  Herren,  sind
die  Erzieher!  Nicht  nur  Reglements,  Taktik  und  Strategie,  sondern  auch
Stolz  und  Dienstfreudigkeit  sollen  in  meinem  Rock  gelehrt  und  Achtung
und  Liebe  für  unsere  unvergleichliche  Armeetradition;  dann  wird  es  um
unsere  Zukunft  mit  Hilfe  „unseres  großen  Alliierten  oben“  gut  bestellt  sein.
Dann  kann  Ich  die  Worte  auch  zu  den  Meinen  machen  für  die  gesamte
Armee,  welche  Prinz  Moritz  von  Anhalt-Dessau  dem  großen  König  über
das  Regiment  Alt-Larisch  nach  Leuthen  sagte,  als  Seine  Majestät  die
Front  des  von  ihm  persönlich  zum  Angriff  angesetzt  gewesenen  Regiments
abritt:  „Ihro  königliche  Majestät  können  getrost  Ihr  Szepter  und  Krone
denen  Leuten  anvertrauen,  denn  so  diese  vor  denen  Feinden  davon  lauffen,
so  möchte  ich  dorten  auch  nicht  gerne  mehr  verweilen.“  Dann  wird  Meine
Armee  stets  das  Instrument  bleiben,  dessen  Ich  bedarf,  damit  Meine  Politik
—  wenn  nötig  —  Unterstützung  findet:  „wo  es  die  Feder  allein  nicht
mehr  machen  kann,  so  sie  nicht  von  der  Schärfe  des  Schwerts  soutenieret
wird.“  Es  lebe  Mein  Gardekorps  und  die  ganze  preußische  Armee!

Anfang  Juni.  Preßstimmen  über  den  Zollkonflikt  zwischen
Deutschland  und  Kanada.  (Vgl.  Großbritannien.)

Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt  (2.  Juni):

Wie  aus  der  geschichtlichen  Entwicklung  unzweifelhaft  hervorgeht
und  wie  in  den  Motiven  des  Gesetzes  vom  11.  Mai  1898  besonders  dargelegt
  wird,  handelt  es  sich  ausschließlich  darum,  den  tatsächlichen  Zustand,
der  unter  der  Herrschaft  des  Handelsvertrags  von  1865  bestanden  hat,
insoweit  aufrecht  zu  erhalten,  als  dies  von  den  bisherigen  Kontrahenten
gewünscht  wird  und  ermöglicht  werden  kann.  Diese  Voraussetzung  traf
aber  bei  Kanada  nicht  zu,  wo  schon  während  der  Dauer  des  Handelsvertrags
  von  1865  unter  dem  23.  April  1897  ein  Gesetz  in  Kraft  getreten
ist,  das  der  Einfuhr  des  britischen  Mutterlandes  und  der  britischen  Kolonien
  von  diesem  Tage  ab  um  12,5  und  ab  1.  Juli  1898  um  25  Prozent
ermäßigte  Zollsätze  zusicherte.  Solange  der  Handelsvertrag  noch  dauerte,
mußte  diese  Vergünstigung  auch  der  deutschen  Einfuhr  zugute  kommen;
sie  wurde  ihr  aber  nach  Ablauf  des  Vertrages  vom  1.  August  1898  entzogen
  und  die  Vorzugsbehandlung  später  ab  1.  Juli  1900  auf  33⅛  Prozent
  erhöht.  Nachdem  die  deutsche  Meistbegünstigung  in  Kanada  in  Wegfall
  gekommen  war,  wurden  den  deutschen  Herkünften  auch  nicht  mehr  die
Vergünstigungen  zu  teil,  die  Frankreich  auf  das  Sonderabkommen  vom
6.  Februar  1893  genießt.  Deutschland  war  also  auf  dem  kanadischen  Markte
gegenüber  Großbritannien  und  Frankreich  differenziert.  Auf  die  kanadische
Einfuhr  mußten  hiernach  die  autonomen  Zollsätze  ohne  weiteres  angewandt
werden.  Von  der  weiter  gehenden  gesetzlichen  Befugnis,  Straf-  oder  Zuschlagszölle
  aufzuerlegen,  machte  die  deutsche  Regierung  gegenüber  Kanada
überhaupt  nicht  Gebrauch.  Keine  kanadische  Ware  hat  vom  Jahre  1898

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV.  7
        <pb n="106" />
        98  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  Anfang.)

bis  jetzt  einen  Zollsatz  über  den  autonomen  Tarif  jemals  bezahlt.  Die
großbritannische  Regierung  brachte  nur  einmal  im  Jahre  1899  unsere
Stellung  gegenüber  Kanada  in  amtlicher  Form  zur  Sprache.  Daraufhin
wurden  ihr  in  der  Note  vom  5.  August  1899  die  für  Deutschland  maßgebenden
  und  vorstehend  erörterten  Gründe  entwickelt.  Eine  Erwiderung
hierauf  ist  der  deutschen  Regierung  nicht  zugegangen.  Im  November  1901
haben  der  kanadische  Premierminister,  der  Finanzminister  und  der  Zollminister
  den  kaiserlichen  Konsul  in  Montreal  zu  einer  Besprechung  wegen
eines  neuen  Abkommens  mit  Deutschland  eingeladen.  Hierbei  forderten
die  kanadischen  Vertreter  die  Gewährung  sämtlicher  Zollherabsetzungen  des
deutschen  Vertragstarifes,  während  Kanada  Deutschland  lediglich  die  in
dem  kanadisch-französischen  Handelsabkommen  ausgemachten  Zollherabsetzungen
  einräumen  wollte,  die  für  Deutschland  nur  von  sehr  geringem
Werte  sind.  Jedes  weitere  Zugeständnis  lehnten  die  kanadischen  Vertreter
von  vornherein  ab,  insbesondere  auch  das  Zugeständnis  der  allgemeinen
Meistbegünstigung  der  deutschen  Waren  gegenüber  denen  dritter  Länder,
das  Kanada  in  Deutschland  für  die  kanadischen  Erzeugnisse  in  Anspruch
nahm  und  das  es  in  den  Verträgen  mit  Frankreich  und  anderen  Staaten
gemacht  hat.  Von  deutscher  Seite  wurden  gleichwohl  die  Verhandlungen
nicht  abgebrochen,  vielmehr  lediglich  vorläufig  vertagt.  In  keinem  Stadium
  der  Angelegenheit  dachte  die  deutsche  Regierung  an  irgend  welche
Einmischung  in  Gestaltung  der  inneren  Verhältnisse  Großbritanniens  zu
seinen  Kolonien,  sondern  führte  lediglich  die  Vorschriften  des  bestehenden
Zollgesetzes  aus.  Wohl  aber  betonte  die  englische  Regierung  bei  verschiedenen
  Anlässen,  daß  die  Kolonien  Großbritanniens  als  Gebiete  mit  eigenem
Zollsystem  zu  betrachten  sind  und  daß  es  ihrer  Wahl  vorbehalten  bleiben
müsse,  ob  sie  einem  Abkommen  des  Mutterlandes  über  die  Handels-  und
Zollangelegenheiten  beitreten  wollen  oder  nicht.  Diesem  grundsätzlichen
Standpunkt  der  großbritannischen  Regierung  entspricht  es,  daß  Deutschland
  Kanada  als  eigenes  Zollgebiet  behandelt.

Die  handelspolitischen  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Kanada
werden  durch  folgende  Daten  charakterisiert:  Am  30.  Mai  1865  schloß  der
Zollverein  mit  Großbritannien  einen  Meistbegünstigungsvertrag  ab,  der
bestimmte,  daß  in  den  britischen  Kolonien  die  Erzeugnisse  der  Staaten  des
Zollvereins  keinen  höheren  oder  anderen  Eingangsabgaben  unterliegen
sollten,  als  die  gleichen  Erzeugnisse  Großbritanniens  oder  irgend  eines
anderen  Landes.  Dieser  Vertrag  wurde  von  Großbritannien  am  30.  Juli
1897  gekündigt.  Gleichzeitig  mit  der  Kündigung  sprach  die  britische  Regierung
  den  Wunsch  aus,  über  einen  neuen  Handelsvertrag  zu  unterhandeln.
  Diesem  Wunsche  wurde  deutscherseits  beigetreten.  Als  es  bis
zum  Ablaufe  des  Handelsvertrages  am  30.  Juli  1898  zu  einem  neuen
Vertrage  nicht  gekommen  war,  bewilligte  Deutschland  durch  einen  besonderen
  gesetzgeberischen  Akt  zuerst  auf  Grund  des  Gesetzes  vom  11.  Mai
1898  der  Einfuhr  des  britischen  Mutterlandes  und  der  britischen  Kolonien
mit  Ausnahme  Kanadas  das  den  Meistbegünstigungsstaaten  zustehende  Recht
auf  niedrigere  Zollsätze.  Diese  Ermächtigung  wurde  wiederholt  verlängert,
zuletzt  durch  das  Gesetz  vom  29.  Mai  1901  bis  zum  31.  Dezember  1903.“

Die  Ausführungen  der  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  werden  von  der  gesamten
  deutschen  Presse  gebilligt,  auch  der  „Vorwärts"  erklärt  die  Angaben
für  richtig.  In  der  Presse  wird  vielfach  der  Meinung  Ausdruck  gegeben,
daß  die  Pläne  Chamberlains  auf  Widerspruch  im  englischen  Kabinett  stoßen
würden.  Die  Forderung,  daß  Deutschland  sogleich  Zollzuschläge  über  den
autonomen  Tarif  hinaus  auf  die  kanadischen  Waren  legen  soll,  wird  nur
von  der  „Deutschen  Tages-Ztg."  erhoben.
        <pb n="107" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  Anf.—3./6.)  99

Anfang  Juni.  (Bayern.)  Der  Ministerpräsident  Frhr.
v.  Podewils  erklärt  in  einer  Unterredung  nach  seinem  Besuch  in
Berlin,  für  die  Aufhebung  des  §  2  des  Jesuitengesetzes  sei  im
Bundesrate  keine  Majorität  vorhanden.  Preußen  und  Bayern  seien
fast  allein  dafür.

3./5.  Juni.  (Darmstadt.)  Tagung  des  evangelisch-sozialen

Kongresses  unter  Vorsitz  von  Professor  Ad.  Harnack.

Hauptreferate:  Prof.  D.  Wilhelm  Herrmann-Marburg  „Die  sittlichen
Gedanken  Jesu  in  ihrem  Verhältnis  zu  der  sittlich-sozialen  Lebensstellung
der  Gegenwart“.  Prof.  D.  Adolf  Wagner-Berlin  „Das  ethische  und  soziale
Moment  in  Finanzen  und  Steuern“.  Prof.  D.  Dr.  Kahl-Berlin  „Die  Reform
  des  deutschen  Strafrechts  im  Lichte  evangelischer  Sozialpolitik“.  Oberlehrerin
  Fräulein  Laura  Herrmann-Berlin  „Welches  ist  das  Ziel  der  höheren
Mädchenschule?“

3./6.  Juni.  (Frankfurt  a.  M.)  Das  Kaiserpaar  wohnt
dem  Wettstreit  der  Gesangvereine  bei.  —  Artillerie-Regiment  „Frankfurt".
  —  Preisverteilung.  Aufgabe  des  Männergesanges.

Auf  die  Begrüßung  durch  den  Bürgermeister  Adickes  erwidert  der
Kaiser  (4.  Juni):  Es  ist  Mir  ein  Bedürfnis,  im  Namen  Ihrer  Majestät
der  Kaiserin  und  in  Meinem  der  Stadt  Frankfurt  aus  tiefem  Herzen
warmen  Dank  zu  sagen  für  die  Tage,  die  sie  uns  bereitet.  Spontan,  ein
Ausbruch  herzlicher  Gefühle,  war  der  gestrige  Empfang,  getragen  von  dem
aus  vielen  tausend  Kehlen  gesungenen  deutschen  Liede.  Es  war  so  recht
das  Bild  der  kräftig  sich  regenden,  nach  allen  Richtungen  sich  entwickelnden,
großen  Metropole,  der  Erfolg  dessen,  was  das  Schwert  Meines  siegreichen
Großvaters  für  das  Vaterland  errungen  hat,  ein  Beweis  dafür,  wie  gut
es  Frankfurt  unter  preußischer  Krone  gegangen  ist.  Am  Kyffhäuser  her
zog  Meine  Bahn  zur  alten  Römerstadt  ein.  Das  Kyffhäusertor  ist  geprengt
  und  offen  sind  die  Tore  und  Gassen  der  Stadt  Frankfurt  geworden,
vergangen  die  alten  Zeiten  und  zur  Geschichte  geworden.  Das  neue  Deutsche
Reich  hat  Frankfurt  zur  neuen  Bedeutung  sich  entwickeln  sehen  und  so  ist
es  denn  Mein  Wunsch,  wie  schon  in  früherer  Zeit  aus  Frankfurt  die  ersten
schönen  Sprößlinge  des  deutschen  Liedes  erstanden  und  wie  heute  zum
erstenmal  in  ihren  Mauern  deutsche  Männer  sich  versammelt  haben,  um
nach  alter  Sitte  im  Liede  miteinander  zu  ringen,  so  möge  in  Verbindung
mit  der  modernen  Entwicklung  und  Ausgestaltung  der  Stadt  wie  hier  im
Rathause  die  Pflege  der  alten  Traditionen  und  der  alten  Geschichte  der
Stadt  Hand  in  Hand  gehen;  denn  nur  wer  seine  Geschichte  pflegt,  wer
seine  Traditionen  hoch  hält,  kann  in  der  Welt  etwas  werden.  Die  Ordenskette,
  die  Sie  um  die  Schultern  Ihres  Oberbürgermeisters  glänzen  sehen,
ist  ein  Beweis  dafür,  wie  gerade  auf  einem  Meinem  Herzen  so  naheliegenden
  und  von  Mir  so  eifrig  durchforschten  Gebiete,  dem  der  sozialen
Politik,  Frankfurt  an  der  Spitze  marschiert,  und  wie  es  Mir  am  Herzen
lag,  die  Stadt  und  ihr  Oberhaupt  dadurch  zu  zieren  und  Mein  vollstes
Einverständnis  zu  erklären  mit  den  Wegen,  die  Sie  hier  eingeschlagen
haben  zum  Segen  für  Ihre  Bürger  und  zum  Beispiel  für  das  Vaterland.
Es  ist  Mir  aber  wohlbekannt,  daß  außerdem  noch  ein  Wunsch  die  Brust
Frankfurts  bewegt,  dem  ich  gerne  Folge  geben  werde.  Es  ist  schon  lange
der  Wunsch,  daß  die  Zusammengehörigkeit  der  Stadt  mit  ihrer  Garnison
durch  ein  äußeres  Band  auch  in  der  Heeresgeschichte  sich  kennzeichnen  möge,

7*
        <pb n="108" />
        100  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  3./6.)

und  diesem  Wunsche  der  Frankfurter  Patrizier  entgegenkommend,  habe  ich
befohlen,  daß  vom  heutigen  Tage  an  das  2.  hessische  Artillerie-Regiment
Nr.  63  „Frankfurt“  heißen  soll.  So  möge  auch  die  Garnison  in  Verbindung
  mit  der  Bürgerschaft  Frankfurts  in  Friede  und  Freundschaft,  stolz
auf  ihren  Namen  auch  Ihnen,  den  Bürgersöhnen,  ein  Heim  bieten,  und
möge  Gottes  reichster  Segen  auf  allen  Ihren  Unternehmungen  ruhen,  auf
welchem  Gebiete  es  auch  sei.  Das  ist  Mein  heißester  Wunsch  und  darauf
leere  Ich  den  Pokal  auf  das  Wohl  der  Stadt  Frankfurt.  Hurra,  hurra,  hurra!

Bei  der  feierlichen  Preisverteilung  an  die  Sängervereine  richtete
der  Kaiser  an  die  Dirigenten  folgende  Ansprache:  Meine  Herren!  Ich
habe  Sie  zusammengerufen,  um  Ihnen  zunächst  Meine  Freude  auszusprechen,
daß  so  viele  Vereine  der  Aufforderung  des  Rundschreibens  gefolgt  sind
und  sich  an  dem  Wettgesang  beteiligt  haben.  Es  ist  das  ein  Beweis  für
die  Arbeitsfreudigkeit  und  Sangesfreudigkeit  unter  Ihnen  und  zu  gleicher
Zeit  ein  Beweis  dafür,  wie  rege  das  Interesse  an  der  Pflege  des  Gesanges
unter  den  Vereinen  blüht.  Ich  will  hierbei  doch  Gelegenheit  nehmen,  die
Herren  auf  einiges  aufmerksam  zu  machen,  das  auch  für  Sie  vielleicht  von
Interesse  sein  kann,  da  es  nicht  nur  der  Ausfluß  Meiner  eigenen  Anschauung,
  sondern  auch  fast  aller  Zuhörer  ist.  Ich  muß  auf  die  Wahl
Ihrer  Stücke  einen  Augenblick  eingehen.  Die  Absicht,  die  bei  diesem  Gesangwettstreit
  vorgelegen  hat,  war  die,  daß  durch  ihn  der  Volksgesang,  die
Pflege  des  Volksliedes,  gehoben  und  gestärkt  und  in  weite  Kreise  verbreitet
werden  soll.  Nun  haben  die  Herren  Kompositionen  gewählt,  die  von  unserem
  altbekannten  guten  Volkslied  und  Volkston  wesentlich  entfernt  lagen.
Sie  haben  Ihren  Chören  kolossale  Aufgaben  gestellt:  sie  sind  zum  Teil
geradezu  bewunderungswürdig  gelöst  worden,  und  Ich  muß  sagen,  es  hat
uns  alle  in  Erstaunen  gesetzt  und  ergriffen,  daß  hier  Hunderte  von  Männern,
  die  vielleicht  am  Tage  8—12  Stunden  in  schwerer  Arbeit,  in  ungünstiger
  Temperatur,  umgeben  von  Staub  und  Rauch,  gearbeitet  haben,
in  der  Lage  gewesen  sind,  durch  eifriges  Studium  und  selbstlose  Hingabe
an  die  Arbeit  so  schwere  Aufgaben  zu  übernehmen,  wie  wir  sie  hier  gehört
  haben.  Ich  möchte  aber  glauben,  daß  in  der  Beziehung  vielleicht
die  Dirigenten  zum  Teil  selbst  gefühlt  haben,  daß  in  der  Wahl  der  Chöre
das  Aeußerste  erreicht  ist,  was  wir  von  Männergesangvereinen  verlangen
können.  Ich  möchte  dringend  davor  warnen,  daß  sie  nicht  etwa  auf  den
Weg  treten,  es  philharmonischen  Chören  gleichzutun.  Meine  Ansicht  ist,
der  Männergesangverein  ist  dazu  nicht  da.  Er  soll  das  Volkslied  pflegen.
Von  den  Kompositionen,  die  unserem  Herzen  nahe  stehen,  ist  merkwürdig
wenig  gesungen  worden.  Sechs-  bis  siebenmal  Hegar,  achtmal  Brambach.
Ich  kann  Ihnen  offen  gestehen,  wenn  man  diesen  Meister  öfters  hintereinander
  hört,  dann  würde  man  jeden  Verein  mit  Jubel  begrüßen,  der
nur  einmal  „Wer  hat  dich,  du  schöner  Wald“  oder  „Ich  hatt'  einen
Kameraden"  oder  „Es  zogen  drei  Burschen“  gesungen  hätte.  Diese  Kompositionen
  sind  außerordentlich  wertvoll  für  die  Ausbildung  der  Technik.
Es  ist,  als  ob  ein  besonders  hohes  Sprunggestell  aufgestellt  würde;  aber
es  mangelt  Hegar  und  Brambach  zu  sehr  an  Melodik.  Zudem  komponieren
die  Herren  Texte,  die  etwas  lang  sind.  Ich  bin  im  allgemeinen  sehr
dankbar,  daß  so  schöne  und  patriotische  Texte  gewählt  wurden,  die  von
alten  Kaisersagen  und  großer  Vorzeit  handeln.  Ich  glaube  aber,  daß  zum
Teil  die  Komponisten  den  Texten  nicht  gerecht  werden.  Es  soll  Meines
Erachtens  ein  Chor  aus  schönen  Männerstimmen  nicht  durch  den  Komponisten
  dahin  gebracht  werden,  daß  er  Tonmalerei  treibt  und  eine  orchestermäßige
  Instrumentation  nachmacht.  Tonmalerei  des  Orchesters  ist  schon
nicht  immer  angenehm,  mit  Männerstimmen  noch  bedenklicher.  Die  Länge
        <pb n="109" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  3./6.)  101

ermüdet,  weil  die  Tonlage  eines  Männerchors  immerhin  beschränkt  ist  und
auf  die  Dauer  zu  gleichmäßig  wirkt.  Ich  warne  auch  davor,  nicht  zu
lyrisch  zu  werden.  Ich  glaube,  daß  auch  im  Preischor  die  Lyrik  zu  sehr
vorwaltet.  Die  Herren  werden  gemerkt  haben,  daß  die  Chöre,  die  etwas
mehr  Energisches  und  Männliches  zeigten,  beim  Publikum  mehr  Beifall
gefunden  haben.  Die  Sentimentalität,  die  in  jeder  deutschen  Seele  ruht,
soll  in  poetischen  Schöpfungen  auch  zum  Ausdruck  kommen,  aber  da,  wo
es  sich  um  Balladen  und  Mannestaten  handelt,  muß  der  Männerchor
energisch  zur  Geltung  kommen,  am  besten  in  einfachen  Kompositionen.  Es
wird  vielleicht  den  Herren  interessant  sein,  daß  fast  zwei  Drittel  aller
Vereine  zu  hoch  eingesetzt  und  zum  Teil  um  einen  halben,  Dreiviertel-,
einen,  sogar  um  einen  Fünfviertel-Ton  zu  hoch  geschlossen  haben.  Deshalb
  haben  ihnen  die  gewählten  Aufgaben  zum  Teil  selber  geschadet.  Es
war  eine  Freude,  wenn  einmal  ein  Verein  so  tief  einsetzte,  daß  man  das
Gefühl  hatte,  er  hat  noch  Reserve  übrig.  Die  Wahl  der  Chöre  werde  Ich
in  Zukunft  dadurch  entsprechender  zu  gestalten  versuchen,  daß  Ich  eine
Sammlung  veranstalten  werde  sämtlicher  Volkslieder,  die  in  Deutschland,
Oesterreich  und  der  Schweiz  geschrieben,  gesungen  und  bekannt  sind,  gleichgültig
  ob  der  Komponist  bekannt  ist  oder  nicht.  Sie  wird  katalogisiert
werden  und  Ich  werde  dafür  Sorge  tragen,  daß  sie  allen  Vereinen  billig
und  einfach  zugänglich  sein  kann.  Dann  werden  wir  in  der  Lage  sein,
aus  diesem  Kreise  Lieder  zu  suchen,  die  wir  brauchen.  Wir  sind  hier  am
Rhein,  und  nicht  ein  einziger  Verein  hat  die  „Drei  Burschen“  gesungen
oder  „Joachim  Hans  von  Zieten“  und  „Friedericus  Rex“.  Wir  sind  hier
in  Frankfurt,  und  kein  einziger  hat  Kalliwoda  gewählt.  Wir  haben  Mendelssohn,
  Beethoven,  Abt:  von  ihnen  ist  nichts  erklungen.  Hiermit  ist
nun  wohl  der  modernen  Komposition  genug  getan.  Sie  haben  sich  Aufgaben
  gestellt  —  Ich  nehme  auch  das  Preislied  nicht  aus.  Ich  selbst
halte  es  an  einzelnen  Stellen  für  viel  zu  schwer;  Ich  habe  Gelegenheit  genommen,
  mit  den  Preisrichtern  darüber  zu  sprechen.  Die  Herren  haben
ihren  Gedankenaustausch  in  einem  Promemoria  zu  Papier  gebracht,  das
den  Vereinen  zugänglich  gemacht  werden  wird.  Mein  Kabinettsrat  v.  Lucanus
  wird  es  den  Herren  vorlesen.

Kabinettsrat  v.  Lucanus  verliest  hierauf  folgendes  Aktenstück:  „Der
Eindruck,  den  das  Wettsingen  des  ersten  Tages  auf  das  Preisrichterkollegium
  ausübte,  war  derart,  daß  es  für  notwendig  erachtet  wurde,  eine
bestimmte  Stellung  zu  der  Art  der  Komposition  zu  nehmen,  die  heute  auf
dem  Gebiete  des  Männergesanges  als  herrschende  gilt;  fast  sämtliche  von
den  Vereinen  vorgetragenen  frei  gewählten  Chöre  zeigten  eine  Art  des
technischen  Baues,  die  den  a  Capella-Stil  des  Männergesanges  vollständig
verkennt,  indem  sie  den  Stimmen  Intervalle,  Lagen  und  harmonische  Kombinationen
  rein  instrumentaler  Natur  zumutet.  Schlimmer  noch  ist  das
vollständige  Mißverständnis  zwischen  dem  darzustellenden  Vorwurf  und  den
aufgewandten  Mitteln.  Die  enge  Begrenzung  der  Stimmen,  die  ungestraft
  ihre  Grenze  nicht  überschreiten  darf,  die  beschränkte  Farbenpalette
machen  die  Männerchöre  von  selbst  zum  Träger  edler,  schlichter  Stimmung
lyrischer  Art  und  selbst  einfacher  Balladen.  Die  gesuchte,  gekünstelte  Art,
wie  sie  in  einer  Reihe  der  gehörten  Chöre  sich  zeigte,  die  Manie,  jede
noch  so  unbedeutende  Gelegenheit  zu  Tonmalerei  auszunutzen,  das  Haschen
nach  außergewöhnlicher  Harmonie  erschien  uns  geradezu  als  eine  krankhafte,
  effekthascherische  Art  der  Komposition,  die  infolge  dieser  Anlage  an
Stelle  großzügiger  Einheit  eine  Mosaik  von  oft  interessanten,  fast  nie  aber
schönen  Details  bildet.  Ein  solches  die  Hauptbedingungen  eines  Kunstwerkes
  verachtendes  Gebaren  aber  bildet  eine  ernste  Gefahr  für  die  Zu-
        <pb n="110" />
        102  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  4.  9.)

kunft  dieses  so  bedeutenden  Kunstzweiges.  Eine  Hilfe  dagegen  ist  nur
möglich  durch  Zurückkehren  zu  natürlicher  Einfachheit,  zu  gesundem  Empfinden
  und  zum  Erkennen  der  wahren  Zwecke  dieser  Kunst  und  durch  Abweichen
  von  aller  Unnatur  und  Künstelei.  Wir  wollen  durchaus  nicht
damit  etwa  sagen,  daß  nur  das  Volkslied  dem  Männerchor  entspreche.
Wir  erkennen  neben  dem  Volkslied  ein  sogenanntes  Kunstlied  auch  im
Männerchor  an,  aber  nur  wenn  es  den  genannten  Bedingungen  entspricht.
Es  wird  notwendig  sein,  daß  in  Zukunft  vor  allem  auch  als  Preischor
nur  ein  solches  Stück  gewählt  werde,  welches  infolge  der  Beachtung  dieser
einfachen  ästhetischen  Grundregeln  als  ein  Kunstwerk  erkannt  werden  kann.
Wir  halten  es  für  unsere  Pflicht,  Seine  Majestät  zu  bitten,  diese  Bestrebungen
  durch  sein  allergnädigstes  Wohlwollen  zu  unterstützen,  und  die
Dirigenten,  beziehungsweise  Vorsitzenden  der  Vereine  zu  ermahnen,  durch
Erkennensuchen  und  Streben  nach  künstlerischer  Wahrheit  vor  allem  unserer
  Kunst  wirksam  zu  dienen.  Wir  tun  das  um  so  mehr,  als  wir  uns
in  dieser  Ansicht  mit  Sr.  Majestät  in  vollkommener  Uebereinstimmung
wissen.“

Hierauf  sagt  der  Kaiser:  „Meine  Herren!  Ich  erwarte  von  Ihnen,
daß  Sie  möglichst  dieser  Ansicht  und  diesen  Meinen  Ratschlägen  entsprechen
werden.  Ich  bin  fest  davon  überzeugt,  daß  dann  auch  die  Sänger  selbst
noch  mehr  Freude  an  der  Einübung  haben.  Ich  glaube,  daß  da,  wo  die
Noten  erst  eingeübt  werden  mußten,  eine  geradezu  physische  Anstrengung,
nötig  gewesen  ist,  um  das  zu  erreichen,  was  Sie  erreicht  haben,  zumal
bei  den  Mitgliedern,  die  in  Fabriken  arbeiten.  Es  ist  erfreulich,  wie  viele
vom  Hammer  und  vom  Amboß,  von  der  Schmiede  hergekommen  sind,  um
hier  zu  singen.  Aber  es  muß  schlaflose  Nächte  gekostet  haben.  Wenn  wir
auf  einfachen  Gesang  kommen,  dann  sind  Sie  in  der  Lage,  mit  den  rein
künstlerischen  Vereinen  zu  konkurrieren,  deren  Mitglieder  tagsüber  in  einer
Atmosphäre  leben,  die  besser  und  staubfreier  ist,  was  doch  auf  die  Stimmorgane
  sehr  einwirkt.  Sonst  kann  ich  nur  sagen,  daß  wir  zum  Teil  geradezu
  ganz  hervorragendes  Material  gehört  haben,  auch  abgesehen  von
den  Vereinen,  die  auch  unter  Ihnen  als  hervorragend  anerkannt  sind.
Instrumental  glockenartige  Effekte!  Unzweifelhaft  ist,  daß  ein  hoher  Grad
von  musikalischer  Begabung  in  der  Bevölkerung  steckt,  der  aber  in  einfachen,
  klangreichen  Harmonien  sich  zu  zeigen  Gelegenheit  haben  muß.
Wenn  Sie  diese  einfachen  schönen  Chöre,  wie  sie  das  Volkslied  und  die
Komposition  darbieten,  die  ich  genannt  habe,  so  werden  Sie  selber  Freude
haben  und  weniger  Schwierigkeiten,  und  gleichzeitig  werden  Sie  das  Publikum,
  das  zum  Teil  aus  Fremden  besteht,  besser  mit  unserem  Volkslied
bekannt  machen.  Sie  werden  mit  dem  Volksliede  den  Patriotismus  stärken
und  damit  das  allgemeine  Band,  das  alle  umschließen  soll.  Ich  danke  Ihnen.“

4.  Juni.  (Bayern.)  Es  wird  eine  Verordnung  über  die
Schulpflicht  erlassen,  die  in  der  Hauptsache  ältere  Verordnungen
zusammenfaßt  und  redaktionell  verändert.

9.  Juni.  (Württemberg.)  Debatte  in  der  Zweiten  Kammer
über  Einmischung  des  Klerus  in  die  Wahlagitation.

Abg.  Hildenbrand  (Soz.)  zitiert  folgenden  Passus  einer  Rede,
die  Bischof  Keppler  von  Rottenburg  am  Himmelfahrtstage  in  Mergentheim
  auf  einer  Firmungsreise  gehalten  hat:  „Heute  sind  uns  noch  viel
mehr  als  früher  Männer  notwendig,  ganze  Männer,  ganze  Katholiken.
Einzutreten  für  Kirche  und  Glauben,  die  katholische  Schule  zu  unterstützen
in  Kirche  und  Leben  und  Familie,  in  Presse  und  in  Wahlen,  das  ist
        <pb n="111" />
        Das  Deutsche  Reich  und  eine  einzelnen  Glieder.  (Juni.)  103

heutzutage  Mannespflicht.  Denn  in  Kriegszeiten  wird  erfordert,  daß  jeder
treu  zu  seiner  Fahne  halte,  und  der,  welcher  das  in  solcher  Zeit  nicht  tut,
der  ist  ein  Feigling  und  Verräter.“  Der  Redner  tadelt  diese  Stelle  scharf
als  Wahlagitation  und  fordert,  der  Kultusminister  möge  seinen  Einfluß
dahin  geltend  machen,  daß  man  in  Ruhe  gelassen  werde  vor  solchen  Eingriffen
  und  zwar  im  Interesse  der  Gewissensfreiheit;  er  werde  damit  den
konfessionellen  Frieden  fördern.  Der  Bischof  sollte  nicht  nötig  haben,  im
Interesse  seines  Amtes  in  die  politischen  Händel einzugreifen.

Kultusminister  v.  Weizsäcker:  Es  handle  sich um  eine  kirchliche
  Handlung  des  Bischofs,  sondern  um  eine  Aeußerung;  die
Staatsregierung  habe  also  kein  legales  Recht  einzuschreiten  und  verhalte
sich  völlig  neutral.

April—Juni.  Wahlbewegung.

Zwischen  Zentrum  und  Polen  herrschen  im  Osten  und  im  Westen
erhebliche  Differenzen.  In  Posen  protestiert  die  radikale  Volkspartei  gegen
ein  Zusammengehen  mit  den  deutschen  Katholiken,  weil  diese  lieber  einen
Hakatisten  als  einen  Polen  wählten  und  fordert  eine  gemeinsame  polnische
Wahlorganisation  für  das  ganze  Deutsche  Reich.  In  Oberschlesien  wird
namentlich  Graf  Ballestrem  als  „Deutscher  Kreuzritter“  auf  polnischem
Boden  angegriffen.  Kardinal  Erzbischof  Kopp  erläßt  einen  Hirtenbrief
gegen  die  radikalpolnische  Presse  (7.  Juni),  was  große  Erregung  und  Protest
auf  seiten  der  Polen  hervorruft.

Unter  den  bürgerlichen  Parteien  wird  die  Frage,  wie  man  sich  zur
Sozialdemokratie  stellen  solle,  viel  erörtert,  aber  eine  einheitliche  Parole
wird  nicht  gefunden.  Die  Sozialdemokratie  liegt  namentlich  im  Kampfe
mit  der  freisinnigen  Volkspartei,  die  den  Sozialdemokraten  unlautere  Mittel,
wie  Saalabtreibungen,  Sprengung  von  Versammlungen,  persönliche  Verleumdungen
  u.  dgl.  vorwirft.  Im  allgemeinen  wird  vorzugsweise  die
Stellung  zu  den  Handelsverträgen  in  den  Wahlaufrufen  erörtert.  Infolgedessen
  erklären  sich  bürgerliche  Politiker  gleichzeitig  gegen  die  Sozialdemokratie
  wie  gegen  den  Bund  der  Landwirte,  weil  beide  die  Handelsverträge
auf  der  Grundlage  des  Zolltarifs  ablehnten.  Die  „Preußischen  Jahrbücher"
fordern  auf,  im  Interesse  der  konservativen  Partei  unter  keinen  Umständen
für  einen  Bündler  zu  stimmen,  damit  nicht  die  Agrardemagogie  die  gemäßigten
  Konservativen  überwuchern.  Diese  Parole  wird  von  der  „Kreuzzeitung“
  scharf  angegriffen,  aber  viel  beachtet  und  namentlich  im  Wahlkampfe
  gegen  den  agrarischen  Führer  Oertel  verwertet.  Von  zentrumsfeindlicher
  Seite  wird  häufig  über  Wahlbeeinflussungen  durch  Geistliche
Klage  geführt.  Ueber  die  Zahl  der  Kandidaten  schreibt  die  „Allgemeine
Zeitung“  (Mitte  Juni):  „Nicht  weniger  als  1424  Kandidaturen  werden
in  den  397  Wahlkreisen  den  Wählern  empfohlen.  Mehr  als  100  Kandidaten
  haben  aufgestellt:  die  Sozialdemokraten  (394),  die  Nationalliberalen.
das  Zentrum  (161),  die  Freisinnige  Volkspartei  (112),  die  Deutschkonservativen
  (111).  Dann  folgen  die  Antisemiten  (50),  die  Freisinnige
Vereinigung  (41),  der  Bund  der  Landwirte  (39),  die  Reichspartei  (38),
die  Polen  (25),  die  Deutsche  Volkspartei  (24),  der  Bayerische  Bauernbund
(20),  die  Elsässer  (19),  die  Nationalsozialen  (9),  die  Lithauer  und  Dänen
(ie  3),  Masuren  (1),  dazu  kommen  noch  die  Welfen  und  die  Rechtspartei
in  Mecklenburg  (1).  Unter  diesen  Kandidaten  befinden  sich  nicht  weniger
als  147  Berliner,  die  Vororte  eingerechnet.  Davon  sind  46  Sozialdemokraten
  und  43  Freisinnige,  16  Nationalliberale,  13  Konservative,  2  Bündler
(Hahn  und  Bley),  2  Reichsparteiler,  14  Antisemiten  aller  Richtungen,
6  Zentrumsanhänger  und  5  Nationalsoziale."
        <pb n="112" />
        104  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  13.)

13.  Juni.  (Eisenach.)  Beschluß  der  evangelischen  Kirchenkonferenz
  über  den  Zusammenschluß  der  evangelischen  Landeskirchen.

Die  Deutsche  Evangelische  Kirchenkonferenz,  deren  Bestimmung  es
ist:  „auf  Grund  des  Bekenntnisses  wichtige  Fragen  des  kirchlichen  Lebens
in  freiem  Austausch  zu  besprechen  und  unbeschadet  der  Selbständigkeit  jeder
einzelnen  Landeskirche  ein  Band  ihres  Zusammengehörens  darzustellen  und
die  einheitliche  Entwickelung  ihrer  Zustände  zu  fördern"“,  erachtet  auch  die
einheitliche  Vertretung  und  Förderung  der  gemeinsamen  evangelisch-kirchlichen
  Interessen  nach  außen  als  ihre  Aufgabe.  Um  für  ihre  Tätigkeit
einen  engeren  Zusammenschluß  herbeizuführen  und  ein  jederzeit  handlungsfähiges
  Organ  zu  besitzen,  beschließt  sie,  unter  Festhaltung  ihrer  sonstigen
Ordnungen,  ihren  ständigen  Ausschuß  (Beschluß  IV  der  Kirchenkonferenz
von  1900),  wie  folgt  zu  gestalten:  I.  Der  Ausschuß,  welcher  fortan  den
Namen  „Deutscher  Evangelischer  Kirchenausschuß"  führt,  hat  wie  bisher
die  Aufgabe,  die  Konferenz  in  der  ihr  obliegenden  Förderung  einer  einheitlichen
  Entwickelung  der  Zustände  der  einzelnen  Landeskirchen  zu  unterstützen.
  Er  hat  ferner  die  gemeinsamen  evangelisch-kirchlichen  Interessen
wahrzunehmen,  insbesondere  1.  gegenüber  anderen  deutschen  und  außerdeutschen
  Kirchengemeinschaften  wie  den  nicht  christlichen  Religionsgesellschaften,
  2.  in  bezug  auf  die  kirchliche  Versorgung  der  Evangelischen  in
den  deutschen  Schutzgebieten,  3.  bezüglich  der  Förderung  kirchlicher  Einrichtungen
  für  die  evangelischen  Deutschen  im  Auslande,  sowie  der  Seelsorge
  unter  deutschen  Auswanderern  und  Seeleuten  —  zu  2.  und  3.  unter
Rücksichtnahme  auf  konfessionelle  Verhältnisse.  II.  Auf  den  Bekenntnisstand
und  die  Verfassung  der  einzelnen  Landeskirchen  erstreckt  sich  die  Tätigkeit
des  Ausschusses  nicht.  Ebenso  bleiben  die  kirchenregimentlichen  Rechte  der
Landesherren  unberührt.  III.  Zur  Erfüllung  seiner  Aufgaben  hat  sich  der
Ausschuß  zu  unterrichten,  was  in  Anlaß  der  in  der  vorhergehenden  und
in  den  früheren  Tagungen  gefaßten  Beschlüsse  der  Konferenz  geschehen  ist,
und  ist  befugt,  sich  behufs  des  darüber  notwendigen  Gedankenaustausches
mit  den  einzelnen  Kirchenregierungen  in  Verbindung  zu  setzen.  Der  Ausschuß
  hat  ferner  die  Entwickelung  der  Gesetzgebung,  sowie  die  Handhabung
der  Gesetze  auf  den  das  kirchliche  Leben  berührenden  Gebieten  im  Auge
zu  behalten,  etwaige  innerhalb  seines  Zuständigkeitskreises  gelegene  Anträge
  von  Kirchenregierungen  in  Behandlung  zu  nehmen,  das  zur  Förderung
  wichtiger  gemeinsamer  evangelisch-kirchlicher  Interessen,  sowie  das
zur  Befriedigung  gemeinsamer  Bedürfnisse  Erforderliche  an  den  zuständigen
Stellen  anzuregen,  insbesondere  in  Wahrung  dieser  Interessen  mit  den
Behörden  des  Reiches  und  gegebenenfalls  mit  der  Kirchenbehörde  des  betreffenden
  Landes  in  Verbindung  zu  treten,  auch  unter  besonderen  Umständen
  öffentliche  Kundgebungen  zu  erlassen.  Der  Ausschuß  sorgt  für  eine
Sammlung  der  Gesetze,  Verordnungen,  Synodalverhandlungen  und  sonstiger
  für  das  kirchliche  Leben  der  einzelnen  Landeskirchen  bedeutsamer
Veröffentlichungen.  IV.  Zum  Ausschuß  entsendet  die  Konferenz  fünfzehn
ihrer  Mitglieder.  Zu  ihnen  gehört  der  Vorsitzende  der  Konferenz.  Als
weiter  in  den  Ausschuß  zu  entsendende  Mitglieder  der  Konferenz  werden
ihr  drei  aus  dem  Kirchengebiete  der  älteren,  zwei  aus  dem  Kirchengebiete
der  neuen  Provinzen  Preußens,  je  eins  aus  den  Kirchengebieten  Bayerns,
Sachsens  und  Württembergs  von  den  Abgeordneten  der  betreffenden  Kirchenregierungen
  benannt.  Gehört  der  Vorsitzende  der  Konferenz  einem  der
vorgenannten  Kirchengebiete  an,  so  ruht  oder  beschränkt  sich  verhältnismäßig
  die  betreffende  Benennung,  solange  er  als  Vorsitzender  der  Konferenz
Mitglied  des  Ausschusses  ist.  Scheidet  er  aus  dieser  Stellung  vor  Ablauf
        <pb n="113" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  16.)  105

seiner  Wahlperiode  aus,  so  veranlaßt  der  Ausschuß,  daß  ihm  als  Ersatzmann
  ein  Konferenzmitglied  aus  dem  Kirchengebiete,  welchem  der  Ausscheidende
  angehörte,  benannt  wird.  In  diesem  Falle  tritt  der  stellvertretende
  Vorsitzende  der  Konferenz  bis  zu  ihrer  nächsten  Tagung  dem
Ausschusse  als  außerordentliches  Mitglied  bei.  Die  sieben  übrigen  in  den
Ausschuß  zu  entsendenden  Mitglieder  werden  von  denjenigen  zur  Konferenz
erschienenen  Abgeordneten  benannt,  welchen  kein  eigenes  Benennungsrecht
zusteht.  Ist  einer  dieser  Abgeordneten  zum  Vorsitzenden  der  Konferenz
gewählt  und  hierdurch  Mitglied  des  Ausschusses,  so  beschränkt  sich  die  Benennung
  auf  sechs  Mitglieder.  Bei  der  Benennung  der  in  den  Ausschuß
zu  Entsendenden  ist  in  geeignetster  Weise  für  annähernd  gleichmäßige  Vertretung
  durch  geistliche  und  weltliche  Mitglieder  Sorge  zu  tragen.  Den
zur  Benennung  eines  Mitgliedes  Berechtigten  wird  dieserhalb  Verständigung
untereinander  empfohlen.  Die  Entsendung  in  den  Ausschuß  erfolgt  auf
die  Zeit  bis  zum  Schluß  der  nächsten  ordentlichen  Kirchenkonferenz.
Scheidet  während  dieser  Zeit  ein  zum  Ausschusse  Entsandter  aus  der  Konferenz
  aus,  so  veranlaßt  der  Ausschuß,  daß  ihm  aus  dem  Kirchengebiete,
welchem  der  Ausscheidende  angehörte,  ein  Ersatzmann  benannt  wird.
V.  Unter  Vorbehalt  endgültiger  Beschlußfaßung  der  Konferenz  über  den
Sitz  des  Ausschusses  und  den  Vorsitz  in  ihm  wählt  der  Ausschuß  für  die
nächsten  fünf  Jahre  den  Vorsitzenden  und  dessen  Stellvertreter  aus  seiner
Mitte.  Als  Sitz  des  Ausschusses  gilt  auf  so  lange  der  Wohnsitz  des  Vorsitzenden.
  VI.  Der  Ausschuß  wird  vom  Vorsitzenden  wenigstens  einmal
im  Jahre  berufen;  außerdem  so  oft  es  nötig  erscheint,  oder  wenn  wenigstens
  drei  Mitglieder  oder  mit  Bezug  auf  einen  von  ihnen  gestellten  Antrag
  drei  Kirchenregierungen  eine  Sitzung  verlangen.  VII.  Die  Einladungen
zu  den  Sitzungen  des  Ausschusses  sollen  in  der  Regel  vierzehn  Tage  vor
der  Sitzung  erfolgen  und  sind  nebst  der  Tagesordnung  den  Kirchenregierungen
  mitzuteilen.  Zur  Gültigkeit  der  Beschlüsse  ist  erforderlich,  daß
mindestens  zehn  Mitglieder  in  der  Sitzung  anwesend  sind.  Die  Beschlüsse
werden  durch  Stimmenmehrheit  gefaßt.  Im  Falle  der  Stimmengleichheit
entscheidet  bei  Wahlen  das  Los,  sonst  die  Stimme  des  Vorsitzenden.  Die
Beschlüsse  des  Ausschusses  werden  unter  seinem  Namen  erlassen.  Sie  erlangen
  für  die  einzelnen  Kirchenregierungen  Verbindlichkeit  durch  deren
Zustimmung.  VIII.  Gegenstände,  welche  sich  dazu  eignen,  können  durch
schriftliche  Abstimmung  erledigt  werden.  Die  Gültigkeit  eines  auf  diesem
Wege  herbeigeführten  Beschlusses  setzt  voraus,  daß  ein  formulierter  Entwurf
  desselben  allen  Ausschußmitgliedern  vorgelegen  und  die  Mehrheit  ihm
zugestimmt  hat.  Auf  Antrag  von  mindestens  drei  Mitgliedern  muß  Beschlußfassung
  in  einer  Sitzung  erfolgen.  IX.  Die  vom  Ausschusse  innerhalb
  seiner  Zuständigkeit  gefaßten  Beschlüsse  werden  vom  Vorsitzenden  in
der  durch  die  Geschäftsordnung  zu  regelnden  Form  zur  Ausführung  gebracht.
  Ueber  die  Geschäftsordnung  beschließt  der  Ausschuß  selbst.  Sie
ist  den  Kirchenregierungen  und  der  Konferenz  mitzuteilen.  X.  Der  Ausschuß
  hat  der  Kirchenkonferenz  zu  Beginn  jeder  Tagung  über  seine  Tätigkeit
  Bericht  zu  erstatten.  Er  wird  Gegenstände,  deren  sofortige  Erledigung
er  nicht  für  nötig,  oder  deren  selbständige  Erledigung  er  nicht  für  angemessen
  erachtet,  der  Beschlußfassung  der  Konferenz  unterbreiten.

16.  Juni.  Reichstagswahlen.  Statistisches.
Das  Resultat  des  ersten  Wahlganges  ist  folgendes:
1903  1898

Zentrum  88  85
Sozialdemokraten  55  32
        <pb n="114" />
        106  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  16.)

1903  1898
Konservative  31  38
Polen  14  13
Reichspartei  6  10
Nationalliberale  5  10
Wilde  (Elsässer)  10  9
Antisemiten  1  5
Bauernbündler  3  3
Bund  der  Landwirte  —  1
Freisinnige  Vereinigung  —  1
Freisinnige  Volkspartei  —  1
Dänen  1  1

An  den  Stichwahlen  beteiligt  sind  37  Konservative,  122  Sozialdemokraten,
  24  Freisinnige  Volkspartei,  65  Nationalliberale,  11  Freisinnige
  Vereinigung,  4  Elsässer,  8  Polen,  16  Reichspartei,  1  Bund  der
Landwirte,  5  Antisemiten,  35  Zentrum,  10  Wilde,  6  Bauernbund,  8  Deutsche
Volkspartei,  8  Welfen,  8  Reformpartei.

An  der  Wahl  haben  sich  76,1  %  der  Wahlberechtigten  beteiligt
(1898  68,1%;  1893  72,2%;  1890  71,6  %;  1887  77,5%;  1884  60,6  %;
1881  56,3%;  1878  63,4%  ;  1877  60,6  %;  1874  61,3%;  1871  51%%).

Die  Stimmen  verteilen  sich  nach  dem  Kaiserlichen  Statistischen  Amt

1898:  1903:



folgendermaßen:  1898:
Deutschkonservative  859  222  948  448
Deutsche  Reichspartei  343  642  333  404
Nationalliberale  971  302  1313  051
Freisinnige  Vereinigung  195  682  243  230
Freisinnige  Volkspartei  558  314  542  556
Deutsche  Volkspartei  108  528  91  217
Zentrum  1  455  139  1875  292
Polen  244  128  347  784
Sozialdemokraten  2 107 076  3 010 771
Antisemiten  (Deutschsoziale  Reformpartei,

  Christlichsoziale)  284  250  244  543
Bund  der  Landwirte  110  389  118  759
Bauernbund  140  304  111  375
Andere  Parteien  268  234  248  024
Unbestimmt  92  637  55.249

Für  die  Sozialdemokraten  insbesondere  sind  3 087 000  Stimmen
abgegeben  worden.  Diese  verteilen  sich  auf  die  einzelnen  Provinzen  und
Bundesstaaten  folgendermaßen  (in  Klammern  stehen  die  Ergebnisse  der
1898er  Wahl):  Ostpreußen  55 000  (46 000),  Westpreußen  19 000  (11 000),
Berlin  218  000  (155  000),  Brandenburg  244  000  (162  000),  Pommern
55 000  (39 000),  Posen  7 000  (5 000),  Schlesien  174 000  (134 000),  Sachsen
192 000  (148 000),  Schleswig-Holstein  113 000  (82 000),  Hannover  131 000
(98 000),  Westfalen  140 000  (77 000),  Hessen-Nassau  93 000  (74 000),  Rheinprovinz
  206 000    (112 000  ),  also  Preußen  1  647  000  (1 142  000),  Bayern
212 000  (138 000),  Sachsen  443 000  (299 000),  Württemberg  100 000  (62 000),
Baden  72 000  (50 000),  Hessen  69 000  (49 000),  Mecklenburg  56 000  (47 000)  
Oldenburg,  Braunschweig,  Anhalt  82 000  (61 000),  sächsische  Herzogtümer
81 000  (62 000),  Fürstentümer  42 000  (34 000),  Hansestädte  136 000  (111 000),
Elsaß-Lothringen  68 000  (52 000).  —  Die  Sozialdemokratie  hat  in  Preußen
500 000  Stimmen  oder  über  44  Prozent  gewonnen,  im  übrigen  Deutschland
  400  000  Stimmen  oder  41  Prozent,  also  in  ganz  Deutschland  900  000
Stimmen  oder  fast  43  Prozent.
        <pb n="115" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni.)  107

Juni.  Die  Presse  über  die  Wahlen.  Stichwahlparolen.

In  erster  Linie  wird  allgemein  das  Anwachsen  der  sozialdemokratischen
  Stimmen  besprochen  .  Der  „Vorwärts“  schreibt:  „Berlin-Deutschland
  hat  das  Tischtuch  mit  der  Reaktion  aller  Farben  endgültig
zerschnitten;  es  ist  die  Hauptstadt  der  Sozialdemokratie  geworden.  Eine
Siegesnachricht  drängt  die  andere;  nur  ganz  vereinzelt  kommen  Meldungen,
die  geringere  Fortschritte  zeigen.  Rückschritte  nirgends.  Auch  in  rein
agrarische  Verhältnisse,  wie  Altenburg,  sind  wir  siegreich  eingedrungen.
Das  deutsche  Volk  hat  in  den  Wahlen  den  gewaltigsten  Protest  gegen  die
herrschende  Reaktion  abgegeben.  Mit  Donnerstimme  reden  die  Zahlen
der  Stimmen.  Der  Brotwucher  ist  gerichtet,  und  alles,  was  um  ihn
sich  drängt.  Die  Wahlen  sind  ein  zerschmetternder  Schlag  für  das  ganze
herrschende  System.  Wenn  die  Nacht  vollendet,  was  bis  Mitternacht  begonnen,
  dann  bereitet  sich  eine  Weltwende  der  deutschen  Politik  vor.
Deutschland  wird  zum  Lande  des  Sozialismus,  dem  unüberwindlich  vorwärts
  drängenden,  dem  Befreier  und  Erlöser.  Der  Sieg  des  deutschen
Proletariats  ist  der  Sieg  der  deutschen  Kultur.  Unser  das  Reich  —  unser
die  Welt!“

Die  bürgerlichen  Parteiblätter  suchen  die  Ursachen  dieser  Stimmenzunahme
  zu  erklären.  Die  freis.  „Berliner  Ztg.“  weist  darauf  hin,  daß
die  Juden  vielfach  mit  den  freisinnigen  Parteien  unzufrieden  seien  und
deshalb  die  Sozialdemokratie  verstärkt  hätten,  namentlich  in  Berlin.  Andere
  liberale  Blätter  sehen  in  der  Tarifvorlage  und  ihrer  Behandlung  die
Hauptursache.  Die  „Köln.  Volksztg.“  (klerikal)  sagt,  die  Sozialdemokratie
ziehe  die  Unzufriedenen  deshalb  am  stärksten  an,  weil  sie  am  kecksten  gegen
die  Regierung  auftrete;  jedermann  leite  heute  in  Deutschland  aus  irgend
einem  persönlichen  Aerger  das  Recht  ab,  sozialdemokratisch  zu  stimmen.
Um  die  Regierung  oder  Vorgesetzte  zu  ärgern,  wählten  viele  sozialdemokratisch.
  Ferner  wird  die  Niederlage  des  Bundes  der  Landwirte,  der  nur
einen  Führer  in  die  Stichwahl  bringt,  lebhaft  kommentiert.  Die  agrarische
„Deutsche  Tagesztg.“  erklärt  sie  aus  der  Regierungspolitik,  die  keine  feste
Wahlparole  ermöglicht  habe  und  aus  der  Feindschaft  aller  Parteien  gegen
die  konsequenten  Agrarier.

Für  die  Stichwahlen  gibt  die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  die  Parole  aus,
daß  alle  bürgerlichen  Parteien  überall  gegen  die  Sozialdemokratie  stimmen
sollten.  Die  „Kons.  Korr.“  stimmt  diesem  Vorschlag  unbedingt  zu;  die
„Kreuz-Ztg.“  wünscht  namentlich,  daß  die  Differenzen  zwischen  den  beiden
christlichen  Bekenntnissen  zurücktreten  sollen  und  hofft,  daß  Konservative,
Zentrum,  Rechte  und  freisinnige  Volkspartei  den  Umsturz  gemeinsam  bekämpfen
  werden.  Die  übrigen  bürgerlichen  Parteien  geben  keine  allgemeine
  Parole  aus,  sondern  überlassen  die  Entscheidung  den  Wahlkreisen;
die  freis.  Bereinigung  empfiehlt,  im  allgemeinen  für  die  Sozialdemokraten
gegen  die  Rechte  zu  stimmen.

„Kölnische  Zeitung“:  „Wir  denken,  mit  der  Weltwende  deutscher
Politik  und  mit  der  Umwandlung  Deutschlands  in  den  Fackelträger  der
Sozialdemokratie  wird  es  noch  gute  Wege  haben.  Die  Sozialdemokratie
verdankt  ihre  Erfolge  längst  nicht  mehr  ihrem  prinzipiellen  Charakter,
sondern  dem  Zulauf,  der  sich  jeder  rohen  und  rücksichtslosen  Opposition
zuwendet.“

Der  Ausfall  der  Wahlen  in  Sachsen,  wo  von  23  Mandaten  18  den
Sozialdemokraten  zufallen  (nach  den  Stichwahlen  22),  wird  von  den  Liberalen
  durchweg  auf  das  sächsische  Klassenwahlsystem  zum  Landtag  zurückgeführt.
        <pb n="116" />
        108  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  17.  20.)

17.  Juni.  (Westpreußen.)  Zwischen  Thorn  und  Marienwerder
  richten  Wolkenbrüche  großen  Schaden  an.  Der  Eisenbahnverkehr
  ist  für  kurze  Zeit  unterbrochen.

20.  Juni.  (Hamburg.)  Der  Kaiser  nimmt  teil  an  der
Enthüllungsfeier  eines  Kaiser  Wilhelm-Denkmals  und  erwidert  auf

die  Ansprache  des  ersten  Bürgermeisters:

Es  ist  Mir  oft  schon  die  Aufgabe  geworden,  großen  Städten  und
ihren  begeisterten  Bürgern  Meinen  Dank  zu  sagen;  nie  fand  Ich  die  Aufgabe
  so  schwer,  für  das,  was  Ich  fühle  und  was  Ich  gesehen  und  erlebt
habe,  den  richtigen,  den  passenden  und  erschöpfenden  Ausdruck  zu  finden.
Wenn  Ich  zunächst  als  Enkel  des  großen  Kaisers,  dessen  ehernes  Bildnis
die  Stadt  Hamburg  soeben  enthüllt  hat,  sprechen  darf,  so  möchte  Ich  mit
tiefbewegtem  Herzen  Meinen  Dank  dafür  abstatten,  daß  Hamburgs  Bürgerschaft
  in  so  glänzender,  großartiger  und  erhebender  Weise  den  Ausdruck
gefunden  hat,  um  ihr  Deutschtum  und  ihre  Dankbarkeit  dem  alten  Helden
zu  bezeigen.  Das  hat  Meinem  Herzen  als  seinem  Enkel  wohlgetan  und
Mich  tief  gerührt.  Zum  anderen  aber  kann  Ich  es  nicht  unterlassen,  den
wahrhaft  überwältigenden  Empfang,  den  Mir  Groß  und  Klein,  Jung  und
Alt,  Hoch  und  Niedrig  hier  hat  zuteil  werden  lassen,  hervorzuheben.  Die
vielen  Tausende  von  Gesichtern,  die  Mir  heute  entgegengeleuchtet  haben,
sind  Bürge  dafür,  daß  der  Gruß  Mir  aus  tiefem  Herzen  und  aus  bewegtem
  Gefühl  entgegenschallte,  und  Ich  bitte  den  Senat  und  die  Bürgerschaft,
  Meinen  herzlichsten,  tiefgefühltesten  und  heißesten  Dank  entgegennehmen
  und  der  Stadt  mitteilen  zu  wollen.  Gewiß,  die  junge  Generation,
die  heute  mit  uns  das  erzene  Bild  umstanden  hat,  für  sie  ist  der  große
Kaiser  schon  eine  geschichtliche  Person,  und  die  Ereignisse,  die  sich  um  seine
Persönlichkeit  weben,  und  die  Zeit,  in  der  er  gewirkt  hat,  werden  schon
in  den  Büchern  beschrieben.  Ich  glaube,  daß  Ich  wohl  nicht  zu  viel  sage,
wenn  Ich  der  Vermutung  Raum  gebe,  daß  dereinst  in  künftigen  Jahrhunderten
  die  Ehrfurcht  gebietende  Gestalt  Meines  Großvaters  mindestens
ebenso  von  Sagen  umwogen,  so  gewaltig  und  hochragend  über  alle  Zeiten
im  deutschen  Volke  dastehen  wird,  wie  einstens  die  Gestalt  Kaiser  Barbarossas.
  Freilich,  die  jüngere  Generation  ist  jetzt  gewöhnt,  leichthin  das,
was  wir  das  Reich  nennen,  mit  dem,  was  es  uns  gebracht  hat,  als  etwas
Selbstverständliches  anzusehen,  ohne  zu  bedenken,  was  es  gekostet  hat,  bis
es  dazu  gekommen  ist.  Und  Ich  glaube,  wir  erkennen  auch  hierin  wieder
den  Finger  der  Vorsehung,  wenn  wir  auf  die  Ehrfurcht  gebietende  Gestalt
  hinblicken,  die  dort  in  stiller  Haltung  vor  dem  Rathause  steht,  in
ihrem  Ernst  und  in  ihrer  stillen  Abgeklärtheit  des  hohen  Alters,  daß  gerade
  ihn  die  Vorsehung  auserkoren  hatte,  um  dieses,  eines  der  schwierigsten
Werke  auszuführen,  die  Einigung  der  deutschen  Stämme.  Denn  niemand
konnte  sich  dem  Zauber  der  Persönlichkeit,  der  einfachen  Bescheidenheit,  der
herzgewinnenden  Liebenswürdigkeit  des  hohen  Herrn  entziehen,  und  so  war
es  ihm  vergönnt,  umgeben  von  gewaltigen  Paladinen,  die,  ihm  ergeben,
mit  ihm  arbeiteten,  auszugleichen  und  zu  versöhnen  an  Härten  und  scharfen
Lagen  und  immer  das  Ziel  im  Auge  zu  behalten,  die  Einigung  des  Vaterlandes.
  In  langer  Friedensarbeit,  in  stiller  Werkstatt  reiften  die  Gedanken,
  und  fertig  waren  die  Pläne  des  schon  zum  Greis  gewordenen
Mannes,  als  die  gewaltige  Aufgabe  an  ihn  herantrat,  als  er  uns  das
Reich  wieder  erstehen  ließ.  Ich  hoffe,  daß  die  Hamburger  Jugend,  wenn
sie  an  dem  Denkmal  vorbeigeht,  nie  die  Zeit  der  Vorbereitung  vergessen
werde,  die  dieser  hohe  Herr  durchgemacht  hat.  Mit  Recht  erwähnten  Sie
        <pb n="117" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  21.  22.)  109

die  Zeit  Kaiser  Wilhelms  als  einer  großen,  einer  gewaltigen  Zeit,  gewaltig
  in  ihren  Impulsen,  mächtig  in  ihrer  flammenden  Begeisterung.
Meine  Herren,  Ich  sollte  denken,  groß  ist  auch  die  Zeit,  die  uns  noch  vorbehalten
  ist.  Die  Aufgaben,  die  dem  großen  Kaiser  gestellt  waren,  sind
erfüllt,  doch  wollen  wir  nicht  vergessen,  wenn  es  uns  zuweilen  dünkt,  daß
die  Aufgaben,  die  uns  gestellt  sind,  zu  schwer  seien,  was  der  hohe  Herr
durchgemacht  hat.  Vergessen  wir  nicht,  daß  er  schon  nachdenkend  und  mitlebend
  Jena  und  Tilsit  gesehen  hat,  und  doch  hat  er  an  der  Zukunft  des
Vaterlandes  nicht  verzweifelt.  Von  Tilsit  ist  es  nach  Versailles  gegangen!
Ebenso  wird  es  auch  in  Zukunft  bestellt  sein,  auch  unserer  Zeit  harren
Aufgaben.  Der  große  Kaiser  mit  seinen  großen  Mithelfern  hat  die  Basis
gelegt,  den  Grundstein  zum  Gebäude,  an  uns  ist  der  Ausbau!  Darum
bin  Ich  der  Ansicht  und  der  festen  Ueberzeugung,  daß  auch  uns  eine  große
Zukunft  bevorsteht,  wenn  wir  nur  fest  dazu  entschlossen  sind,  sie  dazu  zu
machen.  Uns  sind  auch  Aufgaben  gestellt,  mögen  sie  nun  schwer  oder
leicht  sein,  wir  haben  sie  anzufassen  so  gut  wir  eben  können  mit  Darangabe
  unserer  Kräfte;  dann  werden  wir  sie  lösen,  und  Ich  bin  fest  überzeugt,
  daß,  wie  damals,  so  auch  heute,  es  dem  Deutschen  Reich  und  dem
deutschen  Volke  nie  an  den  richtigen  Männern  fehlen  wird.  Deswegen
wende  Ich  Mich  am  heutigen  Tage  an  der  Stelle,  wo  Ich  damals  aus
tiefstem  Herzen  Mich  an  das  deutsche  Volk  mit  einem  Notschrei  wandte,
auch  heute  wieder  an  dasselbe:  „Möge  es  seinen  Idealen  und  sich  selber
treu  bleiben.“  Dann  wird  es  der  Granitblock  werden,  der,  wie  er  draußen
den  großen  Kaiser  trägt,  so,  getreu  seinen  Traditionen,  die  neuen  Aufgaben
  und  Schöpfungen,  die  an  uns  herantreten,  auf  seinem  Herzen  und
mit  seiner  Kraft  tragen  wird.  Möge  es  mit  Entschlossenheit  an  die  Aufgaben
  herantreten,  die  ihm  der  Himmel  stellt,  ohne  zu  fragen,  ob  sie  schwer
oder  leicht  sind,  ohne  sich  darum  zu  kümmern,  wie  es  sie  lösen  soll,  wenn
es  nur  erst  herangeht!  Die  Augen  auf!  Den  Kopf  in  die  Höhe!  Den
Blick  nach  oben,  das  Knie  gebeugt  vor  dem  großen  Alliierten,  der  noch
nie  die  Deutschen  verlassen  hat,  und  wenn  er  sie  noch  so  schwer  geprüft
und  gedemütigt  hat,  der  sie  stets  wieder  aus  dem  Staube  erhob;  Hand
aufs  Herz,  den  Blick  in  die  Weite  gerichtet  und  von  Zeit  zu  Zeit  einen
Blick  der  Erinnerung  zur  Stärkung  auf  den  alten  Kaiser  und  seine  Zeit,
und  Ich  bin  fest  überzeugt,  daß,  wie  Hamburg  in  der  Welt  vorneweg
geht,  so  wird  unser  Vaterland  vorangehen  auf  der  Bahn  der  Aufklärung,
der  Bahn  der  Erleuchtung,  der  Bahn  des  praktischen  Christentums,  ein
Segen  für  die  Menschheit,  ein  Hort  des  Friedens,  eine  Bewunderung  für
alle  Länder.  Das  spreche  Ich  als  feste  Hoffnung  und  Zuversicht  aus,
darauf  leere  Ich  Mein  Glas:  Es  lebe  die  Stadt  Hamburg!  Hurral!
Hurra!  Hurra!

21.  Juni.  (Laurahütte  in  Oberschlesien.)  Eine  Wahlversammlung
  des  Zentrums  wird  von  den  Polen  gesprengt.  Polizei
und  Feuerwehr  stellt  die  Ruhe  wieder  her,  nachdem  mehrere  Tausend
  Tumultuanten  große  Ausschreitungen  verübt  haben.  —  Am
19.  und  30.  September  werden  47  Ruhestörer  zu  langjährigen  Freiheitsstrafen
  verurteilt.

22.  Juni.  (Württemberg.)  Abgeordnetenkammer.  Debatte
über  Eisenbahnwesen.

Redner  aller  Parteien  führen  Beschwerde,  daß  Württemberg  im
Durchgangsverkehr  nach  Italien  und  der  Schweiz  systematisch  umgangen
        <pb n="118" />
        110  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  23.)

werde.  Abg.  Haußmann  (Vp.):  Es  müsse  ein  förmliches  Komplott  zwischen
  Baden  und  Bayern  gegen  Württemberg  bestehen,  und  Preußen  und
die  Schweiz  müßten  daran  beteiligt  sein.  Minister  Frhr.  v.  Soden  bezeichnet
  das  Verhalten  Badens  und  Bayerns  als  unzulässig.  —  Folgender
Antrag  wird  einstimmig  angenommen:  Die  Kammer  der  Abgeordneten
ersucht  die  Regierung,  das  Interesse  Württembergs  an  der  gleichartigen
Entwicklung  des  Eisenbahnverkehrs  den  anderen  Eisenbahnverwaltungen
gegenüber  mit  aller  Entschiedenheit  zu  verfolgen  und  auf  eine  Beseitigung
des  derzeitigen  sowohl  dem  Sinn  und  dem  Zweck  des  Art.  42  der  Reichsverfassung,
  als  den  Grundsätzen  einer  einheitlichen  deutschen  Wirtschaftspolitik,
  wie  dem  Anspruch  aller  Bundesglieder  auf  Schutz  gegen  künstliche
Unterbindung  ihres  Verkehrs  durch  andere  Bundesstaaten  widersprechenden
Zustands  hinzuwirken.

23.  Juni.  (Cuxhaven.)  Der  Kaiser  nimmt  teil  an  der
Regatta  auf  der  unteren  Elbe  und  erwidert  auf  die  Ansprache  des
Vorsitzenden  des  Seglervereins:

Ich  darf  wohl  aus  ganzem  tiefstem  Herzen  den  Dank  aussprechen
für  die  liebenswürdigen  und  beredten  Worte  des  Grußes,  die  soeben  an
Mich  ergangen  sind.  Mir  ist  es  eine  große  Freude,  Meine  Herren,  wieder
unter  Ihnen  zu  sein  und  mit  Ihnen  diesen  schönen  Tag  verleben  zu  dürfen
und  Mich  zu  überzeugen,  wie  das  Verständnis  und  die  Passion  für  den
Segelsport  vorwärts  geht  und  wie  auf  dem  Gebiete  des  Jachtbaues  und
der  Jachtflotte,  welche  an  den  Start  sich  drängt,  wie  von  Jahr  zu  Jahr,
so  auch  in  diesem  wieder  bedeutende  Fortschritte  zu  verzeichnen  sind.  Es
ist  in  der  freundlichsten  Weise  darauf  Bezug  genommen  worden,  daß  die
schöne  Jacht,  die  den  Namen  der  mächtigen  Hansastadt  Hamburg  trägt,
und  die  zum  erstenmal  sich  auf  der  Elbe  gezeigt  hat,  Meiner  Initiative
zu  danken  ist.  Das  ist  wirklich  zu  viel  gesagt,  denn  es  steckt  in  den  Hansastädten
  und  zumal  in  Hamburg,  so  enorm  viel  Initiative,  daß,  wenn  man
bloß  den  leisesten  Hinweis  gibt,  so  geht  auch  schon  die  hanseatische  Unternehmungslust
  ihren  Weg  und  weiß  ihren  Weg  zu  finden.  Es  ist  Mir
eine  besondere  Freude  gewesen,  die  heutige  Regatta  mitsegeln  zu  können.
Es  ist  das  erste  Mal,  daß  Ich  mit  einem  ebenbürtigen,  gleichartigen  Gegner
zu  kämpfen  hatte,  und  ohne  die  unangenehme  Bestimmung  der  Zeitvergütung
  empfinden  zu  müssen,  unter  der  Ich  jahrelang  gelitten  habe.  Die
Herren,  die  bisher  den  Vorteil  davon  gehabt  haben,  werden  das  vielleicht
nicht  so  begreifen;  aber  angenehm  ist  es  doch,  wenn  man  einen  ebenbürtigen
  Gegner  hat,  zumal  wenn  sich  auf  des  Deckes  Planken  das  Staatsoberhaupt
  von  Hamburg  bewegt,  der  heut  zum  erstenmal  sich  der  Elbe
vermählt  hat.  Es  ist  sodann  erwähnt  worden,  daß  der  neue  Hafen  Meinen
Namen  bekommen  hat.  Ich  bitte  auch  dafür  herzlichsten  Dank  aussprechen
zu  dürfen.  Es  ist  eine  imposante,  gewaltige  Anlage,  und  was  Mich  bei
derselben  am  meisten  gefreut,  ist,  zu  hören,  daß  sie  schon  wieder  zu  klein
ist.  Möge  das  stets  so  in  Hamburg  der  Fall  sein.  Da  wir  nun  von
Schiffahrtsinteressen  sprechen,  so  ist  es  am  heutigen  Tage  Mir  eine  Freude,
auch  eines  Ausbaues  der  Schiffahrtsinteressen  zu  gedenken,  der  in  alle
Zukunft  mit  dem  Namen  Hamburgs  sich  rühmlichst  verknüpfen  wird.  Vor
einigen  Jahren  hatte  Ich  auf  einem  Schiffe  der  Hamburg--Amerika-Linie
hamburgischen  Männern,  von  denen  leider  einige  schon  heimgegangen  sind,
die  Idee  nahegelegt,  auch  für  unsere  Handelsflotte  zu  einer  Sicherheitsmarke
  zu  kommen.  Nach  unendlichem  Mühen  und  selbstloser,  hingebender,
stiller  Arbeit  ist  das  große  Werk  gelungen,  und  unsere  Handelsflotte  steht
nun  bald  vor  dem  Augenblick,  wo  für  sie  die  Marke  eingeführt  wird.  Und
        <pb n="119" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  25./30.  26.)  111

Ich  glaube,  im  Sinne  Ihrer  aller  zu  sprechen,  die  mit  den  Interessen
unserer  Handelsschiffahrt  verknüpft  sind,  und  die  wissen,  was  für  eine  Bedeutung
  in  dieser  Marke  liegt,  wenn  Ich  demjenigen,  der  sich  in  außerordentlicher
  Hingabe  und  regstem  Eifer  und  unermüdlichem  Fleiß  dieser
Arbeit  unterzogen  hat,  unseren  herzlichsten  und  tiefgefühltesten  Dank  ausspreche.
  Mein  lieber  Krogmann,  Ich  hoffe,  daß  wie  dieses  große  Werk
den  uneingeschränktesten  Beifall  von  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  gefunden
  hat,  es  dazu  beitragen  wird,  die  absolute  Zuversicht  in  die  Sicherheit
  unserer  Schiffe  und  die  Ehrlichkeit  unserer  Reeder  zu  setzen.  Ich  hoffe,
daß  mit  dieser  Marke  der  Name  Krogmann  und  Hamburg  sich  verbinden
wird.  Ich  möchte  den  Akt  des  Dankes  nicht  schließen,  bis  Ich  auch  Ihnen
von  hier  aus  ein  Zeichen  der  Anerkennung  überreicht  habe.  Ich  überreiche
  Ihnen  hiermit  als  Zeichen  Meines  Dankes  den  Kronenorden  II.  Klasse
und  hoffe,  daß  Sie  denselben  lange  Jahre  mit  Ehren  tragen  mögen  und
daß  die  Seeleute,  sowohl  Kapitäne  wie  Mannschaften,  sich  Ihres  Namens
mit  Dank  erinnern  mögen.  Alles,  was  Ich  sonst  auf  dem  Herzen  habe,
fasse  Ich  zusammen  in  dem  Rufe:  Hamburg,  der  Norddeutsche  Regattaverein
  und  die  Amerikalinie  hurra,  hurra,  hurra!

25./30.  Juni.  (Kiel.)  Besuch  des  amerikanischen  Geschwaders.
26.  Juni.  (Kiel.)  Der  Kaiser  begrüßt  das  amerikanische
Geschwader.  Rede  an  den  amerikanischen  Botschafter.  Depeschenwechsel

  mit  Roosevelt.

Der  Kaiser  nimmt  nach  dem  Empfang  der  amerikanischen  Seeoffiziere
  teil  an  einem  vom  amerikanischen  Botschafter  Tower  gegebenen
Festmahl  und  erwidert  auf  dessen  Ansprache:  Indem  Ich  Euer  Exzellenz
warm  gefühlten  Trinkspruch  erwidere,  entbiete  Ich  im  Namen  des  deutschen
Volkes  dem  amerikanischen  Geschwader,  dem  Admiral  Cotton  und  seinen
Offizieren  herzlichen  Willkommengruß.  Wir  sehen  in  ihnen  die  Träger
freundschaftlicher  Gefühle  seitens  der  Bürger  der  Vereinigten  Staaten,  die,
wie  Ich  Euer  Exzellenz  versichern  kann,  von  ganz  Deutschland  herzlich
erwidert  werden.  Ich  bin  glücklich,  daß  Meine  Hoffnungen  auf  bessere
gegenseitige  Verständigung  zwischen  unseren  beiden  Ländern  infolge  des
persönlichen  Verkehrs,  den  Mein  Bruder  Prinz  Heinrich  mit  Euer  Exzellenz
Landsleuten  pflegen  konnte,  in  großem  Maße  verwirklicht  worden  sind
und  daß  das  Band  der  Freundschaft  zwischen  Deutschland  und  Amerika
dadurch  enger  geknüpft  wurde.  Daß  die  der  Harvard-Universität  von  Mir
zum  Geschenk  gemachten  Abgüsse  mittelalterlicher  deutscher  Architektur  so
freundliche  Aufnahme  gefunden  haben,  erfüllt  Mich  mit  besonderer  Genugtuung.
  Ich  hoffe,  daß  diese  Nachbildungen  aus  unserer  alten  Kulturgeschichte
  viele  junge  amerikanische  Studenten  anspornen  werden,  nach
Deutschland  zu  kommen,  um  dort  die  Originale  und  das  Volk,  welches
diese  Kunstwerke  hervorgebracht  hat,  zu  studieren.  Mein  aufrichtigster
Wunsch  geht  dahin,  daß  unsere  beiden  Völker  sich  einander  besser  kennen
lernen.  Kein  ernst  denkender  Bürger  in  Amerika  und  Deutschlard  ist,  wie
Ich  weiß,  der  Meinung,  daß  die  Harmonie  und  der  Fortbestand  unserer
gemeinsamen  Interessen  gestört  werden  könnten  durch  Tatsachen,  die  unsere
Beziehungen  dauernd  beeinflussen.  Wir  sind  zu  eng  aneinander  gewiesen
durch  unsere  gemeinsamen  Interessen.  Rivalitäten  auf  dem  Gebiete  des
Handels  oder  Gewerbes  werden  immer  vorhanden  sein,  aber  die  Kraft,
die  uns  zusammenführt,  ist  zu  stark,  um  die  Entstehung  eines  Antagonismus
  zu  erlauben.  Es  ist  Meine  feste  Ueberzeugung,  daß  die  Hunderttausende
  von  Deutschen,  die  in  den  Vereinigten  Staaten  leben  und  dort
        <pb n="120" />
        112  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  26.)

ihr  gutes  Fortkommen  finden  und  die  sich  dabei  in  ihrem  Herzen  die
warme  Liebe  für  ihr  altes  Vaterland  bewahrt  haben,  den  Weg  ebnen  für
eine  ungestörte  Entwicklung  unserer  Beziehungen,  die  für  unsere  Länder
von  so  hoher  Bedeutung  sind.  Es  ist  jetzt  Meine  Pflicht,  Euer  Exzellenz
zu  bitten,  Seiner  Exzellenz  dem  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten  Dank
zu  sagen  für  die  erfreuliche  Begegnung,  die  wir  seiner  Zuvorkommenheit
verdanken.  Wir  alle  bewundern  seine  Charakterstärke,  seinen  eisernen  Willen,
seine  Hingabe  an  sein  Land  und  seine  unbeugsame  Tatkraft,  und  wir  ergreifen
  gern  die  uns  über  den  Ozean  entgegengestreckte  Hand  in  herzlicher
Freundschaft  und  im  Gefühl,  daß  Blut  dicker  ist  als  Wasser.  Meine
Herren,  Ich  trinke  auf  das  Wohl  Seiner  Exzellenz  des  Präsidenten  der
Vereinigten  Staaten.  Gott  segne  ihn  und  die  Vereinigten  Staaten.

An  den  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten  telegraphiert  der  Kaiser:
Bei  der  Ankunft  in  Kiel  wurde  Ich  von  dem  schönen  amerikanischen  Geschwader
  begrüßt  und  hatte  das  Vergnügen,  Admiral  Cotton  und  die  Kapitäne
  zu  empfangen.  Es  war  Ihrerseits  ein  sehr  glücklicher  Gedanke,  das
Geschwader  nach  Kiel  zu  senden,  und  Ich  bin  dank  diesem  Umstande  in
der  Lage  gewesen,  das  prächtige  Flaggschiff  „Kearsage“"  heute  zu  besichtigen,
wobei  Ich  den  Kapitän  zu  dem  außerordentlich  hohen  Maße  von  Tüchtigkeit
  und  Eleganz  des  Schiffes  und  dem  guten  Aussehen  der  tapferen  Mannschaft
  beglückwünschen  konnte.  Mit  dem  Ausdrucke  Meines  wärmsten  Dankes
versichere  Ich  Ihnen,  daß  das  Geschwader  hier  herzlich  willkommen  ist,
und  Ich  hoffe,  ihm  seinen  Aufenthalt  angenehm  machen  zu  können.  Jedermann
  wird  sich  darum  bemühen,  daß  es  sich  hier  heimisch  fühle,  in  Erwiderung
  des  freundlichen  Empfanges,  der  Meinem  Bruder  von  den  Bürgern
  Amerikas  zuteil  geworden  ist.  Wilhelm  I.  R.

Präsident  Roosevelt  antwortet:  Ich  danke  Ew.  Majestät  für  die
huldvolle  Bewillkommnung  des  Geschwaders  der  Vereinigten  Staaten  und
die  in  Ew.  Majestät  Depesche  ausgesprochenen  anerkennenden  Worte.  Ich
erhielt  von  Admiral  Cotton  bereits  Mitteilung  über  diese  Freundlichkeit,
die  Ew.  Majestät  ihm  und  seinem  Geschwader  erwiesen  haben.  Diese
Zeichen  der  Freundschaft  und  des  Wohlwollens  Ew.  Majestät  für  die  Vereinigten
  Staaten  machten  auf  mich  einen  tiefen  Eindruck.  Ich  erwidere  die  in
Ew.  Maj.  Depesche  gebrachten  Gefühle  auf  das  herzlichste.  Theodore  Roosevelt.

26.  Juni.  Reichstagsstichwahlen.
Das  definitive  Ergebnis  ist  folgendes:
1890  1893  1898  1903





Deutschkonservative  73  72  52  52
Reichspartei  20  28  22  20
Antisemiten  5  16  12  9
Zentrum  106  96  101  100
Polen  16  19  14  16
Nationalliberale  42  53  48  52
Freisinnige  Vereinigung  —  13  13  9
Freisinnige  Volkspartei  66  24  29  21
Süddeutsche  Volkspartei  10  11  8  6
Sozialdemokraten  35  4  56  82
Bund  d.  L.  u.  Bauernbund  —  —  18  8
Welfen  11  7  8  5
Elsässer  10  8  10  9
Christlich-Soziale  1  —  1  2
National-Soziale  —  —  —  1
Dänen  1  1  1  1
Wilde  —  9  12  5
        <pb n="121" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  26.)  113

Der  „Vorwärts“  schreibt  über  die  Stichwahlen:  „Der  verzweifelte
Zusammenschluß  aller  reaktionären  Kräfte  hat  unsere  Gegner  vor  schweren
Verlusten  nicht  zu  bewahren  vermocht.  Wir  können  darum  mit  Ruhe
sagen,  daß  unsere  vereinzelten  Niederlagen  nicht  weniger  eine  reiche  Zukunftssaat
  für  uns  bedeuten  wie  unsere  zahlreichen  Siege.  Das  große
Werk  der  Aufklärung  und  der  Befreiung  vermögen  unsere  Feinde  weder
siegend  noch  fallend  auch  nur  für  einen  Augenblick  aufzuhalten.  Denn  je
fester  sich  die  reaktionäre  Masse  gegen  uns  zusammenschließt,  desto  klarer
wird  es  in  den  Köpfen.  Deutschland  muß  werden,  was  Sachsen  ist!

Die  „Tägliche  Rundschau“  gibt  folgende  Zusammenstellung  über  die
Veränderungen:  Die  Konservativen  besitzen  51  Mandate;  sie  hielten  sich  in
41  alten  Wahlkreisen,  gewannen  10  und  verloren  13  Wahlkreise.  Gewonnen
  wurden:  4  von  Freis.  Vgg.,  2  von  Freis.  Vp.,  2  von  Natl.,  je  1
von  Lit.  und  D.  Vp.  Verloren:  6  an  Soz.,  3  an  Antif.,  2  an  Natl.,  je
1  an  D.  Vp.  und  Wild-Kons.  —  Die  Reichspartei  besitzt  19  Mandate;  sie
hielt  sich  in  16  alten  Wahlkreisen,  gewann  3  und  verlor  4  Wahlkreise.
Gewonnen  wurden:  je  1  von  Soz.,  Zentr.  und  Frs.  Vgg.  Verloren:  2  an
Soz.,  je  1  an  Frs.  Vp.  und  Bbd.  —  Die  Nationalliberalen  besitzen  50  Mandate;
  sie  hielten  sich  in  35  alten  Wahlkreisen,  gewannen  15  und  verloren
18  Wahlkreise.  Gewonnen  wurden:  4  von  Soz.,  3  von  Frs.  Vp.,  je  2  von
Kons.,  Antis.  und  Bdl.,  je  1  von  Zentr.  und  Welf.  Verloren:  8  an  Soz.,
2  an  Kons.,  je  1  an  Bdl.,  Antif.,  Zentr.,  Pol.,  Frs.  Vgg.,  Frs.  Vp.,  Welf.
und  Wild  (Christl.-Soz.).  —  Das  Zentrum  besitzt  100  Mandate;  es  hielt
sich  in  97  alten  Wahlkreisen,  gewann  3  und  verlor  6  Wahlkreise.  Gewonnen
  wurde:  je  1  von  Natl.,  Bbd.  und  Welf.  Verloren:  2  an  Soz.,
je  1  an  Rp.,  Natl.,  Bbd.  und  Pol.  —  Die  Freisinnige  Vereinigung  besitzt
9  Mandate;  sie  hielt  sich  in  7  alten  Wahlkreisen,  gewann  2  und  verlor
8  Wahlkreise.  Gewonnen  wurde:  je  1  von  Antis.  und  Natl.  Verloren:
4  an  Kons.,  3  an  Soz.,  1  an  Rp.  —  Die  Freisinnige  Volkspartei  besitzt
21  Mandatez  sie  hielt  sich  in  17  alten  Wahlkreisen,  gewann  4  und  verlor
11  Wahlkreise.  Gewonnen  wurde:  je  1  von  Bdl.,  Rp.,  Natl.  und.  Soz.
Verloren:  4  an  Natl.,  je  2  an  Kons.,  Wild-Kons.  und  Soz.,  1  an  Wild-Lib.
  —  Die  Deutsche  Volkspartei  besitzt  6  Mandate;  sie  hielt  sich  in  3
alten  Wahlkreisen,  gewann  3  und  verlor  4  Wahlkreise.  Gewonnen  wurde:
je  1  von  Kons.,  Natl.  und  Els.  Verloren:  2  an  Bbd.,  je  1  an  Kons.  und
Soz.  —  Die  Sozialdemokraten  besitzen  81  Mandate;  sie  hielten  sich  in
51  alten  Wahlkreisen,  gewannen  30  und  verloren  7  Wahlkreise.  Gewonnen
wurden:  8  von  Natl.,  6  von  Kons.,  je  3  von  Antis.  und  Frs.  Vgg.,  je  2
von  Rp.,  Zentr.,  Wildlib.  und  Frs.  Vp.,  je  1  von  Bdl.  und  D.  Vp.  Verloren:
  4  an  Natl.,  je  1  an  Rp.,  Frs.  Vp.,  und  Wild.  —  Der  Bund  der
Landwirte  und  Bauernbund  besitzen  7  Mandate:z  sie  hielten  sich  in  2  alten
Wahlkreisen,  gewannen  5  und  verloren  5  Wahlkreise.  Gewonnen  wurden:
2  von  D.  Vp.,  je  1  von  Rp.,  Natl.  und  Zentr.  Verloren:  2  an  Natl.,
je  1  an  Zentr.,  Frs.  Vp.  und  Soz.  —  Die  Antisemiten  besitzen  9  Mandate;
  sie  hielten  sich  in  5  alten  Wahlkreisen,  gewannen  4  und  verloren
7  Wahlkreise.  Gewonnen  wurden:  3  von  Kons.,  1  von  Natl.  Verloren:
je  3  an  Natl.  und  Soz.,  1  an  Frs.  Vgg.  —  Die  Polen  besitzen  16  Mandate;
  sie  hielten  sich  in  14  alten  Wahlkreisen,  gewannen  2  und  verloren
0  Wahlkreise.  Gewonnen  wurde:  je  1  von  Natl.  und  Zentr.  —  Die  Elsässer
  besitzen  7  Mandate;  sie  hielten  sich  in  6  alten  Wahlkreisen,  gewannen
1  und  verloren  4  Wahlkreise.  Gewonnen  wurde:  1  von  wild-kons.  Verloren:
  3  an  wild-kler.,  1  an  D.  Vo.  —  Die  Welfen  besitzen  6  Mandate;
sie  hielten  sich  in  5  alten  Wahlkreisen,  gewannen  1  von  Natl.  und  verloren
  2  Wahlkreise  an  Natl.  und  Zentr.  —  Von  Wilden  werden  15  Wahl-Europäischer

  Geschichtskalender.  XLIV.  8
        <pb n="122" />
        114  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  1.)

kreise  vertreten.  Es  hielten  sich  5  Abgeordnete  in  ihren  alten  Wahlkreisen,
10  Wahlkreise  sind  neu  von  Wilden  besetzt,  4  an  Angehörige  von  Fraktionen
  verloren.

1.  Juli.  (Preußen.)  Der  Oberpräsident  von  Schlesien,
Fürst  Hatzfeld-Trachenberg,  tritt  zurück.  Sein  Nachfolger  wird  der
Oberpräsident  von  Hessen-Nassau,  Graf  Zedlitz-Trützschler,  Oberpräsident
  von  Hessen-Nassau  der  Regierungspräsident  v.  Windheim
(August).  

Anfang  Juli.  (Preußen.)  Erlaß  des  Finanzministers  und
des  Ministers  des  Innern  an  die  Regierungspräsidenten  über  die
Gewerbesteuerveranlagung.

Die  Minister  verweisen  auf  die  Petitionen,  die  im  Abgeordnetenhause
  eine  Abänderung  des  Gewerbesteuergesetzes  in  der  Richtung  anstrebten,
  daß,  wie  die  Miete  für  gemietete  Räume,  so  die  Hypothekenzinsen
für  die  dem  Gewerbetreibenden  gehörenden  Grundstücke,  in  denen  er  seine
Geschäftsräume  hat,  von  der  Betriebseinnahme  in  Abzug  zu  bringen  seien.
Gegen  eine  solche  Abänderung  des  Gewerbesteuergesetzes  spricht  sich  der
Erlaß  mit  dem  Bemerken  aus,  daß  die  zu  entrichtende  Miete  und  die
Hypothekenzinsen  keineswegs  ohne  weiteres  einander  gleichgestellt  werden
können.  Etwaigen  Härten  könnten  die  Gemeinden  durch  eine  autonome
Ordnung  der  Gemeindebesteuerung  des  Gewerbebetriebs  gemäß  §  29  des
Kommunalabgabengesetzes  abhelfen.  Beispielsweise  kann,  sofern  nicht  überhaupt
  ein  anderer  Maßstab  gewählt  wird,  der  Besteuerung  der  Ertrag  nach
Abzug  wie  der  Miete  für  gemietete,  so  auch  des  Mietswerts  der  dem  Gewerbetreibenden
  eigentümlich  gehörigen  Geschäftsräume  oder  aber  der  Ertrag
  unter  Hinzurechnung  der  für  gemietete  Geschäftsräume  zu  entrichtenden
  Miete  zu  grunde  gelegt  werden,  und  entsprechende  Anordnungen  lassen
sich  bei  einer  Besteuerung  nach  dem  Anlage-  und  Betriebskapital  treffen.

Anfang  Juli.  (Sachsen.)  Ministerpräsident  v.  Metzsch  über
die  Lehren  der  Reichstagswahlen.

Auf  dem  Gemeindetag  in  Pirna  hält  der  Minister  eine  Rede,  in
der  er  ausführt,  das  Wahlresultat  sei  erschreckend;  es  sei  herbeigeführt
durch  eine  „zersetzende  Agitation“,  welche  zu  einem  Teile  mit  Erfolg  gearbeitet
  habe,  einen  Riß  zwischen  Bürgertum  und  Arbeiterschaft  zu  schaffen.
Ein  Teil  der  Bevölkerung  habe,  irreleitenden  Agitatoren  folgend,  in  einer
Weise  gewählt,  die  für  alles  öffentliche  Leben  gefahrdrohend  erscheinen
müsse.  Aber  man  dürfe  den  Mut  und  die  Spannkraft  nicht  verlieren  und
müsse  vorbeugend  für  die  Zukunft  eingreifen.  Es  bestehe  ein  chronischer
Zustand  der  Unzufriedenheit,  aus  der  heraus  viele  sich  bewogen  gefunden
hätten,  regierungsfeindlich  zu  wählen.  Da  sei  es  Pflicht  und  Gewissenssache
  aller  öffentlichen  Gewalten,  in  Stadt  und  Gemeinde  mitzuhelfen,  daß
die  Zustände  wieder  auf  eine  bessere  Basis  zurückgeführt  würden.  Auf
ethischem  Gebiete  müßten  Familie,  Haus  und  Kirche  die  sittlichen  und  kulturellen
  Grundlagen  festigen.  „Hinsichtlich  der  wirtschaftlichen  Fragen  ist
der  Moment  gekommen,  wo  die  öffentlichen  Gewalten  zum  Eingreifen  verpflichtet
  sind.  Dazu  wollen  wir  schreiten,  vor  dieser  Aufgabe,  so  schwer
sie  auch  ist,  wollen  wir  nicht  zurückschrecken.  Wir  wollen  dort,  wo  wir
anerkennen,  daß  verbesserungsfähige  Zustände  vorhanden  sind,  einsetzen.
Wir  wollen,  wo  wir  erkennen,  wir  haben  Fehler  gemacht  —  und  auch  die
        <pb n="123" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  8.—11.)  115

Regierung  hält  sich  nicht  für  infallibel  —  einsetzen.  Wir  wollen  bessere
schaffen,  unserem  Volke  die  guten  Fundamente  erhalten.  Wir  wollen  dafür
  sorgen,  daß  das  große  Sammelbecken  der  Unzufriedenheit,  wenn  auch
nicht  ganz,  so  doch  etwas  entleert  wird  und  nicht  noch  einmal  überflutet.“

8.  Juli.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  über  deutsche
und  englische  Flottenrüstungen.  Protest  gegen  Balfour.

Die  offiziöse  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  zitiert  folgenden
Passus  einer  Rede  des  englischen  Premierministers  Balfour  über  die  englische
  Marine:  „But  it  must  be  remembered  that  the  expenditure  upon
the  British  fleet  alone  amongst  the  fleets  of  the  world  is  mainly  of  a
defensive  character,  and  that  the  other  fleets  of  the  world  cannot
claim  to  have  that  character.  In  these  circumstances  I  think  the  initiative
  should  come  from  the  others.“  Sie  bemerkt  dazu:  „Es  darf  wohl
angenommen  werden,  daß  die  vom  leitenden  Staatsmanne  Großbritanniens
ausgesprochene  Meinung,  nur  die  englische  Flotte  diene  defensiven  Zwecken,
während  die  übrigen  Flotten  der  Welt  nicht  beanspruchen  könnten,  als
defensive  Kriegsinstrumente  zu  gelten,  außerhalb  Englands  schwerlich  Zustimmung
  finden  wird.  Um  naheliegende  Zeugnisse  aus  der  jüngsten  Vergangenheit
  anzuführen,  sei  nur  auf  die  wiederholten  Erklärungen  des  Präsidenten
  Roosevelt  hingewiesen,  daß  eine  starke  amerikanische  Kriegsflotte
die  beste  Friedensbürgschaft  bilden  würde.  Aehnliche  Kundgebungen  sind
schon  früher  bei  verschiedenen  Anlässen  von  den  Regierungen  anderer  Mächte
ausgegangen.“

10.  Juli.  (Reichstagswahl.)  Bei  der  Nachwahl  in  Konitz-Tuchel
  wird  Kulerski  (Pole)  mit  6024  Stimmen  gewählt  gegen
v.  Sikorski  (Pole)  mit  2959,  Aly  (kons.)  mit  2670,  Bönig  (Z.)
mit  110,  Schlichtholz  (Soz.)  mit  91  Stimmen.

11.  Juli.  (Preußen.)  Abänderung  des  Reglements  für  die

Wahlen  zum  Abgeordnetenhause.

Hiernach  fällt  die  Bestimmung  fort,  daß  auf  Wunsch  des  Urwählers
der  Protokollführer  bei  den  Urwahlen  den  Namen  des  Urwählers  durch
diesen  selbst  in  die  Liste  eintragen  läßt.  Für  die  Wahl  der  Abgeordneten
selbst  sind  in  den  Paragraphen  27  und  28  Erleichterungen  geschaffen  worden.
Während  bisher  mehrere  Wahlgänge  erforderlich  waren  für  den  Fall,  daß
mehrere  Abgeordnete  zu  wählen  waren,  hat  nunmehr  in  diesem  Fall  jeder
Wahlmann  sofort  anzugeben,  wen  er  an  erster,  zweiter  oder  dritter  Stelle
zum  Abgeordneten  wählt.  Es  ist  nicht  unzulässig,  für  jede  Stelle  denselben
  Namen  zu  nennen.  Der  Protokollführer  trägt  den  oder  die  von
dem  Wahlmann  bezeichneten  Namen  sofort  neben  den  Namen  des  Wahlmannes
  in  die  entsprechenden,  zur  Aufnahme  der  Abstimmungsvermerke
bestimmten  Spalten  der  Wahlmännerliste  ein.  Dabei  sind  Abkürzungen
statthaft,  welche  keinen  Zweifel  über  die  gewählte  Person  lassen.  Ein  neu
eingefügter  Paragraph  31  bestimmt,  daß  die  Wahlvorsteher  und  Wahlkommissäre
  für  den  vorschriftsmäßigen  Verlauf  der  Wahlverhandlung  verantwortlich
  sind,  sie  sind,  soweit  nicht  Entscheidungen  des  Wahlvorstandes
vorgeschrieben  sind,  berechtigt,  alle  zur  geordneten  Durchführung  der  Wahlverhandlung
  erforderlichen  Entscheidungen  und  Anordnungen  allein  zu
treffen  und  mit  den  gesetzlich  zulässigen  Mitteln  in  Vollzug  zu  setzen.  Die
Befugnis  des  Wahlvorstandes,  das  Wahlergebnis  festzustellen,  wird  durch
diese  Vorschrift  nicht  berührt.  Beschlüsse  des  Wahlvorstandes  werden  mit

8*
        <pb n="124" />
        116  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  Mitte.  16.)

Stimmenmehrheit  gefaßt;  bei  Stimmengleichheit  entscheidet  die  Stimme  des
Wahlvorstehers  (Wahlkommissars).

Mitte  Juli.  Seit  dem  12.  Juli  wird  Schlesien,  insbesondere
das  Gebiet  der  Oder  und  Neiße,  durch  Wolkenbrüche  und  Hochwasser
  heimgesucht.  (Vgl.  unten.)

Mitte  Juli.  (Sachsen.)  Das  amtliche  „Dresdener  Journal“
  veröffentlicht  folgende  Bekanntmachung  über  die  Reform  des
Landtagswahlrechts  und  die  Berufung  einer  Abgeordnetenkonferenz
hierüber:

„Die  Regierung  hat  die  Frage,  in  welcher  Weise  die  Zweite  Kammer
der  Ständeversammlung  zusammenzusetzen  sei,  zu  keiner  Zeit  als  durch  das
Gesetz  vom  28.  März  1896  endgültig  und  auf  immer  entschieden  angesehen.
Sie  hat  dies  noch  auf  dem  letzten  Landtage,  als  aus  der  Mitte  der  Zweiten
Kammer  Stimmen  laut  wurden,  die  einer  Reform  des  Landtagswahlrechts
das  Wort  redeten,  durch  den  Mund  des  Ministers  des  Innern  erklärt,
der  sich  hierbei  dahin  aussprach,  daß  sie  es  „für  absehbare  Zeit  als  unerläßlich
  anerkenne,  am  Wahlgesetze  Aenderungen  eintreten  zu  lassen“,  und
"sie  empfehle  jedermann,  der  daran  Interesse  hat,  mitzuwirken,  mitzuarbeiten,
  mitzudenken,  damit  sie  seinerzeit  in  der  Lage  sei,  wenn  wir  an
diese  schwierige  Frage  herantreten,  von  allen  beteiligten  Seiten,  auf  deren
Urteil  sie  einen  besonderen  Wert  lege,  auch  die  nötigen  Unterstützungen
und  Ratschläge  zu  finden“.  Um  die  Bedenken,  die  sowohl  ihr  selbst  gegen
das  bestehende  Wahlrecht  beigingen,  als  auch  von  verschiedenen  Seiten  ihr
entgegengebracht  wurden,  auf  ihre  innere  Berechtigung  zu  prüfen,  hat  das
Ministerium  des  Innern  unmittelbar  nach  dem  Schlusse  des  letzten  Landtages
  Ermittlungen  veranstaltet,  insbesondere  über  das  Verhältnis,  in  dem
die  Anzahl  der  zur  dritten  Wählerklasse  Gehörigen,  sowie  die  Summe
ihrer  Steuerleistungen  zu  der  Anzahl  und  den  Leistungen  der  in  den  beiden
anderen  Klassen  Befindlichen  steht.  Diese  Ermittlungen  waren  bereits  im
April  des  laufenden  Jahres  wenigstens  so  weit  abgeschlossen,  daß  sie  als
Grundlage  für  weitere  Arbeiten  gelten  können.  Das  Ergebnis  bestärkte
die  Regierung  in  der  Ansicht,  daß  das  Gesetz  vom  28.  März  1896  die
nicht  beabsichtigte  Wirkung  gehabt  hat,  den  Einfluß  der  in  der  dritten
Wählerklasse  gewählten  Wahlmänner  auf  die  Wahl  der  Abgeordneten  auf
ein  den  Grundsätzen  der  Gerechtigkeit  nicht  entsprechendes  Maß  herabzudrücken.
  Die  Regierung  hat  hieraus  Anlaß  nehmen  müssen,  die  Reform
des  Landtagswahlrechts  ernstlich  ins  Auge  zu  fassen.  Auf  welchem  Wege
diese  Reform  in  die  Wege  zu  leiten  sei,  ist  zur  Zeit  noch  Gegenstand  der
Erwägung.  Im  Hinblick  auf  die  außerordentliche  Schwierigkeit  der  Aufgabe
  gedenkt  sich  die  Regierung  des  Beirates  einer  etwa  für  Ende  August
oder  Anfang  September  zusammenzurufenden  Versammlung  zu  bedienen,
in  der  namentlich  auf  dem  fraglichen  Gebiete  besonders  erfahrene  Mitglieder
  beider  Ständekammern  ihren  Platz  finden  sollen.  Die  Vorarbeiten
werden  bis  dahin  so  weit  gefördert  werden,  daß  der  Versammlung  nicht
nur  das  schon  zusammengebrachte  und  weiter  zu  vervollständigende  Material
  mitgeteilt,  sondern  auch  formulierte  Vorschläge  unterbreitet  werden
können.“

Die  Vertreter  der  konservativen  und  nationalliberalen  Partei  sprechen
sich  reserviert  gegen  die  Konferenz  aus.

16.  Juli.  (Württemberg.)  Die  Zweite  Kammer  genehmigt
        <pb n="125" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  16.—23.)  117

gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten  und  eines  ritterschaftlichen
  Abgeordneten  die  Steuerreform.  (Annahme  in  der  Ersten
Kammer  17.  Juli.)

Der  wichtigste  Teil  ist  die  Reform  der  Einkommensteuer.  Das
steuerfreie  Jahreseinkommen  ist  auf  500  M  angesetzt,  aber  Steuerpflichtige
unter  2000  M  Einkommen,  die  verheiratet  sind  und  ein  oder  zwei  Kinder
unter  15  Jahren  haben,  erhalten  eine  Ermäßigung  um  eine  Steuerstufe;
besitzen  sie  drei  oder  mehr  Kinder,  so  tritt  eine  Ermäßigung  um  zwei
Stufen  ein,  wodurch  das  steuerfreie  Einkommen  für  die  meisten  Arbeiterfamilien
  sich  auf  800  M  erhöht;  Verheiratete  mit  2000—3000  „X  Jahreseinkommen
  und  drei  oder  mehr  Kindern  kommen  ebenfalls  in  eine  Steuerstufe
  niedriger.  Ferner  können  Steuerpflichtige  bis  zu  5000  M  Jahreseinkommen
  mit  die  „Leistungsfähigkeit  wesentlich  beeinträchtigenden  Verhältnissen“
  (außergewöhnliche  Belastung  durch  Erziehung  der  Kinder,  Alimentation
  mittelloser  Angehöriger,  Erfüllung  der  Militärpflicht,  andauernde
Krankheit,  besondere  Unglücksfälle  u.  s.  w.)  eine  Ermäßigung  um  insgesamt
drei  Stufen  erhalten.  Steuerstufen:  500—650  M  sind  mit  2  M  belastet,
650—800  M  mit  3  M.,  800—950  mit  4 M.,  950—1100  M  mit  5 M.,
1100—1250  M  mit  7 M.,  1250—1400  M.  mit  9  M.,  bei  2000  M  wird
1  Prozent  als  Steuer  erhoben,  bei  4000  M. 2  Prozent,  bei  7000  M.  3  Prozent,
  bei  10.000  M.  3,4  Prozent,  bei  20.000  M  3,9  Prozent  und  bei  30.000  M.
4  Prozent;  bei  60.000  M.  4,25  Prozent,  bei  100.000  M.  4,5  Prozent,  der
Höchstsatz  mit  5  Prozent  wird  bei  200.000  M.  erreicht.  Steuerfrei  sind  die
Einkommen  der  kirchlichen  Fonds,  der  Pensionsanstalten  der  Beamten  und
Angestellten,  das  Kapitaleinkommen  der  Krankenkassen,  Berufsgenossenschaften
  und  Versicherungsanstalten,  das  der  Unterrichts-  und  Erziehungsanstalten
  sowie  der  Stiftungen  und  Anstalten  und  Vereine  für  milde  Zwecke
(Spitäler)  und  die  Zinsen  aus  Sparkasseneinlagen.  Abzugsberechtigt  sind
die  zur  Erwerbung,  Sicherung  und  Erhaltung  des  Einkommens  verwendeten
  Ausgaben  (Verwaltungs-,  Betriebsausgaben,  Geschäftsunkosten,  auch
Unterhalt  und  Lohn  für  Familienangehörige  mit  Ausnahme  der  Ehefrau),
Prämien  für  Haftpflichtversicherung,  die  jährlichen  Abschreibungen,  die
staatlichen  Steuern  ohne  die  Einkommensteuer  selbst,  die  Schuldenzinsen
(bringt  allein  der  Landwirtschaft  eine  Entlastung  der  Steuern  um  20  Mill.
Mark)  und  die  Beiträge  zu  Kranken-,  Unfall-,  Invalidenversicherungs--,
Witwen-,  Waisen-  und  Pensionskassen.

Zur  Durchsetzung  des  Gesetzes  war  ein  Kompromiß  zwischen  Erster
und  Zweiter  Kammer  eforderlich.  Die  Erste  Kammer  genehmigte  die
Erhöhung  der  Steuersätze  gegen  die  Konzession,  daß  eine  einseitige  Erhöhung
  der  Einkommensteuer  über  diesen  Einheitssatz  hinaus  nicht  ohne
ihre  Zustimmung  erfolgen  kann,  also  nicht  mehr  im  Etatsgesetz,  sondern
im  Wege  der  ordentlichen  Gesetzgebung.  Mit  der  Reform  der  Staatssteuer
  ist  eine  Reform  der  Gemeindesteuern  verbunden.  Danach  wird  die
kommunale  Einkommensteuer  bei  4  Prozent  Vorausbelastung  der  Kataster
erhoben;  der  Höchstbetrag  ist  50  Prozent  der  staatlichen  Einkommensteuer.
Außerdem  ist  eine  Bauplatzsteuer  und  eine  Warenhaussteuer  für  die  Kommunen
  beschlossen  worden.

16.—23.  Juli.  (Berlin.)  Tagung  einer  internationalen
Währungskonferenz.
Die  Konferenz  hat  zum  Zweck  die  Herbeiführung  eines  festen  Wertverhältnisses

  zwischen  dem  Gelde  der  Silberwährungsländer  und  der  Goldwährungsländer.
  Es  beteiligen  sich  außer  deutschen  Kommissaren  ameri-
        <pb n="126" />
        118  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  21.)

kanische  und  mexikanische  Delegierte,  die  bereits  vorher  in  London,  Paris
und  im  Haag  Konferenzen  besucht  haben.  Am  23.  wird  einstimmig  folgender
  Beschluß  gefaßt:  1.  Die  Einführung  eines  Goldvalutasystems  in
den  Ländern  mit  Silberumlauf,  bestehend  aus  Silbermünzen  mit  unbeschränkter
  gesetzlicher  Zahlungskraft,  aber  mit  einem  festen  Goldkurs,  würde
die  Entwicklung  dieser  Länder  erheblich  begünstigen  und  ihren  Handel  mit
den  Goldwährungsländern  fördern,  sowie  die  Gelegenheit  zu  gewinnbringender
  Kapitalanlage  in  der  ganzen  Welt  erweitern.  2.  Die  Einführung
  eines  einheitlichen  Geldumlaufs  in  China,  bestehend  aus  Silbermünzen
  mit  voller  gesetzlicher  Zahlungskraft,  ist  dringend  erwünscht.  Die
Vorteile  einer  solchen  Reform  sowohl  für  China  als  auch  für  die  Goldwährungsländer,
  würden  ganz  außerordentlich  gesteigert  werden,  wenn  es
gelänge,  den  Kurs  der  Silbermünzen  im  Verhältnis  zum  Gold  zu  fixieren.
Für  die  Erreichung  des  letzteren  Zwecks  erscheint  es  geboten,  daß  die  Prägung
  der  neuen  Silbermünzen  nicht  freigegeben  wird,  und  daß  die  chinelischs
  Regierung  zu  Beginn  der  Reform  alle  diejenigen  Maßnahmen  ergreift,
  welche  ihr  eine  Einwirkung  auf  die  ausländischen  Wechselkurse
ermöglichen.  3.  Wenn  auch  in  den  Ländern  mit  Silberumlauf  der  Kurs
der  Silbermünzen  von  dem  Stande  der  nationalen  Volkswirtschaft  und
ihren  Beziehungen  zu  anderen  Nationen  abhängig  sein  wird,  so  ist  es  doch
wünschenswert,  daß  ein  einheitliches  Ausmünzungsverhältnis  von  Goldund
  Silbermünzen  in  solchen  Ländern  bestehe,  welche  künftig  eine  Goldvaluta
  annehmen,  und  daß  dieses  Verhältnis  auf  etwa  32  zu  1  festgesetzt
wird,  falls  keine  weiteren  ernstlichen  Veränderungen  im  Silberpreis  eintreten.
  4.  Die  Schwankungen  des  Silberpreises  würden  durch  eine  verständige
  Regelmäßigkeit  in  den  Silberkäufen  der  Regierungen  zu  Münzzwecken
  in  gewissem  Umfange  eingeschränkt  werden  können.  Eine  solche
Regelmäßigkeit  würde  erwünscht  sein  und  wird  den  einzelnen  Ländern
empfohlen,  soweit  deren  Münzgesetzgebung  und  monetäre  Bedürfnisse  nicht
entgegenstehen.  Dagegen  wird  zu  diesem  Zweck  eine  Aenderung  der  Münzgesetzgebung
  der  Goldwährungsländer,  insbesondere  die  Einführung  des
internationalen  Bimetallismus,  weder  beabsichtigt  noch  für  aussichtsvoll
gehalten.  Ferner  würde  es  im  Interesse  der  Beständigkeit  des  Silberpreises
  erwünscht  sein,  wenn  er  in  den  Ländern,  in  welchen  die  industrielle
Verarbeitung  von  Silber  einer  Steuer  unterliegt,  diese  Steuer  aufgehoben
oder  ermäßigt  werden  würde.

21.  Juli.  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt
über  den  Tod  des  Papstes:

„Ein  friedliebender  Kirchenfürst,  ein  warmherziger  Freund  der  Armen
und  Unterdrückten,  ein  feinsinniger  Gelehrter  ist  mit  Leo  XIII.  dahingegangen,
  dessen  Name  weit  über  den  Kreis  der  katholischen  Kirche  mit
dem  Gefühl  aufrichtiger  Hochschätzung  genannt  wird.  Unser  Kaiser  verehrte
  in  dem  Entschlafenen  einen  persönlichen  Freund.  Die  wiederholten
Besuche  des  Kaisers  legten  für  das  gute  Verhältnis  zwischen  den  beiden
ein  beredtes  Zeugnis  ab.  Beim  Antritt  des  Pontifikates  ging  Papst  Leo
der  Ruf  voraus,  daß  er  bestrebt  sein  werde,  ein  Friedenspapst  zu  sein.
Diesen  Ruf  hat  er  dem  Deutschen  Reich  gegenüber  in  richtiger  Erkenntnis
der  wahren  Interessen  sowohl  der  Kirche  wie  der  Staatsgewalt  gerechtfertigt.
  Unter  seiner  tätigen  Mitwirkung  gelang  es,  den  Kulturkampf  beizulegen
  und  einen  modus  vivendi  mit  der  katholischen  Kirche  zu  finden,
der  sich  bis  heute  bewährte.  Schon  vor  18  Jahren  übertrug  ihm  das
Vertrauen  der  deutschen  Regierung  das  Amt  des  Schiedsrichters  im  Karolinen-Streit
  mit  Spanien.  Wenn  heute  unter  regem  Anteil  der  katholi-
        <pb n="127" />
        Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder  (Juli 21.)  119

schen  Bevölkerung  am  Ausbau  des  Deutschen  Reiches  weiter  gearbeitet
werden  kann,  so  ist  dies  nicht  zum  wenigsten  der  staatsmännischen  Einsicht
des  Papstes  Leo  zu  danken,  der  auch  nach  Beilegung  des  Kulturkampfes
wiederholt  und  noch  in  seinem  letzten  Lebensjahre  ein  offenes  Verständnis
für  die  staatlichen  Bedürfnisse  Deutschlands  zeigte.  Unter  den  vielen
Päpsten,  die  in  der  deutschen  Geschichte  eine  Rolle  spielten,  wird  Papst
Leo  XIII.  eine  der  sympathischsten  Erscheinungen  bleiben.“

Der  Kaiser  telegraphiert  aus  Molde  (Norwegen)  an  den

Kardinal  Oreglia:

Schmerzlich  bewegt  durch  die  soeben  erhaltene  Trauernachricht,  sende
Ich  dem  hohen  Kardinalkollegium  den  Ausdruck  Meiner  aufrichtigen  Anteilnahme
  an  dem  schweren  Verlust,  welchen  die  römisch-katholische  Kirche  durch
den  Heimgang  des  Papstes  Leo  XIII.  erlitten  hat.  Ich  werde  dem  erhabenen
  Greise,  der  Mir  ein  persönlicher  Freund  war,  und  dessen  so  außerordentliche
  Gaben  des  Herzens  und  des  Geistes  Ich  noch  bei  Meiner  letzten
Anwesenheit  in  Rom,  erst  vor  wenigen  Wochen,  erneut  bewundern  mußte,
ein  treues  Andenken  bewahren.  Wilhelm  I.  R.

21.  Juli.  (Berlin.)  Reichstagsabgeordneter  R.  Rösicke,  hervorragender
  Sozialpolitiker  liberaler  Richtung,  fast  58  Jahre  alt,  †.
(Vgl.  Soziale  Praxis  1903  Nr.  44  und  Preuß.  Jahrbücher  Bd.  79.)

Juli.  Streit  in  der  sozialdemokratischen  Partei.

In  den  „Sozialist.  Monatsheften“  empfiehlt  Abg.  Bernstein  (vgl.
1902),  daß  die  sozialdemokratische  Fraktion  entsprechend  ihrer  Stärke  eine
Vertretung  im  Präsidium  des  Reichstags  beanspruchen  soll.  Abg.  Bebel
und  der  Schriftsteller  Franz  Mehring  antworten  in  der  „Neuen  Zeit“
schroff,  daß  dieser  Vorschlag  allen  sozialdemokratischen  Prinzipien  zuwiderlaufe,
  weil  mit  dem  Präsidentenposten  gewisse  höfische  Repräsentationspflichten
  verbunden  seien.  Abg.  v.  Vollmar  erklärt  die  Erörterung  der
Vizepräsidentenfrage  in  der  Presse  für  taktisch  fehlerhaft,  wendet  sich  aber
scharf  gegen  Bebel,  der  die  Meinungsfreiheit  in  der  Partei  unterdrücken
wolle,  und  weist  der  Fraktion  die  Aufgabe  zu,  über  die  Präsidiumsfrage
zu  beschließen.  Nach  seiner  Meinung  hat  die  Fraktion  den  ihr  zukommenden
  Vizepräsidenten  zu  verlangen.  —  In  der  weiteren  Diskussion  erklärt
sich  auch  Abg.  Singer  gegen  Bernstein  und  Abg.  Bebel  kündigt  eine
Diskussion  dieser  und  anderer  Streitfragen  auf  dem  Parteitag  an,  wo
Klarheit  über  die  in  der  Partei  geltende  Anschauung  geschafen  werde  solle:
„Ich  bin  überhaupt  der  Ansicht,  daß  die  Zeit  des  Vertuschens  und  des
gegenseitigen  Komödienspiels  in  der  Partei  vorbei  ist  und  wir  uns  klar
darüber  werden  müssen,  wie  wir  zueinander  stehen.  Ich  kann  kein  Bedürfnis
  nach  einer  anderen  parlamentarischen  Taktik  und  nach  gänzlich
neuen  Aufgaben  für  die  Fraktion  anerkennen,  da  ich  in  dem  großartigen
Ausfall  der  letzten  Reichstagswahlen  zu  Gunsten  der  Partei  nur  die  dankbare
  und  zustimmende  Anerkennung  der  Wähler  zu  der  Taktik,  die  bisher
die  Fraktion  im  Reichstag  innegehalten  hat,  und  zu  der  Tätigkeit,  die  sie
dort  entfaltete,  erblicke."

In  der  bürgerlichen  Presse  wird  überwiegend  die  Ansicht  vertreten,
daß  der  Reichstag  einen  Sozialdemokraten  nicht  ins  Präsidium  wählen
könne,  weil  der  Reichstag  als  Organ  der  Verfassung  sich  nicht  von  einer
Partei  vertreten  lassen  könne,  die  grundsätzlich  die  Vernichtung  der  geltenden
  Verfassung  anstrebe.  So  namentlich  die  konservativen,  nationalliberalen
  und  mehrere  Zentrumsblätter.  Abg.  Bassermann  (nl.),  der
        <pb n="128" />
        120  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli.)

eine  bedingungslose  Wahl  eines  Sozialdemokraten  befürwortet,  weil  er
erwartet,  daß  sie  das  Verantwortlichkeitsgefühl  der  Partei  stärken,  sie  geneigter
  zu  positiver  Mitarbeit  machen  und  den  radikalen  Flügel  immer
mehr  schwächen  werde,  steht  fast  allein.  Einige  Stimmen  fordern,  man
solle  dem  sozialdemokratischen  Präsidentschafts-Kandidaten  das  Versprechen
abnehmen,  die  bisherigen  repräsentativen  Pflichten  des  Präsidiums,  d.  h.
zu  Hofe  zu  gehen,  erfüllen  zu  wollen.

Juli.  (Preußen.)  Abhilfe  für  die  Hochwassernot  in  Schlesien.

Es  werden  Sammlungen  unter  Beteiligung  des  Kaiserpaars  veranstaltet,
  die  bald  über  eine  Million  einbringen.  Minister  des  Innern
Frhr.  v.  Hammerstein  bereist  das  Ueberschwemmungsgebiet,  worüber  die
„Berliner  Korresp.“  berichtet  (21.  Juli):  „Ueber  die  Provinz  Schlesien,
die  den  Verheerungen  durch  Hochwasser  stets  besonders  ausgesetzt  gewesen
ist,  hat  die  neueste  Katastrophe  dieser  Art  ein  Unheil  gebracht,  wie  es  in
gleichem  Umfange  seit  einem  halben  Jahrhundert  nicht  zu  verzeichnen  gewesen
  ist.  Der  angerichtete  Schaden  ist  in  allen  Teilen  des  schlesischen
Hochwassergebiets  sehr  erheblich,  wenn  auch  naturgemäß  verschieden  in  der
Art,  je  nachdem  es  sich  um  Verwüstungen  durch  angeschwollene  Gebirgsbäche
  oder  um  solche  durch  Ausuferungen  der  Oder,  der  großen  Verkehrsader
  Schlesiens,  handelt.  Während  durch  die  in  Wild-  und  Sturzbäche
umgewandelten  Gebirgsflüsse  Zerstörungen  an  Gebäuden,  Brücken,  Wegen
und  Oddachlosigkeit  zahlreicher  Bewohner  in  besonders  großem  Umfange
herbeigeführt  wurden,  ist  in  dem  Ueberschwemmungsgebiete  der  Oder  der
Bruch  der  Deiche  an  zahllosen  Stellen,  die  Ueberflutung  weiter,  bebauter
Flächen  und  ein  enormer  Ernteverlust  zu  verzeichnen.  Aber  nicht  nur  der
Verlust  der  diesjährigen  Ernte  kommt  in  Frage,  sondern  in  zahlreichen
Fällen  auch  die  Hinwegschwemmung  oder  die  Zerstörung  der  Ackerkrume
durch  Verschlammung  und  Verschotterung  des  Bodens,  die  zugleich  mit  der
durch  Ueberflutung  hervorgerufenen  Feuchtigkeit  der  menschlichen  Wohnstätten
  eine  drohende  Gefahr  für  die  Gesundheitsverhältnisse  der  Bewohner
bildet.  Wie  bekannt,  hat  der  Minister  des  Innern,  Frhr.  v.  Hammerstein,
das  schlesische  Hochwassergebiet  in  Begleitung  der  zuständigen  örtlichen
Staats-  und  Kommunalbeamten  bereist.  Es  geschah  dies  in  erster  Linie,
um  das  hohe  Interesse  der  Staatsregierung  an  der  Inangriffnahme  einer
umfassenden  Hilfsaktion  an  den  Tag  zu  legen,  sodann  aber,  um  die  Staatsregierung
  auch  durch  eigene  Anschauung  eines  ihrer  Glieder  über  Art  und
Umfang  des  Schadens  zu  unterrichten.  Die  zunächst  und  in  weiterer  Folge
notwendig  gewordenen  und  vom  Minister  des  Innern  mit  den  örtlichen
Instanzen  besprochenen  Maßregeln  werden  sich  in  dreifacher  Richtung  zu
bewegen  haben.  Zunächst  handelt  es  sich  um  die  Linderung  der  augenblicklich
  drängenden  Not.  Dazu  wird  hoffentlich  das  Ergebnis  der  mit
Energie  und  in  weitestem  Umfange  aufgenommenen  Sammlungen,  die
großer  Opferfreudigkeit  begegnen  und  an  denen  sich  alle  Kreise  nicht  nur
Schlesiens,  sondern  voraussichtlich  ganz  Preußens  und  Deutschlands  beteiligen
  werden,  ebenso  genügen,  wie  zur  Bestreitung  der  unmittelbaren
Kosten  der  Aufräumung  und  der  Desinfektion.  Die  letztere  namentlich  ist
von  weitesttragender  Bedeutung,  da  erfahrungsgemäß  das  Auftreten  epidemischer
  Krankheiten,  namentlich  der  Ausbruch  von  Typhusepidemien  als
Folgeerscheinung  derartiger  Wasserkatastrophen  zu  den  häufig  beobachteten
Erscheinungen  gehört.  Sodann  handelt  es  sich  um  möglichst  genaue  Feststellung
  des  Schadens  nach  Umfang  und  Wert,  namentlich  soweit  wenig
Bemittelte  von  Verlusten  getroffen  sind  oder  einzelnen  die  Ernährungsquelle
  zerstört  ist.  Die  Art  dieser  Feststellung  durch  die  zuständigen  Ver-
        <pb n="129" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  30.  August  1.)  121

waltungsorgane  ist  für  alle  Teile  der  Provinz  nach  den  gleichen  Grundsätzen
  vereinbart  worden.  Erst  nach  Eingang  der  Berichte,  die  mit  äußerster
Genauigkeit  und  Beschleunigung  erstattet  werden  sollen,  wird  für  die  Staatsregierung
  die  Möglichkeit  gegeben  sein,  zu  der  Frage  der  Staats-  und
Kommunalhilfe  in  der  schweren  Bedrängnis  einer  blühenden  Provinz  definitiv
Stellung  zu  nehmen.  Endlich  werden  umfassende  Maßregeln  erwogen  werden
müssen,  durch  welche  einer  Wiederholung  ähnlicher  Katastrophen  nach  Möglichkeit
  vorgebeugt  werden  kann.  Natürlich  kann  ein  lückenloses  Programm
für  diese  vorbeugende  Aktion  im  gegenwärtigen  Augenblicke  nicht  aufgestellt
werden.  Daß  hier  in  erster  Linie  möglichst  ausgedehnte  und  gründliche
Flußregulierungen  und  die  Schaffung  eines  den  Fortschritten  der  modernen
Wasserbautechnik  entsprechenden  Eindeichungssystems  in  Frage  kommen,  versteht
  sich  von  selbst.  Jedenfalls  wird  die  königliche  Staatsregierung  der
Lösung  dieser  für  das  Wohl  und  Wehe  einer  wertvollen,  mit  der  Geschichte
und  den  Geschicken  der  Monarchie  engverflochtenen  Provinz  so  außerordentlich
  wichtigen  Fragen  dasjenige  hervorragende  Interesse  zuwenden,  das  der
Bedeutung  des  Gegenstandes  entspricht.“

Dieser  Bericht  wird  von  allen  Seiten  lebhaft  getadelt,  namentlich
daß  die  Regierung  nicht  sofort  Hilfsmittel  bereitstelle.  Am  25.  Juli  schreibt
die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“:  „Zur  Linderung  des  durch  die
Wasserschäden  in  Schlesien  hervorgerufenen  Notstandes  hat  das  Staatsministerium
  in  seiner  Sitzung  vom  letzten  Freitag  einen  Kredit  bis  zur

Höhe  von  10  Millionen  Mark,  unter  Vorbehalt  der  Genehmigung  des

Landtags,  zur  Verfügung  gestellt.  Die  Festsetzung  dieses  Betrages  und
die  sofortige  Flüssigmachung  eines  Teiles  der  Summe  ist,  wie  wir  hören,
auf  direkte  Veranlassung  des  Ministerpräsidenten  erfolgt.“

Ende  Juli.  Es  wird  scharf  kritisiert,  daß  die  amerikanischen
Millionäre  Morgan  und  Vanderbilt  von  preußischen  Behörden  bei
Besuch  einiger  Städte  offiziell  empfangen  werden.

30.  Juli.  Deutschland  und  die  Papstwahl.  Die  „Norddeutsche
  Allgemeine  Zeitung“  schreibt  gegenüber  einigen  Aeußerungen
des  „Figaro“:

„Der  Pariser  Figaro  kommt  in  seiner  heute  hier  eingegangenen
Nummer  auf  die  Behauptung  zurück,  daß  der  deutsche  Kaiser  seinen  ganzen
Einfluß  aufwende,  um  einem  ihm  genehmen  Kardinal  bei  der  Papstwahl
zum  Siege  zu  verhelfen.  Der  Figaro  sollte  doch  wissen,  daß  eine  Unwahrheit
  dadurch  noch  nicht  in  eine  Wahrheit  umgewandelt  wird,  daß  man  sie
wiederholt.  Nicht  für  den  Figaro,  der  aus  naheliegenden  Gründen  in
dieser  Frage  unbelehrbar  ist,  sondern  für  solche  Kreise,  die  sich  durch  die
Ausstreuungen  des  Pariser  Organs  möglicherweise  irreführen  lassen  könnten,
sei  hiermit  nochmals  festgestellt,  daß  von  keiner  deutschen  Stelle  Einflüsse
zu  Gunsten  oder  zu  Ungunsten  eines  Kardinals  aufgeboten  werden.  Danach
  wird  wohl  auch  eine  angebliche  Unterredung  zu  bewerten  sein,  die
ein  Mitarbeiter  des  Pariser  Journals  in  Rom  mit  dem  Kardinal  Kopp
hatte.  In  dieser  Unterredung  soll  nach  einem  Telegramm  der  Vossischen
Zeitung  Kardinal  Kopp  allerlei  Aeußerungen  über  Winke  und  Anregungen
des  deutschen  Kaisers  bezüglich  der  Papstwahl  gemacht  haben."

1.  August.  Die  mit  den  Verhandlungen  über  den  russischen
Handelsvertrag  betrauten  Kommissare  begeben  sich  zur  Eröffnung
der  Verhandlungen  nach  Petersburg.
        <pb n="130" />
        122  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  Anfang.)

August.  Angebliche  Verschwörung  gegen  das  Reichstagswahlrecht.


Der  „Vorwärts“  behauptet,  eine  Anzahl  Abgeordneter  anderer
Politiker  und  Großindustrieller  wolle  eine  Agitation  zur  Beseitigung  des
geheimen  und  allgemeinen  Wahlrechts  beginnen,  der  Führer  der  Bewegung
sei  ein  Dr.  Giesebrecht  in  Bayern,  der  den  Aufruf  verfaßt  habe.  —  Die
Nachricht  wird  von  vielen  bürgerlichen  Blättern  verspottet;  die  Vertreter
der  Parteien  leugnen  jede  Beziehung  zu  dem  Aufrufe  Giesebrechts.

Anfang  August.  (Elsaß-Lothringen.)  Die  Regierung
erläßt  Bestimmungen  über  Errichtung  eines  Arbeitsnachweises,  die
am  1.  September  in  Kraft  treten  sollen.

Die  einzelnen  Arbeitsnachweisstellen,  zur  Zeit  in  Colmar,  Mülhausen,
  Markich,  Gebweiler,  Straßburg,  Schlettstadt,  Schiltigheim,  Saarunion,
  Buchsweiler,  Zabern,  Metz,  Diedenhofen  und  Saargemünd  treten
miteinander  in  telephonischen  Verkehr.  Die  Gebühren  für  den  Fernsprechverkehr
  nach  auswärts  und  ebenso  die  Abonnementsgebühren  für  den  Telephonanschluß
  werden  auf  die  Staatskasse  übernommen.  Die  Arbeitsnachweisstellen
  stellen  wöchentlich  zweimal  Nachweisungen  darüber  auf,  wie  viele
Nachfragen  nach  Arbeitern  der  einzelnen  Berufsarten,  sowie  Arbeitsangebote
von  ihnen  nicht  befriedigt  wurden.  Diese  Nachweisungen  werden  je  am
Dienstag  und  Freitag  ausgefertigt  und  so  rechtzeitig  zur  Post  gegeben,
daß  sie  noch  an  jenen  Tagen  bis  4  Uhr  nachmittags  sich  in  der  Hand
der  Landeszentralstelle  für  Arbeitsnachweis,  die  mit  der  Arbeitsnachweisstelle
  in  Straßburg  verbunden  wird,  befinden.  Die  Landeszentralstelle
überträgt  den  Inhalt  von  Nachweisungen  sofort  in  eine  gemeinsame  Liste
und  übersendet  die  vervielfältigten  Abdrücke  noch  an  demselben  Tage  an
die  einzelnen  Arbeitsnachweisstellen  des  Landes,  an  die  sämtlichen  Kreisund
  Kantonstädte,  woselbst  sie  durch  öffentlichen  Anschlag  ungesäumt  zur
Kenntnis  der  stellensuchenden  Arbeiter  gebracht  werden,  an  die  Redaktion
der  Landwirtschaftlichen  Zeitschrift  in  Straßburg,  an  die  badischen,  württembergischen
  und  pfälzischen  Hauptarbeitsnachweisstellen  und  an  solche
kleinere  Gemeinden,  für  die  es  besonders  gewünscht  wird.  Direkte  Anfragen
  werden  von  der  Landeszentralstelle  gleichfalls  erledigt.  Der  Verwalter
  der  Landeszentralstelle  erhält  eine  feste  Vergütung  aus  Staatsmitteln,
  desgleichen  die  Beamten,  welche  die  Nachweisungen  ausfstellen.
Die  Portokosten  für  die  Versendung  der  Nachweisungen  und  der  Listen,
sowie  alle  sonstigen  sächlichen  Kosten  der  Zentralstelle  werden  von  der
Staatskasse  getragen.  Alle  für  den  Verbindungsdienst  und  zu  statistischen
Zwecken  dienende  Formulare  werden  vom  Ministerium  unentgeltlich  geliefert.
  Jährlich  findet  einmal  eine  Zusammenkunft  der  Verwalter  der
Arbeitsnachweisstellen  statt  behufs  Austausches  ihrer  Erfahrungen  und  Erörterung
  gemeinsamer  Fragen.  Hierfür  werden  Tagegelder  und  Reisekosten
aus  der  Staatskasse  gewährt.

August.  Preßbemerkungen  zur  Papstwahl  und  zum  österreichischen
  Veto.

Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt  (5.  Aug.):  „Der
neue  Papst  wird  in  der  deutschen  Presse  mit  Sympathie  begrüßt,  auf  die
er  nach  seinem  durch  seine  Frömmigkeit,  Reinheit,  Sitten,  Wohltätigkeit,
Milde  und  Sinnesart  ausgezeichneten  Vorleben  Anspruch  hat.  Eine  Meinung
  über  die  politische  Richtung  des  neugewählten  Papstes  zu  äußern,
wäre  verfrüht.  Der  Nachfolger  Leos  XIII.  hegt  wohl  beim  Antritt  der
        <pb n="131" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  Anf.—15.)  123

Regierung  keine  Voreingenommenheit  für  oder  gegen  einzelne  Mächte.  Die
Wahl  ruft,  soweit  es  sich  übersehen  läßt,  in  allen  Ländern  die  Befriedigung
der  katholischen  Welt  hervor;  sie  ist  mit  der  Genugtuung  erfüllt,  daß  nach
dem  Heimgang  eines  hervorragenden  Papstes  die  Tiara  von  neuem  einen

ihrer  so  würdigen  Träger  gefunden  hat.“

Die  „Kölnische  Volkszeitung“  bespricht  das  Veto  Oesterreichs  gegen
Rampolla:  „Selbstverständlich  müssen  wir  vom  Standpunkte  der  katholischen
  Kirche  diesen  Schritt  tief  bedauern.  Ein  Recht  zu  einem  solchen
Schritte  hatte  Oesterreich  nicht.  Alle  für  die  Papstwahl  gültigen  Konstitutionen
  betonen  auf  das  strengste  die  unbedingte  Freiheit  und  Unabhängigkeit
  der  Wahl;  nichts  ist  in  diesen  Konstitutionen  mit  einer  solchen
Sorgfalt  und  Vorsicht  behandelt,  wie  das  Bestreben,  jeden  äußeren  Einfluß
  von  der  Papstwahl  fernzuhalten,  und  nichts  ist  klarer,  als  daß  dieses
Bestreben  sich  gerade  in  erster  Reihe  gegen  die  oft  gemachten  Versuche
weltlicher  Regierungen  richtet,  auf  irgend  welche  Weise  die  Papstwahl  in
ihrem  Sinne  zu  beeinflussen.  Die  Stellungnahme  Oesterreichs  behält  also,
mag  sie  auch  noch  so  sehr  sich  auf  frühere  Präcedenzfälle  und  das  Beispiel
  anderer  katholischer  Mächte  berufen,  den  Charakter  einer  Anmaßung.“

Anfang  August.  (Preußen.)  Im  Ruhrrevier  macht  sich
eine  starke  Gärung  unter  den  Bergleuten  wegen  der  Ausbreitung
der  Wurmkrankheit  bemerkbar.  —  Die  Zechenverwaltungen  erhöhen
die  Unterstützungsgelder  für  Wurmkranke.  —  Am  3.  November  berichtet
  der  „Reichs-Anzeiger“  über  die  Maßregeln  der  Regierung.

4.  August.  (Berlin.)  Eine  internationale  Konferenz  für
Funkentelegraphie  (Telegraphie  ohne  Draht),  an  der  sich  Deutschland,
  England,  Oesterreich-Ungarn,  Frankreich,  Italien,  Rußland,
Spanien  und  die  Vereinigten  Staaten  beteiligen,  tritt  zusammen.

6.  August.  (Baden.)  In  Heidelberg  wird  die  hundertjährige
  Zugehörigkeit  der  Univerfität  zu  Baden  gefeiert.  Der  Großherzog
  nimmt  an  der  Feier  teil.  

10.  August.  Die  Kaiserin  besucht  das  Überschwemmungsgebiet
  in  Schlesien.

12.  August.  (Gossow  i.  d.  Neumark.)  Der  frühere  Reichstagspräsident
  (1881—84,  1887—95),  Wirkl.  Geh.  Rat  v.  Levetzow,  †.
Geboren  am  12.  September  1828;  1876  Landesdirektor  der  Provinz
Brandenburg,  1890  Mitglied  des  Herrenhauses.

15.  August.  (Berlin.)  Der  Kaiser  hält  einen  Kronrat  ab,
der  sich  mit  den  Überschwemmungen  beschäftigt.

15.  August.  (Preußen.)  Generalleutnant  v.  Einem,  genannt
  v.  Rothmaler,  wird  zum  Kriegsminister  ernannt.

August.  (Preußen.)  Die  Berliner  Führer  der  Freisinnigen
Vereinigung  treten  in  der  „Nation“  lebhaft  für  ein  Zusammengehen
  mit  den  Sozialdemokraten  bei  den  Landtagswahlen  ein;  im
Lande,  namentlich  in  den  Seestädten,  erhebt  sich  Widerspruch  dagegen.
        <pb n="132" />
        124  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  Mitte  —19.)

Mitte  August.  Angeblicher  Plan  eines  Kaiserschlosses.  Prozeß.

Der  „Vorwärts“  berichtet,  vom  Hofe  sei  die  Errichtung  eines  Kaiserschlosses
  bei  Spandau  geplant,  in  das  sich  die  kaiserliche  Familie  bei  etwaigen
sozialdemokratischen  Unruhen  zurückziehen  wolle.  Ferner  sei  die  Begründung
  eines  neuen  Wahlbezirkes  für  das  Schloß  und  Umgebung  geplant,
damit  das  Schloß  in  einem  ausschließlich  königstreuen  Wahlkreise  sich  befinde.
  Als  Gewährsmänner  bezeichnet  der  „Vorwärts“  den  Hofmarschall
v.  Trotha  und  den  Architekten  Ebhardt.  —  Beide  erklären,  von  solchen
Plänen  nichts  zu  wissen,  und  die  Erzählung  wird  in  der  bürgerlichen  Presse
nicht  ernst  genommen.  Am  21.  August  wird  die  Redaktion  des  „Vorwärts"
durchsucht  und  Anklage  gegen  einen  Redakteur  erhoben  wegen  Majestätsbeleidigung
  in  idealer  Konkurrenz  mit  grobem  Unfug.  Er  wird  wegen
Majestätsbeleidigung  zu  9  Monaten  Gefängnis  verurteilt  (16.  Okt.).  Die
Majestätsbeleidung  besteht  darin,  daß  er  dem  Kaiser  Furcht  vor  dem  Volke
und  die  Absicht,  den  Plan  auch  mit  ungesetzlichen  Mitteln  durchzuführen,
unterschiebt.

15./16.  August.  (Baden.)  Staatssekretär  des  Auswärtigen
Frhr.  v.  Richthofen  besucht  den  Großherzog  auf  Schloß  Mainau.
Preßgerüchten  zufolge  sucht  der  Staatssekretär  den  Großherzog  zu
bestimmen,  die  Niederlassung  von  Orden  in  Baden  zu  gestatten.

19.  August.  (Koburg.)  Abgeordnetentag  des  Verbandes
deutscher  evangelischer  Pfarrer.

19.  August.  (Mecklenburg-Schwerin.)  In  Wismar  wird
die  hundertjährige  Zugehörigkeit  der  Stadt  zu  Mecklenburg  in  Anwesenheit
  des  Großherzogs  gefeiert.

August.  Erörterungen  über  den  Kaiser,  den  Reichskanzler
und  die  Jesuitenfrage.

Der  (evangelisch-orthodoxe)  „Reichsbote“  berichtet  von  Differenzen,
die  angeblich  zwischen  dem  Kaiser  und  dem  Grafen  Bülow  über  die  Jesuitenfrage
  stattgehabt  hätten.  Der  Kaiser  habe  sich  beschwert,  daß  er  über
die  Stimmung  in  der  Nation  unrichtig  informiert  worden  sei  und  erst
durch  die  Proteste  des  Evangelischen  Bundes  und  die  Eingabe  des  Oberkirchenrates
  (S.  53)  die  wahre  Stimmung  der  Evangelischen  gegen  die
Aenderung  des  Jesuitengesetzes  erfahren  habe;  er  habe  infolgedessen  befohlen,
  daß  Preußen  im  Bundesrate  gegen  die  Aufhebung  des  §  2  stimme
(19.  Aug.).  —  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  erklärt,  die  Mitteilung
  über  den  Oberkirchenrat  und  das  Verbot  beruhe  auf  Erfindung;
der  „Reichsbote“  hält  seine  Behauptung  über  die  Auseinandersetzung  zwischen
  Kaiser  und  Kanzler  trotzdem  aufrecht.  Hierzu  bemerkt  die  klerikale
„Kölnische  Volkszeitung“:  „Wie  man  sieht,  bleibt  der  Reichsbote  bei  seiner
Mitteilung  mit  der  denkbar  größten  Entschiedenheit.  Wir  haben  die  Empfindung,
  daß  angesichts  dessen  die  Sache  mit  dem  Dementi  der  „Norddeutschen
  Allgemeinen  Zeitung“  nicht  abgetan  sein  kann,  zumal  wenn  man
in  Betracht  zieht,  daß  der  „Reichsbote“  Beziehungen  zu  Hofkreisen  hat.
Das  bißchen  §  2  des  Jesuitengesetzes  könnte  hiernach  leicht  von  großer
Bedeutung  für  unsere  innerpolitischen  Verhältnisse  werden.  Wie  stände
der  deutsche  Reichskanzler  und  preußische  Ministerpräsident  gegenüber  dem
Reichstage,  wie  stände  er  insbesondere  gegenüber  der  Zentrumsfraktion  da,
wenn  es  nicht  gelänge,  jeden  Zweifel  auszuräumen,  daß  in  der  Frage  der
        <pb n="133" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  22.—27.)  125

Stellung  Preußens  zu  der  Aufhebung  des  §  2  des  Jesuitengesetzes  nicht
eine  jener  Wandelungen  eingetreten  sei,  wie  sie  beispielsweise  seinerzeit  
die  überraschende  Wendung  in  der  Frage  des  Zedlitzschen  Schulgesetzentwurfes
  brachten!“  Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  schreibt  (am
26.  August):  „Unsere  Erklärung,  daß  die  Mitteilung  über  eine  Auseinandersetzung
  zwischen  dem  Kaiser  und  dem  Reichskanzler  in  der  Jesuitenfrage
auf  Erfindung  beruht,  genügt  dem  „Reichsboten“  nicht.  Er  meint,  wir
dementieren  nur,  daß  eine  Auseinandersetzung  auf  Grund  der  Vorstellung
des  evangelischen  Oberkirchenrats  erfolgt  sei.  Demgegenüber  sei  ihm  nunmehr,
  „schlicht  und  einfach“,  wie  er  will,  gesagt:  „Die  Behauptung,  daß
zwischen  dem  Kaiser  und  dem  Reichskanzler  über  die  Frage  der  Aufhebung
des  §  2  des  Jesuitengesetzes  überhaupt  eine  Auseinandersetzung  stattgefunden
habe,  ist  eine  Lüge."“

22.  August.  (Sachsen.)  In  Crimmitschau  legen  die  Textilarbeiter
  die  Arbeit  nieder,  weil  die  Arbeitgeber  den  zehnstündigen
Arbeitstag,  eine  zehnprozentige  Lohnerhöhung  ablehnen.  Die  Heimarbeiter
  schließen  sich  dem  Streik  an.

22.  August.  Der  Staatssekretär  des  Reichsschatzamts  Frhr.
v.  Thielmann  tritt  zurück;  sein  Nachfolger  wird  der  bayerische  Bevollmächtigte
  zum  Bundesrat  Frhr.  v.  Stengel.  —  Der  Wechsel
wird  vielfach  mit  der  Notwendigkeit  einer  Reichsfinanzreform  in
Verbindung  gebracht.

24.—27.  August.  (Köln.)  50.  Generalversammlung  der
Katholiken  Deutschlands.  Schulfrage;  Verhältnis  zwischen  Kirche
und  Staat;  Glaubensspaltung  und  Duldung.

An  der  Versammlung  nehmen  teil  außer  vielen  Bischöfen  die  Erzbischöfe
  Fischer  von  Köln  und  Ferrari  von  Mailand.  Das  Präsidium
führt  der  Vorsitzende  der  bayerischen  Abgeordnetenkammer  v.  Orterer,
der  über  die  Notwendigkeit  einer  christlichen  Schule  spricht.  Er  sagt:  Wir
brauchen  gute,  von  echt  religiösem  Geiste  beseelte  Lehrer,  die  keineswegs
ultramontan  zu  sein  brauchen.  In  Preußen  geht  in  dieser  Beziehung  etwas
vor.  Die  Landtagswahlen  werden  hoffentlich  nicht  ohne  Ergebnisse  für  die
Ausgestaltung  der  Schule  bleiben.  In  der  Erörterung  hierüber  ergibt  sich
allgemeine  Uebereinstimmung.  —  Abg.  Schädler  spricht  über  die  Aufgaben
der  Katholiken.  Der  Liberalismus  habe  abgewirtschaftet,  der  Feind  der  Kirche
sei  jetzt  vor  allem  die  Sozialdemokratie.  Die  Katholiken  seien  bereit,  den
Kampf  gegen  sie  zu  führen.  Auch  der  Kampf  mit  der  weltlichen  Autorität
sei  für  die  katholische  Kirche  trotz  alles  neuen  Sirenengeflüsters  nicht  beendet.
  Zwar  zum  Kaiser  und  den  Fürsten  dürfe  man  volles  Vertrauen
haben.  „Aber  in  unseren  Ministerhotels  und  in  den  Kabinetten,  bei  den
Regierungen  geht  ein  böser  Geist  um,  ein  böser  Geist,  erfüllt  von  Vorurteilen,
  ein  Geist,  der  von  katholikenfeindlichen  Bestrebungen  von  außen
her  genährt  wird.  Und  dieser  böse  Geist  —  ich  zitiere  ihn,  weil  er  ja
dann  seine  Macht  verliert  —  (Heiterkeit),  dieser  böse  Geist  geht  noch  fort
und  fort  um  in  den  Geheimratsbureaus,  und  deshalb  müssen  unsere  Generalversammlungen
  immer  wieder  hinweisen  auf  das,  was  uns  bedrückt  und
was  wir  begehren.“  —  Professor  Mausbach  spricht  über  die  Förderung
der  christlichen  Kunst,  die  in  engster  Beziehung  zur  Moral  stehen  müsse.
Am  Schluß  des  Tages  sagt  Erzbischof  Fischer:  Die  Spaltung  im  Glauben
        <pb n="134" />
        126  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  27./28.)

ist  das  beklagenswerte  Mißgeschick  unseres  Vaterlandes  und  unseres  Volkes
Aber  sie  ist  eine  Tatsache,  die  Gott  zugelassen  hat,  die  wir  einstweilen
nicht  ändern  können.  Aber  wehe  dem,  der  dieses  Mißgeschick  ausbeuten
und  der  die  Kluft,  die  mitten  durch  das  Herz  unseres  Volkes  geht,  zu  einer
noch  mehr  klaffenden  machen  wollte!  Wer  das  tut,  der  ist  ein  Verräter
am  Vaterland.  Ich  stelle  fest,  daß  eine  solche  Handlungsweise  den  Generalversammlungen
  der  Katholiken  in  Deutschland  fern  liegt.  Auch  in  Köln
ist  kein  für  unsere  im  Glauben  von  uns  getrennten  deutschen  Brüder  verletzendes
  Wort  gefallen.  So  ist  es  recht.  Wir  müssen  uns  gegenseitig
schonen,  gegenseitig  achten,  gegenseitig  lieben;  wir  müssen  für  einander
beten,  ja  beten,  meine  Herren,  für  die  geistige  Einheit  Deutschlands,  des
ganzen,  weiten  deutschen  Vaterlandes.  Die  Zeiten  sind  schwer  und  ernst.
Der  Geist  des  Umsturzes  arbeitet  an  der  Zerstörung  von  Thron  und  Altar
und  nagt  an  dem  Lebensmark  unseres  Volkes.  Da  sollten  alle,  die  noch
fest  stehen  im  Glauben  an  unseren  Herrn  Jesus  Christus  als  den  menschgewordenen
  Gottessohn  und  den  Erlöser  der  Menschen,  alle  gläubigen
Christen  im  deutschen  Vaterland,  statt  sich  zu  befeinden  und  gegenseitig
zu  verletzen,  gemeinsam  Schulter  an  Schulter  kämpfen  für  das  gemeinsame,
christliche  Erbgut.

27.|28.  August.  (Kassel.)  Der  Kaiser  besucht  Kassel  aus
Anlaß  der  Manöver.  Trinksprüche  auf  das  Armeekorps  und  den
Oberpräsidenten  Grafen  Zedlitz.

Am  27.  August  bringt  der  Kaiser  folgenden  Trinkspruch  aus:  Mein
Glas  gilt  dem  Wohle  des  XI.  Armeekorps,  zusammengesetzt  aus  den  thüringischen
  und  den  kurhessischen  Regimentern.  Es  liegt  Mir  am  Herzen,  dem
Armeekorps  Meinen  Glückwunsch  auszusprechen,  daß  es  seine  Wurzeln
wieder  weit  hinausgetragen  hat  in  die  Anfänge  der  alten  Geschichte  der
landgräflichen  kurhessischen  Regimenter.  Mein  Wunsch  für  das  Armeekorps
geht  dahin,  daß  es  sich  stets  im  Frieden,  wie  im  Kriege  der  hervorragenden
  Geschichte  dieser  Regimenter  erinnern  möge  und  daß  es  sich  auch  der
neuen  Ehrung  würdig  zeigen  möge,  daß  Ich  ihm  gestattet  habe,  seine
Traditionen  zurückführen  zu  können  auf  die  glorreichen  und  tapferen
Streiter  der  früheren  kurhessischen  Truppen.  Mein  Glas  gilt  dem  Wohl,
Gedeihen  und  Blühen  des  XI.  Armeekorps.  Hurra!  Hurra!  Hurra!

Am  folgenden  Tage  hält  der  Kaiser  auf  einem  Festmahl  für  die
Provinz  folgende  Rede:  Indem  Ich  Mein  Glas  auf  das  Wohl  der  Provinz
  erhebe,  spreche  Ich  Meine  Freude  aus,  so  viele  der  Kurhessen  und
Nassauer  um  Mich  versammelt  zu  sehen,  und  heiße  die  Herren  alle  herzlich
  bei  Mir  willkommen.  Es  ist  Mir  stets  eine  Freude,  wenn  Ich  Mich
in  dem,  eine  Weile  für  Mich  zur  zweiten  Heimat  gewordenen  Kassel  aufhalten
  und  Mich  daran  erfreuen  kann,  daß  die  alten  Beziehungen  der
Kasselaner  zu  Mir  in  herzlicher  und  inniger  Begrüßung  wieder  zum  Ausdruck
  kommen,  wie  auch  am  heutigen  Tage  durch  den  besonders  schönen
Schmuck  der  Stadt.  Ich  bitte  Ew.  Exzellenz,  den  Kasselanern  in  Meinem
Namen  auszusprechen,  wie  gerührt  Ihre  Majestät  die  Kaiserin  und  Ich
durch  die  spontane,  freudige  Begrüßung  der  Bevölkerung  und  durch  die
Ausschmückung  der  Straßen  sind,  und  Unsern  warmen  und  herzlichen  Dank
zu  sagen.  Ich  freue  Mich,  auf  dem  Boden  zu  sein,  auf  dem  Ich  gelernt
habe,  von  kundiger  Hand  geleitet,  daß  die  Arbeit  nicht  nur  um  sich  selber
willen  da  ist,  sondern  daß  man  in  der  Arbeit  seine  ganze  Freude  finden
soll,  die  ernsthaften,  unablässigen  Vorbereitungen,  die  Ich  in  Meinen  Studien
  auf  dem  Gymnasium  und  unter  der  Leitung  des  Geheimrat  Hinz-
        <pb n="135" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  28.  29.)  127

peter  hier  vornehmen  konnte,  haben  Mich  befähigt,  die  Arbeitslast  auf  die
Schultern  zu  nehmen,  die  von  Tag  zu  Tage  in  wachsender  Bürde  zunimmt.
  Und  wenn  schon  damals  Meine  Lehrer,  überzeugt  von  der  hohen
Aufgabe,  die  ihnen  übergeben  war,  alles  daran  setzten,  jede  Stunde  und
jede  Minute  auszunutzen,  um  Mich  für  den  kommenden  Beruf  vorzubereiten,
  so  glaube  Ich  doch,  daß  niemand  von  ihnen  sich  darüber  hat
klar  sein  können,  welche  ungeheure  Arbeitslast  und  welche  niederdrückende
drückende  Verantwortlichkeit  demjenigen  aufgebürdet  ist,  der  für  58  Millionen
  Deutsche  verantwortlich  ist.  Jedenfalls  bereue  Ich  keinen  Augenblick
  die  Mir  damals  schwer  vorgekommenen  Zeiten,  und  Ich  kann  wohl
sagen,  daß  die  Arbeit  und  das  Leben  in  der  Arbeit  Mir  zur  zweiten  Natur
geworden  sind.  Und  das  danke  Ich  dem  Kasselaner  Boden.  Schmerzlich
bewegt  es  Mich,  daß  Ich  am  heutigen  Tage,  ehe  Ich  das  Wohl  der  Provinz
  ausbringe,  zugleich  das  Scheideglas  für  Ew.  Exzellenz  trinken  muß.
Wenn  etwas  Meinen  tiefen  Schmerz  noch  erhöht,  so  ist  es  das,  daß  Ich
mit  Rührung  sehe,  wie  aus  allen  Teilen  der  Provinz  uneingeschränkt  die
Trauer  sich  kundgibt  über  Ew.  Exzellenz  Scheiden.  Wenn  auch  die  Provinz
  vollinhaltlich  begreift,  daß,  wo  die  Not  am  höchsten  ist,  der  Fürst
zu  dem  Mann  greifen  muß,  der  ihm  der  rechte  an  Ort  und  Stelle  zu
sein  scheint,  da  empfindet  sie  es  doch  tief,  daß  ihr  das  Oberhaupt  genommen
wird.  Das  beweist,  daß  Ew.  Exzellenz  die  Aufgaben  hier  noch  in  weit
höherem  Maße  zu  erfüllen  im  stande  waren,  wie  Ich  bei  der  Berufung
gehofft  hatte.  Es  ist  Ihnen  gelungen,  in  der  Provinz  Vertrauen  zu  gewinnen
  und  diese  verschiedenartige  Bevölkerung  an  Ihre  Persönlichkeit  zu
fesseln  und  sie  mit  Vertrauen  und  Zuversicht  zu  erfüllen,  daß  sie  freudig
an  ihre  schwere  Arbeit  ging.  Verschieden  sind  die  Gaben  von  Natur  und
Vorsehung  in  diesem  Lande  ausgebreitet.  Sehen  wir  einen  Teil  desselben
in  hartem  Ringen  um  den  Ertrag  des  Bodens  erstarken,  so  können  wir
auf  der  anderen  Seite  die  Industrie,  zumal  im  südlichen  Teile,  sich  entwickeln
  sehen.  Auch  Kunstdenkmäler  und  historische  Erinnerungen,  schöne
Kirchen,  wie  Erinnerungen  an  noch  ältere  Zeiten,  so  die  Burg  auf  dem
Taunus,  wo  der  eherne  Schritt  der  römischen  Legionäre  einst  auf  Geheiß
der  Cäsaren  römische  Kultur  den  unbändigen  Germanen  einprägte,  alles
das  vereinigt  sich  in  dieser  Provinz.  Das  erfordert  von  dem  Oberpräsidenten
  ein  solches  Maß  verschiedener  Kenntnisse,  daß  es  eingehender  und
tiefgreifender  Selbstarbeit  bedarf,  um  allen  diesen  Gebieten  einigermaßen
gewachsen  zu  sein.  Wo  Ich  hingehört  habe,  in  jedem  Stande  und  jeder
Beschäftigung  ertönt  Ew.  Exzellenz  Lob.  Und  deshalb  beglückwünsche  Ich
die  Provinz  zu  diesem  Ausgang,  und  Ich  darf  wohl  im  Namen  der  Provinz
  Ihnen  den  Dank  aussprechen  für  die  aufopfernde  Arbeit,  der  Sie
sich  zu  ihrem  Wohle  unterzogen  haben.  Die  Provinz  möge  daraus  ersehen,
  wie  es  Mir  am  Herzen  liegt  und  wie  Ich  bestrebt  bin,  soweit  es
in  Meiner  Macht  steht,  die  Männer  einzusetzen,  von  denen  Ich  glaube,
daß  sie  den  Aufgaben  gewachsen  sind.  Sie  mögen  auch  in  Zukunft  das
Vertrauen  zu  Mir  haben,  daß  Ich  bestrebt  bin,  die  Nachfolger  so  zu  wählen,
wie  es  zu  ihrem  Wohle  nötig  ist.  Alle  Meine  Wünsche  fasse  Ich  zusammen,
indem  Ich  rufe:  Die  Provinz  blühe,  grüne  und  gedeihe!  Hurra,  hurra,  hurra!

28.  August.  (Preußen.)  Zum  Präsidenten  der  Ansiedlungskommission
  wird  Landrat  Blomeyer  in  Meseritz  ernannt.

29.  August.  (Göttingen.)  Der  Vertretertag  der  National-Sozialen
  beschließt  mit  geringer  Mehrheit,  die  Partei  aufzulösen
und  den  Parteigenossen  den  Anschluß  an  die  Freisinnige  Vereinigung
        <pb n="136" />
        128  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (August  31.—Sept.  1.)

zu  empfehlen.  Die  Ursache  dieses  Beschlusses  ist  der  geringe  Erfolg
  bei  den  Reichstagswahlen.

31.  August.  (Breslau.)  Der  Präsident  des  Preußischen
Oberkirchenrats  D.  Barkhausen,  †.  —  Geboren  im  Jahre  1831
wurde  er  1890  zum  Unterstaatssekretär  im  Kultusministerium,
1891  zum  Präsidenten  des  Oberkirchenrats  ernannt.

31.  August.  September.  (Mannheim.)  Delegiertentag  der
nationalliberalen  Jugendvereine.

Die  nationalliberalen  Jugendvereine  erstreben  eine  Organisation  der
nationalliberalen  Wähler  unter  40  Jahren  und  verlangen  energische  Betonung
  der  liberalen  und  sozialpolitischen  Programms;  insbesondere  betreiben
  sie  den  Kampf  gegen  das  Zentrum  und  jede  reaktionäre  Strömung.
Manche  Stimmen  sprechen  sich  daher  auch  für  die  Wahl  von  Sozialdemokraten
  in  die  Einzellandtage  aus,  weil  hierdurch  die  Reaktion,  der  beste
Nährboden  für  die  Sozialdemokratie,  geschwächt  werde.  (Vgl.  über  das
Programm  Preuß.  Jahrb.  Bd.  113  S.  381.)  Diese  Auffassung  findet  aber
viele  Gegner.  —  Die  Versammlung  verwirft  jede  Aenderung  des  Reichstagswahlrechts
  und  verlangt  seine  Ausdehnung  auf  die  Bundesstaaten.

Ende  August.  (Elsaß-Lothringen.)  Der  Kaiser  und  die
Wasserverhältnisse  in  Metz.

Folgendes  Telegramm  des  Kaisers  an  den  Statthalter  Fürst  Hohenlohe-Langenburg
  wird  veröffentlicht:  Wiederum,  wie  in  den  letzten  Jahren,
ist  in  Metz,  vorläufig  in  der  Zivilbevölkerung,  eine  Typhusepidemie  ausgebrochen,
  die  die  Garnison  ernstlich  gefährden  kann.  Sie  hat  ihren  Ursprung
  in  der  schlecht  verwahrten  „Bouillon-Quelle“  und  ihrer  in  unerhörtem
  Zustand  befindlichen  Leitung.  Diese  Sachlage  ist  lediglich  Schuld
der  Stadtverwaltung  Metz,  die  absolut  nicht  zu  energischem  Handeln  bezüglich
  ihrer  Wasserversorgung  sich  entschließen  kann.  Laut  Meldung  der
Kommission,  die  im  Vorjahre  die  sanitären  Verhältnisse  in  Metz  und  Umgegend
  untersuchte  —  darunter  Exzellenz  v.  Leuthold  und  Koch  —,  sind
die  Zustände  geradezu  himmelschreiend  und  empörend;  trotz  allen  Drängens
und  Protestierens  des  Generalkommandos  des  16.  Armeekorps,  das  andauernd
  auf  die  schwere  Gefahr  für  das  Militär  hingewiesen  und  das
Wasser  als  unbrauchbar  bezeichnete,  hat  die  Stadt  nichts  Ernstes  getan!
Das  ist  nun  nicht  länger  angängig!  Im  Kriegsfall  würden  diese  Zustände
eine  Katastrophe  unvermeidlich  zur  Folge  haben.  Ich  ersuche  Ew.  Durchlaucht
  umgehend  mit  den  allerschärfsten  Mitteln  den  Zuständen  ein  Ende
zu  machen  und  die  Stadt  zu  ihrer  Pflicht  zu  zwingen.  Wilhelm  I.  R.

Hierauf  depeschiert  Statthalter  Fürst  Hohenlohe  sofort  an  den  Metzer
Stadtvorstand,  daß,  wenn  nicht  schleunigst  Abhilfe  geschaffen  würde,  die
Sanierungsarbeiten  von  der  Landesverwaltung  auf  Kosten  der  Stadt  in
Angriff  genommen  werden  würden.  Am  30.  August  geht  dem  Statthalter
vom  Bürgermeister  in  Metz  die  Meldung  zu,  daß  mit  den  Sanierungsarbeiten
  bereits  begonnen  sei.

Die  Metzer  Stadtverwaltung  behauptet,  daß  der  Kaiser  unrichtig
über  die  Metzer  Verhältnisse  informiert  sei.

1.  September.  Das  „Kolonialblatt“  veröffentlicht  Grundsätze
  über  die  einheitliche  Schreib-  und  Sprechweise  der  geographischen
  Namen  in  den  deutschen  Schutzgebieten.
        <pb n="137" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  1./2.  1./4.)  129

1./2.  September.  Der  Kaiser  besucht  Dresden  aus  Anlaß
der  Kaisermanöver.  Bei  der  Galatafel  erwidert  er  auf  die  Begrüßung
  des  Königs  Georg:  1

Gestatten  Ew.  Majestät,  Meinen  aus  tiefstem  Herzen  kommenden
Dank  auszusprechen  für  die  erhabenen  Worte,  die  Ew.  Majestät  soeben
aussprachen.  Tief  ergriffen  von  der  Wärme  des  Empfanges  in  Ew.  Majestät
  Residenzstadt,  die  Ich  Gott  sei  Dank  schon  oft  betreten  durfte,  drängt
es  Mich,  vor  allem  Meine  Freude  auszudrücken  über  das  herrliche  Korps,
das  heute  so  schönes  leistete.  Ew.  Majestät  erhabene  Person  und  die  wenigen
  alten,  um  Ew.  Majestät  versammelten  Generale  aus  alter  Zeit  bilden
für  uns  jüngere  Offiziere  eine  Generation,  die  uns  gelehrt  hat,  was
Soldat  sein  heißt  und  wie  man  Soldat  wird.  Es  wird  Mein  Bestreben
sein,  in  enger  Fühlung  mit  den  bewährten  Führern  aus  großer  Zeit,  von
ihnen  lernend  und,  an  ihrem  Lobe  Mich  erbauend,  die  Truppen  so  auszubilden,
  wie  es  zum  Besten  des  Vaterlandes  und  Meiner  Armee  dienen
kann.  Ich  spreche  Ew.  Majestät  Meinen  herzlichsten  und  innigsten  Glückwunsch
  zum  heutigen  Tage  aus  und  bin  fest  überzeugt,  daß  Ew.  Majestät
gütiges  landesväterliches  Herz  sich  heute  auch  gefreut  hat,  nicht  nur  über
die  Landeskinder  im  Waffenrock,  sondern  auch  über  die  stolze  Schar  der
Landeskinder  im  schwarzen  Rock,  die  mit  Orden  auf  der  Brust  geschmückt,
Ew.  Majestät  strahlenden  Auges  und  liebend  und  beglückt  angesehen  haben.
Wir  aber  vereinigen  unsere  Gefühle  für  die  erhabene  Person  Ew.  Majestät,
das  königlich  sächsische  Haus,  die  königlich  sächsische  Armee  und  rufen:
„König  Georg  Hurra!  Hurra!  Hurral!“

1./  4.  September.  (Dresden.)  Deutscher  Städtetag.

An  dem  Tag  nehmen  400  Vertreter  von  160  Städten  von  über
25 000  Einwohner  teil.  Der  Eröffnung  wohnt  der  Deutsche  Kronprinz  bei;
im  Namen  Sachsens  begrüßt  Ministerpräsident  Frhr.  v.  Metzsch  die  Städte.
Den  Vorsitz  führt  Oberbürgermeister  Kirschner-Berlin.  Es  referieren
Oberbürgermeister  Adickes-Frankfurt  a.M.  und  Beutler-Dresden  über  soziale
Aufgaben  der  Städte,  Professor  Wuttke-Dresden  über  die  Lehren  der
deutschen  Städte-Ausstellung.  Es  wird  beschlossen,  eine  Agitation  einzuleiten
  gegen  das  Verbot,  städtische  Abgaben  auf  Lebensmittel  zu  legen
(§  13  des  Zolltarifgesetzes.  Vgl.  1902  S.  166).

Anfang  September.  Streit  in  der  sozialdemokratischen  Partei.

Abg.  Bebel  wendet  sich  in  der  „Neuen  Zeit“  gegen  die  Abgg.
v.  Vollmar  und  Heine,  die  Bernsteins  Standpunkt  in  der  Vizepräsidentenfrage
  teilen.  Zwei  Erklärungen,  die  er  in  dieser  Angelegenheit  im  „Vorwärts"“
  veröffentlichen  will,  werden  von  der  Redaktion  abgelehnt.  Bebel
greift  diese  „Bevormundung“  in  der  „Leipziger  Volkszeitung“  heftig  an
und  verspricht  mit  den  „Revisionisten“  auf  dem  Parteitag  abrechnen  zu
wollen.  Der  Parteitag  müsse  auch  über  die  Präsidentenfrage  beschließen,
nicht  die  Fraktion,  wie  die  Revisionisten  wollten.

Anfang  September.  (Sachsen.)  Vorschlag  der  Industriellen

zur  Wahlrechtsreform.

Der  Verband  sächsischer  Industrieller  richtet  an  die  Regierung  eine
Denkschrift,  in  welcher  er  eine  Neueinteilung  der  Landtagswahlkreise  als
notwendigsten  Bestandteil  der  Wahlrechtsreform  bezeichnet,  da  die  37  städtischen
  Wahlkreise  jetzt  2 202 414    Einwohner  gegenüber  den  1 999 802  Einwohnern
  der  ländlichen  Bezirke  aufwiesen.  Unzureichend  sei  vor  allem  die

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV.  9
        <pb n="138" />
        130  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  3.)

Vertretung  der  Großstädte:  Dresden  wähle  einen  Abgeordneten  auf    93 919,
Leipzig  auf  91 225,  Chemnitz  auf  103 456  Einwohner.  Von  den  37  städtischen
  Wahlkreisen  hatten  14  mehr  als  60 000  Einwohner,  von  den  45  ländlichen
  nur  4.  Die  ländliche  Bevölkerung  zahle  9 752 000,  die  städtische
dagegen  25 499 000  Mark  direkte  Staatssteuern.  Von  drei  Großstädten
des  Königreichs  sei  1901  beinahe  die  Hälfte  der  gesamten  direkten  Steuern
aufgebracht  worden.  Die  Zahl  der  städtischen  Wahlkreise  sei  daher  bis
jetzt  eine  viel  zu  kleine  gewesen.  Aber  die  Trennung  in  städtische  und
ländliche  Kreise  sei  überhaupt  nicht  mehr  aufrechtzuerhalten,  da  Industrie
und  Gewerbe  vielfach  in  die  ländlichen  Kreise  übergesiedelt  seien.  Der
Verband  schlägt  daher  die  Schaffung  von  so  viel  Wahlkreisen  mit  etwa
gleicher  Bevölkerungsziffer  vor,  als  der  Zahl  der  zu  wählenden  Abgeordneten
  entspricht,  unter  Berücksichtigung  der  vorauszusetzenden  schnelleren
Vermehrung  der  städtischen  Bevölkerung.

3.  September.  (Merseburg.)  Der  Kaiser  gibt  aus  Anlaß
der  Kaisermanöver  dem  Landtag  der  Provinz  Sachsen  ein  Diner
und  hält  folgende  Rede:

Ich  heiße  die  Vertreter  der  Provinz  Sachsen  und  der  Altmark  von
Herzen  willkommen.  Die  Kaiserin  und  Ich  freuen  uns  von  Herzen,  einmal
  wieder  hier  zu  sein.  Wie  sollte  es  auch  anders  sein!  Spricht  doch
Merseburg  unser  Herz  an  als  ein  gutes  Stück  kerniger  deutscher  Erde,  und
der  Empfang,  der  uns  heute  seitens  der  Merseburger  zuteil  geworden  ist,
er  hat  die  guten,  warmen  und  patriotischen  Gefühle  in  lohender  Flamme
zum  Ausdruck  gebracht.  Erinnerungsreich  ist  der  Boden,  den  die  Herren
bewohnen  und  bebauen,  und  ertragsreich  zugleich.  Sehen  auf  der  einen
Seite  von  Hügeln  die  Tangermünder  kaiserlichen  Türme  herab  auf  den
Wasserspiegel,  als  Zeugen  des  Anfangs  eines  großen  Gedankens  und  eines
hellen  Kopfes  unter  den  deutschen  Kaisern,  so  grüßen  auf  der  anderen
Seite  die  Türme  Wittenbergs  den  Strom,  wo  der  größte  deutsche  Mann
für  die  ganze  Welt  die  größte  befreiende  Tat  getan  hat  und  die  Schläge
seines  Hammers  aufweckend  über  die  deutschen  Gefilde  schallen  ließ.  Kämpfte
hier  der  erste  deutsche  König  Heinrich  I.  gegen  den  Uebermut  seiner  östlichen
  Nachbarn  und  wurde  er  in  seiner  schlichten  kernigen  deutschen  Gestalt
  der  Begründer  der  deutschen  Ritterlichkeit,  so  grüßt  uns  von  fern  her
das  goldene  Kreuz  der  Wartburg,  auf  der  eine  der  herrlichsten  deutschen
Frauen  erblüht  ist,  die  je  den  Kranz  der  deutschen  Frauen  geziert  hat.
So  ist  es  wohl  erklärlich,  daß  in  dem  Herzen  dieser  Provinz  die  Geschichte
eine  große  Rolle  spielt  und  daß  die  Gefühle  für  deutsches  Wesen,  deutsche
Art  und  für  das  Königshaus  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  sich  forterben.
Ich  wünsche  der  Provinz  von  ganzem  Herzen  ein  fortschreitendes  Blühen
und  Gedeihen  in  ihrer  Entwicklung,  helle,  klare  und  zielbewußte  Köpfe
unter  ihren  Bewohnern  und  Gottes  Segen  zu  ihrem  Gedeihen  und  Blühen.
Sachsen  und  die  Altmark  Hurra!  hurra!  hurra!

Das  lebhafte  protestantische  Bekenntnis  des  Kaisers  wird  in  der
Presse  viel  bemerkt  und  von  der  protestantischen  mit  Genugtuung  betont.
Die  „Kölnische  Volkszeitung“  schreibt:  „Der  Kaiser  hat  durch  seine  Rede
in  Merseburg  den  protestantischen  Theologen  gezeigt,  daß  man  den  Dr.
Luther  und  die  Reformation  in  der  schwungvollsten  Weise  preisen  kann,
ohne  die  Empfindungen  der  Katholiken  zu  verletzen.  Bisher  wurde  das
immer  bestritten;  die  Herren  suchten  allen  Ernstes  nachzuweisen,  ohne  Beschimpfung
  der  katholischen  Kirche  lasse  sich  Luthers  Lob  nicht  singen.
Wenn  sie  in  der  Weise  des  Kaisers  die  Reformation  feiern,  so  wird  kein
Katholik  etwas  dagegen  zu  erinnern  haben.  Die  Verschiedenheit  der  Auf-
        <pb n="139" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  3.—8.)  131

fassungen  muß  als  etwas  Gegebenes  hingenommen  werden;  von  beiden
Seiten  haben  wir  mit  der  Tatsache  zu  rechnen,  daß  man  dort  in  Luther
den  Mann  sieht,  der  seinen  Anhängern  den  Weg  der  Wahrheit  gezeigt
habe,  während  man  hier  der  Ansicht  ist,  daß  er  sie  in  der  Irre  geführt.“
Der  „Bayerische  Kurier“  schreibt:  „Seine  Majestät  der  Kaiser  hat  da
wieder  einmal  als  Protestant  gesprochen,  was  zur  Beruhigung  für  jene
dienen  mag,  die  da  fürchten,  es  möge  der  hochgemute  Hohenzollernsproß
eines  Tages  dem  römischen  Papst  den  Steigbügel  halten.  Wir  Katholiken
nehmen  es  dem  Kaiser  auch  gewiß  nicht  übel,  wenn  er  seine  protestantische
Gesinnung  gelegentlich  offen  bekundet.  Anderseits  freilich,  welche  Entrüstung
würde  durch  das  ganze  protestantische  Lager  lodern,  wenn  sich  etwa  ein
deutscher  katholischer  Fürst  erlaubte,  das  Papsttum  auf  Kosten  der  Reformation
  zu  verherrlichen!  Die  Verherrlichung  Luthers  durch  den  Kaiser
geschieht  aber  im  Grunde  auch  nur  auf  Kosten  des  Katholizismus,  denn
worin  soll  die  „befreiende  Tat“  Luthers  bestehen,  als  darin,  daß  er  das
deutsche  Volk  aus  der  „römischen  Knechtschaft  befreit"  hat?“

3.  September.  (Reichstagswahl.)  Bei  der  Ersatzwahl  (für
Nösicke)  erhält  Schrader  (fr.  Vg.)  11083,  Käppler  (Soz.)    12 715,
Schirmer  (kons.)  3 494  Stimmen.  Bei  der  Stichwahl  (11.  Sept.)
erhält  Schrader    14 456,  Käppler  13 048  Stimmen.

Anfang  September.  Der  „Vorwärts“  und  Soldatenmißhandlungen.



Der  „Vorwärts“  berichtet,  daß  einer  seiner  Redakteure  einem  Berliner
  Regimentskommandeur  schriftlich  auf  Uebelstände,  worüber  ihm  Mitteilungen
  gemacht  worden  waren,  aufmerksam  gemacht  habe.  Das  Militärgericht
  habe  von  ihm  die  Nennung  des  Beschwerdeführers  verlangt;  da
er  diese  ablehnte,  sei  er  wegen  Zeugnisverweigerung  in  Haft  genommen
worden.

Weitaus  die  meisten  bürgerlichen  Blätter  tadeln  scharf  dieses  Verfahren,
  da  es  die  Sozialdemokraten  als  Märtyrer  für  die  Sache  der  Unterdrückten
  und  Mißhandelten  erscheinen  lasse.

5.  September.  (Leipzig.)  Der  Kaiser  nimmt  die  Parade
über  das  XIX.  Korps  ab.  Beim  Paradediner  erwidert  er  auf  die
Begrüßung  des  Königs  Georg:

Darf  Ich  Eurer  Majestät  nochmals  Meinen  herzlichen  Glückwunsch
zum  heutigen  Tage  zu  Füßen  legen  und  dem  Armeekorps  nochmals  von
ganzem  Herzen  Meine  vollste  Anerkennung  aussprechen  für  die  mustergültige
  Art  und  Weise,  mit  der  es  sich  bei  der  heutigen  Parade  gezeigt
hat?  Unter  den  Korps  das  jüngste,  hat  es  in  seinen  Paradeleistungen  es
den  ältesten  und  besten  schon  gleichgetan.  Das  verspricht  Gutes  für  die
Zukunft,  das  verspricht  auch,  daß,  wenn  Eure  Majestät  rufen,  das  Korps
draufgehen  wird  wie  das  älteste!  Indem  Ich  Mein  Glas  auf  das  Wohl
des  Korps  erhebe,  trinke  Ich  zugleich  auf  das  Wohl  Seiner  Majestät  des
Königs  Georg.  Hurra!  Hurra!  Hurra!

6.  September.  Das  Kaiserpaar  besucht  Halle  a.  S.
8.  September.  (Mainz.)  Unter  Teilnahme  des  Großherzogs
  von  Hessen  wird  eine  internationale  Ausstellung  für  Photographie

  und  graphische  Künste  eröffnet.
9*
        <pb n="140" />
        132  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  9.—13./19.)

9.  September.  (Mannheim.)  Deutsch-österreichisch-ungarischer
  Binnenschiffahrtskongreß.
11.  September.  Der  Kaiser  richtet  folgendes  Schreiben  an

den  König  von  Sachsen:

Durchlauchtigster  großmächtigster  Fürst!  Freundlichst  lieber  Vetter
und  Bruder!  Es  gereicht  Mir  zur  aufrichtigsten  Freude,  Eurer  Majestät
bei  Beendigung  der  vor  Mir  abgehaltenen  Manöver  Meine  vollste  Anerkennung
  über  den  vortrefflichen  Zustand  der  beiden  königlich  sächsischen
Armeekorps  erneut  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Die  hervorragenden  Leistungen
  der  Truppen  ließen  bei  allen  Gelegenheiten  erkennen,  daß  das
Auge  ihres  Königs,  des  in  Krieg  und  Frieden  rühmlichst  bewährten  Führers,
ihre  Ausbildung  sorgfältigst  überwacht.  Mich  aber  erfüllt  es  stets  mit
hoher  Genugtuung,  daß  Ich  Mich  mit  Eurer  Majestät  in  vollkommener
Uebereinstimmung  weiß  über  die  Ziele,  die  zur  Erhaltung  und  Förderung
der  Schlagfertigkeit  des  Heeres  anzustreben  sind.  Eure  Majestät  bitte  Ich,
Ihren  Truppen  und  deren  Führern  von  Meiner  lebhaften  Anerkennung
Kenntnis  geben  zu  wollen.  Zugleich  ist  es  Mir  ein  Bedürfnis,  Eurer
Majestät  auch  bei  dieser  Gelegenheit  Meinen  wärmsten  Dank  für  die  herzliche
  Aufnahme  zu  wiederholen,  die  Mir  in  Eurer  Majestät  Hause  und
Ihrem  Lande  in  so  wohltuender  Weise  bereitet  worden  ist.  Mit  der  Versicherung
  der  vollkommensten  Hochachtung  und  wahren  Freundschaft  verbleibe
  Ich  Eurer  Majestät  freundwilliger  Vetter  und  Bruder

Wilhelm  I.  R.

Merseburg,  den  11.  September  1903.

11.  September.  (Elsaß-Lothringen.)  Das  Gesetzblatt  für
Elsaß-Lothringen  veröffentlicht  den  Erlaß  über  die  Errichtung  der
katholisch-theologischen  Fakultät  in  Straßburg.  (Vgl.  1902  und
1901.)

11./12.  September.  (München.)  Der  Handwerks-  und  Gewerbekammertag
  fordert  obligatorische  Fortbildungsschulen  während
der  Lehrzeit,  Zwangsversicherung  für  Handwerker  und  gesetzliche
Regelung  der  Begriffe  „Handwerk“  und  „Fabrik“.

12.  September.  Der  Kaiser  reist  nach  Ungarn  zur  Jagd  und
nach  Wien.  (Vgl.  Osterreich-Ungarn.)

13./19.  September.  (Dresden.)  Parteitag  der  Sozialdemokratie.
  Zunahme  der  Partei.  Mitarbeit  an  bürgerlichen  Blättern.
Stellung  der  Akademiker.  Vizepräsidium  im  Reichstage.  Revisionismus.


Abg.  Singer  wird  zum  Vorsitzenden  gewählt.  —  Abg.  Gerisch
berichtet  über  die  Parteipresse.  Es  sei  überall  eine  starke  Zunahme  des
Abonnentenstandes  zu  verzeichnen.  So  stieg  die  Abonnentenzahl  des  „Vorwärts“
  auf    78 500,  die  der  „Leipziger  Volkszeitung“  auf  über  30 000,  die
des  „Hamburger  Echo“  auf  37 400.  Die  Zunahme  der  Abonnenten  der
„Pfälzischen  Post“  betrug  seit  Jahresfrist  über  4 000,  die  des  „Sächsischen
Volksblattes“  in  Zwickau  im  letzten  Vierteljahr  2 250,  die  der  „Rheinischen
Zeitung“  in  Köln  über  2 000,  der  „Volksstimme“  in  Frankfurt  a.  M.  über
4 000.  Die  „Bremer  Bürgerzeitung“  gewann  2 700  neue  Abonnenten,
        <pb n="141" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  13./19.)  133

4 500  gewann  die  „Breslauer  Volkswacht“.  Mit  über  2 000  neuen  Abonnenten
  steigerten  die  „Erfurter  Tribüne“  und  die  „Magdeburger  Volksstimme“
  ihren  Abonnentenstand.  Um  3 400  neue  Abonnenten  wuchs  der
„Volksfreund“,  das  Organ  der  ostsächsischen  Wahlkreise,  desgleichen  auch
die  „Münchener  Post“.  Die  in  Hamburg  hergestellte  Unterhaltungsbeilage
„Neue  Welt“  erscheint  in  einer  Auflage  von  278 000  Exemplaren.  Die
Jahresrechnung  des  „Vorwärts“  speziell  bilanziert  mit  788 995    M  auf  der
Einnahmeseite  und  mit  716 656    M  bei  den  Ausgaben,  so  daß  ein  Reingewinn
  von  rund  72 340  M  verbleibt.  Für  Redaktionsgehälter  wurden
im  Berichtsjahre  allein    55 000  M  verausgabt.

Der  Parteivorstand  stellt  folgenden  Antrag:  „1.  Kann  es  mit  den
Interessen  der  Partei  für  vereinbar  erachtet  werden,  daß  Parteigenossen
als  Redakteure  und  Mitarbeiter  an  bürgerlichen  Preßunternehmungen  tätig
sind,  in  denen  an  der  sozialdemokratischen  Partei  gehässige  oder  hämische
Kritik  geübt  wird?  Antwort:  Nein!  2.  Kann  ein  Parteigenosse  Redakteur
oder  Mitarbeiter  eines  bürgerlichen  Blattes  sein,  auf  welches  obige  Voraussetzung
  nicht  zutrifft?  Diese  Frage  ist  zu  bejahen,  soweit  Stellungen
in  Betracht  kommen,  in  denen  der  Parteigenosse  nicht  genötigt  wird,  gegen
die  sozialdemokratische  Partei  zu  schreiben  oder  gegen  dieselbe  gerichtete
Angriffe  aufzunehmen.  Im  Interesse  der  Partei  sowohl  wie  im  Interesse
der  in  solchen  Stellungen  befindlichen  Parteigenossen  liegt  es  jedoch,  daß
den  letzteren  keine  Vertrauensstellungen  übertragen  werden,  weil  solche  sie
früher  oder  später  in  Konflikt  mit  sich  und  der  Partei  bringen  müssen.“

Der  Antrag  ist  hervorgerufen  durch  die  Mitarbeiterschaft  einiger
Sozialdemokraten  wie  Göhre  und  Berthold  an  der  Berliner  Wochenschrift
„Zukunft“.  Da  in  dieser  Zeitschrift  scharfe  Artikel  gegen  die  Sozialdemokratie
  erschienen  waren,  hatten  Fr.  Mehring  und  Kautsky  in  der  „Neuen
Zeit“  gegen  die  Mitarbeit  an  der  „Zukunft“"  protestiert.  Gegen  diese
Artikel  der  „Neuen  Zeit“  richten  Dr.  Braun,  Göhre,  Heine  und  Dr.  Berthold
  eine  Beschwerde  an  den  Parteivorstand,  worauf  dieser  die  obige  Erklärung
  abgibt.  Die  Beschwerdeführer  kritisieren  die  Erklärung  in  einem
Briefe  an  den  Parteivorstand  scharf.

Abg.  Dr.  Braun  wendet  sich  gegen  den  Antrag  und  greift  Mehring
heftig  an,  der  aus  unlauteren  Motiven  die  Frage  der  Mitarbeit  an  bürgerlichen
  Blättern  aufgeworfen  habe.  Kautsky:  Solches  Literatengezänk  sei
eine  Folge  des  Ueberwiegens  der  Akademiker  unter  den  Führern;  man  solle
eine  Karenzzeit  für  Akademiker  einführen.  Abg.  Zubeil:  Es  handle  sich
um  eine  Strömung,  welche  die  Sozialdemokratie  von  ihrem  traditionellen
Boden  abdrängen  und  sie  zu  einer  Reformpartei  umwandeln  will.  Man
müsse  die  jungen  Akademiker  beaufsichtigen  und  sie  nicht  selbständig  für
die  Partei  arbeiten  lassen.  Sonst  könnte  es  passieren,  daß  diese  jungen
Akademiker  Flugblätter  schreiben,  die  ausführen,  daß  der  Herrgott  doch  lebt
und  auch  zum  Wohle  der  Sozialdemokratie  tätig  ist.  Redakteur  Bernhard,
  ein  Mitarbeiter  der  „Zukunft",  verteidigt  seine  schriftstellerische
Tätigkeit  und  greift  Mehring  scharf  an,  der  den  verstorbenen  Abg.  Schönlank
  an  Harden,  den  Herausgeber  der  „Zukunft“,  empfohlen  und  nachher
verraten  habe.  Abg.  Bebel:  Trotz  des  Ekels,  den  eine  solche  Debatte  errege,
  müsse  man  die  schmutzige  Wäsche  weiter  waschen,  anstatt  wie  die
bürgerlichen  Parteien  solche  Dinge  zu  vertuschen.  Es  sei  unmöglich,  daß
ein  Sozialdemokrat  an  der  „Zukunft“  mitarbeite,  weil  diese  die  Partei
gemein  beschimpfe.  Es  sei  bedauerlich,  daß  es  in  der  Partei  Elemente
gäbe,  die  moralisch  so  tief  gesunken  sind,  daß  sie  an  einem  solchen  Organe
bis  in  die  letzten  Tage  hinein  noch  mitarbeiten  und  mit  Maximilian  Harden,
  der  aus  niedriger  Spekulation  ein  Bismarckblatt  begründet  habe,  ge-
        <pb n="142" />
        134  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  13./19.)

wisse  freundschaftliche  Beziehungen  unterhalten.  Die  Angriffe  auf  Mehring
seien  ungerecht;  sein  Verhalten,  das  oft  widerspruchsvoll  erscheine,  erkläre
sich  aus  seinem  Temperament.  Abg.  Göhre  protestiert  scharf  gegen  die
Beleidigungen,  die  Bebel  gegen  die  Mitarbeiter  der  „Zukunft"  ausgesprochen
habe.  Warum  habe  ihn  Bebel  vier  Jahre  an  der  „Zukunft"  mitarbeiten
lassen,  anstatt  ihn  früher  auf  das  Unschickliche  aufmerksam  zu  machen?
Franz  Mehring  verteidigt  sich;  es  seien  alte  längst  widerlegte  Fabeln
gegen  ihn  ausgegraben  worden.  —  Die  Resolution  wird  mit  283  gegen
24  Stimmen  angenommen.

Zur  Vizepräsidentenfrage  beantragt  Abg.  Bebel:  „Der  Parteitag
erwartet,  daß  die  Fraktion  zwar  ihren  Anspruch  geltend  machen  wird  auf
die  Stellung  eines  Vizepräsidenten  und  eines  Schriftführers  im  Reichstag
durch  einen  Kandidaten  aus  ihrer  Mitte,  daß  sie  es  aber  ablehnt,  höfische
oder  sonstige  Verpflichtungen  zu  übernehmen,  die  nicht  durch  die  Reichsverfassung
  oder  durch  die  Geschäftsordnung  vorgeschrieben  sind.“  —  Er
führt  aus:  Der  Ausfall  der  Wahlen  habe  bei  allen  bürgerlichen  Parteien
die  Neigung  zu  reaktionären  Maßregeln  gestärkt.  Daß  das  so  kommen
mußte,  haben  wir  vorausgesehen.  In  dieser  Beziehung  ist  uns  der  Deutsche
Kaiser  mit  seinem  impulsiven  Charakter  von  großer  Bedeutung.  Wir
können  in  seiner  Stellungnahme  immer  merken,  wie  der  Wind  weht.  Und
die  Art,  wie  der  Repräsentant  des  einzigen  protestantischen  Kaisertums
sich  zum  Oberhaupte  der  katholischen  Kirche  und  zu  der  katholischen  Geistlichkeit
  stellte,  hat  uns  gezeigt,  wohin  die  Strömung  geht.  Rückwärts,
rückwärts,  Don  Rodrigo,  immer  rückwärts!  Ich  glaube  aber  nicht  an
ein  Ausnahmegesetz  oder  an  eine  Wahlrechtsänderung.  An  den  entscheidenden
  Stellen  wird  man  sich  fragen,  ob  ein  solcher  Schritt  gegenüber
den  drei  Millionen  Stimmen  ratsam  wäre.  Versuchte  man  es,  dann  hätten
wir  noch  viele  Millionen  hinter  uns,  die  katholischen  Arbeiter,  die  Mehrheit
  der  Nation,  alle  würden  geschlossen  hinter  uns  stehen.  Solle
man  unter  diesen  Umständen  die  Taktik  ändern?  Allerdings,  aber  nicht
in  dem  Sinne,  daß  wir  jetzt  bremsen,  Halt  machen,  sondern  wir  müssen
entsprechend  der  gewachsenen  Zahl  und  Kraft  noch  energischer,  schärfer,
rücksichtsloser  vorgehen  als  bisher.  (Stürmischer  minutenlanger  Beifall.)
Wenn  wir  auch  im  Reichstag  weiter  isoliert  stehen  werden,  so  schließe  das
nicht  aus,  daß  wir  Konzessionen  annehmen.  Wir  haben  über  den  Wert
dieser  Konzessionen  in  der  Fraktion  oft  die  schwersten  Kämpfe.  Da  ist  die
rechte  Seite,  die  für  die  kleinsten  Konzessionen  zu  haben  ist,  während  die
andere  Seite  es  nicht  der  Mühe  wert  hält.  Und  da  sage  ich:  Bei  der
jetzigen  Zusammensetzung  der  Fraktion  werden  die  Kämpfe  sich  noch  vermehren
  und  es  ist  nicht  unmöglich,  daß  die  sogenannte  rechte  Seite  die
Oberhand  erhält.  Da  halte  ich  es  für  nötig,  daß  die  Partei  diese  Situation
kennen  lernt  und  Stellung  nimmt.  Die  Partei  muß  eine  Direktive  geben,
nach  der  marschiert  werden  muß.  (Stürm.  Beifall.)  —  Im  weiteren  greift
er  aufs  schärfste  die  rechte  Seite  der  Partei  an,  die  unter  Führung  der
Abgg.  v.  Vollmar  und  Heine  eine  Annäherung  an  die  bürgerliche  Gesellschaft
  versuchten  und  die  Partei  spalteten.  So  habe  schon  einer  der  Revisionisten,
  die  Notwendigkeit  des  Reichsbudgets  zu  bewilligen,  anerkannt.
Solche  faulen  Elemente  müsse  man  dem  Parteitag  denunzieren,  die  keine
Entscheidung  mögen,  weil  sie  sich  fürchten;  die  immer  sagen:  Es  ist  nicht
wahr,  wir  sind  nicht  gespalten,  wir  sind  ja  ganz  einig,  wir  sind  alle
Brüder,  Leute  mit  denselben  Karten!  Das  sind  die  schlimmsten  Genossen!
Darum  würden  sie  auch  immer  von  den  Gegnern  gelobt.  So  Vollmar
von  den  Nationalsozialen.  München  sei  das  Hauptquartier  des  Revisionismus,
  das  Kapua  der  Sozialdemokratie;  keiner  wandle  ungestraft  unter
        <pb n="143" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  13./19.)  135

Bierkrügen.  Zwar  sei  die  Armee  der  Revisionisten  klein,  aber  weil  dieser
Revisionismus  durch  die  Wahlen  eine  Stärkung  erfahren  hat  und  in  der
Fraktion  zur  Geltung  kommen  will,  weil  das  dann  aufs  neue  unausgesetzte
Kämpfe  und  Reibereien  widerlichster  Art  gibt,  so  verlange  ich:  die  Repräsentation
  des  Volkes  soll  entscheiden.

Abg.  v.  Vollmar:  Bebel  suche  sich  zum  Diktator  der  Partei  aufzuwerfen
  und  jede  freie  Meinungsäußerung  zu  unterdrücken.  Ebenso  wie
er  jetzt  die  Annahme  der  Vizepräsidentschaft  als  elendes  Kompromiß  bekämpft,
  habe  er  früher  die  Beteiligung  an  den  Landtagswahlen  bekämpft.
Es  ist  doch  töricht,  mit  voller  Lungenkraft  immer  wieder  zu  rufen:  Die
Partei  ist  in  Gefahr!  Ich  behaupte,  daß  dieses  Geschrei  niemals  mehr  der
Berechtigung  entbehrt  hat,  als  jetzt,  und  werde  es  beweisen.  Man  spricht
hier  von  der  Volksseele.  Man  stellt  es  so  dar,  als  ob  das  Gefühl  der
Volksmasse  etwas  Untrügliches  ist.  Die  Geschichte  aller  Zeiten  —  auch
die  Parteigeschichte  —  lehrt,  daß  es  immer  vorgekommen  ist,  daß  das
Volksempfinden  sich  getäuscht  hat,  und  auch,  daß  es  getäuscht  werden  kann.
(Beifall  und  Unruhe.)  Bebel  sehe  sein  heftiges  Temperament  als  einen
Freibrief  für  alles  und  jedes  an,  aber  er  habe  durch  sein  Auftreten  in
Bayern  unendlich  geschadet.  In  welchem  Tone  hat  denn  Bebel  gesprochen:
ich  werde  sagen,  ich  werde  nicht  dulden,  ich  werde  den  Kopf  waschen,  ich
werde  abrechnen  u.  s.  w.  Ich,  Ich,  Ich,  immer  Ich  —  ist  das  nicht  die
Sprache  des  Diktators?  Man  lese  die  Geschichte  der  englischen  Revolution.
So  sprach  der  Lordproktektor  Cromwell  zum  Parlament..  Nicht  Bebel,
sondern  Kautsky  ist  in  dieser  Sache  die  Hauptperson.  Er  ist  der  Fanatiker
der  Theorie.  (Großer  Beifall.  Lärm.)  Er  ist  der  Partei  gewordene
deutsche  Professor,  der  lieber  die  Welt  zu  grunde  gehen  läßt,  als  daß  er
von  seinem  schönen  Lehrgebäude  auch  nur  einen  Span  herausnehmen  läßt.
(Beifall  und  großer  Lärm.)  Die  Einheitlichkeit  der  Partei  heißt  bei  ihm
die  Alleinherrschaft  seiner  Ansicht  —  (Tosender  Lärm,  Stadthagen  und
Zubeil  schreien  dem  Redner  gröbliche  Beleidigungen  zu.)  —  Vollmar  nach
einer  Weile:  Genossen,  ich  warte  noch  eine  Weile,  bis  sich  zeigen  wird,  ob
es  noch  ein  klein  wenig  Meinungsfreiheit  hier  gibt.  (Erneuter  Lärm.)
Parteigenossen,  Sie  haben  Bebel  ruhig  angehört  und  da  ist  es  Ihre  Pflicht
und  Schuldigkeit,  auch  mich  anzuhören  (Beifall  und  lärmende  Zurufe),
sonst  setzen  Sie  sich  dem  Verdacht  aus,  Terrorismus  hier  üben  zu  wollen.
(Bebel:  Demagogie!  Demagogiel)  Hierauf  fordert  der  Redner  zur  Einigkeit
  auf,  da  bei  den  bevorstehenden  großen  Aufgaben  keine  Zeit  zu  prinzipiellen
  Streitigkeiten  sei.

Abg.  Meist  verlangt  eine  schärfere  Resolution.  Die  Zweckmäßigkeitspolitik
  und  Rechnungsträgerei  würde  bald  dazu  führen,  daß  man
schließlich  noch  sage:  „Wir  sind  Sr.  Majestät  allergetreueste  Opposition."
Wir  brauchen  und  sollen  uns  nicht  vor  einem  Konflikt  fürchten.  Die
Massen  erwarten,  daß  die  Partei  ihren  revolutionären  Standpunkt  aufrechterhalten
  und  daß  wir  denen,  die  die  Partei  davon  abdrängen  wollen,
den  Stuhl  vor  die  Türe  setzen.  (Stürmischer,  donnernder  Beifall.)  Nach
weiterer  lebhafter  Debatte,  in  der  u.  a.  die  Abgg.  Bernstein  und  Molkenbuhr
  gegen  Bebel  sprechen,  wird  die  Resolution  über  den  Vizepräsidenten
  in  folgender  Fassung  angenommen:  „Der  Parteitag  fordert,  daß
die  Fraktion  zwar  ihren  Anspruch  geltend  macht,  die  Stelle  des  ersten
Vizepräsidenten  und  eines  Schriftführers  im  Reichstag  durch  Kandidaten
aus  ihrer  Mitte  zu  besetzen,  daß  sie  es  aber  ablehnt,  höfische  Verpflichtungen
zu  übernehmen  oder  irgend  welchen  Bedingungen  sich  zu  unterwerfen,  die
nicht  durch  die  Reichsverfassung  geboten  sind.“  Ferner  werden  folgende
Resolutionen  angenommen:  „Der  Parteitag  verurteilt  auf  das  entschiedenste
        <pb n="144" />
        136 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Sept. 14.-21.)

die  revisionistischen  Bestrebungen,  unsere  bisherige  bewährte  und  sieggekrönte,
auf  dem  Klassenkampf  beruhende  Taktik  in  dem  Sinne  zu  ändern,  daß  an
Stelle  der  Eroberung  der  politischen  Macht  durch  Ueberwindung  der  Gegner
  eine  Politik  des  Entgegenkommens  an  die  bestehende  Ordnung  der
Dinge  tritt.  Die  Folge  einer  derartigen  revisionistischen  Taktik  wäre,  daß
aus  einer  Partei,  die  auf  die  möglichst  rasche  Umwandlung  der  bestehenden
bürgerlichen  in  die  sozialistische  Gesellschaftsordnung  hinarbeitet,  also  im
besten  Sinne  des  Wortes  revolutionär  ist,  eine  Partei  wird,  die  sich  mit
der  Reformierung  der  bürgerlichen  Gesellschaft  begnügt.  Daher  ist  der
Parteitag  im  Gegensatz  zu  den  in  der  Partei  vorhandenen  revisionistischen
Bestrebungen  der  Ueberzeugung,  daß  die  Klassengegensätze  sich  nicht  abschwächen,
  sondern  stetig  verschärfen  und  erklärt:  1.  daß  die  Partei  die
Verantwortlichkeit  ablehnt  für  die  auf  der  kapitalistischen  Produktionsweise
beruhenden  politischen  und  wirtschaftlichen  Zustände  und  daß  sie  deshalb
jede  Bewilligung  von  Mitteln  verweigert,  welche  geeignet  sind,  die  herrschende
  Klasse  an  der  Regierung  zu  erhalten;  2.  daß  die  Sozialdemokratie
einen  Anteil  an  der  Regierungsgewalt  innerhalb  der  bürgerlichen  Gesellschaft
  nicht  erstreben  kann.  Der  Parteitag  erwartet,  daß  die  Fraktion  die
größere  Macht,  die  sie  durch  die  vermehrte  Zahl  ihrer  Mitglieder  wie  durch
die  gewaltige  Zunahme  der  hinter  ihr  stehenden  Wählermassen  erlangt,  entsprechend
  den  Grundsätzen  unseres  Programms  dazu  benutzt,  die  Interessen
der  Arbeiterklasse,  die  Erweiterung  und  Sicherung  der  politischen  Freiheit
und  der  gleichen  Rechte  für  alle  aufs  kraftvollste  und  nachdrücklichste  wahrzunehmen
  und  den  Kampf  wider  Militarismus  und  Marinismus,  wider
Kolonial-  und  Weltmachtpolitik,  wider  Unrecht,  Unterdrückung  und  Ausbeutung
  in  jeglicher  Gestalt  noch  energischer  zu  führen,  als  es  ihr  bisher
möglich  gewesen  ist  und  für  den  Ausbau  der  Sozialgesetzgebung  und  die
Erfüllung  der  politischen  und  kulturellen  Aufgaben  der  Arbeiterklasse  energisch
zu  wirken.“

Für  die  Resolutionen,  die  mit  großer  Mehrheit  angenommen  werden,
stimmen  mehrere  Revisionisten  wie  Vollmar  und  Heine,  weil  sie  ihre  Anschauungen
  durch  sie  nicht  für  getroffen  erachten.  —  Die  Verhandlungen
waren  durchweg  stürmisch;  die  Redner  wurden  andauernd  von  heftigen
Zwischenreden  unterbrochen  und  die  verschiedenen  Gruppen  schleuderten  sich
die  schärfsten  persönlichen  Beleidigungen  zu.  —  Eine  Konferenz  der
preußischen  Delegierten  beschließt,  bei  den  Landtagswahlen  ohne  Rücksicht
auf  die  Liberalen  selbständig  vorzugehen.

14./16.  September.  (Hamburg.)  Tagung  des  Vereins  für
Sozialpolitik.  Referate:  E.  Francke,  Die  Lage  der  in  der  Seeschiffahrt
  beschäftigten  Arbeiter.  Sombart,  Hecht,  Jastrow:  Die
wirtschaftliche  Krisis  seit  1900.

18.  September.  (Kiel.)  Stapellauf  des  Linienschiffes  „Hessen“.
Der  Großherzog  von  Hessen  vollzieht  die  Taufe.

21.  September.  (Danzig.)  Der  Kaiser  nimmt  an  der  Enthüllung
  eines  Kaiser  Wilhelm-Denkmals  teil.  Einer  Abordnung
der  Staatswerkstättenarbeiter  erwidert  er  auf  ihre  Huldigung:

Ich  danke  Ihnen  für  die  Worte,  die  Sie  an  Mich  im  Namen  der
Arbeiter  ausgesprochen  haben  und  bitte  Sie,  diesen  Meinen  Dank  den  Arbeitern
  der  Werkstätten  zu  überbringen.  Es  ist  Mir  eine  Freude,  gerade
am  heutigen  Tage  Sie  zu  sehen,  am  Tage  der  Enthüllung  des  Denkmals
        <pb n="145" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  24.—29.)  137

des  großen  Kaisers,  an  dessen  Taten  einzelne  von  Ihnen  mitgetan.  Dieser
große  Kaiser  hat  dem  deutschen  Volke  die  jahrhundertelang  ersehnte  Einheit
  gebracht.  Erst  durch  den  Aufbau  des  einigen  Deutschen  Reiches  ist
es  möglich  gewesen,  daß  die  gewaltige  Entwicklung  im  Handel  und  Industrie
  so  viele  kräftige  Fäuste  deutscher  Arbeiter  hat  beschäftigen  können.
Ich  sollte  daher  meinen,  daß  im  Hinblick  auf  die  ehrwürdige  Gestalt  des
ersten  Deutschen  Kaisers  die  deutsche  Arbeiterschaft  Freude  und  Genugtuung
  empfinden  möchte  für  die  Erstehung  eines  so  ungeheuren  Feldes  der
Tätigkeit,  auf  dem  sie  ihre  Tätigkeit  entwickeln  kann.  Und  Ich  sollte
meinen,  daß  auch  sie  das  höchste  Interesse  daran  hat,  dieses  Deutsche  Reich
ungeschmälert  und  ungestört  zu  erhalten,  und  im  Innern  wie  nach  außen
festgefügt  zusammenzuhalten.  Denn  nur  in  einem  solchen  wird  die  deutsche
Arbeiterschaft  Lohn,  Lebensunterhalt  und  Zufriedenheit  haben,  und  mit
Vertrauen  in  die  Zukunft  blicken  können.  Ein  großer  Teil  der  deutschen
Arbeiter  geht  durch  die  Reihen  der  Armee  und  lernt  dort  die  Schulung
und  Disziplin.  Die  Schulung  gibt  ihnen  die  Möglichkeit,  auf  den  feindlichen
  Gebieten  Siege  über  Siege  zu  erringen.  Ueberall  weiß  man,  was
deutsche  Arbeit  bedeutet;  überall  wird  sie  geschätzt  und  anerkannt.  Das
ist  nur  möglich  durch  die  große  Erfahrung  und  den  hohen  Stand  der
Bildung  der  deutschen  Arbeiterschaft.  Ich  hoffe  nach  wie  vor,  daß  die
Gesinnungen,  denen  Sie  heute  Ausdruck  gegeben  haben  im  Namen  Meiner
Arbeiter  der  k.  und  k.  Werkstätten  auch  in  den  Herzen  der  übrigen  Arbeiter
  schlagen,  und  daß  nach  wie  vor  Sie  sich  immer  bewußt  sind,  daß
Sie  zunächst  Deutsche  sind,  und  daß  Sie  die  Arbeit  des  Deutschtums  im
Frieden  nach  außen  zu  Ehren  zu  bringen  haben,  wie  Sie  auch  im  Kriege
nicht  zögern  werden,  zur  alten  bekannten  Waffe  zu  greifen,  wenn  es  gilt,
das  Vaterland  zu  verteidigen.  Solange  solche  Empfindungen  maßgebend
sind,  so  lange,  davon  bin  Ich  fest  überzeugt,  wird  das  Vaterland  sich
weiter  entwickeln  zum  Segen  und  zur  Freude  seiner  Arbeit.  Ich  danke  Ihnen.

24.  September.  (Mülheim  a.  d.  Ruhr.)  Auf  dem  christlich-sozialen
  Parteitag  spricht  sich  Abg.  Stöcker  optimistisch  über
die  Fortschritte  des  christlich-sozialen  Gedankens  aus.

26.  September.  (Hannover.)  Delegiertentag  der  nationalliberalen
  Partei  Preußens.

Er  betont  die  Notwendigkeit  des  Kampfes  gegen  das  Zentrum  und
die  mit  ihnen  verbündeten  Konservativen,  um  nicht  die  Schule  unter  kirchliche
  Herrschaft  fallen  zu  lassen.  —  Ein  Vorschlag  des  Berliner  jungliberalen
  Vereins,  bei  den  Landtagswahlen  eventuell  mit  den  Sozialdemokraten
  zusammenzugehen,  wird  abgelehnt,  die  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie,
  als  einer  in  Wahrheit  rückschrittlichen  Partei,  vielmehr  als  Pflicht
hingestellt.

Ende  September.  Anläßlich  mehrerer  Prozesse  wegen  Soldatenmißhandlungen
  wird  in  der  Presse  erörtert,  ob  die  bestehenden
Gesetze  zur  Ausrottung  der  Mißstände  ausreichten.

28./29.  September.  (Ulm.)  Die  Generalversammlung  des
Evangelischen  Bundes  spricht  sich  gegen  die  Aufhebung  des  §  2
des  Jesuitengesetzes  aus.

29.  September.  (Bayern.)  Der  Landtag  tritt  zusammen.
Finanzminister  Frhr.  v.  Riedel  legt  das  Budget  vor.
        <pb n="146" />
        138  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (September  29.)

Der  Minister  sagt  in  seiner  Rede:

Die  Befriedigung,  mit  der  ich  in  früheren  Budgetreden  die  jeweiligen
  Rechnungsergebnisse  verkündigen  konnte,  ist  diesmal  eine  etwas  geminderte;
  die  Rechnungsnachweisungen  lassen  zwar  für  das  Jahr  1900
noch  einen  stattlichen  Aktivrest,  nämlich  von    17 831 749  M  ersehen,  dagegen
hat  das  Jahr  1901  mit  einem  Passivrest  von  3 372 999  M  abgeschlossen
und  es  liegt  daher  eine  Schwankung  von  mehr  als  21  Millionen  Mark
innerhalb  ein  und  derselben  Finanzperiode  vor.  Immerhin  hat  diese  an
sich  wenig  erfreuliche  Wendung  der  Dinge,  wie  alles  in  der  Welt,  auch
ihr  Gutes;  sie  ist  vielleicht  geeignet,  einzelne  Finanzpolitiker  von  ihrer
irrtümlichen  Meinung  über  unsere  sogenannte  „Ueberschußwirtschaft“  zu
heilen,  und  liefert  jedenfalls  den  handgreiflichen  Beweis,  wie  berechtigt  die
in  den  letzten  Jahrzehnten  bei  der  Aufstellung  des  Budgets  im  allgemeinen
geübte  Vorsicht  gewesen  und  wie  notwendig  es  ist,  mit  der  Uebernahme






nicht  absolut  dringender  Ausgaben  auf  die  Staatskasse  bis
die  Deckungsmittel  vorhanden  oder  doch  hinreichend  sind.
Es  ist  zugleich  eine  Selbstanklage,  die  ich  mir  nicht schenken  will,  wenn

ich  beifüge,  daß  wir  in  letzterer  Hinsicht  unter  dem  Eindrucke  des  so  lange
anhaltenden  Steigens  der  Staatseinnahmen  allmählich,  wenigstens  einigermaßen,
  weicher  und  nachgiebiger  geworden  sind;  allein  die  Erkenntnis  der
schwankenden  Grundlagen  eines  großen  Teiles  unserer  Staatseinnahmen
und  der  Tatsache,  daß  wir  nicht  reich  genug  sind,  um  die  sich  fort  und
fort  mehrenden  Ansprüche  an  die  Staatskasse  alle  zu  berücksichtigen,  sowie
die  Erinnerung  daran,  daß  Regierung  und  Volksvertretung  die  heilige
Pflicht  haben,  sich  stets  die  Interessen  der  Gesamtheit  und  die  Zukunft  des
Staates  vor  Augen  zu  halten,  wird  die  Rückkehr  zu  einer  etwas  strengeren
Beurteilung  mancher  Anforderungen  erleichtern  und  weiteren  Kreisen  begreiflich
  erscheinen  lassen.  Da  dem  hohen  Hause  ohnehin  eine  genaue
Detailnachweisung  des  Ergebnisses  der  25.  Finanzperiode  1900/1901  zugeht,
  so  will  ich  Sie  heute  nicht  mit  einer  Darstellung  der  Einzelresultate
ermüden;  es  wird  jedoch  von  Interesse  sein,  zu  vernehmen,  daß  der  ungünstige
  Abschluß  des  Jahres  1901  hauptsächlich  dadurch  herbeigeführt
wurde,  daß  das  Mindererträgnis  der  Eisenbahnen  in  diesem  Jahre  rund
684 000    M.,  dann  die  Mehrausgabe  bei  den  Pensionen  u.  s.  w.  rund
2  Millionen  bezifferte,  daß  jedoch  das  hierdurch  veranlaßte  Defizit  durch
erhöhte  Erträgnisse  bei  fast  sämtlichen  Einnahme--Etats  und  durch  Ersparungen
  bei  den  Staatsausgaben  auf  die  Summe  von  3 372 000  M
herabgemindert  wurde.  Von  den  Einnahme-Etats  haben  im  Jahre  1901
namentlich  folgende  mit  Mehrerträgnissen  abgeschlossen:  die  direkten  Steuern
mit  1 728 000  M,  die  Zölle  und  indirekten  Steuern  mit  638 000  M,  die
Aerarialrente  der  Bank  mit  533 000  M,  der  Etat  der  Forst-,  Jagd-  und
Triftverwaltung  mit  3 664 000    M,  der  Zinsen  und  Renten  mit  714 000  M.
und  der  Leistungen  der  pfälzischen  Eisenbahnen  mit  435 000  M  —  Es
verbleibt  hiernach  für  die  ganze  Finanzperiode  1900/1901  ein  Aktivrest  von
  14 458 749  M  71  Pf.  Ueber  einen  Teil  dieses  Ueberschusses  ist  bereits
durch  die  Bestimmungen  in  §§  7  und  17  des  Finanzgesetzes  vom  10.  Aug.
1902  und  durch  die  Beschlüsse  zu  dem  Etat  der  Einnahmen  an  Ueberweisungen
  seitens  des  Reichs  für  die  26.  Finanzperiode  Verfügung  getroffen;
  bezüglich  des  Restes  enthält  der  Finanzgesetz-Entwurf  die  entsprechenden
  Vorschläge.  Indem  ich  nun  zur  Besprechung  des  Budgets  für
die  27.  Finanzperiode  1904  und  1905  übergehe,  schicke  ich  voraus,  daß  die
bezüglich  der  Gestaltung  desselben  anfänglich  gehegten  Befürchtungen  glücklicherweise
  übertrieben  waren;  wir  stehen  noch  lange  nicht  vor  dem  Bankerotte,
  wie  einige  Tagesblätter  vielleicht  mir  zu  Ehren  zu  schreiben  die
        <pb n="147" />
        Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (September 29.) 139

Güte  hatten.  Zwar  kann  ich  unsere  Finanzlage  auch  heute  noch  nicht  für
ganz  gesund  erklären,  allein  der  Patient  befindet  sich  bereits  auf  dem  Wege
der  Besserung,  und  wenn  er  die  richtige  Diät  beobachtet  und  einige  stärkende
Mittel  empfängt,  und  wenn  es  gelingt,  ihn  vor  empfindlichen  Luftströmungen
  zu  schützen,  deren  Abwendung  leider  nicht  ganz  in  unserer  Macht
liegt,  dann  wird  die  völlige  Genesung  nicht  lange  auf  sich  warten  lassen.
Die  Strömungen,  die  ich  im  Auge  habe,  bestehen  namentlich  in  einer  zu
starken  oder  zu  raschen  Vermehrung  unserer  Staatsschulden,  sowie  in  einer
etwaigen  Mehrbelastung  durch  finanzielle  Leistungen  an  das  Reich.  Das
Emporschnellen  des  diesmaligen  Staatsschuldetats  mit  einem  jährlichen
Mehrbedarf  von  6½  Millionen  hat  die  Bilanzierung  des  Budgets  außerordentlich
  erschwert.  Gleichwohl  wird  die  kgl.  Staatsregierung,  von  der
Ansicht  ausgehend,  daß  die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  Landes  auch  in
minder  günstigen  Zeiten  gefördert  werden  solle,  dem  Landtage  den  zugesagten,
  insbesondere  für  das  platte  Land  wichtigen  Entwurf  eines  Lokalbahngesetzes
  in  Vorlage  bringen;  nur  möchte  ich  heute  schon  bitten,  sich
bezüglich  des  Umfanges  und  Tempos  der  Eisenbahnbauten  einige  Reserve
aufzuerlegen,  denn  wir  sind  bedauerlicherweise  genötigt,  noch  einige  weitere
nicht  unbeträchtliche  Kreditforderungen  für  weniger  oder  gar  nicht  produktive
  Zwecke  einzubringen.

Nachdem  der  Minister  die  Notwendigkeit,  das  Reich  finanziell  auf
eigne  Füße  zu  stellen,  betont  hat,  fährt  er  fort.  Das  Budget  der  27.  Finanzperiode
  schließt  in  Einnahme  und  Ausgabe  mit  einem  Betrag  von
473 050 948    M.  ab,  d.  i.  gegenüber  dem  Budget  der  26.  Finanzperiode
mit  einem  Mehr  von      18 146 257  M,  und  gegenüber  dem  ersten  Budget
(1878/79),  das  ich  zu  vertreten  hatte,  mit  einem  Plus  von    251 417 600  M
Der  Mehrbetrag  der  Ausgaben,  wovon      10 716 127 M  auf  Betriebs-  und
Verwaltungsausgaben  und  7 430 040  M  auf  den  eigentlichen  Staatsaufwand
  treffen,  wäre  jedenfalls  beträchtlich  höher,  wenn  sich  die  Ministerien
nicht  ernstlich  bemüht  hätten,  möglichste  Sparsamkeit  walten  zu  lassen,  was
allerdings  nicht  selten  eingehende  und  langwierige  Verhandlungen  erforderte.
Zu  dem  immerhin  noch  recht  erheblichen  Mehrbedarfe  für  die  Staatsaufwandausgaben
  tritt  noch  abgleicherschwerend  der  Umstand  hiezu,  daß  der
Etat  der  Zölle  und  indirekten  Steuern  infolge  des  Rückganges  des  Malzaufschlags
  mit  einem  Minderreinerträgnis  von  rund  1½  Millionen  abschließt,
  wofür  Ersatz  zu  schaffen  ist.  Ungeachtet  dieser  Schwierigkeiten  kann
die  Abgleichung  des  Budgets,  und  zwar  auf  vollkommen  einwandfreier
Grundlage,  ohne  Erhöhung  der  direkten  Steuern  stattfinden,  soferne  der
Landtag  geneigt  ist,  dem  Gesetzentwurfe  bezüglich  des  Gebührenwesens  und
der  Erbschaftssteuer,  den  ich  soeben  eingebracht  habe,  seine  Zustimmung  zu
erteilen.  Derselbe  schlägt  unter  Vorbehalt  einiger  Ausnahmen  vor,  für
die  Dauer  der  27.  Finanzperiode,  sonach  in  provisorischer  Weise,  die  nach
dem  Gesetze  über  das  Gebührenwesen  vom  11.  November  1899  anfallenden
Gebühren  und  die  nach  dem  Gesetze  über  die  Erbschaftssteuer  vom  gleichen
Tage  sich  ergebenden  Erbschaftssteuern  um  je  zehn  vom  Hundert  zu  erhöhen.
Da  eine  derartige  Erhöhung  namentlich  im  Hinblick  auf  die  vielen  in  den
letzten  Jahren  eingetretenen  Gebührenerleichterungen  nicht  wohl  als  drückend
zu  erachten  ist  und  sich  überdies  in  einfachster  Weise  vollziehen  läßt,  so
kann  ich  die  Annahme  des  Entwurfes  nur  dringend  befürworten.  Hierdurch
  würde  ein  Einnahmezufluß  von  ca.  2½  Millionen  und  zugleich  die
Möglichkeit  geschaffen,  den  Etat  der  Erbschaftssteuern,  Gebühren  und
Stempelabgaben  unter  Berücksichtigung  des  Durchschnittsanfalles  der  letzten
Jahre  mit  einem  Gesamtmehrerträgnisse  von      3 154 360  M  abzuschließen.
Die  Mehrerträgnisse  der  übrigen  Einnahmeetats  und  die  Speisung  des
        <pb n="148" />
        140  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  30.  Okt.  1.)

Etats  der  Uebertragungen  mit    1 444 147  M  liefern  alsdann  die  Mittel,
um  das  Gleichgewicht  zwischen  Ausgaben  und  Einnahmen  herzustellen  und
überdies  den  Etat  der  Allgemeinen  Reserve  mit    455 891  M  auszustatten.

30.  September.  (Warnemünde.)  Eine  Dampffährenverbindung
  zwischen  Warnemünde  und  Gjedser  wird  in  Gegenwart
des  Großherzogs  von  Mecklenburg-Schwerin  und  des  preußischen
Ministers  der  öffentlichen  Arbeiten  Budde  eröffnet.

Ende  September.  Anfang  Oktober.  Konservative  Opposition

gegen  Bülow.

Blätter  der  Linken,  u.  a.  „National-Zeitung“,  behaupten,  daß  konservative
  Kreise  darauf  ausgingen,  den  Grafen  Bülow  zu  stürzen.  Die
„Kreuz-Zeitung“  gibt  zu,  daß  „allerdings  agrarische  Kreise  und  leider  auch
vereinzelte  Konservative“  solche  tadelnswerte  Bestrebungen  hätten,  leugnet
aber,  daß  sie  der  konservativen  Partei  in  der  Gesamtheit  zur  Last  zu  legen
seien.  Die  konservative  Opposition,  zu  der  auch  Freikonservative  gehören,
verlangt  nach  der  „National-Zeitung“  vor  allem  Maßregeln  gegen  die
Sozialdemokratie.

1.  Oktober.  (Berlin.)  Die  „Zeit“,  nationalsoziale  Wochenschrift,
  geht  ein  infolge  der  Auflösung  des  nationalsozialen  Vereins.
  (Vgl.  1901.)

Anfang  Oktober.  (Schlesien.)  Die  Polen  in  Oberschlesien
gehen  bei  den  Landtagswahlen  ohne  Rücksicht  auf  das  Zentrum
vor.  „Germania“  und  „Kölnische  Volkszeitung“  tadeln  scharf  diese
Kriegserklärung  gegen  das  Zentrum,  lehnen  aber  die  Änderung
ihrer  bisherigen  Polenpolitik  ab.

September.  Oktober.  Die  Presse  über  den  sozialdemokratischen
Parteitag.

Der  Streit  zwischen  den  beiden  Richtungen  wird  in  der  Presse  und
in  Versammlungen  noch  wochenlang  unter  den  schärfsten  gegenseitigen  Beschuldigungen
  fortgesetzt.  —  Mehring  verteidigt  sich  in  einer  Broschüre,
Maximilian  Harden  in  der  „Zukunft“  gegen  die  Angriffe;  er  wirft  namentlich
  den  Revisionisten  vor,  ihn  gegen  die  Anschuldigungen,  deren  Grundlosigkeit
  ihnen  bekannt  gewesen  sei,  nicht  in  Schutz  genommen  zu  haben.
Abg.  Göhre  legt  sein  Reichstagsmandat  nieder.

Die  sozialdemokratische  Presse  beklagt  im  allgemeinen,  daß  der
Parteitag  wegen  persönlichen  Gezänks  unfruchtbar  verlaufen  sei,  und  daß
eine  Freude  über  den  letzten  Wahlsieg  nicht  aufgekommen  sei.

Die  bürgerliche  Presse  sieht  im  allgemeinen  Bebel  als  den  Sieger
und  die  Revisionisten  als  die  Besiegten  an;  die  Blätter,  die  ein  gesetzgeberisches
  Vorgehen  gegen  die  Sozialdemokraten  empfehlen,  behaupten,
die  Mauserungstheorie  habe  Fiasko  gemacht  und  der  revolutionäre  Charakter
  des  Klassenkampfes  sei  bestätigt.  Manche  Blätter  wie  „Kölnische
Volkszeitung“  erwarten,  daß  die  Debatten  in  der  Sozialdemokratie  künftig
noch  schärfer  sein  würden,  denn  es  sei  unmöglich,  daß  die  beschimpften
Revisionisten  Bebel  die  Beleidigungen  vergessen  könnten.  Die  „Tägliche
Rundschau“  hofft,  daß  die  Verhöhnung  der  Akademiker  unzufriedenen  Elementen
  in  studentischen  Kreisen  eine  Warnung  sein  werde,  sich  der  Sozial-
        <pb n="149" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  3.—6.)  141

demokratie  anzuschließen.  Die  „Preußischen  Jahrbücher“  (Bd.  114)  sehen
nicht  in  Bebel  sondern  in  den  Revisionisten  die  Sieger.  Bebel  habe  in
der  Fraktion  bereits  die  Herrschaft  verloren  und  deshalb  die  Streitfrage
vor  den  Parteitag  gebracht,  den  er  mit  seiner  Leidenschaft  fortzureißen
hoffte.  Er  habe  aber  nicht  gewagt,  einen  Antrag  einzubringen,  dem  die
Revisionisten  nicht  zustimmen  konnten;  somit  seien  sie  in  ihren  Bestrebungen
ungehindert.

3.  Oktober.  (Bayern.)  Dem  Landtage  geht  ein  Entwurf
zur  Änderung  des  Wahlgesetzes  zu.

Der  Entwurf  führt  das  direkte  Wahlrecht  ein,  die  relative  Mehrheitswahl
  (mit  der  Einschränkung,  daß  der  Gewählte  ein  Drittel  der  abgegebenen
  Stimmen  auf  sich  vereinigen  muß;  andernfalls  findet  eine  Nachwahl
  ohne  dies  Erfordernis  statt),  den  einjährigen  Besitz  der  Staatsangehörigkeit
  als  Bedingung  der  aktiven  und  passiven  Wahlfähigkeit,  und
ebenso  die  einjährige  Entrichtung  einer  direkten  Staatssteuer.  Weiter  wird
an  der  Leistung  des  Verfassungseides  als  Bedingung  für  das  aktive  Wahlrecht
  festgehalten.  Das  aktive  Wahlrecht  beginnt  mit  dem  25.  Lebensjahre,
das  passive  mit  dem  30.  Die  Abgeordnetenzahl  wird  auf  163  erhöht  (bisher
  159);  auf  38 000  Einwohner  kommt  ein  Abgeordneter  (bisher  31 500).
Die  Mandate  werden  auf  die  Landesteile  folgendermaßen  verteilt:  Es
haben  Abgeordnete  nach
geltendem  Rechte  dem  Entwurf

Oberbayern

Niederbayern  20  18
Pfalz  20  22
Oberpfalz  16  15
Oberfranken  18  16
Mittelfranken  19  21
Unterfranken  19  18
Schwaben  19    19



159  163

4.  Oktober.  (Hamburg.)  Der  Parteitag  der  deutsch-sozialen
Reformpartei  fordert  nach  Vorträgen  der  Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg
  und  Raab  den  Schutz  des  Reichstagswahlrechts  und  den  Ausbau
  des  Koalitionsrechts  und  der  Versicherungsgesetze.

Anfang  Oktober.  Der  Norddeutsche  Lloyd  und  die  Hamburg-Amerika-Linie
  kündigen  das  Abkommen  über  die  überfahrtspreise
der  den  Ozean  befahrenden  Linien.

5./6.  Oktober.  (Bayerische  Abgeordnetenkammer.)  Interpellationen
  und  Debatte  über  die  Verstaatlichung  der  pfälzischen

Bahnen.

Abg.  Hammerschmidt  (lib.)  bringt  folgende  Interpellation  ein:
Aus  welchen  Gründen  hat  die  kgl.  Staatsregierung  von  der  für  den  Ablauf
  der  Zinsgarantiezeit  in  Aussicht  gestellten  Verstaatlichung  der  Pfälzischen
  Bahnen  abgesehen?  Hat  die  kgl.  Staatsregierung  nun  trotzdem
die  Absicht,  für  den  weiteren  Ausbau  des  pfälzischen  Bahnnetzes  Sorge  zu
tragen  und  in  welcher  Weise  soll  dies  geschehen?  Ist  die  Verstaatlichung
überhaupt  noch  beabsichtigt  und  innerhalb  welcher  Zeit?  Die  Begründung
        <pb n="150" />
        142  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  10.  11.)

ist  folgende:  Durch  die  Tagesblätter  ist  bekannt  geworden,  daß  die  kgl.
Staatsregierung,  entgegen  ihrer  in  der  letzten  Session  geäußerten  Absicht,
von  ihrem  Rechte,  bei  dem  Ablaufe  der  Zinsgarantiezeit  die  Pfälzischen
Bahnen  zu  übernehmen,  vorerst  keinen  Gebrauch  machen  will.  Bei  der
großen  wirtschaftlichen,  finanziellen  und  schließlich  auch  politischen  Bedeutung,
  welche  diese  Frage  für  das  ganze  Königreich  und  insbesondere
für  die  Pfalz  hat,  sowie  angesichts  des  berechtigten  Verlangens  der  Verwaltung
  und  vor  allem  auch  des  Personals  der  Pfälzischen  Eisenbahnen,
über  die  dadurch  geschaffene  Lage  rückhaltlose  Aufklärung  zu  erhalten,
scheint  es  dringend  nötig,  die  Anschauung  und  die  Pläne  der  kgl.  Staatsregierung
  schon  jetzt  kennen  zu  lernen.

Abg.  Reeb  (Z.)  stellt  folgende  Interpellation:  Welche  Stellung  nimmt
die  kgl.  Staatsregierung  zur  Frage  der  Verstaatlichung  der  Pfälzischen  Eisenbahnen
  und  insbesondere  des  Ausbaues  des  pfälzischen  Eisenbahnnetzes  ein?
Hierzu  ist  folgende  Begründung  aufgestellt:  Am  31.  Dezember  1904  erlischt
  mit  der  Fusion  der  drei  pfälzischen  Eisenbahngesellschaften  die  Zinsgarantie
  des  bayerischen  Staates.  Der  kgl.  Staatsregierung  ist  das  Recht
eingeräumt,  vom  1.  Januar  1905  ab  die  Pfälzischen  Eisenbahnen  zu  erwerben.
  Wenn  die  kgl.  Staatsregierung  von  diesem  Rechte  Gebrauch  machen
will,  muß  sie  bis  längstens  1.  Januar  1904  ihren  Entschluß  der  pfälzischen
Eisenbahnverwaltung  kundgeben.  Da  dieser  Termin  nahe  bevorsteht  und
die  Angelegenheit  von  großer  Bedeutung  ist,  so  glauben  die  unterzeichneten
Abgeordneten,  die  obige  Frage  an  die  kgl.  Staatsregierung  richten  zu  sollen.

Ministerpräsident  Frhr.  v.  Podewils:  Die  Regierung  halte  es  für
nötig,  die  Verstaatlichung  noch  hinauszuschieben.  Die  sofortige  Verstaatlichung
  sei  einerseits  nicht  notwendig,  denn  die  Pfalz  leide  bei  der  guten
Verwaltung  der  Bahnen  durch  die  Gesellschaften  keinen  Schaden,  andererseits
  sei  es  bedenklich,  dem  Staatshaushalt  jetzt  ein  neues  Risiko  aufzubürden.
  Dazu  kommt,  daß  in  Zukunft  möglicherweise  die  Uebernahmebedingungen
  sich  für  den  Staat  günstiger  gestalten  könnten.  Der  Kaufpreis
sei  245,5  Millionen  Mark,  der  Reingewinn  habe  im  Jahre  1902  im  ganzen
11  Millionen  und  nach  Abzug  der  Amortisationskosten  nur  9  Millionen
Mark  betragen.  Dieses  Bild  verändere  sich  jedoch  zu  Ungunsten  des  Staates,
da  dieser  für  Personal,  Pensionen,  Bahnhofsbauten  und  anderes  viel  mehr
anwenden  müsse  als  die  Privatbahngesellschaften.  Die  Ausgaben  würden
somit  viel  größer  werden.  Dabei  sei  es  zweifelhaft,  ob  die  Einnahmen
auf  der  bisherigen  Höhe  bleiben  würden.

10.  Oktober.  (Berlin.)  Der  Parteitag  der  Freisinnigen  Vereinigung
  beschließt,  den  Parteigenossen  im  Lande  anheimzugeben,
ob  sie  unter  Berücksichtigung  der  lokalen  Verhältnisse  bei  der  Landtagswahl
  mit  den  Sozialdemokraten  gemeinsam  vorgehen  wollen.

11.  Oktober.  (Posen.)  Enthüllung  eines  Bismarckdenkmals.

An  der  Feier  nehmen  teil  Fürst  Herbert  Bismarck,  die  städtischen
und  Provinzialbehörden,  Minister  des  Innern  Frhr.  v.  Hammerstein,
Finanzminister  Frhr.  v.  Rheinbaben,  Tausende  von  Vereinsvertretern
und  anderen  Gästen.  Frhr.  v.  Hammerstein  und  Frhr.  v.  Rheinbaben
feiern  das  Denkmal  als  Wahrzeichen  deutscher  Gesinnung  und  ermahnen
die  Deutschen  der  Ostmark,  auf  dem  bisherigen  Wege  zu  verharren.

11.  Oktober.  (Nürnberg.)  Der  bayerische  Städtetag  fordert
Reform  der  Staats-  und  Kommunalsteuern,  so  daß  die  Realsteuern
den  Gemeinden  zufallen,  ferner  intensivere  Besteuerung  des  Bau-
        <pb n="151" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  11.—15./Nov.  4.)  143

geländes  und  Aufhebung  des  §  13  des  Zolltarifgesetzes.  (Vergl.
S.  129.)

11.  Oktober.  (Elsaß-Lothringen.)  Es  wird  eine  liberale
Landespartei  begründet,  die  u.  a.  völlige  Gleichstellung  Elsaß-Lothringens
  mit  den  Bundesstaaten  verlangt.

12.  Oktober.  (Bayerische  Abgeordnetenkammer.)  Die
Wahlrechtsvorlage  wird  nach  kurzer  Beratung  an  eine  Kommission
verwiesen.  Sie  findet  im  allgemeinen  Zustimmung,  nur  wird  die
Altersgrenze  für  das  passive  Wahlrecht  auf  25  Jahre  und  eine
andere  Wahlkreiseinteilung  verlangt.

15.  Oktober  bis  4.  November.  (Berlin.)  Tagung  der  fünften
preußischen  Generalsynode.  —  Erhöhung  des  Witwen-  und  Waisenfonds.
  Besetzung  der  theologischen  Professuren.  Proselytenfrage.
Feuerbestattung.  Jesuitenfrage,  Toleranzantrag.

Die  Synode  zählt  198  Mitglieder,  von  denen  52  der  konfessionellen
Rechten,  89  der  sogenannten  Positiven  Union  und  55  den  Mittelparteien
angehören.  Die  kirchliche  Linke  im  engeren  Sinn  ist  auf  der  Generalsynode
  nur  durch  ein  Mitglied  aus  Schlesien  vertreten,  das  sich  gastweise
der  Mittelpartei  angeschlossen  hat.  Mehr  als  die  Hälfte  der  Synode  besteht
  aus  geistlichen  Würdenträgern,  darunter  neben  10  Generalsuperintendenten
  und  9  Professoren  der  Theologie  69  Superintendenten.  Die  Minderheit
  setzt  sich  größtenteils  aus  hohen  Staatsbeamten  zusammen.  Nicht  im
Staatsdienst  stehend  sind  11  Mitglieder,  darunter  zwei  Bürgermeister  und
ein  Kaufmann.  —  Präsident  ist  Graf  Zieten-Schwerin.

Bei  der  Eröffnung  wird  folgender  königlicher  Erlaß,  der  die  Bereitstellung
  von  Staatsmitteln  zur  Aufhebung  der  gesetzlichen  Pfarrbeiträge
an  den  Pfarr-Witwen-  und  Waisenfonds  und  zur  Erhöhung  der  Dienstaufwandsentschädigung
  der  Generalsuperintendenten  verfügt,  veröffentlicht:

Um  den  evangelischen  Landeskirchen  Meiner  Monarchie  einen  neuen
Beweis  Meiner  Fürsorge  zu  geben,  bestimme  Ich  hierdurch,  daß  in  den
Entwurf  des  nächstjährigen  Staatshaushalts  behufs  Aufhebung  der  gesetzlichen
  Pfarrbeiträge  an  den  Pfarr-Witwen-  und  Waisenfonds  eine  an  diesen
zu  zahlende  Staatsrente  von  jährlich  850 000  Mark,  sowie  ferner  die  erforderlichen
  Mittel  zur  Erhöhung  der  Dienstaufwandsentschädigung  der
Generalsuperintendenten  auf  den  durchschnittlichen  Jahresbetrag  von  2000
Mark  eingestellt  werden.

Hubertusstock,  den  12.  Oktober  1903.

gez.  Wilhelm  R.
ggez.  Graf  v.  Bülow.  Studt.  Frhr.  v.  Rheinbaben.

Einer  der  wichtigsten  Beratungsgegenstände  betrifft  das  Interesse
der  Kirche  an  der  Besetzung  der  theologischen  Professuren.  Darüber  teilt
der  Oberkirchenrat  der  Synode  mit  (15.  Okt.),  daß  die  über  diese  Frage
von  dem  evangelischen  Oberkirchenrat  im  Jahre  1900  verfaßte  Denkschrift
von  dem  Generalsynodal-Vorstand  einer  eingehenden  Beratung  unterzogen
worden  ist.  Das  Ergebnis  war,  daß  das  Kollegium  einstimmig  dem  Vorschlage
  zustimmte,  mit  dem  Minister  der  geistlichen  Angelegenheiten  darüber
  ins  Benehmen  zu  treten,  ob  es  sich  zur  Gewinnung  auch  im  praktischen
  Kirchendienst  erfahrener  theologischer  Lehrkräfte  nicht  empfehle,  ge-
        <pb n="152" />
        144  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  15.  /Nov.  4.)

eigneten  jüngeren  Geistlichen  Gelegenheit  zu  geben,  während  einiger  Jahre
ihre  Begabung  für  das  Lehramt  zu  erproben  und,  falls  sie  nicht  definitiv
dafür  berufen  werden,  in  den  Kirchendienst  zurückzukehren.  Ebenso  einmütig
  stimmte  das  Kollegium  der  Ansicht  zu,  daß  eine  weitere  Aufnahme
der  von  der  1.,  2.  und  3.  Generalsynode  gegebenen  Anregungen  wegen
wirksamerer  Geltendmachung  des  kirchlichen  Interesses  an  der  Besetzung
der  theologischen  Professuren  nicht  in  Aussicht  zu  nehmen  sei.  Der  evangelische
  Oberkirchenrat  ist  hierauf  mit  dem  Minister  in  Verbindung  getreten
und  hat  sich  bereit  erklärt,  falls  dieser  geneigt  sein  würde,  einigen  jüngeren
Geistlichen,  die  ihre  Befähigung  durch  das  Lizentiatenexamen  und  literarische
  Leistungen  nachgewiesen  haben,  die  Habilitation  in  einer  theologischen
Fakultät  zu  erlangen,  für  zwei  bis  drei  Jahre  bescheidenen  Unterhalt  behufs
  ihrer  Erprobung  im  akademischen  Lehramt  zuzusichern,  ihnen,  falls
sie  in  den  Kirchendienst  zurückzukehren  wünschen,  zur  Anstellung  im  geistlichen
  Amt  behilflich  zu  sein,  auch  die  Zeit,  welche  sie  als  Universitätslehrer
  zugebracht,  auf  ihr  kirchliches  Dienstalter  anzurechnen.  Der  Minister
hat  darauf  geantwortet,  daß  er  gern  bereit  sei,  der  Frage  der  probeweisen
  Heranziehung  jüngerer  wissenschaftlich  tüchtiger  Geistlichen  zum  akademischen
  Lehramt  näher  zu  treten  und  hat  eine  nähere  Erörterung  der
Angelegenheit  im  Wege  der  kommissarischen  Beratung  vorgeschlagen.  Diese
hat  stattgefunden  und  zu  einer  Verständigung  über  den  einzuschlagenden
Weg  geführt.  Eine  abschließende  Vereinbarung  ist  noch  nicht  erfolgt.

Am  17.  Oktober  beschließt  die  Synode,  daß  die  landeskirchlichen
Pastoren  über  jede  von  ihnen  vollzogene  Proselytentaufe  an  das  Provinzialkonsistorium
  berichten  und  zugleich  angeben  müssen,  in  welcher  Weise  die
Vorbereitungen  zur  Taufe  stattgefunden  haben.

Am  19.  Oktober  berät  die  Synode  die  Anträge  einer  Provinzialsynode
  über  die  Besetzung  der  theologischen  Professuren.  Berichterstatter
Professor  Haupt:  Sämtliche  Anträge  forderten  größere  Bürgschaften  für
die  Kirchlichkeit  der  neu  zu  berufenden  Professoren.  Theologie  und  christlicher
  Gemeinglauben  könnten  unter  Umständen  in  eine  Art  von  Spannung
geraten.  Diese  werde  besonders  groß  sein  in  Zeiten  großer  geistiger  Revolution.
  In  einer  solchen  Zeit  leben  wir,  da  so  viele  neue  Erkenntnisse
auf  dem  Gebiete  der  Naturwissenschaft  und  Geschichte  sich  durchdringen,
da  sich  eine  ganz  neue,  die  sogenannte  moderne  Weltanschauung  herausbildet
  mit  dem  Anspruch,  daß  sie  allein  die  richtigen  Schlüsse  aus  diesen
Erkenntnissen  ziehe,  die  durchaus  im  Widerspruch  stehen  zu  dem  christlichen
Glauben.  Dadurch  sei  der  Theologie  eine  sehr  schwere  Aufgabe  erwachsen,
und  es  sei  nicht  zu  verwundern,  daß  sie  in  diesem  Kampf  der  Geister
manchmal  scheinbar  oder  wirklich  in  Widerspruch  trete  zu  dem  Inhalt  des
christlichen  Glaubens.  Es  sei  ein  großes  Unrecht,  zu  glauben,  daß  Männer
der  Wissenschaft,  die  solchen  Widerspruch  erheben,  dies  in  dem  Bewußtsein
tun,  daß  sie  den  Christen  die  Augen  öffnen  wollen.  Ebenso  falsch  würde
es  sein,  zu  glauben,  daß  solche  Männer  aus  ihrem  eigenen  Gewissen  heraus
sich  zwingen  lassen  müßten,  aus  ihrem  theologischen  Lehramt  auszuscheiden,
denn  sie  seien  sich  durchaus  nicht  bewußt,  Zerstörer  des  christlichen  Glaubens
  zu  sein.  Darum  fordere  er  in  Rücksicht  auf  die  Erklärung  des  Oberkirchenrats
  Uebergang  zur  Tagesordnung  über  die  Anträge.  —  Entgegen
seinem  Vorschlage  werden  die  Anträge  an  eine  Kommission  verwiesen.

Am  27.  Oktober  faßt  die  Synode  folgenden  Beschluß  über  die  Be-Bekämpfung
  der  Prostitution:  Die  Generalsynode  ist  durch  die  Wahrnehmung,
  daß  die  Sünde  der  Unzucht  in  Stadt  und  Land  weiter  um  sich
greift,  aufs  schmerzlichste  bewegt.  Sie  ist  durchdrungen  von  der  Ueberzeugung,
  daß  der  Verfall  unseres  Volkslebens  unaufhaltsam  ist,  wenn
        <pb n="153" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  15.  /  Nov.  4.)  145

diesem  furchtbaren  Schaden  kein  fester  Damm  entgegengesetzt  wird,  und
daß  hierzu  vor  allem  in  der  öffentlichen  Meinung,  die  nicht  bloß  eine
sträfliche  und  verführerische  Gleichgültigkeit  gegen  die  Fleischessünden  aufweist,
  sondern  diese  sogar  entschuldigt,  ja  zu  rechtfertigen  sucht,  eine  entschiedene
  Umkehr  zu  heiliger  Scheu  vor  dem  göttlichen  Gebote  stattfinden
muß,  welches  den  Männern  ebenso  wie  den  Frauen  jedes  Standes  einen
reinen  Wandel  zur  Pflicht  macht.  —  Die  Generalsynode  spricht  allen,  die
an  der  Hebung  des  religiös-sittlichen  Volksbewußtseins  und  an  der  Bekämpfung
  der  Leib  und  Seele  verderbenden  Erscheinungen  der  Prostitution,
der  geheim  und  öffentlich  betriebenen  Verbreitung  anstößiger  Literatur
sowie  des  Unwesens  auf  dem  Gebiete  öffentlicher  Schaustellungen  arbeiten,
ihren  wärmsten  Dank  aus.  Die  Generalsynode  vertraut,  daß  es  der  kgl.
Staatsregierung  trotz  der  vorliegenden  Schwierigkeiten  in  immer  höherem
Maße  gelingen  werde,  die  gegen  die  Unzucht  gerichteten  gesetzlichen  und
sonstigen  Bestimmungen  nachdrücklich  zur  Geltung  zu  bringen,  und  daß
sie  auch  nötigenfalls  zu  neuen  Maßnahmen  schreiten  werde,  um  das  schamlos
ans  Licht  tretende  Laster  wirksam  zu  bekämpfen.  —  Die  Generalsynode
ersucht  den  evangelischen  Oberkirchenrat,  auch  fernerhin  geeignete  Maßregeln
  dafür  zu  treffen,  daß  alle  Diener  der  Kirche  und  der  Schule,  alle
kirchlichen  Gemeinde-Organe,  alle  Eltern,  Erzieher  und  Pfleger  der  Jugend
gegenüber  jeder  Form  der  Unzucht  zu  erneutem  Ernst  der  Wachsamkeit,
des  Zeugnisses  und  des  Vorbildes  aufgerufen  werden.

Am  28.  Oktober  nimmt  die  Synode  folgendermaßen  Stellung  zum
„Deutschen  Evangelischen  Kirchenausschuß":  1.  Die  Generalsynode  dankt
dem  Evangelischen  Oberkirchenrat,  daß  er  in  Verfolg  ihres  Antrags  vom
3.  Dezember  1891  den  föderativen  Zusammenschluß  der  deutschen  evangelischen
  Landeskirchen  verständnisvoll  im  Auge  behalten  und  erfolgreich  zum
Zustandekommen  des  Deutschen  Evangelischen  Kirchenausschusses  mitgewirkt
hat.  2.  Die  Generalsynode  erkennt  an,  daß  die  in  dem  Statut  vom  13.  Juni
1903  dem  Deutschen  Evangelischen  Kirchenausschuß  zugewiesenen  Aufgaben
im  Grundsatz  richtig  bestimmt  und  nach  dem  Maße  des  gegenwärtig  Erreichbaren
  den  nächstliegenden  Bedürfnissen  entsprechend  abgegeben  sind.
Sie  wiederholt  insbesondere  ihr  Einverständnis  damit,  daß  auf  den  Bekenntnisstand
  und  die  Verfassung  der  einzelnen  Landeskirchen  die  Tätigkeit
  des  Ausschusses  sich  nicht  erstreckt,  und  daß  ebenso  die  kirchenregimentlichen
  Rechte  der  Landesherrn  unberührt  bleiben.  3.  Dagegen  spricht  die
Generalsynode  auch  jetzt  ihre  Ueberzeugung  dahin  aus,  daß  eine  wahrhaft
evangelisch  volkstümliche  Wirksamkeit  dieses  Ausschusses  nur  von  der  nachfolgend
  hinzutretenden  Beteiligung  synodaler  Elemente  erwartet  werden
kann.  Sie  vertraut,  daß  der  Evangelische  Oberkirchenrat  auch  diese  Erweiterung
  fortgesetzt  im  Auge  behalten  werde.

Am  30.  Oktober  beantragt  die  Kommission  folgenden  Beschluß  über
die  Professorenfrage:  Generalsynode  bekennt  sich  einmütig  zu  der  Offenbarung
  Gottes  in  Christo  Jesu,  dem  Gekreuzigten  und  Auferstandenen,
als  dem  Lebensgrunde  der  Kirche.  Sie  erkennt  die  für  die  Theologie  der
Gegenwart  vorhandenen  Schwierigkeiten  in  der  Behauptung  und  Verteidigung
  des  biblischen  Christentums  an  und  hält  die  Freiheit  der  Forschung
  für  eine  unerläßliche  Bedingung  zu  ihrer  Ueberwindung.  Sie  spricht
allen  Theologen,  die  durch  ihre  Arbeit  den  evangelischen  Glauben  bekräftigen
  und  verteidigen  helfen,  ihren  Dank  aus.  Aber  sie  erklärt,  daß  die
Kirche  es  nicht  ertragen  kann,  daß  der  Grundsatz  der  Gleichberechtigung
der  Richtungen  auf  den  Gegensatz  der  naturalistischen  und  der  christlichen
Weltanschauung  ausgedehnt  wird.  Indem  sie  die  vorgekommenen  Aergernisse
  beklagt,  welche  die  gläubige  Gemeinde  verwirren,  gibt  sie  der  Gewiß-Europäischer

  Geschichtskalender.  XLIV.  10
        <pb n="154" />
        146  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  15./Nov.  4.)

heit  Ausdruck,  daß  auch  die  gegenwärtigen  Kämpfe  innerhalb  der  theologischen
  Wissenschaft  schließlich  zur  neuen  Begründung  und  Vertiefung  der
unveränderlichen  Wahrheit  des  Evangeliums  führen  werden.  Sie  ersucht
die  Staatsregierung,  Theologen  nicht  zu  berufen,  welche  die  Heilstaten
Gottes  und  den  Offenbarungscharakter  der  heiligen  Schrift  als  das  Fundament
  der  Kirche  und  der  Heilsgewißheit  nicht  anerkennen.  Sie  erklärt
es  im  Interesse  der  Kirche  wie  der  Theologie  für  notwendig,  daß  es  in
keiner  theologischen  Fakultät,  besonders  für  die  Hauptfächer,  an  Professoren
fehle,  die  fest  im  Glauben  der  Kirche  stehen.  Sie  erkennt  es  dankbar  an,
daß  der  evangelische  Oberkirchenrat  zugesagt  hat,  in  Gemeinschaft  mit  dem
Herrn  Kultusminister  geeignete  Geistliche  bei  dem  Ergreifen  des  akademischen
  Berufes  wirksam  zu  fördern,  und  hält  es  für  erwünscht,  wenn  akademische
  Lehrer  zuvor  in  einem  Pfarramt  der  Kirche  gedient  haben.  An
dem  Wunsche  einer  Mitwirkung  des  Generalsynodalvorstandes  bei  der  Begutachtung
  der  zu  berufenden  Dozenten  hält  die  Generalsynode  fest.

Dazu  beantragt  Frhr.  v.  Manteuffel  (konfessionelle  Gruppe):
„Generalsynode  bekennt  sich  einmütig  zu  Christo  Jesu,  dem  eingeborenen
Sohne  Gottes,  dem  für  uns  Gekreuzigten  und  Auferstandenen,  dem  einigen
Mittler  unseres  Heils.  Sie  vertraut,  daß  zu  Professoren  der  Theologie
nur  Männer  ernannt  werden,  welche  in  diesem  Glauben  und  Bekenntnis
des  Sohnes  Gottes  stehen."

Professor  Kawerau  gibt  folgende  Erklärung  im  Namen  mehrerer
Mitglieder  ab:  „Die  unterzeichneten  Mitglieder  erklären,  daß  sie  den  Kommissionsantrag
  aus  folgenden  Gründen  ablehnen:  1.  Sie  wissen  sich  zwar
in  Uebereinstimmung  mit  den  prinzipiellen  Erklärungen  des  Antrages  über
die  religiösen  Voraussetzungen  für  einen  gesegneten  Betrieb  der  Theologie
zum  Besten  der  evangelischen  Kirche.  Aber  sie  müssen  befürchten,  daß  der
Antrag  nach  seiner  Gesamttendenz  und  nach  der  Ausdeutung,  die  er  in
der  Oeffentlichkeit  finden  würde,  als  eine  kirchliche  Zensurierung  einzelner
zum  Gesamtleben  der  Theologie  gehöriger  theologischer  Richtungen  aufgestellt
  werden  würde.  2.  Der  Antrag  beklagt  zwar  nicht  ohne  Grund  die
Beunruhigung  der  Gemeinden  durch  Aeußerungen  theologischer  Professoren,
verschweigt  aber  daneben  die  Verwirrung,  die  durch  übereilte  und  unberechtigte
  Verdächtigung  ernster  theologischer  Arbeit  von  seiten  der  kirchlichen
Presse  fortgesetzt  angerichtet  wird.  3.  Die  praktischen  Forderungen  des
Antrages  sind  für  uns  unannehmbar,  denn  sie  erwecken  den  Anschein,  als
ob  die  Staatsregierung  bei  Besetzung  der  theologischen  Professuren  ihre
Pflicht  der  Kirche  gegenüber  bisher  versäumt  habe.  Durch  die  Forderung
einer  Mitwirkung  des  Generalsynodalvorstandes  wird  nicht  nur  die  bisher
ausgeübte  Tätigkeit  des  evangelischen  Oberkirchenrats  diskreditiert,  sondern
auch  die  ebenbürtige  Stellung  der  Theologieprofessoren  im  Gesamtkörper
der  Universitäten  gefährdet.  Ueber  die  auch  uns  erwünschte  Bereitstellung
von  Mitteln,  um  das  Betreten  des  akademischen  Berufes  zu  erleichtern,
erachten  wir  eine  von  der  uns  heute  beschäftigenden  Materie  getrennte
Behandlung  für  angemessen.“

Hofprediger  a.  D.  Stöcker:  Der  protestantischen  Theologie  solle  die
freie  Forschung  nicht  eingeschränkt  werden.  Aber  die  Kirche  stehe  vor  der
Frage:  Christentum  oder  Entwickelung?  Der  Standpunkt,  der  die  Naturgesetze
  als  allgemein  geltend  auch  in  der  Geisteswelt  hinstellt,  ist  Rationalismus.
  Die  Kirche  und  ihre  Lehre  können  sich  nur  auf  den  Boden  der
Offenbarung,  des  persönlichen  Gottes  stellen.  Die  unverrückbare  Grundlage
  auch  für  den  Lehrer  muß  sein  die  Doppelstellung  von  Sünde  und
Gnade  in  der  Auffassung  des  menschlichen  Lebens.  Sonst  haben  wir  keine
Theologie,  sondern  Sprachkunde,  oder  Geschichtskunde,  oder  Philosophie.
        <pb n="155" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  15.  /Nov.  4.)  147

Wir  rechnen  nicht  mit  den  Professoren,  welche  die  Berührungspunkte  mit
anderen  Wissenschaften  suchen,  sondern  mit  jenen,  die  sich  auf  die  andere
Seite  stellen.  Wir  wollen  die  Probleme  anerkennen,  aber  dazu  braucht
man  nicht  diese  radikalen  Geister  zu  Professoren  zu  machen.  Wenn  aus
der  Heiligen  Schrift  jedes  Wunder  genommen  wird,  dann  ist  es  keine
Heilige  Schrift  mehr.  Professor  Kahl:  Die  einzige  Schranke  für  die
evangelische  Wissenschaft  sei  die  Wahrheit;  keine  Universität  könne  Lehrer
mit  gebundener  Marschroute  ertragen.  Reibungen  zwischen  Kirche  und
Theologie  seien  eben  unvermeidlich.

Am  31.  Oktober  stellen  Graf  Hohenthal  und  Genossen  folgenden
Antrag:  „Generalsynode  wolle  beschließen:  Für  den  Fall  der  Annahme
des  Antrages  v.  Manteuffel  diesem  folgende  Zusätze  zu  geben:  Denn  sie  ist
davon  überzeugt,  daß  die  für  die  Theologie  der  Gegenwart  bestehenden
Schwierigkeiten  in  der  Behauptung  und  Verteidigung  des  biblischen  Christentums
  nur  überwunden  werden  können,  wenn  die  Freiheit  der  wissenschaftlichen
  Forschung  mit  der  Gebundenheit  an  die  Tatsachen  des  Heils  in
Einklang  steht.  Sie  spricht  allen  Theologen,  die  durch  ihre  Arbeit  den
evangelischen  Glauben  bekräftigen  und  verteidigen  helfen,  ihren  Dank  aus.
Aber  sie  erklärt,  daß  die  Kirche  es  nicht  ertragen  kann,  wenn  der  Grundsatz
  der  Gleichberechtigung  der  Richtungen  sogar  auf  den  Gegensatz  der
naturalistischen  und  der  christlichen  Weltanschauung  ausgedehnt  wird.  Indem
  sie  die  vorgekommenen  Aergernisse  beklagt,  welche  die  gläubige  Gemeinde
  verwirren,  gibt  sie  der  Gewißheit  Ausdruck,  daß  auch  die  gegenwärtigen
  Kämpfe  innerhalb  der  theologischen  Wissenschaft  schließlich  zur
neuen  Begründung  und  Vertiefung  der  unveränderlichen  Wahrheit  des
Evangeliums  führen  werden.  Sie  erkennt  es  dankbar  an,  daß  der  Evangelische
  Oberkirchenrat  zugesagt  hat,  in  Gemeinschaft  mit  dem  Herrn  Kultusminister
  geeignete  Geistliche  bei  dem  Eingreifen  des  akademischen  Berufes
wirksam  zu  fördern,  und  hält  es  für  erwünscht,  wenn  akademische  Lehrer
zuvor  in  einem  Pfarramt  der  Kirche  gedient  haben.  An  dem  Wunsche
einer  Mitwirkung  des  Generalsynodal-Vorstandes  bei  der  Begutachtung  der
zu  berufenden  Dozenten  hält  die  Generalsynode  fest.“

Kgl.  Kommissar  Propst  v.  d.  Goltz:  Die  theologische  Wissenschaft  hat
einen  göttlichen  Beruf,  den  sie  nur  auf  dem  Wege  der  Freiheit  erfüllen
kann.  Das  ist  ja  auch  von  allen  Seiten  hier  anerkannt  worden,  aber  es
ist  vielleicht  nicht  allen  Herren  klar  genug,  daß  das  Eingreifen  einer  Instanz,
  die  Gewalt  hat,  in  dieses  Gebiet  der  Freiheit,  des  Forschens,  des
Lehrens  doch  den  Charakter  der  Freiheit  beeinträchtigen  muß,  und  daß  es
deshalb  eine  Sache  der  Vorsicht,  des  Taktes  ist,  daß  auch  nicht  der  Schein
entsteht,  als  ob  irgendwelche  Beschränkung  beabsichtigt  sei.  Der  Oberkirchenrat
  ist  stets  mit  großer  Zurückhaltung  an  alles  herangetreten,  was
etwa  die  heutige  ebenbürtige  Stellung  der  Theologie  im  Organismus  der
Universitäten  verletzen  und  schädigen  könnte.  Es  ist  hier  auch  von  denen,
die  ein  mehreres  im  Interesse  der  Kirche  tun  wollen,  gesagt,  sie  denken
nicht  daran,  die  Erziehung  der  jungen  Theologen  den  Universitäten  zu
nehmen,  aber  die  Absicht  tut  es  nicht  allein.  Man  darf  auch  nicht  Schritte
unternehmen,  die  in  ihrer  Konsequenz  schließlich  dazu  führen,  daß  die  Erziehung
  in  die  Bahn  der  Seminarien  hineingeleitet  wird.  Nach  meiner
Ueberzeugung  wird  das  eintreten,  wenn  auch  auf  Umwegen,  sobald  eine
missio  canonica  in  unseren  Protestantismus  hineingetragen  wird.  Das
Ende  würde  sein,  daß  der  Staat  nicht  mehr  gegenüber  den  Forderungen,
die  gestellt  werden,  den  theologischen  Fakultäten  den  ebenbürtigen  Platz
neben  den  anderen  Fakultäten  lassen  kann  (Sehr  richtig!),  und  ebenso  ist
für  die  Kirche  die  notwendige  Konsequenz,  nicht  gleich,  aber  nach  einem

10*
        <pb n="156" />
        148  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  15./Nov.  4.)

Menschenalter,  daß  sie  gezwungen  wird,  die  wissenschaftliche  Ausbildung
in  Seminarien  durchzuführen,  wodurch  manches  bequemer  und  leichter  erreicht
  wird,  aber  der  lebendige  Zusammenhang  der  geistigen  Arbeit  der
Nation  verloren  geht  und  damit  der  Zusammenhang  mit  dem  Volkstum.
Hier  heißt  es:  principüs  obsta!  (Sehr  richtig!)  Die  Arbeit  der  Theologie
  —  Luther  ist  dafür  ein  Beispiel  —  muß  kritisch  sein.  Zwei  Aufgaben
  hatte  die  Reformation,  die  sich  dahin  zusammenfassen  lassen:  Zurück
zum  Urchristentum!  und:  Hinein  in  die  Tiefe!  Und  so  steht  es  auch  heute
noch.  Wenn  einmal  die  Zeit  kommt,  wo  die  Wissenschaft  nicht  den  Mut
oder  die  Freiheit  hat,  die  ihr  von  Gott  gestellte  Aufgabe  mannhaft  auszuführen,
  so  wäre  das  ein  großes  Unglück!  —  Der  Redner  stellt  folgenden
Antrag:  „Mit  Befriedigung  hat  die  Generalsynode  aus  der  Mitteilung  des
Evangelischen  Oberkirchenrats  vom  8.  Oktober  dieses  Jahres  ersehen,  daß
derselbe  das  hohe  Interesse  der  Kirche  an  der  Besetzung  der  theologischen
Professuren  würdigt,  über  geeignete  Wege  zur  Wahrung  dieses  Interesses
mit  dem  Generalsynodal-Vorstand  in  Beratung  getreten  ist,  auch  in  Gemeinschaft
  mit  ihm  und  in  der  Richtung  der  Kommissionsanträge  bei  der
vierten  ordentlichen  Generalsynode  einen  Versuch  angeregt  hat,  wissenschaftlich
  tüchtigen  Geistlichen  die  Erprobung  im  akademischen  Lehramt  zu  erleichtern.
  Gegenüber  der  vorhandenen  Sorge,  daß  der  für  die  Kirche
unentbehrliche  innere  Zusammenhang  der  zu  freier  Arbeit  berufenen  theologischen
  Wissenschaft  mit  dem  auf  Gottes  Wort  gegründeten  Glauben  der
Kirche  gefährdet  sei,  bekennt  die  Generalsynode  sich  einmütig  zu  Christo
Jesu,  dem  eingeborenen  Sohn  Gottes,  dem  für  uns  Gekreuzigten  und
Auferstandenen,  dem  einigen  Mittler  unseres  Heils.  Sie  vertraut,  daß  zu
Professoren  der  Theologie  nur  Männer  ernannt  werden,  welche  in  dem
Glauben  und  Bekenntnis  des  Sohnes  Gottes  stehen.“

Nach  weiterer  Debatte  wird  folgende  Kombination  der  Anträge
v.  Manteuffel,  v.  Goltz  und  Hohenthal  angenommen  mit  127  gegen  57
Stimmen.  „Mit  Befriedigung  hat  die  Generalsynode  aus  der  Mitteilung
des  Evangelischen  Oberkirchenrats  vom  8.  Oktober  d.  J.  ersehen,  daß  derselbe
  das  hohe  Interesse  der  Kirche  an  der  Besetzung  der  theologischen
Professuren  würdigt,  über  geeignete  Wege  zur  Wahrung  dieses  Interesses
mit  dem  Generalsynndal-Vorstand  in  Beratung  getreten  ist,  auch  in  Gemeinschaft
  mit  ihm  und  in  der  Richtung  der  Kommissionsanträge  bei  der
vierten  ordentlichen  Generalsynode  einen  Versuch  angeregt  hat,  wissenschaftlich
  tüchtigen  Geistlichen  die  Erprobung  im  akademischen  Lehramt  zu  erleichtern.
  Im  Hinblick  auf  die  von  mehreren  Provinzialsynoden  zum  Ausdruck
  gebrachten  Sorgen  bekennt  sich  Generalsynode  einmütig  zu  Christo
Jesu,  dem  eingeborenen  Sohn  Gottes,  dem  für  uns  Gekreuzigten  und
Auferstandenen,  dem  einigen  Mittler  unseres  Heils.  Sie  gibt  sich  der
Hoffnung  hin,  daß  zu  Professoren  der  Theologie  nur  Männer  ernannt
werden,  welche  in  diesem  Glauben  und  Bekenntnis  des  Sohnes  Gottes
stehen.  Generalsynode  ist  überzeugt,  daß  die  für  die  Theologie  der  Gegenwart
  bestehenden  Schwierigkeiten  in  der  Behauptung  und  Verteidigung
des  biblischen  Christentums  nur  überwunden  werden  können,  wenn  die
Freiheit  der  wissenschaftlichen  Forschung  mit  der  Gebundenheit  an  die  Tatsachen
  des  Heils  in  Einklang  steht.  Sie  spricht  allen  Theologen,  die  durch
ihre  Arbeit  den  evangelischen  Glauben  bekräftigen  und  verteidigen  helfen,
ihren  Dank  aus.  Aber  sie  erklärt,  daß  die  Kirche  es  nicht  ertragen  kann,
wenn  der  Grundsatz  der  Gleichberechtigung  der  Richtungen  sogar  auf  den
Gegensatz  der  naturalistischen  und  der  christlichen  Weltanschauung  ausgedehnt
  wird.  Indem  sie  die  vorgekommenen  Aergernisse  beklagt,  welche
die  gläubige  Gemeinde  verwirren,  gibt  sie  der  Gewißheit  Ausdruck,  daß
        <pb n="157" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  16.  17.)  149

auch  die  gegenwärtigen  Kämpfe  innerhalb  der  theologischen  Wissenschaft
schließlich  zur  neuen  Begründung  und  Vertiefung  der  unveränderlichen
Wahrheit  des  Evangeliums  führen  werden.  An  dem  Wunsche  einer  Mitwirkung
  des  Generalsynodal--Vorstandes  bei  der  Begutachtung  der  zu  berufenden
  Dozenten  hält  die  Generalsynode  unter  Bezugnahme  auf  die
Kommissionsbeschlüsse  der  vierten  ordentlichen  Generalsynode  fest.“

Hierauf  wird  ein  Antrag,  daß  es  dem  Geistlichen  gestattet  sein  soll,
im  Falle  einer  Feuerbestattung  bei  der  häuslichen  Trauerfeierlichkeit
im  Amtskleide  zu  erscheinen  und  seines  Amtes  zu  walten,  abgelehnt.

Am  3.  November  spricht  sich  die  Synode  einstimmig  gegen  die  Aufhebung
  des  §  2  des  Jesuitengesetzes  sowie  gegen  jede  Abschwächung  des
Gesetzes  aus.

Am  4.  November  wird  einstimmig  folgender  Antrag  zum  Toleranzantrag
  (1901,  1902)  angenommen:  „Die  Generalsynode  wolle  beschließen,
im  Hinblick  auf  den  vom  Reichstage  beratenen  Entwurf  eines  Gesetzes
betr.  die  Freiheit  der  Religionsübung,  den  Evangelischen  Oberkirchenrat
zu  ersuchen:  in  Zukunft,  wenn  nötig,  aus  dringenden  kirchlichen  Interessen
und  im  Sinne  des  Beschlusses  der  deutschen  evangelischen  Kirchenkonferenz
von  1902  dafür  einzutreten,  daß  reichsgesetzlich  nicht  so,  wie  es  durch  jenen
Gesetzentwurf  versucht  ist,  in  das  Kirchenstaatsrecht  der  Einzelstaaten  eingegriffen
  wird,  und  insbesondere  dafür,  daß  die  für  die  religiöse  Erziehung
der  Kinder  in  Mischehen  im  Bereiche  der  Generalsynode  bestehenden  durchaus
  bewährten  gesetzlichen  Bestimmungen  nicht  geändert  werden,  wie  solches
in  den  §§  2  und  folgenden  jenes  Gesetzentwurfs  beabsichtigt  wird.“

16.  Oktober.  Die  Bayerische  Abgeordnetenkammer  verweist
  nach  zweitägiger  gereizter  Debatte  einen  sozialdemokratischen
Antrag  auf  Verkürzung  der  Arbeitszeit  in  staatlichen  Betrieben  an
den  wirtschaftlichen  Ausschuß.

17.  Oktober.  (Potsdam.)  Die  Söhne  des  Kaisers  Prinz
August  Wilhelm  und  Prinz  Oskar  werden  konfirmiert.

Der  Kaiser  hält  bei  der  Abendtafel  folgende  Ansprache  an  sie:

Meine  lieben  Söhne!  In  dem  Augenblick,  wo  wir  im  Begriffe
sind,  die  Gläser  auf  euer  Wohl  zu  leeren  und  unsere  Glückwünsche  euch
auszusprechen,  daß  ihr  unter  uns  eingetreten  seid  als  tatenfrohe  Menschen
in  die  Gemeinde  des  Herrn,  um  darin  zu  arbeiten,  möchte  Ich  als  euer
Vater  auch  ein  Wort  euch  mit  auf  den  Weg  geben.  Der  heutige  Tag  ist
für  euch  in  geistiger  Beziehung  gleichzustellen  dem  Tage,  an  dem  der  Offizier,
  der  Soldat  seinen  Fahneneid  ableistet.  Ihr  habt  als  Prinzen  des
königlichen  Hauses  schon  im  10.  Jahre  das  Recht,  Uniform  zu  tragen.
Damit  möchte  ich  eure  Taufe  vergleichen.  Ihr  seid  vorgemerkt  als  Streiter
Christi.  Mit  dem  heutigen  Tage  seid  ihr  sozusagen  im  Glauben  mündig
geworden.  Die  Wehr  und  Waffen  und  das  Rüstzeug,  dessen  ihr  euch  bedienen
  sollt,  sind  euch  von  kundiger  Hand  gelehrt  und  bereit  gelegt
worden.  Ihre  Anwendung  in  allen  Lebenslagen  wird  nun  an  euch  liegen,
auch  darin  werdet  ihr  noch  zum  Teil  unterwiesen  werden  können,  aber
schließlich  muß  ein  jeder  lernen,  die  Waffen,  auch  die  geistigen,  selbst  zu
führen,  die  ihm  anvertraut  worden  sind.  Ich  spreche  mit  Absicht  im  militärischen
  Sinne,  weil  ich  annehme,  daß  auch  ihr  das  schöne  Gleichnis  kennt,
in  welchem  der  Christ  mit  dem  Krieger  verglichen  wird  und  in  dem  die
Waffen  aufgeführt  werden,  die  ihm  der  Herr  zur  Verfügung  gestellt  hat.
Ihr  werdet  gewiß  die  Gelegenheit  haben,  in  späterer  Zeit  diese  oder  jene
        <pb n="158" />
        150  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  17.)

von  den  Waffen  anzuwenden,  und  ihre  werdet  gewiß  das,  was  ihr  heute
so  schön  in  eurem  Gelübde  versprochen  habt,  auch  betätigen.  In  sehr  richtiger
  Weise  hat  in  der  herrlichen  Ansprache,  die  euer  geistiger  Lehrer  heute
an  euch  gerichtet  hat,  derselbe  einen  Begriff  hervorgehoben  für  das,  was
von  euch  verlangt  wird,  nämlich,  daß  ihr  Persönlichkeiten  werden  sollt.
Es  ist  das  derjenige  Punkt,  auf  den  nach  meiner  Ansicht  es  für  den
Christen  im  täglichen  Leben  am  meisten  ankommt.  Denn  darüber  kann
wohl  kein  Zweifel  sein,  daß  wir  von  der  Person  des  Herrn  getrost  sagen
können:  Er  ist  die  persönlichste  Persönlichkeit  gewesen,  die  je  auf  der  Erde
unter  den  Menschenkindern  gewandelt  ist.  Ihr  habt  in  eurem  Unterrichte
—  und  werdet  es  noch  in  Zukunft  —  von  vielen  großen  Menschen  gelesen
und  gehört,  von  Weisen,  Staatsmännern,  Königen  und  Fürsten  und  auch
von  Dichtern.  Ihr  habt  von  manchem  Worte  und  Ausspruche  gelesen  und
sie  haben  euch  erhoben,  ja  sogar  begeistert.  Gewiß,  welcher  deutsche  Jüngling
  sollte  sich  nicht  erhoben  fühlen  und  fortgerissen  werden  von  den  begeisterten
  Liedern,  zum  Beispiel  denen  unseres  Körner,  aber  trotz  allem,
es  sind  Menschenworte  und  keinem  einzigen  Worte  unseres  Herrn  gleich.
Und  das  sei  euch  gesagt,  damit  ihr  auch  in  der  Lage  seid,  es  zu  vertreten,
wenn  ihr  einst  im  Strudel  des  Lebens  steht  und  einen  Meinungsaustausch
hört,  vor  allem  über  die  Person  unseres  Heilands:  Es  hat  niemals  eines
Menschen  Wort  fertig  gebracht:  Leute  aller  Rassen  und  Leute  aller  Völker
gleichmäßig  zu  denselben  Zielen  zu  begeistern  und  danach  zu  trachten,  ihm
gleich  zu  sein  und  sogar  ihr  Leben  für  ihn  zu  lassen.  Und  das  Wunder
ist  nur  dadurch  zu  erklären,  daß  die  Worte,  die  er  gesprochen  hat,  Worte
des  lebendigen  Gottes  sind,  welche  Leben  erwecken  und  lebendig  bleiben
noch  nach  Tausenden  von  Jahren,  wenn  die  weisen  Worte  längst  vergessen
sein  werden.  Wenn  Ich  nun  auf  Meine  persönlichen  Erfahrungen  zurückblicke,
  so  kann  Ich  euch  nur  versichern,  und  ihr  werdet  dieselbe  Erfahrung
machen,  der  Angel-  und  Drehpunkt  unseres  menschlichen  Lebens,  zumal
aber  eines  verantwortungsvollen  und  arbeitsreichen  Lebens,  das  ist  mir
klarer  geworden  von  Jahr  zu  Jahr  —  liegt  nur  einzig  und  allein  in  der
Stellung,  die  man  zu  seinem  Herrn  und  Heiland  einnimmt.  Ich  nannte
ihn  die  persönlichste  der  Persönlichkeiten  und  das  mit  Recht.  Wie  es  nicht
anders  sein  kann  im  menschlichen  Leben  und  wie  es  uns  allen  begegnet,
so  ist  es  auch  mit  ihm  gewesen:  Es  ist  der  Streit  der  Meinungen  um
ihn  entbrannt.  Manche  waren  für  ihn,  manche  haben  im  Zweifel  gestanden,
  und  viele  waren  gegen  ihn.  Aber  darüber  kann  kein  Zweifel
sein,  und  der  schärfste  Feind  und  Leugner  des  Herrn  ist  nur  der  Beweis
dafür:  der  Herr  lebt  noch  heute  als  ganze  Persönlichkeit,  die  nicht  ignoriert
werden  kann!  Noch  heute  schreitet  seine  Lichtgestalt  unserem  geistigen  Auge
nur  sichtbar  und  der  Seele  fühlbar  unter  uns  einher:  tröstend,  helfend,
stärkend,  auch  Widerspruch  und  Verfolgung  erweckend.  Und  weil  er  nicht
ignoriert  werden  kann,  so  wird  jeder  Mensch  gezwungen,  bewußt  oder
unbewußt,  das  Leben,  das  er  lebt,  das  Amt,  das  er  führt  und  das  Werk,
das  er  treibt,  immer  darauf  zu  basieren,  unter  welchem  Gesichtswinkel  er
unserem  Heiland  gegenüber  steht  und  ob  seine  Arbeit  im  Sinne  des  Herrn
getan  und  ihm  wohlgefällig  ist,  oder  ob  es  das  Gegenteil  ist.  Sein  Gewissen,
  wenn  es  noch  lebt,  wird  ihm  stets  darüber  Auskunft  geben.  Gewiß,
  ich  glaube  gern,  daß  viele  Menschen  heute  der  Ansicht  sind,  im  heutigen
  modernen  Leben  mit  seinen  vielfachen  Aufgaben  und  verantwortungsvollen
  Stellungen  sei  es  undenkbar,  daß  man  sich  mit  der  Persönlichkeit
des  Heilands  so  eingehend  beschäftigen  und  auf  ihn  Rücksicht  nehmen  kann,
wie  es  früher  geschah.  Die  Menschheit  hat  sich  neben  dem  Herrn  den
Himmel  ausgeschmückt  mit  vielen  herrlichen  Gestalten  und  frommen  Christen,
        <pb n="159" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  18.)  151

die  Heilige  genannt  werden  und  an  die  sie  sich  hilfesuchend  wenden,  aber
das  ist  alles  Nebensache  und  eitel;  der  einzige  Helfer  und  Retter  ist  und
bleibt  der  Heiland.  Ich  kann  euch  nur  eines  vom  ganzem  Herzen  raten
für  euer  zukünftiges  Leben:  schafft  und  arbeitet  ohne  Unterlaß,  das  ist  der
Kern  des  Christenlebens,  wie  er  es  uns  vorgelebt  hat!  Werft  einen  Blick
in  die  Schrift  und  leset  die  Gleichnisse  unseres  Heilands.  Am  schwersten
wird  der  bestraft,  der  nichts  tut,  der  sitzen  bleibt,  mit  dem  Strom  mitgeht
  und  die  anderen  arbeiten  läßt,  wie  in  dem  Gleichnisse  von  dem
Pfunde.  Was  auch  eure  Passionen  und  was  auch  eure  Gaben  sein  mögen,
es  möge  ein  jeder  darnach  trachten,  auf  seinem  Gebiete  das  Beste  zu
leisten  und  eine  Persönlichkeit  zu  werden,  in  seine  Aufgaben  hinein  zu
wachsen,  in  ihnen  zu  schaffen  und  sie  zu  fördern  nach  dem  Beispiele  des
Heilandes.  Trachtet  vor  allem  danach,  daß  das,  was  ihr  vornehmt,  möglichst
  stets  zu  einer  Freude  für  eure  Mitmenschen  werden  kann,  denn  das
ist  das  Schönste,  mit  anderen  sich  gemeinsam  freuen  zu  können,  und  wo
das  nicht  möglich  ist,  daß  euer  Werk  den  Mitmenschen  wenigstens  zu  Nutz
und  Frommen  sein  möge,  wie  unseres  Herrn  arbeitsreiches  und  tatenfrohes
Leben  es  stets  gewesen  ist.  Dann  habt  ihr  das  erfüllt,  was  von  euch  erwartet
  wird,  dann  werdet  ihr  brave  deutsche  Männer  und  tüchtige  Prinzen
meines  Hauses  werden  und  teilnehmen  können  an  der  großen  Arbeit,  die
uns  allen  beschieden  ist.  Daß  ihr  eine  solche  Arbeit  mit  Segen  zu  ihrem
Ziele  führen  möget  und  daß  euch  Gottes  und  des  Heilandes  Hilfe  dabei
nicht  fehlen  möge,  darauf  leeren  wir  am  heutigen  Tage  unsere  Gläser!

18.  Oktober.  (Berlin.)  Enthüllung  von  Denkmälern  des
Kaisers  und  der  Kaiserin  Friedrich  in  Gegenwart  des  Kaiserpaares.
Der  Kaiser  hält  bei  der  Festtafel  folgende  Rede:

Den  Gefühlen,  die  heute  am  Tage  der  Enthüllung  sowohl  die
Kinder  wie  die  Hausgenossen  und  Befreundeten  der  beiden  hohen  Dahingeschiedenen
  beseelt  haben,  das  richtige  Wort  zu  geben  und  sie  in  das
richtige  Gewand  zu  hüllen,  ist  einem  langjährigen  treuen  Freunde  und
Hausgenossen  gelungen.  Und  Ich  glaube,  daß  ich  am  heutigen  Tage  in
keiner  besseren  Weise  der  Vergangenheit  und  der  Wirksamkeit  Meiner  Eltern
gedenken  kann,  als  daß  Ich  die  kurzen  aber  inhaltsreichen  Sätze,  die  der
Geheimrat  Hinzpeter  in  dankbarer  Liebe  und  Verehrung  Meiner  Eltern
aufs  Papier  geworfen  hat,  Ihnen  bekannt  gebe:  Diese  stolzen,  glänenden
  Gestalten  werden  in  den  Beschauern  auch  der  künftigen  Geschlechter
stets  andere  Empfindungen  erwecken  als  die  Bilder  der  nun  abgeschlossenen
Siegesallee.  Ihre  Sympathie  und  ihre  Bewunderung  werden  immer  mit
Mitleid  vermischt  sein;  ihre  Ehrfurcht  wird  mehr  den  Leiden  gelten  als
den  Taten.  Diese  Figuren  werden  mehr  die  Sage  beschäftigen  als  die
Geschichte,  denn  sie  repräsentieren  mehr  Ideen  als  Ereignisse.  Wohl  leuchtete
  auch  ihr  Leben  weit  über  das  Land;  aber  ehe  es  sich  entfaltet  und
voll  bewährt  hatte,  wurde  es  jählings  zerrissen  von  einem  unerhört  grausamen
  Geschick.  Der  Kaiser  Friedrich,  der  hochsinnige  Fürst  und  weitherzige
  Mann,  der  tapfere  Held  und  siegreiche  Feldherr  wurde  in  der
Fülle  der  Kraft  von  heimtückischer  Krankheit  dahingerafft.  —  Die  Kaiserin
Friedrich,  die  warmherzige  und  kunstsinnige  Frau  von  klarem  Geist  und
starkem  Willen  wie  von  unersättlichem  Wissensdurst  und  Schaffensdrang
wurde  in  voller  Blüte  von  demselben  Feinde  zu  Tode  gequält.  —  Ein
Schicksal,  so  tragisch,  daß  es  die  Seele  des  Volkes  tief  erschütterte,  sie  mit
Mitleid  für  das  furchtbare  Leiden  wie  mit  Trauer  um  die  eigenen  verlorenen
  Hoffnungen  erfüllte.  Zu  der  Zeit,  als  diese  beiden  ihr  gemeinsames
  Leben  begannen,  war  die  deutsche  Nation  in  tiefer  weitgreifender
        <pb n="160" />
        152  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  18.)

Bewegung;  sie  begann  nach  langem  Suchen  und  Tasten,  nach  harter  Arbeit
  und  Selbstzucht  sich  neue  Formen  zu  schaffen  für  ihr  Leben  in
Kirche,  Staat  und  Gesellschaft,  in  Wirtschaft,  Kunst  und  Wissenschaft.  Das
Bewußtsein,  daß  eine  neue  reichere  Zeit  für  Deutschland  angebrochen  sei,
beherrschte  die  Gemüter  und  erfüllte  sie  mit  Furcht  oder  Hoffnung,  mit
fieberhafter  Erregung.  Und  dieses  zum  Herrschen  berufene  Paar  stärker
als  alle  anderen;  kein  zweites  war  so  voll  von  Träumen,  Gedanken  und
Plänen;  keines  so  mutig  im  Verlassen  des  Alten  und  Ergreifen  des  Neuen;
keines  so  erfüllt  mit  Hoffnung  und  Vertrauen  auf  die  Zukunft.  Unter
den  strebenden,  ringenden  Zeitgenossen  zeichneten  sie  beide  in  innigster
geistiger  Gemeinschaft  sich  aus  durch  ihren  Eifer  und  Enthusiasmus  für
die  neuen  höheren  Ziele,  für  die  freiere  Entwicklung  aller  Kräfte,  für  die
reichere  Entfaltung  des  Volkslebens.  Unter  der  idealistisch  gestimmten
Generation  ragten  sie  beide  in  vollster  Seelenharmonie  hervor  durch  ihren
hochfliegenden  Idealismus,  den  einzuschränken  die  Wirklichkeit  in  ihrem
kurzen  Dasein  keine  Zeit  gefunden.  Darum  beginnt  dieses  Paar,  der
Tradition  entgegen  aber  mit  Recht  hier  nebeneinander  nach  dem  Abschluß
der  Markgrafen,  Kurfürsten  und  Könige  die  neue  Reihe  der  Kaiser,  denen
höhere  und  schwierigere  Aufgaben  gestellt  sind  als  jenen,  zu  deren  Lösung
sie  höheren  Schwung,  stärkeren  Idealismus  nötig  haben.  Darum  werden
die  kommenden  Generationen  mit  dankbarer  Verehrung  an  der  Spitze  einer
neuen  Hohenzollernreihe  dieses  strahlende  Paar  stehen  sehen,  welches  seinen
idealistischen  Sinn  auf  alle  realistischen  Nachkommen  vererben  kann.  Sie
stehen  hier  am  Eingang  als  glänzende  Repräsentanten  der  schwärmerischen
illusionsreichen  Jugend  des  Deutschen  Reichs  und  als  leuchtende  Personifikationen
  der  Kulturbegeisterung,  welche  sie  charakterisierte,  und  welche  die
deutschen  Kaiser  als  Führer  des  vornehmsten  Kulturvolks  der  Erde  beseelen
  soll.  So  werden  diese  Marmorbilder  hier  trotz  ihres  Märtyrerscheins
zu  einer  glücklichen  Vorbedeutung  für  die  Zukunft  des  Reichs  wie  der
Dynastie.  Unseren  Gefühlen  und  Gesinnungen  wollen  wir  dadurch  Ausdruck
  geben,  daß  wir  ein  stilles  Glas  auf  das  Andenken  der  Toten  lehren.

18.  Oktober.  Der  „Vorwärts“  veröffentlicht  folgenden  Aufruf
  zu  den  preußischen  Landtagswahlen:

An  die  Wähler  zum  preußischen  Landtag!  Wähler!  Die  Landtagswahlen
  nahen  heran.  Am  12.  November  finden  die  Urwahlen  statt,  in
welchen  die  Wahlmänner  zu  wählen  sind,  am  20.  November  finden  alsdann
  die  Abgeordnetenwahlen  statt,  deren  Wahl  die  am  12.  November
gewählten  Wahlmänner  vorzunehmen  haben.  Die  Urwähler  wählen  obendrein
  in  drei  Klassen,  abgeteilt  nach  der  Steuerleistung  ihre  Wahlmänner
und  ist  bei  diesen,  wie  nachher  bei  den  Wahlen  der  Abgeordneten,  die
öffentliche  Stimmenabgabe  Vorschrift.  Dieses  sind  mit  wenigen  Worten
gekennzeichnet  die  Grundlagen  des  Landtagswahlrechts,  das  nach  dem  Urteil
  des  Fürsten  Bismarck  im  konstituierenden  Norddeutschen  Reichstag  im
Jahre  1867  das  elendste  und  erbärmlichste  aller  bestehenden  Wahlgesetze
ist.  Die  kapitalistische  Entwicklung  der  letzten  Jahrzehnte  hat  den  plutokratischen
  Charakter  dieses  elendsten  und  erbärmlichsten  aller  Wahlgesetze
noch  verschärft.  Mehr  als  je  zuvor  ist  es  der  durch  die  erste  und  zweite
Wählerklasse  repräsentierte  Besitz,  der  die  Macht  in  den  Händen  hat  und
über  den  Ausgang  der  Wahlen  entscheidet,  wohingegen  die  große  Masse
der  in  der  dritten  Wählerklasse  vereinigten  Wähler  nur  dann  ausschlaggebend
  wirken  kann,  wenn  sie  in  den  Parteiungen  der  ersten  und  zweiten
Wählerklasse  das  Zünglein  an  der  Wage  bildet.  Gestützt  auf  diese  Möglichkeit
  hat  die  Sozialdemokratie  den  Beschluß  gefaßt,  sich  an  den  bevor-
        <pb n="161" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  18.)  153

stehenden  Wahlen  versuchsweise  zu  beteiligen,  um  festzustellen,  wie  weit
das  arbeitende  Volk  bei  einem  solchen,  Recht  und  Gerechtigkeit  verhöhnenden
Wahlsystem  einen  Erfolg  zu  erringen  vermag.  Wähler!  Wir  wissen,  daß
unter  der  Herrschaft  dieses  Dreiklassenwahlsystems  und  besonders  auch  wegen
der  damit  verbundenen  öffentlichen  Stimmenabgabe  große  Hindernisse  vorhanden
  sind,  um  die  Stimmen  des  arbeitenden  Volkes  zur  Geltung  zu
bringen.  Hunderttausende,  die  bei  den  Reichstagswahlen  zu  uns  halten
und  unsern  Kandidaten  ihre  Stimmen  geben,  sind  bei  der  öffentlichen
Stimmenabgabe  bei  den  Landtagswahlen  gezwungen,  entweder  der  Wahlurne
  fern  zu  bleiben  und  so  auf  die  Ausübung  ihres  wichtigsten  Staatsbürgerrechts
  zu  verzichten  oder  sogar  gegen  ihre  Ueberzeugung,  einem
Drucke  von  oben  folgend,  Kandidaten  zu  wählen,  die  sie  als  ihre  Todfeinde
  ansehen.  So  kommt  zu  der  Rechtlosigkeit  noch  die  politische  Heuchelei,
zu  welcher  Staatsgewalt  und  herrschende  Klassen  ungezählte  Wähler  zwingen.
Das  hindert  aber  nicht,  daß  diese  Gewalten  sich  als  Hüter  und  Wahrer
der  öffentlichen  Moral  und  Sittlichkeit  aufwerfen.  Um  so  notwendiger  ist,
daß  diejenigen  Wähler,  die  Rücksichten  nicht  zu  nehmen  haben,  Mann  für
Mann  am  12.  November  an  die  Wahlurne  treten  und  den  sozialdemokratischen
  Wahlmännern  ihre  Stimme  geben,  welche  unsere  Partei  in  allen
den  Wahlbezirken  der  Wahlkreise  aufstellen  wird,  in  welchen  sie  sich  Erfolg
verspricht.  Wähler!  Das  bisher  gültige  Wahlsystem  verhinderte,  daß  der
preußische  Landtag  als  eine  Volksvertretung  angesehen  werden  konnte.  Er
war  bisher  eine  ausschließliche  Vertretung  der  besitzenden  Klassen  und
konnte  nichts  anderes  sein,  und  dementsprechend  sind  auch  die  Gesetze,  die
diese  „Volksvertretung“  beschlossen  und  die  Maßnahmen,  denen  sie  ihre
Zustimmung  gegeben  hat,  ausgefallen.  Die  weitaus  stärkste  Partei  in
Preußen,  die  Sozialdemokratie,  ist  bisher  im  Landtag  auch  nicht  durch
einen  Abgeordneten  vertreten  gewesen.  So  ist  es  gekommen,  daß  unter
der  Herrschaft  dieser  privilegierten  Klassenvertretung  sich  vielfach  Zustände
herausgebildet  haben,  die  eines  Kulturstaates  unwürdig  sind.  Neben  der
zweiten  Kammer  des  Landtags,  dem  Abgeordnetenhause,  besteht  aber  auch
noch  die  erste  Kammer,  das  sogenannte  Herrenhaus,  in  dem  die  Privilegiertesten
  unter  den  Privilegierten  vertreten  sind,  die  es  als  ihre  vornehmste
  Aufgabe  ansehen,  jedem  wirklichen  Fortschritt  ein  Hindernis  zu
bereiten  und  die  staatliche  Entwicklung  in  den  Daumschrauben  eines  mittelalterlichen
  feudalen  Absolutismus  zu  zerquetschen.  Ist  schon  das  Abgeordnetenhaus
  eine  Versammlung  Gewählter,  die  jedem  Begriff  einer
Volksvertretung  Hohn  spricht,  in  dem  Herrenhaus  begegnen  wir  einer  Versammlung
  Ernannter,  deren  Hauptverdienst  um  Staat  und  Gesellschaft
für  die  große  Mehrzahl  unter  ihnen  darin  besteht,  daß  sie  sich  die  Mühe
nahmen  geboren  zu  werden  und  zu  verzehren,  was  sie  nicht  erworben
haben.  Gegen  diese  entwürdigenden  Zustände  muß  bei  den  bevorstehenden
Wahlen  zum  Landtag  durch  eine  möglichst  große  Zahl  sozialdemokratischer
Stimmen  energisch  Protest  erhoben  und  der  Versuch  gemacht  werden,  durch
Wahl  von  sozialdemokratischen  Vertretern  den  Interessen  der  bisher  unvertreten
  gebliebenen  arbeitenden  Volksmehrheit  einigermaßen  gerecht  zu
werden,  um  Zustände  zu  bekämpfen,  die  eine  Schmach  für  unser  Zeitalter
und  eine  Schande  für  den  Staat  sind.  Wähler!  Darum  auf  zur  Wahl
am  12.  November!  Die  Kandidaten  der  Sozialdemokraten  werden  im
Falle  ihrer  Wahl  einzutreten  haben:  Für  das  allgemeine,  gleiche  direkte
und  geheime  Wahlrecht  für  alle  Vertretungskörper  (Staat,  Gemeinden  etc.)
an  alle  für  mündig  erklärten  Staatsangehörigen.  Gesetzliche  Einteilung
gleicher  Landtagswahlkreise.  Porportionalwahl  (Verhältniswahlsystem).
Beseitigung  des  Herrenhauses.  Freiestes  Vereins-,  Versammlungs-  und
        <pb n="162" />
        154  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  18.)

Koalitionsrecht  für  alle  Staatsangehörigen,  insbesondere  auch  für  die  Arbeiter
  in  den  Staatsbetrieben  und  die  ländlichen  Arbeiter;  Aufhebung  des
Gesetzes  über  die  kriminelle  Bestrafung  des  Kontraktbruchs  der  ländlichen
Arbeiter;  Beseitigung  der  Dienstbotenordnungen.  Einführung  des  achtstündigen
  Normalarbeitstages  in  den  Staatsbetrieben  und  Staatswerkstätten;
auskömmliche  Löhne  nach  Maßgabe  der  örtlichen  Verhältnisse:  Verallgemeinerung
  der  Gewerbe-Aufsicht  und  Wahl  von  Vertretern  der  Arbeiter
  und  Arbeiterinnen  als  Hilfspersonen  für  die  Gewerbe-Aufsicht;  auskömmlicher
  Arbeiterschutz.  Volle  Gleichberechtigung  der  im  preußischen
Staate  lebenden  Nationalitäten,  insbesondere  in  Bezug  auf  den  Gebrauch
ihrer  Muttersprache.  Trennung  der  Kirche  vom  Staat  und  der  Schule
von  der  Kirche.  Volle  Freiheit  der  Religionsübung  und  volle  Selbstverwaltung
  der  religiösen  Gemeinschaften.  Verbot  öffentliche  Mittel  für
irgend  welche  religiösen  Zwecke  zu  verwenden.  Hebung  des  Volksschulwesens
  durch  möglichste  Erhöhung  der  Leistungen  für  die  körperliche  und
geistige  Ausbildung;  Vermehrung  und  materielle  Besserstellung  der  Lehrer;
Einheitsschule  für  alle  schulpflichtigen  Kinder;  Unentgeltlichkeit  des  Unterrichts
  und  der  Lehrmittel;  Einführung  des  obligatorischen  Fortbildungsschulunterrichts
  für  Stadt  und  Land;  Uebernahme  der  Kosten  für  die
Volksbildung  durch  den  Staat.  Förderung  der  öffentlichen  Gesundheitspflege
  nach  den  Anforderungen  der  Hygiene;  Bau  von  Hospitälern,  Heilund
  Rekonvaleszentenanstalten  durch  den  Staat;  Verstaatlichung  oder  Kommunalisierung
  der  Apotheken.  Beseitigung  des  Wohnungselends  und  der
Wohnungsnot  durch  staatliche  Maßnahmen;  Wohnungsgesetzgebung;  Bau
von  Wohnungen  in  staatlicher  Regie;  Vermehrung  des  staatlichen  Eigentums
  an  Grund  und  Boden.  Förderung  von  Kunst  und  Wissenschaft  und
Zugängigmachung  ihrer  Erzeugnisse  und  Ergebnisse  für  die  Gesamtheit;
Errichtung  von  Museen  und  wissenschaftlichen  Sammlungen;  öffentliche
Bibliotheken  etc.  Förderung  von  Industrie  und  Landwirtschaft  durch  Errichtung
  höherer  Fach-Lehranstalten,  Lehrwerkstätten,  Musterwirtschaften,
Musterbetriebe;  Unterstützung  des  Genossenschaftswesens;  Kanal-,  Eisenbahnund
  Straßenbau  durch  den  Staat;  Regulierung  der  Wasserstraßen  und
Schaffung  von  Schutzeinrichtungen  gegen  Ueberschwemmungsgefahren;  Entschädigungspflicht
  des  Staats,  soweit  durch  sein  Verschulden  dem  einzelnen
Schaden  zugefügt  wird.  Verstaatlichung  der  Gruben  und  Bergwerke.  Ermäßigung
  und  Vereinfachung  der  Personen-  und  Frachttarife;  Einführung
der  Reichsverwaltung  für  das  gesamte  Eisenbahnwesen.  Verbesserung  der
Rechtspflege  durch  erhebliche  Vermehrung  der  Richterstellen;  Verbilligung
und  Vereinfachung  der  Rechtspflege.  Bekämpfung  aller  Vorrechte,  die  einzelnen
  Ständen  und  Klassen  auf  Kosten  der  Gesamtheit  eingeräumt  wurden.
Beseitigung  der  eximierten  Gutsbezirke.  Keine  Liebesgabenpolitik.  Volle
Gleichberechtigung  bei  der  Besetzung  öffentlicher  Aemter  und  Stellen;  Schutz
der  Beamten  gegen  Uebergriffe  von  oben  und  finanzielle  Besserstellung  der
niederen  Beamtenklassen.  Schutz  des  Publikums  gegen  Uebergriffe  von
Beamten,  volle  Verantwortlichkeit  und  Entschädigungspflicht  des  Staats
für  die  Uebergriffe  seiner  Beamten.  Reform  der  Armen-  und  Waisenpflege
im  Sinne  größtmöglichster  Humanität.  Reform  der  Steuergesetzgebung;
Erhöhung  der  Progression  für  die  Einkommen  über  6000  Mark;  Einführung
  der  Progression  für  die  Vermögens-  und  Erbschaftssteuer.  Volle
Selbstverwaltung  der  Gemeinden;  Beseitigung  des  Bestätigungsrechts  für
gewählte  Gemeindebeamte.  Wähler!  Das  sind  die  Mindestforderungen,  die
wir  zu  stellen  haben  und  welche  der  Staat  erfüllen  muß,  will  er  dem
idealen  Zweck,  dem  zu  dienen  er  vorgibt,  Schutzanstalt  für  die  Armen,
Schwachen,  Unterdrückten  und  Ausgebeuteten,  ein  Schirmer  des  Rechts  und
        <pb n="163" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  18.  20./27.)  155

ein  Bestrafer  des  Unrechts  zu  sein,  auch  nur  einigermaßen  gerecht  werden.
Ist  dieses  Ziel,  das  wir  dem  Staate  zuschreiben,  auch  das  Eure,  so  unterstützt
  unsere  Kandidaten  durch  Eure  Stimmen  bei  den  Wahlen!  An  unsere
Parteigenossen  aber  richten  wir  die  Aufforderung,  so  weit  es  noch  nicht
geschehen  ist,  unverzüglich  in  die  Wahlagitation  einzutreten  und  alles  aufzubieten,
  was  in  ihren  Kräften  steht,  um  den  Ausfall  der  Wahlen  am
12.  und  20.  November  zu  einem  für  die  Partei  möglichst  günstigen  zu
gestalten.  Hoch  die  Sozialdemokratie!  Das  Zentral-Wahlkomitee  für  die
preußischen  Landtagswahlen:  Auer,  Bebel,  Eberhardt,  Gerisch,  Pfannkuch,
Singer,  Wengels.

18.  Oktober.  (Berlin.)  Der  Parteitag  der  (antisemitischen)
Deutschen  Reformpartei  spricht  sich  gegen  die  Beteiligung  von
Staatsbeamten  an  Konsumvereinen,  Warenhäusern  und  Produktivgenossenschaften
  aus.

20./27.  Oktober.  (Bayerische  Abgeordnetenkammer.)
Etat.  —  Ministerwechsel.  Krone  und  Parlament.  Beziehungen
zum  Reiche.

Abg.  Schädler  (Z.)  bespricht  die  Veränderungen  im  Ministerium.
Das  Zentrum  habe  den  Grafen  Crailsheim  ohne  Bedauern  scheiden  sehen,
aber  es  fordere  kein  Parteiministerium  wie  die  Liberalen,  sondern  wünsche,
daß  alle  Staatsbürger  vom  Staate  gleich  behandelt  würden.  Der  religiöse
Friede  werde  durch  die  Agitation  des  Evangelischen  Bundes  getrübt,  der
heftige  Angriffe  auf  die  katholische  Moraltheorie  richte;  die  katholische  Abwehr
  werde  durch  die  Polizei  behindert.  Die  Unterscheidung  zwischen  religiösem
  und  politischem  Katholizismus  sei  Heuchelei.  Der  Staat  solle  den
unsittlichen  Darstellungen  in  Literatur  und  Kunst  sowie  dem  Unglauben
auf  den  Hochschulen  entgegentreten.  Abg.  Wagner  (lib.)  bestreitet,  daß
Graf  Crailsheim,  wie  Schädler  behaupte,  liberale  Politik  getrieben  habe;
er  sei  dem  Zentrum  vielmehr  weit  entgegengekommen,  aber  ohne  es  befriedigen
  zu  können.  Anscheinend  habe  die  Krone  einem  Druck  des  Zentrums
  bei  der  Entlassung  Crailsheims  nachgegeben.  Eine  weitere  Aufklärung
  über  diese  Frage  sei  erwünscht.  Die  Vorwürfe  über  Störung  des
religiösen  Friedens  durch  die  Protestanten  seien  ungerecht.  Das  Zentrum
verdanke  seine  Erfolge  vor  allem  den  Wahlbeeinflussungen  durch  Beichtstuhl
  und  Kanzel.  Ministerpräsident  Frhr.  v.  Podewils  gibt  folgende
Erklärung  über  den  Personenwechsel:  Die  Minister  auszuwählen,  zu  ernennen
  und  die  Minister  zu  entlassen,  ist  nach  unserer  Verfassung  ausschließliches
  Recht  der  Krone.  Dieses  unbeschränkte  Recht,  für  dessen  Ausübung
  eine  Verantwortlichkeit  gegenüber  dem  Landtag  nicht  begründet  ist,
hat  erst  im  vorigen  Jahre  noch  Staatsminister  Graf  Crailsheim  hervorgehoben
  und  es  ist  gegen  diese  feststehende  Auffassung  von  keiner  Seite
eine  Einwendung  erhoben  worden.  Die  königliche  Staatsregierung  könnte
sich  in  der  Beantwortung  der  gestellten  Frage  auf  diesen  Hinweis  beschränken.
  Dieselbe  hat  sich  aber,  schon  um  Legendenbildungen  vorzubeugen,
die  allerhöchste  Ermächtigung  erbeten,  dem  noch  die  folgenden  Mitteilungen
anfügen  zu  dürfen,  denen  nicht  die  Bedeutung  einer  Verantwortung  beigelegt
  werden  kann.  Als  Grund  für  die  Ministerkrisis  im  Februar  laufenden
  Jahres  hat  seinerzeit  eine  offizielle  Mitteilung  Differenzen  über  die
Behandlung  gewisser  Angelegenheiten  bezeichnet.  Die  Meinungsverschiedenheiten
  betrafen,  wie  damals  schon  angedeutet  wurde,  die  Frage,  ob  der
Vorsitzende  im  Ministerrate  zu  gewissen  Handlungen  ohne  vorherige  Füh-
        <pb n="164" />
        156  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  20./27.)

lungnahme  mit  den  andern  Ministern  befugt  sei.  Diese  hielten  für  die
fraglichen  Handlungen  mit  Rücksicht  auf  deren  ganze  Bedeutung  solche
vorherige  Kollektivberatung  für  um  so  entschiedener  geboten,  als  eine  kurz
vorher  erfolgte  Allerhöchste  Anordnung  für  alle  irgend  wichtigeren  Angelegenheiten
  gemeinsame  Beratung  im  Ministerrate  besonders  vorgesehen
hatte.  Wenn  hiernach  die  Differenz  auf  dem  Gebiete  der  Geschäftsbehandlung
  sich  bewegte,  so  standen  doch  keineswegs  nur  formale  Dinge  von
untergeordneter  Bedeutung,  sondern  es  kam  gleichzeitig  das  wichtige  und
entscheidende  Interesse  in  Frage,  ob  in  materieller  Hinsicht  das  Selbstbestimmungsrecht
  der  Ministerkollegen  in  Angelegenheiten,  die  sie  vermöge
des  Prinzips  der  Solidarität  in  den  leitenden  Regierungsgrundsätzen  mit
ihrer  politischen  Verantwortlichkeit  zu  decken  hatten,  gewährleistet  blieb.
Die  Lage  erfuhr  eine  unerwartete  Verschärfung  dadurch,  daß  Graf  v.  Crailsheim
  sein  Entlassungsgesuch  einreichte,  ehe  die  Angelegenheit  zum  Abschluß
gelangt  war,  sonach  in  einem  Stadium  derselben,  in  welchem  die  Einreichung
  des  Gesuches  überraschend  wirken  mußte.  Die  Krisis,  die  hiedurch
  geschaffen  war,  hat  damit  zu  jener  Lösung  gedrängt,  die  sie  durch
die  Allerhöchste  Genehmigung  des  Entlassungsgesuches  gefunden  hat.  Eine
Veränderung  in  den  Regierungsgrundsätzen  ist  infolge  des  Personalwechsels
nicht  eingetreten.  Das  Ministerium  wird  nach  wie  vor  die  guten  Beziehungen
  zwischen  Bayern  und  dem  Reiche  auf  der  durch  die  Reichsverfassung
  geschaffenen  Grundlage  sorgfältig  pflegen  und  sich  bei  der  Führung
der  Geschäfte  im  Innern  nicht  von  Parteirücksichten,  sondern  lediglich  durch
die  pflichtgemäße  Bedachtnahme  auf  die  Interessen  der  Krone  und  des
Landes  leiten  lassen.

In  den  folgenden  Tagen  wird  namentlich  das  Verhältnis  Bayerns
zum  Reich  behandelt.  Dazu  bemerkt  Ministerpräsident  Frhr.  v.  Podewils
(am  22.):  Das  Verhältnis  Bayerns  zum  Reich  und  das  Verhältnis  Bayerns
zu  Preußen  und  zu  den  anderen  Bundesstaaten  ist  ein  solches,  wie  wir
es  nur  mit  Genugtuung  begrüßen  und  wünschen  können,  daß  es  immer
so  bleiben  möge.  Und  daß  es  glücklicherweise  so  ist,  das  ist  die  Frucht
der  allerseits  und  stets  betätigten  Erkenntnis  jener  Momente,  welche  die
Gegenseitigkeit  des  Vertrauens  und  der  Sympathie  unter  den  Bundesstaaten
  gewährleisten,  in  denen  das  Ganze  eben  doch  seine  sicherste  und
schönste  Stütze  findet.  Unverbrüchliche  Treue  und  Hingabe  an  das  angestammte
  Herrscherhaus  und  das  engere  Vaterland,  rückhaltlose  Treue  zu
Kaiser  und  Reich,  wie  es  von  den  großen  Parteien  des  Landes  stets  und
erst  in  den  jüngsten  Zeiten  wieder  in  gewissermaßen  programmatischem
Uebereinstimmen  verlangt  worden  ist,  es  sind  dies  so  selbstverständliche
Grundforderungen,  daß  ich  darüber  kaum  ein  Wort  zu  sagen,  geschweige
denn  mich  darob  in  eine  große  rhetorische  Pose  zu  werfen  brauche.  Und
ebenso  überflüssig  erscheint  mir  alles  Diskutieren  darüber,  in  welcher
Priorität  etwa  jene  beiden  Forderungen  zueinander  zu  stehen  haben.  Treue
loyale  Pflichterfüllung  gegen  das  Reich  und  treue  loyale  Pflichterfüllung
gegen  die  engere  Heimat,  das  geht  so  sehr  Hand  in  Hand,  so  sehr  in  einem,
daß  alles  tun,  alles  pflichtgemäße  Genügen  und  Verdienen  nach  der  einen
Richtung  ein  Verdienen  zugleich  nach  der  anderen  bedeutet,  daß  jedes
Fehlenlassen  hier  wiederum  zugleich  als  schuldvolles  Schädigen  dort  sich
empfindsam  machen  würde.  In  vollem  Bewußthalten  unserer  Selbstverantwortung
  können  wir  unsere  Aufgabe,  wie  dies  schon  oft  betont  worden
ist,  nun  und  nimmermehr  in  einer  unfruchtbaren  Passivität  oder  gar  Verneinung
  suchen,  sondern  nur  in  jener  sich  nicht  verschließenden  aktiven
Mitarbeit,  die  unter  voller  Wahrung  der  verfassungsmäßigen  Stellung
Bayerns,  seiner  Rechte  und  seiner  Interessen  bereitwillig  überall  mit  ein-
        <pb n="165" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  21.—24.)  157

setzt  und  mitwirkt,  wo  es  gilt,  die  nationale  Ehre  zu  wahren,  die  Macht,
das  Ansehen  und  die  Wohlfahrt  des  Reiches  zu  fördern.  (Bravo  links.)

In  den  weiteren  Debatten  bis  zum  Schluß  der  allgemeinen  Etatsdebatte
  (27.  Oktober)  werden  vorwiegend  konfessionelle  Streitpunkte  erörtert.

21.  Oktober.  Zum  Präsidenten  des  Reichsgerichts  wird  an
Stelle  des  zurückgetretenen  Dr.  v.  Öhlschläger  der  Direktor  im
Reichsjustizamt  Dr.  Gutbrod  ernannt.

19./21.  Oktober.  (Berlin.)  Die  Finanzminister  der  größeren
Bundesstaaten  beraten  über  die  Finanzierung  des  Reichshaushalts
für  1904,  sowie  über  Anregungen  zur  Abstellung  der  Mängel,  die
sich  in  den  zur  Zeit  geltenden  finanzgesetzlichen  Bestimmungen  des
Reiches  bemerklich  machen.

22.  Oktober.  (Sachsen.)  Bei  den  Abgeordnetenwahlen  werden
  in  29  Wahlkreisen  gewählt:  17  Konservative,  9  Nationalliberale,
  1  Reformparteiler,  1  Wildliberaler  und  1  Deutschfreisinniger.
  Die  Zweite  Kammer  setzt  sich  demnach  aus  56  Konservativen,
  23  Nationalliberalen,  1  Wildliberalen,  1  Deutschfreisinnigen
und  1  Mitglied  der  Reformpartei  zusammen.

24.  Oktober.  Der  oberschlesische  Klerus  erläßt  folgenden  Aufruf
  zu  den  Landtagswahlen  (vgl.  S.  103):

Die  Interessen  der  katholischen  Sache  und  die  Interessen  des  oberschlesischen
  Volkes  verlangen  es  dringend,  daß  wir  nach  wie  vor  einig  zusammenhalten
  und  unentwegt  der  alten  Fahne  des  Zentrums  folgen.  Das
Zentrum  ist  immer  für  die  berechtigten  Interessen  des  oberschlesischen  Volkes
eingetreten  und  wird  dies  auch  weiter  tun  gemäß  der  in  seinem  Wahlaufruf
  zu  den  bevorstehenden  Landtagswahlen  von  neuem  aufgestellten
Forderung:  „Die  Religion,  die  Muttersprache,  die  volkstümlichen  Sitten
und  Gebräuche  der  polnischen  Untertanen  nicht  anzutasten  und  namentlich
auch  ihnen  gegenüber  nach  jeder  Richtung  hin  Gerechtigkeit  walten  zu
lassen.“  Wir  fordern  deshalb  alle  Glaubensgenossen  und  Landsleute  auf,
vollzählig  an  den  bevorstehenden  Wahlen  zum  Landtag  sich  zu  beteiligen
und  bei  den  Wahlmänner-  und  Abgeordnetenwahlen  nur  zuverlässigen  Zentrumsmännern
  ihre  Stimme  zu  geben.

24.  Oktober.  (Küstrin.)  Der  Kaiser  nimmt  teil  an  der
Enthüllung  eines  Denkmals  des  Großen  Kurfürsten  und  Friedrichs

des  Großen.  Auf  die  Ansprache  des  Bürgermeisters  erwidert  er:

In  patriotischen  und  warm  empfundenen  Worten  hat  soeben  der
Herr  Bürgermeister  im  Namen  von  Küstrin  Mir  den  Willkomm  ausgesprochen
  und  zugleich  den  Einfluß,  die  Wirksamkeit  und  die  Bedeutung
des  Herrschers  geschildert,  dessen  Standbild  hier  enthüllt  worden  ist.  Indem
  Ich  Küstrin  Meinen  herzlichen  Dank  ausspreche  für  den  begeisterten
Empfang  seiner  Bürgerschaft  und  die  schöne  Ausschmückung  ihrer  Stadt,
so  kann  Ich  auch  hinzufügen,  daß  es  Mich  mit  Freude  und  Befriedigung
erfüllt,  diese  Stätte  historischer  Erde  zu  betreten.  Wir  haben  soeben  vernommen,
  auf  welcher  Grundlage  das  Leben  aufgebaut  war.  Diese  Grundlage
  ist  es,  die  Meinen  Vorfahren  und  Meinem  Hause  zu  der  Stellung
        <pb n="166" />
        158  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  25.)

geholfen  und  auch  dahin  gebracht  haben,  wo  wir  jetzt  stehen.  Diese  Grundlage
  ist  auch  die  Meinige.  Ich  habe  es  erst  vor  wenigen  Tagen  ausgesprochen.
  Die  Stadt  Küstrin  ist  mit  Unserem  Hause  auf  das  innigste  verknüpft
  gewesen.  Sie  hat  zwei  der  bedeutendsten  Meiner  Vorfahren  Stätte
und  Heim  gegeben,  dem  Großen  Kurfürsten  und  dem  großen  König.  In
schwerer  Zeit  ist  hier  der  Große  Kurfürst  verwahrt  worden,  um  späterhin
in  einzig  dastehender  Arbeit  ein  Land  wieder  emporzuheben  aus  einem
Zustande,  wie  er  kaum  in  einem  anderen  herrschte.  Ein  Land,  welches
zerrissen,  zerstampft,  verwüstet  und  verkommen  am  Boden  lag,  hat  der
jugendliche  Fürst  unbekümmert  durch  die  große  Aufgabe  zu  hoher  Blüte
emporgebracht  und  zu  einer  bedeutungsvollen  Stellung  unter  den  Mächten.
Und  der  große  König  hat  in  seiner  Jugend  in  schwerer  Stunde  die  Schule
durchmachen  müssen,  die  es  ihm  ermöglichte,  nachher  der  Mann  und  der
Charakter  zu  werden,  als  den  ihn  die  Vorsehung  brauchte,  um  aus  Preußen
das  zu  machen,  was  es  geworden  ist.  Wir  können  wohl  annehmen,  daß
er  in  den  schweren  Stunden,  die  er  hier  durchgemacht,  in  sich  klar  geworden
  ist  und  begriffen  hat,  daß  seine  Lebensaufgabe  die  sein  müsse,  zu
der  er  sich  nachher  als  König  bekannte:  daß  er  der  erste  Diener  des  Staates
sein  müßte.  Das  konnte  er  nur  lernen  durch  Unterordnung  und  Gehorsam,
  mit  einem  Worte,  kurz  durch  das,  was  wir  Preußen  als  „Disziplin“
bezeichnen.  Und  diese  Disziplin  muß  ebenso  im  Königshause,  wie  im
Bürgerhause,  im  Heere  wie  im  Volke  wurzeln.  Respekt  vor  der  Obrigkeit,
  Gehorsam  gegen  die  Krone  und  Gehorsam  gegen  den  elterlichen  und
väterlichen  Einfluß,  das  müssen  wir  aus  diesen  Erinnerungen  lernen  und
diesen  Eigenschaften  entspringen  dann  diejenigen,  die  wir  mit  „Patriotismus“
  bezeichnen,  nämlich  Unterordnung  des  eigenen  Ichs,  des  eigenen
Subjekts  zum  Wohle  des  Ganzen.  Das  ist  es,  was  uns  in  dieser  Zeit
besonders  nottut!  Ich  habe  aber  die  feste  Ueberzeugung,  daß  in  den  alten
historischen  Mauern  von  Küstrin  die  gleichen  Eigenschaften  am  Tage  sind,
und  wenn  darüber  noch  ein  Zweifel  gewesen  wäre,  so  wäre  er  geschwunden
angesichts  der  Haltung  und  der  Stimmung  der  Bürgerschaft  und  der
schönen  patriotischen  Worte,  die  heute  hier  gesprochen  worden  sind.  Daß
diese  Eigenschaften  unter  den  Märkern  und  vor  allem  unter  Küstrinern
nie  aussterben  mögen  und  daß  Küstrin  mit  gutem  Beispiel  vorangehen
möge,  für  das  Vaterland  zu  leben  und  zu  wirken  in  guten  und  schweren
Tagen,  darauf  trinke  Ich  diesen  Pokal!

25.  Oktober.  (Württemberg.)  Der  Parteitag  der  Nationalliberalen
  in  Marbach  verwirft  einerseits  Ausnahmegesetze  gegen  die
Sozialdemokratie,  andererseits  ein  Zusammengehen  bürgerlicher  Parteien
  mit  Sozialdemokraten.

25.  Oktober.  (Münster  i.  W.)  Es  wird  ein  Denkmal  des
in  Peking  gefallenen  Gesandten  Frhrn.  v.  Ketteler  (vgl.  1900)  enthüllt.

25.  Oktober.  (Sachsen.)  Konferenz  über  die  Wahlrechtsreform.


14  von  der  Regierung  berufene  Politiker  beraten  einen  Entwurf
der  Regierung  zur  Aenderung  des  Wahlrechts.  Danach  soll  das  Land  in
16  Wahlkreise  eingeteilt  werden,  in  denen  von  je  drei  Klassen  zusammen
48  Abgeordnete  in  direkter  geheimer  Wahl  zu  wählen  sind.  Die  Klasseneinteilung
  soll  in  der  Weise  erfolgen,  daß  alle  Wähler,  die  300  Mark  und
mehr  direkte  Steuern  bezahlen,  sämtlich  der  ersten  Klasse,  diejenigen,  die
        <pb n="167" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  25./26.)  159

38  bis  300  Mark  direkte  Steuern  zahlen,  der  zweiten  Klasse  und  diejenigen,
  die  weniger  als  38  Mark  zahlen,  der  dritten  Klasse  angehören.
Ferner  sollen  35  Abgeordnete  von  Berufsständen  gewählt  werden.  Wie
diese  zahlenmäßig  auf  die  Hauptberufsstände,  Handel  und  Industrie,  Landwirtschaft
  und  Arbeiterschaft  zu  verteilen  sind,  ist  noch  unbestimmt.  —  Die
Konferenz  hält  nur  eine  Sitzung  ab;  der  Entwurf  soll  noch  einmal  überarbeitet
  werden.

25./26.  Oktober.  (Frankfurt  a.  M.)  Kongreß  der  nichtsozialdemokratischen
  Arbeiter.  —  Koalitionsrecht,  Arbeiterkammern,
Organisation.

Es  sind  vertreten:  der  Gesamtverband  der  christlichen  Gewerkschaften

mit  46  Delegierten  (93.000  Mitglieder),  sonstige  Berufsvereine  mit  38
Delegierten  (158.000  Mitglieder),  evangelische  Arbeitervereine  (102.500  Mitglieder)
  mit  37  Delegierten,  evangelische  Gesellenvereine  (1.500  Mitglieder)
mit  1  Delegierten  und  die  katholischen  Arbeitervereine  mit  46  Delegierten
(201.000  Mitglieder).  In  letzter  Stunde  haben  sich  noch  die  katholischen
Gesellenvereine  (etwa  60.000  Mitglieder)  entschlossen,  den  Kongreß  zu  beschicken.
  Es  sind  demnach  im  ganzen  rund  200  Delegierte,  die  620.000
Arbeiter  und  Gehilfen  vertreten,  anwesend.  In  der  Gruppe  „sonstige
Berufsvereine“  sind  vereinigt  die  Eisenbahnerverbände,  der  Verband  der
Bayerischen  Staats-Hütten-  und  Salinenarbeiter,  der  Verband  des  Bayerischen
  Post-  und  Telegraphenpersonals,  der  deutsch-nationale  Handlungsgehilfenverband,
  verschiedene  Kellnerbunde,  der  Gutenbergbund  und  der
Verband  der  Kutscher  Rheinland-Westfalens.  Die  Gruppe  der  evangelischen
Arbeitervereine  umfaßt  8  Verbände  und  16  Einzelvereine.  —  Es  sollen
als  stimm-  und  redeberechtigte  Delegierte  an  dem  Kongreß  nur  Arbeiter
und  aus  dem  Arbeiterstande  hervorgegangene  Beamte  der  Vereine  und
Organisationen  teilnehmen.  Der  Bericht  des  Organisationskomitees  betont,
diese  Forderung  sei  diktiert  durch  den  Grundsatz:  Die  nichtsozialdemokratische
  Arbeiterbewegung  kann  nur  dann  Erfolge  haben,  wenn  die  Arbeiter
auf  sozialem  Gebiet  ihr  Geschick  selbst  in  die  Hand  nehmen.

An  den  Kaiser  wird  ein  Huldigungstelegramm  geschickt,  worauf
folgende  Antwort  erfolgt:  Ich  spreche  den  zum  ersten  deutschen  Arbeiterkongreß
  dort  vereinigten  Vertretern  der  deutschen  Arbeiterschaft  für  den
Huldigungsgruß  und  die  Versicherung  ihrer  monarchischen  Treue  und  vaterländischen
  Gesinnung  Meinen  herzlichsten  Dank  aus.  Ich  werde  die  Beratungen
  des  Kongresses  mit  Meinem  Interesse  begleiten  und  auch  in  Zukunft
  alle  Anregungen  und  Maßnahmen,  welche  geeignet  erscheinen,  das
Mir  und  Meiner  Regierung  am  Herzen  liegende  Wohl  der  deutschen  Arbeiter
  zu  fördern,  gern  Meinen  Schutz  und  Beistand  zuteil  werden  lassen.

  Wilhelm  I.  R.

In  den  Beratungen  wird  die  ungleiche  Handhabung  des  Koalitionsrechts
  gerügt.  Schiffer,  ein  Vertreter  des  christlichen  Textilarbeiterverbandes:
  Wie  scharf  sind  manche  Arbeiter  wegen  einer  leichtfertigen  Aeußerung
  gegen  einen  Arbeitswilligen  bestraft  worden,  aber  nur  Arbeiter!  Die
Arbeitgeber  sind  keinen  Schwierigkeiten  ausgesetzt.  Würde  die  Koalitionsfreiheit
  nach  der  positiven  Seite  hin  genügend  ausgebaut  und  geschützt,  so
könnte  man  sich  auch  gewisse  Strafbestimmungen  gefallen  lassen;  angesichts
  des  immer  krasser  und  planmäßiger  auftretenden  sozialdemokratischen
Terrorismus  erscheint  dies  sogar  als  notwendig.  Allerdings  genügen  keineswegs
  Strafbestimmungen  wegen  Mißbrauchs  des  Koalitionsrechts,  auch
die  Verhinderung  seiner  Ausübung  muß  unter  Strafe  gestellt  werden.
        <pb n="168" />
        160  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober.)

Heute  werden  die  Arbeiter,  die  ihrem  Unternehmer  mit  Streik  oder  Sperre
drohen,  auf  Grund  des  Strafgesetzes  bestraft.  Wenn  der  Unternehmer
aber  seine  Arbeiter auf  die  Straße  wirft,  weil  sie  ihr  Koalitionsrecht  ausüben,
  geht  er  straffrei  aus,  ja  genießt  meist  den  Schutz  der  Behörden.

In  einer  Resolution  wird  gefordert:  1.  Sicherung  und  Erweiterung
des  Koalitionsrechtes.  2.  Schaffung  eines  einheitlichen  und  freiheitlichen
Vereins-  und  Versammlungsrechts  für  das  ganze  Reich  an  Stelle  der
einzelstaatlichen  Vereinsgesetze,  worin  alle  das  Koalitionsrecht  und  die
Tätigkeit  der  Berufsvereine  einengenden  Bestimmungen  der  Vereinsgesetze
beseitigt  sind.  3.  Verleihung  der  Rechtsfähigkeit  an  die  Berufsvereine  zur
Sicherstellung  ihrer  Vermögensrechte  ohne  Einschränkung  ihrer  Bewegungsfreiheit.


Ferner  werden  folgende  Beschlüsse  gefaßt:  Für  die  Einführung  von
Arbeitskammern:  „Die  Versammlung  spricht  ihr  lebhaftes  Bedauern  darüber
aus,  daß  die  in  den  kaiserlichen  Erlassen  vom  4.  Februar  1890  in  Aussicht
  genommenen  gesetzlichen  Institutionen  (Arbeitskammern)  zur  „Pflege
des  Friedens  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  an  denen  Arbeiter
durch  Vertreter,  welche  ihr  Vertrauen  besitzen,  an  der  Regelung  gemeinsamer
  Angelegenheiten  beteiligt  und  zur  Wahrnehmung  ihrer  Interessen
bei  Verhandlungen  mit  den  Arbeitgebern  und  mit  den  Organen  der  Regierung
  befähigt  werden",  noch  nicht  verwirklicht  sind.  Sie  bedauert  das
um  so  mehr,  als  ähnliche  Institutionen  in  Deutschland  für  andere  Berufsklassen
  seit  längerer  Zeit  bestehen  und  erfolgreich  und  nützlich  wirken.  Die
Versammlung  erblickt  in  paritätischen  Arbeitskammern  ein  wichtiges  Mittel,
a)  der  Verschärfung  der  Klassengegensätze  und  der  damit  verbundenen
wachsenden  Verbitterung  und  Entfremdung  von  Arbeiter  und  Arbeitgeber
Einhalt  zu  tun  durch  Beratung  und  Verständigung  über  gemeinsame  Angelegenheiten,
  insbesondere  aus  dem  Arbeitsverhältnis;  b)  die  Rechte  und
Interessen  der  Arbeiter  sicher  zu  stellen  und  zu  fördern  und  so  den  Arbeiterstand
  in  seinem  Bestreben,  eine  größere  Anteilnahme  an  den  geistigen
und  materiellen  Gütern  der  Kultur  zu  erlangen,  wirksam  zu  unterstützen.
Es  ist  deshalb  die  Schaffung  solcher  Arbeitskammern  als  eine  der  nächsten
und  wichtigsten  Aufgaben  der  deutschen  Sozialpolitik  anzusehen.  In  diesem
Sinne  ersucht  die  Versammlung  die  Regierung  und  die  Volksvertreter  in
den  Parlamenten,  baldmöglichst  die  geeigneten  Schritte  zur  Verwirklichung
der  Arbeitskammern  einzuleiten  und  verpflichtet  die  Teilnehmer  des  Kongresses,
  für  diesen  Gedanken  in  ihren  Korporationen  lebhafte  Propaganda
zu  machen.“  Ueber  die  Organisation:  „§  1.  Der  Ausschuß  des  deutschen
Arbeiter-Kongresses  bezweckt,  zwischen  den  Arbeiterorganisationen  Deutschlands,
  die  auf  dem  Boden  der  kaiserlichen  Botschaften  von  1881  und  1890
stehen,  eine  gegenseitige  Verständigung  bei  allen  die  Arbeiter  betreffenden
sozialen  Angelegenheiten  von  Fall  zu  Fall  herbeizuführen,  um  ein  gemeinsames
  Vorgehen  zu  ermöglichen;  vor  allem  erstrebt  er  die  volle  Ausnützung
der  aus  der  sozialpolitischen  Gesetzgebung  entspringenden  Rechte.  Der  Anschluß
  neuer  Arbeiterorganisationen  erfolgt  mit  Genehmigung  des  Ausschusses.
  §  6.  Alle  Beschlüsse  des  Ausschusses  werden  mit  einfacher  Stimmenmehrheit
  gefaßt.  Sie  haben  für  die  beteiligten  Organisationen  nur
insofern  bindende  Kraft,  als  sie  sich  auf  seine  Geschäfts-  und  Kassenführung
beziehen,  im  übrigen  übt  der  Ausschuß  nur  eine  zwischen  ihnen  vermittelnde
Tätigkeit  nach  Maßgabe  des  §  1  dieser  Satzungen  aus.“

Oktober.  Die  Presse  über  den  Arbeiterkongreß.

Der  „Vorwärts“  verhöhnt  den  Kongreß:  „Es  ist  nur  eine  Variation
des  uralten  Themas:  die  Arbeiter  durch  ein  sozialpolitisches  Eiapopeia
        <pb n="169" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  30.—Nov.  4.)  161

einzulullen  und  einzufangen,  durch  das  Linsengericht  der  Bewilligung  einiger
sogenannter  „berechtigter  Forderungen“  sie  um  das  Erstgeburtsrecht  ihrer
völligen  Befreiung  zu  betrügen.  Es  gibt  aber  keine  isolierten  berechtigten
Forderungen.  Das  ganze  weite  Gebiet  des  gesellschaftlich-politischen  Daseins
  ist  untrennbar  und  unteilbar.  Das  Proletariat  ist  an  allen  politischen
  und  sozialen  Fragen  unmittelbar  interessiert  und  so  kann  es  nur
als  Klasse  im  Klassenkampf  mit  einem  allumfassenden  Programm  erfolgreich
  kämpfen.“

Die  „Berliner  Neuesten  Nachrichten“  finden,  daß  der  Kongreß  zu
radikale  Forderungen  aufstelle,  um  segensreich  zu  wirken,  z.  B.  sei  das
freie  Koalitionsrecht  unmöglich.  Aehnlich  sprechen  sich  „Kreuz-Zeitung“
und  „Hamburger  Nachrichten“  aus.  Weitaus  die  meisten  bürgerlichen
Blätter  begrüßen  den  Kongreß  mit  Sympathie  und  erwarten  davon  eine
Belebung  der  Sozialpolitik  und  günstige  Wirkung  auf  die  Sozialdemokratie.

30.  Oktober.  Die  Bayerische  Abgeordnetenkammer  genehmigt
  den  Entwurf  der  Errichtung  eines  Verkehrsministeriums
gegen  9  Stimmen  der  Freien  Vereinigung.

31.  Oktober.  (Stettin.)  Das  Kaiserpaar  wohnt  dem  Stapellauf
  eines  Linienschiffes  bei,  das  die  Kaiserin  „Preußen“  tauft.

1.  November.  (Charlottenburg.)  Theodor  Mommsen  †.

Geboren  am  30.  Januar  1817  in  Garding,  1858  Professor  in
Berlin,  1874  ständiger  Sekretär  der  Akademie  der  Wissenschaften.  1873—82
nationalliberaler,  später  freisinniger  Landtagsabgeordneter.  Sein  Hauptwerk,
  die  „Römische  Geschichte“,  ist  zuerst  1854  erschienen.

Der  Kaiser  sendet  folgendes  Telegramm  an  die  Witwe:  „Schmerzlich
  bewegt  durch  Ihre  Meldung  von  dem  Hinscheiden  Ihres  Gatten,  spreche
Ich  Ihnen  und  den  Hinterbliebenen  der  Familie  des  Verewigten  Meine
herzliche  Teilnahme  aus.  Gott  der  Herr  tröste  Sie  in  Ihrem  schweren
Leide!  Die  ganze  gebildete  Welt  nimmt  teil  an  Ihrem  Verluste.  Hat  sie
doch  in  dem  Entschlafenen  ihren  größten  humanistischen  Gelehrten,  einen
Meister  der  römischen  Geschichtsforschung  und  unübertrefflichen  Organisator
wissenschaftlicher  Unternehmungen  verloren.  Was  den  Heimgegangenen
aber  Mir  besonders  nahe  gebracht  hat,  das  sind  seine  Verdienste  um  die
Erforschung  des  Limes.  In  dankbarer  Anerkennung  seines  Wirkens  auf
diesem  Gebiete  hatte  Ich  bereits  angeordnet,  daß  eine  Marmorbüste  des
großen  Forschers  von  Künstlerhand  gefertigt  und  auf  der  Saalburg  aufgestellt
  wird.  Ich  wollte  ihm  hierdurch  zu  seinem  kurz  bevorstehenden
sechzigjährigen  Doktorjubiläum  eine  Freude  bereiten.  Durch  Gottes  Ratschluß
  hat  er  diesen  Tag  nicht  mehr  erleben  sollen;  sein  Bildnis  aber  wird
der  Nachwelt  die  Züge  eines  seltenen  Mannes  überliefern,  dessen  Name
für  alle  Zeiten  ein  Ehrenblatt  in  der  Geschichte  der  deutschen  Wissenschaft
bilden  wird.  Gezeichnet  Wilhelm  I.  R.“  —  An  der  Beerdigungsfeier  am
5.  November  nimmt  der  Kronprinz  teil.

4.  November.  (Posen.)  Die  neue  kgl.  Akademie  wird  eröffnet.



Sie  hat  die  Aufgabe,  „das  deutsche  Geistesleben  in  den  Ostmarken
durch  ihre  Lehrtätigkeit  und  ihre  wissenschaftlichen  Bestrebungen  zu  fördern“.
Die  Lehrtätigkeit  besteht  vornehmlich  in  der  Abhaltung  von  Vorlesungen,
Vortrags-  sowie  Uebungsvorlesungen,  und  wissenschaftlichen  Fortbildungskursen
  für  verschiedene  Berufszweige.  Außerdem  hat  die  Akademie  die

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV.  11
        <pb n="170" />
        162  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  4./5.  6./12.)

Verpflichtung,  die  „Gesellschaft  für  Kunst  und  Wissenschaft“  in  ihren  Bestrebungen
  zu  unterstützen.  Sie  untersteht  dem  Unterrichtsminister  bezw.
dem  Kurator,  zur  Zeit  Oberpräsident  der  Provinz  Posen.  Die  Zulassung
setzt  das  Einjährigen-Zeugnis  oder  den  Nachweis  einer  gleichwertigen  Bildung
  voraus,  doch  sind  Ausnahmen  zulässig.  Die  Einschreibegebühr  beträgt
  10  M,  dazu  kommen  5  M  Auditoriengeld  für  jedes  Semester.  Die
Vortragsvorlesungen  finden  unentgeltlich  statt,  für  die  Uebungsvorlesungen
und  Fortbildungskurse  darf  mit  ministerieller  Genehmigung  ein  Honorar
erhoben  werden.  Der  viersemestrige  Besuch  der  Akademie  berechtigt  zur
Zulassung  zur  Diplomprüfung.  Dem  Lehrkörper  gehören  vorläufig  13  Professoren,
  4  Dozenten  und  13  mit  Vorlesungen  Beauftragte  an.  Erster
Rektor  ist  Professor  Kühnemann.  —  An  der  Einweihungsfeier  nehmen
außer  den  Provinzialbehörden  der  Kultusminister  und  ein  Vertreter  des
Reichskanzlers  teil.

Die  meisten  deutschen  Zeitungen  versprechen  sich  Erfolg  von  der
Akademie;  die  „Leipziger  Neuesten  Nachrichten“  sind  skeptisch:  „Man  wird
so  lange  eine  Politik  im  Zirkel  betreiben,  als  man  sich  nicht  entschließt,
radikal  vorzugehen,  mit  der  Parität  zu  brechen,  den  Grundsatz  der  Enteignung
  durchzuführen,  den  Uebergang  deutschen  Bodens  in  polnische  Hand
durch  das  Gesetz  zu  verhindern,  dem  Staat  das  Vorkaufsrecht  zu  sichern
und  eine  großzügige  Besiedlung  mit  zuverlässigen  deutschen  Elementen
herbeizuführen.“

4.  5.  November.  (Wiesbaden  und  Wolfsgarten  bei  Darmstadt.)
  Zusammenkunft  des  Kaisers  mit  dem  Zaren.  Der  Reichskanzler
  und  der  russische  Minister  des  Auswärtigen  nehmen  an  der
Zusammenkunft  teil.

6./12.  November.  (Bayerisches  Abgeordnetenhaus.)  Beratung
  des  Militäretats.  Mißhandlungen;  Veteranenunterstützung.

Abg.  Keidel  (Soz.)  beschwert  sich  über  Soldatenmißhandlungen.
Abg.  Schädler  (Z.)  tadelt  den  Luxus  im  Offizierkorps  und  die  Vernachlässigung
  des  Militärgottesdienstes.  Abg.  Hammerschmidt  ((lib.)  fordert
Entfernung  der  Offiziere  und  Unteroffiziere  aus  dem  Heere,  die  sich  Mißhandlungen
  hätten  zu  Schulden  kommen  lassen.  —  (7.  Nov.)  Kriegsmin.
Frhr.  v.  Asch:  Er  bedauere,  daß  eine  Abnahme  der  Mißhandlungen  nicht
zu  bemerken  sei,  er  erkläre  aber  unumwunden,  daß  er  sie  in  keiner  Weise
entschuldigen  wolle  noch  könne  und  mit  aller  Kraft  dahin  wirken  werde,
diese  Dinge  hintanzuhalten.  Es  sei  schon  grundsätzlich  befohlen,  daß  mit
Unteroffizieren,  die  sich  der  Mißhandlung  Untergebener  schuldig  gemacht
haben,  nicht  wieder  kapituliert  werde,  und  auch  gegen  höhere  Vorgesetzte,
in  deren  Befehlsbereich  öfter  Mißhandlungen  vorkommen,  werde  streng
eingeschritten.  —  Am  10.  November  erklärt  der  Kriegsminister  auf  mehrere
Beschwerden,  daß  die  Entschädigung  für  Einquartierung  voraussichtlich  erhöht
  werden  wird.
  Am  12.  beantragen  Abg.  Nißler  (fr.  Vg.)  und  Baumann  (Z.)
eine  Abänderung  des  Gesetzes  über  den  Reichsinvalidenfonds  dahin,  daß
solchen  Personen  des  Unteroffiziers-  und  Mannschaftsstandes  des  Heeres
und  der  Marine,  welche  an  dem  Feldzuge  1870/71  oder  an  den  von  deutschen
  Staaten  vor  1870  geführten  Kriegen  ehrenvoll  Anteil  genommen
haben  und  deren  Erwerbsfähigkeit  infolge  von  Alter,  Krankheit  oder  anderen
  Gebrechen  dauernd  auf  weniger  als  ein  Drittel  herabgesetzt  ist,  soweit
  sie  unterstützungsbedürftig  sind  und  auf  diese  Unterstützung  Anspruch
        <pb n="171" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  7.  11.)  163

erheben,  eine  Beihilfe  gewährt  werde.  —  Kriegsminister  Frhr.  v.  Asch
begrüßt  den  Antrag.  Wenn  von  Reichswegen  in  reichlicherem  Maße  als
bisher  die  Veteranen  unterstützt  werden  könnten,  dann  würde  ich  mich  dessen
um  so  mehr  freuen,  als  für  die  bayerischen  Veteranen  die  Summe,  welche
durch  Gesetz  vom  Jahre  1898  als  Mittel  des  Okkupationsfonds  dem  Kriegsministerium
  zur  Unterstützung  von  Veteranen  gegeben  wurde,  dann  dazu
dienen  könnte,  in  werktätigerer  Art  als  bisher  für  die  Unterstützung  der
Kriegsteilnehmer  eintreten  zu  können.  Die  Summe,  welche  dem  Kriegsministerium
  in  dieser  Hinsicht  zur  Verfügung  steht,  beträgt  jährlich    350.000 M;
hiervon  erhalten  gegenwärtig  518  Köpfe  Unterstützung.  Es  sind  aber  von
diesen  Veteranen,  welche  teils  fremder  Pflege  bedürfen,  teils  gänzlich  oder
zum  größten  Teil  erwerbsunfähig  sind,  noch  120  Bittsteller  vorgemerkt.
Würden  allen  diesen  nun  die  Wohltaten  der  Reichsbeihilfen  zufallen,  dann
würden  die  Mittel  des  Okkupationsfonds  für  die  Veteranen  verwendet
werden  können,  welche,  wenn  auch  noch  erwerbsfähig,  aber  doch  in  beschränkter
  Lage  sind.

Finanzminister  Frhr.  v.  Riedel:  Der  Invalidenfonds  würde  den
Anforderungen,  die  die  Anträge  an  ihn  stellen,  nicht  gewachsen  sein,  wenn
ihm  nicht  neue  Einnahmen  eröffnet  werden.  Wenn  er  nicht  eine  weitere
Vermehrung  erfahre,  würde  er  schon  durch  die  ihm  jetzt  obliegenden  Verpflichtungen
  im  Jahre  1910  erschöpft  sein.  Die  bayerische  Regierung  werde
es  an  tatkräftiger  Mitwirkung  an  der  Erweiterung  der  Veteranenbeihilfen
nicht  fehlen  lassen,  sobald  nur  die  Finanzen  des  Reiches  halbwegs  ins
reine  gebracht  sein  werden.  —  Die  Anträge  werden  einstimmig  angenommen.
  —  Nach  einigen  Debatten  über  die  Offizierspensionierungen,  die,
wie  der  Kriegsminister  einigen  Zentrumsabgeordneten  gegenüber  betont,
nach  streng  sachlichen  Gesichtspunkten  erfolgten,  wird  die  Beratung  über
den  Militäretat  geschlossen.

7.  November.  (Darmstadt.)  Das  Zarenpaar  reist  ab  nach
Rußland.

7.  November.  (Potsdam.)  Stimmlippenoperation  des  Kaisers.

Die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  veröffentlicht  folgende  Kundgebung:
  „Seine  Majestät  der  Kaiser  haben  sich  heute  der  Operation  eines
Stimmlippen-Polypen  unterzogen.  Die  Operation  wurde  von  dem  Geheimrat
  Professor  Schmidt  ausgeführt  und  verlief  ganz  glatt.  Sr.  Majestät
ist  bis  zur  Heilung  der  Operationswunde  nur  die  Enthaltung  des  Stimmgebrauchs
  auferlegt.

Potsdam,  7.  November  1903.

v.  Leuthold.  Moritz  Schmidt.  Ilberg.“

Die  Heilung  verläuft  glatt.  In  der  Oeffentlichkeit  wird  die  Befürchtung
  geäußert,  daß  die  Krankheitsursache  Krebs  sein  könnte,  was  von
medizinischer  Seite,  u.  a.  vom  Operateur  selbst,  als  schlechthin  ausgeschlossen
bezeichnet  wird.

11.  November.  (Baden.)  Nach  Abschluß  der  Ergänzungswahlen
  hat  die  Zweite  Kammer  folgende  Zusammensetzung:  26  Nationalliberale
  (bisher  24),  23  Zentrum  (23),  5  Demokraten  (5),
6  Sozialdemokraten  (6),  2  Freisinnige  (2),  1  Antisemit  (1).

11.  November.  (Metz.)  Schluß  eines  Militärprozesses.

Leutnant  Bilse,  der  in  einem  Roman  die  Verhältnisse  der  Garnison
  Forbach  und  des  Offizierkorps  des  Trainbataillons  scharf  kritisiert
11*
        <pb n="172" />
        164  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  12.  —  19.)

hatte,  wird  wegen  Beleidigung  von  Vorgesetzten  und  Verletzung  des  Dienstgehorsams
  zu  sechs  Monaten  Gefängnis  und  zur  Dienstentlassung  verurteilt.
  —  Der  Prozeß  veranlaßt  lebhafte  Preßerörterungen  über  das
Leben  in  kleinen  Garnisonen  und  über  die  Trainoffiziere.  (Vgl.  Colmar
v.  d.  Goltz,  Deutsche  Revue  1903,  Dezember.)

12.  November.  (Sachsen.)  Der  König  eröffnet  den  Landtag.
  —  Die  Thronrede  bezeichnet  die  Finanzlage  als  etwas  günstiger,
  obwohl  eine  erhöhte  Schuldentilgung  noch  nicht  möglich  sei.
Eine  Regelung  der  finanziellen  Beziehungen  zwischen  Reich  und
Bundesstaaten  sei  dringend  notwendig.

Mitte  November.  (Posen.)  Polnische  Kleriker  des  Priesterseminars
  verweigern  den  Besuch  der  Akademie.  Der  Erzbischof
zwingt  sie  durch  Karzerstrafen  und  Androhung  der  Relegation  den
Widerstand  aufzugeben.

14.  November.  (Preußen.)  Die  sozialdemokratische  Parteileitung
  gibt  folgende  Wahlparole  aus:

In  Wahlkreisen,  in  denen  zwei  oder  drei  Abgeordnete  zu  wählen
und  in  denen  unsere  Wahlmänner  zwischen  Freisinnigen  und  weiter  rechts
stehenden  Parteien  ausschlaggebend  sind,  haben  wir  für  unser  Eintreten
zu  gunsten  der  Freisinnigen  die  Wahl  eines  sozialdemokratischen  Abgeordneten
  zu  verlangen.  Wird  diese  Forderung  abgelehnt,  so  haben  sich  unsere
Wahlmänner  bei  Stichwahlen  der  Stimmabgabe  zu  enthalten.

14.  November.  (Sachsen.)  Die  konservative  Mehrheit  der
Zweiten  Kammer  beschließt,  keine  nationalliberalen  und  freisinnigen
Abgeordneten  zu  Kommissionsmitgliedern  zu  wählen.  Der  Beschluß
führt  zu  scharfen  Auseinandersetzungen.

14./15.  November.  (Heilbronn.)  Der  Parteitag  der  Deutschen
  Volkspartei  spricht  sich  für  eine  Zusammenfassung  der  Gruppen
der  bürgerlichen  Linken  aus;  Anträge  auf  Zusammengehen  mit  den
Sozialdemokraten  werden  abgelehnt.

16.  November.  (Bayern.)  Die  Landtagssession  wird  bis
zum  31.  Januar  1904  verlängert.

“  19.  November.  (Bayerische  Abgeordnetenkammer.)
Änderung  der  Geschäftsordnung.

Die  Liberalen  und  die  freie  Vereinigung  beantragen,  daß  über  eine
Vorlage,  die  in  der  ersten  Beratung  abgelehnt  ist,  noch  eine  zweite  Beratung
  stattfinden  muß,  wenn  15  Mitglieder  der  Kammer  es  beantragen.
Dadurch  wolle  man  die  Minderheit  vor  einer  Vergewaltigung  durch  die
Mehrheit  schützen.  —  Die  aus  dem  Zentrum  bestehende  Mehrheit  lehnt
den  Antrag  ab  und  beschließt,  daß  die  zweite  Beratung  in  solchen  Fällen
von  dem  Antrage  von  30  Abgeordneten  abhängig  sein  soll.  —  Die  Liberalen
  greifen  diesen  Beschluß  scharf  an,  weil  nur  das  Zentrum  immer
30  Abgeordnete  zur  Stelle  haben  könne.  —  Ferner  wird  die  Redezeit  für
Bemerkungen  zur  Geschäftsordnung  auf  5  Minuten  beschränkt.
        <pb n="173" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Nov.  20.—Dez.  3.)  165

20.  November.  (Preußen.)  Landtagswahlen.

Das  Wahlergebnis  ist  folgendes:  Konservative  148  (bisher  144),
Freikonservative  54  (58),  Zentrum  97  (100),  Nationalliberale  79  (75),

Freisinnige  Volkspartei  23  (25),  Freisinnige  Vereinigung  8  (11),  Polen  13,
Dänen  2,  Bund  der  Landwirte  2,  Reformpartei  2,  Fraktionslose  5.

21.  November.  (Düsseldorf.)  Der  Verein  zur  Wahrung
der  gemeinschaftlichen  wirtschaftlichen  Interessen  Rheinlands  und
Westfalens  spricht  sich  scharf  gegen  Binnenschiffahrtsabgaben  auf
Strömen  aus.

21.  November.  (Reichstagsersatzwahl.)  Im  15  sächsischen
Wahlkreise  (Flöha)  wird  für  Göhre  (vgl.  S.  140)  Stücklen  (Soz.)
mit  16.039  Stimmen  gegen  Rüdiger  (nl.)  mit    10.509  gewählt.

23.  November.  (Bayerische  Abgeordnetenkammer.)  In
der  Beratung  einiger  Petitionen  gegen  die  Errichtung  eines  Beamtenwarenhauses
  spricht  sich  Minister  des  Innern  Frhr.  v.  Feilitzsch
  scharf  gegen  ein  solches  Warenhaus  aus.

24.  November.  (Preußen.)  Wirkl.  Oberkonsistorialrat  Voigts
wird  zum  Präsidenten  des  evangelischen  Oberkirchenrats  ernannt.

25.  November.  (Holtenau.)  Rückkehr  des  Südpolarschiffes
„Gauß“"  von  der  antarktischen  Expedition.  Der  Führer  der  Expedition,
  Professor  v.  Drygalski,  wird  vom  Prinzen  Heinrich  und
den  Kieler  Behörden  empfangen.

25.  November.  Die  Bayerische  Abgeordnetenkammer
genehmigt  einstimmig  einen  Antrag  Müller  (Soz.),  daß  die  Regierung
  die  Offiziere  und  Unteroffiziere,  die  sich  Mißhandlungen  haben
zu  schulden  kommen  lassen,  aus  dem  Heere  entfernen  soll.  Kriegsminister
  Frhr.  v.  Asch  verspricht  Entfernung  aus  dem  aktiven  Dienste.

30.  November.  (Berlin.)  Der  Kolonialrat  beginnt  seine
Herbsttagung.
1.  Dezember.  (Baden.)  Eröffnung  des  Landtags.

Nach  der  Thronrede  beträgt  der  Fehlbetrag  11  Millionen  Mark.
Die  Regierung  schlägt  eine  Erhöhung  der  Einkommen-  und  Kapitalrentensteuer,
  eine  Warenhaussteuer  und  Umwandlung  der  Ertragssteuer  in  Vermögenssteuer
  vor.  Das  Reich  müsse  finanziell  leistungsfähig  gemacht  werden.

1.  Dezember.  (Reichstagswahl.)  Bei  der  Ersatzwahl  im
Kreise  Stallupönen  -Goldap-Drakehmen  wird  Kreth  (kons.)  mit
9.011  Stimmen  gegen  Dirichlet  (fr.  Vp.)  mit  752  Stimmen  gewählt.

3.  Dezember.  (Berlin.)  Reichskanzler  Graf  Bülow  eröffnet

  den  Reichstag  mit  folgender  Thronrede:
Geehrte  Herren!  Seine  Majestät  der  Kaiser  haben  mich  zu  be-
        <pb n="174" />
        166  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  3.)

auftragen  geruht,  Sie  in  seinem  und  der  verbündeten  Regierungen  Namen
am  Beginne  der  ersten  Tagung  der  neuen  Legislaturperiode  willkommen
zu  heißen.  Seine  Majestät  vereinigen  sich  mit  seinen  hohen  Verbündeten
in  dem  Wunsche,  daß  es  Ihnen  gelingen  möge,  die  wichtigen  und  schwierigen
  Fragen,  die  auf  den  verschiedenen  Gebieten  der  Reichsverwaltung
an  sie  herantreten  werden,  in  einmütigem  Zusammenwirken  mit  den  Regierungen
  zu  gedeihlicher  Lösung  zu  bringen.  Auch  haben  Seine  Majestät
mich  beauftragt,  von  dieser  Stelle  aus  seinen  kaiserlichen  Dank  auszusprechen
  allen,  die  an  seinem  Leiden  und  an  seiner  Heilung  einen  seinem
Herzen  wohltuenden  Anteil  genommen  haben.  Der  wirtschaftliche  Druck,
welcher  seit  mehreren  Jahren  auf  allen  Staaten  mit  hochentwickelter  Industrie
  lastet  und  auch  gegenwärtig  noch  nicht  ganz  überwunden  ist,  hat
auch  auf  die  Finanzen  des  Reiches  seine  ungünstigen  Einwirkungen  ausgeübt.
  Trotz  sparsamster  Bemessung  der  Ausgaben  muß  zur  Herstellung
des  Gleichgewichtes  im  Reichshaushaltsetat  neben  der  Heranziehung  der
Bundesstaaten  zu  ungedeckten  Matrikularbeiträgen  wiederum  auf  die  Anleihe
  zurückgegriffen  werden.  Das  Bedürfnis  einer  besseren  Ordnung  der
Reichsfinanzen  und  des  finanziellen  Verhältnisses  zwischen  dem  Reiche  und
den  Einzelstaaten  hat  sich  immer  mehr  geltend  gemacht.  Wenn  auch  eine
durchgreifende  organische  Reform  zur  Zeit  noch  nicht  erfolgen  kann,  so
soll  sie  doch  einstweilen  durch  Beseitigung  der  bestehenden  größten  Uebelstände
  wenigstens  angebahnt  werden.  Zu  diesem  Zwecke  wird  dem  Reichstag
  ein  Gesetzentwurf  betreffend  die  anderweite  Ordnung  des  Finanzwesens
des  Reiches  zugehen.  Auf  dem  Gebiete  des  Heerwesens  soll  zunächst  die
Verlängerung  des  mit  dem  31.  März  1904  ablaufenden  Gesetzes  betr.  die
Friedenspräsenzstärke  des  deutschen  Heeres  vom  25.  März  1899  um  ein
Jahr  vorgeschlagen  werden.  Es  ist  ferner  allseitig  als  dringendes  Bedürfnis
  anerkannt  worden,  das  Versorgungswesen  für  die  Offiziere  und
Mannschaften  des  Reichsheeres  den  zeitigen  Lebens-  und  Erwerbsverhältnissen
  entsprechend  gesetzlich  neu  zu  regeln.  Zwei  Gesetzentwürfe,  durch
welche  auch  die  Versorgung  der  Offiziere  und  Mannschaften  der  Marine
und  der  Schutztruppen  auf  gleicher  Grundlage  neu  geordnet  werden  soll,
werden  Gegenstand  der  Beschlußfassung  des  Bundesrats  sein.  Die  sozialpolitische
  Gesetzgebung  auf  den  in  früheren  Kundgebungen  vorgezeichneten
Grundlagen  fortzuführen,  den  Bedürftigen  erweiterte  Fürsorge,  den  Schwachen
  erhöhten  Schutz  zu  gewähren,  sind  die  verbündeten  Regierungen  unbeirrt
  durch  politische  Strömungen  fest  entschlossen.  Sie  geben  sich  der
Hoffnung  hin,  in  allen  Kreisen  volles  Verständnis  dafür  zu  finden,  daß
durch  das  schnelle  Anwachsen  unserer  Bevölkerung  und  durch  die  allgemeine
  Entwicklung  unserer  Erwerbsverhältnisse  die  Tätigkeit  der  Regierungen
  und  die  Opferfreudigkeit  des  deutschen  Volkes  noch  vor  große  Aufgaben
  gestellt  sind,  wenn  wir  den  Anforderungen  steigender  Kultur  gerecht
werden  sollen.  Durch  eine  besondere  Vorlage  ist  den  verbündeten  Regierungen
  vorgeschlagen,  in  Erfüllung  eines  weitverbreiteten  Wunsches  Streitigkeiten
  der  Handlungsgehilfen  aus  ihrem  Dienstverhältnisse  vor  einem  durch
sachkundige  Beisitzer  aus  den  Kreisen  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeitnehmer
verstärkten  Gericht  in  einem  schleunigen  Verfahren  zum  Austrage  zu  bringen.
Das  Börsengesetz  vom  22.  Juni  1896  verfolgt  in  den  Bestimmungen  des
Abschnittes  4  über  den  Börsenterminhandel  unter  anderem  das  Bestreben,
einer  Ausnutzung  des  Börsenverkehrs  zu  unwirtschaftlichen,  insbesondere
zu  reinen  Spielzwecken  entgegenzuarbeiten.  Indessen  haben  sich  unter  dem
Schutze  einzelner  Vorschriften  des  Gesetzes  Mißbräuche  herausgebildet,  die
Treue  und  Glauben  verletzen  und  hierdurch  den  volkswirtschaftlich  berechtigten
  und  notwendigen  Börsenverkehr  empfindlich  schädigen.  Um  diese
        <pb n="175" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  3.)  167

Erscheinungen  zu  beseitigen,  wird  eine  Aenderung  jenes  Gesetzabschnittes
zur  Beratung  gestellt  werden.  Im  Anschluß  hieran  soll  versucht  werden,
durch  eine  Aenderung  der  Reichsstempelgesetzgebung  berechtigten  Interessen
des  Börsenverkehrs  entgegenzukommen.  Dabei  werden  auch  Unzuträglichkeiten
  zu  beseitigen  sein,  die  sich  im  Gebiete  dieser  Gesetzgebung  in  anderer
Richtung,  insbesondere  in  Bezug  auf  die  Ausspielungen,  ergeben  haben.
Bedauerlicherweise  sind  neuerdings  in  einem  Teile  der  deutschen  Rebgelände
Schädlinge  in  einem  Umfange  aufgetreten,  der  für  die  Zukunft  unseres
Weinbaues  zu  schweren  Besorgnissen  Anlaß  gibt.  Die  geltenden  gesetzlichen
  Bestimmungen  haben  sich  zur  erfolgreichen  Bekämpfung  der  drohenden
Gefahr  in  manchen  Punkten  als  unzulänglich  erwiesen.  Es  wird  daher
eine  Vorlage  ausgearbeitet,  die  den  Behörden  schärfere  Waffen  in  die  Hand
geben  soll,  um  auf  diese  Weise  jenen  kostbaren  Zweig  der  deutschen  Landwirtschaft
  vor  größerem  Unheile  zu  bewahren.  In  Erfüllung  eines  Wunsches,
  der  vom  Reichstage  in  früheren  Legislaturperioden  wiederholt  ausgesprochen
  ist,  verhandelt  der  Bundesrat  über  einen  Gesetzentwurf,  welcher
die  Frage  eines  gesetzlichen  Entschädigungsanspruchs  für  unschuldig  erlittene
Untersuchungshaft  zu  regeln  bestimmt  ist.  Die  wirtschaftliche  Erschließung
unserer  Schutzgebiete  hängt  davon  ab,  daß  es  gelingt,  sie  mit  leistungsfähigen
  Verkehrsmitteln  auszustatten.  Besonders  dringlich  ist  dies  für  die
Entwicklung  für  Deutsch-Ostafrika.  Es  besteht  die  Absicht,  den  schon  dem
letzten  Reichstage  vorgelegten  Gesetzentwurf  über  die  Zinsgarantie  für  eine
Bahn  von  Dar-es-Salaam  nach  Mrogoro,  nachdem  dieser  Entwurf  wiederholter
  Prüfung  unterworfen  worden  ist,  mit  einigen  Aenderungen  Ihrer
Beschlußfassung  von  neuem  zu  unterbreiten.  Auf  Grund  des  im  Vorjahre
aufgestellten  neuen  Zolltarifs  sind  mit  mehreren  Staaten  des  europäischen
Kontinents  Unterhandlungen  wegen  Neugestaltung  der  bestehenden  Handelsund
  Tarifverträge  eingeleitet  worden.  Bei  der  gegenwärtigen  Sachlage
erscheint  es  zweckmäßig,  die  bisherigen  Grundlagen  für  die  Regelung  des
handelspolitischen  Verhältnisses  zum  britischen  Reiche  einstweilen  beizubehalten.
  Es  wird  Ihnen  deshalb  der  Entwurf  eines  Gesetzes  zugehen,
welches  dem  Bundesrat  über  den  31.  Dezember  dieses  Jahres  hinaus  die
Befugnis  zur  meistbegünstigten  Behandlung  britischer  Angehöriger  und  Erzeugnisse
  beilegt.  Das  Deutsche  Reich  unterhält  zu  allen  fremden  Mächten
gute  und  freundliche  Beziehungen.  In  der  schwierigen  mazedonischen  Frage,
welche  die  europäische  Diplomatie  in  der  letzten  Zeit  am  meisten  beschäftigt,
stehen  deutsche  Interessen  erst  in  zweiter  Linie.  Die  Regierung  Seiner
Majestät  des  Kaisers  hat  aber  an  ihrem  Teile  mitgewirkt,  um  ernsteren
Verwicklungen  tunlichst  vorzubeugen  und  zum  Erfolge  der  Bestrebungen
der  nächstbeteiligten  Mächte  für  ruhige  und  geordnete  Zustände  in  Mazedonien
  beizutragen.  Seine  Majestät  der  Kaiser  hat  zu  seiner  Freude  auch
in  diesem  Jahre  mit  seinen  hohen  Verbündeten  in  Rom  und  in  Wien
und  mit  dem  befreundeten  Herrscher  des  russischen  Reichs  in  persönlichen
Gedankenaustausch  treten  können.  Dabei  ist  der  Wunsch  und  die  Hoffnung
  aufs  neue  befestigt  worden,  daß  der  Friede,  das  größte  Gut  für  die
Wohlfahrt  der  Völker,  auch  ferner  vor  gefährlichen  Störungen  bewahrt
bleibe.  Geehrte  Herren!  Sie  stehen  im  Begriff,  Ihre  bedeutsamen  und
verantwortungsvollen  Arbeiten  aufzunehmen.  Möchten  Ihre  Verhandlungen
  dazu  beitragen,  den  friedlichen  Ausgleich  bestehender  Gegensätze  zu
fördern,  die  wirtschaftliche  Lage  des  deutschen  Volkes  mehr  und  mehr  zu
bessern  und  des  Reiches  Macht  und  Ansehen  zu  unserer  aller  Wohl  zu
heben  und  zu  stärken.  Auf  Allerhöchsten  Befehl  Seiner  Majestät  des  Kaisers
  erkläre  ich  im  Namen  der  verbündeten  Regierungen  den  Reichstag

für  eröffnet.
        <pb n="176" />
        168  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  4.  9.)

4.  Dezember.  Der  Reichstag  wählt  den  Grafen  Ballestrem
(Zentr.)  zum  Präsidenten,  den  Grafen  Stolberg  (kons.)  zum  ersten,
den  Dr.  Paasche  (nl.)  zum  zweiten  Vizepräsidenten.  Bei  der  Wahl
des  ersten  Vizepräsidenten  erhält  Abg.  Singer  (Soz.)  68  Stimmen.

4.  Dezember.  Dem  Reichstag  geht  folgender  Gesetzentwurf
über  Anderungen  im  Finanzwesen  des  Reiches  zu:

§  1.  Die  Vorschriften  über  die  Ueberweisung  eines  Teiles  des  Ertrags
  der  Zölle  und  der  Tabaksteuer,  dann  des  Ertrags  der  Stempelabgaben
  an  die  Bundesstaaten  (§  8  des  durch  die  Bekanntmachung  vom
24.  Mai  1885,  Reichs-Gesetzbl.  S.  111,  veröffentlichten  Zolltarifgesetzes,  §  55
des  durch  Bekanntmachung  vom  14.  Juni  1900,  Reichs-Gesetzbl.  S.  275,
veröffentlichten  Reichsstempelgesetzes)  sowie  die  Bestimmung  §  2  des  Gesetzes,
  betreffend  Verwendung  von  Mehrerträgen  der  Reichseinnahmen  und
Ueberweisungssteuern  zur  Schuldentilgung,  vom  28.  März  1903  (Reichs-Gesetzbl.
  S.  109)  werden  aufgehoben.  §  2.  Artikel  70  der  Verfassung  erhält
  folgende  Fassung:  Artikel  70.  „Zur  Bestreitung  aller  gemeinschaftlichen
  ordentlichen  Ausgaben  dienen  zunächst  die  aus  den  Zöllen  und  gemeinsamen
  Steuern,  aus  dem  Eisenbahn-,  Post-  und  Telegraphenwesen,
sowie  aus  den  übrigen  Verwaltungszweigen  fließenden  gemeinschaftlichen
Einnahmen.  Insoweit  die  Ausgaben  durch  diese  Einnahmen  nicht  gedeckt
werden,  sind  sie,  solange  die  erforderlichen  Deckungsmittel  nicht  auf  andere
Weise,  insbesondere  durch  Einführung  weiterer  Reichssteuern  beschafft  werden,
  durch  Beiträge  der  einzelnen  Bundesstaaten  nach  Maßgabe  ihrer  Bevölkerung
  aufzubringen,  welche  in  Höhe  des  budgetmäßigen  Betrags  durch
den  Reichskanzler  ausgeschrieben  werden.  Insoweit  diese  Beiträge  in  den
Ueberweisungen  keine  Deckung  finden,  sind  sie  den  Bundesstaaten  am  Jahresschluß
  in  dem  Maße  zu  erstatten,  als  die  übrigen  ordentlichen  Einnahmen
des  Reichs  dessen  Bedarf  übersteigen.  Etwaige  Ueberschüsse  aus  den  Vorjahren
  dienen,  insoweit  durch  das  Gesetz  über  den  Reichshaushaltsetat  nicht
ein  anderes  bestimmt  wird,  zur  Deckung  gemeinschaftlicher  außerordentlicher
  Ausgaben.“  §  3.  Der  budgetmäßige  Betrag  der  von  den  Bundesstaaten
  aufzubringenden  Matrikularbeiträge  soll  in  der  Regel  den  Betrag
der  von  ihnen  in  den  fünf  Vorjahren  durchschnittlich  empfangenen  Ueberweisungen
  nicht  übersteigen.  §  4.  Dieses  Gesetz  tritt  mit  dem  1.  April
1904  in  Kraft.

9.  Dezember.  (Reichstag.)  Etat.  Stengel  und  Schädler
über  die  Finanzreform.  Defizit.

Der  Etat  schließt  in  Ausgabe  und  Einnahme  mit    2.460.735.004  Mark
ab.  Das  Defizit  für  1902  beträgt  30.723.000  Mark.  —  Schatzsekretär  Frhr.
v.  Stengel:  Von  dem  Fehlbetrag  kämen  nur  8¾  Millionen  auf  Mehrausgaben.
  Der  Ausfall  an  Einnahmen  setzt  sich  zusammen  aus  einem  Ausfall
  bei  der  Zuckersteuer  und  den  mit  dem  Bankwesen  zusammenhängenden
Steuern.  Das  Etatsjahr  1903  werde  mit  einem  Fehlbetrage  von  20  Millionen
  abschließen.  Der  Etat  sei  äußerst  sparsam  aufgestellt,  nur  bei
Heer  und  Marine  würden  16½  Millionen  mehr  gefordert.  Die  schlechte
Finanzlage  wurzele  ebenso  in  der  wirtschaftlichen  Depression  wie  in  den
gesetzlichen  Bestimmungen.  Hier  solle  die  Finanzvorlage  einsetzen.  Der
Schwerpunkt  der  Vorlage  liegt  in  der  Einschränkung  der  Franckensteinschen
Klausel  und  in  der  Ordnung  des  Artikels  70  der  Verfassung.  Ohne  ersichtlichen
  Zweck  wird  heute  über  eine  halbe  Milliarde  zwischen  dem  Reich
        <pb n="177" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  9.)  169

und  den  Bundesstaaten  hin-  und  hergeschoben.  Daraus  resultiert  ein
Mangel  an  Bewegungsfreiheit,  der  sich  nach  dem  Inkrafttreten  des  neuen
Zolltarifs  ganz  besonders  fühlbar  machen  muß.  Die  verbündeten  Regierungen
  wollen  deshalb  unter  Wahrung  des  Budgetrechts  des  Reichstags
den  Anfang  zu  einer  rationellen  Finanzwirtschaft  machen.  Da  ist  kein
Grund  zur  Beunruhigung  vorhanden.  Schließlich  hat  das  Volk  auch  ein
Recht,  den  Etat  zu  verstehen.  Ich  glaube  nicht,  daß  es  für  die  Konservierung
  der  Klausel  in  ihren  wesentlichen  Punkten  eine  bessere  Lösung
gibt  als  die  hier  vorgeschlagene  Einschränkung;  ich  bin  überzeugt,  daß  der
Schöpfer  der  Klausel,  wenn  er  noch  am  Leben  wäre,  gleichfalls  die  vorgesehene
  Einschränkung  empfehlen  würde.  (Lachen  links.)  Das  Recht  der
Erhebung  von  Matrikularbeiträgen  bleibt  dem  Reiche  gewahrt.  Wir  unterscheiden
  aber  zwischen  gedeckten  und  ungedeckten  Matrikularbeiträgen.  Frhr.
v.  Stengel  hebt  dann  den  subsidiären  Charakter  der  Matrikularbeiträge
hervor  und  betont,  die  Aenderung  der  Matrikularbeiträge  ist  um  so  mehr
am  Platze,  als  diese  eine  rohe  Besteuerungsart  darstellen,  die  allerdings
schwer  zu  ändern  ist.  Die  Bestimmung,  daß  der  Durchschnitt  der  Ueberweisungen
  aus  den  letzten  fünf  Jahren  regelmäßig  nicht  überschritten  werden
soll,  wird  vorgeschlagen,  weil  eine  dauernde  Abwälzung  des  Reichsetats
auf  die  Bundesstaaten  nicht  ertragen  werden  könnte  und  weil  das  Reich
den  Einzelstaaten  die  Erfüllung  ihrer  kolossal  gewachsenen  Aufgaben  nicht
erschweren  soll.  Es  liegt  uns  völlig  ferne,  die  Franckensteinsche  Klausel
in  die  Luft  sprengen  zu  wollen.  Ebenso  falsch  ist  es,  der  Vorlage  nachzusagen,
  sie  arbeite  der  Verminderung  der  Reichsschuld  entgegen  und  müsse
neue  Steuern  im  Gefolge  haben.  Der  Reichstag  behält  doch  das  Recht,
Steuervorlagen  anzunehmen  oder  abzulehnen.

Abg.  Dr.  Schädler  (Z.)  gibt  seiner  Freude  über  die  Heilung  des
Kaisers  Ausdruck.  Die  geforderte  Oberstleutnantszulage  sei  überflüssig;
eine  Veteranenbeihilfe  sei  nötig,  eventuell  durch  eine  Wehrsteuer.  Der
Marineetat  sei  nicht  sparsam  aufgestellt,  Kiautschou  koste  schon  70  Millionen,
  ohne  etwas  zu  bringen.  Die  Franckensteinsche  Klausel  dürfe  nicht
beseitigt  werden,  sie  sei  eine  konstitutionelle  Garantie  für  das  Einnahmebewilligungsrecht.
  —  Im  Offizierkorps  müßten  die  unsauberen  Elemente,
die  der  Bilseprozeß  gezeigt  habe,  ausgemerzt  werden,  der  Luxus  müsse
abnehmen.  Eine  Statistik  der  Soldatenmißhandlungen,  die  eine  erstaunliche
  Raffiniertheit  offenbarten,  sei  wünschenswert.

9.  Dezember.  (Baden.)  Es  wird  eine  Reform  des  Landtagswahlrechts

  vorgelegt.

Wahlberechtigt  zur  Zweiten  Kammer  sind  alle  Staatsangehörigen
mit  vollendetem  25.  Lebensjahre.  Die  Wahl  ist  geheim  und  direkt.  Die
Mitgliederzahl  der  Zweiten  Kammer  steigt  von  63  auf  70,  alle  vier  Jahre
wird  die  Kammer  neu  gewählt.  Die  absolute  Majorität  entscheidet;  wenn
eine  solche  nicht  zustande  kommt,  entscheidet  in  einem  zweiten  Wahlgange
die  relative.  Die  Wahlkreise  werden  in  25  städtische  und  45  ländliche  eingeteilt.
  Die  Erste  Kammer  bestand  bisher  aus  den  Prinzen  des  großherzoglichen
  Hauses,  den  Häuptern  einiger  standesherrlichen  Familien,  aus
acht  Mitgliedern,  die  der  Großherzog  für  die  zweijährige  Sitzungsperiode
ernennt,  aus  dem  katholischen  Bischof  und  dem  evangelischen  Prälaten  und
aus  den  acht  von  den  Grundherren  und  den  zwei  von  den  Landesuniversitäten
  gewählten  Mitgliedern.  Es  sollen  nunmehr  sieben  gewählte  Mitglieder
  hinzutreten,  nämlich  ein  Abgeordneter  der  technischen  Hochschule  und
sechs  Abgeordnete  der  Berufskörperschaften  (drei  von  der  Handelskammer,
zwei  von  der  Landwirtschaftskammer  und  einer  von  den  Handwerkskam-
        <pb n="178" />
        170  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

mern  zu  wählen).  Ferner  wird  in  der  Erhöhung  der  Zahl  der  landesherrlich
  ernannten  Mitglieder  von  8  auf  10  bestimmt,  daß  vier  dieser
Mitglieder  aus  der  Zahl  der  Oberbürgermeister  und  Bürgermeister  der
Gemeinden  von  mehr  als  3000  Einwohnern  oder  der  Vorsitzenden  der  elf
Kreisausschüsse  zu  entnehmen  sind.  —  Die  Erste  Kammer  erhält  das  Recht,
die  einzelnen  Bestimmungen  der  Finanzvorlagen  zu  prüfen,  bei  Meinungsverschiedenheiten
  entscheidet  eine  Abstimmung  beider  Kammern  in  gemeinsamer
  Sitzung  unter  Leitung  des  Präsidenten  der  Zweiten  Kammer.

10.  Dezember.  (Bayern.)  Reichsratskammer.  Graf  Crailsheim
  über  seine  Ministertätigkeit.  Beziehungen  zum  Papst,  zum
Reich,  zu  Preußen.

Beim  Etat  des  kgl.  Hauses  und  des  Auswärtigen  erklärt  der  frühere
Minister  Graf  Crailsheim:  Ich  bin  nun  seit  langer  Zeit  der  Gegenstand
  heftiger  Angriffe,  Angriffe  teils  persönlicher  Natur,  teils  solcher  auf
meine  Politik  und  Verwaltung.  Was  die  Angriffe  gegen  meine
amtliche  Tätigkeit  anlangt,  so  ist  es  begreiflich,  daß  ich,  nachdem  ich  23
Jahre  in  exponierter  Stellung  stand,  Angriffe  zu  erfahren  hatte  und  noch
zu  erfahren  habe.  Ich  bin  an  dieselben  so  gewöhnt,  daß  ich  offen  gestehe,
einen  erheblichen  Eindruck  machen  sie  auf  mich  nicht.  Ich  setze  ihnen  das
Bewußtsein  entgegen,  daß  ich  stets  das  Beste  gewollt  habe.  Es  mag  ja
sein,  daß  ich  nicht  immer  das  Richtige  getroffen  habe;  ich  habe  auch  nicht
immer  Erfolge  gehabt.  Allein  eine  23jährige  Ministertätigkeit  kann  ja
nicht  eine  ununterbrochene  Kette  von  Erfolgen  sein,  und  ein  Mensch  ist
ja  von  Irrtümern  und  Fehlgriffen  nicht  bewahrt.  Ich  habe  mich  stets
nur  als  Vertreter  der  Krone  betrachtet.  Ich  habe  es  streng  vermieden,
mich  in  die  Arme  einer  Partei  zu  werfen  und  habe  daher  von  hüben  und
drüben  Angriffe  erfahren.  Ich  stand  zu  keiner  Partei  —  vorbehaltlich
meiner  persönlichen  Beziehungen  zu  einzelnen  Abgeordneten  —  auf  einem
intimen  Fuße,  allein  meine  Beziehungen  zu  allen  Parteien  waren  korrekte,
welche  ein  ruhiges  Zusammenarbeiten  ermöglichten.  So  war  es  bis  zum
Schluß  des  vorigen  Landtages.  Von  da  war  ich  auf  einmal  der  Gegenstand
  heftiger  Angriffe.  Sie  kennen  ja  das  äußere  Vorkommnis,  welches
den  Wendepunkt  bildete.  Ich  habe  dasselbe  nicht  herbeigeführt,  allein  ich
vermochte  es  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  auch  nicht  zu  hindern.
Aber  die  Frage  darf  wohl  berechtigt  sein:  was  hat  sich  denn  am  Schluß
des  Landtages  so  plötzlich  verändert  und  welches  war  die  politische  Lage
vom  Schluß  des  vorigen  Landtages  bis  zu  meinem  Rücktritt?  Was  die
Beziehungen  der  bayerischen  Regierung  zum  päpstlichen  Stuhle  anlangt,
so  waren  dieselben  während  der  ganzen  Zeit  meiner  Amtsführung  durchaus
  vorzüglich.  Friktionen  sind  äußerst  selten  eingetreten,  und  wenn  sie
vorkamen,  so  wurden  sie  in  gegenseitigem  freundschaftlichen  Einvernehmen
rasch  und  leicht  erledigt.  Auch  sonst  wurden  kirchliche  und  religiöse  Interessen
  von  seiten  der  Regierung  jederzeit  gewahrt  und  ich  glaube  von  seiten
des  anwesenden  hochwürdigsten  Vertreters  des  Episkopats  keinen  Widerspruch
  zu  erfahren,  wenn  ich  behaupte,  daß  alle  Wünsche  und  Anregungen,
welche  von  kirchlicher  Seite  kamen,  ein  offenes  Ohr  und  eine  freundschaftliche
  Prüfung  erfuhren,  vorbehaltlich  der  Schranken,  welche  die  Verfassung
und  der  Charakter  Bayerns  als  paritätischer  Staat  in  Hinsicht  auf  die
interkonfessionellen  Verhältnisse  mit  sich  bringen.  Die  Regierung  war  ferner
immer  bemüht,  die  konfessionellen  Gegensätze  zu  mildern.  Wenn  diese
Gegensätze  heute  eine  Schärfe  angenommen  haben,  wie  seit  langer  Zeit
nicht,  so  ist  die  Regierung  jedenfalls  daran  unschuldig,  denn  die  Regierung
hat  immer  im  Sinne  der  Mäßigung  und  Versöhnung  gewirkt.  Aus-
        <pb n="179" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  171

schreitungen  auf  konfessionellem  Gebiete  ist  die  Regierung  entgegengetreten,
soweit  es  die  bestehenden  Gesetze  gestatteten.  Ich  habe  nie  ein
Hehl  daraus  gemacht,  daß  ich  ein  warmer  und  überzeugter  Anhänger  der
Reichsidee  bin,  und  zwar  gerade  deswegen,  weil  ich  mich  einen  treuen
Sohn  meiner  engeren  Heimat  nennen  darf.  Die  Sehnsucht  der  deutschen
Nation  nach  Einigung  ist  nie  geschwunden,  auch  unter  den  ungünstigsten
Verhältnissen  ist  das  deutsche  Nationalgefühl  wieder  laut  geworden,  und
es  war  vorauszusehen,  daß  es  sich  früher  oder  später  Luft  machen  würde.
Wenn  dies  nun  in  stürmischer  Zeit  vielleicht  gewaltsam  geschah,  dann  war
zu  fürchten,  daß  die  im  Interesse  der  deutschen  Kultur  so  unendlich  wichtige
  Eigenart  der  deutschen  Stämme  gefährdet  und  daß  das  segensreiche
Band  zwischen  den  Fürsten  und  Völkern  gelockert  werden  könnte.  Durch
die  Errichtung  des  Deutschen  Reiches  und  die  auf  unsere  geschichtlichen
Verhältnisse  zugeschnittene  Reichsverfassung  ist  der  Strom  des  deutschen
Nationalgefühls  in  ein  festes  Bett  geleitet  worden,  in  welchem  er  seine
Kraft  entfalten  kann,  ohne  daß  zu  befürchten  wäre,  er  möchte  die  Ufer
überschreiten.  Das  war  der  eine  Grund,  aus  dem  ich  vom  bayerischen
Standpunkte  aus  die  Errichtung  des  Deutschen  Reiches  begrüße.  Der  andere
  Grund  ist  der,  daß  nun  Bayern  den  Schutz  und  Schirm  des  mächtigen
  Deutschen  Reiches  genießt.  Man  braucht  die  Geschichte  Bayerns  nicht
weit  zurückzublättern,  um  zu  finden,  daß  Bayern  in  seinem  territorialen
Bestande,  ja  sogar  in  seiner  Existenz  gefährdet  war.  Diese  Zeiten  könnten
wiederkommen  und  sie  würden  wahrscheinlich  wiederkommen,  wenn  Bayern
isoliert  dastände.  Nunmehr  aber  sind  solche  Zeiten  endgültig  vorbei.  Wer
Bayern  zu  nahe  tritt,  hat  es  mit  dem  mächtigen  Deutschen  Reiche  zu  tun,
und  wenn  irgend  einem  bayerischen  Staatsangehörigen  im  Auslande  ein
Haar  gekrümmt  wird,  ist  er  des  Schutzes  des  Deutschen  Reiches  sicher.
Daß  durch  die  Gründung  des  Deutschen  Reiches  der  deutsche  Namen  zu
Ehren  gekommen  ist,  daß  das  deutsche  Volk,  welches  früher  der  Paria
unter  den  Nationen  war,  zu  Ansehen  gelangt  ist,  daß  die  in  dem  deutschen
Volke  liegenden  Kräfte  nunmehr  entfesselt  sind  und  sich  an  den  Aufgaben
des  großen  Reiches  beteiligen  können,  daß  sich  der  Wohlstand  mächtig  gehoben
  hat,  wird  auch  der  entschiedenste  Gegner  des  jetzigen  Verhältnisses
nicht  leugnen  können.  Darum  sage  ich:  Das  deutsche  Volk  schuldet  den
tiefsten  Dank  den  deutschen  Fürstenhäusern,  welche  die  erforderlichen  Opfer
gebracht  haben,  um  die  Einheit  herbeizuführen,  insbesondere  dem  hochsinnigen
  Bayernkönig,  welcher  die  deutsche  Kaiserkrone  schuf.  Möge  das
deutsche  Volk  seine  Dankbarkeit  dadurch  beweisen,  daß  es  dasjenige  erhält
und  festigt  und  nicht  durch  innere  Uneinigkeit  gefährdet,  was  die  Opferwilligkeit
  der  deutschen  Fürsten  geschaffen  hat.  Bei  meiner  Politik  gegenüber
  dem  Reiche  war  ich  stets  darauf  bedacht,  den  föderativen  Charakter
des  Deutschen  Reiches  zu  wahren,  da  nur  hierin  eine  Bürgschaft  für  seinen
dauernden  Bestand  liegt.  Auch  die  Reservatrechte  betrachte  ich  durchaus
nicht  als  die  Eierschalen  des  Deutschen  Reiches,  welche  sich  mit  der  Zeit
abstoßen  müssen,  sondern  als  diejenigen  Zugeständnisse,  welche  Bayern  bei
dem  Eintritt  in  das  Bundesverhältnis  billigerweise  erwarten  konnte,  da
ein  Staat  von  der  großen  Bedeutung  Bayerns  gar  viele  Aufgaben  selbständig
  erfüllen  kann,  welchen  ein  deutsches  Fürstentum  nicht  gewachsen
ist.  Dieses  Verhältnis  ist  ein  dauerndes  und  infolgedessen  betrachte  ich
auch  die  Reservatrechte  als  eine  dauernde  Eigenschaft.  Aber  nicht  allein
auf  die  Wahrung  der  Reservatrechte  war  ich  bedacht,  sondern  mein  Bestreben
  war  dahin  gerichtet,  bei  allen  gesetzgeberischen  und  Verwaltungsmaßnahmen
  des  Reiches  eine  unnatürliche  und  unnötige  Einengung  des
Wirkungskreises  der  Einzelstaaten  zu  verhindern.  In  diesen  Bestrebungen
        <pb n="180" />
        172  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

begegneten  wir  einer  verständnisvollen  Aufnahme  von  seiten  des  Fürsten
Bismarck,  des  ersten  Kanzlers  des  Reiches,  und  da  der  jetzige  Reichskanzler
in  den  Bahnen  seines  großen  Vorgängers  wandelt,  können  wir  wohl  der
Zukunft  mit  Befriedigung  entgegensehen.  Wenn  wir  mit  unseren  Anträgen
so  vielfache  Erfolge  erreichten,  so  verdanken  wir  es  den  freundschaftlichen
Beziehungen,  welche  wir  zu  den  Bundesregierungen  und  insbesondere  zu
dem  Präsidialstaate  Preußen  unterhielten.  Dieses  freundschaftliche  Verhältnis
  zu  Preußen  ist  nun  manchen  Kreisen  ein  Dorn  im  Auge.  Ich
habe  in  der  Presse  mehrfach  Ausführungen  gelesen,  es  sei  ja  nicht  notwendig,
  die  Freundschaft  mit  Preußen  zu  pflegen,  Preußen  habe  nur
17  Stimmen  im  Bundesrate  von  58;  es  sei  leicht,  eine  Majorität  gegen
Preußen  zu  finden.  Wer  so  spricht,  kennt  zwar  den  Buchstaben  der  Reichsverfassung,
  er  hat  aber  keine  Ahnung  von  den  tatsächlichen  Verhältnissen,
und  ich  möchte  der  gegenwärtigen  Regierung  nicht  raten,  solche  Bahnen
einzuschlagen.  Wenn  alle  unsere  Anregungen  bei  Preußen  einer  freundschaftlichen
  Prüfung  sicher  sind,  so  beruht  das  auf  der  Voraussetzung,  daß
wir  in  großen  nationalen  Fragen,  bei  welchen  wichtige  Interessen  des
Reiches  auf  dem  Spiele  standen,  auch  uns  auf  seiten  Preußens  stellten.
Wir  haben  es  auch  jederzeit  getan  und  wir  konnten  dies  um  so  leichter
tun,  als  in  solchen  Fragen  ein  Gegensatz  zwischen  den  Interessen  des  Reiches
und  den  Einzelstaaten  nicht  besteht.  Die  von  mir  eingehaltene  Politik  hat
dahin  geführt,  daß  Bayern  ein  großes  Ansehen  im  Bundesrate  genießt
und  daß  es  einen  Einfluß  äußert,  welcher  weit  über  das  Stimmenverhältnis
  hinausgeht,  über  welches  wir  im  Bundesrate  verfügen.  Der  Herr
Staatsminister  wird  wohl  bei  seinem  Besuche  in  Berlin  kaum  den  Eindruck
  gehabt  haben,  daß  es  nötig  ist,  dem  Einfluß  Bayerns  noch  etwas
hinzuzufügen.

10.  Dezember.  (Reichstag.)  Etat.  Rededuell  Bebel-Bülow.
Auswärtige  Fragen,  Sozialpolitik,  sozialdemokratischer  Zukunftsstaat.

Abg.  Bebel  (Soz.):  Die  riesige  Schuldenlast  des  Reichs  sei  in  erster
Linie  durch  die  Flottenausgaben  hervorgerufen.  Diese  ganze  Misere  verdanke
  man  in  erster  Linie  dem  Zentrum  und  seinem  Bewilligungseifer.
Der  Handel  mit  China  gehe  kläglich  zurück.  Deutschland  solle  sein  moralisches
  Gewicht  geltend  machen,  um  Rußland  aus  der  Mandschurei  zu  entfernen.
  —  Die  Militärverwaltung  sei  kopflos  bei  der  Artilleriebewaffnung
vorgegangen;  die  deutsche  Artillerie  sei  weit  schlechter  als  die  französische.
In  der  ganzen  Armee  herrsche  Unzufriedenheit  über  die  unaufhörlichen
Bekleidungsvorschriften.  Die  Ausbildung  sei  rein  parademäßig.  Die  Steuerverteilung
  sei  höchst  ungerecht,  weil  sich  die  besitzenden  Klassen  drückten.
Die  Handelsverträge  würden  am  neuen  Zolltarif  scheitern.  Gedenke  etwa
die  Regierung  agrarischen  Wünschen  entsprechend  eine  Schiffahrtsabgabe
auf  den  Strömen  einzuführen?  Die  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter  würde
durch  die  materielle  Uebermacht  der  Arbeitgeber  brutal  zerstört;  gegen
Arbeiter  und  Arbeitgeber  messe  Gericht  und  Polizei  mit  zweierlei  Maß,
wie  Vorgänge  in  Iserlohn  und  Crimmitschau  bewiesen.  Warum  bringe
die  Regierung  nicht  eine  Vorlage  auf  Einführung  des  Zehnstundentags  ein
wie  in  Frankreich?  Die  Stellung  des  Deutschen  Reichs  entspreche  nicht
seiner  Würde.  Die  Venezuelaangelegenheit  hätte  von  Anfang  an  dem
Haager  Schiedsgericht  vorgelegt  werden  sollen.  Warum  laufe  man  den
Vereinigten  Staaten  nach,  warum  empfange  man  einen  Vanderbilt  so
feierlich?  Das  sei  schwächlich.  Noch  schlimmer  sei  das  Kriechen  vor  Rußland,
  dessen  Polizei  die  deutsche  Handlangerdienste  leiste.  Ein  so  barbarisches
  Reich,  dessen  Regierung  nach  Zeitungsnachrichten  die  Absicht  des
        <pb n="181" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  173

serbischen  Königsmordes  gekannt  aber  nicht  gehindert  habe,  dürfe  nicht  von
Deutschland  unterstützt  werden.

Reichskanzler  Graf  von  Bülow:  Ich  darf  es  dem  Kriegsminister
von  Einem  überlassen,  die  Angriffe  zurückzuweisen,  die  der  Abg.  Bebel
gegen  die  Organisation  unseres  Heeres  gerichtet  hat.  Ich  gestehe  allein
von  vornherein,  daß  ich  auf  diesem  Gebiete,  was  die  Einrichtungen  unseres
Heerwesens  angeht,  in  kavalleristischen  und  in  artilleristischen  Fragen,  was
die  Uniformierung  betrifft  und  andere  militärische  Detailfragen,  größeres
Vertrauen  zu  dem  Herrn  General  v.  Einem  habe  als  zu  dem  Abg.  Bebel.
(Sehr  richtig!  rechts.)  Darin  soll  keine  besondere  Unfreundlichkeit  für  den
Abg.  Bebel  liegen.  Aber  die  Erfahrung  beweist,  daß  auf  solchen  Gebieten
ein  Quentchen  eigener  Anschauung,  Praxis  und  Kenntnis  schwerer  wiegen
als  phantasievolle  Vorstellungen.  Der  Abg.  Bebel  hat  im  ersten  Teil  seiner
Rede  vom  Drill  gesprochen.  Der  Drill  ist  nicht  Selbstzweck  und  soll  nicht
Selbstzweck  sein;  aber  als  Mittel  zum  Zweck  hat  er  sehr  wesentlich  beigetragen
  zu  den  Erfolgen  der  preußischen  Waffen  seit  Friedrich  Wilhelm  I.
„Drill  und  Erziehung“,  hat  der  alte  Kaiser  gesagt,  „haben  den  preußischen
Soldaten  zu  dem  gemacht,  was  er  ist.“  Der  Abg.  Bebel  hat  sich  auch
verbreitet  über  die  Manöver,  und  zwar  in  einer  Weise,  die  glauben  läßt,
daß  er  kaum  je  an  einem  Manöver  teilgenommen  hat.  Der  Zweck  der
Manöver  wie  der  aller  militärischen  Uebungen  kann  im  wesentlichen  immer
nur  die  kriegsmäßige  Ausbildung  sein.  Aber  in  dieser  Beziehung  haben
die  Manöver  einen  großen  Wert  als  Erziehungsmittel  für  Marsch-  und
Gefechtsleistung,  als  Erziehung  für  die  Führer,  als  Vorbereitung  für  den
Ernstfall.  Daß  aber  auch  im  Ernstfalle  die  Kavallerie,  auf  die  es  der
Abg.  Bebel  besonders  abgesehen  hat,  eine  bedeutsame  Rolle  spielen  wird,
so  gut  wie  sie  es  im  letzten  Kriege  getan  hat,  wie  sie  es  getan  unter
Napoleon  und  Friedrich  dem  Großen,  ist  die  Ansicht  vieler  einsichtiger
Militärs  in  Deutschland  und  außerhalb  unserer  Grenzen.  In  dieser  Beziehung
  kann  ich  dem  Praktiker  folgen,  nicht  aber  dem  Laien  und  auch
nicht  dem  beredtesten  Dilettanten.  (Beifall  rechts.)  Der  Abg.  Dr.  Schädler
hat  gestern  eine  Anzahl  von  Soldatenmißhandlungen  zur  Sprache  gebracht.
Wir  alle  verurteilen  Roheit  und  Grausamkeit.  Brutalität  und  Ungerechtigkeit
  empören  mich  gerade  so  sehr  wie  Sie.  Und  als  Reichskanzler  füge
ich  hinzu,  daß  ich  in  voller  Uebereinstimmung  mit  den  Kriegsministern
aller  Bundesstaaten  es  als  die  heilige  Pflicht  der  Militärverwaltung  betrachte,
  mit  allen  geeigneten  Mitteln  derartigen  Ausschreitungen  entgegenzutreten,
  ihnen  vorzubeugen,  sie  auszurotten.  (Beifall  rechts.)  Je  höher
unser  Heer  steht,  desto  mehr  müssen  wir  seinen  Schild  blank  halten,  desto
energischer  werden  wir  alles  daran  setzen,  um  den  begründeten  Beschwerden
abzuhelfen.  Ich  bestreite  auch  keinem  Mitgliede  dieses  Hohen  Hauses  das
Recht,  militärische  Fragen  in  den  Kreis  seiner  Erörterungen  zu  ziehen.
Die  Kritik  muß  aber  sachlich  und  gerecht  sein,  sie  darf  nicht  blind  tadeln
und  blind  verwerfen.  Sie  muß  in  militärischen  Fragen  auch  auf  die  militärischen
  Interessen  Rücksicht  nehmen  und  auf  nationale  Gesichtspunkte:;
sie  darf  weder  das  Selbstvertrauen  unseres  Volkes  erschüttern,  noch  unser
Ansehen,  das  wir  im  Auslande  genießen,  schädigen  und  die  Aussichten  des
Friedens  gefährden.  Es  gibt  eine  doppelte  Art  der  Kritik.  Es  gibt  eine
Kritik,  die  offen  und  ungescheut  Mißstände  zur  Sprache  bringt  in  der  Absicht,
  sie  dadurch  zur  Abstellung  zu  bringen  und  dadurch  den  Körper  gesund
  zu  erhalten.  Es  gibt  aber  auch  eine  Art  Kritik,  die  mehr  auf  Agitationsstoff
  als  auf  die  Sache  bedacht  ist.  Das  ist  die  Art  der  Kritik,  die
seit  Monaten,  seit  Jahren  auf  dem  heikelsten  Gebiet,  das  wir  haben,  auf
dem  Gebiet,  in  dem  die  höchsten  Interessen  des  Vaterlandes  auf  dem  Spiel
        <pb n="182" />
        174  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

stehen,  von  sozialdemokratischer  Seite  geübt  wird.  (Lebhafter  Beifall  rechts,
große  Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten.)  Das  ist  ja  überhaupt  kennzeichnend
  für  sie,  und  das  zog  sich  wie  ein  roter  Faden  durch  die  Ausführungen
  Bebels,  immer  jeden  einzelnen  Fall  zu  verallgemeinern,  immer
die  Ausnahme  zur  Regel  zu  machen.  Wenn  sich  irgendwo  ein  Mitglied
der  bürgerlichen  Gesellschaft,  ein  Richter,  ein  Unternehmer,  ein  Offizier,
ein  Unteroffizier,  ein  Geistlicher,  ein  Jurist  eine  Blöße  gibt,  so  stellen  Sie
die  Sache  so  dar,  als  ob  daran  die  ganze  bürgerliche  Gesellschaft  schuld
wäre,  als  ob  die  Schuld  daran  die  heutige  bürgerliche  Ordnung  trüge,  als
ob  es  nicht  auch  bei  Ihnen  räudige  Schafe  gäbe  (Unruhe  links),  als  ob  es
nicht  auch  bei  Ihnen  nichtsnutzige  und  gemeine,  schwache  Menschen  gibt.
Die  Armee  setzt  sich  zusammen  im  Friedenszustande  aus  600.000  Mann
und  einem  Offizier=  -und  Unteroffizierkorps  von  rund  50.000  Mann.  Daß
bei  dieser  halben  Million  Menschen  Ausschreitungen  vorkommen,  daß  von
diesen  Ungerechtigkeiten  begangen  werden  können,  berechtigt  nicht  zu  Angriffen,
  wie  sie  in  letzter  Zeit  so  vielfach  gegen  die  ganze  Institution  gerichtet
  worden  sind.  Solche  Erscheinungen  finden  sich  auch  in  anderen
Berufsklassen.  Auch  in  anderen  Berufsständen  kommen  Ausschreitungen
und  Mißhandlungen  vor.  Ich  konstatiere  ferner,  daß  diese  Erscheinungen
in  der  Armee  von  Jahr  zu  Jahr  zurückgehen,  und  will  weiter  konstatieren,
daß,  wo  sie  sich  zeigen,  sie  mit  der  größten  Strenge  bestraft  werden.  Nach
meiner  Ansicht  können  derartige  Infamien  gar  nicht  streng  genug  bestraft
werden.  Es  ist  auch  gestern  vom  Abg.  Schädler  Bezug  genommen  worden
auf  die  Vorgänge  in  einer  unserer  Grenzgarnisonen,  in  Forbach.  Ich
stimme  dem  Abgeordneten  darin  zu,  daß  ich  glaube,  daß  die  rückhaltslose
Audeckung  solcher  Vorgänge  nützlich  ist,  und  daß  nicht  nur  die  Oeffentlichkeit
  ein  heilsames  Korrektiv  bildet,  sondern  daß  sie  auch  ein  gutes  Zeichen
ist,  daß  nichts  vertuscht  wird.  Ich  bin  weiter  der  Ansicht,  daß  solche  Vorgänge
  Fingerzeige  sein  sollen,  um  von  sachlichen  Motiven  geleitete  Verbesserungen
  durchzuführen.  Kein  Heer  der  Welt,  das  deutsche  Heer  so
wenig,  wie  irgend  ein  anderes,  und  noch  weniger,  als  ein  irgend  anderes  Heer,
soll  auf  seinen  Lorbeeren  ausruhen.  Mit  Recht  hat  der  Abg.  Schädler  gewarnt,
  derartige  Fälle  zu  verallgemeinern.  Und  ich  lege  nicht  nur  vor
dem  Inlande,  sondern  auch  vor  dem  Auslande  Verwahrung  dagegen  ein,
daß  die  Sache,  wie  dies  wiederum  vielfach  in  der  sozialdemokratischen
Presse  geschehen  ist,  so  dargestellt  wird,  als  ob  solche  häßlichen  Erscheinungen
für  das  deutsche  Offizierkorps  typisch  wären,  daß  solche  Sachen  diesem  angehängt
  werden,  als  ob  nur  das  deutsche  Offizierkorps  —  oder  vorzugsweise
  —  solche  Erscheinungen  zeitige.  Das  ist  in  meinen  Augen  Heuchelei;
das  halte  ich  für  Pharisäertum.  Es  wird  auch  anderswo  gesündigt;  ganz
ohne  Sünde  und  Schuld  scheint  nicht  einmal  die  Sozialdemokratie  zu  sein.
(Große  Heiterkeit.)  Ich  protestiere  dagegen,  daß  das  deutsche  Offizierkorps
für  seine  mißratenen  Kinder  verantwortlich  gemacht  wird.  Das  deutsche
Offizierkorps  ist  noch  heute  davon  durchdrungen,  daß  kein  Stand  mehr
einer  ehrenhaften  Gesinnung  —  ich  meine  im  bürgerlichen  Sinne  des
Wortes  —  einer  idealistischen  Weltauffassung  bedarf,  als  derjenige,  dem
die  Verteidigung  des  Vaterlandes  anvertraut  ist.  Unser  Offizierkorps  wird
sich  immer  gegenwärtig  halten,  daß  die  großen  Erfolge  vor  30  Jahren
zurückzuführen  waren  auf  die  altpreußische  schlichte  und  einfache  Art,  auf
die  altpreußische  Tüchtigkeit  und  Anspruchslosigkeit,  die  ihre  Pflicht  tat
ohne  viel  Wortgepränge,  wie  die  beiden  Alvensleben,  wie  Feldmarschall
Graf  Roon  und  der  große  Moltke.  Dann  wird  auch  unser  Offizierkorps
das  Lob  verdienen,  das  ihm  Fürst  Bismarck  erteilte,  daß  kein  Land  der
Welt  uns  unsere  Vorzüge  und  unser  Offizierkorps  nachmachen  könne.
        <pb n="183" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  175

Meine  Herren!  Ich  wende  mich  jetzt  zu  den  Auslassungen  des  Abg.  Bebel
über  das  Gebiet  der  auswärtigen  Politik.  Was  unsere  ostasiatische  Politik
angeht,  so  hat  der  Abg.  Bebel  mir  zwei  Vorwürfe  gemacht,  die  eigentlich
im  Widerspruch  miteinander  stehen.  Auf  der  einen  Seite  hat  er  mir  vorgeworfen,
  daß  unsere  ostasiatische  Politik  eine  zu  aktive  wäre,  eine  phantastische,
  eine  abenteuerliche;  andererseits  fände  er,  daß  ich  mich  zu  passiv
in  der  Mandschurei  verhielte.  Ich  muß  gestehen,  daß  ein  größerer  Mangel
an  Logik  mir  noch  nicht  vorgekommen  ist.  (Unruhe  bei  den  Soz.)  Wenn
es  einen  Punkt  in  Ostasien  gibt,  und  auch  in  der  ganzen  Welt,  wo  wir
nichts  zu  tun  haben,  so  ist  es  die  Mandschurei.  Wenn  also  der  Abg.  Bebel
für  die  Chungusen  und  Mongolen,  die,  wie  ich  glaube,  die  Mandschurei
bewohnen,  einen  neuen  Kreuzzug  unternehmen  will  als  der  neue  Peter
von  Amiens  (Heiterkeit),  so  lasse  ich  ihn  allein  hingehen.  (Große  Heiterkeit;
  Widerspruch  des  Abg.  Bebel.)  Ich  habe  den  Abg.  Bebel  dahin  verstanden,
  daß  ich  in  Ostasien  zu  unternehmungslustig  bin  und  in  der  Mandschurei
  zu  wenig.  Ich  lehne  das  ab.  Der  Abg.  Bebel  hat  weiter  gemeint,
unsere  ostasiatische  Politik  würde  zu  Komplikationen  führen.  Wie  das
möglich  sein  wird,  ist  mir  nicht  klar.  In  Ostasien  ist  unsere  Politik  so
besonnen  und  loyal,  daß  gar  kein  Grund  und  Anlaß  zu  begründeten  Ausstellungen
  gefunden  werden  kann.  Ich  kann  also  auch  in  keine  Konflikte
verwickelt  werden.  Wenn  wir  verwickelt  werden,  so  würden  wir  das  gute
Gewissen  für  uns  haben.  Wir  würden  nur  eine  defensive  Rolle  einnehmen.
Ich  betone  es,  daß  nach  menschlicher  Berechnung  und  soweit  die  anderen
Staaten  den  Frieden  wünschen  und  die  Verträge  achten,  wir  sicherlich
nicht  in  Konflikte  verwickelt  werden.  Der  Abg.  Bebel  ist  dann  auf  Venezuela
  zurückgekommen  und  hat  seinem  Bedauern  darüber  Ausdruck  gegeben,
  daß  wir  unsere  Venezuela-Differenzen  nicht  sofort  an  das  Schiedsgericht
  nach  dem  Haag  verwiesen  haben.  Ja,  auch  das  haben  wir  nicht
getan,  weil  Präsident  Castro,  für  den  der  Abg.  Bebel  im  vorigen  Jahr  mit
so  großer  Lebhaftigkeit  eintrat,  sich  von  vornherein  hierzu  nicht  verstehen
wollte,  sondern  erst  als  wir  ihm  diese  Forderung  mit  gewissem  Nachdruck
zu  Gemüte  führten.  (Beifall  und  Heiterkeit.)  Ich  möchte,  meine  Herren,
meinem  tiefen  Bedauern  Ausdruck  geben  über  die  Art  und  Weise,  wie  sich
der  Abg.  Bebel  soeben  ausgesprochen  hat  über  Rußland.  Die  Art  und
Weise,  wie  der  Abg.  Bebel  sich  bemüht  hat,  Stimmung  zu  machen  gegen
Rußland  und  wie  er  die  russischen  Verhältnisse  kritisiert  hat,  wird  sicherlich
  Genugtuung  erregen  bei  denjenigen  unserer  ausländischen  Gegner,  die
die  guten  Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Deutschland  zu  trüben
suchen.  (Lebhafter  Beifall  rechts,  große  Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten.)
Ich  bin  aber  überzeugt,  daß  ich  die  Mehrheit  dieses  hohen  Hauses  auf
meiner  Seite  habe,  wenn  ich  sage,  daß  eine  derartige  Art  und  Weise,  über
die  inneren  Verhältnisse  eines  befreundeten  Nachbarstaates,  wenn  ich  sage,
daß  eine  derartige  zügellose  Art  und  Weise  der  Kritik  (Sehr  richtig!  rechts
und  lebhafter  Beifall  rechts;  Oho!  und  stürmische  Unruhe  links),  jawohl,
daß  eine  so  zügellose  Art  und  Weise  der  Kritik:  abzusprechen  über  die
inneren  Verhältnisse  eines  befreundeten  Staates  (Erneutes  Ohol)  nicht  der
Tradition  des  deutschen  Volkes  entspricht,  noch  seinen  Wünschen,  noch  seinen
Interessen  (Erneute  Unruhe).  Ich  bin  überzeugt,  daß  ich  die  große  Mehrheit
  des  deutschen  Volkes  hinter  mir  habe  (Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten),
  wenn  ich  hiermit  erkläre,  daß  ich  mich  durch  die  Rede  des  Abg.
Bebel  nicht  abhalten  lassen  werde,  auf  das  sorgsamste  die  Beziehungen  zu
Rußland  zu  pflegen.  (Zuruf  bei  den  Sozialdemokraten:  Auch  die  Polizeiwirtschaft
  Rußlands?  —  Unruhe.  —  Vizepräsident  Dr.  Paasche:  Ich  bitte,
nicht  zu  unterbrechen!)  Nun  ist  der  Abg.  Bebel  weiter  eingegangen  auf
        <pb n="184" />
        176  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

unser  Verhältnis  zu  Amerika.  Er  hat  mir  da  vorgeworfen,  daß  wir
Amerika  gegenüber  zu  sanftmütig  auftreten.  Das  ist  derselbe  Vorwurf,
der  vielfach  in  der  gelben  Presse  von  Amerika  gegen  die  Leiter  der  dortigen
Politik  erhoben  worden  ist,  und  das  beweist,  daß  auf  beiden  Seiten  des
großen  Wassers  die  einsichtigen,  besonnenen  und  verständigen  Leute  eine
gute  Beziehung  zwischen  Amerika  und  Deutschland  zu  erreichen,  die  weniger
verständigen  und  besonneneren  Leute  dieselbe  zu  trüben  suchen.  Was  Herrn
Vanderbilt  angeht,  über  den  Herr  Bebel  sich  in  so  wenig  freundlicher  Weise
ausgesprochen  hat,  so  hat  dieser  Herr  die  deutschen  Herren,  die  Amerika
vor  zwei  Jahren  besuchten,  in  der  entgegenkommendsten  Weise  aufgenommen.
Es  war  ganz  natürlich,  daß  auch  ihm  ein  höflicher  Empfang  zuteil  wurde.
Von  irgend  welcher  Unterwürfigkeit  —  es  handelt  sich  ja  weder  um  einen
Oberstkommandierenden  noch  um  einen  Oberpräsidenten,  sondern  nur  um
einen  Assessor  und  einen  General,  der  von  früher  her  mit  Vanderbilt  bekannt
  war  —  ist  nicht  die  Rede  gewesen.  Es  ist  nur  zu  wünschen,  daß
häufig  Ausländer  zu  uns  kämen.  Denn  im  allgemeinen  kennt  der  Deutsche
das  Ausland  besser,  als  das  Ausland  uns,  und  wenn  wir  solche  Fremden
höflich  und  freundlich  empfangen,  so  vergeben  wir  uns  gar  nichts.  (Sehr
richtig!  rechts.)  Nun  hat  der  Abg.  Bebel  sich  weiter  ausgesprochen  über
den  Stand  der  Handelsverträge.  Er  hat  sich  über  den  Stand  der  Handelsvertragsverhandlungen
  in  einer  Weise  ausgesprochen,  die  im  höchsten  Grade
geeignet  wäre,  das  Zustandekommen  von  Handelsverträgen  zu  erschweren,
wenn  man  im  Auslande  annehme,  daß  der  Abg.  Bebel  auf  unsere  Politik
einen  bestimmenden  Einfluß  ausüben  könnte.  Der  Abg.  Bebel  hat  alle
Argumente  zusammengetragen,  um  die  Stellung  unserer  Unterhändler  zu
erschweren  und  die  Stellung  der  fremden  Unterhändler  zu  stärken.  (Sehr
richtig!  rechts  und  in  der  Mitte.  Widerspruch  und  Gelächter  links.)  Demgegenüber
  stelle  ich  fest,  daß  die  Verbündeten  Regierungen  nach  wie  vor
an  dem  Wunsche  festhalten,  auf  für  uns  annehmbarer  Basis  baldmöglichst
zu  Handelsverträgen  zu  kommen.  Weiter  hat  Bebel  die  Frage  der  Abgaben
  für  Wasserstraßen  berührt;  über  die  habe  ich  die  bestimmte  Erklärung
abzugeben:  Nach  der  ganzen  Entstehungsgeschichte  des  §  54  der  Reichsverfassung
  kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  durch  diese  Verfassungsbestimmung
  das  Recht  der  Einzelstaaten  beseitigt  werden  sollte,  auf  den
deutschen  Strömen  lediglich  für  die  Befahrung  derselben  irgend  welche  Abgaben
  zu  erheben.  Jede  Ausnahme  von  diesem  reichsgesetzlichen  Grundsatze
  würde  hiernach  der  Genehmigung  durch  ein  besonderes  Reichsgesetz
bedürfen  und  zwar,  wie  das  bei  den  Verhandlungen  über  das  Gesetz  vom
5.  April  1886  betr.  die  Erhebung  einer  Schiffahrts-Abgabe  auf  der  Unterweser
  ausdrücklich  hervorgehoben  ist,  eines  Reichsgesetzes,  welches  im  Bundesrate
  unter  Wahrung  der  Vorschriften  des  Art.  78  der  Reichsverfassung  zu
beschließen  ist.  Dem  Bundesrat  liegt  keinerlei  Antrag  vor,  von  dem  allgemeinen
  Grundsatze  des  Art.  54  der  Reichsverfassung  eine  Ausnahme  zu
erwägen  und  zu  beschließen,  und  dürfte  deshalb  auch  für  das  hohe  Haus
und  die  beteiligten  Erwerbskreise  kein  Grund  bestehen,  auf  die  in  der  Presse
enthaltenen  Erörterungen  einer  theoretischen  Streitfrage  einzugehen,  welche
durch  die  Reichsverfassung  dem  Gebiete  der  Reichsgesetzgebung  vorbehalten
worden  ist  und  bei  der  auch  bestehende  vertragsmäßige  Abmachungen  mit
fremden  Staaten  in  Betracht  kommen  würden.  Nun  hat  mich  Herr  Bebel
lebhaft  erinnert  an  das,  was  ich  vor  einigen  Jahren  gesagt  habe  über
meine  sozialpolitische  Auffassung.  Dabei  hat  er  gefragt,  warum  ich  nicht
den  Ehrgeiz  hätte,  ein  Millerand  zu  werden.  Das  will  ich  Ihnen  sagen,
Herr  Bebel,  einmal  weil  Herr  Millerand  durch  und  durch  ein  Franzose
ist,  ein  französischer  Patriot,  während  Sie  und  Ihre  Freunde  bei  jeder
        <pb n="185" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  177

Gelegenheit  erklären,  daß  Sie  nicht  auf  demselben  nationalen  Boden  ständen
wie  wir  (Beifall.  —  Abg.  Bebel:  Sehr  richtig!),  und  dann,  wenn  ich  mich
wirklich  zum  Millerand  entwickeln  oder  mir  einen  Millerand  zulegen  würde
(Heiterkeit),  diesem  Millerand  von  keiner  Seite  mehr  Knüppel  zwischen  die

Räder  geschoben  werden  würden,  als  von  dem  Herrn  Abg.  Bebel.  (Sehr
richtig!  Heiterkeit.)  Darüber,  Herr  Bebel,  werden  Sie  sich  doch  selbst  nicht
nach  den  Verhandlungen  des  Dresdener  Parteitages  irgendwie  im  Zweifel
sein.  (Lebhafter  Beifall  und  stürmische  Heiterkeit.)  Ich  habe  vor  einem
Jahr  gesagt,  daß  von  einem  Stillstand  der  sozialpolitischen  Gesetzgebung
nicht  die  Rede  sein  könne,  daran  halte  ich  vollkommen  fest.  Die  Verbündeten
  Regierungen  werden  sich,  wie  Sie  aus  der  Thronrede  ersehen
haben,  in  ihren  arbeiterfreundlichen  Bestrebungen  nicht  irre  machen  lassen.
Wir  werden  auch  weiter  bestrebt  sein,  Leben  und  Gesundheit  der  Arbeiter
immer  besser  zu  schützen.  Wir  werden  auch  versuchen,  die  großen  Fragen
der  Arbeitszeit  und  der  Arbeiterverfassung,  der  Frauen--  und  Kinderarbeit,
der  Lohnzahlungsmethode  so  weit  zu  lösen  als  möglich  ist  unter  voller
Aufrechterhaltung  unserer  Konkurrenzfähigkeit  auf  dem  Weltmarkt.  Wir
betrachten  es  als  die  Pflicht  des  Staates,  wie,  wenn  ich  nicht  irre,  mein
so  kompetenter  Nachbar,  der  Herr  Graf  Posadowsky  einmal,  ich  glaube  in
Düsseldorf,  gesagt  hat,  den  Arbeiter  in  möglichst  umfassender,  in  möglichst
wenig  bedrückender,  dem  Stande  unserer  heutigen  Kultur  entsprechender
Weise  gegen  Gefahren  seines  Berufslebens  zu  schützen.  Wir  wollen  nicht
nur  fortführen,  was  auf  dem  Gebiete  des  Arbeitsschutzes  und  der  Arbeiterversicherung
  schon  geschaffen  ist,  sondern  wir  hoffen  auch,  nach  und  nach
denjenigen  Aufgaben  näher  treten  zu  können,  die  noch  der  Lösung  harren.
Diese  Aufgaben  sind  für  das  nächste  Jahrzehnt  die  Witwen-  und  Waisenversorgung,
  und  ich  hoffe,  auch  später  einmal  die  Arbeitslosenversicherung.
Wir  werden  aber  diese  Aufgabe  nur  lösen  können,  wenn  wir  auf  der
sozialen  Bahn,  wenn  wir  in  dem,  was  ich  den  Kampf  gegen  das  menschliche
  Elend  nenne,  Schritt  für  Schritt  vorgehen,  ohne  den  Boden  der
Wirklichkeit  unter  den  Füßen  zu  verlieren,  ohne  durch  Forderungen,  wie
sie  von  sozialdemokratischer  Seite  gestellt  werden,  unser  ganzes  wirtschaftliches
  Leben  mit  Katastrophen  zu  bedrohen.  Durch  Forderungen,  von
denen  jeder  weiß,  daß  sie  nicht  oder  noch  nicht  realisiert  werden  können,
wird  lediglich  ein  besonnener  und  stetiger  Fortschritt  auf  der  sozialen  Bahn
erschwert.  Und  indem  Sie  fortgesetzt  solche  Forderungen  erheben,  erleichtern
Sie  nicht  die  sozialpolitische  Reform,  wie  dies  Herr  Bebel  mir  in  freundliche
  Aussicht  stellen  wollte,  sondern  Sie  erschweren  sie.  (Sehr  wahr!)  Es
gibt  noch  eine  andere  Ursache,  welche  die  sozialpolitische  Gesetzgebung  erschwert.
  Herr  Bebel  hat  niemals  ein  Hehl  daraus  gemacht,  daß  er  ein
Gegner  der  heutigen  Verfassung,  ein  Gegner  der  Monarchie,  ein  Republikaner
  ist.  Durch  nichts  aber  werden  die  Bestrebungen  zugunsten  der  Arbeiter
  mehr  erschwert  und  nichts  ist  ein  größeres  Hemmnis  für  die  Verbesserung
  der  Lage  der  Arbeiter  als  die  Art  und  Weise,  wie  von  sozialdemokratischer
  Seite  verquickt  werden  die  Bestrebungen  zugunsten  der
Arbeiter  mit  antimonarchischen  Zielen  und  Tendenzen  (Sehr  wahr!  und
Lärm  bei  den  Sozialdemokraten),  und  nichts  ist  unlogischer.  Die  Geschichte
beweist,  das  die  Sozialreform  eines  Landes  völlig  unabhängig  ist  von  seiner
Staatsverfassung.  Die  Geschichte  beweist  ferner,  daß  es  mit  der  Republik
allein  auch  nicht  getan  ist.  (Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.)  Ich
habe  auch  in  Republiken  gelebt  und  stehe  solchen  Fragen  sehr  objektiv
gegenüber,  ich  kann  Sie  versichern,  daß  da  auch  mit  Wasser  gekocht  wird
(Heiterkeit),  und  daß  es  da  auch  sehr  häufig  hapert,  und  daß  es  ein  Irrtum
  ist,  zu  glauben,  daß  es  irgend  ein  politisches  Universalserum  gäbe,

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV.  12
        <pb n="186" />
        178  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

um  alle  menschlichen  Krankheiten  und  Leiden  zu  heilen.  (Zuruf  bei  den
Sozialdemokraten:  Behaupten  wir  denn  das?)  Ich  sage  also,  daß  die  Art
und  Weise,  wie  die  Sozialdemokratie  beständig  bestrebt  ist,  ihre  republikanische
  Gesinnung  zu  bekunden,  schädlich  ist  für  die  Fortführung  der
Sozialreform,  und  daß  sie  auch  in  hohem  Grade  ungerecht  ist,  denn  es
gibt  keine  Republik,  wo  so  viel  für  die  arbeitenden  Klassen  geschehen  ist,
als  im  monarchischen  Deutschland  (Sehr  richtig!)  von  der  Politik  unseres
alten  Kaisers  Wilhelm  I.  bis  heute.  (Sehr  richtigl)  Das  ganze  Ausland
gibt  zu,  daß  weder  in  England,  noch  in  Frankreich,  noch  in  Amerika,  noch
in  irgend  einem  anderen  Lande  der  Welt  für  die  arbeitenden  Klassen  geschehen
  ist,  was  bei  uns  geschehen  ist.  In  der  Schweiz,  wo  der  Abg.  Bebel
während  eines  Teiles  des  Sommers  lebt,  wird  ihm  nicht  entgangen  sein,
daß  große  sozialpolitische  Gesetze  zwar  angenommen  wurden  von  der
Bundesversammlung,  aber  in  der  Volksabstimmung  fielen.  (Sehr  richtig.)
Das  bekannte  Projekt  der  Arbeitslosenversicherung  für  Basel-Stadt  ist  von
dem  Großen  Rat  des  Kantons  angenommen,  dagegen  im  Referendum  abgelehnt
  worden.  Das  ist  eine  schöne  Illustration  zu  allen  Angriffen,  die
der  Abg.  Bebel  eben  gegen  die  bürgerlichen  Klassen,  gegen  die  höheren
Klassen  gerichtet  hat.  —  Ich  will  in  diesem  Zusammenhange  nicht  eingehen
auf  die  Frage  der  indirekten  oder  direkten  Steuern.  Der  Abg.  Bebel  hat
eben  noch  mit  großer  Lebhaftigkeit  plädiert  für  die  direkten  Steuern.  Es
wird  dem  Herrn  Abg.  Bebel  nicht  unbekannt  sein,  daß  in  keinem  Lande
der  Welt  der  Widerstand  gegen  die  Einführung  direkter  Steuern  und
namentlich  progressiver  direkter  Steuern,  die  Herrn  Bebel  als  Ideal  vorschweben,
  stärker  ist  als  in  dem  republikanischen  Frankreich.  (Zuruf  des
Abg.  Bebel:  Die  Regierung  macht's  nicht!)  Aber  Herr  Millerand!  Herr
Bebel  hat  weiter  eine  entsetzliche  Schilderung  entworfen  von  unseren
heutigen  Zuständen.  Er  vergleicht  dieselben  zweimal  mit  den  Zuständen
in  dem  kaiserlichen  Rom,  im  sinkenden  Rom.  Da  muß  ich  wirklich  sagen:
ein  hinkenderer  Vergleich  ist  mir  noch  nicht  vorgekommen.  Ich  habe  mich
doch  auch  mit  römischer  Geschichte  beschäftigt.  Wo  in  aller  Welt  soll  denn
eine  Aehnlichkeit  bestehen  zwischen  den  damaligen  Zeiten  und  den  heutigen?
Ich  versichere  Sie,  daß  der  Senat  zur  Zeit  des  Kaisers  Tiberius  ganz
anders  aussah,  wie  dieses  hohe  Haus.  (Stürmische  Heiterkeit.)  Hätte  dort
jemand  eine  Rede  gehalten,  wie  heute  der  Abg.  Bebel,  es  wäre  ihm  schlecht
bekommen.  (Große  Heiterkeit.)

Der  Abg.  Bebel  hat  auch  von  Byzantinismus  gesprochen.  (Sehr
richtig!l)  Ich  habe  mich  wirklich  gewundert,  daß  der  Abg.  Bebel  das  Wort
in  den  Mund  genommen  hat.  Ihm  wird  doch  wohl  nicht  unbekannt  sein,
daß  es  nicht  nur  einen  Byzantinismus  nach  oben  gibt,  sondern  auch  einen
nach  unten.  (Lebhafte  Zustimmung.)  Es  gibt  nicht  nur  Fürstenschranzen,
es  gibt  auch  Volksschranzen.  (Sehr  richtig  und  Heiterkeit.)  Das  sind
diejenigen,  die  immer  dem  untrüglichen  Masseninstinkt  schmeicheln.  Das
sind  diejenigen,  die  finden,  daß  der  Herr  „Demos“  sich  niemals  irren
könne.  Und  von  diesen  Volksschranzen  hat  unser  großer  Dichter  gesagt,
„sie  seien  die  schlimmsten  von  allen“.  (Heiterkeit.)  Herr  Bebel  hat  Vorgänge
  zur  Sprache  gebracht,  die  sich  in  Crimmitschau  abgespielt  haben.
Ich  muß  es  selbstverständlich  dem  sächsischen  Herrn  Bevollmächtigten  überlassen,
  im  einzelnen  auf  die  Ausführungen  zu  antworten.  Ich  möchte
aber  doch  folgendes  sagen:  Wenn  Herr  Bebel  von  dem  Terrorismus  der
Arbeitgeber  sprach,  wenn  er  über  Unterdrückung  klagte,  wenn  er  in  allen
Tonarten  alle  möglichen  Freiheiten  fordert,  so  erwidere  ich  ihm,  wo  herrscht
denn  weniger  Freiheit  als  bei  Ihnen!  (Große  Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten.)
  Keine  Partei  hat  im  Wahlkampfe  die  Redefreiheit  und  die
        <pb n="187" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  179

Koalitionsfreiheit  anderer  Parteien  weniger  geachtet,  als  die  Sozialdemokratie.
  (Großer  Lärm  bei  den  Sozialdemokraten,  Zustimmung  bei  den
anderen  Parteien.)  Daß  Ihnen  das  nicht  gefällt,  weiß  ich  wohl.  Das  ist
aber  kein  Grund,  mich  beständig  zu  unterbrechen.  Ich  habe  Herrn  Bebel
nicht  unterbrochen.  Ich  denke,  wir  wollen  von  beiden  Seiten  hübsch  anständig
  diskutieren.  (Zustimmung.)  Ich  sage  also,  keine  Partei  hat  die
Redefreiheit  und  Versammlungsfreiheit  anderer  Parteien  weniger  respektiert,
als  die  sozialdemokratische.  (Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten.)  Keine
Partei  führt  gegenüber  den  Führern  anderer  Parteien  eine  rohere,  eine
freiheitsfeindlichere  Sprache  als  die  Sozialdemokratie.  (Unruhe  bei  den
Sozialdemokraten.)  Und  welche  Tyrannei  üben  Sie  auf  den  Bauplätzen
und  den  Werkstätten  gegenüber  dem  einzelnen  Arbeiter,  der  sich  der  Sozialdemokratie
  nicht  unterwerfen  will!  Wie  gewaltsam  gehen  Sie  vor,  wie
tyrannisch  in  den  Krankenkassen-Verwaltungen!  (Großer  Lärm  bei  den
Sozialdemokraten.  Sehr  richtig!  rechts.)  Und  wie  ist  es  mit  der  Meinungsfreiheit
  bei  Ihnen  bestellt?  Sie  reden,  meine  Herren,  immer  über  das
finstere  Mittelalter.  Es  hat  niemals  ein  Konzil  gegeben,  wo  eine  solche
Unduldsamkeit,  Engherzigkeit  und  Ketzerriecherei  geherrscht  hat,  als  auf
Ihrem  letzten  Parteitage.  Keine  Erklärung,  keine  Bulle  ist  je  so  intolerant
abgefaßt  worden,  wie  damals  die  Erklärung  des  Abg.  Bebel.  Wie  war
es  denn  nach  den  Wahlen?  Als  da  der  Abg.  Bernstein  eine  gewisse  Sehnsucht
  durchblicken  ließ  nach  einem  sozialdemokratischen  Vizepräsidenten
(Lachen  bei  den  Sozialdemokraten),  erfuhr  er  von  dem  Abg.  Bebel  einen
Rüffel  von  einer  Schärfe,  die  ich  nicht  gegenüber  dem  jüngsten  Beamten
in  einem  der  mir  unterstellten  Ressort  zur  Anwendung  bringen  würde.
(Heiterkeit.)  Da  nehme  ich  alle  die  Herren  zu  Zeugen,  die  hinter  mir
stehen.  (Heiterkeit.)  Sie  haben  ja  in  Dresden  förmliche  Exkommunikationen
ausgeübt,  excommunicatio  major  und  minor.  (Heiterkeit.)  Sie  haben
einen  Index  aufgestellt,  in  welchen  Zeitungen  geschrieben  werden  soll  und
in  welchen  nicht  geschrieben  werden  soll.  Reden  Sie  uns  von  allem,  nur
nicht  von  Freiheit!  (Sehr  gutl)  Die  Freiheit,  die  Sie  meinen,  ist  die
Willkür  für  Sie,  der  Terrorismus  für  die  andern.  (Beifall.)  „Und  willst
Du  nicht  mein  Bruder  sein,  so  schlag’  ich  Dir  den  Schädel  ein!“  (Stürmische
  Heiterkeit.)  Herr  Bebel  hat  hier  eine  Rede  gehalten,  wo  sich  eine
kritische  Bemerkung  an  die  andere  reihte,  wie  eine  Perle  an  die  andere,
und  wenn  ich  der  Sozialdemokratie  ein  Zeugnis  auszustellen  hätte,  so
würde  ich  sagen:  Kritik,  Agitation  und  —  das  gebe  ich  Ihnen  vollkommen
zu,  da  können  Sie  sehen,  wie  objektiv  ich  bin  —  Disziplin  und  Opferfreudigkeit
  la  (Große  Heiterkeit),  positive  Leistungen,  Klarheit  des  Programms
  Vb.  (Stürmische  Heiterkeit.  Einzelne  Abgeordnete  klopfen  vor
Vergnügen  auf  den  Tisch.)  In  den  80er  Jahren  beschäftigte  sich  Fürst
Bismarck  mit  dem  Anwachsen  der  Sozialdemokratie.  Mein  großer  Amtsvorgänger
  sagte  damals:  „Ich  bin  über  diese  Vergrößerung  gar  nicht  unglücklich.
  Je  größer  die  Zahl  der  sozialistischen  Abgeordneten  wird,  desto
mehr  wird  ihnen  die  Ehrenpflicht  obliegen,  doch  bald  mit  positiven  Plänen
hervorzutreten  und  zu  sagen,  wie  sich  in  ihrem  Kopf  die  Zukunft  der
Welt  und  die  Verfassung  gestaltet.  Bisher  sind  Sie  damit  im  Rückstand
geblieben.  Was  dasteht,  ist  alles  schlecht.  Das  unterliegt  Ihrer  Kritik,
wird  alles  verworfen.  Die  Kritik  ist  außerordentlich  leicht,  aber  das  Bessermachen!
  Meine  Herren,  wenn  ich  doch  endlich  eine  Verfassung,  eine  solche
Gesetzgebung  sehen  könnte,  wie  die  Herren  Führer  der  Sozialdemokratie
sie  sich  denken.  Sie  sind  jetzt  25;  das  zweite  Dutzend  haben  Sie  also.
Ich  will  Ihnen  noch  das  dritte  geben.  Wenn  Sie  aber  36  sind,  erwarte
ich  mit  Sicherheit,  daß  Sie  Ihren  vollen  Operationsplan  zur  Verfassung,
12*
        <pb n="188" />
        180  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

wie  sie  sein  soll,  uns  entwerfen.  Sonst  glaube  ich,  Sie  können  nichts!“
(Heiterkeit)  Seitdem  sind  beinahe  20  Jahre  verflossen.  Die  Sozialdemokratie
  hat  das  sechste  Dutzend  Mandate  bereits  überschritten  (Zuruf  bei
den  Sozialdemokraten:  Wir  haben  sieben!),  aber  den  vollen  Operationsplan
der  Verfassung,  den  Fürst  Bismarck  von  Ihnen  verlangte,  haben  Sie  noch
immer  nicht  verraten.  Wenn  man  früher  sagen  konnte,  daß  es  dazu  noch
zu  früh  sei,  so  könnte  ich  doch  eine  solche  Entschuldigung  heute  nicht  mehr
gelten  lassen.  Herr  Bebel  hat  im  Juni  v.  J.  in  Karlsruhe  gesagt,  daß  der
Untergang  der  bürgerlichen  Gesellschaft  viel  näher  bevorstehe,  als  diese  selbst
glaube.  Das  ist  es  doch  natürlich,  daß  wir  wissen  möchten,  was  uns  bevorsteht.
  (Heiterkeit.)  Daß  Herr  Bebel  einen  genauen  und  detaillierten
Plan  besitzt,  muß  ich  nicht  nur  anstandshalber  annehmen  (Heiterkeit),
sondern  das  hat  er  selbst  auch  auf  einem  der  letzten  sozialdemokratischen
Parteitage,  ich  weiß  nicht,  war  es  in  Lübeck  oder  Mainz,  gesagt.  Da  erklärte
  er,  in  der  Zeit  der  Aktion  sei  es  zu  spät  für  theoretische  Diskussionen,
  der  Plan  des  Zukunftsstaates  müßte  schon  vorher  genau  und  in
allen  Details  ausgearbeitet  sein.  Sie  besitzen  also  einen  solchen  ganz  genauen
  Plan  (Heiterkeit),  den  sollen  Sie  uns  zeigen!  Es  geht  Herrn  Bebel
oder  der  Sozialdemokratie  wie  dem  Verteidiger  von  Paris,  General  Trochu,
während  der  Belagerung  durch  die  Deutschen.  Der  sprach  immer  von
einem  geheimnisvollen  Plan,  durch  den  alles  wunderschön  werden  sollte.
Wenn  man  den  Plan  sehen  wollte,  dann  sagte  er:  Der  Plan  ist  bei  meinem
Notar  mit  meinem  Testament  deponiert,  beide  werden  gleichzeitig  geöffnet
werden.  (Heiterkeit.)  Den  Plan  des  Abg.  Bebel  möchte  ich  aber  doch  noch
bei  seinen  Lebzeiten  sehen.  Also  sagen  Sie  uns  doch  statt  fortgesetzter
Klagen  und  Beschwerden  endlich,  aber  nicht  in  negativer  Kritik,  nicht  in
verneinenden  Redensarten,  sondern  in  positiven  Angaben,  was  Sie  nun
an  die  Stelle  des  heutigen  setzen  wollen,  wie  es  nun  eigentlich  praktisch
aussehen  soll  in  dem  Paradies,  in  das  Sie  uns  führen  wollen.  (Heiterkeit;
  Zurufe  bei  den  Sozialdemokraten:  Sie  mit!)  Ich  danke  Ihnen,  daß
Sie  mich  dahin  mitnehmen  wollen.  Daß  für  die  Sozialdemokraten  doch
die  Verpflichtung  vorliegt,  endlich  einmal  mit  der  Sprache  herauszurücken,
hat  auch  ein  Ihnen  nahestehender,  ein  Ihnen  befreundeter  Politiker  hervorgehoben,
  der  —  leider  nicht  mehr  Abgeordnete  Barth  (Heiterkeit)  —  der
in  einem  Artikel  der  „Nation“  vor  einigen  Wochen  schrieb,  für  die  Sozialdemokratie
  sei  jetzt  endlich  der  Augenblick  gekommen,  nicht  mehr  wie  bisher
eine  politisch  unfruchtbare  Demonstration  zu  machen,  sondern  zu  zeigen,
was  sie  Positives  leisten,  vorbringen  könnte.  Meine  Herren,  ich  habe  mich
nicht  erst  seit  heute  und  gestern,  nein  seit  Jahren  bemüht,  aus  Ihren
Reden,  denen  ich  mit  voller  Aufmerksamkeit  zugehört  habe,  aus  Ihren
Schriften  mich  zu  informieren,  wie  nun  eigentlich  Ihr  Zukunftsstaat  praktisch
  eingerichtet  werden  soll.  (Ruf  bei  den  Sozialdemokraten:  Eugen
Richter!)  Die  Ausbeute  war  unendlich  gering.  Das  Gescheiteste,  was  ich
noch  darüber  in  vielen  Jahren  gelesen  habe,  war  ein  Aufsatz,  der  vor  drei
Jahren  in  einer  Zeitschrift  erschien,  deren  Mitarbeiter  zum  Teil  persönliche
  Bekannte  von  mir  waren,  und  der  mir  übersandt  wurde,  in  der
Zeitschrift  „Kosmopolis“  und  dann  die  Broschüre  „Die  soziale  Revolution“
von  Karl  Kautsky,  die  ich  als  grünen  Bädeker  für  die  Reise  nach  Utopien
stets  in  meinen  Reichstagsakten  mit  mir  trage.  In  dem  Aufsatz  des  Abgeordneten
  Liebknecht  hieß  es  über  den  Zukunftsstaat:  „Verschwinden  werden
die  Kasernen,  denn  wir  haben  keine  Soldaten  mehr,  und  verschwinden
werden  die  Zuchthäuser,  denn  die  Gesellschaft  wird  sich  ohne  Verbrechen
behelfen.  (Heiterkeit.)  Verschwinden  werden  die  Justizpaläste,  verschwinden
werden  rein  aus  Schönheitsrücksichten  die  entsetzlichen  Bauungeheuer,  durch
        <pb n="189" />
        Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)  181

die  man  heute  den  Menschen  beweisen  will,  daß  außerhalb  dieser  Welt  der
Materie  eine  bessere  Welt  über  dem  Sternenzelt  ist  —  also  die  Kirchen.
Denkmäler  der  Kunst  wird  man  dafür  um  so  andachtsvoller  verehren.
Verschwinden  werden  die  Bastillen  der  Arbeiter,  nämlich  die  Fabriken,
verschwinden  werden  die  Löcher,  die  gut  genug  für  das  Vieh  sind,  und
verschwinden  werden  die  ungesunden,  fieberverbreitenden  Häuser,  genannt
Wohnstätten!  Der  Unterschied  zwischen  Stadt  und  Land  wird  aufhören.
Dann  werden  die  Menschen  nicht  mehr  Sklaven  sein  und,  ohne  sich  von
den  Kulturgelüsten  zu  trennen,  in  der  freien  Natur  leben  können!“  Meine
Herren!  Da  frage  ich  doch  mit  aller  Rücksicht,  die  ich  für  einen  ehrlichen
und  überzeugten  Mann  habe,  der  jetzt  unter  der  Erde  ruht,  ist  es  möglich,
  von  dem  Zukunftsprogramm  einer  großen  Partei,  die  alles  Bestehende
umstürzen  will,  ein  nebelhafteres,  phantastischeres  und  unklareres  Bild  zu
entwerfen  (Sehr  richtig!),  als  das  hier  einer  der  hervorragendsten,  der
hervorragendste  parlamentarische  Führer  der  Sozialdemokratie  getan  hat?
(Sehr  richtig!)  Was  mich  bei  solchen  Zukunftsbildern  noch  immer  wundert,
ist,  daß  die  Farben  nicht  viel  dicker  aufgetragen  werden.  Wenn  Sie  schon
das  Aufhören  der  Verbrecher  und  der  Zuchthäuser  und  der  großen  Städte
und  der  Fabriken  versprechen,  warum  nicht  auch  das  Aufhören  von  Kopfweh
  und  Zahnschmerzen,  von  Tod  und  Krankheit?  (Heiterkeit.)  Bei  Herrn
Kautsky  habe  ich  gelesen,  daß  am  Tage  nach  dem  Siege  der  Sozialdemokratie
  die  Grundeigentümer,  die  Großindustriellen,  die  Kapitalisten  ihres
Besitzes  enteignet  würden.  Daß  bei  einem  solchen  großen  Raubzug  auch
nur  die  Lage  der  Arbeiter  sich  dauernd  bessern  würde,  dafür  bleibt  Herr
Kautsky  den  Beweis  vollkommen  schuldig.  Darüber,  wie  in  dem  Zukunftsstaat
  praktisch  regiert  werden  soll,  wie  bei  der  in  Aussicht  genommenen
Herabsetzung  der  Arbeitszeit  und  Hinaufsetzung  der  Arbeitslöhne  eine  Verringerung
  der  Produkte  verhindert  werden  soll,  wie  dem  Arbeiter  auch
nur  der  bescheidenste  Rest  von  persönlicher  Freiheit  und  eigener  Initiative
bleiben  soll,  welcher  Maßstab  der  Verteilung  gelten  soll,  ob  gleichmäßig
oder  nach  Maßgabe  der  Leistung  —  über  alle  diese  einschneidenden  und
grundlegenden  Fragen  erfahren  wir  so  gut  wie  gar  nichts.  Ich  bin  also
berechtigt  zu  erklären,  daß  es  der  Sprung  eines  Blinden  ins  Dunkle  ist,
den  uns  die  Sozialdemokratie  mit  ihrer  ganzen  Agitation  zumutet.  (Zustimmung
  und  Beifall.)  Was  Sie  an  Stelle  des  Bestehenden  setzen  wollen
—  das  hat  ja  der  Dresdener  Parteitag  in  glänzender  Beleuchtung  gezeigt  —,
das  wissen  Sie  eben  selbst  nicht,  darüber  sind  Sie  selbst  im  Unklaren,
darüber  sind  Sie  sich  selbst  nicht  einmal  untereinander  einig.  Bei  der
Durchführung  Ihres  Parteiprogramms  käme  es  hinaus  auf  die  Schaffung
eines  riesigen  Staatszuchthauses,  auf  ein  kolossales  Ergaterion,  wo  es  kein
Mensch  aushalten  würde.  (Sehr  richtig!)  Es  wird  aber  niemals  gelingen,
einen  solchen  Zukunftsstaat  herbeizuführen.  Selbst  wenn  durch  Anwendung
der  brutalsten  Gewalt,  durch  die  von  Ihnen  in  Aussicht  genommene  Diktatur
  des  Proletariats  momentan  der  Besitz  aller  Menschen  gleich  gemacht
würde,  so  würde  es  selbstverständlich  morgen  wieder  arm  und  reich  geben,
(Lachen  bei  den  Sozialdemokraten.)  Ich  sehe  aus  den  Verhandlungen
Ihres  Parteitages,  daß  jeder  von  Ihnen  den  andern  für  viel  dümmer
hält  als  sich  selbst.  An  dieser  Besonderheit  der  Menschen,  an  diesem  Bedürfnis
  nach  individueller  Freiheit  werden  Sie  scheitern,  auch  wenn  Sie
sich  nicht  vorher  die  Köpfe  einrennen  an  den  ehernen  Mauern  der  gegenwärtigen
  Staats-  und  Gesellschaftsordnung,  die  sehr  viel  stärker  ist  als  Sie
glauben.  (Sehr  wahr!  rechts.)  Den  Abg.  Bebel  ertappt  man  auf  Schritt
und  Tritt  in  Widersprüchen.  Untergang  der  Staats-  und  Gesellschaftsordnung
  wäre  ja  doch  nur  möglich  bei  einem  Mangel  an  Egoismus  und
        <pb n="190" />
        182  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

bei  einem  Altruismus,  bei  einer  gegenseitigen  Bruderliebe,  wie  sie  meines
Wissens  in  keinem  Staatswesen  und  in  keiner  Gesellschaft  anzutreffen  gewesen
  ist.  Ihre  Republik,  meine  Herrn,  wäre  wie  die  Republik  des  Plato
nur  möglich  bei  Engeln  und  Engelsöhnen.  Bilden  Sie  sich  etwa  nicht
ein,  ein  solcher  Engel  zu  sein.  (Heiterkeit.)  Sie  sind  mir  ein  netter  Engel
(Stürmische  Heiterkeit),  wenn  Sie  immerfort  an  Mißtrauen,  an  Haß,  an
alle  schlechten  menschlichen  Eigenschaften  appellieren.  Wer  den  berechtigten
und  natürlichen  Egoismus,  auf  dem  bis  jetzt  jede  menschliche  und  staatliche
Ordnung  beruht  hat,  ersetzen  will  durch  eine  angeblich  höhere  Form  des
Gemeindewesens,  der  muß  selber  anfangen,  duldsam  zu  sein.  Statt  solcher
Harmonie  haben  Sie  uns  in  Dresden  eine  Kakophonie  aufgeführt.  (Große
Heiterkeit.)  Der  Abg.  Bebel  hat  sich  am  Eingange  seiner  Ausführungen
auch  wiederum  gegen  den  Militarismus  gewendet.  Er  glaubt  natürlich,
es  ginge  auch  ohne  Armee  oder  mit  einem  Milizheer.  Ich  möchte  nur
wissen,  was  er  täte,  wenn  wir  von  unseren  Nachbar  angegriffen  würden.
Gegenüber  Zuständen,  wie  sie  der  Abg.  Bebel  hervorrufen  will,  läge  die
Versuchung  für  einen  solchen  Angriff  sogar  sehr  nahe.  Und  selbst  wenn
er  vermieden  würde,  so  beweist  doch  die  ganze  Geschichte,  daß  der  Beste
nicht  in  Frieden  leben  kann,  wenn  es  dem  bösen  Nachbar  nicht  gefällt.
Was  würden  Sie  nun  also  machen,  Herr  Bebel,  wenn  wir  ohne  starke
und  ohne  wohldisziplinierte  Armee  von  unseren  Nachbarn  angegriffen
würden?  Und  die  auswärtige  Politik  des  Herrn  Bebel  zu  realisieren,
müssen  wir  eine  viel  stärkere  Armee  haben  als  heute.  (Sehr  richtig!)  Er
will  überall  intervenieren,  in  Finnland,  Rumänien,  sogar  in  der  Mandschurei.
(Heiterkeit.)  Das  ist  ja  an  und  für  sich  ganz  schön  und  macht  dem
menschlichen  Gefühl  vielleicht  alle  Ehre.  Das  ist  aber  nicht  durchzuführen
ohne  eine  ganz  ungewöhnlich  starke  Armee.  Und  wie  denkt  sich  Herr
Bebel  die  künftige  Leitung  der  auswärtigen  Politik?  Wen  haben  Sie  also
beispielsweise  als  Minister  des  Aeußern  ins  Auge  gefaßt?  (Zuruf:  Ledebour!
  Heiterkeit.)  Ich  fürchte  nach  den  Auslassungen  des  Herrn  Bebel
auf  dem  Dresdener  Parteitag,  daß  es  ein  Akademiker  nicht  sein  darf.
(Heiterkeit.)  Sich  auf  diese  Fragen  vorzubereiten,  haben  Sie  doch  allen
Grund,  wo  Sie  uns  sagen,  daß  unser  Untergang  so  nahe  bevorsteht  und
wo  Sie  ebenfalls  in  Dresden  erklärt  haben,  die  Sozialdemokratie  würde,
wenn  sie  am  Ruder  wäre,  ihre  Sache  ganz  wunderschön  machen,  und  wie
denken  Sie  sich  das  Verhältnis  zu  Rußland  (Heiterkeit),  über  das  Sie  sich
eben  in  Ihrer  so  gehässigen  Weise  ausgesprochen  haben?  Vor  einigen
Wochen  las  ich  in  einer  italienischen  Zeitung  einen  Brief,  den  Herr  Bebel
an  einen  Freund,  den  Abg.  Enrico  Ferri,  einen  italienischen  Sozialdemokraten,
  gerichtet  hat.  In  dem  Brief  hieß  es,  die  deutsche  Sozialdemokratie
ignoriere  das  Zarentum.  (Zuruf  des  Abg.  Bebel:  Wenn  es  nach  Deutschland
  kommt!)  Aber  glauben  Sie,  daß  Sie,  wenn  Sie  einmal  am  Ruder
wären,  das  mächtige  russische  Reich  mit  120  Millionen  Einwohnern  ignorieren
  würden?  Ich  lese  ständig  in  sozialdemokratischen  Blättern  Angriffe
gegen  Rußland,  beinahe  so  scharf,  wie  sie  hier  der  Abg.  Bebel  ausgesprochen
hat,  ich  lese  da  beständig,  kein  Mittel  solle  unversucht  gelassen  werden,  dem
russischen  Kaisertum  den  Abscheu  und  Haß  des  deutschen  Volkes  zum  Ausdruck
  zu  bringen.  Glauben  Sie,  daß  damit  ein  friedliches  Verhältnis
zwischen  uns  und  Rußland  möglich  ist,  wie  es  den  wohlverstandenen  Interessen
  des  deutschen  Volkes  entspricht?  Wer  vor  solchen  Unklarheiten,  vor
solchen  Widersprüchen,  vor  soviel  Rätseln  steht,  der  sollte  sich  mehr  in
seiner  Kritik  mäßigen,  als  es  Herr  Bebel  getan  hat.  (Sehr  gutl)  Er  soll
nicht  die  bestehenden  Einrichtungen  umstürzen  wollen,  denn  er  hat  gar
nichts  Besseres  an  die  Stelle  zu  setzen.  Das  größte  Pech,  das  Herrn  Bebel
        <pb n="191" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.  11.)  183

und  der  Sozialdemokratie  passieren  könnte  —  ich  habe  das  oft  gesagt  —,
wäre,  wenn  Sie  durch  irgend  ein  Wunder  plötzlich  an  die  Gewalt  kämen.
(Zurufe  bei  den  Sozialdemokraten:  Tun  Sie  es  doch!)  Dann  würden  Sie
Ihre  Unfähigkeit  nach  innen  und  außen,  Ihre  Unfähigkeit,  auswärtige
Politik  zu  führen,  Ihre  ganze  Impotenz  in  bengalischer  Beleuchtung  zeigen.
(Lebhafte  Zustimmung.)  Ich  gebe  allerdings  zu,  daß  diese  Geschäftsübernahme
  auch  für  uns  nur  heilloses  Pech  sein  würde  (Heiterkeit),  denn  wenn
Sie  auch  nichts  Neues,  nichts  Dauerndes  organisieren  und  durchführen
würden,  im  Zerstören  und  Ruinieren  würden  Sie  groß  sein.  (Lebhafte
Zustimmung.)  In  der  langen  Ausführung  des  Herrn  Bebel  traten  zwei
Gesichtspunkte  hervor:  einmal  das  von  ihm  ja  früher  so  oft  proklamierte
unverhüllte  Bestreben,  die  bestehende  Ordnung  der  Dinge,  unsere  bestehende
Staats-  und  Gesellschaftsordnung  umzustürzen,  und  dann  Klagen  über
mangelndes  Entgegenkommen  des  Staates  gegenüber  der  sozialdemokratischen
Bewegung.  Solche  Klagen  erinnern  mich  an  das  französische  Sprichwort
von  dem  Tier,  das  sehr  böse  sich  verteidigt,  wenn  es  angegriffen  wird.
Verteidigen  wird  sich  der  Staat  und  verteidigen  werden  wir  uns.  (Zuruf
bei  den  Sozialdemokraten:  Wer  ist  der  Staat?)  Sie  werden  das  schon
merken!  Wir  werden  die  bestehende  Ordnung  der  Dinge,  wir  werden  die
Fundamente,  auf  welchen  diese  Ordnung  ruht:  die  Religion,  die  Monarchie,
die  langsam  angewachsene  Kultur,  wir  werden  das  Haus,  das  vielen  Geschlechtern
  Obdach  gewährt  hat  und  das  noch  unsere  Kinder  aufnehmen
soll,  zu  verteidigen  wissen  und  verteidigen  können,  denn  an  diesem  Hause
haben  so  viele  Geschlechter  gearbeitet,  viele  große  Kaiser  und  viele  tüchtige
Männer.  Es  ist  das  Resultat  von  viel  hingebender  Treue,  von  Schweiß
und  Blut.  Aufzubauen  ist  schwer,  einzureißen  ist  leicht.  Die  Künstler,
die  einen  Tempel  aufführen,  werden  selten  geboren.  Aber  Herostrate,  die
bereit  sind  anzuzünden,  die  sind  zu  Dutzenden  vorhanden.  (Beifall.)  Wir
werden  unser  Haus  zu  verteidigen  wissen  mit  aller  Festigkeit,  aber  mit
aller  Ruhe.  Wir  werden  die  Gefahren  nicht  fürchten,  wir  wissen  sehr  wohl,
welche  Gefahren  die  Quellen  unserer  Zukunftshoffnungen,  die  Quellen
unserer  Macht  und  Wohlfahrt  bedrohen,  und  alle  Versuche,  an  die  Stelle
der  organischen,  gesetzmäßigen  und  verfassungsmäßigen  Fortentwicklung  die
widerrechtliche  und  gewaltsame  Revolution  zu  setzen,  werden  nach  meiner
Ueberzeugung  scheitern  an  dem  gesunden  Sinn  des  deutschen  Volkes,  das
sich  selbst  aufgeben  würde,  wenn  es  Ihnen  (nach  links)  folgen  würde.
(Lebhaftes  Bravo!  rechts  und  in  der  Mitte.  Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten.)


10.  Dezember.  (Baden.)  Dem  Landtage  geht  eine  Vorlage
  auf  Erhöhung  der  Einkommen-  und  Kapitalrentensteuer  um
20  Prozent  zu.

11.  Dezember.  Im  Reichstage  bildet  sich  eine  neue  Fraktion,
  die  freie  wirtschaftliche  Vereinigung.  Ihr  gehören  11  Abgeordnete
  antisemitischer  und  agrarischer  Richtung  an.

11./15.  Dezember.  (Reichstag.)  Etat.  Vorgänge  in  der

Armee.  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie.

Abg.  Sattler  (nl.)  bedauert  die  Soldatenmißhandlungen  der  letzten
Zeit.  Preuß.  Kriegsminister  v.  Einem  tadelt  scharf  die  im  Bilseprozeß
aufgedeckten  Schäden,  die  zum  Teil  durch  Unachtsamkeit  des  Kommandeurs
entstanden  seien.  Gegen  die  Mißhandlungen  werde  aufs  schärfste  vor-
        <pb n="192" />
        184  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  11.—13.)

gegangen  werden.  Aber  man  müsse  auch  bedenken,  daß  viele  Vorgesetzte
durch  verhetzte  Soldaten  geflissentlich  gereizt  würden.  Die  Angriffe  Bebels
gegen  das  deutsche  Geschütz  seien  ungerecht;  es  sei  besser  als  das  französische,
  das  zu  schwer  und  kompliziert  sei.  Abg.  Richter  (fr.  Vp.)  stimmt
dem  Kriegsminister  in  der  Verurteilung  der  Mißhandlungen  zu,  tadelt
aber,  daß  die  Offiziere  aus  zu  engen  Kreisen  rekrutiert  würden.  Beruf
der  Eltern  und  andere  äußere  Umstände  seien  maßgebender  für  die  Aufnahme
  als  Tüchtigkeit.  Abg.  v.  Kardorff  (RP.)  fordert  Kündigung  der
Handelsverträge  mit  Meistbegünstigung,  um  die  neuen  Verhandlungen  zu
erleichtern,  sowie  Ausnahmemaßregeln  gegen  die  Sozialdemokratie.  Am
15.  fordert  Abg.  Graf  Limburg-Stirum  Repressivmaßregeln  gegen  die
Sozialdemokratie.  Reichskanzler  Graf  Bülow  lehnt  das  ab,  weil  dafür
keine  Mehrheit  vorhanden  sei.  Der  Regierung  sei  es  mit  der  Bekämpfung
der  Sozialdemokratie  voller  Ernst,  aber  nicht  mit  Hitze  sondern  mit  Besonnenheit.
  —  Der  Etat  und  die  Finanzreformvorlage  werden  an  die
Budgetkommission  verwiesen.

11.  Dezember.  (Bayern.)  Reichsratskammer.  Erwiderung
des  Ministerpräsidenten  v.  Podewils  auf  Crailsheims  Rede  (S.  170).

Ministerpräsident  Frhr.  v.  Podewils  sagt  mit  Bezug  auf  die
Bemerkungen  Crailsheims  über  das  Verhältnis  zu  Preußen:  Der  von
einer  solchen  Seite  der  königlichen  Regierung  erteilte  Rat  ist  geartet,  weithin
die  Befürchtung  oder  wenigstens  den  Grund  zu  einer  Befürchtung  zu  verbreiten,
  als  ob  die  von  dem  Herrn  Reichsrat  angedeutete  politische  Tendenz
nicht  außer  dem  Bereich  der  Möglichkeit  wäre.  In  diesem  Sinne  und
zumal  in  dem  gegebenen  Zusammenhang  vermag  ich  den  der  königlichen
Staatsregierung  erteilten  Rat  nicht  anzunehmen,  zumal  im  Hinblick  auf
die  Erklärungen  der  Regierung  in  der  Zweiten  Kammer  des  Landtags,
die  hierzu  gewiß  auch  nicht  den  Schein  eines  Anlasses  gegeben  haben,  und
zumal  in  einer  solchen  Aeußerung  eine  Unterstützung  oder  eine  Stärkung
der  Regierung  nicht  erblickt  werden  kann.  Die  königliche  Regierung  wird
künftig  ebensowenig  wie  es  bisher  geschehen  ist,  ihre  Politik  auf  eine
prinzipielle  Majorisierung  Preußens  gründen.  Vor  einer  solchen  Annahme
sind  wir  auch  an  der  maßgebenden  Stelle  im  Reiche  vollständig  gesichert,
auch  wenn  wir  einmal  in  der  einen  oder  anderen  Sache  eine  andere
Meinung  haben  und  dieselbe  in  rückhaltloser  Offenheit  mannhaft  vertreten
sollten.  Man  hat  auch  in  uns  dort  jenes  feste  Vertrauen,  auf  welchem
das  gute  Verhältnis  unter  den  Bundesstaaten  basiert  ist,  und  man  wird
sich  in  diesem  Vertrauen  nicht  erschüttern  lassen.  Das  wissen  wir,  das
weiß  ich,  weil  es  mir  wiederholt  in  bündigster  Weise  versichert  worden  ist.
Wir  werden  in  freundschaftlichstem  Zusammengehen  mit  der  Präsidialmacht
und  mit  den  anderen  Bundesstaaten  allezeit  treu  loyal  unter  unserem
teuern  weiß-blauen  Banner  zur  nationalen  Fahne  stehen.

12.  Dezember.  Der  Reichstag  genehmigt  die  Verlängerung

des  Handelsprovisoriums  mit  England  auf  zwei  Jahre  gegen  die
Stimmen  der  freien  wirtschaftlichen  Vereinigung.

  13.  Dezember.  (Berlin.)  Der  Reichskanzler  empfängt
eine  Abordnung  Arbeiter,  die  ihm  die  Beschlüsse  des  Frankfurter

Kongresses  (S.  159)  vorlegen.  Er  verspricht  ernste  und  sachliche
Prüfung.
        <pb n="193" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  14.—18.)  185

14.  Dezember.  (Bayern.)  Ein  Verkehrsministerium  wird
errichtet;  es  soll  am  1.  Januar  1904  in  Kraft  treten.  Minister
wird  Ministerialrat  v.  Frauendorfer.

15.  Dezember.  (Sachsen.)  Die  Zweite  Kammer  bewilligt
einstimmig  10.000  Mark  für  Entsendung  von  40  Gendarmen  in
das  Crimmitschauer  Ausstandsgebiet.  (Annahme  in  der  Ersten
Kammer  am  21.  Dezember.)

Dezember.  Die  Presse  über  die  Etatsberatung  im  Reichstage.

Die  bürgerliche  Presse  sieht  allgemein  in  der  Rede  Bülows  vom
10.  Dezember  einen  großen  oratorischen  Erfolg  gegenüber  Bebel;  der
„Vorwärts  vermißt  jedes  Verständnis  für  die  sozialdemokratische  Weltanschauung.
  —  Die  Aussichten  der  Finanzreform  werden  im  allgemeinen
skeptisch  betrachtet,  weil  das  Zentrum  meist  dagegen  sei.  —  Mehrere
Zeitungen  wie  „Deutsche  Tageszeitung“,  „Post“  greifen  den  Reichskanzler
an,  weil  er  keine  Maßregeln  gegen  den  sozialdemokratischen  Terrorismus
ergreifen  wolle.

17.  Dezember.  (Potsdam.)  Der  König  von  Dänemark  besucht
  den  Kaiser.

17./19.  Dezember.  (Hannover.)  Der  Kaiser  nimmt  an  der
Hofjagd  an  der  Göhrde  teil.  —  Am  19.  wird  in  Hannover  das
100jährige  Bestehen  des  Infanterie-Regiments  75,  des  Ulanen-Regiments
  13,  des  Artillerie-Regiments  10  gefeiert.  Der  Kaiser
erwidert  dabei  auf  eine  Ansprache  des  Prinzen  Albrecht:

Mit  herzlichem  Dank  erhebe  Ich  Mein  Glas  und  wünsche,  daß
jeder  von  Ihnen  es  Mir  nachtut  mit  einem  Rückblick  auf  die  Vergangenheit,
zumal  auf  die  deutsche  Legion,  in  Erinnerung  an  ihre  unvergleichlichen
Taten,  welche  im  Verein  mit  Blüchers  Preußen  bei  Waterloo  das  englische
Heer  vom  Untergang  retteten,  auf  die  Vergangenheit  von  1866,  wo  tapfer
brav  und  unerschrocken  der  blanke  Heerschild  hannoveranischer  Ehre  hoch
und  blank  gehalten  wurde,  auf  die  Vergangenheit  von  1870,  darunter
auf  den  Helden  von  Beaune--la-Rolande,  der  leider  nicht  mehr  unter
Uns  ist,  auf  die  Gegenwart,  die  hier  versammelt  ist  und  die  Ich  von
Herzen  hier  begrüße,  und  auf  die  Zukunft,  die  in  den  drei  Regimentern
verbürgt  ist,  und  welche  ebenso  glänzend  und  ebenso  blank,  rein  und
schön  sein  möge,  wie  die  Vergangenheit,  das  ist  die  Aufgabe,  die  Ich  den
Regimentern  stelle!  Die  deutsche  Legion  und  ihre  Traditonen:  Hurra!
Hurral  Hurra!

18.  Dezember.  (Sachsen.)  Die  Behörden  verbieten  die
geplanten  Weihnachtsbescherungen  für  die  ausständigen  Textilarbeiter.


Das  Verbot  ist  damit  begründet,  daß  das  terroristische  Verhalten
der  ausständigen  Arbeiter  gegen  die  Arbeitswilligen  im  verstärkten  Maße
wahrzunehmen  gewesen  sei.  Ferner  weist  die  Behörde  darauf  hin,  daß
durch  die  in  den  letzten  Tagen  auswärts  abgehaltenen  Versammlungen
und  durch  die  Flugblätter  die  Behörden  und  die  Sicherheitsorgane  unter
Nichtachtung  jeder  behördlichen  Autorität  weiter  angegriffen  und  verunglimpft
        <pb n="194" />
        186  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  20.—29.)

worden  sind,  so  daß  zu  erwarten  steht,  daß  die  geplanten  Weihnachtsbescherungen
  zu  ähnlichen  Verhetzungen  mißbraucht  werden.  —  Die  Ausständigen
  beschließen  die  Bescherung  in  Schmölle  (Altenburg)  vorzunehmen,
sie  wird  aber  dort  ebenfalls  verboten.  Infolge  dessen  treten  viele  Ausständige
  aus  der  Landeskirche  aus.  —  Versuche  zur  Vermittlung,  die
Professor  Böhmert  und  Geheimrat  Roscher  machen,  scheitern  an  dem
Widerstand  der  Arbeitgeber.  In  den  liberalen  und  Zentrumsblättern  wird
diese  Haltung  der  Arbeitgeber  vielfach  getadelt,  ebenso,  daß  Ministerpräsident
von  Metzsch  den  Empfang  einer  Arbeiterabordnung  ablehnt.  Es  wird
behauptet,  daß  infolge  dessen  die  Streikenden  mehr  als  vorher  unterstützt
würden,  so  daß  sie  bis  Mitte  Februar  mit  Geld  versehen  seien.  (Ende
Dezember.)

20.  Dezember.  (Mecklenburg-Schwerin.)  Großherzog
Friedrich  Franz  verlobt  sich  mit  Prinzessin  Alexandra,  der  Tochter

des  Herzogs  von  Cumberland.

Dezember.  Zwischen  der  „Kreuzzeitung“  und  dem  Evangelischen
  Bunde  finden  lebhafte  Auseinandersetzungen  statt  wegen
des  Verhältnisses  zwischen  Konservativen  und  Zentrum.  Die  „Konservative
  Korrespondenz“  tritt  auf  die  Seite  der  „Kreuzzeitung“
und  tadelt  die  Tätigkeit  des  Evangelischen  Bundes  als  friedensstörend.


22.  Dezember.  (Bayerische  Abgeordnetenkammer.)  Schluß
einer  siebentägigen  Debatte  über  den  Etat  des  Ministeriums  des
Innern.  Die  Beratung,  in  der  es  zu  scharfen  Auseinandersetzungen
zwischen  Zentrum  und  Liberalen  kommt,  dreht  sich  hauptsächlich
um  die  Not  der  Landwirtschaft  und  um  den  Kampf  gegen  unsittliche
  Literatur.

24.  Dezember.  (Klotzsche  bei  Dresden.)  Professor  der  Geographie
  Sophus  Ruge  (geboren  am  26.  März  1831)  †.  Sein  Hauptwerk
  ist  die  Geschichte  des  Zeitalters  der  Entdeckungen.

24.  Dezember.  (Stuttgart.)  Albert  Schäffle  †.

Geboren  24.  Februar  1831  in  Nürtingen;  1860  Professor  in
Tübingen;  Mitglied  des  Zollparlaments  1868,  1871  Februar  bis  Oktober
österreichischer  Handelsminister.  Hauptwerke:  „Die  Nationalökonomie  oder
allgemeine  Wirtschaftslehre“  1861,  „Die  Quintessenz  des  Sozialismus“  1885.

29.  Dezember.  (Bayern.)  Bericht  des  Ausschusses  der  Kammer
über  den  Wahlgesetzentwurf.

Die  Allgemeine  Zeitung  stellt  die  Veränderung  gegen  die  Regierungsvorlage
  zusammen:  Die  Wahlkreiseinteilung  ist  ein  integrierender  Bestandteil
  des  Gesetzes.  (Diese  Bestimmung  fehlte  in  der  Vorlage.)  Das
Mindestalter  für  das  passive  Wahkrecht  ist  25  Jahre  (nach  der  Vorlage
30  Jahre.)  Die  Vereinigung  mehrerer  kleiner  Gemeinden  zu  einem  Wahlbezirke
  ist  gestattet  (nach  der  Vorlage  notwendig).  Die  in  der  Vorlage
enthaltene  Mindestgrenze  von  1.500  Einwohnern  für  einen  Wahlbezirk  ist
        <pb n="195" />
        Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  29.)  187

beseitigt,  die  Höchstgrenze  von  3.500  Einwohnern  dagegen  beibehalten.  In
die  Wahllisten  ist  auch  das  Lebensalter  der  Wahlberechtigten  aufzunehmen.
Die  Wahlhandlung  wird  um  7  Uhr  (nach  der  Vorlage  um  6  Uhr)  nachmittags
  geschlossen.  Zur  Sicherung  des  Wahlgeheimnisses  sind  die  Stimmzettel
  mit  amtlich  abgestempelten  Umschlägen  zu  versehen  und  im  Wahllokale
  Wahlzellen  bereit  zu  stellen,  in  denen  der  Wähler  seinen  Stimmzettel
  unbeobachtet  in  den  Umschlag  legen  kann.  (Diese  Vorschriften  fehlten
in  der  Vorlage.)  Die  Bestimmungen  über  die  Gültigkeit  der  Stimmzettel
sind  entsprechend  ergänzt.  Diäten  und  zwar  10  Mark,  erhalten  auch  die
in  München  wohnenden  Abgeordneten.  (Nach  der  Vorlage  sollten  diese
vom  Diätenbezuge  ausgeschlossen  sein.)
        <pb n="196" />
        II.
Die  österreichisch-ungarische  Monarchie.

1.  Januar.  (Pest.)  Ministerpräsident  v.  Szell  empfängt
eine  Abordnung  der  liberalen  Partei  und  sagt  über  das  Abkommen
mit  Österreich  (vgl.  1902  S.  209):

Ich  komme  soeben  aus  einer  Schlacht;  an  mir  klebt  noch  der  Staub
des  Kampffeldes.  Erst  vor  wenigen  Stunden  hat  der  große  Kampf  und
die  große  Arbeit  den  Abschluß  gefunden.  Es  gibt  jedoch  in  diesem  Kampf
keinen  Sieg  und  keine  Niederlage;  und  doch  hat  es  in  diesem  Kampfe  einen
Sieger  gegeben.  Sieger  ist  der  Gedanke  geblieben,  daß  zwei  Staaten  die,
wie  Ungarn  und  Oesterreich,  durch  die  Gemeinsamkeit  des  Herrschers  und
durch  unlösliche  Bande  verknüpft  sind,  richtig  handeln,  wenn  sie  bestrebt
sind,  auch  die  wirtschaftliche  Gemeinsamkeit  aubrecht  zu  erhalten,  indem  sie
mit  Berücksichtigung  ihrer  wechselseitigen  Interessen  sich  verständigen  und
eine  billige  Ausgleichung  der  Interessen  versuchen.

3.  Januar.  (Wien.)  Beginn  der  deutsch-tschechischen  Ausgleichskonferenzen.
  (Vgl.  1902.)

Auf  Veranlassung  des  Ministerpräsidenten  v.  Körber  treten  die
deutschen  und  tschechischen  Abgeordneten  mit  Ausnahme  der  Alldeutschen  zu
einer  Beratung  der  nationalen  Angelegenheiten  Böhmens  und  Mährens  zusammen.
  Ministerpräsident  v.  Körber  führt  aus,  die  Regierung  begrüße  es
dankbar,  daß  von  deutscher  wie  tschechischer  Seite  wieder  einer  gemeinsamen
Erörterung  der  Vorzug  gegeben  sei;  denn  die  Regierung  sehe  in  jeder
solchen  Begegnung  eine  Annäherung  von  großer  moralischer  Bedeutung
selbst  für  den  Fall,  daß  ein  ganzer  Erfolg  nicht  ohne  weiteres  erzielt
werden  sollte.  Die  Regierung  werde  dem  Verlaufe  der  Konferenz  mit  gespanntestem
  Interesse  folgen.  Sie  werde  in  einer  für  die  Konferenz  bestimmten
  Denkschrift  nachzuweisen  suchen,  daß  die  Austragung  des  deutschtschechischen
  Streites  am  besten  schrittweise  geschehe;  nicht  eine  Erörterung
der  Prinzipien,  sondern  allein  die  Bekundung  des  Willens  zum  Frieden
auf  beiden  Seiten  könne  die  Entscheidung  bringen.  Bei  ruhiger  Arbeit
werde  unzweifelhaft  eine  zuverlässige  Orientierung  der  Regierung  sowohl
in  den  Böhmen  wie  in  den  Mähren  betreffenden  Angelegenheiten  erreicht
werden.  —  Die  Vertreter  der  Parteien  sprechen  sich  sämtlich  zurückhaltend  aus.

Nach  den  Vorschlägen,  die  der  Minister  der  Konferenz  nach  einigen
Tagen  vorlegt,  soll  Böhmen  in  10  Kreise  eingeteilt  werden,  von  denen
5  tschechisch,  3  deutsch  und  2  gemischtsprachig  sein  sollen.  Von  den  234
Bezirksgerichten  sollen  94  deutsch,  133  tschechisch  und  7  gemischtsprachig
        <pb n="197" />
        Die  ästerreithisqh  ·  nugarische  Menarthhie.  (Januar  6.—20.)  189

sein,  von  den  Bezirkshauptmannschaften  58  tschechisch,  40  deutsch  und  6
gemischtsprachig.
6.  Januar.  (Prag.)  Parteitag  der  alldeutschen  Partei.

Die  Leitung  hat  der  Abg.  Wolf.  Der  Tag  erklärt,  die  Alldeutschen
wollten  in  ebrlicher  Kampfgenossenschaft  mit  der  Deutschen  Volkspartei
zusammenwirken  und  mit  allen  anderen  deutschen  Parteien  einen  gemeinsamen
  Volksrat  beschicken.  Die  Partei  mache  sich  die  Förderung  der  Los
von  Rom-Bewegung  zur  Pflicht.  Die  Partei  wolle  eine  Arbeitskraft  sein
und  weise  jede  leere  Demonstrationspolitik  von  sich.

12.  Januar.  (Prag.)  Das  Erxekutivkomitee  der  tschechischen
Reichsrats-  und  Landtagsabgeordneten  lehnt  die  Körberschen  Sprachenvorschläge
  ab  als  dem  tschechischen  Volke  feindlich.

17.  Januar.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Schluß
einer  Sitzung  nach  54stündiger  Dauer.  Die  Obstruktion  der  tschechischen
  Radikalen  hatte  die  lange  Dauer  veranlaßt;  sie  wollten  die
Beratung  einiger  Dringlichkeitsanträge  erzwingen,  müssen  aber
schließlich  die  Obstruktion  einstellen.

17.  Januar.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  verweist
  nach  kurzer  Debatte  die  Brüsseler  Zuckerkonvention  an  eine
Kommission.

20.  Januar.  (Wien.)  Abbruch  der  Verständigungskonferenzen.


Abg.  Pacak  (Tsch.)  stellt  folgende  Grundsätze  für  die  Regelung  der
Sprachenfrage  auf:  1.  als  Landessprache  haben  im  Königreich  Böhmen
sowohl  die  tschechische  als  die  deutsche  Sprache  in  dem  ganzen  Lande,  in
jeder  Beziehung  zu  gelten  und  sie  müssen  deshalb  in  allen  Geschäftszweigen
des  offiziellen  Dienstes  gleichmäßig  angewendet  werden.  2.  Jede  Person,
welche  sich  einer  Landessprache  bedient,  ist  demnach  berechtigt,  bei  allen
Behörden  des  ganzen  Landes  nach  den  ganz  gleichen  Vorschriften  diese
Landessprache  zu  gebrauchen.  —  Abg.  Eppinger  erklärt  namens  der
Deutschen,  daß  nach  dieser  Erklärung  eine  Berücksichtigung  der  deutschen
Forderungen  ausgeschlossen  erscheine.  —  Ministerpräsident  v.  Körber:  Die
Regierung  erwäge  in  ihrem  Entwurfe  die  Mittel  und  Wege,  um  einen
Ausgleich  der  beiderseits  streitigen  Interessen  anzubahnen.  Dieser  Entwurf
brauche  ihres  Erachtens  jedoch  nicht  unabänderlich  zu  sein;  sie  würde  sich
vielmehr  anderen,  vernünftigen  und  praktisch  durchführbaren  Vorschlägen
gegenüber  nicht  ablehnend  verhalten,  denn  für  sie  sei  nicht  dies  Substrat
für  die  Verständigung,  sondern  die  Verständigung  als  solche  die  Hauptsache.
  Das  Wichtigste  bezüglich  der  Sprachenfrage  sei,  die  Handhabung
der  Sprache  im  äußeren  Schriftverkehr,  sprachliche  Befähigung  der  Beamten
  u.  s.  w.,  eventuell  auch  ohne  bestimmte  Unterlagen  im  Detail  durchzusprechen.
  Solche  Detailfragen  fänden  jedoch  besser  im  kleineren  Kreise
ihre  Erledigung,  weshalb  er,  der  Ministerpräsident,  die  Verweisung  der
Diskussion  an  die  Subkomitees  für  wünschenswert  halte.  —  Abg.  Herold
(Tsch.):  Nachdem  der  Ministerpräsident  selbst  davon  abgegangen  sei,  zu
verlangen,  daß  der  von  ihm  vorgelegte  Gesetzentwurf  die  Grundlage  der
Besprechung  bilde,  seien  die  Tschechen  bereit,  Vertreter  in  ein  Subkomitee
zu  schicken,  welches  die  einschlägigen  Fragen  sowohl  in  der  Sprachenfrage
        <pb n="198" />
        190  Bie  Serreichisch=  ungerische  Monarchie.  (Januar  23.  28.)

als  auch  in  der  Verwaltungsreform  erwägen  solle.  —  Abg.  Eppinger:
In  der  heutigen  Erklärung  der  Tschechen  würden  Grundsätze  festgestellt,
von  denen  dieselben  selbst  gut  wüßten,  daß  sie  für  die  Deutschen  unannehmbar
  seien.  Durch  diese  Erklärung  der  tschechischen  Vertreter  sei  demnach
die  Verhandlungsgrundlage,  die  von  der  Regierung  selbst  aufgestellt,  aber
nach  den  heutigen  Erklärungen  des  Ministerpräsidenten  teilweise  verlassen
worden  sei,  zerstört,  es  erscheine  also  auch  die  Wahl  des  Subkomitees
gegenstandslos,  bevor  nicht  eine  für  die  Deutschen  annehmbare  Grundlage
für  die  Verhandlungen  geschaffen  sei.

23.  Januar.  (Cisleithanien.)  Der  Tschechenklub  faßt  mit
34  gegen  6  Stimmen  folgenden  Beschluß  über  die  parlamentarische
Taktik:

Der  Klub  beschließt,  bei  seinem  Beschluß  vom  16.  Oktober  1902  zu
verharren,  demzufolge  gegen  die  jetzige  Regierung  des  Ministerpräsidenten
v.  Körber  mit  allen  zulässigen  parlamentarischen  Mitteln  anzukämpfen  ist,
und  behält  sich  vor,  die  Mittel  von  Fall  zu  Fall  zu  wählen.  Aus  taktischen
  Gründen  räumt  der  Klub  den  Vorrang  vor  seinen  Dringlichkeitsanträgen
  ein:  der  Erledigung  der  Zuckervorlage,  der  ersten  Lesung  des
Wehrgesetzes  und  der  Dringlichkeitsanträge,  betreffend  die  Mängel  der
Prager  Hochschule  und  betreffend  die  Geschäftsordnung.  Die  parlamentarische
  Kommission  wird  mit  der  Ausarbeitung  der  bei  der  ersten  Lesung
der  Wehrvorlage  abzugebenden  Erklärung  und  einer  an  das  Volk  zu  richtenden
  Denkschrift  über  die  Stellung  des  Klubs  im  Parlament  beauftragt.

28.  Januar.  In  beiden  Reichshälften  werden  die  Vorlagen

über  die  Fortdauer  der  wirtschaftlichen  Gemeinschaft  eingebracht.

Der  neue  Zolltarif  enthält  durchweg  eine  bedeutende  Erhöhung  der
bisherigen  Sätze,  z.  B.  für  die  Getreidearten:
Maximal  Minimal  Bisher
Weizen,  Spelt  7,50  6,30  3,57

Roggen  7,00  5,80  3,57
Gerste  4,00  2,80  1,.79
Hafer  6,00  4,80  1,79
Mais  4,00  2,80  1,19
Hirse  1,75  —  1,19
Reis  6,00  —  3,57

28.  Januar.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Erste
Beratung  der  Wehrvorlage.

Auf  mehrere  Anfragen  über  die  zweijährige  Dienstzeit  erwidert
der  Landesverteidigungsminister  Graf  Welsersheimb:  Vom  militärischen
Standpunkt  aus  sei  die  Frage  des  zweijährigen  Dienstes  eine  noch  nicht
endgültig  gelöste.  Auch  in  Deutschland  bestehe  sie  nur  für  einzelne  Kategorien
  der  Wehrmacht.  Aber  darüber  sei  man  einig,  daß  für  Unteroffiziere
eine  zweijährige  Dienstzeit  ungenügend  sei.  Die  zweijährige  Dienstzeit
habe  in  Deutschland  eine  jährliche  Mehrausgabe  von  55  Millionen  Mark
neben  einer  einmaligen  Ausgabe  von  60  Millionen  Mark  zur  Folge  gehabt
  und  in  Frankreich  würden  die  jährlichen  Mehrkosten  auf  70  Millionen
Francs  veranschagt,  wobei  für  die  Ausgestaltung  der  Armee,  die  der  Einführung
  der  zweijährigen  Dienstzeit  vorausgegangen  war,  eine  andere,
fundamentalere  Bestimmung  des  Wehrgesetzes  erfolgte,  unter  teilweiser
Aufrechterhaltung  der  dreijährigen  Dienstpflicht  für  die  Marine,  für  einzelne
        <pb n="199" />
        Die  Herreichisch-ungarische  Menarchie.  (Januar  28.)  191

Waffen  und  Branchen,  sowie  für  die  Unteroffiziere  gegen  eine  angemessene
Kompensation.  Die  Vorbedingungen  für  die  Einführung  der  zweijährigen
Dienstzeit  wenigstens  bei  der  Infenterie  würden  auch  in  Oesterreich  erst
geschaffen  werden  müssen  und  die  Kosten  würden  hier  erheblich  größer  sein,
als  in  Deutschland  und  Frankreich.  Ueber  die  Vorlage  sagt  der  Minister:
Der  größte  Teil  des  Mehrbedarfes  an  Truppen  betreffe  die  Artillerie,
welche  durch  außerordentliche  Vervollkommung  in  ihrer  Wirksamkeit  eine
relativ  erhöhte  Bedeutung  habe.  Dazu  trete  auch  die  Erneuerung  des
Materials.  Es  komme  hauptsächlich  ein  neuer  Typ  einer  Haubitze  in  Betracht.
  Der  erste  Schritt,  um  welchen  es  sich  hier  handle,  sei  die  Ausstellung
  von  14  Batteriedivisionen  und  die  Erhöhung  des  Bestandes  der  Gebirgsartillerie,
  wofür  die  Delegationen  bereits  die  Mittel  genehmigt  hätten.
Die  Gesamtheit  des  Mehrerfordernisses  für  1903  beziffern  sich  auf  rund
16  700  Rekruten  für  das.  stehende  Heer  und  4250  Rekruten  für  die  Landwehr.
  Es  erübrigten  sodann  für  die  vorzeitige  Beurlaubung  beim  Heer
5200  Mann  und  bei  der  Landwehr  250  Mann.  Obiges  Mehrerfordernis
entspricht  jedoch  noch  keineswegs  dem  natürlichen  Zuwachs  der  Bevölkerung.
Zusammen  werde  die  Erhöhung  des  Gesamttruppenbestandes  beim  Heer
nach  einer  gewissen  Reihe  von  Jahren,  deren  Anzahl  eben  nach  den  vorhandenen
  Budgetmitteln  sich  richten  wird,  sich  auf  32742  Mann  beziffern.

instweilen  wird  der  Mehrbedarf  21.000  Rekruten  betragen.  Hiervon  entfallen
  auf  die  diesseitige  Landeshälfte  einschließlich  der  Landwehr  14  100.
Der  materielle  Schlußeßett  wird  für  1903  auf  die  von  den  Delegationen
bereits  bewilligten  4900  000  Kr.  und  für  1904  auf  rund  7  Millionen  und
nach  vollständiger  Durchführung  der  Erhöhung  des  Bestandes  im  Maximum
auf  20  Millionen  sich  stellen,  wovon  zwei  Drittel  auf  die  diesseitige  Reichshälfte
  entfallen.  Hinsichtlich  der  Ersatzreservisten  werde  die  Heeresverwalttung,
  falls  im  Laufe  der  Spezialberatung  der  Antrag  gestellt  werden  sollte,
auf  die  geplante  Heranziehung  von  6000  Mann  Ersatzreservisten  zu  verzichten,
  nicht  weiter  darauf  bestehen.  (Lebhafter  Beifall.)  Auf  den  Zwischenruf
  des  Abg.  Schoißwohl:  Die  ungarische  Armee!  bemerkt  Graf  Welsersheimb:
  Es  ist  der  Wille  des  Kaisers,  daß  das  gemeinsame  Heer  nicht  nur
in  Form  und  Beitragsleistungen,  sondern  auch  im  Wesen  durchaus  gemeinsam
  bleibe!  (Lebhafter  Beifall.)  Zum  Schluße  erinnert  der  Minister  an
die  außerordentlichen  traurigen  Folgen,  die  ein  unglücklicher  Krieg  nach  sich
ziehen  würde  und  bemerkt:  Militärlasten  sind  gewiß  eine  Last,  aber  eine
notwendige  Last.  Ich  appelliere  an  Sie  alle,  an  die  öffentliche  Meinung
und  an  ihre  Organe:  Wollen  wir  für  die  Wahrung  unserer  Interessen  stark
sein,  ja  oder  nein?  Wer  die  Verantwortung  für  das  „Nein“  übernehmen
will,  der  möge  sie  tragen.  Ich  aber  übernehme  jede  Verantwortung  dafür,
  daß  das  Maß  des  in  dieser  Vorlage  Verlangten  ein  minimales  und
unerläßliches  ist.  (Lebhafter  Beifall.)  Die  Wehrvorlage  wird  sodann  an
den  Wehrausschuß  verwiesen.

28.  Januar.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Finanzminister
  v.  Böhm-Bawerk  legt  den  Gesetzentwurf  über  die  Konvertierung
  der  Obligationen  der  einheitlichen  Staatsschuld  vor.

Der  Minister  erbittet  vom  Hause  angesichts  der  Erstarkung  des
österreichischen  Staatskredites  im  Zusammenhange  mit  der  sinkenden  Tendenz
  des  Zinsfußes,  die  Ermächtigung,  jenen  Teil  der  mit  4,2  v.  H.
verzinslichen  Staatsschuld,  an  welchem  die  österreichischen  Finanzen  unmittelbar
  und  materiell  interessiert  seien,  einer  zeitgemäßen  Konvertierung
unterziehen  zu  dürfen.  Ueber  jenen  Teil  der  einheitlichen  Staatsschuld,
an  dem  Ungarn  interessiert  sei  und  bezüglich  dessen  Verhandlungen  mit
        <pb n="200" />
        192  HNie  Jlrreichiscz#u###rische  Monarchie.  (Januar  30.  Februar  5.)

Ungarn  schwebten,  solle  einstweilen  nicht  verfügt  werden.  Der  zur  unmittelbaren
  Konvertierung  bestimmte  Teil  solle  einen  Maximalbetrag  von
3620  Millionen  Kronen  umfassen.  Der  Minister  erhoffe  von  der  Vorlage
einen  weitgehenden  Erfolg  für  den  österreichischen  Staat  und  das  Volk,
erstens  einen  moralischen  für  das  Ansehen  des  Staatskredites,  dadurch  daß
ein  Zinsfuß  verschwinden  werde,  der  eine  Erinnerung  an  Zeiten  bilde,  in
welchen  der  österreichische  Staatskredit  weniger  gefestigt  und  der  Volkswohlstand
  weniger  entwickelt  gewesen  sei,  zweitens  einen  materiellen  Erfolg,
  indem  die  Durchführung  der  Konversion  eine  nicht  zu  unterschätzende
Erleichterung  der  Staatsschuld  und  eine  wesentliche  Ersparung  an  Steuergeldern,
  erzielen  könne  und,  wie  er  hoffe,  erzielen  werde.  Aus  diesen
Gründen  und  im  Interesse  der  bei  Konversionen  notwendigen  und  gebotenen
  Raschheit  bitte  der  Minister,  da  die  Vorlage  wohl  von  allen  Abgeordneten
  ohne  Unterschied  der  Parteirichtung  begrüßt  werden  könne,  um
wohlwollende  und  besonders  rasche  Beratung  der  Vorlage.

Ende  Januar.  (Ungarn.)  Das  Abgeordnetenhaus  beginnt
die  Generaldebatte  über  die  Wehrvorlage.

Die  Opposition  bekämpft  die  Vorlage,  indem  sie  nicht  die  Erhöhung
der  Rekrutenziffer,  sondern  das  Institut  der  gemeinsamen  Armee  und  die
deutsche  Kommandosprache  angreift.  Um  der  Opposition  entgegenzukommen,
erklärt  sich  die  Regierung  auf  Betreiben  des  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses
  Graf  Apponyi  bereit,  die  Abzeichen  und  Embleme  der  gemeinsamen
Armee  dualistisch  auszugestalten.

30.  Januar.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt
  die  Brüsseler  Zuckerkonvention  (vergl.  1902),  die  Zuckersteuer
  und  das  Kontingentierungsgesetz,  —  Annahme  im  Herrenhause
  31.  Januar.

Januar.  Februar.  (Ungarn.)  Die  Redakteure  mehrerer
deutscher  Blätter  werden  wegen  Aufreizung  gegen  die  magyarische
Nationalität  verurteilt,  weil  sie  ihre  Leser  zur  Pflege  ihrer  Muttersprache
  auffordern.  (Vgl.  Dibelius,  Preuß.  Jahrbücher  Bd.  112.)

5.  Februar.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Andrassy  über
die  Wehrvorlage.  Großmachtstellung.  Armeesprache.

Abgeordnete  der  Opposition  behaupten,  die  Wehrvorlage  sei  ein  Erzeugnis
  des  Ehrgeizes  der  Dynastie,  die  eine  Großmachtstellung  einnehmen
wolle.  Abg.  Graf  Julins  Andrassy  bestreitet  diese  Behauptung  mit  dem
Hinweis,  daß  der  Souverän  auf  seine  Stellung  in  Deutschland  und  Italien
verzichtet  habe.  Ferner  bekämpft  er  die  Behauptung,  die  orientalische  Frage
sei  ein  Wauwau-Gespenst,  das  man  heraufbeschwöre,  wenn  man  es  brauche,
das  aber  verschwinde,  wenn  es  seine  Dienste  getan  habe.  „Ich  habe  zwar,“
bemerkt  er,  „volles  Vertrauen  zu  unserer  auswärtigen  Politik;  allein  für
so  geschickt  halte  ich  unsere  Diplomatie  nicht,  daß  sie  Aehnliches  bewirken
kann.“  (Heiterkeit.)  Als  er  den  Gebrauch  der  deutschen  Armeesprache  verteidigt,
  wird  ihm  von  der  Opposition  zugerufen:  „Schämen  Sie  sich  nicht,
als  ein  Andrassy  gegen  das  Recht  der  ungarischen  Sprache  aufzutreten!“
Graf  Andrassy  fährt  mit  erhobener  Stimme  fort:  Wer  an  meinem  Patriotismus
  zweifelt,  den  verachte  ich!  Unter  großer  Unruhe  des  Hauses  führt

Redner  aus,  daß  der  Gebrauch  einer  einheitlichen  Armeesprache  eine  Frage
der  Zweckmäßigkeit  sei;  das  Recht  der  ungarischen  Staatssprache  werde
        <pb n="201" />
        Die  Ssterreichischungerische  Monarhie.  (Februar  6.  12.)  193

dadurch  nicht  verletzt.  Die  Armee  sei  der  ungarischen  Gesetzgebung  unterworfen
  und  beruhe  auf  den  Bewilligungen  des  ungarischen  Reichstages.
Das  Recht  der  ungarischen  Staatssprache  könne  man  jedoch  nicht  auf  gemeinsame
  Institutionen  anwenden.  Die  Opposition,  möge  nicht  die  ihr
durch  die  Hausorhnung.  eingeräumte  Freiheit  mißbrauchen;  denn  eine  Obstruktion
  gegen  diese  Vorlage,  die  man  bekämpfen,  aber  nicht  als  verfassungswidrig
  bezeichnen  könne,  wäre  eine  parlamentarische  Revolution,  die
dem  Parlamentarismus  zum  Unheil  gereichen  würde.  (Große  Unruhe  und
stürmischer  Widerspruch  links,  lebhafter  Beifall  rechts.)

6.  Februar.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  verweist
  alle  Anträge  auf  Abänderung  der  Geschäftsordnung  an  einen
Ausschuß  von  48  Mitgliedern.

12.  Februar.  (Cisleithanien.)  Das  Abgeordnetenhaus  genehmigt
  die  Vorlage  über  die  Konvertierung  der  Rente  von  4,2
Prozent  in  eine  4prozentige,  wodurch  7,2  Millionen  Kronen  jährlich
  erspart  werden.  (Annahme  im  Herrenhause  16.  Februar.)

Die  „Köln.  Volksztg.“"  schildert  die  Vorgeschichte  dieses  Beschlusses:
Bei  der  Begründung  des  Dualismus  (1867)  weigerte  sich  Ungarn,  die  von
Oesterreich  ohne  die  parlamentarische  Genehmigung  Ungarns  ausgegebenen
4,2  prozentigen  Staatsschuld-Titres  (Renten)  mit  zu  übernehmen  und  verpflichtete
  sich  lediglich,  einen  jährlichen  Zinsenbeitrag  von  etwa  30  Millionen
Gulden  zu  leisten.  Oesterreich  hat  also  allein  für  sich  die  sog.  gemeinsame
Schuld  übernommen  und  getragen,  und  zwar  die  ganze  Staatsschuld.  Nach
österreichischer  Auffassung  hat  also  Oesterreich  das  Recht,  auch  die  ganze
Staatsschuld  zu  konvertieren,  d.  i.  auch  den  Teil  derselben,  welcher  dem
ungarischen  Zinsenbeitrag  pro  rata  entspricht.  Ungarn  müßte  also,  auch
wenn  Oesterreich  einen  niedigeren  Zinsfuß  für  die  Rente  einführt,  d.  h.
konvertiert,  nach  wie  vor  seine  30  Millionen  jährlich  zahlen.  Nach  österreichischer
  Auffassung  ist  die  Konvertierung  lediglich  eine  Sache,  die  Oesterreich
  mit  den  Besitzern  der  Rentenpapiere  auszumachen  hat.  Bei  den  Ausgleichsverhandlungen
  zeigte  sich  aber,  daß  hierin  Ungarn  anderer  Ansicht  ist.
Ungarn  glaubt,  daß  Oesterreich  nur  den  auf  unsere  Rechtshälfte  entfallenden
Teil  der  Staatsschuld  ohne  Genehmigung  Ungarns  konvertieren  dürfe;
offenbar  will  also  Ungarn  auch  eine  Zinsenersparnis  für  sich  herausschlagen.
Auch  möchte  sich  Ungarn  die  Möglichkeit,  die  Rückzahlung  des  Kapitals
(oder  eines  Teils  desselben)  statt  der  Zinsenzahlung  (oder  zur  Verminderung
  seines  Zinsenbeitrags)  offen  lassen  und  zwar  nicht  zum  effektiven
Zinssatz  von  4,2,  sondern  um  5  Prozent,  der  niemals  bestanden  hat;  das
würde  die  Verpflichtung  Ungarns  an  Oesterreich  um  rund  20  Millionen
Kronen  herabmindern.  Bei  den  Ausgleichsverhandlungen  ergab  sich  nun,
daß  sowohl  die  österreichische,  wie  die  ungarische  Regierung  auf  ihrem
Standpunkt  beharrten,  so  daß  die  Frage  aus  dem  Komplexe  der  Ausgleichsmaterien
  ausgeschaltet  wurde.  Gleichwohl  wurden  zwei  Dinge  als  feststehend
  angenommen:  daß  Ungarn  seine  Zinsenbeitragslast  durch  eine
Kapital--Rückzahlung  erleichtern  kann  und  daß,  wenn  auch  Oesterreich  seinen
Rechtsstandpunkt  (die  ganze  Rente  konvertieren  zu  können)  aufrecht  erhält,
es  tatsächlich  ohne  Zustimmung  Ungarns  doch  nur  den  auf  Oesterreich  entfallenden
  Teil  der  Staatsschuld  konvertieren  solle.  Daraufhin  erklärte
Herr  v.  Körber,  daß  diese  Frage  ausgeschieden  wurde,  er  fügte  aber  hinzu:
Die  Bahn  für  die  Konversion  des  unsere  Reichshälfte  belastenden  überwiegenden
  Schuldteils  ist  frei;  also  nicht  des  ganzen  Schuldteils  im  Be-Europäischer

  Geschichtskalender.  XLIV.  13
        <pb n="202" />
        194  Vie  Sterreichisch-ungerische  Menarcie.  (Februar  17./19.)

trage  von  etwa  fünf  Milliarden,  der  ungarische  Block  bleibt  ausgeschlossen,
nicht  prinzipiell,  aber  faktisch.  Auf  Grund  dieses  Standes  der  Dinge
brachte  die  österreichische  Regierung  ihre  Rentenkonversionsvorlage  ein.
Sie  enthielt  die  Bestimmung,  daß  die  Regierung  ermächtigt  werden  solle,
„Rente  im  Maximalbetrage  von  3620  Millionen“,  also  mit  Ausschluß  des
auf  Ungarn  (entsprechend  dem  von  ihm  gezahlten  Zinsenbeitrage)  entfallenden
  Blockes  von  1400  Millionen,  „der  einheitlichen  Staatsschuld  zu
konvertieren“,  und  zwar  zum  Zinsfuß  von  „höchstens“  4  Prozent  (statt
der  bisherigen  4,2).  Im  Budgetausschuß  wurde  dieser  Antrag  der  Reierung
  angenommen.  Der  Finanzminister  hatte  erklärt,  daß  Oesterreich
sch  durchaus  nicht  seines  Rechtes,  die  ganze  Staatsschuldrente  zu  konvertieren,
begebe,  sondern  nur  faktisch  bloß  den  auf  uns  entfallenden  Teil  der  Rente
konvertiere;  er  erklärte  ferner,  daß  die  Regierung  diesen  Teil  der  Rente
auf  den  Zinsfuß  von  4  Prozent  konvertieren  wolle,  gleichzeitig  aber  neue
Rententitres  ausgeben  wolle  zu  3¾  Prozent,  um  das  Geld  zur  Rückzahlung
der  zurückströmenden  Papiere  zu  gewinnen.  Nun  aber  geschah  das  Unerwartete.
  Das  österreichische  Abgeordnetenhaus  strich  die  bedeutungsvollen
Worte:  „im  Maximalbetrage  von  3620  Millionen“  und  das  Wörtchen
„hHöchstens"“.  Durch  Streichung  der  Worte  „im  Maximalbetrag  von  3620
Millionen“  hat  es  die  Regierung  ermächtigt,  eventuell  auch  die  ganze  gemeinsame
  Rente  zu  konvertieren.  Ungarn  sollte  keinerlei  Anlaß  haben,
aus  der  Nichtkonvertierung  der  1400  Millionen  den  Beweis  zu  schöpfen,
daß  Oesterreich  selbst  sein  Recht,  auch  diese  zu  konvertieren,  aufgegeben
habe.  Anderseits  aber  ist  der  Finanzminister  nach  wie  vor  in  der  Lage,
nur  3620  Millionen  zu  konvertieren,  da  er  nun  das  Recht  hat,  einfachhin
Obligationen  der  Staatsrente  in  anders  verzinsliche  umzuwandeln.

17./19.  Februar.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Annahme

  der  Wehrvorlage.

Die  deutsche  Fortschrittspartei,  die  deutsche  Volkspartei  und  der  verfassungstreue
  Großgrundbesitz  erklären  sich  für  die  Vorlage  im  Interesse
der  Erhaltung  der  Schlagfertigkeit  des  Heeres  und  der  Wehr=  und  Bündnisfähigkeit
  Oesterreichs.  Wir  alle  wissen,  sagt  Abg.  Ludwigstorff,  daß
der  Hort  des  Friedens  in  Europa  der  Dreibund  ist,  dessen  Grundlage  das
deutsch-österreichische  Bündnis  ist,  das  uns  am  Herzen  liegt.  Dieses  Bündnis
verpflichtet  uns,  einen  entsprechenden  Teil  der  Lasten  auf  uns  zu  nehmen,
denn  es  muß  ein  starkes  Oesterreich  an  der  Seite  des  starken  Deutschland
stehen.  Wenn  wir  die  Erhaltung  des  Friedens  wollen,  müssen  wir  die
Mittel  dazu  bewilligen.  Abg.  Herold:  Die  Jungtschechen  lehnen  die
Vorlagen  ab,  um  ihr  Mißtrauen  gegen  das  ganze  Regierungssystem  auszudrücken.


18.  Februar.  Abg.  Pasfor:  Die  Polen,  welche  ein  starkes  und
großes  Oesterreich  aus  nationalen  Gründen  wünschen,  stimmten  für  die
Vorlage  im  Interesse  der  Erhaltung  der  Großmachtstellung  des  Reiches.
Sie  würden  zwar  eine  Abrüstung  sicherlich  begrüßen,  doch  könne  Oesterreich
nicht  damit  vorgehen,  weil  es  sich  sonst  auf  Gnade  und  Ungnade  den
starken  Staaten  ausliefern  würde.  Abg.  Dr.  Lueger:  Die  Christlich-Sozialen
  würden  Mann  für  Mann  für  die  Vorlage  stimmen,  da  die
Regierung  drei  von  ihnen  aufgestellte  Hauptpostulate  betreffend  die  Begünstigung
  von  Familienernährern,  betreffend  das  Lieferungswesen,  sowie
die  Abschaffung  resp.  Einschränkung  der  letzten  Waffenübung  befriedigend
beantwortet  habe.  Er  beantragt  sodann  unter  Hinweis  auf  die  Sonderbestrebungen
  Ungarns  bezüglich  des  Heerwesens  eine  Resolution,  in  welcher
die  Regierung  aufgefordert  wird,  an  der  Gemeinsamkeit  der  Armee  ent-
        <pb n="203" />
        IIEIIIIIDDIòL

schieden  festzuhalten  und  etwaigen  Versuchen,  die  Fahnen  und  sonstigen
Armeeembleme  zu  ändern,  energisch  entgegenzutreten.  —  Weiter  iadelt  er
die  Prozesse  gegen  die  deutschen  Zeitungen  in  Ungarn  scharf.

Am  folgenden  Tage  wird  die  Vorlage  mit  217  gegen  108  Stimmen
angenommen.  (Annahme  im  Herrenhause  26.  Februar.)

28.  Februar.  (Ungarn.)  2bgkordnetenhaus,  Debatte  über
die  Armee  und  das  Verhältnis  zu  Osterreich.  (Vgl.  S.  190,  194.)

Abg.  Ratkay  (Kossuthpartei)  interpelliert  die  Regierung  über  die
beleidigenden  Aeußerungen,  die  im  österreichischen  Reichsrat  Ungarn  gegenüber
  gefallen  seien  und  über  die  Erklärung  des  österreichischen  Landesverteidigungsministers
  Grafen  Welsersheimb,  in  der  unter  Berufung  auf
den  Willen  des  Monarchen  die  Einheit  der  gemeinsamen  Armee  und  die
Unveränderlichkeit  ihrer  Tradition  und  ihrer  Abzeichen  den  Aspirationen
der  ungarischen  Nation  gegenübergestellt  worden  sei.  Ministerpräsident
v.  Szell:  Sofern  für  Ungarn  beleidigende  Aeußerungen  im  Reichsrate
gefallen  seien,  bedauere  er,  daß  niemand  ihnen  entgegengetreten  sei.  Was
die  Aeußerung  des  Grafen  Welsersheimb  über  die  Aufrechterhaltung  des
jetzigen  Charakters  der  gemeinsamen  Armee  betreffe,  eine  Aeußerung,  die
der  Minister  mit  der  Bemerkung  begleitete,  daß  er  sie  namens  Sr.  Moajestät
abgebe,  so  stehe  dieselbe  auf  dem  Boden  des  Gesetzes.  Es  sei  in  ihr  nur
die  Erklärung  enthalten,  daß  alle  Faktoren,  auch  der  oberste  Faktor,  die
Verfassung,  Hüter  der  Gemeinsamkeit  seien.  Dieser  Erklärung  des  Grafen
Welsersheimb  entspreche  auch  die  Anschauung  der  ungarischen  Regierung
und  der  liberalen  Parei.  Für  diese  Anschauung  sei  sie  stets  eingetreten
und  werde  auch  künftig  für  sie  eintreten.

3.  März.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Debatte  über  die
Reise  Lamsdorffs  nach  Wien.  (1902  S.  295.)

Auf  eine  Anfrage,  welchen  Zweck  die  Konferenz  des  russischen
Ministers  des  Auswärtigen  Graf  Lamsdorff  mit  dem  Grafen  Goluchowski
verfolgt  habe,  erwidert  Ministerpräsident  v.  Szell:  Der  Zweck  der  Reise
habe  darin  bestanden,  die  Grundzüge  der  Reformen  und  administrativen
Maßnahmen  festzustellen,  welche  hierauf  der  Türkei  vorgeschlagen  wurden.
Besondere  Abmachungen  seien  bei  dieser  Lelegenhei  nicht  getroffen  worden,
eine  Abweichung  von  der  übereinstimmenden  Auffassung,  die  1897  zwischen
Oesterreich-Ungarn  und  Rußland  festgesetzt  worden  ist,  sei  nicht  geschehen.
Der  Ministerpräsident  fährt  dann  folgendermaßen  fort:  „Beide  Großmächte
mißbilligen  alle  Bestrebungen  und  Tendenzen,  von  welcher  Seite  sie  auch
immer  kommen,  welche  auf  eine  gewaltsame  Umwälzung  gerichtet  sind
oder  dazu  führen  können.  Falls  trotz  dieser  Mahnung  die  Bevölkerung
sich  zu  revolutionären  Schritten  verleiten  lassen  würde,  so  würde  niemand,
auch  Rußland  nicht,  die  Türkei  verhindern,  daß  sie  eine  energische  Repression
übe.  Die  Aufnahme,  welche  das  von  allen  Großmächten  unterstützte
Reformprojekt  bei  der  Pforte  gefunden,  gestattet  zu  hoffen,  daß  diese  im
Einveruchmen  mit  den  Mächten  unternommene  Aktion  nicht  ergebnislos
ein  werde."“

3.  März.  (Prag.)  Frhr.  Ladislaus  v.  Rieger,  früher  Führer
der  Alttschechen,  84  Jahre  alt,  f.
4.  März.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Der  Jungtschechenklub

  beschließt,  gegen  das  Budget  und  den  Ausgleich  mit
137
        <pb n="204" />
        196  Fie  Nerreichisc-ungeristze  Menarhie.  (März  8.—21.)

Ungarn  nur  die  schärfste  Opposition  aber  nicht  die  Obstruktion
anzuwenden.

8.  März.  (Pest.)  Bei  einer  Straßenkundgebung  der  Unabhängigkeitspartei
  gegen  die  Wehrvorlage  kommt  es  zu  heftigen
Zusammenstößen  mit  den  Sozialisten.

10.  März.  Außerungen  des  Papstes  über  den  Thronfolger.

Eine  Abordnung  des  katholischen  Schulvereins  überreicht  dem  Papst
ein  lebensgroßes  Bild  des  Thronfolgers  Erzherzog  Franz  Ferdinand,  des
Vereinsprotektors.  Der  Papst  dankt  in  einer  Ansprache,  die  schließt:
„Danken  Sie  dem  Erzherzog,  meinem  Liebling,  aufrichtig  und  herzlich  für
die  unschätzbare  Gabe,  die  er  mir  durch  den  katholischen  Schulverein  zukommen
  ließ.  Ich  werde  das  Bild  in  meinem  Arbeitszimmer  aufbewahren.“

17.  März.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Beratung

der  Ausgleichsvorlage.

Die  Redner  der  Alldeutschen  verwerfen  den  Ausgleich,  weil  er  nur
Ungarn  zu  gute  komme.  Die  Vertreter  der  übrigen  deutschen  Parteien
erkennen  an,  daß  es  durch  die  Geschicklichkeit  und  Beharrlichkeit  der  Regierung
bei  den  Verhandlungen  mit  Ungarn  gelungen  sei,  verschiedene  Härten  des
früheren  wirtschaftlichen  Verhältnisses  zu  Ungarn  mildern,  und  begrüßen
den  beschlossenen  Ausgleich  als  Beendigung  des  gegenwärtigen,  jede  Entwicklung
  der  Industrie  hemmenden  Zustandes  der  Ungewißheit.  Der
Ausgleich  müsse  angenommen  werden,  weil  der  wirtschaftliche  Bruch  mit
Ungarn  das  größere  von  den  beiden  Uebeln  wäre  und  betont  die  Notwendigkeit,
  die  nächsten  10  Jahre  zur  Festigung  und  Selbständigmachung
des  österreichischen  Wirtschaftsorganismus,  sowie  zur  Schaffung  einer  neuen
Form  für  die  wirtschaftliche  Gemeinschaft  mit  Ungarn  zu  verwenden.

20./21.  März.  (Pest.)  Straßentumulte.

Anläßlich  des  Jahrstags  des  Todestages  Ludwigs  Kossuths  suchen
Studenten  durch  Straßentumulte  die  öffentlichen  Gebäude  zum  Hissen  von
Trauerfahnen  zu  zwingen.  Bei  dem  Eingreifen  der  Polizei  werden  mehrere
Personen  verwundet.  —  Am  folgenden  Tage  greift  die  Opposition  im
Abgeordnetenhaus  die  Regierung  wegen  Eingreifens  der  Polizei  scharf
an;  ehe  der  Polizeichef  nicht  suspendiert  sei,  könne  keine  verfassungsmäßige
Sitzung  mehr  stattfinden.  Ministerpräsident  v.  Szell  verspricht  eine
Untersuchung  über  das  Vorgehen  der  Polizei,  weist  aber  den  Versuch  der
Opposition,  den  Reichstag  in  einen  Konvent  umzuwandeln,  schroff  ab.

21.  März.  Die  Wiener  Arbeiterzeitung  veröffentlicht  folgenden

Duellerlaß  des  Kriegsministers:

Auszug  aus  dem  Reichs-Kriegsministerialerlaß,  Präs.-Nr.  989,  vom
6.  März  1903.  Streng  reservat!  Dem  Reichs-Kriegsministerium  sind  die
Statuten  und  der  Gründungsbericht  eines  Vereines,  der  sich  im  Vorjahre
unter  dem  Namen  Allgemeine  Antiduellliga  konstituiert  hat,  zugekommen.
Aus  diesem  ergibt  sich,  daß  der  Verein  den  Zweck  verfolgt,  Ehrenangelegenheiten,
  die  seine  Mitglieder  betreffen,  im  Wege  eigener  Ehrenräte,
die  in  den  Orten,  wo  der  Verein  seine  Tätigkeit  entfaltet,  von  Fall  zu
Fall  aufgestellt  werden,  zur  Austragung  zu  bringen.  Bei  solchen  Austragungen
  ist  das  Duell  prinzipiell  ausgeschlossen,  und  Vereinsmitglieder,
die  Forderungen  zum  Zweikampfe  erlassen,  annehmen  oder  als  Sekundanten
fungieren,  damit  aus  dem  Vereine  ausgeschlossen.  In  dem  Streben  dem
        <pb n="205" />
        Bie  A#erreichisc-ungarisce  Monarchie.  (März  21.  26.)  197

Verein  einen  möglichst  ausgedehnten  Wirkungsbereich  zu  sichern,  ist  die
Leitung  desselben  eifrig  bestrebt  gewesen,  Mitglieder  in  den  vornehmen
Gesellschaftsklassen  zu  erwerben  und  hat  diesen  zur  Pflicht  gemacht,  ihrerseits
  für  die  weitere  Ausbreitung  des  Vereins  zu  sorgen.  Demgemäß  weist
das  vom  Verein  mit  1.  Januar  1903  veröffentlichte  Mitgliederverzeichnis
eine  stattliche  Zahl  von  Namen  aus  den  besten  Kreisen,  darunter  auch
nichtaktive  Offiziere,  insbesondere  solche  „außer  Dienst“  auf.  Der  letztere
Umstand  veranlaßt  das  Reichskriegsministerium,  in  dieser  Angelegenheit
Stellung  zu  nehmen  und  zu  erwägen,  ob  es  zulässig  erscheint,  daß  Offiziere,
gleichviel,  ob  sie  dem  aktiven  oder  nichtaktiven  Stande  augehören,  der
erwähnten  Antiduellliga  oder  einem  anderen  die  gleichen  Tendenzen  verfolgenden
  Verein  beitreten  dürfen.  Durch  die  allerhöchst  sanktionierte
Vorschrift  über  das  ehrenrätliche  Verfahren  sind  zur  Beurteilung  der  Fälle,
in  denen  sich  Offiziere  und  Kadetten  gegen  die  Standesehre  vergehen,  weiter
mit  Standesangehörigen  oder  anderen  Personen  in  Ehrenhändel  geraten,
einzig  und  allein  die  vorgesetzten,  Kommandanten  und  Behörden  und  nach
deren  Ermessen  die  militärischen  Ehrenräte  berufen.  Damit  steht  im
Widerspruch,  wenn  Offiziere  (Kadetten)  durch  den  Beitritt  zu  einem  Vereine,
der  für  seine  Mitglieder  eigene  ehrenrätliche  Institutionen  schafft,  für  ihre
Ehrenangelegenheiten,  neben  dem  militärischen  Ehrenrate,  an  den  sie  von
Diensteswegen  gewiesen  sind,  hierfür  noch  ein  zweites  Forum,  den  Vereinsehrenrat,
  anerkennen.  Sie  müßten  dadurch  in  Kollision  mit  ihren  Standespflichten
  geraten,  können  daher  einem  solchem  Vereine  nicht  angehören.
Den  nichtaktiven  Offizieren  ist  im  Anschlusse  an  diese  Belehrung  bekannt
zu  geben,  daß  jene,  die  bisher  der  Einladung  zur  Teilnahme  an  den
mehrgenannten  Vereinen  Folge  leisteten,  ihren  Austritt  aus  denselben
anzumelden  haben.  Pitreich,  m.  p.,  Feldmarschallleutnant.
Der  Erlaß  wird  von  den  klerikalen  Blättern  scharf  verurteilt.

21.  März.  (Ungarn.)  Verschiebung  der  Assentierung.

Da  das  Gesetz  über  die  Bewilligung  des  Rekrutenkontingents  pro  1903
seitens  des  ungarischen  Parlaments  noch  nicht  votiert  und  daher  keine
Aussicht  vorhanden  ist,  die  Assentierung  gemäß  der  ministeriellen  Verordnung
  vom  19.  Februar,  am  1.  April  zu  beginnen  und  am  30.  Mai
zu  beenden,  ordnet  der  Honvedminister  an,  daß  die  diesjährige  Hauptassentierung
  weiterhin  verschoben  werde.  In  der  Hoffnung  jedoch,  daß
das  Gesetz  über  die  Bewilligung  des  Rekrutenkontingents  vom  Parlament
wenigstens  zeitig  genug  votiert  werden  wird,  um  die  Assentierung  in  der
Zeit  vom  4.  Mai  bis  20.  Juni  zu  ermöglichen,  verfügt  der  Minister,  für
diesen  Fall  schon  jetzt  die  nötigen  Vorbereitungen  einzuleiten.  Zum  Schlusse
der  Verordnung  heißt  es,  daß  die  Regierung  die  Verantwortung  für  alle
Nachteile,  welche  aus  den  durch  die  parlamentarische  Zwangslage  notwendig
  gewordenen  Verfügungen  sowohl  den  Behörden,  wie  den  Wehrpflichtigen
  und  deren  Angehörigen  erwachsen  könnten;  von  sich  ablehnen  müsse.

26.  März.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Interpellation

über  die  Duellfrage.

Abg.  Benedek  (Kossuthpartei)  befragt  die  Regierung  über  den
Duellerlaß  des  Reichskriegsministers  (S.  196).  Honvedminister  v.  Fejervary:
  Er  habe  seinerseits  eine  gleiche  Verordnung  betreffs  der  Honvedarmee
  erlassen.  Der  Zweikampf  sei  zwar  eine  gesetzlich  verbotene  Handlung,
das  Offizierskorps  könne  sich  jedoch  über  die  gesellschaftliche  Auffassung,
welche  die  Zurückweisung  des  Duells  unter  Umständen  als  Zeichen  der
Feigheit  betrachte,  nicht  hinwegsetzen.  Das  Offizierskorps  sei  nicht  berufen,  der
        <pb n="206" />
        198  IIEIIIIIILI

Gesellschaft  in  dieser  Hinsicht  neue  Auffassungen  zu  oktroyieren;  die  Armee
habe  ihre  spezifischen  Vorschriften  über  Ehrenaffären.  Da  vorauszusetzen
sei,  daß  diese  mit  den  Statuten  der  Antiduellliga  in  Widerspruch  stehen
würden,  könne  der  Offizier,  der  diese  Statuten  zur  Richtschnur  seines
Verhaltens  mache,  über  die  Folgen  nicht  im  Unklaren  gelassen  werden.
(Zwischenruf  links:  Mit  dem  Gesetz  aber  darf  der  Offizier  in  Konflikt
geraten!)  Das  Offizierkorps  beugt  sich  dem  Zwange  der  gesellschaftlichen
Auffassung.  Möge  die  Antiduellliga  für  ihre  Idee  kämpfen.  Falls  es
es  ihr  gelingt,  ihre  Auffassung  in  der  Gesellschaft  zum  Siege  zu  führen,
wird  auch  das  Offizierkorps  nicht  verfehlen,  sich  den  neuen  Ideen  anzupassen.
  (Beifall  rechts.)

Ende  März.  (Agram.)  Es  finden  mehrtägige  große  Ausschreitungen
  von  Kroaten  statt;  sie  verlangen  die  Entfernung  aller
nichtkroatischen  Straßen=  und  Firmenschilder.  Militär  muß  einschreiten.


31.  März.  (Cisleithanien.)  Der  Geschäftsordnungsausschuß
des  Abgeordnetenhauses  lehnt  mit  22  gegen  9  Stimmen  den  Antrag
  Schalk  ab,  nach  welchem  das  Deutsche  die  ausschließliche  Geschäftssprache
  des  Hauses  sein  soll.

31.  März.  Die  Regierungen  legen  den  Parlamenten  den
Gesetzentwurf  über  die  Aufnahme  der  Barzahlungen  vor.

Hierdurch  wird  die  Oesterreich-Ungarische  Bank,  welcher  die  Pflicht
auferlegt  wird,  die  von  ihr  ausgegebenen  Noten  gegen  gesetztliches  Metallgeld
  österreichischer  und  ungarischer  Prägung  auf  Verlangen  bei  Verlust
ihres  Privilegiums  einzulösen,  weiter  verpflichtet,  Zwanzig=  sowie  Zehnkronennoten
  zur  vollen  Befriedigung  des  Verkehrsbedürfnisses  auszugeben,
die  bis  400  Millionen  Kronen  voll,  darüber  hinaus  aber  bis  zu  wenigstens
40  Prozent  metallisch  bedeckt  sein  müssen.  Der  Gesetzentwurf  sieht  weiter
vor,  daß  im  Falle  einer  notwendig  werdenden  Aufteilung,  die  von  den
beiderseitigen  Regierungen  für  die  Einlösung  der  Staatsnoten  hinterlegten
Gelderlage  nach  dem  Verhältnis  von  70  zu  30  erfolgen  soll.  Endlich
schlagen  die  Regierungen  eine  Verdoppelung  des  Kontingents  der  Fünf-Kronenstücke
  vor,  welche  nach  Maßgabe  des  Verkehrsbedürfnisses  successive

ausgeprägt  und  ausgegeben  werden  sollen.  Der  Tag  des  Inkrafttretens
des  Gesetzes  wird  auf  dem  Verordnungswege  festgesetzt  werden.

Ende  März.  (Böhmen.)  Amterverteilung  zwischen  Deutschen

  und  Tschechen.

Die  Reichenberger  „Deutsche  Volkszeitung“  berechnet  den  Anteil  der
Deutsche  und  Tschechen  an  den  böhmischen  Staatsämtern.  Danach  gibt  es
in  Böhmen  24  721  k.  k.  Beamte  und  Angestellte;  davon  sind  18  054  Tschechen
und  bloß  5  305  Deutsche;  bei  1347  konnte  die  Nationalität  nicht  sichergestellt
  werden.  Die  Deutschen  machen  also  nicht  viel  mehr  als  ein  Fünftel
aus.  Nach  der  Bevölkerungsziffer  sollten  den  Deutschen  10  117  Stellen
gebühren;  diese  sind  also  um  rund  4800  Stellen  verkürzt,  was  einen
Gehaltsentgang  von  10½  Millionen  Kronen  für  die  Deutschen  ausmacht.  —
Was  die  einzelnen  Verwaltungszweige  anbelangt,  sind  bei  der  Statthalterei
1329  Tschechen,  372  Deutsche  und  111  Ungewisse.  Beim  Oberlandesgericht
  2196  Tschechen,  686  Deutsche  und  211  Ungewisse.  Bei  der  Postdirektion
  3989  Tschechen,  1  154  Deutsche  und  309  Ungewisse.  Bei  der
        <pb n="207" />
        Bie  ästerreichisch-ungerische  Menarchie.  (April  3.—27.)  199

Staatsbahndirektion  6  468  Tschechen,  1575  Deutsche  und  372  Ungewisse.
Bei  den  Bergbehörden  22  Tschechen,  5  Deutsche  und  3  Ungewisse.  Bei
den  Landesbeamten  gibt  es  1066  Tschechen  und  13  Deutsche.

3.  April.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Schönerer
über  Bülows  Rede  zum  Schutz  der  Deutschen  in  Ungarn  (S.  67)

und  das  deutsch-österreichische  Bündnis.

Abg.  v.  Schönerer  (alld.):  Solche  Worte,  wie  sie  Graf  Bülow
gesprochen,  müssen  bei  den  Deutschen  Oesterreichs,  den  alleinigen  Stützen
des  Bundesverhältnisses  mit  Deutschland,  Zweifel  wecken,  ob  dieses  Bundesverhältnis
  den  Interessen  der  Deutschen  Oesterreichs  noch  entspricht.  Wenn
uns  gesagt  wird,  daß  wir  niemals  auf  eine  Unterstützung  vom  Deutschen
Reiche  rechnen  können,  daß  dieses  Bundesverhältnis  nur  zur  Rückendeckung
jener  dient,  die  das  Deutschtum  in  Oesterreich  schädigen,  so  drängt  sich  die
Frage  auf,  welchen  Zweck  es  hat,  sich  für  ein  Bündnis  einzusetzen,  das
deutschfeindliche  Bestrebungen  in  der  Monarchie  fordert.  Die  Regierung
solle  den  Minister  des  Aeußern  darauf  aufmerksam  machen,  daß  die  Deutschen
in  Oesterreich  ihre  Zuneigung  und  ihre  Stütze  dem  Bündnis  mit  Deutschland
  mehr  und  mehr  entziehen  müßten,  falls  von  der  deutschen  Reichsregierung
  keinerlei  Verständnis  und  Teilnahme  für  die  nationalen  Interessen
  Deutscher  in  Oestereich-Ungarn  entgegengebracht  wird.

April.  (Mähren.)  Demonstrationen  gegen  den  Erzbischof
Kohn.

Ein  tschechisches  Blatt  „Pozor“  veröffentlicht  seit  Monaten  Angriffe
gegen  den  Erzbischof  von  Olmütz,  Dr.  Kohn,  weil  er  tschechenfeindlich
und  moralisch  minderwertig  sei.  Der  Erzbischof  hält  einen  P.  Ocasek
für  den  Urheber,  er  wird  aber  von  dem  geistlichen  Gericht  freigesprochen.
Trotzdem  läßt  ihn  der  Erzbischof  in  dem  Priesterseminar  zu  Kremsier
internieren.  Wegen  dieses  Rechtsbruchs  kommt  es  zu  Tumulten  und
Angriffen  auf  das  Seminar.  Durch  Indiskretion  wird  der  wirkliche
Urheber  der  Angriffe,  P.  Hofer,  verraten,  der  sich  aber  dem  Gericht  des
Erzbischofs  entzieht.  Ocasek  wird  freigelassen  (21.  April).

26.  April.  (Prag.)  Die  Versammlung  der  tschechischen  Vertrauensmänner
  beschließt  einstimmig,  daß  die  Regierung  kein  Vertrauen
  verdiene,  weil  sie  sich  den  hegemonistischen  Ansprüchen  der
Deutschen  füge,  und  daß  die  Tschechen  in  entschiedener  Opposition
verharren  und  eventuell  vor  der  Obstruktion  nicht  zurückschrecken

sollen.
27.  April.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Szell  über  die

Obstruktion  gegen  die  Heervorlage  und  den  Verfassungskonflikt.

Abg.  Kossuth  hat  das  Angebot  gemacht,  dem  Budgetprovisorium
gegenüber  nicht  zu  obstruieren,  falls  die  Regierung  in  den  nächsten  vier
Monaten  die  Verhandlung  über  die  Wehrvorlage  nicht  fortsetze.  Ministerpräsident
  v.  Szell  lehnt  den  Vorschlag  ab,  weil  es  ein  verstecktes  Fallenlassen
  der  Wehrvorlage  bedeute.  Die  Vorlage  sei  notwendig,  weil  die
Entwicklung  der  Wehrkraft  Oesterreichs-Ungarns  anderen  Staaten  gegenüber
zurückgeblieben  sei.  Ueber  die  Obstruktion  sagt  er:  Die  Lage  des  Landes
und  die  öffentliche  Meinung  fordert,  daß  ich  die  Bastei  der  Verfassung
verteidige  und  meinen  Platz  behaupte.  Dies  ist  meine  Pflicht  und  ich  werde
        <pb n="208" />
        200  Bie  ästerreichiscz-ungarische  Monarchie.  iMai  1.  -  12.)

sie  erfüllen.  Ich  war  vor  die  Alternative  gestellt,  entweder  eine  die
Obstruktion  unmöglich  machende  Verschärfung  der  Hausordnung  herbeizuführen,
  oder  die  öffentliche  Gewalt  so  unparteiisch  und  maßvoll  zu
handhaben,  daß  jede  Obstruktion  als  schnöde  Ungerechtigkeit  erscheint.  Ich
wählte  letzteres.  Redner  dankt  den  Führen  der  Oppositionellen,  die  anerkannt
  haben,  daß  seit  1867  die  Verwaltung  niemals  unparteiischer  und
die  Wahlen  niemals  unbeeinflußter  gewesen  seien.  Dennoch  wollen  diese
Führer  den  Willen  der  Majorität  nicht  respektieren,  trotzdem  dieser  Wille
frei  und  ohne  Einmischung  der  Verwaltungsorgane  zum  Ausdruck  gelangt
ist.  Alles  lasse  sich  gut  machen.  Man  könne  Irrtümer  verbessern  und
schlechte  Gesetze  ändern  oder  aufheben.  Die  Verletzung  der  Verfassung  und
die  Mißachtung  des  Gesetzes  sei  aber  nie  zu  reparieren.  (Stürmischer
Beifall  rechts.)  Die  Vorbereitungen  für  die  Einführungen  der  zweijährigen
  Dienstzeit  würden  getroffen.  Als  Vertreter  des  parlamentarischen
Prinzips  könne  er  an  diesem  Tage  nicht  vom  Platze  weichen.  Falls  er
gezwungen  sein  sollte,  die  Regierung  ohne  Budget  weiterzuführen,  so  werde
er  dies  in  dem  Bewußtsein  seiner  Verantwortlichkeit  tun,  weil  die
Pflicht  gegen  den  König  und  das  Vaterland  ihm  dies  gebieten.  Kein
ungarischer  Staatsmann  hätte  unter  den  gleichen  Verhältnissen  einen  anderen
Entschluß  fassen  können.

1.  Mai.  (Ungarn.)  Da  das  Abgeordnetenhaus  infolge  der
Obstruktion  das  Budgetprovisorium  nicht  erledigt  hat,  tritt  der
budgetlose  (ex  lex)  Zustand  ein.  —  Ministerpräsident  v.  Szell,  der
erklärt,  die  Regierung  trotzdem  weiterführen  zu  wollen,  wird  von
der  Opposition  stürmisch  angegriffen,  die  liberale  Partei  stimmt
ihm  zu.

10.  Mai.  (Tirol.)  Ein  Erlaß  des  Unterrichtsministers
stellt  fest,  1.  daß  die  Innsbrucker  Universität  als  deutsche  erhalten
bleiben  soll,  2.  daß  beabsichtigt  wird,  in  kürzester  Zeit  die  Verlegung
  der  italienischen  Kurse  in  eine  Stadt  außerhalb  Tirols  zu
veranlassen.

April.  Mai.  Juni.  (Ungarn.)  In  Kroatien  finden  stürmische
  Kundgebungen  gegen  die  Magyaren  statt.  Militär  muß
mehrfach  einschreiten;  in  einigen  Bezirken  wird  das  Standrecht
verkündet.

12.  Mai.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Debatte  über  die
kroatischen  Unruhen.

Abg.  Barabas  (Kossuthpartei)  schildert  grell  die  Ausschreitungen
in  Kroatien,  die  gegen  den  ungarischen  Staat  gerichtet  seien  und  alle
Magyaren  bedrohten.  Ministerpräsident  v.  Szell:  Es  sei  durchaus  unwahr,
  daß  das  Leben  und  die  Sicherheit  der  Ungarn  in  Kroation  bedroht
sei.  Banus  Graf  Khuen-Hedervary  habe  umfassende  Maßregeln  gegen  die
friedenstörenden  Elemente  getroffen,  und  wo  ungarische  Fahnen  und  Embleme
  verunglimpft  worden  wären,  sei  eine  strenge  Bestrafung  eingetreten.
(Beifall  rechts  und  links.)  Er  weise  die  Behauptung  zurück,  als  ob  alle
Kroaten  von  Haß  gegen  die  Ungarn  erfüllt  seien,  und  protestiere  energisch
gegen  die  aufgetauchte  Unterstellung,  als  ob  von  Wien  aus  die  Umtriebe
        <pb n="209" />
        Die  erreichisch-ungarische  Monarhie.  (Mai  16.—Juni  10.)  201

der  kroatischen  Agitatoren  begünstigt  würden  und  als  ob  Vorgänge  ähnlich
denen  vom  Jahre  1848  eintreten  und  kroatische  Demagogen  zur  Auflehnung
gegen  Ungarn  verleitet  würden.  (Lebhafter  Beifall  rechts.)

16.  Mai.  (Böhmen.)  Eine  Versammlung  deutscher  Vertrauensmänner
  in  Trebnitz  beschließt  die  Gründung  eines  deutschen
Volksrats  für  Böhmen.  Die  Christlich-Sozialen  sollen  wegen  ihrer
undeutschen  Politik  von  dem  Volksrat  ferngehalten  werden.

16.  Mai.  (Tirol.)  Tumulte  an  der  Innsbrucker  Universität.

Bei  der  Antrittsvorlesung  eines  italienischen  Dozenten  kommt  es
zu  blutigen  Schlägereien  zwischen  deutschen  und  italienischen  Studenten.  —
Hieran  knüpfen  sich  heftige  Preßfehden  zwischen  den  Deutschen  und  Italienern
  in  Tirol.  Die  Italiener  verlangen  vielfach  eine  besondere  italienische
Universität  in  Triest.

21.  Mai.  (Ungarn.)  Verschiebung  der  Rekruten-Aushebung.

Der  Landesverteidigungsminister  benachrichtigt  die  Komitatsbehörden,
daß  in  Ungarn  infolge  der  bekannten  politischen  Vorgänge  die  Ausbebungen
  für  das  Heer  vom  1.  Juli  auf  den  29.  August  verschoben  werden
mußten.

Ende  Mai.  (Cisleithanien.)  Kroatische  Unruhen.

Anläßlich  der  kroatischen  Unruhen  kommt  es  auch  in  Laibach  zu
Kundgebungen,  bei  denen  Militär  einschreitet.  —  Es  werden  Gerüchte
über  zahlreiche  standrechtliche  Hinrichtungen  verbreitet;  Ministerpräsident
v.  Körber  bezeichnet  sie  im  Abgeordnetenhause  als  aus  der  Luft  gegriffen
(22.  und  26.  Mai).  —  Die  dalmatinischen  Abgeordneten  bitten  um  eine
Audienz  beim  Kaiser  in  der  Angelegenheit  der  Vorfälle  in  Kroatien.  Die
Audienz  wurde  auf  Antrag  v.  Körbers  nicht  gewährt,  weil  die  inneren
Angelegenheiten  der  ungarischen  Krone  nicht  zum  Gegenstande  der
Beschwerdeführung  aus  den  österreichischen  Ländern  gemacht  werden  können.

4./5.  Juni.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Angriffe
der  Tschechen  auf  die  Dynastie.

Abg.  Choc  (tsch.  radikal)  greift  den  Thronfolger  scharf  an,  weil  er
sich  in  einem  Café  von  einer  Sängergesellschaft  ein  Lied  hat  vorsingen
lassen,  in  dem  ein  Tscheche  verspottet  wird.  Der  Redner  sagt:  Dieses  Vorgehen
  des  Thronfolgers  ist  gewiß  sehr  eigentümlich,  es  ist  eine  Provokation,
es  bedeutet  eine  Beleidigung  des  tschechischen  Volkes.  Wir  wissen,  daß  es
nicht  richtig  ist,  daß  behauptet  wird,  daß  der  Thronfolger  ein  Freund  des
tschechischen  Volkes  sei.  Wir  wissen  auch,  daß  wir  eine  derartige  Behandlung
  von  dem  Thronfolger  nicht  verdienen.  Das  tschechische  Volk  hat  sich
eine  andere  Behandlung  von  den  Habsburgern  verdient.  Wir  wissen  auch,
daß  wir  von  einem  habsburg-lothringischen  Thronfolger,  der  Franz  oder
Ferdinand  heißt,  nichts  Gutes  erwarten  können,  geschweige  denn  von  einem
habsburg-lothringischen  Thronfolger,  der  Franz  und  Ferdinand  heißt.  Deswegen
  ersuche  ich  den  Präsidenten  des  Hauses,  den  Ministerpräsidenten  zu
ersuchen,  er  möge  das  Vorgehen  des  Herrn  Erzherzogs  Franz  Ferdinand
in  „Venedig  in  Wien“  rügen.  —  Der  Präsident  ruft  den  Redner  unter
heftigen  Protesten  der  radikalen  Tschechen  zur  Ordnung.

10.  Juni.  (Cisleithanien.)  Beschlüsse  der  Quotendeputation.

Die  ungarische  Deputation  beantragt  die  bisherige  Quote  bis  auf
1913  festzulegen.  Der  Antrag  wird  einstimmig  abgelehnt.  Abg.  Chlumecky
        <pb n="210" />
        202  Bie  serreichisch,  ungarische  Monarchie.  (Juni  16.—26.)

beantragt,  das  ungarische  Renuntium  dahin  zu  beantworten,  daß  die  österreichische
  Quotendeputation  an  dem  vorjährigen  Beschlusse,  betreffend  Feststellung
  der  Quote  mit  34,4  zu  56,6  mit  einer  Geltungsdauer  bis  1909,
festhalte.  Die  Abstimmung  ergibt  Stimmengleichheit,  worauf  der  Vorsitzende
  der  Deputation  für  den  Antrag  Chlumecky  entscheidet.

16.  Juni.  (Ungarn.)  Ministerpräsident  v.  Szell  gibt  seine
Demission,  da  es  ihm  nicht  gelingt,  die  Obstruktion  zu  beseitigen,
und  da  in  der  liberalen  Partei  der  von  Apponyi  geführte  Flügel
sich  der  Oppofition  in  der  Armeefrage  zuneigt.

24.  Juni.  (Cisleithanien.)  Neuorganisation  der  deutschen
Parteien

Die  deutsche  Fortschrittspartei,  die  deutsche  Volkspartei,  der  verfassungstreue
  Großgrundbesitz  und  die  Christlichsozialen  einigen  sich  zu
folgender  Resolution:  Die  Vollversammlung  der  Mitglieder  der  deutschen
Parteien  erklärt  es  für  geboten,  in  allen  jenen  Fragen,  welche  die  nationalen
  Interessen  des  deutschen  Vokkes  und  seine  Stellung  im  Reiche  berühren,
  ein  einheitliches  Vorgehen  anzustreben,  und  beschließt  zu  diesem
Zwecke,  unter  voller  Aufrechterhaltung  und  Unabhängigkeit  der  Parteien
einen  aus  der  Vollversammlung  zu  wählenden  und  aus  14  Mitgliedern
bestehenden  Vollzugsausschuß  einzusetzen,  sowie  aus  der  Mitte  dieses  Vollzugsausschusses
  einen  engeren  Ausschuß  von  vier  Mitgliedern  zu  entsenden.
Der  letztere  wird  ermächtigt,  die  erwähnten  Fragen  rechtzeitig  wahrzunehmen
  und  vorzuberaten,  auf  Grund  dieser  Vorberatung  im  Einvernehmen
mit  dem  weiteren  Ausschusse  eine  übereinstimmende  Beschlußfassung  der
vertretenen  Verbände  anzubahnen  und  diese  übereinstimmend  gefaßten  Beschlüsse
  auszuführen.  Weiteren  deutschen  Abgeordneten  wird  der  Beitritt
zu  diesem  Verbande  offen  gehalten.  Von  der  Versammlung  wird  sodann
der  14gliederige  Vollzugsausschuß  und  der  Viererausschuß  gewählt.  Der
Viererausschuß  besteht  aus  den  Abgg.  Baernreither,  Derschatta,  Groß  und
Lueger.  Diese  vier  Mitglieder,  welche  Vertreter  der  vier  kartellierten  Parteien
  sind,  werden  in  den  Sitzungen  des  Vollzugsausschusses,  der  sich  heute
konstituiert,  abwechselnd  den  Vorsitz  führen.  Die  Alldeutschen  halten  sich
wegen  der  Beteiligung  der  Christlichsozialen  von  der  Parteivereinigung,  in
der  sie  nur  eine  Erneuerung  der  alten  Obmänner-Konferenzen  erblicken,
zunächst  fern.  Sie  erklären  aber,  daß  sie  bei  der  Behandlung  bestimmter
nationaler  Fragen  ihre  Mitwirkung  nicht  versagen  und,  wenn  sie  von  den
bezüglichen  Aktionen  des  Vollzugsausschusses  verständigt  werden  sollten,
von  Fall  zu  Fall  auch  einen  Vertreter  zu  den  gemeinsamen  Beratungen
der  deutschen  Parteien  entsenden  würden.

W6.  Juni.  (Ungarn.)  Neubildung  des  Ministeriums.

Nachdem  ein  Versuch  des  Grafen  Stefan  Tisza,  ein  Kabinett  zu
bilden,  gescheitert  ist,  übernimmt  der  Banus  von  Kroatien,  Graf  Khuen-Hedervary,
  die  Kabinettsbildung.  Am  27.  bildet  er  folgendes  Ministerium:
  Khuen  Präsidium  und  Inneres,  General  Kolosvary  Honvedminister,
  Abg.  Professor  Tomasics  Minister  für  Kroatien.  Die  übrigen
Minister  bleiben  dieselben  wie  bisher.  —  Graf  Khuen  hat  der  Opposition
versprochen,  die  Militärvorlagen  zurückzuziehen  und  diese  Fragen  im  Herbst
bei  der  Revision  des  Wehrgesetzes  zu  regeln.  Dann  sollen  für  die  Erhöhung
  des  Rekrutenkontingents  nationale  Zugeständnisse  in  der  Armee
bewilligt  werden.  Die  Kossuthpartei  verspricht  Einstellung  der  Opposition.
        <pb n="211" />
        Bie  Herreichisch-ungerische  Monarchie.  (Juni  26.  30.)  203

26.  Juni.  (Cisleithanien.)  Das  Ministerium  Körber  reicht
seine  Demission  ein.

Das  Wiener  „Fremdenblatt"  schreibt  darüber:  Das  Kabinett  Körber
wurde  zu  seinem  Entschluß  nur  durch  die  Wendung  der  Dinge  in  Ungarn,
namentlich  durch  die  Art  und  Weise  gebracht,  unter  welcher  dort  die  Wehrvorlage
  zurückgezogen  wurde.  Es  kamen  dabei  sowohl  die  früheren  von
der  Regierung  bezüglich  der  Vorlage  im  österreichischen  Parlament  eingegangenen
  Verpflichtungen  in  Betracht,  als  auch  die  möglichen  Nachwirkungen
  ihres  Aufgebens  auf  die  österreichischen  Verhältnisse.  Die  Versuche,
  den  Rücktritt  des  Kabinetts  auf  andere  Beweggründe  zurückzuführen,
widersprechen  den  offenkundigen  Tatsachen.

30.  Juni.  (Cisleithanien.)  Die  „Wiener  Zeitung“  gibt
bekannt,  daß  auf  Grund  des  §  14  durch  kaiserliche  Verordnung  ein
sechsmonatiges  Budgetprovisorium  dekretiert  worden  ist.

30.  Juni.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Programmrede
des  Grafen  Khuen.  Haltung  der  Opposition.

Die  Münchener  „Allg.  Ztg.“"  berichtet  darüber:  Nach  den  einleitenden
Worten,  die  sich  auf  seine  Ernennung  zum  Ministerpräsidenten  beziehen,
führte  Graf  Khuen-Hedervary  etwa  aus:  Der  Ausgangspunkt  der  parlamentarischen
  Wirren  und  der  außergesetzlichen  Zustände  ist  bekanntlich  die
Gesetzvorlage  betreffend  das  erhöhte  Truppenkontingent  gewesen.  Wir
haben  uns  im  Interesse  der  Wiederherstellung  geordneter  Zustände  im  Abgeordnetenhause
  entschlossen,  die  Verhandlung  jener  Vorlage  einstweilen
auszusetzen..  Bei  diesem  Worte  „einstweilen“  erhebt  die  Linke  tosenden
Widerspruch.  Entrüstete  Zurufe  werden  laut.  Das  Wort  „einstweilen“
wird  höhnisch  wiederholt.  Die  Abgg.  Polonyi  und  Barabas  schreien:  Betrug,
  Wortbruch!  Wir  sind  überlistet!  Wir  werden  „einstweilen“  weiter  obstruieren!
  Der  Präsident  gibt  ein  Glockenzeichen,  ruft  die  Abgg.  Zoltan
und  Lengyel  zur  Ordnung  und  ermahnt  zur  Ruhe,  jedoch  ohne  Erfolg.
Präsident  Apponyi  ruft  schließlich:  Es  ist  die  elementarste  Forderung  der
Gerechtigkeit,  den  Redner  nicht  auf  Grund  eines  unterbrochenen  Satzes,
den  er  nicht  zu  Ende  führen  konnte,  anzugreifen!  Hierauf  vermochte  der
Ministerpräsident  seine  Rede  fortzusetzen  und  erklärte,  daß  die  Beratung
des  Gesetzentwurfs  über  die  Erhöhung  des  Rekrutenkontingents  suspendiert
werde,  weil  in  einer  später  einzureichenden  Wehrvorlage  ohnehin  ein  erhöhtes
  Kontingent  enthalten  sei.  Für  dieses  Jahr  werde  nur  das  normale
Kontingent  beansprucht.  Mit  der  Einreichung  der  organisatorischen  Wehrvorlage
  werde  der  derzeitige  Gesetzentwurf  als  überflüssig  zurückgezogen,
nicht  bloß  suspendiert  ...  Wieder  ertönen  Zurufe  von  rechts,  welche
einen  gewaltigen  Lärm  veranlassen.  „Schändlich“,  „empörend“,  hört  man
rufen.  Dann  konnte  der  Ministerpräsident  wieder  ruhig  in  seiner  Rede
fortfahren.  Er  bespricht  das  Arbeitsprogramm  des  Hauses  und  erklärt,
er  werde  die  Ermächtigung  verlangen,  mit  den  Handelsvertragsverhandlungen
  zu  beginnen,  ehe  der  Zolltarif  fertiggestellt  sei.  Dies  sei,  zumal
mit  Rücksicht  auf  den  Handelsvertrag  mit  Italien,  notwendig.  Der
Ministerpräsident  geht  sodann  auf  die  Einzelheiten  seines  politischen  Programms
  über  und  erklärt  sich  als  überzeugten  Anhänger  des  Dualismus
und  der  gemeinsamen  Armee.  Er  betont,  daß  er  für  alle  Maßregeln  zur
Förderung  der  Wehrkraft,  die  übrigens  nie  zu  den  Interessen  der  Nation
im  Gegensatz  stehe,  eintreten  werde.  Er  sei  ein  treuer  Anhänger  der  liberalen
  Prinzipien,  da  sie  in  der  geschichtlichen  Ueberlieferung  begründet
        <pb n="212" />
        204  Die  Ssterreichisch-ungarische  Menarthie.  (Juli  1.—14.)

seien  und  sich  als  staatserhaltenden  Faktor  und  als  Kraftquelle  des  Staates
bewährt  hätten.  Eine  der  wichtigsten  Aufgaben  sei  die  Kräftigung  des
Ungartums.  Die  Agitation  gegen  das  Ungartum  dürfe  nicht  geduldet
werden.  Die  Interessen  der  Staatsbürger  der  anderen  Volksstämme  seien
von  dem  Schicksal  der  Ungarn  nicht  zu  trennen.  Wenn  es  den  Ungarn
wohl  ergehe,  hätten  sich  stets  auch  alle  anderen  Stämme  des  Wohlergehens
erfreut.  Endlich  appelliert  der  Ministerpräsident  an  die  wirtschaftliche
Initiative  der  Gesellschaft,  um  durch  den  materiellen  Aufschwung  eine  kräftige
  Grundlage  nationaler  Entwicklung  zu  schaffen.  (Lebhafter  Beifall
rechts  und  im  Zentrum.)

1.  Juli.  Durch  Entscheidung  der  Krone  wird  die  Ouote  zu
den  gemeinsamen  Ausgaben  vom  1.  Juli  1903  bis  30.  Juni  1904
wie  bisher  für  Österreich  auf  66/°6  v.  H.,  für  Ungarn  auf  33/1,
v.  H.  festgesetzt.

7.11.  Juli.  (Cisleithanien.)  Ende  der  Ministerkrifis.
Rücktritt  Rezeks.

Der  Kaiser  genehmigt  das  Entlassungsgesuch  des  tschechischen  Landsmannministers

  Rezek  durch  ein  Schreiben  vom  11.  Juli,  lehnt  aber  die
Demission  Körbers  durch  folgendes  Handschreiben  ab:

Mein  lieber  Dr.  v.  Körber!

Nach  reiflicher  Ueberlegung  und  eingehender  Prüfung  der  Gründe,
welche  Sie  veranlaßt  haben,  mir  Ihre  und  des  gesamten  Ministeriums
Demission  anzubieten,  vermag  ich  nicht,  trotz  der  Schwierigkeiten,  die  nach
Ihrem  Dafürhalten  die  Lage  beherrschen  und  hemmend  auf  Ihre  Tätigkeit
wirken,  Ihrer  Bitte  um  Enthebung  zu  willfahren.  Angesichts  der  in
allernächster  Zeit  ihre  Regelung  erheischenden  hochwichtigen  Angelegenheiten,
welche  Ihren  bewährten  Kräften  anvertraut  bleiben  müssen,  bedarf  ich  Ihrer
überaus  wertvollen  Dienste  auch  fernerhin.  Indem  ich  Ihrer  und  der
übrigen  Mitglieder  des  Ministeriums  für  die  vielfachen  bisherigen  Verdienste
  mit  Dank  und  Anerkennung  gedenke,  zähle  ich  auf  Ihren  so  oft
erprobten  Patriotismus.  Ich  versichere  Sie  meines  fortdauernden  vollen
Vertrauens.

Wien,  7.  Juli.

Franz  Joseph.

7.  Juli.  (Ungarn.)  Im  Abgeordnetenhause  erklärt  Ministerpräsident
  Graf  Khuen,  er  hoffe,  daß  die  Krise  sich  friedlich  beilegen
lasse  und  Neuwahlen  nicht  nötig  seien.  —  Die  Unabhängigkeitspartei
  beschließt,  an  der  Aufhebung  der  Obstruktion  festzuhalten.

13.  Juli.  (Wien.)  Reichsfinanzminister  Benjamin  v.  Kallay,
seit  1882  Reichsfinanzminister  und  Administrator  von  Bosnien,
63  Jahre  alt,  f.  —  Sein  Nachfolger  wird  der  bisherige  Gesandte
in  Athen  Frhr.  v.  Burian  (27.  Juli).

13.  Juli.  (Ungarn.)  Überschwemmungen  richten  im  Gebiet
der  Flüsse  Arva,  Waag  und  Poprad  großen  Schaden  an.

14.  Juli.  (Ungarn.)  In  Agram  explodieren  vor  den  Häusern

  einiger  Geistlicher  Dynamitpatronen  ohne  Schaden  anzurichten.
        <pb n="213" />
        IEIXIIITIIEIIII  (Juli  14.—21.)  205

14.  Juli.  (Ungarn.)  Wiederbeginn  der  Obstruktion  im

Abgeordnetenhause.

Eine  Gruppe  der  Unabhänigkeitspartei  unter  Führung  des  Abg.
Barabas  (30—40  Abgeordnete)  agitiert  gegen  die  Aufhebung  der  Obstruktion,
  um  die  Zweiteilung  der  Armee  zu  erzwingen.  Trotz  dem  Widerspruch
  Kossuths  beschließt  sie  die  Obstruktion  zu  erneuern.  Am  15.  Juli
motiviert  Abg.  Barabas  im  Abgeordnetenhause  den  Beschluß,  der  einen
Bruch  des  mit  Khuen  geschlossenen  Abkommens  darstellt  (S.  202),  folgendermaßen:
  Wir  müssen  die  Gelegenheit  schon  jetzt  ergreifen,  denn  unser  König
befindet  sich  in  vorgerückten  Jahren  und  die  wenigen  Jahre  müssen  wir
im  Vertrauen  auf  seine  Achtung  vor  den  Gesetzen  und  vor  seinem  Eide
benützen.  Jeder  Ungar  weiß,  daß  sodann  sehr  trübe  Tage  für  das  Land
kommen  werden.  A  ur  dann  wird  die  Nation  stark  sein,  wenn  auch  die
Armee  von  nationalem  Selbstbewußtsein  erfüllt  ist.  Gerade  deshalb  fürchten
wir  auch  keine  Drohungen.  Die  Drohungen  mit  dem  Verfassungsbruch
und  mit  dem  Absolutismus  schrecken  uns  nicht.“

20.  Juli.  (Ungarn.)  Bei  dem  Marsche  des  12.  Infanterie-Regiments
  von  Trebinje  nach  Bielek  sterben  15  Soldaten  am  Hitzschlag.
  Nach  amtlichen  Erklärungen  ist  die  Ursache  der  plötzliche
Eintritt  unerträglicher  Hitze.

2.  Juli.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Apponyi  über  die
Armeefrage.

Der  Präsident  des  Hauses,  Graf  Apponyi,  erklärt  sich  grundsätzlich
  für  die  Politik  des  Grafen  Khuen.  Hinsichtlich  der  Armeereform  halte
er  eine  Erhöhung  des  Rekrutenkontingents  für  notwendig  innerhalb  der
finanziellen  Grenzen,  die  der  Honvedminister  bezeichnet  habe.  Was  das
militärische  Strafverfahren  angehe,  so  fordere  er,  daß  bei  öffentlicher  Verhandlung
  die  ungarische  Sprache  angewendet  werde.  Bezüglich  der  Versetzung
  ungarischer  Offiziere  nach  Ungarn  fordere  er  beschleunigtes  Tempo.
Betreffs  der  ungarischen  Kommandos  habe  er  stets  behauptet,  dies  sei  kein
Reservatrecht  der  Krone,  das  der  Verfügung  der  Parlamentsfaktoren  entzogen
  sei;  doch  sei  es  ein  Irrtum,  anzunehmen,  daß  die  Gesetze  vom  Jahre
1867  das  ungarische  Kommando  festsetzen,  ferner  daß  diese  gesetzliche  Vorschrift
  nur  mißachtet  worden  sei,  und  daß  es  deshalb  die  Aufgabe  der
Obstruktion  sei,  dem  ungarischen  Kommando  Geltung  zu  verschaffen.  Dieser
Standpunkt,  den  die  Obstruktion  als  Rechtsgrundlage  gewählt  habe,  sei
unhaltbar.  —  Ich  halte  die  Forderung,  daß  bei  den  ungarischen  Regimentern
  als  Dienst=  und  Kommandosprache  die  ungarische  Sprache  zur  Geltung
  komme,  für  eine  Forderung,  die  früher  oder  später  verwirklicht  werden
muß.  (Stürmischer  Beifall  auf  allen  Seiten  des  Hauses.)  Ich  bin  dieser
Anschauung,  weil  ich  in  der  Erfüllung  dieser  Forderung  ein  Mittel  der
Konsolidierung  der  ungarischen  Nation  erblicke.  Diese  Konsolidierung  zu
fördern,  ist  das  höchste  Interesse  der  Dynastie  und  der  Nation.  Ich  fordere
jetzt  jedoch  deshalb  nicht  die  Verwirklichung  dieses  meines  Standpunktes,
weil  ich  zur  Zeit  große  und  fast  unbesiegbare  Schwierigkeiten  dabei  voraussehe.
  Ich  schließe  jedoch  aus,  daß  Schwierigkeiten  von  seiten  der  Krone
erhoben  werden,  denn  ich  bin  überzeugt,  daß,  sobald  der  wohlerwogene
nationale  Wille  zum  Ausdruck  gelangen  wird,  der  Monarch  kein  Hindernis
in  den  Weg  legen  wird.  Die  Obstruktion  flöße  ihm  die  größten  Besorgnisse
  ein.  Redner  erörtert  dann  die  Besprechungen  des  Ministerpräsidenten
        <pb n="214" />
        206  Die  Sstterreichisch-unzische  Monarchie.  (Juli  29.)

mit  der  Opposition  und  erklärt  es  für  unbillig  und  ungerecht,  die  Erörterung
  der  Militärfragen  nicht  bis  zur  Zeit  der  Behandlung  des  Wehrgesetzes
  verschieben  zu  wollen.  Er  erinnere  daran,  daß  in  dem  Verhältnisse
zwischen  Krone  und  Nation  auch  das  Prestige  der  Nation  gewahrt  werden
müsse.  Völlig  ungerechtfertigt  aber  sei  es,  im  vorliegenden  Falle  von  der
ultima  ratio  zu  sprechen,  denn  niemals  seien  Krone  und  Regierung  bereitwilliger
  gewesen,  Entgegenkommen  zu  beweisen  als  jetzt.

Ende  Juli.  (Ungarn.)  Sprachenverordnung  des  Honvedministers.


Danach  wird  der  Gebrauch  der  deutschen  Sprache  beim  höheren
Offizierkurs  der  ungarischen  Landwehr  eingeschränkt.  Die  schriftlichen  Aufgaben
  sind  in  Hinkunft  stets  in  ungarischer  Sprache  auszuführen,  insofern
das  Lehrziel  nicht  unbedingt  die  deutsche  Sprache  erheischt.  Auch  die  Titel
der  schriftlichen  Aufgaben,  die  bisher  in  deutscher  Sprache  verfaßt  wurden,
sind  in  Zukunft  ungarisch  abzufassen.  Der  kgl.  ungarische  höhere  Landwehroffizierkurs
  in  Budapest  hat  wie  der  k.  k.  Landwehr-Subalternoffizierkurs
  in  Wien  den  Zweck,  aktive  Subalternoffiziere  in  den  höheren  Kriegswissenschaften
  zu  unterrichten.  Beide  Kurse  dienen  zugleich  als  Vorbereitungsschule
  für  die  Kriegsschule,  zu  welcher  jährlich  die  zehn  besten  Besucher
  kommandiert  werden.

29.  Juli.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Versuch,  die  Obstruktion
  durch  Bestechung  zu  schwächen.

Abg.  Zoltan  Pap  (Kossuthpartei)  erklärt,  daß  gestern  der  ehemalige
  Abg.  Dienes  ihm  12000  Kr.  übergeben  habe,  damit  er  von  der
Obstruktion  zurücktrete  und  Budapest  verlasse.  Dienes  habe  2000  Kr.  für
Provision  zurückbehalten;  10  000  Kr.  die  er  (Pap)  angenommen  habe,  um
ein  corpus  delicti  in  Händen  zu  haben,  lege  er  auf  den  Tisch  des  Hauses
nieder.  In  den  Wandelgängen  sei  ihm  mitgeteilt  worden,  daß  Dienes  jetzt
ein  Bücherkolporteur  sei  und  von  keiner  Seite  als  ein  Vertrauensmann  angesehen
  werden  könne.  Abg.  Lovassy  berichtet,  daß  an  den  Direktor  des
Magyar  Orszag,  Aufrecht,  die  Anfrage  gerichtet  worden  sei,  wegen  des
Preises,  den  das  Blatt  fordern  würde,  wenn  es  die  Einstellung  der  Obstruktion
  befürworte.  Abg.  Thot  beantragt  die  Einsetzung  einer  Kommission
  zur  Untersuchung  der  Vorfälle.  Der  Antrag  wird  einstimmig  angenommen.


Hierauf  erhebt  sich  (um  1  Uhr  mittags)  der  Ministerpräsident  Graf
Khuen,  um  zu  beantragen,  die  Erörterung  über  sein  Programm  zu  unterbrechen
  und  zur  Verhandlung  der  Indemnitätsvorlage  überzugehen.  Nach
den  ersten  Worten  erhebt  die  Obstruktion  ein  viertelstündiges,  ohrenbetäubendes
  Geschrei,  so  daß  sich  der  Vizepräsident  genötigt  sieht,  die  Sitzung
zu  unterbrechen.  Nach  Wiederaufnahme  erhebt  sich  der  Ministerpräsident
wiederum,  worauf  der  tobende  Lärm  aufs  neue  beginnt.  Der  Ministerpräsident
  steht  zehn  Minuten  aufrecht,  ohne  zum  Wort  gelangen  zu  können
und  läßt  sodann  durch  den  Schriftführer  den  schriftlichen  Antrag  überreichen,
  das  Haus  möge  in  die  Verhandlungen  der  Indemnitätsvorlage
eintreten.  Als  dies  die  Obstruktion  bemerkt,  stürzen  die  Abgg.  Rathany
und  Fay  nach  dem  Präsidententisch  und  versuchen,  dem  Schriftführer  den
Antrag  zu  entreißen.  Dieser  wehrt  sich  mit  Gewalt  gegen  die  auf  ihn
Eindringenden  von  der  Obstruktion  und  nimmt  das  Blatt  mit  dem  Antrag
in  die  andere  Hand.  Doch  gelingt  es  den  Angreifenden  von  der  anderen
Seite,  das  Blatt  zu  erhaschen  und  zu  zerreißen.  Indessen  erhielt  der
Präsident  die  zweite  Ausfertigung  des  in  zwei  Exemplaren  eingereichten
        <pb n="215" />
        Die  Herreichisch-ungerische  Menarchie.  (Juli  30.—August  10.)  207

Antrages.  Der  Antrag  ist  somit  eingereicht.  Die  Tribüne  um  den  Präsidententisch
  füllt  sich  mit  Abgeordneten  beider  Parteien,  die  in  leidenschaftlichen
  Wortwechsel  geraten.  Die  Sitzung  wird  fortgesetzt  bis  nach  Mitternacht
  und  nach  stürmischen  Debatten  der  Antrag  Khuens  angenommen,
nachdem  die  Opposition  den  Saal  verlassen  hat.

30.  Juli.  (Ungarn.)  Der  Gouverneur  von  Fiume,  Graf
L.  Szapary,  erklärt,  der  Urheber  des  Bestechungsversuchs  zu  sein.
Er  habe,  von  politischen  Abenteurern  irre  geführt,  den  Versuch  auf
eigene  Faust,  ohne  Wissen  des  Ministerpräsidenten  unternommen.

31.  Juli.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Kossuth  und  Khuen
über  die  Bestechungsfrage.

Abg.  Kossuth  bespricht  die  Mitteilung  Paps  und  erklärt,  es  liege
ihm  fern,  einen  Verdacht  auszusprechen.  Nachdem  jedoch  der  Gouverneur
in  Fiume,  ein  der  Regierung  nahestehender  Mann,  die  Urheberschaft  der
Bestechung  eingestanden  hat,  ruhe  der  Verdacht  auch  auf  dem  Ministerpräsidenten,
  und  wenn  es  in  dieser  Richtung  nicht  gelänge,  die  öffentliche
Meinung  vollständig  zu  beruhigen,  erscheine  der  Ministerpräsident  als  ungeeignet,
  um  auf  seinem  Posten  bleiben  zu  können.  (Stürmischer  Beifall
links.)  Präsident  Graf  Apponyi  beantragt  hierauf,  einen  Untersuchungsausschuß
  zur  Aufklärung  der  Bestechungsangelegenheit  zu  wählen  und  das
Haus  zu  vertagen,  bis  der  Ausschuß  seinen  Bericht  erstatten  werde.  Dieser
Antrag  wurde  angenommen  mit  der  Einschränkung,  daß  die  Vertagung
nicht  über  den  10.  August  dauern  soll.  Ministerpräsident  Graf  Khuen-Hedervary
  erklärt  mit  Bezug  auf  die  Aeußerung  Franz  Kossuths,  er
werde  vor  dem  Untersuchungsausschuß  erscheinen.  (Allgemeine  Zustimmung.)
Kossuth  erklärte,  mich  wegen  der  Bestechungsangelegenheit  nicht  verdächtigen
zu  wollen.  Er  fordert  mich  aber  auf,  meinen  Platz  zu  verlassen.  (Beifall
links.)  Meiner  Ansicht  nach  würde  ich  mich  nicht  nur  gegen  mich,  sondern
auch  gegen  das  Land  versündigen,  wenn  ich  dieser  Afforderung  Folge
leisten  würde.  (Lebhafter  Beifall  rechts,  Bewegung  links.)

3.  August.  (Pest.)  Ministerpräsident  Graf  Khuen-Hedervary
erklärt  vor  der  parlamentarischen  Untersuchungskommission,  er  habe
von  den  Bestechungsversuchen  Szaparys  keine  Kenntnis  gehabt  und
nie  Beziehungen  zu  Dienes  und  den  übrigen  in  diese  Angelegenheit
verwickelten  Personen  gehabt.

8.  August.  (Wien.)  Der  katholische  Historiker  Onno  Klopp
(geb.  9.  Oktober  1822  in  Leer  in  Ostfriesland)  f.  Er  schrieb  u.  a.:
Der  Fall  des  Hauses  Stuart;  Friedrich  II.  und  die  deutsche  Nation;
Tilly  im  30jährigen  Kriege.

10.  August.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Khuen  kündigt
seinen  Rücktritt  an.

Ministerpräsident  Graf  Khuen  erllärt,  die  Regierung  habe  sich  zur
Aufgabe  gestellt  gehabt,  die  Beendigung  des  ex  lex-Zustandes  herbeizuführen,
  um  die  normale  Geschäftsführung  im  Parlament  wieder  zu  ermöglichen.
  Zu  diesem  Behufe  sei  die  Erhöhung  des  Rekrutenkontingents  zurückgezogen
  worden.  Die  Aussicht,  daß  die  Regierung  diese  Mission  würde
erfüllen  können,  sei  anfangs  verheißungsvoll  gewesen,  doch  die  Möglichkeit
        <pb n="216" />
        208  Bie  ästerreichis#z###riscte  Monarchie.  (August  13.  15.)

des  Gelingens  der  Aufgabe  habe  sich  sehr  bald  mehr  und  mehr  vermindert,
bis  sie  völlig  geschwunden  war.  Darum  habe  es  die  Regierung  für  ihre
patriotische  Pflicht  gehalten,  ihre  Mission  in  die  Hände  des  Monarchen
zurückzulegen  und  um  ihre  Demission  nachzusuchen.  Der  König  habe  das
Gesuch  angenommen  und  sich  die  formale  Erledigung  desselben  für  später
vorbehalten.  Der  Ministerpräsident  bittet  das  Haus,  sich  bis  zur  Bildung
des  neuen  Kabinetts  zu  vertagen  und  teilt  mit,  daß  der  König  nach  Ungarn
kommen  werde.

13.  August.  (Ungarn.)  Bericht  der  parlamentarischen  Kommission
  über  die  Bestechungsfrage.

Die  Kommission  kommt  zu  dem  Resultat,  daß  Graf  Ladislaus  Szapary
  an  den  Interessen  des  Vaterlandes  gesündigt  habe,  daß  aber  die
Regierung  oder  der  Ministerpräsident  an  der  Angelegenheit  nicht  beteiligt
gewesen  sei.  Es  wird  festgestellt,  daß  es  sich  bei  der  Tat  Szaparys  nur
um  den  vereinzelten  Versuch  eines  Vergehens  gehandelt  habe,  und  daß
durch  das  Untersuchungsverfahren  die  unantastbare  moralische  Integrität
eines  jeden  Mitgliedes  der  ungarischen  gesetzgebenden  Körperschaften  außer
allen  Zweifel  gestellt  werde.  Da  die  Notwendigkeit,  in  dieser  Angelegenheit
  weitere  Maßnahmen  zu  treffen,  nicht  vorliegt,  so  wird  beantragt,  das
Haus  möge  über  den  Zwischenfall  zur  Tagesordnung  übergehen.

(Der  Bericht  wird  infolge  einer  Indiskretion  von  einigen  Blättern
veröffentlicht,  ehe  er  dem  Abgeordnetenhause  mitgeteilt  wird.)

Mitte  August.  (Galizien.)  Diskussion  über  die  Sonderstellung
  Galiziens.

Die  Frage,  ob  die  gegenwärtige  Verfassung  Cisleithaniens  zu  erhalten
  oder  in  föderativem  Sinne  umzugestalten  sei,  wird  seit  längerer
Zeit  viel  erörtert.  Der  Krakauer  „Przeglond  Wszechpolski“,  das  Organ
der  „polnischen  Nationalliga“,  erklärt  sich  für  eine  Auflösung  in  mehrere
Provinzen:  Man  wende  zwar  dagegen  ein,  daß  die  Polen  durch  die  Annahme
  der  Sonderstellung  Galiziens  die  Tschechen  und  die  anderen  Slawen
Oesterreichs  der  Germanisierung  ausliefern  würden.  „Aber  die  Polen  haben
durchaus  nicht  die  Verpflichtung,  sich  bei  der  Wahrnehmung  ihrer  nationalen
  Interessen  von  Rücksichten  auf  die  anderen  slawischen  Völkerschaften
beirren  zu  lassen.  Am  allerwenigsten  brauchen  die  Polen  auf  die  Tschechen
Rücksicht  zu  nehmen,  da  diese  wiederholt  bewiesen  haben,  daß  sie  bei  der
Verfechtung  ihrer  nationalen  und  staatsrechlichen  Kombinationen  sich  um
die  Interessen  der  Polen  nicht  im  geringsten  bekümmern.“

15.  August.  Das  Wiener  „Fremdenblatt“  schreibt  über  die
Papstwahl  und  das  Veto  Osterreich-Ungarns  im  Konklave:

„Die  Wahl  Pius  X.,  die  von  der  gesamten  katholischen  Welt  und
weit  darüber  hinaus  mit  einmütiger  Befriedigung  ausgenommen  wurde,
bot  der  Presse  aller  Länder  reichlichen  Stoff  zur  Diskussion,  insbesondere
ist  auch  die  Nachricht  viel  kommentiert  worden,  daß  von  Oesterreich-Ungarn
gegen  eine  der  Kandidaturen  Einspruch  erhoben  wurde.  Wenngleich  die
vielfachen  und  zum  Teil  sehr  dramatischen  Ausschmückungen,  mit  denen  die
Nachricht  verbreitet  wurde,  insbesondere  die  Darstellung,  als  wäre  es  aus
diesem  Anlaß  in  dem  h.  Kollegium  zur  förmlichen  Debatte  gekommen,  den
Eindruck  zu  einem  phantasievoll  erfundenen  machen,  so  ist  es  doch,  wie
wir  nach  an  maßgebender  Stelle  eingeholten  Erkundigungen  konstatieren
können,  Tatsache,  daß  die  Monarchie  von  ihrem  Vetorecht  Gebrauch  machte.
Das  österreich-ungarische  Kabinett  verfolgte  dabei  den  Zweck,  die  Erwäh-
        <pb n="217" />
        Die  ästerreithisqh·nugarische  Menarthhie.  (August  18.  —24.)  209

lung  eines  Kardinals  von  friedlichem  und  versöhnlichem  Sinne  herbeizuführen,
  und  es  darf  ihr  zur  Genugtuung  gereichen,  daß  aus  der  Urne  ein
Mann  hervorgegangen  ist,  der  überall  beifällig  begrüßt  wurde.  In  Pius  X.
hat  ein  Mann  den  päpstlichen  Stuhl  bestiegen,  dessen  maßvolles  und  festes
Wesen  die  Hoffnung  eröffnet,  daß  nicht  Reibungen  auftreten  und  daß  sich
nicht  politische  Gesichtspunkte  in  den  Vordergrund  drängen,  welche  die  Erfüllung
  der  erhabenen  Mission  der  Kirche  beeinträchtigen.  In  dem  Interesse
  Oesterreich-Ungarns  lag  es,  daß  einer  Wahl  vorgebeugt  wurde,  die,
wie  manche  Erfahrungen  der  letzten  Zeit  schließen  ließen,  Differenzen  hätten
mit  sich  bringen  können,  die  gerade  ein  Verhältnis,  wie  es  zwischen  Kirche
und  Staat  ist,  nicht  trüben  sollen.  Man  braucht  denn  auch  wohl  kaum
besonders  hervorzuheben,  daß  das  öterreichisch  ungarische  Kabinett  nicht  durch
eine  Anregung  seitens  irgend  einer  anderen  Macht  zu  dem  Schritte  bewogen
  wurde,  den  es  unternommen  hat.“

18.  August.  (Ungarn.)  In  Zapresitsch  demonstrieren  Kroaten
  gegen  ungarische  Fahnen;  beim  Einschreiten  der  Gendarmerie
werden  mehrere  Kroaten  getötet  und  schwer  verletzt.  Auch  in
Agram  kommen  Unruhen  vor.

20.—25.  August.  (Pest.)  Verhandlungen  des  Kaisers  mit
den  Parteiführern.

Der  Kaiser  empfängt  außer  den  Ministern  den  Präsidenten  des
Magnatenhauses  Grafen  Albin  Csaky,  den  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses
  Grafen  Albert  Apponyi,  die  gewesenen  Ministerpräsidenten  Graf
Julius  Szapary,  Alexander  Wekerle,  Desider  Banffy,  Koloman  Szell,  ferner
den  Grafen  Julius  Andrassy,  Grafen  Stephan  Tisza  und  Grafen  Alexander
Karolyi,  den  ehemaligen  Minister  des  Innern  Karl  Hieronymi,  den  Abgeordneten
  Emerich  Hodossy  und  den  Präsidenten  der  Volkspartei  Grafen
Johann  Zichy.  —  Alle  empfehlen  dem  Kaiser,  einige  Konzessionen  in  der
Armeefrage  zu  machen,  am  weitesten  geht  Apponyi,  der  die  ungarische
Dienst-  und  Kommandosprache  erstrebt.  Das  „Fremdenblatt"  schreibt  über
die  Verhandlungen:  „In  politischen  Kreisen  verlautet,  daß  die  Krone  die
meisten  der  nationalen  Forderungen  für  gefahrbringend  für  die  Armee
ansehe,  jedoch  an  jenen  Konzessionen,  die  von  der  früheren  Regierung  zugestanden
  wurden  und  die  Einheit  der  Armee  nicht  tangieren,  festhält.
Es  heißt  ferner,  daß  es  fast  ausgeschlossen  sei,  daß  die  in  Frage  kommende
Dienst=  und  Kommandosprache  zum  Gegenstand  einer  eingehenden  Diskussion
gemacht  werden  könne.  Wohl  aber  sollen  die  Politiker,  die  vor  Sr.  Majestät
erschienen  sind,  den  Eindruck  gewonnen  haben,  daß  man  maßgebendenorts
die  nationalen  Forderungen  nicht  a  limine  abweist,  sondern  daß  es  wahrscheinlich
  ist,  daß  Bestimmungen,  durch  welche  für  eine  dem  ungarischen
Geiste  entsprechende  Erziehung  der  militärischen  Jugend  vorgesorgt  werden
soll,  Aussicht  auf  Verwirklichung  haben.  Es  wird  darauf  hingewiesen,
daß  fast  alle  Politiker,  welche  vor  dem  Kaiser  erschienen,  sich  für  die  Gewährung
  gewisser  nationaler  Forderungen  eingesetzt  haben  —  der  eine  in
größerem,  der  andere  in  kleinerem  Maßstabe.  Fast  alle  Politiker  hätten
betont,  daß  die  einzige  Lösung  der  Krisis  die  Gewährung  der  nationalen
Konzessionen  sei.“

Die  Lösung  der  Krisis  wird  verschoben.

24.  August.  (Pest.)  Beim  Brande  eines  großen  Warenhauses

  kommen  gegen  60  Personen  um.
Europäischer  Geschichtskalender.  XEIV.  14
        <pb n="218" />
        210  NVie  ãfterreitisqh-nngarishe  Menathie.  (August  31.  September  1.)

August.  Folgen  der  ungarischen  Ministerkrifis  für  die  gemeinschaftliche
  Armee.

Infolge  der  parlamentarischen  Krisis  in  Ungarn  kann  das  Rekrutengesetz
  in  Ungarn  nicht  bis  Ende  September  votiert  werden,  daher  kann
am  1.  Oktober  keine  Aushebung  vorgenommen  werden.  Auch  in  Oesterreich
  ist  eine  Aushebung  unmöglich,  weil  bei  Annahme  des  Rekrutengesetzes
durch  den  Antrag  Chiari  bestimmt  worden  ist,  die  Rekrutenaushebung  nur
in  demselben  Maßstabe  wie  Ungarn  vorzunehmen.  Um  den  normalen
Heeresstand  von  300000  Mann  nicht  zu  vermindern,  ordnet  der  Reichskriegsminister
  provisorisch  an  (26.  August),  daß  die  Mannschaften  des  dritten
Jahrganges,  die  gewöhnlich  von  Ende  September  bis  31.  Dezember  beurlaubt
  waren,  bis  zum  31.  Dezember  im  aktiven  Dienst  zu  behalten  sind.
Das  Wiener  „Fremdenblatt"“"  schreibt  dazu:  „Hunderttausend  wehrpflichtige
Männer  beiläufig,  die  seit  drei  Jahren  unter  den  Fahnen  stehen,  hätten
Ende  September  dieses  Jahres  in  ihre  Heimat,  zu  ihren  Familien  und
zu  ihren  Berufen  zurückkehren  sollen.  Seit  35  Jahren  ist  es  bisher  immer
der  Fall  gewesen,  daß  vor  dem  1.  Oktober  der  dritte  Jahrgang  beurlaubt
wurde.  Heuer  aber  wird  der  Monat  September  vorübergehen  und  der
dritte  Assentjahrgang  wird  weiter  unter  den  Fahnen  bleiben;  seit  der  Einführung
  der  allgemeinen  Wehrpflicht  ereignet  es  sich  zum  erstenmal,  daß
das  Ende  des  Monats  September  für  jene  Soldaten,  die  schon  im  dritten
Jahre  dienen,  nicht  auch  das  Ende  ihres  Dienstes  bedeutet.  Die  Kriegsverwaltung
  hat  sich  genötigt  gesehen,  die  entsprechende  Verfügung  zu  treffen.
Die  gemeinsame  Armee  hat  keine  Rekruten  —  in  Ungarn  können  sie  nicht
assentiert,  in  Oesterreich  nicht  eingestellt  werden  —  und  so  mußte  denn
aus  gewichtigen  militärischen  Gründen  zu  jener  Maßregel  gegriffen  werden,
die  gewiß  in  den  weitesten  Kreisen  der  Bevölkerung  als  eine  unvorhergesehene
  Ueberraschung  wird  wirken  müssen.  Allein  nicht  aus  Trotz,  nicht
um  eine  Pression  auf  politische  Parteien  auszuüben,  entschloß  sich  die  Kriegsverwaltung
  zu  diesem  Schritt;  nicht  leichten  Herzens  wird  diese  Verfügung
getroffen,  sondern  unter  dem  Zwange  eiserner  Notwendigkeit.  Die  plötzliche
  Reduktion  der  Armee  um  ein  volles  Drittel  ihres  Präsenzstandes  vermag
  wohl  keine  Großmacht  vorzunehmen;  das  verbietet  die  Sorge  um  die
Erhaltung  des  Prestige  und  des  Ansehens...  Die  ganze  Organisation
des  Heeres  käme  durch  die  plötzliche  Verminderung  des  Aktivstandes  ins
Wanken,  der  Garnisonsdienst  könnte  auf  die  Dauer  durch  die  zwei  Jahrgänge
  allein  nicht  bestritten  werden.  Kurz,  es  würde  zu  den  politischen
Wirren,  welche  die  Monarchie  so  schwer  schädigen,  noch  ein  militärisches
Chaos  sich  gesellen,  das  dem  Ansehen  und  dem  Prestige  des  Reiches  die
schwersten  Wunden  schlagen  würde.  Die  verderblichen  und  zerstörenden
Wirkungen  der  Politik  der  extremen  ungarischen  Parteien  beginnen  sich
immer  stärker  fühlbar  zu  machen.“

31.  August  bis  3.  September.  Besuch  des  Königs  von  England
  in  Wien.

Ende  August.  (Ungarn.)  Die  Führer  der  Nationalitäten
beraten  über  eine  gemeinsame  Kundgebung  der  Sachsen,  Rumänen,
Slowaken,  Kroaten  und  Serben  gegen  die  Militärforderungen  der
magyarischen  Obstruktion.

1.  September.  Eine  zwischen  dem  ungarischen  und  dem  österreichischen
  Finanzminister  abgeschlossene  übereinkunft  tritt  in  Kraft,
        <pb n="219" />
        Die  ãsterreithisch-nngarishe  Monucie.  (September  5.  7.)  211

wonach  im  Verkehr  zwischen  Ungarn  und  Osterreich  auf  Zucker  eine
Surtaxe  von  3½  Kronen  gelegt  wird.

5.  September.  (Prag.)  Politik  der  Tschechen  angesichts  der
Militärfrage  und  ungarischen  Krifis.

Der  Jungtschechenklub  faßt  einstimmig  eine  Resolution,  die  als  erste
Pflicht  der  tschechischen  Abgeordneten  bezeichnet,  auf  den  Sturz  der  gegenwärtigen
  Regierung  und  die  Beseitigung  des  jetzigen  Regierungssystems
hinzuarbeiten.  Der  Klub  fordert  die  Abgeordneten  auf,  im  Sinne  der
Dezentralisation  der  Legislative  und  der  Exekutive  und  der  Durchführung
des  gleichen  Rechtes  für  die  Völker  Oesterreich-Ungarns  Beschlüsse  zu  fassen,
und  dahin  zu  wirken,  daß  die  Maßnahmen  der  Heeresverwaltung  betreffs
der  Nichtentlassung  der  im  dritten  Jahre  dienenden  Mannschaften,  als  in
das  Rekrutenbewilligungsrecht  der  Legislative  eingreifend,  nicht  durchgeführt,
sondern  aufgehoben  werden.  Endlich  wird  verlangt,  daß  die  Führer  der
Partei  eine  Taktik  festsetzen  und  Schritte  unternehmen,  um  alle  tschechischen
Kräfte  auf  die  vereinbarte  gemeinsame  Grundlage  zu  vereinigen.

Der  Abg.  Klofac  reist,  wie  der  „Czas"“  mitteilt,  nach  Pest,  um
mit  der  ungarischen  Opposition  Verbindungen  anzuknüpfen,  in  der  Hoffnung
  mit  Hilfe  der  ungarischen  Hrisis  die  staatsrechtlichen  Forderungen
der  Tschechen  durchzusetzen.

September.  (Cisleithanien.)  Proteste  gegen  die  Zurückbehaltung
  des  dritten  Jahrgangs.

Am  28.  August  macht  Abg.  Nowak  den  Ministerpräsidenten  v.  Körber
auf  die  Härte  des  Ministerialerlasses  aufmerksam,  worauf  der  Ministerpräsident
  erwidert:  Wir  haben  alle  möglichen  Modalitäten  erwogen,  um
den  durch  die  Vorgänge  in  Ungarn  hervorgerufenen  Rückwirkungen  auf
dem  Gebiete  der  Armee  vorzubeugen,  konnten  uns  jedoch  zu  keinem  Auswege
  entschließen,  der  in  der  bezüglichen  Vorsorge  in  Oesterreich  zu  anderen
Maßnahmen  geführt  hätte,  als  in  Ungarn.  Seien  Sie  überzeugt,  daß  es
unsere  aufmerksamste  Sorge  ist,  diese  harte  Maßregel,  wenn  irgend  möglich,
  noch  ganz  zu  verhindern  oder  nach  Möglichkeit  zu  mildern,  jedenfalls
aber  durch  spätere  Benefizien  auszugleichen.

Am  4.  September  beschließt  der  Wiener  Gemeinderat,  eine  Petition
an  die  Regierung  um  Zurückziehung  des  Erlasses  zu  richten,  eventuell  den
Reichsrat  einzuberufen,  um  rechtzeitig  Beschlüsse  über  die  Lage  fassen  zu
können.  —  Am  14.  September  beschließen  der  niederösterreichische  und  salzburgische
  Landtag  einstimmig,  die  Regierung  dringend  zu  ersuchen,  von  der
Heeresverwaltung  die  sofortige  Aufhebung  der  Verordnung  betr.  die  Zurückbehaltung
  des  dritten  Jahrganges  der  Militärdienstpflichtigen  zu  verlangen,
eventuell  die  sofortige  Einberufung  des  Reichsrates  zu  veranlassen.  —  Die
Regierungsvertreter  erklären  die  Landtage  für  inkompetent  in  dieser  Reichsangelegenheit.


7.  September.  (Wien.)  Tagung  der  interparlamentarischen
Konferenz  unter  dem  Vorsitz  des  früheren  Ministers  v.  Plener.

September.  (Cisleithanien.)  Die  deutschen  Parteien  und
die  Militärfrage.

Am  7.  September  faßt  der  Vollzugsausschuß  der  vereinigten  deutschen
Parteien  (Deutsch-Fortschrittler,  Deutsche  Volkspartei,  liberaler  Großgrundbesitz
  und  Christlich-Soziale)  eine  Resolution,  welche  die  baldige  Einberufung

14*
        <pb n="220" />
        212  HNie  Ferreicischzungerische  Monarie.  (September  11.  16.)

des  österreichischen  Reichsrates  fordert  und  gegen  die  Zurübehaltung  des
dritten  Assentjahrgangs  ernste  Bedenken  zußerl.  Der  Ministerpräsident,
dem  die  Resolution  mitgeteilt  wird,  erwidert,  daß  er  den  Reichsrat  im
ersten  Momente,  wo  die  Verhältnisse  in  Ungarn  geklärt  sein  würden,  einberufen
  werde.  So  lange  jedoch  in  Ungarn  alles  in  der  Schwebe  sei,  müsse
er  auf  die  Einberufung  des  Reichsrates  verzichten.  Die  „Alldeutsche  Korrespondenz“,
  die  die  Anhänger  Schönerers  vertritt,  erklärt,  die  Alldeutsche
Vereinigung  verfolge  die  gegenwärtigen  Vorgänge  in  Ungarn  mit  Genugtuung,
  da  dieselben  das  alldeutsche  Programm  der  Erfüllung  näher  rücken.
Sie  erblicke  in  diesen  Vorgängen  nur  die  Vorboten  für  die  Verwirklichung
der  im  Linzer  Programm  aufgestellten  Forderung  nach  der  bloßen  Personalunion
  und  sie  maße  im  wirtschaftlichen  Interesse  der  Bevölkerung  der  diesseitigen
  Reichshälfte  wünschen,  daß  diese  von  Ungarn  angestrebte  Trennung
je  früher  je  besser  stattfinde,  damit  der  für  die  industriellen,  landwirtschaftlichen
  und  gewerblichen  Kreise  nachteiligen  Ungewißheit  ein  Ende
bereitet  werde.  Die  Alldeutschen  werden  daher  die  auf  die  Trennung  abzielenden
  Forderungen  Ungarns  nicht  bekämpfen.  Die  sofortige  Tagung
des  Reichsrates  würde  sich  nicht  als  Mittel  zur  Gesundung  der  Situation
erweisen,  da  die  Tschechen  den  Zusammentritt  des  Reichsrates  nur  benützen
würden,  um  ihrerseits  mit  neuen  Ansprüchen  hervorzutreten.

Am  8.  September  spricht  sich  der  Parteitag  der  freien  Alldeutschen
(Wolfsche  Richtung)  für  die  bloße  Personalunion  mit  Ungarn  aus,  fordert
aber  die  Einberufung  des  Reichsrats.

11.  September.  (isleithanien.)  Unterstützung  der  vom

Hochwasser  Betroffenen.

Eine  kaiserliche  Verordnung  ermächtigt  die  Regierung,  zur  Unterstützung
  der  hilfsbedürftigen  Bevölkerung  in  den  Anfang  September  vom
Hochwasser  betroffenen  Ländern  zur  Wiederherstellung  des  beschädigten
Staatseigentums  (Verkehrswege)  Staatsmittel  bis  zu  15  Millionen  Kronen
aufzuwenden.  Davon  sollen  zunächst  6  Millionen  der  notleidenden  Bevölkerung
  Böhmens,  3  Millionen  derjenigen  Schlesiens  und  2900000  Kr.
jener  Galiziens  zugewendet  werden.

16.  September.  (Chlopy.)  Der  Kaiser  erläßt  folgenden
Armeebefehl:

Die  Staatsgeschäfte  nahmen  Mich  in  jener  Zeit  in  Anspruch,  welche
Ich  den  diesjährigen  Manövern  des  7.  und  12.  Korps  so  gern  gewidmet
hätte.  Indem  Ich  den  General  der  Kavallerie  Erzherzog  Franz  Ferdinand
mit  meiner  Vertretung  betraute,  blieb  ich  durch  dessen  Berichte  in  steter
Kenntnis  des  Verlaufes  des  Manövers  und  hatte  die  erwartete  Befriedigung
durch  Se.  kaiserliche  und  königliche  Hoheit  nur  Lob  und  Anerkennung  des
gesamten  Zustandes  und  der  Leistungen  beider  Korps  des  Heeres,  sowie
der  beigezogenen  Heerkörper  der  ungarischen  Landwehr  zu  vernehmen.  Den
großen  Kavalleriemanövern  in  Galizien  anwohnend,  konnte  Ich  Mich  von
deren  lehrreichen  Anlage,  Leitung  und  Durchführung,  sowie  von  der  vorzüglichen
  Verfassung  und  hohen  Leistungsfähigkeit  aller  beteiligten  Truppen
erneut  überzeugen.  Je  sicherer  begründet  Mein  günstiges  Urteil  über
den  militärischen  Wert,  die  hingebungsvolle  Dienstesfreudigkeit  und  das
einmütige  Zusammenwirken  aller  Teile  meiner  Gesamtwehrkraft  ist,  desto
mehr  muß  und  will  Ich  an  deren  bestehenden  und  bewährten  Einrichtungen
festhalten.  Mein  Heer,  insbesondere  dessen  gediegenes  Gefüge,  das  einseitige
  Bestrebungen  in  Verkennung  der  hohen  Aufgabe,  welche  dasselbe
zum  Wohle  beider  Staatsgebiete  der  Monarchie  zu  erfüllen  hat,  zu  lockern
        <pb n="221" />
        Vie  Serreichisch-ungarische  Monarthie.  (September  18./19.)  213

geeignet  wären,  möge  wissen:  daß  Ich  nie  der  Rechte  und  Befugnisse  Mich
begebe,  welche  dem  obersten  Kriegsherrn  verbürgt  sind.  Gemeinsam  und
einheitlich  wie  es  ist,  soll  Mein  Heer  bleiben:  Eine  starke  Macht  zur  Verteidigung
  der  österreich-ungarischen  Monarchie  gegen  jeden  Feind!  Getreu
ihrem  Eide  ist  Meine  Gesamtwehrmacht  fortschreitend  auf  dem  Wege  der
ernsten  Pflichterfüllung  und  durchdrungen  von  jenem  Geiste  der  Einigung
und  der  Harmonie,  welcher  jede  nationale  Eigenart  achtet,  alle  Gegensätze
löst  und  die  besonderen  Vorzüge  jeden  Volksstammes  zum  Wohle  des  großen
Ganzen  verwertet.

September.  Aufnahme  des  Armeebefehls.

Der  Wiener  katholische  Zentrumsklub  begrüßt  den  Befehl  mit
großer  Freude,  da  er  die  Einheit  der  Armee  garantiere.  In  Ungarn
sehen  die  Vertreter  der  Opposition  darin  eine  Kriegserklärung  gegen  die
Wünsche  der  Nation  und  die  Verfassung,  die  liberale  Partei  beschließt  in
einer  Parteikonferenz  Stellung  zu  nehmen.  —  Am  19.  September  wird
offiziös  über  die  Bedeutung  des  Befehls  berichtet:  An  sehr  maßgebender
Stelle  berührte  es  sehr  schmerzlich,  daß  ein  Teil  des  Armeebefehles  vom
16.  September  in  der  öffentlichen  Meinung  Ungarns  eine  solche  Auslegung
findet,  die  den  Intentionen  an  Allerhöchster  Stelle  nicht  im  entferntesten
entspricht.  Der  Allerhöchste  Kriegsherr  beruhigte  in  dem  Armeebefehl  das
Heer  darüber,  daß  er  eine  gerreihung  der  im  Sinne  des  Gesetzartikels  12
des  Jahres  1867  gemeinsamen  Armee  nicht  gestatte  und  es  ebensowohl  im
Interesse  der  Monarchie  als  auch  im  eigensten  Lebensinteresse  Ungarns
nicht  gestatten  werde.  Dieser  Armeebefehl,  der  kein  staatsrechtlicher  Akt
ist,  präjudiziert  jedoch  nicht  jene  im  Interesse  der  Parität  wünschenswerten
Abänderungen,  die  die  liberale  Partei  als  notwendig  erachtet  und  welche
der  Ministerpräsident  Graf  v.  Khuen  in  sein  Programm  aufgenommen
hat.  Die  Lösung  dieser  Fragen  bildet  in  maßgebenden  Kreisen  den  Gegenstand
  von  Erwägungen.

18.19.  September.  Besuch  des  Deutschen  Kaisers  in  Wien.

Bei  einer  Galatafel  am  18.  werden  folgende  Trinksprüche  gewechselt.
Kaiser  Franz  Josef:  Herzlich  willkommen  heiße  ich  Ew.  Majestät  und
gebe  meiner  Freude  Ausdruck,  den  treuen  Freund  und  Bundesgenossen  heute
in  unserer  Mitte  zu  empfangen.  Ew.  Majestät  sind  durch  Ihre  Hierherkunft
  dem  von  Mir  gehegten  Wunsche  des  Wiedersehens  mit  einer  Bereitwilligkeit
  entgegengekommen,  die  in  Mir  das  Gefühl  warmer  Erkenntlichkeit
  wachruft  und  die  das  schon  so  feste  Gefüge  unserer  gegenseitigen  Beziehungen
  gewiß  mit  neu  erhöhter  Kraft  ausstatten  wird.  Von  dieser
Zuversicht  durchdrungen,  bitte  IJch  Ew.  Majestät,  mir  zu  gestatten,  daß
Ich  das  Glas  auf  Ihr  Wohl,  sowie  auf  unsere  unerschütterliche  Freundschaft
  erhebe  und  dabei  ausrufe:  Seine  Majestät  der  Kaiser  Wilhelm
lebe  hoch!

Kaiser  Wilhelm:  Von  tiefer  Dankbarkeit  erfüllt  bitte  ich  Ew.
Majestät,  in  Gnaden  den  Ausdruck  meines  innigen  Dankes  entgegennehmen
  zu  wollen  für  die  freundlichen  Worte,  mit  welchen  Ew.  Majestät
Mich  soeben  bewillkommnet  haben,  sowie  für  den  herzlichen  und  glänzenden
Empfang,  den  Mir  die  stets  gastfreie  und  ewig  schöne  Kaiserstadt  an  der
Donau,  Ew.  Majestät  Residenz,  bereitet  hat.  Nichts  konnte  Mir  willkommener
  sein,  als  dem  Wunsch  Ew.  Majestät  entsprechend  hierherzueilen.
um  Meinen  in  Ehrfurcht  geliebten,  erhabenen  Freund  und  Bundesgenossen
zu  begrüßen.  Der  Anblick  Ew.  Majestät  stolzer  Regimenter  war  Mir  eine
Herzensfreude,  denn  den  Bund  unserer  Länder  tragen  und  festigen  unsere
        <pb n="222" />
        214  Die  Aerreichischungerische  Monarchie.  (September  22.)

beiden  Heere  zum  Wohle  des  Friedens  in  Europa.  Wenn  Ich  mein  Glas
nunmehr  auf  das  Wohl  Ew.  Majestät  erhebe,  bitte  Ich  zugleich,  der  Dolmetsch
  der  Gefühle  aller  Deutschen  im  Reiche  sein  zu  dürfen,  wenn  Ich
dem  Wunsche  Ausdruck  gebe:  Gott  segne  und  erhalte  Ew.  Majestät  und
Ihr  erlauchtes  Haus!  Seine  Majestät  der  Kaiser  und  König  Franz  Joseph
Hurra!

22.  September.  Der  niederösterreichische  Landtag  spricht
in  feierlicher  Sitzung  seinen  Dank  für  den  Armeebefehl  aus  und
erklärt  sich  bereit,  für  die  Macht  und  Einheit  des  Heeres  jederzeit
einzutreten.

22.  September.  (Ungarn.)  Handschreiben  des  Königs  an
Khuen-Hedervary  über  die  Militärfrage.  Khuen  mit  der  Kabinettsbildung
  betraut.

König  Franz  Josef  richtet  folgendes  Schreiben  an  den  Grafen  Khuen-Hedervary:


Lieber  Graf  Khuen-Hedervary!

Mein  väterliches  Herz  ist  mit  tiefer  Trauer  erfüllt  angesichts  der
beklagenswerten  Zustände,  welche  in  Meinem  geliebten  Ungarn  das  politische
  Leben  seit  Monaten  zur  Unfruchtbarkeit  verdammen  und  beinahe
schon  die  Tätigkeit  der  Staatsmaschine  behindern.  Als  im  Jahre  1867
einerseits  zwischen  den  Ländern  Meiner  ungarischen  Krone  und  andererseits
  zwischen  den  im  Reichsrat  vertretenen  Königreichen  und  Ländern  die
Mittel  der  aus  der  pragmatischen  Sanktion  sich  ergebenden  gemeinsamen
und  vereinten  Verteidigung  aufgezeichnet  wurden,  hat  der  §  11  des  Gesetzartikels
  XII  vom  Jahre  1867  festgesetzt,  daß  die  auf  die  einheitliche  Führung,
Leitung  und  innere  Organisation  der  gemeinsamen  Armee  berzüglichen
Angelegenheiten  durch  Mich  zu  ordnen  seien.  Und  gleichwie  Ich  jederzeit
streng  darüber  wachte,  daß  die  auf  Grund  dieses  Gesetzes  übernommenen
Verpflichtungen  von  jeder  Seite  ehrlich  und  gewissenhaft  erfüllt  werden,
ebenso  bin  Ich  entschlossen,  die  Mir  zustehenden  Rechte  ungeschmälert  aufrecht
  zu  erhalten  und  unberührt  meinen  Nachfolgern  zu  überantworten.
Als  der  ungarische  Reichstag  dieses  Mein  Recht  anerkannte,  wollte  er  nicht
nur  für  die  Großmachtstellung  der  Monarchie,  sondern  auch  für  die  Kraft
und  Sicherheit  seines  eigenen  Vaterlandes  und  seiner  Nation  Vorsorge
treffen.  Gerade  deshalb  könnte  Ich  Verfügungen  nicht  zustimmen,  die  in
ihren  letzten  Konsequenzen  zur  Schwächung  der  beiden  Staaten  der  Monarchie
  führen  und  das  von  Meinen  Vorfahren  ruhmreichen  Angedenkens
übernomme  Erbe  der  Gefahr  des  Niederganges  aussetzen  könnten.  Und
aus  demselben  Grunde  könnte  Ich  der  Erfüllung  jener  Forderungen  nicht
zustimmen,  welche  eine  derartige  Umgestaltung  erprobter  Institutionen  bezwecken,
  daß  sie  den  Interessen  Meines  geliebten  Ungarn  nicht  entsprechen
und  in  ihrer  letzten  Konsequenz  die  Integrität  der  Länder  Meiner  heiligen
Krone  gefährden.  Andrerseits  verschließe  Ich  Mich  nicht  der  Verwirklichung
  jener  aus  Meiner  königlichen  Macht  sich  ergebenden  Maßregeln,
hinsichtlich  deren  Meine  Regierung  in  der  letzten  Zeit  angesichts  des  Reichstages
  bereits  Erklärungen  abgegeben  hat  und  die  in  Gemeinschaft  mit  den
Ihnen  von  Mir  bezeichneten  Punkten  jenen  Rahmen  bilden,  inhaltlich
dessen  Ich  solche  Maßregeln  für  zulässig  halte.  Meine  ungarische  Nation
ist  seit  dem  Ausgleich  riesenhaft  vorwärts  geschritten.  Mit  Genugtuung
beobachtete  Ich  jene  erfreuliche  Entwicklung  als  neuerlichen  Beweis  für  die
Weisheit  jenes  Werkes,  welches  durch  das  gegenseitige  Vertrauen  der  Krone
        <pb n="223" />
        IELIIIIIIIIIIII  215

und  der  Nation  geschaffen  wurde.  So  muß  dem  sein  und  so  muß  dem
auch  fernerhin  bleiben.  Die  Gnade  der  heiligen  Vorsehung  hat  unser
Verfassungsleben  bisher  vor  jeder  ernsten  Erschütterung  bewahrt.  Nur
die  Nüchternheit  und  Besonnenheit  der  Nation,  die  wohlbedachte  Erwägung
aller  in  Betracht  kommenden  großen  Interessen  kann  uns  auch  in  der  Zukunft
  vor  jeder  Prüfung  bewahren.  Es  ist  daher  Meine  Herrscherpflicht,
die  Nation  aufmerksam  zu  machen,  daß  Ich  auch  jetzt  noch  an  dem  Ausgleich
  festhalte.  Es  ist  Meine  Ueberzeugung,  daß  der  Geist,  welcher  dieses
Werk  geschaffen,  in  alter  Kraft  in  dem  der  Nation  fortlebt.  Ich  vertraue
Ihrer  Einsicht,  daß  Sie  die  gesetzliche  Vertretung  Meines  Meinem  Herzen
nahestehenden  Ungarns  über  Meine  väterliche  Absicht  aufklären  und  aus
dem  heutigen,  dem  Lande  und  der  Monarchie  gefährlichen  Zustand  die
glückliche  Entwirrung  finden  werden.  In  dieser  Voraussetzung  habe  Ich
Mich  entschlossen,  Sie  mit  der  Bildung  der  neuen  Regierung  zu  betrauen,
wovon  Ich  Sie  durch  Mein  beigelegtes  Handschreiben  verständige.
Wien,  22.  September.
(gez.)  Franz  Joseph.
(gez.)  Graf  Khuen-Hedervary.

23.  September.  (Pest.)  In  der  Konferenz  der  liberalen
Partei  gibt  Graf  Khuen-Hedervary  folgende  Erklärung  ab  über

das  kgl.  Handschreiben  und  seine  politischen  Absichten:

Se.  Majestät  nahm  mit  Schmerz  und  tiefem  Bedauern  Kenntnis
davon,  daß  der  von  ihm  erlassene  Armeebefehl  solchen  Auffassungen  und
Mißverständnissen,  ja  Mißdeutungen  begegnete,  welche  zu  dem  Schlusse  gelangten,
  als  ob  diese  Kundgebung  Sr.  Majestät  als  gesetzlichen  obersten
Kriegsherrn  des  Heeres  eine  Verletzung  der  ungarischen  Verfassung  oder
der  ungarischen  Nation,  der  gesetzlichen  Rechte  Ungarns  und  der  ungarischen
  Staatlichkeit  enthalte.  Das  ist  ausgeschlossen,  das  könnte  nicht  geschehen
  und  das  hat  den  Absichten  des  Königs  fern  gelegen.  Man  kann
und  darf  dem  Armeebefehl,  von  welcher  Seite  immer  es  sei,  eine  solche
Auslegung  berechtigter  Weise  nicht  geben.  (Zustimmung.)  Wie  wenig
diese  verfassungsmäßige  Auffassung  der  Gefühle  des  Königs  für  die
ungarische  Nation  in  dieser  Hinsicht  Zweifel  erleidet  und  erleiden  kann,
davon  wird  vielleicht  am  besten  jenes  Handschreiben  Zeugnis  ablegen,  das
in  der  Sonderausgabe  des  Amtsblattes  veröffentlicht  wurde.  Nach  Verlesung
  dieses  Allerhöchsten  Reskriptes  wird  es,  wie  ich  glaube,  jedermann
klar  sein,  daß  Se.  Majestät  sich  der  verfassungsmäßigen  Rechte  und  Pflichten
vollbewußt  ist.  Es  kann  sich  daher  an  die  Handlung  oder  an  ein  Wort
Sr.  Majestät,  welche  Art  sie  auch  immer  sein  mögen,  keine  solche  Auslegung
  heranwagen,  welche  dies  zweifelhaft  machen  könnte.  Das  gute
Verhältnis  und  das  Vertrauen  zwischen  dem  Könige  und  der  Nation  sind
das  höchste  Gut  der  Nation;  ohne  dieses  ist  eine  weitere  Entwicklung  und
ein  Erstarken  der  Nation  gar  nicht  denkkor.  Was  die  Frage  der
militärischen  Erziehung  anbetrifft,  so  wollen  wir  erreichen,  daß  das  ungarische
  Element  in  dem  Rahmen  des  ungarischen  Heeres  in  größerer  Anzahl
zur  Geltung  komme  durch  eine  Vermehrung  der  Stiftungen  zur  Ausbildung
ungarischer  Staatsbürger  und  dadurch,  daß  der  Vortrag  eines  bedeutenden
Teiles  der  Lehrgegenstände  in  den  Militärerziehungsanstalten  Ungarns  in
ungarischer  Sprache  gehalten  wird.  Hierdurch  wird,  was  das  stete  Streben
der  Nation  war,  die  ungarische  Nation  in  dem  gemeinsamen  Heer  in
möglichst  großer  Anzahl  zur  Geltung  kommen  Der  Monarch  erwarte
  seine  Vorschläge  zur  Lösung  der  Krisis  und  habe  ihn  mit  der
        <pb n="224" />
        216  Die  üserreithis  ·nugarise  Menarhie.  (September  24.)

Kabinettsbildung  betraut.  Indem  ich  mich  dieser  Verfügung  Sr.  Majestät
unterwarf,  faßte  ich  dies  so  auf,  daß  ich  die  Betrauung  übernehme,  damit
zum  Zwecke  einer  Berührung  von  König  und  Nation  ein  verfassungsmäßiges
  Organ  und  eine  verantwortliche  Person  vorhanden  sei,  welche  den
König  deckt  und  welche  berufen  sein  soll,  die  Worte  des  Königs  zu  verdolmetschen
  und  ihre  verfassungsmäßige  Beurteilung  zu  ermöglichen.  (Lebhafte
  Zustimmung.)  Diese  Uebernahme  bedeutet  also  nicht,  daß  ich  die
Absicht  habe,  eine  definitive  Regierung  zu  bilden.  Ich  wollte  nichts
anderes,  als  in  diesem  hochwichtigen  Augenblicke  der  Vermittler  jenes
Vertrauens  sein,  welches  zwischen  dem  König  und  der  Nation  unbedingt
notwendig  ist.  (Lebhafter  Beifall.)  Ich  bitte  Sie,  meine  Mission  in  diesem
Sinne  aufzufassen  und  glaube,  daß  die  Kundgebung  des  Königs  so  hochwichtig
  ist,  daß  sie  —  ich  bin  davon  tief  überzeugt  —  in  ganz  Europa
gerechte  Aufmerksamkeit  erregen  wird.  Diese  Kundgebung  Sr.  Majestät
hat  den  Zweck,  daß  jenes  Verhältnis  zwischen  dem  König  und  der  Nation,
welches  auf  Vertrauen  beruht,  auch  künftig  unverletzt  und  unverkürzt  erhalten
  bleibe  und  keinem  wie  immer  gearteten  Mißverständnis  ausgesetzt
sei.  Ich  glaube,  daß  mit  dem  königlichen  Handschreiben  dieser  Zweck  auch
erreicht  werden  wird.  Dies  wünsche  ich,  dies  wünschen  wir  alle;  und  ich
appelliere  an  Ihren  Patriotismus.  Meine  Herren!  Ich  glaube,  daß  in
diesem  Augenblicke  —  da,  wie  ich  vorhin  schon  angedeutet  habe,  nach  erfolgter
  Bildung  der  Regierung  ohnehin  Gelegenheit  gegeben  sein  wird,
Ihren  Standpunkt  und  Ihr  Programm  ausführlich  zu  entwickeln  —  die
Lnehin  einer  anderen  Beschlußfassung  vielleicht  nicht  vorliegt  und
überflüssig  ist.“

D#.  liberale  Partei  beschließt,  die  Aufklärung  über  den  Chlopyer
Armeebefehl  beruhigt  zur  Kenntnis  zu  nehmen  und  von  jeder  weiteren  Beratung
  darüber  abzusehen.  Ueber  den  politischen  Inhalt  des  königlichen
Handschreibens  soll  nach  der  Kabinettsbildung  beraten  werden.

24./29.  September.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Stürmische
Angriffe  auf  Khuen  und  den  König.

Auf  der  Tagesordnung  steht  die  Beratung  über  den  Armeebefehl
und  die  Ernennung  Khuens  zum  Ministerpräsidenten.  Die  Münchener
„Allgemeine  Zeitung“  berichtet  über  die  Sitzung:  Als  Graf  Khuen-Hedervary
  den  Sitzungssaal  betritt,  erhebt  sich  in  den  Reihen  der  Unabhängigkeitspartei
  der  Ruf:  „Es  lebe  die  Verfassung!“  Der  Abg.  Olay  (äußerste
Linke)  meldet  sofort  die  Inkompatibilität  des  Ministerpräsidenten  an.  Er
begründet  die  Imkompatibilität  damit,  daß  Graf  Khuen-Hedervary  an  dem
Bestechungsversuch  des  Grafen  Szapary  mitschuldig  sei.  Während  der
Begründung  des  Antrags  ertönen  aus  den  Reihen  des  äußersten  linken
Flügels  die  Rufe:  „Schmach!  Schande!  Man  muß  ihn  (Khuen-Hedervary)
hinauswerfen!“  Hierauf  ergreift  Kossuth  (Unabhängigkeitspartei)  das
Wort  und  führt  aus:  Es  sei  die  Pflicht  und  die  Aufgabe  des  Hauses,  zu
verhindern,  daß  die  verfassungsmäßigen  Rechte  der  Nation  verkümmert
und  die  Grenze  der  Kronrechte  weiter  gezogen  werde;  könne  er  es  aber
nicht  verhindern,  so  müsse  der  Reichstag  dagegen  wenigstens  protestieren.
Durch  das  königliche  Handschreiben  sei  die  durch  den  Armeebefehl  geschlagene
Scharte  nicht  ausgewetzt  worden;  das  Handschreiben  habe  im  Gegenteil  die
Wunde  vertieft,  die  der  Nation  zugefügt  worden.  (Beifall  auf  der  äußersten
Linken.)  Der  König  sei  von  ungetreuen  Ratgebern  umgeben,  die  vergessen
hätten,  daß  man  mit  Pronunciamientos  an  die  Armee  nicht  konstitutionell
regieren  könne.  Der  König  sei  oberster  Kriegsherr  nur  auf  Grund  des
Gesetzes;  er  habe  die  Verfassung  beschworen.  (Abg.  Barabas  ruft:  „Fal-
        <pb n="225" />
        Die  ästerreithisqh  ·  nugarische  Monarthie.  (September  24.)  217

scher  Eid!“  Rufe  rechts:  „Zur  Ordnung!“  Der  Präsident  ruft  Barabas
zur  rnunge  Kossuth  bespricht  die  gestrigen  Erklärungen  Dr.  Körbers
im  österreichischen  Abgeordnetenhause  über  den  Einfluß  Oesterreichs  auf
die  gemeinsame  Armee.  Aus  diesen  Erklärungen  gehe  hervor,  daß  der
ungarische  König  in  ungarischen  Angelegenheiten  österreichische  Minister  zu
Rate  ziehe.  Redner  beantragt,  eine  Adresse  an  den  König  zu  richten,  in
der  die  Beschwerden  des  Landes  klargelegt  werden.  In  dem  vom  Redner
empfohlenen  Adreßentwurfe  wird  unter  anderem  gesagt,  der  Ausdruck
„Meine  Armee“  sei  unrichtig  und  unzulässig.  Dieser  Ausdruck  stamme
aus  einer  Zeit,  wo  die  Fürsen  das  Heer  aus  eigenen  Mitteln  erhielten.
In  der  Zeit  der  Volksheere  sei  dieser  Ausdruck  nicht  mehr  der  Sachlage
entsprechend,  da  das  Heer  der  Nation  gehöre,  und  es  sei  auch  nicht  zulässig,
  die  Nation  als  Volksstamm  zu  bezeichneu,  wie  dies  in  dem  Armeebefehl
  geschehen  sei.  Der  Adreßentwurf  erklärt  ferner,  es  bestehe  ein
Widerspruch  zwischen  dem  Handschreiben  und  den  Erklärungen  des  österreichischen
  Ministerpräsidenten.  Der  Schlußpassus  des  Adreßentwurfs  lautet:
Wenn  wir  das  Wohlergehen  unseres  Staates  nur  um  den  Preis  der  Aufopferung
  unserer  Rechte  und  unserer  Sprache  erlangen  können,  so  rufen
wir  niemals,  niemals,  niemals!  Die  Verlesung  der  Adresse  wird  von  der
äußersten  Linken  mit  stürmischem  Beifall  ausgenommen.  Darauf  wird  die
Sitzung  unterbrochen.  —  Nach  der  Pause  ergreift  Ministerpräsident  Graf
Khuen-Hedervary  unter  großer  Unruhe  des  Hauses  das  Wort.  Von
der  äußersten  Linken  ertönt  der  Ruf:  „Bestecher!“  Der  Präsident  ermahnt
den  Abg.  Lengyel  zur  Ruhe.  Nachdem  der  Lärm  ungefähr  zehn  Minuten
gedauert  hat,  tritt  der  Abg.  Rigo  auf  den  Ministerpräsidenten  zu  und  sagt
ihm,  jedoch  nur  so,  daß  es  der  Ministerpräsident  und  die  umstehenden

ersonen  hören  konnten:  „Versuchen  Sie  nicht  zu  sprechen!  Fordern  Sie
uns  nicht  heraus!“  Die  Abgeordneten  strömen  nach  der  Mitte  des  Saales.
Es  entsteht  ein  ungeheurer  Lärm.  Der  Ministerpräsident  setzt  sich.  Die
Sitzung  wird  suspendiert.  —  Nach  fünf  Minuten  wird  die  Sitzung  wieder
eröffnet.  Der  Präsident,  Graf  Apponyi,  sagt:  Der  Ministerpräsident  teilt
mir  mit,  der  Abg.  Franz  Rigo  habe  ihm  gesagt:  „Gehen  Sie  hinaus,
fordern  Sie  nicht  das  Haus  heraus!“  Da  der  Ministerpräsident  dies  als
eine  Verletzung  der  Immunität  ansieht,  verweise  ich  den  Fall  an  den  Immunitätsausschuß!
  Nach  dieser  Erklärung  des  Kammerpräsidenten  ergreift
der  Ministerpräsident  Graf  Khuen-Hedervary  abermals  das  Wort;  er  ist
jedoch  in  dem  ungeheuren  Tumult  kaum  verständlich.  Im  Laufe  seiner
Rede  kommt  Graf  v.  Khuen-Hedervary  zu  einer  Stelle,  in  welcher  er,  kraft
der  Ermächtigung  des  Königs,  den  Armeebefehl  erläutert.  Abg.  Barabas
ruft  dazwischen:  „Wir  glauben  dem  König  nicht.“  Es  entsteht  ein  ungeheurer
  Lärm.  Die  Regierungspartei,  die  sich  bisher  ziemlich  ruhig  verhalten
  hat,  springt  wie  ein  Mann  von  den  Bänken  auf  und  alle  schreien:
„Schurke!  Verräter!“  Das  Toben  dauert  fort.  Der  Präsident  erklärt,
Barabas  solle  eine  Entschuldigung  vorbringen.  Rufe  von  rechts:  „Es  gibt
hier  keine  Entschuldigung!“  Auch  die  klerikale  Volkspartei  wendet  sich  mit
entrüsteten  Zurufen  gegen  die  Mitglieder  der  Kossuthpartei.  Der  Lärm
und  der  Tummurlt  spotten  jeder  Beschreibung.  Inmitten  des  Lärms  ruft
eine  Stimme:  „Es  lebe  der  König!“  Die  Mehrheit  stimmt  in  den  Ruf
ein;  stürmisch  ertönt  es  minutenlang  von  rechts:  „Es  lebe  der  König!“,
während  man  von  der  linken  Seite  den  Ruf  hört:  „Es  lebe  die  Verfassung!“
  —  Nachdem  die  Ruhe  wiederhergestellt  ist,  setzt  der  Ministerpräsident
seine  Rede  fort  und  schließt  mit  dem  Antrage,  das  Haus  möge  sich  bis
zur  Konstituierung  der  Regierung  vertagen.  (Beifall  rechts.)  Zurufe  von
der  äußersten  Linken:  „Chloph!“  Abg.  Barabas  erhebt  sich,  angeblich,  um
        <pb n="226" />
        218  Die  lkerreichisch-ungarische  Menarchie.  (September  23.)

eine  Entschuldigung  vorzubringen.  Er  beginnt  seine  Rede  damit,  daß  er
sagt:  Es  gibt  niemanden,  auch  in  der  Regierungspartei  nicht,  dessen  Herz
nicht  von  Bitterkeit  erfüllt  ist.  (Stürmischer  Widerspruch  rechts.)  Auf  die
Zurufe  einiger  Mitglieder  der  Kossuth-Partei  setzt  Barabas  sich  hierauf,
ohne  ein  Wort  der  Entschuldigung  zu  sagen.  —  Der  Präsident  beantragt,
über  Barabas  eine  protokollarische  Rüge  zu  verhängen,  was  angenommen
  wird.

Am  29.  September  gibt  Abg.  Barabas  folgende  Erklärung  ab:
In  der  letzten  Sitzung  sei  ihm  der  Ausdruck:  „Wir  glauben  dem  königlichen
  Worte  nicht!“  in  hochgradiger  Erregung  irrtümlich  entschlüpft.  Er
abe  eigentlich  sagen  wollen:  „Wir  glauben  nicht,  daß  dies  das  Wort  des
königs  sei!“  Er  bitte  das  Abgeordnetenhaus,  das  Wort  als  nicht  gesprochen
  zu  betrachten,  da  ihm,  wie  jedem  Ungarn,  fernliege,  die  geheiligte
Person  des  Königs  absichtlich  beleidigen  zu  wollen.  (Beifall.)

W.  September.  (Cisleithanien.)  Zusammentritt  des  Reichsrats.
  Erklärung  Körbers  im  Abgeordnetenhause  über  die  Ministerkrisis
  und  Militärfrage.

Der  Ministerpräsident  v.  Körber  legt  dem  Abgeordnetenhause  ein
Rekrutengesetz  vor,  wodurch  die  vom  Reichsrate  beschlossene  Rekrutenvorlage
  insofern  abgeändert  wird,  als  die  Einreihung  ausgehobener  Rekruten
nach  einer  höheren  als  in  den  vorangegangenen  Jahren  bewilligten  Kontingentsziffer
  nur  dann  und  insoweit  zu  erfolgen  hat,  als  auch  das  betresfende
  auf  Ungarn  entfallende  Rekrutenkontingent  zur  Einreihung  gelangt.
Er  führt  aus,  daß  die  Regierung  gezwungen  wurde,  zur  geordneten  Fortführung
  und  Verwaltung  den  §  14  anzuwenden,  und  erinnert  daran,  daß,
während  das  Haus  unter  natürlicher  Bekundung  des  Patriotismus  trotz
der  wirtschaftlichen  Depression  nicht  unerhebliche  Erhöhung  des  Truppenkontingents
  bewilligt  habe,  in  Ungarn  bei  der  Beratung  des  entsprechenden
Gesetzentwurfes  Schwierigkeiten  entstanden  seien,  die  zur  Herabsetzung  des
Rekrutenkontingents  auf  das  Maß  der  früheren  Jahre  führten.  Die
Verhandlung  dieses  Gesetzentwurfes  im  ungarischen  Parlamente  habe  weiter
Gelegenheit  geboten  zur  Erhebung  nationaler  Forderungen,  die  zu  grundlegenden
  Aenderungen  in  den  bisherigen  Einrichtungen  der  gemeinsamen
Armee  führen  müßten,  und  die  somit  nicht  nur  eine  Einengung  der  Hoheitsrechte
  des  obersten  Kriegshern  beabsichtigen,  sondern  auch  den  gesetzlichen
Rechten  und  Interessen  der  diesseitigen  Reichshälfte  Abbruch  tun  müßten.
(Zustimmung.)  Unter  diesen  Umständen  habe  das  Ministerium  am  26.  Juni
die  Portefeuilles  dem  Kaiser  zur  Verfügung  gestellt,  der  indes  das  Entlassungsgesuch
  nicht  angenommen,  sondern  dem  Kabinett  das  Vertrauen
der  Krone  ausgesprochen  habe  und  den  Ministerpräsidenten  zu  der  ausdrücklichen
  Erklärung  vor  dem  Reiche  ermächtigt  habe,  daß  in  allen  Armeefragen
  der  gesetzliche  Einfluß  der  diesseitigen  Reichshälfte  vollauf  gewahrt
bleiben  werde.  (Lebhafter  Beifall).  Einige  der  ungarischen  Forderungen
seien  diskutabel;  zu  denselben  gehöre  aber  keinesfalls  die  Aenderung  der
Kommando=  und  Dienstsprache.  (Zustimmung.)  Der  Wille  des  allerhöchsten
Kriegsherrn  sei,  daß  die  Armee  der  österreich-ungarischen  Monarchie  bleibe,
wie  sie  ist,  gemeinsam,  einheitlich  und  in  allen  Grundlagen  unversehrt.
(Lebhafter  Beifall.)  Zur  eigentlichen  Veranlassung  der  Einberufung  des
Reichsrates  übergehend,  verweist  der  Ministerpräsident  darauf,  daß  die  im
Gesetz  vorgesehene  Zurückbehaltung  der  Mannschaften  des  dritten  Jahrganges
  bis  Ende  Dezember  seit  25  Jahren  bei  verschiedenen  Truppenteilen,
namentlich  im  Okkupationsgebiet  und  Süddalmatien,  nach  Bedarf  zur
        <pb n="227" />
        Bie  erreichischz#gerische  Menarcie.  (September  25.—28.)  219

Anwendung  gekommen  sei.  Angesichts  der  gesamten  politischen  Lage  habe
die  Regierung  an  eine  Schwächung  der  militärischen  Bestände  nicht  denken
können,  und  so  habe  sich  die  Kriegsverwaltung  entschlossen,  eventuell  auch
in  der  diesseitigen  Reichshälfte  die  drittjährigen  Mannschaften  unter  den
Waffen  zu  behalten,  wobei  sie  keinen  Augenblick  die  Härte  der  geplanten
Maßregeln  übersehen  habe.  Die  Regierung  beanspruche  nur  ein  Kontingent
nach  dem  Ausgang  der  vergangenen  Jahre,  solange  die  Erhöhung  des
Kontingents  nicht  auch  in  Ungarn  bewilligt  werde.  Er  empfehle  deshalb
rascheste  Annahme  der  Vorlage,  zumal  alle  Vorbereitungen  getroffen  seien,
damit  unmittelbar  nach  der  Beschlußfassung  des  Hauses  die  Entlassung  des
dritten  Jahrganges  erfolgen  könne.  Jede  Verzögerung  in  der  Behandlung
dieser  Vorlage  würde  daher  nur  eine  Verlängerung  der  Dienstpflicht  der
Dienenden  zur  Folge  haben.  Das  Haus  werde  sich  während  der  kurzen
Tagung  auch  mit  unaufschiebbaren  Notstandsfragen  beschäftigen  müssen;
es  habe  aber  in  den  wenigen  Tagen  eine  Aufgabe,  für  deren  Lösung  ihm
der  Dank  der  Bevölkerung  sicher  sei.  (Lebhafter  Beifall.  Widerspruch
und  Lärm  seitens  der  Tschechen.)

25.  September.  (Böhmen.)  Der  Hainspacher  Vikariatsklerus
  protestiert  in  einer  Kundgebung  gegen  die  nationale  Agitation
  des  tschechischen  Klerus  und  fordert  eine  nationale  Scheidung
  der  Pfarrsprengel.  —  Am  7.  Oktober  richtet  eine  Versammlung
  deutscher  Kleriker  in  Eger  eine  ähnliche  Petition  an  den
Erzbischof  von  Prag.

26.  September.  (TCisleithanien.)  Beschluß  des  Abgeordnetenhauses
  über  die  Rekrutenvorlage.

Das  Haus  genehmigt  nach  mehrtägiger  heftiger  Debatte  gegen  die
Stimmen  der  Sozialdemokraten,  Alldeutschen  und  tschechisch-Radikalen  die
Rekrutenvorlage  mit  einigen  Aenderungen.  Die  Regierung  ist  danach
ermächtigt,  von  dem  Rekrutenkontingent,  dessen  Aushebung  mit  dem  Gesetze
vom  26.  Februar  1903  bewilligt  wurde,  die  Zahl  von  59024  Rekruten
(die  frühere  Zahl)  einreihen  zu  lassen.  Die  Bewilligung  zur  Einreihung
einer  erhöhten  Rekrutenzahl  für  das  Heer  bleibt  der  Gesetzgebung  vorbehalten.

  —  Nach  der  Regierungsvorlage  sollte  die  Einstellung  der  erhöhten
Ziffer  sogleich  nach  der  entsprechenden  Bewilligung  in  Ungarn  erfolgen.

27.  September.  Entlassung  des  dritten  Jahrgangs.

Ein  Erlaß  des  Kriegsministeriums  ordnet  unter  Aufhebung  des  am
26.  August  ergangenen  Erlasses  die  dauernde  Beurlaubung  der  drittjährigen
  Mannschaft  der  sich  aus  Oesterreich  ergänzenden  Truppenteile  an.
Bei  den  sich  aus  Ungarn  ergänzenden  Truppenanstalten  hat  nur  die
Beurlaubung  der  nach  Oesterreich  heimatberechtigten  Mannschaft  unbedingt
zu  erfolgen.

28.  September.  (Cisleithanien.)  Das  Herrenhaus  genehmigt
  die  Rekrutenvorlage.

Sämtliche  Redner  betonen  die  Notwendigkeit  die  Einheitlichkeit  des
Heeres  zu  erhalten.  —  Ministerpräsident  v.  Körber  sagt  über  die  Vorlage:
Der  Friede  beruhe  auf  der  vollbereiten  Wehrfähigkeit  des  Staates.  An
den  Grundlagen  der  Armee  dürfe  ebensowenig  gerüttelt  werden  wie  an
der  uneingeschränkten  Ausübung  der  Hoheitsrechte  des  obersten  Kriegsherrn,
die  im  Interesse  des  gemeinsamen  Heeres  geboten  sei.  Darum  sei  jeder
        <pb n="228" />
        220  IEZIITIIIIIIIIIZIEII

Erörterung  über  die  Möglichkeit  einer  späteren  Abweichung  von  den  in
dem  Armeebefehl  vorgezeichneten  Linien  die  innere  Berechtigung  versagt.

29./30.  September.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Angriff

auf  Körber.  Demission  Khuens.

Abg.  Kras  znay  (Kossuthpartei)  wendet  sich  gegen  die  Rede  des
Ministerpräsidenten  v.  Körber,  der  mit  ebenso  viel  Unwissenheit  als  bösem
Willen  sich  in  die  Angelegenheit  Ungarns  eingemischt  habe.  Ministerpräsident
  Graf  v.  Khuen-Hedervary:  Er  halte  es  für  seine  Pflicht,
sich  über  die  letzte  Rede  des  österreichischen  Ministerpräsidenten  zu  äußern.
Nach  seiner  Ueberzeugung  haben  die  ungarischen  Blätter  die  Rede  Dr.  v.
Körbers  unrichtig  aufgefaßt.  Dr.  v.  Körbers  Auffassung  sei,  daß  er  im
Sinne  der  österreichischen  Verfassung  berechtigt  sei,  sich  über  militärische
Fragen  zu  äußern  und  die  Armee  zu  verteidigen,  wenn  er  glaube,  daß  die
Interessen  derselben  in  der  anderseitigen  Reichshälfte  nicht  genügend
gewahrt  würden.  Das  Recht  zu  einer  solchen  Auffassung  könne  nicht  bestritten
  werden.  Auch  er  (Redner)  habe  im  entgegengesetzten  Falle  hierzu
das  Recht.  Er  erkläre  ganz  bestimmt,  daß  er  mit  Dr.  v.  Körber  über  die
militärischen  Frage  nicht  verhandelt  habe.  Kossuth  fordert  im  Interesse
des  Landes,  daß  über  die  Erklärung  des  Ministerpräsenden  morgen  eine
Debatte  eröffnet  werde.  Das  Haus  beschließt,  morgen  Sitzung  zu  halten
(Große  Bewegung.)

Infolge  dieser  Abstimmung  reicht  der  Ministerpräsident  die  Demission
des  Kabinetts  ein.  —  Am  folgenden  Tage  spricht  Abg.  Kossuth  im
Abgeordnetenhause  sein  Befremden  aus,  daß  die  Regierung  streike  und
fordert  die  Ernennung  eines  Ministerpräsidenten,  der  die  Uebergriffe  des
österreichischen  Ministers  scharf  zurückweise.  Abg.  Geza  Kubinyi  (Regierungspartei)
  führt  aus,  daß  er,  ohne  einen  Auftrag  seitens  der  liberalen
Partei  erhalten  zu  haben,  erklären  müsse,  daß  die  liberale  Partei  kein
Kabinett  unterstützen  werde,  das  nicht  die  Ermächtigung  erhalte,  die  Rechte
Ungarns  zu  wahren  und  die  verletzenden  Aeußerungen  des  Ministerpräsidenten
  Dr.  v.  Körber  auf  das  entsprechende  Maß  zu  reduzieren.

30.  September  bis  3.  Oktober.  Zar  Nikolaus  besucht  den

Kaiser  Franz  Joseph.

In  den  Toasten  wird  das  enge  Einvernehmen  Rußlands  und
Oesterreich-Ungarns  in  der  Balkanfrage  im  Interesse  des  Friedens  betont,
Am  3.  Oktober  reisen  beide  Kaiser  nach  Mürzsteg  zur  Jagd,  wo  nach
Zeitungsberichten  Verabredungen  über  die  makedonische  Frage  getroffen
werden.  Die  beiderseitigen  Minister  des  Auswärtigen  nehmen  an  der
Zusammenkunft  teil.

Anfang  Oktober.  (Ungarn.)  Aus  deutschen  und  rumänischen
Bezirken  melden  sich  Hunderte  von  Rekruten  zum  freiwilligen  Diensteintritt
  und  werden  sofort  eingestellt.

5.  Oktober.  Die  österreichisch-ungarische  und  die  rusfsfische
Regierung  richten  folgende  identische  Note  an  ihre  Botschafter  in
Konstantinopel:

Sie  sind  kürzlich  beauftragt  worden,  zu  erklären,  daß  Oesterreich-Ungarn
  und  Rußland  an  dem  Werk  der  Beruhigung,  das  sie  unternommen
haben,  festhalten  und  auf  ihrem  zu  Beginn  des  Jahres  ausgearbeiteten
Programme  beharren,  ungeachtet  der  Schwierigkeiten,  die  der  Durchführung
        <pb n="229" />
        Vie  Sterreichischungerische  Menarchie.  (Oktober  6.—21.)  221

desselben  sich  bisher  entgegengestellt  haben,  denn  in  der  Tat,  während
einerseits  die  revolutionären  Komitees  Unruhen  hervorgerufen  und  die
christliche  Bevölkerung  von  drei  Vilajets  davon  abgehalten  haben,  an  der
Durchführung  der  Reformen  mitzuwirken,  haben  andererseits  die  Organe
der  Pforte,  welche  mit  der  Ausübung  der  Durchführung  der  Reformen
betraut  waren,  es  dabei  allgemein  an  dem  wünschenswerten  Eifer  fehlen
lassen  und  sind  von  dem  Geiste,  der  diese  Maßregeln  eingegeben  hat,  nicht
durchdrungen  gewesen.  Um  nun  ihren  festen  Entschluß  darzulegen,  auf
der  vollständigen  Durchführung  jener  Reformen  zu  bestehen,  die  von  der
Pforte  angenommen  und  bestimmt  worden  sind,  die  allgemeine  Sicherheit
zu  gewährleisten,  haben  sich  die  beiden  Regierungen  über  eine  wirksame
Art  der  Kontrolle  und  der  Ueberwachung  geeinigt.  Sie  werden  in  dieser
Beziehung  unverzüglich  eingehende  Instruktion  erhalten.  Wenn  die  beiden
Mächte  auch  das  Recht  und  die  Pflicht  der  Pforte  in  vollem  Umfange  anerkennen,
  die  durch  die  aufrührerische  Agitation  der  Komitees  hervorgerufenen
Unordnungen  zu  unterdrücken,  so  beklagen  sie  doch,  daß  die  Unterdrückung
von  Ausschreitungen  und  Grausamkeit  begleitet  gewesen  sind,  unter
welchen  friedliche  Bewohner  zu  leiden  gehabt  haben.  Es  scheint  ihnen
deshalb  dringend  geboten,  den  Opfern  der  bedauerlichen  Vorgänge
zuhilfe  zu  kommen.  Die  oben  erwähnten  Instruktionen  werden  Sie  auch
von  den  Einzelheiten  der  humanitären  Aktion  unterrichten,  welche  zum
Zwecke  der  Unterstützung  der  aller  Existen  zmittel  beraubten  Bevölkerung,
zur  Erleichterung  der  Repatriierung  und  Wiederherstellung  der  durch  Brand
zerstorten  Dörfer,  Kirchen  und  Schulen  sich  als  notwendig  erweisen.  Die

egierungen  Oesterreich-Ungarns  und  Rußlands  hegen  die  feste  Hoffnung,
daß  ihre  beständigen  Bemühungen  das  Ziel,  in  den  schwergeprüften
Provinzen  dauernde  Beruhigung  herbeizuführen,  erreichen  werden  und  sind
überzeugt,  daß  ihre  unparteiischen  Ratschlägen  von  allen  jenen,  an  welche
sie  gerichtet  sind,  im  eigenen  Interesse  werden  gehört  werden.

6.  Oktober.  (Ungarn.)  In  Szegedin  legen  zurückbehaltene
Soldaten  am  Denkmal  Kofsuths  einen  Kranz  nieder.  Als  er  entfernt
  wird,  kommt  es  zu  Tumulten,  so  daß  das  Militär  einschreiten
  muß.

Mitte  Oktober.  (ungarn.)  Der  König  überträgt  dem
Grafen  Tisza  die  Kabinettsbildung,  nachdem  Verhandlungen  mit
Koloman  v.  Szell  und  dem  Grafen  Andrassy  gescheitert  sind.

17.  Oktober.  (Wien.)  Der  König  der  Belgier,  Leopold,
besucht  den  Kaiser  Franz  Joseph.

19.  Oktober.  (Ungarn.)  Die  Militärkommission  der  liberalen
  Partei  legt  ein  Programm  vor.  (Siehe  26.  Oktober.)

21.  Oktober.  (Ungarn.)  Der  König  lehnt  das  ihm  vom
Finanzminister  v.  Lukacs  vorgetragene  Programm  der  liberalen

Partei  ab.  —  Urteile  der  Presse.

In  der  liberalen  Partei  herrscht  darüber  große  Aufregung,  es  wird
überhaupt  an  der  Möglichkeit  gezweifelt,  den  Standpunkt  der  Krone  und
der  Partei  zu  vereinigen.  Der  „Budapesti  Hirlap“  (lib.)  schreibt:  „Hoheitsrechte,
  wie  man  sie  in  Wien  interpretiert,  kann  man  wohl  in  Oesterreich
haben,  aber  in  demjenigen  Oester  reich,  dem  der  Kaiser  die  sogenannte
        <pb n="230" />
        222  Die  Frerreichisch=  ungarische  Menarchie.  (Oktober  24.  26.)

Verfassung  gegeben  hat,  wo  die  Hoheitsrechte  als  von  Gottes  Gnaden
gekommen,  betrachtet  werden.  Aber  in  Ungarn  kommt  jedes  Verfassungsmäßige
  Recht,  folglich  auch  die  sogenannten  Hoheitsrechte,  bloß  von  der
Nation.  Ausschließlich  die  Nation  ist  diejenige,  die  Rechte  zu  vergeben
hatte,  hat  und  haben  wird.  Was  die  Nation  fordert,  ist  nicht  mehr  als
gerecht  und  wenn  sie  jetzt  nachgeben  würde,  so  wäre  es  eine  Deklaration
dessen,  daß  der  König  in  Ungarn  Hoheitsrechte  von  Gottes  Gnaden  hat
und  nicht  Hoheitsrechte  von  der  Gnade  der  Nation.“

Der  oppositionelle  „Fiigettlen  Magyarorszog"“:  „Also  zurück,  Ihr
Herren!  Ihr  müßt  mit  neuen  Katzbuckeleien  kommen,  untertäniger  als
bisher.  Ihr  seit  Bettler  und  Nichtswürdige.  Wozu  diese  Angelegenheiten
im  Hause  des  Kaisers?  Lakaien  und  Hunde  haben  draußen  zu  stehen,
und  Ihr  seid  ja  ungarisches  Gesindel  und  ungarische  Hunde.  So  steht  es
mit  dem  Volke.  Seine  leitenden  Personen  sind  Bajazzi  für  ein  Puppentheater,
  die  Herr  v.  Körber  bald  in  den  Vordergrund  zieht,  bald  verschwinden
  läßt.  Heute  Khuen,  morgen  Tisza,  dann  Lukacs  und  so  weiter.
Sie  kommen  Euch  bald  mit  Freundlichkeit,  bald  mit  Drohungen,  das
Land  aber  schaut,  kuscht  und  zahlt.“

24.  Oktober.  (Pest.)  Der  ungarische  Katholikentag  fordert
die  Errichtung  einer  katholischen  Universität.

24.  Oktober.  (Istrien.)  Die  slavische  Minderheit  des  Landtags
  obstruiert  gegen  die  italienische  Mehrheit,  weil  keines  ihrer
Mitglieder  in  Kommissionen  gewählt  wird.

26.  Oktober.  (Ungarn.)  Der  König  genehmigt  nach  einigen
Beratungen  mit  Tisza  das  Programm  der  liberalen  Partei  mit
einigen  Anderungen.

Das  Programm  der  Partei  lautet  (mit  den  vom  König  verlangten
Aenderungen):  1.  Die  Abzeichen  des  gemeinsamen  Heeres,  welche  heute  in
Verwendung  sind,  entsprechen  nicht  der  staatsrechtlichen  Stellung  des
Landes.  Diese  Dinge  sind  daher  unserem  Staatsrechte  entsprechend  zu
ändern.  2.  Das  Militärstrafverfahren  soll  auf  den  Prinzipien  der  Mündlichkeit
  und  Oeffentlichkeit  basieren,  und  ehebaldigst  dem  Parlamente  vorgelegt
  werden.  Hierbei  ist  die  Sprache  des  ungarischen  Staates  zur
Geltung  zu  bringen.  Die  bezüglichen  Modalitäten  werden  die  vorzulegenden
Gesetze  sestzustellen  haben.  3.  Die  oberste  Entscheidung  bezüglich  der  gesetzlichen
  Begünstigungen  bei  Ableistung  der  Dienstpflicht  im  Heere  ist  ausschließlich
  dem  Landesverteidigungsminister  zu  übertragen,  es  soll  die
Gewährung  dieser  Begünstigungen  auf  eine  möglichst  billige  Grundlage
gestellt  werden.  4.  Ein  auch  in  unserem  alten  Gesetze  wiederholt  zum
Ausdrucke  gebrachter  Wunsch  und  von  niemand  bestrittener  Rechtsanspruch
der  ungarischen  Nation,  ein  aus  dem  Gesichtspunkte  der  möglichen  Steigerung
der  Kriegstüchtigkeit  eminentes  Interesse  des  Heeres  ist  es,  daß  die  ungarischen
  Truppen  mit  ungarischen  Offizieren  versehen  werden  sollen  und
daß  die  Söhne  der  Nation  in  der  Führung  des  Heeres  im  entsprechenden
Maße  zur  Geltung  kommen  sollen.  Wir  finden  es  daher  für  notwendig,
daß  a)  im  Sinne  des  allerhöchsten  Handschreiben  vom  11.  August  1868
die  bei  nichtungarischen  Truppen  dienenden  Offiziere,  welche  ungarische
Staatsbürger  sind,  zu  ungarischen  Truppen  versetzt  werden.  b)  Das
Offiziersbildungsanstaltswesen  ist  derartig  zu  entwickeln,  daß  die  Bedeckung
des  im  Status  des  ungarischen  Offizierskorps  vorhandenen  Mangels  und
        <pb n="231" />
        Vie  serreichischaungarische  Menarchie.  (Oktober  26.)  223

die  Versorgung  der  ungarischen  Truppen  mit  ungarischen  Offizieren  ständig
gesichert  werde.  Zu  diesem  Behufe  soll  durch  Schaffung  von  Stiftungsplätzen
  für  ungarische  Jünglinge  in  entsprechender  Zahl  und  —  insofern
dies  notwendig  ist  —  durch  Errichtung  neuer  Militärbildungsanstalten
auf  ungarischem  Gebiete,  eventuell  durch  den  weiteren  Ausbau  der  Honvedsbildungsanstalten,
  die  Ausbildung  von  so  vielen  ungarischen  Jünglingen
zu  Offizieren  sichergestellt  werden,  daß  in  jeder  Branche  des  Offizierskorps
des  Heeres  die  Zahl  der  ungarischen  Jünglinge  jenes  Maß  erreiche,  welches
dem  Zahlenverhältnisse  der  ungarischen  Rekrutenmannschaft  entspricht,  c)  Zu
diesem  Zwecke  erscheint  es  notwendig,  daß  in  den  auf  ungarischem  Gebiete
befindlichen  und  womöglich  unter  Leitung  von  ungarischen  Offizieren
stehenden  Offiziersbildungsanstalten  des  Heeres  der  Lehrplan  derartig  abeändert
  werde,  daß  in  den  Anstalten  in  einem  beträchtlichen  Teile  der

ehrgegenstände  die  Lehr=  und  Prüfungssprache  die  ungarische  ist,  wenigstens
in  dem  Sinne,  daß  die  Unterrichtssprache  den  Fortschritt  der  eintretenden
Jünglinge  nicht  behindert  und  daß  die  daselbst  ausgebildeten  Zöglinge
die  ungarische  Sprache  vollkommen  innehaben,  so  daß  nach  einer  entsprechenden
Uebergangszeit  für  die  ungarischen  Staatsbürger  die  Kenntnis  der  ungarischen
  Sprache  eine  obligatorische  Grundbedingung  für  die  Ernennung
zum  Offizier  wäre.  (In  diesem  Passus  fordert  der  König  zwei  Streichungen,
im  Eingang  die  Worte  „.und  womöglich  unter  Leitung  von  ungarischen
Offizieren  stehenden“,  sowie  den  Schlußsatz  von  „so  daß"“  bis  „Offizier
wäre“.)  d)  Die  auf  Kosten  des  Landes  zu  errichtenden  ungarischen  Stiftsplätze
  werden  jenseit  der  Landesgrenzen  nur  für  solche  Ankaalten  verliehen
werden,  denen  entsprechende  Anstalten  auf  ungarischem  Gebiete  nicht  zur
Seite  stehen.  Sowie  aber  solche  Anstalten  auch  auf  ungarischem  Gebiete
errichtet  werden,  werden  die  entsprechenden  ungarischen  Stiftungsplätze  nur
an  diesen  Anstalten  verliehen  werden.  5.  Sämtliche  Behörden  der
ungarischen  Truppen  haben  mit  den  ungarischen  Behörden  ungarisch  zu
korrespondieren.  6.  Die  auf  Kroatien  und  Slavonien  bezüglichen  Bestimmungen
  des  Gesetzartikels  30  vom  Jahre  1868  werden  hierdurch  nicht
berührt.  7.  Zahlreiche  und  wichtige  Fragen  werden  innerhalb  des  Rahmens
der  Revision  des  Wehrgesetzes  zu  erwägen  sein,  vor  allem  die  zweiläprige
Dienstzeit  mit  Rücksicht  auf  die  finanzielle  Lage  des  Landes,  ferner  auf  die
gesetzliche  Feststellung  des  Friedensstandes  und  die  Kontingentierung  der
Ersatzreserve,  wie  auch  die  eventuelle  Abschaffung  und  Regelung  des  zweiten
Dienstjahres  der  Einjährig-Freiwilligen.  8.  Der  bezüglich  der  Kommandound
  Dienstsprache  des  Heeres  bestehende  gegenwärtige  Zustand  wird  auf
Grundlage  der  im  Jahre  1867  anerkannten  konstitutiouellen  Herrscherrechte
Seiner  Moajestät  aufrecht  erhalten.  Anstatt  dieses  Passus  verlangt  der
König  folgende  Fassung:  „Die  Partei  hält  ihren  Standpunkt  aufrecht,  daß
es  dem  König  zukomme,  die  Kommando=  und  Dienstsprache  des  einen
ergänzenden  Teil  der  gesamten  Armee  bildenden  ungarischen  Heeres  auf
Grund  seiner  im  Paragraph  11  des  Gesetzartikels  12  vom  Jahre  1867
anerkannten  konstitutionellen  Herrscherrechte  zu  bestimmen.“  Weiter  besagt
das  Programm;:  Die  politische  Verantwortlichkeit  des  Ministeriums  erstrecke
sich  auch  hierauf,  wie  auf  alle  Akte  der  Krone,  und  der  gesetzmäßige  Einfluß
des  Reichstages  bestehe  auch  diesbezüglich  aufrecht,  wie  bezüglich  jedes
konstitutionellen  Rechtes.  Diesen  Zustand  kann  die  Gesetzgebung,  Krone
und  Reichstag  zusammen,  abändern.  Indem  der  Reichstag  diese  Rechte
des  Landes  betont,  nimmt  er  die  Frage  der  Kommando=  und  Dienstsprache
in  sein  Programm  nicht  auf,  weil  er  dies  aus  wichtigen  politischen
Gründen,  welche  große  Interessen  der  Nation  berühren,  nicht  für  wünschenswert
  erachtet.
        <pb n="232" />
        224  Die  ãserreithisq·nngarise  Menarhie.  (Olt.  27.  -  Nov.  4.)

27.  Oktober.  Der  Böhmische  Landtag  wird  wegen  andauernder
  Obstruktion  der  Deutschen  vertagt.  (Über  die  Ursache
der  Obstruktion  s.  Ubersicht.)

27.  Oktober.  (Galizien.)  Die  ruthenischen  Abgeordneten
beschließen,  den  Landtag  zu  verlassen,  weil  ihre  Wünsche  in  sprachlicher
  Hinsicht,  insbesondere  der  Bau  eines  ruthenischen  Gymnasiums
in  Stanislau,  nicht  erfüllt  find.

30.  Oktober.  (Ungarn.)  Kabinettsbildung.

Die  liberale  Partei  genehmigt  nach  mehrtägiger  Beratung  das  vom
König  und  Tisza  festgestellte  Militärprogramm.  —  Hierauf  wird  folgendes
Kabinett  gebildet:  Tisza  Präsidium  und  Inneres,  Lucacs  Finanzen,  Hieronymi
  Handel,  Plosz  Justiz,  Tallian  Ackerbau,  Nyisy  Honvedminister,
Berczeviczy  Unterricht  und  Cseh  Minister  für  Kroatien.

Oktober.  (Wien.)  Der  niederösterreichische  Landtag  tadelt
auf  Antrag  des  Bürgermeisters  Lueger  die  Handhabung  der  Vivisektion
  an  der  Wiener  Universität.  Da  die  medizinische  Fakultät
dagegen  protestiert,  entspinnt  sich  eine  längere  Erörterung.

Ende  Oktober.  (Böhmen.)  Geistliche  und  nationale  Verhältnisse.


Der  Erzbischof  von  Prag  ermahnt  in  einem  Rundschreiben  seine
Kleriker,  allein  der  Kirche  ohne  Rücksicht  auf  die  Nationalität  zu  dienen.  —
In  deutschen  Kreisen  wird  lebhaft  über  das  Ueberhandnehmen  der  Slawen
im  Klerus  geklagt;  so  studierten  1900  in  Böhmen  345  Tschechen,  111  Deutsche
katholische  Theologie,  in  Mähren  20  Deutsche  und  243  Tschechen.  Auch  in
den  übrigen  Ländern  ist  das  Verhältnis  für  die  Deutschen  ungünstig.

4./5.  November.  (Ungarn.)  Im  Abgeordnetenhause  verhindert
  die  Opposition  durch  lärmende  Kundgebungen  den  Ministerpräsidenten
  Grafen  Tisza  seine  Programmrede  zu  halten.  —  Die
Obstruktion  geht  von  den  Klerikalen  aus.

4.  November.  (Ungarn.)  Im  Magnatenhause  legt  Ministerpräsident
  Graf  Tisza  sein  Programm  dar:

Er  weist  auf  die  schwere  und  andauernde  Störung  der  parlamentarischen
  Arbeiten  hin  und  führt  aus,  den  Ausgangspunkt  dieser  Störung
habe  der  Widerstand  gegen  die  Erhöhung  des  Rekrutenkontingents  gebildet.
Später  sei  in  weiten  Schichten  der  öffentlichen  Meinung  die  ungarische
Kommandosprache  gefordert  worden;  doch  sei  sich  die  gesamte  Nation  darüber
  einig,  daß  sie  die  Erfüllung  dieses  Wunsches  nicht  unter  Aufopferung
der  Harmonie  zwischen  der  Krone  und  der  Nation  fordern  dürfe.  Es
werden  nunmehr  bezüglich  der  Geltendmachung  des  Ungartums  in  der
gemeinsamen  Armee  so  bedeutende  Reformen  vorgeschlagen,  daß  gehofft
werden  kann,  daß  eine  Beruhigung  eintreten  werde.  Die  Herstellung
normaler  parlamentarischer  Verhältnisse  ist  um  so  notwendiger,  als  wir
bei  einem  Wendepunkt  der  internationalen  Wirtschaftspolitik  angelangt  sind,
der  auch  von  seiten  Ungarns  eine  Stellungnahme  fordert.  Wir  dürfen

nur  nicht  durch  Störung  des  verfassungsmäßigen  Gleichgewichts  die  öffentlichen
  Gewalten  zur  Untätigkeit  und  Ohnmacht  verurteilen.  Er  werde  für
        <pb n="233" />
        Bie  lerreichisch-ungerische  Monarcie.  (November  6.—17.)  225

eine  unveränderte  Annahme  der  Ausgleichsvorlagen  eintreten.  Die  Regierung
  werde  bemüht  sein,  daß  bei  den  Verhandlungen  über  die  Handelsverträge
  die  landwirtschaftlichen  und  industriellen  Interessen  im  gerechten
Verhältnis  berücksichtigt  werden.

6.  November.  (Ungarn.)  Ministerpräsident  Graf  Tisza
legt  im  Abgeordnetenhause  unter  großer  Unruhe  der  Opposition
sein  Programm  dar.

7.  November.  (Ungarn.)  Das  Abgeordnetenhaus  wählt
an  Stelle  Apponyis,  der  wegen  seiner  reservierten  Stellung  zum
neuen  Kabinett  das  Präsidium  niedergelegt  hat,  Perczel  zum  Präsidenten.


8.  November.  (Böhmen.)  Die  Jungtschechen,  Alttschechen
und  böhmischen  Agrarier  einigen  sich  über  ein  gemeinsames  Programm.


Es  bezeichnet  als  Grundlage  des  gemeinsamen  Vorgehens  der  drei
Parteien  das  böhmische  staatsrechtliche  Programm.  Zur  Erreichung  des
gemeinsamen  Zieles  werden  die  Parteien  anstreben:  föderative  Einrichtung
eines  habsburgischen  Staates,  Errichtung  einer  zweiten  tschechischen  Universität
  in  Mähren,  Reform  des  schlesischen  Volksschulwesens  in  nationalem
Geiste,  Errichtung  von  tschechischen  Volksschichten  mit  dem  Rechte  der
Oeffentlichkeit  in  Nieder-Oesterreich,  besonders  in  Wien,  gerechtere  Form
der  Wahlordnungen  in  den  gesetzgebenden  Körperschaften,  Sicherung  der
Einheit  aller  Länder  der  böhmischen  Krone  und  ihrer  Unteilbarkeit  in  politischer,
  nationaler  und  kirchlicher  Hinsicht,  insbesondere  Sicherung  gegen
jeden  Versuch  politischen  oder  wirtschaftlichen  Anschlusses  Oesterreichs  und
namentlich  von  Ländern  der  böhmischen  Krone  an  das  Deutsche  Reich.
Bezüglich  der  Heereseinrichtungen  wollen  die  Parteien  hinwirken  auf  ausgiebige
  Pflege  und  Gebrauch  der  tschechischen  Regimentssprache,  Einführung
der  tschechischen  Sprache  in  militärischen  Erziehungsanstalten  als  Unterrichtssprache,
  Gebrauch  der  tschechischen  Sprache  bei  Kontrollversammlungen
sowie  im  Verkehr  mit  den  Militärbehörden,  mit  autonomen  Behörden  und
mit  der  Bevölkerung  Böhmens.

9.11.  November.  (Wien.)  Parteitag  der  österreichischen

Sozialdemokratie.

Es  findet  eine  Auseinandersetzung  zwischen  Radikalen  und  Revisionisten
  statt,  bei  der  die  Radikalen  unterliegen;  die  hervorragendsten
Führer  Adler  und  Daszynski  bekennen  sich  zum  Revisionismus.  Es  wird
geklagt  über  das  Nachlassen  der  Agitation  zugunsten  des  allgemeinen  Wahlrechts;
  die  staatsrechtliche  Gemeinschaft  mit  Ungarn  wird  für  schädlich  erklärt;
sie  diene  nur  dem  materiellen  Interesse  Ungarns  und  dem  Glanze  der  Dynastie.

13.  November.  (Ungarn.)  Die  Unabhängigkeitspartei  beschließt,
  die  Militärvorlage  mit  den  schärfsten  Mitteln  zu  bekämpfen.

17.  November.  (Cisleithanien.)  Der  Finanzminister
v.  Böhm-Bawerk  legt  dem  Abgeordnetenhause  das  Budget  vor,  das
in  der  Ausgabe  1734771291  Kronen  und  in  der  Einnahme
1737509  991  Kronen  beträgt.

Europäischer  Geschichtskalender.  XITIV  15
        <pb n="234" />
        226  Jie  äserreichischungarische  Monarchie.  (November  17.—20.)

17.  November.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Körber
über  die  Militärfrage,  Verhältnis  zu  Ungarn,  Handelsverträge.

Ministerpräsident  v.  Körber  führt  aus,  seine  letzten  Aeußerungen
über  die  Armeefrage  (S.  218)  seien  in  Ungarn  vielfach  abfällig  kritisiert
worden.  Er  könne  aber  nichts  davon  zurücknehmen,  da  er  sich  streng  an
die  Ausgleichsgesetze  gehalten  habe.  Der  Ursprung  der  Armee  sei  teils
österreichisch,  teils  ungarisch,  ihre  Bestimmung  aber  diene  der  ganzen
Monarchie.  Deshalb  wurde  auch  die  einheitliche  Leitung  und  Führung,
sowie  die  innere  Organisation  ausschließlich  in  die  Hände  des  gemeinsamen
Herrschers  gelegt.  Das  österreichisch-ungarische  Gesetz  von  1867  stelle  ein
zwischen  Oesterreich  und  Ungarn  weise  verabredetes  Gleichgewicht  in  Bezug
auf  die  Armee  dar,  das  im  Interesse  der  Monarchie  vor  jeder  Veränderung
zu  behüten  sei.  Die  österreichische  Regierung  habe  die  jüngsten  Erklärungen
der  ungarischen  Regierung  geprüft  und  nichts  daran  wahrgenommen,  was
den  Ausgleichsgesetzen  zuwider  sein  könnte  und  die  Einheitlichkeit  der  gesamten
  Armee  und  der  Monarchie  zu  alterieren  vermöge.  Wenn  Ungarn
mit  diesen  Erklärungen  auch  die  Schwierigkeit  der  Votierung  des  gemeinsamen
  Budgets  und  die  Erneuerung  der  Handelsverträge  wegzuräumen
gedenke,  so  bringe  Oesterreich  diesen  Bemühungen  seine  wärmsten  Sympathien
  entgegen.  Im  Interesse  der  Dynastie  sei  es  gelegen,  jetzt  und  in
Zukunft  das  einträchtige  Zusammenleben  der  beiden  Reichshälften  zu  fördern.
  —  Was  die  wirtschaftliche  Lage  betreffe,  so  sei  der  Weg  zur  Besserung
  der  wirtschaftlichen  Interessen  durch  die  Erneuerung  des  Ausgleiches
mit  Ungarn  vorgezeichnet.  Ein  Zoll-  und  Handelsbündnis  mit  Ungarn
sei  der  beste  Handelsvertrag,  den  Oesterreich  erzielen  könne  und  sei  auch
der  beste  Handelsvertrag  für  Ungarn.  Beide  Reichshälften  litten  unter
den  Kämpfen  der  letzten  Jahre,  in  beiden  werde  der  Gedanke  zum  Durchbruch
  kommen,  daß  Friede  und  Freundschaft  mehr  nützen,  als  die  unausgesetzte
  Aufwühlung  der  Gemüter.  —  Von  den  Handelsverträgen  sei  der
mit  Italien  der  dringendste,  auch  mit  Deutschland  und  Rußland  werde
man  bald  in  Verhandlungen  eintreten.

18.  November.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Ministerpräsident
  Graf  Tisza  wendet  sich  gegen  die  Rede  Körbers  vom  17.:

Die  Bemerkungen  des  Dr.  v.  Körber  über  das  ungarische  Staatsrecht
  seien  dilettantische  Aeußerungen  eines  distinguished  foreigner,  über
die  er  sich  meritorisch  nicht  weiter  äußern  wolle  und  nicht  weiter  zu  äußern
brauche.  Es  mache  ja  nichts  aus,  wenn  das  österreichische  Staatsrecht  über
die  Hoheitsrechte  der  Krone  andere  Bestimmungen  enthalte  als  das  ungarische;
  derartige  Abweichungen  seien  für  Ungarn  gewiß  kein  Unglück.  Seine
(Tiszas)  Auslassungen  über  die  Hoheitsrechte  hätten  die  Zustimmung  des
allein  maßgebenden  Faktors  gefunden.  Auf  dieser  Grundlage  habe  er  die
Bildung  des  Kabinetts  übernommen  und  bei  dieser  klaren  Sachlage  könne
man  die  Kommentare  von  einer  nicht  kompetenten  Stelle,  die  nicht  mitzusprechen
  habe,  mit  der  größten  Kaltblütigkeit  hinnehmen.  Sicherlich  aber
würden  alle  Faktoren  der  ungarischen  Politik  sich  energisch  jedem  etwaigen
Versuche  widersetzen,  nicht  bloß  theoretische  Aeußerungen  zu  machen,  in
welchen  er  niemand  beirren  wolle,  sondern  in  ähnlicher  Richtung  auch  in
die  Praxis  einzugreifen.  —  Sämtliche  Parteien,  auch  die  radikale  Opposition,
  stimmen  Tisza  stürmisch  zu.

20.  November.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Debatte
  über  Tiszas  Rede  vom  18.  Erklärung  Körbers.
        <pb n="235" />
        Die  erreichisczungerische  Menarhie.  (November  20.)  227

Die  vereinigten  deutschen  Parteien  und  die  Klerikalen  interpellieren
die  Regierung  wegen  der  Angriffe  Tiszas  auf  Oesterreich.  Tiszas  Auffassung
  sei  geeignet,  auf  die  Führung,  Leitung  und  innere  Organisation
der  gesamten  Armee  eine  Rückwirkung  auszuüben,  und  daß  infolgedessen
der  Reichsrat  das  Recht  und  die  Pflicht  habe,  diese  Rückwirkung  nach
allen  Richtungen  hin  in  Erwägung  zu  ziehen,  um  so  mehr,  als  die  diesseitige
  Reichshälfte  zu  den  Kosten  des  gemeinsamen  Heeres  mehr  als  zwei
Drittel  beitrage.  Graf  Tisza  habe  zudem  einen  Ton  angeschlagen,  der  um
so  mehr  als  unerhört  bezeichnet  werden  müsse,  als  Dr.  v.  Körber  seinerseits
  zweifellos  in  entgegenkommender  Weise  gesprochen  hatte  und  als  die
Rede  des  Grafen  Tisza  an  eine  Regierung  gerichtet  war,  welche  unter
demselben  Monarchen  dieselben  verfassungsmäßigen  Pflichten  ausübt,  wie
die  ungarische  Regierung,  und  mit  welcher  gerade  im  gegenwärtigen  Augen-4
  die  für  beide  Staaten  wichtigsten  Angelegenheiten  verhandelt  werden
müssen.

Ministerpräsident  v.  Körber:  Er  habe,  als  er  in  der  letzten  Sitzung
des  Abgeordnetenhauses  ein  Bild  der  innerpolitischen  Lage  entwarf,  naturgemäß
  auch  die  Militärfrage  berühren  und  seine  Anschauungen  über  deren

esetzliche  Grundlagen  entwickeln  müssen.  In  einer  Uebergehung  dieser
rage  hätte  das  Haus  eine  ernstliche  Mißachtung  seiner  Prärogative  erkennen
  können.  Bei  gewissenhafter  Interpretierung  der  auf  die  österreichische
  Reichshälfte  bezüglichen  Ausgleichsgesetze  habe  er  den  Wortlaut
dieser  Gesetze  zitiert,  der  im  Laufe  der  Zeit  leider  vielfach  verdunkelt  worden
  sei.  Er  könne  den  Wert  begreifen,  welchen  der  ungarische  Ministerpräsident
  auf  die  Konstatierung  des  Rechtes  des  ungarischen  Reichstages
lege,  die  Ausgleichsgesetze  im  Einverständnisse  mit  der  Krone  selbständig
zu  modifizieren,  aber  auch  Tisza  habe  zugeben  müssen,  daß  eine  solche
Aenderung  jeder  praktischen  Geltung  entbehre,  so  lange  sie  nicht  auf  gesetzlichem
  Wege  auch  in  Oesterreich  beschlossen  werde.  Ich  kann  mich  —  fährt
Herr  v.  Körber  fort  —  ebensowenig  wie  irgend  ein  Oesterreicher  chauvinistisch
  an  eine  Formel  halten,  sondern  muß  das  Wesen  der  Sache  berücksichtigen,
  welches  darin  besteht,  daß  der  Inhalt  der  Ausgleichsgesetze  für
beide  Teile  so  lange  verbindlich  bleibt,  als  er  nicht  von  beiden  Teilen  auf
gesetzlichem  Wege  geändert  wird.  An  dieser  unerschütterlichen,  vielleicht
recht  bürgerlich  aussehenden,  aber  in  der  Wahrheit  wurzelnden  Uebereugung
  halte  er  fest.  Er  verweise  darauf,  daß  auch  der  ungarische
inisterpräsident  bei  der  Aufstellung  seiner  Theorie  sich  auf  das  Ausgleichsgesetz
  beziehen  mußte,  weil  dies  eben  ein  unübersteigliches  Hindernis
sei,  das  zum  Vorteil  der  Monarchie  einseitigen  Aspirationen  im  Wege
stehe.  Es  ist  gewiß  wahr,  daß  wir  im  Interesse  der  Monarchie  auch  unter
schmerzvollen  Erregungen  Entgegenkommen  bis  zum  äußersten  bewahren.
(Justimmung  bei  den  Deutschen.  Zwischenrufe  bei  den  Tschechisch-Radialen;
  Gegenrufe:  So  gehen  Sie  doch  nach  Ungarn!  Neuerliche  Unterbrechung
  seitens  der  Tschechisch-Radikalen  und  stürmische  Rufe  der  Mehrheit:
  Ruhe!  Ruhe!  Ruhe!  Der  Präsident  ruft  alsdann  den  tschechischen
Abg.  Choc  zur  Ordnung.)  Aber  wenn  man  uns  zumutet,  uns  unser  Recht
zu  reklamieren  und  zu  bezeugen,  streitig  machen  zu  lassen,  wenn  man  beansprucht,
  daß  wir  überhaupt  österreichisches  Recht  preisgeben,  so  sage  ich:
Niemals!  (Stürmischer  Beifall  der  großen  Mehrheit  des  Hauses.)  Und
so  wenig  unser  Recht  angetastet  werden  darf,  so  wenig  lassen  wir  diese
Platze  hier  als  minderwertige  hinstellen,  denn  sie  sind  uns  im  Namen  des
taates  anvertraut  und  wir  haben  sie  zu  verteidigen  wie  der  Soldat  die
Ehre  der  Fahne.  (Lebhafter  Beifall.)  Wenn,  was  Gott  verhüten  wolle,
das  Wort  „Fremder“  jemals  in  dieser  Monarchie  für  den  Angehörigen

«  15•
        <pb n="236" />
        228  HNie  lserreichisch-ungerische  Monarchie.  (Nov.  21.—Dez.  Anf.)

einer  Reichshälfte  in  Geltung  käme,  so  würde  daran  zu  erinnern  sein,  daß
der  ungarische  Ministerpräsident  der  Erste  war,  der  dies  Wort  ausgesprochen
hat.  (Lebhafter  Beifall  und  Händeklatschen  auf  seiten  der  Mehrheit;  Lärmen
  bei  den  chechisch-Radikalen).

Die  Tschechen  erklären,  die  Obstruktion  fortsetzen  zu  wollen,  so  lange
Körber  Ministerpräsident  sei  und  so  lange  die  Armee  zu  Germanisierungszwecken
  mißbraucht  werde.

21.  November.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Ministerpräsident
  Graf  Tisza  polemisiert  gegen  die  Ausführungen  Körbers:

Ein  österreichisch-ungarisches  Ausgleichsgesetz  sei  nicht  vorhanden;
es  gebe  nur  ungarische,  und  in  vielen  Punkten  von  diesen  abweichende
österreichische  Gesetze,  auf  deren  Dispositionen  die  Handhabung  der  gemeinsamen
  Angelegenheiten  beruhe.  Weiter  führt  Graf  Tisza  bei  der  Richtigstellung
  einer  anderen  Bemerkung  Körbers  aus,  daß  auch  ein  einseitiges
ungarisches  Gesetz,  selbst  wenn  es  gemeinsame  Angelegenheiten  abändere,
jedenfalls  Rechtskraft  besitze.  Dasselbe  Recht,  das  Ungarn  zustehe,  stehe
natürlich  auch  Oesterreich  zu.  Es  sei  eine  Entstellung,  zu  behaupten,  daß
Ungarn  dem  Grundsatz  der  Parität  Abbruch  tun  wolle.

22.  November.  (Ungarn.)  Der  ehemalige  Ministerpräsident
Baron  Bauffy  gründet  in  Klausenburg  eine  neue  Partei,  die  in
den  Dienst  des  „nationalen  Chauvinismus“  treten  soll.

November.  (Tirol.)  Die  Eröffnung  einer  freien  italienischen
Hochschule  in  Innsbruck  wird  verboten,  weil  eine  Störung  der  Ruhe
davon  zu  befürchten  sei.

25.  November.  (Cisleithanien.)  Im  Abgeordnetenhause
erklärt  Ministerpräsident  v.  Körber,  eine  Verständigung  zwischen
Deutschen  und  Tschechen  sei  vom  allergrößten  Vorteil  für  ÖOsterreich;
  Abg.  Groß  (fortschrittl.)  hält  sie  bei  den  jetzigen  Forderungen
der  Tschechen  für  unmöglich.

25.  November.  (Ungarn.)  Die  liberale  Partei  beschließt,
im  Abgeordnetenhause  die  Abhaltung  von  Doppelsitzungen  zu  beantragen.
  Abg.  Graf  Apponyi  tritt  deshalb  mit  22  Anhängern
aus.  —  Die  bisher  parteilosen  10  sächsischen  Abgeordneten  treten
in  die  liberale  Partei  ein.

27.  November.  (Ungarn.)  Abgeordnetenhaus.  Finanzminister
v.  Lukacs  legt  das  Budget  für  1903  vor,  das  die  Einnahmen  und
Ausgaben  auf  1084  Millionen  Kronen  veranschlagt.

27.  November.  (Ungarn.)  Das  Abgeordnetenhaus  beschließt
nach  8½stündiger  stürmischer  Sitzung  die  Abhaltung  von  Doppelsitzungen.


Anfang  Dezember.  Der  Reichskriegsminister  legt  in  einem
Erlaß  an  die  Militärkommandos  dar,  daß  es  für  die  Offiziere
wichtig  ist,  die  nationale  Sprache  ihres  Regiments  zu  erlernen.
        <pb n="237" />
        Die  österreithisch·nugarishe  Menarhhie.  (Dezember  3.  —  12.)  229

3.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Im  Abgeordnetenhause
verurteilt  Jaworski,  der  Führer  des  Polenklubs,  die  tschechische
Obstruktion  scharf.  Die  Tschechen  erklären,  ihre  Haltung  erst  nach
Körbers  Sturz  ändern  zu  wollen.

5.  Dezember.  (Ungarn.)  Die  Koffuthfraktion  gibt  die  Obstruktion
  auf,  die  liberale  Partei  verzichtet  auf  die  Doppelsitzungen.
Nur  die  katholische  Volkspartei  und  einige  Radikale  setzen  die  Obstruktion
  fort.

7.  Dezember.  Der  Reichskriegsminister  bestimmt,  daß  die
Abgänge,  die  sich  am  Jahresschlusse  bei  den  aus  den  Ländern  der
ungarischen  Krone  sich  ergänzenden  Truppen  durch  Entlassung  der
Drittjährigen  ergeben,  durch  Einberufung  der  im  nächsten  Jahre
übungspflichtigen  Mannschaft  für  den  4.  Januar  zu  einer  28tägigen
übung  zu  decken  find,  soweit  es  sich  für  den  Dienstbetrieb  als  notwendig
  erweist.

9.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Der  Versuch,  die  Geschäftsordnung
  des  Abgeordnetenhauses  zu  reformieren,  scheitert,  weil  die
kleinen  Parteien  ihre  Dringlichkeitsanträge  nicht  zurückstellen  wollen.

9.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Abgeordnetenhaus.  Auf
eine  Interpellation  des  italienischen  Klubs  verspricht  Minister
v.  Körber  die  Errichtung  einer  italienischen  Universität  an  einem
passenden  Ort.  Innsbruck  sei  dazu  ungeeignet.

12.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Herrenhaus.  Windischgrätz

  und  Körber  über  die  Armeefrage.

Fürst  Windischgrätz  interpelliert  über  die  Lage  in  der  Heeresangelegenheit.
  Ministerpräsident  v.  Körber:  Die  Regierung  halte  an  dem
Standpunkte  fest,  daß  eine  Aenderung  der  Ausgleichsgesetze  nur  im  Einverständnis
  beider  Reichshälften  und  auf  verfassungsmäßigem  Wege  erfolgen
  könne.  Bezüglich  der  Heeresfrage  halte  die  Regierung  an  der  ursprünglichen
  Auffassung  fest,  daß  die  einheitliche  Leitung  und  Führung
sowie  die  innere  Organisation  ausschließlich  dem  Monarchen  zustehe.  Daß
auch  für  Akte  der  Krone  innerhalb  dieser  Kompetenz  die  Verantwortlichkeit
  der  Regierung  gelte,  folge  aus  der  Verfassungsmäßigkeit  in  beiden
Staatsgebieten.  Der  Ministerpräsident  sei  in  Kenntnis  aller  beabsichtigten
Maßnahmen  gewesen.  Er  wolle  jedoch,  da  sie  zum  guten  Teil  noch  nicht
endgültig  feststehen,  in  eine  Wertabschätzung  derselben  nicht  eintreten,
sondern  erkläre  nur,  daß  die  äußere  und  die  innere  Einheitlichkeit  der
Armee,  ihre  Grundlagen  und  Traditionen  nicht  alteriert  werden  würden.
Die  Armee  werde  die  alte  bleiben,  erfüllt  vom  Gefühl  der  Pflicht,  für
Thron  und  Reich  ihren  letzten  Blutstropfen  zu  opfern.  Die  zu  treffenden
Verfügungen  würden  den  gegebenen  staatsrechtlichen  Verhältnissen  in  keiner
Weise  widersprechen.  Den  Gedanken  einer  Trennung  der  Armee  weise  er
zurück,  sie  wäre  ein  Verbrechen  gegen  das  gesamte  Reich.  So  weit  könne
es  nicht  kommen,  solange  die  Ausgleichsgesetze  gelten.  Fürst  Windischgrätz:
  Der  Oberbefehl  des  Kaisers  über  die  Armee  gehöre  zu  den  un-
        <pb n="238" />
        230  HNie  lerreichischungerische  Mosnarchie.  (Dezember  12.—16.)

beschränkten  Rechten  der  Krone,  über  deren  Quelle  hierzulande  keine  Erörterung
  nötig  sei.  Redner  bekämpft  aufs  schärfste  den  Gedanken  der
Schaffung  einer  selbständigen  ungarischen  Armee  und  begrüßt  die  Erklärung
des  Ministerpräsidenten,  daß  die  äußere  und  innere  Einheitlichkeit  der  Armee,
  ihre  Grundlage  und  Organisation  nicht  geändert  werden.  In  dieser
Beziehung  werde  die  Regierung  nicht  nur  die  Unterstützung  des  Hauses,
sondern  auch  Unterstützung  seitens  der  Gesamtheit  der  an  der  Aufrechterhaltung
  der  Machtstellung  interessierten  Bevölkerung  der  diesseitigen
Reichshälfte  finden.  Die  Regierung  werde  jedoch  nur  dann  in  die  Lage
versetzt  sein,  das  Schwergewicht  ihres  Einflusses  bei  den  für  die  gemeinsamen
  Angelegenheiten  der  Monarchie  verantwortlichen  Ratgebern  der
Krone  einzusetzen,  wenn  wieder  geregeltes  parlamentarisches  Arbeiten  im
Reich  möglich  sei.

12.  Dezember.  (Cisleithanien.)  Der  Reichsrat  wird  wegen
andauernder  Obstruktion  der  Tschechen  im  Abgeordnetenhause  vertagt.

14.  Dezember.  (Ungarn.)  Im  Abgeordnetenhause  erwidert
Ministerpräsident  Graf  Tisza  auf  die  Rede  Körbers  vom  12.:

ch  fühle  mich  verpflichtet,  der  betrübenden  Erscheinungen  zu  gedenken,
  welche  die  jüngste  Debatte  im  österreichischen  Herrenhause  geoffenbart
  hat.  (Lebhafte  Zustimmung  auf  allen  Seiten  des  Hauses.)  Wir  begegnen
  daselbst  lebendigen  Reminiszenzen  des  Zentralismus,  der  den  Staat
zweimal  an  den  Rand  des  Abgrundes  gebracht  hat.  Der  Dualismus  hat
diese  Aera  beendigt.  Der  Grundgedanke  des  Ausgleichs  war,  einen  konsolidierten
  ungarischen  Staat  auf  nationaler  Grundlage  zu  errichten  und
gleichzeitig  auch  Oesterreich  zu  konsolidieren.  Ungarn  unterstützte  diese
Bestrebungen  Oesterreichs  mit  aller  Kraft.  Trotzdem  hatten  die  Bemühungen
  wenig  Erfolg.  Der  staatliche  Zusammenhang  in  Oesterreich  ist
gelockert;  und  nun  sind  wir  Zeugen  der  verhängnisvollen  Verblendung,
daß  jene  Faktoren,  deren  Aufgabe  es  sein  würde,  Oesterreich  zu  konsolidieren,
  und  die  damit  gescheitert  sind,  nun  mit  dem  Anspruch  hervortreten,
in  Ungarn  Einfluß  zu  üben.  Graf  Tisza  bemerkt  sodann  bezüglich  der
Aeußerung  Dr.  v.  Körbers,  daß  die  durch  die  nationalen  Zugeständnisse
an  Ungarn  verheißene  Militärreform  noch  keine  vollzogene  Tatsache  sei.  Es
wäre  eine  Verletzung  der  schuldigen  Ehrfurcht  gegen  die  Krone,  daran  zu
zweifeln,  daß  die  zugesagten  Reformen  auch  wirklich  durchgeführt  werden.
Diese  Reformen  ständen  mit  dem  Ausgleich  nicht  in  Widerspruch.  Es  sei
völlig  überflüssig,  daß  man  in  Oesterreich  die  gemeinsame  Armee  und  den
Ausgleich  gegen  ungarische  Aspirationen  verteidige.  Ungarn  halte  treu
zum  Ausgleich.  Die  von  Kossuth  vertretene  Idee  der  Personalunion  habe
nur  einen  starken  Bundesgenossen,  nämlich  jene  Strömung  in  Oesterreich,
welche  sich  bemühe,  den  Ausgleich  im  zentralistischen  Sinne  auszulegen.
(Lebhafter  Beifall  auf  allen  Seiten  des  Hauses.)

15.  Dezember.  (Wien.)  Die  Delegationen  treten  zusammen.
Die  österreichische  wählt  Gautsch,  die  ungarische  den  Grafen  Szapary
  zum  Präsidenten.  —  Das  Budget  für  1904  balanziert  mit
374  975  389  Kronen.

16.  Dezember.  (Wien.)  Im  Ausschuß  der  ungarischen  Delegation

  legt  der  Minister  des  Auswärtigen,  Graf  Goluchowski,  die
auswärtige  Lage  dar.
        <pb n="239" />
        Die  ãsterreitjisq·nngarishe  Menarthie.  (Dezember  16.)  231

Er  gedenkt  zunächst  der  Erneuerung  des  Dreibundes:  Damit  wurden
neuerdings  die  Verhältnisse  konsolidiert,  welche  die  Basis  unserer  Friedenspolitik
  bilden  und  seit  bald  einem  Vierteljahrhundert  dem  ganzen  europäischen
  Kontinent  eine  Aera  ruhiger  und  erfolgreicher  Entwicklung  gesichert
haben.  Die  Bürgschaften  dafür,  daß  der  Fortbestand  des  Dreibundes  unsere
politischen  Interessen  auch  in  der  Zukunft  vollauf  zu  gewährleisten  vermag,
sind  sehr  reeller  Natur  und  um  so  höher  anzuschlagen,  als  sie  bei  einer
gleichmäßigen  Verteilung  von  Rechten  und  Pflichten  allen  Teilen  neben
der  Förderung  des  erhabenen  Friedenswerkes  eine  hinreichende  Bewegungsfreiheit
  einräumen,  um  ihnen  die  nachdrückliche  Wahrnehmung  und  Vertretung
  ihrer  spezifischen  Interessen  zu  gestatten.  Gegen  die  Richtigkeit
dieser  Auffassung  dürfte  heutzutage  kaum  mehr  ein  Widerspruch  erhoben
werden,  was  die  Genugtuung  beweist,  mit  der  die  Kunde  von  der  Fortdauer
  unserer  Allianzverhältnisse  ziemlich  allgemein  entgegengenommen
wurde,  ja  das  Verständnis,  welches  man  dieser  Tatsache  selbst  in  jenen
Kreisen  entgegenbrachte,  die  noch  in  der  jüngsten  Vergangenheit,  wenn  auch
vornehmlich  vom  engeren  Parteistandpunkte  beeinflußt,  unserer  politischen
Orientierung  ganz  entschieden  abhold  waren.  Zwar  fehlt  es  auch  heute
nicht  an  Widersachern;  dieselben  sind  aber  vereinzelt  und  rekrutieren  sich
aus  Leuten,  die  prinzipiell  an  allem  Kritik  üben,  oder  Elementen,  die  vor
keiner  noch  so  albernen  Erfindung  zurückschrecken,  um  ihrer  planmäßigen
Minierarbeit  immer  neue  Nahrung  zu  verschaffen.  Bedauerlich  ist  es,  daß
diesen  unverantwortlichen  Widersachern  innerhalb  unseres  eigenen  Gebietes
öfters  gleich  unverantwortliche  Elemente  von  auswärts  sozusagen  in  die
Hände  spielen,  indem  sie  ihnen  ein  vollkommenes  und  leicht  verwendbares
Material  zu  allerlei  Hetzkampagnen  bieten.  Doppelt  bedauerlich  ist  es,
wenn  derartige  Mannschaften  aus  einem  Lande  stammen,  mit  dem  wir,
wie  mit  Italien,  im  engen  Friedens-=  und  Freundschaftsbunde  stehen.  Die
irredentistischen  Manifestationen,  die  dort  seit  einigen  Monaten  im  verstärkten
  Maße  zum  Vorschein  kommen,  können  nicht  entschieden  genug  verurteilt
  und  zurückgewiesen  werden;  ich  halte  indessen  dafür,  daß  es  dennoch
verfehlt  wäre,  denselben  ein  größeres  Gewicht  beizulegen  als  das  hohler
Demonstrationen,  die  vor  allem  berufen  sind,  der  eigenen  Regierung  arge
Verlegenheiten  zu  bereiten.  Die  vornehme  Ruhe  und  Gelassenheit,  die
man  diesem  Treiben  gegenüber  bei  uns  zu  beobachten  pflegt,  wird  im
Verein  mit  den  von  der  königlich  italienischen  Regierung  an  den  Tag
gelegten  korrekten  Bemühungen,  den  fraglichen  Verirrungen  Einhalt  zu
gebieten,  wohl  am  ehesten  dazu  beitragen,  die  erwünschte  Ernüchterung
bald  herbeizuführen  und  die  guten  Beziehungen,  die  uns  ebenso  wie  dem
Nachbarkomigreiche  am  Herzen  liegen  müssen,  vor  ernsteren  Trübungen  zu

wahren.

Freundschaftlich  seien  die  Beziehungen  Oesterreich-Ungarns  zum
russischen  Reiche,  die  sich  allmählich  vertiefen  und  von  denen  eine  Vermehrung
  der  Friedensgarantien  erwartet  werden  dürfe.  Man  dürfe  heute
wohl  mit  Genugtuung  konstatieren,  daß  die  Hoffnungen,  welche  an  die
St.  Petersburger  Entente  vom  Jahre  1897  geknüpft  wurden,  vollauf  gerechtfertigt
  erscheinen.  Die  Erkenntnis  nämlich,  daß  kein  eigentlicher  Grund
u  einer  Politik  des  Mißtrauens  und  der  latenten  Anfeindung  vorhanden
"iaD  habe  beiderseits  immer  festere  Wurzeln  gefaßt.  In  Bezug  auf  das
Balkanproblem  bemerkt  Graf  Goluchowski:  Als  sich  in  den  letzten  Monaten
des  vorigen  Jahres  eine  bedenkliche  Gärung  unter  der  christlichen  Bevölkerung
  der  europäischen  Türkei  herausstellte,  verständigten  sich  die  Kabinette
von  Wien  und  St.  Petersburg  angesichts  der  Gefahr,  die  ein  längeres
Zuwarten  zur  Folge  gehabt  hätte,  im  Wege  eines  schriftlichen  und  Ende
        <pb n="240" />
        232  Die  österreithisch-nugarische  Menarthie.  (Dezember  16.)

Dezember  1902  beim  Wiener  Besuch  des  Grafen  Lamsdorff  in  mündlichem
Gedankenaustausch  über  die  zu  ergreifenden  Sanierungsmaßregeln.  Zu
allererst  wurde  die  Notwendigkeit  erkannt,  einen  anderen  als  den  bisherigen
  modus  procedendi  zu  wählen,  die  Beschlußfassung  über  die  zu
treffenden  Maßnahmen  dem  schwerfälligen  Apparate  des  europäischen  Konzerts
  zu  entziehen  und  die  Angelegenheit  zu  zweien  in  die  Hand  zu
nehmen  auf  Grund  eines  von  den  Signatarmächten  des  Berliner  Vertrages
zu  erwirkenden  Mandates.  Nach  einvernehmlicher  Feststellung  dieser
Modalität  handelte  es  sich  nunmehr  darum,  einen  passenden,  gefahrvollen  Umwälzungen
  vorbeugenden  Aktionsplan  zu  entwerfen.  Die  Aufgabe  war
keine  leichte.  Von  dem  Bestreben  geleitet,  eine  Reihe  von  Maßregeln  bei
der  türkischen  Regierung  durchzusetzen,  die  bei  der  gebotenen  Schonung
der  Lebensbedingungen  des  türkischen  Reiches  und  der  Erhaltung  der
Autorität  des  Landesherrn  der  christlichen  Bevölkerung  der  europäischen
Türkei  ernste  Garantien  für  eine  wirkliche  und  nachhaltige  Besserung  ihrer
Lage  bieten,  mußte  zunächst  der  Gedanke  der  Vereinigung  der  sogenannten
mazedonischen  Vilajets  zu  einer  autonomen  Provinz,  mit  einem  christlichen
Generalgouverneur  an  der  Spitze,  aus  dem  Programme  auzggeschaltet
werden,  einerseits  wegen  des  zu  erwartenden  Widerstandes  des  mohammedanischen
  Elements,  andrerseits  weil  die  Schaffung  eines  zweiten  Ost-Rumelien
  vor  allem  zum  Schaden  der  Türkei,  an  deren  Integrität  wir
unentwegt  festhalten,  und  zum  Nachteile  des  Gleichgewichts  unter  den
Balkanstaaten  ausgeschlagen  wäre.  Andrerseits  galt  es,  den  vielfachen
Uebelständen  auf  dem  Gebiete  des  Steuerwesens,  der  Gendarmerie=  und
Polizeiorganisation,  sowie  den  beständigen  Ausschreitungen  gegen  die
Christen  und  der  Willkür  gewissenloser  Funktionäre  zu  steuern.  Unsere
Forderungen  wurden  in  einem  Operate  zusammengefaßt,  das  von  den
Signatarmächten  gebilligt  und  vom  Sultan  zur  Durchführung  sanktioniert
wurde.  Wenn  dasselbe  auf  unbedingte  Vollständigkeit  und  Unfehlbarkeit
auch  nie  einen  Anspruch  erhob,  und  wir  uns  auch  von  vornherein  eine
Erweiterung  desselben  vorbehielten,  halten  wir  doch  an  der  Ueberzeugung
fest,  daß  das  angestrebte  Ziel  auf  dieser  Grundlage  mit  Zähigkeit  und
Ausdauer  zu  erreichen  ist.  Wir  verhehlen  uns  nie  die  Schwierigkeiten,
die  mit  der  Ausführung  dieses  Pensums  verbunden  sein  würden  und  die
sich  sofort  einstellten,  nicht  nur  auf  Seiten  der  Türkei,  sondern  auch
namentlich  und  überraschenderweise  auf  Seiten  der  bulgarischen  Mazedonier,
die  bisher  die  Erlangung  erträglicher  Existenzbedingungen  für  die  christlichen
  Völkerschaften  in  der  Türkei  als  das  einzige  Ziel  ihrer  Bemühungen
hingestellt  hatten,  nunmehr  aber  in  der  gewalttätigsten  Weise  gegen  die
beabsichtigten  Maßregeln  sich  auflehnten  und  verkündeten,  sich  mit  keiner
Lösung  zufrieden  geben  zu  wollen,  welche  nicht  ihren  weitgehenden  nationalen
  Postulaten  Rechnung  tragen  würde.  Der  Minister  schildert  dann,
wie  die  revolutionären  Komitees,  deren  Zentralleitung  sich  auf  bulgarischem
Boden  befand  und  denen  die  fürstliche  Regierung  eine  „fast  sträfliche  Toleranz“
  zuteil  werden  ließ,  zu  immer  tolleren,  verbrecherischeren  Streichen
Zuflucht  nahmen,  um  ähnliche  Grausamkeiten  auf  türkischer  Seite  hervorzurufen,
  die  in  der  Tat  nicht  nicht  ausblieben,  und  unter  denen  die  unschuldige
  und  friedliche  Bevölkerung  am  härtesten  zu  leiden  hatte.  Daß
unter  solchen  Umständen  das  Reformwerk  ins  Stocken  geraten  mußte,  ist
wohl  erklärlich.  Die  beiden  Kabinette  aber  verblieben  fest  auf  ihrem
Standpunkte  und  erkannten  die  Notwendigkeit,  zunächst  durch  die  ernstesten
Vorstellungen  sowohl  in  Sofia  als  auch  in  Konstantinopel  auf  der  Beseitigung
  jener  Momente  zu  bestehen,  welche  die  Aufregung  erzeugten  und
ihr  immer  neue  Nahrung  verschafften.  Weiter  stellte  sich  die  Notwendigkeit
        <pb n="241" />
        Die  H#erreichisch-ungarische  Monarchie.  (Dezember  16.)  233

heraus,  das  ursprüngliche  Reformprogramm  in  Bezug  auf  die  Durchführungsmodalitäten
  zu  ergänzen,  wozu  die  Mürzsteger  Zusammenkunft
Anlaß  bot.  Aus  dem  bezüglichen  Elaborat  kann  entnommen  werden,  daß
beide  Mächte  allen  Ernstes  an  die  Arbeit,  die  ihnen  oblag,  geschritten  sind
und  aufrichtigst  bemüht  waren,  ihre  Aufgabe  gewissenhaft  zu  lösen.  Gegenüber
  den  Kritiken,  die  auch  an  diesem  Operate  geübt  wurden,  ist  zu  betonen,
  daß  sich  die  Mächte  einerseits  der  Erkenntnis  nicht  verschließen
konnten,  daß  die  Türkei  ohne  effektive  Ueberwachungsmaßregeln  von  ihrer
selbstmörderischen,  den  europäischen  Frieden  bedrohenden  Politik  nicht  abzubringen
  sei,  daß  sie  aber  andrerseits  nicht  vergessen  durften,  daß  die
Beglückung  fremder  Völkerschaften  den  Interessen  der  eigenen  Sicherheit
und  Ruhe  nicht  vorangestellt  werden  kann.  Von  diesen  Erwägungen  geleitet,
  sind  wir  trotz  aller  abfälligen  Urteile  entschlossen,  uns  in  unserer
Vorgangsweise  nicht  beirren  zu  lassen  und  erblicken  im  festen  Einvernehmen
mit  dem  von  der  gleichen  Auffassung  ausgehenden  St.  Petersburger
Kabinette,  sowie  in  der  loyalen  Unterstützung  der  übrigen  Signatarmächte
eine  sehr  ernste  Gewähr  für  den  endgültigen  Erfolg  der  unternommenen
Aktion.  In  Konstantinopel,  wo  die  Klugheit  und  der  politische  Scharfblick
des  Sultans  durch  die  Annahme  der  Mürzsteger  Beschlüsse  über  die  vielfachen
  gegen  unsere  Aktion  gerichteten  Intrigen  den  Sieg  davongetragen
haben,  wird  man  hoffentlich  immer  mehr  zur  Einsicht  kommen,  daß  wir
nicht  als  Feinde,  sondern  vielmehr  als  uneigennützige  Freunde  der  Türkeie
auftreten,  und  daß  es  für  sie  nicht  von  Nutzen  sein  kann,  unsere  Aufgabe
durch  allerlei  Quertreibereien  zu  erschweren.  Sie  würde  nur  ihre  eigene
Existenz  in  Frage  stellen,  wollte  sie  unsere  Forderungen,  die  sie  allein  vor
jähem  Untergange  zu  bewahren  vermögen,  nicht  aufrichtig  und  loyal  berücksichtigen.
  Andrerseits  darf  man  sich  in  Sofia  nicht  der  Erkenntnis
verschließen,  daß  die  Haltung  der  fürstlichen  Regierung  gegenüber  der  revolutionären
  Bewegung  einer  sehr  genauen  und  strengen  Ueberwachung
unterzogen  wird  und  daß  Bulgarien  seinem  Schicksal  unbedingt  überlassen
werden  würde,  wenn  es  nicht  verstände,  seine  Politik  dem  Willen  der
Mächte  anzupassen,  und  nicht  alles  aufböte,  um  selbst  den  Verdacht  einer
strafwürdigen  Komplizität  an  friedenstörenden  Machenschaften  von  sich
fern  zu  halten.

Der  Minister  gedachte  hierauf  der  jedem  menschlichen  Gefühle  beh
sprechenden  Tragödie  im  Belgrader  Konak,  die  neben  der  ungewöhnlichen
Erregung  der  ganzen  zivilisierten  Welt  einen  Zustand  zu  schaffen  drohte,
der  mannigfache  sehr  ernste  Gefahren  für  die  friedliche  Entwickelung  der
Dinge  im  nächsten  Orient  zur  Folge  haben  konnte.  Oesterreich-Ungarn
durfte  als  durch  die  Belgrader  Geschehnisse  nächst  berührte  Macht,  nicht
zögern,  der  einstimmigen  Berufung  der  zweiten  nationalen  Dynastie  auf
den  Thron  Serbiens  seine  Zustimmung  zu  erteilen,  da  das  unglückliche
Land  nur  hierdurch  der  ihm  drohenden  Anarchie  entzogen  werden  konnte.
Dem  neuen  König,  der  eine  dornenvolle  Aufgabe  zu  erfüllen  hat,  liegt  die
Pflicht  ob,  das  durch  den  fluchwürdigen  Frevel  tiefgeschädigte  Ansehen
Serbiens  zu  heben  und  die  durch  heftige  Stürme  außer  Rand  und  Band
gekommenen  innerpolitischen  Verhältnisse  in  ruhigere  Bahnen  und  zu  einer
normalen  Entwicklung  zurückzuleiten.  Es  ist  zu  hoffen,  daß  König  Peter
im  gesunden  Teile  des  serbischen  Volkes  eine  feste  Stütze  zur  Vollbringung
dieser  regeneratorischen  Arbeit  finden  wird.  Mit  allen  Merkmalen  politischer
  Reife  und  kluger  Besonnenheit  verhielten  sich  den  jüngsten  Balkanwirren
  gegenüber  sowohl  Rumänien  als  Griechenland,  die  beide  dadurch
ihren  sehr  verdienten  Ruf  als  Elemente  der  Ruhe  und  Ordnung  in  den
Augen  Europas  neuerdings  befestigt  und  sich  als  verläßliche  Stützen  jenes
        <pb n="242" />
        234  Die  äfterreithisqh-nugarische  Menarthie.  (Dezember  16.  19.)

großen  Friedenswerkes  erwiesen  haben,  dem  wir  in  erfreulicher  Uebereinstimmung
  mit  allen  Großmächten  unsere  besten  Kräfte  zu  widmen  bemüht
  sind.  Graf  Goluchowski  verweist  sodann  darauf,  daß  in  allen  Ländern
immer  deutlicher  das  Bestreben  zum  Vorschein  kommt,  die  Garantien  des
Friedens  beständig  zu  vermehren  und  das  Hervortreten  scharfer  Gegensätze
  im  Wege  ausgleichender  Aussprache  einzudämmen.  In  den  seit  einiger
Zeit  immer  häufiger  werdenden  Zusammenkünften  der  Staatsoberhäupter
finde  dies  Bestreben  eine  nachhaltige  Förderung.  Namentlich  waren  die
letzten  Monate  an  solchen  Bewegungen  reich,  und  unter  denselben  trugen
die  Besuche  der  vielen  befreundeten  Souveräne  an  unserem  Hofe  nicht  am
wenigsten  den  Stempel  jener  ausnehmend  warmen  Herzlichkeit,  die  den
ausgezeichneten  und  vertrauensvollen  Beziehungen  entspricht,  welche  die
Monarchie  mit  allen  fremden  Staaten  in  so  glücklicher  Weise  verbinden.
Der  Minister  gedenkt  schließlich  des  Hinscheidens  der  achtungebietenden
  Gestalt  des  Papstes  Leo  XIII.  und  betont,  daß  das  jüngste
onklave  seiner  Aufgabe  in  einer  überaus  glücklichen  und  ungeteilte  Befriedigung
  erweckenden  Weise  nachkam.  Bei  diesem  Anlasse  trat  Graf
Goluchowski  den  mannigfachen  Kontroversen  und  Kritiken  über  die  Ausübung
  des  sogenannten  Veto-Rechtes  seitens  Oesterreich-Ungarns  entgegen
und  betonte,  daß  sowohl  die  Leugnung  des  Rechtes  als  die  Auffassung,
daß  seine  Ausübung  eine  unbefugte  Anmaßung  oder  eine  unstatthafte  Einmischung
  der  weltlichen  Macht  in  kirchliche  Angelegenheiten  bedeute,  durchaus
  unrichtig  sei.  Der  Minister  verwies  darauf,  daß,  wenn  auch  das
Veto  auf  keinem  bestimmten  Gesetze  beruhe  und  von  der  Kirche  niemals
ausdrücklich  anerkannt  wurde,  es  sich  doch  im  Laufe  der  Jahrhunderte  zu
einem  Gewohnheitsrechte  herausgebildet  habe,  und  daß  es  tatsächlich  zu
wiederholten  Malen  von  Trägern  der  habsburgischen  Krone  pari  Feasen
mit  Frankreich  und  Spanien  ausgeübt  wurde.  Der  mit  der  Erxklusion
Betraute  sei  immer  ein  Kardinal,  und  von  so  hohen  Kirchenfürsten  könne
doch  nicht  angenommen  werden,  daß  sie  sich  zu  einer  unkanonischen  Handlung
  hergeben  würden.  Das  heilige  Kollegium  als  solches  habe  auch  nie
einen  formellen  Protest  erhoben,  stets  sei  vielmehr  eine  angemeldete  Ausschließung
  berücksichtigt  worden.  Das  gegenwärtige  Veto  hat  eher  den
Charakter  eines  Wunsches  oder  eine  Warnung,  und  es  kann  einen  Einfluß
auf  die  Gültigkeit  der  einmal  getroffenen  Wahl  nicht  ausüben;  denn  den
Mächten,  die  es  erheben,  stehen  heuzutage  noch  weniger  als  jemals
materielle  Mittel  zur  Verfügung,  um  ihm  Geltung  zu  verschaffen,  falls  es
dem  Kardinalskollegium  belieben  sollte,  von  demselben  keine  Notiz  zu
nehmen.  Ganz  entschieden  aber  muß  die  Behauptung  zurückgewiesen
werden,  als  ob  Oesterreich-Ungarn  bei  Ausübung  des  Veto-Rechtes  als
Repräsentant  einer  politischen  Konstellation  aufgetreten  wäre.  Eine  Berhandlung
  oder  selbst  ein  Gedankenaustausch  über  diesen  Gegenstand  hat
niemals  und  mit  niemandem  stattgefunden.  Wir  haben  in  voller  Entschließungsfreiheit
  gehandet,  ohne  daß  eine  Anregung  dazu  von  irgendeiner
Seite  ausgegangen  wäre.

16.  Dezember.  (Wien.)  Der  Kaiser  empfängt  die  Delegationen
  und  spricht  sich  scharf  über  die  tschechische  Obstruktion
aus,  die  nichts  erreichen  werde.

19.  Dezember.  (Wien.)  In  der  österreichischen  Delegation

werklärt  Kaftan  (tsch.)  die  ungarischen  Armeeforderungen  für  berechtigt
  und  verlangt  dasselbe  für  die  Tschechen.
        <pb n="243" />
        Die  Uerreichischungerische  Menarczie.  (Dezember  22.723.)  235

22./23.  Dezember.  (Ungarisches  Abgeordnetenhaus.)  Obstruktion,
  Militärfrage  und  auswärtige  Politik.

Landesverteidigungsminister  Nyiri  begründet  die  Zurückhaltung
der  Soldaten  des  dritten  Jahrganges  und  die  Einberufung  der  Ersatzreserve,
  indem  er  sich  einerseits  auf  die  Anforderungen  des  Dienstes  im
Frieden,  der  Stetigkeit  und  Ausbildung  und  der  Sicherung  der  Kriegstüchtigkeit,
  andererseits  aber  auf  die  Ungewißheit  der  politischen  Lage  auf
der  Balkanhalbinsel  beruft,  die  es  als  fahrlässige  Leichtfertigkeit  erscheinen
lassen  würde,  für  die  Schlagfertigkeit  der  Armee  nicht  vorzusorgen.  Hierfür
  könnte  die  Heeresverwaltung  unter  keinen  Umständen  die  Verantwortung
übernehmen.  Die  Opposition  hätte  diese  viele  Tausende  unschuldiger
Familien  hart  treffende  Verfügung  vermeiden  können,  sie  setzt  aber  statt
dessen  ihr  Verheerungswerk  auch  jetzt  noch  fort.  Auch  jetzt  noch  ist  es
nötig,  das  Rekrutenkontingent  möglichst  frühzeitig  zu  bewilligen,  denn  je
später  dies  geschieht,  desto  länger  müssen  die  Ersatzreservisten  im  Dienste
behalten  werden.  Ohnehin  werden  sich  noch  das  ganze  Jahr  1094  hindurch
  Störungen  in  der  Armee  geltend  machen,  weil  die  Rekruten  statt
im  Oktober  um  einige  Monate  später  einrücken  werden.  Unter  solchen
Umständen  ist  die  Vogel-Strauß-Politik  der  Obstruktionisten,  die  nicht
einsehen  wollen,  daß  die  öffentliche  Meinung  sich  ganz  geändert  hat,
unbegreiflich.

Am  folgenden  Tage  weist  Ministerpräsident  Graf  Tisza  auf  die
Schäden  hin,  welche  dem  Lande  erwachsen  würden,  wenn  es  an  den  Handelsvertragsverhandlungen
  mit  ausländischen  Staaten  nicht  rechtzeitig  teilnehmen
  könne.
        <pb n="244" />
        III.
Portugal.

2.  Januar.  Der  König  eröffnet  die  Cortes.

In  der  Thronrede  erinnert  der  König  daran,  daß  Portugal  dem
Protokoll  der  Mächte  in  Peking  zugestimmt  habe.  China  habe  sein  Zollregime
  um  Macao  geändert;  den  Cortes  werde  die  Konvention  hierüber
zur  Prüfung  zugehen;  auch  andere  Vorteile  seien  Portugal  zugestanden,
wodurch  der  Bau  der  Eisenbahn  erleichtert  werde,  welche  Macao  mit  den
Handelszentren  Chinas  verbindet.  Die  Thronrede  zählt  hierauf  die  Maßnahmen
  für  den  weiteren  Ausbau  des  Hafens  von  Lourenco  Marques,
sowie  die  unternommenen  Arbeiten  in  den  anderen  Kolonien  Portugals
auf.  Ueber  die  Staatsschulden  wird  mitgeteilt,  die  Generalversammlungen
der  Inhaber  der  äußeren  Schuld  in  Deutschland,  England,  Frankreich,
Belgien  und  Holland  hätten  der  Konversion  zugestimmt,  welche  mit  Genehmigung
  der  Cortes  bereits  in  der  Ausführung  begriffen  sei.  Mehr  als
vier  Fünftel  der  Titres  seien  bereits  konvertiert.  Die  Lage  des  Wechselkurses
  habe  sich  sehr  gebessert.  Die  demnächstige  Erneuerung  der  Handelsverträge
  mache  eine  Revision  der  Zolltarife  wünschenswert.  Die  Regierung
werde  die  Konversion  der  Titres  der  inneren  Schulden  in  neue  Titres,
insbesondere  zur  Konsolidation  der  schwebenden  Schuld  beantragen.

27.28.  Februar.  Das  Kabinett  wird  teilweise  umgebildet;
Hintze-Ribeiro  bleibt  Ministerpräfident.

Mitte  März.  (Coimbra.)  Streitigkeiten  über  die  Gemeindesteuern
  führen  zu  Streiks  und  großen  Unruhen,  an  denen  sich  auch
Studenten  beteiligen.  Militär  greift  ein,  es  werden  mehrere  Personen
  getötet.

2.—7.  April.  Besuch  des  Königs  von  England  in  Lissabon.  —
König  Carlos  bezeichnet  in  einem  Trinkspruch  am  5.  April  König
Eduard  als  seinen  teuren  Alliierten;  König  Eduard  erwidert,  die
altbewährte  Allianz  werde  unvergänglich  sein.

April.  Der  Kardinalpatriarch  von  Lissabon  legt  beim  obersten
portugiesischen  Gericht  Berufung  gegen  einige  liturgische  Anordnungen
  des  Vatikans  ein.  Er  wird  deshalb  exkommuniziert,  aber
auf  seine  Bitte  wird  die  Exkommunikation  aufgehoben.

Dezember.  Besuch  des  Königs  von  Spanien  in  Lissabon.
        <pb n="245" />
        IV.
Spanien.

Anfang  Januar.  (Barcelona.)  Ein  Ausstand  der  Fuhrleute
  führt  zu  großen  Unruhen.

5.  Januar.  (Madrid.)  Der  frühere  liberale  Ministerpräsident
  Sagasta,  75  ½  Jahre  alt,  .  —  Er  wird  auf  Staatskosten
  beerdigt.

10.  Januar.  (Madrid.)  Gegen  den  Wagen  des  Oberkammerherru
  des  Königs  wird  ein  erfolgloser  Revolverschuß  abgegeben.
  Da  der  Wagen  hinter  dem  des  Königs  dreinfährt,  wird
vielfach  angenommen,  das  Attentat  habe  dem  König  gegolten.  Der
Attentäter  behauptet,  aus  persönlicher  Rache  gehandelt  zu  haben.

24.  Januar.  (Madrid.)  Liberales  Parteiprogramm.

Eine  Versammlung  der  ehemaligen  liberalen  Minister  setzt  für  das
Programm  der  Partei  folgende  Hauptpunkte  fest:  Freiheit  des  Vereinsrechtes,
  selbst  für  religiöse  Vereinigungen,  allgemeines  obligatorisches  Wahlrecht,
  Unvereinbarkeit  eines  Abgeordnetenmandats  mit  anderen  Aemtern,
Fernhaltung  von  europäischen  Streitfragen,  Engerknüpfung  der  Bande  mit
Portugal  und  dem  spanisch  redenden  Amerika,  Wiederherstellung  der  Flotte,
Maßregeln  zugunsten  der  niederen  Bevölkerungsklassen,  Amortisierung  der
äußeren  Schuld.

Februar.  An  vielen  Orten,  vornehmlich  in  Röus,  Barcelona,
  Cadix  und  Corunna,  finden  Ausstände  statt.  In  Cadix  muß
die  Gendarmerie  einschreiten,  mehrere  Streikende  werden  getötet.
Der  Plan  eines  Generalausstandes  in  Barcelona  scheitert.

25.  März.  Finanzminister  Villaverde  tritt  zurück,  weil  er
jede  Erhöhung  der  Ausgaben  ablehnt,  während  die  Ressortminister
größere  Aufwendungen  für  ihre  Ressorts  verlangen.  Sein  Nachfolger
  wird  Rodriguez  San  Pedro.

Anfang  April.  In  Saragossa,  Madrid  und  Salamanca  finden
blutige  Zusammenstöße  zwischen  Studenten  und  Polizisten  statt.

12.  April.  (Barcelona.)  Die  Republikaner  beschließen,  eine

einheitliche  Partei  unter  Führung  Salmerons  zu  bilden.
        <pb n="246" />
        238  Spanien.  (April  26.  —  August.)

26.  April.  Abgeordnetenwahlen.

Nach  der  Statistik  des  Ministeriums  des  Innern  werden  gewählt
232  Ministerielle,  70  Liberale,  11  Demokraten,  10  Anhänger  des  Herzogs
von  Tetuan,  6  Anhänger  Romero  Robledas,  28  Republikaner,  7  Karlisten,
6  Catalonier,  2  Integristen,  8  Unabhängige  und  2  Wilde.  —  Die  Wahlen
rufen  viele  Unruhen  hervor.  In  Madrid  siegen  die  Republikaner.

10.  Mai.  Bei  den  Wahlen  zum  Senat  werden  gewählt:
106  Konservative,  47  Liberale,  3  Anhänger  des  Herzogs  von  Tetuan,
3  Demokraten,  1  Regionalist,  2  Republikaner,  5  Unabhängige,
1  Karlist  und  4  dem  geistlichen  Stande  Angehörige.

18.  Mai.  Der  König  eröffnet  die  Cortes.  In  der  Thronrede
  betont  er  insbesondere  die  Notwendigkeit,  die  wirtschaftliche
Lage  zu  fördern  und  das  Konkordat  neu  zu  regeln.

24.  Mai.  Besuch  des  Prinzen  Heinrich  von  Preußen  in
Madrid.

Juni.  (Barcelona.)  Ein  großer  Ausstand  legt  den  Verkehr
  zum  großen  Teil  lahm.

19.  Juni.  (Cortes.)  Budget  und  Flottenbau.

Finanzminister  San  Pedro  legt  das  Budget  für  1904  der  Kammer
vor;  die  Einnahmen  werden  auf  1000033  839  Pesetas,  die  Ausgaben  auf
968  377  110  und  der  Ueberschuß  mithin  auf  31656  729  Pesetas  geschätzt.
Marineminister  Toca  teilt  mit,  daß  die  Regierung  einen  Gesetzentwurf
eingebracht  habe,  wonach  ein  Geschwader  geschaffen  werden  soll,  für  welches
die  Kosten  in  dem  laufenden  Budget  nicht  inbegriffen  sind.  Das  Gegwader
  soll  aus  7  Panzern,  3  Kreuzern  und  mehreren  Torpedobooten

estehen.

27.  Juni.  Auf  der  Strecke  Bilbao-Saragossa  stürzt  ein
Eisenbahnzug  in  den  Fluß  Nagerillon.  Über  hundert  Personen
kommen  um.

17.  Juli.  Einvernehmen  zwischen  Frankreich  und  Spanien.

Ministerpräsident  Silvela  erklärt  in  den  Cortes,  daß  Frankreich
und  Spanien  gemeinsam  bestrebt  seien,  den  status  quo  in  Marokko  aufrecht
  zu  erhalten.  Es  sei  nötig,  bedeutende  See-  und  Landstreitkräfte  zu
unterhalten,  und  erwünscht,  ein  vollkommenes  Freundschaftsverhältnis  mit
dem  stammverwandten  Frankreich  herbeizuführen.  —  In  der  Presse  wird
die  Möglichkeit,  ein  enges  Bündnis  mit  Frankreich  abzuschließen,  lebhaft
diskutiert.

19./20.  Juli.  Ministerwechsel.

Da  die  vom  Ministerpräsidenten  zueren  Pläne  des  Marineministers,
  7—800  Millionen  für  die  Flotte  aufzuwenden,  im  Kabinett
Widerstand  finden,  gibt  das  Ministerium  seine  W  —  Kammer- 



präsident  Villaverde  bildet  folgendes  neue  Kabinett:  Graf  San  Bernardo
Auswärtiges,  Buganal  Justiz,  Besada  Finanzen,  General  Martitegni  Krieg,
Estram  Marine,  Garcia  Alig  Inneres,  Osma  Unterricht,  Gasset  Ackerbau.

August.  In  vielen  Städten,  namentlich  in  Cadix,  Sedvilla,
Murcia,  Barcelona,  brechen  Ausstände  und  Unruhen  aus.
        <pb n="247" />
        Spanien.  (September  Mitte  —  Dezember  6.)  239

Mitte  September.  (Madrid.)  Wegen  allerlei  Betrügereien
werden  sämtliche  Polizeiagenten  abgesetzt.

Anfang  Oktober.  Den  Arbeitern  wird  das  passive  Wahlrecht
  für  die  Gemeindewahlen  verliehen.

11.  Oktober.  (Bilbao.)  Anläßlich  einer  Prozession  kommt
es  zu  blutigen  Kämpfen  zwischen  Klerikalen  und  Sozialisten.

21.  Oktober.  Die  Kammern  treten  zusammen.  Ministerpräsident
  Villaverde  erklärt  Herstellung  des  Gleichgewichts  im
Budget  für  die  Hauptsorge  der  Regierung.

Ende  Oktober.  (Bilboo.)  Streiks  und  Unruhen.

Die  Grubenarbeiter  verlangen  wöchentliche  Lohnzahlung  anstatt  der
vierzehntägigen.  Da  die  Forderung  abgelehnt  wird,  treten  sie  in  Ausstand,
  an  dem  sich  die  übrigen  Arbeiter  beteiligen,  so  daß  zeitweilig
40000  Arbeiter  feiern.  Anarchisten  mischen  sich  ein,  es  kommt  zu  häufigen
blutigen  Kämpfen  mit  Polizei  und  Truppen.  Nach  mehreren  Tagen  wird

der  Ausstand  durch  ein  Kompromiß  beendet  (2.  November),  in  dem  die
wöchige  Lohnzahlung  vom  1.  Januar  an  bewilligt  wird.

November.  In  den  Minendistrikten  Santander,  Huelva  und
Pena  Hierro  finden  Ausstände  und  Unruhen  statt.

8.  November.  Bei  den  Gemeindewahlen  werden  über  2000
Monarchisten  und  gegen  900  Republikaner  gewählt.

Ende  November.  Spanien  bricht  mit  Venezuela  die  diplomatischen
  Beziehungen  ab,  weil  der  spanische  Konsul  in  La  Guaira
geringschätzig  behandelt  worden  ist.

3.|6.  Dezember.  Ministerwechsel.

Die  Regierung  hatte  in  der  Kammer  den  Abg.  Dominguez  Pasqual
zur  Einbringung  eines  Antrags  veranlaßt,  durch  den  das  Ministerium
ermächtigt  werden  sollte,  die  bereits  genehmigten  Budgetkapitel  alsbald  zur
Ausführung  zu  bringen,  allerdings  unbeschadet  etwaiger  späterer  Abänderungen
  durch  Kammerbeschlüsse.  Die  Bureaus  der  Kammer  erklärten  sich
mit  der  Beratung  des  Antrags  zwar  einverstanden,  aber  sie  hoben  zugleich
hervor,  daß  der  Vorschlag  gröblich  gegen  die  Verfassung  verstoße  und  den
Republikanern  die  Berechtigung  geben  würde,  Anträge  auf  Abänderung
der  Regierungsform  zu  stellen.  Aus  diesem  Grunde  und  da  die  Obstruktion
  der  Republikaner  sowie  die  Haltung  aller  Minderheitsparteien  die
Annahme  der  Anträge  Dominguez  Pasquals  zweifelhaft  erscheinen  ließ,
beschloß  Villaverde  mit  seinen  Kollegen  die  Demission  des  Kabinetts  (3.  Dezember).
  —  Am  8.  Dezember  wird  folgendes  Kabinett  gebildet:  Präsidium
Maura,  Aeußeres  San  Pedro,  Justiz  Toca,  Krieg  Linarcs,  Marine
Ferandiz,  Finanzen  Osma,  Inneres  Sanchez  Guerra,  Unterricht  Dominguez
  Pascual,  öffentliche  Arbeiten  Allen  de  Salazar.  —  Das  Kabinett  will
das  Programm  Silvelas  ausführen.
        <pb n="248" />
        V.
Großbritannien.

Anfang  Januar.  Die  englische  Presse  polemisiert  scharf  gegen
Deutschland,  weil  die  deutsche  Regierung  die  Forderung  Englands
an  die  Pforte,  russischen  Torpedobooten  die  Durchfahrt  durch  die
Dardanellen  zu  verbieten,  nicht  unterstütze.  (Vgl.  1902.)

23.  Januar.  (London.)  Der  Irländer  Lynch,  der  im  südafrikanischen
  Kriege  gegen  England  gefochten  hat,  wird  zum  Tode
verurteilt.

Anfang  Februar.  (Irland.)  Der  Ausnahmezustand  wird
in  den  meisten  Bezirken  aufgehoben.

17.  Februar.  Der  König  eröffnet  das  Parlament.

Die  Thronrede  berührt  die  Venezuelaangelegenheit,  die  nun  zu
einem  befriedigenden  Abschluß  gekommen  sei.  Die  Regierungen  Oesterreich-Ungarns
  und  Rußlands  stellten  Erwägungen  darüber  an,  von  welchen
Reformen  es  wünschenswert  wäre,  daß  die  Mächte,  die  an  dem  Berliner
Vertrag  teilnahmen,  sie  dem  Sultan  zur  sofortigen  Annahme  empföhlen.
Ich  vertraue,  daß  die  gemachten  Vorschläge  sich  für  den  Zweck  als  ausreichend
  erweisen,  und  daß  ich  es  möglich  finden  werde,  ihnen  meine
herzliche  Unterstützung  zu  leihen.  —  Der  König  bedauere,  daß  die  Bemühungen
  der  britischen  Regierung,  zusammen  mit  der  türkischen  Regierung
eine  gemeinsame  Festsetzung  der  Grenzen  des  Hinterlandes  von  Aden  durchzuführen,
  bisher  noch  zu  keiner  Abmachung  geführt  hätten.  Die  Verhandlungen
  über  diesen  Gegenstand  würden  als  dringliche  betrieben.  —
Die  Rede  erwähnt  die  Landung  englischer  Truppen  in  Obbia  zum  Zwecke
des  Vorgehens  gegen  den  Mullah  und  hebt  die  herzliche  Mitwirkung
Italiens  bei  diesem  Unternehmen  hervor  und  gibt  der  Hoffnung  Ausdruck,
daß  die  Operationen  das  Ergebnis  haben  werden,  die  Stämme  in  den
Protektoraten  Englands  und  Italiens  vor  weiteren  Belästigungen  zu  bewahren.
  —  Die  Entwicklung  in  Südafrika  schreite  in  befriedigender  Weise
sort.  Der  Besuch  des  Kolonialministers  dortselbst  habe  bereits  die  besten
Erfolge  gezeitigt.  Persönliche  Besprechungen  mit  Milner  und  den  Ministern
der  sich  selbst  regierenden  Kolonien  und  Vertretern  aller  Interessen  und
Meinungen  habe  viel  dazu  beigetragen,  die  Lösung  mancher  schwierigen
Frage  zu  erleichtern  und  viele  Ursachen  zu  Mißverständnissen  zu  beseitigen.
Die  Krönungsfeierlichkeit  in  Delhi,  deren  Glanz  beispiellos  gewesen  und  bei
der  von  den  tributpflichtigen  Fürstlichkeiten,  Häuptlingen  und  allen  Klassen
        <pb n="249" />
        Großbritennien.  (Februar  18.)  241

der  indischen  Bevölkerung  erfreuliche  Kundgebungen  der  Loyalität  und
Hingebung  dargebracht  worden.  feien,  zusammengesallen  sei  mit  dem  Verschwinden
  der  Dürre  und  der  landwirtschaftlichen  Bedrängnis  im  westlichen
Indien.  Die  Aussichten  für  Landwirtschaft  und  Handel  seien  jetzt  in
anz  Indien  ermutigender  und  befriedigender  als  seit  einer  Reihe  von
Sabten.  —  Die  Thronrede  bemerkt  sodann  bezüglich  des  Budgets,  obgleich
dasselbe  mit  gebührender  nalssichtsnapmme  auf  die  wirtschaftliche  Lage  aufgestellt
  sei,  machten  doch  die  Bedürfnisse  des  Landes  und  des  Reiches  große
Ausgaben  unvermeidlich.

18.  Februar.  (Unterhaus.)  Debatte  über  die  Lage  in  Perfien
und  China.  Verhältnis  zu  Rußland  und  Deutschland.

Auf  Anfragen  mehrerer  Abgeordneten  erwidert  Unterstaatssekretär
Cranborne:  Die  englische  Politik  in  Persien  sei  unverändert;  es  liege
kein  Grund  vor,  weshalb  die  Interessen  Englands  und  Rußlands  in  Zentralasien
  miteinander  in  Widerstreit  geraten  sollten.  Das  Feld  sei  weit  und
die  Ziele,  welche  England  und  Rußland  in  verschiedener  Weise  im  Auge
hätten,  seien  ausreichend,  um  alle  ihre  Kräfte  zu  beschäftigen.  Der  Inhalt
der  zwischen  England  und  Rußland  über  Perzen  gewechselten  Noten  gehe
auf  beiderseitige  Anerkennung  der  Integrität  Persiens.  Soweit  er  wisse,
habe  die  russische  Regierung  niemals  versucht,  diese  Auslegung  anzufechten.
England  verfolge  eine  Politik  der  Handelsentwicklung  in  Persien.  Er
fürchte,  daß  der  russisch-persische  Handelsvertrag  so  abgefaßt  sei,  daß  er  in
sehr  ernster  Weise  den  britischen  Handel  mit  Persien  hemme.  Die  britische
Regierung  habe  davon  Kenntnis  genommen  und  habe  ernste  Vorstellungen
bei  der  persischen  Regierung  erhoben  und  dem  britischen  Vertreter  in
Teheran  bestimmte  Anweisungen  gegeben.  Er  könne  gegenwärtig  nicht  mehr
sagen,  er  hoffe  aber,  daß  in  Kürze  eine  genauere  Erklärung  über  das
Ergebnis  dieser  Vorstellungen  werde  abgegeben  werden  können.  Es  sei
eine  handelspolitische  Mission  nach  Persien  entsandt  worden,  zu  dem  Zwecke,
Mittel  zur  Ausdehnung  des  Handels  mit  Persien  und  zur  Erschließung
der  persischen  Märkte  ausfindig  zu  machen.  Bezüglich  Chinas  führt
Cranborne  aus,  es  sei  ihm  nicht  bekannt,  daß  irgend  eine  andere  Macht
bisher  ihre  Zustimmung  zu  dem  chinesischen  Handelsvertrag  gegeben  habe.
Die  russische  Regierung  habe  sich  von  Niutschwang  noch  nicht  gänzlich
zurückge  zogen;  die  Frist,  innerhalb  welcher  Rußland  sich  verpflichtet  habe,
dieses  Gebiet  zu  räumen,  sei  aber  noch  nicht  verstrichen.  Die  kaiserliche
Zollverwaltung  in  Niutschwang  stehe  unter  Sir  Robert  Hart.  Ueber  das
deutsch-chinesische  Abkommen,  welches  vor  der  Zurückziehung  der  Truppen
aus  Schanghai  abgeschlossen  wurde,  sagt  Cranborne,  die  Regierung  habe
keinen  Grund  gesehen,  weshalb  die  Zurückziehung  der  Truppen  aus  Schanghai
hätte  zu  einer  erneuten  Erklärung  Veranlassung  geben  sollen.  Die  Regierung
habe  das  Abkommen  mit  der  chinesischen  Regierung  nicht  anerkannt.  China
habe  England  die  Versicherung  gegeben,  daß  es  nicht  zugeben  würde,  daß
irgend  etwas,  was  geschehen  sei,  den  englischen  Rechten  im  Jangtsegebiet
präjudiziere.  Obgleich  die  englische  Regierung  mit  Deutschland  in  dieser
Angelegenheit  verschiedener  Meinung  gewesen  sei,  habe  sie  keinen  Grund

ehabt,  mit  dem  Ergebnis  dieser  Umstände,  wie  sie  sich  im  vergangenen.
Nember  gestalteten,  unzufrieden  zu  sein.  Ein  annehmbarer  modus  vivendi
  sei  bezüglich  der  Konsulargerichtsbarkeit  in  Schanghai  geschaffen
worden.  Betreffend  die  Zahlung  der  Entschädigungssumme  würde  die
Regierung  sich  freuen,  wenn  China  eine  Erleichterung  gewährt  werden
könnte;  sie  könne  aber  nicht  die  Konzession  machen,  daß  eine  Schuld,  welche
dem  Abkommen  gemäß  in  Gold  zu  zahlen  sei,  in  Silber  gezahlt  werde.
Europäischer  Geschichtskalender.  XIV.  16
        <pb n="250" />
        242  Grofbritamnien.  (Februar  24.  26.)

Wenn  Weihai-wei  gegenwärtig  nicht  als  Flottenbasis  behandelt  werde,  so
dürfe  doch  nicht  angenommen  werden,  daß  es  niemals  als  Flottenbasis
werde  behandelt  werden;  denn  die  Sachlage  habe  sich  geändert,  England
habe  seine  Stellung  in  China  durch  das  Abkommen  mit  Japan  so  ungeheuer
  verstärkt,  daß  es  jedenfalls  vorläufig  ganz  in  der  Lage  sei,  auf
Wei-hai-wei  als  Flottenbasis  zu  verzichten.

24.  Februar.  (Unterhaus.)  Beratung  über  die  Armeeorganisation.
  Vertrauensvotum  für  das  Ministerium.

In  der  Adreßdebatte  wird  vielfach  der  Plan  der  Regierung  drei
neue  Armeekorps  zu  bilden,  die  zu  Operationen  im  Ausland  bestimmt
sind,  heftig  angegriffen.  Campbell---Bannermann  (lib.)  führt  aus,
das  festländische  Armeekorpssystem  passe  für  England  weder  in  Kriegs=  noch
in  Friedenszeiten.  Die  Ausgaben  der  Nation  für  kriegerische  Zwecke
steigerten  sich  in  unerträglicher  Weise  fast  über  die  Mittel  des  Volkes.
Die  Regierung  solle  erst  eine  sorgfältige  Untersuchung  über  die  militärischen
Erfordernisse  des  Landes  anstellen  und  dann  diese  Erfordernisse  erfüllen.
Premierminister  Balfour:  Die  Armeekorpsfrage  ist  lediglich  eine  Frage
der  Organisation.  Die  wirkliche  Streitfrage  ist  die,  ob  die  Armee  zu  groß
ist  oder  nicht.  Natürlich  steht  bei  dieser  Frage  die  Verteidigung  des  Reiches
durch  die  Flotte  voran.  Aber  die  Flotte  kann  nicht  alles  tun.  Und  wir
würden  töricht  sein,  wenn  wir  uns  der  Macht  berauben,  ein  offensives
Vorgehen  zu  ergreifen  für  den  Fall,  daß  sich  ein  Anlaß  dazu  einstellt.  —
Was  die  Verteidigung  Indiens  betrifft,  so  glaube  ich,  daß  ein  Krieg  zwischen
England  und  Rußland  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich  ist.  Ich  nehme
an,  daß  auch  ein  Krieg  zwischen  Rußland  und  Deutschland  im  höchsten
Grade  unwahrscheinlich  ist.  Was  würde  man  aber  denken,  wenn  die
deutschen  Militärbehörden  einen  solchen  Fall  nicht  als  möglich  ansähen
und  nicht  alle  mit  ihm  zusammenhängenden  militärischen  Schwierigkeiten
überlegt  und  sich  nach  ihrem  besten  Vermögen  darauf  vorbereitet  hätten,  dieser
Möglichkeit  gerecht  zu  werden?  In  gleicher  Weise  kann  ich,  obwohl  ich  den
Fall  für  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich  ansehe,  nicht  vergessen,  daß
die  Grenze  Indiens  nur  ein  Teil  des  britischen  Reiches  ist,  wo  wir,  wie
man  sagen  kann,  militärischer  Nachbar  einer  Militärmacht  ersten  Ranges
sind.  Es  ist  daher  unmöglich,  daß  wir  dies  nicht  als  Schlüssel  zu  unserer
militärischen  Lage  auffassen  sollten.  Es  ist  nicht  die  Frage  der  Verteidigung
des  Mutterlandes,  die  die  Größe  der  Armee  bestimmt,  sondern  es  ist  die
Frage,  was  für  eine  Armee  zum  Wirken  in  einem  von  unseren  Küsten  weit
entlegenen  Tätigkeitsgebiete  berufen  werden  kann.  Wir  schrecken  nicht  vor
der  Veranwortlichkeit  zurück  und  würden  uns  aufs  äußerste  verächtlich
machen,  wenn  wir  jetzt  zugeben  würden,  daß  wir  nicht  glauben,  daß  die
verlangten  Streitkräfte  für  die  Sicherheit  des  Reiches  notwendig  sind,  und
wenn  wir  jetzt  sagten:  der  Imperalismus  sei  sehr  schön  gewesen,  solange
er  populär  war  und  ehe  die  Oeffentlichkeit  über  dessen  Kosten  klar  war.
Jetzt  nachdem  man  über  den  Preis  klar  ist,  würde  es  verächtlich  sein,  wenn
wir  unsere  Forderungen  bezüglich  dessen,  was  für  die  Verteidigung  des
Reiches  nötig  ist,  ändern  würden.  Das  Unterkhaus  lehnt  hierauf  ein
von  Beckett  zur  Adresse  eingebrachtes  Amendement,  betreffend  die  Mißbilligung
der  Heeresorganisation  des  Kriegsministers,  mit  261  gegen  145  Stimmen
ab.  Die  Nationalisten  enthalten  sich  der  Abstimmung.  Mit  der  Minderheit
stimmen  etwa  12  Ministerielle.

26.  Februar.  (Unterhaus.)  Beratung  der  Einwanderungsfrage.
        <pb n="251" />
        Großbritannien.  (Februar—März  2.)  243

Abg.  Howard  Vincent  (kons.)  führt  aus,  daß  die  neuerdings
bedeutend  erhöhte  Einwanderung  von  mittellosen  Fremden  nach  dem  Eastend
in  London  eine  schwere  nationale  Gefahr  bilde  und  die  Wohlfahrt  der
Arbeits=  und  Wohnungsverhältnisse  der  englischen  Arbeiterklassen  in  ernster
Weise  in  Mitleidenschaft  ziehe.  Er  fordert  die  Regierung  auf,  ihre  Versprechungen
  zu  erfüllen  und  in  nächster  Zeit  einen  entsprechenden  Gesetzentwurf
  einzubringen,  indem  er  darauf  hinweist,  daß  die  Zahl  der  im
letzten  Jahre  in  England  angekommenen  81  402  gegen  70  610  im  Jahre  1901
gewesen  sei.  Unter  diesen  Fremden  sei  eine  beträchtliche  Anzahl  Bestrafter
gewesen;  auch  sei  die  Zahl  der  Ausländer  in  der  Handelsmarine  bedenklich
gestiegen.  Handelsminister  Gerald  Balfour:  die  Regierung  erkenne  die
Schwierigkeit  der  Einwanderungsfrage  an  und  habe  eine  Kommission  mit
der  eingehenden  Prüfung  dieser  Angelegenheit  betraut.  Bevor  dieselbe  ihre
Arbeit  beendet  habe,  sei  es  unmöglich,  eine  Entscheidung  zu  treffen.

Februar.  März.  In  der  „Times“  teilt  der  Admiral  Cochrane
mit,  daß  im  Regiment  „Grenadier-Garde“  gegen  Subalternoffiziere
die  Prügelstrafe  angewendet  werde.  Die  Angelegenheit  wird  lebhaft
erörtert,  der  Kommandeur  des  Regiments  erhält  den  Abschied.

2.  März.  (Oberhaus.)  Verhältnis  zu  Deutschland  und
Venezuela.  (Vgl.  S.  13,  61.)

Lord  Rosebery  führt  aus,  England  sei  froh,  sich  aus  der  Venezuelaangelegenheit
  mit  nicht  mehr  Schaden  für  seinen  Ruf  herausgewickelt  zu
haben,  als  dies  der  Fall  gewesen  sei.  In  der  ganzen  Angelegenheit  habe,
wie  es  scheine,  die  britische  Regierung  stets  Grundsätze  von  weittragender
Bedeutung  aufgestellt,  sei  aber  stets  auch  wieder  genötigt  worden,  von
diesen  zurückzuweichen.  Die  Regierung  habe  erklärt,  England  hätte  dieselbe
Entschädigung  zu  erhalten  wie  Deutschland,  am  Ende  habe  aber  Deutschland
  68.000  Pfund  Strl.  erhalten  und  England  5500  Pfund  Strl.  Diese
Summen  repräsentierten  das  Verhältnis  des  Vorteils,  den  man  von  der
Verständigung  zwischen  Großbritannien  und  Deutschland  gehabt  habe.  Er
tadle  Deutschland  nicht,  aber  wenn  etwas  mehr  Gleichheit  des  Erfolges  bei
einigen  von  den  Uebereinkünften  mit  Deutschland  herausgekommen  wäre,
würden  die  Beziehungen  beider  Länder  ergiebiger  an  gegenseitiger  Achtung
gewesen  sein.  Großbritannien  hätte  an  die  Vereinigten  Staaten  nicht  durch
die  Vermittlung  Deutschlands  herantreten  dürfen.  Er  könne  sich  ganz  gut
vorstellen,  daß,  als  der  deutsche  Botschafter  sich  an  die  englische  Regierung
wandte,  der  Minister  des  Aeußern  den  Wunsch  nach  einem  harmonischen
Zusammenwirken  ausdrückte  und  sagte,  daß  kein  Grund  vorhanden  sei,
weshalb  nicht  bei  zukünftiger  Gelegenheit  ein  Zusammenwirken  stattfinden
sollte.  Aber  gleichzeitig  hätte  er  ihm  sagen  sollen,  daß  einer,  der  zu  einer
Nation  gehöre,  die  im  Punkte  der  nationalen  Ehre  so  stolz  und  feinfühlig
sei,  auch  sich  vor  Augen  halten  solle,  daß  Worte  gesagt  und  geschrieben
seien,  die  nicht  in  einem  Moment  ausgelöscht  werden  könnten,  und  daß  es
nicht  im  Interesse  der  guten  Beziehungen  liege,  daß  man  bei  dieser
Gelegenheit  zusammenwirke.  Englands  Gefühl  sei  beleidigt  nicht  nur  durch
Artikel  und  Karikaturen  in  der  deutschen  Presse,  sondern  auch  durch  Reden
der  verantwortlichen  Staatsmänner.  Die  Feindseligkeit,  die  Erbitterung
und  die  Eisrsicht  Europas  erzeugten  eine  ernstliche  Gefahr  für  die  Regierung;
er  hoffe,  daß,  nachdem  man  aus  diesem  schlecht  beratenen  Unternehmen
herausgekommen  sei,  man  eine  lange  Zeit  verstreichen  lassen  solle,  ehe  man
sich  in  eine  ähnliche  Angelegenheit  mische.

16
        <pb n="252" />
        244  Greßbritaunien.  (März  5.  —-  11.)

Minister  des  Auswärtigen  Lord  Landsdowne:  er  freue  sich,  daß
nicht  dem  Zusammenwirken  mit  Deutschland  aus  dem  Grunde  widersprochen
  sei,  weil  ein  solches  Zusammenwirken  unter  keinen  Umständen  zu
rechtfertigen  sei.  Der  Gedanke,  daß  man  der  Empfindlichkeit  Englands
wegen  gewisser  Vorkommnisse  während  des  südafrikanischen  Krieges  gestatten
sollte,  das  Urteil  der  Regierung  in  solchem  Maße  zu  beeinflussen,  daß  man
an  solche  Fragen  von  einem  nicht  geschäftsmäßigen  Gesichtspunkte  herantrete,
  sei  entschieden  von  der  Hand  zu  weisen.  Er  würde  jedes  Vorgehen
von  seiten  der  Regierung  abgelehnt  haben,  welches  die  Wirkung  gehabt
haben  könnte,  die  bedauerliche  Entfremdung,  welche  durch  die  Ereignisse
während  des  südafrikanischen  Krieges  entstanden  sei,  noch  zu  erhöhen.

5.  März.  (Unterhaus.)  Premierminister  Balfour  kündigt
den  Bau  einer  Flottenstation  am  Firth  of  Forth  an.
6.  März.  (London.)  Die  Handelskammer  über  die  kommerziellen

  Beziehungen  zu  Deutschland.

In  einer  von  der  Londoner  Handelskammer  einberufenen  Konferenz
über  die  Wirkung  des  neuen  deutschen  Zolltarifs  auf  den  englischen  Handel
erklärt  der  Vorsitzende,  England  müsse  zunächst  versuchen  einen  neuen
Handelsvertrag  mit  Deutschland  zu  schließen;  es  könne  keine  differenzielle
Behandlung  gegen  Deutschland  einführen,  könne  ihm  aber  auch  nicht
Vorteile  gewähren,  welche  es  seinen  eigenen  Kolonien  nicht  einräume.  Die
Versammlung  nimmt  eine  Resolution  an,  welche  die  Regierung  auffordert,
über  einen  besonderen  Tarifvertrag  mit  Deutschland  und  mit  den  übrigen
Ländern  zu  verhandeln.

11.  März.  (Unterhaus.)  Vermehrung  der  Präsenzstärke
der  Armee.  Balfour  über  die  Verteidigung  Indiens.  —  Geringe
Majorität  der  Regierung.

Nach  der  Regierungsvorlage  soll  die  reguläre  Armee  236751  Mann
betragen.  Gegen  die  Anträge  der  Opposition  auf  Verminderung  erklärt
Premierminister  Balfour:  Man  möge  nur  annehmen,  England  habe
mit  zwei  Mächten  zu  kämpfen,  von  denen  eine  in  Indien  einfallen  könne.
Wäre  es  angebracht,  daß  sich  England  in  diesem  Falle  für  die  Verteidigung
Indiens  so  von  Truppen  entblößen  müsse,  daß  für  einen  anderweitigen  Angriff
nicht  genügend  Truppen  übrig  wären?  Die  Flotte  allein  könne  einen  Krieg
nicht  beendigen.  Wenn  England  in  einen  solchen  Krieg  verwickelt  würde,
müsse  es  sowohl  die  Möglichkeit  ins  Auge  fassen,  eine  Expedition  ins  Ausland
  zu  senden,  als  die  Fähigkeit,  Indien  zu  verteidigen.  Balfour  geht
sodann  auf  die  Ausführungen  Dilkes  über  die  Verteidigung  Indiens  ein.
Dilke  unterbricht  den  Minister  und  erklärt,  daß  er  der  Ansicht  sei,  daß,
solange  die  Grenze  bleibe,  wie  sie  sei,  in  Indien  keine  Truppen  aus
England  zur  Verteidigung  gebraucht  würden.  Sicherlich  würde,  wenn  von
seiten  Rußlands  ein  erfolgreicher  Feldzug  geführt  und  Afghanistan  aufgeteilt
  würde,  das  Problem  ein  ganz  anderes  sein.  Balfour  fährt  darauf
fort:  Ich  weiß  nicht,  ob  es  weise  wäre,  auf  Einzelheiten  einzugehen.  (Beifall.)
Solange  ein  starkes,  freundschaftliches,  unangetastetes  Afghanistan  zwischen
uns  und  der  russischen  Grenze  besteht,  gebe  ich  zu,  daß  die  Schwierigkeiten
für  ein  schnelles  Vorrücken  Rußlands  sehr  groß  sind  und  daß  die  Anzahl
der  Truppen,  die  es  bei  einem  Vorrücken  verwenden  könnte,  wahrscheinlich
keine  sehr  große  ist.  Wir  können  es  aber  mit  einer  viel  schwierigeren
Lage  zu  tun  haben,  als  Dilke  angenommen  hat,  und  ich  glaube  nicht,  daß
wir  klug  daran  tun,  wenn  wir  annehmen,  daß  wir  niemals  einen  einzigen
        <pb n="253" />
        Grof#britannien.  (März  11.—17.)  245

Soldaten  von  hier  zur  Verteidigung  Indiens  zu  entsenden  haben  werden.
Der  Friede  Indiens  hängt  davon  ab,  daß  wir  eine  schlagfertige  Armee
im  Mutterlande  und  die  Herrschaft  zur  See  besitzen.  Es  wäre  durchaus
töricht,  die  bestehenden  Heereseinrichtungen  aus  dem  Grunde  umzustürzen,
weil  die  Last  für  unsere  Finanzen  sehr  groß  ist.  Es  ist  nicht  richtig,  den
Augenblick,  in  dem  der  Heeresersatz  außerordentlich  gering  ist,  dazu  zu
wählen,  die  Heeresstärke  zu  vermindern.  Der  Antrag  auf  Herabsetzung
wird  mit  245  gegen  154  Stimmen  abgelehnt  und  die  geforderte  Präsenzstärke
  bewilligt.  —  Mit  der  Opposition  stimmen  auch  18  Ministerielle.
Da  die  Iren  sich  der  Abstimmung  enthalten,  so  ist  die  tatsächliche  Mehrheit
sehr  gering.

11.  März.  Wahlniederlage  der  Regierung.  Erstarken  der

Opposition.

Bei  einer  Ersatzwahl  in  Woolwich  wird  an  Stelle  eines  konservativen
  Vertreters  mit  großer  Gerent  ein  liberaler  Kandidat  gewählt.
Viele  Stimmen  schließen  daraus  auf  ein  Anwachsen  der  liberalen  Partei;
in  der  Regierungspartei  selbst  soll  sich  Unzufriedenheit  geltend  machen,
namentlich  wird  die  Militärvorlage  auch  von  Konservativen  bekämpft.  Es
wird  bereits  von  der  Bildung  einer  „vierten“  Partei  gesprochen,  deren
Führer  W.  Churchill,  der  den  militärischen  Organisationsplan  scharf  kritisiert
  hat,  sein  soll.

14.  März.  (London.)  Kolonialminister  Chamberlain  kehrt
aus  Südafrika  zurück  und  wird  begeistert  empfangen.  —  Vielfach
wird  ausgesprochen,  daß  er  die  Regierung  vor  einer  Niederlage
erretten  müsse,  denn  seit  seiner  Abreise  habe  sich  die  parlamentarische
  Mehrheit  beträchtlich  vermindert  und  in  mehreren  Nachwahlen
sei  die  Regierung  geschlagen  worden.

17.  März.  (Unterhaus.)  Marinebauten;  Abrüstungsfrage,

Beiträge  der  Kolonien.

Die  Regierung  beantragt  den  Neubau  von  3  Schlachtschiffen,  4  Kreuzern
  erster  Klasse,  3  geschützten  Kreuzern,  4  Aufklärungsschiffen,  15  Torpedobootszerstörern
  und  10  Unterseebooten.

Abg.  Reid  schlägt  internationale  Verhandlungen  zur  Einschränkung
der  Flottenrüstungen  vor.  Der  Parlamentssekretär  der  Admiralität  Arnold
Forster  erklärt,  die  Stellung  Englands  in  bezug  auf  Flottenausgaben  entspräche
  nicht  derjenigen  der  anderen  Mächte.  Die  Regierung  sei  zu  einem
Abkommen  geneigt,  das  eine  Herabminderung  der  gewaltigen  Rüstungen
herbeiführen  könne,  aber  es  sei  nicht  Sache  Englands,  auf  diesem  Wege
voran  zu  gehen,  wenn  die  anderen  nicht  bereit  seien  mitzugehen.  —  Ueber
die  Beteiligung  der  Kolonien  an  dem  Ausbau  der  Reichsflotte  sagt  er:
Jedermann  müsse  einsehen,  daß  in  der  Gleichgültigkeit  der  Kolonien  eine
große  Gefahr  liege.  Die  Nation  habe  das  lange  ruhig  mit  angesehen;
aber  es  sei  zu  befürchten,  daß  die  Reaktion  eines  Tages  eintreten  werde.
Anderseits  habe  die  Regierung  nicht  die  Absicht,  irgendwelchen  Druck  in
dieser  Beziehung  auf  die  Kolonien  auszuüben;  man  werde  es  stets  ihrem
eigenen  freien  Willen  überlassen,  das  beizusteuern,  was  sie  für  richtig
hielten.  In  vielen  der  Kolonien,  fuhr  der  Redner  fort,  scheine  die  vollständig
  falsche  Ansicht  zu  herrschen,  daß  in  einem  Kriegsfalle  jede  Kolonie
genug  tun  würde,  wenn  sie  ihre  eigenen  Meere  verteidige,  was  mit  einigen
        <pb n="254" />
        246  Großbritannien.  (März  18.—20.)

wenigen  Schiffen  möglich  sein  würde;  das  sei  aber  eine  vollkommen  falsche
Auffassung,  aus  der  sich  der  ebenso  falsche  Gedanke  entwickelt  habe,  daß
die  Kolonien  genug  täten,  wenn  sie  etwas  zur  Unterhaltung  der  Geschwader
beitrügen,  die  in  ihren  Gewässern  stationiert  seien.  Die  Kolonien  könnten
einmal  in  die  Lage  kommen,  die  gesamte  Seemacht  einer  europäischen
Nation  sich  gegenüber  zu  sehen,  und  in  einem  solchen  Falle  würden  die
einzelnen  Geschwader  der  betreffenden  Kolonie  ohne  jeden  Nutzen  sein;
dann  müßten  die  Kolonien  auf  die  gesamte  Flotte  des  britischen  Reiches
rechnen,  für  die  sie  jetzt  so  gut  wie  nichts  hergeben  wollten.

18.19.  März.  (Unterhaus.)  Debatte  über  die  gefangenen
Buren  und  die  wirtschaftliche  Lage  in  Südafrika.  Kreditbewilligung.

Abg.  Mac  Neil  fragt,  mit  welchem  Rechte  man  heute  noch,  d.  h.
fast  12  Monate  nach  dem  Kriege,  Buren  in  Indien,  Ceylon  und  Bermuda
in  Gefangenschaft  halte  und  häufig  sogar  wie  gewöhnliche  Verbrecher  ins
Gefängnis  werfe.  Wen  treffe  dafür  die  Verantwortung,  daß  man  den  gefangenen
  Buren  in  Indien  erklärt  habe,  sie  würden  erst  dann  in  kühlere
Gefangenenlager  übergeführt  werden,  wenn  sie  sich  entschlössen,  den  Treueid
  abzulegen?  Kolonialminister  Chamberlain:  Die  Gefangenen  in
Indien,  Ceylon  und  Bermuda  ständen  unter  Kriegsrecht,  welches  für  ihren
Lagerbereich  Gültigkeit  habe.  In  Bermuda  seien  augenblicklich  noch  82,
in  Indien  800  Gefangene.  Die  Leute  weigerten  sich,  den  Eid  abzulegen
oder  an  seiner  Stelle  eine  Erklärung  abzugeben,  wie  sie  in  den  Friedensbestimmungen
  vorgeschrieben  sei.  Sobald  sie  dieses  täten,  werde  ihre  Ueberführung
  nach  Südafrika  erfolgen,  und  man  hoffe,  daß  ein  Abgesandter
General  Bothas  die  Leute  zur  Nachgiebigkeit  überreden  werde.  Davon,
daß  die  Leute  schroff  behandelt  würden,  oder  daß  man  sie  in  Indien  durch
Belassen  in  den  heißen  Lagern  mürbe  zu  machen  gedroht  habe,  sei  ihm
nichts  bekannt.  Es  stehe  allen  Kriegsgefangenen  selbstverständlich  frei,  auf
eigene  Kosten  zu  gehen,  wohin  sie  wollten,  nur  nicht  in  die  neuen  Kolonien.
In  diese  werde  ihnen  die  Rückkehr  verweigert  bleiben,  bis  sie  sich  den
entsprechenden  Vorschriften  gefügt  hätten.  —  Am  folgenden  Tage  führt
Chamberlain  aus,  es  seien  bereits  über  100000  Buren  wieder  auf  die
Farmen  gebracht,  für  Entschädigungen  und  Requirierungen  schon  rund
15.000000  Pfd.  St.  gezahlt  worden.  Die  Aussichten  sind  namentlich  für
den  Ackerbau  sehr  günstig.  Wann  die  Einrichtung  der  Selbstverwaltung
angängig,  könne  er  noch  nicht  sagen.  Zur  Zeit  liege  das  Kronkoloniesystem
  im  eigensten  Interesse  der  Kolonien.  Die  Wohlfahrt  Transvaals
hänge  von  der  Goldindustrie  ab.  Englands  Fehlschlag  oder  Erfolg  entscheide
  sich  mit  dem  Fehlschlag  oder  Erfolg  der  Goldindustrie.  Der  Redner
schloß  mit  einer  Besprechung  der  Arbeiterfrage;  man  hoffe,  die  Arbeit  im
Randgebiet  verlockender  gestalten  zu  können.  Er  halte  es  bis  zur  Entscheidung
  dieses  Versuches  verfrüht,  diese  Frage  zu  beraten.  Die  Einführung
  chinesischer  Arbeiter  sei  niemals  geplant  gewesen.

ili  „Herauf  wird  ein  Kredit  von  20  265.000  Pfd.  für  Südafrika  bewilligt.


20.  März.  Das  Unterhaus  genehmigt  einen  Gesetzentwurf
über  die  kirchliche  Disziplin  der  Geistlichen,  der  den  Ritualismus
einschränkt  und  das  Aufsichtsrecht  der  Bischöfe  modifiziert.

März.  Die  Regierung  bringt  folgende  Vorlage  über  die
Landwehraushebung  ein.

Die  Anzahl  der  Leute,  die  in  einer  Grafschaft  ausgelost  werden
        <pb n="255" />
        Großbritannien.  (März  25.—April  Mitte.)  247

sollen,  wird  vom  Kriegsminister  bestimmt,  und  zwar  unter  Inbetrachtziehung
  der  männlichen  Bevölkerungszisser.  Keinem  Ausgelosten  ist  es
gestattet,  einen  Ersatzmann  zu  schicken.  Wenn  ein  Ausgeloster  sich  weigert,
einzutreten,  so  setzt  er  sich  der  Gefahr  aus,  auf  fünf  Jahre  eingezogen  zu
werden,  und  wenn  er  desertiert,  so  trifft  ihn  dieselbe  Strafe  wie  einen
Deserteur,  der  ursprünglich  freiwillig  eingetreten  ist.  Die  der  Auslosung
unterworfenen  Leute  werden  in  drei  Klassen  eingeteilt,  und  zwar  1.  unverheiratete
  Männer  zwischen  18  und  25  Jahren,  2.  verheiratete  Männer
zwischen  18  und  30  Jahren,  die  nicht  mehr  als  ein  Kind  haben,  sowie
unverheiratete  Männer  zwischen  25  und  30  Jahren,  und  endlich  3.  alle
übrigen  dienstfähigen  Männer.  Der  Monarch  kann  befehlen,  daß  von  jeder
beliebigen  oder  von  zweien  oder  von  allen  Klassen  jede  beliebige  Anzahl
ausgehoben  wird.  —  Die  einzigen  Personen,  die  nicht  von  der  Vorlage
betroffen  werden,  sind  Mitglieder  des  Parlaments,  Offiziere,  aktive  oder
Reserve,  Unteroffiziere  und  Mannschaften  der  Linien-Regimenter,  der
MYeomanry,  der  Freiwilligen-Regimenter  oder  der  Polizei,  Seeleute,  Mediziner,
  Theologen  und  Lehrer.

25.  März.  (Unterhaus.)  Die  Regierung  bringt  eine  Vorlage
  ein  über  die  Umwandlung  der  irischen  Landverhältnisse.

Die  Vorlage  soll  es  den  Pächtern  ermöglichen,  ihren  Landbesitz  vom
Gutsherrn  käuflich  zu  erwerben.  Hierzu  sollen  den  Pächtern  Vorschüsse
gegeben  werden.  Die  erforderlichen  Mittel  sollen  durch  eine  2¾prozentige
garantierte  Anleihe  flüssig  gemacht  werden,  die  voraussichtlich  in  Höhe  von
fünf  Millionen  Pfund  jährlich  für  die  ersten  drei  Jahre  ausgegeben  werden
wird.  Die  Anleihe  wird  garantiert  durch  die  jährlichen  Zahlungen  der
Schatzkammer  für  irische  Lokalzwecke.  Im  ganzen  sollen  nicht  mehr  als
100  Millionen  Pfund  Sterling  erforderlich  sein,  um  das  ganze  Sanierungswerk
  durchzuführen.  Der  Gesetzentwurf  sieht  ferner  einen  Staatszuschuß
von  12  Millionen  Pfund  Sterling  vor,  der  in  jährlichen  Beträgen  von
höchstens  390  000  Pfund  Sterling  zu  leisten  sei.  Die  gemäß  der  Vorlage
vorzunehmenden  Operationen  werden  unter  Kontrolle  von  drei  staatlichen
Kommissären  stehen.  Die  Rückzahlung  der  den  Pächtern  gewährten  Vorschüsse
  soll  nach  dem  Entwurf  in  einem  Zeitraum  von  68½  Jahren  erfolgen.
  Die  Vorlage  enthält  ferner  Vorkehrungen  zur  Vermeidung  des
Ankaufes  von  Grundbesitz  durch  Geldverleiher.

Die  Vertreter  der  Iren  und  Liberalen  erkennen  an,  daß  die  Vorlage
  einen  großen  Fortschritt  bedeutet,  wollen  aber  vorläufig  noch  nicht
destatio  Stellung  nehmen.

30.  März.  (Portsmouth.)  Der  König  reist  nach  Lissabon
ab.  (Vgl.  über  seine  Reise  Portugal,  Italien,  Frankreich.)

1.  April.  Das  Unterhaus  genehmigt  die  Vorlage,  den
Mannschaftsbestand  der  Flottenreserve  zu  erhöhen  und  bei  den  verschiedenen
  Dienstzweigen  Marine-Volunteers  einzureihen,  die  in
Kriegszeiten  zum  Dienst  in  allen  Weltteilen  verpflichtet  sein  sollen.

8.  April.  Das  Unterhaus  genehmigt  die  erste  Lesung  des
Schulgesetzes  mit  159  gegen  77  Stimmen.

Mitte  April.  (Irland.)  Versammlungen  der  Nationalistenpartei
  beschließen,  die  Landbill  im  Unterhause  zu  unterstützen,  obgleich
  sie  die  nationale  Frage  noch  nicht  löse.
        <pb n="256" />
        248  Greßbritannien.  (April  16.—23.)

16.  April.  Der  König  besucht  Malta.

April.  Presse  und  Regierung  über  die  Bagdadbahn.

Die  Presse  protestiert  gegen  die  Beteiligung  von  britischem  Kapital
am  Bau  der  Bagdadbahn,  weil  Deutschland  in  diesem  Falle  die  Führung
haben  und  England  gegen  Rußland  ausspielen  wolle.  Sie  fordert,  daß
die  Regierung  das  Unternehmen  in  keiner  Weise  unterstütze.  Am  23.  April
erklärt  Premierminister  Balfour  im  Unterhause:  Eine  Abschrift  des  zwischen
  der  Anatolischen  Eisenbahngesellschaft  und  der  türkischen  Regierung
getroffenen  Abkommens  sei  im  Besitz  der  Regierung  gewesen.  Das  Abkommen
  lasse  den  ganzen  Plan  der  Weiterführung  der  Bahn  durch  Kleinasien
  bis  zum  Persischen  Meerbusen  in  den  Händen  einer  Gesellschaft  unter
deutscher  Kontrolle.  Die  Regierung  sei  niemals  um  ihre  Zustimmung  zu
dem  Abkommen  angegangen  worden  und  in  keinem  Falle  würde  sie  demselben
  beitreten  wollen.  Das  andere  Abkommen,  welches  erwogen  worden
sei,  sei  bestimmt  gewesen,  die  Eisenbahn  einschließlich  der  bestehenden  Anatolischen
  Bahn  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  unter  internationale  Kontrolle
zu  stellen.  Um  bei  diesem  Abkommen  eine  Vorzugsbehandlung  von  Personen
  oder  Gütern  zu  verhindern,  sei  unter  anderem  vorgeschlagen  worden,
daß  England,  Frankreich  und  Deutschland  ein  gleicher  Anteil  an  der  Kontrolle,
  dem  Bau  und  der  Leitung  eingeräumt  werden  solle.  Nach  sorgfältiger
  Ueberlegung  sei  die  Regierung  zu  dem  Schlusse  gelangt,  daß  das
Abkommen  England  keine  genügende  Sicherheit  für  die  Durchführung  jener
Grundsätze  gäbe,  und  die  Regierung  habe  dies  daher  mitgeteilt.  Aber  sie
sei  außer  stande  gewesen,  die  angeregten  Versicherungen  über  ihre  künftig
etwa  einzuschlagende  Politik  abzugeben.  Die  hierbei  in  Frage  kommenden
Punkte  seien  die  Beförderung  der  indischen  Post,  die  Erhöhung  der  türkischen
  Zollgebühren  und  die  Errichtung  einer  Endstation  in  Koweit  gewesen.

23.  April.  (Unterhaus.)  Budget.  Flottenfrage.  Herabsetzung
  der  Steuern.

Der  Voranschlag  für  1903/  beziffert  die  Ausgaben  auf  143954000
Pfund  Sterling,  die  Einnahmen  auf  der  Grundlage  der  bestehenden  Besteuerung
  auf  154770000  Pfund,  so  daß  sich  danach  ein  Ueberschuß  von
10  816u000  Pfund  ergeben  würde.  Finanzminister  Ritchie:  Er  beantrage,
die  Einkommensteuer  von  1  Shilling  3  Pence  für  das  Pfund  Sterling  auf
11  Pence  herabzusetzen  und  den  Kornzoll  aufzuheben.  Durch  die  Herabsetzung
  der  Einkommensteuer  würden  sich  die  Einnahmen  aus  dieser  Steuer
um  8⅛  Millionen  Pfund  vermindern;  ferner  würde  die  Aufhebung  des
Kornzolles  eine  Mindereinnahme  von  2  Millionen  Pfund  ergeben.  Die
Aufwendungen  für  die  Staatsschuld  seien  auf  27  Millionen  Pfund  Sterling
jährlich  festzusetzen,  wovon  6  Millionen  zur  Amortisation  bestimmt  werden
sollen.  Die  Kosten  des  Krieges  in  Südafrika  und  in  China  belaufen  sich
auf  217000000  Pfund  Sterling.  Die  nationale  Schuld  beträgt  jetzt
770  778000  Pfund  Sterling,  wird  aber  1908,  wenn  keine  Zwischenfälle
eintreten,  auf  694000  000  Pfund  herabgemindert  sein.  Trotz  der  Vermehrung
  des  Heeres  und  der  Flotte  ist  die  Ausgabenlast  verhältnismäßig
geringer  als  vor  40  Jahren.  Es  ist  zu  hoffen,  daß  eine  beträchtliche
Herabsetzung  der  Ausgaben  für  das  Heer  im  nächsten  Jahre  oder  in  zwei
Jahren  eintreten  kann.  (Beifall.)  Eine  starke  Flotte  aber  ist  für  uns
eine  Lebensfrage.  Cobden  hat  einst  geäußert,  er  würde  100  Millionen
aufwenden,  um  die  unangreifbare  Suprematie  unserer  Flotte  aufrecht  zu
erhalten.  Glücklicherweise  stehen  wir  mit  allen  fremden  Mächten  in  freundschaftlichen
  Beziehungen.  Als  Cobden  seine  Aeußerung  machte,  dachte  er
        <pb n="257" />
        Greßbritannien.  (April—Mai  15.)  249

an  Frankreich.  Ich  freue  mich,  daß  unsere  Lage  jetzt  eine  ganz  andere
ist.  (Beifall.)  Die  Beziehungen  zwischen  den  beiden  Mächten  sind  die
herzlichsten,  und  wir  alle  hoffen,  daß  das  Gefühl  gegenseitiger  Achtung,
das  die  Regierungen  und  die  Bevölkerungen  der  beiden  Völker  beseelt,  und
das  in  den  Vorbereitungen  für  einen  herzlichen  Empfang  unseres  Königs
in  Frankreich  so  schlagend  zutage  tritt,  von  Jahr  zu  Jahr  noch  stärker
wird.  Es  ist  nicht  die  Eifersucht  irgend  einer  Macht,  die  uns  dazu  zwingt,
immer  mehr  für  unsere  Flotte  auszugeben.  Unsere  Flotte  muß  wachsen,
so  lange  die  anderen  Flotten  wachsen.  Ich  freue  mich,  zu  bemerken,  daß
Anzeichen  nicht  fehlen,  daß  einige  unserer  Nachbarn  wünschen,  ihren  Ausgaben
  für  die  Flotte  ein  Halt!  zuzurufen.  Wir  begrüßen  diese  Anzeichen
auf  ihrer  Seite  mit  Freude  und  können  sie  versichern:  daß,  wenn  sie  eine
solche  Politik  annehmen  und  an  ihr  festhalten  werden,  wir  bereitwillig  und
loyal  ihrem  Vorgehen  folgen  werden.  (Beifall.)

April.  Anläßlich  des  Besuches  des  Königs  in  Paris  fassen
viele  Handelskammern  Resolutionen,  daß  ein  Schiedsgerichtsvertrag
zwischen  England  und  Frankreich  abgeschlossen  werden  möge,  um
den  Frieden  und  die  Freundschaft  zwischen  beiden  Staaten  zu  befestigen.


6.  Mai.  (London.)  Rückkehr  des  Königs.

6.  Mai.  (Unterhaus.)  Anleihe  für  Transvaal.

Kolonialminister  Chamberlain  beantragt,  die  Zinsen  und  das
Kapital  der  Transvaalanleihe,  die  im  Betrage  von  35  Millionen  Pfund
ausgegeben  werden  solle,  durch  das  Reichsschatzamt  zu  garantieren.  Der
Zweck  der  Anleihe  ist  Ausdehnung  des  Bahnsystems  und  die  Schaffung
von  Berieselungsanlagen.  —  Zu  den  Kriegskosten  solle  Transvaal  in  drei
jährlichen  Raten  30  Millionen  Pfund  beisteuern.  Die  Orangekolonie  solle
später,  wenn  ihre  Minen  entwickelt  seien,  5  Millionen  Pfund  beisteuern.  —
Der  Antrag  wird  angenommen;  einige  Abgeordnete  fordern  stärkere  Heranziehung
  Transvaals  zu  den  Kriegskosten.

15.  Mai.  (Birmingham.)  Rede  Chamberlains  über  das
Verhältnis  zwischen  Mutterland  und  Kolonien  und  über  den  Zollstreit

  zwischen  Deutschland  und  Kanada.

In  einer  öffentlichen  Versammlung  sagt  der  Kolonialminister
Chamberlain  über  den  Zusammenschluß  zwischen  Kolonien  und  Mutterland:
  „Heute  Abend  will  ich  nur  unsere  Leziehungen  zu  unseren  eigenen
Landsleuten  betrachten,  zu  der  weißen  Bevölkerung,  welche  die  Mehrheit
in  den  autonomen  Kolonien  ausmacht.  Wie  stehen  wir  zu  dieser?  Her
in  dem  vereinigten  Königreich  sind  wir  einige  40  Millionen  Seelen,  außerhalb,
  in  den  Kolonien,  sind  es  10  Millionen  Briten.  Wie  lang  glauben
Sie  nun,  daß  das  Verhältnis  zwischen  der  Bevölkerung  des  Mutterlandes
und  der  Bevölkerung  der  Kolonien  das  von  4:  1  bleiben  wird?  Wie
lange  werden  wir  im  vereinigten  Königreiche  viermal  mehr  sein  als  unsere
Stammesgenossen  in  den  Kolonien?  ...  Münschen  Sie  nun,  daß,  wenn
diese  10  Millionen  40  Millionen  geworden  sind,  sie  noch  so  innig  und  fest
mit  uns  vereint  sind,  oder  fassen  Sie  die  Möglichkeit  ins  Auge,  daß  sie
getrennt  von  uns  unter  eigener  Flagge  ihre  eigenen  Wege  gehen?  Der
Einfluß  des  Reiches  beschäftigt  mich  am  meisten.  Dieser  Einfluß  soll  stets
für  den  Frieden  und  die  Zivilisation  der  Welt  in  die  Wagschale  geworfen
        <pb n="258" />
        250  Großbritannien.  (Mai  15.)

werden.  Aber  daneben  beanspruchen  die  Fragen  von  Handel  und  Gewerbe
die  allergrößte  Aufmerksamkeit.  Bevor  nicht  diese  Fragen  in  der  richtigen
Weise  geordnet  sind,  glaube  ich  nicht  an  ein  zukünftiges  Zusammenhalten
des  Reiches.  Ich  höre  die  „Klein-Engländer“"  einwenden,  daß  unser  Handel
mit  diesen  Kolonien  viel  geringer  ist  als  unser  Handel  mit  dem  übrigen
Ausland,  und  daraus  glaubt  die  Opposition  schließen  zu  dürfen,  daß  wir
alles,  was  in  unserer  Macht  steht,  tun  sollen,  um  unsere  Handelsbeziehungen
  zu  dem  nichtbritischen  Auslande  zu  festigen,  selbst  wenn  wir
darüber  den  Handel  in  unseren  eigenen  Kolonien  vernachlässigen.  Nein,
meine  Herren,  das  ist  meine  Ansicht  nicht.  Ich  denke  vielmehr  gerade
entgegengesetzt.  Es  ist  die  Aufgabe  eines  britischen  Staatsmannes,  selbst
unter  Opfern  alles  zu  tun,  was  in  seiner  Macht  steht,  um  den  Handel
der  Kolonien  mit  Großbritannien  stark  und  kräftig  zu  erhalten,  ihn  weiter
zu  entwickeln,  selbst  wenn  wir  darum  auf  dem  Weltmarkt  weniger  konkurrenzfähig
  werden  sollten.  Tun  wir  nun  gegenwärtig  alles,  um  die
Strömung,  die  ich  nicht  nur  in  unserer  Heimat,  sondern  auch  in  allen
Kolonien  konstatieren  konnte,  in  den  richtigen  Kanal  zu  lenken?  Tun  wir
alles,  um  die  Reichsunion  herbeizuführen  oder  treiben  wir  einer  Trennung
zu?  Das  ist  die  kritische  Frage.  Meiner  Ansicht  nach  liegen  die  Keime
einer  föderativen  Union,  welche  das  britische  Reich  mächtig  und  einflußreich
  machen  sollen,  im  Boden.  Aber  es  ist  eine  feine  und  empfindliche
Pflanze,  der  wir  unsere  Fürsorge  angedeihen  lassen  müssen.  Wir  haben
es  in  unserer  Macht,  die  große  Idee,  den  großen  Gedanken  Früchte  tragen
zu  lassen,  oder  ihn  ein  für  alle  Mal  auszuschalten.  Was  bedeutet  uns
nun  das  Reich?  Wir  hatten  einen  Krieg  durchzufechten,  an  welchem  die
meisten  unserer  Stammesgenossen  in  den  Kolonien  kein  direktes  Interesse
hatten.  Dennoch  haben  sie  viel  getan.  Trotzdem  habe  ich  in  Südafrika
nicht  gezögert,  unseren  Landsleuten  zu  sagen,  daß  sie  zwar  viel,  aber  nicht
genug  getan  haben,  daß  sie  im  wesentlichen  die  ganze  Last  auf  den
Schultern  des  Mutterlandes  belassen  haben  und  daß  sie  in  Zukunft,  wenn
sie  Wert  auf  ein  großes  britisches  Reich  legten,  bereit  sein  müßten,  einen
größeren  Anteil  zu  tragen.  In  der  Handlungsweise  unserer  Kolonien
während  und  nach  dem  Kriege  kommt  zum  erstenmal  der  Gedanke  einer
gemeinsamen  Reichsverantwortlichkeit  zum  Ausdruck.  Dieser  Gedanke  ist
neu,  und  ich  habe  nichts  dazu  getan,  ihn  zu  erwecken.  Und  dieser  Gedanke
trat  den  Kolonialen  zum  erstenmal  entgegen  in  Gestalt  einer  finanziellen
Last,  die  sie  auf  sich  nehmen  sollten,  und  Sie  wissen  ja  selbst,  wie  die
Leute  über  solche  finanzielle  Lasten  zu  denken  pflegen.  Inzwischen  tun  sie
aber  in  einer  anderen  Richtung  viel  und  suchen  die  Gemeinschaft  in  ihrer
eigenen  Weise  und  mit  ihren  eigenen  Mitteln  zu  fördern.  Das  wichtigste
dieser  Mittel  ist,  daß  sie  uns  Vorzugstarife  anbieten.  Das  ist  eine  Sache,
die  gerade  im  gegenwärtigen  Moment  von  größter  Bedeutung  für  uns
sein  muß.  Es  hängt  nun  davon  ab,  wie  wir  uns  zu  dieser  Politik  der
Kolonien  stellen  —  denn  die  Anregung  kommt  nicht  von  uns,  sondern
von  unseren  Kindern  —  ob  diese  Politik  in  der  Zukunft  ausgebaut,  oder
ob  auf  sie  als  eine  unannehmbare  Sache  verzichtet  werden  soll  von  denen,
welchen  man  damit  eine  Wohltat  zu  erweisen  gedachte.  Kurz  nachdem
ich  Südafrika  verlassen  hatte,  fand  dort  eine  Konferenz  statt,  deren  Ergebnis
es  war,  daß  den  Einzellegislaturen  empfohlen  wurde,  uns  auf  alle  zollpflichtigen
  Waren  eine  Ermäßigung  von  25  Prozent  zu  gewähren.  Auf
der  Kolonialkonferenz  im  vorigen  Jahre  erklärten  sich  der  Premier  von
Australien  und  der  von  Neu-Seeland  im  Prinzip  für  die  Gewährung
der  gleichen  Begünstigung.  Das  ist  nun  wieder  ein  neues  Kapitel  in
unserer  Reichsgeschichte.  Die  Aufnahme,  welche  die  Empfehlungen  der
        <pb n="259" />
        Grfbritannien.  (Mai  20.)  251

verschiedenen  Vertreter  bei  ihren  Legislaturen  finden,  wird  im  wesentlichen
von  dem  Grade  abhängen,  in  welchem  wir  das  Opfer  einschäßen,  sie  wird
auch  von  den  Erfahrungen  abhängen,  die  Kanada  mit  den  Vorzugszöllen
macht,  welches  den  übrigen  Kolonien  auf  diesem  Wege  vorausgegangen  ist.“

Ueber  die  deutsch-kanadische  Zollfrage  sagt  er:  „Ich  vermute,  daß
Sie  und  ich  darin  einig  sind,  daß  das  britische  Reich  ein  untrennbares
Ganzes  ist.  Wir  sind  auch  darin  einig,  daß  keiner  der  Staaten,  welche
das  britische  Reich  bilden,  von  einem  Vorteil  ausgeschlossen  werden  darf,
der  dem  vereinigten  Königreich  zukommt.  Eine  Gefälligkeit,  die  Kanada
uns  erweist,  können  wir  daher  als  eine  Familienangelegenheit  betrachten,
die  keinen  anderen  etwas  angeht.  Unglücklicherweise  denkt  nun  Deutschland
anders.  Sehen  wir  uns  nun  das  Deutsche  Reich  an.  Dies  Deutsche  Reich
teilt  sich  in  Staaten  —  Bayern  und  sagen  wir  Hannover,  Sachsen  und
Württemberg.  Diese  Staaten  mögen  miteinander  abmachen,  was  sie  wollen
und  wie  sie  wollen.  Tatsache  ist  jedenfalls,  daß  sie  bei  uns  Freihandel
genießen.  Wir  betrachten  sie  nicht  als  einzelne  Bestandteile,  sondern  wir
verkehren  mit  dem  Deutschen  Reiche  als  einem  Ganzen.  Wir  beklagen  uns
auch  nicht,  wenn  ein  Staat  innerhalb  dieses  Reiches  einem  anderen  einen
Vorteil  zuwendet  und  nicht  allen  anderen  Nationen  auf  der  Welt  die  gleiche
Begünstigung  gewährt.  Aber  im  „Falle  Kanada“  besteht  Deutschland
darauf,  Kanada  als  ein  Land  für  sich  zu  behandeln,  es  weigert  sich,  Kanada
als  einen  Teil  des  Reiches  anzuerkennen,  welcher  Anspruch  auf  alle  Privilegien
  hat,  die  diesem  Reiche  gebühren,  kurz:  Deutschland  sieht  unser  Abkommen
  mit  Kanada  nicht  als  ein  Familienabkommen  an.  Es  hat  aus
diesem  Grunde  Kanada  bestraft,  indem  es  auf  kanadische  Waren  Zuschlagszölle
  erhob.  Der  Grund  hiefür  ist  klar.  Die  deutschen  Zeitungen  setzen
offen  auseinander,  daß  dies  eine  Politik  der  Repressalien  ist,  und  daß  sie
bezweckt,  andere  Kolonien  davon  abzuschrecken,  uns  dieselben  Vorzugszölle
zu  gewähren..  M.  E.  bringt  uns  das  in  eine  demütigende  Lage,  die
mir  ganz  und  gar  nicht  gefallen  will.  Ich  weiß,  was  folgen  wird,  wenn
wir  derartiges  dulden.  Wie  denken  Sie,  daß  wir  unter  solchen  Umständen
wagen  könnten,  unsere  Kolonien  um  Förderung  der  Reichsidee,  des  engeren
kommerziellen  Zusammenschlusses  anzugehen  oder  sie  aufzufordern,  mit  uns
gemeinsam  eine  finanzielle  Last  zu  tragen!?  Sollen  wir  zu  den  Kolonien
sagen:  „Das  ist  ener  Reich,  seid  stolz  darauf  und  teilt  seine  Privilegien?“
Man  wird  dagegen  fragen:  „Welches  sind  euere  Privilegien?  Die  Privilegien
  scheinen  darin  zu  bestehen,  daß,  wenn  wir  euch  als  Verwandte  und
Freunde  betrachten,  wenn  wir  euch  entgegenkommen  und  euch  Vorteile
gewähren,  daß  dann  ihr,  welche  diese  Vorteile  genießt,  uns  allein  unsere
Kämpfe  gegen  die  ausfechten  laßt,  welche  sich  durch  unser  Tun  verletzt
fühlen.“  Ich  will  auf  dieses  Thema  nicht  weiter  eingehen.  Ich  wollte
Ihnen  nur  die  Lage  darlegen  und  da  ich  von  einer  großen  Reise  zurückkomme,
  so  wünsche  ich,  daß  Sie  die  Dinge  einmal  mit  den  Augen  unserer
Landsleute  in  den  Kolonien  ansehen."

20.  Mai.  (Unterhaus.)  Bei  der  Beratung  des  Londoner
Schulgesetzes  gewinnt  die  Regierung  nur  mit  Hilfe  der  Iren  die
Mehrheit;  gegen  30  Konservative  stimmen  mit  der  Opposition.  —
In  Versammlungen  und  in  der  Presse  wird  lebhaft  gegen  die
Schulvorlage  agitiert.

20.  Mai.  (Unterhaus.)  Die  Regierung  des  Kongostaates
wird  scharf  angegriffen,  weil  sie  durch  ihre  Monopolwirtschaft  den
        <pb n="260" />
        252  Greßbritaunien.  (Mai  23.—28.)

fremden  Handel  vernichte  und  die  Eingeborenen  unmenschlich  behandle.
  Premierminister  Balfour  verspricht,  wegen  dieser  Angelegenheiten
  mit  den  übrigen  Signatarmächten  in  Verbindung
zu  treten.

23.  Mai.  (Unterhaus.)  In  einer  Debatte  über  die  Notwendigkeit
  einer  Altersversorgung  der  Arbeiter  erklärt  Kolonialminister
  Chamberlain,  daß  eine  Vorlage  hierüber  bis  nach  der
Reformierung  des  Finanzsystems  verschoben  werden  müsse.

27.  Mai.  (Unterhaus.)  England,  Rußland  und  Perfien.

Abg.  Labouchere  fragt,  ob  ein  Vertrag  zwischen  Großbritannien
und  Persien  bestehe,  wodurch  letzteres  verhindert  werde,  über  seine  Territorien
  am  Persischen  Golf  und  anderswo  Verfügungen  zu  treffen.  Unterstaatssekretär
  Cranborne:  Es  bestehe  kein  Vertrag  ähnlicher  Art,  aber  in
Südpersien  genieße  die  britische  Regierung  gewisse  Rechte,  die  ihr  von
Persien  zugestanden  seien.  Es  bestehe  ein  Uebereinkommen  zwischen  Großbritannien
  und  Rußland  zur  Aufrechterhaltung  des  Gebiets  und  der  Unabhängigkeit
  Persiens.

28.  Mai.  (Unterhaus.)  Debatte  über  die  künftige  Handelspolitik.
  Verhältnis  zu  Deutschland.  Erklärungen  Balfours  und

Chamberlains.

Abg.  Sir  Charles  Dilke  (lib.)  fragt  im  Hinblick  auf  Chamberlains
Birminghamer  Rede  den  Premierminister,  welche  Zollpolitik  die  britische
Regierung  in  Zukunft  zu  befolgen  gedenke:  eine  freihändlerische,  wie  seit
langen  Jahrzehnten,  oder  eine  protektionistische,  wie  sie  dem  Kolonialsekretär
  offenbar  vorschwebe.

Premierminister  Balfour  erinnert  an  die  auf  der  vorjährigen  Kolonialkonferenz
  angenommene  Resolution  bezüglich  der  Vorzugszölle  und  bemerkt
dann,  im  Hinblick  auf  diese  Resolution  sei  Chamberlain  genötigt  gewesen,
diese  Frage  jetzt  aufzuwerfen.  Die  jetzige  Lage  sei  verschieden  von  der  im
Jahre  1846.  Nicht  eine  zivilisierte  Nation  außer  England  habe  den  Freihandel
  angenommen.  Kein  Gemeinwesen  zeige  die  mindeste  Geneigtheit
zu  einer  Abänderung  seiner  Politik.  England  habe  daher  einem  Zustand
der  Dinge  entgegenzusehen,  bei  welchem  mehr  und  mehr  eine  Mauer  ihm
feindlicher  Tarife  errichtet  werde,  und  bei  dem  die  auswärtigen  Nationen
ihre  Befugnis  zur  Handhabung  ihres  Tarifes  zum  Nachteile  Englands
gebrauchen  würden.  England  werde  dadurch  immer  weniger  imstande  sein,
in  zivilisierten  Ländern  Märkte  für  seine  Waren  zu  finden.  (Beifall  bei
den  Ministeriellen.)  Man  nehme  einmal  das  Verhalten  Rußlands.  Die
Politik  Rußlands  sei  mit  Vorbedacht  darauf  gerichtet,  allmählich  eine  in
sich  abgeschlossene  Gemeinschaft  zu  werden.  Wenn  es  in  dem  gegenwärtigen
Verhältnisse  weiter  gehe,  so  müsse  die  Zeit  kommen,  wo  die  Türkei,  Indien
und  die  eigenen  Protektorate  die  einzigen  neutralen  Märkte  sein  würden.
England  werde  dann  eine  ungeheure  Menge  Nahrungsmittel  und  Rohstoffe
einzuführen  haben  und  durch  die  Ausfuhr  bezahlen  müssen,  welche  unterzubringen
  es  die  größten  Schwierigkeiten  finden  würde.  Diese  Folge
werde  gegenwärtig  noch  durch  die  Tatsache  verhüllt,  daß  Großbritannien
ein  gewaltiges  Anlagekapital  im  Auslande  besitze  und  daß  es  ihm  verhältnismäßig
  leicht  sei,  seinen  Nahrungsbedarf  nicht  lediglich  durch  die
Ausfuhr  seiner  Fabrikate,  sondern  auch  durch  Schuldzahlungen  fremder
        <pb n="261" />
        Großbritannien.  (Mai  28.)  253

Nationen  zu  decken.  Doch  gehe  gegenwärtig  die  Tendenz  nach  einer  entgegengesetzten
  Richtung,  und  soweit  Amerika  in  Betracht  komme,  das  einst
Großbritanniens  bedeutendster  Schuldner  gewesen  sei,  bestehe  jetzt  eine
Bewegung,  welche  dahin  zu  zielen  scheine,  England  zu  Amerikas  Schuldner
zu  machen.  Er  sage  nicht,  daß  diese  Tendenz  die  von  dem  Kolonialminister
vorgeschlagene  Politik  unbedingt  rechtfertige,  doch  sei  es  eine  Möglichkeit,
welche  man  schwer  ohne  Unruhe  ins  Auge  fassen  könne.  Er  frage,  ob  die
Angelegenheit  von  der  öffentlichen  Erörterung  ausgeschlossen  werden  solle
und  ob  England  nicht  aus  Gründen  der  Selbstverteidigung  die  Politik  zu
erwägen  gezwungen  sei,  daß  es  die  Einkünfte  für  andere  Zwecke  als  die
der  Staatsausgaben  erhöhe.  Eine  jede  andere  Nation  tue  das.  Er  frage
weiter:  Sind  wir  in  unseren  Herzen  mit  einer  Lage  zufrieden,  die  uns
fremden  Ländern  gegenüber  mit  Bezug  auf  die  Tarifverhandlungen  vollkommen
  hilflos  läßt?  Und  wenn  von  irgend  einem  fremden  Lande  etwa
der  Versuch  gemacht  wird,  zu  erklären,  wir  seien  so  getrennt  von  unseren
Kolonien,  daß  diese  mit  Recht  als  besondere  Nationen  behandelt  werden
dürften,  werden  wir  dann  nicht  durch  den  Patriotismus  der  öffentlichen
Meinung,  wie  durch  Rücksicht  auf  uns  selbst  und  unsere  Kolonien  gezwungen
sein,  uns  solcher  Theorie  zu  widersetzen,  wenn  es  nötig  ist,  auch  durch
Vergeltungsmaßnahmen  im  Steuerwesen?  Die  Kolonien  mit  Selbstverwaltung
  müssen  die  gleichen  Vorteile  haben,  wie  sie  den  unter  vollständiger
Kontrolle  der  Zentralregierung  stehenden  Kolonien  anderer  Nationen  gewährt
werden.  Um  dies  zu  erreichen,  müssen  wir  zollpolitische  Waffen  in  der
Hand  haben.  Ein  fernerer  Grund  für  die  vorgeschlagene  Zollpolitik  ist  das
Bestreben,  das  Reich  enger  zusammenzuschließen.  Das  Volk  ist  nur
gewillt,  einen  Nahrungsmittelzoll  anzunehmen,  wenn  die  zollpolitische  und
reichspolitische  Stellung  dadurch  auf  eine  bessere  Grundlage  gestellt  werde.
Ein  Beschluß  in  dieser  Angelegenheit  ist  aber  nur  zu  erreichen,  wenn  die
Sache  in  England  und  seinen  Kolonien  zuvor  eingehend  erörtert  wird.
Eine  Schwierigkeit  besteht  allerdings  infolge  der  überlieferten  Abneigung
der  Bevölkerung  gegen  Lebensmittelzölle  und  wegen  der  traditionellen
Vorliebe  der  Kolonien  für  Schutzzölle.  Er  versichere,  es  bestehe  kein
Widerspruch  zwischen  seinen  Ansichten  und  denjenigen  Chamberlains;  über
die  vorliegende  Frage  werde  das  jetzt  bestehende  Haus  überhaupt  nicht
mehr  zu  entscheiden  haben;  es  sei  eine  Frage  der  künftigen  Steuerpolitik,
welche  die  sorgfältigste  Prüfung  erfordere.  Wenn  die  öffentliche  Meinung
reif  werde  und  wenn  die  Kolonien  und  das  Volk  Großbritanniens  der
Meinung  seien,  daß  etwas  getan  werden  müsse,  um  das  britische  Reich  in
die  wirtschaftliche  Lage  zu  bringen,  welche  der  glänzenden  wirtschaftlichen  Lage
der  Vereinigten  Staaten  gleiche,  dann  werde  England  wohl  tun,  auch  dementsprechend
  zu  handeln.  Wenn  dieser  Plan  sich  aber  nicht  als  durchführbar
erwiese  oder  wenn  nicht  irgend  ein  anderer  Plan  das  gleiche  Ergebnis  haben
sollte,  wenn  also  das  britische  Reich  dauernd  aus  einer  Reihe  isolierter  wirtschaftlicher
  Einheiten  bestehen  müsse,  so  würde  es  vergeblich  sein,  zu  hoffen,  daß
auch  diesem  Zweige  der  angelsächsischen  Rasse  der  große,  sieghafte  wirtschaftliche
Fortschritt  bestimmt  sei,  der  unzweifelhaft  vor  den  Vereinigten  Staaten  liege.

Abg.  Hough  Cecil:  Canada,habe  ernste  Beschwerden  gegen  Deutschland,
  doch  gebe  es  für  England  einen  anderen  Weg  als  die  Anwendung
von  Steuermaßregeln.  Englands  Freundschaft  sei  wertvoll.  Die  auswärtigen
  Staatsmänner  müßten  erfahren,  daß  diese  Freundschaft  durch  nichts
mehr  geschwächt  werde,  als  durch  ein  den  Kolonien  zufügtes  Unrecht.
Wenn  die  Zeit  komme,  daß  Englands  Freundschaft  für  Deutschland  eine
Erwägung  ersten  Ranges  sei,  werde  nicht  vergessen  werden,  daß  das  Deutsche
Reich  eine  der  großen  Kolonien  Englands  in  nicht  billiger  Weise  behandelt  habe.
        <pb n="262" />
        254  Gresbrilaunien.  (Mai  28.)

Staatssekretär  der  Kolonien  J.  Chamberlain:  Cecils  Meinung,
daß  eine  neue  Politik  geplant  sei,  die  mit  einem  Streiche  eine  vollständige
Umwälzung  der  englischen  Zollpolitik  herbeiführen  solle,  sei  irrig.  Von
einem  solchen  Vorschlag  sei  ihm  nichts  bekannt.  Wenn  Cecil  meine,  man
solle  nicht  zu  hastig  gegen  die  Grundsätze  des  Freihandels  vorgehen,  so
erwidere  er,  daß  alles  auf  Begriffsbestimmungen  ankomme.  Wenn  der
Freihandel  nach  Cecils  Auffassung  darin  bestände,  einen  freien  Austausch
von  Waren  zu  einem  natürlichen  Preise  herbeizuführen,  so  würde  weder
er,  noch  ein  anderer  Minister  diesem  Satze  entgegentreten.  Es  gebe  aber,
gewisse  Abweichungen  von  dieser  Freihandelsdoktrin,  welche  sorgfältige
Aufmerksamkeit  erfordern.  Die  Opposition  habe  wissen  wollen,  ob  er,  der
Redner,  im  Gegensatz  zu  Balfour  stehe.  Er  erkläre,  daß  er  mit  jedem
Worte  Balfours  einverstanden  sei.  (Beifall  bei  den  Ministeriellen.)  Es
bestehe  prinzipiell  keine  Meinungsverschiedenheit.  Aber  obgleich  nichts
angeregt  worden  sei,  was  die  vollständige  Umkehrung  des  englischen
Finanzsystems  bedeute,  müsse  doch  der  Regierung  eine  neue  Vollmacht
gegeben  werden,  wenn  seine  (Chamberlains)  Vorschläge  zu  praktischer
Wirkung  gebracht  werden  sollten.  Er  werde  alles  in  seiner  Macht  stehende
tun,  um  diese  Frage  vor  das  Volk  zu  bringen.  Einen  eingehenden  Entwurf
könne  er  gegenwärtig  nicht  vorlegen.  Solange  man  den  Kolonien  nur
sagen  könne,  was  sie  vorschlagen,  sei  gegen  Englands  Steuersystem,  habe
man  keine  Waffe  in  Händen  und  könne  man  den  Angriffen  auf  die  Kolonien
nicht  begegnen.  Er  werde  es  bedauern,  wenn  irgendwie  eine  gehässige
Bezugnahme  auf  Deutschland  stattfinde;  er  müsse  aber  auf  Deutschland  Bezug
nehmen,  da  Deutschland  das  einzige  Land  sei,  welches  in  feindseligem  Sinne
Notiz  von  den  Vorzugsbestimmungen  Canadas  genommen  habe.  Deutschland
allein  habe  gegen  Canada  Strafmaßregeln  in  Form  eines  sehr  beträchtlichen
Zuschlagszolles  verfügt,  weil  Canada  freiwillig  englischen  Waren  eine
Vorzugsbehandlung  gewährte.  Im  Gegensatz  zu  Cecil  halte  er  es  für
rätlich,  eine  steuerpolitische  Vereinigung  mit  den  Kolonien  herbeizuführen.
Auch  die  Einigung  Deutschlands  sei  in  erster  Linie  durch  den  Zollverein
durchgeführt  worden  und  konnte  ohne  ihn  nicht  erreicht  werden.  Das
Verfahren  mit  Blut  und  Eisen  habe  auch  zum  Zusammentreffen  beigetragen,
aber  Cecil  werde  nicht  wünschen,  diese  Mittel  gegen  die  Kolonien  anzuwenden.
  Erst  müsse  sich  das  Volk  für  den  Vorschlag  entscheiden,  dann
wäre  es  Zeit,  einen  Plan  zur  Ausführung  vorzulegen.  Wenn  die  Regierung
eine  Vollmacht  der  erwähnten  Art  bereits  hätte,  würde  er  eine  neue
Kolonialkonferenz  einberufen.  Er  hege  nicht  den  geringsten  Zweifel,  daß
Vereinbarungen  mit  den  Kolonien  zustande  gebracht  werden  könnten.  Bei
Bevorzugung  auf  Gegenseitigkeit  würde  England  für  die  wichtigeren
Erzeugnisse  der  Kolonie,  sei  es  für  Rohmaterial,  sei  es  für  Nahrungsmittel
  oder  für  beide  Vorzugstarife  einzuräumen  haben.  Empfehlenswert
sei  aber  lediglich  die  Einführung  einer  Steuer  auf  Nahrungsmittel;  eine
solche  Steuer  würde  der  Regierung  eine  bedeutende  Summe  zur  Verfügung
stellen,  zu  der  die  Arbeiter  drei  Viertel  und  die  reicheren  Klassen  ein
Viertel  beisteuern  würden.  Die  ganze  Summe  müßte  für  die  soziale
Gesetzgebung  Verwendung  finden;  die  Alterspensionen  und  andere  Dinge
würden  dann  verwirklicht  werden.  Eine  solche  Steuer  könnte  auch  gelegentlich
als  Schutzzoll  dienen.  Es  seien  bei  der  deutschen  Regierung  bezüglich  der
Behandlung  Canadas  Vorstellungen  erhoben  worden,  aber  erfolglos.  Die
deutsche  Regierung  werde  auch  nicht  eher  etwas  tun  können,  als  bis  das
deutsche  Volk  finde,  daß  es  seine  Rache  an  Canada  nicht  kühlen  kann,
ohne  an  der  eigenen  Tasche  Schaden  zu  leiden.  Es  sei  notwendig,  daß
die  Regierung  die  Vollmacht  habe,  auf  gewisse  Artikel  Zölle  zu  legen,
        <pb n="263" />
        Greßbritaunien.  (Mai  Ende.  Juni  9.)  255

wenn  man  Vergeltungsmaßregeln  ergreifen  wollte  für  den  Fall,  daß  die
Kolonien  durch  Repressalien  fremder  Mächte  geschädigt  würden.  Es  sei
aber  auch  denkbar,  daß  der  eigene  britische  Handel  gegen  ungerechten
Wettbewerb  geschützt  werden  müsse.

Ende  Mai.  Anfang  Juni.  Im  Anschluß  an  Chamberlains
Birminghamer  Rede  und  die  Parlamentsdebatten  wird  in  der  Presse
die  künftige  Handelspolitik  und  der  deutsch-kanadische  Zollstreit
lebhaft  erörtert.  Die  konservative  Presse  stimmt  im  allgemeinen
Chamberlain  zu,  die  liberale  ist  skeptischer.

9.  Juni.  (Bishop  Stortford.)  Lord  Rosebery  erklärt  sich
in  einer  öffentlichen  Rede  scharf  gegen  die  Preisgabe  des  Freihandels,
  weil  dadurch  England  der  Hungersnot  ausgesetzt  werden
würde.

9.  Juni.  (Unterhaus.)  Debatte  über  die  Handelspolitik.
Gegensatz  Ritchie-Chamberlain.

Abg.  Chaplin  (kons.)  beantragt,  den  Getreidezoll  nicht  abzuschaffen.
Der  Vorschlag  der  Regierung,  diesen  Zoll  wieder  abzuschaffen,  sei  von  zahlzosen
  Freunden  der  Regierung  mit  Unbehagen  und  Mißfallen  ausgenommen
worden.  Jeder  Grund,  der  während  des  letzten  Jahres  geltend  gemacht
worden  sei,  spreche  dafür,  daß  der  Zoll  jetzt  in  Kraft  bleibe.  Die  Abschaffung
  des  Zolles  sei  den  Ansichten  Chamberlains  entgegengesetzt.  Die
Politik  der  Regierung,  die  einzige  Waffe  wegzuwerfen,  mit  der  sie  die  von
Chamberlain  verkündeten  großen  Ideen  zur  Verwirklichung  bringen  könnte,
sei  unbegreiflich.  Abg.  Hicks  Beach  (kons.,  früher  Schatzsekretär):  Er
selbst  habe  im  vorigen  Jahre  den  Getreidezoll  infolge  des  ungeheueren
Anwachsens  der  Staatsausgaben  als  dauernden  Zoll  vorgeschlagen,  freue
sich  aber,  daß  der  Schatzkanzler  Ritchie  eine  Verminderung  der  Ausgaben
für  die  Armee  versprochen  habe,  für  die  das  Geld  nach  seiner  Ansicht  am
schlechtesten  ausgegeben  werde.  Er  habe  den  Zoll  als  fiskalische  Maßnahme
und  nicht  als  Schutzzoll  vorgeschlagen,  aber  in  einigen  Kreisen  scheine  angenommen
  zu  werden,  daß  der  Zoll  für  Zwecke  der  kolonialen  Vorzugsbehandlung
  gebraucht  werden  soll.  Wenn  die  Regierung  beschlossen  habe,
den  Zoll  aufzuheben,  um  jenes  Mißverständnis  zu  beseitigen,  so  habe  sie
einen  guten  Grund  gehabt,  ein  solches  Verhalten  einzuschlagen.  (Beifall.)
Ich  stimme  mit  Chamberlain  darin  überein,  daß  seiner  Birminghamer
Rede  zu  viel  Bedeutung  beigelegt  worden  ist.  (Gelächter.)  Aber  Herr
Chamberlain  hat  seine  Ansichten  bei  verschiedenen  Gelegenheiten  nacheinander
  mit  Nachdruck  geltend  gemacht,  und  was  wichtiger  ist,  Herr  Balfour
  hat  über  diesen  Gegenstand  eine  Rede  gehalten.  Die  Stellungnahme,
die  Herr  Balfour  vorgeschlagen  hat,  ist  vollkommen  unmöglich,  sie  ist  weder
der  Regierung  noch  der  konservativen  Partei  würdig.  Haben  wir  die  Ansichten
  Chamberlains  als  diejenigen  des  gesamten  Kabinetts  aufzufassen?
Die  Abschaffung  des  Getreidezolles  scheint  mir  geradezu  ein  Riegel  zu  sein
gegen  die  Annahme  von  Bevorzugungsgrundsätzen.  (Beifall  bei  der  Opposition.)
  Die  Angelegenheit  kann  nicht  lange  in  dem  gegenwärtigen  Stande
gelassen  werden.  (Beifall.)  Eine  wesentliche  Aenderung  in  der  Finanzpolitik
  des  Landes  ist  vorgeschlagen.  Die  Aenderung  kann  nur  ausgeführt
werden  mit  Zustimmung  der  öffentlichen  Meinung  Großbritanniens.  Glauben
  die  Herren  Chamberlain  und  Balfour  wirklich,  daß  sie  Aussicht  haben,
        <pb n="264" />
        256  Grobritannien.  (Juni  9.)

eine  solche  allgemeine  Zustimmung  zu  erlangen?  Der  Vorschlag  5
lains  hat  die  liberale  Partei  geeinigt,  und  wenn  die  Regierung  auf  diesem
Vorschlage  besteht,  so  wird  sie  die  unionistische  Partei  zerstören.  Balfour
und  Chamberlain  sollten  erwägen,  nicht,  was  nach  ihren  eigenen  Meinungen
wünschenswert,  sondern  was  möglich  wäre,  und  ihrer  Verpflichtungen  ihrer
eigenen  Partei  gegenüber  eingedenk  sein.  Er  wende  sich  auch  an  die  Minister,
  die  etwa  anderer  Ansicht  als  Chamberlain  seien,  ihre  Ansichten  frei
auszusprechen.  (Beifall  bei  der  Opwosttion)  Er  sei  auch  mit  einigen  Einwendungen
  Chaplins  gegen  die  Aufhebung  des  Getreidezolles  einverstanden;
aber  die  Politik,  den  Zoll  aufzuheben,  sei  nur  ein  Gegenstück  zu  der  Politik
und  den  Grundsätzen  Chamberlains,  die  Großbritannien  schädigen  und
mehr  dazu  beitragen  würden,  das  Reich  zu  spalten,  als  zu  einigen.  (Beifall
  bei  der  Opposition.)  Er  werde  deshalb  gegen  den  Besserungsantrag
Chaplins  stimmen  und  die  Aufhebung  des  Zolles  unterstützen.
Schatzkanzler  Ritchie:  Er  könne  versichern,  daß  die  Regierung  den
großen  Ausgaben  sowohl  im  Etat  der  Marine  als  auch  in  der  Armee  und
in  dem  Etat  anderer  Verwaltungszweige  ihre  Aufmerksamkeit  widme  und
entschlossen  sei,  soweit  es  die  Interessen  des  Landes  zulassen,  zu  prüfen,
wo  die  Ausgaben  mit  Vorteil  vermindert  werden  können.  Nach  einem
großen  Kriege  könnten  die  Ausgaben  für  Armee  und  Marine  nicht  plötzlich
herabgesetzt  werden,  und  sodann  gebe  es  gewisse  Ausgaben,  über  die  keine
Regierung  Macht  habe.  Es  sei  Hicks  Beachs  Pflicht  gewesen,  seinerzeit  die
Erklärung  abzulehnen,  daß  der  Getreidezoll  nur  für  ein  Jahr  bestimmt  sei,
da  dies  eine  Vermehrung  des  Handels  zur  Folge  gehabt  haben  würde;
aber  die  Regierung  sei  jetzt  zu  dem  Entschluß  gekommen,  daß  er  aufgehoben
werden  solle.  Die  Vorzugsbehandlung  der  Kolonien  sei  eine  große  und
wichtige  Frage,  die  zur  Beschlußfassung  vorderhand  treten  würde.  (Rufe:
Wann?)  Auf  alle  Fälle  nicht  jetzt.  (Gelächter,  beetertet  Obgleich  er
sich  nicht  auf  Einzelheiten  einlassen  könne,  müsse  ihm  gestattet  werden,
seine  eigene  Ansicht  auszusprechen.  Diejenigen  Mitglieder  der  Regierung,
die  bisher  gesprochen  hätten,  hätten  nur  für  sich  selber  und  nicht  für  die
Regierung  gesprochen.  (Oh,  oh!  und  höhnische  Zurufe  bei  der  Opposition.)
Herr  Chamberlain  habe  in  seiner  ersten  Rede  ausdrücklich  gesagt,  er  spreche
nur  für  sich  selber.  Was  die  Mitglieder  der  Regierung,  die  in  dieser  Sache
gesprochen,  anbetreffe,  so  laute  alles,  was  sie  ausgeführt  hätten,  lediglich
dahin,  daß  die  Frage  der  Vorzugsbehandlung  der  Kolonien  erörtert  und
untersucht  werden  solle.  Er  seinerseits  würde  überrascht  sein,  wenn  die
Untersuchung  ein  praktisches  Mittel  ergäbe,  diese  Politik  auszuführen.
Lauter  Beifall  bei  der  Opposition.)  Er  bekenne  sich  als  einen  überzeugten
reihändler  und  teile  nicht  die  Ansichten  derjenigen,  die  da  glauben,  daß
ein  Mittel  ausgesonnen  werden  könne,  um  die  Schwierigkeiten  zu  überwinden,
  die  sich  im  Zusammenhang  mit  diesem  Problem  darstellen.  Und
wie  er  gegenwärtig  beraten  sei,  könne  er  sich  nicht  zu  einer  Politik  erkennen,
  die  seiner  Ansicht  nach  sowohl  Großbritannien  wie  seine  Kolonien
schädigen  würde.  (Beifall  bei  der  Opposition.)  Er  schrecke  vor  keiner
Untersuchung  der  Frage  zurück,  die  er  vielmehr  in  der  Tat  zusammen  mit
allen  seinen  Kollegen  von  jedem  Gesichtspunkt  aus  als  äußerst  wünschenswert
  erachte.  (Beifall  bei  der  Opposition.)  Die  Leute,  die  von  dem  Getreidezoll
  Vorteil  gehabt  hätten,  seien  nicht  die  britischen,  sondern  die  ausländischen
  Landwirte.  Bei  Fortbestehen  des  Zolles  würde  der  Verbraucher
entweder  in  der  Qualität  oder  im  Preise  haben  zahlen  müssen.  Auf  die
Dauer  falle  jede  Erhöhung  des  Brotpreises  auf  die  ärmsten  Volksklassen.
Der  kleine  bisherige  Zoll  wurde  ohne  Beschwerde  getragen,  weil  die  arbeitenden
  Klassen  für  den  Krieg  und  die  dafür  nötigen  Geldaufwendungen

 

—
        <pb n="265" />
        Großbritannien.  (Juni  9.)  257

waren.  Der  Zoll  wurde  in  der  geeigneten  Weise  erhoben,  in  einer  Zeit

großer  nationaler  Not.  Er  wird  nun  abgeschafft,  da  sich  uns  wieder

freundlichere  Aussichten  eröffnet  haben.  Darin  liegt  keine  Inkonsequenz,

tnd  ach  glaube,  daß  unser  Vorgehen  von  dem  Lande  unterstützt  wird.
eifall.

Am  folgenden  Tage  stimmt  Abg.  Asquith  (lib.)  Ritchie  zu  und
fragt,  wie  sich  diese  Ansichten  mit  denen  Chamberlains  vertrügen.  Wir
sehen  zwei  Minister  auf  derselben  Bank,  welche  unversöhnlich  geteilte  Ansichten
  haben  über  Fragen,  welche  näher  als  irgend  eine  andere  Frage  die
Einheit  des  Reiches  und  seine  fiskalische  und  finanzielle  Wohlfahrt  berühren.
Das  steht  ohne  Vorgang  und  beispiellos  da  und  bedeutet  ein  gänzliches
Aufgeben  der  Ueberlieferungen  und  Regeln  des  öffentlichen  Lebens.  Dagegen,
  daß  in  einer  so  wichtigen  Sache  zwei  verantwortlichen  Ministern
gestattet  werden  soll,  nicht  nur  entgegengesetzte  Ansichten  auszusprechen,
sondern  sich  auch  als  Propagandisten  zweier  miteinander  unverträglichen
Anschauungen  zu  gebaren,  erhebe  ich  Einspruch  nicht  nur  im  Namen  der
Opposition,  sondern  auch  im  Namen  der  Majorität  des  Hauses.  Ich  protestiere
  gegen  eine  Praxis,  welche,  wenn  sie  gestattet  würde,  der  ministeriellen
  Verantwortlichkeit  und  der  Kontrolle  des  Kabinetts  ein  Ende
machen  würde.

Premierminister  Balfour:  Mit  dem  Korngoll  sei  nicht  eine  Schutzzollmaßregel
  beabsichtigt  gewesen,  sondern  er  sei  eingeführt  worden,  weil
die  Regierung  Geld  brauchte,  und  er  werde  abgeschafft,  weil  die  Regierung
die  Einnahmen  aus  diesem  Zoll  nicht  mehr  nötig  habe.  (Heiterkeit.)  Ueber
die  Ministerverantwortlichkeit  herrschen  große  Mißverständnisse.  Was  man
von  einer  Regierung  verlangen  könne,  sei  gemeinsames  Handeln  unter  gemeinsamer
  Verantwortlichkeit.  Eine  Gleichmäßigkeit  in  Aeußerungen  der
Minister  sei  aber  nicht  erforderlich.  Niemand,  der  die  menschliche  Natur
kenne,  erwarte  absolute  Uebereinstimmung  der  Ansichten,  niemand  nehme
an,  daß  in  einem  Kabinett  jeder  Minister  mit  jeder  Maßnahme  einverstanden
  sei.  Wenn  aber  ein  Minister  glaube,  daß  eine  zwischen  ihm  und
seinem  Kollegen  herrschende  Meinungsverschiedenheit  nicht  bedeutend  genug
sei,  um  seinen  Rücktritt  zu  rechtfertigen,  so  habe  er  auch  die  Verantwortung
  für  die  Handlungen  der  Regierung  mitzutragen:  das  sei  eine  gesunde
Auffassung  der  konstitutionellen  Lehre.  Der  Schwerpunkt  der  gegen  ihn
erhobenen  Anklagen  liege  darin,  daß  er  nicht  eine  Erklärung  im  Namen
seiner  Kollegen  und  seiner  Partei  abgegeben  habe  über  gewisse  große  fiskalische
  und  koloniale  Probleme,  die  durch  jüngst  gehaltene  Reden  aufgeworfen
  worden  seien.  Er  würde  aber  von  seiner  Pflicht  abgewichen  sein,
wenn  er  jetzt  bei  dieser  oder  irgend  einer  anderen  Gelegenheit  irgend  eine
die  Finanzen  betreffende  Erklärung  abgegeben  hätte.  Er  gehöre  nicht  zu
den  selbstvertrauenden  Leuten,  welche  glaubten,  daß  ein  unter  ganz  anderen
Umständen  eingeführtes  Finanzsystem  ewig  in  Kraft  bleiben  müsse.  (Beifall.)
  Er  glaube  aber  nicht,  daß  England  jemals  zu  den  absurden,  komplizierten
  Tarifen  zurückkehren  solle,  deren  Reform  im  Jahre  1842  begonnen
  habe.  Was  die  Frage  der  Verwendung  von  Kampftarifen  bei
Handelsvertragsverhandlungen  anlange,  so  seien  seine  Ansichten  darüber
bekannt.  „Ich  habe  1881  ausgeführt,  daß  die  Möglichkeit,  fremde  Nationen
dadurch  zu  Konzessionen  zu  bewegen,  daß  wir  ihnen  Tarifkonzessionen  gewähren,
  zu  Ende  gehen  würde,  und  daß  ich  nicht  einsehe,  wie  in  Zukunft
über  günstige  Bedingungen  verhandelt  werden  könnte,  wenn  wir  nicht  die
Macht  hätten,  etwas  wie  eine  Wiedervergeltung  entgegenzusetzen.  Seit
1881  sind  in  den  großen  Ländern,  mit  denen  wir  zu  verhandeln  wünschen,
viele  Tarife  zu  stande  gekommen,  die  für  uns  ungünstig  sind.  Wir  haben

Europeischer  Geschichtskalender.  XIV.  17
        <pb n="266" />
        258  Greßbritannien.  (Juni  22.)

das  enorme  Anwachsen  der  Trusts  gesehen.  Niemand  ist  im  Hause,  der
nicht  eine  gewisse  Beunruhigung  fühlt  bei  dem  Gedanken  an  ihre  eventuelle
Wirkung  auf  Englands  große  Stapelindustrien.  (Beifall  bei  den  Ministeriellen.)
  Eine  fernere  in  die  Augen  fallende  Erscheinung  ist  der  von  dem
Kolonialminister  zum  Ausdruck  gebrachte  Wunsch  eines  engeren  Anschlusses
an  das  Mutterland  durch  fiskalische  Maßnahmen.  (Beifall  bei  den  Ministeriellen.)
  Glaubt  das  Haus  etwa,  daß  alle  diese  Erscheinungen,  die,  so
schwierig  sie  sind,  der  größten  Aufmerksamkeit  von  seiten  des  Landes  wert
sind,  mir  entgangen  sein  sollten?  In  einer  großen  komplizierten  Gemeinschaft,
  wie  der  unserigen,  müssen  von  Zeit  zu  Zeit  große  Veränderungen
in  Erwägung  gezogen  werden,  und  die  Minister  sollten  versuchen,  wenn
das  Kabinett  glaubt,  daß  die  Zeit  gekommen  sei,  unter  neuen  Umständen
entstandene  neue  Schwierigkeiten  zu  prüfen,  ihre  Ansichten  im  stillen  und
verborgenen  reifen  zu  lassen,  wie  es  Peel  und  Gladstone  gehalten  haben.
In  beiden  Fällen  blieb  allerdings  der  Erfolg  aus,  denn  die  Ansichten  der
Premierminister  wurden  ihren  Anhängern  aufgedrängt,  und  in  beiden
Fällen  war  das  Ergebnis  ein  Bruch.  Ich  will  nicht  leugnen,  daß  der  von
mir  eingeschlagene  Weg  seine  Nachteile  hat.  Ich  sage  aber:  Laßt  uns  die
Frage  nach  allen  Seiten  prüfen  und  alle  Tatsachen  und  Gründe  in  Erwägung
  ziehen,  und  wenn  eine  Verschiedenheit  der  Ansichten  in  der  Partei
besteht,  so  sollte  man  nicht  über  die  zur  Erwägung  stehende  Frage  hinausgehen
  und  die  Einigkeit  oder  Loyalität  der  Partei  in  Frage  stellen.  Die
jetzt  vorliegende  fiskalische  Frage  ist  unvergleichlich  schwieriger  und  komplizierter
  als  die  von  Peel  und  Gladstone  aufgeworfenen  Fragen  waren.
Koloniale  Fragen  berühren  nicht  nur  die  öffentliche  Meinung  in  England,
sondern  auch  in  allen  unseren  Kolonien  mit  Selbstverwaltung.  Ich  habe
meine  Ansichten  mit  vollkommenster  Aufrichtigkeit  auseinandergesetzt,  und
ich  würde  meine  Pflicht  verletzen,  wenn  ich  abgeschlossene  Ueberzeugungen
aussprechen  wollte,  wo  solche  nicht  bestehen.  (Beifall  und  Widerspruch.)
Gelegenheiten,  wo  solche  große  Probleme  entstehen,  sind  glücklicherweise
selten  in  England;  wenn  sie  aber  entstehen,  so  wird,  hoffe  ich,  der  am
Ruder  befindliche  Premierminister  den  Weg  einschlagen,  zu  sagen,  es  würde
töricht  und  übereilt  sein,  mit  einem  großen  System,  das  lange  Jahre  bestanden,
  ohne  sorgsamste  Prüfung  zu  brechen;  man  dürfe  aber  bei  aller
schuldigen  Rücksicht  auf  die  Traditionen  der  Vergangenheit  doch  auch  die
neuen  Probleme  nicht  außer  acht  lassen.  Das  ist  meine  Antwort  auf  die
gegen  mich  gerichteten  Angriffe,  und  ich  bin  überzeugt,  daß  das  Haus  und
das  Land,  wenn  sie  die  Antwort  aufrichtigen  Sinnes  in  Erwägung  ziehen,
zu  dem  Schlusse  kommen,  daß  sie  der  Gelegenheit  entspricht.“

lehcer  Antrag  Chaplin  wird  hierauf  mit  424  gegen  28  Stimmen
abgelehnt.

22.  Juni.  (Castleford.)  Eine  Versammlung  des  Gewerkvereins
  der  Bergleute  von  Vorkshire,  an  der  1000000  Arbeiter  teilnehmen,
  erklärt  sich  gegen  die  Zollpläne  Chamberlains.

22.  Juni.  (Malta.)  Verfassungsänderung.

Der  Gouverneur  veröffentlicht  einen  Erlaß,  durch  welchen  die  Verfassung,
  die  im  Jahre  1887  eingeführt  wurde,  wieder  aufgehoben  wird.
Die  alte  Verfassung,  die  vor  dem  Jahre  1887  in  Kraft  war,  wird  wieder
eingeführt.  Nach  der  bis  jetzt  geltenden  Verfassung  bestand  die  gesetzgeberische
  Körperschaft  der  Insel  aus  13  Abgeordneten,  die  von  dem  Volke

gewählt  wurden,  während  die  Regierung  6  Stimmen  hatte.  Bei  der  neu
eingeführten  Verfassung  wird  die  Zahl  der  vom  Volke  gewählten  Abgeord-
        <pb n="267" />
        Greßbritannien.  (Juni  Ende  —Juli  Mitte.)  259

neten  auf  8  vermindert,  während  die  Stimmen  der  Regierung  auf  10  vermehrt
  werden,  so  daß  die  letztere  unter  allen  Umständen  eine  Mehrheit
heit  von  mindestens  zwei  Stimmen  hat.  Die  Regierung  hat  sich  zu  diesem
Schritt  entschlossen,  weil  die  gesetzgeberische  Körperschaft  sich  weigerte,  die
nötigen  Mittel  für  die  Schulen  zu  bewilligen,  weil  die  Regierung  angeordnet
  hatte,  daß  künftighin  die  englische  Sprache  anstatt  der  italienischen
obligatorisch  sein  sollte.

Ende  Juni.  Lord  Rosebery  agitiert  für  die  Errichtung  einer
technischen  Hochschule  in  London  nach  dem  Muster  von  Charlottenburg.


6./9.  Juli.  Besuch  des  Präsidenten  Loubet  in  London.

7.  Juli.  (Oberhaus.)  Debatte  über  die  Degeneration  des

englischen  Volkes.

Der  Bischof  von  Ripon  führt  aus,  daß  innerhalb  18  Jahren
der  natürliche  Volkszuwachs  vollständig  zum  Stillstand  gekommen  sein
werde,  wenn  der  Rückgang  in  den  Familien  so  fortschreite,  wie  es  augenblicklich
  der  Fall  sei.  Der  Prozentsatz  an  Geburten  sei  so  zurückgegangen,
daß  heute  dadurch  bereits  1100000  Kinder  weniger  vorhanden  seien,  als
nach  dem  früheren  Prozentsatz  vorhanden  sein  müßten.  London  allein
habe  im  letzten  Jahre  einen  Rückgang  der  Kinderzahl  um  26000  Köpfe
zu  verzeichnen  gehabt.  —  Der  Herzog  von  Devonshire  stimmt  dem
Bischof  bei,  daß  die  Verhältnisse  nicht  nur  vom  militärischen,  sondern  auch
vom  industriellen  Standpunkte  aus  tatsächlich  bedenklich  seien.  Er  verliest
einen  Briefwechsel  des  Kriegsministeriums  mit  dem  Homeoffice,  aus  dem
hervorgeht,  daß  von  je  drei  jungen  Leuten,  die  sich  zum  Militärdienst
stellen,  einer  als  unbrauchbar  zurückgewiesen  werden  muß.  Die  Regierungsdepartements
  seien  davon  überzeugt,  daß  die  Gründe  des  körperlichen  Rückganges
  der  städtischen  Bevölkerung  einer  ernstlichen  Untersuchung  bedürften.

9./10.  Juli.  (Portsmouth.)  Besuch  eines  amerikanischen
Geschwaders.

10.  Juli.  Das  Unterhaus  genehmigt  mit  164  gegen  73
Stimmen  die  Errichtung  des  neuen  Kriegshafens  in  der  Nordsee.

Mitte  Juli.  Der  Schriftwechsel  zwischen  Großbritannien  und
den  Regierungen  von  Deutschland  und  Belgien  über  ihre  Handelsbeziehungen
  zu  Großbritannien  und  den  britischen  Kolonien  wird

veröffentlicht.

Er  umfaßt  72  Depeschen  aus  der  Zeit  vom  9.  Mai  1897  bis  zum
8.  Juli  1903  und  beginnt  kurz  bevor  Lord  Salisbury  den  alten  Handelsvertrag
  mit  Deutschland  kündigte,  weil  dieses  sich  über  kanadische  Vorzugstarife
  zugunsten  Englands  beschwert  hatte.  Nachdem  seither  ein  modus
vivendi  auf  Grund  eines  jährlich  erneuerten  Handelsvertrages  zwischen
Deutschland  und  England  bestanden  hatte,  teilte  Freiherr  v.  Richthofen  am
15.  April  d.  J.  dem  englischen  Botschafter  in  Berlin  in  einer  Note  mit,
daß  die  vom  Bundesrat  beabsichtigte  Verlängerung  des  Meistbegünstigungsvertrages
  mit  England  sich  leicht  als  undurchführbar  erweisen  könnte,  wenn
es  sich  bestätige,  daß  künftig  deutsche  Waren  nicht  mehr  bloß  in  Kanada,
sondern  auch  in  Südafrika  schlechter  als  englische  behandelt  werden  sollten.
Darauf  erfolgte  von  englischer  Seite  zunächst  nichts;  am  15.  Mai  jedoch

17*
        <pb n="268" />
        260  Großbritannien.  (Juli  20.  21.)

gab,  wie  eingeschaltet  werden  muß,  Minister  Chamberlain  im  Unterhause
die  bekannten  aufsehenerregenden  zollrevolutionären  Erklärungen  ab,  und
im  Einklang  damit  teilte  Lord  Lansdowne  am  20.  Juni  der  deutschen
Regierung  mit,  daß,  wenn  sie  auf  ihrem  Standpunkt  verharre  oder  gar
den  gegen  Kanada  angenommenen  Differentialtarif  unter  Umständen  auch
gegen  England  anwenden  wolle,  das  handelspolitische  Verhältnis  zwischen
Deutschland  und  England  in  ein  sehr  ernstes  Stadium  rücken  würde.  In
einer  weiteren  Note  vom  8.  Juli  betonte  Lord  Lansdowne  nachdrücklich,
die  englische  Regierung  wünsche  die  Haltung  der  deutschen  keineswegs  als
einen  Versuch  unberechtigter  Einmischung  in  englische  interkoloniale  Verhältnisse
  zu  bezeichnen,  Deutschland  sei  zu  seinem  Vorgehen  von  seinem
Standpunkt  aus  vollkommen  berechtigt,  inkonsequent  jedoch  sei  es,  wenn
Deutschland  einerseits  die  englischen  Kolonien  als  zollpolitisch  vollkommen
autonom  ansehe  und  andererseits  am  englischen  Mutterlande  selbständige
koloniale  Maßnahmen  zu  rächen  drohe.

20.  Juli.  (London.)  Schluß  einer  internationalen  Telegraphenkonferenz
  nach  sechswöchiger  Dauer.  Sie  hat  Vereinfachungen
des  Betriebsdienstes  und  der  Abrechnung  beraten.

20.  Juli.  (Oberhaus.)  Debatte  über  die  Besetzung  Südafrikas
  und  Indiens.

Bei  der  Beratung  der  Regierungsvorlage,  25000  Mann  in  Südafrika
  zu  unterhalten,  erklärt  der  Unterstaatssekretär  des  Kriegsamtes,
12500  Mann  davon  würden  zur  Verfügung  Indiens  gehalten.  Bei  dem
Ausbruch  eines  Krieges  sei  die  gegenwärtige  Besatzung  Indiens  ungenügend.
Die  Regierung  könne  die  Sendung  von  Verstärkungen  aus  England  nach
Indien  nicht  gewährleisten.  Die  einzige  Möglichkeit,  wenn  man  die  geforderte
  Streitmacht  in  Südafrika  nicht  beibehalten  wolle,  wäre  die  Vermehrung
  der  ständigen  Besatzung  Indiens.  Die  Regierung  sei  bereit,  für
die  Entsendung  von  12500  Mann  von  Afrika  nach  Indien  bei  Feindseligkeiten
  einzutreten.  England  könne  nicht  die  Tatsache  ignorieren,  daß
die  Grenzen  von  Rußland  und  Abghanistan  jetzt  aneinanderstoßen,  und
auch  nicht,  daß  die  Verbindungen  zwischen  Rußlands  Grenze  und  der
militärischen  Basis  jetzt  fertig  oder  weit  fortgeschritten  seien.  Die  Regierung
  beabsichtige  nicht,  den  Finanzen  Indiens  eine  neue  Last  aufzubürden,
so  lange  nicht  die  Auffassung  der  indischen  Regierung  darüber  eingegangen
sei.  Der  Vorschlag  der  Regierung  überhebe  Indien  einer  Belastung,  die
es  sonst  zu  tragen  hätte.

20.  Juli  bis  3.  August.  Aufenthalt  des  Königspaares  in
Irland,  wo  es  warm  empfangen  wird.

21.  Juli.  (Manchester.)  Eine  Konferenz  von  Arbeitgebern
und  Arbeitern  der  Baumwollenindustrie  von  Lancashire  faßt  folgende
  Resolution  gegen  Chamberlains  Zollpläne:

„Die  Konferenz  der  Parlamentarischen  Vereinigung  der  Baumwollenfabrikanten
  und  der  Genossenschaft  der  Vereinigten  Tuchfabrikarbeiter,
die  als  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  die  gesamte  Baumwollen-Industrie
repräsentieren,  ist  fest  überzeugt,  daß  die  große  Baumwollen-Industrie  des
Vereinigten  Königreichs  ihre  hervorragende  Stellung  der  Freihandelspolitik
verdankt  und  nur  durch  dieselbe  aufrecht  erhalten  werden  kann,  und  verpflichtet
  sich  hierdurch,  mit  allen  Kräften  jedem  Vorschlage  Widerstand  zu
        <pb n="269" />
        Großbritannien.  (Juli  21.—23.)  261

leisten,  der  durch  die  Besteuerung  von  Nahrungsmitteln  und  Rohmaterialien
und  die  sich  daraus  ergebende  Erhöhung  der  Produktions=  und  Lebensmittelkosten
  bewirken  müßte,  daß  die  Baumwollen-Industrie  in  dem  bereits
schweren  Kampfe  lahm  gelegt  wird,  den  sie  zur  Aufrechterhaltung  ihrer
Stellung  auf  fremden  Märkten,  durch  welche  80  v.  H.  ihrer  Erzeugnisse
verbraucht  werden,  zu  bestehen  hat.“

21.  Juli.  Das  Unterhaus  genehmigt  die  dritte  Lesung  der
irischen  Landbill  mit  3817  gegen  20  Stimmen.

21.  Juli.  (London.)  Eine  Versammlung  von  Parlamentsmitgliedern
  aller  Parteien  beschließt  die  Gründung  einer  Tarifreformliga,
  deren  Hauptziel  sein  soll,  eine  Prüfung  des  Zolltarifs
zum  Schutze  der  Industrien  des  vereinigten  Königreichs  herbeizuführen,
  und  die  Hilfsquellen  des  Landes  zu  sichern  und  weiter
zu  entwickeln.

22.  Juli.  Das  Unterhaus  genehmigt  das  Londoner  Unterrichtsgesetz.



23.  Juli.  (Unterhaus.)  Debatte  über  die  deutsch-kanadische
Zollfrage.

Unterstaatssekretär  Cranborne  führt  nach  einer  Besprechung  der
venezolanischen  Aktion  aus,  England  wünsche  mit  allen  fremden  Völkern
in  gutem  Einvernehmen  zu  bleiben,  stelle  aber  seine  Kolonien  vor  jede
fremde  Nation.  Sobald  Deutschland  und  andere  Länder  zugäben,  daß
Englands  zollpolitische  Beziehungen  zu  seinen  Kolonien  innere  Angelegenheiten
  seien,  an  denen  sie  keinen  Anteil  hätten,  werde  Englands  Haltung
bei  den  Handelsvertragsverhandlungen  mit  Deutschland  so  entgegenkommend
sein,  wie  der  größte  Freund  Deutschlands  nur  wünschen  könne.  —  Abg.
Grey  fragt,  warum  die  Regierung  nach  vierjährigem  Schweigen  in  der
kanadischen  Angelegenheit  erst  jetzt  vorgehe.  Kolonialminister  Chamberlain:
  Die  neuen  Umstände  lägen  in  der  Drohung  der  deutschen  Regierung,
welche  in  einer  Depesche  des  Staatssekretärs  Frhrn.  v.  Richthofen  enthalten
sei.  Nach  dieser  Depesche  gewann  die  Frage  eine  unendlich  größere  Bedeutung,
  weil  die  englische  Regierung  von  der  deutschen  Regierung  benachrichtigt
  worden  ist,  daß  Deutschland  nicht  allein  die  Politik  der  Wiedervergeltung
  gegen  Kanada  noch  strenger  gestalten  wolle,  sondern  daß  Deutschland
  das  tun  wolle  zu  dem  besonderen  Zwecke,  jede  andere  Kolonie  zu
verhindern,  Kanadas  Beispiel  zu  folgen.  Da  auf  der  Kolonialkonferenz
deutlich  hervortrat,  daß  alle  Kolonien  gewillt  seien,  England  zukünftig  eine
Vorzugsbehandlung  zu  gewähren,  so  war  es  eine  offene,  gegen  die  englische
  Regierung  gerichtete  Drohung,  daß,  wenn  sie  nicht  die  Kolonien  verhindere,
  dem  Mutterlande  eine  Vorzugsbehandlung  zu  gewähren,  dieses
dafür  leiden  müßte.  Er  habe  darüber  keinen  Unwillen  oder  Ueberraschung
ausgedrückt  wie  behauptet  worden,  vielmehr  erklärt,  es  sei  seiner  Ansicht
nach  durchaus  wahrscheinlich,  daß,  so  lange  Deutschland  glaube,  Englands
Politik  sei  nur  die  des  passiven  oder  überhaupt  keines  Widerstandes,  die
deutschen  Staatsmänner  die  Politik  fortsetzen  werden,  die  nach  ihrer  Ansicht
  im  Interesse  des  deutschen  Handels  liegt.  Die  englische  Regierung
sei  ihrerseits  fest  entschlossen,  in  Zukunft  eine  Fortsetzung  dieser  Vergeltungspolitik
  nicht  zuzulassen  ohne  alle  in  ihrer  Macht  befindlichen  Schritte  zu
tun,  um  ihr  ein  Ende  zu  bereiten.  Er  freue  sich,  durch  diese  Erklärungen,
        <pb n="270" />
        262  Großbritannien.  (Juli  26.)

die,  wie  er  annehme,  von  der  großen  Masse  des  englischen  Volkes  gutgeheißen
  werden,  schon  einen  Esolg  erzielt  zu  haben  und  jetzt  zu  Verhandlungen
  über  die  Angelegenheit  –?sl  zu  sein,  die  wahrscheinlih
zu  einem  befriedigenderen  Ergebnis  führen  dürften,  als  die  früheren,  die
vollständig  fehlschlugen,  weil  die  Regierung  zugeben  mußte,  keine  Waffen
in  der  Hand  zu  haben,  um  den  Handel  abzuschließen.

Abg.  Asquith:  Die  Drohung  Deutschlands,  von  welcher  jetzt,  gerade
bevor  die  Regierung  in  den  neuen  Zollfeldzug  eingetreten  ist,  so  viel  gemacht
  werde,  sei  dieselbe,  welche  viel  schärfer  im  Juni  1900  im  Deutschen
Reichstage  ausgesprochen  worden  sei,  von  der  Regierung  aber  unbeachtet
gelassen  worden  sei.  (Beifall  bei  der  Opposition.)  Er  gebe  zu,  die  Drohung
des  Frhrn.  v.  Richthofen  sei  unvereinbar  mit  der  Behauptung  Deutschlands,
es  habe  das  Recht,  Kanada  als  unabhängiges  Zollgebiet  zu  behandeln.
Würden  die  Kampftarife  ohne  Berechtigung  auferlegt,  so  könnte  das  als
ein  feindlicher  Akt  bezeichnet  werden.  Die  Meinung,  daß  England  Uebergriffe
  einer  auswärtigen  Macht  zulassen  solle,  weil  diese  sich  nicht  gegen
das  Land,  sondern  den  Handel  richteten,  sei  lediglich  ein  Wahn  und  keineswegs
  in  der  Freihandelslehre  enthalten.  Worin  die  Opposition  sich  wesentlich
  von  denen  unterscheide,  welche  von  Wiedervergeltung  reden,  sei  die
Frage  der  Art  des  Vorgehens.  Die  Wiedervergeltung  sei  eine  Waffe,
welche  das  Volk  am  meisten  schädige,  welches  sie  anwende.  In  dem  Falle
mit  Deutschland  befinde  sich  England  nicht  einer  solchen  Lage  gegenüber.
Er  hoffe  fest,  die  Angelegenheit  werde  durch  freundschaftliche  Verhandlungen
geregelt  werden.  Die  Annahme,  England  würde  sein  Zollsystem  einer
gründlichen  Aenderung  unterziehen,  um  einer  Lage,  wie  der  fraglichen,
begegnen  zu  können,  ist  ein  Gespenst  und  nur  geeignet,  unwissende  und
nervöse  Personen  zu  erschrecken.  —  Premierminister  Balfour:  Er  wolle
auf  die  Beschuldigung,  daß  die  Regierung  nichts  getan  habe,  mit  der  Erklärung
  antworten,  daß  bei  Deutschland  Vorstellungen  gemacht  wurden,
welche  den  Verhandlungen  ein  ganz  anderes  Aussehen  gaben.  Er  bestreite,
daß  1899  dieselbe  Drohung  gefallen  sei,  wie  1903;  die  früheren  Bemerkungen,
  die  übrigens  nicht  in  einer  Depesche,  sondern  im  Deutschen  Reichstage
  gemacht  wurden,  bezogen  sich  auf  das  Vorgehen  in  Barbados,  das
mit  Kanadas  Vorgehen  nicht  zu  vergleichen  sei.  Es  wurde  behauptet,  die
Regierung  habe  zwei  Jahre  nichts  getan;  man  müsse  aber  bedenken,  daß
dies  die  Jahre  waren,  in  denen  England  den  furchtbaren  Krieg  in  Südafrika
  zu  führen  hatte  und  deshalb  nicht  in  der  Lage  war,  sich  in  Streitigkeiten
  mit  kontinentalen  Nachbarn  einzulassen;  Kanada  habe  zudem  damals
finanziell  unter  dem  Vorgehen  des  Deutschen  Reiches  nicht  zu  leiden  gehabt.
Wenn  das  der  Fall  gewesen  wäre,  würde  die  Regierung  verpflichtet  gewesen
  sein,  um  jeden  Preis  zugunsten  Kanadas  einzuschreiten.

26.  Juli.  Die  „Times“  veröffentlichen  ein  Weißbuch  der
kanadischen  Regierung  über  die  Zolldifferenzen  mit  Deutschland.
Die  „Allgemeine  Zeitung“  berichtet  darüber:

„Die  Veröffentlichungen  beginnen  mit  einer  telegraphischen  Anfrage,
die  der  High  Commissioner  für  Canada  am  27.  Juni  1898  an  den  canadischen
  Handelsminister  Sir  Richard  Cartwright  richtete.  Diese  Anfrage
ging  dahin,  ob  er,  der  High  Commissioner,  einen  Protest  gegen  das  Vorgehen
  Dentschlands  einlegen  solle;  der  Kolonialsekretär  habe  erklärt,  daß
ein  solcher  Protest  wahrscheinlich  von  der  britischen  Regierung  unterstützt
werden  würde.  Die  Antwort  des  canadischen  Handelsministers  lautete
bezeichnend:  Wenn  Chamberlain  einverstanden,  Protest  einlegen!  Daraufhin
schrieb  der  High  Commissioner  Lord  Strathgona  einen  Brief  an  den
        <pb n="271" />
        Erofbritannien.  (Juli  26.)  263

Kolonialsekretär  Mr.  Chamberlain,  in  dem  es  heißt,  daß  die  canadische
Regierung  gern  bereit  sei,  Deutschland  dieselben  Vorteile  zu  gewähren,  die
anderen  Nationen  gewährt  würden;  man  verlange  als  Gegendienst  dafür
von  Deutschland  nichts  weiter  als  dieselbe  Behandlung.  Man  habe  ja  von
Deutschland  nicht  verlangt,  daß  die  canadischen  Waren  dieselben  Vorteile
genießen  sollten  wie  die,  die  die  deutschen  Staaten  sich  untereinander
gewährten.  Dann  wird  wieder  auf  die  spanischen  und  französischen  Kolonien
hingewiesen,  die  auch  dem  Mutterlande  Vorzugszölle  gewährten,  und  von
denen  Deutschland  sich  das  ruhig  gefallen  lasse.  Schließlich  ersucht  der  High
Commissioner  die  britische  Regierung,  die  Angelegenheit  in  diesem  Sinne
der  deutschen  Regierung  vorzustellen.  Im  Mai  1901,  als  wieder  allerhand
Gerüchte  über  deutsche  Pläne  im  Umlauf  waren,  machte  der  High  Commissioner
  neue  Vorstellungen  beim  Kolonialamt.  Dieses  Mal  handelte  es
sich  um  Gerüchte,  den  neuen  deutschen  Tarif  betreffend,  und  Lord  Strathgona
  gibt  in  seinem  Schreiben  der  Hoffnung  Ausdruck,  daß  die  Regierung
die  Meistbegünstigungsklausel  für  Canada  schern  werde.  Auch  hier  wird
wieder  betont,  daß  Deutschland  von  Canada  wie  alle  anderen  Länder  behandelt
  werde,  denn  Großbritannien  könne  nicht  als  Ausland  angesehen
werden,  sondern  es  handle  sich  bei  den  dem  Mutterlande  gewährten  Vorzügen
  um  eine  innerpolitische  Angelegenheit  des  britischen  Reiches.  Der
Brief  schließt:  Wenn  Deutschland  auf  seiner  Stellung  beharre,  dann  bleibe
schließlich  nichts  anderes  übrig,  als  die  ganze  Frage  der  Einfuhr  deutscher
Waren  nach  Canada  einer  weiteren  Untersuchung  zu  unterziehen,  wobei
zu  bedenken  sei,  daß  die  Einfuhr  deutscher  Waren  nach  Canada  bedeutender
sei  als  die  canadischer  Waren  nach  Deutschland.  Anfang  November  fanden
dann  Pinige  Unterredungen  zwischen  dem  Premierminister  von  Canada,  Sir
Wilfried  Laurier,  und  dem  deutschen  Konsul  in  Montreal,  Herrn  Bopp,
statt,  denen  eine  Korrespondenz  folgte.  In  dieser  Korrespondenz  setzte
Herr  Bopp  seine  persönliche  Auffassung  der  Sache  auseinander.  Sehr
bestimmt  stellt  er  dem  Premier  die  Ungerechtigkeit  der  canadischen  Forderungen
  vor,  die  darauf  hinausliefen,  daß  Deutschland  canadischen  Waren
Vorzüge  gewähren  solle,  ohne  daß  irgend  ein  Aequivalent  dafür  geboten
werde.  Zum  Schluß  rät  der  Konsul,  die  Vorschläge,  ehe  sie  definitiv
gemacht  würden,  noch  einmal  zu  prüfen,  denn  so  wie  sie  bei  der  letzten
Unterredung  gelautet  hätten,  wage  er  sich  nicht,  sie  seiner  Regierung  zu
unterbreiten.  Daraufhin  lehnte  es  Sir  Wilfried  Laurier  ab,  sich  weiter
auf  die  Sache  einzulassen,  und  zwar  mit  der  Begründung,  daß  Deutschland
jetzt  doch  noch  nicht  in  der  Lage  sei,  über  einen  neuen  Handelsvertrag  zu
verhandeln;  es  bleibe  also  der  canadischen  Regierung  weiter  nichts  übrig,
als  bis  zu  diesem  Zeitpunkt,  auf  dem  bereits  betretenen  Wege  fortzufahren.
Zum  Schluß  gibt  der  Premier  die  Versicherung,  daß,  wenn  Deutschland
einmal  so  weit  sei,  über  einen  neuen  Handelsvertrag  zu  verhandeln,  die
deutsche  Regierung  sicher  darauf  rechnen  könne,  daß  die  canadische  Regierung
ihr  in  der  freundlichsten  Weise  entgegenkommen  werde.  Aber  schon  am
folgenden  Tage  sandte  Sir  Laurier  dem  deutschen  Konsul  die  Abschrift
eines  Memorandums  des  canadischen  Finanzministers  über  die  Handelsbeziehungen
  zwischen  Canada  und  Deutschland.  Dieses  Schriftstück  besagt,
daß  Canada  seit  dem  Jahre  1898,  nachdem  der  zwischen  Deutschland  und
Großbritannien  bis  dahin  bestehende  Handelsvertrag  aufgehört  hatte,  nicht
mehr  die  Vorzüge  genoß,  die  Deutschland  Großbritannien  gewährte.  Die
deutsche  Regierung  gebe  als  Grund  dafür  den  Umstand  an,  daß  Canada
dem  Mutterlande  gewisse  Vorteile  gewährt  habe;  dem  müsse  aber  entgegengehalten
  werden,  daß  die  canadische  Regierung  nicht  die  Absicht  gehabt
habe,  Deutschland  irgend  welche  Vorteile  vorzuenthalten,  die  es  anderen
        <pb n="272" />
        264  Erofbritannien.  (Juli  28.—  August  10.)

Nationen  gewähre.  Die  besonderen  Abmachungen  mit  Großbritannien
seien  eine  durchaus  interne  Reichsangelegenheit,  gegen  die  keine  auswärtige
Regierung  irgend  einen  berechtigten  Einwand  machen  könne.  Die  Haltung
Canadas  in  dieser  Frage  müsse  von  der  deutschen  Regierung  mißverstanden
sein,  und  der  Finanzminister  gibt  der  Hoffnung  Ausdruck,  daß  die  deutsche
Regierung  bei  weiterer  Erwägung  dieser  Frage  das  auch  einsehen  werde.
Abgesehen  hiervon  aber,  sagt  der  Finanzminister  weiter,  daß  die  Handelsbeziehungen
  zwischen  den  beiden  Ländern,  solange  der  Vertrag  bestand,
Deutschland  einen  besonderen  Vorteil  brachten,  und  daß  dieses  Verhältnis,
seitdem  der  Vertrag  gekündigt  sei,  dasselbe  blieb,  kaufe  Canada  auch  heute
noch  bedeutend  mehr  von  Deutschland,  als  Deutschland  von  Canada.  Canada
kaufe  tatsächlich  fünfmal  soviel  von  Deutschland  als  Deutschland  von  Canada,
es  könne  daher  wohl  erwarten,  mit  als  meistbegünstigte  Nation  behandelt
zu  werden.  Dann  wird  wieder  die  öffentliche  Meinung  Canadas  angeführt,
die  durchaus  verlange,  daß  die  Regierung  die  schärfsten  Maßregeln  ergreifen
möge,  und  der  Befürchtung  Ausdruck  gegeben,  daß  die  Regierung  dem
Drängen  des  Volkes  nicht  mehr  lange  werde  Stand  halten  können.  Da  vor
dem  Jahre  1903  an  einen  Handelsvertrag  nicht  zu  denken  sei,  so  müsse
man,  wenn  irgend  möglich,  ein  vorläufiges  Abkommen  mit  Deutschland
treffen.  Unterhandlungen  zwischen  der  canadischen  Regierung  und  Herrn
Bopp  würden  vermutlich  zu  einem  zufriedenstellenden  Abkommen  führen.
Auf  diesen  Brief  antwortete  der  deutsche  Konsul,  daß  auch  dieses  Memorandum
  seinel  Befürchtungen  nicht  beseitigen  könne.  Darauf  erwiderte
der  Premierminister,  und  setzte  nochmals  das  in  dem  Memorandum  Gesagte
auseinander,  und  fügt  hinzu,  daß,  wenn  Deutschland  Canada  nicht  entgegenkommen
  wolle,  zu  befürchten  stehe,  daß  das  Unterhaus  in  der  nächsten
Session  schärfere  Maßregeln  verlange  werde.“

Ende  Juli.  Zahlreiche  französische  Parlamentarier  besuchen
London  und  werden  von  den  Behörden  festlich  empfangen.  —  Es
wird  im  Anschluß  daran  die  Möglichkeit  eines  französisch-englischen
Schiedsgerichtsvertrages  erörtert.

28.  Juli.  (London.)  Eine  Massenversammlung  Londoner
Bürger  protestiert  gegen  die  Zollpläne  Chamberlains.

29.  Juli.  Das  Oberhaus  genehmigt  mit  69  gegen  26  Stimmen
  die  zweite  Lesung  der  Vorlage,  betreffend  das  Unterrichtswesen
in  der  Grafschaft  London.

6.  August.  Das  Unterhaus  genehmigt  in  dritter  Lesung
mit  119  gegen  57  Stimmen  die  Brüsseler  Zuckerkonvention.

10.  August.  (Unterhaus.)  Premierminister  Balfour  erwidert
auf  eine  Anfrage  über  die  Lage  in  Makedonien:

Er  bedauere,  keine  beruhigende  Mitteilung  machen  zu  können.  Die
Frage  sei  außerordentlich  verwickelt.  Es  gebe  ernste  Beschwerden,  die  aus
einer  tiefsitzenden  Krankheit  herzuleiten  seien.  Er  bedauere  den  Mißerfolg
der  Versuche,  diese  zu  behandeln.  Er  habe  gehofft  und  hoffe  noch,  daß
ein  bescheideneres  Projekt,  das  England  zu  unterstützen  wünschte,  erfolgreicher
  in  seinen  Ergebnissen  sein  werde.  Rußland  und  Oesterreich  seien
die  hauptsächlich  berührten  Mächte,  und  es  sei  Pflicht  der  übrigen  Mächte
Europas,  sie  zu  unterstützen,  so  lange  ihre  Bemühungen  in  keinem  ehrgeizigen
  Geiste  geführt  werden.  Die  dort  vorherrschenden  Mißstände  hätten
        <pb n="273" />
        Greßbritannien.  (August  12.  14.)  265

es  beim  besten  Willen  der  Welt  fast  unmöglich  gemacht,  dort  etwas  sehr
wichtiges  oder  weitgehendes  auf  dem  Wege  der  Ausführung  jener  Reformmaßregeln
  zu  tun;z  bedauerlich  sei  es,  zugeben  zu  müssen,  daß  die  revolutionären
  Banden  selbst  eines  der  hauptsächlichsten  Hindernisse  des  Erfolges
des  gemeinsamen  Planes  Oesterreich-Ungarns  und  Rußlands  seien,  welchen
alle  Regierungen  Europas  nach  besten  Kräften  zu  fördern  wünschten.  Was
immer  die  britische  Regierung  tun  könne,  um  der  Pforte  die  absolute  Notwendigkeit
  vorzustellen,  die  Truppen  in  Schach  zu  halten,  werde  geschehen,
und  jeder  Beistand,  den  die  Regierung  der  Pforte  leisten  könne,  um  dieses
Ziel  zu  erreichen,  werde  gegeben  werden.  Er  glaube,  die  Pforte  sei  sich  —
er  wolle  nicht  sagen  der  humanitären  Seite  der  Frage  —  wohl  aber  der
politischen  Notwendigkeit  der  Unterdrückung  aller  Ausschreitungen  der
Truppen  ebenso  bewußt  wie  England.

12.  August.  Das  Unterhaus  genehmigt  mit  92  gegen
18  Stimmen  ein  Schiffahrtsabkommen  der  Regierung  mit  dem
Morgan-Trust  und  der  Cunardlinie.

Die  Hauptbestimmungen  sind:  Die  englischen  Gesellschaften,  welche
dem  Trust  angehören,  werden  nach  wie  vor  in  gleicher  Weise,  wie  die
übrigen  englischen  Gesellschaften  in  bezug  auf  die  militärischen,  Marineund
  postalischen  Leistungen  behandelt,  welche  von  der  englischen  Regierung
gefordert  werden  können.  Die  Fahrzeuge  werden  auch  ferner  unter  den
gleichen  Bedingungen  wie  früher  für  den  Ankauf  durch  die  Regierung
bereit  stehen.  Die  Abmachung  mit  dem  Morgan-Trust  dauert  20  Jahre
von  September  1902  an  gerechnet  und  ist  alle  fünf  Jahre  kündbar.  Die
englische  Regierung  kann  den  Vertrag  zu  jeder  Zeit  aufheben,  wenn  der
Trust  die  Interessen  des  englischen  Handels  verletzt.  Kein  englisches  Schiff
des  Trust  darf  ohne  englische  Erlaubnis  in  ein  ausländisches  Register  eingetragen
  werden.  Die  Kapitäne  und  Offiziere  der  englischen  Schiffe  sollen
englische  Untertanen  sein.  In  der  Mannschaft  werden  die  Engländer  in
demselben  Verhältnis  vertreten  sein,  wie  es  für  andere  Schiffe  gleicher  Art
vorgeschrieben  ist.  Die  Mehrheit  der  Direktoren  der  dem  Trust  angehörenden
  englischen  Gesellschaften  muß  aus  Engländern  bestehen.  Die  letzte
Instanz  bei  Streitigkeiten  ist  der  Lordkanzler.  —  Unterstaatssekretär  Forster
begründet  das  Abkommen:  England  stehe  der  Tatsache  gegenüber,  daß  es
bestimmte  große  Schiffe  auf  der  See  gebe,  die  im  Falle  eines  Krieges  mit
modernen  Waffen  ausgerüstet  werden  sollten.  Diese  Schiffe  könnten  sich
der  Verfolgung  jedes  anderen  Schiffes  entziehen,  dem  sie  zu  entrinnen
wünschten,  und  jedes  Schiff  einholen,  das  sie  zu  stellen  beabsichtigten.
Was  würde  das  Land  sagen,  wenn  es  in  einen  Krieg  verwickelt  werden
sollte  und  kein  englisches  Schiff  vorhanden  sei,  welches  es  mit  diesen  Schiffen
aufnehmen  könnte?  Die  Admiralität  habe  alles  getan,  um  eine  hohe
Schnelligkeit  der  neuen  Schiffe  zu  gewährleisten,  was  bei  den  Neubauten
der  Cunard-Linie  der  wesentlichste  Punkt  sei,  und  fühle  sich  nun  beruhigt
in  der  Frage  der  Fortdauer  der  Ueberlegenheit  Englands  auf  dem  Atlantischen
  Ozean,  der  man  so  großen  Wert  beimesse.

14.  August.  Der  König  schließt  das  Parlament  mit  einer
Thronrede,  in  der  er  sich  befriedigt  über  die  irischen  Verhältnisse
ausspricht  und  über  die  Beziehungen  zum  Auslande  sagt:

Der  Besuch,  welchen  Ich  im  Frühjahre  Portugal,  Italien  und

Frankreich  abstattete,  hat,  wie  Ich  zuversichtlich  glaube,  ein  gutes  Ergebnis
  gehabt.  Nichts  hätte  die  herzliche  Aufnahme  übertreffen  können,
        <pb n="274" />
        266  Greßbritannien.  (August  Mitte  —25.)

welche  Ich  gefunden  habe.  Erst  vor  kurzem  hat  der  Besuch  des  Präsidenten
  Loubet  in  eindrucksvoller  Weise  Veranlassung  gegeben  zum  Austausche
  der  Gefühle  gegenseitiger  Zuneigung  zwischen  Frankreich  und  England.
  Die  Lage  in  den  europäischen  Gebieten  der  Türkei  ist  andauernd
der  Gegenstand  allgemeiner  Besorgnis.  Meine  Regierung  hat  im  Verein
mit  Oesterreich-Ungarn,  Rußland  und  den  anderen  Unterzeichnern  des
Berliner  Vertrages  sich  aufs  beste  bemüht,  das  Ausdehnungsgebiet  der
Unruhen  zu  beschränken  und  den  Beteiligten  gegenüber  die  Notwendigkeit
der  Selbstbeschränkung  und  Mäßigung  nachdrücklich  zu  betonen.  Ich  hoffe
ernstlich,  daß  der  von  den  zwei  nächstbeteiligten  Mächten  der  Pforte  eindringlich
  anempfohlene  und  von  Meiner  Regierung  klräftig  unterstützte
Reformplan  einige  Besserung  in  den  Verhältnissen  aller  Bevölkerungsteile
Makedoniens  bewirken  wird.  Die  Bestätigungsurkunden  des  im  September
1902  mit  China  abgeschlossenen  Handelsvertrages  sind  ausgewechselt.  Einzelne
  Teile  des  Vertrages  treten  sofort  in  Wirksamkeit.  Mit  dem  Schah
von  Persien  wurde  gleichfalls  ein  Uebereinkommen  getroffen,  welches  die
Handelsbeziehungen  der  beiden  Länder  auf  eine  sichere  und  befriedigende
Grundlage  stellt.  In  Transvaal  und  in  der  Oranje-River-Kolonie  hat
die  Herstellung  geordneter  friedlicher  Zustände  große  Fortschritte  gemacht.
Die  Zollkonvention,  welche  die  Vorzugsbehandlung  der  Einfuhr  aus  dem
Mutterlande  einschließt,  ist  von  allen  Kolonien  Südafrikas  unterzeichnet
worden,  deren  Vereinigung  zu  Finanzzwecken  einen  wichtigen  und  notwendigen
  Schritt  bedeutet  zur  endgültigen  politischen  Verbindung.  In
Indien  ermöglichten  günstige  Ernten  und  die  Verbesserung  der  Finanzen
eine  bedeutende  Steuerermäßigung,  die,  wie  Ich  glaube,  die  Lage  des
Volkes  merklich  bessern  wird.  Ackerbau  und  Handel  zeigen  weiter  andauernden
  Fortschritt.  Die  diesmaligen  Ernteaussichten  sind  im  allgemeinen
wieder  beruhigend.  Die  kriegerischen  Maßnahmen  im  Somalilande  sind
noch  nicht  abgeschlossen;  doch  wird  die  Flucht  des  Feindes  aus  seiner  ur-Ernen
  Stellung  eine  weitere  Bewegung  unter  günstigeren  Bedingungen
ermöglichen.

Mitte  August.  Die  Arbeitervertreter  im  Parlament  fordern
die  Arbeiter  von  Kanada,  Australien  und  Neuseeland  auf,  gegen
Chamberlains  Pläne  Stellung  zu  nehmen.

August.  In  vielen  Orten  werden  von  den  Nonkonformisten
die  Steuern  verweigert  als  Protest  gegen  die  Schulvorlage.  Manche
Richter  lehnen  die  Auspfändung  der  Steuerverweigerer  ab.

22.  August.  (London.)  Lord  Salisbury  f.  Geboren  3.  Februar
  1830  wurde  Salisbury  1866  Staatssekretär,  1878  Minister
des  Auswärtigen;  1885/86,  1886/92,  1895/1902  Ministerpräsident.

25.  August.  Der  Bericht  der  Untersuchungskommission  über
den  südafrikanischen  Krieg  wird  veröffentlicht.

Es  wird  darin  zugegeben,  daß  eine  Reihe  falscher  Berechnungen
hinsichtlich  der  Natur  und  der  Ausdehnung  der  Operationen  gemacht  worden
  seien,  was  wiederum  eine  große  Reihe  von  Mißverständnissen  und
Versehen  zur  Folge  hatte.  Die  Kommission  tadelt  scharf,  daß  keine  Kriegsvorräte
  vorhanden  waren,  erkennt  aber  an,  daß  man  im  Kriege  sich  mit
der  Lage  geschickt  abgefunden  habe,  und  läßt  denen,  die  daran  beteiligt
waren,  volle  Gerechtigkeit  widerfahren.  Leider  seien,  so  konstatiert  sie
        <pb n="275" />
        Großbritannien.  (September  8.—  Mitte.)  267

noch  immer  nicht  genügende  Vorkehrungen  getroffen  worden,  um  die
Wiederkehr  solcher  Zustände  zu  verhüten.  An  dem  gegenwärtigen  Militärsystem
  will  sie  festgehalten  wissen,  da  sich  dasselbe  weiter  ausbilden  lasse;
die  Verteidigung  der  englischen  Küsten  sei  allerdings  im  gefährlichen  Maße
schwach.  Als  eine  erste  Aufgabe  bezeichnet  die  Kommission  sodann  die
Behandlung  der  Rekrutierungsfrage;  das  Heer  als  Ganzes  repräsentiert,
ihres  Erachtens,  in  keiner  Weise  die  militärische  Kraft  des  Reiches.  Lob
spendet  sie  den  Kolonialtruppen,  die  in  einem  kommenden  Kriege  von
hohem  Werte  sein  würden,  doch  seien,  damit  ihre  Tüchtigkeit  voll  zur  Geltung
  gelangen  könne,  gut  ausgebildete  Offiziere  und  eine  Reihe  von  Maßnahmen
  zur  Stärkung  der  Disziplin  notwendig.  —  Der  Oberbefehlshaber
in  Südafrika,  Feldmarschall  Lord  Roberts,  erklärt  bei  seiner  Vernehmung
vor  der  Kommission,  die  Zahl  der  im  letzten  Kriege  gemachten  Fehler  sei
bei  den  höheren  Chargen  der  Offiziere  größer  gewesen  als  bei  den  niederen.
Die  Kommission  gibt  endlich  zu,  daß  es  unmöglich  sei,  schon  in  Friedenszeiten
  eine  auch  für  den  Krieg  hinreichende  Anzahl  von  Sanitätsoffizieren
im  Mie  zu  halten  und  empfiehlt,  ein  dem  deutschen  ähnliches  System
zu  wählen.  «

Die  Kosten  des  Krieges  betragen  222  974  000  Lstrl.  Englischerseits
waren  380577  Mann  Truppen  mobilisiert,  während  auf  seiten  der  Buren
89  375  Mann  im  Felde  standen.  Die  englischen  Verluste  betrugen  im
ganzen  97  478  Mann,  von  denen  8590  im  Feuer  fielen,  während  13  352
an  Krankheiten  starben.  75  536  Mann  waren  krank  oder  verwundet.

8.  September.  (Leicester.)  Der  Kongreß  der  Gewerkschaften
nimmt  mit  allen  gegen  2  Stimmen  eine  Resolution  gegen  Chamberlains
  Politik  an.

14.  September.  (London.)  Es  findet  ein  Ministerrat  statt,
in  dem  über  die  künftige  Politik  des  Kabinetts,  insbesondere  Chamberlains
  Zollvorschläge,  beraten  wird.

Mitte  September.  Folgender  Briefwechsel  zwischen  Chamberlain
  und  Balfour  über  ihre  Auffassung  der  politischen  und  wirtschaftlichen
  Lage  und  die  bevorstehende  Demission  Chamberlains

wird  verbffentlicht:

Chamberlain  an  Balfour:  „Highbury,  Birmingham,  9.  Sept.  1903.
Mein  lieber  Balfour!  In  Anbetracht  der  bedeutsamen  Kabinettssitzung,
die  am  Montag  stattfinden  wird,  habe  ich  die  angenblickliche  Lage,  soweit
dadurch  die  Regierung  und  auch  die  große  Frage  der  Zollreform  berührt
wird,  auf  das  sorgfältigste  erwogen.  Als  Sie  in  Ihrer  Antwort  an  die
Deputation  wegen  der  Kohlensteuer  und  ich  in  meiner  Rede  an  meine
Wähler  auf  die  Aenderungen  aufmerksam  machten,  die  in  den  letzten  fünfzig
Jahren  in  unserer  kommerziellen  Stellung  eingetreten  waren,  und  als  wir
eine  Untersuchung  dieses  Umstandes  in  Vorschlag  brachten,  da,  glaube  ich,
dachte  keiner  von  uns  daran,  eine  reine  Parteistreitfrage  heraufzubeschwören.
Wir  regten  nicht  zum  ersten  Male  eine  Frage  von  der  größten  nationalen
und  imperialen  Bedeutung  an,  in  der  Hoffnung,  daß  sie  von  Freunden
und  Gegnern  mit  einer  gewissen  Unparteilichkeit  besprochen  werden  würde,
und  daß  die  auf  diese  Weise  eingeleitete  Untersuchung  zu  Schlußfolgerungen
führen  könnte,  die  von  der  Majorität  des  Volkes  angenommen  und  demgemäß
  durch  die  Resultate  der  nächsten  allgemeinen  Wahlen  bestätigt
werden  würden.  Ob  unsere  Ansicht  eine  verständige  war  oder  nicht,  sei
        <pb n="276" />
        268  Greßbritannien.  (September  Mitte.)

dahingestellt;  jedenfalls  wurde  sie  von  den  Führern  der  liberalen  Partei
nicht  geteilt.  Diese  verspotteten  von  Anfang  an  die  Idee,  daß  ein  System,
welches  im  Jahre  1846  allgemein  anerkannt  wurde,  im  Jahre  1903  überhaupt
  einer  Aenderung  bedürfen  könne;  es  wurden  alle  Mittel,  welche  der
Parteiorganisation  zur  Verfügung  stehen,  in  Anwendung  gebracht,  um
jeden  Versuch,  das  Fundament  unserer  jetzigen  Zollpolitik  zu  ändern  oder
auch  nur  zu  untersuchen,  zum  Scheitern  zu  bringen.  Dabei  waren  die
Befürworter  einer  derartigen  Erwägung  in  großem  Nachteil.  Wegen  der
innerhalb  der  unionistischen  Partei  unverkennbar  vorhandenen  Meinungsverschiedenheiten
  waren  die  politischen  Organisationen  derselben  gelähmt
und  unsere  Gegner  hatten  für  sich  das  Feld  vollkommen  frei.  Als  Haupttampfmittel
  benützten  sie  die  Abneigung  gegen  Lebensmittelzölle  wie  überhaupt
  gegen  jede  Aenderung  des  gegenwärtigen  Zollsystems,  auch  wenn
eine  solche  den  Zweck  haben  sollte,  uns  und  unseren  Kolonien  Vorteil  zu
bringen  und  die  verschiedenen  Teile  des  Reiches  enger  aneinander  zu
schließen.  In  etwas  unskrupulöser  Weise  ist  von  dem  alten  Kampfgeschrei
der  „Brotverteuerung“  Gebrauch  gemacht  worden,  und  da  jede  öffentliche
Diskussion  der  Frage  fehlte,  so  wurden  dadurch,  wie  ich  zugeben  muß,
ernste  Vorurteile  geschaffen.  Wenn  auch  das  Volk  im  allgemeinen  sich
wohl  der  Gefahr  bewußt  ist,  die  in  dem  unbeschränkten  Wettbewerb  der
fremden  Länder  liegt,  die  ihre  Märkte  gegen  uns  verschließen,  während  sie
auf  unserem  Markt  einen  Abfluß  für  ihre  Ueberproduktion  finden,  so  weiß
es  doch  noch  nicht  die  Bedeutung  unseres  Handels  auf  den  kolonialen
Märkten  zu  schätzen  und  die  Gefahr  richtig  zu  würdigen,  die  darin  liegt,
daß  wir  diese  Märkte  verlieren  können,  wenn  wir  nicht  in  irgend  einer
Weise  dem  natürlichen  und  patriotischen  Verlangen  der  Kolonien  nach
Vorzugstarifen  entgegenkommen.  Das  Resultat  ist,  augenblicklich  wenigstens,
das,  daß  ein  Vorzugsabkommen  mit  unseren  Kolonien  der  Majorität  der
Wähler  unannehmbar  erscheint,  sobald  damit  ein  noch  so  geringer  Zoll  auf
bisher  nicht  verzollte  Lebensmittel  verbunden  ist,  selbst  wenn  dieser  Zollmit
  einer  Ermäßigung  der  Zölle  auf  andere  Nahrungsmittel  verknüpft
sein  sollte,  deren  Genuß  ein  ebenso  allgemeiner  ist.  Wie  sehr  wir  eine
derartige  Erscheinung  auch  bedauern  und  für  wie  falsch  wir  sie  halten
mögen,  so  kann  in  einem  demokratischen  Lande  doch  keine  Regierung  ein
derartiges  Urteil  unberücksichtigt  lassen.  Ich  sehe  daher  ein,  da  es  augenblicklich
  unmöglich  ist,  als  unmittelbare  und  praktische  Politik  die  Frage
der  Bevorzugung  der  Kolonien  mit  irgend  welcher  Hoffnung  auf  Erfolg  in
Angriff  zu  nehmen,  obgleich  zu  Gunsten  der  anderen  Art  fiskalischer  Reform,
die  der  Regierung  größere  Machtvollkommenheit  bei  ihren  Verhandlungen
mit  fremden  Ländern  über  einen  freieren  Austausch  von  Waren  verleihen
und  andere  Vertreter  befähigen  würde,  Gegenmaßregeln  zu  ergreifen,  wenn
unseren  gerechten  Forderungen  nach  größerem  Entgegenkommen  keine  Zugeständnisse
  gemacht  werden  sollten,  ein  starkes  Gefühl  vorhanden  ist.  Wenn
Sie,  wie  ich  glaube,  diese  Ansichten  teilen,  so  können  Sie  meiner  Ansicht
nach  diesen  Teil  der  Reform  mit  vollem  Rechte  als  die  Politik  Ihrer
Regierung  annehmen,  obgleich  natürlich  einige  Aenderungen  in  der  Zusammensetzung
  der  Regierung  damit  verknüpft  sein  würden.  Als  Staatssekretär
für  die  Kolonien  während  der  letzten  acht  Jahre  bin  ich  aber  in  einem
speziellen  Sinne  der  Vertreter  auch  der  Politik  des  engeren  Anschlusses  an
die  Kolonien  gewesen,  der,  wie  ich  fest  überzeugt  bin,  gleich  notwendig  ist
für  unsere  eigenen  Interessen  und  für  diejenigen  der  Kolonien,  und  ich
glaube,  daß  es  heute  noch  möglich  sein  wird,  Vorbereitungen  zur  Herbeiführung
  dieses  Anschlusses  zu  treffen,  während  es  morgen  vielleicht  schon
unmöglich  sein  dürfte.  Ich  habe  die  denkbar  beste  Gelegenheit  gehabt,  die
        <pb n="277" />
        Greßbritannien.  (September  Mitte.)  269

Strömung  der  Ereignisse  zu  beobachten  und  die  Gefühle  unserer  Landsleute
  senseits  der  Meere  würdigen  zu  lernen.  In  dieser  Beziehung  stehe
ich  daher  anders  da  als  irgend  einer  meiner  Kollegen,  und  ich  glaube,  daß
man  mir  mit  Recht  einen  Vorwurf  daraus  machen  würde,  wenn  ich  im
Amte  verbliebe  und  damit  den  einstweiligen  Ausschluß  eines  so  wichtigen
Teiles  meines  politischen  Programmes  (betreffend  den  Zollbund  auf  der
Grundlage  von  Vorzugstarifen)  akzeptierte.  Ich  glaube,  daß  ich  mit
absoluter  Loyalität  gegenüber  Ihrer  Regierung  und  deren  allgemeiner
Politik,  und  ohne  Furcht  diese  Regierung  in  irgend  einer  Weise  in  Verlegenheit
  zu  bringen,  die  Sache,  die  mir  am  Herzen  liegt,  am  besten  von
außerhalb  des  Kabinetts  fördern  kann.  Ich  kann  nur  haffen,  daß  meine
Beweisführungen,  wenn  ich  in  vollständig  unabhängiger  Stellung  bin,
nicht  mit  dem  Vorurteil  aufsgenommen  werden,  das  man  den  Beweisführungen
  eines  Parteiführers  entgegenzubringen  pflegt.  In  Anbetracht
dessen  würde  ich  Ihnen  raten,  die  augenblickliche  Politik  der  Regierung
auf  das  Vertreten  größerer  Aktionsfreiheit  in  unseren  kommerziellen  Beziehungen
  zu  fremden  Ländern  zu  beschränken  und  Ihre  Zustimmung  dazu
zu  geben,  daß  ich  Seiner  Majestät  meine  Demission  einreiche  und  mich
selbst  dem  Werke  widme,  die  Prinzipien  der  imperialen  Union,  die,  wie
meine  Erfahrung  mich  gelehrt  hat,  für  unser  zukünftiges  Wohlergehen  und
Gedeihen  von  Wichtigkeit  sind,  zu  erklären  und  populär  zu  machen.  Ihr
aufrichtig  ergebener  J.  Chamberlain.“

Balfour  an  Chamberlain:  „Downing  Street,  Whitehall,  16.  Sept.  1903.
Mein  lieber  Chamberlain!  Ihren  Brief  vom  9.  d.  M.,  den  ich  erhielt,
kurz  bevor  ich  zur  Kobinettsüütung  von  Schottland  abreiste,  habe  ich  nicht
beantwortet,  weil  ich  wußte,  daß  wir  innerhalb  weniger  Stunden  Gelegenheit
haben  würden,  die  wichtigen  Fragen,  von  denen  er  handelt,  zu  besprechen.
Die  schriftliche  Antwort,  die  ich  jetzt  gebe,  enthält  daher  vielmehr  das
Resultat  unserer  Besprechung,  als  daß  sie  etwas  Neues  beibrächte.  Ich
stimme  mit  Ihnen  darin  überein,  daß  die  Zeit  gekommen  ist  für  eine
Aenderung  des  zollpolitischen  Kanons,  durch  den  wir  uns  in  unseren
kommerziellen  Verhandlungen  mit  anderen  Regierungen  gebunden  haben,
und  es  erscheint  mir  deshalb  geradezu  paradox,  daß  Sie  zu  derselben  Zeit
das  Kabinett  verlassen,  wo  andere  meiner  Kollegen  daraus  austreten,
gerade  weil  sie  in  diesem  Punkte  mit  uns  beiden  nicht  übereinstimmen.
Aber  ich  muß,  wenn  auch  mit  größtem  Widerstreben,  zugeben,  daß  die
Gründe,  mit  denen  Sie  Ihren  Schritt  motivieren,  eine  gewisse  wingende
Kraft  besitzen,  da  Sie  sich  auf  Ihre  besondere  und  personliche  Stellungnahme
  gegenüber  demjenigen  Teil  der  Streitfrage  beziehen,  der  von  der
kolonialen  Bevorzugung  handelt.  Sie  haben  mehr  als  irgend  ein  anderer
Lebender  oder  Toter  getan,  um  den  Bürgern  des  Reiches  das  Bewußtsein
von  der  imperialen  Verpflichtung  und  von  der  gegenseitigen  Abhängigkeit
der  verschiedenen  Gebiete  klar  zu  machen,  in  die  das  Weltreich  geographisch
geschieden  ist.  Ich  glaube,  daß  Sie  recht  haben,  wenn  Sie  die  Ansicht
vertreten,  daß  diese  Abhängigkeit  ebensogut  in  unseren  kommerziellen  Beziehungen
  wie  in  den  politischen  und  militärischen  Ausdruck  finden  sollte.
Ich  Haube  mit  Ihnen,  daß  eine  engere  fiskalische  Vereinigung  zwischen
dem  tterlande  und  den  Kolonien  für  den  Handel  beider  gut  sein  würde
und  daß,  wenn  ein  derartiger  engerer  Zusammenschluß  sich  unter  passenden
  Bedingungen  herstellen  ließe,  die  Vorteile  für  beide  Teile  im  Laufe
der  Jahre  und  mit  dem  Wachsen  der  Kolonien  an  Bevölkerung  und  Wohlhabenheit
  immer  deutlicher  hervortreten  würden.  Wenn  es  zwischen  uns
über  diese  Frage  überhaupt  eine  Verschiedenheit  der  Ansichten  gegeben  hat,
dann  bestand  g4  nur  in  Bezug  auf  die  Durchführbarkeit  eines  Vorschlages
        <pb n="278" />
        270  Greßbrilannien.  (September.)

der  von  den  Kolonien  eine  Einschränkung  der  allseitigen  Entwicklung  der
Schutzzollpolitik,  von  unserem  Lande  aber  den  Uebergang  zu  einer  Bevorzugungspolitik,
  soweit  die  Hauptprodukte  der  Kolonien  in  Betracht  kommen,
zu  fordern  schien.  Ueber  die  ersterwähnte  Anforderung  sage  ich  nichts,
aber  wenn  die  zweite,  wie  dies  sicher  der  Fall  ist,  eine  sei  es  auch  noch
so  geringe  Verzollung  von  Lebensmitteln  in  sich  schließt,  so  bin  ich  mit
Ihnen  davon  überzeugt,  daß  die  öffentliche  Meinung  für  ein  derartiges
Arrangement  noch  nicht  reif  ist.  Die  Gründe  dafür  lassen  sich  leicht  in
unseren  früheren  politischen  Kämpfen  und  in  der  augenblicklichen  politischen
Entstellung  finden.  Wenn  nun  dieser  Teil  der  fiskalischen  Reform  augenblicklich
  noch  nicht  im  Bereich  der  praktisch  durchführbaren  Politik  liegt,
dann  haben  Sie  sicherlich  recht,  wenn  Sie  raten,  ihn  nicht  als  untrennbar
von  dem  anderen  Teil  der  fiskalischen  Reform  (der  Retorsion)  zu  betrachten,
dem  wir  beide  Bedeutung  beimessen  und  den,  wie  wir  glauben,  das  Land
ohne  Vorurteil  zu  erwägen  schon  jetzt  bereit  sein  wird.  Es  tut  mir  trotzdem
  sehr  leid,  daß  Sie  diese  wohl  begründete  Schlußfolgerung  als  eine
solche  betrachten,  die  es  Ihnen  im  Hinblick  auf  Ihre  besonderen  Verhältnisse
  erschwert,  Mitglied  der  Regierung  zu  bleiben.  Ich  will  aber  nicht
versuchen,  in  einer  so  rein  persönlichen  Angelegenheit  irgendwelchen  Einspruch
zu  erheben.  Wie  könnte  ich  Ihren  Entschluß  kritisieren,  wenn  Sie  denken,
daß  Sie  den  Interessen  der  imperialen  Einigung  für  die  Sie  so  viel  getan
haben,  am  besten  dienen  können,  wenn  Sie  Ihre  Anschauungen  über  die
koloniale  Bevorzugung  mit  derjenigen  Freiheit  vertreten,  die  in  einer
unabhängigen  Stellung  möglich  ist,  die  sich  aber  mit  einem  Amte  kaum
vertragen  würde.  Der  Verlust,  den  die  Regierung  durch  ihren  Rücktritt
erleidet,  ist  in  der  Tat  ein  großer,  aber  der  Gewinn  für  die  Sache,  die
Sie  ins  Herz  geschlossen  haben,  wird  vielleicht  ein  noch  größerer  sein.  Ist
das  aber  der  Fall,  was  könnte  ich  dann  anders  tun  als  einwilligen?  Ihr
aufrichtig  ergebener  Balfour.  P.  S.  Darf  ich  Ihnen  noch  aussprechen,  wie
sehr  es  mich  aus  persönlichen  und  dienstlichen  Gründen  befriedigt,  daß  Mr.
Austen  Chamberlain  (der  Generalpostmeister,  Joseph  Chamberlains  Sohn)
bereit  ist,  Mitglied  der  Regierung  zu  bleiben?  Es  könnte  kein  besserer
Beweis  dafür  gegeben  werden,  daß  Ihrer  und  meiner  Ansicht  nach  das
Fallenlassen  der  Lebensmittelverzollung  unter  den  augenblicklichen  Umständen
süch  beste  Mittel  ist,  um  die  Sache  der  zollpolitischen  Reform  praktisch  zu
ördern.“

September.  Demission  von  Ministern.

Kolonialminister  Chamberlain,  der  Minister  für  Indien  Lord  Hamilton
  und  der  Schatzkanzler  Ritchie  treten  zurück  (15.—17.  September).
Ritchie  motiviert  seinen  Rücktritt  in  einem  Schreiben  an  Balfopr  folgendermaßen:
  Nach  dem,  was  gestern  im  Kabinettsrat  geschehen  ist,  ist  es  mir
unmöglich,  Mitglied  der  Regierung  zu  bleiben.  Ich  sympathisiere  durchaus
  mit  dem  Wunsche,  das  Mutterland  mit  den  Kolonien  enger  zu  verknüpfen,
  aber  ich  weiß  von  keiner  anderen  Methode,  den  Kolonien  eine
Vorzugsbehandlung  einzuräumen,  als  derjenigen,  die  der  Kolonialsekretär
angeraten  hat,  nämlich  einen  Zoll  auf  Lebensmittel,  welcher  eine  Vermehrung
  der  Besteuerung  bedeutet.  Dagegen  bin  ich  entschieden.  Ich  würde
gern  jeden  brauchbaren  Plan  erwägen,  um  besseren  Zugang  zu  den  Auslandsmärkten
  zu  gewinnen  oder  den  Uebelständen  zu  begegnen,  über  die
wir  Klage  führen,  aber  es  war  uns  kein  solcher  Plan  vorgelegt  worden.
Ich  fürchte,  daß  jeder  auf  Vergeltungszölle  gerichtete  Plan,  wenn  auch
unbeabsichtigt,  doch  unvermeidlich  zum  Schutzzoll  führen  und  noch  weit
größere  Uebelstände  hervorrufen  wird  als  diejenigen  waren,  die  man  zu
        <pb n="279" />
        Großbritannien.  (September  29.—Oktober  5.)  271

verhindern  wünschte.  —  Auch  Hamilton  erklärt  sich  als  Gegner  der  Chamberlainschen
  Pläne.

Die  unionistische  Presse  glaubt  im  allgemeinen,  daß  Balfour  die
Politik  Chamberlains  zur  Ferrsheft  bringen  wolle  und  daß  Chamberlains
Rücktritt  nur  eine  Episode  sei.

Am  21.  September  treten  Lord  Balfour  of  Burleigh,  Minister  für
Schottland,  und  Elliot,  Finanzrat  des  Schatzamts,  zurück.

29.  September.  (London.)  Lord  Milner,  der  Oberkommissar
für  Südafrika,  lehnt  in  einer  Konferenz  mit  Balfour  das  ihm  angebotene
  Kolonialministerium  ab.

1.  Oktober.  (Sheffield.)  In  der  Versammlung  des  Landesverbandes
  der  Konservativen  führt  Premierminister  Balfour  über
die  Handelspolitik  aus:

Die  von  Chamberlain  im  Mai  gehaltene  Rede  würde  die  von  ihr
ausgeübte  Wirkung  nicht  gehabt  haben,  wenn  sie  nicht  auf  einen  durch  die
Verhältnisse  dafür  vorbereiteten  Boden  gefallen  wäre.  Die  Bedrohung
Kanadas  durch  Deutschland,  die  nur  deshalb  erfolgte,  weil  diese  Kolonie
England  eine  Vorzugsbehandlung  zugestanden  hatte,  brachte  England  seine
Hilflosigkeit  zum  Bewußtsein.  Den  Tarifangriffen  könne  allein  durch  Tarifantworten
  begegnet  werden.  Der  Freihandel  sei  ein  leerer  Name  und  eine
eitle  Farce.  Cobden  habe  sich  niemals  etwas  von  dem  modernen  Trustsystem
  träumen  lassen,  das  unter  dem  Schutzzollsystem  aufgerichtet  worden
sei  und  welches  dem  englischen  Kapital  und  den  englischen  Arbeitern  Schaden
  zugefügt  habe.  Für  den  gegenwärtigen  Stand  der  Dinge  wisse  er
kein  Heilmittel,  wohl  aber  wisse  er  ein  Palliativmittel.  Keine  Nation,  die
sich  des  Rechtes  zu  verhandeln  beraube,  könne  gute  Geschäfte  machen.  Er
verlange  von  dem  Lande,  daß  es  der  Regierung  die  Freiheit  zu  unterhandeln
  gebe.  Er  glaube  nicht,  daß  das  Land  schon  zur  Einführung  der
Nahrungsmittelbesteuerung  bereit  sei.  Ein  dahin  gehender  Vorschlag  würde
daher,  seines  Erachtens,  nicht  innerhalb  der  Grenze  der  praktischen  Politik
gelegen  sein.  Damit  aber  niemand  später  sagen  könne,  daß  er  unklar  geredet
  habe,  so  konstatiere  er  ausdrücklich,  daß  er  den  handelspolitischen
Zustand,  der  während  der  beiden  letzten  Generationen  herrschte,  zu  ändern
wünsche.  Er  wünsche  vor  allem  den  Schaden  zu  mildern,  der  England
durch  die  feindlichen  Tarife  angetan  werde.  Sein  Heilmittel  werde,  wie
er  wohl  wisse,  selbst  dann  kein  vollständiges  sein,  wenn  es  im  ganzen  Umfange
  versucht  würde;  im  ganzen  Umfange  aber  könne  es  noch  nicht  versucht
  werden,  weil  das  Land  eine  Nahrungsmittelbesteuerung  zur  Zeit
nicht  dulden  werde.  Er  sei  aufgefordert  worden,  die  Führung  zu  übernehmen
  und  als  Leiter  der  konservativen  Partei  beabsichtige  er  auch  in  der
Frage  der  Tarifreform  das  Land  zu  führen.

5.  Oktober.  Das  Kabinett  wird  neu  gebildet.

Der  Sohn  des  bisherigen  Kolonialministers,  Austen  Chamberlain,
wird  Schatzkanzler,  Alfred  Lyttleton  Kolonialsekretär,  Arnold  Forster  Kriegssekretär,
  Brodrick  Sekretär  für  Indien,  Graham  Murray  Sekretär  für
Schottland,  Lord  Stanley  Postminister.  —  Ferner  legt  der  Herzog  von
Devonshire  sein  Amt  als  Vorsitzender  des  Geheimen  Rats  und  Führer  des
Oberhauses  nieder,  sein  Nachfolger  wird  Lord  Londonderry.  Am  11.  Oktober
wird  Marquis  Salisbury,  bisher  Lord  Cecil,  zum  Lord  und  Geheim-Siegelbewahrer
  ernannt.  Das  Amt  hatte  bisher  Balfour  inne.  Das
        <pb n="280" />
        272  Eroßbritannien.  (Oktober.)

Kabinett  ist  nunmehr  folgendermaßen  zusammengesetzt:  Mr.  Balfour  Premierminister,
  Lord  Halsbury  Lordkanzler,  Lord  Salisbury  Lord  vom  Privatsiegel,
  Lord  Londonderry  Lordpräsident  des  Rats  und  Vorsitzender  des
Unterrichtsministeriums,  Mr.  Austen  Chamberlain  Finanzminister,  Mr.
Akers  Douglas  Justizminister,  Lord  Lansdowne  Minister  des  Aeußeren,
Mr.  Lyttleton  Kolonialminister,  Mr.  Arnold  Forster  Kriegsminister,  Mr.
Brodrick  Staatssekretär  für  Indien,  Lord  Selborne  Erster  Lord  der  Admiralität,
  Lord  Ashbourne  Lordkanzler  für  Irland,  Mr.  George  Wyndham
Obersekretär  für  Irland,  Mr.  Gerald  Balfour  Präsident  des  Handelsamtes,
  Mr.  Graham-Murray  Staatssekretär  für  Schottland,  Lord  Stanley
Generalpostmeister,  Mr.  Walther  Long,  Präsident  des  lokalen  Regierungsamtes,
  Lord  Onslow  Präsident  des  Landwirtschaftlichen  Amtes.

Oktober.  Kampf  um  die  Zollpolitik.  Statistik  der  Lebensmitteleinfuhr.


Am  6.  Oktober  legt  Chamberlain  in  Glasgow  seinen  Zollplan
dar:  Englands  Handel  beginne  zu  stagnieren.  In  den  letzten  30  Jahren
nahm  der  Export  nach  den  fremden  Ländern  um  46  Millionen  jährlich
ab,  während  der  Export  nach  den  Kolonien  um  40  Millionen  jährlich  zunahm.
  Der  Handel  nach  den  Kolonien  war  der  schätzbarste  Teil  des  englischen
  Handels.  In  derselben  Zeit  stieg  der  Import  aus  den  fremden
Ländern  von  63  auf  149  Millionen.  Wenn  unser  neuer  kolonialer  Handel
nicht  zunimmt  im  Verhältnis  zu  unserer  Bevölkerung  und  im  Verhältnis
zu  der  Abnahme  unseres  Handels  mit  dem  Auslande,  dann  müssen  wir
zu  einer  Nation  fünften  Ranges  herabsinken.  Unser  Geschick  würde  das
vergangener  Reiche  sein,  und  auch  unser  Handel  innerhalb  des  Reichsgebiets
  würde  zurückgehen,  wenn  wir  nicht  Schritte  tun,  dies  zu  verhindern,
  so  lange  noch  Zeit  ist.  Die  Kolonien  wären  bereit,  uns  mit  einer
mäßigen  Bevorzugung  entgegenzukommen,  und  nach  meiner  Berechnung
würden  wir  26  Millionen  Pfund  vom  fremden  Handel  mit  den  Kolonien
an  uns  reißen,  750000  Menschen  mehr  beschäftigen  und  damit  fast  4  Millionen
  Seelen  unserer  Bevölkerung  unterhalten  können.  Er  schlage  keinen
Zoll  auf  Rohmaterial  vor.  Wenn  England  aber  wünsche,  den  Kolonialhandel
  zu  erobern  und  eine  Trennung  zu  verhindern,  müsse  man  die
Lebensmittel  besteuern.  Trotzdem  würden  aber  durch  keinen  seiner  Vorschläge
  die  Unterhaltungskosten  einer  Familie  des  Landes  auch  nur  um
einen  Farthing  erhöht  werden.  Sein  vorläufiger  Plan  gehe  dahin,  einen
Zoll  von  zwei  Schilling  auf  fremdes  Getreide  und  einen  entsprechenden
Zoll  auf  Mehl  zu  legen.  Auf  Getreide  aus  britischen  Besitzungen  wolle
er  aber  keinen  Zoll  gelegt  wissen.  Er  schlage  ferner  vor,  einen  Zoll  von
fünf  Prozent  auf  fremde  Fleisch-  und  Molkereiprodukte,  mit  Ausnahme
von  Speck,  zu  legen,  und  den  Kolonien  eine  wesentliche  Bevorzugung  auf
ihre  Weine  und  Früchte  zu  gewähren.  Er  schlage  andererseits  vor,  nur
drei  Viertel  des  Zolles  auf  Tee  und  nur  die  Hälfte  des  Zuckerzolles  zu
erheben,  sowie  eine  entsprechende  Herabsetzung  des  Zolles  auf  Kaffee  und
Kakao  eintreten  zu  lassen.  Die  neuen  Zölle  würden  die  Ausgaben  des
ländlichen  Arbeiters  um  16½  Farthings  wöchentlich,  die  des  Handwerkers
um  19½  Farthings  erhöhen.  Aber  der  Betrag,  welcher  aus  der  Aufhebung
  bisheriger  Zölle  sich  ergebe,  würde  für  die  ländlichen  Arbeiter  eine
Ermäßigung  der  Unterhaltskosten  um  17  und  für  die  Handwerker  um
19½  Farthings  darstellen.  Es  sei  eine  irrige  Voraussetzung,  daß  der  gesamte
  Zoll  von  den  Konsumenten  gezahlt  werde.  Er  glaube,  daß  der  Zoll
hauptsächlich  vom  Auslande  getragen  werde.  Nach  seiner  Schätzung  würden
die  Mindereinnahmen  des  Schatzamtes  2  800  000  Pfund  jährlich  betragen.
        <pb n="281" />
        Großbritannien.  (Oktober  8.  14.)  273

Er  schlage  aber  vor,  dies  wieder  einzubringen  durch  eine  Maßregel,  die
manchmal  Verwaltung,  manchmal  Reziprozität  genannt  werde,  nämlich
durch  einen  Zoll  von  10  Prozent  auf  fremde  Manufakturwaren.  Dieser
Zoll  würde  9  Millionen  ergeben,  die  er,  wenn  er  Schatzkanzler  wäre,  dazu
verwenden  würde,  den  Ausfall  von  2  800  000  Pfund  zu  decken  und  eine
weitere  Ermäßigung  der  Nahrungsmittelzölle  und  der  übrigen  Zölle,  die
das  Land  wirklich  belasten,  eintreten  zu  lassen.

Fast  täglich  halten  mehrere  Parteiführer  Reden  für  und  wider  die
Einführung  des  Schutzzolls.  Am  13.  spricht  Lord  Rosebery  in  Sheffield
gegen  Chamberlain,  am  15.  Oktober  erklärt  der  Führer  der  Liberalen  Sir
Henry  Campbell-Bannermann  in  Glasgow  es  für  schamlos,  daß  eine
Regierung,  die  seit  acht  Jahren  am  Ruder  ist,  jetzt  auf  einmal  die  Entdeckung
  mache,  daß  das  englische  Weltreich  zerfallen  werde,  falls  es  nicht
gelingen  sollte,  das  fiskalische  System  umzustürzen.  Ein  solches  Vorgehen
grenze  an  ein  politisches  Verbrechen.  Die  liberale  Partei  trete  einer  solchen
Politik  entgegen  und  behaupte  statt  dessen,  daß  das  ökonomische  Verwalten
der  Finanzen,  bessere  Erziehung,  Reform  des  Landsystems  und  der  Lebensbedingungen
  des  Arbeiterstandes  mehr  dazu  dienen  würden,  den  nationalen
Wohlstand  und  die  Lebensverhältnisse  jedes  Einzelnen  zu  heben.  —  Der
Kampf  dreht  sich  vorwiegend  um  die  Lebensmittelzölle.  Die  Lebensmittel
werden  zum  geringsten  Teile  aus  den  Kolonien  eingeführt:  Von  dem  eingeführten
  Weizen  entfallen  28  Proz.  auf  die  britischen  Besitzungen,  hauptsächlich
  Kanada  und  Indien,  dagegen  72  Proz.  auf  das  Ausland.  Bei
der  Einfuhr  von  Weizenmehl  beträgt  der  Anteil  der  britischen  Besitzungen
10  Proz.,  der  des  Auslandes  90  Proz.,  bei  Gerste  0,3  und  99,7  Proz.,  bei
Haber  3  und  97  Proz.,  bei  Mais  0,2  und  99,8  Proz.,  bei  Speck,  Schinken
und  Schweinefleisch  S8  und  92  Proz.,  bei  Ochsenfleisch  9  und  91  Proz.,  bei
anderem  Fleisch  und  haltbar  gemachten  Fleischwaren  41  und  59  Proz.

8.  Oktober.  (Glasgow.)  Die  Vereinigung  der  Bergarbeiter
Großbritanniens,  die  347.000  Bergarbeiter  vertritt,  verwirft  mit
89  gegen  5  Stimmen  die  Zollpolitik  Chamberlains.

14.  Oktober.  (London.)  Folgender  Schiedsgerichtsvertrag

zwischen  England  und  Frankreich  wird  geschlossen:

Die  Regierung  der  französischen  Republik  und  die  Regierung  Sr.
britischen  Majestät,  beide  Unterzeichner  der  am  29.  Juli  1899  im  Haag
abgeschlossenen  Konvention  betr.  die  friedliche  Regelung  internationaler
Streitigkeiten,  haben  in  Anbetracht  des  Umstandes,  daß  Art.  19  dieser
Konvention  den  hohen  kontrahierenden  Parteien  das  Recht  vorbehält,  über
die  Inanspruchnahme  der  Arbitrage  in  allen  ihnen  dazu  geeignet  erscheinenden
  Fällen  Abmachungen  zu  treffen,  die  Unterzeichneten  zur  Feststellung
folgender  Bestimmungen  ermächtigt:  Art.  1.  Streitigkeiten  juridischer  Art
oder  Differenzen,  die  betreffs  der  Auslegung  bestehender  Verträge  zwischen
den  beiden  kontrahierenden  Parteien  etwa  entstehen  und  auf  diplomatischem
Wege  keine  Erledigung  finden,  werden  dem  durch  die  Konvention  vom
29.  Juli  1899  errichteten  ständigen  Schiedsgerichtshof  im  Haag  unterbreitet,
jedoch  ist  dabei  vorausgesetzt,  daß  die  betr.  Streitfragen  weder  vitale  Interessen,
  noch  die  Unabhängigkeit  oder  die  Ehre  der  beiden  kontrahierenden
Staaten  berühren,  noch  die  Interessen  Dritter  in  Frage  stellen.  Art.  2.  In
jeddem  Einzelfall  werden  die  hohen  kontrahierenden  Parteien,  bevor  sie  sich
an  den  permanenten  Schiedsgerichtshof  wenden,  ein  Spezialabkommen  treffen,
durch  das  der  Gegenstand  des  Streites  klar  bezeichnet,  die  Ausdehnung  der
Befugnisse  der  Schiedsrichter  festgestellt  und  das  bei  der  Konstituierung  des

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV  18
        <pb n="282" />
        274  Greßjbritannien.  (Oltober  23  Dezember  Ende.)

Tribunals  und  seinen  Verhandlungen  zu  beobachtende  Verfahren  genau
bestimmt  wird.  Art.  3.  Gegenwärtiges  Abkommen  gilt  für  die  Dauer
von  fünf  Jahren  vom  Tage  der  Unterzeichnung  an.

W.  Oktober.  (London.)  Der  Historiker  Hartpole  Lecky  f.

Er  war  geboren  1838  in  Newtonpark  bei  Dublin.  Seine  Hauptwerke
  sind:  Geschichte  Englands  im  18.  Jahrhundert;  Demokratie  und  Freiheit.
  —  Politisch  ist  er  als  Gegner  der  Gladstoneschen  Homerule  hervorgetreten.

9.  November.  (London.)  In  einer  Darlegung  der  auswärtigen
  Politik  am  Lordmayorsfeste  erklärt  Premierminister  Balfour
  die  makedonische  Frage  für  weit  schwieriger  als  die  ostafiatische.

17./21.  November.  Besuch  des  italienischen  Königspaares  in

England.

Anfang  Dezember.  Neun  Bischöfe  der  Hochkirche  fordern  in
einem  Schreiben  an  Balfour,  daß  England  den  Sultan  zur  Abstellung
  der  makedonischen  Greuel  und  Zurückführung  der  bulgarischen
  Flüchtlinge  nötige.

A.  Dezember.  Die  „Morning  Post“  schreibt  über  die  Kriegsgefahr
  in  Ostasien  und  die  Politik  Englands:

Japan  werde  einen  Vormarsch  der  Russen  auf  Korea,  wie  ihn  der
Statthalter  Admiral  Alexejew  vorbereite,  niemals  zulassen  können.  Ein
solcher  Vormarsch  würde  einen  Krieg  bedeuten,  in  welchem  Rußland  bedeutend
  mehr  aufs  Spiel  zu  setzen  hätte,  als  seine  Stellung  in  der  Mandschurei.
  „Japan  wird  seine  Existenz  wagen,  um  die  Russen  nicht  nach
Korea  hineinzulassen,  und  wird  dafür  kämpfen,  als  ob  es  sich  um  die  Verteidigung
  des  eigenen  Bodens  handelte.  Rußland  setzt  sich  dabei  aber  noch
einer  viel  größeren  Gefahr-aus,  als  lediglich  dem  Kampf  mit  Japan,  denn
Großbritannien  ist  der  Verbündete  Japans,  und  wenn  auch  der  Vertrag
Großbritannien  nur  verpflichtet,  sich  ein  zumischen,  falls  Rußland  einen
Verbündeten  hat,  so  kann  doch  Großbritannien  nicht  gelassen  zusehen,  wie
Japan  geschlagen  wird.  Da  der  Welt  einmal  zu  verstehen  gegeben  worden
ist,  daß  Großbritannien  auf  Japans  Seite  steht,  ist  keine  moralische  Möglichkeit
  vorhanden,  daß  eine  britische  Regierung  oder  die  britische  Nation
untätiger  Zuschauer  einer  Niederlage  Japans  bleiben  könnte,  die  das  Ende
des  britischen  Einflusses  und  des  britischen  Handels  in  Ostasien,  in  der
Welt  östlich  von  Singapore,  und  auch  das  Ende  des  ehrlichen  Namens
Großbritanniens  in  der  ganzen  Welt  bedeuten  würde.“  Admiral  Alexejew
zählt  vielleicht  auf  Verbündete,  aber  was  für  Verbündete  hat  Rußland?
Es  gibt  keine  Macht,  die  es  zusammen  mit  Rußland  wagen  könnte,  der
britischen  Flotte  gegenüberzutreten,  falls  diese  von  einer  Regierung  verwendet
  wird,  die  sich  ihrer  Sache  bewußt  ist.  Das  ist  nicht  stark  ausgedrückt,
  sondern  mäßig.  Falls  die  britische  Flotte  nicht  sicher  ist,  selbst
ohne  Hilfe  Japans  die  russische  und  die  Flotte  noch  eines  anderen  Landes
zu  vernichten,  dann  ist  die  britische  Regierung  jedes  Vertrauens  unwürdig
und  hat  die  auf  sie  gesetzten  Erwartungen  getäuscht.

Ende  Dezember.  Die  Presse  protestiert  lebhaft  gegen  die  Bemerkung
  des  Deutschen  Kaisers  (S.  185),  daß  Blücher  bei  Waterloo
die  englische  Armee  vor  der  Vernichtung  errettet  habe.
        <pb n="283" />
        VI.
Frankreich.

4.  Januar.  (Senatswahlen.)  Bei  den  Wahlen  zur  Drittelerneuerung
  des  Senats  gewinnen  die  Parteien  der  Regierung  dreizehn
  Mandate.

Januar.  (Bretagne.)  Die  Regierung  entzieht  zahlreichen
Pfarrern  die  Staatssubvention,  weil  sie  in  bretonischer  Sprache
gepredigt  und  den  Religionsunterricht  erteilt  haben.

Januar.  (Bretagne.)  Die  Bevölkerung  leidet  Hungersnot
wegen  schlechter  Ergebnisse  der  Fischerei.

13.  Januar.  Die  Kammer  wählt  den  Sozialisten  Jaures
zum  Vizepräsidenten.  —  Die  Wahl  findet  wegen  Jaures  ARußerungen
  über  Abrüstung  und  Verzicht  auf  Elsaß-Lothringen  in  nationalistischen
  Kreisen  heftigen  Widerspruch.

14.  Januar.  (Paris.)  General  Saussier  tritt  aus  dem
Obersten  Kriegsrat  aus,  weil  er  die  Einführung  der  zweijährigen
Dienstzeit  nicht  billigt.

Januar.  Vorgehen  gegen  Kongregationsschulen.

Die  Regierung  schließt  diejenigen  Schulen,  die  von  anerkannten
Kongregationen  ohne  ausdrückliche  staatliche  Autorisation  in  der  gutgläubigen
  Annahme  begründet  worden  waren,  daß  eine  spezielle  Ermächtigung
für  jeden  Einzelfall  neben  der  generellen  Autorisation  zur  Ausübung  der
Ordenstätigkeit  nicht  erforderlich  gewesen  sei.

Ueber  die  Behandlung  der  nicht  anerkannten  geistlichen  Genossenschaften,
  die  um  nachträgliche  Autorisation  ersuchen,  schreibt  die  „Allgemeine
Zeitung"“:  „Von  den  606  weiblichen  Kongregationen,  die  im  Augenblicke
der  Promulgierung  des  Gesetzes  ohne  Autorisation  bestanden  und  zusammen
etwa  13.0000  Schulen  unterhielten,  haben  213  sich  freiwillig  aufgelöst;  die
übrigen  393  haben  von  der  durch  das  Gesetz  ihnen  gewährten  Erlaubnis
Gebrauch  gemacht,  um  die  nachträgliche  Genehmigung  einzukommen.  Die
Regierung  war  schon  entschlossen,  die  weit  überwiegende  Mehrzahl  dieser
Gesuche  ganz  unberücksichtigt  zu  lassen  und  nur  einige  ganz  wenige  der
Kammer  mit  dem  Bemerken  zu  überweisen,  daß  sie  in  diesen  vereinzelten
Ausnahmefällen  gegen  den  Fortbestand  nichts  einzuwenden  habe.  Allein

18“
        <pb n="284" />
        276  Erankreih.  (Januar  16.  —23.)

die  Kongregationskommission  der  Deputiertenkammer  will  selbst  von  den
geringfügigsten  Ausnahmen  nichts  wissen;  sie  hat  in  einer  Resolution  ihren
Standpunkt  dahin  präzisiert,  daß  die  Gesuche  in  Bausch  und  Bogen  abzuweisen
  seien.

16.  Januar.  Die  Kammer  billigt  mit  339  gegen  185  Stimmen
das  Verbot  der  bretonischen  Sprache  beim  Religionsunterricht.

22.  Januar.  Die  Kammer  genehmigt  einen  Antrag  Dejeante
auf  Verweltlichung  aller  Schulen  in  den  Kolonien  mit  248  gegen
244  Stimmen.

23.  Januar.  (Kammer.)  Umtriebe  in  der  Armee.  Jaures
und  Ribot  über  die  Beziehungen  zu  Deutschland.

Der  nationalistische  Deputierte  Lasies  interpelliert  die  Regierung
über  internationale  und  heeresfeindliche  Umtriebe  in  der  Armee.  Die
Regierung  könne  gegen  solches  unpatriotische  Treiben  nicht  einschreiten,
weil  die  Sozialisten  einen  wichtigen  Bestandteil  ihrer  parlamentarischen
Mehrheit  bildeten.  Der  Redner  fragt  schließlich  den  Abgeordneten  Jaurss,
den  Führer  der  Sozialisten,  wie  er  sich  im  Falle  eines  Krieges  mit  Deutschland
  verhalten  würde.  ·

Abg.  Jaures:  Es  gebe  auf  internationalem  Gebiete  viele  Dinge,
welche  anfangs  phantastisch  zu  sein  schienen  und  dementsprechend  behandelt
wurden,  jetzt  aber  anfingen,  greifbare  Gestalt  anzunehmen.  So  beginne
der  tatsächliche,  endgültige  Friede  in  Europa  möglich  zu  werden.  Es  gebe
nur  drei  Dinge,  welche  ein  Volk  schwächten,  nämlich  Lüge,  Trägheit  und
das  Fehlen  von  Idealen.  Die  Franzosen  besäßen  Eigenschaften,  die  diesen
Fehlern  entgegengesetzt  seien,  sie  hätten  also  den  nationalen  Verfall  kaum
zu  besorgen.  Seit  32  Jahren  habe  es  keinen  großen  Krieg  in  Europa
gegeben.  Es  sei  dort  das  erste  Mal,  daß  man  einen  so  langen  Frieden
genieße,  und  Frankreich  hoffe,  daß  er  noch  lange  andauern  werde.  Es
gebe  in  Europa  zwei  große  Bündnisgruppen,  die  beide  den  Frieden
wünschten.  Es  bestehe  eine  fortschreitende  Tendenz  zu  einem  friedlichen
Bemühen,  eine  Tendenz,  die  man  sowohl  auf  seiten  des  Dreibundes  wie
des  russisch-fran  zösischen  Bündnisses  feststellen  könne.  Der  Dreibund  sei
geschaffen  ohne  eine  ausgesprochene  offensive  Tendenz  gegen  Frankreich;  er
sei  nur  dazu  bestimmt,  die  für  Frankreich  schmerzlichen  Ergebnisse  des  letzten
Krieges  unwiderruflich  zu  machen.  Er  (Jaures)  glaube  heute  nicht  mehr,
daß  der  Dreibund  in  seiner  Gesamtheit  gegen  Frankreich  gebildet  sei  und
daß  seit  31  Jahren  überhaupt  ein  Angriffsplan  gegen  dasselbe  gerichtet
worden  sei.  (Protestrufe  auf  der  Rechten  und  in  der  Mitte  des  Hauses.
Mehrere  Abgeordnete  rufen:  Im  Jahre  18751)  Jaures  erwidert,  bei
Prüfung  der  Ereignisse  von  1875  habe  er  wohl  gefunden,  daß  es  sich  damals
  um  ein  gefährliches  und  sträfliches  Doppelspiel  Bismarcks  gehandelt
habe,  um  Frankreich  zu  beunruhigen;  daß  Fürst  Bismarck  aber  offenbar
nicht  entschlossen  gewesen  sei,  diesen  aggressiven  Gedanken  auch  bis  zum
äußersten  durchzuführen.  Frankreich  habe  also  nicht  vor  einer  ausgesprochen
aggressiven  Organisation  gestanden,  sondern  vor  einer  Organisation,  welche
einen  erworbenen  Vorteil  mehr  mit  Brutalität  als  mit  einem  direkten
Angriffsplan  festhalten  wollte.  (Der  Nationalist  Millevoye  ruft  dazwischen:
Ich  werde  das  Gegenteil  beweisen!)  Wenn  Sie  das  könnten,  so  würde
damit  nur  bewiesen,  daß  die  Kraft  des  Friedens  so  stark  war,  daß  sie  über
die  Organisation,  welche  den  Kampf  wollte,  triumphiert  hat.  Warum  —
fragte  der  Redner  sodann  —  sucht  das  Deutsche  Reich  heute  mit  Frank-
        <pb n="285" />
        Frankreich.  (Januar  24.)  277

reich  friedliche,  ja  fast  herzliche  Beziehungen  herzustellen?  Warum  hat
Italien,  das  den  Dreibundsvertrag  erneuerte,  erklären  können,  daß  dieser
Vertrag  nichts  Kriegerisches  in  sich  fasse?  —  Es  gibt  auch  eine  französischrussische
  Allianz.  Prinzipiell  habe  ich  nichts  gegen  dieses  Bündnis.  Wir
haben  nicht  das  Recht,  uns  durch  die  Unterschiede  beeinflussen  zu  lassen,
welche  in  politischer  und  sozialer  Hinsicht  zwischen  diesen  beiden  Ländern
bestehen.  Es  handelt  sich  auch  hier  um  ein  Defensivbündnis,  das  dazu
bestimmt  ist,  den  Frieden  in  Europa  zu  wahren.  Man  darf  aber  auch
den  Wert  dieses  Bündnisses  nicht  überschätzen.  Frankreich  hat  in  den
Jahren  1870—1892  auch  ohne  fremden  Beistand  seine  Macht  wiederherstellen,
  seinen  Rang  bewahren  und  ein  Kolonialreich  schaffen  können.  Das
Bündnis  mit  Rußland,  das  uns  retten  sollte,  ist  erst  gekommen,  als  man
sah,  daß  wir  fähig  waren,  uns  selbst  zu  retten.  (Lebhafter  Beifall  links
und  in  der  Mitte.  —  Abg.  Millevoye  ruft  dazwischen:  Sie  richten  zur  Zeit
im  Lande  das  größte  Unheil  an!)  Es  gibt  nur  eines,  das  dem  Lande
Unheil  zufügen  kann,  das  ist,  wenn  man  Mißverständnisse  fortbestehen  läßt,
aus  denen  Ueberraschungen  und  Leiden  entstehen.  (Beifall  links.)  Die
Nationalisten  wollten  sich  der  russischen  Allianz  bedienen,  als  einer  Waffe
im  inneren  politischen  Leben,  das  aber  können  und  werden  wir  nicht  &amp;amp;,
geben.  Die  französische  Revolution  wollte  den  allgemeinen  Frieden.  Sie
verabscheute  den  Krieg.  Heute  ist  der  allgemeine  Frieden  in  Europa  schon
geschlossen.  Ich  habe  volles  Vertrauen  zu  seiner  Dauer.  Allerdings  befindet
  sich  Frankreich  in  einer  schmerzlichen  Lage.  Es  hat  eine  Verstümmelung
  erlitten,  welche  eine  Rechtsverletzung  war.  (Beifall.)  Wir  werden
den  Triumph  der  Gewalt  über  das  Recht  niemals  akzeptieren  können
(Beifall),  aber  die  Heilung  und  die  endgültige  Lösung  mußz  von  dem  Frieden
  gebracht  werden,  der  sich  auf  die  gleichzeitige  allgemeine  Abrüstung
stützt.  Auf  diese  Weise  werden  die  Elsaß-Lothringer  ihr  Vaterland  wiederfinden.
  (Beifall  links.)  In  den  früheren  Kriegen,  selbst  in  dem  von  1870,
hat  Frankreich  genügende  Beispiele  von  Heroismus  geliefert  und  hat  uns
ein  hinreichend  großes  Erbteil  an  Ruhm  hinterlassen,  so  daß  wir  ohne
Bedauern  das  verabscheute  Buch  des  Krieges  schließen  können.

Dep.  Ribot  (antiminist.  Progressist)  fragt  Jaurès,  weshalb  er  gesagt
  habe,  daß  der  Dreibund  niemals  einen  offensiven  Zweck  gehabt  habe.
—  Jaures  ruft:  Weil  es  wahr  ist!  —  Ribot  entgegnet:  Müssen  denn
aber  gerade  wir  das  sagen?  Sie  spielen  sich  als  den  Repräsentanten  der
Absichten  des  Deutschen  Reiches  auf!  —  Es  genüge  nicht,  zu  sagen,  daß
Elsaß-Lothringen  das  Recht  für  sich  habe,  und  daß  man  der  Zukunft  alles
vorbehalten  müsse.  Internationale  Schwierigkeiten  regelten  sich  nicht  mit
Worten.  Uebrigens  sei  es  besser,  diese  heikle  Frage  nicht  zu  berühren.
Man  solle  sich  lieber  mit  den  Umtrieben  befassen,  durch  welche  die  Armee
desorganisiert  werde.  Man  solle  die  abscheulichen  Pamphlets  gegen  die
Armee  desavouieren.  Der  Kriegsminister  müsse  seine  Sprache  in  Einklang
setzen  mit  der  Wirklichkeit.

Kriegsminister  André:  Er  suche  stets  Gehorsam  gegen  das  Gesetz
und  die  Regierung  und  die  Achtung  vor  der  Manneszucht  aufrecht  zu  erhalten,
  aber  er  bedaure,  in  der  Armee  katholische  Klubs  zu  finden.  Er
werde  sich  mit  dem  Ministerpräsidenten  ins  Einvernehmen  setzen,  um  sie
aufzulösen.  Auch  Pamphlete  gegen  die  Armee  dulde  er  nicht.

Die  Kammer  erteilt  der  Regierung  mit  453  gegen  57  Stimmen  ein
Vertrauensvotum.

24.  Januar.  Der  Senat  genehmigt  das  Gesetz  über  die  Anderung
des  Zuckerregimes  und  die  Brüsseler  Zuckerkonvention  (vgl.  1902).
        <pb n="286" />
        278  Frankreicz.  (Januar  26.—30.)

26.  Januar.  4.  Februar.  (Kammer.)  Erklärung  der  Regierung

  über  das  Konkordat,  Religion,  Unterricht.

Auf  einen  Antrag,  das  Konkordat  zu  kündigen  und  das  Kultusbudget
  zu  streichen,  erwidert  Ministerpräsident  Combes:  Die  Frage  der
Kündigung  des  Konkordats  und  der  Streichung  des  Kultusbudgets  könne
nicht  gelegentlich  der  Etatsberatung  erörtert  werden.  Die  Kammer  würde,
wenn  sie  die  Trennung  des  Staates  von  der  Kirche  beschließen  sollte,  die
Republik  in  eine  große  Verlegenheit  bringen.  Die  Regierung  sei  der  Ansicht,
  daß  das  Konkordat  beibehalten  werden  müsse,  weil  sie  die  religiöse
Idee  heute  noch  für  nötig  halte.  (Lebhafter  Widerspruch  auf  der  äußersten
Linken.)  Jedenfalls  würde  eine  Trennung  des  Staates  von  der  Kirche
ernste  Schwierigkeiten  im  Gefolge  haben,  so  daß  eine  solche  Trennung  für
jetzt  unausführbar  sei.

Der  Antrag  wird  abgelehnt  mit  Hilfe  der  konservativen  Opposition
gegen  einen  großen  Teil  der  Regierungspartei  (314  gegen  194  Stimmen).

Am  4.  Februar  verlangt  Carnaud  (Soz.),  daß  der  Unterricht  in
der  Moral,  der  in  den  Schulen  erteilt  wird,  von  jeder  religiösen  Idee
freigehalten  werde.  Ministerpräsident  Combes  erwidert,  die  Worte,  welche
er  vor  kurzem  über  diesen  Punkt  gesagt  habe,  seien  anscheinend  falsch  ausgelegt
  worden.  Er  wolle  daher  ihren  genauen  Sinn  nochmals  feststellen.
Er  habe  niemals  gesagt,  daß  der  moralische  Gedanke,  der  in  den  Schulen
gelehrt  werde,  an  und  für  sich  nicht  genüge,  wenn  er  sich  nicht  auf  das
Dogma  stütze.  Er  habe  stets  der  republikanischen  Regierung  dafür  besondere
Anerkennung  gezollt,  daß  sie  den  Unterricht  auf  die  Vernunft  und  die
Solidarität  gegründet  habe.  Frankreichs  Sittenlehre  sei  um  so  edler,  als
sie  sich  auf  die  ewig  währenden  Begriffe  der  Gerechtigkeit,  des  Rechtes  und
der  Pflicht  gründe.  Man  habe  die  von  ihm  dargelegte  Ansicht  gegen  ihn
ausnutzen  wollen.  Er  konstatiere,  daß  man  die  persönlichen  Anschauungen,
welche  man  im  Senat  entwickeln  könne,  in  der  Kammer  nicht  vorbringen
könne.  Unter  diesen  Umständen  werde  er  sich  dessen  künftig  enthalten.

27.  Januar.  (Kammer.)  Bericht  über  das  Militärbudget.

Referent  Dep.  Maujan  empfilt  die  Einführung  der  zweijährigen
Dienstzeit  mit  einmonatigem  Urlaub  jährlich,  so  daß  der  Dienst  im  ganzen
22  Monate  dauern  würde.  Dies  würde  gestatten,  auch  die  nur  halb  tauglichen
  Leute  einzuberufen,  die  alsdann  die  übrigen  vom  Arbeitsdienste  entlasten
  und  diesen  die  Möglichkeit  geben  würde,  ausschließlich  dem  Dienste
mit  der  Waffe  sich  zu  widmen.  Auf  diese  Weise  würde  man  in  Friedenszeiten
  600000  Mann  unter  den  Waffen  haben,  die  auf  20  Armeekorps
sich  verteilen;  jedes  Regiment  würde  4000  Mann  stark  sein.  Im  Kriegsfalle
  würde  die  französische  Armee  sofort  beim  ersten  Anprall  dank  den  zur
Verfügung  stehenden  Reservisten  über  eine  Million  Mann  verfügen.  Der
Berichterstatter  spricht  sich  für  eine  entsprechende  Vermehrung  der  Geschütze,
sowie  für  eine  durchgreifende  Reform  der  Kavallerie  aus,  von  welch’  letzterer
  eine  berittene  Infanterie  gebildet  werden  solle,  und  zwar  eine  solche
auf  Pferden  oder  auf  Zweirädern.

30.  Januar.  (Poitiers.)  Ein  General  und  drei  Obersten
werden  versetzt,  weil  ihre  Frauen  und  Töchter  als  Verkäuferinnen
an  einer  Wohltätigkeitsveranstaltung  zugunsten  kongreganistischer
Schulen  teilgenommen  haben.  Der  Minister  betrachtet  diesen  Vorgang
  als  politische  Kundgebung.
        <pb n="287" />
        Frankreich.  (Februar  6.—März  10.)  279

6.  Februar.  (Kammer.)  In  der  Beratung  des  Flotienbudgets
  erklärt  sich  Marineminister  Pelletan  gegen  große  Panzerschiffe
  und  für  leichtere  und  schnellere  Einheiten.

8.  Februar.  (Montpellier.)  Schluß  eines  großen  am
18.  Dezember  begonnenen  Prozesses  gegen  aufständische  Araber.
Von  118  Angeklagten  werden  86  freigesprochen,  die  übrigen  zu
Gefängnisstrafen  bis  zu  15  Jahren  verurteilt.

Februar.  Die  Presse  bespricht  lebhaft  die  Venezuelafrage
und  nimmt  dabei  scharf  gegen  Deutschland  Partei.

Februar,  Streit  zwischen  der  Regierung  und  der  Kurie

wegen  Bischofsernennungen.

Die  Negierung.  ernennt  drei  Bischöfe  ohne  die  Einwilligung  der
Kurie  abzuwarten.  Als  hierauf  die  Kurie  die  Investitionsbullen  in  der
üblichen  Form  ausfertigt  (Aemilius  Loubet,  Praeses  Reipublicae  Gallorum
nominavit  Nobis),  protestiert  die  Regierung  gegen  das  Nobis,  weil  hierdurch
  das  unbedingte  Ernennungsrecht  der  französischen  Regierung  zu  einer
bloßen  Designation  herabgedrückt  würde.

27.  Februar.  Der  Senat  genehmigt  in  erster  Linie  das
Gesetz  über  die  zweijährige  Dienstzeit  mit  236  gegen  33  Stimmen.
10.  März.  (Kammer.)  Erörterung  über  die  auswärtige

Politik.  Abrüstungsfrage;  Mittelmeer,  Makedonien.

Abg.  Millevoye  (Nationalist)  führt  aus,  die  sozialistischen  Ideen
über  Entwaffnung  seien  Träumereien.  Das  beste  Unterpfand  des  Friedens
sei  stete  Kriegsbereitschaft  und  das  französisch-russische  Bündnis.  Rußland
sei  es  gewesen,  welches  im  Jahre  1875  Deutschland  daran  verhindert  habe,
Frankreich  endgültig  den  Garaus  zu  machen.  Daß  der  Friede  in  Europa
erhalten  worden  sei,  verdanke  man  dem  Kaiser  Alexander  III.  Das  Recht
Frankreichs  auf  Elsaß-Lothringen  sei  unbestreitbar  und  eine  Entwaffnung
sei  unmöglich,  bevor  diese  Frage  gelöst  sei.  Welche  Rolle  werde  Frankreich
im  Orient  spielen,  wo  ein  allgemeiner  Brand  im  Balkangebiete  auszubrechen
  drohe?

Abg.  Delafosse  (kons.)  bespricht  die  in  Marokko  herrschende  Anarchie
  und  meint,  daß  die  wiederholten  Aufstände  dort  auf  europäische
Intriguen  zurückzuführen  seien.  Die  Marokkofrage  werde  sich  auf  der
Grundlage  eines  Uebereinkommens  zwischen  Frankreich,  England  und
Spanien  lösen  lassen,  durch  welches  die  Meerenge  von  Gibraltar  für  neutral
erklärt  werde.

Abg.  Pressensé  (Soz.):  Europa  mühsse  die  makedonischen  Wirren
ordnen.  Makedonien  müsse  einen  unabhängigen  Gouverneur  haben,  der
sich  auf  gewählte  Körperschaften  stütze.  Die  Verwaltung  des  Landes  müsse
unter  Kontrolle  einer  europäischen  Kommission  gestellt  werden.

Minister  des  Auswärtigen  Delcassé:  Die  Meerenge  von  Gibraltar
müsse  frei  bleiben  für  alle  Völker.  Die  Unabhängigkeit  Marokkos  sei  die
Hauptbedingung  für  die  Sicherheit  der  französischen  Besitzungen  in  Nordafrika.
  Frankreich  habe  in  Marokko  beträchtliche  Handelsinteressen  und
müsse  deshalb  vorsichtig  handeln.  Er  halte  die  Lage  in  Marokko  nicht
für  ernst.  In  der  Venezuelafrage  habe  Frankreich  das  Bestreben  der  Vereinigten
  Staaten  unterstützt,  die  verbündeten  Mächte  zur  Annahme  der
        <pb n="288" />
        280  Kran#reich.  (März  Mitte.  18.)

Entscheidung  des  Haager  Schiedsgerichtshofes  zu  bewegen.  Wenn  sozialistische
  Deputierte  eine  Abrüstung  angeregt  hätten,  so  sei  es  nicht  Frankreichs
  Sache,  hierin  die  Initiative  zu  ergreifen;  jedenfalls  werde  er  —
Redner  —  es  nicht  tun.  Er  werde  es  mit  Freuden  begrüßen,  wenn  der
Einfluß  des  Haager  Schiedsgerichtshofes  sich  weiter  ausdehne.  Es  gebe
aber  Interessen,  welche  ein  großes  Volk  nur  sichern  könne,  wenn  es  sich
auf  ein  starkes  Heer  stütze.  (Beifall.)  Man  könne  zwar  aus  Gründen  der
Menschlichkeit  Anhänger  einer  gleichzeitigen  Abrüstung  der  Staaten  sein,
man  dürfe  aber  nicht  vergessen,  daß  Frankreich  für  die  Franzosen  da  sei
und  daß  deren  teuersten  und  wertvollsten  Teil  die  Armee  bilde.  Er  halte
eine  gleichzeitige  Abrüstung  nicht  für  möglich,  so  lange  die  Völker  nur  zu
ihrer  eigenen  Macht  Vertrauen  hätten.  Bezüglich  Makedoniens  arbeite
Frankreich  nicht  seit  gestern  erst  darauf  hin,  die  Türkei  zu  Reformen  zu
bewegen.  Frankreich  müsse  seine  seit  langen  Jahren  befolgte  Politik  auch
weiter  fortsetzen,  um  das  europäische  Gleichgewicht  zu  sichern.  Die  Weisheit
  dieser  Politik  habe  zu  der  Allianz  mit  Rußland  geführt.  Das  Verhältnis
  Frankreichs  zu  Italien  habe  sich  immer  befriedigender  gestaltet  und
zur  großen  Genugtuung  für  beide  Völker  zu  einer  Annäherung  und  Verständigung
  geführt.  Frankreich  müsse  bei  seiner  Politik,  deren  Grundlagen
die  ursprünglichen  Interessen  der  Völker  seien,  beharren.

Mitte  März.  (Vierzon.)  Millerand  und  die  militärische
Disziplin.

Der  frühere  (sozialistische)  Handelsminister  Abg.  Millerand  wird
in  einer  Wahlversammlung  gefragt,  ob  er  es  billige,  daß  Kriegsminister
André  den  Soldaten  den  Besuch  der  Arbeitsbörsen,  wo  das  „Handbuch  des
Soldaten“  verteilt  wird,  verboten  und  diese  Broschüre  strafrechtlich  verfolgt
habe.  Millerand  erwidert,  diese  Broschüre  fordere  die  Soldaten  zur  Verweigerung
  des  militärischen  Gehorsams  auf,  sie  könne  nicht  von  Sozialisten
sondern  nur  von  Anarchisten  herrühren.  Wenn  er  Kriegsminister  wäre,
würde  er  genau  so  gehandelt  haben,  wie  General  André.

Mitte  März.  (Kammer.)  Der  Berichterstatter  für  Algier
Abg.  Berthet  sagt  in  einem  Bericht  über  die  Bevölkerungsverhältnisse
  von  Algier:

In  Oran  sind  von  15675  Schülern  der  öffentlichen  Schulen  nur  3417
rein  französischen  Ursprungs.  In  Mers  el  Kebir  sind  von  378  Wählern
323  naturalisierte  Franzosen,  so  daß  11  von  12  Gemeinderäten  desselben
Ursprungs  sind.  Wie  hier  sind  auch  anderwärts  ganze  Stadträte  in  die
Hände  der  Fremden  gefallen.  Als  Heilmittel  gegen  diese  Verschiebung  hat
man  1889  die  „automatische  Naturalisierung“  vorgeschlagen.  Und  das
wird  schließlich  alle  städtischen  Verwaltungen  aus  den  Händen  der  echten

Franzosen  winden.  Offenbar  ist  ein  Algerien  im  Begriff  der  Bildung,
das  nur  noch  dem  Namen  nach  französisch  ist.

18.  März.  (Kammer.)  Beschluß  über  die  Prüfung  der
Kongregationsgesuche  um  nachträgliche  Autorisation.

Die  Kommission  beantragt,  die  Gesuche  von  54  im  Konkordat  nicht
anerkannten  Kongregationen  um  nachträgliche  Genehmigung  nicht  einzeln
sondern  en  bloc  zu  erledigen.  Die  Regierung,  die  anfangs  für  Einzelberatung
  war,  entschließt  sich  auf  Drängen  des  radikalen  Flügels  der
Mehrheit  für  en  bloc-Beratung.  Ministerpräsident  Combes  begründet  die
summarische  Erledigung:  Der  Staat  habe  das  Recht,  den  Kongregationen
den  Unterricht  zu  verbieten,  da  derselbe  darauf  ausgehe,  die  Kinder  den
        <pb n="289" />
        Frankreich.  (März  21.)  281

republikanischen  Grundsätzen  zu  entfremden.  Das  Land  habe  sich  bei  den
letzten  Wahlen  entschieden  für  die  den  Kongregationen  feindlich  gesinnten
Kandidaten  ausgesprochen.  Er  (der  Ministerpräsident)  wolle  nur  eine  Art
von  Unterricht,  den  durch  Laienlehrer.  Die  Kammer  werde  der  Regierung
kein  Mißtrauensvotum  erteilen,  sondern  durch  Annahme  des  Kommissionsantrags
  den  Interessen  der  Republik  entsprechen.  Die  Kongregationen  seien
Feinde  der  Republik  und  Zerstörer  des  modernen  Geistes;  es  sei  die  Pflicht
des  Staates,  sich  ihrer  so  bald  als  möglich  zu  entledigen.  Abg.  Ribot
(Führer  der  antiministeriellen  Progressisten):  Die  Politik  Combes“  sei  eine
Verleugnung  des  Werkes  Waldeck-Rousseaus.  Der  Ministerpräsident  folge
dem  neuen  Geiste,  der  leider  nicht  der  Geist  der  Gerechtigkeit  sei,  denn  er
wolle  den  alleinigen  Unterricht  durch  Laien.  Aber  der  Konseilpräsident
habe  nicht  das  Recht,  den  Katholiken  seine  persönlichen  Auffassungen  aufzuzwingen.
  In  Wirklichkeit  habe  übrigens  nicht  der  Ministerpräsident,
sondern  die  sozialistische  Partei  die  Kabinettsfrage  gestellt.

Der  Kommissionsantrag  wird  mit  300  gegen  257  Stimmen  angenommen.
  —  Das  Ergebnis  wird  als  Vorbote  der  Verweigerung  der
Autorisation  aufgefaßt.

21.  März.  (Senat.)  Debatte  über  den  Kultusetat.  Combes
über  das  Konkordat  und  den  Konflikt  mit  der  Kirche.

Senator  Delpech  fordert  die  Aufhebuug  des  Kultusetats  und
Kündigung  des  Konkordats.  Ministerpräsident  Combes:  Solange  die
Kirche  das  Konkordat  nicht  unmöglich  mache,  könne  man  es  nicht  kündigen.
„Ich  sage  nicht,  daß  die  Kündigung  des  Konkordates  nahe  ist;  aber  bei
dem  jetzigen  Gang  der  Dinge  brauchen  diejenigen,  welche  dieselbe  wünschen,
vielleicht  nicht  lange  zu  warten.  Die  Geistlichkeit  macht  sich  nichts  aus
dem  Konkordat,  das  fortwährend  von  der  Kirche,  aber  nie  vom  Staat
verletzt  wird.  Der  Vertrag  wird  verletzt,  wenn  die  geistliche  Gewalt  sich
anmaßt,  die  zu  geistlichen  Aemtern  zu  Ernennenden  auszuwählen:  er  wird
verletzt,  wenn  die  Bischöfe  das  Haupt  der  Vollziehgewalt  angehen,  die
Handlungen  der  Regierung  umzustoßen.  Das  Konkordat  wird  verletzt,
wenn  die  Bischöfe  der  Geistlichkeit  gewisse  Kanzeln  entziehen,  um  sie  nicht
anerkannten  Mönchen  einzuräumen,  wenn  die  Geistlichen  in  den  Wahlkampf
eingreifen:  Diese  Verletzungen  werden  fast  nie  geandet,  da  sie  überzahlreich,
die  Strafen  aber  ungenügend  sind.  Der  Kirche  ist  das  Konkordat  kein
beide  Parteien  bindender  Vertrag,  sondern  nur  ein  Zugeständnis  der
geistlichen  Gewalt.  Die  französische  Geistlichkeit  muß  offen  sagen,  ob  dies
ihre  Ansicht,  ob  sie  für  Aufrechterhaltung  oder  Abschaffung  des  Konkordats
ist.  Wir  haben  gesagt,  daß  wir  für  die  Aufrechterhaltung  sind,  weil  dies
besser  der  heutigen  Meinung  und  den  Sitten  der  französischen  Gesellschaft
entspricht.  Wohlverstanden,  wir  sind  für  volle  Aufrechterhaltung  des  beiderseits
  ehrlich  gehaltenen  Vertrages,  denn  die  republikanische  Partei  will  den
Zustand  nicht  mehr,  bei  dem  der  Staat  fortwährend  getäuscht  wird.  Will
die  Geistlichkeit  die  Scheidung  nicht,  dann  muß  sie  aufhören,  dieselbe
jeden  Tag  anzutrotzen,  sich  bescheiden,  die  Bestimmungen  des  Vertrages
streng  einzuhalten.  Man  täusche  sich  nicht  über  unser  Ziel.  Wir  wollen
die  Geistlichkeit  nicht  zu  unserer  Politik  bekehren,  wir  wollen  dieselbe  so
wenig  unterjochen,  daß  wir  im  Gegenteil  sie  von  jeder  Politik  loslösen
wollen.  Die  Geistlichkeit  soll  weder  republikanisch  noch  antirepublikanisch
sein,  sondern  nicht  in  die  Politik  eingreifen.  Sie  möge  sich  in  ihrem  Bereich
halten,  und  es  wird  Friede  sein.  Die  Regierung  will  ebensowenig  ihren
Beistand  als  ihre  Feindseligkeit  ertragen.“  Combes  erzählt  nun  nach
eigenen  Heften  den  Zwist  mit  dem  h.  Stuhl.  „Mein  Vorgehen  hat  den
        <pb n="290" />
        282  Fra##reit.  (März  24.  30.)

Zweck,  die  Unterordnung  der  Staats-  unter  die  Kirchengewalt  zu  verhindern.
Es  handelt  sich  um  die  Unabhängigkeit  der  weltlichen  Gewalt  bei  Handlungen,
  welche  ihr,  laut  Konkordat,  zustehen.  Die  Ernennung  der  Bischöfe
von  Bayonne  und  Saint--Jean  de  Maurienne  sind  durch  freien  Entschluß
der  Regierung  ohne  vorherige  Bestätigung,  geschehen,  gemäß  §8§  4  und  5
des  Konkordats.  Der  Zwist  ist  eine  Erbschaft  des  vorigen  Ministeriums.
Die  konservativen  Blatter  verkündigen,  die  Sache  sei  verhängnisvoll,  ich
würde  nach  Kanossa  gehen  müssen.  Ich  weiß,  daß  die  Minister  nicht  dauern,
aber  auch,  daß  dieser  Zwist  ein  Ergebnis  haben  wird.  Ich  mag  morgen
abgehen,  aber  mein  Nachfolger  wird  den  ultramontanen  Forderungen  nicht
nachgeben  können,  ohne  zugleich  auf  die  Verteidigung  des  Konkordats
verzichten  zu  müssen  und  die  letzte  Schranke  zu  durchbrechen,  welche  die
Trennung  der  Kirchen  vom  Staat  noch  abhält.  Die  Haltung  der  katholischen
Geistlichkeit  ist  derart,  daß  ihre  Beziehungen  zum  Staate  nicht  mehr  dem
vom  Koukordat  erstrebten  Zustand  entspricht.  Die  Haltung  der  Geistlichkeit
muß  anders  werden.  Die  Erhaltung  des  Konkordates  fordert  diesen  Preis.
Nur  Blinde  sehen  dies  nicht."“

24.  März.  (Kammer.)  Verwerfung  der  Autorisationsgesuche
von  28  Kongregationen.  Pfarrer  und  Orden.

Die  Regierung  beantragt  28  Kongregationen  —  Kapuzinern,  Franziskanern,
  Dominikanern  u.  a.  —  die  Genehmigung  zu  versagen.  Ministerpräsident
  Combes  begründet  den  Antrag  im  Interesse  der  Pfarrgeistlichkeit.
„Sobald  eine  Kongregation  in  einer  Gemeinde  erscheint,  sind  der  Pfarrer,
der  Vikar  gar  nichts  mehr;  die  Gläubigen  scheinen  diese  nicht  mehr  zu
kennen.  Das  hat  das  Konkordat  nicht  gewollt,  es  untersagt  ausdrücklich
die  inneren  Missionen,  wie  Waldeck-Rousseau  vor  einigen  Jahren  mittels
eines  Rundschreibens  in  Erinnerung  gebracht  hat.  Der  Pfarrgeistliche  ist
durch  seine  Stellung  gezwungen,  sich  so  zu  benehmen  und  so  zu  sprechen,
daß  die  Gemeinde  nicht  daran  Anstoß  nimmt;  der  Missionar  ist  über  solche
Bedenken  erhaben.  Es  läßt  sich  nicht  bestreiten,  daß  der  Feldzug  gegen
die  Errungenschaften  der  Republik  von  den  predigenden  Mönchen  geführt
worden  ist,  daß  sie  alle  republikanischen  Fortschritte  anfeinden,  daß  Sie,
meine  Herren  von  der  Majorität,  im  Augenblick  der  Wahlen  überall  auf
die  Hindernisse  gestoßen  sind,  die  gegen  Sie  von  den  Mönchen  aufgetürmt
wurden.  (Beifall  links,  Widerspruch  rechts.)  Die  Mönche  sind  es,  die
überall  Abscheu  gegen  unsere  gesetzgeberische  Tätigkeit  verbreiten  und  vor
allem  unser  Unterrichtswesen  der  Verachtung  preisgeben.  Der  Haß  gegen
unsere  republikanischen  Gesetze  ist  die  mächtigste  Triebfeder  unserer  Prediger.
Man  vergesse  nicht,  daß  von  ihnen  Anforderungen  zum  Staatsstreiche,  zur
Empörung  ausgegangen  sind!  Das  Konkordat  hat  den  katholischen  Kultus
auf  eine  so  breite  Grundlage  gestellt,  daß  die  Pfarrgeistlichkeit  allen  Bedürfnissen
  zu  genügen  im  stande  ist.  Der  Predigt  ist  darin  ein  weiter
Platz  angewiesen,  und  die  predigenden  Kongregationen,  die  sich  hinzudrängen,
tun  es  zum  Nachteil  der  regulären  Geistlichkeit.  Man  darf  also  nicht
sagen,  daß  religiöse  Interessen  durch  ihre  Beseitigung  verletzt  würden.
Wer  dies  tut,  vergeht  sich  gegen  die  Wahrheit.  Uns  eines  wilden  Verfolgungsgeistes
  zu  bezichtigen,  ist  ungerecht;  wir  wollen  nicht  mehr,  als
was  die  Minister  des  Kaiserreichs  wollten,  die  sich  ebenfalls  weigerten,  die
Kongregationen  anzuerkennen.“  —  Der  Antrag  wird  mit  304  gegen
246  Stimmen  angenommen.

30.  März.  Die  Kammer  genehmigt  das  bereits  vom  Senat
angenommene  Budget.  Es  beträgt  3528  Millionen  Francs.
        <pb n="291" />
        Fr##kreig.  (April  2.—7.)  283

2.  April.  Die  Kammer  genehmigt  ein  Gesetz,  wonach  die
Gemeinden  zum  Bau  der  Schulhäuser  verpflichtet  werden.  —  Die
Verweltlichung  des  Unterrichts  soll  hierdurch  beschleunigt  werden.

Anfang  April.  Rundschreiben  an  die  Präfekten  über  die

Auflösung  von  Kongregationen.

Der  Ministerpräsident  weist  die  Präfekten  an,  darüber  zu  wachen,
daß  die  28  predigenden  Kongregationen,  deren  Autorisationsgesuche  von
der  Regierung  und  der  Kammer  zurückgewiesen  wurden,  binnen  verrzehn
Tagen  aufgelöst  sind.  Den  25  lehrenden  Gemeinschaften,  die  sich  vergebens
um  die  staatliche  Anerkennung  bemüht  hatten,  wird  im  Interesse  ihrer
Schüler  eine  etwas  längere  Frist  zugestanden.  Diejenigen,  die  Mittelschulen
oder  solche  Primärschulen  leiten,  für  deren  Besucher  nicht  sofort  in  einer
benachbarten  öffentlichen  Volksschule  Platz  zu  schaffen  ist,  dürfen  bis  zum
31.  Juli  ihre  Tätigkeit  fortsetzen;  diejenigen  unter  geistlicher  Leitung
stehenden  Primärschulen,  für  die  alsbald  Ersatz  gefunden  werden  kann,
müssen  schon  zu  Ende  des  laufenden  Monats  geschlossen  sein.  —  Die
Zahl  der  predigenden  Mönche,  die  sich  nun  irgendwo  Unterkunft  und
Lebensunterhalt  suchen  müssen,  wird  auf  3040,  die  der  lehrenden  auf
15,964  geschätzt;  die  Zahl  ihrer  Schulanstalten  beträgt  ca.  1600.

Anfang  April.  (Bretagne.)  Die  Regierung  verhängt  über
zahlreiche  Pfarrer,  die  bretonisch  predigen  und  unterrichten,  die
Gehaltssperre.  Der  Bischof  von  Ouimper  ermahnt  die  Geistlichen,
in  ihrer  bisherigen  Haltung  zu  verharren.

4.  April.  Die  Kammer  genehmigt  mit  514  gegen  1  Stimme
eine  Vorlage,  nach  welcher  Militärpersonen,  die  vor  ihrem  Dienstantritt
  bestimmte  Befähigungen  erworben  haben  und  sich  darüber
durch  Zeugnisse  von  Schützen=  oder  Turnvereinen  ausweisen  können,
einen  Vorzugsanspruch  auf  die  Beförderung  zu  Unteroffizieren  erhalten
  sollen.

6.  April.  Die  Kammer  genehmigt  die  Aufnahme  einer  Anleihe
  von  65  Millionen  Franken  für  öffentliche  Arbeiten  in  den
Kolonien  Westafrikas.  (Genehmigung  im  Senat  3.  Juli.)

6.7.  April.  (Kammer.)  Neue  Enthüllungen  in  der  Dreyfusfrage.
  Neue  Untersuchung.

Abg.  Jaures  (Soz.)  bespricht  anläßlich  einer  Wahlprüfung  den
Vorwurf,  den  die  Nationalisten  gegen  das  Ministerium  richteten,  daß  es
im  Dienste  des  Auslandes  stehe,  und  weist  darauf  hin,  daß  die  Nationalisten
  im  Dreyfusprozeß  mit  Hilfe  einer  Fälschung  sich  auf  die  angebliche
Unterschrift  eines  fremden  Herrschers  berufen  hätten,  um  ihren  Willen
durchzusetzen.  Hierauf  verliest  er  einen  bisher  unbekannt  gebliebenen  Brief,
den  General  Pellieux,  der  an  dem  Dreyfusproß  in  amtlicher  Eigenschaft
beteiligt  gewesen  war,  nach  der  ersten  Fälschung  Henrys  am  31.  August
1898  an  den  damaligen  Kriegsminister  (Cavaignac)  gerichtet  hatte.  Der
General  schreibt  darin:  „Da  ich  von  Leuten  ohne  Ehre  getäuscht  worden

bin  und  selbst  auf  das  Vertrauen  meiner  Untergebenen  nicht  mehr  rechnen
kann,  andererseits  auch  kein  Vertrauen  mehr  zu  meinen  Vorsetzten  zu  haben
        <pb n="292" />
        284  Ffr####eich.  (April  10.  12./14.)

vermag,  die  mich  auf  Grund  einer  Fälschung  vorgehen  ließen,  so  bitte
ich  um  meinen  Abschied.“  (Anhaltende  Bewegung.)  Abg.  Brisson
(im  August  1898  Conseilpräsident)  erklärt  unter  dem  Beifall  der  Linken,
daß  Cavaignac,  der  Kriegsminister  in  seinem  Kabinett,  ihm  diesen  Brief
niemals  zur  Kenntnis  gebracht  habe.  Zu  Cavaignac  gewendet:  „Sie
verdienen  in  Anklagezustand  versetzt  zu  werden!  Sie  gehören  nicht  mehr
zu  den  Republikanern!  Ich  wußte,  daß  Cavaignac  schon  am  14.  August
von  der  von  Henry  begangenen  Fälschung  überzeugt  war,  er  hat  mich
aber  erst  am  30.  August  davon  in  Kenntnis  gesetzt.  Heute  erst  erfahre
ich  etwas  von  dem  Briefe  Pellieux'.  Wenn  Cavaignac  mich  nicht  benachrichtigt
  hat,  so  ist  das  geschehen,  weil  er  sich  in  der  Zwischenzeit  mit
General  Mercier  in  Verbindung  gesetzt  hatte.“  (Beifall  links.)  Cavaignac
bestreitet,  daß  ihm  die  Fälschung  schon  am  14.  August  bekannt  gewesen
sei,  ebenso,  daß  er  sich  mit  Mercier  verständigt  habe.  Er  stellt  den  Brief
General  Pellieux'  nicht  in  Abrede,  erklärt  aber,  er  (Cavaiguc)  habe  geglaubt,
es  werde  Pellieux  hinterher  leid  tun,  ihn  geschrieben  zu  haben.

Am  folgenden  Tage  erklärt  Kriegsminister  André,  daß  die  Regierung
die  Erforschung  der  Wahrheit  in  der  in  Rede  stehenden  Angelegenheit  zu
fördern  beabsichtige.  (Bewegung.)  Die  Ehre  der  Armee  sei  in  dieser
Angelegenheit  nicht  im  geringsten  in  Mitleidenschaft  gezogen.  (Beifall  links.)
Er  habe  niemals  in  dem  Gedanken  glücklich  sein  können,  daß  ein  französischer
  Offizier  wegen  des  gemeinsten  der  Verbrechen  verurteilt  worden  sei.
Er  halte  sich  an  das  letzte  Urteil  des  Kriegsgerichts  (Beifall  rechts),  aber
er  glaube,  daß  die  öffentliche  Meinung  durch  das  Auftauchen  gewisser,  das
Verbrechen  des  Hochverrats  mildernder  Umstände  ganz  besonders  beunruhigt
worden  sei.  (Beifall  links.)  Als  Minister  verstehe  er  die  Befürchtungen,
die  mehrere  Mitglieder  in  Unruhe  erhielten,  und,  um  seinerseits  zur  Wahrheit
sein  Teil  beizutragen,  lege  er  den  Brief  des  Generals  Pellieux  vor.  Der
Minister  schließt,  indem  er  sich  mit  einer  administrativen  Enquete  unter
Hinzuziehung  einer  gewissen  Anzahl  von  Juristen  einverstanden  erklärt.
(Anhaltender  Beifall  links.)

Abg.  Cavaignac  verteidigt  seine  Handlungsweise  als  Kriegsminister.
  Nach  seiner  Ansicht  habe  er  den  Brief  des  Generals  Pellieux
nicht  berücksichtigen  dürfen.  (Bewegung.)  General  Pellieux  habe  auf  den
Rat  des  Generals  Zurlinden  den  Brief  zurückgezogen.  Der  Brief  sei  niemals
im  Kriegsministerium  gewesen,  hätte  also  auch  nicht  verheimlicht  werden  können.

In  der  weiteren  Debatte  kommt  es  zu  scharfen  Auseinandersetzungen
zwischen  Cavaignac  einerseits,  Brisson  und  Jaureès  andererseits;  nationalistische
  Redner  sprechen  gegen  die  Wiederaufrollung  der  Dreyfusfrage,  weil
sie  die  Armee  zerrütte.  —  Schließlich  wird  eine  Resolution,  in  welcher
die  Kammer  der  Regierung  ihr  Vertrauen  ausspricht  und  erklärt,  daß  die
Dreyfusaffaire  den  gerichtlichen  Boden  nicht  verlassen  dürfe,  mit  250  gegen
75  Stimmen  angenommen.

10.  April.  Der  Ministerpräsident  ordnet  in  einem  Rundschreiben
  an  die  Bischöfe  an,  daß  die  Kongregationen  und  die
ihnen  angehörigen  Geistlichen  vom  Predigeramte  vollständig  auszuschließen
  find.

12./14.  April.  (Bordeaux.)  Der  franzöfische  Sozialistenkongreß
  beschließt  mit  109  gegen  89  Stimmen,  daß  der  frühere
Handelsminister  Millerand  trotz  seines  Eintritts  in  ein  Kabinett
Mitglied  der  Partei  bleiben  kann.
        <pb n="293" />
        Frankreich.  (April  12.—Mai  4.)  285

12./29.  April.  Präsident  Loubet  besucht  Algier  und  Tunis.

16.  April.  (Paris.)  Die  Polizei  stellt  26  Kongregationen
Auflösungsbefehle  zu.  Mehrere  Kapellen  werden  sofort  gesperrt.

Mitte  April.  Die  Erzbischöfe  von  Paris,  Reims  und  Lyon
protestieren  gegen  die  Schließung  von  Kapellen  und  gegen  die  Verordnung,
  daß  Ordensleuten,  die  nicht  zur  Dibzese  gehören,  das
Predigen  in  Pfarrkirchen  verboten  wird.  Es  sei  Sache  der  Kirche,
über  die  Zulassung  der  Prediger  zu  entscheiden.

April.  Die  meisten  Kongregationen  versagen  den  Auflösungs=
  und  Ausweisungsdekreten  den  Gehorsam  und  lassen  sich
von  der  Polizei  gewaltsam  vertreiben.  An  vielen  Stellen  kommt  es
dabei  zu  Kundgebungen  der  Bevölkerung  und  zu  Zusammenstößen

mit  den  Polizisten;  an  einigen  Orten  wird  Militär  aufgeboten.

30.  April.  (Marseille.)  Präsident  Loubet  begrüßt  ein
amerikanisches  Geschwader.

1.4.  Mai.  Besuch  des  Königs  von  England  in  Paris.

Bei  einem  Festmahl  im  Elysee  (3.  Mai)  bringt  Präsident  Loubet
folgenden  Trinkspruch  aus:  Sire!  Ich  erhebe  mein  Glas  zu  Ehren  Ew.
Majestät  und  danke  herzlich  für  den  Besuch  sowie  für  diese  Kundgebung
der  herzlichen  Beziehungen,  welche  so  glücklich  zwischen  beiden  Ländern
bestehen  und  sich  noch  enger  knüpfen  sollen  für  die  Entwicklung  so  vieler
gemeinsamer  Interessen  und  für  den  Weltfrieden.  Ich  trinke  auf  den
König,  die  Königin,  die  Familie  und  ihr  Wohlergehen.

Der  König  erwidert:  Die  Worte,  Herr  Präsident,  welche  Sie  soeben
  gesprochen,  rührten  Mich  lebhaft.  Ich  habe  Ihnen  zu  danken  für
den  schönen  Empfang,  den  ich  gefunden  habe.  Ich  kenne  Paris  seit  meiner
Kindheit;  ich  bin  oft  hierher  gekommen  und  bewunderte  stets  die  Schönheit
dieser  einzigen  Stadt  und  den  Geist  der  Bewohner.  Ich  werde  niemals
den  Empfang  vergessen,  der  mir  von  Ihnen,  der  Regierung  und  dem  Volke
zu  teil  geworden  ist,  und  freue  mich  über  diese  Gelegenheit,  welche  die
Freundschaftsbande  noch  enger  knüpfen  und  beitragen  wird  zur  Annäherung
  der  beiden  Länder  in  gemeinsamen  Interessen.  Unser  großer  Wunsch
ist,  gemeinsam  fortzuschreiren  auf  dem  Wege  der  Zivilisation  und  des
Friedens.  Ich  erhebe  mein  Glas  zu  Ehren  des  Präsidenten  der  Republik
und  auf  die  Wohlfahrt  und  Größe  Frankreichs.

4.  Mai.  (Lourdes.)  Infolge  der  Bemühungen  mehrerer
Senatoren,  Deputierten  und  Generalräte  des  Departements  Hautes
Pyrenées  verspricht  Ministerpräsident  Combes,  die  Bafilika  in
Lourdes  einstweilen  nicht  schließen  zu  lassen,  damit  die  wirtschaftlichen
  Interessen  des  Bezirkes  nicht  geschädigt  werden.

Mai.  Es  finden  fortgesetzt  Kundgebungen  für  und  gegen  die
Kongregationen  statt,  z.  B.  in  Lille,  Reims,  Chalons  sur  Saöne.
In  Paris  kommt  es  am  17.  Mai  in  einer  Kirche  zu  einer  großen
Schlägerei  zwischen  Sozialisten  und  Katholiken.
        <pb n="294" />
        286  Frankreich.  (Juni  7.—20.)

7.  Juni.  (Marseille.)  Der  Handelsdampfer  „Libau“  geht
infolge  eines  Zusammenstoßes  unter.  117  Personen  ertrinken.

12.  Juni.  Der  Senat  genehmigt  das  Gesetz  über  die  zweijährige
  Dienstzeit.

13.  Juni.  (Paris.)  Die  Regierung  verbietet  den  Pariser
Pfarrern  die  alljährlich  am  Sonntag  nach  Fronleichnam  stattfindenden
  Prozessionen  außerhalb  der  Kirche  abzuhalten.

14.  Juni.  (Nantes.)  Wegen  des  Verbots  der  Fronleichnamsprozession
  kommt  es  zu  einer  großen  Schlägerei  zwischen  Klerikalen
und  Antiklerikalen.  Die  Klerikalen  vertreiben  ihre  Gegner  und
bedrohen  die  Präfektur.

15.  Juni.  Die  Kammer  genehmigt  mit  552  gegen  3  Stimmen
ein  Gesetz,  betreffend  die  staatliche  Hilfeleistung  für  Greise,  Sieche
und  unheilbare  Kranke.

16.  Juni.  (Kammer.)  Budget  und  Zollerhöhung.

Der  Finanzminister  legt  das  Budget  vor.  Es  schließt  in  der  Ausgabe
  mit  2571800000  Franken  (gegen  3528  400  000  im  Budget  für  1903)
und  in  der  Einnahme  mit  3  513700000  Franken  ab,  weist  also  einen
Fehlbetrag  von  58  100000  Franken  auf.

Um  die  Einführung  neuer  Steuern  zu  vermeiden,  hat  der  Finanz-=minister
  Vorkehrungen  getroffen  für  die  Erhöhung  der  Einkünfte  aus
gewissen  Gefällen  und  anderen  Staatseinnahmen.  Die  Kündigung  des
Handelsvertrages  mit  Brasilien  gestattet  die  Erhöhung  des  Eingangszolles
auf  Kaffee  und  so  dem  Staatsschatze  eine  Einnahme  von  17  Millionen  zu
schaffen.  Die  Einnahmen  werden  sich  deshalb  im  ganzen  auf  3572700000  Fr.
belaufen,  also  einen  Ueberschuß  von  1100.000  Fr.  aufweisen,  so  daß  eine
Million  Franken  für  Amortisationen  verwandt  werden  kann.

16.  Juni.  (Kammer.)  Finanzminister  Rouvier  legt  ein

Einkommensteuerprojekt  vor.

Sie  besteht  1.  aus  einer  Personalsteuer  von  1½  v.  H.  des  Gesamteinkommens,
  wobei  gewisse  Abzüge  gestattet  sind;  2.  aus  einer  Mietsteuer
im  Betrage  von  4  v.  H.  der  Wohnungsmiete.  Die  neue  Einkommensteuer
tritt  an  Stelle  der  bisherigen  Personal-  und  Mobiliar-  sowie  Tür=  und
Fenstersteuer.

20.  Juni.  (Kammer.)  Kosten  der  Aufhebung  des  Kongregationsunterrichts.



Unterrichtsminister  Chaumié  berichtet  im  Unterrichtsausschuß  über
die  im  Primarschulwesen  bevorstehenden  Aenderungen,  wenn  nach  den  nicht
autorisierten  männlichen  Kongregationen,  welche  zusammen  144000  Schüler
hatten,  auch  die  autorisierten,  deren  Schülerzahl  200  000  übersteigt,  gezwungen
  würden,  ihre  Schulen  zu  schließen.  In  diesem  Falle  müßten  in
336  Gemeinden  neue  Schulhäuser  gebaut  und  1515  Lehrer  für  die  Knabenschulen
  allein  angestellt  werden,  ganz  abgesehen  von  dem  anzuschaffenden
oder  zu  erneuernden  Schulmaterial.  Die  Kongreganistinnen  ihrerseits  unterrichten
  584  000  Mädchen,  kaum  100000  weniger  als  die  weltlichen  Schulen.
Um  allen  Bedürfnissen  zu  genügen,  müßten  1921  Schulhäuser  gebaut,
        <pb n="295" />
        Frankreich.  (Juni  23.—Juli  11.)  287

1179  neu  eingerichtet,  über  4000  Schulen  mit  Material  versehen  und  über
6000  Lehrerinnen  ernannt  werden.  Für  die  Schulhausbauten  und  die
Anschaffung  der  Schulutensilien  wären  59  Millionen  allerwenigstens  nötig,
und  die  Gehäller  würden  9⅛  Millionen  jährlich  erfordern.

23.  Juni.  (Kammer.)  Annahme  des  Gesetzes  über  die
Säkularisierung  der  Kongregationen.

In  der  Beratung  des  Kongregationsgesetzes  suchen  die  einzelnen
Parteien  einander  durch  furchtbaren  Lärm  am  Sprechen  zu  hindern;  die
Rechte  verläßt  zeitweilig  den  Saal.  —  Mit  306  gegen  107  Stimmen  wird
die  Kommissionsfassung  des  Gesetzentwurfs  angenommen,  wonach  jedem
Kongreganisten  untersagt  wird,  in  der  Gemeinde,  wo  er  früher  unterrichtete,
  oder  in  einer  Nachbargemeinde  weiter  zu  unterrichten,  falls  er
nicht  den  Nachweis  erbringt,  daß  er  tatsächlich  säkularisiert  ist.  Sodann
wird  der  Gesetzentwurf  in  der  Gesamtabstimmung  mit  329  gegen  66  Stimmen
angenommen.  Schließlich  wird  mit  308  gegen  14  Stimmen  die  Resolution
Buisson  genehmigt,  wonach  jede  Kongregation  aufzulösen  ist,  die  durch
Witttispersonen  eine  oder  mehrere  bereits  aufgelöste  Anstalten  neu  errichtet
  hat.

26.  Juni.  (Kammer.)  Beschluß  über  die  Antorisationsgesuche

  der  Kongregationen.

Ministerpräsident  Combes  beantragt,  über  die  Gesuche  nicht  einzeln
sondern  in  Bausch  und  Bogen  zu  verhandeln  und  sie  abzulehnen.  Diese
Forderung  berühre  die  Gewissensfreiheit  in  keiner  Weise,  aber  es  sei  das
Recht  des  Staates,  die  Vereinigungen  zu  überwachen  und  es  käme  dem
Staate  zu,  die  Berechtigung  zum  Unterricht  zu  verleihen  Die  weiblichen
Lehrkongregationen  entsprächen  keinem  Bedürfnis.  Vortrefflich  seien  die
Laienanstalten.  Fast  überall  seien  die  Laienschulen  ausreichend,  um  die
Schüler  der  Kongreganistenschulen  aufzunehmen.  Nach  Ablehnung  der
gegenwärtigen  Gesuche  würden  noch  597  weibliche  Kongregationen,  die
Unterricht  erteilen,  bleiben.  Die  Regierung  lehne  es  ab,  diese  Zahl  zu
vermehren  und  mache  aus  dieser  Weigerung  eine  Vertrauensfrage.

Nach  längerer  Debatte  wird  mit  285  gegen  269  Stimmen  beschlossen,
daß  die  Kammer  es  ablehnt,  zur  Beratung  der  einzelnen  Artikel  überzubepen.—
  Die  Verwerfung  aller  Gesuche  in  Bausch  und  Bogen  ist  damit
beschlossen.

Ende  Juni.  Lage  des  Ministeriums.

Bei  der  Abstimmung  am  26.  Juni  stimmten  30  Mitglieder  der
ministeriellen  Union  Républicaine  gegen  die  Regierung.  6  Ministerielle
enthielten  sich  der  Abstimmung.  Außerdem  befinden  sich  14  Ministerielle
im  Urlaub.  Die  oppositionelle  Presse  erblickt  in  der  Abstimmung  den  Beweis
  dafür,  daß  der  Block  erschüttert  sei  und  daß  er  bald  zerfallen  werde.
Ein  Ministerium,  welches  in  einer  für  seine  Politik  so  einschneidenden  Frage
nur  eine  ehrert  von  16  Stimmen  erlangt  hatte,  unter  welchen  6  Stimmen
von  den  Ministern  selbst  sich  befanden,  könne  nicht  lange  dauern.

6./.  Juli.  Reise  des  Präsidenten  Loubet  nach  London.  —
Im  Anschluß  daran  erörtert  die  Presse  lebhaft  die  „#entente  cordiale“
  zwischen  Frankreich  und  England.  (Vgl.  S.  264.)

11.  Juli.  Die  Regierung  erläßt  folgende  Vorschrift  über  die
Schließung  der  Kapellen:
        <pb n="296" />
        288  Frankreich.  Juli  24.—September  Anfang.)

1.  Kapellen  der  aufgelösten  Gemeinschaften  sind  sämtlich  zu  schließen;
2.  Kapellen  der  Lyceen  und  wohltätigen  Anstalten  sollen  offen  bleiben,
jedoch  nicht  von  Personen  besucht  werden  dürfen,  welche  nicht  zu  den  Anstalten
  gehören.  3.  Für  Kapellen  der  großen  Pfarreien,  deren  Notwendigkeit
  darzutun  ist,  ist  die  Ermächtigung  nachzusuchen.

24.  Juli.  Das  „Journal  Officiel“  veröffentlicht  mehrere
Vorschriften  über  Hygiene  und  Sicherheit  der  Arbeiter  in  geschäftlichen
  Betrieben.

Ende  Juli.  Katholische  Blätter  wie  „Figaro“  und  „Gaulois“
  behaupten,  daß  der  Deutsche  Kaiser  Einfluß  auf  die  Papstwahl
  zu  gewinnen  suche,  um  Frankreich  und  die  katholische  Kirche
völlig  zu  entzweien.  (Vgl.  S.  121.)

28.  Juli.  (Paris.)  Ministerium  und  Gedächtnisfeier  für
den  Papst.

Bei  einer  Trauerfeier  für  den  Papst  in  Notre  Dame  sind  Minister
des  Auswärtigen  Delcassé  und  Kriegsminister  André  anwesend,  Finanzminister
  Rouvier  und  Ackerbauminister  Maruéjouls  entsenden  Vertreter,

die  übrigen  sind  nicht  vertreten.  Radikale  Blätter  folgern  daraus,  daß
im  Kabinett  Differenzen  über  die  Kirchenpolitik  herrschten.

Anfang  August.  Präsident  Loubet  spendet  5000  Francs  zu
den  Sammlungen  für  die  überschwemmungen  in  Schlesien.

8.  August.  (Marseille.)  Ein  Kongreß  der  Lehrer  und
Lehrerinnen  Frankreichs,  den  der  Ministerpräsident  besucht,  spricht
sich  enthusiastisch  für  die  Unterrichtspolitik  der  Regierung  aus.

10.  August.  (Paris.)  Durch  einen  Brand  in  einem  Tunnel
der  Untergrundbahn  kommen  gegen  100  Menschen  um.

17.  August.  Die  Tagung  der  Generalräte  wird  eröffnet.  Die
meisten  sprechen  sich  für  die  Kirchenpolitik  der  Regierung  aus.

22.  August.  (Paris.)  Die  Mitglieder  der  Familie  Humbert
werden  zu  mehrjährigen  Gefängnisstrafen  verurteilt.  —  Es  waren
vergeblich  politische  Enthüllungen  von  dem  Prozeß  erwartet  worden.
(Vgl.  1902  S.  240,  249.)

24.  August.  (Les  Saintes.)  Auf  einem  Festmahl  in  den
Werkstätten  der  Staatsbahn  hält  Ministerpräsident  Combes  eine
scharfe  Rede  gegen  den  Klerikalismus  und  verspricht  den  Kampf
bis  zum  Siege  des  republikanischen  Geistes  über  den  klerikalen
fortzusetzen.

Anfang  September.  Revanchepolitik  und  Kolonialpolitik.

Abg.  Etienne,  ein  hervorragender  Kolonialpolitiker,  führt  im  „Figaro“
  mehrfach  aus,  daß  Frankreich  bei  Fortsetzung  seiner  Politik  der
kolonialen  Expansion  jeden  Konflikt  mit  den  übrigen  Mächten,  vor  allem
mit  England  zu  vermeiden  und  namentlich  auf  eine  gütliche  Lösung  der
egyptischen  Frage  Bedacht  zu  nehmen  habe.  Das  Schicksal  Elsaß-Lothringens
        <pb n="297" />
        Frankreich.  (September  Anfang—Oktober  11.)  289

müsse  allezeit  die  erste  Sorge  Frankreichs  bleiben,  deshalb  müsse  die  französische
  Diplomatie  mit  allen  Mitteln  den  Anschluß  Englands  an  Deutschland
  gegen  Frankreich  zu  vermeiden  streben.

Die  Artikel  werden  in  Frankreich  und  Deutschland  viel  beachtet.

Anfang  September.  Der  Bischof  von  Marseille  erläßt  ein
scharfes  Schreiben  an  seine  Dibzese  gegen  die  Kirchenpolitik.  Die
Regierung  sperrt  ihm  das  Gehalt.

13.  September.  (Tröguier.)  Enthüllung  eines  Renan-Denkmals.

  Klerikale  und  Regierung.  Auswärtige  Lage.

Bei  der  Denkmalsenthüllung,  an  der  Ministerpräsident  Combes
teilnimmt,  demonstrieren  Katholiken  gegen  die  Feier,  so  daß  Militär  die
Demonstranten  zurücktreiben  muß.  inisterpräsident  Combes  bezeichnet
in  seiner  Festrede  die  Enthüllung  als  einen  schweren  Schlag  gegen  die
Reaktion  in  der  Bretagne.  Ueber  die  auswärtige  Lage  sagt  er:  „Das
Bündnis  mit  Rußland  trägt  einen  mehr  und  mehr  ausgesprochenen  Charakter
  des  Vertrauens  und  der  Intimität;  die  Freundschaft  mit  Italien
knüpft  sich  enger  durch  gegenseitige  Zeichen  aufrichtiger  Herzlichkeit;  die
Besserung  der  Beziehungen  zu  England  nimmt  zu.  Wir  sehen  jenseits  der
Grenze  nur  lächelnde  Gesichter.  Der  Horizont  gehört  dem  Frieden.  Die
Republik  wird  sich  bemühen,  ihn  zu  bewahren.  Sie  hat  sich  von  der  ersten
Stunde  an  dem  edlen  Gedanken  angeschlossen,  die  Lösung  internationaler
Streitigkeiten  schiedsgerichtlicher  Entscheidung  zu  übertragen.  Der  so  erreichte
  Frieden  wird  niemanden  demütigen.  Ich  hoffe,  wir  werden  bald
das  Morgenrot  des  allgemeinen  Friedens  anbrechen  sehen.“

19.  September.  Präfident  Loubet  ordnet  eine  Neuorganisation
der  Kolonialtruppen  an.

Ende  September.  Nach  offiziellen  Mitteilungen  beträgt  das
Rekrutenkontingent  für  1904  196  000  Mann  gegen  232  000  1903.
Die  Ursache  der  Verminderung  ist  die  strengere  Auswahl  der  Diensttauglichen.


Ende  September.  Der  sozialistische  Abg.  Jaures  behauptet,
Frankreich  plane  einen  Feldzug  gegen  Marokko,  um  das  Protektorat
  zu  erwerben.  Die  Regierung  dementiert  diese  Nachricht.

Anfang  Oktober.  Weberausstand.

In  Nordfrankreich,  vornehmlich  in  Armentieres  und  Hallonin,
treten  die  Textilarbeiter  in  Ausstand.  Sie  wollen  gleichzeitig  mit  der  am
1.  April  1904  eintretenden  Verkürzung  der  Arbeitszeit  eine  Lohnbesserung
durchsetzen.  Die  Zahl  der  Streikenden  wächst  auf  40  000  an;  ein  ganzes
Armeekorps  wird  zur  Aufrechterhaltung  der  Ordnung  aufgeboten.  (Vgl.
Uebersicht.)

11.  Oktober.  (Clermont-Ferrand.)  Ministerpräsident
Combes  und  Kriegsminister  André  nehmen  teil  an  der  Enthüllung
eines  Denkmals  für  Vercingetorix  und  führen  aus,  daß  Frankreich
heute  um  die  geistige,  wie  Vercingetorix  für  die  weltliche  Unabhängigkeit
  kämpfen  müsse.

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV.  19
        <pb n="298" />
        290  Frantreich.(Oktober  14.—20.)

14./18.  Oktober.  Besuch  des  italienischen  Königspaares  in  Paris.
Bei  einem  Festdiner  am  14.  werden  folgende  Toaste  gewechsfelt:

Präsident  Loubet:  Sire!  Frankreich  ist  sich  der  Bedeutung  des
Besuches,  den  Ew.  Majestät  dem  Präsidenten  der  Republik  macht,  bewußt:
es  sieht  in  diesem  Besuche  eine  glänzende  Kundgebung  des  engen  Einvernehmens,
  das  zwischen  den  Regierungen  Italiens  und  Frankreichs  bergestellt
  ist  und  das  in  gleicher  Weise  den  Gefühlen  und  den  Interessen  des
italienischen  wie  des  französischen  Volkes  entspricht.  In  der  Gewißbeit,
daß  beide  Länder  hinfort  mit  gegenseitigem  Vertrauen  und  mit  demselben
guten  Willen  ihre  nationale  Aufgabe  verfolgen  können,  begrüßt  Frankreich
mit  aufrichtiger,  durch  die  huldreiche  Anwesenheit  Ihrer  Majestät  der
Königin  noch  verdoppelter  Freude  die  Ankunft  Ew.  Majestät.  Von  ganzem
Herzen  erhebe  ich  im  Namen  Frankreichs  und  seiner  Regierung  mein  Glas
zu  Ehren  Ew.  Majestät  und  trinke  auf  den  Ruhm  Ihrer  Regierung,  auf
Ihr  Wohl  wie  auf  das  Wohl  Ihrer  Majestät  der  Königin,  Ihrer  Majestät
der  Königinmutter  und  der  ganzen  königlichen  Familie  und  auf  die  Größe
und  die  Wohlfahrt  Italiens.

Der  König  von  Italien:  Herr  Präsident!  Die  so  liebenswürdigen
Worte,  die  Sie  soeben  an  Mich  gerichtet  haben,  enthalten  die  lebhafte  Genugtuung,
  die  Ich  in  diesem  Augenblicke  empfinde.  Der  enthusiastische
Empfang,  den  die  Stadt  Paris  und  das  gesamte  Frankreich  der  Königin
und  Mir  bereitet  haben,  hat  Uns  tief  gerührt.  Wie  Sie,  Herr  Präsident,
sehe  Ich  in  einem  solchen  Empfange  etwas  mehr,  als  eine  einfache  Kundgebung
  dieser  ausgesuchten  Höflichkeit,  die  eine  der  traditionellen  Eigenschaften
  der  edlen  französischen  Nation  ist.  Mit  Recht  sieht  Frankreich
Meine  Gegenwart  in  Paris  als  ein  natürliches  Ergebnis  des  zwischen
unseren  beiden  Ländern  glücklich  vollendeten  Werkes  der  Annäherung  an.
Die  Interessen  Italiens  gehen  dahin,  daß  es  mit  allen  seinen  Kräften  die
Erhaltung  des  Friedens  wünscht,  und  seine  Stellung  in  Europa  setzt  es
in  die  Lage,  durch  seine  Haltung  zur  Verwirklichung  dieses  in  hohem  Grade
der  Zivilisation  dienenden  Strebens  beizutragen.  Nach  diesem  Zwecke
richten  sich  Meine  heißesten  Bestrebungen  ebenso  wie  die  beständigen  Bemühungen
  Meiner  Regierung.  Ich  weiß,  daß  Meine  Gefühle  von  Frankreich
  und  von  der  Regierung  der  Republik  geteilt  werden.  Ich  freue  Mich
daher  doppelt,  Mich  heute  auf  französischem  Boden  zu  befinden.  Ich  freue
Mich  über  die  Herzlichkeit,  die  man  der  Königin  und  Mir  bezeigt,  und
freue  Mich,  Mein  Glas  auf  Ihre  Gesundheit,  Herr  Präsident,  und  auf  die
Größe  und  Wohlfahrt  Frankreichs  zu  erheben.

20.  Oktober.  Die  Kammern  treten  zusammen.  Buddet.

Nach  dem  Generalbericht  der  Budgetkommission  sind  die  Gesamtausgaben
  mit  3567  Millionen  veranschlagt,  von  denen  797½  auf  die
Zivilverwaltung,  1216  auf  die  Erfordernisse  der  Staatsschuld,  1100  Millionen
  auf  Krieg  und  Marine  und  453  auf  Regiekosten  und  Steuereinhebungen,
  darunter  225½  Millionen  für  die  Posten  und  Telegraphen
entfallen.  Der  Budgetausschuß  hat  von  den  Voranschlägen  der  Regierung
7770206  Fr.  gestrichen,  dagegen  andererseits  Kredite  um  1  886  370  Fr.
erhöht,  so  daß  schließlich  Ersparnisse  von  nahezu  sechs  Millionen  erzielt
werden  konnten.

Oktober.  Die  der  Kammer  vorgelegte  Statistik  über  die

Schließung  der  Kongregationsschulen  und  Eröffnung  weltlicher
Privatschulen  sagt:
        <pb n="299" />
        Frankreich.  (Oktober  22.—November  12.)  291

Im  ganzen  wurden  10049  Elementarschulen  und  Kleinkinderschulen
geschlossen  und  5839  wieder  eröffnet.  Von  diesen  sind  988  Knaben=  und
die  übrigen  Mädchenschulen.  Von  den  988  Knabenschulen  werden  106  von
weltlichen  Lehrern  geleitet,  die  nie  einer  Kongregation  angehörten  und  882
von  säkularisierten  Ordensleuten.  Von  4851  Mädchenschulen  sind  1875  in
den  Händen  weltlicher  Lehrerinnen  und  2976  in  denen  von  ehemaligen
Nonnen.  In  der  Bretagne  waren  die  Wiedereröffnungen  am  zahlreichsten;
im  Finistere  wurden  109  Schulen  geschlossen  und  ebensoviele  eröffnet.

22.  Oktober.  Die  Kammer  spricht  nach  einer  zweitägigen
Debatte  über  die  Kirchenpolitik  und  die  Haltung  der  Regierung  im
Weberstreik  der  Regierung  mit  332  gegen  233  Stimmen  ihr  Vertrauen
  aus.

28.  Oktober.  Vertreter  der  englischen  Handelswelt  besuchen
Paris  und  werden  vom  französischen  Handelskomitee  und  einigen
Ministern  begrüßt.

28./31.  Oktober.  Der  russische  Minister  des  Auswärtigen,
Graf  Lamsdorff,  weilt  in  Paris  und  überreicht  dem  Präsidenten
ein  Schreiben  des  Zaren.

29.  Oktober.  (Paris.)  Eine  Versammlung  von  Handlungsgehilfen
  in  der  Arbeiterbörse  fordert  die  Abschaffung  der  Stellenvermittlungsbureaus.
  Es  kommt  zu  einem  Zusammenstoß  mit  der
Polizei,  wobei  67  Polizisten  verwundet  werden.

3.  November.  Die  Kammer  genehmigt  einen  Antrag,  die
Stellenvermittlungsbureaus  binnen  fünf  Jahren  gegen  Entschädigung
  aufzuheben.

5.  November.  Die  Kammer  kürzt  das  Justizbudget  um
100  Francs,  wodurch  das  Verlangen  nach  Abschaffung  der  Kruzifixe
  in  den  Gerichtssälen  ausgedrückt  wird.

7.  November.  Abschluß  des  Investiturstreits.  (Vgl.  S.  279.)

Der  „Matin“  schreibt  offiziös:  „Wir  glauben  zu  wissen,  daß  die
Frage  des  Nominavit  nobis,  die  vor  den  heiligen  Stuhl  gebracht  worden
ist,  soeben  eine  Lösung  erhalten  hat,  die  den  Beschwerden  der  französischen
Regierung  Genugtuung  schafft.  Von  nun  an  werden  die  päßpstlichen  Ernennungsbullen
  der  französischen  Prälaten  diese  Formel  nicht  mehr  enthalten,
  die  den  Protest  des  Staatsrates  herausforderte.  Man  erinnere

sich,  daß  diese  Behörde  der  Regierung  mitteilte,  sie  werde  fortan  keine
Bullen  mit  der  Formel  Nominavit  nobis  registrieren.“

9.  November.  Der  Ministerpräsident  richtet  eine  Beschwerde
an  die  Kurie  gegen  den  Bischof  von  Ouimper,  der  80  gemaßregelte
bretonische  Priester  unterstützt.

12.  November.  (Senat.)  Annahme  des  Unterrichtsgesetzes.

Der  Regierungsentwurf  macht  die  Gewährung  des  Rechts  zur  Ausübung
  der  Lehrtätigkeit  von  der  Erklärung  des  Bewerbers  davon  abhängig,
daß  er  zu  keiner  nichtautorisierten  Kongregation  gehört.  —  Sen.  Girard

197
        <pb n="300" />
        292  Frankreich.  (November  19./23.)

beantragt,  daß  die  Lehrberechtigung  allen  denen  entzogen  wird,  die  jemals
das  Obedienz=  und  Cölibatsgelübde  abgelegt  haben.  (Dadurch  wird  nicht
nur  den  Mitgliedern  der  vom  Staate  nicht  anerkannten  Kongregationen,
sondern  allen  Welt-  und  Ordensgeistlichen  die  Lehrfähigkeit  abgesprochen
werden.  Auch  durch  den  Verzicht  auf  das  geistliche  Gewand,  bezw.  durch
den  Austritt  aus  der  klösterlichen  Gemeinschaft  würden  sie  die  Ausschließung
nicht  unwirksam  machen  können,  denn  die  Tatsache  der  Ablegung  jener
beiden  Gelübde  würde  bestehen  bleiben).  —  Ministerpräsident  Combes:
Er  stimme  im  Prinzip  dem  Amendement  Girard  zu,  das  die  Erteilung
von  Unterricht  solchen  Personen  verbieten  wolle,  die  das  Gelübde  der  Ehelosigkeit
  oder  des  Gehorsams  abgelegt  haben.  Die  Regierung  werde  aber
an  Stelle  dieses  Amendements  noch  während  der  gegenwärtigen  Tagung
eine  Vorlage  einbringen,  die  allen  Mitgliedern  von  Kongregationen  die
Erteilung  von  Primär=  und  Sekundärunterricht,  wie  auch  die  Erteilung
des  höheren  Unterrichts  verbietet.  Was  die  Mitglieder  des  Klerus  betreffe,
  so  behalte  sich  die  Regierung  die  Entscheidung  vor,  bis  das  Parlament
  über  die  Trennung  des  Staates  von  der  Kirche  beschlossen  habe.
Die  Regierung  werde  zeigen,  daß  sie  der  ungewissen  und  verworrenen  Lage
ein  Ende  machen  wolle,  die,  wenn  sie  weiter  fortbestehen  bleibe,  die  moralische
  Ruhe  des  Landes  gefährde.  Was  die  Unterrichtsvorlage  anbelange,
  die  jetzt  zur  Verhandlung  stehe,  werde  die  Regierung  zwar  den
Grundsatz  der  Freiheit  des  Unterrichts  aufrechterhalten,  aber  auch  das
Recht  für  sich  in  Anspruch  nehmen,  durch  Dekrete  diejenigen  Unterrichtsanstalten
  zu  schließen,  die  einen  Unterricht  erteilen  sollten,  der  gegen  die
Verfassung,  die  Gesetze  und  die  Moral  verstoße.  §  1  der  Regierungsvorlage,
  der  das  Gesetz  von  1850  abschafft,  wird  mit  225  gegen  31  Stimmen
angenommen.

19.  November.  Trennung  von  Staat  und  Kirche.

Der  Kammerausschuß  für  Trennung  von  Staat  und  Kirche  beschließt
folgendes  Gesetz  vorzuschlagen:  „Die  Republik  beschützt,  bezahlt,  unterstützt
keinerlei  Kultus,  weder  mittelbar  noch  unmittelbar,  unter  welcher  Form
es  auch  sein  mag.  Sie  anerkennt  keine  Kultusdiener.  Sie  gewährt  unentgeltlich
  keinerlei  Räumlichkeiten  für  Ausübung  eines  Kultus  oder  Wohnung
ihrer  Diener“".

19.|23.  November.  (Kammer.)  Debatte  über  die  auswärtige
Politik.  Erklärung  Delcasses.  Panama,  Marokko,  Orient,  Abrüstung.


Deputierter  Deschanel  (Prog.)  verlangt  ein  freundschaftliches  Verhältnis
  zu  England.  Marokko  sei  einen  Krieg  nicht  wert,  aber  Frankreich
müsse  dort  unter  Wahrung  der  marokkanischen  Integrität  ein  gewisses
Uebergewicht  haben.  Französische  Kapitalisten  dürften  sich  an  der  Bagdadbahn
  nicht  beteiligen,  weil  dieses  Unternehmen  sich  gegen  England  und
Rußland  richte.  Die  Allianz  mit  Rußland  müsse  der  Eckstein  der  französischen
  Politik  bleiben.  —  Am  23.  November  verlangt  Sembat  (Soz.)
Auskunft,  ob  Präsident  Loubet  bei  seiner  Romreise  den  Papst  besuchen
werde.  Die  französische  Politik  in  China  müsse  lebendiger  sein.  —  Minifster
des  Auswärtigen  Delcassé:  Er  wolle  einen  Ueberblick  über  die  wichtigsten
Fragen  geben  und  beginne  mit  der  Losreißung  des  Gebietes  von  Panama
von  der  Föderativrepublik  Columbien.  Er  stelle  die  Anerkennung  der
neuen  Isthmus-Repubkik  in  Aussicht,  da  dieselbe  alle  wünschenswerten
Garantien  für  die  Berücksichtigung  der  französischen  Interessen  biete.  Zur
Rechtfertigung  dieser  Auffassung  verliest  er  nachstehende  von  der  Panama-
        <pb n="301" />
        Frankreich.  (November  19./24.)  293

Regierung  abgegebene  Erklärung:  „Die  Republik  Panama  verpflichtet  sich
feierlich,  ausdrücklich  und  definitiv,  mit  Achtsamkeit  die  französischen  Interessen
  zu  schützen  und  unter  weitestgehender  Interpretation  der  in  ihnen
vorgesehenen  Verpflichtungen  die  Verträge  aufrecht  zu  erhalten,  die  vor
dem  3.  November  vereinbart  worden  sind  und  die,  soweit  sie  sich  auf  den
Isthmus  beziehen,  der  Uebertragung  der  Souveränität  Columbiens  auf
Panama  folgen  und  die  Republik  Panama  binden.  Alle  diese  Vereinbarungen
  bleiben  aufrechterhalten,  besonders  das  Abkommen  über  die  Verlängerung
  der  Kanal-Konzession  bis  1910“.  —  In  der  marokkanischen
Frage  leugnet  er  entschieden  jede  größere  Expedition  ins  Innere  Marokkos.

In  der  Balkanfrage  habe  Frankreich  nicht  zuletzt  auf  die  Mißstände
hingedeutet,  die  in  Mazedonien  schließlich  zur  Empörung  führen  mußten.
Die  Pforte  habe  dann  zu  Beginn  dieses  Jahres  das  von  allen  Kabinetten,
also  auch  vom  Pariser,  gutgeheißene  Reformprogramm  Rußlands  und
Oesterreich-Ungarns  akzeptiert,  an  seiner  Durchführung  aber  sei  sie  gehindert
  worden  durch  den  vereinten  Widerstand  ihrer  Beamten,  eines  Teils
der  Bevölkerung  und  der  Revolutionäre,  die  durch  unerhörte  Grausamkeiten
  viele  friedlich  gesinnte  Mazedonier  gezwungen  hätten,  sich  der  Insurrektion
  anzuschließen.  Nun  verlangten  die  beiden,  in  der  mazedonischen
Angelegenheit  führenden  Großmächte  ausreichende  Garantien  für  die  Verwirklichung
  ihrer  Reformvorschläge,  und  die  Pforte  würde  sich  in  schweres
Unrecht  setzen,  wenn  sie  nicht  rückhaltlos  die  Kontrolle  Oesterreich-Ungarns
und  Rußlands  annehmen  wollte.  Frankreich  müsse  und  werde  Rußland
und  Oesterreich-Ungarn  in  der  Ausführung  des  von  ihnen  aufgestellten  Reformprogramms
  jederzeit  unterstützen.  —  Was  Siam  angehe,  so  sei  die
Regierung  gezwungen  gewesen,  die  Verhandlungen  mit  demselben  von
neuem  zu  eröffnen,  da  die  siamesische  Regierung  zeige,  daß  sie  in  den
Geist  der  Konvention  von  1902  nicht  genügend  eingedrungen  sei.  —  Der
französisch-englische  Schiedsgerichtsvertrag  sei  eine  Folge  der  Umwälzung,
welche  in  den  Ideen  seit  der  Haager  Konferenz  eingetreten  sei.  Man  dürfe
die  Tragweite  des  Schiedsgerichtsvertrages  jedoch  nicht  überschätzen  und
nun  nicht  etwa  folgern,  daß  er  auf  alle  Fragen  Anwendung  finden  werde.
Es  würde  mit  dem  Schiedsgericht  an  dem  Tage  zu  Ende  sein,  wo  eine
große  Nation  ihre  Interessen  oder  noch  mehr  ihre  Ehre  von  der  Meinung
eines  Dritten  abhängig  sehen  würde.  (Lebhafter  Beifall).  —  Der  Zar  habe
das  französisch-italienische  Einvernehmen  mit  Genugtuung  begrüßt.  —  Die
Reise  des  Präsidenten  Loubet  nach  Rom  habe  eine  große  politische  Bedeutung.
Die  Regierung  habe  sich  mit  ihr  jedoch  noch  nicht  zu  beschäftigen;  die
Kammern  würden  jedenfalls  rechtzeitig  angerufen  werden,  um  ihre  Meinung
kundzugeben.

In  der  Debatte  protestiert  Abg.  Constans  (Soz.)  gegen  die  von
Delcassé  betonte  Unmöglichkeit  abzurüsten.  Er  sei  natürlich  gegen  die  1870
erfolgte  Verstümmelung  Frankreichs,  aber  er  habe  das  Recht,  von  einer
internationalen  Verständigung  die  Rückgabe  Elsaß-Lothringens  an  Frankreich
  zu  erwarten.  —  Eine  den  Erklärungen  der  Regierung  beipflichtende
Tagesordnung  wird  mit  490  gegen  66  Stimmen  angenommen.

19./24.  November.  (Senat.)  Unterrichtsvorlage.  Combes

und  Waldeck-Roufseau  über  Unterrichtsfreiheit.

Sen.  Delpech  beantragt  im  Einverständnis  mit  der  Regierung,  daß
das  Verbot  Sekundär--Unterrichtsanstalten  zu  leiten  oder  in  solchen  zu
unterrichten,  auf  alle  Kongregationen,  auch  auf  die  autorisierten,  ausgedehnt
werde.  Ministerpräsident  Combes:  die  Unterrichtsfreiheit  sei  kein  natürliches
  Recht.  Die  kongreganistische  Gefahr  habe  eine  im  Jahre  1895  ver-
        <pb n="302" />
        294  FKrankreich.  (November  25.—Dezember  8.)

anstaltete  Umfrage  über  das  Unterrichtswesen  ergeben.  Die  Kongreganisten
hätten  die  Nation  in  zwei  Teile  gespalten.  Man  könne  seine  Kinder  nicht
Leuten  anvertrauen,  denen  alle  Pflichten  einer  Familie  fremd  seien.  Das
Land  hatte  in  den  30  Jahren  des  kongreganistischen  Unterrichts  schwer  zu
leiden.  Man  könne  dem  gegenüber  unmöglich  untätig  bleiben.  Die  Regierung
  fordere  die  Zustimmung  zu  dem  Antrage  Delpech,  denn  es  sei  notwendig,
  die  geistige  Einheit  des  Landes  zu  sichern.  Das  Ziel  der  Kongreationen
  sei  der  Triumph  der  Reaktion  und  die  Agitation  unter  den
Hürgern.  (Erneuter  Beifall  links.)  Waldeck-Rousseau:  Man  könne
das  Recht  zum  Unterrichten  den  autorisierten  Kongregationen  nicht  absprechen.
  Es  handle  sich  mehr  um  eine  politische,  als  um  eine  soziale
Frage.  Der  Antrag  Delpech  würde  undurchführbar  sein.  Wenn  man  den
anerkannten  Kongregationen  das  Recht  zum  Unterrichten  verweigere,  widerspreche
  dies  dem  Gesetz  von  1901.

Der  Antrag  Delpech  wird  mit  147  gegen  136  Stimmen  angenommen.
—  Am  24.  November  genehmigt  der  Senat  eine  Bestimmung,  die  von
allen  Schulleitern  einen  Befähigungsnachweis  fordert,  sowie  das  ganze  Gesetz.

25.  November.  (Paris.)  Gegenbesuch  von  englischen  Parlamentariern
  (vgl.  S.  264).  Sie  werden  von  Loubet  empfangen.
25.  November.  (Paris.)  Chauvinistische  Beschlüsse  des  Generalrats

  des  Seinedepartements.

Die  Generalräte  lehnen  Anträge  sich  zu  gunsten  einer  internationalen
Abrüstung  auszusprechen  ab  und  beschließen,  den  Wortlaut  des  im  Jahre
1871  in  der  Nationalversammlung  zu  Bordeaux  von  den  elsaß-lothringischen
Deputierten  zu  Protokoll  gegebenen  Protestes  gegen  die  Abtretung  Elsaß-Lothringens
  in  den  Schulen  des  Departements  anzuschlagen,  ebenso  das
Votum  der  Nationalversammlung  von  Bordeaux,  nach  welchem  die  Verantwortung
  für  den  Krieg  von  1870/71  dem  Kaiserreich  zur  Last  gelegt  wird.

29.  November.  Der  Justizminister  überweist  ein  Gesuch  des
ehemaligen  Kapitäns  Dreyfus  um  Revision  seines  Prozesses  der
Revisionskommission.

3.  Dezember.  (Paris.)  Schlußsitzung  der  internationalen
Sanitätskonferenz.

8.  Dezember.  Statistik  über  die  Kongregationsschulen.

Ministerpräsident  Combes  teilt  im  Ministerrate  die  genauen  Resultate
  der  Ermittelung  mit,  die  er  in  ganz  Frankreich  (Algerien  ausgenommen)
  über  die  Volksschulen  hat  anstellen  lassen,  die  sich  zur  Zeit  noch
in  den  Händen  autorisierter  Kongregationen  befinden.  Diese  unterrichten
gegenwärtig  noch  in  3494  Schulen,  nämlich  in  1299  Knaben=  und  2195
Mädchenschulen,  die  über  alle  87  Departements  verstreut  sind.  Die  3491
Anstalten  sind  in  vier  Kategorien  geteilt  worden,  je  nach  der  Möglichkeit
einer  baldigen  oder  ferner  liegenden  Schließung.  Von  den  1236  außferhalb
  des  Seine-Departements  gelegenen  Knabenschulen  können  685  sogleich
geschlossen  werden,  weil  die  öffentlichen  Schulen  genügenden  Raum  für
die  bisherigen  Kongreganistenschüler  bieten;  für  141  andere  Schulen  dürften
geeignete  Lokale  gemietet  werden.  In  240  Fällen  wären  die  öffentlichen
Schulen  erst  zu  erweitern  und  in  170  sind  Neubauten  unerläßlich.  Von
den  63  Knabenschulen  des  Seine-Departements  können  26  sogleich  geschlossen
  werden,  die  anderen  37  dagegen  erst  nach  der  Einrichtung  neuer
        <pb n="303" />
        Frankreich.  (Dezember  10.—26.)  295

Lokale.  Die  sämtlichen  1299  Knabenschulen  werden  von  christlichen  Lehrbrüdern
  geleitet.  Was  die  Mädchenschulen  betrifft,  so  können  von  den
2138  außerhalb  des  Seine-Departements  befindlichen  1198  sogleich,  213  sehr
bald,  727  hingegen  erst  nach  neuen  baulichen  Einrichtungen  geschlossen
werden.  In  diesem  Falle  befinden  sich  auch  22  Schulen  des  Seine-Departements,
  während  bei  35  der  sofortigen  Schließung  kein  erhebliches
Hindernis  im  Wege  steht.

Dezember.  In  der  bonapartistischen  Partei  bricht  ein  Zwiespalt
  über  die  Taktik  aus.  Dion  und  Lasies  erstreben  eine  Verfassungsänderung
  durch  das  Plebiszit  und  denken  eventuell  an  die
Ersetzung  der  parlamentarischen  Republik  durch  eine  konsularische
unter  einem  Bonaparte,  Cassagnac  vertritt  dagegen  die  offene  Proklamierung
  des  Kaisertums.

10.  Dezember.  (Paris.)  Eine  Versammlung  von  deutschen,
englischen  und  franzöfischen  Segelschiffsrhedern  beschließt,  Mindestfrachtsätze
  für  bestimmte  Fahrten  festzusetzen  und  eine  internationale
Vereinigung  zur  Vertretung  der  Interessen  der  Segelrheder  zu
begründen.

18.  Dezember.  Die  Regierung  bringt  eine  Vorlage  zur  völligen
  Verweltlichung  der  Volksschule  ein.

Der  Gesetzentwurf,  der  in  fünf  Jahren  durchgeführt  werden  soll,
veranschlagt  die  Kosten  der  Verweltlichung  der  3494  Volksschulen  (1299
Knaben=  und  2195  Mädchenschulen)  mit  zusammen  etwa  1,400,000  Schülern,
  die  sich  noch  in  den  Händen  autorisierter  Kongregationen  befinden,
auf  insgesamt  ca.  50  Mill.  Frcs.  Gegenwärtig  kosten  diese  Schulen  dem
Staat  und  den  Gemeinden  nichts.  —  Von  klerikaler  Seite  werden  die
Kosten  erheblich  höher  veranschlagt.

18.  Dezember.  Die  Kammer  genehmigt  mit  352  gegen
225  Stimmen  die  Dringlichkeit  eines  Antrags  auf  Abschaffung
aller  Ordensauszeichnungen  trotz  des  Widerspruchs  des  Ministerpräsidenten.


24.  Dezember.  (Paris.)  Die  Revisionskommission  spricht
sich  einstimmig  für  die  Zulässigkeit  des  Revisionsgesuchs  des  Kapitäns
  Dreyfus  aus.

25.  Dezember.  Frankreich  und  Italien  schließen  einen  Schiedsgerichtsvertrag
  nach  dem  Muster  des  englisch-französischen  (S.  273).

W6.  Dezember.  (Senat.)  In  der  Etatsberatung  legt  der
Minister  des  Auswärtigen,  Delcassé,  ausführlich  die  auswärtige

Politik  dar:

Er  rechtfertigt  zunächst  die  Intervention  Oesterreich-Ungarns  und
Rußlands  bei  der  Pforte,  die  den  Zweck  habe,  den  Frieden  auf  der  Balkanhalbinsel
  zu  sichern.  Bezüglich  Marokkos  bestehe  Frankreichs  Politik
darin,  die  Unabhängigkeit  und  die  Entwicklung  dieses  Sultanats  vor  Störungen
  zu  bewahren.  Niemand  mache  Frankreich  seine  Position  in  diesem
        <pb n="304" />
        296  Franreitz.  (Dezember  Ende.)

Lande  streitig.  Ueber  Ostasien  äußert  sich  der  Minister  optimistisch.  Nichts
berechtige  dazu,  den  täglich  in  Umlauf  gesetzten  beunruhigenden  Nachrichten
Glauben  beizumessen.  Was  die  verschiedenen  Gruppierungen  der  Mächte
in  Europa  betreffe,  so  scheine  keine  Gruppe  sich  hinsichtlich  der  nationalen
Interessen  und  Sympathien  dem  Ideal  mehr  zu  nähern  als  die  Allianz
Frankreichs  und  Rußlands;  das  habe  selbst  Fürst  Bismarck  anerkannt.  Dieses
Bündnis  habe  erst  die  Unsicherheiten  verschwinden  lassen,  die  sich  kurz  nach
der  Wiederherstellung  der  Macht  Frankreichs  gezeigt  hätten,  und  dabei
habe  es  jedem  der  Verbündeten  seine  vollständige  Freiheit  zu  handeln
gelassen.  Der  wichtigste  Schauplatz  des  Wirkens  sei  für  Frankreich  immer
Europa.  Frankreich  vergesse  zwar  nicht  seinen  Kolonialbesitz,  denke  aber
nicht  so  sehr  an  seine  Ausdehnung  als  vielmehr  daran,  ihn  wertvoll  für
das  Mutterland  zu  machen.  Dieses  Ziel  könne  es  in  Ruhe  erreichen,  wenn
es  in  Europa  stark  sei  und  wenn  es  ihm  gelinge,  die  Mißverständnisse  zu
zerstreuen  und  der  Wahrheit  Geltung  zu  verschaffen,  daß  seine  Interessen
nicht  im  Widerstreit  mit  denjenigen  eines  fremden  Landes  sich  befinden.  —
Dank  dem  beiderseitigen  guten  Willen  konnten  die  Bande  der  Freundschaft
mit  Italien  wieder  angeknüpft  werden.  Nicht  nur  die  normalen  Handelsbeziehungen
  zu  diesem  Lande  seien  wieder  hergestellt,  sondern  es  sei  zwischen
ihnen  gestern  auch  ein  Schiedsgerichts-Uebereinkommen  unterzeichnet  worden.
—  Auf  England  übergehend  führt  der  Minister  aus,  daß  gerade  die  von
Frankreich  verschiedenen  Lebensbedingungen  dieses  Landes  das  Mittel  seien,
um  Rivalitäten  zu  beseitigen.  Beide  Nationen  würden  einander  ergänzen
und  ein  Einvernehmen  zwischen  ihnen  sei  immer  möglich.  Das  im  Oktober
geschlossene  Uebereinkommen  mit  England  werde  in  ganz  besonderem  Maße
auf  die  Beziehungen  der  beiden  Länder  vorteilhaft  einwirken.  —  Frankreich
  suche  sowohl  mit  Maßhalten  wie  mit  Festigkeit  seinen  Rechten  Geltung
  zu  verschaffen,  indem  es  seine  Interessen  mit  denen  der  anderen
Mächte  freundschaftlich  ausgleiche.  Diese  Situation  sei  das  Ergebnis  des
Zweibundes.  Einer  der  entscheidenden  Beweggründe  für  diese  Allianz  sei
die  militärische  Stärke  der  beiden  Verbündeten,  Wenn  nun  edelmütige
Männer  eine  Steigerung  des  Militärbudgets  bedauerten,  so  erwidere  er
darauf,  daß  die  Regierung  nicht  das  Recht  habe,  die  nationale  Sicherheit
zu  vernachlässigen.  Gewiß  wolle  Frankreich  sich  auf  dem  Wege  des  sozialen
und  humanitären  Fortschrittes  von  keiner  anderen  Nation  überholen  lassen,
aber  um  diese  Fortschritte  zu  erreichen,  sei  eine  Sicherheit  notwendig,
welche  Stärke  gebe.  (Lebhafter  Beifall.)

Ende  Dezember.  (Paris.)  Ausstand  eines  Teils  der  Bäckergesellen,
  wobei  es  zu  vielen  Exzessen  kommt.

30.  Dezember.  Der  Senat  genehmigt  nach  einigen  Verhandlungen
  mit  der  Kammer  definitiv  das  Budget.
        <pb n="305" />
        VII.
Italien.

28.  Januar.  (Rom.)  Der  Kassationshof  hebt  das  gegen
Palizzolo  gefällte  Urteil  (1902  S.  258)  auf  und  verweist  den
Prozeß  vor  das  Schwurgericht  in  Florenz.  —

19.  Februar.  (Kammer.)  Debatte  über  die  Ausgaben  zur
Landesverteidigung.

Abg.  Mirabelli  beantragt  eine  Verminderung  der  militärischen
Ausgaben.  Ministerpräsident  Zanardelli:  So  wenig  er  einer  Erhöhung
der  ständigen  Ausgaben  des  Kriegsministeriums  zustimmen  würde,  so  wenig
könne  er  auch  die  Herabsetzung  derselben  zulassen.  Für  jede  Nation,  gleichviel
  ob  reich  oder  nicht,  gebe  es  ein  Minimum,  das  sie  für  die  nationale
Verteidigung  opfern  müsse.  Die  Ausgaben  Italiens  entsprächen  aber  bisher
der  Leistungsfähigkeit  des  Landes,  zumal  die  Lage  des  Budgets  jetzt  erheblich
  besser  sei.  Während  alle  Staaten  ihre  Ausgaben  für  Streitkräfte
erhöhen,  dürfe  Italien,  das  sich  zwischen  zwei  Staaten  befinde,  die  für
militärische  Zwecke  nichts  sparten,  sie  allein  nicht  herabsetzen.  Reformen
und  Ersparnisse  seien  nicht  ausgeschlossen,  vor  allem  müsse  aber  der  Schu
der  Grenzen  gegen  Osten  und  Westen  gesichert  sein.  Wenn  man  au
Frieden  wolle,  so  könne  doch  kein  Frieden  mit  einseitiger  Abrüstung  gewünscht
  werden,  wenn  Italien  den  ihm  gebührenden  Platz  in  der  Welt
behalten  wolle.  —  Der  Antrag  wird  mit  269  gegen  64  Stimmen  abgelehnt.

23.  Februar.  (Kammer.)  Debatte  über  die  Reformen  in
der  Türkei  und  die  Balkanfrage.

Mehrere  Deputierte  richten  an  die  Regierung  Fragen  über  die
Haltung  der  Mächte  angesichts  der  mazedonischen  Unruhen.

Morin:  Die  am  Berliner  Kongreß  beteiligt  gewesenen  Mächte  hätten
allen  Grund  gehabt  darauf  zu  rechnen,  daß  der  Vertrag  vom  13.  Juli  1878
für  die  Balkanhalbinsel  eine  dauernde  politische  Lage  schaffen  würde.  In
der  Tat  legte  Artikel  23  dieses  Vertrages  der  Pforte  die  Verpflichtung  auf,
in  ihren  europäischen  Provinzen  organische  Reglements  gleich  dem  kretischen
  zur  Anwendung  zu  bringen,  die  von  gemischten  Kommissionen,  in
denen  für  das  eingeborene  Element  eine  rechtliche  Vertretung  vorgesehen
war,  aufgestellt  werden  sollten.  Man  hatte  also  allen  Anlaß,  anzunehmen,
daß  diese  Reglements  die  alten  Mißbräuche  beseitigen  und  den  Religionskämpfen
  ein  Ende  machen  würden.  Allein  die  gemischten  Kommissionen,
die  die  Reglements  vorbereiten  sollten,  sind  niemals  in  Tätigkeit  getreten,
        <pb n="306" />
        298  Italien.  (Februar  23

und  das  Land  ist  auch  weiterhin  in  einer  Weise  verwaltet  worden,  welche
ich  mich  zu  beurteilen  enthalten  will.  Ein  solcher  Zustand  mußte  die  Unzufriedenheit
  in  verhängnisvoller  Weise  verschlimmern  und  zugleich  zu
Bestrebungen  anstacheln,  deren  unvermeidliche  Wirkung  die  gegenwärtigen
Wirren  in  Mazedonien  und  Bulgarien  gewesen  sind.  —  Italien  war  seine
Rolle  bei  dem  Werk  der  Diplomatie  durch  sein  Recht  als  Mitunterzeichner
der  Verträge,  welche  die  Lage  im  ottomanischen  Reich  regelten,  wie  auch
durch  seinen  festen  Willen,  zur  Erhaltung  des  Friedens  beizutragen,  klar
vorgeschrieben.  Die  italienische  Regierung  hat  es  niemals  an  der  Erfüllung
  ihrer  Aufgabe  mangeln  lassen.  Niemals  hat  man  in  Konstantinopel,
Sofia  oder  sonstwo  einen  Ratschlag  oder  eine  freundschaftliche  Warnung
erteilt,  ohne  daß  Italien  seine  Stimme  mit  der  der  Mächte  vereint  hätte,
da  man  immer  die  gleichen  Absichten  für  die  Ordnung  und  den  Frieden
hegte.  Leider  ist  keine  Maßnahme  zur  Besserung  der  kritischen  Zustände
ergriffen  worden,  unter  denen  die  europäischen  Provinzen  der  Türkei  heute
immer  noch  leiden.  Allerdings  hat  die  Pforte  vor  kurzem  aus  eigener
Initiative  ein  Reglement  für  die  mazedonischen  Vilajets  aufgestellt,  wobei
ein  hoher  Beamter  mit  der  Ueberwachung  der  Durchführung  derselben  betraut
  und  einer  Kommission  die  besondere  Aufgabe  übertragen  wurde,  die
Berichte  zu  kontrollieren,  welche  die  Valis  und  der  erwähnte  Inspektor
selbst  an  sie  richten  würden.  Indessen  sind  diese  Reformen  in  den  Augen
der  Mächte  nicht  von  der  Art  erschienen,  um  dem  Uebel  abzuhelfen,  das
sich  seither  nur  noch  verschlimmert  hat.  Wir  haben  es  daher  mit  Freuden
vernommen,  daß  bei  der  vor  kurzem  erfolgten  Zusammenkunft  von  den
Ministern  des  Aeußern  Oesterreich-Ungarns  und  Rußlands  die  Initiative
zu  einem  Progromm  ergriffen  wurde,  das  zu  den  vom  Sultan  bereits
angeordneten  Besserungsmaßnahmen  Reformen  mit  praktischer  Wirksamkeit
hinzufügen  soll.  Ueber  das  in  Wien  von  den  beiden  Ministern  beschlossene
Vorgehen  war  uns  vorher  Mitteilung  gemacht  worden,  und  so  waren  wir
in  der  Lage,  uns  zu  vergewissern,  daß  dasselbe  unseren  eigenen  Anschauungen
  durchaus  entsprach,  so  daß,  als  das  Programm  von  den  Botschaftern
der  beiden  Reiche  in  Konstantinopel  in  der  Form  spezieller  Vorschläge  überreicht
  wurde,  wir  im  stande  waren,  ohne  Verzug  unsere  volle  Zustimmung
bekannt  zu  geben.  Die  vorgeschlagenen  Reformen  beziehen  sich  auf  die  sog.
makedonischen  Vilajets  Kossowo,  Monastir  und  Salonichi,  wo  die  Agitation
eine  außerordentlich  lebhafte  ist,  während  man,  soweit  die  politische  Lage
in  Albanien  in  Betracht  kommt,  in  dem  zwischen  Wien  und  Rom  getroffenen
  Abkommen  eine  sichere  Garantie  für  die  Aufrechterhaltung  des
status  quo  erblicken  darf.  Die  nächste  Zeit  ist  sicher  von  entscheidender
Bedeutung  für  den  türkischen  Osten.  Wir  wollen  wünschen,  daß  sie  glücklich
  abläuft.  Wenn,  wie  man  hofft,  die  bulgarische  Regierung  in  der
Lage  ist,  nach  ihrem  Vorhaben  mit  fester  Hand  den  Herd  der  Agitation
im  Fürstentum  zu  unterdrücken,  die,  indem  sie  das  Werk  der  Diplomatie
hemmt,  das  Land  den  ernstesten  Verwicklungen  aussetzen  könnte,  und  wenn,
woran  wir  nicht  zweifeln,  die  Pforte  in  angemessener  Zeit  die  von  ihr  in
aller  Form  Europa  gegenüber  eingegangenen  Verpflichtungen  erfüllt,  so
wird  die  augenblickliche  Krisis  zu  einer  Lösung  gebracht  werden  können,
welche  der  Bevölkerung  des  Balkans  Ruhe  und  Frieden  wiedergeben  könnte.
Dieses  Ziel  erstreben  alle  Mächte.  Es  handelt  sich  um  ein  Werk  weiser
Politik  und  gleichzeitig  um  ein  Werk  im  Sinne  hoher  Humanität  und
Zivilisation,  von  dem  sich  Italien  unmöglich  trennen  kann.  Sollte  aber
wider  Erwarten  eine  gemeinsame  Aktion  der  Mächte  trotz  ihrer  entschiedenen
  Entschlossenheit  zur  Aufrechterhaltung  des  Friedens  einen  ungünstigen
  Ausgang  der  Ereignisse  nicht  verhindern  können  und  sollte  der  Brand,
        <pb n="307" />
        Italien.  (März  16.—  April  22.)  299

den  die  Mächte  zu  ersticken  suchen,  nicht  zu  löschen  sein,  so  würde  Italien
sich  gewiß  nicht  auf  die  passive  Rolle  eines  einfachen  Zuschauers  beschränken.
Wir  würden  uns  in  unserer  Haltung  von  Ratschlägen  der  Klugheit  leiten
lassen,  gleichzeitig  aber  auch  unsere  Entschlüsse  mit  aller  derjenigen  Bestimmtheit
  fassen,  welche  die  Umstände  erfordern  könnten.  So  würde  die
italienische  Regierung  unter  sorgfältiger  Rücksicht  auf  ihre  eigenen  Verpflichtungen
  und  unter  Achtung  der  berechtigten  Interessen  der  anderen
Mächte  es  an  nichts  fehlen  lassen.  Man  wird  darüber  wachen,  daß  die
Rechte  und  Interessen  Italiens  in  keiner  Weise  angetastet  werden.

16.  März.  (Deputiertenkammer.)  Beratung  über  die

Lage  im  Mittelmeer.

Auf  eine  Anfrage  erklärt  Unterstaatssekretär  Baccelli,  die  Regierung
  wisse  nicht,  ob  zwischen  England  und  Frankreich  über  die  Mittelmeerfragen
  Unterhandlungen  schwebten  oder  schon  abgeschlossen  seien.  Indes
selbst  wenn,  was  jetzt  nicht  zu  erwarten  sei,  Veränderungen  im  Mittelmeer
  künftig  eintreten  könnten,  so  sei  es  durch  frühere  Erklärungen  der
Kabinete  in  Paris  und  London  außer  Zweifel  gestellt,  daß  Veränderungen
nicht  zum  Nachteil  Italiens  eintreten  würden.  Italien  wünsche,  daß  keine
Veränderungen  im  Mittelmeer  sich  vollzögen,  sehe  aber  der  gegenteiligen
Möglichkeit  auch  ohne  Ueberhebung  und  ohne  Schwäche  entgegen.

Ende  März.  Innerhalb  der  Sozialdemokratie  gewinnt  die
radikale  Richtung  (Ferri)  die  Oberhand.  Infolgedessen  verliert  die
Regierung  die  Unterstützung  der  sozialdemokratischen  Fraktion.

1.9.  April.  (Rom.)  Tagung  des  internationalen  Historikerkongresses.
  Vorsitzender  ist  Villari,  Stellvertreter  u.  a.  A.  Harnack,
L.  Pastor.  Ehrenpräsident  ist  Theodor  Mommsen.

7.  April.  (Rom.)  Beginn  des  allgemeinen  Ausstandes,  der
binnen  einer  Woche  vollständig  scheitert.

14.  April.  (Rom.)  Tagung  des  internationalen  landwirtschaftlichen
  Kongresses.

Es  wird  u.  a.  beraten  die  Frage  einer  europäischen  Verständigung
zum  Zweck  der  Anwendung  von  Differentialzöllen  gegenüber  den  Vereinigten
Staaten.  Schließlich  wird  ein  Antrag  Luzzattis  angenommen,  daß  die
Frage  der  amerikanischen  Konkurrenz  bis  zum  Zusammentritt  des  nächsten
Kongresses  vertagt  werden  solle,  damit  in  der  Zwischenzeit  die  Angelegeneit

  gründlicher  studiert  werden  könne.  —.  Ferner  wird  die  Frage  einer
internationalen  Regelung  der  Getreidepreise  besprochen.

16.  April.  (Rom.)  Der  internationale  lateinische  Kongreß
berät  über  Mittel,  dem  Lateinischen  als  internationaler  Sprache
eine  größere  Verbreitung  zu  schaffen.  Es  soll  in  Rom  ein  Kolleg
zum  Unterricht  im  Altlateinischen  und  in  den  neulateinischen
Sprachen  geschaffen  werden.

19.  April.  (Apulien.)  In  Galatina  verüben  arbeitslose
Landleute  Ausschreitungen.

22.  April.  Der  bisherige  Marineminister  Morin  wird  an
        <pb n="308" />
        300  Italien.  (April  27.—-  Mai  11.)

Stelle  Prinettis  Minister  des  Auswärtigen.  Marineminister  wird
Admiral  Bettolo.

27.29.  April.  Besuch  des  Königs  von  England  in  Rom.

2.5.  Mai.  Besuch  des  Deutschen  Kaisers  in  Rom.

Am  3.  Mai  bringt  auf  einem  Festmahl  im  Quirinal  König  Viktor
  Emanuel  folgenden  Trinkspruch  aus:  „Heute  ist  ein  Freudentag
für  mein  Haus;  es  weilt  neben  mir  Ew.  Majestät,  mein  treuer  Verbündeter.
  Wie  treue  Verbündete  waren  unsere  ruhmreichen  Großväter  Kaiser
Wilhelm  I.  und  König  Viktor  Emanuel  II.  und  unsere  Bäter  makellosen
Angedenkens!  Bei  uns  hier  weilen  die  jungen  Prinzen,  die  Söhne  Ew.
Majestät,  der  Stolz  des  Vaterherzens,  die  Hoffnung  des  deutschen  Vaterlandes.
  Und  wir  können  auch  Ihre  Majestät  die  Kaiserin  und  Königin
Auguste  Viktoria  als  zugegen  ansehen,  welche  sicher  im  Geiste  bei  uns  ist,
wie  wir  mit  unseren  Gedanken  bei  ihr  weilen.  Ich  danke  daher  lebhaft
Ew.  Majestät,  welche  in  allen  unseren  Schicksalswandlungen  Italien  einen
Beweis  beständigen  Interesses  und  herzlicher  Sympathie  geben  wollte,  ein
Pfand  der  innigen  Freundschaft,  die  ein  festes  Band  schon  seit  drei  Generationen
  ist  zwischen  unseren  Familien,  unseren  Heeren  und  unseren  Völkern.
  Die  heutige  Begegnung  ist  eine  neue  Bekräftigung  des  gemeinsamen
Willens  Deutschlands  und  Italiens,  alle  ihre  Anstrengungen  und  ihr  einträchtiges
  Wirken  unter  die  Auspizien  des  gegenseitigen  Bündnisses  auf  die
Beförderung  des  Friedens  zu  richten.  So  wende  ich  mit  voller  Treue
meinen  Wunsch  Ew.  Majestät  edlem  Reiche  zu,  welches,  groß  durch  gewaltige
  Ueberlieferungen,  auch  auf  dem  Gebiete  jeglichen  Fortschrittes  der
Gesittung  groß  sein  will  und  trinke  auf  die  Gesundheit  Ew.  Majestät,
Ihrer  Majestät  der  Kaiserin  und  Königin,  der  erlauchten  Prinzen,  die  heute
meine  Gäste  sind,  und  der  gesamten  Familie  Ew.  Majestät!“

Kaiser  Wilhelm  antwortet:  „Wollen  Ew.  Majestät  mir  gestatten,
den  Ausdruck  meines  tiefgefühlten  Dankes  darbringen  zu  dürfen  für  den
sich  durch  Glanz  und  Großartigkeit,  ebenso  wie  durch  warme  Herzlichkeit
auszeichnenden  Empfang  seitens  Ew.  Majestät  Hauptstadt  und  Volk.  Ich
erkenne  in  demselben  die  Bekräftigung  der  Tatsache,  daß  das  Bündnis,
welches  unsere  beiden  Häuser  und  Länder  verbindet,  vor  dem  italienischen
Volke  in  voller  Sympathie  anerkannt  und  unverändert  gepflegt  wird.  In
dem  Augenblick,  in  dem  ich  mein  Glas  auf  Ew.  Majestät  Wohl  zu  erheben
im  Begriffe  bin,  darf  ich  es  wohl  wagen,  den  Bilick  zurückschweifen  zu
lassen  auf  die  mir  unvergeßliche  Gestalt  Ew.  Majestät  von  mir  so  innig
geliebten  Vaters.  Sein  Andenken  als  eines  ritterlichen  Helden  und  herzgewinnenden
  Menschen  wird  mir  stets  heilig  sein,  und  unvergeßlich  der
Druck  seiner  Hand,  wie  der  Blick  aus  seinen  treuen  Augen.  Sein  und
des  Himmels  Segen  ruhe  auf  Ew.  Majestät,  auf  Ew.  Majestät  erlauchten
Gemahlin  und  dem  Hause  Savoyen.  Zur  Bekräftigung  dieses  Wunsches
leere  ich  mein  Glas:  Bevo  alla  salute  delle  loro  maesta  il  re  e  la  re-Zina,
  bevo  alla  salute  del  valoroso  esercito  italiano,  bevo  alla  salute
della  bella  e  nobile  Italia  e  del  gentile  popolo  italiano.“  Die  Musik
spielt  hierauf  den  italienischen  Königsmarsch.

5.  Mai.  Der  König  und  der  Deutsche  Kaiser  besuchen  das
Kloster  Monte  Cassino.

11.  Mai.  (Kammer.)  In  einer  Besprechung  der  durch  die
Erhebung  des  Mullah  im  Somalilande  hervorgerufenen  Lage  er-
        <pb n="309" />
        Aalien.  (Mai  Ende—SNJuni  26.)  301

klärt  Minister  des  Auswärtigen  Morin,  daß  für  Jtalienisch-Somali
  und  Benadir  keine  Gefahr  bestehe.

Ende  Mai.  Anfang  Juni.  Kundgebungen  gegen  Osterreich.

Aus  Anlaß  der  Innsbrucker  Universitätsangelegenheit  (S.  201)  veranstalten
  römische  Studenten  lebhafte  Demonstrationen  gegen  Oesterreich;
auch  in  anderen  Landesteilen  kommt  es  zu  Kundgebungen,  so  daß  Militär
einschreiten  muß.  In  Rom  wird  am  2.  Juni  der  kleine  Belagerungszustand
  verkündet.

4.  Juni.  Die  Kammer  lehnt  einen  Antrag  Pantano  (Soz.),
den  Eisenbahnbetrieb  zu  verstaatlichen,  mit  großer  Mehrheit  ab.
5.  Juni.  (Kammer.)  Debatte  über  den  Besuch  des  Zaren.

Abg.  Morgari  (Soz.)  fragt,  ob  die  Nachricht  von  dem  bevorstehenden
Besuch  des  russischen  Kaisers  in  Rom  zutreffend  sei.  Unterstaatssekretär
des  Auswärtigen,  Baccelli:  Es  bestehe  kein  Zweifel  darüber,  daß  der
Besuch,  den  der  König  am  russischen  Kaiserhof  abgestattet  habe,  vom  Kaiser
erwidert  werden  würde.  Der  Zar  werde  in  Italien  ein  ebenso  willkommener
  Gast  sein,  wie  es  König  Viktor  Emanuel  in  St.  Petersburg  gewesen
sei.  Das  genaue  Datum  des  Besuches  sei  übrigens  noch  nicht  mitgeteilt
worden.  orgari:  Die  Sozialisten  fühlten  sich  gedrungen,  zu  dieser
Angelegenheit  folgende  Erklärung  abzugeben:  Die  bisher  nach  Italien  gekommenen
  ausländischen  Souveräne  seien  von  ihnen  (den  Sozialdemokraten)
ohne  irgendwelche  Gegenkundgebungen  empfangen  worden,  weil  es  sich  um
konstitutionelle  Monarchen  handelte.  Das  sei  aber  bei  dem  Besuch  des
Kaisers  Nikolaus,  der  seinem  Volke  noch  keine  Verfassung  gewährt  habe,
nicht  der  Fall.  (Unterbrechungen  und  Unruhe.)  Seit  der  Besuch  des  russischen
  Kaisers  angekündigt  worden  sei,  hätten  in  Italien  die  Verhaftungen
angeblich  verdächtiger  Personen  begonnen.  Der  Präsident  unterbricht
Morgari  und  versichert,  daß  die  italienische  Nation  glücklich  sein  werde,
das  Oberhaupt  der  russischen  Nation  zu  empfangen;  die  Stadt  Rom  werde
dem  Zaren  eine  ihres  Rufes  als  gastfreundliche  Stadt  würdige  Aufnahme
bereiten.  (Lebhafter  Beifall.)  Unterstaatssekretär  Baecelli:  Welcher  politischen
  Partei  man  auch  angehöre,  so  dürfe  man  die  Pflichten  der  Höflichkeit
  und  Gastfreundlichkeit  doch  nicht  verletzen.  Italien  werde  den  befreundeten
  Souverän  in  würdiger  Weise  empfangen.  Er  lege  gegen  die  Worte
Morgaris  entschieden  Verwahrung  ein.  Es  sei  gewiß,  daß  die  ganze
Kammer,  durch  die  die  Gesinnung  der  Nation  vertreten  werde,  sich  mit
ihm  in  Uebereinstimmung  befinde.  (Lebhafter  Beifall.)

10.  Juni.  Die  Kammer  lehnt  einen  von  Sozialdemokraten
und  Konservativen  unterstützten  Antrag,  eine  parlamentarische
Enquete  über  die  Geschäftsgebarung  des  Marineministeriums  anzustellen,
  mit  188  gegen  149  Stimmen  ab.

12./15.  Juni.  Kabinettskrifis.

Der  Minister  des  Innern  Giolitti  reicht  seine  Demission  ein,
weil  die  Radikalen  sich  am  10.  Juni  von  der  Regierung  getrennt  haben.
Infolgedessen  demissioniert  das  Kabinett,  das  Zanardelli  nach  einigen
Verhandlungen  abermals  bildet.  Giolitti  und  Bettolo  scheiden  aus,  ihre
Ministerien  übernehmen  einstweilen  Zanardelli  und  Morin.

2W.  Juni.  Die  Kammer  votiert  dem  Ministerium  mit  257

gegen  171  Stimmen  ein  Vertrauensvotum.
        <pb n="310" />
        302  Italien.  (Juni  28.—  August  5.)

W.  Juni.  Die  Kammer  bewilligt  sechs  provisorische  Budgetzwölftel
  und  vertagt  sich.

28.  Juni.  (Rom.)  Die  Vereinigung  der  Handelskammern
erklärt  in  einer  Resolution,  sie  halte  Kornzölle  im  Hinblick  auf
die  bevorstehende  Erneuerung  der  Handelsverträge  mit  Osterreich=Ungarn,
  Deutschland  und  der  Schweiz  für  nicht  opportun.

Anfang  Juli.  Der  „Giornale  d'Italia“  behauptet,  der  Zar
habe  seinen  auf  Oktober  festgesetzten  Besuch  beim  italienischen  Hof
auf  das  kommende  Jahr  verschoben.  Der  Hofpräfekt  erklärt,  er
wisse  nichts  davon.

11.  Juli.  Der  König  schiebt  infolge  der  Krankheit  des  Papstes
die  Reise  nach  Paris  auf.

Die  „Tribuna“  schreibt  darüber:  „Angesichts  des  Zustandes  des
Papstes  ist  die  Reise  des  Königs  nach  Paris  infolge  eines  Uebereinkommens
zwischen  Frankreich  und  Italien  auf  September  verschoben  worden.  Die
Vereinbarung  entspringt  nicht  politischen  Erwägungen,  sondern  moralischen
Gründen  der  Menschlichkeit  und  der  Zivilisation,  und  wird  ihrem  wahren
Sinne  nach  gewürdigt  werden.  Das  Papsttum  hielt  sich  im  Kriegszustande
gegenüber  Italien,  das  eine  ganz  besonders  höfliche  Nation  hat  und  das,
wenn  es  auch  seine  Stellung  im  Kampfe  behauptet  hat,  doch  dem  Haupte
der  katholischen  Kirche  gegenüber  Rücksicht  nimmt.  Italien  hätte  gekonnt,
ßes  wollte  sich  aber  nicht  daran  erinnern,  daß  das  Papsttum  seine  Jubiläumsfeierlichkeiten
  wegen  des  Todes  König  Humberts  nicht  unterbrach.  Die
Verschiebung  der  Reise  wird  Beifall  bei  der  gesitteten  Welt  finden.“

1.  August.  (Udine.)  Der  Finanzminister  über  Italiens
wirtschaftliche  Lage.

Bei  der  Eröffnungsfeier  einer  Landwirtschafts=  und  Industrie-Ausstellung
  der  Provinz  Venedig  hält  der  Finanzminister  Carcano  eine  Rede
über  die  wirtschaftliche,  industrielle  und  Finanzlage  Italiens.  Die  Steigerung
  der  landwirtschaftlichen  Produktion  und  die  Entwicklung  der  industriellen
  Tätigkeit,  insbesondere  die  weitgehende  Verwendung  der  Elektrotechnik
  und  der  Dampfkraft  schreite  immer  fort.  Auch  der  Handel  entwickele
sich  stetig.  Die  verzinslichen  Einlagen  in  den  Sparkassen  beliefen  sich  auf
3  Milliarden.  In  dem  mit  dem  30.  Juni  1901  zu  Ende  gegangenen
Finanzjahr  habe  der  Ueberschuß  mehr  als  41  Millionen  und  im  Finanzjahre
  1901/002  32  Millionen  betragen,  auch  für  das  mit  dem  30.  Juni  ds.
Is.  beendete  Finanzjahr  werde  sich  ein  Ueberschuß  von  rund  60  Millionen
ergeben.  Die  italienische  Rente  stehe  über  pari;  das  Agio  sei  verschwunden.
Demgemäß  sei  die  Fortführung  der  Steuerreformen  erleichtert,  und  man
werde  bald  an  die  Konversion  der  Rente  gehen  können  (vgl.  Bödiker,  Wirtschaftliches
  und  Politisches  aus  Italien.  Preuß.  Jahrb.  Bd.  114).

5.  August.  Italien  und  die  Papstwahl.

Ministerpräsident  Zanardelli  richtet  folgendes  Telegramm  an  die
Präfekten:  Der  neue  Papst  hat  uns  seine  Wahl  nicht  mitgeteilt;  ich  benachrichtige
  Sie  daher,  daß  die  Staatsbeamten  an  den  kirchlichen  Feiern,

die  aus  dem  Anlasse  dieser  Wahl  stattfinden  werden,  nicht  teilnehmen
nnen.
        <pb n="311" />
        Jialien.  (August  6.—September  2.)  303

6.  August.  (Neapel.)  Schluß  eines  Prozesses  gegen  den
früheren  Bürgermeister  Summonte  und  den  früheren  Deputierten
Lasale.  Sie  werden  nebst  elf  anderen  Angeklagten  wegen  betrügerischer
  Schädigung  der  Gemeinde  Neapel  zu  längeren  Gefängnisstrafen
  verurteilt.

Ende  August.  Agitation  der  Sozialdemokraten  gegen  den
Zarenbesuch.

Der  „Avanti“  schreibt:  „Das  jüngst  gewählte  Geheimkomitee  der
Volksparteien,  um  S.  M.  Nikolaus  II.,  Kaiser  von  Sibirien  und  anderer
trostlosen  Gegenden,  einen  gebührenden  Empfang  zu  bereiten,  hat  nachstehendes
  Programm  aufsgestellt:  1.  Verbreitung  von  Schriften  zu  einem
Centesimo  und  zu  zwei  Soldi,  durch  die  das  Volk  aufzuklären  ist,  über  die
Frage:  „Was  ist  der  Zarismus?"  2.  Vorträge,  die  zu  einer  bestimmten
Zeit  den  großen  Städten  gehalten  werden  sollen.  3.  Ausgiebigste  Verteilung
  der  Zarenfluchtpfeife  (20  Stück  für  einen  Soldo).  4.  Oeffentliche  Kundgebung
  vor  den  russischen  Konsulaten.  5.  Kundgebungen  längs  der  Bahnlinie,
  die  der  Zarenzug  passieren  wird.  6.  Besondere  Kundgebungen  dort,
wo  der  Zar  aussteigen  wird.  7.  Aufruf  an  die  gesamte  demokratische
Presse,  die  Protestbewegung  gegen  diesen  Besuch  zu  fördern,  da  er  eine
Beleidigung  der  liberalen  Ueberlieferungen  Italiens,  wie  der  Zivilisation

edeutet.“"

27.  August.  Durch  einen  Zusammenstoß  zweier  Militärzüge
bei  Udine  werden  9  Personen  getötet  und  viele  verwundet.

31.  August.  2.  September.  (Rom.)  Prozeß  wegen  Kritik
der  Marineverwaltung  durch  den  „Avanti“.

Nach  der  „Köln.  Volksztg.“  ist  folgendes  die  Ursache  des  Prozesses:
„Der  Avanti  veröffentlichte  ein  Schreiben  eines  Marinesoldaten,  worin  es
hieß,  daß  das  Bordkommando  während  des  15tägigen  Urlaubs  der  Matrosen,
deren  Gutschein  auf  70  Cents  für  tägliche  Proviantlieferung  lautet,  dem
betr.  Unternehmer  einreicht,  aber  dafür  keinen  Mundvorrat  einzieht,  sondern
  sich  mit  40  Cents  in  Bargeld  pro  Person  begnügt.  Diese  40  Cents
gehen  in  eine  Kasse  für  sogenannte  Geheimfonds,  in  die  sich  meistens  die
Offiziere  der  Marineverwaltung  teilen.  Bei  der  häufigen  Urlaubserteilung
erreichen  die  Gelder  eine  nicht  unbeträchtliche  Höhe.  Die  übrigbleibenden
30  Cents  behält  der  Lieferant  für  sich,  ohne  daß  er  einen  Gegendienst
dafür  geleistet  hat.  An  Bord  befindet  sich  auf  jedem  Schiff  ein  Angestellter
als  Vertreter  des  Lieferanten,  der  vom  Staat  ein  gewisses  Gehalt  erhält.
Dieses  Gehalt  wird  von  dem  betreffenden  Beamten  nicht  erhoben,  vielmehr
angeblich  von  dem  Schiffskommissar  oder  dem  zweiten  Kommandanten  eingestellt.
  Zu  einem  zweiten  Schreiben  behauptet  der  Avanti,  daß  die  der
Prüfungskommission  für  Lebensmittel  angehörigen  Marinesoldaten  alles
für  gut  befinden  müssen,  was  ihnen  vorgewiesen  wird,  andernfalls  wandern
sie  in  den  Arrest.  Bei  dem  Kommisbrot  würde  das  vorgeschriebene  Gewicht
  nie  eingehalten."“

Infolge  dieses  Artikels  verklagen  35  Offiziere  und  Maschinisten  den
„Avanti“  wegen  Beleidigung.  —  2.  September  werden  die  Kläger  abgewiesen
  und  zu  den  Kosten  verurteilt,  und  zwar  mit  der  Begründung,  daß
die  Angriffe  des  Avanti  nicht  gegen  sie  persönlich,  sondern  gegen  das
Offizierskorps  und  die  Marineverwaltung  im  allgemeinen  gerichtet  gewesen
  seien.
        <pb n="312" />
        304  Jialien.  (September  30.  —  November  Ende.)

30.  September.  Ein  königliches  Dekret  ernennt  eine  Kommission
  zur  Untersuchung  der  Tätigkeit  der  Marineverwaltung.  —
Sie  beginnt  ihre  Tätigkeit  am  21.  Oktober.

1.  Oktober.  (Mailand.)  Schluß  eines  Streiks  der  Eisenbahnarbeiter
  der  Nordbahn.  Der  Streik,  dem  sich  Arbeiter  anderer
Linien  anschließen  sollten,  endigt  infolge  Uneinigkeit  der  Arbeiter
mit  ihrer  völligen  Niederlage.

12.  Oktober.  Verschiebung  des  Zarenbesuchs.

Die  „Agenzia  Stefani“  meldet,  daß  laut  amtlicher  Mitteilung  der
Kaiser  von  Rußland  aus  Gründen,  die  von  seinem  Willen  unabhängig
seien,  seinen  Besuch  am  italienischen  Hofe  verschieben  müsse.  —  Ein  Adjutant
  des  Zaren  überreicht  dem  König  einen  eigenhändigen  Brief  des
Zaren,  worin  der  Zar  die  Verschiebung  mitteilt.  Die  Verschiebung  der
Reise  wird  von  den  meisten  Blättern  auf  die  Agitation  der  Sozialisten
zurückgeführt;  viele  greifen  die  Regierung  an,  daß  sie  diese  zügellose  Agitation
  geduldet  und  Italien  eine  Demütigung  zugezogen  habe.  Es  sei  eine
Schande  für  Italien,  daß  der  Zar  in  Italien  seine  persönliche  Sicherheit
gefährdet  glauben  könne.  Nach  anderen  ist  die  Verschiebung  hervorgerufen
durch  die  Ungeschicklichkeit  des  russischen  Botschafters,  Fürst  Nelidow,  der
sich  mit  der  italienischen  Regierung  über  den  Text  der  Toaste  nicht  habe
einigen  können  und  deshalb  die  Verschiebung  empfohlen  habe.  Der  sozialistische
  „Avanti“  triumphiert;  zum  erstenmal  habe  das  Proletariat  einen
Erfolg  in  der  auswärtigen  Politik  erreicht.

13.  Oktober.  Das  Königspaar  und  der  Minister  des  Auswärtigen
  reisen  nach  Paris.

21.  Oktober.  Das  Ministerium  Zanardelli  reicht  seine  Demission
  ein  wegen  Kränklichkeit  Zanardellis.

3.  November.  Neubildung  des  Ministeriums.

Giolitti  Präsidium  und  Inneres;  Pedotti  Krieg;  Rosano  Finanzen;
Luzzatti  Schatz;  Tedesco  Oeffentliche  Arbeiten;  Rava  Ackerbau;  Ronchetti
Justiz;  Orlando  Unterricht;  Stelluto-Scala  Posten  und  Telegraphen;  Tittoni
  Auswärtiges;  Mirabello  Marine.  —  Der  Parteiangehörigkeit  nach
sind  Tittoni,  Tedesco,  Luzzatti,  Pedotti  und  Mirabello  Konservative;  Orlando
und  Rava  gemäßigt  Liberale;  Giolitti,  Rosano,  Ronchetti  und  Stelluto-Scala
  entschieden  Liberale.

9.  November.  (Neapel.)  Finanzminister  Rosano  tötet  sich
durch  einen  Revolverschuß.  Als  Ursache  werden  Angriffe  der  Sozialisten
  auf  seine  politische  Vergangenheit  angegeben.

November.  (Bologna.)  Italienischer  Katholikentag.  Heftiger
  Streit  zwischen  Konservativen  und  Demokraten  unter  Führung
Murris.

26.  November.  (Rom.)  Die  Verhandlungen  über  den  Handelsvertrag
  mit  Osterreich-Ungarn  beginnen.

Ende  November.  An  mehreren  Universitäten  finden  antiösterreichische
  Kundgebungen  statt  wegen  des  Verbots  freier  italie-
        <pb n="313" />
        Italien.  (Dezember  1.  3.)  305

nischer  Hochschulkurse  in  Innsbruck  (S.  228).  Die  Regierung  tritt
ihnen  energisch  entgegen.
1.  Dezember.  Die  Kammern  treten  zusammen.  Ministerpräsident

  Giolitti  legt  das  Programm  der  Regierung  vor:

Die  Regierung  setze  die  von  dem  vorigen  Kabinett  inaugurierte
Politik  der  weitgehendsten  Freiheit  innerhalb  der  gesetzlichen  Grenzen,  die
eine  ungeheure  Mehrheit  des  Landes  gutgeheißen  habe,  fort.  Jetzt  solle
zudem  eine  Periode  sozialer,  wirtschaftlicher  und  finanzieller  Reformen  beginnen.
  Die  Hauptfragen  seien  die  Handelsverträge,  die  Erleichterung  des
Druckes  der  Staatsschuld,  die  Bahnfrage  und  die  Hebung  der  Provinzen
im  Süden.  Bei  den  Handelsvertragsverhandlungen,  die  mit  Deutschland,
Oesterreich-Ungarn  und  der  Schweiz  schweben,  schöpft  die  Regierung  aus
den  vortrefflichen  Absichten  aller  Beteiligten  das  Vertrauen,  die  in  der
Sache  selbst  liegenden  Schwierigkeiten  überwinden  zu  können,  welche  solche
Verhandlungen  überall  begleiten.  Die  Regierung  strebe  dahin,  den  Agrarexport
  zu  fördern  und  sei  deshalb  bereit,  die  Industriezölle,  soweit  nicht
der  Bestand  der  Industrie  gefährdet  werde,  zu  verringern  und  auch  den
Petroleumzoll  erheblich  herabzusetzen.  Die  Konversion  der  4¼  proz.  Rente,
welche  einen  Restgewinn  von  6  Millionen  jährlich  bringt,  ist  vorbereitet
und  bedarf  nur  noch  der  Genehmigung  der  Kammer.  Die  Regierung  beschäftigt
  sich  voller  Zuversicht  mit  der  eine  Ersparnis  von  40  Millionen
bringenden  Konversion  der  5proz.  konsolidierten  Anleihe,  welche  den  Beginn
eines  wahrhaften  wirtschaftlichen  Wiedererstehens  Italiens  bedeuten  wird.
Die  Regierung  wird  auch  die  Eisenbahnfrage  vorurteilslos  prüfen  und  falls
eine  angemessene  Organisierung  des  Privatbetriebes  undurchführbar  sein
sollte,  eine  Vorlage  einbringen  betr.  die  eventuelle  Organisierung  des  Staatsbetriebes.
  —  Es  sei  nötig  eine  unbeugsame  und  gesetzmäßige  Ueberwachung
der  Provinzverwaltungen  und  der  Gemeindeverwaltungen  des  Südens.  Die
Durchführung  der  für  den  Süden  bewilligten  Bahnbauten  und  Sanierungsarbeiten
  sowie  der  apulischen  Wasserleitung  soll  beschleunigt  werden.  Ferner
will  die  Regierung  die  industrielle  Entwicklung  Neapels  und  die  Bildung
kleinen  Grundbesitzes  fördern  und  die  Lasten  der  Gemeindeschulden,  der
Provinzschulden  und  der  Grundschulden  verringern.  —  Die  Regierung  ist
bestrebt,  durch  eine  strenge  Finanzgebarung  das  Gleichgewicht  des  Budgets
aufrecht  zu  erhalten,  das  eine  Vorbedingung  der  Rentenkonversion  und  der
damit  geplanten  Steuerreform  zu  Gunsten  der  unteren  Klassen  ist.  Der
Volksschulunterricht  soll  gehoben,  die  Finanzen  der  Gemeinde  Rom  geregelt
  und  die  Eisenbahn  Turin—Nizza  gebaut  werden.  Die  Verhältnisse
der  Aktiengesellschaften  sollen  streng  geregelt,  die  Verantwortlichkeit  der  Verwaltungen
  verschärft  und  die  Börsenzeit  eingeschränkt  werden.  Ferner  soll
der  Zwangswohnsitz  beseitigt  und  eine  Reihe  sozialer  Reformen  durchgeführt
  werden.  —  Die  Erklärung  schließt  mit  folgenden  Worten:  „JItalien
befindet  sich  in  der  auswärtigen  Politik  in  einer  sehr  günstigen  Lage,  dank
seiner  Bündnisse  und  Beziehungen  und  der  herzlichen  Freundschaft  mit  den
übrigen  Mächten,  die  neuerdings  feierlich  durch  den  glänzenden  Empfang
des  Königs  und  der  Königin  in  England  und  in  Frankreich  bekräftigt
wurden.  Diese  Verhältnisse,  die  gute  Finanzlage  und  andere  Umstände
ermutigen  die  Regierung,  die  vom  Lande  gewünschten  Reformen  zu  unternehmen.
  Die  Regierung  verlangt  hierzu  aber  ein  sofortiges  ausdrückliches
Vertrauensvotum  des  Parlaments  oder  eine  unverzügliche  freimütige  Ablehnung
  des  Vertrauens.

3.  Dezember.  Die  Kammer  spricht  der  Regierung  mit  284
Europäischer  Geschichtskalender.  XI#.  20
        <pb n="314" />
        306  Ilalien.  (Dezember  9.)

gegen  117  Stimmen  ihr  Vertrauen  aus.  Gegen  die  Regierung
stimmen  die  Sozialisten  und  ein  Teil  der  Radikalen.

9.  Dezember.  (Kammer.)  Finanzminister  Luzzati  legt  das
Finanzexposé  vor.

Er  legt  zunächst  dar,  daß  das  Rechnungsjahr  1902/03,  nach  Abzug
aller  Ausgaben  für  die  Eisenbahnen,  Schuldentilgung  und  die  China-Expedition,
  mit  einem  Ueberschuß  von  69  7130000  Lire  abgeschlossen  hat.  Der
Ueberschuß  für  1903/04  wird  nach  Deckung  der  sämtlichen  Ausgaben  voraussichtlich
  6  Millionen  Lire  betragen,  da  infolge  der  guten  Inlandsernte
ein  Mindereingang  an  Getreidezöllen  von  34  Millionen  Lire  angenommen
wird;  doch  dürfte  sich  der  Ueberschuß  nach  der  Ueberzeugung  des  Ministers
infolge  des  sehr  niedrigen  Ansatzes  der  Eingänge  noch  erhöhen.  Für  das
neue  Rechnungsjahr  1904/05  wird  der  Aktivrest  mit  7220000  Lire  veranschlagt,
  doch  wird  angenommen,  daß  diese  Schätzung  durch  die  als  sicher
anzusehende  Einnahmensteigerung  weit  übertroffen  werden  wird.  Bei  diesem
Ergebnisse  sind  alle  an  den  Staat  herantretenden  geldlichen  Erfordernisse
berücksichtigt.  Neue  Ausgaben  werden  in  der  laufenden  Tagung  nicht  vorgeschlagen.
  Alle  nicht  unbedingt  erforderlichen  Ausgaben  sollen  vermieden
werden,  um  das  Budget  für  die  große  Rentenkonversion  zueckentsprechend
  zu  gestalten  —  Die  Lage  des  Schatzes  habe  sich  seit  dem  Vorjahre
  erheblich  gebessert.  Der  Betrag  der  Schatzanweisungen  ist  von  300
auf  192  Millionen  zurückgegangen.  Am  1.  Januar  1904  werden  die  Zinsen
der  Staatsschuld,  zum  erstenmal  seit  dem  Bestehen  des  Königreichs,  ohne
Vorschüsse  der  Notenbanken  gezahlt  werden  können.  Bezeichnend  für  die
Finanzgebarung  Italiens  in  den  letzten  Jahren  war,  so  führt  der  Minister
aus,  die  Vermeidung  jeglicher  Anleihe;  dies  bilde  die  Erklärung,  für  die
jetzige  gute  Lage  und  darin  liege  auch  das  Geheimnis  für  die  Zukunft.  —
Ueber  die  Handelsverträge  sagt  er:  Die  von  der  Regierung  eingesetzte  Zollkommission
  ist  zu  einem  von  rein  technischen  Gesichtspunkten  ausgehenden
Entwurf  einer  beschränkten  Revision  des  Generaltarifs  gelangt,  der  auch  veröffentlicht
  wurde,  da  die  Regierung  nichts  geheim  halten  will.  Sie  beabsichtigt
  aber  angesichts  der  guten  wechselseitigen  Wirkung  der  geltenden  Verträge
mit  den  mitteleuropäischeu  Staaten,  keine  das  Wesen  des  gegenwärtigen
Zollregimes  Italiens  berührende  Aenderung  vorzunehmen.  Sie  glaubt,
daß  die  Vollmachten,  die  sie  bereits  besitzt,  zur  Wahrnehmung  der  italienischen
  Interessen  ausreichen.  Ihr  Ziel  ist  der  wirtschaftliche  Friede  mit
den  verbündeten  und  befreundeten  Nationen.  Italien  beweist  seine  aufrichtigen
Absichten  und  seine  auf  internationale  Billigkeit  gerichtete  Gesinnung,  indem
es  gegenwärtig  weder  Kampftarife  noch  Vergeltungstarife  vorbereitet.  Wie
bei  dem  Handelsabkommen  mit  Frankreich,  ist  Italien  auch  jetzt  bereit,
gerechte  Zugeständnisse  gegenüber  dem  geltenden  Tarif  zu  gewähren,  wobeie
namentlich  die  Förderung  der  heimischen  Ausfuhr  im  Auge  behalten  wird.
Im  Sinne  dieser  Bestrebungen  wird  die  Regierung  um  die  gesetzliche  Vollmacht
  zur  Ermäßigung  des  Petroleumzolles  auf  etwa  die  Hälfte  und  zu
einer  noch  stärkeren  Erniedrigung  des  Zolles  auf  Mineralrückstände  nachsuchen.
  —  Der  Minister  bespricht  sodann  eingehend  Mittel  und  Ziele  einer
kraftvollen  Ausfuhrpolitik  und  beleuchtet  weiterhin  die  Geldumlauf-Verhältnisse.
  „Er  sagt:  Eine  baldige  Aenderung  der  Gesetzgebung  über  die  Emissionsbanken
  ist  angesichts  der  guten  Ergebnisse  derselben  nicht  beabsichtigt.
Die  in  Immobilien  festgelegten  Kapitalien  dieser  Banken  sind  von  636
auf  276  Millionen  zurückgegangen.  Die  Banknoten  sind  voll  gedeckt,  und
zwar  zu  60  Prozent  durch  Metallbestände,  der  Rest  durch  Werte  erster
        <pb n="315" />
        Italien.  (Dezember  15.)  307

Güte.  Der  Banknotenumlauf  ist  von  1898  bis  Ende  Oktober  1903  von
1054  700000  Lire  auf  940200,000  Lire  gesunken,  dagegen  die  metallische
Deckung  von  582  6000000  Lire,  auf  807000000  Lire  gestiegen.  Auch  die
Schatzreserve  hat  tatsächlich  zugenommen;  in  den  letzten  fünf  Jahren  ist  bei
den  Emissionsbanken  und  dem  Staatsschatz  der  Bestand  an  Goldmünzen
und  Fünffrankenstücken  von  695  auf  934  Millionen  gestiegen;  die  Zunahme  der
Goldmünzen  allein  beträgt  180  Millionen  Lire.  —  Der  Minister  betont  sodann,
daß  der  Wechselkurs  Pari  erreicht  hat  und  Zollzahlungs-Zertifikate  im  Inlande
  und  das  Affidavit  im  Auslande  entbehrlich  sein  werden.  Er  verkündet
  die  Absicht,  die  endgültige  Regelung  des  Geldumlaufwesens  zu
beschleunigen;  im  nächsten  Jahre  sollen  Maßnahmen  zur  allmählichen  Verminderung
  der  Staatsnoten  ohne  Ausgabe  neuer  Konsols  vorgeschlagen
werden;  Verhandlungen  mit  den  Banken  betreffend  die  Uebernahme  eines
Teils  dieser  Noten  seien  eingeleitet.  Neben  Beseitigung  der  Staatsnoten
sollen  weitere  Schritte  zur  Flüssigmachung  des  in  Immobilien  festliegenden
Kapitals  der  Banken  getan  werden,  so  daß  das  Banknotenwesen  allmählich
  zur  vollkommenen  Gesundung  gelangen  wird.  —  Ueber  die  Rentenkonversion
  erklärt  er,  daß  er  den  Entwurf  seines  Amtsvorgängers,  der  die
Gesamtkonversion  betreffe,  zurückziehe  und  lediglich  die  Konversion  der
4½  prozentigen  Rente  in  3½prozentige  vorschlage.  Eine  Vorlage  betr.  die
freie  Konversion  der  5prozentigen  Rente  in  3½  prozentige  werde  erst  nach
Vorbereitung  aller  zur  Erreichung  des  Zieles  nötigen  Mittel  eingebracht
werden.  Für  die  dem  Staate  etwa  sechs  Millionen  jährlich  ersparende
Konversion  der  4½prozentigen  Rente,  die  keine  Schwierigkeiten  biete,
werden  die  ausländischen  Märkte  nicht  in  Anspruch  zu  nehmen  sein,  wohl
aber  werde  deren  Mitwirkung  für  die  internationalen  Charakter  tragende
Umwandlung  der  fünfprozentigen  Rente  von  hohem  Werte  sein.  Der
Minister  spricht  die  Ueberzeugung  aus,  daß  Frankreich,  Deutschland  und
England,  die  Italien  bei  dem  Werke  seiner  politischen  Befreiung  geholfen
hätten,  es  auch  bei  diesem  wirtschaftlichen  Befreiungswerke  unterstützen
würden.  Die  jährliche  Ersparnis  werde  40  Millionen  betragen,  größer
aber  werde  der  Gewinn  aus  der  Neubelebung  der  ganzen  Volkswirtschaft
Italiens  sein.  —  Als  Ziel  Italiens  stellt  der  Minister  schließlich  die  Entwicklung
  der  Bevölkerung  und  die  Begründung  glücklicher  Zustände  für
dieselbe  durch  Schaffung  eines  zahlreichen  Standes  von  Kleingrundbesitzern
hin.  „Dies  ist  der  einzige  richtige  Weg,  um  durch  unsere  Einrichtungen
und  nicht  durch  Gewalt  die  steigende  Flut  des  sozialistischen  Kollektivismus
zu  bekämpfen.“

15.  Dezember.  (Kammer.)  Auf  eine  Interpellation  über  die
Bestrebungen  der  Italiener  in  Tirol  (S.  304)  erwidert  Minister
des  Auswärtigen  Tittoni:

Wegen  der  Innsbrucker  Vorgänge  habe  Italien  nach  den  allgemein
anerkannten  Grundsätzen  des  Völkerrechts  nicht  einschreiten  können.  Auch
habe  Ministerpräsident  von  Koerber  sich  der  Gründung  einer  italienischen
Universität  durchaus  nicht  widersetzt  und  die  Ereignisse  in  Innsbruck  bildeten
  nur  eine  Episode  in  dem  Kampfe  der  Nationalitäten,  der  sich  in
Oesterreich  und  auch  sonst  abspiele.  Die  Bande,  welche  Italien  und  Oesterreich
  auf  Grund  ihres  Bündnisses  verknüpften,  müßten  ebenso  eng  sein,
wie  die  zwischen  Deutschland  und  Italien  bestehenden.  Er  könne  den  Dilettantismus
  und  Irredentismus  gewisser  Professoren,  Studenten  und  Parlamentarier
  nur  ebenso  verurteilen,  wie  die  Agitation,  welche  infolgedessen  in
Italien  getrieben  worden  sei.  Italien  wolle  eine  friedliche  Politik  und

20“
        <pb n="316" />
        308  Ilalien.  (Dezember  16.—31.)

werde  daher  dem  Dreibunde  treu  bleiben,  welcher  ein  gewichtiges  Unterpfand
  des  Friedens  sei  und  kein  Hindernis  bilde  für  die  traditionelle
Freundschaft  mit  England  und  die  glücklicherweise  erneute  Freundschaft
mit  Frankreich.

16.  Dezember.  (Kammer.)  Minister  des  Auswärtigen  Tittoni
  erwidert  auf  mehrere  Anfragen  über  die  Handelsverträge:

Er  könne  keine  weitgehenden  Erklärungen  abgeben,  da  die  Verhandlungen
  noch  im  Gange  seien.  Er  erkenne  an,  daß  es  nicht  nützlich
sein  würde,  jetzt  schon  einen  Generaltarif  aufzustellen.  Die  Regierung
werde  aber  morgen  eine  Vorlage  einbringen,  die  sie  für  verschiedene  etwaige
Fälle  ermächtige,  zum  Schutz  der  italienischen  Interessen  entsprechende  Moß
regeln  zu  treffen.  Weiter  sagt  der  Minister,  er  freue  sich,  erklären  zu
können,  daß  die  Verhandlungen  mit  Deutschland  einen  günstigen  Fortgang
nehmen  und  einen  befriedigenden  Abschluß  erwarten  lassen.  Die  Verhandlungen
  mit  der  Schweiz  würden  eifrig  in  Angriff  genommen;  er  könne
aber  nicht  verhehlen,  daß  die  Schwierigkeiten  weder  wenig  zahlreich  noch
geringfügig  seien.  Bezüglich  der  Verhandlungen  mit  Oesterreich  liege  die
Schwierigkeit  in  den  Dingen  selbst;  auf  beiden  Seiten  aber  sei  der  gute
Wille  groß.  Man  müsse  das  Vertrauen  haben,  daß  man  im  gemeinsamen
Interesse  zu  einer  Verständigung  gelange.

21.  Dezember.  (Senat.)  Tittoni  über  das  Konklave  und
die  Kolonialpolitik.

Sen.  Palerno  fragt,  was  es  mit  dem  österreichischen  Veto  bei  der
Papstwahl  für  eine  Bewandtnis  habe.  Min.  des  Ausw.  Tittoni:  Der
Regierung  sei  nichts  von  dieser  Sache  bekannt  und  sie  habe  sich  daher  an
keinen  Verhandlungen  beteiligt.  Während  des  Konklaves  habe  die  Regierung
nur  nach  einer  Seite  eine  Tätigkeit  entfaltet,  und  diese  sei  darauf  ausgegangen,
  daß  das  Konklave  sich  in  größter  Freiheit  abspielte  und  die
öff  entliche  Ordnung  streng  aufrecht  erhalten  würde.  Der  Senator  Lampertico
  wünscht  ein  energischeres  Vorgehen  im  Somalilande  und  an  der
Benadirküste.  Tittoni:  Italien  könne  sich  nicht  durch  weitgehende  Expeditionen
  in  große  Ausgaben  verwickeln.  Es  tat,  was  die  Zivilisation  von
ihm  verlangen  konnte,  indem  es  sich  mit  England  zur  Verteidigung  dieser
Gebiete  verband,  aber  auf  militärische  Expeditionen  könne  es  sich  nicht
einlassen  zu  einer  Zeit,  wo  alle  seine  Bemühungen  auf  die  Konversion  der
Rente  gerichtet  seien.

26.  Dezember.  (Maderno.)  Giuseppe  Zanardelli  f.  Geboren
  1826  in  Brescia,  beteiligte  sich  1848  an  der  Erhebung,  1860
Kammermitglied,  1873  zum  ersten  Male  Minister,  1901  Ministerpräsident.
  Er  wird  unter  großer  Beteiligung  in  Brescia  beigesetzt.

31.  Dezember.  (Rom.)  Ein  provisorischer  Handelsvertrag
mit  Osterreich-Ungarn  wird  unterzeichnet.  Der  bestehende  Vertrag
wird  bis  zum  Abschluß  des  definitiven  Vertrages,  jedoch  höchstens
bis  1.  Oktober  1904  verlängert.  Nur  die  Weingollklausel  erlischt
am  1.  Januar  1904.
        <pb n="317" />
        Die  Räuische  Kurie.  (Januar  3.—Mai  26.)  309

VIII.

Die  Römische  Kurie.

3.  Januar.  Der  Papst  empfängt  den  deutschen  Kirchenhistoriker
  Professor  Ehrhard.  In  der  deutschen  Presse  war  das
Gerücht  verbreitet,  Ehrhards  Werk  „Der  Katholizismus  und  das
20.  Jahrhundert“  sei  auf  den  Index  gesetzt  worden.

20.  Februar.  (Rom.)  Beginn  der  Feierlichkeiten  aus  Anlaß
  des  25jährigen  Pontifikatsjubiläums  Leos  XIII.

3.  März.  Der  Papst  hält  einen  großen  Festgottesdienst  aus
Anlaß  des  25.  Jahrestages  seiner  Krönung  ab.  50—60000  Personen
  nehmen  daran  teil.

März.  (Rom.)  Der  „Osservatore  cattolico"“  über  den

Deutschen  Kaiser  und  Frankreich.

Anfangs  März  bespricht  der  „Oss.  catt.",  der  als  Organ  Rampollas
gilt,  den  Brief  des  deutschen  Kaisers  über  Bibel  und  Babel  (S.  30):
„Wilhelm  II.,“  liebt  es,  sich  als  Oberpontifex  des  Luthertums  aufzuspielen
und  keine  Gelegenheit  läßt  er  vorübergehen,  ohne  seinem  Grundsatz  Ausdruck
  zu  geben:  Gott  im  Himmel  und  der  Kaiser  auf  Erden.  „Die
Worte  des  Kaisers  haben  nicht  so  sehr  einen  Wert  wegen  der  Persönlichkeit
  dessen,  der  sie  ausspricht,  als  wegen  des  Publikums,  an  das  sie  gerichtet
  sind.  Wilhelm  gibt  sich  gern  die  Pose  eines  Oberpriesters  und  Kaisers.
  Auf  seiner  Reise  in  den  Orient  umarmte  der  Kaiser  den  noch  vom
Blute  der  Armenier  triefenden  Abdul  Hamid,  und  der  lutherische  Oberpriester
  erfüllte  damit  einen  feuchten  Glaubensakt".  Ende  März  führt
das  Blatt  aus,  der  Vatikan  habe  Frankreich  stets  gegen  den  Dreibund,
der  es  verderben  wollte,  gestärkt  und  geschützt.  Der  Zweibund  verdanke
dem  Papfste  sehr  viel.  Jetzt  suche  der  deutsche  Kaiser,  der  ein  moderner
Karl  der  Große  werden  wolle,  durch  Kokettieren  mit  dem  Vatikan  dessen
Einfluß  für  Deutschland  auszunutzen.  Die  Konservativen  Frankreichs
seien  Schuld  daran.  —

Anfang  April.  Der  Papst  erklärt  in  einer  Note  an  die
französische  Regierung,  seinen  Standpunkt  in  der  Formel  der  Investitionsbulle
  aufrecht  erhalten,  aber  eine  passive  Haltung  einnehmen
  zu  wollen,  um  keinen  Vorwand  zum  Bruch  zu  liefern.

29.  April.  Der  König  von  England  besucht  den  Papst.

2.  Mai.  Der  Deutsche  Kaiser  besucht  mit  großem  Gefolge
den  Papst.  (Vgl.  S.  93.)

26.  Mai.  Ein  päpstlicher  Erlaß  ordnet  an,  daß  der  50.  Jahrestag
  der  Verkündigung  des  Dogmas  von  der  unbefleckten  Empfängnis
  der  Jungfrau  Maria  mit  außerordentlichen  Festlichkeiten  gefeiert
  werden  soll.

Es  heißt  darin:  „Die  Verehrung  der  Gottesmutter  war  nicht  nur
für  Uns  vom  zartesten  Kindesalter  ab  eine  der  liebsten  Beschäftigungen,
        <pb n="318" />
        310  Die  Römische  Kurie.  (Juni  22.  Juli  20.)

sondern  sie  ist  für  Uns  eine  der  kräftigsten  Schutzwehren,  welche  von  der
Vorsehung  der  katholischen  Kirche  verliehen  worden  sind.  In  allen  Jahrhunderten
  und  in  allen  Kämpfen  und  Verfolgungen  nahm  die  Kirche  ihre
Zuflucht  zu  Maria,  und  sie  fand  hier  immer  Stärkung  und  Schutz.  Und
da  die  gegenwärtigen  Zeiten  so  stürmisch  und  für  die  Kirche  selbst  drohend
sind,  so  erfreut  sich  Unser  Herz  und  öffnet  sich  der  Hoffnung,  bei  dem
Anblick,  wie  die  Gläubigen  sich  die  günstige  Gelegenheit  zunutze  machen,
um  das  erwähnte  fünfzigjährige  Jubiläum  zu  feiern  und  mit  einmütiger
Hingabe  und  voll  Vertrauen  und  Liebe  sich  an  Maria  wenden  wollen,
welche  als  Hilfe  der  Christen  angerufen  wird.  Dazu  kommt,  um  das  verlangte
  Jubiläum  teuer  zu  machen,  der  Umstand,  daß  Wir  der  einzige
Ueberlebende  sind  von  dem  ganzen  Kranze  von  Kardinälen  und  Bischöfen,
welche  sich  bei  dem  Akte  der  Verkündigung  des  Dogmas  um  unseren  Vorgänger
  scharten.  Da  es  also  Unsere  Absicht  ist,  daß  die  Jubilarfeste  den
Charakter  der  Größe  tragen,  wie  es  unserer  Stadt  Rom  angemessen  ist,
und  so  zugestaltet  seien,  daß  sie  der  Frömmigkeit  der  Katholiken  der  ganzen
Welt  als  ein  Ansporn  und  eine  Richtschnur  dienen  können,  so  haben  Wir
beschlossen,  eine  Kardinalkommission  zu  bilden,  deren  Angelegenheit  es  sein
wird,  die  Feste  anzuordnen,  und  sie  zu  leiten.

22.  Juni.  Kardinalsernennungen.

Der  Papst  ernennt  den  Kardinal  Sanminiatelli  zum  Camerlengo
des  hl.  Kollegiums.  Neue  Kardinäle  werden  die  Monsignori  Nonelli,
Cavichioni,  Taliani  und  Ajuti,  sowie  die  Erzbischöfe  von  Köln,  Salzburg
uund  Valencia.  Kardinal  Agliardi  wird  Vizekanzler  und  Monsignore  Ceppetelli
  Patriarch  von  Konstantinopel.

20.  Juli.  Tod  des  Papstes  Leos  XIII.

Papst  Leo  XIII.  (Graf  Joachim  Pecci)  war  geboren  am  2.  März  1810
zu  Carpineto  in  Italien,  wurde  am  31.  Dezember  1837  zum  Priester,  und
am  19.  Februar  1843  zum  Bischof  geweiht  und  am  19.  Dezember  1853  zum
Kardinal  ernannt;  am  20.  Februar  1878  wurde  er  als  Nachfolger  Pius  IX.
zum  Papste  erwählt  und  am  3.  März  gekrönt.  —  Ueber  das  Befinden
gingen  schon  seit  Monaten  ungünstige  Nachrichten  durch  die  Presse;  seit
Anfang  Juli  wurde  der  Zustand  als  hoffnungslos  bezeichnet.  Am  5.  Juli
war  die  Wegzehrung  erteilt  und  das  Allerheiligste  ausgesetzt  worden.  —
Die  unmittelbare  Todesursache  ist  Lungenentzündung.

Das  eigenhändig  geschriebene  Testament  des  Papstes  lautet:

„Da  Wir  Uns  dem  Ende  Unserer  irdischen  Laufbahn  nähern,  legen
Wir  in  diesem  holographischen  Testament  Unseren  letzten  Willen  nieder.
Vor  allem  bitten  Wir  in  Demut  um  die  unendliche  Güte  und  das  Erbarmen
  des  gebenedeiten  Gottes,  daß  er  Uns  die  Irrtümer  Unseres  Lebens
verzeihe  und  Unsere  Seele  gnädig  aufnehme  zur  ewigen  Seligkeit.  Wir
hoffen  darauf  besonders  wegen  des  Verdienstes  Jesu  Christi,  des  Erlösers
und  im  Vertrauen  auf  sein  hochheiliges  Herz,  den  glühenden  Ofen  der
Barmherzigkeit,  die  Quelle  der  Erlösung  für  die  Menschheit.  Wir  flehen
auch  als  Fürbitterin  die  heilige  Jungfrau  Maria  an,  die  Mutter  Gottes,
unsere  liebende  Mutter  und  die  Heiligen,  die  Wir  in  Unserem  Leben  besonders
  verehrten  als  Unsere  Patrone.  —  Und  indem  Wir  Verfügung
treffen  über  das  Uns  gehörende  Familiengut,  setzen  wir  zum  Erben  Unseren
Neffen,  den  Grafen  Ludowico  Peccei  ein.  Von  dem  Gute  sind  in  Abzug
zu  bringen  die  Unserem  anderen  Neffen,  dem  Grafen  Richard,  anläßlich
seiner  Verheiratung  gegebenen  Güter,  desgleichen  alle  in  Carpineto  gelegenen
Güter,  welche  Eigentum  des  heiligen  Stuhles  sind,  gemäß  Unserer  eigen-
        <pb n="319" />
        Bie  Rämische  Kurie.  (August  4.)  311

händigen  Verfügung  vom  8.  Februar  1900.  Wir  haben  im  Testamente
keine  Verfügungen  zugunsten  Unseres  Neffen  Camillo  und  Unserer  Nichten
Anna  und  Maria,  sowie  der  Söhne  und  Töchter  Unseres  Bruders  Giovanni
  Battiste  getroffen,  da  Wir  bei  Lebzeiten  für  dieselben  gelegentlich
ihrer  Heirat  schon  in  angemessener  Weise  gesorgt  haben.  Wir  erklären,
daß  niemand  aus  Unserer  Familie  irgendwie  ein  Recht  an  alledem  geltend
machen  kann,  was  nicht  in  gegenwärtiger  Urkunde  in  Betracht  gezogen  ist;
denn  alles  sonstige  Gut  jegicher  Art  ist  Uns  in  Unserer  Eigenscheit  als
Pontifex  zugefallen,  und  es  ist  daher  —  jedenfalls  wollen  Wir,  daß  es  so
sei  —  unantastbares  Eigentum  des  heiligen  Stuhles.  Wir  übertragen  die
ganaue  Vollstreckung  Unseres  Willens  den  Kardinälen  Rampolla,  Mogcenni
und  Cretoni  und  erklären,  daß  dieses  Unser  letzter  Wille  ist.
Rom,  im  Vatikan,  8.  Juli  1902.
(gez.)  Giovacchino  Pecci,  Leo  P.  P.  XIII."

4.  August.  Kardinal  Sarto,  Patriarch  von  Venedig,  wird
zum  Papst  gewählt  und  nimmt  den  Namen  Pius  X.  an.

Kardinal  Giuseppi  Sarto  entstammt  einer  Bauernfamilie  und  ist
am  2.  Juni  1835  in  Riese  (Venezien)  geboren.  Am  10.  November  1884
ist  er  zum  Bischof  von  Mantua  präkonisiert,  am  15.  Juni  1893  zum  Patriarchen
  von  Venedig  ernannt  worden.

Das  Konklave  war  am  31.  Juli  zusammengetreten.  62  Kardinäle
von  dem  64  Mitglieder  starken  Kollegium  sind  anwesend.  In  den  Abstimmungen
  handelt  es  sich  zunächst  um  Rampolla,  Gotti  und  Vannutelli,
  die  Kandidatur  Sartos  taucht  erst  später  auf.  Am  3.  August  hat
Rampolla  27  Stimmen.  Hierauf  macht  Kardinal  Gruscha  im  Namen
der  österreichisch-ungarischen  Regierung  das  Recht  der  Exklusion  gegen
Rampolla  geltend.  Rampolla  protestiert  (nach  der  „Tribuna“)  gegen
diese  Erklärung  im  Namen  der  Freiheit  der  Kirche,  lehnt  aber  die  Annahme
  einer  eventuellen  Wahl  ab.  Nach  weiteren  Verhandlungen,  in  denen
zunächst  Rampolla  35  Stimmen  erhält,  wird  darauf  Kardinal  Sarto  gewählt.
  —  Nach  Behauptungen  von  italienischen  und  französischen  Blättern
hat  die  österreich-ungarische  Regierung  im  Einvernehmen  mit  Deutschland
gehandelt,  was  deutsche  Blätter  bestreiten  (S.  121).

Die  „Voce  della  Verita“  schreibt:  das  Veto  sei  in  einer  rauhen,

verwegenen  und  unhöflichen  Form  ausgeübt  worden.  Es  sei  eine  gesetzwidrige
  Einmischung,  ein  ungeheurer  Angriff  und  eine  Beleidigung  gegen
das  Kardinals-Kollegium;  Italien  habe  das  Veto  veranlaßt;  das  Wiener
„Fremdenblatt“,  das  das  Veto  verteidige,  (S.  208)  sei  der  Offiziosus  des
Dreibundes.
.  Ueber  den  Wahlgang  teilt  das  „Giornale  d'Italia“  mit:  Es  hätten
erhalten  am  1.  August  morgens:  Rampolla  24,  Gotti  17,  Sarto  5,  Serafino
  Vannutelli  4,  Oreglia,  Capecelatro  und  Di  Pietro  je  2,  Agliardi,  Ferrata,
  Richelmy,  Portanova,  Casetta  und  Segna  je  1  Stimme;  abends:
Rampolla  29,  Gotti  16,  Sarto  10,  Richelmy  3,  Capecelatro  2,  Serafino
Vannutelli  und  Segna  je  1  Stimme;  am  2.  August  morgens:  Rampolla
29,  Sarto  21,  Gotti  9,  Oreglia,  Di  Pietro  und  Capecelatro  je  1  Stimme;
abends:  Rampolla  30,  Sarto  24,  Gotti  3,  Oreglia  und  Di  Pietro  je  2,
Capecelatro  1  Stimme;  am  3.  August  morgens:  Sarto  27,  Rampolla  24,
Gotti  6,  Oreglia,  Capecelatro,  Prisco  und  Di  Pietro  je  eine  Stimme,
eine  Stimme  „nemini“;  abends:  Sarto  35  Rampolla  16,  Gotti  7,  Oreglia
  2,  Capecelatro  1  Stimme,  1  Stimme  „nemini“;  am  4.  August  morgens
Sarto  mit  fünfzig  Stimmen  gewählt,  Rampolla  10,  Gotti  2  Stimmen.  Bei
der  letzten  Abstimmung  soll  Sarto  für  Gotti  gestimmt  haben.
        <pb n="320" />
        312  Bie  Römische  Kurie.  (August  9.—November  Anfang.)

9.  August.  Krönung  des  Papstes  in  der  Peterskirche.

3.  Oktober.  Der  Papst  veröffentlicht  seine  erste  Enchklika.

Im  Eingang  gedenkt  Pius  X.  zunächst  seiner  Wahl  zum  Payste.
Er  habe  unter  Tränen  und  inbrünstigen  Gebeten  seine  Erwählung  zu  vermeiden
  gesucht,  da  er  sich  dieser  Ehre  unwert  fühlte  und  ihn  der  Gedanke
tief  bewegt  habe,  Nachfolger  desjenigen  Papstes  werden  zu  sollen,  der
26  Jahre  hindurch  die  Kirche  in  höchster  Weisheit  und  erhabener  Einsicht
und  im  Glanze  so  vieler  Tugenden  gelenkt  hatte.  Er  sei  auch  besonders
durch  die  höchst  verhängnisvollen  Vorfälle  in  der  bürgerlichen  Gesellschaft
erschreckt  gewesen;  mehr  noch  als  in  der  Vergangenheit  sei,  wie  er  finde,
die  Gesellschaft  von  einer  sehr  tief  gehenden  Unzufriedenheit  erfüllt,  die
immer  mehr  um  sich  greife  und  sie  dem  Verderben  zuführe.  Er  habe  sich
aber  dem  Willen  Gottes  im  Vertrauen  auf  seine  Hilfe  gefügt.  Für  sein
Pontifikat  gebe  es  kein  anderes  Programm  als  das  Ziel,  alles  zu  Christus
wieder  zurückzuleiten,  so  daß  Christus  alles  in  allem  sei.  Der  eine  oder
der  andere  werde  in  seiner  (des  Papstes)  Seele  geheime  Bestrebungen  zu
entdecken  suchen,  die  auf  weltliche  Ziele  und  Parteiwünsche  zurückzuführen
seien.  Er  erkläre  daher,  um  jeder  nichtigen  Erwartung  vorzubeugen,  daß
er  gegenüber  der  menschlichen  Gesellschaft  nur  der  Diener  Gottes  sein  wolle
und  sein  werde,  denn  dessen  Willen  auszuführen,  sei  er  in  sein  hohes  Amt
eingesetzt  worden.  Die  Enzyklika  appelliert  sodann  an  die  Mitarbeit  der
Bischöfe  und  beklagt,  daß  gegenwärtig  überall  gegen  Gott  angekämpft
werde.  Die  Gesellschaft  müsse  an  die  Kirchenzucht  erinnert  und  die  Christen
müssen  belehrt  werden.  Man  müsse  der  Erziehung  der  Jugend,  besonders
der  für  den  geistlichen  Beruf  bestimmten,  spezielle  Sorgfalt  zuwenden.  Er
wünsche,  daß  in  den  Städten  und  auf  dem  Lande  immer  mehr  katholische
Vereine  erstehen  und  Vorbilder  christlichen  Lebens  werden  möchten.  Die
Werke  der  Nächstenliebe  müßten  ohne  Rücksscht  auf  die  Person  und  ohne
Hinblick  auf  irdische  Vorteile  ausgeübt  werden.  Wenn  alles  auf  Christus
zurückgelenkt  werde,  würden  die  Vornehmen  und  Reichen  gerecht  und  liebreich
  gegen  die  Niederen  sein  und  diese  wieder  würden  mit  Ruhe  und
Geduld  auch  die  größten  Nöte  ertragen.  Die  Bürger  werden  dann  sich
der  Willkür  enthalten,  aber  den  Gesetzen  gehorchen  und  Achtung  und  Liebe
gegenüber  den  Obrigkeiten  als  ihre  Pflicht  betrachten.  Dann  werde  es
schließlich  auch  offenkundig  werden,  daß  die  von  Christus  eingesetzte  Kirche
die  völlige  Unabhängigkeit  von  jeder  äußeren  Herrschaft  genießen  müsse.
Indem  diese  Freiheit  gefordert  werde,  würden  nicht  nur  die  heiligen  Rechte
der  Religion  gewahrt,  sondern  es  werde  dann  auch  für  das  allgemeine  Wohl
und  die  Sicherheit  der  Völker  gesorgt.

19.  Oktober.  Der  Papst  ernennt  den  Msgr.  Merry  del  Val,
den  Sekretär  des  Konklave,  zum  Staatssekretär.

Anfang  November.  Nach  einem  Bericht  des  französischen
Schriftstellers  Des  Houx  im  „Matin"  (9.  November)  hat  der  Papst
in  einer  Unterredung  mit  ihm  die  Lage  der  deutschen  und  französischen
  Katholiken  verglichen:

In  Frankreich  hat  man  eine  Politik  eingeleitet,  die  ich  als  eine
gottesmörderische  bezeichnen  möchte,  denn  indem  man  die  Gläubigen  bedrängt,
  zielt  man  auf  Christus  ab,  dessen  Demütigung  man  nun  an  der

Kirche  erneuerte.  Die  Gläubigen  müssen  sich  deshalb  in  vollster  Eintracht
in  Christus  zusammenscharen;  durch  den  geringsten  Zwischenfall  geben  sie
        <pb n="321" />
        Vie  Römische  Hurie.  (November  9.  Dezember  18.)  313

den  gottlosen  Gegnern  eine  Angriffsfläche.  Die  Kirche  gehört  keiner  Partei
an.  Gibt  es  nicht  Republiken,  wo  die  Katholiken  das  vollste  Maß  ihrer
Freiheit  und  Rechte  genießen?  Der  Kardinalerzbischof  von  Baltimore
hat  mir  einmal  erzählt,  mit  welcher  Zuvorkommenheit  er  vom  Präsidenten
Roosevelt  aufgenommen  wurde,  obgleich  dieser  Protestant  ist.  Müssen  die
französischen  Katholiken  nicht  das  Los  beneiden,  das  die  Katholiken  im
protsstantischen  England  gefunden  haben?  Müssen  sie  nicht  die  Stellung
beneiden,  die  die  deutschen  Katholiken  unter  der  Herrschaft  des  protestantischen
  deutschen  Kaisers  errungen  haben?

9.  November.  Papst  Pius  X.  hält  sein  erstes  Konfistorium
ab  und  hält  eine  Ansprache  über  Glauben  und  Wissen:

Sein  Wahlspruch  sei:  Instaurare  omnia  in  Christo,  in  Christus,  der
die  Wahrheit  ist,  weshalb  ihm  selber  vor  allem  die  Verkündigung  und
Lehre  der  Wahrheit  obliege.  Die  Wahrheit  suchten  die  einen  eifrig  aus
Naturtrieb,  andere  haßten  ihre  Verkündigung,  weil  sie  ihre  Irrtümer  und
Leidenschaften  enthülle.  Insbesondere  werde  die  katholische  Wahrheit  gehaßt
  und  verleumdet,  als  wenn  sie  der  Freiheit  und  der  Wissenschaft,  dem
Fortschritt  des  Menschengeistes  zuwider  wäre.  Die  Kirche  sei  eine  Gegnerin
  der  Zügellosigkeit  im  Denken  und  Handeln,  dieser  verderbten  Freiheit,
  der  nichts  heilig  sei;  die  wahre  und  echte  Freiheit  werde  von  der
Kirche  aber  nicht  nur  nicht  beschränkt,  sondern  im  Gegenteil  sogar  eifrig
gefördert.  Auch  könne  es  keinen  Streit  zwischen  Glauben  und  Wissenschaft
geben,  der  Glaube  fördere  vielmehr  das  Wissen.  Warum  sollte  der  Papst,
der  Hüter  der  katholischen  Wahrheit,  nicht  die  Erfindung  großer  Geister,
die  wissenschaftlichen  Entdeckungen,  die  Erweiterungen  der  Wissensgebiete,
die  doch  alle  zur  Hebung  des  menschlichen  Lebens  dienen,  nicht  begrüßen?
Doch  müsse  er  die  Ueberschreitungen  des  ewigen  göttlichen  Gesetzes  durch
die  neuere  Philosophie  treu  dem  apostolischen  Amte  zurückweisen;  das  sei
keine  Hemmung  des  Fortschrittes  der  Menschheit,  sondern  ihre  Rettung.
Freilich  werde  er  selbst  so  wenig  wie  seine  Vorfahren,  erreichen  können,
daß  die  Wahrheit  die  weitverbreiteten  Irrtümer  und  alle  Ungerechtigkeit
besiege,  aber  er  werde  alles  für  diesen  Sieg  tun.  In  diese  Ausführungen
religiöser  Art  sind  einige  Wendungen  politischer  Färbung  eingestreut:  „Da
es  aber  nötig  ist  und  auch  der  christliche  Staat  das  größte  Interesse  daran
hat,  daß  der  Papst  in  der  Leitung  der  Kirche  frei  sei  und  als  frei  erkannt
werde  und  keiner  Macht  untertan  sei,  so  zwingt  Uns  die  gewissenhafte
Auffassung  Unseres  Amtes  und  der  von  Uns  geleistete  Eid,  das  in  diesem
Punkte  der  Kirche  zugefügte  schwere  Unrecht  zu  beklagen.  .“  „Man  muß
sich  darüber  verwundern,  daß  es  Leute  gibt,  die  in  ihrer  Neugierde  sich
mit  Vermutungen  abquälen  über  Unser  Regierungsprogramm.  Als  ob  das
einer  Untersuchung  bedürfte,  oder  als  ob  es  nicht  ganz  offenkundig  sei,
daß  Wir  denselben  Weg  gehen  wollen  und  müssen,  den  Unsere  Vorgänger
bis  heute  eingehalten  haben  ...“  „Wenn  man  Anstoß  drran  nimmt,  daß
Wir  Uns  um  Politik  kümmern,  so  muß  doch  jeder  billig  Denkende  einsehen,
  daß  der  Papst  von  seiner  lehramtlichen  Tätigkeit  auf  Glaubens=  und
Sittengebiet  Fragen  politischer  Art  nicht  trennen  kann.  Ueberdies  muß  er
als  Oberhaupt  und  Lenker  einer  vollkommenen,  aus  Menschen  sich  zusammensetzenden
  und  unter  Menschen  bestehenden  Gesellschaft,  wie  es  die  Kirche
ist,  doch  zweifellos  den  Wunsch  haben,  daß  zwischen  ihm  und  den  Staatsoberhäuptern
  und  Staatslenkern  Beziehungen  bestehen,  wenn  er  für  die
Sicherheit  und  Freiheit  der  Katholiken  in  allen  Weltteilen  gesorgt  wissen
will.“  (Köln.  Volksztg.)

18.  Dezember.  Kundgebung  des  Papstes  über  Meinungs-
        <pb n="322" />
        314  MBie  Kömische  Karie.  (Dezember  18.)

verschiedenheiten  unter  den  Katholiken  und  die  Beteiligung  an
italienischen  Wahlen.

Der  Osservatore  Romano  veröffentlicht  ein  Motuproprio  des  Papstes
über  das  christliche  Wirken  zum  Besten  des  Volkes  und  namentlich  Italiens.
Der  Papst  beklagt  darin  die  unter  den  leitenden  katholischen  Kreisen  ausgebrochenen
  Meinungsverschiedenheiten  und  ermahnt,  dieselben  in  Eintracht
zu  schlichten.  Er  stellt  Grundsätze  auf,  von  denen  das  Wirken  der  katholischen
  Kirche  in  der  erwähnten  Richtung  auszugehen  habe.  Er  bestätigt
in  vollem  Umfange  die  Bestimmungen  der  von  seinem  Vorgänger  hierüber
erlassenen  Enzykliken  und  betont  namentlich,  daß  die  christliche  Demokratie
sich  auf  die  Prinzipien  des  Glaubens  und  der  katholischen  Moral  stützen
müsse,  ohne  irgendwie  das  unerschütterliche  Recht  des  Privateigentums  zu
verletzen.  Schließlich  befiehlt  der  Papst,  daß  das  Montuproprio  am  Sitze
der  katholischen  Gesellschaften  und  Vereine  angeschlagen  und  von  den  katholischen
  Zeitungen  veröffentlicht  werden  soll,  welche  zu  erklären  haben,
daß  sie  demselben  gehorsam  sein  wollen;  andernfalls  würden  sie  verboten.
Die  christliche  Demokratie  darf  sich  weder  in  die  Politik  mischen,  noch  politische
  Zwecke  verfolgen.  Die  christliche  Demokratie  Italiens  soll  an  keiner
politischen  Aktion  teilnehmen,  die  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen
jedem  Katholiken  verboten  ist.  Christliche  Demokratie  und  katholische  Presse
müssen  den  Bischöfen  gehorchen  und  auf  ihren  Rat  hören.
        <pb n="323" />
        IX.
Schweiz.

Ende  Januar.  Gesetzentwurf  über  Einfuhr  von  Brieftauben.

Der  Bundesrat  unterbreitet  der  Bundesversammlung  einen  Gesetzentwurf,
  wonach  die  Einfuhr  lebender  Brieftauben  in  die  Schweiz  von  der
Bewilligung  der  Militärbehörde  abhängig  gemacht  und  die  Trainierung
von  Brieftauben  zum  Fluge  aus  der  Schweiz  nach  dem  Auslande  oder
umgekehrt  verboten  wird.  Der  Gesetzentwurf  ist  dadurch  veranlaßt  worden,
daß  wiederholt  versucht  worden  war,  ausländische  Brieftauben  nach  der
Schweiz  einzuführen  und  für  den  Flug  nach  dem  Auslande  abzurichten.

15.  März.  Volksabstimmung  über  den  neuen  Zolltarif.
(Vgl.  1902  S.  268,  269.)

Bei  der  Volksabstimmung  über  den  neuen  Zolltarif,  welcher  die
Grundlage  für  die  künftigen  Handelsvertragsverhandlungen  bilden  soll,
werden  329000  Stimmen  für  und  223.000  Stimmen  gegen  den  Tarif
abgegeben.  Die  Opposition  besteht  hauptsächlich  aus  industriellen  Kreisen,
namentlich  der  Arbeiterschaft,  die  eine  Verteuerung  der  Lebensmittel  befürchtet.
  Die  Uhrmacherkantone  Neuenburg  und  Genf  verwerfen  den  Tarif
mit  Neunzehntelmehrheit.

Mitte  März.  (Bern.)  Die  Bundesversammlung  über  die

Nationalratswahlen.

Die  Bundesversammlung  beschließt  in  beiden  Räten  mit  großer
Mehrheit,  bei  dem  Schweizer  Volk  die  Ablehnung  der  Volksinitiative  zu
beantragen,  gemäß  der  die  künftige  Vertretung  im  Nationalrat  nicht  mehr
auf  der  Grundlage  der  Gesamtbevölkerung  (ein  Mitglied  auf  je  20000
Seelen),  sondern  nur  auf  derjenigen  Bevölkerung  der  Schweizer  Bürger
erfolgen  soll.  Die  Annahme  dieser  Initiative  hätte  eine  Verminderung
des  Nationalrates  um  20  Mitglieder  auf  Kosten  der  Verkehrszentren
zur  Folge.

24.  März.  Der  Ständerat  genehmigt  einstimmig  den  vom
Bundesrat  mit  einem  schweizerisch-französischen  Bankkonsortium  abgeschlossenen
  Vertrag  über  die  Aufnahme  einer  dreiprozentigen  Anleihe
  von  70  Mill.  Fr.  zur  Umwandlung  der  älteren  Anleihen  und

zur  Beschaffung  der  Mittel  für  die  Neubewaffnung  der  Artillerie.
        <pb n="324" />
        316  Schweiz.  (Juni  23.—Dez.  18.)  —  Felzien.  (Jan.  23.  Febr.  Anf.)

23.  Juni.  Der  Ständerat  genehmigt  die  vom  Nationalrat
angenommene  Vorlage  über  Neubewaffnung  der  Artillerie  mit
Kruppschen  7,5  Zentimeter-Rohrrücklaufgeschützen  mit  27  gegen
11  Stimmen.

23./24.  August.  (Basel.)  Auf  dem  Zionistenkongreß  teilt
Dr.  Herzl  mit,  daß  die  englische  Regierung  ein  Gebiet  in  Ostafrika
für  jüdische  Einwanderung  angeboten  habe.  Ferner  teilt  er  einen
Brief  des  russischen  Ministers  des  Innern  mit,  der  jüdische  Ansiedlungen
  in  Palästina  zu  begünstigen  verspricht.

17.  September.  Die  Schweiz  kündigt  den  Handelsvertrag  mit
Italien.

26.  September.  (Basel.)  Der  von  36  Städten  beschickte
Schweizer  Städtetag  verlangt  Aufstellung  von  Grundlagen  für
städtische  Baugesetze  und  öffentliche  Regelung  des  Arbeitsnachweises.

6.  Oktober.  (Olten.)  Der  sozialdemokratische  Parteitag  beschließt
  vermehrte  Agitation  gegen  den  Militarismus.  Das  Militärbudget
  soll  20  Millionen  nicht  übersteigen.

25.  Oktober.  Volksabstimmungen.

Ueber  folgende  Vorlagen  wird  abgestimmt:  1.  die  Aenderung  der
Gahlordnung  für  den  Nationalrat;  2.  neue  Verordnungen  betreffend  den
Verkauf  alkoholhaltiger  Getränke;  3.  die  Einfügung  eines  neuen  Artikels  48b
in  das  Strafgesetz,  wonach  die  Personen  einer  Strafe  unterworfen  werden
sollen,  die  Soldaten  zur  Pflichtverletzung  anreizen.  Alle  drei  Vorlagen
werden  mit  starken  Mehrheiten  abgelehnt.

16.  Dezember.  Der  Nationalrat  genehmigt  den  vom  Ständerat
  am  10.  beschlossenen  Simplonvertrag  mit  Italien  mit  98  gegen
35  Stimmen.  Der  Vertrag  ist  damit  auch  von  seiten  der  Schweiz
vollzogen.

18.  Dezember.  Der  Nationalrat  genehmigt  mit  101  gegen
6  Stimmen  den  Vertrag  über  den  Rückkauf  der  Jura-Simplonbahn
  durch  den  Bund.

 

X.
Belgien.

23.  Januar.  Der  Senat  genehmigt  gegen  eine  Stimme  den
Gesetzentwurf  zur  Bekämpfung  der  öffentlichen  Unsittlichkeit.

Anfang  Februar.  Belgien  erhält  eine  Landkonzession  im
Norden  von  Tientsin  auf  dem  rechten  Ufer  des  Peiho.
        <pb n="325" />
        Belgien.  (Februar  10.  —Juli  8.)  317

10.  Februar.  (Brüssel.)  Das  Schwurgericht  verurteilt  den
Anarchisten  Rubino,  der  am  15.  Februar  1902  das  Attentat  gegen
den  König  unternommen  hatte,  zu  lebenslänglichem  Zuchthaus.

15.  Februnr.  Die  Kammer  genehmigt  mit  83  gegen
24  Stimmen  einen  Gesetzentwurf  über  Erhöhung  der  Abgaben  auf

alkoholartige  Getränke  und  über  die  Aufhebung  des  Kaffeezolles.

Der  Zoll  auf  Branntwein  wird  bis  zu  50  Prozent  des  Gay-Lussacschen
  Alkoholometers  bei  15  Grad  Temperatur  Celsius  auf  175  Francs
erhöht;  bei  mehr  als  50  Prozent  Alkohol  für  jeden  Grad  darüber  hinaus
3,50  Fr.  mehr.  Dieses  für  Verpackung  in  Gebinden.  Bei  Flaschenfüllung
wird  ohne  Rücksicht  auf  den  Alkoholgehalt  ein  einheitlicher  neuer  Zoll  von
350  Fr.  für  100  Liter  festgesetzt.  Letzter  Satz  gilt  unterschiedslos  für  alle
Liköre.  Andere  alkoholische  Getränke  werden  besteuert,  wenn  sie  bis  20  Proz.
Alkohol  enthalten  mit  70  Fr.,  wenn  sie  von  20  bis  50  Proz.  enthalten  mit
175  Fr.,  wenn  mehr  als  50  Proz.  mit  350  Fr.  die  100  Liter.  Der  Antrag
  wird  am  12.  Februar  ohne  vorherige  Mitteilung  unerwartet  von  der
Regierung  eingebracht,  die  Rechte  beschließt  auf  Verlangen  der  Regierung
sofortige  Beratung,  die  Linke  bekämpft  ihn  durch  Obstruktion.  Daher  dauert
die  Sitzung  vom  12.  Februar  mit  einigen  Pausen  bis  zum  15.  Februar
morgens.

17.  Februar.  Der  Senat  genehmigt  das  Alkoholgesetz  gegen
die  Stimmen  der  Linken.

Anfang  Mai.  (Antwerpen.)  Ein  flämischer  Kongreß  fordert
  die  Regierung  auf,  den  freien  (unter  bischöflicher  Leitung
stehenden)  Schulen  die  Staatssubvention  zu  entziehen,  falls  sie  die
flämische  Sprache  im  Unterricht  nicht  berücksichtigen.

Juni.  Der  Kongostaat  und  England.

Das  amtliche  Organ  des  Kongostaats  protestiert  gegen  die  Angriffe
im  englischen  Parlament  (S.  251):  Grausamkeiten  gegen  die  Neger  seien
wie  in  anderen  Kolonien  unvermeidlich,  und  die  Schuldigen  würden  streng
bestraft;  es  sei  verwunderlich,  daß  England  sich  erst  jetzt  über  die  Monopole
  beschwere,  obwohl  sie  schon  seit  10  Jahren  beständen  (1.  Juni).

Am  29.  Juni  überreicht  England  eine  amtliche  Note,  die  gegen  die
Grausamkeiten  und  die  Handelsmonopole  protestiert.

1./8.  Juli.  (Kammer.)  Debatte  über  den  Kongostaat.

Abg.  Lorand  kritisiert  die  Verwaltung  des  Kongostaats  scharf  wegen
der  Mißhandlung  der  Eingeborenen.  Min.  des  Ausw.  Favereau:  Die
Regierung  verfolge  streng  alle  Akte  von  Grausamkeit.  Das  System  der
Naturalienabgaben  sei  für  die  Eingeborenen  sehr  vorteilhaft.  Zahlreiche
Persönlichkeiten  aus  England  und  Amerika  hätten  die  hervorragende  Organisation
  des  Kongostaates  und  die  menschliche  Behandlung  der  Schwarzen
anerkannt.  Das  Ausland  werde  einst  das  dort  vollbrachte,  bewundernswerte
  Werk  der  Zivilisation  preisen.  Minister  Woeste  hebt  die  Freveltaten
  und  blutigen  Ereignisse  hervor,  die  in  dem  zivilisierten  Europa  vorkämen.
  Wie  könne  man  solche  in  einem  Staate  verhindern,  der  S2mal
größer  sei  als  Belgien?  „Wir  suchen  ihnen  Einhalt  zu  tun.  Wir  verlangen,
  daß  England  seinem  Verleumdungsfeldzuge  ein  Ende  macht.“  —
Abg.  Jansen:  de  Untersuchung  würde  ergeben,  daß  in  dem  Kongostaate
        <pb n="326" />
        318  Helsien.  (Juli  21.—  September  17.)

nicht  mehr  Mißbräuche  vorkämen,  als  in  anderen  Kolonien  auch.  Er  könne
weder  billigen,  daß  gegen  den  Kongostaat  ein  besonderer  Verdacht  erhoben
werde,  noch  sich  einer  Campagne  anschließen,  deren  Ziel  sei:  Otez  vous
de  là,  que  je  m'y  mette!  Der  Grundsatz  der  Inbesitznahme  herrenlosen
Landes  sei  völkerrechtlich  anerkannt  worden.  Die  Berliner  Kongoakte  halte
er  nicht  für  verletzt.  Es  sei  nicht  zu  bestreiten,  daß  die  Regierung  Maßnahmen
  zur  Abstellung  der  Mißbräuche  ergriffen  habe.  Sie  habe  aber
durch  die  Besteuerung  der  Eingeborenen  ihnen  Frondienste  auferlegt.
Daraufhin  lege  er  Verwahrung  gegen  den  herrschenden  Geist  der  Gewinnsucht
  ein.  Anscheinend  habe  der  König  den  edlen  Gedanken,  der  ihm  am
Beginn  der  Entwicklung  vorgewaltet  habe,  aus  seinem  Sinne  verloren.
Er  sei  ein  Handel  treibender  König  geworden.

Am  8.  Juli  beschließt  die  Kammer  mit  91  gegen  35  Stimmen  folgende
  Tagesordnung:  Die  Kammer,  in  Uebereinstimmung  mit  der  Regierung
  und  im  Vertrauen  auf  die  moralische  und  stetige  Entwicklung  des
Kongostgates  unter  der  Aegide  des  Königs  Leopold,  geht  zur  Tagesordnung
  über.

21.  Juli.  (Brüssel.)  General  Brialmont,  bekannt  als
Leiter  der  Befestigung  Antwerpens  und  Militärschriftsteller,  81  Jahre
—

2.  September.  (Brüssel.)  Internationaler  Kongreß  für
Volkshygiene,  an  dem  etwa  500  Delegierte  teilnehmen.

17.  September.  Die  Regierung  des  Kongostaates  veröffentlicht
  eine  Antwort  auf  die  englischen  Beschuldigungen.  Die  Note
schließt:

Wenn  der  Kongostaat  jetzt  von  englischer  Seite  angegriffen  wird,
so  wolle  England  sich  erinnern,  daß  es  selbst  mehr  als  irgend  eine  andere
Nation  der  Gegenstand  von  Angriffen  und  Beschuldigungen  dieser  Art  gewesen
  ist,  und  daß  die  Liste  der  Anklagen,  die  zu  verschiedenen  Zeiten  und
noch  ganz  vor  kurzem  gegen  die  englische  Kolonialverwaltung  gerichtet
wurden,  eine  sehr  lange  sein  würde.  England  ist  jedenfalls  nicht  der  Kritik
entgangen,  die  es  sich  durch  seine  zahlreichen  und  blutigen  Kriege  gegen
eingeborene  Völkerschaften  zuzog,  und  auch  nicht  dem  Vorwurfe,  daß  es
gegen  die  Eingeborenen  Gewalt  anwendete  und  ihre  Freiheit  beeinträchtigte.
Ist  nicht  die  Schuld  an  den  lange  andauernden  Aufständen  in  Sierra  Leone
England  zugeschrieben  worden?  Hat  man  ihm  nicht  die  feindselige  Stimmung
  in  Nigeria  zum  Vorwurf  gemacht,  wo  noch  ganz  vor  kurzem  nach
den  Mitteilungen  englischer  Blätter  die  militärische  Unterdrückung  eines
einzigen  Falles  das  Leben  von  700  Eingeborenen,  der  meisten  Häuptlinge
und  des  Sultans  kostete?  Mißt  man  nicht  ihm  die  Schuld  bei  für  den
Kampf  der  im  Somaliland  mit  dem  Aufwand  vieler  Menschenleben  geführt
  wird,  ohne  daß  jemals  darüber  im  Unterhause  ein  anderer  Ausdruck
des  Bedauerns  laut  geworden  wäre  als  der,  daß  die  Kosten  zu  groß  sind?
Da  alle  diese  Angriffe  England  selbst  kalt  ließen,  muß  man  sich  darüber
wundern,  daß  es  den  Angriffen  gegen  den  Kongostaat  eine  so  ganz  andere
Bedeutung  beimißt.  Man  kann  immerhin  annehmen,  daß  die  Eingeborenen
des  Kongostaates  auch  weiterhin  die  Leitung  ihrer  Geschicke  durch  eine
Nation,  deren  Ziele  nach  wie  vor  friedliche  bleiben,  wie  ja  einst  auch  die
Gründung  des  Staates  selbst  auf  Grund  friedlicher  Verträge  mit  den  Eingeborenen
  erfolgte."“
        <pb n="327" />
        elsien.  (Okt.  18.  Dez.  21.)  —  Niederlande.  (Jan.  7.—Febr.  26.)  319

18.  Oktober.  Bei  den  Gemeinderatswahlen  behaupten  die
Liberalen  und  Klerikalen  im  allgemeinen  ihre  Mandate,  die  Sozialdemokraten
  verlieren  mehrere  Sitze  in  den  Industriezentren.

21.  Dezember.  Der  Senat  genehmigt  das  von  der  Kammer
beschlossene  Arbeiterunfallgesetz.

XI.
Niederlande.

7.  Januar.  Äußerung  der  Regierung  über  die  Brüsseler
Zuckerkonvention.

In  schriftlicher  Beantwortung  mehrerer  Bemerkungen  der  ersten
Kammer  zur  Brüsseler  Zuckerkonvention  erklärt  die  Regierung,  die  Differenzpunkte
  seien  für  die  Niederlande  nicht  bedeutsam  genug,  um  den  ersten
Schritt  zur  Vertagung  des  Inkrafttretens  der  Konvention  zu  tun.  Der
Streitpunkt  bezüglich  der  mit  Selbstverwaltung  ausgestatteten  englischen
Kolonien  könne  nicht  vor  der  Ratifikation  der  Beschlüsse  der  Brüsseler  Konferenz
  geregelt  werden.  Die  niederländische  Regierung  sei  im  Einverständnis
mit  der  deutschen  und  der  österreichischen  Regierung  und  mit  einigen  Mitliedern
  des  englischen  Parlaments  der  Ansicht,  daß  England  sich  nicht  der
Verpflichtung  entziehen  könne,  von  seinen  Prämien  zahlenden  Kolonien
einen  Ausgleichzoll  zu  erheben;  aber  das  Interesse  der  Niederlande  sei
hierbei  so  gering,  daß  diese  nicht  die  Initiative  ergreifen  könnten,  um  vielleicht
  im  letzten  Augenblick  die  unter  so  großen  Schwierigkeiten  zustande
gekommene  Konvention  zum  Scheitern  zu  bringen.  Die  Rblscht  der  Regierung,
  eine  gesetzliche  Möglichkeit  zur  Einführung  einer  Zuschlagsteuer  je
nach  den  Umständen  zu  fordern,  schließe  durchaus  nicht  die  Absicht  zu  einer
direkten  Einführung  einer  solchen  Zuschlagsteuer  in  sich.  Die  Regierung
wolle  nur  eine  Waffe  haben,  um  gegebenenfalls  der  Industrie  helfen
zu  können!  —  Am  9.  Januar  genehmigt  die  Erste  Kammer  die  Konvention
einstimmig.

Ende  Januar.  Eisenbahnerstreik.

Die  organisierten  Amsterdamer  Hafenarbeiter  weigern  sich  Güter,
die  von  nichtorganisierten  Arbeitern  gelöscht  worden  sind,  zu  befördern,  die
Eisenbahnarbeiter  schließen  sich  dem  Ausstand  an.  Der  Gütertransport
wird  vom  29.  Januar  bis  1.  Februar  eingestellt,  auch  in  Rotterdam  treten
die  Eisenbahner  in  Ausstand.  Die  Arbeiter  dringen  mit  ihren  Forderungen
durch.  Am  1.  Februar  ist  der  Streik  beendet.

24./26.  Februar.  (Zweite  Kammer.)  Ausstandsvorlagen.

Premierminister  Kuyper  bringt  drei  mit  dem  letzten  Ausstand  der
Eisenbahn-Angestellten  im  Zusammenhang  stehende  Gesetzentwürfe  ein  und
betont  dabei  die  Notwendigkeit,  einem  unvernünftigen  Angriffe  auf  die
Gesellschaft,  der  die  Wohlfahrt  des  Volkes  dem  Verlangen  einer  gewissen
Klasse  nach  Einfluß  und  der  politischen  Tyrannei  opfern  würde,  Wider-
        <pb n="328" />
        320  Niederlande.  (März  8.—April  9.)

ti

stand  entgegenzusetzen.  Die  Regierung  schlage  deshalb  die  Bildung  einer
Eisenbahn--Brigade  vor,  um  im  Notfalle  den  Eisenbahndienst  des  Landes
zu  sichern.  Ferner  sollen  die  berechtigten  Forderungen  des  Eisenbahnpersonals
  befriedigt  werden.  Endlich  soll  eine  königliche  Kommission  beauftragt
  werden,  die  rechtliche  Lage  des  Eisenbahnpersonals  und  die  Dienstbedingungen
  für  dasselbe  zu  regeln  und  festzusetzen,  welche  Handlungen  des
Personals  strafrechtlich  zu  verfolgen  sind.  Der  Premierminister  fügt  hinzu,
die  Regierung  verfolge  keinerlei  reaktionäre  Zwecke,  sondern  wünsche  soziale
Reformen.

Am  26.  Februar  verweist  die  Kammer  die  Vorlage  an  eine  Kommission.


8.  März.  Zahlreiche  Arbeiterversammlungen  protestieren  gegen
die  Vorlagen  gegen  das  Streikrecht  der  Arbeiter.

18.  März.  (Haag.)  Eine  königl.  Ordre  bestimmt,  daß  die
Miliz  der  Jahresklasse  1902  auf  unbegrenzte  Zeit  bei  der  Fahne
behalten  wird.

28.  März.  Resultat  der  Kommissionsberatung  der  Streikvorlage.



Die  Regierung  hält  in  der  Hauptsache  ihre  Vorlagen  aufrecht,  insbesondere
  die  Bestimmung,  die  die  plötzliche  und  vorher  verabredete  Arbeitseinstellung
  im  Betriebe  der  Eisenbahnen  und  öffentlichen  Verkehrsanstalten
  für  eine  strafbare  Handlung  erklärt.  Dagegen  willigt  die  Regierung
ein,  das  Strafmaß,  welches  im  Ersefentwurl  bis  auf  sechs  Jahre  Zuchthaus
  geht,  in  eine  kürzere  Gefängnisstrafe  zu  verwandeln  und  das  Delikt
als  ein  politisches  zu  erklären,  d.  h.  als  ein  solches,  welches  nicht  den  Verlust
  der  politischen  Rechte  nach  sich  zieht.  Gleichzeitig  wird  ein  Arbeiterschiedsgericht
  zur  Schlichtung  der  Streitigkeiten  zwischen  Arbeitgebern  und
Arbeitnehmern  eingesetzt.

2.  April.  In  der  Zweiten  Kammer  sprechen  sich  die  liberalen
  und  konservativen  Redner  im  allgemeinen  für  die  Ausstandsvorlage
  aus,  die  Sozialdemokraten  bekämpfen  sie  scharf.

2.  April.  (Amsterdam.)  Die  Eisenbahnangestellten  erklären
in  den  Ausstand  treten  zu  wollen,  wenn  ihre  Führer  es  für  nötig
halten,  um  die  Durchführung  der  Streikgesetze  zu  verhindern.

6.  April.  Beginn  des  allgemeinen  Ausstandes.

Das  Schutzkomitee  proklamiert  den  Ausstand  aller  Angestellten  im
Verkehrswesen,  der  der  übrigen  Gewerbe  soll  sich  anschließen.  —  Die  Regierung
  läßt  die  Eisenbahnen  militärisch  bewachen:  der  Verkehr  wird  in
wenig  beschränktem  Umfange  aufrecht  erhalten.  Den  Angestellten  wird
mit  Entlassung  gedroht,  wenn  sie  den  Dienst  binnen  24  Stunden  nicht
wieder  aufnehmen.

9.  April.  (Zweite  Kammer.)  Annahme  der  Streikvorlage.

Abg.  Troelstra  (Soz.)  führt  aus,  daß  der  Grundsatz  der  Regierung,
  im  öffentlichen  Interesse  den  Ausstand  des  Eisenbahnpersonals  zu
bestrafen,  zur  Folge  habe,  daß  man  den  Ausstand  in  allen  Zweigen  der
Großindustrie  bestrafen  müsse  und  daß  sich  eine  Strafbestimmung  gegen
Ausstände  des  Eisenbahnpersonals  in  keiner  europäischen  Gesetzgebung  finde.
        <pb n="329" />
        Niederlande.  (April  10.—Okt.  1.)  —  hũnenark.  (Jan.  23.  —  April  õ.)  321

Der  Justizminister  erwidert,  daß  mehrere  Länder  in  Europa,  wo  der  Eisenbahnbetrieb
  staatlich  ist,  einen  Ausstand  der  Eisenbahnarbeiter  als  eine
Pflichtverletzung  bestrafen.  Da  eine  Bestrafung  das  letzte  Mittel  sei,  zu
dem  man  greife,  so  bestehe  kein  Anlaß,  die  Ausständigen  der  anderen  Industriezweige
  ohne  Notwendigkeit  zu  bestrafen.  —  Die  Vorlage  wird
mit  81  gegen  14  Stimmen  (CLozialisten  und  demokratische  Liberale)  angenommen.


10.  April.  Das  Schutzkomitee  proklamiert  das  Ende  des
Ausstandes.

11.  April.  Die  Erste  Kammer  genehmigt  einstimmig  das
Ausstandsgesetz.  —  Die  Königin  erteilt  die  Sanktion  und  das
Gesetz  tritt  sofort  in  Kraft.

20.  April.  Ein  königl.  Erlaß  bestimmt,  daß  die  militärische
Bewachung  der  Eisenbahnen  allmählich  eingestellt  und  die  eingezogenen
  Milizen  nach  und  nach  entlassen  werden  sollen.

15.  September.  Die  Königin  eröffnet  die  Generalstaaten  und
verspricht  in  der  Thronrede  Förderung  der  Arbeiterbewegung  durch
gesunde  Sozialpolitik.

1.  Oktober.  (Haag.)  Der  internationale  Schiedsgerichtshof
beginnt  die  Beratung  über  den  Venezuelastreit.

 

XII.
Dänemark.

23.  Januar.  (Folkething.)  Der  Finanzminister  legt  einen
Gesetzentwurf  vor.

Der  Gesetzentwurf  betrifft  die  Bildung  einer  Aktiengesellschaft  „St.
Croix-Zuckerfabriken“  mit  einem  Kapital  von  3  Millionen  Kronen,  von
denen  der  Staat  die  Hälfte  übernimmt.  Die  Gesellschaft,  welche  ihren
Hauptsitz  in  Kopenhagen  hat,  hat  ihre  Fabriken  auf  St.  Croix  (Antillen).

13.  Februar.  (Folkething.)  Steuerreformfrage.

Die  Linkenreformpartei  und  die  freikonservative  Partei  vereinbaren,
in  betreff  der  Steuerreformvorlage  die  Hauptstreitpunkte  folgendermaßen
zu  schlichten:  1.  Einführung  einer  Vermögenssteuer  von  0,6  von  Tausend;
2.  Einführung  einer  Immobiliensteuer  von  1,1  von  Tausend;  3.  Aktiengesellschaften
  bezahlen  stets  Einkommensteuer;  4.  der  Staat  zahlt  den  Gemeinden
  aus  dem  Ertrag  der  Staatssteuern  einen  Zuschuß  von  1⅛  Millionen
  Kronen;  5.  Einführung  einer  steigenden  Skala  bei  der  Gemeinde-Einkommensteuer;
  6.  der  Prozentsatz  der  Gemeinde-Einkommensteuer  in
Kopenhagen  bleibt  unverändert.

2./5.  April.  Besuch  des  Deutschen  Kaisers  in  Kopenhagen.
Europäischer  Geschichtskalender.  XIIV  21
        <pb n="330" />
        322  Dãuemark.  (April  2.5.)

Der  König  bringt  auf  einem  Festmahl  folgenden  Trinkspruch  aus:
„Eure  Majestät!  Es  gereicht  mir  zur  ganz  besonderen  Befriedigung  und
Freude,  Eure  kaiserliche  und  königliche  Majestät  willkommen  zu  heißen.
Indem  Eure  Majestät  geruhten,  mir  in  Veranlassung  meines  bevorstehenden
  Geburtstages  Ihren  hochgeschätzten  Besuch  zu  machen,  geben  Eure  Majestät
mir  wiederholt  einen  neuen  Beweis  freundschaftlicher  Gesinnung,  für  den
ich  meinen  herzlichsten  und  wärmsten  Dank  ausspreche.  Möge  der  Besuch
zum  weiteren  Gedeihen  des  herzlichen  Verhältnisses  zwischen  unseren  Häusern
und  den  stammverwandten  Völkern  beitragen.  Ich  trinke  auf  das  Wohl
Eurer  Majestät  und  Ihrer  Majestät  der  Kaiserin,  für  deren  baldige  vollständige
  Genesung  wir  die  aufrichtigsten  Wünsche  hegen.  Es  lebe  der
Kaiser,  die  Kaiserin  und  Allerhöchstderen  Haus.“

Der  Kaiser  erwidert:  „Eure  Majestät  bitte  ich,  meinen  aus  tiefstem
Herzen  entströmenden  Dank  gnädigst  entgegennehmen  zu  wollen.  Ich  danke
Eurer  Moajestät  für  die  gnädige  Erlaubnis,  Ihnen  meinen  Besuch  machen
zu  dürfen.  Ich  danke  aus  aufrichtigstem  und  treuerfülltem  Seemannsherzen
  für  die  hohe  Ehre,  die  Eure  Majestät  mir  erwiesen  durch  meine
Ernennung  zum  Admiral  der  dänischen  Flotte,  der  Flotte,  die  sich  mit
ehernem  Griffel  in  die  Tafel  der  Weltgeschichte  eingeschrieben  hat.  Ich
danke  Eurer  Majestät  für  die  gnädige  Erlaubnis,  daß  Ihr  Ulanen-Regiment
für  alle  Zeiten  Ihren  uns  so  teuren  Namen  führen  darf.  Ich  danke  für
den  gnädigen,  liebenswürdigen,  prächtigen  Empfang  Eurer  Majestät  und
dem  gesamten  Volke.  Ich  der  jüngsten  einer  unter  Europas  Herrschern,
neige  mich  in  Ehrfurcht  vor  unserem  Haupte.  Ich  spreche  aus  ganzem,
tiefstem  und  vollem  Herzen  und  weiß  mich  eins  mit  meinem  gesamten
Volk,  das  stammverwandt  dem  braven  dänischen  ist.  Gott  schütze,  erhalte
und  segne  Eure  Majestät,  zu  dem  wir  aufblicken  als  gnädigen,  sorgenden
und  herzensvollen  Landesvater,  der  ein  Muster  ist  als  Fürst,  ein  Muster
als  Ehemann  und  als  Vater  auf  dem  Thron.  Möge  es  Eurer  Majestät
noch  lange  vergönnt  sein,  im  Kreise  blühender  Kinder  und  heranwachsender
Enkelkinder  für  das  Wohl  Ihres  treuen  Volkes  zu  sorgen.  Möge  noch
recht  lange  König  Christian  vor  seinem  hohen  Maste  stehen,  auf  dem  der
Danebrog  weht,  dessen  Falten  ihn  noch  lange  umrauschen  mögen.  Seine
Majestät  Hurra!"

Die  Presse  beschäftigt  sich  lebhaft  mit  dem  Besuche.  „Politiken“
schreibt:  „Der  Kaiser  ist  Dänemarks  Gast  und  die  Kopenhagener  Bürger
haben  die  größte  Veranlassung,  möglichst  zu  zeigen,  in  wie  hohem  Grade
Dänemark  die  freundschaftlichen  Gefühle,  durch  welche  der  Besuch  hervorgerufen
  wird,  schätzt.  Zweifellos  wird  der  Kaiser  kundgeben,  daß  das  gewaltige
  Reich,  dessen  hochbegabter  Fürst  er  ist,  nur  das  beste  Verhältnis
zu  seinem  nördlichen  Nachbar  wünscht.  Auch  wir  haben  nur  Grund  und
selbstverständlich  höchstes  Interesse  zu  wünschen,  daß  unsere  Stellung  zu
Deutschland  unbedingt  freundschaftlich  sei.  Wir  haben  viel  zu  lernen  und
zu  empfangen  von  Deutschland,  dessen  Kultur  uns  imponiert  und  anzieht,
ohne  daß  wir  unsere  eigene  geistige  wie  materielle  Selbständigkeit  beiseite
zu  setzen  brauchen.  Man  muß  allerseits  wünschen,  daß  Kaiser  Wilhelm
den  besten  Eindruck  von  seinem  hiesigen  Aufenthalte  erhält.  Sein  Kommen
ist  bedeutungsvoll  für  unser  kleines  Land.“

„Sozialdemokraten“:  Als  Haupt  unseres  großen  südlichen  Nachbarstaates
  besucht  der  deutsche  Kaiser  Kopenhagen  und  als  dänische  Staatsbürger
  müssen  wir  ihn  würdigen,  sowie  ihm  einen  nachbarschaftlich  freundlichen
  Empfang  wünschen.  Alle  vernünftigen  Dänen  wünschen  nur  das
beste  nachbarschaftliche  Verhältnis  zwischen  Dänemark  und  Deutschland.
Wir  sehen  nur  eine  Gefahr  in  der  auswärtigen  Politik  für  unser  Land,
        <pb n="331" />
        Dãnemark.  (April  6.  —Oktober  6.)  323

nämlich  in  den  Verdacht  zu  geraten,  daß  wir  Deutschland  feindliche  Gefühle
  und  Pläne  hegen.  Kaiser  Wilhelm  vertritt  die  deutsche  Nation,  vor
deren  Tüchtigkeit,  Fleiß  und  Wissenschaftlichkeit  wir  die  tiefste  Achtung
haben.  Und  wie  gern  wir  in  guter  Nachbarschaft  zu  leben  wünschen  als
kluge  und  friedliebende  Dänen,  wünschen  wir,  daß  das  Staatshaupt  des
Deutschen  Reiches  eine  schöne,  freundliche  Aufnahmen  in  den  Tagen,  wo
er  Gast  unseres  Landes  und  unserer  Hauptstadt  ist,  finden  möge."

6.  April.  Das  Landsthing  genehmigt  mit  33  gegen
2  Stimmen  die  Einführung  der  Einkommens=  und  Vermögenssteuer.
22  Abgeordnete  der  Rechten  enthalten  sich  der  Stimmabgabe.

Anfang  Mai.  Die  Sozialdemokraten  treten  von  dem  Wahlbündnis
  mit  der  radikalen  Linken  zurück.

6.  Mai.  Abschluß  der  Steuerreform.

Das  Folkething  genehmigt  definitiv  mit  87  gegen  15  Stimmen  die
Regierungsvorlage  betreffend  die  Aufhebung  der  bisherigen  Grundsteuern
(„Hartkornsteuern“)  und  betreffend  die  Einführung  einer  einheitlichen  Eigentumssteuer
  nach  dem  Werte  des  Eigentums,  sowie  Einführung  einer  Einkommen=
  und  Vermögenssteuer  und  Reform  des  kommunalen  Steuerwesens.
  —  Am  13.  Mai  stimmt  das  Landsthing  zu.

17.  Juni.  Folkethingswahlen.

Es  werden  gewählt  74  von  der  linken  Reformpartei,  16  Sozialdemokraten,
  12  Mitglieder  der  Rechten  und  Freikonservativen  und  11  von
der  gemäßigten  Linken.  Die  linke  Reformpartei  gewann  5  und  verlor

9  Sitze,  die  Sozialdemokraten  gewannen  3  und  verloren  1,  die  Rechte
verlor  2  und  gewann  6,  die  gemäßigte  Linke  verlor  4  und  gewann  2.

31.  Juli.  (Island.)  Das  Althing  genehmigt  die  von  der
dänischen  Regierung  entworfene  neue  Verfassung.

10.  September.  Bericht  der  zur  Regelung  der  westindischen
Verhältnisse  eingesetzten  Kommission.

Darin  wird  die  Sonderung  der  Staats=  und  der  kolonialen  Angelegenheiten
  vorgeschlagen.  Zur  Leitung  der  kolonialen  Angelegenheiten  für
alle  Inseln  wird  ein  aus  16  Mitgliedern  bestehender  Kolonialrat  mit  dem
Gouverneur  als  Vorsitzender  errichtet.  Der  in  St.  Thomas  geltende  Zolltarif
  wird  bis  zur  Höhe  des  in  Croix  geltenden  erhöht.  Der  Spirituszoll
  wird  bedeutend  erhöht,  dagegen  der  Ausfuhrzoll  für  Zucker,  Rum  und
Melasse  abgeschafft.  Der  Staat  übernimmt  die  Ausgaben  für  das  Gouvernement,
  Gerichtswesen,  sowie  für  das  Militär-,  Steuer-,  Post=  und  Telegraphenwesen.
  Das  vorhandene  Militär  soll  durch  ein  Gendarmeriekorps
ersetzt  werden,  welches  gleichzeitig  die  Polizeidienste  versehen  und  etwa
hundert  Mann  zählen  soll.  Ferner  wird  eine  Verbesserung  der  Hafenverhältnisse
  von  St.  Thomas,  die  Einführung  des  Kronenmünzsystems  und
für  das  Mutterland  Zollermäßigungen  für  Zucker  und  Rum  in  Vorschlag
gebracht.

6.  Oktober.  (Folkething.)  Budget.

An  Stelle  eines  im  Voranschlag  vorgesehenen  Fehlbetrags  von
18  Millionen  Kronen  schließt  der  Rechenschaftsabschluß  nur  mit  einem  Fehlbetrag
  von  1,8  Millionen  ab;  es  ist  also  eine  Verbesserung  von  16,2  Millionen
  Kronen  gegenüber  dem  Voranschlag  eingetreten.  Die  Einnahmen

21“
        <pb n="332" />
        324  Nnemark.  (Dez.  9.)  —  Schweden  u.  Norwezen.  (Jan.  17.—März  21.)

haben  im  ganzen  75,7  Millionen  Kronen  gegen  68,7  Millionen  Kronen  im
Voranschlag  betragen,  sind  also  um  7  Millionen  Kronen  größer  als  veranschlagt.
  Die  Ausgaben,  die  im  ganzen  mit  86,8  Millionen  Kronen  angesetzt
  waren,  haben  nur  77,6  Millionen  Kronen  betragen,  sind  also
um  9,2  Millionen  Kronen  geringer  als  angenommen.

9.  Dezember.  Das  Folkething  genehmigt  mit  70  gegen
1  Stimme  den  Gesetzentwurf,  durch  welchen  die  Reichstagsdiäten
für  die  ersten  sechs  Monate  der  Session  von  sechs  auf  zehn  Kronen
täglich  erhöht  werden,  während  sie  für  die  übrige  Zeit  sechs  Kronen
wie  bisher  betragen  sollen.

XIII.
Schweden  und  Norwegen.

17.  Januar.  (Stockholm.)  Der  Reichstag  wird  mit  einer
Thronrede  eröffnet,  die  Forderungen  für  neue  Kriegsschiffe  und
Vermehrung  des  Eisenbahnmaterials  sowie  Erhöhung  der  Branntweinsteuer
  ankündigt.  ·

Januar.  (Schweden.)  In  den  nördlichen  Distrikten  wütet
Hungersnot.

21.  März.  (Stockholm.)  Zweite  Kammer.  Vorlage  über
den  Rückkauf  Wismars.

Die  Regierung  bringt  eine  Vorlage  ein,  nach  der  die  Regierung
ermächtigt  werden  soll,  von  dem  Rechte  Schwedens  abzustehen,  die  Stadt
Wismar  mit  Umgebung  durch  Erlegung  der  Pfandsumme  wieder  loszukaufen.
  —  Die  Stadt  Wismar  ist  am  26.  Juni  1803  für  1258.000  Taler
Banco  von  Schweden  an  Mecklenburg-Schwerin  verpfändet  worden,  unter
der  Bedingung,  daß  Schweden  nach  100  Jahren  gegen  Rückzahlung  dieser
Summe  nebst  3  v.  H.  jährlichen  Zinsen  das  Pfand  wieder  zurücknehmen
könne.

21.  März.  (Stockholm.)  Zweite  Kammer.  Besprechung
der  Notlage  in  Norrland.

Der  Ackerbauminister  erklärt  auf  eine  Anfrage,  der  durch  Futtermangel
  entstandene  Schaden  werde  auf  7½⅛  Millionen  Kronen  veranschlagt.
Die  Regierung  bewilligt  eine  Unterstützung  aus  dem  Unterstützungsfonds;
durch  private  Hilfe  und  aus  den  notleidenden  Kreisen  selbst  sind  über  eine
Million  eingegangen.  Infolge  der  letzten  Nachrichten  hält  die  Regierung
aber  eine  weitere  Unterstützung  durch  etwa  eine  Million  Kronen  für  erforderlich.
  Davon  sind  100000  Kronen  durch  die  Schenkung  des  Ameri--kaners
  Dr.  Klopsch  bereits  aufgebracht.  Ueber  eine  weitere  Staatsunterstützung
  und  deren  eventuelle  Höhe  könne  man  noch  nichts  sicheres  sagen.
        <pb n="333" />
        Schweden  und  Norwegen.  (März  24.—Mai  16.)  325

24.  März.  (Stockholm.)  Der  Minister  des  Auswärtigen

veröffentlicht  folgende  Mitteilung  über  das  Konsulatswesen:

Die  schwedischen  und  norwegischen  Unterhändler  vereinbarten  folgende
  Grundlage  zur  Regelung  des  Konsulatswesens.  Beide  Länder  erhalten
  ein  besonderes  Konsulatswesen.  Die  Konsuln  unterstehen  den  Behörden
  ihrer  Heimat,  welche  jedes  Land  bestimmt.  Schweden  und  Norwegen
regeln  durch  gleichlautende  Gesetze  das  Verhältnis  zwischen  dem  Minister
des  Aeußern  und  dem  diplomatischen  Korps  einerseits  und  den  Konsuln
der  einzelnen  Reiche  andererseits  mit  Bürgschaften  dafür,  daß  die  Konsuln
die  Grenzen  ihrer  Rechte  einhalten  und  das  notwendige  Zusammenarbeiten
mit  dem  Minister  des  Aeußern  gesichert  bleibt.  Ueber  den  schwedischen
Vorschlag,  den  König  durch  gleichlautende  Gesetze  zu  ermächtigen,  einen
Schweden  oder  Norweger  zum  Minister  des  Aeußern  zu  ernennen,  welcher
m  beiden  Parlamenten  verantwortlich  ist,  wurde  vorläufig  eine  Einigung
nicht  erzielt.

März.  (Norwegen.)  Die  Zollkommission  des  Storthings
schlägt  bedeutende  Erhöhung  der  industriellen  Zölle  vor.

16.  Mai.  (Schweden.)  Beide  Kammern  des  Reichstags
genehmigen  die  Vorlage,  wodurch  die  Regierung  ermächtigt  wird,
von  dem  Recht  abzusehen,  Wismar  mit  Umgebung  durch  Erlegung

der  Pfandsumme  wieder  einzulösen.

Der  Präsident  der  Zweiten  Kammer  hält  nach  der  Annahme  folgende
  Rede:  Durch  den  soeben  gefaßten  Beschluß,  dem  wahrscheinlich  auch
die  Erste  Kammer  zustimmt,  ist  das  bisher  uns  mit  Wismar  verbindende
Band  endgültig  gelöst.  Da  kann  es  nicht  wundernehmen,  wenn  wir  bei
dem  Gedanken  an  die  Trennung  von  der  Stadt,  die  so  treu  und  tapfer
Schweden  zur  Seite  gestanden  hat,  von  wehmütigem  Gefühle  ergriffen
werden.  Wir  senden  Grüße  an  die  alte  Stadt,  die  jetzt  vollständig  dem
deutschen  Vaterlande  einverleibt  wird,  und  wünschen  ihr  Wohlstand  und
Gedeihen.

Der  Präsident  der  Ersten  Kammer:  Mit  dem  nun  gefaßten  Beschlusse
  hat  die  Erste  Kammer  ihre  Zustimmung  zu  dem  Antrag  der  Regierung,
  betreffend  Wismars  definitive  Abtretung  an  das  Großherzogtum
Mecklenburg-Schwerin,  gegeben.  Da  die  Zweite  Kammer  bereits  einen
ähnlichen  Beschluß  gefaßt  hat,  hat  der  schwedische  Reichstag  die  Abtretung
gutgeheißen,  damit  ist  das  letzte  Band,  das  die  alte  Hansestadt,  das  Dünkirchen
  des  Nordens,  mit  Schwedens  Krone  verknüpft,  für  immer  gelöst,
aber  zwischen  uns  Schweden  und  Wismars  Bürgerschaft  bilden  sich  andere
Bande,  die  niemals  gelöst  werden  können,  die  Bande  der  Erinnerung  und
der  Dankbarkeit.  Unauslöschlich  steht  der  Name  der  Stadt  Wismar  geschrieben
  auf  einem  der  schönsten  Blätter  unserer  Geschichte,  den  Blättern,
die  unserer  Väter  herrliche  Kämpfe  für  unseren  evangelisch-lutherischen
Glauben  schildern.  Als  Siegesfrüchte  fielen  uns  die  deutschen  Besitzungen
zu,  deren  Besitz  wichtig,  deren  Verteidigung  schwer  war.  Einer  nach  dem
anderen  ging  verloren,  aber  nur  nach  ehrenvollen  Kämpfen.  Von  diesen
Kämpfen  kann  viel  erzählt  werden  von  Wismars  Bürgern,  wie  sie  mit
uns  teilten  der  Kriegsjahre  Last,  wie  sie  treu  unter  unseren  Fahnen
kämpften  hinter  ihren  zusammengeschossenen  Mauern  gegen  Schwedens
Feinde.  Das  wird  stets  in  dankbarer  Erinnerung  von  uns  bewahrt  werden.
Wenn  Wismar  jetzt  staatsrechtlich  voll  in  sein  deutsches  Vaterland  eintritt,
        <pb n="334" />
        326  Schhueden  und  Reruegen.  (Mai  23.  —  November  28.)

so  geschieht  dies  unter  unseren  besten  Wünschen.  Möge  Glück  und  Segen
ihm  in  allen  Bestrebungen  in  der  Zukunft  folgen.  Dies  soll  der  Gruß
der  Ersten  Kammer  in  der  Abschiedsstunde  sein.

W.  Mai.  (Norwegen.)  Der  Ministerpräfident  verliest  im
Storthing  etne  Erklärung  der  Regierung  über  die  Grundlagen  der
Konsulatsverhandlungen  mit  Schweden.

Es  heißt  darin:  Die  eventuellen  gleichlautenden  und  gemeinschaftlichen
  Gesetze,  welche  das  Verhältnis  zwischen  der  Leitung  der  auswärtigen
Politik  und  dem  Konsulatswesen  zu  regeln  bestimmt  sind,  sollen  keine  Einschränkungen
  der  jedem  Reiche  zustehenden  Beschlußfähigkeit,  betreffend  die
Ordnung  der  Leitung  der  auswärtigen  Politik,  enthalten.  Die  neuen
Gesetze  sollen  auch  nicht  als  Beweis  dafür  gebraucht  werden  können,  daß
Norwegen  sich  auf  die  bestehenden  Verhältnisse  festgelegt  oder  sich  auf  dieselben
  verpflichtet  hat.  Die  Ordnung  der  Leitung  der  auswärtigen  Politik

soll  vielmehr  zunächst  unberührt  bleiben  und  ihre  Lösung  in  keiner  Weise
vorgegriffen  werden.  «

20.  Juni.  (Schweden.)  Der  König  vollzieht  das  Gesetz
über  den  Verzicht  anf  Wismar.  —  Der  König  und  der  Großherzog
  von  Mecklenburg  wechseln  Begrüßungsdepeschen  aus  diesem
Anlaß.

11.  September.  (Norwegen.)  Abschluß  der  Storthingswahlen.


Die  Regierungspartei  verliert  die  Mehrheit.  Es  sind  gewählt
63  Mitglieder  der  Rechten  und  gemäßigten  Linken,  50  Mitglieder  der
regierungsfreundlichen  Linken,  4  Sozialisten.

19.  Oktober.  (Christiania.)  König  Oskar  eröffnet  das
Storthing.  In  der  Thronrede  teilt  er  mit,  daß  mit  auswärtigen
Mächten  Verhandlungen  über  Schiedsgerichtsverträge  schweben.

22.  Oktober.  (Norwegen.)  Ministerwechsel.

Das  Ministerium  Blehr  gibt  seine  Entlassung  (21.  Oktober).  Am
folgenden  Tage  wird  folgendes  Kabinett  gebildet:  Professor  Hagerup
Ministerpräsident  und  Justizminister,  Dr.  Sigurd  Ibsen  norwegischer  Staatsminister
  in  Stockholm,  Prediger  Hans  Nielsen-Hauze  Minister  für  Kirche
und  Unterricht,  Postmeister  Schöning  Minister  für  Handel  und  Industrie,
Großkaufmann  Birger-Kildal  Finanzminister,  Amtsingenieur  Hansen  Minister
  der  öffentlichen  Arbeiten,  Gutsbesitzer  Matheesen  Ackerbauminister,
Oberstleutnant  Strugstadt  Kriegsminister.  Zu  Mitgliedern  des  Staatsrates
in  Stockholm  werden  Schiffsreeder  Michelsen  und  Landgerichtsanwalt  Vogt
ernannt.  Das  Ministerium  besteht  aus  fünf  Mitgliedern  der  Rechten  und
fünf  der  gemäßigten  Linken.

28.  November.  (Norwegen.)  Landesverteidigung  und  Finanzen.


Im  Storthing  warnt  der  Ministerpräsident  eindringlich  vor  den
Bestrebungen,  die  Ausgaben  für  die  Landesverteidigung  herabzusetzen,  da
diese  eine  Lebensbedingung  für  die  Nation  seien.  Er  hebt  auch  die  Notwendigkeit

  hervor,  die  Verteidigung  des  nördlichen  Norwegens  zu  organisieren.
  Der  Vorsitzende  des  Budgetaustausches  betont  dagegen,  wenn  nicht
        <pb n="335" />
        Schweden  und  Perwegzen.  (Dezember  9.  Mitte.)  327

eine  Herabsetzung  der  Ausgaben  für  die  Landesverteidigung  erfolge,  so
würde  eine  der  Landesverteidigung  feindliche  Bewegung  hervorgerufen
werden.  Die  Finanzen  müßten  auch  in  bezug  auf  die  Landesverteidigung
in  Ordnung  gebracht  werden.

9.  Dezember.  (Christiania.)  Das  Storthing  verwirft  einstimmig
  eine  Vorlage  auf  Einführung  des  Frauenwahlrechts.

Mitte  Dezember.  (Norwegen.)  Der  Walfischfang  wird
vom  1.  Februar  1904  an  auf  zehn  Jahre  innerhalb  7  Kilometer
von  der  vorwegischen  Küste  verboten.

Dezember.  Konsulatsfrage.  —

In  einer  am  11.  Dezember  abgehaltenen  gemeinsamen  Sitzung  des
schwedischen  und  norwegischen  Staatsrates  hat  der  Minister  des  Aeußern
über  die  Verhandlungen  in  der  Konsulatsfrage  berichtet,  die  Voraussetzungen
  für  die  Lösung  der  Frage  dargelegt  und  vorgeschlagen,  daß  der
König  unter  Anerkennung  des  Communiqués  vom  24.  März  den  schwedischen
  und  den  norwegischen  Staatsrat  beauftragen  möge,  die  Verhandlungen
  über  die  Konsulatsfrage  in  der  Weise  fortzusetzen,  daß  bezüglich
der  Stellung  des  Ministeriums  des  Aeußern  und  der  Gesandtschaften  der
status  quo  aufrecht  erhalten  bleibe.  Sodann  wurde  zur  Ausarbeitung
endgültiger  Entwürfe  für  gleichlautende  Gesetze  zur  Regelung  des  Verhältnisses
  zwischen  dem  Ninisterlum  des  Aeußern  und  den  Gesandtschaften
einerseits  und  dem  getrennten  Konsulatswesen  andererseits  geschritten.
Nachdem  die  schwedischen  und  norwegischen  Staatsräte  ihre  Zustimmung
hierzu  ausgesprochen  hatten,  wurde  beschlossen,  den  Bericht  der  norwegischen
Regierung  darüber  einzuholen.  Diese  stimmte  in  dem  Berichte  vom  18.  Dezember
  sämtlichen  Punkten  der  von  dem  Minister  des  Aeußern  hervorehobenen

  Voraussetzungen  bei.  In  der  am  22.  abgehaltenen  Sitzung  des
taates  legt  der  Minister  des  Aeußern  diesen  Bericht  vor,  dem  sämtliche
schwedischen  und  norwegischen  Staatsräte  zustimmen.  Der  König  genehmigtt
  Larauf  den  vom  Minister  des  Aeußern  gemachten  Vorschlag  auch
einerseits.
        <pb n="336" />
        XIV.
Nußland.

Anfang  Januar.  (Warschau.)  Das  Ministerium  des  Innern
  verbietet  der  Warschauer  englischen  Mission,  das  Sakrament
der  Taufe  an  bekehrten  Juden,  falls  diese  russische  Untertanen  sind,
ohne  jedesmalige  Erlaubnis  des  Ministeriums  zu  vollziehen.

12.  Januar.  (Petersburg.)  Plehwe  über  Verwaltung  und
Bauernstand.

Anläßlich  der  Feier  des  100jährigen  Bestehens  des  Ministeriums
des  Innern  erklärt  Min.  des  Innern  v.  Plehwe  in  einer  Ansprache,  daß
er  sich  als  die  beiden  wichtigsten  Aufgaben  für  die  Zukunft  die  Dezentralisation
  in  der  gesamten  Verwaltung  des  Reiches  und  die  Besserung  der

Lage  des  bäuerlichen  Standes  gestellt  habe,  beides  unter  Heranziehung  von
Sachverständigen,  die  nicht  dem  Beamtenstande  angehörten.

13.  Januar.  Veröffentlichung  des  Budgets  von  1903.  Bericht
  Wittes  über  die  allgemeine  Lage.  Brief  des  Zaren  an  Witte.

Das  Budget  veranschlagt  die  ordentlichen  Einnahmen  auf  1  897  032678
Rubel,  die  ordentlichen  Ausgaben  auf  1880  405229  Rubel.  Der  Ueberschuß
  der  ordentlichen  Einnahmen  über  die  ordentlichen  Ausgaben  beträgt
demnach  16627449  Rubel.  Die  außerordentlichen  Einnahmen  belaufen
sich  auf  174  634794  Rubel,  die  außerordentlichen  Ausgaben  auf  191262243
Rubel.  Die  Gesamtsummen  der  Einnahmen  und  Ausgaben  balancieren
mit  2071  667472  Rubel.  —  Der  Bericht  des  Finanzministers  betont,  das
Budget  weise  trotz  einer  ziemlich  erheblichen  Steigerung  des  Ordinariums
Ueberschüsse  auf,  die  zur  Deckung  eines  Teiles  der  außerordentlichen  Ausgaben
  verwendet  werden,  und  betont  die  Besserung  der  Bedingungen  der
russischen  Volkswirtschaft,  namentlich  durch  die  den  Durchschnitt  des  letzten
Jahrzehntes  um  27  Prozent  übersteigende  Ernte.  Betreffs  der  Entwickelung
des  Geldmarktes  stellt  der  Bericht  eine  Besserung  hinsichtlich  der  Herstellung
des  Gleichgewichtes  zwischen  dem  Kapitalangebot  und  der  Nachfrage  in
Rußland  und  dem  übrigen  Europa  und  ein  Liquiderwerden  des  Geldverkehrs
  des  russischen  inneren  Marktes  fest.  Trotzdem  wäre  es  unvorsichtig,
ein  unausgesetztes  Vorwärtsgehen  des  Geldmarktes  zu  erwarten.  Vielmehr
  muß  den  Folgen  der  übertriebenen  ernstlichen  Schwierigkeiten  und
der  Rückwirkung  etwaiger  zukünftiger  ausländischer  finanzieller  Verwickelungen
  auf  dem  russischen  Geldmarkte  Rechnung  getragen  werden.
        <pb n="337" />
        Rußland.  (Januar  13.)  329

Ueber  die  internationale  politische  und  wirtschaftliche  Lage  heißt  es:
Eine  sehr  erhebliche  Besserung  ist  im  Jahre  1902  auch  in  Bezug  auf  den
russischen  Außenhandel  erzielt  worden.  Der  Wert  der  von  uns  ausgeführten
  Waren  hat  den  der  Einfuhr  um  300  Millionen  Rubel,  also  um
einen  höheren  Betrag  als  in  irgend  einem  Jahre  des  vorhergehenden  Jahrzehnts,
  überstiegen.  An  die  Staatsfinanzen  werden  bei  uns  nicht  selten
übertriebene  Anforderungen  gestellt.  Im  Laufe  der  Zeit  hat  sich  eine
Gewöhnung  an  eine  günstige  Gestaltung  des  Finanzhaushalts  festgesetzt,
und  das  Erkenntnis  der  Notwendigkeit  einer  sparsamen  Verwendung  der
Staatsmittel  ist  allmählich  schwächer  geworden.  Die  Ansprüche  in  betreff
einer  umfassenderen  Befriedigung  der  verschiedenartigsten  Bedürfnisse
werden  immer  dringlicher  geltend  gemacht;  gleichzeitig  werden  Klagen  über
die  Höhe  der  Besteuerung  laut  und  Maßnahmen  zur  Herabsetzung  der
Aufhebung  der  Steuern  in  Vorschlag  gebracht.  Welches  Bedürfnis  erscheint
nun  für  den  Staat  am  dringlichsten?  Selbstverständlich  dasjenige,  dessen
Befriedigung  die  ganze  Existenz  des  Staates,  seine  äußere  Integrität  sicherstellt.
  Zu  dem  Zwecke  trägt  die  Bevölkerung  persönliche  Dienstleistungen,
zahlt  sie  den  größten  Teil  der  Steuern,  wogegen  sie  das  unschätzbare,  durch
keinerlei  materielle  Güter  aufzuwiegende  Bewußtsein  erhält,  daß  sie  ihr
Hab  und  Gut  sowie  das  gesamte  Heimatland  vor  auswärtigen  Feinden
gesichert  weiß.  Es  ist  vom  wirtschaftlichen  und  humanitären  Standpunkt
zu  bedauern,  daß  die  Menschheit  noch  nicht  von  den  großen  Ideen  des  allgemeinen
  Weltfriedens  durchdrungen  erscheint.  Dennoch  muß  es  heutzutage
  anerkannt  werden,  daß  wir  unter  der  Wirkung  eines  eisernen  Gesetzes
stehen  und  zur  Befriedigung  von  Kulturbedürfnissen  nur  dasjenige  verwenden
  können,  was  nach  erfolgter  Deckung  der  Ausgaben  für  die  Landesverteidigung
  übrig  bleibt.  Wenn  solche  Anforderungen  zu  diesem
Zwecke  an  den  Finanzminister  gestellt  werden,  so  ist  es  für  ihn  äußerst
schwierig  zu  beurteilen,  inwiefern  diese  oder  jene  Maßnahmen  der  Landesverteidigung
  erforderlich  sind.  Ist  aber  die  Notwendigkeit  einmal  anerkannt,
  so  liegt  es  ihm  ob,  Mittel  dafür  zu  beschaffen.  Hieraus  entsteht
für  ihn  die  schwere  Pflicht,  die  Initiative  zur  Einführung  und  Erhöhung
von  Steuern  zu  ergreifen,  sowie  auch  die  Durchführung  aller  solcher  Maßnahmen
  von  der  Hand  zu  weisen,  für  die  nach  erfolgter  Sicherstellung  des
oben  erwähnten  dringendsten  Staatsbedarfs  die  Mittel  nicht  ausreichen.

Der  Zar  richtet  folgendes  Schreiben  an  den  Finanzminister:  „Vor
zehn  Jahren  berief  Sie  Mein  in  Gott  ruhender  Vater  zum  Leiter  des
Finanzministeriums.  Ungeachtet  der  schweren  Folgen  der  Mißernte  des
Jahres  1891  begannen  Sie  mit  festem  Glauben  an  die  wirtschaftliche  Macht
Rußlands  und  mit  fester  Energie  die  Regelung  der  russischen  Finanzen,
die  von  Ihrem  Vorgänger  angefangen  wurde,  und  hatten  das  Vertrauen
aufrecht  erhalten  und  die  Dankbarkeit  Kaiser  Alexanders  III.  erworben.
Heute  nach  zehnjähriger  Tätigkeit  Ihrer  Leitung  der  Finanzen  ist  es  mir
angenehm,  Ihnen  meine  Dankbarkeit  auszudrücken  für  alles  das,  womit
Sie  im  Verlauf  der  letzten  acht  Jahre  auch  Mein  Vertrauen  erworben
haben.  Mit  demselben  Glauben  an  die  Zukunft  des  russischen  Volkes  und
mit  derselben  Ergebenheit  dem  Throne  gegenüber  erleichterten  Sie  Mir
nicht  nur  die  Mühe  der  Ausführung  meiner  Hauptsorgen  um  die  Verstärkung
  der  Staatsmacht,  der  Wehr  und  des  Wohlstandes  des  Mir  von
Gott  anvertrauten  Reiches,  sondern  erweckten  auch  zur  Selbständigkeit  die
besten  Kräfte  der  Volksarbeit,  sicherten  die  Unabhängigkeit  und  Zuverlässigkeit
  des  Geldumsatzes,  vermehrten  die  Hilfsquellen  des  Staates,  wodurch
Sie  es  ermöglichten,  die  von  Jahr  zu  Jahr  allmählich  wachsenden  Budgets
  ohne  Defizit  abzuschließen.  Unabhängig  von  Ihren  vielseitigen  Pflichten
        <pb n="338" />
        330  RKußland.  (Januar  16.—29.)

führten  Sie  zu  Meiner  vollständigen  Befriedigung  die  Ihnen  anvertraute
Aufgabe,  meinen  Thronfolger,  Meinen  lieben  Bruder,  Großfürsten  Michael
Alexandrowitsch  in  die  Staatsökonomie  einzuführen,  aus.  In  der  Hoffnung
auf  Ihre  fernere  dem  Staate  und  Mir  nützliche  Tätigkeit  an  der  Spitze
des  Ihnen  anvertrauten  Ministeriums,  verbleibe  ich  unveränderlich  Ihr
wohlwollender  und  dankbarer  Nikolaus.“

16./24.  Januar.  Besuch  des  deutschen  Kronprinzen  in  Petersburg.


W.  Januar.  (Petersburg.)  Die  Gesetzsammlung  veröffentlicht
  den  neuen  Zolltarif  für  die  europäischen  Grenzen,  ohne  einen
Termin  für  den  Beginn  der  Geltung  anzugeben.  Die  wichtigsten
Sätze  für  den  Verkehr  mit  Deutschland  sind  folgende:

Es  zahlen:  Roheisen  in  allen  Gattungen  mit  Ausnahme  der  besonders
  genannten:  über  See  45,  über  die  westliche  Landgrenze  52¼  Kopeken
(bisher  30  Kopeken),  Band=  und  Sortiereisen  0.90,  bezw.  1.80  Rubel  (bisher
  0.50),  eiserne  Schienen  0.90,  bezw.  1.08  (bisher  0.50),  Eisen  in  Blättern
  bis  ½  Millimeter  1.27½,  bezw.  1.53  (bisher  0.65),  Eisen  in  Blättern
  über  ½  Millimeter  1.50,  bezw.  1.80  (bisher  0.80),  Blech  2.65,  bezw.
3.18  (bisher  1.55),  Band-  unb  Sortier-Stahl  mit  Ausnahme  der  besonders

enannten,  ferner  Stahlschienen  0.90,  bezw.  1.08  (bisher  0.50),  Stahl  nach

lättern  jeder  Art  bis  Nr.  25  einschließlich  nach  Birmingham-Kaliber,  in
Tafeln  über  18  Zoll  breit  u.  s.  w.  1.27½⅛,  bezw.  1.53  (bisher  0.65),  Stahl
in  Blättern  über  Nr.  25  nach  Birmingham-Kaliber  1.50,  bezw.  1.80  (bisher
0.80),  gußeiserne  Gußstücke  ohne  Bearbeitung  1.12½,  bezw.  1.35  (bisher  0.60),
Gußeisenfabrikate  4.65,  bezw.  5.58  (bisher  1.40),  Maschinen--  und  Apparaten-Teile,
  welche  besonders  eingeführt  werden,  zahlen,  wenn  aus  Kupfer--  und
Kupferlegierungen  bestehend,  9,  bezw.  10.80  (bisher  4.32)  Rubel,  wenn  aus
Gußeisen,  Eisen  und  Stahl,  4.65,  bezw.  5.58  (bisher  1.40);  Eisenbahnwaggons
  zahlen  pro  Achse,  und  zwar:  Kohlenwagen  und  Loren  240,  Cisternenwagen
  und  Güterwagen  36,  Personenwagen  dritter  Klasse  450,
zweiter  532.50  und  erster  697.50;  Straßenbahnwagen:  kleine  375,  große
510  Rubel.  Eisen=  und  Stahlfabrikate  außer  besonders  genannten,  ferner
geschmiedete,  gestanzte,  gepreßte,  gegossene,  unbefeilte  u.  s.  w.  2.55,  bezw.  3.06
(bisher  1.40);  Eisen=  und  Stahl--Kesselarbeiten,  als  Kessel,  Reservoirs  u.  s.  w.
2.55,  bezw.  3.06  (bisher  1.40);  Eisen=  und  Stahlfabrikate  —  mit  Ausnahme
  der  besonders  genannten  —  bearbeitete,  abgedrehte,  polierte,  geschliffene
  u.  s.  w.  4.65,  bezw.  5.48  (bisher  1.40);  Stücke  schwerer  als  5  Pfund
3.55,  bezw.  3.06  (bisher  1.40);  Stücke  unter  5  Pfund  4.05,  bezw.  4.86
(bisher  2.20);  Messerwaren  24,  bezw.  28.80  (bisher  13.60);  Sensen  und
Sicheln  3,  bezw.  3.60  (bisher  1.10);  Spaten,  Schaufeln,  Hacken,  Heugabeln
2.10,  bezw.  2.52  (bisher  1.10).  Maschinen,  Apparate,  Konstruktionsmodelle
dazu,  vollständig  oder  unvollständig,  zusammengestellt  oder  auseinandergenommen,
  jeder  Art,  aus  Kupfer  und  Kupferlegierungen,  oder  solche,  in
denen  Kupfer  dem  Gewichte  nach  das  Hauptmaterial  ausmacht,  über  die
Seegrenze  9  Rubel,  über  die  westliche  Landgrenze  10.80  Rubel  (bisher
4.82  Rubel);  Lokomobilen,  eingeführt  mit  komplizierten  Dreschmaschinen,
0.75,  bezw.  0.90  (bisher  1.20);  nicht  besonders  genannte  landwirtschaftliche
Maschinen  und  Geräte  ohne  Dampfmotore,  deren  Modelle  1.05,  bezw.  1.26
(bisher  1.20);  nicht  besonders  genannte  landwirtschaftliche  Maschinen  und
Geräte  ohne  Dampfmotore,  deren  Modelle  1.05,  bezw.  1.26  (bisher  0.50);
Dynamo=  und  elekrische  Maschinen  jeder  Art,  elektrische  Transformatoren
        <pb n="339" />
        Rußland.  (Januar  —  Februar  25.)  331

8.50,  bezw.  10.20  (bisher  1.40);  Dampfmaschinen,  Lokomobilen  (außer  den
schon  genannten),  Lokomotiven,  Dampffeuerspritzen,  Buchdruckerei=  und  lithographischen
  3.65,  bezw.  4.38  (bisher  1.40  bis  1.80).

Januar.  (Finnland.)  Verfügung  über  den  Wehrdienst.

Der  Zar  bestimmt  anläßlich  des  Ausbleibens  von  14,798  Wehrpflichtigen
  bei  den  Aushebungen  von  1902,  daß  die  im  Staatsdienst  befindlichen
  Ausgebliebenen  zu  verabschieden  seien,  daß  innerhalb  fünf  Jahren
den  Ausgebliebenen  kein  Reisepaß  ins  Ausland  gewährt  werde,  daß  ferner
sämtliche  Ausgebliebenen  in  die  Landwehr  eingeschrieben  werden  und  daß
endiich  ntas  Leibgarde-Bataillon  mit  den  Ausgebliebenen  komplettiert
werden  soll.

2.  Februar.  Ein  am  27.  Oktober  1902  abgeschlossener  Zollvertrag
  mit  Persien  wird  veröffentlicht.

Die  Grundsätze  der  Zolldeklaration  sind  folgende:  Artikel  1.  Waren
die  von  russischen  Untertanen  nach  Persien  ausgeführt  oder  aus  Persien
eingeführt  werden,  sowie  persische  Erzeugnisse,  welche  von  Persern  über
das  Kaspische  Meer  oder  die  Landgrenze  beider  Staaten  nach  Rußland
eingeführt  werden,  ferner  russiche  Waren,  welche  von  Persern  auf  demselben
  Wege  aus  Rußland  ausgeführt  werden,  unterliegen  fortan  einer
Zollgebühr  in  Gemäßheit  des  dieser  Deklaration  beigefügten  Tarifes.
Artikel  2.  Aus  Rußland  ausgeführte  Waren  unterliegen  der  Zollgebühr
ein  für  allemal  bei  der  Einfuhr  in  Persien  und  unterliegen  weiterhin
keiner  anderen  Zollgebühr  oder  anderen  Steuern  mit  Ausnahme  der  in
Artikel  5  der  Deklaration  bezeichneten.  Persische  Erzeugnisse  unterliegen  beie
der  Einfuhr  in  Rußland  den  Zollgebühren  und  keinen  anderen  Ausfuhrgebühren
  oder  Steuern  bei  ihrer  Ausfuhr  aus  Persien,  mit  Ausnahme  der
in  Artikel  3  und  5  der  Deklaration  verzeichneten.  Artikel  3.  Der  bisher
in  Persien  erhobene  Ausfuhrzoll  von  5  v.  H.  wird  völlig  abgeschafft,  mit
Ausnahme  der  im  Tarif  aufgeführten  Ausfuhrzölle.  Russicche  und  persische
Waren  können  nunmehr  frei  aus  einem  in  den  andern  Staat  ausgeführt
werden,  mit  Beobachtung  natürlich  der  Einschränkungen,  welche  bereits
festgesetzt  oder  noch  festzusetzen  sind.  Artikel  4.  Die  persische  Regierung
übernimmt  die  Verpflichtung,  alle  Wegesteuern  aufzuheben  und  nicht  andere
Wege-  und  Schlagbaum-Steuern  zuzulassen,  mit  Ausnahme  der  Steuern
auf  künstlich  hergestellten,  fahrbaren  Wegen,  für  welche  eine  Konzession
bereits  gegeben  ist  oder  gegeben  wird.  Artikel  5.  Das  Pachtsystem  bei  der
Erhebung  der  Zölle  in  Persien  wird  abgeschafft  und  durch  die  Einrichtung
von  Regierungs-Zollämtern  an  den  Grenzen  ersetzt.  Persische  Untertanen
unterstehen  bei  der  Einfuhr  von  Waren  in  Rußland,  oder  bei  der  Ausfuhr
  aus  Rußland  den  jetzigen  und  künftigen  russischen  Gesetzen,  wobei
sie  den  Vorzug  der  meistbegünstigten  Nationen  genießen.

25.  Februar.  Der  „Regierungsbote“  veröffentlicht  folgende
Mitteilung  über  die  diplomatischen  Schritte  in  der  makedonischen
Angelegenheit:

Das  politische  Leben  der  glaubensverwandten  Völkerschaften  unermüdlich
  verfolgend,  hat  die  kaiserliche  Regierung,  durch  ihre  Agenten  über
die  wahre  Sachlage  rechtzeitig  unterrichtet,  nicht  aufgehört,  die  Aufmerksamkeit
  der  Pforte  auf  die  unaufschiebbare  Notwendigkeit  einer  Verbesserung
der  Lage  der  Christen  in  den  Vilajets  Salonichi,  Kossowo  und  Monastir
hinzulenken.  Dem  im  Oktober  1902  nach  Yalta  berufenen  Botschafter  in
Konstantinopel  wurde  die  Ausarbeitung  eines  Projektes  der  wesentlichsten
        <pb n="340" />
        332  Nußland.  (Februar  25.)

Reformen  aufgetragen  mit  der  Anweisung,  die  Pforte  auf  das  dringende
Bedürfnis  der  schnellsten  Anwendung  derselben  hinzuweisen  zur  gründlichen
Beseitigung  der  Ursachen  der  Unzufriedenheit  ihrer  Untertanen.  Eine
Mitteilung  gleichen  Inhaltes  erhielt  auch  der  türkische  Gesandte  Turkhan
Pascha,  der  den  Kaiser  in  Livadia  begrüßte.  Die  türkische  Regierung  erklärte
  sich  bereit,  die  freundschaftlichen  Ratschläge  zu  befolgen.  Das  im
November  1902  veröffentlichte  Reform-Irade  enthält  aber  keine  genügenden
Garantien  für  die  Verbesserung  der  Lage  der  Christen  und  diente  daher
auch  nicht  zur  vollständigen  Beruhigung.  Trotz  der  den  Balkanstaaten
erteilten  Ratschläge  dauerte  die  Agitation  des  Revolutionskomitees  zur  Aufhetzung
  der  Bevölkerung  gegen  die  Pforte  fort.  Angesichts  dieser  äußerst
beunruhigenden  Lage  beauftragte  der  Kaiser  den  Minister  des  Aeußern
Anfang  November  Belgrad  und  Sofia  zu  besuchen  und  dort  im  Namen
des  Kaisers  eine  Mitteilung  folgenden  Inhalts  zu  machen:  „Nach  wie
vor  sind  Rußlands  Bemühungen  darauf  gerichtet,  die  Pforte  zur  schnellsten
Durchführung  von  Reformen  in  den  drei  europäischen  Vilajets  zu  bewegen.
Es  ist  daher  unerläßlich,  daß  die  slavischen  Staaten  ernstlich  alle  nur  möglichen
  Maßnahmen  für  die  Wahrung  der  Ruhe  auf  dem  Balkan  treffen
und  den  revolutionären  Absichten  Widerstand  entgegensetzen.  Nur  so  können
sie  auf  Rußland  rechnen.“  Der  König  von  Serbien  und  der  Fürst  von
Bulgarien  beeilten  sich,  dem  Grafen  Lamsdorff  zu  versichern,  daß  ihre
Regierungen  bemüht  seien,  die  fernere  Agitation  zu  unterdrücken.  Sie
würden  die  Resultate  des  Wirkens  Rußlands  für  die  Christen  abwarten.
Nachdem  diese  Versprechungen  erfüllt  worden  waren,  hat  die  keiserliche
Regierung  der  bulgarischen  Regierung  für  die  in  der  letzten  Zeit  ergriffenen
Maßnahmen  ihre  volle  Billigung  ausgesprochen.  Graf  Lamsdorff  reiste
von  Belgrad  nach  Wien,  wo  zwischen  den  beiderseitigen  Ministern  des
Auswärtigen  gemäß  dem  Abkommen  von  1897  besondere  Beratungen  stattfanden.
  Dieselben  endigten  mit  der  Feststellung  der  Hauptgrundlagen  der
für  die  drei  Vilajets  geplanten  Reformen.  Anfang  Januar  wurde  das
Programm  den  Botschaftern  Rußlands  und  Oesterreich-Ungarns  in  Konstantinopel
  mitgeteilt.  Nach  Beratung  der  lokalen  Verhältnisse  sollten  sie
ein  ausführlicheres  Reformprojekt  für  die  drei  Vilajets  ausarbeiten.  Dieses
wurde  nach  seiner  Genehmigung  durch  die  beiden  Regierungen  am  17.  d.  M.
den  Signatarmächten  vertraulich  mitgeteilt  mit  dem  Ersuchen,  im  Falle
der  Billigung.  Rußland  und  Oesterreich-Ungarn  bei  der  Pforte  zu  unterstützen.
  Frankreich,  Italien,  Deutschland  und  England  drückten  ihre  Bereitwilligkeit
  dazu  aus.  Nun  wurden  die  Botschafter  von  Rußland  und
Oesterreich-Ungarn  beauftragt,  das  Reformprojekt  dem  Sultan  vorzulegen.
Nach  einer  zusammenfassenden  Darstellung  der  Reformvorschläge  heißt  es
in  dem  Communiqué  weiter:  Diese  Maßnahmen,  welche  eine  ausgestaltende
Entwicklung  in  der  Zukunft  finden  können,  scheinen  in  genügender  Weise
eine  wesentliche  Besserung  des  Lebens  der  Christen  zu  sichern.  Außerdem
soll  in  einigen  Gegenden  unter  Leitung  des  Botschafters  in  Konstantinopel
eine  sorgfältige  Kontrolle  durch  die  Konsuln  über  die  Anwendung  der  Reformen
  ausgeübt  werden.  Indem  die  kaiserliche  Regierung  die  Vertreter
Rußlands  auf  der  Balkanhalbinsel  von  den  erzielten  Resultaten  benachrichtigte,
  hat  sie  es  für  nötig  befunden,  zur  möglichst  weiten  Informierung
aller  slavischen  Stämme  den  Vertretern  Rußlands  abermals  die  in  diesen
Fällen  leitenden  Grundsätze  einzuschärfen.  Die  durch  die  Opfer  Rußlands
zu  einem  selbstängigen  Leben  berufenen  Balkanstaaten  dürfen  zuversichtlich
auf  die  beständige  Fürsorge  der  kaiserlichen  Regierung  für  ihre  tatsächlichen
  Bedürfnisse  und  auf  den  mächtigen  Schutz  der  geistigen  und  materiellen
Interessen  der  Christen  rechnen:  sie  dürfen  dabei  aber  auch  nicht  aus  dem
        <pb n="341" />
        Rußland.  (Februar  Ende  —  März  11.)  333

Auge  verlieren,  daß  Rußland  keinen  Tropfen  Blut  seiner  Söhne  und  nicht
den  kleinsten  Teil  des  Erbes  des  russischen  Volkes  opfern  wird,  wenn  die
slavischen  Staaten,  entgegen  den  rechtzeitig  erteilten  und  besonnenen  Ratschlägen,
  durch  revolutionäre  und  gewaltsame  Mittel  eine  Veränderung  der
n  enden  Ordnung  auf  der  Balkanhalbinsel  anzustreben  sich  entschließen
ollten.

Ende  Februar.  (Finnland.)  Maßregelung  von  Richtern.

Elf  Mitglieder  des  Hofgerichts  in  Aabo,  sowie  der  Advokat-Fiskalsekretär
  und  drei  Notare  desselben  Gerichts  werden  ohne  Pension  verabschiedet,
  weil  das  Hofgericht  infolge  von  Privatklagen  über  die  Haltung  des
Gouverneurs  Kaigorodow  in  Helsingfors  bei  den  Straßendemonstrationen
im  April  v.  Is.  gegen  diesen  hohen  Beamten  eine  Untersuchung  eingeleitet
hatte.  Infolgedessen  reichen  mit  Ausnahme  eines  Aktuars  alle  noch  im
Amte  befindlichen  Mitglieder  des  dortigen  Hofgerichtes  ihr  Abschiedsgesuch
ein.  Außerdem  suchen  von  16  außerordentlichen  Mitgliedern  des  Hofgerichtes
  15  um  Befreiung  vom  Dienste  nach  —  Den  Beginn  des  Prozesses
  gegen  den  Gouverneur  verhindert  die  Polizei.  —  Im  März  werden
viele  Richter  und  Geistliche  verabschiedet.

Ende  Februar.  (Finnland.)  Das  Briefgeheimnis  wird
aufgehoben.  Verdächtige  Briefe  können  in  Gegenwart  des  Adressaten
  geöffnet  werden.

Ende  Februar.  Anfang  März.  (Gouv.  Samara.)  Großen
Schneestürmen  fallen  viele  Menschen  zum  Opfer.

11.  März.  Eine  Sonderausgabe  des  „Regierungsboten“  veröffentlicht
  folgendes  Manifest  des  Kaisers  über  politische  und  administrative
  Reformen:

„Als  Wir  den  Thron  Unserer  Vorfahren  nach  Gottes  Vorsehung
bestiegen,  taten  Wir  das  heilige  Gelübde  vor  dem  Allmächtigen  und  Unserem
  Gewissen,  die  Jahrhunderte  alten  Pfeiler  der  Macht  Rußlands  heilig
zu  hüten  und  Unser  Leben  dem  Dienste  Unseres  geliebten  Vaterlandes  zu
weihen.  In  unermüdlichen  Sorgen  für  Unsere  Untertanen  wählten  wir
für  die  Verwirklichung  des  Volkswohles  einen  Weg  im  Sinne  der  denkwürdigen
  Taten  Unserer  Vorgänger,  besonders  Unseres  unvergeßlichen
Vaters.  Es  hat  Gott  gefallen,  die  Tätigkeit  Meines  Vaters  durch  dessen
frühzeitiges  Ableben  zu  unterbrechen.  Gott  legte  Uns  dadurch  die  heilige
Pflicht  auf,  die  von  ihm  begonnene  Befestigung  der  Ordnung  und  Wahrheit
  entsprechend  den  Forderungen  des  Lebens  und  des  Volkes  zu  vollenden.
Zu  Unserem  tiefen  Bedauern  hindern  Wirren,  welche  teils  durch  staatsfeindliche
  Absichten  gesäet,  teils  durch  Lehren,  welche  dem  russischen  Leben
fremd  sind,  erzeugt  wurden,  die  allgemeine  Arbeit  an  der  Aufbesserung  des
Volkswohlstandes.  Diese  Wirren  beunruhigen  die  Gemüter,  entziehen  sie
der  produktiven  Arbeit  und  verderben  oft  Unserem  Herzen  teuere  Familien
und  junge  Kräfte,  die  Unsere  Heimat  nötig  hat.  Von  Hoch  und  Niedrig
die  Erfüllung  Unseres  Wunsches  fordernd,  fest  im  Widerstande  gegenüber
jeder  Beeinträchtigung  des  normalen  Laufes  des  Volkslebens  und  vertrauend
auf  die  ehrliche  Erfüllung  der  dienstlichen  und  allgemeinen  Pflichten  seitens
aller,  haben  wir  Uns  unbeugsam  entschlossen,  die  zur  Reife  gelangten  Bedürfnisse
  des  Staates  unverzüglich  zu  befriedigen,  und  haben  für  gut  befunden,
  die  unabweichbare  Beobachtung  der  Toleranzgebote  zu  sichern,
welche  durch  die  Grundgesetze  des  Russischen  Reiches  vorgezeichnet  sind,
        <pb n="342" />
        334  Kußland.  (März  23.)

und  die  orthodoxe  Kirche  als  die  herrschende  achtend,  allen  andersgläubigen
Untertanen  und  fremden  Konfessionen  die  Freiheit  des  Glaubens  und  des
Gottesdienstes  nach  anderem  Ritus  zu  gewähren.  Ferner  haben  Wir  für
gut  befunden,  die  Durchführung  der  Maßnahmen  zur  Aufbesserung  der
materiellen  Lage  der  orthodoxen  Landgeistlichkeit  fortzusetzen  und  deren
Teilnahme  an  dem  geistigen  und  öffentlichen  Leben  ihrer  Herde  zu  vertiefen.
  Entsprechend  den  bevorstehenden  Aufgaben  der  Festigung  der  Volkswirtschaft
  ist  die  Tätigkeit  der  Institutionen  für  den  Staatskredit,  besonders
der  Adels=  und  Bauernbanken  auf  die  Festigung  und  Entwicklung  des
Wohlstandes  der  Grundpfeiler  des  russischen  Dorflebens,  des  lokalen  Adels
und  der  Bauern,  zu  richten.  Die  von  uns  vorgezeichneten  Arbeiten  zur
Revision  der  Gesetze  für  die  Landbevölkerung  sind  nach  ihrer  Ausführung
an  die  Gouvernementskonferenzen  behufs  weiterer  Ausarbeitung  und  Anpassung
  an  die  lokalen  Besonderheiten  unter  weitgehender  Hinzuziehung
von  Personen,  die  das  öffentliche  Vertrauen  genießen,  zu  überweisen.  Die
Grundlage  dieser  Arbeiten  bleibt  der  unantastbare  Gemeindebesitz  bei  Ausfindigmachungen
  von  Wegen,  um  den  Bauern  den  Austritt  aus  der  Gemeinde
  zu  erleichtern.  Unverzüglich  sind  Maßnahmen  zu  treffen  zur  Aufhebung
  der  den  Bauern  lästigen  Haftpflicht.  Die  Gouvernements-  und
Kreisverwaltung  ist  zu  reformieren  durch  Arbeiten  der  lokalen  Vertreter.
Aufgabe  einer  weiteren  Regelung  des  lokalen  Lebens  wird  die  Annäherung
  der  Kommunalverwaltung  und  der  Pfarrkuratorien  der  orthodoxen
Kirchen  sein,  wo  es  möglich  ist.  Indem  wir  alle  Untertanen  auffordern,
mitzuwirken  bei  der  Befestigung  der  sittlichen  Grundlagen  der  Familien,
der  Schule  und  des  öffentlichen  Lebens,  befehlen  Wir  Unseren  Ministern
und  allen  betreffenden  Oberbeamten,  Uns  ihre  Erwägungen  über  die  Ausführung
  Unserer  Absichten  zu  unterbreiten.“

B.  März.  (Gouv.  Ufa.)  In  der  Eisenfabrik  Slatoust  streiken
160  Arbeiter  und  machen  Angriffe  auf  die  Behörden.  Das  Militär
greift  ein  und  tötet  28  Personen.

Ende  März.  Ländliche  Steuerreform.

Infolge  des  Reformmanifestes  (S.  333)  wird  die  gegenseitige  Haftpflicht
  der  Dorfbevölkerung  für  die  Steuern  aufgehoben.  Die  rückständigen
Steuern  im  Betrage  von  111  Millionen  Rubel  werden  niedergeschlagen.
Dee  der  Landschaft  schuldigen  30  Millionen  wurden  von  der  Regierung
übernommen.

März.  Preßstimmen  über  das  Reformmanifest.

Die  „Moskowskje  Wjedomostie“  sind  erfreut,  daß  das  Manifest  den
Irrlehren,  die  sich  gegen  die  Autokratie  und  die  orthodoxe  Kirche  richteten,
ein  Ende  mache.  —  „Nowoje  Wremja“  erwartet  eine  Dezentralisation  der
Verwaltung,  da  das  jetzige  zentralisierende  System  zu  einer  übermäßigen
Entwicklung  des  Bureaukratismus  geführt  habe,  eines  Bureaukratismus,
der  selbst  bei  den  besten  Absichten  zu  schöpferischer  Arbeit  unfähig,  dagegen
zu  einer  Arbeit,  welche  die  schöpferischen  Kräfte  des  Landes  paralysiert,
allzusehr  imstande  sei.  —  „Graschdanin“:  Welches  ist  die  Bedeutung  dieses
Manifestes?  Liest  man  es  aufmerksam  durch,  so  findet  man  die  klare
Antwort.  Und  diese  Bedeutung  ist  groß  und  erfreulich:  der  Weg  aus
Rußland  zum  Throne  und  vom  Throne  nach  Rußland,  der  seit  alter  Zeit
eng  war  und  durch  die  Schneemassen  der  Bureaukratie  führte,  wird  in
einen  breiten  und  offenen  verwandelt.  Das  ist  eine  segensreiche,  von  der
Höhe  des  Thrones  erfolgte  Aeußerung  des  Glaubens  an  die  schöpferische
Kraft  des  lokalen  Lebens,  und  infolge  dieses  Glaubens  ein  Aufruf  zur
        <pb n="343" />
        Rußland.  (März  24.—April  2.)  335

Selbsttätigkeit.  Und  in  diesem  Sinne  erscheint  das  Manifest  wiederum,
wie  in  ihm  gesagt  ist,  als  eine  Fortsetzung  des  Werkes,  das  begonnen
wurde  von  dem  großen  Vorgänger  und  Vater  des  Herrschers,  welcher  das
Manifest  vom  26.  Februar  unterzeichnet  hat.“

24.  März.  Ackerbau  und  Verminderung  der  Feiertage.

Der  „Regierungsbote“  teilt  mit,  daß  der  Ackerbauminister  Dermolow
in  einer  besonderen  Beratung  über  die  Bedürfnisse  der  landwirtschaftlichen
Industrie  Maßnahmen  gegen  den  schädlichen  Einfluß  der  allzu  großen  Zahl
von  Feiertagen  auf  den  Ackerbau  angeregt  hat.  Danach  wies  der  Minister
darauf  hin,  daß  die  Zahl  der  von  der  orthodoxen  Bevölkerung  gehaltenen
Feiertage  an  verschiedenen  Orten  jährlich  120  bis  140  und  mehr  erreicht
und  daß  in  die  für  den  Ackerbau  wichtigste  Zeit  von  April  bis  September
gegen  77  Festtage  fallen.  Viele  Feiertage  entsprächen  gar  nicht  dem
Kirchengesetz,  sondern  beruhten  auf  alten  Ortsbräuchen.  Es  wurde  beschlossen,
  im  Reichsrate  eine  Vorlage  einzubringen,  welche  eine  Erklärung
befürwortet,  daß  die  Gesetze  freiwillige  Arbeit  an  den  Feiertagen  nicht
verbieten.  Der  Heilige  Synod  wird  außerdem  angegangen  werden,  die
Geistlichkeit  dazu  anzuhalten,  die  Gemeindeangehörigen  bei  jeder  Gelegenheit
  über  die  wahre  Bedeutung  der  christlichen  Feste  aufzuklären.  Auch
wird  der  Polizei  und  den  Dorfbehörden  eingeschärft  werden,  daß  sie  nicht
berechtigt  sind,  der  Bevölkerung  die  freiwillige  Arbeit  an  Feiertagen  zu
verbieten.

Ende  März.  In  Batum  und  Baku  kommt  es  bei  Ausständen

  zu  Unruhen,  die  durch  Militär  unterdrückt  werden.

März.  (Petersburg.)  Wegen  Abänderung  des  Prüfungsmodus
  protestieren  an  der  Universität  Studenten  und  Studentinnen,
so  daß  die  Universität  zeitweilig  geschlossen  werden  muß.

30./31.  März.  Die  „Nowoje  Wremja“  veröffentlicht  scharfe
Artikel  gegen  Frankreich,  das  sich  als  Beschützer  der  Balkanstaaten
aufspiele  und  durch  seine  zweideutige  Haltung  der  makedonischen
Revolutionspartei  Hoffnung  auf  französische  und  russische  Unterstützung
  mache.  1

31.  März.  Der  „Regierungsbote“  veröffentlicht  Konsularberichte
  aus  Makedonien,  worin  behauptet  wird,  daß  die  Komitees
der  Bevölkerung  verheimlichten,  daß  Rußland  die  Bewegung  gegen
die  Pforte  mißbillige.

2.  April.  Anderung  der  bäuerlichen  Steuerverfassung.

Ein  kaiserlicher  Ukas  ordnet  an,  daß  in  den  Gegenden,  in  denen
das  Gesetz  von  1899  über  die  Erhebung  direkter  Steuern  von  den  Landanteilen
  der  Dorfgemeinden  eingeführt  ist,  die  solidarische  Haftung  der
Bauern  bei  der  Entrichtung  direkter  Staats-,  Semstwo=  und  Gemeindesteuern
  auf  der  Grundlage  des  ebenfalls  heute  veröffentlichten  Gutachtens
des  Reichsrates  aufzuheben  ist.

Ferner  wird  die  Zahl  der  ländlichen  Polizisten  vermindert  und  ihre
Besoldung,  die  bisher  die  ländlichen  Gemeinden  aufzubringen  hatten,  der
Staatskasse  auferlegt.  Die  ländliche  Bevölkerung  soll  hierdurch  20  Millionen
Rubel  ersparen.
        <pb n="344" />
        336  Rußland.  (April  16.—20.)

16.  April.  (Finnland.)  Ausnahmemaßregeln  zur  Aufrechterhaltung
  der  Ordnung.

Durch  eine  Verordnung  wird  dem  Generalgouverneur  die  Befugnis
erteilt,  für  bestimmte  Zeit  die  Schließung  von  Gasthäusern,  Buchhandlungen,
anderen  Geschäften  und  industriellen  Etablissements  zu  verordnen,  private
Sitzungen  jeder  Art  zu  verbieten,  private  Vereine  aufzulösen  und  den
Personen,  die  der  Generalgouverneur  für  bie  staatliche  Ordnung  und  öffentliche
  Ruhe  als  gefährlich  betrachtet,  den  Aufenthalt  in  Finnland  zu  verbieten.
  Letztere  Maßregel  kann  jedoch  vom  Generalgouverneur  nur  mit
Allerhöchster  Zustimmung  getroffen  werden,  ausgenommen  in  Fällen,  die
unaufschiebbar  sind.  Den  hiervon  betroffenen  Personen  kann  sodann  der
Aufenthalt  in  gewissen  Orten  innerhalb  des  Kaiserreiches  angewiesen  werden.
Die  Verordnung  hat  drei  Jahre  Gültigkeit.

19.  20.  April.  (Kischinew.)  Große  Judenverfolgung.

In  Kischinewm  und  Umgebung  werden  zahlreiche  Juden  niedergemetzelt.
  Die  Polizei  ist  machtlos.  Gegen  die  russische  Regierung  wird
vielfach  der  Vorwurf  erhoben,  daß  sie  von  den  geplanten  Metzeleien  Kenntnis
gehabt,  aber  Vorsichtsmaßregeln  unterlassen  habe,  um  durch  die  Verfolgung
einen  Schlag  gegen  die  zahlreichen  jüdischen  Revolutionäre  zu  führen.  Die
Regierung  bestreitet  diese  Behauptung.  Der  Generalgouverneur  von  Kischinew
  und  mehrere  Unterbeamte  werden  entlassen,  weil  sie  nicht  zeitig  genug
  für  militärische  Hilfe  gesorgt  haben.

Der  Minister  des  Innern  veröffentlicht  folgende  Darstellung:  Bei
den  Unruhen,  deren  Urheber  vorzugsweise  einfache  Leute  waren,  sind
45  Personen  getötet  worden  oder  ihren  Wunden  erlegen,  74  wurden  schwer,
gegen  350  leichter  verletzt,  gegen  700  Juden  gehörige  Häuser  und  600
Geschäftslokale  wurden  geplündert.  Die  Untersuchung  ergab,  daß  die  Unruhen
  durch  das  zugespitzte  Verhältnis  zwischen  den  Christen  und  Juden
Bessarabiens  hervorgerufen  waren.  Irgend  ein  albernes  Gerücht  konnte
unter  solchen  Umständen  einen  Ausbruch  der  Volksleidenschaften  herbeiführen.
  Das  tat  denn  auch  die  falsche  Anschuldigung,  die  Juden  hätten
in  Dubossary  im  benachbarten  Gouvernement  Cherson,  in  Kiew  und  in
Kischinewm  Ritualmorde  verübt.  Dadurch  entstand  Ende  März  unter  den
Arbeitern  und  dem  einfachen  Volke  in  Kischinew  das  Gerede,  es  müsse
gegen  die  Juden  vorgegangen  werden.  Geschriebene  Aufrufe,  über  die
Juden  herzufallen,  wurden  verbreitet;  aber  die  Volksstimmung  am  Ostersonntag
  verriet  noch  nichts  Außergewöhnliches.  Auf  dem  Platze  für  Volksbelustigungen
  war  alles  ruhig,  bis  nachmittags  gegen  4  Uhr  ein  jüdischer
Karussellbesitzer  eine  Christenfrau  derartig  stieß  und  schlug,  daß  ihr  Kind
ihren  Händen  entfiel.  Dies  war  der  direkte  Anlaß  zur  Judenhetze.  Sofort
  flogen  Steine  gegen  die  Fenster  benachbarter  Judenhäuser,  die  Unruhen
  pflanzten  sich  in  die  umliegenden  Straßen  fort,  und  die  Menge
durchzog  dann  verschiedene  Stadtteile,  überall  die  jüdischen  Häuser  und
Verkaufsbuden  zerstörend.  Hierauf  begannen  andere  Trupps  es  zu  plündern.
  Die  Ausschreitungen  konnten  nicht  sofort  unterdrückt  werden,  weil
sie  sich  schnell  ausbreiteten.  Schon  am  Abend  des  Ostersonntags  zählte
man  drei  getötete  Juden.  Um  10  Uhr  hörten  die  Ausschreitungen  auf.
Am  nächsten  Morgen  überfiel  ein  mit  Stöcken  bewaffneter  Haufe  von
Juden  auf  dem  neuen  Basar  die  anwesenden  Christen.  Die  Prügelei  hörte
aber  bald  auf.  während  am  anderen  Ende  des  Basars  der  gleiche  Ueberfall
  sich  wiederholte.  Aus  der  Mitte  der  jüdischen  Angreifer  ertönte  ein
Schuß,  der  einen  Christen  verwundete.  Nun  erneuerten  sich  die  Unruhen
        <pb n="345" />
        Kußland.  (April  20.)  337

in  der  Stadt;  die  Wohnungen  von  Juden  wurden  zerstört  und  diese  niedergeschlagen.
  Die  die  Stadt  durchziehenden  Militärpatrouillen  erwiesen  sich
als  ungenügend.  Es  wurden  neue  Truppenkommandos  herbeigerufen,
wobei  die  Erteilung  der  Anordnungen  zur  Aufrechterhaltung  der  Ordnung
vom  Gouverneur  der  Militärobrigkeit  übertragen  wurde.  Den  anfangs
herbeigerufenen  Truppen  gelang  die  Unterdrückung  der  Unruhen  nicht,
weil  infolge  mangelhafter  Maßnahmen  der  Polizei,  der  offenbar  die  nötige
Leitung  fehlte,  die  Straßen  außer  von  den  Ruhestörern  auch  haufenweise
von  Neugierigen  gefüllt  waren.  Nachdem  die  Truppen  planmäßig  auf
einzelne  Bezirke  verteilt  worden  waren,  hörten  dort  die  Unruhen  am  Abend
des  Ostermontags  auf,  ohne  sich  zu  erneuern.  Die  Vorgänge  in  Kischinew
versetzten  die  jüdische  Bevölkerung  an  vielen  Orten  des  Reiches  in  Unruhe
und  riefen  unter  den  Christen  Gerüchte  von  bevorstehenden  Judenhetzen
hervor.  In  einigen  Städten  begannen  die  Juden  Vereinigungen  zu  ihrer
Selbstverteidigung  zu  bilden.  Auf  Grund  der  vom  Direktor  des  Polizeidepartements
  an  Ort  und  Stelle  gepflogenen  Erhebungen,  wies  der  Kaiser
den  Minister  des  Innern  an,  den  Chefs  der  Gouvernements  und  der
Städte  einzuschärfen,  daß  es  ihnen  unter  persönlicher  Verantwortung  zur
Pflicht  gemacht  wird,  Maßnahmen  zu  treffen,  um  Gewalttätigkeiten  vorzubeugen
  und  die  Bevölkerung  zu  beruhigen,  damit  der  Anlaß  zum  Auftauchen
  von  Befürchtungen  für  das  Leben  und  Eigentum  irgend  eines  Teils
der  Bevölkerung  entfalle.

Nach  Berichten  westlicher  liberaler  Blätter  ist  die  Zahl  der  getöteten
Juden  weit  größer.  Pater  Johann  von  Kronstadt  (vgl.  1894  S.  300),  der
Berater  des  Zaren,  schreibt  über  die  Vorgänge:  „Meinen  geliebten  Brüdern
in  Gott  Christo,  den  Kischinewschen  Christen!  Aus  den  jetzt  vorliegenden
Zeitungsberichten  über  die  kischinewsche  Katastrophe  habe  ich  mich  zuverlässig
  überzeugt,  daß  die  Israeliten  selbst  die  Ursache  der  Unruhen,  der
Mißhandlungen  und  Tötungen  gewesen  sind,  die  den  6.  und  7.  April
kennzeichnen.  Ich  habe  mich  überzeugt,  daß  die  Christen  schließlich  doch
die  Geschädigten  geblieben  sind,  die  Juden  aber  für  die  erlittenen  Verluste
und  Mißhandlungen  doppelt  durch  ihre  und  fremde  Mitbürger  entschädigt
worden  sind.  Das  weiß  ich  auch  aus  Privatbriefen,  die  mir  von  wahrheitsliebenden,
  lange  in  Kischinew  lebenden  und  die  Verhältnisse  gründlich
kennenden  Leuten  geschrieben  worden  sind.  Deshalb  wende  ich  mich  an  die
kischinewschen  Christen:  „Verzeiht  mir  die  ausschließlich  an  Euch  gerichtete
Beschuldigung  wegen  des  vorgekommenen  Unfugs!  Jetzt  habe  ich  mich  aus
Briefen  von  Augenzeugen  überzeugt,  daß  man  nicht  die  Christen  allein
beschuldt  öän  kann,  die  zu  den  Unordnungen  von  den  Juden  herausgefordert
worden  sind."“

20.  April.  Der  Kaiser  stellt  für  die  weitere  Schulreform

folgende  Grundlagen  auf:

Die  klassischen  Gymnasien  bleiben  bestehen,  jedoch  soll  in  der  Mehrzahl
  derselben  Griechisch  nicht  obligatorisch  sein.  Die  Absolvierung  des
Gymnasialkursus  berechtigt  zum  Universitätsstudium;  der  Besuch  der  Hetenklassigen
  Realschule  gibt  das  Anrecht  auf  höhere  technische  Bildung,  der
der  geplanten  sechsklassigen  auf  den  Staatsdienst  in  der  Provinz.  Technische
  und  Fachbildung  sind  möglichst  zu  fördern;  besondere  Aufmerksamkeit
  ist  der  Hebung  der  religiössittlichen  und  patriotischen  Erziehung  durch
die  Schule  zuzuwenden.  Es  sind  ferner  Maßnahmen  zu  treffen,  daß  die
Lehrer  eine  der  Schulreform  entsprechende  Ausbildung  erhalten.  Für  die
Schüler  gewisser  Gruppen  von  Lehranstalten  sind  Pensionsanstalten  einzurichten.


Europäischer  Geschichtskalender.  XIIV.  22
        <pb n="346" />
        338  Rußland.  (Mai  Anfang—Juni  7.)

Anfang  Mai.  Ein  Rundschreiben  des  Ministers  des  Auswärtigen
  an  die  Vertreter  im  Auslande  legt  die  Mandschureifrage

  dar.

Nach  einem  Rückblick  auf  die  seit  1900  ruffischerseits  in  der  Mandschurei
  ausgeführten  kulturellen  Arbeiten  zählt  die  Note  die  Bedingungen
auf,  unter  denen  gleichzeitig  mit  der  Herstellung  der  Bahnlinie  auch  die
ur  Sicherheit  der  Strecke  erforderlichen  Befestigungen  von  Liao--Joung  am

aluflusse  errichtet  wurden.  Alle  diese  Arbeiten  haben  Sonderverträge
mit  China  zur  Grundlage.  Für  die  Sicherheit  und  Integrität  Chinas,
sowie  für  dessen  Außenhandel  seien  diese  Werke  von  unschätzbarem  Werte.
Rußland  denke  nicht  daran,  alle  Vorteile  dieser  neuen  Schöpfung  für  seine
Interessen  zu  beschlagnahmen.  Die  handeltreibenden  Mächte  beider  Erdteile
  würden  unter  den  denkbar  günstigsten  Bedingungen  davon  Nutzen
ziehen.  Unter  solchen  Umständen  müsse  es  in  Anbetracht  der  Wichtigkeit
der  russischen  Schöpfung  jeder  loyale  Beurteiler  begreiflich  finden,  daß  die
beschlossene  Räumung  Niutschwangs  mit  der  Dauer  versprechenden  Regelung
  aller  Verkehrs-  und  Sicherheitsfragen  in  Zusammenhang  steht.

Anfang  Mai.  (Rostow.)  Unter  der  Arbeiterbevölkerung
werden  sozialdemokratische  Aufrufe  und  Aufforderungen  zu  Unruhen
verbreitet.  Es  werden  militärische  Vorkehrungen  getroffen.  Auch
in  anderen  Distrikten  häufen  sich  die  Unruhen;  in  Petersburg  und
Moskau  finden  zahlreiche  Verhaftungen  statt.

20.  Mai.  (Ufa.)  Der  Generalgouverneur  Bogdanowitsch
wird  auf  einem  Spaziergang  erschossen.

Mai.  Die  Truppen  in  Niutschwang  und  Port  Arthur  werden
  verstärkt.

Mai.  Die  Kommission  zur  Erörterung  der  Bedürfnisse  der
Landwirtschaft  schlägt  Verbesserung  der  landwirtschaftlichen  Statistik
und  der  Verkehrsverhältnisse  vor.  (Vgl.  1902  S.  358.)

29.  Mai.  Die  Stadt  Petersburg  feiert  ihr  zweihundertjähriges
  Bestehen  in  mehrtägigen  Festen.  Zahlreiche  Vertreter  des
Auslandes,  darunter  die  Oberbürgermeister  von  Berlin  und  München,
  Vertreter  der  Gemeindeverwaltung  von  Paris,  sind  anwesend.

4.  Juni.  Modifikation  der  Rechtslage  der  Juden.

Der  Kaiser  genehmigt  den  Beschluß  des  Ministerkomitees,  bis  zur
Revision  der  Gesetze  über  die  Juden  auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung  in
und  außerhalb  der  in  der  Ansässigkeitszone  liegenden  Gouvernements  den
Juden  Erwerb  von  Land  und  Immobilien  sowie  die  “3  derselben
zu  verbieten.  Dagegen  soll  der  jüdischen  Bevölkerung  gestattet  sein,  sich  in
den  in  ihrer  Ansässigkeitszone  gelegenen  Ortschaften  anzusiedeln,  welche  infolge
  ihrer  industriellen  Entwicklung  den  Charakter  von  Städten  annehmen,
und  dort  Immobilien  zu  erwerben.  Solcher  Ortschaften  gibt  es  bisher  101.

7.  Juni.  Polnischer  Religionsunterricht.

Der  Minister  für  Volksaufklärung  wird  durch  ein  kaiserliches  Handschreiben
  angewiesen,  mit  Beginn  des  neuen  Lehrjahres  an  allen  Mittel-
        <pb n="347" />
        Rußland.  (Juni  18.  30.)  339

schulen  des  Königreichs  Polen  die  Erteilung  des  römisch-katholischen  Religionsunterrichtes
  in  polnischer  Sprache  zuzulassen.  Seit  1880  war  für
sechs  Mittelschulen  die  Erteilung  des  Religonsunterrichtes  für  Katholiken
in  russischer  Sprache  vorgeschrieben.

18.  Juni.  Der  „Regierungsbote“  veröffentlicht  folgende  Mitteilung
  über  die  serbische  Revolution:

„Eine  Woche  ist  seit  dem  Tage  der  blutigen  Umwälzung  in  Belgrad
vergangen,  über  welche  die  kaiserliche  Regierung,  weil  Serbien  ohne  gesetzliche
  Gewalt  war,  in  offizieller,  allgemein  üblicher  Form  nicht  in  Kenntnis
  gesetzt  werden  konnte.  Indem  Rußland  streng  den  Standpunkt  der
Nichteinmischung  in  die  inneren  Angelegenheiten  der  Balkanstaaten  einhält
und  es  auch  für  unmöglich  hält,  mit  Leuten,  die  eigenmächtig  die  Gewalt
ergriffen  haben,  in  irgend  welchen  Verkehr  zu  treten,  wartete  es  die  Beendigung
  der  Wirren  ab,  um  ein  Verhalten  zu  den  Ereignissen  im  Königreiche
  klar  festzustellen.  In  der  außerordentlichen  Sitzung  vom  2.  Juni
(a.  St.)  der  Skupschtina  und  des  Senats  wurde  die  gesetzliche  Ordnung
wiederhergestellt  und  Peter  einstimmig  zum  König  gewählt,  welcher  das  an
ihn  gerichtete  Ansuchen  der  Volksvertreter  annahm  und  den  serbischen
Thron  unter  dem  Namen  Peter  l.  zu  besteigen  einwilligte.  Sofort  nach
der  Wahl  wandte  der  Fürst  sich  telegraphisch  an  den  Kaiser  mit  dem  Gesuche
  um  Anerkennung  als  König,  auf  welches  eine  Allerhöchste  telegraphische
Antwort  in  bestätigendem  Sinne  erfolgte.  Indem  die  kaiserliche  Regierung
die  Wahl  des  neuen  Monarchen,  des  Nachkommens  einer  ruhmreichen  Dynastie,
  begrüßt  und  dem  Oberhaupte  des  Rußland  glaubensverwandten
serbischen  Volkes  vollen  Erfolg  und  ein  gutes  Beginnen  wünscht,  kann  sie
doch  nicht  umhin,  die  Zuversicht  auszusprechen,  daß  König  Peter  es  vermöge,
  Gerechtigkeit  und  festen  Willen  an  den  Tag  zu  legen,  indem  er  allen
voran  Maßnahmen  zur  Untersuchung  der  verabscheuungswürdigen  Uebeltat
ergreift  und  die  treubrüchigen  Verbrecher,  die  sich  mit  der  Schmach  des
Königsmordes  bedeckten,  strenger  Strafe  unterwirft.  Natürlich  kann  nicht
die  ganze  serbische  Armee  für  die  das  öffentliche  Gewissen  empörenden  Verbrechen
  verantwortlich  gemacht  werden;  doch  wäre  es  für  die  innere  Ruhe
Serbiens  gefährlich,  die  von  Militärs  gewaltsam  bewerkstelligte  Staatsumwälzung
  ohne  die  erforderliche  Sühne  zu  lassen.  Eine  solche  Unterlassung
  würde  unvermeidlich  in  ungünstigem  Sinne  auf  die  Beziehungen
aller  Staaten  zu  Serbien  einwirken  und  damit  für  Serbien  in  der  Morgenröte
  der  beginnenden  Regierung  Peters  I.  ernstliche  Schwierigkeiten
schaffen.  Das  glaubensverwandte  Rußland  sendet  zu  Gott  Gebete  um
Ruhe  für  die  Seele  des  vorzeitig  umgekommenen  Alexander  und  seiner
Gemahlin,  indem  es  den  Segen  des  Allerhöchsten  auf  die  Regierungsmühen
Peters  I.  zum  Wohle  und  Gedeihen  des  serbischen  Volkes  herabruft.

30.  Juni.  Dementi  über  angebliche  Verhandlungen  mit  den
Vereinigten  Staaten  über  die  Judenfrage.  (Vgl.  Nordamerika.)

Die  russische  Telegraphenagentur  teilt  mit:  Das  Reutersche  Bureau
verbreitet  die  falsche  Nachricht,  daß  anläßlich  der  von  dem  Präsidenten
Roosevelt  geäußerten  Absicht,  der  russischen  Regierung  eine  Petition  über
die  Ereignisse  von  Kischinew  zu  überreichen,  Verhandlungen  zwischen  Rußland
  und  den  Vereinigten  Staaten  stattgefunden  hätten.  Die  Regierung
der  Vereinigten  Staaten  hat  über  diesen  Gegenstand  keinerlei  Erklärungen
abgegeben.  Wenn  sie  sich  aber  hierzu  entschlossen  hätte,  so  hätte  Rußland
es  natürlich  verstanden,  auf  eine  derartige  Einmischung  in  die  inneren
Angelegenheiten  das  Erforderliche  zu  antworten.

22*
        <pb n="348" />
        340  Rußland.  (Juni—Juli  Mitte.)

Juni.  Belebung  des  Verkehrs  mit  dem  Persischen  Golf.

Der  Oberdirigierende  der  Handelsschiffahrtshäfen,  Großfürst  Alexander
Michailowitsch  schließt  mit  der  Gesellschaft  für  Dampfschiffahrt  und  Handel
in  Odessa  einen  Vertrag  über  die  Einrichtung  eines  regelmäßigen  Verkehrs
  mit  den  Häfen  des  Persischen  Golfes.  Danach  stellt  die  russische
Regierung  der  genannten  Gesellschaft  auf  zwölf  Jahre,  von  1903  an  gerechnet,
  eine  jährliche  Subvention  von  200,000  Rubeln  zur  Verfügung.
Ferner  sollen  die  Abgaben  für  die  Durchfahrt  durch  den  Suezkanal  der
Odessaer  Gesellschaft  von  der  russischen  Regierung  zurückerstattet  werden.

Juli.  Sorge  für  die  Schuldisziplin.

Ein  Rundschreiben  des  Ministers  für  Volksaufklärung  an  die  Kuratoren
  der  Lehrbezirke  richtet  die  Anfmerksamkeit  derselben  auf  das  Sinken
der  Disziplin  an  den  Mittelschulen  und  teilweise  auch  an  den  Stadtschulen.
Er  weist  hierbei  auf  Fälle  der  offenen  Auflehnung  gegen  die  Schulobrigkeit
  und  der  regierungsfeindlichen  Propaganda  seitens  Schüler  höherer
Klassen  hin.  Der  Minister  gibt  dem  Lehrpersonal  zugleich  Verwaltungsvorschriften,
  bei  welchen  betont  ist,  daß  der  Disziplinlosigkeit  nicht  allein
mit  Repressivmaßregeln  entgegengetreten  werden  müsse,  sondern  außer  der
korrekten  Haltung  des  Lehrpersonals  sei  dazu  auch  ein  beständiges  Einwirken
  desselben  auf  die  religiös-sittliche  Erziehung  der  Schüler  erforderlich.

Mitte  Juli.  Ein  Ukas  befiehlt  die  Aufhebung  der  schweren
Körperstrafen  gegen  die  Sträflinge  in  den  Bergwerken  und  Zuchthäusern.
  Die  Knute,  das  Anschmieden  an  den  Schiebekarren  und

das  Abrasieren  der  rechten  Hälfte  des  Kopfhaares  werden  abgeschafft.


Mitte  Juli.  Die  „Nowoje  Wremja“  warnt  Japan,  einen
Krieg  mit  Rußland  zu  provozieren.

Für  Japan  bestehe  die  Alternative:  entweder  Verzicht  auf  alle
kriegerischen  und  agressiven  Pläne  und  Pflege  freundschaftlicher  Beziehungen
  zu  Rußland,  oder  Krieg  mit  Rußland.  Offenbar  sei  der  erstere
Entschluß  vorzuziehen:  der  Verzicht  auf  die  Bestrebungen,  sich  auf  dem
Kontinent  festzusetzen,  würde  fofort  die  ungeheuren  militärischen  Ausgaben
unnütz  machen,  da  Japan  infolge  seiner  insularen  Lage  die  Möglichkeit
habe,  sich  auf  den  Unterhalt  einer  ganz  kleinen  Landarmee  und  einer
Küstenverteidigungsflotte  zu  beschränken;  dieser  Verzicht  führe  zu  einem
völligen  Einvernehmen  mit  Rußland,  welches  die  kommerzielle  und  industrielle
  Tätigkeit  der  Japaner  wesentlich  erleichtern  müsse.  Rußland  habe
Japan  die  Märkte  verschafft,  die  es  dringend  brauche,  Rußland  habe  Japan
Europa  näher  gebracht,  Rußland  habe  es  zugelassen,  daß  Japan  seinen  Einfluß
in  Korea  sehr  bedeutend  vermehrte.  Was  aber  könne  Japan  von  einem
Kriege  erwarten,  da  es  trotz  des  Machtgefühls  seiner  Bürger  Rußland
doch  nicht  gewachsen?  Die  insulare  Lage,  die  seine  Defensive  gewaltig
stärke,  werde  bei  einem  Angriffskriege  zu  einer  Quelle  der  Schwäche,  denn
selbst  in  dem  zweifelhaften  Falle,  daß  eine  japanische  Landung  am  koreanischen
  oder  russischen  Ufer  gelänge  und  die  Operationen  unserer  Flotte
paralysiert  würden,  müßte  doch  die  Lage  des  japanischen  Landungskorps
mit  jedem  Tage  unhaltbarer  werden,  bis  es  schließlich  von  unseren  verstärkten
  Truppen  ins  Meer  geworfen  werde.  Die  Hoffnungen  auf  England
  seien  trügerisch:  dieses  würde  entweder  strenge  Neutralität  wahren
oder  sich  auf  die  Verteidigung  Indiens  beschränken.  Die  Schwäche  der
        <pb n="349" />
        Pußland.  (Juli  24.—  August  12.)  341

englischen  Landarmee  sei  während  des  Burenkrieges  offen  zutage  getreten,
und  mit  der  Flotte  allein  könne  man  Rußland  nicht  besiegen.  „Ein  Krieg
Japans  gegen  uns  bedeutet  seinen  Selbstmord,  den  Schiffbruch  aller  seiner
Hoffnungen,  und  deshalb  sind  wir  der  festen  Ueberzeugung,  daß  die  friedliche
  Strömung  in  Japan  schließlich  doch  triumphieren  wird.  An  der
Macht  des  russischen  Riesen  sind  die  Heeresmassen  Napoleons  zu  Grunde
gegangen,  und  nach  dieser  Prüfung  sind  Rußland  keine  anderen  mehr
schrecklich.  Rußland  strebt  nach  der  Wahrung  des  Friedens,  aber  nicht
aus  Furcht  vor  einem  Kriege,  sondern  aus  der  Menschenliebe,  die  auf  dem
Bewußtsein  seiner  Kraft  beruht.  Alle  fordern  wir  auf,  gemeinsam  mit
uns  für  die  Ideale  der  Wahrheit  und  der  Zivilisation  friedlich  zu  arbeiten,
wenn  aber  jemand  nicht  denselben  Weg  wandeln  oder  ihn  uns  versperren
will,  so  werden  wir  deshalb  nicht  auf  einen  Augenblick  von  der  Erfüllung
unserer  historischen  Aufgaben  ablassen.“

24.  Juli.  Einziehung  des  armenisch-gregorianischen  Kirchenvermögens.


Ein  Gesetz  ordnet  an,  daß  die  bisher  autonom  verwalteten  armenischgregorianischen
  Kirchengüter  in  die  Verwaltung  des  Staates  übergehen  und
die  Güter  und  Fonds  dieser  Kirchen,  welche  bisher  den  Schulbetrieb  dieser
Konfession  sicher  stellten,  dem  Ministerium  für  Volksaufklärung  überwiesen
werden.  Der  „Regierungsbote"  motivirt  das  Gesetz  mit  der  bisherigen
Art  der  Verwaltung,  die  weder  vom  staatlichen  Standpunkte  gebilligt
werden  konnte,  noch  den  Interessen  der  Kirche  selbst  entsprach.  Außerdem
setzte  die  armenische  Geistlichkeit  der  schon  1897  angeordneten  Uebergabe
ihrer  Kirchenschulen  mit  den  dazu  gehörigen  Geldern  an  das  Ministerium
der  Volksaufklärung  Widerstand  entgegen.  Die  Zinsen  des  von  der  Regierung
  verwalteten  Vermögens  bezieht  die  Gregorianische  Kirche  in  dem
erforderlichen  Umfange  weiter.  Fünf  Prozent  der  Einnahmen  werden  zur
Bildung  eines  Hilfskapitals  für  die  Kirche  verwendet.  Damit  wird  eine
gleichmäßige  Unterstützung  aller  Gregorianischen  Exarchien  bezweckt.

Ende  Juli.  Anfang  August.  Streiks  und  Arbeiterunruhen
finden  in  Kiew,  Odessa,  Tiflis  und  Baku  statt.  Zeitweilig  find
die  Unruhen  von  revolutionärem  Charakter.  Militär  schreitet  mehrfach
  ein,  und  viele  Streikende  werden  getötet.

Anfang  August.  Ein  Teil  des  deutschen  ostafiatischen  Geschwaders
  besucht  Wladiwostok  und  wird  glänzend  empfangen.

12.  August.  Errichtung  einer  Statthalterschaft  für  Ostasien.

Ein  kaiserlicher  Ukas  befiehlt,  aus  dem  Amur-Generalguberniat  und
dem  Kwangtung-Gebiet  eine  besondere  Statthalterschaft  zu  bilden.  Der
Statthalter  wird  mit  höchster  Gewalt  in  allen  Zweigen  des  Zivilverwaltungsgebietes
  bekleidet,  die  gleichzeitig  der  Leitung  der  betreffenden  Ministerien
  entzogen  wird.  Ihm  obliegt  auch  die  Sorge  für  die  Ruhe,  die
Sicherheit  und  die  Wohlfahrt  sowohl  der  an  der  chinesischen  Ostbahn  liegenden
  Gegenden  als  auch  der  an  die  Statthalterschaft  angrenzenden,  jenseits
  der  Grenze  liegenden  russischen  Besitzungen.  Bis  zum  Erlaß  eines
Gesetzes  über  die  Kompetenzen  und  Pflichten  des  Statthalters  kommen  für
die  Verwaltung  des  fernen  Ostens  die  im  Jahre  1845  für  die  kaukasische
Statthalterschaft  erlassenen  Bestimmungen  zur  Geltung.  Auch  die  diplomatischen
  Beziehungen  im  Verkehr  dieser  Gebiete  mit  den  Nachbarstaaten
sind  in  den  Händen  des  Statthalters  konzentriert.  Ihm  ist  auch  ferner
        <pb n="350" />
        342  Rußland.  (August  15.—29.)

das  Kommando  der  Kriegsflotte  des  Stillen  Ozeans,  sowie  aller  Truppen
des  Gebietes  übertragen.  Ein  besonderes  Komitee  unter  dem  Vorsitz  des
Kaisers  wird  die  Anordnungen  des  Statthalters  mit  den  allgemein  staatlichen
  Absichten  und  der  Tätigkeit  der  Ministerien  in  Einklang  bringen.
Generaladjutant  Alexejew,  welcher  zum  Statthalter  im  fernen  Osten  ernannt
ist,  erhält  den  Auftrag,  die  Vorlage  über  die  Verwaltung  des  ihm  anvertrauten
  Gebietes  dem  Kaiser  zur  Bestätigung  zu  unterbreiten.

15.  August.  Vorstellungen  in  Konstantinopel  und  Sofia.

Der  „Regierungsbote“  veröffentlicht  zwei  Telegramme  des  Grafen
Lamsdorff,  das  eine,  datiert  vom  11.  d.  M.,  ist  an  den  Botschafter  in
Konstantinopel,  Sinowjew,  gerichtet,  das  andere,  vom  12.  d.  M.,  an  den
diplomatischen  Agenten  in  Bulgarien.  In  dem  ersten  sagt  der  Minister,
der  Kaiser  fordere  unter  Ablehnung  leerer  Versprechungen  die  strengste
Bestrafung  des  Mörders  des  Konsuls  Rostkowski  und  des  Individuums,
das  auf  die  Equipage  des  Konsuls  schoß  und  die  sofortige  Vorlegung  positiver
  Angaben  über  die  faktische  Verbannung  des  Valis  von  Monastir  und
die  sofortige  strenge  Bestrafung  aller  für  den  Mord  sonst  verantwortlichen
Zivil-  und  Militärpersonen.  Außerdem  wird  der  Botschafter  beauftragt,
folgende  Forderungen  zu  stellen:  „Alle  türkischen  Beamten,  auf  deren
empörende  Handlungsweise  der  Konsulatsverweser  in  Uesküb  und  der
österreichische  Konsul  hingewiesen  haben,  unverzüglich  strengstens  zu  bestrafen,
  den  verabschiedeten  Ismail  Hakki,  über  den  dem  Generalinspektor
Hussein  Hilmi-Pascha  günstige  Gutachten  zugegangen  sind,  wieder  in  sein
Amt  einzusetzen,  die  Bauern,  welche  den  Konsuln  über  die  türkischen  Grausamkeiten
  berichteten,  sofort  in  Freiheit  zu  setzen,  die  Verwaltungsbeamten,
denen  Mißbräuche  nachgewiesen  sind,  sofort  abzusetzen  und  zu  bestrafen,
und  endlich  ausländische  Offiziere  in  der  Gendarmerie  und  Polizei  unverzüglich
  zu  ernennen,  zur  Beruhigung  der  friedlichen  Bevölkerung  und  zur
Herbeiführung  einer  gesetzlichen  Ordnung.“  In  dem  Telegramm  an  den
diplomatischen  Agenten  in  Bulgarien  wird  diesem  zur  Pflicht  gemacht,
Sorge  zu  tragen,  daß  die  energische  Einwirkung  Rußlands  auf  Konstantinopel
  weder  von  der  bulgarischen  Regierung  noch  von  den  Komitees  als
eine  Aenderung  des  politischen  Programms  Rußlands  gedeutet  wird.  Seitens
  des  Fürstentums  wäre  es  eine  gefährliche  Verirrung,  diese  Maßnahmen
  als  eine  Förderung  der  Agitation  der  Komitees  aufzufassen.  Die
friedliche  christliche  Bevölkerung  leide  unter  den  Revolutionären  wie  unter
den  Räubereien  der  Türken.  Daher  sei  die  entschiedenste  Gegenwirkung
seitens  der  bulgarischen  Regierung  zum  Zwecke  der  Unterdrückung  der
Wirren  notwendig.

17.  August.  (Sewastopol.)  Absendung  eines  rusfischen  Geschwaders
  in  die  türkischen  Gewässer  wegen  der  Ermordung  des
russischen  Konsuls  in  Monastir.  (Vgl.  Türkei.)  Da  der  Sultan
die  verlangte  Genugtuung  gibt,  kehrt  das  Geschwader  am  24.  August
von  Inadia  zurück.

17.—20.  August.  (Finnland.)  Ein  in  Forssa  (zum  ersten
Male  in  Rußland)  öffentlich  tagender  sozialdemokratischer  Kongreß
beschließt  eine  planmäßige  Agitation  gegen  die  Grundlagen  der
ständischen  Verfassung  Finnlands.

29.  August.  Finanzminister  v.  Witte  wird  zum  Präsidenten
        <pb n="351" />
        Kußland.  (September  24.)  343

des  Ministerkomitees  ernannt.  Finanzminister  wird  der  Gouverneur
  der  Reichsbank  Geh.  Rat  Pleske.

September.  Bei  der  Übergabe  des  armenischen  Kirchenvermögens
  an  die  Staatsverwaltung  leistet  die  Bevölkerung  an
mehreren  Orten,  wie  Kars  und  Elisabetpol,  gewaltsamen  Widerstand,
  so  daß  Militär  einschreiten  muß.  Mehrere  Demonstranten
werden  getötet.

24.  September.  Kundgebung  über  die  makedonische  Frage.

Ein  Kommunicqué  der  Regierung  erinnert  an  die  österreichisch-russischen
  Vorschläge  und  an  den  Erfolg,  den  diese  anfangs  gehabt  hätten.
Sodann  heißt  es:  Diese  Resultate  konnten  jedoch  die  in  den  slavischen
Staaten  entstandenen  mazedonischen  Komitees  nicht  befriedigen.  Die  hervortretende
  Wahrscheinlichkeit,  daß  die  christliche  Bevölkerung  unter  dem
Eindruck  der  begonnenen  Reformen,  welche  nach  Maßgabe  der  Anwendung
in  der  nächsten  Zukunft  eine  breitere  Eutwicklung  erhalten  sollten,  sich  beruhigen
  werde,  eutzog  den  Komitees,  ihrer  Auffassung  nach,  den  für  die
Verwirklichung  ihrer  revolutionären  Pläne  günstigen  Boden.  Indem  sie
den  Schutz  ihrer  Glaubensgenossen  gegen  die  türkische  Bedrückung  auf  die
Fahne  schreiben,  bezwecken  diese  Komitees  in  Wirklichkeit  und  in  eigennütziger
  Absicht  eine  Veränderung  der  administrativen  Ordnung  der  Provinz
  im  Sinne  ihrer  Umwandlung  in  ein  bulgarisches  Mazedonien  mit
Beeinträchtigung  der  Rechte  und  Vorrechte  anderer  christlicher  Völker,
deren  Interessen  dem  rechtgläubigen  Rußland  gleich  teuer  sind.  Da  die
Leiter  der  Bewegung  von  seiten  der  nicht  bulgarischen  Elemente  Mazedoniens
  für  ihre  politischen  Pläne  keine  Unterstützung  fanden,  bemühten
sie  sich,  durch  grausame  Gewalttaten  und  Terrorismus  im  Lande  einen
allgemeinen  Aufstand  hervorzurufen,  um  die  Einführung  der  geplanten
Reformen  zu  verhindern.  Bedauerlicherweise  erhielt,  trotz  der  anfangs
seitens  der  Sofioter  Regierung  ergriffenen  Vorsichtsmaßregeln,  die  mazedonische
  Agitation  eine  größere  Verbreitung  im  Fürstentum  Bulgarien
selbst,  indem  sie  die  Unterstützung  derer  fand,  welche  in  irriger  Weise  darauf
rechneten,  der  Aufstand  werde  Rußland  zwingen,  sein  Programm  zu  ändern
  und  aktiv  zum  Schutz  nicht  realisierbarer  Pläne  als  Leiter  der  revolutionären
  Bewegung  hervorzutreten.  Diese  verderbliche  Verirrung,  vor
welcher  die  kaiserliche  Regierung  unablässig  warnte,  beschwor  auf  die  Christen
in  den  türkischen  Vilajets  eine  schwere  Bedrängnis  herauf,  der  ein  Ende
zu  machen  in  erster  Reihe  möglich  werden  würde  durch  die  Verhinderung
des  Uebertrittes  neuer  Banden  aus  dem  Fürstentum  in  die  Grenzen  der
Türkei,  aber  auch  durch  die  Einstellung  der  revolutionären  Tätigkeit  der
Komitees.  Denn  nur  dann  erscheint  es  auch  möglich,  auf  der  unverzüglichen
  Anwendung  von  Reformen  zu  bestehen,  die  den  Bedürfnissen  der  Bevölkerung
  entsprechen.  Diese  vor  den  türkischen  Grausamkeiten  zu  bewahren,
ist  trotz  energischen  Bemühens  bei  dem  muselmännischen  Fanatismus  und
bei  den  zunehmenden  Wirren  zur  Zeit  überaus  schwer.  In  solchem  Sinne
haben  die  kaiserlich  russische  wie  die  österreichisch-ungarische  Regierung  abermals
  kategorische  Vorstellungen  sowohl  in  Sofia  wie  in  Konstantinopel  erhoben.
  Außerdem  haben  die  Regierungen  der  Mächte,  welche  den  Berliner
Vertrag  unterzeichneten,  auf  Vorschlag  Rußlands  und  Oesterreich-Ungarns,
um  jeden  Anlaß  zu  unbegründeten  Spekulationen  und  gefährlichen  Unbesonnenheiten
  zu  beseitigen,  ihre  Vertreter  beauftragt,  der  Pforte  und  Bulgarien
  gegenüber  ihre  volle  Einmütigkeit  mit  den  beiden  Monarchien  in
        <pb n="352" />
        344  Rußland.  (Oktober  Mitte—Dezember  Mitte.)

Sachen  der  Pacifizierung  der  Balkanhalbinsel  zu  bekräftigen  und  den  Regierungen
  der  Türkei  und  Bulgariens  ihre  Erklärungen  im  folgenden
Sinne  abzugeben:  Die  gegenwärtige  Lage  der  Dinge  in  den  türkischen
Vilajets  wurde  durch  die  verbrecherischen  Absichten  der  geheimen  Komitees
und  der  revolutionären  Banden  geschaffen  und  verändert  den  Standpunkt
der  Mächte  gegenüber  dem  am  Anfange  des  Jahres  von  den  beiden  meist
interessierten  Kabinetten  ausgearbeiteten  Aktionsprogramm  nicht.  Daher
kann  weder  die  Türkei  noch  Bulgarien  im  Falle  eines  offenen  oder  geheimen
  Widerstandes  gegen  die  Verwirklichung  dieses  Programmes  auf  die
Unterstützung  irgend  einer  Macht  rechnen.  Die  kaiserliche  Regierung  hofft,
die  neue  Verwarnung  werde  die  Türkei  und  Bulgarien  von  der  Nutzlosig--keit
  jeder  Abweichung  von  der  Erfüllung  der  ihnen  vorgelegten  Forderungen
überzeugen  und  sie  veranlassen,  alle  von  ihnen  abhängigen  Maßnahmen
zur  Unterdrückung  der  Wirren  auf  der  Balkanhalbinsel  zu  treffen,  welche
für  das  ottomanische  Reich  und  Bulgarien  nur  die  schwersten  Folgen  haben
önnen.“

Mitte  Oktober.  Leitung  der  ostafiatischen  Angelegenheiten.
(Vgl.  12.  August.)

Für  die  Angelegenheiten  des  fernen  Ostens  wird  ein  besonderes
Komitee  gebildet,  dessen  Vorsitz  der  Kaiser  führt.  Demselben  gehören  an
die  Minister  des  Innern,  der  Finanzen,  des  Auswärtigen,  der  Kriegsminister,
  der  Marineminister,  der  Statthalter  des  fernen  Ostens  und  auf
Bestimmung  des  Kaisers  sonstige  Personen,  deren  Beteiligung  an  den  Beratungen
  des  Komitees  ersprießlich  erscheint.  Der  Beratung  des  Komitees
unterliegen  die  Organisation  und  die  Budgetvoranschläge  für  die  Verwaltung,
  sowie  Maßnahmen  zur  Entwickelung  des  Handels  und  der  Industrie
im  fernen  Osten,  ferner  Anträge  des  Statthalters  über  neue  oder  auf  Abänderung
  bestehender  Gesetze,  welche  die  Zuständigkeit  des  Statthalters
überschreiten.  Das  Komitee  besitzt  keine  Exekutivgewalt,  die  Ausführung
seiner  Beschlüsse  liegt  vielmehr  dem  Statthalter  bezw.  den  Ministerien  ob.

27.  Oktober.  (Tiflis.)  Der  Gouverneur  des  Kaukasus,
Fürst  Galizyn,  wird  auf  einer  Spazierfahrt  von  drei  Eingeborenen
überfallen  und  verwundet.  Die  Attentäter  werden  getötet.

Anfang  November.  Der  Botschafter  in  Rom,  Fürst  Nelidow,
  wird  durch  den  Fürsten  Urussow,  bisher  in  Paris,  ersetzt.  —
In  Italien  wird  dieser  Wechsel  mit  Freude  begrüßt,  da  Nelidow
an  dem  Verzicht  auf  die  Romreise  des  Zaren  mitschuldig  sei  (vol.
S.  304).

Mitte  November.  In  Kiew  demonstrieren  die  Studenten
gegen  die  Behörden.  Die  Universität  wird  geschlossen.  —  Im  armenischen
  Kaukasus  finden  Unruhen  statt,  die  auf  ein  revolutionäres
armenisches  Komitee  zurückgeführt  werden.

7.  Dezember.  Finanzminister  Pleske  nimmt  wegen  Krankheit
  längeren  Urlaub.  Sein  Vertreter  wird  sein  Gehilfe  Romanoff.

Mitte  Dezember.  Enthüllung  über  die  Stellung  Wittes  zur
Russifizierung  Finnlands.

Die  Kopenhagener  Zeitung  Politiken  veröffentlicht  eine  Erklärung
        <pb n="353" />
        Kußland.  (Dezember  21.)  345

des  früheren  russischen  Finan  ministers  und  jetzigen  Präsidenten  des  Ministerkomitees,
  Witte,  wonach  dieser  im  russischen  Reichsrat  im  Januar  1901
dem  vom  Kriegsminister  gestellten  und  vom  jetzigen  Minister  des  Innern
Plehwe  unterstützten  Antrag  auf  Umgestaltung  des  finnischen  Wehrpflichtgesetzes
  und  Eingliederung  der  besonderen  finnischen  Truppenkörper  in  die
russische  Armee  widersprochen  hat.  Witte  beleuchtete  die  Frage  vom  politischen,
  ökonomischen,  finanziellen  und  nationalen  Standpunkt  und  äußerte
sich  dabei  durchaus  zu  gunsten  Finnlands.  Die  Folge  war,  daß  die  Mehrheit
  des  Reichsrats,  darunter  mit  einer  Ausnahme,  alle  Großfürsten,  gegen
den  Kriegsminister  und  den  Minister  Plehwe  Stellung  nahm.  Der  Hauptinhalt
  der  Erklärung  ist  folgender:  Zuerst  kommt  die  bestimmte  Behauptung,
  daß  die  Entscheidung  der  Frage  nicht  durch  kaiserliche  Resolution
grundsätzlich  vorausgenommen  sei,  sondern  daß  der  Reichsrat  dieselbe  in
vollständiger  Freiheit  beraten  könne.  Dann  folgt  eine  eingehende  Widerlegung
  der  Beschuldigung  des  Kriegsministers  gegen  Finnland  wegen  Separatismus,
  und  beabsichtigten  Abfalls;  Illoyalität  gegen  den  Kaiser  aus  Anlaß
des  Erlasses  gegen  das  bis  dahin  geltende  Wehrpflichtgesetz.  Weiter  kommen
sachliche  Beweise  für  die  Unrichtigkeit  ber  Behauptung  des  Kriegsministers,
Finnland  blühe  auf  Kosten  der  russischen  Staatskassen,  sowie  Vergleiche
mit  den  Opfern,  welche  andere  Teile  des  russischen  Reiches  von  der  Staatskasse
  erheischen,  während  Finnland  auf  eigenen  Füßen  stehe.  Zum  Schluß
wird  in  der  Erklärung  eine  eindringliche  Warnung  gegen  den  Umsturz
der  Jahrhunderte  alten  Gesellschaftsordnung  Finnlands  ausgesprochen  und
geraten,  das  finnische  Heer  beizubehalten.

21.  Dezember.  (Kischinew.)  Wegen  der  Ausschreitungen
gegen  Juden  werden  2  Angeklagte  zu  Zwangsarbeit,  22  zu  Arrest
und  Gefängnis  verurteilt.  Alle  Zivilklagen  werden  abgewiesen.
        <pb n="354" />
        XV.
Die  Türkei  und  ihre  Vasallenstaaten.

1.  Türkei.

Anfang  Januar.  Die  englische  Regierung  protestiert  dagegen,
daß  vier  russische  nicht  armierte  Torpedoboote  die  Dardanellen
durchfahren.  (Vgl.  1902.)  —  Am  14.  Januar  passiert  das  erste
Boot  unter  Handelsflagge  die  Dardanellen.

11.  Januar.  Die  Regierung  ernennt  eine  Anzahl  neuer
Justizbeamten  für  die  europäischen  Vilajets.  Darunter  befinden
sich  mehrere  Christen.

14.  Januar.  (Konstantinopel.)  Ferid  Pascha,  der  Vorsitzende
  des  Komitees  für  die  europäischen  Vilajets,  wird  zum  Großwessir
  ernannt.  Man  erwartet  von  ihm  energische  Förderung  des
makedonischen  Reformwerks.

Januar.  Haltung  der  Albanesen.

Die  mohammedanischen  Albanesen  widerstreben  den  Bestrebungen,
die  Verwaltung  zu  reformieren  und  die  Christen  für  gleichberechtigt  anzuerkennen.
  Viele  Versammlungen  erklären  sich  in  diesem  Sinne,  so  beschließt
  eine  Versammlung  albanesischer  Notabeln:  1.  die  Verwendung
christlicher,  nicht  albanesischer  Gendarmen  in  Albanien  nicht  zu  erlauben,
2.  die  Errichtung  eines  russischen  Konsulats  in  Ipek  nicht  zu  gestatten,
3.  wenn  Schemsi  Pascha  in  das  Gebiet  von  Rekahassi  und  Maljizij  eindringen
  wollte,  dies  mit  Gewalt  zu  verhindern,  4.  darauf  zu  bestehen,
daß  die  Weideplätze  auf  dem  strittigen  montenegrinischen  Gebiete  von
Mokra  Planina  vom  Stamm  Rukavi  benutzt  werden.

21.  Februar.  (Konstantinopel.)  Der  österreichisch-ungarische
  und  der  russische  Botschafter  überreichen  folgende  Note  über
die  Reformen  in  den  makedonischen  Vilajets.

Die  österreichisch-ungarische  und  die  russische  Regierung  sind  von
dem  aufrichtigen  Wunsche  beseelt,  die  Ursachen  der  seit  einiger  Zeit  in  den
Vilajets  Salonichi,  Kossowo  und  Monastir  herrschenden  Unruhen  zu  beseitigen,
  und  sind  zu  der  Ueberzeugung  gelangt,  daß  dieses  Ziel  nur  durch
        <pb n="355" />
        Türkei.  (Februar  24.  Ende.)  347

Reformen  erreicht  werden  kann,  welche  eine  Verbesserung  der  Lage  der
Bevölkerung  in  jenen  Vilajets  herbeizuführen  geeignet  sind.  Wie  aus  den
vor  kurzem  von  der  hohen  Pforte  an  die  Botschafter  in  Konstantinopel
gerichteten  Mitteilungen  hervorgeht,  erkannte  die  kaiserlich  ottomanische

egierung  selbst  die  Notwenigkeit,  auf  die  Mittel  bedacht  zu  sein,  die  gestatten
  würden,  für  eine  strengere  Einhaltung  der  Gesetze  zu  sorgen  und
die  bestehenden  Mißbräuche  zu  beseitigen.  Die  Regierungen  von  Oesterreich-Ungarn
  und  Rußland,  welche  von  dieser  guten  Absicht  Akt  nahmen,
glaubten  indessen,  daß  es  im  Interesse  der  Aufrechterhaltung  der  Ruhe
und  Ordnung  in  den  erwähnten  Gegenden  von  höchster  Wichtigkeit  wäre,
die  neuerdings  getroffenen  Anordnungen  zu  ergänzen  und  von  diesem  Gedanken
  geleitet,  gelangten  sie  übereinstimmend  zu  der  Ansicht,  daß  es  notwendig
  sei,  der  kaiserlich-ottomanischen  Regierung  die  Anwendung  gewisser
Maßregeln  zu  empfehlen,  welche  sich  folgendermaßen  resumieren  lassen:
Um  den  Erfolg  der  dem  Generalinspektor  anvertrauten  Aufgaben  zu  sichern,
wird  dieser  seinen  Posten  für  eine  Reihe  von  Jahren  erhalten,  welche  im
voraus  zu  bestimmen  ist.  Vor  Ablauf  dieser  Periode  darf  er  nicht  abberufen
  werden,  ohne  daß  die  Mächte  vorher  darüber  zu  Rate  gezogen
worden  sind.  Er  wird  das  Recht  haben,  wenn  es  die  Aufrechterhaltung
der  öffentlichen  Ruhe  erfordert,  über  die  ottomanischen  Truppen  zu  verfügen,
  ohne  in  jedem  einzelnen  Falle  an  die  Zentralregierung  herantreten
zu  müssen.  Die  Valis  werden  verpflichtet  sein,  sich  den  Instruktionen  des
Generalinspektors  streng  zu  fügen.  Für  die  Reorganisation  der  Polizei
und  der  Gendarmerie  wird  die  ottomanische  Regierung  sich  des  Beistandes
auswärtiger  Fachmänner  zu  bedienen  haben.  Die  Gendarmerie  wird  aus
Christen  und  Muselmanen  in  einem  der  Zusammensetzung  der  Bevölkerung
der  betreffenden  Ortschaften  entsprechenden  Verhältnisse  gebildet.  Die  Feldüter
  werden  dort  den  Christen  entnommen,  wo  die  Majorität  der  Bevölerung
  christlich  ist.  Mit  Rücksicht  auf  die  Belästigung  seitens  gewisser
arnautischer  Uebeltäter,  durch  welche  die  Bevölkerung  nur  zu  oft  zu  leiden
kat,  sowie  in  Anbetracht  dessen,  daß  die  von  letzteren  begangenen  Verrechen
  und  Delikte  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  unbestraft  blieben,  wird
die  ottomanische  Regierung  unverzüglich  für  Mittel  sorgen,  um  einen
solchen  Zustand  zu  beendigen.  Da  durch  die  infolge  der  letzten  Unruhen
in  den  drei  Vilajets  vorgekommenen  zahlreichen  Verhaftungen  die  Gemüter
daselbst  erregt  wurden,  wird  die  kaiserliche  Regierung,  um  die  Rückkehr
einer  normalen  Situation  zu  beschleunigen,  allen  Personen,  welche  wegen
politischer  Delikte  angeklagt  oder  verurteilt  sind,  sowie  den  Ausgewanderten
Amnestie  gewähren.  Um  das  regelmäßige  Funktionieren  der  lokalen  Einrichtungen
  sicher  zu  stellen,  wird  in  jedem  Vilajet  ein  Budget  der  Einnahmen
  und  Ausgaben  aufgestellt  werden.  Die  Einkünfte  der  Provinzen,
welche  von  der  kaiserlich  ottomanischen  Bank  zu  kontrollieren  sind,  werden
in  erster  Reihe  für  die  Bedürfnisse  der  Lokalverwaltung,  inbegriffen  die
Bezahlung  der  Zivil--  und  Militärgehalte,  bestimmt  sein.  Die  Art  der
Erhebung  des  Zehntes  wird  abgeändert  und  die  Generalverpachtung  abgeschafft
  werden.  (Vgl.  Laborator,  Reformen  in  der  Türkei  in  Preuß.
Jahrbücher  Bd.  112.)

24.  Februar.  Die  Pforte  genehmigt  das  österreichisch-ungarische
  Reformprojekt  für  Makedonien.

Ende  Februar.  (Makedonien.)  Bei  Usküb  kommt  es  zu
Zusammenstößen  zwischen  türkischen  Truppen  und  Banden  in  bulgarischer
  Uniform.
        <pb n="356" />
        348  Türkei.  März  Anfang—Mai  Ende.)

Anfang  März.  (Makedonien.)  Bulgarische  und  makedonische
  Banden  überfallen  türkische  Gendarmerieposten.  Am  stärksten
find  die  Unruhen  im  Vilajet  Monastir.

6.  März.  Bagdadbahn.  (Vgl.  1902  S.  296.)

Die  Pforte  und  die  Anatolische  Bahngesellschaft  unterzeichnen  die
Verträge  über  den  Bau  der  Bagdadbahn  bis  Eregli  und  über  die  zu  diesem
Zwecke  zu  bewirkende  Aufnahme  einer  Staatsanleihe  von  54  Mill.  Francs.

9.  März.  (Arabien.)  Die  türkischen  Truppen  liefern  das
Hinterland  von  Aden  bis  Kataba  an  England  aus.

24.  März.  (Konstantinopel.)  Die  Pforte  legt  dem  österreichisch--ungarischen
  und  dem  russischen  Botschafter  Reformpläne
für  Makedonien  und  den  Dienst  der  Ottomanbank  vor.

März.  (Albanien.)  Die  Albanesen  widersetzen  sich  den
von  der  Pforte  geplanten  Reformen.  Es  werden  Truppen  gegen
sie  mobil  gemacht.  —  Ein  Albanese  verwundet  am  30.  März  den
russischen  Konsul  in  Mitrowitza,  der  am  9.  April  stirbt.  Der
Mörder  wird  zum  Tode  verurteilt  aber  auf  Wunsch  des  Zaren
begnadigt.

März.  Anfang  April.  In  den  Vilajets  Uskül  und  Saloniki
treten  bulgarische  Banden  auf  und  haben  Gefechte  mit  türkischen
Truppen.  —  Die  Eisenbahnbrücke  bei  Mustafa-Pascha  wird  gesprengt.

6.  April.  (Konstantinopel.)  Der  deutsche  Kronprinz  und
Prinz  Eitel  Fritz  besuchen  den  Sultan.

29.  April.  (Saloniki.)  Bulgarische  Revolutionäre  verüben
Dynamitattentate.  Die  Filiale  der  Ottomanbank  wird  beschädigt,
viele  Personen  kommen  durch  die  Explosionen  und  bei  den  folgenden
Kämpfen  zwischen  Polizei  und  Revolutionären  um.  Viele  Bulgaren,
  darunter  mehrere  Hundert  Lehrer,  werden  in  den  nächsten
Wochen  verhaftet.

Anfang  Mai.  Die  Pforte  fordert  Rußland  und  Österreich
auf,  Bulgarien  zur  Unterdrückung  der  Banden  anzuhalten.

4.  Mai.  (Saloniki.)  Das  Standrecht  wird  proklamiert,
da  die  Attentate  fortdauern.  Viele  Bulgaren  werden  verhaftet.

22.  Mai.  (Makedonien.)  Bei  Smerdes  wird  eine  starke
bulgarische  Bande  von  türkischen  Truppen  vernichtet.

Ende  Mai.  Die  Pforte  macht  dem  österreichischen  und  rufsischen
  Botschafter  Mitteilungen  über  die  Ausführung  der  Reformen
in  Makedonien.

#  Danach  sind  bisher  722  mohammedanische  Gendarmen  und  121  Polizisten
  neu  angestellt  worden;  15  namentlich  aufgeführte  Beamte  sind  wegen
        <pb n="357" />
        Türkei.  (Juli—September  22.)  349

Unbrauchbarkeit  oder  eines  Vergehens  teils  abgesetzt,  teils  in  Untersuchung
gezogen  worden.  Bis  Ende  April  wurden  2944  Feldwächter,  darunter
1077  nicht  mohammedanische,  neu  ernannt.  Im  Bilajet  Uesküb  wurden
10  und  im  Vilajet  Monastir  8  neue  Nahie  oder  Gemeindebezirke  errichtet.
In  letzterem  Vilajet  wird  die  Errichtung  von  zwei  weiteren  Nahien  vorbereitet.
  270  Verhaftungen  wurden  wegen  gemeiner  Vergehen  durchgeführt.
Eine  nach  den  Vilajets  Uesküb,  Salonichi  und  Adrianopel  gesandte  Komwiston
  zur  Wiederzulassung  von  nach  Bulgarien  Verbannten  soll  in  Tätigeit
  sein.

Juli.  Zahlreiche  reformfeindliche  Albanesen  werden  verhaftet
und  exiliert.

Anfang  August.  In  Makedonien  treten  die  bulgarischen
Banden  wieder  zahlreicher  auf;  im  Vilajet  Monastir  sollen  10  000
Insurgenten  unter  Waffen  stehen.  —  Die  Pforte  macht  über

150000  Mann  mobil.
8.  August.  Der  russische  Konsul  in  Monastir  wird  von  einem
türkischen  Gendarmen  erschossen.  Der  Mörder  wird  hingerichtet.

26.  August.  Die  Insurgenten  machen  ein  Dynamitattentat
auf  den  Konventionalzug  bei  Kuleli-Burgas.  6  Personen  werden
getötet.

Ende  August.  Pforte  und  Vereinigte  Staaten.

Infolge  einer  Nachricht,  daß  der  amerikanische  Konsul  in  Beirut
ermordet  sei  (23.  August),  wird  ein  amerikanisches  Geschwader  in  die  türkischen
  Gewässer  geschickt.  Es  stellt  sich  nach  einigen  Tagen  heraus,  daß
die  Nachricht  falsch  ist.

Anfang  September.  (Beirut.)  Blutige  Zusammenstöße
zwischen  Christen  und  Muhammedanern.

Anfang  September.  Zahlreiche  griechische  Untertanen  des

Sultans  melden  sich  als  Freiwillige  gegen  die  Bulgaren.

22.  September.  Die  Pforte  richtet  an  die  Botschafter  Österreich-Ungarns
  und  Rußlands  eine  Note  über  die  Ursachen  der  makedonischen
  Insurrektion  und  die  Haltung  der  türkischen  Behörden.

Es  heißt  darin:  „Die  Mehrzahl  der  Dorfbewohner,  welche,  durch
Drohungen  der  Insurgentenbanden  veranlaßt,  sich  in  die  Berge  geflüchtet
hatten,  ist  infolge  der  Vernichtung  und  Zerstreung  mehrerer  dieser  Banden
wieder  zum  heimatlichen  Herde  zurückgekehrt.  Damit  auch  der  Rest  so
bald  als  möglich  zurückkomme,  erhielten  die  Generalgouverneure,  Gouverneure
  und  Untergouverneure  den  Auftrag,  Rundreisen  in  ihren  Verwaltungsgebieten
  zu  machen,  und  zwar  in  Begleitung  muselmanischer  und
christlicher  Gemeinderatsmitglieder,  sowie  von  Priestern  der  nichtmohammedanischen
  Kirchengemeinden,  um  den  Flüchtlingen  die  erforderlichen  Ratschläge
  zur  Sicherstellung  ihrer  Rückkehr  zu  erteilen.  Sie  werden  im  Einvernehmen
  mit  den  Militärbehörden  alles  aufzubieten  haben,  um  in  ihren
Bezirken  in  kürzester  Frist  die  Ordnung  und  öffentliche  Sicherheit  vollständig
  wieder  herzustellen.  Den  Kommandanten  des  2.  und  3.  Armeekorps,
  sowie  dem  Kommandanten  der  9.  Division  in  Seres,  dem  Interims-
        <pb n="358" />
        350  Krbei.  (Oktober  16.  22.

kommandanten  der  Truppen  in  Monastir  und  dem  Truppenkommandanten
in  Tirnowadschik  wurden  Befehle  gleichen  Inhalts  zugesendet.“

16.  Oktober.  Irade  über  die  Reformen  in  Makedonien.

Es  heißt  darin,  daß  ein  Teil  der  für  die  rumeliotischen  Vilajets
bestimmten  Reformen  bei  der  Lage  der  Dinge  daselbst  bisher  nicht  habe
eingeführt  werden  können.  Die  ottomanische  Regierung  sei  jedoch  mit
Rücksicht  darauf,  daß  die  eingeborene  Bevölkerung,  die  sich  freiwillig  oder
gezwungen  den  Komitatschis  angeschlossen  hatte  und  in  das  Gebirge  geflüchtet
  war,  nunmehr  in  ihre  Heimstätten  zurückzukehren  beginne,  von  der
Ueberzeugung  durchdrungen,  daß  die  Ruhe  in  Rumelien  bald  wieder  hergestellt
  sein  werde,  und  befehle  daher,  unverweilt  die  Reformen  im  vollen
Umfange  durchzuführen.  Es  wird  befohlen,  daß  durch  Spezialkommissionen
für  den  Aufbau  der  eingeäscherten  Dörfer  gesorgt,  daß  die  Reorganisierung
der  Gendarmerie  durch  die  Tätigkeit  der  beiden  schwedischen  und  der  vier
jüngst  gewonnenen  belgischen  Instrukteure  beschleunigt  und  jeder  Ziviloder
  Militärbeamte,  dem  Pflichtverletzungen  oder  Gesetzwidrigkeiten  zur  Last
gelegt  werden,  einer  strengen  Bestrafung  zugeführt  werde.

22.  Oktober.  (Konstantinopel.)  Der  österreichisch-ungarische
  und  der  russische  Botschafter  legen  folgendes  Reformprogramm
vor  (vgl.  S.  220);:

I.  Um  eine  Kontrolle  der  Stetigkeit  der  ottomanischen  Lokalbehörden
in  betreff  der  Anwendung  der  Reformen  herzustellen,  sind  bei  dem  Generalinspekteur
  Hilmi  Pascha  Zivilagenten  Oesterreich-Ungarns  und  Rußlands
zu  ernennen,  welche  den  Generalinspekteur  überall  hin  zu  begleiten,  seine
Aufmerksamkeit  auf  die  Bedürfnisse  der  christlichen  Bevölkerung  zu  lenken,
ihm  die  Mißbräuche  der  Lokalbehörden  anzuzeigen,  die  bezüglichen  Ratschläge
  der  Botschafter  in  Konstantinopel  zu  übermitteln  und  ihre  Regierungen
  von  allem  zu  unterrichten  haben,  was  im  Lande  vorgeht.  Als
Hilfsorgane  dieser  Agenten  werden  Sekretäre  und  Dragomane  bestellt
werden,  denen  die  Ausführungen  ihrer  Anordnungen  obliegt  und  zu  diesem
Zwecke  ermächtigt  sind,  in  den  Bezirken  Rundreisen  zu  machen,  um  die
Bewohner  der  christlichen  Dörfer  zu  befragen,  die  Lokalbehörden  zu  überwachen
  u.  s.  w.  Da  die  Aufgabe  der  Zivilagenten  darin  besteht,  für  die
Einführung  der  Reformen  und  die  Beruhigung  der  Bevölkerung  zu  sorgen,
so  wird  ihr  Mandat  zwei  Jahre  nach  ihrer  Ernennung  erlöschen.  Die
hohe  Pforte  wird  den  Lokalbehörden  auftragen,  diesen  Agenten  alle  Erleichterungen
  zu  gewähren,  damit  sie  ihre  Mission  erfüllen  können.  II.  Da
die  Reorganisation  der  christlichen  Gendarmerie  und  Polizei  eine  der  wesentlichen
  Maßregeln  zur  Pazifizierung  des  Landes  darstellt,  ist  es  dringend
geboten,  von  der  Pforte  die  Durchführung  dieser  Reformen  zu  verlangen.
In  Anbetracht  des  Umstandes  jedoch,  daß  jene  wenigen  schwedischen  und
andere  Offiziere,  welche  bisher  eingestellt  wurden,  da  sie  weder  die  Sprache
noch  die  Verhältnisse  des  Landes  kennen,  sich  nicht  nützlich  machen  konnten,
war  es  wünschenswert,  folgende  Abänderungen  und  Ergänzungen  des  ursprünglichen
  Reformprogramms  vorzunehmen:  a.  Die  Aufgabe  der  Reorganisation
  der  Gendarmerie  in  den  drei  Wilajets  wird  einem  im  Dienst
der  kaiserlich  ottomanischen  Regierung  stehenden  General  fremder  Nationalität
anvertraut,  welchem  Offiziere  der  Großmächte  an  die  Seite  gegeben  werden,
die  untereinander  die  Bezirke  aufteilen  werden,  wo  sie  ihre  Tätigkeit  als
Kontrollorgane,  Instruktoren  und  Organisatoron,  bezeigen  können.  Sie
werden  dadurch  in  die  Lage  versetzt,  auch  das  Vorgehen  der  Truppen  gegen
die  Bevölkerung  zu  überwachen.  b.  Diese  Offiziere  können,  wenn  es  ihnen
        <pb n="359" />
        Tũrkei.  (November.)  351

notwendig  erscheint,  die  Zuteilung  einer  gewissen  Anzahl  von  Offizieren
und  Unteroffizieren  fremder  Nationalität  verlangen.  III.  Sobald  eine  Beruhigung
  des  Landes  festgestellt  wird,  ist  von  der  ottomanischen  Regierung
eine  Aenderung  in  der  territorialen  Begrenzung  der  Verwaltungsbezirke
im  Sinne  einer  regelmäßigeren  Begrüßung  der  verschiedenen  Nationalitäten
zu  verlangen.  IV.  Gleichzeitig  ist  die  Reorganisation  der  administrativen
und  gerichtlichen  Einrichtungen  zu  verlangen,  bei  welchen  es  wünschenswert
  erscheint,  den  eingeborenen  Christen  den  Zugang  zu  eröffnen  und  die
Entwickelung  der  lokalen  Autonomien  zu  begünstigen.  V.  In  den  Hauptorten
  der  Wilajets  sind  zur  Untersuchung  der  während  der  Unruhen  begangenen
  politischen  und  anderen  Vergehen  unverzüglich  gemischte  Kommissionen
  einzusetzen,  welche  aus  einer  gleichen  Zahl  von  christlichen  und
mohammedanischen  Delegierten  bestehen  werden.  An  diesen  Kommissionen
werden  die  Konsularvertreter  Oesterreich-Ungarns  und  Rußlands  teilnehmen.
VI.  Von  der  türkischen  Regierung  ist  die  Anweisung  besonderer  Beträge
zu  verlangen:  a)  für  die  Wiedereinsetzung  der  nach  Bulgarien  und  anderwärts
  geflüchteten  Bewohner  in  ihre  Heimatsorte;  b)  für  die  Unterstützung
der  Christen,  welche  ihre  Habe  und  ihr  Heim  verloren  haben;  c)  für  die
Wiederherstellung  der  von  den  Türken  während  des  Aufstandes  zerstörten
Häuser,  Kirchen  und  Schulen.  Die  Kommissionen,  welchen  christliche  Notabeln
  angehören  werden,  werden  über  die  Verteilung  dieser  Summen
entscheiden.  Die  Konsuln  Oesterreich-Ungarns  und  Rußlands  werden  die
Verwendung  derselben  überwachen.  VII.  Die  repatriierten  christlichen  Bewohner
  der  von  den  türkischen  Truppen  und  Baschibozuks  durch  Feuer
zerstörten  christlichen  Dörfer  werden  durch  ein  Jahr  von  der  Zahlung  jeder
Steuer  befreit  sein.  VIII.  Die  ottomanische  Regierung  wird  sich  neuerdings
verpflichten,  die  in  dem  im  Februar  laufenden  Jahres  ausgearbeiteten
Entwurf  angegebenen,  sowie  alle  jene  Reformen,  deren  Notwendigkeit  späterhin
  sich  erweisen  würde,  ohne  den  geringsten  Verzug  durchzuführen.  IX.  Da
die  meisten  Ausschreitungen  und  Grausamkeiten  von  den  Ilawe  (früher
Redif  2.  Klasse)  und  den  Baschibozuks  verübt  wurden,  ist  es  dringend  geboten,
  daß  die  ersteren  entlassen  werden  und  die  Bildung  von  Baschibozukbanden
  unbedingt  verhindert  werde.

November.  Verhandlungen  mit  den  Botschaftern  über  die

makedonischen  Reformen.

Am  3.  November  erwidert  die  Pforte  auf  die  Vorschläge  vom
22.  Oktober:  Die  ottomanische  Regierung  bekennt  sich  zum  Empfange  der
freundlichen  Vorschläge  der  Botschafter  von  Oesterreich-Ungarn  und  Rußland.
  Trotz  der  Schwierigkeiten.  welche  das  aufrührerische  Werk  der  Agitatoren
  schuf,  trotz  der  Unruhen,  die  durch  die  revolutionären  Banden  veranlaßt
  wurden,  und  trotz  der  ausgedehnten  militärischen  Maßnahmen,  zu
denen  sich  die  Regierung  rerpflichtet  fühlte,  ist  ein  großer  Fortschritt  in
der  Durchführung  der  Reformen  zu  verzeichnen,  die  die  Regierung  in  Uebereinstimmung
  mit  dem  freundlichen  Ratschlage  der  beiden  Mächte  ins  Werk
zu  setzen  unternahm.  Die  Regierung  hat  bei  Anwendung  dieser  Reformen
die  äußerste  Wachsamkeit  an  den  Tag  gelegt,  da  sie  von  dem  festen  Entschlusse
  beseelt  ist,  die  Ruhe  im  türkischen  Reiche  aufrecht  zu  erhalten  und
ihre  Unabhängigkeit  zu  wahren.  Die  Konsuln  Rußlands  und  Oesterreichs
haben  die  Gewohnheit  angenommen,  ihre  Eindrücke  und  Informationen
dem  Generalinspektor  Hussein  Hilmi  Pascha  mitzuteilen,  und  der  letztere
hat  seinerseits  die  Konsuln  von  dem  Fortschreiten  des  Reformwerkes  in
Kenntnis  gesetzt.  Es  erscheint  wünschenswert,  daß  diese  freundlichen  Beziehungen
  erhalten  bleiben.  Da  das  Kommando  des  Generalinspektors
        <pb n="360" />
        352  girdei.  (November.)

noch  weitere  zwei  Jahre  andauert,  ist  nicht  daran  zu  zweifeln,  daß  bis
dahin  alles  durchaus  geordnet  und  die  Ausführung  der  Reformen  vollendet
sein  wird.  Was  die  Reorganisation  der  Gendarmerie  anbetrifft,  so  ist  eine
Kommission  gebildet  worden,  die  aus  Edib  Pascha,  Auler  Pascha,  Ruschdi
Pascha  und  zwei  anderen  Offiziern  besteht  und  alle  Weisungen  und  Vollmachten
  erhalten  hat,  die  Reorganisation  durchzuführen  und  die  norwegischen,
  schwedischen  und  belgischen  Offiziere  anzustellen,  die  als  Instruktoren
angeworben  wurden.  Se.  Majestät  der  Sultan  hat  in  seiner  üblichen
Großmut  ferner  angeordnet,  Gelder  zur  Unterstützung  derjenigen  anzuweisen,
  die  heimatlos  wurden  und  verarmten,  ebenso  Gelder  zum  Wiederaufbau
  von  zerstörten  Häusern,  Moscheen,  Kirchen  und  Schulen.  Hussein
Hilmi  Pascha  wird  die  Verteilung  der  Summen  leiten,  deren  Kontrolle
einer  vom  Sultan  eingesetzten  Kommission  untersteht,  der  Vertreter  der  verschiedenen
  Nationalitäten  angehören.  Zu  gleichem  Zwecke  werden  in  den
verschiedenen  Ortschaften  auch  Notable  bestimmt  werden.  Die  Bewohner
der  zerstörten  Dörfer,  aber  nur  diese,  werden  auf  ein  Jahr  von  der  Steuerzahlung
  entbunden  sein.  Den  Einwohnern,  die  von  Furcht  erfüllt  oder
wegen  der  Drohungen  der  revolutionären  Komitees  über  die  Grenze  nach
Bulgarien  oder  in  die  Berge  flüchteten,  werden  amnestiert  werden.  Man
wird  sie  in  ihre  Heimstätten  wieder  einsetzen.  Natürlich  gilt  dies  nur  für
Einheimische,  nicht  aber  für  die  Untertanen  des  Fürstentums  Bulgarien.
Die  Lage  wird  denn  auch  mit  jedem  Tage  eine  ruhigere.  —  Das  Reformprogramm
  vom  Februar  sei  fast  durchgeführt.  Der  einzige  Punkt,  dessen
Durchführung  sich  verzögerte,  betrifft  die  Zulassung  von  Christen  zur  Gendarmerie.
  Die  Schuld  hierfür  liegt  aber  nicht  bei  der  Regierung.  Die
mazedonischen  Christen  fürchteten  sich  wegen  der  Drohungen  der  Komitees,
in  die  Reihen  der  Gendarmerie  einzutreten.  Der  Generalinspektor  hat  jedoch
  sehr  genaue  Instruktionen  erhalten  und  diese  Frage  wird  ebenfalls  in
Kürze  gelöst  sein.  Was  die  Baschi-Bozuks  betrifft,  so  bedarf  dieser  Punkt
keiner  weiteren  Erwähnung,  da  die  Regierung  von  ihnen  niemals  Gebrauch
machte.  Die  Regierung  hat  bereits  Ilawebataillone  aufgelöst,  und  zwar
in  demselben  Maße,  in  dem  die  bulgarische  Regierung  die  von  ihr  einberufenen
  Reservisten  demobilisierte.  Was  die  Einrichtung  kommunaler,
nach  Nationalitäten  geordneter  Verbände  anbetrifft,  so  ist  die  Regierung
der  Ansicht,  daß  die  in  dieser  Beziehung  bereits  ausgeführten  Reformen
reichlich  genügen.  Auch  in  Bezug  auf  die  Reorganisation  des  gerichtlichen
  Verfahrens  glaubt  die  Regierung  durch  die  geltenden  Gesetze  allen
berechtigten  Anforderungen  entsprochen  zu  haben.  Während  die  Regierung
sich  mit  der  Ausführung  dieser  Maßnahmen  beschäftigte,  brachten  die  revolutionären
  Agitatoren  Dum-Dum-Geschosse,  wie  man  sie  sonst  nur  gegen
wilde  Tiere  gebraucht,  zur  Anwendung.  Sie  begingen  Dynamitattentate
und  bemühten  sich  Unruhe  zu  verbreiten.  Trotzdem  beharrte  die  Regierung
bei  der  Ausführung  der  Reformen.

Die  Botschafter  sämtlicher  Großmächte  fordern  am  10.  November
von  neuem  Annahme  des  Programms  vom  22.  Oktober.  Hierauf  erwidert
die  Pforte:  Die  hohe  Pforte  empfing  das  Memorandum  der  Botschafter
v.  Calice  und  Sinowjew  vom  10.  November  und  hat  von  ihm  Kenntnis
genommen.  Sie  nimmt  Akt  von  der  Versicherung,  die  ihr  über  die  vollständige
  Wahrung  der  Souveränitätsrechte,  die  Aufrechterhaltung  des  status
duo  und  die  Achtung  der  Behörden  und  das  Prestige  des  Reiches  gegeben
worden  sind,  ebenso  wie  von  den  Erklärungen  über  den  provisorischen
Charakter  und  die  auf  zwei  Jahre  beschränkte  Geltungsdauer  der  Ergänzungsbestimmungen,
  die  zur  Sicherstellung  der  Ausführung  der  auf  den
Vorschlag  der  beiden  Regierungen  angenommenen  Reformen  getroffen  wur-
        <pb n="361" />
        Türkei.  (Dezember  8.)  —  Bulzarien.  (Januar  2.—Februar  17.)  353

den,  an  deren  Durchführung  die  Pforte  in  loyaler  Weise  festhält.  Die
bose  Pforte  erklärt,  sie  nehme  im  Prinzip  die  neuen  in  dem  Memorandum
aufgezählten  Punkte  an,  behält  sich  jedoch  vor,  über  deren  Inhalt  noch  in
Verhandlungen  einzutreten,  sich  über  die  Einzelfragen  ihrer  Anwendung
zu  verständigen  und  den  ersten  und  zweiten  Punkt  des  Programms  mit
der  Unabhängigkeit,  den  Souveränitätsrechten  und  dem  Prestige  der  Regierung
  in  Einklang  zu  bringen.

8.  Dezember.  (Konstantinopel.)  ÖOsterreich-Ungarn  und
Rußland  ernennen  zu  Zivilagenten  für  Makedonien  den  österreichisch-ungarischen
  Generalkonsul  v.  Müller  und  den  ruffischen
Generalkonsul  Demeric.

2.  Bulgarien.

2.  Januar.  Die  Regierung  kündigt  den  Handelsvertrag  mit
Osterreich--Ungarn.

14.  Februar.  Die  Regierung  löst  mehrere  revolutionäre
makedonische  Komitees  auf  und  verhaftet  ihre  Führer.  An  der
Grenze  wird  ein  Militärkordon  aufgestellt,  um  den  übergang  bulgarischer
  Banden  auf  türkisches  Gebiet  zu  verhindern.  —  Diese
Haltung  wird  in  österreichischen  und  russischen  offiziösen  Blättern
lebhaft  belobt.

17.  Februar.  (Sobranje.)  Ministerpräsident  Danew  erwidert
  auf  eine  Interpellation  wegen  der  Auflösung  der  makedonischen
  Komitees:

Er  habe  zur  Auflösung  der  Komitees  sich  entschlossen,  um  die  wichtigsten
  Interessen  des  bulgarischen  Staatswesens  zu  wahren.  Das  Fürstentum
  dürfe  kein  Herd  für  Unruhen  in  Makedonien  sein.  Bulgarien  sei  ein
kleiner  Staat  und  die  Lösung  der  makedonischen  Frage  hänge  nicht  von
ihm  ab;  es  müsse  eine  Haltung  einnehmen,  durch  welche  es  sich  den  Rechtsanspruch
  sichere,  von  den  Mächten  eine  Besserung  der  den  Frieden  bedrohenden
  Lage  in  dem  Nachbarreiche  zu  fordern.  Das  Bestreben  Bulgariens
müsse  darauf  gerichtet  sein,  daß  die  Großmächte  die  Lösung  der  makedonischen
  Frage  ihrerseits  in  die  Hand  nehmen.  Wir  haben,  so  führte  der
Minister  aus,  nicht  die  Absicht,  in  Makedonien  Eroberungen  zu  machen,
und  werden  vielmehr  glücklich  sein,  wenn  in  diesem  Land  die  Ordnung
wiederhergestellt  ift  und  wenn  unseren  dort  lebenden  Stammesgenossen  die
Menschenrechte  verbürgt  werden.  In  dem  Augerblicke,  da  die  Mächte  an
der  Einführung  von  Reformen  arbeiten,  verpflichtet  uns  der  elementarste
politische  Takt,  die  Ruhe  zu  bewahren,  ja,  wir  müssen  durch  unsere  loyale
Haltung  die  Makedonier  in  der  Richtung  beeinflussen,  daß  sie  sich  nicht
etwa  von  dem  Gedanken  sich  leiten  und  verleiten  lassen,  Bulgarien  könnte
an  ihren  Bewegungen  teilnehmen.  In  dieser  Hinsicht  werden  wir  bis  zum
letzten  Augenblick  unsere  Pflicht  tun.  Mögen  alle  diejenigen,  welche  auf
die  Makedonier  einen  Einfluß  ausüben  können,  diese  davon  überzeugen,
daß  es  in  ihrem  eigenen  Interesse  liegt,  unter  den  gegenwärtigen  umstäldden
ruhig  zu  bleiben  und  durch  ihr  ruhiges  Verhalten  sowohl  den  Mächten
als  auch  der  Türkei  zur  Verwirklichung  der  geplanten  Reformen  die  Mög-Europäischer

  Geschichtskalender.  XLIV.  23
        <pb n="362" />
        354  Sulszarien.  (Februar  Ende—Juli.)

lichkeit  zu  bieten.  Die  höchsten  und  wichtigste  Interessen  des  bulgarischen
Volkes  erheischen  es,  daß  auf  der  ganzen  Linie  Friede  herrsche.

Am  19.  spricht  ihm  das  Haus  mit  großer  Majorität  sein  Vertrauen
  aus.

Ende  Februar.  Die  makedonischen  Blätter  kritifieren  die
österreichisch-russische  Reformnote  (S.  346)  sehr  abfällig.

31.  März.  Es  wird  ein  neues  Ministerium  Danew  gebildet.
Alle  Minister  bleiben,  nur  der  Kriegsminister  Paprikow  wird  durch
Oberst  Sawow  ersetzt.

15.  Mai.  Rücktritt  des  Kabinetts  Danew.

Am  19.  wird  ein  neues  Ministerium  gebildet:  General  Petrow
Präsidium  und  Aeußeres,  Petkow  Inneres,  Dr.  Ghenadin  Justiz,  Professor
Schischmanow  Unterricht,  der  Direktor  der  landwirtschaftlichen  Kassen
Manuschew  Finanzen,  Sawow  Krieg,  D.  K.  Popow  Arbeiten  und  interimistisch
  Handel.

Das  Kabinett  erläßt  folgende  Erklärung:  Nach  dem  Rücktritt  des
Kabinetts  Danew  versuchte  der  Fürst  eine  Regierung  zu  bilden,  bestehend
aus  Mitgliedern  aller  Parteien,  eine  Regierung  der  patriotischen  Konzentration.
  Die  guten  Absichten,  welche  einen  derartigen  Ausgang  der  Ministerkrise
  erstrebten,  wurden  unglücklicherweise  nicht  von  allen  Parteien
voll  gewürdigt,  und  das  angestrebte  Ziel  wurde  nicht  erreicht.  Der  Fürst
gab  daher  die  Lösung,  welche  die  gegenwärtige  Regierung  ans  Ruder
brachte.  Die  Mitglieder  des  gegenwärtigen  Kabinetts,  welche  die  ihnen
aufgebürdete  Last  unter  den  schwierigen  Umständen,  in  welchen  sich  das
Land  gegenwärtig  befindet,  nicht  ablehnen  können,  sind  fest  entschlossen,  sich
voll  und  ganz  dem  Dienste  ihres  Landes  zu  widmen.  Indem  sie  sich  des
Vertrauens  des  Fürsten  erfreuen,  hoffen  sie,  daß  ihre  Anstrengungen  von
der  Nation  werden  gewürdigt  werden,  und  die  letztere  ihnen  ihre  Unterstützung
  leihen  werde.  Die  Regierung  hält  es  für  ihre  Pflicht  zu  erklären,
daß  sie  in  ihrer  äußeren  Politik  und  der  Verteidigung  der  wohlverstandenen
  Interessen  des  Landes  den  Mächten  gegenüber  die  korrekteste  Haltung
beobachten  und  aufrichtige  und  herzliche  Beziehungen  mit  Rußland,  dem
Befreier  unterhalten,  daß  sie  ferner  in  der  inneren  Politik  die  Verfassung
und  Gesetze  des  Landes  achten  werde.  Indem  sich  die  Regierung  auf  das
Volk  stützt,  wird  sie  es  als  ihren  Hauptzweck  betrachten,  den  Staat  aus
ver-  as  Lage  zu  befreien,  ohne  die  nationalen  Interessen  zu
verletzen.

2.  Juni.  Der  Fürst  weiht  den  Hafen  von  Burgas  ein.

Juli.  Bulgarien,  die  Großmächte  und  die  Pforte.

Am  1.  Juli  beschwert  sich  in  einer  an  die  Kabinette  in  Wien,  St.
Petersburg  und  Paris  gerichteten  Zirkularnote  die  bulgarische  Regierung
über  die  Ausschreitungen  der  türkischen  Truppen  sowie  der  Baschibozuks
in  Makedonien  und  beklagt,  daß  die  Pforte  die  letzten  Anträge  Bulgariens,
gemeinschaftlich  auf  die  Beruhigung  der  Lage  hinzuarbeiten,  abgelehnt  und
im  Gegenteil  gegen  ihr  eigenes  und  das  Interesse  des  Fürstentums  gehandelt
  habe.  Die  bulgarische  Regierung  protestiert  gegen  eine  Truppenkonzentration
  an  der  Grenze  und  lehnt  die  Verantwortlichkeit  für  die
daraus  entstehenden  Folgen  ab.

Am  7.  Juli  sendet  die  Pforte  den  Botschaftern  in  Wien,  St.  Petersburg
  und  Paris  eine  Zirkularnote,  in  welcher  die  bulgarische  Zirkular-
        <pb n="363" />
        Buigarien.  (Juli  24.  —September.)  355

note  widerlegt  und  erklärt  wird,  daß  der  Zweck  aller  bisherigen  maßvollen
militärischen  Vorkehrungen  die  Unterdrückung  des  fortdauernden  Bandenunwesens
  sei  und  daß  die  Pforte  keine  kriegerischen  Absichten  hege.

Mitte  Juli  zeigt  die  Pforte  der  bulgarischen  Regierung  an,  daß  sie
zur  Verbesserung  der  Beziehungen  hwischen  der  Türkei  und  Bulgarien  beschlossen
  habe,  einige  gegen  das  Bandenunwesen  getroffene  Maßnahmen
aufzuheben,  die  in  Haft  befindlichen  verdächtigen  Bulgaren  in  Freiheit  zu
setzen;  einen  Teil  der  an  der  Grenze  befindlichen  türkischen  Truppen  zurückzuziehen,
  die  Ilave-Bataillone  zu  verabschieden,  die  Wiedereröffnung  der
geschlossenen  Kirchen  und  Schulen  zu  gestatten  und  einige  Wünsche  Bulgariens
  betreffend  Kirche  und  Schule  zu  erfüllen.  Die  bulgarische  Regierung
erklärt,  daß  es  stets  ihr  Wunsch  gewesen  sei,  in  freundschaftlichen  Beziehungen
  zur  türkischen  Regierung  zu  stehen.  Die  militärischen  Maßnahmen
der  bulgarischen  Regierung  werden  aufgehoben.

24.  Juli.  Fürst  Ferdinand  reist  ins  Ausland.  —  In  Europa
wird  vielfach  der  Ausbruch  einer  Revolution  in  Bulgarien  erwartet.
August.  September.  Bulgarische  Schilderungen  der  makedonischen

  Vorgänge.

Im  August  richtet  die  bulgarische  Regierung  eine  Denkschrift  an
ihre  Vertreter  im  Auslande,  worin  die  türkischen  Behörden  für  den  Aufstand
  in  Makedonien  verantwortlich  gemacht  werden.  Es  heißt  darin:

Im  Laufe  der  letzten  drei  Monate  hat  die  kaiserlich  ottomanische
Regierung,  anstatt  die  versprochenen  Reformen  durchzuführen,  Maßregeln
ergriffen  und  Akte  begangen,  welche  die  bulgarische  Bevölkerung  zur  Verzweiflung
  trieben.  Anstatt  nur  diejenigen  Individuen  zu  verfolgen,  welche
die  Ordnung  und  öffentliche  Sicherheit  tatsächlich  gestört  haben,  haben  die
türkischen  Verwaltungs-  und  Militärbehörden  die  bulgarische  Bevölkerung
der  Städte  wie  der  Dörfer  unter  allerlei  Vorwänden  verfolgt,  terrorisiert
und  ruiniert.  Massenmetzeleien  und  einzelne  Morde,  Zerstörung  ganzer
Ortschaften,  Plünderung,  Brandstiftung,  willkürliche  Verhaftungen,  Schließung
von  Kirchen  und  Schulen,  vorherige  Einhebung  von  Steuern  und  Militärbefreiungstaxen
  u.  s.  w.  sind  in  den  Vilajets  von  Salonichi,  Monastir,
Uesküb  und  Adrianopel  an  der  Tagesordnung  gewesen.  .

Am  10.  September  versendet  das  makedonische  revolutionäre  Zentralkomitee
  eine  Denkschrift,  worin  behauptet  wird,  daß  45000  Greise,
Frauen  und  Kinder  von  den  Türken  obdachlos  gemacht  seien,  daß  die
Türken  systematisch  Repressalien  an  der  friedlichen  Bevölkerung  übten,  um
die  Christen  auszurotten.  Die  Makedonier  würden  deshalb  an  den  Muhammedanern
  Vergeltung  üben.  »

Am  16.  Septembee  veröffentlicht  die  Wiener  „Polit.  Korresp.“  den
Inhalt  eines  Rundschreibens  an  die  bulgarischen  Vertreter  im  Auslande:

„Die  bulgarische  Regierung  erhebt  gegen  die  Pforte  den  Vorwurf,
daß  sie  auf  Vernichtung  der  bulgarischen  Bevölkerung  in  den  europäischen
Vilajets  hinarbeite  und  dabei  andrerseits  alle  Vorkehrungen  treffe,  um  die
türkische  Armee  so  rasch  als  möglich  an  der  bulgarischen  Grenze  konzentrieren
  zu  können.  Dies  berechtigt  zu  der  Annahme,  daß  die  ottomanische
Regierung  beabsichtige,  im  geeigneten  Augenblicke  eine  militärische  Aktion
gegen  das  Fürstentum  zu  unternehmen.  Die  Lage  sei  geeignet,  schließlich
einen  bewaffneten  Konflikt  zwischen  dem  Fürstentum  und  der  Pforte  herbeizuführen,
  falls  die  Großmächte  nicht  bei  der  Pforte  Ratschläge  der
Klugheit  und  Mäßigung  geltend  machen.  Die  bulgarische  Regierung  fühle
sich  verpflichtet,  an  die  Gerechtigkeit  und  Humanität  der  Mächte  zu  appel-23“
        <pb n="364" />
        356  Fulserien.  (Oktober  8.—Dezember  14.)  —  Exsupten.  (November.)

lieren,  damit  die  bulgarische  Bevölkerung  vor  einer  vollständigen  Ausrottung

u  retten  und  durch  eine  Intervention  die  ottomanische  Regierung  zu  bebimme,
  die  Mobilisierungsvorkehrungen,  sowie  in  Anbetracht  der  korrekten
Haltung  der  bulgarischen  Regierung  die  in  keiner  Weise  gerechtfertigten
Maßregeln  einer  militärischen  Konzentrierung  rückgängig  zu  machen.  Dieser
Schritt  sei  ein  neuer  Beweis  der  loyalen  Gesinnung  der  bulgarischen
Regierung,  sowie  ihres  Entschlusses,  alles  zu  vermeiden,  was  den  Frieden
bedrohen  könnte.  Sollte  jedoch  Bulgarien  keine  Zusicherungen  erhalten,
welche  seine  Befürchtungen  gegen  das  gegenwärtige  Vorgehen  in  der  Türkei
zerstreuen  könnten,  so  würde  es  sich  gezwungen  sehen,  die  notwendigen
Maßregeln  zu  treffen,  um  für  jede  Eventualität  vorbereitet  und  gegen  jede
Ueberraschung  geschützt  zu  sein.

8.  Oktober.  Bulgarien  und  die  Pforte  verständigen  sich  über
die  Abrüstung.  Bulgarien  soll  20  000,  die  Pforte  40  000  Mann
entlassen.

2.  November.  Bei  den  Wahlen  zur  Sobranje  werden  146
Anhänger  der  Regierung,  43  Oppositionelle  gewählt.

15.  November.  Der  Fürst  eröffnet  die  Sobranje.

In  der  Thronrede  weist  er  darauf  hin,  daß  die  Ereignisse  dieses
Sommers  die  Regierung  zu  außerordentlichen  Ausgaben  genötigt  haben,
die  aber  unumgänglich  notwendig  gewesen  seien,  um  die  Armee  auf  den
Stand  zu  setzen,  den  sie  als  Wächterin  über  die  Unverletzlichkeit  des  Landes
und  die  Unabhängigkeit  des  Vaterlandes  haben  müsse.  Der  Fürst  erwarte
von  dem  Patriotismus  der  Deputierten,  daß  sie  mit  ernster  Aufmerksamkeit
die  Umstände  prüfen  würden,  welche  die  Ausgaben  erfordern,  und  daß  sie
die  Handlungen  der  Regierung  wohl  zu  würdigen  wissen  werden.  Die
Regierung  werde  alle  ihre  Bemühungen  darauf  richten,  die  guten  Beziehungen
  zu  erhalten  und  weiter  zu  entwickeln  mit  dem  großen  befreundeten
  Rußland  und  den  anderen  Großmächten,  ganz  besonders  aber  auch
mit  den  Nachbarstaaten.  Trotz  der  verhältnismäßig  kurzen  Zeit,  welche
der  Regierung  geblieben,  kündigt  die  Thonrede  doch  eine  Anzahl  Gesetzentwürfe
  an,  deren  erheblichste  diejenigen  über  die  Errichtung  landwirtschaftlicher
  Musterschulen,  über  Abänderungrn  in  der  Organisation  und
über  die  Beamten  sind.  —  Der  Fürst  wurde  auf  dem  ganzen  Wege  vom
Palais  bis  zum  Parlamentsgebäude  in  der  Sobranje  lebhaft  begrüßt.

14.  Dezember.  Die  Sobranje  genehmigt  den  außerordentlichen
  Kredit  von  25  Millonen,  der  im  letzten  Herbst  für  Rüstungen
verwendet  ist.

3.  Egypten.

November.  Ein  neuer  Mahdi  im  Sudan,  Mahommed  el
Amin,  wird  befiegt  und  gehängt.
        <pb n="365" />
        Kumänien.  (Januar  3.—  Dezember  23.)  —  Herbien.  (Januar  5.  14.)  357

XVI.
Numänien.

3.  Januar.  Die  Kammer  genehmigt  mit  91  gegen  1  Stimme
das  Budget  für  das  am  1.  April  beginnende  Rechnungsjahr.

22.  Januar.  (Kammern.)  Der  Finanzminister  Costinescu
legt  einen  Gesetzentwurf  auf  Konvertierung  der  im  Jahre  1899
kontrahierten  Anleihe  in  eine  5prozentige  vor.

2.  Februar.  Bei  den  Ergänzungswahlen  zum  Parlament
siegen  die  Liberalen.

26.  Mai.  In  den  Departementsratswahlen  werden  524  Liberale,
  15  Konservative  und  1  Junimist  gewählt.

Juni.  König  Karol  legt  die  Charge  als  Chef  des  6.  serbischen
  Infanterieregiments  nieder  und  widerruft  die  an  die  Offiziere
  des  Regiments  früher  erfolgten  Ordensverleihungen.

23.  Dezember.  In  der  Kammer  betont  der  Minister  des
Auswärtigen,  daß  Rumänien  überall  eine  friedliche  Politik  verfolge,
  insbesondere  die  österreichisch-russische  Aktion  auf  dem  Balkan
begrüße.  —  Die  Kammer  bewilligt  600  000  Fr.  zur  Errichtung  von
Schulen  und  Kirchen  in  rumänischen  Gemeinden  Makedoniens

XVII.
Serbien.

5.  Januar.  Der  Minister  des  Auswärtigen  Antonitsch  tritt
zurück  und  wird  durch  den  früheren  Minister  Simeon  Lozanitsch
ersetzt.

14.  Januar.  (Belgrad.)  Rede  des  Königs  über  die  auswärtige
  Politik.

Anläßlich  der  Feier  des  25jährigen  Jubiläums  der  Einnahme  von
Nisch  hält  König  Alexander  eine  Rede,  in  der  er  seinem  Vater,  dem
verstorbenen  König  Milan  großes  Lob  zollt.  Der  Scharfsinn  desselben  sei
vor  25  Jahren  allein  imstande  gewesen,  den  rechten  Weg  zu  finden  und
die  dem  Lande  heilsamen  Maßnahmen  zu  treffen,  indem  er  einen  Krieg
begann,  der  den  ganzen  europäischen  Osten  in  Brand  gesetzt  und  Serbiens
Unabhängigkeit  zur  Folge  hatte.  Das  Werk  Milans,  fuhr  der  König  fort,

müssen  wir  fortsetzen,  Serbien  muß  nunmehr  innerlich  erstarken.  Sind
wir  im  Innern  erst  stark,  so  können  wir  der  Gestaltung  der  auswärtigen
        <pb n="366" />
        358  Lerbien.  (Februar  4.—Juni  1.)

politischen  Ereignisse  ruhig  und  zuversichtlich  entgegensehen.  Serbien  kann
ruhig  in  die  Zukunft  blicken,  weil  seine  und  des  serbischen  Volkes  Sache
eine  gerechte  Sache  ist.  Wir  haben  keine  Eile  und  können  daher  nach  wie
vor  ein  Element  des  Friedens  und  der  Ordnung  auf  dem  Balkan  bilden.
Eben  deshalb  muß  uns  aber  der  entscheidende  Augenblick  vollkommen  gerüstet
  antreffen.  Alle  Welt  muß  die  Ueberzeugung  erlangen,  daß  niemand
auf  dem  Balkan  auch  nur  einen  Fußbreit  erwerben  kann,  ohne  daß  auch
Serbien  seinen  Anteil  erhielte.

4.  Februar.  (Belgrad.)  Durch  einen  Erlaß  des  Ministers
für  öffentliche  Bauten  werden  804  neu  eingerichtete  Postämter  in
großen  und  3390  Postämter  in  kleinen  Dorfgemeinden  dem  Verkehr
  übergeben.

6.  April.  Suspendierung  und  Wiederherstellung  der  Verfassung.



Der  König  erläßt  eine  Proklamation,  die  mitteilt,  daß  der  auf
Grund  der  neuen  Verfassung  geschaffene  Senat  und  die  Skupschtina  Gesetze
  geschaffen  haben,  die  sich  als  unzweckmäßig  erwiesen  haben.  Die  Verfassung
  schädige  durch  die  Entfachung  politischer  Leidenschaften  die  Interessen
  des  Vaterlandes,  und  hindere  seine  staatliche  und  nationale  Entwickelung.
  Die  Verhältnisse  auf  dem  Balkan  seien  sehr  ernst.  Serbien  bedürfe
der  Ordnung,  der  Eintracht  und  des  Friedens.  Es  solle  als  ein  leuchtendes
Beispiel  der  Friedensliebe  gelten  und  dabei  stets  bereit  sein,  die  eigenen
wahren  Interessen  zu  verfechten,  falls  dies  sich  als  notwendig  erweisen
sollte.  Um  dem  Vaterlande  die  Eintracht,  Kraft  und  Ordnung  wieder  zu
geben,  suspendiere  der  König  die  Verfassung  vom  6.  April  1901  und  erkläre
  die  Mandate  der  Senatoren  für  ungültig.  Die  Proklamation  besagt
ferner,  daß  die  Staatsräte  zur  Disposition  gestellt  werden  und  daß  die
Skupschtina  aufgelöst  wird.  Mehrere  Gesetze,  darunter  das  Preßgesetz,  das
Gemeindegesetz  und  das  Nationalwahlgesetz  werden  ausgehoben  und  durch
die  entsprechenden  früheren  Gesetze  ersetzt.  Unmittelbar  nach  der  Ausfertigung
  der  Verordnungen,  durch  welche  die  neuen  Senatoren  und  Staatsräte
  ernannt  wurden,  erscheint  eine  zweite  Proklamation,  in  welcher  die
Verfassung  vom  6.  April  1901  wieder  zu  voller  Geltung  eingesetzt  wird.

Das  bisherige  Ministerium  bleibt  im  Amte,  nur  der  Minister  des
Auswärtigen  Loganitsch  wird  durch  den  Bautenminister  Denitsch  ersetzt.
Von  den  neuernannten  lebenslänglichen  Mitgliedern  des  Senats  sind  zwölf
Altliberale  (durchwegs  Anhänger  des  ehemaligen  Regenten  Jovan  Ristitsch),
sieben  ehemalige  Fortschrittler  und  fünf  Neutrale.  Von  den  Radikalen
wird  keiner  ernannt.

April.  Gerüchten  zufolge  beabsichtigt  der  König  einen  Bruder
seiner  Gemahlin  zum  Thronfolger  zu  ernennen.  Es  wird  von  der
Möglichkeit  einer  baldigen  Revolution  gesprochen,  da  die  Familie
Dragas  im  Heere  sehr  verhaßt  sei.

1.  Juni.  Wahlen  zur  Skupschtina.

Es  werden  gewählt  130  Abgeordnete,  davon  sind  71  Liberale,  30  Radikale
  und  29  Neutrale  oder  ehemalige  Fortschrittler.  Die  Gewählten  sind
sämtlich  regierungsfreundlich.  Von  216  870  Stimmberechtigten  stimmten
185  905,  davon  für  die  Listen  der  Regierung  182  583,  für  die  Listen  der
Opposition  3322.  Bei  den  letzten  Wahlen,  die  1901  unter  dem  radikalen
        <pb n="367" />
        Serhien.  (Juni  11.  15.)  359

Ministerium  Wujitsch  stattfanden  stimmten  von  207  773  Stimmberechtigten
134  400  für  die  Listen  der  damaligen  Regierung.

11.  Juni.  (Belgrad.)  Ermordung  des  Königspaares.

Verschworene  Offiziere  der  Belgrader  Garnison  dringen  nachts  in
den  Konak  und  ermorden  das  Königspaar.  Außerdem  werden  die  Brüder
der  Königin,  der  Ministerpräsident  Zinzar  Markovic,  der  Kriegsminister
Pawlowic  und  mehrere  Offiziere  erschossen.  —  Es  wird  sogleich  folgendes
Ministerium  gebildet:  Jowan  Awakumovic  Ministerpräsident  ohne  Portefeuille,
  Llubomir  Kaljevic  Minister  des  Aeußern,  Stojan  Protic  Minister
des  Innern,  Georg  Gentschic  Handelsminister,  General  Jowan  Atanazkovic
Kriegsminister,  Dr.  Wojislaw  Welikovic  Finanzminister,  Oberst  Alexander
Machios  Minister  für  Bauten,  Professor  Ljubomir  Stojanovic  Kultusminister,
  Liubomir  Schiwkovic  Justizminister.

Das  Ministerium  erläßt  folgenden  Aufruf:  Verschiedene  Zwistigkeiten,
  welche  sich  am  Hofe  ereignet  haben,  haben  die  Intervention  der
Armee  und  einen  Konflikt  hervorgerufen,  in  welchem  König  Alexander
und  Königin  Draga  den  Tod  gefunden  haben.  Zum  Zwecke  der  Aufrechterhaltung
  des  Friedens  und  der  Ordnung  im  Lande  in  diesem  traurigen
und  schwierigen  Augenblicke  haben  sich  die  Vertreter  aller  politischen  Gruppen
verständigt  und  eine  provisorische  Regierung  gebildet,  damit  der  verfassungsmäßige
  Zustand,  wie  er  vor  dem  23.  März  bestand,  wiederhergestellt  werde.
Sie  haben  beschlossen,  die  Nationalversammlung,  welche  unter  Geltung  der
Verfassung  vom  6.  April  1901  gewählt  wurde,  zu  einer  Sitzung  einzuberufen.
  Die  Nationalversammlung  wird  zur  Wahl  eines  Souveräns  schreiten
und  andere  Beschlüsse,  welche  die  gegenwärtige  innere  Lage  erheischt,  fassen.
Nach  den  bis  jetzt  von  den  militärischen  und  Zivilbehörden  erhaltenen
Nachrichten  ist  die  Ruhe  im  Lande  nirgends  gestört  worden.  Die  Regierung
  wird  bestrebt  sein,  dieselbe  aufrecht  zu  erhalten.  Die  Regierung  ist
überzeugt,  daß,  indem  sie  in  der  Weise  handelt,  sie  dem  neuen  Zustaod
der  Dinge  die  Sympathie  aller  europäischen  Mächte  sichern  wird.

Die  Belgrader  Bevölkerung  begrüßt  die  Ereignisse  mit  Befriedigung.

15.  Juni.  Zusammentritt  der  Nationalversammlung.  Erklärung
  über  den  Königsmord.  Wahl  Karageorgs.

In  einer  gemeinsamen  Sitzung  des  Senats  und  der  Skupschtina
erklärt  die  Regierung,  sie  habe  es  für  ihre  erste  hervorragendste  Pflicht
gehalten,  für  die  Aufrechterhaltung  von  Ruhe,  Ordnung  und  Gesetzlichkeit
im  Lande  zu  sorgen,  die  Nationalversammlurg  für  die  Königswahl  einzuberufen
  und  die  Verfassung  von  1901  wieder  in  Kraft  treten  zu  lassen.
Die  Regierung  stellt  mit  Befriedigung  fest,  daß  sie,  unterstützt  von  der
selbstbewußten  Haltung  der  Nation  und  der  patriotischen  heldenmütigen
Armee,  die  Ordnung  im  Lande  aufrecht  erhielt.  Ueberzeugt,  daß  sie  damit
dem  Vaterlande  gegenüber  in  so  ernster  Zeit  ihre  Pflicht  erfüllte,  überläßt
die  Regierung  der  nationalen  Volksvertretung  die  Beurteilung  der  Ereignisse
  vom  11.  Juni  und  ihrer  Tätigkeit  seit  diesen  Ereignissen  und  lädt
die  konstitutionelle  Nationalversammlung  ein,  auch  ihrerseits  ihre  Pflicht
zu  erfüllen,  die  Königswahl  vorzunehmen  und  Verfügungen  über  die  Verfassung
  zu  treffen.  Sie  wünscht,  daß  die  Tätigkeit  der  Nationalversammlung
  dem  Vaterlande  Glück  und  Fortschritt  bringe.  —  Die  Nationalversammlung
  erwidert  in  einer  Resolution,  sie  begrüe  mit  Begeisterung  die
durch  die  Ereignisse  vom  11.  Juni  geschaffene  neue  Lage.  Sie  bringe  die
völlige  Uebereinstimmung  der  Gefühle  des  Volkes  und  des  Heeres  zum
Ausdrück  und  billige  das  Verhalten  des  Heeres,  das  der  Hort  des  Vater-
        <pb n="368" />
        360  Serbien.  (Juni  17.  24.)

landes,  die  Verteidigerin  der  Ordnung  und  der  Gesetzlichkeit,  der  Bürge
für  die  heilige,  glänzende  Zukunft  Serbiens  gewesen  sei,  und  bleiben  werde.
Gleichzeitig  zollt  die  Nationalversammlung  der  Regierung  ihre  Anerkennung
  für  ihre  in  diesem  verhängnisvollen  Augenblick  bekundete  Vaterlandsliebe
  und  billigt  die  Verfügungen  der  Regierung,  die  bis  zur  Ankunft  des
Königs  die  Geschäfte  leiten  solle.

Hierauf  wird  der  in  Genf  lebende  Prinz  Karageorg  einstimmig
um  König  gewählt.  Die  Wahl  wird  ihm  telegraphisch  mitgeteilt  und  er
oricht  telegraphisch  seine  Annahme  aus.

Es  wird  beschlossen,  die  Verfassung  von  1888  mit  einigen  Modifikationen
  wiederherzustellen  und  allen  Teilnehmern  an  der  Revolution.
Straflosigkeit  zu  gewähren.

17.  Juni.  Der  neue  König  veröffentlicht  im  „Journal  de
Geneve“  folgenden  Aufruf.

Proklamation  des  Königs  von  Serbien  an  sein  Volk.  „Die  Gnade
Gottes  und  der  Wille  des  Volkes  beriefen  mich  auf  den  Thron  meiner
Vorfahren.  Ich  erkläre,  daß  ich  mich  der  Entscheidung  des  Volkes  unterziehe
  und  heute  den  serbischen  Thron  besteige.  Ich  betrachte  es  als  meine
erste  Pflicht,  Gott  zu  danken  für  diese  Gnade,  und  spreche  gleichzeitig  die
Hoffnung  aus,  daß  die  Mächte  meine  auf  gesetzlichem  Wege  vollzogene
Thronbesteigung  anerkennen  werden;  dies  umsomehr,  als  ich  entschlossen
bin,  Serbien  der  Ruhe,  Ordnung  und  Wohlfahrt  zuzuführen.  Ich  erkläre,
daß  ich  mein  Königswort  gebe,  die  Rechte  aller  zu  achten,  und  mein  Möglichstes
  zu  tun,  um  ein  konstitutioneller  König  und  Hüter  der  Gesetze  zum
Wohlergehen  meines  teuren  Volkes  zu  sein.  Darum  fordere  ich  mit  diesem
meinem  ersten  Manifest  alle  Kirchenhäupter,  Staatsbeamten  und  Militärchefs
  auf,  in  ihren  Funktionen  zu  verbleiben,  und  empfehle  ihnen,  die  ihnen
anvertrauten  Obliegenheiten  gewissenhaft  zu  erfüllen.  Ich  erkläre,  daß  ich
alle  persönlichen  Vorkommnisse,  welche  in  den  letzten  40  Jahren  unter
außerordentlichen  Verhältnissen  erfolgten,  der  Vergessenheit  übergebe.  Jeder
aufrichtige  Serbe  wird  unter  meiner  Regierung  den  nötigen  Schutz  für
sein  moralisches  und  materielles  Leben  finden.  Die  Devise  meiner  Dynastie
war  immer:  „Für  das  heilige  Kreuz  und  unsere  teuere  Freiheit!“  Mit
dieser  Devise,  die  mich  einerseits  an  die  Armee  und  andrerseits  an  die
orthodoxe  Kirche  bindet,  besteige  ich  den  Thron  als  Peter  I.,  König  von
Serbien.  Ich  bitte  Gott,  seine  Gnade  über  mein  Volk  zu  verbreiten  und
sende  allen  meine  königlichen  Grüße.“

24.  Juni.  König  Peter  hält  seinen  Einzug  in  Belgrad.

Der  König  behält  das  Ministerium  Avakumovic  bei  und  erklärt  in
einer  Proklamation  die  Volksrechte  achten  zu  wollen:  „Ich  will  ein  wahrer
konstitutioneller  König  von  Serbien  sein,  und  für  Mich  sind  alle  verfassungsmäsigen
  Bürgschaften  der  Freiheit  und  der  Volksrechte,  dieser  Grundlage
aller  regelmähigen  und  glücklichen  Entwickelung  sowie  alles  nationalen
Fortschritts  und  staatlichen  Lebens,  ebensoviele  Heiligtümer,  die  Ich  stets
sorgsältig  achten  und  hüten  werde.  Auch  verlange  Ich  von  allen  und  einem
ieden,  daß  er  dasselbe  tue.  Von  diesen  Grundsätzen  durchdrungen,  überliefere
  Ich  die  Vergangenheit  der  Vergangenheit  und  überlasse  es  der  Geschichte,
  jeden  nach  seinen  Taten  zu  richten.  Indem  Ich  den  Ueberlieferungen
  des  serbischen  Volkes  und  Meiner  Vorfahren  treu  bleibe,  werde
Ich  mich  in  der  answärtigen  Politik  von  den  traditionellen  Bestrebungen
des  serbischen  Volkes  bestimmen  lassen  und  zu  gleicher  Zeit  die  freundschaftlichen
  Beziehungen,  welche  das  Bedürfnis  der  europäischen  Gemeinschaft
        <pb n="369" />
        HLerbien.  (Juli  12.—Dezember.)  361

erfordert,  namentlich  mit  den  benachbarten  Völkern,  aufrecht  erhalten.
Mein  tapferes  Heer,  dem  Ich  Meine  königliche  Anerkennung  für  seine  bisherigen
  Dienste  und  seine  Aufopferung  für  das  Vaterland  zolle,  will  Ich
*  biie  Stufe  eines  würdigen  Hoffnungsankers  des  serbischen  Volkes
erheben.“

12.  Juli.  Der  König  ernennt  den  Oberst  Misttsch,  den  Führer
der  Mörder  Alexanders,  zum  Abteilungschef  im  Kriegsministerium.
15.  August.  Ministerwechsel.

13.  August.  Infolge  von  Uneinigkeiten  im  Kabinett  reicht  das  Ministerium
  seine  Demission  ein,  und  Awakumovic  bildet  das  Kabinett  um.
Neu  ernannt  werden  zum  Kriegsminister  der  Oberst  Solarowitsch,  zum
Finanzminister  der  Hochschulprofessor  Alexander  Borisawljewitsch,  zum
Kultusminister  Professor  Dobrosaw  Rusitsch  und  zum  Justizminister  der
bisherige  Sektionschef  Michael  Jowanowitsch.

Ende  August.  Es  wird  für  eine  Beteiligung  an  den  Kämpfen
in  Makedonien  agitiert,  um  die  Ausrottung  der  makedonischen
Slawen  zu  hindern.

Anfang  September.  (Nisch.)  Eine  Anzahl  Offiziere,  die
am  Königsmorde  nicht  beteiligt  waren,  suchen  eine  Bewegung  zur
Bestrafung  der  Königsmörder  hervorzurufen.  Sie  werden  verhaftet
und  zu  Gefängnis  verurteilt.  Im  Anschluß  hieran  kommt  es  in
Belgrad  zu  Tumulten.

22.  September.  Bei  den  Wahlen  zur  Skupschtina  werden
78  gemäßigte  Radikale,  65  unabhängige  Radikale,  15  Liberale,
1  Sozialist  gewählt.

5.  Oktober.  Neubildung  des  Kabinetts.

Den  Vorsitz  übernimmt  General  Sava  Gruitsch,  Andra  Nikolitsch
das  Aeußere,  Stojan  Protitsch  das  Innere,  Nikola  Nikolitsch  das  Justizportefeuille,
  Liuba  Stojanowitsch  das  Kultusportefeuille,  Militsch  Radowanowitsch
  das  Finanzportefeuille,  Wlada  Todorowitsch  das  Bautenministerium,
  T.  Petkowitsch  das  Handelsministerium  und  Oberst  Andrejewitsch
das  Kriegsministerium.

23.  Oktober.  Die  Skupschtina  wählt  den  Staatsrat,  der
sich  aus  10  Radikalen,  drei  Liberalen,  drei  Progressisten  zusammensetzt.



 

Dezember.  Serbien  und  die  Großmächte.

Die  Kabinette  von  Wien,  Berlin,  St.  Petersburg,  London  und
Konstantinopel  teilen  der  serbischen  Regierung  vertraulich  mit,  daß  sie  ihre
Gesandten  abberufen  und  nicht  früher  nach  Belgrad  zurückkehren  lassen  würden,
als  nicht  die  Königsmörder  aus  ihren  Stellungen  bei  Hof  und  in  der
Armee  entfernt  seien.  Die  Gesandten  selbst  haben  den  Wunsch  geäußert,
von  Belgrad  abreisen  zu  dürfen,  da  infolge  der  Machtbefugnisse  der  Verschwörer
  der  Verkehr  der  Diplomaten  mit  den  Regierungskreisen  sich  immer
unleidlicher  gestaltete.  —  Dem  französischen  Gesandten  der  in  Belgrad
bleibt,  wird  eine  Ovation  gebracht  (27.  Dezember).
        <pb n="370" />
        362  EGriechesland.  (Februar  19.—Dezember  18.)

XVIII.
Eriechenland.

19.  Februar.  (Athen.)  Das  der  Kammer  vorgelegte  Budget
veranschlagt  die  Einnahmen  auf  119,4  Millionen,  die  Ausgaben
auf  114,15  Millionen  Drachmen.

24.  Februar.  Der  Kammer  werden  mehrere  Gesetzentwürfe
über  die  Reorganifierung  der  Armee  vorgelegt.

Die  Dienstzeit  soll  auf  16  Monate  herabgesetzt  werden.  Alljährlich
im  Monat  Mai  werden  36  000  Mann  unter  den  Fahnen  stehen.  Große
Manöver  sollen  stattfinden.  Eine  besondere  Kasse  zur  Beschaffung  von
Kriegsmaterial  mit  einer  jährlich  verfügbaren  Summe  von  zwei  Millionen
Drachmen  soll  geschaffen  werden.  Ein  Teil  dieses  Betrages  soll  aus  den
Erträgnissen  der  Monopolisierung  des  Sprengpulvers  entnommen  werden,
welche  die  Regierung  der  Kammer  vorschlagen  wird.  Eine  andere  Vorlage
bestimmt  die  Abschaffung  der  Stelle  des  Oberbefehlshabers  der  Armee,
welche  nach  dem  Gesetz  von  1900  der  Kronprinz  bekleidet.  Der  letztere
soll  Kommandeur  des  einzigen  zu  bildenden  Armeekorps  werden,  welches
die  drei  bestehenden  Divisionen  umfaßt.  Der  Armeekorpskommandeur  kann
gleichzeitig  General-Inspektor  der  Armee  sein.

25.  Juni.  Da  das  Ministerium  Delyannis  bei  einer  Vertrauensfrage
  nur  eine  Majorität  von  114  gegen  95  erhält,  tritt
es  zurück.  Es  wird  ein  Ministerium  Theotokis  gebildet.

8.  Juli.  Das  Ministerium  Theotokis  tritt  zurück  und  wird
durch  ein  Ministerium  Ralli  ersetzt.  ·  '

Ende  Juli.  Es  wird  lebhaft  für  eine  Revision  der  Verfassung
  agitiert.

14.  August.  Ministerpräsident  Ralli  spricht  sich  in  der  makedonischen
  Frage  scharf  gegen  die  bulgarische  Agitation  aus.

18.  Dezember.  Das  Ministerium  Ralli  wird  durch  ein  Ministerium
  Theotokis  ersetzt.  Die  Ursache  des  Wechsels  find  Differenzen
  zwischen  König  und  Minister  über  die  Militärreform.
        <pb n="371" />
        XIX.
Nord-Amerika.

5.  Januar.  Besteuerung  des  russischen  Zuckers.  (Vgl.  1901.)

Der  Oberste  Gerichtshof  entscheidet,  daß  die  von  Rußland  auf  den
ausgeführten  Zucker  gezahlten  Vergütungen  Prämien  seien,  daher  in  dem
zur  Verhandlung  stehenden  Falle  die  Erhebung  von  Ausgleichszöllen  für
russischen  Zucker  durch  das  Zollamt  in  Baltimore  gemäß  dem  Dingleytarif
  gerechtfertigt  sei.

14.  Januar.  Der  Kongreß  genehmigt  das  Gesetz  über  den
Kohlensteuerrabatt.

23.  Januar.  (Senat.)  Präsident  Roosevelt  legt  den  Vertrag
  mit  Kolumbien  über  den  Kanalbau  vor.

Der  Vertrag  sieht  eine  einmalige  Zahlung  von  10  Millionen  Golddollars
  seitens  der  Vereinigten  Staaten  an  Kolumbia  vor,  ferner  eine
jährliche  Zahlung  von  2500000  Dollars.  Hierfür  tritt  Kolumbia  einen
sechs  Meilen  breiten  Landstreifen  an  die  Vereinigten  Staaten  ab,  welche
berechtigt  sind,  Truppen  zum  Schutze  des  abgetretenen  Gebietes  zu  entsenden,
  falls  Kolumbia  dazu  nicht  in  der  Lage  ist.  Der  Vertrag  wird  auf
100  Jahre  abgeschlossen  und  kann  auf  Wunsch  der  Vereinigten  Staaten
erneuert  werden.  Die  Vereinigten  Staaten  erhalten  die  Gerichtsbarkeit
über  die  mit  dem  Kanal  verbundenen  Gewässer  und  alle  Hafenabgaben  für
die  durch  den  Kanal  fahrenden  Schiffe.  Das  Gebiet  am  Kanal  soll  neutral
sein  und  die  Vereinigten  Staaten  garantieren  die  Neutralität  sowie  die
Oberhoheit  Kolumbiens.  Kolumbien  gesteht  zu,  daß  es  keiner  Macht  innerhalb
  bestimmter  Grenzen  dieses  Gebietes  Teile  zu  Kohlenhäfen  weder  abtreten
  noch  pachtweise  überlassen  werde  und  daß  es  überhaupt  nichts  tun
werde,  was  dem  Bau,  der  Sicherheit  oder  dem  freien  Gebrauch  des  Kanals
Eintrag  tun  könnte.  Die  Vereinigten  Staaten  werden  Kolumbien  materielle
  Hilfe  leisten,  um  zu  verhindern,  daß  dieses  Gebiet  besetzt  werde.
Panama  und  Colon  sind  zu  freien  Häfen  erklärt  worden  für  Kauffahrteischiffe,
  die  bestimmt  den  Kanal  durchfahren.  Der  Kanal  wird  dem  Handel
14  Jahre  nach  Austausch  der  Ratifikationen  geöffnet  werden.

Mitte  Januar.  (New-Nork.)  Zeitungsberichte  über  Auße--rungen

  des  neuen  deutschen  Geschäftsträgers.

In  einer  Unterredung  mit  einem  Vertreter  der  „Association  Preß"“
soll  Frhr.  Speck  v.  Sternburg  gesagt  haben:  „Eine  meiner  dringendsten
        <pb n="372" />
        364  Nerd-Ameriks.  (Januar  24.—Februar  13.)

Obliegenheiten  nach  Ueberreichung  meines  Beglaubigungsschreibens  wird
die  Beteiligung  an  den  Verhandlungen  in  aesfington  zur  endgültigen
Verständigung  mit  Venezuela  sein.  Deutschland  steht  dieser  Frage  durchaus
  maßvoll  gegenüber,  seit  Castro  Geneigtheit  bekundet,  anzuerkennen,  daß
wir  Ursache  zu  Beschwerden  haben.  Der  Streitfall  liegt  heute  so,  daß
wir  für  jede  der  beteiligten  Regierungen  einen  leidlich  befriedigenden  Abschluß
  erwarten  können.  Die  deutsche  Regierung  ist  den  Unionstaaten  zu
Dank  verpflichtet  für  deren  Förderung  des  in  Aussicht  stehenden  Uebereinkommens.
  Wären  alle  daran  beteiligten  Persönlichkeiten  von  dem  gleichen
Schlag,  wie  Präsident  Roosevelt,  so  würde  die  venezolanische  Angelegenheit
keine  weiteren  Schwierigkeiten  bereiten.  Die  Monroelehre,  die  den  Amerikanern
  als  ungeschriebenes  Gesetz  gilt,  wird  von  Roosevelt  als  ein  den
Frieden  fördernder  Grundsatz  aufgefaßt  und  gehandhabt.  Ich  setze  in  der
Venezuelafrage  volles  Vertrauen  in  den  Gerechtigkeitssinn  und  den  Takt
des  Präsidenten  und  seiner  hervorragenden  Ratgeber.“

24.  Januar.  (Washington.)  Staatssekretär  Hay  und  der
englische  Gesandte  Herbert  unterzeichnen  einen  Vertrag,  wonach  zur
Regelung  der  Alaska-Grenzfrage  ein  Ausschuß  eingesetzt  werden  soll,
in  welchen  von  jeder  Seite  drei  Juristen  entsandt  werden  sollen.

30.  Januar.  (Washington.)  Botschaft  des  Präfidenten  an
den  Kongreß  über  die  Silberfrage.

Die  Botschaft  behandelt  das  Währungs-  und  Münzwesen  Mexikos
und  Chinas  und  fügt  Schriftstücke  von  dem  mexikanischen  und  chinesischen
Vertreter  in  Washington  bei.  Der  Präsident  empfiehlt  in  der  Botschaft,
ein  Gesetz  zu  erlassen,  das  die  Vereinigten  Staaten  in  den  Stand  setzt,
ihren  Beistand  zu  leisten,  damit  das  von  diesen  Ländern  angeregte  Arrangement
  ausgeführt  werden  könne.  Die  chinesische  und  mexikanische  Note
besagt,  die  Schwankungen  des  Silberwertes  drohen  dem  Handel  der  Goldländer
  mit  den  Silberländern  erheblich  zu  schaden.  Wenn  die  Stabilität
des  Wertverhältnisses  der  Metalle  gesichert  würde,  würde  die  Einfuhr  der
Silberländer  erheblich  wachsen.  Ein  bestimmtes  Verhältnis  zwischen  Gold
und  Silber  als  Basis  für  den  Wechselverkehr  sollte  festgestellt  werden  und
die  Stabilität  desselben  durch  das  Zusammenwirken  der  Länder  mit  Goldund
  der  mit  Silberwährung  gesichert  werden.

7.  Februar.  Das  Repräsentantenhaus  genehmigt  einen

Antrag  Littlefield  gegen  die  Trusts.

Danach  sollen  Korporationen,  welche  zukünftig  ins  Leben  gerufen
werden,  Berichte  über  den  Gründungsvertrag  und  ihre  finanzielle  Zusammensetzung
  und  Lage  bei  der  Interstate  Commerce  Commission  einreichen,
  bei  Strafe  des  Ausschlusses  vom  Handel  innerhalb  der  Unionsstaaten.
  Das  Gesetz  enthält  ferner  Strafen  für  falsche  Berichte.

8.  Februar.  Der  Kongreß  spricht  sich  für  die  Schaffung
eines  Departements  für  Handel  und  Industrie  aus.
13.  Februar.  (Washington.)  Beendigung  des  Venezuelastreites.

  (Vgll.  Staats-Archiv  Bd.  68.)

Bodvwen,  der  Bevollmächtigte  Venezuelas  unterzeichnet  mit  den  europäischen
  Bevollmächtigten  ein  Abkommen,  wonach  Venezuela  die  Schuldforderungen
  der  Mächte  anerkennt.
        <pb n="373" />
        Nord-Inerika.  (Februar  13.)  365

Das  Abkommen  mit  Deutschland  lautet:  Artikel  1.  Die  venezoanische
  Regierung  erkennt  im  Prinzip  die  von  der  keiserlich  deutschen
Regierung  erhobenen  Reklamationen  deutscher  Untertanen  als  berechtigt  an.
Artikel  2.  Die  deutschen  Reklamationen  aus  den  venezolanischen  Bürgerkriegen
  von  1898  bis  1900  belaufen  sich  auf  1  718  815,67  Bolivares.  Die
venezolanische  Regierung  verpflichtet  sich,  von  diesem  Betrage  5500  Lstrl.  —
137500  Bolivares  sofort  bar  zu  bezahlen  und  zur  Tilgung  des  Restes
fünf  am  15.  März,  15.  April,  15.  Mai,  15.  Juni  und  15.  Juli  1903  an
den  kaiserlich  deutschen  Gesandten  in  Caracas  zahlbare  Wechsel  über  entsprechende
  Teilbeträge  einzulösen,  die  Herr  Bowen  sofort  ausstellen  und
Herrn  Freiherrn  Speck  von  Sternburg  übergeben  wird.  Sollte  die  venezolanische
  Regierung  diese  Wechsel  nicht  einlösen,  so  soll  die  Zahlung  aus
den  Zolleinkünften  von  La  Guayra  und  Puerto  Cabello  erfolgen  und  soll
die  Zollverwaltung  in  den  beiden  Häfen  bis  zur  vollständigen  Tilgung  der
erwähnten  Schuld  belgischen  Zollbeamten  übertragen  werden.  Artikel  3.
Die  in  den  Artikeln  2  und  6  nicht  erwähnten  deutschen  Reklamationen,
insbesondere  die  Reklamationen,  welche  aus  dem  gegenwärtigen  venezolanischen
  Bürgerkriege  herrühren,  ferner  die  Ansprüche  der  deutschen  Großen
Venezuela-Eisenbahn-Gesellschaft  gegen  die  venezolanische  Regierung  wegen
Beförderung  von  Personen  und  Gütern,  sowie  die  aus  dem  Baue  eines
Schlachthofes  in  Caracas  entstandenen  Forderungen  des  Ingenieurs  Karl
Henkel  in  Hamburg  und  der  Aktiengesellschaft  für  Beton=  und  Monierbau
in  Berlin  werden  einer  gemischten  Kommission  überwiesen.  Diese  Kommission
  hat  sowohl  über  die  materielle  Berechtigung  der  einzelnen  Forderungen
  wie  über  deren  Höhe  zu  entscheiden.  Bei  den  Reklamationen  wegen
unberechtigter  Beschädigung  und  Wegnahme  von  Eigentum  erkennt  die
venezolanische  Regierung  ihre  Haftpflicht  im  Prinzip  an,  dergestalt,  daß
die  Kommission  nicht  über  die  Frage  der  Haftpflicht,  sondern  lediglich  über
die  Widerrechtlichkeit  der  Beschädigung  oder  Wegnahme  sowie  über  die
Höhe  der  Entschädigung  zu  befinden  hat.  Artikel  4.  Die  in  Artikel  3
erwähnte  gemischte  Kommission  hat  ihren  Sitz  in  Caracas.  Sie  setzt  sich
zusammen  aus  je  einem  von  der  kaiserlich  deutschen  und  der  venezolanischen
Regierung  zu  ernennenden  Mitgliede.  Die  Ernennung  hat  bis  zu  1.  Mai
1903  zu  erfolgen.  Sovweit  sich  die  beiden  Mitglieder  über  die  erhobenen
Ansprüche  einigen,  ist  ihre  Entscheidung  als  endgültig  anzufehen:  soweit
eine  Einigung  unter  ihnen  nicht  zu  stande  kommt,  ist  zur  Entscheidung  ein
Obmann  zuzuziehen,  der  von  dem  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten
von  Amerika  ernannt  wird.  Artikel  5.  Zur  Befriedigung  der  im  Artikel  3
bezeichneten  Reklamationen,  sowie  der  gleichartigen  Forderungen  anderer
Mächte  wird  die  venezolanische  Regierung  vom  1.  März  1903  ab  monatlich
  30  v.  H.  der  Zolleinkünfte  von  La  Guayra  und  Puerto  Cabello  unter
Ausschluß  jeder  anderen  Verfügung  dem  Vertreter  der  englischen  Bank  in
Caracas  überweisen.  Sollte  die  venezolanische  Regierung  dieser  Verpflichtung
  nicht  nachkommen,  so  soll  die  Zollverwaltung  in  den  beiden  Häfen
bis  zur  vollständigen  Befriedigung  der  vorstehend  erwähnten  Forderungen
belgischen  Zollbeamten  übertragen  werden.  Alle  Streitfragen  in  Ansehung
der  Verteilung  der  im  Absatz  1  bezeichneten  Zolleinkünfte,  sowie  in  Ansehung
  des  Rechtes  Deutschlands,  Großbritanniens  und  Italiens  auf  gesonderte
  Befriedigung  ihrer  Reklamationen  sollen  in  Ermangelung  eines
anderweitigen  Abkommens  durch  den  ständigen  Schiedshof  im  Haag  entschieden
  werden.  An  dem  Schiedsverfahren  können  sich  alle  anderen  interessierten
  Staaten  den  genannten  drei  Mächten  gegenüber  als  Partei  beteiligen.
Artikel  6.  Die  venezolanische  Regierung  verpflichtet  sich,  die  zum  größten
Teile  in  deutschen  Händen  befindliche  fünfprozentige  venezolanische  Anleihe
        <pb n="374" />
        366  Nord-Inri(Februar  21.—März  3.)

von  1896  zugleich  mit  ihrer  gesamten  auswärtigen  Schuld  in  befriedigender
Weise  neu  zu  regeln.  Bei  dieser  Regelung  sollen  die  für  den  Schuldendienst
  zu  verwendenden  Staatseinkünfte,  unbeschadet  der  diesbezüglich  bereits
bestehenden  Verpflichtungen,  bestimmt  werden.  Artikel  7.  Die  von  den
deutschen  Seestreitkräften  weggenommenen  venezolanischen  Kriegs=  und
Handelsfahrzeuge  werden  in  dem  Zustand,  in  dem  sie  sich  gegenwärtig
befinden,  der  venezolanischen  Regierung  zurückgegeben.  Aus  der  Wegnahme
dieser  Schiffe  wie  aus  deren  Aufbewahrung  können  keine  Entschädigungsansprüche
  hergeleitet  werden.  Auch  wird  ein  Ersatz  für  Beschädigung  oder
Vernichtung  der  Schiffe  nicht  gewährt.  Artikel  8.  Nach  Unterzeichnung
dieses  Protokolls  soll  die  über  die  venezolanischen  Häfen  verhängte  Blockade
gemeinsam  mit  den  Regierungen  Großbritanniens  und  Italiens  aufgehoben
werden.  Auch  werden  die  diplomatischen  Beziehungen  zwischen  der  kaiserlich
  deutschen  und  der  venezolanischen  Regierung  wieder  ausgenommen.
Washington,  den  13.  Februar  1903.
Freiherr  Speck  von  Sternburg.  Herbert  W.  Bowen.

A.  Februar.  (Washington.)  Bei  der  Grundsteinlegung
zur  Heeres-Kriegsschule  betont  Präfident  Roosevelt,  daß  die  Weltmachtstellung
  der  Vereinigten  Staaten  zur  Aufstellung  einer  starken
Macht  zu  Wasser  und  zu  Lande  verpflichte.

Februar.  Präsident  Roosevelt  ernennt  in  Charleston  einen
Neger  zum  Zolldirektor.  In  den  Südstaaten  wird  gegen  diese  und
andere  Ernennungen  von  Farbigen  lebhaft  protestiert.  Die  Neger
agitieren  dagegen  für  energische  Unterstützung  Roosevelts.

.  Februar.  Das  Repräsentantenhaus  genehmigt  den
Gesetzentwurf  zum  Schutze  des  Präsidenten.  (Vgl.  1902.)

Der  Gesetzentwurf  sieht  in  der  vom  Ausschusse  des  Hauses  beantragten
  Form  die  Todesstrafe  für  jedermann  vor,  der  vorsätzlich  oder
böswillig  den  Präsidenten,  Vizepräsidenten  oder  irgend  einen  Beamten
tötet,  auf  den  die  Pflichten  des  Präsidenten  übergehen  könnten;  dieselbe
Strafe  trifft  denjenigen,  der  einen  Mord  an  irgend  einem  Botschafter  oder
Gesandten  verübt,  der  bei  den  Vereinigten  Staaten  akkreditiert  ist.  Jeder
Mordanschlag  auf  die  erwähnten  Personen  wird  mit  dem  Tode  oder  Zuchthaus
  nicht  unter  zehn  Jahren  bestraft.  Wer  bei  einem  Mordanschlag  auf
die  erwähnten  Personen  Hilfe  leistet,  Ratschläge  erteilt  oder  denselben  fördert,
  wird  als  Täter  angesehen  und  als  solcher  bestraft.  Jede  Person  in
Amerika,  welche  die  Lehre  verbreitet,  es  sei  Pflicht  oder  Notwendigkeit,
einen  oder  mehrere  Würdenträger  Amerikas  oder  irgend  einer  anderen
zivilisierten  Nation  zu  töten,  wird  mit  Geldstrafe  bis  zu  5000  Dollars
oder  Gefängnis  bis  zu  20  Jahren  belegt;  beide  Strafarten  können  auch
kumuliert  zur  Anwendung  kommen.

3.  März.  Der  Kongreß  genehmigt  in  gemeinsamer  Sitzung
das  Einwanderungsgesetz.

Das  Gesetz  gestattet  den  Einwanderungsinspektoren,  fremde  Länder
zu  besuchen,  sowie  Anarchisten  auszuschließen.  Der  Nachweis  eines  bestimmten
  Bildungsgrades  der  Einwanderer  ist  nicht  in  das  Gesetz  aufgenommen,
  die  Erhebung  einer  Kopfsteuer  bis  2  Dollars  wird  eingeführt,
ist  aber  von  jedem  ins  Land  kommenden  Reisenden,  nicht  nur  von  Auswanderern,
  zu  erheben.
        <pb n="375" />
        Nord-Imeriks.  (März  4.—Ende.)  367

4.  März.  Der  Kongreß  bewilligt  die  Mittel  zum  Bau
von  je  3  Schlachtschiffen  zu  16000  und  13000  Tonnen.
4.  März.  Vertagung  des  Kongresses.

Anfang  März.  Die  Aufstellung  der  Statue  Friedrichs  des
Großen.

Der  Deutsche  Kaiser  schlägt  dem  Präsidenten  Roosevelt  vor,  die  Enthüllung
  des  Denkmals  Friedrichs  des  Großen  bis  1904  zu  verschieben.
Der  Präsident  stimmt  zu  und  führt  aus,  es  werde  ihm  1904,  wo  der  Bau
der  Kriegsschule  weiter  vorgeschritten  sei,  möglich  sein,  die  Zeremonie  der
Uebergabe  mit  der  Feierlichkeit  zu  begehen,  die  der  Würde  des  Geschenkgebers
  und  dem  Werte  des  Geschenkes  entspräche.

Die  Frage  wird  in  der  Presse  besprochen;  die  gelbe  Presse  und  ein
Teil  der  englischen  sieht  in  dem  Aufschub  einen  Beweis,  daß  aus  der  Aufstellung
  überhaupt  nichts  werden  solle.

17.  März.  Der  Senat  ratifiziert  den  Vertrag  mit  Panama
über  den  Kanalbau  mit  73  gegen  5  Stimmen.

19.  März.  Der  Senat  genehmigt  den  Gegenseitigkeitsvertrag
mit  Kuba.

21.  März.  Vorschläge  zur  Regelung  der  Lohnfrage  im  Bergbau.
  (Vgl.  1902  S.  314.)

Die  vom  Präsidenten  Roosevelt  im  Oktober  des  vorigen  Jahres  zur
Untersuchung  des  Kohlenstreiks  eingesetzte  Kommission  empfiehlt,  den  Arbeitern
  eine  allgemeine  Lohnerhöhung  von  10  Prozent  zu  bewilligen,  in
gewissen  Fällen  die  Arbeitsstunden  herabzusetzen  und  für  alle  Streitfragen
die  Erledigung  durch  ein  Schiedsgericht  in  Aussicht  zu  nehmen.  Die  Kommission
  setzt  einen  Mindestlohn  und  eine  gleitende  Lohnskala  fest  und  empfiehlt
  Maßregeln,  durch  die  die  Arbeiter  vor  Verfolgung  durch  Unternehmer
  oder  Bergleute  für  Zugehörigkeit  oder  Nichtzugehörigkeit  zu  Trade
Unions  beschützt  werden.  Die  getroffenen  Bestimmungen  sollen  bis  zum
31.  März  1906  in  Kraft  bleiben.  Die  Kommission  lehnt  ein  Urteil  über
die  Frage,  ob  die  Union  der  Bergleute  anerkannt  werden  solle  oder  nicht,
ab.  Die  Frage  der  sogenannten  Zwangsschiedsgerichte  wird  für  die  letzteren
  ablehnend  beschieden.  Endlich  empfehlen  die  Kommissionsmitglieder
die  Privatpolizei  in  den  Kohlenbergwerken  abzuschaffen,  da  dieselbe  lediglich
  dazu  diene  Erbitterung  hervorzurufen.

Ende  März.  (Louisiana.)  Durch  Überschwemmungen  des
Mississippi  werden  viele  Pflanzungen  zerstört.  Zahlreiche  Menschen
kommen  um.

Ende  März.  Admiral  Dewey  über  Deutschland.

Der  „New-York  Herald“  berichtet  über  abfällige  Aeußerungen  des
Admirals  Dewey  über  die  deutsche  Flotte,  deren  Mannschaften  an  Ausbildung
  und  Intelligenz  tief  unter  den  amerikantschen  Mannschaften  ständen.
Nach  weiteren  Zeitungsmeldungen  reicht  der  deutsche  Botschafter  Frhr.
Speck  v.  Sternburg  eine  Beschwerde  über  die  Aeußerungen  Deweys  ein,
worauf  Präsident  Roosevelt  dem  Admiral  einen  Verweis  erteilt.  (Vgl.
Fiedler,  Preuß.  Jahrbücher  Bd.  113.)
        <pb n="376" />
        368  Nerd-Auerika.  (April  2.)

2.  April.  (Chicago.)  Präsident  Roosevelt  sagt  in  einer
öffentlichen  Rede  über  die  Monroelehre:

Die  Vereinigten  Staaten  halten  ihre  Interessen  in  der  diesseitigen
Sphäre  für  größer,  als  es  diejenigen  irgend  einer  europäischen  Macht  daselbst
  überhaupt  sein  können.  Ihre  Pflicht  gegenüber  sich  selbst  und  den
schwächeren  Nachbarrepubliken  verlangt  von  ihnen  darüber  zu  wachen,  daß
keine  der  großen  militärischen  Mächte  jenseits  des  Meeres  in  die  Rechte
dieser  Republiken  eingreife,  oder  eine  Kontrolle  über  dieselben  erlange.
Diese  Politik  verbietet  daher  nicht  nur  die  Zustimmung  zu  Gebietserwerbungen,
  sondern  veranlaßt  die  Vereinigten  Staaten  auch,  sich  der  Erlangung
einer  Kontrolle  zu  widersetzen,  welche  in  ihrer  Wirkung  einer  territorialen
Vergrößerung  gleichkommt.  Dies  ist  der  Grund  warum  die  Vereinigten
Staaten  an  der  Meinung  festhalten,  daß  der  Bau  des  Panama-Kanals
nicht  durch  eine  ausländische  Nation,  sondern  nur  durch  die  Vereinigten
Staaten  ausgeführt  werden  solle,  welche  sich  gewissenhaft  und  sorgfältig
enthalten  haben,  den  in  Betracht  kommenden  Schwesterrepubliken  irgendwelches
  Unrecht  zuzufügen.  Die  Vereinigten  Staaten  wünschen  nicht,  in
deren  Rechte  auch  nur  im  geringsten  einzugreifen,  sondern  unter  sorgfältiger
  Wahrung  derselben  den  Kanal  selbst  nach  Maßgabe  von  Bestimmungen
zu  bauen,  nach  denen  der  Kanal  stets,  sowohl  im  Frieden  als  auch  im
Kriege  von  den  Vereinigten  Staaten  benützt  werden  kann.

April.  Fahrten  amerikanischer  Geschwader  nach  Europa.

Ein  amerikanisches  Geschwader  tritt  eine  Uebungsreise  in  europäische
Gewässer  an.  Der  deutsche  Kaiser  ladet  es  ein,  Kiel  zu  besuchen.  Präsident
  Roosevelt  lehnt  die  Einladung  ab,  weil  das  Geschwader  nur  bis  zu
den  Azoren  fahre  und  nicht  auf  repräsentative  Besuche  eingerichtet  sei.
Dagegen  geht  ein  anderes  Geschwader  nach  Europa  und  besucht  u.  a.  Marseille
  (S.  285)  und  Kiel  (S.  111).

Am  21.  April  berichtet  das  Reutersche  Bureau  darüber:  „Am
18.  April  abends  wurde  eine  ausgedehntere  Bekanntmachung  in  Bezug  auf
den  Besuch  des  europäischen  Geschwaders  der  Vereinigten  Staaten  in  1t
seille  und  Kiel  veröffentlicht.  Nach  diesem  Schriftstück  ist  keine  formelle
Einladung  von  der  deutschen  Regierung  an  die  amerikanische  gelangt,  aber
durch  halboffiziöse  Kanäle  erreichte  Washington  die  Andeutung,  daß  der
Kaiser  sich  freuen  würde,  während  der  Marinefestlichkeiten  in  Kiel  einen
Besuch  des  nordatlantischen  Geschwaders  zu  empfangen.  Falls  dies  nicht
angenommen  werden  könne,  wurde  ebenfalls  unoffiziell  angedeutet,  daß  Admiral
  Evans,  der  persönlich  dem  Kaiser  bekannt  ist,  gerne  auf  der  Rückfahrt
  von  Asien  an  Bord  seines  Flaggschiffes  „Kentucky“  in  einem  deutschen
  Hafen  empfangen  werden  würde.  Der  Marinesekretär  Moody  war
bestrebt,  alles  zu  tun,  was  möglich  war,  um  Deutschland  einen  Beweis
seiner  Freundschaft  zu  geben  und  Präsident  Roosevelt  sowie  Hay  hatten
das  gleiche  Bestreben.  Sie  waren  entschlossen,  keine  Gelegenheit  zu  verlieren,
  um  Kaiser  Wilhelms  mannigfaltige  freundliche  Beweise  seiner  Zuneigung
  zu  den  Vereinigten  Staaten  zu  erwidern,  aber  die  Umstände
machten  es  unmöglich,  einen  von  den  beiden  deutscherseits  angedeuteten
Wünschen  zu  erfüllen.  Die  amerikanische  Flotte  wird  aber  bei  den  Festtagen
  in  Kiel  vertreten  sein.  Wie  gewöhnlich  wird  das  europäische  Geschwader,
  sobald  im  Mittelmeer  heißes  Wetter  eintritt,  langsam  nach  Norden
fahren  und,  wie  man  annimmt,  rechtzeitig  in  Kiel  eintreffen,  um  an  den
Feierlichkeiten  teilzunehmen.  Dies  kann  und  wird  geschehen,  ohne  daß  die
üblichen  Bewegungen  des  Geschwaders  darunter  leiden.  In  der  Bekannt-
        <pb n="377" />
        Nerd-Amerika.  (April.)  369

machung  wird  hinzugefügt,  daß  das  Marinedepartement  natürlich  bestrebt
sei,  dem  Präsidenten  Loubet  und  dem  von  ihm  vertretenen  Volke  in  höflichster
  Weise  entgegenzukommen,  und  daß  es  angesichts  der  irrigen  Auffassung,
  die  man  in  Deutschland  über  dieses  Entgegenkommen  gezeigt  habe,
nötig  sei,  darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß  es  von  seiten  des  Geschwaders,
  welches  nur  wenige  Stunden  von  Marseille  entfernt  sei,  wenig  anderes
  als  Frobe  Unhöflichkeit  gewesen  wäre,  wenn  es  den  Präsidenten  beie
seiner  Rückkehr  von  Algier  nicht  begrüßt  haben  würde."“

Anfang  April.  (Kanada.)  In  der  Arbeiterbevölkerung
wird  gegen  die  Einwanderung  fremder  Arbeitskräfte  agitiert.

April.  Zollstreit  zwischen  Kanada  und  Deutschland.

Am  16.  April  erklärt  Finanzminister  Fielding  im  Parlament:
Nachdem  die  Verhandlungen  mit  dem  Deutschen  Reiche,  wodurch  dasselbe
zu  einer  billigen  Behandlung  der  kanadischen  Erzeugnisse  veranlaßt  werden
sollte,  fehlgeschlagen  seien,  werde  sofort  ein  Zuschlagszoll  von  einem  Drittel
des  gegenwärtigen  Zolles  von  den  nach  Kanada  eingehenden  deutschen
Waren  erhoben  werden.  Unter  den  Tarifvorschlägen,  welche  der  Minister
dem  Parlament  sonst  noch  unterbreitet  hat,  befinden  sich  auch  folgende
Propositionen:  Auf  Stahlschienen,  die  jetzt  zollfrei  sind,  soll  ein  Zoll  von
7  Dollars  pro  Tonne  gelegt  werden.  Doch  soll  dieser  Satz  nicht  eher  in
Kraft  treten,  als  bis  sich  der  Gouverneur  überzeugt  hat,  daß  die  kanadischen
  Werke  für  den  Bedarf  Kanadas  die  nötigen  Schienen  in  genügender
Menge  und  Beschaffenheit  herstellen.  Die  Zollbefreiung  für  Maschinen,
welche  zur  Gewinnung  von  Rübenzucker  dienen,  soll  auf  ein  weiteres  Jahr
ausgedehnt  werden.  Der  Zoll  für  die  im  Ausland  gebauten  Schiffe  soll
abgeschafft  werden,  da  eine  Lizenzabgabe  an  seine  Stelle  getreten  ist.

Am  17.  April  wird  der  Zuschlagszoll  auf  deutsche  Waren  vorläufig
in  Kraft  gesetzt.  Die  Ausführungsbestimmungen  werden  in  Form  einer
Instruktion  an  die  Zollbehörden  und  in  Form  von  Zirkularen  für  die
fremden  Exporteure  erlassen.  In  dem  Memorandum  an  die  Zollbeamten
heißt  es:  Dem  Zollsatz  von  1897  sind  solgende  Zusatzbestimmungen  hinzuzufügen:
  Der  Gouverneur  ist  ermächtigt,  durch  Verordnung  zu  bestimmen,
daß  ein  Zoll  von  sieben  Dollars  pro  Tonne  auf  aus  Eisen  oder  Stahl
gefertigte  Eisenbahnschienen  und  sonstiges  Stabeisen  für  Eisenbahnen  vom
Zeitpunkt  der  Veröffentlichung  in  der  Canada  Gazette  erhoben  werde.
Boden-  oder  Industrieerzeugnisse  eines  Landes,  welches  Waren  kanadischer
Herkunft  bei  der  Einfuhr  ungünstiger  behandelt  als  Waren  anderer  Länder,
können  einem  Zuschlag  von  einem  Drittel  der  bestehenden  Zollsätze  unterworfen
  werden.  Der  Zuschlagszoll  soll  die  vor  dem  16.  April  1903  für
Kanada  gekauften  Waren  nicht  treffen.  Die  Periode  der  Zollfreiheit  für
Maschinen  aller  Art  und  für  Eisen  und  Stahl,  welche  zum  Bau  und  zur
Ausrüstung  von  Rübenzuckerfabriken  bestimmt  sind,  soll  bis  zum  13.  Juli.
1904  ausgedehnt  werden.  Nicht  in  Kanada  hergestellte  Maschinen  und
Werkzeuge  für  den  ausschließlichen  Gebrauch  von  Alluvial-Goldminen  sollen
bis  zum  1.  Juli  1904  zollfrei  eingeführt  werden  dürfen.  Der  Zollminister
bestimmte,  daß  Waren  deutscher  Herkunft  in  Kanada  einem  Zuschlagszolle
nach  Maßgabe  der  Bedingungen  der  obigen  Resolutionen  unterworfen  sind.
In  dem  Zirkular  für  die  fremden  Exporteure  heißt  es:  Boden=  oder  Industrieerzeugnisse
  eines  fremden  Landes,  welches  Waren  kanadischer  Herkunft
  bei  der  Einfuhr  weniger  vorteilhaft  behandelt,  als  die  anderer  Länder,
können  einem  Zuschlag  zu  den  unter  a  des  bestehenden  Zolltarifs  festgesetzten
  Zollsätzen  unterworfen  werden.  Der  Zuschlag  soll  sich  in  jedem  Falle

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV.  24
        <pb n="378" />
        370  Nord-Aneriks.  (Mai  Anfang—Juni  13.)

auf  ein  Drittel  der  unter  #festgesetzten  Zollsätze  belaufen.  Der  Zuschlag
soll  auch  auf  jene  Artikel  angewandt  werden,  deren  Hauptwert  zu  mehr
als  50  Prozent  des  Gesamtwertes  in  einem  solchen  Lande  hervorgebracht
wurde,  auch  wenn  der  Artikel  selbst  durch  Arbeit  in  einem  anderen  Lande
veredelt  wurde,  —  ungeachtet  der  Bestimmungen  des  britischen  Preferential=Zolltarifs
  und  der  Ausführungsbestimmungen  hierzu.  Der  Zuschlagszoll
soll  Waren,  die  am  oder  vor  dem  16.  April  1903  von  Firmen  oder  Personen
  in  Kanada  zwecks  sofortigen  Transportes  nach  Kanada  tatsächlich
schon  gekauft  waren,  nicht  treffen.  Waren,  die  aus  dem  angeführten  Grunde
die  Befreiung  vom  Zuschlagszolle  beanspruchen  können,  sollen  vor  dem
1.  Juli  1903  in  Kanada  eingeführt  oder  unter  Zollverschluß  entnommen
und  einklariert  sein.  Auch  muß  den  Zollbeamten  in  den  Einfuhrhäfen
genügend  glaubhaft  gemacht  werden,  daß  der  Auftrag  des  kanadischen  Importeurs
  zur  Lieferung  der  Waren  vom  Exporteur  vor  dem  17.  April  1903
in  Empfang  genommen  und  acceptiert  war.

Anfang  Mai.  Der  Bericht  des  Generals  Miles  bestätigt
die  Zeitungsnachrichten  über  die  von  dem  amerikanischen  Heere  auf
den  Philippinen  begangenen  Grausamkeiten.  (Vgl.  1902  S.  311.)

7.  Mai.  (Washington.)  Vertrag  der  europäischen  Mächte

mit  Venezuela.

Die  Vertreter  Deutschlands,  Englands  und  Italiens  unterzeichnen
mit  dem  Gesandten  Bowen,  als  dem  Vertreter  Venezuelas,  das  Einzelabkommen
  über  die  zur  Festsetzung  der  deutschen,  englischen  und  italienischen
Reklamationen  berufenen  gemischten  Kommissionen.  Gleichzeitig  werden
von  den  Vertretern  Einzelabkommen  abgeschlossen,  nach  welchen  die  Frage
der  bevorrechtigten  oder  gesonderten  Befriedigung  der  Reklamationen  aus
den  von  Venezuela  zur  Verfügung  gestellten  Zolleinkünften  durch  das
Haager  Schiedsgericht  entschieden  werden  soll.

9.  Mai.  (New-Nork.)  Die  Polizei  beschlagnahmt  an  Bord
eines  Dampfers  eine  Höllenmaschine,  die  den  Dampfer  nach  der
Abfahrt  in  die  Luft  sprengen  sollte.  Das  Attentat  ist  angeblich
von  der  italienischen  Maffia  veranstaltet.

Anfang  Juni.  (St.  Louis.)  Eine  überschwemmung  richtet
großen  Schaden  an  und  tötet  zahlreiche  Menschen.

13.  Juni.  Roosevelt  über  den  Panamakanal.

Der  Präsident  erklärt  in  einer  Unterredung  mit  einem  Vertreter
der  Panamakanalgesellschaft,  daß  Kolumbien  kein  Recht  habe,  den  Vertrag
zu  verwerfen.  Wenn  es  dieses  täte  und  die  Vereinigten  Staaten  genötigt
würden,  statt  des  Panamakanals  den  Nicaraguakanal  zu  bauen,  dann
würde  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  nie  und  nimmer  zugeben,
daß  der  Bau  des  Panamakanals  von  anderen  Mächten  ausgeführt  werde.

Juni.  Mißhandlung  von  Negern  in  den  Südstaaten.

Nach  Berichten  des  New-Yorker  „Expreß"  hat  eine  Kommission  in
Montgomey  (30.  Juni)g  festgestellt,  daß  Pflanzer  und  Richter  versuchten,  die
Sklaverei  in  der  Weise  wieder  einzuführen,  daß  sie  Neger  willkürlich  zu
Geldstrafen  verurteilten  und  dann  zur  Arbeit  zwangen.  Viele  Neger  wurden
zu  Tode  geprügelt.  In  die  von  Peitschenhieben  zerfetzte  und  blutende
Haut  rieben  die  Peiniger  Sand  und  Schwefel.  Die  Kleider  der  Neger
wurden  ihnen  abgenommen  und  von  den  Ausfsehern  getragen.
        <pb n="379" />
        Nerd·  Imerika.  (Juli  13.  Ende.)  371

13.  Juli.  (New-York.)  Schluß  eines  großen  Bauarbeiterausstandes,
  der  mit  dem  Siege  der  Arbeitgeber  endet.

·  Ende  Juli.  Veröffentlichung  des  ruffisch-amerikanischen  Schriftwechsels
  über  die  Judenverfolgung  in  Kischinew.  (Vgl.  S.  339.)

Am  15.  Juli  richtet  der  Staatssekretär  Hay  folgende  Depesche  an
den  Gesandten  in  Petersburg,  Rid  dle:  Staats-Departement.  Walhington.
D.  C.,  15.  Juli  1903.  Sie  werden  beauftragt,  bei  dem  Minister  des  Auswärtigen
  eine  Audienz  nachzusuchen  und  ihm  folgendes  zu  unterbreiten:
Exzellenz!  Der  Staatssekretär  beauftragt  mich,  Sie  davon  in  Kenntnis
zu  setzen,  daß  der  Präsident  eine  von  einer  großen  Anzahl  Bürger  der
Vereinigten  Staaten  aller  Religionsbekenntnisse  und  in  den  höchsten  Stellungen
  sowohl  im  öffentlichen  wie  im  Privatleben  unterzeichnete  Petition
bezüglich  der  Lage  der  Juden  in  Rußland,  die  an  den  Kaiser  gerichtet  ist,
erhalten  hat  und  die  folgendermaßen  lautet:  „An  Se.  Majestät  den  Kaiser
von  Rußland.  Die  in  Kischinew  während  der  Ostertage  1903  verübten
Greueltaten  haben  Entsetzen  und  Verdammung  in  der  ganzen  Welt  hervorgerufen.
  Die  Lokalbehörden  versäumten,  die  Ordnung  aufrecht  zu  erhalten
  und  die  Exzesse  zu  unterdrücken,  bis  Se.  Majestät  spezielle  Befehle
erließ.  Die  Opfer  waren  Juden  und  die  Angriffe  die  Folgen  von  Rassenund
  Religionsvorurteilen.  Die  Anführer  verstießen  gegen  die  russischen
Gesetze  und  die  Lokalbehörden  waren  in  der  Ausübung  ihrer  Pflicht  saumselig.
  Die  Juden  fielen  einer  unverantwortlichen  Gesetzlosigkeit  zum  Opfer,
wie  aus  den  offiziellen  Berichten  über  die  Exzesse,  sowie  aus  den  Amtshandlungen
  nach  den  Exzessen  klar  hervorgeht.  Unter  gewöhnlichen  Umständen
  würde  die  schreckliche  Kalamität  ohne  Furcht  vor  Wiederholung  der
Greuel  beklagt  werden,  nicht  so  in  diesem  Falle.  Ihre  Bittsteller  erfahren,
daß  Millionen  Juden,  russische  Untertanen  in  Südwest-Rußland,  täglich
vor  einem  Neuausbruch  der  Verfolgungen  zittern;  sie  empfinden,  daß  Unwissenheit,
  Aberglauben  und  Bigotterie,  wie  sie  die  Exzesse  zeigten,  stets
bereit  sind,  sie  zu  verfolgen;  daß  auf  die  Lokalbehörden  für  Schutz  des
Friedens  und  der  Sicherheit  kein  Verlaß  sei,  es  sei  denn,  daß  sie  hierzu
besonders  ermahnt  werden,  und  schließlich,  daß  eine  feindselige  Stimmung
im  Volke  gezüchtet  wurde,  die  wie  eine  fortwährende  Drohung  über  ihnen
hängt.  Selbst  wenn  zugegeben  werden  muß,  daß  diese  Befürchtungen  in
gewisser  Weise  übertrieben  sind,  ist  es  unzweifelhaft  wahr,  daß  sie  vorhanden
  sind,  daß  sie  nicht  grundlos  sind  und  daß  sie  Wirkungen  von
großer  Wichtigkeit  hervorbringen.  Die  Auswanderung  russischer  Juden
nach  dem  Westen,  welche  seit  zwanzig  Jahren  im  Gange  ist,  wird  durch
die  Furcht  vor  Verfolgung  angestachelt.  Schon  ist  diese  Bewegung  so  aneschwollen,

  daß  sie  die  Vertreibung  der  Juden  aus  Spanien  in  den  Schatten
tellt  und  auf  einer  Höhe  mit  dem  Auszuge  aus  Egypten  steht.  Die  Größe
der  Leiden,  denen  die  hilflosen  Juden  ausgesetzt  waren,  läßt  sich  nicht  ermessen.
  Sie  wurden  gezwungen,  das  Land  ihrer  Geburt  zu  verlassen,  die
heiligsten  Bande  zu  lösen  und  nach  fremden  Ländern  auszuwandern.
Auch  die  Leiden  derjenigen,  welche  sich  von  ihren  auswandernden  Verwandten
  und  Freunden  trennen  müssen  und  unter  nie  endenden  Schrecknissen
  weiter  leben,  sind  nicht  zu  ermessen.  Religiöse  Verfolgungen  sind
sündhafter  und  widersinniger  als  der  Krieg.  Der  Krieg  ist  oft  notwendig
und  ehrenvoll;  eine  religiöse  Verfolgung  aber  ist  nie  zu  verteidigen.  Die
Sündhaftigkeit  und  Torheit,  die  den  Antrieb  zu  unnötigen  Kriegen  gibt,
wurde  am  deutlichsten  gegeißelt,  als  Ew.  Majestät  die  Initiative  für  die
Errichtung  eines  internationalen  Friedenstribunals  ergriffen.  Mit  solch
24  *
        <pb n="380" />
        372  Lerd·Ineriia.  (August  18.  21.)

einem  Beispiel  vor  Augen  gibt  sich  die  zivilisierte  Welt  der  Hoffuung  hin,
daß  auf  Grund  derselben  Initiative  das  hehre  Prinzip  der  Religionsfreiheit
  für  den  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  gesichert  werde:  daß  Ew.
Majestät  in  huldreicher  und  überzeugender  Weise  proklamieren  werden,
und  zwar  nicht  nur  für  die  Regierung  Ihrer  eigenen  Untertanen,  sondern
als  Leitstern  für  alle  zivilisierten  Menschen,  daß  niemand  an  Person,
Eigentum,  Freiheit  oder  Leben  wegen  seines  religiösen  Glaubens  zu  leiden
haben  soll;  daß  der  niedrigste  Untertan  oder  Bürger  seinem  Gott  nach  den
Geboten  seines  eigenen  Gewissens  dienen  mag  und  daß  eine  Regierung,
welcher  Art  oder  wer  sie  immer  ausüben  mag,  diese  Rechte  und  Freiheiten
mit  Aufbietung  aller  ihrer  Macht  schützen  muß.  Weit  entfernt  von  Ew.
Majestät  Reiche,  unter  anderen  Verhältnissen  lebend  und  einer  anderen
Regierung  zur  Treue  verpflichtet,  gestatten  sich  die  Bittsteller  dennoch,  im
Namen  der  Zivilisation  für  religiöse  Freiheit  und  Toleranz  einzutreten,
zu  bitten,  daß  derjenige,  der  sein  eigenes  Volk  und  alle  anderen  zum  Schreine
des  Friedens  führte,  seiner  Regierung  und  seinem  Namen  neuen  Glanz
zufüge,  indem  er  die  Führung  in  jener  neuen  Bewegung  übernimmt,  welche
die  ganze  Welt  zur  Opposition  gegen  religiöse  Verfolgungen  verpflichten
soll.“  Ich  bin  angewiesen,  zu  fragen,  ob  diese  Petition  von  Ew.  Exzellenz
entgegengenommen  wird  und  Sr.  Majestät  zur  gnädigen  Berücksichtigung
übergeben  werden  wird.  In  diesem  Falle  wird  die  Petition  sofort  nach
St.  Petersburg  gesandt  werden.  Berichten  Sie  so  bald  als  möglich  über
Ausführung  dieser  Instruktion.  ay.
An  demselben  Tage  wird  Riddle  vom  russischen  Minister  des  Auswärtigen
  informiert,  daß  im  Hinblick  auf  die  Veröffentlichungen,  welche
in  den  Blättern  erschienen  seien,  die  russische  Regierung  ihn  in  Kenntnis
zu  setzen  wünsche,  daß  die  Petition  unter  keinen  Umständen  entgegengenommen
  werden  würde,  und  daß  dieser  Entschluß  der  russischen  Regierung
  unabhängig  von  irgend  einer  Erwägung  des  Inhalts  oder  des  Wortlautes
  der  Petition  gefaßt  sei.  Nach  dieser  Information  richtet  der  Staatssekretär
  folgendes  Schreiben  an  die  Herren  Strauß,  Wolf  und  Levi:
„Meine  Herren!  Ich  bin  vom  Präsidenten  angewiesen,  Ihnen  mitzuteilen,
daß  mein  Departement  von  der  amerikanischen  Botschaft  in  St.  Petersburg
informiert  ist,  daß  die  kaiserliche  Regierung  von  Rußland  es  abgelehnt  hat,
die  Petition  in  betreff  der  Lage  der  Juden  in  Rußland,  die  von  einer
großen  Zahl  Bürger  der  Vereinigten  Staaten  an  Se.  Majestät  den  Kaiser
gerichtet  war  und  welche  das  Departement  auf  Anweisung  des  Präsidenten
und  auf  Ihren  Wunsch  ihrer  hohen  Bestimmung  zuzuführen  versuchte,
entgegenzunehmen  oder  in  irgend  welche  Erwägung  zu  ziehen.  Ich  bin,
meine  Herren,  hochachtungsvoll  der  Ihrige  John  Hay.“

18./21.  August.  (Montreal.)  Kongreß  der  Handelskammern
des  britischen  Reiches.

Der  Kongreß  berät  eine  Resolution  über  die  Erleichterung  der
Handelsbeziehungen  zwischen  den  einzelnen  Teilen  des  britischen  Reiches.
Er  empfiehlt  eine  Handelspolitik,  die  auf  wechselseitigen  Nutzen  der  einzelnen
  Teile  des  Reiches  gegründet  ist  und  auf  die  finanziellen  und  industriellen
  Bedürfnisse  der  einzelnen  Teile  des  britischen  Reiches  gebührende
Rücksicht  nimmt.  —  Ferner  empfiehlt  der  Kongreß  die  Annahme  des
metrischen  Systems  und  einer  auf  dem  Dezimalsystem  beruhenden  Währung
für  das  ganze  Reich  sowie  die  Bevorzugung  britischer  Staatsangehöriger  bei
Vergebung  öffentlicher  Arbeiten.  —  Die  Resolution  über  die  Handelspolitik
ist  erst  nach  langen  Kompromißverhandlungen  zu  stande  gekommen;  ein
Teil  der  englischen  Deputierten  erklärt  sich  gegen  eine  Besteuerung  der
        <pb n="381" />
        Nord-Auerika.  (August  Ende—November  6.)  373

Lebensmittel  und  der  Rohstoffe  und  dagegen,  daß  die  41  Millionen  Engländer
  zugunsten  von  10  Millionen  in  den  Kolonien  mit  Abgaben  belastet
würden.  —  Von  der  englischen  Presse  wird  das  Resultat  vielfach  als
Niederlage  der  Chamberlainschen  Politik  aufgefaßt.

Ende  August.  Entsendung  eines  amerikanischen  Geschwaders
nach  Beirut.  (Vgl.  S.  349.)
Mitte  September.  Kontrolle  über  die  Dominikanische  Republik.

Der  amerikanische  Geschäftsträger  Powell  setzt  die  dominikanische
Regierung  davon  in  Kenntnis,  daß  die  Vereinigten  Staaten  die  Einreichung
eines  Projektes  an  den  Kongreß,  wonach  die  Neutralität  der  dominikanischen
  Gewässer  und  gewisse  Freihäfen  geschaffen  werden  sollen,  nicht  in
freundlichem  Sinne  auffassen  könne.  Die  Vereinigten  Staaten  würden  die
Errichtung  von  Kohlenstationen  in  den  Häfen  von  San  Domingo  oder
Gebietsabtretungen  an  irgend  eine  europäische  Macht  nicht  zugeben.  Auch
würden  sie  keiner  Nation  ausschließlich  die  Benützung  der  dominikanischen
Gewässer  in  Friedenszeiten  und  noch  viel  weniger  in  Kriegszeiten  gestatten
oder  sich  demit  einverstanden  erklären,  daß  irgend  ein  Gebiet  für  neutral
erklärt  werde.

1.  September.  (Kanada.)  Die  Regierung  veröffentlicht  ein
Weißbuch  über  den  deutsch--kanadischen  Zollstreit.

17.  Oktober.  Alaskavertrag  zwischen  Kanada  und  den  Vereinigten
  Staaten.

In  der  Grenzfrage  wird  ein  Abkommen  getroffen,  in  dem  die  Vereinigten
  Staaten  fast  sämtliche  Forderungen  durchsetzen.  —  In  Kanada
wird  das  Abkommen  im  Parlament  und  in  der  Presse  scharf  angegriffen;
vielfach  wird  ausgesprochen,  die  Interessen  Kanadas  seien  der  englischamerikanischen
  Freundschaft  geopfert.  In  den  Vereinigten  Staaten  wird
das  Abkommen  als  großer  Erfolg  gefeiert.  (Vgl.  Staats-Archiv  Bd.  69.)

November.  (Kanada.)  Es  wird  lebhaft  für  die  Ernennung
eines  Kanadiers  zum  Militärinspekteur  agitiert.  Bisher  führte  ein
abkommandierter  englischer  Offizier  den  Oberbefehl  über  die  Miliz.

6.  November.  (Washington.)  Die  Regierung  erkennt  die
Regierung  von  Panama  an.  Das  Vorgehen  in  dieser  Angelegenheit
  begründet  eine  Mitteilung  des  Staatssekretärs  Hay:

Die  Politik  gegen  Panama  stehe  nicht  nur  in  strengster  Uebereinstimmung
  mit  den  Grundsätzen  der  Gerechtigkeit  und  Beilligkeit,  sondern  sei
auch  der  einzige  Weg,  auf  dem  die  Amerika  zustehenden  Rechte  und
Pflichten  innegehalten  würden.  Im  Vertrage  von  1846  habe  Neu-Granada
den  Vereinigten  Staaten  den  Durchgangsverkehr  auf  allen  schon  bestehenden
oder  später  zu  bauenden  Verkehrsverbindungen  gewährleistet,  wogegen  die
Vereinigten  Staaten  für  die  Neutralität  des  Isthmus  sich  verbürgen,  damit
  der  Durchgangsverkehr  nicht  unterbrochen  werde,  ferner  die  Souveränitäts--
  und  Eigentumsrechte  Neu-Granadas  auf  dem  bezeichneten  Gebiete
garantieren.  Die  Konzession  sei  seitdem  durch  die  Erwerbung  von  Hawai
und  der  Philippinen  überaus  wertvoll  geworden.  Die  Vereinigten  Staaten
hätten  ihr  Recht  auf  Beaufsichtigung  des  Durchgangsverkehrs  nicht  durch
Nachlässigkeit  in  der  Geltendmachung  ihrer  Rechte  oder  Nichterfüllung  der
ihnen  durch  Vertrag  auferlegten  Verpflichtungen  verwirkt.  Nach  dem  Auf-
        <pb n="382" />
        374  Nerd-Imerika.  (November  10.)

stande  in  Panama,  dessen  Ursache  augenscheinlich  in  dem  Nichtzustandekommen
  des  Panama-Kanal-Vertrages  zu  suchen  sei,  sei  die  Haltung
Roosevelts  darauf  gerichtet  gewesen,  den  Handel  ohne  Erschwerung  aufrecht
zu  erhalten  und  nach  Einsetzung  der  neuen  Regierung  in  Panama  diese
anzuerkennen.  Der  Präsident  habe  zu  einer  friedlichen  Regelung  geraten.
Im  Interesse  der  Zivilisation  habe  er  der  Welt  bekannt  gegeben,  daß  die
Vereinigten  Staaten  den  inneren  Zwistigkeiten  in  Panama  Einhalt  tun
würden.  Niemals  habe  ein  Staatsoberhaupt  eine  klarer  zu  Tage  liegende
Rflicht  zu  erfüllen  gehabt,  als  die  dem  Präsidenten  Roosevelt  obliegende,
den  freien  Durchgangsverkehr  über  den  Isthmus  zu  schützen  im  Interesse
Panamas,  Kolumbiens,  der  Vereinigten  Staaten  und  des  Welthandels.

10.  November.  (Washington.)  Zusammentritt  des  Kongrefses
  zu  einer  außerordentlichen  Tagung.

Der  Präsident  Roosevelt  erläßt  eine  Botschaft  über  Kuba  und
Panama:  Die  Ehre  und  die  Interessen  der  Vereinigten  Staaten  haben
gefordert,  daß  die  gesetzgebende  Körperschaft  den  Handelsvertrag  mit  Kuba
in  Wirksamkeit  treten  lasse.  Die  Regierung  schlug  eine  Politik  ein,  welche
Kuba  eine  einzigartige  Stellung  gegenüber  den  Vereinigten  Staaten  gab.
Das  Plattsche  Amendement  sehe  vor,  daß  Kuba  in  so  engen  Beziehungen
u  den  Vereinigten  Staaten  stehen  solle,  daß  es  in  den  Bereich  ihrer
internationalen  Politik  hineingezogen  werde.  Kuba  müsse  daher  bis  zu
einem  gewissen  Grade  in  den  Grenzen  der  wirtschaftlichen  Politik  der  Vereinigten
  Staaten  einbezogen  werden.  Die  Vereinigten  Staaten  könnten
unmöglich  irgend  einer  fremden  Macht  gestatten,  Kuba  in  ungehöriger
Weise  strategisch  zu  benutzen.  Als  Beweis  seiner  bona  fdes  habe  Kuba
zur  Wahrung  der  amerikanischen  Interessen  in  den  südlichen  Gewässern,
die  durch  den  Bau  des  Panama-Kanals  noch  eine  Vermehrung  erfahren
würden,  die  Errichtung  einer  Flottenstation  zugestanden.  Es  würde  kurzsichtig
  sein,  die  Gelegenheit,  die  amerikanische  Ausfuhr  nach  den  großen
kubanischen  Märkten  zu  entwickeln,  zurückzuweisen  und  Kuba  zu  zwingen,
mit  asen  Ländern  zum  Nachteile  der  Vereinigten  Staaten  Abmachungen
zu  treffen.

Ueber  Panama  heißt  es:  Der  Präsident  bedauere,  daß  Kolumbien
es  ablehne,  den  Vertrag  zu  ratifizieren;  der  Kanal  müsse  nunmehr  von
den  Vereinigten  Staaten  gebaut  werden.  Dies  sei  zwar  nicht  erwünscht
und  werde  auch  nicht  zweckmäßig  sein,  allein  Amerika  könne  und  wolle
nicht  zulassen,  daß  irgend  eine  Gemeinschaft  von  Menschen  sich  der  Errichtug
  einer  der  großen  Handelsstraßen  der  Welt  entgegenstelle.  Die  Vereinigten
  Staaten  sollten  endgültig  entscheiden,  welches  die  beste  Route  sei
und  dann  bekannt  geben,  daß  sie  sich  nicht  länger  den  kleinlichen,  unaufrichtigen
  Machenschaften  derjenigen  unterwerfen  können,  denen  die  Zufälligkeit
  der  örtlichen  Lage  die  zeitweilige  Herrschaft  über  den  Boden  gegeben,
  durch  welchen  die  Route  gehen  muß,  und  daß,  wenn  jene  in  aufrichtiger
  Weise  zu  einem  Abkommen  mit  den  Vereinigten  Staaten  gelangen,
diese  ihrerseits  nicht  allein  gerecht,  sondern  edelmütig  handeln  werden.
Wenn  sie  aber  zu  keinem  solchen  Abkommen  gelangen  sollten,  so  müßten
d  Vereinigten  Staaten  sofort  die  Angelegenheit  in  die  eigenen  Hände
nehmen.

10.  November.  (New-York.)  Das  Harvard-Germanische
Museum,  das  vom  Deutschen  Kaiser  beschenkt  worden  ist,  wird
eingeweiht.
        <pb n="383" />
        Nerd-Amerika.  (November  18.—Dezember  7.)  375

18.  November.  (Washington.)  Staatssekretär  Hay  und  ein
Bevollmächtigter  Panamas  unterzeichnen  den  Kanalvertrag.

19.  November.  Das  Repräsentantenhaus  genehmigt  den
Gegenseitigkeitsvertrag  mit  Kuba  mit  335  gegen  21  Stimmen.

28.  November.  (Kanada.)  Das  Kabinett  faßt  folgenden
Beschluß  gegen  die  deutsche  Einfuhr:

1.  Boden-  oder  Industrieerzeugnisse  Deutschlands  sollen  bei  der
Einfuhr  in  Kanada  einem  Zuschlag  zu  dem  kanadischen  Zolltarif  von  1897
unterworfen  werden.  Der  Zuschlag  soll  auf  jeden  Fall  auf  ein  Drittel
dieser  Sätze  sich  belaufen.  2.  Der  Zuschlag  soll  auch  auf  solche  Artikel  Anwendung
  finden,  deren  Hauptwert  in  Deutschland  hervorgebracht  worden
ist,  auch  wenn  die  Artikel  selbst  durch  die  Arbeit  eines  anderen  Landes
veredelt  worden  sind,  ungeachtet  der  Vorschriften  des  britischen  Preferential-Zolltarifs
  und  der  Ausführungsbestimmungen  hierzu.  Bei  der  Entscheidung
der  Frage,  ob  ein  in  Kanada  eingeführter  Artikel,  der  durch  die  Arbeit
eines  anderen  Landes  als  Deutschland  hervorgebracht  oder  veredelt  worden
ist,  deshalb  dem  Zuschlagszoll  unterworfen  ist,  weil  ein  Teil  seines  Wertes
in  Deutschland  erzeugt  worden  ist,  soll  der  wirkliche  Marktwert  des  in
Deutschland  erzeugten  Gegenstandes  oder  Materials,  das  in  dem  in  Kanada
eingeführten  Gegenstande  enthalten  ist,  als  der  in  Deutschland  erzeugte
Wert  im  Sinne  des  Gesetzes  betreffend  den  Zuschlagszoll  angesehen  werden.

7.  Dezember.  (Washington.)  Botschaft  des  Präfidenten
Roosevelt  an  den  Kongreß.  (Trusts,  Finanzen,  Flotte,  Einwanderung,

  Venezuela,  Panama.)

Die  Botschaft  beginnt  mit  den  Maßregeln  zur  Beaufsichtigung  der
großen  Vereinigungen  und  Verschmelzung  von  Gesellschaften,  die  an  dem
Handel  der  einzelnen  amerikanischen  Staaten  untereinander  beteiligt  sind.
Der  Präsident  erwähnt  die  Bildung  des  Departements  für  Handels=  und
Arbeitsverhältnisse,  sowie  die  diesem  unterstellten  Bureaus  für  die  Verhältnisse
  der  Vereinigungen.  Dieses  Departement  ist  nicht  dazu  bestimmt,  die
vollste  Freiheit  auf  dem  Gebiete  der  gesetzmäßigen  Geschäftstätigkeit  irgendwie
  einzuschränken  oder  zu  kontrollieren,  sondern  soll  authentische  Infor--mationen
  beschaffen,  welche  die  Exekutive  bei  der  Durchführung  der  bestehenden
  Gesetze  unterstützen  und  den  Kongreß  in  Stand  setzen  sollen,
weitere  Gesetze  zu  schaffen,  welche  nötig  sind,  um  zu  verhindern,  daß  einige
wenige  Vereinigungen  Vorrechte  erlangen  auf  Kosten  der  verminderten
Befähigungsgelegenheiten  vieler  ehrlicher  Vereinigungen,  deren  Geschäftsführer
  ihre  Verpflichtungen  gegenüber  ihren  Aktionären  anerkennen.  Die
Konkurrenten  und  das  Publikum  hätten  von  einer  solchen  Ueberwachung
nichts  zu  fürchten.  Der  Zweck  des  Bureaus  sei,  die  Regierung  zu  unterstützen
  durch  die  Kräftigung  des  Innen-  und  Außenhandels,  die  Erleichterung
  des  Verkehrs,  den  Ausbau  der  Handelsmarine,  die  Verhinderung  des
Eintrittes  unerwünschter  Einwanderer,  eine  Besserung  der  kommerziellen
und  industriellen  Verhältnisse  und  durch  die  Regelung  der  Beziehungen
zwischen  Kapital  und  Arbeit.  Eine  andauernde  Wachsamkeit  sei  notwendig,
um  den  Amerikanern  die  Gelegenheit  zu  sichern,  teilzunehmen  an  den  Vorteilen
  des  Welthandels.  Die  Politik  der  Regierung  sei  darauf  gerichtet,
skrupellose  Leute,  Arbeitgeber  wie  Arbeitnehmer,  in  Schach  zu  halten,  aber
eine  Schwächung  der  Initiative  des  einzelnen  zurückzuweisen.  Die  Regierung
  erkenne  das  wohltätige  Werk  der  Trusts  wie  der  Arbeiterverbände
        <pb n="384" />
        376  Rerd-Imerika.  (Dezember  7.)

an  und  werde  beide  gleichmäßig  behandeln.  —  Ausschließlich  des  Postwesens
  haben  die  Einnahmen  im  vergangenen  Finanzjahr  560396674
Dollars  betragen.  Da  die  Ausgaben  sich  auf  506099007  Dollars  beliefen,
sei  ein  Ueberschuß  von  54297667  Dollars  vorhanden.  Die  Anzeichen
deuten  darauf  hin,  daß  der  Ueberschuß  im  laufenden  Jahr  sehr  gering  sein
werde,  wenn  überhaupt  ein  solcher  sich  herausstellen  sollte.  Es  erscheine
jetzt  wahrscheinlich,  daß  im  wesentlichen  eine  Gleichheit  der  Einnahmen
und  Ausgaben  erzielt  werde.  Daher  sei  es  sehr  wichtig,  Sparsamkeit
walten  zu  lassen  bei  der  Verwendung  der  Staatsgelder  und  jede  Aenderung
  der  fiskalischen  Einnahmen  genau  zu  prüfen,  die  mit  einer  Herabsetzung
  der  Einkünfte  verbunden  sein  könnte.  Die  Unantastbarkeit  unserer
Währung  stehe  außer  Frage.  Es  würde  unklug  und  unnötig  sein,  unter
den  gegenwärtigen  Umständen  einen  Versuch  zu  machen,  das  gesamte  Geldsystem
  neu  aufzubauen.  Die  gleiche  Freiheit  sollte  dem  Schatzsekretär  gewährt
  werden  bei  der  Hinterlegung  der  Zolleinnahmen,  wie  sie  ihm  gewährt
  wird  bei  der  Hinterlegung  der  Einnahmen  aus  anderen  Quellen.
Der  Präsident  fordert  den  Kongreß  sodann  wieder  auf,  gewisse  Erfordernisse
  der  finanziellen  Lage  zu  erwägen,  die  bereits  in  der  vorjährigen
Botschaft  erwähnt  sind.  Präsident  Roosevelt  beantragt  dann  in  seiner
Botschaft  weiter  die  Bewilligung  genügender  Mittel  für  die  Fortsetzung
der  Arbeiten  der  Kommission,  welche  eingesetzt  wurde,  um  an  den  Arbeiten
der  auf  Veranlassung  Chinas  und  Mexikos  in  Aussicht  genommenen  Konferenz
  der  Goldwährungs=  und  der  Silberwährungs-Länder  teilzunehmen.  —
Die  Botschaft  empfiehlt  ferner  die  Bildung  einer  aus  dem  Marinesekretär,
dem  Generalpostmeister  und  dem  Handelssekretär  bestehenden  Kommission,
welche  Untersuchungen  darüber  anstellen  und  für  die  nächste  Session  einen
entsprechenden  Bericht  an  den  Kongreß  ausarbeiten  soll,  welche  Gesetze
wünschenswert  und  nötig  sind  für  die  fernere  Entwicklung  der  amerikanischen
  Handelsmarine,  des  amerikanischen  Handels  und  auch  des  nationalen
Ozean-Postdampferdienstes,  sowie  für  die  damit  in  Verbindung  stehende
Beschaffung  von  Hilfskreuzern  für  die  Flotte.  Unser  Postdampferdienst
muß  den  besten  derartigen  Diensten  gleichkommen.  Wenn  er  das  nicht
tut,  wird  die  Handelswelt  sich  von  ihm  abwenden.

Zur  Einwanderungsfrage  verlangt  die  Botschaft,  daß  Mittel  ausfindig
  gemacht  werden,  einerseits  unerwünschte  Elemente  vom  Unionsgebiete
gänzlich  auszuschließen,  andrerseits  aber  eine  möglichst  zweckentsprechende
Verteilung  der  erwünschten  Einwanderer  über  das  ganze  Land  zu  sichern.
Sie  empfiehlt  sodann  dem  Kongreß,  seine  Aufmerksamkeit  auf  die  Frage
der  Naturalisation  von  Verbrechern  zu  richten,  und  weist  auf  die  schamlosen
  Fälschungen  hin,  die  jetzt  im  ganzen  Lande  ins  Werk  gesetzt  würden,
sowie  auf  die  Unterschlagungen  im  Postdienste.  Der  Schiedsspruch  in  der
Alaskafrage  sei  in  jeder  Weise  zufriedenstellend,  da  es  einen  bemerkenswerten
  Beweis  für  das  Entgegenkommen  und  das  Einvernehmen  gegeben
habe,  mit  dem  zwei  befreundete  Nationen  an  die  Entscheidung  von  Streitfragen
  gehen  könnten,  bei  denen  ihre  nationale  Souveränität  interessiert
sei.  Die  Botschaft  führt  sodann  die  Ereignisse  auf,  welche  die  neue  Unterbreitung
  der  venezolanischen  Streitfrage  an  das  Haager  Schiedsgericht
herbeigeführt  haben,  und  weist  auf  das  imposante  Zusammenwirken  der
bei  dem  Haager  Schiedsgericht  vertretenen  Nationen  hin.  Durch  das  jetzt
gegebene  Beispiel  werde  es  den  Völkern  weit  leichter  werden,  sich  ein
zweites  Mal  an  das  Haager  Schiedsgericht  zu  wenden.  Dieser  Triumph
des  schiedsgerichtlichen  Verfahrens  biete  glückliche  Aussichten  für  den  Weltfrieden,
  wenn  man  auch  nicht  behaupten  könne,  daß  es  jetzt  schon  möglich
sein  werde,  Kriege  überhaupt  zu  verhindern.  Das  Beispiel  des  Haager
        <pb n="385" />
        Nord-Amerika.  (Dez.  8.—30.)  —  Mittel=  und  Lüd-Imerik.  (Jan.  6.  10.)  377

Schiedsgerichts,  welches  gezeigt  habe,  was  bezüglich  der  Beilegung  von
Streitigkeiten  durch  andere  Mittel  als  den  Krieg  getan  werden  könnte,
sollte  in  jeder  Weise  Nachahmung  finden.  —  Der  Präsident  avisiert  weiterhin
  die  bevorstehende  Unterbreitung  des  Panama-Kanal-Vertrages  an  den
Senat  und  sagt,  es  handle  sich  jetzt  nicht  um  die  Frage,  auf  welcher  Route
der  Isthmus--Kanal  gebaut  werden  solle,  sondern  ob  Amerika  überhaupt
einen  Isthmus-Kanal  haben  werde  oder  nicht.  Er  wirft  einen  Rückblick
auf  den  Vertrag  mit  Neu-Granada  vom  Jahre  1846  und  die  folgenden
Verhandlungen  mit  Kolumbien  und  der  neuen  Republik  Panama,  welche
jetzt  in  die  Rechte  eingetreten  sei,  die  Neu-Granada  und  Komlumbien
früher  besessen  hätten.  Der  Präsident  rechtfertigt  die  Haltung  der  Vereinigten
  Staaten  gegenüber  Panama,  dessen  Bevölkerung  sich  wie  ein  Mann
erhoben  habe,  als  es  bekannt  wurde,  daß  der  Kanalvertrag  mit  Kolumbien
hoffnungslos  verloren  sei.  Er  erwähnt  die  vergeblichen  Bemühungen  der
Vereinigten  Staaten,  Kolumbien  dazu  zu  bringen,  den  Weg  zu  verfolgen,
der  wesentlich  im  Interesse  der  Welt  und  Kolumbiens  selbst  gewesen  wäre.
Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  würde  sich  einer  Torheit  und
einer  Schwäche  schuldig  gemacht  haben,  die  einem  Verbrechen  gegen  die
Nation  gleichgekommen  wäre,  wenn  sie  in  der  Kanalangelegenheit  anders
gehandelt  hätte,  als  sie  es  getan  habe.

8.  Dezember.  Der  Schatzsekretär  legt  dem  Kongreß  den  Bericht
  über  das  Finanzjahr  1903  vor.  Danach  beläuft  sich  die
Gesamteinnahme  des  Finanzjahres  1903  auf  694  621  117  Dollars,
die  Gesamtausgabe  auf  640  323  450  Dollars,  es  bleibt  ein  Überschuß
  von  54  297  667  Dollars.

Mitte  Dezember.  England  verlangt,  daß  der  Zucker  aus
Britisch--Westindien  unter  denselben  Bedingungen  wie  der  kubanische
in  den  Vereinigten  Staaten  zugelassen  werde.

18.  Dezember.  Der  Senat  ratifiziert  den  Handelsvertrag
mit  China.

30.  Dezember.  (Chicago.)  Bei  einem  Theaterbrande  kommen
gegen  600  Menschen  um.

XX.
Mittel-  und  Süd-Amerika.

6.  Januar.  (Venezuela.)  Die  Aufständischen  werden  von
den  Regierungstruppen  bei  Cumana  geschlagen.

10.  Januar.  Abrüstungsvertrag  zwischen  Argentinien  und
Chile.

Argentinien  und  Chile  unterzeichneten  eine  Konvention,  die  die  Bedingungen

  des  beschlossenen  Verkaufes  der  für  beide  Staaten  auf  europäischen
  Werften  im  Bau  befindlichen  Kriegsdampfer  festsetzt.  Danach  werden
        <pb n="386" />
        378  Mittel=  und  Säd-Amerika.  (Januar  10.—März  22.)

diese  Schiffe  bis  zu  dem  Zeitpunkt  des  Verkaufes  England  zur  Verfügung
gestellt.  Der  Verkauf  hat  mit  Zustimmung  beider  Länder  zu  erfolgen.
Außerdem  desarmiert  Argentinien  die  Panzerschiffe  Garibaldi  und  Pueyrredon
  und  Chile  das  Panzerschiff  Kapitän  Prat,  von  dem  jedoch  nur  die
Artillerie  kleinen  Kalibers  entfernt  wird.

10.  Januar.  (Argentinien.)  Eine  Verfügung  verbietet  die
Einfuhr  von  Vieh  aus  Rußland,  Rumänien,  Serbien,  Südafrika,
Madagaskar,  Deutschland,  Frankreich,  Osterreich,  Belgien,  Australien,
  Brasilien,  Chile,  Paraguay,  Dänemark,  Spanien,  Holland,
Italien,  Marokko,  Malta,  Portugal,  Montenegro  und  mehreren
nordamerikanischen  Staaten.

17.  22.  Januar.  (Venezuela.)  Zerstörung  eines  Forts  durch
deutsche  Schiffe.

Der  Kommandeur  der  deutschen  Kreuzer  Kommodore  Scheder  berichtet
  am  21.  Januar:  Am  17.  d.  M.  wurde  beim  Passieren  der  Maracaibo-Barre
  der  Panther  von  dem  Fort  San  Carlos  unerwartet  mit  lebhaftem
  Feuer  angegriffen.  Der  Panther  führte  eine  halbe  Stunde  lang
den  Geschütztampf  durch,  brach  dann  aber  den  Kampf  wegen  navigativer
Schwierigkeiten  ab.  Um  sofort  die  Strafe  für  den  Angriff  folgen  zu  lassen,
habe  ich,  zumal  die  venezolanische  Regierung  denselben  als  Erfolg  proklamiert
  hat,  mit  der  Vineta  am  21.  d.  M.  Fort  San  Carlos  bombardiert
und  zerstört.

Amerikanische  Blätter  greifen  das  Vorgehen  der  Deutschen  heftig  an.

27.  Januar.  Venezuela  bietet  30  Prozent  der  Zölle  von
La  Guaira  und  Puerto  Cabello  als  Garantie  an.

Jannuar.  Februar.  Zwischen  Bolivia  und  Brafsilien  brechen
Streitigkeiten  über  das  Acregebiet  aus.  Es  kommt  zu  Kriegsdrohungen.


Februar.  Revolution  und  Bürgerkrieg  in  Honduras.

Mitte  Februar.  San  Salvador  und  Guatemala  schlichten
einige  Grenzstreitigkeiten.

14.  Februar.  (Venezuela.)  Die  Blockade  wird  aufgehoben.

14.  Februar.  (Brasilien.)  Der  Staatspräsident  von  Rio
Grande  do  Sul  unterzeichnet  einen  Erlaß,  nach  welchem  den  deutschen
  Kolonisten  jede  Nachzahlung  an  den  Staat  für  unbefugt
okkupiertes  Land  erlassen  wird.

16.  Februar.  (Kuba.)  Der  Präsident  unterzeichnet  ein  Abkommen,
  wonach  die  Vereinigten  Staaten  Flotten=  und  Kohlenstationen
  auf  Kuba  errichten  dürfen.

1.  März.  (San  Salvador.)  Zum  ersten  Male  seit  fünfzig
Jahren  findet  ein  Präsidentenwechsel  ohne  Unruhen  statt.

22.  März.  (Kolumbia.)  Durch  einen  Vulkanausbruch  bei
Galera  de  Zamba  werden  zahlreiche  Menschen  getötet.
        <pb n="387" />
        EILIEIIIIE  379

März.  (Kuba.)  Den  Vereinigten  Staaten  werden  die
Häfen  von  Guantanamo  und  Bahia  Honda  als  Flottenstationen
eingeräumt.

22.  März.  (Uruguay.)  Regierung  und  Aufständische  schließen
Frieden.

März.  (Venezuela.)  Präfidentschaft  krise.

Am  23.  verliest  Präsident  Castro  im  Kongreß  eine  Botschaft,  in  der
er  sagt:  Die  europäische  Intervention  geschah  durch  Leute,  die,  unfähig,
ihre  Ansprüche  der  Unparteilichkeit  der  Gerichte  zu  unterbreiten,  Gewalt
anwendeten,  weil  er  (Castro)  sich  weigerte,  der  ungerechten  Forderung
Englands  und  Deutschlands  nachzugeben.  Sie  hätten  dabei  im  heimlichen
Einverständnis  mit  Matos  gehandelt,  um  Castro  loszuwerden.  Nachdem
die  Souveränität  des  Landes  gewahrt  sei,  lege  er  sein  Amt  nieder.  Der
Kongreß  möge  einen  solchen  Nachfolger  wählen,  daß  kein  Venezolaner  mehr
Hinneigung  zu  den  Fremden  zu  empfinden  brauche,  die  ohne  rechtlichen
Grund  gewaltsam  über  das  unglückliche  Land  herfielen  zum  Schaden  der
Zivilisation  und  der  Errungenschaften  des  Rechtes.  Er  wünsche  lediglich,
Venezuela  geachtet  und  glücklich  zu  sehen.

Am  25.  übernimmt  Castro  auf  den  Wunsch  des  Kongresses  das
Präsidium  wieder.

März.  Mai.  Bürgerkrieg  in  Santo  Domingo.  —  Deutsche,
italienische,  holländische  und  amerikanische  Kriegsschiffe  landen

Mannschaften  zum  Schutz  der  Konsulate.

Mai.  (Venezuela.)  Es  wird  ein  neues  Gesetz  über  die
Ausländer  erlassen,  das  die  Niederlassung  fremder  Geschäftstreibender
erschwert.

Es  heißt  darin:  Ansässige  Fremde  sind  diejenigen,  die  sich  in
Uebereinstimmung  mit  den  Vorschriften  des  Zivilgesetzbuches  niedergelassen
haben,  diejenigen,  die  freiwillig  und  ohne  Unterbrechung,  ohne  diplomatischen
  Charakter  zu  besitzen,  länger  als  zwei  Jahre  in  dem  Lande  wohnen,
diejenigen,  die  Grundbesitz  im  Gebiet  der  Republik  besitzen  und  sich  bleibend
niedergelassen  haben,  sowie  diejenigen,  die  sich  länger  als  zwei  Jahr  in
der  Republik  aufhielten,  kommerziell  oder  industriell  tätig  sino  vorausgesetzt,
  daß  sie  ein  permanent  stabiliertes  Haus  haben.  Diese  Fremden
gelten  als  ansässig,  auch  wenn  sie  konsularen  Charakter  haben.  Die  ansässigen
  Ausländer  haben  dieselben  Verpflichtungen  wie  die  Venezolaner,
sowohl  was  ihre  Person,  als  auch  was  ihr  Eigentum  anbetrifft.  Sie  sind
jedoch  nicht  zum  Militärdienst  und  nicht  zur  Zahlung  außerordentlicher
Zwangsanleihen  im  Falle  von  Revolutionen  oder  inneren  Kriegen  verpflichtet.
  Fremde,  domizilierte  sowohl  wie  durchreisende,  dürfen  sich  nicht
in  die  politischen  Angelegenheiten  der  Republik,  noch  in  irgend  eine  Sache
einmischen,  die  mit  den  politischen  Affären  zu  tun  hat.  Sie  dürfen  deshalb
  nicht  Mitglieder  politischer  Vereine  sein,  politische  Zeitungen  herausgeben,
  oder  irgend  einer  Zeitung  über  die  innere  oder  äußere  Politik  des

andes  schreiben,  Staatsämter  bekleiden,  bei  inneren  Streitigkeiten  der
Republik  die  Waffen  ergreifen,  Reden  halten,  die  sich  auf  die  Politik  des
Landes  beziehen.  Domizilierte  Ausländer,  die  gegen  diese  Bestimmung
verstoßen,  verlieren  ihren  Charakter  als  Ausländer  und  müssen  alle  die
Lasten  und  Verpflichtungen  tragen,  denen  die  Eingeborenen  durch  innere
        <pb n="388" />
        380  Mittel-  und  Lüd-Amerik#  (Mai—August.)

politische  Streitigkeiten  ausgesetzt  sind.  Weder  ansässige  noch  durchreisende
Fremde  haben  irgendwelche  Berechtigung,  diplomatische  Wege  zu  betreten,
es  sei  denn,  daß  sie  zuvor  alle  gesetzlichen  Mittel  vor  den  zustehenden  Behörden
  erschöpft  haben,  und  daß  deutlich  ersichtlich  ist,  daß  eine  Rechtsverweigerung
  oder  eine  offenbare  Ungerechtigkeit  oder  eine  klar  zu  Tage
tretende  Verletzung  der  Prinzipien  des  internationalen  Rechtes  vorliegt.
Die  Bildung  von  Gesellschaften  irgendwelcher  Art  ist  definitiv  verboten,
falls  diese  Gesellschaften  nicht  ihr  Domizil  oder  ihren  Hauptsitz  im  Lande
haben.  Ausländer  haben,  wie  Venezolaner,  das  Recht  auf  Schadenersatzansprüche
  gegen  die  Nation  für  irgendwelche  Verluste  oder  Schädigungen,
die  ihnen  in  Kriegszeit  durch  die  gesetzlich  eingesetzten  Zivil-  und  Militärbehörden
  zugefügt  wurden,  vorausgesetzt,  daß  die  genannten  Behörden  in
ihrem  Charakter  als  politische  Behörden  handelten.  Die  Ausländer  sollen
diese  Forderung  aber  nur  auf  dem  Wege  machen  können,  den  die  interne
Gesetzgebung  für  die  Feststellung  des  Verlustes  und  Schadens  und  für  die
richtige  Abmessung  desselben  vorgeschrieben  hat.  Weder  Ausländer  noch
Venezolaner  können  gegen  die  Regierung  von  Venezuela  auf  Entschädigung
für  Verluste  klagen,  sofern  diese  Verluste  durch  revolutionäre  Agenten  oder
bewaffnete  Banden  im  Dienste  der  Revolution  verursacht  wurden.  Sie
sollen  aber  das  Recht  haben,  ein  persönliches  Verfahren  gegen  die  Urheber
des  Verlustes  oder  der  erlittenen  Entschädigung  einzuleiten.

Mai.  (Chile.)  Ausstand  und  Unruhen  in  Valparaiso;
der  Belagerungszustand  wird  verhängt.

Mitte  Mai.  Abkommen  zwischen  Brafilien  und  Bolivia
über  das  Acregebiet.

Brasilien  behält  die  polizeiliche  Aufsicht  und  Verwaltung  im  größten
Teile  des  Acregebiets.  Die  Staatseinnahmen  (Ausfuhrzoll  für  Kautschuk)
werden  hinterlegt  und  nach  Beilegung  des  Streites,  bezw.  nach  dem  Schiedsspruch
  verteilt.  Die  bolivischen  Truppen  bleiben  am  Rio  Orton,  einem
nördlichen  Zuflusse  des  Madre  de  Dios,  die  brasilischen  am  Rio  Aburina,
einem  Zuflusse  des  Madera,  stehen.  Es  wird  ein  Waffenstillstand  auf  vier
Monate  geschlossen.  Haben  die  Verhandlungen  in  dieser  Zeit  zu  keinem

Uebereinkommen  geführt,  so  soll  die  Streitfrage  dem  Haager  Schiedsgericht
unterbreitet  werden.

22.  Mai.  (Buenos  Aires.)  Eine  chilenische  Abordnung,
die  den  Freundschaftsvertrag  zwischen  Chile  und  Argentinien  überreicht
  (1902  S.  319,  20),  wird  glänzend  empfangen.

19.  August.  (Kolumbien.)  Der  Senat  lehnt  einstimmig
den  Vertrag  mit  den  Vereinigten  Staaten  über  den  Bau  des
Panamakanals  ab.

August—November.  Revolution  in  Kolumbien.  Losreißung
Panamas.

In  Panama  bricht  wegen  der  Ablehnung  des  Kanalvertrags  eine
Rebellion  aus.  (Ende  August.)  —  Anfangs  November  erklärt  sich  Panama
zur  unabhängigen  Republik,  die  von  den  Vereinigten  Staaten  am  6.  November
  anerkannt  wird.  Die  meisten  Großmächte  erkennen  sie  in  den
nächsten  Wochen  ebenfalls  an.  —  Auf  die  Nachricht,  daß  Kolumbien  Anstalten
  zur  Wiedereroberung  Panamas  trifft,  landen  die  Vereinigten  Staaten
Truppen  in  Colon,  der  Hauptstadt  Panamas.  (Anfangs  Dezember.)
        <pb n="389" />
        Mitlel·  nnd  Sũd-Amerika.  (September  —  November  18.)  381

September.  (Venezuela.)  Die  Mächte  reichen  ihre  noch

ausstehenden  Forderungen  ein.

Deutschland  fordert  1417309  Dollars,  die  Vereinigten  Staaten
10900000  Doll.,  England  2500000  Doll.,  Frankreich  16040000  Doll.,
Italien  8300000  Doll.,  Belgien  3093800  Doll.,  Spanien  600000  Doll.,
Mexilo“  500000  Doll.,  Holland  1048  451  Doll.  und  Schweden  200000

ollars.

1.  September.  In  Chile  wird  ein  neues  Ministerium  unter
dem  Vorsitz  von  Ricardo  Matte  gebildet;  am  23.  Oktober  wird  ein
neues  unter  Arthur  Besa  gebildet.

Oktober.  November.  (Haiti.)  Revolution  in  Santo  Domingo.
  Es  wird  eine  provisorische  Regierung  eingesetzt.  Amerikanische
  und  europäische  Kriegsschiffe  beobachten  Santo  Domingo
und  landen  Mannschaften  zum  Schutz  der  Konsulate.

Mitte  November.  Brafilien  und  Bolivia  unterzeichnen  einen

definitiven  Vertrag  über  das  Acregebiet.

Die  Hauptbedingungen  sind,  daß  die  Gebiete  oberhalb  des  Acre,
Perrus  und  Juruenna  an  Brasilien  übergehen  bis  zum  elften  Grad  südlicher
  Breite  in  einer  Ausdehnung  von  160000  Quadratkilometern.  Als
Ersatz  hiefür  erfolgt  an  Bolivia  wiederum  eine  Gebietsabtretung  an  der
Grenze  von  Matto  Grosso  und  dem  Madeiraflusse  im  Umfange  von  3000
Qudratkilometern,  sowie  Zahlung  von  zwei  Millionen  Pfund  Sterling.
Auch  wurden  Bolivia  einige  Handelsvergünstigungen  gewährt.  Diese
Summe,  welche  Brasilien  zahlt,  soll  zum  Eisenbahnbau  verwendet  werden.
Um  den  Verkehr  im  Gebiete  der  Zuflüsse  des  Madeira  zu  erleichtern,  wird
Brasilien  auf  seinem  Grund  und  Boden  eine  Bahn  vom  Madeiraflusse  bis
zum  Mamorflusse  bauen.

18.  November.  Panama  schließt  mit  den  Vereinigten  Staaten

einen  Vertrag  über  den  Kanalbau.

1.  Die  Vereinigten  Staaten  verbürgen  die  Unabhängigkeit  der  Republik
  Panama  und  werden  sie  aufrechterhalten.  2.  Panama  gewährt  den
Vereinigten  Staaten  für  immer  den  Gebrauch,  die  Besetzung  und  die  Herrschaft
  über  eine  Zone  von  je  8  Kilometern  zu  beiden  Seiten  der  Mittellinie
  des  Kanals  für  Bau,  Betrieb,  Sanierung  und  Schutz  des  Kanals,
ebenso  den  Gebrauch  und  die  Kontrolle  irgend  welcher  anderer  Ländereien,
die  für  den  Kanal,  für  Hilfskanäle  und  andere  zum  Bau  und  Schutz  des
Kanals  erforderliche  Werke  und  Anlagen  notwendig  und  geeignet  sind.
Die  Städte  Panama  und  Colon  und  ihre  Häfen  werden  in  die  Zone  nicht
eingeschlossen,  dagegen  geschieht  dies  mit  den  in  der  Bucht  von  Panama
gelegenen  kleinen  Inseln  Naos,  Perico,  Culebra  und  Flamenco.  3.  In
der  genannten  Zone  genießen  die  Vereinigten  Staaten  alle  Rechte  und
Vollmachten,  als  seien  sie  dort  Souverän.  4.  Die  Vereinigten  Staaten
haben  das  Recht,  alle  Gewässer  der  Republik  für  Schiffahrt,  Wasserentnahme
u.  s.  w.  zu  gebrauchen,  soweit  dies  für  die  Zwecke  des  Kanalbaus  und
Unterhalts  nötig  und  nütxzlich  ist.  5.  Die  Vereinigten  Staaten  erhalten
ein  ewiges  Monopol  für  Bau,  Unterhalt  und  Betrieb  von  Kanal-  und
Eisenbahnwegen  über  den  Isthmus  von  Meer  zu  Meer.  Art.  6  handelt
von  der  Enteignung  von  Privatland  und  von  der  Entschädigung  dafür.
        <pb n="390" />
        382  Mittel=  u.  Jüh-Inerika.  (Nov.  Dez.)  —  Instralien  u.  Jähser.  (Jan.  Mai.)

7.  Innerhalb  Panamas  und  Colons  und  ihrer  Häfen  können  die  Vereinigten
Staaten  für  den  Bau,  Betrieb  und  Schutz  des  Kanals  und  für  Sanierungsarbeiten,
  wie  Abflußsystem  und  Wasserleitung,  nach  ihrem  Ermessen  Land,
Gebäude  und  Rechte  erwerben;  für  die  von  ihnen  anzulegenden  Sanierungsarbeiten
  können  die  Vereinigten  Staaten  sich  durch  Steuern  bezahlt  machen.
8.  Die  Rechte  der  Panamarepublik  an  der  sogenannten  Neuen  Panamakanalgesellschaft
  und  an  der  Panamgeisenbahn  gehen  an  die  Vereinigten
Staaten  über.  9.  Die  Häfen  von  Colon  und  Panama  werden  Freihäfen,
soweit  der  Durchgangsverkehr  in  Frage  kommt;  keinerlei  Schiffsabgaben
dürfen  auf  durchfahrende  Fahrzeuge  gelegt  werden.  16.  Der  Kanal  soll
nach  seiner  Fertigstellung  für  immer  neutral  sein.  21.  Zur  Sicherheit  und
zum  Schutz  des  Kanals  können  die  Vereinigten  Staaten  jederzeit  ihre
Land=  und  Seestreitkräfte  heranziehen  und  Befestigungen  anlegen.  22.  Die
Vereinigten  Staaten  zahlen  nach  Vollziehung  des  Vertrags  10000000  Dollar
an  Panama  und  vom  zehnten  Jahr  an  eine  Jahresrente  von  250000  Dollar.
23.  Dieser  Vertrag  bleibt  in  Kraft,  auch  wenn  Panama  künftig  in  einen
andern  Staat  oder  in  einen  Staatenbund  eintritt.  24.  Die  Republik
Panama  wird  den  Vereinigten  Staaten  Land  an  der  pacifischen  und  an
der  ailanchen  Küste  für  Flotten=  und  Kohlenstationen  verkaufen  oder
verpachten.

23.  November.  (Argentinien.)  Das  argentinische  Kriegsschiff
  trifft  mit  den  Mitgliedern  der  Nordenskjöldschen  Südpolarexpedition,
  die  es  auf  Louis-Philippsland  gefunden  hat,  in  Puerto
Galleyos  ein.

Ende  November.  (Venezuela.)  Der  englische  Gesandte
protestiert  gegen  den  Schluß  des  Orinoco  für  den  fremden  Handel.

28.  Dezember.  Panamoa  erklärt  sich  bereit,  einen  seiner
Bevölkerungszahl  entsprechenden  Teil  der  kolumbischen  äußeren
Schuld  zu  übernehmen,  sobald  Kolumbien  die  Republik  Panama
anerkenne.  Die  kolumbische  äußere  Schuld  beträgt  ungefähr  15  Millionen
  Dollars;  Panama  hat  ein  Fünfzehntel  der  Bevölkerung  von
Kolumbien.

Dezember.  In  Uruguay  bricht  ein  Bürgerkrieg  aus.

XXI.
Anstralien  und  Südsee.

13.  Januar.  (Gesellschaftsinseln.)  Durch  eine  Springflut
  kommen  über  1000  Menschen  um.
Mai.  (Viktoria.)  Ausstand  der  Eisenbahnarbeiter.

v  Die  Regierung  verlangt,  daß  der  Verband  der  Staatseisenbahnarbeiter
seine  Verbindung  mit  dem  Zentralarbeiterverband  („Trades  Hall")  ab-
        <pb n="391" />
        Auftralien  uad  Sädsee.  (Mai—September.)  383

breche.  Infolgedessen  treten  die  Arbeiter  in  den  Ausstand,  der  aber  nach
wenigen  Tagen  mit  der  bedingungslosen  Unterwerfung  der  Arbeiter  endet.

Mai.  Die  meisten  Zeitungen  sprechen  sich  gegen  Chamberlains
  Pläne  aus;  einige  Minister  äußern  sich  wohlwollender.

15.  Juni.  (Deutsch-Samoa.)  Die  Reichsmarkrechnung
wird  eingeführt.
24.  Juli.  Beschluß  einer  Armeeorganisation.

Der  Exekutivrat  des  Commonwealth  genehmigt  einen  Armeeorganisationsplan,
  der  von  dem  Kommandeur  der  australischen  Truppen,
Generalmajor  Hutton,  entworfen  worden  ist.  Generalmajor  Hutton  schlägt
zunächst  die  Bildung  einer  mobilen  Feldtruppe  vor.  Diese  Truppe  soll
gut  ausgerüstet  werden  und  so  eingerichtet  sein,  daß  sie  stets  sofort  zu
militärischer  Verwendung  verfügbar  ist.  Neben  dieser  Feldtruppe  wird
eine  Garnisonstruppe  verlangt.  Diese  Besatzungsarmee  braucht  nicht  so
mobil  zu  sein  wie  die  Feldtruppe.  Ihre  Aufgabe  würde  im  Falle  eines
Krieges  die  sein,  vorher  bestimmte  strategische  Punkte  und  Orte  von  kommerzieller
  Bedeutung  zu  besetzen.  General  Hutton  verlangt,  daß  die  Feldtruppe
  aus  18  Regimentern  leichter  Kavallerie,  12  Regimentern  Infanterie
und  der  entsprechenden  Artillerie  und  Train  bestehen  soll.  Die  leichte
Kavallerie  wäre  in  6  Brigaden  von  je  3  Regimentern  und  die  Infanterie
in  3  Brigaden  von  je  4  Regimentern  einzuteilen.  Die  ganze  mobile  Feldtruppe
  ist  der  Miliz  zu  entnehmen.  Die  Kopfstärke  der  Regimenter  scheint
eine  geringe  zu  sein,  denn  General  Hutton  berechnet  die  Stärke  der  ganzen
Feldtruppe  auf  13  911  Mann  mit  60  Geschützen.  Dieser  Bestand  soll
allerdings  in  Kriegszeiten  auf  27753  Mann  mit  84  Geschützen  erhöht
werden  können.  Die  Besatzungsarmee,  der  die  kleine  zur  Verfügung  stehende
Lokalreserve  zugeteilt  wird,  ist  hauptsächlich  aus  Freiwilligen  aufzustellen
und  wird  11896  Mann  mit  26  Geschützen  stark  sein.  Nach  Generalmajor
Hutton  würde  demnach  das  Vereinigte  Australien  über  eine  Armee  von
25807  Mann  mit  86  Geschützen  verfügen.  Im  Kriegsfalle  kann  diese  Armee
auf  39649  Mann  mit  110  Geschützen  verstärkt  werden.  Da  die  Schützengesellschaften
  und  Schießvereine  bei  Aufstellung  dieser  Truppen  keine  Verwendung
  gefunden  haben,  würde  Australien  außerdem  noch  über  eine  Art
Landsturm  verfügen.  („Allg.  Ztg.“)

25.  August.  Der  Senat  des  Bundes  genehmigt  den  Marinevertrag
  mit  England.

Danach  zahlt  Australien  jährlich  auf  die  Dauer  von  zehn  Jahren
die  Summe  von  200000  Pfd.  Sterl.  Zwei  Jahre  vor  Ablauf  der  zehnjährigen
  Frist  muß  gekündigt  werden.  Auf  der  australischen  Station  soll  stets
ein  Geschwader  vorhanden  sein,  welches  sich  aus  einem  Kreuzer  erster,  aus
zwei  Kreuzern  zweiter,  aus  vier  Kreuzern  vierter  Klasse  und  aus  vier
Schaluppen  zusammensetzt.  In  Australien  selbst  wird  eine  königliche  Marinereserve
  in  der  Stärke  von  25  Offizieren  und  700  Mann  aufgestellt  und
vier  der  oben  erwähnten  Schiffe  erhalten  1600  Australier  und  Neuseeländer
"R6  „Bemannung,  deren  Sold  sich  nach  der  Höhe  der  australischen  Löhne
richtet.

September.  Der  Premierminister  E.  Barton  tritt  zurück.
Deakin,  der  als  Anhänger  Chamberlains  gilt,  bildet  ein  neues
Kabinett.
        <pb n="392" />
        384  Jnkralien  und  Südsee.  (Okt.  Anf.—Dez.  17.)  —  Ifriks.  (Jan.  8.)

Anfang  Oktober.  (Melbourne.)  Die  Stadt  Tumut  wird
als  Hauptstadt  des  australischen  Bundes  erklärt.  1000  Quadratmeilen
  sollen  das  föderierte  Gebiet  darstellen.

17.  November.  (Neuseeland.)  Die  Regierung  bringt  eine
Vorlage  ein,  wonach  auf  nicht  in  England  verfertigte  Waren  vom
März  1904  ab  ein  Zollzuschlag  von  20—50  Prozent  gelegt  werden
soll.  —  Am  19.  wird  das  Gesetz  mit  50  gegen  16  Stimmen  angenommen.


17.  Dezember.  Bei  den  Wahlen  zum  Bundesparlament  erhält
  im  Unterhause  die  Regierungspartei  27,  die  Opposition  26,
die  Arbeiterpartei  22  Mandate.  Im  Oberhause  erhält  die  Regierungspartei
  8,  die  Opposition  13,  die  Arbeiterpartei  15  Sitze.

XXII.
Afrika.

8.  Januar.  (Pretoria.)  Chamberlain  und  die  Burenführer
  über  die  Rebellen  und  die  Friedensbedingungen.

Die  vornehmsten  Burenführer  wie  Botha,  Delarey,  Cronje,  Smuts
überreichen  Chamberlain  eine  Adresse,  worin  sie  um  die  allgemeine  Amnestie
  und  um  die  Erlaubnis  für  alle  früheren  Buren,  in  die  Heimat  zurückkehren
  zu  dürfen,  bitten.  —  Der  Kolonialminister  Chamberlain  erwidert:
  Es  würde  ihn  mehr  gefreut  haben,  wenn  die  Adresse  nicht  bloß
Forderungen,  sondern  auch  einige  Anerkennung  dessen  enthalten  hätte,  was
die  Regierung  bereits  für  die  Buren  getan  hat.  Was  die  Bitte  um  Amnestie
  für  die  Rebellen  angehe,  so  hätten  die  Führer  der  Buren  die  Friedensbedingungen
  von  Vereeniging  in  loyaler  Weise  angenommen;  diese  erhielten
keine  Erwähnung  einer  solchen  Amnestie.  Man  verlange  Amnestie  für  die
Rebellen;  diese  sollten  aber  doch  zuerst  ihren  eigenen  Landsleuten  verzeihen,
die  sich  ergaben  und  den  Engländern  Hilfe  leisteten.  Den  verbannten  Burghers
  werde  er  die  Rückkehr  nicht  gestatten,  außer  wenn  sie  die  Bedingungen
von  Vereeniging  annehmen.  Was  die  in  Europa  befindlichen  Buren  betreffe,
  so  sei  es  die  Aufgabe  der  Regierung,  den  Frieden  zu  erhalten.  Es
werde  jeder  einzelne  Fall  nach  seinen  Besonderheiten  geprüft  werden.
Jene  Burghers  sollten  ihr  loyales  Vorgehen  durch  Rechenschaftsablage  über
das  nach  Europa  mitgenommene  Geld  beweisen.  Die  Einverleibung  von  Vrijheid
  und  Utrecht  in  die  Kolonie  Natal  sei  unwiderruflich;  doch  erlangten  die
Bewohner  dieser  Städte  die  unmittelbaren  Bürgerrechte  gleich  den  übrigen
Einwohnern  Natals.  Bezüglich  der  Sprachenfrage  werde  die  Regierung
in  loyaler  Weise  die  Friedensbedingungen  einhalten.  Die  Klagen,  die  in
dieser  Sache  vorgebracht  worden  seien,  würden  eine  sorgfältige  Berücksichtigung
  erfahren.  Die  Eingeborenen  sollen  angehalten  werden,  ihren  Verpflichtungen
  nachzukommen.
        <pb n="393" />
        Isfrika.  (Januar  17.  30.)  385

17.  Januar.  (Johannesburg.)  Rede  Chamberlains  über
Buren  und  Engländer  und  über  die  finanziellen  Unterstützungen.

Auf  einem  Bankett  führt  Kolonialminister  Chamberlain  aus,  es
sei  notwendig,  daß  die  Bewohner  des  Landes  Rücksicht  nehmen  auf  die
Interessen  ihrer  Mitbürger,  ebenso  die  Buren  wie  die  Engländer,  die  Bewohner
  der  Städte,  wie  die  des  Landes,  denn  im  Grunde  seien  diese
Interessen  gleichbedeutend.  Ein  richtiges  Verständnis  und  ein  Einvernehmen
zwischen  Stadt  und  Land,  zwischen  Buren  und  Engländern  seien  die  wesentlichsten
  Bedingungen  für  die  Zukunft  Südafrikas.  Seine  Unterredung  mit
den  Führern  der  Buren  hätte  ihm  einen  günstigen  Eindruck  gemacht.  Er
glaube,  wenn  die  Buren  sehen,  daß  die  Engländer  bereit  seien,  sie  gerecht
und  großmütig  zu  behandeln,  würden  sie  auch  bereit  sein,  ihre  bitteren
Empfindungen  und  selbst  ihr  Vorurteil  aufzugeben,  und  man  werde  schließlich
  dahin  kommen,  ihren  Argwohn  und  ihre  Erbitterung  zu  beseitigen,
welche  sie  so  lange  von  den  Engländern  getrennt  haben.  Er  hoffe,  daß
die  in  ihnen  vorwaltenden  männlichen  Tugenden  Kraft  und  Stärke  der
Nation  verleihen  werden,  welche  die  Engländer  mit  ihrer  Hilfe  und  ihrem

uten  Willen  in  Südafrika  schaffen  wollen.  Die  Regierung  habe  die  Abicht,
  dem  Reichsparlament  einen  Gesetzentwurf  über  eine  garantierte  Anleihe
  von  35  Millionen  Pfund  Sterling  zu  unterbreiten,  für  welche  die
Hilfsquellen  Transvaals  und  der  Oranje-Kolonie  als  Unterpfand  dienen
sollen.  Diese  Anleihe  solle  unmittelbar  nach  ihrer  Genehmigung  durch  das
Parlament  zur  Emission  gelangen.  Der  Erlös  werde  verwendet  werden
zur  Rückzahlung  der  gegenwärtigen  Schulden  Transvaals,  zur  Erwerbung
der  bestehenden  Eisenbahnen  und  zum  Bau  neuer  Linien  in  den  beiden
neuen  Kolonien.  Die  Verwendungen  für  die  öffentlichen  Arbeiten  und  für
Aufteilung  des  Grund  und  Bodens  in  Transvaal  und  der  Oranje-Kolonie
würden  unverzüglich  in  Angriff  genommen  werden.  Etwaige  Kapitalien
zur  Erschließung  des  Landes  während  der  ersten  Jahre  würden  sobald  als
möglich  nach  der  Emission  der  ersten  Anleihe  bereitgestellt  werden.  Eine
andere  Anleihe  von  30  Millionen  Pfund  Sterling  würde  in  Teilbeträgen
von  jährlich  10  Millionen  Pfund  Sterling  untergebracht  werden.  Diese
weite  Anleihe  werde  als  Kriegsschuld  betrachtet  werden;  als  Unterpfand
für  dieselbe  würden  die  Hilfsquellen  Transvaals  dienen.

30.  Januar.  (Britisch-Südafrika.)  In  der  Kapkolonie
tritt  ein  neues  Einwanderungsgesetz  in  Kraft.

Die  Einwanderung  gewisser  Klassen  von  Personen  ist  verboten.
Personen,  die  im  Widerspruche  mit  den  Bestimmungen  des  Gesetzes  einwandern,
  werden  aus  der  Kolonie  zwangsweise  entfernt  und  bis  zur  Entfernung
  in  Haft  gehalten.  Die  Beihilfe  zur  unerlaubten  Einwanderung
und  betrügerische  Angaben  zum  Zwecke  des  Nachweises  über  die  Erfüllung
der  für  die  Einwanderungserlaubnis  aufgestellten  Bedingungen  sind  strafbar.
  Verboten  ist  die  Einwanderung:  1.  von  Personen,  die  nicht  im  stande
sind,  in  irgend  einer  europäischen  Sprache  ein  Gesuch  an  den  zuständigen
Minister  zu  schreiben  und  zu  unterzeichnen;  2.  von  Personen,  die  nicht  im
nachweisbaren  Besitze  von  Unterhaltsmitteln  sind  oder  die  voraussichtlich
der  Oeffentlichkeit  zur  Last  fallen  werden;  3.  von  Personen,  die  wegen
Mord,  Notzucht,  Diebstahl,  Betrug,  Meineid  oder  Urkundenfälschung  bestraft
  sind  und  die  der  Minister  wegen  der  das  Verbrechen  begleitenden
Umstände  als  unerwünschte  Einwanderer  bezeichnet;  4.  von  Irrsinnigen;
5.  von  Personen  männlichen  und  weiblichen  Geschlechtes,  die  von  der  Prostitution
  leben  oder  daraus  Gewinn  ziehen;  6.  von  Personen,  die  auf

Europäischer  Geschichtskalender.  IIIV.  25
        <pb n="394" />
        386  I#sfri#s.  (Januar  22.—März  10.)

Grund  einer  von  einem  Staatssekretär  oder  von  einem  Kolonialminister
oder  auf  Grund  einer  auf  diplomatischem  Wege  von  einem  ausländischen
Minister  eingegangenen  amtlichen  Mitteilung  von  dem  zuständigen  Minister
als  unerwünschte  Einwanderer  erachtet  werden.  Das  Gesetz  findet  keine
Anwendung  auf  Angehörige  der  englischen  Land-  und  Seemacht,  auf  Offiiere
  und  Mannschaft  eines  unter  der  Staatsflagge  eines  fremden  Staates
sahrenden  Schiffes,  auf  englische  Beamte  und  deren  Familien,  auf  frühere
Angehörige  der  Freiwilligen  Korps  in  Südafrika,  wenn  sie  mit  guter
Qualisikation  entlassen  worden  sind,  auf  Frauen  und  minderjährige  Kinder
der  Personen,  die  nicht  unter  die  oben  aufgeführten  Klassen  fallen,  auf  in
Südafrika  Ansässige,  sowie  auf  Handwerker,  Arbeiter  und  Dienstboten,  die
sich  über  eine  entsprechende  Anstellung  ausweisen  können.

22.  Januar.  (Marokko.)  Der  Hiainastamm,  der  sich  dem
Prätendenten  angeschlossen  hat,  wird  geschlagen.  —  Am  29.  Januar
wird  der  Prätendent  abermals  geschlagen.

6.  Februar.  (Bloemfontein.)  Differenzen  zwischen  Chamberlain
  und  Burenführern.

Chr.  De  Wet  und  40  andere  Führer  überreichen  Chamberlain  eine
Petition,  in  welcher  nach  Aufzählung  einer  Reihe  Beschwerden  die  Ueberzeugung
  ausgesprochen  wird,  daß  die  Verwaltung  der  Oranje--Kolonie  beabsichtige,
  den  Bewohnern  derselben  eine  sie  ruinierende  finanzielle  Last
aufzubürden,  die  doch  schon  das  Bewußtsein  hätten  von  dem  Mangel  an
Wohlwollen  für  sie  bei  der  gegenwärtigen  Regierung.  Chamberlain  erwidert,
  die  Adresse  erwähne  eine  Zahl  von  eingebildeten  Mißständen  und
unbegründeten  Beschwerden.  In  der  Behandlung  der  Rebellen  liege  nichts,
was  eine  Verletzung  der  Friedensbedingungen  sei.  Wie  könnten  die  Buren
davon  sprechen,  während  die  Regierung  Tag  und  Nacht  daran  arbeite  und
Millionen  darauf  verwende,  im  Lande  Reformen  durchzuführen.  Er  bestreite
  entschieden  die  Behauptung,  daß  den  Buren  eine  sie  ruinierende
Last  aufgebürdet  werde.  Wenn  sie  auf  ihrer  Politik  des  Murrens  beharrten,
  wäre  es  zwecklos,  einem  Volke,  das  bereits  so  erhebliche  Geschenke
ohne  ein  Wort  des  Dankes  angenommen  habe,  noch  weitere  Zugeständnisse
zu  machen.  Darauf  erklärt  Christian  De  Wet,  daß  kein  Zusammenwirken
möglich  sei,  so  lange  Piet  De  Wet  und  Christian  Botha  das  Burenvolk
verträten.  Sie  würden  nicht  rasten,  bis  sie  eine  Rebellion  hervorgerufen
hätten,  nicht  eine  bewaffnete,  sondern  eine  der  Agitation  und  Unzufriedenheit
  gegen  die  Regierung.

Februar.  (Pretoria.)  Die  Regierung  bietet  den  Generalen
Botha,  Delarey  und  Smuts  Sitze  in  dem  in  Aussicht  genommenen
gesetzgebenden  Rate  an.  Diese  lehnen  ab,  nicht,  weil  sie  nicht  geneigt
  seien,  mit  der  Regierung  gemeinsam  zu  arbeiten,  sondern
weil  ihrer  Meinung  nach  die  Art  und  Weise,  in  der  der  neue  Rat
ausgestaltet  werden  soll,  nicht  zum  besten  des  Landes  dienen  könne.

25.  Februar.  (Kapstadt.)  Chamberlain  schifft  sich  nach
Europa  ein.

10.  März.  (Somaliland.)  Der  Mullah  wird  nach  Ogaden
zurückgedrängt.
        <pb n="395" />
        Ifriks.  (März  24.—Juli.)  387

24.  März.  (Südafrika.)  Vertreter  der  Kapkolonie,  Natals
und  Transvaals,  der  Oranje-Kolonie  und  Süd-Rhodesiens  unterzeichnen
  eine  Zollkonvention,  daß  die  englische  Einfuhr  die  Vorzugsbehandlung
  genießen  soll.

März.  (Kapland.)  Amnestie  für  politische  Gefangene.

Der  Gouverneur  der  Kapkolonie  ordnet  die  Freilassung  aller  politischen
  Gefangenen  an,  mit  Ausnahme  der  zu  Zwangsarbeit  verurteilten.
Durch  diese  Verordnung  erhalten  527  aufständische  Kapholländer  die  Freiheit
  zurück.  Die  übrigen  Gefangenen,  die  nicht  freigelassen  werden,  kommen

zur  erneuten  Verhandlung  noch  einmal  vor  Gericht.  Die  auf  Verlust  des
Wahlrechts  lautenden  Urteile  bleiben  noch  in  Kraft.

März.  (Marokko.)  Der  Aufstand  nimmt  zu;  das  Gebiet
zwischen  Fez  und  Algier  wird  insurgiert.

13.  April.  (Marokko.)  Der  Sultan  entläßt  die  meisten
in  Fez  angestellten  Europäer,  um  die  Sympathien  der  Muhammedaner
  zu  gewinnen.  .

17.  April.  (Somaliland.)  Die  gegen  den  Mullah  operierenden
  englischen  Truppen  erleiden  zwischen  Galadi  und  Walwal
eine  schwere  Niederlage.  Zwei  Geschütze  gehen  verloren.

4.  Mai.  (Somaliland.)  Eine  Abteilung  Derwische  wird
von  Abesfiniern  am  Flusse  Webbi-Schebeli  geschlagen.

8.  Mai.  (Algier.)  Ein  franzöfischer  Lebensmittelzug  von
500  Kamelen  wird  bei  Taphit,  südlich  von  Figig,  von  Berabern
aufgehoben.  30  Mann  der  Eskorte  werden  getbtet.

31.  Mai.  (Algier.)  Einwohner  der  marokkanischen  Oase
Figig  machen  einen  Angriff  auf  den  Gouverneur  von  Algier,  der
die  Grenze  bereist.  —  Am  7.  Juni  wird  eine  franzöfische  Strafexpedition
  nach  Figig  unternommen.

4.  Juni.  Der  Gouverneur  der  Transvaal--Kolonie  erläßt
dem  größten  Teil  der  Buren  den  Rest  der  Strafen,  zu  denen  sie
während  des  letzten  Krieges  militärischer  Vergehen  wegen  verurteilt
  waren.

16.  Juni.  (Somaliland.)  Der  Mullah  vernichtet  mehrere
englische  Posten  zwischen  Burao  und  Bohotle.

Juli.  August.  (Transvaal.)  Die  Frage,  ob  chinesische
Kulis  eingeführt  werden  sollen,  wird  lebhaft  diskutiert.  Die  Burenführer
  Botha,  Viljoen  u.  a.  find  dafür,  weil  Ackerbau  und  Bergbau
  unter  dem  Arbeitermangel  leiden.

Juli.  (Abessinien.)  Der  Negus  verleiht  der  äthiopischen
Eisenbahngesellschaft  eine  Konzession  für  eine  Eisenbahn  im  Tal
von  Auasch.

 

25“
        <pb n="396" />
        388  Afrina.  (Juli  23.  —  Dezember.)

23.  Juli.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Die  Rechtsstreitigkeiten
  zwischen  Eingeborenen  und  Nichteingeborenen  werden  durch
eine  Verfügung  geregelt.

27.  Juli.  Eine  englische  Kolonne  besetzt  Burmi,  die  Hauptstadt
  von  Sokoto  (Nord-Nigerien).

August.  September.  (Kapland.)  Konflikt  zwischen  Regierung
  und  Parlament.

Abg.  Burton  beantragt  (25.  August),  einen  obersten  Gerichtshof  zur
Prüfung  der  unter  dem  Standrecht  abgegebenen  Urteile  und  einen  Appellationshof,
  der  sich  mit  den  abgelehnten  und  unvollständig  erfüllten  Entschädigungsansprüchen
  zu  befassen  haben  werde,  einzusetzen.  Premierminister
  Sir  Gordon  Sprigg:  Der  Antrag  sei  unausführbar.  Die  bestehenden
  Kommissionen  hätten  60  000  Ansprüche  geprüft  und  hätten  noch
25000  zu  erledigen.  Die  Regierung  trete  dem  Antrag  entschieden  entgegen
  und  beantrage  die  Absetzung  desselben  von  der  Tagesordnung.  Der
Antrag  des  Premierministers  wird  abgelehnt  und  der  Antrag  Burtons
mit  32  gegen  22  Stimmen  angenommen.  —  Infolgedessen  wird  das  Parlament
  am  9.  September  aufgelöst.

2.  September.  (Algier.)  Eine  Räuberbande  überfällt  bei
El  Mungar  einen  Proviantzug  und  tötet  33  Soldaten.

Anfang  September.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Ovambos
ermorden  einige  Weiße  und  flüchten  über  die  portugiesische  Grenze.

Ende  Oktober.  Eine  amerikanische  Gesandtschaft  unter  Führung
  des  amerikanischen  Generalkonsuls  in  Marseille  geht  nach
Abessinien,  um  über  einen  Handelsvertrag  zu  unterhandeln.  —
Nach  Zeitungsnachrichten  wird  am  21.  Dezember  ein  Vertrag  abgeschlossen.


24.  Oktober.  (Marokko.)  Der  Sultan  verkündet,  daß  der
Feldzug  gegen  die  Insurgenten  während  des  Winters  eingestellt
werden  müsse.

Oktober.  (Algier.)  Infolge  eines  Vertrages  mit  Marokko
säubert  die  Militärbehörde  von  Südoran  die  Grenzgebiete  von
marokkanischen  Banden  durch  fliegende  Kolonnen.

24.  Oktober.  (Deutsch-Ostafrika.)  Eine  kaiserliche  Verordnung
  regelt  die  Verleihung  der  deutsch-ostafrikanischen  Staatsangehörigkeit
  durch  den  Gouverneur.

November.  (Deutsch-Südwestafrika.)  Die  Bondelzwarts
erheben  sich  und  belagern  Warmbad.  Sie  werden  unter  geringen
Verlusten  durch  die  Schutztruppe  und  die  Witbois  niedergeworfen.

9.  November.  Die  Seychellen  werden  als  besondere  britische
  Kolonie  organisiert.

Dezember.  (Transvaal  und  Oranjekolonie.)  Die  Buren
        <pb n="397" />
        Isfrih#e.  (Dezember.)  —  Isten.  (Januar—Februar  9.)  389

protestieren  lebhaft  gegen  die  Zurücksetzung  der  holländischen  Sprache
im  Unterricht.

Dezember.  (Somaliküste.)  Italienische  Seesoldaten  haben
Konflikt  mit  Muhammedanern.  Am  13.  bombardiert  ein  Kriegsschiff
  das  Fort  bei  Durbo.

—  —  —  —  ——  —  —

XXIII.
Asien.

Januar.  (China.)  Verhandlungen  über  die  Zahlung  der
Entschädigung  in  Gold  oder  Silber.

Die  chinesische  Regierung  erklärt  den  Mächten,  sie  könne  nicht  für
die  Wertdifferenz,  die  eine  Zahlung  auf  der  Goldbasis  gegenüber  einer
solchen  auf  der  landesüblichen  Silberbasis  involviert,  aufkommen.  Hierauf
überreichen  die  Gesandten  aller  Mächte,  die  das  Friedensprotokoll  unterzeichnet
  hatten,  mit  Ausnahme  desjenigen  der  Vereinigten  Staaten,  der
chinesischen  Regierung  Noten,  in  denen  darauf  hingewiesen  wird,  daß  das
Protokoll  ausdrücklich  die  Entschädigungszahlung  auf  der  Goldbasis  bestimmt,
  und  daß,  wenn  China  seine  Verpflichtungen  nicht  erfülle,  ernste
Folgen  eintreten  würden  (3.  Januar).

17.  Januar.  (Peking.)  Das  Denkmal  für  den  im  Jahre
1900  ermordeten  deutschen  Gesandten  Frhrn.  v.  Ketteler  wird  enthüllt.
  An  der  Feier  nehmen  das  diplomatische  Korps  und  viele
chinesische  Würdenträger  unter  Führung  des  Prinzen  Tschun  teil.

19.  Januar.  (China.)  Die  Regierung  erwidert  auf  die
Vorstellungen  der  Mächte  über  die  Entschädigungszahlung.

Sie  erklärt  sich  außer  stande,  die  Zahlungen  zu  leisten  und  bittet
die  Gesandten  der  fremden  Mächte,  bei  ihren  Regierungen  für  eine  Erleichterung
  einzutreten  und  erneut  zu  ersuchen,  den  Zolltarif  auf  die  Goldbasis
  zu  stellen,  mit  dem  Vorschlag,  der  mittlere  Wechselkurs  jeden  Monats
solle  den  Kurs  für  die  Zahlung  der  Zollabgaben  des  folgenden  Monats
abgeben.

25.  Januar.  (Siam.)  Die  Ausführung  des  französischsiamesischen
  Vertrags  (vgl.  1902)  wird  auf  den  30.  März  verschoben.


Januar.  (Niederländisch-Indien.)  Der  Prätendent  auf
das  Sultanat  Atchin  ergibt  sich.  Mehrere  Häuptlinge  unterwerfen
  sich.

9.  Februar.  Persien  und  England  schließen  einen  Handelsvertrag.
  (S.  Staats-Archiv  Bd.  68.)
        <pb n="398" />
        390  AIsien.  (Februar  —  Mai.)

Februar.  März.  (China.)  In  mehreren  Provinzen,  besonders
  in  Kwangsi  brechen  Aufstände  aus.  Am  10.  Februar  erleiden
  kaiserliche  Truppen  in  Kwangsi  empfindliche  Verluste.

1.  März.  (Mandschurei.)  Die  regelmäßige  Bahnverbindung
  zwischen  Port  Arthur  und  der  fibirischen  Eisenbahn  wird
eröffnet.

März.  (Persien.)  Die  russische  Regierung  befiehlt  den
Ingenieuren,  die  mit  Vermessungen  für  die  Eisenbahnen  in  Nordperfien
  beschäftigt  find,  die  Arbeiten  vorläufig  einzustellen.

April.  Rebellion  und  Hungersnot  in  Südchina.

8.  April.  (Mandschurei.)  Russische  Truppenbewegungen.

Da  die  einjährige  Frist,  die  Rußland  im  Mandschurei-Vertrage  vom
8.  April  1902  für  die  Räumung  einer  zweiten  mandschurischen  Provinz
mit  Einschluß  Niutschwangs  gestellt  hat,  abläuft,  werden  die  russischen

Truppen  nach  Port  Arthur  und  den  Stationen  an  der  Bahnlinie  gezogen,
verlassen  aber  die  Mandschurei  nicht.

10.  April.  (China.)  In  Kanton  explodiert  eine  Pulverfabrik,
  zahlreiche  Menschen,  angeblich  über  Tausend,  kommen  um.

22.  April.  (China.)  Reform  des  Finanzwesens.

Eine  kaiserliche  Verordnung  befiehlt  dem  Prinzen  Tsching  die  Neuordnung
  des  chinesischen  Finanzwesens  durch  Aufstellung  einer  einheitlichen
Währung  für  das  ganze  Land  einzuleiten.  In  Peking  soll  eine  Münze
eingerichtet  werden,  um  den  Provinzen  einheitliches  Geld  zu  liefern.

April.  Mai.  Die  „Times“  veröffentlicht  Ende  April  Forderungen,
  die  die  russische  Regierung  am  5.  April  der  chinefischen
Regierung  überreicht  hat.

Dem  Schriftstücke  geht  eine  Einleitung  voraus,  in  der  gesagt  wird,
Rußland  und  China  seien  seit  mehr  als  zwei  Jahrhunderten  befreundete
Mächte  und  besäßen  eine  gemeinsame  Grenze  von  etwa  3000  englischen
Meilen.  Fremder  Einfluß  würde  die  freundlichen  Beziehungen  stören  und
Rußland  müsse  diesen  Einfluß  vor  allen  Dingen  aus  der  Mandschurei  fernhalten,
  wo  es  Tausende  von  Menschenleben  und  Millionen  von  Rubeln
geopfert  habe.  Es  habe  zwar  eigentlich  das  Recht,  die  Mandschurei  als
Eroberung  zu  behalten,  wolle  aber  trotzdem  die  Provinzen  Mukden  und
Kirin  samt  dem  Hafen  Niutschwang  zurückgeben,  falls  China  die  russischen
Bedingungen  annehme.  Diese  Bedingungen  haben  nachstehenden  Wortlaut:
  1.  Kein  Teil  des  zurückgegebenen  Gebietes  wird  unter  irgend  einer
Form  an  eine  andere  Macht  übertragen.  Wird  diese  Bedingung  umgangen,
  so  wird  Rußland  die  einschneidendsten  Maßnahmen  treffen.  2.  Die
augenblickliche  Verwaltung  der  Mongolei  darf  nicht  gestört  werden,  weil
die  Bevölkerung  beunruhigt  werden  würde,  und  weil  an  der  russischen
Grenze  Komplikationen  entständen,  wenn  man  die  Verwaltung  ändern
wollte.  3.  China  verpflichtet  sich,  keine  neuen  Vertragshäfen  in  der  Mandschurei
  zu  öffnen,  oder  ohne  vorhergehende  Zustimmung  der  russischen
Regierung  neue  Konsuln  zuzulassen.  4.  Sollte  China  in  irgend  einem  Verwaltungszweig
  Ausländer  zu  verwenden  wünschen,  so  soll  deren  Machtvollkommenheit
  nicht  nach  Nordchina  reichen,  wo  russische  Interessen  vor-
        <pb n="399" />
        Isien.  (Juni  —  August  Ende.)  391

wiegen.  Dort  sind  lediglich  Russen  zu  verwenden.  Wenn  z.  B.  fremde
Sachverständige  für  Minenbau  engagiert  werden,  so  haben  dieselben  keine
Machtvollkommenheit  in  bezug  auf  den  Minenbau  in  der  Mandschurei  oder
Mongolei,  für  die  russische  Sachverständige  zu  ernennen  sind.  5.  Rußland
wird  die  Telegraphenlinie  zwischen  Port  Arthur-Niutschwang  und  Mukden
so  lange  unter  eigener  Kontrolle  behalten,  wie  die  Telegraphenlinie  Peking-Niutschwang
  besteht,  deren  notwendige  Verlängerung  sie  ist.  6.  Nach
Wiederherstellung  der  chinesischen  Verwaltung  von  Niutschwang  wird  die
afisch-ineische  Bank,  wie  augenblicklich,  als  Zollbank  weiter  funktionieren.
7.  Alle  Rechte,  die  russische  Untertanen  während  der  Besetzung  durch  Rußland
  in  der  Mandschurei  erwarben,  bleiben  bestehen.  Den  Abschluß  des
Schriftstückes  bildet  der  Hinweis  Rußlands  darauf,  daß  es  für  den  Gesundheitszustand
  an  der  Bahnlinie  verantwortlich  sei.  Deshalb  sei  es  notwendig,
  daß  der  Zollkommissar  und  der  Zollarzt  Russen  seien.  Sobald
China  diese  Bestimmungen  annehme,  werde  Rußland  Mukden,  Kirin  und
Niutschwang  räumen.

Diese  Forderungen  finden  in  Japan  und  England  lebhaften  Widerspruch.
  Am  26.  April  fordern  die  Vertreter  Englands  und  Japans  in
Peking  die  chinesische  Regierung  auf,  zu  verlangen,  daß  die  Mandschureie
wieder  in  den  status  quo  ante  bellum  versetzt  werde.  Am  27.  protestiert
die  amerikanische  Regierung  in  Peking  dagegen,  daß  China  das  Versprechen
abgebe,  keine  weiteren  Städte  für  den  fremden  Handel  zu  öffnen,  und  daß
als  fremde  Beamte  nur  Russen  angestellt  werden  sollten.

Infolgedessen  erklärt  die  russische  Regierung,  daß  sie  nichts  gegen
die  Integrität  der  Mandschurei  plane,  und  die  Mandschurei  dem  fremden
Handel  offen  stehe.

Juni.  Juli.  Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Japan.

Der  russische  Kriegsminister  Kuropatkin  besucht  Tokio  (Juni).  In
der  russischen  Presse  wird  der  Besuch  vielfach  als  eine  Annäherung  zwischen
Rußland  und  Japan  betrachtet,  in  der  englischen  wird  dagegen  über  eine
steigende  kriegerische  Stimmung  in  Japan  berichtet;  es  sollen  schon  militärische
  Vorbereitungen  getroffen  werden.  Die  „Times“  dementiert  am
26.  Juli  diese  Nachrichten.

Anfang  Juli.  (Japan.)  Die  Regierung  ernennt  einen
Schulausschuß,  der  die  Frage  prüfen  soll,  inwieweit  es  möglich  ist,
die  japanische  Sprache  in  lateinischen  Buchstaben  wiederzugeben.
(Vgl.  Rieß,  Preuß.  Jahrbücher  Bd.  110.)

Juli.  (Englisch-Indien.)  Es  wird  bekannt,  daß  die  Vereinigten
  Staaten  einige  Inseln  nördlich  von  Borneo,  als  ehemaligen
spanischen  Besitz,  besetzt  haben.  Es  kommt  darüber  zu  Verhandlungen
  zwischen  England  und  den  Vereinigten  Staaten.

Juli.  (Japan.)  Marquis  Ito  wird  Präsident  des  Geheimen
  Rats.

August.  (China.)  Bei  Tschifu  kommen  durch  Hochwasser
mehrere  Hundert  Menschen  um.

Ende  August.  Japan  schlägt  in  Petersburg  einen  modus
vivendi  vor,  um  die  beiderseitigen  Sonderrechte  in  der  Mandschurei
und  Korea  anzuerkennen.
        <pb n="400" />
        392  Isten.  (September—Dezember.)

September.  (Niederländisch  =  Indien.)  Die  Regierung
erschwert  die  Chineseneinwanderung  durch  strenge  ärztliche  Untersuchung.


8.  Oktober.  China  schließt  mit  den  Vereinigten  Staaten
einen  Handelsvertrag,  am  folgenden  Tage  mit  Japan.  Danach
werden  die  mandschurischen  Häsen  dem  fremden  Handel  geöffnet.

Oktober.  Rußland,  Japan  und  Korea.

Am  8.  Oktober  sollen  die  Russen  vertragsmäßig  die  Mandschurei
räumen.  Da  sie  keine  Anstalten  dazu  machen,  wird  die  öffentliche  Meinung
in  Japan  hoöchst  erregt,  die  englische  Presse  verbreitet  alarmierende  Berichte
über  eine  unmittelbare  Kriegsgefahr.  Nach  der  russischen  Presse  sucht  die
japanische  Regierung  die  öffentliche  Meinung  zu  beruhigen.  —  Die  Beziehungen
  werden  verschärft  dadurch,  daß  russische  Unternehmer  die  Steinkohlenlager
  in  der  koreanischen  Provinz  Itschuan  auszubeuten  beginnen.  —
Am  11.  Oktober  hält  der  russische  Statthalter  Alexejeff  in  Port  Arthur  eine

oße  Parade  über  angeblich  76000  Mann  ab;  am  29.  besetzen  die  Russen
ntden.

Anfang  November.  (Mandschurei.)  Die  Russen  zersprengen
mehrere  Räuberbanden.

Anfang  November.  (China.)  Zwischen  China  und  Rußland
  finden  gereizte  Verhandlungen  statt  über  die  Räumung  der
Mandschurei.  Chinesische  Truppen,  die  die  mandschurische  Grenze
überschreiten,  werden  zurückgeschlagen.

November.  (Britisch  -Indien.)  Eine  englische  Gesandtschaft
  bricht  mit  starkem  militärischen  Gefolge  nach  Tibet  auf.

November.  (Britisch-Indien.)  Der  Vizekönig  Lord  Curzon
besucht  den  Persischen  Meerbusen.  —  In  der  englischen  Presse  wird
von  einer  Teilung  Persiens  zwischen  Rußland  und  Perfien  gesprochen.


24.  November.  (Mandschurei.)  Der  Handelshafen  in  Port
Arthur  wird  eröffnet.  Nichtrusfische  Schiffe  zahlen  zwölffach  höhere
Abgaben  als  russische.

Ende  November.  (Korea.)  In  Tschemulpo  kommt  es  zu
Zusammenstößen  zwischen  Japanern  und  russischen  Matrosen.

Dezember.  (Japan.)  Regierung  und  öffentliche  Meinung.

Die  Fortschrittspartei  greift  die  dilatorische  Auslandspolitik  des
Kabinetts  an  und  erklärt,  daß  zur  Bewahrung  des  Friedens  in  Ostasien
die  Räumung  der  Mandschurei  seitens  der  Russen  und  die  Eröffnung  der
Haupthäfen  der  Mandschurei  erforderlich  sei.  Im  japanischen  Volke  wird
das  Verlangen  wiederholt  ausgesprochen,  daß  Rußland  ein  Ultimatum
gestellt  werde.

Am  9.  wird  das  Parlament  eröffnet.  In  der  Thronrede  sagt  der
Kaiser:  „Meine  Minister  führen  zur  Zeit  mit  Klugheit  und  Umsicht  wichtige
  internationale  Verhandlungen  zur  Wahrung  des  Friedens  in  Ostasien
        <pb n="401" />
        Isien.  (Dezember  Anfang—28.)  393

sowie  der  Rechte  und  Interessen  Japans.“  —  Da  das  Abgeordnetenhaus
die  auswärtige  Politik  scharf  kritisiert,  wird  es  am  11.  aufgelöst.  —  Am
16.  Dezember  wird  eine  außerordentliche  Beratung  der  „alten  Staatsmänner“
  abgehalten,  an  der  sich  die  Minister,  Marquis  Ito  und  der
Generalstabschef  beteiligen.

Anfang  Dezember.  (Russisch-Turkestan.)  Die  „Times“
behauptet,  von  der  im  Bau  begriffenen  Eisenbahn  Orenburg--Taschkent
  sei  ein  großer  Teil  im  Gebiet  des  Syr  Daarja  durch  Überschwemmungen
  vernichtet.

Anfang  Dezember.  (China.)  Militärische  Reformen.

Durch  ein  Edikt  wird  eine  Kommission,  bestehend  aus  dem  Prinzen
Tsching,  dem  Vizekönig  Yuanschikai  und  einem  Mandschubeamten,  ernannt
zur  Reorganisierung  der  Truppenkörper  aller  Provinzen  auf  nationaler
Grundlage  mit  ähnlichen  Waffen  und  ähnlicher  Ausrüstung  und  Organisation.

  —  Für  die  kaiserliche  Garde  und  die  Armee  von  Peking  werden
japanische  Instruktoren  berufen.

9.  Dezember.  (Korea.)  Mehrere  rufssische  Kriegsschiffe  erscheinen
  vor  Tschemulpo.

13.  Dezember.  (Korea.)  Die  Japaner  landen  Truppen  in
Mokpho,  um  Ausschreitungen  ausständiger  Arbeiter  zu  unterdrücken.
Es  kommt  zu  Konflikten  zwischen  Japanern  und  Koreanern.

Dezember.  (Chin  a.)  Eisenbahnreglement  gegen  fremde
Unternehmungen.

Das  Reglement  sieht  vor,  daß  die  Gesellschaften,  die  fremde  Aktionäre
  besitzen  und  sich  um  Konzessionen  bewerben,  erst  die  Genehmigung  des
Handelsamtes  und  des  auswärtigen  Amtes  nachsuchen  müssen,  obgleich  die
Konzessionäre  bisher  schon  die  Verhandlungen  mit  einem  Amte  sehr  unbequem
  empfanden.  Andere  Bestimmungen  des  Reglements  verbieten,  daß
die  Ausländer  mehr  als  die  halbe  Aktienzahl  chineßsher  Gesellschaften  besitzen,
  und  verbieten  den  Gesellschaften,  mehr  ausländisches  Kapital  aufzunehmen,
  als  der  inländische  Aktienbesitz  beträgt.  Ferner  wird  angeordnet,
daß  ausländische  Gesellschaften  30  Prozent  ihrer  Aktien  dem  chinesischen
Besitz  vorbehalten  sollen,  daß  nur  das  Maschinenmaterial  und  die  Gebäude,
nicht  aber  die  Grundstücke  verpfändet  werden  dürfen.

W.  Dezember.  (Japan.)  Notverordnungen  über  kriegerische
Vorbereitungen.

Ein  kaiserlicher  Erlaß  führt  aus,  zum  erstenmal  sei  die  Regierung
ezwungen,  den  Art.  7  der  Verfassung  zur  Anwendung.  zu  bringen  und
otmaßnahmen  für  folgende  Zwecke  anzuordnen:  1.  für  die  Aufnahme  einer

in  zwei  Jahren  zurückzuzahlenden  Anleihe,  2.  für  die  Ausgabe  von  Schatzscheinen,
  die  innerhalb  fünf  Jahren  einzuzahlen  sind  und  3.  für  die  Verwendung
  des  Spezialreservefonds  der  Regierung.  Die  Verwaltung  der
Eisenbahn  Söul-Fusan  (auf  koreanischem  Gebiet)  soll  einen  halbamtlichen
Charakter  erhalten.  Der  Präsident  und  die  Direktoren  sollen  vom  Verkehrsminister
  ernannt  werden.  Die  Regierung  wird  endlich  ermächtigt,
aus  dem  Fonds  für  besondere  Notfälle  50  Millionen  Yen  zu  entnehmen.
        <pb n="402" />
        übersicht
der  Volitischen  Eutwickelung  des  Jahres  1903.

Von  den  internationalen  Verwicklungen,  die  am  Schluß  des
Jahres  1902  noch  unentschieden  waren,  ist  die  Venezolanische#
so  weit  geordnet  worden,  daß  neue  Konflikte  anscheinend  daraus
nicht  mehr  hervorgehen  können.  Wie  im  vorigen  Jahrgang  mitgeteilt
  hatten  Deutschland,  England  und  Italien  im  Dezember  1902
eine  Blockade  der  venezolanischen  Küste  begonnen,  um  die  Anerkennung
  ihrer  Forderungen  zu  erzwingen,  gleichzeitig  hatten  sie  sich
aber  auf  Verhandlungen  über  ein  Schiedsgericht  eingelassen,  das
den  Streit  schlichten  sollte.  Das  Schiedsgericht  hatten  die  Vereinigten
  Staaten  im  Namen  Venezuelas  vorgeschlagen,  und  die
Mächte  akzeptierten  es  unter  dem  Vorbehalte,  daß  Venezuela  von
vornherein  seine  Entschädigungspflicht  für  offenkundige  Rechtsverletzungen,
  wie  Plünderung  europäischen  Eigentums  und  Mißhandlung
  europäischer  Untertanen  anerkenne;  über  solche  Fragen  sollte
das  Schiedsgericht  nur  entscheiden,  ob  Rechtsverletzungen  vorgekommen
  seien,  und  wie  hoch  die  Entschädigung  zu  bemessen  sei.
Für  alle  übrigen  Fragen  nahmen  sie  das  Schiedsgericht  vorbehaltlos
  an,  wünschten  aber,  daß  es  gleichzeitig  auch  Venezuela  zwinge,
Garantien  für  die  Erfüllung  der  ihm  aufzuerlegenden  Verpflichtungen
  zu  geben.  Den  Schiedsspruch  sollte  nach  ihrem  Wunsche
Präsident  Roosevelt,  oder  wenn  er  ablehne,  das  Haager  Tribunal
fällen.  Wie  die  Blockademächte  wohl  erwartet  hatten,  lehnte  Präfident
  Roosevelt  ab,  und  man  einigte  sich  auf  das  Haager  Tribunal.
Unmittelbar  nach  diesen  Verhandlungen  (Ende  Dezember  1902)
ieß  sich  Präsident  Castro  infolge  der  Blockade  zur  grundsätzlichen
        <pb n="403" />
        Nebersicht  der  politischen  Entwichelnun  des  Fahrer  1908.  395

Anerkennung  der  europäischen  Forderungen  herbei  (1.  Januar);  er
erklärte  sich  bereit,  mit  den  Mächten  über  die  Erfüllung  ihrer  Ansprüche
  zu  unterhandeln,  eventuell  sich  einem  Schiedsspruche  zu
unterwerfen.  Da  die  diplomatischen  Beziehungen  zwischen  Venezuela
  und  den  Mächten  abgebrochen  waren,  übernahmen  die  Vereinigten
  Staaten  die  Vermittlung,  und  die  weiteren  Verhandlungen
wurden  in  Washington  durch  die  Botschafter  der  drei  Mächte
und  Bowen,  den  Gesandten  der  Union  in  Venezuela,  geführt.  Sie
kamen  nach  einigen  Wochen  zum  Abschluß  (13.  Februar),  und  die
Blockade  wurde  aufgehoben.  Venezuela  erkannte  die  Forderungen
der  Mächte  als  grundsätzlich  gerechtfertigt  an;  es  verpflichtete  sich
weiter,  einem  Teil  davon  gleich  in  bar  oder  in  Wechseln  auf  kurze
Frist  zu  bezahlen.  Als  Sicherheit  sollten  den  Mächten  die  Zolleinnahmen
  von  La  Guayra  und  Puerto  Cabello  dienen.  Den  Rest
der  Reklamationen  sollte  erst  eine  gemischte  Kommission  in  Caracas
näher  untersuchen,  um  festzustellen,  ob  sie  im  einzelnen  materiell
berechtigt  seien  und  welche  Entschädigung  dafür  anzusetzen  sei.
Hierüber  sind  dann  anfangs  Mai  weitere  Verträge  abgeschlossen
worden.  Auch  für  die  Bezahlung  dieser  zweiten  Art  von  Forderungen
  wurden  Sicherheiten  gegeben  (30  Prozent  der  obigen  Einnahmen),
  aber  über  ihre  Verteilung  wurde  noch  kein  definitiver
Beschluß  gefaßt.  Die  Blockademächte  verlangten,  daß  ihre  Ansprüche,
  die  die  Kommission  als  berechtigt  anerkannt  haben  würde,
vor  denen  der  übrigen  Mächte  erledigt  werden  sollten,  aber  hierzu
wollte  sich  der  Vertreter  Venezuelas  nicht  verstehen.  Man  einigte
sich  schließlich,  diese  Differenz  dem  Haager  Schiedsgericht  zur  Entscheidung
  zu  überlassen.  Die  Frage  ist  wichtig,  weil  noch  mehrere
andere  Mächte,  wie  Frankreich,  Holland  und  Belgien,  Forderungen
an  Venezuela  haben,  und  vielleicht  für  sie  von  den  zur  Verfügung
gestellten  Zöllen  nichts  mehr  übrig  bleibt,  wenn  die  Blockademächte
eine  Vorzugsbehandlung  erfahren.  Daher  hat  sich  namentlich  in
Frankreich  eine  scharfe  Opposition  gegen  das  Begehren  der  drei
Mächte  gezeigt,  wie  überhaupt  Frankreich  die  Aktion  der  Mächte
von  Anfang  an  mit  Übelwollen  verfolgt  hat.  Die  französische
Publizistik  nahm  für  Venezuela  Partei  und  wurde  nicht  müde,  die
Blockade  mit  ihren  unvermeidlichen  Begleiterscheinungen  als  über-
        <pb n="404" />
        396  Aebersit  der  politiscen  Eutwichelung  des  Jahres  1903.

flüssige  Brutalität  hinzustellen.  Diese  Opposition  der  Franzosen
gegen  die  Begünstigung  der  Blockademächte  ist  in  den  Haager  Verhandlungen,
  die  am  1.  Oktober  begonnen  haben,  fortgesetzt  worden.
(Üüber  die  Venezuelafrage  vgl.  S.  13,  44,  61  und  Staats-Archiv
Bd.  68.)

Ein  anderer  Konflikt,  der  in  seinem  Ursprung  noch  viel
weiter  zurückgeht  als  der  venezolanische,  ist  der  makedonische.
Wir  hatten  im  vorigen  Jahre  darauf  hingewiesen,  daß  in  Bulgarien
  eine  starke  Partei  für  die  Unterstützung  der  insurgierten
Stammesgenossen  in  Makedonien  agitierte,  und  daß  diese  Agitatoren
auch  in  der  Armee  Anhang  fanden.  Es  wurde  gar  befürchtet,  daß
die  Armee  zu  einer  Revolution  schreiten  könne,  wenn  der  Fürst
den  nationalen  Wünschen  nach  einer  Kriegserklärung  an  die  Pforte
nicht  willfahre.  Die  europäischen  Großmächte,  sonst  so  uneinig  in
allen  Balkanfragen,  haben  diesmal  durch  einmütiges  Vorgehen  das
Schlimmste  verhindert.  Rußland  und  Österreich-Ungarn,  die  beiden
Nächstbeteiligten,  übernahmen  die  Führung  in  der  diplomatischen
Aktion,  sicherten  sich  aber  bei  jedem  wichtigen  Schritt  die  Zustimmung
  der  übrigen.  Auf  doppelte  Weise  suchten  fie  eine  solche
Kriegsgefahr  zu  beschwören:  durch  Unterdrückung  der  bulgarischen
Kriegslust  und  durch  Reformen  in  Makedonien,  die  den  Bulgaren
den  berechtigten  Anlaß  zur  Unzufriedenheit  nehmen  sollten.  Den
ersten  Zweck  erreichten  die  Mächte  anscheinend  ohne  besondere  Mühe:
in  Sofia,  dem  Hauptorte  der  bulgarisch-makedonischen  Agitation,
wurden  die  makedonischen  Komitees  aufgelöst  und  einige  der
Hauptführer  verhaftet  (Februar).  Schwieriger  war  der  zweite  Teil
der  Aufgabe.  Der  Krebsschaden  liegt  in  der  Verderbtheit  der
Bureaukratie  und  in  der  Finanznot  der  Pforte.  Die  makedonische
Bevölkerung  ist  der  Willkür  der  Steuerbeamten  und  der  Gendarmerie
  preisgegeben;  schlecht  bezahlt  erpressen  diese  das  Notwendige
für  ihren  Unterhalt  von  der  Bevölkerung.  Das  Radikalmittel,
Makedonien  von  der  Pforte  loszureißen  und  einen  neuen  selbständigen
  Balkanstaat  mit  besserer  Verwaltung  zu  schaffen,  ist  unanwendbar,
  weil  ein  solcher  Staat  in  den  zahlreichen  Muhammedanern
  stets  ein  revolutionäres  Element  bergen  würde,  und  weil
überdies  die  serbischen,  bulgarischen  und  griechischen  Christen  einst-
        <pb n="405" />
        NMebersicht  der  politischen  Eutwickelung  des  Jahres  190.  397

weilen  einander  im  bitteren  Haß  gegenüberstehen.  Jede  Nationalität
  möchte  in  einem  solchen  Staat  die  herrschende  Rolle  spielen
und  jede  zieht  die  Fortdauer  der  Türkenherrschaft  vor,  ehe  sie  einer
andern  den  Vorrang  gönnt.  Auch  eine  Teilung  nach  den  Nationalitäten
  ist  bei  dem  Durcheinanderwohnen  ausgeschlossen.  Es
bleibt  daher  nichts  übrig  als  lokale  Reformen  unter  Wahrung  des
türkischen  Besitzstandes  durchzusetzen.  Dahingehende  Wünsche  trugen
OÖsterreich-Ungarn  und  Rußland  in  Konstantinopel  vor  (Februar).
Hiernach  sollte  ein  Generalgouverneur  für  Makedonien  mit  weitgehenden
  Vollmachten  bestellt  werden,  um  nicht  von  Konstantinopeler
  Intriguen  behindert  zu  sein;  er  sollte  auf  mehrere  Jahre
ernannt  und  nur  mit  Zustimmung  der  Mächte  innerhalb  dieser
Frist  abberufen  werden  können,  wodurch  man  ihm  einen  Rückhalt
gegen  den  Hof  sichern  wollte.  Ferner  sollte  für  jedes  makedonische
Vilajet  ein  genaues  Budget  aufgestellt  und  die  Einnahmen  sollten
in  erster  Linie  zur  Befriedigung  lokaler  Bedürfnisse  verwendet
werden,  während  sie  bisher  nach  Konstantinopel  geflossen  waren.
So  schien  der  Steuerdruck  gemindert  und  die  Verwaltung  von  den
ärgsten  Mißbräuchen  befreit  zu  sein;  die  unteren  Polizeiorgane  insbesondere
  waren  nicht  mehr  auf  die  Ausplünderung  des  Volkes
angewiesen.  Je  nach  den  lokalen  Verhältnissen  sollten  überdies
Christen  und  Muhammedaner  gemischt  in  die  Gendarmerie  eingeteilt,
  und  fremde  Offiziere  zur  Disziplinierung  herangezogen
werden.  Der  Sultan  nahm  das  Programm  sogleich  an,  so  daß
auch  von  dieser  Seite  die  Quelle  der  Unruhen  geschlossen  zu
sein  schien.

Aber  so  leicht  mit  dem  Großherrn  zu  verhandeln  war,  so
schwer  waren  die  populären  Stürme  zu  beruhigen.  Die  Albaner
waren  mit  den  Reformplänen  unzufrieden  und  empörten  sich  dagegen;
  der  russische  Konsul  in  Mitrowitza,  der  als  Führer  der
Christen  galt,  wurde  getötet:  ehe  diese  Insurrektion  nicht  niedergeworfen
  war,  war  die  Ausführung  der  Reformen  unmöglich.  Auf
der  anderen  Seite  setzten  die  bulgarisch-makedonischen  Gesellschaften
trotz  der  Auflösung  der  Zentralleitung  die  revolutionäre  Agitation
fort.  Ihr  vornehmster  Führer,  Boris  Sarafow,  der  der  Verhaftung
  durch  die  Flucht  nach  Makedonien  entronnen  war,  organi-
        <pb n="406" />
        398  Mebersict  der  volitischrn  Entwichelung  des  Zahres  1903.

sierte  dort  den  Aufstand.  Sein  Ziel  war  offenbar,  die  Türken  zu
blutigen  Reprefsalien  zu  reizen  und  dann  mit  Hülfe  der  öffentlichen
Meinung  in  Europa  die  Mächte,  zunächst  Rußland,  zum  Einschreiten
  gegen  die  Pforte  zu  zwingen;  in  dem  dann  folgenden
Kriege  mochte  er  hoffen,  die  Vereinigung  Makedoniens  mit  Bulgarien
  zu  erreichen.  In  solchen  Gedanken  ließen  sich  die  Makedonier
  zu  den  Dynamit-Attentaten  in  Saloniki  hinreißen,  wobeie
die  Ottomanbank  und  ein  franzöfisches  Schiff  Schaden  litten.  Aber
anstatt  durch  diese  Zerstörung  europäischen  Eigentums  die  europäischen
  Mächte  zur  Intervention  zu  drängen,  wie  sie  gehofft  hatten,
kompromittierten  sie  vielmehr  ihre  Sache,  und  die  strengen  türkischen
Gegenmaßregeln  wurden  hierdurch  gerechtfertigt.  Einen  Augenblick
schien  es,  als  ob  mit  den  Verbrechen  in  Saloniki  die  makedonische
Bewegung  ihren  Höhepunkt  überschritten  habe.  Es  gelang  den
Türken,  ähnliche  Vorkommnisse  zu  verhüten  und  die  Albanesen
niederzuwerfen,  während  gleichzeitig  —  in  den  Sommermonaten
während  der  Ernte  —  die  bulgarische  Agitation  nachließ.  Aber
unmittelbar  nach  Beendigung  der  Ernte  (Anfang  August),  traten
die  bulgarischen  Banden  in  Makedonien  stärker  als  früher  auf;
bis  nach  Adrianopel  drangen  sie  vor,  und  von  Bulgarien  erhielten
sie  unaufhörlich  Unterstützung;  bulgarische  Offiziere  fochten  in  ihren
Reihen,  obgleich  die  Regierung  den  Schein  der  Neutralität  wahrte.
Einen  vortrefflichen  Agitationsstoff  lieferte  den  Anführern  die  Langsamkeit,
  mit  der  die  Türkei  die  Reformen  ausführte,  und  als  abermals
  ein  russischer  Konsul  dem  albanesischen  Fanatismus  zum
Opfer  fiel  (August),  glaubten  sie  die  Unterstützung  Rußlands  nahe,
da  die  russische  öffentliche  Meinung  hierüber  in  große  Erregung
geriet.  Das  Mittel,  die  Neigung  zur  Einmischung  durch  Bedrohung
  europäischer  Interessen  zu  verstärken,  versuchten  sie  wiederum:
sie  wandten  sich  gegen  die  Eisenbahnen,  sprengten  einen  Zug  in
die  Luft  und  legten  durch  Zerstörung  von  Tunnels  und  Brücken
den  Verkehr  auf  der  Hauptorientlinie  zeitweilig  lahm.  Der  gewünschte
  Erfolg  blieb  abermals  aus;  der  Sultan  besänftigte  die
russische  Regierung  durch  schleunige  Genugtuung  für  den  Mord
und  setzte  eine  große  Truppenmacht  von  mindestens  200000  Mann
gegen  die  Makedonier  in  Bewegung  (August).  Der  Rassen-  und
        <pb n="407" />
        Nebersicht  der  volitischen  Entwichelung  des  Jahres  1908.  399

Glaubenskrieg  wurde  jetzt  natürlich  mit  der  herkömmlichen  orientalischen
  Barbarei  geführt,  und  je  länger  je  mehr  gerieten  die  Empörer
  in  Nachteil.  Während  dieses  Schauspiels  stieg  die  Erregung
im  Fürstentum  mehr  und  mehr;  man  beschuldigte  den  Sultan,  die
Ausrottung  der  ganzen  christlichen  Bevölkerung  Makedoniens  anzustreben;
  die  Regierung  setzte  die  Armee  auf  den  Kriegsfuß  und
begann  mit  der  Pforte  gereizte  Verhandlungen.  Ein  Krieg  zwischen
dem  Sultan  und  seinen  Vasallen  hätte  vermutlich  auch  Serbien,
das  sich  ebenfalls  um  das  Schicksal  seiner  makedonischen  Stammesgenossen
  sorgte,  zur  Aktion  getrieben,  so  daß  die  Gefahr  eines
großen  Balkankrieges  vor  der  Tür  stand.  Griechenland  freilich
stand  auf  Seiten  der  Pforte;  der  Gegensatz  zwischen  Bulgaren  und
Griechen  in  Makedonien  rief  in  Athen  energische  Proteste  gegen
die  bulgarischen  Annexionsgelüste  hervor,  und  griechische  Freiwillige
stellten  sich  dem  Sultan  zur  Verfügung.

Hier  setzte  wiederum  die  Aktion  der  Großmächte  ein.  Auf
das  gemeinsame  Drängen  Österreichs  und  Rußlands  willigten  Bulgarien
  und  die  Pforte  zunächst  in  eine  gleichzeitige  Demobilifierung
(Ende  September).  Die  Pforte  konnte  sich  dazu  verstehen,  weil
inzwischen  der  Aufstand  größtenteils  niedergeschlagen  war,  und  der
Herbst  den  Operationen  im  Gebirge  ein  Ziel  setzte.  Mit  diesem
Erfolge  nicht  zufrieden,  vereinbarten  die  beiden  Kaisermächte  in
besonders  feierlicher  Form  —  auf  einer  Zusammenkunft  der  beiden
Monarchen  in  Wien  (Anfang  Oktober)  —  noch  einmal  ein  Reformprogramm
  und  empfahlen  es  in  identischen  Noten  in  Konstantinopel.
Sie  wiederholten  im  allgemeinen  die  Forderungen  vom  Februar,
aber  sie  verlangten  weiter,  daß  österreichisch-ungarische  und  russische
Agenten  die  Durchführung  der  Reformen  kontrollieren  sollten  und
daß  europäische  Offiziere  an  die  Spitze  der  Gendarmerie  gestellt,
würden.  Die  Pforte  suchte  diesmal  das  Programm  abzulehnen,
weil  die  Mitwirkung  der  fremden  Beamten  die  Souveränität  des
Sultans  schmälere.  Vermutlich  rechnete  sie  auf  ostafiatische  Verwicklungen,
  die  Rußlands  Aktionskraft  lähmen  würden,  vielleicht
schmeichelte  sie  sich  auch,  daß  die  übrigen  europäischen  Mächte  an
der  einseitigen  Kontrolle  der  Kaisermächte  Anstoß  nehmen  und  so
ihr  Begehren  nicht  unterstützen  würden.  Da  indessen  jede  Spal-
        <pb n="408" />
        400  IIIEIILIIIIIIIIIIIIIL

tung  im  europäischen  Konzert  ausblieb,  mußte  sie  wohl  oder  übel
nachgeben.  Noch  im  Dezember  wurden  die  beiden  Zivilagenten
OÖsterreich-Ungarns  und  Rußlands  ernannt,  und  zu  Beginn  des
neuen  Jahrs  ist  ein  italienischer  General  als  Kommandeur  der
Gendarmerie  berufen  worden.  Ob  damit  die  Verwaltungsreform
und  die  Ruhe  in  Makedonien  gesichert  ist,  muß  die  Zukunft  lehren.
Die  bulgarischen  Agitatoren  scheinen  einstweilen  die  Absicht  zu
haben,  im  Frühjahr  eine  neue  Erhebung  zu  versuchen.  Wenigstens
ist  das  Haupt  der  Empörer,  Sarafow,  mit  Eifer  bemüht  in  Serbien
  und  Bulgarien  Anhänger  zu  gewinnen,  und  beide  Regierungen
haben  nichts  getan,  ihm  das  Handwerk  zu  legen.

Die  dritte  große  Angelegenheit,  die  ostasiatische,  ist  im
abgelaufenen  Jahr  in  ein  akutes  Stadium  getreten,  und  bis  zur
Zeit  der  Drucklegung  des  Kalenders  noch  nicht  beendet.  Der  Streit
dreht  sich  um  die  Mandschurei  und  Korea.  Wie  im  vorigen  Jahr
erwähnt  hat  Rußland  sich  China  gegenüber  zur  Räumung  der
Mandschurei  verpflichtet,  falls  China  den  Schutz  der  dort  ansässigen
Russen  und  der  Eisenbahnlinien  übernähme,  aber  der  Vertrag  ist
nicht  ausgeführt  worden.  Die  russischen  Truppen  wurden  vielmehr
fortgesetzt  verstärkt,  eine  neue  Administration  für  Ostafien  geschaffen,
(S.  341,  44),  und  schließlich  sogar  die  alte  Residenz  der  Mandschudynastie,
  die  heilige  Stadt  Mukden,  besetzt  (Oktober).  Die  Unfähigkeit
  der  chinesischen  Regierung  das  Räuberunwesen  zu  unterdrücken,
diente  zur  Begründung  dieser  Politik.  Gleichzeitig  dehnte  Rußland
seine  Einflußsphäre  auf  Korea  aus,  indem  es  russischen  Kapitalisten
Konzessionen  zur  Ausbeutung  von  Wäldern  und  Bergwerken  im
westlichen  Teile  der  Halbinsel  verschaffte.  Damit  noch  nicht  zufrieden
  strebte  es  den  Erwerb  eines  koreanischen  Hafens  an.  Hiergegen
  trat  der  natürliche  Gegner  Rußlands  in  Ostafien,  Japan,
auf.  Japans  Ziel  ist,  wie  es  in  dem  japanisch-englischen  Abkommen
  vom  30.  Januar  1902  ausgesprochen  ist,  Chinas  Integrität
zu  erhalten  und  sich  Korea  als  sein  Expansionsgebiet  zu  sichern,  so
daß  es  Rußlands  Wege  überall  kreuzt,  und  namentlich  die  Auslieferung
  eines  wertvollen  koreanischen  Hafens  an  Rußland  nicht
zulassen  kann.  Die  japanische  Regierung  hat  daher  das  ganze
Jahr  hindurch  auf  die  Ausführung  des  chinesisch-russischen  Ver-
        <pb n="409" />
        Nebersicht  der  volitischen  Entwicelnus  des  Jahres  1903.  401

trages  über  die  Mandschurei  gedrängt,  und  der  Abschluß  eines
Handelsvertrages  mit  China,  wonach  die  mandschurischen  Häfen
dem  Verkehr  offenstehen  sollen,  gab  ihr  einen  Rechtsgrund,  gegen
die  Sonderstellung  der  Russen  in  der  Mandschurei  zu  protestieren.
Da  ein  Erfolg  ausblieb,  so  bemächtigte  sich  der  Nation  eine  kriegerische
  Stimmung;  sie  betrachtete  es  als  nationale  Schmach,  daß  die
Russen  die  Halbinsel  Liautung  besäßen,  die  einst  die  Japaner  hatten
aufgeben  müssen  (1895),  und  im  Herbst  schien  nach  Berichten  englischer
  Blätter  der  Ausbruch  des  Krieges  unmittelbar  bevorzustehen.
Es  trat  dann  zwar  eine  Beruhigung  ein,  aber  gegen  Schluß  des
Jahres  verdüsterte  sich  die  Lage  aufs  neue.  Das  japanische  Parlament
  forderte  stürmisch  in  heftigen  Ausfällen  gegen  die  allzu  nachgiebige
  Regierung  einen  entscheidenden  Schritt  gegen  Rußland,  und
die  Regierung  sah  sich  gezwungen,  das  Parlament  aufzulösen,  um
die  eingeleitete  Verhandlung  nicht  durch  populäre  Ausbrüche  zu
erschweren.  Die  japanische  Regierung  hat  zwar  mit  großem  Eifer  zu
Lande  und  zu  Wasser  gerüstet,  aber  sie  ist  weit  vorsichtiger  als  die
öffentliche  Meinung.  Anscheinend  ist  fie  noch  nicht  entschlossen,
allein  einen  Krieg  mit  Rußland  zu  wagen.  Der  Bundesgenosse
Japans,  England,  aber  hat  noch  eine  neutrale  Haltung  bewahrt;
seine  Sympathie  war  zwar  offenkundig  auf  der  Seite  Japans,  aber
nichts  läßt  darauf  schließen,  daß  er  ihm  eine  militärische  Unterstützung
  gewähren  würde.  Andererseits  sprechen  auch  in  Rußland,
abgesehen  von  dem  friedlichen  Charakter  des  Zaren,  manche  Gründe
für  eine  friedliche  Lösung:  Die  Finanzlage  ist  ungünstig,  der  Ausgang
  des  Krieges  am  Gelben  Meer  wäre  bei  der  ungeheuren  Entfernung
  vom  Zentrum  des  Reiches  und  der  mangelhaften  Beschaffenheit
  der  einzigen  unmittelbaren  Verbindungslinie,  der  fibirischen
Bahn,  höchst  ungewiß,  endlich  wäre  wie  erwähnt  die  russische  Politik
am  Balkan  hierdurch  gelähmt.  Daher  sind  zu  Beginn  des  neuen
Jahres  Berichte  aus  Ostafien  eingetroffen,  die  eine  friedliche  Wendung
  erhoffen  lassen.  Aber  über  den  Inhalt  der  Verhandlungen,
die  in  Petersburg  und  Tokio  geführt  werden,  ist  authentisch  nichts
bekannt.  Es  wird  vielfach  vermutet,  daß  die  Mächte  einen  modus
vivendi  finden,  indem  Rußland  auf  den  koreanischen  Hafen  verzichten

  und  Japan  dafür  den  Rufsen  die  Mandschurei  überlassen  wird.
Europäischer  Geschichtskalender.  XILV.  26
        <pb n="410" />
        402  Aebersiht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1903.

Die  dritte  große  ostafiatische  Macht,  England,  sucht  zwischen
den  beiden  Gegnern  zu  vermitteln.  In  London  ist  der  Krieg  offenbar
  unerwünscht,  weil  der  Sieger  —  mag  es  nun  Rußland  oder
Japan  sein  —  eine  übermächtige  Stellung  in  Ostafien  erhalten
und  so  dem  englischen  Einfluß  verderblich  werden  würde.  Das
Bündnis  mit  Japan  verpflichtet  England  nur  zur  Waffenhilfe,
wenn  Rußland  einen  Bundesgenossen  findet;  es  ist  daher  Englands
Bestreben,  Frankreich  von  einer  Einmischung  in  den  ostafiatischen
Streit  abzuhalten,  und  dies  Vorhaben  scheint  von  Erfolg  gekrönt
zu  sein,  da  in  mehreren  offiziellen  Kundgebungen  beide  Regierungen
ihre  vortrefflichen  Beziehungen  zueinander  betont  haben.  Die  gefährliche
  Lage  am  Balkan  mag  ebenfalls  dazu  beitragen,  die  englische
Regierung  friedlich  zu  stimmen.  Bei  einem  gleichzeitigen  Brande
im  nahen  und  fernen  Orient  wäre  die  englische  Macht  kaum  im
stande,  an  beiden  Stellen  einen  entscheidenden  Einfluß  auszuüben.  —
Einstweilen  hat  aber  die  englische  Regierung  die  ruffisch-japanische
Verwicklung  zu  einem  Vorstoß  in  Zentralasien  benutzt:  sie  hat  von
Indien  aus  eine  Expedition  nach  Tibet  entsandt,  um  das  geistliche
Haupt  des  Buddhismus,  den  Dalai  Lama,  an  dessen  Hofe  die
Russen  in  den  letzten  Jahren  eine  starke  Stellung  gewonnen  hatten,
unter  englischen  Einfluß  zu  bringen.  Wenn  die  Expedition  gelingt,
  kann  sie  bei  der  moralischen  Bedeutung  des  Lama  zu  einer
erheblichen  Verbesserung  der  englischen  Machtstellung  in  Asien
führen.

Die  letzte  internationale  Frage  endlich,  die  marokkanische,
hat  zwar  nicht  zu  weiteren  Verwicklungen  geführt,  aber  ihre  Lösung
noch  nicht  gefunden.  Es  ist  dem  Sultan  nicht  gelungen,  die  Rebellen
  niederzuwerfen;  als  er  durch  die  Schwierigkeiten  der  Jahreszeit
  gezwungen  wurde,  den  Feldzug  abzubrechen  und  nach  Fez  heimzukehren,
  behauptete  sich  der  Prätendent  noch  in  Taza.  Die  Stellung
  des  Sultans  hat  sich  durch  die  Rebellion  im  allgemeinen  verschlechtert;
  unter  seinem  Volke  macht  sich  immer  stärker  eine  fremdenfeindliche
  Stimmung  geltend,  und  er  ist  gezwungen,  wegen  finanzieller
  Verpflichtungen  gegen  europäische  Kapitalisten,  auf  die  Europäer
  Rücksicht  zu  nehmen.  —  Die  Mächte  haben  der  Entwicklung
abwartend  zugeschaut.  —  Frankreich,  die  am  nächsten  interessierte
        <pb n="411" />
        Mebersicht  der  volitischen  Entwichelnns  des  Jahres  1903.  403

Macht,  sollte  nach  der  Behauptung  eines  franzöfischen  Sozialistenführers
  eine  große  Operation  planen,  um  Marokko  unter  sein  Protektorat
  zu  stellen.  Die  Regierung  hat  solche  Absichten  zwar  abgeleugnet,
  aber  deutlich  ausgesprochen,  daß  Frankreich  in  Marokko
eine  bevorzugte  Stellung  vor  den  übrigen  Mächten  einnehmen
müsse.  Ob  darüber  Verhandlungen  mit  den  Mittelmeermächten
stattgefunden  haben,  ist  unbekannt;  daß  England  zum  mindesten
seine  Einwilligung  dazu  gegeben  habe,  ist  gelegentlich  der  gegenseitigen
  Besuche  der  beiden  Staatsoberhäupter  und  mehrerer  Parlamentarier
  hier  und  da  behauptet  worden.  Ob  und  wie  die  marokkanische
  und  ostasiatische  Frage  einander  beeinflussen,  steht  dahin.

An  allen  diesen  Fragen  war  das  Deutsche  Reich  außer
an  der  venezolanischen  nur  mittelbar  beteiligt,  und  von  sonstigen
auswärtigen  Konflikten  hatte  es  nur  einen  kommerziellen  Streit
mit  Kanada  durchzufechten.  Die  Handelsbeziehungen  zu  Großbritannien
  und  seinen  Kolonien  wurden  bis  1898  geregelt  durch  den
Meistbegünstigungsvertrag.  Als  er  dann  von  England  gekündigt
worden  war,  wurde  alljährlich  ein  Provisorium  abgeschlossen,  das
aber  nur  England  band  und  den  Kolonien  freistellte,  das  Meistbegünstigungsverhältnis
  aufzugeben.  Von  diesem  Rechte  machte
Kanada  Gebrauch  und  gewährte  dem  Mutterlande  Vorzugszölle
gegenüber  dem  Auslande  bis  zur  Höhe  von  33  1/%.  Infolge
dieser  Benachteiligung  Deutschlands  gegen  England  wurde  in  Deutschland
  der  Generaltarif,  der  höhere  Sätze  enthält  als  der  Konventionaltarif
  mit  England,  auf  die  Einfuhr  aus  Kanada  angewendet.  Diese
Vergeltungsmaßregel  Deutschlands  veranlaßte  Kanada  zu  einem  Zuschlagszoll
  auf  deutsche  Waren  (S.  369),  und  die  englische  Regierung
protestierte  in  Berlin  gegen  die  höhere  Belastung  der  kanadischen
als  der  übrigen  kolonialen  Einfuhr.  Die  deutsche  Regierung  hat
hierauf  mit  der  unanfechtbaren  Erklärung  geantwortet,  daß,  solange
Kanada  seine  eigene  Zollpolitik  gegenüber  dem  Mutterlande  und
Auslande  verfolge,  es  auch  als  besonderes  Zollgebiet  behandelt
werden  müsse  (27.  Juni;  vgl.  Staatsarchiv  Bd.  69).  Die  Angelegenheit
  ist  noch  nicht  abgeschlossen;  einstweilen  hat  Deutschland
den  Generaltarif  aufrecht  erhalten,  weitere  Zuschläge  oder  Strafmaßregeln

  aber  vermieden,  und  damit  den  Beifall  fast  sämtlicher
267
        <pb n="412" />
        404  Mebersicht  der  politischen  Entwinelnn  des  Jahres  1903.

Parteien  gefunden  (S.  84,  97).  —  Das  Handelsprovisorium  mit
England  ist  auf  zwei  Jahre  verlängert  worden.

Die  innere  Politik  stand  noch  unter  den  Nachwirkungen
des  Kampfes  um  den  Zolltarif.  Die  agrarisch  gefinnte  Rechte
verlangte  schleunigst  Kündigung  der  Handelsverträge  und  neue
Verhandlungen  auf  Grund  des  soeben  beschlossenen  Tarifs;  jede
Herabsetzung  der  landwirtschaftlichen  Zölle  perhorreszierte  sie,  selbst
auf  die  Gefahr  eines  Zollkrieges,  da  ihr  der  beschlossene  Zollschutz
ohnehin  kaum  ausreichend  erschien.  Auf  dieses  Verlangen  hat  die
Regierung  stets  ihren  guten  Willen,  für  die  Landwirtschaft  in  den
künftigen  Handelsverträgen  etwas  zu  erreichen,  betont,  aber  im
übrigen  die  agrarischen  Forderungen  kurz  zurückgewiesen  (S.  9,  89).
—  Legislatorische  Ergebnisse  von  Bedeutung  hat  die  Reichstagssession,
  die  bald  zu  Ende  ging,  nicht  mehr  gebracht;  die  wichtigsten
sind  die  Anderung  der  Seemannsordnung,  die  Beschränkung  der
gewerblichen  Kinderarbeit  und  die  Ergänzung  der  Krankenversicherung.
  Von  den  Verhandlungen  über  allgemeine  Dinge  find  zweierlei
hervorzuheben:  die  Debatte,  die  sich  an  die  Swinemünder  Depesche
(1902)  anschloß  und  eine  Auseinandersetzung  über  die  Persönlichkeit
  des  Kaisers,  sein  Verhältnis  zu  den  Bundesfürsten  und  obersten
Reichsbeamten  und  seine  sozialpolitischen  Ansichten  brachte  (S.  13);
ferner  die  Diskussion  auswärtiger  Fragen  wie  der  Venezuelaangelegenheit,
  des  Dreibundes,  der  Stellung  der  Deutschen  in  Ungarn.
Die  Gewandtheit  und  der  Freimut,  womit  Graf  Bülow  diese  Fragen
behandelte,  die  Mitteilungen  über  einige  wichtige  Interna  aus  der
Zeit  Bismarcks  (S.  65)  und  der  Gegenwart  sichern  seinen  Reden
ein  mehr  als  ephemeres  Interesse  und  machen  sie  zu  einem  wichtigen
  historischen  Dokument.  Die  Burenfrage,  die  in  früheren
Jahren  die  deutschen  Tagespolitiker  so  stark  beschäftigt  hat,  ist
nur  noch  vorübergehend  im  Reichstage  berührt  worden.  Es  scheint,
daß  die  vulgäre  Auffassung,  die  jede  Burenangelegenheit  fast  als
nationaldeutsche  Sache  betrachtete,  zurücktritt  und  einer  politischen
Platz  macht.

Die  Reichstagswahlen  standen  bei  dem  Fehlen  einer
großen  unmittelbaren  nationalen  Aufgabe  ausschließlich  unter  dem
Zeichen  des  wirtschaftlichen  Interessenkampfes.  Die  alten  Schlag-
        <pb n="413" />
        IIILIEEIILILIIIILIItUV  405

worte  von  dem  Schutz  der  nationalen  Arbeit  durch  erhöhte  Zölle
und  von  der  Brotverteuerung  durch  den  neuen  Zolltarif  kehrten
daher  in  allen  Agitationen  wieder.  Die  größte  Zugkraft  hat  die
zweite  Parole  bewiesen:  die  Sozialdemokratie,  die  Partei  des  unbedingten
  Freihandels,  verstärkte  ihre  Mandatenzahl  um  die  Hälfte
und  gewann  eine  Million  neuer  Wahlstimmen;  die  Gegner  haben
solche  Fortschritte  nicht  gemacht.  Vielmehr  haben  die  konsequentesten
  Vertreter  des  Schutzzolls,  die  Agrarier,  eine  empfindliche
Niederlage  erlitten:  mehrere  ihrer  Hauptführer  in  Parlament  und
Presse,  die  den  Zolltarif  als  zu  niedrig  verworfen  hatten,  find  nicht
wiedergewählt  worden.  Selbstverständlich  ist  der  Kampf  um  die
Zölle  nicht  das  einzige  Moment,  das  den  großen  Erfolg  der  Sozialdemokratie
  erklärt.

Ohne  die  vortreffliche  Organisation  der  Partei,  ohne  die
Opferwilligkeit  ihrer  Angehörigen,  ohne  die  Brutalität,  mit  der
fie  gegen  unsichere  Elemente  in  ihren  Reihen  und  gegen  feindliche
Parteien  vorzugehen  weiß,  wäre  ein  solcher  Sieg  undenkbar.  So  erklärt
  es  sich  auch,  daß  die  übrigen  Freihandelsparteien,  die  freisinnigen
Fraktionen,  die  über  solche  Mittel  nicht  verfügen,  Verluste  erlitten
haben.  Endlich  wird  das  Fehlen  einer  nationalen  Wahlwparole  nicht
wenig  zu  dem  sozialdemokratischen  Erfolge  beigetragen  haben:  mancher
Arbeiter,  der  für  patriotische  Regungen  und  Erwägungen  empfänglich
ist,  wird  jetzt,  wo  keine  Gefährdung  der  nationalen  Sache  auf  dem
Spiele  stand,  für  die  Sozialdemokratie,  als  die  besondere  Vertreterin
seines  Standes,  gestimmt  haben;  mancher  Angehörige  einer  anderen
Partei  wird  aus  irgendwelcher  Verstimmung  die  radikalste  Oppositionspartei
  unterstützt  haben.  —  Die  Machtverhältnisse  sind  im  Reichstage
  trotz  des  Wachstums  der  Sozialdemokraten  ziemlich  unverändert
  geblieben,  da  die  Sozialdemokratie  ihre  Wahlfiege  vorwiegend
  auf  Kosten  der  ihnen  am  nächsten  stehenden  Linkenparteien
und  der  äußersten  Rechten  gewonnen  hat.  Die  Parteien,  die  das
Flottengesetz  und  den  Zolltarif  beschlossen  haben,  haben  also  nach
wie  vor  die  Majorität;  die  größten  von  ihnen  find  sogar  in  ihrer
Mandatenziffer  fast  unverändert  geblieben  und  haben  durch  die
Schwächung  des  frondierenden  agrarischen  Flügels  eine  gewisse  innere
Stärkung  erfahren.  Der  Versuch,  der  nach  der  Hauptwahl  von
        <pb n="414" />
        406  Nebersicht  der  yelitischen  Entwickelnus  des  Jahres  1903.

verschiedenen  Seiten  gemacht  wurde,  ein  allgemeines  Zusammengehen
der  bürgerlichen  Parteien  gegen  die  Sozialdemokratie  bei  den  Stichwahlen
  herbeizuführen,  ist  nicht  überall  gelungen,  aber  eine  direkte
Unterstützung  von  Angehörigen  bürgerlicher  Parteien  außer  den
erwähnten  „Mitläufern“  wird  die  Sozialdemokratie  bei  den  Stichwahlen
  wohl  nur  in  geringem  Maße  erhalten  haben.  Die  Ursache
ist  teils  die  Abneigung  der  besitzenden  Stände,  die  Partei  des
Proletariats  zu  verstärken,  teils  der  Widerwille  gegen  den  Terrorismus,
  mit  dem  die  Sozialdemokratie  den  Wahlkampf  grade  gegen
die  Parteien,  von  denen  sie  am  ersten  hätte  Hilfe  erwarten  dürfen,
gegen  die  freifinnige  Volkspartei  und  freifinnige  Vereinigung,  geführt
  hatte.

Wie  natürlich  beherrschte  der  sozialdemokratische  Wahlerfolg
die  öffentliche  Diskussion,  und  sogleich  traten  wieder  die  beiden  Anschauungen
  einander  gegenüber,  die  sich  innerhalb  der  bürgerlichen
Parteien  seit  etwa  einem  Jahrzehnt  bekämpfen.  Die  eine  will  die
Sozialdemokratie  mit  Gewalt,  durch  ein  Ausnahmegesetz,  oder  durch
eine  allgemeine  Umsturzvorlage  irgendwelcher  Art  oder  durch  Anderung
  des  Reichstagswahlrechts  bekämpfen,  weil  sie  in  der  zügellosen
Agitation  und  der  freien  Organisation  die  wahren  Ursachen  ihres
Emporkommens  sfieht.  Die  andere  erklärt  solche  Mittel  für  verderblich,
weil  sie  der  Sozialdemokratie  nur  neuen  Agitationsstoff  liefern  und
die  Masse  ganz  und  gar  ins  revolutionäre  Lager  treiben  würde.
Sie  will  vielmehr  die  Arbeiterschaft  als  völlig  gleichberechtigte
Partei  anerkennen  und  der  Sozialdemokratie  durch  Abhilfe  von
berechtigten  Beschwerden  —  durch  Verbesserung  der  Schutzvorschriften
und  des  Versicherungswesens,  durch  Anerkennung  der  Arbeiterorganisationen,
  durch  mildere  Bestrafung  der  Arbeitervergehen  als  bisher,
  durch  Verhütung  der  Soldatenmißhandlungen  u.  dgl.  —  den
Agitationsstoff  entziehen  und  so  die  Masse  zur  nationalen  Gefinnung
  zurückführen.  Wenn  die  erste  Partei  mit  der  unverkennbaren
Brutalität  des  sozialdemokratischen  Wahlkampfes  die  Notwendigkeit
  von  Repressivmaßregeln  begründet,  so  hält  die  Gegenpartei
diesem  Argument  das  Beispiel  Sachsens  entgegen,  wo  polizeiliche
Vorschriften  und  Wahlrechtsbeschränkungen  gegen  die  Sozialdemo-=kratie
  stärker  als  im  übrigen  Deutschland  angewendet  worden  find,
        <pb n="415" />
        Nebersicht  der  volitischen  Entwichelung  des  Jahres  1903.  407

und  wo  die  Sozialdemokratie  dennoch  alle  Reichstagsmandate  bis
auf  eins  erobert  hat.  Eine  gewisse  Verstärkung  haben  die  Gegner
der  Repressivpolitik  erfahren  durch  den  Tag  der  nationalgesinnten
Arbeiter  in  Frankfurt  (S.  159),  der  sich  ebenfalls  dagegen  ausgesprochen
  und  einige  Wünsche  der  Arbeiter  zur  Verbesserung  ihrer
Lage  formuliert  hat.  Einstweilen  ist  im  Reichstage  keine  Mehrheit
für  eine  Gewaltpolitik  vorhanden,  und  die  Regierung  ist  nicht  geneigt,
  sie  zu  versuchen,  wie  die  Ansprache  des  Kaisers  an  die  Danziger
  Werkstättenarbeiter  (S.  136)  und  die  Antworten  Bülows  an
den  Grafen  Limburg-Stirum  und  an  die  Arbeiterdelegierten  (S.  184)
beweisen.  Ob  damit  freilich  eine  fruchtbare  gesetzgeberische  Tätigkeit
  im  entgegengesetzten  Sinne  gesichert  ist,  steht  noch  dahin.  Vorläufig
  hat  es  im  Reichstage  außer  jener  Absage  an  die  Gewaltpolitiker
  nur  eine  Auseinandersetzung  zwischen  dem  Reichskanzler
und  dem  Abg.  Bebel  gegeben,  in  der  der  Kanzler  die  politischen
Ziele  der  Sozialdemokraten  mit  treffendem  Spott  behandelte.
Größere  positive  Aufgaben  lagen  dem  Reichstag  außer  der  von  den
Einzelstaaten  dringend  verlangten  Finanzreform  (S.  168),  über  die
im  nächsten  Jahre  zu  berichten  sein  wird,  noch  nicht  vor.

In  jener  Diskussion  über  die  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  spielte  eine  große  Rolle  die  Frage,  welchen  Einfluß
die  Vergrößerung  der  Reichstagsfraktion  auf  die  Partei  ausüben
werde.  Die  Gegner  der  Gewaltpolitik  waren  der  Meinung,  daß
die  gemäßigten  Elemente,  denen  die  schleunige  Verbefferung  der
Lage  der  Arbeiterschaft  wichtiger  ist  als  der  Umsturz  der  geltenden
Staatsordnung  in  ferner  Zukunft,  wachsen  würden;  man  hoffte,  daß
sie  die  ganze  Fraktion  immer  mehr  zur  pofitiven  Mitwirkung  an
den  legislatorischen  Arbeiten  drängen  und  so  ihre  revolutionäre
Agitationskraft  vermindern  würden,  wenn  nicht  gar  eine  Spaltung
zwischen  dem  revisionistischen  und  radikalen  Flügel  eintrete.  In
der  Tat  traten  nach  den  Reichstagswahlen  in  den  Debatten  über
das  Reichstagspräsidium  und  andere  Fragen  (S.  119,  129)  weitgehende
  Differenzen  hervor,  aber  sie  bezogen  sich  nur  auf  die  Taktik,
  nicht  auf  das  Verhältnis  der  Partei  zu  den  nationalen  Aufgaben.
  Der  Dresdener  Parteitag  hat  diese  Differenzen  nicht  geschlichtet.
  Er  hat  zwar  formell  den  Revifionisten  ein  Tadelsvotum
        <pb n="416" />
        408  ICIEII  des  Jahres  1903.

erteilt  und  aufs  neue  wie  so  oft  schon  den  Revolutionsgedanken
betont,  aber  als  unmittelbar  darauf  die  Parteileitung  zum  Handeln
  berufen  wurde,  hat  sie  revifionistische  Anschauungen  vertreten:
der  Aufruf  zu  den  preußischen  Landtagswahlen  (S.  152)  verriet
in  Forderungen  und  Ton  nirgends,  daß  die  Sozialdemokratie  die
Partei  des  revolutionären  Klassenkampfes  sei.  Der  Parteitag  wird
die  Gegensätze  zwischen  den  einzelnen  Führern  durch  die  gehässigen
persönlichen  Angriffe  noch  vertieft  haben.  Bezeichnend  für  die
Stimmung  der  Minderheit  war  das  Wort  des  Abg.  Heine,  daß
man  sich  jetzt  in  sozialdemokratischen  Versammlungen  freier  über
den  Kaiser  und  die  Bundesfürsten  aussprechen  könne  als  über  den
Abg.  Bebel.

Die  preußischen  Landtagswahlen  erhielten  in  diesem
Jahr  einen  besonderen  Charakter  durch  die  Beteiligung  der  Sozialdemokraten.
  Wie  vorauszusehen  haben  sie  in  der  3.  Klasse  eine
große  Zahl  Wahlmänner  durchgesetzt,  aber  ein  Mandat  haben  sie
nicht  gewonnen;  nicht  einmal  eine  nennenswerte  Anderung  in  der
Zusammensetzung  des  Abgeordnetenhauses  haben  fie  erzielt.  Vielmehr
  find  die  Konservativen  die  stärkste  Fraktion  geblieben  und
haben  nach  wie  vor  die  Möglichkeit,  entweder  mit  Freikonservativen
und  Nationalliberalen  oder  mit  dem  Zentrum  eine  Mehrheit  zu
bilden.  Die  Ursache  dieses  sozialdemokratischen  Mißerfolges  war,
daß  sie  kein  Bündnis  mit  der  bürgerlichen  Linken  zustande  brachten:
die  Forderungen  der  Sozialdemokraten  waren  zu  hoch  (S.  164),
ihr  Auftreten  bei  der  Wahl  war  zum  Teil  roh,  und  endlich  herrschte
bei  den  meisten  Nationalliberalen  und  Freifinnigen  eine  grundsätliche
  Abneigung,  mit  den  Roten  zu  paktieren.  Selbst  die  den
Sozialdemokraten  seit  dem  gemeinsamen  Obstruktionskampfe  (1902)
am  nächsten  stehende  Gruppe,  die  freisinnige  Vereinigung,  war  trotz
aller  Mühe  ihrer  Hauptführer  in  ihrer  Gesamtheit  nicht  zum  Bündnis
mit  den  Sozialdemokraten  zu  bewegen.  —  Die  letzte  Tagung  des
früheren  Landtags  hat  u.  a.  eine  abermalige  Erweiterung  des
Staatsbahnnetzes,  die  Regelung  der  Landestrauer,  die  Bildung
eines  Ausgleichsfonds  der  Eisenbahnverwaltung  und  einige  Maßregeln
  zum  Schutze  des  Deutschtums  in  den  Ostmarken  gebracht.
Unter  den  letzten  ist  namentlich  die  Gründung  einer  Hochschule  in
        <pb n="417" />
        Mebersicht  der  volitischen  Eutwicelung  des  Zahres  1903.  409

Posen  hervorzuheben,  die  bereits  über  tausend  Hörer  zählt.  Ein
Gesetzentwurf  über  die  Auswahl  der  Anwärter  zum  höheren  Verwaltungsdienst
  kam  infolge  von  Differenzen  zwischen  den  beiden
Häusern  des  Landtags  nicht  zustande,  aber  die  Debatten  brachten
mancherlei  Interessantes.  —  Wie  stets  hat  die  Polenfrage  wiederum
  die  öffentliche  Meinung  lebhaft  beschäftigt,  zumal  da  die
Reichstagswahlen  eine  beträchtliche  Zunahme  der  polnischen  Stimmen
  ergaben.  Es  ist  viel  beachtet  worden,  daß  zwischen  Zentrum
und  Polen  in  Westfalen  und  Oberschlefien  scharfe  Fehden  ausgebrochen
  sind,  deren  Kosten  freilich  einstweilen  das  Zentrum  mit
dem  Verlust  eines  Mandats  an  die  Polen  zu  tragen  hat.  Endlich
ist  noch  die  Tagung  der  Generalsynode  zu  erwähnen,  die  namentlich
  die  Besetzung  der  theologischen  Professuren  beraten  hat.

Von  den  übrigen  Einzelstaaten  hat  Bayern  seinen  Ministerpräsidenten
  gewechselt.  Der  Vorgang  ist  vielfach  mit  der  Gegnerschaft
  des  Zentrums  gegen  den  Grafen  Crailsheim  erklärt  worden,
nach  der  Darstellung  des  neuen  Ministerpräfidenten  ist  er  dagegen
auf  Differenzen  innerhalb  des  bayerischen  Kabinetts  zurückzuführen.
Irgend  eine  grundsätzliche  Bedeutung  soll  nach  den  Ausführungen
des  Freiherrn  v.  Podewils  dem  Ministerwechsel  nicht  zukommen;
das  Verhältnis  zu  Preußen  und  dem  Reiche  soll  unverändert
bleiben.  Außer  den  Debatten  hierüber  hat  der  Landtag,  der  in
diesem  Jahre  zusammengetreten  ist,  über  die  Verstaatlichung  der
pfälzischen  Eisenbahnen  und  über  die  Anderung  des  Wahlrechts
verhandelt.  Der  Wahlreformentwurf  ist  von  der  Kommission  beraten
worden,  und  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  liegt  noch  in
weiter  Ferne.

Die  Frage  der  Wahlrechtsänderung  steht  auch  in  Sachsen,
wo  bei  dem  geltenden  Wahlsystem  die  Konservativen  den  Landtag
  beherrschen,  auf  der  Tagesordnung.  Am  Jahresschluß  war
noch  nicht  zu  erkennen,  welche  Reform  die  Regierung  vorschlagen
würde.  Im  übrigen  hat  Sachsen  wieder  mit  der  Finanznot
zu  kämpfen  gehabt,  und  ein  wichtiger  Teil  seiner  Industrie,
die  Textilindustrie  in  Krimmitschau,  ist  von  einem  Ausstand  zur
Erlangung  des  Zehnstundentages  heimgesucht  worden,  dessen  Ende
nach  viermonatiger  Dauer  noch  nicht  abzusehen  ist.  —  In  Württem-
        <pb n="418" />
        410  Aebersiht  der  yelitischen  Entwichelnns  des  Iahres  1903.

berg  ist  die  wichtigste  Neuerung  der  Abschluß  der  Steuerreform,
die  wichtige  soziale  Fortschritte  bringt,  und  in  Baden  hat  eine
teilweise  Neuwahl  das  Kräfteverhältnis  der  Parteien  im  Landtag
unverändert  gelassen.  Eine  Neuordnung  des  Wahlrechts  steht  auch
hier  bevor.

In  der  Kolonialpolitik  ist  eine  erhebliche  Summe  für
Eisenbahnen  in  Ostafrika  bewilligt  worden.  In  Südwestafrika
brach  im  Herbst  ein  Aufstand  der  Bondelzwarts  aus,  über  den
ursprünglich  durch  englische  Blätter  die  alarmierendsten  Nachrichten
verbreitet  wurden.  Er  konnte  nach  einigen  Wochen  ohne  Mühe
unterdrückt  werden,  aber  kaum  war  die  Ruhe  wiederhergestellt,  da
erhoben  sich  an  der  Jahreswende  die  Hereros  im  Zentrum  des
Schutzgebietes.  über  Ursache  und  Ausdehnung  dieses  Aufruhrs
find  wir  noch  nicht  genügend  unterrichtet.  —  Eine  grundsätzliche
Neuerung  ist  die  Verordnung  des  Reichskanzlers  über  Einführung
von  Gouvernementsräten  (24.  Dezember).  Hierdurch  wird  in  jeder
Kolonie  ein  Rat  von  sechs  Personen  —  drei  Beamten,  drei  Privatleuten
  —  geschaffen,  mit  dem  der  Gouverneur  den  Etat  und  alle
wichtigen  Verordnungen  zu  beraten  hat.  Der  Gouverneur  ist  nicht
unbedingt  an  das  Votum  des  Rats  gebunden,  hat  aber  über  jeden
Fall,  in  dem  er  von  ihm  abweicht,  auf  eigene  Verantwortung  zu
handeln  und  darüber  nach  Berlin  zu  berichten.  Hierdurch  soll  eine
Selbstverwaltung  in  den  Kolonien  und  eine  Tradition  in  der  Verwaltung,
  die  bisher  mit  dem  Gouverneur  häufig  wechselte,  begründet
  werden.

In  Österreich-Ungarn  bezeichnet  der  Kampf  um  die  Erhöhung
  der  Rekrutenziffer  die  politische  Lage;  er  hat  die  Zustände
in  den  beiden  Staatshälften  wie  ihr  Verhältnis  zueinander  bestimmt.
  Die  Militärvorlage  wurde  in  ÖOsterreich  ziemlich  schnell
angenommen,  aber  in  Ungarn  fand  sie  erbitterte  Feindschaft  außerhalb
  der  Regierungspartei,  und  die  rücksichtslose  Obstruktion  dieser
Minderheit  war  stark  genug,  die  Verabschiedung  des  Gesetzes  zu
hintertreiben  und  die  ganze  Staatsmaschine  lahm  zu  legen.  Sie
verhinderte  die  Votierung  des  Budgets,  so  daß  Ungarn  bei  Beginn
des  neuen  Rechnungsjahres  (1.  Mai)  ohne  verfassungsmäßige  Regierung
  war  (ex  lex-Zustand).  —  Die  radikalen  magyarischen
        <pb n="419" />
        Nebersicht  der  peolitischen  Entwickelung  des  Jahres  1903.  411

Parteien,  vor  allen  Dingen  die  von  Franz  Kossuth  geführte  Unabhängigkeitspartei,
  widersprachen  zunächst  nur  der  Erhöhung  des
Rekrutenkontingents,  im  Laufe  des  Kampfes  erhoben  sie  dann
Forderungen,  die  auf  die  Zerreißung  der  gemeinsamen  Armee,  ja
auf  eine  Beseitigung  der  Realunion  hinausliefen.  Nach  ihrem  Verlangen
  soll  in  allen  aus  dem  Reiche  der  Stephanskrone  rekrutierten
Truppenteilen  die  magyarische  Kommando=  und  Gerichtssprache
herrschen;  sie  sollen  nur  von  Offizieren  ungarischer  Staatsangehörigkeit
  befehligt  werden;  besondere  Fahnen  und  Abzeichen  sollen  die
Trennung  der  beiden  Heere  zum  äußeren  Ausdruck  bringen;  dem
ungarischen  Reichstag  endlich  soll  ein  Einfluß  auf  den  Militärstrafprozeß
  wie  überhaupt  auf  alle  militärische  Dinge  eingeräumt
werden,  während  bisher  alles,  was  mit  der  Leitung  des  Heerwesens
zusammenhing,  ausschließliches  Majestätsrecht  gewesen  war.  (Ugl.
hierüber  „Preuß.  Jahrbücher“  Bd.  113,  362,  Bd.  114,  168  und
Pannonicus,  „Deutsche  Zeitschrift"  Jahrg.  1908,  November.)

Der  Ministerpräsident  von  Szell  erkannte  (im  Juni),  daß
es  ihm  unmöglich  sein  werde,  das  Budget  und  das  Militärgesetz
zeitig  genug  zu  erledigen,  um  im  Herbste  die  Aushebung  nach  dem
neuen  Modus  beginnen  zu  können;  er  trat  deshalb  zurück,  und  der
Banus  von  Kroatien,  Graf  Khuen-Hedervary,  übernahm  die  Regierung.
  Szell  hatte  die  Obstruktion  durch  Geduld  zu  überwinden
gehofft,  von  dem  Banus,  der  in  Kroatien  ein  strenges  Regiment
geführt  hatte,  erwartete  man  eine  aktive  Bekämpfung.  Aber  das
war  eine  Täuschung:  Graf  Khuen  kapitulierte  vor  der  Obstruktion.
Um  die  Opposition  friedlich  zu  stimmen,  zog  er  die  Militärvorlage
einstweilen  zurück  und  bewog  den  Honvedminister  Fejervary,  der
als  unbedingter  Verfechter  der  Einheit  der  Armee  galt,  zum  Rücktritt
  (S.  202).  Durch  diese  Konzessionen  hoffte  er  wenigstens  das
Budget  und  das  bisherige  Rekrutenkontingent  bewilligt  zu  erhalten.
Ein  Teil  der  Unabhängigkeitspartei  erklärte  sich  unter  Vortritt
Koffuths  dazu  bereit,  aber  der  Rest,  der  einmal  die  Stärke  der
Obstruktion  kennen  gelernt  hatte,  setzte  den  Kampf  fort,  um  die
Anerkennung  des  radikalen  Programms  zu  erzwingen.  Wenn  so  in
Ungarn  die  Obstruktion  ihr  Wesen  weiter  trieb,  so  äußerte  sie  auch
ihre  Wirkung  in  Österreich.  Die  einseitige  Zurückziehung  der
        <pb n="420" />
        412  Aebersit  der  volitischen  Eutwichelung  des  Jahres  1903.

Militärvorlage,  eines  gemeinsamen  Gesetzes,  durch  die  ungarische
Regierung  bedeutete  eine  Bloßstellung  der  österreichischen  Regierung:
das  Ministerium  Körber  reichte  daher  seine  Entlassung  ein  (S.  208).
Der  Kaiser  nahm  sie  indessen  nicht  an,  und  Körber  ließ  sich  zum
Bleiben  bewegen,  ohne  eine  Garantie  gegen  die  Wiederholung
eines  ähnlichen  Vorgangs  zu  erhalten.  Er  hatte  sie  zwar  anfangs
gefordert,  aber  auf  die  Vorstellung,  daß  eine  solche  Erklärung  des
Kaisers  in  Ungarn  einen  parlamentarischen  Sturm  veranlassen
werde,  fallen  lassen.  Nur  der  tschechische  Landsmannminister  Rezek,
dessen  Position  bei  der  andauernden  Feindschaft  seiner  Partei  gegen
das  Ministerium  Körber  täglich  unbehaglicher  wurde,  schied  aus
dem  Kabinett  aus.

Es  zeigte  sich  bald,  daß  auch  die  geschwächte  ungarische  Obstruktion
  nicht  zu  bändigen  war,  und  ein  Zwischenfall  kam  ihr  zu
Hilfe.  Ein  hoher  ungarischer  Beamter,  Graf  Szapary,  der  Gouverneur
  von  Fiume,  versuchte  ein  Mitglied  der  Unabhängigkeitspartei
  durch  Bestechung  zum  Aufgeben  der  Obstruktion  zu  bewegen,
und  die  Meinung  wurde  laut,  daß  er  im  Auftrage  des  Ministerpräsidenten
  gehandelt  habe.  Obwohl  ein  Beweis  für  diese  Anschuldigung
  nicht  erbracht  wurde,  so  diente  die  Angelegenheit  der
Opposition  doch  als  vortreffliches  Agitationsmittel,  da  Szapary
mit  dem  Ministerpräfidenten  befreundet  war  und  man  den  Banus
für  skrupellos  genug  hielt,  einen  derartigen  Versuch  zu  machen.
Jetzt  ging  auch  Koffuth  wieder  zur  Obstruktion  über,  und  Khuen
reichte,  an  der  Lösbarkeit  seiner  Aufgabe  verzweifelnd,  seine  Demission
  ein  (August).  Nun  kam  der  König  selbst  nach  Budapest,
um  mit  den  Parteiführern  persönlich  zu  verhandeln  und  mit  der
Bildung  eines  neuen  Kabinetts  zugleich  ein  Abkommen  in  der
Militärfrage  herzustellen.  Er  war  bereit,  in  einigen  Punkten  den
magyarischen  Wünschen  zu  willfahren:  er  gestattete  die  Anbringung
von  ungarischen  Abzeichen  an  den  Fahnen,  die  Versetzung  der
ungarischen  Offiziere  aus  nicht  ungarischen  Regimentern  in  ungarische,
  die  Förderung  des  magyarischen  Unterrichts  in  den  militärischen
  Unterrichtsanstalten.  An  der  Einheitlichkeit  der  Kommandosprache
  hielt  er  dagegen  unerbittlich  fest.  Aber  er  sah  bald,
daß  die  Forderungen  der  Radikalen  jetzt  auch  von  der  Regierungs-
        <pb n="421" />
        Nebersicht  der  velitischen  Eutwickelungz  des  Jahres  1903.  413

partei  im  wesentlichen  vertreten  wurden:  im  stillen  neigte  sie  ihnen
längst  zu,  und  jetzt  hatte  die  radikale  Agitation  eine  solche  Erregung
  in  der  Nation  hervorgerufen,  daß  ein  Eingehen  auf  die
königlichen  Intentionen  als  Verrat  an  den  heiligsten  magyarischen
Interessen  angesehen  worden  wäre.  So  zerschlugen  sich  die  Verhandlungen,
  und  der  König  erließ,  um  seinen  Standpunkt  öffentlich
  darzulegen,  aus  dem  Manöverfelde  einen  Armeebefehl,  der  die
Trennung  der  Armee  und  die  Verminderung  der  königlichen  Kommandorechte
  als  verderblich  zurückwies  (S.  212).  Obgleich  Franz
Joseph  hiermit  nur  seine  Pflicht  gegen  die  Armee  und  sein  im  Ausgleich
  von  1867  begründetes  Recht  wahrgenommen  hatte,  wurde
die  Erklärung  doch  in  Ungarn  mit  einem  Sturm  der  Entrüstung
aufgenommen  und  allgemein  als  verfassungswidrig  bezeichnet:  die
Nation  hatte  sich  eben  daran  gewöhnt,  die  militärischen  Dinge
einseitig  unter  dem  Gesichtswinkel  der  magyarischen  Wünsche  zu
betrachten,  und  die  staatsrechtlichen  Grundlagen  des  bestehenden
Zustandes  ganz  außer  Augen  zu  setzen.  Das  Feuer  wurde  geschürt,
  als  um  dieselbe  Zeit  der  österreichische  Ministerpräsfident
seinen  Standpunkt  darlegte  und  erklärte,  daß  ohne  Zustimmung
der  westlichen  Staatshälfte  eine  Anderung  im  Kommando  der  gemeinsamen
  Armee  nicht  statthaben  könne,  und  daß  bei  einer  etwaigen
  Trennung  der  Armee,  zu  deren  Kosten  ÖOsterreich  den
größeren  Teil  beisteuere,  auch  eine  Revision  des  wirtschaftlichen
Verhältnisses  unerläßlich  sei.  Diese  Erklärung,  die  die  Rechte
Osterreichs  mit  ungewohnter  Energie  wahrte,  wurde  von  der  magyarischen
  Opposition  als  unbefugte  Einmischung  in  innere  ungarische
Angelegenheiten  behandelt  und  zum  Sturze  des  Grafen  Khuen  benutzt,
  den  der  König  soeben  wieder  mit  der  Kabinettsbildung  betraut
  hatte.  Als  er  auf  Körbers  Rede  antwortete,  wollten  Opposition
  und  Regierungspartei  darin  eine  ungenügende  Verteidigung
der  Würde  Ungarns  erkennen  und  erteilten  ihm  ein  Mißtrauensvotum.
  Damit  war  sein  endgültiger  Rücktritt  unvermeidlich  geworden.
  Es  dauerte  einige  Zeit,  bis  sich  ein  Nachfolger  finden
ließ,  weil  immer  die  Militärfrage  zwischen  dem  Könige  und  der
ungarischen  Majorität  stand.  Schließlich  gelang  es  dem  Grafen
Tisza,  dem  Könige  einige  Zugeständnisse  abzuringen  (S.  222)  und
        <pb n="422" />
        414  Mebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1903.

ein  Kabinett  zusammenzustellen.  Aber  die  Obstruktion  legte  die
Waffen  dennoch  nicht  aus  der  Hand,  obwohl  ihr  Kossuth  mit  seinen
Anhängern  wieder  den  Rücken  kehrte.  Auch  der  Friede  mit  Osterreich
  ist  noch  nicht  wiederhergestellt,  wie  die  gereizten  Erklärungen
der  beiden  Ministerpräsidenten  in  ihren  Parlamenten  beweisen
(S.  226);  Körber  hält  an  der  Auffassung  fest,  daß  die  Sprachenfrage
  der  Armee  nicht  ohne  Mitwirkung  Osterreichs  geordnet  werden
könne,  Tisza  behauptet,  daß  sie  wie  alle  staatsrechtlichen  und  nationalen
  Fragen  ausschließlich  zwischen  König  und  Parlament  verhandelt
  werden  dürfe.  Wie  weit  dieser  Standpunkt  durchgesetzt
wird,  muß  die  Zukunft  lehren.  Wenn  die  magyarischen  Politiker
ihren  Willen  bekommen  und  das  finanzielle  Verhältnis  zwischen
Osterreich  und  Ungarn  unverändert  beibt,  haben  sie  das  Privilegium
  erlangt,  eine  nationale  Armee  zum  Teil  auf  Kosten  Osterreich,
  begründen  zu  können,  da  Österreich  zu  den  gemeinsamen
Ausgaben  mehr  beiträgt  als  Ungarn.

Auch  in  Österreich  war  der  Parlamentarismus  wenig
leistungsfähig.  Nach  Erledigung  der  Wehr=  und  Zuckervorlage
setzte  die  Obstruktion  der  Tschechen  wieder  ein,  so  daß  der  Reichsrat
  vertagt  werden  mußte.  Nicht  besser  ging  es  in  der  Herbstsession,
  die  berufen  wurde,  um  das  bisherige  Rekrutenkontingent
zu  bewilligen,  da  die  frühere  Bewilligung  durch  die  Zurückziehung
des  Gesetzes  gegenstandslos  geworden  war.  Wiederum  wurde  zwar
die  Militärvorlage  genehmigt,  aber  die  Anderung  der  Geschäftsordnung
  und  die  Votierung  des  provisorischen  Budgets  konnte  nicht
erreicht  werden.  —  Die  Beziehungen  der  Parteien  zueinander  find
im  allgemeinen  unverändert  geblieben;  nur  die  Lage  der  Deutschen
hat  sich  insofern  gebessert,  als  ihre  vier  Hauptfraktionen  einen
Verband  mit  etwa  140  Abgeordneten  gebildet  haben,  und  so
manövrierfähiger  geworden  find.  Die  Tschechen  verharren  in  der
Obstruktion,  um  die  Gleichberechtigung  ihrer  Sprache  vor  allen
Gerichtshöfen  Böhmens  und  Mährens  sowie  die  Errichtung  einer
tschechischen  Universität  in  Mähren  zu  erzwingen;  die  Deutschen
haben  dagegen  mit  der  Obstruktion  im  Böhmischen  Landtag  begonnen,
  um  die  Tschechen  zum  Verzicht  auf  die  Obstruktion  im
Reichsrat  zu  bewegen.  Auch  andere  Landtage,  wo  sich  verschiedene
        <pb n="423" />
        Mebersicht  der  politischen  Entwichelung  des  Jahres  1908.  415

Nationalitäten  gegenüberstehen,  sind  arbeitsunfähig  gewesen;  in
Tirol  ist  es  über  italienische  Ansprüche  sogar  zu  Tumulten  gekommen.


In  Ungarn  hat  die  durch  die  Militärfrage  hervorgerufene
Erregung  auch  die  nationalen  Gegensätze  verschärft.  So  hat  die
Regierung,  getrieben  von  den  radikalen  Magyaren,  die  Verfolgung
der  Deutschen  in  Siebenbürgen  durch  Preß-  und  Beleidigungsprozesse
  mit  Eifer  und  Erfolg  fortgesetzt.  Trotzdem  find  einige
sächsische  Abgeordnete  in  die  Regierungspartei  eingetreten.  Es
scheint  aber,  daß  diese  Handlung  auf  Widerspruch  bei  ihren  Landsleuten
  stößt,  und  daß  Vertreter  einer  schärferen  nationalen  Tonart,
  vornehmlich  jüngere  Elemente,  an  Boden  gewinnen.  Auch  die
Feindschaft  zwischen  Magyaren  und  den  Kroaten  ist  gewachsen,
wie  die  Krawalle  zeigen,  und  es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  diesem
Zwiespalt  wieder  einmal  bei  einem  ernsten  Konflikt  zwischen  Magyaren
  und  Krone  eine  große  Bedeutung  zukommen  kann.

Auf  der  Pyrenäischen  Halbinsel  ist  im  großen  und  ganzen
alles  beim  alten  geblieben.  Der  Besuch  des  Königs  von  England
in  Portugal  hat  über  das  englisch-portugiesische  Einvernehmen
nichts  Neues  gebracht,  und  in  Spanien  haben  die  mannigfachen
Ministerwechsel  weder  die  zahlreichen  Unruhen  verhindern  noch  eine
Besserung  in  der  Zukunft  versprechen  können.  Bei  den  Corteswahlen
  hat  sich  eine  Zunahme  der  republikanischen  Stimmen  gezeigt,
  was  die  Regierung  zu  verschärftem  polizeilichen  Vorgehen
gegen  antidynastische  Kundgebungen  bewogen  hat.  Auch  antiklerikale
  Bewegungen  waren  wieder  zu  bemerken,  aber  es  ist  nicht  deutlich,
  wie  weit  fie  in  die  Tiefe  gehen.

Ein  hochinteressantes  Schauspiel  bietet  die  innere  Geschichte
Englands  mit  dem  Streit  um  die  Wandlung  der  Handelspolitik.
Das  treibende  Element  in  diesem  Kampf  war  der  Kolonialminister
Joseph  Chamberlain.  Wie  bekannt  ist  es  seit  dem  Beginn  der
Ministerschaft  sein  Ziel,  die  einzelnen  Teile  des  britischen  Reiches
miteinander  näher  zu  verbinden,  einerseits,  um  ein  großes,  einheitliches,
  sich  selbst  genügendes  Wirtschaftsgebiet  zu  schaffen,  andererseits,
  um  die  militärische  Kraft  des  Weltreiches  zu  verstärken.
Die  ersten  Schritte,  die  Kolonien  zu  Beiträgen  zur  englischen
        <pb n="424" />
        416  Nebersicht  der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1903.

Wehrmacht  heranzuziehen,  find  bereits  früher  gemacht  worden,  im
abgelaufenen  Jahr  hat  er  das  ökonomische  Problem  energisch  in
Angriff  genommen.  Unter  geschickter  Benutzung  der  unbehaglichen
Stimmung,  die  in  englischen  Geschäftskreisen  über  das  Zunehmen
der  ausländischen,  insbesondere  der  amerikanischen  und  deutschen,
industriellen  Konkurrenz  Platz  gegriffen  hat,  trat  er  mit  dem  Vorschlag
  heraus,  eine  Zollunion  zwischen  Mutterland  und  Kolonien
zu  stiften  (S.  249).  Die  Teilnehmer  sollten  sich  gegenseitig  Begünstigungen
  vor  dem  Auslande  zugestehen.  Unvermeidlich  war
es  dabei,  zur  Einführung  von  Lebensmittelzöllen  in  England  zu
greifen,  weil  hierin  die  Kolonien  hauptsächlich  mit  dem  Ausland
auf  dem  englischen  Markte  konkurrieren.  Die  Zölle  sollen  also
das  gemeinsame  materielle  Interesse  darstellen,  das  Kolonien  und
Mutterland  verbindet  und  gleichzeitig  der  heimischen  Fabrikation
durch  Behinderung  der  fremden  Konkurrenz  zu  Hilfe  kommen.  Es
war  zu  erwarten,  daß  dieser  Bruch  mit  dem  Freihandelsprinzip
nicht  nur  in  der  liberalen,  sondern  auch  in  der  Regierungspartei
Gegner  finden  würde,  und  es  haben  sich  denn  auch  die  lebendigsten
Debatten  an  diese  Vorschläge  geknüpft.  Mehrere  Minister,  wie
der  Handelsminister  Ritchie,  lehnten  sie  unbedingt  ab,  der  Premier
Balfour  sprach  sich  reserviert  zustimmend  aus.  Nur  empfahl  Balfour
  die  Zölle  mit  anderen  Argumenten.  Er  sah  in  ihnen  eine
Waffe  gegen  das  protektionistische  Ausland,  das  mit  ihrer  Hilfe
zu  vorteilhaften  Handelsverträgen  gezwungen  werden  sollte.  Die
Erörterung  dieser  Dinge  rief  eine  latente  Ministerkrifis  hervor,
und  nach  einigen  Monaten  kam  sie  zum  Ausbruch:  die  freihändlerischen
  Elemente  traten  zurück,  und  Chamberlain  schloß  sich  ihnen
an,  um  als  Privatmann  ungehindert  für  seine  Ideen  agitieren  zu
können  (S.  258).  Der  Agitationsfeldzug,  den  Chamberlain  nun
sofort  begann,  wurde  in  großem  Maßstabe  betrieben;  er  selbst
hielt  Vorträge  über  Vorträge  und  ließ  durch  Zeitungsartikel  und
wohlgeschulte  Redner  die  öffentliche  Meinung  bearbeiten.  Neben
dem  Interesse,  das  seine  Tätigkeit  erweckte,  trat  die  Aufmerksamkeit
weit  zurück,  die  Balfour  erweckte,  als  er  seine  Anschauungen  öffentlich
  darlegte.  Die  Liberalen  blieben  die  Antwort  nicht  schuldig,
und  es  ist  einstweilen  noch  nicht  zu  sagen,  welche  Partei  bei  den
        <pb n="425" />
        Nebersicht  der  yolitischen  Entwichelung  des  Jahres  1903.  417

nächsten  Parlamentswahlen  die  Oberhand  gewinnen  wird.  Vorläufig
  scheint  ein  wichtiger  Faktor,  die  Masse  der  organisierten
Arbeiter,  noch  am  Freihandel  festhalten  zu  wollen,  obgleich  ihnen
Chamberlain  zu  demonstrieren  versucht,  daß  die  Verteuerung  der
Lebensmittel  in  seinem  Zollsystem  verschwinden  müsse  gegen  die
Verbesserung  der  Arbeitsgelegenheit.  —  Von  den  übrigen  Ereignissen
  in  der  inneren  Politik  sind  zu  erwähnen  ein  Gesetz  über
die  Kinderarbeit,  das  namentlich  der  Verwendung  von  Kindern  im
Straßenhandel  entgegentritt,  und  das  irische  Agrargesetz,  eine  in
jeder  Beziehung  wichtige  Neuerung.  Mit  Staatshilfe  soll  den
irischen  Pächtern  ermöglicht  werden,  das  von  ihnen  bebaute  Land
zum  Eigentum  zu  erwerben,  und  zwar  ist  der  Amortisationsplan
so  entworfen,  daß  in  etwa  70  Jahren  die  Vorschüsfe  an  den  Staat
bis  auf  geringe  Reste  zurückgezahlt  sein  sollen.  Das  Gesetz  hat
zur  Folge  gehabt,  daß  die  irischen  Abgeordneten  die  Regierung  bei
mehreren  wichtigen  Abstimmungen  unterstützt  haben;  seine  weitere
Einwirkung  auf  die  Parteiverhältnisse  ist  noch  nicht  erkennbar.  —
Lebhaft  ist  die  öffentliche  Meinung  ferner  beschäftigt  worden  durch
die  Ausführung  des  Schulgesetzes  vom  vorigen  Jahre.  Viele  nonkonformistische
  Kreise  weigerten  sich,  die  neuen  Schulsteuern  für  die
hochkirchlichen  Schulen  zu  bezahlen,  und  mußten  gerichtlich  dazu
gezwungen  werden.  —  Zur  auswärtigen  Politik  ist  noch  nachzutragen,
  daß  das  Verhältnis  Englands  zu  Frankreich  durch  die  Besuche
  der  Staatsoberhäupter  und  mehrerer  Politiker  einen  freundschaftlichen
  Anstrich  bekommen  hat,  was  auch  in  einem  —  politisch
freilich  bedeutungslosen  —  Schiedsgerichtsvertrag  seinen  Ausdruck
gefunden  hat.  Der  Krieg  gegen  den  Mullah  konnte  noch  nicht
beendet  werden,  doch  kamen  nach  Neujahr  günstige  Nachrichten.
In  Frankreich  ist  das  Gesetz  über  die  zweijährige  Dienstzeit
  angenommen  und  eine  Verbesserung  der  Binnenwasserstraßen,
die  namentlich  dem  nördlichen  Industriebezirk  zugute  kommen  soll,
beschlossen  worden.  In  der  Unterrichtsgesetzgebung  ist  Frankreich
noch  weiter  gegangen,  als  im  vorigen  Jahre  beabsichtigt  worden
war.  Der  den  Kammern  vorgelegte  Regierungsentwurf  war  bestimmt,
  das  Gesetz  Falloux,  das  prinzipiell  der  Kirche  den  Unterricht

  zuwies,  definitiv  abzuschaffen,  nachdem  es  bereits  durch  meh-Europäischer
  Geschichtskalender.  ILIV.  27
        <pb n="426" />
        418  IITIIELIILILIIIIIIII

rere  Gesetze  der  dritten  Republik  durchlöchert  worden  war.  Die  Freiheit
  des  Unterrichts  sollte  gewahrt  bleiben,  nur  sollte  das  Aufsichtsrecht
  des  Staates  erweitert  und  von  Lehrern  und  Leitern  ein  Befähigungsnachweis
  erbracht  werden.  Der  Senat  hat  nun  diese
Bestimmung  verschärft  und  ausgesprochen,  daß  vom  Lehramt  alle
Personen,  die  Kongregationen  angehöbren,  ausgeschlossen  sein  sollen
über  diese  Angelegenheit  wird  im  kommenden  Jahrgang  noch  ein
Wort  zu  sagen  sein.  —  Ein  Konflikt  mit  der  Kurie  über  die  Auslegung
  des  Konkordats  ist  zu  gunsten  der  Republik  entschieden
(S.  291).  Wie  immer  haben  sich  die  Gemüter  im  Kampf  mit  der
Geistlichkeit  erhitzt;  von  der  Absicht,  die  Macht  der  Kongregationen
zu  beschränken,  haben  sich  die  französischen  Regierungsparteien  in
einen  religionsfeindlichen  Radikalismus  hineintreiben  lassen,  der
auch  kleine  Mittel  nicht  verschmäht:  so  find  der  Präsident  und  die
Minister  wiederholt  angegriffen  worden,  weil  sie  in  ihren  häuslichen
  Angelegenheiten  die  kirchlichen  Vorschriften  und  Gebräuche
bewahrten.  —  Ein  Streik  der  Textilarbeiter  im  Nordwesten,  der
die  Sicherung  des  bisherigen  Lohnes  trotz  der  Verkürzung  der
Arbeitszeit  vom  1.  April  ab  zum  Zweck  hatte,  ist  nach  einigen
Wochen  durch  einen  Vergleich  beendet  worden.  Hiernach  soll  kein
Ausständiger  gemaßregelt  werden,  und  eine  gemischte  Kommission
hat  einen  neuen  Tarif  unter  Berücksfichtigung  der  künftigen  Verkürzung
  der  Arbeitszeit  auszuarbeiten.  —  Viel  Erregung  hat  das
Wiederauftauchen  der  Dreyfusfrage  verursacht  (S.  283,  294),  aber
die  Angelegenheit  ist  noch  nicht  über  ein  vorbereitendes  Stadium
hinausgekommen.

In  Italien  war  die  innere  Geschichte  ruhiger  als  im
vorigen  Jahre;  nur  ein  großer  Streik  hat  (in  Rom)  stattgefunden,
wurde  aber  planlos  unternommen  und  endete  mit  einer  eklatanten
Niederlage  der  Ausständigen.  Sonstige  Unruhen  haben  die  irredentistischen
  Bestrebungen  anläßlich  einiger  Vorgänge  in  Tirol  erzeugt,
  aber  die  Regierung  ist  ihrer  bald  Meister  geworden.  —
Das  Ministerium  Zanardelli  ist  durch  ein  Ministerium  Giolitti
ersetzt  worden,  aber  eine  grundsätzliche  Anderung  der  Politik  scheint
hierdurch  nicht  hervorgerufen  zu  sein,  da  die  körperliche  Hinfälligkeit
  Zanardellis  den  Anlaß  zum  Wechsel  bildete.  Das  Parlament
        <pb n="427" />
        ILIIIIIIIIILEILL.  419

hat  wenig  geleistet;  so  ist  über  das  Ehescheidungsgesetz  noch  keine
Entscheidung  getroffen  worden,  dagegen  ist  nach  manchen  Fährlichkeiten
  ein  Handelsprovisorium  mit  ÖOsterreich-Ungarn  zu  stande
gekommen.  Der  Mehrheit  ist  die  Regierung  nach  wie  vor  sicher,
obgleich  ein  Teil  der  Sozialisten  sich  von  ihr  abgewendet  hat.  —
In  der  auswärtigen  Politik  hat  Italien  die  traditionellen  guten
Beziehungen  zu  England  und  Deutschland  gepflegt,  daneben  aber
auch  sein  Verhältnis  zu  Frankreich  aufs  neue  enger  gestaltet.  In
Frankreich  ist  die  Reise  des  Königs  nach  Paris  als  Verbrüderung
der  Völker  lateinischer  Rasse  und  als  das  Grabgeläute  des  Dreibundes
  gefeiert  worden,  indessen  ist  von  der  italienischen  Regierung
wiederholt  versichert  worden,  daß  Italien  nach  wie  vor  Mitglied
des  Dreibundes  bleiben  werde.  Die  Möglichkeit,  als  Mitglied  des
Dreibundes  gute  Beziehungen  zu  Frankreich  zu  unterhalten,  beweist
  nur,  daß  die  kontinentalen  Fragen,  die  zur  Zeit  seiner  Begründung
  maßgebend  waren,  bedeutend  an  Wichtigkeit  gegenüber
den  weltpolitischen  Aufgaben  verloren  haben.  —  Eine  wenig  rühmliche
  Rolle  spielte  Italien  in  der  Angelegenheit  des  Zarenbesuches
(S.  303,  304).

Die  internationale  Stellung  der  Kurie  ist  durch  den  Tod
des  Papstes  Leo,  der  kurz  vor  seinem  Tode  durch  die  Besuche  des
Königs  von  England  und  Kaiser  Wilhelms  noch  eine  glänzende
Anerkennung  seiner  Politik  und  seiner  Persönlichkeit  fand,  anscheinend
  nicht  beeinflußt  worden.  Die  Hoffnungen,  die  die  Reformkatholiken
  hie  und  da  auf  Pius  X.  gesetzt  haben,  sind  nicht  in  Erfüllung
  gegangen:  der  neue  Papst  hat  sich  vielmehr  in  einigen
Manifesten  scharf  gegen  derartige  Bestrebungen  erklärt  und  dem
Papst  die  ausschließliche  Reformbefugnis  vorbehalten.  Daß  Österreich
  bei  der  Papstwahl  den  bisherigen  Staatssekretär  Rampolla
ausschloß,  hat  viel  Aufsehen  erregt  und  Gelegenheit  zu  Diskussionen
gegeben,  ob  das  Veto  ein  Recht  oder  eine  Usurpation  sei.

Die  Schweiz  hat  die  Politik,  ihr  Eisenbahnnetz  zu  vergrößern,
  durch  die  Üübernahme  der  Jura-Simplonbahn  (1.  Mai)
fortgeführt,  so  daß  von  den  großen  Linien  nur  noch  die  Bahn  der
Gotthardgesellschaft  zu  erwerben  bleibt.  Über  die  Verwaltung  der
Jura-Simplonbahn  ist  mit  Italien  ein  Abkommen  getroffen  worden,

27*
        <pb n="428" />
        420  Mebersicht  der  pvolitischen  Eutwichelung  des  Jahres  1903.

wonach  eine  Delegation  von  7  Schweizern  und  7  Italienern  in
Bern  die  Angelegenheiten  der  Bahn  beraten  soll,  und  den  Beamten
der  italienischen  Militärverwaltung  Zutritt  zu  den  Befestigungen
im  italienischen  Teile  des  großen  Tunnels  gestattet  wird.  Ob  der
Vertrag  ratifiziert  werden  wird,  steht  dahin,  da  sich  eine  lebendige
Protestbewegung  gegen  diese  Konzessionen  geltend  macht.  Die  Angelegenheit
  der  Eisenbahnen  ist  überhaupt  in  den  Parlamenten  und
in  der  Offentlichkeit  ausgiebig  diskutiert  worden,  da  die  Verstaatlichung
  der  Linien  mannigfache  administrative  Konsequenzen  hat.  —
Einige  Volksabstimmungen  über  wichtige  Dinge  haben  ein  negatives
  Resultat  ergeben.  So  ist  eine  Verfassungsänderung  zu  gunsten
des  platten  Landes,  wonach  für  die  Vertretung  im  Nationalrat
allein  die  Zahl  der  Schweizer  unter  Ausschluß  der  Ausländer
maßgebend  sein  sollte,  abgelehnt  worden;  ebenso  ein  Gesetz  gegen
den  Alkoholmißbrauch  und  ein  Gesetz,  das  die  Aufreizung  zum
militärischen  Ungehorsam  unter  Strafe  stellte.  Der  Zolltarif  ist
dagegen  angenommen  worden.

In  Belgien  ist  wichtig  die  Erhöhung  der  Steuer  auf  den
Alkohol  und  der  Erlaß  eines  Arbeiterversicherungsgesetzes,  das
allerdings  nicht  die  Zwangsversicherung  enthält.  In  den  Gemeinderatswahlen
  haben  die  Liberalen  einige  Erfolge,  die  Sozialdemokraten
  Mißerfolge  gehabt.  —  Viel  Aufmerksamkeit  hat  eine
Polemik  zwischen  England  und  dem  Kongostaat  erregt.  Dem
Kongostaat  wurde  vorgeworfen,  in  seinen  geschäftlichen  Unternehmungen
  barbarisch  gegen  Weiße  und  Schwarze  vorzugehn,  und
entgegen  den  Bestimmungen  der  Berliner  Akte  ein  Monopol  für
einige  privilegierte  Handelsgesellschaften  geschaffen  zu  haben.  Die
Reisen  des  Königs  nach  Wien  und  Paris  wurden  mit  dieser  Angelegenheit
  in  Verbindung  gebracht.

Die  Niederlande  fsind  durch  einige  Streiks  heimgesucht
worden.  Ein  Ausstand  der  Eisenbahnarbeiter,  der  die  Anerkennung
  ihrer  Organisation  zum  Zweck  hatte,  endete  nach  wenigen
Tagen  mit  dem  Siege  der  Arbeiter.  (Januar),  aber  nach  einigen
Wochen  brach  die  Bewegung  wieder  aus.  Es  wurde  bekannt,  daß
die  Regierung  ein  Gesetz  einbringen  wolle,  wonach  Streiks  von
Arbeitern  in  öffentlichen  Betrieben  unter  Strafe  gestellt  werden
        <pb n="429" />
        Aebersiht  der  volitischen  Entwickelung  des  Jahres  1003.  421

sollten.  Unter  der  Arbeiterschaft  befürchtete  man  ein  allgemeines
Vorgehen  gegen  die  Koalitionsfreiheit  überhaupt,  so  daß  die  Arbeiterverbände
  die  Möglichkeit  eines  Generalstreiks  zur  Abwehr  erörterten
  und  die  sozialdemokratisch  geleiteten  sich  mit  den  Eisenbahnern
  solidarisch  erklärten.  Das  Gesetz,  das  dann  erschien,
brachte  in  der  Tat  einige  scharfe  Bestimmungen  gegen  den  Streik
von  Eisenbahnern,  versprach  aber  zugleich  eine  Untersuchung  über
Beschwerden  der  Bahnarbeiter  anzustellen.  Der  Zusammenstoß
wurde  einige  Wochen  hindurch  vermieden,  so  lange  das  Gesetz  in
der  ersten  Lesung  und  in  der  Kommission  beraten  wurde.  Die
Arbeiterschaft  war  uneinig,  da  die  christlichen  Verbände  den  Generalstreik
  von  vornherein  ablehnten,  und  es  war  noch  Hoffnung
vorhanden,  daß  das  Gesetz  gemildert  werden  könne,  da  in  der
Kammer  und  in  der  öffentlichen  Meinung  viel  Widerspruch  laut
wurde.  Das  Gesetz  kehrte  indessen  aus  der  Kommission  wenig  verändert
  wieder,  und  nun  griffen  die  sozialdemokratischen  Verbände
zum  Generalstreik  (S.  320).  Dieser  Gewaltstreich,  den  die  Arbeiter
gegen  den  Willen  ihrer  Führer  unternahmen,  brachte  die  bürgerliche
  Opposition  gegen  das  Gesetz  zum  Schweigen:  es  wurde  schleunigst
angenommen,  und  der  Streik  mußte  nach  kurzer  Frist,  wie  die
Führer  vorausgesagt  hatten,  wieder  aufgegeben  werden.  Ohne  die
Beteiligung  der  christlichen  Arbeiter  war  er  eben  undurchführbar,
und  die  ungenügende  Disziplin  hat  der  Arbeiterschaft  eine  demütigende
  Niederlage  zugezogen.

In  Dänemark  hat  das  Ministerium  der  Linken  einige
Steuergesetze  durchgebracht  und  bei  den  Wahlen  seine  Majorität
behauptet.  Die  Besuche  des  Deutschen  Kaisers  in  Kopenhagen  und
des  Königs  in  Potsdam  bilden  eine  Fortsetzung  der  Politik,  die
im  vorigen  Jahre  mit  dem  Besuch  des  Kronprinzen  in  Berlin  begonnen
  worden  ist.  —  In  Schweden  ist  der  definitive  Verzicht
auf  Wismar  in  etwas  überschwenglich-sentimentaler  Weise  ausgesprochen
  worden;  in  Norwegen  haben  die  Neuwahlen  die  radikale
  Regierung  gestürzt  und  eine  konservativer  gerichtete  ans  Ruder
gebracht.  Im  Konsularstreit  ist  man  der  Lösung  einen  Schritt
näher  gekommen.

Rußlands  innere  Geschichte  wird  bestimmt  durch  ein  wich-
        <pb n="430" />
        422  Nedersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1903.

tiges  Ereignis:  durch  die  Entlassung  des  Finanzministers  v.  Witte.
Es  ist  in  den  letzten  Jahrgängen  ausgeführt  worden,  welche  Bedeutung
  dieser  Minister  für  die  russischen  Finanzen  gehabt  und  in
welchem  Gegensatz  er  zu  dem  Minister  des  Innern  v.  Plehwe
gestanden  hat.  Jetzt  hat  Plehwe  offenbar  mit  seiner  Betonung
der  hergebrachten  bureaukratisch-autokratischen  Regierungsform  den
Sieg  über  Witte  davongetragen,  und  die  Hoffnungen  auf  freiere
Institutionen,  die  sich  etwa  an  das  Reformmanifest  (S.  333)  angeknüpft
  hatten,  sind  hinfällig  geworden.  Welche  Folgen  Wittes
Sturz  für  die  Finanzpolitik  und  für  die  Landwirtschaft  haben  wird,
ist  noch  nicht  zu  sagen.  Eine  Beruhigung  hat  der  Sieg  Plehwes
so  wenig  wie  die  im  Reformmanifest  befohlenen  ländlichen  Steuerveränderungen
  herbeigeführt.  Bauernunruhen,  Krawalle  von  Studenten
  und  Fabrikarbeitern  haben  das  ganze  Jahr  hindurch  nicht
aufgehört.  Bisweilen,  wie  in  der  Judenschlächterei  von  Kischinew,
zeigte  der  Aufruhr  die  ganze  Roheit  der  fanatifierten  unwissenden
Masse,  und  ob  die  Regierung  unfähig  oder  nicht  willens  war,  den
Ausschreitungen  hier  rechtzeitig  entgegenzutreten,  ist  noch  ungewiß.
Aus  allen  diesen  Tumulten  geht  hervor,  daß  nicht  nur,  wie  vor
zwanzig  Jahren,  die  gebildeten  Kreise  mit  dem  herrschenden  System
unzufrieden  find,  sondern  auch  das  gemeine  Volk,  das  damals  die
beste  Stütze  des  Thrones  bildete.  Zur  Erregung  der  öffentlichen
Meinung  mag  auch  die  auswärtige  Politik  beitragen.  Die  Tradition
  drängt  ohne  Frage  auf  ein  energisches  Vorgehen  am  Balkan
hin,  und  die  Masse  hat  für  die  milde  Behandlung  des  Sultans
auf  Kosten  der  glaubensverwandten  Makedonier  so  wenig  Verständnis
  wie  für  die  kostspieligen  Verwicklungen  im  fernen  Osten.  —
Die  Politik  gegen  die  nichtrussischen  Teile  des  Reichs  ist  dieselbe
geblieben.  Finnland  ist  mit  einigen  neuen  Bedrückungen  heimgesucht
  worden,  und  die  Armenier  sind  durch  Einziehung  ihres
Kirchenvermögens  zu  Revolten  getrieben  worden.  Im  größten
Teile  des  Reichs  herrscht  somit  ein  Zustand  der  latenten  Revolution,
  was  durch  die  Verhängung  des  „verstärkten  Schutzes“  in
vielen  Distrikten  offiziell  anerkannt  worden  ist.  —  Die  aftatische
Politik  haben  wir  bereits  berührt;  hier  ist  noch  nachzutragen,  daß
im  Ferganagebiet  der  Baumwollenbau  wiederum  zugenommen  hat.
        <pb n="431" />
        NMebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1903.  423

Allerdings  fehlen  auch  aus  Transkaspien  Hiobsposten  nicht;  so  ist
von  Unruhen  der  Turkmenen  berichtet  worden,  und  der  Bahnbau
Orenburg-Taschkent  soll  durch  elementare  Ereignisse  gestört  sein,  doch
war  hierüber  noch  keine  Gewißheit  zu  gewinnen.

Von  den  Ereignissen  auf  der  Balkanhalbinsel  haben  wir  die
Hauptsache  bereits  kennen  gelernt.  Die  Türkei  hatte  außer  dem
Aufstande  in  Makedonien  mit  einem  hartnäckigen  Aufruhr  in
Arabien,  im  Hinterlande  von  Aden  zu  kämpfen,  ein  Vorgang,  der
bei  der  Nähe  des  englischen  Gebietes  einmal  große  Bedeutung  erlangen
  kann.  Rumänien  hat  sich  an  dem  makedonischen  Streit
aktiv  nicht  beteiligt,  aber  seine  makedonischen  Stammesgenosfsen
durch  Errichtung  von  Schulen  und  Kirchen  unterstützt.  Griechenland
  hat  einige  Ministerwechsel  erlebt,  und  Serbien  hat  mit
dem  Königsmord  ein  Schauspiel  vollkommener  orientalischer  Barbarei
  gegeben.  Die  Ursache  dieser  Tat  war  die  Torheit  des  Königs
Alexander,  der  das  Offizierkorps  seiner  Umgebung,  die  Grundlage
seines  faktischen,  wenn  auch  ungesetzlichen  Absolutismus,  nicht  mehr
regelmäßig  bezahlte,  unrichtig  behandelte  und  so  mit  ihm  in  Konflikt
  geriet.  Da  er  weder  eine  qualifizierte  Persönlichkeit  war,  noch
durch  politische  Erfolge  sich  einen  nationalen  Nimbus  hatte  verschaffen
  können,  so  ist  es  beim  Stande  der  serbischen  Kultur  nicht
verwunderlich,  daß  er  in  einer  Palastrevolution  seinen  Untergang
fand,  besondern  Abscheu  erregte  aber,  daß  die  Offiziere  politisch
bedeutungslose  Personen  wie  die  Königin  und  ihre  Brüder  ebenfalls
  erschlugen.  Natürlich  bemächtigten  sich  die  Verschwörer  sogleich
  der  Regierung,  so  daß  der  neue  König,  der  alte  Rivale  der
Dynastie  Obrenowitsch  und  der  einzige  Thronkandidat,  vorläufig
nur  ein  Werkzeug  in  ihren  Händen  ist.  Ob  die  übrige  Armee,
die  nicht  am  Komplott  beteiligt  war,  die  Parteiherrschaft  der
Mörder  ertragen  wird,  ist  noch  unsicher.  Einige  Bewegungen
gegen  das  Regiment  der  Königsmörder  haben  bereits  stattgefunden,
und  das  Drängen  der  Großmächte  auf  ihre  Entfernung  vom  königlichen
  Hofe  wird  sie  vermutlich  noch  schüren,  so  daß  neue  Unruhen
nicht  ausgeschlossen  find.

Die  Vereinigten  Staaten  haben  die  Politik  des  Imperialismus
  mit  Eifer  und  Erfolg  fortgesetzt.  In  Ostasien  haben  sie
        <pb n="432" />
        424  AHebersiht  der  volitischen  Entwickelung  des  Jahres  1903.

durch  den  Handelsvertrag  mit  China  eine  antirussische  Stellung
eingenommen,  was  aber  einstweilen  noch  ohne  praktische  Folgen
blieb.  In  Amerika  haben  sie  dagegen  große  Triumphe  feiern
können.  Wie  bekannt,  strebt  die  Regierung  von  Walhington  seit
mehreren  Jahren  danach,  das  Werk  von  Lesseps,  den  Isthmuskanal,
wieder  aufzunehmen  und  zu  vollenden.  Am  Beginn  des  Jahres
schien  das  Ziel  erreicht.  Die  Vertreter  Kolumbiens  und  der  Vereinigten
  Staaten  schlossen  in  Washington  einen  Vertrag  (22.  Jan.),
der  der  Union  den  Bau  des  Kanals  übertrug.  Für  eine  einmalige
  Entschädigung  von  10  Millionen  Dollar  und  eine  jährliche
Summe  von  250000  Dollar  pachtete  die  Union  einen  Landstreifen
von  6  Meilen  Breite  für  den  Kanalbau;  das  Gebiet  sollte  neutral
bleiben,  die  Vereinigten  Staaten  machten  sich  anheischig  die  Neutralität
  zu  schützen  und  erhielten  das  Versprechen,  daß  keine  andere
Macht  Häfen  im  Kanalgebiet  anlegen  dürfe.  In  14  Jahren  sollte
der  Kanal  fertig  sein,  und  der  Union  sollte  es  dann  zustehen,  die
Kanalgebühren  zu  bestimmen  und  für  sich  zu  erheben.  Gegen  diese
Bestimmungen  erhob  sich  in  Kolumbien  eine  lebendige  Agitation,
die  jene  faktische  Landzession  als  eine  Verminderung  der  kolumbischen
  Selbständigkeit  darstellte.  Dieser  Bewegung  nachgebend
verwarf  der  kolumbische  Senat  den  Vertrag  (12.  Aug.).  Vermutlich
  war  es  nicht  die  Absicht  des  Senats,  damit  das  letzte  Wort
zu  sprechen,  sondern  nur  bessere  Bedingungen  von  Nordamerika
herauszuschlagen,  aber  diese  Politik  wurde  durch  die  lockere  Organisation
  des  kolumbischen  Staates  durchkreuzt.  Der  Distrikt  Panama,
durch  den  der  Kanal  führen  sollte,  fürchtete,  daß  der  Kanalbau,
der  ihm  natürlich  große  lokale  Vorteile  bringen  mußte,  überhaupt
hintertrieben  werden  sollte  und  daß  die  Union  auf  das  alte  Nikaraguaprojekt
  zurückkommen  könne.  Panama,  das  früher  eine  eigene
Republik  gebildet  hatte,  erinnerte  sich  daher  seiner  ehemaligen
Selbständigkeit  und  sagte  sich  von  der  Regierung  in  Bogota  los
(3.  Nov.).  Wie  weit  nordamerikanische  Agenten  hierzu  beigetragen
haben,  steht  dahin;  den  Vorteil  von  der  Sezession  hat  jedenfalls  die
Union  gehabt.  Sie  beeilte  sich  die  neue  Republik  anzuerkennen
und  mit  ihr  über  einen  neuen  Kanalvertrag  zu  verhandeln.  Ja,
als  Kolumbia  Miene  machte,  die  abgefallene  Provinz  mit  Waffen-
        <pb n="433" />
        Mebersicht  der  politischen  Eutwinelung  des  Jahres  1903.  425

gewalt  zu  unterwerfen,  verhinderten  amerikanische  Kriegsschiffe  das
Vorhaben,  und  eine  Botschaft  an  den  Kongreß  verkündete,  daß  ein
solches  Kulturwerk  wie  der  Kanal  nicht  durch  den  Unverstand  der
zufälligen  Besitzer  des  Landes  unmöglich  gemacht  werden  dürfe
(S.  374):  eine  Theorie,  mit  der  sich  jede  Intervention  rechtfertigen
läßt.  Alles  das  spricht  für  die  Mitwirkung  Nordamerikas  beim
Aufstande  Panamas,  und  die  emphatische  Versichernng  vor  dem
Kongreß,  daß  dem  nicht  so  sei  (kurz  nach  Neujahr),  ist  nicht  dazu
angetan,  alle  Zweifel  zu  beseitigen.  —  Wie  dem  nun  auch  sei,
die  neue  Republik  Panama  hat  unverzüglich  den  gewünschten
Kanalvertrag  abgeschlossen,  der  den  Vereinigten  Staaten  noch
größere  Vorteile  gewährt  als  der  frühere  (S.  381).  Die  Bedeutung
der  künftigen  Wasserstraße  für  die  Union  liegt  auf  der  Hand:
militärisch  sichert  ihr  der  ausschließliche  Besitz  des  Kanals  in  Kriegszeiten
  die  Kooperation  der  Flotten  im  Stillen  und  Atlantischen
Meere,  kommerziell  begünstigt  er  die  Häfen  der  Union  vor  den
europäischen,  weil  er  bei  der  geographischen  Lage  die  Verbindung
zwischen  der  atlantischen  und  pazifischen  Küste  des  amerikanischen
Kontinents  in  viel  stärkerem  Verhältnis  verkürzt  als  die  Verbindung
  zwischen  den  europäischen  Häfen  mit  dem  Stillen  Ozean.
Wie  für  die  Weltstellung  so  wird  der  Kanal  auch  für  die
innere  Wirtschaftspolitik  von  Bedeutung  sein.  Die  westlichen  Getreidegebiete
  erhalten  eine  neue  Verbindung  mit  dem  industriellen
Osten  und  werden  dadurch  unabhängiger  von  den  großen  Eisenbahnlinien.
  —  Wie  im  Süden  hat  die  Union  auch  im  Norden
einen  Erfolg  davon  getragen.  Der  Grenzstreit  mit  Kanada  über
das  Alaskagebiet  ist  im  wesentlichen  zugunsten  Amerikas  entschieden
worden.  Die  Kommission,  die  das  Urteil  zu  sprechen  hatte,  bestand
  aus  je  drei  Engländern  und  Amerikanern;  in  der  entscheidenden
  Abstimmung  votierte  ein  Engländer  für  die  amerikanischen
Ansprüche,  so  daß  Kanada  in  der  Minderheit  blieb.  —  Der  Ausgang
  dieser  Angelegenheit  hat  in  Kanada  lebhaften  Unwillen
gegen  das  Mutterland  hervorgerufen.  Es  bleibt  abzuwarten,  ob
und  wie  diese  Stimmung  auf  Chamberlains  imperialistische  Pläne,
in  denen  Kanada  einen  wichtigen  Platz  einnimmt,  einwirken  wird.

Aus  Südamerika  ist  außer  den  üblichen  Revolutionen  in
        <pb n="434" />
        426  Nebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1903.

mehreren  Staaten  die  endgültige  Schlichtung  des  Streites  zwischen
Chile  und  Argentinien  zu  erwähnen.  —  In  Afrika  hat  sich  in
den  englischen  Kolonien  der  Gegensatz  zwischen  dem  englischen  und
holländischen  Element  in  Agitationen  und  parlamentarischen
Kämpfen  geltend  gemacht,  und  die  Frage,  wie  die  Arbeitskräfte
für  die  Bergwerke  zu  beschaffen  find,  ist  immer  noch  nicht  gelöst.
Für  seine  Zollpläne  hat  Chamberlain  bei  seiner  vorjährigen  Anwesenheit
  hier  lebhaft  Propaganda  gemacht  und  in  der  Tat
mancherlei  Entgegenkommen  gefunden.  —  Für  Asien  ist  noch
nachzutragen,  daß  in  einigen  Provinzen  Chinas  wiederum  Aufstände
  ausgebrochen  find,  die  vorderhand  allerdings  keinen  gefährlichen
  Umfang  angenommen  haben.  Aber  es  wird  vielfach  befürchtet,
  daß  an  dem  russisch-japanischen  Konflikt,  in  dem  China
eine  traurige  passive  Rolle  spielt,  sich  der  Fremdenhaß  aufs  neue
entzünden  und  daß  Japan  diesen  Fanatismus  seiner  Politik  dienstbar
  machen  könne.  Damit  würde  die  ostafiatische  Angelegenheit
ein  ganz  anderes  Gesicht  erhalten.
        <pb n="435" />
        Asphabetisches  Register.

(Die  Ziffern  bedeuten  die  Seitenzahlen.)

Afrika  384—389.
Uebers.  402,  410,  426.

Asien  389—393.
Uebers.  400,  426.

Britisch-Asien.  Expedition
nach  Tibet  392  —  Curzons  Besuch
  des  Persischen  Golfs  392.

China.  Verhandlungen  über
die  Entschädigung  an  die  Mächte
389  —  Aufstände  390  —  Finanzreform
  390  —  Explosion  in  Kanton
  390  —  Verhandlungen  mit
Rußland  390  —  Hochwasser  391
—  Handelsvertrag  mit  Japan  und
den  Vereinigten  Staaten  392  —
Verhandlungen  mit  Rußland  392
—  Heeresreform  393  —  Eisenbahnreglement
  393.

Japan.  Beziehungen  zu  Rußland,
  Besuch  Kuropatkins  391  —
Versuch,  lateinische  Buchstaben  einuführen
  391  —  Ito  wird  Prästoent
  des  Geheimen  Rats  391  —
modus  vivendi  mit  Rußland  391
—  Kriegsfrage  392  —  Parlamentsberufung,
  Auflösung  393  —
Notverordnungen  393.

Korea.  Russische  Unternehmungen
  392  —  Tumult  in  Tschemulpo
  393  —  Russen  und  Japaner
  in  Korea  392.

Niederländisch-Indien.
Unterwerfung  von  Häuptlingen
389  —  Erschwerung  der  Chineseneinfuhr
  392.

 

Persien.  Vertrag  mit  England
  389  —  Unterbrechung  der
Eisenbahnarbeiten  390.

Russisch--Asien.  Mandschurenbahn
  390  —  Truppenbewegungen
  in  der  Mandschurei  390

Forode  in  Port  Arthur,  Besetzung
  Mukdens  392  —  Zersprengungchinesischer
  Truppen  392
—  Eröffnung  des  Handelshafens
in  Port  Arthur  392  —  Unfall
der  Bahn  Orenburg-Taschkent  393.
Siam.  Vertrag  mit  Frankreich

38
Australien  und  Südsee
382—384.
Belgien  316—319.
Uebers.  420.
Dänemark  321—324.
Uebers.  421.
Deutsches  Neich  1—187.
Uebers.  403.
Answirrtiges.

Wechsel  in  der  Botschaft  in
Washington  2  —  Angebliche  Einwanderung
  französischer  Orden  2
—  Zollkriege  und  Meistbegünstigung
  8  —  künftige  Handelsverträge
  9,  12,  89  —  Venezuelafrage
  13,  44,  61,  65,  175  —
        <pb n="436" />
        428

Empfang  der  Burengenerale  23,
39  —  allgemeiner  Charakter  der
auswärtigen  Politik  25  —  Kölnische
  Zeitung  über  Verdächtigungen
  der  deutschen  Politik  27  —
Abkommen  mit  der  Schweiz  über
Musterschutz  30  —  Zuckerkonvention
  38  —  Angriffe  auf  den  Botschafter
  in  Washington  44,  66  —
Räumung  Schanghais  60—  Stärke
der  Besatzung  in  Ostasien  60  —
Eisenbahnvertrag  mit  Luxemburg
61  —  Bülow  über  den  Dreibund
61  —  orientalische  Frage  61  —
Magyaren  und  Deutsche,  Mitteilung
  über  Bismarcks  Politik  67—
Schutz  von  Deutschen  gegen  russische
  Polizei  73  —  Besuch  des
Kaisers  in  Dänemark  322,  Danktelegramm
  83  —  die  Presse  über
den  Zollkonflikt  mit  Kanada  84,
97  —  Kündigung  der  Handelsverträge
  89  —  Reise  Rheinbabens
nach  Amerika  93  —  Romreise  des
Kaisers  300,  309,  Preßäußerungen
über  die  Beziehungen  zum  Vatikan
  93  —  Besuch  eines  amerikanischen
  Geschwaders  in  Kiel,  Begrüßung
  durch  den  Kaiser  111  —
Depeschenwechsel  des  Kaisers  mit
Roosevelt  112  —  „Nordd.  Allg.
Ztg.“  über  deutsche  und  englische
Flottenrüstungen,  Protest  gegen
Balfour  115  —  internationale
Währungskonferenz  117—,Nordd.
Allg.  Ztg.“  über  den  Tod  des
Papstes  118  der  Kaiser  über  den  Tod
des  Papstes  119—  Empfang  amerikanischer
  Millionäre  121—Deutschland
  und  die  Papstwahl  121,
122,  Protest  gegen  das  österreichische
  Veto  122  —  Handelsvertragsverhandlungen
  mit  Rußland
121  —  internationale  Konferenz
über  Funkentelegraphie  123  —
internationale  Ausstellung  für
Photographie  131  —  deutsch-österreichisch-ungarischer
  Binnenschiffahrtskongreß
  132  —  Kaiserreise
nach  Wien  132  —  Sozialdemokratie
  und  Weltpolitik  136  —
Dampffähre  Warnemünde-Gjedser
140  —  Kündigung  des  Abkommens
  über  die  überseeischen  Ueber- 



Ilpheobelisches  Regiser.

fahrtspreise  141  —  Zusammenkunft
  des  Kaisers  mit  dem  Zaren
162  —  Abreise  des  Zaren  163  —
Thronrede  über  auswärtige  Fragen
  167  —  Crailsheim  über
Bayerns  auswärtige  Politik  170
—  Bebel  über  die  auswärtige
Politik  172  —  Bülow  über  die
ostasiatische  Politik  175,  über  die
Beziehungen  zu  Rußland  175,
über  die  Beziehungen  zu  Amerika
176,  Sozialdemokratie  und  auswärtige
  Politik  182  —  Handelsprovisorium
  mit  England  184  —
Besuch  des  Königs  von  Dänemark
  185.

Beaden.

Tod  Nokks  44  —  Feier  der
hundertjährigen  Zugehörigkeit
Heidelbergs  zu  Baden  123  —
Zusammenkunft  des  Staatssekretärs
  v.  Richthofen  mit  dem  Großherzog
  124  —  der  Großherzog
und  das  Jesuitengesetz  124  —
Delegiertentag  der  nationalliberalen
  Jugendvereine  128  —  Binnenschiffahrtskongreß
  132  —  Ergänzungswahlen
  163  —  Landtagseröffnung
  165  —  Reform
des  Wahlrechts  169  —  Erhöhung
der  Einkommensteuer  183.

Bauern.
Rückgang  des  Reformkatholizismus
  2  —  Bayern  und  der  Kaiser

13,  24  —  Delegiertentag  des
bayerischen  Zentrums  28,  34  —
Ministerwechsel  45  —  Delegiertentag
  der  bayer.  Nationalliberalen
58  —  Preßkämpfe  um  die  Jesuiten
und  das  Andenken  Tillys  73  —
Podewils'  Besuch  in  Berlin,  anebliche
  Verstimmung  zwischen
reußen  und  Bayern  95  —  Podewils
  über  das  Jesuitengesetz  99  —
Verordnung  über  die  Schulpflicht
102  —  Handwerks-  und  Gewerbekammertag
  132  —  Landtagseröffnung,
  Budget-Rede  Riedels  137
—  Aenderung  des  Wahlrechts  141,
143,  186  —  Debatte  in  der  Abgeordnetenkammer
  über  die  Verstaatlichung
  der  pfälzischen  Bahnen
  141  —  Städtetag  142  —
        <pb n="437" />
        Denisqes  Reiq.  429

Debatte  über  Verkürzung  der  Arbeitszeit
  in  staatlichen  Betrieben
149  —  Debatte  über  die  Entlassung
  Crailsheims,  Parlament
und  Krone,  Bayern  und  das  Reich,
konfessionelle  Fragen  155  —  Errichtung
  eines  Verkehrsministeriums
  161,  185  —  Soldatenmißhandlungen,
  Veteranenunterstützung
  162,  165  —  Verlängerung
  der  Landtagssession  163  —
Aenderung  der  Geschäftsordnung
der  Kammer  der  Abgeordneten
164  —  Beamtenwarenhäuser  165
—  Crailsheim  über  seine  Ministerschaft,
  Bayern  und  Preußen  170
—  Podewils  über  Bayern  und
Preußen  184  —  Not  der  Landwirtschaft
  186  —  unsittliche  Literatur
  186.

Premen.

Arbeiterpolitik  des  Norddeutschen
  Loyd  75  —  Kongreß  gegen
den  Alkoholismus  83  —  Kündigung
  des  Abkommens  über  die
ozeanischen  Ueberfahrtspreise  141.

Be#alsesthülnugen  und  andere  Feiern.

Einweihung  eines  Portals  an
der  Metzer  Kathedrale  94  —  deutsche
  Städteausstellung  95  —  Enthüllung
  eines  Obelisken  zum  Andenken
  an  Friedrich  d.  Gr.  95  —
Wettsingen  der  Männergesangvereine
  99  —  Cuxhavener  Regatta
110  —  Enthüllung  eines  Kaiser-Denkmals
  in  Hamburg  108  —
Feier  der  hundertjährigen  Zugehörigkeit
  Heidelbergs  zu  Baden
123  —  Feier  der  hundertjährigen
Zugehörigkeit  Wismars  zu  Mecklenburg
  124  —  Städtetag  129  —
Enthüllung  eines  Kaiser-Denkmals
in  Danzig  136  —  Enthüllung
eines  Bismarck-Denkmals  in  Posen
142  —  Konfirmation  preußischer
Prinzen  149  —  Enthüllung  von
Denkmälern  des  Kaisers  und  der
Kaiserin  Friedrich  151  —  Enthüllung
  von  Denkmälern  des  Gr.
Kurfürsten  und  Friedrichs  d.  Gr.
157  —  Enthüllung  eines  Ketteler-Denkmals
  158  —  Regimentsjubiläen
  185.

 

 

Elsaß  ·  Ieithringen.

Angebliche  Einwanderung  französischer
  Orden  2  —  Bildung
einer  katholischen  Landespartei
35  —  Anträge  auf  Revision  der
Verfassung  und  der  Stellung  der
Reichslande  im  Bundesrate  58,
77,  89  —  katholische  Fakultät  in
Straßburg  56,  93,  132  —  Aufenthalt
  des  Kaiserpaars,  Einweihung
des  Christusportals  in  Metz  94  —
Errichtung  eines  Arbeitsnachweises
122  —  der  Kaiser  über  die  Metzer
Wasserverhältnisse  128  —  Bildung
einer  liberalen  Landespartei  143
—  Militärprozeß  Bilse  163.

Evanzelische  Kirche.

Babel  und  Bibel,  Glaubensbekenntnis
  des  Kaisers  30  —  Konfessionalität
  der  Schüler  56  —
moderne  Theologie  und  Lehrfreiheit
  81  —  kirchlich-soziale  Konferenz
  83  —  evangelisch-sozialer
Kongreß  99  —  evangelische  Kirchenkonferenz
  über  den  Zusammenschluß
  der  Handeskirchen  104  —
Preußischer  Oberkirchenrat  gegen
Aufhebung  des  Jesuitengesetzes  53,
124  —  Abgeordnetentag  des  Verbandes
  deutscher  evangelischer
Pfarrer  124  —  Präsident  des
Oberkirchenrats  Barkhausen  128
—  Rede  des  Kaisers  auf  Luther
130  —  Generalversammlung  des
evangelischen  Bundes  137—  Preußhische
  Generalsynode:  Reliktenfonds,
  theologische  Professuren,
Proselyten,  Prostitution,  Feuerbestattung,
  Jesuitengesetz,  Toleranzantrag
  143  bis  149  —  Rede  des
Kaisers  bei  der  Konfirmation  seiner
Söhne  149  —  Voigts  wird  Präsident
  des  Preußischen  Oberkirchenrats
  165  —  Epvangelischer  Bund,
Konservative  und  Zentrum  186.

Finanzen.

Ausführung  des  preußischen
Dotationsgesetzes  1  —  Lage  der
Reichsfinanzen  2,  13,  77,  157  —
Zulagen  für  preußische  Beamten
im  Osten  3,  10,  72  —  Tabakbesteuerung
  4  —  Preußischer  Etat
4,  75  —  Württembergische  Finan-
        <pb n="438" />
        430

zen  9  —  Reichsetat  13,  75  —
Diäten  für  Reichstagsabgeordnete
35  —  Eisenbahntarif  in  Sachsen
40,  84  —  Veteranenunterstützung
und  Invalidenfonds  41,  162  —
Ausgleichsfonds  für  die  Eisenbahnverwaltung
  in  Preußen  45,  77  —
Preußische  Eisenbahnfinanzen  47,
80  —  Ueberschreitungen  beim
Militäretat  58,  75  —  Konversion.
der  württembergischen  Staatsanleihe
  58,  94  —  Beihilfe  zu  Arbeiterwohnungen
  in  Preußen  77
—  Zeichnung  einer  Reichsanleihe
83  —  Erwerb  von  Eisenbahnen
in  Preußen  89  —  Tilgung  der
Staatsschulden  in  Württemberg
94  —  Erlaß  über  die  Gewerbesteuerveranlagung
  in  Preußen  114
—  Steuerreform  in  Württemberg
117  —  internationale  Währungskonferenz
  117  —  Adbbhilfe  für
die  schlesische  Hochwassernot  120
—  Wechsel  im  Reichsschatzamt
und  Reichsfinanzreform  125  —
sozialdemokratische  Parteigelder
132  —  Bayerisches  Budget  und
Finanzlage  137  —  Staats=  und
Kommunalsteuern  in  Bayern  142
—  Kommunalabgaben  auf  Lebensmittel
  129  —  Beratung  der  Finanzminister
  über  die  Reichsfinanzen
  157  —  Sächsische  Finanzen
164  —  Binnenschiffahrtsabgaben
165  —  Entwurf  zur  Aenderung
des  Reichsfinanzwesens  168,  169,
155  —  Badische  Steuererhöhung

Hamburs.

Enthüllung  eines  Kaiser-Denkmals,
  Toast  des  Kaisers  auf  Hamburg
  108  —  Elbregatta  110  —
Verein  für  Sozialpolitik  136  —
Parteitag  der  deutsch-sozialen  Reformpartei
  141  —  Kündigung
des  Abkommens  über  die  ozeanischen
  Ueberfahrtspreise  141.

handels=  und  Wirtscheftspelitik.
Konservative  Partei  und  Zolltarif
  4  —  Meistbegünstigung  und
Zollkriege  8  —  Zoll  auf  Malz=  und
Futtergerste  9  —  künftige  Handelsverträge
  9,  10,  28,  89,  184  —

 

Aobetisches  Pezister.

Abkommen  mit  der  Schweiz  über
Musterschutz  30  —  Landwirtschaftsrat
  und  Zolltarif  37  —
Zuckerkonvention  38  —  Beratung
industrieller  Organisationen  51  —
Handelspolitik  des  Bundes  der
Landwirte  58  —  Zollkonflikt  zwischen
  Deutschland  und  Kanada  84,
97  —  Aufgaben  der  Handelsflotte
110  —  Handelsvertragsverhandlungen
  mit  Rußland  121  —
Wechsel  im  Präsidium  der  preu-Hischen
  Ansiedlungskommission  127
—  Bildung  einer  wirtschaftlichen
Vereinigung  im  Reichstage  183  —
Handelsprovisorium  mit  England

 

Verkehrsfragen.  Säschsische
Tarifreform  40,  84  —  Eisenbahnfragen
  in  Preußen  45,  47,  77,
80  —  Flußregulierung  und  Kanalbau
  in  Preußen  10,  52  —  Eisenbahnvertrag
  mit  Luxemburg  61—
Bewilligung  für  eine  ostafrikanische
  Eisenbahn  74  —  Beratungen
über  Neuerungen  im  Eisenbahnwesen
  84  —  Erwerb  von  Eisenbahnen
  in  Preußen  89  —  Süddeutsches
  Eisenbahnwesen  110  —
internationale  Konferenz  für  Funkentelegraphie
  123  —  Binnenschiffahrtskongreß
  122  —  Dampffähre
  Warnemünde-Gjedser  140
—  Kündigung  des  Abkommens
über  die  ozeanischen  Ueberfahrtspreise
  141  —  Verstaatlichung  der
pfälzischen  Bahnen  141  —  Verkehrsministerium
  in  Bayern  161,
155  —  Binnenschiffahrtsabgaben

Heer  und  Flotte.

Verleihung  des  „pour  le  mérite"
  an  den  „Iltis“  28  —
Veteranenunterstützung  41,  162  —
militärtechnische  Hochschule  51,  61
—  Geschützfrage  51,  61  —  Verwendung
  von  Kavalleriemassen  56
—  Lohnverhältnisse  in  den  Militärwerkstätten
  57  —  Ueberschreitungen
  im  Militäretat  58,  75  —
Stärke  der  Garnisonen  in  China
60  —  Tötung  eines  Soldaten
durch  einen  Vorgesetzten  83,  86
        <pb n="439" />
        Heuisches  Reitz.  431

—  Stapellauf  des  „Elsaß“  95  —
Feier  in  Döberitz  zum  Andenken
an  Friedrich  den  Großen  95  —
Artillerieregiment  „Frankfurt“
99  —  Besuch  eines  amerikanischen
Geschwaders  in  Kiel  111  —  deutsche
  und  englische  Flottenrüstungen,
  Behauptung  Balfours  115  —
Wechsel  im  preußischen  Kriegsministerium
  123  —  Kaisermanöver
126  bis  132  —  Trinksprüche  des
Kaisers  auf  das  11.  Korps  126,
auf  die  sächsischen  129,  131  —
Wasserverhältnisse  der  Festung
Metz  128  —  Parade  des  19.  Korps
131  —  Stapellauf  des  Linienschiffs
  „Hessen“  136  —  Aufdeckung
von  Mißständen  in  der  Armee  131
—  Soldatenmißhandlungen  137,
165,  184  —  Stapellauf  des  Linienschiffs
  „Preußen“  161  —  Prozeß
Bilse  163,  169,  183  —  Rückkehr
der  Südpolarexpedition  165  —
Oberstleutnantszulagen  169  —
Bebel  und  Bülow  über  militärische
  Fragen  172,  173,  174,  182
—  Rekrutierung  des  Offizierkorps
184  —  Regimentsjubiläen  185.

Hessen.

Wahlreform  34  —  parteipolitische
  Professuren  für  Nationalökonomie
  51  —  Ausstellung  für
Photographie  und  graphische  Künste
131  —  Stapellauf  des  Linienschiffs
  „Hessen“  136  —  Abreise
des  Zaren  163.

L—

Willkürliche  polizeiliche  Verhaftungen
  37,  56  —  Ehetrennung  des
sächsischen  Kronprinzenpaares  43
—  Gerichtsferien  in  Preußen  43  —
Prozeß  um  Jesuitenmoral  78  —
Verurteilung  Hüsseners  wegen
Tötung  eines  Untergebenen  83
—  Prozeß  wegen  Wahlkrawalles
109  —  Majestätsbeleidigungsprozeß
  wegen  eines  angeblichen
Kahzenschlosfes  124  —  Zwangsverfahren
  gegen  einen  Vorwärtsredakteur
  131  —  Prozesse  wegen
Soldatenmißhandlungen  137  —
Wechsel  im  Präsidium  des  Reichsgerichts
  157  —  Arbeiter  und  Ar- 



1
i

 

beitgeber  vor  Gericht  159  —  Militärprozeß
  Bilse  163,  169,  183.

Katbelische  Fircze.

Oeffentliche  Religionsübung  in
Mecklenburg  1  —  angebliche  Enwanderung
  französt  er  Kongreationen
  2  —  Rückgang  des  Reformkatholiziemus
  2  —  Jesuitengesetz
  25,  53,  99,  124,  137  —
Schulerlaß  des  Bischofs  von  Trier
4,  54,  57  —  Straßburger  kathol.
Fakultät  56,  93,  132  —  Konfessionalität
  der  Schüler  56  —  Vereidigung
  des  Erzbischofs  von  Köln
57  —  Streit  um  Jesuitenmoral
78  —  Romreise  des  Kaisers,  Papst
und  Kaiser  93  —  Klerus  und
Wahlagitation  102  —  Stimmen
zum  Tod  und  zur  Wahl  des
Papstes  118,  119,  121,  122  —
Katholikentag  125  —  Aufruf  des
oberschlesischen  Klerus  zu  den  Landtagswahlen
  157  —  Polnische  Kleriker
  und  Posener  Hochschule  164
—  Bayern  und  der  Papst  170.

Koburs-Geihs.
Landtag  fordert  Beschränkung
der  Reichsausgaben  76  —  Verbandstag
  evangelischer  Pfarrer

Kolenialpslitik  (ugl.  Afrika,  Ueberf.).
Beratung  über  die  ostasiatische
Politik  60  —  Haussklaverei  in
den  Kolonien  74  —  Ansiedlung
von  Buren  in  Südwestafrika  74  —
Schreibweise  der  geographischen
Namen  in  den  Schutzgebieten  128
—  Ostafrikanische  Eisenbahn  74  —
Sozialdemokratie  und  Kolonialpolitik
  136  —  Einführung  von
Gouvernementsräten  in  allen  Kolonien
  410  —  Tagung  des  Kolonialrats
  165  —  Thronrede  über
Koloniales  167.

unkt,  Wissenschaft,  Anterritzt.

Schulverhältnisse  in  Trakehnen
30  —  Babel  und  Bibel  33  —
Theaterzensur  40  —  Württembergisches
  Volksschulgesetz  42  —
Schulerlaß  des  Bischofs  von  Trier
44,  54,  57,  —  militärtechnische
Hochschule  51,  61  —  parteipoli-
        <pb n="440" />
        432

tische  Professuren  der  Nationalökonomie
  51  —  Straßburger  katholische
  Fakultät  56,  93,  132  —
Kreußischer  Kultusetat  56  —

ampf  um  das  Andenken  Tillys
74  —  Jesuitenmoral  78  —  Besprechung
  sozialer  und  wirtschaftlicher
  Fragen  in  der  Volksschule
78  —  moderne  Theologie  und
Lehrfreiheit  81  —  Organisierung
der  Gymnasiallehrer  83  —  Julius
Lohmeyer  f  95  —  Wettstreit  der
Gesangvereine  99  —  Aufgabe  des
Männergesanges  100  —  Verordnung
  über  Schulpflicht  in  Bayern
102  —  hundertjährige  Zugehörigkeit
  der  Universität  Heidelberg  zu
Baden  123  —  Katholikentag  über
Schule  und  Kunst  125  —  Schreibweise
  der  geographischen  Namen
in  den  Schutzgebieten  128  —  Ausstellung
  für  Photographie  und
graphische  Künste  131  —  obligatorische
  Fortbildungsschulen  132  —
Sozialdemokratie  und  Akademiker
133,  140,  179  —  Verein  für
Sozialpolitik  136  —  Besetzung
evangelischer  theologischer  Professuren
  143  —  Tod  Mommsens
161  —  Eröffnung  der  Posener
Akademie,  Haltung  polnischer  Kleriker
  161,  164  —  Stimmlippenoperation
  des  Kaisers  163  —
Rückkehr  der  Südpolarexpedition
165  —  Debatte  über  unsittliche
Literatur  186  —  Tod  Ruges
186  —  Tod  Schäffles  186.

Mehleunburg.

Oeffentliche  Religionsübungen
für  Katholiken  1  —  Feier  der
hundertjährigen  Zugehörigkeit
Wismars  124  —  Dampffähre
Warnemünde-Gjedser  146  —  Verlobung
  des  Großherzogs  Friedrich
Franz  186.

Darteibemeguug.

Rückgang  des  Reformkatholizismus
  2  —  Berurteilung  der  persönlichen
  Kundgebungen  des  Kaisers
  13,  34  —  Bourgeeisie  und
Sozialpolitik  13  —  Konflikt  Ballestrems
  mit  Vollmar  26,  27,  29
—  Angriffe  auf  die  bayerische  Re- 



 

Ilphabelisches  Rezister.

ierung  28,  34  —  Ostmarkenfrogen
  10,  30,  36,  37,  51,  71  —
Jesuitenfrage  35,  53,  74,  78,
124  —  Angriffe  auf  den  Botschafter
  in  Washington  44  —
Trierer  Schulfrage  44,  54,  57  —.
Koalitionsfreiheit  und  Beamtendisziplin
  47  —  Gründung  eines
Bundes  der  Kaufleute  51  —  Kartellfrage
  51  —  parteipolitische
Professuren  51  —  Wahlkartell  in
Sachsen  53  —  die  Parteien  und
die  ostafrikanische  Eisenbahn  74  —
Feuerbestattung  78  —  zum  Fall
Hüssener  83,  86  —  Beurteilung
des  deutsch-kanadischen  Zollstreits
84,  97  —  Korpsstudenten  und
Adel  in  der  Verwaltung  85,  90
—  Beurteilung  der  Beziehungen
zwischen  Kaiser  und  Papst  93  —
Reichstagswahlen  102,  103,  105,
107,  Bilanz  der  Parteien  113  —
zum  sozialdemokratischen  Reichstagsvizepräsidenten
  120  —  Kritik
des  Empfangs  Morgans  und
Vanderbilts  121  —  angebliche
Verschwörung  gegen  das  Reichstagswahlrecht
  122  —  Stcchsische
Wahlrechtsreform  116,  129,  158
—  Soldatenmißhandlungen  131,
137  —  Bayerische  Wahlrechtsreform
  141,  143,  186  —  konfessionelle
  und  politische  Streitfragen
in  der  bayerischen  Kammer  155
—  Wahlen  in  Sachsen  157  —
Beurteilung  des  nichtsozialdemokratischen
  Arbeitertags  160  —  Beurteilung
  der  Posener  Hochschule
162  —  Gegensätze  im  sächs.  Landtag
  164  —  Preußische  Landtagswahlen
  165  —  Badische  Wahlreform
  169  —  Rededuell  Bebel-Bülow
  172,  185  —  Bekämpfung
der  Sozialdemokratie  184,  185  —
Zentrum  und  Liberale  in  der
bagerischen  Kammer  186.
ntisemiten.  Parteitag  der
deutsch-sozialen  Reformpartei  141
—  Parteitag  der  deutschen  Reformpartei
  155.
Arbeiterbewegung.  Frage
der  Wurmkrankheit  55,  83,  123
—  besonderer  Verband  der  Kohlenladungsarbeiter
  des  Norddeutschen
        <pb n="441" />
        Beutsches  Reich.  433

Lloyd  75  —  Gewerkschaftstage  83
—  „Reichs-Arbeitsblatt"  84  —
Streik  in  Krimmitschau  125,  185
—  Kaiser  und  Werkstättenarbeiter
136  —  nichtsozialdemokratischer
Arbeitertag  159  —  Audienz  von
Arbeitern  bei  Bülow  184.

Bauernverein.  Opposition
gegen  das  Zentrum  78.

Bund  der  Landwirte.  Generalversammlung
  41  —  handelspolitische
  Grundsätze  58.

Christlich--Soziale.  Parteitag
  137.  '

Deutsche  Volkspartei.
Parteitag  164.

Elsaß-Lothringer.  Bildung
einer  katholischen  Landespartei  35
*r*  einer  liberalen  Landespartei
143.

Freie  wirtschaftliche  Vereinigung.
  Bildung  183.

Freisinnige  Parteien.  Stellung
  zur  Sozialdemokratie  bei  den
preußischen  Landtagswahlen  123,
142  —  Fusion  mit  Nationalsozialen
  127  —  zu  der  Trakehner
Schulfrage  30.

Konservative  und  Freikonservative.
  Stellung  zum
Zolltarif  4  —  zum  Glaubensbekenntnis
  des  Kaisers  33  —  konservativer
  Delegiertentag,  Wahlparolen
  76  —  zur  Sicherung  des
Wahlgeheimnisses  84  —  Stichwahlparole
  107  —  zur  sächsischen
Wahlreform  116  —  zur  Trakehner
Schulfrage  30  —  Opposition  gegen
Bülow  140  —  Konservative  und
Zentrum  186.

Nationalliberale.  Bayerischer
  Delegiertentag  58  —  zur
sächsischen  Wahlreform  116  —
Jugendvereine  128  —  zur  Trakehner
  Schulfrage  30  —  preußischer
Delegiertentag  137  —  württembergischer
  Parteitag  158.

Nationalsoziale.  Anschluß
an  die  freisinnige  Vereinigung  127
—  Aufhören  der  „Zeit“  140.

Polen.  Zur  Ostmarkenpolitik
12  —  Jazdzewski  über  die  radikale
  Polenpresse  13  —  Stellung
zum  Zentrum  54,  78,  109,  139

 

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIV.

 

—  polhnische  Kleriker  und  Posener
Hochschule  164.

Sozialdemokratie  zur  Volksschulvorlage
  in  Württemberg  43  —
Sozialdemokratie  und  Armut  59
—  Mitteilung  über  den  Termin
der  Reichstagswahlen  77—  deutsche
und  polnische  Sozialdemokraten  83
—  zu  den  preußischen  Landtagswahlen
  88,  136,  152,  164  —  Erfolge
  bei  den  Reichstagswahlen
107,  113,  114  —  Streit  um  das
Vizepräsidium  und  die  Taktik  119,
129  —  Mitteilung  über  den  angeblichen
  Plan  eines  Kaiserschlosses
124  —  Parteitag  132  —  „Vorwärts“
  und  militärische  Mißstände
131  —  Verkürzung  der  Arbeitszeit
  in  bayerischen  Betrieben  149
—  Allgemeine  Debatte  über  die
Sozialdemokratie  172.

Zentrum.  Bayerischer  Delegiertentag
  28,  34  —  zur  Volksschulvorlage
  in  Württemberg  43
—  zum  bayerischen  Ministerwechsel
45  —  Zentrum  und  Polen  54,
78,  109,  139  —  Kampf  um  das
Andenken  Tillys  74  —  zum  Veto
in  der  Papstwahl  123  —  deutscher
Katholikentag  125  —  Aufruf  des
oberschlesischen  Klerus  zu  den  Landtagswahlen
  157.

Perseonalies.

Kaiser  Wilhelm  II.  Perfönliche
  Kundgebungen  13  —  über
Bourgeoisie  und  soziale  Pflichten
13  —  Verleihung  des  Ordens
pour  le  msrite  an  den  „Iltis"
28  —  über  Babel  und  Bibel,
Glaubensbekenntnis  30  —  Vereidigung
  des  Erzbischofs  von  Köln,
Rede  57  —  Besuch  des  Königs
von  Sachsen  59  —  Besuch  in
Dänemark  322  —  Danktelegramm
an  den  König  von  Dänemark  83
—  Reise  nach  Rom  300,  309,  93—
Einweihung  der  Metzer  Kathedrale,
Rede  94  —  Stapellauf  der  „Elsaß"
  95  —  Enthüllung  eines  Obelisken
  zum  Andenken  an  Friedrich
den  Großen,  Reden  95  —  Teilnahme
  am  Gesangsfest  in  Frankfurt,
  Reden  über  die  Stadt  Frank-28
        <pb n="442" />
        434

furt  und  die  Aufgabe  des  Männergesangs
  99  bis  102  —  Enthüllung
eines  Kaiserdenkmals  in  Hamburg,
Rede  über  die  Aufgaben  der  Zukunft
  108  —  Teilnahme  an  der
Kuxhavener  Regatta,  Rede  110  —
Begrüßung  des  amerikanischen  Geschwaders,
  Depeschenwechsel  mit
Roosevelt  111,  112  —  Beileidstelegramm
  beim  Tode  des  Papstes
119  —  angebliche  Stellung  zum
Jesuitengesetz  124  —  Kaisermanöver
  126  bis  132  —  Trinkspruch
auf  das  11.  Korps  und  Hessen-Nassau
  126  —  Telegramm  über
die  Metzer  Wasserverhältnisse  128
—  Kronrat  über  die  schlesischen
Ueberschwemmungen  123  —  Besuch
  in  Dresden,  Toast  auf  König
Georg  129  —  Rede  auf  Luther
und  die  Provinz  Sachsen  130  —
Rede  auf  das  19.  Korps  131  —
Besuch  in  Halle  131  —  Dankschreiben
  an  König  Georg  132  —
Reise  nach  Ungarn  und  Wien  132,
213  —  Einweihung  eines  Kaiser-Denkmals
  in  Hamburg,  Rede  an
Arbeiter  136  —  Rede  bei  der
Konfirmation  seiner  Söhne  149
—  Rede  zum  Andenken  an  seine
Eltern  151  —  Rede  bei  der  Enthüllung
  eines  Denkmals  des  Großen
  Kurfürsten  und  Friedrichs  des
Großen  159  —  Telegramm  an
den  Arbeitertag  159  —  Telegramm
zu  Mommsens  Tod  161  —  Zusammenkunft
  mit  dem  Zaren  162
—  Stimmlippenoperation  163  —
Empfang  des  Königs  von  Dänemark
  185  —  Jagd  in  der  Göhrde
185  —  Rede  bei  Regimentsjubiläen
  185.

Kaiserin  Augusta  Viktoria.
Besuchdes  schlesischen  Ueberschwemmungsgebiets
  123  —  Taufe  des
Linienschiffs  „Preußen“  161.

Kronprinz  Wilhelm.  Orientreise
  53  —  Angebliche  Heiratspläne
  84  —  Besuch  des  Städtetags
  129.

Prinz  Eitel  Friedrich  von
Preußen.  Orientreise  53.

König  Georg  von  Sachsen.
Erlaß  über  die  Ehescheidung  des

 

 

Ilyhabetisches  Rezister.

Kronprinzen  59  —  Eröffnung  des
Städtetags  95  —  Eröffnung  des
Landtags,  Thronrede  164.

Kronprinz  von  Sachsen.  Ehetrennung
  43.

Großherzog  Friedrich  Franz
von  Mecklenburg-Schwerin.  Verlobung
  186.

Nikolaus,  Herzog  von  Württemberg.
  Tod  47.

Prinzessin  Luise  von  Toskana.
Ehetrennung  43  —  Entbindung

Oberbürgermeister  Adickes.  Begrüßung
  des  Kaisers  99

Abg.  Arendt.  Ansiedlung  von
Buren  74.

Abg.  v.  Arnim.  Interpellation
über  Stromkorrekturen  52.

Bayer.  Kriegsmin.  Frhr.  v.  Asch
über  Soldatenmißhandlungen  162,
105  —  Veteranenunterstützung

Reichstagspräsident  Graf  Ballestrem
  zum  Fall  Krupp  16,  26
—  legt  das  Präsidium  nieder  27
—  Wiederwahl  29,  168  —  Berufung
  ins  Herrenhaus  28  —  Konflikt
  mit  den  Polen  103.

Präs.  des  Preuß.  Oberkirchenrats
  Barkhausen.  Tod  128.

Abg.  Barth.  Neueinteilung
der  Wahlkreise  35,  40  —  Theaterzensur
  40  —  Trierer  Schulerlaß
55  —  Antrag  auf  Feuerbestattung
  78.

Abg.  Bassermann.  Diäten
und  Wahlkreiseinteilung  36  —
sozialdemokratisches  Vizepräsidium

1

Abg.  Baumann.  Veteranenunterstützung
  162.

Abg.  Bebel  über  keiserliche
Reden  gegen  die  Sozialdemokratie
26  —  Kavallerieattacken  im  Manöver
  56  —  Waffentragen  außer
Dienst  88  —  sozialdemokratisches
Vizepräsidium  und  Parteitaktik
119,  134  —  Mitarbeit  an  bürgerlichen
  Blättern  133  —  allgemeine
Kritik  der  Reichspolitik  172.

Redakteur  Bernhard.  Mitarbeit
  von  Sozialdemokraten  an

bürgerlichen  Blättern  133.
        <pb n="443" />
        Veutsches  Seic.  435

Abg.  Bernstein  über  Meistbegünstigung
  und  Zollkrieg  8  —
Schutz  von  Deutschen  in  Rußland
73  —  sozialdemokratisches  Vizemie
  Streit  mit  Bebel  119,
135.

Abg.  Beumer.  Interpellation
über  die  Kanalfrage  52.

Leutnant  Bilse.  Verurteilung
163

Abg.  Fürst  Bismarck  gegen
Diäten  36.

Oberpräs.  v.  Bitter.  Angriffe
in  der  Presse  30,  im  Abgeordnetenhause
  37  —  Rücktritt  51.

Landrat  Blomeyer  wird  Präsident
  der  Ansiedlungskommission

Abg.  Braun.  Mitarbeit  von
Sozialdemokraten  an  bürgerlichen
Blättern  133.

Preuß.  Min  der  öffentl.  Arbeiten
Budde  zum  Ausgleichsfonds  der
Eisenbahnverwaltung  46  —  Verkehrsgrundsätze,
  Beamtendisziplin,
Koalitionsfreiheit  47,  48  —  Pflichten
  der  Eisenbahnarbeiter  49  —
über  Stromkorrekturen  und  Kanalpläne
  52  —  Besserung  der  Eisenbahnfinanzen
  80.

Reichskanzler  Graf  Bülow.
Eröffnung  des  preußischen  Landtags
  2  —  Aufwendungen  für  die
Ostmark  10  —  Posener  Residenzschloß
  12  —  keaiserliche  Kundgebungen
  und  Selbständigkeit  der
Einzelstaaten  14  bis  23  —  über
auswärtige  Politik  23  bis  25  —
Diätenfrage  35  —  Jesuitengesetz
36  —  Burenfrage  25,  39  —  über
die  Trierer  Schulfrage  54  —
Venezuela,  Dreibund,  Makedonien
61  bis  64  —  Venezuelafrage  65
—  Verheiratung  von  Diplomaten
mit  Ausländerinnen  66  —  Mißhandlung
  der  Deutschen  in  Ungarn
67  —  angebliche  Differenzen  mit
dem  Kaiser  übers  Jesuitengesetz
124  —  konservative  Opposition
140  —  Eröffnung  des  Reichstags
165  —  Auseinandersetzung  mit
Bebel  über  allgemeine  politische
Fragen  172  bis  183  —  gegen

 

Repressivmaßregeln  184  —  Empfang
  einer  Arbeiterabordnung  184.

Bayer.  Ministerpräsident  Graf
Crailsheim.  Rücktritt  45  —
über  seine  Politik  und  Bayerns
politische  Stellung  170.

Abg.  Dasbach  über  Wahlgeheimnis
  und  Diäten  23  —  über
Jesfuitenmoral,  Streit  mit  Hoensbroech
  78.

Staatsmin.  Rudolf  v.  Delbrück
  J  30.

Prof.  Delitzsch  über  Babel  und
Bibel  33.

Abg.  Dittrich.  Trierer  Schulerlaß
  55  —  Ostmarkenzulage  73.

Prof.  Graf  Du  MoulinEckart.
Streit  um  das  Andenken  Tillys  74.

Generalsuperintendent  Dryander.
  Moderne  Theologie  und
Lehrfreiheit  82.

Frhr.  v.  Durant.  Moderne
Theologie  und  Lehrfreiheit  81.

General  v.  Einem.  Löhne  der
Militärarbeiter  57  —  Ernennung
zum  preußischen  Kriegsminister
13  —  Soldatenmißhandlungen

Major  Endell.  Konflikt  mit
Willich  30,  37.

Abg.  v.  Erffa  gegen  Herabsetzung
  der  Personentarife  48.

Abg.  Ernst.  Selbstmord  Willichs
  und  Regierung  37.

Bayer.  Min.  des  Innern  Frhr.
v.  Feilitzschgegen  Beamtenwarenhäuser
  165.

Erzbischof  Ferrari  von  Mailand.
  Teilnahme  am  Deutschen
Katholikentag  125.

Erzbischof  Fischer  von  Köln.
Vereidigung  durch  den  Kaiser,
Rede  57  —  Glaubensspaltung  und
Duldung  125.

Bayer.  Rat  v.  Frauendorfer.
Ernennung  zum  Verkehrsminister

Abg.  Friedberg.  Verwaltungsbeamte,
  Adel  und  Korpsstudenten
  85.

Abg.  Fritzen  zum  preußischen
Etat,  Polenfrage  10.

Abg.  Gamp.  Vereinfachung
der  Gütertarife  49.

28“
        <pb n="444" />
        436

Abg.  Gerisch  über  die  sozialdemo
  ratische  Presse  1

Schriftsteller  Dr.  Osssebrecht.
Agitation  gegen  das  Reichstagswahlrecht
  122.

Abg.  v.  Glebocki.  Wachsen  des
Polentums,  Ostmarkenzulage  73.

Abg.  Göhre.  Mitarbeit  an  der
„Zukunft“,  gegen  Bebel  134  —
Mandatsniederlegung  140.

Propst  v.  d.  Goltz.  Besetzung
evangelischer  theologischer  Professuren
  147.

Preuß.  Kriegsmin.  v.  Goßler
über  Rohrrücklaufgeschütze  51  —
Verwendung  von  Kavallerie  im
Manöver  56  —  Rücktritt  123.

Dr.  Gutbrod  wird  Präsident
des  Reichsgerichts  157.

Abg.  Hacken  berg.  Interpellation
  über  den  Trierer  Schulerlaß
  54.

Abg.  n  gegen  die  Wirt-—
  der  Regierung  28.

Geh.  Rat  Halley  über  die
Straßburger  katholische  Fakultät

Abg.  Hammerschmidt.  Interpellation
  über  die  pfälzischen  Eisenbahnen
  141  —  Soldatenmißhandlungen
  162.

Preuß.  Min.  des  Innern  Frhr.
v.  Hammerstein.  Erziehung  der
Polizei  37  —  Selbstmord  Willichs
37  —  Theaterzensur  40  —  Verwaltungsbeamte,
  Adel,  Korpsstudenten
  85,  90  —  bereist  das
schlesische  Ueberschwemmungsgebiet
120  —  Enthüllung  eines  Bismarckdenkmals
  in  Posen  142.

Schriftsteller  Harden.  Streit
mit  Sozialdemokraten  133,  140.

Prof.  Harnack.  Sein  Verkehr
am  Hofe,  zum  Glaubensbekenntnis
  des  Kaisers  33  —  Vorsitzender
.  evangelisch-sozialen  Kongresses

g.  Hasse.  Venezuelafrage,
ih  Ha  der  Deutschen  in
Ungarn  65.

Oberpräsident  Fürst  Hatzfeld.
Rücktritt  114

Prof.  Haupt.
logischer  Professuren  144.

Besetzung  theo-Nlhabetisches

  Pezister.

Abg.  Haußmann.  Eisenbahnschwierigkeiten
  Württembergs

Abg.  Frhr.  v.  Heeremann.
Vizepräsident  des  preußischen  Abgeordnetenhauses
  4  —  Erkrankung
71  —  Tod  v5.

Abg.  Heim.  Wiahlaussichten
des  Zentrums,  gekrönte  Agitatoren
28,  34.

Ag.  Heine  über  polizeiliche
Mißgriffe  56  —  sozialdemokratisches
  Vizepräsidium  129.

Abg.  Herold  gegen  den  Bund
der  Landwirte  28.

Abg.  Frhr.  v.  Hertling  über
Venezuela,  den  Dreibund,  Makedonien
  61.

Abg.  v.  Heydebrand  zum
Selbstmord  Willichs  37.

Abg.  Hildenbrand.  Klerus
und  Wahlen  102.

Abg.  Hirsch  für  Beseitigung
der  Gerichtsferien  43.

Abg.  Hobrecht.  Ostmarkenzulagen
  72.
Graf  Paul  Hoensbroech.

Streit  mit  Dasbach  über  Jesuitenmoral
  78.

Graf  Hohenthal.  Besetzung
rvongelischer  theologischer  Professuren
  147.

Fähnrich  Hüssener.  Tötung
eines  Soldaten,  Verurteilung  83,

Abg.  v.  Jazdzewski  zur
Polenkolitit  12.

Prof.  Kahl.  Lehrfreiheit  in
der  cbangelischen  Kirche  147.

g.  Graf  Kaniß  über  Hanbesse#

  G-  und  Zollkrieg  8.

Abg.  v.  Kardorff.  Sozialpolitik
  und  Bekämpfung  des  Umsturzes
  23,  184  —  Kündigung  der
Handelsverträge  184.

Schriftsteller  Kautsky  über
sozialdemokratische  Akademiker  133.

Prof.  Kawerau.  Besetzung
Wongelischer  theologischer  huns
fessuren  1

Abg.  4“  e  idel  über  Soldatenmißhandlungen
  162.

Bischof  Keppler  zu  den  Reichstagswahlen
  102.
        <pb n="445" />
        Denisches  Peich.  437

Abg.  Keruth.  Ostmarkenzulagen
  72.

Botschafter  v.  Keudell  89.

Abg.  Kindler  über  den  Kastengeist
  im  Osten  36.

Abg.  Kirsch.  Koalitionsfreiheit
der  Eisenbahner  51.

Abg.  Köhler  über  nationalökonomische
  Professuren  51.

Staatssekr.  v.  Köller.  Elsaß-Lothringens
  Stellung  im  Reiche

3919  tbischof  K  8  gegen  die
radikalen  Polen  103

Bischof  Korum  von  Trier.
Schulerlaß  44,  54,  57.

Abg.  Krause  Vizepräsident  des
preußischen  Abgeordnetenhauses  4

gesellschaftliche  Zustände  in

Posen  37.

Abg.  Krieger  für  Koalitionsfreiheit
  der  Eisenbahner  49.

Abg.  v.  Kröcher  Präsident  des
preußischen  Abgeordnetenhauses  4.

Abg.  Lenzmann  zum  Fall
Hüssener  88.

Landeshauptmann  Oberst  Leutwein.
  Burenansiedlung  in  Südwestafrika
  74.
126  Lek.  Rat  v.  Levetzow.  Tod

Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg
  zur  Burenfrage  23,  39.

Abg.  Graf  Limburg-Stirum
zum  preußischen  Etat  12  —  Trierer
Schulerlaß  55  —  für  eine  konfessionelle
  Volksschule,  Verhältnis
der  Konservativen  zu  den  anderen
Parteien  76  —  Kündigung  der
Handelsverträge  89  —  Bekämpfung
  der  Sozialdemokratie  184.

95  Schriftsteller  J.  Lohmeyer

6030.  Rat  Löhning.  Pensionierung,
  Preßstreit  36.

Prof.  Löhnin
Theologie  und  UAnf.

Abg.  Macco.
Beamtendisziplin  48.

Frhr.  v.  Manteuffel.  Besetzung
  evangelischer  theologischer
Professuren  146.

Prof.  Mausbach.  Moral  und
christliche  Kunst  125.

Moderne
eiheit  82.
Tarifreform,

 

Schriftsteller  Dr.  Mehrin
Sozialdemokratisches  S
dium  119  —  Angriffe  und  Verteidigung
  auf  und  nach  dem  Parteitage
  134,  140.

Abg.  Meist  gegen  die  Revisionisten
  in  der  Sozialdemokratie  135.

Sächs.  Ministerpräs.  v.  Meysch.
Lehren  der  Reichstagswahlen  114
—  Begrüßung  des  Städtetags  129.
13bg.Molkenbuhr  gegen  Bebel

Prof.  Mommsen  f(  161.

Abg.  Müller-Meiningen  über
Uniformen  57.

Abg.  Müller-Sagan.  Trierer
Schulerlaß  55.

Abg.  Nißler  zur  Veteranenunterstützung
  41,  162.

44  ad.  Staatsmin.  a.  D.  Nokk  f

Abg.  Oertel  über  Sicherung
des  Wahlgeheimnisses  26  —  Streit
mit  Venezuela  65.

Abg.  v.  Orterer  Präsident  des
Katholikentages  125.

Abg.  Oeser.  Koalitionsfreiheit
der  Eisenbahner  48.

Abg.  Paasche  zum  Fall  Hüssener
  88  —  Vizepräsident  des
Reichstags  168.

Preuss  Landwirtschaftsminister

v.  Podbielski  gegen  den  Bund
der  Landwirte  28.

Bayer.  Kultusmin.  Frhr.  v.  Podewils.
  Ernennung  zum  Ministerpräsidenten
  45  —  Besuch  in  Berlin
  95  —  über  das  Jesuitengesetz
99  —  Verstaatlichung  der  pfälzischen
  Eisenbahnen  142  —  Entlassung
  Crailsheims  155  —  Verhältnis
  zum  Reich  und  Preußen
156,  184.

Abg.  Pors  ch.  Wahl  zum  Vizepräsidenten
  des  preußischen  Abgeordnetenhauses
  71.

Staatssekr.  des  Innern  Graf
Posadowsky---Wehner.  Handelsverhältnis
  zu  Amerika  8  —
Fortführung  der  Sozialreform  40
—  Kündigung  der  Handelsverträge
89.

Abg  .Reeb.  Interpellation  über
die  Räälzischen  Eisenbahnen  142.
        <pb n="446" />
        438

Preuß.  Finanzminister  Frhr.
v.  Rheinbaben.  Etatsrede  über
die  finanzielle  und  wirtschaftliche
Lage  6  —  Ostmarkenpolitik  und
Fall  Löhning  36  —  zum  Ausgleichsfonds
  der  Eisenbahnverwaltung
  46  —  Ostmarkenzulagen,
Lage  der  Polen  in  Preußen  72,
73  —  Reise  nach  Amerika  93  —
Enthüllung  eines  Posener  Bismarckdenkmals
  142.

Abg.  Richter.  Swinemünder
Depesche,  Kabinettspolitik,  Ministerverantwortlichkeit
  23  —  Ausgleichsfonds
  der  Eisenbahnverwaltung
  46  —  Rekrutierung  des
Offizierkorps  184.

Abg.  Frhr.  v.  Richthofen.  Ausbildung
  von  Verwaltungsbeamten

85.

Staatssekr.  des  Ausw.  Frhr.
v.  Richthofen  zur  Zuckerkonvention
  38  —  Räumung  Schanghais
60  —  Schutz  von  Deutschen  in
Rußland  73  —  Besuch  des  Großherzogs
  von  Baden  124.

Bayer.  Finanzmin.  Frhr.  v.  Riedel.
  Budgetrede  137—  Veteranenunterstützung
  163.

Abg.  Roeren.  Trierer  Schulerlaß
  55.

Abg.  Rösicke-Dessau.  Interpellation
  über  Malz=  und  Futtergerste
  9  —  Tod  119.

Abg.  Rösicke-Kaiserslautern
gegen  die  Zuckerkonvention  38.

Hess.  Staatsmin.  Rothe  über
akademische  Lehrfreiheit  51.

Prof.  Ruge.  Tod  186.

Abg.  Sattler  zum  Kastengeist
im  Osten  36  —  Koalitionsfreiheit
und  Pflichten  der  Eisenbahner  51
—  Straßburger  katholische  Fakul-L#t
  56  —  Soldatenmißhandlungen

Abg.  v.  Savigny.  Antrag  über
Ausbildung  der  Verwaltungsbeamten
  85.

Abg.  Dr.  Schädler  über  kaiserliche
  Kundgebungen  und  Selbständigkeit
  der  Einzelstaaten  13,
28  —  gegen  Crailsheim  28  —
Katholizismus,  Liberalismus  und
Sozialdemokratie  125  —  Kirche

 

 

 

 

Alphabetischen  Rezister.

und  weltliche  Autorität  125  —
bayerischer  Ministerwechsel,  konfessionelle
  Fragen  155  —  Luxus
im  Offizierkorps  162,  169  —
Reichsfinanzlage  169.

Prof.  Schäffle.  Tod  186.

Prof.  Schmoller.  Moderne
Theologie  und  Lehrfreiheit  82  —
Verwaltungsbeamte  und  Korpsstudenten
  90.

Preuß.  Justizmin.  Schönstedt
gegen  Beseitigung  der  Gerichtsferien
  43.

Abg.  Schrempf.  Kaufleute  und
Berwaltung  in  den  Kolonien  74.

Abg.  Singer.  Sozialdemorratisches
  Vizepräsidium  119,  168
—  Präsident  des  sozialdemokratischen
  Parteitags  132.

Württ.  Verkehrsmin.  v.  Soden.
Eisenbahnpolitik  Badens  und  Bayerns
  110.

Abg.  Spahn  zum  Fesuitengesetz
  35,  36.

Bayer.  Bevollmächtigter  Frhr.

v.  Stengel.  Ernennung  zum
Bieichssean  Verretär  125  —  Reichsfinanzen
  und  Finanzreform  168.

Abg.  Stöcker  über  die  Protektion
  liberaler  Theologen  26  —
über  christlich  -soziale  Fortschritte
137  —  Besetzung  evangelischer
theologischer  Professuren  146.

Abg.  Graf  Stolberg  Vizepräsident
  des  Reichstags  168.

Abg.  Stolle.  Haussklaverei  in
den  Kolonien  74.

Abg.  Stötzel.  Interpellation
über  den  Fall  Hüssener  86.

Kolonialdirektor  Stübel.  Haussklaverei
  in  den  Kolonien  74.

Preuß.  Kultusminister  Studt.
Trierer  Schulerlaß  55  —  moderne
Theologie  und  Lehrfreiheit  82.

Reichsschatzsekr.  Frhr.  v.  Thielmann
  über  Verzollung  von  Malzund
  Futtergerste  10  —  legt  den
Etat  vor  13  —  Invalidenfonds
und  Veteranenunterstützung  42  —
Rücktritt  125.

Abg.  v.  Tiedemann.  Ostmarkenzulagen,
  gegen  eine  Posener
Universität  73.

Staatssekretär  des  Marineamts
        <pb n="447" />
        Veutsches  Reic.  439

v.  Tirpitz  über  Hüssener  und  die
Behandlung  Untergebener  87.

Abg.  v.  Vollmar.  Kritik  der
auswärtigen  Politik  und  des  Falles
Krupp  16,  26  —  Jesuiten  und
Zentrum  36  —  sozialdemokratisches
  Vizepräsidium  119,  129  —
gegen  Bebels  Diktatur  135.

Abg.  Wagner.  Ministerwechsel
in  „Bayern,  konfessionelle  Fragen
155.

Regierungspräs.  v.  Waldow.
Ernennung  zum  Oberpräsidenten
von  Posen  51.

Abg.  Frhr.  v.  Wangenheim.
Zentrum  und  Bund  der  Landwirte
  28  —  Selbstmord  Willichs
und  Posener  Zustände  37.

Bayer.  Kultusmin.  v.  Wehner.
Ernennung  45.

Württ.  Kultusmin.  v.  Weizsäcker.
  Klerus  und  Wahlen  103.

Landrat  v.  Willich.  Selbstmord
  30,  37.

Regierungspräs.  v.  Windheim.
Ernennung  zum  Oberpräsidenten
114

Abg.  Winckler.  Ostmarkenzulagen
  und  Residenzschloß  in
Posen  73.

Oberpräsident  Graf  Zedlitz-Trützschler
  wird  Oberpräsident
von  Schlesien  114.

Abg.  v.  Zedlitz.  Selbstmord
Willichs  37  —  Trierer  Schulerlaß
00

Abg.  Am  Zehnhoff  gegen  den
Ausgleichsfonds  der  Eisenbahnverwaltung
  46.

Abg.  Zubeil.  Löhne  der  Militärarbeiter

  57  —  sozialdemokratische
  Akademiker  133.
Die  Presse.

Rückgang  des  Reformkatholizismus
  2  —  Konflikt  Vollmar-Ballestrem
  26  —  Heim  über  gekrönte
Agitatoren  28  —  Fall  Willich  und
gesellschaftliche  Zustände  im  Osten
30  —  zum  Glaubensbekenntnis
des  Kaisers  33  —  Swinemünder
Depesche  und  Zentrum  34  —
Rücktritt  Bitters  und  Posener  Zustände
  37,  38,  51  —  Angriffe  auf

 

den  Botschafter  in  Washington  44
—  Rücktritt  Crailsheims  45  —
Schwächung  des  konservativen  Elements
  im  preußischen  Beamtentum
  53  —  Jesuitenfrage  53,  60,
74  —  Sa,chsische  Kronprinzessin
und  Jesuiten  60  —  Fall  Hüssener,
militärische  Untergebene  und  Vorgesette
  83  —  Polemik  gegen

anada  84,  97  —  Korpsstudenten
und  Adel  in  der  Verwaltung  92
—  Romreise  des  Kaisers  93  —
Verstimmung  zwischen  Preußen
und  Bayern  95  —  zu  den  Reichstagswahlen
  103,  107,  113  —
sozialdemokratisches  Vizepräsidium
119,  129  —  Soldatenmißhandlungen
  131,  137  —  Zunahme  der
sozialdemokratischen  Presse  132  —
konservative  Gegner  Bülows  141
—  sozialdemokratischer  Parteitag
140  —  Lutherrede  des  Kaisers
130  —  nichtsozialdemokratischer
Arbeiterkongreß  160  —  Prozeß
Bilse  164  —  Rededuell  Bebel-Bülow,
  Finanzreform,  Bekämpfung
  der  Sozialdemokratie  185  —
Evangelischer  Bund,  Konservative
und  Zentrum  186.

„Akademische  Monatshefte“.
Korpsstudenten  in  der  Verwaltung
  92.

„Allgemeine  Zeitung“  zur  Agitation
  des  Zentrums  74  —  Reichstagskandidaturen
  103.

„Bayerischer  Kurier“.  Lutherrede
  des  Kaisers  131.

„Berl.  Korrespondenz“.  Korpsstudenten
  in  der  Verwaltung  92
—  Hochwassernot  in  Schlesien  120.

„Berliner  Neueste  Nachrichten“.
Frankfurter  Arbeiterkongreß  161.

„Berliner  Zeitung“.  Judentum
u  gozialdemokratis  e  Wahlerfolge

„Deutscher  Reichs=  u.  Kgl.  Preuß.
Staats-Anzeiger“.  Wurmkrankheit
123  —.  Verhandlungen  über  Kartelle
  51.

„Deutsche  Tageszeitung“.  Zollstreit
  mit  Kanada  98  —  Bekämpfung
  der  Sozialdemokratie  185.

„Dresdener  Journal“.  Reform
des  Personentarifs  in  Sachsen  84
        <pb n="448" />
        440

—  Reform  des  sächsischen  Wahlrechts
  116.

„Germania“.  Zusammenkunft
zwischen  Kaiser  und  Papst  93  —
Zentrum  und  Polen  140.

„Grenzboten“.  Glaubensbekenntnis
  des  Kaisers  30.

„Hamb.  Nachrichten“.  Frankfurter
  Arbeiterkongreß  161.

„Kölnische  Bolkszeitung“  zum
Rücktritt  des  Ministers  Crailsheim
  34,  45  —  Zentrum  und
Polen  54,  140  —  Sozialdemokratische
  Wahlerfolge  107—  Papstwahl
  und  österreichisches  Veto  123
—  Kaiser,  Kanzler  und  Jesuitengesetz
  124  —  Sozialdemokratischer
Parteitag  140  —  Lutherrede  des
Kaisers  130.

„Kölnische  Zeitung“.  Abweisung
englischer  Angriffe  auf  die  deutsche
Amerikapolitik  27  —  Sozialdemokratische
  Wahlerfolge  107.

„Konservative  Korrespondenz“
zum  Zolltarif  4  —  Konservativer
Delegiertentag  76  —  Stichwahlparole
  107  —  Konservative  und
Evangelischer  Bund  186.

„Kreuz--Zeitung“.  Konflikt  Vollmar-Ballestrem
  26,  27  —  Ostmarkenpolitik
  37  —  Stichwahlparole
  107  —  Konservative  Gegner
Bülows  140  —  Arbeiterkongreß
161  —  Fehde  gegen  den  Evangelischen
  Bund  186.

„Leipziger  Neueste  Nachrichten“.
Polenpolitik  162.

„Leipziger  Volkszeitung“  zur
sozialdemokratischen  Taktik  129.

„Nation“.  Liberale  und  Sozialdemokraten
  bei  der  preußischen
Landtagswahl  123.

„National-Zeitung“.  Konservative
  Gegner  Bülows  140.

„Neue  Zeit“.  Sozialdemokratisches
  Vizepräsidium  119,  129.

„Nordd.  Allgemeine  Zeitung“
zur  Verbesserung  der  Reichsfinanzen
2•  —  Termin  der  Reichstagswahlen
77  —  Stellung  der  Reichslande
77  —  Angebliche  Heiratspläne  des
Kronprinzen  84  —  Kaiser,  Papft
und  Italien  94  —  Angebliche
Verstimmung  zwischen  Preußen

 

 

Ilnbebetischen  Rezister.

und  Bayern  95  —  Steichwahlparole
  107  —  gegen  Balfours
Charakteristik  der  deutschen  Marine
115  —  über  den  Tod  des  Papstes
118  —  Abhilfe  für  die  Hochwassernot
  in  Schlesien  121  —  gegen  den
„Figaro“  in  der  Papstwahl  121
—  zur  Papstwahl  122  —  Angebliche
  Differenzen  zwischen  Kaiser
und  Kanzler  über  das  Jesuitengesetz
  124  —  Stimmlippenoperation
  des  Kaisers  163.

„Post“.  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  185.

„Preußische  Jahrbücher".  Wahlparole
  gegen  den  Bund  der  Landwirte
  103  —  zum  sozialdemokratischen
  Parteitag  140.

„Reichs-Arbeitsblatt“.  Begründung
  84.

„Reichsbote“  über  Differenzen
zwischen  Kaiser  und  Bülow  wegen
des  Jesuitengesetzes  124.

„Sozialistische  Monatshefte“.
Sozialdemokratisches  Vizepräsidium
  119.

„Süddeutsche  Reichskorrespondenz“
  verteidigt  Crailsheim  gegen
das  Zentrum  34.

„Tägliche  Rundschau“.  Ostmarkenpolitik
  der  „Kreuz-Zeitung“
37  —  Schulfrage  im  Osten  38  —
Zusammenkunft  zwischen  Kaiser
und  Papst  94  —  Zusammenstellung
  der  Veränderung  in  den
Reichstagsparteien  113  —  Sozialdemokraten
  und  Akademiker
140.

„Vorwärts“.  Konflikt  Vollmar-Ballestrem
  26  —  zum  Termin
der  Reichstagswahlen  77  —  Zollstreit
  mit  Kanada  98  —  Erfolge
bei  den  Reichstagswahlen  107,
113  —  Angebliche  Wahlrechtsverschwörung
  122  —  Angeblicher
Plan  eines  festen  Kaiserschlosses,
Prozeß  125  —  Sozialdemokratisches
  Vizepräsidium  129  —  Soldatenmißhandlungen,
  Prozeß  131
—  Aufruf  zu  den  preußischen
Landtagswahlen  152  —  über  den
nichtsozialdemokratischen  Arbeiterkongreß
  160  —  Rededuell  Bebel-Bülow
  185.
        <pb n="449" />
        Fenistzes  Keit.  441

„Vossische  Zeitung“.  Löhning
gegen  Rheinbaben  36.

„Wiarus  Polski“.  Zentrum  und
Polen  64.

„Zeit“  geht  ein  140.

„Zukunft“.  Mitarbeit  von  Sozialdemokraten
  133,  140.

Preußen.

Konferenz  der  Oberpräsidenten
1  —  angebliche  Sonderstellung  der
Ostprovinzen  1  —  Beamtenzulagen
für  die  Ostmark  3  —  Landestrauer
  9  —  Ostmarkenfragen,
Willich,  Endell  30  —  Schulerlaß
Bischof  Korums  44,  54,  57  —
Wechsel  im  Oberpräsidium  Posen
51  —  Beamtenwechsel  53  —  Vereidigung
  des  Erzbischofs  von  Köln
57  —  Besprechung  sozialer  und
wirtschaftlicher  Fragen  in  Volksschulen
  78  —  Zentrum  und  Polen
78,  103,  140  —  Grubenexplosion
80  —  Reise  Rheinbabens  nach
Amerika  93  —  reußen  und
Bayern  95  —  Feier  in  Döberitz
zum  Andenken  an  Friedrich  d.  Gr.
5—  Wolkenbrüche  in  Westpreußen
108  —  Wahlkrawall  in  Oberschlesien
  109  —  Wechsel  im  Oberpräsidium
  Schlesien  und  Hessen
114  —  Erlaß  über  die  Gewerbesteuer
  114  —  Aenderung  des  Reglements
  für  die  Landtagswahlen
115  —  Ueberschwemmung  in
Schlesien  116,  120,  123  —  Empfang
  amerikanischer  Millionäre  121
—  Wechsel  im  Kriegsministerium
123  —  angeblicher  Plan  eines
Kaiserschlosses  124  —  Preußen
und  das  Jesuitengesetz  99,  124  —
Kaisermanöver  126  bis  132  —
neuer  Präsident  der  Ansiedlungskommission
  127  —  Agitation  zu
den  Landtagswahlen  88,  123,  136,
142,  152,  157,  164  —  Tod  Barkhausens
  128  —  Posener  Bismarckdenkmal
  142  —  Generalsynode
143  bis  149  —  Errichtung  der
Posener  Akademie  161,  164  —
Binnenschiffahrtsabgaben  165  —
Voigts  wird  Präsident  des  Oberkirchenrats
  166  —  Regimentsjubiläen
  185.

 

l

Landtag.  Eröffnung,  Thronrede
  2  —  Schluß,  Resultate  der
Session  93.

Herrenhaus.  Ernennung
Ballestrems  28  —  Etatsgesetz  75
—  Finanzen  des  Eisenbahnetats
80  —  moderne  Theologie  und
Lehrfreiheit  81  —  Ausbildung  der
Verwaltungsbeamten,  Adel  und

Korpsstudenten  90.

Abgeordnetenhaus.  Präsidentenwahl
  4  —  Etatsrede  Rheinbabens
  4  —  Vieh-  und  Fleischzölle,
  Handelsverträge  10  —
Kanalfrage  10,  52  —  Polenpolitik
4,  10,  36,  37  —  Posener  Residenzschloß
  10  —  Beamtenzulagen  10
—  Ausbildung  der  Verwaltungsbeamten
  27,  85,  93  —  landwirtschaftlicher
  Etat,  Podbielskis  Absage
  an  den  Bund  der  Landwirte
28  —  Trakehner  Schulverhältnisse
30  —  Fall  Löhning  36  —  Fall,
Willich  37  —  polizeiliche  Uebergriffe
  37  —  Theaterzensur  40  —
Neueinteilung  der  Wahlkreise  40
—  Gerichtsferien  43  —  Ausgleichsfonds
  für  die  Eisenbahnverwaltung
  45,  77  —  Eisenbahntarife
  47  —  Koalitionsfreiheit  und
Beamtendisziplin  im  Eisenbahnwesen
  47  —  Flußregulierung  und
Kanalbau  52  —  Schulerlaß  Bischof
  Korums  54  —  Kultusetat
56  —  Wechsel  im  Vizepräsidium
71,  75  —  Etatsgesetz  75  —  Wohnungsgeldzuschüsse
  an  Beamte  76
—  Landestrauer  9,  76  —  Staatsbeihilfe
  für  Arbeiterwohnungen  77
—  Feuerbestattung  78  —  Adel
und  Korpsstudenten  in  der  Verwaltung
  85  —  Ankauf  von  Eisenbahnen
  89.

Neuwahlen  165.

Reichstas.

Resolution  über  Tabakbesteuerung
  4  —  Meistbegünstigung  und
Zollkriege  8  —  Malz=  und  Futtergerste
  9  —  künftige  Handelsverträge
  9,  183  —  Finanzlage  13  —
persönliche  Kundgebungen  des
Kaisers  13  —  Auswärtiges:  Venezuela
  13,  44,  61;  Burenfrage  13,
        <pb n="450" />
        442

38;  Orient  61;  Dreibund  61;  Bismarck
  und  Bülow  über  Magyaren
und  Deutsche  61  —  Bourgeeisie
und  soziale  Pflichten  13  —  Fall
Krupp,  Präsidentschaftskrisis  13,
26,  27,  29  —  Patentabkommen
mit  der  Schweiz  30  —  gewerbliche
  und  landwirtschaftliche  Kinderarbeit
  30,  75  —  Diätenfrage
35  —  Neueinteilung  der  Wahlkreise
  35  —  Jesuitengesetz  35  —
Brüsseler  Zuckerkonvention  38  —
allgemeine  sozialpolitische  Debatte
39  —  Veteranenunterstützung  40
—  Krankenversicherungsgesetz  45,
51,  89  —  militärtechnische  Hochschule
  51,  61  —  Geschützfrage  51
—  polizeiliche  Mißgriffe  56  —
Straßburger  katholische  theologische
Fakultät  56  —  Kavalleriefragen,
Löhne  militärischer  Arbeiter  56
—  militärische  Etatsüberschreitungen
  57,  75  —  Adbstrich  am
Etat  für  Ostasien  60  —  Eisenbahnvertrag
  mit  Luxemburg  61
—  deutsche  Untertanen  und  russische
  Polizei  73  —  Koloniales:
Haussklaverei,  Burenansiedelung
74  —  Aenderung  des  Wahlreglements
  13,  75,  84  —  Etat  75  —
Gesetz  über  Phosphorzündwaren
84  —  Fall  Hüssener  87  —  Kündigung
  der  Handelsverträge  89  —
Schluß  der  Session,  Resultate  90.

Ersatzwahlen.  Danzig-Stadt
1  —  Meppen  27  —  Schleswig-Eckernförde
  30  —  Konitz-Tuchel
115  —  Dessau  131.

Neuwahlen  103,  105,  112,
113,  165.

Wiederzusammentritt.
Thronrede  165  —  Präsidentenwahl
  168  —  Reichsfinanzreform,
Etat  168  —  Rededuell  Bebel-Bülow
  über  die  Sozialdemokratie
und  allgemeine  politische  Fragen
172  bis  183  —  Bildung  einer
freien  wirtschaftlichen  Vereinigung
183  —  Vorgänge  in  der  Armee,
Handelsverträge,  Bekämpfung  der
Sozialdemokratie  183,  185  —
Handelsproviforium  mit  England

 

Alrbabetisches  Reziser.

Sachsen.

Eisenbahnrat  und  Tarifreform
40,  84  —  Ehetrennung  des  kronprinzlichen
  Paares  43,  60  —  Vorbereitung
  der  Parteien  zu  den
Reichstagswahlen  53  —  Sozialdemokratie
  und  Arbeit  59  —  Besuch
  des  Kaisers  59,  129  —  Erlaß
  des  Königs  über  die  Ehescheidung
  des  Kronprinzen  59  —
Organisierung  der  Gymnasiallehrer
  83  —  Entbindung  der  ehemaligen
  Kronprinzessin  93  —
deutsche  Städteausstellung  95,  129
—  Reichstagswahlen  107,  113  —
Metzsch  über  die  Lehren  der  Reichstagswahlen
  114  —  Reform  des
Landtagswahlrechts  116,  129,  158
—  Streik  in  Krimmitschau  125  —
Kaisermanöver  129  bis  132  —
deutscher  Städtetag  129  —  Industrielle
  und  Wahlreform  129  —
Parteitag  der  Sozialdemokratie
132  bis  136  —  Landtagswahlen
157  —  Eröffnung  des  Landtags,
Thronrede  164  —  Finanzen  164
—  Parteikampf  in  der  Kammer
164  —  Entsendung  von  Gendarmen
  nach  Krimmitschau  185
—  Verbot  von  Weihnachtsbescherungen
  in  Krimmitschau  185  —
Tod  Ruges  186.

Sotialelitik.

Zulagen  für  preußische  Beamte
im  Osten  3,  10,  71  —  der  Kaiser
über  Bourgeoisie  und  soziale
Pflichten  13  —  Millerand  über
die  deutsche  Sozialpolitik  17  —
Gewerbliche  Kinderarbeit  30,  75
—  allgemeine  sozialpolitische  Debatte
  im  Reichstag  39—  Veteranenunterstützung
  41,  162  —  Krankenversicherungsgesetz
  45,  51,  89  —
Beamtendisziplin  und  Koalitionsfreiheit
  der  Eisenbahner  47  —
Versicherung  der  Privatangestellten
53  —  Gefahr  der  Wurmkrankheit
und  ihre  Bekämpfung  55,  83  123
Sozialdemokratie  und  Armut  59
—  Haussklaverei  in  den  Kolonien
74  —  Arbeiterverhältnisse  im
Nordd.  Lloyd  75  —  Sozialpolitk
der  konservativen  Partei  76  —
        <pb n="451" />
        Irankreit.  443

Wohnungsgeldzuschüsse  an  Beamte
in  Preußen  76  —  Staatsbeihilfe
für  Arbeiterwohnungen  in  Preußen
  77  soziale  Fragen  in  der
Volksschule  78  —  Gewerkschaftsversammlungen
  82  —  Kongreß
egen  den  Alkoholismus  83  —
irchlich-soziale  Konferenz  83  —
Herausgabe  eines  „Reichs-Arbeitsblattes“
  84  —  soziale  Aufgaben
der  Städte  95,  129  —  evangelischsozialer
  Kongreß  99  —  Erlaß  über
Gewerbesteuer  in  Preußen  114  —
Abg.  Rösicke  f  119  —  Abhilfe  der
schlesischen  Hochwassernot  120,  123
Errichtung  eines  Arbeitsnachweises
in  Elsaß-Lothringen  122  —  Streik
der  Textilarbeiter  in  Krimmitschau
125,  185  —  sächsische  Industrielle
und  Wahlrecht  129  —  Handwerksund
  Gewerbekammertag  132  —
Verein  für  Sozialpolitik  136  —
Kaiser  und  Werkstättenarbeiter  136
Kommunalabgaben  auf  Lebensmittel
  129,  142  —  Reliktenfonds
der  evangelischen  Kirche  in  Preußen
143  —  Arbeitszeit  in  bayerischen
Staatsbetrieben  149  —  Staatsbeamte
  und  Konsumvereine  155  —
Ausnahmegesetze  und  Zusammengehen
  mit  Sozialdemokraten  158
—  Kongreß  der  nichtsozialdemokratischen
  Arbeiter  159  —  Beamte
und  Warenhäuser  in  Bayern  165
—  Reichstagsthronrede  über  Sozialpolitik
  166  —  Bebel  und  Bülow
über  Sozialpolitik  172,  176  —
Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
184,  185  —  Empfang  von  Arbeitern
  durch  den  Reichskanzler
184.

Tedesfile.

Staatsmin.  v.  Delbrück  30  —
Staatsmin.  Nokk  44  —  Herzog
Nikolaus  von  Württemberg  47  —
Abg.  v.  Heeremann  75  —  Botschafter
  v.  Keudell  89  —  Schriftsteller
  Lohmeyer  95  —  Abg.  Rösicke
  119  —  Geh.  Rat  v.  Levetzow
123  —  Präsident  Barkhausen  128
—  Prof.  Mommsen  161  —  Prof.
Tuge  186  —  Prof.  Schäffle

6.

 

Anslünhefäle.
Explosion  auf  Grube  Luise  80
—  Unwetter  92  —  Ueberschwemmung
  in  Schlesien  116,  120.

Wirttemberz.

Finanzlage  9  —  Novelle  zum
Volksschulgesetz  42  —  Tod  des
Herzogs  Nikolaus  47  —  Konversion
  und  Schuldentilgung  58,
94  —  Klerus  und  Wahlagitation
102  —  Eisenbahnfragen,  Schwierigkeiten
  mit  Baden  und  Bayern
109  —  Steuerreform  117  —
Generalversammlung  des  evangelischen
  Bundes  137  —  Parteitag
der  Nationalliberalen  158  —
Parteitag  der  Deutschen  Volkspartei
  164.

Frankreich  275—29é6.
Uebers.  417.

Auswirtiges  und  Koloniales.

Jaures  über  Elsaß-Lothringen
und  Abrüstung,  Dreibund  275,
276  —  Kammer  über  Beziehungen
zu  Deutschland  276  —  Zuckerkonvention
  277  —  Verurteilung  aufständischer
  Araber  279  —  Venezwelafrage
  279  —  Streit  mit  der

urie  über  Bischofsernennungen
279,  291  —  Kammer  über  Abrüstung,
  Mittelmeer,  Makedonien
279  —  Bevölkerung  Algiers  280
—  Anleihe  für  die  Kolonien  Westafrikas
  283  —  Dreyfusprozeß  und
ausländische  Monarchen  283  —
Loubets  Besuch  in  Algier  285  —
Besuch  eines  amerikanischen  Geschwaders
  285  —  Besuch  des
Königs  von  England  285  —
Reise  Loubets  nach  London  264,
287  —  Deutschland  und  die  Papstwahl
  288  —  Gedächtnisfeier  für
den  Papst  288  —  Spende  Loubets
  für  Schlesien  288  —  Etienne
über  Revanche  und  Kolonialpolitik
288  —  Combes  über  auswärtige
Lage  289  —  Neuorganisation  der
Kolonialtruppen  289  —  Jaures
über  Marokko  289  —  Besuch  des
italienischen  Königspaars  290  —
Besuch  englischer  Kaufleute  291  —
        <pb n="452" />
        444

Besuch  Lamsdorffs  291  —  Kammer
  über  Panama,  Marokko,  Orient,
Abrüstung  292  —  Besuch  und  Gegenbesuch
  englischer  Parlamentarier
  264,  294  —  internationale
Sanitätskonferenz  294  —  internationales
  Abkommen  der  Segelrheder
  295  —  Schiedsgerichtsverträge
  mit  England  und  Italien
273,  295  —  Senat  über  Makedonien,
  Marokko,  Ostasien,  Italien,
England  295.

Finanzen,  Haudel  und  Wirtschefl.
Zuckerkonvention  277  —  Millitärbudget
  278  —  Budget  1903
282  —  Anleihe  für  die  Kolonien
Westafrikas  283  —  Budget  und
Zollerhöhung  286  —  Einkommensteuer
  286  —  Kosten  der  Aushebung
  des  Kongregationsunterrichts
287,  295  —  Loubets  Spende  für
Schlesien  288  —  Budget  1904
290  —  Kürzung  des  Justizbudgets
  291  —  internationales  Abkommen
  der  Segelschiffsrheder
255  —  Annahme  des  Budgets

Heer  und  Flotte.

Rücktritt  Saussiers  275  —  Umtriebe
  in  der  Armee  276  —  zweijährige
  Dienstzeit  275,  278,  279,
286  —  Offiziere  und  Kongregationen
  278  —  Marineprogramm
279—  Abrüstung  275,  279,  296—
Sozialisten  und  militärische  Disziplin
  280  —  Begünstigung  gewisser
  Unteroffizieraspiranten  283
—  Dreyfusfrage  283,  294,  295  —
Besuch  eines  amerikan.  Geschwaders
  285  —  Untergang  des  Libau
286  —  Neuorganisation  der  Kolonialtruppen
  289  —  Verringerung
  des  Rekrutenkontingents  289
—  internationales  Abkommen  der
Segelrheder  295.

Inneres.

Senatswahlen  275  —  Hunger
in  der  Bretagne  275  —  Prozeß
gegen  aufständische  Araber  279  —
Sozialisten  und  militärische  Disziplin
  280  —  Bevölkerung  Algiers

  2800  —  Sozialistenkongreß

 

Ilyhabetisches  Nezister.

über  Millerand  284  —  Lourdes
wird  nicht  geschlossen  285  —  Untergang
  des  Libau  286  —.  Schläerei
  in  Nantes  286  —  staatliche
ife  für  Kranke  und  Alte  286  —
Ministerium  und  Kammerabstimmungen
  287  —  Vorschriften  über
Hygiene  in  geschäftlichen  Betrieben
288  —  Brand  in  der  Pariser
Untergrundbahn  288  —  Verurteilung
  der  Humberts  288  —  Enthüllung
  des  Renandenkmals,  Unruhen
  289  —  Weberausstand  289
—  Enthüllung  eines  Vercingetorixdenkmals
  289  —  Abschaffung  der
Stellenvermittlungsbureaus  291
—  Chauvinistische  Beschlüsse  des
Seinedepartements  294  —  Zwiespalt
  in  der  bonapartistischen  Partei
  295.—  Abschaffung  der  Ordensauszeichnungen
  295  —  Bäckerausstand
  296.

Senat.  Wahlen  275  —  Zuckerkonvention
  277  —  zweijährige
Dienstzeit  279,  286  —  Wiederzusammentritt
  290  —  Unterrichtsgesetz
  391,  293  —  Auswärtige
Fragen  295  —  Budget  296.

Deputiertenkammer.  Präsidentenwahl
  275  —  Verbot  des
bretonischen  Unterrichts  276  —
Verweltlichung  der  Schulen  in  den
Kolonien  276  —  Umtriebe  in  der
Armee  276  —  Verhältnis  zu
Deutschland  276,  283  —  Kündigung
  des  Konkordats,  Trennung
von  Staat  und  Kirche  278,  281,
292  —  Religion  und  Unterricht
278  —  Militärbudget  278  —
Flottenprogramm  279  —  Auswärtige
  Fragen  279,  292  —  Bevölkerung
  Algiers  280  —  Gesuch
der  Kongregationen  um  nachträgliche
  Autorisation  280,  282,  287
—  Budget  282  —  Verpflichtung
der  Gemeinden  zum  Bau  von
Schulhäusern  283  —  Begünstigung
  von  Unteroffizieraspiranten
283  —  Anleihe  für  Kolonien  283
—  Dreyfusfrage  283  —  Hilfe
für  Kranke  und  Alte  286  —  Zollerhöhung
  und  Budget  286  —
        <pb n="453" />
        Frankreich.  445

Einkommensteuer  286  —  Kosten
der  Aufhebung  des  Kongregationsunterrichts
  286  —  Abstimmungen
und  Lage  der  Regierung  287  —
Wiederzusammentritt,  Budget  290
—  Statistik  über  Schließung  von
Kongregationsschulen  290,  294  —
Kirchenpolitik  und  Weberstreik  291
Stellenvermittlungsbureaus  291
—  Kürzung  des  Justizbudgets
291  —  Abschaffung  der  Ordensauszeichnungen
  295.

Kirche  und  Schule.

Maßregelung  bretonischer  Pfarrer
  275,  283,  291  —  Schließung
von  Kongregationsschulen  275,
286,  290,  294  —  Verbot  bretonischen
  Unterrichts  276  —  Verweltlichung
  der  Kolonialschulen
276  —  Moral  und  Unterricht
278  —  Konkordat,  Trennung  von
Staat  und  Kirche  278,  281,  292
—  Armee  und  Kongregationen
278  —  Streit  mit  Kurie  über
Bischofsernennungen  279,  281,291,
—  Gesuch  von  Kongregationen
um  Autorisation  280,  282,  287  —
Bau  von  Schulhäusern  in  Gemeinden
  283  —  Auflösung  von
Kongregationen  283,  285  —  Kongregationen
  und  Predigeramt  284,
287  —  Protest  des  Klerus  gegen
die  Kirchenpolitik  285,  289  —
Kundgebungen  für  und  wider
Kongregationen  285,  286  —  Proessionsverbot
  286  —  Sekulariseerung
  der  Kongregationen  287
—  Papstwahl  288  —  Gedächtnisfeier
  für  Leo  XIII.  288  —  Lehrerkongreß
  über  die  Kirchenpolitik
288  —  Generalräte  über  Kirchenpolitik
  288  —  Combes  über  republikanischen
  und  klerikalen  Geist
288,  289  —  Renandenkmal  und
Klerikale  289  —  Kammer  über
Kirchenpolitik  291  —  Beschwerde
über  den  Bischof  von  Quimper
291  —  Unterrichtsfreiheit,  Senatsdebatten,
  Gesetz  293,  295  —
Statistik  der  Kongregationsschulen
294  —  Verweltlichung  der  Volksshulen
  295  —  Romreise  Loubets

 

 

Persenslien.

Präsident  der  Republik  Loubet.
Besuch  in  Algier  285  —  Begrü-Hhung
  eines  amerikanischen  Veschwaders
  285  —  Empfang  König
Eduards  285  —  Reise  nach  London
  287  —  Spende  für  Schlesien
288  —  Empfang  des  Königs  von
Italien  290  —  Empfang  englischer
Parlamentarier  294.

Kriegsmin.  André.  Umtriebe
in  der  Armee  277,  278  —  Dreyfusfrage
  284  —  gegen  Klerikalismus
  289.

2  b.  Brisson.  Dreyfusfrage

%  Carnaud.  Unterricht  und
Moral  278.
Dreyfus-Abg.

  Cavaignac.
frage  284.

Unterrichtsminister  Chaumi".
Kosten  der  Aufhebung  des  Kongregationsunterrichts
  286.

inpräs.  Combes.  Konkordat,
  Trennung  von  Staat  und
Kirche  278,  281  —  Unterricht  und
Moral  278  —  Autorisation  von
Kongregationen  280,  282,  287  —
Lourdes  285  —  gegen  Klerikalismus,
  Renan=  und  Vereingetorixdenkmal
  288,  289  —  Unterrichtsfreiheit
  292,  293  —  Statistik  der
Kongregationsschulen  294.
Abs.  Constans.  Abrüstung

Abg.  Delafosse.  Marokko,  Frankreich
  und  England  279.

Min.  des  Ausw.  Delcassé.
Mittelmeerfragen  279,  292  —
Makedonien,  Panama  292,  295,
Romreise  Loubets  292  —  Frankreich
  und  England  296.

Sen.  Delpech,  Kündigung  des
Konkordats  281  —  Lehrrecht  der
Orden  293.
eg  Ubs.  Deschanel.  Marokko

Abg.  Etienne.  Revanche=  und
Kolokalpolit  288.

Sen.  Girard.  Lehrberechtigung
der  Orden  281.

Ab.  Jaures.  Wahl  zum  Vizepräsidenten
  275  —  Beziehungen
zu  Deutschland  seit  1871,  Drei-
        <pb n="454" />
        446

und  Zweibund  276  —  Dreyfusfrage
  283  —  Marokko  289.

Abg.  Lasies.  Umtriebe  in  der
Armee  276.

Abg.  Maujan.  Zweijährige
Dienstzeit  278.

Abg.  Millerand.  Militärische
Disziplin  289  —  Sozialistenkongreß
  284.

Abg.  Millevoye.  Elsaß-Lothringen
  und  Abrüstung  276,  279.

Marinemin  Pelletan.  Flottenprogramm

  279.

Abg.  Pressensé.  Makedonische
  Frage  279.

Abg.  Ribot.  Beziehungen  zu
Deutschland  277.

Finanzmin.  Rouvier.  Einkommensteuer
  286.

Gen.  Saussier  gegen  die
zweijährige  Dienstzeit  275.

Abg.  Sembat.  Romreise  Loubets
  292.

Sen.  Waldeck  =  Rousseau.
Lehrrecht  der  Orden  294.

Fresee.

Widerspruch  gegen  Jaurès  Wahl
275  —  Venezuelafrage  u.  Deutschland
  279  —  Lage  des  Ministeriums
  287  —  Verhältnis  zu  England
  287,  288  —  „Figaro  und
Gaulois“  über  Deutschland  und
die  Papstwahl  288  —  zum  Humbertprozeß
  288  —  Revanche=  und
Kolonialpolitik  288  —  Zwiespalt
in  der  bonapartistischen  Partei  295.

Griechenland  362.
Uebers.  423.

Großbritannien  240—274.
Uebers.  400,  415.

Auswirtiges  und  Volsniales.

Durchfahrt  durch  die  Dardanellen
  und  Deutschland  240—  Thronrede
  über  Makedonien  und  Südafrika
  240  —  Unterhaus  über
Persien,  China,  Rußland,  Deutschland
  241,  252  —  Einwanderung
242  —  Oberhaus  über  Venezuela
und  Deutschland  243  —  Handels- 



’

kammer  über  Handel  mit  Deutschland
  244  —  Rückkehr  Chamberlains
  245  —  Abrüstung  115,  245
Kolonien  und  Flotte  245  —  Unterhaus
  über  Südafrika,  gefangene
Buren,  Kredit  246  —  Reise  des
Königs  ins  Ausland  247,  248,
249  —  Presse  und  Regierung
über  die  Bagdadbahn  248  —  Verhältnis
  zu  Frankreich  249,  264
—  Anleihe  für  Transvaal  249  —
Chamberlain  über  Mutterland  und
Kolonien,  Deutschland  und  Kanada
249  —  Angriffe  auf  den  Kongostaat
  251  —  Unterhaus  über
Deutschland  und  Kanada  252,
261  —  Presse  über  Kanada  und
Deutschland  255  —  Aenderung
der  Verfassung  Maltas  258  —
Besuch  Loubets  259  —  Besuch
eines  amerikanischen  Geschwaders
259—  Veröffentlichung  des  Schriftwechsels
  mit  Deutschland  und  Belgien
  über  Kanada  259  —  internationale
  Telegraphenkonferenz
260  —  Besatzung  von  Südafrika
und  Indien  260  —  Weißbuch
Kanadas  über  den  Zollstreit  mit
Deutschland  262  —  Besuch  französischer
  Parlamentarier  264  —
Annahme  der  Zurckerkonvention
264  —  Balfour  über  Makedonien
264,  274  —  Thronrede  über  auswärtige
  Lage  266  —  Arbeiter  und
Kolonien  266  —  Wechsel  im  Kolonialministerium
  270,  271  —
Schiedsgerichtsvertrag  mit  Frankreich
  273  —  Balfour  über  Ostasien
  und  Makedonien  274  —
Bischöfe  über  Makedonien  274  —
Besuch  des  italienischen  Königspaars
  274  —  „Morning  Post“
über  Rußland  und  Japan  274  —
Presse  über  Waterlo  und  Kaiser
Wilhelm  274.

FSinanzen,  Handel  uud  Wirtschaft.

Handel  mit  Persien  241,  252  —
Streitobjekt  mit  Venezuela  243  —
Handelskammer  über  Handel  mit
Deutschland  244  —  Wirtschaftliche
  Lage  Südafrikas  246  —
irische  Landfrage  s.  Irland  —  Bagdadbahn
  248  —  Budget,  Steuer-
        <pb n="455" />
        Griethenland,

herabsetzung  248  —  Anleihe  für
Transvaal  249  —  Chamberlains
Programm  über  den  Handel  mit
den  Kolonien,  Zollbund  249  —
deutsch-kanadischer  Zollstreit  251,
253,  259,  261,  262  —  Handel  im
Kongostaat  251  —  Unterhaus  über
die  künftige  Zollpolitik,  Uneinigkeit
  der  Minister  252,  255  —
Presse  über  Handelspolitik  255,
272  —  Rosebery  für  Freihandel
255  —  Bergleute  über  Handelspolitik
  258,  273  —  Baumwollinteressenten
  über  Zollpolitik  260
—  Gründung  einer  Tarifreformliga
  261  —  Londoner  über  Zollpolitik
  264  —  Annahme  der  Zuckerkonvention
  264  —  Schiffahrtsabkommen
  265  —  Arbeiter  über
Zollpolitik  266  —  Gewerkschaften
gegen  Zollpolitik  Chamberlains
267  —  Ministerrat  über  Zollpolitik
  267  —  Briefwechsel  Chamberlains
  und  Balfours  über  die
Handelspolitik  267  —  Ministerwechsel
  270,  271  —  Balfour  über
die  Handelspolitik  271  —  Parteikampf
  um  die  Handelspolitik,
Statistik  der  Lebensmitteleinfuhr
272.

Heer  und  Flotte.

Verurteilung  von  Lynch  240  —
Zurückziehen  der  Truppen  aus
Schanghai  241  —  Armeeorganisation
  242,  244,  246  —  Prühgelstrafe
gegen  Subalternoffiziere  243  —
neue  Flottenstation  am  Firth  of
Forth  244,  259  —  Verstärkung
der  Armee  244  —  Verteidigung
Indiens  und  Südafrikas  244,  260
—  Marinebauten,  Beiträge  der
Kolonien,  Abrüstung  245,  249,
115  —  Landwehraushebung  246
—  Vermehrung  der  Flottenmannschaften
  247  —  Militärtauglichkeit
  der  Nation  2599  —  Besuch
eines  amerikanischen  Geschwaders
259  —  Schiffahrtsabkommen  mit
dem  Morgan  Trust  und  Cunnardlinie
  265  —  Bericht  über  den
südafrikanischen  Krieg  266  —
Wechsel  im  Kriegsministerium  271
—  Diskussion  über  Waterloo  274.

Grosbritannien.  447

Inneres.

Einwanderungsfrage  242  —
Sinken  der  Regierungsmajorität
245  —  Wahlniederlage  der  Regierung
  245  —  Rückkehr  Chamerlains
  245  —  Gesetz  über  die
Disziplin  der  Geistlichen  246  —
Londoner  Schulgesetz  247,  251,
261,  264,  266  —  Altersversorgung
  der  Arbeiter  und  Finanzreform
  252  —  Kampf  um  die
Handelspolitik  255,  258,  260,
261,  264,  266,  267,  272,  273  —
Uneinigkeit  der  Minister  255  —
Lord  Rosebery  für  Errichtung  einer
technischen  Hochschule  259  —  Deeneration
  der  Nation  259  —

inisterrat  267—  Ministerwechsel
270,  271.

Frland.

Verurteilung  von  Lynch  240  —
Aufhebung  des  Ausnahmezustandes
240  —  irische  Abgeordnete  und
Regierung  245,  247,  251  —  Umwandlung
  der  irischen  Landverältnisse

  247,  261  —  Besuch  des
önigspaars  260  —  Thronrede
über  Irland  265.

Varlament.

Eröffnung,  Thronrede  240,
Schluß  265.

Oberhaus.  Venezuelafrage,
Verhältnis  zu  Deutschland  243  —
Degeneration  der  Nation  259  —
Verteidigung  Südafrikas  und  Indiens
  260  —  Londoner  Schulgesetz
  264.

Unterhaus.  Persien  241,  252
—  China,  Räumung  Schanghais
241  —  Beziehungen  zu  Rußland
und  Deutschland  241  —  Armeeorganisation
  242,  244,  246,  Einwanderungsfrage
  242  —  Verteidigung
  Indiens  und  Südafrikas
242,  244  —  neue  Flottenstation
244,  259  —  geringe  Regierungsmajorität
  245  —  Marinebauten,
koloniale  Beiträge,  Abrüstung  245,
115  —  wirtschaftliche  Lage  Südafrikas,
  Burenfrage  246  —  kirchliche
  Disziplin  der  Geistlichen
246  —  Umwandlung  der  irischen
        <pb n="456" />
        448

Landverhältnisse  247,  261  —  Verstärkung
  der  Marinemannschaften
247  —  Londoner  Schulgesetz  247,
251,  261  —  Bagdadbahn  248  —
Budget  248  —  Wichtigkeit  der
Flotte  248  —  Transvaalanleihe
249  —  Angriffe  auf  Kongostaat
252  —  Altersrente  und  Finanzen
262  —  Handelspolitik  252,  255
Deutschland  und  Kanada  252,  261
—  Uneinigkeit  der  Minister  255
—  Zuckerkonvention  264  —  Makedonien
  264  —  Schiffahrtsabkom--men
  265.

Persenalien.

König  Eduard.  Parlamentseröffnung,
  Thronrede  240  —  Reise
ins  Ausland  247,  248,  210,  249
Rückkehr  249  —  Schluß  des  Parlaments
  265.

Abg.  Asquith.  Uneinigkeit  der
Minister  257  —  Deutschland  und
Kanada  262.

Minpräs.  A.  Balfour.  Armeeorganisation
  242,  244  —  neue
Flottenstation  244  —  Bagdadbahn
  248  —  Kongostaat  252  —
Zollbund  mit  den  Kolonien  252,
257  —  Deutschland  und  Kanada
262  —  Makedonien  264,  274  —
Brief  an  Chamberlain  269  —
künftige  Handelspolitik  271  —  Ostasien
  274.

Handelsmin.  G.  Balfour.
Einwanderungsfrage  243.

Abg.  Campbell  -Banner-=mann.
  Armeeorganisation  242—
gegen  Chamberlain  273.

Kolonialmin.  Chamberloa  in.
Heimkehr  245  —  Lage  Südafrikas,
gefangene  Buren  246  —  Transvaalanleihe
  249  —  Zollbund  mit
den  Kolonien  249,  254  —  Deutschland
  und  Kanada  249,  261,  Altersrente
  und  Finanzen  252  —
Brief  an  Balfour  267  —  Rücktritt
  270  —  Agitation  für  die
Zollpolitik  272.
-  Chaplin  für  Getreidezoll

O

Admiral  Co  chrane.  Prügelstrafe
  im  Offizierskorps  243.

Unterstaatssekr.  Cranborne.

 

Aohabetisches  Rezister.

Persien,  China,  Deutschland,  Rußland
  241  —  Deutschland  und
Kanada  261.

Herzog  von  Devonshire.  Entartung
  der  Nation  257.

Abg.  Dilke.  Zollpolitik  252.

Staatssekr.  A.  Forster.  Flottenfrage
  und  Abrüstung  245.

Abg.  Grey.  Deutschland  und
Kanada  261.

Abg.  Hicks  Beach.  Getreidezoll
  und  Handelspolitik  255.

Abg.  Hough  Cecil.  Kanada
und  Deutschland  253.

Abg.  Howard  Vincent.  Einwanderungsfrage
  243.

Abg.  Laboucheère.  England,
Rußland,  Persien  252.

Staatssekretär  Lord  Landsdowne.
  Venezuelafrage  u.  Deutschland
  244.

Schriftst.  Hartpole  Lecky  274.

Oberst  Lynch.  Verurteilung  240.
242bg.  Mac  Neil.  Burenfrage

Lord  Milner  lehnt  das  Kolonialministerium
  ab  271.

Abg.  Reid.  Maritime  Abrüstung
  245.

Lord  Rosebery.  Venezuelafrage
  und  Deutschland  243  —  für
Freihandel  255,  273  —  für  eine
technische  Hochschule  259

Finanzmin.  Ritchie.  Budget
248  —  kolonialer  Zollbund  und
Landelspolitik  256  —  Rücktritt

Lord  Salisbury  1  266.

Fresse.

Gegen  Deutschland,  Dardanellendurchfahrt
  240  —  „Times“  über
Prügelstrafe  im  Offizierskorps
243  —  Sinken  der  Regierungsmajorität
  245  —  Bagdadbahn
248  —  Londoner  Schulgesetz  251
Handelspoliki-  Zollbund  mit  den

olonien  255,  273  —  Weißbuch
über  Deutschland  und  Kanada
262  —.  Schiedsgerichtsvertrag  mit
Frankreich  264  —  „Morning  Post“

über  Rußland  und  Japan  274  —
über  Waterlo  und  Kaiser  Wilhelm
  274.
        <pb n="457" />
        Aalien.

Italien  297—308.
Uebers.  418.

Auswirtiges  und  Noleniales.

Abrüstung  297  —  Kammer  über
Balkanfragen  297  —  Kammer
über  Lage  im  Mittelmeer  299  —
internationaler  Historikerkongreß
299  —  internationaler  landwirtschaftlicher
  Kongreß  299  —  internationaler
  lateinischer  Kongreß  299
—  Wechsel  im  Ministerium  des
Auswärtigen  299  —  Besuch  des
Königs  von  England  300  —  Besuch
  des  Deutschen  Kaisers  300
—  Kammer  über  den  Somalikrieg
  300  —  Kundgebungen  gegen
Oesterreich  301,  304  —  Kammer
über  Zarenbesuch  301  —  Agitation
  gegen  den  Zarenbesuch  302,
303  —  Absage  des  Zarenbesuchs
304  —  Handelsverträge  und  Kornzölle
  302  —  Krankheit  des  Papstes
und  Reise  des  Königs  nach  Paris
302,  304  —  Papstwahl  und  Italien
  302  —  Handelsvertrag  mit
Oesterreich-Ungarn  304,  308  —
Reise  des  Königspaars  nach  England
  274  —  Kammer  über  die
Italiener  in  Tirol  307  —  Kammer
  über  Handelsverträge  308  —
Senat  über  Konklave  und  Kolonialpolitik
  308.

Einanzen,  Sandel  und  Wirtscheft.

Kosten  der  Landesverteidigung
297  —  internationaler  landwirtschaftlicher
  Kongreß  299  —  Kammer
  über  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen
  301  —  Budgetprovisorium
302  —  Kornzölle  und  Handelsverträge
  302,  308  —  Finanzminister
  über  die  wirtschaftliche
Lage  302  —  Tod  des  Finanzministers
  304  —  Handelsvertrag
mit  Oesterreich--Ungarn  304,  308
—  Rentenkonversion  305  —  Finanzexposé
  306.

Heer  und  Flotte.
Landesverteidigung,  Abrüstung
297  —  Wechsel  im  Marineministerium
  299  —  Zusammenstoß  von
Militärzügen  303  —  Kritik  der

Europäischer  Geschichtskalender.  XILTV.

 

449

Marineverwaltung,  Prozeß  303  —
Untersuchung  der  Marineverwaltung
  301,  304.

Inneres.

Prozeß  Palizzolo  297  —  Sieg
der  Radikalen  in  der  Sozialdemokratie
  299  —  Ausstand  in  Rom
299  —  altlateinisches  und  neulateinisches
  Kolleg  in  Rom  299  —
Ausschreitungen  in  Apulien  299
—  Besuch  von  Monte  Cassino  300
—  Kabinettskrisis  301  —  Verhältnis
  zur  Kurie  302  —  Prozeß
gegen  die  Gemeindeverwaltung  in
Neapel  303  —  Eisenbahnerstreik
304  —  Demission  des  Ministeriums
  Zanardelli  304  —  Neubildung
  des  Ministeriums  304  —
Katholikentag  304  —  Regierungsprogramm
  Giolittis  305  —  Tod
Zanardellis  308.

Rammern.

Senat.  Debatte  über  Konklave
308  —  Kolonialpolitik  308.

Deputiertenkammer.  Kosten
der  Landesverteidigung  297  —
Balkanfragen  297  —  Lage  im
Mittelmeer  299  —  Somalikrieg
300  —  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen
  301  —  Zarenbesuch  301
—  Untersuchung  der  Marineverwaltung
  301  —  Radikale  und
Regierung  301  —  Vertrauensvotum
  für  Zanardelli  301  —
Budgetprovisorium  302  —  Vertagung
  302  —  Zusammentritt  305
—  Programm  Giolittis  305  —
Vertrauensvotum  für  Giolitti  305
—  Finanzexposé  306  —  Vorgänge
in-  Tirol  307  —  Handelsverträge

Versonalien.

König  Viktor  Emanuel  III.
Empfang  des  Königs  von  England
und  des  Deutschen  Kaisers  300  —
Besuch  in  Monte  Cassino  300  —
verschiebt  die  Reise  nach  Paris  302
—  Reisen  nach  Paris  und  London
304,  274.

Königin  Elena.  Reisen  nach
Paris  und  London  304,  274.

29
        <pb n="458" />
        450

Unterstaatssekretär  Baccelli.

Mittelmeerfragen  299  —  Zarenbesuch

  301.

Admiral  Bettolowird  Marineminister
  300.

Finanzmin.  Carcano.  Wirtschaftliche
  Lage  302.

Dep.  Ferri.  Agitation  in  der
Sozialdemokratie  299.

Min.  des  Innern  Giolitti.
Demission  301  —  Kabinettsbildung
  304  —  Programm  305.

Sen.  Lampertico.  Konklave
und  österreichisches  Beto  308.

Schaeiin.  Luzzatti.  Finanzexposé
  306.

Dep.  Morgari  gegen  den
Zarenbesuch  301.

Min.  des  Ausw.  Morin.  Makedonien
  297  —  Ernennung  299  —
Somalikrieg  301.

Sen.  Palerno.  Somalifrage

8.

Palizzolo.  Prozeß  297.

Dep.  Pantano.  Eisenbahnverstaatlichung
  301.

Finanzmin.  Rosano.  Tod  304.

Min.  des  Ausw.  Tittoni.  Vorgänge
  in  Tirol  307  —  Handelsverträge
  308  —  Konklave  308  —
Koloniales  308.

Ministerpräsident  Zanardelli.
Kosten  der  Landesverteidigung  297
—  Kabinettskrisis  301  —  Papstwahl
  302  —  Rücktritt  304  —
Tod  308.

Presse.
Strömungen  in  der  Sozialdemokratie
  299  —  „Giornale

d'Italia“  über  Zarenbesuch  302
—  „Avanti“  gegen  Zarenbesuch
303,  304  —  „Avanti"  über  Marineverwaltung
  303  —  „Agenzia
Stefani“  über  Zarenbesuch  304  —
Angriffe  auf  Rosano  304.

-ittel=  und  Süd-Amerika
377—384.

Uebers.  394,  425.

Niederlande  319—321.
Uebers.  420.

 

Ao#habetisches  Rezistr.

Nord-Amerika  363—377.
Uebers.  394,  423.

Auswärtiges.

Besteuerung  russischen  Zuckers
363  —  Panamakanalfrage  363,
367,  368,  370,  373,  374,  375,  381
—  Aeußerungen  des  deutschen  Geschäftsträgers
  363  —  Alaskafrage
364,  373  —  Venezuelafrage  364,
370  —  Weltmachtpolitik  366  —
Einwanderungsgesetz  366  —  Aufstellung
  der  Statue  Friedrichs  d.  Gr.
367  —  Vertrag  mit  Kuba  367,
375  —  Dewey  über  Deutschland
367  —  Monroedoktrin  368  —
Besuche  von  Geschwadern  in  Europa
  368  —  Verhandlung  mit
Rußland  über  die  Judenfrage  371
—  Geschwader  nach  Beirut  373
—  Kontrolle  der  Dominikanischen
Republik  373  —  Anerkennung
Panamas  373  —  Botschaft  über
Auswärtiges  375  —  Einfuhr  westindischen
  Zuckers  377  —  Handelsvertrag
  mit  China  377.

Finanzen,  Handel  und  Wirtschaft.

Besteuerung  russischen  Zuckers
363  —  Kohlensteuerrabatt  363  —
Kosten  des  Panamakanals  363  —
Silberfrage  364—  Beaufsichtigung
der  Trusts  364,  375  —  Departement
  für  Handel  und  Industrie
364  —  Lohnfrage  im  Bergbau
367  —  Botschaft  über  Finanzen
und  Handel  375  —  Budget  377
—  Handelsvertrag  mit  China  377.

H#del  und  Flotte.

Grundsteinlegung  der  Kriegsschule
  366  —  Bau  von  Kriegsschiffen
  367  —  Aufstellung  des
Denkmals  Friedrichs  d.  Gr.  367
—  Dewey  über  die  deutsche  Flotte
367  —  amerikanische  Geschwader
in  Europa  368,  373  —  Grausamkeiten
  auf  den  Philippinen  370
—  Botschaft  über  Flotte  375.

Inneres.

Negerfrage,  Lynchjustiz  366,  370
—  Schutz  des  Präsidenten  366  —
Einwanderung  366  —  Ueber-
        <pb n="459" />
        Mittel-  und  Süd-nerik—Gesterreich-Angarn.  451

schwemmung  in  Louisiana  367  —
Beschlagnahme  einer  Höllenmaschine
  370  —  Ueberschwemmung
bei  St.  Louis  370  —  Bauarbeiterausstand
  371  —  Einweihung  des
Harvardmuseums  374  —  Theaterbrand
  in  Chicago  377.

Kauads  (vgl.  Großbritannien).

Regelung  der  Alaskagrenzfrage
364,  373  —  Atgitation  gegen
fremde  Arbeitskräfte  369  —  Zollstreit
  mit  Deutschland,  Parlamentsdebatte,
  Maßregeln  369  —  Kongreß
  der  britischen  Handelskammern
  372  —  Weißbuch  über  den
Zollstreit  mit  Deutschland  373  —
militärische  Wünsche  373  —  Kabinettsbeschluß
  gegen  deutsche  Einfuhr
  375.

Kongref.

Botschaften  364,  374,  375.

Senat.  Panamavertrag  mit
Kolumbien  363,  367  —  Einwanderungsgesetz
  366  —  Schiffsbau
367  —  Vertrag  mit  Kuba  367  —
Handelsvertrag  mit  China  377.

Repräsentantenhaus.  Kohlensteuerrabatt
  363  —  Antrag
egen  Trusts  364  —  Departement
ür  Handel  und  Industrie  364  —
Schutz  des  Präsidenten  366  —  Einwanderungsgesetz
  366  —  Schiffsbau
  367  —  Vertrag  mit  Kuba
375.

Versonalien.

Präsident  Roosevelt.  Botschaft
  über  Silberfrage  364  —
Weltmacht  der  Vereinigten  Staaten
366  —  Stellung  zur  Negerfrage
366  —  Aufstellung  des  Friedrichsdenkmals
  367  —  Depeschenwechsel
mit  dem  Deutschen  Kaiser  111  —
Monroelehre  368  —  Panamakanal
  370,  377  —  Botschaft  über
Kuba  und  Panama  374  —  Botschaft
  über  allgemeine  Politik  375.

Gesandter  Bowen.  Verhandlung
  über  Venezuela  364,  370.

dmiral  Dewey.  Abfällige
Heußerungen  über  Deutschland

 

 

Staatssekr.  Hay.  Verhandlungen
  über  die  russischen  Juden
33  —  Vorgehen  gegen  Kolumbien

Rep.  Littlefield.  Antraggegen
Trusts  364.

General  Miles.  Grausamkeiten
auf  den  Philippinen  370.

Botschafter  in  Petersburg
Riddle.  Verhandlungen  über
Kischinew  371.

Deutscher  Botschafter  Freiherr
Speck  v.  Sternburg.  Angebliche
  Aeußerungen  über  Deutschland
  und  Amerika  363.

Iresee.

Aeußerungen  des  deutschen  Botschafters
  363  —  Negerfrage  366,
370  —  Denkmal  Friedrichs  d.  Gr.
367  —  „New-York  Herald“  über
Dewey  und  Deutschland  367  —
amerikanische  Geschwader  nach  Europa
  368  —  Alaskafrage  373.

Oesterreich-Uugarn  188—235.
Uebers.  396,  410.

Inswärtiges.

Zuckerkonvention  189,  190,  192
—  Andrassy  über  Armee  und
Großmachtstellung  192  —  Reise
Lamsdorffs  nach  Wien  195  —
der  Papst  über  den  Thronfolger
196  —  Bülows  Rede  über  den
Schutz  der  Deutschen  in  Ungarn
199  —  Papstwahl  und  österreichisches
  Veto  208,  234  —  Besuch
  des  Königs  von  England  in
Wien  210  —  interparlamentarische
Konferenz  211  —  Besuch  des
Deutschen  Kaisers  in  Wien  213
—  Besuch  des  Zaren  220  —

österreichisch  =  ungarisch-=  russische
Note  an  die  Pforte  220  —  Besuch
  des  Königs  der  Belgier  221
—  Tschechen  über  das  Verhältnis
zu  Deutschland  225  —  Handelsverträge
  226,  235  —  Goluchowski
über  Dreibund,  italienische  Agitationen,
  Beziehungen  zu  Rußland,
  Balkanfragen,  Papstwahl
und  Veto  230  bis  234.

297
        <pb n="460" />
        452

#ömen  und  Mähren.

Deutsch  -tschechische  Ausgleichskonferenzen
  188,  189  —  Parteitag
  der  Alldeutschen  Wolfs  189
—  Exekutivkomitee  der  Tschechen
gegen  die  Körberschen  Sprachenvorschläge
  189  —  Tod  Riegers
195  —  Aemterverteilung  zwischen
Deutschen  und  Tschechen  198  —
Demonstrationen  gegen  Erzbischof
Kohn  199  —  sschechische  Vertrauensmänner
  gegen  die  Regierung
  199  —  deutsche  Vertrauensmänner
  über  Volksrat  201  —
nationale  Bewegungen  im  Klerus
219,  224  —  nationale  Zusammensetzung
  des  Klerus  224  —  Obstruktion
  im  böhmischen  Landtag,
Vertagung  224  —  gemeinsames
Programm  der  scchechischen  Parteien
  225.

Gisleithanien.

Quotendeputation  201,  204  —
Ministerkrisis  203,  204  —  Budgetprovisorium
  durch  §  14  203  —
Zurückhaltung  des  3.  Jahrganges
210,  211,  Entlassung  219.  —  S.
Reichsrat  und  die  einzelnen  Landschaften.



Pelegatieonen.

Zusammentritt  230  —  Goluchowski
  über  die  auswärtige  Lage
230  bis  234  —  Empfang  der
Präsidien  durch  den  Kaiser  234
—  Kaftan  über  die  Armeefrage
234.

Finanzen,  Fandel,  Wirtschaft.
Ausgleichsabkommen  zwischen
Oesterreich  und  Ungarn  188,  190,
196,  224  —  Zuckerkonvention  189,
190,  192  —  neuer  Zolltarif  190
—  Konvertierung  der  Obligationen
  der  einheitlichen  Staatsschuld
Oesterreichs  191  —  österreichische
Rentenkonversion  193  —  Gesetz
über  Aufnahme  der  Barzahlungen
198  —  bunudgetloser  Zustand  in
Ungarn  200  —  Quotendeputation
201,  204  —  österreichisches  Budgetprovisorium
  203  —  Wechsel  im
Reichsfinanzministerium  204  —

 

 

Ilsbabetisches  Reziseer.

Surtaxe  auf  Zucker  210  —  Unterstützung
  der  vom  Hochwasser  Betroffenen
  212  —  wirtschaftliches
Verhältnis  zu  Deutschland  225  —
Budget  in  Oesterreich  225  —  Handelsverträge
  226,  235  —  Handelsbeziehungen
  zwischen  Oesterreich
und  Ungarn  226  —  Budget  in
Ungarn  228  —  Budget  der  Delegationen
  230.

Galizien.

Sonderstellung  Galiziens;  Polen
und  Tschechen  208  —  Manöver
2#2  —  Forderungen  der  Ruthenen

Heer  nnd  Klotte.

Beratung  der  Wehrvorlage  in
Oesterreich,  Statistisches  190,  194
—  Opposition  in  Ungarn  192,
196,  199,  205,  225  —  Wehrvorlage
  und  Großmachtstellung  192,
235  —  TDuellerlaß  des  Reichskriegsministers
  196,  197  —  Verschiebung
  der  Assentierung  in  Unarn

  197,  201  —  Einschreiten  von

ilitär  bei  den  kroatischen  Unruhen
  198,  200,  201  —  Zurückziehung
  der  Wehrvorlage  202,  203
—  Forderungen  der  ungarischen
Opposition  192,  205,  209  —
Apponyi  über  die  Armeefrage  205
—  Sprachenverordnung  des  Honvedministers
  206  —  Folgen  der
ungarischen  Krisis  für  die  Armee
210,  235  —  ungarische  Nationalitäten
  über  die  Armeefrage  210,
220  —  Tschechen  und  Militärfrage
  211  —  Proteste  gegen  die
Zurückhaltung  des  3.  Jahrgangs
211  —  deutsche  Parteien  und
Militärfrage  211  —  keiserlicher
Armeebefehl  über  Unteilbarkeit
212,  213,  214  —  der  Kaiser  an
Khuen  über  die  Armeefrage  214
—  Militärprogramm  Khuens  215
—  Kossuth  über  den  Armeebefehl
216  —  Koörber  über  die  Militärfrage
  218,  226,  227,  229  —  neue
Rekrutenvorlage  in  Oesterreich  218,
219  —  Entlassung  des  3.  Jahrgangs
  in  Oesterreich  219  —  Tumulte
  zurückbehaltener  Soldaten
        <pb n="461" />
        Gesterreich-Angarn.

in  Ungarn  221  —  Forderungen
der  ungarischen  liberalen  Partei,
Ablehnung  durch  den  König,  Einizung
  221,  222  —  Tisza  über  die

ilitärfrage  226,  228,  230  —
Sprachenverordnung  des  Reichskriegsministers
  228  —  Entlassung
des  3.  ungarischen  Jahrgangs,
Ersatz  229  —  Kaftan  über  die
Armeefrage  234.

Arien.
Obstruktion  der  Slawen  im
Landtag  222.

Krain.
ollssschreitungen  von  Kroaten
201.

Kroatien.

Ausschreitungen  gegen  Magyaren

  198,  200,  209.
Niederösterreich.

Dank  des  Landtags  für  den
Armeebefehl  214  —  Proteste  gegen
die  Zurückbehaltung  des  3.  Jahrangs

  211  —  Landtag  über  Vivisektion
  224.
Jarieimesen.
Deutsch-  tschechische  Ausgleichskonferenzen
  188,  189  —  Obstruktion
  im  Reichsrat  189,  230,  234
—  Obstruktion  in  Ungarn  192,
199,  200,  202,  205,  224,  225,
229,  235  —  Kritik  des  Duellerlasses
  197  —  Geschäftsordnung
des  Reichsrats  198,  229—  Aemterverteilung
  zwischen  Deutschen  und
Tschechen  198  —  Zusammenstöße
zwischen  Deutschen  und  Italienern
201,  228  —  Ministerwechsel  in
Ungarn  202,  224  —  Ministerkrisis
  in  Oesterreich  203,  204  —
Kritik  des  Armeebefehls  213,  214,
216  —  Deutsche  und  Tschechen
im  Klerus  219,  224  —  Obstruktion
  in  Istrien  222  —  Obstruktion
  in  Böhmen  224.

Deutsche.  Parteitag  der  Alldeutschen
  189  —  zum  Ausgleich
196  —  über  das  Bündnis  mit
Deutschland  199  —  Neuorganisation
  202  —  zur  Militärfrage

 

453

olen.  Verhältnis  zu  den
Tschechen  208  —  gegen  die  Obstruktion
  229.
Sozialdemokraten.  Parteitag
  in  Oesterreich  225.

Tschechen.  Erxekutivkomitee
gegen  die  Sprachenvorschläge  Körbers
  189  —  Tschechenklub  über
parlamentarische  Taktik  190,  195
—  gegen  die  Regierung  199,  gegen
die  Dynastie  201  —  zur  Armee
und  ungarischen  Krisis  211  —
gemeinsames  Programm  225.

Ungarische  Parteien.  Neujahrsrede
  Szells  188  —  Verurteilung
  deutscher  Redakteure  190
—  Zusammenstöße  zwischen  Unabhängigkeitspartei
  und  Sozialdemokraten
  196  —  Zusammenstöße
  zwischen  Kroaten  und  Magyaren
  198,  200  —  Bekämpfung
Khuens  203,  205  —  Bestechungsaffäre
  206  bis  208  —  Parteiführer
und  König  209  —  Nationalitäten
und  Armee  210,  220  —  gegen
den  König  215  —  Militärprogramm
  der  Liberalen  221,  222
—  Katholikentag  222  —  Partei

Banffys  228  —  Militärforderungen
  der  Opposition  192,  205.
Versonalien.

Kaiser  Franz  Joseph.  Verhandlungen
  mit  den  ungarischen
Parteiführern  209,  221,  222  —
Armeebefehl  über  die  Unteilbarkeit
  der  Armee  212  —  Empfang
des  Deutschen  Kaisers  213  —
Handschreiben  an  Khuen  214  —
Empfang  des  Zaren  220  —  Empfang
  des  Königs  der  Belgier  221
—  Empfang  des  Königs  von  England
  210  —  Empfang  der  Deleation,

  Tadel  der  tschechischen  Obrubien
  234.—

Erzherzog  Franz  Ferdinand.
Beziehungen  zum  Papst  196  —
Angriffe  durch  Tschechen  201.

Abg.  Graf  Andrassy.  Wehrvorlage
  und  Großmachtstellung

Abg.  Apponyi  zur  Wehrvorlage
  202,  205  —  Bestechungs-
        <pb n="462" />
        454

versuch  Szaparys  207  —  Austritt
aus  der  Regierungspartei  228.

Baron  Banffy.  Gründung
einer  magyarischen  Partei  228.

Abg.  Barabas.  Kroatische
Unruhen  200  —  für  die  Obstruktion
  205  —  Angriff  auf  den  König
217,  218.

gelbs.  Benedek  zum  Duellerlaß
197

Oesterr.  Finanzmin.  v.  Böhm-Bawerk
  zur  Konvertierung  der
Obligationen  191  —  Budget  225.

Reichsfinanzmin.  v.  Burian.
Ernennung  204.

Abg.  v.  Chlumecky.  Quotendeputation
  201.

Abg.  Choc  gegen  den  Thronfolger
  201.

Abg.  Eppinger.  Deutsch-tschechische
  Ausgleichsversuche  189,  190.

Honvedmin.  v.  Fejervary  zum
Duellerlaß  197  —  Rücktritt  202.

Min.  des  Ausw.  Graf  Goluchowski.
  Darlegung  der  allgemeinen
  Lage  230.

Abg.  Herold.  Deutsch-tschechische
  Ausgleichskonferenzen  189
—  gegen  die  Wehrvorlage  194.

Abg.  Jaworski  gegen  die  tschechische
  Obstruktion  229.

Reichsfinanzmin.  v.  Kallay.
Tod  204.

Ungar.  Ministerpräsident  Graf
Khuen-Hedervary.  Kabinettsbildung
  202  —  Programmrede
203  —  Obstruktion  und  Neuwahlen
  204  —  Bestechungsversuch
Szaparys  207  —  erster  Rücktritt
207  —  zweite  Ernennung  214  —
Programm  215  —  zum  Armeebefehl
  des  Königs  217  —  Verteidigung
  Körbers  220  —  Rücktritt
  220.

Abg.  Klofac.  Tschechisch--magyarische
  Verbindung  211.

200  Scriftftle  Onno  Klopp.  Tod

•m—i  Dr.  Kohn.  Angriffe

10.  Ministerpräs.  v.  Körber.
Deutsch-tschechische  Ausgleichskonferenzen
  188,  189  —  kroatische
Unruhen  201  —  Demission  203,

 

NMohabetisches  Reziser.

218  —  Ablehnung  204  —  Armeebefehl
  und  Militärfrage  218  —
neue  Wehrvorlage  218,  219  —
Verhältnis  zu  Ungarn,  Konflikt
mit  Tisza  226,  227,  229  —
Deutsche  und  Tschechen  228  —
italienische  Universität  229.

Abg.  Kossuth.  Obstruktion
und  Wehrvorlage  199  —  gegen
die  Obstruktion  205  —  Bestechungsversuch
  Szaparys  207  —  gegen
den  Armeebefehl  216  —  Ungarns
Rechte  und  Körber  220.

222.  Krasznay  gegen  Körber

222  #n  Kubinyi  gegen  Körber

AÄbg.  Dovaff  Bestechungsversuch
  206

Ungar.  Finanzmin.  Lukacs.
Militärprogramm  der  liberalen
Partei  222  —  Budget  228.

Abg.  Ludwigstorff  für  die
Wehrvorlage  194.

Abg.  Lueger  für  die  Wehrvorlage
  194.

Abg.  Nowak.  Zurückbehaltung
des  7  n  211.
Landesverteidigungsmin.
Obstruktion  und  Armee

Abg  PacakDeutsch-tschechtsche
Ausgletchskonferenften  189.

Abg.  Pap.  Bestechungsversuch
206

Abg.  Paffor  für  die  Wehrvorlage
  194.

Reichskriegsmin.  v.  Pitreich.
TDeellerlaß  196  —  Sprachenerlaß

s-  Ratkay  gegen  Oesterreich

168,  gerr.  Min.  Rezek.  Rücktritt
  204.

Frhr.  v.  Rieger  195.

Abg.  v.  Schönerer.  Beziehungen
  zu  Deutschland,  Deutsche
und  Ungarn  199.

Ungar.  Ministerpräs.  v.  Szell.
Neujahrsansprache  über  den  Ausgleich
  188  —  Verhältnis  zu  Oesterreich
  195  —  über  Lamsdorffs  Besuch
  195  —  Unruhen  und  Polizei
196  —  Wehrvorlage  und  Obstrukablnr
        <pb n="463" />
        Gesterreich=  Angarn.  455

tion  199  —  budgetloser  Zustand
200  —  kroatische  Ausschreitungen
200  —  Rücktritt  202.

Gouverneur  Graf  Szapary.
Bestechungsversuch  206  bis  208.

Ung.  Ministerpräs.  Graf  Tisza.
Vergebliche  Kabinettsbildung  202
—  Kabinettsbildung  221,  222,  224
—  Programmreden  224,  225  —
Verhältnis  zu  Oesterreich,  gegen
Körber  226,  228,  230  —  Handelsverträge
  235.

Oesterr.  Landesverteidigungsmin.
  Graf  Welsersheimb  zur
Wehrvorlage,  zweijährige  Dienstzeit
  190.

Fürst  Windischgrätz  über  die
Kommandorechte  des  Kaisers  229.

Abg.  Wolf.  Parteitag  der  Alldeutschen
  189.

Presse.

Verfolgung  deutscher  Redakteure
in  Ungarn  192  —  Kritik  des
Duellerlasses  197  —  „Deutsche
Volkszeitung“  über  deutsche  und
tschechische  Beamte  198  —  „Pozor“
gegen  Erzbischof  Kohn  199  —.
„Fremdenblatt“  über  Körbers  Demission
  203  —  „Przeglond  Wezechpolski“
  über  Sonderstellung  Galiziens
  208  —  „Fremdenblatt“
über  die  Verhandlungen  des  Königs
mit  den  Ungarn  209  —  „Fremdenblatt“
  über  die  Folgen  der
ungarischen  Krisis  für  die  Armee
210  —  „Czas“  über  Tschechen
und  Magyaren  in  der  Armeefrage
211  —  „Budapesti  Hirlap“  und
„Fügettlen  Magyarorszog“  über
Dwastie  und  Armeeprogramm

Reichsrat.

Obstruktion,  54stündige  Sitzun
189  —  Zuckerkonvention  189,  19
Taktik  des  Tschechenklubs  190,  195
—  Wehrvorlage  190,  194  —  Konvertierung
  der  Obligationen  191
—  Aenderung  der  Geschäftsordnung
  beantragt  193,  229  —  Rentenkonversion
  193  —  Ausgleichsvorlage
  196  —  Geschäftssprache
des  Abgeordnetenhauses  198  —
Schutz  der  Deutschen  in  Ungarn

 

und  Dreibund  199  —  Angriffe
der  Tschechen  auf  die  Dynastie
201  —  Neuorganisation  der  deutschen
  Parteien  202  —  Gesuche
um  Einberufung  211,  212  —  Zusammentritt
  218  —  Koörber  über
Ministerkrisis  und  Armeefrage  218
—  Rekrutenvorlage  219  —  Herrenhaus
  über  Rekrutenvorlage  und
Unteilbarkeit  der  Armee  219  —
Budget  225  —  Handelsverträge
226  —  Verhältnis  zu  Ungarn  in
der  Armeefrage  190,  226,  227,
229  —  Deutsche  und  Tschechen  228
—  Polen  und  Tschechen  229  —
italienische  Universität  229  —  Vertagung
  230.

Tirsl.

Frage  einer  italienischen  Universität
  200,  228,  229  —  Tumuclte
201.

Ansarn.

Szells  Neujahrsrede  188  —
Verfolgung  deutscher  Redakteure
192  —  Tumult  gegen  die  Wehrvorlage
  196,  221  —  Verschiebung
der  Assentierung  197,  201  —
budgetloser  Zustand  200  —  Demission
  Szells  202  —  Ministerium
Khuen  202  —  Ueberschwemmungen
204  —  Hitzschläge  im  12.  Regiment
  205  —  Sprachenverordnung
des  Honvedministers  206  —  Rücktritt
  Khuens  207  —  Verhandlungen
  des  Königs  mit  Parteiführern
  209  —  Brand  eines
Warenhauses  209  —  Krisis  und
Armee  210  —  Nationalitäten  und
Armeefrage  210,  220  —  Surtaxe
auf  Zucker  210  —  Kritik  des
Armeebefehls  213  —  Wiederberufung
  Khuens  214  —  Khuens
Programm  215—  Rücktritt  Khuens
220  —  Kabinett  Tisza  221,  222
224  —  König  und  liberales  Programm
  221,  222  —  Forderung
einer  kathol.  Universität  222  —
Parteigründung  Banffys  228  —
Zurückbehaltung  des  3.  Jahrgangs

Reichstag.  Beginn  der  Beratung
  der  Wehrvorlage  192  —
        <pb n="464" />
        456

Großmachtstellung,  Armeesprache,
Wehrvorlage,  Obstruktion  192  —
Wehrvorlage  und  Verhältnis  zu
Oesterreich  195,  226,  228,  230  —
Besuch  Lambsdorffs  in  Wien  195
—  Tumulte  und  Polizei  196  —
Duellfrage  197  —  Wehrfrage,
Obstruktion  und  Verfassungskonflikt
  199  —  kroatische  Unruhen
200  —  Programm  Khuens  203  —
Unabhängigkeitspartei  und  Obstruktion
  202,  204,  205  —  Apponyi
  über  die  Armeefrage  205
—  Bestechungsversuch  gegen  Abgeordnete
  206  bis  2068  —  Angriffe
  auf  Khuen  und  den  König
216  —  Mißtrauensvotum  gegen
Khuen  220  —  Opposition  gegen
Tisza  224,  225  —  Programm
Tiszas  224,  225  —  Präsidentenwechsel
  225  —  Doppelsitzungen
und  Obstruktion  228,  229  —
Budget  228  —  Obstruktion,  Militärfrage,
  auswärtige  Politik  235
—  Handelsverträge  235.

Portugal  236.

Nämische  Kurie  309—314.
Uebers.  419.

Papst  Leo  XIIII.  Empfang
Ehrhards  309  —  Pontifikkatsjubiläum
  309  —  Festgottesdienst
309  —  Konflikt  mit  Frankreich
309  —  Empfang  König  Eduards
309  —  Enmpfang  Kaiser  Wilhelms
  309  —  Erlaß  über  das
Dogma  der  unbefleckten  Empfängnis
  309  —  Kardinalsernennungen
310  —  Tod  310  —  Testament
310.

Papst  Pius  X.  Wahl  311  —
Krönung  312  —  erste  Enchyklika
312  —  Ernennung  des  Staatssekretärs
  312  —  Lage  der  Katholiken
  312  —  erstes  Konsistorium,
Glauben  und  Wissen  313  —  Differenzen
  unter  Katholiken,  italienische
  Wahlen  314.

„Osserv.  cattolico“  über  Kaiser
Wilhelm  und  Frankreich  309  —
Konklave  311.

 

 

Ayphabetisches  Rezister.

Numänien  357.

Nußland  330—345.
Uebers.  396,  400,  421.

IAnswirtizes.

Besuch  des  deutschen  Kronprinzen
330  —  Zolltarif  330  —  Zollvertrag
  mit  Persien  331  —  Veröffentlichungen
  über  Makedonien
331,  335,  342,  343,  220  —  „Nowoje
  Wremja“  gegen  Frankreich
335  —  Konsularbericht  aus  Makedonien
  335  —  Rundschreiben
über  die  Mandschurei  338  —
Verstärkungen  nach  Niutschwang
und  Port  Arthur  338  —  Besuch
fremder  Gemeindevertreter  in
Petersburg  338  —  Regierungsbote
  über  die  serbische  Revolution
339  —  Verhandlungen  mit  den
Vereinigten  Staaten  über  die
Judenfrage  339  —  Verkehr  mit
dem  Persischen  Golf  340  —  „Nowoje
  Wremja“  über  Krieg  zwischen
Japan  und  Rußland  340  —  Besuch
  eines  deutschen  Geschwaders
in  Wladiwostok  341  —  Errichtung
  einer  Statthalterschaft  und
neuere  Verwaltung  in  Ostasien
341,  344  —  Absendung  eines
Geschwaders  in  die  türkischen  Gewässer
  342  —  Reise  des  Zaren
nach  Wien  und  Wiesbaden  220,
162  —  Reise  des  Zaren  nach
Italien  aufgegeben,  Wechsel  in  der
rssischen  Botschaft  in  Rom  304,

Finanzen,  Handel,  Wirtschuft.

Budget  für  1903,  Lob  der  Witteschen
  Finanzpolitik  328  —  Zolltarif
  330  —  Zollvertrag  mit  Persien
  331—  Ländliche  Steuerreform
334,  335  —  Ackerbau  und  Feiertage
  335  —  landwirtschaftliche
Statistik  und  Verkehrsverhältnisse
338  —  Handel  mit  dem  Persischen
Golf  340  —  Einziehung  des  armenischen
  Kirchenvermögens  341
Wechsel  im  Finanzministerium
342,  344.
        <pb n="465" />
        Perinsal—hBie  Tũrkei  und  ihre  Vasallensiaten.  457

Fi#mland.

Wehrdienst  331  —  Maßregelung
  von  Richtern  333  —  Aufhebung
  des  Briefgeheimnisses  333
—  Ausnahmemaßregeln  gegen  Unruhen
  336  —  sozialdemokratischer
Kongreß  342  —  Wittes  Stellung
zur  Russifizierung  344.

Heer  und  Klotte.

Eingreifen  des  Militärs  bei
Unruhen  334,  335,  337,  338,  341,
343  —  Verstärkungen  nach  Niutschwang
  und  Port  Arthur  338  —
Chancen  eines  Krieges  mit  Japan
340  —  Besuch  eines  deutschen
Geschwaders  in  Wladiwostok  341
—  militärische  Befugnisse  des
Statthalters  in  Ostasien  341  —
Geschwader  in  die  türkischen  Gewässer
  342.

Inneres.

Taufe  von  Juden  328  —  Plehwe
über  Verwaltung  und  Bauernstand
  328  —  Schneestürme  in
Samara  333  —  Reformmanifest
des  Zaren  333,  334  —  Streik  in
Slatrust  334  —  Verminderung
der  Feiertage  335  —  Unruhen
in  Baku  und  Batum  335,  341
Unruhen  an  der  Petersburger
Universität  335  —  Judenverfolgung
  in  Kischinew  336,  339,  345
—  Schulreform  337  —  sozialdemokratische
  Unruhen  338  —  Ermordung
  des  Gouverneurs  von
Ufa  338  —  Stadtjubiläum  in
Petersburg  338  —  Aenderung
der  Rechtslage  der  Juden  338  —
Polnischer  Religionsunterricht  338
—  Schuldisziplin  340  —  Fner
bung  der  schweren  Körperstrafen
gegen  Sträflinge  340  —  Streiks
und  Unruhen  in  Kiew,  Odessa,
Tiflis  341  —  Armenische  Unruhen
343,  344  —  Verwundung  des
Gouverneurs  von  Tiflis  344  —
Studentenunruhen  in  Kiew  344.

Persenalien.

Zar  Nikolaus  11.  Lob  der
Finanzpolitik  Wittes  329  —  Reformmanifest
  333  —  Schulreform

 

337  —  Reise  ins  Ausland  162,
220,  304.

Gouverneur  Bogdanowitsch.
Ermordung  338.
zadouv.  Fürst  Galizyn.  Attentat

Kater  Johann  von  Kronstadt.
Ueber  die  Judenverfolgung  337.
Min.  des  Innern  v.  Plehwe.
Bauernstand  und  Verwaltung  328.
Geh.  Rat  v.  Pleske.  Ernennung
  zum  Finanzminister  343  —
Urlaub  344.
Finanzmin.  Witte.  Budget,
wirtschaftliche  Lage  328  —  Ernennung
  zum  Präs.  des  Ministerkomitees
  342  —  zur  Russifizierung
  Finnlands  344.
Ackerbaumin.  Dermolow.  Verminderung
  der  Feiertage  335.

Schweden  und  Norwegen
324—327.

Uebers.  421.

Schweiz  315,  316.
Uebers.  419.

Serbien  357—361.
Uebers.  423.

Spanien  237—239.
Uebers.  415.

Die  Türkei  und  ihre  Vasallenstaaten.


Uebers.  391,  423.

1.  Tirkei  346—353.

Auswirtiges.

Durchfahrt  durch  die  Dardanellen
  346  —  Notenwechsel  mit
der  österreichisch-ungarischen  und
russischen  Regierung  über  Makedonien
  346,  347,  348,  349,  350,
351,  353  —  Auslieferung  des
Hinterlandes  von  Aden  348  —  Ermordung
  russischer  Konsuln  348,
349  —  Besuch  deutscher  Prinzen
        <pb n="466" />
        EIEIItIIIIIIIIIILII  ö

348  —  Konflikt  mit  den  Verein.
Staaten  349  —  Ernennung  fremder
  Aufsichtsbeamten  für  Makedonien
  353.

Inneres.

Justizbeamte  für  die  europäischen
Vilajets  346  —  Ferid  Pascha
wird  Großwessir  346  —  Aufstand
der  Albanesen  346,  348,  349  —
Aufstand  und  Kämpfe  in  Make- 



donien  347,  348,  349  —  Bagdadbahnvertrag
  348  —  Dnynamitattentate
  in  Saloniki  348  —  Dynamitattentat
  auf  der  Orientbahn
349  —  Unruhen  in  Beirut  349
—  Meldung  griechischer  Freiwilliger
  349  —  Reform  für  Makedonien
  350  ff.

2.  gulgarien  353  366.
3.  Esupten  356.

Berichtigung.
Seite  44  Zeile  11  von  unten  lies  14.  Februar  statt  16.  Februar.
        <pb n="467" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
